
                                Freytag, Gustav

                                   Die Ahnen

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                                 Gustav Freytag

                                   Die Ahnen

                               Ingo und Ingraban

                                      Ingo

                                  Im Jahre 357

Auf der Berghhe stand an dem Verhau, das die Wlder der Thringe von den Katten
schied, der junge Wchter und htete den steilen Pfad, welcher aus den Grnden
der Katten nach der Hhe fhrte. ber ihm ragte der Wipfel einer mchtigen
Buche, nach beiden Seiten lief der Grenzzaun den Kamm der Berge entlang, in dem
dichten Gestrpp blhten die Brombeeren und die wilde Rose. Der Jngling trug
den Wurfspeer in der Hand, auf dem Rcken am Riemen ein langes Horn, nachlssig
lehnte er an dem Baum und horchte auf die Stimme des Waldes, den pickenden
Specht oder das leise Rasseln in den Zweigen, wenn sich ein Waldtier durch das
Dickicht wand. Zuweilen sah er ungeduldig nach der Sonne und wandte den Blick
zurck, wo hinter ihm in ferner Tallichtung Blockhuser und Gehege fr
Herdenvieh lagen.
    Pltzlich bog er sich vor und lauschte; auf dem Pfad vor ihm klang leiser
Futritt, durch das Baumlaub wurde die Gestalt eines Mannes sichtbar, der mit
schnellem Schritt zu ihm heraufstieg. Der Wchter drehte den Riemen des Hornes
und fate den Speer zum Wurfe; als der Mann aus dem Gehlz auf den freien
Grenzrand trat, rief er ihn an, die Spitze des Wurfspeers entgegenhaltend:
Steh, Waldgnger, und singe den Spruch, der dich von meinem Eisen lst! Der
Fremde schwang sich hinter den letzten Baum seiner Seite, streckte die geffnete
Rechte vor sich und sprach hinber: Ich gre dich friedlich, ein Landfremder
bin ich, unkundig der Losung.
    Mitrauisch rief der Wchter ihm entgegen: Du kommst nicht wie ein
Huptling mit Ro und Gesinde, du trgst nicht den Heerschild eines Kriegers,
auch scheinst du nicht ein wandernder Krmer mit Pack und Karren. Und der
Fremde rief zurck: Weit komme ich her ber Berg und Tal, mein Ro verlor ich
im Wirbel des Stromes, ich suche das Gastrecht in deinen Hfen.
    Bist du ein wildfremder Mann, so mut du harren, bis meine Genossen dir das
Land ffnen. Unterdes gib mir Frieden und nimm ihn von mir.
    Die Mnner hatten einander mit scharfen Augen beobachtet, jetzt lehnten sie
ihre Speere an die Grenzbume, traten in den freien Raum und boten die Hnde.
Beim Handschlag prfte einer des andern Antlitz und Gebrde. Der Wchter blickte
mit ehrlicher Bewunderung auf den mchtigen Arm des Fremden, der wenige Jahre
lter war als er selbst, auf die feste Haltung und die stolze Miene.
    Nicht mhelos wre der Schwertkampf mit dir auf grnem Rasen, sagte er
treuherzig, ich bin fast der lngste Mann unserer Metbank, und doch mu ich zu
dir hinaufsehen. Sei gegrt unter meinem Baum und ruhe, indes ich deine Ankunft
verknde.
    Whrend der Fremde sorglos der Einladung folgte, hob der Wchter sein Horn
an den Mund und blies einen lauten Ruf in die Tler seines Volkes. Die wilden
Klnge tnten im Widerhall von den Bergen. Der Wchter schaute nach den Htten
der fernen Lichtung und nickte zufrieden mit dem Kopf, denn um die Huser wurde
eine Bewegung sichtbar; nach kurzer Zeit eilte ein Reiter der Hhe zu. Nichts
ber einen starken Hall aus Auerhorn, sprach er lchelnd und glitt neben dem
Fremden in das Heidekraut, whrend sein schneller Blick den Aushau des Waldes
entlang und in das fremde Tal vor ihm flog. Sprich, Wandrer, ist vielleicht ein
Verfolger auf deiner Fhrte, oder hast du sonst Krieger im Walde gesehen?
    Nichts schallt im Walde, als was hineingehrt, versetzte der Fremde, kein
Sprer der Katten achtete auf meinen Pfad seit sechs Nchten und Tagen.
    Die Shne der Katten kommen blind zur Welt, wie junge Hunde, rief der
Wchter verchtlich. Dennoch meine ich, da du dich gut auf Waldversteck
verstehst, wenn du ihre Wachen vermieden hast.
    Vor mir war Licht, hinter mir Finsternis, antwortete stolz der Fremde. Der
Wchter sah mit Anteil auf den Mann, in dem gebrunten Antlitz war jetzt
deutlich die Erschpfung zu sehen, der Leib lag schwer gegen den Baumstamm. Eine
Weile berlegte der Wchter: Hattest du die Rache der Katten zu frchten, so
hast du wohl auch tagelang Feuer und Rauch entbehrt und ble Reisekost gefunden,
denn der Wald bietet jetzt nicht einmal Beeren und wilde Frucht. Sieh, ich
gehre zur Bank des Huptlings, nicht wei ich, ob er dir sein Brot und Salz
reichen wird; aber hungernden Mann im Walde mag ich nicht schauen. Nimm und i
aus meinem Ranzen. Der Wchter griff hinter den Baum, holte eine Tasche von
Dachsfell hervor und bot darin Schwarzbrot und Fleisch. Der Fremde sah ihn
dankbar an, aber er schwieg. Da hielt ihm der Wchter ein kleines Horn entgegen,
ffnete den Holzdeckel und mahnte freundlich: Nimm auch das Salz, unter dem
Baum ist mein Heimwesen, hier bin ich der Wirt. Der Fremde fate danach:
Gesegnet sei dir die Gottesgabe, wir sind Freunde. Er a krftig, der Jngling
sah ihm zufrieden zu.
    Wenn die milde Sonne ihre Strahlen durch das Baumlaub sendet, dann ist dein
Wchteramt froher Dienst, begann der Fremde endlich das Gesprch, wenn aber
der Wald tobt in der Sturmnacht, dann bedarf der Waldhter Mut.
    Der Grenzrain hier ist den guten Gttern des Volkes geweihet, versetzte
der Wchter, von beiden Seiten rinnen die heiligen Quellen hinab in die Tler,
wir Waldleute aber sind vertraut mit dem Nachtgesang der Bume.
    Du bist jung an Jahren, fuhr der Fremde fort, dein Herr schenkt dir
groes Vertrauen, da er dem Einsamen die Sorge um die Landesmark berlt.
    Es stehen der Mnner mehr an dem Grenzzaun, erklrte der Wchter. Wir
besorgen wenig von einem Einbruch der feindlichen Haufen durch den Bergwald,
denn schwer wird es dem Fu des Fremden, ber Fels und Waldbach in die Gehege zu
dringen. Aber das Gercht kndet, da vor kurzer Zeit ein heier Krieg an der
Rmergrenze entbrannt ist zwischen den Alemannen und dem Csar, den sie Julianus
nennen, und vor zehn Tagen fuhr bei uns zur Nachtzeit das wilde Heer des Gottes
durch die Luft - er sah scheu in die Hhe - seitdem wahren wir die
Landesmark.
    Der Fremde wandte das Haupt und blickte jetzt zum erstenmal hinber nach dem
Heimatland seines Gefhrten. In vielen Reihen zogen sich die langgeschwungenen
Berghhen hintereinander, querdurch fhrte ein tiefes Tal, da wo es sich zu der
Lichtung erweiterte, glnzte im Sonnenlicht der Schaum des Waldbachs.
    Und jetzt la mich wissen, Gutgesell, wessen Zeichen du trgst, und wohin
deine Weisung mich fhrt.
    In allen Tlern, welche dein Auge sieht, und weiter bis in die Ebene hinab,
waltet als Huptling Herr Answald, der Sohn Irmfrieds, welchem auch ich diene.
    In der Fremde vernahm ich, da ein groer Knig ber das Volk der Thringe
herrscht, sie nannten ihn Knig Bisino, versetzte der Wanderer.
    Du hast das Richtige gehrt, besttigte der Jngling. Aber dies Waldland
hier ist frei unter seinem eigenen Herrengeschlecht seit alter Zeit, und der
groe Knig des Landes ist zufrieden, da wir ihm die Grenze hten und jedes
Jahr Rosse an seinen Hof senden. Wenig sorgen wir Waldleute um den Knig, und
unser Herr Answald geht nur selten zu Hofe nach der Knigsburg.
    Und zhlt Knig Bisino eure Rinderherden nicht, die ich dort bei den Htten
sehe? fragte der Fremde wieder.
    Hm, es war einmal Waffenlrm in den Drfern, weil der Knig seine Eber
unter unsern Eichen msten wollte, auch kam dem Knig das Gelst, den wilden
Ochs in unsern Wldern zu jagen, aber man hat nichts mehr davon gehrt.
    Der Fremde sah ernsthaft in das Tal hinab: Und wo ist der Hof deines
Herrn?
    Der Wchter wies die Tallcke entlang. Er liegt am Ausgang der Berge, fr
einen schnellen Wandrer drei Stunden talab, uns aber trgt ein Ro von der Weide
in krzerer Zeit dorthin. Hrst du den Hufschlag? Das Horn hat meinen Gesellen
verkndet, da ein Fremder zu geleiten ist; der mich ablst, kommt.
    Den Bergweg trabte ein Reiter herauf, ein stattlicher Jngling, dem Wchter
hnlich an Antlitz und Gebrde, er schwang sich vom Pferde und sprach leise mit
seinem Gefhrten. Der Wchter bergab ihm das Horn, warf die Ledertasche ber
die Schulter und bot das Pferd dem Fremden. Ich folge deinem Schritt, sagte
dieser ablehnend; er grte mit Hand und Haupt den neuen Wchter, der ihn
neugierig betrachtete, und wandte sich mit seinem Fhrer dem Tale zu.
    Steilab fhrte der schmale Pfad zu dem gewundenen Lauf des Giebaches,
zwischen Baumriesen, deren lange Moosbrte grausilbern im Sonnenlicht glnzten,
ber Wurzeln, die wie riesige Schlangen auf dem Weg lagen und sich in hohem
Bogen wanden, wo das Gerll, welches ehedem unter ihnen lag, vom Wasser
fortgesplt war. Am Rand des Baches hemmte Treibholz und gehufte Menge
trockener Binsen, dort hatte im Frhjahr die Wucht des Wassers geworfene Stmme
an die Seite gefegt, da sie wild durcheinanderlagen mit entlaubten sten; aber
das Messer der Waldleute hatte einen schmalen Weg durch das Gewirr der Reiser
gehauen. Mit beflgeltem Schritt eilten die Mnner talab, sie sprangen in weitem
Schwunge von Stein zu Stein, von Baum zu Baum, vorauf der junge Wchter; oft
schwang er sich hoch durch die Luft, wie ein Federball im Wurfe talab gesendet
lustig hpft; und wo ein breites Rinnsal den Gang hinderte, wiederholte er den
Sprung nach rckwrts, um seinem Gefhrten Mut zu machen.
    Dem Ro hatte er den Zgel ber den Hals geworfen, folgsam wie ein Hund
sprang es dem Manne nach; auch dem Hengst war der unebene Weg zum Spiele.
Zufrieden ma der Wchter mit den Augen einen starken Schwung, den der Fremde
ber den Giebach getan hatte, und betrachtete darauf die Futritte auf dem
weichen Grund. Du schreitest mchtig fr einen mden Mann, sagte er, mich
dnkt, du hast wohl schon frher weite Sprnge auf blutiger Heide gewagt. An
deiner Spur sehe ich, da du von unserem Volke bist, denn die Spitze des Fues
strebt auswrts, und stark drckt der Ballen. Vordem hielt ich dich nach deiner
Rede fr einen fremdlndischen Mann. Hast du einmal Rmertritte geschaut?
    Sie schreiten mit kleinem Fu und kurzem Schritt auf ganzer Sohle wie mde
Leute.
    So sagen auch unsere Mnner, die im Westen waren. Ich habe bisher nur
waffenlose Hndler des schwarzhaarigen Volkes gesehen, fgte er entschuldigend
hinzu.
    Mgen die Schicksalsfrauen den Rmerfu von eurem Grunde fernhalten,
antwortete der Fremde.
    Du sprichst wie unsre Alten; wir Jungen aber denken, kommen sie nicht zu
uns, so kommen wir wohl zu ihnen, denn wundervoll soll ihr Land sein, alle
Huser von buntem Stein, das ganze Jahr mildes Sonnenlicht und im Winter grne
Erde; der se Wein gemeiner als Dnnbier, von Silber die Sessel und Bnke, die
Mdchen tanzen im Goldschmuck und seidenem Gewand, und der Krieger ist ein Herr
der ganzen Pracht.
    Vergebens erwartete der Wchter die Antwort des Fremden, sie schritten eine
Weile stumm nebeneinander, endlich fate der Jngling das Ro beim Zgel: Hier
wird die Talfahrt wegsamer, steig auf, da wir vor abends ans Ziel kommen. Der
Fremde legte die Hand auf den Widerrist des Pferdes und sprang wuchtig in den
Sitz, der Fhrer nickte zufrieden und pfiff leise, das Ro trug den Reiter in
groen Stzen talab, der Jngling lief zu Fu nebenher, seinen Speer schwingend
und bisweilen dem Ro zujauchzend, welches dann den Kopf zu ihm wandte und zur
Antwort wieherte.
    Wer sind die Weiber dort in hellen Gewndern? fragte der Fremde, als sie
nahe der Lichtung auf einer Hhe anhielten und in das Gehege sahen. Hui! rief
der Wchter, die Mgde vom Herrenhofe sind gekommen, dort ist Fridas braune
Kuh, hrst du die schne Schelle, die ihr am Halse hngt, und dort ist das
Mdchen selbst. Sein gertetes Gesicht verriet, da ihm die Begegnung
erfreulich war.
    Sieh die alten Htten, in ihnen wohnt der Rinderhirt, im Sommer ziehen die
Rinder des Dorfes auf Waldweide, und unsere Mdchen kommen und holen die Arbeit
des Kellers nach dem Herrenhofe. Dort drben aber im Buchenwalde haust der
Schweinhirt mit seinem Volk, es gibt nicht schnere Mast im Lande, soweit die
Sonne scheint. Sie betraten die Lichtung, der Wchter entfernte die Stangen,
welche den Eingang zum Rinderpferch verlegten, und der Fremde ritt in den
umhegten Raum, wo die Khe brllend umherliefen, whrend die Frau des Hirten mit
ihren Mgden das Milchgert zum khlen Keller trug, der, aus Stein und Moos
gefgt, abwrts von der Sonne lange Reihen der Milchschsseln bewahrte. Gutes
Glck, Fremdling, rief der Wchter, unser Herrenkind, Irmgard, ist selbst
hier, um nach der Herde zu sehen; wird sie dir hold, so kannst du guter Pflege
gewrtig sein.
    Welche ist es, die du mit Namen nennst? fragte der Fremde.
    Dort befiehlt sie den Mgden, du kennst sie leicht heraus. Die Jungfrau
stand bei dem Karren, der, mit zwei Stieren bespannt, den Gewinn der Milchkammer
zum Herrenhof fahren sollte: festgeschlagene Butter in Fssern vom Holz des
wilden Pflaumenbaums und kmmelgewrzten Kse, in grne Bltter gepackt.
    Geh zu ihr, Gesell, und knde, da ein Fremder bittend naht. Ich scheue
mich, das Kind deines Herrn anzureden, solange mir der Vater nicht den Herdsitz
gestattet hat. Und da du freundlich gesinnt bist, sprich gut von mir, soweit du
vermagst. Der Fremde sprang vom Pferde und neigte sich der Jungfrau aus der
Ferne.
    Frei ringelten die gelben Locken um ihre hohe Gestalt, sie umsumten die
krftigen Formen des jugendlichen Antlitzes und wallten lang herab bis an die
Hften. Ein silberbeschlagener Grtel hielt das weie Linnengewand zusammen,
darber trug sie ein kurzes Oberkleid von feiner Wolle, zierlich mit der Nadel
gestickt, ber dem Handgelenk der nackten Arme goldene Ringe. Aus groen Augen
sah sie nach dem Fremden hinber und erwiderte mit leisem Kopfnicken den
ehrerbietigen Gru.
    Der Wchter trat zu dem Herrenkind: Der Fremde sucht eine Ecke an unserer
Bank und eine Herdstelle fr sein wegemdes Haupt; ich geleite ihn zum Hofe, da
der Herr ber sein Schicksal entscheide.
    Wir geben dem Wanderer Rast, den die Gtter uns senden. Wer er auch sei, ob
gut oder arg, der bittend unserem Herde naht, drei Tage hat er Gemach, dann
fragt der Vater, ob er ein gerechter Mann ist und unseres Daches nicht unwert.
Denn du weit es ja selbst, Wolf, viel wildes Volk zieht elend durch das Land
und trgt den Fluch, der an seinen Schritten haftet, in das Haus des ehrlichen
Mannes.
    Er sieht aus wie einer, der sich ehrlich hlt gegen Freund und Feind,
sprach der Wchter.
    Die Jungfrau warf einen flchtigen Blick auf den Fremden: Wenn er sich so
bewhrt, wie du sagst, so mgen wir uns seiner Ankunft freuen. Reich ihm den
Krug mit Milch, Frida!
    Der Fremde trank, und als er den Krug dankend an Frida zurckgab, sagte er:
Segen ber deine milde Hand. Der erste Gru im Lande war willig von
warmherzigem Manne geboten, der zweite hier sei mir eine Verkndigung, da ich
auch im Herrenhause den Frieden finde, nach dem ich mich so leidvoll sehne.
    Unterdes hatte der Wchter fr sich eins von den Rossen eingefangen, welche
in besonderem Gehege sprangen. Whrend er sich anschickte aufzusitzen, trat die
rotwangige Frida zu ihm: Glck hattest du, Wolf, im Schlafe, spottete sie, an
dem Grenzdorn ist, da du ruhtest, ein fremder Vogel hngengeblieben. Wie war
dein Schlummer, Wchter, auf dornigem Lager?
    Die Eule lie mich nicht schlafen, sie sthnte ber Frida, die bei Nacht am
Zaune steht und rttelt, um zu erfahren, von wannen ihr ein Hausherr kommen
wird.
    Ich aber sah einen Stieglitz auf drrem Strauch, der sammelte alte
Distelwolle zu einem Ehebett fr den reichen Wolf.
    Und ich wei eine Stolze, versetzte Wolf zornig, welche Veilchen zertrat,
die sie suchen sollte, und dabei in die Nesseln fiel.
    In die Nesseln deines Ackers nicht, du dummer Wolf! versetzte Frida
zornig.
    Ich kenne eine, der ich den Ball nicht zuwerfe beim nchsten Reigen,
antwortete Wolf.
    Wenn der Wolf tanzt, fliegen die Gnse auf den Baum und lachen, spottete
Frida.
    Winde dir ein Krnzlein aus Haferstroh, Jungfer Gans, rief Wolf vom Pferde
zurck und trabte abwrts mit dem Fremden, der sich zartfhlend auf die Lnge
eines Speerwurfes von diesem Wechselgesprch entfernt hatte.
    Er ist ein unartiger Knabe, klagte Frida der Herrin.
    Aus dem Walde schallte zurck, was du hineingerufen, antwortete diese
lachend. Und dem fremden Reiter nachsehend, fuhr sie fort: Er sieht aus wie ein
Herr ber viel Volk.
    Und doch war sein Bundschuh zerrissen und die Jacke so reisemde, sagte
Frida.
    Meinst du, da der Fels nur die Fe des armseligen Wanderers schneidet?
Wer weither kommt, von dem glauben wir, da er viel gesehen hat und viel gewagt;
es tut uns leid, wenn er ein arger Mann geworden ist aus Begehrlichkeit und Not,
und wir wollten ihm gern Frieden geben, wenn wir es vermchten.
    Die Sonne ging zur Rste, und die Bume warfen lange Schatten auf den Weg,
als die Reiter das Ende des Talgrundes erreichten. An beiden Seiten wichen die
Berge zurck, lngs dem Bache breiteten sich helles Gras und bunte Wiesenblumen,
ein rothaariger Fuchs fuhr vor ihnen ber den Pfad. Der Rotkopf wei, da die
Menschenwohnungen nahe sind, sagte der Wchter, er schleicht am liebsten, wo
er den Hofgesang der Hhne hren kann.
    Vor ihnen lag im Abendlicht das Dorf, von Graben und baumbesetztem Wall
umschlossen, durch die Lcken der Bume sah man hier und da die weien Giebel
unter braunem Strohdach, und kleine Rauchwlkchen, die aus den Dchern
aufstiegen. Seitwrts vom Dorfe erhob sich auf kleiner Anhhe der Herrenhof, mit
besonderem Pfahlwerk und Graben umgeben, ber die zahlreichen Huser und Stlle
des Hofes ragte hoch das Dach des Saals, der First mit schn geschnitzten
Hrnern.
    Auf dem Wiesengrund vor ihnen bte sich eine Schar Knaben im Kampfspiel, sie
hatten ein hohes Gerst gestellt und schwangen sich der Reihe nach hinauf und
jauchzend wieder herab. Als die Reiter nahten, rannte der Haufe an den Weg und
starrte trotzig auf den fremden Mann. Der Wchter rief einen Knaben und sprach
leise zu ihm; der Knabe flog wie ein junger Hirsch in groen Sprngen dem
Herrenhofe zu, whrend die Reiter mit Mhe den Schritt ihrer unruhigen Pferde
bndigten. Auf der Dorfstrae tanzten im Staube die kleinen Kinder den
Ringelreigen, die Knaben nackt bis auf die Wolljacke, die kleinen Mdchen im
weien Hemde, sie stapften barbeinig im Staube und sangen. Der Ring lste sich,
als die Reiter herankamen, an den Luken der Dorfhuser wurden Frauenkpfe
sichtbar, aus jeder Tr sprang eine Schar blauugiger Kinder; auch Mnner traten
an die Tr und musterten mit Falkenblick das Aussehen des Fremden, und der
Wchter verfehlte nicht, seinen Begleiter zu ermahnen, da er hierhin und
dorthin schaue und die Hausbewohner vom Pferde gre, denn, sagte er
freundlicher Gru ffnet die Herzen und du magst die Gunst der Nachbarn bald
gebrauchen.
    Unterdes war der Knabe in den Herrenhof gelaufen. Frst Answald sa in der
Holzlaube, dem schattigen Vorbau des Herrenhauses; er selbst war ein hoher Mann,
breitschultrig, mit offenem Antlitz unter seinem grauen Haar, er trug die
wollene Hausjacke ber dem Hemde mit Biberfell besetzt, seine Lederstrmpfe mit
bunten Riemen geschnrt, und nur die wrdige Haltung und die Ehrfurcht, mit
welcher die anderen zu ihm sprachen, lieen erkennen, da er der Wirt war. So
sa er umgeben von seinen Bankgenossen und schaute zufrieden auf zwei
wohlgenhrte Stiere, welche von den Knechten vorbeigetrieben wurden, weil sie zu
Opfertieren ausgewhlt waren fr ein bevorstehendes Festmahl der Landgenossen.
Der Knabe drngte sich behend an einen alten Mann mit klugem Gesichte, der zur
Linken des Huptlings stand und den Worten des Herrn hflich Antwort zu geben
wute, und kndete leise seine Botschaft. Der junge Wolf fhrt einen Fremden
her, berichtete der Alte auf den fragenden Blick des Herrn, der Mann kam ohne
Geleit der Katten, ohne Ro und Kriegskleid, ein einzelner Mann aus dem Elend,
er sucht das Gastrecht.
    Bereitet ihm den Gru in der Halle, befahl Herr Answald gleichmtig und
gab seinen Mannen ein Zeichen, da sie sich entfernten. Und zu seinem Vertrauten
sprach er: Mit Sorgen seh' ich die fremden Strolche. Seit am Rhein der
Rmerkrieg aufgebrannt ist, fliegen heie Funken durch das Land, und mancher
Gesell, der Gewalttat gelitten, schweift durch die Lnder und bt Frevel in
bitterem Hasse.
    Kommt er als Flchtling aus dem Sden, so mag er Kunde wissen von dem
Rmerkrieg.
    Er mag auch rmische Untreue in das Land tragen. Die welsche Sitte
schleicht wie eine Pest durch unsere Tler, sie hat die Burgen der Knige mit
bermut gefllt. Auch unsere Herren mchten im Purpurkleide prangen und
schurkische Leibwchter fttern, die ihr Messer dem freien Mann in den Rcken
stoen, wenn sein Antlitz ihrem Herrn verleidet ist. Doch komm, wer auch der
Fremde sei: was einem darbenden Mann gebhrt, soll ihm werden. Du aber sorge,
durch kluge Rede sein Geheimnis zu ergrnden.
    Der Huptling trat in das Haus und setzte sich auf den Herrensitz, der,
geschnitzt aus Eichenholz, der Tr gegenberstand, belegt mit dem schwarzen Fell
eines jungen Bren. Die Fe des Herrn ruhten auf einem Schemel, in der Hand
hielt er den weien Herrenstab.
    Drauen am Hoftor stiegen die Reiter ab, der Fremde lehnte seinen Speer an
den Pfosten und setzte sich schweigend auf den Sitz auerhalb des Tores. Der
Sprecher trat heraus und lud ihn mit feierlichem Gru vor den Herrensitz. Der
Fremde trat hoch aufgerichtet auf die Schwelle des Hauses, er und der Huptling
blickten einander einen Augenblick forschend an und beiden gefiel, was sie
sahen.
    Heil dir, Frst Answald, Irmfrieds Sohn!
    Heil sei auch dir! klang es vom Herrensitz zurck.
    
    Spende wegemdem Mann den Trunk aus deinem Born, die Frucht von deiner
Flur, den Schirm deines Daches. Ich komme freundlos, heimatlos und schutzlos zu
deinem Herde; verleihe mir, was dem Wanderer das Gastrecht deines Volkes
gewhrt.
    Hildebrand trat vor und sprach: Der Frst verleiht dir nach des Volkes
Brauch drei Tage Rast, drei Tage Kost, dann fragt der Frst das Volk nach seinem
Willen. - Tragt ihm den Sitz zum Herd, ihr Knaben, und bietet ihm die Gaben der
Gtter.
    Drei Jnglinge trugen das Gert, der eine den Schemel, auf dem der Fremde
niedersa, der andere in zwei Schalen Brot und Salz, der dritte einen Holzkrug,
mit dunklem Bier gefllt. Dieser bot den Trunk zuerst dem Frsten, der den Krug
mit den Lippen berhrte, dann dem Fremden. Darauf gab der Sprecher dem Gefolge
einen Wink und alle verlieen den Raum.
    Und jetzt, Wanderer, begann Hildebrand, zu den Fen des Frsten
niedersitzend, mit vertraulichen Worten, da du Sicherheit gewonnen hast fr
Leib und Glieder, so gib auch uns Bericht, soweit du vermagst, wenn du etwas
hinter unseren Bergen geschaut und gehrt hast, was uns zum Nutzen sein kann und
dir nicht zum Schaden. Denn es ist sorgenvolle Zeit, und der vorsichtige Wirt
mht sich, Kunde zu holen von bewanderten Mnnern. Willst du erzhlen, wenn die
Gtter dir verliehen haben, da sich deine Worte willig auf der Zunge zueinander
fgen; oder soll ich fragen, was zu erfahren uns not tut?
    Der Fremde erhob sich: Ich trage Kunde, die das Herz der Mnner bewegt,
nicht wei ich, ob sie euch Freude bereitet oder Trauer. Eine Schlacht ist
geschlagen, die grte seit Menschengedenken. Die Wlfe heulen auf der Walstatt,
und die Raben fliegen ber das Gebein der Alemannen, denen unser Gott den Sieg
versagt hat. Die Franken haben dem Rmer die Schlacht gewonnen, die Knige der
Alemannen Hnodomar und Athanarich sind gefangen, mit ihnen viele Knigskinder;
die Heerscharen des Csar brennen in den Tlern des Schwarzwaldes bis an den
Main und treiben die Gefangenen zu Hauf. Der Csar ist mchtig geworden ber das
Grenzland, man sagt, da die Katten Gesandte in sein Lager geschickt haben, um
ein Bndnis zu bieten.
    Ein tiefes Schweigen folgte diesen aufregenden Worten. Frst Answald sah
finster vor sich nieder, auch Hildebrand hatte Mhe, seine Bewegung zu
verbergen.
    Wir haben Frieden mit Rmern und Alemannen, sagte er endlich vorsichtig;
und der Thring frchtet nicht die Macht des Csar. Du selbst aber warst, wie
ich erkenne, in der Nhe, als die Schlacht geschlagen wurde, und du hast seitdem
die Drfer der Katten gemieden, die doch, wie du sagst, den Rmern wohlgeneigt
sind. Ich frage dich nicht, wem du den Sieg gewnscht hast.
    Ich gebe Bescheid ohne Frage, rief der Fremde stolz, ich habe nicht
Rmersold genommen.
    Ein Strahl von Wohlwollen brach aus den Augen des Huptlings. Du bist kein
Alemanne, sagte er, du bist nach deiner Sprache von den Kindern unseres
Gottes, die fern im Osten wohnen.
    Ein Vandale von der Oder, versetzte der Fremde rasch.
    Es ist ein weiter Weg von deinem Heimatland bis zu der Walstatt am Rhein,
Wanderer. Hat auch dein Volk seine Krieger in den Streit gesendet?
    Ich kam an den Rhein ohne meine Landgenossen, ein schweres Geschick trieb
mich aus meiner Heimat Flur.
    Ein schweres Geschick bereitet ein Gott oder des Mannes trotziger Mut. Mge
dein Herz nicht bedrcken, was dich aus der Heimat gescheucht hat.
    Der Fremde neigte dankend das Haupt. Des Gastes Sorge ist, da er seinem
Wirt gefalle; verzeih, wenn ich suche, was dir den Fremden vertraulich macht.
Ich habe in meiner Heimat ein Lied des Sngers gehrt, da zu der Vter Zeit ein
Held aus Thringeland unter den Kriegern meines Volks gegen die Rmer kmpfte,
weit sdwrts an der Donau. Irmfried war sein Name.
    Der Frst richtete sich im Sessel hoch auf und sprach: Seine Hand lag
segnend auf meinem Haupt, er war mein Vater.
    Blutbruder wurde er einem Krieger meines Volkes. Als der Frst aus meiner
Heimat schied, zerbrach er mit starker Hand ein rmisches Goldstck und lie die
Hlfte zurck, da sie ein Zeichen der Gastfreundschaft fr sptere Geschlechter
sei. Ist die eine Hlfte des Goldstcks dein, so ist die andere mein.
    Er hielt das helle Goldblech dem Frsten hin. Herr Answald fuhr heftig vom
Stuhle und prfte das Stck am Licht. Still, rief er gebietend, keiner
spreche ein Wort. Geh, Hildebrand, und trage deiner Herrin das Wahrzeichen, da
sie es an die andere Hlfte halte; und sage ihr, da sie allein sei, wenn ich
einen Fremden zu ihr fhre. Hildebrand eilte hinaus, der Wirt trat nahe an den
Gast und betrachtete ihn erstaunt vom Kopf bis zum Fu: Wer bist du, Mann, der
mir so hohen Gru in das Haus trgt? und freudig fuhr er fort: Nicht tut es
not, das Zeichen zu suchen, seit du die Schwelle betratest, hast du mir das Herz
erregt. Komm, Held, da du mir da deinen Namen kndest, wo die beiden Hlften
des geheimen Zeichens sich zusammenfgen. Er schritt eilig voran, der Fremde
folgte.
    In ihrem Gemach stand Frau Gundrun, die Frstin, und hielt die beiden
Hlften des Goldstcks aneinander. Hier sind zwei hren von einem Halme, rief
sie dem Gemahl entgegen, was du mir sandtest, ist Knig Ingberts Zeichen.
    Und der sich dem Knie der Herrin naht, sprach der Fremde, ist Ingo, Konig
Ingberts Sohn.
    Langes Schweigen folgte dem Ausruf, die Hausfrau sah scheu auf den stolzen
Krieger, auf das edle Antlitz, die knigliche Gestalt, und sie neigte sich tief
zum Gru; der Frst aber rief bekmmert: Oft habe ich gewnscht, das Antlitz
der Gastfreunde zu sehen, der erlauchten Helden aus Gttergeschlecht; von
reichem Hofhalt hat mir der Vater erzhlt, von mchtigem Gefolge in glnzendem
Stahlhemd. Aber anders fgten die hohen Gewalten das Wiedersehen. Im
Wanderkleide, als werbenden Fremdling schau' ich den groen Volksknig, und
Schrecken fhle ich im Herzen. Gutes bedeute die Stunde, wo ich dein Antlitz
schaue. Dennoch gedenke ich, da ich dir ehrbar meine Treue erweise.
    Ich aber komme nicht als Glcklicher zu dir und der Herrin, sprach Ingo
ernsthaft, ein Flchtling bin ich, und nicht will ich, mein Schicksal hehlend,
deinen Schutz erschleichen. Aus der Heimat bin ich getrieben von dem eigenen
Ohm, der nach des Vaters Tode dem Knaben die Krone nahm, mhsam haben getreue
Mnner mich geborgen, bis ich zum Manne wuchs; Gefahr ist mein Los, des Knigs
Boten sind mir gefolgt von Volk zu Volk, sie boten Geschenke und forderten
meinen Leib. Mit dem kleinen Haufen der Getreuen fuhr ich zum Kampf der
Alemannen, ihre groen Knige waren mir hold, am Schlachttag fhrte ich einen
Haufen ihres Volks. Jetzt sucht der Csar siegesstolz nach denen, die sich ihm
nicht barfu unterwerfen. Weit reicht seine Macht in den Knigsburgen, ich sah
die Boten deiner Nachbarn, der Katten, mit dem Friedenszeichen zum Rhein reiten,
und ich bin darum sechs Tage und Nchte heimlich auf Wolfespfad durch ihre Gaue
gezogen, fast ein Wunder war's, da ich ihnen entrann. Das sollst du wissen,
bevor du sprichst: Sei Ingo mir willkommen.
    Der Wirt stand unsicher und suchte das Auge seiner Hausfrau, welche in dem
Sessel sa und vor sich niederblickte: Was ehrlich ist und was die Eide
gebieten, das tu' ich, sagte Herr Answald endlich, und die Wolke wich von
seinem Antlitz: Sei mir willkommen, Ingo, Knigssohn.
    Edlen Sinn verrtst du, Held, begann die Frstin, da du dich scheust,
Gefahr in den Hof deines Gastfreundes zu leiten. Uns aber ziemt zu erwgen, wie
wir zugleich dir Treue erweisen und unsere Hfe vor der Gefahr beschtzen. Weit
schallt der Name eines Knigs durch die Lande, und viele Feinde umlauern den
Helden, der unter Krone geht, du selbst hast es leidvoll erfahren. Drum meine
ich, nur Vorsicht hilft dir und uns zum Heile. Und darf ich meinem Hausherrn
treue Meinung sagen, so dnkt mir gut, da dein Gast unbekannt in deinem Hause
weile und keiner von seiner Herkunft wisse, als du und ich allein.
    Soll ich im eigenen Hause den werten Gast verstecken? rief der Wirt
unwillig, ich bin kein Diener, nicht des Csars, nicht der Katten.
    Auch der Knig der Thringe speist seine Mahlzeit gern aus den goldenen
Schsseln, welche Rmerkunst gefertigt hat, fuhr die Hausfrau fort, hte dich,
des Knigs Argwohn zu wecken.
    Der Gast stand unbeweglich, und vergebens suchte die Frstin seine Meinung
zu erkennen.
    Schwer ist es, edles Blut im Dienerkleid zu bergen, wandte Herr Answald
ein.
    Auch Held Siegfried, von dem der Snger meldet, stand im Knechtsgewand am
Ambo.
    Und schlug zuletzt den Ambo in den Grund und den Schmied dazu, rief der
Wirt. Sprich, Ingo, selbst, wie willst du, da wir dich halten?
    Ich bin der Flehende, antwortete der Gast mit Selbstberwindung, und darf
nicht hadern, ob du hoch, ob du niedrig mich reihen willst unter den Genossen
deiner Bank. Meines Namens berhme ich mich nicht, aber ich berge ihn nicht, und
zu ruhmloser Arbeit wirst du mich nicht stellen.
    Er meint wie ich, rief der Frst.
    Stets frchten die Helden Minderung ihrer Ehre, sprach lchelnd die
Frstin. Was ich bitte, ist leicht gewhrt, nur kurze Zeit la dir das Gewand
gefallen, welches wir dem Fremdling im Hofe spenden; unterdes wirbt dir mein
Herr im Volk gute Meinung. - Nicht ewig whrt der Kriegsruf an der Grenze, dem
Csar wird's an neuem Streit nicht fehlen, in wenig Monden ist das Gerusch
verhallt, indes gelingt's wohl auch, den Knig zu gewinnen.
    Ich will's bedenken bis zur Nacht, sprach der Wirt, denn klug rt meine
Hausfrau, und oft habe ich ihren Rat erprobt. Bis dahin hlle dich, o Held, in
demutsvolles Wesen, denn vertraue mir, mit bedrngtem Herzen ersehne ich den
Tag, wo ich in offener Halle knden kann, was deine und meine Ehre fordert.
    So verlieen die Mnner der Herrin Kammer. Als aber am Abend der Hauswirt
auf seinem Lager niedersa, rief er unwillig: Mir frit's am Herzen, da ich
ihn sehen soll zuunterst an der Bank. Aber die Frstin antwortete leise: Erst
prfe doch, ob er auch wert ist deines Schutzes. Denn ungewhnlich ist des
Fremden Art und freudenlos sein Schicksal. Sein Geheimnis bergen wir vor jedem,
und auch vor Irmgard, unserem Kind.

                                  Das Festmahl


Im Hofe des Frsten wurde den Landgenossen das Fest gerstet. Die Hausfrau
schritt mit den Mgden durch die Rume, wo die Vorrte der Kche bewahrt wurden,
in langer Reihe hingen dort die Schinken, runde Wrste und in Rauch gedrrte
Zungen der Rinder; sie freute sich des guten Vorrats, lie abheben fr die Kche
und befahl den Mgden, in die besten Stcke ein Zeichen zu ritzen, damit der
Vorschneider diese den Tischen der ltesten aufsetze. Dann ging sie in den
khlen Keller, der, von Stein gewlbt, in einer Ecke lag, wo das Sonnenlicht
wenig hinkam, hochbedeckt mit Erde und Rasen, dort whlte sie die Fsser mit
starkem Biere und die Krge mit Met und sah zweifelhaft auf einige groe
fremdartige Tongefe, die halb im Boden vergraben in einer Ecke standen. Ich
meine nicht, da mein Herr des Weines begehren wird, doch wenn er danach ruft,
so sagt dem Schenken, da sie das kleine nehmen, denn die anderen stehen und
harren auf einen greren Festtag. Und sehet zu, da die ungeschickten Gesellen
mir den teuern Ton nicht zerschlagen, denn was mhsam im Stroh durch Rosse und
Mnner hergefhrt wurde aus dem welschen Land, dem knnte die lange Reise durch
das Ungeschick der metgefllten Knaben wohl verdorben werden. Ernsthaft blickte
sie noch einmal durch den groen Raum: Es ist Vorrat genug fr eines Huptlings
Haus, und manches Jahr mag der Met das Herz der Mnner erfreuen, mgen die
Gtter uns schaffen, da unsere Helden alles frhlich und in Ehren leeren. Und
hre, Frida, man wei ja wohl, was die Mnner zumal gebrauchen, aber beim Trunk
trgt der Anschlag, auch wenn er reichlich war. La noch drei Krge von altem
Met in Vorrat herausheben, und sage dem Schenken, wenn die Mnner friedlich sind
und in ehrlichem Gesprch, so wird ihnen am Ende noch dies geboten, wenn sie
aber widereinander eifern und zwietrchtig hadern, so soll er vorsichtig sein
mit dem Gieen, da uns kein groes Unheil entstehe.
    Die Herrin schritt zu dem Kchenhause, darin brannten mchtige Feuer auf
steinernen Platten. Die Jnglinge waren vor dem Hause beschftigt, die
Opfertiere zu zerlegen, groe Hirsche und drei Eber des Waldes, und das Fleisch
an lange Spiee zu stecken. Die Mgde aber saen in langer Reihe, vieles
Geflgel rupfend, oder sie rundeten mit den Hnden gewrzten Weizenteig zu
ansehnlichen Bllen. Und Knaben des Dorfes warteten mit lachendem Antlitz auf
die Zeit, wo sie die Spiee drehen wrden, damit auch ihnen vom Fest der Helden
ein wohlschmeckender Anteil werde.
    Unterdes schafften die Mannen des Huptlings um die groe Halle. In der
Mitte des Hofes stand der mchtige Bau, aus dicken Fichtenbalken gefgt, eine
Treppe fhrte zu dem geffneten Tor, im Innern trugen zwei Reihen hoher
Holzsulen die Balken des Daches, von den Sulen bis zu den Wnden liefen auf
drei Seiten erhhte Bhnen; in der Mitte, gegenber der Tr, stand darauf der
Ehrensitz des Wirtes und der vornehmsten Gste, daneben ein schn geschmckter
Raum, einer Laube gleich, fr die Frauen des Hauses, damit sie dem Festmahl der
Mnner zuschauen konnten, solange sie begehrten. Und die jngsten der Mannen
schmckten die Holzlaube mit blhenden Zweigen, die sie in der Flur abgehauen.
Drauen aber fuhr Wolf einen groen Wagen mit Binsen und Kalmus heran, den er am
Ufer des nahen Teiches geschnitten, um den Fuboden zu bestreuen.
    Hier ist gut sein, Gast, begann Wolf grend zu Ingo, auch dir war die
Herrin gndig, du wandelst in neuem Gewande, das unsere Weiber gewebt; wie trgt
sich das Tuch der Mdchen aus Thringeland?
    Was gern geboten wird, sitzt dem Empfnger bequem, antwortete der Fremde
lchelnd, ich freue mich, deine Stimme wieder zu hren, denn tagelang warst du
auswrts.
    Wir Herdgesellen holten mit den Hunden die Festbraten aus dem Wald,
versetzte der Mann. Hilf, Theodulf, rief er einem Gefhrten zu, soll ich
allein den Wagen rumen?
    Theodulf, ein stolzer Mann aus dem Gefolge, griff steifarmig in die Binsen
und sprach ber die Schulter zu dem Fremden: Wer gewhnt ist, fremdes Gewand zu
bitten, der soll nicht mig stehen, wenn bessere Mnner die Hnde rhren.
    Ingo sah finster auf den Sprecher, eine hohe Kriegergestalt, breitbrustig,
mit einer langen Narbe auf der Wange; dem Fremden begegnete mit gleichem Trotz
der Mann des Frsten, an den Augen des einen entzndete sich der Zorn des
anderen, bis die Blicke beider Gegner wie Flammen gegeneinander sprhten. Aber
mit Selbstbeherrschung bndigte Ingo seinen Grimm und versetzte, den Rcken
kehrend: Httest du gutherzig gemahnt, folgte ich williger deiner Weisung.
    Der Wchter aber raunte ihm zu: Hte dich, den zu reizen, er ist ein
unwirscher Gesell, der gern Eisen beit, er stammt aus der Freundschaft der
Herrin, und er dient nicht wie wir, denn er ist aus edlem Geschlecht, hat sich
nur auf Zeit gelobt, und wird einst im reichen Erbe seiner Vter stehen. Kein
Wunder, da ihn die Binsen stechen, wenn er sie tragen soll.
    Wer dient, mu tragen, versetzte Ingo finster.
    Aber auch die Mdchen sorgten um das Festkleid des Fremden. Sieh, Herrin,
wie stolz der Fremde in dem Wams schreitet, das ihm die Frstin gespendet hat,
sagte Frida zu Irmgard. Wackerer Sinn adelt geringes Kleid, versetzte Irmgard.
    Gering? rief Frida, die Jacke ist vom allerbesten Tuch aus unseren
Truhen, ich mu sie doch kennen, denn ich selbst habe sie einst genht. Seltsam
ist es, da die Herrin so feines Gewand an fahrenden Mann wendet.
    Auch der Mann ist ja wohl kein Alltagssohn, antwortete Irmgard.
    Das meine ich auch, besttigte Frida neugierig, denn ich sah, wie die
Frstin ihn vorher im Hofe anredete, da er ihr in den Weg trat; von beiden
Seiten war's ein Herrengru, sie lachte ihm zu und strich mit der Hand an seine
Kleider, als ob er ein vertrauter Mann aus der Freundschaft wre.
    Als der Fremde gestern abend an den Herd trat, wo die Mnner versammelt
saen, versetzte Irmgard, da hatte vorher der Vater sorglos gescherzt mit dem
Gesinde, doch als er den Fremden sah, wandelte sich ihm die Gebrde, er hob
sich, um dem Fremden entgegenzugehen, tat es aber nicht; doch feierlich war
fortan sein Wesen und das Mahl so still, als ob ein Bote vom Knigshofe am
Herrentisch se.
    Auch der Fremde schritt, fuhr Frida eifrig fort, da er eintrat, krftig
auf den Herrn zu, als wollte er sich bei dem Herrensitz lagern, und einer von
den Knaben mute ihn an der Jacke zurckziehen auf seinen Platz, da er die
Ehrfurcht nicht verga.
    Ich sah's, nickte Irmgard, er lachte dazu, und bei der Erinnerung lachte
sie selbst.
    Und doch sitzt er ganz unten an der Bank, rief Frida, und jetzt, wo der
witzige Wolf wieder seine groe Zunge rhrt, hat er des Knaben Weisheit
anzuhren.
    Ist's ein Geheimnis, sagte Irmgard leise, so wird es uns Mdchen wohl
zuletzt verkndet.
    Du selber aber, Herrin, mahnte Frida, hast ihm seither wenig Huld
erwiesen. Die ersten waren wir doch, die er ehrbar grte, und drei Tage lang
hast du ihm jede Rede geweigert. Unfreundlich wird der Mann dich schelten und
hartmutig, nicht wagt er, dich anzureden, da er aus dem Elend kommt; darum biete
du ihm endlich den Gru.
    So la uns tun, was sich gebhrt, antwortete Irmgard. Sie trat mit
berwindung zu dem Haufen der stolzen Knaben, welche dem Frsten folgten, wenn
dieser durch die Drfer ritt oder in den Vorkampf der Schlacht trat. Aber als
sie dem Fremden nahe kam, scheute sie sich vor den anderen zu ihm zu reden, sie
hielt bei Theodulf an und sprach: Spt ertnte gestern dein Hifthorn am Tore,
wie war die Jagdbeute, Vetter?
    Theodulf errtete vor Freude, weil das Herrenkind ihn eher als die anderen
begrte, er erzhlte ihr von seinem Jagdglck und fhrte sie zu einem
Holzverschlag, wo ein zweijhriger Br unzufrieden sa. Die Hunde zausten ihm
das Fell, ich band ihn mit Riemen und trug ihn lebend zum Hofe, er wird wohl ein
Spielgesell fr die Kinder im Dorfe.
    Als Irmgard den Braunen betrachtet hatte und sich mit Frida entfernte, rief
diese unwillig: Frwahr, mit artigen Worten hast du dem Fremdling
zugesprochen.
    Nahe genug war ich bei ihm, antwortete Irmgard, und er schwieg doch.
    Er wei besser, was dem Herrenkinde geziemt, versetzte Frida.
    Aber Irmgard achtete seitdem auf den Fremden, und als sie ihn abseit von den
anderen am Zaun des Hofes lehnen sah, ging sie allein bei ihm vorber, hielt wie
zufllig an und sprach: Auf dem Holunderbaum ber deinem Haupt wohnt ein
kleiner Grauvogel, der Nachtsnger. Die Mdchen beschwren jeden Abend das
Wiesel und den Kauz, damit sie ihm nicht das Nest zerstoen. Singt er dir, so
hre ihm gtig zu, da er sich deines wohlmeinenden Sinnes freue. Sie sagen, er
mahnt im Sange jeden an das, was ihm lieb ist.
    Ingo antwortete treuherzig: Alles Geflgel, der Habicht in der Luft und der
Snger im Busch, singen dem fremden Mann dasselbe Lied in das Ohr, sie mahnen
ihn an die Heimat. Dort streute einst die liebe Mutter den Vgeln Winterkost,
damit sie ihrem Sohne in seinem Leben gute Vorbedeutung sngen. Die Treue haben
sie seitdem bewhrt. Manches Mal haben die wilden Boten im Federkleid den
unsteten Mann auf der Heide und im Holz vor Gefahr gewarnt. Sie sind die
Genossen seines Schicksals geblieben; wie er wandern sie heimatlos ber die
Menschenerde, und wie er nhren sie sich vom Raub, den sie greifen, oder von der
Gabe, die ihnen ein Gastfreund spendet.
    Und doch finden sie berall Flocken, aus denen sie ihr Nest bauen,
versetzte Irmgard.
    Wo aber darf der Heimatlose sein Haus zimmern? fragte ernsthaft der Gast.
Wer bei der Schwelle seines Hauses steht und die Rosse auf dem Erbe der Vter
zhlt, der wei nicht, wie die Bedrftigkeit am Herzen des stolzen Mannes nagt,
wenn er Gabe nehmen mu, der selbst anderen spenden mchte.
    Du klagst ber die Gastspenden im Hause, das dich an seinem Herd
aufgenommen hat? antwortete Irmgard vorwurfsvoll.
    Selig preise ich den Wirt und die Herrin, die im ansehnlichen Hause dem
Landfremden huldreich sind, versetzte der Gast. Aber unsicher schweifen die
Gedanken des Mannes, dem sie eine Ecke an ihrer Bank vergnnen. Denn immer spht
der Fremdling sorgenvoll nach der Miene des Wirtes, ob dieser ihm auch die Gunst
bewahre. Jeder im Hofe steht sicher auf seinem Recht, nur dem wildfremden
Wanderer ist der Grund, auf dem er schreitet, wie dnne Eisdecke, die vielleicht
morgen unter ihm bricht, und sooft sich ein Mund gegen ihn ffnet, wei er
nicht, ob die Worte ihm Ehre bedeuten oder Schmach. Zrne mir nicht um diese
Klagen, bat er. Deine Augen und deine Worte haben geheime Sorgen meiner Brust
herausgelockt, und zu dreist wagte ich vertrauliche Rede. Mir wre leidvoll, dir
zu mifallen.
    An deine Worte gedenke ich in Zukunft, antwortete Irmgard leise, sooft
ich einsame Wanderer in unserem Hofe sehe. Du aber vertraue, da du manchem hier
willkommen bist. Die Thringe lieben freudigen Mut und gesellige Rede, erweise
dich heut so unter den Nachbarn, und wenn ich dir Gutes raten darf, so weiche
nicht abseit von den jungen Mnnern, wenn sie die Kampfspiele ben. Denn ich
meine, da es dir auch im Kampfe wohl gelingen mag. Gewinnst du Lob unter den
Landsleuten, so freut sich unser Hof, denn dem Wirt ist es Ehre, wenn der Gast
Ruhm erwirbt. Und ich merke, auch der Vater will dir wohl. Sie neigte errtend
das Haupt und entwich aus der Nhe des Fremden; er aber sah ihr freudig nach.
    Der Frst stand vor dem Herrenhause und empfing dort die Edlen und die
freien Bauern, welche auf allen Wegen zu Fu und Ro heranzogen und am
geffneten Tor von Hildebrand, dem Sprecher, begrt wurden. Wer zu Ro nahte,
der stieg dort ab, und die Jungen fhrten sein Pferd in ein weites Gehege und
banden es fest, damit die Knechte ihm den Schaum mit Stroh abrieben und alten
Hafer in die Krippe schtteten. Wrdig war Gru und Anrede, in weitem Ringe
standen die Gste auf dem Hofe, eine stolze Genossenschaft, ansehnliche Mnner
aus zwanzig Drfern der Gegend, alle in ihrem Kriegsschmuck, den Eschenspeer in
der Hand, Schwert und Dolch an der Seite, in schner Lederkappe, die mit Zhnen
und Ohren des wilden Ebers geschmckt war; mancher ragte unter dem Eisenhut, in
einem Lederkoller oder Kettenpanzer ber dem weien Hemd und in hohen
Lederstrmpfen, die bis zum Leibe reichten, mancher auch, der reich war und die
Ware der rheinischen Krmer beachtete, trug einen berwurf von fremdem Zeug, das
feine Haare von bunter Farbe hatte und wie das zarte Fell eines Raubtiers
glnzte. Schweigend standen die Mnner und freuten sich der Versammlung, nur
einige, die zueinander traten, tauschten leise Worte ber die Gerchte, welche
durch das Land flogen von der groen Schlacht im Westen und von bedrohlicher
Zeit. Aber wer die Meinung der Menschen kannte, wie Hildebrand, der Sprecher,
der merkte wohl, da ihr Sinn kraus war und ihre Gedanken ungleich. Lange whrte
die Begrung, denn immer noch kamen einzelne, die sich versptet hatten, bis
der Sprecher an den Huptling trat und auf den Stand der Sonne wies.
    Da fhrte der Wirt seine Gste vor die Halle, feierlich betraten sie im Zuge
die Stufen; am Eingang empfing sie die Hausfrau, neben ihr stand die Tochter mit
den Mgden. Ehrerbietig huldigten die Mnner den Frauen; die Frstin reichte
allen die Hand und fragte gebhrlich nach ihren Frauen und dem Hausstand, den
Mnnern von der Freundschaft bot sie die Wange zum Ku. Die Hupter des Volks
nahmen gewichtig Platz auf den Sesseln der Bhne und begannen ernstes
Mnnergesprch, whrend der Schenk und die Diener in langer Reihe einzogen;
diese trugen in Holzkannen den Frhtrunk und behagliche Zukost, weie gewrzte
Brotkuchen und Fleisch aus dem Rauchfang.
    Unterdessen rsteten die Jungen ungeduldig auf dem Rasengrund vor dem Hofe
die Bahn zu kriegerischem Spiel. Die Knaben des Dorfes begannen den Kampf, damit
auch sie das Lob der Krieger erwarben, sie rannten nach dem Ziel, sprangen ber
ein Ro und schossen mit dem Rohrpfeil nach der Stange. Bald aber ergriff der
Eifer die Jnglinge, sie warfen die Speere, sie schleuderten den schweren
Felsstein und sprangen ihm nach, und als Theodulf in mchtigem Schwunge den
schwersten Stein geworfen und den weitesten Sprung getan, klafterweit ber die
anderen hinaus, da erscholl lautes Jauchzen bis zur Halle. Und die Alten und
Weisen des Volkes behielt es nicht lnger auf ihren Sitzen, auch sie eilten zur
Schau auf den Rasen. Gro wurde der Ring der Zuschauer, die Weiber des Dorfes
standen in ihrem Festschmuck, gesondert die Mnner, und im Umkreis klang immer
lauter der Zuruf und das Lob der Sieger.
    Unter den Schauenden stand Ingo und achtete schweigend auf die behende
Kraft. Da trat zu ihm Isanbart, ein alter Huptling des Gaues, betrachtete ihn
prfend und begann feierlich, so da die Rede der anderen verstummte: Auch in
deinem Volke, Fremdling, woher du auch stammst, bt sich wohl der junge Krieger
in Sprung und Waffen. An deinem Auge und Arm sehe ich, da du des Spiels nicht
ganz unkundig bist; vielleicht gefllt dir's, unseren jungen Mnnern zu zeigen,
was in deiner Heimat Brauch ist, wenn du auch nicht die Kunst eines Huptlings
verstehst. Bist du aus dem Ostlande, wie ich vernehme, so vermagst du wenigstens
die Holzkeule zu schwingen, auch dieser Wurf erweist die Kraft des Mannes,
obgleich meine Landgenossen ihn wenig ben. In der Halle sah ich ber dem Sitz
des Wirtes ein solches Holz.
    Ingo antwortete dem ehrbaren Greise: Wenn mir's der Frst gestattet und die
Hupter des Volkes, so will ich versuchen, was ich ehedem gelernt.
    Der Frst winkte, einer aus dem Gefolge sprang nach dem Hofe und trug die
Waffe aus Eichenholz herzu, vom Griffe nach rckwrts gekrmmt, vorn mit
scharfer Schneide. Die Keule ging von Hand zu Hand, lachend wogen die Mnner das
leichte Werkzeug. Eine Waffe dieser hnlich trgt unser Sauhirt, um Wlfe zu
schlagen, rief Theodulf verchtlich, aber Isanbart der Greis entgegnete
strafend: Du sprichst tricht, ich sah von solchem Holz, nicht so schwer als
dies, einen Schdel brechen wie einen Tonkrug. Und er legte die Keule dem Wirt
in die Hand.
    Wer jemals in den Ostmarken ber eine Walstatt geritten ist, sprach der
Frst, der kennt die Wunden, welche dieser Knorren schlgt. Doch von alten
Kriegern habe ich gehrt, da ein Geheimnis in dem Holze liegt und da man
schwer des Wurfes mchtig wird, denn tckisch soll es dem Unvorsichtigen das
eigene Haupt treffen. Nicht unwert ist dieses Holz der Hand eines Edlen, denn es
war vorzeiten eines Knigs Waffe, und mein Vater brachte sie aus der Fremde
heim.
    Dann soll sie ihre Kunst dem Sohn erweisen, rief Ingo freudig und fate
danach. Mit kurzem Armschwung warf er die Keule, sie flog in krausem Bogen durch
die Luft, doch als alle meinten, da sie zu Boden schlagen wrde, fuhr sie wie
durch eine Schnur gezogen wieder nach dem Manne zurck; er packte sie in der
Luft am Griff und warf sie wieder hierhin und dahin, immer schneller, und immer
kehrte sie gehorsam vom Schwunge in seine Hand. So mhelos und lustig schien das
Spiel mit dem Eichenkolben, da die Zuschauer nher traten und lautes Gelchter
durch den Kreis ging.
    Das ist ein Gaukelspiel des fahrenden Mannes, rief Theodulf verachtend.
    Es ist eines Mannes Handwehr, versetzte der Fremde entgegen, schwerlich
ist dein Schdel fester als diese Eisenkappe. Er sprach zu Wolf, und dieser
legte in Weite eines Speerwurfs einen alten Eisenhelm auf einen Pfahl. Der
Fremde ma das Ziel, wog die Waffe in schwingender Hand, warf sie im Bogen nach
dem Helm und sprang in gewaltigem Satze nach. Laut krachte das berstende Metall,
und doch fuhr die Keule wieder zurck, und wieder packte sie Ingo mit starker
Hand und hielt sie hoch. Ein Ruf des Erstaunens scholl in dem Ringe, ein Haufe
sammelte sich neugierig um den zerschlagenen Helm.
    Wohlan, begann Theodulf herablassend, hast du uns deine Gewohnheit
gezeigt, so versuch es auch mit unserem Brauch. Fhrt den Springern die Rosse
heran.
    Zuerst wurden zwei Rosse nebeneinander gestellt, Kopf an Kopf und Schweif an
Schweif. Die Springer traten zurck und schwangen sich mit kurzem Anlauf
hinber; fast allen glckte der Sprung, aber bei drei Rossen gelang es nur einer
kleinen Zahl, und ber vier sprang Theodulf allein, und als er hinter den Rossen
zum Haufen der anderen zurcktrat, sah er herausfordernd den Fremden an und
winkte mit der Hand zur Folge. Der Fremde neigte das Haupt ein wenig und tat
denselben Sprung so sicher, da das Feld vom Beifall widerhallte. Da rief
Theodulf das fnfte Ro heran zum schweren Sprung, nur selten vollbrachte ihn
einer der Behendsten. Aber der Thring war gereizt und entschlossen, das
uerste zu tun. Er selbst ordnete die Pferde anders, da der Schimmel als
fnfter stand, dann sah er um sich, empfing den Zuruf seiner Freunde und wagte
den mchtigen Sprung. Und er kam hinber, nur da er beim Niedertauchen mit
seinem Rcken den Schimmel streifte. Aber whrend er vortrat und sich ber das
Jauchzen des Volkes freute, tnte noch lauterer Zuruf hinter ihm und umgewandt
sah er den Fremden, der diesmal schnell und mhelos in seinem Rcken den Sprung
vollbrachte. Der Thring erblich vor Zorn, er ging schweigend an seinen Platz
und mhte sich vergebens, den Neid herabzudrcken, der ihm aus den Augen brach.
Die Alten aber traten zu dem Fremden und rhmten seine Kunst, und der alte
Huptling begann: Ich erkenne, Fremder, wenn mich nicht deine Gebrde tuscht,
du bist nicht unkundig des Schwunges auch ber sechs Rosse, den sie Knigssprung
nennen, und der nicht in jedem Menschenalter einem Helden gelingt. Ich sah ihn
einmal, da ich jung war, mein Volk niemals. Und er rief laut: Fhrt das
sechste Ro heran! Da erhob sich im Kreise Gemurmel, und die Entfernten
drngten nher herzu, whrend die Jnglinge eilten, das Ro zu stellen. Neben
Ingo aber trat die Frstin, sie war bekmmert um die Niederlage ihres Verwandten
und sprach leise zu dem Gaste: Erwge, Held, leicht trifft der Pfeil des Jgers
den Auerhahn, wenn er die Flgel breitend seine Stimme erhebt. Aber Ingo sah
auf Irmgard, welche in froher Erwartung hinter der Mutter stand und ihn
freundlich anlachte, und er antwortete mit heien Wangen: Zrne mir nicht,
Herrin, ich bin gefordert, nicht habe ich mich in den Kampf gedrngt; ungern
entsagt der Mann der angebotenen Ehre. Er trat rckwrts zum Sprunge, hob sich
gewaltig in die Luft und vollbrachte den Schwung, da alles Volk jauchzte, und
da er zurckkehrte, achtete er nicht auf die unwillige Miene der Frstin, er
freute sich, da ihm die Kunst gelungen war und da Irmgards Angesicht rosig
erglnzte. Lange wogten die Zuschauer durcheinander, sprachen ber die Khnheit
des Fremdlings und rhmten ihn, bis dem Wettkampf der Mnner andere Ziele
gesetzt wurden. Ingo stand fortan still neben den Huptlingen, und niemand
forderte ihn zu neuem Streit.
    Schon neigte sich die Sonne von ihrer Hhe, da nahte der Sprecher dem
Frsten und lud die Gesellschaft zum Mahle. In frhlicher Erwartung folgten die
Mnner dem Rufe, sie wandten sich im Zuge nach dem Hofe zurck und schritten die
Stufen der Halle hinauf.
    Der Sprecher und der Truchse traten ihnen vor und ordneten an den Tafeln
der Halle jeden nach Rang und Gebhr. Dies war eine sorgliche Arbeit, denn jeder
begehrte den Platz, der ihm geziemte:entweder am Tisch des Huptlings, oder nahe
bei ihm, lieber auf der rechten Seite als auf der linken. Es war eine lange
Reihe von Tischen, die Sitze daran fr die Vornehmsten mit einer Armsttze und
fr die Ansehnlichen immer noch mit hoher Lehne, fr die Jngeren ein schner
Schemel. Schwer war's, allen mit dem Ehrensitz Genge zu tun, aber der Sprecher
verstand sein Amt und wute manchem seinen Platz zu loben wegen der Nachbarn und
der Nhe der Frauen und wegen gutem berblick ber den Saal. Zunchst der Tr
lagerten die Bankgenossen des Hausherrn in langer Reihe, dort hatte den
Ehrenplatz Theodulf und ihm gegenber sa ganz unten der Fremde. Da alle
erwartend saen, trat der Schenk mit den Dienern ein und trug in schnen
Holzbechern den Begrungstrank; der Wirt erhob sich, trank den Gsten gutes
Heil zu, und alle standen auf und leerten die Becher. Darauf kam der Truchse
mit seinem Stabe und hinter ihm eine lange Reihe Diener, welche die erste Tracht
auf die Tische setzten; da ergriff jeder sein Messer, das er an der Seite trug,
und begann rstig das Mahl.
    Im Anfang war es schweigsam um die Bnke, denn allen strte die Rede der
eigene Hunger und sie rhmten nur mit leisem Dank die reichliche Frsorge der
Herrin. Doch die ltesten in der Nhe des Frsten tauschten ernsthafte Worte,
sie dachten an vergangene Taten der Helden und lobten die Tugenden ihrer Rosse.
Die anderen aber horchten essend gern auf ihr Gesprch.
    Und ein Edler an der Seite des Frsten begann laut: Das liebste frwahr im
Sommer ist mir ein solches Hochfest, wo die Landgenossen einander auf grner
Wiese im Heergewand gren, die grauen Hupter erinnern sich alter Kriegsreisen,
die schlachtenfrohe Jugend erweist im Spiele, da ihre Kraft dereinst die Ehren
der Vter mehren wird. Die Sonne scheint warm, und das Antlitz des Wirtes lacht
den Gsten entgegen; auch das Herdenvieh springt umher, und die hren der Gerste
brunen sich im Sdwind; frhlich wird des Mannes Herz in solcher Zeit und
ungern gedenkt er der Sorgen. Dennoch ziemt dem Manne, auch beim Mahle das
Schwert nicht weiter von sich zu legen, als der Arm reicht, denn wechselvoll ist
alles Leben in den Tlern der Menschen, bald wohl verdeckt schwarzgrauer
Wolkenschild den Himmel, ein weies Schneetuch den Grund; kein Glck der
Menschenerde dauert und der nchste Tag mag neues Schicksal bringen. So geht
auch jetzt durch das Volk eine Kunde aus dem Rmerland, manche sorgen darum und
ihre Gedanken fragen unsern Wirt, ob er Botschaft erhielt, die uns zu wissen
frommt.
    Diese Rede sprach die Meinung aller aus und von allen Tafeln klang
Beistimmung, dann wurde es sehr still; der Frst aber antwortete mit Vorsicht:
Von groem Schlachtendrang vernahmen wir alle und erwgen, ob er uns zum Heile
sein werde. Dennoch rate ich nicht, da wir Waldmnner heut von dem Trinkhorn
abwrts sphen mit sorgenvollem Blick. Noch wissen wir nur, was die Wanderer
zutrugen aus der Fremde, vielleicht was sie selbst geschaut, vielleicht
undeutliches Gercht. Darum ritten unsere Boten ber den Wald sdwrts nach
neuer Kunde. Wir harren ihrer Heimkehr, dann prfen die Weisen, ob die Botschaft
wert ist, da das Volk darum sorge.
    Da diese Worte kundgaben, da der Wirt nichts ber den Rmerkrieg berichten
wollte, so entstand undeutliches Gemurr, und Herr Answald merkte, da die Gste
gern mehr vernommen htten und da sie seines Schweigens nicht froh waren.
    Darum trat jetzt auf ein stilles Zeichen des Herrn der Sprecher vor und rief
mit lauter Stimme: Die Schwerttnzer nahen und erbitten sich Gunst. Da schwieg
jeder und rckte den Sessel zum Schauen zurecht, die Frauen erhoben sich von den
Sitzen.
    Ein Pfeifer und ein Sackblser schritten voran, hinter ihnen zwlf Tnzer,
junge Krieger aus dem Volk und von des Huptlings Bank im weien Unterkleid mit
buntem Grtel, das blitzende Schwert in der Hand; vor ihnen als dreizehnter
Wolf, der Schwertknig, in rotem Gewande. Sie hielten am Eingang und grten,
die Waffen senkend, darauf begannen sie den Sang des Reigens und schwebten in
langsamem Schritt nach dem freien Raum vor der Herrenbank. In der Mitte hielt
der Schwertknig, die zwlf Genossen umkreisten ihn feierlich mit gehobenem
Schwert. Er gab ein Zeichen, die Pfeifer bliesen, schneller wurden die
Bewegungen, nach rechts schwang sich die Hlfte im inneren Ringe, die andere von
auen entgegengesetzt und jeder tauschte mit allen, denen er begegnete,
Schwertschlag nach Ordnung der Hiebe. Dann tauchte zwischen den blinkenden
Schwertern der Knig hindurch, bald nach auen, bald nach innen im Kreise
schwebend, mit seiner Waffe fing und erwiderte er die Schlge der anderen.
Kunstvoller wurden die Verschlingungen, heftiger die Bewegungen, einer nach dem
anderen wand sich wie im Kampf durch die kreisende Reihe der brigen. Dann
teilten sie sich in Haufen im Takte gegeneinander eilend und mit den Waffen
streitend, bis sie zugleich je drei und je vier in der Kmpferstellung sich
verflochten. Pltzlich senkten alle im groen Kreise die Schwerter zur Erde und
verschrnkten sie im Nu am Boden zu einem knstlichen Geflecht, das aussah wie
ein Schild. Der Schwertknig trat darauf, und die zwlf Genossen verstanden ihn
auf dem Schilde aus Schwertern geformt vom Boden heraufzuheben bis ber ihre
Schultern, wo er stand und mit seinem Schwert den Frsten, die Gste und die
Frauen grte. In gleicher Weise lieen sie ihn langsam zu Boden, lsten Eisen
von Eisen und begannen aufs neue im Kreise gegeneinander zu springen, jetzt
Sprnge und Schwertschlge schnell wie der Blitz, kaum vermochte das Auge den
einzelnen Streichen zu folgen, im Wirbel flirrte der blanke Stahl und schwangen
sich die Leiber der Mnner unter den scharfen Waffen, die Pfeife gellte, das
Sackrohr summte in wilden Klngen, die Funken sprhten von den Schwertern. So
lief das Spiel der Helden in des Frsten Halle, bis die Tnzer anhielten, wie
durch Zauber gebannt, in der Stellung von Kmpfern je zwei gegenber. Darauf
begann wieder der Reigensang der Tnzer, und langsamen Schrittes, feierlich
grend, schwebten sie beieinander vorber und schritten im Zuge zum Saale
hinaus. Um die Sitze drhnte der Beifallssturm, die Gste sprangen begeistert
auf und riefen den Tnzern frhlichen Dank.
    In der Nhe des Frsten erhob sich Rothari, ein Edler, und begann:
    Ich rede, wie ich denke, kunstvolleres Schwertspiel sahen meine Augen
niemals bei anderen Leuten, und wir Thringe sind auf der Mnnererde gerhmt
wegen solcher Kunst. Dort unten aber an der Bank des Frsten sitzt ein
Fremdling, kriegerischer Werke wohl mchtig. Und wenn ich ihn nach der
Tchtigkeit schtze, die er heute erprobt hat, so wrde ich ihm seinen Stuhl
hoch herauf unter die Starken setzen. Doch ungleich verteilen die Gtter ihre
Gaben, auch ein Fremder, der seine Ahnen nicht kennt, mag ein achtbarer
Kriegsmann werden. Die Leute sagen, da zuerst aus dem Hof des Frsten die Kunde
von der Rmerschlacht in unser Land geflogen sei, und da ich den Fremden sah,
hielt ich ihn fr den Boten; doch der Keulenwurf erwies, da er aus dem Ostland
stammt. Ich bringe dem Gaste in der Halle den Heilgru.
    Ingo erhob sich und dankte. Da rief Theodulf laut: Manchen sah ich springen
und schwingen auf weichem Rasen, der hoher Sprnge in der Feldschlacht vergit.
    Recht mahnst du, versetzte Ingo kalt, doch manchem nagt auch Neid in der
Seele, weil er selbst nicht als Hchster auf dem Rasen sich schwang.
    Fr ehrenwerter als ein Springer gilt bei uns der Mann, der seine Narben
vorn am Leibe trgt, versetzte Theodulf.
    Ich aber lernte von Alten und Weisen, da nicht unrhmlicher sei, tiefe
Wunden zu geben als zu erleiden.
    Sicher gebhrt dir die Wrde eines Huptlings, dem sein Gefolge die Schilde
vorhlt gegen feindliche Speere, damit sein Antlitz mairtlich daure zur Freude
des Volks, hhnte wieder der Mann des Frsten.
    Und ich hrte manchen, der einen Schwertschlag empfangen, darber glucksen
wie ein Huhn ber ein Ei, versetzte Ingo verchtlich.
    Ruhmlose Wunden auch birgt das Hemde, die Spuren der Streiche, die den
Rcken bedrngten, rief Theodulf mit flammendem Angesicht.
    Ruhmlos nenne aber ich die boshafte Zunge, die in der Halle nach dem
Gastfreund sticht. Nicht ehrenwert dnkt mir solche Rede, dem Thring geziemt
nicht der falschen Rmer Brauch.
    Kennst du so gut den Brauch der Rmer, rief vom andern Tisch ein wilder
Kriegsmann aus Theodulfs Freundschaft, so hast du auch wohl ihre Streiche
gefhlt.
    Im Kampfe stand ich den Rmerkriegern, rief Ingo, sich vergessend. Frag
dort im Lager nach deinen Gesippen, nicht jeder gibt dir Antwort, der meinem
Schwerte genaht.
    Laute Schreie fllten die Halle, als der Fremde verriet, da er gegen die
Rmer gestanden hatte. Gut sprachst du, Fremder, schrie es von allen Seiten,
und wieder an anderen Tafeln: bel prahlt der Fremde, hoch Theodulf!
    Der Frst erhob sich und rief mit mchtiger Stimme: Den Wortkampf stille
ich, an den Frieden mahne ich im festlichen Saal. Da verstummten die lauten
Rufe, aber der Streit der Meinungen schwebte geruschvoll um alle Tische, die
Augen flammten und starke Hnde hoben sich. Whrend dem Gewirr sprang ein
Jngling aus dem Gefolge des Huptlings die Stufen herauf und schrie in die
Halle: Volkmar, der Snger, reitet in den Hof. Er sei willkommen, rief der
Frst. Und zu dem Sitz der Frauen gewandt, fuhr er fort: Irmgard, mein Kind,
begre deinen Lehrer und geleite ihn zu unserem Tisch. So befahl der kluge
Wirt, um die Hadernden an die Gegenwart der Frauen zu mahnen. Seine Worte
wirkten wie eine Beschwrung auf die brausende Menge, die dstern Mienen wurden
hell und mancher ergriff den Krug und tat einen tiefen Trunk, um ein Ende zu
machen mit seinen Gedanken und sich vorzubereiten auf das Lied des Sngers.
Irmgard aber trat aus der Laube und schritt durch die Reihen der Mnner zu der
Schwelle. Auf den Stufen des Saals stand gedrngt die Jugend des Dorfes und
starrte neugierig in die Halle. Da durchschritt Irmgard den Haufen und erwartete
im Hofe den Snger, der sich unter einem der Dcher zum Fest gerstet hatte. Mit
ehrbarem Gru kam er auf sie zu, ein Mann von miger Gre mit leuchtenden
Augen, das krause Goldhaar mit Grau durchzogen, zierlich trug er seinen berwurf
von buntem Tuch, die nackten Arme mit Goldringen geschmckt, eine Kette um den
Hals, das Saitenspiel in der Hand.
    Du kommst zu guter Stunde, Volkmar, rief ihm die Jungfrau zu, sie
struben sich gegeneinander, es tut not, da dein Lied ihnen das Herz erhebt.
Bewhre heut deine Kunst, und wenn du kannst, singe ihnen Frohes.
    Was hat ihnen den Sinn verstrt? fragte der Snger, der gewhnt war, seine
Kunst wie ein kluger Arzt zu spenden. Ist's wieder der wilde Hofhalt des Knigs
Bisino, dem sie grollen, oder streiten sie um die Rmerfahrt?
    Die jungen Mnner halten nicht Frieden, antwortete das Herrenkind.
    Ist's nichts weiter? versetzte der Snger gleichgltig. Es wre vergebene
Mh', ihre Waffengnge auf grner Heide zu hindern. Da er aber die ernste Miene
der Jungfrau erkannte, fgte er hinzu: Sind's die Tollkpfe vom Hofe, dann,
Herrin, frchte ich, da mein Lied ihren Neid nicht zu tilgen vermag. Knnte ich
dein freundliches Lachen in ein Lied fassen und jedem in das Ohr singen, so
wrden sie alle mir folgen wie die Lmmer. Doch was ich heute bringe, setzte er
mit verndertem Tone hinzu, ist so schwer, da sie darber ihren Streit sicher
vergessen. Es ist ble Zukost fr ein Festmahl. Dennoch mu ich hinein, ihnen
die Mr verknden, ich wei nicht, ob sie sich dann noch Sang begehren.
    Willst du beim Mahl die Trauerbotschaft sagen? fragte die Jungfrau
sorglich, das macht ihnen den Mut vollends schwer und emprt sie in Zorn.
    Du kennst mich ja doch, versetzte der Snger, ich gebe ihnen nur so viel,
als sie vertragen knnen. Wen hat der Frst zur Halle geladen?
    Es sind unsere alten Landgenossen.
    Sind Fremde darunter?
    Niemand, versetzte die Jungfrau zgernd, als ein armer Wanderer.
    Dann sei ohne Sorgen, schlo der Snger, das Gemt der Unseren kenne ich
und wie man ihnen den Abendtrunk mischt.
    Whrend die Jungfrau durch eine Seitentr in die Laube stieg, betrat der
Snger die Halle. Als er auf der Schwelle stand, erscholl ein Zuruf und Gru,
der laut von der Decke widertnte. Stolz empfand Volkmar, da er ein Gnstling
war, er trat mit behendem Schritt in den freien Raum vor den Tisch des
Huptlings und verneigte sich tief gegen ihn und die Herrin.
    Sei tausendmal gegrt, du Geliebter des Volkes! rief ihm der Frst
entgegen, die Vgel unseres Gaues, die im Winter geschieden waren, singen
lngst ihr Sommerlied, nur den Snger der Helden haben wir vergeblich ersehnt.
    Nicht die Vgel hrte ich in der Luft den Sommer verknden, die Kriegshunde
des Gottes hrte ich heulen im Winde und die bunte Wolkenbrcke erblickte ich,
auf der die Helden in endloser Schar zu der Halle der Gtter hinaufzogen. Den
Rheinstrom sah ich dahinflieen in roten Wellen, bedeckt mit Leibern der Mnner
und Rosse, die Walstatt schaute ich und das blutige Tal, wo die Hgel der
Erschlagenen liegen zum Fra fr die Raben, und Knige wei ich mit gefesselten
Gliedern im Rmerlager den Beilschlag erwartend. Ein lauter Aufschrei folgte
diesen Worten. Erzhle, Volkmar, wir hren, sagte der Frst.
    Der Snger fuhr durch die Saiten, und es ward so still in dem Raum, da man
die tiefen Atemzge der Gste vernahm. Darauf rhrte er die Saiten und begann
zuerst erzhlend, dann mit gehobener Stimme und melodischem Tonfall singend
seinen Bericht von der Schlacht zwischen den Alemannen und Rmern. Er nannte die
Namen der Knige und Knigskinder, welche mit den Alemannen ber den Rhein dem
Csar entgegenzogen und zuerst die Reiter der Rmer in die Flucht schlugen und
dann die erste Schlachtreihe. Darauf sang er: Hinter die zweite Reihe der
Rmerscharen ritt gebietend auf seinem Rosse der Csar, ber ihm schwebte als
Banner das Drachenbild, der Riesenwurm mit gewundenem Leib, das heilige
Schlachtzeichen der Rmer, purpurrot war der Wurm und aus dem aufgesperrten
Rachen fuhr die zngelnde Flamme. Und der Csar rief die Bataver vor und die
Franken: Herauf, ihr Germanenhelden, nicht zwingen meine Welschen den Sturm der
Feinde. Der Herold ritt, und die Franken hoben sich helleuchtend vom Boden, nach
Scharen geordnet, mchtig schwang Aimo, Arnfrieds Sohn, das Schwert in dem
Vorkampf.
    Das ist mein Bruder! rief es von einem Tisch. Heil Aimo! drhnte es in
einer Ecke des Saals.
    Sie zogen heran in geraden Reihen, die weien Schilde mit dem Stierbild
geschmckt; hart war der Drang, wie Feuerflammen den Heidegrund, so rumte ihr
Schwert die Walstatt vom Sturm der Alemannen. Doch in neuem Keil sprangen die
Alemannen herein, voran die Knige, und wieder wichen die Rmer. Da mahnte der
Csar seine letzte Schar, die im Rmerheer der Dornhag des Feldherrn heit.
    Archimbald! rief es wild in dem Saale. Eggo! von einer anderen Seite.
    Dort stand als Fhrer ber hundert Mann ein hnenhafter Gesell, der Thring
Archimbald, und Eggo, sein Bruderssohn, wohlerfahren im Kriegsbrauch der Rmer.
Sie stemmten das Knie im Boden fest, sie deckten den Leib mit dem Lindenschild
und wehrten als dreifache Schildburg mit starrenden Speeren. Und wieder brachen
die Alemannen heran, die Schilde krachten im Hieb der xte, die Speere fuhren
durch Rstung und Leib, die Toten sanken in langen Reihen und ber die Leiber
der Gefallenen drngte der Schwall, Schild an Schild, und Brust gegen Brust, wie
Kampf der Stiere in umhegtem Pferch. Da schied sich das Schlachtenglck von den
Alemannen, sie fuhren rckwrts, ihnen graute vor dem Hauf der sterbenden
Genossen. Die Sonne sank, und das Kriegsheil schwand. Die gelsten Scharen
wlzten sich flchtig zum Ufer des Stromes, und hinter ihnen strmten mit Messer
und Speer die Rmer wie die Meute hinter dem Hirsch; in den Rhein hinab sprang
das flchtige Volk, die Sieger am Ufer mit lautem Geschrei warfen die Speere in
ein wildes Gewhl von Mnnern und Rossen, von toten Leibern und ertrinkenden
Helden. Der Nix des Stromes streckte die Krallenhnde umher und zog die Helden
zur Tiefe in seine Behausung.
    Der Snger hielt an, ein lautes Sthnen ging durch die Versammlung, nur
einzelne Heilrufe erklangen dazwischen; der Frst hrte gespannt auf die
Ausbrche des Schmerzes und der Freude. Dann fuhr Volkmar fort, indem er die
Trauerklnge mit krftiger Weise vertauschte: Der Csar trat an den Uferrand
und sah lachend hinab in der Mnner Not. Er rief seinem Bannertrger, der den
Drachen trug, das rote Scheusal aus Purpur gewirkt, darin ein Gott der Rmer
gefgt den Siegeszauber, den Tod der Feinde: La schweben den Drachen ber der
Flut, da er seine Zhne zeige und die flammende Zunge dem sterbenden Volke. In
der Luft hoch fliegt er gegen die Himmelshalle der Toten, wenn sie aufsteigen
auf der Wolkenbrcke, so weist er die Zhne; der Rmerdrache hemmt ihnen die
Reise, da sie abwrtsfahren den Weg der Fische, hinab in das Dunkel zu Helas
Tor. Da rchte den Hohn der letzte Held, der mit den Waffen die Rmer bestand,
Ingo, Ingberts Sohn von Vandalenland, der Knigsohn aus Gttergeschlecht. Er
hatte gekmpft an Knig Athanarichs Achsel, voran im Kampfe, ein Schrecken der
Rmer. Da das Schlachtenglck sich wendete, schritt er zurck mit seinem
Gesinde, das ihm folgte auf dem Kriegspfad von Land zu Land, langsam und zornig
wie ein brummender Br wich er zum Ufer, wo am Fu des Felsens die Khne lagen.
Dort trieb er zusammen die Frauen des Heers, die Schicksalsverknderinnen, die
Blutbesprecherinnen, und zwang sie zur Abfahrt, da die heiligen Mtter dem
Schwerte der Rmer entrannen. Auch den Snger drngte er hinab in den Kahn, und
er selbst umschanzte hochherzigen Sinnes die Stelle der Abfahrt mit Waffe und
Leib. Gelst war das Leitseil, die Khne schwebten, umschwirrt von den Speeren
der Rmer auf grner Flut; die Feinde drngten und mhsam kmpfte die Schar am
Fu des Felsens den letzten Kampf. Da schaute der Held auf dem Steine ber
seinem Haupt den Drachen des Csar, den grimmigen Wurm, und im Sprunge
durchbrach er die Wachen des Rmers; er sprang auf den Stein, mit Brengriff
fate er den Riesen, der das Banner trug, und warf ihn vom Felsen. Leblos
tauchte in die Fluten der Rmer, und das Banner erhebend, rief der Held gewaltig
den Schlachtruf und sprang mit dem Drachen hinab in den Strom. Ein Wutgeschrei
gellte aus Rmermunde; die bittere Schmach vor den Augen des Csar zu rchen,
den Khnen zu schlagen, das heilige Zeichen der Rmer zu retten, warf Mann und
Ro sich wie toll in den Strom. Doch abwrts trieb im wirbelnden Strome der rote
Drache, der siegreiche Held. Noch einmal sah ich den Arm ihn heben und schtteln
das Banner, dann sah ich ihn nimmer. Der Csar lie suchen an des Stromes Rand
auf beiden Ufern mit trbem Sinn; zwei Tage darauf fand weit abwrts ein Spher
am Alemannenufer gebrochen den Bannerspeer, den Drachen des Feindes brachte
keiner zurck. Da kehrte den Mnnern an den Ufern des Rheins der Mut in die
Seelen, der Siegeszauber des Csar war im Strome verloren und vergeltendes
Unheil nahte dem Rmerheere. Gesandte der Katten, die aufwrts kamen, um dem
Rmervolk Bndnis zu bieten, sie hemmten die Reise, da sie erfuhren das bse
Vorzeichen. Gerochen war der Hohn des Siegers durch starken Arm, und geschwunden
von der Mnnererde Knig Ingo, der Held.
    Der Snger schwieg und beugte das Haupt ber das Saitenspiel, still war es
in der Halle, wie nach einer Totenklage, die Augen der Mnner glnzten, und in
den Gesichtern arbeitete die Bewegung. Aber in keinem mehr als in dem des
Fremden. Da der Snger eintrat und im Vorbergehen sein Gewand berhrte, hatte
er das Haupt niedergebeugt und, wie sein Nachbar Wolf ohne Freude wahrnahm, an
dem Bericht des Sngers weniger teilgenommen, als einem Krieger schicklich war,
und die Bankgenossen hatten auf ihn gewiesen und spottende Worte getauscht. Als
aber der Snger von dem Kampf um das Drachenbild begann, da hob er das Antlitz,
ein rosiges Licht flog ber seine Zge, und so strahlend und verklrt war der
Blick, den er nach dem Snger warf, da, wer auf ihn sah, die Augen nicht
abwenden konnte, wie ein Goldschein hob sich das helle Lockenhaar um das
begeisterte Antlitz. Und als der Snger schwieg, sa er noch unbeweglich.
    Sieh dorthin, Volkmar, rief eine tiefe Frauenstimme vor Bewegung zitternd,
und alle Blicke folgten der Richtung, nach welcher die Hand Irmgards wies, die
hoch aufgerichtet in der Laube stand.
    Der Snger fuhr empor und starrte nach dem Fremden: Der Geist des Stromes
gab den Helden zurck, rief er entsetzt, doch gleich darauf sprang er vor:
Selig ist der Tag, an dem ich dich schaue, Held Ingo, Ingberts Sohn, du mein
Retter, der letzte Kmpfer in der Alemannenschlacht.
    Die Gste fuhren von ihren Sitzen, die Halle erdrhnte vom Jubelruf. Der
Snger strzte auf Ingo zu, beugte sich auf seine Hand und rief: Leibhaftig
halte ich dich. Niemals ward meinem Liede so schner Lohn. So fhrte er den
Fremden an den Tisch des Frsten, der ihm mit nassen Augen entgegeneilte:
Gesegnet seist du, heldenhafter Mann, heut fllt mir schwere Last vom Herzen,
ich wute wohl, nicht lt sich bergen des Helden Ruhm. Sei gegrt in meinem
Hause, du Gastfreund aus der Vter Zeit. Rckt den Sessel, Knaben, da der Frst
sich den Edlen meines Volks geselle. Trage Wein herzu, Schenk; im Festbecher,
mit dem Rmertrank aus Rmergolde trinken wir Heil dem kniglichen Helden, dem
Sohn unserer Gtter.

                                 Offene Herzen


Am frhen Morgen schritt Irmgard durch das tauige Gras dem Walde zu. Weier
Nebel wallte am Boden und hing wie Gewand der Wassergeister um die Bume. Aus
dem Dampf der Wiese hob sich die helle Gestalt der Jungfrau, sie sang und
jauchzte mit gerteter Wange und langflatterndem Haar, selig im Herzen; so fuhr
sie durch die wirbelnden Wolken dahin, einer Gttin der Flur vergleichbar. Denn
sie hatte gehrt und geschaut, was Heldentum heit und was den Mann emporhebt
aus den Schrecken des Todes in die Gesellschaft der hohen Gtter; alle
Landgenossen hatten sich vor der Heldenkraft des einen geneigt, der ihr heimlich
gefiel und vertraulich war wie kein anderer. Sie stieg den Bergweg hinauf bis zu
der Stelle, wo die Halle des Vaters hinter dem Baumlaub verschwand; dort stand
sie allein zwischen Wald und Fels, unter ihr rauschte der Giebach, ber ihr
schwebten die Lichtwolken des kommenden Tages. Sie trat auf den Stein und sang
dem Felsen und dem rauschenden Wasser die Weise des Sngers und die Worte des
Liedes, die sie in der Halle gehrt. Sie kndete freudig, was ihr von der Kunst
des Volkmar im Gedchtnis haftete, und als sie zum Sprung in den Rhein kam,
gefiel er ihr sehr, sie sang in der Begeisterung: Ihr klugen Vgel auf den
Bumen, Boten der Gtter, und ihr kleinen Elbe unterm Farnstrauch, hrt es noch
einmal. Und sie wiederholte die Worte. Und als der Held zuletzt im Strome
verschwand, wurde ihr sein Verschwinden traurig, und da sie ein sinnvolles Weib
war, so ergo sich ihre Bewegung in neuen Worten, und sie sang noch eine Klage
des Sngers. ber dem Rufen der Waldvgel und dem leisen Klingen des Bergquells
tnte das Lied des jungen Weibes mchtig vom Felsen zurck.
    Da rollte in ihrer Nhe ein Kiesel zum Bach, sie sah zur Seite und erkannte
abseit eine Gestalt, die, eingehllt in das luftige Gewebe der Nixen, unter ihr
an einem Baumstamm lehnte; der Held, dessen Ehre sie dem Walde verkndet, stand
leibhaftig in ihrer Nhe, und als sie erschrocken zurcktrat, vernahm sie seine
bittende Stimme: Singe weiter, o Jungfrau, da ich aus deinem Munde hre, was
glcklich macht. Lieber als alle Kunst Volkmars ist mir der Ton aus deiner
Kehle. Denn als der Snger sang und die Halle vom Zuruf der Mnner drhnte, da
dachte ich immer an dich, und die stolzeste Freude war mir, da du die Kunde
vernahmst.
    Im Schrecken ber deinen Anblick schwinden die Worte, antwortete Irmgard
und suchte sich zu fassen, als er ihr nher trat. Unter dem Holunderbaum war
ich mutiger, dich anzureden, fuhr sie endlich fort, doch auch damals
bedurftest du, o Held, wenig meines Rates, und wenn ich daran gedenke, mu ich
mich ber meine Torheit wundern; verspotte du mich darum nicht. Denn geradeaus
geht die Rede unter uns Waldleuten, und einfltig sind unsere Gedanken. Mir aber
tut weh, da du zweimal aus meinem Munde gehrt hast, was du schon weit; htte
ich dich gekannt, wie du bist, so htte ich meine gute Meinung ehedem dir besser
verborgen, und auch heute bedrckt mich die Scham, weil du mich belauschtest.
    Verhehle mir nicht, Irmgard, flehte der Gast, wenn du huldvoll gegen mich
gesinnt bist, denn glaube mir, selten hrt ein Gebannter herzliche Rede aus dem
Mund einer guten Frau. Auch wenn der Snger ihn preist und der Wirt ihm
zutrinkt, dennoch steht er ausgeschlossen vom Geschlecht und der Freundschaft;
schwerlich gewhrt dem Gterlosen ein ansehnlicher Mann seine Tochter als
Ehegemahl, und keine Shne lt der Flchtling auf der Erde zurck, die seiner
Taten sich rhmen.
    Irmgard sah ernsthaft vor sich nieder.
    Du aber, fuhr Ingo fort, dulde, da ich dir bekenne, was ich Geheimes auf
der Seele trage. Verachtest du mein Vertrauen nicht, so sitze hier auf dem
Stein, damit ich dir's knde.
    Irmgard sa gehorsam nieder, der Mann stand vor ihr und begann: Vernimm,
was mir nach der Alemannenschlacht geschah: Die Sterne schienen, ich lag todmde
am kiesigen Ufer des Stromes, das rote Band des Rmers um den kraftlosen Arm
geschlungen, der Nachtwind sthnte die Totenklage, die Wellen rauschten, kalt
war der Leib und betubt das Hirn. Da neigte sich ein gramvolles Antlitz ber
mich, die Schicksalsverknderin war es der Alemannen, ein weises Weib, die
Vertraute der Gtter. Dich suche ich, Ingo, unter den Leibern der Mnner, da
ich dir dein Leben bewahre, wie du mir das meine. Sie zog mich vom Ufer empor,
bedeckte die Glieder mit warmer Hlle und bot mir heilkrftigen Trank; darauf
ri sie den Langspeer vom fremden Banner und warf betend den zerbrochenen Stab
zurck in den Strom. Im Waldesdickicht barg sie den Mden und sa bei dem Lager
wie eine Mutter Nacht und Tag. Beim Abschied ergriff sie das Purpurzeichen und
sprach: Hier weise ich die Fden, die dein Schicksal lenken, die Gtter lassen
dem Helden die Wahl. Wirfst du von dir den Zauber, den Rmer gesponnen, so magst
du altern in friedlicher Stille, verborgen im Volke, geduldig im Leben und
schicksalsfrei. Doch bewahrst du das Purpurbild mit tckischen Augen und
feuriger Zunge, dann singt wohl unter den Kriegern der Snger dein Lob, gewaltig
lebt dein Gedchtnis bei andern; doch frchte dich, der Drache verbrennt dir
dein Glck und den Leib. Whle jetzt, Ingo, denn die Gtter teilen dem Mann sein
Schicksal nach seinen Gedanken, und aus seinen Taten fallen die Lose, die
schweren und leichten, wie er geworfen, so wird sein Geschick. Da sprach ich:
Lngst, liebe Mutter, warfen die Gtter und die Taten der Ahnen mir mein
Erdenlos, von den Gttern kam ich zur Menschenerde, ruhmloses Dehnen auf weichen
Fellen vermag ich nicht zu kren, du weit es ja selbst; im Vorkampf mit meinen
Genossen zu schreiten, die Mnner der Erde hinaufzufhren zum Wolkensaal der
Helden, das ist mein Amt. Bin ich auch ein Fremdling bei fremden Geschlechtern,
ich frchte dennoch nicht den weisenden Finger der Schicksalsfrau, mit festem
Herzen will ich unter den Helden schreiten, meinem Mannesmut will ich frhlich
vertrauen. Bringt auch Ha mir der Drache: der Ruhm schafft Freunde, nimmer
berge ich mein Haupt vor dem Licht der Sonne.
    Da nahm die Mutter den Purpur zur Hand, sie trennte die Hupter des Drachen
vom gewundenen Leibe, die Hupter behielt sie, das Gewebe des Leibes warf sie in
die Flamme des Herdes. Vielleicht lse ich so das drohende Unheil von deinen
Tagen, sprach sie am Herde. Die Flamme schlug hoch auf, mifarbiger Qualm
erfllte den Raum, sie strzte hinaus und ri mich ins Freie. Dann band sie die
Hupter mit biegsamer Weide, knpfte die Knoten, raunte das Lied und bot mir den
Bund in lederner Tasche, damit ich ihn heimlich vor jedem bewahre. Es schtzt
vor dem Wasser, nicht wahrt's vor dem Feuer, dein Leben befehle ich in der
Gtter Hut. So wies sie mich nordwrts mit Reisesegen.
    Dies, Jungfrau, ist das Geheimnis meines Lebens, dir knde ich's gern. Was
die Gtter mir fgen wollen, wei ich nicht, dir aber vertraue ich, was sonst
keiner wei. Denn seit ich in das Land kam und dich schaute, ist mir der Sinn
gendert, und mir dnkt besser, neben dir zu sitzen oder zu Ro ber die Flur zu
reiten, als mit den Geiern dem Schlachtgetmmel nachzuziehen. Sehr gewandelt
sind meine Gedanken, und der Mut wird mir schwer bedrckt, weil ich ein unsteter
Mann bin, denn sonst kmmerte mich mein Schicksal nicht sehr, meinem Arm
vertraute ich und einem gnstigen Gott, der den Verbannten vielleicht dereinst
in die alte Heimat zurckrufen wrde. Jetzt aber sehe ich, da ich dahinfahre
wie dieses Fichtenreis auf seiner Scholle ber die rinnende Flut. Er wies auf
einen jungen Fichtenbaum, der vom Bergwasser mit Moos und Erde losgerissen war
von seinem Standort und aufrecht durch die Wasserwirbel dahinfuhr. Kleiner wird
die Scholle, sagte Ingo ernsthaft, die Erde brckelt ab, zuletzt vergeht er
zwischen den Steinen. Irmgard erhob sich und folgte mit gespanntem Blick der
Bahn des wilden Strauches; er fuhr talab, drehte sich im Strudel und schnellte
vorwrts, bis er zwischen Nebel und Flut fast unsichtbar wurde. Er steht, rief
sie endlich frohlockend und sprang am Bach hinab, der Stelle zu, wo der Baum an
einer vorspringenden Landzunge haftete. Sieh her, rief sie dem Mann, hier
grnt er an unserem Ufer, wohl mglich ist es, da er fest an das Land wchst.
    Du aber, rief Ingo hingerissen, sage mir, ob dir das lieb wre.
    Irmgard schwieg.
    Da brach ber der Wolkenwand die Sonne hervor, ihre Strahlen verklrten die
helle Gestalt der Jungfrau, das Haar glnzte wie Gold um Haupt und Schultern,
whrend sie mit niedergeschlagenen Augen, die Wangen gertet, vor dem Manne
stand, Ihm hob sich das Herz in Freude und Liebe, ehrfrchtig trat er an sie
heran, sie blieb wie festgebannt, regte leise die Hand zur Abwehr und murmelte
bittend: Die liebe Sonne sieht's. Er aber kte sie herzlich und rief der
lachenden Sonne zu: Sei gegrt, milde Herrin des Tages, sei uns gndig und
bewahre vertraulich, was du schaust. Er kte sie wieder und fhlte ihren
warmen Mund gegen den seinen. Doch da er sie umschlingen wollte, hob Irmgard den
Arm, sie sah ihn mit heier Liebe an, aber ihre Wange war erblichen, und sie
wies ihn mit einer Handbewegung aufwrts nach den Bergen. Er gehorchte und
sprang von ihr, und als er sich rckwrtsschauend nach ihr wandte, hatte die
Lichtumflossene sich vor dem Bumchen auf die Knie geworfen und hielt die Arme
flehend zum Himmelsschein empor.
    An demselben Morgen gesellten sich die Edlen und Weisen, Fhrer der
Gemeinden und bewhrte Krieger im Hause des Herrn Answald und saen nieder auf
den Sesseln, die ihnen zu beiden Seiten des Herdes gereiht waren. In der Mitte
nahm der Wirt seinen Sitz, hinter seinem Stuhle stand Theodulf. Der Sprecher
schlo die Tr, und der Frst sprach zu der Versammlung: In mein Haus ist
gekommen Ingo, Knig Ingberts Sohn, durch Gastfreundschaft mir verbunden von den
Vtern her. Heut begehre ich fr ihn das Gastrecht des Volkes, damit er sicher
sei nicht allein in meinem Hause, auch in eurem Lande vor Feinden aus der Fremde
und im Volke, da er Recht finde gegen Missetter und Schutz durch die Waffen
der Nachbarn gegen jeden, der ihm feindlich trachtet nach Ehre und Leben. Als
Bittender steh' ich vor euch fr den werten Mann, bei euch steht es, zu geben
oder zu weigern. Nach den Worten entstand tiefe Stille; endlich erhob sich
Isanbart, lang hing ihm das schneeweie Haar um das narbige Antlitz, die hohe
Gestalt sttzte sich auf den Stab, aber krftig tnte die Stimme des Greises,
und achtungsvoll lauschten die Mnner: Dir, Frst, ziemt es zu sprechen, wie du
getan. Wir sind gewhnt, da du dem Volke gibst, und wenn du von dem Volke
bittest, so sind unsere Herzen bereit zur Gewhrung. Ruhmvoll ist der Mann, und
da er selbst es ist und nicht ein lgender Landfahrer, dafr brgt das Lied des
Sngers, ein gastliches Zeichen, das er mit seinem Wirte verglichen hat, und
ber dem anderen seine Wrde in Antlitz und Gliedern. Aber wir sind zu Wchtern
bestellt ber das Wohl von vielen, und zur Vorsicht mahnt die sorgliche Zeit,
deshalb ziemt uns ernste Beratung und Ausgleich der Meinungen, welche etwa die
Helden des Volkes zwiespltig scheiden.
    Er setzte sich, und die Nachbarn nickten ihm ehrfrchtig zu. Aber heftig
erhob sich Rothari, ein Edler aus dem alten Herrengeschlecht, ein dicker Mann
mit rotem Antlitz und rtlichem Haar, ein rhmlicher Zecher, auch wacker im
Mnnerkampf und lustig im Reigen, ihn nannten die Knaben im Spott Knig
Pausback: Ein Rat am Morgen soll wie ein Frhtrunk sein, kurz und krftig. Ich
meine, hier braucht es nicht lange Erwgung, wir haben ihm neulich beim
Weintrunk Heil gerufen, wir werden ihm heute nicht Wasser in seinen Krug
schtten, er ist ein Held, der zwei gute Brgen hat, das Lied des Sngers und
unser Wohlgefallen, das ist mir genug, ich gebe ihm mit meiner Stimme das
Gastrecht.
    Die Alten lchelten ber den Eifer des Treuen, und die Jngeren riefen ihm
Beifall zu, da stand Sintram auf, Theodulfs Oheim, ein Mann ohne Brauen, mit
bleichem Auge und hagerem Gesicht, ein harter Wirt, gefhrlich seinen Feinden,
doch von klugem Rat und angesehen am Hofe des Knigs. Du, o Frst, bist ihm
huldreich gesinnt, und er selbst verdient es, so sagt ihr; das gibt auch mir die
Richtung fr meinen Wunsch, und willig wrde ich ihn als Gast begren, wie wir
zuweilen dem fremden Wanderer tun, dessen Lob nicht der Mund des Sngers
verkndet. Doch ein Zweifel bndigt mir den Wunsch in der Brust, und ich frage:
Kommt er als unser Freund aus der Fremde? Nicht alle jungen Krieger des Gaues
stehen auf der Heimaterde, ich denke auch derer, die nach Ruhm und Glck
auswrts zogen. Wer von unseren Blutgenossen hat mit den Alemannen gefochten?
Ich wei keinen. Im Heere der Rmer aber stehen khne Schwerttrger unserer
Verwandtschaft, sind diese dem Fremden feind, wie drfen wir uns seine Freunde
nennen? Sind sie gefallen, so schallt in unseren Drfern die Totenklage; wer hat
sie gefllt? Vielleicht der schlachtenkhne Mann, der sich ja selbst beim Mahl
dessen rhmte. Wie drfen wir Gastrecht dem Feinde bieten, der feindlich unser
Blut vergossen? Nicht wei ich, ob er's tat, doch wenn er es nicht tat, so war's
ein Zufall, seine Absicht war's, da er fr den Knig Athanarich stritt. Im
Rmerheer, hre ich, rhmt man, da der Csar seine Siege allein den
Volksgenossen verdankt, welche unsere Sprache reden; wie Riesen stehen die
rotwangigen Shne unseres Landes ber den schwarzugigen Fremden. Der Csar
lohnt ihnen durch Armringe und Ehren, durch die hchsten mter. Fragt nach einem
gewaltigen Kriegsmann und stolzen Herrn in Rom, dann sagen die rmischen Hndler
mit neidischem Blick: Germanenblut sind sie. Wo soll unsere Jugend des Krieges
Ehre finden und Liebe bei den Gttern, wenn friedlich im Lande die Waffen
rosten? Die berkraft unserer Gaue - wohin soll sie ziehen, damit die Brder
daheim das Erbe genieen, wenn nicht der Csar sein Schatzhaus den Wanderern
ffnet? Darum sage ich, ntzlich ist uns sein Reich, und wer gegen ihn kmpft,
steht auch gegen unseren Vorteil. Sehet zu, da der Fremde unseren Mnnern nicht
den Pfad sperre, welcher hochsinnige Helden zu Goldschatz und Ehre fhrt.
    Finster saen die Mnner, ihnen war zur Trauer, da er Wahrheit sprach. Doch
das Schweigen brach Bero, der Vater Fridas, ein hartknochiger Bauer, die
buschigen Brauen zog er mivergngt zusammen: Du sandtest den Bruder ins Heer
der Rmer, sprach er rauhstimmig und langsam, du sitzest gemchlich auf seinem
Erbe, mich wundert nicht, da du die fremde Brut lobst. Der Bauer aber freut
sich nicht der trotzigen Gesellen, die von ihrer Speerreise aus dem Rmerland
heimkehren, denn ble Landgenossen werden sie, Verchter unserer Sitte, Prahler
und Lungerer. Darum sage ich, ein Unheil sind die Rmerfahrten unserm Volke.
Ziehen unsere jungen Krieger in den Lagerdienst des fremden Feldherrn, sie tun's
auf eigene Gefahr, nicht hat das Volk sie dazu erkoren und geweiht. Ich rhme
mir sehaftes Hausen daheim, ehrlichen Axtschlag und darauf ehrlichen Frieden
mit den Nachbarn, welche meine Gtter und meine Sprache ehren. Jetzt haben wir
Frieden mit jedermann, kommt heut ein Alemanne an unseren Herd, ein wackerer
Gesell, wir lagern ihn am Feuer, kommt morgen ein Rmerkrieger, der uns ehrlich
dnkt, wir tun vielleicht dasselbe. Beide mssen sie bescheiden leben nach
unserem Recht, und mgen sie einer dem anderen die Luft und des Herdes Flamme
nicht gnnen, so lat sie ihre Schwerter nehmen und auerhalb des Dorfzaunes
ihren Streit auskmpfen. Die Schlge sind ihre Sorge, nicht unsere. Darum
spreche ich so, hier ist ein heldenhafter Mann, ob Rmer, ob Vandale, er sei
willkommen an unserer Bank, die Hauswirte bleiben wir und bndigen ihn, wenn er
des Landes Frieden strt.
    Er sprach's und setzte sich trotzig auf seinen Schemel, beistimmend
murmelten die Alten. Da erhob sich Albwin, ein edler Mann; sie sagten, da ein
Hausgeist im Balkendach seines Hofes wohne seit der Vterzeit und in der Nacht
die Kinder des Geschlechtes wiege, und da diese darum nicht zu dem Himmel
wchsen, wie die anderen Menschen; denn zierlich und klein waren alle seines
Blutes, doch artig von Gebrden und guter Worte mchtig. Und er sprach:
Vielleicht vermagst du selbst, o Frst, die Meinung der Herren und Nachbarn zu
vershnen; sie alle gnnen das Beste dem Helden, der aus dem Kriege zu deinem
Herde kam. Sie sorgen nur, da er vielleicht einst die Landgenossen durch sein
Schicksal beschwere. Denn es ist erlauchtem Mann eigen, nicht trg unterm Dach
des Wirtes zu liegen, er sammelt sich Anhang und schafft sich Gegner; je grer
eines Mannes Ruf das Land durchdringt, desto gewaltiger zieht er die Genossen in
seine Wege. Wir sind nicht so karg, da wir die Tage zhlen, whrend denen wir
einen Wanderer in der Halle bergen, doch kennen wir des Helden Meinung nicht;
und darum sei es mir vergnnt, den Wirt zu fragen. Ist es dem Fremdling nur um
kurze Ruhe und Gemach zu tun, dann braucht's nicht der Beratung. Will er die
Tage seiner Zukunft in dem Volke beschlieen, seinen Saal sich zimmern auf
unserem Boden, dann mgen wir nicht nur das Heil des Fremden, auch das unsere
klug bedenken.
    Du mahnst mit Grund, versetzte ernst der Frst, und doch mu ich deiner
Rede die Antwort weigern; du selbst weit, nicht ziemt dem Wirt, die Stunde der
Abfahrt aus dem Gast zu sphen, und drfte ich's, hier wrde ich es nimmer tun,
denn aus dem Elend kommt der edle Mann, er selbst wei nicht, ob die Heimkehr
ihm bald oder ob sie ihm niemals vergnnt ist.
    Wieder hob sich Rothari, der ungefge Mann, und sprach im Zorn: Was soll
das Markten mit der Zeit, wir Thringe, wenn wir die Herzen ffnen, tun's nicht
auf Zeit. Gebt ihm das Gastrecht in dem Volk und macht ein Ende.
    Laut riefen die Mnner Beifall und sprangen von ihren Sitzen. Da sprang
Sintram in die Mitte des Kreises und rief mit scharfer Stimme in die aufgeregte
Menge: Sieh zu, Frst, da nicht die Fhrer unseres Gaues wie Knaben hinter dem
bunten Vogel hinabspringen in unerforschte Kluft; ich fordere Schweigen, wenig
ist noch bedacht, was unserem Heile frommt.
    Der Frst winkte mit seinem Stabe, unwillig setzten sich die Mnner und
erhoben drohendes Gemurmel gegen Sintram; aber ungerhrt fuhr er fort: Mchtig
bist du, o Frst, und scharf ist das Eisen der Landgenossen, aber Thringe sind
wir, und ein Knig waltet ber uns, es ziemt, da der Knig dem fremden
Knigssohne Gastrecht gibt, nicht wir. Knig Bisino, Knig Blaubeere? schrien
zornige Stimmen. Will Sintram, da ein Bote des Knigs die Gelbde vorspreche,
die wir am Herdfeuer sagen sollen? rief ein finsterer Thring.
    Der Knig ist der oberste Herr, sprach Herr Answald bedchtig, im Rat des
Volkes soll sein Name mit Scheu genannt werden.
    Wohl wei ich, rief der beharrliche Sintram den Drohenden entgegen, da
wir den Knig nicht fragen, wenn ein wegemder Mann, dessen Name niemand gehrt
hat, an unserer Bank niedersitzt; der aber jetzt gekommen, ist ein ruchbarer
Krieger, ein Rmerfeind. Wir kennen nicht des Knigs Sinn, ob ihm der Fremde
ntze oder schade, und ob er, der des Volkes Frieden bedenkt, unser Gastrecht
lobe oder schelte.
    Da erhob sich Turibert, der Opferpriester, der zur Rechten des Frsten sa,
und begann mit lauter Stimme, die mchtig unter dem Balkendach tnte: Du
fragst, ob der Knig uns huldreich zunicken wird oder sein Antlitz zornig
abwenden? Ich schelte deine Sorge nicht, mancher fragt ja, wie der Hase luft
und was der Uhu schreit. Ich aber knde euch, was Mnnern kundbar ist auch ohne
Vorzeichen. Die Menschengtter haben uns als Gesetz geweiht, da wir dem
schuldlosen Fremdling Erde gnnen und Wasser, Luft und Licht. Zrnt der Knig,
weil wir uns ehrlich halten gegen einen Bittenden, wir mssen's tragen, denn
schwerer ist der Gtter Zorn als Knigs Grimm. Ist jener Mann euch Feind, weil
er Rmer fllte, so lscht sogleich die Herdflamme, an der er niedersitzt, und
fhrt ihn aufwrts ber den Grenzwald. Doch da er vielleicht leidig werden
knnte, vielleicht auch nicht, das zu bedenken ist nicht Landesbrauch und nicht
Befehl der Gtter.
    Hrt auf sein Wort, begann aufs neue Isanbart. Ich sah meine Shne fallen
im Schlachtendrang, auch meine Enkel sind geschwunden von der Mnnererde, ich
wei nicht, warum ich zurckgeblieben bin in dem Kampf zwischen Nacht und Tag,
zwischen Sommer und Winter und zwischen Liebe und Zorn in den Seelen der Mnner.
Vielleicht aber bewahren mich die Gewaltigen hier, damit ich den Jngeren
Bericht gebe von dem Schicksal ihrer Vter. In der Vorzeit, so sagten mir die
Alten, bauten alle Thringe auf ihren Fluren als freie Mnner, in
Eidgenossenschaft der Gaue. Aber Zwietracht kam in das Volk, die in den
Nordgauen kmpften sieglos gegen das Messer der Sachsen. Da krten die Nordgaue
sich einen Knig, sie richteten den hohen Stuhl auf und legten die Stirnbinde um
das Haupt eines Helden, dessen Kriegsruhm kundbar war. Und ein Herrengeschlecht
wurde mchtig, es baute aus dem Gestein der Ebene sich eine Steinburg und
sammelte Krieger des Volkes in den Mauern. Unsere Vorfahren aber, die
Waldmnner, saen unbotmig auf dem Erbe der Vter, unduldsam gegen die
Knigsherrschaft. Lange whrte der Streit unseres Gaues mit den Knigsmannen.
Wenn des Knigs Schar gegen unseren Grenzzaun zog, dann trieben wir die Herren
in den Laubwald und sahen finster zu, wie die Talleute unsere Hfe in Flammen
setzten. Wir sammelten uns hinter dem Verhau und zhlten die Tage, bis wir
Vergeltung bten an Herden und Kriegern des Knigs. Endlich bot der Knig
gtlichen Vergleich. Ich war ein Knabe, als unsere Gauleute zuerst den Nacken
beugten vor des Knigs roter Binde. Seitdem sandten wir unsere jungen Mnner in
seine Kriege, dafr zogen die Knigsmannen in unsere Reihen, wenn unser Gau mit
den Gemeinden der Katten in Krieg geriet. Ungeduldig ertrugen die Knige unsere
laue Huldigung, oft haben ihre Boten versucht, unsere Herden zu schtzen und die
Garben unseres Ackers zu zhlen, mehr als einmal ist bei euren Lebzeiten die
Fehde mit den Leuten des Knigs entbrannt. Gemeinsamer Vorteil zwang wieder zum
Frieden, aber neidisch sphen die Berater des Knigs von den Zinnen der Burg
nach unserem freien Wald. Jetzt leben wir noch unversehrt; Ring und Gewand
kommen aus der Knigsburg an die Leiber unserer Edlen, und lauter Gru empfngt
unsere Gaugenossen in der Knigshalle. Dennoch warne ich, da wir nicht fgsam
uns gewhnen an Herrendienst, da wir nicht fragen und Knig Bisino nicht
Antwort sende, da wir nicht bitten und ein Herr uns Gnade gewhre. Denn jeder
Vorwand, die Macht zu zeigen, ist am Knigshofe willkommen. Ob den Knigsleuten
der fremde Mann lieb oder leid sei: wenn wir sie fragen, uns schaffen sie Leid.
Fragen wir jetzt wegen des Gastrechtes und erbitten Gewhr, so trgt uns morgen
ein Knigsbote Befehle zu. Darum deucht mir besser, wir bleiben, so wie wir
zuvor gewesen. Den Gast zu befrieden ist unser Hausrecht, nicht Recht des
Knigs. So sei es geendet. Da ich ein Mann war in der besten Kraft, da ward ich
dem Vater unseres Wirtes ein Reisegenosse, ich stand im Kampf an der
Schwertseite jenes Helden, dessen Sohn jetzt an unserem Herde harrt. Ein milder
Mann, hochmutig und stark war der Vater, und ich sehe, der Sohn ist von gleichem
Schlag. Als ich den jungen Helden jngst beim Spiele fand, da wurde wieder Traum
aus alter Zeit lebendig, ein Freundesauge sah ich, nicht das eines Fremden, die
Hand des Knigs, die ich einst in der Fremde berhrt, ich hielt sie aufs neue;
und darum mchte ich ihm werben die Neigung des Volks, den Sitz an unserer
Bank. Der Greis setzte sich langsam nieder, aber um den Herd scholl lauter Ruf,
die Schwerter rasselten in den Scheiden: Heil Isanbart, Ingo Heil! Wir geben
ihm das Gastrecht!Der Frst erhob sich und schlo die Beratung: Ich danke den
Freunden und Landgenossen. Was hier verhandelt wurde, sei gesprochen und
abgetan, und keiner trage dem anderen Groll nach um verklungenes Wort; denn den
Huptern des Volkes ziemt einmtiger Beschlu, damit im Ring der Landgemeinde
nicht Zweifel und Zwist den Frieden stre.
    Herr Answald ging von Mann zu Mann und nahm von jedem darber den
Handschlag, auch Sintram schlug ein und lchelte vertraulich, als der Frst ihn
ansah. Rothari aber schlug ein, da es schallte, und rief dabei: Mich freut's,
und bei den Worten des rhrigen Mannes ging ein Lcheln ber die ernsten
Gesichter. Der Sprecher ffnete die Tr, und die Helden schritten wrdig aus dem
Hofe auf die Wiese, wo der Ring der Landgenossen versammelt war. Dort wurde
durch Zuruf der Menge dem Fremden das Gastrecht des Volkes erteilt, sie luden
ihn in den Ring und geleiteten ihn darauf nach heiligem Brauch zu dem groen
Herdkessel des Frsten. ber dem Kessel sprachen die Hupter des Volkes und Ingo
einander den Eidschwur.
    Der Frst aber begann zu dem Gaste: Beschworen ist das Bndnis, und ein
Haus in meinem Hofe wird dir, Held Ingo, bereitet, damit du darin Gemach habest,
solange es dir gefllt. Du selbst aber bestelle dir den Kmmerer; whle dir
unter meinen Bankgenossen einen, welcher dir behagt, nur Hildebrand, den
Sprecher und Theodulf, der selbst von edlem Geschlechte ist, mchte ich ungern
entbehren. Die anderen werden jeder fr ehrenwert erachten, dir den Treueid in
die Hand zu legen und deinen Schritten zu folgen, solange du unter uns weilst,
zumal, wenn sie erfahren, da es mir lieb ist.
    Da trat Ingo zu Wolf und sprach: Der erste warst du, der dem Fremdling an
der Landesmark Brot und Salz bot, und freundlich hast du seither dich erwiesen.
Willst du es wagen, Genosse eines Verbannten zu sein? Keine andere Schatzkammer
habe ich als Wald und Heide, wenn der Frst mir gestattet, dort Beute zu suchen,
und die Walstatt mit den Armringen erschlagener Feinde. Einem armen Herrn wirst
du folgen, und keinen anderen Lohn vermag ich dir zu bieten als guten Sinn und
treue Hilfe mit Speer und Schild. Wolf antwortete: Lehre mich, o Herr, deine
Kunst, in der Feldschlacht zu stehen, dann bin ich sicher, Goldschatz zu
erwerben, wenn die Gtter mir gestatten, da ich im Kampfe dauere. Doch laden
sie dich zu ihrer Halle, so wei ich, da auch mir der Weg ruhmvoll sein wird,
auf dem ich dir folge. Dies sprach er und gelobte sich dem Gaste in seine Hand.
    Auch Theodulf hatte die Vershnung mit Ingo gesucht. Noch am Abend des
Gastmahls, als der Frst den Helden zum Ehrensitz geleitete, war Sintram mit
anderen Mnnern aus der Freundschaft zu Theodulf getreten. Sie hatten im geheim
beraten, wie der Kampf zwischen den Gegnern zu hindern sei, und Theodulf war
darauf, gefolgt von seinem Geschlechte, vor Ingo getreten und hatte gesprochen:
Anders wird die Schau ber das Land, wenn die Sonne aus den Wolken bricht. So
habe auch ich deinen Wert nicht gekannt, da ich Ungnstiges zu dir sprach. Nicht
dir galt meine Rede, sondern einem ruhmlosen Mann, der jetzt geschwunden ist;
vergi darum auch du die krnkenden Worte, damit ich nicht der einzige im Saal
sei, dem du mit Fug grollst. Und der Frst fgte hinzu: Er spricht gute Worte,
keiner von uns wnscht dir noch bles, Held. Ich selbst begehre fr ihn die
Vershnung, denn ich war es, der deinen Namen den Hofgenossen verbarg. Da
antwortete Ingo: Die Schmhworte verga ich, Theodulf, unter dem Liede des
Sngers, ungern wrde ich noch ferner an die Rache denken.
    In rotem Goldglanz stieg ein neuer Morgen fr Ingo herauf. Aber im Bergwald
folgt auf heien Morgen ein Wettertag, und auch die Wrme der Herzen schwindet
schnell im Sturme zorniger Gedanken.

                                 Am Knigshofe


In der Knigsburg der Thringe sa auf hohem Stuhl Gisela, die Knigin, sie
sttzte das Haupt mit dem weien Arm, und das Lockenhaar fiel ihr unter der
Knigsbinde ber die Hand und deckte ihr die Augen. Zu ihren Fen legte eine
Dienerin das Goldgert vom Knigsmahl in die Truhe zurck und zhlte die Stcke,
bevor sie die Truhe verschlo und in das Schatzhaus der Herrin lieferte, sie sah
lachend ihr Angesicht verzogen in dem gerundeten Metall und blickte auf die
Herrin; aber die Knigin kmmerte der Goldschatz wenig. Einige Schritte davon
sa Knig Bisino, ein tapferer Kriegsmann, vierschrtig von Leibe, mit starken
Gliedern und breitem Angesicht, er trug auf seiner Wange ein schwarzes Mal, das
erblich war in seinem Geschlecht; einem Ahnen war's zum Spott gewesen, jetzt
aber galt's fr ein Knigszeichen, gab's auch nicht Schnheit, es gab doch
Stolz. Unwirsch war der Knig, der reichliche Trunk hatte ihm die Stirnadern
geschwellt, und er haderte gegen den Snger Volkmar, der vor ihm stand.
    Ich habe dich nach dem Mahle gefordert, sprach der Knig, da die Knigin
dich befrage, aber sie scheint nicht zu wissen, da wir hier sind.
    Was befiehlt mein Herr? fragte Frau Gisela, sich stolz aufrichtend.
    Es ist traun Grund, murrte der Knig, die Augen zu ffnen, wenn die
Knige am Rhein Eisenbnder tragen und im feuchten Kerker liegen.
    Warum boten sie ihre Hnde den Fesseln? versetzte Gisela kalt. Wer
Tausende seiner Krieger zur Totenhalle fhrt, dem ziemt bel, anderen den
Vortritt zu lassen. Ich sehe die Tapferen mit Todeswunden auf blhender Heide,
die blutlosen Gesichter im Kerker kmmern mich nicht.
    Auch tapferen Mann verlt das Glck, sprach der Knig und sah scheu nach
seinem Gemahl. Du aber, Gesell, hast nicht alles gekndet, einer entfloh und
kam in mein Land; in dem Hofe des Frsten gab's lautes Getn, vom Heilruf Ingo
bebte die Halle, du warst dabei, schnellzngiger Spielmann, was hast du deinen
Gesang getauscht? Weit anders klang dein Lied in der Waldlaube.
    Schlechter Ruhm wre dem Snger, wenn sein Lied eintnig auf einer Saite
schwirrte. Mein Amt ist, jedem das Seine zu geben, da froh sich das Herz des
Hrers ffne. Dem Knig verschwieg ich den Namen der Helden nicht, denn
rhmliche Tat lebt durch meinen Mund. Doch ich wute nicht, da der Flchtling
dem groen Volksherrn den Sinn beschwert.
    Ich kenne dich, rief der Knig in ausbrechendem Zorn, du tauchst behend
wie die Otter im Flu, hte dein glattes Fell vor den Streichen meiner Knaben.
    Der Snger hat Friede auch bei wildem Volk. Deine Knaben, o Knig, die
trotzigen Mnner, deren Lrm jetzt aus dem Hofe bis in den Steinturm schallt,
auch sie scheuen den Snger; denn jede Untat trgt er durch die Lnder, und wird
ihm sein Mund fr immer gestillt, dann rchen den Toten seine wackeren Genossen.
Dein Zorn erschreckt mich nicht, doch ungern entbehre ich deine Gnade, denn
reich hast du treuen Dienst belohnt. Nicht vermag ich zu erkennen, warum mein
Herr den Namen des Fremden ungnstig hrt; der Flchtling scheint mir ein
wackerer Mann, treu seinen Freunden und nicht begehrlich nach fremdem Gut.
    Du sprichst nach Gebhr, sagte die Knigin freundlich, und der Knig
kennt wohl deinen Wert. Nimm hier fr deine Kunde, war sie auch leidvoll, des
Knigs Botenlohn.
    Sie winkte der Dienerin, welche ihr die schwere Truhe vor die Fe schob,
sie fate hinein und bot wahllos dem Snger ein goldenes Trinkgef. Der Snger
sah betreten darauf hin, bis die Knigin die Brauen finster zusammenzog, da nahm
er den Becher und neigte sich tief auf ihre Hand, die sie ihm reichte. Hat dein
schneller Fu noch Frist, bei uns zu weilen, so lehre meine Mgde den neuen
Tanzreigen, den du das letztemal in unserer Halle auffhrtest. Und la dich
alsdann finden in meiner Nhe.
    Sie winkte ihm gndig den Abschied; der Knig sah ihm unzufrieden nach.
    Du bist freigebig mit dem Gold deiner Truhe, sagte er finster.
    Einen guten Handel macht der Knig, wenn er mit Gold das Unrecht abkaufen
kann, das er einem niederen Mann zugefgt hat. Geringe Ehre ist es meinem Herrn,
seine Sorge dem fahrenden Mann zu verraten, der von Halle zu Halle um Lohn
singt. Dir bleibt nur die Wahl, den Mund des Mannes durch einen Becher zu
schlieen, oder fr immer durch einen Schwertschlag. Darum gab ich ihm die
Shne, damit er schweige, denn weit berhmt ist der Mann, und gefhrlich wre
es, den Zeugen deiner Furcht zu tten.
    Der Knig fuhr kleinlaut fort, bestrzt, wie ihm fter geschah, durch den
hochfahrenden Sinn der Knigin: Was rtst du gegen den Fremden, den die
Waldleute sich mir zum Trotz als Gastfreund gesellt haben, soll ich auch ihm
Gold bieten oder Eisen?
    Deine Gunst, Knig Bisino, denn Ingo, Ingberts Sohn, ist ein erlauchter
Mann.
    Ist es besser fr mich, da er den Knigssprung vermag? fragte der Knig
wieder.
    Frau Gisela sah ihn an und blieb stumm. Edlen Sinn bindet nur Vertrauen,
versetzte sie endlich und trat vor den Knig. Will mein Herr die Gefahr
vermeiden, so lade er selbst den Fremden an seinen Hof und erweise ihm die Ehre,
die ihm gebhrt. Gefhrlich ist der Knigssohn vielleicht unter den Bauern am
Walde, nicht in deiner Knigsburg und in deiner Heerschar. Hier ist er dein
Gastfreund, ihn bindet der Schwur und deine Gewalt.
    Der Knig berlegte: Gut rtst du, Gisela, und du weit, ich ehre deine
Worte. Was die Zukunft bringt, das will ich erwarten. Er erhob sich, die
Knigin winkte der Magd, sich zu entfernen. Als sie allein war, ging sie mit
heftigem Schritt im Raume auf und ab. Gisela heie ich, vergeiselt bin ich in
fremdem Land zu freudlosem Lager dem gemeinen Mann. Seit Jahren sitzt das
Knigskind der Burgunden elend auf dem Thron, und die Gedanken ziehen rckwrts
zu dem Land der Meinen und zu der Kinderzeit. Dort sah ich ihn, den einst der
Vater mir zum Gemahl bestimmte, da ich ein Kind war und er ein Knabe. Ingo,
gebannter Mann, hart war dein Reisebrot und bitter dein Trunk in der Verbannung,
bitterer doch mein Gram in der Knigsburg. Sooft aus fremdem Lande ein fahrender
Krieger kam, forschte ich nach deinem Geschick. Jetzt naht dein Schritt dem
Pfad, auf dem ich schreite, sei mir willkommen, ob du mir lieb wirst oder leid;
denn mde bin ich der Einsamkeit.
    Drauen klang vielstimmiges Lachen und Gesang der Mgde, die Knigin sa
nieder und hrte, die Hnde ber dem Knie geschlungen, auf die Weise des
Reigens, die der Snger sang. Die Dienerin fhrte den Snger leise herein. Du
hast vieles erzhlt beim Mahle des Knigs, rief sie ihm lchelnd zu, was
meinem Herrn schwere Gedanken gemacht hat; jetzt la du mich im Vertrauen
wissen, wie du selbst den Banden der Rmer entrannst, denn nahe genug war die
Gefahr, da ich einen werten Mann verlor, der mir oft Freude gebracht hat. Hast
du ein Lied von der eigenen Not, so will ich's hren.
    Wenig dachte ich an mich selbst in jener Stunde, Herrin, ich sah auf einen
anderen, der mich errettete und sich selbst in greres Leid warf.
    Ich meine, das war jener Fremde, sprach die Knigin, hebe den Sang an und
dmpfe deine Stimme, wenn du kannst, da nicht unntzes Volk sich an den Pforten
drnge.
    Volkmar begann mit leiser Stimme seinen Bericht von der Kahnfahrt und dem
Sprung in den Rhein. Zu der kleinen Fensterffnung drang golden der Strahl der
Abendsonne herein, er umsumte die Gestalt des Sngers, der in tiefer Erregung
vorsang, was ihm das Herz bewegte; im Dunkel sa die Knigin, und wieder fiel
ihr das volle Haar ber die Hand, die ihr geneigtes Haupt sttzte, unbeweglich
sa sie da, in sich selbst versunken, bis der Snger mit jenem Wiederfinden in
der Halle schlo.
    Das wird ein rhmlicher Gesang fr zwei, fr ihn und dich, sagte die
Knigin gtig, da der Snger geendet. Du ziehe mit dem Segen der Gtter zu
Halle und Herd, da die Kunde im Volke sich verbreite. -
    Beim Abendtrunk sa der Knig unter seinen Knappen, das Jauchzen und Lachen
der starken Leibwchter umklang den Herd, aus groen Stangen und Bechern
schpften sie den wrzigen Trank. Spiel den Reigen, Snger, rief einer der
Wilden, den du heut des Knigs Mgde gelehrt, damit auch wir geschickt die
Weise springen auf der Heide. Lat ihn, spottete Hadubald, ein narbiger
Kriegsmann, der vorzeiten Trabant am Rmerhofe gewesen war und jetzt dem Knig
diente, sein Lied ist gerade gut genug, da die Kraniche danach hpfen im
Hhnerhofe. Wer die Tnzerinnen, die schmeichelnden Mdchen aus Alexandrien,
geschaut, dem dnkt das Stapfen der Bauern im Grase wie Marsch der Gnse.
    Er ist stolz geworden, rief ein anderer, seit er den Goldbecher der
Knigin im Gewand birgt; hte dich, Volkmar, unsicher ist ein Goldschatz dem
fahrenden Mann, der ber die Heide zieht.
    Wolfgang ist dein Name, versetzte der Snger, und wie der Wolf gehst du
selbst lauernd ber die Heide; bel geziemt an der Bank des Knigs dein
neidvoller Blick auf der Herrin Geschenk.
    Er nahm sein Saitenspiel zur Hand, rhrte die Saiten und sang die Weise des
Reigens. Da zuckte es den Mnnern in den Gliedern, sie schwenkten die Arme im
Takte auf der Tafel und pochten mit den Fen den Tritt; auch der Knig schlug
mit der Hand auf den Deckel des Weinkrugs und nickte weinselig mit dem Haupte.
Beim zweiten Vers aber erhoben sich die metgefllten Knaben, nur die Alten
widerstanden und umklammerten mit der Hand fest das Trinkhorn, die anderen, aber
traten je zwei den Reigen in langer Kette um die Bnke herum, da der Saal laut
ertnte. Der Knig lachte. Du weit sie zu zwingen, rief er dem Snger zu,
komm nher, Volkmar, du schlauzngiger Mann, sitz neben mir, da ich dir
vertraulich meine Meinung knde. Ich war heut unwirsch, es war nicht bse
gemeint, mir lag deine Botschaft schwer auf der Seele. Was aber den goldenen
Becher betrifft, den die Knigin dir gespendet, so war nicht unrecht, was mein
alter Knabe dir sagte. Gold ist Herrenmetall und pat nicht fr den Reisesack
eines migen Mannes; du selbst singst ja, da es den Mnnern der Erde Unheil
bereitet. Weise wrdest du handeln, wenn du ganz in der Stille diese Beute mir
aus gutem Herzen zurck in das Schatzhaus stelltest.
    Gern htte der Snger sich das Prachtstck bewahrt, und er antwortete: Was
das Auge des Herrn begehrt, schafft dem Diener kein Glck; doch bedenke, Herr,
auch in des Knigs Schatz wird zum Unsegen das Stck, an welchem Trauer und Neid
der Menschen hngen, die es verloren.
    Darum sei auer Sorgen, versetzte der Knig schmeichelnd, mir tut das
nichts.
    Doch wenn die Herrin erfhrt, da ich ihr Geschenk so gering geachtet, mit
Recht wird sie mir zrnen, sagte der Snger.
    Sie kennt es kaum, Volkmar, glaube mir, fuhr der Knig berredend fort.
Ihr ist im Herzen ganz gleich, ob es Gold oder Kupfer ist. Wenn die Waldleute
im Herbst ihre Pferde an meinen Hof senden, magst du dir ein gutes Ro aussuchen
mit runden Hufen, und mein Kmmerer gibt dir ein schnes Gewand aus den Truhen,
das wird dich stattlicher machen im Volk als das runde Blech. Denn ich meine es
gut mit dir, Volkmar, ich frchte fr dich den Neid meiner Knappen.
    Zuchtlose Worte hrte ich am Herd des Knigs, versetzte der Snger
gekrnkt.
    Trag sie nicht schwer, Volkmar, riet der Knig begtigend, es ist wahr,
ihre Rede ist zuweilen wild, und ich bndige mhsam ihre Gewalttat; aber des
Knigs Kunst ist, jeden zu gebrauchen in seiner Weise, sie tun als schnelle
Knigsboten um Gold und einen warmen Sitz an meiner Bank alles, was ich will,
und fragen nicht, ob die Tat blutig sei oder nicht. Wie kann ein Knig walten im
Volk ohne solche Diener? Denn hochfahrend ist der Mnner Sinn, jeder will nur
tun, was ihm beliebt, jeder trotzt auf sein Recht und sucht sich Rache, und
keiner fgt sich fremdem Willen. Jeder begehrt Kampf und Wunden zu eigenem Ruhm
und ist eilig, zu den Gttern hinaufzufahren. Ich meine auch zuletzt einmal
einen Sitz zu fordern in der Gtterhalle, jetzt aber mchte ich lieber auf der
Mnnererde ber gefgige Nacken blicken; und mu auch ich Mnner wegschaffen aus
dem Licht, weil sie schdlich sind, so sind es doch nur wenige; die anderen aber
auf ihrem Erbe zu erhalten, ist mein Vorteil und mein Ruhm, daran denke,
Volkmar, weil du ein sinnvoller Mann bist. Trotzig ist das Volk und geschwollen
sein Sinn, des Knigs Sorge aber ist, fr alle zu bedenken, was dem Lande
frommt. Darum schilt mir nicht meine Getreuen. Es ist besser, sie ben zuweilen
eine Nottat, als da alle anderen Gewalt gegeneinander sinnen und das Volk der
Thringe einem fremden Geschlecht Frondienst leiste.
    Der Snger schwieg. Der Knig fuhr schlau fort: Der Wein hat mir das Herz
geffnet, und ich will zu dir reden wie zu einem Freunde. Sage an, wie man zu
einem Bruder spricht, welcher Art ist der Fremdling? Ich mchte ihm gern trauen,
aber er ist noch von der ungefgen Art, die sich rhmt, da einst ein Gott in
dem Ehebett ihrer Gromtter gelagert habe. Die Art ist wenig ntze auf der
Mnnererde, ihr Blut ist schwarz geworden, wie alter Met im verpichten Kruge,
sie schaffen schweren Rausch im Volke, sie gebrden sich, als ob sie die Vettern
des Kriegsgotts wren, und betrachten aller anderen Schicksal wie Spreu, die sie
vor sich her blasen. Ist der Fremde ein solcher Gesell?
    Mich dnkt, sein Mut ist frhlich und sorglos seine Art, nur da ein
schweres Schicksal auf ihm liegt, versetzte Volkmar.
    Wie hlt er sich beim Becher? fragte der Knig, ich lobe mir einen
rotwangigen Knaben, dem der Trunk die Kehle ffnet.
    Er wei frhlich Bescheid zu geben bei Trank und Rede, versetzte der
Snger.
    Dann soll er mir willkommen sein auf meiner Bank, rief der Knig und
schlug auf seinen Trinkkrug. Dich aber habe ich gewhlt zum vertrauten Boten,
da du mir den Fremdling aus den Waldlauben in meine Burg schaffst; fhre ihn
vor mein Angesicht.
    Volkmar erhob sich und stand berlegend: Ich will dem Fremden deine
Botschaft knden. Doch damit er den gewogenen Sinn meines Herrn erkenne, so
flehe ich, da mein Knig ihm zuvor Frieden gelobe und sicheres Geleit zum Hofe
und vom Hofe, mein Knig und seine Knaben in der Halle.
    Was fllt dir ein, Snger? rief der Knig mit ausbrechendem Unwillen, wie
kann ich ein Gelbnis geben dem Wildfremden, dessen Sinn ich nicht kenne!
    Du willst doch, o Herr, da er sich in deine Hand gebe. Leicht ist es, von
einem einzelnen den Schwur zu fordern. Mein Herr wrde selbst den Fremdling fr
einen Toren halten, wenn er sich unter die Knaben hierher wagte ohne Frieden.
    Was braucht mein Knig den fahrenden Mann zu solcher Botschaft? rief
Wolfgang, er sende uns, wir bringen den Fremden auf seinen Fen oder in seinem
Schild, lngst steht uns der Sinn nach einer Reise in die Drfer der frechen
Bauern.
    Still, sagte der Knig, eure grobe Zunge gebrauche ich jetzt nicht, wenn
ich mit meinen Waldleuten handeln will. Volkmar soll mein Bote sein, denn heut
ist der Tag guter Worte, kommt der Tag fr harte Tat, dann rufe ich euch. - Du
meinst also, er wird kein solcher Narr sein? fragte er lauernd, und aus den
schwimmenden Augen brach ein heier Blick, wie der Feuerstrahl aus einer
Dampfwolke, aber er bezwang sich und fuhr gemtlich fort:
    Wohlan, ich will ihm alles geloben. Und ihr schweigt dort! rief er, seine
Stimme erhebend, in den Lrm seiner Mannen. Tretet heran und gelobt in meine
Hand Frieden fr Ingo, Ingberts Sohn, zum Hofe, am Hofe und vom Hofe. Die
Mnner taten den Schwur.
    Und jetzt, Snger, schlo der Knig drohend, lege ich dir auf deine
Seele, da du ihn herfhrst ohne Verzug.
    Ich bin nur dein Bote, Herr, nicht vermag ich ihn zu zwingen.
    Bedenke dein eigenes Heil, Volkmar, rief der Knig und hob die Faust in
die Hhe. Leid wre dir, wenn du in Zukunft die Vatererde meiden mtest.
    Ich will mich halten als ein treuer Bote, versetzte der Snger ernst.
    So ist es recht, Volkmar, schlo der Knig besnftigt und erhob sich.
Geendet sei der Trunk, brecht auf von den Sitzen, und du, Volkmar, sollst mir
heut anstatt Kmmerer sein, geleite mich. Der Knig sttzte sich schwer auf
Volkmars Schulter und schritt mit ihm ber den Hof zum Schlafhaus der Knigin.
Unterwegs sagte er ihm lustig ins Ohr: Nun, Schelm, wo bleibt der Becher?
    Volkmar ffnete den Beutel, den er an seinem Gurt trug, und bot das
Goldgef dem Knig dar. Stecke mir's ins Gewand, sagte der Knig, ich will
um deinetwillen sorgen, da Frau Gisela das Ding nicht erblickt.
    Am nchsten Morgen verlie der Snger die Burg. Der Knig sah seinem Boten
mitrauisch nach und dachte in seinem Sinn: meine Waldfchse werden mir den
Fremden schwerlich in die Burg senden. Wenn sie ihn meiner Forderung weigern,
dann geben sie mir einen Grund, gegen sie zu ziehen, ihren Bauernstolz zu
brechen und ein Ende zu machen mit ihrem freien Bunde. Dann aber whlen sie den
Ingo zu ihrem Fhrer, er dnkt mich ein mannhafter Recke, und es knnte einen
harten Kampf geben unter Scheitholz und Waldpilzen. Was dann das Ende wird, wei
keiner, und ich habe keine Lust, meinen Leib zum Schemel zu machen, ber den ein
anderer zum Herrensitz steigt. So trank er sorgenvoll seinen Met, verschlossen
auch gegen die Knigin, die mit ihren groen Augen forschend auf ihn hinsah und
zuweilen seine Gedanken erriet, ohne da er sie aussprach.
    Tag auf Tag verrann, Ingo kam nicht. Dagegen pochte eines Abends Sintram,
Theodulfs Ohm, an das Tor. Der Knig empfing ihn mit offenen Armen, er sprach
lange heimlich mit ihm, und Frau Gisela merkte, wie der Knig dem Edlen mit
einem Hndedruck versicherte: Dein Vorteil und meiner sollen zusammen in den
Wald springen wie zwei Wlfe. Aber als Held Sintram geschieden war, sah auch
ihm der Knig unzufrieden nach und nannte ihn einen schiefugigen Fuchs.

                               In den Waldlauben


Auf dem Herrenhof und im Dorfe knarrten die Erntewagen, die Mannen des
Huptlings vergaen im Drange der Arbeit zuweilen ihren Kriegerstolz und halfen
den Knechten, die Schnitter banden dem groen Gott des Volkes die letzte Garbe
mit frommem Zuruf und brachten, im Reigen springend, den hrenkranz zur Halle
des Frsten; die barbeinigen Dorfkinder schwrmten wie Drosseln um das Vorholz
und sammelten Beeren und Nsse in langen Tten aus Holzspnen. Jeder war eifrig,
die Frchte einzuheimsen, welche die Gttin der Flur dem sehaften Manne
spendet. An der Seite des Hofherrn achtete Ingo auf die friedlichen Werke, die
er sonst nur vom hohen Kriegsrosse geschaut hatte, er hrte mifllig, wenn sein
Wirt sich wie ein Bauer ber die Wlfe rgerte, weil sie ihm ein junges Rind
zerrissen, fter aber lachte er froh, wenn er Irmgard unter den Mgden sah,
denen sie bei der Arbeit gebot. Ihm und der Jungfrau pochte das Herz in Freude,
wenn sie vor den anderen im Hofe und auf der Flur hflichen Gru tauschten und
zuweilen wenige Worte. Denn streng war die Hofzucht, gesondert lebten die
Mnner, und Ingo scheute sich, seit er den Gastschwur getan, durch dreistes
Nahen den Frieden des Hofes zu verletzen. Fast alle blickten ihn freundlich an,
nur das Auge der Frstin umwlkte sich, wenn sie ihm nachschaute. Ihr krnkte
den stolzen Sinn, da er gegen ihren Rat einen Mann ihrer Freundschaft im
Kampfspiel besiegt hatte, auch da ihr Wunsch, ihn als fremden Landfahrer zu
halten, durch den Snger vereitelt war. Und noch anderes war ihr beschwerlich.
Sie hatte ihren Blutsverwandten, den Theodulf, zum Gemahl der Tochter erkoren,
ihr eigenes Geschlecht und Herr Answald hatten schon vor Jahren darum gehandelt.
Jetzt beobachtete sie argwhnisch die Tochter und den Gast.
    Eines Tages kam ein fahrender Gaukler mit seinem Kasten in die Flur, er
blies vor dem Hofe des Frsten auf der Sackpfeife, bis die Leute aus dem Dorfe
herzuliefen; auch die Mannen und Knechte des Frsten traten aus dem Hoftor. Als
der Ring geschlossen war, begann der Mann in unbehilflicher Sprache seinen
Bericht, da er in dem Kasten einen Rmerheld berge, und wenn die Krieger und
die schnen Frauen ihre Gunst erweisen wollten, so sei er bereit, ihn zu zeigen.
Er pochte auf den Kasten, da hob sich der Deckel und ein kleines hliches
Ungetm, von Gesicht einem Menschen hnlich, mit einem Rmerhelm ber den Ohren,
hob seinen Kopf empor und schnitt Gesichter. Viele fuhren zurck, die Beherzten
aber lachten ber das Wunder. Der Mann ffnete den Kasten und der Affe sprang
hervor in einer Panzerjacke wie ein rmischer Krieger gekleidet. Er fuhr mit den
hageren Beinchen auf dem Grase umher, berschlug sich in der Luft und tanzte.
Zuerst entsetzten sich die Landleute, dann erscholl lautes Gelchter und
Beifallsruf, so da Hildebrand in die Laube lief und den Herren verkndete: Ein
Gaukler tanzt vor dem Hoftor mit einem kleinen wilden Mann, den sie einen Affen
nennen. Da trat auch der Frst mit Ingo und den Frauen heraus und freute sich
an den lustigen Sprngen des Affen. Zuletzt nahm der Affe den Helm ab, lief im
Kreise umher, und der Mann rief: Spendet, ihr Helden, meinem rmischen Krieger,
was ihr von Rmermnzen im Sckel habt, kleine und groe, je edler der Held, um
so grer das Geldstck. Wer keines hat, lege Wurst und Eier in den Kasten. Da
lachten die Leute, und mancher griff an den Grtel, andere trugen aus dem Hofe
herzu, was dem fahrenden Mann als Reisekost diente. Auch zu den Herren trat der
Fremde, und der Frst und Theodulf holten rmisches Kupfer aus den Taschen, und
Frida hrte, wie Theodulf, auf Ingo weisend, zu dem Gaukler sagte: Der groe
Held dort spendet dir wohl am reichlichsten. Als der Mann nun mit seinem Affen
dem Helden Ingo nahte, da sorgte Frida, ob der Fremde und sein Kmmerer Wolf in
den Jacken der Frstin wohl auch etwas finden wrden, was sie austeilen knnten,
und um die Beschmung abzuwehren, ri sie schnell eine der kleinen
Silberschellen ab, welche ihr das Herrenkind zum Brustschmuck geschenkt hatte,
und vorspringend sprach sie: Dir spendet dieser Held, welcher die Sprnge der
Rmer besser kennt als du, wenn du ihm Antwort gibst auf eine Frage( Welches
Gewand trgt dein Ungetm, wenn du unter den Rmern Gaben begehrst?
    Der Mann nahm das Silber, sah scheu nach Ingo und antwortete dem Mdchen
frech: Den Gru der Vandalen kenne ich als verfnglich und grob. Dir aber sage
ich, wer im Tanze den Rmern gefallen will, mu nackt springen. Was mein Affe
tut, rate ich auch dir. Frida rief ihm zornig nach: Ich meine, unter den
Fremden verhhnt dein tanzender Kater ebenso die Krieger meines Volkes, wie die
Fremden bei uns. Da nickten die Mnner und wandten sich lachend von dem Gaukler
ab. Ingo aber trat zu ihm und fragte:
    Woher weit du, da ich von den Vandalen bin?
    Deutlich genug trgst du's auf dem Haupte, versetzte der Mann und wies auf
die Kappe Ingos, in welcher drei Schwungfedern des wilden Schwans steckten.
Kaum acht Tage sind es, da erlitt ich bei den Burgunden hartes Fegen von deinen
Federn. Ingos Antlitz wandelte sich, er ergriff den Mann hastig beim Arm und
zog ihn zur Seite: Wieviel waren ihrer, die dieses Zeichen trugen?
    Mehr als zehn und weniger als dreiig, versetzte der Mann, ungefge Worte
gaben sie mir, weil mein Kleiner dort mit Gnsefedern tanzte, und bedrohten mich
durch Schlge.
    Der dich schalt, war ein alter Kriegsmann mit grauem Bart und Narben auf
der Stirn?
    Du nennst ihn, wie er war, Herr, und auerdem von groben Sitten.
    Irmgard sah, da der Held Mhe hatte, seine Bewegung zu verbergen, er lste
sich von den anderen und ging allein nach dem Hofe zurck.
    Da kurz darauf Volkmar als Knigsbote in den Hof trat, empfing ihn Ingo wie
einen Freund, den er sehnschtig erwartet hatte, er hrte seine Botschaft und
fhrte ihn zu dem Frsten( dort hielten die drei vertrauten Rat.
    Der Knig hat mich geladen, sprach Ingo, er hat mir Sicherheit gelobt.
Was auch die Meinung seines Herzens sei, mir geziemt es, der Ladung zu folgen.
Nur eines hemmt mich, und mit Scham spreche ich es aus, nicht wie ein entblter
Mann darf ich zu dem Hof des Knigs gehen, du gedenkst wohl, o Herr, wie ich zu
dir kam.
    Bekmmert versetzte der Frst: An Ro und Gewand wrde es dir, o Held,
nicht fehlen, und Wolf wrde dich als Kmmerer geleiten, dennoch rate ich nicht,
da du den Worten des Knigs trauest und dich unter die xte seiner Leibwchter
wagst, denn spurlos mchtest du verschwinden hinter den Steinmauern. Die Reise
wre ein unrhmliches Ende fr dein Heldentum.
    Auch Volkmar sprach: Dir, Held Ingo, ziemt es, die Gefahr gering zu achten,
du weit ja, da dem Mann zuweilen die Khnheit am besten gedeiht. Wenn du aber
der Ladung des Knigs folgst, wie du willst, so darfst du das nimmermehr als ein
einzelner Wanderer tun. Dem Knig und seinem Gesinde wrdest du verchtlich
sein, unwrdig wre die Behandlung, die sie dir zufgten, auch wenn der Knig
dir nicht an das Leben geht. Denn an Knigshfen ist die Art, nur stattliches
Gewand, Rosse und Gesinde geben dem Helden ein Ansehen. Darum, bevor du zu dem
Knig reitest, mut du das alles erwerben. Folgen dir aber Mnner aus diesen
Waldlauben, so wirst du dem Knig gnzlich verhat.
    Gut sprichst du, Volkmar, in allem, versetzte Ingo. Willst du dich zurck
unter die Augen des Knigs wagen, so sage ihm, da ich dankbar bin fr die hohe
Botschaft und da ich vor sein Angesicht treten werde, sobald ich gerstet bin,
wie es seine und meine Ehre fordert.
    Ich trage die Antwort, antwortete Volkmar, und ich hoffe, mich behend zur
Seite zu schwingen, wenn er seinen Trinkkrug nach mir wirft.
    Auch Herr Answald gab seine Zustimmung zu diesem Dank, denn ihn bedrckte im
geheimen die Forderung des Knigs, wenn er die Sorge auch mannhaft barg.
    Als Ingo und Volkmar allein waren, begann Ingo: Wer einen guten Rat
geschenkt hat, der gibt wohl auch den zweiten. Du siehst, ich bin einem Kinde
gleich, das aus dem Wasser geholt und neu in die Welt gesetzt ist. Hier sind die
Leute gutherzig, aber Kriegsfahrten beginnen sie selten, sphe, du treuer
Gesell, wo irgend im Lande fr ein Schwert rhmliche Arbeit zu finden ist.
    Harre nur ein wenig aus, antwortete Volkmar lachend, und la dir unterdes
gefallen, wenn die Jungfrau Irmgard vor dir meine Reigen singt, denn wohlgebt
ist sie im Lied und Saitenspiel. Hre ich von ehrlicher Heerfahrt, so sollst
du's erfahren; doch du weit, im Herbst lockt den Krieger die Heimat, im
Frhjahr die Schwertreise.
    Und jetzt hre weiter, fuhr Ingo fort, was mich in der Nacht schlaflos
umherwirft. Der Sprung in den Rhein schied mich von meinen Mannen, hinter mir
brachen die Heerhaufen der Rmer wie ein Wasserschwall in das Land, die
Priesterin barg mich mit Sorgen, bis sie mich nordwrts sandte; beim Abschied
verhie sie mir, nach den Volksgenossen zu suchen, die mit mir bei den Khnen
gestanden hatten. Jngst aber hrte ich von einem Gaukler, da Krieger meines
Volkes in diesem Mond unter den Burgunden lagerten, einer davon war, wie mir
schien, Berthar, den du kennst. Hegst du mir gute Gesinnung, Volkmar, so
forsche, wenn du kannst, nach den Treuen; denn wie hold mir manche sind, die
hier um mich leben, ich vermag nicht froh zu werden, bis ich wei, ob einer von
den Meinen dem Eisen der Rmer entwichen ist.
    Der Snger nickte und wandte sich zum Abgang. Der Herr dieses Hofes bewhrt
dir guten Sinn, aber wandelbar ist der Menschen Gemt, und leicht wird mde, wer
sich nur auf ein Bein sttzt. Du hast mich durch dein Vertrauen geehrt, da du
vorhin sprachst, wie du aus dem Wasser gehoben wurdest. Darum flehe auch ich um
eine Gunst. Einst gabst du mir diesen Goldring, nimm ihn, o Herr, jetzt zurck,
damit ich dir meine Treue erweisen kann, du spendest mir spter wohl noch mehr,
wenn die Gtter dir Glck verleihen. Der Ring schafft dir Ro und Gewand oder
wirbt dir einen hilfreichen Gefhrten.
    Lieber leihe ich von dir als von einem anderen, versetzte Ingo, aber du
weit, der Krieger zieht nicht ohne Gold zur Schlacht. Was mir Berthar an jenem
Tage zureichte, wo ich ihn verlor, das berge ich noch im Gewande; damit, wenn
mein Leib einsam auf der Heide liegen sollte, alsdann ein anderer das Gold bei
mir finde und mich zum Dank ehrlicher Bestattung wert achte.
    Dann, Held, gedenke auch klug der Lebenden; und wenn ich dir raten darf, so
gib davon an die Jungfrau Frida, denn sie raunen im Hofe, da sie eine
Silberschelle fr dich abgerissen hat, um ihrer Herrin zu gefallen; und spende
auch an Wolf, deinen Kmmerer, damit ihn die anderen nicht schmhen, weil er
einem kahlen Herrn dient. Zrne nicht, da ich wie dein Vertrauter spreche, aber
wer gewhnt ist, um Huld zu werben, der versteht wohl auch, wie man Gunst
gewinnt.
    Ingo reichte ihm lachend die Hand. Nur dir biete ich nichts, sprach er,
denn gern bleibe ich dir schuldig.
    Und ich dir, solange ich atme, grte Volkmar, sich ehrerbietig auf der
Schwelle verneigend.
    Ingo folgte dem Rat des Treuen. Als er seinem Kmmerer zwei Goldstcke in
die Hand legte, auf denen das Bild des groen Rmerherrn Constantinus zu sehen
war, da merkte er an dem glcklichen Gesicht des Mannes und an dem warmen Dank,
wie wertvoll solche Gabe in den Waldlauben war. Und nach der Mahlzeit trat er in
Gegenwart der anderen vor Irmgard und sprach: Deine Gespielin Frida hat fr das
Silber, das sie dem Gaukler bot, mir eine frohe Botschaft eingehandelt, gern
mchte ich ihr dafr meinen Dank erweisen, und ich bitte dich, Jungfrau, da du
ihr in diesen Mnzen ihre Spende zurckgibst. Da ging das fremde Gold auch
unter den Frauen von Hand zu Hand, der Frst und alle Wohlmeinenden waren
erfreut, da der Gast sich so gehalten hatte, wie seiner Wrde gebhrte, und
Ingo merkte aus dem Diensteifer der Mnner, da ihr guter Wille behender wurde,
seit sie fr sich Gutes hoffen durften; denn alle gedachten, da dem Herrn Ehre
sei, viel zu geben, dem Dienenden aber, Gabe zu empfangen.
    Ingo aber suchte auch nach einer Gabe fr die, welche ihm lieb war. Als
Irmgard im Hofe unweit dem Holunderstrauch stand, da trat er von der Seite eilig
auf sie zu, sie hrte seinen Schritt, aber sie kehrte sich nicht um, damit
keiner die Freude in ihrem Antlitz erkenne. Abgewandt von den anderen, sahen sie
einander in die Augen, und diesmal merkten beide die Nachtsngerin nicht, welche
ber dem Ast ngstlich ihre Kinder an die Abreise mahnte. Ingo begann die
heimliche Rede: Im Federgewand des Schwans flog einst Schwanhild, die Ahnfrau
meines Geschlechtes, ber die Mnnererde, seitdem sind die letzten Schwungfedern
des Schwans das heilige Zeichen, welches die Mnner und Frauen meines Stammes an
Helm oder Stirnbinde tragen, wenn sie sich festlich schmcken. Dem lebenden
Vogel suchen wir die Federn zu rauben, denn einen Schwan zu tten, ist meinem
Volk Frevel. Heut gelang mir's, einen Schmuck zu gewinnen. Dir, Holde, biete ich
ihn, ob du ihn annimmst und dir bewahrst. Auf den Federkiel ritze ich das
Zeichen, womit ich zeichne, was mein ist.
    Irmgard erschrak, ihr ahnte, da er durch die Federn bot, was er mit Worten
nicht sagen durfte, und sie fragte unsicher: Wie soll mein sein, was dein ist?
    Der Mann antwortete in tiefer Bewegung: Nur darum liebe ich das Leben, weil
ich eine Jungfrau kenne, welche dies Zeichen einst vor allem Volk auf ihrem
Haupte tragen soll. Und er hielt ihr wieder den Schmuck hin.
    Da nahm Irmgard die Federn und barg sie in ihrem Gewande. Ganz wenig
streifte seine Hand an die ihre, aber sie fhlte tief im Herzen die Berhrung.
    Irmgard! rief die befehlende Stimme der Frstin im Hofe. Noch einen
herzlichen Gru mit den Augen tauschten die beiden, dann eilte die Jungfrau dem
Hause zu.
    Was sprach heut der Fremde zu dir? begann die Mutter zur Tochter, seine
Hand rhrte an deine, und rot sah ich deine Wange.
    Die Schwungfedern eines Vogels wies er mir, die seinem Geschlecht ein
Erkennungszeichen sind, wenn die Helden sie am Haupt tragen, antwortete
Irmgard, aber wieder flog das verrterische Rot ber ihre Wange.
    Eine Trin hrte ich einst, die in der Halle der Mnner laut ihre Stimme
erhob, da alle schwiegen, wie die Waldsnger schweigen, wenn der junge Kuckuck
sein Krhen beginnt.
    War es vermessen, da ich auf ihn wies, Unsitte war es nicht; voll war mir
das Herz, und die Freunde werden mir verzeihen. Zrne auch du nicht, Mutter.
    Aber die Frstin fuhr fort: Ohne Freude sehe ich den Fremdling an unserem
Herde rasten. Dem Hausherrn geziemt, gastfrei zu sein gegen den Bittenden, aber
die Hausfrau hlt die Schlssel in fester Hand, da nicht das Gut verschwendet
werde, und sie wahrt ihren Hhnerhof, da nicht der Marder eindringe. Meint der
Fremde mit dem Sprung ber die Rosse sich hineinzuschwingen in den Erbhof meines
Herrn, in Vorratskammer und Kche, so wird ihm sein dreister Mut wenig frommen.
Du aber, da du meine Tochter bist, sollst fremd bleiben einem, der als ein
Wildling lebt, heimatlos, gebannt und so armselig wie der fahrende Bettler, der
an unserem Tor um Gaben fleht.
    Irmgard richtete sich hoch auf. Von wem sprichst du, Herrin? Meinst du den
Helden, dem der Hausherr den Ehrensitz bietet? Den Schuldlosen, der im Vertrauen
auf die Eide der Vter zu uns kam? Ich habe gehrt, da der Vater meines Vaters
im heiligen Trank Tropfen seines Blutes mischte mit dem Blut eines
Knigsgeschlechts, damit die Nachkommen einander liebbehalten und ehren sollen.
Ist der Sohn jenes Knigs auch anderen ein Fremder, im Hause meines Grovaters
darf ihn keiner so nennen, selbst du nicht.
    Hre ich deine trotzige Rede, rief die Mutter, so entbrennt in mir der
alte Schmerz, da dein Bruder nicht mehr unter den Lebenden weilt. An dem
unseligen Tage, wo ihn ein Mann des Knigs erschlug, wurdest du das einzige Kind
meiner Sorgen, und bel lohnst du der Mutter fr ihre Mhe.
    Wre mein Bruder am Leben, auch er wrde sich als hchste Ehre begehren,
der Kampfgesell des Helden zu sein, den du einen Bettler schmhst.
    Da dein Bruder von der Mnnererde dahinschwand, wurdest du Erbtochter in
diesem Lande, und die Mutter hat zu bedenken, wem dich der Vater vermhle.
    Bin ich Erbtochter in diesem Hofe, so bin ich auch Erbin der Bundespflicht
und geschworener Eide, und ich denke sie treu zu halten. Nie habe ich deiner
Freundschaft die Ehre geweigert, weder dem Ohm Sintram noch deinem Neffen
Theodulf, wie ich auch im Herzen von ihnen denke. Du aber schilt mich nicht,
wenn ich auch solchen Liebe erweise, welche dem Geschlecht meines Vaters
befreundet sind.
    Schweige, du Widerspenstige, antwortete die Mutter heftig, zu lange hat
der Wille des Frsten dich im Hause bewahrt; es ist Zeit, da dir der bermtige
Sinn bezwungen werde durch die Vermhlung.
    Als die Frstin das Gemach verlassen hatte, starrte Irmgard vor sich hin und
hielt die Hnde fest zusammengepret. Die Herrin redet hart mit den Mgden,
begann Frida eintretend, im Milchkeller verdarb der Rahm.
    Streng ist sie auch gegen uns andere, antwortete Irmgard, mhsam nach
Worten ringend. Du bist mir treu, und ich habe niemanden, dem ich vertrauen
kann, als dich, wenn du Mut hast, den Unwillen der Herrin zu ertragen.
    Ich bin eine Freie; dir habe ich mich zur Gespielin gelobt, nicht der
Hausfrau, und um deinetwillen weile ich im Herrenhofe, obgleich der Varer mich
nach Hause begehrt. Manchmal haben wir den Zorn der Herrin berwunden, vertraue
mir auch jetzt, was dich grmt.
    Unwillig wurde die Mutter auf unseren Gast, den sie am Anfang so gtig
beachtete, und ich frchte, es kann ihm an Pflege fehlen; denn wo die Herrin
nicht wohnt, sind die Mgde sumig.
    Sei ohne Sorge, da doch der junge Wolf sein Kmmerer ist. Wenn ich dem
Knaben Erlaubnis gebe, erzhlt er mir mehr von seinem Herrn, als wir hren
wollen. La mich alles hren, mahnte Irmgard, denn gut ist, wenn man wei,
was die Gste bedrfen.
    Und wir vernehmen auch gern von einem und dem anderen, versetzte Frida
lachend. Viel lieber ist mir der Gast als der Wasserreiher Theodulf, der den
Kopf hinten im Nacken trgt. Und das sage ich dir, wenn die Freiwerber des
Theodulf in den Hof kommen, und man sagt ja, da sie kommen werden, dann sollen
sie einen Besen am Hoftor finden, durch das sie hinausgehen; damit sie ahnen,
was wir Mdchen von ihrer Werbung denken.
    Aber Irmgard barg nach diesen dreisten Worten ihr Gesicht in den Hnden, die
Trnen rannen ihr durch die Finger, ihr Leib bebte im Schmerz. Frida umschlang
das Herrenkind mit den Armen, kniete vor ihm nieder und gab ihm Ksse und
zrtliche Worte.
    Nicht zufllig geschah es, da kurze Zeit nach dem Gesprch zwischen Mutter
und Tochter Held Sintram in den Hof ritt. In der Kammer der Frstin sa er mit
dem Wirt lange im vertrauten Gesprch, fr seinen Verwandten, den Theodulf,
beredete er noch einmal die Brautwerbung. Denn solange der Edle als Mann im Hofe
verpflichtet war und durch Diensteid an den Frsten gebunden, konnte die
feierliche Werbung nicht geschehen. Aber zum Neujahr in den zwlf Nchten sollte
ihn der Frst seines Eides entledigen, dann wrde Theodulf mit den Freiwerbern
seinen Eintritt halten, und im Frhling sollte die Vermhlung sein. Alles wurde
festgesetzt, auch Brautkauf und Mitgift, und die Frstin mahnte, da die Mnner
einander ber dem heimlichen Abkommen ihr altes Gelbnis erneuten. Vergngt
lachte Sintram, als er wieder das Ro bestieg, und da ihn der Wirt bis vor das
Tor geleitete und dort sorglos mit warmem Hndedruck entlie, so verachtete der
Scheidende gnzlich den Besen, welchen die zornige Frida an die Seite des
Hoftors gestellt hatte; nur Theodulf, der beim Abschied herzugetreten war, gab
dem Besen einen Futritt, da er weit wegflog, und warf auf Frida, der er im Hof
begegnete, einen Blick voll von heiem Ha.
    So verging nach Sonnenglut und Wetterwolken der frhliche Sommer. Die Felder
waren gerumt, die Gaugenossen wurden gesellig. Die ansehnlicheren Hfe des
Gaues begehrten nach der Reihe den Gast zu bewirten, Gelage wechselten mit
Jagdreisen ber die Waldhgel, der Frst und Ingo waren jetzt selten daheim. Dem
Frsten wurde der Gast noch werter, als er sah, wie sehr dieser von den
Gaugenossen gerhmt wurde und wie vornehm und geradsinnig er sich hielt. Von den
Sorgen im Frauengemach merkte der Hausherr vllig nichts, die kluge Wirtin
verschwieg, was ihrem Herrn unsichere Gedanken machen konnte, sie war zufrieden,
da die Helden wochenlang auswrts schweiften. Aber Ingo erkannte, da Irmgard
feierlich aussah, und er zrnte, da ihm so schwer wurde, sie ohne Zeugen zu
sprechen.
    Einst ritt Ingo mit dem Frsten nach demselben Gehege, welches er zuerst
betreten hatte, als er ber die Berge kam. Im Walde rieselte das gelbe Laub zum
Boden, um die Lichtungen klang Jagdruf der Mnner und Gebell der Meute. Die
wohlgenhrten Rinder liefen brllend umher, der Hirt bereitete den Aufbruch aus
der Wildnis in die Drfer, und die Mdchen vom Herrenhofe waren wieder
beschftigt, die letzte Tracht aus dem Milchkeller in den Wagen zu heben.
Whrend Herr Answald die Fllen betrachtete, stand Ingo neben Irmgard. Diese
wies auf Frida, die mit dem Milchkrug vorberging: Aus diesem Quell schpftest
du bei uns den ersten Trunk, und da, wo du stehst, sah ich dich zum erstenmal.
Seitdem ist das lustige Grn geschwunden, die Wildvgel sind fortgeflogen.
    Auch aus deinem Antlitz wich die Freude, versetzte Ingo herzlich.
    Doch Irmgard fuhr fort: Selig waren einst die hohen Frauen, welche im
Federkleide dahinschwebten, wohin sie ihr Wille trieb. Ich wei ein Mdchen, das
am Giebach steht und sich sehnt nach der Himmelskunst. Zwei Federhemden mchte
sie nhen fr Schwan und Schwnin; aber vergeblich ist der Wunsch, und sie
schaut traurig nach, wenn die gefiederte Schar sich von ihrer Flur in die Ferne
schwingt.
    Vertraue mir, bat Ingo leise, was verstrt dir den Mut?
    Irmgard schwieg. Der Tag wird kommen, wo dir's andere sagen, nicht ich,
antwortete sie endlich. Weilst du den Winter bei uns, so frchte ich nicht, was
er auch an Sorgen bringe.
    Die Rede unterbrach wildes Jauchzen und fremder Kriegsruf Ingo fuhr empor;
wie damals in der Halle strahlte sein Antlitz vor Freude, whrend die anderen
Mnner zu einem Haufen sprangen und nach Waffen griffen.
    Sie kommen in Frieden, rief Beros Tochter, mein Vater reitet unter
ihnen, und sie wies auf eine Schar Reiter, welche jubelnd und die Speere
schwingend von der Hhe herabrannten. Ingo eilte ihnen entgegen, die Reiter
sprangen ab und umdrngten den Helden, sie hielten seine Arme, neigten sich auf
seine Hnde, umschlangen die Knie, wieder und wieder erklang der wilde
Jubelschrei. Ingo rief die Namen der einzelnen, umarmte und kte sie, und die
Trnen brachen ihm aus den Augen; auch vergeblich suchend irrte sein Blick von
einem zum anderen, nicht alle standen lebend vor ihm, die er zu gren hoffte.
Und doch war das Glck dieser Stunde so gro, da er und die Fremden lange die
Gegenwart der anderen vergaen. Um den Frsten sammelten sich seine Mannen, die
der Kriegsruf aus dem Walde herangezogen, auch dem Herrn und der Jungfrau wurden
die Augen na, und sie lauschten hingerissen auf schnelle Frage und Antwort, auf
Lachen und Klageruf der Fremden. Ruhiger sah Bero in die Schar, whrend er dem
Frsten erzhlte: Ich war sdwrts geritten ber unsere Berge hinab bis zum
Idisbach, wo das kleine Volk der Marvinge wohnt, und als ich mit den Leuten dort
um Herdenvieh handelte, traf ich auf diesen Flug wilder Gnse, der seine
Leitgans suchte. Ich wute Bescheid, und da mir ihr behendes Wesen gefiel, so
fhrte ich sie her.
    Ingo trat vor den Frsten: Verzeih, o Herr, da wir in der Freude vergaen,
um deine Huld zu sorgen. Diese hier sind Gebannte wie ich, um meinetwillen
wichen sie aus der lieben Heimat, auch sie haben nicht Eltern, nicht Freunde;
nur einander sind wir Blutsbrder fr Leben und Tod, und unser Stolz ist, da
wir uns einer den anderen ehren und Glck und Leid teilen, solange wir heimatlos
ber die Mnnererde wandern. Auf ihren treuen Herzen allein steht der
Knigsstuhl des armen Ingo; wo sie ihr Haupt niederlegen, da mu auch das meine
ruhen. Mich hast du freundlich aufgenommen, Frst, aber jetzt bin ich ein Haufe
geworden, und unsicher trete ich vor deine Augen.
    Willkommen sind sie alle, rief Herr Answald aus warmem Herzen, der Hof
ist weit, und gefllt sind die Scheuern, seid gegrt, ihr edlen Gste.
    Dennoch rate ich, warf Bero bedchtig ein, da du, Huptling des Gaues,
die Fremden in die Drfer verteilst. Alle Nachbarn werden sie gutwillig als
Gste empfangen, dann hat jeder sein Teil und keiner wird beschwert. Denn sie
fhren auch Beuterosse an der Leine, darunter Haupthengste; sieh diesen
Schimmel, Herr! Mancher Nachbar htte seine Freude, ein Ro zu erhandeln und im
Winter am Herdfeuer von fremder Kriegsfahrt zu hren.
    Herr Answald lchelte, aber er versetzte eifrig Du denkst verstndig, Bero,
der Hof aber hat das nchste Recht, und diesmal, Nachbar, lt er's sich nicht
nehmen. In wenig Tagen zimmert ihr Gste mit meinen Knaben den Schlafsaal, dort
mgt ihr geborgen den Wintersturm berdauern.
    Der Wille war gut, sprach Bero. Fhre meinen Braunen her, Frida. Er trat
zu einem alten Krieger der Vandalen, reichte ihm die Hand und sagte: Gedenkt
unserer Reden. Jetzt steht ihr auf Herrengrund, begehrt ihr einmal unter das
Dach des Bauern, so seid ihr willkommen im freien Moor. Er sprach noch einige
Worte zu seiner Tochter, dann schwang er sich wuchtig auf sein Ro und trabte
grend talab.
    Ingo aber fhrte die einzelnen Genossen dem Hofherrn zu und nannte die
Namen. Vor den andern stand ein bejahrter Krieger, die Glieder wie aus Erz
geformt, fest die Zge und khn der Blick, lang hing ihm der graue Bart herab,
ein Held, dem man ansah, da er der Schlachten gewohnt war und hart gegen jede
Gefahr. Dies ist Berthar, ein edler Mann. Er fhrte mich, da ich ein Knabe war,
unter seinem Schild aus seinem brennenden Hofe, meinem letzten Zufluchtsort an
der Landesmark - die Burgunden hatten ihn angesteckt, die damals mit meinem
Oheim verbndet waren. Seitdem war er mein Lehrer in allem Waffenwerk; wie ein
Vater hat er meine Jugend gehtet, ihm danke ich, wenn ich bisher meiner Ahnen
nicht unwert war.
    Und als Herr Answald dem Helden die Hand bot, antwortete dieser: Ich
erinnere mich des Tages, wo mein Vater den deinen in seinem Hofe bewirtete, es
war ein Herbsttag wie heut, und es war gute Jagd in den Bergen, die wir die
Riesenberge nennen. Ich erlegte damals den ersten Eber, und Held Irmfried lud
mich scherzend zur Jagd in die Waldhgel der Thringe. Lange bin ich gereist,
und weier Reif fiel auf mein Haar, bis ich in dein Gehege vordrang, aber jetzt
bin ich hier, o Herr, und bereit, wenn du's gestattest, hinter dir auf den
Wildpfad zu steigen.
    Diese Rede freute den Frsten, auch er nannte den Fremden die Wrden seiner
Bankgenossen und mahnte beide Teile, einander gute Gesellen zu sein. Darauf ritt
er mit Irmgard voran, damit Ingo vertraulicher mit den Wiedergefundenen rede.
Als die Vandalen gesondert waren, erhoben sie noch einmal den Heilruf und ritten
im Getmmel freudig durcheinander. Wieder flogen Fragen und Antworten hin und
her, bis Berthar die Schar zum Hofe fhrte. Schwer war die Reihe zu erhalten,
denn immer noch drngten die Treuen um ihren Herrn, und ihr Geschrei schallte
von den Bergen zurck. Ingo aber sprach auf dem Wege zu Berthar: Wundergleich
ist mir, da ich deine Hand halte, mein Vater. Du aber berichte mir noch einmal
alles, wie ihr euch aus der Schlacht gerettet und mich gefunden.
    Auf dem Pfad der Fische zog der Herr, begann Berthar lachend, ihm folgte
das Gesinde. Wir schlugen ber unsere Fersen manchen Schwertschlag gegen die
verfolgende Schar, bis ich am Ufer eine Stelle zum Absprung ersphte: wie die
Frsche hpften deine Knaben in den Rhein - nicht alle, Herr, du gedenkst auch
ihrer, die heut fehlen. Auf den Lindenschilden rangen wir abwrts in herber Not,
umschwirrt von den Pfeilen der Feinde. Da sandte uns ein freundlicher Gott die
Hilfe. Ein Weidenstamm, durch die Flut vom Ufer gerissen, trieb als gewaltiger
Klotz mit Wurzel und Astwerk langsam den Strom entlang, er deckte die Mden, und
ziehend richteten wir ihn abwrts vom Rmerufer. So fuhren wir in dichtem
Schwarme, gemengt mit flchtigen Kmpfern der Alemannen, gleich einem Volk Aale,
welches um ein totes Wild wimmelt. Als wir gerettet ans Ufer der Landsleute
stiegen, bargen wir uns im dichten Wald und forschten bei Nacht in den Tlern um
Kunde nach dir. Den letzten Dienst dachten wir unserem Herrn zu erweisen und
seinen Totenhgel zu umrennen. Aber vergebens war das Sphen und Fragen, keiner
der Flchtigen hatte dein Antlitz geschaut. Da schlugen wir uns kummervoll ber
den Schwarzwald bis in das Land der Burgunden, gedrngt von den Heerhaufen der
Rmer. Als wir von den burgundischen Wchtern vor das Antlitz ihres Knigs
Gundomar gefhrt wurden, war der Ruf von deinem Sprunge schon zu ihm gedrungen,
auch er meinte dich hinaufgehoben in die Halle der Gtter. Dir war er feindselig
gewesen, jetzt aber seufzte er, da ich deinen Namen nannte, er gedachte deiner
Tugend und scheute sich, uns gebunden den Rmern auszuliefern. Er bot uns an,
seinem Heere bei einem Zuge zu folgen, den er ostwrts gegen die Markleute an
der Donau rstete. Wir bedurften gar sehr Rosse und Gewand, denn wir waren wie
Dohlen in der Mause und sehnten uns nach Raub. Darum zogen wir mit, und es
gelang uns wohl, deine Knaben kamen zu guten Rossen und ziehen stattlich einher
mit gefllten Scken.Im vorletzten Mond lagen wir eines Abends am Ufer der
Donau, die Burgunden trugen die Beute zusammen, tranken lustig und schwatzten,
wie sie gern tun, mit rmischen Hndlern und Gauklern, die um Gewinst und Gabe
herangeeilt waren. Deine Knaben aber hatten trben Mut und sahen zu, wie die
drren Bltter im Herbstwinde hinfuhren. Da trat ein fahrender Mann zu mir und
begann grend: Gefllt dir's, Held, so will ich dir ein Rtsel sagen, ob du die
Antwort darauf findest: Wer schwenkte den Spielmann in das Schiff, wer tauchte
unter Speeren wie ein wunder Schwan? Ich erschrak und antwortete: Knig Ingo
schwenkte den Volkmar in das Schiff, und der Knig verging im Strom wie ein
wunder Schwan. Da antwortete der Fremde: Du bist es, den ich suche, und weit
bin ich darum gewandert als Bote meines Genossen. Jetzt, weil ich dich gefunden,
hre auch den zweiten Spruch, den dir Volkmar sendet: In Irmfrieds Halle sitzt
der Hter der Schwne, am Herdsitz der Thringe harrt er der Entflogenen.
    Da wurden wir froher, als ich's sagen kann, denn wir verstanden, was der
Name Irmfried bedeutete. Knig Gundomar wollte uns behalten, ich aber bat ihn,
uns die Heimfahrt zu gestatten. Ich sagte ihm nicht, da die Heimat deiner
Knaben da ist, wo der Leib ihres Herrn seinen Schatten wirft.
    Arme Knaben, klagte Ingo finster, der Schatten ist klein geworden, er
deckt nicht mehr die Spur eurer Fe.
    Auch dir geht wohl eine neue Sonne auf, trstete der Alte, die deinen
Schatten ber weites Land wirft. Jetzt gilt es, da deine mden Knaben einen
Unterschlupf finden gegen den Wintersturm. Sobald die Knospen der Bume
schwellen, geleiten wir dich zu neuer Heldenfahrt. Sage mir, Knig, ob die
Dcher, die ich vor mir sehe, uns wohl whrend des Winters beschirmen.
    Mgen die Gtter uns das gndig fgen, versetzte Ingo ernst. Mehr Glck
fand ich hier, als ich ahnte, geringere Sicherheit, als ich hoffte.
    Das Tor des Herrenhofes war weit geffnet, der Wirt empfing die Fremden und
geleitete sie zur Halle; dort wurde ihnen das Begrungsmahl bereitet, und
verteilt zwischen den Mannen des Frsten lagerten die Vandalen an den Bnken. Am
nchsten Morgen begann ein emsiges Hmmern und Heben; aus dem Vorrat von Balken
und Sparren, der hochgeschichtet im Hofe lag, wurde an Ingos Haus ein Schlafsaal
fr seine Genossen gezimmert, dabei ein vorlufiges Gehege fr die Rosse. Nach
wenigen Tagen stand der Bau gerichtet, denn gro war die Zahl der helfenden
Hnde. Auch die Nachbarn kamen, begrten die Fremden und musterten die starke
Koppel lediger Rosse, sie kauften und tauschten und nahmen fr Beuterosse, die
sie behielten, andere in das Winterfutter. Um den stillen Herrenhof war jetzt
lustiges Gewhl der Gauleute und Getmmel der Mnner und Rosse; die hohen
Gestalten der Vandalen schritten in ihrer fremden Kriegertracht zwischen den
Husern und lagen neben den Mannen des Frsten auf den Stufen der Halle, sorglos
lachend und gern erzhlend, wie die Art ihres Stammes war, sie zogen mit den
Hofleuten in den Wald und ritten als willkommene Gste in die Drfer des Gaues.

Aber die Herren im Hofe merkten nach wenig Wochen, da es schwierig war, unter
ihrem Gefolge den Frieden zu erhalten. Denn die Jungen waren stolz und jh im
Zorn, und die Alten achteten eiferschtig auf die Ehre ihrer Herren. So kamen
Radgais, der Vandale, und Agino, ein wilder Gesell des Hofes, miteinander in
Zwist, weil der Vandale einem Mdchen des Dorfes, das ihm zulachte, eine Spange
geschenkt hatte. Darber wurde Agino unwillig und sprach hhnend: Wir meinten
sonst, da der Schatz deines Herrn gering sei, jetzt aber sehen wir, da ihr
Gutes im Sacke bergt.
    Wer sein Leben im Kampfe wagt, antwortete der Vandale, dem fllt auch
Silber in die Tasche, wer auf der Tenne drischt wie du, dem wachsen Schwielen in
die Hand.
    Diese Reden hrten die Hofleute, und als am anderen Morgen Berthar mit
seinen Mannen zu dem Speicher kam, um fr die nchsten Tage den Rossen Hafer zu
holen, da weigerte ihm Hildebrand, der in der Wirtschaft Ausgeber war, den
gedroschenen Hafer, und er sprach: Habt ihr die schwieligen Hnde unserer
Knaben geschmht, so mgt ihr die Garben auch selbst ausstampfen mit euren Fen
oder mit denen eurer Rosse, wie es euch gefllt; meine Gesellen weigern sich der
Arbeit fr euch, da ihr so grblich redet. Nehmt den Hafer in Garben und nicht
in Scken.
    Begtigend antwortete Berthar: Unrecht war es von meinem Gesellen, den
Landesbrauch der Wirte zu verachten. Aber du selbst bist ein bewanderter Mann
und weit, da die Bruche auf Erden verschieden sind. Anderswo haben die
Bankgenossen eines Herrn nur die Garben in den Bansen, sie schneiden und
schwingen das Futter, und auf dem Felde reiten sie mit der Egge, aber es gilt
ihnen fr unrhmlich, den Pflugsterz und den Flegel zu halten. Darum be
Nachsicht mit meinem Gefhrten, weil ihn als fremden Mann eure Sitte wundert.
    Aber Hildebrand versetzte unwirsch: Wer unser Brot it, soll sich unserem
Brauch fgen; darum nimm nur die Garben, denn fortan erhltst du nur diese.
    Da muten die Vandalen mit Garben bepackt zu ihrem Stalle ziehen, und
Berthar befahl grimmig: Werft die Garben in die Futterbank und schneidet, bis
das Eisen bricht.
    Seit jener Unweisen Rede des Radgais gab es manchen Streit unter den Mannen,
aber beide Teile waren bemht, ihn vor den Herren zu bergen. Beim Kampfspiel
hatten sie anfnglich in denselben Reihen gestanden und einer des anderen
Kampfweise nachgeahmt, wie die Frsten ihnen geraten, jetzt traten sie gesondert
in den Wettkampf, so da der Frst vor dem Reiterspiel mit Schild und Stange zu
Theodulf sagte: Warum halten die Gste abseit auf ihren Rossen, gern schauten
wir, wer das beste Lob verdient. Da antwortete Theodulf: Sie selbst wollen den
Wettkampf nicht leiden, zu hart schellen die Stbe der Thringe auf ihre
Schilde. Und der Frst ritt zu Berthar: Wohlauf, Held, mische deine Reihen mit
unserem Volk. Da antwortete auch der Alte: Nur um des Friedens willen halte
ich unsere Knaben gesondert, damit nicht in der Hitze des Kampfes ein falsch
geworfener Stab Streit errege. Und der Frst mute schweigend dem getrennten
Ritt zuschauen. Er mute auch hren, wie seine Hofmannen spttisch lachten, wenn
die Fremden mit ihren Keulen warfen; dann rief aus den Reihen der Thringe wohl
ein kecker Gesell das peinliche Scheltwort: Hundeschlger. Und wieder, wenn
die Hofleute beim Steinwurf sprangen und einem der Schwung miglckte, dann
zogen die Vandalen ihre Mienen kraus und summten ein hhnendes Wort, das sie
erfunden hatten, weil die Thringe bei ihren Mahlzeiten runde Ballen aus Teig
von Weizenmehl vor vielem anderen hochachteten.
    Und als nach dem Spiel der Reigentanz begann, da konnte man sehen, da die
Mgde vom Hofe sich nur zu ihren Landgenossen gesellten, und wenn die Fremden
nicht ein Dorfkind fanden, das mit ihnen zum Reigen antreten wollte, so muten
sie zusehen. Darber wurde der Frst unwillig, und er rief zu den Vandalen:
Warum verachten meine Gste das Hofgesinde? Und wieder antwortete Berthar:
Die Mdchen des Hofes klagen, da unsere Sprnge ihnen die Knchel renken. Da
trat die kecke Frida hervor, neigte sich gegen den Alten und sagte: Wenig
kmmere ich mich darum, ob ich anderen mifalle, wenn ich die Hand eines Fremden
ergreife. Denn ich kenne einen vom Hofe, der die Mdchen bedrut hat, wenn sie
sich mit den Gsten schwingen. Gefllt dir's, Held Berthar, und achtest du mich
nicht zu gering, so fhre du mich zum Tanze. Berthar lachte und mit ihm die
Herren, der Alte fate die Hand der Jungfrau, sprang wie ein Jngling und
schwenkte sie rstig ber den Rasen, da alle auf ihn sahen und Beifall riefen.
    Die Fremden merkten wohl, da die Frstin ihnen gar nicht gewogen war,
selten nur redete sie die edelsten unter ihnen an, selbst den Helden Berthar
nicht, obgleich er von erlauchtem Geschlecht stammte. Aber auch die Frstin fand
Grund zur Klage, denn zwei von den Vandalen, die Brder Alebrand und Walbrand,
hatten mit zwei Mgden der Frstin scharfe Worte gewechselt und hatten diesen am
Abend aufgelauert und die Widerwilligen gekt und ihr Gewand verschoben. Darauf
trat die Frstin im Hofe zu Ingo und erhob laute Klage ber die Unzucht seiner
Mannen, und Ingo, tief gekrnkt durch die harten Worte der Frstin und durch die
Missetat seines Gesindes, hielt Gericht ber die Schuldigen in der Gastherberge.
Und obwohl sich bei der Prfung ergab, da es mehr bermut als arger Frevel
gewesen war, so strafte er sie doch hart mit Worten und setzte sie zu
sichtlichem Schimpf herab in die unterste Stelle an seiner Bank. Traurig saen
seitdem die beltter im Kreise der Genossen. Aber die Gnade der Frstin
erwarben die Fremden darum doch nicht. Als Ingo einst frher denn sonst vom
Herde des Frsten in seine Herberge kehrte, vernahm er in dem neuen Anbau
daneben das scharfe Knirschen der Mhlsteine, und er fragte Berthar erstaunt:
Drehen die Mgde den Mhlstein im Schlafhause der Mnner? Da antwortete der
Alte: Weil du selbst fragst, sollst du es wissen. Nicht die Dirnen drehen,
deine Knaben selbst mssen die ruhmlose Arbeit unfreier Weiber vollenden, wenn
sie ihr Brot essen wollen; denn die Mgde weigern sich, noch weiter fr uns das
Mehl zu mahlen, und die Wirtin gibt ihnen recht. Bitter ist solche Arbeit fr
die Helden eines Knigs. Gern htten wir dir verborgen, was deinem Gastfreund
zur Unehre gereicht.
    Ingo trat hinter einen Pfeiler und bedeckte sein Gesicht mit der Hand.
    Drauen heulte der Nordsturm um das Dach und warf eine graue Decke von
Schnee und Eiswasser ber den Hof. An die Hausbalken tobt ein ungefger
Gesell, fuhr Berthar fort, er ist jetzt Gebieter auf Landstrae und Feld und
mchte meinem Knig die Ausfahrt aus diesem Hofe verwehren. Dennoch ahne ich,
da du darauf denkst. Darum hre noch eins, was mir Held Isanbart, mein alter
Kriegsgeselle, vertraute, den ich gestern heimsuchte. Der rmische Krmer
Tertullus war mit seinen Packpferden im Gau; von Westen kam er und zog nach der
Burg des Knigs. Du kennst den Mann, bei den Alemannen galt er fr den
schlauesten Spher des Csar. Jetzt hat er den Hof, in dem wir einliegen,
vermieden, obgleich hier fr einen Kaufmann der beste Markt wre. Im Gau aber
hat er berall nach dir und uns geforscht und hat feindliche Reden gefhrt, da
der Csar dich suche und da er hohen Preis zahlen wrde, wenn er deinen Leib
oder dein Haupt unter seinem Banner erblickte, damit die ble Ahnung getilgt
werde, welche seit deinem Drachenraube den Rmerkriegern das Herz beschwert.
Fhrt der rmische Krmer zum Knig Bisino, so birgt er in seinem Kasten eher
Geschenke an den Knig als Waren, denn er war gar nicht eilig, die Bndel
aufzuschnren, wie sonst doch die Art dieser Leute ist. Darum sa Isanbart, der
Held, sorgenvoll, und er lt dich warnen, da du einer Botschaft des Knigs
weniger trauest als ehedem.
    Ingo legte dem Getreuen die Hand auf die Schulter: Auch du, Held, willst
lieber in die Falle reiten, die uns der Knig stellt, als noch lnger dies
Knarren der Mhlsteine hren, womit ein feindliches Weib uns die Ehre krnkt.
Dennoch hlt es mich hier fest wie in Eisenbanden. Fr diese Krnkung erbitte
ich bei dem Frsten Abhilfe, den Gau verlasse ich nicht, bevor ich eins wei,
was ich mit heiem Wunsch hoffe.
    Als Herr Answald am nchsten Morgen mit den Bankgenossen beim Frhstck sa
ohne die Fremden, da ffnete sich die Tr, und Irmgard trat auf die Schwelle,
hinter ihr trug Frida einen Sack mit Mehl. Verzeih, Herr, begann Irmgard, da
ich dir anzubieten wage, was die Hand deiner Tochter auf dem Mhlstein mahlen
half. Die Jungfrauen stellten den Sack an die Fe des Frsten. Verwundert sah
der Frst auf den Sack. Was bedeutet die gestubte Gabe, soll sie zu einem
Opferkuchen fr die Gtter, weil die Hnde freier Jungfrauen den Stein gedreht
haben?
    Nicht zum Opfer, versetzte Irmgard, sondern zur Shne fr verletzte
Gastpflicht haben freie Hnde das Korn gemahlen. Ich flehe, da du, Herr, wenn
es dir recht dnkt, dies Mehl deinen Gsten sendest. Denn ich hre, deine
Hofleute weigern ihnen bereits das Mehl zu Brei und Brot, und die edlen Gste
mssen unter deinem Dache selbst die Arbeit unfreier Weiber verrichten.
    Da schwollen dem Frsten die Stirnadern, und er rief, sich mchtig erhebend:
Wer hat mir diese Schmach angetan? Sprich, Hildebrand, denn dein ist die Sorge
fr die Mahlzeiten der Gste.
    Hildebrand beugte sich verlegen vor dem Zorn des Frsten. Die Mgde waren
erbittert ber Ungebhr der Vandalen und weinten ber harte Arbeit, und die
Herrin meinte, da sie Grund haben zur Klage.
    Wie darfst du die Ungebhr weniger durch schweres Leid vergelten, das du
allen zufgst? Deinen Herrn hast du entehrt vor seinen Gsten und ble Nachrede
geschaffen vor dem Volke. Ergreift zur Stelle den Sack und tragt ihn nach der
Herberge der Gste, und dir, Alter, rate ich, da du mitgehst und ihnen solche
Entschuldigung machst, welche sie willig annehmen. Den Mgden aber sage, wenn
sie sich ferner noch einmal beklagen, so soll ihnen eine harte Hand greres
chzen verursachen.
    Zrne nicht den Mgden, Herr, sprach Irmgard, sie sind sonst gutwillig
und wrden auch die gehufte Arbeit ertragen; aber einer in deinem Hofe
unterfngt sich, herrisch mit dem Gesinde zu schalten, und dieser ist dein
Schwerttrger Theodulf. Viele frchten sein hartes Wesen und sorgen, ob sie
jetzt oder dereinst seine Gunst haben. Er verbietet den Mgden die Arbeit fr
die Gste und auch den Tanz, wie es ihm gefllt. Niemand wagt dir das zu klagen;
ich aber als deine Tochter gedenke nicht zu leiden, da in dem Hofe meines
Vaters einer, der ein Diener ist, unsere Ehre krnkt.
    Da der Frst dies vernahm, gedachte er wohl, da sein Kind recht hatte, und
fhlte doch auch geheime Sorge, weil die Jungfrau mit solcher Miachtung von dem
Manne sprach, den er ihr in der Stille zum Gemahl bestimmt und der jetzt so
grimmig vor ihm stand. Er wurde deshalb wildzornig auf alle und rief der Tochter
zu: Nicht umsonst hast du die Mhle gedreht, wie harter Stein zermahlen deine
Worte den Leumund deines Verwandten. Dennoch tadle ich deine Gabe nicht, denn
sie vermag vielleicht eine schwere Beleidigung zu shnen. Du aber, rief er,
drohend die Hand gegen Theodulf erhebend, vergi nicht, da ich in diesem Hofe
Herr bin, solange ich lebe, damit ich nicht vergesse, da die Hausfrau dir Gutes
wnscht. Wagt einer von euch noch gegen die Gste feindliche Rede oder geheime
Tcke, so drfte der Hof und seine Haut fr ihn zu enge werden.
    Herr Answald wies alle hinaus und krnkte sich einsam. Endlich ging er in
das Haus der Frstin und sprach auch zu dieser zornige Worte und geringes Lob
gegen ihren Vetter Theodulf. Frau Gundrun verfrbte sich, sie merkte wohl, da
sie zu viel gewagt hatte und da ihr Gemahl mit Recht um ble Nachrede besorgt
war, und sie sprach begtigend: Das mit den Mgden sollte fr die Fremden nur
eine Warnung sein, damit sie das Hofrecht scheuen, es ist abgetan und wird in
Zukunft vermieden, sorge auch du nicht weiter darum. Und was den Vetter
betrifft, so weit du ja, wie treu er dir gedient hat und da er um deinetwillen
seine Narben trgt. Und als es ihr gelungen war, den Herrn ein wenig zu
besnftigen, fuhr sie fort: Wie sorglos war vor wenig Monden der Blick in Hof
und Flur, jetzt aber schwand der Frieden im Hause, die Eintracht im Lande, und
mit Schwerem bedroht der Zorn des Knigs. Ein erlauchter Mann ist dein Gast,
aber Unheil hngt sich an seine Fersen. Ich denke an deine Tochter, Herr, sie
fleht, da die Vermhlung mit Theodulf gemieden wird. Wider den Willen der
Eltern hebt sich begehrlich der Sinn des Kindes.
    Was hat Ingo mit dem Groll des Mdchens zu tun? fragte der Frst
rgerlich.
    Frau Gundrun sah ihn mit groen Augen an. Wer zu Rosse dahinfhrt, achtet
wenig auf das Kraut am Boden. Merke, Herr, auf ihre Blicke und Wangen, wenn sie
einmal mit dem Fremden spricht.
    Kein Wunder, da er ihr gefllt, versetzte der Frst.
    Wenn er aber an Vermhlung denkt?
    Das ist unmglich, rief der Frst mit mitnendem Lachen. Er ist ja ein
Gebannter ohne Habe und Gut.
    Warm sitzt sich's am Herd in den Waldlauben, fuhr die Frstin fort.
    Ein Fremder sollte so Unsinniges wagen, ein Mann, der gar nicht von unserem
Volke ist und kein anderes Recht hat, als da ihn die Landgenossen dulden?
Unntig sorgst du, Gundrun, schon der Gedanke daran emprt mir den Mut.
    Wenn du so meinst, sprach die Frstin nachdrcklich, dann freue dich
nicht des Tages, an dem er unser Haus betrat, nicht des Sanges in der Halle und
nicht der fahrenden Mnner, welche jetzt bei uns einliegen, auf das Gastrecht
pochend und das Gut meines Herrn verzehrend. Der Knig begehrt den Fremden, la
ihn ziehen, bevor er und sein Haufe vielen unter uns Jammer bereitet.
    Weit du mehr von Vertraulichkeit zwischen ihm und meinem Kinde, als du mir
sagst? fragte der Frst, vor sie tretend.
    Nur was sich dem ankndet, der sehen will, versetzte die Frstin
vorsichtig.
    Mit groem Gerusch und freudigem Herzen habe ich ihn empfangen, fuhr Herr
Answald fort, jetzt vermag ich ihn nicht als einen berlstigen zu entsenden.
Den Gemahl der Tochter zu whlen, ist des Vaters Recht, und keine Vermhlung
gibt es fr das Kind als durch den Vater, das wei auch dein Kind, da sie nicht
sinnlos ist. Ich gedenke des Eides, den ich deinen Freunden gelobt, du aber
bndige, wenn du kannst, den Hochmut deines Neffen und sorge dafr, da er sich
unserem Kinde werter macht, als er jetzt noch ist, damit nicht der Trotz der
Jungfrau im nchsten Frhjahr aufbricht, wenn wir sie zur Vermhlung schmcken.
    Seit diesem Morgen war Herr Answald in seinem Gemte beschwert, sooft er den
Fremden gegenbertrat; unmutig erwog er die Vermessenheit und achtete
mitrauisch auf Wort und Gebrde des Gastes, und er dachte zuweilen selbst, da
das Lagern um seinen Herd im Winter eine Last sein werde. In diesen Tagen des
Mimuts ritt Held Sintram ein, als Unglcksbote vom Knig an den Huptling und
den Gau gesandt. Denn der Knig erhob helle Klage ber das versteckte Hausen der
fremden Schar und forderte unter Drohungen ihre Auslieferung in seine Hnde. Der
Frst erkannte, da entweder dem Gaste oder ihm und den Landgenossen eine nahe
Gefahr drohe. Da er kein niedrig denkender Mann war, so gewann er seine Wrde
zurck, er trat vor Ingo und sagte ihm offenherzig, da er die Hupter des Gaues
unter dem Vorwande einer Jagd zu stiller Beratung laden werde. Ingo neigte sich
nach den Worten beistimmend und versetzte: Die erste Rede gehrt hierbei den
Wirten, die zweite dem Gaste.
    Die Boten ritten; drei Tage darauf saen die Edlen und Weisen des Gaues
wieder am Herde des Huptlings. Aber es war nicht mehr Sommerluft, wo der Sinn
der Mnner frhlich ber der Erde waltet, sondern harte Winterzeit, wo sich
Sorge und Groll erheben. Diesmal war die Miene des Frsten kummervoll, als er
begann: Eine zweite Botschaft sendet der Knig um den Helden Ingo und sein
Gesinde, und diesmal an die Gaugenossen und mich, nicht durch den Snger,
sondern durch den Helden Sintram. Der Volksknig fordert die Fremden fr seine
Knigsburg; ob wir seinem Gebot widerstehen oder, unser Heil bedenkend, nach
seinem Willen tun, das frage ich. Darauf erhob sich Sintram und wiederholte die
Drohung des Knigs: Mit Gewalt will er die Fremden holen, wenn wir sie nicht
senden, seine Mannen toben laut und freuen sich des Zuges gegen unsere Hfe.
Einst habe ich vordenkend gewarnt, jetzt droht uns nahe das Unheil. Hatten wir
auch gelobt, den Fremden gastlich zu schtzen, jetzt ist nicht er es allein, der
auf dem Lande liegt, ein fremdes Geschlecht reitet durch unsere Tler, und
lstig wird dem Volke das wilde Gesinde. Langes Schweigen folgte der Rede, bis
Isanbart endlich die Stimme erhob: Da ich alt bin, wundert mich nicht, wie
leicht sich der Sinn der Menschen ndert; schon ehedem sah ich manchen Wirt, der
frhlich war, einen Gast zu begren, aber frhlicher, ihn zu entlassen. Darum
mgest du, o Frst, vor allem den Landgenossen sagen: hat der fremde Held das
Hofrecht verletzt und deine Ehre geschdigt, oder hat sein Gesinde Missetat
gebt im Volke? Zgernd versetzte Frst Answald: Ich klage nicht ber Frevel,
die der Gast verbt, doch ungefge und fremdlndisch ist die Art seiner Mannen,
und sie eint sich schwer unserm Landesbrauch. Da nickte Isanbart mit seinem
grauen Haupt und sprach: Dasselbe habe auch ich erfahren, da ich mit deinem
Vater Irmfried im Land der Vandalen als Gast niedersa. Auch wir waren, soweit
ich gedenke, den Vandalen ungefge und fremdlndisch. Doch unsere Wirte lachten
freundlich darber und verglichen den Zwist der Mannen, wo er ausbrach, immer
haben sie uns gebeten, lnger zu weilen, und mit reichem Gastgeschenk haben sie
uns entlassen, als wir endlich heimritten. Darum meine ich, Vorsicht geziemt dem
Wirt, bevor er fremde Gste aufnimmt, und Nachsicht, solange sie unter seinem
Schtze weilen. Und Rothari, den sie Pausback nannten, sprang auf und rief:
Bei jedem Volk der Mnnererde ist, soweit ich verstehe, ein Gesetz: zu seinem
Herrn gehrt das Gesinde. Wer den Herrn aufnimmt, kann seinem Gefolge den
Frieden nicht weigern, wenn die Fremden nicht selbst sich durch Missetat
friedlos machen. Wohl verstehe ich, da die Zahl der Schwurgesellen deinem Hofe,
o Frst, zur Last wird, denn allzu gro ist die Zahl der Mnner und Rosse fr
einen Hof. Du aber begehrtest, als sie kamen, die Ehre, sie allein vor anderen
zu beherbergen. Wren sie in den Hfen der Edlen und Bauern verteilt je nach
ihrer Geburt, dann htten die Gste niemanden beschwert und htten beim
Abendfeuer am Herde viele durch ihren Bericht aus fremden Lndern erfreut.
Gekrnkt antwortete der Frst: Ich habe den Rat nicht ber das Lagern in meinem
Hofe gefordert, sondern ber das Gebot des Knigs, welches uns hart bedrngt.
Da sprach Bero, der Bauer, ihm entgegen: Noch anderes bedrngt uns, Herr, mehr
als die zwanzig und zwei Fremden. Der Knig sucht einen Vorwand, um den Zehnten
von unsern Herden fr sich zu erhalten und die Garben von unseren Feldern, wir
aber erkennen, da Herde und Ackerland uns ohnedies zu klein werden fr unsern
Bedarf. Alle Drfer sind mit rstiger Jugend gefllt, sie fordert Baugrund fr
neue Hfe, Ackerland, Wiese und Waldweide. Wer soll es hergeben, alles ist
aufgeteilt und versteint, die Hirten klagen, da die Herden der Grundherren zu
gro werden und der Eckern und Eicheln zu wenig, dem Roden des Waldes
widerstehen die Gemeinden und noch mehr die Huptlinge. Darum meinen viele, die
Zeit sei gekommen, wo unser Volk wieder siedeln mu jenseits der Landesmark wie
zur Zeit der Vter und der Ahnen. Und wir fragen in den Drfern, wo ist leeres
Land zum Besiedeln auf der Mnnererde? So sprach Mivergngen im Volke, und
unsere Jungen werden dem zufallen, der ihnen freien Ackergrund bietet, selbst
wenn es der Knig wre. Das sage ich, um zu warnen, denn gefhrlich ist die
Habgier der Herren, wenn sie die Waffen des Volkes fr sich begehren. Dennoch
rate ich nicht, da wir die Gste dem Knig ausliefern. Will der Knig mit
Gewalt sie entfhren, so mge er es versuchen. Auch mir erregt der Gedanke
Grimm, da die Knaben des Knigs mir die Rinder wegtreiben und die Scheuer
anznden mchten, aber von unserem Recht lasse ich mich nicht abdrcken,
jedermann wird es fr unrecht halten, wenn wir die Gste im Schneesturm
austreiben. Und lieber will ich mit meinem Hofe untergehen, als ihnen aus Furcht
das Gelbnis brechen.
    Wieder sprang Rothari auf, schlug vergngt in die Hand des Bauern und rief:
So spricht ein wackerer Nachbar, hrt auf seine Worte.
    Endlich begann auch Albwin mit gewinnender Miene: Was der Freie gesagt, dem
falle auch ich zu. Ich rate, wir halten den Eid, der uns vielleicht lstig wird,
wenn die Gste daran mahnen und sich unsern Schutz begehren. Wollen sie aber
freiwillig aufbrechen, so geben wir ihnen Frderung und Gastgeschenke, damit sie
ungefhrdet ziehen, wohin ihnen der Mut steht. Dem Knig aber liefern wir sie
nicht in die Hand, auer mit ihrem freien Willen.
    Da stimmte die Mehrzahl bereitwillig bei, auch der Frst und Sintram. Aber
Rothari rief zornig: Ihr wollt handeln wie der Fuchs mit der Buerin, als er
ihr sagte: Ich gelte dir das Huhn, aber fordere nichts. Und Isanbart warnte:
Wie mgt ihr die Pflicht auf die Seele des Gastes legen, die auf euch und euren
Kindern liegt. Wer kann den Wirt loben, der die Gromut des Gastes anruft.
    So stritten die Waldleute gegeneinander, und zwiespltig blieb die Meinung.
    Unterdes sang Hildebrand im Hofe laut den Jgerspruch und blies auf dem
groen Horn die Weidgesellen zusammen. Gerstet mit Speer und Armbrust, die
Bracken an der Leine, eilten die Thringe aus dem Hoftor; mit dicken Speereisen,
mit Hornbogen und Keule kamen die Vandalen, welche der Hunde entbehrten.
Hildebrand schied den Jagdzug in zwei Haufen, Hofmannen und Gste, die Mnner
aus der Landschaft teilte er beiden zu. Die Jger sprachen leise den Weidsegen,
dann begann Berthar zu dem Jagdmeister: Schlecht wird es deinen Gsten ohne
Hunde auf glattem Pfad gelingen, sorge wenigstens, Held, da du doch die Gnge
des Wildes kennst, da mein Haufe nicht vergeblich den Schnee drckt, denn auch
der schnelle Fu vermag nimmer Wild zu erreichen, wo keines vorhanden ist.
Manchmal hast du uns in die Irre gesandt, fern von den Fhrten der Waldriesen;
achte, wenn dir's gefllt, heut darauf, da wir nicht vor den Gaugenossen
gekrnkt werden.
    Wer Glck und Geschick entbehrt, schilt den Treiber, versetzte Hildebrand,
du mahnst ohne Grund, ich habe billig geteilt. Das Horn rief, die Hunde
zerrten an den Riemen, frhlich brachen die Jger auf und grten die Frauen,
welche der Ausreise am Hoftor zusahen. Als die Vandalen bei Irmgard
vorberzogen, erhoben sie pltzlich hellen Jubelruf und neigten die Waffen und
Knie vor ihr. Auch Ingo trat von der Seite in ihre Nhe.
    Du allein, Held, hrst nicht auf den Jagdgesang? fragte Irmgard.
    Noch andere bleiben zurck, versetzte Ingo, nach der Halle weisend.
    Zweifle nicht an ihrer Treue, flehte Irmgard. Wenn du bei deinen Helden
bist, sorgen wir nicht sehr, da wieder ein Feuer zwischen ihnen und unseren
Mnnern aufbrennt. So mahnte ihn das Weib, welches er liebhatte, selbst zu der
Jagd, die manchem kummervoll wurde.
    Ingo rstete sich schnell mit dem Jagdzeug und eilte den Genossen nach, er
erreichte sie noch vor der Teilung und wurde von seinen Kriegern mit Zuruf
empfangen, auch die Landgste freuten sich seiner, und als gute Gesellen
betraten alle den Wald. Hildebrand wies die Pfade, und von den Jnglingen des
Dorfes gefhrt, verschwand ein Haufe nach dem andern in den Talwindungen und
zwischen den Hochstmmen. Bald erschollen aus der Ferne die Schlge der Treiber
an die Stmme, das Gebell der Hunde und zuweilen ein lustiger Hornruf. Diesmal
hatten die Vandalen den besseren Erfolg, sie beschlichen eine Auerherde,
darunter den mchtigen Stier, der bereits im Hofe verkndet war, und ihnen
gelang es, die Herde von der Hhe in ein tiefes Tal zu treiben, wo die
Schneewehen den groen Leibern der Tiere den Lauf hinderten. Dort warfen sich
die Mnner von oben gegen die riesigen Stiere, mit gellendem Jagdruf, mit
Pfeilschu und Speerwurf drangen die Gesellen vom Rand der Hhe talab. Und sie
fllten die Herde, nur ein Huptling der Tiere, das Ungetm, brach durch zu
wegsamerer Stelle. Da warf Ingo das schwere Eisen gegen ihn, ein Blutstrom ergo
sich nach dem Wurf. Er hat es! rief Ingo, und der Heilruf der anderen
antwortete. Aber der Waldriese arbeitete sich empor bis zum Hochwald, in weiten
Sprngen folgte ihm speerlos Ingo, sein Messer schwingend. Wieder brach das
Tier, den Speer schleppend, in ein tiefes Tal, und whrend Ingo auf der Hhe
vorwrtsstrmte, um ihm auf schneefreiem Grunde zuvorzukommen, hrte er unten
Gebell der Hunde, Jagdruf und Hornklang, und als er sich in das Tal warf, fand
er den Stier am Boden, den Speer Theodulfs im Leibe, der Mann aber stand auf dem
Tier und blies den Siegesruf. Mein ist das Wild nach Weidrecht, rief Ingo und
schwang sich auf den Leib des Gefllten, mein Speer gab ihm den Todeswurf.
ber der Beute standen die Mnner gegeneinander, und heier Ha sprhte aus
ihren Augen. Mein ist die Waffe und mein der Stier, rief Theodulf. Da ri Ingo
den Speer des andern aus dem Leib des Stiers und warf ihn weitab, so da er in
den sten einer Fichte hngenblieb. Dem Thring schlugen vor Wut die Zhne
zusammen, einen Augenblick machte er Miene, sich im Faustkampf gegen Ingo zu
strzen, aber die stolze Haltung des Mannes verwirrte ihm den Gedanken, er
sprang zurck und hetzte die Meute der Hunde gegen Ingo. Heulend fielen die
wtenden Tiere den Helden an, vergebens schrie Hildebrand: Wehe! Ingo stie
mit seinem Messer das grimmigste nieder, aber auch die Vandalen sprangen herzu,
den Knig aus der Not zu retten, und trieben ihre Eisen den Hunden in den Leib.
Geendet ist die Jagd! rief Berthar befehlend, jetzt beginnt eine andere, der
Bube darf die nchste Sonne nicht schauen, der die Hunde auf unseren Knig
gehetzt hat. Heut waren wir Hundeschlger, wie du uns nanntest, und der letzte
Hund, den wir schlagen, bist du. Er hob die Keule zum Wurf, aber mit eisernem
Griff umklammerte ihm Ingo den Arm: Keiner wage ihn zu berhren, der Mann
gehrt meinem Schwert. Du aber, Hildebrand, lade die Richter zum Weidgericht,
auf der Stelle vor blutiger Spur und erlegtem Wild entscheidet ber mein Recht.
Die beiden Haufen whlten gesondert jeder einen Mann, diese den dritten. Die
Richter schauten die Wunden, folgten der Todesspur bis zu der Stelle, an welcher
Ingos Eisen den Stier getroffen, dann kehrten sie zurck, traten zusammen und
sprachen das Urteil: Dem Helden Ingo gehrt die Beute. Ein wildes Lcheln flog
ber das Antlitz des Knigs, er kehrte dem Stier den Rcken. Ich rate, begann
Hildebrand mit trber Miene, da die Haufen nicht in gleicher Zeit zum Hofe
ziehen, gefllt's euch, ihr Helden, so nehmt den Vortritt.
    Die leichtesten seid ihr, versetzte Berthar, meine Gesellen werden Mhe
haben, ihre Beute aus dem Walde zu schleifen. Dennoch meine ich, da wir auf die
Jagdehre nicht verzichten, denn von dieser Jagd wird im Lande noch lnger
erzhlt. Schweigend schritten die Bankgenossen des Herrn Answald dem Hofe zu,
nur Theodulf sprach in seiner hochfahrenden Weise, um durch die Worte den Grimm
zu bewltigen, der in ihm kochte; ohne Jagdruf betraten sie den Hof, Hildebrand
eilte zum Frsten. - Es war finster, als die siegvolle Schar mit ihrer Beute
ankam. Blast den Freudenruf, rief Berthar, wie so reicher Beute gebhrt. Der
Halagesang ertnte, aber niemand ffnete das Hoftor, und Wolf mute vorspringen
und den Querbaum zurckschieben. Die Vandalen legten die Jagdbeute vor dem Hause
des Frsten nieder, schieden grend von den Genossen aus Thringen und
sammelten sich still in ihrer Herberge.
    Der Hof lag finster, und der Wintersturm heulte ber den Dchern, aber in
allen Husern und in der Halle summte das Gerusch halblauter Rede.

                                  Der Abschied


Zum Notkampf auf der Aue, den die Sonne nicht schauen darf, schritt im Grau des
nchsten Morgens Ingo mit seinen Schwertgesellen Berthar und Wolf. Unter ihren
Fen chzte der Schnee, der Nachtwind fuhr um ihre Hupter und trieb
Schneeflocken von den Bergen in das Tal; die schwarze Wolkendecke barg alles
Himmelslicht, nur die Geister des Todes herrschten auf der Erde, sie schrieen
aus dem Winde, sie rasselten in den drren Bumen und rauschten im Eiswasser die
Kunde, da von zwei Eidgesellen eines Herdes der eine geschieden werden sollte
vom Sonnenlicht, damit er hinabsteige in das kalte Nebelreich. Berthar wies
schweigend in die Dmmerung, auf der anderen Seite des Baches standen drei
Mnner, es war Theodulf mit Sintram und Agino, seinen Genossen. Ihre Fe waren
schneller, sprach Ingo unzufrieden, rhme die, welche zuerst der Nebelaue den
Rcken kehren. Vor ihnen lag die Sttte des Kampfes, ein sandiges Eiland mit
dnner Schneedecke, auf beiden Seiten vom strudelnden Wasser umgeben. Die
Schwerthelfer grten einander lautlos ber den Bach, sie schritten zu den
Weiden am Uferrand, schnitten starke Zweige und schlten mit dem Messer die
Rinde. Dann sprangen Berthar und Sintram durch das Wasser, beide betraten zu
gleicher Zeit den Grund der Aue und steckten den Kampfplatz mit weien Stben
ab. Darauf trat jeder von ihnen an eine Spitze des Eilandes, der eine stromauf,
der andere stromab, und winkte seinem Kmpfer mit dem Arm. Die Kmpfer neigten
sich vor den hilfreichen Gttern und murmelten den Notsegen, dann wateten sie
durch das Wasser zu ihren Gesellen. Die Helfer wichen zurck ber den Bach, und
die Todfeinde sprangen gegeneinander, schildlos in Helmkappe und Panzerhemd mit
geschwungenem Schwert. Stahl schlug an Stahl, um sie sthnte der Wind und
rauschte das Eiswasser. Es war harter Mnnerkampf, nicht unwert erwies sich
Theodulf des Ruhmes, den er unter seinen Genossen hatte, eine Weile drhnte der
Streit, der so schnell zum Tode fhrt, und Berthar sah unzufrieden das Rot am
Morgenhimmel, den Boten des Tages. Da strauchelte Theodulf unter schwerem
Schlage, und wieder sprang Ingo nach ihm und zerbrach ihm mit starkem
Schwertstreich das Haupt durch den Eisenhelm, da ein Blutstrom herausbrach und
der Mann des Frsten rckwrts auf den Schnee sank. Ingo schwang sich ber ihn
und erhob das Schwert, ihm mit der Spitze die Gurgel zu durchstechen. In
demselben Augenblick brach der erste Lichtstrahl ber die Hgel, der rote Schein
fiel auf das Angesicht des wunden Mannes, Sintram verga in der Todesangst das
gebotene Schweigen und schrie ber den Bach: Schone sein, die Sonne sieht's.
Bei dem Lichtstrahl und dem Schrei fiel ein weicher Gedanke in die grimmige
Seele des Siegers, er zuckte das Schwert zurck und sprach: Die Herrin soll's
nicht schauen, da ich dem Gastfreund seinen Mann durchsteche. Lebe, wenn du
kannst, er wandte sich ab. Theodulf murmelte am Boden, die Faust gegen ihn
erhebend: Ich danke dir's nicht. Ingo aber sprang durch das eisige Wasser ans
Ufer und wandte der Insel und dem Gefallenen den Rcken, whrend Berthar
vorwurfsvoll sagte: Zum erstenmal kargte der Knig, als er einem Todfeind das
Reisegeld in das Nebelland zahlte.
    Ich sorge nicht um eines Mannes Rache, der unter meinem Schwert lag,
versetzte Ingo. Schweigend folgten ihm seine Schwertgesellen, whrend die Helfer
des anderen ber das Wasser drangen und an der Rstung des Verwundeten zerrten.
    Vor der Gastherberge standen die Vandalen im Haufen gerstet, ihren Gru, da
sie den Knig gerettet von der Aue zurckkehren sahen, hemmte Berthar. Im Hofe
sammelten sich die Mannen des Frsten und die Landgenossen in finsterer
Erwartung, bis der Weheruf Sintrams erscholl und hinter ihm zwei Mnner den
gefllten Helden auf einer Bahre in den Hof trugen. Als die Bahre vor dem Hause
der Frauen niedergesetzt wurde, strzte die Frstin heraus, warf sich mit lautem
Schrei neben dem Verwandten nieder und hob die Arme flehend zu ihrem Gemahl. Dem
starren Schweigen im Hofe folgte wilde Bewegung. Racheruf und Geschrei; die
Landgenossen, die Hupter des Volkes eilten beschwichtigend von einem Haufen zum
anderen, auch sie bedachten sorgenvoll, da ein Feuer aufgebrannt war, welches
schwerlich durch klugen Rat gelscht wurde.
    Zuerst geriet Wolf in Bedrngnis. Als er zu seinen alten Bankgenossen trat,
welche in gedrngtem Schwarme vor dem Krankenhaus standen, da gaben sie ihm
feindselige Blicke und wendeten die Rcken, und Agino sprach: Wer im Waffengang
gegen unseren Gesellen gestanden hat, der ist geschieden von unserer Bank, und
wenn ich dir zum letztenmal Gutes raten soll, so meide unsere Nhe, damit dir
nicht kaltes Eisen fr deinen Verrat zahle.
    Ihr handelt schmachvoll an dem Genossen, entgegnete Wolf heftig, ehrlich
habe ich mich gehalten nach meinem Schwur, den ihr damals alle rhmtet; wie
durfte ich mich meinem Herrn versagen in der Not zwischen Wasser und Heide?
    Warst du sein Geselle in der Not, versetzte der andere, so birg dich in
seiner Kammer und zeche unter seinen Fremden den Met, den er dir schenkt; denn
verhat ist uns dein Name und getilgt sei dein Gedchtnis in unserem Ringe.
    Auch Hildebrand trat zu ihm und begann feierlich: Seit du ein Knabe warst,
kenne ich dich, und gern mchte ich dir Gutes raten, wenn ich vermchte; aber es
ist ein alter Spruch: wo der Herr gleitet, fllt der Mann zur Erde. Auch wenn
unser Frst Answald dir wohlmeinend ist, er vermag dich nicht zu schtzen gegen
den Grimm des Hofes. Vielleicht berede ich ihn, da er dich freigibt von deinem
Hofeid, dann wandere mit deinem Schwert und suche dein Heil in der Fremde.
    Wolf trat zur Seite an die Hofmauer und barg sein heies Gesicht vor dem
Blick der Genossen.
    Ist dein Reisegepck so schwer, da du weinst wie ein Kind, das die
Wanderschaft frchtet? sprach eine Frauenstimme neben ihm. Wolf antwortete
erbittert: Da auch du mich hhnst, Frida, ist rger als das andere, denn um
deinetwillen war ich froh in dem Hofdienst.
    Es gibt wohl andere Hfe als diesen Saal, der abseit liegt von dem
Reisepfad der Helden, wo ein Krieger leichter die Gunst des Herrn gewinnt und
vielleicht auch Haus und Land, damit er sich einem Weibe vermhle. Mir gefllt
nicht die Bank der Helden, an welcher ein Weib gebietet.
    Du rtst mir zu gehen, antwortete Wolf in hellem Erstaunen, und du selbst
bleibst doch hier.
    Fr die Kunkel bin ich geschaffen, und ich mu harren, bis mich ein Mann
auf sein Ro hebt und in seinen Hof fhrt. Aber verchtlich dnkt mich eine
Herrschaft, welche zuerst vor dem Gaste die Arme ausbreitet und dann bengstigt
wird durch seine Gegenwart. Schwinge dich auf, trabe mutig ber die Heide und
suche dir einen treueren Herrn.
    Du warst selten freundlich gegen mich, Frida, dennoch kommt mir's schwer
an, dich unter den Hofknaben zurckzulassen, versetzte der ehrliche Wolf.
    Vielleicht weiche auch ich einmal aus dem Hofe, antwortete Frida trotzig.
War ich auch zuweilen hart gegen dich, Wlflein, so wisse doch, da ich die
Tlpel dort hasse, seitdem sie dir die Genossenschaft weigern. Sie sah ihn
freundlich an und verschwand, Wolf schritt getrstet nach der Herberge der
Gste.
    Was raunen dort die stolzen Knaben untereinander? fragte ihn Berthar
prfend.
    Sie haben sich von mir geschieden, antwortete Wolf finster, weil ich mit
dem Knig Ingo zur Aue ging.
    Und was meinst du zu tun, junger Thring?
    Ich habe mich deinem Herrn gelobt, antwortete Wolf. Berthar fate ihn bei
der Hand. So spricht ein wackerer Mann. Immer hast du mir gefallen, denn du
warst treu im Dienst und gutartig gegen meine Gesellen. Jetzt will ich sorgen,
soweit ich vermag, da dich die Wahl nicht reue. Tritt zunchst abwrts von uns
zu dem Helden Isanbart, damit er dich schtze und dir durch seine Frsprache von
dem Eide helfe, der dich an den Hofherrn bindet. Dann kehre dich zu uns. Einen
Sohn haben mir die Gtter versagt, ich will dich halten wie mein eigen Blut, den
letzten Trunk teile ich mit dir, und mein letzter Schwertschlag sei an deiner
Seite. Willkommen in unserer Mitte zur Wanderung auf der Mnnererde, zum Gewinn
von Beute und zum seligen Ende in der Mnnerschlacht.
    Aber auch Irmgard empfand die Verstrung dieses Morgens. Wo ist die
Tochter? rief der Frst am Lager des Verwundeten, da sie mit ihrer Heilkunst
der Mutter helfe.
    Leise, damit kein anderer die Worte hre, antwortete die zornige Frstin:
Ungehorsam weigert sie, seinem Lager zu nahen. Herr Answald trat heftig in
Irmgards Gemach, die Wange der Jungfrau war erblichen, aber ihr Auge mied nicht
den zornigen Blick des Vaters. Am Lager deines Verlobten ist dein Sitz, du
Kaltsinnige! rief er ihr zu.
    Hassen wrde ich mich selbst, htte ich mein Leben jenem gelobt,
antwortete Irmgard unbeweglich.
    Der Vater tat es fr dich, und htte ich's nicht getan, von deinem
Geschlecht ist er und mein Waffengenosse. Ehrst du so wenig, was die Sitte von
dir heischt?
    Auch ich gedenke, mein Vater, was deinem Kind geziemt. Er, der getroffen
liegt von wohlverdientem Schlage, hat die Meute gehetzt gegen unseren
Gastfreund. Bin ich ein Kind dieses Hauses, so ist er mir fortan ein Fremder und
ein Feind.
    Wie eine Wahnwitzige redest du. Wohl kenne ich den argen Wunsch, der dir
den Sinn betrt; zu lange habe ich nachsichtig das Unleidliche getragen. Er hob
den Arm gegen die Tochter.
    Tte mich, mein Vater, schrie Irmgard, du hast die Macht, aber auf meinen
Fen trete ich nimmer zu dem Bett des argen Mannes.
    Bist du jetzt so entschlossen, rief der Frst auer sich, so sollst du
doch dem Zwange dich beugen. Ich gehe, den Quell abzuleiten, der diesen Jammer
in meinen Hof treibt. Du aber lebe gesondert als Gefangene, bis dein trotziger
Mut sich fgt. Drohend verlie er das Gemach und schritt ber den Hof nach dem
Herdsitz. Dort sammelten sich die Gaugenossen, dorthin wurde auch Ingo von zwei
Huptern des Volkes geleitet.
    Das Antlitz des Frsten war rot vor Zorn, und ihm bebte die Stimme, da er an
seinem Herdfeuer in der Versammlung begann: Zum Tode verwundet hast du, Ingo,
Ingberts Sohn, meinen Schwerttrger Theodulf, einen Edlen des Volkes, den
Verwandten meines Ehegemahls, den Sohn, dem ich meine Tochter zur Hausfrau
gelobt; geschdigt hast du ihn an Leib und Leben in heimlichem Kampf, den die
Sonne hat; gekrnkt hast du meine Ehre, verletzt die Gastpflicht, gebrochen den
Eid, darum weigere ich dir fortan den Frieden meines Hauses und Hofes, ich lse
das Bndnis, das einst die Vter verband, die Flamme des Herdes tilge ich, die
jetzt noch wrmt, und das Wasser verschtte ich, ber dem wir einander
gastlichen Frieden gelobt. Er schwenkte den Herdkessel empor und go ihn in die
Flamme, da der weie Dampf sich zischend im Hause verbreitete.
    Ingo aber rief dagegen: Eine Nottat verbte ich, bis zum Tode gekrnkt an
meiner Ehre, wie sie jeder ben mu, der nicht achtlos im Volke leben will. An
deinen gastlichen Herd dachte ich, als der arge Mann unter meinem Schwerte lag
und ich die Spitze zurckzog. Fr das Gute, das ich unter deinem Dach genossen,
danke ich dir noch jetzt beim Scheiden; vor dem Argen, das du und deine
Freundschaft mir fortan sinnen, werde ich mich bewahren. Wie du die Flamme
getilgt, die mir gastlich geleuchtet, so werfe ich das Gastzeichen, das dein
Vater meinem Vater bergab, in die kalten Kohlen deines Herdes, ab tue auch ich
die Gastpflicht, die mich hier band, als ein Fremder kam ich und als ein Fremder
gehe ich; den Gttern, den hohen Schwurzeugen klage ich das Unrecht, das du an
mir und meinem Geschlecht verbst, und ihren Segen erflehe ich fr jeden, der in
diesem Hofe und Lande mir Gutes wnscht. Er wandte sich zum Abgang, da erhob
sich Isanbart und sprach: Bist du durch eine Nottat verfeindet unserem
Huptling, den wir ehren, so bist du noch nicht verfeindet dem Volk, das dir
durch unseren Mund den Frieden gelobt hat. Willst du harren, bis die Gemeinde
ber deinen Zwist mit Herrn Answald entschieden hat, so bist du willkommen mit
deinem Gesinde im Hofe und am Herd eines Alten, der einst im Kampf an der Seite
deines Vaters gestanden hat.
    Ingo trat zu dem Greis und neigte sich tief vor ihm: Segne mein Haupt, o
Vater, bevor ich scheide. Denn unrhmlich wre mir, fortan noch im Gaue zu
verweilen und Zwiespalt in den Drfern aufzuregen. Deiner Treue denke ich aber,
solange ich atme.
    Der Greis legte ihm schweigend die Hand aufs Haupt, dann trat Ingo auf die
Schwelle. Mit Zorn und Sorge sah der Frst, da sich ein Teil seiner
Landgenossen erhob, den Scheidenden zu geleiten. Isanbart bot dem Fremden die
Hand und fhrte ihn durch die Schar der Hofmannen, welche, bewaffnet mit
drohenden Gebrden, um die Tr drngten; diesen gegenber hielten auf ihren
Rossen die Vandalen, bereit zum Aufbruch und, wenn es not war, zum Kampfe. Aber
die Wrde der Volkshupter bndigte den Grimm der Jngeren; Ingo schwang sich
auf sein Ro, das ihm Berthar zufhrte, noch einen langen Blick warf er zurck
in den Hof, dann trieb er sein Ro zum Sprung durch das Hoftor, ihm folgte
ebenso die Schar seiner Mannen. Als die Hofgenossen ihnen Drohworte nachriefen,
gebot die zrnende Stimme Isanbarts Schweigen. Der Frst aber sa stumm in
schweren Gedanken an seinem kalten Herde.
    Hinter den Reisenden klapperten auf dem gefrorenen Boden Rohufe, Bero trieb
sein Pferd an Ingos Seite und begann, nachdem er eine Weile neben ihm geritten
war: Ich war's, der deine Gesellen dir zufhrte, heut mchte ich dir guten
Willen erweisen; das Dorf, in dem ich hause, liegt auf deinem Wege, la dir's
gefallen, Held, bei mir einzukehren und Bauernkost zu versuchen.
    Ich rate, Herr, sprach Berthar, da du der Ladung des Freien folgst, denn
wohlgesinnt habe ich ihn gefunden und von klugem Rat.
    Du bist nicht der einzige deines Geschlechtes, der es mit uns gut gemeint
hat, da wir im Herrenhofe waren, versetzte Ingo mit trbem Lcheln. Und die
Helden verabredeten den Besuch, worauf Bero zufrieden seinen Gaul in einen
Seitenpfad lenkte.
    Ihm folgte mit lautem Zuruf Rothari. Eure erste Einkehr sei in meinem
Hofe, rief der runde Mann und streckte seine Hand vom Ro aus, um vielen die
Hand zu schtteln. Wirf die Sorgen hinter dich, Held, und grolle nicht mit uns
anderen, weil du in Unfrieden von einem scheidest, und neben Ingo reitend, fuhr
er vertraulicher fort: Auch in unserem Gau wird mancher Mann sich wundern, da
dein Schwert einem Znker nicht die letzte Ehre vergnnt hat, denn der Mann und
sein Geschlecht haben Feinde im Volke, weil sie unbillig sind, und ich bin auch
einer davon. So trabte er mit trstlichen Worten unter den Gsten, wirbelte
zuweilen seinen Speer in der Luft und erzhlte lustige Fahrten, bis auch die
Fremden zuhrend lachten.
    Als am nchsten Morgen der erste Dmmerschein in das dunkle Gemach fiel,
erhob sich Irmgard leise vom Lager, damit sie die schlafende Wchterin nicht
wecke, und sprach bei sich selbst: Mir trumte, oben am Giebach steht der
eine, der mich erwartet. Vereist ist das Ufer der rinnenden Flut, gelst ist der
Fichtenbaum, der an unserem Boden hing, talab treibt er mit dem Wasser zwischen
Eis und Steinen, und nimmer sehe ich ihn wieder. Nicht wei ich, was ich noch im
Leben lieben soll, da er von uns wich. Sie warf eine dunkle Hlle um ihr
Gewand, ffnete leise die Tr und schritt ber den leeren Hof. Wer lst mir die
Riegel am Tor? sprach sie an der Pforte, aber als sie daran rhrte, fand sie
die Holzkeile des Sperrbaumes herausgetrieben. Sie ging durch das Tor und eilte
ber den Schnee den Bergen zu an die Stelle, wo sie frher den Geliebten
gefunden. Als sie aber nher kam und am Giebach eine hohe Gestalt in der
Dmmerung erkannte, erschrak sie und hielt an. Da eilte Ingo ihr entgegen: Ich
dachte dich zu finden an dieser Stelle, die Ahnung trieb mich auf schnellem
Rosse durch die Nacht.
    Unter die Feinde reitet der Knig, antwortete Irmgard, weil mein
Geschlecht ihm die Treue brach. Bitter ist der Gedanke, verhat ist mir das
Leben. Denn auch du wirst uns zrnen, wenn du in der Not an die Halle meiner
Vter denkst.
    Deiner gedenke ich, wo ich auch weile, rief Ingo, von dir hoffe ich alles
Heil meiner Tage. Die Liebste bist du mir, und stark ist dein Mut, darum lege
ich heut in deine Hand die Fden, an denen, wie die Priesterin sprach, mein
Schicksal hngt. Er bot ihr eine kleine Tasche von Otterfell mit starken Riemen
daran. Irmgard sah scheu auf die Gabe. Sie birgt den Drachenzauber, fuhr Ingo
leise fort, den Sieg der Rmer, wie unsere Krieger meinen, und auch mein Los.
In der Knigsburg hat der Rmer Gold gespendet, mglich ist, da die Mannen des
Knigs mir Unheil bereiten. Tten sie mich mit meinem Gesinde, so soll doch der
Rmer nicht wiedergewinnen, was, wie man sagt, ihm den Sieg verleiht. Darum
bewahre du mir den Purpur, bis ich ihn fordere; wenn aber den Feinden ihr Werk
gelingt, dann trage das Geheimnis zu dem Totenhgel, den sie ber mich werfen,
und senke es dort tief in die Erde, damit kein Fremder es jemals gewinne.
    Irmgard ergriff die Tasche, hielt sie mit beiden Hnden, und ihre Trnen
rollten darauf. Fremd wurdest du dem Herd meiner Vter, mein Gastfreund bleibst
du doch, Ingo, und nahe an meinem Herzen sollst du wohnen. Hier bewahre ich, was
du mir botest, und zu den Schicksalsgttern flehe ich, da dies Unterpfand auch
mir Anteil werbe an deinem Geschick. Wre ich als Knabe geboren, wie die Eltern
sich wnschen, ich drfte dir auf deinem Pfade folgen. Aber einsam werde ich
sitzen, mit verschlossenen Lippen im freudelosen Hause, und an dich werde ich
denken, den nur die Habichte schauen, die wilden Vgel, wenn sie zwischen Himmel
und Menschenerde fliegen. Denn ruhelos wanderst du, edler Mann, durch feindliche
Mauern unter wehendem Wind und fallendem Reif.
    Traure nicht, Holde, bat Ingo, denn ich frchte nicht, da es den Feinden
gelingen wird, mich auszutilgen; wirbelt auch kalter Schnee, mein Herz ist froh,
da ich dir vertraue, um die ich sorge. Bei Nacht und Tag ist mein Gedanke, wie
ich dich mir gewinne.
    Dem der Vater zrnt und den die Mutter hat, den liebt das Kind, gibt es
greres Leid auf Erden? klagte Irmgard.
    Da umschlang er sie mit seinen Armen und sprach zrtlich: Birg deine Liebe
still vor den anderen, wie der Baum seine Kraft in der Erde birgt, wenn der
Sommer weicht. Jetzt tobt um uns die wilde Gewalt des Winterriesen, mit weiem
Bahrtuch bedeckt ist die Wonne der Flur. Auch du, Holde, trage still die eisige
Last. Wenn die Knospen springen und junges Grn aus der Erde spriet, dann
schaue empor zur Frhlingssonne und lausche, ob du den Sang der wilden Schwne
hrst, wenn sie durch die Luft ziehen.
    Ich berge und harre, antwortete Irmgard feierlich, du aber denke, wenn
der Sturm um dein Haupt tobt, da ich zu dir klage und rufe, und wenn die milde
Sonne ber dir lacht, da ich um dich weine. Sie ri ein Band von ihrem Gewande
und knpfte es um seinen Arm. So binde ich dich fr mich, damit du auch
wissest, da du mir gehrst, wie ich dir, und sie warf die Arme um seinen Hals
und hielt ihn fest umschlungen.
    Von der Seite klang mitnend der Schrei eines Raubvogels. Der Wchter
mahnt, da du dich von mir wenden sollst, rief Ingo. Segne mich, Irmgard, da
meine Reise heilvoll sei fr dich und mich. Er neigte das Haupt unter ihre
Hnde, sie aber hielt die Arme ber ihn, bewegte die Finger und raunte den
Segen. Dann umfing der Mann sie noch einmal in heiem Trennungsweh und schwang
sich aufwrts in den Tannenwald. Irmgard stand wieder allein zwischen Feld und
Wald, und um sie wehte der Winterschnee.
    Spt am Morgen ritten die Vandalen aus dem Hofe Rotharis, unter ihnen Ingo
mit gehobenem Mut, obwohl er schwieg, denn seine Gedanken flogen zurck zu dem
Weib im Herrenhofe. Um Mittag kamen sie zu dem Dorf, das man im Lande freies
Moor nannte, wo die Hofsttte Beros stand. Die Sonne schien lustig auf das
weie Erdtuch, und an den Huptern der Weiden glitzerte der Reif. Die Brcke
ber dem Dorfgraben war mit grnen Fichtenzweigen geschmckt, am Wchterhaus
daneben standen die Landleute im Festkleide, vor ihnen Bero und seine sechs
Shne, krftige Jnglinge mit starken Gliedern und groen Hnden. Und Bero rief:
Als die letzten Gaugenossen wohnen wir an deiner Strae, und wir gedenken euch
warm zu halten unter unseren Rohrdchern, bis ihr in die Fremde reitet. Die
Reiter stiegen frhlich ab und schritten zwischen den Landleuten in das Dorf.
Wir teilen uns in die Bewirtung, fuhr Bero fort, damit jeder von den Nachbarn
Gastfreunde ehre, und gefllt es den jungen Gesellen, so mgen sie nach dem Mahl
mit unseren Knaben die Mdchen zum Tanze fhren in gerumiger Stube oder auf
gefegter Tenne, wie unser Brauch ist. Darauf ergriff er selbst den Zgel von
Ingos Ro und geleitete seine edlen Gste durch das offene Hoftor. Whrend seine
Shne die Rosse anbanden und den Hafer schtteten, traten die Herren vor das
Haus, auf dessen Schwelle Fridas Mutter mit ihren Mgden auf die Fremden wartete
und die sonnengebrunte Hand bot. ber dem gestampften Lehmboden der weiten
Hausflur stand ein gedeckter Tisch mit den Holzsthlen, von der erhhten Bhne
im Hintergrunde guckten blauugige, flachskpfige Kinder hervor und bargen, wenn
die Gste ihnen zulachten, verlegen die Kpfe hinter der Brstung. Rufe zum
Mahl, mahnte der Bauer seine Frau, und bringe das Beste, was wir vermgen,
denn die Gste sind Herrenkost gewohnt. Ingo lud die Wirtin neben sich auf den
Sitz, sie aber wehrte und trug selbst die Speisen auf und ab. Das dnkt mich
gute Gewohnheit, erklrte Bero, denn das Auge der Wirtin sieht am schnellsten,
was dem Gaste fehlt, und auch dem Wirte wird zuweilen lstig, wenn die Ohren der
Dienstleute auf das gesprochene Wort horchen.
    Viele Gerichte bot die Wirtin, endlos trug sie die Schsseln, und bei jeder
ntigte sie zu nehmen. Endlich fhrte der Wirt den Knig und Berthar in seine
Kammer, dort saen die drei am kleinen Tisch nieder, und er schenkte ihnen in
die Tpfe krftigen Met, vor Alter schwrzlich und dick wie Honigseim. Den
Trank hat meine Mutter gebraut, da sie in diesen Hof kam, sagte er empfehlend.
Er hob seinen Krug, brachte den Gsten den Heilgru und begann feierlich:
Unsere Alten verknden, da einst ein Gott die Edlen schuf, die freien Bauern
und die Knechte, da er ber den Erdgarten wanderte. Jeder Art verlieh er
besondere Gaben, euch Edlen, das Volk im Kampfe anzufhren, wenn wir euch
folgen; uns dagegen, im Sommer und Winter ber den Fluren zu walten, den
Knechten, sorgenvoll mit gekrmmtem Rcken zu arbeiten. Der Edle und der Freie -
beide knnen einander nicht entbehren. Ihr Helden vermgt nicht Ruhm zu
gewinnen, wenn wir euch nicht auf die Kampfheide nachziehen, und wir mgen nicht
sicher bauen, wenn ihr uns nicht durch Rat und Waffenwerk die feindlichen
Nachbarn abwehrt. Ihr habt die beste Ehre im Kampfe, denn selten feiert der
Snger die Kriegstat der Bauern, aber ruhelos ist euer Leben, und unstet fahren
die Geschlechter der Edlen dahin. Wir aber weilen dauerhaft auf dem Acker, und
wenn auch ein Wirt erschlagen wird und sein Hof verbrannt, so treten doch seine
Shne in die Schuhe des Vaters, zimmern und bauen wieder ber den Schollen.
    Die Gste freuten sich der guten Rede und nickten ihm Beifall. Und bedchtig
fuhr Bero fort: So habe ich nun euch, ihr Helden, durch manche Woche beachtet,
und ich habe erkannt und vernommen, da ihr billig denkt und in guter Zucht
lebt. Darum meine ich, wir knnten wohl einander ntzlich sein. Hofft vllig
nichts von unseren Edlen, manche unter ihnen wissen sich selbst nicht zu
beraten; und erwartet nichts von dem Knige, denn er hegt Argwohn und Neid gegen
jedermann, der ihm nicht dient. Versucht darum euer Heil mit den Bauern. Als ich
dich, Held Berthar, vom Sden herfhrte, da sprach ich bereits ein wenig von
meinem Geheimnis, wie man mit einem Fremden spricht; heut aber will ich euch
vllig vertrauen. Gastfreund bin ich von den Ahnen her mit freien Mnnern am
Idisbach. Sie gehren einem redlichen Volk zu, man nennt sie die Marvinge.
Blutsverwandt sind sie uns Thringen, lngst aber hausen sie fr sich als ein
kleiner Stamm in den Tlern am Bach der Idis, der hohen Schicksalsfrau. Sie
haben vor Jahren ihr Herrengeschlecht und die besten Krieger verloren, weil
diese sich ihnen verfeindeten und nach Ruhm und Beute westwrts unter die
Franken zogen.
    Seitdem sitzen die Zurckgebliebenen, bedrngt von unseren Siedlern, jenseit
der Berge und sdwrts gegen den Main von den Burgunden. Unleidlich ist ihnen
die Doppelzwinge geworden, und ein Teil bereitet sich in der Stille, wenn die
Bume wieder grne Reiser treiben, gleichfalls auszureisen und den Frsten
nachzuziehen. Deshalb ritt auch ich im Herbst ber die Berge, um Rosse und
Zugochsen zu vertauschen gegen ihre Schweine, die sie nicht selbst schlachten
wollen. Dort sah ich wonnevolles Weideland, billig zu kaufen, und ich dachte an
die Knaben in meinem Hofe. Die Gastfreunde aber klagten mir, soviel ihrer jetzt
noch im Land der Vter bleiben wollten, da ihrem kleinen Bienenschwarm der
Weisel fehle, denn sie entbehren ein Herrengeschlecht, welches fr sie mit den
Nachbarn gute Freundschaft halten knnte oder auch rhmlichen Streit fhren
gegen die raublustigen Edlen an der Grenze. Die Bauern im Idistale aber wollen
nicht Thringe, nicht Burgunden werden, sondern ihre eigene Art behalten und
wollen sich lieber mit einem fremden Geschlecht zusammenschwren, als mit
unseren Edlen, am wenigsten aber mit den Knigen. Darum denke ich an dich, Held
Ingo. Denn euer sind wenige, ihrer sind mehre, und ihr vermgt nicht, sie zu
bedrcken. Dorthin rate ich dir im Frhjahr zu gehen. Ob es euch zum Heile wird,
da mt ihr selbst zusehen, aber manchem, der das Land baut, wre es Vorteil,
und darum rate ich's euch.
    Achte auf seine Rede, mein Knig, rief Berthar, dies ist die beste
Botschaft, die du seit lange gehrt, und wahrhaft jedes Wort; ich selbst sah das
Land und sprach die Mnner. Vom Main waren wir nordwrts geritten ber die
Grenze der Burgunden, durch mageren Kiefernwald und sandige Heide, da erblickten
wir von der Hhe ein weites Tal, darin ein rinnendes Wasser, das sie den Bach
der Schicksalsfrau, der heiligen Idis, nennen. Steile Hgel mit Laubwald, auf
der Wiese so hohes Gras, da unsere Rosse Mhe hatten durchzuschreiten. Dort
wei ich eine Berglehne, wohl geeignet fr eines Knigs Burg: wie von einer
Warte sieht man ber das Idistal und ber die Wlder bis weit hinter den Main.
    Ingo lachte. Auch du, grauer Wanderer, hoffst auf Zimmerarbeit und einen
warmen Sitz am eigenen Herde? Seltsam ist das Schicksal des Fahrenden, der Frst
weist mich von seinem Hofe, der Bauer bietet mir ein Land, gerade da wir wieder
dahinziehen ohne Haft auf dem Boden, der Wolke hnlich, die unter der Sonne
treibt. Nur eines frchte ich, du verstndiger Wirt: durch die Mauern des Knigs
Bisino mu ich zu dem Idisbach reiten.
    Meide den Knig, mahnte Bero, weiche ber die Grenze, so wirst du seiner
ledig.
    Zrne nicht, antwortete Ingo, wenn ich diesmal in die Gefahr springe wie
ein fahrender Recke und nicht herumgehe wie ein sehafter Mann. Ich selbst habe
dem Knig auf seine Ladung die Antwort gegeben, da ich kommen werde, und ich
halte mein Wort, obgleich er mir abhold ist. Auch du wirst die Fahrt nicht
schelten. Denn meide ich jetzt noch den Knig, so erkennt er meinen feindlichen
Sinn, und wenn unsere Knaben, wie du willst, im Frhjahr einen Holzring unweit
seiner Landesmark zimmern, so wrde seine Rache den Siedlern am Idisbach schnell
ein finsteres Schicksal bereiten. Er ergriff die Hand des Bauern. In anderem
will ich deinem Rate folgen, und darum sage mir jetzt, wie ich um den Landbesitz
mit deinen Gastfreunden handeln soll, damit wir uns in der grnen Reisezeit
durch Bndnis vereinen.
    Die Helden neigten die Hupter und saen lange in Beratung, whrend drauen
die Schalmei und Sackpfeife tnte und die jauchzenden Paare zum Tanze zogen.

                               Ingo am Knigshofe


Auf einer Anhhe hielt Wolf, der den Vortrab fhrte, und wies mit der Hand in
die Ferne. Vor der reisigen Schar erhob sich aus der schneebedeckten Landschaft
der mchtige Steinbau einer Knigsburg, hohe Mauern, dicke Trme mit Zinnen,
dazwischen die rotbraunen Ziegeldcher der Knigshuser, ein schreckhafter
Anblick fr die Landgenossen. Leicht mgen die Vgel in solchen Kfig
hineinkommen, aber herauszufliegen wird nicht jedem gelingen, brummte Berthar.
Ein kurzer Hornton klang von den fernen Zinnen. Dort rhrt sich der Trmer,
jetzt trabt, damit sie unseren Eifer erkennen.
    Durch einen Hohlweg zwischen zwei Felsen ritten die Fremden dem steinernen
Auenwerk zu, welches der Brcke vorgebaut und auf seiner Hhe mit bewaffneten
Mannen besetzt war. Die Knaben haben die Tore geschlossen, um sich auf unseren
Besuch zu bereiten, rief der Alte und schlug an den eisernen Klpfel des Tores.
Von der Hhe fragte der Trmer nach Namen und Begehr. Ingo antwortete. Aber
lange harrte die Schar, und ungeduldig stampften die Rosse, bevor das schwere
Tor sich knarrend ffnete und die Brcke dahinter zur Erde sank. Die Reiter
sprengten in den Hofraum der Burg, an allen Tren drngten sich bewaffnete
Mnner; der Sprecher des Knigs trat den Gsten entgegen, noch einmal klang
Frage und Antwort, dann riet der Mann mit umwlkter Miene abzusteigen und
geleitete die Helden, welche ihre Rosse am Zgel fhrten, vor die groe
Knigshalle. Wo weilt der Wirt? rief Berthar unwillig gegen den Sprecher,
mein Herr ist nicht gewhnt, die Schwelle des Hauses zu betreten, bevor der
Hauswirt darauf steht. Aber in dem Augenblicke ffnete sich die Tr der Halle,
Knig Bisino stand im Kreise seiner Edlen am Eingang, neben ihm Frau Gisela.
Ingo trat auf die Stufen und neigte sich. Lange haben wir vergeblich auf dich
gewartet, Fremdling, und sumig war der Lauf deines Rosses aus dem Walde zu
meinem Sitz, begann der Knig mit dsterem Blick. Sogleich aber trat Frau
Gisela einen Schritt vor, sie bot dem Helden die weie Hand zum Willkommen und
winkte grend mit dem Haupt seinem Gefolge zu. Da ich ein Kind war, nicht
grer als hier mein Sohn, sah ich dich, Herr, in der Halle der Burgunden; aber
wir denken vergangener Zeit und alter Freundschaft. Reiche dem Vetter die Hand,
befahl sie dem Knaben, und siehe zu, da du ein Held wirst, gerhmt in dem Volk
wie er.
    Das Kind hielt dem Gaste die Hand hin, Ingo hob den Kleinen zu sich empor
und kte ihn, und der Knabe hing sich sogleich vertraulich um den Hals des
Mannes. Jetzt trat auch der Knig nher; zwischen dem Knigspaar schritt Ingo in
die Halle und tauschte mit beiden Worte der Begrung, bis der Knig dem
Sprecher befahl, die fremden Gste zur Herberge zu fhren. Ingo kehrte zu seinem
Gefolge zurck, die Mienen der Thringe wurden freundlicher, ein und der andere
Krieger trat zu den Fremden, begrte sie und begleitete sie an den Saal, der
zur Wohnung der Gste bestimmt war. Die Diener trugen Speise und Trank, Polster
und Decken. Und wieder kam der Sprecher des Knigs und lud Ingo zum Knigsmahle.
    Es war spter Abend, als Ingo, von einem Kmmerer des Knigs und dem
Fackeltrger geleitet, zu der Herberge seiner Mannen zurckkehrte. An der Tr
des Saales sa Berthar allein, das Schlachtschwert hielt er zwischen den Beinen,
der Schild lehnte am Pfosten, im Fackellicht schimmerte sein grauer Bart, und
der Panzer unter dem Lodenrock. Ingo entlie grend die Diener des Knigs,
Berthar steckte die Fackel in die groe Tlle des eisernen Leuchters, der
mannshoch in der Mitte des Raumes ragte. Der Lichtschein fiel auf die Reihen der
Mnner, die auf den Polstern am Boden schliefen, das Schwert an der Seite, zu
ihren Huptern Helm und Panzerhemd. Du hieltest treue Wache, Vater, sprach
Ingo, wie behagen dir unsere neuen Wirte?
    Sie schielen, lachte der Alte, das Sprichwort gilt, je grer ein Knig,
um so wilder die Flhe in der Schlafdecke, die er dem zugewanderten Gast
breitet. Mager war die Abendkost, die der Wirt bot, aber die Knigin sandte Wein
und ses Zubrot, und deine Knaben liegen satt und reisemde bei ihrem
Heerschild. Es ist ein gerumiger Bau, fuhr er fort, in die dunklen Winkel
sphend, dort auf der Bhne ist dir in einer Laube das Herrenlager
aufgeschlagen. Merke, mein Knig, unter den Steinwnden der Riesenburg ist dies
der einzige hlzerne Saal, abseit steht er an der Mauer, die ihn im Rcken
berragt, und wenn einer der Knigsmannen etwa bei Nacht eine Fackel an das
Holzwerk legt und die Tr schliet, dann lodert der Saal still in Flammen auf,
und das Knistern wird die Ruhe des Burgherrn wenig stren.
    Ingo wechselte einen Blick des Verstndnisses mit dem Alten und fragte
leiser: Wie war der Gru der Knigsmannen?
    Sie schlichen wie Fchse um das Nest, wenig sind sie an Hofsitte gewhnt,
sie prahlten mit der Macht ihres Gebieters und betrachteten prfend unsere
Waffen. Ich merke, Herr, sie hoffen alle, da sie mit uns scharfen Schwertschlag
tauschen werden. Mein Knig war zuweilen von Feinden umringt, nie aber war das
Gehege so fest.
    Noch wei Knig Bisino nicht, was er befehlen soll, versetzte Ingo, und
die Knigin ist uns wohlgesinnt.
    
    Keiner vom Hofgesinde rhmte mir, da die Knigin schn sei, versetzte der
Alte, daraus erkenne ich, da sie ihre Herrin frchten. Vielleicht hilft die
Furcht meinem Knig diese Nacht zu ruhigem Schlaf. Ich lsche die Fackel, damit
ihr Schein nicht einem Speer die Ruhesttte verrt. Stets ist dem Gaste die
erste Nacht in der Herberge die sorgenvollste.
    Vielleicht auch die letzte, versetzte Ingo. Mir ziemt die Wache, Vater,
dich sende ich auf das Lager.
    Meinst du, der Alte wrde schlafen, wo sich dein Auge nicht schliet? Er
trug fr Ingo einen Sessel in die Nhe des Eingangs, wo der Schatten den
Sitzenden deckte, dann lagerte er selbst wieder auf seinem Schemel, legte die
Hnde auf den Schwertgriff, lauschte nach dem Gerusch im Hofe und schaute
zuweilen nach dem Sternenhimmel der frischen Winternacht. Auch die Sterne dort
oben sitzen, wie man sagt, auf silbernen Sthlen und wehren das Unheil von dem
bedrngten Manne, welcher flehend zu ihnen aufsieht, begann Berthar fromm. Ich
bin ein alter Stamm, und es ist Zeit, da ich gefllt werde; auch fr dich, mein
Knig, habe ich zuweilen den Kampf mit edlen Feinden ersehnt, als ruhmvolles
Ende deiner Mhen. Jetzt aber schaue ich am Walde ein gutes Weib, das dir treu
gesinnt ist, und jetzt frchte ich fr dich die finstere Nachtwolke, welche uns
vom Sternenlichte trennt, und ich frchte den Nachtsturm, wenn er um dies
Holzdach fhrt. Denn in der Finsternis wird, so denke ich, der Knig tun, was
ihm sein arger Mut eingibt.
    Du weit, Vater, manches Mal haben wir die Gefahr kalter Gastfreundschaft
berwunden, antwortete Ingo.
    Der Alte lchelte bei der Erinnerung und fuhr gesprchig fort: Immer lobe
ich mir, wenn das Eisen in der Luft fliegt, ein freies Feld und ein besseres
Licht als von flackerndem Holz. Dennoch sprichst du gut, Knig, denn vieles ist
unsicher auf der Mnnererde, aber nichts trgt so sehr als die Erwartung vor dem
Streit. Je lnger man durch Speere und Schwerter gewandelt ist, desto weniger
hegt man Gedanken ber das Ende. Und um dir alles zu sagen, ich argwhne, die
hohen Schicksalsfrauen werfen uns vor dem Mnnerkampf die Lose mit lachendem
Munde. Sie schleudern uns in die rgste Todesgefahr wie zum Scherz und ziehen
uns wieder lustig bei der Haarlocke heraus, und ein andermal berauschen sie den
Sinn durch Trume des Sieges und legen uns tot auf die Heide. Wie sie aber auch
das Herz des Mannes prfen, zuletzt freuen sie sich doch ber uns Schildknaben
hier auf Erden und spter anderswo.
    Die Rede unterbrach ein leises Schwirren und ein Schlag, ein Pfeil flog aus
dem Hofe nach der Stelle, wo Ingo sa, das Eisen schlug an die Schwertscheide,
der Pfeil sank auf die Diele. Die Mnner blieben unbeweglich, aber kein Ruf und
kein neuer Angriff folgte dem berfall. Suche dein Bette, du Narr, rief
Berthar und wies auf einen dunklen Schatten, der an den Husern in der
Finsternis verschwand. Er hob den Todesboten auf. Der Pfeil ist aus einem
Jagdkcher.
    Es ist eine Ware, die Tertullus fr uns zurcklie߫, versetzte Ingo, so
schwchlichen Gru sendet Knig Bisino nicht.
    Die Helden saen harrend, nichts rhrte sich weiter, die Sterne rckten auf
ihren Sthlen langsam am Himmelsgewlbe dahin, lichtlos lag die Knigsburg in
tiefem Schweigen. Endlich begann Berthar: ber den weintrunkenen Knaben des
Wirtes liegt jetzt wohl der Schlaf, Zeit ist, da auch du der Ruhe gedenkst. Er
trat zu den Schlfern und rttelte Wolf, den Kmmerer, auf; der junge Krieger
sprang behende auf die Fe und geleitete seinen Herrn zum Lager, dann ergriff
er Schild und Speer und stand neben dem Alten an der Tr, bis der erste graue
Tagschein ber den Himmel flog.
    Fr den nchsten Tag war groe Jagd verkndet. Auf dem freien Raum vor der
Knigshalle stampften die Rosse, die Meute der Rden und Bracken schlug an,
mhsam von den starken Weidgngern an den Riemen gehalten, die Mannen sammelten
sich in frhlichem Gewhl, den Knig zu erwarten. Auch Ingo stand mit einem Teil
seines Gefolges an das Ro gelehnt, des Aufbruchs gewrtig. Endlich kam der
Knig, der das Weidwerk noch mehr liebte als einen guten Trunk am Herde, im
Jagdkleide, den schweren Jagdspie in der Hand. Die Hrner bliesen den
Morgengru, und freundlich trat er zu Ingo und fragte laut: Wie war die
Nachtruhe, Vetter? Nicht hrte ich vorher, da du von den Vtern her ein
Blutsfreund der Knigin bist, sei mir willkommen auch als Verwandter an meinem
Hofe.
    Die Mnner des Knigs lauschten den Worten und sahen erstaunt einander an.
Ingo aber antwortete ehrerbietig: Ich danke dem Knig, da er mir so
huldreichen Gru beut.
    Wohlan, fuhr Bisino fort, versuche heut an unserer Seite die Kraft deines
Speers. Er bestieg sein Ro, das Tor flog auf, die Brcke schwebte herab, und
hinaus ins Freie stoben die Hunde, hinter ihnen der reisige Zug. Auch Ingo
tummelte frhlich das Ro, welches sich wie sein Herr des freien Grundes unter
den Fen freute. Er ritt nahe dem Knig, und forschend sah sein Wirt auf die
edle Gestalt und auf die sichere Kraft, mit welcher Ingo sein starkes Jagdpferd
bndigte. Zuweilen rief er ihn an seine Seite und sprach zu ihm vertraulich wie
zu einem alten Genossen, so da wohl einer von den Knigsknaben dem anderen
zuraunte: Wozu rhmt der Kater die Maus als Frau Base, wenn er sie doch in den
Krallen hlt. Aber das war des Knigs Meinung nicht, er fand Gefallen an Ingo
und hrte in seinem Ohr noch gnstige Worte, welche die Knigin ber den Fremden
gesagt hatte und auch sein junger Sohn, der ihm das Liebste auf Erden war. Und
der Knig dachte, er ist frwahr ein freudiger Gesell, und es macht froh, ihm
zuzusehen, warum soll ich ihm nicht Gutes erweisen, solange ich ihn noch unter
den Lebenden hegen kann? Es gibt andere, deren Tod mir bequemer wre. So kam ihm
seine Huld wirklich vom Herzen, und er lie sich lustig berichten von der Kraft
eines Lwen, den Ingo im Zwinger der Alemannenknige gesehen hatte.
    Bald nahm ein hoher Eichwald die Jagdgenossen auf. Bis dahin hatte das Auge
der Knigin von der Zinne ihres Turmes den Ausfahrenden nachgesehen. Jetzt rief
sie den Kmmerer und die Frauen und stieg hinab in den leeren Hof. Sie hielt zur
Verwunderung ihres Gefolges bei der Kche an und sprach einige Worte ber den
Festbraten mit dem Koch, der solcher Ehre selten geno und frhlich gelobte, die
Schsseln des Jagdmahls mit bester Kraft zu rsten. Als sie zum Saal kam, in
welchem die Fremden lagen, hrte sie die Schlge eines Hammers. Berthar sa in
der Tr, er tengelte mit dem Schrfhammer die Eisen der Wurfspeere auf einem
Stein und sang dazu leise eine gute Beschwrung fr scharfes Eisen. Die Knigin
hielt an, winkte gebieterisch ihrem Gefolge, zurckzutreten, und stand nahe den
Stufen, auf den schlagenden Mann schauend, bis dieser aufsah, sein Schurzfell
und den Hammer wegwarf und der Knigin huldigend entgegentrat. Welches Wild
gedenkst du mit dem Eisen zu fllen, Held des Knigs Ingo? fragte Frau Gisela,
da du in der Burg weilst, whrend drauen die Jagdhunde rennen?
    Den Vorrat schrfe ich fr ein anderes Halageschrei, versetzte Berthar,
weit rhmt man im Lande die Jagdlust des Knigs.
    Ungern wird dein Herr im Walde den alten Kampfgesellen missen.
    Das Wild, welches Im Sonnenlicht springt, erlegt mein Herr mit seinen
Knaben wohl allein, bei der Wolfsjagd in der Nacht will ich ihm nicht fehlen.
Die Knigin sah ihm fest ins Auge und trat einen Schritt nher: Nicht zum
ersten Male sehe ich dich, Berthar, ist auch seitdem Schnee auf dein Haupt
gefallen, ich kenne dich wieder.
    Unsicher ist das Gedchtnis des Alten, viele Menschen sah ich, seit mein
Herr heimatlos wandert; in mein Auge flogen die Funken, da mein Hof in der
Heimat brannte, da ich das schne Antlitz vor mir nicht erkenne.
    Mit Grund zrnst du, Alter, meinem Geschlecht. Einst schlossen der Vater
deines Knigs und der meine einen Bund, aber Gundomar, mein Bruder, verga die
alten Eide, er kmpfte als Bundesgenosse eurer Feinde an der Oder, und ich
wurde, noch ein Kind, als Gemahl dem Knig der Thringe gesandt. Kennst du mich
jetzt, Berthar?
    Das Reis wuchs zu stolzem Baume; andere Vgel singen jetzt in seinem Laube
als vorzeiten.
    Dennoch trgt der Baum jedes Jahr die gleichen Blten. Und der alte
Schlachtenheld findet an der Knigin einen Freund. Bist du zufrieden mit deiner
Herberge in der Burg, und haben die Knigsknaben dir hflichen Gru geboten?
    Am Hofe grt der Diener wie der Herr; deine Huld, Knigin, ist Brgschaft
fr den guten Willen der Deinen.
    Das Antlitz der Knigin umwlkte sich: Das ist die Sprache stolzer Gste,
fuhr sie mit gezwungenem Lcheln fort, lustiger, meine ich, war dir das Leben
in den Waldhtten.
    Wir sind Wanderer, Herrin. Wer heimatlos durch die Vlker zieht, dem hilft
behender Sinn; Hof und Gemahl sind ihm versagt, er nimmt, was der Tag ihm
bietet: die Beute, den Trunk, die Frauen, er hat nicht Wahl und nicht Qual, und
sorglos denkt er beim Scheiden an die Arbeit des nchsten Tages. Der Alte sah,
wie die Knigin ihn wieder anlachte, sie trat nher und sprach: Dort in dem
Turm ist der Knigin Gemach, wenn du einmal zu jenem Fenster aufschaust von
deinen Speeren, so brennt dort vielleicht eine Leuchte, dir die Wolfsjagd vorher
zu knden. Sie winkte ihm grend und wandte sich zu ihrem Gefolge. Der Alte
aber sah ihr staunend nach, dann ergriff er wieder den Hammer und pochte, aber
er sang nicht mehr.
    In der nchsten Nacht strte kein Pfeil und kein Gebell der Knigswlfe den
Schlaf der fremden Gste. Mit jedem Tage wurde der Knig freundlicher zu ihnen
und rhmte vor seinen Mannen ihre Hofsitte und ihre Kunst, die Rosse im
Kampfspiel zu treiben. Hermin, der junge Knigssohn, kam oft zum Vetter Ingo in
die Herberge, bte sich vor ihm mit seinen Kinderwaffen, strich dem Helden
Berthar den grauen Bart und bat um lustige Mren. An einem Jagdmorgen wurde Ingo
dem Wirt noch genehmer, als er ihm vorher gewesen war. Der Knig war in seiner
Jagdlust den anderen weit vorausgeritten und an einer Bergsteile vom Rosse
gesprungen, dort glitt er im Eise aus und lag einen Augenblick wehrlos vor den
Hrnern eines wilden Ochsen. Da trat Ingo mit eigener Lebensgefahr ber den Leib
des Herrn und fllte das wtende Tier. Der Knig erhob sich, und hinkend von dem
Sturze sprach er: Jetzt wo wir allein sind und keiner meiner Mannen in der
Nhe, erkenne ich deine gute Gesinnung; denn wrest du nicht wie ein Rde
herangesprungen, so htte der Zornige mich geschleudert zum Schaden meiner
Rippen, und niemand htte dir einen Vorwurf machen drfen. Was keiner zu wissen
braucht, wei doch ich.
    An dem Tage sa der Knig frhlich beim Mahl auf dem Herrensitz, neben ihm
Frau Gisela, zur anderen Seite Ingo. Heut freue ich mich des Jagdglcks,
begann der Knig, ich freue mich meiner Herrschaft und des Goldschatzes, den
ihr alle hier vor Augen seht, und ich trinke Heil dem Helden Ingo, weil er im
Kampf mit dem Bergstier ein guter Genosse war. Freuet euch heut alle mit mir,
wenn ihr die silbernen Becken und die Goldbecher seht, welche vor euren Augen
aufgestellt sind, mir und euch zur Ehre. Auch du, Ingo, hast manchen Hof
mchtiger Gebieter besucht; sage mir, Held, ob du irgendwo besseres Gert aus
dem Schatzhause geschaut hast.
    Gern preise ich deinen Reichtum, o Knig, denn wo das Schatzhaus gefllt
ist, da, meinen wir, waltet der Herrscher in Sicherheit, gefrchtet von
feindlichen Nachbarn und von den Argen im Volke. Zwei Tugenden hrte ich immer
rhmen an dem mchtigen Volksherrn, da er versteht, den Schatz zur rechten Zeit
zu sammeln und zu rechter Zeit an seine Getreuen zu spenden, damit sie ihm in
der Not folgen.
    Diese Worte waren ganz nach der Meinung der Helden, welche am Knigstisch
saen, und sie nickten und murmelten beifllig.
    Auch die Alemannen waren ein goldreiches Volk, bis der Csar ihnen das Land
verwstet hat, fuhr Ingo fort. Doch meine ich, sie gewinnen manches wieder,
denn sie sind rhrig nach Beute und verstehen den Handel mit den Krmern. Dazu
leben sie rmischer als andere Landgenossen, in Steinhusern wohnen dort auch
die Bauern, die Frauen sticken mit der Nadel bunte Bilder auf die Gewnder, und
um sie hngen se Trauben im Weinlaub.
    Kennst du auch Frauen der Rmer? fragte die Knigin, viel Wunderliches
erzhlen die Mannen des Knigs von ihrer Schnheit, obwohl sie braun von Haut
und schwarzhaarig sind.
    Sie sind behend in Sprache und Bewegung der Glieder, und lieblich lockt der
Gru ihrer Augen, nur ihre Zucht hrte ich selten rhmen, versetzte Ingo.
    Auch du warst im Rmerlande? fragte der Knig neugierig.
    Zwei Jahre sind es, besttigte Ingo, da ritt ich als Begleiter des jungen
Knigs Athanarich friedlich in die Mauern der groen Kaiserstadt Trier. Ich sah
hohe Wlbungen und Steinmauern, wie von Riesen errichtet. Dichtgedrngt lacht
das Volk auf den Straen, aber die Krieger, welche dort an den Toren stehen mit
dem Rmerzeichen auf ihren Schilden, haben unsere Augen und sprechen unsere
Sprache, obwohl sie sich mit Unrecht rhmen, Rmer zu sein.
    Die Fremden geben uns ihre Weisheit, sie verkaufen uns Gold und Wein, wir
aber leihen ihnen die Kraft der Glieder, ich lobe den Tausch, versetzte
Hadubald, dem es unlieb war, wenn man den Rmerdienst verachtete.
    Ich aber, o Knig, begann Berthar, halte wenig von der Weisheit der
Rmer, die andere rhmen. Auch ich war sonst schon in den groen Steinburgen,
welche die Rmer gemauert haben, zuerst damals, als mein Herr Ingo mich sdwrts
sandte ber die Donau nach der Augustaburg, wo jetzt die Schwaben ihr Heimwesen
einrichten. ber die zerbrochene Stadtmauer ritt ich mhsam hinein, dort habe
ich viel Unsinniges gesehen, das auch fr einen bewanderten Mann unheimlich ist.
Die Rmerhuser standen so dicht gedrngt wie eine Schafherde im Gewitter,
keines sah ich, wo Raum war fr einen Hof, ja nur fr eine Dungsttte. Ich
fragte meinen Wirt, er sagte, sie hocken, wenn ihnen die Not ankmmt, schamlos
wie Hndlein auf der Strae. Ich lag in solchem Steinloch, die Wnde und der
Fuboden waren glatt und schimmerten in vielerlei bunten Farben, als Decke
hatten die treuen Schwaben ein Strohdach gerichtet: ich versichere euch, mir war
es enge zwischen dem Stein whrend der Nacht, und ich war froh, als am Morgen
die Schwalben im Stroh sangen. Es hatte zur Nacht geregnet, und in einer
Wasserlache am Boden sah ich im Morgenlicht zwei Enten. Nicht leibhaftig,
sondern auf dem Stein des Bodens, wie gemalt. Ich trat herzu, schlug mit meiner
Axt in den Steinboden und fand ein lcherliches Werk aus vielen kleinen Steinen
zusammengesetzt, jeder Stein war in den Boden gekittet und oben so glatt
geschliffen wie eine Steinaxt; aus solchem bunten Gestein waren die zwei Vgel
gemacht, die wir als Enten kennen. Und es war eine Arbeit, ber der mehrere
Mnner viele Tage geschafft haben, nur um den harten Stein zu schleifen. Das
erschien mir ganz unsinnig. Und mein Schwabe meinte das auch.
    Vielleicht ist ihnen die Ente ein heiliger Vogel, welcher sich dort nicht
hufig findet; denn manche Vgel sind berall auf der Menschenerde und andere
nicht, sagte Valda, ein verstndiger Mann aus dem Gefolge der Knigin.
    So meinte ich auch, aber mein Wirt wute, da sie dergleichen zu ihrem
Vergngen anfertigen, um darauf zu treten.
    Die Mnner lachten. Formen unsere Kinder nicht auch kleine Bren aus Lehm
und Backfen aus Sand und spielen tagelang mit Nichtigem? Die Rmer sind
geworden wie Kinder, rief Valda.
    Du sprichst das richtige. Kleine Steine haben sie zu Vgeln geschliffen,
whrend in ihren Wldern die Krieger der Schwaben ihre Blockhuser zimmerten.
Auch wenn sie essen wollen, liegen sie wie Frauen, die ihre Sechswochen halten.
    Was du hier wegen der Enten vorbringst, rief Wolfgang, der Knigsknabe,
unwillig, ist ganz unrichtig und tricht. Denn den Rmern ist eigen, da sie
alles nachmachen knnen in Farben und mit Stein, nicht nur Vgel, auch Lwen und
kmpfende Krieger. Jeden Gott und jeden Helden verstehen sie zu bilden, da er
dasteht wie lebendig. Das tun sie sich selbst zur Ehre und ihm zum Gedchtnis.
    ber den Steinen reiben sie, und aus unserem Blut sind die Helden, welche
ihre Schlachten schlagen. Ist es ihre Weise, Knechtesarbeit zu lieben, so ist
unsere Weise, ber Knechte zu herrschen. Ich preise den Helden nicht, der sich
einem Knechte zum Dienst gelobt, versetzte der Alte.
    Knechte nennst du, die doch Herren sind fast ber die ganze Mnnererde?
lter ist ihr Geschlecht und ruhmvoller ihre Sage als die unsere, rief Wolfgang
wieder.
    Haben sie dir davon geschwatzt, so haben sie gelogen, entgegnete Berthar.
Ob der Ruhm echt ist und die Sage wahrhaft, das erkennt jedermann daraus, wenn
sie denen, welche sich rhmen, den Mut beim Mnnerkampf erhebt. Darum vergleiche
ich den Mut der Rmer mit einem Wasserschwall, der einst das Land bergo und
dann zu einem Sumpf eintrocknete, den Ruhm unserer Helden aber mit einem
Bergquell, der ber die Steine rauscht und seine Flut in Tler treibt.
    Dennoch vertrauen die Weisen der Rmer darauf, warf Ingo ein, da ihre
Macht strker geworden ist, als sie ehedem war. Denn sie rhmen sich, da zur
Zeit ihrer Vter ein neuer Gott in ihr Reich gekommen ist, welcher ihnen Sieg
verleiht.
    Ich vernahm lngst, sprach der Knig, da sie ein groes Geheimnis in
ihrem Christus haben. Auch ist ihr Glaube durchaus nicht eitel, denn sie sind in
Wahrheit jetzt siegreicher als vorzeiten. Vielerlei hrt man darber, und
niemand verkndet Genaues.
    Sie haben ganz wenig Gtter, erklrte Berthar geheimnisvoll, oder
vielleicht nur einen mit drei Namen, einer heit Vater, der andere Sohn, und
einer heit der dritte.
    Der dritte heit Teufel, rief Wolfgang, ich wei das, ich selbst war zu
meiner Zeit unter den Christen, und ich versichere dich, o Knig, mchtiger ist
ihr Zauber als jeder andere. Ihr geheimes Zeichen lernte ich und einen Segen,
sie nennen ihn Nosterpater, der Heilkraft hat gegen jeden Leibesschaden. Und er
schlug ehrfrchtig ein Kreuz ber seinem Weinkrug.
    Dennoch erachte ich in meinem Sinn, versetzte Berthar hartnckig, auch
den Rmern kommt der Tag, wo sie trotz ihrer gemauerten Stdte und trotz ihrer
neuen Gtter und trotz ihrer Kunst in steinernen Enten erkennen, da anderswo
strkere Mnner leben, welche ihr Holzdach frei in den Wind stellen.
    Auch uns ist die Kunst der Rmer ntzlich, entschied der Knig. Es ist
einem Knig Ehre, was die anderen klug erdenken, fr sich zu gebrauchen. Doch
freue ich mich deiner Worte, Held Berthar, denn verstndig ist der Mann, der
hher vom eigenen Volk denkt als von dem fremden.
    Und als das Mahl beendet war, und der Knig mit Ingo allein beim Becher sa,
da begann er redselig: Ich sehe, Held, die Schicksalsfrauen haben dir bei
deiner Geburt manches Leid angebunden, aber auch manche gute Gabe, denn sie
haben gefgt, da die Herzen der Menschen sich dir freundlich ffnen. Auch ich,
wenn ich deine Rede hre, und wenn ich beachte, wie du unter meinen Mannen
dahergehst, mchte dir wohlgeneigt sein. Nur eines beschwert mir den Mut, da du
dich unter meine Bauern in den Waldhtten gelagert hast, denn ihr Sinn war von
je aufsssig, und ich frchte, da du mir dort zum Schaden hausest.
    Mein Knig sorgt ohne Grund, versetze Ingo ernst, schwerlich werde ich je
wieder am Herde des Herrn Answald ruhen.
    So schnelles Ende nahmen Eide und Genossenschaft? fragte der Knig
vergngt. Soll ich dir glauben, da du mir Seltsames kndest, so berichte mir,
wenn es dir gefllt, was dich von ihm geschieden hat.
    Ungern ertrgt der Wirt fremde Einlieger auf seinem Hofe, sprach Ingo
ausweichend. Vertraulichkeit der Herren zwingt auch die Mannen, Frieden zu
halten, antwortete der Knig, du sagst mir nicht alles, und darum vermag ich
nicht, dir zu trauen.
    Will der Knig mir huldvoll geloben bei seinem Schwert, da geheim bleibe
zwischen uns beiden der Grund meines Zwistes mit Herrn Answald, so will ich dir
ihn wahrhaft knden, denn schdlich wre mir dein Argwohn, und Heil hoffe ich
von deinem guten Willen. Der Knig hob schnell das Schwert, hielt die
Schwurfinger darauf und gelobte.
    Wohlan denn, so wisse, o Knig, da mir Irmgard, die Jungfrau, lieb ist und
da der Vater mir darum zrnt, weil er dem Geschlecht des Helden Sintram die
Vermhlung gelobt hat.
    Vergngt lachte der Knig: Unrecht hattest du, Ingo, wenn du auch ein
schlachtenkundiger Mann bist, von dem Huptling die Tochter zu begehren. Wie
darf der Vater dem erbelosen Fremdling seine Erbtochter in die Hand geben?
Unsinnig wrde ihn das ganze Volk schelten, unleidlich wre es, da ein
Landfremder auf dem Herrenstuhl der Waldlauben se. Ja, wenn der Vater selbst
dir die Tochter im Ringe der Zeugen angeloben wollte, ich, der Knig, drfte das
nimmer leiden, und ich mte meine Knaben reiten lassen und ein Volksheer
aufbieten, um euch zu hindern.
    Ingo sah wild auf den Knig, so da dieser die Waffe an sich zog.
Feindliche Worte sagst du dem Gebannten. Vieles Leid habe ich erduldet als Gast
auf den Bnken, aber schwer gewhnt sich der Mut des Mannes, miachtende Rede zu
ertragen, und ich meine, der edle Sinn des Knigs sollte dem Stolz eines
Unglcklichen nicht wehe tun.
    Besser bin ich dir jetzt gesinnt als je zuvor, versetzte der Knig lustig.
Doch bleibt dir wohl noch die Hoffnung, den Groll des Vaters zu berwinden.
    Gebunden ist der Frst durch seinen Eid, und mchtig ist das Geschlecht des
Sintram am Walde, auch die Hausfrau des Frsten ist aus seiner Freundschaft.
    Der Knig schlug auf seinen Weinkrug, wie er pflegte, wenn ihm etwas nach
Wunsche war. Am liebsten wre mir, die Jungfrau einem meiner Mannen zu
vermhlen, gar nicht willkommen ist mir, wenn das Geschlecht des Sintram einst
die Hfe und den Schutz des Frsten in seine Gewalt bekommt, denn ich kenne
ihren tckischen Sinn. Aber am allerwiderwrtigsten wre mir, wenn du mit gutem
Willen des Vaters sein Eidam wrdest. Denn wie der Geruch des Honigs die Bren
zum Waldbaum lockt, so wrde das Lob der Snger alle streitlustigen Fuste in
deinen Hfen sammeln, Vandalen und andere schweifende Mnner, und du wrdest als
ein Landherr der Thringe mir schnell feindlich werden, auch wenn du nicht
wolltest. Das bedenke, schlo der Knig berredend und fllte mit eigener Hand
seinem Gaste den Becher. Trinke, Held Ingo, und begnge dich. Wenn die Wlfe
auf der Walstatt schmausen, dann rhmen sie die Gastfreundschaft deines
Schwertes, welches ihnen reiches Mahl bereitete, aber denke nicht mehr darauf,
meine Thringe in den Waldlauben durch Gastgelage zu betren.
    So hre auch du, Knig, den Rat des Fremdlings, rief Ingo zornig, denke
auch du nicht daran, die Jungfrau einem anderen Manne zu vermhlen, denn solange
ich lebend die Arme rege, soll kein anderer sie heimfhren. Schon einmal hat den
Theodulf mein Schwert auf die Aue gestreckt, ein Zufall war's, da er dem Tode
entrann, ihm hemme ich den Brautlauf und ebenso jedem anderen aus deinem Volke.
    Jetzt lachte der Knig so laut, da er schtterte. Je lnger du sprichst,
desto lieber hre ich dich, wenn du auch trotzig gegen mich redest. Du denkst
nach eines fahrenden Helden Weise, und ich vertraue, du wirst dich auch bei der
Tat so erweisen. Bezwinge den Vater, lege den Theodulf, den stelzbeinigen
Narren, auf die blutige Heide und hebe dir das Weib in dein Brautlager. Von
ganzem Herzen will ich helfen, da dir dies alles gelinge.
    Ingo prfte mitrauisch die Gebrde des Knigs, der so frhlich vor ihm sa,
ob ihm vielleicht der Wein die Gedanken verstre, und er sprach: Der Sinn
deiner Worte, Herr, ist mir verborgen, du rhmst und schiltst mich um dieselbe
Sache. Wie magst du gern hren, was dir unleidlich dnkt, und wie kannst du mir
helfen bei einer Werbung, die du selbst hindern willst, auch wenn der Brautvater
nicht hinderte? Knig Bisino aber entgegnete mit Wrde: Setze dich wieder zu
deinem Trinkhorn. Manches, was dem Mann zu Ehre gereicht, ist dir eigen; aber
das Schwerste von allem vermochtest du nicht zu gewinnen, du hast nicht die
Knigskunst. Deine Gedanken eilen gerade vorwrts wie der Hund auf der Spur
eines Hirsches; ein Knig aber kann nicht einseitig sein in Gunst und Rache,
vieles mu er bedenken, niemandem kann er vllig vertrauen, und jeden Mann mu
er zu gebrauchen wissen in eigenem Nutzen. So gnne auch ich Irmgard, die
Jungfrau, lieber dir als manchem anderen; die Jungfrau, verstehe mich, nicht
aber ihr Erbe, und nicht nach dem Tode des Vaters den Herrensitz in den
Waldlauben.
    Ingo setzte sich neben ihn und neigte gehorsam das Haupt, weiter zu hren.
Seit ich Knig bin, fuhr der andere fort, ist meine Herrschaft unsicher durch
den Trotz der Waldleute und die Macht ihres Frsten, des Herrn Answald. Und
lange habe ich eine Gelegenheit gesucht, ber sie Herr zu werden. Darum warst
auch du mir unertrglich in den Waldlauben, weil du ein Fhrer sein konntest
ber ihre Haufen. Und wenn deine Vandalenbrut um den Herrensitz dort lagern
wollte, so mte ich dich austilgen als meinen Feind, wenn ich dir auch
wohlgeneigt bin. Das bedenke, Held! Jedoch, gewinnst du die Tochter als Feind
des Vaters durch Gewalttat, wie die Helden verben, wenn die Sehnsucht sie
treibt, so schwindet das Erbkind aus dem Hofe, und ich brauche nicht zu sorgen,
da die Herrschaft dort auf ein anderes Herrengeschlecht bergehe. Begreifst du
jetzt, was ich meine, stierkpfiger Ingo?
    Die Jungfrau begehre ich und nicht den Herrensitz in deinem Lande. Aber
hart ist es mir, da mein Weib ihr Geburtsrecht verlieren soll, weil sie sich
mir vermhlt.
    Dafr la mich sorgen, versetzte der Knig kalt. Willst du das Weib mit
dir fhren in die Fremde, so bin ich als guter Gesell auf deiner Seite, nur mut
du mich nicht zwingen, da ich als Knig gegen dich das Landrecht verfechte.
Sieh zu, Held Ingo, wie du dir das Weib gewinnst durch freche Tat, und ich will
dich rhmen.
    Gnnst du mir das Weib, o Knig, so gnne mir auch Burg oder Hof, in dem
ich sie vor den Verfolgern berge, rief Ingo und fate bittend an die Hand des
Knigs. Knig Bisino faltete das Gesicht, zuletzt war ehrliches Wohlwollen in
seinen Mienen, als er bedchtig antwortete: Wieder zwingt mich die Knigskunst,
dir deine Bitte zu weigern. Wie vermag ich in meinem Volke als dein Hehler zu
bestehen gegen das Landgeschrei? Kann ich dir insgeheim helfen, so tue ich's
gern aus guter Meinung gegen dich, und weil es mir ntzt. Wie ich dir aber
helfen kann mit Rat und stiller Tat, das erwge. Nur mein Schatzhaus vermag ich
dir nicht zu ffnen, denn Armringe und Rmermnzen mu ich fr mich selbst
bewahren, damit in der Notzeit Krieger fr mich fechten.
    Der groe Wirt des Volkes erweist seine Huld, indem er von seinen Schtzen
spendet oder den Knigsschild ber dem Bedrngten hlt. Wie will der Knig mir
helfen, wenn er beides versagt? fragte Ingo enttuscht.
    Knig Bisino machte die Augen klein und zwinkerte schlau. Der Knig
schliet die Augen, wie ich es jetzt tue; damit la dir gengen, Held! Obwohl
unwillig, mute Ingo lachen ber das breite Angesicht des Herrn, whrend dieser
aus den Augenritzen nach ihm schielte. Auch der Knig freute sich ber sein
Lachen: So ist es recht, und jetzt wirf die Sorge von dir, die dich beschwert,
und tu mir frhlich Bescheid, denn lieber trinke ich mit dir als mit anderen,
seit ich wei, da der junge Br kein besseres Schlupfloch hat als meinen
Zwinger. Darum will ich heut auch dir Geheimes vertrauen. Der Rmer Tertullus
hat mir jngst allerlei zugeraunt und hohes Gebot getan, wenn ich dich dem Csar
ausliefere. Und da du hierherkamst, sann ich dir nicht gerade Gnstiges. Jetzt
aber, da ich dich erkenne, wie du bist, will ich dich lieber fr mich selbst
bewahren.

                                Die letzte Nacht


Um die Trme der Knigsburg tobte der uralte Streit der Winterriesen gegen die
guten Gtter, welche das Wachstum auf der Menschenerde schtzen. Die harten
Gewaltigen hoben ein graues Wolkendach zwischen Himmelslicht und Erde, sie
bedrngten auch den Helden Ingo durch finstere Gedanken und durch Sorge um das
Heil derer, die ihm lieb waren. Die Sturmgeister trieben die Schneewehen durch
die Ritzen der Herberge bis auf die Schlafdecken der Gste: selbst der Krieger,
welcher einen Brenpelz trug, merkte den scharfen Zahn des Frostes, drngte sich
bei Tage zum Herdfeuer in den Hallen des Wirtes und sang bekmmert: Schneezeit
ist dem fahrenden Helden leid, denn sein bester Freund wird das Tannenscheit.
Die unholden Feinde des Lebens schieden auch den Strom durch schwere Eisdecke
von der freien Luft, zornig schlug und hmmerte der Nix, welcher in der Tiefe
sein Heimwesen fhrt, von unten gegen die kristallene Last. Was aber unter der
Eisdecke wogte, welche die Gedanken der Knigin verbarg, das wute keiner: sie
allein sa still unter den streitenden Mnnern, stets gleich war ihre kalte
Freundschaft gegen die Fremden; nur dem Knig dnkte, da Frau Gisela weniger
hochfahrend sprach als ehedem. Wenn der Nordwind seine Todeslieder um die Trme
des Knigs heulte, dann murrte Bisino zuweilen gegen seine Gste, aber immer
wieder berwand das Wohlgefallen an dem Fremden den rger, und sooft ein
Sonnenstrahl die Schneedecke rtlich frbte, rief er: Diesen Winter rhme ich,
denn ich hre gute Worte an der Herrenbank und in der Kammer. Zu den
Jagdreisen, welche vom Knige den Helden bereitet wurden, kam auch ein Kriegszug
gegen einen Gau der Sachsen, dorthin ritten die Vandalen neben den Knigsmannen;
und als die Helden siegreich und mit Beute beladen heimkehrten, pries der Knig
laut das gute Schwert Ingos, und seine Knaben saen seitdem geduldig mit den
Fremden um die Bnke.
    Der Schnee schmolz im Frhlingslicht, neues Grn scho aus dem Boden, an
Birken und Haseln hingen die braunen Ktzchen; auch in den Seelen der Menschen
regte sich die Hoffnung des neuen Lebens und der Wunsch nach Ausfahrt aus dem
Winterdach. Die ersten Wandervgel flogen aus dem Sden heran, mit ihnen
Volkmar, der Snger, er kndete in der Knigshalle vergangene Kmpfe der Gtter
und Helden und sang leise in Ingos Ohr von der Trauer und Sehnsucht eines
Waldvogels. Dann berichtete er, da in den Lauben Unfriede und harte Rede den
Sinn der Weisen beschwerten. Theodulf sa noch als siecher Mann im Hofe des
Frsten, die Freundschaft des Sintram war dort mchtig, und Herr Answald
herrschte unwirsch ber die Bankgenossen und hatte den Snger zur Hochzeit der
Tochter fr die Maienzeit gefordert. Aber auch aus der Knigsburg gingen
vertrauliche Gre in die Wlder. Wolf erhielt einen Urlaub in seine Heimat. Er
sprach vor seiner Reise heimlich mit seinem Herrn und Berthar, rastete auf dem
Wege in den Hfen des Rothari und Bero und ritt mit Bero auf wenig betretenen
Waldwegen sdwrts dem Main zu. Als er zurckkehrte, sah man in der Gastherberge
frohe Mienen.
    Endlich sprengte auch der Strom die Eisdecke und ergo seine Flut
herrschlustig ber das junge Grn der Wiesen, im pltzlichen Schwall rauschten
seine Wasser, und die Menschen merkten scheu die Gewalt der Unbndigen. Aber der
Ostwind erhob gegen ihn starkes Blasen, er dmpfte die Flut und trocknete den
Grund am Rande der Waldhgel. Der Falkner hatte dem Knigssohn zwei junge
Bussarde zur Jagd auf kleine Vgel abgerichtet, und Hermin erbat an einem Morgen
vom Vater den Ausritt, um die Kunst der geflgelten Jger zu prfen. Schon war
das Ro des Knigs fr die Beize gesattelt, da sprengte ein Bote in den Hof und
trug Nachrichten zu, welche dem Knig die Brauen finster zusammenzogen. Er lie
sein Ro zurckfhren und sandte den Sohn mit der Knigin und dem Helden Ingo
auf die Hgel. Warm schien die Sonne, zum erstenmal ritt Ingo neben der Knigin
ohne ihr Gefolge in das offene Land. Der Falkner lste dem Bussard die Haube,
der junge Knig jagte mit dem Helden Valda und seinen Begleitern jauchzend unter
dem Vogel dahin. Gemchlicher folgte die Knigin. Sie tummelte mit gerteten
Wangen ihr feuriges Ro und lachte ihrem Begleiter zu, der sich ber das schne
Weib an seiner Seite freute und vorsorglich auf die Sprnge ihres Rosses
achtete. Als er einmal helfend in den Zgel griff, hielt die Knigin an und
sprach: Ich denke des Tages, wo du einem Kinde denselben Dienst tatest, als wir
weit von hier nebeneinander ber die bunten Blumen dahinritten; damals sa ich
ngstlicher, aber ich wollte dich's nicht merken lassen.
    Runder war an jenem Tage das Antlitz meiner kniglichen Base, rief Ingo
lustig, und krzer die Locke, welche um das Haupt flog. Aber als du mir hier in
der Halle entgegentratst und den Knig so gnstig an alte Zeit mahntest, da
erkannte ich aus der stolzen Miene das Gesicht des kleinen Mdchens, und ich
merkte wohl, da ich dir den Dank schuldig werde, wenn man in der Knigsburg mir
Gnade erwies.
    Die Knigin lachte und trieb ihr Ro wieder in wilden Sprngen umher, bis
die Reiter vor ihr hinter einer Erdwelle verschwanden, dann hielt sie von neuem
an und sprach herzlich: Danke mir immerhin, Ingo, denn gern hre ich, da ich
dir wert bin. Beide sind wir aus unserer Heimat in die Fremde gescheucht, seit
der Ha meines Geschlechtes uns trennte. Auch ich verga deiner nicht, oft habe
ich nach dir gefragt, wenn ein Wanderer aus dem Sden in die Burg kam. Wie ein
Bruder im Unglck wurdest du mir, und mit Stolz vernahm ich, da du dich edel
hieltest unter schwerem Geschick. Als du endlich zu uns drangst, wurde ich
froher als wohl sonst. Sie sah ihn so freundlich an, da er, unter dem Zauber
ihres Blickes hingerissen, nach ihrer Hand griff, sie streckte ihm den weien
Arm entgegen und ritt so, das Antlitz ihm zukehrend, eine Weile neben ihm hin.
Dann warf sie bermtig seine Hand zurck, jagte aufs neue in wilden Rosprngen
ber das Feld und wandte sich rckwrts, ob er ihr nachkam. Und wieder sprach
sie lachend: Ein anderer denkt dich zu halten wie einen Jagdfalken unter der
Kappe, aber ich meine wohl, der Aar schwingt sich einmal frei auf und zieht
seine eigenen Pfade im Sonnenlicht. Denn du, Vetter, bist nicht geschaffen,
Diener eines anderen zu sein, und wer dich festhalten will, der sehe zu, da ihn
die Fnge nicht verwunden.
    Als die Knigin vertrauliche Reden begonnen hatte, gedachte der Held, ihr
etwas aus den Waldlauben zu sagen, was ihm sonst immer auf der Seele lag, aber
bei den Worten und den Augen der Knigin gelang es ihm nicht, bis sie selbst mit
verndertem Tone sprach: Und doch hing einst der Edelfalk mit gebundenen
Flgeln im Hofe des Bauern. Ich preise die Torheit des Vaters, weil sie das
ruhmlose Band zerrissen hat, denn dir ziemt das Hchste zu begehren. Nur khne
Gewalttat vermag dich heraufzuheben ber die Hupter der anderen, daran denke,
Ingo. Komm zu meinem Sohn, mich freut's, da das Kind dir vertraut, keinen
besseren Lehrmeister wnsche ich ihm fr alles Heldenwerk als dich. Wieder
jagte sie vor ihm hin, der Knigsmantel und ihre Locken flogen im Winde, sie
warf den kleinen Wurfspeer, den sie in der Hand hielt, vor sich in die Luft und
fing ihn im Laufe; Ingo aber blieb jetzt hinter ihr zurck, bis beide sich dem
Jagdzug anschlossen und dem kmpfenden Bussard zuriefen, der mit einem
Wasserhuhn in den Fngen herabsank.
    Als der Jagdzug in die Knigsburg zurckkehrte, fand er dort ungewhnliche
Bewegung. Reiter kamen und gingen, die Diener trugen Teppiche und Polster in das
steinerne Haus, welches fr vornehme Gste bestimmt war, von der Knigshalle her
tnte Geklirr der Waffen und Hufschlag zahlreicher Rosse. Ingo sprang mit dem
jungen Knigssohn am Schlafhaus der Vandalen vom Pferde, und Berthar eilte ihm
entgegen: Whrend du drauen den Habichten nachschautest, stie ein anderer
Raubvogel in den Knigshof. Der Csar hat neue Botschaft gesandt, und wer,
meinst du, kam als Bote? Der wildeste Gesell aus dem Rmerheer, der Franke
Harietto, den sie den Heervertilger nennen, er, der einst den raubenden Sachsen
in der Waldesnacht die Kpfe abschnitt und wie Kohlhupter nach der Stadt trug.
Schon bevor er kam, schritt der Knig finster durch die Hfe, verlegen war seine
Antwort auf meinen Gru, und die Knigsknaben sahen ber die Achsel auf uns und
mieden unsere Gesellschaft. Eben war ein Kmmerer des Knigs in der Herberge und
verkndete stotternd, da er dein Mahl hierhertragen werde, damit du nicht den
Rmern an der Bank des Knigs begegnest.
    Ist's nicht beim Mahle, so sei es im Hofe, versetzte Ingo, wir bergen
unser Antlitz vor dem Ungetm nicht; meint seine Botschaft mich, so ist gut,
wenn wir sie frh erfahren. Komm, Vetter, rief er den Knigssohn, sehen wir
zu, wie die Fremden reiten, und der Knig die Boten der Rmer begrt. Das Kind
ging neben ihm ber den Hof in den groen Burgraum vor der Knigshalle. Dort
standen die Fremden vor den Rossen, whrend der Knig dem Gesandten die
Ansehnlichsten aus seinem Gefolge bei Namen nannte und dieser von Mann zu Mann
schritt, mit kriegerischem Grue hier und da einzelne Worte spendend. ber die
hohen Knaben des Knigs ragte der rmische Franke fast um eines Hauptes Hhe.
Wie ein Riese stand er da, gewaltig an Schultern und Gliedern, die Arme besteckt
mit Ringen, auf dem Schuppenpanzer goldene Kaiserbilder. Unter dem Helme
starrten die buschigen Brauen, dster war sein Blick, kaum bemerkbar sein
hfliches Lcheln.
    Als Bisino mit seinem Gast eine Wendung machte, trat er pltzlich Ingo
gegenber, der den Knig schweigend grte und ihm den Knaben zufhrte. Der
Knig ergriff schnell die Hand seines Sohnes und zog ihn an sich. Aber der Blick
des Fremden haftete fest auf Ingo, und unwillkrlich zuckte die Hand nach dem
Schwert, als denke er darauf, den Feind seines Herrn schnell zu erledigen. Doch
Ingo trat grend auf ihn zu und begann: Da wir uns zum letztenmal sahen, Held
Harietto, war es an einem heien Tage; ehrlicher war dein Blick, whrend du dein
Schwert gegen mich schwangst auf blutiger Walstatt, als hier, wo der Wille eines
fremden Herrn dir die Hand vom Grue zurckhlt.
    Gern wrde ich dir sagen, Held Ingo, da ich mich freue, dir zu begegnen,
doch ich stehe hier als Bote des groen Rmers, und nicht freundlich ist seine
Meinung gegen dich.
    Ich aber rhme die Botschaft nicht, antwortete Ingo, die dem tapferen
Manne verwehrt, im Knigsfrieden einen Kampfgesellen zu begren, mit dem er
einst ehrliche Schlge getauscht hat.
    Dich und mich warfen zrnende Gtter aus der Heimat in feindliche
Schlachtreihen, beide folgen wir dem Eid, der uns bindet, sprach der Franke.
    Du folgtest den Feldzeichen der Fremden, ich dem Ruf unserer Landgenossen.
    Im Lager des Rmers singt der Snger dieselben Lieder wie hier im Lande,
entgegnete Harietto.
    Mich lehrten die Lieder, die ich als Knabe hrte, die Herrschaft der
Fremden meiden, versetzte Ingo.
    Kommt alle zu des Csar Banner, dann sind wir die Rmer.
    Alle rufst du, Harietto, die hier stehen, nur einen, meine ich, ladest du
nicht. Und darum zrne nicht, wenn ich fr unziemlich halte, den Hals vor dem
Hochgericht des Csar zu beugen.
    Beide neigten stolz das Haupt und traten auseinander. Die Knigsmannen aber
hatten sich dazu gedrngt, nach Rede und Gegenrede murmelten sie beistimmend,
strker, wenn Harietto sprach, doch auch Ingos Worten fehlte der Beifall nicht,
und er sah, da bei seinen letzten Worten der Knig selbst mit dem Kopfe nickte.
    Der Gesandte schritt mit dem Knig in den Saal, wo seine Begleiter die
Geschenke des Csar aufstellten. Der Knig schaute erfreut auf die Goldschalen
und Becher, auf die wundervolle Arbeit mit eingesetzten Edelsteinen, und
versicherte den Gesandten, er sei ein Freund des Csar und zu vielem guten
Dienst erbtig. Da begehrte Harietto geheimes Gesprch, und als der Knig alle
Hrer weggescheucht hatte, forderte der Franke die Auslieferung Ingos.
    Bisino erschrak, er sa lange berlegend und antwortete endlich, die
Forderung sei allzu hart fr ihn, und er brauche Zeit, um eine Antwort zu
finden, der Gesandte mge sich's unterdes als Gast an seinem Hofe gefallen
lassen. Aber Harietto drang auf schnellen Entschlu, bot hhere Geschenke und
drohte. Da emprte sich der Stolz des Knigs, und zornig rief er, was er
freundlichem Gesuch verweigere, werde er dem Drohenden vollends nicht
bewilligen. So entlie er den Fremden, und dieser lagerte mit seinem Gefolge
unter den Knaben des Knigs, trank mit ihnen und teilte Geschenke aus.
    Knig Bisino aber blieb verstrt; zuletzt ging er in sein Schatzhaus, setzte
sich auf den Schemel, besichtigte mit schwerem Herzen noch einmal die neuen
Geschenke und berzhlte darauf seine Schnre, an denen goldene Armringe
aufgereiht waren, seine groen Schsseln und Kannen, die goldenen Becher und
Trinkhrner. Mit Mhe hob er eine Silberschssel, spiegelte sich darin und
sprach kummervoll zu sich selbst: Grmlich ist das Bild, das ich sehe. Der
Fremde hat mir reiche Geschenke gebracht, obgleich die grte Schale nur
vergoldetes Silber und keine rhmliche Gabe an einen Volksknig ist. Dennoch
wrde ich ungern die anderen Gaben missen, von denen er spricht, und der Rmer
gibt sie mir nicht, wenn ich jenen nicht lebendig oder vielleicht auch tot
ausliefere. Aber wenn ich das Unrecht auf mein Leben nehme und ihn seinen
Feinden einhndige, so werde ich scheuslig vor allem Volk als ein Mietling der
Fremden, und weil ich den Gastfreund einem ehrlosen Tode freigebe. Auch tut mir
der Gesell selbst leid, denn gutherzig ist er und ehrbar, und ein treuer Genosse
beim Kruge und auf dem Rosse. Dagegen wenn ich ihn trotz den Rmern bewahren
will, so droht mir markverzehrende Arbeit, der Krieg rumt vielleicht meinen
Schatz, er mindert die Kraft des Volkes und rttelt an meinem Knigsstuhl. Sein
Blick fiel auf ein Schwert, welches ber dem glnzenden Metall an der Wand hing.
Dies ist die Knigswaffe meines Geschlechtes, gerhmt im Liede und gefrchtet
im Volke, manche schwere Tat hat sie ausgefhrt, ein Gott hat, wie die Sage
kndet, einst den Stahl dazu gehmmert, mich wundert, da ich heut die Augen
nicht von ihr abwenden kann. Und seufzend fuhr er fort: Ich habe mit ihm
getrunken, gejagt und an seiner Seite gefochten, und ich wnsche ihm, da sein
Ende rhmlich sei wie das seiner Vter, die es auch eilig hatten, die Todeswunde
auf der Brust zu erhalten. Vermag ich ihn nicht zu retten, so will ich ihm doch
wenigstens Knigsehre erweisen.
    Der Knig erhob sich und ergriff die Waffe. Da fhlte er sich leise am Arme
gefat, er fuhr zusammen und zckte das Schwert; vor ihm stand Frau Gisela und
sah ihn spottend an: Will der Knig mit seinem Tafelgert zu Felde ziehen, da
er darber Heerschau hlt?
    Worin liegt Knigsmacht, wenn nicht im Schatze? fragte der Knig unwillig
zurck. Wie kann ich der Begehrlichen Sinn festhalten und ihren Treuschwur
gewinnen, wenn ich ihnen nicht von dem fremden Metall spende? In meinem Lande
haben es wenige, und alle fordern es, woher soll ich's holen, wenn ich's nicht
von den Fremden erkaufe?
    Der Knig will den Mann an die Rmer verhandeln? fragte die Knigin, und
ihre Augen flammten wie Feuer.
    Wrde ich mich bedenken, wenn ich's tut wollte? murrte der Knig. Aber
dieser Fremde sitzt wie ein Uhu auf meinen Bumen, alles Geflgel der Luft
schiet heran und schreit gegen ihn, nicht lange, so senden auch die Knige von
der Oder und fordern seinen Leib.
    Du tuschest mich nicht, brach die Knigin in heiem Zorne los, siehe zu,
o Knig, ob du leben kannst nach solcher Schmach, ich will es nicht. Dem
meineidigen Mann, der um rmisches Gold seinen Schwurgenossen verkauft, weigere
ich die Genossenschaft an Tisch und Lager.
    Der Knig sah mit querem Blick auf sie: Heftig strmen deine Gedanken, Frau
Gisela, ich meine, sie verfehlen das Ziel.
    Wer darf mehr fr des Knigs Ehre eifern als die Knigin? antwortete das
Weib, nach Fassung ringend. Getraust du dich nicht, ihn vor den Rmern zu
bewahren, so entla ihn von deinem Hofe. Besser ist es, sich schwach zu erweisen
als treulos.
    Damit er nach der Krnkung lebe als mein Feind, sprach der Knig.
    So binde ihn durch hohen Schwur; er ist, wie ich meine, von denen, die ihr
Gelbde halten.
    Will die Knigin ihn dazu berreden, da er der Krnkung niemals gedenke?
fragte der Burgherr lauernd.
    Ich will, versetzte Frau Gisela tonlos, wenn es dem Knige ntzt. Beide
standen einander mit finstern Gedanken gegenber, endlich begann der Knig: In
der Not dient schnelle Tat, versuche dein Heil, Gisela, sende ihm heute abend
Botschaft, da er in deinen Turm steige zu geheimer Unterredung, vielleicht
hilfst du ihm dort zu einer guten Ausfahrt.
    Die Knigin sah vor sich nieder, erblichen war ihr Antlitz, als sie
antwortete: Ich will ihn zur Ausfahrt mahnen, da du es gebietest. Sie wandte
dem Knig schnell den Rcken. Er sah ihr finster nach.
    Am Abend harrte die Knigin in ihrem Turmgemach, die Nachtvgel saen auf
der Mauer und klagten ber das Unheil, welches drinnen einem bereitet werden
sollte, in den scharfen Sten der Luft, die durch das offene Fenster drang,
flackerte die Wachsfackel und trieb den Schatten des schnen Weibes an den
Wnden hin und her. Frau Gisela stand inmitten des Raumes, im Festgewande, die
rote Knigsbinde ber der Stirn, das bleiche Haupt vorgebeugt, die Hnde fest
geschlossen wie zu gewaltsamer Tat. Scheidest du von hier, Ingo, mir ist es
Qual, rger als Tod, und weilest du, dann ist von dreien, welche leben, einer
zuviel. Sie fuhr zusammen und horchte wieder, aus der Tiefe erklang Gemurr von
Stimmen und leises Waffengeklirr. Da ri sie die Fackel von dem hohen Leuchter
und hielt sie zum Fenster hinaus, da der Rauch und die lodernde Flamme an die
Turmzinne wehte und die Eulen erschreckt aufflogen. Aus der Ferne antwortete
nach wenigen Augenblicken ein einzelner Jagdruf, die Knigin hob die Leuchte
zurck und schob den Teppich vor die Fensterffnung.
    Auf der Steintreppe klang ein Mnnertritt. Er ist es, sprach sie leise.
Aber als sich die Tr ffnete, fuhr sie zurck, denn Knig Bisino trat ein,
dster war sein Antlitz, der vierschrtige Leib gedeckt mit einem Panzerhemd,
das Haupt mit dem Stahlhut; am Griff seines Schwertes schimmerte im Lichte ein
blutroter Stein. Die Knigin ist geschmckt wie zu einem Hochzeitsfest, sagte
er zornig.
    Du hast es gewollt.
    Ich will auch unsichtbar ein Zeuge sein deiner Unterredung mit ihm, und
damit du alles sprichst, wie ich geboten, so hre die Warnung: am Fue des
Turmes harren zwei meiner Knaben mit harten Hnden, steigt er hinab ohne mich,
er berschreitet nicht lebend die Schwelle.
    Gut sorgte der Knig, antwortete Frau Gisela starr. Da fiel ihr Blick auf
das Schwert des Knigs, und sie schrie: Blutig glnzt der Stein an dem Messer
des Knigs, die Todeswaffe deiner Ahnen ist's, und ihr Entsetzen mhsam
bndigend, fuhr sie fort: Vom Gemach der Knigin bleibt sonst das Schwert der
Mnner ausgeschlossen. Warum krnkt der Knig mein Recht?
    Es ist nur Vorsicht, Gisela, versetzte der Knig grimmig. Er schritt nach
dem Hintergrund des Zimmers, ffnete eine kleine Seitentr und verschwand
dahinter.
    Wieder stand die Knigin allein, und in wilder Emprung flogen ihre
Gedanken. Gewalttat sinnt der lauschende Knig, und ich soll helfen bei
nichtswrdiger Tat.
    Da klang drauen der Tritt des anderen, und Ingo trat ein, ungerstet und
schwertlos. Ich danke dir, Base Gisela, begann er herzlich, da du mir heut
deinen Turm ffnest. Er sah in den geschmckten Raum, auf gestickte Teppiche an
der Wand und kostbares Gert aus fremdem Lande. Seit ich die Mutter verlor,
habe ich niemals wieder das Prunkgemach einer Knigin betreten. Was stehst du so
feierlich, Base? fuhr er traurig fort, verzeihe mir, wenn ich mich nicht, wie
ich sollte, der Ehre freue, da du den armen Ingo im Knigsschmucke empfngst.
Er ergriff ihre Hand, trotz der Angst flog ein rosiger Schein ber ihr bleiches
Antlitz, als sie die Hand zurckzog. Leichter ist der Aufgang zum Gemach der
Knigin als der Sprung aus der Turmtr, sprach sie leise.
    Ich sah lauernde Knaben des Knigs, antwortete Ingo, und mich verwundert
das nicht, denn ich wei, Harietto hat den Sinn des Knigs, der mir sonst gtig
war, gegen mich emprt, darum flehe ich, sorge du, soweit du vermagst, da mir
nicht Schmach widerfahre. Mde bin ich, Knigin, meines Erdenloses, verleidet
bin ich jedem Gastfreund, elend berall, gleich einem tollen Wolf gehetzt von
Hof zu Hof, verchtlich wird mir solches Leben, denn eines besseren Schicksals
fhle ich mich wert, und selbst denke ich zu sorgen, da ich nicht als Lebender
durch Rmerfesseln gebunden werde. Wenn du aber mein Geschick nicht zu wenden
vermagst, dann, flehe ich, rette meine Blutgenossen, den irrenden Schwarm, vor
ruhmlosem Tode. Gern werden sie kmpfen, gegen wen es auch sei, aber sie
frchten ein Verderben, das sich ihnen unsichtbar nahen mag, denn fest eingehegt
stehen wir zwischen Steinmauern.
    Lautlos starrte die Knigin nach der verborgenen Tr, pltzlich stie sie
einen heiseren Schrei aus, denn der Knig trat hervor und rief: Eingehegt bist
du selbst zur letzten Wunde. Mit gehobenem Schwert fuhr der Knig gegen Ingo,
aber wie eine Lwin sprang Frau Gisela dem Herrn entgegen und wand ihm den Arm,
da das Schwert klirrend zu Boden fiel. Ingo ergriff die Waffe vom Boden und
rief, sie schwingend: Ich halte deinen Tod in der Hand, Knig Bisino, wenig
wird dir deine Rstung frommen, wenn ich die Tat ben wollte, die du mir
zugedacht. Danke dem Gotte, dem du vertraust, da der Gastschwur mir heiliger
ist als dir. Und er warf die Waffe dem Knig vor die Fe. Ein leiser Ton wie
das Sthnen eines Weibes zitterte durch den Raum.
    Der Knig sah wild um sich: Du sprichst als ein Mann: wohlan, hebe dein
Schwert von der Treppe, wir fechten.
    Ich habe dir Friede geschworen, antwortete Ingo unbeweglich.
    Und ich dir, versetzte der Knig, gebrochen ist der Eid, du bist frei,
hebe die Waffe.
    Gegen dich kmpfe ich nicht um mein Leben, versetzte Ingo, ehrwrdig ist
mir dein Knigshaupt, wenn du mir auch zuweilen bles gedacht hast. Und nimmer
will ich helfen, da der Ruf deines Gemahls entehrt werde durch dein oder mein
Blut, das vor ihrem Lager vergossen wird. Mu ich vertilgt werden, dann klage
ich nicht, wenn du selbst es tust, dann sto zu, Knig, und sei bedankt fr das
Gastgeschenk.
    Der Knig beugte sich, das Schwert zu erheben, da klang von unten Geschrei
und Kriegsruf, Ingo schnellte empor. Fluch mir, vergessen habe ich in der
eigenen Not die Notgenossen. Den Sang meiner Schwne hre ich, ich komme. Du
wahre dich, Knig, ich finde, was dich zwingt. Mit Sturmeseile brach er aus der
Tr, der Knig raunte heiser: Erbarmen kennen die nicht, die unten seiner
harren, und er eilte ihm mit geschwungenem Schwerte nach.
    Aber Ingo sprang nur wenige Stufen hinab, wo sein Schwert lehnte und unter
dem Gemach der Knigin der junge Sohn neben dem Helden Valda schlief. Er raffte
den Knaben vom Lager, drckte ihn an sich und flsterte ihm zu: Hilf mir,
Hermin, mir droht das Verderben. Ich tue dir kein Leid, wenn nicht von dem Knig
meinen Genossen ein bles geschieht. Der Knabe hing schlaftrunken in seinem Arm
und fate ihn um den Hals. Gern helfe ich dir, Vetter, sagte er ahnungslos.
Bevor der alte Krieger sich vom Lager erhob, trug Ingo den Knaben hinauf an die
Tr der Knigin, wo der Knig mit dem Schwerte ihm entgegensprang. Aber Bisino
fuhr entsetzt zurck, als er sein Kind unter dem Messer Ingos erblickte. Geh
voran, Knig Bisino, rief Ingo befehlend, bereite mir den Weg, ich halte, was
dich zwingt. Das Leben deines Knaben sei Brge fr die Hupter der Meinen. Lebe
wohl, Frau Gisela, flehe zu den Gttern, da das Haus des Knigs nicht zerbreche
in dieser Nacht.
    Die Mnner eilten die Steintreppe hinab, Frau Gisela lauschte starr nach dem
Getse und Fall am Fu der Treppe. Ob sie wnschen sollte, da er entrann, der
den Sohn ihr gepfndet? Ob er selbst zurckkehren wrde in ihr Turmgemach, oder
der Knig oder keiner von beiden, das strmte ihr durch die Seele; sie fhlte
Ha gegen ihn, der ihre Hilfe sich nicht begehrt, und doch auch heie Angst um
sein Leben, und Angst vor der Wiederkehr des Knigs. Sie sprang an das Fenster
und sah hinaus in die Nacht. Sie hrte fernes Gemurr und helles Geschrei, dann
wurde es still, sie sah einen Feuerschein blinken, aber auch er verlosch, die
Nacht blieb schwarz und unsicher wie ihr eigenes Schicksal. - Auf den letzten
Stufen vor der Turmtr hielt Ingo an: Verjage die Hunde, Knig, da ihr Bi
nicht deinen Sohn treffe Der Knig trat ungern vor, aber er verscheuchte seine
Wchter. Ingo sprang an ihm vorber wie ein flchtiger Hirsch zu der Herberge
seiner Mannen. Nicht vermochte der Knig ihm zu folgen, so sehr er sich eilte.
    Um die Herberge standen die Haufen der Knigsknaben, gerstet mit Schild und
Speer, manche auch mit Fackeln in der Hand. Auf dem Erdboden vor den Stufen
loderte eine rote Flamme und warf ein unsicheres Licht in den dunkeln Saal und
auf die wilden Gesichter der Vandalen. Was blinzen die Kuze beim Lichtschein
und wenden abwrts den Blick? rief Berthar von der Treppe, mich wundert's, da
die Knaben des Knigs vor niedertrchtigem Werke sich scheuen, sie sind ja, wie
ich hre, gewhnt, bei Nacht zu tten. Fr ganz schamlos gelten sie im Volke.
Hat sie erschreckt, da mein Schwert ihrem Fackeltrger den Brand zerschlug?
Tretet nher, ihr bsen Verzagten, damit ihr vor allem Volke verflucht werdet
als Friedensbrecher. Heran, auf da meine Knaben euch die letzte Fahrt rsten.
    Grobe Worte sind die Mnze des heimatlosen Bettlers, rief Hadubald
entgegen, gut verstehst du sie zu zahlen, wenn du an fremden Bnken lungernd
durch die Welt fhrst. Ganz unntz seid ihr auf der Mnnererde, und schwerlich
beschwert ihr fortan noch fremde Hfe durch euer Geschrei.
    So bereiteten sich die Helden durch heftige Rede zum Kampf; da sprang durch
den lrmenden Haufen Ingo, den Knigssohn im Arme. Er fuhr auf die Stufen und
stand unter seinen Getreuen. Ein lauter Heilruf der Vandalen tnte um die Halle;
Ingo aber rief befehlend gegen die Knaben des Knigs: Weicht zurck, tapfere
Helden der Thringe, der junge Knig, den ich halte, gebietet euch Frieden.
Wollt ihr, da sein Haupt unversehrt bleibe, so vermeidet, meine Mannen zu
krnken. Heil sei dem Knig in der Herberge, setzte er hinzu, da Bisino
herankam, und Frieden bedeute sein Nahen. Betritt, o Knig, huldvoll das
Schlafgemach deiner Gste, denn nicht durch Waffen, meine ich, enden wir heut
die Verstrung. Hilf mir den Knig geleiten, Hermin, mein Vetter! Er lie den
Knaben zur Erde und trat, das Messer ber ihn haltend, dem Knig entgegen, das
Kind ergriff die Hand des Vaters und stand zwischen beiden Helden. Entzndet
die Fackeln an der Flamme, rief Ingo den Seinen zu. Jedermann weiche aus dem
Raume, ihr Vandalenhelden bewacht auf den Stufen die Beratung der Knige!
    Mrrisch winkte Bisino seinem Gesinde, den Zugang zu rumen, dann gebot er
Hadubald, mit einer gleichen Zahl von Knigsmannen die Stufen zu besetzen. Auf
die erhhte Bhne der Halle, wo Ingos Lager stand, geleitete dieser den Herrn,
er selbst sa ihm gegenber und schlang seinen Arm um den jungen Knig. Bisino
setzte sich zgernd und sah finster vor sich hin. Du meinst, mich durch das
Haupt meines Sohnes zu zwingen, da ich dich und deine Landstreicher verschone.
Aber wild hat der Zorn sich erhoben zwischen mir und dir, und dauerlos wre, so
frchte ich, die Vershnung. Entziehst du dich heut meinem Zorn, so trifft er
dich doch morgen oder zu anderer Zeit, denn selbst wenn die Bitte dieses Knaben
dir meinen Zwinger ffnet, so weit du doch, da meine Macht weit reicht, und
da des Knigs Wille dich umstellt wie ein gehetztes Wild.
    Wohl ehre ich deine Macht, Knig, versetzte Ingo, und ich wei, da es
mir mhselig wre, ber die Brcke zu reiten und ber die Heide zu traben, wenn
dein Zorn feindlich hinter mir fhrt. Dennoch meine ich, da der Knig edel
handelt, wenn er mir die Treue hlt, soweit die Eide reichen. Den Zweikampf hat
mir der Knig angetragen; ruhmvoll war das Erbieten und eines Helden wrdig, und
vermag er mich nicht zu dulden auf der Mnnererde, so wei ich wohl, da es fr
mich keine bessere Ehre gibt im Gedchtnis der Menschen, als durch die Waffe des
Knigs zu fallen, oder wenn ich ihn selbst voraufsenden sollte in die
Totenhalle, mit meinen Gefhrten vertilgt zu werden durch den Grimm der
Thringe. Dennoch ist es mir unleidlich, gegen dich zu kmpfen, mein Herr und
Wirt, denn freundlich warst du gegen mich, Guttat geno ich an deinem Hofe,
ehrenwert ist mir auch dein Gemahl und hier der Knabe, den ich im Arm halte, und
Frohes habe ich von deiner Huld fr mein Leben gehofft. So krnkt mich's,
obgleich ich den Schwertgrimm fr rhmlich halte, da ich um meinen Leib
feindlich gegen dich ringen soll.
    Verstndig sind deine Worte, versetzte der Knig, auch dein Sinn ist
redlich, wie ich vermute, und ungern sinne ich auf dein Verderben, aber mich
zwingt die Knigsnot, die keiner versteht, auer wer als Wirt ber seinem Volke
waltet. So wisse denn, friedloser Mann, der Csar fordert, da ich dich
ausliefere an seine Boten.
    Will der groe Volksknig dem Befehl eines neidvollen Rmers gehorchen wie
ein Besiegter?
    Die Katten hat er aufgehetzt, sie sind eilig, sich Sklaven und Herden zu
holen aus meinem Volke, um deinetwillen sollen die Thringe den Schlachtgesang
singen.
    Stelle mich in deine Heere, o Knig, unterbrach ihn Ingo, nimmer kehre
ich zurck, wenn nicht als Sieger.
    Meinst du, da du mir als Sieger willkommener wrest als jetzt, du mit der
Erbtochter? fragte der Knig finster. ber die Schlachten der Thringe waltet
der Knig allein!
    Da legte Ingo die Hnde auf das Haupt des Knaben und sprach traurig: Gleich
diesem Kinde wuchs ich frhlich auf unter der Knigskrone, schuldlos wie dein
Sohn war ich, da ich aus der Heimat gescheucht wurde. Denke daran, Knig, da
sich schnell die Geschicke der Mnner wandeln, auch du weit nicht, welches
Schicksal deinem Knaben einst bereitet ist. Wie auch die Gtter uns die Lose
werfen, von uns fordern sie, da wir treu sind unserem Wort. Sorge auch du, o
Herr, damit sie nicht den Eid, den du dem armen Ingo geschworen, einst an dem
Haupte deines Sohnes rchen.
    An den Sohn denke ich, da ich ihm die Herrschaft sichere, wenn ich mich
des Eides gegen dich entledige, versetzte der Knig.
    So lse den gastlichen Eid, ohne da die Gtter dir zrnen, fuhr Ingo
flehend fort, entla mich mit meinem Gesinde ungekrnkt aus deiner Burg und aus
deinem Lande. Mehr fordert dein Volk nicht, und begehrt der Rmer rgeres von
dir, so krnkt er deine Ehre. Hilf mir, Knabe, und bitte bei deinem Vater fr
mich.
    Hermin kniete nieder und umschlang das Knie des Knigs: Tu dem Vetter kein
Leid, mein Vater!
    Der Knig sah lange auf den Knaben, ber welchen Ingo die bewehrte Hand
hielt. Du weit nicht, was du bittest, Kind, sagte er endlich. Und mitleidiger
zu Ingo aufsehend, fuhr er fort: Willst du, Ingo, mir mit hohem Eide geloben,
niemals diese Nacht zu rchen, niemals schdlich zu sein mir und meinem Sohne,
und niemals Freundschaft zu suchen im Herrensitz am Walde, so will ich dich
entlassen aus meiner Burg, aus meinem Land.
    Den Eid nehme ich auf mein Leben, sprach Ingo leise, wenn auch der Knig
mir geloben will bei dem Haupt dieses Knaben, der Worte zu gedenken, die er vor
kurzem zu mir sprach, und das Knigsauge zu schlieen gegen mein Tun, wenn nicht
das Volksgeschrei bermchtig zwingt.
    Der Knig lchelte finster. Ich will, wenn du mir etwas von deinen Gedanken
vertraust. Ingo neigte beistimmend das Haupt. Wohlan denn, setze dich zu mir
wie einst und knde leise dein Geheimnis. Die Knige sprachen heimlich, und der
Knabe sa zwischen ihnen und umfate mit den Hnden beider Knie.
    Auf den Stufen lagen getrennt die Vandalen und die Knigsknaben hinter ihren
Schilden. ber ihnen saen auf den Schemeln die beiden Schwerthalter Berthar und
Hadubald gegeneinander. Da begann Hadubald: Frieden bereitet, wie ich merke,
das Gesprch im Saale unseren Schwurherren. Gefllt dir's, Held, so tilgen wir
den Groll durch einen Trunk, den einer meiner Genossen schnell zu schaffen wei,
denn khl weht die Nachtluft.
    Mordbrenner! versetzte Berthar grimmig.
    Tricht handelst du, den Diener zu schelten, der getan hat, was seinem
Herrn ntzt.
    Nachtschcher! brummte Berthar wieder, deine Treue brachst du fr des
Knigs Bier, seitdem ist der Trunk verdorben, den du bietest.
    Wer hochmtig verschmht, beim Zapfen Bescheid zu tun, der wahre sich, da
nicht sein Blut gezapft wird auf grner Heide.
    Auf grner Heide und im finsteren Wald, wie hier in der Herberge bist du
blutiger Schlge sicher, sobald dich nicht der Knigsfrieden schtzt; damit
begnge dich, Held!
    Lange whrte die Zwiesprache der Herren, endlich rief der Knig: Bringe den
Becher, Schenk, Minne zu trinken, bevor Held Ingo scheidet. Willig regten sich
die Mannen auf den Stufen, der Schenk lief und trug einen groen Becher Met
herzu, die Knige taten ber dem Becher und auf dem Haupt des Knaben einander
das Gelbnis. Und jetzt scheiden wir, Ingo, sagte der Knig, leid tut mir's,
da du ein fahrender Held und nicht von meinem Geschlecht bist, und doch, wrst
du von meinem Stamme, du wrst mir vielleicht weniger vertraulich.
    Denke mein im guten, o Herr, dankte Ingo, und frhlich rief er dem Alten
zu: Rste den Aufbruch, wir reiten.
    Bei Sonnenlicht kamen wir, versetzte Berthar, mein Herr und seine Helden
entweichen nicht wie Nachtdiebe. Will der Huptling, da wir aufbrechen, bevor
der Hahn singt, so flehe ich, Knig Bisino, da deine Knaben uns mit den Fackeln
leuchten, die sie am Abend sorglich um dieses Haus getragen haben, damit wir bei
unserer Abfahrt den hellen Schein nicht missen.
    Der Knig sah zuerst zornig auf den Khnen, aber er sprach: Ich lobe dich,
du verstehst fr deinen Herrn mit Schlgen und mit Worten zu streiten. Besteigt
die Rosse, ihr stolzen Gste, ihr Mannen aber entzndet die Brnde, denn der
Knig selbst gibt das Geleit zum Tor.
    Auf der Brcke schied Ingo von dem Knig und seinem Sohn, und alle
erstaunten, als der Knig nach dem Abschied noch einmal ber die Bretter zu Ingo
eilte, ihn mit den Armen umfing und kte. Lachend sah Berthar auf die finsteren
Mienen der leuchtenden Knigsknaben. Reitet im Schritt, gebot er vor dem Tor
den Vandalen, damit sie nicht whnen, da wir ihren Gru im Rcken frchten.
Und nach einer Weile rief er: Nimm die Spitze, Wolf, und lasse die Rosse
springen, frisch blst die Nachtluft, und wohl gelang uns die Reise nach der
Knigsburg.
    Als sich das Tor hinter den Gsten geschlossen hatte, befahl der Knig
seinen Knaben: Wer etwa morgen oder spter von dieser Nacht schwatzt, oder wer
noch mit dem Rmer beim Trunke raunt, wie heut mancher getan, dem zerschellt die
Axt des Knigs das Tor seiner Worte.
    Darauf nahm er das schlafende Kind in die Arme und trug es zu seiner eigenen
Kammer. Als er beim Turme vorberkam, blickte er finster nach dem Gemach der
Knigin. Dort drinnen lag ein trostloses Weib mit dem Haupt an der Fenstermauer
und hrte auf den Schall der Stimmen und auf den Hufschlag, welcher in der Ferne
verklang. Der Knig aber dachte: Wenn sie nicht so erlaucht wre von Geschlecht,
wre es besser fr mich und sie. Denn gern mchte ich ihr Schlge geben und sie
dann wieder liebhaben. Sie aber wollte das Tuch zerschneiden zwischen sich und
mir, und sie hat gerungen gegen mein Schwert; ob sie meint, da ich ihr das
vergesse? - Was aber den Rmer betrifft, so ist mir's im Herzen lieb, da ihm
nicht sein Wille geschieht, denn nichtswrdig war die Forderung, und herrisch
war der Bote. Jetzt will auch ich ihm Silber statt dem Gold bieten, das er sich
begehrt. Und am anderen Morgen lud der Knig den erstaunten Harietto und sprach:
Um des groen Csars willen habe ich alles getan und ausgefhrt, was die
Knigsehre mir gestattet, und nicht mehr. Dem Gebannten habe ich das Gastrecht
aufgekndigt und ihn ohne Geleit entlassen, damit er aus meinem Lande weiche.
Und er trabt jetzt wohl schon weit von hier ber die Heide. Als der Knig
wieder in sein Schatzhaus ging und sein Angesicht in der Schssel betrachtete,
da sprach er seufzend zu sich selbst: Eine Sorge wich, aber eine grere kam;
nur eins ist mir lieb, es ist ein ehrliches Gesicht, das ich schaue.

                                  Zur Idisburg


Auch in den jungen Mnnern der Walddrfer regte sich die Reiselust, als die
Reiser der Bume vom Safte schwollen und das junge Laub aus den Knospen brach.
Es war ein heimliches Summen in den Hfen, und frische Gesellen hielten im
Waldversteck stillen Rat; denn nicht die Alten und Weisen des Gaues hatten den
Auszug geboten, und nicht die heiligen Opfer des Gaues sollten ihn weihen, nur
Unzufriedene lsten sich von der lieben Heimat, willkrlich und auf eigene
Gefahr, weil ihnen der Sinn nach besseren Landlosen stand. Anfangs waren nur
wenige entschlossen, ihr Glck in der Fremde zu suchen, vor ihnen Baldhard und
Bruno, Shne des Bero; bald aber ergriff die Sehnsucht auch andere, jngere
Shne ehrbarer Wirte, neben ihnen wilde Gesellen und Waldlufer, die sich lieber
rauften als bauten, auch manchen Hausvater, dem seine Nachbarn gehssig waren.
Manchen hatte auch ein Mdchen, welches ihm lieb war, heimlich gemahnt, vor der
Reise warb er um sie, und wo der Tchter mehre im Hause waren, wagte der Vater
sein Kind an die ferne Hoffnung. Diesmal war es kein Zug in unbekannte Ferne,
auf dem der Mond und die Sterne fhren, der wehende Wind oder der fliegende
Rabe; denn die neuen Siedelsttten lagen nur wenige Tagereisen von der
Gaugrenze, und die Reise ging durch Wlder und Marken von Landgenossen, die in
frheren Geschlechtern denselben Weg gezogen waren. Deshalb sorgten die
Fahrenden wenig um Waffengefahr auf dem Wege und nicht sehr um Nahrung und
Viehfutter. Auch da, wo sie bauen wollten, durften sie freundlichen Gru hoffen,
denn ein kluger Wirt hatte im voraus sorglich um ihre Reise gehandelt und mit
dem Volke, dem sie zuzogen, Vertrag geschlossen. Und doch rsteten die
Wanderlustigen ihre Abfahrt noch heimlicher, als sonst Brauch war; denn nicht
alle Hupter des Gaues freuten sich der Reise, durch welche die Zahl ihrer
jungen Krieger gemindert wurde, nicht Frst Answald und nicht das Geschlecht des
Sintram, und diese suchten dem Drange zu wehren, soweit ihre Macht reichte. Auch
den Eifer des Knigs hatten die Fahrenden zu frchten, denn er mochte ihnen die
Besiedelung stren, bevor sie auf dem neuen Grunde festgewurzelt waren. Darum
hatten sich die Wanderlustigen in nchtlichem Rate zusammengeschworen und die
Shne des Bero zu Fhrern gewhlt, in den letzten Monaten hatten sie fr die
Fahrt gerstet, Beisteuer in ihrer Freundschaft erbeten, Wagen und Ackergert
gezimmert und um Vieh gehandelt, soweit sie vermochten. Und sie wollten einzeln
und mit wenig Gerusch aufbrechen, um sich jenseit der Gaugrenze zu geordnetem
Zuge zu sammeln.
    Im ersten Morgenlicht standen die Wagen mit Saatkorn und Hausrat bepackt.
ber dem festen Bohlengefge spannte sich die Decke von Leder, die gejochten
Rinder brllten, Frauen und Kinder trieben das Herdenvieh hinter dem Wagen
zusammen, und groe Hunde, die treuen Begleiter der Fahrt, umbellten das
Fuhrwerk. Die Geschlechtsgenossen und Nachbarn trugen zum Abschied herzu, was
als Reisekost diente oder ein Andenken an die Heimat sein konnte. Durchaus nicht
frhlich war der Abschied, auch dem mutigen Mann bangte heimlich vor der
Zukunft. War das neue Land auch nicht endlos weit, fast allen war es unbekannt,
und unsicher war, ob die Gtter der Heimat auch dort Schutz gewhrten und ob
nicht schdliche Wrmer und Elbe Vieh und Saat zerstren wollten oder feindliche
Mnner die Hfe abbrennen. Auch die Kinder fhlten das Grauen, sie saen still
auf den Scken, und die Kleinen weinten, obgleich die Eltern ihnen Haupt und
Hals mit heilkrftigem Kraut umkrnzt hatten, das den Gttern lieb ist. Mit der
aufgehenden Sonne erhoben sich die Fahrenden, der lteste ihres Geschlechts oder
eine weise Mutter sprach ihnen den Reisesegen, und alle flehten murmelnd um
gutes Glck und bannten durch Zauberspruch die schdlichen Waldtiere und
schweifenden Ruber. Die anderen Dorfleute aber, welche daheim blieben, blickten
scheu auf die Wanderer wie auf verlorene Menschen, unheimlich dnkten ihnen die
Frevler, welche sich von dem Segen der Heimat lsten. Denn immer zog es die
Landgenossen mchtig nach der Ferne, und doch graute ihnen immer vor einem Leben
fern von den Heiligtmern, von Sitte und Recht der Heimat.
    Die Wagen bewegten sich knarrend zu den Bergen, von der Hhe sahen die
Wanderer noch einmal nach dem Dorf ihrer Vter zurck und neigten sich grend
gegen die unsichtbaren Gewalten der Flur; mancher unzufriedene Gesell warf auch
einen Fluch zurck wider seine Feinde, die ihm die Heimaterde verleidet hatten.
Dann nahm alle der Bergwald auf. Mhsam war die Fahrt auf steinigen Wegen, in
welche das Schneewasser tiefe Furchen gerissen hatte, oft muten die Mnner von
den Rossen steigen und mit Haue und Spaten die Bahn fahrbar machen, wild
erscholl Ruf und Peitschenschlag der Treiber, die Knaben sprangen hinter den
Wagen und hemmten den Rcklauf durch Steine, und doch zerrten die Zugtiere
machtlos, bis ein Gespann dem anderen half oder Mnner und Frauen die starken
Schultern an die Rder stemmten. War die Reise wegsamer, dann umritten die
Mnner sphend den Zug mit gehobener Waffe, bereit zum Kampfe gegen Raubtiere
oder rechtlose Waldlufer. Als die Wanderer aber nach der ersten Tagfahrt das
einsame Waldtal erreichten, welches zur Versammlung bestimmt war, da wurde die
Mhe des Tages ber der Freude vergessen, Landsleute in der Wildnis vor sich zu
sehen: hell jauchzten die Kommenden von der Hhe, und die Lagernden antworteten
mit gleichem Ruf, auch solche, die sich sonst wenig gekannt, begrten einander
wie Brder. Die Mnner traten zuhauf, und Baldhard, ein mekundiger Mann,
bezeichnete den Lagerraum mit Stben. Dort wurden die Zugtiere abgeschirrt, die
Wagen zu einer Burg zusammengestoen und im Ringe herum die Nachtfeuer auf
zusammengetragenen Steinen entzndet. Whrend die Haustiere weideten, von
bewaffneten Jnglingen und von den Hunden gehtet, bereiteten die Frauen die
Abendkost; die Mnner aber schlugen aus Stangenholz den nchtlichen Pferch fr
die Herde, verteilten die Wachen und holten aus den Wagen, was sie von krftigem
Trunk mitgebracht hatten; dann lagerten sie und sprachen bedchtig von dem guten
Weideland, das sie am Idisbach hofften, und von dem endlosen Wald im Sden der
Berge, wie steinig der Baugrund, wie steil die Gelnde und wie darum dies
Bergland sprlich bewohnt sei. Als das Mahl beendet war, wurden die wertvollsten
Rosse und Rinder im Wagenringe gesammelt und die schlaftrunkenen Kinder unter
dem Lederdach geborgen. Nach ihnen stiegen die Frauen in das enge Gemach, nur
die Mnner saen noch eine Weile beim Trinkhorn gesellt, bis auch ihnen die
Augen schwer wurden und die kalte Nachtluft ihre Frhlichkeit hemmte. Da hllten
sie sich in Pelze und Decken und legten sich an die Feuer oder unter die Wagen.
Es wurde stiller, nur der Wind blies von den Bergen, die Wchter umschritten den
Wagenring und den Pferch und warfen zuweilen Holzscheite in die lodernden Feuer.
Aber unablssig bellten die Hunde, denn aus der Ferne klang heiseres Geheul, und
um den Flammenring trabten gleich Schatten im aufsteigenden Nebel die
begehrlichen Raubtiere.
    In solcher Weise zogen die Wanderer drei Tage langsam durch den Bergwald,
der Regen rann auf sie nieder, und der Wind trocknete ihnen die durchnten
Kleider. Zuweilen hielten sie in den Tlern an Hfen ihrer Landsleute, dort
trafen sie entweder wilde Gesellen, die durch den Kampf mit dem Walde gehrtet
waren, oder rmliche Siedler, welche ber den rauhen Ackerboden klagten und auch
den Reisenden das Herz schwer machten. Am vierten Morgen zogen sie bei dem
hlzernen Turmgerst vorber, welches an der Landesmark der Thringe gezimmert
war; erstaunt sah der Wchter, der im Hofe daneben wohnte und sonst wenig um
reisende Haufen zu sorgen hatte, auf die Fahrenden; diese aber riefen ihm laute
Gre zu, denn er war, obgleich nur ein einsamer Waldmann, der letzte ihres
Volkes. Von da durchfuhren sie eine Stunde die Grenzwildnis; unfruchtbare
Kieshhen mit knorrigen Kiefern, wo niemals ein Siedler einen Hof gebaut hatte
und selten der Schlag einer Axt erklungen war, denn unheimlich lag der Strich,
und schdliche Geister fuhren, wie man sagte, die Grenze entlang, weil sie
ausgeschlossen waren von dem Boden, den gute Volksgtter fr die sehaften
Mnner behteten. Aber jenseits des Kieferwaldes sahen die Siedler von der Hhe
freudig in ein weites Tal, das mit ansehnlichen Hgeln und dichtem Laubwald
eingefat war. Dort zog sich in gewundenem Lauf der Idisbach durch die Wiesen,
und am Fu der Anhhen lagen Hfe und geteiltes Ackerland. Lustig schien die
Sonne ber das helle Grn und das sprossende Laub, die Rosse schnoben, als sie
die frische Talluft witterten, und die Rinder brllten der Weide entgegen, die
Wanderer aber hoben die Arme flehend zu der Gttin auf, welche ber dem Tal
waltete und die Leben der Mnner wohl zu behten vermochte, wenn sie ihr lieb
wurden.
    Ein reisiger Mann sprengte den Wanderern entgegen und wirbelte schon von
weitem grend seinen Speer in der Luft, ihm jauchzten die Ansiedler zu, da sie
ihren Landgenossen Wolf erkannten; auch die Frauen drngten sich an sein Ro,
und die Kinder streckten die kleinen Hnde aus den Wagen. Heil sei euch, liebe
Landsleute, rief Wolf, vollbracht ist die Fahrt. Lagert an den Hfen, denn auf
jenem Hgel harren die Weisen des Gaues am Opferstein, den Bund festzumachen,
damit ihr rechtlich werdet im Volke und eure Landlose gewinnet. Da rhrten sich
alle mit neuem Eifer und zogen auf trockenem Rasenweg zu Tale.
    Und Baldhard begann vertraulich zu Wolf, der neben ihm ritt: Von der
Knigsburg der Thringe fuhrt ihr bei Nacht und Nebel an unserem Hofe vorber
wie unmenschliche Gestalten der Finsternis. Damals war kaum Zeit, dir die Hand
zu drcken und die Tage unserer Reise zu bereden. Seitdem haben wir nichts von
euch gehrt und gesehen, ich hatte groe Sorge um euer Geschick und mute doch
vor den anderen meine Zweifel verbergen.
    Wolf lachte. Die Vandalen verstehen die Kunst, sich unsichtbar zu machen,
und ich meine, vor allen anderen stammt Berthar, der Held, von dem Geschlecht
der Waldelbe, denn er tummelt sich unter dem wilden Farnkraut so heimisch wie
wir im Dorfe, auch wenn er als ein Fremder durchreitet. Sogar ihre Rosse legen
sich im Waldversteck nieder wie lauernde Hndlein. Wir sind ganz ungesehen ber
die Grenze gestoben und in dies Land gedrungen. Hier fanden wir guten Empfang,
dein Vater hatte vorsorglich alles bereitet. Mein Herr Ingo waltet jetzt hier
als Huptling, und die Bauern der Marvinge werden, wie ich merke, seiner froh.
Die Leute hier aber wirst du als altvterisch und ehrbar erkennen. Sie trinken
ihr Bier noch aus dicken Npfen von Eichenholz, welche wahrhaftig schwer zu
heben sind, doch der Trank ist rhmlich. Wir aber haben seither wenig Mue
gehabt, ein Teil von uns schanzt mit Hammer und Axt auf den Bergen, und andere
sind dem Herrn nach Sden ber den Main gefolgt zu den Burgunden. Heut kommt ihr
zu guter Stunde, denn der Huptling, dem ihr euch geloben wollt, ist gerade
jetzt zurckgekehrt. Ingo erwartet euch beim Volksopfer.
    Siehst du den Helden Berthar, versetzte Baldhard, so gib ihm dies von
Frida, meiner Schwester, sie befahl mir's ernstlich, es sei fr ihn im
Herrenhofe gewunden. Und er legte einen Knuel in die Hand des anderen.
    Von der Lagerstatt schritten die Thringe einem Berge zu, der sein rundes
Haupt ber die anderen Hhen erhob. Vor dem letzten Anstieg hielt Ingo mit
seinem Gefolge zu Ro, die Vandalen sprangen ab, als die Siedler nahten, und
riefen ihnen frohen Gru zu. Auch die Thringe wurden mutig, da sie den Helden
vor sich sahen, dem sie einst in ihrer Heimat Gastrecht gegeben hatten und der
ihnen jetzt ein guter Fhrer in der Gefahr und ein gerechter Richter sein
konnte. Ingo fhrte die Scharen den Berg hinauf zum Opferstein, wo die Mnner
des Tales dichtgedrngt standen, vor ihnen Marvalk, der Greis, ihr Opfermann. In
drei Haufen sonderten sich die Opferer am Stein, dreimal drei Stiere wurden den
guten Gttern an den Stein gefhrt, drei fr jedes Volk. ber den Opferkessel
banden sich die Mnner zu einem Bunde und gelobten, den Helden Ingo als
Huptling zu ehren. Darauf wurde im Baumschatten das Opfermahl gerstet, und
allen erschien als ein gutes Angebinde, als der Huptling sich erhob und seinem
Volk verkndete, da der alte Streit um die Landesmark mit den Burgunden
verglichen sei.
    Von dem Opfermahl ritt Ingo mit Berthar talab einer anderen Hhe zu, auf
welcher die Vandalen ihr Heimwesen schanzten. Auf dem Wege sprach er frhlich:
So haben wir uns mit zwei Knigen vertragen und mgen hier wohl gedeihen, wenn
die Gtter uns gndig bleiben. Deinem Kriegszug mit den Burgunden danke ich, da
es mir bei Knig Gundomar gelang; er grollt jetzt dem bermut der Rmer und
wird, wie ich hoffe, in der nchsten Zeit Frieden halten.
    Unterdes bauen wir uns hier fest zwischen den Steinen, lachte Berthar,
und nach wenig Jahren soll es auch einem groen Volksknig schwer werden, uns
die neuen Sitze zu brechen. Sieh dort, mein Knig, die Sttte deines eigenen
Hofes.
    Von einer waldbewachsenen Bergleite ragte ein steiler Felsenhgel wie eine
Bergnase ber das Tal des Idisbaches, von der Hhe dahinter durch eine
Einbuchtung geschieden. Der Berg hob sich stolz aus dem grnen Tal, auf seinem
Gipfel trug er alte Eichbume als den einzigen Laubschmuck. Denn an den Seiten
des Berges waren die Stmme gefllt und ber der halben Hhe mit Felsgestein und
Erde zu dichtem Verhau geschichtet, davor ein Graben gezogen, der so weit von
dem Gipfel entfernt war, da keine Wurfwaffe zur Hhe hinaufreichte. Klug hatte
der Alte die Rinnsale des Wassers und kleine Schluchten benutzt, um gesicherte
Wege von dem Gipfel zum Ringwall zu fhren, damit am Tage des Kampfes die
Belagerten auf und ab eilen konnten, ohne da der Feind aus der Tiefe sie traf;
den verschanzten Abhang aber hatte er so gebscht, da von dem beherrschenden
Gipfel Steine und Wurfspeere freie Bahn niederwrts fanden. Da, wo der Burghgel
sich an die Bergleite schlo, war der Graben tiefer, der Wall hher. Auf dieser
Seite sprang ein starker Quell unter einem Felshaupt hervor, innerhalb des
ueren Walls, nicht sehr weit vom Gipfel des Berges. Dort hatten die zimmernden
Mnner den Baumschatten bewahrt, damit der Zugang zum Quell schattig und sicher
sei. Aber auch der Gipfel des Hgels war geebnet und lngs seinem Rande ein
zweiter Wall aus Steinen und Stammholz geschichtet. Er umschlo die Eichen und
einen Raum, der gro genug war, um in der Not Herdenvieh, Weiber und Kinder der
Siedler einzufassen. Da, wo der steile Reitweg vom Tale durch den Ringwall zur
Burg fhrte, sperrte ein Tor und ein Holzturm fr den Wchter den Zugang. Auf
der hchsten Stelle des Gipfels inmitten zwischen den Bumen zimmerten die
Mannen Ingos aus groen Balken die Halle des Knigs; daneben bezeichneten Stbe
im Boden die Stellen, wo die Wohnung der Mannen, der Stall fr Rosse und Rinder
und die Vorratsrume erbaut werden sollten. Damit aber dem Knig in der Bauzeit
das Gemach nicht fehle, war ihm in dem Wipfel der hchsten Eiche ein Baumhaus
errichtet. Zwischen die starken ste hatten die Knaben waagerechte Balken
gefgt, darber Dielen genagelt, die inneren Eichenzweige abgehauen oder nach
auen gezogen, den freien Raum im Laube mit Bohlen so umschlagen, da zwei
Stockwerke bereinander im Wipfel standen. Am Stamm lief die schmale Treppe
hinauf, jedes der beiden Gemcher war nach unten durch eine Falltr geschlossen.
    Freudig sah Ingo auf die getane Arbeit. Noch freudiger fhrte ihn der alte
Werkmeister von Stelle zu Stelle. Vogelfrei kamen wir in dies Land, sprach er
lachend, unter den Vgeln soll mein Knig hausen, bis Herdsitz und Halle
bereitet ist. Und sieh, dort unten am Bach der Schicksalsfrau richten die Knaben
der Thringe bereits die Wagenburg an der Sttte, wo sie ihr Dorf bauen werden.
Zu ihnen stellte ich deinen Kmmerer Wolf, denn kundig ist er ihres Landbrauchs.
Sieh weiter hinab in den Grund, dort ist ein wonniges Land fr Rinderherden, und
aus dem Walde dahinter schreit der Hirsch und brllt der wilde Ochs. In der
Ferne aber nach Sden, wo der Idisbach in den Main rinnt, schaust du die grauen
Wlder der Burgunden und die Hgel, auf denen sie sich ihre Grenzburgen
geschichtet haben.
    Das Bauer ist gezimmert, antwortete Ingo, dem Treuen die Hand reichend,
aber die Waldsngerin, die ich darin bergen will, klagt jenseit der Berge. Das
Grte ist noch zurck. Freudenlos fahre ich umher, und die Angst um das
Schicksal der anderen drckt mir den Atem.
    Nimm dazu meine Botschaft. Dies sandte Beros Tochter aus dem Herrenhofe,
antwortete Berthar und zog eine Schnur gereihter Haselnsse hervor. Merke, mein
Knig, sinnvoll hat das Mdchen dir die Frist gesteckt. Die erste Frucht, halb
wei, halb schwarz, meint die Zeit der Nachtgleiche, jede andere einen folgenden
Tag, auf jede siebente ist das Bild des wechselnden Mondes geritzt, die letzte
Nu ist schwarz, und eine Eisennadel steckt darin, diese bedeutet, wie ich
verstehe, den Tag, welcher zur Vermhlung bestimmt ist. Jetzt zhle, Herr. Kurz
ist die Frist, die dir bleibt; zum letztenmal hat der Mond gewechselt.
    Da rief Ingo: Whle mir, Vater, die Blutgenossen fr verwegene Tat und
rste nach dem Brauch unserer Heimat die Mnner und Rosse fr den Vandalenritt
in der Schwrze. Du aber flehe mit uns zu den Nachtgeistern um Sturm und
Finsternis.
    ber den Waldlauben zogen die schwarzen Wolken dahin, die Schatten dehnten
sich und glitten wieder zusammen, bald fuhr es beim Mond vorber wie
Manneshaupt, bald wie goldschimmernder Fu eines Rosses. Von den Bergeshuptern
wlzte sich dichter Nebel herab, bleigrau wand er sich um die Hhen, flo in die
Tler und hllte in grulichen Dmmer, was auf der Erde ragte, Fels und Laub und
den schreitenden Mann. Der Wind heulte ber die Berge langhallenden Klageruf und
schttelte die Wipfel der Bume, da sie ihre ste tief gegen das Tal neigten;
hier und dort drhnte es im Walde von schwerem Fall, alte Urstmme, vom Moder
gehhlt, brachen zusammen, Baum strzte auf Baum und ri die belasteten, welche
unter ihm krachten, tief hinunter in das enge Tal. Schreiend fuhr das Volk der
Raben auseinander und wirbelte abwrts in die Kluft, wo die gescheuchten mit
Schnabel und Fngen sich festklammerten. Unten aber rauschte zornig die
Schaumflut des Baches, sie schwoll gegen die Baumsperre und hob sich von Fels zu
Fels, in tollem Wirbel kreisten darin die ste und Stmme, und der Wasserschwall
schlug an die Berge.
    ber das Waldgebirge breitete sich ein fahler Lichtschein, vielleicht kam er
aus dem Boden, vielleicht aus den Wolken des Himmels, undeutlich sah man die
Berge ber die schwarze Nacht der Talgrnde ragen. Pltzlich flammte ein
Blitzstrahl. Und wilder als Brausen des Waldes und Gekrach der Bume klang der
Herrenruf des Donnergottes.
    Ingo stand hoch ber dem Giebach, mit der Faust hielt er sich fest an einer
Wurzel, die seitwrts aus dem Boden ragte, und ehrfurchtsvoll neigte er sein
Haupt zu Strahl und Donnerton. Unter den Nachtgttern, die ich mir zur Hilfe
beschwor, nahst auch du, murmelte er, starker Gebieter, was kndet dem
flehenden Mann die Himmelsflamme, in der du daherfhrst? Mahnst du mich hinweg
von der Menschenerde in die Lichthallen, und soll ich zerbrechen wie die
Waldwipfel im Sturme, oder willst du mir vergnnen, da ich der Frucht gleich,
die von deinem Baume fllt, festhafte in den Tlern, wo Menschen wohnen? Hast du
ein Zeichen fr mich, so la mich vernehmen, ob die Tat, die ich wagen will, mir
zum Heile gelingt. Da fuhr ein Feuerstrahl aus der Wolke in den Felsen unter
ihm, und aus dem Fels flammte blaues Licht dem Blitzschlag entgegen, der Donner
krachte, das Felshaupt lste sich und sank in Sprngen hinab von der Hhe in das
Tal, immer wilder die Stze und schneller der Sprung, es brach durch den Wald
und splitterte den Stein, bis es in den Giebach schlug, da der Gischt hoch
gegen den Himmel sprhte. Aber dem Schlag und Getse folgte Stille, und aus der
Ferne klang mahnend ein Nachtruf von Mnnerstimmen. Da rief Ingo in wilder
Freude: Die Hochzeitsknaben hre ich, sie laden zum Brautlauf; segne unser
Werk, groer Gebieter, und die Waffe schwingend, sprang er durch Wetterwolken
und schwarze Nacht dem Tale zu.
    Der Mond war hinter den Bergen geschwunden, schwarze Nacht deckte die
Waldlauben, mit Getse fuhren die Sturmriesen um die Huser des Herrenhofes, sie
schlugen den eisigen Regen auf die Dcher, schleuderten die Bretter vom First
der Halle und stieen brllend gegen die geschlossenen Tore. Wer von den Mnnern
im Toben der Nachtgewalten erwachte, der barg scheu das Haupt in seinem Pfhl,
selbst die Hofhunde lagen winselnd in den Htten und unter der Treppe. Im Gemach
der Jungfrau flackerte das Licht der Lampe in der scharfen Zugluft, die durch
Tr und Wnde drang. Irmgard sa an ihrem Lager, vor ihr kniete auf dem Boden
Frida, hielt mit ihren Armen den Leib der Gespielin umfat und horchte ngstlich
auf das Geheul der Nachtgeister.
    Die Windsbraut fhrt dahin ber die Hfe, klagte Irmgard, gejagt von den
Riesen; wer es wagt, sein Messer in den Wirbel zu werfen, der verwundet, so
sagen sie, das flchtige Weib. Auch mich hat der Vater mit dem Messer bedroht,
weil ich auf meinen Knien flehte, mir morgen das Gelbde an den argen Mann zu
erlassen. Dahinfahren will ich wie die Riesenbraut, bevor ich dem Verhaten die
heiligen Worte sage.
    Sprich nicht so furchtbar, bat Frida, da nicht die bermenschlichen
drauen es hren und dich an deine Rede mahnen. Und wieder hob sie ihr Haupt
und lauschte.
    Nicht lange whrte die Seligkeit, die mir die Gtter sandten, als er in den
Hof trat, begann Irmgard wieder. Damals war ich sorglos, als die Nachtsngerin
mir Gutes sang und die schwarzen Beeren am Fruchtbaum hingen, stolz meinte ich
im Federkleid ber die Mnnererde zu schweben, wenn er zu mir sprach. Jetzt
starre ich allein in die Finsternis. Hassen mu ich mich, fuhr sie auf, da
ich ber die eigene Not klage. Ingo, Geliebter, bitter ist die Sorge, die ich um
mich selbst fhle, aber grer das Leid um dein Geschick, denn du bist
dahingeschwunden im Nachtwind, keiner bringt mir Kunde von dir, und ich wei
nicht, denkst du mein oder hast du mich vergessen, atmest du noch in der Fremde,
bedrngt wie ich, oder soll ich dir den Purpur tragen unter die Erdscholle. Sie
sprang auf und rief: An meinem Herzen berge ich dein Geheimnis, gebunden bin
ich an dein Leben, und leben mu ich, bis ich wei, wo das Haupt meines Knigs
ruht. Sieh zu, ob der Morgen naht, vor dem ich bebe, rief sie der Gespielin zu.
Frida sprang an die Fensterffnung und schob einen Zipfel der Decke zurck,
gellend brach ein Windsto herein, warf einen Strahl Himmelswasser in das Gemach
und traf die Wange der Frauen mit kalten Schlgen. Keinen grauen Schein sehe
ich am Himmel, und keinen Klang hre ich als das Sthnen in der Luft, versetzte
Frida und verschlo wieder die ffnung mit Laden und Decke.
    Sei bedankt, sprach Irmgard, jetzt ist noch Zeit, frhlich zu sein. Wenn
aber der Morgen kommt, dann werden sich die Hochzeitsgste sammeln, im Festkleid
nahen sie, und der Ring wird geschlossen, sie ziehen das Weib hinein, sie
sprechen ihr die Worte vor und hhnen sie durch die Frage, ob sie geloben will.
Nein, schrie sie. Dann sehe ich erschreckte Gesichter und zornrot eines. Er
fat nach dem Messer. Sto zu! Und das Antlitz in den Hnden bergend, klagte
sie: Armer Vater, auch dir wird es traurig sein, dein Kind zu verlieren. Denn
auf einsamem Pfade fahre ich dahin, ber leere Heide gleite ich, durch Eisstrme
wate ich, still ist der Weg, und kalt ist die Nacht zum Tor der Todesgttin, und
um mich herum regen sich lautlos die schwarzen Schatten.
    Die Haustr erdrhnte und sprang auf, eine Schattengestalt drang herein,
eine zweite, ein ganzer Hauf, riesig die Leiber, schwarz die Hupter und schwarz
das Gewand. Entsetzen fate die Frauen, als sie das Nachtgreuel sahen. Aber aus
dem Ring der schweigenden und gleitenden Unholde sprang einer heran. Nur ein
Laut, ob ein Schrei, ob ein Seufzer, kam von Irmgards Lippen, dann sank eine
dunkle Kappe ber ihr Haupt, mit Riesenstrke ward sie gefat und hinausgetragen
in die Sturmnacht. Hinter ihr warf ein anderer der Nachtgesellen die Hlle ber
Fridas Haupt und wollte sie heben. Sie aber strubte sich heftig, und obgleich
ihr schauderte, rief sie doch: Freiwillig will ich gehen auf eigenem Fue auch
unter Nachtgespenstern; hinter der Brenkappe merke ich eine rtliche Locke, die
ich kenne. Im nchsten Augenblick war das Gemach leer, die Tr von auen
geschlossen, durch eine groe Lcke der Hofmauer, welche die Nachtgesellen
gebrochen, sprangen sie ins Freie. Unter Sturm und Regen schnaubten wilde Rosse
und fuhren Reiter dahin. Und wieder schrien die Geister des Sturmes gellenden
Racheruf und schleuderten das Wolkenwasser gegen die Dcher des Hofes, aus dem
das Herrenkind geschwunden war.
    Als der nchste Tag sich neigte, schwieg der Sturm, und die Sonne frbte mit
rotem Abendlicht die Eichen der Idisburg. Da sprengte aus dem finstern Walde,
der hinter dem Holzring ragte, eine Schar Reiter dem Burgwall zu. Berthar, der
selbst die Turmwache hielt, eilte an das Tor und rief, die Arme hebend, den
Kommenden lauten Heilgru entgegen. Die Rosse stoben in den Hof, zwei verhllte
Frauen wurden herabgehoben, Ingo lste die Kappe der ersten, und Irmgards
bleiches Antlitz wurde vom Sonnenlicht bestrahlt. Die Vandalen warfen sich vor
ihr auf die Knie, sie faten ihre Hand und den Saum des Gewandes und riefen
jubelnd Heil ihrer Knigin. Berthar aber nahte der Regungslosen ehrfurchtsvoll,
fate ihre Hand und sprach: Schliet den Ring, Blutgenossen, fleht, da die
hohen Gtter den Bund der Knige segnen! Und er tat die heilige Frage der
Vermhlung an Ingo, Ingberts Sohn, den Knig der Vandalen. Darauf wandte sich
der Alte, der an Vaterstelle stand, zu der Jungfrau und tat dieselbe Frage. Da
ffneten sich ihre Lippen zum erstenmal seit der Angstnacht, aber die bebenden
Worte klangen: Ja, ich will. Und die Vandalenfrau barg ihr Angesicht an der
Brust des Mannes, der ihr lieb war.
    Unter den Eichen wurde das Brautmahl gerstet, die Knaben trugen die
Holztafeln und stellten sie auf Kreuzhlzer, die sie gefgt. Auch den Ehrensitz
fr den Wirt und die Wirtin hatten sie vorsorglich gezimmert und mit einer
Armlehne erhht. La dir, edle Herrin, heut zum Willkommen, das wilde Mahl
deiner Knaben gefallen, bat der Alte. Holzschsseln bieten wir dir statt
Silber, und zu dem Trunke aus dem Quell und dem Met, den die Bauern gebraut, das
Fleisch eines Ebers aus deinem Walde. Sei gndig und hold deinem Volke.
    Und am Abend sprach Berthar vor der Eiche zu Ingo: Wie lange ich lebe, oft
war ich frhlich in meinem Sinn, wenn ich auch nur ein schweifender Recke bin;
aber frhlicher als zuvor stehe ich heut vor meinem Herrn. Denn das Nest, das
wir hier gebaut wie die Habichte ber dem Felsen, das dnkt mich gute Arbeit fr
dich und eine andere. Und metselig will ich das Werk rhmen, die guten
Bollwerke, die tiefen Grben, die schaffenden Fuste der Mnner. Mehrerlei
Menschenwerk habe ich gebt, und fter habe ich zerschlagen als gebaut, aber als
die trefflichste Arbeit lobe ich neben dem Sprunge in die Schlacht die Arbeit
der Axt, welche auf herrenlosem Grunde ein Heimwesen schafft. Ruhe, mein Knig,
auf brutlichem Lager; zum erstenmal, seit du ein Knabe warst, schlummerst du
als Herr auf eigenem Grunde und legst den Arm einem Ehegemahl um ihren Hals.
Ruhe sorglos, denn deine Knaben wachen ehrfrchtig im Ringe um das grne
Brautgemach ihres Herrn. Selig war der Tag, selig sei die Nacht, und Heil
bedeute eurem Leben der Einzug in den Hof.

                                    Am Quell


Einmal hatte der Sommer die Eichen auf der Idisburg in das grne Laubkleid
gehllt, und einmal der Winter die ste kahl gefegt, aber hell flammte durch das
ganze Jahr das Herdfeuer des neuen Hofes unter den Bumen. Jetzt war wieder
Sommer und gute Zeit; in langer Reihe zogen die kleinen Lichtwolken am Himmel
und unten um den Fu der Laubhgel in langer Reihe gemchlich die Schafe und
Rinder. Zwischen den Eichen erhob sich jetzt ein mchtiger Holzbau, der
Herrensaal. Wer die Stufen hinaufstieg, trat durch das Tor in die weite Halle,
er sah hinten den heiligen Herd, ber sich das Balkendach, an den Seiten die
erhhte Bhne, dahinter die Eingnge zu den Kammern des Herrn und der Hausfrau.
In dem Hofraum davor standen, vom Bollwerk berragt, das niedrige Schlafhaus der
Mannen, die Stlle und Vorratsrume.
    Unter der Eiche, welche das Laubhaus trug, sa Irmgard und blickte selig vor
sich nieder, denn auf dem Boden lag ihr kleiner Sohn im Lindenschild seines
Vaters, und Frida schaukelte ihn. Der Kleine griff mit den Hndchen nach einer
Biene, die vor ihm summte. Weiche abwrts, Honigtrgerin, scheuchte Irmgard,
und tue dem kleinen Helden kein Leid, er wei ja noch nicht, da du eine Waffe
unter dem Pelzrock birgst. Fliege zu deinen Gespielinnen und sei fleiig, den
sen Seim zu kochen, damit mein Held im Winter an deiner Arbeit seine Freude
habe. Denn ein junger Burgherr ist er, und wir heben fr ihn den Zehnten von
allem Guten, das im wilden Walde gedeiht. Sieh, Frida, wie er die Faust ballt,
und wie wild er vor sich blickt, er wird einst ein Krieger, den die Mnner
frchten. Dort bringt ihm auch der Vater seine Jagdbeute, rief sie freudig, hob
den Kleinen aus dem Schilde und hielt ihn in die Hhe, als Ingo herzutrat mit
Hornbogen und Jagdspeer, einen erlegten Rehbock auf der Schulter. Der Huptling
beugte sich ber den Sohn und strich seinem Weibe grend das Lockenhaar, dann
legte er das Wild am Baume nieder. Der Schnellfu hier kreuzte meinen Weg, als
ich ber die Berge nach der Burgundenmark schritt. Sie ist nahe genug, und man
erreicht sie ohne viel Rosprnge, setzte er lachend hinzu. Einem der Marvinge
wurden in der Nacht zwei Rinder aus dem Waldgehege geraubt, wir folgten der
Spur, sie fhrte ber die Grenze, und unsere Boten gehen sdwrts, den Raub
einzufordern. Doch sorge ich, es ist vergeblich, denn ungerecht sind die
Grenzleute drben, und wir vermgen nicht anders zu unserer Habe zu kommen, als
da auch wir auf ihrem Grunde in die Herden fallen. ble Heldenarbeit ist
solcher Nachtwandel eines Katers, und der Huptling darf's nicht weigern.
    Dafr lachen dir die Landgenossen grend zu, und auch dein Weib freut sich
der Ehre, die sie ihr erweisen, trstete Irmgard.
    Ein gutes Weib habe ich, das um meinetwillen froh ist, versetzte Ingo.
Dennoch frchte ich, da sie nur selten noch einen Snger hrt, der die Taten
ihres Hauswirts rhmt. Heute nacht trumte mir, da die Waffen ber unserem
Lager klangen, und als ich auffuhr, sah ich, wie mein Schwert in der Scheide
hpfte. Weit du, was der Traum bedeutet, du Zeichenkundige?
    Da mein Knig sich nach Ausfahrt sehnt, versetzte Irmgard ernsthaft,
hinweg von der Mutter und dem Kinde. Eng ist der Hof und verborgen dein Hausen
im Walde. Wohl sehe ich zuweilen die Wolke auf deiner Stirn und hre
Kampfesworte von den Lippen des Schlafenden, wenn ich mich ber dich beuge.
    Das ist Mannesart, wie du weit, versetzte Ingo, daheim auf dem Lager die
Schwertreise zu ersehnen, und wieder nach dem Kampfe die Heimkehr an den Hals
der Gemahlin. Wohl mglich, da der Gesang meines Schwertes uns einen Strau mit
den Burgunden wahrsagt, denn rgerlich sind die Hndel, und Gundomars Gesinnung
wird kalt. Sieh dorthin, auch der Alte ist in einen Zimmermann gewandelt, er
wies auf Berthar, der mit Axt und groer Ledertasche ber den Hof schritt.
    An der Zugbrcke ist ein Schaden zu heilen, erklrte der Held und trat
grend nher, und der Hnde sind wenige. Deine Knaben, Knig, rsten mit den
Landleuten frhlich das Nachtfest der Sommermitte und bereiten die Holzste zu
Bergfeuern.
    Du aber wachst fr uns alle, sprach Irmgard.
    Vorsicht ziemt dem Wchter, welcher einen Schatz behtet, versetzte
Berthar und neigte sich gegen Irmgard, und bedeutsam fuhr er fort: Gegen Norden
ragt das Giebeldach dieses Saales, und in den Bergen sammeln sich die argen
Wetter. Nordwrts sehe ich oft, wenn auch der Tag sonnenwarm ist wie heut.
Verzeihe, Herrin, da ich stille Sorge erwecke. Solange mein alter Gesell
Isanbart atmete, hemmte er wohlgesinnt die Rachegedanken jenseit der Berge, denn
Herr Answald beachtete seine Worte. Seit sie aber den Hgel ber ihn schtteten,
haben die Feinde allein das Ohr des Huptlings. Nicht das Volksgeschrei frchte
ich noch, wohl aber heimliche Rachefahrt ber den Wald. Ungern sehe ich, wenn
die Herrin allein in die Tler wandelt.
    Soll ich als eine Gefangene leben, Vater? fragte Irmgard traurig.
    Nur die nchste Zeit la dir unsere Sorge gefallen. Manche Wunde vernarbt,
ist doch auch die des Theodulf geheilt, und er schreitet, wie sie sagen, jetzt
am Hofe des Knigs einher.
    Vom Bollwerk klang laute Rede, der Wchter auf dem Holzgerst blies in das
Horn und hing an den Ruf lustige Tne, die gar nicht dazugehrten. Irmgard
lachte. Es ist ein Freund, sprach Ingo, der Wchter will ihm eine Ehre tun.
Volkmar, schrie Irmgard und eilte dem Snger entgegen, der eilig in den Hof
trat. Aber sie hielt an, als sie in das feierliche Gesicht des Wanderers
blickte. Aus der Heimat kommst du, doch ich erkenne, einen Freundesgru bringst
du nicht.
    Von der Knigsburg komme ich, begann Volkmar, und in seinem Antlitz zuckte
die Bewegung, als er sich vor der Herrin und dem Huptling verneigte, nur kurz
war meine Rast in den Waldlauben. Herr Answald lie satteln, um nach der
Knigsburg zu reiten, die Frstin sa unter den Mgden, still war es im Hofe,
niemand fragte, wohin ich ging. Irmgard wandte sich ab, aber im nchsten
Augenblick fate sie die Hand des Gemahls und sah liebevoll zu ihm auf.
    Als Bote des Knigs kommst du, begann Ingo, ich hoffe, wohlmeinende
Sendung trug er dir auf.
    Verstummt sind die Lippen des Knigs, versetzte Volkmar, geendet ist
seine Sorge um Knigsstuhl und Schatz, tot fand man ihn auf seinem Lager,
nachdem er am Abend vorher lustig unter seinen Mannen gezecht hatte. Der
Holzsto wurde ihm gerichtet, und die Flammen loderten um seine Leibeshlle.
Tiefes Schweigen folgte seinen Worten.
    Ein machtvoller Herr war er und ein beherzter Kriegsmann, ein besseres Ende
habe ich ihm gewnscht als unter seinen trunkenen Leibwchtern, begann
erschttert Ingo. Wie er auch gegen andere gehandelt hat in mrrischem Argwohn,
mir war er ein Gehilfe zu meinem Glck, und durch ein ganzes Jahr hat er den
Andrang meiner Feinde gehemmt.
    Den Schlssel zur Schatzkammer bewahrt jetzt die Knigin fr ihren Sohn,
fuhr der Snger fort, sie herrscht gewaltig in der Knigsburg und sendet ihre
Mannen in das Land. Um die Wette reiten die Edlen, an ihrem Hofe Huld zu
gewinnen; schwerlich wagt jemand ihrer Herrschaft zu trotzen. Schon meint
mancher, da die Faust des toten Knigs weniger gedrckt habe als die weien
Finger der Frau Gisela. Das kndige ich dir, Frst, von niemandem gesandt, du
erwge, ob es dir Unheil bedeute.
    Mit gleichem Ernst berichtest du Trauriges und Frohes, antwortete Ingo
lchelnd. War der Knig mir nicht schdlich, die Knigin kenne ich als gtig
und edelgesinnt. Jetzt erst darf ich mit leichtem Mute mich meines Glckes
rhmen, soweit es an dem Willen der Nachbarn hngt.
    Unsicher ist die Gunst einer herrischen Frau, sprach der Snger.
    Ein treuer Grenzwart war ich dem toten Knig, warum sollte ich seinem Sohne
weniger sein? Und solange Frau Gisela den Thringen gebietet, erwarte ich Gutes
von dort. Du sprachst die Knigin?
    Feindlich stach der Blick der Knigin, als sie mich in dem Haufen sah.
Denkst du jemals wieder in meinem Hofe den Mgden deine Reigen zu spielen, rief
sie mir zu, so meide die Bergfahrt. Wenn die Elster ber die Wlder fliegt,
rauft ihr der Habicht die Federn. Vielschwatzender Bote warst du dereinst, sorge
um deine Zunge. So winkte sie mir Entfernung, ich aber eilte flchtig durch die
Wlder hierher, mich trieb die Sorge um dich und die Herrin.
    War die Sorge auch eitel, dennoch sei bedankt fr deine Treue. Dir hat ein
Verleumder die Knigin verfeindet. Wie sie mir gesinnt ist, habe ich in schwerer
Stunde erfahren, bewhrt ist die Freundschaft und gemeinsam der Quell unseres
Blutes. Denn uns beiden walten die hohen Ahnen im Gttersaal, als zwei Kinder
eines Geschlechts stehen wir unter Fremden auf den beiden Seiten der Berge, ich
der Mann, und sie das Weib.
    Doch nicht dein Weib, Herr, warf Berthar ein.
    Ingo lachte. Gleichwohl ist sie ein Weib, und bel stnde uns Mnnern, die
Laune einer Frau zu frchten.
    Noch bler, ihrer Freundschaft zu vertrauen, mahnte der Alte. Als die
Brin klein war, leckte sie die Hand des Mannes, den sie spter im Nacken
packte.
    Gar zu hartnckig ist dein Mitrauen, schalt Ingo gutherzig. Aber ich
will die Klugheit ben, die du rtst. Wir reiten selbst in die Drfer und laden
die Alten zum Rat, ob wir eine Botschaft senden an die neue Knigin und
vorsichtig auf Rstung denken. Ist die Arbeit unntz, so lachen wir spter der
Sorge. Du, Volkmar, weile als Gast bei uns, bis du erkennst, da Frau Gisela dir
wieder hold wird; du weit selbst, wie lieb uns deine Nhe ist.
    Verzeih, Herr, antwortete der Snger ernsthaft, wenn ich meine Fahrt
nicht hemme, schneller als Sprung des Hirsches und Flug des Falken eilt der Zorn
dieses Weibes. Vllig hat sie vergessen, da sie ehedem meine Botenfahrt vor dem
toten Knig rhmte. Meinst du, vor ihr sicher zu sein, mir hoffe ich's nicht.
    Wer darf dem wanderlustigen Snger den Fu hemmen? Mut du scheiden, so la
dir's doch gefallen, bei der Herrin am Herde auszuruhen, und kehre bald wieder
unter unsere Eichen.
    Ich werde die Sttte wieder aufsuchen, wo die Eichen stehen, versetzte der
Snger, sich ber die gebotene Hand des Huptlings neigend.
    Ingo schritt mit Berthar zu den Rossen. Irmgard sah ihm nach. Vieler
Geheimnisse bist du kundig, Volkmar, sprach sie leise, aber du vermagst der
angstvollen Frau doch nicht alle Gedanken zu deuten, welche durch das Haupt
ihres Gemahls ziehen.
    Die Gedanken schwirren im Haupt wie Schwalben im Hausdach, sie fliegen aus
und ein, trstete der Snger, du aber gleichst dem Herdfeuer im Hause, welches
Frieden gibt und froh macht; sorge nicht um die schwrmenden Schatten. Doch auch
dir, Herrin, nahe ich als verschwiegener Bote. Da ich aus den Waldlauben schied,
trat Frau Gudrun mit mir zu dem Gehege, worin sie das Hofgeflgel verwahrt. Sie
wies auf ein Storchweibchen und sprach: Der Vogel entflog im Sommer dem Hofe,
aber vor dem Winter kam er zurck und brachte sein Junges mit, jetzt fttern wir
beide. Eine, die du kennst, schwand von hier, weil sie die Schwungfedern eines
Wanderschwans erfat hatte, trage ihr jetzt ein anderes Reisezeichen zu. Und
der Snger bot ihr das Zeichen, die Flgelfeder eines Storches und die Kielfeder
eines jungen Vogels mit einem Faden zusammengebunden. Irmgard hielt den Gru
ihrer Mutter in der Hand und ihre Trnen fielen darauf: Frau Adebar, die
Strchin, flog zum Hofe zurck, weil ihr ein Raubvogel den Wirt ihres Nestes
zerkrallt hatte. Mir aber gebietet mein Herz, den wilden Falken zu widerstehen,
welche gegen meinen Hausherrn die Flgel schwingen. Komm, Volkmar, da ich dir
mein armes Storchkind zeige, das jauchzend die kleinen Hnde ballt, wenn sein
Vater sich ber sein Antlitz neigt.
    Am Nachmittag war es still auf der Ringburg. Der Snger war geschieden, Ingo
eilte mit den Hofgenossen durch die Tler, Frau Irmgard stand an dem Quell, der
unweit des Hauses unter einem Felsen hervorrieselte. Dort hatten die Mnner der
Herrin einen schnen Steintrog gemeielt, in dem sich das Wasser sammelte. Warm
schien die Sonne, lustig pltscherte das khle Wasser und flo aus dem
Steintroge talab; ber die Felswand hingen von oben die ste eines Eschenbaumes
als ein schirmendes Dach, und um den Quell standen Weiden und bargen mit ihrem
grauen Blttergewand die Stelle vor fremden Augen.
    Irmgard hielt den kleinen Sohn ber den heiligen Quell. Liebe Herrin des
rinnenden Wassers, flehte sie, sei hold meinem Kinde, da seine Glieder stark
werden und sein Leib wohlgestaltet wie der meines Herrn. Sie badete den Knaben,
welcher ungeduldig schrie und mit den Beinchen um sich schlug, sie rieb ihm den
kleinen Leib mit dem Linnentuch, hllte ihn warm ein, legte ihn auf das Moos und
sprach ihm kosend zu, bis sein Schreien endete und er die Mutter wieder
anlachte. Dann erhob sie sich und legte ihr Obergewand ab, da sie ungegrtet im
Unterkleide stand, sie splte am Wasser den Saum des durchnten Gewandes rein
und breitete es aus, wo die Sonnenstrahlen auf den Rasenweg fielen. Einst hatte
ich Dienerinnen, welche sich zu meinem Dienst aufschrzten, und selten rhrten
meine Hnde an Herd und Trog, jetzt hause ich mit Frida und den Mahlmgden
allein in der Wildnis, und rauh wird die Hand, ich frchte, da das meinen Herrn
krnkt. Wre meine Hand weich wie einst, ihm wrde manches Behagen fehlen. Wie
knnte er leben ohne meine Hilfe an der wilden Mark? Sie sah auf ihr Bild,
welches in dem bewegten Wasser hin und her fuhr, und lste das Band ihrer Haare.
Die langen Ringellocken sanken herab und tauchten mit den Spitzen in das Wasser,
sie aber starrte in die Flut und sprach leise: So gefiel ich ihm einst; wissen
mchte ich, ob er noch so denkt wie damals, wo er mich im Morgenlicht kte?
Oder hat mich der stille Gram gewandelt um den Zorn des Vaters und die Trauer
der Mutter? Ich berge doch meine Seufzer dem Knige und winde die Hnde nur in
der Einsamkeit. Ihm aber krnkt die einsame Ruhe den stolzen Mut, und er sehnt
sich hinaus zu ruhmvollem Heldenwerk, denn hoch fhrt sein Sinn, und er ist sein
Lebelang gewhnt, den Adlern die Walstatt zu bereiten. Jetzt birgt er sein Haupt
unter dem Holzdach um meinetwillen.
    So senkte sie das Haupt ber den Steinrand in schweren Gedanken. Der Trmer
rief und von Tritten klang der Stein, ohne da sie darauf achtete. Da schnaubte
neben ihr ein Ro und eine tiefe Frauenstimme rief: Was kauert das Weib am
Brunnenrand, so gierig ihr eigenes Antlitz zu beschauen, da ihr Auge und Ohr
verblendet sind.
    Irmgard fuhr auf. Vor ihr hielt hoch zu Ro eine mchtige Frau, von dem
gelben Haar hing ein Schleier herab, ber die Schultern und des Rosses Rcken
ein Purpurmantel, von Goldmetall blitzte die Rstung des Rosses, und sein Huf
stampfte auf dem Linnengewand, das Irmgard ausgebreitet hatte. Und hinter der
Fremden sah sie das bleiche Antlitz Sintrams. Die heie Rte stieg ihr in das
Antlitz, sie wute, wer die Fremde war, vor der sie ohne Grtel mit entbltem
Bein stand. Aber aus ihrem Auge flammte der Zorn wie aus dem der Knigin. So
prften einander die Frauen schweigend mit feindlichen Blicken, dann schlug
Irmgard ihre Haare wie einen Schleier ber die Brust und tauchte neben dem
Brunnen nieder in das Moos, damit sie die nackten Beine berge. Sie nahm ihr Kind
in den Scho und hielt es vor sich. Ist das Weib stumm, das sich auf den Boden
duckt? rief die Knigin ihrem Begleiter zurck. Es ist Frau Irmgard selbst,
Herrin, antwortete Sintram. Die Knigin ruft dich, Base Irmgard.
    Irmgard blieb unbeweglich sitzen, aber sie rief befehlend: Wende dein
Antlitz ab, Sintram, nicht ziemt es dir, die Augen auf mich zu richten, whrend
das Ro deiner Knigin ber meinem Gewande stapft.
    Hast du so gut gelernt, was dem Weibe geziemt im Hofe deines Vaters, aus
dem du entwichen bist als Dirne eines fremden Mannes?
    Unwahr schmhst du, wenn du gleich eine Knigin bist, rief ihr Irmgard
zornig entgegen, treu lebe ich meinem verlobten Gemahl. Siehe zu, Neidvolle, ob
du gleicher Ehre dich rhmen darfst.
    Drohend hob die Knigin den Arm, da klangen Stimmen auf der Hhe. Hierher,
Ingo, rief Irmgard auer sich, hilf deinem Weibe! Den steilen Fupfad an
ihrer Seite sprang Ingo herab, erstaunt sah er sein Weib am Boden und vor ihr
hoch zu Rosse die zornige Knigin mit ihrem Begleiter. Er schritt bei seinem
Weibe vorber und beugte huldigend Haupt und Knie vor Frau Gisela. Heil der
groen Herrin der Thringe, rief er frhlich, in Ehrfurcht gre ich dein
edles Haupt, schenke deine Huld dem Hause des treuen Vetters. Das Antlitz der
Knigin wandelte sich, da sie den Helden so froh in ehrerbietiger Haltung vor
sich sah, und sie sprach gtig: Heil sei auch dir, mein Vetter.
    bt niemand der Knigin den Hofbrauch, da er ihr vom Rosse helfe? rief
Ingo und bot der Knigin den Fu und den Arm, damit sie sich herabschwinge. Frau
Gisela fate mit der Hand in sein lockiges Haar, sich daran zu halten, und lie
sich an seinem Fue herab.
    Verzeih, Base Gisela, fuhr Ingo fort, als die Knigin vor ihm auf dem
Boden stand, ungebhrlich ist es, da meine Hausfrau vor den Augen der Knigin
und eines fremden Mannes entblt sitze, leihe ihr huldvoll den Mantel, damit
sie sich geziemend entferne, und behend fate er ihren Mantel, da, wo ihn die
Spange festhielt, und zog ihn von den Schultern. Die Knigin erblich und trat
zurck, Ingo aber schlug den Mantel um den Leib seiner Frau und befahl, sie
erhebend und auf den Weg weisend: Verla uns.
    Irmgard hllte sich und den Knaben in das weite Gewand und schritt den
Fupfad hinauf. Ingo aber wandte sich wieder zur Knigin, er sah, wie diese nach
Fassung rang, und da Sintram vom Rosse gesprungen war und mit gezogenem Schwert
herankam. Aber die Knigin winkte, und Sintram trat gehorsam zurck.
    Dreist war die Hand, welche der Knigin den Mantel nahm, aber dem Manne
geziemt, die Ehre seines Hauses zu wahren; du, Ingo, hast mutig gebessert, was
wir im Eifer versahen, und ich zrne dir darum nicht. Sie winkte ihrem
Begleiter zum zweitenmal, Sintram wich mit den Rossen weiter abwrts, Ingo stand
der Herrin allein gegenber. So ist es gekommen, wie ich begehrte, begann Frau
Gisela, du bist vor meinen Augen, Ingo, wie einst, wo ich dich auf den Stufen
der Halle empfing, und wie damals nahe ich dir gutgesinnt. Und ernster fuhr sie
fort: Du hast Feinde in meinem Lande, welche dir Unheil sinnen, und laut
schallt ihr Racheschrei in der Knigsburg; auch meine Heimatgenossen, die
Burgunden, erheben, wie ich hre, Klage gegen dein raubendes Volk.
    Du kennst den Brauch an den Landmarken, Knigin, fr den Schaden, den meine
Leute durch die Fremden erfuhren, setzten sie sich selbst das Ma der Rache.
Doch wurde durch meine Genossen ein Thring gekrnkt, so waren wir eilig, dem
Geschdigten Shne zu leisten; la auch du, Knigin, dir den Frieden gefallen,
den Ingo und seine Markleute von deiner Macht ersehnen.
    Der Held, den ich einst kannte, hatte hheren Stolz, als Khe der Burgunden
in seine Ringburg zu treiben, spottete die Knigin.
    Der Mann, welcher unstet ber die Erde schweift, zimmert gern ein Dach,
unter dem er als Wirt gebietet, versetzte Ingo.
    Unsicher nenne ich das Hausdach, versetzte die Knigin, aus welchem die
Hauswirtin durch Volksgeschrei gefordert wird. Der Vater und der Brutigam,
denen du das Weib geraubt, fordern den Heereszug gegen dich, der junge Knig
bedarf die Hilfe seiner Edlen, er kann nicht weigern, die Geraubte von dir
zurckzufordern, und nahe ist, wie ich frchte, dir das Verderben, denn mhsam
hielt der Knigswille bis jetzt die zornigen Mnner zurck.
    Was du drohst, Knigin, zwingt mich, noch fester in meinem Hofe zu stehen,
ist Kriegstat nahe, mir ist sie willkommen, rostig wird das Schwert, das am
Herde hngt.
    Trichter Mann, rief die Knigin nhertretend, ganz ahnungslos lebst du
im Walde, whrend von allen Seiten die Jger gegen dich ziehen. Der Csar begann
neue Kriegsfahrt gegen die Alemannen, auch dich sucht seine Rache; den Burgunden
hat er Bndnis geboten, und Gundomar hat sein Volksheer geladen.
    Den Csar nennst du, rief Ingo. Dank fr die gute Botschaft, Knigin!
Darum klang mein Schwert, und dort naht der Kmpfer, den ich mir bei Tag und
Nacht ersehne. Seine Augen leuchteten und seine Hand fuhr nach der Waffe.
    Gut sprichst du, Held, rief Gisela, selbst ergriffen von seiner Glut,
verlorene Mhe wre es, dich durch Gefahren zu schrecken.
    Die Warnung trage ich zu, denn ruhmvollere Genossenschaft wei ich fr dich,
als unter den Bauern des Waldes und der Mark. Ingo, mein Vetter, du bist es, dem
ich lieber als einem anderen Mann den jungen Knig und mich selbst anvertraue;
einen Helden begehre ich, der dem Volksheer vorschreitet in der Schlacht, und
der meinen Sohn lehrt, wie man Ruhm gewinnt. Zu solcher Hoheit habe ich dich
erkoren, und dich fr die Knigsburg zu werben bin ich hier.
    Ingo stand berrascht, heftig wirbelten ihm die Gedanken durch das Haupt.
Vor sich sah er das schne Weib in der Knigskrone, die Hand hielt sie ihm
entgegen, was die Sehnsucht und Glck des stolzesten Helden war, das trug sie
ihm bittend zu.
    Du warst ein Knabe, fuhr Frau Gisela in tiefer Bewegung fort, da legten
die Vter meine Hand in die deine, du wurdest ein Held, gerhmt von den Vlkern,
und ich ein unzufriedenes Weib in der Knigsburg, da strichst du wieder mit
deinem Finger schmeichelnd ber meine Hand. Was dich von der Knigin trennte,
ist seitdem auf dem Scheiterhaufen dahingelodert. Jetzt komme ich und lade mir
den erlauchtesten aller Helden in diesen Lndern. Beide flehen wir zu demselben
hohen Gott, die Enkel zum Ahnen, denn aus dem Geschlecht der Gtter stammen wir
beide, noch drfen wir das Haupt erheben ber alles Volk der Menschenerde, du
und ich, wir sind durch die Unsichtbaren selbst geweiht zu Herrschern des
Volkes. Als Ingo von den Lippen der anderen dieselben Worte vernahm, die er
selbst gesprochen hatte, da sah er wie betubt auf die Herrin, die, einer Gttin
gleich, ber sein Schicksal sann. - Von der Hhe rauschte es, der Mantel der
Knigin fiel herab, in der Ferne verklang das leise Wimmern eines Kindes.
    Dies ist der Schmuck, der geliebten Helden gebhrt, rief die Knigin und
rhrte mit der Hand seine Schulter. Ingo hob das Haupt.
    Eine leise Stimme hre ich in meiner Not, sagte er vor sich hin, meinen
kleinen Sohn hre ich ber mich klagen, und wie ein Mann, der aus dem Traume
erwacht, stehe ich vor der Knigin. An eine bin ich gebunden, die mir teurer ist
als mein Leben. Alles hat sie fr mich verlassen, im Ringe der Blutgenossen habe
ich ihr gelobt, da ich um sie sorgen will wie ihr Vater, und mit ihr allein das
Lager teilen als ihr echter Gemahl. Wie darf ich sie meiden und zur Knigsburg
ziehen?
    Nicht weiter, Ingo, rief Frau Gisela und ihr Antlitz flammte, gedenke,
da du auch mir die Hand gereicht, denke jener Nacht, wo ich das Schwert des
toten Knigs gehalten. Damals, wo ich dir dein Leben bewahrte, haben die
Unsichtbaren mein Schicksal an deines gebunden. Mir gehrst du an, mir allein,
und teuren Preis habe ich fr dich gezahlt.
    Hochherzig und als Heldin hast du dich mir erwiesen, versetzte Ingo, und
dankbar bleibe ich dir, solange ich atme.
    Pfui ber den kalten Gru߫, rief die Knigin auer sich, und pfui ber den
Helden, der mit hflichen Worten dankbar ist, da ein Weib sich fr ihn mit dem
Fluch der Todesgtter belastet. Verstehst du so wenig, was ich getan, da ich dem
eigenen Eheherrn das Schwert band? Die bsen Gewalten habe ich heraufbeschworen
gegen mein eigenes Leben, Argwohn und den lauernden Ha; Galle war seitdem mein
Trank und der eines anderen, verdchtig jedes Wort und ruhelos jede Nacht. Ob
ich noch ferner im Licht atmen wrde, wenn der andere fortfuhr, mit seinen
wilden Knaben zu zechen, das war meine Sorge, herznagende Sorge bei Tag und
Nacht.
    Hast du Todesnot ertragen um meinetwegen, sprach Ingo bewegt, so rufe
mich, wenn dich Gefahr bedrngt, und willig werde ich mit meinem Blut zahlen,
was ich von deiner Last zu tragen habe.
    Die Knigin hrte kaum seine Worte, sie trat nahe zu ihm und flsterte mit
heiserer Stimme: Bist du so willig, Trauter? Wohl mglich, da der andere nicht
gestorben wre, httest du nicht in jener Nacht in meinem Gemach gestanden.
    Der Held fuhr zurck, seine Wange erblich, aber kalt war sein Blick, als er
antwortete: Meinst du, Knigin, da du meinem Herzen lieber wurdest, wenn du um
meinetwillen schwere Tat auf dein Leben nahmst?
    Was starrst du mich an wie von Stein, schrie Frau Gisela, sie fate seinen
Arm und schttelte ihn: Nicht drfen wir zwei, du und ich, nebeneinander noch
auf der Mnnererde dauern, wenn du mir nicht folgst.
    Zornig lste sich der Held von ihrer Hand. Hast du durch heimliches
Nachtwerk auch auf mein Haupt den Zorn der Rachegtter gesammelt: ich bin
bereit, die Bue zu zahlen, aber frei von dir, nicht als Knecht an dein Leben
gebunden.
    Die Knigin sah scharf in sein Angesicht, langsam hob sich ihr Arm, und die
Hand ballte sich drohend. Geworfen sind die Stbe, in welche die Schicksalsfrau
deine und meine Zukunft ritzte. Du hast gewhlt, Ingo, und das Zeichen, das du
gefunden, bedeutet Not. Sie wandte sich ab, krampfig hob sich der Leib, aber
trnenlos blieb das Auge, und steinern war ihr Antlitz, als sie, auf die
untergehende Sonne weisend, halblaut sagte: Auf morgen. Eilig schritt sie zu
den Rossen. Ingo schleuderte den Knigsmantel mit dem Fue den Berg hinab und
sprang auf dem Wege, den Irmgard gegangen, seinem Hofe zu.

                                Der Wetterschlag


Durch die enge Pforte, welche vom Quell in den Burghof fhrte, eilte Ingo zum
Tor. Er fand das verschlossene mit seinen Mannen besetzt, auf dem Turmgerst
rief ihm Berthar entgegen: Sieh abwrts, mein Knig, dort im Tale reitet die
Frau mit ihren Gesellen der Landmark zu. So flchtig stiebt keiner dahin, der
sorglosen Mutes ist.
    Sie schied im Zorn, Vater.
    Berthar erkannte in der umwlkten Miene des Huptlings, was dieser nicht
aussprach. Scheucht der Hirt einen mnnlichen Wolf aus dem Pferch, so meidet
der Gehetzte die Wiederkehr drei Tage lang, die hungrige Wlfin aber wagt in der
nchsten Nacht neuen Einbruch. Hirt der Marvinge, wann erwartest du den Sprung
gegen deine Hrden?
    Zu morgen, versetzte Ingo.
    Der Alte nickte. Nicht geheuer ist's dort im Norden. Auf der Warte, die wir
an deiner Landesmark zimmerten, steht Radgais, er ist einer der Klgsten, und
ich meine nicht, da er schlft, denn er hat den Snger Volkmar angerufen und
wei, da der Lffel einer Knigin den Thringen neuen Brei einrhrt. Dennoch
stieg kein Rauch von seiner Hhe, hell ist der Tag, und klar die Luft, ich
frchte, Herr, nicht freiwillig schlo er die Augen.
    Die Knigin ritt auf Waldwegen, die Warte zu meiden, versetzte Ingo. In
dem Augenblick aber, wo er aussphte, hob sich nordwrts am goldenen Abendhimmel
ein weier Dampf, hher stieg die Rauchsule und frbte sich schwrzer.
    Wir verstehen die Warnung, rief Berthar, die Knaben der Knigin brechen
ber die Grenze. Herzlich wnsche ich, da ihnen der Wchter entrinnt.
    Schaue auch nach Sden, Berthar, dort hebt sich gegen uns der alte Feind.
Zum drittenmal wirbt der Csar um unseren Leib, diesmal fordert er von den
Burgunden, da sie uns austilgen. Die Knigin drohte mit den Waffen ihres
Bruders Gundomar.
    Wieder sah der Alte in das Angesicht des Huptlings und merkte an der harten
Miene, da der andere an schweren Kampf dachte. Da zog er seinen Leibgurt fester
und sprach mit wildem Lcheln: Die Frist ist kurz, fr zwei Knige den Hof zu
schmcken. Doch behend sind deine Knaben, lngst waren wir solcher Ehre
gewrtig, und wer ungeladen in unserem Ringe schmausen will, der wird wohl
selbst ein Schmaus fr Rabe und Aar. Befiehl, mein Knig, deine Knaben sind
bereit zu fechten.
    Entznde das Notfeuer, gebot Ingo, sende Spher nach der Sdmark und
warne in den Drfern der altsssigen Bauern, da sie ihr wehrloses Volk und die
Herden in ihrem Waldringe bergen und uns von Bewaffneten senden, was sie
vermgen.
    Da rief Berthar mit mchtiger Stimme den Kriegsgesang der Vandalen ber den
Hof: Wohlauf, ihr Schwanenshne, in die Waffen, tragt das Eisenbecken und
entzndet die Harzflamme; ruhmreicheren Tanz beginnt ihr heute nacht als
brennende Kltze.
    Gleich darauf loderte von der Hhe ein mchtiges Feuer, und gewappnete
Mnner jagten zu Ro den Berg hinab.
    Irmgard sa in dem hohen Brautgemach, das ihr einst die Vandalen zwischen
dem Eichenlaub gezimmert hatten. In der Hand hielt sie das warnende Zeichen der
Mutter. Sie starrte darber hinweg in das Leere. Als sie unten im Burgringe den
Schritt des Gemahls vernahm, wandte sie die Augen nach ihm, ob er zu ihr treten
wrde. Doch er sprach mit Berthar. Endlich stieg er herauf, und vor sie tretend,
begann er: Der Mantel der Knigin flog nach der Tiefe, die Frau wich zornig von
unseren Bergen.
    Auf dem Felsen lag ich ber dem Brunnen, die Angst warf mich zu Boden und
die Scham. Da hrte ich Rede und Gegenrede, ich sah, wie mein Hauswirt sich zu
dem fremden Weib neigte, und hrte, wie sie ihr Recht forderte an seinem Leben.
    Dann hast du auch gehrt, da ich widersprach, versetzte er gutherzig.
    Die Worte verklangen, denn mein Sohn wimmerte, und ich trug ihn auf das
Lager des Vaters, ob er ihm eine Stiefmutter findet.
    Irmgard! rief der Gemahl erschrocken, was sinnst du?
    Meinst du, da ich liegen will an deinem Wege wie ein Stein, der deinen Fu
von Heldentum und Knigskrone scheidet? Ich hre, meine Volksgenossen sagen, da
ich dir nicht vermhlt bin zu rechter Ehe, und schmachvoll war der Gru, den die
Knigin mir bot. Wenn du die Dirne heimwrts sendest, wird die Knigin dir
wieder hold, wie sie zuvor war.
    Du bist gekrnkt und hart schneiden deine Worte, versetzte Ingo, ich aber
meine, nicht du sollst daran denken, das Tuch zwischen uns zu zerschneiden, denn
eine andere sinnt darauf mit argen Gedanken. Sie will den Gemahl von dir lsen;
doch nicht, wie du whnst, um ihm ein Knigslager zu bereiten. Denn auf eine
andere Ruhesttte denken sie fr den landfremden Ingo, und sie wlzen dort unten
im Tal die Steine, um ihn zu bergen in der lichtlosen Kammer.
    Irmgard fuhr wild auf, wie von einer Schlange gestochen. Er aber zog die
Widerwillige an sich und sprach ihr zrtlich zu: Mhselig war meine Fahrt ber
die Mnnererde, ich war noch ein Knabe, da mute ich wie ein Raubtier durch die
Tler traben, mir Beute zu holen, die mein Leben fristete, whrend die Jger auf
meiner Fhrte schlichen. Mehrmals war mir der Tag verleidet, wenn ich demtig
die Knchlein an fremdem Tisch begehrte und den kalten Blick des Gastfreundes
sah. Dennoch meine ich, nicht ganz unrhmlich bin ich durch die Schlachtreihen
der Feinde gedrungen, und ehrlich habe ich geworben, da mir dereinst ein
Freudensitz werde in der Halle der Helden. Damals erschien mir der letzte Sprung
in die Schar der Feinde als das beste Glck; und wenn der Schlachtgesang summte,
dann hrte ich, da die Unsterblichen ihren Enkel hinaufriefen in ihr Gefolge.
Erst seit ich dich sah und du mir lieber wurdest als mein eigenes Leben, fand
ich viel Freude in dieser Welt, und behaglich schien mir's oft, im Sonnenschein
ber den Tlern zu sitzen und zu lachen, wenn die Bcklein in unserem Hofe
gegeneinander sprangen und meine Kampfgesellen in der Butte die wilden Waben
heimbrachten. Aber da die Gtter mir solches Glck gewhrten, teilten sie mir
auch zu, da es dauerlos sein sollte und leidvoll fr dich, die mir lieb ist.
Durch frechen Hofraub mute ich dich gewinnen. rmer bist du als mein Weib, denn
daheim. Niemand rief dir Heil als meine wilden Genossen und die Siedler, welche
sich mir zugeschworen haben, weil sie daheim schlechtes Glck fanden. Ich habe
es oft gewut, wenn du neben dem Gebannten deine Trnen verbargst und die
Seufzer nach der Heimat. Heut haben die berirdischen mich gemahnt, als der
Mantel fiel. Wohl ist es mglich, mein Weib, da sie mich zu sich laden wollen,
darum sorge ich jetzt, da die Ausfahrt ruhmvoll sei und schdlich den Feinden.
    Reite aus dem Holzring, rief Irmgard, und baue dir in der Fremde ein
neues Heimwesen.
    Das Wildtier schlpft aus seinem Lager, wenn die Meute rennt, nicht der
Wirt eines Volkes.
    Du lebtest verborgen ein seliges Jahr, deinen Knaben hobst du im Schilde,
und dein Weib hing an deinem Hals. Denke auch daran, Ingo, bevor du whlst.
Angstvoll starrte sie ihm ins Gesicht.
    Ingo trat noch einmal zu den kleinen Lichtffnungen und sphte nach allen
Seiten in die dmmrige Landschaft. Wie rotes Gold leuchtete der Himmel, und
unten im Tale stieg der Nebel aus dem Bach. Er sah auf die geschwungenen Hgel,
die dunklen Wlder, die fruchtbare Flur; dann wandte er sich zu seinem Weibe und
umfing sie: Als der Snger in der Halle sang und du vor allen den Fremdling
ehrtest, da war ich dir lieb, weil ich den Helden voranschritt auf dem
Todespfade. Was hat deinen Sinn gewandelt, Vandalenfrau?
    Die Angst, die ich fhlte, dich zu verlieren, antwortete Irmgard leise und
barg ihr Gesicht an seiner Brust.
    Ingo hielt sie fest umschlungen: Mein Haupt trug ich hoch als Heimatloser,
frhlich geno ich das Glck des Tages, weil ich das Leben fr wenig hielt gegen
ruhmvollen Tod, stolz war ich, treu zu sein jedem, dem ich mich gelobt, und
furchtbar meinen Feinden. Wer diesen Stolz mir demtigen will, den tte ich,
oder er trifft mich. Stolzer aber als sonst bereite ich diesmal den Kampf. Denn
gewaltig naht der Feinde Drang, wie nie zuvor, und du, Geliebte, sollst mit
deinen Augen schauen, ob der Snger den Helden dir wahrhaft gerhmt hat. Rste
dich, Frstin, zum Ehrentage deines Gemahls, denn bald hrst du um dein
Brautgemach das wilde Lied deiner Schwne, und ber den Wolken schaust du die
Himmelsbrcke, auf welcher die Helden sich aufwrts heben.
    Dunkler wurden die Schatten der Nacht, das Notfeuer flammte und warf rotes
Licht und Ruwolken ber den Hof, auf dem die Mnner sich zur Abwehr rsteten.
Sie rumten die Hofsttte von Karren und Gert, trugen die Wurfspeere und
huften die Steine; auch die Mgde halfen, sie holten in vielen Trachten das
Wasser aus dem Quell und fllten die Fsser und Bottiche an der Halle. Boten der
Dorfleute rannten in den Hof, reisige Mnner sprengten ab und zu, und
Befehlsworte der Fhrer klangen in dem umhegten Raum.
    Irmgard stieg mit Frida aus der hohen Kammer herab. Niedergerungen war ihr
Zweifel und wie getragen durch einer Gttin Kraft schritt sie ber den Hof.
Berthar lachte vergngt, da sie ihm nahte. Er erhob sich schnell vom Boden, wo
er an einer groen Wurfschleuder hmmerte, und grte sie, wie ein Krieger
seinen Huptling. So freut mich's, die Knigin geschmckt zu sehen, das Licht
des Antlitzes freut mich und der Goldschmuck auf der Brust. Das Hochfest rhme
ich, wo die Braut in so reichem Schmucke wandelt. Denn lustiger fechten wir
Knaben, wenn wir die Herrin schauen, die sich wie eine Schlachtenjungfrau ber
den Krieger beugt. Du aber hre noch vertrauliche Rede des Alten. Eine gute
Herrin warst du den wilden Knaben in friedlicher Zeit, du hast gesorgt fr alle
und warst stolz gegen jeden wie einer klugen Wirtin ziemt, auf da nicht ein
dreister Blick und ein unziemlicher Scherz der Mettrunkenen sich zu dir
hinaufwage. Jetzt aber, wenn dir's gefllt, zeige den Mnnern freundlichen Sinn,
sprich gtig zu jedem und teile reichlich den Vorrat, den du in Keller und
Scheuer behtest. Denn ich sorge nicht, da uns Speise und Trank noch mangeln
wird, solange wir fechten; und mancher schlgt grimmiger und wirft strker die
Waffen, wenn er unter seinen Genossen durch Met und ansehnliche Zukost geehrt
wird. Bisher haben wir nur auf die Ruber der Burgunden gelauert, diesmal gibt's
Arbeit, von der auch sptere Geschlechter erzhlen.
    
    Irmgard reichte die Hand, die der Alte ehrfurchtsvoll fate: Fr mich ist
alles gekommen, wie ich es immer ersehnte, fuhr er fort, kurzes Feld und
heier Kampf, und ich an der Schulter meines Herrn. Nur da der Haufe so klein
ist, der mit ihm ber die Walstatt schreitet, das macht mir Sorge. Denn lieber
zhlt der Kriegsgott auf seiner Flur die Schocke der gemhten Mnner als die
einzelnen Halme.
    Komm heran, Wolf, rief Berthar dem jungen Thring zu, du hast eine gute
Art, mit den Weibern zu verkehren, und sie rhmen dich als Reigentnzer. Darum
sollst du als Frauenvogt wachen. Fhre die Weiber an, wenn sie die Steine vom
Felsen rollen, und wenn sie die Eimer schwingen gegen einen Brandpfeil auf dem
Giebeldach. Hebe die Felle der Rinder und Hirsche, die wir gesammelt, aus der
Grube und breite das genetzte Leder ber das Holzdach, denn als bester Schutz
gegen Wurffeuer dient uns nchst dem Baumlaub das nasse Fell.
    Nher dem Herrn meinte ich zu stehen, versetzte Wolf unzufrieden.
    Niemand wird dir wehren, zur rechten Zeit deinen Sprung zu tun, trstete
der Alte, aber rhmlicher als du whnst, ist dein Werk, denn ich merke, auch
die dort drauen werden in Frauenweise darum kmpfen, ob dem einen oder dem
anderen das Mus verbrenne.
    
    Du meinst, Vater, es wird ein heier Tag fr manchen von uns.
    Fr manchen von ihnen, so ziemt sich zu reden, versetzte Berthar. Sorge
nur darum, da du als schmucker Knabe den hohen Schicksalsfrauen gefllst.
    Nicht an mich dachte ich, antwortete Wolf und blickte ber die Schultern
nach dem Hause.
    Sieh nicht rckwrts, ist Gesetz im Mnnerkampf. Alles, was hinter dir
wandelt, mag fr sich selbst sorgen, nur die vor dir sind, darfst du sehen.
    Als Wolf die Bndel der nassen Felle mit einem Seile auf das Dach ziehen
wollte, stellte sich Frida zu ihm und begann spttisch: Zu rhmlichem Dienst
bist du erkoren, bel riechen die Teppiche, welche du ber uns breitest. Wirst
du der Kmmerer, der uns Frauen beschtzt, so bleiben die Feinde uns willig zehn
Schritt vom Leibe und heben die Nase abwrts mit Grauen.
    Wre ich Huptling, versetzte Wolf rgerlich, ich stellte dich ber das
Tor vor allem Heere, auf da du den Feinden durch scharfe Worte das Herz
verwundest. Hilf mir die Leiter im Innern des Saales zu der Dachluke heben und
halte die Seile, damit ich oben die Felle lse. Willig folgte Frida seinem Rat,
und als er alles gebreitet hatte und von der Hhe herabkam, sah er sich in dem
leeren Raume um und gab ihr schnell einen Ku. Frida strubte sich nicht,
sondern zog pltzlich ein Band hervor und sprach: Halte den Arm, Wolf, da ich
mich dir verbinde. Schauen wir morgen den Abend, so will ich dir angehren als
dein Weib. Oft war ich widerwrtig gegen dich, heut sage ich dir, da du mir
lieb bist und kein anderer. Sie band ihm den Arm, er aber rief: Den Zorn der
Knigin will ich rhmen, der meiner Distel den Stachel nahm. Sie kte ihn
herzlich, dann ri sie sich los und sprang zu den Mgden.
    Unter der Mondsichel trieben wieder die Wolken dahin, wilde Gestalten,
Menschenleib und Pferdegebein, bald von gelbem Lichte umsumt, bald kohlschwarz
in grauer Dmmerung. Aus dem Idisbach wand und ballte sich der Nebel und stieg
aufwrts gegen den Ringwall und die Burg. Tiergeschrei und Menschenstimmen
schallten um das Burgtor, auf den Pfaden aus der Tiefe fhrten die Dorfleute
Rosse und Rinder und die braunwolligen Schafe. Mit dem Lindenschild schritten
die Mnner und trieben mit dem Speer die Herden zur Eile, hochbepackt mit
Hausrat eilten die Weiber und Kinder. Gramvoll war ihnen der Weg zur Hhe, denn
wer sich rckwrts wandte, der sorgte, ob er auch in den Hof, den er sich jngst
gebaut, lebend zurckkehren, oder ob der Hof selbst in Flammen lodern werde. An
der Sperre des unteren Ringwalls drngten sich die Flchtigen, und der Vandale,
welcher dort den Zugang htete, mute anweisen und schreien, da sie in dem
Dunkel nicht vom Pfade wichen, der zum Tor fhrte. Auf dem Gipfel fllte sich
der Burgraum mit Menschen und Herdenvieh. Die Rinder brllten, die Rosse fuhren
wild umher, und die Weiber drckten sich mit ihren Bndeln an den Holzwall. Aber
Berthar mahnte die Mnner, die Hoftiere in Reihen zu stellen, die Schafe mit
einem Pferch zu umschlieen. In der Mitte des Raumes flammte ein Feuer, dort
brodelten die Tpfe fr die Darbenden, und der Schenk zapfte den Durstigen Bier,
das sie reichlich begehrten. Berthar schritt von einem der Mnner zum anderen,
bot ihnen wrdig, wie in friedlicher Zeit, den Gru, fragte nach der Meinung und
prfte dabei verstndig ihre Zahl und den Mut. Was sumen die Nachbarn vom
anderen Ufer des Bachs, wo sind die armfesten Bauern vom Ahornwald und dem
Finkenquell? rief er dem Thring Baldhard zu. Hat den Marvingen der weie
Nebel den Sinn geblendet, da sie den Schrei des Trmers nicht hrten und den
Feuerschein nicht sahen?
    Langsam regen sich ihre Glieder, versetzte Baldhard bekmmert, Herdenvieh
und Karren sah ich abwrtstreiben zu ihren Heiligtmern im Walde, sie werden
nicht eilig sein, Rosse und Kinder zu verlassen. Dennoch wre ihnen Eile ratsam,
denn im letzten Zwielicht zog eine Schar vom Norden her, den Bach entlang,
Schilde glnzten und Eisenkappen. Und ich argwhne, es sind die wilden Knaben
der Knigin, welche in den Hfen jenseits ein Nachtlager suchen.
    Auf dem Pfad aus der Tiefe sprengte ein Reiter heran, wild fuhr er auf
schaumbedecktem Ro durch das Tor und winkte im Jagen dem Alten zu. Radgais!
rief dieser und eilte ihm nach zu dem Saal, wo Ingo mit den ltesten der
Dorfgenossen die Meldung der Krieger empfing. Der Bote sprang grend ab. In
hellem Haufen drangen die Knigsknaben durch unsere Mark, es ist ihr ganzer
Schwarm, dazu Mannen des Theodulf. Mhsam entrann ich ber die Berge, nachdem
ich das Strohfeuer entzndet. Sie aber halten sich hinter den Bumen im Tale,
denn schwerlich sind ihrer mehr als hundert Schilde.
    Sahst du die Knigin?
    Auer Theodulf nur den alten Ruber Hadubald.
    Warf Frau Gisela keine grere Schar in die Sttel, sprach Berthar
verchtlich, so mgen wenige ihrer Treuen den heimischen Trinkkrug
wiederschauen.
    Dort naht einer vom Main, der andere Gste meldet, versetzte Ingo.
Walbrand, der Vandale, stob heran.
    Als ich, mein Knig, gen Sden durch den Kieferwald kam, um ber die
Landesmark zu sphen, da hrte ich auf dem Saumpfad Klappern der Schilde. Ich
barg mein Ro und wand mich zu Fu durch das Dickicht; in langem Zuge kam's
heran, ein Heer der Burgunden, aus drei Haufen geschart, Fuvolk und Reiter.
Neben dem Fhrer ritt ein fremder Gesell, ein Rmer war's von der Leibwache des
Csar, die man Protektoren nennt, ich erkannte den Helm und die Rstung und
hrte sein Lachen und rmische Worte. Sorglos wateten sie heran im Sande, ohne
Vortrab und Spher, ganz sicher des Sieges. Mit wenig Begleitern htte ich ihnen
Grauen erregt. Aus dem Dickicht brllte ich gegen sie, wie der Nachtrabe brllt,
da hielten sie erschreckt an und sahen durch die Bume nach den Wolken. Ich aber
warf hinter den Stmmen hervor meine Waffe gegen den Rmer. Der Held fiel in den
Sand und sthnte, sie aber schrien laut auf, und ich entsprang in das Dunkel.
Ich hoffe, ein bles Vorzeichen wird es ihnen.
    Wir rhmen die Sorge der Knigin, sprach Ingo, da sie ein fremdes Heer
gegen meine Mannen in Harnisch ruft. Traute sie dem guten Willen der Thringe so
wenig, da sie ihr Heimatvolk zum Schwerttanze lud? Wo scheuchtest du ihre
Helden durch den Sang des Vogels?
    Auf halbem Wege zwischen hier und dem Main, antwortete Walbrand, ich sah
noch, wie sie zur Nacht lagerten. Spt erwachen die Burgunden; wenn sie sich
auch eilen, stehen sie doch nicht, bevor der Morgen warm wird, im Tale.
Pferdetritte merkte ich unten im Nebel jenseit des Baches.
    Ingo winkte ihm Entlassung und sprach zu Berthar: Sorge, mein Vater, da
alle schlafen auer den Wchtern, denn morgen werden sie Augen brauchen, welche
fest in ihren Kpfen stehen, und geruhte Glieder. Halte gute Wache am Tor, damit
nicht unter dem flchtigen Anzug ein Feind zuschleiche. Im Morgenlicht sammeln
wir die Bauern und zhlen die Hupter. Die Schar wird klein fr den Ring. Wir
aber kmpfen um das Leben, und jene dort um karge Beute. Zum letztenmal, bevor
wir uns dem Kampfzorn weihen, sei in Frieden gegrt, mein Vater. Da sie uns
flchtige Mnner groer Volksrstung wert achten, darber lachen wir heut, und
dafr danke ich dir, du Treuer.
    Der Morgen graute, die Wolken trugen blutroten Saum und bargen die Sonne. In
der Ringburg erhoben sich die Schlfer von der Erde. Die Mnner rsteten sich
zum Dienst fr den Kriegsgott, den Erbarmungslosen, sie salbten und strubten
ihr Haar, da es rtlich starrte, sie legten um Arme und Hals die Ringe von
Bronze und Gold, sie zogen den Grtel am Leibe fest, da der Schritt behender
sei und der Schwung der Glieder gewaltiger. Mancher legte sein Hemd an von
Hirschleder, mit Eisenschuppen bedeckt, mancher auch warf die braune Wolljacke
von sich und ffnete das Hemd, damit man die ruhmvollen Narben auf der Brust
schaue. Finster war der Blick der Krieger, wild ihr Mut und schweigsam ihr Tun.
Denn unziemlich war im Dienste des Schlachtengottes unntze Rede.
    Berthar sprach zu Wolf, der sich neben ihm wappnete, einen dicken Goldring
darbietend: Lange habe ich das Prachtstck bewahrt, das ich einst als
Knigsgabe gewann. Nimm du es heut als Geschenk von deinem Gesellen, nicht
ungeehrt sollst du den Speer schwingen an unserer Seite, damit die Feinde nicht
sagen: Sehet, nur krglichen Lohn erwarb der Thring an der Bank des Fremden.
Wolf streifte den Ring ber seinen Arm, sah den Alten dankend an und antwortete:
    Denke auch, Vater, wenn du den Streit ordnest, daran, da ich nicht als
Frauenvogt unter den Weibern bleibe, und zrne nicht, wenn ich noch eines sage:
Herrenfeind ist auch Mannesfeind, aber am frhlichsten wird sich mein Arm gegen
die Burgunden heben, die nicht von meinem Stamme sind.
    Der Alte lchelte finster: Unntz bellst du, junger Brackhund. Noch ist der
Geruch des Blutes nicht in deiner Nase, wenn der Tag heraufsteigt und die Wolken
dort oben sich schwrzer ballen, wirst du selbst deiner Sorge wenig achten.
    Vor dem Saale des Knigs war der Opferstein gerichtet. Um den Stein
sammelten sich die Krieger, Ingo trat mit seinen Mannen aus der Halle in grauem
Stahlhemd, unter einem Helm, der mit dem Haupte eines Ebers gedeckt war, silbern
waren die Zhne, und rot glhten die Augen des Untiers. Ein junges Ro fhrten
die Knaben herbei, Berthar stie ihm den Opferstahl in den Leib und ri die
tdliche Wunde. Der Knig sang das Blutgebet, und jeder der Mnner trat herzu,
tauchte die Rechte in das Roblut, und alle schworen einander die Todestreue und
dem Herrn Gehorsam.
    Aus dem Wipfel des Baumes rief eine helle Frauenstimme: Wahre dich, Knig,
die Heerschilde glnzen und die Spitzen der Speere. Das Horn des Trmers warnte
in wildem Ruf, und ein Bote sprang zum Knig. Den Bach entlang reitet die Schar
der Knigsmannen, unter ihnen die Knigin. Da erscholl der Kriegsruf im Hofe
der Burg, die Krieger ergriffen Schild und Speer und traten zum Kreise, das
Schlachtgebet in die Hhlung des Schildes zu singen. Das wilde Lied erklang laut
in die Tler, langsam und feierlich im Beginn, anschwellend wie der Sturmwind,
bis es scharf und markerschtternd tnte wie das Geheul der Windsbraut. Als es
verstummt war, antwortete von unten gellendes Geschrei. Berthar rief die
Befehle, und die geordneten Haufen der Krieger zogen den Berg hinab und
besetzten den Ringwall. Zwiespltig tnte das Kampflied, sprach Berthar leise
zu Ingo, ungleich bei unseren Mannen und den Landleuten, du wirst heut nur der
heimischen Weise vertrauen. Noch einmal stieg Ingo mit dem Alten in den Wipfel
des Baumes. Frau Gisela fhrt in Wahrheit niemand mit sich als die lustigen
Mannen ihrer Burg und das Gesinde des Sintram. Dafr hat sie die Burgunden
geladen, da sie ihr schnell das Werk vollenden. Und willig sind sie gekommen,
denn ihrer sind zehn gegen einen von uns. Sieh, Held, schon ziehen sie den
Schildring um unseren Graben. Hinab zum Wall! Die Sitte fordert, da ich die
Knigin begre; ich halte die Seite, wo sie gebietet, du leite das Volk
sdwrts gegen die fremden Haufen.
    Mit beflgeltem Schritt eilten die Helden an den Verhau. Rundum erhob sich
Geschrei, die Pfeile und Speere flogen, in kleinen Haufen sprangen die Belagerer
heran und trugen Steine und Reisigbndel gegen den Auenwall, um den Graben zu
fllen.
    berall, wo nordwrts der Drang am heftigsten war, klang mchtig der
Schlachtruf Ingos, und vom Sdrand her antwortete die Stimme Berthars; und wo
der Knig die Speere warf, dorthin rannte auch Theodulf, Rache fordernd, in den
Vorkampf. Mehr als einmal zitterte sein Speer nahe an Ingos Haupt in den Balken
des Walles, und der Schild des Thrings klaffte geborsten von der Waffe des
Knigs. Aber der Ansprung der Belagerer milang, mit heien Wangen wandten sie
sich abwrts, ordneten die zerrissenen Haufen, trugen aus dem Dorf der Thringe
und aus dem Walde Bohlen zusammen und arbeiteten hart darber mit Axt und
Hammer.
    Mit starkem Schwunge hoben sich die Fuste deiner Gesellen, rief Berthar
rhmend dem Sohne Beros zu. Sind die Knaben der Knigin in Zimmerleute
verwandelt? Verchtlich ist der Kriegsmann, der hinter dem Bretterschild
kauert. Und zu Ingo sprach er lachend: Die Burgunden erwiesen schwachen Eifer
im Stoe, gar nicht zahlreich sind die Opfer, die wir auf meiner Seite dem
Kriegsgott fllten. Und wir mssen zu ihm rufen: Nimm gndig mit wenigem
vorlieb, wie der Kuckuck zum Bren sagte, als er ihm beim Gastmahl drei tote
Fliegen bot.
    Unter die heien Strahlen der Mittagsonne wlzten sich graue Wetterwolken,
da riefen die Hrner der Belagerer zu neuem Kampf, und wieder erhob sich der
heulende Schlachtruf in beiden Scharen.
    Strker war der Ansturm und grer die Gefahr, denn nicht vergebens hatten
die Belagerer ihre xte gebraucht. Von allen Seiten fuhren sie hinter starken
Bohlenschilden heran, und wieder warfen sie Steine und Holzbndel in den Graben
und schleppten Baumstmme und lange Balken, die Tiefe zu berbrcken; auch
Gerste hatten die Burgunden gerichtet, in denen ein Balken als Sturmbock hing,
donnernd schlugen die geschwenkten Balken gegen das Bollwerk, und lange Haken
rissen den Bohlenzaun hinab in den Graben. Um die wilden Werkzeuge entbrannte
der grimmigste Streit. Wich ein Haufe der Belagerer rckwrts, so sprang im Nu
ein neuer heran, denn hinter den Kmpfern hielt die Knigin und trieb mit Worten
und gehobenem Arme unablssig zum Sturm. Endlich gelang es den feindlichen
Scharen hier und da, den ueren Wallring zu zerreien und ber den Graben
hinaufzuklimmen. Da wogte eine Weile an den geffneten Pfaden das Kampfgewhl,
fest stemmten die Burgleute Holzschilde und Leiber, den Ri zu stopfen. Aber wie
die Flut durch den zerrissenen Damm, so strmte die berzahl der Feinde hinein,
und die kleinen Haufen der Verteidiger wurden rckwrts gedrngt nach der Hhe.
Ingo stand vor dem Burgtor mit wenigen Blutgenossen, welche heut an seiner
Achsel kmpften, und deckte durch Schild und Speer den Rckzug seiner Krieger.
Als letzter sprang er selbst in das Tor, und hinter ihm hob sich die Brcke.
    Die Belagerer riefen das Siegesgeschrei und drangen gegen den Burgwall, der
den Gipfel des Berges umschlo. Aber kurz war die Freude, von der steilen Hhe
flogen jetzt dichter die Speere, und groe Steine sprangen herab und rissen
blutige Bahnen in die strmenden Haufen. Denn enger war jetzt die Kette der
Verteidiger und sorgenvoll ihr Zorn, da sie fr die letzte Schanze kmpften, die
vor dem Verderben schirmte; alle Hnde regten sich, auch die Frauen standen
hochgeschrzt, die Steine hebend und den Mnnern zureichend. Unertrglich wurde
es endlich den Feinden, an der Stelle zu haften, in groen Sprngen flohen sie
zurck, und manchem noch zerschlug der geschleuderte Felsblock die gehobenen
Beine.
    Da ritt die Knigin zornig vor ihre Mannen und rief: Wollt ihr den Met der
Knigin ferner trinken, ihr hpfenden Helden, so ringt euch aufwrts zu den
Weiden und werft den Steintrog nieder, aus dem sie schpfen, vielleicht fangen
sie dann mit den Lippen die rinnenden Tropfen. Theodulf flog um den Berg und
befahl gemeinsamen Aufsprung von allen Seiten; wieder riefen die Hrner und
gellte das Geschrei, und wieder flogen Speere und Steine vom Bergeshaupt. Aber
whrend der Ring der Belagerer von unten die Pfeile dahin scho, wo ein Haupt
oder Arm ber die Brstung ragte, schlich Hadubald mit vier Genossen in dem
Rinnsal des Quells hinauf zu den Weiden, alle gebeugt unter den Schilden, starke
Hebestangen in der Hand. Sie fuhren hinter die Bume, wo der Felsen sie deckte.
Doch dem Helden Berthar entging nicht die drohende Gefahr, die nchsten
Speergenossen raffte er zusammen und eilte mit ihnen durch die Pforte hinab.
Wir fassen von unten, ihr sendet vom Felsen die Pfeile, damit keiner entrinne.
Da, als der Alte unter die Bume sprang, drhnte der mchtige Steintrog, abwrts
aus seinem Lager geworfen. Berthar rief zornig dem Hadubald zu: Unsegen schafft
es dir, Weinschwelg, zum Wassertrog zu wandeln, und zerbrach ihm mit der Keule
das Haupt, bevor der andere die Waffe erhoben hatte. Auch die brigen
Knigsmannen erlagen den Streichen der Vandalen, nur einer sprang abwrts, aber
er sank auf dem Wege zu Boden, den tdlichen Pfeil im Rcken, und von der Hhe
begrte lauter Freudenruf seinen Sturz. Darauf verstummte das Kampfgeschrei,
und oben wie unten summten die schnellen Worte in den Haufen.
    Der Steintrog ist geworfen, sprach Berthar zurckkehrend leise zu Ingo,
wild rinnt jetzt das Wasser abwrts, und mhselig wird es den Ringgenossen,
sich und ihren Tieren den Trunk zu schpfen.
    Die Knigin kannte den Quell, versetzte Ingo mit finsterem Lcheln.
Vermochten die unten den Stein zu werfen, wir heben ihn wieder. Rste die
Bume, whle die Streiter und ziehe die Schildburg um die hebenden Arme der
Landgenossen.
    Whrend Ingo sprach, schlug ber ihm ein Pfeil schwirrend in das Turmgerst,
und eine kleine Flamme loderte um den haftenden.
    Dort mahnt Frau Gisela unser Volk an den verwsteten Quell, rief Berthar.
Rund um den Berg sprangen einzelne Bogenschtzen aufwrts und schossen
Brandpfeile gegen das Bollwerk, sorglich bemht, durch behende Bewegung die
geworfenen Steine zu vermeiden. Hier und da leckte die Flamme an den Balken und
Pfhlen, die Belagerten schlugen mit Stangen gegen die Pfeile und zerwarfen die
Flammen, aber immer hufiger lohten die Brnde; wild klang das Geschrei der
Warnenden, die Kinder heulten, die Rosse bumten, wenn ein Brandpfeil unter sie
flog, zerrissen die Halfter und fuhren rasend durch die gedrngte Menge. Da
wurde die Arbeit peinvoll, und manchem der Verteidiger sank Hoffnung und Mut.
    Mit kleinem Gefolge nahte in gestrecktem Lauf ein Reiter den Scharen der
Knigin. Ihn und seine Begleiter empfing lauter Zuruf aus dem Haufen des
Theodulf. Herr Answald stieg vom Pferde: Tuschende Botschaft lud mich zu
deinem Hofe, Knigin, whrend du hier Rache bst in meiner Sache.
    Ungeladen kommst du und unwillkommen, versetzte die Knigin, meine nicht,
dich zwischen mich und die Rache zu stellen, den unerbetenen Mittler treffen die
Pfeile von zwei Seiten. Das Schicksal jener wendet kein Sterblicher, wenn nicht
sie selbst es vermgen.
    Will die Knigin herrschen ber das Volk der Thringe, so wird sie den
Brauch des Landes ehren. Weiber sehe ich dort und Kinder von unserem Blut,
greulich ist es, Speer und Brandpfeil gegen die Wehrlosen des eigenen Volkes zu
schleudern. Wer ein freier Thring ist und sich Sieg begehrt in ehrlichem
Kampfe, der helfe mir die Schmach zu wenden. Fleht mit mir zur Knigin, da sie
meide, was uns alle ruchlos macht in dem Gedchtnis der Menschen.
    Gut spricht der Frst, rief ein alter Kriegsmann, und die Thringe
schlugen die Speere zusammen: Heil dem Herrn Answald! Finster sah die Knigin
ber den Haufen, aber sie schwieg.
    Hre mich, Herrin, schrie der Huptling, entsetzt durch ihr hartes
Antlitz, mein eigenes Kind, das ich einst dem Theodulf verlobte, steht unter
den Brandpfeilen, und gleich ihr andere Frauen aus den Waldlauben. Gegen mein
Kind steht mir allein die Strafe zu, und niemand, auch du nicht, soll sie mir
ber dem Haupte wegnehmen. Er sprang in den Weg vor den Haufen. Hier stehe
ich, Answald, ein Frst der Thringe. Manches Mal habe ich eure Heerscharen in
den Kampf gefhrt. Bevor ihr wagt, die Unkriegerischen zu schlachten, die dort
im Ring die Arme heben, sollt ihr erst mich tten, damit ich die Schande nicht
berlebe. Wieder erscholl lauter Zuruf der Krieger.
    Zu mir, ihr Knigsknaben, rief Frau Gisela, sich hoch aufrichtend. Aber
auch Theodulf und Sintram drngten ihre Rosse an das der Knigin und sprachen
leise zu ihr. - Wrst du nicht auer dir, alter Mann, begann die Knigin
endlich, und ihre Stimme bebte im Zorn, so wrde ich dich strafen, weil du
tollkhn diese zum Ungehorsam aufrufst. Wenig liegt mir am Herzen, Blut der
Bauern zu vergieen, wenn sie auch eigenmchtig auerhalb der Mark sich gelagert
haben. La das Horn ertnen, Theodulf, und schrei in den Ring. Die Landleute
sollen freie Ausfahrt haben, nicht nur die Weiber und Kinder, sondern auch die
Mnner, und waffenlos aus dem Wall ziehen, ohne Schaden an Leib und Gut, durch
Gnade der Knigin. Wieder klang aus den Haufen frohes Beifallsgeschrei. In
langgezogenen Tnen mahnte das Horn, vom Streite abzustehen. Theodulf trat bis
in Wurfweite vom Tor und schrie mit mchtiger Stimme die Gnade der Knigin in
die Burg.
    Drinnen erhob sich ungestme Bewegung. Das Tor blieb verschlossen, aber am
Walle und an den Schanzpfhlen rissen wilde Gestalten in Verzweiflung, sie
warfen Pfhle und Balken nach der Tiefe und rollten dem Holzwerk nach. Ein
flchtiger Haufe quoll hier und da aus der Verschanzung, mit Weibern und Kindern
in angstvollem Gedrnge die Rosse und Rinder. Auch einzelne Mnner sprangen
herab, denen die Schwurhand noch vom Opferblute rot war, durch die Not
gescheucht und ermdet vom hoffnungslosen Kampf. Doch die Mehrzahl der Bauern
stand auf der Hhe zusammengedrngt, die Schilde am Fu, unsicher schauten sie
den Frauen nach und dem herabstrzenden Herdenvieh. Nur der Eid hielt sie und
die Scham.
    Da trat Ingo zu ihnen und rief mit lauter Stimme: Freiwillig seid ihr
gekommen, frei mgt ihr auch gehen, da eure Landgenossen euch rufen. Quere
Blicke und widerwilligen Dienst begehre ich nicht. Wenig Ehre bringt mir der
Krieger, der sich nach Weib und Kind sehnt whrend des Kampfes. Willig lse ich
euch von eurem Eide; gedenkt, wenn ihr wollt, der eigenen Rettung.
    Da legten mehrere still die Schilde an das Bollwerk und sprangen abwrts,
ohne sich umzusehen. Berthar aber rief in den Haufen der Bleibenden: Nicht
durch einen Wurf fllt auf der Tenne die Spreu aus dem Weizen. Noch manchen sehe
ich, den der Wind ber den Zaun wegblasen mag. Versucht es noch einmal, ihr
stolzen Gesellen. Gern entbehren wir die Genossenschaft der Waldleute.
    Wieder fielen Schilde zum Boden, und die Trger entschwanden mit finsteren
Mienen.
    Was weilt mein Knig, ihren Jammer zu schauen? Besser schwingen sie sich,
wenn die Scham ihnen nicht die Beine klemmt. Euer ist die Wahl; der eine Weg
fhrt aufwrts zum Saal des Knigs, der andere talab zu eurem Dung. Er folgte
seinem Herrn, der zur Halle eilte. Die Zurckgebliebenen standen noch einige
Augenblicke beisammen; da sie sich allein sahen, schwand ihnen der Kriegerzorn.
Nur wenige eilten dem Knige nach, die anderen suchten waffenlos das Freie.
Unter den letzten, welche den Ring verlieen, waren Baldhard und Bruno.
    Aus der Tiefe sprangen die Haufen der Knigin jauchzend empor. Die den
Ausgang suchten, hatten ihnen den Zugang geebnet; die Anstrmenden zerhieben die
Sperren des Tores, ihr Schwarm drang heftig gegen den offenen Raum vor dem
Saale. Aber schnell wichen sie zurck; denn aus der Schleuder, die Berthar auf
die Treppe des Eingangs gestellt hatte, flogen die spitzen Baumpfeile in ihre
Reihen. Sie suchten Schutz lngs dem Bollwerk, und wieder flogen Speere hin und
wieder, und aus der Tiefe fuhren die Brandpfeile gegen das Dach.
    Lngs dem Dachbalken wirbelte weier Rauch, und durch den Dampf klang der
Ruf: Wasser herauf! Auf der Leiter klomm ein Mann und rief von der Hhe: Es
knistert im Dach, die Rindshaut schwelt; ein Burgunderpfeil trieb das Feuer an
den Vorsprung des Daches, es glimmt und flackert, geleert sind die Eimer.
    An unserem Brunnen khlt sich die Knigin, rief Berthar hinauf, fehlt dir
Wasser, so giee dem Feuer unser Bier auf die Zungen. Ein Windsto fuhr heulend
ber das Dach und trieb eine Rauchwolke und feurige Lohe in die Hhe. Ein
Jubelschrei der Feinde folgte dem Windsto, die Flamme brach zngelnd hier und
da durch die deckenden Hute. Komm herab, Wolf, rief Berthar dem Helden in der
Hhe zu, der mit versengtem Haar und schwarzen Hnden sich mhsam an der Leiter
festhielt, dir selbst rinnt aus dem Leibe der Quell, rot trieft's von der
Leiter.
    Es war nicht genug, das Feuer zu lschen, antwortete Wolf; er fuhr herab,
schttelte seine blutende Hand und griff nach Schild und Speer.
    ffnet die Tren, ihr Blutgenossen, befahl Berthar, damit der Luftzug
unserer Herrin den Rauch vertreibe. Soll der Knig allein die Schildwacht
halten? Werft die Speere rings um den Bau; soweit sie fliegen, reicht jetzt das
Knigreich der Vandalen.
    Ingo stand auf der Treppe des Saals, vom Schilde gedeckt, ber ihm fuhren
dicke Rauchwolken, vom Wettersturm getrieben, an die Scharen der Feinde und
umhllten ihnen Rstung und Gesicht.
    Geffnet ist die Halle, rief Ingo den Starrenden entgegen, mit dem
Willkomm harrt der Wirt. Was sumen die verzagten Gste?
    Aus dem Rauch sprang ihm eine Gestalt entgegen, ein schildloser Mann, und
eine Stimme rief: Irmgard, mein Kind! Der Vater ruft, rette dich, Unselige!
    Irmgard hrte in der Halle den Schrei, wild fuhr sie auf und legte den Sohn
in Fridas Arm. Und wieder rief es von drauen schriller und angstvoller:
Irmgard! Verlorenes Kind!
    Ingo setzte den Schild zu Boden und sah ber die Achsel zurck: Der Habicht
schreit nach seinem Nestling, gehorche dem Ruf, Frstin der Thringe.
    Bei dem Gemahl vorber strzte das Weib dem Vater zwischen den feindlichen
Speeren entgegen. Aus den Haufen der Thringe brach ein Freudenschrei und
Heilruf. Sie umschlang den Vater und rief: Wohl mir, mein Auge schaut dich und
an deiner Brust hltst du mich.
    Dem Helden Answald bebte das Herz, und er zog sie mit sich. Die Mutter
wartet, liebes Kind.
    Segne mich, rief Irmgard, hei ist das Gemach, wo ein armes Kind nach der
Mutter schreit, segne mich, Vater, rief sie, ihn krampfhaft festhaltend.
    Der Frst legte den Arm um ihr Haupt, sie beugte sich tief vor seine Knie,
dann erhob sie sich schnell, trat zurck und die Hand gegen ihn ausstreckend,
rief sie: Gre die Mutter! und wandte sich mit starkem Schwunge rckwrts
nach dem brennenden Hause. Ingo hatte unbewegt gestanden, den scharfen Blick
gegen die Feinde gerichtet. Als sein Weib aber zu ihm in die Todesnot
zurckkehrte, trat er ihr entgegen und breitete die Arme, sie zu umschlieen. Da
schwirrte der Eschenspeer aus Theodulfs Faust und traf den Knig von der Seite
unter den Arm. Still sank Ingo nach der Halle zurck aus den Hnden der
Gemahlin. Berthar sprang vor und deckte mit dem Schild den Wunden, den seine
Mannen seufzend auf die erhhte Herrenbank trugen. Vor ihm kniete Irmgard, aber
Berthar rief in den Raum: Lat Weiber trauern um des Knigs Wunde; schnell
heran, ihr Gesellen, dem Knig zu folgen auf seinem Pfad. Vier sind der Tore in
des Knigs Halle, aus jedem fhrt der Weg nach dem Himmelssaal. Sorgt, da ihr
rcht die Knigswunde. Walbrand, der letzte warst du an des Herrn Bank, dafr
springst du heut als erster, und der letzte sei ich.
    Die Vandalen sprangen an die Tore, von da die Stufen hinab, einer nach dem
anderen, wie der Alte sie rief. Und von neuem erhob sich um das Haus Kampfgetse
und Getmmel. Wilder fuhr der Sturmwind ber das lodernde Dach, hoch oben rollte
der Donner, das Dach der Halle krachte, Asche und brennende Schindeln fielen
herab. Frida setzte betubt das Kind auf das Lager des Knigs.
    Der Knabe lacht, rief Irmgard und warf sich schluchzend ber das Kind,
welches frhlich mit den Beinchen schlug und die Hnde nach den Flammenhaufen am
Boden ausstreckte. Fest hielt Irmgard ihr Kind umschlossen, es war lautlose
Stille im Raum. Dann ri sie die Tasche von Otterfell, die Gabe der
Schicksalsfrau, aus ihrem Gewande, hing dem Knaben die Tasche um den kleinen
Leib, hllte ihn in die Decke, und das Kind noch einmal kssend, rief sie zu
Frida: Rette ihn und singe ihm von seinen Eltern. Frida aber sprang zu Wolf,
der als Speerhter am Lager des Knigs stand, und flehte: Komm, am hintern Tor
stehen Mnner aus unseren Lauben, wir dringen in den Wald.
    Da rief der Alte mit heiserer Stimme: Wo sumt der Vortnzer? Die Springer
harren.
    Lebe wohl, Frida, versetzte Wolf, nicht zu gleicher Tr fahren wir aus
dem Feuer, lebe wohl und denke mein. Noch einmal sah er sie mit treuen Augen
an, dann brach er mit mchtigem Satz aus der Tr, sprang ber die glhenden
Holzkloben vor der Treppe und schleuderte seinen Speer einem Knaben der Knigin
mitten in die Brust, da dieser zusammenbrach und ein lauter Schrei im Ringe der
Mnner erscholl. Auf den Helden flogen die Pfeile, der blutete aus mehreren
Wunden, aber sein Schwert schwingend, warf er sich in den Haufen, vor welchem
Theodulf stand, zur Rechten und Linken taumelten die Getroffenen zurck, wild
hob er die Waffe gegen den alten Bankgenossen, da brach er selbst sterbend
zusammen.
    Und wieder rief Theodulfs Stimme gewaltig mahnend: Die Balken beben, rettet
die Frauen! Und Frst Answald schrie, an das Tor springend: Irmgard! Rettet
mein Kind! Da erhob sich am Tor gegen ihn die zusammengesunkene Gestalt des
Alten, mit Asche bedeckt das Haupt, gebrannt der Bart, die Gier nach Rache im
Antlitz. Und grimmig rief er: Wer ist es, der so frech am Schlafgemach des
Knigs lrmt und Einla begehrt? Bist du es, Narr, der einst bereute, da er
Gastrecht bot? Mit kaltem Gru hast du meinen Knig entlassen, kalt wie Eisen
sei die Antwort, die der Vandale dir bietet. Und schnell wie ein Raubtier
sprang er von den Stufen und stie die Waffe dem Huptling der Thringe durch
Panzer und Brust. Dann rief er ber den entsetzten Haufen: Vollbracht ist
alles, und gut war das Ende. Zieht heim, bleichnasige Toren, und dreht mit den
Weibern die Mhlsteine eurer Knigin. Der groe Knig der Vandalen steigt
aufwrts zu seinen Ahnen. Um ihn flogen die Geschosse, er aber schttelte die
Eisen ab wie ein verwundeter Br, wandte sich schwerfllig nach der Halle,
setzte sich mit seinem Schilde an den Fu des Knigslagers und sprach nicht
mehr.
    Durch das zerbrochene Tor ritt die Knigin gegen die brennende Halle. Laut
rollte der Donner, und die Blitze zuckten, von der Flamme des Hauses glhte wie
rotes Feuer der Golddraht des Panzers, welcher ihre Brust umschlo. Sie tauchte
vom Rosse zu Boden, scheu wichen die Mnner zurck, denn leichenbleich war ihr
Antlitz und finster gezogen die Brauen.
    Sie stand unbeweglich und sah in die Lohe. Nur einmal regte sie sich und
warf die Augen flammend zur Seite, als sie ein Weib merkte, das, ein Kind auf
dem Arme, gegen die Mnner rang, welche sie festhielten. Es ist nur die
Dienerin, sprach Theodulf halblaut mit fahler Wange, und es ist das Kind. Die
Knigin befahl durch eine heftige Gebrde, das Weib zur Seite zu fhren. Das
Feuer leckte ber den First hoch gegen die Wolken, der Wettersturm fuhr in die
Flamme, da sie weit umherloderte, er warf brennende Spne und Bretter gegen
Frau Gisela und den Haufen der Mnner. Aber die Knigin stand unbeweglich und
starrte in die Glut.
    Drinnen im Haus war es still, Irmgard kniete am Lager des Gatten; ihr Haar
deckte seine Wunde, sie hielt ihn fest umschlungen und lauschte auf seine
Atemzge.
    Der todwunde Mann legte den Arm um sie und sah ihr stumm in die Augen. Ich
danke dir, Ingo, sprach sie, sei mir gegrt, Geliebter, auf dem letzten Lager
liegen wir beide gesellt. Nher rollte der Donner. Hrst du die oben rufen?
murmelte der Sterbende. Halte mich, Ingo, rief Irmgard. Ein flammender
Blitzstrahl erfllte die Halle, ein Wetterschlag drhnte, die Balken des Daches
brachen zusammen.
    Drauen aber scho auf die betubten Mannen der Knigin der Hagelschauer,
die Eisstcke schlugen auf Helm und Panzerhemd. Die Gtter laden ihren Sohn zu
sich in den Saal, schrie die Knigin und verhllte ihr Haupt in den Mantel. Die
Mnner aber warfen sich unter ihren Schilden zu Boden und bargen das Antlitz vor
dem Zorn des Donnergotts. Als das Wetter vorbergerauscht war und die Krieger
sich scheu erhoben und um sich schauten, da war die grne Bergflche mit grauem
Eise bedeckt, zusammengestrzt lag das Haus, und aus der nassen Kohle zngelten
kleine Flammen. Die Knigin, wie in Stein verwandelt, stand immer noch vor der
Brandsttte und sprach vor sich hin: Die eine liegt still auf heiem Lager, die
andere steht drauen vom Hagel geschlagen; vertauscht hat der Neid der Gtter
die Lose, mein Recht war es, dort drinnen zu sein.
    Wo ist sein Kind? fragte sie, mit wildem Blick umhersehend. Frida und das
Kind waren verschwunden. Die Krieger suchten an der Berglehne und in den Tlern,
sie sphten in jeden hohlen Baum und in jedes Dickicht verflochtener Zweige,
Theodulf durchzog mit seinem Gefolge den ganzen Gau der Waldleute und forschte
an jedem Herdfeuer. Aber von dem Sohne Ingos und Irmgards erhielt die Knigin
niemals Kunde.

                                    Ingraban



                                  Im Jahre 724

Auf dem Waldwege, der vom Main nordwrts in das Hgelland der Franken und
Thringe fhrt, zogen an einem heien Sommertage drei Reiter schweigend dahin.
Der erste war der Fhrer, ein junger Mann von starken Gliedern; das lange Haar
hing ihm wild um das Haupt, die blauen Augen waren in unaufhrlicher Bewegung
und sphten nach beiden Seiten des Weges in den Wald. Er trug eine verschossene
Lederkappe, ber der braunen Jacke eine groe Tasche mit Reisevorrat, in der
Hand den Wurfspeer, auf dem Rcken Bogen und Jagdkcher, an der Seite ein langes
Weidmesser, am Sattel seines Rosses eine schwere Waldaxt. Einige Schritte hinter
ihm ritt ein breitschultriger Mann in den Jahren seiner besten Kraft, mit groem
Haupt, die mchtige Stirn und die blitzenden Augen gaben ihm das Aussehen eines
Kriegers. Aber er trug sich nicht wie ein Mann des Schwertes, das kurzgeschorene
Haar deckte ein schsischer Strohhut, an dem langen Gewande war nicht
Wehrgehenk, nicht Waffe sichtbar, nur die Axt, welche jeder Reisende in der
Wildnis fhrte, steckte im Sattel; nach dem groen Ledersack, der vor ihm ber
dem Sattel befestigt war, mochte man ihn fr einen Hndler halten. Ihm zur Seite
trabte ein Jngling in gleicher Tracht und Ausrstung, der auch auf dem Rcken
ein Bndel trug und in der Hand einen Baumzweig, mit dem er sein Rlein
antrieb. Da der Fhrer die Reisenden nicht als gewaltige Leute achtete, war
durch sein Benehmen deutlich, denn er trug sein Haupt hoch, sooft er auf eine
Frage des lteren Mannes kurze Antwort gab, und er sah nur zuweilen, wenn der
Weg steil aufwrts ging, oder die beiden weit zurckblieben, mit dsterm Blick
hinter sich und wandte die Augen schnell wieder ab, wie von unholden Gesellen.
Durch Sand und ber Steinblcke zog sich der rauhe Pfad zwischen alten
Kieferstmmen von einer Erdwelle zur anderen; auf dem braunen Grunde wuchs wenig
anderes als Wolfsmilch, Heidekraut und dunkle Waldbeeren. Es war still im Walde,
nur die Krhen schrien ber den Wipfeln, die heie Luft war mit Harzgeruch
erfllt und kein Windeshauch khlte die erhitzten Wangen. Als der Weg einmal
steil aufwrts ging, sprang der Jngling ab, pflckte am Wege einen Strau
Beeren und bot ihn dem Reiter. Dieser dankte mit einem freundlichen Blick und
begann in lateinischer Sprache: Siehst du ein Ende des Waldes? Unsere Rosse
ermden, die Sonne neigt zur Rast.
    Stamm hinter Stamm, mein Vater, und kein Lichtstrahl vor uns im Holze.
    Du bist an die rauhen Pfade nicht gewhnt, Gottfried, fuhr der ltere
bedauernd fort, ungern nahm ich dich in das wilde Land, und ich bin
unzufrieden, da ich deiner Bitte nachgab.
    Ich aber bin glcklich, mein Vater, versetzte der Jngling mit frohem
Lcheln, da ich dich begleiten darf als dein unwrdiger Diener.
    Die Jugend freut sich stets der Wanderschaft, sprach der Reiter. Sieh
unsern Fhrer, ihn kmmert die Tagesglut wenig, er ist ein kraftvoller Wildling,
der des Pfropfreises harrt.
    Unfreundlich hlt er sich gegen uns, mein Vater.
    Ist er auch unwirsch, warum sollte er unehrlich sein? Er hat der Frau
Hildegard und mir selbst in die Hand gelobt, uns sicher ber die Berge zu
fhren, und er sieht nicht aus wie ein Schcher. Doch wre er's auch, einer ist
strker in der Wildnis als er. Er neigte das Haupt. Merke, er hat gefunden,
was ihm die Reise strt.
    Die Haltung des Fhrers war verwandelt, hochaufgerichtet sa er im Sattel
mit gehobenem Speer wie zum Ansprung bereit.
    Der Fremde ritt zu dem Fhrer: Dein Name ist Ingram, wie ich vernahm.
    Ingraban der Thring bin ich, versetzte der Reiter, stolz die Worte des
anderen besttigend, und dies ist der Rabe, mein Ro߫; er rhrte an den Hals
des edlen Tieres, das von Farbe schwarz war, wie sein geflgelter Namensbruder,
und unter der Hand des Reiters wiehernd das Haupt erhob.
    Ich erkenne, wohlbekannt sind dir die Reisepfade auch fern von deiner
Heimat.
    Oft ritt ich als Bote meiner Landgenossen zu dem Frankengrafen ber den
Main.
    So ist dir auch Frau Hildegard, die Grafenwitwe, von frher her zugetan.
    Ich stritt in der Schar ihres Eheherrn, als ihn die Wenden erlegten. Eine
gute Frau ist Hildegard, da sie meinen kranken Knecht in Pflege nahm.
    Am Lager des Kranken fand ich dich, und ich bin froh, da ich solch
sicheren Fhrer gewann. Was hemmt dir jetzt die Reise?
    Die Hand des Fhrers wies auf eine Spur im Sande. - Hier lief eine Herde
wilder Rosse, sagte der Fremde, auf die Spur blickend.
    Reiter waren es, mehr als drei, und feindselig wird ihr Gru, wenn sie uns
treffen, antwortete der Fhrer.
    Woher weit du, da es Feinde sind?
    Hofft in deinem Lande ein Wanderer in der Wildnis auf ehrlichen Gru?
fragte der Fhrer zurck. Die hier gezogen sind, waren Krieger, welche mit
fremder Zunge reden, von dem Wendenvolk an der Saale, das man die Sorben nennt;
weit schweifen sie auf ihren Pferden nach Jagdbeute und Herdenvieh. Dort liegt
ihr Zeichen, er berhrte mit dem Speer einen kurzen Rohrpfeil mit Steinspitze.
Sie haben unseren Weg gekreuzt nach dem letzten Regen.
    Und hoffst du, uns verborgen vor den Fremden ber die Berge zu fhren?
    Habt ihr den Mut, so habe ich den Willen. Manchen Stieg ber die Waldhgel
wei ich, den ihre Haufen meiden; doch rate ich, haltet euch schweigsam und nahe
an meinem Ro.
    Vorsichtiger ritten die Fremden dicht hinter dem Fhrer.
    Der Saumpfad senkte sich in ein stilles Waldtal, fhrte durch sumpfigen
Grund und das Bett eines Baches und stieg auf der anderen Seite wieder in den
Wald. Zwischen hohen Buchenstmmen zogen sie behaglicher dahin auf grnem
Moosgrunde, welchen die schrgen Sonnenstrahlen vergoldeten. Und wieder senkte
sich der Pfad in ein weites Tal. Am Waldesrand hielt der Fhrer an. Dies ist
das Idistal, sagte er, das Haupt zum Grue neigend, und dort rinnt der
Idisbach nach dem Main. Durch hohes Wiesengras leitete er zu einer Furt des
Baches, von da trabten sie eine Hgelreihe entlang nordwrts. Einsam und
menschenleer lag das blhende Tal. Einigemal kamen die Reisenden ber altes
Ackerland, noch waren die Beetfurchen sichtbar, aber Schlehdorn und stachliger
Ginster standen dicht wie eine Hecke darauf, und die Pferde hatten Mhe
durchzudringen. Der Fremde sah mit Teilnahme auf die zerstrte Kultur. Hier
haben einst fleiige Hnde gebaut, sagte er bedauernd. Seit Menschengedenken
liegt die Sttte wst, antwortete der Fhrer gleichgltig. Weiter oben wies er
auf eine Erdhhe. Auch dort stand ein Hof, aber die Wenden haben ihn verbrannt,
da ich ein Knabe war. Das wilde Kraut schiet seit zwanzig Sommern in die Hhe.
Sorgst du um gebrochene Hfe, so magst du hier viele finden. ber dem Bach haben
vorzeiten die Avaren gelagert, braunhutige Mnner mit schrgen Augen, sie
tragen, wie die Alten erzhlen, geflochtene Zpfe um das Haupt und sind ein
mchtiges Ostvolk, aber grausame Mordbrenner. Dort drben lag, wie die Sage
meldet, eine groe Zahl Hfe an einem geweihten Wald von solchen Bumen, die wir
Ahorn nennen, jetzt stehen nur noch wenige der alten Stmme, die Avaren haben
sie niedergebrannt, und wo die Hfe waren, ist Wustung. Aber das ist lange her,
es wre mhsam, den Jahrwuchs der Fichten zu zhlen, welche darber ragen.
berall, wo du hier Dornen und Kletten siehst, stand einst ein Bau, mancher ist
zur Zeit der Vter, mancher im Gedchtnis Lebender zerrissen, mehrere in den
letzten Jahren, es dauern nur hier und da einige.
    Da der Fremde schwieg, wies der Fhrer auf den Himmel, ber den sich das
Abendrot breitete, und ritt aus dem Talpfad einen schmalen Weg bergauf. Die
Rosse der Reisenden klommen mhsam nach durch dichtes Holz bis auf eine
Berghhe. Der Gipfel war ein unebener Raum, baumlos, mit niedrigem Buschwerk und
wilden Blumen bewachsen. Nur eine mchtige Esche erhob sich in der Mitte aus dem
niedrigen Kraut. Die Reiter sahen von drei Seiten weit ber die Hgel, sdwrts
bis ber den Main, nach Norden auf die blauen Berge der Thringe, geradeaus in
eine weite Talebene, die von hochgeschwungenen Hgeln eingefat war. Hinter
ihnen dehnte sich eine Bergleite, von dem vorderen Gipfel durch Erdhaufen und
Senkungen getrennt, welche aussahen wie ein alter Wall und Graben. Der Fhrer
sprang vom Rosse und neigte sich tief gegen den Eschenbaum, dann trat er an den
Rand des Gipfels und sah forschend in das Tal und den Saum der Wlder entlang.
Und wieder wandte er sich der Esche zu und sprach ehrfrchtig: Hier ist der
Idisberg, und dies ist der heilige Baum der hohen Schicksalsfrauen. Schutz vor
schdlichen Gewalten hat die Stelle, und darum habe ich euch hierhergefhrt.
    Als ein kundiger Fhrer hast du dich erwiesen, versetzte der Fremde, die
gute Lagersttte berschauend. Er stieg ab und lste selbst die Lederscke vom
Sattel der Rosse. Sicher weit du auch einen Quell in der Nhe. Der Fhrer
ergriff die Zgel der Pferde. Gebiete deinem Knaben, da er die Flaschen trage
und mir helfe, den Zaun zu richten, sagte er und fhrte die Tiere auf die
Bergleite zu etwa hundert Schritt hinab, wo ein Quell aus einer bemoosten
Einfassung von Stein talab rann. Dort pflckte er die Rosse an, damit sie
weideten, hob die schwere Axt und winkte dem Jngling, da er ihm nach dem Wald
folge.
    Als der Fremde sich auf dem Gipfel allein sah, umschritt er betend mit
gebeugtem Haupte den Raum, in welchem die Esche stand. Darauf untersuchte er
sorgfltig die Stelle, als ein Mann, der die Zeichen der Natur zu deuten wute,
und stie mit dem Fu unter eine knorrige Wurzel des Baumes, welche hoch ber
dem Boden ragte; er fand lockeren Grund, fuhr mit dem Stiel der Axt hinein und
hob mit Anstrengung einen Stein heraus, ber den die Wurzel gewachsen war; ihre
Auslufer waren in ein Loch des Steines gedrungen und hatten den Stein
gesprengt. Verwundert sah der Mann auf das regelmig gebohrte Loch. Dann nahm
er ehrfrchtig den Ledersack, schob ihn an die Stelle des Steins, und ber sein
Gesicht flog ein Lcheln. Haust ein Unhold in diesem Baum, so soll ihm der
geborgene Schatz Not bereiten. Noch einmal schaute er prfend auf den unebenen
Boden ringsumher und auf das ppige Grn, welches daraus geschossen war, dann
zog er aus der Tasche seines Gewandes ein kleines Buch, setzte sich, da das
Abendlicht darauf fiel, ffnete die Schlieen und las in dem Pergament. Er hrte
das Drhnen eines Holzschlegels und merkte, wie der Fhrer sich anschickte,
weiter abwrts den Nachtzaun zusammenzuschlagen. Hierher, Ingram, rief der
Fremde befehlend hinunter. Der Fhrer schttelte mit dem Haupt und schlug
weiter. Da trat der Fremde nher und gebot: Trag die Pfhle herauf, wir rasten
am Baum.
    Das geht nimmer an, versetzte der Fhrer.
    Und warum nicht, wenn ich es will?
    Soll der Feuerschein auf der Hhe den fremden Sphern dein Lager knden?
    Die Nacht ist warm, gern entbehren wir die Flamme, auch ein Krieger wie du
behilft sich wohl ohne Kochherd.
    Ingram stand unbeweglich und sah finster auf den Fremden.
    Wer du auch sonst bist, fuhr dieser fort, fr diese Reise hast du dich
mir gelobt um guten Sold, und ich bin der Herr unserer Fahrt. Willst du nicht
nach meinem Willen tun, so ziehe deinen Weg, ich suche meinen Pfad ohne dich.
    Ungern diene ich dir, antwortete der Fhrer heftig, und nur, weil eine,
die mir Gutes tat, mich geworben hat; und wenn ich frei bin von meinem Wort und
du ein Schwert zu fhren weit, so will ich lieber dein Feind sein als dein
Freund, das magst du wissen, Fremder. Jenen Baum aber habe nicht ich zu scheuen,
sondern du, denn weitbekannt ist er im Lande, und um ihn schweben seit der
Urzeit hohe Gewalten, welche dir Feind sind und nicht mir.
    Ob sie mir Feind sind, will ich dir zeigen, wenn du mir folgst, antwortete
der Fremde und schritt dem Baume zu. Er hob seine Axt und rief: Haben sie
Grimm, so mgen sie zrnen, haben sie Macht, so mgen sie mich treffen wie ich
diesen Stamm. Und mit starkem Schwunge schlug er die Axt in den Baum. Der
Fhrer trat zurck, griff nach seiner Waffe und starrte nach der Hhe, ob von
dort ein Gtterzeichen den Frevler treffe; aber alles blieb still, nur ein
trockener Zweig mit Eschensamen fiel herab. Sieh her, rief der Fremde, auf das
Samenbndel weisend, das ist der Zorn deiner Gewaltigen. Der Baum, vor dem du
zagst, war einst ein flatterndes Samenkorn wie dieses hier, aus einem winzigen
Kern ist er gewachsen. Wo hausten die Gewaltigen, welche du frchtest, als der
Baum noch ein Samenkorn war? Meinst du, der Baum hat gestanden von Anfang der
Menschenerde? Merke, unter seinen Wurzeln fand ich diesen Stein, rissig und
gesprengt durch die Kraft des Baumes. Betrachte den Stein, es ist ein Mhlstein,
wie ihn die Weiber drehen, um das Getreide zu mahlen. Bevor die Esche war, hat
hier ein Hauswesen lebender Menschen gestanden. Geringe Ehre verdienen die
Gtter, welche erst dann in der Esche mchtig wurden, als die Menschen gestorben
waren, die vor dem Baume hier hausten. Der Herr aber, welchem ich diene, ist der
Gott, welcher Himmel und Erde gemacht hat, er allein ist ewig und allmchtig von
der Urzeit und wird ewig und allmchtig sein, wenn der letzte Span dieses Baumes
aus der Welt geschwunden ist.
    Der Fhrer kauerte zu dem zerbrochenen Stein nieder und sah in die ffnung,
auf das Wurzelstck und auf Reste von Holzkohlen, welche an dem Sandstein
hafteten. Das Haar hing ihm ber das Gesicht, und seine Brust hob sich in
heftigen Atemzgen. Stand ein Haus hier, so hat es gebrannt, sprach er endlich
leise vor sich hin. Da ich klein war, sagten sie mir, da meine Vorfahren auf
dem Berge gesiedelt haben. Alte Leute haben einen Sang davon gewut, der Snger,
den die Wenden erschlugen, war dieses Liedes kundig.
    Der Fremde berhrte ihm die Schulter. Die Nacht steigt herauf, im Walde
heulen die Wlfe, hole die Pfhle, Ingram.
    Der Fhrer erhob sich. Hierher fhrte ich dich, sprach er bitter, damit
ich dir meinen Eid halte und du sicher seiest in der Nhe einer hohen Herrin,
die ich mir gnstig wei. Du aber strst der Gttin den Frieden durch deine Axt,
und du verstrst mich durch schwere Gedanken, die du mir in das Herz senkest.
Hast du Macht, Vergangenes zu wissen und ohne den Schutz der berirdischen zu
dauern, so bereite dir selbst die Nachtrast, wo du magst, ich helfe dir nicht.
    Der Fremde ergriff schweigend einen der Pfhle, welche der Jngling unterdes
herzugetragen hatte, und hob den Schlegel. Wuchtig fielen die Hiebe auf die
Pfahlkpfe, Gottfried bot die Hlzer und flocht Zweige zwischen die Stbe, bis
rings um den Baumstamm ein Zaun gerichtet war, der die Rosse und Mnner eng
einzuschlieen vermochte. Gottfried fhrte die Pferde der beiden Reisenden in
den Zaun, der Fremde aber trat, als alles vollendet war, zum Fhrer und sprach
freundlich: Auch fr dich und dein Tier ist Raum in unserem Frieden.
    Ich und mein Ro begehren deines Schutzes nicht, antwortete Ingram
abweisend. Er hob den Mhlstein von seiner Stelle und trug ihn an den Rand des
Gipfels weitab von den Fremden, dann sprang er zum Quell, lste seinem Ro die
Beinfessel und fhrte es zu dem Steine, dort lagerte er neben seinem Tier und
schob den Stein unter sein Haupt.
    In der Umzunung band Gottfried zwei Holzstbe zu einem Kreuz zusammen,
kte den Stab und bergab ihn ehrfurchtsvoll dem Fremden, dieser steckte ihn zu
der Wurzel des Baumes, welche seinen Schatz bedeckte. Beide knieten nieder und
erhoben den lateinischen Abendgesang, mit mchtiger Stimme sang der ltere die
feierliche Weise, der Jngling respondierte. Die melodischen Klnge tnten von
der nahen Bergwand zurck und kmpften mit den wilden Stimmen der Nacht, welche
kreischend und heulend aus dem Walde schallten. Der Fhrer erhob sich, da der
Gesang begann, aber die vollen Tne der bewegten Menschenstimme bndigten ihm
die Hast, er blieb abgewandt sitzen und starrte in den gelben Schein am Rande
des Himmels.
    Als der Gesang beendigt war, setzte sich der Fremde neben die Wurzel und
schob die Tasche seinem Begleiter zu. I߫, sagte er befehlend auf die
abwehrende Bewegung des Jnglings, du bist der Wanderschaft ungewohnt, der Herr
begehrt jetzt auch die Kraft deines Leibes. Gehorsam nahm der Jngling wenige
Bissen, dann legte er sich zu den Fen des Fremden nieder, der sorglich seinen
Mantel ber ihn deckte. Es wurde still in dem kleinen Gehege. Das letzte
Abendlicht schwand in bleichem Schein, der langsam nach Norden zog, zuweilen
rauschte der Nachtwind in den Blttern und die Eule schrie ihren Klageruf ber
den Wanderern; nur aus dem Walde tnten ferner und nher die Tierstimmen, dann
hoben sich die mden Rosse vom Boden und schnoben ngstlich mit den Nstern. Der
Fremde sa unbeweglich, die Hnde gefaltet; wenn es im Baume rauschte, sah er
wie erwartend in die ste und nach dem Himmel, ber welchem sich tiefe
Finsternis breitete.
    Unterdes starrte der Fhrer hinunter in die Tiefe, wo ber dem Bach im
Dmmerschein der weie Wasserdampf hinzog. Ich schaue, wie sie dahinschweben
ber der Flut, murmelte er leise, gehllt in weie Gewande schaffen sie um das
Wasser, sie sinnen Hilfe und Heil ihrem Getreuen, sie verhllen seinen Pfad vor
dem Verfolger, sie lsen ihn aus den Banden der Feinde; manchmal, wenn ich unter
der Esche lag, hrte ich ihren Gesang in der Tiefe. Meine Vter sind
hierhergewandert in schweren Tagen und haben Hilfe erfleht von den weien
Frauen. Und ich habe vernommen, da sie die Schutzfrauen meines Geschlechts
gewesen sind seit der Urzeit. Jetzt ngstigt mich der Mhlstein, den der fremde
Mann mit seinem Zauber heraufgeholt hat unter dem Baume, was mir das Zeichen
bedeute. Die Baumwurzel fuhr durch den Stein, uralt ist der Stein, wie der
Fremde sagt, und er ist lter als der Gtterbaum. Und bevor der Baum war, und
die Gtter walteten, lebten schon meine Ahnen. Welches war der Gott, der sie
damals gndig beschirmt hat? Lngst ist Glck und Sieg von meinem Geschlechte
gewichen. Den Grovater erschlugen die braunen Avaren, den Vater ttete ein
Wende, da ich noch klein war, und die Mutter starb in Trauer. berall ist jetzt
geschwunden die Freude der Erde. Selten nur sinnen die Gtter gutes Glck meinem
Volke, und ein fremder Gott zieht in die Tler. Das Haus ist verbrannt, das
einst auf der Hhe stand, und das Glck meines Geschlechtes ist verbrannt. Und
mir wird das Herz kummervoll. Jene dort beten in fremder Weise, und sie haben
ein starkes Vertrauen zu ihrem Gott. Sind sie Toren, so mgen unsere Gtter ihre
Macht an ihnen erweisen. Im Rcken des Betenden zuckte ein Blitz, der Donner
rollte. Ingram rief seinen Kriegsruf. Wohl mir, ich hre das Drhnen seines
Wagens, er kommt, die Frevel der Fremden zu rchen. Er warf sich auf die Erde
und verhllte sein Haupt.
    Der Wetterwind schttelte die ste des Baumes und warf Bltter und Zweige
auf die Reisenden. Diese aber erhoben noch einmal frommen Gesang und unter
Donner und rauschendem Regen klang es durch die Stille der Nacht wie ein
Siegeslied ber das Toben der Natur. Erst nachdem das Wetter hinter die Berge
gezogen war, verstummte der Sang, und wieder ward es still im Gehege, nur die
Regentropfen schlugen leise auf die Baumbltter. So verging die Nacht, beim
ersten Morgengrau hob sich eine dunkle Gestalt vor dem Zaun, und der Fhrer sah
sphend nach dem Fremden.
    Windig war dein Nachtlager unter freiem Himmel, begann der Fremde, deine
Esche gab uns Schutz vor dem Sturm, nicht vor dem Wasser der Wolken. Bist du der
Kunst mchtig, ein Feuer auf dem Boden zu entznden, so wrdest du meinem Knaben
und dir selbst guten Dienst leisten; wo nicht, so la uns aufbrechen, damit
Wrme in die Glieder meines Gefhrten komme.
    Es ist weite Tagfahrt bis in den Bergwald der Thringe, versetzte der
Fhrer, und Zeitverlust mchte Unheil schaffen. Er befhlte neugierig den
Mantel des Fremden. Du bist doch na߫, setzte er frohlockend hinzu, auch dich
trifft der Regen.
    Wenn Gott will, antwortete der andere.
    Schnell rsteten die Mnner den Aufbruch, der Fremde holte den Ledersack
unter der Baumwurzel hervor und knpfte die Riemen sorglich an den Sattel des
Rosses, das der Jngling unterdes aus dem Futtersack fressen lie, dann neigten
sich beide noch einmal an dem Holzkreuz und sprachen den Reisesegen. Ingram
fhrte ber den Wall und die Grabentiefe in den Bergwald. Heut ritt er schneller
als am letzten Tage, aber sein scharfer Blick prfte wieder jeden Busch und
Stein. Sooft sie aus dem Wald in ein Wiesental kamen, gab er den Fremden ein
Zeichen, zurckzubleiben, und winkte nach einer Weile mit gehobener Hand, ihm zu
folgen. Mhselig war der Weg ber Baumwurzeln und durch das Sumpfwasser, welches
sich an tiefen Stellen des Waldes gesammelt hatte, dann nahm er wohl selbst die
Rosse beim Zgel und wies dem Jngling die trittfesten Stellen. Er war
schweigsam wie gestern, aber er war mehr um die Reisenden besorgt. Als sie
einmal von der Hhe in ein weites Tal ritten, sagte er: Hier mssen wir durch
freies Land, hrt ihr mich Hara rufen, dann wendet so schnell euch die Rosse
tragen zum Walde zurck, vielleicht, da euch die Flucht gelingt.
    Der Fremde lchelte. Sei ohne Sorge um uns und denke an das eigene Heil.
    Treibt das Pferd, da es springe, mahnte der Fhrer.
    Als sie wieder im Walde dahinritten, begann der Fremde dankbar: Gutherzig
erweisest du dich, und als treu rhmt man deines Volkes Art.
    Der Thring ist fest in Liebe und Ha߫, sagte der Fhrer.
    Auch sein Ha ist nicht der eines hinterlistigen Mannes, versetzte der
Fremde lchelnd. Nicht geradeaus nach Norden geht der Pfad, den du uns fhrst.
    Wer Kampf vermeiden will, mu sich wenden wie der Fuchs, wenn die Hunde
bellen. Sieh dort den fernen Feuerschein, er wies mit der Hand durch die
Stmme, was dort brennt, ist ein Hof.
    Vielleicht tat's der Wetterschlag.
    Die Rte stieg auf in stiller Nacht.
    Der Fremde sah finster nach dem schwachen Licht hinber, das am Rand des
Horizontes aus der Dmmerung blinkte.
    Du kennst den Hofherrn, fragte der Fremde.
    Es ist ein Franke, versetzte der Thring kalt, sein Grovater kam weit
von Westen her in das Land.
    Sieht der Thring ruhig zu, wenn sein Landsmann erschlagen wird?
    Frage den groen Herrn der Franken und nicht mich, weshalb er seine
Volksgenossen von Fremden erschlagen lt, rief der Fhrer. Einst waren wir
Thringe ein siegreiches Volk, da brachen die Franken ins Land, mit ihnen die
Sachsen und Angeln, unsere Krieger fielen auf der Walstatt, und die Fremden
teilten sich in die Fluren der Landgenossen. Sie sagen, da damals der Mehrteil
unserer Krieger den Pfad des Todes wandelte. Jetzt sitzt ber uns ein Sendbote
des frnkischen Knigs, er ruft uns zu den Waffen, wenn es ihm gefllt. Ich sah,
wie der letzte durch die Wenden erschlagen wurde, seitdem sind wir Waldleute
schutzlos, und unsere Alten schlossen Frieden mit den Feinden, frage mich nicht,
um welchen Preis, alljhrlich sehe ich die Klauen unserer Herdentiere in das
Slawenland gehen, aber wenige herauskommen.
    Auch du trgst Speer und Schwert, unterbrach ihn der Fremde hart.
    Willst du versuchen, ob sie schneiden? brach der Thringe los. Er ri
seine Jacke auf und wies auf lange rote Narben. Ich meine, mehr habe ich
gegeben als empfangen. Doch es bringt wenig Ehre, murmelte er, sich gegen
einen Waffenlosen zu rhmen.
    In guter Meinung rede ich, begtete der Fremde. Ich meine, ihr habt doch
viele Rosse geschlachtet denen zu Ehren, die ihr als Gtter rhmt und die ich
Unholde nenne, und ich frchte, wohl noch anderes Blut ist geflossen vom
Opferstein, noch greulicher dem Gott, dem ich diene, und doch waren eure Gtter
zu schwach, euch Sieg zu gewhren gegen die Pfeile der Wenden. Nicht fr weise
halte ich den Mann, der sich auf einen Rohrhalm sttzt, wenn ihm die Knie
wanken.
    Der Gott der Schlachten wgt die Lose, wie es ihm gutdnkt, er spendet
Sieg, wem er will, versetzte der Fhrer.
    Tricht ist deine Rede, wenn ich recht berichtet bin. Denn andere Gtter
sind es, denen die Wenden opfern, und wenn sie die Leute aus euren Drfern
heimwrts treiben, dann singen sie, da ihr Gott strker ist als der eure.
    Gibt der Christengott Sieg seinen Bekennern? Ich sah doch manchen meiner
Landsleute, der das Zeichen des Kreuzes machte, erschlagen auf der Walstatt.
    Nicht jeder, der das Kreuz schlgt, ist ein Krieger des ewigen Gottes,
antwortete der Fremde nachdrcklich. Wer Sieg erfleht von dem groen
Himmelsherrn, der mu vorher sein eigenes Leben wrdig machen der Gotteshilfe,
treu leben nach Gottes Geboten und jede niedere Tat meiden. Hoch ist und schwer
der Dienst, aber herrlich der Lohn, hier Sieg und Freude, und Glck im Himmel.
Und ich sage dir, nicht eher wird euer Volk der Fremden mchtig werden, als bis
die Kreuzfahne vor euch zieht und jeder von euch Herz und Gedanken geheiliget
hat dem groen Gott der Christen.
    Lehre auch das den Knig der Franken oder wer sonst dort gebietet. Denn wir
hren, da der Knig durch den Christenglauben zu einem Mnch verdorben ist und
da einer seiner Helden die Lande regiert.
    Der Fhrer wandte sich ab, der Fremde aber sprach zu seinem Begleiter: Du
hrst seine Worte. Der Thring hat den Franken und beide den Sachsen, ein Stamm
vertilgt den anderen, und die Ehre ihrer Helden ist, Mnnerblut zu vergieen und
das wehrlose Geschlecht fortzutreiben, damit sie ihre Lust an ihm ben und
seine Rcken gebrauchen als Schemel fr ihre Fe. Seit ich ein Knabe war in
fernem Land, sah ich die Menschen wilde Frevel ben, Rauben und Tten war der
Hllenschrei, der aus hunderttausend Kehlen kam. Wahrlich, der Erdgarten ist zu
einer Wildnis geworden, berall Wustung und zertrmmerter Bau frherer
Geschlechter, wie ein Rudel Wlfe bellen, die noch leben in der Einde. Und wo
noch ein Volk mnnerreich auf dem Boden haust, den es sich durch Brand und Mord
gewann, da leben die Sieger zuchtlos, stets gierig nach Goldschatz und
Fleischeslust. Gnzlich verderbt hat der ble Teufel dies Geschlecht, das er
besitzt, und doch verstopfen sie die Ohren gegen die Botschaft der Gnade, auch
wenn sie das Kreuz schlagen und sich Christen nennen. Keine Rettung gibt es fr
die, welche nach Gottes Ebenbild aufrecht gehen, als die eine, da sie alle die
harten Nacken beugen dem einen Herrn, von dem geschrieben steht: sanft ist mein
Joch.
    In der Landschaft, welche sie jetzt betraten, lagen in den Tlern oder auf
halber Hhe der Berge, wo ein krftiger Quell aus dem Boden rann, hie und da
Drfer und einzelne Hfe frnkischer Ansiedler, die meisten Hfe klein, die
Huser zerfallen, notdrftig geflickt, daneben oft leere Brandsttten. Jeder Hof
und jedes Dorf waren umwallt, aber auch Wall und Grben waren verfallen und
zerrissen. Nur wenig Leute sahen sie auf dem Felde, in den Drfern rannten die
Kinder und Frauen an den Hofzaun und starrten den Reisenden nach; stolz grte
der Fhrer, und der achtungsvolle Gegengru zeigte, da er den Leuten fr einen
ansehnlichen Mann galt. Zuweilen war am Hausgiebel ber dem Zeichen des
Besitzers ein Kreuz gemalt, dann segnete der Reisende die Bewohner an der Tr
mit dem Christengru, erstaunt vernahmen ihn die Leute und eilten auf die Reiter
zu. Aber der Fhrer trieb hastig vorwrts, und im Trabe der Rosse verklangen die
Zurufe und Fragen. Wieder kamen sie an ein Dorf, ohne Zaun standen die hohen
Strohdcher, welche fast bis zum Boden reichten, selbst die Fliederbume
fehlten, welche ihre schwarzen Beeren sonst in jedem Hofe wiesen. Nackte Kinder,
brunlich und schmutzbedeckt, wlzten sich neben den Ferkeln auf der Dungsttte,
kleiner waren die Leute, rundlich und platt die Gesichter, und statt der
bedchtigen Ruhe, mit welcher die Reiter anderswo von den Dorfbewohnern begrt
wurden, tnten ihnen hier lautes Geschrei, Schelte und Verwnschungen in fremder
Sprache entgegen.
    Sind die Fremdlinge hufig auf eurem Grunde? fragte der Fremde.
    Es sind Wenden von ostwrts, in mehreren Drfern hausen sie hier und in
Thringen, sie zahlen Zins dem Grafen des Frankenherrn, aber belgesinnt bleiben
sie und widerbellig.
    Er hielt das Pferd an und horchte auf die Verwnschungen, welche ihnen von
einem hlichen Weib nachgeschrien wurden, dann spornte er wieder das Pferd und
rief: Vorwrts! Schnell fuhren sie dahin, der Fhrer richtete sich oft im
Sattel auf und wandte die Augen rechts und links. Nach einer Weile ritt der
Fremde an seine Seite: Gefllt dir's, so sage mir, was unsere Rosse so flchtig
vorwrts treibt.
    Nur wenig verstehe ich die Sprache der Wenden, antwortete Ingram, aber
das Weib, der arge Lasterbalg, wnschte uns Unheil, wenn wir auf unserem Wege
den Kriegern ihres Volkes begegnen wrden. Unruhe ist in der Luft, schon seit
dem Morgen fliegen die Habichte und Krhen nordwrts. Mich reut's, da ich
solche nicht gefragt habe, die in unserer Sprache reden. Er rief seinem Rosse
zu und flog voraus, die Reisenden hatten Mhe, ihm zu folgen; dem nchsten Hofe,
welcher auf einer Hhe sichtbar wurde, ritt er in gestrecktem Laufe zu und
winkte den anderen, zurckzubleiben. Die Reisenden sahen ihn auf dem Hgel
halten, bald jagte er wild herunter und vor ihnen dahin. Als sie endlich einen
steilen Aufstieg erreichten, fragte der Fremde: Willst du uns nicht sagen, ob
Gefahr droht?
    Der Hof war leer, auch die Stlle leer, jedes Haupt entwichen, mich
wundert, da kein Flchtling uns entgegenkommt, versetzte der Fhrer finster.
    Vorwrts, rief er, wenn ich euch nicht verlassen soll.
    Gedenkst du die Gefahr zu meiden, wenn wir vor dem Abend die Rosse
ermden? bemerkte der andere ruhig.
    Ich will sehen, versetzte Ingram kurz und ritt wieder vor.
    So ging es eine Stunde vorwrts, durch Buschholz und ber Wiesengrund,
endlich sahen sie in der Entfernung seitwrts vom Wege einen groen Hof unter
Lindenbumen, das Ro des Fhrers flog wie ein Pfeil dem Hofe zu, sie erkannten,
da der Fhrer einigemal anhielt, dann mit weiten Sprngen hinter den Bumen
verschwand. Langsamer folgten die Reisenden. Da sie herankamen, fanden sie das
Dach zerrissen, die Tr eingeschlagen, die Kohlen eines Feuers vor dem Hause.
Der Fhrer beugte sich ber etwas, das im Grase lag. Es war ein toter Mann, das
Haupt durch einen Keulenschlag gebrochen. Dies war der Wirt des Hofes, sprach
der Fhrer mit zuckendem Munde. Er war von Geschlecht ein Franke, aber ein
gastfreier Mann. Und er ist gefallen als ein Krieger. Seht dorthin. Erde war
aufgewhlt und zu zwei runden Hgeln geschichtet. Die Ruber haben ihre Toten
begraben.
    Wann ist es geschehen? fragte der Fremde traurig.
    Gestern bevor der Tag warm wurde, versetzte der Fhrer und wies auf den
Leib eines Slawenrosses, das durch einen Speerwurf des Hofbesitzers getroffen
daneben lag. Der Fremde sprang ab und eilte nach dem Hause: Komm, da wir Hilfe
bringen, wenn dort noch jemand atmet.
    Du sorgst vergeblich, versetzte der Fhrer. Seine Tochter Walburg und
seine kleinen Knaben sind fortgetrieben. Die Kuh mit der Blesse ist
geschlachtet, auf seinem Rosse Goldfeder sitzt ein Slawe; die Wenden wissen
aufzurumen, sie lieben nicht halbes Werk.
    Der Fremde ergriff einen Spaten und begann ein Grab zu schaufeln. Ratsamer
wre dir, von dieser Sttte zu entweichen, rief der Fhrer unruhig. Der andere
wies auf ein Kreuz, das mit blauem Waid in den nackten Arm des Toten gezeichnet
war: Er ist von meinem Glauben, und ich darf nicht gehen, bevor ich seine Hlle
vor Wolf und Geier gesichert habe.
    Der Fhrer trat zurck und murmelte: Mancher Mann, der das Kreuz
geschlagen, liegt heut still auf blutigem Grunde. Die Reisenden hhlten das
Grab, legten den Toten hinein, knieten zum Gebet, deckten das Grab mit Erde und
steckten ein Holzkreuz darauf. Dann winkte der Fremde den Jngling hinweg und
blieb allein vor dem Erdhaufen liegen.
    Unterdes war der Fhrer vorwrts geeilt auf der Spur der Feinde, wie ein
Jagdhund sprang er ber den Grasgrund; schon harrten die Fremden seiner, als er
mit glhendem Antlitz zurckkehrte. Ich erkannte die Fhrte, die Futritte des
Weibes und der Kinder; nur eines der Rosse war beschlagen, ich meine, das ist
ein Pferd des Ratiz, des Sorbenhuptlings. Ich treffe ihn wohl in wenig Tagen,
rief er drohend. - Beantworte mir eine Frage, Fremder: Wrdest du dich freuen,
den Ratiz erschlagen zu sehen mit seinem Haufen?
    Nein, versetzte der Fremde.
    Er hat Mnner deines Glaubens gettet und fhrt ihre Kinder in elende
Knechtschaft.
    Nein, sage ich dir, wiederholte der Fremde.
    Der Fhrer raunte einen Fluch, pltzlich trat er zu dem Ro des Fremden:
Bekenne mir, was fhrst du in dem Ledersack, den du so sorglich htest?
    Nicht ziemt dir solche Frage, versetzte der Reisende kalt, und ich
weigere dir die Antwort.
    Ich meine, du hast Armringe darin und Silber, wie es die fremden Kaufleute
in das Land bringen, sprach der Fhrer und starrte begehrlich auf den
Ledersack.
    Vielleicht ist darin, was du nennst, sagte der Fremde, vielleicht auch
nicht, was kmmert's dich. Dein kann es nimmer werden.
    Der Fhrer sah ihn mit feindseligem Blick an, dann fuhr es ber sein Gesicht
wie ein Krampf, er warf sich auf den Boden und bedeckte das Gesicht mit den
Hnden. Der Fremde ergriff seine Axt, stellte sich vor den Liegenden, zog ihm
die Hand vom Antlitz und legte die Axt hinein. Hier ist die Waffe, mein Sohn,
und hier ist das Haupt eines wehrlosen Mannes, willst du treffen, so versuche
den Schlag. Willst du lieber hren, so achte auf das Wort eines lteren Mannes.
Ingram lie die Waffe ins Gras fallen und sa mit geneigtem Haupt auf dem Boden.
Ich wei, was dich verstrt, fuhr der Fremde fort, die Ruber treiben ein
junges Weib in ihre Berge, du denkst daran, sie zu entledigen mit den Waffen
oder durch Kauf, und du meinst, der fremde Mann soll dir dazu dienen. Spreche
ich die Wahrheit, so antworte.
    Sie sprach stolz zu mir, antwortete er leise, weil ich nach dem Brauch
meiner Vter beim Roopfer unter der Eiche stand, aber mir ist greulich, da sie
in der Hand des Ratiz bleiben soll, und in meine Seele fiel es wie ein Strahl
aus den Wolken, da ich eilen mu, sie loszukaufen. Dann fhre ich sie als
Gefangene heim, sie wird mein eigen und ich ihr Herr.
    Und sie mu tun nach deinem Willen, sprach der Fremde kalt; wie aber,
wenn dein Feind Ratiz ebenso denkt?
    Der Fhrer knirschte mit den Zhnen und warf sich wieder in das Gras.
    Sie sind wie die Bestien, sagte der Fremde in lateinischer Sprache. Steh
auf, Fhrer, befahl er mit ruhigem Tone, und vollende vor allem, was du gelobt
hast. Jetzt fordert deine Ehre, da du uns sicher in deine Heimat bringst, wenn
wir dir auch fremd und unwillkommen sind. Bist du erst frei von dieser Pflicht,
dann erwge, welches die nchste sein wird. Aber vergi nicht, da das Weib,
welches du dir begehrst, unter mchtigem Schutz dahinzieht auf dornigen Pfaden.
Denn sie wird geleitet durch die geflgelten Boten meines Gottes, die Engel,
damit sie erhalten werde fr diese Welt oder hinaufgefhrt in den Himmelssaal
der Christen. Trgt sie auch Sorbenbande, dennoch ist sie in der Hand eines
gtigen Vaters, der alle hrt, die in der Not ihn anrufen. Will er, da sie
gelst werden soll durch dich, so wird es geschehen. Du aber tue, was jetzt
deines Amtes ist.
    Der Fhrer stand auf, schttelte sich und sprang stumm in seinen Sattel. So
zogen die Wanderer weiter nach Norden, jeder mit sich beschftigt, der Fremde
sprach nur selten einige lateinische Worte zu seinem Begleiter. Als die Sonne
sank, betraten sie die finstern Wlder des Gebirges, welches die Thringe von
den Franken scheidet.
    Sie hrten hinter den Bumen Hundegebell und dazwischen ein tiefes
mitnendes Gebrumm. Fhrst du uns in eine Brenhhle? fragte der Fremde.
    Hier wohnt Bubbo, der Landfahrer, versetzte der Fhrer, er fngt Bren,
wei ihre Wut zu bndigen und verkauft sie weit sdwrts im Lande der Franken,
an Herrenhfe, zuweilen auch an fahrendes Volk. Sein Hof ist im ganzen Lande
gefrchtet, er hat Frieden bei Freund und Feind und versteht manche geheime
Kunst.
    Er ist von deinem Glauben? fragte der Fremde.
    Wenige wissen, zu welchen Gttern er fleht, sagte der Fhrer.
    Dann la uns den ungastlichen Hof meiden.
    Sieh auf den Himmel, die Nacht bringt Regen, dein Knabe und eure Pferde
bedrfen Nachtrast, denn morgen steigen wir ber den Wald auf wildem Wege, wo
kein Wirt uns aufnimmt.
    Der Mann blickte auf den Jngling an seiner Seite und gab schweigend ein
Zeichen der Gewhr. Da sie nher kamen, wurde das Geklff der Rden wilder, die
grunzenden Stimmen einer Brenfamilie mischten sich darein, und als Ingram an
das Tor schlug, tobte der Lrm so arg, da der Fremde ein Kreuz schlug. Lange
pochte der Fhrer, endlich klangen Menschentritte und rauher Zuruf an die Tiere;
Ingram rief seinen Namen durch das Tor, der Sperrbalken wurde zurckgeschoben,
und eine riesige Mnnergestalt trat in den Trspalt. Der Fhrer sprach leise mit
dem Wirt. Durch kurze Handbewegung lud dieser zum Eintritt, er fate die
zitternden Pferde am Zgel und zog sie in den Hof, den er hinter ihnen wieder
verschlo. Die Reisenden entlasteten ihre Tiere im Dunkel, dann fhrten Ingram
und der Wirt die Rosse nach dem Stall. Als die Mnner auf den gestampften
Lehmboden der Hausflur traten, hielt der Wirt eine Kienfackel an die zngelnden
Kohlen des Holzklotzes, der auf dem Herde lag, und leuchtete mit der ruigen
Flamme seinen Gsten in das Gesicht. Da er das Antlitz des Fremden erkannte,
trat er zurck, die Fackel entglitt seiner Hand und sprhte auf dem Boden, bis
der Fhrer sie fate und in den Eisenring am Herde steckte.
    Nimmer htte ich geglaubt, dein Angesicht in meiner Htte zu finden. Unhold
war der Gru, den du mir botest, da ich dich das erstemal sah; mit meinen Bren
lieest du mich weghetzen von dem Haus deiner Gastfreunde.
    Und da ich dich zum zweitenmal sah, antwortete der Fremde ruhig, lste
ich deinen Hals von der Weide, die fr dich gedreht war. Und da ich dich zum
drittenmal sah, standest du als Tufling vor mir im weien Hemd, und das heilige
Wasser rann ber dein Haupt.
    Das Taufhemd ist lange zerrissen, es war das letztemal weniger wert als
sonst wohl in frheren Jahren, wo ich mich in euer Wasser tauchen lie; und
ungern denkt der Mann an die Stunden der Not, in denen er sein Haupt vor fremdem
Zauber gebeugt hat, versetzte der Wirt scheu. Du hast mir weh getan, und du
hast mir wohl getan. Dennoch meine ich, du bist ein Mann, groer Geheimnisse
kundig, und auch mich rhmen die Leute als einen, der manches wei. Und wenn ich
dir Frieden gebe unter meinem Dach, so magst du zum Dank mich wohl noch manches
Geheimnis lehren.
    Ich will dich lehren, sagte der Fremde, wenn du Ohren hast zu hren.
    Wohlan, so soll das Frhere ausgeglichen und vergessen sein, und ich will
dich halten als meinen Gast, dich und deine Begleiter mit Abendkost und
Herberge, und ich gre dich an meinem Herde, dich, Herr Winfried, vor dem die
Leute knien und den sie Bonifazius und einen Bischof nennen.

Als die Reisenden am Abend des nchsten Tages aus dem dunklen Fichtenwald
ritten, schauten sie von der Berghhe niedrige Hgel, in der Ferne offenes Land.
Vor ihnen lag am Fue des Berges ein Dorf, grau die Dcher, grau die Balken,
rundherum ein Zaun aus Pfahlwerk und ein breiter Graben. Eng gedrngt standen
die Huser in den Dorfgassen, damit die Abwehr eines feindlichen berfalls
leichter sei. Auerhalb des Zaunes erhoben sich an der Berglehne zwei einzelne
Hfe, wenige Bogenschsse voneinander entfernt. Zu jedem fhrte ein Fupfad von
dem Dorfwege ab. An dieser Wegscheide hielt Ingram und sagte kurz: In das Land
der Thringe habe ich euch geleitet, dies ist das Dorf, dort ist der Hof des
Franken, den sie einen Meier des Grafen nennen, und dort steht er selbst.
Vollbracht ist, was ich gelobt, fahret dahin.
    Whrend die Fremden mit geneigtem Haupt ihrem Gott dankten und um Segen fr
ihren Eintritt flehten, jagte Ingram von dannen und war bereits hinter einem
Vorsprung des Holzes verschwunden, als Winfried nach ihm aufsah. Von der anderen
Seite aber kam der frnkische Verwalter ihnen entgegen, ein Mann mit grauem Haar
und ernster Miene. Winfried bot ihm den Christengru, und das Gesicht des Mannes
rtete sich vor Freude, als er antwortete: In aller Ewigkeit. Und als ihm
Winfried ein ausgeschnittenes Pergamentblatt hinhielt, das Erkennungszeichen,
welches die Herrin dem Meier sandte, da nahm dieser ehrerbietig den Hut vom
Haupte, ergriff selbst die Zgel der Rosse und fhrte die Fremden nach seinem
Hofe.

                            Ein Christ unter Heiden


Abwrts vom Dorfe auf die Ebene zu stand ein verfallenes Haus von einem Holzzaun
umgeben, an welchem bestubte Kletten die grauen Bltter breiteten; der Zaun war
lcherig und nachlssig geflickt, und die Hhner und Ferkel des Hofes fanden das
ganze Jahr mhelosen Durchgang. Hinter dem Tor war aus zwei Stangen ein
Holzkreuz errichtet, als einziges Zeichen, da Meginhard, den sie Memmo nannten,
dort wohnte, ein Priester der Christen. Widerwillig hatten die Dorfbewohner ihm
vor Jahren auf die Verwendung des Grafen gestattet, in der leeren Htte zu
wohnen. Dennoch fehlte im Innern nicht gnzlich das Behagen. Durch die Ritze der
geschlossenen Fensterladen sah man, da auf dem Herde ein lustiges Feuer
brannte. Daneben sa Memmo, ein kleiner rundlicher Mann, vor ihm stand auf
schlechtem Holztisch ein Krug mit Bier, auf dem Herde kochte im Topfe ein Huhn,
und eine krftige Magd wirtschaftete mit dem Holzlffel um den Stein. Lange
brodelt das Huhn, Godelind, sprach der kleine Mann und blickte sehnschtig nach
dem Topfe, schwinge den Lffel und lege Holz an, denn dies ist das einzige, was
man hier im Lande reichlich hat. Aber Godelind kmmerte sich wenig um den
Seufzer des Herrn, sie fuhr unwirsch ber den Herd und sah zuweilen zornmutig
auf den Priester herab. Sicherlich htte mein Herr ein besseres Geschenk von
dem kranken Nachbar erwerben knnen als das Ding da - sie wies mit dem Lffel
in die Ecke der Htte, wo auf dem Strohbund ein slawisches Mdchen kauerte, das
mit gesenktem Haupt vor sich hin starrte. Durch viele Wochen habt Ihr die bsen
Geister besprochen, die in dem kranken Bein des Mannes saen; fr groe Mhe ist
dies ein erbrmlicher Dank, eine Gefangene, ein krankes elendes Ding, zu gar
nichts gut. Warum hat er Euch nicht ein Kalb in die Wirtschaft geschenkt? Oft
genug habe ich Euch geraten, ihm Eure Meinung darber unter den Fu zu legen.
Wir haben kaum genug, um zwei Muler zu fttern, jetzt kommt das dritte, und
dazu eine Wilde mit verworrenem Haar, die kein Wort sprechen mag und die mir
neue Sorge schafft zu der, die ich um Euch habe.
    Memmo blinzte schlau in die Ecke. Und doch nahm ich sie um deinetwillen,
Godelind, sagte er begtigend, fr die Weide und das Feld, gern will ich dich
schonen.
    Habe ich je ber die Arbeit geklagt? schmollte die Gebieterin des Herdes
nur wenig besnftigt. Jetzt soll ich Wache halten um den fremden Unhold. Sie
strzte das gekochte Huhn in eine irdene Schssel und setzte das heie Gericht
mit einem Lffel ihrem Herrn vor. Ein wohlriechender Rauch stieg in die Hhe,
Memmo sa, die Khlung erwartend, und klapperte ungeduldig mit dem Holzlffel am
Schsselrand. Da knarrte es drauen am Zaun, und gleich darauf pochte ein Stab
an die Tr viermal in kurzen Abstzen. Dem Priester fiel der Lffel aus der
Hand, er fuhr erschreckt in die Hhe, starrte auf die Tr, als ob er einen Geist
frchte, und murmelte nach dem dritten Schlage leise, halb bewutlos: In nomine
spiritus sancti, amen. Der letzte Schlag erklang, und gleich darauf flog die
Tr, von starker Hand gerissen, auf, ein Mann trat herein in dunklem Gewande,
und eine tiefe Stimme sprach auf der Schwelle: Sei gegrt im Namen des Herrn.
Stumm stand Memmo, alles Rot aus seinem Gesichte war entwichen; Winfried
betrachtete einen Augenblick die Bewohner der Htte, dann trat er an das
Fenster, schlug den Fensterladen auf, nahm Schssel und Huhn, warf sie hinaus,
da die Scherben krachten, und rief gebietend: Hinaus mit den Frauen. Godelind
hatte die Arme untergestemmt, gar nicht gesonnen, dem Befehl des Fremden zu
gehorchen, da sah sie, wie ihr Herr mit heftiger Handbewegung winkte, da sie
weiche, sie merkte, da der flammende Blick des Fremden sich auf sie richtete,
und ihr Mut wurde klein; sie ri die gefangene Slawin mit sich fort und eilte
zur Tr. Suche eine andere Herberge zur Nacht, Weib, rief ihr Winfried nach,
denn die Zelle dieses Mannes betritt dein Fu schwerlich wieder. Hinter den
Frauen schlo er die Tr, schob den Riegel vor und trat zu dem sprachlosen
Memmo. Ins Elend bist du gegangen, mein Genosse, sprach er traurig, und in
bler Gesellschaft finde ich dich; ich komme, deine Seele zu mahnen. Auf die
Knie, Meginhard, mein armer Bruder, und bekenne deine beltat, denn der Tag der
Bue ist gekommen, siehe zu, da du die Gnade des Richters erwirbst.
    Betubt fiel der Mnch vor dem Bischof auf die Knie und begann ein
lateinisches Gebet zu murmeln. Die Herdflamme loderte lustig weiter und warf die
Schatten der Mnner hin und her, das Wasser im Kochtopf hob den Deckel und
zischte auf dem Herde, aber niemand kmmerte sich darum, bis die Flamme sich
senkte und das Wasser schwieg. Dunkler wurde es im Raum, die verglhenden Kohlen
warfen ein schwaches Dmmerlicht, und von der anderen Seite fiel matter
Sternenschein durch die Fensterffnung, aber immer noch lag der Priester am
Boden, nur schwere Seufzer und das Summen feierlicher Gebete wurden gehrt, dann
die scharfen Schlge der Geiel und leises Sthnen. So ging es fort bis in die
Nacht. Und als das Sternenlicht in dem Grau des neuen Tages verging, lag Memmo
immer noch mit dem Antlitz am Boden, die Arme in Kreuzesform ausgestreckt, und
neben ihm kniete der Fremde, und die tiefen Tne seiner Stimme klangen feierlich
ber dem Schluchzen des Liegenden.
    Winfried ffnete die Tr, das erste Morgenlicht drang in den dmmrigen Raum,
am Zauntor stand der junge Gottfried und neigte sich schweigend vor dem Lehrer,
denn noch war die Tagstunde nicht gekommen, wo ein Bruder sprechen durfte. Ich
meinte dich wohlgeborgen auf dem Lager des Gastfreunds, sagte der Fremde und
winkte ihm die Erlaubnis zu reden.
    Verzeih, mein Vater, mich trieb die Sorge um dich hierher.
    Dort drinnen liegt einer, der gefallen ist. Weile bei ihm, damit er dein
Angesicht schaue, wenn er sein Haupt erhebt, und sttze seine wankenden
Schritte, und leise fgte er hinzu: Wie einen Hnfling, der dem Bauer
entflogen war, habe ich ihn eingefangen, und unruhig wird seine Seele flattern.
Hilf ihm, obwohl er lter ist, da er sich der Zucht wieder gewhne, und gib ihm
nach, soweit du darfst. Denn ungeschickt wre es, dem Verwilderten allen Trost
zu nehmen.
    Der Fremde schritt dem Dorfe zu, wo sich's in den Husern rhrte, der junge
Mnch setzte sich leise neben den Benden; nicht lange, und dieser schauerte
zusammen, hob vorsichtig das Haupt und sah erstaunt statt des furchtbaren
Bischofs einen Jngling neben sich, in dessen Antlitz warmes Mitleid leuchtete.
Visio venit, ein Friedensbote erscheint, murmelte er erschrocken und fiel auf
das Gesicht zurck, um es nach einer Weile wieder zu erheben. Ich fhle warmen
Atem ber meinem Haupte, bist du einer von uns, so sprich.
    Gottfried heie ich, mein Vater, und bin dein Bruder und Diener.
    Er ist fort, seufzte Memmo, sich furchtsam umschauend, und fhlte mit der
Hand nach seinem wunden Rcken. Mhsam setzte er sich auf und fate den Kopf mit
beiden Hnden. Gnzlich bin ich verwandelt, die Schssel mit dem Huhn warf er
aus dem Fenster und Frau Godelind - er bekreuzigte sich -, hinweg, du Teufel.
Schwer bin ich versucht worden, mein Sohn, unter den Heiden, zwischen
Pferdekpfen und Rofleisch habe ich gesessen, und wenn sie im Mai den Reigen
tanzten, forderten sie, da ich mit Frau - er bekreuzigte sich wieder. Sicher
ist der Bischof ein heiliger Mann, menschlicher Schwachheit vllig enthoben.
Auch du kennst die Regel, mein Bruder, obwohl du jung bist.
    Gottfried nickte freundlich.
    Dann weit du auch, mein Sohn, da den Getreuen nach der Pnitenz gestattet
ist, die heien Lippen anzufeuchten, aqua cum aceto, durch Wasser mit Essig.
Essig fehlt in diesem Lande, aber, fuhr er berredend fort, dort steht an
seiner Statt ein Rest Dnnbier, es ist Wasser genug darin, ich bitte dich,
reiche mir den Krug.
    Gottfried holte bereitwillig den Trunk, der erschpfte Mann tat einen tiefen
Zug, hielt darauf den Krug in seinen gefalteten Hnden und begann wehmtig sein
Morgengebet. Gottfried sprach die Worte mit, dann schttelte er in der Ecke das
Stroh zum Lager zurecht, geleitete den Wunden zur Ruhesttte und sprach ihm
leise Gebete vor, bis der Vater entschlief.
    Als Winfried am spten Morgen zu dem Mnch zurckkehrte, fand er ihn mutiger
auf seinem Stuhl sitzen. Gottfried hatte die Zelle gesubert, einen kleinen
Altar aufgerichtet und mit Fichtenzweigen und wohlriechendem Quendel umhangen.
Da der Bischof eintrat, machte Memmo einen Versuch, sich zu erheben, Winfried
aber drckte ihn sanft in den Stuhl zurck.
    Nicht als Arzt komme ich in dieser Stunde, der seinen Kranken zum
Heilmittel ntigt, als dein alter Geselle setze ich mich zu dir, und ist dir's
nicht zu beschwerlich, so bitte ich dich, mein Bruder, da du mir wahrhaft
verkndest, was du in diesem Volke Schweres geduldet hast, denn wahrlich nicht
leicht war das Amt, das dir befohlen war, und ich finde dich nicht in frhlicher
Arbeit.
    Gar nichts Gnstiges kann ich dir sagen, ehrwrdiger Vater, begann Memmo
kleinlaut, fnf Jahre habe ich hausgehalten unter diesem Geschlecht wie Daniel
in der Lwengrube; verhrtet sind ihre Herzen und trotzig ihr Mut, und der Beste
unter ihnen hat Stunden, wo er sich gebrdet wie der ble Teufel aus der Hlle.
Wenige gibt es, die da glauben, und sie glauben nur, wenn ihnen ein Bein
verrenkt ist oder der bse Geist des Fiebers sie schttelt, dann senden sie zu
mir, da ich vor ihnen bete, und schlagen emsig das Kreuz; den nchsten Tag aber
schicken sie zu der Heidenfrau, welche Zauberknste bt, und machen wieder das
Hammerzeichen ber ihren Leib. Sie fragen oft, ob unser Gott ihnen Sieg schaffen
kann gegen die Slawen und Sachsen, dann mchten sie es wohl mit ihm versuchen.
Er soll sich ihnen geloben wie ein Diener, aber sie wollen ihm nicht dasselbe
tun.
    Du kennst die Christen dieser Landschaft? fragte Winfried ungeduldig,
denn dazu bist du hergesandt, wie die Schwalben ihre Boten voraussenden.
    Wohl meine ich, da ich sie kenne, soweit das Land reicht von der Saale bis
zur Werra, versetzte Memmo. Und ich schrieb dir nach deinem Gebot die Namen
einiger, welche Ansehen haben und noch die treuesten sind. Von Priestern aber
bin ich das einzige Lamm unter bellenden Wlfen. Denn andere gibt es noch, die
sich Christenpriester nennen, aber sie sind reine Teufelsbraten, sie halten sich
mehr als ein Weib, sie sitzen mit den Heiden beim Opferschmause, und die
Pferdehupter hngen neben ihren Kreuzen, sie wollen auch nichts wissen von
unserem groen Vater in Rom. Vor alter Zeit ist diese Art ins Land gekommen, sie
malen mit Farbe Zeichen in ihre Haut.
    Schottische Wildkatzen, rief Winfried zornig.
    Viel habe ich hier erduldet durch Schlge und durch Hohnreden, fuhr
Meginhard fort. Das rgste aber geschah mir im letzten Jahre, als die Wenden
ins Land fielen. Die Thringe stellten sich ihnen entgegen unweit der Saale, und
sie bedruten mich und forderten von mir, da ich ihr Gast sei und ihren Frieden
geniee, da ich mit ihnen ziehe und als unkriegerischer Mann neben ihrer Schar
auf dem Hgel stehe und Sieg fr sie herabbete. Sie zogen mich fort und stellten
mich auf, aber die Wenden wurden ihrer mchtig, erschlugen einen Haufen, brachen
in die Drfer, zndeten an und fhrten die Weiber und Kinder hinweg in
Knechtschaft; auch mich fingen sie, mit Weiden wurde ich gebunden, und sie
trieben uns wie eine Herde Schafe ostwrts in die Sklaverei. Jmmerlich war die
Reise unter Heidenweibern und weinenden Kindern, wer niedersank und nicht mehr
aufzustehen vermochte, der erhielt einen Keulenschlag und lag am Wege. Sprlich
war auch die Reisekost, gleich Ebern bot man uns Brei im Troge. Zwei Tage und
Nchte wanderten wir so den Angstpfad, bis wir die Drfer der Wenden erblickten
und die Stangen, an denen die Banner ihrer Huptlinge hingen. Dort teilten sie
uns in die Drfer, ich aber mit einem Haufen wurde dem Sorben Ratiz zuteil, dem
greulichen Manne, der sich diesseit der Saale seine Ringburg geschanzt hat. Die
Heiden hielten ein groes Gelage, mich aber bestimmten sie zu jmmerlichem Tode,
weil sie mein geschorenes Haupt sahen, und die Teufel spuckten mir auf den
Scheitel. Gebunden lag ich und hoffnungslos, da trat Herr Ratiz in den Stall und
fragte mich durch einen Mann, der ihn begleitete, von welchem Stamm und
Mnnergeschlecht ich sei. Ich aber sagte ihm, da ich ein Mnch sei und du der
ehrwrdige Vater, dem ich mich gelobt habe zur Reise unter die Thringe. Da
erweichte der Herr sein Herz, da er meine Bande lsen lie und durch seinen
Begleiter mir mit groer Heimlichkeit offenbarte, er wnsche Boten zu senden an
den Gebieter der Franken im Westen, und er wisse, da du ein mchtiger und
friedfertiger Mann seist und wohl ein Frsprech werden knnest fr sein
Begehren. Und der verschlagene Wolf, der satt war von dem Morde in unserem
Schafstall, behauptete, da auch er den Frieden liebe; die Grenzgrafen der
Franken aber seien ruberisch und blutdrstig. Und ich mute ihm geloben, diese
Botschaft dir zu bringen, so schnell ich knnte. So wurde ich erledigt, gespeist
und gekleidet und bis in die Nhe unserer Drfer gefhrt. Wie ich dir auch
sogleich verkndet habe in meinem Briefe, den Hunibald, der Franke, auf seiner
Fahrt nach Westen mit sich nahm.
    Was du geschrieben hast, habe ich gelesen, versetzte Winfried. Unterdes
ist der Wolf wieder hungrig geworden und aufs neue in das Land der Franken
gebrochen. Hast du erkundet, was er vom Herrn Karl, der ber die Franken
herrscht, fr sich begehrt? Denn Frieden halten mgen die Franken und die Slawen
so wenig wie zwei Hamster in einer Grube.
    Mich dnkt, er begehrt Geschenke und vielleicht das Land, das er sich
geraubt hat.
    Will er bekennen und den Werken des Teufels entsagen? fragte Winfried.
    Eher beit ein Fuchs in der Falle sich den Schwanz ab; in ihm ist nicht
mehr Frmmigkeit als in einer hohlen Nu.
    Manche, die das Kreuz schlagen, sind ebenso leer, versetzte Winfried. Ist
er ein kalter Heide, so mgen seine Kinder warme Christen werden. Jetzt aber
sprich zu mir von einem anderen Mann, du kennst den Ingram, welchen die Heiden
Ingraban nennen.
    Nicht viel Gutes habe ich von ihm genossen, er ist einer von den Feinden
des Kreuzes; dort oben haust er auf der Sttte, die sie den Rabenhof nennen,
denn die schwarzen Heidenvgel nisten in den Bumen und krchzen unholde Lieder.
Er aber ist voran bei allem Streit und hlt die Herzen der Jugend in seiner
Hand. Whrend jener Schlacht sah ich, wie seine Gesellen ihn verwundet aus dem
Kampfe trugen; und sie meinen, wre er im Vorkampf geritten bis zum Ende, dann
htten die Slawen nicht obsiegt.
    Winfried erhob sich und sah prfend in die Ecken der Htte. Das Gesetz
befiehlt, da die Brder zusammen hausen unter einem Dach, nicht ziemt mir, bei
Fremden zu herbergen, wo ein Bruder sein Haus hat. Sorge mir hier ein Lager zu
bereiten.
    Erschrocken vernahm Memmo diesen Entschlu. Gering ist die Htte,
ehrwrdiger Vater, und das Dach ist schadhaft, der Regen luft hinein, bel
steht es auch mit der Kost; doch ich meine nicht verbesserte er sich, da dir
daran gelegen ist. Und dann, ehrwrdiger Vater, verzeih, die kleinen Vgel, die
ich bisher hielt, singen laut, und sie schmeien zuweilen unverschmt. Herr,
befiehlst du, da ich die Vgel fliegen lasse? Im kalten Winter sind sie zu mir
geflogen, manche sind im Frhjahr in die Lfte geflattert, einige haben ihr Nest
gebaut zwischen den Sparren, sie haben die zweite Brut ausgebracht, und
manchmal, wenn ich kleinmtig war, hat ihr Gezirp mich gefreut. Peccavi, fuhr
er fast weinend fort, es ist Snde, sein Herz an eine Kreatur zu hngen, aber,
Vater, sie kommen immer wieder, wenn ich ihnen nicht den Hals umdrehe; vor allen
der Stieglitz, er ist der schnste Vogel in diesem Lande.
    Winfried hrte finster den Klagegesang des zuchtlosen Mnches. Gib deinem
Bruder nicht weniger gern die Nachtrast als deinen Gespielen im Federkleid.
    Fruchtlos war die Arbeit an den Herzen der Menschen, fuhr Memmo traurig
fort, eher noch behielten die Vgel das heilige Wort. Jedes Jahr fing ich junge
Raben und Elstern, lehrte sie das Kyrie eleison und lie sie wieder fliegen. Im
lichten Gehlz hier kannst du zuweilen ihre Stimme hren, wenn sie die heiligen
Worte singen. Auch an dem Ingram meinte ich manche Unbill zu rchen, die er mir
zugefgt, und ich setzte ihm meine jungen Raben auf seine Bume, damit sie unter
den Heidenvgeln den Herrn anrufen sollten, aber die andern Raben fuhren grimmig
gegen sie und rauften ihnen die Federn, weil den wilden unser Gesang widerwrtig
war. Und sie kamen zu mir zurck. Aber auch diese, die ich gezhmt hatte, lieen
ihre Tcke nicht, sie fraen mir meine kleinen Gesellen, und seit dem letzten
harten Winter sind die Kleinen allein bei mir geblieben. Verzeiht mir,
ehrwrdiger Vater.
    Ich zrne dir nicht, mein Bruder, versetzte Winfried, da ich dich
aussandte, wute ich, da du kein Smann warst fr steiniges Land, aber von
freundlichem Herzen, und da dich die Heiden hier, weil du wohlmeinend bist,
vielleicht dulden wrden. Wie ein Kundschafter, der in das Gelobte Land gegangen
ist, warst du mir. Jetzt bin ich selbst gekommen, dies Volk meinem Herrn zu
unterwerfen.
    Durch das geffnete Tor fhrte Gottfried ein bepacktes Pferd in den Hof, er
band das Tier an den Pfosten, hob den Ledersack ab und trug ihn in die Htte.
Ein warmer Strahl von Liebe und Sorge fiel aus den Augen Winfrieds auf ihn. Was
sagte der Fhrer, der so unfreundlich von uns schied?
    Kaum drang ich zu ihm, klang die weiche Stimme des Mnches zurck, die
Knechte wiesen mich rauh fort, endlich bewegte meine Bitte doch einem das Herz,
er fhrte mich an das Gehege, wo der Mann seine Rosse koppelte, gleich einem,
der sie wegschaffen will. Ich sprach ihm deine Botschaft, er aber war ungeduldig
zu hren: Nimmer htte ich deinen Herrn geleitet, wre ich seines Amtes kundig
gewesen. Lohn fr das Geleit begehre ich nicht, weder einen Armring noch
Frankensilber; auch seine Dankbarkeit erfreut mich nicht, und guten Willen hat
er von mir gar nicht zu erwarten, wenn er ihn in Zukunft fordern sollte. So
sprach er und stand vor mir wie Turnus, der finstere Held, von dem der Rmer
Virgilius meldet, da er sich gegen den Knig neas erhebt.
    Dein Knig neas, mein Sohn, versetzte Winfried lchelnd, hat gegen den
Wilden keine anderen Waffen als die redliche Meinung, ihm und anderen zu ntzen.
Du aber bete, da uns das gelinge. Winfried trat zum Tisch, lste die Riemen
des Leders, nahm eine Holzkapsel heraus und bergab den Sack feierlich dem
Priester. Hte ihn wie das Licht deiner Augen, Meginhard, er birgt heilige
Gebeine, dazu Gewnder und Gefe fr die Kirche, welche wir hier bauen werden.
Whrend Memmo mit groen Augen auf den Bischof und wieder auf den Behlter der
Kostbarkeiten sah, gab Winfried dem Jngling einen Wink und verlie mit ihm die
Htte.
    Mit starken Schritten eilte der Bischof dem Hgel zu, welcher sich vor dem
Walde erhob, gefolgt von Gottfried, welcher das Ro fhrte. Auf der Hhe hielt
Winfried an: Schneller als ich meinte, begann er mit bewegter Stimme, ist die
Stunde gekommen, wo ich dich auf rauhem Pfad zu den Heiden entsenden mu, du
Kind meiner Schwester. Das Liebste will ich den Gefahren der Wildnis preisgeben,
der Herr mge mir verzeihen, da ich um den Boten in seinem Dienst ngstlich
zage.
    Vertraue mir, mein Vater, bat Gottfried.
    Dem Sorben Ratiz sollst du Antwort sagen auf seine Frage an mich, du kennst
die Frage, und du kennst die Antwort.
    Ich kenne sie, Vater.
    Dem Heiden Ingram sollst du helfen, die Gefangenen zu lsen. Denn dich an
diese Botschaft zu wagen, habe ich dem Himmelsherrn gelobt, als ich am Grabe des
Franken kniete; aber jhzornig und unhold ist der Mann, den ich dir als Genossen
werben will. Winfried schritt wieder mit starken Schritten vorwrts und hielt
aufs neue: Ich war ein Jngling wie du, da trat ich einst in Angelland, unserer
Heimat, an einen verfallenen Steinbau, den dort vor Jahrhunderten das Rmervolk
errichtet hatte. Denn in alter Zeit, bevor die Botschaft des Herrn zu den
Landgenossen kam, waren die Vlker gebndigt durch das groe Reich der Rmer,
und fast berall hatten diese sich feste Burgen geschanzt. Damals sah ich, wie
Krieger meines Stammes in den Steinen einen Haufen Weiber und Kinder
zusammentrieben, die sie aus den Nachbardrfern geraubt hatten. Ich hrte die
Peitschenschlge und das Gewimmer, und ich sah die Schwertstreiche, womit die
Waffenlosen geschlachtet wurden; ich aber lag eine Hllennacht auf dem
Rmersteine.
    Denn die Mrder und die Gemordeten, beide rhmten sich, Christen zu sein.
Und ich erkannte mit Entsetzen, da auch die Gotteslehre auf Erden ihre
heilbringende Kraft verlor. berall haderten die Bischfe gegeneinander, einer
schalt den anderen Irrlehrer, schlug ihn in das Angesicht oder zckte das Messer
gegen ihn, aber kaum einer tat nach dem Gebot des Herrn; und wie die Hirten, so
waren auch die Herden vllig verdorben, jede Snde und Unzucht sah ich in geiler
Blte, die Heiden oft redlicher als die Christen. Ich meinte, da ich wahnwitzig
werden knnte ber solche Erdennot, und ich flehte zu dem Himmelsherrn, dem ich
mich gelobt hatte, um Rettung fr die Menschheit aus unserem Elend. Da kam in
mich die Botschaft des Heils, wie eine Feuerflamme fuhr sie mir durch die
Glieder, da ich in Schreck und Seligkeit hoch aufsprang. Denn mir wurde
offenbart, was dem Menschenvolk Rettung bringt, eine neue Zucht fr die
Zuchtlosen und neue Vereinigung fr die Verfeindeten. Geschwunden ist die
Herrschaft der Rmer, aber zu Rom wohnt jetzt der fromme Nachfolger der Apostel.
Er soll werden zu einem oberen Richter aller Herzen und Gewissen, und soll auf
der Erde walten als der groe Huptling des Himmelsknigs. Wir aber sollen ihm
alle ebenso im Glauben dienen wie den Knigen und Huptlingen in weltlichen
Werken. Und mein ist das Amt, die Vlker der Erde zu seinem Dienst zu fhren,
Friesen, Sachsen, Hessen, Thringe, und wenn mir der Herr gndig ist, auch die
wilden Horden, welche sich Wenden nennen. Den Frieden meines Gottes will ich
allen bringen. Damit der Glaube fr die Vlker der Erde heilkrftig werde, will
ich sie lehren, da ein einiger Gott ber ihnen waltet, ein groer Wirt in der
Himmelsburg, und hier auf Erden als sein Vogt der Bischof zu Rom, ehrwrdig und
gewaltig ber alle. Einheit der Lehre soll auf Erden sein, und Einheit im
Gehorsam, damit auch Einheit in der Liebe werde. Darum habe ich gepredigt unter
den Friesen und Hessen, darum bin ich selbst nach Rom gezogen und habe mich auf
meinen Knien dem Papst in seine Hnde gelobt als Mann meines Gottes, und darum
wandere ich jetzt hier durch das Unkraut der wilden Tler allein mit dir, Knabe,
denn austilgen will ich den Jammer der Welt und Heil allen verknden, die jetzt
im Elend sind. Solches hat mir unser Herr in jener Angstnacht geboten.
    Der Jngling kte ihm ehrfurchtsvoll die Hand. Winfried hielt sie fest und
sprach ruhiger: Du mein Liebling, der du die Jahre eines Knaben hast und den
Sinn eines Weisen, du bist mir treu, und wenig Gedanken gibt es, die ich dir
verberge. Nicht die Heiden sind es, die mir die grte Not bereiten, grer ist
die Arbeit, die ich habe, wo ich Hilfe erwarten knnte. Die Franken, welche sich
Christen nennen, ihre Bischfe, die zuchtlosen Frevler von denen jeder mit allen
anderen streitet, die sind, dnkt mich, die schlimmeren Wlfe. Ein wrdiger Mann
ist der Bischof zu Rom. Aber auch er sah mich zuerst an wie einen Unsinnigen,
als ich vor ihn trat und ihm bekannte, da er der hchste Herr werden msse ber
den Glauben der Mnnererde, um uns alle zu retten. Viel Eigennutz gibt es dort
und Gier nach weltlicher Herrschaft; aber der Herr, dem ich mich gelobt habe,
wird mir helfen, da ich den Unverstand der Groen berwinde wie den Trotz
dieser langhaarigen Wilden. Darum folge auch du mir zu dem Heiden, mein Sohn,
ffne die Ohren und vernimm auf dem Wege, was dir noch zu wissen not tut.
    Als sie die Hhe erreichten, auf welcher der Rabenhof lag, stob ihnen eine
Koppel wilder Rosse entgegen, auf dem einen sa Ingram, auf einem anderen sein
Diener. Winfried trat in den Weg, da das Ro Ingrams bumte und der erhitzte
Reiter, als er es kraftvoll bndigte, dicht vor dem Bischof hielt. Was kommst
du selbst mich aufzuhalten? rief Ingram zornig, unselig war die Stunde, wo ich
dir Dienst gelobte.
    Wer auf eine Reise ausfhrt, wie die deine, antwortete Winfried, der
handelt nicht weise, mit einer Verwnschung die Fahrt zu beginnen.
    Deinen Segen begehre ich nicht, Christ, besseren Schutz wei ich mir zu
gewinnen, als dein Zeichen gibt.
    Und doch vertrauen manche im Sorbendorfe, denen der Weidenring die Hnde
zusammenschnrt, auf das heilige Zeichen, welches du tricht miachtest.
Schmhst du den Himmelsgott, zu dem die Christen flehen, vor deiner Reise, so
wahre dich, da deine Fahrt nicht fruchtlos sei.
    Der Reiter wollte sein Ro antreiben, jetzt hielt er still und sah finster
vor sich hin. Bndige dein heies Blut, fuhr Winfried mit Wrde fort,
bedchtiger Rat dient vor schneller Tat. Bin ich dir auch unwillkommen, so
verachte doch nicht meine Worte; steige ab, Ingram, wenn du in Wahrheit das Weib
lsen willst.
    So nachdrcklich war die Mahnung, da der Thring sich vom Pferde schwang
und seinem Knechte die Zgel zuwarf.
    Mache kurz, was du mir zu sagen hast, Fremder, denn der Boden brennt mir
unter den Fen. Winfried fhrte den Ungeduldigen einige Schritt abseits.
Beantworte mir eine Frage, wenn du willst, die ich wohlmeinend tue und in
groer Sorge um die Gefangenen. Fhrst du mit dir, was dir von dem Ratiz zur
Lsung dienen kann? Oder hoffst du, da es dir gelingen wird, die Weiber und
Kinder aus dem Sorbenlager zu rauben?
    Mit zuckendem Antlitz antwortete Ingram: Wer dem Lager des Rubers naht,
greift das Geraubte, wie er kann. Vermag ich unerkannt einzudringen, so suche
ich sie heimlich zu entfhren.
    Du sagtest mir, ihr Thringe habt den Sorben Frieden gelobt.
    Nicht ich, auf dem Lager lag ich mit blutigem Leibe.
    Aber die Alten haben ihn gelobt, auch fr dich.
    Gebrochen ist der Eid durch jenen, als er meinen Gastfreund erschlug. Wer
mag mich schelten, wenn ich den befreundeten Mann rche?
    Dein Volk wird fragen, ob du von der Freundschaft des Toten bist, du aus
dem Land der Thringe, er ein Franke.
    Ingram schwieg.
    Und wenn die Grenzwchter der Sorben dich ersphen? Sicher sind sie des
Grenzbrauches kundig und sorgen jetzt um eine Rachefahrt der Franken. Darum
meine ich, auch dir ist nicht verborgen, da du nur in Frieden die Gefangenen
lsen kannst.
    So magst du wissen, versetzte Ingram finster, was ich ungern bekenne, da
ich mir Lsegeld suchen will durch Verkauf der Rosse, die du hier siehst; einige
darunter sind wohl wert, den Sattel eines Knigs zu tragen. Unsicher ist, ob der
Ratiz selbst die Rosse nimmt, denn voll von Hufen ist, wie ich frchte, das
Lager der Diebe seit ihrem letzten Zuge. Deshalb will ich die Rosse jetzt an die
Erfesfurt treiben, wo der groe Markt meines Volkes ist, ob ich Armringe oder
frnkisches Silber dafr einhandle. Doch milich ist ein Verkauf in der Not. Das
ist die Sorge, die mich ngstigt.
    Und gibt es anderen Kaufpreis, der dir den Willen des Slawen bezwingt?
    Rotes Gold der Zwerge und Silber, das der Schmied knstlich geschlagen
hat, versetzte Ingram schnell. Ihm kann der niedrige Mann nicht widerstehen.
Aber solch Knigsgut hat der Thring nicht.
    Winfried zog die Kapsel hervor und drehte sie auf, einen groen Becher hob
er heraus, von auen Silber, von innen Gold, mit einem Kranz von Weinlaub und
erhhten Menschenbildern daran, ein wundervolles Stck Arbeit. Aus dem Schatz
eines Knigs stammt es und von einem kniglichen Mann ist es in meine Hand
gelegt. Meinst du, da dies Stck uns die Kinder lsen wird?
    Nie sah ich solch ein Werk von Menschenhand, rief der Thring mit
leuchtenden Augen, silbern sind die Kinder und nackt, sie wandeln um den
Becher, als ob sie lebten. Und gehaltener setzte er hinzu, sich seiner Neugier
schmend: So groes Schatzglck lst viel.
    Dann sei der Tag gesegnet, rief Winfried, wo ich den Becher empfing.
    Aber wieder fuhr ein dunkler Schatten ber das Gesicht des jungen Kriegers,
und das Gef stolz zurckgebend, rief er: Fahre hin mit deinem Becher, du
schlauer Fremdling, und wandte sich den Rossen zu.
    Doch Winfried hielt seinen Arm. Meine nicht, Ingram, da ich deine Gunst
erkaufen will durch Silber und Gold. Du hast dich ja selbst geweigert,
Fhrerlohn zu empfangen. Wrest du von den Kindern des groen Gottes, dann
drfte ich dir das Schmiedewerk zu christlicher Tat schenken. Du aber hast deine
wilde Begier mir verraten. Nicht als deine Sklavin darfst du das Frankenweib
heimfhren in dein Haus, ihr selbst und ihrem Geschlechte schenke ich den
Becher, und rettet er sie aus der Gefangenschaft, so kehrt sie wieder als eine
Freie, sie und andere, die du zu lsen vermagst. So ist meine Meinung. Dich aber
bitte ich um der Gebundenen willen, da du fr sie alle den Handel vollendest
und sie darauf herfhrst in den Schutz, den sie sich selbst begehren.
    Dein soll die Ehre sein, und nicht mein, rief Ingram heftig.
    Nicht du, nicht ich spenden den Kaufpreis, ich selbst besitze weniger als
der rmste deiner Landgenossen, ich bin nur ein Bote des Christengottes, und
seinem Schatz gehrt dies Silber.
    Scheu sah der Krieger auf das blinkende Metall. Birg es in seinem Holze,
denn sehr frchte ich, da ein bler Zauber in solcher Gabe sei.
    Auch rate ich nicht, da du selbst diesen Kaufpreis trgst, fuhr Winfried
fort, denn auch ich habe einen Boten zum Ratiz zu senden in Geschften des
Frankenknigs, meinen jungen Bruder Gottfried. Du aber wirst der Sprecher sein
um den Loskauf, und ich bitte dich, da du dem Jngling gestattest, mit dir zu
reiten, und da du selbst mir gelobst, treu um ihn zu sorgen.
    Rauh ist der Weg zu dem Dorfe des Ratiz, schnell mu die Fahrt sein, und
nicht gefahrlos ist rascher Botenlauf in den Bergen, wie mag ich den Knaben
davor bewahren?
    Du hast seine Kraft versucht, und du hast ihn nicht schwach gefunden. Der
Krieger sah auf Gottfried hinber, der das Ro des Bischofs am Zgel hielt, und
sein Antlitz wurde freundlicher. Er berlegte. Ich erkenne, sagte er endlich,
da du wie ein Herr meinen Willen richten willst. Nicht wei ich, ob es zu
meinem Heil ist, wenn ich nach deinem Verlangen tue, und wre es um
meinetwillen, ich tte es nicht. Aber ein Weib sehe ich sitzen mit gerungenen
Hnden in der Sklaverei. Er fuhr heftig auf und rief: Ich gelobe, den Knaben
zu halten wie einen aus meiner Freundschaft, und legte seine Hand in die des
Bischofes, dann eilte er zu seiner Koppel, gab seinen Mnnern Befehle und lie
die ledigen Rosse nach dem Hofe zurckfhren. Unterdes sprach Winfried leise zu
dem Jngling, faltete die Hnde ber dem Haupte, und tiefer Schmerz zuckte in
seinem Gesicht, als er den Reisesegen ber ihn sprach.
    Heran, Jngling, rief Ingram, seinen Wurfspeer schwingend, viel Zeit ward
verloren in dem Streit der Worte, la den Hufschlag klingen zur Reise ins
Slawenland. Prfend sah er noch einmal auf das Ro und den friedlichen Reiter,
ihm gefiel, da der Jngling fest im Sattel sa, und er nickte ihm grend zu.
Laut rief er sein Hara, und Rosse und Reiter stoben abwrts, dem Waldweg zu.
Winfried sah den Flchtigen nach und hob die Hnde zum Himmel.
    In der Htte stand Memmo lange Zeit vor dem Ledersack, bekreuzigte und
verneigte sich und trug ihn in eine Ecke, er legte sorgfltig Stroh darber und
setzte sich in tiefen Gedanken davor. Zuweilen schttelte er den Kopf. Wer soll
die Kirche bauen? Er und ich. Und wer soll den Taufstein aus dem Felsen hauen?
Wieder ich. Viele Hammerschlge werden diese Arme tun, und der Rcken wird sich
beugen unter der Last der Balken. Wer aber wird eingehen in den Hof der
Tuflinge? Niemand als die Schwalben aus der Luft und die Muse vom Felde; bis
an einem wilden Tage das Heidenvolk heranspringt und mit seinen Schwertern die
Kreuze auf unsere Schdel schlgt. Von heut bin ich ein fremder Gast in meinem
Hause; aber es steht geschrieben: eures Bleibens ist nicht hienieden, und der
Mensch ist wie Heu. Da knarrte das Hoftor, und ein rotes Gesicht sah zum
Fenster herein. Alle guten Geister! Das ist Frau Godelind. Hinweg, Weib, rief
er heftig, ohne sich von seinem Platze zu bewegen. Ich kenne dich nicht!
    bel seid Ihr verwandelt, rief das Weib zornig hinein, welcher Zauber hat
Euch den Sinn betrt?
    Hinweg, Godelind! rief Memmo mit strengem Ton, wenn dich der Bischof
sieht, bist du verloren; du stehst unter dem Kreuz, und er hat Macht ber dich.
    So viel gebe ich auf euren Bischof, rief Godelind, einen Strohhalm nach
dem Priester werfend, und so viel auf Euch, der Ihr nichts seid als ein
Feigling. Ist das mein Lohn fr treue Pflege und fr alle Dienste, die ich Euch
bei Tag und Nacht getan, da Ihr mich von einem Fremden aus dem Hause weisen
lat?
    Wenig nutzt es, ber Vergangenes zu klagen, versetzte Memmo aus seiner
Tiefe, ich sage mich los von dir fr alle Zukunft. Suche Obdach bei deiner Base
und behalte das Slawenmdchen, nur hre, da du das arme Ding nicht mihandelst;
nimm meinetwegen auch das Ferkel im Stall, es mu dahingehen mit dem anderen,
aber schweige und entferne dich, denn ich bin in tiefer Betrachtung, und lstig
ist mir dein Geschwtz. Verwandelt hat mich diese Nacht, und mich reut's, da
dein Fu je meine Schwelle betrat.
    Du feiger Mann, rief Godelind in hellem Zorn, manchmal noch soll dich
reuen, da du die Dienerin von dir weisest, und ich will lachen, wenn ich an den
Toren denke, der am kalten Herde Wasser vom Bache trinkt und ungekochte Bohnen
kaut. Ihr Gesicht verschwand aus der ffnung, und gleich nachher erscholl
mitnendes Gequiek aus dem Stalle. Da fhrt sie hin, seufzte Memmo, was der
Schatz meines Hauses war, und er senkte ergeben das Haupt, bis sich der
Stieglitz darauf setzte und von dem kahlen Scheitel frhlich sein Lied
zwitscherte. Memmo hob leise die Hand, der Vogel flatterte herab, und der Mnch
kte ihm seinen roten Kopf.

                                 Im Sorbendorf


Auf der Sorbenfahrt hielten die Reiter Abendrast, die Pferde standen im festen
Gehege, Ingram und Gottfried lagen unter einem Baum, und Wolfram, der Knecht,
bereitete am groen Feuer die Nachtkost. Er trug eine Lederflasche, die einem
Schlauch hnlich war, herzu. Das Bier ist am Quellwasser gekhlt, wohl mge es
euch munden. Da Gottfried die Flasche dankend von sich wies, sprach Ingram
gutherzig: Als ein wackerer Reisegesell hast du dich seither erwiesen,
verschmhe nicht unsere Kost, wenn wir auch nicht von deinem Glauben sind. Denn
ich merke, in vielem hadern die Menschen miteinander, aber Speise und Trank
ehren sie alle.
    Zrne nicht, mein Genosse, ungewohnt ist mir der starke Trank und das
Fleisch der springenden Tiere. Doch weil es dir lieb ist, will ich dein Mahl
teilen, und er legte seinen Brotkuchen beiseite, a ein wenig von dem Fleisch
und trank von dem Bier.
    Sage mir, wenn es dir nicht lstig dnkt, fuhr Ingram fort, bist du auch
von denen, welche fr unrecht halten, ein Weib zu umhalsen?
    Es ist so, wie du sagst, antwortete Gottfried errtend.
    Bei meinem Schwert, wunderliche Bruche habt ihr, spottete Ingram. Zwei
Sklavinnen halte ich, und wenn mir's gefllt, umschlingen sie mich mit ihren
Armen, aber beide gebe ich hin und jedes andere Weib der Erde, wenn ich die
Jungfrau gewinne, um derentwillen wir reiten. Gern erfreut sich der Mann seines
Lebens; wir anderen sind wie die Vgel, welche lustig singen und ihr Nest bauen,
du aber bist wie ein grauer Kauz, der im Baumloch sitzt, und alle Vgel schreien
ihn an.
    Auch meinem Leben fehlt die Freude nicht, versetzte Gottfried lchelnd,
froh bin ich, da ich mit dir reise, wenn du mich auch gering achtest; denn ich
mchte dir helfen bei einem guten Werke.
    Was hast du davon, wenn es uns gelingt, die Gefangenen loszukaufen?
    Ich tue nach dem Gebot Gottes, des allmchtigen Himmelsherrn.
    Ist dein Herr allmchtig, wie du sagst, und gibt er dir Befehl, Gefangene
zu lsen, so wundert mich, da er nicht vielmehr den anderen wehrt, Gefangene
fortzutreiben.
    Frei hat Gott die Menschen geschaffen, damit diese sich selbst ihr
Schicksal bereiten. Aber wie du die Perlen bersiehst, welche an einer Schnur
gereiht sind, so bersieht der groe Gebieter alle Taten, ja auch alle Gedanken
jedes Erdgeborenen, und danach schtzt er die Tchtigkeit des Mannes, ob er ihn
in jenem Leben heraufhebt unter seine Bankgenossen, oder ob er ihn hinabstt in
das Totenreich des blen Drachen. Darum tut dem Menschen not, unablssig zu
sorgen, da er nach dem Gebot seines Gottes tue.
    Wahrlich, rief Ingram, das ist harter Dienst, und wie Knechte lebt ihr im
Zwange, ich aber rhme mir den Mann, der den berirdischen ihre Ehre gibt, aber
wo er etwas wagt, vor allem fragt, ob es ihm selbst Ansehen bringe und Vorteil.
    Ist nicht auch dir eine Ehre, wenn die Frauen deiner Landsleute danken, da
du sie aus den Mhlen der Sorben gelst hast, und wenn du die unschuldigen
Kinder von den Schlgen erledigst, von dem Hunger und von schmachvollem Dienst
unter dem schmutzigen Volke?
    Ingram dachte nach. Es sind die Kinder unserer Nachbarn jenseit der Berge,
und manches davon habe ich vielleicht auf dem Arm gehalten, dir aber sind sie
fremd. Kein Jahr vergeht, wo nicht in allen Lndern Herden von ihnen zu Markte
getrieben werden.
    Htte ich Gold und Silber, rief Gottfried, alle wollte ich lsen, wre
ich ein groer Held, alle wollte ich retten.
    Wohl erkenne ich, ihr Christen haltet zueinander wie Nachbarn und Freunde.
    Mein Vater hat mir geboten, da wir auch die Heidenfrauen und ihre Kinder
zurckfhren, wenn es uns gelingt, versetzte Gottfried.
    Dann werden andere gefangen, warf Ingram ein.
    Dazu sind wir in die Welt gesandt, da wir die Gebote verknden des
himmlischen Knigs, der so voll Erbarmen ist, da er jedem Glck und Heil
bereiten will auf der Mnnererde und im Himmel. Wenn erst alle seinen Geboten
folgen, dann wird keiner den anderen verhandeln wie ein Kalb oder ein Rind,
sondern er wird ihn betrachten, so wie geschrieben steht: nach dem Ebenbild
Gottes ist der Mensch geschaffen, und aufrecht soll er gehen unter den Tieren,
welche mit gebeugtem Haupt die Knechtschaft tragen.
    Ingram schwieg eine Weile. Alles rote Gold der Zwerge, von dem sie sagen,
da es nicht gemessen werden kann, wrde nicht ausreichen zu einer Befreiung
aller Gebundenen, und du, der du unkriegerisch bist und von zartem Leibe, willst
dich solcher Arbeit unterwinden?
    Ein Krieger bin ich, du merkst es nur nicht, versetzte Gottfried, demtig
vor meinem Herrn, aber strker, als du glaubst. Verzeihe mir, Herr, da ich mich
vor ihnen rhme, setzte er hinzu.
    Ingram ma ihn mit den Augen, die zarte Jnglingsgestalt und der milde
Ausdruck des begeisterten Antlitzes bewegten ihm das Herz, und er sprach leise:
Viel geheimes Wissen, so meinte auch Bubbo, der Brenfhrer, ist euch zuteil
geworden. Ich frchte, ihr mchtet es gebrauchen anderen zum Nutzen oder zum
Schaden.
    Jedermann freundlich sein und niemandem schdlich, ist meines Herrn Gebot,
versetzte Gottfried feierlich.
    Einem lichten Gott mag dieser Befehl wohl anstehen, warf Wolfram ein, der
bis dahin am Reh und Bier sein Bestes getan hatte und sich jetzt zufrieden vor
das Feuer streckte. Aber auf der Mnnererde ist es schwer, mit solcher Lehre
durch den Wald zu reisen. Glaube mir, Fremder, auch hierzulande haben wir
bermenschliche, die ganz denselben Sinn haben, den du an deinem Gotte rhmst.
Siehst du an der Bergleite den vorhangenden Stein? Dort, sagte er leise, wohnt
ein Geschlecht von guten Zwergen, freundliche kleine Leute, nie hat man gehrt,
da sie jemandem ein Leid getan. Aber wer ihnen bei der Waldfahrt von seinem
Reisevorrat hinlegt, der hat Glck auf dem Wege, und schon manchem haben sie
zugewinkt und drre Bltter und Nsse geboten; diese wurden in seinem Reisesack
bei Nacht zu Golde. Ist der, dem du dienst, ein Zwerg, so mag er wohl von den
guten sein, denn es gibt auch arge.
    Viel Ungehriges mischt deine Rede, Wolfram, versetzte der Mnch, der
Christengott spendet nicht Bltter und Nsse, und er gibt kein Angebinde,
welches das Glck im Hause des Menschen erhlt.
    Dennoch gibt es solchen Schutz auf Erden, sagte Ingram, ich kenne einen
Mann, dem eine Gabe fr sein Geschlecht verliehen wurde von den
Schicksalsfrauen; ich kenne die Stelle, wo sie verborgen liegt, und ich wei,
da sie ihren Segen bewhrt hat durch viele Geschlechter.
    O traue nicht auf den Zauber, mahnte Gottfried eifrig. Tuschend ist jede
Gabe des Unholden. Hochmtig macht sie den Mann und malos, bis der Tag kommt,
wo sein Hoffen sich ganz eitel erweist und der Herr ihn demtigt in seinem
Stolz.
    Ingram lchelte. Jeder berge, was ihn mutig macht, in stillem Herzen. Beide
wollen wir als gute Gefhrten nicht forschen, wo der andere seinen Schatz
bewahrt. - Der Tau fllt frh, und morgen reiten wir auf wilden Wegen, nimm hier
die Decke und verhlle die Glieder, da sie dir nicht steif werden in der
Nachtluft der Berge. Wecke mich, Wolfram, nach Mitternacht.
    Am nchsten Nachmittag sahen die Reiter baumloses Land vor sich. Die Stmme
waren erst vor kurzem gefllt und an dem Rand des Waldes als Verhau geschichtet,
denn noch standen die Stmpfe auf grnem Boden, jeder von jungem Aufschu und
wilden Stauden umgeben, und berall auf dem Grunde erhoben sich die niedrigen
Bsche. Als die Reisenden einer nach dem anderen durch eine schmale Lcke des
Verhaues gedrungen waren, erkannten sie vor sich mehrere Reiter, welche zuerst
das Lrmzeichen anbrannten, da eine hohe Rauchwolke emporstieg, und dann von
niedriger Anhhe, schreiend und die Waffen schwenkend, auf sie zukamen, Mnner
in langem Graurock von Hanf gewebt und mit Pelz besetzt, obgleich es Sommerzeit
war, eine dicke Pelzkappe auf dem Haupt, mit Keule und Hornbogen bewaffnet;
kleine behende Leiber, breite Gesichter mit groen Schnauzbrten und braunem
schlichten Haar, wild drohten und riefen sie. Wolfram ritt vor und gab in ihrer
Sprache Bescheid. Aus Thringen sind wir, in Frieden kommen wir, Ingram der
Held und ich sein Mann, und der dritte ist Gottfried, ein Bote des Herrn
Winfried.
    Die Reiter fuhren untereinander und redeten mit heftigen Gebrden, bis
einer, der einen Bund Adlerfedern an der Pelzmtze trug - es war Slavnik, die
Nachtigall genannt, weil er bei den Trinkgelagen des Ratiz vorsang -, zu Ingram
ritt und diesen in der Sorbensprache hflich begrte. Als der Thring ihm in
derselben Weise auf den Gru antwortete, neigte der Sorbe sich noch freundlicher
und redete so hoch und weich wie ein Mdchen; was der Knecht erklrte: er freue
sich sehr, aber die Reisenden mten auf ihr Geleit warten nach Grenzbrauch. So
hielten sie, und die Sorben schlossen hinter ihnen den Verhau.
    Gleich den Kindern sind sie, rief Ingram, und wie ein Kinderspiel ist ihr
Wall, leicht setzt ein Ro darber. Aber der Sorbe hatte ihn doch verstanden
und antwortete in deutscher Sprache, nur ungelenk: Ich aber wei einen Tag, wo
der Rabe aus dem Land der Thringe nicht ber den Zaun flog, den das Eisen der
Sorben um ihn schlo.
    Du hast recht, antwortete Ingram lachend, ich fiel in den Zaun, und die
Dornen ritzten den Leib. Und beide Mnner grten einander mit der Hand. So
harrten die Reisenden wohl eine Stunde, da kam es von der Hhe wie eine dunkle
Wolke, ein grerer Hauf Reiter wirbelte durcheinander, kleine und feurige
Rosse, auf denen die Krieger mit hohem Knie saen. Von allen Seiten drehten sie
sich um die Fremden, die Nachtigall gab ein Zeichen, und vorwrts ging es auf
dem kurzen Rasen in hellem Haufen, die Fremden in der Mitte. Vor ihnen breitete
sich ein weites Tal, mit einzelnen alten Bumen besetzt, unter denen die
Sorbenkrieger und ihre Pferde im Sommer den Schatten suchten; im Tale war ein
Ringwall aus Erde und Rasen errichtet, darin das runde Dorf mit Strohhtten,
deren Dcher fast an die Erde reichten, wie das Lager eines Heerhaufens lag es
da. Ganz in der Mitte des Dorfes erhob sich ein rundlicher Hgel, wieder mit
einem Ringwall bekrnt, welcher die Halle des Ratiz und die Htten seines Hofes
umschlo. Auf langer Stange ragte sein Banner und wehte den Fremden zu. Mit
heien Wangen rief Ingram zu Gottfried: Bei meinem Haupt, wenn ich nicht
unversehrt hinausfhre die, welche wir suchen, so will ich nicht rasten und
ruhen, bis ich brennendes Werg an meinem Pfeil sehe und bis der Pfeil haftet an
diesem Mausenest.
    Zrne nicht in dieser Stunde, mein Reisegesell, sondern flehe, da der Herr
uns gndig sei.
    Das Dorftor wurde geffnet, die Reiter stoben durch die Lagergasse und ber
den runden Platz am Fu des Hgels. Dort kauerte am Dorfteich ein Haufe
halbnackter Weiber und Kinder, bleich die Gesichter und verworren das Haar.
Ingram spornte sein Ro und fuhr aus dem Trupp auf das Wasser zu, aber die
Sorbenreiter verlegten ihm mit zorniger Miene den Weg und faten die Waffen.
    Bedenke, Herr, wer die Ware ergreift, bevor er sie gekauft, zahlt teuren
Preis, warnte Wolfram leise. Und weiter ging es in schnellem Rolauf den Hgel
hinan. Wieder wurde der Balken eines Tors zurckgeschoben, die Rosse stampften
in dem weiten Hofraum, die Fremden wurden zur Halle vor das Angesicht des Ratiz
gefhrt.
    Inmitten seiner Vertrauten sa der Slawe auf einem Stuhl mit hoher Lehne und
Seitenarmen wie ein Frst, auf Schemeln um ihn her am Tisch die Fhrer seiner
Haufen, wilde Gesichter darunter mit groen Narben. Der Huptling war ein
starker Krieger, vierschrtig und mit kurzem Hals sa er da, in dem breiten
Gesicht standen die Augen schrg, dnn und grannig war der Bart. Die Fremden
neigten sich, Ratiz aber blieb mit seinem Gefolge sitzen und bewegte unmerklich
das Haupt.
    Frage einer den Kater, rief Ingram zornig, ob es Brauch seines Stammes
ist, Fremde so zu begren. Der Sorbe winkte einem Mann mit langem weien Bart,
der in der Reihe sa, dieser trat an die Fremden und begann in deutscher
Sprache: Mein Herr, Ratiz, grt die machtvollen Herren, und er tut ihnen diese
Frage. Ihm ist berichtet, da einer von ihnen weit herkommt aus dem Lande, wo
der groe Herr der Franken auf dem Goldstuhl sitzt; ist einer aus diesem Lande
gesendet, der nenne sich. Der Mnch antwortete: Ich bin es, Gottfried, der
Bote Winfrieds, des Bischofs.
    Befremdet sahen die Slawen auf den Jngling in schmucklosem Gewande; mit
gefurchter Stirn redete Ratiz zu seinem Sprecher, und dieser erklrte: Meinem
Herrn deucht, wenig Achtung bezeigen ihm die Gewaltigen der Franken, da sie ihm
einen Boten senden, der so jung ist und in so rmlichem Kleide wandelt.
    Ich bin ein Christ und dem groen Gott des Himmels verlobt, Snde ist mir,
ein anderes Gewand an meinem Leibe zu tragen als dies hrene Kleid. Ich komme,
obgleich ich jung bin, weil mein Herr mir vertraut.
    Wieder sprach der Slawe heftig zu einem seiner Genossen, dieser verschwand
aus dem Saal. Mein Herr fragt dich, fuhr der Sprecher fort, ob du einer von
den Weisen bist, welche das Geheimnis besitzen, von Tierhaut die Gedanken der
Mnner zu erkennen, und ob du von denen bist, welche die fremde Sprache
verstehen, die sie Latein nennen.
    So ist es, erwiderte Gottfried.
    Auf die Deutung des Sprechers wich der Groll in dem Gesicht des Sorben einem
groen Erstaunen. Der Bote kam zurck und brachte ein zerdrcktes und gebruntes
Pergament. Meinem Herrn Ratiz wird es schwer zu glauben, da ein Jngling wie
du so groer Dinge mchtig sei, er wnscht, da du ihm eine Probe ablegst von
deiner Kunst und den Mnnern die Gedanken verkndest, welche fr den Kundigen
auf dieser Haut zu erkennen sind. Gottfried entfaltete das Pergament. Zuerst
sage uns, warum uns undeutlich ist, was darauf verzeichnet ist.
    Es ist Latein, versetzte Gottfried, und man mu es lesen knnen.
    Ratiz schlug mit der Hand auf den Tisch und nickte zur Besttigung stark mit
dem Haupte. Du hast das Richtige gesagt, wiederholte der Mann, wenn es dir
gefllt, so verknde uns das Latein.
    Gottfried berblickte das Blatt, es war die zerrissene Urkunde eines alten
Frankenknigs, welche die Slawen vielleicht bei einer Plnderung geraubt hatten.
Der Mnch begann: In nomine domini, sanctae et individuae trinitatis. Amen.
Indem er sich bei den heiligen Worten verneigte, schlug Ratiz wieder auf den
Tisch und sprach feierlich zu seinen Genossen, worauf der Alte erklrte: Mein
Herr ist zufrieden, da du ihm besttigst, was er schon wei; es ist der Brief,
den der groe Herr der Franken an meinen Herrn geschrieben hat, ein Frst dem
anderen, da er mibillige und abtun wolle die Ungerechtigkeiten seiner
Grenzgrafen und da dein Herr meinem Herrn Freundschaft anbiete. Wir wuten, da
dies darin steht, und deshalb freuen wir uns deiner Worte. So prahlte der
schlaue Ruber, um seine Gesellen zu tuschen. Bevor Gottfried sich von seinem
Staunen erholte, hob sich Ratiz, trat auf ihn zu, strich ihm an beide Wangen,
als ob er ihn kte, und forderte die Diener auf, einen Stuhl neben den seinen
zu rcken, damit der Mnch sitze. Dich grt mein Herr als den Gesandten deines
Herrn, und er bittet, da du die Botschaft von dem groen Herrn der Franken
verkndest.
    Wenig habe ich zu sagen im Auftrage meines Herrn Winfried, des Bischofs,
und dies Wenige ist vielleicht nur fr das Ohr des Herrn Ratiz, versetzte der
Mnch vorsichtig.
    Weise sprichst du, Herr Gottfried, Heimliches der Herren ist nicht fr
jedermanns Ohr; geruhe zu harren, bis die Zeit kommt.
    Da der Alte dem Mnch einen Stuhl bot, trat Ingram an den Tisch, hob einen
leeren Schemel, stellte ihn drhnend auf den Boden nahe zu Ratiz und setzte sich
ebenfalls. Schweigend ertrugen die Sorben diesen Eigenwillen, jetzt aber wandte
sich Ratiz zu ihm, und der Sprecher erklrte die stolzen Worte: Mich wundert's,
Ingraban, da du kommst, dich an meinem Tische zu lagern, ungeladen und
unbefreundet in meinem Volke. Tut dir ein Sessel not, weil die Wunden dich
schmerzen, welche dir das Messer meiner Krieger gehauen hat?
    Geheilt sind die Ritze, und niemand spricht mehr davon, versetzte Ingram.
Die Leute rhmen nicht den Wirt, der den Fremdling zwingt, sich selbst den
Schemel zu tragen.
    Lange warst du Feind meinem Volke, niemand wei, was dich in unsere Halle
fhrt, denn kein Herdenvieh treibst du, wie ich hre, welches die Sorben deinem
Volke als Zahlung auferlegt haben.
    Vergebens mhst du dich, mich durch Worte zu krnken. Friede ist beschworen
zwischen den Thringen und deinem Volk, und friedlich komme ich, wie der Hndler
kommt zu Kauf und Tausch der Gefangenen, die du auf deinem letzten Zuge
hergetrieben hast.
    Sendet dich der Mann, den sie Winfried, den Bischof nennen, und hast du
dein Haupt in der Not gebeugt unter das Spiel ihrer Finger, wenn sie ein Kreuz
machen?
    Ich habe dem Glauben meiner Vter nicht abgesagt, als Reisegenosse fhrte
ich den Mann des fremden Bischofs zu dir.
    Der Sorbe winkte seinen Gesellen, allen lag am Herzen, den Handel bald zu
schlieen, am liebsten durch Auslsung in das Frankenland; denn war der Raub
zurckgekauft, dann hatten sie weniger um Ha und Rache der Franken zu sorgen.
Meinen Kriegern ist es nicht eilig, den Gewinn ihrer Jagd zu verkaufen, gefllt
ist das Lager mit Korn und Herdenvieh aus den Frankendrfern, und leicht
vermgen wir die Gefangenen zu nhren, bis die Hndler aus dem Sden kommen.
Und zu Gottfried gewendet, fuhr er fort: Will der Bischof sich eine Gemeinde
kaufen aus den Herden der Weiber und Kinder?
    Mein Vater erbittet von dir als Gunst, da du mir gestattest, die
Gefangenen zu sehen und die zu begren, welche unseres Glaubens sind.
    Fhrt ihr mit euch, was Gefangene lst? Gering ist, so scheint es, euer
Reisegepck.
    Wir denken dir zu bieten, was Gefangene erledigt nach Brauch der Grenze,
versetzte Ingram. Doch wer kauft, will vorher die Ware schauen, zeige uns, wenn
es dir gefllt, die gefangene Schar.
    Der Sorbe berlegte und sprach mit seinen Tischgesellen. Er wandte sich zu
Gottfried: Gern will ich deinem Herrn ein Zeichen geben, da mir seine
Botschaft wert ist. Ihr sollt Freiheit haben, die Gefangenen zu sehen. Geht,
Fremdlinge, mein Alter wird euch begleiten. Die Boten verneigten sich und
verlieen den Saal, sie hrten hinter sich Lrm und Gelchter der Bankgesellen.
    Vor der Tr wurde der Weibart vertraulich wie einer, der harten Zwanges
entledigt ist, er nahm die Pelzmtze ab, verneigte sich tief und sprach
berredend: Wo die Raben jagen, findet auch die Krhe ihr Teil. Wenn es den
Herren gelingt, Gefangene zu entledigen, so vertraue ich, sie werden auch dem
Vterchen eine Spende reichen, denn mhselig ist mein Amt, in zwei Sprachen zu
reden, und gute Dienste vermag ich euch noch zu tun. Gottfried sah unsicher auf
seinen Begleiter. So ist ihr Brauch, sagte dieser. Er lste von seiner Jacke
die silberne Spange, den einzigen Schmuck, den er trug. Nimm dies, Vater, als
Zeichen guten Willens. Und wenn Bubbo, der Brenhndler, das nchste Mal euch
aufsucht, dann sende ich dir ein Stck rotes Tuch aus dem Westland. Der Alte
hielt demtig die Hand hin. Will Herr Ingram mir dies beteuern? Und als Ingram
zwei Finger auf den Knauf seines Schwertes legte: Ich schwre dir's, lachte
der Alte zufrieden: Euer Wort, Herr, gilt an der Grenze wie Ware. Sie
schritten ber den Hof; am Torhause rief der Alte einige lungernde Krieger an,
welche sogleich herzusprangen und den Fremden auf dem Fue folgten; aber der
Alte, um seinen Diensteifer zu beweisen, trieb sie befehlend mehrere Schritte
zurck.
    Vom Hgel stiegen sie hinab auf den Dorfplatz, dort stand am Teiche ein
langes Haus wie eine Scheuer, der Beratungssaal der Gemeinde. Der Alte ffnete
das niedrige Tor, und Ingram sprang voraus in den dmmrigen Raum. Walburg!
rief er. Aus einer Ecke klangen zwei klgliche Stimmen: Hier! berall rhrte
sich's auf dem Heu, womit der Boden belegt war. Zwei blonde Knaben umschlangen
die Fe Ingrams und schluchzten laut. Wo ist die Schwester? fragte Ingram mit
hohler Stimme. Sie ist zum Ratiz hinweggefhrt auf den Berg. Die Zhne des
Mannes knarrten wie eine Raspel, seine Faust ballte sich, und gleich darauf warf
er sich neben den Kindern auf die Knie, umschlang sie, und heie Trnen rollten
auf die kraushaarigen Kpfe der Weinenden. In der Mitte des Raumes aber tnten
die feierlichen Worte: Kommt zu mir, die ihr mhselig und beladen seid, spricht
der Herr. Durch die geffnete Tr fielen die Lichtstrahlen auf das milde
Antlitz des Jnglings, welches in Mitgefhl und Begeisterung wie das eines
Engels strahlte.
    Die Frauen und Kinder, welche unter dem Kreuzeszeichen lebten, drngten sich
um ihn, manche fielen jammernd vor seine Fe auf das Angesicht, andere hoben
die kleinen Kinder in die Hhe, da er sie segne. Auch die Heidenfrauen hrten
seine Worte mit gesenktem Haupt und falteten die Hnde. Er aber sprach die
heiligen Worte der Verkndigung und betete mit lauter Stimme, es ward still im
Raum, und man hrte daneben nur Seufzen der Frauen und leises Weinen der Kinder.
Dann trat er grend zu den einzelnen, segnete jede Mutter mit dem Christensegen
und sprach ihr leise die Bitten vor, welche ihr zumeist am Herzen lagen. Bis der
Alte kam und mit abgezogener Mtze dringend bat: Gefllt dir's, Herr, so folge
mir, damit Herr Ratiz uns nicht zrne. Gottfried trat zu Ingram und rhrte ihm
leise die Schulter. Wo ist das Weib, welches du suchst?
    In den Htten des Rubers, war die klanglose Antwort.
    So la uns gehen, da auch ihr der Gru meines Gottes werde.
    Mit Anstrengung erhob sich Ingram und schttelte die weinenden Knaben ab.
Gottfried fhrte diese zu einem Christenweib, das allein kniete, und sagte ihr:
Was du ihnen tust, tust du dem Herrn, sorge fr ihr Wohl. Als er sich aber zum
Ausgang wandte, drngte sich der verzweifelte Haufe um ihn, sie streckten die
Arme nach ihm aus, faten krampfhaft sein Kleid und wollten ihn festhalten. Und
es half wenig, da der Alte die Armen anherrschte und durch die Peitsche
zurcktrieb.
    Mit schnellem Schritt eilten die Mnner den Hgel hinauf. Ich mu das
Christenmdchen im Hofe des Ratiz sprechen, begann Gottfried, und da der Alte
das Haupt schttelte: Hindere mich nicht, Vater, mir ist's befohlen.
    Ich wage den Zorn meines Herrn, wandte der weibrtige Sorbe ein. Ich
will deinen Lohn verdoppeln, rief Ingram rauh. Meinst du, wir werden dir das
Weib aus der Htte stehlen? Der Alte lchelte und nickte und fhrte sie den
Rand des Hgels entlang, wo im Schutze des Walles eine Anzahl niedriger
Strohhuser stand. Zwanzig Frauen hat Herr Ratiz, und bei einer haust das
fremde Weib, wohl mglich, da er ihr in kurzem eine neue Htte baut, wenn sie
ihm nicht verleidet wird. Ingram stie die Tr auf, aber sein Fu zauderte
einzutreten. Geh voran, raunte er dem Mnch zu. Aber aus dem Gemach rief eine
tiefe Frauenstimme: Ingram, ein junges Weib schritt bei dem Priester vorbei
und fate den Zgernden bei der Hand. Mir ahnte, da ich dich noch sehen wrde,
denn treu war dein Herz unserem Hofe. Und als sie seinen starren Blick sah und
den Schmerz in seinem Gesicht, rief sie: Du Tor, wrde ich sonst mit dir
reden? Da wollte er sie in die Arme schlieen, sie aber entwand sich ihm.
Httest du neben dem Vater gestanden, die Weide htte uns nicht geschnrt. Auch
jetzt sehe ich dich anders vor mir, als ich dachte. Wo sind die Speere der
Landgenossen, welche sich die Weiber und Kinder ihrer Freundschaft
zurckfordern? Nicht mich meine ich, denn ich frchte, meine Tage sind gezhlt,
aber die Brder meine ich, den Haufen der Weinenden, die auf dem Stroh harren,
bis der Sklavenhndler sie in die Fremde treibt.
    Mit diesem komme ich, um wegen der Lsung zu handeln, antwortete Ingram,
auf den Mnch deutend.
    Erstaunt sah das Weib in das fremde Jnglingsgesicht, und als Gottfried die
Hand erhob, das heilige Zeichen zu machen, da beugte sie sich langsam nieder,
bis sie auf dem Boden kniete, und sprach das Bekenntnis des Christenglaubens.
Segne mich, heiliger Mann, und bitte fr mich. Ja, bitte fr mich! rief sie
mit pltzlichem Ausbruch bitteren Schmerzes, da ich Erbarmen finde, wenn ich
tue, was dem Herrn mifllt. Gebetet habe ich und mich bereitet, wie meine
Mutter mich's gelehrt.
    Gottfried segnete sie. Ich allein bin der Richter, spricht der Herr, und
alle Rache ist mein, mahnte er leise. Sie erhob sich stumm und wandte sich
wieder zu Ingram: Selten verlt mich die Hterin, schon zankt sie drauen mit
dem Weibart. Lebe wohl, Ingram, beide hoffen wir auf die Lsung durch dich oder
mich. Ein ehrlicher Freund warst du, denke knftig mein und wisse, da ich dir
zuweilen verhehlt habe, wenn ich dich lieber kommen als gehen sah. Willst du mir
noch einen Freundesdienst tun? Mhselig ist es, Herdholz zu spalten, wenn das
Messer fehlt, die Weiber hier haben mir alles genommen. Sie sagen, der Freund
soll dem Freunde nichts schenken, was schneidet. Du aber schenke mir, wenn du
willst.
    Ingram ri sein Messer vom Grtel, sie barg es in ihrem Kleide und kte ihn
auf die Stirn, wie man ein geliebtes Kind beim Abschiede kt. Er sprang hinaus,
wo der Mnch seiner wartete, stie an die Frau des Ratiz, die er nicht sah, und
hrte die Schmhungen nicht, die sie hinter ihm herrief. Es war ihm jetzt alle
Rede der Menschen wie Gezwitscher der Vgel.
    Whrend sie der Halle in der Mitte des Hofes zuschritten, berhrte ihm
Gottfried den Arm: Du bist auer dir und hrst nicht meine Worte, und doch tut
es not, da wir uns zum Kauf rsten. Denke daran, wie wir die Lsung bieten.
    Bei meinem Haupt, rief Ingram, jede Lsung ist mir verhat auer einer,
da ich mit dem Ruber kmpfe, Eisen gegen Eisen.
    Doch zu freundlichem Loskauf bewahre ich dir noch den Becher.
    Besser wird der Zauber des Christengottes in deiner Hand wirken als in
meiner, versetzte Ingram finster, denn mir scheint, er ffnet dir die Herzen,
da sie alle dich mehr ehren als einen Krieger.
    Sie traten in die Halle, ungeduldig rief ihnen Ratiz entgegen: Euch war
mhsam, die Gefangenen zu zhlen, lstig ist der Iltis im Hhnerhofe, jetzt gilt
es zu kaufen, wenn ihr in Wahrheit als Hndler kommt und nicht als Spher.
    Als Bote komme ich, versetzte Gottfried, du weit das, denn du selbst
hast durch Meginhard, den Priester, mich von meinem Herrn, dem Bischof, erbeten.
Und Herr Winfried sprach, da ich schied: Mir ziemt nicht, wie ein Hndler mit
dem Helden Ratiz um den Kaufpreis zu markten. Aber ein Knigsgeschenk will ich
ihm bieten gegen die Gefangenen seines letzten Zuges, und meinen guten Willen,
wenn er ihn begehrt, gegen den seinen, Gabe um Gegengabe in freundlichem Tausch.
Und Held Ingram soll der Bote des Geschenkes sein. Gottfried zog die Kapsel aus
dem weiten Gewande und lste die Hlle.
    Ingram hatte allmhlich doch an dem Gesprch Anteil genommen, jetzt trat er
zu dem Mnch und sagte schnell: Gib ihn nicht aus der Hand; wer den Vogel
verkauft, mu ihn festhalten, da er nicht entfliege. Er fate den Becher und
hielt ihn dem Sorben hin. Sieh zu, wie das Prachtstck aus einem Knigsschatz
neben deinem Metkrug stehen wird. Der Sorbe vermochte einen lauten Ausruf des
Vergngens nicht zu bergen, als er das glnzende Metall und die Figuren sah;
auch seine Gesellen drngten sich um den Becher, Kopf an Kopf, summten einander
ins Ohr und lachten ber die kleinen Gestalten darauf. Ehrwrdig ist Winfried,
der Bischof, weil er mir solche Gabe sendet, rief Ratiz, gestatte, Held
Ingram, da ich prfe, wie schwer sie ist.
    Meine Hand bleibt darber, Sorbe, sagte Ingram, noch ist der Becher
mein.
    Noch ist er dein, besttigte Ratiz nachdenkend und wog mit der Hand. Er
rief den Sprecher mit weiem Bart. Dieser nahm vor dem Becher achtungsvoll die
Mtze ab, besichtigte ihn unter Ingrams Hand genau und berhrte ihn mit der
feuchten Zunge von innen und auen, holte sein Messer hervor und machte einen
Einschnitt in den unteren Rand, um nach dem Bruch zu sehen, dann sprach er leise
zu seinem Herrn.
    Und dies ist die Bedingung fr das Geschenk des Bischofs, fuhr Ingram
fort, du gibst zuerst in unsere Hnde ungeschdigt Walburg, die Tochter
Willihalms, des Franken, den du erschlagen hast, und ihre zwei Brder, zum
zweiten die anderen Gefangenen eurer letzten Beutefahrt vom ltesten bis zum
jngsten, und zum dritten Goldfeder, das Pferd Willihalms, und zwei gute Rinder
als Reisekost fr die Erledigten.
    Bei dem Namen Walburg fuhr der Sorbe auf, doch bndigte er seinen Unwillen,
sah prfend auf seine Gesellen und sprach: Sehr selten ist das Silber aus dem
Knigsschatz, das ihr uns gezeigt habt, wenn es auch nur im Innern golden ist.
Gefllt es euch, ihr Franken, so rumt auf kurze Zeit die Halle, damit wir in
Ruhe beraten.
    Gottfried bemerkte, da er den Becher klter ansah, den Ingram im Angesicht
der Sorben hoch in die Hhe hielt. Der Thring barg das Gert in der Kapsel, und
die Boten traten ins Freie. Jetzt sinnen sie auf Hinterlist, rief Ingram
verchtlich.
    Sie scheuen meinen Herrn Winfried, versetzte der Mnch ruhig. Ich lobe
dich, da du die Rinder erbeten hast, denn schwer wre es, dreiig und ein
Menschenhaupt in den Bergen zu speisen. Aber wozu forderst du das Ro?
    Frwahr als ein unkriegerischer Mann fragst du: hoffst du, da Willihalm in
dem Grabe, das ihr ihm geschaufelt, Ruhe finden wird, wenn ein Sorbe auf seinem
Leibro reitet? Soll er zu Fu wandeln ber den Wolkenstieg, und wenn die Helden
in der Nacht reiten, hinter ihnen herlaufen wie ein Trobube?
    Gottfried bekreuzigte sich. Im Himmel der Christen bedarf es eines
Rogespenstes nicht.
    Er war ein Kriegsmann, wenn er auch Christ war, versetzte Ingram stolz.
Was aber will der Slawe von der Gunst deines Bischofs?
    Vielleicht will er Grenzgraf der Franken werden und ber dem Sorbendorf
seine Burg bauen, versetzte Gottfried lchelnd.
    Ingram stie einen Fluch aus. Und ihr mchtet ihm dazu helfen?
    Du weit, da er Christen erschlagen und geraubt hat, antwortete
Gottfried.
    In der Halle war lange Beratung und heftiger Zank der Mnner. Endlich lud
der Weibart zum Eintritt. Wieder hob Ingram den Becher empor, aber die Sorben
wandten die Blicke ab. Ratiz begann: Unmig sind die Gaben, die ihr fr euren
Bischof fordert, aber meine Edlen wollen Spende um Spende geben, ohne viel zu
schatzen. Die Gefangenen, welche noch nicht geteilt sind, sollt ihr als
Gegengabe nehmen, dazu ein Rind, dreijhrig, von fetter Weide. Nur zwei Hupter
weigern wir euch, Walburg und Goldfeder, den Falben. Die Magd ist ein
Ehrengeschenk meines Volkes fr mich, und das Ro steht im Stalle des Helden
Slavnik, welcher mir der nchste ist an Ehren und Schlachtenruhm. Ihr bringt das
Geschenk nach eurer Wahl, wir senden das unsere ebenso.
    Herr Winfried hat mit seiner Hand den Leib des Franken Willihalm bestattet
und an seinem Grabhgel gelobt, fr die Kinder zu sorgen, antwortete Gottfried,
bedenke, Herr, du wrdest ihm nicht freundlichen Sinn erweisen, wenn du das
Christenweib zurckhieltest.
    Nur um des Weibes willen nahm ich den Becher von dem Fremden und lie mir
gefallen, seinen Boten zu geleiten, und vor den anderen suche ich das Weib bei
dir, rief Ingram zornig.
    Darum also bist du in das Haus meiner Frauen gedrungen, versetzte der
Sorbe lauernd. So hre meine letzten Worte: die Knaben entsende ich dem
Bischof, das Weib bleibt mein. Widerstehst du dem Tausch, dann enthebe dich mit
dem Becher, zu lange hast du in unserem Lager geweilt, und achte darauf, da du
ihn wohlbehalten heimwrts bringst. Ohne Geleit bist du gekommen, und ohne
Geleit scheidest du.
    Was sinnst du auf heimlichen berfall im Walde; frchten die Sorben den
Kampf auf offnem Felde? rief Ingram. Hier stehe ich, du listiger Mann, und
erbiete mich, um das Weib zu kmpfen gegen jeden deiner Krieger, ja gegen zwei.
Stelle gegen Ingraban und den Raben zwei deiner besten Krieger auf den strksten
Sorbenrossen, und die Gtter walten des Sieges.
    Auf diese Herausforderung sprangen die Sorbenkrieger von ihren Bnken, und
ihr Geschrei schwirrte durch die Halle, aber der Huptling zwang sie mit einer
Handbewegung auf die Sitze zurck und versetzte: Manche rhmen die Kraft deines
Armes, aber durchaus nicht rhmen kann ich den Sinn deiner Rede. Tricht wre
ich, wenn ich meine Krieger auf das Kampffeld senden wollte, um etwas zu
erwerben, was ich bereits durch Speer und Ro gewonnen habe. Und wenig Ehre wre
es meinen Helden, wenn sie um eine kauernde Sklavin im Ringe kmpften. Einen
anderen Kampf biete ich dir, der im Frieden besser geziemt. Ich hre, da du des
Bechers kundig bist, wie dem Manne gebhrt, auch mich hat nicht leicht ein
Gegner beim Trinkkruge gefllt. Wohlan, la uns unsere Kraft prfen; du setzest
dein Ro, den Raben, und ich das Frankenweib, der Sieger empfngt beide. Das
scheint mir guter Rat.
    Lauter Beifallsruf erscholl um den Tisch, nur Ingram stand betroffen. Das
Ro gehrt zum Manne wie das Schwert, und unfreundlich wird dereinst der Gru
meiner Ahnen, wenn ich die Zucht meines Rosses in ein Sorbendorf liefere. Das
frchte ich sehr; dennoch setze ich dir zwei Hengste von dem Stamme des Raben,
fnfjhrig und vierjhrig, edler als einer von deinen Gulen. Nur mein
Schlachtro, das mein bester Freund war, wo kein Arm eines Menschen mir half,
das behalte ich zurck.
    Unbekannt sind die Gewinne, die du bietest, und weit ist der Weg zu deinem
Stall. Der Rabe und die Gefangene, beide sind hier im Hofe, das ist gerechter
Wettstreit.
    Ingram stand in heftigem Kampfe. Wohlauf, bei den Schicksalsfrauen meines
Geschlechtes, her die Becher, und der Streit beginne.
    Wieder scholl frhlicher Lrm der Sorben, wie ein Schrei der Teufel klang er
in Gottfrieds Ohr. Ruchlos ist das Becherspiel um ein Menschenleben, rief er
dazwischen tretend.
    Ratiz winkte hflich abwehrend, Ingram aber versetzte unwillig: Wenig Glck
hat mir das Silber deines Bischofs gebracht, weiche von mir, da ich zu meinem
Gott flehe, ob er mir helfe.
    Der Alte trug einen groen Metkrug und zwei Becher zu, beide ganz gleich aus
Maserholz gedreht. Er wies den gefllten Krug und die leeren Becher den
Kmpfern, diese sahen ernsthaft hinein und prften die Gefe. Darauf fllte der
Weibart einen Becher bis zu dem Strich, welcher den Rand bezeichnete, go den
Met aus dem ersten in den zweiten, um die Gre zu erweisen, und rckte zwei
gleiche Schemel ohne Lehnen an den Tisch. Die Helden ergriffen die Becher,
wandten sich abwrts nach der Himmelsgegend, vor welcher sie zu den Gttern
flehten, und murmelten leise das glckbringende Lied. Dann lsten beide die
Waffen von ihrer Hfte, der Slawe gab das Krummschwert einem Genossen, Ingram
aber rief: Allein bin ich in der Fremde, frage, Alter, ob einer unter den
Sorbenkriegern mir ein treuer Schwerthter sein will bis zum Ende des Kampfes.
    Gottfried machte eine Bewegung, aber Ingram wies ihn mit der Hand ab, und
der Mnch trat mit hochgerteten Wangen zurck. Da erhob sich ein junger
Sorbenkrieger von stolzem Aussehen, Ingram sah ihm in das Gesicht und sagte:
Wir sahen uns sonst wohl auf blutigem Felde, Held Miros. Der Krieger gelobte
treue Schwertwache und setzte sich zur Seite hinter Ingram, das Schwert haltend.
Die Kmpfer lieen sich auf den Sthlen nieder, ruhig waren ihre Bewegungen und
gemessen ihre Haltung, denn wer heftig den Sinn regte, der kam bei diesem Spiel
in Gefahr. Und der Weibart rief laut: Auer den Herren, welche auf dem
Kampfstuhl sitzen, schweige jeder, da nicht seine Rede den Sinn der Zecher
verwirre. Den Herren aber ziemt im Kampfgesprch zu bedenken, da jede Wunde,
die ihre Zunge schlgt, verschmerzt sein soll am nchsten Morgen. Darauf rckte
sich der Sprecher einen niedrigen Schemel mitten zwischen die beiden und
wiederholte, was einer sprach, geschickt in der Sprache des anderen. So weich
und gewandt war die deutende Rede, da sie wie ein Lied zwischen den harten
Worten der Kmpfenden tnte.
    Ratiz nahm zuerst seinen Becher, hob ihn und sprach: Zu gleichem Kampfe
bringe ich den Met, Ratiz, Sohn des Kadun, ein Herr in den Sorben, und von der
anderen Seite scholl es zurck: Bescheid tut Ingraban, Sohn des Ingbert, ein
freier Thring. Beide leerten die Becher und strzten sie auf den Tisch. Der
Alte fllte und verbeugte sich tief vor jedem der Herren. Wieder begann Ratiz:
    Schwarz ist der Vogel, nach dem du, wie ich hre, genannt bist, aber wei
ist der Aar, der ber den Zelten meiner Krieger schwebt.
    Ein Reh sah ich liegen am Quell im Walde, und auf ihm sa mit starken Fngen
der Adler und schmauste, aber im Kreise herum krchzte die Schar der Raben und
lauerte auf den Abfall.
    Ingram antwortete: Den Namen erfinden dem Helden die lieben Eltern, und
ungern hrt er den Namen schmhen. Nicht wei ich den deinen zu deuten, denn
selten fragte ich nach deinem Geschlecht, doch rate ich, meide ihn zu gebrauchen
bei meinem Volk, denn er klingt uns wie Ratte, das diebische Tier hinter dem
Mehlsack.
    Versteht ihr nicht Worte der Sorbenkrieger, ihre Schlge habt ihr doch oft
gefhlt.
    Fnf Panzer von Linnen und fnf krumme Schwerter, die Beute der Walstatt,
zhle ich an der Wand meiner Halle, meinst du, da deine Krieger gutwillig sie
boten ohne Hiebe?
    Mancher schleicht sphend beim Mondschein ber die Walstatt, hinter den
Wlfen sucht er den Raub und trgt bleichwangig und zagend die Habe erschlagener
Helden sich heim in den Rauchfang, versetzte Ratiz.
    Ist dir's verleidet, die Gefallenen zu zhlen, die mein Schwert auf dem
Rasen zurcklie, so zhle die Wunden derer, die leben. Mehr als einer von
deinen Kriegern rhmt sich der Narben, die er mir verdankt.
    Grund haben sie alle, dein Schwert zu preisen, spottete Ratiz, denn
leicht heilten die Ritze, und sie lachen der Narben.
    Schnellfige Lufer trifft leise der Schwertschlag, nur wer selbst starke
Hiebe spendet, empfngt das gleiche Gastgeschenk, versetzte Ingram.
    Gut sprichst du, Held, rief Ratiz, denn selbst birgst du nah am Herzen
die Gastgeschenke, welche Sorbenschwerter dir schlugen. Er winkte, sie tranken
und strzten die Becher.
    Wieder fllte der Alte, und hflicher begann Ratiz: Vergebens ist es, dich
Held mit harten Worten zu necken, noch ist der Metkrug gefllt und Zeit zu
freundlicher Rede. La uns rhmen, was jedem das Liebste auf Erden ist. Vor
allem gefllt mir der Herrensitz auf dem Hgel, um mich die Htten der Krieger
und vor mir, so weit das Auge reicht, die Rinderweide, die mein Schwert gewann.
    Was das Schwert gewann, mag das Schwert verlieren; weiter als die
Rinderherde schreitet und die Grenzzeichen ragen, reicht der Ruhm des tapferen
Mannes, versetzte Ingram.
    Ruhm gewinnt, wer Land gewinnt, rief Ratiz.
    Ruhm gewinnt auch, wer sein Heimatland gegen den fremden Einbrecher
verteidigt, antwortete Ingram. Ungleich ist unser Los. Ich stehe auf dem Erbe
meiner Vter, du aber mhst dich um geraubtes Land.
    Hher achte ich den wilden Stier, der mit seiner Herde ber den Erdboden
schweift, als die Jochkuh im Pferch, rief Ratiz.
    Solange die Weisen gedenken, sa mein Geschlecht auf freiem Erbe, sprach
Ingram, du aber kamst ostwrts aus der Fremde und niemand wei woher.
    Mein Volk wei es, versetzte der Sorbe stolz. Dennoch tadle ich deinen
Trotz nicht, denn wohlbekannt ist dein Name bei Freund und Feind. Gefllt dir's,
Held, so verknde uns die Abenteuer, die du erlebt. Er bat so, um dem anderen
die Redelust zu wecken.
    Aber Ingram mied die Versuchung und versetzte: Was ich erlebte, das wit
ihr wie ich, denn mein junges Leben haftete stets in der Heimat, und gewann ich
Ruhm bei den Meinen, so war's nur in den Kmpfen mit euch, weil ich fest stand
neben meinen Freunden und gegen euch als ehrlicher Feind.
    Wieder fllte der Alte die Becher.
    Oft rhmen meine Krieger, begann Ratiz spottend, deine erste Beutefahrt
im Walde, damals als du dem Fuchse gleich nach Honigwaben ins Holz schlichest.
Du hrtest die Bren und krochst hinauf in die ste, unten schmausten die Bren
den Honig, dich aber stachen die Bienen dahin, wo du saest. Und heute noch
hingst du, von den Speeren der Bienen zerstochen, am Aste, htte dich nicht
Bubbo, der Waldmann, erlst.
    Dafr liegen jetzt die Felle der Bren an meinem Herde, versetzte Ingram
lachend. Wie gelang es dir doch damals, Ratiz, mit deiner Heldenfahrt, als du
auszogst auf die Freite, um ein Weib der Thringe zu gewinnen? Die Dorfknaben
berfielen den Hof, in dem du lagertest, und als sie mit Schwertern die Htte
durchsuchten, entfloh deine Schar, du selbst aber bargst dich bedrngt in dem
Backtrog, den die Weiber ber dich strzten, und Weizenteig hing in deinem
Barte, als du schwertlos entrannst. Gern erzhlen unsere Mgde am Herde von
deinem harten Lager unter dem gehhlten Holz.
    Finster packte Ratiz seinen Becher und stampfte ihn auf den Tisch.
Ntzlicher war mir das gelungene Entrinnen als deinen Gesellen das fruchtlose
Suchen. - Er drckte seinen Grimm eine Weile schweigend hinab, dann rief er
hhnend: Hre dafr, was die Wila, die Schicksalsfrau der Sorben, mir einstmals
sang. Und er begann nach der Weise seines Volkes zu singen: Alles wird dir
wohlgelingen auf dem Felde, bei dem Trinkkrug, doch die allergrte Freude
sollst du haben, wenn ein fremder ungeschlachter Hne in dein Lager dringt. Grob
sind seine Worte und Gebrden, als ein armer Schlucker kommt er ungeladen, und
er bettelt um ein Weib fr seinen Herdsitz. Doch du wirst ihn wohl empfangen,
hflich zu dem Becher laden, aber enge ist sein Schdel, Starkes kann er nicht
vertragen. Hast du ihn in Met berauscht, bind ihm klug das Bein mit Seilen,
scher ihm dann das Haar vom Haupte, setz ihn vor die Tr der Halle, da die
Weiber seiner lachen und die Kinder ihn bewerfen.
    Ingram versetzte finster: Ich aber hrte eine Sage erzhlen von Dumling,
dem ruhmvollen Helden, den sie Gernegro nannten. In dem Sandhaufen hhlte er
sich mit den Hnden seine Burg und deckte die Feste mit Stroh, das er von der
Tenne mauste. Er sah von seiner Halle ber die Maulwurfshgel und rhmte sich:
alles ist mein, so weit mein Auge reicht, keinen stattlicheren Helden kenne ich
auf Erden, nur eines fehlt mir zu meinem Glck, ich sende die Boten zum Hofe des
Knigs, da ich Herzog werde ber die Maulwrfe und Muse des Feldes. Da kam ein
Bauer, und mit hartem Fu zertrat er unversehens die Burg, und Held Dumling
entfloh in ein Rattenloch und wand die Hnde in Kummer.
    Der Sorbe fuhr mit der Hand nach der Schwertseite und griff heftig umher,
als er die Waffe nicht fand; Ingram aber lachte laut ber das vergebliche
Suchen.
    Wieder und wieder fllte der Alte. Dem Ratiz schwammen die Augen, und seine
Hand wurde unsicher, wenn sie den Becher fate. Er merkte die Gefahr und dachte
schlau darauf, den Gegner zu verwirren. Lustig sitzen wir hier im Gefecht der
Zungen, lieblicher schlrft sich der Met, wenn wir mit unseren Augen auf das
Weib schauen, welches der Preis des Siegers sein wird. Fhrt das Frankenweib
her, da wir uns am Anblick ergtzen. Zwei seiner Genossen sprangen auf und
eilten der Tr zu.
    Ingram schlug auf den Tisch. Unbillig strst du das Spiel, denn traurig ist
es mir, die Tochter eines werten Mannes als Sklavin unter den Feinden zu
schauen.
    Lsen willst du sie doch, du starker Zecher, hast du Kraft, so erweise sie
jetzt. Umbindet ihr nicht die Hnde mit den Weiden, damit der Gast sie ohne
Krnkung der Seele betrachte.
    Ingram sah finster vor sich nieder, und schwer wurde ihm das Haupt; die
Mnner schritten hinaus und fhrten das Mdchen in die Halle der Schweigenden.
Walburg blieb an der Tr stehen, und ihr Blick umwlkte sich, als sie auf Ingram
sah, auf die Trinker und die gleichen Becher. Tritt nher, Frankenkind, begann
Ratiz, denn um dich geht der Streit, ohne Schwertkampf der Helden sollen die
Gtter entscheiden. Im Maserholz schwenken wir deine Lose, ob du heimziehst mit
Held Ingram, oder ob ich dir eine Htte baue und ein Lager darin breite fr dich
und mich, wie ich hoffe.
    Emprt rief das Mdchen dem Thring zu: Einen besseren Helfer habe ich mir
erkoren, schmachvoll wre mir die Lsung durch den Trinkkrug. Denke nicht,
Ingram, dir ein Weib durch Met zu gewinnen, be den Heidenbrauch um
Sorbenmdchen, nicht um mich. Sie wandte ihm den Rcken, trat in die Ecke, in
welcher Gottfried sa, kniete an seiner Seite nieder und verbarg das Gesicht mit
den Hnden. Heie Rte stieg in das Gesicht Ingrams, da sich das Weib verachtend
von ihm wandte, undeutlich merkte er das hhnende Lachen der Slawen, er erhob
sich vom Stuhl und rief in ausbrechendem Zorn. Falsch war das Spiel, und
verflucht sei der Becher, den ich noch trinke. Er schleuderte den Becher auf
den Boden, und zugleich mit dem Holze sank er selbst in schwerem Fall. Wilder
Jubelschrei der Sorben durchtnte die Halle, sein Helfer, welcher das Schwert
gehalten, trat zu ihm und gebot: Tragt ihn unter mein Dach, damit ich ihm meine
Treue erweise und ihn bei seiner Waffe bewahre.
    Ratiz aber erhob sich siegreich in trunkenem Mut und schritt auf das
Frankenmdchen zu. Mein bist du, doppelt gewonnen ist die rundliche Wange, und
mein sollst du bleiben, nicht denke ich mit der Vermhlung zu sumen. Auf, fhrt
sie zur Htte und ladet den Snger, da er das Brautlied spiele.
    Dicht vor ihm erhob sich von den Knien die Jungfrau, bleich war ihr Gesicht
und hart der Blick, den sie auf den Huptling warf. Niemand vermchte dich zu
retten vor meiner Hand, rief sie, du Untier, das kaum den Vater gefllt hat
und jetzt Unehre ber die Tochter bringen will. Danke deinem Glck, da ein
Heiliger neben mir steht. Du rhmst meine glatte Wange, sieh her, ob sie dir
noch gefllt. Blitzschnell fuhr sie mit dem Messer aus dem Gewande, hielt es
ihm entgegen, da er zurckfuhr, schnitt mit dem Stahl sich eine klaffende Wunde
in die Wange, da ihr Blut herunterstrmte, und hob den Stahl wieder gegen sich
selbst. Da sprang Gottfried herzu und entri ihr die Waffe. Ratiz stie einen
schweren Fluch aus und packte den Metkrug, um ihn gegen das Weib zu werfen, aber
auch er taumelte und strzte zu Boden, bermannt vom Met und vom Zorn. Die
Sorben sammelten sich um ihren Huptling, und Gottfried fhrte mit Hilfe des
Weibarts die wunde Jungfrau nach ihrer Htte, dort suchte er das strmende Blut
zu stillen und mit dem Sorbenweibe die klaffende Wunde zu binden.

In der Htte des Miros sa spt am nchsten Morgen Ingram, das Haupt in der
Hand, und seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Auf dem Scho hielt er
das Schwert, welches sein Gastfreund ihm in die Hnde zurckgelegt hatte. Miros
stand vor ihm und erzhlte von dem letzten Ausgang des Gelages und von der Wunde
des Weibes. Sie htte den Faden ihres Lebens durchschnitten, denn ihr Sinn war
wild, als der fremde Bote ihr das Messer entwand. Unntz war die Mhe, das
Messer wre ihr rhmlicher gewesen, als die Keule des Ratiz sein wird.
    Ingram zuckte und griff nach seinem Schwert. Was wrdest du tun, wenn dir
ein gefangenes Weib mit dem Messer drohte? fragte Miros. Ingram nickte
besttigend mit dem Kopf. Wre sie tot durch rhmliche Tat, die sie selbst an
sich vollbracht, und wre der Ratiz durch mein Schwert erlegt, dann wre ich
wieder frei und knnte lachen, murmelte er. Jetzt aber bedrngt mich der
Zauber, den die unholden Christenmnner durch ihren Gesang und durch ihr Silber
auf meinen Weg geworfen haben. Darum hat mir der Gott, der des Trinkhorns
mchtig waltet, seine Hilfe versagt. Auch ihn hhnten die Riesen durch ihre
Wunder, und ruhmlose Kmpfe mute er ausfechten. Mir ist das Leben verleidet,
und die Heimkehr begehre ich wenig.
    Bleibe bei uns, riet der Sorbe teilnehmend, und gewhne dich an unseren
Brauch, dann baut dir Herr Ratiz eine Htte, und wenn du das Weib mit der
zerrissenen Wange noch begehrst, so ist mglich, da er dir sie schenkt, damit
sie deinen Mhlstein drehe.
    Ingram lachte: Knntet ihr vergessen, da ich eure Krieger erschlug? Wrde
doch mein Schwert aus der Scheide springen, wenn es neben einer Sorbenkeule
hinge. Wie kann Friede dauern zwischen euch und mir? Nein, Miros, anders raten
mir die Schicksalsfrauen. Und du meinst, da er sie tten wird?
    Wie kann er anders?
    So sage ihm, da ich ihn zum Kampf fordere auf der Heide zwischen eurer und
unserer Mark auf den sechsten Tag von heut.
    Sage selbst solche Botschaft, wenn du Lust hast aus dem Sonnenlicht zu
scheiden, auch du stehst unter seiner Hand, und wenn er dich entlt, so wei
er, da ein Todfeind frei von ihm reitet. Denke vor allem an das eigene Heil!
    Du sprichst verstndig, friedlich will ich von euch gehen oder gar nicht.
Die Gtter mgen auch mir das Los werfen. Der Becherkunst ist dein Herr mchtig,
wie ich sehe, la ihn versuchen, ob er auch das Wrfelspiel versteht, sein
Schicksal gegen das meine. Geh, mein Wirt, und trage ihm eine Botschaft, die er
annehmen mag oder nicht nach seinem Gefallen. Noch einmal messen wir uns in
friedlichem Kampf, wie der Wrfel fllt, den unsere Hnde gleiten lassen, um
alles oder nichts; er setzt in das Spiel das Weib und mein Ro, das er gestern
gewonnen, und ich -
    Und du?
    Mich selbst, ob ich frei davon reite oder als sein Gefangener hierbleibe,
bis gtliche Schatzung vereinbart wird, welche mich lst, nach Brauch der
Grenze. Der Sorbe trat zurck. Er ffnete sein Hemd und wies eine Narbe. Du
weit, wer mir diesen Schlag gab, denke daran, Held; unrhmlich wre mir zu
sagen, da ein Knecht die Wunde geschlagen hat.
    Ingram reichte ihm die Hand. Geh doch, Fremdling, tief bin ich verstrickt,
und meine Stunde ist gekommen, wo ich die Hohen fragen will, ob sie retten oder
verderben.
    Der Sorbe ging unzufrieden hinaus, Ingram legte das Haupt auf den Tisch.
Seit der Fremde den Mhlstein unter dem Baume heraufscharrte, ist das Glck von
mir gewichen, und der Segen, den die Ahnen mir hinterlassen, hat seine Kraft
verloren. Eine hat sich zornig von mir gewendet, ich aber will prfen, ob ich
noch die Kraft habe, sie durch meine Beschwrung zu gewinnen, oder ich will ihr
Los teilen.
    Drauen klang der Tritt bewaffneter Mnner. Ratiz trat ein, begleitet von
einem Teil seiner Krieger. Ihm lagen die Augen noch tief im Kopf, und heiser war
seine Stimme, als er sprach: Du kamst als ein eifriger Spieler. Den ersten
Kampf bot ich, den zweiten bietest du. Frwahr, hoch achtest du dich selbst,
lieber mag ich das Weib und das Ro als dich, und ungern tue ich deinen Willen.
Aber meine Krieger fordern, da ich dein Spiel nicht zurckweise. Dein Einsatz
gilt, Ro und Weib fr dich oder du fr mich, ein Wrfel und ein Wurf.
    Weib und Ro, beide unversehrt zur Stelle fr mich, oder mein Lsegeld fr
dich, so wie mich deine Krieger ehrlich schatzen, versetzte Ingram.
    Wir werden dich ehren als Krieger, wenn wir dich schatzen, besttigte der
Huptling. Beide wollen wir's geloben. Die Mnner faten an ihre Schwerter und
sprachen den Eid. Hast du einen Mann, fuhr Ratiz fort, dessen Wrfel du
vertrauen kannst, wie ich ihm vertraue, so nenne den Namen.
    Mein Wirt Miros, antwortete Ingram.
    Miros trat in eine Ecke der Htte, holte den Wrfel aus dem Kasten und
stellte ihn auf den Tisch, einen Holzbecher dazu. Ehrlich ist der Wrfel und
ehrlich sei das Spiel, sagte Miros, und jeder, der hier steht, gelobe dem
Sieger treue Erfllung.
    Die Mnner schwuren, die Kmpfer traten beiseite und sprachen leise ihre
Beschwrung. Der das Spiel gefordert hat, tue den ersten Wurf, gebot Miros. Er
legte den Wrfel in den Becher und bot ihn Ingram. Das Angesicht des Thrings
war bleich und ebenso das des Ratiz, Stille war in der Htte, und alle starrten
auf den Tisch. Ingram schttelte und warf. Fnf, rief Miros. Ein guter Wurf,
sprach Ratiz, er nahm den Becher, schttelte und warf. Sechs, rief Miros. Ein
gellender Siegesruf, der weit ber das Tal zog, erscholl in der Htte, alle
traten von Ingram zurck. Er stand einen Augenblick mit geneigtem Haupte, dann
lste er sein Schwert und warf es auf den Boden. Ratiz legte die Hand auf ihn:
Mein Knecht bist du, holt die Weide und bindet ihm die Hnde.
    Vor der Htte des Ratiz, in welcher Walburg lag, sa der Mnch. Vor ihm
tummelten sich wilde Gesellen mit den Rossen, die sie aus den Stllen gezogen
hatten, und ansehnliche Sorbenkrieger eilten einzeln oder in kleinen Haufen zu
der Halle des Huptlings. Aber gleichgltig sah der Mnch auf dies fremdartige
Kriegertreiben; er hatte die Nacht vor der Htte gewacht, zuweilen war er
eingetreten und hatte die Slawenfrau geweckt, welche neben dem Lager der
Verwundeten lag, da sie die Wunde mit kaltem Wasser netze, oder er hatte der
Fiebernden einen Trunk gereicht und leise an ihrem Haupt gebetet. Jetzt
schauerte sein erschpfter Leib in der warmen Morgensonne, aber seine Gedanken
flogen unablssig zu dem Christenmdchen in der Htte. Zum erstenmal in seinem
Leben hatte er um ein Weib zu sorgen, er fhlte darber eine wonnige Freude,
lchelte vor sich hin und sah dann wieder ernsthaft und demtig nach der Hhe.
    In der Nhe hrte er Eisengeklirr und schnellen Tritt, Ratiz stand mit
seinem Gefolge vor ihm in Waffen, zum Auszug gerstet, unter den Kriegern
Ingram, waffenlos mit gesenktem Haupt, die Arme durch starke Weiden auf den
Rcken gebunden. Ratiz wies auf die Sonne. Weit ist dein Weg, junger Bote, und
widerwrtig ist dein Anblick meinem Volke. Das Spiel, welches in meiner Halle
begann, ist beendigt. Sieg und Ruhm haben mir die Gtter verliehen. Dennoch will
ich dir halten, was ich dir gestern bot, wenn du deinem Bischof mich rhmen
willst. Gib mir das Silber und nimm die Gefangenen.
    Willst du jetzt die Antwort des Bischofs auf deine Frage hren?
    Sprich, antwortete Ratiz, ich und meine Edlen, wir hren.
    Du begehrst Gesandte an den Hof des Helden Karl nach dem Westland zu
senden, und du begehrst, da mein Herr, der Bischof, ihnen Geleit werbe und
geziemenden Empfang bei dem Frankenherrn. Habe ich recht deine Meinung gesagt,
so besttige mir sie vor diesen.
    Seine eigene Sorge hat jeder Tag, versetzte der Sorbe, viele Monde ist's
her, da ich nicht an die Gesandtschaft dachte, meine Krieger frchten nicht die
Macht der Franken, wo sind ihre Heere, wir sehen sie nicht.
    Hast du deinen Sinn gendert, dann bin ich der Rede enthoben. Er trat zur
Seite, Ratiz aber begann einlenkend: Auf scharfer Waage wgst du die Worte,
Fremder, noch ist es mglich, da mir's gefllt, die Boten zu entsenden,
vielleicht auch nicht.
    Gottfried schwieg.
    Will der Mann, den sie Winfried nennen, mir Brge werden, da meine Krieger
am Hofe des Frankenherrn freundlichen Empfang finden und Gewhr ihrer
Forderung?
    Nein, versetzte Gottfried nachdrcklich. Deine Forderung kennt mein Herr
nicht, wie kann er Frsprech werden? Zu gewhren und zu versagen steht allein
bei Herrn Karl, nur da seine Boten das Ohr des Frsten erreichen, dazu kann er
helfen, und ob er dazu helfen wird, das steht bei dir. Auf seinem Wege sah er
brennende Hfe und erschlagene Christen.
    Du bist ein Fremder und unkundig des Grenzbrauches, versetzte der Sorbe
mit querem Blick, nur Notwehr ben wir und Vergeltung. Auch unsere Krieger
liegen erschlagen, und unertrglich sind die Frevel der Franken.
    Du klagst ber Unrecht der Franken, ebenso der Franke ber das eure, der
groe Gott im Himmel allein wei, wer den greren Frevel gewagt hat. Jetzt aber
suchst du das Ohr des Frankenherrn. Wie mag Herr Karl anders urteilen als sein
Volk? Und du suchst die gute Meinung eines Bischofs der Christen, auch der
Christ sieht das Unrecht, das den Bekennern seines Glaubens zugefgt ist. Ich
kann nicht gehen, Herr, ohne das Weib in der Htte und ohne meinen Gefhrten,
den ich schwertlos und gebunden sehe.
    Er war dein Gefhrte, jetzt ist er mein eigener Knecht. Sein Wille war's,
verspielt hat der Narr sein Ro und sein Schwert, und in Banden harrt er des
Schicksals, das wir ihm fgen.
    Ein leiser Seufzer Ingrams wurde gehrt, zitternd schwand der Ton in der
Morgenluft, aber aus der Htte klang ein lauter Schrei der Frau. Ratiz herrschte
den Gebundenen an: Rede, Knecht, damit der Mann, der dich gesandt hat, nicht
deinetwegen von unserem Vertrag weiche. Ingram wandte sich ab, aber er senkte
besttigend das Haupt.
    Die Sorge fr ihn und das Weib ist mir auf die Seele gelegt, rief
Gottfried, wie soll ich vor das Antlitz dessen treten, der mich zu dir gesandt
hat, wenn ich sie nicht mitbringe?
    Habe ich nicht schon vorher einen Mann deines Bischofs ohne Losung
entlassen? rief Ratiz zornig dagegen, und auch du stehst noch unverletzt vor
mir. Weit du nicht, du Tor, wenn ich meine Hand aufhebe, so springen meine
Krieger auf dich und schlen mit ihren Messern dein geschorenes Haupt.
    Mein Schicksal steht nicht in deiner Hand, sondern in der Hand meines
Gottes, versetzte Gottfried mutig. Tue was du darfst, binde mich, tte mich,
wenn dein wilder Sinn dich dazu treibt, aber freiwillig verlasse ich diese Hhe
nicht ohne die Gebundenen.
    Ratiz stie einen Fluch aus und stampfte mit dem Fu. So lasse ich dich
durch meine Krieger an den Grenzzaun fhren und hinberwerfen, du hartnckiger
Tor.
    La sie frei und behalte mich zurck als Knecht oder als Opfer, wie du
willst.
    Unsinnig wre der Tausch, ein junges Weib und einen Krieger gegen dich, der
nicht Mann und nicht Weib ist.
    Gottfried erblich, aber in strenger Zucht gewhnt sich zu bezwingen,
antwortete er: Verachtest du den Boten, so hre um deiner selbst willen die
Botschaft. Mit einem Volksheer zieht der siegreiche Frankenfrst gegen seine
Feinde heran, schon lagert er unweit der Werra; einen neuen Grafen hat er in das
Land der Thringe gesandt, die Grenze zu wahren. Suchst du in Wahrheit
Vershnung und Friede mit dem Frankenherrn, so magst du eilen, deine Gesandten
in sein Lager zu schicken.
    Ratiz stand betroffen und sprach heftig zu dem Weibart, der ngstlich
schnelle Fragen des Sorben und die Antworten des Mnches deutete. Als Ratiz zur
Seite schritt und leise mit seinen Kriegern verhandelte, trat Gottfried zu
Ingram: Was zrnst du mir, armer Mann, wende dich nicht von mir ab, denn treu
ist meine Meinung.
    Ingram sah dster auf ihn, aber auch seine Stimme klang weich, als er
antwortete: Du hast mir Unglck gebracht, denn du hast meinen Zornmut erregt.
Deine Hilfe begehre ich nicht, und fruchtlos ist alles, was du fr mich
versuchst. Lse das Weib und sage ihr, wenn du willst, da lieber ich selbst sie
gelst htte. Nimmer nderst du mein Geschick. Als ein Unsinniger habe ich mich
treulosem Volk ergeben, denn Bses weissagt mir der Blick des Sorben und die
Freude seines Gesindes. Siehe zu, da du mir Wolfram, meinen Mann, sendest, denn
sie bereiten sich mich zu schatzen; damit ich ihn noch vor eurer Fahrt
unterweisen kann, wenn sie redlich an mir handeln. Und werden sie zu Bsewichten
an mir, dann sage noch dem Weibe und den Freunden daheim, da die Weiden der
Sorben mich nur binden, solange ich will. Bevor sie mich zum Knechtesdienst
zwingen, gewinne ich mir ein blutiges Zeichen auf Haupt oder Brust, damit ich
aufwrts fahre und meine Ahnen mich erkennen. Du aber weiche von mir und wandle
deinen Pfad, ich suche wohl allein den meinen.
    Der Mnch trat zurck, die Trnen flossen ihm aus den Augen, als er vor sich
hin sagte: Verzeihe ihm, Herr, und erbarme dich seiner.
    Die Beratung der Sorben war zu Ende, Ratiz sprach mit finsterer Miene zu
Gottfried: Damit dein Herr erkennt, da meine Krieger hochsinnig denken, so
nimm das Weib mit der zerrissenen Wange zu dir auf deinen Weg. Groe Ursache
hast du, Jngling, meine gute Gesinnung zu rhmen, ziehe hin mit den Gefangenen
und la den Becher des Bischofs zurck. Sprich kein Wort weiter, fuhr er mit
ausbrechendem Zorn fort, teures Geschenk bezahle ich fr deine Reise, fahre
dahin und sage deinem Bischof, gleiche Treue erwarte ich von ihm, wenn meine
Boten zu ihm kommen. Er wandte sich mit stolzem Gru ab und winkte seinem
Gefolge. Der Weibart und Miros blieben zurck, die anderen traten um Ingram.
Ohne sich umzusehen, kehrte dieser der Htte den Rcken, der Mnch sah ihm nach,
bis seine hohe Gestalt zwischen den Sorbenkriegern in der Halle verschwand.

                                  Die Heimkehr


Auf dem Saumpfad, der dem Waldgebirge zufhrte, wallte eine waffenlose Schar.
Voran ging ein schlanker Knabe, das Holzkreuz tragend, welches er aus zwei
Stben zusammengefgt hatte, hinter ihm leitete Gottfried den Haufen der Kinder.
Das goldene Haar der Kleinen flatterte in der Morgenluft, barfig stapften sie
vorwrts, die Bckchen gertet und die Augen blau wie der Himmel. ber ihnen
flogen die Lerchen, und zur Seite schwebten die Bienen und Schmetterlinge; alle
Wegblumen und Grser des Tals hoben und neigten sich unablssig grend im Winde
gegen sie. Hinter den Kindern zogen die Frauen, welche dem Kreuz angehrten,
halb entblte Gestalten, die Hupter gesenkt, die Gesichter vergrmt, manche
von ihnen trug auf den Schultern ihr kleines Kind. Mitten darunter sa auf dem
Ro des Priesters Walburg, das Antlitz dicht verhllt. Der Mnch begann eine
lateinische Hymne, feierlich zog der Gesang in die wilde Landschaft, die Frauen
und Kinder drngten sich nher heran und sangen am Ende jeder Strophe, sich tief
verneigend, das heilige Kyrie eleison, denn mehr vermochten sie nicht; aber aus
bewegten Herzen kam der Anruf, und oft rangen sie die gefalteten Hnde. Hinter
der Christenheit wandelte ungern die Kuh, der Schatz des Haufens, welchen Miros
den Abziehenden mitleidig gespendet hatte. Das Rind schied Christentum und
Heidenschaft, denn bei ihm liefen die Heidenfrauen mit ihren Kindern, und eine
von ihnen, Gertrud, eine hochgeschrzte Magd, hielt zur linken Seite des Rindes
den Strick und schwenkte den Stab. Aber die Heidenkinder blieben nicht auf der
Bahn, sondern fuhren wild umher und suchten nach Wurzeln auf der Wiese, nach
Beeren und Pilzen im Gehlz. Als letzter kam Wolfram geritten, der spter als
die anderen das Lager des Ratiz verlassen hatte, er scheuchte die Sumigen
vorwrts und trabte den Zug entlang bis zur Spitze, Ausschau zu halten. Ich
lobe deine Kunst, dies barfige Volk zusammenzuhalten, begann er zu dem Mnch,
du wirst sie noch gebrauchen. Drei Tage lang fahrt ihr mit Kinderschritten
durch die Bergwildnis, und wenn du zu den ersten Husern der Landsleute kommst,
magst du kalten Empfang finden.
    Ich vertraue deiner Hilfe, versetzte Gottfried, in das gutherzige Gesicht
blickend.
    Wolfram rusperte sich stark. Einer ist hinten geblieben, und mir ist die
Haut nher als das Hemd.
    Willst du zu den Sorben zurck und diese im Walde verlassen? fragte
Gottfried erschrocken.
    Der Mann beantwortete die Frage nicht. Er war immer jh und unbedacht,
sagte er, und doch lebt keiner, der ihn beim Metkrug berwindet. Einem Betrger
ist er arglos verfallen, der Becher des Ratiz hat ein Geheimnis, die Sorben
erzhlten es am Feuer und lachten. Wenn der Gaukler mit dem Finger an den Becher
drckt, so luft der Met in eine Hhlung ab, und wenn der Schenk wieder drckt,
luft der verborgene Trank in den Becher zurck. Der eine trank nur die Hlfte,
der andere das Ganze. Voll von Listen sind diese schmutzigen Zwerge, und durch
List haben sie ihn bewltigt. Beim Becher verloren, beim Wrfel verloren und mit
Weiden gebunden, das ist zu viel fr ihn. Manchen Schlag wird er schlagen
mssen, bevor er seinen Stolz wieder findet. Und darum will ich zu ihm, hat er
gespielt, so spiele ich auch, ihn zu lsen oder ihm zu folgen; denn bei uns ist
ein Spruch: wie der Herr, so der Knecht.
    Gottfried wechselte mit ihm einen Blick des Einverstndnisses: Hebe mir
einen Zweifel; wenn dir gelingt, dem Unglcklichen die Bande zu lsen, bist du
sicher, ob er dir in die Flucht willigen wird? Er selbst hat sich freiwillig der
Freiheit entuert, von einer Schatzung sprach er, die ihn entledigen msse, und
doch sah er aus wie einer, der an seinem Geschick verzweifelt.
    Mein Wirt hlt die Treue, wie wenige im Lande, antwortete Wolfram, aber
wenn er entrinnen kann, wird er nicht sumen. Weit du denn nicht, und haben die
Sorben dir es verborgen? Ein schmachvolles Urteil haben sie ber ihn gefunden,
als sie in der Halle Rat hielten. Denn ihr Spruch ist gefallen, da sie ihn bei
ihrem nchsten Hochfest ber den Opferstein beugen wollen als Ehrengabe fr
ihren Gott. Elende Hunde! rief er zornig, wer hat je gehrt, da einer, der
sich selber in die Knechtschaft gespielt hat, von dem Messer des Opferers
entseelt wird?
    Greulich ist, was du sagst, rief Gottfried entsetzt.
    Du sprichst ganz ber sie, wie sich's gebhrt, lobte Wolfram, befriedigt
durch den Zorn des Mnches. Wer sich hingibt, weil er sein Spiel verloren, der
kauft sich los von dem Manne, der Gewalt ber ihn hat, durch Rinder und Rosse,
wenn er sie schaffen kann, und dem Sieger ist es Ehre, ihn niedrig zu schatzen.
Ist mein Wirt doch kein kriegsgefangener Mann, denn nur solchem gebhrt der
Schnitt mit dem Opfermesser, wenn die Gtter ein Mannopfer heischen.
    Als Gottfried sprachlos die Hnde rang, fuhr Wolfram begtigend fort: Sei
ruhig, mein Wirt wird ihnen diese Hoffnung verderben, er selbst soll sein Messer
zurckerhalten, gegen wen er es gebrauchen will. Und darum, Fremder, kurz
gesagt, will ich euch verlassen, denn ich merke, die Spher der Sorben folgen
nicht mehr in unserer Spur. Bist du des Weges unkundig, wie ich frchte, so wird
die Treiberin Gertrud dir raten, sie ist von unserer Seite des Waldes und wei
Bescheid in den Bergen, wenn ich ihr die nchsten Wegstunden deute.
    Sage mir noch eins, Wolfram, wenn du magst. Gute Wache halten die Sorben,
niemand, der grer ist als ein Wiesel, vermag den Hgel hinaufzuklimmen, ohne
da sie ihn ersphen. Wie gedenkst du allein durch die Verschanzung zu dringen?
    Du fragst zu vieles auf einmal, versetzte Wolfram schlau, forsche
bedchtig, damit ich dir antworte. Ohne Helfer bin ich nicht. Wo das Lager des
Ratiz liegt, war sonst ein Gehege meines Volkes, welches sie das Dorf des Ebers
nennen. Viele Siedler hat der Ruber erschlagen, andere sitzen noch dort in der
Knechtschaft; mehr als einem ist's unleidlich, einem Sorbenherrn die Rosse zu
striegeln, und ich habe Kundschaft mit ihnen. Du rhmst die Wachen der Sorben,
ich frchte nur ihre Hunde, die struppigen Klffer; doch ich fhre bei mir, was
ihnen das Heulen verwehrt.
    Aber Ratiz und seine Krieger auf der Hhe? Wolfram drngte sein Ro nher
an den Mnch: Hast du nicht gemerkt, was fr ein Kind zu sehen war, da der
Sorbe zu neuem Beutezug rstet. Er hat die Gefangenen verkauft, bevor die
Hndler heranzogen, obwohl diese Witterung haben von einem Raube wie die Geier
von der Walstatt. Damit sie nicht umsonst kommen, holt er sich neuen Fang aus
den Frankendrfern im Sden, oder wo ihm sonst seine Spher raten.
    Emprt rief Gottfried: Und zugleich begehrt er Frieden mit dem
Frankenherrn?
    Vielleicht meint er, da der Friede wertvoller wird, wenn er sich furchtbar
erweist. Willst du den Kater zwingen, das Mausen zu meiden? versetzte Wolfram.
    Du aber, begann Gottfried nach einer Weile, hast nicht bedacht, was du
diesen hier bereitest. Wenn dir das Unglaubliche gelingt, deinen Herrn zu
entledigen, dann wird der grimmige Sorbe die Frauen zurckholen; breit ist
unsere Spur und langsam der Gang.
    Auch du, der Christenmann, wrdest ihnen nicht zu gering sein fr ihr
Gtterfest, antwortete Wolfram nachdenklich und warf einen mitleidigen Blick
auf die Kinder. Sicherlich kann Eile retten; droht euch Gefahr von rckwrts,
so ist's nicht, bevor die Sonne morgen sinkt. Er sah Gottfried mitrauisch an.
Unsere Alten sagen, da die Christenpriester viele geheime Knste verstehen,
vielleicht gefllt es dir, den Sorbenrossen die Kraft zu nehmen oder ein
Blendwerk zu erregen, das den Sphern die Spur verwirrt.
    Kein Mensch auf der Mnnererde vermag das, nur der Christengott allein,
sagte Gottfried, seinem Schutz will ich uns empfehlen.
    Wolfram nickte beistimmend. Immer habe ich geglaubt, da euer Gott viel
vermag; ich gehre gar nicht zu denen, welche den Christenglauben verachten.
Christengebet und Heidengebet mag krftig sein, um das Blut zu stillen, wenn man
sich geschnitten hat, oder um Regen vom Himmel zu ziehen, wenn die Saaten
verdorren. Ich aber merke, da die gar nicht im Glck leben, welche am
eifrigsten den Unsichtbaren zurufen. Darum vertraue ich am liebsten auf mich
selbst. Und hier lse ich mich von euch. Lat nicht die Weiber und niemand sonst
merken, wohin ich von euch schweife. Und hre, damit ich dir meine gute Meinung
erweise, lasse ich dies Pferd zurck, mglich, da ich's bereue, mglich auch,
da ein Tier mich hindert, denn nicht hoch zu Ro gedenke ich durch die
Holzringe der Sorben zu traben. Die Trude trgt ein Handbeil und vermag die Kuh
zu schlachten. Fahr wohl, Fremder, sehen wir uns wieder, so ist es, hoffe ich,
im Lande der Thringe.
    Der Mann blickte noch einmal auf die flchtige Schar, ber die Ringellocken
der Kinder und die verblichenen Gesichter der Frauen, dann stieg er vom Pferde
und wartete, bis die Treiberin der Kuh an ihm vorberkam. Hre ein
vertrauliches Wort, Trudis, sprach er leise, ich gehe nach Jagdbeute ber die
Hgel, das Pferd lasse ich euch zurck; der Braune ist freundlich gegen die
Kinder, hnge die Schwachen darauf, so mag er euch ntzen, denn Eile ist ratsam.
Bin ich zur Nacht nicht zurck, so sorge du um die Wache und schre das Feuer,
damit ihr das Ungeziefer des Waldes abwehrt.
    Das Weib sah ihn unwillig an: Diesen Sprung lehre deine Jungen, sagte der
Fuchs, als er zur Hsin sprang und ihr den Kopf abbi. Du Waldlufer verlt die
Waffenlosen, wie sollen diese sich retten mit dem Stabe in der Hand und den
Kindern auf dem Rcken?
    Manchen Kriegsmann wei ich, der deine Zunge mehr frchtet als einen
Schwertschlag; versuche sie auch einmal gegen die Bren, versetzte der Mann
begtigend und ging in einer Anwandlung von Unsicherheit noch einige Schritte
mit. Denn ich mu scheiden, Gertrud, sagte er endlich vertraulich. Achte auch
auf den Weg, damit ich euch wiederfinde; der euch fhrt, ist nur ein Fremder.
Dies hier ist der Rennweg der Sorben, auf dem sie zum Raube nordwrts reiten, er
fhrt ber Berg und Tal, zu beiden Seiten rinnen die Quellen abwrts, ihr
braucht auf ihm nicht waten und nicht berbrcken. Wenn ihr eilt, kommt ihr heut
im Sonnenlicht zum groen Eichwald an die Saale, da, wo der Sorbenbach
hineinfllt, der das Grenzwasser des Ratiz gegen uns ist. Durch den Sorbenbach
fhrt eine Furt, seht zu, da ihr euch vor Abend hindurchwindet bis eine Stunde
westwrts zu dem Eibengehlz, aus dem ein heiliger Quell springt, dort steht auf
der Hhe ein alter Mauerturm aus Holz und Stein seit der Vter Zeit als eine
Grenzwarte, aber die Slawen haben ihn zerrissen; dort, rate ich, rastet im
Gemuer. Morgen aber lauft ihr neben dem Saalwasser nordwrts, die Strmung zur
Rechten, die Wlder zur Linken; ber euren Weg rinnen kleine Bche, sie sind
leicht zu durchwaten, und der Pfad ist eben, aber es hausen diebische Slawen am
Ufer. Gelingt es euch, sie zu meiden, so kommt ihr endlich zu dem groen Bach,
den sie das schwarze Wasser nennen, da, wo es in die Saale luft, darber mt
ihr auf dem Baumstamme flen, denn das Wasser ist tief. Hinter der berfahrt
drft ihr in keinem Fall lngs der Schwarza aufwrts streben, denn dort sind
wilde Klippen und unheimlicher Bannwald, der den Nachtgttern geweiht ist, und
jedermann frchtet das Tal wegen der Gespenster. Ihr aber wandelt weiter
nordwrts an der Saale bis zu dem Hgel mit einem alten Turmgerst, in diesem
haltet die zweite Nachtrast. Von da fhrt der Weg gerade dahin, wo jetzt die
Sonne untergeht, zwei Tage lang.
    Wiederhole den Sang, damit ich ihn festhalte, antwortete das Mdchen
aufmerksam. Wolfram gab aufs neue seinen Bericht, legte die Zgel des Pferdes in
die Hand einer Frau und sah noch zu, wie drei Kinder jauchzend hinaufstrebten.
Dann suchte er eine harte Wegstelle und schwang sich mit weitem Satze in das
Gehlz.
    In groer Versammlung der Sorben teilte der Opferpriester dem gebundenen
Ingram das Schicksal mit, welches ihm beschlossen war. Feierlich waren die
Mienen der Sorbenkrieger, als der Opfermann sprach und der Weibart den Spruch
deutete, sie sphten in das Antlitz des Gebundenen, wie er die Botschaft
aufnehmen wrde, und sahen mivergngt, da sein Auge nicht starr wurde, sondern
zornig leuchtete, als er dem Ratiz zurief: Dein Spruch ist tckisch und
unehrlich, nicht wie ein Krieger, sondern wie ein altes Weib suchst du blutige
Rache an dem Wehrlosen!
    Dem Gezirp der Grillen gleichen die Schmhworte eines Gebundenen,
versetzte Ratiz und schritt stolz an ihm vorber. Zumt mir den Raben, da ich
ihn reite; das Opfertier fhrt in den Stall. Miros und einige von dem Gesinde
fhrten den Gefangenen in ein leeres Blockhaus auf der Hhe. Gefllt dir's,
Ingram, sagte der Sorbe, mir zu geloben, da du aus dem Raume nicht weichst,
so lasse ich dir die Fe frei, damit du sie regest.
    Ingram dankte ihm mit einem Blick, aber er sprach: Von einem Mann des Ratiz
nehme ich keine Gunst, auch wenn sie freundlich geboten wird.
    Dann bindet ihm die Beine und zwngt ihn an den Boden. Im Nu war Ingram
geschnrt, zur Erde gelegt und mit dem Leibe an einen schweren Holzklotz
gebunden. Der Sorbe verlie den Raum, ein junger Krieger hielt die Wache. Ingram
lag am Boden, ein aufgegebener Mann, und trge war der Zug seiner Gedanken. Nur
einmal hob er sich, als er Hufschlag hrte, er rief ein lautes Hara, das Wiehern
eines Rosses antwortete, und er merkte den Hieb des treibenden Reiters. Dann
ward es wieder still, durch eine kleine Luke der Holzwand fiel das Sonnenlicht
in den Raum, immer nher zur Gegenwand schob sich das goldene Viereck; er sah
gleichmtig darauf, ihm waren die Stunden langweilig. Neben dem Lichtloch hatte
eine Schwalbe ihr Nest gebaut, die Vgel flogen aus und ein, die Jungen
flatterten in der ffnung und lieen sich von den Alten fttern. Er dachte
daran, da auch in seinem Hofe die Schwalben unter dem Dach bauten, und zuckte,
wie von einem Messer gestochen; aber der Gedanke zerrann wieder.
    So kam der Abend, der Wchter brachte Brot und Wasser, er nahm dankend an,
da der Mann ihm den Krug zum Munde fhrte, das Brot wies er zurck. Das Gold
der Sonne wurde feuriger, dann schwand es in mildem Rot, zum letztenmal kamen
die Schwalben herein, zwitscherten und zankten im engen Nest, und er sah durch
die Luke, wie die Abendrte den Himmel bedeckte, bis auch sie im matten Grau
verschwand. Dunkel erfllte den Raum; der Mann, welcher an der Tr lagerte, zog
ein Heubund unter seinen Kopf und entschlief. Auch Ingram rckte das mde Haupt
auf den Klotz, soweit die geschnrten Arme erlaubten, die Augen sanken ihm zu
und undeutlich wurde ihm seine Umgebung.
    Da rasselte es leise drauen am Boden, etwas strich lngs dem untersten
Balken hin, wie der Igel, wenn er lngs der Hecke fhrt. Ingram richtete den
Leib auf, seine Seele trat gespannt in Auge und Ohr, und aus seinen Lippen drang
ein summender Laut.
    Zum zweiten Male knarrte der Igel lngs der Wand, und zum zweiten Male gab
Ingram Antwort und starrte auf das Luftloch in seiner Nhe, er sah, wie etwas
durch die ffnung hineingeschoben wurde, es fuhr auf und ab wie an einer Schnur
und klang leise an der Wand. Er wute, es war ein Messer. Die Arme waren ihm
gebunden, und die Fe gebunden, vielleicht mochte er es mit den Fen erreichen
und festhalten, wenn es ihm gelang, den schweren Holzklotz, an den er gefesselt
lag, zu rcken. Er stemmte und schob, dann fate er das Messer zwischen die
geschnrten Fe und mhte sich, bis er den Griff zu seinem Munde hob. Er hielt
das Messer mit den Zhnen und zerschnitt allmhlich den Strick, der seinen Leib
am Klotze festhielt, dann stemmte er die Spitze des Messers in den Boden und
rieb an der Schneide die Weiden, welche ihm die Arme banden; mit den befreiten
Hnden lste er leicht die Fe. Es war langwierige, sorgliche Arbeit. Noch
jetzt blieb er liegen und regte die Arme und Beine, bis in die geschwollenen
Glieder wieder Bewegung kam. Dann klopfte er leise an die Wand, wie ein Holzwurm
pickt, und lauschte. Eine lange Zeit verging, endlich hrte er eine bekannte
Stimme leise rufen: Jetzt zu mir. Der Wchter rhrte sich, aber blitzschnell
warf Ingram seine Jacke ab, warf sich ber den Sorben an der Tr, schnrte ihm
die Jacke ber dem Haupt zusammen und Hnde und Fe mit dem Seil, raunte ihm
zu: Dein Leben danke dem Krug Wasser, und sprang aus der geffneten Tr.
Drauen regte sich nichts, er fuhr um das Haus herum, eine Freundeshand fate
ihn und half ihm beim Schwunge ber den Zaun. Zwei Mnner rollten den Berg hinab
und sprangen durch die Dorfgassen. Wtend klfften die Hunde und der andere
stie einen Fluch aus: Die Kter sind ihre beste Hilfe, wir verfehlen das
Schlupfloch. Da wurde es pltzlich tageshell, von der entgegengesetzten Seite
des Lagers brach ein Feuer auf, beide sprangen vorwrts wie vom Winde getrieben.
Einer von den Wchtern, die lngs dem Zaune gingen, schrie sie an, Wolfram
antwortete in der Sorbensprache und wies nach dem Feuer. Durch eine Lcke im
Dorfzaun glitten sie in den Graben hinab, im nchsten Augenblick standen sie im
Freien. Jetzt schnellen Schritt und gutes Glck. Hinter ihnen erschollen
wirres Geschrei und Rufe. Vor den Laufenden erhob sich im Felde ein hoher
Birnbaum, unter seinem Bltterdach hielt ein Reiter ledige Rosse. Die Flchtigen
schwangen sich auf die Pferde und ritten in die Nacht hinein, whrend hinter
ihnen die Flamme zum Himmel stieg und der Lrm des erwachten Dorfes klang.
    Der wilde Ritt trieb das Blut schneller durch Ingrams Adern, vom Rosse
reichte er seinem Treuen die Hand. Wer ist der dritte? fragte er.
    Godes, einer von uns, ein Roknecht des Miros; er hat sich mir gelobt; sein
Herr hat ihn mit der Peitsche geschlagen, dafr hat er ihm eine Fackel
angesteckt. Die Flamme mag uns Rettung werden, sie steigt jenseit der Ratizburg
auf, dorthin zieht es ihre Gedanken von unserem Wege.
    Der Reiter vor ihnen hob warnend den Arm: Vorsicht, Herr, wir nahen dem
Ringzaun an der Dorfmark. So schlaftrunken ist keine Sorbenwache, da sie den
roten Schein am Himmel miachtet und den Tritt dreier Pferde, die aus ihrem
Weidegrund brechen.
    Sie waren einen Hgel hinabgejagt, gedeckt durch das Baumlaub, jetzt fuhren
sie hinaus auf das offene Feld zwischen die Baumstmpfe, hinter ihnen leuchtete
der Feuerschein, er fiel auf die weien Slawenrcke, welche zwei der Reiter
trugen, und warf die Schatten vor ihnen auf das Feld. Dort im Dorfe half uns
die heie Lohe, hier hat sie unsern Nachtmantel verbrannt, brummte Wolfram. Von
der Seite erscholl Anruf und Geschrei, und Hufe klapperten. Jetzt gilt es leben
oder verderben, rief der Mann, und die Flchtlinge sausten wie Sturmwind dahin,
hinter ihnen die Verfolger. Ein Pfeil fuhr auf Ingrams Sattel, ein anderer
streifte sein wehendes Haar. Hier ist der Holzring der Grenze, mahnte Wolfram,
sie trieben die Pferde zum Sprunge und flogen hinber, noch wenige Rosprnge,
und ber ihnen breiteten sich die ste eines Fichtenwaldes. Auf schmalem Wege
ritten die Reiter bergauf, die Pferde stolperten und sthnten. Bricht ein
Pferdefu, so sollen Sorbenmdchen weinen, rief Wolfram. Aber die Rufe der
Verfolger wurden schwcher und verhallten. Die Nachtjagd im finsteren Wald
dnkt ihnen gefhrlich. Gemach, Godes, Pferdeleib und Menschenbein sind nicht
von Eisen, die ste zausen das Haar, und die Stmme brechen die Knie.
    Sie schlugen sich durch das Dickicht die Hhe hinauf und ritten durch
niedriges Buschholz ber einen langen Bergrcken. Der Weg hatte sich gewandt, zu
ihrer rechten Seite flammte das Feuer, immer hher und rter, und dunkle
Rauchwolken wirbelten durch die Masse. Mitten in der feurigen Lohe hob sich der
Hgel des Ratiz, die beleuchtete Halle und die Strohdcher. Pltzlich blinkte
ein heller Schein auf dem First der Halle, ein weies Licht flackerte ber das
Dach, gleich darauf standen auch die Dcher des Hgels in hellen Flammen, und
die Rte breitete sich ber den halben Nachthimmel. Dort sengt das Rubernest,
rief Ingrams Mann in wilder Freude, nicht umsonst hast du, Herr, beim Eintritt
mit den Feuerzungen gedroht. Ingram lachte, aber er blickte scheu auf die
Flamme, und kalt fuhr es ihm ber den Leib. Seit seiner Kinderzeit war ihm ein
Hausbrand greulich, und oft hatten ihn seine Gesellen darum gehhnt, jetzt mhte
er sich wegzusehen, aber immer zog es ihm die Augen nach der Lohe; er fhlte
deutlich, wie einem zumute war, der hoffnungslos mit beklommenem Atem darin sa,
er dachte an die Worten des Jnglings, der ihn bat, nichts Bses zu wnschen,
und pltzlich erinnerte er sich des Wchters, den er unter dem Strohdach
gefesselt hatte, und er wandte unwillkrlich sein Pferd nach dem fernen
Sorbendorfe zurck. Aber Wolfram ri das Tier beim Zgel vorwrts, trieb es
durch einen Schlag und rief lachend: Der Gaul merkt, da sein Stall brennt.
Manches Sorbenweib mu heut sthnen im heien Ofen, rief der Fhrer ebenso
zurck.
    Das ist schwache Vergeltung fr den Mordbrand, den sie in unseren Drfern
gebt, versetzte Wolfram, ich denke, der Ratiz wird die Lust verlieren, morgen
Frankendrfer zu brennen, die Kerzen leuchten ihm heimwrts. Ingram schwieg.
    Noch eine Stunde ritten die Reiter, der roten Schein wich hinab an den
Horizont, das bleiche Licht des neuen Tages stieg herauf, mit leichterem Herzen
sah Ingram die Brandrte im Frhlicht dahinschwinden. Der Morgennebel setzte
sich in Haar und Gewand der Reiter, und die Rosse zogen ihre Spur in den
graulichen Tau, der auf dem Rasen des Grundes lag. Vor ihrem Wege scho ein
Bach, sie trnkten die Rosse, der Vordermann ritt mit dem Lauf des Wassers bis
zu einer Stelle, wo viele Tritte auf dem feuchten Grund sichtbar wurden, dort
trieben sie die Rosse hindurch bis hinter ein Erlengebsch unweit des anderen
Ufers. Der Fhrer hielt.
    Ich erkenne, was du meinst, Godes, sagte Wolfram. Whle unseren Weg,
Herr; durch die Furt sind die Frankenfrauen geschritten, die der Christ erledigt
hat, man sieht jeden Fustapfen, das Ro des Priesters mit fremdlndischem
Eisen, die Kinder, die Kuh und hier den tiefen Tritt, welchen die Gertrud in den
Boden gestampft hat. Sollen wir nachziehen auf ihrem Wege? Ein Blinder knnte
ihn fhlen.
    Ingram sah dster auf den Wiesengrund. In wenigen Stunden haben wir sie
eingeholt, wenn die mden Sorbengule uns noch tragen, obgleich du gut gewhlt
hast unter den Rossen des Miros.
    Die Weiber rasteten diese Nacht im Steinturm an der Saale, den die Slawen
zerrissen, erinnerte Wolfram.
    Ingram sah vor sich nieder. Wie mag der Vogel fliegen, wenn ihm die
Schwingen ausgerauft sind, waffenlos bin ich.
    Ich sah dich doch sonst schon mit knotigem Astholz treffen, wenn andere
Waffen fehlten, versetzte Wolfram erstaunt.
    Fhrt unsere Spur zu den Frankenfrauen, so locken wir den Ratiz auf ihre
Fhrte und leiten ihnen die Gefahr auf ihren Weg.
    Ein hungriger Br packt das Wild, das er zunchst erreicht. Meinst du, da
die Sorben jetzt an etwas anderen denken als an Rache? Dreiig und ein Haupt
knnen bezahlen fr die rohe Lohe, schwerlich wird der Ratiz seine Krieger
zurckhalten, auch wenn er wollte, wenn diese bei der Heimkehr ihre Weiber und
Kinder aus der Asche aufheben. Wieder fuhr es kalt ber den Rcken Ingrams.
Teurer Preis wurde bezahlt fr das Haupt des einen Mannes.
    Htte er nur den Raben und sein Schwert, dachte Wolfram bekmmert, denn
vllig ist der Mann verwandelt. Willst du, so fragen wir den Godes, er kennt die
Sorben. Er rief den Fhrer heran und stellte die Frage. Godes antwortete:
Einige folgen uns Mnnern, ob sie uns fangen; aber das Sorbenvolk wird, wie ich
denke, ausziehen gegen die entledigten Weiber.
    Und wann mag der Ratiz in seine zerstrte Burg einfliegen? fragte Ingram.
    Der Mann sah nach dem Himmel und berlegte. Hat er den Nachtbrand gesehen,
und er hat ihn gesehen, so kann er noch vor Mittag sich an den Kohlen seiner
Halle das Mahl bereiten.
    Dann drckt er zum Abend den Nacken des Priesters, rief Wolfram.
    Genug, rief Ingram und stie dem Pferd seine Fersen in die Flanke. Sie
ritten weiter ber Berg und Tal, bis sie den verfallenen Turm vor sich sahen, zu
ihm fhrte deutlich die Spur. Sie drangen auf den Gipfel, umritten den wsten
Balkenring, erkannten den Rastplatz, die Haut der geschlachteten Kuh, eine
Feuersttte, in der Ecke gepflckte Zweige und gerauftes Gras. Hier war das
Lager der Walburg, sagte Wolfram. Sein Herr warf nur einen Blick darauf, dann
trieb er sein Ro wieder aus den Balken ins Freie. Jetzt haben wir sie sicher,
trstete Wolfram, die Spur weist nordwrts, gerade wie ich mit den Weibern
beredet hatte.
    Die Reiter folgten vorsichtig der Spur, sie berschritten die Bche, bogen
zuweilen in den Wald aus, um die Slawenhfe am Wege zu meiden, und kamen im
Nachmittag an den schwarzen Bach. Frhlich erkannten sie die Stelle, wo der Zug
durch das Wasser gedrungen war, und trabten nach kurzer Rast nordwrts weiter.
Der Grund war hier fester, und die Spur ging ihnen verloren. Sie hielten an und
suchten, endlich fanden sie die Hufspur zweier Rosse, welcher sie folgten, bis
Ingram eine Stelle traf, wo der Boden weicher wurde. In gestrecktem Lauf sind
die Tiere gesprengt, wer von der Schar kann gefahren sein wie der Wind; die
Stapfen der kleinen Fe sehe ich nicht. Er stieg ab, eilte mit beflgeltem
Schritt zurck, durchsuchte die ganze Umgebung, aber er erkannte nichts von
Menschentritten. Hat der Christengott sie der Erde enthoben? rief er
bekmmert. Die Reiter trabten unsicher weiter.
    Die Rosse waren ledig, sagte Wolfram, mein Brauner fhrt; wir mgen sie,
wenn sie nicht im Magen der Wlfe schwanden, an deinem Hoftor finden. Wahrlich,
der Fremde versteht manches Geheimnis, die Kinder sind in die Felsen zu den
Zwergen gegangen oder als Vgel davongeflogen. Folgen ihnen die Sorben, dann
wird es ein Wiedersehn unter der Erde oder in den Wolken.
    Ingram hrte wenig auf den Trost seines Mannes, mit ngstlichem Blick suchte
er lngs der Saale und auf der anderen Seite im Dickicht. Aber fruchtlos war das
Sphen. Sie hielten wieder, dann ritten sie vorsichtig auf dem Saumwege zurck,
bis Wolfram seinem Herrn in die Zgel griff. Hier bis zu dem Felsen sind sie
gegangen, und hier werden sie spurlos. Wir aber reiten dem Ratiz fruchtlos in
die Arme. Ingram wandte sein Ro, und wieder ging es in gestrecktem Lauf
heimwrts bis zu der Hhe, welche die zweite Nachtrast der Frauen sein sollte.
Dort sprangen die Reiter von den Rossen und durchsuchten im Abendlicht den Hgel
und seine Umgebung. Aber sie fanden weder Menschen noch ihre Futritte. Zuletzt
endlich die Hufspuren der zwei Rosse.
    Hier zu rasten meine ich nicht, begann Ingram, das finstere Schweigen
brechend, folgt mir aufwrts in die Berge, vielleicht erblicken wir dort von
der Hhe ihr Feuer. Wieder ritten sie weiter, der groe Gebirgswald nahm sie
auf, sie muten absteigen und ihre mden Rosse fhren.
    Unter den Bumen wurde es finster, immer noch lauschten sie auf den Ton von
Menschenstimmen oder auf ein fremdartiges Gerusch, aber nur die alten Gebieter
des Bergwaldes, die Riesenbume, redeten zu ihnen in ihren geheimnisvollen
Tnen. Endlich hielt Wolfram an, als sie in ein dunkles Waldtal gestiegen waren.
Fleisch und Bein wollen nicht mehr zusammenhalten, gefllt's Euch, Herr, so
rasten wir, sonst verlieren wir die Pferde.
    Ingram sprang ab und sprach mit heiserer Stimme: Unselig sei das Lager, auf
dem ich diese Nacht raste; ist euch die Ruhe ntig, so erwartet mich; ich fahre
zurck durch die Wildnis und suche das Feuer der Hilflosen. Hoffe nicht mich zu
bereden, Wolfram, setzte er befehlend hinzu. Die Sorge macht mich zornig, bin
ich mit dem Morgen nicht zurck, so fahrt heimwrts und erwartet mich im Hofe.
    Was einer tun mu, soll der andere nicht hindern, versetzte Wolfram,
kummervoll seinem Herrn nachsehend. Ich lobe nicht den Verstand eines Mannes,
der bei Nacht dem Schrei der Raubtiere nachzieht. La uns die Rosse sichern vor
dem Ungeziefer, Godes, und unseren Grtel fester schnallen, denn schmal ist die
Nachtkost. Einer schlft nach dem anderen, wer den lngsten Halm zieht, hat die
erste Wache. Sie zogen, Godes setzte sich mit dem Rcken gegen einen Baumstamm,
legte die Keule neben sich, Wolfram streckte sich der Lnge nach in das Moos.
Trgt mich ein Br fort, so zahle ihm den Trgerlohn sagte er schlfrig und
war nach wenig Augenblicken entschlafen.
    Durch die Nacht rang Ingram bergauf, verstrt war sein Sinn, wild der Flug
seiner Gedanken, und rings um ihn die Schwrze des Todes. Mit der Hand griff er
vorwrts in die Finsternis, er tastete an den Stmmen und sank zu Boden zwischen
Steinen und knorrigen Wurzeln, aber immer wieder erhob er sich und drang hher,
und immer sah er vor seinen heien Augen das lodernde Dorf und die feurigen
Zungen, welche ber die Strohdcher des Ratiz flackerten. Er dachte an die Rache
der Sorben, neuer Mordbrand wrde in den Grenzdrfern seiner Heimat aufsteigen,
und auf ihn wrde die Schuld fallen. Und zwischen solchen Angstgedanken hrte er
die leisen Worte des Mnches: Rchet euch nicht, denn die Rache ist mein.
Trichte Worte fr das Ohr eines Kriegers! Wie kann ein solcher tatlos seinem
Gott die Sorge berlassen, den Feind zu verderben. Die Gtter hatten ja auch ihn
selbst nicht vor der Kunst und vor der Tcke des Ratiz bewahrt. Durch das Grauen
des Waldes wand er sich dahin als ein entlaufener Knecht. Sein Angesicht wurde
glhend hei, und seine Faust ballte sich, er strmte fort und schlug mit seinem
Leib an Baumstamm und Felsen, bis er keuchend zur Hhe kam, wo der Sturmwind
alte Stmme gefllt hatte und der graue Nachthimmel ber ihm sichtbar war. Er
kletterte mhselig auf das Gewirr von sten und Wurzeln und suchte einen
Ausblick auf die Hhen und auf das Tal davor, ob ein Feuerfunke blinke durch die
Schwrze oder der Laut einer Stimme hrbar sei. Er wute, da es ein kindisches
Hoffen war.
    Alles um ihn war finstere, de, menschenfeindliche Wildnis. Nur die
berirdischen sprachen hier, wenn die Wipfel rauschten, und unten in der Tiefe
heulten die Krieger des Waldes, die wilden Tiere. Hier waren die Gtter sogar
dem wehrhaften Manne feindlich, wrden sie Erbarmen ben gegen den Haufen, der
mit dem Kreuz des Fremden dahinzog, und wrden sie die Frauen retten vor
Brenklaue und Wolfsbi, vor dem jhen Abgrund und dem fallenden Baum? Keiner
konnte sagen, ob die Gtter mchtig waren und von gutem Willen, sie selbst waren
geworden und hatten das Geschlecht der Mnnererde gezeugt, und sie sollten alt
werden und grmlich, wie die Weisen verkndeten, und die Gtter und die
Geschlechter der Menschen sollten zuletzt untergehen in bitterem Todeskampfe vor
dem Weltbrand? Der Christengott aber war, wie der Fremde rhmte, ewig. Und er
sollte ewig regieren hier auf der Erde und im Himmelssaal. Daher war auch der
Christenmann so fest, denn er vertraute auf die Dauer und auf die Sorgfalt
seines Gottes. - Sie hatte sich das Antlitz zerrissen, weil sie den Feind des
Lebens nicht tten wollte. Lieber als das Wohlgefallen der Menschen war ihr das
Gebot ihres Gottes. Ihr Gott hatte sie fest gemacht, weil sie ihm treu war.
    Ingram seufzte tief, und seinem Sthnen antwortete aus der Tiefe das Geheul
der grauen Wlfe. Er kannte solchen Gesang der Gtterhunde, so schrien sie, wenn
sie sich zum Leichenmahle rsteten auf der Walstatt oder um den Pferch einer
Herde. Dort unten strichen sie um ihre Beute. Und er dachte sich die schwachen
Pfhle, welche Frauenhand geschlagen hatte, das Weib und die Kinder, und um sie
die glhenden Augen und die aufgesperrten Rachen der Wlfe. Schreiend schwang er
die Keule und sprang hinab wie ein Rasender, er fiel, und er sprang wieder und
fiel, und als er sich aufraffte, hrte er dicht vor sich einen Stein gleiten und
eine Weile darauf in die Tiefe krachen. Er warf sich zurck, und sein Haar
strubte sich, er merkte, da vor ihm ein Abgrund ghnte. Eine Weile lag er so,
kraftlos, in kaltem Schwei gebadet, aber wieder heulten die Raubtiere, sie
zankten miteinander, und wie ein heiseres Lachen klang ihr Gebell. Er kletterte
rckwrts und fuhr lngs der Hhe dahin, bis er einen Quell rieseln hrte, er
fhlte sich zu dem Wasser, schpfte in der hohlen Hand und fhrte es an den
brennenden Mund, dann stieg er vorsichtig in dem Rinnsal bis zur Taltiefe, in
welcher ein Bach der Saale zuflo. In dem Dmmer des ersten Zwielichts sah er
jenseit des Baches die grauen Schatten der Wlfe beim gierigen Fra, die Nasen
in dem Blut eines gejagten Wildes, gedrngt wie die Schafe am Brunnentrog. Tief
aufatmend wich er zurck und lief den Bach abwrts, der Saale zu. Es trieb ihn
zu der Stelle, die sein Mann zum Lager der Weiber gewhlt hatte. Ob sie dort in
der Nhe rasteten? Da, wo die Waldhgel zum Saalufer abfielen, hielt er an. Vor
sich sah er verglimmende Feuer, er hrte stampfende Hufe und sah eine
graurckige Gestalt neben einem Rosse stehen, den Wchter des Lagers. Die
Verfolger waren auf dem Wege. Er warf sich zu Boden und wand sich im Schatten
des Gehlzes entlang, angstvoll mit den Augen durch die Dmmerung nach Weibern
und Kindern unter den schlafenden Feinden sphend. So lag er und wartete auf das
Frhlicht.
    Er, der im Buchenlaub lag mit roten Augen, und der Sorbe, welcher hundert
Schritt von ihm wachte, beide Nachtgnger wuten nicht, wie nahe ihnen die
Ruhesttte war, in welcher das Kreuz stand. Auf einer langgestreckten Hhe, etwa
eine Wegstunde nach Westen zu, hatte der Mnch seine Schtzlinge gelagert. Ganz
friedlich war ihre Fahrt gewesen, zwei sonnige Tage zwischen Laub und blhendem
Gras, zwei stille Nchte unter dem Sternenlicht. Es hatte sie kein wildes Tier
umheult und kein Nachtgespenst der Wlder geschdigt; sie waren an Sorbenhtten
vorbergekommen, dort hatten die Sorben Wasser aus dem Brunnen zugetragen und
die Wangen der Kinder gestreichelt, eine Slawenfrau hatte der Gertrud mitleidig
einen Topf geschenkt, als wertvolle Gabe, damit sie den Kindern die Wurzeln und
Pilze koche, und kleine Sorbenjungen waren mitgelaufen, den Gesang zu hren, und
hatten versucht, das Kyrie nachzuschreien. Von dem Feuerschein in ihrem Rcken
wuten die Fahrenden nichts, und als ein Sorbenmann sie danach fragte, hatten
sie das ehrlich gesagt, und der Mann hatte ihnen geglaubt und sich ber das
feurige Zeichen am Himmel sehr gewundert. Erst am letzten Mittag, da sie zum
Schwarzwasser gelangten, hatte Walburg, whrend der Mnch bei ihr vorberging,
den Schleier gehoben und mit Anstrengung zu ihm gesagt: Raste nicht, wo Ingrams
Mann geboten, ziehe nicht den Pfad, den er dir gewhlt, vergeblich wre es,
durch hastige Fahrt die Kinder vor dem Verfolger zu retten. La mich absteigen,
ich vermag wohl zu gehen, und jage die Rosse ohne uns nordwrts, denn sie ziehen
uns die Wlfe und die Sorben nach. Lieber vertraue unser Leben dem Bannwald und
den Klippen der Schwarza. Dort birg die Kinder. Den Rat billigte Gertrud,
obwohl ihr vor den Ungeheuern graute, denn auch sie hatte ihre Gedanken ber den
Feuerschein und ber das Jagdglck des Wolfram. Und als sie ber das
Schwarzwasser gedrungen waren, rief Gertrud einige Weiber und die Knaben und
fhrte sie mit den Rossen auf weichem Grunde eine Wegstrecke denselben Pfad
entlang, welchen Wolfram ihr vorgesungen hatte, bis dahin, wo der Boden hart
wurde und die Tritte undeutlich, dann trieb sie die ledigen Rosse mit starken
Schlgen nordwrts und lehrte die Kinder die Schritte hinter sich zu setzen und
rckwrts zu stapfen bis an die Stelle des Baches, von der sie gekommen waren.
    Es ist eine Kinderlist, sagte sie, vielleicht hilft sie doch Kluge
tuschen. Darauf zogen sie im schwarzen Tal entlang, das Wasser zur Linken, bis
ihnen ein Bach, der aus der Richtung ihrer Heimat in die Schwarza rann, den Weg
hemmte. An dieser Wasserrinne zogen sie talauf, endlich erstiegen sie langsam
und mit mden Beinen eine Bergleite und gingen auf dem Rcken noch eine Strecke
dahin, whrend der Himmel sich rtete. Da fanden sie ein altes Verhau, das
frher einmal Jger oder flchtige Talleute zusammengeworfen hatten, sie
drngten sich hinein, suchten den Quell und zndeten im Abendlicht unter den
Bumen ihre Feuer an. Die Frauen bereiteten fr Walburg ein Lager von Heidekraut
und rsteten wilde Nachtkost. Die Kinder aber lagerten sich im Kreise um
Gottfried, und dieser erzhlte ihnen die Geschichte von einem Knigssohn aus
Morgenland, der Joseph hie und den seine Brder in eine tiefe Grube warfen, die
ganze Geschichte bis dahin, wo Joseph seinen alten Vater wiederfand und kte.
Die Kinder saen um ihn, die kleinsten drckten sich an seine Arme und hingen
sich an seinen Hals, die blauen Kinderaugen blickten ihn so gespannt und so
frhlich an, da er sich vorkam wie ein Seliger unter den Engeln. Und als er
geendet hatte und alles um ihn her schwieg, rief ein kleiner Heidenknabe, den
sie Bezzo nannten, indem er an ihm hinaufkletterte und seinen Hals umfing: Ich
bin Joseph, und ich will essen. Alle lachten und sahen auf Gertrud, welche mit
einem Holzstabe im Topfe rhrte. Da hockten die Kinder um das Feuer, und die
Frauen teilten ihnen auf Tellerlein von Rinde die Bissen zu, worauf die Frauen
auch der eigenen Mahlzeit gedachten. Gottfried aber sang den Kindern das
Nachtgebet vor, und ein grauer Waldvogel knarrte zu dem Amen der Gemeinde seinen
rauhen Triller, gerade wie einst in der Zelle unter den Brdern der alte
Hunibert, welcher harthrig war. Dann legte Gottfried die Kinder zur Nachtruhe;
aneinandergeschmiegt, die Kpfe ins Moos gedrckt, schliefen sie ein.
    Neben ihm sa eine junge Heidenfrau, verworren hing ihr das Haar um das
bleiche Gesicht, und ihre Augen starrten ausdruckslos umher. Sie war die zwei
Tage schweigend unter den anderen hingewankt, und mit scheuer Teilnahme hatten
die Frauen ihr gedient, wie unglcklich sie auch selbst waren. Jetzt ffnete sie
zum erstenmal die Lippen: Gut sorgst du um die Lebenden, Fremdling; aber wenig
ntzte deine Mhe dem toten Kinde, das zerschlagen am Wege liegt, klein waren
seine Beinchen, und es weinte, da es lief. Jetzt wischt wohl sein Schatten in
der Nacht lngs dem wilden Wege und sucht die Mutter, oder es sitzt tief unten
im Brunnen, wo die weie Frau die armen Kinderseelen htet, kalt ist das Wasser,
stumm kauert das Kind, und die Mutter sehnt sich und verhat ist ihr das Leben.
    Gottfried kniete zu ihr in das Moos, auch ihm rannen die Trnen vom
Angesicht. Die weie Frau kenne ich, welche dein totes Kind behtet, und den
Weg wei ich, der zu ihr fhrt; denn uns ist etwas verkndet von den Kleinen,
und es steht in den heiligen Bchern geschrieben: Der Kleinen ist das
Himmelreich. Nicht im kalten Brunnen kauert dein Liebling, die Jungfrau Maria
ist's, wie ich meine, welche hoch oben im Himmel ber den Kindern waltet. In
Wonne leben sie und schwingen ihre Flgel, und hohe Engel heien sie unter den
Menschen. Selig jauchzen sie dem Frommen entgegen, der aus der Erde aufsteigt in
den Himmelssaal. Harre, Frau, und vertraue, auch dir wird dein Engel
entgegenfliegen in deiner letzten Stunde und wird dich hinauffhren in den Saal
der ewigen Freude.
    Das Weib weinte laut, dann legte sie die Hnde ber die seinen und flehte
angstvoll, an ihm niedersinkend: Bete deinen Sang, damit ich es wiederfinde.
    Gottfried sprach ihr die fromme Bitte vor, und sie wiederholte sthnend die
Worte.
    Zuletzt trat er zu Walburg, sah zu, ob ihr die Wunde genetzt war, und
segnete sie. Die Kranke versuchte sich aufzuraffen und drckte ihm dankbar die
Hand. Der Mnch zog seine Hand zurck, aber die Hand bebte. Nicht mir erweise
treue Gesinnung, Jungfrau, sprach er, denn wenn ich fr dich sorge, so
geschieht es nicht, um dir gefllig zu werden, sondern weil ich nach dem Befehl
des groen Himmelsgottes handle. An ihn denke, ich bin nur wie der Windhauch,
der dir seine Stimme zutrgt, da sie in dein Ohr tnt. Von Vater und Mutter bin
ich gewichen, und von meiner Schwester Herzen habe ich mich gerissen, keinem
Menschen zuliebe darf ich handeln, nur ihm diene ich, und was er mir gebietet,
das tue ich, sei es mir schwer oder leicht. So strkte er seufzend sich selbst.
    Walburg sank auf ihr Lager zurck, und Gottfried schritt mit gesenktem Haupt
zum Eingang des Geheges. Die Nacht stieg herauf, die Frauen lehnten die Kpfe an
die Baumstmme, und Gottfried sa lange allein mit seinen Gedanken, bis auch ihm
der Schlummer die Augen schlo. Und im Schlaf machte er das Kreuz, wenn das
Gebell der Waldtiere aus der Tiefe scholl und der Schrei des Uhus.
    Wolfram schaute mde nach dem Morgenhimmel, als auf der Hhe Zweige brachen
und Ingram herabsprang. Mit verstrtem Antlitz rief der Held: Nur ein Zeichen
sah ich, die Feuer der Sorben, mit zwanzig Pferden liegen sie an der Saale. Zwei
Jgerhaufen neiden einander das Wild; neu beginnt die Suche; auf die Rosse und
hinein in den Wald!

                            Die Versammlung am Walde


Wie ein wilder Eber schnaubend in sein Lager fhrt, wenn er mit Mhe das Gebi
der Hunde vermieden hat, so sprang Ingram in den Rabenhof. Er schttelte
Wunihild, die Sklavin, von sich ab, als sie ihm die Arme entgegenstreckte, auch
seinen Knechten, die ihm frohen Gru zuriefen, gab er kurze Antwort; mit
brennenden Augen, sehnschtig nach Schlaf warf er sich auf sein Lager, aber
jammervolle Gedanken rissen ihn hin und her. Ohne Schwert und Ro, als ein
entwichener Knecht kehrte er in den Hof seiner Vter zurck, alles sah er noch
einmal vor sich: die hhnende Miene des Sorben, das brennende Dorf, ein Weib,
das sich zornig von ihm abwandte, und den fremden Knaben, vor dem sie kniete. Er
ballte die Faust und schleuderte das Fell seines Lagers von sich. Sind sie im
Dorfe? rief er dem eintretenden Wolfram entgegen.
    Unten wachten nur noch wenige, und keiner wute von ihnen zu sagen, auch um
die Htte des Priesters war es leer und still, versetzte sein Mann, sind sie
geflogen, wer wei, wo sie anhalten, und sind sie in einen Berg entrckt, wer
wei, wann sie zurckkehren. Ingram eilte zur Tr. Wohin, Herr? rief der
Mann, ihn krftig festhaltend. Nach solcher Hetzjagd und vier schlaflosen
Nchten ist dir der Sinn verstrt, ich leide nicht, da du noch einmal zu Rosse
steigst. Wir haben getan, was in Manneskraft stand, und noch mehr. Auf unserer
Spur haben wir die Sorben fortgelockt; wandeln die Verschwundenen mit ihren
Fen auf der Erde, so haben wir sie dadurch vielleicht von den Feinden gelst.
Was der wilde Wald an ihnen getan, das konnten wir nicht ndern. Waghalsig sind
wir den heimkehrenden Sorben wieder nachgezogen, doch spurlos blieben uns die
Flchtigen auch whrend dem zweiten Ritt. Wren es die Hupter unserer Brder,
wir htten nicht tollere Jagd um sie reiten knnen. Jetzt ist die Kraft vertan;
sorge fr dich selbst. Mit solchen Reden zwngte er den Herrn auf das Lager
zurck und setzte sich zu ihm. Er erzhlte ihm immer wieder von den Waldwegen,
die sie kreuz und quer gemacht hatten, und wie wahrscheinlich es sei, da
Zaubergebet des Priesters die Wallenden der Gefahr enthoben habe, bis Ingrams
Haupt auf den Pfhl zurcksank und ein unruhiger Schlaf ihm die Besinnung nahm.
Da erst schlich Wolfram in seine Kammer.
    Als Ingram spt am Morgen aus wirrem Traum auffuhr, stand Wolfram wieder an
seinem Lager. Es war unrecht, dich zu wecken, Herr, aber Unglaubliches wird
dein Auge sehen, wenn es dir gefllt, vor das Tor zu treten. Das Tal ist
verwandelt, viele Mnner aus der Landschaft sehe ich gesammelt, auf allen Wegen
ziehen die Krieger in ihrem Festkleide heran, auch Weiber darunter, was doch
sonst bei einem Volksrat unerhrt ist. Um das Haus des Memmo drngen sich Heiden
und Christen. Herr Gerold ist selbst gekommen, der neue Graf, welchen der
Frankenherr als Grenzwchter geschickt hat, und mit ihm Frau Berswind, sein
Gemahl, die rundliche Frau. Ich sehe viele Speere der Huptlinge und Mnner aus
allen Walddrfern. Auch in deinem Hofe stampften die Rosse guter Genossen. Dein
Gesell Bruno harrt deiner, Kunibert und andere mit ihrer Freundschaft, denn
groe Botschaft des Frankenherrn ist angekndigt, und um den Fremden geht die
ganze Bewegung. Ingram sprang vom Lager und vor das Tor, wo ihn eine Anzahl
ehrbarer Landleute mit wrdigem Grue empfing und neugierig sein verstrtes
Aussehen musterte. Aber ihm wie den anderen zog es den Blick abwrts nach dem
Anger und den Wiesen, die sich um das Haus des Christenmannes Memmo breiteten.
Auch er sah betroffen das festliche Gewhl, stampfende Rosse, bewaffnete Reisige
und zahlreiche Haufen der Landgenossen, welche wie bei einem groen Volksmarkt
bis weit ber das Feld standen und lagerten und sich noch unablssig durch Zuzug
vermehrten. Er erkannte die Banner mehrerer Edlen, welche mit ihrem Gefolge
herangezogen waren, vor anderen solche, die dem Christenglauben geneigt waren,
wie Asulf, einer der Ersten im Lande. Auch Gundhari, Rotharis Sohn, der
wohlhbige Mann, bewegte sich rhrig durch die Haufen, Godolav war da, ein
groer Mann aus den Thringen, die man Angeln nannte, weil ihre Vter vor alter
Zeit von einem Nordvolk in das Land gedrungen waren, dann der Huptling Albold,
Albharts Sohn, dessen Erbgter an die Dorfflur grenzten. Aber auch Edle der
Heidenschaft schritten in der Menge einher, unter ihnen mancher, der dem neuen
Glauben bitterfeind war. Wahrlich, rief Wolfram in neuem Erstaunen, viel Ehre
erweisen unsere Herren dem zugewanderten Fremden, da sie ihn hier in der
schlechten Htte aufsuchen unter einem Dach, dem die Schindeln im Winde
davongeflogen sind.
    Niemals htte ich gemeint, da so viele in unserem Lande leben, die sich
vor dem Marterholz neigen, begann Bruno, Bernhards Sohn, ein ansehnlicher Mann
aus dem freien Moor, dessen Geschlecht seit alter Zeit mit dem Hofe des Ingram
befreundet war. Der Fremde hat mit seinem Stabe die ganze Landschaft aufgerhrt
wie einen Ameisenhaufen, auf allen Pfaden sind die Boten geritten; er selbst war
nach dem Markte Erfesfurt gewandert zum Grafen, der dort gerade Gericht hielt,
und Herr Gerold hat sogleich zwei von seinem Gesinde drben in den Meierhof
gelegt, damit sie fr den Fremden reiten und ihn beschirmen. Seht, dort tritt
der Fremde aus dem Hause, ganz verndert ist er in Kleidung und Gebrde, und wie
ein groer Herr wandelt er dahin.
    Winfried schritt aus der Htte in bischflichem Talar, von Seide und Gold
glnzte sein Gewand, in der Hand hielt er den gekrmmten Stab, hinter ihm gingen
Memmo und ein anderer Priester. Da ist auch Bardo, der Graurock, der an dem
Tische des Grafen sitzt, ein guter Trinker war er sonst, und manchen Bissen
Rofleisch sah ich ihn tilgen beim Opferfest. Heut wandelt der streitschtige
Mann demtig hinter dem Fremden. Wahrlich, viele Nacken wei dieser Mann zu
beugen.
    Nicht die unseren, rief Ingram und wandte dem Tale den Rcken.
    Aus der Niederung stieg Kunibert, ein lterer Mann aus der Freundschaft des
Ingram, zu den Landleuten herauf. Betrt sehe ich alles Volk, begann er; auch
du, Ingram, bist, wie ich hre, im Dienste des fremden Bischofs geritten.
    Ich zog in meiner eigenen Sache zu den Sorben, versetzte Ingram finster.
Ihr aber seid versammelt, wie ich sehe, euch vor dem Fremden zu beugen.
    Du weit nicht, was ihm vor dem Volk die Ehre gibt, er hat lateinische
Botschaften in das Land gebracht, einen Brief des Frankenherrn an unsere
Huptlinge und das ganze Volk, der seinetwegen geschrieben wurde. Gerold, der
Graf, lie den Brief durch seinen Priester lesen, unverletzlich soll der Mann
unter uns stehen, der Frankenherr erklrt ihn fr sein Mndel, suchen wir Urteil
gegen ihn, so sollen wir unsere Klage an den Frankenhof tragen, unserem Gericht
ist der Fremde enthoben. Das alles stand in dem Briefe, den der Priester deutete
und der Graf besttigte. Erstaunt war der ganze Ring, als er von der Tierhaut
die Worte des groen Franken hrte. Schwer ist es, dagegen das Haupt zu
erheben.
    Widerwrtiges, das zum Ohre eingeht, rief Ingram, weist die Zunge hinaus,
und wo die Zunge nicht reicht, das Schwert.
    Wie soll der Mann kmpfen gegen unsichtbare Mchte, welche aus der Ferne zu
uns reden, rief Kunibert, wahrlich, die Christen verstehen manche Kunst, gegen
welche wir schwach sind. Sie haben den Zauber der lateinischen Sprache, die
wenige von uns kennen. In den Briefzeichen verkehren sie miteinander wie
Landgenossen, wenn sie auch daheim in verschiedener Zunge reden. Da ich jung
war, focht ich im Frankenheere am Rhein und darauf an der Donau, und an allen
Orten fand ich die lateinische Sprache und dasselbe Geheimnis ihrer Buchstaben.
Sie senden einander ihre Worte auf der Tierhaut zu ber Land und Meer. Mit einem
Rohr schreiben sie Befehle, und die Worte stehen fest fr alle Zeit, und wenn
unser Wille dagegen bumt, weisen sie auf ihr Pergament, und niemand vermag sie
zu widerlegen. Was einer vor vielen Jahren geredet hat, bezeugen sie durch
schwarze Buchstaben, sie schenken und begaben damit und entscheiden darnach ber
Mein und Dein.
    Wahrlich, rief Ingram, ich hoffe, der Eid ehrenwerter Mnner steht hher
als ihre schwarze Schrift, und ehe ich wegen einem Brief, den sie vorweisen,
hingebe, was mir gehrt, kmpfe ich mit jedem von ihnen im Ringe der
Landgenossen.
    Die neuen Verknder ziehen schwerlich das Schwert. Denn widerwrtig sind
sie in ihrer unkriegerischen Art. Wren sie Helden, welche auf der Kampfheide
strker sind als die Gegner, so drfte ein tapferer Mann sich ihnen wohl fgen,
wenn auch widerwillig. Aber waffenlosem Fremdling solche Ehre zu geben, wie der
Frankenherr diesem Winfried zuteilt, ist fr uns alle eine Schmach, und ich
entwich aus der Versammlung, weil mir der Zorn darber in das Haupt drang.
    Dennoch rate ich, begann Wolfram, der dazugetreten war, da die Herren
von der Hhe herabsteigen. Denn jene sind, wie ich vernehme, dabei, neue Briefe
zu lesen. Soviel Seltsames wurde noch nie im Ringe der Waldleute verhandelt.
Trotz ihrem Groll traten die Mnner ins Freie, Ingram mit schwerem Herzen, denn
ihm war die Begegnung mit Winfried unheimlich, und er barg seine Gestalt in dem
Haufen der anderen.
    An der Linde, wo das groe Frankenbanner wehte, hielt Graf Gerold ein
Pergament in die Hhe und rief ber die Haufen:
    Dies ist ein Brief aus Rom, welchen der ehrwrdige Papst Gregor, der dort
auf goldnem Stuhle sitzt, an Huptlinge des Volkes niedergeschrieben und gesandt
hat: wer seine Worte hren will, der trete herzu.
    Da drngten sich alle um die Linde, ein Priester verlas den lateinischen
Brief, und der Rufer kndete mit weit schallender Stimme die Deutung in der
Landessprache, welche ihm der Priester Satz fr Satz vorsprach. Die Gemeinde
vernahm die Worte:
    Den machtvollen Mnnern, seinen Shnen Asulf, Godolav, Wilari, Gundhari,
Albold und allen gottgeliebten Thringen, welche treue Christen sind, sendet
dies Papst Gregor.
    Mit gehobenem Haupte und gerteten Wangen traten die Huptlinge, deren Name
gerufen wurde, vor die anderen, und der wohlbeleibte Gundhari rief in seiner
Freude laut: Gundhari bin ich, und hier stehe ich. Scheu blickte die ganze
Versammlung nach den Ruhmvollen, welche durch das weie Pergament aus fernem
Lande angesprochen wurden. Ihre Verwandtschaft drngte sich um sie, und viele
streckten die Hlse, um einen Anblick der Schrift zu erhalten.
    Der Rufer fuhr fort und kndigte die Briefworte des Papstes. Uns ist
berichtet eure herrliche Treue gegen Christus. Denn als die Heiden euch zum
Gtzendienst drngten, habt ihr in festem Glauben geantwortet, ihr wolltet
lieber selig sterben, als die Treue gegen Christus, die ihr einmal auf euch
genommen, irgendwie verletzen. Darber sind wir mit hoher Freude erfllt und
haben unserem Gott und Erlser, dem Spender aller Gter, gebhrenden Dank
gesagt. Seine Gnade wird euch noch besseres Gedeihen schaffen, wenn ihr mit
frommem Sinne bei dem heiligen Sitz der Apostel euer Heil sucht, so wie
Knigsshnen und Miterben des Reiches bei dem kniglichen Vater Heil zu suchen
geziemt. Darum haben wir euch unseren geliebten Bruder Bonifazius zu Hilfe
gesandt, wir haben ihn zum Bischof geweiht und zu eurem Prediger bestellt, damit
er euch im Glauben unterweise. Wir begehren und mahnen, da ihr ihm in allem
beistimmt, auf da euer Heil im Herrn vllig werde.
    Dieser Verkndigung folgte ehrfurchtsvolles Schweigen, endlich begann Asulf,
welcher nach Geschlecht und Gtern der Vornehmste war, ein stattlicher Mann, dem
die grauen Locken ber die breiten Schultern hingen: Gefllt dir's, Herr, so
la mich die Stelle sehn, auf welche der ehrwrdige Vater in Rom meinen Namen
geschrieben hat. Winfried nahm das Pergament und wies auf die Namen, alle
drngten herzu.
    Gro ist die Ehre, die du uns durch diesen Brief bereitest, begann
Godolav, wir bitten dich, Herr, lies uns und dem Volke noch einmal die
wundervolle Botschaft. Denn lieber ist sie mir als ein gutes Schlachtro und als
eine ganze Herde, die sich in meinem Walde an Eicheln mstet.
    Noch einmal las Winfried, mit gefalteten Hnden hrten die Mnner und
nickten bei jedem Satze die Besttigung.
    Immer habe ich gemeint, begann Asulf aufs neue, da der groe Gott der
Christen, dem wir uns gelobt haben, sehr wohl beachtet, ob seine Mannen ihm den
Treuschwur bewahren und das Rofleisch meiden; jetzt aber sehe ich, da sein
mchtiges Auge ber weite Lnder reicht, da sogar der Bischof, der als Vogt der
Apostel zu Rom sitzt, genau wei, wie ich mich unter den Eichen verhalten habe.
Welcher andere Gott kann aufkommen gegen ein so gutes Gedchtnis? Denn wer dies
wei, der wei auch anderes, was ich tue, und wenn ich ihm etwas Liebes erweise,
so bin ich sicher, da er mir's lohnen wird in diesem oder jenem Leben, wie es
ihm gefllt. Darum mchte ich dir, ehrwrdiger Vater, ein Zeichen geben, da ich
gegen den groen Himmelsherrn dankbar bin. Wir hren, da du hierherkommst,
unserem Gott, den die Heiden den neuen nennen, Heiligtmer zu bauen. Zu meinem
Erblande gehrt ein Gut, junge Rodung, es hat dreiig Morgen Ackerland, auch
Waldweide, und ein kleines Holz, du kannst den Bau dort unten im Tale sehen;
nimm es, so bitte ich, von mir an als eine Gabe fr den Himmelsherrn, damit du
eine Kirche darauf grndest und einen Priester dazusetzest, welcher fr mich und
alle, die von meinem Stamme sind, bei dem groen Himmelsknig Frbitte tut, auf
da er unser ferner gndig gedenke.
    Als ein kluger Mann, der fr sein Wohl sorgt, hat Herr Asulf gesprochen,
rief Abold. Und wir alle wissen, da er von edlem Geschlecht ist. Aber ich
meine doch nicht, da er ein Vorrecht haben darf ber allen Landgenossen und da
er allein vor anderen eine Kirche hegen darf und einen geschorenen Mann, der fr
ihn fleht. Auch ich biete einen Acker hier ganz in deiner Nhe, denn nicht
geringer ist mein Besitz als der seine, und ich hoffe, da dem Heiligen im
Himmel auch die Gabe, welche wir anderen zutragen, ehrenwert erscheinen wird.
    Ich will dasselbe, riefen zwei oder drei Stimmen, und die Angebote von
Kirchenland folgten rasch aufeinander.
    Was ihr dem Herrn darbringt, sprach Winfried auf den Stufen des Altars,
gleich Knigskindern, welche um die Gnade des kniglichen Vaters werben, das
empfange ich im Namen des Himmelsherrn, damit es euch und eurem Geschlecht zur
Ehre und zum Heile sei; tretet heran und besttigt eure Gabe kniend vor seinem
Angesicht zu meiner Hand in Gegenwart des Grafen und der Gemeinde, damit alles
fest werde durch euer Gelbnis.
    Die Mnner knieten vor dem Altar und gelobten.
    Bis dahin hatten die Heiden abseits gestanden und hhnisch ber die
bereitwilligen Spender von Ackerland gelacht. Als aber noch ein dritter Brief
aus Rom verlesen wurde an das ganze Volk der Thringe, der auch sie anging, da
fhlten sie doch als eine Ehre, da der groe Bischof in Rom so zutraulich zu
ihnen sprach wie zu guten Bekannten, und die wohlmeinende Anrede bndigte den
Ausbruch ihres Grolles.
    Von dem Grafenbanner schritten die Christen, durch Winfried und die Priester
gefhrt, in langem Zuge zu dem Altar, der unter Baumesschatten erhoben war. Der
Gottesdienst begann. Die Heiden wichen zurck und hrten aus der Ferne Gebet und
feierlichen Gesang der Priester. Dann trat Winfried auf die Stufen des Altars
und sprach zu der Gemeinde von der Botschaft des Heils: da der groe
Himmelsknig seinen Sohn gesandt habe auf die Mnnererde, um alle zu erlsen von
bel und Snde, und durch die heilige Taufe und ihr Gelbnis zu binden in eine
groe Gefolgschaft, damit sie hier Glck und Heil fnden und nach dem Leben im
Christenhimmel wohnen knnten als selige Bankgenossen des Himmelsherrn. Und er
kndete die hohen Gebote, denen jeder Christ nachleben soll, damit der Herr ihn
als seinen treuen Mann beachte.
    Die Stimme des Predigers klang mchtig und drang tief in die Seelen, auch
die Heiden lauschten mit zugeneigtem Ohr. Nie hatten die Mnner so sinnvolle
Rede ber Himmel und Erde vernommen, welche aus einer bewegten Menschenbrust
tnte, und herzerschtternd deuchte ihnen die Kraft der Worte. Als er geendet
hatte und die Christen alle niederknieten, damit er sie segne, war es still
unter den Heiden, und kein Hohnwort und Gelchter tnte widerwrtig in die
feierliche Handlung. Auch der Wildeste scheute die Gegenwart der Edlen und
vielleicht noch mehr die Reisigen des Grafen, welche zu Ro mit ihren Speeren in
weitem Ringe um den Baum hielten.
    Nach dem Gottesdienst drngten sich die christlichen Huptlinge und das Volk
ehrfrchtig nahe an Winfried, sie suchten ein freundliches Wort von ihm zu
gewinnen, seine Hand zu fassen oder doch einen Zipfel seines Gewandes zu
berhren, er aber sprach zu den einzelnen wie ein Frst zu seinen Getreuen,
hrte ihre Bitten und wute jedem durch Rede und trstlichen Spruch wohlzutun.
Herr Gerold wnschte ihm Glck: Alles ist dir heut wohlgelungen. Ich selbst
hoffe Gutes von deiner Ankunft, denn williger werden sie mir jetzt den Zins
zahlen, wenn du mahnst, und ich vertraue, sobald du ihnen die Waffen segnest,
mgen sie auch den Slawen strkere Hiebe geben als ehedem. Dann sahen die Leute
mit Erstaunen, da sogar die stolze Frau Berswind sich zu der Hand des Bischofs
herabneigte, als sie leise zu ihm sprach: Ehrwrdiger Vater, wenn ich recht
berichtet bin, steht in den heiligen Bchern geschrieben, da die verlobten
Mnner alle Wendenfrauen, welche sie mit ihrem Speer gewinnen oder auch kaufen,
von ihrem Lager fernhalten sollen. Das aber tun viele in diesem Lande und
anderswo gar nicht, denn sie liebkosen auch gefangene Weiber und schenken ihnen
wohl gar silberne Nadeln und Ringe. Dies ist das grte Leidwesen und rgernis,
und ich flehe, da du auch den Gerold deshalb eindringlich mahnst. Das
versprach ihr Winfried ernsthaft.
    Und wieder ein Huptling begann: Gern wten wir deine Meinung, Herr, ber
die Opfermahle der Heiden, damit wir uns halten, wie Christen gebhrt; denn
lustig ist der Opferschmaus auf grnem Rasen, und ungern wrde ihn mancher
missen. Ich aber esse nie von dem Rofleisch, wenn ich nicht vorher ein Kreuz
ber den Teller geschlagen habe, damit die Heidenspeise dem Christengott nicht
widerwrtig sei, ich hoffe, das gefllt auch dir. Und der Huptling Wilari,
welcher in dem rmischen Briefe genannt war, rhrte den Bischof an und sprach
vertraulich: Ich bin nicht der Mann, der einem anderen seine Ehre beneidet,
zumal, wenn er sie selbst auch geniet, aber was den Helden Gundhari betrifft,
so war uns allen wunderlich, da er in dem Brief des rmischen Papa genannt war.
Denn sonst hat er oft am Opferstein gestanden und ist mit den anderen im
Osterreigen gesprungen. Aber damals, wo er widerstand, war er unwirsch wegen des
starken Metes, den er geschpft hatte, und als ihn die Nachbarn anfaten, um ihn
fortzuziehen, wurde er rgerlich, zog sein Schwert und verschwor sich, da er
jedem feind sein werde, der ihn von seinem Sitz treibe. Ob er das aus Treue
gegen den Christenglauben tat, das magst du selbst ermessen, denn er fing gleich
darauf an rgerlich zu singen, schlug gewaltsam auf den Tisch und schlief ein.
    Widerstand er einst im Rausche, in Zukunft tut er es auch wohl nchtern,
trstete Winfried und wandte sich zu dem Grafen. In der Ferne erkannte ich den
Thring Ingram zum Rabenhofe, vor Tagen entsandte ich ihn zu dem Sorben Ratiz,
geraubte Weiber und Kinder durch das Gut meines Herrn zu lsen. Mir wird
schreckhaft, da er zurckgekehrt ist und sich fernhlt, gefllt dir's, so la
ihn rufen, da er Bericht gebe.
    Der Mann hat einen guten Leumund, wie ich vernehme, antwortete der Graf.
Kommt er von den Sorben, so wird auch anderen als euch Christen wertvoll, seine
Botschaft zu hren. Und er gebot dem Rufer: Lade die Huptlinge und Alten zum
Ringe in den Hof der Frau Hildegard und fordere den Ingram, da er vor dem
Bischof erscheine.
    Im Zuge geleiteten die Herren den Bischof nach dem Meierhofe. Kurz darauf
wurde Ingram in den gedrngten Kreis gefhrt, welcher sich am Herd versammelt
hatte. Seine Wange war bleich und dster seine Miene, als er unter die Ersten
seines Volkes trat, stumm grte er die Versammlung und mied das Auge des
Bischofs, aber der Graf wies schweigend mit der Hand auf Winfried. Wo ist
Gottfried, wo sind die Kinder, Ingram? rief dieser in einer Bewegung, die er
nicht zu beherrschen vermochte.
    Ich wei es nicht, versetzte Ingram kurz.
    Und du stehst doch unversehrt vor mir, rief ihm der Bischof entgegen.
    Dein Bote hat die Frauen und Kinder durch dein Silber erledigt, alles ist
ihm bei Ratiz gelungen. Vor fnf Tagen zogen sie in der Frhe aus dem Lager des
Ratiz, Wolfram, mein Mann, begleitete sie bis in die Nhe des Sorbenbaches; ihre
Spur fand ich den Tag darauf diesseits des schwarzen Wassers, sie selbst habe
ich nicht gefunden.
    Winfried wandte sich ab und rang heftig, seinen Zorn und Schmerz in
demtiger Ergebung zu bndigen. Aber hart war sein Antlitz, als er sich wieder
zu Ingram wandte. Oft habe ich gehrt, da es einem Krieger wohl anstehe,
seinem Reisegesellen in Gefahr an der Seite zu bleiben.
    Nicht ich habe deinen Boten als Gesellen gesucht, du selbst trugst mir ihn
an. Ihn fhrte sein Gott, mich das Geschick, das mir die Gtter meines Volkes
fgten.
    Dennoch verkndet von dir der Ruf, begann der Graf wieder, da du einen
Genossen nicht ohne Not in der Wildnis verlt; gefllt dir's, so sage uns, was
dich von ihm geschieden hat.
    Ingram sah finster zur Erde. Nicht vermag ich's zu bergen, denn ruchbar
wird es doch im Volke. Ich lag bei Ratiz verstrickt, widerwrtig rollten die
Wrfel, meine Freiheit hatte ich im Spiel verloren.
    Die Versammelten regten sich unruhig, und viele erhoben sich von ihren
Sitzen.
    bel bedacht war es, ein gutes Schwert der Thringe an einen Sorbenwrfel
zu wagen, versetzte der Graf. Ich hoffe, du hast billigen Loskauf gefunden.
    Die Hunde brachen mir die Treue, rief Ingram, sie weigerten die Lsung
und gelobten mich ihrem Opferstein und dem Messer des Priesters. Ich aber brach
in der nchsten Nacht aus, hinter mir schlug die Lohe zum Himmel, das Lager des
Ratiz ist niedergebrannt. Ein lauter Ruf des Staunens und Beifall ging durch
die Versammlung, Herr Gerold stand schnell auf und trat zu Ingram.
    Wahrlich, Mann, rief er, in kalten Worten kndest du, was deinem Volke
wohl einen Sommer lang heie Arbeit machen kann. Ich aber bin von meinem
erlauchten Herrn Karl nicht in dies Land gesandt, um zu dulden, da ferner Hufe
und Klauen eurer Herden ostwrts getrieben werden. Und meinem Schwert hast du
gute Botschaft gebracht, ob dir selbst, darber mgen deine Landgenossen
entscheiden. Hast du das Rubernest angezndet?
    Godes tat es, ein Knecht der Sorben, der uns die Rosse zur Flucht gab, ich
sandte ihn heut auf einem meiner Hengste nordwrts in das Land der Sachsen,
damit er die Rache der Sorben meide.
    Als ein wilder Knabe hast du gehandelt, sprach der Graf, und in eigener
Sache deinem Volke einen Kriegsfall bereitet. Mich aber wundert, da der Ratiz
jetzt noch Frieden hlt und sogar Geleit fr Gesandte erbittet. Denn seine Boten
harren bereits an der Grenze. Weit du noch etwas zu kndigen, Ingram, was einen
von uns angeht?
    Nur was mich angeht, Herr. Im Ringe der Edlen und Alten stehe ich,
geschmht kann ich nicht leben. Wenn jener Christ mir vorwarf, da ich seinem
Genossen, die Treue brach, so habt ihr doch vernommen, da seine Klage ungerecht
war. Ich aber will seinem Boten, den sie Gottfried nennen, das Zeugnis geben,
da er als treuer Reisegenosse an mir gehandelt hat, obgleich ich seinen guten
Willen mir nicht begehrte. Denn er bot sein eigenes Haupt dem Sorben fr das
meine und wre zurckgeblieben an meiner Statt, wenn die Sorben und ich selbst
seinen Antrag angenommen htten. Und darum war mir leid, da ich ihn in der
Wildnis nicht fand, obwohl ich ihn mit meinen Gesellen drei Tage gesucht habe.
Das sage ich euch, damit ihr es wisset, nicht dem Bischof, welcher mir
widerwrtig denkt.
    Als Ingram so trotzig gegen den Bischof sprach, entstand Gemurr der Christen
und rhmendes Waffengeklirr der Heiden. Ingram aber fuhr fort: Doch eine
grere Sorge bedrngt mich, und darum will ich euch fragen. Ich bin dem Ratiz
entwichen, weil er gegen den Vertrag an mir handeln wollte, aber ich fuhr ohne
Lsung aus den Banden. Und die Sorben werden mich fortan einen entlaufenen
Knecht schelten, das nagt mir am Herzen. Er stampfte mit dem Fue auf den
Boden. Wissen will ich, ob meine Landsleute mich auch dafr halten, und ob sie
laut oder in der Stille beistimmen, wenn ein Feind im Lande solche Schmhrede
gegen mich wagt. Und denkt ihr darum niedrig von mir, so sattle ich zur Stelle
mein Ro und reite aus dem Lande, so lange, bis ich den Ratiz und seinen Haufen
finde und dort mir ehrliche Ausfahrt suche aus der Hlle meines Leibes.
    Tiefe Stille folgte seinen Worten, endlich begann Asulf, der lteste unter
den versammelten Edlen: Verhlt es sich, wie du sagst, haben die Sorben die
Schatzung versprochen und dich nachher fr das Opfermesser bestimmt, so darf
dich kein redlicher Mann darum schelten, da du ihre Weiden zerschnitten hast,
sobald du vermochtest. Da du aber mit dem fremden Ruber um Ro und Schwert und
deine Freiheit gespielt hast, solche wilde Tat liegt fortan auf deinem Leben, du
mut sie tragen und niemand kann dir die Last abnehmen. Mancher wird es fr ein
lustiges Wagstck halten, weil du dich doch wieder entledigt hast, mancher auch
fr eine Krnkung, die du dem Gedchtnis deiner Vorfahren zufgtest. Sorge,
Held, da deine Landgenossen in Zukunft anderes preisen, was du ruhmvoll tust.
    Die Christen stimmten dem Huptling bei, und die Heiden schwiegen, aber
keiner widersprach. Wieder war tiefe Stille, da begann Winfried; Nicht meines
Amtes ist es, ber das weltliche Lob eines Kriegsmannes zu entscheiden, das
steht euch allein zu, Huptlinge des Volkes. Nur eines darf ich euch sagen,
liebevoll und barmherzig ist der Gott, dem ich diene, und er richtet nicht nur
ber die Taten der Menschen, auch ber ihre Gedanken. Manches wilde Werk
beurteilt der Himmelsherr wohl gndiger, weil er den Sinn der Menschen
durchschaut. Gefllt's euch, ihr Edlen und Weisen, so fragt den Krieger, weshalb
er so vermessen mit dem Sorben gewrfelt hat.
    Du hrst auch diese Frage, Ingram, sprach der Graf, willst du Antwort
geben, so rede.
    In Ingram kmpfte heftig Stolz und Abneigung gegen den Priester mit dem
Wunsch, das zu sagen, was in den Augen seiner Landsleute wohl eine
Rechtfertigung war, aber sein Trotz behielt die Herrschaft, der Schwei trat auf
seine Stirn, als er antwortete: Ich will nicht.
    Da erhob sich Kunibert und rief: Da Held Ingram schweigt, will ich euch
knden, was ich von seinem Diener Wolfram gehrt habe. Um Walburg, das
Frankenmdchen, die Tochter seines Gastfreunds, den die Sorben erschlugen, wagte
er das Spiel, weil der Sorbe das Weib fr sein Lager bestimmt hatte und nicht
anders freigeben wollte.
    Ein leises Summen ging durch die Versammlung, und die ernsten Mienen
entwlkten sich. War es fr ein Weib, Ingram, begann der Graf lchelnd, und
fr das Kind deines Gastfreundes, so werden die jungen Gesellen und Mdchen
deshalb von dir nicht schlechter denken. Ich aber rate dir, nicht in der Weise
eines verzweifelten Mannes dein Pferd zu satteln. Harre, bis der Tag kommt, wo
du in meiner Schar deine Rechnung mit dem Ratiz ausgleichst. Er winkte ihm
Entlassung, Ingram verlie schweigend den Meierhof, hinter ihm klang das
Gerusch lebhafter Rede.
    Der Abend kam, und das versammelte Volk lagerte sich zur Nachtrast; rings um
das Dorf loderten die Feuer in der Niederung und auf den Bergen, die Mnner
saen nach Drfern und Geschlechtern gesondert, sprachen ber die Ereignisse des
Tages und ber die groe Vernderung, die der neue Bischof dem Land bedeute.
Zwischen den Feuern schritt Winfried, von den Priestern begleitet; wo er einem
Christenhaufen nahte, erscholl lauter Heilruf, er trat grend heran und redete
mit den Mnnern. Dann vernahm man den Klang eines Glckchens, das Memmo trug,
die Rastenden knieten um die Flamme. Winfried sprach das Abendgebet und erteilte
den Segen. Wo aber ein Heidenhaufe sa, ging er wie ein Huptling mit wrdigem
Gru vorber, er fand kalten Gegengru und finstere Mienen, doch keiner wagte
ihn durch Worte zu krnken, erst hinter seinem Rcken klangen leise
Verwnschungen.
    Um den Rabenhof brannten die Feuer nicht, nur das letzte Abendlicht
vergoldete die Linde, welche in der Mitte des Hofes stand. Dort saen und lagen
eine Anzahl ansehnlicher Heiden, ihre Mienen waren sorgenvoll, und um groe
Dinge ging ihr Gesprch.
    Mich freut's, Ingram, da du dem Fremden in der Versammlung so mutig
widerstandest, begann Bruno, Bernhards Sohn, zu dem Genossen, der die Augen
abwrts gekehrt neben ihm auf dem Boden lag. Doch auch dem Fremden mu ich die
Ehre geben wegen der Worte, die er zuletzt ber die Wrfel sprach. Denn
gewichtig war die Mahnung, da man auch die Gesinnung eines Mannes bedenken
soll.
    Schlau ist seine Rede und hinterhltig sein Sinn, rief Ingram zornig von
der Erde, die Franken am Main taten klug daran, mir sein Amt zu verhehlen.
    Niemand wird leugnen, fuhr Bruno fort, da er ein gewaltiger Mann ist;
mchtig verkndete er heut vor allen; er schrie, wie der Sturmwind schreit.
Unerhrt ist es in der Welt, da jemand am lichten Tage vor allem Volk so groe
Botschaft ausruft und durch Briefe und Schrift bezeugt, da sein Gott mchtiger
sei als die Gtter, zu denen wir flehen.
    Auch ein Lgner mag laute Stimme haben, versetzte Kunibert.
    Er aber ist kein Landlufer, fuhr Bruno fort, wie ein Knig wandelt er
einher, wrdig, in vornehmem Gewande, ein weit anderer Mann scheint er als der
kleine Meginhard, und wenn ich recht urteile, so gleicht er durchaus nicht einem
Betrger.
    Wie kannst du ihn einem Knig vergleichen, rief Kunibert, da er keine
Waffen trgt und ganz unkriegerisch ist.
    Hat nicht manches Volk, das zu unseren Gttern flehte, den gleichen Brauch?
Auch bei unseren Nachbarn, den Sachsen, ist es dem Opferer nicht erlaubt, den
Speer zu werfen und im Haufen zu kmpfen. Sage uns, Ingram, da du sein
Geleitsmann warst, ob du ihn als einen furchtsamen Mann erkannt hast.
    In innerem Widerstreben antwortete Ingram: Ich habe ihn in der Gefahr
furchtlos gefunden, aber unmnnlich weigert er sich, Rache zu nehmen an einem
Feinde.
    Seine Genossen sahen erstaunt einander an, und die jngeren lachten
verchtlich. Nur Bruno sprach kopfschttelnd: Auch ich habe vernommen, da ihr
Gott gebietet, die Feinde zu lieben, dennoch lache ich nicht ber solche Lehre,
wenn sie auch jedem wehrhaften Mann unrhmlich und unverstndig erscheint. Denn
ich merke, auch in ihr ist ein Geheimnis und eine Deutung, die ich nicht
verstehe. Ist doch Graf Gerold ein Christ und mancher andere, der seines
Schwertes froh wird. Wie die Franken auch sonst von Gemt sein mgen, da sie
vor Blut erschrecken, darf ihnen keiner nachsagen. Und gerade an dieser Lehre
von der Liebe mgen wir erkennen, da die Christen sich auf eine Schrift
sttzen, die ihnen von einem Gotte berliefert ist, denn einem Gott ist eher
mglich, Unmenschliches zu gebieten als einem Mann, und alle Christen lehren und
sprechen dasselbe, auch wenn es ihnen selbst lstig wird, darnach zu handeln.
Achtet wohl darauf, genau mit denselben Worten wie jener Bischof sprach auch
sonst der kleine Memmo und der Priester des Grafen, obgleich sie nicht so streng
gegen das Rofleisch und das Beilager mit fremden Frauen eiferten als der
Fremde. Furchtbar fr uns alle ist eine Lehre, welche von dem Gotte selbst
herkommt und als wahrhaft durch seine Schrift bezeugt wird.
    Deutlicher sprechen unsere Gtter zu uns, rief Ingram, das Haupt erhebend,
von ihnen berichtet das Lied des Sngers und der Spruch der Weisen, ihre Stimme
hre ich im rauschenden Baum, im singenden Quell, im Schlage des Donners; jedes
Frhjahr fhrt der Sturmwind ber die Tler, und wenn die Gtterhunde bellen und
die Geisterrosse schnauben, zieht der groe Schlachtengott ber unseren Huptern
dahin. Wer begehrt sich ein strkeres Zeugnis als dieses, das wir alle Tage
ehrfrchtig hren oder sehen.
    Sinnvoll redest du, sprach Bruno, zu den Raben aufblickend, welche um den
Baum flogen und ihr wildes Lied schrien, berall schweben sie um uns, und ihre
Boten verknden, da sie nahe sind. Dennoch ngstigt mich, da sie gegen den
Fremden ohnmchtig werden. Wenn sie im Wipfel des Baumes wohnen, wenn sie durch
die Luft fahren, warum strafen sie ihn nicht? Das Zelt hatte er fr den Dienst
seines Gottes errichtet unter dem Fruchtbaum, von dem wir die Losstbe
schneiden; an dem Baume rinnt ein Quell, zu dessen Herrin wir flehen, ich sah
auf den Baum und ich sah in den Quell, whrend er sprach; das Laub rhrte sich
gerade wie sonst, und wenn er schwieg, sang der Quell weiter. Ich schaute der
Sonne, unserer lieben Herrin, in das Angesicht, als ihre Strahlen auf sein Haupt
fielen, bis sie mir fr meine Unverschmtheit den Blick schwrzte, aber mir
schien, da sie frhlich aussah wie sonst immer, und da sie ihm gar nicht feind
ist. Ja, ich frchte, sogar der Donner vermag nichts gegen ihn.
    Ingram seufzte, er wute, da der Donnergott vermied, den Verwegenen zu
treffen.
    Darum sage ich, fuhr Bruno kummervoll fort, es ist eine groe
Verkndigung, die wir am lichten Tage durch helles Wort und durch neue Gedanken
hren. Wer in versammeltem Volk seiner Rede lauscht, dem wird es schwer, ihm zu
widersprechen. Dann sind die Gedanken, welche er aufregt, viel gewaltiger als
die Stimmen der berirdischen, welche wir ehren. Aber wenn der Mann allein steht
im dunklen Nebel, am Waldbach, bei der wogenden Halmfrucht, oder auch in der
Dmmerung am Herde, dann wird wieder die Verkndigung des Christen schwach und
unsere Gtter werden mchtig. Zwietrchtig ist, wie ich ahne, die Herrschaft der
Gtter; der neue Gott der Christen, den sie den dreieinigen nennen, herrscht wie
ein Tagesknig, wo sich die Mnner zusammengesellen und starke Rede erschallt;
jedoch die Gtter unseres Landes schweben daneben, sie walten und schaffen, aber
ich sorge, sie vermgen ihn nicht zu berwinden. Schreckenvoll ist solche Zeit
fr jeden treuherzigen Mann. Ob sie einen Kampf der Gtter bedeutet und
Untergang der Mnnererde, oder eine neue Herrlichkeit, wer vermag das zu sagen?
    Er senkte traurig das Haupt, auch die anderen schwiegen, bis Kunibert
begann: Jeder von uns hat schwere Gedanken. Mir aber widersteht der fremde
Brauch und die neue Lehre, denn die alten Gtter gaben meinem Leben Ehre und
Segen, unbedachtsam und frevelhaft wre ich, wenn ich die Holden verliee. Darum
denke ich so: hat sich ein Kampf erhoben zwischen unseren Gttern und dem
Christengott, so harren wir ehrfurchtsvoll, welcher der strkere sei. Deutlich
wird das auch fr uns Mnner; denn wer sich mchtiger erweist als Glcksspender
und Siegbringer, dem mssen wir folgen, wenn wir nicht tricht sind. Ist der
Christengott so gewaltig, wie du sagst, so mag er demnchst unseren Waffen Sieg
geben gegen die Slawen, wenn wir wider sie kmpfen. Das, meine ich, wird das
groe Gottesgericht sein, wo unserem Volke die Lose geworfen werden und zugleich
den Gttern selbst.
    Folge du gefgig dem Sieger, fuhr Ingram im Zorne auf, ich denke treu zu
bleiben den Gewaltigen, denen meine Vter gelobt haben, und die mir, seit ich
ein Kind war, bei Tag und Nacht ehrwrdig gewesen sind. Lngst wissen wir, da
Kampf ist auf der Mnnererde und Kampf im Reiche der Gtter. Jeden Winter
dringen die finsteren Todesgewalten gegen die guten Bewahrer unseres Glcks,
mhsam ist der Streit zwischen Tageswrme und Nachtreif, auch hinter Sonne und
Mond rennen, wie die Sage kndet, unablssig die Riesenwlfe, sie zu
verschlingen. Ich aber will, bin ich auch nur ein einzelner Mann, in dem
Gtterstreit bei den guten Geistern meiner Ahnen stehen, ob sie siegen oder
unterliegen. Lodert ihre Welt in Flammen, so will ich vergehen mit den
Geliebten, denen ich zeither gedient. Denn Ha fhle ich gegen die neue List und
die gewundene Rede und das siegesfrohe Lcheln der Priester. Er erhob sich
heftig und eilte aus seinem Hof ins Freie. Bruno sah ihm besorgt nach. Der Sinn
ist ihm verstrt durch die Sorbenbande, und ich frchte, er denkt auf
Gewalttat.
    Das glhende Abendrot wich dunklem Grau, nur ein matter rtlicher Schein lag
noch an dem Bergwald und den Hhen, da vernahm man auf dem Talwege, der von der
Saale her zum Dorfe fhrt, feierlichen Gesang. Aus der Dmmerung bewegte sich
ein wallender Zug, der Knabe mit dem Holzkreuz, hinter ihm Gottfried und der
ganze Haufe der Frauen und Kinder, Walburg auf einem Karren von zwei Rindern
gezogen. Freudengeschrei und lauter Zuruf des Volkes empfing die Geretteten, als
sie den brennenden Feuern nahten. Erstaunt sahen die Fahrenden auf die Flammen
und das Volksgewhl und empfingen die Glckwnsche der andringenden Menge. Der
Bischof selbst eilte mit geffneten Armen dem Zuge entgegen; umringt von dem
Volke, stattete ihm Gottfried seinen ersten Botenbericht ab, wie die Erledigten
ausgezogen und an dem schwarzen Bach und der Wasserrinne aufwrts in den Wald
gedrungen waren; dort hatten sie Tag und Nacht die Schrecken der Wildnis
empfunden. Aber als sie endlich zu einem einsamen Hofe kamen, hatte der Wirt,
obwohl er mehr Heide als Christ war, einen Karren bespannt und aus Furcht vor
den Sorbenkriegern seinen Hausrat und die Kranke daraufgesetzt und die
Wandernden mit Hausgenossen und Vieh begleitet.
    Durch die Menge, welche dem Bericht lauschte, brach Ingram. In seliger
Freude rief er schon von weitem den Namen der Jungfrau, vergessen war in diesem
Augenblick aller bittere Zorn, und in heller Verklrung strahlte sein mannhaftes
Antlitz. So erkannte ihn Walburg. Das Schleiertuch vor ihrem Gesicht bewegte
sich, und ihre Hand streckte sich ihm entgegen. Da trat Gottfried heran, fate
ihre Hand, hob sie mit Hilfe des Fhrers vom Karren und fhrte sie zu Winfried.
Walburg sank auf die Knie, und Ingram wich zurck. Mit schnellen Worten
berichtete Gottfried ihren Namen und ihr Geschick, und Winfried sprach
liebevoll: Vor einem fernen Grabe habe ich gelobt, fr dich zu sorgen wie ein
Vater, der Himmelsherr hat die erste Bitte erhrt, die ich in diesem Lande um
eine Seele zu ihm tat, ich nehme dich auf als ein Unterpfand, da der Herr auch
ferner meinem Tun gndig sein wird. Er sah zu dem Meierhofe hin, wo bereits
eine Menge geschichteter Stmme zu neuem Bau lag, und rief froh: An dieser
Waldecke soll, wie ich hoffe, eine Herberge erstehen, worin mancher Gebundene
aus den Fesseln gelst wird. Sei bedankt, mein Sohn, fr die gute Reise; deine
Rckkehr lst auch einen anderen von schwerer Verantwortung.
    An Ingrams Hnden hingen die kleinen Brder der Walburg. Kommt zu mir, ihr
Knaben, rief Ingram heftig und zog sie mit sich fort.
    Aber Winfried selbst trat ihm in den Weg. Mein sind die Knaben, und mein
ist jedes Haupt dieses Zuges.
    Die Shne meines Gastfreunds sind's, und die Sorge fr ihr Wohl nehme ich
auf mich, rief Ingram in aufloderndem Zorn.
    Durch das Gut des Herrn sind die Kinder gelst, und nicht durch das deine,
antwortete der Bischof.
    Krieger sollen sie werden und nicht kniebeugende Christen, rief Ingram,
die Knaben festhaltend.
    Ich aber frchte, Ingram, versetzte Winfried, da ihnen der wilde
Haushalt deines Hofes nicht gedeihen wird, und ich habe die Pflicht, sie davor
zu bewahren, denn meiner Lehre gehren sie. Gib die Hnde frei, die du
festhltst.
    In hellem Ausbruch der Wut fate Ingram nach seinem Schwert, der Bischof
fate die Hnde der Knaben und stand dem Wtenden mit gehobenem Haupt gegenber.
Nicht das erstemal stehe ich vor deiner Waffe, rief er mahnend.
    Der Graf trat schnell vor Ingram und hielt ihm selbst die Schwerthand fest.
Unsinnig bist du, Ingram, da du dich gegen einen Geschorenen regst. La dir
Gutes raten, Mann; hebst du das Schwert, so verlierst du die Hand.
    Aber Ingram ri sich los, ihm wirbelte es vor den Augen, blutigrot waren die
Gesichter, welche ihn hhnisch anschauten, und ganz auer sich rief er: Von
meinen Gttern scheidet er mich, und die ich liebe, lst er von mir, rchen will
ich den Schaden oder nicht leben, und im Sprunge schwang er sein Schwert gegen
den Bischof. Da sah er pltzlich vor sich nicht das verhate Gesicht des
Priesters, sondern ein Frauenantlitz, marmorbleich, voll Schrecken die Augen,
auf der Wange eine blutigrote Wunde, und er fuhr zurck, entsetzt ber die
Verwandlung.
    Greift den Friedensbrecher! rief Herr Gerold. Wildes Geschrei erhob sich,
und Schwerter blitzten. Ingram aber rannte mit gehobener Waffe der Hhe zu;
seine Freunde und Genossen aus der Heidenschaft drngten sich zwischen ihn und
die zornige Menge, bis die Rufe der Verfolgenden in der Ferne verklangen und den
Gejagten das schtzende Dunkel des Waldes umschlo.

                                    Walburg


Nach dreitgiger Lehre und Festfeier waren die Gaugenossen heimgezogen, die
Christen mit gehobenem Haupt, die Heiden in Kleinmut. Aber drauen in dem weiten
Land der Thringe wirkte die Bewegung fort, welche durch den Zauber eines
krftigen Mannes aufgeregt war, der Windsto aus dem Waldtal wurde zum starken
Sturme, er durchfuhr das ganze Land und warf alte Heidenbume nieder.
    Winfried wohnte nicht mehr in der Htte des Memmo. Auf den Rat des Grafen
war ihm beim Meierhof eine Halle errichtet worden, damit er wrdiger das Volk
empfange. Doch war er selten daheim, von Reisigen und von einem Gefolge
ansehnlicher Mnner begleitet, zog er rastlos durch das Land, und wo er
erschien, stritten die Mnner ber Opfermahle und ihr knftiges Heil in der
Himmelsburg. Viele zogen das weie Gewand der Tuflinge an, noch mehrere standen
unsicher zur Seite, ohne Waffen gegen das laute Wort aus Menschenbrust und gegen
das Wesen des Mannes, der so sicher wie ein Gott Bescheid wute, wo andere sich
im Zweifel ngstigten. Fand er auch berall bittere Feinde, wider den ersten
Andrang seiner Lehre vermochten sie sich nur wenig zu wehren, denn gtig und
schonend sprach er zu dem einzelnen, und jedem gab er seine Ehre, er war
freundlich zu den Frauen, sein Antlitz wandelte sich in helle Frhlichkeit, wenn
er mit den Kindern sprach, und wo er einen Bedrngten oder Darbenden fand, gab
er alles, was er selbst gerade hatte, und bat so feierlich, und dringend, da er
oft auch die Harten zur Guttat beredete. Im ganzen Lande sagten die Leute, da
er ein milder und vornehmer Mann sei, und darum hrten sie ihn williger.
    Aber auch das Dorf, in dem er zuerst eingekehrt war, wies nach wenigen
Wochen die Verwandlung. Auf dem Meierhofe, welchen Frau Hildegard dem
Christengott als Geschenk dargebracht hatte, erhob sich bei der Halle ein
Turmgerst und daran ein groer, im Viereck eingehegter Raum, der dem
Gottesdienste geweiht war. Auerdem mehrere neue Blockhuser: ein Schlafhaus fr
die losgekauften Frauen und Kinder, daneben ein Arbeitshaus, in dem sich an
jedem Wochentage die Spindeln drehten und Websthle klapperten; und gegenber
ein zweites Arbeitshaus mit einem groen Kreuz ber dem Giebel, die erste Schule
im Lande. Dort saen die Knaben, deren Vormund der Bischof geworden war, auf
niedrigen Holzbnken, sie lernten in ihrer Sprache das Vaterunser und den
Glauben und im Latein Kirchengebete und Gesang, daneben auch ein wenig
Verstndnis der lateinischen Worte. Denn Memmo erfand fr sie wichtige Sprche
mit deutschen und lateinischen Wrtern in der Tat wie: meus avus heit mein Ahn,
pater heit der Vater, vir bin ich, der Mann, filius der Sohn. Memmo lchelte
jedesmal stolz, wenn er den Knaben einen neuen Spruch beibrachte, er strich
denen, welche gut lernten, so zart ber das gelbe Kraushaar, wie seinem
Stieglitz ber das rote Kppchen, aber den Ungefgen zahlte er unerbittlich ihr
Kerbholz mit einer groen Birkenrute, welche der Unartigste jeden Sonnabend neu
liefern mute, damit er selbst die ersten Streiche empfange. Auch Schreibgert
bereitete er, um den Knaben das Geheimnis der Schrift zu offenbaren. Er kochte
den schwarzen Zaubersaft der Tinte, whrend ihn die Knaben ngstlich umstanden;
er lehrte seine Schler kleine Holztafeln schneiden und einrahmen und fr den
Gebrauch des Griffels mit einer dnnen Lage Wachs berziehen, fr die Tinte aber
mit weiem Birkenbast bekleiden. War Gottfried im Dorfe, so unterrichtete dieser
im Kirchengesang, zu seiner Schule gehrten auch die Frauen und Mdchen. Sooft
die Weise des Abendliedes von der Hhe ber das Dorf klang, hrten die Landleute
mit der Arbeit auf und sahen furchtsam zu dem Hofe empor, wo dem neuen Gott der
Nachtgru geboten wurde. Und wenn Memmo mit seinen Schlern durch Wiese und Holz
zog und ihnen die Tugenden der Bume und Kruter erklrte, dann wurden seine
kleinen Gesellen von den Dorfknaben angeschrien wie gezhmte Vgel von wilden,
und er hatte zuweilen mit seinem Stocke Arbeit, um die Kpfe der Raufenden
auseinanderzubringen.
    Weit durch das Land lief das Gercht von der neuen Schule und von der
seltsamen Christenzucht. Obgleich das unkriegerische Wesen den Ansehnlichen
mifiel, so dnkte doch manchem vorteilhaft, einen jngeren Sohn daran zu wagen,
die armen Leute aber warben dringend um Aufnahme, und schon dachte Winfried
daran, die Schule nach dem groen Markt der Thringe zu verlegen.
    Einige Frauen und Kinder waren durch ihre Freunde abgeholt worden, aber die
Mehrzahl sa noch unter dem Schutz des Bischofs und begehrte sich kein besseres
Glck, denn der Haushalt war wohlgeordnet, und aller Bedarf des Lebens wurde in
fester Ordnung bereitet. Die Christen hatten nach der groen Versammlung auf die
Mahnung des Bischofs freiwillige Spenden zugetragen: Lebensmittel, Flachs, sogar
Viehhupter. Anderes gewann eigener Flei der Hausenden. Was Wald und Flur von
ebaren Frchten bot, wurde gesammelt, die Ernte des Gutes von eifrigen Hnden
eingebracht, jedem einzelnen wuten die Vter nach seinen Krften ein Amt zu
geben, welches dem Haushalt ntzlich war. Neben dem Meier und seiner Frau
standen Walburg und Gertrud der Wirtschaft vor, die eine im Frauenhause, die
andere in den Stllen und auf dem Felde. Sooft Winfried von seinen Reisen
heimkehrte, empfing er wie ein Gutsherr die Berichte seiner Getreuen, er stand
frhlich unter den Kindern, freute sich der guten Kpfe, welche Memmo lobte, und
mahnte die Sumigen. Und jedesmal hatte er einen besonderen Gru fr Walburg und
ihre Brder.
    Walburg war genesen. Memmo hatte seine rztliche Kunst wohl an ihr bewhrt,
mehrere Wochen hatte er ihr die Arbeit in freier Luft verboten, heut war ihr
vllige Heilung verkndet, und sie stand zum erstenmal im Hofe, das Antlitz zur
Hlfte mit dem Schleiertuch bedeckt, welches nach dem Gebot des Paters die
vernarbte Wange noch einige Zeit von der wehenden Luft scheiden sollte. Sie
hielt eine Webe Leinwand an das Licht, prfte die Fden und ma an einem Stab
die Lnge, whrend zwei kleine Mdchen die rollenden Falten in ihren Scho
aufnahmen. Es ist noch keine Herrenleinwand, sagte sie in frhlichem Eifer zu
Gottfried, indem sie auf seinen stummen Gru mit Kopfnicken antwortete, denn
der ehrwrdige Bischof wollte, da wir zunchst fr die Kinder arbeiten sollten.
Denke, mein Bruder, jeder der Knaben soll zu seiner Wolljacke noch zwei Hemden
und ein Paar Bundschuhe erhalten. Wie Shne von Huptlingen werden sie
einhergehen, und das ist gut, damit sie jedermann achte, weil sie doch jetzt
deine Schler sind. Und dann sind noch Betten zu stopfen fr Groe und Kleine,
und Inlett und berzug zu nhen, und wir haben alle Hnde voll zu tun, damit das
Haus in Ordnung sei, wenn der kalte Winter kommt. Viele kleine Betten sind
ntig, denn der Herr Winfried will wieder, da jedes der Kleinen sein eigenes
Bett habe, was hierzulande unerhrt ist. Aber braunes Wolltuch ist bereits
vorhanden, und gern mchte ich vor den anderen dir ein Hausgewand nhen; denn,
verzeihe, Bruder Gottfried, wenn ich es sage, das, welches du trgst, wird
fadenscheinig, und wir bekmmern uns darber.
    Sorge nur fr die anderen, versetzte Gottfried, wird mein Rock schlecht,
so webe und nhe ich mir selbst einen, oder empfange einen anderen, den ein
Bruder genht hat; denn es ist nicht Brauch, da ein Bruder Frauenarbeit trage.
Er sprach dies eifriger, als not war, und fuhr dabei dem kleinen Bezzo ber den
Kopf, der sich an den Fen Walburgs anklammerte und, da sie ihn nicht
beachtete, ungeduldig an ihrer Hfte hinaufkletterte. Sie drcken wieder, rief
Bezzo. Er meint seine Schuhe, erklrte Walburg, ihn auf den Arm nehmend, er
hat Heidenbeinchen, welche die Gebote des Bischofs nicht leiden wollen, und
einen wilden Heidenkopf, und der Unhold wei, da er ein Liebling ist, weil er
auf der Reise dir lieb wurde. Sei artig, Bezzo, und bitte den frommen Bruder,
da er ein Kreuz ber dir schlgt gegen deine wilden Gedanken.
    Damit war Bezzo einverstanden, er strebte von dem Halse der Jungfrau heftig
an den des Mnches und bat: Ich will ein Kreuz auf den Kopf, denn da gibt uns
Base Walburg Honigseim. Walburg entschuldigte sich: Man mu den Kleinen das
Kreuz lieb machen. Gottfried aber lste den Knaben errtend von Hals und Arm
der Jungfrau, setzte ihn zur Erde und sprach ihm freundlich zu.
    Wir Frauen sehen dich jetzt selten in unserer Nhe, fuhr Walburg
treuherzig fort, und doch hngen die Herzen alle an dir; whrend der
Sorbenfahrt sorgtest du eifriger um uns.
    Der Mnch ist ein ungeschickter Ratgeber bei Frauenarbeit, antwortete
Gottfried, aber dir darf ich es sagen, im nchsten Frhjahr kommt Kunitrud,
meine Schwester, aus Angelland hierher, sie wird mit euch hausen. Sie hat sich
dem Herrn gelobt, geht geschleiert und soll die Herrin einer Frauengemeinde
werden, sie ist weiser als ich.
    Versteht eine Geschleierte auch Latein? fragte Walburg erstaunt.
    Die ich nannte, spricht es wohl besser als ich, der ehrwrdige Vater rhmt
ihre Kunst in den Versen; manches heilige Buch hat sie gelesen.
    Wie werden wir vor solcher Frau bestehen? rief Walburg erschrocken.
    Sie ist jung wie du, und wenn ich nicht irre, so ist sie dir hnlich in
Antlitz und Gebrden, versetzte Gottfried befangen, ich hoffe, sie wird dir
eine gute Gesellin werden.
    Sie ist jung und hat sich dem Herrn gelobt? fuhr Walburg nachdenklich
fort, so Groes hat die Jungfrau auf sich genommen? Denn ich wei wohl, ist sie
geschleiert, so darf sie im Mai nicht mehr mit den Mdchen auf die Wiese gehen,
sie darf keinen Mann mehr freundlich gren und gar nicht an ein Ehegemahl
denken und an Kinder im Hause. Das ist hohe und schwere Pflicht fr ein junges
Herz. Verzeih, ehrwrdiger Bruder, unterbrach sie sich, als sie in das gertete
Gesicht des Mnches sah, ich verga, da sie deine Schwester ist, auch du hast
dein junges Leben dem Herrn geheiligt, und wir anderen sehen's mit Staunen.
Gottfried neigte das Haupt, grte sie schweigend und ging schnell nach der
Schule. Walburg aber trat an das Wasserbecken des Laufbrunnens, hob den Schleier
und betrachtete die rote Narbe ihrer Wange; mit einem Seufzer lie sie den
Schleier herunter. Dem Mdchen steht die Narbe bel im Gesicht, sagte sie
bedauernd zu sich selbst, und schwerlich wird noch jemand meine Wange rhmen.
Ob die Schwester aus Angelland auch eine Maser im Antlitz trgt, da sie der
Erdenfreude entsagt hat?
    Sie fhlte einen Schlag auf der Schulter und wandte sich rasch um, Gertrud
sah sie lachend an und drckte ihr einen Kranz von Eschenlaub und roten Beeren
auf das Haupt, wie die Mdchen im Herbst beim Tanze tragen. Besseres Glck fr
die Zukunft, rief sie. Recht wohl steht dir der Kranz, wenn man auch nur
deinen halben Mund lachen sieht.
    Die frommen Vter verstehen alles, versetzte Walburg, sie wissen sogar
ein Mdchengesicht wieder ganz zu machen.
    Gute Mnner sind die Langrcke, rief Gertrud. Aber meinst du, da einer
von ihnen stark genug ist, eine wackere Magd im Reigen um seine Hfte zu
schwingen?
    Rede nicht so wild, bat Walburg und hing den Kranz an den Brunnen.
    Gertrud schlug ihre festen Arme bereinander und sah ihre Gefhrtin spottend
an. Ich denke, du bist insgeheim ebenso gesinnt; denn alles hier ist sehr
suberlich, aber jauchzen habe ich noch niemanden gehrt als etwa kleine Knaben,
und auch die werden gemahnt, den Kopf zu neigen. In meinem Leben ging mir's
niemals so gut als unter dem Kreuze, und ganz gern lernte ich das Kyrie und Amen
rufen. Aber Mdchen, die ganze Herrlichkeit mchte ich in mancher Stunde
dahingeben, wenn ich nur einmal mit einem frischen Knaben in der Sommermitte
ber das Nachtfeuer springen knnte.
    Schweige von dem Heidenbrauch, da dich nicht die Kinder hren, mahnte
Walburg.
    Bist du so ergeben, da du keine Gedanken mehr hast, die ber den
Christenhof hinausgehen? fragte Gertrud. Doch als sie den traurigen Blick der
anderen sah, tat ihr die Frage leid, und sie fuhr fort: Wie kommt's, da du nie
zu mir von dem Manne sprichst, der deinetwegen an den Herd deines Vater kam?
    Ich scheue mich, andere nach ihm zu fragen, versetzte Walburg traurig, da
ich nicht wei, wie er gegen mich gesinnt ist. Die Frauen sagten mir, er reitet
weit von hier im Heere der Franken. Immer stand sein Sinn nach einem groen
Kriegszuge, und als er das letztemal am Main war, wollte er deshalb Kundschaft
einziehen. Was siehst du mich so an, Gertrud? rief sie heftig, du weit von
ihm, was du mir nicht sagen willst; sei barmherzig und rede.
    Hrtest du nicht, was viele wissen? antwortete Gertrud, das Grafengericht
hat ber ihn gesessen. Wenn sie ein Urteil gegen ihn gefunden haben, so mgen
dir's andere knden, nicht ich.
    Wo ist Wolfram? rief Walburg. Tglich habe ich nach ihm ausgesehen, aber
verlassen liegt der Rabenhof.
    Es geht dort still her, antwortete Gertrud, die Knechte und Mgde haben
sich verzogen.
    Wer fttert sein Vieh? fragte Walburg schnell.
    Vielleicht, da Wolfram noch dort verstohlen haust. Ist es dir Ernst, den
Mann des Verschwundenen zu sehen, fuhr sie leiser fort, so will ich dir dazu
helfen.
    Schaffe ihn her, bat Walburg angstvoll.
    In den Hof wagt er sich schwerlich, weil die Reisigen des Grafen um das Tor
lauern. Da du jetzt in das Freie gehen darfst, so komm mit vor das Tor, doch
verrate mich nicht, wenn ich dir helfe; denn was verstehen die Priester davon,
wenn zwei einander liebhaben, sie werden klug tun, sich gar nicht darum zu
kmmern, und sie schwenkte ihren groen Sahnlffel ohne Ehrfurcht gegen die
Schule, in welcher Gottfried lehrte.
    Als die Mdchen vor das Tor traten, sahen sie einen Haufen Volkes, wie er
sich jedesmal sammelte, wenn der Bischof von einer Reise zurckerwartet wurde.
Neben den Reisigen standen Arme und Kranke, welche sich Almosen und Heilung
begehrten, Christen aus der Umgegend, die Segen oder guten Rat ersehnten.
Seitwrts aber hielten Krieger in fremder Slawentracht; mit Abscheu erkannte
Walburg die Mtzen und den Pferdeschmuck der Sorben, unter ihnen den Weibart
aus dem Gefolge des Ratiz, stattlich angetan in langem Tuchrock mit glnzendem
Schwertgrtel. Der Alte nahte den Frauen mit tiefen Verbeugungen und begann, die
Pelzmtze in der Hand drehend: Ganz gut gelang, wie ich merke, den Frauen die
Fahrt ber den Sorbenbach. Walburg bezwang ihren Widerwillen, als sie
antwortete: Auch eure Reise zum groen Frankenherrn glckte in Frieden, soweit
ich sehe.
    Das Geleit deines Herrn, des Bischofs, war krftig, wir sind wohlbehalten
bis hierher zurckgekehrt. Aber mir ist damals vieles verbrannt, als ihr von uns
wichet, und dem Alten tut eine Hilfe not.
    Wir sahen auf der Fahrt die Rte, wenn wir uns rckwrts wandten.
    Stroh brennt so leicht als Schindeln, versetzte der Alte freundlich und
blickte ber die Holzdcher des Hofes. Aber meine Landsleute bauen schnell,
kommst du das nchste Mal zu uns, so findest du neue Strohdcher.
    Nimmermehr begehre ich euer Dorf zu schauen, rief Walburg in ehrlichem
Abscheu.
    Mge dir alles werden, wie du es begehrst, antwortete der Weibart
demtig, auch mir wre lieb, wenn die Jungfrau dem Vterchen zu seinem Recht
verhelfen wollte. Held Ingram, welcher unseren Banden entfloh, hatte, da er noch
frei war, aus guter Meinung mir ein Stck rotes Tuch gelobt, damit ich ihm
bewillige, dich zu sprechen. Ich habe es bewilligt; nach dem Tuche sehne ich
mich noch. Dem Mann ist es seither auch hier bel gelungen, ich aber mchte
nicht, da sein Gelbnis gegen mich unerfllt bliebe. Vermag die Jungfrau mir zu
meinem Rechte zu helfen, so wre mir's lieb.
    Ist Ingram um meinetwillen dir etwas schuldig, so will ich sorgen, wenn er
es nicht vermag, da du deine Gebhr erhltst, antwortete Walburg und entwich
dem beredten Danke des Sorben. Die Mdchen gingen bis zu dem Vorsprung des
Waldes, der sich nahe an die Wegscheide erstreckte, dort gebot Gertrud ihrer
Gefhrtin niederzusitzen, sie selbst breitete ein weies Tuch am Saum des
Gehlzes und wandelte, als wenn sie Kruter suchte, am Holz entlang, bis sie
langsam zu ihrer Gefhrtin zurckkehrte. Ist er im Hofe, so kommt er; harre, ob
er das Zeichen sieht.
    Nicht lange saen die Mdchen, vor den Blicken aus ihrem Hofe gedeckt, da
schritt Wolfram aus dem Rabenhof in das Holz und wand sich hinter dem Baumland
zu ihnen. Walburg eilte ihm entgegen. Wo ist Ingram?
    Er heit nicht mehr Ingram, Wolfsgeno nennen ihn jetzt die Leute, friedlos
haben sie ihn gemacht wie ein Wildtier des Waldes. Walburg rang die Hnde. Es
freut mich, da du seiner gedenkst, fuhr Wolfram fort, denn in dem Hofe, aus
welchem du kommst, sinnen sie ihm nichts Gutes. Seinetwegen saen die Alten
unter den drei Linden um den Grafenstuhl. Ich stand an ihrem Gehege, und es war
ein bitterer Tag. Der Hauptmann des Grafen trat in den Ring und erhob die Klage,
laut riefen sie den Namen meines Herrn gegen Hof, Acker und Weide. Aber er
selbst antwortete nicht, sondern Bruno als sein nchster Freund trat fr ihn in
den Ring. Dreimal gab er Antwort auf die Klage, und dreimal berieten die
Landgenossen. Nach dem dritten Rat fiel der Spruch: Da mein Herr den Frieden des
Frankenherrn und des Volkes durch die Schwerthand gebrochen habe, so solle er
fortan Frieden haben wie der Wolf, wo ihn kein Auge sieht und kein Ohr hrt. Und
bei den Wlfen haust jetzt der Friedlose.
    Walburg schrie auf, Wolfram aber fuhr kummervoll fort: Sie sagen, da der
Spruch ganz mild war, den Hof haben sie ihm nicht verbrannt, Bruno hat unterdes
die Hand darbergelegt; und ehrlos haben sie ihn auch nicht gemacht, wohl
mglich, da ihn die wilden Tiere zu ihrem Knig whlen.
    Wo weilt er selbst? rief Walburg.
    Wolfram sah sie bedeutsam an; Vielleicht im wilden Wald, vielleicht unter
hartem Stein, aus dem Licht der Sonne ist er geschwunden.
    Walburg winkte heftig ihrer Begleiterin, zurckzuweichen und sprach leise:
Ich hoffe, er reitet namenlos im Frankenheere.
    Ich hoffe nicht, versetzte Wolfram.
    Du birgst ihn in seinem Hofe.
    Sein Dach schtzt ihn nicht mehr vor fremden Sphern.
    Dann bekenne mir, wo er ist, Wolfram, bei deiner Seele und Seligkeit
beschwre ich dich, rief sie feierlich.
    Fr meine Seele und Seligkeit wnsche ich Gnstiges, versetzte Wolfram,
aber ich wei nicht, ob sie gedeihen werden, wenn ich meinen Herrn verrate.
Dennoch erkenne ich, da ich allein ihm nicht zu helfen vermag. Willst du mir
versprechen, da du geheim bewahrst, was ich dir knde, so sollst du erfahren,
was ich selbst wei. Walburg machte ein Kreuz und reichte ihm die Hand. Unter
den Urstmmen im wilden Wald wissen mein Herr und ich einen hohlen Baum, in dem
wir Weidgert und was man sonst fr Waldfahrt bedarf zu bergen pflegen, wie
Brauch der Jger ist. Dorthin trug ich ihm am Morgen, nachdem er entwichen war,
sein Jagdzeug, Waffen und Kleider und sang in der Nhe, so laut ich vermochte,
den Jagdruf, welchen er von mir kennt. Als ich am zweiten Tag wiederkam, war der
Baum geleert. Seitdem schrie ich dort fter mein Lied, und als sein Urteil
verkndet war, weilte ich in der Nhe, bis er selbst kam. Aber freudenlos wurde
das Wiedersehen, seine Wangen waren fahl und wortkarg die Rede. Und als ich mich
erbot, ihn zu begleiten, wies er das kurz ab und sprach: In der Halle der Gtter
hause ich, fr einen, der im Sonnenlicht wandelt, ist dort kein Raum. Kehre
nicht wieder, Wolfram, denn friedlos wird jeder, der sich dem Ausgestoenen
zuwendet.
    Nannte er meinen Namen? unterbrach ihn Walburg.
    Er fragte nicht einmal nach seinen Rossen, versetzte Wolfram. Die Jungfrau
senkte traurig ihr Haupt. Nur von den Sorben sagte er mir etwas, woraus ich
erkannte, da er ganz verstrt ist. Rotes Tuch forderte er fr den Weibart und
da ich darum eins unserer Rosse auf den Markt fhren sollte, es sei gelobte
Schuld.
    Hast du nach seinem Gebot getan? fragte Walburg.
    Das Tuch habe ich eingetauscht, aber die Gabe dem alten Diebe zu gewhren,
scheint mir ganz tricht und unsinnig, denn seine Speergesellen haben an meinem
Herrn treulos gehandelt, und er lebt mit ihnen in tdlicher Fehde.
    Tue dennoch nach dem Gebot, auch um meinetwillen, bat Walburg.
    Die Hunde lagern jetzt im Dorfe wie Huptlinge, versetzte Wolfram, ich
sah den Alten; als ein Spher schleicht er einher, und nichts Gutes bedeutet
seine Ankunft. Mge dies der letzte Gewinn sein, den er im Sacke heimtrgt. -
Seit jenem Tage erblickte ich meinen Herrn nicht mehr, doch was ich noch in dem
Baume barg, wurde fast immer abgeholt. Gestern aber fand ich ein Stck Rinde in
der Hhlung und auf der inneren Seite das Bild eines Rosses geritzt. Morgen
denke ich ihm sein bestes Pferd hinzufhren und dazu noch eins fr einen
anderen, damit er nicht allein reitet.
    Und wonach steht sein Sinn? Das sage mir noch, Wolfram, wenn du es weit.
    Wo soll er hin, wenn nicht gegen die Sorben. Denn die Weiden sind es, die
ihm jetzt am meisten das Herz einschnren. Als wilder Wolf will er dort beien,
bis ihn ein Keulenschlag trifft. Ich mchte lieber anderswohin. Aber mich treibt
eine Vorbedeutung, da ich doch Wolfraban heie. Ich erkenne, mein Name gibt mir
die Weisung, da ich ihn auf dem Wolfsprung begleite.
    Fhre nicht die Rosse in den Wald, auf denen er mit dir zum Tode reitet,
sprach Walburg feierlich, denn ich will ihm helfen, da er lebe, wenn ich's
vermag. Gelobe mir, mich morgen an dieser Stelle zu erwarten, bevor du zu dem
Baume wandelst, damit ich dir berbringe, was deinem Herrn ntzen mag.
    Wolfram berlegte. Ich wei, da du ihm wohlgesinnt bist, und du wirst ihn
nicht seinen Feinden verraten.
    Niemals, rief Walburg.
    Wohlan, so erwarte ich dich hier, wenn die Sonne morgen frh ber den
Waldrand steigt.
    Die Mdchen eilten zum Hofe, denn vom Dorfwege nahte ein Reitertrupp, in
seiner Mitte der Bischof. Ihn begrte Heilruf der harrenden Menge und der
Hofgenossen. Wie ein Huptling schritt er durch das Volk in die Halle, welche
ihm errichtet war, und empfing dort nach der Reihe die Gesandten und die
Flehenden. Zuletzt sprengte auf seinem Kriegsrosse Herr Gerold selbst in den
Hof, ihm trat der Bischof auf der Schwelle entgegen, bot den Friedensgru und
geleitete ihn zu dem Herdsitz.
    Den Raben von drben habe ich verscheucht, begann der Graf, du bist an
ihm gercht.
    Ich danke dir nicht dafr, Gerold, du weit, wie ich fr ihn gebeten habe.
    Nicht mein Vorteil war es, versetzte der Franke unwillig, das beste
Schwert der Thringe zu zerbrechen. Da ich das Urteil gefordert habe, geschah
nur darum, weil mir von meinem Herrn dein Heil auf die Seele gelegt ist. Denn du
vermochtest nicht im Volke zu dauern, wenn der erste Mann ungestraft blieb, der
gegen dein Haupt das Schwert gezckt hat. Verchtlich wurdest du vor jedermann,
und von allen Seiten wren die Heidenmesser in dich gedrungen. Willst du den
Thringen deine Botschaft ferner verknden, so mut du ihnen erweisen, da deine
Feinde ausgetilgt werden.
    Hast du jenen Mann ausgetilgt, sprach Winfried, weil er zuchtlos den
Frieden des Volkes brach, so darf ich dir nicht widerstehen. Begehrtest du aber
Rache fr mich, so hast du mir wehe getan. Auch du kennst das hohe Gebot,
welches geschrieben steht, da wir unseren Feinden Gutes tun sollen.
    Steht es geschrieben, so siehe du zu, ob die Mnner hier dir's glauben,
rief Gerold unzufrieden, ich aber hoffe, da du nicht gekommen bist, um diesem
Volke den Mnnermut zu nehmen, sondern zu strken, denn hier tut nicht Geduld
und Lammessinn not, sondern Krieg und scharfes Gefecht, dazu bin ich in dies
Land gesandt, und ich erkenne, der Wille des erlauchten Helden Karl ist, da du
mir dabei hilfst. Als wir miteinander aus dem Angesicht des Frankenherrn
schieden, da legten wir unsere Hnde ineinander und gelobten, treue Gesellen in
dem Volk der Thringe zu sein, ich fr meinen Herrn, du fr den Christengott,
denn verfallen lag dies Grenzland, und feste Fhrer waren ihm ntig.
    Treu hast du bisher unseren Vertrag erfllt, versetzte Winfried herzlich.
Und gern gebe ich das Zeugnis, da ich vor anderen Menschen dir dankbar bin,
wenn es mir gelingt, die harten Nacken am Taufstein zu beugen. Denn die Furcht
vor deinen Bewaffneten ist mein einziger irdischer Schutz, und glaube mir, kein
Tag vergeht, wo nicht hier im Hofe von meinen Getreuen fr dein Wohl gebetet
wird.
    Herr Gerold neigte ein wenig das Haupt. Ganz willkommen ist mir, wenn du
mir im Himmel gutes Gemach bereitest, denn ich selbst habe wenig Geschick dazu.
Aber nicht weniger lieb wre mir, wenn du mir auch auf anderen Wegen deine Treue
bewhrtest; und da ich dir's geradeheraus sage: mir gefllt nicht, da du den
Boten des Ratiz freies Geleit zu dem Helden Karl ausgewirkt hast, und da du
ber die Grenze bis in das Wendenland geschorene Boten laufen lt, denn du
handelst gegen meinen Vorteil und wohl auch gegen den eigenen.
    Erwge auch, versetzte Winfried ruhig, da ich nichts getan habe ohne
dein Wissen. Mein Beruf ist, auf der Mnnererde den Frieden Gottes zu verknden,
wie durfte ich mich weigern, dem Helden Karl den friedfertigen Wunsch des Ratiz
zu melden. Wir vernahmen, da der Ruber mit manchem von seinem eigenen Volke
verfeindet ist, und dem groen Frankenherrn selbst war willkommen, auch ber die
Slawen an der Grenze seine Herrschaft zu breiten.
    War es ihm willkommen, versetzte Gerold zornig, mir und anderen, die an
der Grenze gebieten, wre es verhat und unleidlich. Meinst du, da wir den
Ratiz als Grenzgrafen neben uns dulden werden, zu unserem Schaden an Land und an
Zehnten? Und heut sage ich dir, mich freut's, da es mir und meinen Frsprechern
gelungen ist, ihn bei Herrn Karl zu hindern. Ohne gnstigen Bescheid kehren die
Sorben zurck, und dem Ratiz ist befohlen, ber die Saale zurckzuweichen.
    Und wenn er es nicht tut? fragte Winfried.
    Dann soll er der erste sein, den wir fllen, damit Furcht das Slawenvolk
bndige.
    Wenn aber seine Landsleute ihm helfen?
    Das gerade ist, was ich will, rief Gerold. Meinst du, ich habe Lust,
diesen Sommer mein Schwert mig in der Scheide zu tragen?
    Und neu erhebt sich Mord und Brand und die Greuel des Grenzkrieges, rief
Winfried traurig, zerstrte Hfe sehe ich, erschlagene Wirte, und die Wehrlosen
gleich dem Vieh getrieben, verwildert auch die Herzen der Sieger.
    Ich habe dich weise gefunden auch in weltlichen Dingen, versetzte Gerold,
diese Rede aber dnkt mir tricht. Ob du die Thringe deiner Lehre unterwirfst,
das hngt jetzt nicht allein von den Gebeten ab, die du ihnen vorsprichst,
sondern von den Schlgen, welche ich mit einem Volksheer den Wenden zuteile.
Denn die Heiden werden dir nur dann ihre Hlse zuneigen, wenn sie unter dem
Christenbanner Sieg erhalten. Und wenn du einst die Ostvlker bekehren willst,
so werden auch diese erst auf deine Worte hren, wenn sie erkennen, da ihre
Gtzen nicht mehr Sieg spenden.
    Mein Werk ist es, den Vlkern der Erde den Frieden des Gottesreiches zu
verknden, antwortete Winfried, dein Amt ist, die Feinde des Frankenherrn
niederzuwerfen. Durch viele Jahre habe ich erfahren, da die heilige Lehre nicht
pltzlich Sinn und Gedanken der Mnner wandelt, und manches Menschenalter mag
vergehen, bevor die Christen selbst die Worte der Liebe und des Erbarmens
begreifen. Ich wei auch, da nur ein Volk, welches den Heiden siegreich
widersteht, sich den Christenglauben bewahrt, darum will ich, da die Herrschaft
der Franken sich so weit breite, als es mir gelingt, meinem Himmelsherrn
Bekenner zu gewinnen. Mit dem hohen Frsten Karl habe ich dies vereinbart, da
er der einzige weltliche Herr sein soll ber alles bekehrte Heidenland, wie der
Bischof zu Rom der einzige Vogt des Himmelsherrn. Soweit wnsche ich dir Sieg,
und ich darf zu dem Allwaltenden flehen, da er ihn deiner Heldenkraft gewhre.
Aber wenn du den Kampf begehrst aus Begierde nach Kriegsruhm und Beute, dann
hte dich, da nicht auch dich die Strafe treffe, wenn du aus diesem kurzen
Leben in das ewige hinbergehst.
    Meine Sorge um das Himmelreich habe ich in deine Hnde gelegt, Bischof,
versetzte der Graf mit geheimem Bangen, und ich vertraue, du wirst meinen
Vorteil dort wahrnehmen, wie auch ich hier fr den deinen kmpfen will, obgleich
du mir zuweilen widerstehst. Und so la uns wieder gute Gesellen sein; ich reite
an die Grenze, und bald mag deine Frbitte mir heilsam werden.
    Er schritt klirrend aus der Tr, und Winfried sagte hinter ihm still zu sich
selbst: Ich hole mir bessere Freude bei meinen kleinen Pfleglingen. Er
wandelte in das Arbeitshaus, grte die Frauen und Kinder, schritt mit Walburg
durch alle Rume, lie sich berichten, was in seiner Abwesenheit getan war, und
betrachtete die Werke des Webstuhls und die Schtze der Vorratskammer. Lchelnd
rhrte er an das Schleiertuch der Jungfrau, welches die eine Hlfte ihres
Gesichtes deckte. Ich mu die Kunst des Arztes rhmen, denn gut hat er dir die
Wunde geheilt, und der Schaden wird noch durch die Zeit gebessert. Bald kommt
wohl einer und der andere und begehrt dich zur Hausfrau. Wir aber werden dich
ungern missen, denn dein Sinn ist fest, und was deine Hand berhrt, gedeiht. Du
bist zur Hlfte geschleiert, vielleicht gibt Gott dir die Gnade, da du dein
ganzes Leben seinem Dienste weihst.
    Da errtete Walburg, aber sie sah dem Bischof offenherzig in das Gesicht,
als sie antwortete: Oft kam mir der Gedanke, fr mein Leben hierzubleiben, als
ich mit der Wunde sa; denn selig ist der Frieden in deiner Nhe, und viel
Leidvolles habe ich erfahren. Aber, mein Vater, auch ohne Gelbnis bin ich
gebunden an das Schicksal eines anderen. Zrne nicht, wenn ich dich an den Mann
mahne, welcher frevelhaft das Eisen gegen dein Haupt gehoben hat.
    Die Stirn des Bischofs umwlkte sich, war es Zorn gegen Ingram oder Unwille,
weil jemand seinem Wunsche widerstand, im nchsten Augenblick sah er wieder
gtig auf das Weib, welches flehend die Hnde faltete. Sie haben ihm den
Frieden genommen, Walburg, nachdem er ihn vorher selbst verloren hatte.
    Deshalb will ich zu ihm, ehrwrdiger Vater.
    Du, Jungfrau? fragte Winfried erstaunt, in die Wildnis, in ein fernes
Land, zu einem verachteten Haupte?
    Wo er auch atme, wie er auch lebe, in dem wilden Wald, unter dem Fels, bei
Raubtieren und Raubgenossen, ich will zu ihm. Denn, Herr, ich bin's ihm
schuldig.
    Deinem Vater im Himmel bist du schuldig, nichts zu tun, was gegen seine
Gebote ist. Auch Zucht und Sitte sind dem Weibe geboten, und waghalsiges
Preisgeben des eigenen Lebens ist ihm Unrecht.
    Ich verstehe die Lehre, ehrwrdiger Vater, versetzte Walburg demtig.
Sonst habe ich mich zchtig gehalten und stolz gegen werbende Knaben, auch
gegen ihn. Er aber hat seine Freiheit um mich gewagt und sein Leben. Frevelhaft
war das Wagnis, ich wei es, mein Vater, und allzu hart habe ich es ihm selbst
gesagt, das reut mich jetzt. In Not und Elend ist er um meinetwillen gekommen,
ich will gehen, ihn zu retten.
    Vermagst du das, Mdchen?
    Der liebe Gott wird mir gndig sein, antwortete Walburg.
    Weit du schon, fragte Winfried prfend, ob er sich deine Nhe begehrt?
Baust du auf das Verlangen, das er einst hatte, dich zu besitzen? Walburg, mein
armes Kind, das Angesicht, welches er holdselig fand, hast du verdorben.
Walburg sah vor sich nieder, und um ihren Mund zuckte der Schmerz. Bei Tag und
Nacht habe ich daran gedacht, und ich frchte sehr, mein Antlitz ist ihm
verleidet. Aber mein toter Vater war sein Gastfreund, und er wird die Tochter
als eine gute Bekannte aufnehmen, wenn er sich auch fortan ein anderes Weib
begehren sollte.
    Wo birgt sich der Heillose?
    Oben im Bergwald, sein Diener Wolfram wird mich zu ihm fhren.
    Und wenn ich dir verbieten wollte, dein Leben und deine Seele an die
Wildnis zu wagen, was wrdest du dann tun?
    Walburg sank vor ihm auf die Knie, und die gerungenen Hnde zu ihm
aufhebend, antwortete sie leise: Ich mte doch gehen, ehrwrdiger Vater.
    Walburg, rief der Bischof drohend, und zornig blitzten seine Augen.
Schnell erhob sich Walburg. Was hat dich getrieben, Herr, als du hierherkamst
unter die Heiden? Dein heiliges Haupt gibst du tglich dem Ha und der Bosheit
deiner Feinde preis. Sorglos und frhlichen Herzens reitest du durch die Drfer
der Heiden und fragst nie, ob dich ein Pfeil aus dem Dickicht treffe. So groes
Vertrauen bewahrst du auf Gottes gndigen Schutz, und du zrnst der Magd, die in
deiner Nhe lebt, da auch sie ihr Leben an die Gefahren der Wildnis wagt? Gro
ist dein Amt, ehrwrdiger Vater, vielen Tausenden willst du Rettung bringen aus
dem Verderben, ich bin ein armes Weib, ich habe nur ein Leben, um das ich bete
und weine, aber den Mut habe ich wie du, einen Willen wie du; und solange ich
frei auf meinen Fen wandle, werde ich meine Schritte dorthin richten, wo er
sein ruheloses Haupt birgt. Denn ich erkenne, arge Unholde schweben um ihn und
bedrngen seine Seele, und darum mu ich eilen, ihn zu retten, wenn ich es
vermag.
    Als ein geschworener Mann des Himmelsknigs fahre ich ber die Heide und
durch den Wald, versetzte Winfried ernst, in meinem Amte wage und dulde ich,
du aber, wenn du dich einem Unseligen gesellen willst, folgst der Leidenschaft,
welche auf Erden das Weib an den Mann bindet. Nicht meines Amtes ist, dein Tun
zu rhmen oder zu verdammen. Wre ich in Wahrheit dein Vater und stnde mir zu,
dir den Gemahl zu whlen, ich wrde dich hindern oder dich selbst begleiten. Als
dein geistlicher Berater sage ich dir, die Absicht kann ich nicht tadeln, die
wilde Fahrt darf ich nicht loben. Er wandte sich von ihr, da er aber die
Jungfrau regungslos mit gesenktem Haupt stehen sah, trat er wieder zu ihr und
nahm sie gtig bei der Hand. So mu ich als Bischof sprechen, aber wenn du doch
den Unholden Trotz zu bieten wagst, so werde ich darum nicht schlechter von dir
denken, whrend der Fahrt will auch ich in deiner Sache zu dem Herrn beten, ob
er mich gndig erhrt, und wenn du zu mir zurckkehrst, wie du gegangen bist, so
will ich dich empfangen als mein wiedergefundenes Kind. Walburg neigte ihr
Haupt, und der Bischof betete ber ihr.
    Winfried kehrte in sein Gemach zurck, und nachdenklich sprach er zu sich
selbst: Mein Geselle Gerold ist der redlichste unter den Franken, die ich
kenne. Auch die Magd, welche ihr Leben fr einen Verschollenen hingeben will,
mag wohl in diesem Lande eine der besten sein, und doch sind beide nicht echte
Erben des Gottesreiches. Furchtbar ist es zu denken, wie gering die Zahl solcher
ist, welche das Leben im Erdgarten nur als Vorbereitung betrachten fr die Halle
der Herrlichkeit. Komm, mein Sohn, rief er dem eintretenden Gottfried zu, ich
ringe mit schweren Gedanken, und deine Nhe wird mir eine Erquickung. Doch mit
Sorge sehe ich, da dein Antlitz bleich und deine Miene verhrmt ist; was andere
zu wenig ben, das tust du im berma. Ich lobe nicht dein Entbehren der Speise,
nicht dein nchtliches Wachen und nicht die Geielschlge, die, wie ich durch
die Wand hre, deinen Rcken treffen. Grble nicht ber Trume und ngstige dich
nicht, da flatternde Gedanken dir das reine Gewand deiner Seele verderben
knnen. Zu einem arbeitsamen Gehilfen an hartem Werke hat dich der Herr
bestimmt, und kraftvoll brauche ich dich, denn viel ist noch zu tun. Krieg steht
bevor an der Grenze, aus unserer Friedenssaat ist er aufgegangen; und wir haben
zu sorgen, da die jungen Gemeinden nicht von den Unholden zerschlagen werden.
Deinen Reisegenossen Ingram hat das Urteil getroffen, und wir wollen darauf
sinnen, wie wir dem Friedlosen die Rckkehr in die Heimat bereiten, denn er
gehrt zu den Kindern unseres Gebetes. Fortan bete du auch fr Walburg, die
Jungfrau. Sie hat sich eigenwillig von uns gelst und geht zu dem Friedlosen in
die Wildnis.
    Gottfried schwieg, aber ein Schauer fuhr ihm ber den Leib, und er sttzte
sich an die Wand, der Bischof sah erschrocken auf die gebrochene Gestalt.
Gottfried, mein Sohn, rief er, was ist mit dir? Da ging der Mnch leise an
die Truhe, in welcher die heiligen Gewnder lagen, nahm die Stola hervor und tat
sie dem Bischof mit flehendem Blick um. Winfried setzte sich in den Stuhl, der
Mnch kniete an seiner Seite und faltete die Hnde ber den Knien des Bischofs;
fast unhrbar waren die Worte, welche er sprach, aber dem starken Mann klangen
sie wie ein Schlachtruf in das Ohr, und als der Jngling geendet hatte und mit
seinem Haupte auf den Knien des Bischofs lag, sa dieser ber ihn gebeugt und
hielt die heie Stirn des Betenden, so voll von Schmerz wie der Jngling selbst.

                               Unter den Schatten


Am nchsten Morgen schritt Walburg mit ihrem Fhrer dem Walde zu. Hinter ihr
rief Gertrud traurig in die Flur: Neig dich, Laub, und neig dich, Gras, denn
eine freie Magd will sich vom Sonnenlicht scheiden.
    In dem lichten Gehlz ber dem Dorfe weidete die Rinderherde. Die Khe
liefen neugierig aus dem Gebsch und starrten die Jungfrau an, auch der Hirt
trat an den Weg, bot den Gru und fragte, wohin sie im Frhlicht wandle. In die
Berge, antwortete Walburg leise, und der Mann schttelte den Kopf. Ein
vorwitziges Kalb trabte hinter ihr her und roch an ihrem Korbe. Weiche von mir,
Braunchen, mahnte sie, denn der Weg, den ich gehe, wre dir gefhrlich, du
hast Frieden bei den Leuten, alle mssen dich beachten, wenn du auch nur ein
Jhrling bist, und wenn dich ein Fremder schdigt, so mu er es deinem Herrn
schwer ben. Der aber, den ich suche, ist rmer als du, denn jeder darf
ungestraft seinen heien Mut an ihm khlen, und schutzlos schweift er ohne
Recht. Sie fate ihren Handkorb fester und eilte dem Fhrer nach.
    Auf dem Gipfel des Hgels wandte sie sich um und streckte die Hand grend
nach der sonnigen Ebene aus, sie schaute ber die Beute der Ackerflur, auf die
grauen Dcher des Dorfes und auf den Meierhof, in dem sie Zuflucht gefunden
hatte; sie dachte an die Kinder, wer ihnen das Frhbrot austeilen werde, und sah
die Brder mit heien Wangen bei ihren Holztafeln in der Schule sitzen, und den
kleinen Bezzo, der schreiend durch den Hof lief, sie zu suchen.
    Wenn er schreit, wird er die Schule stren, und ich frchte, sie werden ihn
abstrafen, weil er um mich weint. Und vor ihrem Auge erschien das ernste
Angesicht Winfrieds, als er zu ihr sprach: Du folgst irdischer Liebe, und auf
diese Welt hast du deine Sache gestellt, ich aber auf jene. Da seufzte sie: Ob
er mir im Herzen zrnte, das mchte ich wohl wissen. Aber er hat mich doch
gesegnet, trstete sie sich. Vielleicht bittet er gerade jetzt zum
Himmelsherrn fr mich, wie er mir verhie, und unter seinem Gebet fahre ich
sicher dahin; denn ich denke, er mu dem groen Gott sehr lieb sein, und ihm zu
Gefallen werden mich die Himmelsboten beschtzen. Doch meinetwegen fliegen sie
schwerlich, weil der Friedlose sich so grblich gegen den Bischof erhoben hat.
    Lngs dem rauschenden Bach gingen sie wohl eine Wegstunde, bis sie dahin
kamen, wo die letzten Markzeichen in den Grenzbaum gehauen waren und die Geleise
der Holzwagen aufhrten. Dort begann die Wildnis, welche nur der Jger betrat,
ein scheuer Wanderer, der ber die Berge zog, und der gesetzlose Ruber, welcher
heimatlos ber die Erde irrte. Vor ihnen erhob sich der wilde Wald, Urstmme,
mit langen Flechten umhangen, glnzten silbergrau, gleich riesigen Sulen,
welche hoch oben das Laubdach trugen. Dichter Schatten deckte den Grund, ber
dem Wurzelgeflecht und gestrzten Stmmen lag die grne Moosdecke, und groe
Farnwedel breiteten sich in der Dmmerung. Wolfram zog die Mtze, wie dem Jger
geziemte, wenn er unter die Wildbume trat, und Walburg neigte sich mit
ehrfrchtigem Gru gegen den Hochwald; Ihr Gewaltigen wachst frei gegen den
Himmel, Sonnenschein und Regen fhlt ihr auf den Wipfeln, und der Quell im
Felsen netzt euren Fu. Gnnt auch mir das Gute, das ihr uns Fremdlingen
gewhrt, wenn wir euch furchtsam nahen, die Waldfrucht als Kost, weiches Moos
als Lager, eure Zweige als Decke und eure Stmme als eine Ringburg gegen die
Feinde. Noch einmal wandte sie sich zum Lichte zurck, dann trat sie beherzt in
den Schatten.
    Wohl eine Stunde fhrte Wolfram zwischen den Stmmen ber Berg und Tal.
Endlich hielt er auf der Hhe vor einer riesigen Buche und sprach mit gedmpfter
Stimme: Dies ist der Baum. Er bog vorsichtig das Farnkraut zurck, hob ein
Stck Buchenrinde ab, welches die Hhlung verdeckte, und wies hinein. Dann
sphte er vom Hhenrand ringsumher. Nichts war zu sehen. Es ist noch nicht die
Zeit, in welcher er kommt, doch bist du sicher, da er heut nicht ausbleibt,
denn er hofft auf sein Ro.
    Der Jungfrau pochte das Herz, als sie um sich sah, eine Riesensule hinter
der anderen, bis die fernsten sie dicht einhegten wie eine ungeheure Mauer. Wir
scheiden, Wolfram, weiche zurck nach dem Hofe und la mich hier, da ich ihn
allein treffe.
    Wie darf ich ein speerloses Weib unter dem wilden Gewchs zurcklassen!
versetzte Wolfram unwillig.
    Geh dennoch, du Treuer, was ich mit ihm zu reden habe, geht uns allein an
und kein anderer soll es hren. Willst du mir freundlich sein, so kehre morgen
um Mittag hierher zurck und frage den Baum, wie es um mich steht. Ich will es,
Wolfram, und du krnkst mich, wenn du anders tust.
    Wolfram streckte ihr die Hand hin. Fahre wohl, Walburg, ich ginge nicht,
aber ich wei, da der andere nicht lange sumen wird. Er schritt abwrts,
solange die Jungfrau ihn sehen konnte, dann warf er sich auf den Boden. Harren
will ich, bis ich seine Gestalt merke, damit ihr jemand nahe bleibt, der den
Waldbrauch kennt.
    Walburg sa allein unter dem Baum, sie legte die Hnde zusammen und blickte
empor nach der Hhe, wo sie den blauen Himmel nicht mehr sah, nur ste und
Bltter. Unter den grauen Stmmen herrschte tiefes Schweigen, selten tnte von
hoch oben der Ruf eines Vogels. Da fuhr es leise am nchsten Baumstamm herab,
ein Eichhorn setzte sich ihr gegenber auf den Ast, neigte ihr zuweilen den
kleinen Kopf zu und blickte sie mit den runden Augen an, whrend es eine Ecker
in den Pfoten hielt und daran nagte. Auch Walburg grte das Waldtier und sprach
rhmend: Gut stehen dir deine Ohrbschel und dein stolzer Schweif; sei mir
freundlich, Rothaar, denn ich sinne dir nichts Bses, und knnte ich dir helfen
mit Eicheln und Eckern in deinem Haushalt, ich tte es gern. Doch reicher bist
du als ich, denn du hltst dein Wesen hoch in der Baumhalle, wir Menschenkinder
aber schreiten beschwerlich ber die Wurzeln. Ich kmmere mich um einen, den du
leicht ersphst, wenn du durch die Wipfel schweifst, siehst du ihn auf seinem
Wege, so laufe vor ihm, da du ihn zu mir fhrst. Das Eichhorn nickte mit dem
Kopf, warf die Frucht auf den Boden und fuhr eilig den Stamm hinauf.
    Es tut nach meinem Willen, sprach Walburg lchelnd. Da vernahm sie einen
schnellen Schritt, sie hrte sich beim Namen rufen und sah den Friedlosen, der
zwischen den Stmmen auf sie zusprang, sich neben ihr in das Moos warf und ihre
Hand fate. Kommst du doch, rief er, und in dem frohen Schreck versagte ihm
die Stimme. Dich noch einmal zu sehen, habe ich heimlich gehofft, und tglich
wandelte ich ber das Moos, wie gebannt an den Baum. Walburg strich ihm
liebkosend die Wange und das Haar. So bleich das Antlitz, verworren die Locke
und hager der Leib, du armer Schatten, der das Sonnenlicht meidet, dir war der
Wald feindlich, denn dein Aussehen ist vergrmt, und dein Auge starrt wild auf
das Kind deines Gastfreundes.
    Es ist unmenschlich im Walde, und frchterlich ist die Einsamkeit fr den
Ausgestoenen, antwortete Ingram, seinen Fu klemmt die Baumwurzel, die ste
raufen ihm das Haar, und die Krhen in der Hhe reden mitnend miteinander, ob
er ihnen zum Fra wird oder nicht. Er fuhr empor. Wei ich doch nicht, ob ich
mich freuen soll, da ich dich sehe; du kommst von den Priestern, und du gehst zu
ihnen zurck, um ihnen die gute Botschaft zu verknden, da du mich in Elend und
Jammer gefunden hast.
    Ich war bei den Priestern, und ich komme zu dir, antwortete Walburg
feierlich, aus dem Hof der Christen bin ich gegangen, um fr dich zu sorgen,
wenn ich es vermag; die Menschen habe ich verlassen, und den wilden Wald habe
ich gewhlt, wenn du mich haben willst.
    Walburg! schrie der Friedlose, warf sich wieder neben ihr auf den Grund,
er umschlang sie mit seinen Armen, drckte sein Haupt an ihren Leib und
schluchzte wie ein Kind.
    Walburg hielt ihm das Haupt, kte ihn auf sein Haar und sprach ihm trstend
wie eine Mutter zu: Sei ruhig, du Wilder, ist dein Schicksal auch schwer, du
hast eine, die dir's tragen hilft. Auch ich bin aufgewachsen nahe der Wildnis
und nahe den Rubern der Grenze; die Bedrngten rettet wohl geduldiger Mut.
Setze dich dort mir gegenber, Ingram, und la uns bedchtig reden wie sonst,
wenn wir am Herde meines Vaters zueinander sprachen.
    Ingram setzte sich gehorsam, aber er hielt ihre Hand fest.
    Drcke auch nicht so traulich meine Hand, mahnte Walburg, denn ich habe
dir Schweres zu sagen, was der Mund eines Mdchens nicht gern spricht. Ingram
aber unterbrach sie: Bevor du redest, hre auch meine Meinung. Er hob einen
Kiesel aus dem Moose und warf ihn hinter sich. So tue ich ab, was uns trennte,
vergi auch du, Walburg, was dich an mir gekrnkt hat, gedenke nicht der
Sorbenfessel und nicht der Lsung durch die Fremden, und ich flehe, verstre
mich nicht durch strenge Rede, denn so selig fhle ich mich jetzt, da ich dich
vor mir schaue und deine Treue erkenne, da ich um Bann und Friede wenig sorgen
will. Du bist meinem Herzen sehr lieb, und heut, wo du zu mir kommst, mag ich an
nichts denken als an dich und mich deiner zu freuen.
    Der Schleier, welcher das halbe Antlitz der Jungfrau verhllte, bewegte
sich. Sieh doch erst zu, Ingram, wen du liebhast, wir loben den Freier, der
vorher betrachtet, was er erwerben will. Sie schlug den Schleier zurck, eine
rote Narbe zog sich ber die linke Wange, eine Hlfte des Gesichts war ungleich
der anderen. Das ist die Walburg nicht, deren Wange du einmal gestreichelt
hast. Er sah das Angesicht vor sich, welches ihn damals erschreckt hatte, wo er
das Schwert gegen den Bischof hob. Sie blickte sphend nach ihm, und als sie
sein Staunen sah, verhllte sie die Wange wieder und wandte sich ab, um ihre
Trnen zu verbergen.
    Ingram rckte sich nher und rhrte leise an die andere Wange. La mich
diese kssen, sagte er treuherzig. Ich bin erschrocken, denn wild steht die
Narbe in deinem Gesicht, aber ich wei, da du sie erhalten hast, als ich ein
Tor war; und die Mnner und Frauen werden dich darum nicht weniger ehren.
    Du sprichst ehrbar, Ingram, aber ich frchte, mein Anblick wird dir
dereinst mhselig, wenn du mich mit anderen vergleichst. Ich bin stolz, und wenn
ich dein Weib werde, so will ich dich allein haben fr Leben und Tod, denn das
ist mein Recht. Auch ich will dir sagen, wie mir uns Herz ist. Als ich noch
aussah wie andere Mdchen, hatte ich dich mir als Ehewirt gehofft, und wenn du
nicht mein Gemahl wirst, so wird es schwerlich ein anderer Mann auf Erden, auch
wenn mich einer begehren wollte. Vor kurzem aber hrte ich eine Stimme, die wie
aus meinem Innern zu mir sprach, da ich mich einem anderen Herrn verlobe, dem
Himmelsgott, der selbst die Wundenmale trug. Den halben Schleier haben sie ber
mich gelegt, ob ich dereinst mein Haupt ganz verhlle oder nicht, darum sorgte
ich in bitterer Angststunde.
    Ingram sprang auf. Viel Bses wnsche ich den Priestern, denn sie haben
deine Gedanken von mir abgewandt.
    Das haben sie nicht getan, versetzte Walburg eifrig, du kennst sie nicht,
die du schmhst. Setze dich wieder und hre ruhig, denn zwischen uns soll
Vertrauen sein. Stndest du im Glck vor mir, so wrde ich vielleicht mein Herz
verbergen, und wenn du noch bei meinen nchsten Verwandten um mich werben
wolltest, so wre dir die Freite langwierig wegen der Narbe, denn ich wrde
deiner Bestndigkeit nur schwer trauen. Jetzt aber sehe ich, da dir ein Freund
not tut und da dein Leben in groer Gefahr ist, da ist die Angst um dich in mir
bermchtig geworden, und ich bin zu dir gekommen, damit du unter den Raubtieren
nicht verwilderst und, wenn ich's hindern kann, im Walde nicht vergehest. Denn
ich wei, und du weit es auch, da ich in der Not zu dir gehre. Sie nahm den
Schleier ab: Sehen sollst du mich fortan, wie ich bin, ich verstecke mein
Gesicht nicht vor dir.
    Wieder warf sich Ingram an ihrer Seite nieder und umfing sie. Sorge nicht
um meine Rettung und nicht um meine Seligkeit, an beiden liegt mir wenig, wenn
du mir nicht sagst, was ich hren will, da du zu mir kommst, weil du mich
liebhast.
    Ich will mich dir angeloben, sprach Walburg leise, wenn du mir dasselbe
tust.
    Jauchzend zog er sie in die Hhe. Komm, wo die milde Sonne scheint, da wir
die heiligen Worte sprechen. Aber als er ihr in die Augen sah, die in Liebe und
Zrtlichkeit an seinem Angesichte hingen, verwandelte sich seine Gebrde, die
herbe Sorge fiel ihm auf das Herz, und er wandte sich ab. Wahrlich, rief er,
ich bin wert, unter Wlfen zu hausen, da ich die Tochter des toten
Gastfreundes dem Grauen der Wildnis preisgeben will. Vergessen habe ich, wer ich
bin. Jetzt sehe ich um mich graues Holz und wildes Kraut, und ich hre ber mir
den Schrei der Adler. bel habe ich mein eigenes Leben beraten, aber ein
niedriger Mann bin ich nicht, und die Treue eines Weibes mag ich nicht
mibrauchen, damit auch sie verderbe. Geh, Walburg, es war nur wie ein lustiger
Traum.
    Er lehnte sich an einen Baum und sthnte, Walburg hielt seinen Arm fest.
    Ich stehe doch unversehrt an deiner Seite, und ich vertraue auf den
mchtigen Schutz dessen, den wir Vater nennen, und dazu auch auf Speer und
Schwert meines Helden, an dem ich mich festhalte.
    Ich war ein Krieger, jetzt bin ich ein ruchloser Schatten. Es ist hart,
Walburg, Feuer und Rauch zu meiden, noch hrter, jedem Wanderer scheu aus dem
Bereich seiner Augen zu weichen oder eines Kampfes gewrtig zu sein ohne
Feindschaft und Grimm, nur weil der andere nach dem Friedlosen wie nach einem
tollen Hunde schlgt. Aber hrter als Leibesnot und Mord im Waldesdunkel ist es,
feige das Haupt zu bergen und unrhmlich dahinzuleben wie das Ungeziefer unter
den Bumen, unertrglich ist solches Lungern, und die einzige Hilfe wird ein
schnelles Ende im Schwertkampf. Geh, Walburg, und willst du mir deine Liebe
erweisen, so sage einem, der einst mein Mann war, da er mir ein gezumtes Ro
herfhre, damit ich mir die letzte Rache suche. Er warf sich auf den Boden und
barg das Gesicht in dem Moos.
    Walburg fhlte heie Angst um den Liegenden, aber sie zwang sich zu mutiger
Rede; neben ihm sitzend, strich sie ihm die wirren Locken zurecht. Tust du
doch, als ob du niemand im Lande httest, der noch um dein Wohl sorgte. Schon
mancher, der den Frieden verloren hatte, gewann ihn zurck, wenn der Zorn
geschwunden war. Es tat vielen leid, da der Spruch gegen dich fiel. Herr
Winfried selbst hat bei dem Grafen fr dich gebeten.
    Sage mir das nicht zum Troste, fuhr Ingram zornig auf, ganz widerwrtig
ist mir solche Bitte und verhat jede Guttat des Priesters. Vom ersten Tage, wo
ich ihn sah, hat er mich richten und schicken wollen wie einen Knecht, dich und
mich wollte er hinterlistig fr sich bentzen. Als ich das Urteil ber mich
vernahm, da dachte ich besser von ihm als je zuvor, wenn ich ihn auch hate,
denn ich meinte, er hat doch den Mannessinn, sich an seinem Feinde zu rchen.
Sein Mitleid aber ist mir das Unertrglichste von allem, denn ganz will ich ihm
verleidet sein.
    Walburg seufzte. Wie darfst du ihn schelten, er bt doch nur, was ihm der
Glaube gebietet, Gutes zu tun seinen Feinden.
    Vielleicht kommst auch du zu mir, Christenmdchen, um Gutes zu tun nach
deinem Glauben, und im Innern verachtest du mich.
    Walburg schlug ihn leise auf das Haupt. Dein Kopf ist hart und deine
Gedanken sind ungerecht. Und sie kte ihn wieder auf die Stirn. Nicht allein
der Bischof ist dir wohlgesinnt, auch der neue Frankengraf hat dich gegen den
Bruno bedauert, dein Schwert hat er hoch gerhmt und wie ungern er dich missen
wrde bei der nchsten Schwertreise gegen die Slawen. Denn vernimm, du Held der
Thringe, sie sagen, da noch diesen Herbst nach der Ernte ein Volksheer gegen
die Wenden geboten wird.
    Ingram fuhr auf. Ha, das ist gute Kunde, Walburg, wenn sie auch mich
Unseligen ausgeschlossen haben.
    Hre noch anderes, fuhr Walburg fort, der groe Frankenfrst liegt, wie
sie sagen, selbst gegen die Sachsen im Felde, und berall rsten die Helden zu
neuem Streit.
    Du machst mich toll; meinst du, ich werde berleben, von den
Schwertgenossen getrennt zu sein, wenn sie sich Ehre erwerben?
    Ich denke darauf, da du in ihren Reihen kmpfen sollst, und auch darum bin
ich hier.
    Ingram sah erstaunt zu ihr auf, aber ein Hoffnungsstrahl fiel in seine
Seele, und er fragte: Wie kannst du mir dazu helfen?
    Noch wei ich es nicht, antwortete Walburg mutig, aber ich hoffe Gutes
fr dich. Ich gehe zu dem Grafen, und wenn er nichts vermag, zum Frankenfrsten
selbst in die Fremde, und ich flehe zu unseren Landsleuten. Von Hof zu Hof will
ich wandern und bitten, vielleicht, da sie mir gnstig sind, weil sie dein
Schwert jetzt gebrauchen.
    Du treues Mdchen! rief Ingram hingerissen.
    Und doch willst du mir verwehren, dir zu helfen, du trichter Mann, mahnte
Walburg leise, denn du weigerst dich, mein Gelbde aufzunehmen. Wie kann die
Jungfrau vor den Fremden fr dich sprechen, wenn sie dir nicht verlobt ist.
    Ingram hob die Hand und rief: Wenn ich leben soll, und wenn ich jemals noch
mit leichtem Mut ber die lichte Flur wandle, dann will ich versuchen, ob ich
deiner Gesinnung zu danken vermag.
    Jetzt sprichst du, wie ich's gern hre, sagte Walburg froh, und wie mit
meinem knftigen Hauswirt will ich alles mit dir bereden, damit wir ein besseres
Glck fr uns finden. Du behltst mich bei dir hier im Walde oder wo es sonst
sei, solange ich dir trstlich bin; und wenn es dir dnkt, sendest du mich in
das Land, damit ich als deine knftige Hausfrau um deine Sachen sorge. Die Leute
werden mir's glauben, wenn ich es ihnen sage, da ich als deine Braut komme. Fr
den Rabenhof wird es gut sein, wenn eine Frau nach Ordnung sieht. Deine
Dienerinnen haben sich verlaufen, und sie drfen nicht wiederkommen, denn ich
denke allein Herrin im Hause zu bleiben. Ingram nickte zustimmend. Auch das
Vieh braucht Pflege, wie ich merke, und ich werde dir eine Magd werben; das
bespreche ich mit Bruno, der ein bescheidener Mann ist. Seinen Rat hre ich
auch, wie wir dir den Frieden wiederschaffen. Nicht ohne schwere Bue kannst du
ihn gewinnen, wenn es dir glckt; die Bue wirst du leisten, wenn sie dich auch
einen Teil deines Landes kostet, entweder an deinem Hofe oder an dem Erbacker
deiner lieben Mutter im Tale. Ingram seufzte. Es war ein schwerer Spruch, den
sie gegen dich ausriefen, da du Friede haben sollst, wo dich niemand sieht und
hrt. Aber das harte Wort vermgen sie mild zu deuten. Auch die Christen werden
nicht nach dir sphen und nicht horchen, bis du wieder sichtbar und ruchbar
wirst im Volke, wenn du gleich in dem Rabenhofe weilst oder im den Hofe meines
lieben Vaters, in den ich gern zurckkehrte. Dies sind meine Gedanken, und jetzt
sage mir die deinen.
    Mein Gedanke ist, rief Ingram, da ich ein gutes Weib haben werde, wenn
das Schicksal mir verstattet, im Lichte zu leben, und eine Hausfrau, die
verstndiger fr das Rechte sorgt als ihr Wirt.
    So rhme ich dich, Ingram, fuhr Walburg siegreich fort. Wie wir aus der
Not kommen, wei der liebe Gott allein, aber ihm vertraue ich und ihm danke ich,
da ich dich im Walde gefunden und dein Herz erkannt habe, wie du gesinnt bist.
Sie neigte das Haupt und sprach das Vaterunser, Ingram sa still an ihrer Seite
und hrte auf die Bitten, die sie raunte. Als sie darauf neben ihm sa mit
gefalteten Hnden und lchelndem Munde, rhrte er leise an ihren Arm und bat:
Komm, Walburg, da ich dich aus dem Schatten in die Sonne fhre. Das Mdchen
wandte sich zu ihm: Steht mir die Narbe hlich?
    Ich merke sie nicht mehr, versetzte Ingram ehrlich.
    
    Walburg seufzte. Vielleicht wirst du sie gewohnt. Du aber, mein Held, harre
noch ein wenig. Wie du jetzt bist, darf dich die Sonne nicht sehen, denn sie
scheint ungern durch Lcher im Gewande auf die bloe Haut, und auch das wilde
Haar steht einem Brutigam schlecht. Zieh erst die Jacke aus, da ich dir sie
nhe, und suche unterdes den Quell, damit du dir daran das Haupt schmckest, wie
sich's gebhrt. Sie ffnete ihren Korb und holte emsig Faden und Nadel hervor.
Allerlei habe ich mitgebracht, was kein Mensch unter den Bumen findet und was
doch jeder braucht, wenn er anderen gefallen will. Hier ist dein Brutigamshemd,
ob du es meinetwegen tragen willst, ich habe es unter Schmerzen genht, als ich
krank sa. Denn du lebst jetzt nicht mehr fr dich allein, auch fr mich hast du
zu sorgen, und vor allem hast du darauf zu denken, da du mir immer gefllst.
Sie trieb ihn fort und besserte eifrig die Risse in dem braunen Wollkleide.
    Als er wieder aus der Tiefe auf sie zusprang, ri sie den letzten Faden ab
und half ihm die Jacke anziehen und vom Moose subern: So gefllst du mir, denn
ganz verwandelt stehst du unter den Bumen. Und jetzt, Ingram, bin ich bereit,
dir zu folgen, wohin es auch sei. Sie packte ihr kleines Gert zusammen, und
als er den Korb heben wollte, wehrte sie es. Das ziemt dem Krieger nicht, nur
mich selbst darfst du tragen, wenn mich die Kraft verlt. Gib mir deine Hand,
damit ich mich darauf sttze.
    So schritten sie schweigend nebeneinander ber den Moosgrund bis zu einem
Felshaupt, das sich zwischen den Bumen erhob. Der Stamm, welcher einst darauf
gestanden hatte, war gefallen, und auf der Sttte blhten im Sonnenlicht
wallende Grser, Heiderschen und blaue Glockenblumen. Da drckte sie seinen Arm
und mhte sich, ihre Bewegung unter einem Lcheln zu verbergen: Halt an,
Ingram, und vernimm noch das letzte. Deine Braut will ich werden zu dieser
Stunde, aber dein Ehegemahl wird die Tochter deines Gastfreundes erst im Ringe
der Verwandten, wenn mein Oheim die Frage der Vermhlung tut. Denn der Sitte
gedenken wir, auch wenn wir allein sind. Bis dahin liegt zwischen uns ein
blankes Messer, das du mir einst geschenkt. Sie zuckte in ihr Gewand und hob
die Klinge heraus, die sie in der Halle des Ratiz gegen sich gebraucht hatte.
Denke an das Messer, Ingram, wenn du meine Wange nicht siehst.
    Leidig ist das Messer, rief Ingram unwillig.
    Ein guter Warner ist es, rief Walburg und fate bittend seine Hand.
Mahnen soll es dich, damit du dein lebelang deine Hausfrau ehren kannst.
    Ingram seufzte, aber gleich darauf sprach er mit gehobenem Haupt: Du
denkst, wie meinem Weibe gebhrt.
    
    Beide traten in das Licht und sprachen vor der Himmelssonne ihre Namen und
die Worte, durch welche sich jedes dem anderen verlobte fr das Leben und den
Tod. Als Ingram das Weib nach der Sitte durch ein Zeichen binden wollte und
zurck sah, um ein Reis zu brechen, das er ihr um den Arm winde, da sagte sie
leise: In deiner Tasche barg ich das feste Band, welches mich an dich bindet.
Er fate den harten Gurtriemen des Messers, das er ihr in der Todesnot gereicht
hatte. Und als er sie nach dem Verlbnis umschlang, da fhlte sie, wie sein
starker Leib in der Aufregung bebte, und sie sah, da die Sonne ein bleiches und
trauriges Antlitz beschien. Lange hielt sie ihn fest, und ihre Lippen bewegten
sich. Aber gleich darauf begann sie heiter: Jetzt lagere, Held, damit ich dir
das Brautmahl bereite, denn das ist eine Ehre der Braut und sie lt sich's
nicht nehmen. Fehlt's heut an anderen Gsten, so laden wir die kleinen
Waldvgel, wenn diese hier auf der Hhe bereit sind, uns Freundliches zu
singen. Sie zwang ihm die Kost ein, welche sie mitgebracht hatte, und legte ihm
die guten Bissen vor, wie einem Kranken. Dabei erzhlte sie ihm gleichmtig ihre
Sorbenfahrt, und von dem Flei auf dem Meierhofe, auch von dem Kranz der wilden
Gertrud, bis er sie wieder mutig anlachte.
    Die Sonne stieg aus der Mittaghhe hinab und Ingram sah nach dem Himmel.
Ich erkenne, mein Herr denkt an den Aufbruch, sagte Walburg. Fhre deine
Waldbraut, wohin es dir gefllt. Sicher hast du als rhmlicher Jger eine
Baumhtte, die ich dir stattlich machen will.
    Das Lager des Wildtiers, nach dem du fragst, ist unter den Steinen,
antwortete Ingram ernsthaft, zufllig habe ich es aufgefunden, und auer mir
kennt es wohl nur einer, der lebt. Es ist weit von hier, und ungern fhre ich
dich hinein; doch ist es gut, wenn du die Zuflucht kennst.
    Komm, rief Walburg, mich ngstigt, da deine Augen so unruhig
umherfahren, wenn ich zu dir rede.
    Wieder gingen sie unter dem Schattendach auf ungebahntem Wege dahin, aus dem
Laubwald in Nadelholz, ber Berg und Tal, durch Erdspalten und rinnende Bche.
Einmal hielt Ingram still, warf sich zu Boden und ri Walburg nach. In der Nhe
luft ein Saumpfad ber die Berge, raunte er. Gleich darauf hrte Walburg
Mnnerstimmen und sah in einiger Entfernung zwei Bewaffnete vorberreiten. Als
Stimmen und Hufschlag verhallten und Ingram sich erhob, war er bleich wie ein
Sterbender, und kalter Schwei lag auf seiner Stirn. Es waren Reisige des
Grafen, sagte er heiser. Sie strich ihm mit ihrem Tuch ber die Stirn. Halte
nur aus, der Tag wird kommen, wo diese sich grend vor mir neigen, aber sie
fhlte tief im Herzen die bittere Scham des Friedlosen. Stumm gingen sie weiter.
Oft hielt Ingram an, lauschte und sah ngstlich um sich, endlich drangen sie
abwrts durch dichtes Laubholz, zwischen dem nur einzelne Hochstmme ragten. Als
Walburg mhsam an den Fu eines steilen Abhangs niedergetaucht war, wo das
Gebsch dicht umschlo, hielt Ingram an: Hier ist die Stelle; frchte dich
nicht, Walburg, und vertraue mir. Sie nickte ihm zu, er bog die Zweige
auseinander und wlzte eine Steinplatte zur Seite, vor ihm ghnte eine schwarze
ffnung. Enge ist der Pfad, der in die Tiefen der Erde fhrt, hier ist fortan
deine Wohnung, Wolfsbraut. Walburg trat schaudernd zurck und machte das
Kreuzeszeichen. Bist du es erst gewhnt, dann lachst du wie ich, trstete
Ingram, aber er selbst lachte nicht. Ich gehe voran und halte dich an der Hand,
bcke dein Haupt, da der Fels dich nicht verletze. Er drang hinein und zog sie
nach. In schwarze Nacht ging es eine Strecke abwrts, sie tastete mif Fu und
Hand.
    Frchterlich ist der Weg in die Totenhlle, seufzte sie; er aber zog sie
weiter. Jetzt steh fest, damit ich dir leuchte. Er lie ihre Hand los; sie
stand auf unebenem Boden, an ihren Seiten war der Fels gewichen und mit
Entsetzen griff sie um sich in leere Finsternis. Da erglomm ein Funke, das Licht
ging auf und erfate einen Haufen Reisig; bei der roten Flamme sah sie rings um
sich eine gewlbte Hhle, die scharfen Zacken des Gesteins blitzten wie Silber
und rotes Gold. Vor ihr neigte sich der Boden schrg hinab bis zu einer
schwarzen Wasserflche, welche den hinteren Grund der Hhle bedeckte. Der Rauch
wirbelte aufwrts um den strahlenden Fels, bis er in graulicher Dmmerung
schwand, wo durch einen Spalt in der Hhe ein bleicher Schimmer Tageslicht
hineinfiel. Zwischen dem blinkenden Stein, dem schwarzen Wasser und der
lodernden Flamme sank Walburg auf die Knie und schlo mit gefalteten Hnden die
Augen. Frchte dich nicht, Walburg, trstete Ingram, ist der Stein auch kalt
und das Wasser auch tief, dennoch ist der Felsbau ein guter Schutz.
    Hier ist die Behausung der Heidengtter, murmelte Walburg bebend, in
solcher Hhle schlummern sie im Wintersturm, wie die Leute sagen. Jetzt mgen
sie hier weilen, um sich vor dem Christengott zu bergen, und frevelhaft war es
fr dich und mich, in ihre Nacht zu dringen.
    Ingram sah unruhig um sich, aber er schttelte das Haupt. Hausen sie hier,
ich habe sie noch nicht gefunden, obgleich ich gezagt habe, ganz wie du, da ich
zuerst hier eindrang. Und wieder zu anderer Stunde habe ich hier gelegen am
flammenden Feuer und in schwarzer Finsternis, und ich habe sie mit wildem Mute
gerufen, da sie mir halfen, alle heiligen Gtternamen. Aber Walburg, flsterte
er, keiner hat mich gehrt. Der hohen Menschenherrin Frija, meinte ich, gehre
die Steinhalle, denn die Weisen sagen, da sie gnadenvoll in den Bergen waltet
und sterbende Mnner zuweilen bei sich aufnimmt, und da ich zweifelte und
ausgestoen war, so whnte ich, da sie mir die Gunst ihrer Hhle gewhrt habe,
und obwohl sich mir das Haar strubte, so nannte ich sie doch, ich flehte und
schrie und gelobte mich ihrem Dienst, aber sie kam nicht. Die Flamme loderte wie
jetzt, nur in dem Wasser wirbelte es, und ich erkannte eine groe
Wasserschlange, welche umherfuhr. Ich schaute in ihr die Gttin, warf mich zu
Boden und hrte die Schlange rauschen, gerade wie jetzt, er wies auf das
Wasser, Walburg stie einen gellenden Schrei aus, denn eine groe Schlange wand
sich in der Flut, und ihr Kopf hob sich ber die Wellenringe an der Oberflche.
    Flieh, Ingram, flehte Walburg, ich wei, und es steht in den heiligen
Bchern geschrieben, da solcher Wurm dem Menschen alles Unheil sinnt.
    Er bringt Schtze, sagen sie, versetzte Ingram leise, doch habe ich hier
noch kein Gold erspht. Einmal kam die Schlange hervor und rollte sich auf der
warmen Kohlensttte, da meinte ich sicher, da sie die Herrin der Hhle sei.
Aber, Mdchen, ich glaube nicht mehr, da sie es ist. Denn ich sah einst, wie
eine Maus lngs dem Wasser dahinfuhr. Und der Wurm schnellte hervor und
verschlang die Maus und lag dann am Ufer mit geschwollenem Leibe.
    Weit du, wer die Maus war? mahnte Walburg ngstlich. Mancher Unhold
wandelt in Maushlle.
    Aber Ingram versetzte kopfschttelnd: Ich meine, es war eine Waldmaus wie
viele andere. Seitdem frchte ich die Schlange nicht sehr. Und wenn sie auch
manches vermag, so ist's doch nichts Arges, denn friedlich hausen wir
nebeneinander. - Und da ich dir alles vertraue, Walburg, fuhr er schwermtig
fort, ich glaube nicht mehr, da die Menschengtter gro um mich sorgen. Es
gelang mir auch nicht mit Hilla, der weisen Frau, als ich mich in ihre Htte
wagte.
    Unseliger, schrie Walburg, zu der Zauberfrau bist du gegangen, die sie
eine Hegisse nennen? Sie opfert den Nachtgeistern, und heillos wird jeder, der
mit ihr zu tun hat.
    Das sagt ihr Christen. Doch leugne ich nicht, ihr Wesen ist traurig und
unhold ihre Arbeit. Sie forderte zu dem Nachtwerk, das sie fr mich beginnen
wollte, ein lebendiges Kind.
    Du aber widerstandest? rief Walburg.
    Ich dachte an dich, versetzte Ingram zgernd, und da ich zu den Sorben
gefahren war, um Kinder zu lsen. Und ich ging nicht wieder zu ihr. Seitdem lebe
ich wie einer, den die berirdischen nicht mehr schtzen, denn auch sie achten
den Friedlosen gering. Nur einer hohen Herrin vertraue ich mich, fuhr er
geheimnisvoll fort: Der Schicksalsfrau, welche mit ihren Schwestern auf dem
Gewsser schwebt, und ich meine, es wird besser um mich stehen, wenn ich in dem
Tale flehe, ber dem sie waltet.
    Von der Wasserfrau am Idisbach sprichst du? fragte Walburg scheu. Ingram
nickte. Sie ist meinem Geschlecht seit der Urzeit hold, und eine Sage kndet,
wie sie uns gnstig wurde. Willst du sie hren, so vernimm, denn dies ist die
Stunde, wo ich dir mein Geheimnis vertrauen darf. Er warf neue Holzbndel in
die Flamme, da sie prasselnd aufloderte, zog die erschrockene Walburg neben
sich auf einen Moossitz und begann feierlich: Ingo ist der Ahn genannt, von dem
ich stamme, ein Held der Thringe. Er war der Tochter seines Huptlings lieb,
die der Vater einem anderen gelobt hatte. Und als der Held seinen Feind auf der
Kampfaue gefllt hatte, machten sie ihn friedlos, und er schweifte als fahrender
Recke. Einst ritt er am Wasser dahin, sie sagen, es war der Idisbach, da sah er
eine wilde Otter, welche gegen einen Schwan kmpfte. Er erlegte die Otter, und
als er darauf unter dem Eschenbaum sa auf der Hhe, hob sich aus dem
Schwanenkleid die Herrin des Baches, sang ber ihm glckbringende Runen und
begabte ihn mit einem Zauber, der ihm Sieg und Unsichtbarkeit gegen seine Feinde
verlieh. Mit dem Zauber drang der Held bei Nacht in den Hof des Huptlings und
entfhrte die Jungfrau, welche er liebte. Er zimmerte sich ber dem Bach der
Gttin seinen Hof, dort hauste er gewaltig, die Mnner des Tales dienten ihm,
und keiner seiner Feinde vermochte ihm obzusiegen. Einst aber holte der kleine
Sohn des Helden den Zauber aus der Truhe, hing ihn um und wandelte in den Wald.
Da wurden die Feinde meines Ahnen mchtig und verbrannten ihn und die
Hausgenossen mit dem Hofe. Nur der Knabe entrann. Von ihm stamme ich.
    Weit du, Ingram, ob die Gabe in Wahrheit Glck brachte? fragte Walburg.
    Wie darfst du zweifeln, rief Ingram unwillig, es ist geheime Kunde meines
Geschlechtes, und ich selbst bewahre noch den Zauber, das Erbe meiner Ahnen.
    Du trgst bei dir, was von Unholden stammt? schrie Walburg angstvoll. La
mich's sehen, da ich wisse, denn auch dies ist jetzt mein Recht.
    Du stehst unter dem Kreuze, versetzte Ingram besorgt, und ich wei nicht,
ob du dem Zauber gnstig bist und er dir. Doch will ich dir's heut nicht
bergen. Er ri das Kleid auf und wies eine kleine Tasche von abgestoenem Fell,
die an seinem Halse hing. Dies Zeichen ist so echt und heilig als irgend etwas
auf Erden; sieh her, du magst noch erkennen, da es in Wahrheit vom Otterfell
stammt. Mein Vater trug es zuweilen, und meine Mutter bergab es mir. Als ich
nach den Kindern ritt, barg ich es im Gewande, und darum, frchte ich, ward der
Sorbe mein Herr. Nach der Heimkehr band ich es um.
    Und an demselben Abend verlorst du den Frieden, mahnte Walburg. Ich
verlor ihn, versetzte Ingram dster, vielleicht, da der Zauber nicht den
Frieden bewahrt, denn friedlos war auch mein Ahnherr, da er ihn empfing.
    Mit geheimem Grauen erkannte Walburg, da der Mann, den sie liebte, unter
der Macht unholder Gewalten stand. Die Flamme loderte und warf rote Funken
umher, der zackige Stein leuchtete und blitzte, und unten in der Tiefe wirbelte
der teuflische Wurm.
    Wer wrmt hier so frech sein Gebein? rief eine wilde Stimme vom Eingang
her, den Rauch roch ich ber den ganzen Berg.
    Aus dem Felsspalt trat schwerfllig in dunklem Kleide von Fellen eine
riesige Gestalt, blutbespritzt war das Gesicht und Blut trufelte von den Armen,
als der Unhold sich dem Feuer nherte. Walburg fuhr entsetzt in die Hhe. Ich
sehe zwei. Bist du unsinnig, Wolfsgeno, da du dir ein Weib unter die Erde
holst?
    Du whltest ble Stunde einzudringen, Bubbo, entgegnete Ingram unwillig,
und dir steht Drohen schlecht an, wo du selbst die Hilfe anderer gebrauchst;
denn ich sehe, hartem Kampf bist du entronnen.
    Den Br erlegte ich, mich packte die Brin, und wir rollten zusammengeballt
vom Felsen. Mein gutes Glck war, da sie unten lag und fr mich den Sturz
bezahlte, ich schleppte mich mhsam hierher, wo ich dich zu finden hoffte,
versetzte Bubbo und setzte sich schwerfllig auf das Moos.
    Sieh zu, wo er wund ist, damit ich ihn verbinde, mahnte Walburg, welcher
die Not des anderen den Mut zurckgab, und sie trug den hilfreichen Korb heran.
    Bist du's, Walburg? murrte Bubbo. Der Armknochen ist gebrochen, und der
Leib voll Risse, schiene den Arm mit Rinde und sprich deinen Segen, wenn du es
vermagst, denn ich frchte, meine Braunen werden ber diesen Sturz frohlocken.
    Whrend Ingram Wasser schpfte und aus der Hhle eilte, um Baumrinde und
Moos zu holen, bereitete Walburg den Verband. Nimmer htte ich gedacht, da
mein Schleier einmal an deinen Wunden haften wrde, Bubbo, sagte sie gutherzig.
    Es ist nicht zum erstenmal, da du an mir bindest, versetzte der Waldmann
so hflich, als er vermochte. Und wenn noch jemand unser Geheimnis teilen soll,
so ist mir recht, da du es bist, obgleich ich dich fr ganz unklug halte, weil
du aus dem Meierhofe unter diesen kalten Stein fhrst.
    Als Ingram zurckkehrte, schiente Walburg mit seiner Hilfe den Arm und
deckte die Fleischwunden.
    Vermagst du mir einen Trunk zu reichen, so wre mir's lieb, bat der
Waldmann, das Wasser dort unten ist rein und kalt. Der Jungfrau grauste
hinabzusteigen, sie hob eine Flasche aus dem Korbe und fllte einen kleinen
Holzbecher. Dies ist ein Trank, den Herr Winfried uns gelehrt hat, er ist
heilsam gegen scharfen Schmerz. Er wird dich zuerst sorglos machen und darauf
mde, und das ist jetzt fr dich das beste.
    Ich wrde den Trank deines Bischofs rhmen, aber er schwindet wegen seiner
Sprlichkeit auf dem Wege abwrts, seufzte Bubbo, den Becher zurckgebend.
Doch leugne ich nicht, da es besser ist, einen Trunk aus seinem Vorrat zu
bekommen als einen Fluch.
    Du kennst den Bischof? rief Walburg. Ein langes Brummen war die Antwort.
Wie sollte ich ihn nicht kennen, da er sich selbst meiner rhmt. Denn im
letzten Mond, als er mit Reisigen des Grafen ber die Berge nach den
Frankendrfern ritt, schlugen die Speerleute ihr Kreuz, da sie bei meinem Hofe
vorbeikamen, doch er sprach: Hier halten wir an. Bubbo lachte laut. Die Reiter
machten groe Augen und redeten leise zu ihm, er aber versetzte: Hier wohnt mein
Gastfreund. Sie pochten lange am Tor, fuhr er redselig fort, obgleich ich auf
der Innenseite stand. Als ich endlich ffnete, sprach der Bischof zu mir: Wir
wollen dich nicht durch unser Einlager beschweren, nur um einen Trunk Wasser
bitte ich dich und da du mir sagst, ob ich dir in etwas ntzen kann. Als wir
nun allein am Herde saen, mahnte ich ihn an ein altes Versprechen, da er mir
wohl etwas von seiner Kunst mitteilen knnte. Und er sprach: Ich bin immer
bereit, was begehrst du? Ich sagte: Gold; ich will es finden oder gewinnen. Er
antwortete: Gut, ich will dir's weisen. Und er holte aus seinem Ledersack
Pergament in einem Holzkasten, was sie ein Buch nennen, und schlug es auf. Ich
erstaunte mehr als jemals in meinem Leben, denn von Gold waren die Runen, welche
auf das weie Leder geschrieben waren. Sie leuchteten mir in die Augen, da ich
erschrak, da sprach er: Du tust wohl, deine Mtze abzunehmen, denn die Worte,
welche geschrieben stehen, sind heilig, und hier ist die Verkndigung, welche
fr dich gegeben ist. Er wies mir die Stelle und deutete sie: Es war einmal ein
Mann, so armselig, krank und verachtet, da niemand mit ihm verkehren wollte,
und gerade den trugen die Boten der berirdischen in die Himmelsburg und setzten
ihn auf den Ehrenplatz; den reichen und vornehmen Mann aber, der in Purpur
wandelte, stieen sie hinab in das finstere Nachtreich. Und der Bischof sprach:
Merke wohl, im Christenhimmel ist den Armen, Verfolgten und Ausgestoenen gutes
Gemach bereitet, ob sie auch heimatlose Leute und Brenfhrer sind, wenn sie
ihre Snden bereuen. Schwerer wird dem Reichen der Weg in den Himmelssaal als
dem Armen. Darum, wenn es dir bel gedeiht bei deinen Bren, denke auf ein
besseres Leben und komm zu mir, damit dir dort oben das Glck bereitet werde,
das dir verkndet ist. Gleich darauf ritt er davon, ich aber sa am Herde und
merkte, da er mir nicht bel geraten hatte. Denn auch ich begehre nach diesem
Leben ein besseres Glck, als ich hier im Wintersturm bei meinen langlodigen
Genossen hatte. Und mir fiel ein, wie ich dereinst im Frankenreich mehr als
einen Siedler gesehen habe, der einsam bei seinem Kreuze um die Gunst des
Himmelsherrn bittet. Wenn der Christengott auch dem schicksalslosen Waldmann
einen Ehrensitz zuteilt, so mchte ich ihm wohl dienen, wie er's begehrt. Und
diese Hhle, in der ich jetzt gezaust liege, knnte einmal meine Wohnung sein.
    Ingram lachte laut. Du, Bubbo, willst unter den Christen beten?
    Vielleicht tue ich's, versetzte der Waldmann trotzig. Ist die
Christenlehre so mild gegen die Armen und Unfreien, dann mgen alle, die den
Nacken hoch tragen, sich fortan wahren, denn alles arme Volk mu dem Bischof
zufallen, und der Armen sind mehr als der Reichen.
    Du aber weit ein Schwert zu fhren, rief Ingram.
    Ich habe gettet mit jeder Waffe, Menschen und Tiere, wie mich die Not
trieb, versetzte der Riese finster, was habe ich davon gehabt? Da mich die
Leute scheu anblicken, da ich in Schnee und Wintersturm allein hause und da
kein Gott und kein Mann Sorge um mich trgt. Wer seit dreiig Sommern und
Wintern in der Waldwste mit den Raubtieren heult, der kmmert sich nicht mehr
um die Menschengtter der Heiden. Graubrte hrte ich schwatzen, und fahrende
Snger hrte ich viel singen von der Gtterhalle, zu der die Helden aufsteigen,
aber da dort jemand den Brenfnger freundlich begre, habe ich niemals
gehrt. Du bist kaum einen grnen Sommer Wolfsgenosse und hast gelernt, am
Opferstein zu flehen und Gutes zu hoffen. Ich aber habe zuweilen neben der
Felskluft gelauert, aus welcher der Uhu fliegt, wenn er sein Wu-hu schreit,
damit die Mnner im Tal ihre Kpfe bergen und das sausende Gottesheer erwarten,
und ich habe dem Schreier den Kopf zerschlagen und die Fnge abgeschnitten, ohne
da sein Gott mich hinderte. Und ich sage euch, ich frchte die Gtter nur
selten, und ihrem guten Willen vertraue ich gar nicht. Erbarmungslos sind die
Gewaltigen des Waldes und immer feindlich dem Menschen, nur Leiden und Ungemach
teilen die zu, welche im Sturme fahren und um die Baumwipfel schweben; was ich
Gutes genossen habe, erwarb ich mir mhevoll selbst.
    Ein Drhnen unterbrach seine Rede, so gewaltig, da der Felsen bebte; Ingram
und Walburg fuhren empor, Bubbo lauschte, dann lachte er: Ein Baum strzte; der
Wurm und der Moder haben ihm das Holz zerfressen. Meint ihr, das ist eine
Mahnung der Menschengtter? Es strzen ihrer viele, wo sie niemand hrt. Und er
fuhr fort: Ich scheue den Bren, wenn ich ohne Waffen bin, ich scheue die
giftige Schlange, ich frchte die tckischen Elbe, wenn sie in meine Glieder
fahren und mich kraftlos machen, und ich frchte zuweilen den Bi der Klte und
den Strahl aus den Wolken. Im brigen wei ich, da die berirdischen nur
gegeneinander wten in grimmigem Kampfe. Darum denke ich, da in den goldenen
Buchstaben des Bischofs ein Geheimnis liegt, welches mir wohl helfen kann aus
dieser Waldde. Und in kurzem werde ich es sicher erkennen.
    Gehe zu ihm, Bubbo, rief Walburg, damit du seine Lehre noch einmal
hrst.
    Gerade das will ich nicht tun, versetzte Bubbo schlau, es knnte mir
jetzt auch bel bekommen. Eine bessere Prfung wei ich. Wenn der Christengott
stark genug ist, seinen Huptling selbst vor der Gefahr zu schtzen, so mag
dereinst wohl auch mir Gutes geschehen. Darum hnge ich mein Schicksal an das
Schicksal des Bischofs. Gerade in dieser Stunde ziehen, wie ich meine, seine
Feinde gegen ihn. Wrgen sie ihn, dann ist der Christengott auch nicht strker
als die anderen, und ich jage meine Braunen, bis mich wieder einmal einer umarmt
wie heut. Wird aber mein Gastfreund seiner Feinde mchtig, dann werde ich ein
Mann seines Gottes.
    Der Jungfrau prete die Angst das Herz zusammen, sie mhte sich, ruhig zu
sagen: Wunderlich ist deine Hoffnung, wie soll dem Herrn Winfried nahe Gefahr
drohen, das Land ist im Frieden, und die Reiter des Grafen umgeben ihn.
    Bubbo lchelte finster. Da ihr Wolfskinder seid wie ich, so mgt ihr's
hren. Vielleicht kommt der Ratiz ber ihn.
    Ingram fuhr auf. Woher willst du das wissen?
    Die Bltter im Walde haben mir's erzhlt, und die Krhen haben mir's
zugetragen, versetzte Bubbo. Ich war bei Ratiz, kurz nach deinem Ausbruch; wie
ein toller Kater fuhr er zwischen den verbrannten Htten umher. Und zuerst fand
ich so blen Empfang, da ich um den Rckweg sorgte. Schnell aber nderte er die
Miene und bot mir Frankengeld, wenn ich einem Reiter in meiner Htte heimlichen
Unterschlupf geben wollte und selbst nach der Werra gehen, um dort eine
Botschaft seiner Gesandten zu empfangen, sobald diese vom Frankenherrn
zurckkehrten. Denn nur langsam vermgen sie im Geleit durch das Land der
Thringe zu ziehen und werden berall verweilt. Ich tat nach seinem Willen, nahm
den Lufer mit mir in den Hof und ritt westwrts zur Werra, auf die Gesandten zu
harren. Diese gaben mir mit trben Mienen ein Zeichen fr den Lufer und
drngten mich, heimzureiten. Als ich das Zeichen dem Lufer gab, sprang dieser
zur Stelle aufs Pferd und fuhr wie vom Winde getrieben nach der Richtung des
Sorbenbachs zu.
    Von deinem Hofe zum Dorf des Sorben vermag kein Reiter in gerader Richtung
zu sprengen, denn pfadlos ist die Gegend nach Osten, rief Ingram.
    ber den Rennweg ritt er, du Narr. Ist der hohe Pfad auf den Bergen noch
den Thringen heilig und euren Rossen verboten, warum sollte er es den Sorben
sein? Den Fremden graut vor anderen Gttern, und sie fragen wenig nach den
euren, wenn sie auf Raub sinnen. Darum sage ich, der Ratiz will in die Tler der
Thringe einbrechen, bevor sie das Volksheer gegen ihn fhren. Fngt er den
Bischof, so zwingt er die Franken zu vielem. Vielleicht wei er auch einen Hof,
an dem er gern sein gebranntes Lager rchen wrde. Denn damit drohte der Bote in
meiner Htte.
    Ingram tat schweigend seine Waffen um.Wann ritt der Sorbenlufer zum Lager
des Ratiz?
    Heut ist der vierte Tag, versetzte Bubbo in schlfrigem Behagen. Was
greifst du nach dem Speer, du Tor? Dich haben sie hinausgeworfen, und wenn du
heimkehrst, mag dich jeder erschlagen.
    Ingram antwortete nicht, sondern gab Walburg einen Wink, ihm zu folgen.
Treuloser Wicht, rief Bubbo, sich mhsam erhebend, willst du deinen Genossen
in der Not verlassen? Walburg setzte die Flasche und den Speisevorrat an das
Lager. Hier magst du dauern, bis wir wiederkehren, rief sie, und wenn du
Gutes fr deine Zukunft hoffst, so versuche zum Christengott zu beten, da er
dir die Lose verzeihe, die du ber den Bischof geworfen hast.

                                Unter der Glocke


Als die Friedlosen aus dem Felsspalt in die freie Luft traten, war die Sonne
gesunken, und dmmeriges Mondlicht lag ber dem Laube. Eilig brach Ingram durch
das dichte Gebsch, und die Jungfrau hatte Mhe, ihm zu folgen. Endlich
erreichten sie den Rand des Gehlzes, das offene Land lag vor ihnen, und ber
ihren Huptern breitete sich der Nachthimmel. Walburg merkte, da ihr Gefhrte
das Haupt hoch trug und da seine Rede gebietend klang, wie dem Krieger
geziemte. Das Holz entlang luft ostwrts der Weg nach dem Rabenhofe, dorthin
gehen wir, denn in der Heimat finde ich meine Feinde und die Rache.
    Vertraue mir, was du sinnst.
    Die Schmach der Weiden will ich tilgen, das Blut des Ratiz begehre ich,
versetzte er finster. Anders als du meintest, Walburg, soll mein Geschick sich
erfllen. Du wolltest mir in treuem Herzen friedliche Heimkehr bereiten; aber
die Unsichtbaren widerstreben. Was der wunde Mann in der Hhle sprach, wird ein
Fremder als verwirrte Rede deuten oder doch nur als unsicheren Argwohn, ich aber
wei, da jedes Wort Wahrheit ist; ich kenne den Sorben, ich sah sein Lager
brennen, ich denke, da er einen Racheschwur gegen mich getan hat, wie ich gegen
ihn. Ich wei߫, rief er mit wilder Gebrde, da die Sorben jetzt die Brnde
tragen, um die Dcher meines Hofes zu sengen. Wann ritt der Weibart aus dem
Meierhofe heimwrts?
    Gestern um Mittag.
    Ingram nickte. Dann sind die Gesandten jenseit der Saale in Sicherheit, und
der Sorbe hat Freiheit, zu tun, was ihn gelstet. Er schritt wieder rasch
vorwrts und sprach: Ich erkenne die Sorben deutlich vor mir. Die Jungfrau
drngte sich an ihn. Nicht hier, bedeutete er, weit von uns auf dem Rennwege
rasten sie. Den Ratiz sehe ich liegen und meinen Raben mit der Beinfessel des
Bsewichts, den Helden Miros erkenne ich und alle Gesellen der Halle. Am
heiligen Walde lagern sie, nahe dem Gipfel, welcher den Opferstein des Donnerers
trgt, denn dort ist eine gute Bergestelle fr die Reisekost, die sie zur
Rckfahrt brauchen, und sie haben die Kost unter den Steinen niedergelegt. Ihre
Feuer sind niedrig, damit kein Schein sie verrate, und ber ihnen ragen die
Eichen. Der Sorbe hat nur einen Teil seines Volkes mitgebracht, schwerlich mehr
als hundert der flchtigsten Rosse, denn den ganzen Schwarm wagt er nicht ber
die Berge zu fhren, und er wei, nur schnelle Reiterfahrt kann ihm frommen. Er
gedenkt zum Morgengrauen auf dem heiligen Wege an unser Dorf zu dringen, denn in
finsterer Nacht vermag er nicht mit reisigem Volk durch die fremde Wildnis zu
fahren, und auch der Mond wird ihm nach Mitternacht fehlen.
    Das alles sehe ich deutlich, Mdchen, und niemanden vermag ich zu rufen, und
keiner wird meinen Worten glauben.
    Ich aber will fr dich sprechen, damit wir andere retten, versetzte
Walburg.
    Sorgst du um die Priester? fragte Ingram hart.
    Knntest du mich ehren, wenn ich's nicht tte? fragte Walburg. Meine
Brder schlafen unter ihrem Dach.
    Sie hrten Hundegebell. Dort liegt der Herrenhof des Asulf, mahnte Walburg
und wies auf die Dcher, welche wenige Bogenschsse vom Wege im Mondlicht
glnzten.
    Wahrlich, all mein Trachten ist ins ble verwandelt, rief Ingram. Ehedem
sprangen meine Gedanken mit Rosseshufen, rund und hart war mein Wille, jetzt
aber laufe ich niedrig auf Eberfen, denn zwiespltig teilt sich Liebe und Ha;
viele, die ich hasse, mu ich beachten wie Freunde, und die mir Leid zufgten,
warne ich vor Gefahr. Jmmerlich dnkt mir solche Teilung. Wandelt der neue Gott
unsere Hufe in Klauen, dann mgen die Krieger bald zu Weibern werden.
    Dennoch schritt er dem Hofe zu, unter wtendem Hundegebell schlug er an das
Tor und rief dreimal den Schlachtruf der Thringe in den Hof. Die rauhe Stimme
des Wchters fragte von innen: Wer schlgt so wild und schreit im Frieden der
Nacht den Kampf aus?
    Ingram rief entgegen: Die Sorben reiten in den Bergen. Wecke deinen Herrn,
da er sich eile, wenn er den Bischof retten will.
    Sage zuvor, wer so rauhes Nachtlied singt. Da antwortete die Jungfrau:
Die Walburg ist's, die in dem Hofe des Bischofs war, und schnell eilten sie
davon, bevor der Wchter nach den Nachtgestalten aussah.
    Dasselbe riefen sie in alle Hfe, die an ihrem Wege lagen, und als sie vor
das Heimatdorf kamen, mahnte Ingram den schlafenden Wchter in der Torhtte
ebenso. Es war nach Mitternacht, als sie ber das Dorf hinaufkamen; die letzten
Strahlen des niedersteigenden Mondes fielen auf die neuen Gebude des
Meierhofes, der Hof Ingrams lag dunkel im Schatten der Bume. Wo der Weg sich
von der Dorfstrae trennte, hielt Ingram an: Dort liegt der Hof meiner Vter,
und dort hausen deine Brder und die Priester. Vielleicht nehmen sie dich wieder
bei sich auf, obgleich du den Frieden verloren hast. Whle, Walburg.
    Ich habe dich gewhlt, antwortete Walburg, du aber gedenke der Knaben.
    Ingram bewegte zufrieden das Haupt und wandte sich dem Meierhofe zu. Wo ist
das Schlafhaus der Priester? Walburg fhrte ihn vor die neue Halle. Wahre
dich, flsterte sie, die Reisigen des Grafen liegen im Hofe. Aber Ingram
achtete nicht darauf. Er pochte an den Laden. Ist der Jngling hier, den sie
Gottfried nennen, so mge er hren.
    Drinnen regte sich's. Ist es deine Stimme, Ingram, die mich ruft? Ich hre,
mein Reisegeselle.
    Wolfsgeno heie ich, rief Ingram zurck, und dein Reisegeselle will ich
nicht sein, sondern dein Feind. Du aber hast deine Hnde den Weiden geboten,
damit ein anderer frei werde. Darum bringe ich dir von ihm, der im wilden Steine
haust, eine Warnung. Durch den Wald schallt es, da der Ratiz ber die Berge
reitet, um den Bischof zu fangen und euch auszutilgen. Siehe zu, ob du dein
Haupt und andere, die dir lieb sind, zu retten vermagst, denn nahe ist euch das
Verderben.
    Die Tr ffnete sich, Winfried trat auf die Schwelle. Der Speer in Ingrams
Hand zuckte, aber er wendete sein Gesicht ab, als der Bischof sprach: Die
Warnung kndet, was Sorge macht, doch meldet sie zu wenig, um andere zu retten.
Sahst du oder ein anderer den Anzug der Sorben?
    Nur ihr Anschlag wurde verraten, rief Ingram zurck.
    
    Und wann erwartest du den Einbruch?
    Vielleicht heut zum Frhlicht, vielleicht erst in den nchsten Tagen.
    Heut ist der Tag des Herrn, im Frhlicht sammelt der Himmelsgott die
Getreuen bei seinem Heiligtum, dort wird er die Flehenden gndig beschirmen.
Auch dem Friedlosen ist die Freisttte bereitet, suchst du Frieden, so tritt
ein.
    Deinen Frieden begehre ich nicht, rief Ingram ber die Achsel zurck,
Wolf und Wlfin springen abwrts von deinem Pferch. Er entwich mit schnellen
Schritten, gleich darauf sah Winfried zwei Schatten ber den Weg gleiten und in
der Richtung des Rabenhofes verschwinden.
    Ingram ffnete eine schmale Pforte, welche von auen unkennbar durch das
Pfahlwerk seines Hofzauns fhrte, und half der Jungfrau ber Graben und Zaun in
den Rabenhof. Unrhmlich ist solcher Eintritt der Braut in den Hof des
Verlobten, murmelte er zornig, meine eigenen Rden fallen mich an, aber im
nchsten Augenblick umsprangen ihn die Hunde mit freudigem Gebell. Schweigt,
ihr Wilden, allzu deutlich schallt euer Willkommen in das Tal. Er pochte an den
Stall, in welchem die Kammer Wolframs war.
    Ich verstehe den Gru der Hunde und den Schlag der Herrenhand, rief eine
frhliche Stimme, und Wolfram trat heraus. Unter der Linde standen die drei in
eiliger Beratung. Darum also lachte der schurkische Weibart, als ich ihm das
Tuch gab, rief der erstaunte Wolfram, und darum fuhr er mit den Blicken so
freundlich ber unsere Dcher. Ist alles wie du sagst, Herr, so drohen die
Sorben heut oder in den nchsten Tagen. Noch sind sie nicht da, und wir vermgen
auf die Verteidigung des Hofes zu denken.
    Das Dach des Gebannten ist preisgegeben, versetzte Ingram, die Speere der
Landgenossen werden es nicht schtzen, auch wenn sie vermchten. Was aber immer
dem Hofe geschehe, dennoch denke ich den Pferdedieben ihre Freude zu verderben.
Haben sie auch den Raben, das brige edle Blut meines Stalles will ich ihnen
nimmermehr hinterlassen, die Zucht der Mhren, welche seit meinen Ahnen berhmt
war, soll gerettet werden und ebenso die Sorbenbeute, die ich am Herde bewahre.
Ich sattle hier, was ich bedarf; mit der ledigen Koppel und der Kampfbeute jage
du talab zum Hirschwald und birg sie dort in der Schlucht, wo unser Versteck
ist.
    Wolfram wies auf Walburg. Du sprichst gut. Doch die Jungfrau wei recht
wohl mit den Pferden Bescheid, leicht weise ich ihr den Weg nach der Tiefe, denn
ungern weiche ich in diesen Stunden von dir.
    Ich bleibe, Ingram, bat Walburg, wo ich dir nahe bin.
    Dann mu ich den Nachtritt tun, schlo Wolfram unzufrieden. Doch kenne
ich einen, der sich nicht in der Tiefe duckt. Auf dem Wege schlage ich an den
Herrenhof des Albold und lade ihn zur Sorbenjagd.
    Hastig regten sich die Hnde, nach kurzer Zeit stob Wolfram mit den Rossen
talab. Bevor er schied, sagte er zu Walburg: Dir binde ich unseren Falben an
das Tor, wenn du ihn brauchst; er gebhrt dir, denn er stammt aus der Zucht
deines Vaters.
    Ingram trat, sein Ro am Zgel fhrend, zu der Jungfrau und fate sie an der
Hand. Komm aus dem Hofe in das Sternenlicht. Ich stehe hier, um die letzte
Wache zu halten vor dem Hofe meiner Ahnen, und ich frchte, keiner von den
Gttern und keiner von allen Menschen sorgt um den Ausgestoenen. Wenn hier
Speere geworfen werden, so wei ich nicht, ob mich zuerst eine Waffe meiner
alten Kampfgenossen trifft oder der Fremden. Preisgegeben bin ich dem Eisen und
preisgegeben ist mein Hof den Brnden, freundlos und ohne Gesellen stehe ich auf
der Mnnererde vor meinem letzten Kampf. Denn hier denke ich den Sorben zu
erwarten. Du aber sage, wenn spter noch jemand nach mir fragt, da ich nicht
unmnnlich auf die letzte Wunde geharrt habe. Nur um dich fhle ich heien
Schmerz, du hast um meinetwillen den Frieden verloren, verachtet bist du wie ich
und allein. Und meine schwere Sorge ist, da du nicht wieder in die Hnde der
Sorben fllst. Darum beachte meine Bitte, bleibe bei mir, solange die Nacht uns
deckt, damit ich eine Menschenhand halte; und wenn das graue Licht auf die Wege
fllt, so reite abwrts bis zu meinem alten Gesellen Bruno, er ist ein ehrlicher
Mann, und wenn du ihm meinen letzten Gru bringst, so wird er um meinetwillen
fr dich sorgen. Bin ich erst dahingeschwunden, dann werden sie auch im Volke
dich wieder ehren. Er hielt ihre Hand fest, und die Trauernde fhlte den
bebenden Druck.
    Du gedenkst zu sterben, Ingram, wie ein Hoffnungsloser; ich aber will, da
du leben sollst, und mein ganzes Glck hoffe ich von den Tagen deiner Zukunft.
Darum bin ich zu dir in den Wald gekommen, und darum mahne ich dich jetzt, wenn
ich gleich nur ein Weib bin. Anderes erwarte ich von dir, als da du hier, auf
die Speere harrend, am leeren Hofe die Wache hltst. Haben deine Landgenossen
auch hart an dir gehandelt, dennoch leben viele in der Nhe und weiter unten im
Tale, deren Wohl auch dir am Herzen liegt. Du bist hochsinnig und darfst nicht
tatlos weilen, bis sie von den Rubern berrascht werden. Niemand kennt den Wald
wie du, und niemand ist zur Stelle, nach den Feinden auszusphen. darum flehe
ich, Held, da du vor den anderen selbst prfest, ob dich die Ahnung betrogen
hat. Kndest du, wo die Feinde nahen, so mgen Waffenlose sich retten und die
Krieger den Feind leichter abwehren.
    Du sendest mich in der Notstunde von dir? fragte Ingram dster. Willst du
dich zu den Christen flchten? Sie selbst sind schutzlos wie du.
    Du sprichst hart, und deine Worte tun mir weh, rief Walburg. Nicht um
mich sorge ich. Aber deinetwegen denke ich der heiligen Lehre; haben andere
bles an dir getan, dir geziemt es, gut an ihnen zu handeln.
    Du sagst es, versetzte Ingram. Die zu mir in den wilden Wald gekommen
ist, soll nicht umsonst fordern, da ich dahin zurckgehe, lebe wohl, Walburg,
ich reite.
    Aber Walburg hielt ihn fest. Noch nicht, Geliebter. Da du gehen willst,
graut mir davor, da ich selbst dich in die Gefahr sende. Du darfst nicht
reiten, wenn du kmpfen willst, denn warnen sollst du, damit andere sich retten.
Hier weile ich, an deiner Statt halte ich die Wache am leeren Hofe, bis du zu
mir kehrst. Daran denke. Willst du aber den Sorben dort im Kampfe bestehen, so
halte ich flehend deinen Leib fest, damit du mir nicht im Walde vergehest. Sie
umschlang ihn leidenschaftlich mit ihren Armen, Ingram kte sie auf das Haupt.
Sei ruhig, Mdchen, wenn ich nicht will, umstellen mich die Sorben schwerlich,
und ich will zurckkehren und die Botschaft bringen dir und deinen Freunden.
Entla mich, Geliebte; denn der Morgen ist nahe. Er drckte sie noch einmal an
sich, sprang auf das Ro und trabte dem Walde zu.
    Walburg stand allein. Sie war gewhnt, die Mnner, um welche sie sorgte, in
Gefahr zu wissen, heut aber rang sie hilflos die Hnde in der Angst um alle, die
ihr lieb waren. Neben ihr der Hof, unheimlich wie eine Behausung der Toten, vor
ihr ein schwarzer Rand des Gehlzes, in welchem die Mrder lauerten, und sie
selbst allein unter dem Nachthimmel, auf den Augenblick der Flucht harrend. Sie
griff in die Mhne des Pferdes, um sich daran festzuhalten, und sah hinber nach
dem Meierhofe, von dem sie freiwillig sich ausgeschlossen hatte. Dort bewegten
sich Lichter, die Menschen waren wach und eilten ab und zu, als ob sie zum
Ausbruch rsteten. Das Tor wurde geffnet, und Reiter fuhren in schnellem Lauf
abwrts, sie wute, da es die Reisigen waren, welche der Bischof mit Botschaft
in das Land sandte. Und immer wieder flogen ihre Gedanken dem Krieger zu, den
sie selbst dem rachschtigen Feinde entgegengesandt hatte. So stand sie, die
Hnde am Halse des Rosses gefaltet, und ihr Blick irrte zwischen dem Walde und
Hofe und hinauf zu den Sternen, deren Licht schwach und bleich wurde im ersten
Grau des nahenden Tages.
    Da erhob sich in der Stille des Morgens ein heller Klang, der noch niemals
im Lande vernommen war. Langsam und feierlich tnten die Schlge wie vom ehernen
Heerschild eines Gottes, mahnend, drohend, klagend weithin durch die Luft. Der
Ruf klang in die Tler, in denen Menschen wohnten, und ber das Schattendach des
wilden Waldes. Die flchtigen Frauen, welche das Vieh abwrts trieben, und die
Krieger, welche sich zum Kampfe rsteten, standen still und sahen erschrocken
nach dem Himmel und auf die Wipfel der Bume, als mte der Klang einen Gegenruf
erwecken. Aber kein rollender Donner und kein heulender Sturmruf antwortete, der
Himmel wlbte sich wolkenlos und rtete sich frhlich, im Osten die aufsteigende
Sonne zu begren. Die Singvgel im Gebsch hielten inne mit ihrem
Morgengeschrei und flatterten auf den Zweigen, die Raben, welche um die hohen
Tannen schwebten, rauschten empor, krchzten lauten Warnungsruf fr ihre
Genossen und flogen dem finsteren Walde zu. Seht, wie die Raben des alten
Gottes entweichen, schrien die Dorfleute. - Oben im Bergwald ritten wilde
Heergesellen vom Rennwege in die Waldgrnde herab, um Brand und Tod in die Tler
der Thringe zu tragen; auch diese hielten erstaunt an. Ihr Huptling fuhr nach
der Hhe zurck, ihn umdrngten seine Krieger, sie suchten eine lichte Stelle
zur Ausschau ber das Land, aber sie vermochten nichts zu erblicken; nur der
geheimnisvolle Klang zitterte aus der Ferne unablssig um ihr Ohr wie zur
Verkndigung, da ein unsichtbarer Feind ihnen Verderben drohe. Sie wuten nicht
zu deuten, woher der tnende Schrei kam, drang er aus der Erde, schwebte er aus
den Wolken, war er die Stimme des Christengottes, welcher seine Getreuen vor den
lauernden Feinden warnte? Leise raunten sie zueinander, und dem Mutigsten wurde
das Herz schwer.
    Unten aber im Lande, soweit die rufende Stimme in der Morgenluft schwebte,
ergriffen die Mnner ihre Waffen, hllten sich in das Kriegsgewand und eilten
auf allen Pfaden der Stelle zu, von welcher die Mahnung in ihr Ohr schlug. Nicht
die Christen allein, auch die Heiden kamen aus den Hfen, denen der Friedlose
und die Speerreiter des Grafen Botschaft zugerufen hatten.
    Auf dem Turmgerst, das die Christen an der Halle des Bischofs erbaut
hatten, schwang sich die Glocke und sang der Jungfrau am Heidenhofe mit heller
Stimme: Komm herzu! Walburg lauschte mit gefalteten Hnden dem neuen Klang
ihres Glaubens, sie dachte betend, ob auch der Spher, der jetzt im Waldesdunkel
ritt, die Mahnung ehrfrchtig vernehmen werde. Als sie aufblickte, erkannte sie
in der Morgendmmerung die Haufen der heranziehenden Landgenossen, sie sah ber
dem Nebel, der auf dem Dorfanger lag, Banner der Huptlinge, Getmmel der Reiter
und die Zge bewaffneter Landleute, welche zu dem Meierhofe heraufstiegen und
den groen Bohlenverschlag, den geweihten Raum fr den Gottesdienst, umstanden.
Und sie vernahm von drben aus dem Heiligtum unter den Klngen der Glocke den
Morgengesang der Priester, der Frauen und Kinder des Hofes. Da gedachte sie, da
jetzt ihre Brder singend am Altar standen und da auch sie durch ihr Gelbde
dem Himmelsgott gebunden war und in die Gemeinde der Christen gehen msse. Sie
sah noch einmal in den leeren Hof zurck, nahm das Ro am Zgel und schritt,
wohin sie geladen wurde. Das Ro band sie an einen der Holzhaken, welche auf der
Auenseite des Bohlenzaunes angebracht waren, sie selbst trat in den geweihten
Raum und kniete nieder ganz hinten bei den Frauen. Vor dem Altar stand Winfried
im bischflichen Gewande und versah das hohe Amt, siegreich und machtvoll tnte
seine Stimme unter dem Klang der Glocke, welche noch immer die Treuen lud und
die Feinde warnte.
    Unterdes wand sich Ingram vorsichtig durch die Waldesnacht aufwrts. Nur auf
dem heiligen Wege, der zu den Opfersteinen der Hhle fhrte, vermochte ein
fremder Reitertrupp, wenn der Morgen kam, den Abstieg in die Tler zu wagen. Oft
horchte der Einsame und sah ungeduldig auf den schmalen Streifen des
Nachthimmels, der ber ihm sichtbar war. Als der erste Tagesschimmer ber die
Wipfel flog und graue Dmmerung auf den rauhen Pfad senkte, hrte auch er den
fernen Hall der Glocke und hielt staunend an. Er hatte den Gru des
Christengottes schon frher einmal unter den Franken vernommen, heut empfand er
eine wilde Freude, da der fremde Menschengebieter die Volksgenossen zur rechten
Zeit aufweckte. Um sich herum merkte er nur die Nachtlaute des Waldes, dennoch
wute er, da die Sorben nahe waren, denn untilgbar malte ihm sein heier Ha
die Gestalt des Sorbenhuptlings vor, den falschen Blick und das hhnende
Lachen. Da, ganz nahe dem Rennwege, wo der steile Abstieg von der Hhe wegsamer
in dem Grunde luft, hrte er klirrende Waffen und stolpernde Hufe und erkannte
den Vortrab der Sorben; unter den ersten den Ratiz auf schwarzem Hengste. Als
Ingram seinen Todfeind auf dem Raben heranreiten sah, stieg ihm das Blut in das
Haupt, und in wildem Grimm rief er, alle Vorsicht vergessend, sein Ro mit dem
Namen an und ri sein eigenes Pferd zur Flucht herum. Der Kriegsschrei der
Sorben gellte durch den Wald, als sie sich entdeckt fanden und ihren Feind vor
sich erkannten, und eine tolle Jagd zwischen den Bumen begann. Ingram aber, der
des Weges besser kundig war, kam weit voraus; nur das edle Ro des Ratiz, durch
den Ruf seines alten Herrn und die Nhe des Stallgenossen gemahnt, trug den
Huptling in groen Sprngen hinter Ingram her, voraus allen Sorbenkriegern. So
ging die Hetze talab aus dem Urwald und lngs der Wagengeleise des lichten
Gehlzes bis an den Waldesrand in die Nhe der Hfe. Hier hob sich Ingram im
Sattel und schrie den Schlachtruf ber die Lichtung.
    Der Schrei unterbrach das Amt des Priesters, die ausgestellten Wachen
wiederholten den Ruf, die Mnner schwangen sich aus dem Holzring und suchten
ihre Rosse, die Weiber und Kinder drngten sich um den Altar, vor welchem der
Bischof stand, das Kreuz hoch emporhaltend. Als Ingram freien Raum vor sich sah
und den Racheschrei des Sorben hinter sich hrte, trieb er sein Ro zu einer
Wendung und warf, da Ratiz heranfuhr, seinen Speer gegen den Feind. Aber der
Schild des Sorben fing die Waffe, und whrend Ingram sein Pferd herumri, flog
der Speer des Ratiz in die Hfte des Tieres. Hoch schlug es aus, sank und
schleuderte seinen Reiter an dem Bohlenzaun der Gemeinde zu Boden, da er
hilflos dalag.
    Aus dem Holzring gellte der Angstschrei eines Weibes. Gottfried kannte wohl
die Stimme, derselbe Schrei hatte ihm schon einmal wie mit Messern in das Herz
geschnitten. Der Jngling warf noch einen strahlenden Blick auf Walburg, warf
sich behend ber die Brstung und eilte zu dem Friedlosen. Ratiz, welcher mit
seiner Streitkeule den Anlauf bewaffneter Landleute abgewehrt hatte, strmte
heran und schwang die tdliche Waffe gegen den liegenden Ingram. Da hob sich vor
diesem Gottfried mit ausgebreiteten Armen. Die Keule sauste und traf das Haupt
des Mnches, lautlos sank er neben Ingram auf den Boden. In diesem Augenblick
der Not ri Meginhard am Glockenseil, und ber dem Haupte des Sorben drhnte
aufs neue der Kriegsruf des Christengottes in starken hmmernden Schlgen. Der
Wilde starrte um sich und trieb sein Pferd zurck.
    Von allen Seiten hob sich das Kampfgeschrei, aus dem Holz brachen die
Sorbenkrieger hervor, um den Taufring sammelten sich die Thringe und ritten
ihnen entgegen, in wirrem Getmmel trieben Freund und Feind auf der abwrts
geneigten Flche umher. Als Ingram sich erhob, sah er vor sich das blutende
Haupt Gottfrieds und gegenber eine Rauchsule, welche aus seinem Hofe aufstieg.
Einen Augenblick beugte er sich ber den Liegenden, dann packte er die Wurfkeule
des Sorben, sprang auf ein lediges Pferd, welches zur Seite angepflckt stand,
und warf sich wieder in das Getmmel. Zwischen den Linnenpanzern der
Sorbenkrieger und den grauen Eisenrcken der Thringe fuhr er wie toll dahin,
den Flgel des weien Adlers suchend, welcher ber der Kappe des Huptlings
ragte. Undeutlich merkte er, da Miros beim Banner der Sorben seine Krieger zu
sammeln suchte, da Wolfram mit dem Haufen des Huptlings Albold gegen den Miros
anritt und da die Sorben allmhlich nach dem Walde zurckgedrngt wurden.
Endlich erkannte er den Huptling, der sich den Verfolgern durch die Wendungen
seines Pferdes zu entziehen wute und nach dem Holze strebte. Ingram fuhr in
gestrecktem Lauf durch die Thringe seinem Feinde zu, indem er mit Ruf und
Handbewegung seine Landsleute zwischen den Huptling und die Sorbenschar trieb.
Ratiz sah das glhende Auge und das flatternde Haar des grimmigen Gegners vor
sich, in seiner Hand die geschwungene Keule, und er hrte ber sich die
drhnende Stimme des Christengottes; da stie er einen Fluch aus und sprengte in
den Wald, Ingram folgte ihm. Bald jagte dieser allein hinter dem Huptling ber
Baumwurzeln, Wasserrinnen und Steinblcke den schmalen Grund hinauf, der zum
Rennweg fhrte. Mehr als einmal versuchte der Sorbe die Wendung, um seinen
Gegner mit dem Krummsbel anzufallen, aber nirgend bot der Pfad festen Anritt,
und immer noch tnte ber ihm der unheimliche Schlachtgesang in den Lften. In
der wtenden Jagd zuckte durch die Seele Ingrams wie Wetterschein die Freude,
da der Rabe so trefflich lief, und er merkte erstaunt, da auch er wieder auf
einem guten Ro seines eigenen Stalles sa, welches von dem Raben nicht lassen
wollte, obgleich es ihm nher zu kommen nicht vermochte. Er stie einen scharfen
zischenden Ruf aus, und der Rabe hielt an und bumte. Wtend trieb und peitschte
der Sorbe, und sthnend gehorchte das edle Ro seinem Reiter, aber der Verfolger
flog nher heran. Zum zweitenmal schrie Ingram, zum zweitenmal bumte das Ro
des Sorben, noch einmal gelang es diesem, das blutende und schumende Tier
vorwrtszutreiben. Als aber zum drittenmal der Rabe sich steil erhob, seinen
Reiter zu werfen, glitt der Sorbe herab, und schnell wie der Blitz fuhr sein
Stahl in den Leib des Rosses. Laut schrie Ingram, und ein hhnendes Lachen
antwortete, der Sorbe sprang der steilen Hhe zu. Im nchsten Augenblick flog
die Keule, und Ratiz sank zu Boden.
    Ingram warf sich vom Rosse, ergriff die Waffe, und ein zweiter Schlag traf
den Liegenden, der solcher Nachhilfe nicht mehr bedurfte. Der Sieger lste dem
Toten das Krummschwert von der Seite und ri die Adlerfedern von der
zerschlagenen Helmkappe. Dann warf er sich zu Boden und umfing den Hals des
Raben, der ihn sterbend mit treuen Augen ansah.
    Als Ingram sich erhob, warf er noch einen wilden Blick auf seinen Feind,
der, obgleich erschlagen, doch dalag wie ein Herr der Mnnererde, die Faust
geballt, die Glieder im Sprunge zusammengezogen; und er sah noch einmal ber das
tote Tier, welches einst die Glieder so edel bewegt hatte und jetzt nichts war
als ein unfrmliches Stck Erde. Dann fing er sein Ro und ritt langsam der
Heimat zu. Der scharfe Grimm, welcher ihn seither wild umhergetrieben hatte, war
pltzlich geschwunden, und er gedachte ganz ruhig seiner Fahrt zu den Sorben wie
einer alten Sage. Da vernahm er um sich ein leises Tnen und Worte einer sanften
Stimme: Ich bin ein Krieger, du merkst es nur nicht, und vor ihm erschien das
Antlitz des Jnglings, wie dieser einst traurig von ihm geschieden war mit den
Worten: Du armer Mann. Immerfort klangen dem Reiter diese Worte in der Seele,
und dabei rannen ihm heie Trnen aus den Augen, immerfort tnte von weitem
mahnend und klagend die Glocke des Christengottes. Jetzt wurde ihm, der von der
Rachefahrt zurckkehrte, alles Geheimnis des neuen Glaubens in dem leisen Klange
offenbart. Als ein Held des Christengottes hatte der Jngling sein Leben
hingegeben fr einen, der nicht sein Freund war; und ebenso hatte sich der groe
Huptling der Christenheit dem Tode geopfert, um dem friedlosen Volk der Erde
ein seliges Leben in der Himmelsburg zu bereiten. Und Ingram hrte aus dem Sang
der Glocke die Stimme des Toten, welcher ihn rief: Komm auch du. Da spornte er
sein Ro, denn er merkte, jetzt lud der Gott auch ihn, weil er ihn durch den Tod
seines Kriegers geworben hatte. - In der Nhe hallte das Kriegsgeschrei der
verfolgenden Thringe, Ingram aber sah zu dem Morgenlicht auf, welches die
Spitzen der Bume vergoldete, und ritt nach der Sttte, von welcher die Ladung
hell und heller in seine Seele schlug.
    Auf den Stufen des Altars sa Winfried, das verhllte Haupt des toten
Mnches in seinem Scho, nur seine Lippen bewegten sich leise. Um ihn knieten
die schluchzenden Christenfrauen, dahinter standen mit gesenktem Haupt die
Krieger, welche zur Wache des Heiligtums zurckgeblieben waren.
    Da trabte ein Reiter an den Holzring, eine der Frauen erhob sich aus dem
Kreise der Knienden und schritt zum Eingang. Gleich darauf trat ein Mann in den
Raum, schwertlos, die Aufregung des Kampfes im Antlitz. Alle wandten die Blicke
von ihm und wichen scheu aus seinem Wege, er aber achtete nicht darauf, schritt
zum Altar und setzte sich zu Fen des Toten auf die Stufen unweit des Bischofs,
so da der Leib des Jnglings zwischen beiden lag. Der Bischof regte sich, als
der Mann, der ihm feind war und fr den der Jngling sich dem Tode preisgegeben
hatte, in seiner Nhe niedersa.
    Ingram aber legte den Helmschmuck des Sorben auf das Gewand des Toten und
sprach leise: Er ist gercht; der Sorbe Ratiz liegt erschlagen, und er sah
prfend in das Gesicht des Bischofs.
    In dem Herrn Winfried wallte das Blut seines Geschlechts, da er vernahm, da
der Mrder seines Schwestersohnes erlegt war, er richtete das Haupt auf, und ein
dsteres Licht flammte in seinen Augen; aber im nchsten Augenblick bewltigte
die heilige Lehre den Grimm, er streifte mit einer Handbewegung den Adlerfittich
vom Gewande des Mnches, lftete die Hlle, welche das Haupt bedeckte, und
sprach, auf die zerbrochene Stirn deutend, tonlos: Der Herr spricht: Liebet
eure Feinde, tut wohl denen, die euch beleidigen.
    Ingram aber rief laut: Jetzt erkenne ich, da du in Wahrheit dem Gebot
eines groen Gottes folgst, wenn es dir auch bitter und schwer wird. Auch ich
glaube an den Gott dieses Jnglings, der aus eigenem Willen fr mich gestorben
ist, obgleich ich sein Feind war. Denn solche Liebe ist das grte Heldentum auf
Erden.
    Er hob die Hlle vom Antlitz des Toten und kte ihn auf den Mund. Darauf
sa er still neben ihm und verdeckte sein Gesicht in den Hnden.
    Die Worte des Friedlosen drfen nicht hallen, wo Landgenossen weilen,
begann mit gedmpfter Stimme Asulf, der hinter Ingram stand. Ist ein Gebannter
hier, so berge er sein Haupt, bis das Volk ihm den Frieden zurckgibt.
    Dort drben brennt der Hof meiner Vter, Asulf, wenn die Thringe wollen,
knnen sie den Wolf in die Flammen werfen, antwortete Ingram zurck und beugte
sich wieder ber den Toten.
    Am Altar des Herrn ist die Freisttte des Friedlosen, sprach Winfried
aufsehend, halte das Kreuz ber ihn, Meginhard, und geleite ihn zu deiner
Htte.
    La mich hier, bat Ingram, solange seine Leibeshlle unter uns liegt.
Denn spt habe ich meinen Reisegesellen gefunden.

                                 Die Heimfahrt


Eine Woche spter stand Ingram in der Htte des Priesters an der Holzstufe des
Altars, welchen einst Gottfried errichtet hatte. Der eintretende Memmo setzte
einen Korb vor ihm nieder und mahnte: La dir das Mahl gefallen, die Frauen vom
Meierhofe waren alle dabei beschftigt.
    Du sorgst freundlich um deinen Gefangenen, antwortete Ingram schwermtig,
jede Kost ist bitter fr den Eingehegten, welchem die Freiheit fehlt.
    Ich kenne manchen Hausgenossen, der anders denkt, versetzte Memmo und sah
zu seinen Vgeln auf. Als Ingram schwieg, fuhr er geschwtzig fort: Ich war mit
Walburg in der Hhle bei dem Bren Bubbo; er hat den ganzen Trank des Bischofs
ausgetrunken und den Einbruch der Heiden verschlafen, der Mann ist bel
zugerichtet und sprach durchaus verwirrt, als wenn er Einsiedler werden wollte.
    Ingram nickte, aber er schwieg. Und Memmo fuhr bei sich selbst fort: Nie
habe ich so groe Vernderung gesehen, als der Glaube in diesem Heiden
hervorbringt; wenn ich ihm ein Heubund unter den Kopf rcke, dankt er so
zierlich wie ein Mdchen. Das Vaterunser hat er gelernt wie wenige. Vielleicht
wird er sogar ein Mnch, dann mte ich ihn Latein lehren. Einst wollten seine
Raben das Kyrie nicht leiden, jetzt zwinge ich ihn selbst zu mensa und filius,
und Memmo lachte auf seinem Schemel ber die groe Hoffnung.
    Vor dem Hause klirrten Waffen, die Tr ffnete sich, Graf Gerold trat auf
die Schwelle. Ich rufe dich, Ingram, redete er den Auffahrenden an, du magst
dein Haupt wieder frei tragen im Volke. Unter den Linden haben sie dir den
Frieden zurckgegeben, wenn du die Bue bezahlst in Viehhuptern oder in Land,
und die Schatzung war mig. Weit du es noch nicht, so vernimm auch dies: auf
dem Rennwege hinter dem Hgel des Donnerers haben deine Landgenossen den
flchtigen Haufen der Ruber erreicht, nur wenige Sorben sind entronnen; diese
Kunde soll dir trstlich sein. Ich aber komme selbst, dich zum Kriegsgesellen zu
werben. Zu Rosse, Held, in wenigen Tagen reiten wir ber die Saale. Mit kurzem
Gru verlie er die Htte.
    Als Ingram hinter ihm ins Freie trat und das Haupt zum Sonnenlicht hob,
fhlte er sich leise angefat. Jetzt bist du ganz mein, rief Walburg in seiner
Umarmung. Da berhrten ihre Finger das Lederband, welches er am Halse trug, sie
trat ngstlich zurck: Ingram, du trgst noch bei dir, was von den Unholden
kommt.
    Die Gabe meiner Ahnen meinst du, versetzte der Mann betroffen, wie darf
ich sie verachten!
    Bedenke, Geliebter, vieles Unheil hat dir der Zauber gebracht, wer wei,
wie sehr er dir noch den Sinn verwandelt, wenn du ihn bewahrst.
    So wie du warnte einst ein anderer, versetzte Ingram, und ich frchte,
ich habe zuviel auf das Erbstck getraut. Ich will es abtun, du aber magst es
verwahren.
    Nicht ich und kein anderer, rief Walburg, nur einer soll darber
entscheiden, und das ist Herr Winfried selbst.
    Willst du mich vor die Augen des Bischofs fhren? fragte Ingram unruhig.
    Merke wohl, Ingram, warnte Walburg, wie das Zauberstck dich von dem
Bischof fernhalten will.
    Er lste den Riemen und bot ihr die Tasche; sie warf ein Tuch ber das
Bndel, segnete sich und griff danach. Und jetzt fort von hier zu ihm. Beuge
dich, Ingram, bat sie den Zgernden, denn um Gnade sollst du werben bei einem,
der strker ist als du. Voll Mitleid und Zrtlichkeit sah sie ihn an, verga
einen Augenblick das Teufelswerk in ihrer Hand und kte ihn, dann zog sie ihn
hastig mit sich fort.
    In seiner Kammer sa der Bischof allein, als Walburg eintrat, den Geliebten
nach sich ziehend. Kommst du endlich, Ingram, sprach Winfried aufsehend,
lange habe ich dich erwartet, und teuren Preis haben wir beide gezahlt, bis du
den Weg zu mir fandest.
    Ein Zauber, den die heidnische Schicksalsfrau gebunden, liegt in dem Erbe
seiner Ahnen und erbittert ihm seinen redlichen Sinn, klagte Walburg. Lse du
ihn von der Macht der Unholden.
    Die Gnade des Himmelsherrn soll dich befreien, Ingram, und der Kampf, den
du selbst durchkmpfst, solange du auf der Erde weilst. Wo ist der Zauber, der
euch ngstigt?
    Hier liegt das Grauwerk unter weiem Tuch, sagte Walburg und legte das
Bndel scheu auf den Holzsto am Herde. Winfried wandte sich und sprach sein
Gebet, dann fate er nach dem geweihten Wasser, das im Becken bei der Stubentr
stand, besprengte das Tuch und seinen Tisch und zog das Erbstck des Teufels
hervor. Es war eine kleine Tasche aus abgestoenem wolligem Fell, von vielen
verknoteten Fden umschlungen. Winfried ffnete weit den Fensterladen und die
Tr, dann machte er ber sein Messer das heilige Zeichen, schnitt krftig durch
Faden und Leder und suchte den Inhalt. Staub und vertrocknete Kruter fielen ihm
in die Hand, dazwischen ein neues Bndel von roter Farbe; er rollte es
auseinander und trat zurck. Vor ihm lag von Seidenstoff, dicht wie Filz
gewirkt, mit Goldfden gestickt, ein Bild gleich dem Haupt des Wurms, den man
Drachen nennt. Von hellem Gold glnzten die Augen, um den aufgesperrten Rachen
standen die goldenen Zhne, aus ihm ragte wie ein Pfeil die rote Zunge.
    Schwerlich vermag menschliche Kunst solch teuflisches Bild zu schaffen,
rief Winfried erstaunt und hielt das Holzkreuz ber den Drachenkopf. Wirf Holz
auf die Herdkohlen, Jungfrau, in der Flamme des Christenherdes bergen wir das
Heidenbild; verschwinden soll es aus dem Angesicht der Menschen, denn wie
lebendig glnzt das Auge und leckt die Zunge.
    Das Herdholz knisterte, die Flamme hob sich hoch ber den Kohlen, Winfried
trug vorsichtig die Tasche, die zerfallenen Kruter, zuletzt das Drachenhaupt zu
dem Feuer und stie sie mit dem Eisen krftig hinein. Ein dicker Rauch, gelblich
und wei, wirbelte auf, er stieg hoch bis zum Herdloch der Decke und wand sich
um die Dachbalken. Ingram lag an der Tr auf den Knien. Bitter ist mir, von
meinen Ahnen zu scheiden, seufzte er. Aber ber seinem Haupt hielt Walburg die
Hnde gefaltet und sah verklrt auf Winfried, der vor dem Herde stand, das Kreuz
hochhebend, bis die letzten Wirbel des Dampfes durch das Dach entschwebt waren.
Darauf trat er zu Ingram: Bereite deine Seele, damit du ein treuer Mann des
Christengottes werdest und deinen Sitz gewinnest in der Hochburg des Himmels.
Als eine Gabe, welche der Himmelsherr dir durch mich bietet, empfange dies
geweihte Gewand, das du tragen sollst, wenn du zum Taufstein trittst und dich
gelobst dem ewigen Gotte.

Auf der Brandsttte des Hofes, in welchem einst die Raben gekrchzt hatten,
erhob sich eine Kirche, und vom Turmgerst klang die Glocke der Christen. Wenige
Wegstunden davon, nahe dem groen Markt der Thringe, stand der neue Hof Ingrams
und die Halle, welche er gebaut hatte. Bald wuchs um den Hof ein ansehnliches
Dorf, welches noch in spten Geschlechtern das Erbgut des Ingram genannt wurde.
Im ganzen Lande rhmten die Leute sein Glck und seine Hausfrau, welche ihm den
Hof mit einer Schar blondlockiger Kinder fllte, die gastliche Halle und daneben
auch die Zucht seiner Kriegsrosse, der Rabenkinder. Er war als Kriegsheld
gefeiert bis weit im Osten der Saale, in den Grenzkriegen ein Schrecken der
Feinde, eine starke Hilfe der frnkischen Grafen. Mehr als einmal wurde er zu
dem Hofe der groen Frankenherren gesandt, dort fand er immer Gunst, und er
merkte wohl, da er dort seinen stillen Frspruch hatte. Als endlich Knig
Pippin, der Sohn des erlauchten Herrn Karl, selbst nach Thringen kam, um ein
Heer gegen Sachsen und Wenden zu fhren, da ritt Ingram in seinem Gefolge, und
der Knig ehrte sein tapferes Schwert durch Lob und Begabung. Sooft Winfried von
seinem erzbischflichen Sitze zu Mainz nach Thringen fuhr, zog Ingram bis an
die Landesgrenze, den groen Kirchenfrsten zu begren, alle seine Knaben
taufte der Erzbischof selbst und empfing jedes Jahr von der Hausfrau Weben der
feinsten Leinwand, die auf den Websthlen des Hofes gefertigt wurde. Stets war
der Bischof mild gegen Ingram und freundlicher als gegen andere, und er war
bemht, vor den Leuten zu erweisen, wie hoch er den Helden achte. Nur betrat er
nie die Schwelle des Treuen, um gastlich darin auszuruhen, obwohl Frau Walburg
zuweilen mit Trnen darum flehte; aber ihre Knaben liebkoste er, und nie verga
er bei seiner Ankunft im Lande, ihr selbst eine Spende zu bringen.
    Dreiig Jahre waren vergangen seit der ersten Fahrt, die Winfried in das
Land der Thringe gewagt hatte. Neben Ingram standen drei Shne und drei Tchter
in blhender Jugend; der lteste Sohn, das Ebenbild des Vaters, war bereits ein
erprobter Krieger, der in gesondertem Hofe herrschte, auch der zweite bndigte
die wildesten Rosse und harrte ungeduldig seiner ersten Kriegsreise; der
jngste, Gottfried, war nach dem Willen der Eltern der Kirche bestimmt, und
frhlich sang seine Kinderstimme die lateinischen Hymnen, welche ihn fromme
Vter als Gste der Eltern gelehrt hatten. Und Wolfram, der Meister des Hofes,
welcher die Hintersassen seines Herrn wohlmeinend regierte, sprach zu Gertrud,
seiner Frau: Sehr mchtig ist der Zauber, welcher in den neuen Christennamen
wirkt, dabei schlug er mit Anstrengung sein Kreuz, unser Gott fordert den
jngsten Herrensohn fr seinen Dienst, und es ntzt nichts, ihm zu widerstreben.
Vergebens habe ich dem Knaben Wolfshaare in die Jacke genht und drei
Rabenfedern in seinen Pfhl gesteckt, vergebens lehrte ich ihn auch mit dem
Bogen schieen und die Keule werfen, der unkriegerische Name Gottfried zwingt
ihn bermchtig. Ich hoffe, er wird wenigstens ein Bischof, der doch den
anderen, welche geschorenes Haar tragen, gebietet und den Ehrensitz an der Tafel
erhlt.
    Mehrere Jahre war der groe Erzbischof nicht nach Thringen gekommen, und
seine Treuen vernahmen aus Mainz die Kunde, da er zuweilen die Beschwerden des
Alters fhle und da ihre Augen ihn wohl nimmermehr schauen wrden, da bat
Walburg den Gemahl, da er bei seiner nchsten Fahrt zum Knigshofe sie und die
Shne nach Mainz geleiten mge, damit sie alle noch einmal den Segen des
Heiligen empfingen und der junge Gottfried durch ihn fr die Kirche geweiht
wrde.
    Gerade damals waren die Heiden an der Nordgrenze in die Christenheit
eingebrochen, hatten dreiig Kirchen zerstrt, die Mnner erschlagen, Weiber und
Kinder fortgetrieben. Da war der greise Erzbischof selbst zu der Grenze geeilt,
er hatte mitgenommen, was der Schatz seines Bistums gewhren konnte, um die
Gefangenen loszukaufen und die zerstrten Gotteshuser aufzubauen. Ein halbes
Jahr war er von Mainz abwesend gewesen, den Schaden zu bessern und die
Grenzleute in Glauben und Eintracht zu strken.
    Jetzt war er zurckgekehrt. Whrend sein Gefolge im Hofe sich der Heimkehr
freute, betrat Bischof Lullus, ein vertrauter Schler, das Gemach des
Erzbischofs; leise schob er den Vorhang der Tr zurck und trat mit frommem
Grue ein. Winfried sa im Lehnstuhl, in seinem Schoe lagen aufgerollte Briefe,
er aber blickte starr durch den Fensterbogen in das Morgenlicht und winkte nur
mit der Hand die Antwort auf den Gru. Lange stand Lullus in ehrfrchtigem
Schweigen, er merkte betroffen, da der Greis halblaut mit sich selbst sprach,
und vernahm endlich die Worte: Zeit ist, da ich mich zur Fahrt rste nach dem
Saal meines Herrn, sehr sehne ich mich nach der blutigen Wunde auf meiner Brust,
die mir das Wolkentor ffnet.
    Entsetzt ber die fremdartige Rede begann der Priester: Was irrt der Sinn
meines ehrwrdigen Vaters, da er spricht wie ein weltmder Mann des Schwertes?
    Der Welt mde bin auch ich, versetzte der Erzbischof, denn wie ein
Seefahrer steure ich durch die Woge, die sich ohne Aufhren wlzt, mein Kiel
stt an die Klippen, der Eisfrost fesselt mir die Fe mit harten Banden, und
der Wintersturm schlgt mir mit hartem Flgel die Stirn. Endlos ist der Kampf,
und freudenlos ist, was ich um mich schaue, und mich verlangt herzlich nach der
Bucht, in welcher ich mein Haupt niederlegen will.
    Freudenlos nennst du dein Leben, ehrwrdiger Vater, du, dem der Herr Sieg
und Ehre gab wie niemals einem Manne? versetzte der Priester. La das Auge
deines Geistes die Lnder durchmessen, ber welche du waltest. Vierzig Jahre
hast du als Krieger Gottes gegen den Teufel gestritten, viele hunderttausend
Seelen hast du dem Glauben gewonnen, viele hundert Kirchen und Zellen der Brder
erheben sich in dem Lande, das du als eine Wildnis betratest. Die Bume der
Heiden sind berall gereutet, einem Herrn gehorchen die trotzigen Nacken, der
milde Gott schenkt ihnen Gedeihen, bessere Zucht im Hause und Gehorsam gegen das
Gesetz. An den Grenzen werden die mrderischen Feinde gebndigt durch tapfere
Christenkrieger, im Lande der Hessen, der Thringe und Bayern lernen die Knaben
in der Heiligen Schrift lesen. Du bist gewesen wie geschrieben steht: ein
Semann ging aus zu sen, und ruhmvoll ist deine Ernte. Fest gegrndet ist der
einheitliche wahre Glauben auf der Mnnererde durch dich. So Groes ist dir
gelungen, was trauerst du, Herr?
    Winfried erhob sich und schritt durch das Gemach. Drei Nachfolgern der
Apostel, welche zu Rom ber die Kirche walten, habe ich mich gelobt. Gegen dich
darf ich mich rhmen, ich war ihnen ein treuer Mann, ich habe sie zu Herren
gemacht in der katholischen Christenheit. Die widerwilligen Nacken der Laien,
den Hochmut und Eigennutz ungetreuer Bischfe habe ich gebeugt fr sie; Einheit
in Lehre und Gehorsam habe ich allem Volke auferlegt, damit sie willigen
Gehorsam finden, wo sie im Namen des Herrn gebieten. Die Seelen der Menschen
hab' ich ihnen unterzwungen, sie selbst habe ich nicht zwingen knnen, in allem
gute Diener des Himmelsherrn zu sein. Nicht das Reich des Herrn in Armut und
Demut zu grnden sind sie eifrig. Nach Landerwerb sehe ich sie lstern, nach
Goldschatz und nach irdischer Herrschaft. Schlechte begnstigen sie, und
Frevelhafte schonen sie, wo es ihnen ntzt; klger sind sie als wir, aber grer
wurde auch ihre Hoffart. Drei Ppsten habe ich gedient, jetzt kommt der vierte,
ein fremder Mann, und seine Gunst wird er, sorge ich, austeilen in neuer Weise,
wie es sein Vorteil ist. Mein ist das Amt, die Heiden zu bekehren.
    Zu ihrem Vogt bin ich gesetzt durch den Herrn, auf diesem Recht stehe ich
fest gegen den Pontifex in Rom wie gegen den Teufel. Da ich jung war, tat ich
meine erste Kreuzreise in dem Herrn gegen das wilde Volk der Friesen. Unablssig
habe ich um die Widerspenstigen gesorgt und ihnen das Kreuz ber die Hupter
gehalten. Die Bischfe der Franken saen trge in elender Fleischlust,
irrglubig und unbotmig ihr Kirchgut verschwelgend, und keiner sorgte um die
Bekehrung der Unglubigen. Jetzt, wo ich dort mit harter Arbeit und Herzensangst
ein Bistum gegrndet habe, wollen sie mir das Friesland nehmen und einem anderen
Erzbischof unterordnen, auf da unsere Arbeit verdorben werde und unsere Saat
unter neuem Andrang der heidnischen Wogen ersuft. Du weit es, mein treuer Sohn
und Genosse, da ich nicht fr mich die Ehre begehre, sondern die Rettung der
Elenden. Demtig habe ich meinen neuen Herrn Stephan gefleht, mir das Friesland
zu lassen, das lteste Kind meiner Sorgen. Nicht wei ich, was dort die
Schlauheit der rmischen Priester ersinnt. Ich aber gedenke sie der Wahl zu
entheben, selbst will ich in das Friesenland gehen, ob es ihnen lieb oder leid
ist. Dem groen Himmelsherrn will ich die Frage stellen, ob ich noch lnger
Diener eines Dieners sein soll, oder ob er den mden Alten fortan wrdigt, ihm
selbst zu seinen Fen zu sitzen. Meinen letzten Kriegszug meine ich zu tun.
    Im Hofe des Erzbischofs drngte sich an einem sonnigen Maimorgen das Volk
der Stadt und der Landschaft. Zunchst an den Stufen des Palastes standen die
geistlichen Brder, auf der einen Seite Priester und Diakonen, auf der anderen
Mnche der Klster, neben ihnen die hageren brtigen Gestalten der Einsiedler,
welche ihre Baumzelle verlassen hatten, um den Segen des Erzbischofs zu
empfangen. Haupt an Haupt standen die Leute, aber es war eine feierliche Stille,
bekmmert waren alle Mienen, Trnen in vielen Augen wie bei dem letzten
Heimgange eines Frsten. Von den Stufen des Palastes hoben die Schiffsleute das
Reisegert, vier Leviten trugen die Truhe des Herrn mit seinen Bchern und dem
Reliquienschatz zu dem Rheinschiff, dessen Wimpel unter dem Kreuzeszeichen
lustig im Morgenwind flatterte; und bei jedem Stck, das die Mnner zum Rheine
schafften, ging ein banges Gesumm und Seufzen durch die Menge. In dem Saal des
Palastes stand Winfried im Kreise derer, welche er liebhatte, der Bischfe,
seiner Schler, und seiner Landsleute aus Angelland, die wie er ber das Meer
gekommen waren, um die Heiden zu lehren. Auch Frauen hatten sich versammelt,
mehrere ihm blutsverwandt, die meisten geschleiert. Inmitten der gebeugten Schar
ragte hochaufgerichtet Winfried. Freundlich strahlte sein Auge, als er von einem
zum andern schritt, leise Worte der Lehre und des Trostes spendend. Als er bei
dem Haufen der Frauen auch Walburg begrte, zog sie mit der Hand ihren Knaben
hervor, warf sich zu seinen Fen und flehte: Meinen Sohn, den jungen
Gottfried, bringe ich dem Herrn, lege noch deine Hand auf ihn, Vater, damit sein
Leben gesegnet sei. Winfried lchelte, als er den stattlichen Knaben
betrachtete, und seine Hand berhrte das lichte Haar. Dann nahm er den Knaben,
fhrte ihn zu einem Vertrauten, dem Abt Sturmi von Fulda, und wandte sich nach
der Tr. Alle Anwesenden sanken auf die Knie, und segnend schritt er zum
Ausgang. Da fiel sein Blick auf die hohe Gestalt Ingrams, der in seinem
Kriegskleide nahe der Schwelle kniete. Er hielt an und sprach feierlich: Dich,
Ingram, lade ich heut zu mir, willst du noch einmal der Fhrer meiner Reise
sein?
    Ich will, Herr, antwortete Ingram aufstehend mit leuchtendem Blick.
    So nimm Abschied von Weib und Kind, denn du sollst fr den Herrn unter
Schilde gehen.
    Unten im Hofe wogte das Volk wie Wellen des Meeres. Da der Erzbischof
heraustrat, fiel alles auf die Knie, und die Arme aufhebend, ging er langsam
hindurch zum Schiffe. Dort wandte er sich noch einmal, grte und segnete und
lachte freundlich den Kindern zu, welche von den weinenden Mttern aufgehoben
wurden, damit sie den Mann Gottes schauten. Ingram aber hielt seine Frau, welche
stolz ohne Trnen neben ihm schritt, die Augen fest auf ihn gerichtet, und mit
der anderen Hand hielt er die Hnde seiner drei Shne. Und als er sich am Ufer
von den Seinen lste, fate er die Schwurhand seines ltesten Sohnes, legte die
Hand des Wolfram hinein und sprach zu diesem: Sei du ihm treu, wie du dem Vater
warst.
    Die Schiffer lsten die Seile, und rheinabwrts schwebte das Schiff, am Ufer
lag das Volk auf den Knien und sah dem Fahrzeug nach, bis es hinter einer
Biegung des Stromes verschwand.
    Es war eine sonnige Fahrt, gleich einer langen Festreise. Wo eine Kapelle
stand auf den Hhen oder ein Kirchlein unten am Strom, da drngten sich die
Leute und luteten die Glocken, wenn das Schiff kam und abfuhr. Jeden Abend
legten die Reisenden an, wo fromme Christen wohnten. Herr Winfried stieg an das
Land, begrte die Gemeinden und ruhte unter dem Dach derer, die ihm vertraut
waren, whrend Ingram am Maste unter dem Kreuzbanner lag und die Schiffswache
hielt. So fuhren die Reisenden den Rhein abwrts dahin, wo er zum See wird, sie
legten vor Utrecht an und nahmen den Bischof von Friesland, welchen Winfried
eingesetzt hatte, zu sich in das Schiff. Dann fuhren sie ostwrts bis zur Grenze
der heidnischen Friesen. Dorthin hatte Herr Winfried im voraus das neubekehrte
Volk geladen, damit er den Getauften die Hand auflege und sie im Glauben
befestige, seine Boten waren durch das ganze Friesenland gegangen und hatten
seine Ankunft verkndet. An der Mndung des kleinen Flusses Borne, welcher die
christlichen und heidnischen Friesen trennt, landeten die Fahrenden kurz vor dem
bestimmten Tage in einer Bucht, wo die Flut einen Wall von zugetriebenen
Baumstmmen aufgehuft hatte. Der Erzbischof stieg an das Land, whlte die
Lagerstelle und umschritt weihend den Raum; Ingram lie die Zelte aufschlagen,
den Graben schtten und das angeschwemmte Holz zum Walle schichten.
    Als er bei dem Wall stand, die Richtung ma und selbst die Pfhle schlug,
ging Herr Winfried bei ihm vorber und sprach: Du mhst dich emsig, uns mit
Holz und Erde zu umschanzen, hast du auch darum gesorgt, einen ber uns nach
seinem Willen zu fragen? Denn er zieht die Schildburgen und zerwirft sie, ganz
nach seinem Gefallen.
    Zrne nicht, Herr, da ich den Hammer bis ber das Abendgebet schwinge,
denn Warnung kam mir von den Leuten am Ufer, vieles Raunen und wildes Gemurr
verstrt die Drfer der Heiden, und klein ist die Zahl der Schilde, welche dein
Haupt schtzt.
    Winfried aber hrte gar nicht darauf, sondern fuhr fort, nach dem Himmel
blickend: Dichter standen die Bume im Land der Thringe. Dort warst du der
erste, welcher mir auf der Reise die Nachtpfhle hieb. Damals fiel der
Eschensame herab auf den Boden, und der Same heilbringender Lehre sank in dein
Herz. Sieh, ein neuer Baum ist im Schutze Gottes erwachsen, nicht die unholden
Schicksalsfrauen schweben darum, sondern hohe Engel, die geflgelten Boten
Gottes, vielleicht, da sie auch dir jetzt oder bald einmal eine gnadenvolle
Auffahrt bereiten.
    Er segnete ihn und schritt in sein Zelt zurck, das inmitten der anderen
sich stattlich erhob. Ingram legte den Hammer weg, er rstete sich und setzte
sich mit Schild und Speer an das Lagertor zur Nachtwache. ber die weite Ebene
sphte sein Blick, gleich dem Herrn Winfried sah er nach der Nachtrte, welche
vom Norden her so hell schien, wie er sie noch niemals geschaut. Er dachte an
sein Weib und die blhenden Kinder, die jetzt daheim in Frieden schliefen und
die er so herzlich liebgehabt, er berlegte das ganze glckliche Leben, das er
mit seiner Hausfrau gefhrt, seine ruhmvollen Kriegsfahrten und das Lob seiner
Streitgesellen, auch Wolfram und seine Rabenrosse kamen ihm in den Sinn, und er
lachte und segnete in Gedanken alle Hupter der Seinen und betete fr jedes;
leicht war ihm das Herz, und er sah immer wieder nach dem Himmelsrand, wo die
Rte langsam nach Osten zog, bis die Helle im Osten aufstieg und die kleinen
Wolken rosig leuchteten wie ein Tor der aufgehenden Sonne. Da merkte er, wie das
Tor geffnet wurde, durch das er selbst hinaufsteigen sollte zu der Burg des
Himmelsherrn als einer seiner Krieger, und er kniete nieder und sprach das
Gebet, welches ihn Walburg gelehrt. Wie er aufblickte, erkannte er fern im Dunst
eine dunkle Masse, sie schob sich heran, Speereisen blinkten und weie Schilde.
Er schlo den Eingang, rief seinen Kriegsschrei und eilte zu dem Zelte des
Bischofs und zu den Htten der Krieger. Aus dem Zelte tnte das Glckchen,
Winfried trat hervor, das Wort des Herrn in der Hand, umdrngt von den
Geistlichen. Drauen am Graben erhob sich mitnendes Geheul, die Heiden liefen
gegen das Pfahlwerk und rissen an den Hlzern. Ingram sprang, den Speer
schwingend, auf sie und trieb seine Schildgenossen zum Kampfe. Aber mchtig
erscholl die Stimme Winfrieds: Hret das Gebot des Herrn, vergeltet nicht Bses
mit Bsem, sondern Bses mit Gutem. Tut ab Krieg und Kampf, denn der Tag ist
gekommen, den wir lange ersehnten, heut lohnt der groe Gott des Himmels seinen
Getreuen. Bereitet ist uns der Hochsitz in himmlischer Halle, die Scharen der
Heiligen geleiten uns vor den Thron des Himmelsherrn.
    Da warf Ingram sein Schwert den einbrechenden Heiden entgegen; er trat mit
ausgebreiteten Armen vor den Herrn Winfried, rief laut den Namen des Jnglings,
der einst sein Reisegeselle war, und empfing die Todeswunde. Nach ihm der
Erzbischof und darauf die brigen, Geistliche und Laien. Nur wenige aus dem
Gefolge retteten sich ber das Wasser und berichteten von dem Ende der frommen
Helden.
    Mit groem Gefolge fuhr der Huptling des Christengottes zu der Halle seines
himmlischen Knigs.
    Die Gebeine Winfrieds fhrten fromme Vter den Rhein hinauf, dem Thring
Ingram aber schtteten christliche Friesen am Strande den Totenhgel und
umschritten die Stelle mit Gebet. Nicht die Raben des Waldes flogen darber,
sondern weibeschwingte Mwen, und statt der Baumwipfel rauschten in seiner Nhe
die Wogen des Meeres, wie der Sturmwind sie trieb, ein Jahrhundert nach dem
anderen.
    Doch aus seinem Hofe unter den Buchen und Fichten des Waldes wuchs und
breitete sich frhlich sein Geschlecht.

Die Wogen und Wlder rauschten aus einem Jahrhundert in das andere dasselbe
geheimnisvolle Lied, aber die Menschen kamen und schwanden, und unaufhrlich
wandelten sich ihnen die Gedanken. Lnger wurde die Kette der Ahnen, welche
jeden einzelnen an die Vergangenheit band, grer sein Erbe, das er von der
alten Zeit erhielt, und strkere Lichter und Schatten fielen aus den Taten der
Vorfahren in sein Leben. Aber wundervoll wuchs dem Enkel zugleich mit dem
Zwange, den die alte Zeit auf ihn legte, auch die eigene Freiheit und
schpferische Kraft.


                            Das Nest der Zaunknige

                                 Im Jahre 1003

Wo die Geisa das Wasser ihrer Quellen in die Fulda giet, lag zwischen Wiesen
und fruchtbaren Feldern das Kloster Herolfsfeld. Hohe Frsten des Himmels waren
seine Beschtzer, denn die Klosterkirche umschlo die Reliquien zweier Apostel;
doch den grten Eifer fr das Gedeihen des Klosters hatten zwei Gefhrten des
heiligen Bonifazius bewiesen: Erzbischof Lullus, der die ersten Mnche auf das
leere Feld fhrte, und der Heidenbekehrer Wigbert, dessen Gebeine erst viele
Jahre nach seinem Tode im Kloster niedergesetzt wurden, der aber seitdem durch
zahllose Wunder den Ruhm der Sttte erhhte. Als das strkste von seinen Wundern
rhmten die Leute, da in der einsamen Landschaft ein mchtiges Menschenwerk
entstanden war, Trme und hohe Kirchgiebel, um diese herum eine groe Zahl von
Gebuden aus Stein und Lehm, deren wettergraue Holzdcher wie Silber in der
Mittagsonne glnzten. Was man Kloster nannte, war in Wahrheit eine feste Stadt
geworden, durch Mauern, Pfahlwerk und Graben von der Ebene geschieden. Lnger
als zweihundert Jahre hatten die Mnche gebetet, um den Glubigen Heil und guten
Empfang in jenem Leben zu bereiten, dafr waren sie selbst reich geworden an
irdischem Grundbesitz, den ihnen fromme Christen in der bitteren Sorge um das
Jenseits gespendet hatten. Die Burgen, Drfer und Weiler, welche ihnen gehrten,
lagen ber viele Gaue verteilt, nicht nur im Lande der Hessen, auch unter
Sachsen und Bayern, vor allem in Thringen. Ein guter Teil des Kirchengutes, das
Bonifazius erworben hatte, darunter die ersten Schenkungen, welche die Waldleute
in Thringen zur Heidenzeit gemacht, gehrte jetzt dem Kloster, und wenn der Abt
seine Lehnsleute und Hintersassen zu einer Kriegsfahrt aufrief, so zogen sie dem
Lager der Sachsenkaiser zu als ein Heer von Reitern und Fuvolk, in ihrer Mitte
der Abt als groer Herr des Reiches mit einem Gefolge von edlen Vasallen. Lnger
als zweihundert Jahre hatten die Brder auch mit Axt und Pflug gegen den wilden
Wald und das wilde Kraut gekmpft, hatten unermdlich die Halmfrucht gest,
Obstbume gepflanzt und Weingrten eingehegt. So waren sie allmhlich groe
Landbauer geworden, nach Tausenden zhlten sie ihre Hufen, ihre zinspflichtigen
Hfe und die Familien der unfreien Arbeiter. Jetzt saen sie in der Flle guter
Dinge als eine Genossenschaft von hundertundfnfzig Brdern zwischen gefllten
Scheuern und springenden Herden, sahen vergngt ber die reiche Habe und
ordneten selbst als umsichtige Landwirte das Tagewerk der zahlreichen Gehilfen,
deren Huser im Zaun ihres Herrenhofes standen oder seitwrts an der Fulda zu
einem groen Dorf vereinigt waren. Doch nicht allein ber Landarbeit, sondern
ber alles, was Handwerk und Kunstfertigkeit zu schaffen vermochte, walteten als
Meister die Genossen, welche sich dem Christengott gelobt hatten. Neben dem
Palast des Abtes und den Gasthusern fr Fremde, zwischen den Viehhfen und
Scheuern, dem Brauhause und den weiten Kellergewlben erklang der schwere Hammer
des Waffenschmieds auf dem Ambo, und daneben der kleine Hammer des Knstlers,
welcher edle Steine in Gold und Silber zu fassen wute fr Kirchengert, fr
kostbare Bcherdeckel und fr Trinkgefe des Abtes und vornehmer Gste. Ein
Bruder bewahrte den Schlssel zu dem Rsthaus, in welchem die Helme, Schwerter
und Schilde fr ein ganzes Heer bereit lagen, ein anderer zhlte den Gerbern die
Hute zu, prfte kunstverstndig ihre Arbeit, mischte die Farbe und kochte die
Beize fr buntes Leder und Gewand. Und wieder ein anderer ma die Rume fr neue
Bauten, verfertigte den Ri und wies die Maurer an, wie sie den Gewlbbogen
schwingen und dauerhaften Mrtel mischen sollten. Von weiter Ferne her zogen die
Leute zum Kloster, nicht nur um bei den Gebeinen der Heiligen zu beten und durch
Gaben das Gebet der Mnche zu kaufen; auch wer klugen Rat und irdischen Vorteil
begehrte, suchte dort Beistand. Der Kaufmann fand Waren, die er gegen andere
vertauschte, der groe Grundherr holte sich den Bauplan fr ein Steinhaus, das
er auf luftiger Hhe errichten wollte, oder bat um einen mekundigen Bruder, der
ihm fernes Wasser in seinen Hof zu leiten und einen Flu mit steinerner Brcke
zu berspannen wute. Wer vollends krank war, der neigte sich flehend vor dem
Arzte des Klosters und erhielt aus der Apotheke die Holzbchse mit krftiger
Salbe und den ruhmvollen Trank des heiligen Wigbert. Jeder Drftige und Bettler
im Lande kannte das Haus, denn er war sicher, dort Hilfe gegen den Hunger zu
finden und gutherzige Spende an den ntigsten Kleidern. Was die einen in ihrer
Sndenangst vor den Altren der Heiligen opferten, um den Himmel zu gewinnen,
das vermehrte vielen anderen die Freude des irdischen Lebens. Aber die Mnche
selbst, die sich dem Herrn zu demtiger Entsagung und Bue geweiht hatten,
wurden allmhlich stolze Lehrer und Gebieter in weltlichen Dingen und vermochten
nicht mehr mit der alten Klosterzucht hauszuhalten.
    An einem heien Nachmittag des Sommers lag auf den Stufen des Hochaltars ein
fremder Mnch in stillem Gebet. Stab und Reisehut hinter ihm lieen erkennen,
da er neu angekommen war; bei dem Reisegert kniete ein junger Bruder des
Klosters, der ihn begleitet hatte. In dem Chorstuhl zunchst dem Sitz des Abtes
sa der Dekan Tutilo, welcher Prpositus des Klosters war, ein hoher
breitschultriger Mann mit jhzornigen Augen und buschigen Augenbrauen, er hielt
die Hnde nachlssig gefaltet und sah ungeduldig auf den Fremden, dessen Andacht
kein Ende nehmen wollte. Klein war die Zahl der Vter, welche das Gebet
abwarteten, nur wenige der Ehrwrdigsten saen in den Sthlen, unter ihnen
Heriger, der Kellermeister, ein frhlicher Mann und Liebling der Brder, dem
alle gern dienten und der jeden mit freundlicher Rede gefgig machte, dann der
Pfrtner Walto, welcher Sprecher des Klosters war, als kluger Herr wohlbekannt
im ganzen Lande; auch die beiden Alten, Bertram und Sintram, zwei Sachsen,
welche mit ihren runden Kpfen und weien Haarkronen einander hnlich sahen wie
Zwillinge und deshalb von den Mnchen im Scherz die Stiefel genannt wurden; sie
waren an einem Tage ins Kloster gekommen, wohnten in derselben Zelle und
arbeiteten beide in den Grten; was einer wollte, gefiel auch dem anderen, und
sie wandelten stets zusammen, obgleich sie schweigsam waren und auch miteinander
nicht viel redeten.
    Als der Beter sich endlich erhob und mit gesenktem Haupt vor den Dekan trat,
ergriff dieser seine Hand, fhrte ihn in die Mitte des Chors und neigte ihm das
Ohr zu, in welches der Fremde die geheimen Worte sprach, an denen die Priester
und Wrdentrger von der Regel Benedikts einander erkannten. Gesegnet sei dein
Eingang, mein Bruder Reinhard, antwortete der Dekan mit rauher Stimme, welche
von der Decke zurckhallte, und gab den Bruderku, worauf der Fremde den anderen
Brdern dasselbe tat. Nicht mhelos wird das Lehramt sein, zu dem du aus der
Schulstube des Klosters Altaha gerufen bist, denn du wirst harte Kpfe finden
und eine zuchtlose Herde; doch dem heiligen Wigbert fehlt es nicht an Bumen, um
Ruten daraus zu schneiden. Komm, da ich dir unsere Huser zeige und die
Walstatt, auf welcher du den Krieg gegen die Unwissenheit fhren sollst. Er
ging voraus, die Brder folgten, zuletzt der junge Mnch mit dem Reisegert des
Fremden.
    Tutilo fhrte in die Klausur, die groe Burg des Klosters, welche
zweistckig inmitten aller Hfe und Gebude ragte. Sie enthielt die Wohnungen
der Mnche und der geweihten Schler, die von ihren Eltern in den Zipfel der
Altardecke gewickelt waren, damit sie einst Mnche wrden. Das Haus stand im
Viereck um einen freien Platz, von allen Seiten nach auen geschlossen, nur
durch die Kirche war der Eingang und gegenber ein Ausgang zu den Kchen und
Nebengebuden. In der Mitte des Hofes umgaben alte Lindenbume einen Brunnen,
und nach dem Hofe ffnete sich der ganze Bau, denn ein weiter Sulengang zog
sich am Unterstock auf den vier Seiten entlang, und die Mauer des Oberstocks
erhob sich auf den schngemeielten Steinsulen. Zwischen die Sulen waren
bequeme Holzbnke gestellt, damit die Brder bei schlechtem Wetter lustwandeln
oder ausruhen konnten, wie es ihnen gefiel. Ganz verlassen stand das Haus, der
Fremde vermochte kein geschorenes Haupt zu entdecken, obgleich in dieser Stunde
die Regel den Brdern erlaubte, sich von Arbeit und Gebet zu erholen. Tutilo
merkte die suchenden Blicke des Bruders, und auf den Sulengang weisend,
erklrte er: An anderen Tagen wrdest du die Hnde oft rhren mssen, wenn du
die Menge der Brder und Schler an den Fingern abzhlen wolltest, heut aber
sind sie ausgezogen. Die letzten Tage waren schwl, ein Wetter droht, und das
ganze Gesinde des heiligen Wigbert arbeitet im Heu. Dies ist alter Brauch des
Klosters, er stammt, wie sie sagen, aus der Zeit der ersten Vter, jetzt
freilich ist die Fahrt mehr ein Fest als eine Arbeit. Bald wirst du ihr Gewimmel
merken, wenn sie zurckkehren.
    Als sie die inneren Rume betraten, sah der zugewanderte Bruder in dem
groen Refektorium einen Kredenztisch mit schnen Bechern und Trinkkannen,
darunter nicht wenige von edlem Metall, und als er in einen Gang kam, an welchem
Zellen der Brder lagen, erblickte er durch die offenen Tren groe Sthle mit
seidenen Kissen belegt, auf den Lagersttten weiche Kopfkissen und lodige Decken
von buntgefrbter Wolle, die mit gestickten Borten eingefat waren, daneben
groe Truhen und metallene Leuchter mit Wachslichtern oder schwere vergoldete
Lampen, auf einem Tische sogar ein Brettspiel mit geschnitzten Mnnlein und
Tieren, so da er merkte, wie die Mnche unter Gertschaften, die sie sich
selbst erworben hatten, ganz gemchlich hausten. Und Reinhard, obwohl er als
Mnch gewhnt war, seine Zunge zu hten, konnte den Ausruf nicht unterdrcken:
Gleich weltlichen Frsten wohnen die Knechte des Heiligen.
    Tutilo merkte das Mifallen, aber er erwiderte stolz: Auch ich meine, da
unsere Brder ihr Haupt hoch tragen drfen, wenn sie sich mit den Weltleuten
vergleichen. Doch was du hier von eigenem Gut der Brder etwa gesehen hast,
gehrt nur den Dekanen und den Alten, denn diese allein haben die Lizenz.
    Der Fremde senkte schweigend das Haupt. Tutilo winkte dem jungen Mnch,
zurckzubleiben, zog einen groen Schlssel aus der Tasche und ffnete in dem
Kreuzgang eine niedrige Pforte, die er hinter seinen Begleitern wieder
verschlo. Sie standen in dem Hofe der Abtei zwischen Stllen und Vorratshusern
vor einem stattlichen Holzbau, um den ein Laubengang fhrte. Doch auch hier war
alles leer, die Lichtffnungen des Hauses waren mit Fensterglas und Blei
verschlossen, aber die Scheiben waren erblindet, und manche Raute war
zerschlagen. Du weit ja wohl, fuhr Tutilo mit dsterer Miene fort, da Herr
Bernheri, unser Abt, es verschmht, unter den Brdern zu wohnen. Dort oben auf
dem Berge St. Peter hat er sich eine eigene Zelle stattlich hergerichtet, dort
haust er mit denen, die ihm am liebsten sind, und selten betritt sein Fu diesen
Herrenhof. Oben hrt man's deutlicher, wenn der Auerhahn balzt und der Hirsch
schreit. Wir aber in der Tiefe harren der Gebote, welche er aus der Hhe zu uns
sendet. Hier beginnt wieder dein Reich, fuhr er fort und geleitete in einen
anderen umhegten Hof. Hier ist die uere Schule, worin die Schler zu
bermtigen Weltgeistlichen erzogen werden; dreiig Scholastiker zhlte das
Kloster, erst seit dem Tode deines Vorgngers hat sich die Zahl vermindert. An
der ersten Bank sitzen nur Shne von Edlen, meist Thringe und Hessen, trotzige
Knaben sind darunter, ungern fgen sich die Stolzen darein, im Kloster zu
dienen.
    Schwingen auch sie heut das gedrrte Gras? fragte der Fremde.
    Einen wenigstens magst du sehen, versetzte der Kellermeister Heriger leise
und wies nach der Hhe. In dem Schalloch des Glockenturmes sa ein Jngling und
starrte hinaus auf die Hhen im Osten, ohne die Mnche im Hofe zu beachten. Es
ist Immo, der Thring, er hngt oft dort oben, und immer sieht er nach derselben
Himmelsseite, weil dort seine Heimat liegt!
    Reinhard ma den Jngling mit einem schnellen Blick: Erkenne ich ihn recht
auf seinem luftigen Sitze, so sieht er mehr einem jungen Kriegsmann hnlich als
einem Schler, der auf das heilige l und die Stola hofft.
    Du wirst ihn wild und tckisch finden, versetzte Tutilo. In den ersten
Jahren hat ihn unser Herr Bernheri verzogen, jetzt tun ihm Hunger und Geiel
not, und du wrdest ihn vielleicht im Keller auf dem Stroh erblicken, statt dort
in hoher Luft, wenn die Brder nicht allzuoft an das Verdienst seines Ahnherrn
dchten.
    Denn wisse, mein Bruder, fuhr Heriger fort, er ist aus dem Geschlechte
eines seligen Helden, der, wie sie sagen, zugleich mit dem heiligen Bonifazius
von den Heiden erschlagen wurde. Sein Ahnherr war es, zu dem der Heilige in der
Todesnot seine letzten Worte sprach, welche in den Bchern geschrieben stehen:
Wirf dein Schwert von dir! Und darum haben auch von je die Mnner und Frauen
seines Geschlechtes unser Kloster mit Hufen und Gaben ausgestattet.
    Gegenber dem Schlerhause lag der Kirche angebaut die Bibliothek und die
Stube der Schreiber. Der Fremde betrat ein kahles Gemach; die beiden Fenster
waren durch Glas und Blei verschlossen, aber groe Spinnengewebe hingen an Wand
und Rahmen, und durch die Scheiben drang nur ein trbes Zwielicht, so da eine
brennende Lampe das Beste tun mute, um den Raum zu erhellen. Vor der Lampe sa
am Pult ein schreibender Mnch. Langsam erhob er sich, als die Brder eintraten,
und noch whrend er den Ankmmling begrte, waren die kleinen Augen in seinem
runzligen Gesicht auf die Pergamentbltter gerichtet.
    Willst du deinen Augen Pnitenz antun, Vater Gozbert, begann Tutilo
verwundert, da du das Sonnenlicht aussperrst?
    Es mu ein dunkler Nebel in der Welt sein, versetzte der Mnch, denn es
will nicht hell werden.
    Nicht der Nebel ist es, der dir das Licht raubt, sondern die Bosheit
anderer, rief Tutilo, das Fenster ffnend, sieh her, die Scheiben sind von
auen durch trbe Farbe verdunkelt, und merke, jemand hat dir einen blen
Streich gespielt.
    In Wahrheit, drauen scheint die Sonne, sagte der Mnch, ich erkenne Lehm
und Kienru an den Scheiben.
    Ich aber wei, wer die Ungebhr gegen dich gebt hat, entweder Immo selbst
oder durch die Jungen, sagte Tutilo, denn der Scholastikus Immo leitet die
Knaben zu vielem Frevel an. Doch sein Ma ist voll. Und auf Reinhard blickend,
fuhr er fort: Vater Gozbert ist ein Knstler in der Schrift, wenige verstehen
sich besser auf jede Art von Duktus.
    Gozbert ging zu einem Bcherbrett, schlug einen Kodex auf und zeigte mit
Selbstgefhl die Bltter, auf welche Buchstaben mit bunten Farben gemalt waren.
    Ich sah selten so leuchtendes Gold so wohl geglttet, lobte der Fremde.
    Durch den Stein Achates, erklrte Gozbert und bltterte zum Anfange
zurck, dort war als groes Bild ein Kaiser auf seinem Stuhl und zur Seite vier
Frauen, tief gebeugt, mit seltsamen Kronen auf dem Haupt, jede eine Mulde in den
Armen, worin etwas Undeutliches lag, darber standen die Namen von vier Lndern,
welche zum Reich gehrten. Ich selbst habe den Weibern die Verneigung erdacht,
sagte Gozbert stolz, denn in der alten Handschrift, die wohl noch aus der
Urzeit der Rmer stammt, standen sie gerade.
    Niemand merkt, da es das Ges des Vaters Sintram ist, welches Gozbert
viermal gebildet hat, erklrte Heriger mit lustigem Augenzwinkern, denn
Sintram mute oft gekrmmt stehen, mit den Hnden am Trpfosten, whrend Gozbert
zeichnete. Der Schreiber warf einen mibilligenden Blick auf den Sprecher und
zeigte mit dem Finger auf das rtliche Gesicht des Kaisers. Herr Otto, der
Rote, seligen Andenkens.
    Ich aber will unseren Vater rhmen, fuhr Heriger fort, denn schwerlich
wird man einen Schreiber unter den Lebenden finden, welcher mehr geschrieben
hat; vierzig Jahre lang schreibt er bei uns jeden Tag im Sommer und Winter;
fnfzig Bcher bewahrt das Kloster von seiner Hand, und nicht wenige sind zum
Tausch gegeben gegen andere.
    Gozbert neigte bescheiden den Kopf whrend des Lobes, aber seine kleinen
Augen glnzten. Wenn es mir nur nicht an Pergament gefehlt htte, sagte er,
und an Bchern zum Abschreiben.
    Vielleicht wird es mglich, da du von dem Kloster, aus dem ich komme, ein
gutes Buch geliehen erhltst, trstete Reinhard.
    Was es auch sei, versetzte Gozbert erfreut, ich schreibe es gern, wenn du
oder ein anderer Gelehrter mir sagt, da keine Snde darin steht. Denn die
heiligen Namen zeichne ich mit Rot aus, und die bles bedeutenden Namen in den
profanen Bchern habe ich immer weggelassen, sooft ich ihre Tcke merkte. Manche
Nacht habe ich in ngsten gewacht, und oft hat mir beim Schreiben geschaudert,
ob ich nicht vielleicht etwas schreibe, was dem Heil meiner Seele schaden
knnte. Endlich bin ich gewarnt worden, da ich die sndigen Bcher meide. Er
schlug das Kreuz und wandte sich geheimnisvoll zu dem neuen Mnche, whrend die
anderen, welche die Lieblingsgeschichte des Alten wohl kannten, einander
bedeutsam ansahen. Merke auf jenen Holzkrug, mein Bruder, fuhr Gozbert fort,
in welchem ich mein Trinkwasser bewahre. Ein Deckelkrug, diesem gleich, stand
an derselben Stelle, als ich gerade einiges von dem Heiden Ovidius schrieb. Da
hrte ich hinter mir den Deckel klappen, ich wandte mich um, und mein Haar
strubte sich, der Krug stand still, aber zuweilen hob sich der Deckel und
schlug wieder abwrts, wie von innerer Gewalt getrieben. Ich rief die Heiligen
zu Hilfe, pltzlich sah ich zwei Hrner aus dem Krug ragen und wieder
verschwinden. Im Entsetzen stie ich den Krug um, und sogleich sprang der
teuflische Geist, einem kleinen Tier mit Hrnern hnlich, aus dem Holz, fuhr in
dem Zimmer umher und endlich durch den Trritz hinaus, indem er bsen Nebel und
Gestank zurcklie. Ich aber erkannte die Warnung.
    Htte der bse Geist nicht den Dampf zurckgelassen, bemerkte Heriger, so
wrden manche vermuten, da es ein junger Hase gewesen sei, den der Thring Immo
heimlich in den Krug unseres Vaters gesetzt hatte.
    Es war der Teufel, versetzte Gozbert unwillig. Seitdem schreibe ich nur
noch heilige Bcher.
    Du hast sicher das beste Teil erwhlt, mein Vater, trstete Reinhard
grend, und sie schieden aus der Zelle. Der Schreiber aber setzte sich wieder
zu seinem Pult; oben webte die Spinne, und unter ihr schrieb der Mnch.
    Tutilo wurde gesprchiger, als sie die Hfe betraten, in denen die Arbeiter
des Klosters unter Aufsicht der Mnche fr Handwerk und Landbau ttig waren. Du
siehst, Bruder, begann er, das Haupt erhebend, nicht gering ist das Haus des
heiligen Wigbert, sein Segen hat die Keller und Scheuern gefllt, wie gierig
auch die Grafen und Dienstmannen ihre Fuste nach ckern und Herden ausstrecken.
Und jetzt, da ich dir die Tren geffnet habe und deinen Herdsitz gewiesen,
jetzt berichte auch du, wenn dir gefllt, was du auerhalb des Klosters erfahren
hast, denn wildes Gercht geht durch die Lande, da die Kinder der Welt in neuem
Zwist gegeneinander toben.
    Zrne nicht, mein Vater, wenn ich deinem Willen nicht auf der Stelle
genge, versetzte Reinhard demtig, du selbst weit ja am besten, da der Mund
des Bruders, der aus der Ferne kommt, verschlossen sein mu, bis die Erlaubnis
des Herrn Abtes ihn ffnet.
    Der helle Zorn flammte aus Tutilos Augen. Statt des Abtes stehe ich hier,
und mein ist das Recht, dir die Zunge zu lsen.
    Reinhard warf sich schnell vor ihm auf den Boden und flehte, die Hnde
erhebend: Verzeih, mein Vater, da ich dir Unmut erregte, da ich dir Gehorsam
schuldig bin im Staube; nur was die heilige Regel mir gebietet, meinte ich zu
tun. Selbst wnsche ich, da du alles wissest, denn schwere Kunde bringe ich aus
dem Lande, aber auch dir wrde es gefallen, wenn du der Abt wrest, da ich eher
dir als anderen die Botschaft verkndete.
    Tutilo blickte finster auf seine Begleiter, aber er sah an den verlegenen
Mienen, da sie das Recht des Flehenden erkannten, darum schwieg er und lie den
Mnch zu seinen Fen liegen, bis Heriger, der Kellermeister, begann: Da der
Bruder sich nach Gebhr gedemtigt, so rate ich, da du selbst ihn nach St.
Peter zu unserem Herrn Abt begleitest, damit auch wir erfahren, was dem Kloster
zum Heil oder Unheil werden mag; vor allem aber, da du es wissest, da du jeden
Tag um unser Wohl zu sorgen hast.
    Tutilo wandte sich unfreundlich nach dem Sprecher, aber er bezwang sich und
antwortete dem Liegenden mit einer Stimme, der man den rger wohl anmerkte.
Ungern wandle ich aus der Pforte nach jener Hhe, doch will ich dein Gewissen,
mein Bruder, nicht beschweren. Erhebe dich und harre mein an dem Tore. Du aber,
Walto, gebiete, mein Ro zu satteln, damit ich die Befehle unseres Herrn auf der
Hhe erbitte. Er wandte sich ab und hrte nicht darauf, wie der Kniende sich
dem Gebet der Brder empfahl. Reinhard erhob sich hinter dem Rcken des
Prpositus und schritt mit gesenktem Haupt neben dem Pfrtner dem Ausgange des
Klosters zu. Tutilo aber entlie die Brder, welche ihn begleitet hatten, und
sprach zu seinem Vertrauten Hunico: bles weissagt die fremde Biene in unserem
Stock. Der Narr ist von der neuen Zucht, welche die Fe kt und Faustschlge
in den Nacken gibt, er wird die Becher der Brder zhlen und um einen gekochten
Kalbskopf die Geiel schwingen. Wer so willig ist, sich in den Staub zu werfen,
der wird auch dem Knig und dem Graf nicht widerstehen, wenn sie uns die Zehnten
und Hufen nehmen und das Heiligtum kahl machen, wie es zur Zeit des Lullus war,
wo die Brder sich selbst an den Pflug spannten und ihr gutes Glck priesen,
wenn ihnen ihr tgliches Pfund Brot ohne Abzug gereicht wurde. Ich aber meine
nicht umsonst die Speicher gefllt zu haben, kommt es zum Kriege, so suchen auch
wir einen neuen Abt, welcher das Kloster erhht und nicht erniedrigt; denn es
leben wenige Frsten im Reiche, die so stark sind, als wir sein knnten, wenn
ein Mann auf dem Abtstuhl se und nicht ein Schwchling. Er schritt gewaltig
in die Klausur, sich zu der unwillkommenen Fahrt zu rsten.
    Whrend die ansehnlichen Fhrer der Brderschaft durch die Hfe wanderten,
schlich der junge Mnch, welcher den fremden Bruder geleitet hatte, unbeachtet
in die Kirche zurck, neigte sich vor den Altren, glitt die Sulen entlang und
ffnete im Vorhofe den Eingang einer hlzernen Galerie, welche aus der Kirche zu
dem Glockenturm des Erzengels Michael fhrte. Er stieg die Wendeltreppe hinauf
bis zu dem Bodenraum unter den Glocken. Dort stand der Altar des hohen Engels,
der im Federhemd in den Lften waltete und den Wetterschlag vom Glockenturm
abhielt. Indem der Mnch sein Gebet murmelte, rief von oben eine helle Stimme:
Rigbert, sei willkommen. Der Mnch hob warnend den Finger, kletterte die
steile Stiege hinauf, welche zu dem Glockenstuhl fhrte, und stand wenige
Schritte von dem Jngling Immo. Dieser sa in dem Schalloch auf schmalem Brett,
das fr eine Dohle bequemer war als fr einen hochgewachsenen Mann, und
beobachtete ungeduldig das Nahen des Mnches.
    Du kommst aus Thringen, seit Mittag erwarte ich dich; der Dienstmann
Hugbald ritt an euch vorber und brachte die Kunde in das Wchterhaus. Du sahest
die Quellen der Waldbche springen, du hrtest, wie der Bergwind weht und wie
das junge Volk der Thringe unsere Reigen auf dem Anger singt. Was weit du mir
zu sagen aus den Waldlauben?
    Noch rinnen die Quellen vom Rennstieg zu Tale, und die Waldaxt klingt an
den Baumstmmen. Aus Erfurt, dem groen Markte, ritt mein Reiseherr Reinhard
nach der Zelle unserer Brder in Ordorf, auf dem Wege rasteten wir in einem
Edelhofe.
    Eine heie Rte fuhr dem Schler ber das Gesicht, und mit heller Stimme
rief er, die Hand gen Osten hebend: Ich meine, das war der Hof meiner Vter.
    Wir wurden wohl empfangen von der edlen Hausfrau.
    Das war meine Mutter, schrie der wilde Knabe und wandte sein Antlitz von
dem Mnche ab, weil ihm Trnen ber die Wangen liefen. Sprich mir von ihr,
fuhr er nach einer Weile fort und kehrte sich wieder dem Mnch zu.
    Sie erschien mir als eine heilige Frau, und einer Frstin sah sie gleich,
obgleich sie schmucklos in Witwentracht vor uns stand.
    Mein Vater starb an seiner Wunde im fernen Land, und der Sohn vermochte ihn
nicht zu rchen. In den Kerker bin ich gesteckt. Unselig ist die Hand, die das
Rauchfa schwingt statt des Eisens.
    Mehr hilft deiner Seligkeit der Rauch am Altar als die wilden Worte,
mahnte der Mnch.
    Du freilich trgst geduldig die braune Schafwolle, die sie dir gesponnen
haben.
    Mich hat meine Mutter, da ich ein Kindlein war, dem Heiligen auf den Altar
gelegt, weil sie das Liebste dem Himmel weihen wollte, und meine Heimat ist
seitdem im Gotteshause.
    Auch mich haben sie, da ich noch ein Knabe war, zum Dienst des Altars
bestimmt, obgleich ich das erstgeborene Kind war und ein Recht hatte, das Banner
meines Vaters zu fhren. Aber dem Vater wurde der Vorsatz leid, denn du weit ja
wohl, meine Fuste sind nicht gemacht, Feder und Gebetbuch zu halten, sondern
Schildrand und Rosseszgel. Zu einem Kriegsmann wurde ich erzogen, obgleich der
Mutter Bses ahnte, bis mein Vater mit dem jungen Kaiser Otto nach Italien zog
und in die Gefangenschaft der treulosen Griechen geriet. Da kam die Angst in
unseren Hof, schne Hufen mute die Mutter dem Kloster verkaufen, um das
Lsegeld fr den Vater zu finden, und nicht die Hufen allein, auch den Sohn
rieten die frommen Vter zu spenden, damit die erzrnten Heiligen sich des
Vaters wieder erbarmten. Ich trug damals mein erstes Panzerhemd, jetzt trage ich
dies mifarbige Kleid eines dienenden Schlers und fahre in dieser groen
Mausefalle wie eine gefangene Ratte lngs den Brettern dahin. Den Vater haben
die Heiligen doch nicht heimgeleitet, ich aber bin gefesselt.
    Wie mochten sie ein Opfer gndig empfangen, antwortete der Mnch traurig,
das so unwillig sich gegen den Altar strubte.
    Zu Rosse wre ich fr sie geritten bis an das Ende der Welt, aber auf den
Knien gleiten ber den glatten Stein, das kann ich nicht. Denn meine Ahnen
dachten hoch, und ich stamme aus einem Geschlecht von Kriegern.
    Und doch sollte deine Dienstbarkeit mild sein, du Begehrlicher, der immer
an die Freuden der Welt denkt. Nicht Mnch solltest du werden, sondern ein
ppiger Kanonikus, der seidenes Gewand trgt, hoch zu Rosse sitzt und mit den
Frauen kost wie ein anderer.
    Warum trage ich nicht das weie Gewand? fragte Immo zornig, andere, die
noch jnger sind in der Klosterschule, werden dadurch doch ein wenig getrstet.
Doch ich wei wohl, teuer ist solche Gunst, und niemand von den Meinen zahlt
einem Bischof den Preis fr die weie Leinwand. Aber htte ich auch, was du fr
mich ersehnst, du weit, die Fledermaus ist ein unholdes Tier, sie ist nicht
Maus, nicht Vogel; und ich bin von dem Geschlecht, welches bei Sonnenschein sich
ber die Flur schwingt. Was sahst du noch, Rigbert, in unserer Halle?
    Von dem Sller wies Frau Edith meinem Reiseherrn die Kapellen der Umgegend;
und als die Glocken hier und da luteten, weil die Sonne im Mittag stand, brach
aus dem Gehlz eine Schar Reiter, alle auf hellen Rossen.
    Das waren meine Brder, rief Immo, das ist unsere Zucht. Der Mnch
nickte besttigend: Frau Edith sprach freudig zu dem Priester: Sieh, Reinhard,
das sind meine sechs Nestlinge. Sie kommen, das Futter zu picken. Ist's nicht
ein krftiger Flug?
    Und die Dohle sitzt hier im Turmloch, rief Immo dazwischen.
    Sie rauschten heran, wie durch die Luft getragen, sechs feurige Reiter,
wild flog ihr Haar durch die Luft, waren sie mit Vgeln zu vergleichen, so waren
sie doch nicht als Waldsnger zu erkennen, denn scharf stachen ihre Augen.
    Immo lachte freudig. Mich verdriet's nicht, wenn du die Mnner meines
Geschlechtes mit Habichten vergleichst; ich hoffe, die Knaben werden ihre Fnge
erweisen. Sahest du das Ro, auf dem mein jngster Bruder ritt, der kleine
Gottfried, den wir Friedel nennen? Ein Knabe war Friedel, da ich vor sechs
Jahren von Hause scheiden mute, er schlang die kleinen Arme um meinen Hals und
weinte bitterlich, und als ich von der Schwelle wich, rannte er mir schluchzend
nach und zog an meinem Gewand, mich festzuhalten. Ich hob ihn auf das Ro, das
mir gehrte, gab den Zgel in seine Hand und raunte dem Hengste zu, da er dem
Kleinen zugetan sei. Niemand hat mir gesagt, wie das Ro ihm dient. Du mut es
gesehen haben, Rigbert, wenn du auch ein Mnch bist. Es ist ein schsisches
Pferd aus der Zucht des Knigshofes, die Farbe ist ganz wei, und Mhne und
Schweif glnzen wie Silber. Sahst du das Ro, Rigbert, so sprich.
    Wohl sah ich das seltene Tier.
    Zwlfjhrig ist es jetzt, fuhr Immo eifrig fort, und es mag meinen
Friedel noch tragen, wenn er das erstemal in die Schlacht reitet; denn ein altes
Ro und ein junger Held, sagt das Sprichwort, gehren zusammen. Wie sa das Kind
auf meinem Rosse?
    Sah ich recht, so trug das Ro den ltesten deiner Brder, den sie Odo
nennen.
    Immo sprang wie ein wildes Tier aus der Luke hinab auf die Stiege und packte
den Mnch. Odo, sagtest du, der jetzt Erbe ist an meiner Statt. Mir nahm er die
Hufen und die Herrschaft im Lande, jetzt entwendet er auch dem Bruder mein
letztes Geschenk. Vergessen bin ich, und verachtet ist mein Gedchtnis, und im
Knechtdienst lebe ich wie einer, den sie im Kriege gefangen haben. Er warf
seinen Leib drhnend gegen die Holzwand, ein krampfhaftes Schluchzen
erschtterte ihm die Glieder.
    Ganz tricht gebrdest du dich, Immo. Wie darfst du den Bruder schelten?
Nicht er hat dich zu uns gebracht, und ein Zufall kann gewesen sein, da er das
Pferd tauschte.
    Immo aber antwortete nicht, und der Mnch harrte schweigend, bis der heftige
Anfall vorber war. Endlich richtete sich Immo auf und fragte ruhiger: Bringst
du mir Botschaft von der Mutter?
    Den Segen deiner Mutter trgt dir der Vater Reinhard zu, wenn der Herr Abt
es gestattet. Achte darauf, Immo, da du dem Fremden gefllst, denn wisse, als
Meister der Schule ist er in dies Kloster gesendet, und von morgen ist er dein
Herr.
    Er wird widerwillige Diener finden in der ueren Schule. Ist er ein
Geselle wie der arge Tutilo?
    Der Mnch sah unruhig um sich. Du sprichst lauter, als in Klosterwnden
geziemt, und bittend fuhr er fort: Immo, du hast mir Gte erwiesen, seit du
unter den Dchern des heiligen Wigbert umherfhrst, und du hast mir erlaubt,
dein Geselle zu sein, soweit ich aus der Klausur dir die Hand durch den Zaun
zureichen durfte; la dich jetzt mahnen an unsere Treue in der Schule. Liebst du
dein Leben und dein Glck, und wnschest du Gutes fr die Tage deiner Zukunft,
so fge dich dem neuen Lehrer; denn soweit ich ihn erkenne, ist er von mildem
Herzen, aber von der strengen Zucht, und ich meine, es kommt eine andere Zeit
auch fr die Hfe des heiligen Wigbert. Vieles hrte ich raunen in den Zellen
der Brder, als wenn wir alle hier zu wenig nach der Regel lebten.
    Immo lachte. Sage das den Vtern. Ich sah vorhin durch das Schalloch, wie
sie um die Heuhaufen im Reigen sprangen, und sie hielten die Mgde des Dorfes an
der Hand.
    Schweig, raunte der Mnch, war das Tun nicht gut, darber im Kloster zu
sprechen ist Frevel, nicht uns allein steht Fasten und Rutenschlag bevor; mit
den Scholastikern werden sie anfangen.
    Unsere Fleischkost ist mager, spottete Immo, wollen sie uns gebieten, zu
fasten, so mssen wir den alten Katerweg ber die Dcher wandeln, du kennst ihn
ja wohl? Der Mnch bekreuzigte sich. Dann laufen wir zur Nacht in den Wald und
beschleichen das Wild. Manchen Bock haben wir im Holze gebraten, und du kennst
ein Loch im Zaune, durch welches gute Bissen auch in die Klausur gereicht
wurden.
    Flehend sah der Mnch den Spottenden an: Ich habe es gebeichtet und
gebt.
    Ich hoffe, die Pnitenz war nicht hart, Bruder Rigbert, lachte Immo, doch
herzlicher fuhr er fort: Ich wei, da du mir in guter Meinung rtst, und will
mich wahren, sosehr ich kann. Doch jetzt erzhle, Landsmann, von deinem eigenen
Vaterhause im freien Moor, das sie Friemar nennen. Wie lebt Baldhard der Alte,
dein Vater, und Sunihild, deine Mutter? Manchen Trunk Milch bot sie mir, sooft
ich durch das Dorf ritt und an ihrem Zaune hielt, und manch warnendes Wort
sprach dein Vater, das ich ungern vernahm, obwohl er recht hatte. Aber ich mute
ihn mit Ehrfurcht hren, wegen seines weien Haars und weil er meinem Vater wert
war. Wenn er in unseren Hof kam, erhielt er immer den besten Herdsitz; denn es
ist, wie du weit, von alter Zeit gutes Vertrauen zwischen dem Edelhof und dem
Freihof.
    Ich sah das Dach meiner Eltern ragen, Vater und Mutter sah ich nicht,
klagte Rigbert leise; Immo starrte ihn erstaunt an. Fr mich war geschrieben,
du sollst Vater und Mutter verlassen; ich wandte das Gesicht ab, als ich das
Haus zwischen den Linden erkannte, damit den Heiligen meine Entsagung gefalle
und mein Gebet fr die Eltern Erhrung finde.
    Immo fuhr wieder mit einem Satze von dem Gefhrten weg auf den Balken der
Turmluke und starrte schweigend ins Freie. Als er sich nach einer Weile
umwandte, bemerkte er mifllig das gesenkte Haupt und die gefalteten Hnde des
Mnches und begann ungeduldig: Merke wohl, Rigbert, drftig ist die Kunde, die
du mir aus der Heimat zutrgst.
    Vater Reinhard bringt ble Neuigkeit von den Gtern in Thringen,
versetzte Rigbert vorsichtig.
    Hat der Hof meiner Mutter Frieden mit den Nachbarn?
    Sorglos weidete man in deiner Heimat die Herden, und ohne Wchter
arbeiteten die Leute auf dem Felde. Nur deine Mutter sprach bekmmert mit Vater
Reinhard.
    Du spendest drftigen Trank wie ein karger Wirt, ich mu dich unfreundlich
schelten.
    Viel mehr habe ich dir gesagt, als mir zu sagen recht ist. Nur weil ich
noch meine Reisekutte trage, getraue ich mich so mit dir zu sprechen. Wenn die
Vter heute abend zur Hora rufen, dann flehe ich die Brder fufllig an, da
sie alle fr mich wegen meiner Reisesnden beten, dann, hoffe ich, wird ihr
Flehen auch meiner Schwatzhaftigkeit die Vergebung gewinnen. Sonst sprche ich
nicht mit dir, wie ich jetzt getan. Daran denke, Immo, und zrne mir nicht.
    Gutwilliger als du will ich dir verknden, was wir hier im Kloster
vernahmen, begann Immo vershnt. Ein Heereszug steht bevor und gewaltiges
Getse von Speer und Schild. Die Herrschaft des neuen Knigs Heinrich, dem die
Vlker im vorigen Jahre den Herrenstuhl erhht haben, zerreit in Stcke, sein
ganzes Reich gleicht unserer Eisbahn auf der Fulda, als sie beim Tauwind brach.
berall schlagen die Eisschollen gegeneinander. Tglich erzhlen in unseren
Herbergen die Gste und die armen Wanderer, da alles schwankt, was fest war.
Der streitbare Held Hezilo, der Babenberger, hat sich machtvoll gegen den Knig
erhoben, mit ihm verbunden ist der eigene Bruder des Knigs, dann der tapfere
Graf Ernst, von dem alle Spielleute singen, auch die Slawenherzge und viele
Frsten des Reiches. Die Mnche behaupten, da der Knig geringe Hoffnung hat,
seinen Feinden zu widerstehen. Die Grafen hier in der Nhe rufen ihre
Dienstmannen, werben Reisige und treiben Rosse und Rinder in ihre Burgen, keiner
traut dem anderen, und alle schreien, da der groe Streit um das Reich
ausgefochten werden soll, sobald die Ernte von den Feldern herein ist. Ich aber
hoffe, wenn erst die Waffen um Wigberts Haus drhnen, wird auch mir gelingen,
hinauszufahren.
    Sinnst du so Arges, sprach Rigbert unwillig, dann ist dir jedes Wort
schdlidh, das ich aus der Fremde berichte, und mich reut's, da ich dir den
Frieden der Seele verstrte.
    Hoffst du hier im Kloster Frieden zu finden? fragte Immo lachend. Bald
wirst du merken, da die Vter in der Klausur geradeso zwietrchtig
gegeneinander stehen wie die Kriegsleute drauen. Denn unser Abt, Herr Bernheri,
will dem Knig dienen, Tutilo aber ist ein Oheim des Babenbergers Hezilo. Oft
hren wir durch den Zaun Geschrei der Mnche und heftige Worte, bald fr Knig
Heinrich, bald fr den Hezilo.
    Rigbert wandte sich schweigend der Treppe zu.
    Nur eins sage mir noch, bevor sie dich einsperren, rief Immo, indem er mit
groem Satz zu dem Mnche sprang und seine Hand fate, denn lange habe ich nach
dir ausgesehen und diese Stunde erwartet. Vernahmst du daheim Gutes oder Bses
von dem Manne, der den Shnen Irmfrieds feindselig denkt, obgleich er der Bruder
ihres toten Vaters ist. Hast du vernommen, fr welchen Knig mein Oheim Gundomar
in das Feld reitet?
    Er weilt, wie die Landsleute sagen, beim Knig Heinrich, dem er seit langem
vertraut ist, und man rhmt ihn als gewaltigen Kriegsmann.
    Wir aber haben wenig Treue von ihm erfahren. Nur einmal sah ich ihn, als
ich noch ein Kind war, da schleuderte er mich aus seinem Wege, da ich mit
blutendem Haupt auf dem Boden lag. Mir wre willkommener, gegen ihn im Felde zu
stehen als an seiner Schwertseite. Doch wir von der ueren Schule sind alle fr
Knig Heinrich.
    Whrend Immo mehr zu sich selbst als zu dem Mnch sprach, glitt dieser
lautlos die Treppe hinab. Immo stand allein und seufzte schwer. Was er aus der
Heimat gehrt hatte, machte ihm das Herz nicht leichter, und der neue Lehrer war
ihm vollends nicht zur Freude. Noch einen Blick warf er vom Turm hinab, um dem
Tutilo oder anderen Dekanen nicht ber den Weg zu laufen, dann eilte er abwrts
und wand sich zwischen Gebuden und Hecken den Grten zu. Da er hinter sich
Tritte von Mnnern und Pferden hrte, fuhr er durch eine Lcke des Zauns, die
ihm wohlbekannt war, auf die andere Seite der grnen Wand und pries sein gutes
Glck, als er aus dem Versteck den gefrchteten Tutilo erkannte, welcher, zur
Reise gerstet, neben einem fremden Kriegsmann dem Ausgange zuschritt. Immo
wute, da der Fremde seit dem Morgen im Gasthaus des Klosters lag, und wunderte
sich ber die Vertraulichkeit, mit welcher der Reisige den stolzen Mnch
behandelte, denn er ging, sein Ro am Zgel fhrend, sorglos auf der Ehrenseite
und trug den schlechten Eisenrock mit der Haltung eines Frsten. Whrend Immo
vom Wege wich, wechselten die beiden den Scheidegru. Lebe wohl, Vetter,
sprach der Fremde, unlustig war diesmal mein Sitz an deiner Gastbank, denn die
neugierigen Augen deines Volkes und die gewundenen Fragen machten mir Sorge.
    Tutilo lchelte. Viele der Wigbertleute kennen den Grafen Ernst von
Angesicht, und wohl alle haben von deinem Heldenwerk vernommen, welches die
Wanderer rhmen. Gerade deinetwegen schwrmt heut mein ganzes Volk in der Ferne
auf grnem Rasen, der Pfrtner aber ist mir treu. Dennoch rate ich, da du ohne
Sumen aufbrichst. Vertraue mir, ich hindere die Reise zum Knige, welche unser
Abt den Dienstmannen des Klosters bereitet.
    Denke auch daran, unterbrach ihn der Fremde eifrig, uns das Land
offenzuhalten fr den Zug unserer Heerhaufen, welche wir aus Sachsen und
Thringen erwarten. Denn ich kenne den falschen Knig, er ist behend wie ein
Wiesel, und seine Augen sind bei Tag und Nacht geffnet, ich sorge, er reitet
eher ins Feld als wir. Lebe wohl, Vetter, sehe ich dich wieder, so rstest du
mir ein Festmahl in der Abtei.
    Der Mnch sprach den Segen, und der Fremde schwang sich auf das Ro. Als der
Hufschlag in der Ferne verklang, schritt auch Tutilo der Pforte zu, an welcher
ihn Reinhard erwartete.
    Immo harrte, bis alles um ihn still war, dann sphte er durch die Tr des
Arzneigartens, und als er den alten Sintram darin sah, trat er vorsichtig ein
und nherte sich dem Mnch, welcher mit dem Grabscheit vor einem kleinen
Gestruch stand und unverwandt eine Blume betrachtete. Der Jngling sprach
seinen Gru, der Alte nickte ihm freundlich zu, gab ihm das Grabscheit in die
Hand und wies auf das Beet, an dem er gegraben hatte. Geduldig begann Immo die
unwillkommene Arbeit, der er sich nach Klostersitte nicht entziehen durfte.
    Unterdes beharrte Sintram vor dem Strauch, bis er endlich in seiner Freude
das Schweigen brach: Sieh diese Rose, die ein Bruder dem Wigbert aus Gallien
gebracht hat; wie eine Kugel war sie geschlossen, aber die liebe Sonne hat ihr
den Mund geffnet; blicke hinein, schne Farben hat sie und zahllose Bltter.
Halte deine Nase nher heran, denn die Wrze ihres Geruchs ist heilkrftig, und
die bsen Geister, welche in den Leib fahren und Siechtum bereiten, frchten den
Duft und meiden ihre Nhe. Die Weisen sagen, sie ist von dem Herrn in den
Erdgarten gesetzt, damit sie dem Menschen ein Anzeichen sei. Denn auch ihm ist
das Herz geschlossen, bis das Licht des Glaubens darauf fllt, dann ffnet sich
seine Seele der himmlischen Liebe.
    Immo verlie gern das Beet und sah achtungsvoll auf die Rose, aber anderes
lag ihm mehr im Sinn. Zeige sie auch dem neuen Magister, welcher, wie man sagt,
aus der Fremde gekommen ist, um die Schler Dialektik zu lehren.
    Du hast die Wahrheit gehrt, versetzte der Alte vorsichtig.
    Dann, Vater, sage ihm, wenn du vermagst, Gutes von mir, denn ich frchte,
andere werden ihm allerlei Nachteiliges in das Ohr raunen. Leidvoll wre es mir,
wenn er feindselig gegen mich handelte, denn er kennt meine Mutter und mein
Geschlecht, er hat die Macht, mir zu schaden, und seine Frsprache mag mir
helfen, da ich von der Schlerbank gehoben werde. Allzulange, mein Vater, trage
ich, wie du weit, dies Gewand.
    Sorge du nur, ihm zu gefallen, mahnte der Alte, er hat wohl selbst Augen
und wird schwerlich der Meinung anderer folgen. Mir scheint, er hat dich bereits
gesehen, da du unter den Dohlen saest.
    Die Pusillen in der Schule, welche noch nicht fnfzehn Jahre sind, frchten
sehr seine Rute, es wre gut fr ihn und uns, wenn er Nachsicht bte. Die erste
Bank ist harter Streiche nicht gewhnt, und er wird es schwer finden, das edle
Blut ber die Bank zu legen.
    Dennoch rate ich dir nicht, ihm das zu sagen, versetzte der Grtner, du
selbst mchtest dafr ben. Jetzt aber wende dich abwrts, Immo, dort naht
Bruder Bertram aus dem Friedhofe. Unrecht war es, hier ohne Erlaubnis
einzudringen.
    Gerade seinetwegen kam ich zu dir, mein Vater, und ich flehe, da du bei
ihm mein Frsprecher werdest. Denn ganz unsicher sind die Tage meiner Zukunft,
und wenn ich das Kloster verlasse, so wei ich niemanden, der meiner Jugend mit
gutem Rat zu Hilfe kommen wird. Dein Geselle aber hat im letzten Winter
freiwillig verheien, da er mir, bevor ich aus dem Kloster scheide, als Gabe
die Weisheit bergeben will, welcher die Mnner seines Geschlechts in der Stille
vertraut haben. Wenn er mich noch der geheimen Lehre fr wrdig erachtet, so
ersehne ich, da er sie mir jetzt oder doch bald einmal spende. Du aber zrne
mir nicht, da ich darum zu dir komme. Ich wei ja, Vater, da du mir nichts
bles sinnst, denn ich fand gestern in der Ecke bei dem Nest der Rotkehlchen
einen Binsenkorb voll Kirschen, und ich wei auch, wer ihn hingestellt hat.
    Der Alte lchelte vergngt. Die Rotkehlchen sind listige Vgel, sie tragen
mancherlei hin und her. Auch ich fand in diesem Frhjahr, als mir meiner Snden
wegen die Gicht in die Hand gefahren war, ein paar Fausthandschuhe von Otterfell
bei meinem Gert, ich habe nicht gefragt, woher sie kamen. Er sprach das letzte
zu seinem Gesellen Bertram, der langsam herangewandelt war und ebenfalls sein
Grabscheit in der Hand hielt. Die beiden Alten blickten einander bedeutsam an,
und Bertram, welcher der ernsthaftere war, setzte das Gesprch fort, als wenn er
die frheren Reden gehrt htte, und begann feierlich: Darum nahest du auch
jetzt zu gnstiger Stunde, denn heut ist der Tag, wo ich dir schenken will, was
ich dir einst versprach, und was ich bis jetzt als mein Geheimnis bewahrte, wie
ich es von einem Oheim erhielt, der es als Kriegsmann in der grten Not seines
Lebens erprobt hat. Mir selbst vermag es nicht zu dienen, denn es ist ein Gut
fr Weltleute und nicht fr Mnche, dir aber kann es wohl frommen, denn ich
merke, dein wilder Mut wird dich bald einmal ber den Zaun des Klosters
hinaustreiben. Tritt abwrts aus der Sonne in den Schatten eines Fruchtbaumes,
denn nur im Dunkeln darf ich dir's geben. Der Alte wandte sich einer Ecke des
Gartens zu, wo ein groer Apfelbaum seine Zweige tief zur Erde breitete,
ehrfrchtig folgte ihm der Jngling, Sintram machte den Beschlu. So schritt
Immo zwischen den beiden Spatentrgern in den Baumschatten, dort blieb Sintram
im Sonnenlichte zurck, Bertram aber trat an den Stamm und winkte den Jngling
nahe zu sich. Er sttzte den Spaten an den Baum, faltete die Hnde und murmelte
sein Kredo, dann begann er feierlich: Vielerlei Lehren gibt es, welche den Mann
fest machen, wenn seine Gedanken sich unsicher wlzen; und die heilsamsten von
allen sind die heiligen Befehle, welche verkndet sind. An diese gedenke vor
anderen. Die Lehren aber, welche ich fr dich bereit halte, vermgen dir nicht
zu helfen in der Freude und nicht beim Gelage und nicht bei Kauf und Verkauf,
aber sie sind gute Helfer in der Not. Neige dein Ohr zu mir, damit das Geheimnis
meiner Gabe bewahrt bleibe, und gelobe mir, da du sie nicht auf die Zunge
nehmen und von dir geben willst auer an einen ehrlichen Mann in guter Meinung.
    Das gelobte Immo.
    Da pflckte Bertram vier Grashalme von der Erde, reichte dem Jngling einen
in seine Hand und sprach feierlich: Drei Lehren sind es, und eine, mit denen
ich dich begabe, ffne dein Ohr und halte sie fest. Die erste bedeutet, da dem
Manne nicht geziemt zu dienen, wo er gebieten darf; und sie lautet:
    Birg niemals in die Hand eines Herrn, was du allein behaupten kannst.
    Und als Immo die Worte wiederholt hatte, reichte Bertram den zweiten Halm:
Dieser Spruch soll dich mahnen, wenn du einem Freunde unwillkommene Kunde ins
Haus trgst, da du sie ihm vertraust, bevor der Staub auf deinen Schuhen
verweht ist; und der Spruch lautet:
    ble Botschaft auf der langen Bank, macht dem Boten und dem Wirt das Herz
krank.
    Zum dritten Halm sprach er: Miachte den Eid, der in Todesnot geschworen
wird. Wer dir Liebes gelobt, sich vom Strange zu lsen, der sinnt dir Leid,
sooft er des Strickes sich schmt.
    Und beim vierten gebot er:
    Deines Rosses letzter Sprung, deines Atems letzter Hauch sei fr den
Helfer, der um deinetwillen das Schwert hob.
    Als Immo jeden Spruch nach Gebhr wiederholt hatte, beschlo Bertram die
Begabung, indem er gerhrt sagte: Es ist Brauch, da der Spender heilsamer
Lehren ein Entgelt dafr erhalte. Da du wenig hast, und ich wenig nehmen darf,
so hoffe ich, die guten Engel werden dir jene Pelzhandschuhe als Gegengabe
anrechnen. Wegen des Otterfells aber hat dich der Gerber verraten, und wir
wissen auch, da dir's Herr Bernheri geschenkt hat, als du ihm die Otter
lebendig brachtest. Und jetzt neige dein Haupt, mein Sohn Immo, damit ich dich
segne; denn du hast die Weisheit meiner Vorfahren empfangen, und ich will
flehen, da sie deinem Leben ntze, wie sie denen gentzt hat, die sie vor dir
besaen. Wenn du sie aber miachtest und ihr zuwider handelst, so siehe zu, da
die Verachtung sich nicht an dir rche. Immo beugte das Haupt in die Hand des
Alten und empfing den Segen. Dann traten sie wieder aus dem Schatten in die
Sonne, die beiden Greise blickten einander zufrieden an und fhrten ihren
Gnstling zur Gartentr, dort begann Sintram: Merke auch noch dies von
meinetwegen. In all deiner Zukunft sorge dafr, da du immer jemanden hast, der
fr dich zu dem Himmelsherrn betet. Jetzt tut mein Bruder Bertram dies tglich
fr dich, und auch ich gedenke des Abends deiner. Denn wir haben dein Gemt
lngst erkannt, obgleich du unbndig dahinfhrst. Aber wir beide sind alt. Oft
hren die Himmlischen nicht gern die Worte eines Bedrngten, weil er ihnen durch
seine Missetat verleidet ist, wenn aber ein anderer fr ihn bittet, so fhlen
sie leichter Erbarmen. Unselig ist auf Erden nur der, welcher in der Not allein
die Hnde faltet ohne einen Helfer. Darum gehe in Frieden, Immo, und denke auch
darauf, da du dem Prpositus nicht mifllig wirst.
    Immo sah bewegt den beiden Alten in die freundlichen Gesichter, welche
einander hnlich waren wie zwei pfel desselben Baumes, er neigte sich tief vor
ihnen und entwich. Langsam schritt er die Hecke entlang, setzte sich endlich in
den Schatten einer Mauer und wiederholte und bedachte in der Stille die Lehren
des Bertram. Dann sprang er auf und schritt dem Hofe der Reisigen zu, der vor
der groen Klosterpforte neben dem Haus des Pfrtners stand. Dort lagen im
Wachthause zu jeder Zeit einige kleine Dienstmannen des Klosters, und dort
weilte Immo am liebsten; er hatte daselbst auch seine besten Genossen, obgleich
die Dekane das nicht zu wissen brauchten.
    Als er in den Hof trat, fand er eine Reihe Heuwagen, welche von den Knechten
entladen wurden, whrend ein bejahrter Dienstmann im Schuppenhemd, die
Blechkappe in der Hand, neben seinem Rosse stand und geduldig den Arbeitenden
zusah. Gib mir ein Pferd, Hugbald, begann Immo leise zu dem Kriegsmann, da
ich mit dir reite.
    Hugbald blickte bedeutsam nach dem Stall und wies auf einen handfesten Mnch
zwischen den Heuwagen - es war der Bruder, welcher dem Pfrtner in seinem
schweren Amt als Trost beigegeben war. Immo verschwand in dem Stalle. Als die
entlasteten Wagen zum geffneten Tor hinausfuhren, bestieg auch der Reisige sein
Ro, hielt unter dem Tore an und sprach mit dem Mnch, der auf den Verschlu
achten sollte. Da stob Immo auf flchtigem Pferde an den Redenden vorber und
war auer Rufesweite, bevor der Mnch sich von seinem Erstaunen erholt hatte.
Der Vater Pfrtner hat mir befohlen, rief der unzufriedene Mnch, diesen
nicht ins Freie zu lassen, weil er sich vermessen hat, ohne Erlaubnis auf St.
Michael zu reiten, aber er wischt dahin wie ein Feuermann in der Nacht.
    La ihn immerhin, begtete der Dienstmann, mir ist es recht, wenn ich
heut einen schnellen Knaben an der Seite habe. Denn um dir meine Meinung zu
sagen, ich werde froh sein, wenn du am Abend Wigberts Knechte und Gespanne
vollzhlig zurckerhltst.
    Du verkndest, was ble Ahnung macht, rief der Mnch erschrocken. Wie mag
uns Gefahr drohen, leben wir doch in Frieden mit den Nachbarn.
    Ich sah schwarze Vgel flattern ber der Grenze unserer Waldwiesen, und ich
kenne den Schwarm. Die Dohlen sind es aus den Buchen des Grafen Gerhard, sie
fliegen gern dorthin, wo sein gewappneter Haufe reitet; um unsere Marksteine
schwebten sie und lachten untereinander.
    Anderen mgen die Schwarzen Bses bedeuten, doch nicht uns, trstete der
Mnch, denn wir im Kloster beten jedes Jahr fr den Grafen Gerhard und fr die
Seele seines Vaters.
    Es ist wohl mglich, da die Vgel sich darum nicht kmmern, versetzte
Hugbald. Auch sah ich etwas im Holze des Grafen blinken, ich meine, es war eine
Helmkappe. Du selbst magst erwgen, ob die Mannen des Gerhard an diesem heien
Tage den Eisenhut tragen, weil sie das Heufest des Klosters feiern.
    Harre, da ich dem Vater Tutilo die Kunde zutrage, rief der Mnch.
    Unntz wre die Mhe, versetzte der Dienstmann, die Achseln zuckend, ich
ritt hierher, weil ich der Meinung war, die Reisigen unseres Herrn Abts von St.
Peter als Helfer zu erbitten. Aber Herr Tutilo wollte vor einem Sonnenblink auf
fremdem Eisen nicht erschrecken und verbot mir wegen der Heuernte an das Tor des
Abtes zu reiten. Auch hat in Wahrheit das Kloster Fuste genug auf die Wiesen
gesandt, vielleicht da sie mit den Heugabeln ihre Tapferkeit erweisen. Doch
sollte mir das Pferd straucheln, so wird der Jngling dort zurckreiten und euch
mahnen, da ihr das Glockenseil zieht. Der Reiter nickte und trabte den Wagen
nach, der Mnch verschlo kopfschttelnd das Hoftor.
    Als Hugbald den Jngling erreicht hatte, welcher hinter einem Gebsch seiner
harrte, begann er: Dein Pferd hast du gut gewhlt, wenn du dich heut im Felde
gegen einen Feind tummeln willst, aber den Stecken in der Hand vermag ich nicht
zu loben; er ist nur gut, um einen Hund zu treffen, nicht aber eine Eisenhaube.
Auch dein Strohhut wird dir schwerlich das krause Haar schirmen, wenn dich ein
Schwertschlag erreicht.
    Denkst du an Hiebe? fragte der Jngling und richtete sich hoch auf.
    Wer ber das Feld reitet, darf immer daran denken, versetzte Hugbald
vorsichtig, darum nimm noch eine Warnung. Wenn du merken solltest, da
Bewaffnete gegen mich sprengen, so treibe die Weiber mit den Rechen hinter einen
Strauch und sieh selbst aus der Ferne zu, damit du berichten kannst, da ich
mich ehrlich gehalten habe.
    Ich meine, Vater, besser werde ich das erkennen, wenn ich an deiner Seite
reite, sagte Immo stolz und trieb sein Pferd zum Sprunge.
    Hugbald lchelte ein wenig, dann wies er ernsthaft nach dem nahen Berge, wo
der Abt sein Haus hatte. Dennoch ist es schwer, zwei Gebietern zu dienen. Dort
oben liegen wackere Gesellen mig, welche bei einer Schlgerei im Heu wohl den
Rcken decken knnten. Aber was einem Herrn gefllt, will der andere nicht
leiden.
    Sage mir, ob du um Gefahr sorgst, so will ich hinaufreiten, sie zu rufen.
    Damit Herr Tutilo mir spter Feindseliges sinne, versetzte Hugbald
kopfschttelnd. Lieber vertraue ich auf die Hilfe des heiligen Wigbert, denn
ich habe ihm, solange ich lebe, nie etwas genommen und manchen Schlag zu seiner
Ehre getan, warum sollte er mich also miachten. So ritten sie ohne anzuhalten
an St. Peter vorber, dem Laubwald zu, welcher in weitem Kreise die Niederung
umschlo.

                                  Die Gesellen


Die beiden Mnche zogen nebeneinander durch das Flutal, Tutilo hoch zu Ro,
Reinhard demtig zu Fu; in heiem Sonnenlicht stiegen sie den Hgel hinauf, auf
welchem Herr Bernheri, der Abt, sich ein kleines Kloster erbaut hatte, ganz nach
seinem Herzen, seinen Mnchen zum Trotz. Es sah einer Burg hnlicher als einer
heiligen Zelle, hinter dem Graben ragte eine hohe Mauer und an dem offenen Tor
sa auf seinen Spie gesttzt ein Kriegsmann. Gemchlich erhob er sich, empfing
mit geringer Kopfneigung den Segen, welchen Tutilo spendete, und fhrte ihn in
den Hofraum. Dort stand neben einer Kapelle das neugebaute Haus des Abtes, eine
zweistckige Kemenate mit einem Vorhaus, dessen Dach auf schn geschnitzten
Holzsulen ruhte, daneben erhoben sich Stlle und ein umhegter Raum, aus welchem
unablssig das Gebell vieler Hunde klang. Gegenber dem Haus des Abtes ragte
eine hlzerne Halle fr das Kriegsvolk, auf den schattigen Stufen dehnten sich
mehrere Bewaffnete, ihnen gesellt zwei Mnche. Die groen Trinkkannen, welche
dazwischenstanden, und das laute Gelchter der Trinker bewies, da diese
Klosterleute nicht unter strenger Zucht lebten. Tutilo begann bitter, whrend er
einritt: Du weit, mein Bruder, St. Petrus war ein Kriegsknecht, er trug ein
Schwert in der Nacht, da der Herr verraten ward; darum gefiel es auch dem Abte,
diese Behausung von Jgern und Schwerttrgern als eine Burg St. Petrus zu
grnden. Die eintretenden Mnche strten die lustige Gesellschaft, die
Klosterbrder eilten herzu, und whrend sie um den Segen baten, blickten sie
sphend und mitrauisch nach dem Prpositus.
    Als ein Mnch von St. Peter die Glocke der Abtei gezogen hatte, trat Eggo,
der vertraute Kmmerer des Abtes, in die Tr und fhrte die Gste eine
Wendeltreppe hinauf in das Gemach, wo Herr Bernheri am liebsten zu weilen
pflegte. Dort sah man zwischen den Sulen und Rundbogen der kleinen Fenster in
ein Waldtal hinab, und im Vorgrund auf grne Weiden und wogende hrenfelder, das
groe Kloster Wigberts aber sah man nicht. ber dem Tisch in der Mitte des
Raumes lag eine Decke, welche zierlich mit der Nadel gestickt war, auf dem hohen
Lehnstuhl weiche Kissen. Geweihe, die an der Wand befestigt waren, dienten als
Haken, woran Waffen zur Jagd und zum Kriege hingen: Hornbogen und Kcher,
Eberspiee und groe Halsbnder mit eisernen Stacheln fr die Jagdhunde.
    Herr Bernheri war ein wohlbeleibter Herr mit groem Haupte; dem gerteten
Gesicht und den dicken Augenlidern merkte man an, da er sorgfltig den Wein
seines Kellers prfte; er trug einen langen Hausrock von feinem dunklen Tuch, am
Halse ein goldenes Kreuz. Die Mnche knieten nieder. Tutilo zgernd und mit
steifem Nacken, so da man den Zwang erkannte.
    Der Abt blickte unzufrieden auf den Prpositus und begann, whrend er mit
flchtiger Handbewegung den Segen erteilte: Ungern sehe ich heut dein Gesicht,
Tutilo, da du doch die Brder, wie ich hre, in das Heufest gesandt hast. Es
wre besser, wenn du deine gefurchte Stirn den Heimkehrenden entgegenhieltest,
damit ihnen die weltliche Frhlichkeit aus dem Herzen schwnde. Aber auch die
krchzende Krhe flieht gern dorthin, wo sich die Habichte niederlassen.
    Du selbst, Herr und Abt von Wigbert, vergleichst dich mit dem Habicht, der
sich in dem Klostergut niedergelassen hat, versetzte Tutilo schnell aufstehend,
ich aber und mancher von den Brdern meinte, da in der Notzeit des Klosters
den Brdern gezieme, ihren Groll zu vergessen und eintrchtig auf Ntzliches zu
denken, was die Gefahr abwenden kann.
    Du sprichst gut, versetzte der Abt ungndig, sorge dafr, da deine Taten
der Rede nicht widersprechen. Kommst du auch ungeladen, sitze dennoch nieder, ob
du dem Kloster deine Treue erweisen kannst. Er winkte dem Mnch Eggo, dieser
verschwand und trug drei groe silberne Becher und eine Weinkanne herzu, die er
auf den Tisch stellte, er selbst aber trat hinter den Lehnstuhl des Abtes.
Dieser setzte sich gewichtig, winkte den Gsten, zu beiden Seiten Platz zu
nehmen, und sagte, auf die Becher weisend: Es sei erlaubt. Ich freue mich
deiner Ankunft, Reinhard. Deine Klugheit ist rhmlich bekannt, du hast dich den
Heiligen unserer Kirche in meine Hand zugeschworen, und als vertrauten Boten
habe ich dich nach Thringen gesandt, damit du gleich einem Fremden ohne Gunst
und Ha die Hfe des Klosters bereisest und mit eigenen Augen alles erkundest,
denn ble Nachrichten erhalten wir aus jedem Gaue. Jetzt berichte von unseren
Hfen und von den Zellen, in denen unsere Brder hausen, damit wir alles
erfahren, wenn es auch unwillkommen ist.
    Reinhard holte einen Pergamentstreifen heraus, auf dem die Hufen und Hfe
des Klosters verzeichnet waren, und begann den Reisebericht. Es war eine lange
Reihe von Klagen der Verwalter ber Gewalttat der Grafen und Widerspenstigkeit
der Verpflichteten. Als er innehielt, tat Herr Bernheri einen tiefen Trunk und
sprach darauf seufzend: Solange ich lebe, habe ich erfahren, da die Frommen
spenden und die Gottlosen nehmen. Sonst waren der Frommen mehr und der Gottlosen
weniger. Wie ein Weiher ist das Klostergut, in den die kleinen Quellen rieseln;
wenn er aber gefllt ist, kommen die Mller des Teufels, ffnen ihre Grben und
leiten die Flut wieder ab ber ihre Mhlrder. Ich sorge, der Weiher wird einmal
leer, und meine Mnche werden wie Karpfen in mifarbigem Schlamme zappeln.
    Wer kommendes Unglck meldet, dem danken wir, wenn er auch sagt, wie zu
helfen ist. Unerhrt ist es, da ein neuer Bruder die Geheimnisse des Klosters
erfhrt, welche sonst nicht einmal den Dekanen bekannt sind, fiel Tutilo mit
rauher Stimme ein. Leichter ist es, Klagen vorzutragen, als die Hilfe zu
finden.
    Du selbst weit ja, mein Vater, antwortete Reinhard, wo die beste Hilfe
zu finden ist. Die Heiligen fragen vor allem, ob unsere Brder nach der heiligen
Regel ihren Dienst tun. Den Sumigen aber entziehen sie ihre Gnade. Manches sah
ich in St. Wigberts Kloster, was nicht nach der Regel war.
    Sage das doch den Mnchen in Fulda, in Korvei und sonstwo, berall ist der
Mutwille grer als bei uns, rief Tutilo zornig, und lebt ihr in Altaha, die
ihr euch als starke Beter rhmt, deshalb in grerer Sicherheit?
    Gern verknde ich dir, o Herr, auch Gnstiges, fuhr Reinhard ruhig fort,
nmlich, da unter den Waldleuten, welche bei unserer Zelle Ordorf wohnen, ein
neuer Eifer erwacht ist. Die Brder, welche du dorthin gesandt hast, leben in
froher Hoffnung, denn sie meinen, groes Heil sei ihnen widerfahren. In mehr als
einer Nacht sahen die Brder Licht in der Kirche, und als Hunibald, der
Magister, einst aufstand und hineinging, erkannte er einen Schein ber der
Platte, unter welcher, wie die Sage geht, der selige Vater Meginhard, der
Genosse des heiligen Bonifazius, bestattet ist. Viel erzhlen sie dort von den
christlichen Heldentaten, die Meginhard zu seiner Zeit unter den Heiden gewirkt
hat. Die Laien drngen sich in die Kirche und beten auf seinem Grabe, und groe
Heilungen von schweren Leiden werden berichtet, die an dieser Sttte ganz
pltzlich gelungen sind. Das lt Hunibald dir durch mich mit Freuden
verknden.
    Der Abt schttelte unzufrieden das Haupt. Ich kenne den Sinn unserer Brder
in Ordorf, sie sind gutwillig, aber unbesonnen, und ihrem Glauben fehlt die
Prfung. Ich kenne auch alte Vetteln, welche von einer Sttte zur anderen laufen
und ihre Gebresten heilen lassen, damit man sie rhme, auf den Schultern trage
und mit guter Kost fttere. Die in Ordorf mgen sich wahren, da die Kinder der
Welt uns nicht verspotten und da nicht zuletzt ein groes Skandalum aus dem
Wunder werde.
    Es ist nicht begehrliches Volk allein, welches zustrmt, auch ehrbare Leute
rhmen die Wunderkraft des seligen Bekenners.
    Und vermagst auch du sie zu rhmen nach dem, was du gesehen hast? fragte
der Abt prfend.
    Ich hatte, wie du weit, nicht die Zeit und nicht das Amt, nach der
Wahrheit zu forschen, versetzte Reinhard.
    Ich aber meine, rief Tutilo, die Faust auf den Tisch setzend, da den
Heiligen zu Herolfsfeld ein bler Dienst geschieht, wenn der selige Memmo zu
Ordorf einen Zulauf als Wundertter erhlt und am Ende gar zu Rom als Heiliger
aufgenommen wird. Denn die Leute in den Waldlauben werden froh sein, wenn sie
einen besonderen Frbitter gewinnen, und die Edlen werden bei Knig und Papst
bald darauf antragen, da wir Ordorf aus unserer Klosterzucht entlassen und da
dort oder in der Nhe eine eigene Abtei gegrndet wird, und Meginhard wrde sich
schnell als ein groer Ruber am Wigbert erweisen. Deshalb rate ich, da wir
unseren Heiligen getreu bleiben und uns nach Krften bemhen, die Wunder zu
stillen und nicht landkundig zu machen.
    Der Abt nickte. Er spricht das Richtige. Wenn ein Lichtschein dem Kloster
helfen knnte, so vertraue ich, wrden unsere Frbitter es auch bei uns nicht
daran fehlen lassen. Weit du eine andere Hilfe, mein Bruder, wenn auch durch
weltliche Mittel?
    Reinhard antwortete demtig: Wenn ich das Schicksal deiner Herrschaft,
Herr, erwge, so finde ich, da dieser zu sehr fehlt, was ihr Schutz und
Sicherheit gewhren knnte. Durch ganz Thringen liegen die Hufen und Hfe
zerstreut in den Dorffluren und zwischen den Lehnsgtern der Grafen; aber klein
ist die Zahl der Vgte und der Bewaffneten, welche fr das Kloster Helm und
Schwert tragen. Mchtiger ist der Abt von Fulda, um vieles reicher an Vasallen;
am mchtigsten der Erzbischof von Mainz, denn seine Kriegsleute lagern sicher in
der groen Stadt Erfurt. Die Mnche von Fulda und die Kanoniker in Erfurt aber
sinnen Ungnstiges fr dein Kloster und breiten sich aus, dir zum Schaden, auch
in den Waldlauben an dem Rand der Berge, wo sonst deine Herrschaft fest
gegrndet war. Darum meine ich, dir tun vor allem Burgen not mit treuer
Besatzung. Als ich von Erfurt nach Ordorf zog, sah ich in der Ebene, wo das
Gebirge beginnt, einen Ring von Hgeln, auf denen Warten und Burgen stehen, sie
schlieen einen Weiher und Wiesen ein, schwer ist der Zugang, denn viele Teiche
liegen am Saum der Hgel. Dort ragt im Hintergrunde die Wasserburg, welche dem
Kloster gehrt, doch sie ist halb verfallen. Der ganze brige Bergwald aber und
das Land darum gehrt dem Geschlecht des Jnglings Immo, der in der Schule des
Klosters gehalten wird. Dies Geschlecht beherrscht von den Bergen wie von einem
groen Wall die Landstrae und die Umgegend. Und ich hre, es bringt gern seine
Spenden zum Kloster.
    Gut hast du gesehen, mein Bruder, rief der Abt, ich kenne die roten
Hgel, und ich wei, da sie gewaltig sind, aber sie sind freies Erbe eines
Geschlechtes, welches seit der Urzeit im Lande haust, und ich meine nicht, da
sie ihr Erbe dem Kloster gutwillig in die Hand geben werden.
    Vielleicht wrden sie selbst als Vgte ihre Burgen bewahren, wenn sie zum
Heil ihrer Seele dieselben vorher den Heiligen in die Hand gegeben htten,
versetzte Reinhard.
    Wahrlich, Bruder, sprach Tutilo, als ich zuerst von deiner Sendung hrte,
war sie mir widerwrtig; was du aber hier kndest, ist dasselbe, was auch ich
fr eine gute Hilfe des Klosters halte, und ich mu deine Klugheit preisen.
    Ich aber kenne unseren Schler Immo und seine Sippe, warf der Abt ein,
hochfahrend ist ihr Sinn.
    Was die Kinder der Welt ungern tun, dazu zwingt sie oft die Angst vor der
Hlle des blen Teufels, sprach Reinhard. Dennoch wrde ich nicht an diese
Hilfe gemahnt haben, wenn mir nicht Frau Edith, die Mutter des Immo,
vertrauliche Botschaft an dich, meinen Herrn, aufgetragen htte, und zwar gerade
wegen dieser Burgen. Denn sie fleht dich an, da mir erlaubt sei, dem Sohn ihren
Segen zu bringen und ihn mit einer guten Nachricht zu erfreuen. Das Geschlecht
hat beschlossen, die Mhlburg als Angebinde an das Stift zu Erfurt zu geben,
damit der Schler Immo dort Kanonikus werde und durch den Erzbischof Willigis
unserem Kloster enthoben. Seht selbst zu, meine Vter, ob unser Kloster dadurch
Vorteil gewinnt. Sehr bereitwillig werden die Erzbischflichen zu Erfurt sein,
die Burg zu empfangen, fr uns aber scheint mir diese Wandlung verderblich.
    Lieber wollte ich den Wolf in meiner Lmmerherde schauen, rief Herr
Bernheri.
    Nimmer darf der Knabe und sein festes Haus dem Wigbert entschlpfen,
drohte Tutilo.
    Ich wei einen, der das Seine getan hat, durch Stirnrunzeln dem Jngling
Immo das Kloster zu verleiden, versetzte Herr Bernheri strafend.
    Wre der Knabe besser in die Klosterzucht gewhnt worden, er wrde nicht
zurck in die Welt begehren, entgegnete Tutilo, auch die Weide biegt sich nur,
wenn eine feste Hand sie zusammendreht. Und ehe ich leide, da die Burg den
prahlerischen Schwelgern zu Erfurt geffnet wird, zwinge ich den Schler mit
eigener Hand in die Klausur.
    Du wirst es schwer finden, ihn in der Berzelle zum Mnch zu schlagen,
mein Bruder, versetzte der Abt. In vielem hast du meine Herde verleitet, aber
schwerlich wird sie dir folgen, wenn du das Kind aus dem Geschlecht unserer
Guttter durch Zwang zurckhalten willst. Ich rate dir, da du lieber dem Bruder
Reinhard vertrauest, denn nicht allein wegen seiner Grammatik und Dialektik
gefiel es mir, ihn hierher zu laden, sondern weil er die Kunst versteht, die
Herzen der Jugend zu gewinnen und, damit ich metaphorice spreche, auch junge
Stovgel an die Hand zu gewhnen. Versuche du, mein Bruder, ob du die Neigung
des Knaben fr den Wigbert gewinnen kannst. Er ist ein Falk aus den
thringischen Bergen, diese ertragen schwer die Kappe, sind sie aber gebndigt,
dann stoen sie freudig. Und jetzt gefllt mir, da wir uns erheben. Manches
andere will ich mit Bruder Reinhard allein verhandeln. Du aber, Tutilo, ziehe
zurck und zhle die Heuwagen, bis es mir passend erscheint, dich zu rufen oder
bis ich selbst hinuntersteige und den Konvent der Brder versammle, welchen du
bles gegen mich in das Ohr raunst.
    Das Gesicht Tutilos flammte in Zornesrte, als er sich erhob. Du aber, Abt
Bernheri, gedenke nicht, das Wichtigste den Brdern zu verbergen und im Rcken
des Klosters die Wahl zu treffen ber den Knig, dem wir in Zukunft dienen
sollen. Kein Wort hat dein Bote berichtet von dem Kampf, der sich um die Krone
erhebt, und doch ist dies die nchste Sorge und eine grere als um Hufen und
Burgen. Meine nicht, Bernheri, mich zu hintergehen. Wenn du auch Abt bist, du
selbst wrdest es schwer entgelten, denn mein ist die Sorge, da das Heiligtum
nicht durch dich mit Unehren beladen wird.
    Sorgst du so eifrig um den Vorteil der Brderschaft, rief Herr Bernheri
ebenfalls zornig, so sorge auch, da der Reiter, welcher dir die Botschaft des
Markgrafen zugetragen hat und der verborgen im Gasthause liegt, spurlos
verschwinde, bevor ihn meine Reisige ergreifen. Dich selbst knnte ich Verrter
nennen; ein Wink von mir, und du kehrst nur zum Gericht in das Kloster zurck.
Aber seit vielen Jahren habe ich die Bosheit deines Wesens ertragen, und auch
jetzt gedenke ich, weil ich lter und klger bin als du, dich zu behandeln wie
einen Trunkenen, von dem geschrieben steht, er wei nicht, was er tut.
    Tutilo verlie das Zimmer ohne Gru, der Abt ging heftig auf und ab, endlich
ergriff er die Kanne, setzte sie aber mit einem Seufzer wieder hin. Selbst der
Wein schadet zornigem Gemt, und ich begehre nicht, unwilliger auf ihn zu
werden, als ich bereits bin.
    Ich aber bringe dir, begann Reinhard, ein Pergament aus der Kutte ziehend,
den Gru des Knigs und seine Mahnung, da du die Reisigen des Klosters ohne
Verzug sammelst und durch die Wlder von Fulda zu seinem Heere sendest. Damit
auch du seine Gnade erkennst, o Herr, sendet er dir, was du lange ersehnt und
erbeten hast, die Schenkung des Bannwaldes um St. Peter, der bisher Knigsgut
war. Du mgest sorgen, mahnt der Knig, da die Treue des Klosters sich ebenso
bewhre wie des Knigs Gnade.
    Schnell griff Herr Bernheri nach der Urkunde: Die besten Hirsche zwischen
Fulda und Main halte ich in diesem Pergament, aber bald verdsterte sich sein
Blick. Du hast gesehen, mein Bruder, wie jener unholde Mann gesinnt ist; nach
allen Seiten murrt er den Leuten Arges in die Ohren und hat die Knechte Wigberts
ganz vom Knig abgewandt, nicht wei ich, ob ich noch Herr bin im Kloster und
ber meine Schildtrger. Dennoch will ich tun, was ich vermag, indem ich den
Konvent zusammenrufe. Du aber eile dem Tutilo nach und rhme unterdes im Kloster
die Schenkung, damit die Unzufriedenen mein Herrenwort williger anhren.
    Whrend der Abt dem Mnch die letzten Befehle gab, erscholl auf den
Feldwegen, die zum Kloster hinfhrten, Jauchzen und Gesang; die Brder und
Mannen auf dem Petersberg drngten zum Tore hinaus und sahen neugierig in das
Tal hinab. Hochbeladen in langer Reihe kamen die Heuwagen heran, auf den
Wiesenbumen darber saen und ritten die Buben des Dorfes schreiend und die
Arme schwenkend. Hinter den Wagen schritten zwei Spielleute mit Sackpfeife und
Fiedel, sie fhrten, eine lustige Weise spielend, die Schar der Arbeiter. Denn
Mnner und Frauen, mit Laub und Wiesenblumen bekrnzt, hielten einander an den
Hnden und sprangen trotz der Arbeit des heien Tages lustig den Reigen; vom
Pfade ab zogen sie die Kette bald seitwrts ber die Flur, bald zwischen den
Wagen hindurch. Ihnen folgten die Herren des Klosters, voran die beiden Schulen;
auch die Schler sprangen und tanzten durcheinander, manche saen zu Pferde und
trieben die Gule zu lustigen Stzen. Sogar die Vter gedachten nicht sehr ihrer
Wrde, mehr als einem war das Haupt schwer, so da er von den anderen geleitet
werden mute, und man merkte auch, weshalb er so unsicher schwankte, denn ganz
am Ende fuhr ein Wagen mit leeren Fssern, welche zwischen den Brettern
kollerten, und mit Trinkgefen, deren Henkel an die Leiterbume gehngt waren.
Endlich hob ein Bruder sein lateinisches Trinklied an, und viele stimmten ein
und sangen die Schluverse mit khnen Bewegungen der Arme, und eilte eine Magd,
die sich versptet hatte, bei dem langen Zuge der Vter vorbei, dann geschah es
wohl, da einer der Begeisterten sie in den Arm kniff oder auch in die Backen.
So wlzte sich der Schwarm schreiend und singend dem Kloster zu. Die
untergehende Sonne warf ihr goldenes Licht auf heie Gesichter und glnzende
Augen, die Treiber knallten mit ihren Peitschen um die Wette, sogar die Tiere
schritten lustiger vorwrts.
    Pltzlich stockte der Zug an dem Kreuzwege, wo ein Pfad von Osten heranlief,
die Buben auf den Heuwagen sprangen empor und wiesen in die Ferne, die Wagen
hielten an, die vordersten Knechte schrien nach rckwrts, Spiel und Gesang
endete in einem Miton. Denn von dem Seitenweg her tnte wilder Klageruf
widerwrtig in die Festfreude. Langsam bewegte sich eine andere Abteilung der
Klosterleute vom Holze her dem Flutale zu, mit gesenkten Huptern und
Wehgeschrei trugen sie einen undeutlichen Gegenstand heran. Die Leute im Zuge
verstanden wohl, was der Ruf bedeutete, dort war einer erschlagen, und die
Rstigen liefen ber das Feld dem trauernden Haufen entgegen. Zu einem wirren
Knuel vereinigten sich die beiden Haufen. Die Knechte peitschten ngstlich ihre
Gespanne zu schnellerem Schritt, um sie in den Klosterhfen zu bergen, die
anderen umstanden entsetzt eine Bahre, auf der ein todwunder Mann lag. Schnelle
Fragen und Antworten folgten einander, Heugabeln und Messer wurden geschwenkt,
und an Stelle des lateinischen Schelmenliedes klang wilder Racheruf ber das
weite Tal. Tutilo spornte sein Ro zu schnellen Stzen. Als der gefrchtete
Mnch in das Gedrnge stob, fuhren die Leute auseinander, im nchsten Augenblick
aber begann wieder Wehgeschrei und Totenklage. Der Mnch sprang ab, beugte sich
ber den Mann und sah nach der schweren Kopfwunde. Dann gebot er, ihn in das
Krankenhaus des Klosters zu tragen, und forderte Bericht ber die Missetat. Wo
sind die Gespanne? fragte er, unruhig um sich blickend, wo ist Hugbald?
    Die Gespanne geraubt, die Knechte geschlagen und fortgefhrt, Hugbald
gefangen und mit ihm der Scholastikus Immo, riefen ihm die Leute entgegen, bis
auf seinen Wink der alte Bruder Bardo vortrat und sthnend das ganze Unheil
verkndete. Die Waldwiesen, auf denen Bardo die Heumahd zu ordnen hatte, lagen
weitab von den brigen Grnden, welche aus den Hfen des Klosters bewirtschaftet
wurden. Sie waren neuerer Erwerb, doch niemand hatte beim Auszuge geahnt, da
dort ein Feind laure. Ungestrt hatten die Arbeiter in den Tagen zuvor gemht
und das Heu gewendet, nur von einem Bewaffneten begleitet, wie bei fernen
Feldarbeiten auch im Frieden Brauch war. Aus Vorsicht hatte heut Hugbald
geboten, da die Knechte ihre Rosse abspannen und, whrend die Heuhaufen gesetzt
wurden, unter Aufsicht eines Reisigen auf freier Hhe, von der weite Umschau
war, zusammenhalten sollten, bis er selbst das Einbringen gebiete. Als er
endlich gekommen war, begleitet von dem Schler Immo, hatten die Knechte ihre
Gespanne zu den Wagen zurckgefhrt. Schon vorher war uns unheimlich geworden,
kndete Bardo, denn wir hatten in der Ferne hinter den Bschen einzelne
Bewaffnete erkannt, welche hin und her ritten. Gerade als sich der Zug der
beladenen Wagen in Bewegung setzte, brach ein Schwarm Reiter aus dem Holz und
ritt ber die Felder auf die Gespanne zu. Unsere Reisigen hoben die Wurfspeere
und warfen sich ihnen entgegen, auch die Knechte ergriffen die Heugabeln und
sprangen gegen die fremden Reiter, aber klein war die Zahl der Unseren, im Nu
waren sie umringt. Der Mann, welcher auf der Bahre liegt, fiel sogleich vom
Rosse in sein Blut, nur Hugbald scho den Wurfspeer und schlug mit dem Schwerte,
drei waren gegen ihn, doch der Jngling Immo fuhr wie ein Wirbelwind zwischen
sie, ich sah zwei vom Pferde strzen und die ledigen Tiere laufen. Ganz tapfer
hielt sich unser Scholastikus, und er hatte den Hugbald frei gemacht, aber
dieser rief: Wie mag ich zurckkehren ohne die Wagen und warf sich aufs neue
einem andringenden Haufen entgegen, bis er entwaffnet und mit Weiden gebunden
war, und gleich ihm der Jngling Immo; darauf wurden auch die Knechte bel
geschlagen und gefesselt. Mit groem Gefolge stob Graf Gerhard, den wir alle
kennen, heran und rief mit zornrotem Gesicht: Verderben ber euch, ihr
Wigbertleute, mein ist das Heu, mein die ganze Markung. Nichtig ist die
Schenkung, deren ihr euch von meinem Vater her mit Unrecht rhmt; die Gespanne
und eure Dienstleute treibe ich fort, eine geringe Entschdigung sind sie fr
den Verlust, den ich durch viele Jahre von euch erlitten. Lt sich noch einer
von euch Geschorenen auf dieser Flur blicken, so sollen ihm meine Gewappneten
die Haut ber die Ohren ziehen. Ihr Mnche aber wandelt stracks zurck, nur die
heulenden Mgde lasse ich euch. Und saget eurem Abt: will er seine Dienstleute
lebend wiedersehen, so soll er sich eilen, das Lsegeld zu senden, denn ich
gedenke sie nicht lange im Kerker zu fttern. Hinweg mit euch, denn euer Anblick
ist mir verhat. So ritt er mit einem Fluche aufwrts dem Buchenwald zu, und
hinter ihm zogen die Heuwagen und die Gefangenen. Wir aber standen weinend um
den gefllten Mann, mhsam trugen wir mit den Weibern seinen Leib auf den
Baumsten hierher. Als der Alte geendet hatte, begannen die knienden Weiber
wieder ihr Wehegeschrei, und der Racheruf der Wigbertleute klang durch das Tal.
    Tutilo sah auf die zornige Schar wie ein Huptling, der die Zahl seiner
Getreuen mustert. Sie sagen, Graf Gerhard will fr Knig Heinrich ins Feld
reiten, hier merket die Treue der Knigsmannen. Als ein Walddieb ohne
Aufkndigung des Friedens hat er das Kloster ruchlos gekrnkt. Ihr aber, fromme
Knechte des Wigbert, gedenkt der Vergeltung, schreit zu den heiligen Nothelfern
um Rache, da sie ein gehuftes Ma Unheil ber den Verfluchten senden, bereitet
eure Wehren, schlagt an der Glocke des Erzengels den Notschlag zur Warnung an
alle, die noch im Felde sind, da sie sich sammeln, und entzndet die
Feuerzeichen auf den Hhen, damit auch die Entfernten wissen, da unser Kloster
von Feinden bedrngt ist. Folgt mir zu den Hfen, damit wir um Tor und Mauer
sorgen, denn aus dem Frieden sind wir gesetzt in Unfrieden, und auf Abwehr
denken wir und Vergeltung. Du aber, Bardo, bndige deinen Schreck und ziehe jene
Strae nach St. Peter, damit du einem anderen Bericht gebest; ich sehe dort den
Abt Bernheri herabsteigen, geringe Freude wr' mir, ihm jetzt zu begegnen. Er
schwang sich auf sein Ro und sprengte voraus dem Kloster zu, einem Kriegsmann
hnlicher als einem Mnch. Den anderen aber hob sich der Mut, als sie seinen
wilden Zorn erkannten, und hinter ihm eilte der groe Schwarm von Mnnern und
Weibern auf der Landstrae dahin, whrend Bardo mit den Brdern, die das Unglck
geschaut hatten, traurig dem Abte entgegenging.
    In der Halle des Grafen Gerhard beleuchtete der rote Schein vieler
Kienfackeln die Holzwnde und die ruigen Balken der Decke. Gegenber der Tr
fhrten einige Stufen zu dem erhhten Raum, auf welchem der Herrentisch stand,
dort brannten groe Wachslichter, ein weies Tischtuch war aufgedeckt, und neben
den Tontellern blinkten silberne Kannen und Becher. In der Halle waren zwei
lange Tafeln gerichtet mit Sitzen darum und unten an der Tr eine dritte kleine,
alle mit Holzgert und irdenen Krgen bestellt.
    Der Kmmerer des Grafen trat an die Tr der Halle und blies auf einem Horn,
das er am Halse trug, den Ruf zum Mahle in den Hof. Klirrend drangen die
Schwertmannen in die Halle und reihten sich hinter den Holzsthlen, auf der
rechten Seite die freien Vasallen und unterhalb, wo das Tischtuch aufhrte, ihre
Knechte, auf der linken Seite die unfreien Hofleute mit den Knechten. Die Freien
waren meist buerische Genossen, welche lungernd in den Drfern des Grafen
saen, bis sie zum Schwertdienst entboten wurden, die Unfreien aber, obgleich
sie die schlechtere Bank besetzten, achteten sich fr heldenhafter, weil viele
von ihnen im Herrenhof hausten, tglich hinter dem Grafen ritten und schnes
Gewand und gute Rosse von ihm empfingen. Die Freien wiederum waren stolz auf
ihre Herkunft und verachteten die Knechtschaft der Geschmckten, so da die
beiden Bnke in Eifersucht lebten. Ganz unten an der Tr aber, getrennt von den
anderen, harrten an besonderem Tisch die beiden Fechter, Ringrank und der Sachse
Sladenkop, unehrliche Leute, welche ihr Blut dem Grafen verkauft hatten und
ffentlich mit scharfem Eisen gegen ihresgleichen kmpften oder auch heimlich
jedermann niederschlugen, sooft es ihr Lohnherr gebot.
    Der Kmmerer stieg auf die Stufen des Ehrensitzes und gab ein zweites
Hornzeichen. Da ffnete sich eine schmale Tr der Hinterwand, und Graf Gerhard
trat selbst herein, hinter ihm seine Tochter Hildegard, welche den kleinen
Bruder an der Hand fhrte. Der Graf hatte seinen eisernen Kettenrock mit einem
hellen Hauskleide vertauscht, das bis ber die Knie herabhing und von breiter
gestickter Borte umsumt war, darber trug er am weien Ledergurt sein Schwert,
an den Beinen hohe rote Strmpfe und schn gestickte Schuhe. Er war wohl lter
als fnfzig Jahr, in seinen schrgen Augen glitzerte das Weie, so da den
Leuten sein Blick nicht gefiel, und da die niedrige Stirn stark zurcktrat und
seine Nase sich lang ber den frnkischen Schnauzbart gegen das spitze Kinn
dehnte, so hatte er wegen seinem wlfischen Aussehen den Beinamen Isegrim
erhalten. Gern wendeten die Mannen den Blick von ihm auf die Jungfrau, sie
schauten bewundernd auf die schlanke Gestalt, welche ihr weies rmelgewand mit
buntem Grtel und Saume so stolz trug, auf langes blondes Haar, das durch ein
blaues Band ber der Stirn zusammengehalten wurde, und auf ein rundliches
Kinderantlitz, ber dem der unwiderstehliche Zauber der Unschuld lag.
    Der Graf winkte, und als das Horn zum drittenmal rief, stiegen aus dem Hofe
der Truchse mit den Kchenknaben und der Mundschenk mit dem Kfer in die Halle,
und sie setzten die Speisen und groe Trinkkrge auf die Tafel. Der Herr trat zu
seinem Lehnstuhl, nahm die Mtze ab und hielt einen Augenblick das Gesicht
hinein, alle neigten die Hupter, und mancher Fromme schlug das Kreuz, dann
rckten die Burgleute krftig die Sthle, zogen ihre Messer aus der Scheide und
begannen schweigend die Arbeit des Mahles.
    Wohl gelang uns die Fahrt in das Heu, begann der Graf, einen Becher
hebend, und mit Stolpern und Ausgleiten endete der Reigentanz der lustigen
Mnche. Trinkt, Bankgenossen, und sorgt, da der Ausgang so rhmlich sei als der
Anfang. Heller Beifallsruf erhob sich, und die Trinkkannen wurden in der Luft
geschwenkt. Fhrt den alten Hugbald mit seinem Knaben aus dem Turme herbei. Sie
waren die einzigen, welche wacker die Reiterwaffe gebrauchten, sie sollen nicht
Schwarzbrot kauen, whrend wir uns des Mahles freuen. Zwei Knechte eilten
hinaus; nach einer Weile wurden Hugbald und Immo eingefhrt, beide waffenlos.
Als sie auf der Schwelle standen, rief der Graf durch den Saal hinab: Tritt
nher, Alter, lagere dich dort unter meinen eisernen Knaben. Er wies auf den
Tisch zur rechten Seite, wo zwischen den Rittern und Knechten eine Bewegung
entstand, und mahnte wohlwollend: Lat ihn das Tischtuch haben, denn er trug
manches Jahr seine Sporen als ehrlicher Gesell und soll ungekrnkt von meinen
Tellern essen. Hugbald ging schweigend auf den Platz, welcher ihm gerumt
wurde, und antwortete gleichmtig auf die Gre und Spottreden seiner Nachbarn.
    Hpfe auch du auf die Bank, junger Klosterkauz, gebot der Graf und winkte
Immo, welcher an der Tr stehengeblieben war.
    Ladet Herr Gerhard mich ein, in seiner Halle niederzusitzen? fragte Immo
errtend, aber mit einer Stimme, die hell durch den Raum klang.
    ffnet ihm eine Ecke, befahl der Hofherr, zu den Knechten gewandt. Aber
Immo eilte mit gehobenem Haupt durch die Halle dem Tisch des Grafen zu, er stieg
die Stufen zum Herrensitz hinauf und drngte mit der Hand den Kmmerer, der ihn
aufhalten wollte, beiseite. Dir wrde geziemen, mir den Stuhl zu rcken, rief
er. So trat er auf die Erhhung, trug einen Sessel neben die Tochter des Grafen,
sprach freundlich, nach allen Seiten grend: pax domini vobiscum, und setzte
sich. Graf Gerhard sah sprachlos vor Erstaunen auf den kecken Eindringling.
bel gedeihe dir deine Frechheit; seit wann klettern die Schler in den
Abtstuhl. Doch Wunderliches hren wir ber die Unordnung in Wigberts Hofe.
    Im Hofe des Heiligen sitze ich demtig an der Schlerbank, bei Euch, Herr,
ziemt mir der Stuhl in Eurer Nhe.
    Werft den Schamlosen von seinem Sitz, befahl der Graf zornig.
    Dann fhrt mich zurck in den Turm, rief Immo, denn bei allen Heiligen
des Himmels, an keiner Bank lagere ich, keinen Bissen und keinen Trunk nehme ich
in diesem Saal, wenn mir nicht ein Ehrensitz bereitet wird, wie ihn mein Vater
erhielt, wenn er diese Burg betrat.
    Wer bist du, Knabe, da du mir unter meinem eigenen Dache zu trotzen
wagst?
    Es ist Immo, Herr, Sohn des Helden Irmfried, welcher das Banner der
Thringe im Lande Italien trug, bedeutete ein alter Dienstmann in der Nhe des
Grafen, und darin hat er recht, die Mnner seines Geschlechts haben von je
einen Herrenstuhl begehrt.
    Jetzt erkenne ich dich, Immo, versetzte der Graf ruhiger, bei meinem
Schwert, frh krmmt sich der Haken. Dennoch sollen meine Knaben dich abwrts
fhren, da du kein Krieger bist, sondern nur ein halber Mnch.
    Immo errtete vor Zorn. Ich aber meine, da Eure Reisigen meinen Arm
gefhlt haben, fragt nach, wenn es Euch gefllt, ob die Ste nur halb waren und
in Mnchswelse gegeben oder nach Art eines ehrlichen Kriegers. Und wenn ich
wte, da die Starken, gegen welche ich geritten bin, in diesem Saal wren, so
wrde ich sie gern friedlich begren und sie bitten, da sie ihren Groll gegen
mich schwinden lassen. Denn ich habe nur getan, wozu ich als Geselle des Hugbald
verpflichtet war, und ich hoffe, auch sie ehren den Spruch: Auf der Heide
schlagen, beim Trunke sich vertragen.
    Da rief ihm ein junger Dienstmann von der Bank entgegen:
    Hast du auch meinem Genossen das Haupt zerschlagen, lustiger Immo, so will
ich dir doch Bescheid tun, wenn der Graf dir einen Trunk verstattet. Denn laut
drhnte dein Holz an meiner Eisenhaube, und ich schulde dir noch einen Dank vom
letzten Kirchfest, wo ich allein gegen eine Anzahl Klosterleute rang und du mir
zu Hilfe sprangst, damit der Kampf ehrlicher sei. Treffe ich dich mit einem
Schwert aber spter auf grnem Grunde, dann zahle ich dir die Streiche zurck,
und du magst sie tragen.
    Ein beiflliges Gebrumm ging um die Bnke.
    Wohlan, entschied der Graf, da du dich vor meinen Mannen nach Gebhr zu
entschuldigen weit, so will auch ich heut an die Ehren deines Vaters gedenken.
Siehe zu, ob du meine Tochter Hildegard erbitten kannst, da sie deinen Stuhl in
ihrer Nhe leidet, denn sie ist gleich dir vor kurzem aus der Klosterschule
geschlpft, und sie soll dir wie ein Abt in Latein dein Urteil sprechen. Wir
anderen aber wollen ruhig zuschauen, wenn sie ber dem Scholastikus zu Gericht
sitzt.
    Das Mdchen sa unbeweglich und sah errtend vor sich hin.
    Sei mir hold, bat Immo, da du doch aus der Schule bist.
    Ein freundlicher Blick des Einverstndnisses fiel auf ihn, dann sah sie
wieder vor sich hin.
    Hast du das Sprechen verlernt, Hildegard? fragte der Graf unwillig. Sechs
teure Rosse haben die frommen Frauen genommen, um dich in ihrer Zucht zu
unterweisen, obgleich ich das Gewieher der Rosse lieber hre als das
unverstndliche Murmeln in fremden Zungen. Mich reut meine Spende, wenn du dem
dreisten Schler nicht zu antworten vermagst.
    Cave ne iram augeas, sprach das Mdchen leise, ohne den Schler anzusehen.
    Nur drftig rinnen die Worte wie aus versiegendem Quell, was hast du ihm
gesagt, Mdchen? fragte der Graf.
    Sie hat mich gemahnt, antwortete Immo, sich erhebend, da ich mit
ehrerbietiger Bitte Euch nahen soll. Darum flehe ich, Graf Gerhard, da Ihr mir,
wenn ich auch Euer Gefangener bin, den Sitz gestattet und mich nicht von Eurem
Tische sendet. Denn um Euch alles zu sagen, gar nicht reichlich war heut die
Mittagskost im Kloster, und der Ritt zwischen den Rossen Eurer Reisigen war auch
einem frhlichen Imbi sehr ungleich, und gern wrde ich Heil fr Euch und die
Jungfrau trinken, wenn ich es vermchte.
    Da der Graf an dem beiflligen Murmeln seiner Dienstmannen erkannte, da
diesen die Art des Jnglings wohlgefiel, so lachte er und rief ber die Bnke:
Wahrlich, dieser Schler versteht nicht nur sich selbst, auch anderen Ehre zu
geben. Darum gefllt mir, da heut die beiden Lateiner zusammensitzen. Flle
deinen Becher, Hildegard, und biete ihm den Trunk, rcke ihm auch deinen Teller
hin, denn als dein Geselle soll er heut von deinem Teller essen und aus deinem
Becher trinken.
    Das Mdchen schob den Teller zgernd nach dem Fremden hin.
    Ich merke, sagte Immo rgerlich, da dir dein Geselle unwillkommen ist.
    Wundere dich nicht, Immo, spottete der Graf, du bist wie ein Frosch aus
dem Klosterweiher herangehpft. Ihr aber geht es wie der Knigstochter, welcher
auch ein Frosch zum Gesellen gesetzt war, stolz sah sie auf den Quaker, kalt
erschien ihr sein Fell, und nur mit zwei Fingern griff sie ihn an.
    Ja, so tat sie, Herr, versetzte Immo dreist, aber zuletzt wurde der
Quaker doch ihr Gemahl.
    Der Graf und seine Bankgenossen lachten laut. Mifllt dir auch seine
ungefge Stimme, gebot der Graf ergtzt der Jungfrau, so flle ihm doch den
Becher.
    Trinke mir zu, mahnte Immo, dies ist mein Recht, da ich dein Geselle
bin.
    Hildegard berhrte den Becher mit ihren Lippen, schob ihm den Becher hin und
sagte leise: Stille ein wenig den lauten Gesang, denn der Reiher schwebt ber
dir.
    Sieh zu, Frau Reiherin, ob meine Hand kalt ist wie eine Froschhand,
versetzte Immo, ihre Hand fassend.
    Du wirst dreist, Herr Frosch, antwortete das Mdchen, die Hand
zurckziehend, tauche zurck in deinen Quell. Sie hob die Kanne und go ihm
den Becher voll.
    Sei bedankt, Geselle, sprach Immo. Komme ich einmal aus dem Kloster, so
sende ich auch dir etwas, das dir Freude macht.
    Du weilst ungern im Kloster, mir aber wurde das Scheiden bitter, begann
Hildegard zutraulicher, denn selig waren die Tage meiner Jugend unter den
frommen Frauen, und wilde Reden hre ich hier unter den Mnnern.
    Manches Vglein, das aus dem Bauer kam, duckt sich furchtsam auf dem Aste,
zuletzt lernt es doch unter dem blauen Himmel fliegen, trstete Immo.
    Als mir die Mutter starb, fand ich unter den frommen Frauen getreue
Pflege.
    Waren sie streng in der Schule? fragte Immo teilnehmend.
    Am Vormittag durften wir nur lateinisch reden, erklrte Hildegard, und
wir lasen im St. Augustinus und die Verse im Virgilius: Conticuere omnes.
    Infandum regina jubes renovare dolorem, rief Immo, manchmal hat mir der
Heide den Kopf hei gemacht, und beide lachten vergngt einander an.
    Auch andere Kunst lernten wir, fuhr Hildegard mutig fort, denn im
Schreiben war Mutter Mechthild sehr geschickt, und sie vergnnte mir, da ich
die Hymnen fr mich schrieb. Ich habe auch das Buch genht, ich habe es auch
selbst in Holz gebunden, und der Schmied hat acht Edelsteine in die Ecken
gesetzt.
    Diese Kunst vermag ich nicht zu ben, versetzte Immo.
    Auch mit der Nadel lernten wir Bilder sticken aus Purpur und bunten
Seidenfden. Sogar Goldfden fr die Kunstreichen fehlten selten im Kloster.
Sieh her, das habe ich mir selbst gestickt, und sie wies ihm die Verzierungen
am rmel ihres Gewandes.
    Immo sah bewundernd darauf. Dir ist es besser gelungen als mir. Aber beide
sind wir Waisen, ich kam in das Kloster, weil mir der Vater starb, jetzt frchte
ich, da bald einmal die Schere knipst, um mir das Haar zu scheren.
    Du meinst wohl, es sei schade um deine Locken, spottete Hildegard, aber
sie sah doch teilnehmend auf sein Haar, welches im Lichte glnzte und lnger
herabhing, als strenge Klosterzucht sonst den Schlern gestattete. Wenn der
Mutter Mechthild einmal die Goldfden fehlen, so kann sie deinen Haarschopf dazu
verspinnen.
    Lieber wre mir, wenn dir gefiele, fr mich einen Goldfaden aus deinem
Gewande zu ziehen. Hier ist mein Finger, binde ihn mit deinem zusammen, da du
doch heut mein Geselle bist. Denn wisse, das ist Brauch in der Welt.
    Das ist bler Brauch, versetzte das Mdchen errtend, ich vermchte dich
doch nicht bei mir festzuhalten. Auch habe ich vernommen, da treue Gesellen
solche Gewohnheit haben, sie sitzen beieinander auf demselben Zweige und singen
dieselben Lieder. Deine Weise aber ist, wie ich merke, sehr ungleich der
meinen. Sie neigte das Haupt ein wenig auf die Seite und lud ihn durch einen
lustigen Blick zum Wortkampf ein. Mir gefllt's, wenn das Glcklein im Kloster
klingt, dann singen wir fromme Hymnen.
    Mir aber gefllt's, wenn das Waldhorn tnt, antwortete Immo ebenso, dann
bellen die Hunde, dann springen die Hirsche, und lustig reitet der Jger im
wilden Wald. Was sagst du dazu, mein Geselle?
    In deinem grnen Wald heult der Wolf und haust der wilde Br, im Kloster
aber ziehen wir mit Kreuz und Fahne und danken dem Himmelsherrn.
    Mhselig ist es, immer den Kopf zu neigen und mit langsamem Fue zu
schleichen. Ich lobe mir den grnen Anger und bunten Klee, dort werfen die
Knaben und Mdchen den Ball und springen den Reigen. Wie gefllt dir das, mein
Geselle?
    Beim wilden Reigen sah ich die Knaben das Messer ziehen, und blutige
Streiche strten den Tanz; ich lobe mir, wenn das junge Geschlecht im Kreise
sitzt und die Vorleserin Gutes aus den Bchern verkndet.
    Leicht kommt der Schlaf, wenn man tatlos kauert. Viel lieber schwinge ich
selbst den Speer und das Schwert und reite im Eisenhemd ber die Heide. Was
sagst du dazu, mein Geselle?
    Ein Kriegsmann willst du werden, rief das Mdchen erschrocken, sie werden
dich tten, und sie verga das Redespiel.
    Wenn sie das vermgen; ich aber will sorgen, da es ihnen nicht gelinge.
    Die Jungfrau sah scheu aus ihren groen Augen auf den Nachbar. Da er nicht
geistlich werden wollte, strte ihr die Sicherheit, sie schob ihr Gewand
zusammen und schwieg.
    Immo achtete in seinem bermut nicht auf ihre Bewegung und rief: Mir ist
heut manches schlecht gelungen, die Schwertleute haben sich an mich gehngt und
mich hart geschnrt, und ich wei nicht, was mir dein Vater ersinnen wird.
Dennoch bin ich froher als je in meinem Leben, und ich knnte auf meinem Stuhl
hpfen. Ich fhle auch gegen niemand Groll, und es ist mir ganz lieb, da sie
mich gefangen haben. Ich wei nicht, woher das kommt, wenn mir nicht darum so
wohl ist, weil ich neben dir sitze und mit dir aus einem Becher trinke. Wonnig
ist mir zumute, und ich mchte wohl einmal aus Herzensgrund aufjauchzen oder
auch singen. Aber mein Gesang wrde nicht jedermann freuen, denn meine Stimme
ist rauh. Noch anderes Recht habe ich als dein Geselle, und auch das sollst du
wissen. Denn kssen darf ich dich, wenn ich will.
    Hildegard erschrak und wandte sich ab: Hte dich, da der Vater das nicht
hrt, schnell wrde dein Ehrensitz dir genommen werden.
    Um den Vater sorge ich nicht, nur um deinen Zorn, versetzte Immo
bermtig, und da ich dich vor den Kriegsleuten nicht beschme. Aber wenn ich
dich einmal allein wiedersehe, dann bestehe ich auf meinem Recht. Mgen die
guten Engel fgen, da dies bald geschehe. Und er sang halblaut die Worte des
Hymnus: Audi, benigne Conditor, nostras preces cum fletibus.
    Das Mdchen nahm die Weise auf und sang halblaut andere Zeilen des Liedes
entgegen: Dona, per abstinentiam jejunet ut mens sobria1. Flehe zu den
Heiligen, da du nchtern wirst, denn wie ich hre, redest du gleich einem
Berauschten.
    Wie du geschickt zu entgegnen weit, rief Immo begeistert, du bist ein
sinnvolles Weib, wenn du mich auch verhhnst.
    Der Graf hatte unterdes mit seinen Mannen emsig dem Wildbret und starken
Bier zugesprochen und nur einzelne Reden mit den Vertrauten, welche ihm zunchst
saen, gewechselt, jetzt lehnte er sich zufrieden auf dem Stuhle zurck und
hrte die lateinischen Worte des Hymnus, welche seine Tochter sprach. Merkt auf
unsere Klosterleute, rief er, sie summen nach Art der Mnche mit geneigten
Kpfen, und da er im geheimen stolz auf das Wissen seiner Tochter war, fuhr er
fort: Fremde Worte sprechen mag jeder, aber das Gesprochene verstehen ist
schwerer. Vermagst du einzusehen, Immo, was das Mdchen zu dir gesungen hat?
    Ja, Herr, versetzte Immo, sie mahnt mich, mig zu sein, damit Euer Trank
mir nicht das Hirn betube.
    Allzu streng ist Hildegard, lachte der Graf, dir soll auch einmal etwas
Gutes gegnnt sein. Obwohl ich erkenne, da es dir an Dreistigkeit nicht fehlt,
du junger Zaunknig. Denn Zaunknige nennt ja wohl das Volk die Mnner deines
Geschlechts.
    Immo bezwang mit Mhe den aufsteigenden Zorn. Weil meine Vorvter als alte
Landherren auf freiem Erbe saen, deshalb haben die Mnche ihnen im Scherz den
Namen Reguli, kleine Knige, gegeben.
    Da rhrte sich auch Egbert, ein unfreier Dienstmann des Grafen, welcher
stattlich im roten Gewande dasa, weil er der Sprecher war und der Liebling
seines Herrn, und rief spottend in den Saal: Eine Sage wei ich. Als die Vgel
den Genossen zum Knig whlen wollten, der sich am hchsten schwingen wrde,
barg sich ein Zwerg von Vogel in den Federn des Adlers und lie sich
hinauftragen bis dahin, wo er den Weltenherrn auf seinem Stuhle sah, dort
flatterte er ber das Haupt des Adlers und piepte: Knig bin ich. Da lachte oben
der alte Gott in seiner Halle, und unten schrien die Vgel im Zorn, bis der Herr
des Erdgartens gebot, da der Betrger seine Krone nur heimlich in den
Waldhecken tragen drfe, wo ihm niemand zusieht. Darum heit auch ihr
Zaunknige, weil eure Herrlichkeit im Busch versteckt ist.
    Immo erhob sich im hellen Zorn und rief: Nicht dem Diener antworte ich,
sondern dem Herrn. Ihr selbst habt es ja wohl erfahren, Graf Gerhard, da die
Helden meines Geschlechtes ihr Haupt nicht in der Waldhecke bergen. Nie hat
einer von meinen Ahnen sein Land vom Knig oder von der Kirche zu Lehen
genommen, wie die erbelosen Franken und Sachsen, welche von der Dienerbank in
das Land kamen, um bei uns Grafen zu werden. Manchen wei ich, der sich jetzt
rhmt, ein Edler zu sein, weil er als Diener eines Knigs mit groem Gefolge
reitet, obgleich seine Vorfahren aus der Kche und aus dem Stall geschlpft
sind.
    Mitnender Lrm erhob sich an den Bnken, und die Hand des Grafen Gerhard
griff nach dem Messer, das er an seiner Seite trug, der Jngling aber sah mit
blitzenden Augen ber die Versammlung, stattlich stand er da trotz seinem
Schlerkleide und rief laut in das Getse: Zrnt mir nicht, starke Helden, da
ich als ein unberhmter Jngling vor euch meine Stimme erhebe, wenn man seinem
Geschlechte durch stechende Worte die Ehre mindert. Auch zu Euch, Graf Gerhard,
flehe ich, da Ihr ohne Krnkung vernehmt, was ich nur zur Abwehr sprach. Heil
trinke ich Euch und Euren Kindern, und Dank sage ich Euch, wie dem Gaste
gebhrt. Er leerte den Becher und setzte sich.
    Der Graf barg seinen Groll hinter gezwungenem Lachen. Ich hre, du hast
unter den Mnchen gelernt, mit zwei Zungen zu reden.
    berall rhmen die Leute, versetzte Immo, da die Zunge eine gute Waffe
ist, und wir Schler haben, wie Ihr wit, vor anderen darin Ruf.
    Oft haben auch wir erfahren, wie scharf die Zunge der Mnche schneidet,
entgegnete der Graf, vor anderen aber bei den Mnchen des Wigbert, und wir alle
wissen, da ihr dort sehr ungeistlich lebet und der Gebete fr arme Seelen wenig
gedenkt. Auch von dir selbst, Immo, erinnere ich mich, gehrt zu haben, da du
wild in dem Kloster hausest und sogar den Mnchen ble Streiche spielst. Soll
deine Rede mir besser gefallen als seither, so berichte ein wenig von deinem
Streit mit den Geschorenen.
    Verzeiht, Herr, versetzte Immo ernsthaft, die Rinder kmpfen oft mit
ihren Hrnern gegeneinander, wenn aber der Br naht, dann schlieen sie sich
einmtig zusammen und weisen ihm die bewehrte Stirn; so wre auch mir Unrecht,
an fremdem Tisch von den Vtern bles zu berichten, denn als ein Kind des
heiligen Wigbert hast du mich ergriffen.
    Du sorgst schlecht fr dein Wohl, rief der Graf zornig, wenn du dein
Kloster in dieser Halle rhmst. Denn undankbar und treulos haben Wigberts Mnche
an mir und meinem Geschlecht gehandelt. Oft habe ich mich enthalten, ihnen bles
zu tun, wo ich es doch vermocht htte, und mhsam habe ich den Zorn meiner
Mannen gebndigt, wenn sie die Rinder des Klosters begehrten und den bermut
eurer Dorfleute ansahen. Auch wegen der Wiesen und Fluren, von denen ich heut
den geschorenen Schwarm vertrieben habe, ertrug ich schon lange das Unrecht.
Denn meinem Vater gehrte der ganze Grund, und er hat ihn, wie die Mnche
behaupten, dem Kloster zugeschrieben, da ich noch jung war, unter der Bedingung
nmlich, da sie seine arme Seele von dem Hllenfeuer freibeten sollten. Dies
aber haben sie uns zum Unheil und zur Schmach versumt. Und ihr alle sollt es
wissen, was mir begegnet ist, damit ihr mein Recht gegen die Wigbertleute
erkennt. Jmmerlich war das Gesicht, welches ich neulich hatte, da ich auf
meinem Bette lag. Er bekreuzigte sich heftig und fuhr fort: Ich sah im Traum
eine unselige Gestalt von Flammen umgeben und mit glhenden Ketten an den Beinen
gefesselt, und ich erkannte, da sie so gestaltet war wie mein Vater, da er
lebte. Der traurige Geist wies auf den Grenzhgel, welchen die Mnche nach der
Schenkung neu geschttet haben, und seufzte: Mein war es, und dein soll es
wieder sein. Mir fuhr das Entsetzen durch den Leib, bis die Gestalt verschwand.
Daraus erkannte ich deutlich, da die Geschorenen als Lgner an meinem Vater
gehandelt haben, oder auch, da ihr Gebet ganz unwirksam geworden ist, weil sie
in Weltsnden leben; und darum beschlo ich, mein Eigentum wieder
zurckzufordern. Vermag Wiese und Feld nicht meinem Ahn einen guten Sitz in der
Himmelsburg zu erwerben, so soll dasselbe Land doch solchen, die mir treu sind,
einen warmen Sitz auf Erden bereiten; denn es wird dazu helfen, zwei bis drei
Kriegsleute mit ihren Rossen zu erhalten, wenn ich es ihnen als Lehn zuteile.
    Ein freudiges Geschrei ging um die Tische, und laute Heilrufe erklangen dem
Sprecher. Der Graf tat einen herzhaften Trunk und sah zufrieden ber seine
Bewaffneten. Dies sage ich in deiner Gegenwart, Immo. Denn obgleich du dich
heut trotzig an meinem Tische gebrdest, so will ich dich doch morgen zu deinem
Abt entsenden, damit du ihm meine Beschwerde verkndest. Ich whle aber dich,
weil ich merke, da du recht gut verstehst, deine Worte zu setzen, und weil ich
dich als nutzlosen Schler nicht im Kerker bewahren mag. Die Geschorenen, welche
mein Gesinde fing, habe ich entlassen, damit sie nicht als Gefangene in meinen
Mauern Unheil herabbeten, die Klosterknechte aber halte ich in Banden, bis dein
Abt sie auslst oder sich mit mir wegen der Wiesen vertrgt. Und ich fordere,
da er sich mit der Lsung beeile, wenn er sie lebend wiedersehen will, da ich
sie nicht lange zu fttern gedenke. Den Hugbald aber bewahre ich zu anderem
Tausch. Denn zwei meiner Knechte, sattelfeste Knaben, liegen auf der Burg des
Abtes verstrickt, weil sie neulich auf meinen Stuten beim Rogehege des Abtes
vorbeiritten. Da brachen die jungen Hengste des Herrn Bernheri aus und jagten
eigenwillig hinter den Stuten her, und als meine Knaben den Fllen die Leine
umwarfen, nur damit sich diese nicht in den Wald unter die Wlfe versprengten,
da kamen Dienstmannen des Klosters herzu, schrien meine Leute trotz ihrer guten
Meinung als Rodiebe an, rissen sie von den Pferden und fhrten sie samt den
Stuten nach dem Berg des Abtes. Mich aber krnkt dies Unrecht sehr, und ich
fordere meine Knaben und Pferde gegen den Hugbald und sein Pferd; das magst du
deinem Herrn verknden.
    Immo hrte erstaunt die Rede des Wirtes, ihm fiel schwer aufs Herz, da auch
sein Geschlecht dem Kloster wertvolle Hufen verkauft hatte, und er fhlte nicht
den Drang, die Mnche zu verteidigen. Er sah nach Hugbald, welcher mrrisch
hinter seinem Becher sa, und begngte sich, trotz der Freude ber seine nahe
Befreiung, ruhig zu sagen: Alles, was Ihr mir auftragt, werde ich dem Herrn Abt
berichten, auch Euer Traumgesicht, wenn Ihr das begehrt.
    Als er aber seitwrts nach Hildegard blickte, war ihr Antlitz gertet, und
groe Trnen rannen aus ihren gesenkten Augenlidern herab. Da erkannte er, da
die Jungfrau bitteres Leid ber die Reden ihres Vaters empfand, und sie wurde
ihm dadurch noch lieber. Sie aber vermied, ihn anzusehen, stand schweigend auf,
hob den Bruder von seinem Sitz und erbat leise vom Grafen die Entlassung, der
ihr gleichgltig durch eine Handbewegung gestattete, aus der Halle zu scheiden.
Und zu der Bank seiner Mannen gewandt, rief er: Fhrt auch die Verstrickten in
ihre Zelle zurck, wenn sie nchtern abwrtssteigen, so ist es ihre Schuld.
    Lebe wohl, Hildegard, sprach Immo leise und fate heftig ihre Hand. Denke
mein, lieber als alles auf der Welt wird mir sein, wenn ich dich wiedersehe.
    Sei auch du gesegnet, antwortete Hildegard und verneigte sich vor dem
Vater. Immo freute sich, da sie die Mannen stolz als Herrin grte; die kleine
Tr ffnete sich, und sie verschwand. Jetzt brannten die Fackeln dem Jngling
trbe, die wilden Mienen der Mnner erschienen ihm unheimlich, und er folgte mit
stummem Gru dem Kmmerer. Sorge dafr, da die beiden Klosterkrhen einen
besonderen Kfig erhalten und Stroh zu warmem Sitze, rief der Graf unter dem
Gelchter der Reisigen dem Kmmerer nach.
    Whrend Hugbald schweigend auf der Streu lag, bis er im Schlafe seines
Kummers ledig wurde, sa Immo neben ihm in seligen Gedanken, er berlegte jedes
Wort und jede Miene der Jungfrau, spt sank er in Schlummer.
    Am nchsten Morgen wurde er in den Hof gefhrt und vernahm noch wie im
Traume ungndige Entlassung und harte Worte aus dem Munde des Grafen. Als er
aber auf das Pferd steigen wollte, das ihm ein Reisiger zufhrte, ging eine
junge Magd aus dem Frauengemach bei ihm vorber, legte ihm verstohlen etwas in
die Hand und sagte leise: Nimm zurck, was dir gehrt. In ein groes
Lindenblatt war ein Blttchen Pergament gewickelt, auf dem Pergament stand mit
schner Schrift der Reisegru: Die lieben Engelein sollen dich hten und segnen
auf allen deinen Wegen; rings um die Schrift war mit der Nadel ein Goldfaden
durch das Pergament gezogen. Er drckte das Blatt an seine Brust und barg es in
seinem Gewande.
    Immo ritt aus den Buchen, von einem Reisigen des Grafen bis an die Grenze
begleitet. Er fand das Tor St. Peters geschlossen, die Brcke gehoben, wurde von
Bewaffneten angerufen und mute lngere Zeit harren, bevor ihm der Eingang
gestattet wurde. Herr Bernheri, welcher im Klosterhofe vor seinen Dienstmannen
sa, vernahm unwirsch die Botschaft des Grafen und entsandte den Boten mit dem
Mnch Eggo sogleich zur Fulda hinab in das Kloster. Auch das Kloster war in ein
Kriegslager verwandelt, am Eingang des Dorfes standen die Weiber in Haufen, sie
schrien dem Kommenden entgegen, umringten sein Ro und forderten Kunde von den
Gefangenen. In dem Hof der Reisigen drngten sich Kriegsleute und Knechte, das
Rsthaus war geffnet, und die Knechte trugen Eisenhemden und Waffen zu langen
Reihen. In den Arbeitshfen schwrmten die Brder, aus der Klausur entlassen,
aufgeregt durcheinander; bei der Mauer und dem Pfahlwerk zimmerten Arbeiter an
den Treppen und Bnken fr die Bogenschtzen, und im Vorhof der Kirche stand
Tutilo, ein Schwert ber der Kutte, als Hauptmann der groen Burg, welche zur
Verteidigung gerstet wurde. Unfreundlich sah er auf Immo: Hugbald liegt
gefangen. Leichter htte das Kloster dich entbehrt als seinen Dienstmann.
    Nicht mein ist die Schuld, versetzte Immo, da Hugbald gegen die Feinde
keine andere Hilfe fand als meinen Stab.
    Finster wies ihn Tutilo mit einer Handbewegung zur Seite, Immo aber eilte zu
seinen Genossen, welche vor allem froh waren, da sie heut nicht durch den neuen
Lehrer in die Schule gerufen wurden.
    Von ihnen umdrngt, berichtete Immo seine Fahrt und fhrte die Willigen vor
das Rsthaus, wo die lteren gewappnet wurden, um mit den Knechten die Mauer und
die Umgegend des Klosters zu bewachen. Eggo aber verkndete den Mnchen, da
Herr Bernheri am nchsten Morgen herabkommen werde, um die Brder im groen
Konvent zu versammeln. Mit dsteren Mienen vernahmen die meisten die Botschaft.
    Der ganze Tag verging im Getmmel; trotz der Nachricht, welche Immo gebracht
hatte, sorgten die Mnche, da der Graf einen Anlauf gegen das Kloster wagen
oder da seine Dienstmannen in Herden und Drfer einbrechen wrden. Bis zum
Abend kamen von allen Seiten Flchtlinge mit ihrer wertvollsten Habe, auch das
Herdenvieh wurde herangetrieben von Anger und Weide, zuletzt kam noch der
Sauhirt mit seiner Herde, und die Brder hatten Not, die Menge der Menschen und
Tiere in den Hfen zu bergen. Als die Sonne unterging, war in dem Kloster, das
sonst am Feierabend so still in der Landschaft stand, ein wirres Getse und
Geschrei, die Rinder brllten, die Schweine grunzten, die Schmiede schlugen auf
die Speereisen, und die Zimmerleute hieben Balken und Bretter fr die
Verschanzung.

                           Der letzte Tag im Kloster


Im Chor der Kirche sammelte sich der Konvent; hastiger als sonst drngten die
Brder herzu, hei die Kpfe, gefurcht die Stirnen; und ein Summen, das nichts
Gutes bedeutete, ging durch die Gemeinde. Als Herr Bernheri mit seinen
Begleitern in den Chor trat, blieben die Nacken der Mnche steif, und aus dem
Summen wurde ein mitnendes Geschrei. Der Abt stand einen Augenblick berrascht
bei seinem Sitz und sah auf mehr als hundertundzwanzig Hupter seiner
aufsssigen Kinder, aber da er von Natur ein mutiger Mann war, wenn auch ermdet
durch Miggang und Wohlleben, so zog er seine Augenbrauen zusammen, blickte aus
seinem groen Haupt herausfordernd ber den Haufen und setzte sich steif in den
Abtstuhl. Die Hora begann, und der Abt selbst erhob die Stimme: Deus in
adjutorium, aber unordentlich tnte der Gesang der Brder, und der Lektor
eilte, sosehr er konnte, versprach sich und mengte die Zeilen. Als die letzten
Klnge verrauscht waren, begann wieder das unzufriedene Brummen. Da erhob sich
Herr Bernheri von seinem Stuhl und stand auf seinen Krckstock gelehnt gewichtig
vor den Brdern. Er erffnete den Konvent durch den lateinischen Gru und fuhr
mit lauter Stimme fort: Mein ist das Recht, zu befehlen, und euer die Pflicht,
zu gehorchen. Dennoch habe ich heut, wie die Regel erlaubt, die ganze Gemeinde
zur Beratung versammelt; sorgt dafr, da es mir nicht leid tue und da es euch
bei den Heiligen nicht zum Schaden gereiche, wenn ihr mir unbndig widersteht.
Gutes und bles habe ich euch zu verknden. Das Gute ist von unserem Herrn, dem
Knig Heinrich, gekommen, denn er hat uns den groen Bannwald bei St. Peter, den
wir uns lngst ersehnt, mildttig geschenkt. Der Abt hielt an, aber keinerlei
Beifall dankte fr die Begabung, und der Abt setzte die Rede unzufrieden fort:
Das ble aber kommt von dem Grafen Gerhard. Sehr grblich hat dieser das
Kloster geschdigt, durch den Schler Immo hat er unpassende Worte hierher
gesandt, nmlich, da er ein Recht auf die Waldwiesen erhalten habe, weil sein
Vater im Hllenfeuer sthne.
    Aufs neue erhob der Konvent zorniges Gebrumm; Herr Bernheri schwenkte die
Hand verchtlich gegen die Worte des Grafen: Ich kenne seit lange den argen
Wicht Gerhard und seine Gewohnheiten. Immer hat er ble Traumgesichte, wenn er
den Frieden brechen will. Schon vor vielen Jahren trumte ihm etwas wegen
unserer Hirschjagd, die er sich begehrte; er wrde alle seine Vter und Mtter
auf die heieste Bank der Hlle setzen, wenn er dadurch fr sich einen
weltlichen Vorteil erreichen knnte. Soviel gebe ich auf seine Trume - er
blies krftig den Atem in die Luft. Ich aber frchte sehr, er selbst wird dafr
in den Hllenrachen geworfen werden, obwohl er zuweilen beim Weidwerk und bei
einem starken Trunk nicht schlechter war als andere. Denn wenige kenne ich unter
den weltlichen Frsten und Herren, die nicht ebenso raubgierig sind. Alle
trachten darnach, viele Dienstmannen mit Lehen zu begaben, damit diese ihnen bei
ihren Fehden die reisigen Knechte zufhren. Die Dienstmannen greifen das Kleine
im Wald und auf der Strae und ihre Herren das Groe vom Knige und der Kirche;
zum Kriege sind sie ntig, aber den Frieden vermgen sie schwer zu bewahren,
wenn nicht ein starker Herr sie zur Ruhe zwingt.
    Der Abt holte Atem und aufs neue tnte das dumpfe Brausen der Menge, doch
war es weniger feindselig. Und Herr Bernheri hob wiederum an: Gekrnkt bin ich
wie ihr alle, und wren meine Beine gesund und mein Sinn weniger gewitzigt, so
wrde ich vielleicht selbst den Streithengst besteigen; so aber mahnt mich die
Erfahrung vieler Jahre und meine eigene Krankheit zur Vorsicht. Zuerst will ich
euch verknden, was unfehlbar geschehen wird, wenn wir gegen den Grafen rsten.
Dorfhuser werden brennen und Mnner erschlagen werden, und das Ende wird sein,
da er auer dem Raub, den er jetzt gepackt hat, sich noch greren fordert
wegen der Mhe und Kosten seiner Rstung, und da er uns mehr schdigt als wir
ihn, denn das Kloster bedarf zum Gedeihen den Frieden, er aber den Krieg, und er
vermag uns von unseren Gtern in Thringen zu scheiden. Vor dem Knig aber wird
er recht behalten und nicht wir, denn schwerlich htte er seinen Vater in der
Hlle geschaut, wenn er nicht wte, da der Knig ihm bei den Wiesen gegen das
Kloster helfen will. Darum, wie sehr ich den Grimm ber seine Missetat fhle,
bin ich dennoch gewillt, ihm diesmal ein wenig nachzugeben, vielleicht, da er
sich begngt, das Land nur auf seine Lebenszeit zu behalten und bei seinem Tode
dem Kloster zurckzugeben. Dies ist die Hoffnung, welche uns bleibt, denn er ist
ein angefressener Stamm, und mancher Wurm nagt in seinem Holze, auch ihn
ngstigen zuweilen seine Missetaten jetzt und noch mehr in der Zukunft.
    Unter hellem Geschrei der Mnche sprang Tutilo auf und rief dem Abt mit
harter Stimme entgegen: Jetzt erkennen die Brder alle, in welchem Sinne du die
Worte des Gebetes gerufen hast; Erla uns unsere Verpflichtung, wie auch wir sie
erlassen unseren Verpflichteten, du selbst hoffst, da du fr dein eigenes
Unrecht ein mildes Urteil empfangen wirst, weil du andere Verbrecher straflos
dahinziehen lt. Aber du sollst auch verstehen, was die Brder gemeint haben,
als sie laut riefen: Befreie uns von dem Argen, denn damit meinten sie nicht den
Grafen Gerhard allein, sondern noch jemanden. Niemals htte der Graf gewagt,
Klostergut anzugreifen, wenn er nicht wte, da solche, die zu Wchtern des
Klosters gesetzt sind, selbst eigenntzig mit dem Gut der Kirche schalten. Oft
hast du das bewiesen; unter anderem auch neulich, als der fremde Hndler starb,
den wir in seiner letzten Krankheit ein Jahr lang gepflegt hatten. Denn bei
seinem Tode verlie er dem heiligen Wigbert ein Kstchen mit edlen Steinen, die
er aus Welschland gebracht hatte, und wir hofften, da die Steine den Altren
ein Schmuck werden sollten und auerdem vielleicht einmal jhrlich den Brdern
ein frohes Liebesmahl verschaffen. Du aber hast die Steine an dich genommen und
durch den Schmied in Becher schlagen lassen, die du selbst gebrauchen wirst oder
auch ein anderer, wie es dir gefllt. Nicht als ein Vater, sondern als ein
Tyrann herrschest du ber die Gemeinde. Deinen Gnstlingen gestattest du jede
Unbill und dagegen versagst du den Brdern auch die erlaubte Erquickung. So
tatest du neulich, da du ein Verbot erlieest, welches ich lcherlich und
kindisch schelte, da nmlich der Koch an den Fasttagen den Brdern niemals
Lebkuchen backen soll. Diese Speise war vielen eine heilsame Ergtzlichkeit,
worauf sie sich durch die Woche freuten. Du aber hast dies aus Bosheit verwehrt,
weil es ihnen lieb war. Antworte, wenn du vermagst, zuerst wegen der kleinen
Dinge, denn noch Weiteres haben wir ber dich zu klagen.
    Dieser Angriff wurde durch starkes Gebrumm der Brder bekrftigt. Da ihnen
manche Speise versagt war, so hatte das Erlaubte fr die meisten um so greren
Wert, und sie dachten und murmelten viel ber Trunk und Kost. Und Tutilo wute,
da sie wegen dem entzogenen Gebck ihrem Abte strker zrnten als wegen
rgerem.
    Das Gesicht des Abtes rtete sich bei der Beschuldigung, und er rief:
Schweig mit deinen ungebhrlichen Reden, sowohl aus Scham vor mir als aus
Furcht vor den Heiligen. Ganz ungehrig ist, was du an geweihter Sttte ber das
Pfeffergebck vorbringst. Denn jeder Verstndige wird mir recht geben, da der
Pfeffer, welchen sie hineintun, fr Mnche allzu hitzig ist, und weil sie die
Speise stark mit Honig wrzen, schmeckt ihnen nachher jeder Wein sauer und sie
ziehen bei ihrem Trunk rgerliche Gesichter. Was aber den Schatz betrifft, so
habe ich allein das Recht zu erwgen, wie er dem Kloster den grten Vorteil
bringt. Die Becher habe ich zum Geschenk bestimmt fr solche, an deren gutem
Willen das Heil des Klosters hngt, und ich selbst traure, da es ntig ist,
durch Gaben zu shnen, was deine Untreue verbrochen hat. Denn mit Emprern
verhandelst du, und du verleitest die Brder zur Untreue gegen Herrn Heinrich,
unseren Knig. Aber allzulange habe ich die Tcke deines Wesens ertragen, und
ich bin entschlossen, mit dir zu verfahren, wie unser Vater, der heilige
Benedikt, gebietet, wenn ein Prpositus von dem bsen Geiste des Hochmuts
aufgeblasen wird. Mehr als viermal habe ich dich mit Worten gemahnt, jetzt naht
der Tag deiner Strafe; fgen sollst du dich, oder du wirst aus dem Kloster
geworfen zu einer Warnung fr die anderen. Die Pforte sperre ich dir auf, du
magst auslaufen, wohin du willst, und die Toren, welche dir anhngen, mit dir.
    Da erhob sich der Konvent in wilder Bewegung, die Bande der Zucht zerrissen
in der Wut, welche die Seelen erfllte. Dicht vor den heiligen Reliquien brach
die Emprung aus, von ihren Sitzen sprangen die Mnche an die Stufen des
Hochaltars mit heien Gesichtern und glhenden Augen; starke Arme streckten sich
und mitnendes Geheul erfllte die Kirche.
    Aber auch im Rcken der Streitenden klang lauter Ruf, und die eiserne
Gittertr, welche den Vorhof zum Hauptschiff der Kirche trennte, krachte in
ihren Angeln. Denn dort hinten drngte gewaltsam ein wilder Haufe mit Leibern
und Stangen. Nur wenige von den Mnchen hrten auf den Lrm, der von auen kam,
doch Rigbert lief durch die Kirche nach dem Eisengitter und schrie, sich mit
ausgebreiteten Armen davorstellend: Immo, Unseliger, was wagst du? Bist du des
Lebens mde, da du mit den Ungeweihten in die Klausur brichst?
    Wir sind nur mde vom Stehen und Harren, rief Immo lustig hinein. Meinst
du, die Schule wird fernbleiben, wo die Mnche einander knuffen? ffne die Tr,
Rigbert, wenn du ein guter Genosse bist.
    Niemals, denn es wird euer Verderben. Was willst du in der Kirche?
    Schlge zu Ehren des heiligen Wigbert austeilen, wen es auch trifft. Wer
ist in der Not?
    Sie bedrngen den Herrn Abt.
    Wie, das gute Weinfa? Gesellen, wir helfen dem Abt!
    Die Schler riefen gellenden Kampfschrei, und wieder rasselten die Stangen
an dem Tor, gegen welches sich der Mnch mit seinem Leib stemmte; da griff Immo
behend durch das Gitter und schob den Riegel zurck. Die Tr flog auf, und die
Schler drangen herein; allen weit voraus sprang Immo dem Chore zu. ber den
Rcken zweier Mnche, die er als Bock gebrauchte, flog er wie ein Federball vor
den Altar und stand allein mitten unter den Tobenden, nahe dem Abt, der das
schwere Kreuz vom Altar gehoben hatte und den Aufrhrern entgegenhielt, whrend
die Brder seiner Partei wie eine Schar gescheuchter Hhner
auseinandergeflattert waren und hinter dem Altar und den Sthlen Schutz suchten.
    Hara! rief der wilde Immo, zu Hilfe dem Herrn Abt. Komm heran, Dekan
Tutilo, damit ich dich lehre, deinem Abt den Fu zu kssen.
    Die Mnche wichen beim Anblick des Jnglings zurck, der, mit drohender
Gebrde einen Eisenstab schwingend, vor ihnen stand. Der allgemeine Zorn wandte
sich gegen den Einbrecher. Hinaus mit dem Frevler! schrien viele Stimmen. Die
Klausur ist gebrochen, geielt den Missetter! Ein Mnch sprang hinter den
Altar und ri die Geiel, welche dort fr die Mnchsbue lag, aus dem Kasten;
von Hand zu Hand ging die blutbesprengte, Tutilo packte sie und strzte damit
auf den Schler los. Aber im Nu lag der starke Mann von einem Schlage getroffen
am Boden, Immo hob die Geiel ber ihn und rief: Das sei dein Lohn, bellender
Hund! So schnell war die Tat, so unerwartet der Frevel und so wild schlug der
trotzige Jngling, dessen Kraft die Brder wohl kannten, da alle einen
Augenblick starr standen und dem Getse pltzliche Stille folgte. Aber gleich
darauf erhob sich wieder das Getmmel und Geschrei: Zu Boden mit dem Bsewicht,
werft ihn in den Kerker, bindet ihn auf das Kreuz! Whrend sich so die Anhnger
des Tutilo zum Angriff anfeuerten und Immo mit flammenden Augen gegen sie die
Stange hob, da geschah, was allen unerhrt war: die beiden Alten Bertram und
Sintram warfen sich zwischen den Haufen gegeneinander auf die Knie und baten zu
gleicher Zeit und mit denselben Worten einer den anderen um Verzeihung. Denn als
der Kampfzorn die Brder ergriff und zwiespltig schied, da hatte sich zum
erstenmal ereignet, da die beiden nicht derselben Meinung waren, und Bertram
hatte auf der Seite des Abtes, Sintram aber auf der des Tutilo die Faust
geballt. Und als sie nun beide zu gleicher Zeit sahen, da sie einander mit der
drohenden Faust gegenberstanden, hatte jeder sich ber sein eigenes Unrecht
entsetzt, und sie baten mit Trnen einander ab und umarmten sich, whrend sie
auf den Knien lagen. Als der emprte Haufe die Greise am Boden sah, wurde ihm
der Anblick unheimlich, einige von den Rohesten lachten, aber die Mehrzahl fuhr
entsetzt zurck. In diesem Augenblick sprang Reinhard auf die Stufen des Altars
und rief, die Arme erhebend: Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns Sndern!
Kniet nieder, ihr Brder, und flehet um die Vergebung der Heiligen. Nicht durch
Geschrei wird der Schaden des heiligen Wigbert geheilt; ihr seht selbst: wie ihr
euch gegen den Vater des Klosters, so emprt sich Bruder gegen Bruder und die
ruchlose Jugend gegen euch alle. Eure Feindschaft strkt nur die Feinde drauen.
Wollt ihr euch helfen, so rate ich, da heut nicht in der Menge verhandelt wird,
was zum Frieden des Klosters dient, sondern da die Dekane und die Alten sich
mit unserem Herrn Bernheri in friedlicher Beratung vereinen. Du aber, Jngling,
wirf die Geiel weg, mit der du an heiliger Sttte gefrevelt hast, und erwarte
in Demut die Strafe, welche die Brder dem Verbrecher finden.
    Die Geiel fiel zur Erde neben Tutilo, welcher chzend auf dem Boden sa und
betubt seinen Kopf auf die Hand sttzte. Immo starrte wild umher. Da er merkte,
da er allein war und da seine Genossen sich in den Ecken und hinter den Sulen
zu bergen suchten, trat er an den Stuhl des Abtes zurck, aber seine Augen
flogen herausfordernd ber den Haufen. Herr Bernheri begann zornig: Nicht die
Geweihten des Herrn sehe ich vor mir, sondern eine Herde wilder Eber, welche
begierig ist, die eigenen Ferkel zu fressen. Ich aber verachte euer Grunzen und
das Schnauben eurer ungewaschenen Rssel, denn, wie sagt der hohe Apostel: Sie
wandeln dahin in ihrer Dummheit. Was aber hier Reinhard, der wrdige Bruder,
vorschlgt, das gefllt auch mir. Mit den Dekanen und mit den Ergrauten, welche
nicht Hcksel in ihrem Kopf haben, gedenke ich in spterer Stunde die Leiden des
Klosters zu erwgen, bis dahin mgen sie selbst in der Stille prfen, ob sie
eine Hilfe finden. Denn auch der Esel schreit laut, wenn er mig steht, wenn er
aber die Scke tragen mu, so schweigt er geduldig. Sie sollen auch einmal die
Last tragen, ich bin es mde, allein fr euch grobe Kltze Rat zu suchen, wo es
keinen gibt. Und so scheide ich jetzt den Konvent, wandelt bis morgen dahin in
Frieden. Ich aber verweile hier in meinem Hofe, damit niemand meint, da ich den
Unzufriedenen das Feld rume. Bestelle, was not tut, mein Kmmerer Eggo, und
diesen behenden Springer nimm mit dir. Nie sah ich einen Scholastikus so wild
auf geschorenen Kpfen zum Altar reiten. Der Abt wandte sich schwerfllig zum
Altar und neigte sich.
    Reinhard eilte zu den Brdern und sprach nachdrcklich in die ltesten
hinein, doch mrrischer Widerspruch erhob sich und laute Stimmen riefen: Der
Schler gehrt in unseren Kerker, denn er hat gegen einen Mnch gefrevelt. Der
Abt wandte sich wieder dem Haufen zu: Der Scholastikus gehrt unter die Zucht
des Lehrers Reinhard, dem Reinhard aber gebiete ich, mir zu folgen, denn ich
bedarf seiner, damit ich ihn, wenn es not tut, zu euch sende. Herr Bernheri
stieg langsam vom Altar, warf noch einen verachtenden Blick auf die emprte
Gemeinde und schritt unaufgehalten durch seinen Ausgang nach dem Abtshofe. Um
ihn drngten sich die Getreuen von St. Peter, sein Kmmerer hielt den Jngling,
welcher friedlich folgte, bei der Schulter; als letzter ging Reinhard.
    Hinter dem Abte brauste noch lange die wogende Menge, die erste Wut war
verraucht, aber bitterer Groll zurckgeblieben. Tutilo wurde von zwei Brdern in
die Klausur gefhrt, wo er sich erst erholte, nachdem der Kellermeister einen
Krug Wrzwein in seine Zelle gestellt hatte. Neben dem Kruge saen einige alte
Brder, den Kranken zu pflegen; sie prften und billigten den Trunk und zrnten,
obgleich sie mit gedmpfter Stimme sprachen, heftig auf mehrere, welche abwesend
waren.
    Unterdes stand Immo in der Berzelle der Abtei, ein Bruder von St. Peter,
der ihm fremd war, hatte ihm ein Bund Stroh hineingebracht und einen Krug mit
Trinkwasser, ohne ein Wort zu sprechen, und Immo, der den Klosterbrauch kannte,
hatte auch keine Frage getan, um sich nicht ber die versagte Antwort zu rgern.
Einen Augenblick dachte er daran, den Bruder festzuhalten und an seiner Stelle
hinauszuspringen, aber mit leisem Sthnen gab er den Gedanken auf, denn er wute
wohl, da das Haus des Abtes von Reisigen besetzt und keine Mglichkeit zur
Flucht war. Er untersuchte seinen Kerker, doch dieser bot geringen Trost, er war
nicht in freier Hhe gezimmert und kein Dach erhob sich ber ihm, es war ein
Kellerloch, nicht viel lnger als ein Mann, und die kleine Lichtffnung
vermochte kein Geschpf, das grer war als eine Katze, zu durchklettern. So
blieb ihm nichts brig, als auf dem Stroh zu sitzen und die finstern Gedanken
wegzuscheuchen, welche wie Fledermuse um sein Haupt schwirrten. Lange trstete
ihn ein wenig die berlegung, da er den Tutilo, der immer herrisch gegen ihn
gewesen war, so schn zu Boden geschlagen hatte. Er griff nach dem Pergament mit
dem Goldfaden und wiederholte sich die Worte, welche Hildegard zu ihm gesprochen
hatte, aber dabei wurde der Gedanke in ihm bermchtig, da er jetzt zum
zweitenmal als Gefangener in elendem Kerker sa. Als gar der Abend kam und der
Hunger stark in ihm nagte, wurde ihm frostig zumute, und ihm fiel ein, da seine
Zelle fr eine furchtbare Sttte galt. Manche Geschlechter vergangener Mnche
hatten hier jahrelang gebt und in Kreuzesform dagelegen, whrend die Geiel
ber ihren Rcken flog und ihr Blut auf den schwarzen Boden rann. Unheimliche
Geschichten erzhlten die Schler von der Not der Frevler, welche der Abt
gefesselt hielt, und wer in der Dmmerung an der Zelle vorbergehen mute, der
wandte das Haupt ab und beeilte den Schritt. Da Tutilo und seine Genossen ihm
todfeind geworden waren, erkannte er jetzt deutlich, und ihm kam auch vor, als
knnte er wohl das Shneopfer werden, ber dessen Leib der Abt mit den Mnchen
Frieden mache. Wild sah er umher und griff im letzten Zwielicht an die Wnde; es
waren dicke Mauern, hier und da hatte ein Ber sein Kreuz in den Kalk geritzt,
um davor zu beten. Da neigte auch er das Haupt und begann einen lateinischen
Psalter, aber unter den heiligen Worten kam ihm die Angst, was wohl die Apostel
Simon und Thaddus, vor deren Gebeinen er den Tutilo niedergeworfen hatte, von
seinem Tun denken wrden. Er konnte nicht glauben, da Tutilo als ein arger Mann
in Gunst bei den Hohen stehe, aber ob sie besonderes Wohlwollen fr ihn selbst
hegen knnten, erschien ihm sehr zweifelhaft, denn sicher hatte er eine schwere
Tat begangen und ihr Heiligtum entweiht. Da faltete er die Hnde und bat den
heiligen Wigbert, sein Frsprecher zu werden. Dieser war ihm immer hold
erschienen, und am liebsten hatte er vor seinem Altar gebetet, denn er dachte
sich, da der Heilige auf Erden ein guter Geselle seines Ahnherrn gewesen und
seit alter Zeit dem Geschlechte vertraulich war. So bat er jetzt demtig um
seine Hilfe. Und als er an die Heimat dachte, wurde ihm das Herz weich.
    Aber strmisch hoben sich wieder die Gedanken. Wenn er die Eisenstange nur
htte, die er heute frh geschwungen, dann knnte er wohl die Tr erbrechen. Und
er stampfte mit dem Fu auf den Boden, ob es irgendwo hohl klnge. Denn aus der
Tiefe der Erde kam geheimnisvoll die Flle aller guten Dinge, nicht nur die
Landleute, die noch Heidenbrauch bten, auch die Mnche wuten das. Vielen
Goldschatz barg die Mutter Erde, aber auch anderes Metall schenkte sie aus ihrem
Vorrat den Bedrngten. Warum sollte nicht auch er in seiner Not eine Waffe aus
der Erde graben, die ihn von der drohenden Schmach erlste. Er griff und stie
wieder an Wnden und Boden umher, aber nirgends erkannte er hartes Eisen. Und er
faltete aufs neue die Hnde und kauerte auf dem Stroh.
    Whrend er demtig in der Finsternis sa, vernahm er von auen langsame
Tritte, ein Lichtstrahl fiel durch das Eisenschlo golden in die Zelle, ein
Schlssel knarrte, die Tr ging chzend auf, und ein Mann trat schwerfllig
herein und beleuchtete vom Eingange mit seiner Blendlaterne den Sitzenden. Immo
schnellte empor, er erkannte Bernheri, seinen Abt und Herrn. Stemme dich von
auen gegen die Tr, Eggo, begann der Abt, nach rckwrts gewandt, damit der
Scholastikus Saliarius nicht auf den Einfall komme, uns selbst als Springbcke
zu gebrauchen oder gar in unserem eigenen Keller einzuschlieen. Immo lie sich
auf die Knie nieder und senkte schweigend das Haupt, suchte aber doch durch
verstohlene Blicke die Meinung des Herrn zu erraten.
    Sieh, Immo, fuhr der Abt feierlich fort, auf den Gebeugten herabblickend,
du bist zum Greuel geworden vor allem Volke, und die Tchter Israels schreien
wehe ber dich; welches aber nur tropice gemeint ist, denn ich hoffe, da du
Unglcksvogel dich in Wirklichkeit von jdischen Weibern stets ferngehalten
hast, zumal keine in der Nhe des Klosters zu finden sind. Aber was die Schrift
sagt, das gilt jetzt von dir: Aus der Tiefe schreie ich und niemand hrt meine
Stimme. Ganz verworfen bist du, und die hohen Engel wrden dich mit zahllosen
Backenstreichen begaben, nur da solche Regung der Hnde fr Himmlische
unschicklich ist. Was dich erwartet, weit du. An ein Kreuzholz wirst du
gebunden und so lange gegeielt, bis dein Vater Tutilo fr dich bittet; ich
meine, er wird sich nicht beeilen. Und spter wirst du auf Stroh gelegt in der
Klausur der Brder, wo nicht Sonne noch Mond dich bescheinen. Solches sind die
Folgen deiner Springerei und deines nchtlichen Dachkletterns. Meinst du, da
ich nicht wei, wer mir die Bcke bei Mondschein aus dem Walde holt. Item, das
sind die Folgen deines Abtspiels am Feste der unschuldigen Kindlein. Meinst du,
da mir unbekannt ist, wie du dir damals in der Schule ein Kissen unter deine
Kutte gebunden hast, um deinen hageren Leib gleichsam zum Hohn fr mich mit
einem Bauch zu versehen? Je mehr ich deine Art erwge, desto mehr Snde finde
ich in dir und erkenne, da du zu denen gehrst, von denen geschrieben steht:
Sie sollen vertilgt werden wie Spreu. Erkenne deine Missetat und bereue, denn es
bleibt dir nicht viel Zeit. Auch der Floh springt nur so lange, bis er geknickt
wird.
    Immo schauerte. Doch nicht ohne Nutzen war er sechs Jahre im Kloster
gewesen, und er hatte ein wenig die Mnchskunst gelernt, die Miene des anderen
zu beobachten und vorsichtig die Worte zurckzuhalten. Darum antwortete er
demtig: Mein Herr und Vater, mich reut nicht, da ich so geschwind war,
solange den Tutilo nicht reut, da er die Hand gegen seinen Herrn erhoben hat.
    Ich merke, rief Herr Bernheri, du hoffst, da ich in dieses Loch
herabgestiegen bin, um dich daraus emporzuheben. Darin irrst du gnzlich. Da ich
Abt der Brder bin, so fordert meine Wrde, deine Missetat zu strafen, wenn
diese auch in guter Meinung fr mich verbt wurde. Denn sobald der Morgen
anbricht, werden viele das Urteil ber dich fordern. Heut aber denke ich daran,
da du aus altem Geschlechte bist und da auch ich einst mich meiner Abkunft
rhmte, bevor ich mich einem Herrn gelobte, vor dem alle gleich sind, Freie und
Unfreie. Darum komme ich zu dir. Hast du das Gitter der Kirche gebrochen, so
vermagst du vielleicht auch diese Tr zu ffnen und hinauszufahren, ohne da
dich jemand sieht, du bist ja gewhnt, die Pfade eines Marders zu wandern. Aus
dem Faltengewand des Abtes sank ein eisernes Werkzeug auf den Boden. Immo
schnellte in die Hhe und seine Augen glnzten, aber er fate sich und
antwortete: Mein Herr mge mir verzeihen, wenn ich nicht wie ein Dieb
ausbrechen will. Wohin soll ich fliehen? In den Hof meiner Vter vermag ich
nicht zurckzukehren, wenn ich als Verbrecher dem Wigbert entweiche, denn
schnell wrden die Vter den flchtigen Schler zurckfordern vor ihr Gericht.
    Sprichst du so stolz, du Tor, rief der Abt, ich meine, jede Stelle, wo
der Himmel dich deckt oder das Laub dich verbirgt, wird fr dich lustiger sein
als die Mauersteine dieses Kerkers.
    Immo lie sich wieder vor dem Abt auf die Knie nieder. Dennoch flehe ich,
da mein Herr mir ehrlichen Urlaub gibt und mich als Freien entsendet.
    Mit einem Gefolge von Zinken und Posaunen, versetzte der Abt unwillig,
ganz toll bist du in weltlichem Hochmut. Und welche Herrlichkeit der Erde
gedenkst du fr dich zu begehren, wenn du den Klostermauern entweichst?
    Ein Schwert will ich finden und ein Ro; denn, hochwrdiger Vater, ein
Kriegsmann will ich sein und kein Mnch.
    Wirst du ein Mnch, so wird bald der ble Teufel dein Abt werden, und wirst
du ein Kriegsmann, so wirst du einer von den Wlfen, welche um St. Wigberts
Stall heulen, bis sie dir auf grner Heide ein Bett schaufeln.
    Herr, versetzte Immo flehend, zu deinen Fen will ich geloben, da ich
in allen meinen Tagen daran denken werde, wie ich an dir einen gtigen Vater
fand.
    Bin ich eine Dirne, da du mich mit Verheiungen und mit schnen Worten
bereden willst? Auerdem ziemt mir nicht, an diesem kalten Ort der Bue von
weltlichen Dingen zu reden. Und deshalb frage ich dich zum letztenmal, ob du
lieber die Geiel whlst oder eine zerbrochene Tr.
    Nicht die Geiel will ich und nicht die heimliche Flucht. Um gndige
Entlassung flehe ich zu meinem Herrn, damit ich mein Haupt hoch tragen kann
unter meinesgleichen.
    Einem nimmersatten Windhunde gleichst du, versetzte Herr Bernheri, und
rgerlich willst du mir werden. Aber er sah dabei mit Wohlgefallen auf den
Jngling. Ich schliee dich wieder ein. Bleibe auf den Knien und sprich den 37.
Psalm, wo er lautet: Miser factus sum et curvatus, wenn du die Worte vermagst,
was ich dir nicht zutraue. Und dabei harre auf die Heiligen, ob sie sich deiner
erbarmen. Der Abt wandte sich ab, Immo fate ihm nach dem Gewand, aber Herr
Bernheri entzog sich eilig, der Riegel fuhr in das Schlo, und Immo war allein
in tiefer Finsternis. Er griff nach dem Eisen und prete die Hand darum, wild
strmten ihm die Gedanken durch die Seele, Sorge und Hoffnung, dennoch hielt er
jetzt das Gert in der Hand, welches seine letzte Hilfe sein konnte. Wie durch
ein Wunder war ihm auf den Boden gelegt, was er von den Gewaltigen, die unter
der Erde hausten, ersehnt hatte. Brachte die Nacht keine andere Hilfe, so konnte
er diese gebrauchen. Er stand in der Finsternis und horchte auf jedes Gerusch,
das von auen kam.
    Nicht lange, so vernahm er wieder Tritte und sah einen Lichtstrahl, der
Riegel rasselte, und der Mnch Eggo winkte ihm zu folgen. Leise gingen beide die
Stufen hinauf; ein groer Raum, in den sie traten, war undeutlich erhellt durch
die glimmenden Holzkloben im Kamin. Auf Bnken an der Wand und auf dem Boden
lagen Reisige des Abtes in tiefem Schlaf. Wieder mahnte ein Zeichen des Mnchs
zur Vorsicht, er ffnete eine eisenbeschlagene niedrige Tr und fhrte eine
Wendeltreppe hinauf. Als Immo aus der Tiefe emportauchte, stand er in einem
kleinen Zimmer, dessen Wnde zierlich mit dunklem Holz getfelt waren.
    Auf dem Tisch stand eine metallene Lampe, deren rtliche Flamme im Luftzuge
flackerte und rauchte; Eggo trug eine Wolldecke herzu, legte sie auf den Boden
und flsterte: Rhre dich nicht und schlafe, wenn du vermagst. Gehorsam setzte
sich Immo auf die Dielen, und als er zur Seite blickte, sah er den Mnch wie
einen Schatten an der Wand dahingleiten und hinter einem Teppich verschwinden.
Er starrte in den dmmrigen Raum, auf die dunklen Bretterwnde, an denen die
Hirschgeweihe sich im lodernden Lichte bewegten, und auf die Waffen in den
Ecken, deren Metall bald hell erglnzte, bald in Finsternis schwand. Aber das
Herz war ihm leicht geworden, denn er erkannte wohl, da Herr Bernheri ihn nicht
fr die Rache des Tutilo aufbewahren wollte; er schlo die mden Augen und
entschlief.
    So mochte er lange gelegen haben, da erwachte er von einer leisen Berhrung,
er fuhr auf und blickte erstaunt um sich. Noch war es Nacht, die Lampe brannte
trber, ber den Waldhgeln lag der graue Dmmerschein des nahen Morgens, und an
seinem Lager erkannte er eine dunkle Gestalt. Erschrocken hob er den Leib und
sttzte sich auf die abgewandte Hand. Neben ihm sa der fremde Mnch, der als
Lehrer in das Kloster gekommen war. Immo wollte aufspringen, aber Reinhard
drngte ihn durch eine Bewegung zurck. Sitze an meiner Seite, Immo, und ffne
dein Ohr, damit eine leise Mahnung in deine Seele falle. Hre mich mit
Vertrauen, wenn ich dir auch noch fremd bin, denn nicht als dein Kerkermeister,
sondern wie ein Freund will ich zu dir reden, und von deiner Heimat will ich dir
Gutes verknden. Frau Edith sendet dir ihren Muttersegen: Sage meinem Sohn,
sprach sie, jeden Abend und jeden Morgen flehe ich zu den Heiligen, da sie ihm
das Siegestor ffnen. Schwer wird der Mutter, das Angesicht des Sohnes zu
missen, auch darum hoffe ich, da die Himmlischen das Opfer gndig annehmen.
    Immo senkte das Haupt, erweicht durch den Gedanken an die Heimat. Reinhard
fuhr fort: Schon in der nchsten Zukunft htte ich dir die Pforte des Klosters
geffnet, damit du unter den Kindern der Welt dem Herrn dienest. Aber dein
frecher Mut hat dich schuldig gemacht, schwerer Strafe bist du verfallen. Darum
komme ich, um mit dir zu erwgen, wie du dich rettest.
    Immo neigte sich ber die Hand des Lehrers und sprach demtig: Kannst du
mir helfen, Vater, so flehe ich, verla mich nicht.
    Eine Rettung wei ich, fuhr Reinhard fort, die seligste von allen:
demtige dich selbst, Immo, vor dem Altar und trage geduldig die Folgen deiner
Untat. Ein Weltgeistlicher solltest du werden, whle das Mnchsgewand und gelobe
dich dem heiligen Wigbert. Das ist die Bue, welche dir alle hohen Frsten des
Himmels geneigt macht und ebenso die Herzen der Brder im Kloster.
    Immo sprang auf, seine Hnde ballten sich, und zornig rief er: Meinst du,
da ich als bender Mnch vor dem Altar liegen und da Tutilo die Geiel ber
mir schwingen soll, wie ich sie heut ber ihm schwang?
    Frchtest du die Geiel des Tutilo, dann denke lieber daran, da du jetzt
unter seiner Faust stehst und da ihm morgen die Brder die Rache geben werden,
die er an deinem Leibe zu fordern hat.
    Nimmer schwingt er die Peitsche ber mir, whrend ich atme, schrie Immo.
Wenn sie mich zur Verzweiflung treiben, so sollen sie einen Verzweifelten
finden. Vor dem Altar tte ich ihn und jeden, der mich anzugreifen wagt; von der
Klostermauer springe ich, vom Turm strze ich mich, und Feuer lege ich in das
Haus der Mnche. Wenig liegt mir an dem Leben eines Hundes, und ich werfe es von
mir, wie ich dieses Gewand von mir schleudere, wenn ich ein anderes auf meinem
Wege finde.
    Wie ein Heilloser schreist du, versetzte Reinhard, Tutilo sprach nicht
unrecht, als er dich mit einer wilden Katze verglich.
    Tat er das, rief Immo, so freut's mich, da er die Krallen gefhlt hat.
    Dennoch rate ich dir, mein Sohn, da du dich noch einmal an meine Seite
setzest, wenn du deine Wut zu bndigen vermagst. Wehre mir nicht, dir zu raten,
weil dies eine, die dir lieb ist, von mir erbat.
    Immo ging langsam zu seinem Lager zurck, setzte sich zu den Fen des
Mnchs und sttzte sein heies Haupt in die Hand.
    Wundere dich nicht, Immo, wenn ich dich einlade, zu werden, was ich selbst
bin. Denn auch ich habe mich von Vater und Mutter geschieden, und ich habe die
Rosse und Hufe, die mein Erbteil sein sollten, den Heiligen dargebracht, weil
ich um meiner Seele Heil bebte und lieber die Gnade des Herrn whlte als die
vergnglichen Freuden dieser Welt. Auch ich entsage und gehorche und wandere wie
ein Fremdling durch die Welt. Ob der Frost den Leib bedrngt, der Hunger qult
und Gefahren drohen, gleichgltig und verchtlich ist mir das alles in den
Stunden seliger Freude. Nicht Liebe des Weibes, nicht das Lied des Sngers,
welches den Helden ehrt, schaffen solches Glck, wie die Heiterkeit ist, die ich
im Herzen trage, wenn ich zu den Fen des Herrn liege, dem ich mich als Knecht
gelobt habe. Darum mchte ich deine Seele und die Seelen aller, welche mir
vertraut werden, den Greueln der Welt entreien und den Handgriffen des blen
Teufels.
    Immo schwieg nachdenkend. Vater, sprach er, beantworte mir eine Frage,
die ich unwissend tue. Wenn es dir und anderen frommen Mnnern nun gelnge, alle
Christen auf deinen Weg zu leiten und wenn alle zu Mnchen und Nonnen wrden,
verzeih, Vater, aber ich meine, dann wird es an Kindern fehlen.
    Ob du arglos sprichst oder ob du mich durch gewundene Rede versuchen
willst, du sollst die Verkndigung hren, versetzte Reinhard feierlich. Kme
diese selige Zeit, die, wie du selbst weit, noch weit entfernt ist, dann wird
sich der Himmel auftun, und der Herr wird mit den himmlischen Heerscharen
heranziehen zum Gericht; aus der alten Welt des Jammers und der Snde wird eine
neue erstehen, in welcher die Seligen im Lichtglanz dahinwandeln.
    Immo sah bei dem rtlichen Schein der Lampe, wie das Auge des Mnchs
leuchtete und seine Hnde sich unwillkrlich zum Gebet schlossen. Du selbst
weit, mein Vater, begann er bittend, da der gute Gott den Vgeln ungleichen
Gesang gegeben hat. So hat er auch den Menschen verschiedene Gaben ausgeteilt,
als er in den Erdgarten kam, um die Kinder durch seine Geschenke zu ehren. Ich
aber mchte den Gaben vertrauen, die ich an mir erkenne.
    Mit guten Sinnen sprichst du, Immo, versetzte Reinhard, und verwundert
hre ich, wie klug du die Worte setzest. Auch dies ist eine Gabe, die der Herr
solchen verliehen hat, die er fr seinen Dienst bestimmt.
    Nicht zum erstenmal fge ich die Worte in dieser Sache, versetzte Immo,
denn oft haben Vter des Klosters, die mir gnstig waren, hnlich zu mir
gesprochen wie du. Wisse, Vater, da du so gutherzig mit mir redest, zu lange
weile ich schon im Kloster, und ich bin seiner herzlich mde. Wenn ich auf dem
Ro sprenge, bin ich glcklicher als zu Fu, und, Vater, als ich gegen die
Reiter des Grafen ritt, um den Hugbald herauszuziehen, da war mir so frhlich
zumut, wie nach deinen Worten dir bei dem Altare. Daran erkenne ich, da ich
nicht gemacht bin, Mnch zu werden.
    Und doch, Immo, entgegnete Reinhard, sollen alle Menschen in jenem Leben
teilhaftig werden der Gemeinschaft der Heiligen.
    Und meinst du, Vater, da man in der groen Halle des himmlischen Knigs
nur Ehre erlangen kann, wenn man den Freuden dieser Welt gnzlich entsagt und
als Mnch oder Nonne betet?
    Wie magst du zweifeln, entgegnete Reinhard eifrig, da es verkndet ist.
Weit du nicht, da geschrieben steht: wer sich erniedrigt, der soll erhhet
werden? Wer lebt demtiger als der Mnch? Schwer ist's, in den Freuden der Welt
dem Herrn wohlgefllig zu bleiben, und die liebsten Genossen des Himmelsherrn
werden nur die sein, welche hier entsagen und ben.
    Wahrlich, Vater, rief Immo, wenn es in der Himmelsburg so ist, wie du
verkndest, da die Mnche und Nonnen vor den anderen an der Herrenbank sitzen,
dann will ich in den Pferdestall, wo die Rosse des Engels Michael stehen und
anderer schneller Boten, denn lieber will ich dort die Pferde striegeln und die
Steigbgel halten, als ewig den Kopf neigen und in das Ohr wispern und nach der
Miene des Prpositus und der Dekane sehen, wie hier die Mnche tun.
    Dem Mnch emprte sich das Herz, aber er antwortete ruhig; Zuchtlose Worte
vernehme ich in den Mauern des Klosters; sonst hrt man sie nur auf den Burgen
der Gewappneten, welche eilig sind, Menschenblut zu vergieen. Deine Rede ist
heillos auch fr einen Weltgeistlichen, wenn du ein Kanonikus zu Erfurt wirst,
wie dein Geschlecht will.
    Verleidet ist mir das weie Gewand, wie die wollene Kutte, rief Immo, und
verhat auch der Sitz im Chore von Erfurt.
    Zu dem Grunde, auf welchem dein Geschlecht haust, gehrt die Mhlburg.
Diese Burg wollen deine Verwandten dem Erzbischof zu Mainz, der dem Stift in
Erfurt gebietet, bergeben, damit du als Kanonikus ausgestattet werdest, wie
Brauch ist.
    Wieder fuhr Immo in die Hhe. Um meinetwillen soll mein Geschlecht
verzichten auf den festen Sitz, der unsere Ehre war. Mehrmals flchtete der
Vater, wenn der Grenzkrieg entbrannte, die Rosse und Rinder und unsere ganze
Habe in den sicheren Bau, und ich und meine Brder sprangen auf den Mauern und
kletterten in den Schluchten. Ein Ahn von mir hat, wie du wissen wirst, den
Berg, auf dem die Wigbertleute die Wassenburg gebaut haben, dem Kloster
geschenkt, jetzt soll auch die zweite Burgsttte dahinschwinden um meinetwillen!
Jammervoll ist mir zu sehen, wie unser Erbe weggegeben wird, damit die
Geschorenen in den Wldern gebieten, wo sonst unser Jagdruf erklang. Wehe mir,
da ich niemanden habe, der meine Klage anhrt, als einen landlosen Mnch.
    Vermagst du noch einmal den Rat des Landlosen anzuhren, antwortete
Reinhard, sich erhebend, so vernimm, was ich dir ungern sage und nur, weil es
mir befohlen ward, was aber fr deinen weltlichen Sinn die letzte Hilfe sein
kann in der Not, welche dich bedrngt. Merke wohl, Immo, du kannst frei von hier
ziehen, wohin dich dein Gelst treibt, ein Kriegsmann magst du werden, der auf
die Mhlburg sein Gemahl heimfhrt und unter den Edlen von Thringen im
Heergewand reitet.
    Sage mir, Vater, was soll ich tun, damit ich dies Glck erreiche?
    Gelobe, bevor du scheidest, Burg und Berg deinem Herrn Bernheri in die Hand
zu geben, damit du sie als Lehn fr dich und dein Geschlecht zurckerhltst.
Ntzen wirst du dem Kloster auch als Lehnsmann und Vogt, der fr das Kloster
sorgt, wie ja viele aus den edelsten Geschlechtern tun, um den Heiligen zu
gefallen. Gelobst du dies, so vermag der Abt dich zu schtzen gegen jeden Feind,
den du hier und anderswo hast; denn auch so dienst du den Heiligen, und du weit
ja selbst, es ist leichter Dienst, den sie dir auflegen.
    Immo stand betroffen. Der Weg, welchen ihm der Mnch wies, bot vieles,
wonach sein Herz sich sehnte, er wute recht gut, wie stolz das Kloster auf
seine Burgen war und da er als Lehnsmann des Klosters den Wigbertleuten
wertvoller wurde wie als Mnch. Dennoch emprte sich sein stolzes Herz bei dem
Gedanken, als Dienender den Schild zu tragen. Er schwieg und starrte vor sich
hin.
    Reinhard, der den Kampf des Jnglings beobachtete, fuhr fort: Einer deiner
Ahnen starb in der Heidenzeit unter dem Schildrand fr die heilige Kirche. Wie
darf sein Enkel zaudern? Dienstmann der Heiligen wurde jener im Tode, du aber
sollst in demselben Dienste mit Ehren leben.
    Immo fuhr zusammen, denn bei der Rede des Mnchs vernahm er noch eine andere
Stimme, und neben dem hageren Antlitz des Lehrers sah er das rundliche Gesicht
und das herzliche Lcheln des Greises Bertram, und in ihm klangen die Worte,
welche ihm bergeben waren: Birg nie in fremder Hand, was du allein zu halten
vermagst, wenig frommt dem Manne zu dienen, wo er gebieten knnte. Da sprach
er: Ich hre eine Mahnung in meinem Innern, da ich deinem Rat nicht vertrauen
soll, und ich will nicht.
    Eine Waise bist du, ohne Freundschaft stehst du hier, dein eigenes
Geschlecht ist deinen weltlichen Wnschen zuwider; St. Wigbert aber vermag dich
zu schtzen wie ein Vater, und keinen erlauchteren Herrn kannst du whlen als
den hohen Heiligen.
    Ich will nicht dienen, antwortete der Jngling; die Lippen schlossen sich
fest, und er sah in seinem Trotz aus wie ein lterer Mann.
    Nur kurz ist die Zeit, die zum Widerstande bleibt, mahnte Reinhard, nach
dem Fenster deutend, sieh diesen Docht, welcher verglimmt, und den Morgen,
welcher aufsteigt.
    Und ich will nicht und will nicht, antwortete Immo tonlos.
    Reinhard wandte sich traurig ab: Fruchtlos ist die Mhe, dir durch Worte
den trotzigen Sinn zu wandeln. Dennoch bleibst du ein Kind meiner Sorgen, und
kme der Tag, wo du gute Meinung fr dich begehrst, so wisse Immo, da du sie
bei mir findest. Er hob die Hand zum Segensgru und verlie das Zimmer.
    Immo sah ihm nach und dachte: ob dieser so ist, wie Sintram sprach, da er
treulich fr mich beten wird? und er schttelte das Haupt. Er warf sich auf sein
hartes Lager zurck, aber die Gedanken fuhren ihm strmisch durch das Haupt, und
er mute immer wieder nach dem Himmel sehen, der im Osten sich rtete.
    Da ffnete sich die Seitentr, und Herr Bernheri selbst trat herein, hinter
ihm Eggo mit einer groen Kerze in kupfernem Leuchter. Immo fuhr in die Hhe und
neigte das Haupt vor dem Gebieter. Mrrisch begann der Abt: Da seht den
Nestling aus den Waldhecken; aber strrisch ist er wie ein junger Geier, und
Reinhard hat sich vergebens bemht, ihm die Kappe umzulegen. Obwohl ich im
voraus gesagt habe, da von dir nicht viel Gutes zu erwarten ist. Ganz unlieb
ist mir deine Widerspenstigkeit, und ich tte am klgsten, dich gnzlich deinem
Schicksal zu berlassen, welches wahrscheinlich jmmerlich sein wird.
    Immo schwieg, aber das Herz hmmerte ihm in der Brust. Herr Bernheri ging
schwerfllig auf und ab, an seinen zwinkernden Augen und der gestrubten
Haarkrone konnte man erkennen, da er sich erst vor kurzem vom Lager erhoben
hatte. Bringe mir einen Becher mit gewrztem Wein, Eggo, und stelle ihn hier
auf den Tisch. Mit dir aber, du springender Scholastikus, will ich ein Ende
machen auf meine Weise, und es soll mich nicht kmmern, ob sie dir oder anderen
mifllt. Wieder ging er nachdenkend auf und ab. Setze dich an das Pult, nimm
die Schreibtafel und den Griffel und la mich erkennen, ob du etwas von der
Kunst der schwarzen Buchstaben gelernt hast.
    Immos Hand bebte, und seltsam erschien ihm in dieser Stunde die Forderung
des Abtes, aber er setzte sich gehorsam und fragte: Welchen Duktus befiehlt
mein Herr?
    Vermagst du, fuhr der Abt berlegend fort, in lesbarem Latein einen Brief
zu schreiben? Verfertige zur Stelle etwas Passendes an mich, damit ich dich
prfe. Schreibe also, da du wegen des Fastens und deiner Krperschwche einen
Trunk Wein ersehnst und mich darum anflehst.
    Immo berlegte. Endlich begann er mit gerteten Wangen die Arbeit, welche
einige Zeit in Anspruch nahm. Unterdes trug auch Eggo ein Schreibpult herzu und
schrieb nieder, was der Abt ihm leise gebot. Es war darber zwischen beiden
ernste Beratung, und Immo sorgte, da sie gar nicht zu Ende gehen wrde. Endlich
wandte sich der Abt um und sah den Scholastikus, welcher mit der Tafel zur Seite
stand. Der Herr streckte die Hand danach aus und hob sich, um dem Licht nher zu
sein. Wie? sagte er, du hast dich sogar getraut, einen Vers einzuflechten?
Bibere si vis vinum, scribere debes latinum2. Ist auch der Vers nur rhythmice
und nicht metrice gestellt, so hast du dir damit doch den Trunk verdient. Er
wies auf den Becher. Wage ihn zu heben, damit du die Kellerluft vergessest. Und
jetzt hole Atem und antworte: Wrdest du imstande sein, auf Pergament an diesen
Bruder Eggo aus der Ferne zu schreiben in dem gebhrlichen Duktus?
    Ich getraue mir's wohl, versetzte Immo freudig.
    Der Abt seufzte. Da du so unverschmt bist, von meiner Wrde zu verlangen,
da ich fr dich geradeso unter die Brder springe, wie du fr mich getan hast,
so habe ich mich entschlossen, dich von hier zu entsenden, bevor die Sonne
aufgeht. Du sollst als mein Bote reiten. - Was siehst du mich an, Eggo? Du
meinst, ich soll ihn durch einen Eid binden? La die heiligen Reliquien in ihrem
Schrein, ungeschoren geht er von uns, er soll auch ungeschoren seine Strae
ziehen. Solange ich lebe, sah ich hohe Eide schwren und hohe Eide brechen. Ich
habe erkannt, da der ein Tor ist, welcher auf die Treue der Menschen baut.
Dennoch habe auch ich jemanden gefunden, der sich mir bewhrt hat im Spiel und
in der Todesnot. Denn als ich jung war und einst mit meinem Jagdbogen im
Waldversteck lag, wo das Wild zur Trnke luft, da berfielen mich
Nachtschcher, blutdrstige Ruber. Ich rief meinen Notschrei, aber nur einer
hrte, der damals mein Geselle war, er sprang ber die Felsen herzu und schlug
ungerstet wie Simson mit seiner Keule unter die Mrder. Zweien setzte ich den
Fu auf den Hals und durchstach ihnen die Gurgel. Ich trug einen Hautritz davon,
der andere aber einen schweren Hieb in die Schulter. Du selbst kannst die Narbe
gesehen haben, Jngling, wenn du an der Achsel deines Vaters standest, denn er
war es, der mich damals vom Tode lste. Und an ihn habe ich gedacht, als ich
dich aus dem Kerker holen lie. - Jetzt aber merke auf, denn ich will deinen
leeren Kopf mit allerlei gewichtiger Kunde fllen. Von allen Seiten heben sich
die Nacken der Groen gegen unseren Knig Heinrich. Klein ist die Zahl seiner
Getreuen, auch im Kloster leben vielleicht solche, welche den Feinden des Knigs
Gutes gnnen. Vermagst du zu verstehen, was ich dir sage?
    Gewi, Herr, versetzte Immo eifrig, auer dem Tutilo sind die Dekane
Hunico, Wolferi, Sigibold und vor anderen der Pfrtner Walto fr den
Babenberger, und die anderen Alten haben nicht den Mut, diesen zu widerstehen;
doch Heriger hlt zu dem Knig, und er ist meines Herrn Abts beste Hilfe. Von
den jngeren aber sind die Thringe und Sachsen wohl zur Hlfte dem Knig
gutgesinnt.
    Der Abt starrte den Jngling an. Wei die uere Schule so gut, was in der
Klausur vorgeht?
    Auch uns fliegt mancherlei ber den Zaun, fuhr Immo fort, ich merkte
auch, da vorgestern Graf Ernst, der ruhmvolle Held, heimlich in der Herberge
des Klosters lag.
    Fhre ihn zu den Reliquien, rief schnell der Abt, und binde ihn durch
einen teuren Eid, da er niemals einem anderen verknde, was er von Wigberts
Geheimnissen erraten hat.
    Eggo fhrte den Jngling vor den Schrein und nahm ihm den Schwur ab, whrend
Herr Bernheri noch immer erstaunt dasa und zuweilen mit dem Kopf schttelte.
Als Immo wieder vor dem Abte stand, begann dieser prfend: Du also gedenkst
dich an den Knig zu hngen.
    Meine Mutter stammt aus einem Geschlecht, welches sich der Verwandschaft
mit den Sachsenknigen rhmt.
    Der Abt lachte. Wer Knig wird, dem wachsen die Vettern wie Hederich im
Hafer. Dir aber bleibt ohnedies keine Wahl, seit du so ruchlos den Tutilo
geblut hast. Darum vertraue ich dir diese drei Briefe an, er hob die Arbeit
des Eggo vom Tische. Mit dem ersten reitest du in deine Heimat, er geht an
deine Mutter und spricht von deiner Entlassung wegen der wilden Kriegszeit,
damit die Frau meine gute Meinung fr dich erkenne.
    Immo ergriff freudig den Brief.
    Dafr sollst du mir in deiner Heimat dienen. Die Seelen der Brder in
Ordorf sind durch die Bosheit eines anderen, der hier im Kloster weilt,
vergiftet, aber der Vogt auf der Wassenburg ist mir treu. Diesem trgst du den
zweiten Brief, und da er als Kriegsmann des Lesens unkundig ist, wirst du allein
ihm den Brief vertraulich vorlesen, damit keiner von den Brdern die Schrift
erblicke. Und was du von ihm und anderen ber die Rstungen in Thringen
erfhrst, das sollst du an Bruder Eggo schreiben und durch den Reisigen, welcher
dich begleitet, hierher senden. Dann aber rate ich dir, da du so bald als
mglich deine Helmkappe bindest und dich allein oder mit Kriegsleuten, welche
dir folgen wollen, ber die Berge zum Knige durchschlgst. Du wirst Herrn
Heinrich in Regensburg an der Donau finden oder doch in der Gegend. Dort gibst
du den dritten Brief an seinen Kanzler Erkambald. Sphe nach den Mienen des
Kanzlers und erlausche, soviel du vermagst, ber den Kriegszug und die gute
Meinung des Knigs fr mich. Was du erkundest, das schreibe wieder an Bruder
Eggo. Setze keine Namen in deine Briefe, aber die Anfangsbuchstaben, damit wir
erkennen, wen du meinst. Als Boten gebrauche den Spielmann Wizzelin, welchen du
kennst, denn diesen habe ich geworben und in das Lager gesandt. Du selbst aber
sei bemht, dem Kanzler zu gefallen, ich habe ihm auch deinetwegen einige Worte
geschrieben.
    Von der Wachskerze fiel eine metallene Kugel, deren Faden durchgebrannt war,
in die groe Tlle; der eherne Ton klang scharf durch das Zimmer. Aus der
Klosterkirche tnte der Gesang der Vigilien. Der Abt erhob sich. Es ist Zeit,
da dein Fu aus den geweihten Wnden gleite, sonst mchtest du sie schwerlich
verlassen. Es ist auch Zeit, die unheiligen Gedanken abzutun. Ein ungewohnter
Dienst ist meiner zuchtlosen Herde dieser Nachtgesang, ich meine, die Angst um
ihre Missetat hat sie vom Lager gescheucht. Uns allen tut Vergebung not. Auch
mir, der ich erhht bin zum Abte, gebhrt jetzt, meiner Nichtigkeit zu gedenken,
und wie die Regel befiehlt, tief hinabzusteigen bis zu der siebenten Stufe der
Demut, um mit dem bekmmerten Hiob zu sprechen: Ein Wurm bin ich und nicht ein
Mensch, scheuslig den Leuten und greulich dem Volke. Ungerecht habe ich mich
vor dir, o Jngling, meiner weltlichen Geburt gerhmt und, was noch jmmerlicher
ist, meiner wilden Taten im Walde. Hochmtig bin ich im Grunde meines Herzens
und wer ber meinen Bauch spottet, hat guten Grund, denn gar wenig lebe ich nach
der Regel; oft habe ich gesndigt durch Gebratenes und Buttergebck, vom
gewrzten Wein zu geschweigen; manchmal habe ich voll mein Lager gesucht und wer
mich mit einem Weinfa vergleicht, der spricht nicht unwahr. Vielen Ha nhre
ich in meiner Seele gegen manche und andere verachte ich; viel denke ich auch an
meinen Schatz von Silber und edlen Steinen, an die wilden Ochsen im Walde und an
die Fhrten der Hirsche; ein ungetreuer Verwalter bin ich und in Furcht lebe ich
vor der Strafe. Denn zu einem Eckstein war ich bestellt, aber ich bin nur gut
dazu, da die anderen ihre unsauberen Sohlen auf mir abstreifen. Er sthnte
tief und faltete die Hnde, whrend Immo, der sich bei dem Beginn des
Nachtgesanges auf die Knie niedergelassen hatte, dem Gottesdienste des Abtes
verwundert zuhrte, obwohl er wute, da es zu den Geboten des Klosters gehrte,
sich selbst zu erniedrigen. Nach vielen Seufzern erhob der Abt das Haupt, als
einer, der schwerer Pflicht genge getan hat, und begann rauh: Was kauerst du
noch, du Heupferd, um zu warten, bis dich die Schnbel der dunklen Vgel
zerhacken, die dort drben so hastig singen, nicht gleich Heiligen des Herrn,
sondern wie Stare in den Weiden des Teiches. Enthebe dich aus meinen Augen.
    Ich kann nicht gehen ohne den Segen meines Herrn; denn wie ein Vater habt
ihr euch gegen mich erwiesen heut und sonst in der Schule.
    Der Abt legte ihm die Hand auf das Haupt, sprach den lateinischen Segen und
strich ber das lockige Haar. Sei dankbar gegen mich, soweit du vermagst,
obwohl ich frchte, da dein Gedchtnis darin kurz sein wird. Mancher, der wie
du als ein Springer aus dem Kloster in die Snden der Welt hineinfuhr, schlich
mit grauem Haar unter der schweren Brde seiner Schuld in das Kloster zurck.
Gedenke, da am Altar eine Heimat aller ist, die mde werden unter ihrer Last.
Er zog einen ledernen Beutel aus seinem Gewande. Nicht als ein kahler Schler
sollst du Bote reiten, denn unter Kriegsleuten ist der Geldlose verloren. Die
Briefe gib nicht von dir, solange du deinen Arm heben kannst, die Feinde
abzuwehren. Eine Reiterkleidung und Waffen findest du bei dem Rosse, damit nicht
kundbar wird, da du aus dem Hhnerhofe des Klosters entflogen bist. Er reichte
dem Jngling die Hand, welche dieser mit nassen Augen kte. Eggo winkte
ungeduldig und fhrte die Wendeltreppe hinab durch die dmmerige Halle, in
welcher die Gewappneten lagen. Lautlos durchschritten sie den Hof; der Mnch
ffnete eine Pforte der Mauer, wies auf den schmalen Steg, der ber den Graben
fhrte, und auf einen Reiter, der jenseits des Grabens ein leeres Ro am Zgel
hielt, dann grte er mit der Hand und schlo hinter dem Jngling die Pforte. In
groen Stzen sprang Immo ins Freie, whrend aus der Klosterkirche feierlich das
Ambrosianum erklang.
    Als Immo die Rosse erreicht hatte, warf ihm der Reiter die Zgel zu.
Hugbald! schrie der Jngling in freudiger berraschung, da er das ehrliche
Gesicht des Dienstmanns erkannte.
    Schweig, Geselle, murmelte der Reiter, auf die weien Wolkenstreifen
weisend, welche aus dem Nebel der Niederung wallend gegen das Kloster zogen.
Ungern hren die Wasserfrauen den Ruf der Mnner, whrend sie in der Luft
schweben. Hier drauen walten andere Geister als innerhalb der Mauern, und
obgleich hinter uns noch Wigberts Stimme ertnt, werden diese hier einen
Dienstmann des Heiligen doch wenig ehren, wenn er ihren Zorn erregt. Harre, bis
wir ber die Brcken gedrungen sind und die freie Hhe erreicht haben.
    Sie ritten schweigend durch den dichten Nebel die Fulda entlang. Aber Immo
konnte sein pochendes Herz nicht bndigen, er drngte sein Ro an das des Alten,
ergriff seine Hand und rief: Mich freut's, da du durch den Wechsel aus der
Gefangenschaft gelst bist.
    Wenig Ehre brachte mir der Tausch, brummte der Alte, gegen einen
Pferdedieb ausgewechselt zu werden, ist krnkend genug, mich haben sie gar fr
zwei gerechnet. Doch da jetzt ein Sonnenstrahl auf uns scheint, sollst du dich
in einen Kriegsmann wandeln. Er nestelte einen Bund vom Sattel. Wirf dir den
Reitermantel um; dann knpfte er den Eisenhut und das Schwert los und reichte
beide dem Jngling. Hier nimm auch den Wurfspie, er ist von den schweren, ich
wei, da du ihn zu werfen vermagst. Recht wohl steht dir die Stahlkappe, und
mich reut nicht, Immo, da ich dich im Walde und auf der Heide meine Singweisen
lehrte.
    Immo umschlang vom Rosse den Lehrmeister und kte ihm den grauen Bart:
Gesegnet seist du, da du mich zur Reise gewappnet hast, dann sprengte er in
gestrecktem Laufe vorwrts, wirbelte den Speer, und whrend der Tau von seinen
Locken trufelte und ber die heien Wangen lief, jauchzte er dem goldenen Licht
des Tages zu.

                                 In der Heimat


Am nchsten Tage ritt Immo mit Hugbald aus Gotaha, einer Burg des Klosters, der
Heimat zu. Auf beiden Seiten des Weges zogen sich niedrige, langgestreckte Hgel
dahin, die Rcken mit Wald bewachsen, an den Gehngen die hrenfelder, deren
Frucht sich brunte. In den Niederungen dehnten sich zwischen sumpfigen Wiesen
groe Teiche, die mit Erlen und Weiden umgeben waren. Zahlreich und ansehnlich
waren die Drfer der Landschaft, jedes durch Pfahlwerk und breiten Graben oder
durch das Wasser eines Sees gesichert. War ein Dorftor geschlossen, dann zogen
die Reiter auf der Auenseite herum ber den Anger, auf welchem das Dorfvieh
weidete, fanden sie ein Tor geffnet, so sprengten sie ber die Brcke und
antworteten auf die Frage des Wchters, der eilig seinen schweren Spie aus der
Erde holte und ihnen entgegentrat. Immo fuhr dahin mit frhlichem Herzen, und
unter dem Druck der Schenkel hob sich sein Ro zum Sprunge.
    Vor den Reitern zog sich eine Flurscheide quer ber den Weg, ein breiter
Graben, dahinter ein aufgeworfener Wall mit einer dichten Baumhecke, bei der
Brcke ein hoher Grenzhgel, auf dem ein wettergraues Turmgerst stand. Sieh
das alte Grenzzeichen meiner Vter, rief Immo, einst war das ganze Land
dahinter unser Erbe, jetzt freilich gehren viele Hufen fremden Herren, dagegen
liegen wieder Hfe, die uns gehren, auerhalb der Mark. Doch ehren wir das alte
Malzeichen. Er schwang sich vom Rosse, sprang auf den Hgel, ri blhendes
Kraut ab und steckte es an seinen Hut. So nehme ich Besitz von dem Lande meiner
Ahnen, bezeuge mir's, liebe Sonne, da Laub und Gras mir diene. Am Ufer eines
Gebirgsbaches ritten sie wohl eine Meile dahin, Immo wies auf das klare Wasser
und auf die bunten Steine, welche den Bach von beiden Seiten umsumten. Jetzt
rinnst du niedrig, Bach meiner Heimat, und ein Knabe vermag dich zu durchwaten,
aber ich kenne die Macht deiner Strmung, denn im Frhjahr und nach dem
Wettersturm brausest du wild zwischen den Hgeln dahin und oft schlug deine Flut
an die Schwelle unseres Saales und wir hpften barbeinig im Hofe durch den
wilden Schwall.
    Sdwrts zur rechten Hand hoben sich die Hgel steiler, an ihrem Fue
breiteten sich weite Seen, die Abhnge bedeckte der Laubwald, dazwischen aber
schimmerte bald rot, bald blulich die nackte Erdmasse der Berge; auf den
Gipfeln stand hier ein Wartturm, dort eine Burg und wieder eine. Das ist der
rote Bergwall, um welchen mein Geschlecht sich gelagert hat, erklrte Immo
stolz, hoch sind die Berglehnen und steil der Weg zu den Gipfeln, manchesmal
haben die Helden dort ihren Feinden widerstanden.
    An einem Wege, der nach Sden fhrte, hielten die Reiter und nahmen
Abschied, denn Hugbald sollte nach der Wassenburg vorausziehen; und sie
besprachen das Wiedersehen in den nchsten Tagen.
    Als Immo allein war, ritt er in gestrecktem Laufe vorwrts. Vor ihm lag in
der Niederung, durch eine Mauer umschanzt, der groe Hof seiner Vter, der Bach
teilte sich und umflo den festen Sitz Ingramsleben von allen Seiten. Viele
Gebude standen innerhalb des Hofes, in der Ecke ein dicker viereckiger Turm,
mit kleinen Fensterritzen, oben mit Zinnen gekrnt, durch einen Graben von dem
brigen Bau getrennt, er war die feste Burg des Hofes, in welche sich bei
schnellem berfall die Hofherren zurckziehen konnten zu ihren Kindern und
Schtzen, die sie dort geborgen hatten. In der Mitte des Hofes aber erhob sich
das Herrenhaus mit hohem Dach, mit einer Laube auf der Sonnenseite und einer
Galerie darber, um das Haus standen nahe der Mauer zahlreiche Stlle und
Wohnungen der Dienstleute. Auerhalb des Hofes erkannte man lngs dem Wasser die
Dcher des kleinen Dorfes, welches dazugehrte. Der Reiter hielt vor der Brcke
an, ihm pochte das Herz, er neigte einen Augenblick das Haupt und flehte zu den
Heiligen, dann setzte er mit groem Sprunge durch das offene Tor. Sein Ro
stieg, er hob sich hoch im Sattel und grte den Hof seiner Vter.
    Still lag der Hof in der Ruhe der ersten Abendstunde, niemand kam, den Gast
anzurufen und das Ro zu halten. Immo lenkte sein Pferd abwrts, den Stllen zu.
Dort kauerte auf der Dungsttte des Hofes das Federvolk in groen Schwrmen,
auch der Hahn mit den Hennen sa zusammengeduckt unter dem Dach der Stlle. Nur
der alte Kranich, welcher dem Geflgel zum Vogt gesetzt war, stand mitten auf
dem Strohhaufen, richtete den Hals hoch auf und wandte seinen scharfen Schnabel
dem fremden Reiter zu. Als aber Immo vom Pferde sprang und frhlich den Namen
des Kranichs: Ludiger! rief, da erkannte der kluge Vogel seinen alten Herrn
und verga gnzlich seine Wrde, er schrie und rannte mit ausgebreiteten Flgeln
und aufgesperrtem Schnabel dem Sohne des Hauses entgegen, gerade als wollte er
ihn umfangen, und schmiegte seinen Kopf an den Leib des Mannes. Immo aber strich
ihm liebkosend den roten Scheitel, bis der Vogel wieder vergngt zu seinem Volke
lief. Dort breitete er die Flgel und fing vor der ganzen Gemeinde an, sich zu
drehen und zu tanzen, so da die Hhner gackerten, und das Geschlecht der Enten
sich erhob und lautes Schnattern begann, erstaunt ber die Gebrden des
ernsthaften Meisters. Alle Vgel schrien, und hinten im Hundezwinger bellten die
Bracken. Da sah die alte Dienerin Gertrud aus einer Seitentr der Halle und rief
zurck: Gutes Glck steht dem Hofe bevor, Herr Ludiger tanzt vor seinem Volke;
aber im nchsten Augenblick stie auch sie einen Schrei aus, lief die kleine
Hintertreppe hinab und umschlang mit ihren Armen den Fremdling.
    Aus der Umarmung der Wrterin sprang Immo in den Saal. Von der Schwelle
erkannte er auf dem Herrenstuhl die Herrin des Hofes im braunen Trauergewande,
das Haar mit dunklem Schleier umhllt, das edle Antlitz wenig gewandelt in den
Jahren seiner Abwesenheit, noch immer so schn und gebietend, wie er es
sehnschtig in seiner Seele geschaut hatte. Meine Mutter, rief er auer sich,
warf sich zu ihren Fen, umschlang ihre Knie und weinte wie ein Kind in ihrem
Scho. Frau Edith wollte sich heftig erheben, als der fremde Mann zu ihren Fen
niederstrzte, aber gleich darauf fate sie sein Haupt mit ihren Hnden und
drckte ihn fest an sich. Als der Sohn zu dem Antlitz der Mutter aufsah, hielt
sie ihn an den Locken und sah ihn starr an, whrend ihr Gesicht sich rtete.
Ein Mann bist du geworden, sprach sie erschrocken, aber im nchsten Augenblick
warf sie die Arme wieder um ihn und kte ihn auf die Stirn und das Haar, wie
die Mutter einem kleinen Kinde tut. Schnell folgte Frage und Antwort. Wisse,
Immo, begann die Mutter, nicht ganz unerwartet kommst du. In der letzten Nacht
hatte ich einen Traum, gleich einer Verkndigung. Auf meinem letzten Lager fand
ich mich, gelhmt waren meine Glieder und vergebens mhte ich mich, die Hnde
zum Gebet zu falten. Da neigte dein Angesicht sich ber mich, im goldnen Schmuck
des Bischofs standest du vor mir, um dein Antlitz strahlte ein heller Schein und
du botest mir das Heiligtum. Mich aber durchdrang ein seliger Friede, wie ich
ihn nie gefhlt. Glcklich ist die Mutter, Geliebter, welcher der Sohn das Tor
des Himmelssaals ffnet.
    Als Immo von seiner Reise erzhlt hatte, zog er den Brief des Abtes aus dem
Gewande. Lies ihn, sagte die Mutter, sich setzend, du bist der einzige im
Hause, welcher der fremden Schrift und Sprache kundig ist, darum erklre mir den
Inhalt, damit ich alles verstehe. Mit geheimer Sorge ffnete Immo den Brief,
ungern wollte er der Mutter in dem Glck des Wiedersehens Unholdes von seiner
Trennung aus dem Kloster berichten. Aber das Schreiben enthielt nur einen Gru
des Abtes fr Frau Edith, und da er den Sohn aus der Schule mit seinem Segen
zurcksende, damit er nach eigenem Willen fr seine Zukunft sorge.
    Willkommen ist mir die Antwort deines Abtes auf meine Bitte, die ich durch
Vater Reinhard an ihn tat, und alles ist fr dich bereitet, damit du ein Held
des Himmelsherrn werden kannst. Doch heute sprich nicht zu mir von knftigen
Tagen, denn sorglos mchte ich mich deiner Heimkehr freuen. Sie zog ihn bei der
Hand in den Hof und ffnete die Gittertr des Gartens, in welchem eine Anzahl
Obstbume auf dem Grasgrund stand. Dort lagerte das junge Geschlecht Irmfrieds.
Auf einer Bank sa Odo, der ltere, einem gereiften Manne gleich,
breitschultrig, gemessen in seinen Gebrden, das rundliche Gesicht mit den
vorstehenden Augen und der bedchtigen Miene ganz ungleich dem Aussehen der
anderen Brder. Diese lagen im Grase, Ortwin, der Redegewandte, welcher Sprecher
des Hofes war, summte ein Lied und wrfelte dabei auf einem Brettlein mit sich
selbst, der starke Erwin warf sitzend einen Stein, den mancher andere schwerlich
gehoben htte, unermdlich in die Hhe und freute sich, ihn geschickt wieder zu
fassen, und Adalmar und Arnfried lagen langgestreckt einander gegenber, hielten
jeder mit zurckgebogenen Armen einen Baum umklammert und stieen mit den Beinen
einen runden Fichtenstamm, da er ruhelos zwischen ihnen hin und her rollte, und
sie lachten laut, wenn der ungefge Klotz einem von ihnen so gefhrlich nahte,
da es eines starken Stoes bedurfte, ihn abzuwehren. Aber seitwrts von den
Brdern bte sich Gottfried mit Hilfe eines alten Knechts im Speerwurf gegen
aufgestellte Bretter, und die Stangen, welche der Knabe warf, drhnten krftig
von dem Holze. Die Brder sprangen auf, als sie die Mutter erblickten, und Immo
sah als stolze Jnglinge wieder, die er als Knaben verlassen hatte. Sie boten
nach der Reihe dem Bruder Hand und Mund, ihr verlegener Gru erschien ihm kalt,
nur der jngste, Gottfried, hing sich an seinen Hals, und Immo lachte, als das
rosige Kindergesicht zu ihm aufsah. Alle seid ihr stattliche Helden geworden,
rief er, aber am meisten gewachsen ist mein Kleiner. Im nchsten Jahr erhalte
auch ich den Schwertgurt, antwortete dieser freudig in seinen Armen.
    Aber die Mutter zog den ltesten wieder zu sich: Sieh, die Knaben und die
Bume, sie sind zusammen aufgeschossen.
    Alles, was unter deiner Hand steht, gedeiht, ich sehe, auch die Obsttrger
lohnen der Herrin die Mhe.
    Die frommen Vter von Ordorf brachten nicht umsonst die Pfropfreiser zu
unserem wilden Holz; wundervoll gewrzig sind die pfel, sie trugen zum
erstenmal reichlich in dem Jahre, wo du von uns schiedest, und als der Herbst
kam, hatte ich das Herzeleid, da du die guten nicht mehr schmecktest. Dafr
sandte ich einen Korb an die hohe Frau Adelheid, die Kaiserin, welche damals
neben unserer Mark ihren Hof hielt. Denn gtig war sie immer gesinnt, und sie
freute sich auch ber die Frchte und schenkte mir als Gegengabe eine Bchse mit
Balsam aus dem Heiligen Land. Das ist in Wahrheit ein kaiserliches Geschenk,
denn es heilt schnell auch tiefe Schwertwunden und es hat sich an tapferen
Mnnern hier in der Gegend mehr als einmal bewhrt.
    Zeige mir deine Kunst, sprach Immo zu Gottfried, die wohl in kurzem auch
tiefe Wunden schlagen wird. Der Knabe ergriff die Stangen und warf herzhaft.
Ich lobe die Treffer, ermunterte Immo, bald ergriff er selbst die Gere, und
sie gellten so stark vom weitgesteckten Ziele, da Gottfried freudig die Hnde
zusammenschlug und die anderen Brder Beifall riefen.
    Ganz gut gefllt mir, Immo, sprach Edith zuschauend, da du in der Schule
auch Werke eines Kriegsmannes gebt hast. Denn reitest du einst als ein
gewaltiger Herr und Bischof unter deinen Kriegern, dann mut du auch die Helden,
welche das Schildamt bei dir versehen, durch Gut und Gaben ehren; und darum
ziemt dir zu verstehen, wer am besten seine Waffe gebraucht.
    Immo legte die Stangen zur Seite und senkte das Haupt.
    An dem Gitter stand Gertrud und erinnerte an das Mahl. In der Mitte ihrer
Shne betrat Edith den Saal, in welchem die Tische gestellt waren. An der Tr
standen gedrngt die Dienstleute, um den Gru des Herrensohnes zu erwarten.
Whrend Immo unter sie trat und mit alten Vertrauten frhlichen Gru wechselte,
brachte der Truchse die Speisen und Trinkkannen. Die Mutter fhrte den Sohn zum
Ehrensitz an ihrer Seite: Schmal war die Kost meines Lieblings im Kloster,
sagte sie lchelnd, dafr hat er dort das Glck genossen, neben heiligen
Mnnern zu sitzen. Und ich vertraue, auch du hast dir in deinem Dienst bereits
Ehre erworben.
    Im Dienst vor den Altren gewinnt ein Schler geringe Ehre, versetzte Immo
unzufrieden. Zuerst sollte ich das Rauchfa schwenken, doch den Brdern gefiel
nicht der Schwung meiner Arme. Dann war ich Trsteher, und mit der Keule wachte
ich an der Pforte, das unordentliche Volk abzuwehren, aber auch dieser ruhmlosen
Arbeit enthoben mich die Dekane, weil einige Schreihlse aus der Menge Wehe
riefen wegen eingeschlagener Zhne. Zuletzt las ich manchmal als Lektor vor den
kleinen Altren.
    Die Brder lachten, aber Edith merkte in ihrer Mutterfreude den rger des
Sohnes gar nicht, und zu ihrem Sitz tretend, bat sie: Sprich das lateinische
Gebet, das sich in der Stunde ziemt, wo ein Geweihter das Haus seiner Vter
betritt.
    Ich wei nur von einem, der als verlorener Sohn nach Hause kam, murmelte
Immo und sprach das lateinische Vaterunser.
    Immo sa wieder in dem Saal seiner Vter und sah verwundert in den groen
Raum. Auf dem Fuboden aus geschlagenem Lehm, welcher glatt war wie eine Tenne,
standen die Tische ganz wie sonst, von dem Herrensitz sah er durch die geffnete
Tr in den wohlbekannten Hof; hinter ihm und auf den Seiten lief, durch ein
geschnitztes Gelnder eingefat, die erhhte Bhne, von welcher zahlreiche Tren
nach den Kammern und Wohnrumen des mchtigen Hauses fhrten. An den Wnden
hingen die alten Rstungen und Waffen, Kampfbeute frherer Helden, auf der Bhne
im Hintergrund stand der Ofen und daneben der Herrenstuhl, im Winter der wrmste
Platz, aber ehrenvoll auch im Sommer. Alles war wie vor Jahren. Auch wenn er
seine Mutter ansah und die alten Diener des Hauses, so dnkte ihn seine
Abwesenheit und das Kloster fast nur ein bler Traum. Wenn er aber die mnnliche
Stimme der erwachsenen Brder hrte und die kurzen Reden, die sie whrend ihrer
eifrigen Arbeit am Tische wechselten, so kam ihm wieder vor, als sei er bei den
Erdmnnchen in der Hhle gewesen, viele Jahre lang, denn er merkte, da ein
neues Geschlecht in dem Saal herrschte.
    Nach dem Mahle trat Immo zu seinen Brdern und suchte ein freundliches
Gesprch, whrend Frau Edith der Dienerin Gertrud winkte und mit ihr den Saal
verlie.
    
    Als Edith wieder eintrat, setzte ihr die Dienerin den Spinnrocken neben den
Ofen, die Herrin sa auf dem Stuhle nieder und ergriff die Spindel. Komm an
meine Seite, Immo, bat sie, damit ich vertraulich mit dir rede, wie sonst.
Seit du von uns gingst, hat diese Hand manches Gewebe gesponnen, auch fr dich,
mein Sohn, ich spann dir gute Wnsche hinein, und manchmal, wenn ich deiner
dachte, lag die Spindel in meinem Scho. Denn neben diesem Rock stand deine
Wiege, ich hob dich heraus und du griffst nach den bunten Bndern am Flachse.
Und als du im Hemdchen laufen lerntest, da kauertest du auf der Fubank und
warfst deine Beinchen um die Stange. Spter sprangst du bermtig um meine
Arbeit, wirrtest mir den Flachs und verkehrtest mir die kreisende Spindel. Jetzt
freilich hast du bei den frommen Vtern gelernt, ruhig zu sitzen. Sieh dorthin,
unterbrach sie sich selbst, an dem Trpfosten haftet noch der Speer mit dem
Zeichen deines Wachstums. Denn am Speer ma euch der Vater, jedem von euch
nagelte er einen Schaft an den Pfosten, und in den Schaft schnitt er jedem seine
eigene Marke, mit welcher der Sohn in Zukunft sein Gert zeichne. Und als das
Friedel sein Ma erhalten sollte, da lachte der Vater, weil er am Pfosten keinen
Raum mehr fand, und schlug den Speer an die zweite Tr, dort steht er allein.
Denn dem Vater war das Prfen der Gre in jedem Jahr eine Freude, obgleich die
Alten sagen, da man die Kinder nicht messen soll, euch aber hat es nichts
geschadet, denn ihr seid alle hoch emporgeschossen. Tritt an das Ma߫, bat sie,
und als Immo ihren Willen tat, rief sie erfreut: Mehr als eines Kopfes Lnge
berragst du das letzte Zeichen und der grte bist du geblieben. So ziemt es
sich auch und ich dachte das immer. Wisse, Immo, in jeder Gre vermag eine
Mutter ihre Kinder zu schauen, wenn sie gerade nicht bei ihr sind. Auch dich
schaute ich in meinem Sinn, ganz klein und wieder grer. Aber wunderlich war
es, wenn ich allein sa, dann hielt ich dich in meinen Gedanken am liebsten als
ein kleines Kind auf meinem Scho, und ich freute mich, da du die Arme zu mir
aufhobest, obwohl du doch lter warst als meine Knaben. Vielleicht sah ich dich
so, weil du als kleines Kind mir gehrtest.
    Immo neigte sich zu ihr und ergriff ihre Hand.
    Wende dich noch ein wenig ab, wenn ich mit dir rede, bat Edith und eine
feine Rte flog ber ihre Wangen. Denn wenn du mich heut ansiehst mit den Augen
und mit dem Antlitz deines Vaters, dann wei ich nicht, du Holder, ob ich deine
Mutter bin. Kehre dich doch wieder zu mir, rief sie wieder und warf den Arm um
seinen Hals, denn lange habe ich dich entbehrt und mir war's zuweilen, als ob
ich selbst fremd im Hause sei, weil du mir immer fehltest. Sommer und Winter
schwanden dahin, meine Knaben wuchsen heran, oft machten sie am Abend der Mutter
die Freude, still am Herde zu sitzen, oft trieb sie auch ihr Jugendmut auf den
Hfen der Nachbarn umher. Doch mu ich meine Shne rhmen, denn gehorsam und der
Mutter treugesinnt waren meine Knaben alle.
    Auch ich bin dein Sohn, rief Immo.
    Ja, du, antwortete Edith und blickte ihn mit strahlenden Augen an. Und
leise fuhr sie fort: Anders vermag ich mit dir zu reden als mit ihnen, und als
ich dich am Tisch hrte, sprachst auch du nicht wie die Knaben, denn reichlicher
schweben deine Worte von der Zunge und mit fremdem Klang dringen sie in das Ohr.
Doch hrt es sich gut an, Immo, und es macht dich meinem Herzen vertraulich. -
Reich und froh fhle ich mich heut zum erstenmal wieder, seit mein Gemahl von
uns ritt, und mir ist, als knnte ich dir alles Geheime sagen, wie man es am
Altare den Heiligen zuraunt, du liebes Opferkind. Denn du gehrst ja, wenn du
auch unter uns weilst, mehr den Himmlischen an als wir anderen.
    Lange Jahre hatte Frau Edith in ihrem Witwenschleier still dahingelebt, als
ernste Gebieterin hatte sie die wilden Shne gezogen und ber den Dienstleuten
gewaltet, ihr eigenes Herz, wenn es heftig pochte, hatte sie fest gebndigt;
jetzt brach in der Freude des Wiedersehens die Mutterliebe wie ein starker
Bergquell aus der Tiefe ihrer Seele. Dem Sohne schien sie einer begeisterten
Seherin gleich, noch niemals hatte er sie so gehrt; er lauschte hingerissen auf
den Klang ihrer bewegten Stimme, und doch empfand er geheimen Schmerz bei den
liebevollen Worten.
    Die Shne traten nach der Reihe vor die Mutter und boten den Nachtgru,
jedem legte sie die Hand auf. Als letzter kam Immo, da stand die Mutter auf, und
als er sich neigte, den Segen zu empfangen, umschlang sie sein Haupt und
streichelte ihm Haar und Wange, die Freudentrnen in den Augen. Fhre du ihn zu
seinem Lager, gebot sie der alten Gertrud, denn du warst vor Zeiten seine
Wrterin.
    Wohin leitest du mich, Mutter? fragte Immo lchelnd, ich kenne den
Bretterverschlag hinter der Halle, in dem ich sonst schlief.
    Der wrde dir jetzt wenig ziemen, versetzte die Alte, denn Frau Edith hat
dir selbst das Lager bereitet. Sie fhrte durch den Hof zu einem stattlichen
Bau, der wie eine groe Laube aus Stein und Holz errichtet war und zwei Gemcher
nebeneinander enthielt; die Wnde des kleineren Raumes waren mit Teppichen
bekleidet, der Boden mit grnen Binsen bestreut, auf dem Lager weiche Kissen und
eine prachtvolle Decke, ber welcher Greifen und andere gestickte Fabeltiere
einherschritten, an der Wand hing ein groes Kreuz, davor war ein Betpult, eine
groe Wachskerze erhellte den Raum. Immo stand betroffen in der Tr. Ich rieche
die Kirche, rief er, denn ein Duft von heiligem Rucherwerk erfllte den Raum.
    Der hochwrdige Herr von Magdeburg hat hier vor kurzem geruht, antwortete
Gertrud, die Knie beugend.
    Im Gastgemach des Hofes stehe ich, das den vornehmen Fremden bereitet
wird, rief Immo traurig, ich meinte in das Haus meiner Vter zu kommen.
    Du dienst ja dem Himmelsgott schon hier auf Erden, wiederholte Gertrud die
Worte der Herrin. Unter uns anderen Menschen bist du ja nichts weiter als ein
Gast, du armes Kind.
    Immo winkte der Dienerin die Entlassung, und als sie sich mit Segenswnschen
entfernt hatte, setzte er sich nieder und barg sein Gesicht in den Hnden, denn
die Worte der Alten schnitten ihm in das Herz; er merkte, da sie recht hatte
und da er nur ein Gast im Vaterhause war.
    Als er am Morgen erwachte, hrte er drauen an der Wand das Schwalbenvolk
schwatzen und singen, gerade wie in der Schule, und er wartete, da die kleine
Glocke am Michael luten werde. Drauen aber pfiff ein junger Knecht geschickt
eine lustige Weise, die Immo in seiner Kinderzeit oft gehrt hatte. Da erkannte
Immo wieder seine Heimat, und er dachte vergngt, da der Knabe wohl einer Magd
des Hofes, die ihm lieb war, seinen Morgengru zugerufen habe, was in dem
Kloster niemals geschah. Als er die Augen aufschlug, sah er, da die
Lichtffnungen seiner Fensterlden nicht in Kreuzesform geschnitten waren wie im
Kloster, sondern als runde Herzen, und ein groes Herz voll Licht lag golden auf
dem Fuboden. Da lachte er und sprang auf, und whrend er sich anzog, nahm er
sich vor, geduldig zu sein und auch Schmerzliches zu ertragen, bis er das
Vertrauen der Brder gewonnen und bis er die Mutter mit seinen weltlichen
Gedanken vershnt htte. Und er frchtete, da dies ein schwerer Kampf sein
werde.
    Nach dem gemeinsamen Frhmahl schrzte Frau Edith ihr Gewand, um in der
Wirtschaft nach dem Rechten zu sehen, und Immo gedachte des vertrauten Briefes,
den ihm Herr Bernheri fr den Dienstmann auf der Wassenburg bergeben hatte. Als
er der Mutter bekannte, da er dorthin reiten werde, sahen die Brder einander
bedeutsam an und tauschten leise Worte. Darum begann Immo freundlich zu Odo:
berall sorgen die Leute, da ein groer Krieg bevorsteht, sage mir, mein
Bruder, seid ihr fr Knig Heinrich oder Hezilo?
    Noch ist die Kriegsfahne nicht aufgesteckt, versetzte Odo vorsichtig, wir
aber hren aus der Ostmark, da die Slawenherzge rsten, und diese sind fr uns
die nchste Sorge.
    Unter den Mnchen vernahm ich, da die Bhmen sich dem Hezilo verbndet
haben, sicher weit du, ob die Grafen der thringischen und schsischen Mark den
Bhmen widerstehen wollen.
    Wir vermuten, antwortete Odo, da ihr Wille ist, ein Heer zum Schutz der
Grenze zu sammeln; dann, hoffe ich, werden auch wir reiten.
    Sonst zog unser Wald zu dem Banner, welches der Vogt des Knigs in Erfurt
aufsteckte, warf Immo ein.
    Ich aber meine, versetzte Odo, da der Knigsvogt sich nicht beeilen
wird, seine Burg zu verlassen und nach Sden zu ziehen, wenn an der nahen Grenze
der Kriegslrm erhoben wird. Bei uns denkt jeder daran, sich im Hause zu wahren,
denn einer mitraut dem anderen.
    Immo schwieg gekrnkt, denn er sah, da auch die Brder ihm mitrauten. Er
rief deshalb den Knaben Gottfried und erbat von der Mutter, da dieser mit ihm
reite. Auf dem Wege erzhlte ihm der Harmlose, was er bereits ahnte, da die
Mutter fr Knig Heinrich war, die Brder aber fr den Babenberger. Und noch
mehr erfuhr er. Auch seinetwegen war ein langer Kampf zwischen Mutter und
Brdern gewesen, denn die Brder hatten sich dagegen gestrubt, dem ltesten die
Mhlburg vor der Teilung zu berlassen, damit sie dem Stift des Erzbischofs
zufalle, und nur widerwillig hatten sie dem Ansehen der Mutter nachgegeben. Die
Brder hatten recht, rief Immo dem verwunderten Gottfried zu. Auf der
Wassenburg wute der alte Dienstmann wenig vom Laufe der Welt, doch freute er
sich des Briefes und besserte auf Hugbalds Rat an den Mauern. Auch in Arnstadt,
der dritten Burg, welche das Kloster am Walde besetzt hielt, vermochte Immo
nicht viel zu erfahren. Da ritt er nach Erfurt zu dem Vogt des Knigs, der
seinem Vater vertraut gewesen war; dort wurde er freundlich empfangen und
vernahm vieles, was dem Abt wertvoll sein mute. Auch das Pergament zum Briefe
kaufte er in der Stadt, und den Dienstmann Hugbald brachte er als Gast nach dem
Hofe, nachdem er ihm einen Wink gegeben hatte, ber die letzten Tage im Kloster
zu schweigen.
    So vergingen die ersten Tage in der Heimat unter der Arbeit, die er fr
Herrn Bernheri bernommen hatte. Er war wenig mit den Hofgenossen zusammen, und
Frau Edith erfreute sich an dem Eifer, den Immo fr seinen Abt bewies. Und als
sie merkte, da er in der Kemenate ber dem Pergament sa, ging sie selbst in
den Hof und scheuchte die Mgde und den Kranich mit seinem Hhnervolke in die
entfernteste Ecke, damit kein Gerusch die seltene Arbeit stre.

                                  Die Trennung


Immo trat zu seinen Brdern, welche, gewappnet in der Eisenhaube, die Rosse
sattelten. Das Herz lachte ihm, als die hochgewachsenen Knaben sich so geschwind
mit den Pferden tummelten. Da sah er, da Odo den weien Sachsenhengst
herausfhrte, und ihm scho das Blut nach dem Haupte, aber er bewltigte die
Erregung in Mnchsweise, indem er schnell ein Vaterunser sprach; dann ging er an
das Ro und sprach ihm leise zu, das Tier spitzte die Ohren und wieherte. Einst
gehrte das Pferd mir, sagte er zu Odo, und als ich schied, schenkte ich es
unserem Bruder Gottfried.
    Das tatest du, versetzte Odo gleichmtig, aber da es das beste Pferd im
Hofe ist und fr die Zucht wertvoll, so reite ich es lieber selbst; denn der
Knabe ist unvorsichtig und tummelt sich wild, wo der Hengst zu Schaden kommen
knnte.
    Immo schwieg, fhrte das Ro, welches ihm Herr Bernheri geschenkt hatte, aus
dem Stall, sattelte es neben den anderen und begann: Gefllt es euch, so reite
ich mit.
    Die Brder sahen einander an, und Immo merkte, da eine stille Abweisung in
ihren Blicken lag, endlich sprach Odo zu den anderen: Da er als unser Bruder im
Hof weilt, so mgen wir es nicht wehren. Doch nicht mig reiten wir ber das
Feld, Immo, und fr einen Gast aus der lateinischen Schule wird es ein langer
Ritt, denn wir streifen ber die Fluren wegen Sicherheit der Drfer, sowohl in
unserem Erbe als auch auf dem Lande der Nachbarn nach altem Brauch.
    Ich kenne den Brauch, versetzte Immo, und mchte euch begleiten, wie ich
zuweilen unserem Vater gefolgt bin.
    Odo nickte, aber Immo fhlte, da es keine freundliche Einwilligung war, und
die jungen Adalmar und Arnfried sprachen leise zueinander und lachten.
    Wie kommt es, da Gottfried uns nicht begleitet? fragte Immo auf dem Ro.
    Er trgt nicht den Schwertgurt, versetzte Odo kurz. Vorwrts, und in
gestrecktem Lauf sprengten die Reiter aus dem Hofe.
    Die Brder sahen von der Seite prfend auf Immos Reitkunst.
    Lang gefesselt sind die hessischen Pferde, begann Erwin spottend, bel
steht ihnen die Bocknase.
    Httet ihr dem Bruder ein Ro aus der Hofzucht geboten, wie sich gebhrte,
so wrde das fremde Gesicht euch nicht rgern, versetzte Immo und sah so
finster auf den Tadler, da dieser zur Seite ausbog.
    Ich habe nicht gehrt, da du uns das Begehren gestellt hast, sagte Odo
trocken.
    Freundlicher Sinn wartet bei dem, was sich geziemt, nicht auf die Bitte,
entgegnete Immo.
    Bei uns aber ist die Gewohnheit, antwortete Odo, da der Gast am liebsten
das eigene Pferd besteigt, dessen Tugenden er vertraut.
    Ich lobe den Reiter, rief Immo mit blitzenden Augen, dem auch auf einem
migen Pferd ein guter Sprung gelingt. Folgt mir, ihr Knaben. Er hob die Hand
und setzte ber Graben und Hecke, die sich lngs dem Wege hinzogen. Sogleich
folgten die Brder einer nach dem anderen, nur Odo ritt gleichmtig auf dem Wege
weiter, und als die Reiter zurcksprangen und lachend die aufgeregten Tiere zum
Trabe bndigten, sagte er khl: Wir haben heut einen langen Ritt, und ein
verstauchtes Bein wird uns hindern. Aber das schnelle Wesen Immos gefiel doch
den anderen, sie wandten sich seitdem vertraulicher zu ihm und hrten
teilnehmend auf seinen Bericht ber die Zucht der Klosterfllen.
    So ritt die Schar in scharfem Trabe ber die Fluren, voran Ortwin, der
Sprecher, zuletzt Erwin, der Marschall. Nahten die Reiter dem Wallgraben eines
Dorfes, so blies Ortwin in ein Horn des Auerstiers, das er am Riemen trug, und
sie sprengten in die Dorfgasse vor den Hof des Ortsmeisters, wo sie anhielten,
bis der Mann heraustrat. Verschieden waren Gru und Fragen, wenn er ein Freier
und wenn er ein Hriger des Geschlechtes war. Auch in der Flur hemmten die
Reiter den Trab, wo Arbeiter auf dem Acker schafften oder wo Hirten weideten;
dann eilten auch diese heran und berichteten: ob fremdes Volk ber die Fluren
gestrichen, ob ein Diebstahl im Felde erkannt, ob ein Raubtier in die Gehege
gebrochen sei und ob ein Wanderer neue Kunde aus der Welt getragen habe.
Verwundert starrten die Landleute auf den fremden Reiter, aber wenn sie ihn
erkannten, traten sie mit lautem Zuruf heran und boten ihm treuherzig die Hand,
in den Drfern drngten sich auch die Weiber und Kinder um ihn, und Immo hatte
zuweilen Mhe, sich aus dem Haufen zu lsen, wenn Odo wartend nach ihm
zurcksah.
    ber kahle Hhen und Gestrpp ritten sie in einen alten Buchenwald und
wanden sich zwischen mchtigen Stmmen, an denen selten die Axt klang, der Hhe
zu. Dort gab Ortwin das Zeichen, aus der Tiefe vor ihnen antwortete ein
hnlicher Hornruf und wildes Geheul von Hunden. Die Reiter stiegen in ein
Kesseltal hinab und sahen vor sich die Htte, welche der Sauhirt fr den Sommer
aus Stangenholz und Rinde zusammengeschlagen hatte, und daneben das Gehege fr
die Schweine. Es war ein dsterer Ort, in den Vertiefungen des aufgewhlten
Bodens stand sumpfiges Wasser, um welches sich die entblten Baumwurzeln wie
dicke Schlangen dahinwanden; das Ro Immos schnaubte und scheute vor der
unholden Sttte. Ein riesiger Mann in einem Rock aus Fellen, mit hohen
Lederstrmpfen und Schuhen, an denen noch die Haare hingen, kniete auf dem
Boden, beschftigt, einen toten Wolf abzubalgen. Er erhob sich, scheuchte die
anspringenden Hunde und begann mit finsterem Lcheln: Den alten Grauhund traf
mein Holz diesen Morgen. Wollt ihr, da die Herde nicht zersprengt werde, so
helft selbst die Wlfe schlagen, ihr Herren, denn seit vielen Jahren haben sie
nicht so arg zwischen den Hgeln geheult als in diesem Sommer; ich allein mit
den Knechten vermag ihrer nicht Herr zu werden. Die Nachtgnger wissen, da die
Helden in der Ebene sich zur Kampfheide rsten, und sie heulen nach ihrem Anteil
an Lebenden und Toten.
    Was hast du von der Herde verloren? fragte Odo.
    Der Knecht wies auf eingekerbte Zeichen an den Pfosten der Htte. Die
Waldweide wird gut, sagte er kurz, und ihr knnt den Schaden ertragen. Ein
fremdes Ro sehe ich, fuhr er fort, aber darber zwei Augen, die einst meinen
Wald so gut kannten als ich.
    Sei gegrt, Eberhard, rief Immo und fate die Hand des Mannes.
    Eberhard musterte den Arm. Es ist eine Herrenfaust. Kommst du, festzuhalten
oder wegzugeben?
    Ich gedenke zu bewahren, was mir gefllt, versetzte Immo.
    Da erhellte sich das Gesicht des Mannes und er rief: Ich dachte wohl, da
du von dem Glockenseil der Geschorenen zurckkehren wrdest. Denn du gehrst zum
Walde, und hier merkt der Mann andere Unsichtbare, welche ungern auf das Bimmeln
der Ordorfer Glocke hren. Er betrachtete die Brder und fuhr dann fort: Sechs
Shne Irmfrieds stehen vor mir, und allen weide ich mit meinen Knaben ihre
Herden. Dennoch will ich wissen, wem ich selbst in Zukunft angehre, und ihr
sollt mir's kundtun.
    Die Brder sahen einander lchelnd an. Du sollst es wissen nach der
Teilung.
    Meint ihr den alten Knecht gleich seiner Herde durchs Los einem unter euch
anzuwerfen? Anders gedenke ich meinen Herrn zu finden. Steigt ab und folgt mir,
ihr Jnglinge, denn ich will euch den Willen eures Vaters verknden. Er fhrte
hinter die Htte zu dem strksten Eichbaum, den er mit Bndeln Astholz
umschichtet hatte. Seit acht Jahren liegt das Astholz an dieser Stelle, und
jedes Jahr binde ich und schichte ich aufs neue, damit das Holz vor fremden
Augen verberge, was mir das liebste Stck meiner Habe ist. Als er gerumt
hatte, sah man an dem Stamme eine Waldaxt, die mit starkem Schwunge eingetrieben
war. Diese Axt, begann der Hirt, schlug Herr Irmfried in den Baum, als er das
letztemal zu seinen Ebern kam. Damals bot er mir eine Hand zum Abschiede, weil
ich ihm ein treuer Knecht gewesen war, und die andere Hand legte er auf mein
Haupt. Ich fragte unter seinen Hnden: Herr, wenn Ihr nimmer keimkehrt, wem soll
ich ferner dienen? Darauf sprach er: Deiner Herrin Edith, solange sie dir das
Brot hinaussendet und dir das Lager bereiten lt, wenn du im Winter zum Hofe
kehrst. Ich antwortete: Das tue ich gern. Aber sieben Frischlinge laufen auf dem
Hofe, und wenn mich die wilden Gewalten des Waldes bis zu dem Tage verschonen,
an welchem ihnen die Eberzhne schieen, welchem der Jungen soll ich angehren?
Lat mich nur dem Besten dienen. Wer der Beste wird, wei nur der Christengott,
versetzte der Herr, nicht ich. Herr, sprach ich dagegen, der strkste ist mir im
Walde der Beste. Da sprach der Herr: Wenn der Tag kommt, wo die sieben
miteinander zu deinem Baum treten, so nimm diese Axt, neu geschrft und mit
neuem Stil, und biete sie meinen Shnen dar, damit jeder von ihnen die Axt in
diesen Baum schlage, mit dem besten Schwunge, den er vermag, der jngste zuerst,
der lteste zuletzt, so wie ich sie jetzt schlage. Und siebenmal sollst du
selbst die geschwungene Axt aus dem Holze reien, dabei prfe, welcher von
meinen Knaben am schrfsten schlgt; und der dir selbst als der strkste
erscheint, dem magst du dienen. Da hob Herr Irmfried seine Axt aus dem
Sattelgurt und schlug sie in den Stamm, so wie sie jetzt noch hngt. Die
Jnglinge traten neugierig an die Waffe des Vaters. Der Alte aber stellte sich
abwehrend davor und fuhr mit gehobenen Armen fort: So bezeuge der Eichbaum und
bezeuge die Herrenaxt, da Held Irmfried mir solches Versprechen getan hat. Vor
meinen Zeugen frage ich euch, ihr Shne des Toten, ob ihr den Willen eures
Vaters zu ehren gedenkt oder nicht.
    Wir gedenken seines Willens, antwortete Odo.
    So helft auch mir, da ich danach zu tun vermag. Achtmal hat das Land
gegrnt, niemand hat die Axt gehoben; das Eisen ist verrostet, das Holz ist
herumgewachsen, ich selbst htete sorglich meine Zeugen an ihrer Stelle. Jetzt
aber naht die Zeit, wo ihr sieben zu euren Tagen kommt und im Schwertgurt das
Erbe eures Vaters teilen werdet. Fr diesen Tag mu ich den Stiel schnitzen und
das Eisen schrfen, und darum will ich, da heut einer von euch die Herrenaxt
heraushebe und mir in die Hand lege, damit ich mein Recht gewinnen kann.
    Da rief der junge Adalmar, nach dem Axtstiel greifend: Gefllt es euch,
Brder, so schrfe der Knecht zur Stelle die Schneide, und heut schon prfen wir
die Kraft, damit er seinen Willen habe.
    Mir aber gefllt es nicht, da ihr leichtherzig an dem Stiele zerrt,
versetzte der Sauhirt finster. Nicht alle seid ihr versammelt, der jngste ist
noch ein Kindlein, und ganz richtig begehre ich die Herrenwahl, wie euer Vater
gebot. Heut will ich selbst einen von euch rufen, der zuerst nach seinem Vater
den Stiel erfassen soll.
    Odo antwortete: Wenn dein Ruf nur ein Spiel sein soll, das dir gefllt, so
spreche ich nicht dawider.
    Da sprach der Hirt: Ich aber whle die Hand, die von Wolfsblut rot ist.
Denn du, Immo, warst der einzige, der dem alten Knechte die Hand gereicht hat,
wie dein Vater tat. Tritt an den Stamm und zucke dreimal, dann weiche zurck.
    Immo trat herzu und rckte gewaltig am Holzgriff. Beim dritten Zuge brach
der Stiel, Immo aber ri das Eisen aus dem Baume, da es auf den Grund fiel. Da
hob der Alte das Eisen auf und betrachtete es kopfschttelnd: Eine Vorbedeutung
erkenne ich fr dich selbst, Immo; fest ist dein Griff, mit dem du die
Herrschaft erwirbst, doch hte dich, da sie dir nicht bei hastiger Tat
entgleite. Ich aber bewahre die Axt bis zu dem Tage, an dem sich der Knecht
seinen Herrn sucht.
    Der Alte kehrte zu dem Wolfsbalg zurck, die Brder schwangen sich auf die
Rosse. Aus der Markung ihrer eigenen Drfer fhrte Ortwin die Schar auf fremden
Grund.
    Wenige Wegstunden nordwrts umgab der Nessebach mit Teichen und sumpfigem
Moor wie ein groer Wallgraben andere Hhen, an welchen fruchtbares Ackerland
unter lichtem Laubwald lag. Auch dort waren alte Wohnsttten der Thringe,
whrend hinter ihnen im Norden viele angesiedelte Franken saen, welchen der
Graf von Tonna gebot; die Bauern vom Moor der Nesse aber hielten sich gern zu
ihren Landgenossen am Walde. Sie waren stolz auf ihre Freiheit und wurden von
den Dienstmannen des Grafen als altvterisch in Bruchen und Bewaffnung
verspottet. Denn sie zogen ungern zu Rosse ins Feld, auch wenn sie es
vermochten. Aber sie waren auch als trotzige Gesellen in der ganzen Gegend
gefrchtet, und man wute, da sie in Kriegsfahrten starke Fuste bewhrt
hatten.
    Seit alter Zeit bestand zwischen ihnen und dem Geschlecht des Irmfried,
welches um die roten Berge wohnte, ein gutes Vernehmen. Niemand wute zu sagen,
woher das Bndnis kam, es war seit je gewesen, und die Weisen sagten, da es
schon lange bestanden hatte, bevor die Ungarn ins Land brachen. Und es war ein
alter Brauch, da das Geschlecht Irmfrieds bei allen Fehden, welche die Drfer
mit den Nachbarn hatten, und auch bei Missetaten, ber welche das Geschrei
erhoben wurde, im Eisenhemd herzuritt und mit den Freien dort gemeinsam die
Abwehr und Rache betrieb; dafr zog auch die Jugend der Drfer dem Geschlecht
mit Speer und Bogen zu Hilfe, wenn dieses mit anderen verfeindet war. Diese gute
Nachbarschaft war den Grafen und den geistlichen Herrn unlieb. Denn die
Landleute wehrten sich trotziger gegen jede neue Last, welche die Grafen
auflegen wollten, und man sagte ihnen nach, da sie auch heimlich abseit von dem
Grafenstuhl untereinander Urteil fnden gegen ihresgleichen in schweren Fllen.
    Als die Reiter dem ersten Dorfe nahten, erhob Ortwin den Horngesang, und sie
fanden an Tor und Brcke die Alten des Dorfes aufgestellt. Odo ritt vor und
wechselte mit ihnen alte Sprche, welche den Freien am Wald eigen waren und
anderen ungebruchlich. Im Sonnenschein, beim Wandel des Mondes, unter
glitzerndem und fallendem Stern kommen wir zu euch wegen Recht und Rache.
Worauf die Bauern antworteten: So gre euch die Sonne, der Mond und der lichte
Morgenstern, seid willkommen in unserer Burg. Und als die Reiter abgestiegen
waren, wurde ihnen ein Trunk gereicht und den Rossen Hafer in kleinen Krippen,
dabei sagte der alte Bauer: Freiwillig reitet ihr und freiwillig schtten wir
den Hafer, worauf Odo antwortete: Und wenn wir nicht ritten, dann wrdet ihr
reiten, und wir wrden euch den Hafer schtten. Darauf besprach sich Odo
heimlich mit den Alten, und die Schar brach zum nchsten Dorfe auf.
    Als sie aus einem Gehlz herabkamen, um den Bach zu durchreiten, sahen sie
vor sich eine hohe Rauchwolke aus niedergebranntem Hause aufsteigen. Ortwin
hielt, und rckwrts gewandt sah er seinen Bruder Odo bedeutungsvoll an, dieser
nickte, und die anderen Brder tauschten leise Worte. Als sie nun weiter
hinunterkamen zum Rand des Baches, fanden sie die Furt durch einen Wagen
gesperrt, Hausrat, Leinwand und Kleider lagen unordentlich und halbverbrannt
darauf. Ein bleiches, vergrmtes Weib hockte auf dem Sitz und hielt ein
schreiendes Kind in den Armen, whrend der Mann mit verstrtem Gesicht und
geschwrzten Hnden vergebens auf sein Pferd schlug, damit das kraftlose Tier
aus dem strudelnden Wasser die Hhe gewinne. Der Mann grte die Reiter mit
scheuem Blick, aber gleich darauf rief er klglich um Hilfe. Doch Odo wandte das
Pferd ab, und die Brder sprengten aufwrts zu einer anderen Stelle des Bachs,
ohne den Gru des Mannes zu erwidern und seine Not zu beachten. Immo, der im
Kloster gewhnt war, den Armen und Notleidenden Mitleid zu erweisen, sprach den
Brdern zu: Schmhlich ist es, wegzureiten, whrend der Arme mit Weib und Kind
im Wasser ringt. Odo rief herrisch zurck: Soll ich dir Gutes raten, so folge
uns, ohne diesen anzureden.
    Pfui ber euch, rief Immo wieder, da ihr ein Weib und Kind in der Angst
zurcklat. Er sprang ab, band sein Pferd an einen Baum und watete in das tiefe
Wasser. Treibe noch einmal, riet er dem Manne und griff selbst mit voller
Kraft in die Rder, die Peitsche knallte, der Mann schrie, und mit der Hilfe des
Starken gelang es, den Karren aus dem Bach heraufzufhren. Wer bist du? fragte
Immo, und warum entfhrst du hilflos der Feuersttte?
    Hunold bin ich genannt, wir gehren dem groen Bischof zu Erfurt. Sein Vogt
hat mich auf neuer Rodung angesiedelt, im Frhjahr haben seine Leute mir
geholfen, die Htte zu bauen. In dieser Nacht wurde sie mir niedergesengt, und
als der Hund in der Stube bellte und ich erwachte, war die Tr von auen
verschlagen. Mit der Axt mute ich sie unter loderndem Feuer aufbrechen, um
diese zu retten. Einsam blieb ich whrend des Mordbrandes, kein Notschrei fhrte
mir einen Helfer zu.
    Und wo willst du hin, Unglcklicher?
    Hinweg von hier, die Flur ist unheimlich fr Fremde; den Herrn Vogt will
ich anflehen, da er mich ansiedle, wo es auch sei, nur weit von hier.
Beschwerlich ist ein Lager unter den Disteln. Das Weib heulte und das Kind
schrie, Immo griff in den Beutel, den ihm der Abt geschenkt hatte, und legte der
Frau eine Handvoll runden Silberblechs in den Scho. Aus dem Kloster seid ihr
blanken, und in Klosterweise streue ich euch aus, sagte er gutherzig. Er
schttelte sich das Wasser aus dem triefenden Gewande, sprang in den Sattel und
ritt den Brdern in gestrecktem Laufe nach. Als er ihre Schar erreichte, warfen
die anderen finstere Blicke auf ihn und wandten die Gesichter ab.
    Seit wann beschtzen die Shne Irmfrieds den nchtlichen Mordbrand? fragte
Immo, zu Odo reitend, verchtlich.
    Nicht wir haben das Feuer entzndet, versetzte Odo. Krnkt dich, da wir
von einem Vogelfreien abwrts ritten, so krnkt uns deine hilfreiche Hand.
    Galt euch der Mann als vogelfrei, so lobe ich den Brauch nicht, ihm Weib
und Kind zu sengen.
    Fhrt der Hahn sein Volk in die Burg des Fuchses, so bt es Henne und
Huhn. Ich riet dir nicht, unserem Ritt zu folgen.
    Unwillkommen ist der Mahner, rief Ortwin, der unsere Bruche nicht
kennt.
    Und Erwin: Dnkst du dich klger als deine Landsleute, so wrst du besser
bei den Mnchen geblieben.
    Kommst du, uns Mnchslehre zu geben, spottete Adalmar, so wirst du hier
eine demtige Gemeinde nicht finden.
    Wie die Eule schreist du deinen Warnungsruf, und dein Gesang klingt
widerwrtig im Lande, hhnte auch der junge Arnfried.
    Da ich der lteste unter euch bin, versetzte Immo, sich hoch im Sattel
aufrichtend, das will ich euch, ihr zuchtlosen Knaben, bewhren durch meine
Lehre, die ihr mit Achtung hren mgt, und durch die Faust, mit der ich die
Ungehorsamen strafe. Sein Ro setzte im Sprunge zwischen die Schreier, und so
gebieterisch war seine Haltung, da die Jngeren verstummten.
    Du irrst, Immo, begann Odo, nicht du bist der Erste im Hofe und auf
unserer Flur, und nicht dir kommt es zu, die Knaben zu ziehen, sondern mir. Denn
ich bin, da der Oheim uns verfeindet ist, der lteste des Geschlechts, welcher
ein Schwert trgt und auf Heldenwerk denkt, du aber wirst ein betender Pfaffe.
    Ob ich dereinst ein geistliches Gewand tragen werde oder nicht, jetzt fhre
ich mein Schwert wie ihr, und die Ehre des ltesten fordere ich als mein Recht,
das nicht du und kein anderer mir nehmen soll.
    Nicht die Jahre allein zhlen wir, auch die Taten des Mannes, antwortete
Odo. Whrend du auf der Schlerbank saest, zog ich mit deinen Brdern zum
Kampf. Viermal hielt ich die Schildfessel im Grenzkriege gegen die Slawen, auch
deine jngeren Brder sind mehr als einmal auf die Kampfheide geritten. Wo sind
die Heldentaten, deren du dich rhmen kannst?
    Ihr sahet zu, wenn Huser brannten und Weiber in der Not ihre Arme hoben.
Wenig vermag ich eure Kriegstaten zu loben, rief Immo. Fahret dahin auf eurem
Weg, ich finde den meinen allein. Er wendete zornig sein Ro und ritt seitwrts
ber die Flur.
    Als Immo in beschwertem Mute dahinfuhr, hrte er aus der Ferne kunstvollen
Peitschenknall, einen Gru, den er wohl kannte. Er sprengte ber das Brachfeld
zu dem Acker, den Brunico, der Bruder des Mnches Rigbert, mit den Ochsen des
Vaters pflgte. Der junge Landmann hielt an, Immo streckte schon von weitem die
Hand aus, den Jugendgespielen zu begren. Denkst du der Reden, sprach Immo,
die wir einst in unserem Hofe tauschten, da wir miteinander im Eisenhemd
reiten wollten?
    Brunico nickte. Langsam wandeln die Ochsen, und langweilig dnkt mich, die
Schollen zu treten.
    Ich komme dich mahnen, ob du mit mir zum Heere des Knigs ziehen willst als
mein vertrauter Mann, der sich mir fr die Schwertreise gelobt.
    Die Augen Brunicos glnzten. Wenn der Knig und der Markgraf nur noch ein
Jahr warten wollten, bevor sie aufeinander losschlagen, so wre das besser wegen
des Hengstes, auf dem ich dich begleiten will. Denn das Ro ist noch jung fr
die Kriegsfahrt. Ich selber bin meines Vaters Sohn und sitze an seiner Bank. Und
wenn ich auch etwas tun will, so bin ich doch der Worte nicht mchtig, um den
Alten zu bereden; das mut du wagen. Und dann gibt es noch jemanden, den ich
gern darum frge.
    Ist die Jungfrau aus eurem Dorfe? fragte Immo lchelnd.
    Brunico schttelte das Haupt und wies nach Osten. Weiter aufwrts am Bach.
In der nchsten Nacht hole ich dort Bescheid.
    Als Immo die Schar der Brder aus dem Dorfe reiten sah, lenkte er sein Pferd
dem Hofe des Baldhard zu. Der Bauer stand in seinem Hoftor. Sei gegrt, Immo,
rief er ihm zu, einem Helden gleichst du auf deinem Rosse; reite ein, damit du
der Mutter von ihrem Kinde erzhlen kannst.
    Immo sa zwischen den beiden Alten, und vertraulicher als gegen sein eigenes
Geschlecht sprach er zu ihnen vom Kloster und von der treuen Gesinnung des
Rigbert. Frau Sunihild trug auf, was sie vermochte, um den Gast zu ehren, und
pries ihn glcklich, da er den Heiligen dienen sollte; doch in der Miene des
Hausherrn erkannte Immo trotz der gutherzigen Weise eine Unzufriedenheit.
Manches Mal hast du mir Gutes geraten, Vater, begann Immo, auch heut begehre
ich etwas von dir, was meiner Zukunft ntzen soll.
    Willst du Geheimes von mir hren, versetzte der Alte, so tritt hinaus ins
Freie, denn der Wind, der ber das Halmfeld weht, vertrgt geheime Worte besser
als die hallende Hauswand. Baldhard fhrte seinen Gast aus der Niederung nach
der alten Grenzeiche, die auf freier Hhe weit im Lande sichtbar stand. Du
kennst die Sage, begann der Alte, welche verkndet, da um diese Eiche
vorzeiten ein Lindwurm gehaust hat, welcher Feuer in die Hfe trug und sich die
Menschen zum Fra raubte, bis einmal ein starker Held mit seinem kleinen Sohn
des Weges kam. Dieser setzte seinen Sohn auf einen Stein, und als der Arge
herankam, das Kind zu holen, erlegte der Held den Wurm, aber ihn selbst
verbrannte die flammende Lohe, welche aus dem Rachen des Untiers kam. Ein Weib
aus unserem Dorfe drang mutig zu der Sttte, sie fand den Helden tot, den Knaben
unversehrt unter brennendem Holz und versengtem Gras. Unsere Vter meinen, der
Knabe sei von deinem Geschlecht gewesen und das Weib, welches ihn bewahrte und
erzog, von meinem. Darum ist dies die Stelle, wo ich mit dir am liebsten
vertraulich reden will. Er trat unter die Eiche, wies nordwrts ber die groe
Flur seines Dorfes und die benachbarten Markungen und begann: So weit du hier
das Land siehst, war einst alles freies Erbe handfester Mnner, siehe zu, was
die Kirche und die Grafen daraus gemacht haben. In allen Drfern liegen jetzt
die Hufen unter verschiedenem Recht. Viele gehren den Mnchen deines Klosters,
andere den Mnchen von Fulda, noch mehrere dem Erzbischof von Mainz, und was am
leidigsten ist, viele auch den grflichen Dienstmannen. Diese sitzen unter uns
und sperren, wenn sie es vermgen, ihre Hfe mit einem Graben gegen das Dorf,
obgleich sie vielleicht als unfreie Leute unter der Faust des Grafen stehen.
Vllig zerrissen ist die Gemeinschaft der Dorfgenossen, schon sind an vielen
Sttten unseres Stammes die Freien in der Minderzahl, alljhrlich verschlingen
die Kirche oder fremde Gebieter mehr von unseren Hufen und Behausungen. Wie
sollen die Landleute noch zusammenhalten, wenn sie von allerlei Herren Befehle
empfangen und um die Gunst verschiedener zu sorgen haben. Keine Dorflinde kenne
ich, unter welcher der Friede bewahrt wird, bei jeder Fehde der Groen streiten
die Genossen desselben Dorfes gegeneinander, und ber jede Flur reiten fremde
Herrenrosse. Wer aber mchtig ist, ob er die Kutte trgt oder den Schwertgurt,
der wei sich auszubreiten, wenn er sich einmal in einer Flur eingenistet hat.
In unserem Dorf milang es den Fremden bisher noch, in den Bund der Freien
einzudringen. Denn wenn die Grafen wider das Recht im Gemeindeholz gerodet
hatten, um ihre Leibeigenen anzusiedeln, so weigerten unsere Knaben den Unfreien
Gru und Verkehr auf dem Anger und verbrannten bei Nacht die neuen Htten. Er
sah mit einem wilden Blick nach der Seite, von welcher die Rauchsule aufstieg.
Ich selbst habe einen Sohn auf den Altar gelegt, weil die Mutter das weinend
von mir erbat, und ich hoffe, die Gabe wird den Heiligen willkommen sein. Auch
bin ich nicht sumig, dem Kloster Spenden zu geben, und mehr als ein Fllen und
manches junge Rind habe ich nach Ordorf gefhrt. Aber das Land, auf dem wir im
Herrenschuh schreiten, wollen wir soweit es uns noch geblieben ist, vor den
begehrlichen Mnchen bewahren, obgleich sie uns viel Gnstiges in der groen
Wolkenburg verheien. Darum vernahmen wir Landleute mit Trauer, da dein
Geschlecht um deinetwillen eine gute Burg der Kirche bergeben will. Denn wir
gedenken wohl, da die roten Berge zur Zeit unserer Vter der ganzen Landschaft
vor den wilden Ungarn Zuflucht gewhrt haben. Damals lagen die Weiber und Kinder
und das Herdenvieh unserer Drfer in eurem Bergwall, und die Mnner verschanzten
die Talwege und die Hhen mit Verhau und Wasser und wehrten den Einbruch der
grausamen Heiden siegreich ab Damals ffnete dein Geschlecht uns die rettende
Burg, und seine Helden geboten im Kampfe. Jetzt aber sollen die Pfaffen dort
herrschen, und niemand wei, wem sie bei einer Fehde anhngen werden.
    Immo ergriff die Hand des Bauern. Vater, so wie du denke auch ich. Wenn ich
es zu hindern vermag, soll kein Geschorener auf der Mhlburg gebieten, nicht der
Erzbischof und nicht ein anderer.
    Du selbst aber bist der Kirche verlobt? fragte Baldhard erstaunt.
    Als Kriegsmann will ich zu Knig Heinrich reiten, wie sehr auch meine
Mutter traure, und gerade deshalb komme ich zu dir.
    Wahrlich, rief der Bauer, dem Jngling krftig die Hand drckend, jetzt
gefllst du mir ganz und gar, Immo, und ich hoffe auch, obwohl du jung bist, da
du diesen Sinn bewahrst und in deinem Leben allem Herrendienst widerstehst.
    Gefllt dir, was ich will, mein Vater, fuhr Immo fort, so hilf mir auch,
da ich's ausfhre. Denn nicht als einzelner mchte ich dem Knig zuziehen,
sondern mit der Jugend unserer Drfer. Auch deinen Sohn Brunico, der einst mein
Gespiele war, erbitte ich von dir fr die erste Schwertreise.
    Baldhards Gesicht zog sich ernst zusammen, und er berlegte lange, bevor er
entgegnete: Willst du mit einem Gefolge, wie dir geziemt, zum Herr des Knigs
reisen, so siehe zu, ob dir manche unserer jungen Mnner mit freiem Willen
folgen, ich wehre dir's nicht und ich spreche nicht dagegen. Doch einen
Heerdienst ber das harte Ma, welches uns ohnedies aufgelegt ist, vermag ich
auch nicht zu loben.
    Vielleicht gefllt dir der Zug besser, mein Vater, beredete Immo, wenn du
selbst an das denkst, was wir an deinem Herde ber den bsen Willen der
thringischen Grafen sprachen. Denn ist der Knig in Bedrngnis durch die
Untreue der Groen, so wird er es rhmen, wenn die freien Waldleute ihm jetzt
ihre Treue beweisen, und darum mag der Zug euch in Zukunft frommen gegen die
Grafen.
    Verstndig sprichst du, um mich zu berreden, versetzte der Alte, aber
wer mehr tut, als ihm obliegt, der wagt vielleicht auch mehr, als ihm recht ist.
Wenn der Knig seinen Feinden unterliegt, dann wrden wir's ben, da wir mehr
Eifer gezeigt haben, als uns geboten war. Darum drfen unsere Knaben nur als
Freignger der Donau zuziehen, auf ihre eigene Gefahr und ohne Ladung der
Gemeinde. Ntzt uns ihr Zug beim Knige, so haben wir den Vorteil, im andern
Falle tragen sie den Schaden. Ich sehe auch ungern, da du meinen jngsten
Knaben zu deinem Rodienst werben willst, und ich wrde dir ihn am liebsten
versagen. Aber ich gedenke, da er mir ntzen kann, wenn mein Geschlecht sich
dem deinen wert erhlt. Auch der Kriegskunst des Knaben kann es frommen, da er
einmal an deiner Seite sich im Schwertdienste bt. Dennoch frchte ich fr ihn
die Verfhrung. Denn wenn er mit dir unter dem Rittervolk dahinfhrt, werden ihm
die roten Strmpfe der frnkischen Dienstmannen und ihr weier Schwertgurt
vielleicht gefallen, und er wird fortan lieber den Speer halten als den
Pflugsterz. Ich aber kann nicht ertragen, da der ehrliche Bau in unserer Flur
ihm verleidet wird. Darum gelobe mir, da du meinen Knaben nur auf Jahr und Tag
an dich bindest und da du ihm, soweit du vermagst, sein Heimatdorf lieb
erhltst und auch die Peitsche, mit welcher er einst auf seinem freien Erbe ber
Rinder und Rosse gebieten soll.
    Das gelobte Immo, und in gutem Einvernehmen verhandelten beide ber die
Fahrt zum Knig.
    Als letzter kehrte Immo am Abend in den Saal zurck, die Brder saen
zusammen an der Bank, beachteten seinen Eintritt wenig und sprachen leise
miteinander. Immo sah finster ber sie weg, begrte die Mutter, welche auf
ihrem Stuhl seine Ankunft erwartet hatte, und setzte sich abseit. Ihm gegenber
hingen an der Wand die Rstungen, welche sein Vater als Siegeszeichen aus dem
Kriege heimgebracht hatte, daneben auch Slawenschwerter und Streitkeulen, die er
noch nicht kannte. Er wute, es waren Beutestcke seiner jngeren Brder. Da
wurde ihm der Sinn noch mehr beschwert; er trat an eine Rstung seiner Ahnen,
hob das Schwert vom Pflock, trug es zu seinem Sitz, zog es aus der Scheide,
prfte seine Schrfe und legte es neben sich. Odo stand schweigend auf, nahm die
Waffe weg und schritt zu dem Nagel, um sie aufzuhngen. Da fuhr Immo empor, ri
dem Bruder das Schwert aus der Hand und rief: Unheil bringe dir der Griff nach
meiner Waffe, denn dieses Erbstck des Geschlechtes fllt nach dem Brauch dem
ltesten zu.
    Vielleicht dem ltesten Kriegsmann, versetzte Odo, der aber bist du
nicht. Besseres hat das gute Eisen verdient, als an der Seite eines Pfaffen zu
hngen, der das Schwert nur trgt, wenn er seines geschorenen Haares vergit.
    Versuche es zu nehmen, rief Immo, so sollst du selbst erfahren, ob meine
Hand es zu schwingen vermag.
    Gertrud, die zu den Fen der Herrin sa, tat einen gellenden Schrei. Edith
erhob sich aus ihren Gedanken, und als sie die Brder kampflustig gegeneinander
sah, wurde ihr Antlitz totenbleich, und sie strzte zwischen die Hadernden: Gib
mir die Waffe, Immo, rief sie und fate die Scheide, Unheil hngt an dem
Eisen. Sie lste die Waffe aus der Hand des Sohnes. Wisset, ihr Zornigen, euer
Vater selbst mied das Schwert, denn er trug es an einem Tage, der ihn oft gereut
hat. Und als ein Unglckszeichen hngt es seitdem ungebraucht an der Wand.
Harret der Zeit, wo das Los geworfen wird ber diese und andere Habe, ich meine,
keiner von euch wird dann noch lstern sein, die Waffe an sich zu reien. Sie
hing das Schwert an den Pflock und trat zu ihrem Sitz zurck, whrend die Shne
voneinander abgewandt gegen ihren Unwillen rangen.
    Die Mutter, in deren Antlitz noch der Schrecken zuckte, gebot von der Hhe:
Tricht war euer Streit. Den Frieden des Hauses habt ihr gebrochen, gleich
unbndigen Knaben widerstrebt ihr einander. Reichet euch die Hand zur
Vershnung, damit auch ich euren Frevel vergesse. Und da die Shne unbeweglich
standen, rief sie mit flammenden Augen: Du zuerst, Immo, ich befehle es.
Widerwillig streckte Immo die Hand aus, die Odo ebenso ergriff. Ein langes
unbehagliches Schweigen folgte, endlich begann Edith: Sage mir, Immo, wie kommt
es doch, da du zu deiner Mutter so gar nicht von dem Kloster sprichst und von
deiner Lehrzeit.
    Du selbst weit, Mutter, da es nicht ziemet, die Geheimnisse des Klosters
kundzutun.
    Ist denn alles geheim, was ein Schler dort erfhrt? fragte die Mutter.
Ich meine, nur die Mnche sind gebunden.
    Auch mich bindet ein Gelbnis, das ich vor Herrn Bernheri getan, versetzte
Immo.
    Dann lobe ich dein Schweigen, fuhr Edith fort, doch la die Mutter noch
eine Frage tun. Wie kommt es doch, da du die frommen Vter zu Ordorf nicht
begrt hast, da du doch sonst jeden Tag durch die Flur reitest? Mancher von
ihnen kennt dich aus dem Kloster und von frher her, und mehr als einer will dir
wohl. Und da ich dir alles sage, der Magister war heut in unserem Hofe,
deinetwegen kam er hierher, und er klagte, da die Vter und die Scholastiker in
seiner Zelle sich beschwert fhlen, weil du dich von ihnen fernhltst, obgleich
du doch auf der Wassenburg mit den Dienstmannen verkehrt hast.
    Gute Kundschaft haben die Mnche, entgegnete Immo bitter, und neugierig
schleichen sie hin und her.
    Du hast unrecht, versetzte Edith, guten Leumund haben sie im Lande. Da
Immo schwieg, fuhr sie fort: Der Magister klagte, da ein Bruder, der von dem
groen Mann Tutilo gesandt ist, schwere Kunde aus dem Kloster gebracht habe. Von
hartem Zwist der Mnche sprach er, und da viele aus dem Kloster scheiden
wollten. Auch dem Boten des Tutilo lag es sehr am Herzen, da du in die Zelle
nach Ordorf kmest.
    Wenn ein Bote Tutilos mich ladet, rief Immo, so wird er vergeblich
harren. Er mag seine Botschaft, wenn er es wagt, hierher zu meinen Ohren
tragen. Immo schritt aus der Halle in Mibehagen und Sorge. Er gedachte einer
guten Lehre des Bertram, die er nicht befolgt hatte. Weil er der Mutter und den
Brdern am ersten Tag seinen Willen verborgen hatte, fand er sich in
Widerwrtigkeiten verstrickt. Auf den Beifall der Brder durfte er nicht mehr
hoffen, und das Herzeleid der Mutter ngstigte ihn jetzt viel mehr als auf der
Reise. Dennoch erkannte er, da er seinen kriegerischen Sinn nicht lnger bergen
durfte, und er beschlo, am nchsten Tage sich zuerst den Brdern mit
vershnlichem Gemt zu erffnen und darauf der lieben Mutter. Als er aber nach
wortkargem Abend in seinem Schlafgemach wieder den Weihrauch roch und die Kerze
und die gestickte Herrendecke sah, da bedrngte ihn die Ehre schwer, und auch am
anderen Morgen machten ihm die zwitschernden Vgel und der pfeifende Knabe das
geprete Herz nicht leichter.

Auf einem Vorsprunge des Mhlbergs waren die streitbaren Shne Irmfrieds
versammelt, dazu die Dienstmannen, welche die Burg und die Warttrme der
nchsten Hhen besetzt hielten. Hinter den Mnnern erhob sich die starke
Burgmauer, welche die beiden Trme und das hohe Dach eines Herrensaals umschlo,
seitwrts ragten die Gipfel und Bergleiten des langgezogenen Ringwalls. Gerade
unter dem Vorsprung war der Ring gegen das Tal geffnet, gegenber dem Mhlberg
stand ein hoher Vorberg, gekrnt mit festem Turme, die beiden Hhen beschtzten
gleich Schanzen den Zugang. Durch die Talffnung dazwischen warf die Abendsonne
ihr Licht in die umschlossene Tiefe, auf Ackerstcke und Wiesen, und auf den
groen, mit hohem Rohr bewachsenen Teich, ber welchem dichte Schwrme von
Staren und Wasservgeln auf- und niederflogen in unaufhrlichem Schwatzen und
Zanken. Hoch aber ber ihnen zogen zwei Bergadler ihre Kreise, bis sie in die
Wolken der flatternden Vgel hinabstieen, ihre Beute zu holen, dann schrie und
rauschte der ungeheure Schwarm und stob in wildem Getmmel auseinander.
    Immo stand seinen Brdern gegenber. Er sagte ihnen, da er fr die Tage
seiner Zukunft den Schwertgurt gewhlt habe statt der Stola, und er bat sie mit
herzlichen Worten, ihn als Bruder in ihre Genossenschaft zu nehmen und ihm als
sein Recht die Ehren des ltesten zu gewhren und seinen Anteil am Erbe. Er
gestand ihnen auch, da er dem Knig zuziehen wolle, und da seine Ehre nicht
gestatte, als Landloser unter den anderen Edlen zu reiten.
    Als er seinen Willen verkndete, ein Kriegsmann zu werden, riefen ihm die
Dienstmannen Heil und schlugen ihre Waffen zusammen, die Brder aber standen mit
umwlkter Stirn und waren nicht willig, ihm nachzugeben. Endlich begann Odo:
Hat sich dein Sinn so gewandelt, da du gegen den Willen der Eltern ein
Kriegsmann werden willst, so siehe zu, wie du dich vor unserer Mutter
entschuldigst. Darber mit dir zu rechten, steht uns Brdern nicht zu. Die
Teilung des Vatererbes aber vollbringen wir erst in Jahr und Tag, wenn das Kind
Gottfried sein Schwert trgt und bei der Teilung als Jngster sein Recht ausben
darf, vorweg zu whlen. Denn so ist es beschlossen, und wir alle haben uns
seither in der Gemeinschaft wohl befunden. Die Mhlburg hatten wir widerwillig
auf das Bitten der Mutter von dem Erbteil ausgeschieden, doch nur fr den Fall,
da du die Pflicht der Weihen ber dich nimmst, welche das Geschlecht dir
aufgelegt hat. Weigerst du dich, dein Haupt zu scheren, so bestehen wir anderen
darauf, da die Burg uns allen gemeinsam bleibe bis zur Teilung. Die Herrschaft
aber im Geschlechte, ber Dienstmannen und Hfe gestehen wir dir nicht zu,
obgleich du an Jahren der lteste bist, denn aus dem Kloster kommst du, fremd
dem Lande und fremd kriegerischer Sitte, und wir vermgen keinem, der von der
Schlerbank entlief, die Sorge um unser Wohl und Wehe zu bergeben. Ziehe du dem
Heere des Knigs zu, wenn dich der Wunsch bermchtig treibt, versuche, ob du
dort als ltester Ehre gewinnst. Im Walde aber und im Tale der Heimat behaupte
ich bis zur Teilung mein Recht, die Brder und Mannen zu fhren.
    Immos Hand ballte sich, und das Blut scho ihm zum Haupte, aber Berthold,
der alte Dienstmann, welcher in der Mhlburg gebot, trat schnell in den Ring und
begann gegen Odo: Traurig ist dieser Tag fr einen Alten, der euch beide auf
dem Arme hielt, als ihr noch lachende Kinder waret. Euch Herrenshnen steht wohl
an, hei nach Ehre und Macht zu streben, doch hrte ich den Mann noch hher
rhmen, der sich friedlich mit seinem Geschlecht vertrgt. Aber deiner Rede,
Herr Odo, mu ich widerstehen. Denn nicht zwischen euch allein schwebt der
Streit, auch uns verdirbt er das Leben. Das Erbe des Vaters mgt ihr teilen,
wann es euch gefllt, ber die Ehre des ltesten aber mt ihr euch zur Stelle
entscheiden. Das fordern wir, die wir euch dienen, als unser Recht. Ihr ladet
uns und gebietet, da wir auf die Kampfheide ziehen und gegen jeden streiten,
der euer Feind ist, und jeden ehren, den ihr ehrt. Dem Geschlecht Irmfrieds
haben wir Treue geschworen, und wir folgen, solange das Erbe ungeteilt ist, dem
ltesten. Bisher warst du, Odo, uns der lteste. Jetzt aber steht ein Bruder,
der an Jahren dir voraus ist, im Schwertgurt gegen dich und begehrt sein
Geburtsrecht. Euch beiden zugleich vermag keiner von uns zu gehorchen, wenn ihr
uneinig seid. Und ich sage dir, wir Dienstmannen mssen, bevor die Sonne
untergeht, den Herrn erkennen, welchem wir fortan folgen. Darum vertragt euch
zur Stelle gtlich, was ich herzlich wnsche, oder entscheidet euren Streit, wie
Helden geziemt, indem ihr ein Urteil sucht vom Himmel oder von der Erde oder von
eurem Schwert.
    Gut spricht der Alte, rief Immo. Ich biete dir die Hand zur Vershnung,
mein Bruder, behalte du bis zur Teilung das Recht der Erstgeburt in allen Hfen,
ja auch unter den Nachbarn, welche uns freiwillig ehren; mir lat die Burg mit
den Bergen und den Dienstmannen, bis in Jahr und Tag das ganze Geschlecht sich
gtlich vergleicht.
    Hltst du die roten Berge in deiner Hand, versetzte Odo, so bleibt das
Geschlecht in der Ebene wehrlos, und die Mutter und die Brder mgen ben, was
dein wechselnder Sinn ihnen erfindet. Ntig scheint mir, da in dem Kriege, der
jetzt entbrennt, Land und Leute in einer Hand stehen, damit nicht auf dem Grunde
unserer Vter der Kampf zwischen Brdern beginne. Darum vermag ich nicht nach
deinem Willen zu tun, selbst wenn ich dir bessere Gesinnung gegen uns zutraue,
als du zeither bewiesen hast, und bevor ich dir nachgebe, hole ich ein Urteil
von meiner Schwertseite. Er griff nach dem Schwert, die Brder sammelten sich
um ihn.
    So bezeugt mir, ihr Helden, die ihr meinem Geschlechte dient, rief Immo in
aufbrennender Wut, bezeuge mir, hoher Himmel, und du, Grund meiner Vter, da
ich den gerechten Stolz gebndigt und ihm nachgegeben habe, soweit ich
vermochte, und da er mich schmht und meinen guten Willen verachtet. Entehrt
vermag ich nicht zu leben, das Blut des Bruders scheue ich mich zu vergieen.
Darum fordere ich ein Urteil vom Himmel oder aus der Tiefe. Besser ist es, da
einer von uns beiden dahinschwinde, als da das ganze Geschlecht in Zwist
verderbe. Seht euch um, ihr Mnner, wo ihr steht, die roten Berge gleien und
leuchten zu der Herrenwahl, und die in der Erde hausen, rsten sich, einen
Helden zu empfangen. Er wies vor sich hin, die Tiefe lag in grauem Dmmer, der
Dunst auf Wasser und Wiese schied den Bergring von der Ebene; wie abgelst vom
Boden schwebten die Gipfel in der Luft, und in der Abendsonne leuchtete das
Erdreich gleich glhendem Metall.
    Gewaltig sind die Worte, die du in der Schule gelernt hast, warf ihm Odo
mit dsterem Blick entgegen, doch schwerlich gleicht ihnen die Tat. Du warst
behend, ber geschorene Kpfe zu hpfen, aber denke nicht, dich ebenso mit
leichtem Fu in die Ehre des Geschlechts zu schwingen.
    Verhhnst du meine Sprnge, schrie Immo auer sich, so wage auch du mir
einen Sprung nachzutun, den ich jetzt um mein Recht wage. Das Gottesurteil hole
ich von dem Boden unserer Vter, vertraust du deinem Rechte, so folge mir nach
oder entweiche. Er wies nach der Seite.
    Dort ghnte wenige Schritte von den Mnnern ein Erdri, der nahe am Gipfel
begann und sich bis zum Fue des Berges hinzog. Vielleicht hatte das
herabstrzende Wasser die Kluft geffnet, vielleicht hatte unterirdische Gewalt
das Gefge des Bodens gesprengt. Die Stelle war unheimlich, und die Leute
wuten, da sich die Schlucht in mancher Zeit schlo und wieder ffnete, sooft
Unheil die Landschaft bedrohte. Nackt und kahl starrte das wilde Erdreich in dem
Spalt, kein grnes Kraut haftete darin, nur beim Gewitterregen rauschten
schumend die Wasser in trbem Schwall hinab und fhrten den roten Schlamm ber
das lichte Gehlz und den Wiesengrund. Ungern klomm jemand lngs dem Ri hinab,
denn man sagte, da dort der Eingang in das Innere des Berges sei, und da bse
Gewalten aus dem Reich des alten Gottes das Tor hteten. Mehr als einer der
Burgleute hatte bei Nacht ihr Geschrei gehrt, Schnauben der Rosse und Bellen
der Hunde, und viele hatten im Abendlicht erkannt, wie groe Rudel von Wlfen
hinein- und herausfuhren. Jetzt gerade war der Ri auf der Oberflche breiter
als wohl sonst, an manchen Stellen so tief, da man von oben in das Innere des
Berges hineinzusehen meinte.
    Immo sprang an den Schlund, aber Berthold lief ihm nach und schlang die Arme
um ihn. Halt ein, rief er, greulich ist die Stelle, kein Menschenfu vermag
die Tiefe zu berfliegen, frchte die Unsichtbaren, welche dort unten lauern.
    Aber Immo schttelte den Alten ab und rief: Den guten Gewalten meines
Lebens vertraue ich, ob sie mir gndig sind. Sieh her, Odo, der Springer
schwingt sich in sein Erbe, folge mir, Kriegsmann, wenn du vermagst. Und weit
ausholend setzte er in mchtigem Schwunge ber den Schlund. Erschrocken sahen
die Mnner die wilde Tat, als er aber am anderen Rand des Schlundes auf die Knie
sank und die beiden Arme gegen die untergehende Sonne hob, da schrien die wilden
Genossen lautes Heil und zogen die Schwerter. Im nchsten Augenblick verstummten
die Rufe, der Leib eines Mannes sank mit schwerem Fall, Odo strzte in die
Tiefe. Immo wandte sich um, und Entsetzen durchfuhr ihn, als er den Bruder
undeutlich unter sich liegen sah. Die jngeren Brder liefen abwrts, die
Gewappneten drngten sich mit starren Blicken um den Spalt. Sobald aber Immo
erkannte, da Odo, der weiter abwrts an das Licht getragen wurde, die Glieder
regte und sich auf die Schulter eines Bruders sttzte, hob er sich empor auf den
Vorsprung, der untergehenden Sonne zu, ri das Schwert aus der Scheide, schwang
es dreimal gegen die Sonne und rief: Zu mir, ihr Helden. Von der Sonne holten
meine Ahnen ihr Recht und von keinem geborenen Manne. Bezeuge mir, milde Herrin,
da ich als rechter Erbe Besitz ergreife von Burg und Herrschaft.
    Die Schatten der Nacht lagen auf dem Lande, und dunkle Wolken verdeckten das
Sternenlicht, als Immo in den Hof zurckkehrte. Vor der Tr harrte seiner der
jngste Bruder. Wie geht es dem Gestrzten? fragte Immo. Er sitzt zerschlagen
im Saal, antwortete der Knabe traurig. Immo atmete tief und stie die Tr auf,
die Mutter sa bleich auf ihrem Sitz, die Brder schweigend an der Bank.
    Als Immo auf der Schwelle der Mutter gegenberstand, erhob sie sich, ri das
Schwert, welches sie den Abend vorher den Hnden des Sohnes entwunden hatte, von
der Wand und schleuderte es zwischen sich und Immo auf den Boden. Hier nimm,
was dir zukommt, rief sie, die Teilung des Erbes suchst du bei den bsen
Geistern des Abgrundes. Das Recht des ltesten begehrst du an Leib und Leben
deiner Brder. Dem Helden, der so mannhaft denkt, gehrt die unheilvolle Waffe;
prfe die Schneide, du Held. Erkennst du alte Rostflecke darauf, so wisse, da
die Waffe schon einmal von Bruderblut gertet ist.
    Immo trat einen Schritt auf Odo zu. Mich reut der wilde Zorn, mein Bruder,
und gro war meine Angst, als ich dich in der Tiefe sah. Zur Stelle fhlte ich
schweres Leid. Da ich dich wiederfinde, nimmt mir das Grauen von der Seele.
    Aber Odo sah finster vor sich hin und antwortete nicht.
    Ich lobe die Entschuldigung, rief Edith bitter, welche eine Untat abblst
wie den Staub der roten Berge. Und da wir alle hier gesellt sind, das ganze
Geschlecht Irmfrieds mit freundlichem Herzen und guter Meinung zueinander, so
vernehmt eine Sage, meine Shne, welche die Mutter am Feierabend fr euch bereit
hlt. Einst, da ich Jungfrau war im Vaterhause, dachte ein junger Held der
Thringe darauf, ein Sachsenmdchen zur Hausfrau zu werben, und der Vater war
ihm wohlgeneigt. Da kam der ltere Bruder des Jnglings, mchtiger an Gut und
Ehren, von einem Kriegszuge in den Sachsenhof, dieser gewann grere Gunst des
Vaters und erhielt die Jungfrau zum Weibe. Unter den Brdern entbrannte
Feindschaft, in den Mauern ihrer Stammburg zogen sie gegeneinander die
Schwerter, und der jngere wurde durch die Waffe des Bruders schwer getroffen.
Seitdem ahnte den Gatten bles fr die Zukunft, und sie meinten den Zorn der
Ewigen zu vershnen, wenn sie das erste Kind dem Dienst des Himmelsknigs
weihten. Dies Kind warst du, Immo. Heut aber trug ein Bruder deines Klosters mir
die Kunde zu, da du am Altar der Heiligen die Hand gegen einen Geweihten
erhoben hast und als ein Missetter aus dem Kerker des Klosters entwichen bist.
    Den Tutilo schlug ich am Altar nieder, rief Immo dagegen, weil er die
Faust gegen seinen Abt ballte und gegen mich selbst die Geiel schwang. Wurde
die heilige Sttte entweiht, nicht ich war der Verbrecher, sondern er. Und wagt
der Babenberger mir noch einmal gegenberzutreten, bei allen Heiligen des
Himmels, wo es auch sei, ich tue ihm dasselbe. Du selbst aber weit, da ich
nicht aus dem Zaun des Klosters gebrochen bin, sondern durch den Abt in Freiheit
zu dir gesandt.
    Nicht als ein Freier kehrtest du in das Haus deiner Vter, als Geweihten
des Herrn begrten wir dich, und du tuschtest die Mutter durch unwahren
Bericht.
    Das tat ich nicht, rief Immo. Als ich die Freude sah, mit der du auf
meine Weihe hofftest, da wurde mir allzu schwer, dir zu sagen, da ich die Stola
fr mich nicht begehre. Heut aber bekenne ich dir's, obwohl du zornig bist. Ich
vermag nicht den Heiligen zu dienen, wie du begehrtest.
    Ungehorsam willst du sein deinen Eltern und treulos gegen den
Himmelsherrn, rief Edith heftig.
    Gehorsam wirst du mich finden in allem, worin der Sohn seiner Mutter
gehorchen darf, und um die Gnade des Himmelsherrn denke ich als ehrlicher
Kriegsmann zu werben. Aber ein Pfaff werde ich nicht.
    Als ich dir das erste Gewand auf deinen Leib zog, habe ich dich dem Dienst
der Heiligen gelobt. Wie darfst du wagen, das Gelbde deiner Mutter unwahr zu
machen?
    Hast du dein Kind zum Opfertiere geweiht, um dich von der eigenen Not zu
lsen, rief Immo, so siehe zu, ob du ihm seine Hrner zu binden vermagst. Ist
das die Liebe der Mutter, da sie den Sohn in das Elend stt und mit seinem
Haupte die Bue bezahlt, um sich selbst das irdische Heil zu sichern?
    Edith zuckte wie unter einem Schlage, ihr Antlitz erblich, als sie sprach:
Eines Gottlosen Stimme hre ich. Fr ein Elend gilt dir der heilige Dienst, und
einen Verstoenen nennst du dich, whrend ich dir das Beste bereiten will, was
dem Menschen auf dieser Erde vergnnt ist. Mein bist du, von meinem Leibe kommst
du, und meine Treue hat dir das Leben bewahrt. Wem gehrst du an, wenn nicht
deiner Mutter?
    Gabst du mir das Leben, so gabst du mir doch nicht denselben Wunsch, der
dir die Seele fllt. Nicht nach deinen Gedanken vermag ich zu wandeln, Liebe und
Leid fhle ich anders als du und dem eigenen Willen gedenke ich fortan zu
vertrauen, wenn ich auch deinen Rat ehrfrchtig hre.
    Bist du so frei von der Pflicht gegen die Mutter und gegen dein Geschlecht,
so vergi auch, wer dich laufen lehrte und wer dir zuerst die Worte deiner Rede
vorsprach, vergi, da du ein Sohn des Irmfried und der Edith bist, und wandle
dahin gleich einem Vaterund Mutterlosen, der irgendwo am Wasser oder unter dem
Baum gefunden ist. Alles Gute, das dir von der Mutter und den Ahnen kommt,
willst du fr dich ntzen, deines Geschlechtes willst du dich rhmen, und wenn
sie dir sagen, da dein Antlitz dem deines Vaters gleicht, willst du lachen und
nicken. Aber was dir von Pflichten obliegt als dem Sohne deines Hauses und dem
Kinde deiner Eltern, dem willst du dich frevelhaft entziehen. Ich lobe die
Klugheit, Immo. Doch wisse, du Freier, wenn du deine Pflicht gegen die Mutter
verachtest, so naht der Tag, wo die Mutter sich deiner schmt.
    Mit glhendem Antlitz sprang Immo zurck: In der Halle meiner Vter hre
ich die Kuttentrger zischen; sehnschtig kam ich her und begehrte die Liebe der
Mutter und der Brder; geschwunden ist die Treue, kalte Hohnrede vernahm ich von
den Lippen der nchsten Verwandten. Lenke du den Flug deiner Nestlinge, Mutter,
wie es dir gefllt, mir aber hast du den Sinn verwandelt und unter den wilden
Tieren will ich lieber hausen als hier. Er sprang aus der Tr und ber den Hof,
ri sein Pferd aus dem Stalle, hob den Balken des Hoftors und sprengte ber die
Brcke, whrend die Mutter in der erleuchteten Halle stand und die Hnde ber
ihr Herz prete. Eilt ihm nach, befahl die Mutter, da seine Seele nicht
unter den bsen Geistern der Nacht verderbe.
    Wie mgen wir ihn hindern, er ist ja der ltere, versetzte Odo trotzig.
Doch Gottfried lief in den Hof und rief den Namen des Bruders in die Nacht
hinaus, nur undeutlich klang die Kinderstimme in das Ohr des Entweichenden. Es
war ein leiser Ton, aber die Trnen brachen dem Flchtigen aus den Augen, da er
ihn hrte. In die Nacht hinein ritt Immo halb bewutlos, das Blut hmmerte in
seinem Haupte, die Mondsichel am Himmel zitterte, und die Sterne flirrten und
verschwanden vor seinen Augen; er sprengte durch den Bach, da die Flut um sein
Haupt spritzte, und fuhr ber Wiesengrund und Felder den Bergen zu. Dort fand er
sich in dichter Finsternis, schwarze Baumwipfel bargen das Wolkenlicht, die ste
und Zweige schlugen in sein Gesicht und hielten wie mit Krallen sein Haar und
Gewand. Zitternd suchte das Ro einen Weg durch das wilde Gestrpp, bis der
Reiter wieder den Nachthimmel ber sich sah und einzelne Hgel, die dunkel vor
ihm aufstiegen. Als er sich in dem Talkessel zwischen den roten Bergen fand, da
hob er den Arm in wilder Freude nach den Gipfeln und ritt lngs dem Bergwall
dahin. Die Stimmen, welche in dem hohen Rohr schrien und sthnten, warnten ihn,
da er sein Ro der Hhe zu ri, denn dort unten hausten tckische Geister, die
Ro und Mann festhielten und langsam hinab in die grundlose Tiefe zogen. Vor ihm
flackerte durch den Wasserdunst ein rotes Feuer, und undeutliche Schatten fuhren
riesengro durch den Lichtschein. Da strubte sich ihm das Haar, auch das Ro
chzte und stauchte zurck, und er hrte eine Menschenstimme: Wer strt das
Mahl und dringt in den Reigen, haltet ihn fest und werfet ihn zu Boden. Er
spornte das Ro zu weiten Stzen, und als er vorberfuhr, sah er eine Flamme auf
Steinhaufen, grellbeleuchtete Gestalten von Mnnern und Weibern, wilde Gesichter
und gehobene Arme. Wie vom Sturmwind getragen fuhr er hindurch, hinter ihm
flogen Speere und krachte eine geworfene Axt, lautes Hallo und Geheul folgte.
Dann war er wieder allein in dichtem Nebel. Er schlug sein Kreuz und sprach
hastig das Kredo, er wute, jene hinter ihm waren Landleute aus der Ebene, die
dort heimlich alten Opferbrauch bten. Als Kind hatte er Schreckensvolles gehrt
von der Grausamkeit, mit welcher sie die Strer ihrer abgttischen Feier
straften, und er erinnerte sich, da er schon einmal als Knabe von fern den
Lichtschein gesehen hatte und da der fromme Bruder, der damals sein Lehrer war,
ihn ermahnt hatte, sich abzuwenden, damit der teuflische Schimmer ihm nicht den
Sinn verstre.
    Wieder umschlo den Reiter unheimliche Nacht. Klglich seufzten die Unken im
Teich, und ber ihm jammerten die Nachtvgel, die Rudel der Wlfe bellten und
heulten und ihre schwarzen Schatten fuhren durch den Nebel dahin; da meinte er
in der Luft die Gewaltigen der Nacht zu schauen, riesige Mnner auf dunkeln
Rossen, welche ihm zuwinkten und nach dem Tor im Berge wiesen. Denn vor ihm
ghnte der Erdri, den er heut bersprungen hatte, und die Schatten mahnten zur
Rache. Er hielt wie festgebannt, das gellende Geschrei der Nachttiere und das
Flattern in der Luft betubten ihm das Hirn, da er im Sattel schwankte. Aber im
nchsten Augenblicke rckte er sich krftig auf dem Rosse zurecht und atmete
tief wie einer, welcher erkennt, da sein Bangen unntig war. Denn zwischen dem
wilden Heidenlrm vernahm er laut und lauter das Rauschen eines gebndigten
Wassers, unter welchem sich ein Rad schwang, und er vernahm das Klappern des
Mhlwerks, die freundliche Stimme, welche von den Mnchen durch die Worte
gedeutet war: Hilf, Herre Gott. Daran dachte er jetzt. Die Mhle klang bei Tag
und Nacht langsam und schneller, wo Menschenwerk fleiig gebt wurde, sie hatte
Frieden bei Heiden und Christen, und Gutes bedeutete ihr Gesang jedem, der ihn
hrte; alle Hausfrauen im Lande riefen ihr Heil und Segen zu, denn das kluge
Werk befreite ihren Hof von der Mhe, die Handsteine zu drehen; die wilden Tiere
frchteten den Lrm, und sogar der tckische Wassergeist sa, wie die Leute
wuten, stundenlang am Ufer und horchte erstaunt auf das lustige Pochen. Und er
hatte einst, da die Mhle gerade stillstand, dem Vater des jetzigen Mllers
zugerufen: Mller, la dein Hackebrett klingen, damit meine Kleinen danach
tanzen. Da lachte Immo und er gedachte, da er einst im Kloster als Schler bei
groer Wassersnot mit dem Sintram und einigen Jnglingen dem Mller zu Hilfe
gesandt worden war. Dort hatte Vater Sintram in der Nacht lange gegen den
Wasserschwall gebetet, bis er darber entschlief. Die frechen Knaben aber hatten
dem schlafenden Greise sein Gesicht und den Scheitel ganz mit Mehl bestreut, da
er aussah wie ein Schneemann. Und als der Alte so verwandelt vor den Mller trat
und aus dem Lachen des Mannes die Untat erkannte, da hatte er ruhig sein Haupt
in das Wasser getaucht und darauf zu Immo gesagt: Mir geschah recht, weil ich
im Schlaf meine Pflicht vergessen hatte. Du aber, mein Sohn, hast unrecht getan,
einem alten Manne die Ehre zu krnken. Seit diesen milden Worten bestand das
gute Vernehmen zwischen ihm und den beiden Greisen.
    Immo sprang vom Rosse und blickte lange auf das stubende Wasser und die
weien Blasen, welche in der Finsternis dahinschwanden, bertnt war das wilde
Geschrei in seinem Rcken, er stand im Frieden, den der Mensch von den Gewalten
der Natur erzwingt. Er beugte sich nieder zum Wasser und schpfte einen Trunk
mit der hohlen Hand, dann schlug er krftig an die Pforte, bis Ruodhard, der
Mller, ffnete und verwundert den Herrensohn und das Ro in seinem Gehege
aufnahm.
    Am Morgen sa Immo allein in dem den Turmgemach der Mhlburg, der
Gewitterregen schlug gegen die Mauern und go sein Wasser durch die kleine
Fensterffnung auf den Steinboden. Die gute Lehre, welche der Mnch im Garten
ihm zugeteilt hatte, war von ihm miachtet worden. Htte er der Mutter und den
Brdern sogleich bei der Ankunft die ganze Wahrheit gesagt, so htte der Zorn
nicht wie ein verdecktes Feuer um sich gefressen, bis er die Freundschaft
verdarb. Er gedachte auch der Rede des Sintram und fragte sich selbst, ob er
noch jemanden in der Welt htte, der fr ihn bete. Denn den Himmlischen war er
wohl verleidet, die im Kloster haten ihn und die eigene Mutter hatte ihn von
sich gestoen. Ein Gefhl der Einsamkeit, wie er es im Kloster nie gekannt,
bedrckte ihm das Herz, jetzt war er frei, er sa als Herr in der Burg, welche
die Feinde das Nest der Zaunknige nannten, aber er war auch frei wie ein Vogel
und freundlos.
    Als er aufsah, stand vor ihm die alte Gertrud, vom Regen durchnt, und
stellte einen Tragkorb zu seinen Fen nieder. Dies sendet dir Frau Edith,
Immo.
    Was sprach die Mutter? fragte Immo wild.
    Gertrud hob ein leinenes Bndel aus dem Korb und breitete es mit zitternden
Hnden auf der Bank aus. So redete Frau Edith zu mir: Trage dies dem Jngling
Immo und sage ihm, ich sende, was ihm gehrt und was ich in der Stille von
seiner Habe bewahrte. Dies ist das erste Hemdlein, das ich ihm spann und das er
trug, die Leinwand ist vergilbt, denn kein Sonnenstrahl hat sie gebleicht und
kein Nachttau hat sie genetzt, aber die bitteren Trnen der Mutter hngen daran,
denn als er das erste Gewand auf seinem kleinen Leibe trug, habe ich ihn dem
Dienst der Heiligen gelobt. Und hier sind andere Gewnder des Kleinen, sein
Spielwerk, an dem er sich freute, als er zu meinen Fen sa, und die
Kinderwaffen, welche ihm der Vater geschnitzt hat. Alles hob ich auf in der
Truhe und oft hat mich gefreut, es herauszuholen und dabei an meinen Sohn zu
denken. Jetzt hat er sich feindlich von mir gelst, darum sende ich ihm, was
sein ist.
    Hart ist die Mutter, rief Immo, seine Augen in der Hand verbergend.
    Und Frau Edith sprach weiter: Sage dem Kriegsmann, da die Treue einer
Mutter nicht verlorengeht, wenn auch der Sohn statt des Vaterhauses sich die
finstere Nacht erwhlte. Solange ich lebe, werde ich harren, da er zu den
Heiligen zurckkehrt. An dem Tage werden ihm meine Arme geffnet sein und der
Ehrensitz im Saal seiner Vter bereitet.
    Vergebens wird sie diesen Tag erwarten, rief Immo.
    Beide seid ihr feurig, fuhr Gertrud begtigend fort, wenn auch die Mutter
ihre Hast besser zu bergen wei als du. Denn ganz ruhig sprach sie zu mir, aber
ich wei wohl, wie ihr zumute war. Euch beiden kommt wohl die berlegung, da
eins dem anderen sich fgt. Unterdes gebot mir Frau Edith, da ich auf dem Berge
bei dir bleibe, mein Sohn, damit dir in der Einsamkeit die Pflege nicht fehle.
    Immo reichte der Alten die Hand. Du wirst nicht lange fr mich sorgen, denn
ich gedenke von hinnen zu reiten.
    Am nchsten Tage sprengte der Knabe Gottfried in den Hof. Heimlich habe ich
mich aufgemacht, begann er schchtern, ich komme, dich zu bitten, mein Bruder,
da du meiner in Liebe denkst.
    Immo drckte den Treuen fest an sich. Sprich auch, wenn ich nicht da bin,
freundlich von mir zu der Mutter.
    Auch sie gedenkt deiner, versetzte Gottfried zutraulich, denn wisse, zum
Mittagsmahl trgt sie selbst deinen Stuhl an ihre Seite und setzt deinen Teller
und deinen Becher auf den leeren Platz.
    Vergeblich ist die Sorge der Mutter, der Sitz wird leer bleiben, rief Immo
finster.

                                 Auf der Reise


Hgel und Tal lagen im Sonnenlicht, und der Bergwind wehte krftig vom Walde
her, als eine Schar junger Thringe von der Hhe in das Tal des Idisbachs
hinabzog. An ihrer Spitze ritt Immo im eisernen Kettenhemd, den Stahlhelm am
Sattelgurt, den Holzschild um den Hals gehngt, einen starken Speer in der Hand,
neben ihm Brunico in hnlicher Rstung. Ihnen folgten zu Fu wohl dreiig
rstige Jnglinge in kurzem Eisenhemd und leichter Helmkappe, mit hohen
Lederstrmpfen und nackten Knien, auf dem Rcken den runden Schild mit eisernem
Buckel, darunter den Kcher mit Pfeilen, in der Hand den Kampfbogen und zwei
Wurfspeere. Mitten in der Schar fhrten zwei Heerwagen, mit starken Rossen
bespannt, den Kriegsbedarf: Waffen, Wollmntel und Scke mit Lebensmitteln. Mit
behendem Fu schritten die Knaben des Waldes, und mancher hob unntig die Beine,
um ein wenig den Reigen zu springen, welchen der Rufer des Haufens vorsang. In
der Nhe eines Gehlzes hielt der Zug. Die Spher eilten voran, auf die Zeichen,
welche sie zurckgaben, tauchte der ganze Haufe in den Busch. Immo sprang zur
Erde, stellte die Wchter, und die Jnglinge bereiteten sich und den Rossen das
Mittagsmahl. Nur Brunico ritt vorwrts, begleitet von einem leichtfigen
Genossen. Nicht lange, und er kehrte eilig zurck: Eine reisige Schar liegt vor
uns auf dem Wege, gerade unter der Idisburg. Sie sorgen wenig um Wache und
Ausguck. Das Banner, welches sie fhren, gehrt, wenn wir recht erkennen, dem
Grafen Gerhard. Es sind mehr als hundertzwanzig Rosse, die Reisigen bereiten das
Mahl am Bache und hausen bel im Dorf unter der Burg; ich sah sie Garben und
Gert aus den Hfen herzuschleppen, und die Landleute liefen ihnen nach und
schrien.
    Ob uns die Begegnung lieb oder leid ist, entschied Immo, wir vermgen sie
schwerlich zu vermeiden. Denn da auch Graf Gerhard dem Knig zuzieht, so ziemt
uns nicht, gleich Wlfen heimlich unter ihm herzutraben. Folge mir zu seinem
Lager, ihr anderen aber bergt euch im Versteck. Und er besprach mit dem
Hauptmann seiner Knaben, was die Vorsicht gebot.
    Die beiden Reiter mieden den geraden Weg zum Lager des Grafen, um die
Richtung ihrer Raststelle nicht zu verraten, ber einen Hgel ritten sie im
Trabe dem Banner zu. Brunico stie in das Horn, das er am Halse trug, und sie
harrten der Antwort. Im Lager entstand eine Bewegung, zwei Gewappnete kamen
ihnen entgegen, Ruf und Gegenruf wurden getauscht, die Grflichen fuhren
rckwrts zu ihrem Herrn und brachten eine hfliche Einladung.
    Sei gegrt im Kriegskleide, du Flchtling aus Wigberts Stall, rief der
Graf lachend dem Ankommenden zu. Auch meine Helden werden dich als
Reisegenossen willkommen heien. Denn nur bis zum Main ist unser Weg frei, von
da mssen wir uns lnger als eine Tagfahrt an den Burgen des Hezilo
vorbeiwinden, und wir sorgen, ob er uns die Strae verhauen wird. Mit geringem
Gefolge kommst du, hoffst du allein beim Knig Ansehen zu gewinnen?
    Meine Knaben blieben zurck, sie schreiten auf ihren eigenen Beinen,
versetzte Immo.
    Mit Fulufern ziehst du heran? spottete der Graf. Doch ihr in den
Waldlauben bt alten Bauernbrauch. Mich wundert, Immo, da du nicht besser fr
dich gesorgt hast. Geringe Ehre wird dir die unritterliche Schar erwerben, denn
an solchem Tro fehlt es dem Knige nicht.
    Ihr werdet anders von ihnen denken, wenn ihr erst ihre Schlge geprft
habt, versetzte Immo.
    Wohlan, jeder versuche sein Bestes, fuhr der Graf fort, und Immo glaubte
ein ehrliches Wohlwollen in seinem Gesicht zu erkennen. Andere Arbeit beginnt
jetzt, als unser Hader mit den Mnchen war. Setze dich neben mich, heute biete
ich dir mit gutem Willen den Trinkkrug, da du zu uns gehrst. Der lateinischen
Reden bist du ledig, obgleich meine Tochter Hildegard deine Stimme wohl
vernehmen wrde, wenn du ein Mnchsgeschrei erheben wolltest, denn sie begleitet
unseren Zug und rastet nicht gar weit von meinen wilden Knaben.
    Immo hatte Mhe, die freudige berraschung zu verbergen. Warum fhrt Ihr
die Tochter in das Heerlager?
    Der Graf lachte schlau. Die Knigin hat sie nach Regensburg geladen, die
hohe Frau Kunigunde hat, wie der Bote rhmt, Gutes von dem Kinde gehrt und will
der Mutterlosen eine Beschtzerin sein. Verstehst du wohl, Immo, was diese Huld
bedeutet?
    Immo bekannte seine Unwissenheit.
    Die Hndler haben den Brauch, wenn sie ein Geschft fr die Zukunft
bereden, so geben sie einander ein Unterpfand fr treue Erfllung. Du hast
bereits etwas von Waldwiesen vernommen. Diese halte ich, der Knig aber begehrt
dagegen die Jungfrau. Und gern fhre ich sie ihm zu, denn ich vertraue auf das
Glck und die Klugheit des Knigs. Ihm ist bisher vieles gelungen, und ich
hoffe, da auch mir dieser Krieg Land und Leute mehren soll, denn meine Wlder
grenzen an die Mark des Hezilo. Und darum bringe ich mein ganzes Heergefolge dem
Knige, wahrlich mit groen Kosten. Sieh, Immo, auch meine Kampfhhne fhre ich
mit mir, er wies auf die beiden Fechter, welche in neuem, buntem Gewande
zuunterst auf dem Rasen saen und mit riesigen Armen groe Trinkkrge
schwenkten. Denn Knig Heinrich achtete wenig auf die fahrenden Leute, und vor
anderen sind ihm die schweifenden Frauen verhat, welche sich im Tanze vor den
Helden drehen und dabei ihres Gewandes entledigen. Ja, man sagt, da ihm alles
Weibervolk verleidet ist. Doch die Kmpfer schaut er gern, wenn sie herzhaft
gegeneinander schlagen. Und dies sage ich euch, Hahn Ringrank und Hahn
Sladenkop, wenn ich euch zum Ergtzen des Knigs gegeneinander kmpfen lasse, so
begehre ich andere Wunden als die einzlligen, die ihr im Vertrauen auf meine
Gutherzigkeit einander anzumessen pflegt. Denn dergleichen schwache Ritze kann
der Knig bei jeder Kirchweih sehen. Herrenwunden verlange ich diesmal,
dreizllig, und wenn ihr den Knig ehren wollt, noch tiefer und lnger, und zwar
mit spitzem Eisen und nicht auf die Arme, sondern auf die Brust.
    Die Fechter sahen bekmmert einander an, und Ringrank antwortete, sich
erhebend: Drei Zolle auf der Brust mgen unseren Brotherrn um zwei Kmpfer
rmer machen. Fordert der Herr groen Dienst, so ersehnt sich der Mann groen
Lohn. Sorgt wenigstens, da wir beide gegeneinander kmpfen und nicht gegen die
Kmpfer, welche der Knig mit sich fhrt, denn diese sind ungerecht bei dem
Messen der Wunden, um ihren eigenen Ruhm gegen andere zu erhhen.
    
    Die Herren lachten und saen in guter Laune beim Mahl, tranken und riefen
Heil, wie unter Helden Brauch ist.
    Da nahte in gestrecktem Lauf Egbert, der Dienstmann, und trat staubbedeckt,
mit heiem Antlitz vor den Grafen. Durch wilden Ritt holte ich Kunde, die
manchem sorgenvoll wird, rief er. Dem Knig ist sein ganzer Schatz genommen.
Held Magano, der Diener des Babenbergers, hat den Schatz auf der Reise gefangen,
ich selbst sah den Mann des Markgrafen, und ich sah die lange Reihe der
Saumrosse und Karren in seine feste Burg treiben.
    Mit Schreckensrufen sprangen die Bankgenossen von ihren Sitzen und drngten
sich um den Boten, auch der Graf erhob sich bestrzt. Wie ein Unsinniger
gebrdest du dich, da du diese Kunde vor allen Ohren ausrufst.
    Herr, sie luft durch das ganze Land wie Wasser durch den gebrochenen Damm,
in den Drfern liefen die Leute zusammen, und ich sah, da frische Gesellen, die
dem Lager des Knigs zuritten, von den Rossen stiegen und die Kpfe senkten; wie
soll einer unter dem Habicht dahinreiten, welchem die Federn gerupft sind?
    Oft hrte ich den groen Schatz des Knigs rhmen, begann kopfschttelnd
ein alter Kriegsmann, und gern dachte ich an das goldene Kreuzgeld darin, an
die Armringe und Becher, mit denen er seine Getreuen lohnen wrde; die Bayern
haben lange an dem Schatz gesammelt, manch uraltes Schmuckstck lag darin aus
Sachsenland, das einst Wieland, der Held, geschmiedet hat.
    Jetzt aber ist der Knig so kahl wie meine Handflche, rief Egbert, wer
ihm dient, mag zusehen, wie er die Kosten des Zuges wiederfindet. Denn nicht der
Goldschatz allein ist in die Hand des Markgrafen gefallen, sie sagen, da auch
die Knigskrone dabei war, die heilige Lanze und die hohen Reliquien, an denen
die Knigsmacht hngt.
    Die Kinder erschraken, viele bekreuzigten sich, und die Augen aller wandten
sich nach dem Grafen, dessen unsicherer Blick verriet, da er mit schwerem
Zweifel rang. Ist die Krone verloren, wie mag er das Reich bewahren? fuhr ihm
heraus. Unheil brachte der Tag, an dem wir auszogen, und ble Vorbedeutung war
es, da der Sauhirt die Faselschweine ber den Weg trieb.
    Auch andere Botschaft bringe ich, Herr, fuhr Egbert fort. Als ich vom
Main den Kiefernwald heraufritt, rastete an der Landstrae Heriman, der
Goldschmied aus Erfurt, der nach seinen Worten zum Knig Heinrich reist. Da er
ein Packpferd bei sich hatte, so riet ich ihm, sich unter Euren Schutz zu
begeben, er aber widerstrebte, und ich verlie ihn im Walde allein mit seinem
Knechte.
    Der Graf sah seinen Dienstmann kummervoll an, ohne zu antworten. Aber Immo
vermochte seinen Unwillen nicht zu unterdrcken.
    Dreiste Worte hre ich von den Helden Eurer Bank, Graf Gerhard; mich dnkt,
sie stehen solchen bel, die dem Knig zuziehen.
    Wie vermag ich ihre Gedanken zu beugen, versetzte der Graf rgerlich, da
sie doch recht haben? Kann der Knig seinen Kriegern nicht lohnen, wie sollen
sie ihm dienen? Entweicht zur Seite, rief er den Dienstmannen zu, vergllt ist
mir der Trunk, harret, bis ich allein den Rat finde, der uns frommt.
    Die Bankgenossen brachen auf und setzten sich in die Nhe ihrer Rosse mit
bedrngtem Gemt zu kleinen Haufen.
    Immo merkte, was in der Seele des Grafen vorging und da seine stille
Hoffnung, der Jungfrau in den nchsten Tagen als Reisegenosse nahe zu sein,
schnell dahinschwand. Er begann deshalb:
    Zrnt meiner Jugend nicht, wenn ich dreist mit Euch rede. Ich ahne, da
Euch die Reise zum Knig verleidet ist, denkt daran, da seine Gefahr grer ist
als die Eure und da Ihr ihm gerade jetzt Eure Treue beweisen mt. Denn er ist
nach Recht unser Herr, und er hat Euch, wie Ihr mir vertrautet, im voraus
gelohnt. Ich vernahm immer, da Treue und Dankbarkeit starke Ketten sein sollen,
welche den Helden binden.
    Du sprichst gut, versetzte der bekmmerte Graf, aber du bist jung. Glaube
mir, Immo, als ich in deinen Jahren war, lebte ich so treu und dankbar wie ein
Hndlein, ich lief hin und her, um anderen zu dienen, und wenn mir die Knige
einen Brocken zuwarfen, so sprang ich vor Freude. Jetzt aber habe ich eigenes
Gut zu bewahren und mu vielen Begehrlichen spenden, jetzt rt mir die Vorsicht,
vor allem zu fragen, was mir vorteilhaft ist, damit ich mich in meiner Macht
erhalte zwischen Pfaffen und Laien, welche smtlich gierig sind, sich zu meinem
Schaden auszubreiten.
    Zrnt mir nicht, Graf Gerhard, wenn ich Euch sage, da es edler ist, mit
Ehren unterzugehen, als in Schande zu leben, rief Immo.
    Dasselbe ist immer auch meine Meinung gewesen, versetzte der Graf. Ganz
wie du war auch ich in meiner Jugend willig, mich fr den Herrn tten zu lassen,
dem ich damals diente. Jetzt aber bin ich selbst ein Herr, welcher andere
erhlt, die fr ihn auf der Walstatt sterben, jetzt habe ich um eine Herrenehre
zu sorgen, und diese befiehlt mir vor allem, da ich Herr bleibe ber andere und
mit hundert oder zweihundert Rossen ins Feld ziehe, fr oder gegen wen es sei.
Darum will ich auch dir Gutes raten. Setze dich nicht in ein Haus, welches
strzen will.
    Soll ich umkehren? fragte Immo prfend. Da der Graf keine Antwort gab,
fuhr er nachdrcklich fort: Ich gehe zum Knig, und wenn alle von ihm abfallen,
so soll er doch im letzten Kampfe nicht allein stehen.
    Auch du bist nicht allein, Immo, du hast fr andere zu sorgen, welche dir
folgen.
    Ich will sie fragen, ob auch ihnen mit dem Raub des Schatzes die Kampflust
geschwunden ist. Die ich fhre, sind freie Knaben vom Walde, und ich wei die
Antwort im voraus.
    Wieviel sind ihrer? fragte der Graf mit einem Wolfsblick. Mich wundert,
da du sie von meinen Leuten getrennt hltst.
    Immos Auge flog ber das Tal, er sah, da er selbst in der Gewalt des Grafen
war, denn ein Wort vermochte die ganze Meute gegen ihn zu hetzen, er trat
deshalb zurck, legte die Hand an das Schwert und antwortete: Meine Knaben sind
schnell zu Fu und von der Heimat her an Waldversteck gewhnt, auch ihr Lager
haben sie vorsichtig gewhlt, und wer sie bewltigen wollte, wrde harte Ste
erhalten und schwerlich Beute aus ihren Taschen davontragen. Darum ist es
besser, da Ihr uns ungekrnkt ziehen lat, wohin wir wollen. Ihr aber vernehmt
zum Abschied noch eins: Groe Lgen erzhlen die Leute auf der Landstrae,
vielleicht war es gar nicht der Schatz des Knigs, welcher gefangen wurde, oder
doch nicht der beste Teil. Wer die Ehre eines Herrn hat, wie Ihr nach Eurer
Rede, der sollte vorsichtig sein, bevor er sie gegen Schande weggibt. Lebt wohl,
Graf Gerhard, wenn wir uns wiedersehen, so mge es in Frieden sein, denn zweimal
habe ich als Gast an Eurem Tisch gesessen, und ungern wrde ich Euch feindlich
gegenberstehen.
    Whrend der Graf betroffen die kluge Warnung erwog, gewann Immo sein Ro,
welches Brunico bereit hielt, und verlie unangefochten das Lager.
    Als die Sonne sank, warf sie ihr goldenes Licht ber die Hhe, auf welcher
die Idisburg stand. Der alte Turm glnzte wie mit leuchtender Farbe bergossen,
und an der niedrigen Burgmauer lagen die Ranken der Brombeeren wie mit Purpur
und Goldfaden umwunden. In der unteren Hlfte des umschlossenen Raumes brllten
die Rinder, welche von den Dorfleuten dort zusammengetrieben waren. Auf der
hchsten Stelle im Burgwall stand eine Sommerlinde, welche ihre groen Bltter
als ein dichtes Laubdach fast zum Boden breitete. Es war ein wonniger Platz,
wilde Glockenblumen blhten in dem lichten Schatten, und kleine Schmetterlinge
fuhren hin und her, die Vgel lockten ihre Jungen in den sten des Baumes
zusammen, und die Grillen schwirrten den Chorgesang zu dem Ruf der Gefiederten.
Dort sa Hildegard, das Grafenkind; die Hnde im Scho gefaltet, sah sie in das
Tal ber das Lager der Reisigen, ber den Laubwald und ber die geschwungenen
Hhen dahinter bis in die Ferne, wo Erde und Himmel im Dmmerlicht zusammenflo.
In ehrerbietiger Entfernung lagerten einige alte Dienstmannen, welche zum
Schutze der Jungfrau hinaufgesandt waren, auch sie schauten abwrts nach dem
Main hin und wiesen einander unter dem lichten Gewlk die Grenzburgen des
Feindes. Es war still um die Jungfrau, nur einzelne Klnge aus dem
geruschvollen Lager drangen herauf, zur Seite blkte das Herdenvieh, und
zuweilen lief eine Frse nahe heran und rupfte die Bltter des Baumes. Dann
knackte und rauschte es hinten in den Zweigen, Hildegard wandte sich um und
scheuchte die Vorwitzigen, aber sie kamen doch wieder, und das Mdchen verga
zuletzt in ihren Trumen die genschigen Gste.
    Ihre Lippen bewegten sich, und leise klangen die gesungenen Worte des
heiligen Liedes:

Audi, benigne Conditor,
nostras preces cum fletibus3.

Aber sie gedachte im Singen nicht sehr an den Schpfer, sondern mehr an einen
Flehenden, der ihr dieselben Worte vor wenig Wochen im Scherz zugerufen hatte.
Und whrend sie so sang und mit verklrtem Blick vor sich hinsah, war ihr, als
tnte der Sang noch einmal ber ihr in dem Baume. Sie hielt inne, da rauschte es
in den Zweigen, und bei dem Suseln der Bltter klang ber ihr wieder dieselbe
Weise, aber mit anderen Worten, und sie vernahm von der Hhe:

Rana coaxat suaviter
In foliis viridibus4.

Sie sa unbeweglich, ein Lcheln flog um ihren Mund und eine hohe Rte ergo
sich ber ihr Antlitz, aber sie wagte nicht aufzusehen, damit der lustige Traum
nicht entschwinde. Bist du es, Geselle? fragte sie leise. Aber gleich darauf
schmte sie sich der vertraulichen Rede.
    Ich liege ber dir in den grnen Blttern, klang es von oben zurck. Ganz
gut ist mein Lager auf starkem Ast; blicke aufwrts, wenn dir's gefllt, damit
ich einmal deine groen Augen sehe, denn diese haben mich hergezogen.
    Das Mdchen erhob sich schnell und wandte sich dem Aste zu, in demselben
Augenblick neigte Immo das Haupt behend abwrts, umschlang von der Hhe mit
einer Hand ihren Hals und kte sie auf den Mund. Guten Tag, Geselle, sprach
er, so hatte ich mir's ausgesonnen, und so ist es vollbracht. Er fuhr wieder
aufwrts und sah von seinem Aste zrtlich in das gertete Antlitz.
    Wenn ich die Wchter rufe, fangen sie dich, murmelte Hildegard halb
bewutlos.
    O tue nicht, flehte Immo, denn bei Tag und Nacht dachte ich daran, ob ich
dich wiedersehe. Wenn die liebe Sonne nach Westen ging, so freute ich mich, da
sie deine Wangen bescheinen wrde. Oft habe ich dir Botschaft gerufen ber Berg
und Tal und den Bergwind ermahnt, da er dir etwas von mir zutragen lasse. Aber
ruhelos schweift der Wind, und unsicher ist, ob er nach unseren Bitten tut.
Darum kam ich lieber selbst. Hildegard sah ihn furchtsam an. In unserem Turme
fand ich ein graues Kuzlein, als es in Not war, das bewahrte ich mir gern in
meinem Gemache. Aber ber Nacht hat es sich in ein Raubtier verwandelt. Ganz
anders erscheinst du mir hier als daheim in der Halle; wie ein Drache in seinem
Schuppenkleide liegst du auf dem Ast, und ich wei nicht, bist du noch der, an
den ich dachte, oder bist du ein Fremder.
    Aus dem Gewand des Kauzes bin ich geschlpft, und das Eisenhemd trage ich,
Hildegard, auch um deinetwillen. Wenn einmal der Spielmann vor dir singt und du
vernimmst, da er auch meine Taten rhmt, dann sollst du stolz sein auf deinen
Gesellen.
    O du trichter Immo, rief das Mdchen kummervoll, wie soll ich mich
freuen, wenn ich von den Schwertern hre, die dich bedrohen, und bedenke, da
die Streitaxt gegen dich fliegt. Leidig ist mir der Ruhm, den die Snger geben,
denn sie preisen am liebsten die Helden, welche tot auf der Walstatt liegen. Ich
aber dachte dich zuweilen gern an meiner Seite, dann sangen wir zusammen, und
ich strafte dich, wenn du unartig warst, indem ich dich an deinen Haaren zog.
    Tue das jetzt, bat Immo, neigte den Kopf wieder zu ihr herab und sah sie
bittend an. Aber der Jungfrau rannen die groen Trnen aus den Augen, sie lehnte
ihr Haupt an den Baumstamm und weinte still vor sich hin. Immo schob sich nher,
wieder legte er seinen Arm um ihren Hals und sprach ihr leise ins Ohr:
Geliebte, dich selbst will ich gewinnen auf der Kampfheide. Wenn ich mein Haupt
stolz tragen darf, erbitte ich dich von deinem Vater zum Gemahl.
    Hildegard blickte ihn treuherzig unter Trnen an und antwortete: Das wei
ich, und darum weine ich.
    Da kte er sie wieder, und sie widerstrebte ihm nicht. Auch du bist meinem
Herzen lieb geworden, fuhr sie, seine Hand haltend, leise fort, zuerst am
Abend in der Halle und dann an jedem Tag und Abend noch lieber, wenn ich in der
Einsamkeit an dich dachte. Denn einsam lebte ich im Hause unter den Buchen und
nur selten vernahm ich ein Freundeswort. Der Bruder ist unbndig, meinen Vater
sah ich wenig, und er ngstigt mich durch wilde Reden und durch die Sorge, die
ich um seine Seele habe. Da, wenn ich allein sa, schaute ich dein lachendes
Antlitz vor mir und ich sprach vertraulich zu dir als zu meinem lieben Gesellen.
Und ich dachte auch an dich, wenn die Amsel in ihrem schwarzen Kleide schlug,
denn im schwarzen Schlerkleide saest du neben mir; und ich dachte zuweilen
auch an dich, wenn ich lngs dem Weiher ging, wo die Quaker so lustig schrien.
Das darf dich nicht verdrieen, und ein flchtiges Lcheln zog ber ihr
unschuldiges Gesicht. Jetzt aber soll ich dein gedenken, wenn die Grauwlfe
nach Raub heulen und wenn die Geier ber mir in der Luft schweben. Wie vermag
ich Gutes fr dich und mich zu hoffen, da du das Glck erst vom Schlachtfelde
holen willst. Immo, rief sie angstvoll, wenn du auf die Kampfheide ziehst, so
wei ich nicht mehr, ob du an der Seite meines Vaters kmpfen wirst oder gegen
ihn; denn der Vater - sie hielt inne und legte ihre Wange auf seine Hand.
    Ich wei, was mir deine Lippe verbirgt, antwortete Immo, ich aber gehe
zum Knig, denn ich hre, er ist in der Not. Da drckte sie krampfhaft seine
Hand und weinte wieder darauf. Leidvoll ist fr uns beide, Hildegard, da ich
zum Knig halte, obwohl dein Vater ihn meiden wird?
    Die Jungfrau sah ihn mit groen Augen an. Du wirst tun, was dir dein
redliches Herz gebietet. Wenn ich auch traure, denke nicht, da ich dich bei dem
Vater festhalten will.
    So spricht mein guter Geselle, rief Immo froh und neigte das Haupt wieder
zu ihr herab. Den hohen Engeln vertraue ich, deren Segen du mir gesendet hast,
da sie uns beide wieder zueinander fhren. Dich aber flehe ich an, wenn ein
fahrender Spielmann vor dir singt, so wende dich nicht ab, wie die Klosterfrauen
zuweilen tun, sondern spende ihm etwas und sprich dabei die Worte: Auch fr dich
fliegt ein Engel, dann freut er sich und sagt dir vielleicht Kunde von mir. Und
hast du eine Botschaft fr mich, so gib sie mit denselben Worten einem
Fahrenden, da er sie ins Lager des Knigs zu seinem Gesellen Wizzelin trage.
Diesen kenne ich als einen treuen Mann, obgleich er ohne Ehre lebt. Das
versprich, Geliebte, mir aber gib den Scheidegru.
    Die Jungfrau hob sich zu ihm empor und hielt ihre Hand ber sein Haupt: Du
denke mein, wenn du allein bist und zuweilen unter den wilden Helden, und vor
allem im Abendlicht, wenn du die grnen Bltter ber dir siehst, wie jetzt und
immer - und immer. Sie warf die Hnde um seinen Hals und kte ihn herzlich. Er
aber hielt sie fest; und das Geschwirr der Grillen bertnte leise Worte,
Seufzer und Ksse der Liebenden.
    Noch einmal umschlang sein Arm die Weinende, dann verschwand er im grnen
Laubdach. Hildegard sa wieder auf dem Stein und lauschte; die Zweige rauschten
und knickten hinter ihr, dann wurde es still. Noch immer malte die Abendsonne
das Baumlaub mit rtlichem Gold, die Grillen und Vgel im Wipfel schwirrten und
schrien, und die blauen Glockenblumen standen so lustig wie vorher. Aber das
Mdchen sah ernsthaft in eine fremde Welt, das Kind war unter der Sommerlinde
zur Braut geworden.

Auf einem Hgel im bayrischen Frankenlande, der weite Aussicht bot, sa zwei
Tage spter ein fremder Krieger am Zaun eines einsamen Bauernhofes. Er trug die
gewhnliche Rstung eines Reisigen, hatte den Helm neben sich auf die Bank
gelegt, schnitt mit seinem Dolch in ein groes Schwarzbrot und verzehrte
behaglich die Bissen. Da der Kriegsmann einen Wachtposten befehligte, war
leicht zu erkennen. Denn aus dem Hofe vernahm man das Schnauben und den
Hufschlag von Pferden, welche dort geborgen waren; zur Seite hielt in Entfernung
eines Pfeilschusses ein gepanzerter Reiter auf schwerem Kriegsro, unbeweglich
das Antlitz nach Norden gewandt, und weiter vorwrts standen im Halbkreise
hinter Bschen und am Rand der nchsten Hhen berittene Spher; wo den Rossen
auf der Hhe die Deckung fehlte, waren sie in Senkungen des Bodens
zurckgefhrt, whrend ihre Reiter hinter Steinen oder im Grase versteckt lagen.
Auch der Befehlende auf der Bank unterbrach zuweilen seine Mahlzeit, um in die
Ferne zu schauen. Als einige Reiter heransprengten, erhob er sich ungeduldig.
Wen bringst du dort wider seinen Willen heran, Bernhard? rief er dem Fhrer
zu, als dieser am Fu des Hgels hielt.
    Es sind zwei wilde Knaben. Der eine gibt vor, das Lager zu suchen. Bote
nennt er sich, mit einem Brief an den Kanzler.
    Der Kriegsmann winkte, Immo wurde zu Fu durch zwei Bewaffnete den Hgel
heraufgefhrt. Wer sendet dich mit dem Briefe? fragte der Gebietende, den
Jngling mit scharfem Blick musternd.
    Frage den Kanzler, wenn du das wissen willst, versetzte Immo. In meiner
Heimat lobt man den Boten nicht, der gegen Fremde von seiner Sendung schwatzt.
    Wo ist deine Heimat?
    Ein Thring bin ich, und freundlichen Gru habe ich von den Mannen Knig
Heinrichs gehofft, denn Schwertgenosse will ich ihnen werden gegen den
Markgrafen.
    Schlgt dein Arm so scharf, als deine Zunge behende ist, so mag der Knig
dich wohl gebrauchen, versetzte der andere gleichgltig, doch damit wir sehen,
ob du die Wahrheit sprichst, so weise uns den Brief.
    Das denke ich nicht zu tun, entgegnete Immo unwillig, mein Auftrag
lautet, den Brief dem Kanzler in seine eigene Hand zu geben; dich aber ersuche
ich um Geleit, damit ich ihn finde.
    Ich will den Brief sehen, wiederholte der Kriegsmann seinem Wchter.
Dieser winkte den Kriegern und fate den Arm Immos, aber der Starke entwand sich
ihm, sprang zur Seite und zog sein Schwert. Wer mir das Pergament entreit, den
mache ich zum toten Manne, rief er zornig.
    Auch Bernhard zog sein Schwert. Auf ihn, schlagt den Frechen nieder.
    Halt, rief der Befehlshaber, bergt das Eisen, auch du, Fremdling. Ich
fordere von dir, da du mir den Brief zeigst, ich gelobe dir, da ich ihn
zurckgebe und dich, wenn du willst, zu dem Kanzler geleiten lasse. Er fate an
den Knopf seines Schwertes, Immo gab dem ruhigen Befehle zgernd nach. Er zog
eine kleine Tasche hervor, die er an einem Riemen unter dem Gewande trug, und
hielt ein geschlossenes Pergament in die Hhe.
    Gib her, damit ich sehe, ob es ein Brief ist.
    Schwerlich wirst du die Aufschrift zu lesen vermgen, auch wenn du der
Buchstaben kundig bist, denn die Auenseite ist leer.
    Du bist ein Bote aus Herolfsfeld, rief der Kriegsmann, das Siegel
betrachtend, und seine Augen blickten scharf nach dem Jngling. Haltet ihn
fest. Er lste das Siegel, entfaltete den Brief und las, whrend Immo heftig
gegen seine Wchter rang. Tut ihm nichts zuleide, rief er, es ist Immo, Sohn
des Helden Irmfried, und guten Empfang hat er im Lager des Knigs zu erwarten.
Halt Ruhe, du Wilder, setzte er halb lchelnd, halb unwillig hinzu, als er sah,
da Immo seine Bndiger bewltigte und den Helden Bernhard wie einen Klotz auf
den Rasen warf. Der Kanzler hat mir das Recht gegeben, solche Briefe zu lesen;
du aber freue dich des Zufalls, denn er mag dir eher zum Heil als zum Schaden
sein.
    Wer aber bist du? versetzte Immo in hellem Zorn, bei St. Wigbert, wenn du
nicht Knig Heinrich selbst bist, so hast du grobe Ungebhr gebt an Herrn
Bernheri, an dem Kanzler und an mir, und du sollst mir's mit dem Schwerte
bezahlen.
    Da ich hierzu keine Lust habe, antwortete der Kriegsmann ruhig, so denke,
da ich der Knig bin, und als er in dem ehrlichen Gesicht des Jnglings ein
maloses Erstaunen erkannte, welches seltsam gegen die zornige Gebrde abstach,
fuhr er lachend fort: Ob ich's bin oder nicht, das soll dich jetzt nicht
kmmern, frage nicht nach meinem Namen, du wirst ihn wohl spter erfahren,
begnge dich damit, da ich dir wohlgesinnt bin und da ich das Beste mit dir
teilen will, was ich habe. Er wies auf das schwarze Brot und ein Tongef mit
Wasser, welches dabeistand. Setze dich zu mir wie ein Krieger zum anderen,
nachdem du deinen Brief wieder geborgen hast, und beantworte mir die Fragen, die
ich dir tue.
    Immo starrte immer noch erstaunt auf den Fremden, im Anfang war er ihm nicht
ansehnlich erschienen, jetzt sah er einen Mann vor sich, der etwa zehn Jahre
lter war als er selbst, das Gesicht war hager und bleich, aber zwei gescheite
Augen standen darin, deren Ausdruck schnell wechselte, und den beweglichen Mund
umzogen kleine Falten, so da der Fremde fast aussah wie Vater Heriger, welcher
der beste Vorleser im Kloster war. Immo beugte sein Knie, um den Knig zu ehren,
aber der Kriegsmann machte ein schnelles Zeichen mit der Hand. Bei Wasser und
Brot spare den Knigsgru, bis du Knig Heinrich in seiner Wrde siehst, setze
dich zu mir und gib mir Antwort. Doch vorher mu ich dich diesen Helden
vershnen. Fat an eure Schwerter und gelobt, einander keinen Groll zu tragen
und den Schwingkampf auf dem Rasen nicht zu rchen.
    Das taten die Mnner und reichten mit gerteten Gesichtern einander die
Hnde. Und jetzt, Immo, verknde mir, wie kommt es, da du aus der
belgesinnten Burg der Wigbertmnche zu Knig Heinrich reitest; denn die Leute
sagen, da ihm das Glck nicht hold ist.
    Herr, wer Ihr auch seid, versetzte Immo, da Ihr gtig zu mir redet, so
will ich Euch alles bekennen. Noch vor wenig Wochen sorgte ich nicht sehr um den
Knig und den Markgrafen, nur da ich die Klosterregel ungern ertrug und mich
nach dem Schwertamt meines Vaters sehnte. Seit ich aber ber dem Tutilo die
Geiel geschwungen hatte und schnell das Kloster verlassen mute, rieten mir
meine Gedanken, dem Knige zu folgen.
    Als der Kriegsmann von den Geielhieben des Tutilo vernahm, begann er laut
zu lachen und schlug sich mit den Hnden auf die Schenkel, so da Immo ihn
erstaunt ansah und die Ansicht erhielt, dies knne der Knig nicht sein. Er hat
den Babenberger mit seiner eigenen Waffe geschlagen, rief der Lustige,
wahrlich, jetzt wundert mich nicht, da dir im Kloster zu hei wurde, denn du
hast dir dort einen Todfeind gemacht.
    Es ist wohl ein Verwandter des Knigs, dachte Immo und schnitt mit grerer
Ruhe in das Schwarzbrot, das ihm der andere hinschob.
    Fahre fort, sprach der Kriegsmann, wie waren deine Gedanken, die dich zum
Knig fhrten?
    Nun, Herr, ich dachte, wir sind doch fast in gleicher Lage. Denn auch von
Knig Heinrich sagen sie, da er zum Geistlichen bestimmt war, er aber hat sich
das Schwert gewhlt.
    Dafr gehrt er zu dem Geschlecht, welches die Krone trgt, versetzte der
Kriegsmann, du aber bertst dich bel, wenn du der Stola zu entrinnen suchst.
Fehlt dir die Demut, um den Haarkranz eines Mnches zu tragen, so wisse, auch
der Bischof reitet hoch zu Ro, er trgt sein Panzerhemd, und manchen sah ich in
hartem Gedrnge seine Streiche austeilen; Falken und Jagdhunde fehlen ihm nicht,
und fr anderen Zeitvertreib erhlt er leicht Dispens. Dem Knige aber sind die
Bischfe, die er einsetzt, die treuesten Diener; sie sind die Gehilfen seiner
Herrschaft, denn wenn sie auch Shne haben, so folgen ihnen diese nicht auf dem
Bischofsstuhl, und der Knig hat nicht ntig, die harten Nacken eines
Geschlechtes zu beugen, welches seine Herrschaft widerwillig ertrgt.
    Dennoch hre ich im Kloster, antwortete Immo bescheiden, da die
Weltgeistlichen mehr um ihre eigene Herrschaft sorgen als um den Vorteil des
Knigs und da sie ebenso begehrlich sind nach irdischem Gut wie die Mnche.
Denn auch diese ben allzuwenig die fromme Sitte, und sie werben und schleichen
wegen Hufen und Burgen. Das habe ich selbst zu meinem Schaden erfahren.
    Haben sie auch dich schon um deiner Snden willen gengstigt? fragte der
andere lachend. Ich wei recht wohl, niemand versteht so gut als sie mit Kreuz
und Bupsalmen Land und Gut zu erkmpfen. Doch ernsthafter fuhr er fort:
Heilige Mnner sind die Mnche, und wir Snder vermchten ihr Gebet nicht zu
entbehren, auch die Wohltaten nicht, welche sie dem Lande spenden. Sieh, wenn du
es zu verstehen vermagst, berall, wo sie gleich den Bienen ihre Waben fllen,
bndigen sie den wilden Heidentrotz im Volke, lehren Kunst und schaffen groe
Werke. Zuweilen aber werden sie faul im Stock, wenn des Honigs zuviel ist, und
wer es mit dem Lande wohlmeint, mu ihnen dann den Honig nehmen, damit er
anderen ntzt. Vielleicht sind die Shne Wigberts in derselben Lage.
    Es ist doch der Knig selbst, dachte Immo, und ihm fuhren die Worte heraus:
So meinte auch Graf Gerhard, da er jetzt dem Wigbert die Wiesen genommen hat.
    Die Haltung des Kriegsmanns wandelte sich pltzlich. Was weit du vom
Grafen Gerhard? fragte er kurz.
    Zgernd berichtete Immo, was er die letzten Tage im Kloster erlebt hatte.
ber das Gesicht des Kriegsmanns fuhr wieder ein Lcheln, whrend er mit Anteil
zuhrte. Wo weilt Graf Gerhard? fragte er, vernahmst du etwas von ihm in den
letzten Tagen? Und als er merkte, da Immo zu sprechen zgerte, fuhr ein
scharfer Blick wie der eines Adlers auf den Jngling: Wenn du deine Treue fr
den Knig beweisen willst, so rede die Wahrheit. Wo kamst du ber den Main?
    Ich mchte ungern etwas sagen, was dem Grafen zum Schaden gereichen kann,
versetzte Immo, dennoch sehe ich, da es sich nicht bergen lt. Er lag mit
seinem Haufen am Idisbach auf dem Wege nach dem Sden.
    Der Krieger stand auf. Gutes verkndest du, und du sollst den Dank
genieen. Denn auf ihn harren wir hier. Wann sahest du sein Lager?
    Vorgestern abend ritt ich hinaus.
    Wohl, die Rechnung war genau. Dann knnen wir heute abend seine schnellen
Reiter erwarten. Wie stark war sein Haufe?
    Mehr als hundert Rosse zhlte ich. Dennoch, Herr, zrnt nicht, wenn ich
Unsicheres sage, er lag auf den Wiesen, ob er aufgebrochen ist, wei ich nicht.
    Was hast du, Jngling? fragte der Kriegsmann befremdet.
    Als ich wegritt, war gerade die Kunde gekommen, da dem Knige der Schatz
entfhrt ist; und darber war groes Raunen und Umherlaufen im Lager.
    Der Fremde trat vor Immo, sah ihm fest in das Gesicht, dann fate er seine
Hand mit eisernem Druck, fhrte ihn einige Schritte zur Seite und fragte leise:
Du meinst, er zgert deshalb, zu kommen?
    Ich wei nichts Sicheres, Herr, versetzte Immo.
    Deine Meinung will ich hren, Jngling, sprich die Wahrheit, wenn dir dein
Leben lieb ist, denn du stehst vor deinem Knig.
    Immo warf sich auf die Knie. Heil sei meinem Herrn! rief er.
    Doch der Knig winkte ihm ungeduldig, aufzustehen. Antworte!
    Lat mich's nicht entgelten, Herr, wenn ich Unwillkommenes verknde. Sie
sprachen davon, auf dem Idisberg ein Lager zu schanzen, und im Morgengrau sah
ich Boten reiten nach der Bhmer Grenze, wo, wie sie sagen, die besten Burgen
des Markgrafen sind.
    Der Knig wandte sich ab und sah finster vor sich nieder. Der Graf fngt
frh an, wie ein groer Herr zu handeln. Wer hundert Rosse ins Feld fhrt, der
ist noch nicht vornehm genug, um den Knig zu verraten, rief er bitter. Sendet
dein Geschlecht dich allein? fragte er argwhnisch.
    Ich fhre dreiig leichtbewaffnete Knaben herzu, sichere Bogenschtzen aus
dem Walde. Ich lie sie im Versteck zurck mit einem schwerverwundeten Kaufmann,
den wir auf unserem Wege fanden; ihn hatten Ruber gefllt, als er zum Lager des
Herrn Knigs ritt.
    Der Knig fuhr in die Hhe. Wie heit der Kaufmann?
    Es ist Heriman aus Erfurt, ein ansehnlicher Burgmann. Da er vielen von uns
wohlbekannt ist, wollten wir ihn nicht zurcklassen.
    Wahrlich, rief der Knig, als ein Unglcksbote kommst du. Ist der Wunde
beraubt?
    Sein Knecht lag erschlagen, Ro und Warenballen waren entfhrt.
    Der Knig winkte schnell mit der Hand, da Immo zurcktreten sollte. Dieser
eilte den Hgel hinab zu den Leibwchtern, bei denen Brunico die Pferde hielt,
und er sah aus der Ferne, da der Knig, auf dem Schemel gebeugt, sein Haupt in
die Hand sttzte. Auf einen Ruf Heinrichs ritt von der anderen Seite der groe
Kriegsmann herzu, welcher den ausgestellten Wachen gebot. Graf Gerhard hemmt
seine Reise, rief dem Absteigenden der Knig entgegen, er wird sich mit dem
Babenberger vereinen, und Heriman liegt beraubt am Boden.
    Oft warnte ich den Knig, antwortete der Vertraute, der Treue des Wolfes
Gerhard zu vertrauen, er nimmt seine Beute, wo er sie findet.
    Er raubt wie die anderen, fuhr Heinrich fort, er ist nicht schlechter als
seinesgleichen und schleicht vorsichtig durch die Tler.
    Seine kleine Schar wird der Knig ohne Schaden entbehren.
    Nicht die Schilde, welche er von uns abfhrt, betrauere ich; aber gerade,
da er kein Held ist, der Khnes wagt, sondern ein Mann wie andere Edle auch,
das schlgt mir die Wunde. Denn wie er werden viele handeln. Wahrlich, es steht
schlecht mit der Sache des Knigs, wenn diese Art Raubtiere von seinem Pfade
weicht.
    Auch hat Graf Gerhard sich bereits vorweggenommen, was ihm der Knig als
Lohn versprochen hatte, begann der groe Krieger kalt, und ihm fehlte der
Grund, den andere Emprer vorgeben, da der Knig zuerst ihnen ein Gelbnis
gebrochen habe.
    Heinrich fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. Unleidlich ist dein
Trost, antwortete er scheu, willst auch du zu meinem Bruder und zu dem
Babenberger hinberreiten, da du mich in dieser Stunde einen Treulosen nennst
und zu einem Gesellen des Grafen Gerhard machst?
    Ich habe mich dir gelobt, Knig, und ich denke meinen Eid zu halten,
obgleich auch ich zu denen gehre, die du als Raubtiere schmhst. Aber die
Wahrheit berge ich dir nicht, das hast du oft erfahren. Ich stand dabei, als der
Knig dem Markgrafen bayrisches Land versprach, damit das Geschlecht der
Babenberger dem Knig zum Throne helfe. Und ich hrte wieder, da der Knig auch
seinem eigenen Bruder die Herzogswrde in demselben Bayern verhie. Jetzt
schreien beide durch das Land, da Heinrich ihnen das Wort gebrochen habe.
Befiehl mir, sie im Kampfe zu erlegen, und du weit, ich werde es tun, wenn ich
es vermag. Aber wundere dich nicht, wenn jene beiden von vielen gelobt werden,
weil sie ihr Anrecht gegen dich mit den Waffen suchen.
    Der Knig nahm die khne Rede schweigend auf und sa wie getroffen von der
Vergeltung, endlich hob er das Haupt und begann: Da ich Knig wurde, dachte ich
besser von den deutschen Edlen. Aber in dem ersten Jahre habe ich sie erkannt.
Jedermann hte sich zu versprechen, was er nicht zu halten vermag, und zumeist
hte sich, wer die Krone trgt. Doch glaube mir, Geselle, keinem wird schwerer,
auf seinem Wort festzustehen als dem Knige, wenn er ein Lwe bleiben will in
dem Reich gefriger Tiere. Niemand wei es, und niemand glaubt es, wie dem
Knig sein verpfndetes Wort und sein redlicher Wille zu einer Todesgefahr
werden in spteren Tagen. Durch die Treue, die er anderen erweist, schafft er
sich Untreue. Wer heute sein Freund ist, wchst morgen, sobald er Gut und Gabe
erhalten hat, zu seinem Gegner. Jeder begehrt Macht, und je grer seine Macht
wird, desto hher steigt seine Begehrlichkeit. Wahrlich, wie ein verchtlicher
Tnzer schwankt der Knig auf dem Seil, und die Arme, welche er ausstrecken mu,
um Gleichgewicht zu bewahren, heien List und Gewalt. Jammervoll wre seine
Aussicht nach dem Tode, wenn ihm nicht gelnge, den Himmelsherrn wieder zu
vershnen durch Demut und fromme Werke. Da Gutes aus dem bel komme, das ist
des Knigs geheimer Trost. Er sttzte das Haupt in die Hand und sah traurig vor
sich nieder.
    Ein Reiter jagte heran, ein zweiter und dritter. Sieh auf, Knig, rief
sein Begleiter, dort hinten blinken die Speereisen in der Sonne, Krieger sind
es des Gerhard oder der Babenberger, deine Wchter fahren nach rckwrts. Fhrt
die Rosse her, gebot er. Hoffen die Toren, zum zweitenmal einen Schatz zu
fangen? Sie sollen nichts gewinnen als harte Schlge.
    Auf die Ruhe in der Landschaft folgte wilde Bewegung, die flchtigen Reiter
sammelten sich vor dem Knige, am Hoftor stampften die herausgefhrten Pferde,
der Knig beobachtete noch immer einen Trupp Feinde, welcher, die Wurfspeere
schwenkend, heranjagte. Geringe Ehre wre es fr den Knig, mitzukmpfen,
mahnte der Vertraute. Heinrich nickte gleichmtig und schwang sich auf sein Ro,
whrend aus der Ferne gellender Kriegsruf erscholl.
    Immo sah mit pochendem Herzen und strahlenden Augen auf den Feind, er band
sich den Eisenhut fest, rckte den Schild am Arme zurecht, wirbelte den Speer
und wollte zu den Wachen sprengen, welche sich gegen den Feind ordneten. Da fiel
eine Hand schwer in die Zgel seines Pferdes, neben ihm hielt der groe
Kriegsmann, ein glhender Blick aus Augen, die er wohl kannte, bannte ihn fest,
und eine Stimme, deren Ton ihm tief in das Herz drang, befahl: Zurck!
    Mein Oheim Gundomar, rief der berraschte Jngling und trieb unwillkrlich
sein Pferd mit einem Sprung zur Seite. Es ist mein erster Kampf, wie darf ich
umwenden?
    Wohl httest du verdient, da jene dort dich schnell auf den Rasen legen.
Dennoch gehorche, Knabe! und der Oheim ri ihm das Pferd herum, schlug es mit
der Speerstange, und beide stoben nebeneinander hinter dem Knige her, der mit
wenigen Begleitern flchtig voranritt. Immo fuhr dahin wie im Traum, zuweilen
sah er verstohlen auf die dstere Gestalt des gewaltigen Reiters, der an seiner
Seite jagte. Wende dein Haupt nicht rckwrts, befahl Gundomar kurz, achte
auf den Zgel, dein Pferd hat heut mehr Meilen gemacht, als dir frommen wird,
und jene folgen auf auserwhlten Rossen.
    Mich krnkt's, Oheim, da ich davonreite.
    Ich meine, andere krnkst du, da du im Felde reitest, klang es von dem
anderen Rosse zurck, und weiter ging es, Hgel hinauf und hinab. Die Sonne
brannte, die Luft wehte scharf an die Wangen. Immo hrte hinter sich Rosse
schnauben und sah den Hauptmann, mit dem er gerungen hatte, blutend und
staubbedeckt an der Seite seines Oheims. Dieser wies auf die Niederung vor
ihnen, durch welche ein Bach, mit Erlen und Weidengebsch umwachsen, dahinrann.
Du kennst die Furt, sammle dahinter, die noch schlagen knnen, und stelle dich
noch einmal gegen die Feinde, wollen sie durchschwimmen, so finden sie die Ufer
steil, ihr reitet im Vorteil. Fahre wohl, Bernhard, wer brigbleibt, sorge
dafr, da er seine Gesellen aus dem Fegfeuer lse, ich gedenke deiner Seele,
tue mir dasselbe. Er winkte mit der Hand, der Reiter blieb zurck; sie tauchten
in das Wasser, der weie Schaum hing sich an ihre Kleider. Der Oheim ri das Ro
des Neffen an wegsamer Stelle das steile Ufer hinauf, und wieder ging es
vorwrts in gestrecktem Lauf. Hinter ihnen klang strker der Ruf der Verfolger,
darauf ein Gegengeschrei der Knigsmannen und Getse des Kampfes. Als sie wieder
eine Anhhe erreicht hatten, sah Held Gundomar nach rckwrts, Freund und Feind
jagten wild gemengt in geringer Entfernung nach, vor ihnen durchritt der Knig
die Furt eines anderen Baches, weiter vorn hob sich ein steiler Berghang, mit
dichtem Fichtenholz bewachsen. Hinter dem Harzwald findet er Rettung, sagte
der Ohm zu sich selbst und ritt voran in den Bach. Am anderen Ufer gebot er:
Nur wenige Verfolger sind dem Haufen voran, mache die Kehre zum Anlauf. Er
wandte sein mchtiges Streitro im Bogen und fuhr von der Hhe herab den Feinden
entgegen, welche aus dem Bach auftauchten. Behend folgte Immo seinem Beispiel.
Als er den feindlichen Reitern entgegenritt, ergriff ihn der Kampfzorn seines
Geschlechtes, er hrte seinen Oheim das Kyrie eleison mit schmetternder Stimme
rufen, auch er rief sein Hara, und Ro und Reiter schlugen gegeneinander. Ihn
umgab ein wilder Wirbel von Mnnern, welche aus dem Wasser emporrangen, von
springenden Rossen und gehobenen Armen. Er warf seinen Speer und traf mit dem
Schwert, die Streiche drhnten von den Schilden und Helmkappen. In der gerteten
Flut des Baches sah er sinkende Krieger und ledige Rosse, an seiner Seite fand
er den treuen Brunico wacker dreinschlagend mit blutigem Haupte. Und er vernahm
wieder die donnernde Stimme seines Oheims: Wendet nach rckwrts! Da tauchte
er schnell zu Boden, ri dem Manne, den er gefllt hatte, seinen Speer aus der
Wunde, und die geborgene Waffe mit Jauchzen ber dem Haupte schwenkend, sprengte
er hinter dem Oheim die Berglehne aufwrts, bis zu einer Stelle, wo ein Hohlweg
den steilen Abhang durchschnitt. Dort stieg Gundomar ab und gebot ihm durch eine
Handbewegung, dasselbe zu tun, dem Brunico aber winkte er, die keuchenden Rosse
weiter hinaufzutreiben. Hierher habe ich dich gefhrt, weil du aus edlem
Geschlechte bist, und hier ist das Tor, an dem du halten sollst, bis du fllst,
befahl der Oheim mit dsterer Miene, denn Helden sehe ich gegen uns reiten, und
kein anderer Pfad fhrt zum Knig als ber unsere Leiber. Stehe als erster in
dem Wege. Nimmer meinte ich, da die Heiligen mir zur Bue meiner Snden
auferlegen wrden, dich zu rchen; doch heut will es das Schicksal so fgen. Er
trat auf einen Stein, wo seine mchtige Gestalt weit erkennbar ragte, und
stellte den Schild an seinen Fu.
    Aus der Tiefe sprengten feindliche Reiter. Weiche abwrts, Graf Ernst,
rief Gundomar ihrem Fhrer entgegen, fruchtlos war dein Jagdritt, mein Schild
sperrt dir die Wildbahn.
    Graf Ernst sprang vom Rosse und zuckte die Schildfessel am Arme zurecht.
Drei Zune deiner Speerreiter habe ich durchbrochen, meinst du, da der letzte
mich aufhlt? Behende versteht dein Knig zu fliehen, seine Helden haben
gelernt, mit den Beinen zu kmpfen, den Rcken bieten sie willig unseren
Speeren.
    Vergebens suchst du mich zum Streite zu locken, rief Gundomar entgegen.
Ich denke daran, da wir einst in der Fremde Kampfgenossen wurden, als dein
Schild den Tod von meinem Haupte abwehrte.
    Ich meide dich, solange ich andere Beute finde, tue du dasselbe, rief der
Babenberger. Er hielt den Schild ber sein Haupt und sprang die Bergsteile wie
ein Raubtier hinauf gegen Immo. Als dieser den gefrchteten Helden erkannte, den
er einst im Kloster gesehen hatte, hob sich sein stolzer Mut, und er trat ihm
entgegen. Die Speere der Helden flogen, und beide hafteten an den Schilden. Sie
zogen die Schwerter und tauschten blitzschnelle Schlge, da die Funken an Helm
und Schildrand sprhten. Erprobt war die Kraft des Grafen, aber der Arm Immos
schlug strker von der Hhe abwrts.
    Die Krieger, welche dem Grafen folgten, zauderten kurze Zeit und sahen auf
den Kampf der beiden Helden, dann warfen sie sich gegen die anderen Wchter des
Bergtors, und Gundomar rang gegen sie wie ein Eber gegen die Hunde.
    Mehr Feinde sprengten heran, auch gegen Immo rannte ein zweiter, ein
dritter. Immo erhob seine ganze Kraft wider den Grafen zu wildem Sprunge, er
schmetterte mit dem Schwert in den Helm und drckte den Schild gegen den Leib
des Feindes, da dieser wankte. Da traf ihm selbst ein geworfener Streitkolben
das Haupt, so da er zurckfuhr und auf den Weg sank. Aber in demselben
Augenblick sprang Brunico ber ihn und hielt seinen Schild den Markgrflichen
entgegen; von der Hhe drang ein Trupp Reiter in den Hohlweg, und aus dem Gewhl
der Mnner und Rosse vernahm Immo die scharfe Stimme des Knigs: Ergreift den
Verrter. Talab wogte der Kampf, und aus der Tiefe erscholl freudiges
Kampfgeschrei der Kniglichen. Als Immo allein lag, fhlte er, da ihn ein Fu
unsanft berhrte, und als er halb bewutlos aufsah, glaubte er das Antlitz
Gundomars ber sich zu erkennen und zwei Augen, welche mit kaltem Ha auf ihn
starrten; darnach verlor er die Besinnung.
    Der Knig hielt auf dem Wege, suberte sein blutiges Schwert an den Haaren
des Rosses und rief lachend Gundomar zu: Der Bsewicht Ernst ist gefangen, und
diesmal entgeht er schwerlich der Rache des Knigs. Du aber sollst meine
Geschwindigkeit loben, denn ich kam zur rechten Zeit, um dich herauszuhauen. Er
blickte auf den liegenden Immo. In frhlichem Jugendmut zog er heran, kurz war
der Waffendienst des Treuen.
    Das Leben des Knigs zu bewahren, tauschte er Schlge mit einem Helden.
Sein Ausgang war rhmlicher, als er hoffen durfte, versetzte Gundomar finster.
Da rief Brunico, der auf dem Boden sa und das Haupt des Gefllten im Schoe
hielt, unwillig: Wenig frommt ihm der Unkenruf, kaltes Wasser wre ihm
dienlicher. Ich meine, er soll noch manches Jahr leben, anderen zur Freude oder
zum rger, je nachdem sie sind.
    Der Knig beugte sich ber den Liegenden. Du sorge fr ihn, befahl er dem
Knappen, im Ring meiner Leibwache soll ihm das Lager bereitet werden. Der
Haufe ritt dem Lager zu, in seiner Mitte die schwertlosen Gefangenen. Auf einer
Trage aus grnen Zweigen wurde Immo von Reisigen des Knigs im Walde geborgen.
Als er aus der Betubung erwachte, fand er sich in einem Zelt auf weichem Lager
unter den Hnden des jdischen Arztes, welchen der Knig gesandt hatte, mit
lautem Heilruf begrt von seinem treuen Gespielen.
    Im Zelt des Knigs mahnte Gundomar mit der Sorgfalt, welche einem vertrauten
Diener wohl ansteht: Hei war der Tag auch fr den Knig, und Ruhe wnsche ich
ihm heut fr Seele und Leib.
    Du freilich ruhst nach deinem Heldenwerk, versetzte Heinrich, du
verbindest die Wunden, siehst in die Abendsonne und freust dich der Streiche,
die du ausgeteilt. Der Knig aber setzt sich auf den Sorgenstuhl und beginnt die
kleine Arbeit, welche ihr Helden verachtet. Fhrt den Reisigen des Thring Immo
herein.
    Brunico wurde eingefhrt, er trug den Kopf verbunden und neigte sich
schwerfllig an der Tr.
    Auch du hast dir erworben, was die Leute lieber an anderen rhmen, als
selbst nach Hause zu tragen, begann der Knig und wies auf das blutige Tuch.
    Die Eisenkappe hielt's nicht aus, der Schdel ertrug's, versetzte Brunico
zufrieden.
    Wo liegt Heriman, der Goldschmied? fragte der Knig.
    Auf unserem Karren, zwischen den Mehlscken.
    Wer ist bei ihm?
    Ich hoffe niemand, auer meinen Gesellen vom Moor und von den Bergen des
Immo.
    Vermagst du den Heriman durch die Spher des Feindes hierherzuschaffen?
    Brunico rechnete: Von Mittag bis zur Vesper ruhig getrabt, von da bis zum
Abend mit dem Herrn Knig wie die Hasen gelaufen, betrgt zusammen eine gute
Tagfahrt sdwrts. Dennoch habe ich Vertrauen, soweit man im Walde
zurckschleichen kann, denn wir verstehen uns auf die Listen im Holze.
    Erzhle mir, wie du den Heriman fandest.
    Brunico holte mehrmals Atem und wischte mit dem rmel an seinem Eisenhut,
denn lange Rede war ihm unlieb. Endlich begann er: Als mein Gespiele im
Idisberg auf die Sommerlinde stieg, dachte ich, er knnte herunterfallen, denn
diese Art Holz ist brchig. Deshalb legte ich mich an die Mauer, ihm
beizustehen.
    Was soll die Rede? fragte der Knig, wer ist dein Gespiele?
    Derselbe Immo, welchen der Herr Knig kennt.
    Bist du nicht sein Dienstmann?
    Ein Freier bin ich aus dem Moor, und freiwillig begleite ich ihn.
    Seltsamen Ritterbrauch bt man in deiner Heimat, spottete der Knig, zu
Gundomar gewandt. Weshalb stieg Held Immo auf die Linde?
    Weil etwas darunter war, versetzte Brunico mit schlauem Augenzwinkern.
    Schwert oder Spindel? fragte der Knig.
    Spindel, besttigte Brunico.
    Der Knig nickte. Daher die Schweigsamkeit des Jnglings.
    Wie ich so an der Mauer herumschlich, vernahm ich, da die Fechter des
Grafen in einem Erdloch miteinander zankten wegen der dreizlligen Wunden,
welche der Knig an ihnen sehen will.
    Wie? fragte der Knig, was habe ich mit den Fechtern des Grafen zu tun?
    Aber Brunico, der froh war, jetzt aus seinem Gedchtnis die Rede eines
anderen herauszuholen, fuhr herzhaft fort: Ich selbst vernahm, da der Knig
die fahrenden Leute miachtet, insbesondere die Weiber, welche im Tanzen ihr
Gewand abwerfen. Ja, man sagt, da ihm alle Weiber verleidet sind. Aber die
Kmpfer beachtet er. Darum fordert Graf Gerhard, da seine Fechter vor dem
Knige kmpfen sollten, dagegen forderten wieder die Fechter eine Begabung. Als
ich so ber ihnen lag, hrte ich sie weiterhin von den Waren sprechen, welche
sie fr ihren Herrn von einem Kaufmann geraubt hatten. Das verkndete ich dem
Helden Immo, als er sich zu mir fand; wir berechneten die Zeit und suchten die
Spur der beiden Ruber; nicht lange, so fanden wir den Heriman, den mancher von
uns kannte. Immo verband die Wunden, wie er im Kloster gelernt hatte, wir luden
den Heriman auf unseren Wagen, brachen auf, sobald der Morgen graute, und
schlugen uns sdwrts in die Wlder. Immo aber harrte mit einigen der
schnellsten Knaben als Spher im lichten Holz, wohin sich Graf Gerhard wenden
werde. Ich blieb unterdes bei den Karren und dem Heriman.
    Der Knig nickte. Du hast alles treulich berichtet. Sorge, Gundomar, da
Kundschafter ihn begleiten, die mit den Waldwegen Bescheid wissen. Er winkte
Entlassung, aber Brunico stand unbeweglich und glttete aufs neue an seinem
Eisenhut. Was begehrst du noch? fragte der Knig.
    Brunico berlegte. Auch gibt es noch eine Geschichte von einem Bndel,
welches mir Heriman fr den Herrn Knig anvertraut hat.
    Heinrich sprang auf und packte den Arm des Thrings. Wo ist die Botschaft,
wo ist das Bndel?
    Brunico sah den Knig gekrnkt an. Behalten will ich's nicht. Er wandte
sich vom Knig ab und arbeitete mit den Hnden lngere Zeit innerhalb seines
Panzerhemdes, endlich brachte er eine kleine Ledertasche heraus. Sie soll fr
den Herrn Knig, aber mein Gespiele wei noch nichts davon, sagte er und sah
zweifelnd auf die Tasche.
    Heinrich ri sie ihm aus der Hand, ffnete und rief Gundomar zu: Die Briefe
sind es aus Magdeburg und dem Sachsenland, lange ersehnt und glcklich geborgen.
So ist doch unsere Fahrt gelungen, und auch du hast die Ste nicht vergebens
erhalten. La mich allein, und diesen nimm mit dir, er hat guten Botenlohn
verdient.
    Als die Nacht ber dem Heerlager heraufstieg, Mnner und Rosse ermdet
schliefen und die Lagerfeuer niedrig brannten, sah man noch immer im Zelt des
Knigs das brennende Licht und Schatten seiner Boten, welche herzu- und
hinauseilten.

                                Vor der Festung


Im Ringe um das Knigszelt wachten die Bogenschtzen Immos; denn der Knig
hatte, um die kleine Schar zu ehren, ihr neben seinen Bayern den Schutz des
eigenen Leibes anvertraut. Zwei von ihnen hielten die Speerwache am Eingang des
Zeltes, die anderen saen nach altem Brauch, den Bogen in der Hand, den Pfeil an
der Senne, in weitem Kreise umher und wechselten nur kurze Worte mit gedmpfter
Stimme. Immo stand nahe dem Zelt und schaute mit lebhaftem Anteil in das Tal vor
seinen Fen, auf die Mauern und Trme der groen Feste, von welcher das Banner
des Babenbergers trotzig gegen das Knigszelt wehte. Der Mauerring war vor alter
Zeit durch Sorben oder Bhmen im verwsteten Grenzland errichtet worden, und die
Babenberger hatten ihn mit ihrer besten Kunst erhht, so da er jetzt die
strkste von allen Burgen des Markgrafen war. Darum hatte dieser seine Gemahlin,
seine Kinder und Schtze darin geborgen, viele seiner besten Helden
hineingesetzt und seinen eigenen Bruder als Befehlshaber. Gegen die Burg war der
Knig wie ein Sturmwind hereingebrochen und hielt sie mit eisernem Griff
umklammert. Seine Heerhaufen lagen unter ihren Bannern rings um den Bach, der in
seinen Armen die Festung einschlo, die Htten und Zelte fllten den Talrand und
zogen sich an den Hgeln hinauf. Lange Zge von Gespannen fhrten Fichtenstmme
aus den Wldern heran, und Scharen von Zimmerleuten fgten das Holz zu hohen
Trmen, von denen die Bogenschtzen gegen die Verteidiger der Mauer kmpfen
sollten. Hier und da ragte ein Sturmbock aus dem Haufen der Arbeiter, das
Holzgerst, in welchem an starker Kette ein mchtiger Baumstamm hing, der, von
hinten nach vorn geschwungen, auch festen Mauern das Gefge zerbrach. Von allen
Seiten erscholl kriegerisches Getse zu dem Schlag der xte und Hmmer. Hornruf
trieb die Arbeiter zum gleichzeitigen Heben der Lasten und einzelne Heerhaufen
zum Ausschwrmen oder zum Rckzug. Lngs dem Wasser lagen hinter Holzschirmen
oder in der Deckung, welche der Boden gab, behende Bogenschtzen, welche ihre
Pfeile nach jedem Haupt und Arm richteten, die sich ber die Mauerbrstung
erhoben. Gegen die Schtzen fuhren von oben geschleuderte Speere und Steine,
zuweilen, wenn ein grerer Haufe nher herandrang, flog ein spitzer Baumpfahl
oder ein Felststck aus der Standschleuder des Turmes. Dann erscholl ein heller
Warnungsruf, und der Haufe stob auseinander, doch wer getroffen wurde, blieb
zerschlagen am Boden.
    Immo trat schnell zurck und grte, den Speer senkend, als der groe
Erzbischof Willigis von Mainz, der mchtigste Herr nach dem Knige, begleitet
vom Kanzler, aus dem Zelte trat. Oft sah ich Helden in der Blte des Lebens
niedergemht vom Schwert der Feinde oder durch den Willen der Knige, begann
der Erzbischof, und mir scheint, wer sich am herrlichsten erhebt, den wirft das
Geschick am tiefsten. Dennoch traure ich ber den Fall des Ernst von streich,
denn gleich einem wonnigen Frhlingstag erschien sein Leben dem Volke. Aber der
Knig fhlt kein Erbarmen.
    Ihr kennt ja selbst unseren Herrn, ehrwrdiger Vater, versetzte der
Kanzler, er ist mild, wenn er vertraut, aber wo er sich rcht, begehrt er die
Vernichtung.
    Der Erzbischof mahnte seinen Begleiter durch einen Blick auf Immo, zu
schweigen, der Kanzler wandte sich grend an den Jngling. Du siehst, Held
Immo, da der Brief deines Abtes dir eine gute Sttte bereitet hat, ich freue
mich, da der Knig gegen dich huldvoll gesinnt ist. Auch ich habe wohl
Gnstiges zu ihm gesprochen, und wenn du eine Gelegenheit findest, mir gute
Dienste zu tun, so hoffe ich, du wirst es an dir nicht fehlen lassen.
    Das Zelt ffnete sich wieder, von Gundomar und Wchtern begleitet trat Graf
Ernst in das Freie. Er hatte sein Todesurteil empfangen, aber er trug sein Haupt
hoch und grte mit wrdiger Haltung die geistlichen Herren. Da begegnete sein
Auge dem Blick Immos, welcher ihn mit Bewunderung und Trauer betrachtete,
schnell trat er auf ihn zu und begann: Ich kenne dich wohl, Held, dein
Schwertschlag war es, der mir die Kraft lhmte, wo ich ihrer am meisten bedurft
htte, und du bist es, der mein Haupt unter das Urteil eines strengen Richters
gebeugt hat. Aber willig rhme ich heut, da du mannhaft gegen mich gestanden
hast. Es war ehrlicher Kampf, ohne Groll scheide ich auch von dir. Und er bot
ihm die Hand.
    Immo hielt die Hand fest und antwortete bewegt: Oft, wenn ich von Euren
ruhmvollen Taten vernahm, dachte ich, da es mein grtes Glck sein werde,
dereinst im Schwertkampf an Eurer Seite zu stehen. Jetzt rhrt es mein Herz, da
es diese Waffe war, die Euch im letzten Kampfe traf, und willig wollte ich die
teure Ehre dahingeben, wenn ich Euch dadurch retten knnte.
    Hilfe fr mich ist nur noch beim Himmelsherrn, versetzte der Graf mit
einem Blick auf den Erzbischof, dir aber mgen die Heiligen besseres Erdenglck
zuteilen, als ich empfing. Mit gehaltenem Gru wendete er sich ab.
    Gundomar aber begann unfreundlich gegen Immo: Dem Helden stand wohl an,
dich mit Worten zu ehren, dir aber rate ich zu bedenken, da ein gnstiger
Schwertschlag noch keinen zum Helden gemacht hat.
    Ich traf so gut ich vermochte und denke dasselbe gegen jeden zu tun, der
mir feindlich entgegentritt, entgegnete Immo.
    Auch der Grashalm steigt ppig empor, wenn ihn die warme Sonne bescheint,
der erste Wetterregen schlgt ihn zu Boden, spottete Gundomar.
    Nicht Eure Freundschaft hob mich empor, als ich auf dem Boden lag,
versetzte Immo.
    Als die beiden Helden einander gegenberstanden, mit blitzenden Augen und
gerteten Wangen, da sahen die Anwesenden mit Staunen, wie gleich sie einander
in Antlitz und Gebrde waren, beide hochragende Gestalten mit breiter Stirne und
starken Augenbrauen, mit gewlbter Brust und starken Gliedern; voller und heller
ringelte sich das Haar Immos, in den dunkleren Locken Gundomars schimmerten
einzelne Silberfden, aber an Haltung und Gebrde glichen sie einander wie
Brder, hnlich klang sogar der Ton ihrer Stimme.
    Verzeiht, ehrwrdiger Vater, wandte sich Gundomar zum Erzbischof, da
leerer Wortwechsel in Eurer Gegenwart laut wurde. Mir ist das Gemt beschwert
durch das Los eines edlen Waffengefhrten.
    Leicht eifern die Helden gegeneinander, versetzte der Erzbischof
rcksichtsvoll, auch wenn sie von einem Geschlechte sind. Bei der Not des einen
denkt der andere doch, was seiner Ehre geziemt.
    Whrend Immo den abwrts Schreitenden finster nachblickte, sah er vor sich
zwei Zeigefinger bers Kreuz gelegt und hrte nahe an seinem Ohr die fragenden
Worte: Es tu scolaris? Dies war der vertrauliche Gru, woran die lateinischen
Schler im Lande einander erkannten, und der ihn so begrte, war der Knig.
Ehrerbietig trat er zurck und neigte die Waffe. Ich hre, dein Oheim she dich
lieber im Kloster als im Heerlager.
    Ich bin ihm verleidet, antwortete Immo, und ich sorge, da sein bler
Wille mir die Huld des Herrn Knigs mindere.
    Das besorge nicht, versetzte Heinrich trocken. Zudem magst du wissen, da
Held Gundomar seine Feinde lieber ins Antlitz schlgt als hinterrcks angreift;
und soll ich dir Gutes raten, so meide seine Nhe, wenn er die Brauen grimmig
zusammenzieht, wie er manchmal tut. Doch ein anderer Held hat dir, wie ich
vernahm, besseres Lob gespendet. Er wies nach dem Wege, auf welchem Graf Ernst
zwischen den Wchtern ging. Grme dich nicht, da du den Spielleuten ihren
Helden genommen hast; denn er ist einer von den Recken, welche durch das Lied
miger Gesellen gefeiert werden, selten aber durch das Lob bedchtiger Mnner.
Sie werfen ihren Handschuh hierhin und dorthin und kmpfen wie Bren um eine
hohle Nu, unbekmmert, ob Land und Leute darber zugrunde gehen. Darum gleicht
auch ihr Ruhm der lodernden Schindel, welche beim Hausbrande fliegt, wie gerade
der Wind sie treibt, bis sie am Boden flackert und in Finsternis verlscht.
    Verzeiht, Herr, versetzte Immo demtig, wer unter dem Helme reitet, wie
mag der den Stolz auf groe Taten entbehren?
    Der Weise aber nennt eine Tat nicht darum gro, weil sie mit schwerer Lanze
und starkem Arm vollbracht wird, sondern weil sie groen Nutzen bereitet.
Vieles, was leise ins Ohr geraunt wurde, schuf besseren Segen als der wildeste
Sprung ber die Heide.
    Dennoch verzeihe mir der Knig, wenn ich sage, wenige werden freudig das
Schwert schwingen und in den Feind reiten, wenn ihnen nicht die Ehre, die sie
gewinnen, der liebste Schatz auf Erden sein darf.
    Du denkst ganz wie die Laien, schalt der Knig, ich traute dir bessere
Einsicht zu. Da du aber im Kloster warst, solltest du gelernt haben, da es
hhere Siege gibt als mit Schild und Schwert, indem man die Seelen der Helden
und der anderen begehrlichen Menschen bezwingt, damit man ein Herr wird ber
sie.
    Das ist das Amt des Knigs, antwortete Immo. Ich habe gehrt, da der
groe Kaiser Karl, der Knig Etzel und andere gewaltige Herren, von denen die
Sage kndet, sich ausdachten, was ihnen ntzen knnte, und dann ihre Helden
sandten, damit sie es vollbrchten, zu dem einen Werk die Klugen, zu dem anderen
die Starken; und da sie jeden zu gebrauchen wuten, wozu er diente.
    Ich aber bin nur einer, der dem Knig mit seinem Schwerte dienen will. Und
ich begehre die Ehre eines Helden, welche mir gebietet, meine Genossen
liebzuhaben und mich an meinen Feinden blutig zu rchen. Ob die Rache auch zum
Amt eines Knigs gehrt, das wei ich nicht.
    Heinrich sah ihn mit groen Augen an. Immo, tu es scolaris. Du bist weit
schlauer, als ich dachte. Was willst du mir zu verstehen geben? Fahr fort.
    Herr, sprach Immo khn, als ich den Grafen Ernst abwrts fhren sah, da
fiel mir aufs Herz, ein hochgesinnter Held wie dieser vermchte dem Knig wohl
noch seine Treue durch gute Dienste zu erweisen. Denn sie sagen, da er nur
deshalb in Emprung und Unglck gekommen ist, weil er dem Hezilo als
Anverwandter die Treue gehalten hat.
    Dem Knig aber hat er die Treue gebrochen, rief Heinrich.
    In Zukunft knnte er wohl dem Knig allein ntzen, denn des Knigs Wrde
versteht, wie man die Seelen der Helden und der anderen begehrlichen Menschen
zwingt, damit sie gehorsam dienen.
    Hat Sankt Wigbert dir so gut die Zunge gelst, fragte der Knig, da du
sie gegen mich fr einen Verrter zu gebrauchen wagst?
    Immo beugte das Knie. Mit dem Schlergru wurde ich angerufen; habe ich zu
dreist gesprochen, so mge die Gnade des Knigs mir verzeihen.
    Der Knig nickte. Du hast recht, und ich werde mich hten, dir noch einmal
das Fingerkreuz zu zeigen, damit du mir nicht wieder eine Lektion hersagst. Und
als Immo ihn bittend ansah, fuhr er mit Knigsmiene fort: Sei ruhig, Hauptmann,
ich zrne dir nicht.
    Reisige sprengten herauf, im Lager erhob sich Geschrei und Getmmel, ein
donnernder Jubelruf wlzte sich von Haufen zu Haufen durch das ganze Heer. Unter
dem Geleit einer riesigen Schar wurde ein langer Zug von Heerwagen und beladenen
Lasttieren durch das Lager gefhrt und nahe dem Bach, den Belagerten sichtbar,
rund um die Festung bis zur Hhe des Knigs. Das war der Schatz, den der Held
des Markgrafen gefangen und den der Knig zurckgewonnen hatte, nachdem er die
Burg des Magano eingenommen. Jetzt wurde der Schatz im Triumph durch das Lager
gefhrt, die Krieger zu trsten und die Feinde zu entmutigen. Die Augen des
Knigs leuchteten, als sie dem Zug der Wagen folgten, und sich noch einmal zu
Immo wendend, schlo er: Suchst du gleich Ehre und nicht Gold, ich hoffe doch,
es soll auch fr dich etwas Glnzendes herausgehoben werden, wenn der Knig
seine Treuen belohnt. Er ging dem Erzbischof entgegen, welcher dem Zelte des
Knigs zuschritt.
    Als die Sonne sank, zog eine Schar breitschultriger Bayern mit Stiernacken
und groen Huptern heran, die Knigswache zu halten. Immo wechselte mit dem
Fhrer den Gru, lste seine Knaben von ihren Pltzen und fhrte sie zu der
Stelle des Lagers, wo sie sich aus Fichtenzweigen die leichten Htten erbaut
hatten. Whrend die Thringe das Feuer anzndeten, um ihr Mahl zu bereiten, warf
er selbst einen dunklen Mantel ber, den Soldschmuck seiner Rstung zu
verdecken, vertauschte seinen Helm mit der leichten Eisenkappe eines Gefhrten
und eilte ins Freie. Rings um die Festung brannten die Lagerfeuer, zwischen den
rtlichen Flammen und den weien Rauchsulen schritten die Krieger wie dunkle
Schatten hin und her. Auch ber der Festung schwebte eine rote Dampfwolke,
welche verriet, da die Belagerten nach den Gefahren des Tages fr die ermdeten
Leiber sorgten.
    Immo durchschritt die letzten Lagerreihen der Knigsmannen, beantwortete den
Ruf der Wachen und trat in das offene Land, welches dunkel und still vor ihm
lag. Nur an einer Stelle wirbelte weit abseits vom Lager ein feuriger Dampf,
dessen Flamme in der Tiefe verborgen war. Dorthin eilte Immo. Von der Hhe
blickte er ber eine Erdsenkung, in welcher eine Anzahl Laubhtten und Zelte
unordentlich durcheinanderstand. Saitenspiel und Gesang und das Geschrei
Trunkener tnten zu ihm herauf, Mnner und Frauen glitten an den Feuern vorber
und schlpften von einer Htte in die andere. Dort war das Lager der fahrenden
Leute, welche als Snger und Fiedler, als Tnzer und Gaukler dem Heere folgten,
um die Krieger in den migen Stunden zu ergtzen und ihren Anteil an der Beute
zu gewinnen. bel berchtigt war die Stelle, denn die Wanderer, welche dort
hausten, waren aller Ehre bar und wurden durch kein Recht geschtzt, nur durch
die Gunst mchtiger Helden, welche sie zu gewinnen wuten. Als Immo in das
Gewirr der Htten und Feuerstellen eindrang, wurde der Lrm und das Gewhl
lstig, und er zog seinen Mantel dichter zusammen. Bezechte Krieger schrien ihn
an, buntgekleidete Weiber boten ihm lustigen Gru, ein riesiger Br, der an
einen Pfahl gebunden war, zerrte brllend an seiner Kette, die Fiedel klang und
das Sackrohr brummte; in einer Htte schwang sich, umdrngt von einem Haufen
Gewappneter, eine zierliche Dirne in hohen Sprngen durch die Luft; in einer
anderen sa ein Spielmann, sang mit melodischem Tonfall ein Lied von den Taten
vergangener Helden und ri dabei krftig die Saiten der kleinen Harfe; neben
einem groen Feuer sprang ein schlauugiger Gesell umher, welcher schnurrige
Lgengeschichten erzhlte und, wenn die Zuhrer laut auflachten, mit dem Becher
herumlief, damit man ihm Silberblech spende. Endlich kam Immo zu einem Zelt,
welches inmitten der anderen recht ansehnlich stand, mehr gute Rosse waren
daneben angepflckt, und darber wehte ein Banner, auf dessen Tuch zwei
gekreuzte Pfeile sichtbar wurden.
    In der Zelttr sa Wizzelin, ein krftiger Mann von mittleren Jahren mit
klugem Gesicht, er trug ein zierliches Gewand von zweierlei Tuch, die eine
Hlfte rot, die andere grn, um den Hals eine Goldkette, am Armgelenk einen
dicken Goldring. Er gebot dem Lager als Hauptmann und schlichtete gerade einen
Streit zweier Genossen, welche zu beiden Seiten eines Esels standen. Frei lief
der Esel, entschied er lachend, und zu gleicher Zeit packte ihn Gozzo am
Schwanz und Bezzo am Ohr, und jeder meint, da darum der Esel ihm gehre. Beide
habt ihr Unrecht gebt, denn ihr habt einander rgerlich gescholten, der
Fahrende aber gewinnt nur durch Lachen sein Recht und seine Beute. Dem Esel
vollends habt ihr die Ehre gekrnkt, denn da er als Freier lief, hat er das
Recht, sich seinen Herrn zu whlen. Er wies auf einen Distelstrauch zur Seite.
Jeder von euch nehme eine Blte des wehrhaften Krautes in die Hand, dann haltet
beide die Fuste vor den Helden: wessen Kraut er frit, dem will er sich
angeloben. Die Mnner lachten und nickten, und Gozzo fhrte siegreich den Esel
zu seiner Htte.
    Jetzt erst erhob sich Wizzelin, der seither Immo nur durch einen Seitenblick
begrt hatte; mit tiefer Verneigung fhrte er ihn in das Zelt, zndete einen
langen Kienspan an, den er in den Boden steckte, und schlo den Eingang durch
eine vorgezogene Decke. Sprecht leise, sagte er, denn meine Kinder sind treu,
aber neugierig. Viele Augen sehen nach dem stattlichen Helden und suchen die
Geldtasche unter seinem Mantel.
    Sie ffnet sich gern fr dich, versetzte Immo, danach greifend.
    Lat noch, riet Wizzelin, ich will die Gabe erst verdienen. Auch fr Euch
ersehne ich den Tag, wo die Kriegsbeute ausgeteilt wird und die Scharen der
Helden heimwrts ziehen. Ich selbst werde froh sein, wenn ich wieder in die Hfe
meiner Thringe reite. Denn hier schwebt ein Geier ber uns, und unsicher
schlagen wir mit den Flgeln.
    Doch merke ich, du hast auch hier Gunst gewonnen, antwortete Immo
lchelnd, ich sah im Vorbergehen manchen ansehnlichen Kriegsmann in deinen
Htten.
    Einem aber sind wir Fahrende verhat, bekannte Wizzelin zutraulich. Kein
Mnch ist so unhold gegen mein Volk als der Knig; und wenn es auf meinen Willen
ankme, so wre ich drben beim Heere des Babenbergers, wo die Mehrzahl meiner
Genossen weilt und weit besser geehrt wird.
    Willst du deine Kinder in den Mauern der Festung bergen? Ungern ertrgt,
wie ich hre, dein Volk die Not einer belagerten Burg.
    Vielleicht finden wir das Lager des Hezilo an einer anderen Stelle,
antwortete der Spielmann.
    Weit du, wo? fragte Immo schnell.
    Wizzelin schttelte das Haupt. Wir Friedlosen, Herr, singen und sagen nicht
alles, was wir wissen, und vergebens wre es, aus uns herauszulocken, was wir
nicht gestehen wollen. Eins aber sage ich Euch: unser Lied wird den Knig
Heinrich selten rhmen, und seit er das Urteil gefllt hat ber den Grafen
Ernst, ist das fahrende Volk ihm feind, und der Knig mag sich vor der behenden
Zunge meiner Kinder hten wie ein Ro vor einem Schwarm Hornissen. Und
bedeutsam setzte er hinzu: Auch der Held, welcher in seinem Heer Ehre gewinnt,
mag sich hten, ihm zu vertrauen, denn kalt und hart ist er wie Stahl.
    Ist dir der Markgraf lieber, wie kommt's, da du bei uns lagerst und nicht
beim Hezilo?
    Ihr selbst wit einen Grund, da ich hierhergesandt bin, andere behalte ich
fr mich. Auch der Spielmann denkt zuweilen, da es sein Vorteil ist, dem Sieger
zu folgen.
    Sei gelobt, Wizzelin, da du fr uns den Sieg hoffst, rief Immo.
    Noch ist er nicht erkmpft, versetzte der Spielmann. Htet Ihr Euch nur,
da Ihr Euren Anteil daran nicht verschlaft. Und leise setzte er hinzu: Soll
ich Euch Gutes raten, so wandelt morgen und an den nchsten Tagen im Grase,
bevor die Sonne aufgeht; sammelt den Frhtau und streichet Euch damit die Augen,
er hilft, wie die Weisen sagen, zu scharfem Gesicht.
    Immo berlegte die Worte, dann griff er schnell nach seiner Geldtasche.
Sage mir mehr, Wizzelin.
    Ich tu' es nicht, entgegnete der andere, auch nicht, wenn Ihr versucht,
mir die Augen durch Goldblech zu blenden. Er schob den Vorhang zurck und blies
auf einer kleinen Querpfeife einige schrille Tne ins Freie, gleich darauf
vernahm Immo dasselbe Zeichen an mehreren Stellen des Lagers. Weshalb Ihr
kommt, wei ich, ohne da Ihr mir's sagt, setzte Wizzelin ernsthaft die
Unterredung fort, den Gru, welchen ich Euch im Kloster lehrte, hat mir noch
keines meiner Kinder zugetragen. Darum ist meine Meinung, da Euer Geselle,
dessen Botschaft Ihr erwartet, nirgends weilt, wo der Wind ber die Halme weht
und ein Baum Schatten auf die Flur wirft, sondern umschlossen von Stein und
Speereisen.
    Du meinst in einer Burg des Hezilo?
    Auch in den Burgen ziehen meine Kinder ein und aus. Wenn aber eine Mauer
vom Feinde umringt ist, so wird ihnen das Fahren gehemmt.
    Sie ist in der Festung, die wir belagern, rief Immo erschrocken.
    Wizzelin lachte. Ihr werdet Euch behender auf die Mauer schwingen, als Ihr
das hofft. Als er aber den Schrecken im Gesicht des Jnglings sah, fuhr er
begtigend fort: Meinung ist nicht Gewiheit; harret, vielleicht kommt noch ein
Bote fr Euch. Das wollte ich Euch sagen. Und jetzt ffnet die Tasche und gebt
mir meinen Sold, denn jetzt werdet Ihr die Stcke nicht zhlen.
    Immo reichte dem Spielmann die Geldtasche. Nimm; mir la nur, da ich nicht
ganz leer bin, bis ich die nchsten Beuterosse gewinne.
    Wizzelin schttelte sich die Hand voll Silber und senkte sie behende in sein
Gewand. Ich habe geteilt, sagte er, die Tasche zurckgebend. Was ich Euch
lie, hole ich mir mit anderem, wenn Ihr Euren Anteil an der Siegesbeute
empfangt. Verget den Mantel nicht, Ihr mgt ihn noch heut im Morgentau
brauchen. Ich selbst begleite Euch bis an die Grenze meines Landes.
    Dein Land ist berall, wo Menschen unserer Sprache wohnen, antwortete ihm
Immo zunickend. Wo ist die Grenze?
    Wo das Sandloch aufhrt, versetzte Wizzelin, und wer wei wie lange. Sie
durchschritten eilig das Lager, die Feuer brannten wie vorher, aber um die
Htten war es stiller; die Tnzerin war verschwunden, der Lgenerzhler sa
allein und packte ber einem Bndel, nur wenige Kriegsleute saen und lungerten
noch an den Zelten. Doch um die Karren, welche am Abhang in der Reihe standen,
bewegten sich geschftige Gestalten, und im Aufsteigen sah Immo, da der Esel,
welcher sich den Gozzo zum Herrn gewhlt hatte, an einen Karren geschirrt wurde.
Immo, dem die Angst um das Schicksal der Geliebten das Herz beklemmte, begann,
auf den bespannten Wagen weisend: Wie ein Wanderer in der Wildnis bin ich, dem
sein Ro davonluft. Wann sehe ich dich wieder, Wizzelin?
    Frage die Wolken und den Wind, wohin sie schweifen, aber nicht einen
Fahrenden, versetzte der Spielmann lachend. Er neigte sich vor Immo und tauchte
zurck, im nchsten Augenblick tnte wieder die scharfe Querpfeife.
    Auf dem Wege hielt Immo an und mhte sich, aus dem Feuerkranz, der um die
Festung loderte, die Lager der einzelnen Heerhaufen zu erkennen. In weiter
Entfernung war der Hgel, auf dem die kniglichen Zelte standen, dort und
jenseits der Festung lagen bayrische Haufen, weiter abwrts Schwaben, Mainzer
und Fuldaer, gerade vor ihm Herzog Bernhard mit seinen Sachsen. Da nickte er
zufrieden und wandte sich schnellfig dem schsischen Lager zu. Bald
unterschied er hinter der langen Reihe flammender Feuer die starken Heerwagen,
welche die Sachsen zu einer Wagenburg zusammengestoen hatten, um dahinter wie
in einem Walle sorglos zu ruhen. Von den Wachen angerufen, wurde er auf sein
Begehr zum Zelt des Herzogs gefhrt. Der Kmmerer kam unwirsch aus dem Zelt.
Wie mag ich meinen Herrn wecken? antwortete er auf die Forderung Immos.
Jmmerlich ist Bier und Met in Bayerland, und mein Herr schpft hier so blen
Nachttrunk, da ich allen Heiligen danke, wenn er nur erst eingeschlafen ist.
    Ist das die Meinung, die du von deinem Herrn hegst, du grober Waldgtze,
rief eine tiefe Stimme aus dem hinteren Zelt, und ein Lederstrumpf kam gegen den
Rcken des Kmmerer herausgeflogen. Ich will wissen, wer da ist. Bist du es,
Held Immo, so tritt herein.
    Der Kmmerer ffnete den Vorhang. Immo erkannte beim matten Schein einer
Lampe den Herrn, der mit einem Lodenmantel aus heimischer Wolle zugedeckt lag
und das gutherzige Gesicht ihm fragend zuwandte. Er berichtete die Warnung,
welche Wizzelin geraunt hatte, und den pltzlichen Aufbruch der fahrenden Leute.
Sie wren nicht von ihren Feuerstellen gewichen, wenn sie nicht besorgten, da
der Markgraf auf ihrer Seite angreifen wird.
    Schwerlich hat Hezilo die Spielleute zu seinen Vertrauten gemacht,
versetzte der Herzog kopfschttelnd. Und wenn er kommen will, so sind wir
bereits da. Auch ist Hezilo ein Christ und ein ritterlicher Mann, der seinen
Feind niemals anfallen wird, whrend die Unholde der Nacht durch die Lfte
fahren. Und wre er, wie sein Vater war, so wrde er uns auch Tag und Stunde
vorher wissen lassen, obwohl wir die Strkeren sind. Doch die jetzige Jugend
miachtet alte Bruche, zumal, wenn sie ihr beschwerlich sind. Darum war deine
Sorge unntig.
    Vielleicht liegt der Markgraf uns so nahe, wandte Immo ein, da er nicht
bei Nacht, aber beim ersten Morgenschein in das Lager einzubrechen vermag. Ihr
selbst mgt ermessen, ob er im Vorteil kmpft, wenn er zu dieser Stunde an
unsere Htten dringt.
    Der Herzog richtete sich mit halbem Leibe auf. Wecken kann ich meine
Sachsen nicht, denn wenn sie bei Tage mannhaft kmpfen, so haben sie dafr,
sobald sie schlafen, ein solches Gottvertrauen, da auch ein brllender Lwe sie
schwerlich in die Hhe brchte. Er setzte gemchlich ein Bein auf den Boden und
zog einen Lederstrumpf an. Dennoch will ich ein briges tun. Er befahl, den
Hauptmann seiner Leibwache zu rufen, forderte den zweiten Strumpf und schritt
gewichtig im Zelte auf und ab. Sobald die erste Lerche aufsteigt, sollen sie
gerstet bei den Rossen stehen. Zuletzt warf er den Mantel um. Komm ins Freie,
Held, damit ich selbst zum Rechten sehe. Sie schritten die Reihe der Wachen
entlang, der Herzog prfte mit scharfem Blick ihre Aufstellung und gab dem
Hauptmann Befehle. Sende sogleich behende Lufer zu den nchsten Scharen, aber
vorsichtig, da man aus der Ferne die Bewegung nicht merke. Auch die Nachbarn
sollen sich rhren. Und als der gute Herr alles vorsorglich bestellt hatte,
sprach er zu Immo: Gedenke auch du der Ruhe, ich mitraue jedem Mann, der sein
Lager gering achtet. Hast du uns Gnstiges geraten, so soll dir's vergolten
werden, bleibt's bei deinem guten Willen, so werde ich auch diesen dem Knig
rhmen.
    Gern mchte ich mit dem kleinen Haufen meiner Genossen morgen frh in Eurer
Nhe sein, versetzte Immo, ich bitte, da Ihr mir's gestattet und mich beim
Knig entschuldigt, wenn ich eigenwillig zu Euch aufbreche.
    Deine Knaben sollen eine rhmliche Ecke meiner Holzburg bewachen,
entschied der Herzog, erfreut durch den Eifer, du aber sollst unter meinen
Helden reiten, und in meiner Nhe hoffe ich dich zu finden.

Im ersten Morgengrauen klangen bei den Sachsen die Alarmtne, gleich darauf
erhob sich wilder Lrm, die Rufer schrien, Pfeifen und Hrner gellten, das ganze
Lager fuhr wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen durcheinander, bald sprangen
ledige Rosse ber das Feld, und verwundete Helden wurden aus dem Gewhl
getragen. Vom Sachsenlager her scholl immer wilder das Kriegsgeschrei der
Angreifer und Verteidiger und das Drhnen der feindlichen xte an den Bohlen der
Wagenburg. Hin und her wogte der heie Kampf, dreimal suchte der Markgraf den
Lagerring in wildem Ansturm zu durchbrechen. Aber die Reiter des Herzogs brachen
an jeder Stelle, welche gefhrdet war, aus ihrer Burg, hemmten dreimal den
Sturmlauf der Feinde und wehrten dem Durchbruch, bis der Knig selbst mit neuen
Scharen herankam. Da wandten jene pltzlich ihre Rosse und verschwanden, wie sie
gekommen waren. Auch die Verfolgung, welche Knig Heinrich befahl, vermochte sie
nicht zu erreichen.
    Als der Kampf vorber war und Immo mit glhendem Antlitz sein schumendes
Ro zur Ruhe zwang, ritt Herzog Bernhard zu ihm, und ihn vor allem Heere
kssend, rief er: Heut habe ich dich erkannt, wie du bist; die alte Treue
zwischen Sachsen und Thringen ist aufs neue bewhrt, mir und meinen Helden bist
du fortan ein Waffenbruder und ein lieber Genosse, sooft du es begehrst. Und
auch Knig Heinrich nickte dem glcklichen Immo mit freundlichem Lcheln zu, als
er die Reihen der Krieger entlang ritt.
    Seit diesem Morgen wurde das Lager des Knigs tglich beunruhigt, bald hier,
bald dort suchte der Feind berraschend einzudringen; die leichten bhmischen
Reiter, welche ihm zugezogen waren, warfen sich auf ihren behenden Pferden
berall, wo der Boden die Annherung begnstigte, gegen die Knigsmannen; jeder
Haufe, welcher Futter und Vieh aus der Umgegend herbeitreiben sollte, mute die
pltzlich auftauchenden Scharen des Markgrafen abwehren. Dieser aber fand in den
Wldern und Seitentlern der heimischen Landschaft sicheres Versteck. Auch die
Belagerten rhrten sich krftig. Da sie von den hohen Trmen der Feste weit in
das Land schauten, so drangen sie zu derselben Zeit, wo die Haufen des
Markgrafen gegen die Belagerer ritten, mit ihrem Fuvolk aus den Toren,
verbrannten ein Turmgerst, welches gegen sie aufgerichtet war, warfen die
Sturmbcke und fhrten die Ketten als Siegeszeichen nach der Stadt.
    Der Knig hielt beharrlich die Festung umschlossen, noch war er der
strkere, aber er wute wohl, da die beste Hilfe, auf welche er zhlen durfte,
um ihn gesammelt war, whrend der Widerstand des Markgrafen die Unzufriedenen in
allen Teilen des Reiches ermutigte und das kleine Heer des Feindes sich mit
jedem Tage vergrerte, nicht nur durch bhmische Reiter, auch durch Banner aus
dem Norden. Deshalb ritten die Knigsboten, meist geistliche Herren, nach allen
Richtungen aus dem Lager, um den Zorn der Mivergngten durch Verheiungen zu
stillen und die Verstrkung des Feindes zu hindern. Aber es wurde den Gesandten
des Knigs bereits schwer, durch die Reiter des Hezilo ins Freie zu dringen.
    An einem Abend, wo Immo mit seinen Knaben wieder die Knigswache hielt, trat
Herzog Bernhard zu ihm und begann vertraulich: Der Markgraf kmpft gegen uns
wie das Hndlein gegen den Igel, er springt bellend um uns herum, zuletzt
versetzt er uns doch einen Bi ins Weiche. Es macht Sorge, das Heer zu ernhren,
und sorgenvoll wird auch der Lagerdienst. Er wies nach dem Felde, wo an Stelle
der Wachen zahlreiche gepanzerte Reiter in weiterer Entfernung aufgestellt
waren. Der Knig lt unablssig nach dem Versteck des Markgrafen sphen, aber
keinem unserer Lufer ist es gelungen, die Stelle zu erkunden. Vergebens hat der
Knig auch nach fahrenden Leuten umhergefragt, dies ruhmlose Volk ist
verschwunden, wurde einer auf dem Felde ergriffen, so schwieg er oder log,
obgleich der Bttel ihn hart ngstigte.
    
    Dennoch sage ich dir, weder die Babenberger noch wir anderen haben geahnt,
welch ein Kriegsherr Knig Heinrich ist, denn mit Weisheit erwgt er selbst
Groes und Kleines.
    Whrend der Herzog sprach, sprang Harald, der erste Heerrufer, aus dem Zelt
des Knigs und eilte den Hgel hinab, ihm folgten seine Genossen, sich schnell
durch das Lager verteilend. Sieh dorthin, Held Immo, der Knig ist mde, still
zu kauern, und er denkt selbst einen Sprung zu tun.
    Am nchsten Morgen zogen beim ersten Hahnenschrei die reisigen Scharen des
Knigs von allen Seiten ins Freie, geruschlos, in kleinen Haufen, ohne
Feldzeichen, um sich auer Gesichtsweite der Festung zum Heere zu vereinigen.
Dem Knig war gelungen, das schwer zugngliche Tal zu erkunden, in welchem der
Markgraf sein Lager aufgeschlagen hatte. Zugleich rsteten die Bogenschtzen und
die brigen Haufen der Fukmpfer einen Angriff gegen die Feste, ihnen hatte der
Knig geboten: Haltet gute Wache, indem ihr mit dem Ansturm droht und auf die
Verteidigung denkt, htet euch auch, ihr Helden, den Feind allzusehr zu
bedrngen, damit er nicht ausbreche, um sich zu retten. Am liebsten werde ich
euch belohnen, wenn ich das Lager so wiederfinde, wie ich es verlasse.
    Auch Immo ritt unter den Wchtern des Knigs, welche in der Schlacht vor
seinem Leibe kmpften und ihm die Gasse ffneten, wenn er selbst einen
erlauchten Helden bestreiten wollte. Mehr als eine halbe Tagesfahrt zog die
reisige Schar ber Hgel und Tal, die Sonne schien hei, die Panzerringe
brannten durch Leder und Hemd auf die Haut, und der Schwei rieselte von den
Flanken der Rosse. Aber der Zuruf des Knigs trieb unablssig vorwrts, bald an
der Spitze, bald am Ende des Zuges befeuerte er die Mden durch Scherzworte oder
scharfen Tadel, er allein, den seine Feinde weichlich gescholten hatten, schien
Sonnenbrand und Durst nicht zu fhlen. In der Glut des Mittags klomm die
gepanzerte Schar eine steile Hhe hinan. Vielen wurde die Anstrengung
unertrglich, Rosse und Reiter brachen zusammen, aber der Knig mahnte und
trieb, wirbelte lustig den Wurfspeer, schalt und verhie Belohnungen. Kurz vor
der Hhe hielten die Mden zu kurzer Rast. Heinrich ordnete die Scharen in der
Stille, auch lauter Rede wurde gewehrt. Dann hob er grend den Speer, die
Posaunen und Hrner schmetterten und brllten ihre wilden Weisen, und in
gestrecktem Lauf stob die Heerschar auf gnstiger Bahn nach dem engen Tale,
worin die Banner, die Zelte und Htten des Hezilo standen. Es war die Tageszeit
nach dem Mahle, wo die Markgrflichen am sorglosesten ruhten; kaum einer der
Helden war mit seiner Rstung bekleidet, auch die Rosse standen ungesattelt an
ihren Seilen. Furchtbar tnte den Feinden das Kyrie eleison, der Schlachtruf des
Knigs, in die Ohren, nur die Tapfersten wagten dem Ansturm entgegenzusprengen
und das drohende Verderben aufzuhalten, sie wurden erschlagen oder verjagt, der
Zaun des Lagers wurde durchbrochen, bevor der Widerstand sich daran sammelte,
die Mehrzahl der Krieger gefangen, whrend sie nach den Waffen schrie. Der
Markgraf selbst entrann mit einer kleinen Zahl seiner Getreuen.
    Als Immo in der ersten Reihe der Leibwchter den Hgel hinabritt, suchte
sein scharfes Auge unter den feindlichen Bannern das Zeichen des Grafen Gerhard.
Er sah es nicht, aber der erste Krieger, der gegen ihn anritt, war Egbert, ein
Gnstling des Grafen. Immos Speer warf den hochmtigen Dienstmann in das Gras,
und ber den Gefallenen brach der wilde Sturm vorwrts. Der Held fand sich vor
dem Knig im Kampfe gegen Leibwchter des Markgrafen, er stie, schlug und tat
sein Bestes, aber mitten in dem blutigen Gedrnge suchte er immer wieder nach
dem Buchenreis, welches die Dienstmannen des Grafen an ihrer Rstung zu tragen
pflegten. Als der Schwall verrauscht war und der laute Gesang des Rufers die
Helden zusammenlud, da sprengte er zurck zu der Stelle, wo er den Egbert
getroffen, aber sein Speer hatte die Arbeit zu gut getan, und er vermochte von
dem Leblosen keine Kunde einzuholen. Er durchritt die Haufen der Gefangenen,
aber auch dort fand er die Buchenzweige nicht, und er holte mit Mhe die Kunde
heraus, da Mannen des Grafen unter den Flchtigen entronnen waren.
    Nur die ntigste Rast verstattete der Knig den Siegern. Von allen Ecken
lie er das Lager in Brand stecken und achtete nicht auf das Murren seines
Heeres, welches in den eroberten Htten Ruhe und Beute gehofft hatte. Eilig lie
er die Gefangenen und die Beuterosse rckwrts treiben und brach wieder in
Sonnenglut nach dem eigenen Lager auf, obgleich die ermatteten Sieger mrrisch
in ihren Stteln hingen, gleich geschlagenen Mnnern. Immo sah von der Hhe
zurck auf das Tal, welches mit lodernden Flammen und einer ungeheuren
Rauchwolke gefllt war. Da hrte er wieder den treibenden Ruf des Knigs, und
Heinrich winkte, an seiner Seite reitend, ihm zu: Ich sah dich mannhaft
treffen, Held Immo, und mchtigen Staub aufregen, quadrupedante putrem sonitu,
wie der Heide sagt. Herzog Bernhard, rief er, sich unterbrechend, gibt es kein
Mittel, aus diesem Schneckenritt herauszukommen?
    Der Herzog sprengte an die Seite des Knigs. Mann und Ro werden die Glut
des Tages lange fhlen.
    Das mgen sie spter halten, wie es ihnen beliebt, heute aber brauche ich
sie nicht auf dem Wege, sondern im Lager, und ich wollte, uns wre die
Heidenkunst erlaubt, einen Sturmwind zu beschwren, der das Heer in der Wolke
dahintreibt.
    Der Herzog schlug das Kreuz. Die Himmlischen gewhren zuweilen dem
Bittenden Regen, auch dieser wrde das Heer vorwrts treiben.
    Ich kann nicht frei atmen, Vetter, fuhr der Knig leise fort, bis ich das
Lager gesichert sehe, denn wenn die in der Festung nicht verblendet sind, so mag
unser Schade grer werden als der Gewinn.
    Reite voraus, riet der Herzog.
    Dann fallen diese ganz von den Pferden und legen sich auf die Heide,
versetzte der Knig.
    Willst du meinen Sachsen deinen Wein und Met preisgeben, so will ich
versuchen, ob ich sie noch vor Sonnenuntergang in ihre Wagenburg bringe.
    Von Herzen gern, versetzte der Knig, denn wenn wir heut einen Ausbruch
des Feindes abwehren, so denke ich morgen den Krieg zu beenden.
    Der Herzog befahl seiner Schar zu halten und lie durch den Rufer verknden,
da der ganze Tonnenvorrat des Knigs noch heut derjenigen Schar als Ehrentrunk
zugeteilt werden sollte, welche zuerst das Lager erreiche.
    Die Helden sahen einander mrrisch an, doch allmhlich erschien ihnen der
Vorschlag nicht verchtlich, sie lchelten ein wenig, und die Rosse begannen zu
traben. Als der Rufer den Bayern verkndete, da die Sachsen um des Knigs Wein
davonritten, rgerten sich die Bayern, weil das Getrnk aus ihrem Lande genommen
war und ihnen zuerst gebhrte, und ihre Rosse trabten ebenso.
    Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, als Heinrich, der mit seiner
Leibwache dem Heere die letzte Meile vorausgesprengt war, von der Hhe das Tal
der Festung erblickte. Als er die Lagersttten mit ihren wehenden Bannern
unversehrt vor sich sah, da brach er in einen lauten Freudenruf aus und neigte
sein Haupt, um das Gelbde, das er dem Himmel in der Sorge getan, mit dankbarem
Herzen zu wiederholen. Wie er zum Lager hinabstieg, klang von der Seite
Heermusik, und eine Schar von Reitern und Fuvolk zog mit ihren Wagen ganz
gemchlich dem Lager zu. Verwundert fragte der Knig: Wer sind diese, die so
lustig am Feierabend reisen, nachdem die anderen das Werk getan haben? Immo
ritt vor: Es ist das rote Kreuz von Sankt Wigbert, Herr Bernheri sendet seine
Mannen.
    Da lachte der Knig: So hat der Jagdspie des Alten doch die Emprer
gebndigt, und der Schar entgegenreitend, rief er dem Fhrer Hugbald zu: Als
sumige Schnitter nahet ihr, die Halme sind gemht. Dennoch seid willkommen zum
letzten Sprunge um den Erntekranz. Und als Immo seinen alten Genossen Hugbald
begrte, sprach dieser: Unser Herr Abt sendet dir seinen Segen und Dank fr
deine Mahnungen, die ihm die Spielleute zugetragen haben. Manchen Heiltrunk hat
er dir zu Ehren getan. Jetzt hlt er sich auf dem Berge gegen sein eigenes
Kloster verschanzt. Doch hoffe ich, euer Sieg soll den Tutilo mit seinem ganzen
Anhang austreiben.
    Am nchsten Morgen lie der Knig die Gefangenen rings um die Mauern fhren,
die Belagerten zu schrecken, und sandte seinen Rufer, die bergabe der Festung
zu fordern. Dem Geschlecht des Markgrafen und den Dienstmannen versprach er
freien Abzug in das bhmische Land, bei lngerem Widerstand drohte er mit
Austilgung durch Feuer und Schwert. Die Helden der Burg saen in sorgenvoller
Beratung, die Bedchtigen rieten, besser sei es, etwas zu retten, als alles zu
verlieren, denn reiendem Wasser und siegreicher Hand vermge man schwer zu
widerstehen, aber die meisten riefen, sie wollten lieber sterben als die Mauern
bergeben, solange ihr Herr noch in Freiheit lebe. Und sie weigerten zuletzt die
bergabe. Den ganzen Tag wurde verhandelt, der Knig aber beschlo, die
Unschlssigen am nchsten Morgen durch einen Angriff zu zwingen.
    Es war eine mondlose Sternennacht, Immo wachte mit seinen Knaben am Ufer des
Baches, nur einen Pfeilschu von der Festung entfernt. Wie Jger im Bergwald
lagen die Thringe, ihre braunen Wollmntel ber der Rstung, Bogen und Pfeil in
der Hand, wo ein Strauch oder eine kleine Senkung des Bodens Deckung gab. Sie
lauerten auf jedes Gerusch und jeden Schatten, der hinter dem Bach und an den
Zinnen der Festung sichtbar wurde. Gerade vor ihnen erhob sich ein dicker
viereckiger Mauerturm, welcher aus der Fluchtlinie der Mauer nach dem Bach
vorsprang, damit man aus ihm die anstrmenden Feinde von der Seite treffen
konnte. Die rtliche Rauchwolke, welche jede Nacht ber der Festung schwebte,
sank tiefer, das Gerusch entfernter Stimmen verhallte; Mitternacht war vorber
und der graue Dmmerschein am Rand des Himmels rckte von Norden nach Osten. Da
vernahm Immo neben sich das leise Gequarr eines Frosches, das Zeichen, durch
welches die Jger einander mahnten; im nchsten Augenblick wand sich Brunico auf
dem Boden zu ihm. Sieh zur halben Hhe des Turmes. Es regt sich in der Luke,
ich meine, dort ist ein Lebender zu merken, der graue Schatten sinkt langsam
abwrts. Gleich dararuf klang es im Wasser: Er watet oder schwimmt. Immo gab
das Zeichen, hier und da tauchte ein Haupt vom Boden, die Rohrpfeile flogen an
die Sennen, und die sphenden Blicke fuhren ber jede Stelle des Ufers. Wieder
rauschte es, der Leib eines Mannes hob sich ber den Rand des Baches, vorsichtig
schob er sich auf dem Boden vorwrts, gerade dem Versteck der Thringe zu. Schon
hatte er einen niedrigen Strauch erreicht und richtete sich hinter ihm auf der
Lagerseite in die Hhe, um in das ferne Land zu blicken; da, als seine Gestalt
ber dem Grunde erkennbar wurde, klangen von beiden Seiten die Sennen und flogen
die Pfeile gegen ihn. Der Mann sthnte, neben ihm fuhr Brunico in die Hhe, nach
kurzem Ringen trat der Knappe wieder an Immos Seite, und mit einer Gebrde des
Abscheus sein Schwert einsteckend, brummte er: Es war Ringrank, der Fechter.
Immo sprang zu der Sttte, an welcher der Unselige lag, beugte sich ber ihn,
und das schwere Haupt hebend, raunte er ihm ngstlich zu: Wer sendet dich? Der
Sterbende tastete mit der Hand nach seinem Messer, als er aber ber sich das
traurige Antlitz Immos sah und die freundlichen Worte hrte, murmelte er: Der
Rache des Knigs dachte ich zu entrinnen, darum trug ich einen Gru fr dich.
    Wo ist sie? fragte Immo tonlos.
    Wo ich war, seufzte der Mann wieder und fiel zurck.
    Die bleichen Sterne schienen auf glanzlose Augen, Immo deckte dem toten
Fechter das Gewand ber das Antlitz und wandte sich ab. Ihm hmmerte das Herz in
der Brust, und sein Blick haftete fest auf dem Turme, aus dem der Fechter
herabgestiegen war. Er winkte Brunico an seine Seite, dann wand er sich selbst
bis an das Ufer des Baches. Als er zurckkehrte, rief er seine Mannen in eine
Talsenkung nach rckwrts. Mahnt den Hugbald, der neben uns liegt, da er mit
Wigberts Knechten unsere Stelle besetze. Euch aber, meine Knaben lade ich, da
ihr mir folgt. Denn was mir auch geschehe, ich klimme den Pfad hinauf, den der
Tote herabgestiegen ist. Die in der Stadt vertrauen der Nacht und ihrem Handel
mit dem Knige, keinen Wchter erkenne ich auf der Zinne, noch hngt das Seil.
Halten wir erst den Turm, so soll Hugbald mit Sturmzeug uns folgen.
    Manche Klippe unserer Berge, die wir erklommen, war hher, ermunterte
Brunico. Fhre, Immo, wir folgen. Die schnellen Knaben stiegen geruschlos zum
Bach hinab, sie tauchten in die Flut, wateten und schwammen und waren nach
kurzer Zeit am Fu des Turmes versammelt. Immo prfte den Halt des Seils. Der
erste sei ich, brummte Brunico, ihm den Arm haltend. Keiner vor mir, befahl
Immo, schwinde ich dahin, so fhre du die Treuen zurck. Er schwang sich am
Seile aufwrts und hob sich in die ffnung des Turmes, gleich darauf schttelte
er das Seil, und seine Knaben folgten schnell einer dem anderen.
    Das Stockwerk des Turmes war menschenleer, die Tastenden fanden in der Mitte
eine groe Standschleuder und an beiden Seiten offene Tren, sie fhrten zu der
Holzgalerie, welche an der inneren Flche der Mauer unter den Zinnen
entlanglief. Auch die Galerie in ihrer Nhe war ohne Bewaffnete, nur von dem
nchsten Turme, durch welchen ein Tor nach dem Wasser fhrte, klangen die Tritte
der Wachen. Whrend Brunico vorsichtig die kleine Treppe hinabstieg, welche von
der Galerie zum untern Stockwerk des Turmes reichte, gab einer der Knaben
rckwrts dem Hugbald das verabredete Zeichen, einen flchtigen Feuerschein.
Dann harrten die Thringe ungeduldig auf das erste Tageslicht.
    Unten aber am Bache rhrte sich's. Hugbald hatte den bayrischen
Schanzmeister zu Hilfe gerufen; die Belagerer rollten leere Fsser an das Ufer
und schnrten sie mit Bohlen zu einem leichten Flo. Sie zogen die Sturmleitern
ber den Bach und hoben sie mit Hilfe des Seils zu der Turmffnung. Als der
Morgen dmmerte, waren der Turm und die nchste Galerie in den Hnden der
Knigsmannen; ohne Lrmzeichen drangen sie bis zu dem Tore, berfielen die
sorglosen Verteidiger, zerschlugen die Sperrbalken der Torpforte und warfen die
Fallbrcke ber das Wasser.
    Da erhob sich in der Festung Alarmruf und Notgeschrei. Die geworfenen
Verteidiger liefen vom Tore brllend durch die Straen, Hrner und Posaunen
tnten, und aus den Gassen der Stadt strmten die erweckten Helden an das
verlorene Tor. Ein heier Kampf entbrannte um die beiden Trme und die Mauer
dazwischen. Die Markgrflichen umschanzten mit Schild und Speer den Zugang zu
den nchsten Gassen, sie liefen unter ihren Schilden gegen die Torffnung,
drangen auf der Mauerhhe gegen die Trme und warfen ihre Geschosse von der
Galerie auf die Knigsmannen, welche von auen ber die Brcke drngten und
drinnen die eroberten Trme besetzt hielten. Die Knigsmannen aber sendeten
Speere auf die Andringenden und schossen Brandpfeile gegen die Dcher der
nchsten Huser. Bald stiegen Rauchsulen und lodernde Flammen aus den Hfen,
und in das Getse des Kampfes mischte sich das Gebrll der Rinder und das Geheul
der Einwohner.
    Der Knig hielt auf einem Hgel nahe dem Tor, um welches gestritten wurde,
er sah, wie die lodernden Flammen hinter der Mauer aufstiegen, und nhrte den
Kampf durch neue Haufen, welche er ber die Brcke trieb. Aber wie sehr er sich
des Erfolges freute, er dachte auch daran, da der letzte Streit gegen die
gesammelte Macht der Verzweifelten seinem eigenen Heere einen guten Teil der
Kraft nehmen knne und da an der abgewandten Seite der Festung noch eine feste
Burg lag, in welcher die Feinde sich wohl zu halten vermochten, bis der
Bhmenherzog zu Hilfe kam. Deshalb bezwang er die Sehnsucht nach Rache und
sandte seinen Heerrufer ber den Bach nach der Burgseite, um aufs neue mit den
Belagerten zu handeln.
    In das Gewhl am Tore klang der Ruf, da der Knig sich vertragen wolle, und
der Kampfzorn der Verteidiger wurde schwcher. Einer nach dem anderen warf sich
nach rckwrts, um seine Habe aus der brennenden Stadt zu retten und die Burg zu
gewinnen, und die Knigsmannen strmten mit hellem Siegesrufe vor. Als erster
Immo, gefolgt von den schnellsten seiner Knaben. Gleich einem Wtenden war er
von der Mauer gegen das Tor gefahren. Whrend er im Kampfe stie und schlug und
jeden Ansturm der Feinde zurckwarf, hatte er nur einen Gedanken, zu ihr
durchzudringen, die zwischen Rauch und Glut und dem Todeskampf der Mnner die
Arme zum Himmel hob. Jetzt sprang er wie ein wildes Ro durch Qualm und
zngelnde Flammen in die Gassen der Stadt. Laut schrie er ber die Haufen und in
die offenen Hfe den Namen Hildegard. Der geborstene Helm war ihm vom Haupte
geworfen, das blutbesprengte Haar flog ihm wild um die heien Schlfen. Zwischen
Herdenvieh, beladenen Karren, ber Leichen der Gefallenen, durch kleine Haufen
feindlicher Krieger strmte er vorwrts, bis er den Marktplatz der Stadt
erreichte, wo das Getmmel am wildesten durcheinanderwogte. Er berstieg die
gedrngten Karren der Flchtigen und wand sich durch eine Schar feindlicher
Reiter, wie ein Verzweifelter mit dem Strome ringend. Da, in der Mitte des
Marktrings, wo das steinerne Kreuz auf einer Erhhung ragte, sah er einige
bhmische Krieger auf eine helle Gestalt eindringen, die am Fue des Kreuzes lag
und mit beiden Armen den Stein umschlang. Hildegard, schrie er und ein
schwacher Gegenruf:
    Immo, rette mich, klang in sein Ohr. Den Wilden, welcher die Arme nach der
Liegenden ausstreckte, schleuderte er zur Seite, da dieser das Aufstehen fr
immer verga, seine heranspringenden Genossen verscheuchten den fremden Schwarm.
Er hielt die Gerettete in seinen Armen, kte das bleiche Antlitz und rief sie
mit den zrtlichsten Gren, und als sie die Augen aufschlug, da hob er sie
lachend empor, whrend ihm die Trnen aus den Augen strzten, und mit dem
Schildarm sie umschlingend, hielt er am Kreuze die Wache fr das geliebte Weib,
das an seinem Hals hing und sich fest an seine Brust drckte. ber ihm wirbelte
der glhende Rauch, um ihn krachten die strzenden Balken, und das Kampfgetmmel
wlzte sich durch die Straen der Stadt, er aber stand, umgeben von Tod und
Vernichtung, wie ein Sieger, und er sah, wie die hohen Engel mit flammenden
Schilden und Speeren durch die Lohe schwebten und um ihn und die Geliebte eine
feste Schildburg zogen.
    An der Ecke des Marktes wehte ein Banner, auf welchem er das weie Ro der
Sachsen erkannte, da rief er: Glckauf, mein Geselle, dort nahen die Helden,
denen ich am liebsten vertraue, damit sie dich zum Knig geleiten.

                               Die Not des Grafen


Der Kampf um die Krone war entschieden. Mit unwiderstehlicher Gewalt trieb der
Knig den Markgrafen der bhmischen Grenze zu, eine Burg nach der anderen fiel
in seine Hnde, die Flammen, welche aus den gebrochenen Mauern aufstiegen,
verkndeten dem erschreckten Lande den Sturz eines edlen Geschlechtes und die
Rache des Knigs. Schonungslos wollte der Knig alles mit Feuer und Schwert
tilgen, was an die Herrschaft seines Feindes erinnerte, und die harten
Vollstrecker seines Willens fhlten zuweilen ein Mitleid, das er nicht kannte,
und milderten in der Ausfhrung sein Gebot. So scharf war des Knigs Zorn, da
sich jedermann ber die Schonung wunderte, die er einem der Verschworenen zuteil
werden lie. An dem Grafen Ernst wurde das Todesurteil nicht vollstreckt, der
Held bte nur mit einem Teil seines Schatzes und wurde in milder Haft gehalten.
Und die Leute rhmten den Erzbischof Willigis, weil seine Bitten den Ha des
Knigs gedmpft htten.
    Whrend der Markgraf als landloser Flchtling in Bhmen umherirrte und die
brigen Emprer demtige Boten sandten, um die Gnade des Knigs zu gewinnen,
hielt Heinrich seinen Hof in Babenberg, der Stammburg seines Feindes. Dort
sammelte sich das siegreiche Heer, der Belohnung und Entlassung harrend, auch
die Knigin Kunigund kam von Regensburg an; mit groem Geleite holte sie der
Knig ein, und die Edelsten des Heeres begrten die Herrin nach altem
Heldenbrauch auf ihren Rossen im Eisenhemd, indem sie, zu zwei Scharen geteilt,
in gestrecktem Lauf durcheinanderritten und dabei die Gerstangen durch wilden
Wurf an den Schilden der Gegner zerbrachen.
    Immo hatte in dem Kampfspiel seine Reitkunst rhmlich erwiesen, die Jungfrau
aber, in deren Augen er am liebsten sein Lob gelesen htte, blickte nicht auf
den glnzenden Zug. Er wute, da Hildegard auf Befehl des Knigs unter der
Aufsicht einiger frommer Schwestern in der Stadt weilte, aber ihm war trotz
aller Mhe nicht gelungen, zu ihr zu dringen. Als er jetzt vom Rosse stieg und
in die Herberge trat, fand er den Spielmann Wizzelin, der in neuem Gewande und
mit klirrendem Goldschmuck, das Saitenspiel in der Hand, seiner wartete,
umdrngt von Kriegsleuten, welche mit dem wohlbekannten Mann Scherzreden
tauschten und ihn mahnten, seine Kunst vor ihnen zu erweisen.
    Gutes Glck bringe mir das Wiedersehen, du flchtiger Wanderer, rief Immo.
    Auch Euch ist alles gelungen, antwortete der Spielmann, und als ein
Glckskind rhmen Euch die Leute, whrend Ihr heut so hurtig rittet. Liegt Euch
noch am Herzen zu erfahren, was Ihr einst von mir begehrtet, so vermag ich
Bescheid zu sagen.
    Immo fhrte ihn schnell in seine Kammer.
    Sie ist hier, sprach Wizzelin leise, sie will Euch sehen, und ich vermag
Euch zu ihr zu fhren. Die alten Nonnen, bei denen sie weilt, sind keine
strengen Wchter, auch sie vernehmen gern, wenn ich vor ihnen die Saiten rhre.
Folgt mir sogleich, wenn es Euch gefllt, doch haltet Euch eine Strecke hinter
mir zurck, denn ich bin den Helden hier nicht unbekannt, fgte er stolz hinzu,
und mu auf viele Gre antworten.
    Sie traten auf die Strae, der Spielmann glitt behend durch das Gewhl von
Reitern und Rossen, von Burgmannen und Landleuten, welche herzugestrmt waren,
den Einzug zu sehen. Oft wurde er angerufen, auch Gelchter und Spottreden
klangen ihm entgegen. Gegen die Huldreichen verneigte er sich und versprach
Besuch und Lied, den Spttern antwortete er mit dreister Gegenrede, so da er
die Lacher stets auf seiner Seite hatte. Endlich bog er in eine stille
Seitengasse und fuhr durch das Tor eines drftigen Hofes. Er wies auf eine
niedrige Fensterffnung, hob einen Zipfel der Decke, welche das Innere verbarg,
und sagte zu Immo: Springt dreist durch die Tr, ich halte Wache.
    Immo eilte in das Haus. Mit einem Freudenschrei warf sich Hildegard in seine
Arme und drckte sich an seine Brust.
    Wie bleich du bist, Hildegard, und gleich einer Gefangenen sehe ich dich
bewahrt.
    Sie sind nicht hart gegen mich, und wren sie es auch, ich wrde es wenig
beachten, wenn ich an dich denke und dein Antlitz zu sehen hoffe. Denn sooft
mich die Einsamkeit ngstigt und die Gefahr bedroht, bist du mir in meinen
Gedanken nahe, du Lieber, mich zu trsten. Bald aber werden sie mich von hier
fortfhren zu der Knigin, in ihrem Gefolge soll ich bewahrt werden.
    Das ist gute Botschaft, rief Immo, dort vermag ich dir eher nahe zu
sein.
    Aber Hildegard schwieg, ihr Haupt lag schwer an seiner Brust, und ihr junger
Leib bebte in seiner Umarmung. Hoffe das nicht, Immo, denn nicht fr ein
frhliches Leben denkt mich der Knig zu retten, nur weil der groe Erzbischof
Mitleid mit mir hatte. Sie halten mich fest, wie die frommen Mtter sagen, damit
ich nicht gleich einer Dirne auf die Strae geschleudert werde. Mein
unglcklicher Vater! rief sie mit gerungenen Hnden. Geh von mir, Immo, denn
Elend ist mein Los, und meinem Vater droht das Verderben.
    Immo wute wohl, da der Knig damals, als er dem Geschlecht des Hezilo
Abzug aus der Festung gestattete, den Grafen Gerhard mit seinem Gesinde aus dem
Zuge der Entweichenden herausgerissen hatte, um ihn fr seine Rache zu bewahren.
Seitdem konnte niemand sagen, was mit dem Grafen geschehen war. Deshalb fragte
Immo sorgenvoll: Vernahmst du, wo er weilt?
    Er liegt im Turm der Stadt gefangen, ich war bei ihm, und er begehrt in
seiner Not nach dir. Eile, Immo, denn kurz ist, wie sie sagen, die Frist, welche
ihm noch auf dieser Erde gestattet wird. Trste ihn, wenn du vermagst, und dann
komm noch einmal zu mir, damit ich dich segne und dir fr deine Liebe danke.
Denn, Immo, merke wohl, die Tochter eines entehrten Mannes kann nicht ferner
dein Geselle sein. Suche dir die Braut unter den geschmckten Frauen, welche mit
der Knigin eingezogen sind und sich gleich dir des Sieges freuen; ich aber und
mein Geschlecht schwinden dahin wie die flammenden Huser und die Weiber und
Kinder, die ich mit der Peitsche hinaustreiben sah.
    Immo rief unwillig: Ich hrte immer, die durch ein Band gebunden sind,
sollen auch Leid und Liebe miteinander teilen, solange sie leben. Meinst du,
Hildegard, da ich dich losbinde von deiner Pflicht gegen mich? Mein bist du,
aus der brennenden Stadt habe ich dich getragen, und was sie auch ber dich
ersinnen, solange ich atme, darfst du dich niemandem geloben als mir, nicht der
Knigin und nicht den Heiligen. Zur Stelle suche ich deinen Vater auf, ob ich
ihm ntzen kann. Er hob ihr gesenktes Antlitz mit der Hand zu sich herauf und
sah ihr in die Augen. Lange dachte er an die heie Liebe, mit der sie ihn bei
diesem Scheiden ansah. Morgen bei guter Zeit bringe ich Botschaft, rief er
noch an der Tr.
    Am Fu der Turmtreppe sprach der Wrter zu Immo: Ihr werdet den Grafen in
unehrlicher Gesellschaft finden, wenn Euch beliebt, jetzt hineinzugehen. Einer
seiner Fechter ist bei ihm, er hat ihn gefordert, ich rate, da Ihr harret, bis
der ruchlose Mann gewichen ist.
    ffne doch, versetzte Immo, er hat mich dringend begehrt.
    Als Immo mit dem Schlieer eintrat, sah er den Grafen auf einer Holzbank
sitzen, und vor ihm stand Sladenkop, der Fechter, ein unfrmlicher Gesell mit
Armen und Beinen, die aussahen, als ob sie von einem riesigen Tiere genommen
wren, mit kleinen scharfen Eberaugen, kurzer Stirn und borstigem Haar. Die
Miene des Mannes war verlegen und sein Gesicht gertet. Immo wandte den Blick
mit mehr Teilnahme auf den Grafen. Denn sehr bekmmert erschien dieser, die
Augen lagen tief und fuhren ngstlich umher, er war hagerer geworden, und sein
Kopf stand nicht mehr so trotzig zwischen den Schultern wie sonst, sondern hing
ein wenig nach vorwrts. Immo grte und winkte dem Schlieer abzutreten,
welcher mit einem argwhnischen Blick auf den Fechter sagte: Ich harre drauen
an der Tr, wenn Ihr mich ruft.
    Ich freue mich, Immo, antwortete der Graf dem Grue, da du nicht
verschmhst, mich aufzusuchen, obwohl ich im Unglck bin. Immer hat dein
Geschlecht mir edle Art gezeigt, und gute Freunde sind wir von neulich, wo du in
meiner Halle saest und wo du in meinem Lager den Wrzwein trankest. Jetzt
verlt mich alles, sogar dieser Kter, er wies auf den Fechter. Betrachte
seine Arme, so habe ich ihn gefttert, und mir hat er sein Leben gelobt, jetzt
aber strubt er sich, mir im Kampfe einen Vorteil zu geben.
    Verhten die Heiligen, da Euch jemals das Los zuteil werde, diesem da im
Kampfe gegenberzustehen.
    Emsig flehe ich zu den Heiligen, da sie es verhten mgen; aber es
scheint, da sie Lust haben, es zu gestatten. Denn wisse, Immo, der Knig hat
bles gegen mich im Sinn, und weil wir am Idisbach in der bereilung dem
Erfurter Kaufmann seine Ballen genommen und den Mann dabei beschdigt haben, so
will der Knig mir die Ehre nehmen, ich soll als gerichteter Ruber um mein
Leben kmpfen, und weil ich Fechter gehalten habe, so fordert er in seinem Zorn,
da Ich vor dem Ringe seiner Edlen gegen meinen eigenen Fechter streiten soll.
Immo trat erschrocken zurck. Der Gefangene erkannte die Teilnahme und fuhr
vertraulicher fort: Aus deinem Auge sehe ich, Immo, da ich dir alles sagen
darf; merke wohl, dieser Undankbare, der meinen Silberring am Arm trgt und der
mir gelobt hat, um Geld und Nahrung in jedem Kampfe sein Leben fr mich zu
wagen, er will sich jetzt von mir nicht treffen lassen.
    Wie kann ich eine Abrede mit Euch machen, Herr, da Ihr kein Fechter seid
und des Handwerks nicht kundig, fiel gekrnkt der Fechter ein. Wret Ihr einer
von meinen Genossen, so wollte ich einen Arm oder ein Bein wohl daran wagen. Ihr
aber wrdet mir, wenn ich Euch einen Vorteil gbe, das Eisen in die Glieder
treiben, da ich des Aufstehens fr immer verge.
    Du bist ein Narr, das zu frchten. Ich war in meiner Jugend ein
Schwerttnzer und treffe, wohin ich will, wenn mein Gegner Bescheidenheit
erweist. So nimm doch die besten Gedanken in deinem dicken Kopf zusammen. Wenn
ich dich wirklich ein wenig zu sehr trfe, durch die Hand eines Edlen zu fallen,
wre fr dich das ehrenvollste Ende, das du finden knntest.
    Der Mann stand mit zusammengezogenen Augenbrauen und berlegte. Ja, Herr,
sagte er zgernd, Ihr sprecht nicht ohne Grund, auch der Fechter hat seine
Ehre. Und wenn Ihr mich trefft, so soll dies mein Trost sein, und es wird
Nachruhm gewhren bei allem fahrenden Volk. Doch wenn Ihr mich nicht trefft,
sondern ich Euch, dann wre der Ruhm noch grer.
    Du aber hast dich mir gelobt, wie kannst du mich treffen, du Schuft? rief
der Graf zornig.
    Der Fechter sah finster vor sich nieder. Ich wei, was Ihr meint, begann
er endlich, und ich merke, da ich in der Klemme bin wie ein Marder. Sie sollen
nicht sagen, da ich gegen meinen Herrn unehrlich gehandelt habe. Solange ich
Euren Ring trage, seid Ihr sicher vor meinem Eisen; feilen sie mir den Ring ab,
so fechte ich als des Knigs Kmpe, und dann, meine ich, darf ich Euch treffen.
    Weiche hinaus, du Elender, rief der Graf zornig, mich reut's, da ich so
manches Kalb und Rind in deinen Magen gestopft habe, und mich reut's, da ich in
meiner Not bei einem Ehrlosen Hilfe suche.
    Der Fechter sah verlegen und unschlssig auf den Zornigen, dann wandte er
sich trotzig zum Abgang. Als sich hinter ihm die Tr geschlossen hatte, sa der
Graf eine Zeitlang schweigend auf der Bank, und Immo sah, da ihm groe
Schweitropfen von der Stirne rannen. Endlich begann er mit gebeugter Haltung:
Wundere dich nicht, Immo, da ich gerade dich bitten lie. Du kennst den Brauch
in heiligen Dingen, du bist selbst ein halber Geistlicher, obgleich du das
Schwert fhrst, und vor allem bist du jung, erst aus Wigberts Zucht gekommen, du
kannst noch nicht sehr viel Bses getan haben, und die Heiligen werden dir eher
etwas zugute halten als einem anderen. Darum mchte ich dir Vertrauen schenken
in der Sache, die mir zumeist am Herzen liegt. Willst du mir geloben, eine Bitte
zu erfllen, so tue es.
    Da Immo erwartete, da der Graf an seine Tochter denken wrde, so war er
gern bereit und sprach, an sein Schwert fassend: Ich will, wenn ich es ohne
Schaden fr meine Seele tun kann.
    Es ist ein frommes Werk, versetzte der Gefangene traurig. Wisse, Immo,
da es schwer ist, auf Erden ohne Snde zu leben. So habe auch ich, wie ich
frchte, zuweilen etwas getan, was mich den Heiligen verleiden kann, ich sorge,
da es ihr Zorn ist, der mich in diese Gefahr gebracht hat, und da sie mich gar
nicht gutwillig hren werden, wenn ich sie hier aus diesem Loche um meine
Rettung anflehe. Denn in meinem Jammer bekenne ich, wenig habe ich ihrer im
Glck geachtet. Dem Gebet der Mnche mich zu bergeben, kann gar nichts frommen,
denn auch diese sind mir zum Teil verfeindet, und sie beten nur eifrig, wenn sie
Hufen und reiche Gaben erhalten. Meines Gutes aber wird, wie ich frchte, der
Knig mich entledigen. Darum ist mir eingefallen, was mich wohl retten knnte.
Ich habe meine Snden aufschreiben lassen; nicht gerade alle, denn mit den
kleinen will ich den groen Frsten des Himmels nicht lstig werden, aber die
schwersten. Drei Tage und drei Nchte habe ich zwischen diesen Steinen darber
nachgedacht, sie zu finden und zu bereuen. Dem Beichtiger der Gefangenen - er
ist ein ausgelaufener Mnch und ein guter alter Mann - habe ich sie hergesagt,
und er hat sie auf mein Drngen niedergeschrieben und versiegelt. Er holte ein
zusammengelegtes Pergament unter seinem Sitze hervor, wies es dem erstaunten
Immo und sprach feierlich: Hierin sind meine Snden, nmlich die groben. Mir
kann Rettung bringen, wenn du sie zu den wunderttigen Reliquien groer Heiligen
trgst und sie in ihrem Schrein oder doch darunter birgst, damit die Heiligen
selbst mein Bekenntnis empfangen und, wenn sie es lesen, sich meiner erbarmen.
    Immo trat erschrocken zurck und sah scheu auf das zusammengelegte
Pergament. Wie darf ich mich unterfangen, dies Blatt den Heiligen zu bergeben,
da ich kein Priester bin? versetzte er. Und wie kann ich einen
Reliquienschrein erreichen, da ich selbst kein solches Heiligtum besitze?
    Schaffe das Blatt an einen Ort, wo groe Heilige hausen, raunte der Graf
ngstlich.
    Ich selbst bin aus dem Kloster in Unfrieden geschieden, antwortete Immo,
und wei nicht, ob mir die Mnche dort gestatten werden, dem Altar des heiligen
Wigbert oder gar den hohen Aposteln zu nahen.
    Auch erwarte ich wenig Gutes von diesen Heiligen, versetzte der Graf
zerknirscht, denn ich leugne nicht, alte Hndel habe ich mit ihnen, und sie
mchten mir das gedenken. Auch in Fulda, frchte ich, hat man schon manches von
mir vor den Altren geraunt. Wandle leise zu einem hohen Heiligtum, wo man mich
weniger kennt. Einen Reliquienschrein wei ich, den besten von allen, und er
hob seinen Mund zu Immos Ohr und flsterte: das ist der Himmelsschatz unseres
Herrn, des Knigs. Er ist hier zur Stelle, und schnelle Frbitte tut mir not,
sonst kann sie mir fr dieses Leben nichts mehr helfen.
    Wie vermag ich zu dem Heiligtum des Knigs zu dringen? rief Immo.
    Ich wei, da du zu den Auserlesenen gehrst, welche die Wache in seiner
Behausung haben, da mag dir wohl mglich werden, da du das Pergament ungesehen
unter die Decke schiebst. Vielleicht gelingt dir auch, den Geschorenen des
Knigs, der ber dem Schrein wacht, durch Flehen und Gabe zu gewinnen. Versprich
ihm Groes; denn wisse, einen Goldschatz, der nicht klein ist, bewahre ich unter
einem Baume verborgen; wird der Priester zu der Guttat geneigt, so will ich den
Schatz daran wenden und ihm die Stelle offenbaren.
    Um die Heiligtmer des Knigs sorgt jetzt der fromme Abt Godohard,
versetzte Immo kummervoll, der Goldschatz wird ihn nicht locken, den hohen
Himmelsfrsten, die fr den Knig bitten, in deiner Sache so zudringlich zu
nahen.
    Ich finde dich kalt, Immo, wo es gilt, einen alten Genossen deines Vaters
aus der Angst zu retten, klagte der Graf und griff sich nach der feuchten
Stirn. Besseres hatte ich von dir gehofft und anderes hatte ich auch mit dir im
Sinne. Denn als ich dich neben Hildegard, meinem Kinde, sitzen sah, wie du als
Geselle ihr zutrankest, da fiel mir einiges ein, was ich mit deinem Vater
beredet hatte, als ihr beide noch klein waret, und ich dachte, was nicht
geworden ist, vielleicht kann es doch noch werden, wenn die Heiligen es fgen
und auch dein Wille dahin geht. Jetzt freilich bin ich arg verstrickt, du aber
bist im Glcke. Dennoch erinnerte ich mich an die Augen, die du damals machtest,
als ich dich in meinen Saal laden lie. Aber ich sehe, der Menschen Sinn ist
vernderlich, zumal wenn sie jung sind. Er setzte sich seitwrts auf die Bank
und faltete die Hnde, aber er sah von der Seite scharf nach dem offenen Antlitz
des Jnglings, in welchem der innere Kampf sichtbar war.
    Wild strmte es durch Immos Seele, Hoffnung, die Geliebte durch den Vater zu
erwerben, und wieder Mibehagen darber, da der Vater sie ihm fr eine
heimliche Tat verkaufen wollte. Er stand in innerem Ringen, und dabei fiel ihm
die Lehre ein, welche ihm der alte Bertram fr sein Leben mitgegeben hatte, da
er dem Gelbnis eines Mannes, der in Todesnot sei, niemals trauen solle. Wegen
deiner Tochter fordere ich keinen Eid von dir, und du gedenke mich nicht durch
ihren Namen zu beschwren, da ich dir helfe. Denn deine Not will ich nicht
mibrauchen zu einem Gelbnis.
    Du denkst edel, Immo, rhmte der Graf, sei auch barmherzig.
    Gib mir das Pergament, rief Immo entschlossen, ich will tun, was ich
kann, wenn auch nicht gerade so, wie du meinst, doch nach meinen Krften; obwohl
ich zage, da mir die hohen Gewalten deshalb zrnen werden. Vermag ich nichts,
so lege ich deine Snden wieder auf deine Seele, wie ich sie empfing.
    Ganz hochsinnig finde ich dich, Immo, und ich vertraue deinem Mut und
deiner Klugheit, rief der erfreute Graf. Er legte das Pergament in die Hand des
anderen und hielt sich mit beiden Hnden an seinem Arme fest. Immo schob das
Pergament vorsichtig in die Tasche seines Gewandes und wandte sich zum Abgange.
Ich frchte, das Blatt verbrennt mir den Rock, sagte er unruhig, lebe wohl,
soweit du es hier vermagst. Ich kehre wieder, sobald ich die Tat versucht habe.
Den wortreichen Dank des Grafen unterbrach das Klirren des Schlosses.
    Als der Knig am Abend nach dem Mahle in seine Herberge kam und durch den
Haufen der Edlen und Geistlichen schritt, welche ihn erwarteten, um Segen fr
seine Nachtruhe zu erflehen oder ihm aufzuwarten, da sah er huldvoll, wie seine
Gewohnheit war, nach allen Seiten umher, grte und nickte. Die neu Angekommenen
aber, wenn sie Edle waren oder Geistliche, fate er bei der Hand und kte sie.
Als der Knig Immo erblickte, der sich in die vorderste Reihe gestellt hatte und
ihn bei dem Grue flehend ansah, da merkte er wohl, da dieser Huld begehre,
winkte ihm gtig zu und sprach:
    Als ein stolzer Held hast du dich heut getummelt, edler Immo, hell klangen
deine Speere an den Schilden. Und weil er gern daran dachte, da Immo ein
Gelehrter war, fgte er, um ihn vor den anderen noch mehr zu ehren, einen
lateinischen Vers hinzu: Stolz schwingt der Held Ascanius die Waffen im
Kampffeld. Und nachdem er, wie dem Knige geziemt, jedem seinen Anteil an Ehren
gegeben hatte, trat er in sein Schlafgemach. Als er sich dort ermdet
niedersetzte, begann der Kmmerer zu ihm: Der Thring Immo fleht um die Gunst,
deiner Hoheit etwas zu sagen.
    Hat er es so eilig, Lohn zu fordern fr seinen Sprung von der Mauer, ich
habe ihm ja soeben vor allen Leuten wohlgetan.
    Er sagte, antwortete der Kmmerer sich entschuldigend, da er dem Knig
etwas Geheimes vertrauen msse.
    Die Geheimnisse des Jnglings httest auch du empfangen knnen.
    Das meinte ich auch, versetzte der Kmmerer, er aber flehte. Gefllt's
dem Knig, so sende ich ihn fort, den er harrt vor der Tr.
    So fhre ihn herein, befahl der Knig und sttzte mde das Haupt in die
Hand.
    Immo trat ein, kniete nieder und zog das Pergament des Grafen aus seinem
Gewande.
    Was bringst du mir so spt, Immo, fragte der Knig und sah kalt auf den
Knienden.
    Die Snden des Grafen Gerhard, antwortete Immo und legte das Pergament zu
den Fen des Knigs.
    Verhten die Heiligen, da ich so unselige Gabe annehme, versetzte der
Knig, mit dem Fu das Pergament wegstoend, Unheil bedeutet solche Spende,
sprich, was soll der Brief?
    Die Beichte ist es des Grafen, sagte Immo feierlich, indem er das Kreuz
schlug. Der Knig folgte schnell seinem Beispiel. Der Graf zweifelt in seiner
Not, durch die Mnche bei den Himmlischen Gnade zu finden, zumal er ihnen nichts
mehr zu spenden hat, denn sein Gut und Geld liegen in des Knigs Hand. Da lie
er in der Herzensangst durch einen armen Priester seine Snden niederschreiben
und forderte von mir, da ich sie heimlich zu den Heiligtmern meines Herrn und
Knigs trge, damit die gewaltigen Nothelfer sich seiner erbarmten.
    Und da hast du ihm den Sndenbrief nicht zur Stelle vor die Fe geworfen,
Verwegener?
    Zrne, mein Knig, nicht, wenn ich gefehlt habe, mich erbarmte seine Angst.
Wohl wei ich, da es ein Unrecht wre, zu dem heiligen Geheimnis meines Knigs
zu schleichen und den Brief des armen Snders dort zu verstecken, wie er
begehrte. Dennoch wagte ich nicht, seiner Seligkeit hinderlich zu sein, und ich
meine als redlicher Mann und nicht als Hehler zu handeln, wenn ich von der Gnade
des Knigs erbitte, da mein Herr der Seele des hilflosen Mannes beistehe und
seinem Priester gestatte, das Pergament zum Heiligtum des Knigs zu tragen.
    Und was hat dir der Graf versprochen, damit du diese freche Bitte wagst,
fragte der Knig hart, denn meine Edlen pflegen nichts fr nichts zu tun.
    Man hat mich gelehrt, von einem Manne in der Todesnot nicht Gabe und nicht
Versprechen anzunehmen, antwortete Immo.
    Der dich so seltene Vorsicht gelehrt hat, htte dich auch lehren sollen,
gegenber deinem Knige die Scham zu bewahren. Wie mgen die hohen Gewaltigen
des Himmels, deren Gnade ich selbst froh bin, wenn sie sich zu meinem Heiligtum
herniederneigen und mich schtzend umschweben, wie mgen diese zugleich die
Beschtzer meiner Feinde werden? Und wie kannst du das wollen, wenn du kein
Verrter bist?
    Ich vernahm die hohe Lehre, versetzte Immo kniend, da der Himmelsherr
gern Erbarmen mit dem Snder hat, und wenn der Knig, der des Herrn Schwert auf
Erden hlt, hier den Schuldigen richten mu, so mag ihn doch in seinem Amte
trsten, da die Bitte seiner Heiligen den armen Snder aus den Krallen des
blen Teufels errettet.
    Mir aber liegt gar nichts daran, rief der Knig ungndig, den untreuen
Mann dereinst an der Himmelsbank wiederzufinden, wenn die Himmlischen mir dort
den Herdsitz bereiten wollen. Das mutest du wissen, du Tor, bevor du seine
Snden mir auf die Seele legtest. Denn wenn ich nach seinem unverschmten
Verlangen tue, so schaffe ich einem, der mein Feind war, Hilfe in jenem Leben
und vielleicht auch noch in diesem. Und wenn ich ihm dagegen seinen Willen nicht
tue, so mgen die Heiligen mir zrnen, weil es mir an Erbarmen fehlt. In solche
Gefahr setzt mich dein dreistes Verlangen. Entweiche mit dem Briefe und trage
ihn zu einem anderen Heiligtum, zu welchem du willst, wenn dir an der Gunst des
Grafen mehr gelegen ist als an dem Vorteil deines Knigs. Doch halt, rief der
Knig noch zorniger, wer wei, ob der Bsewicht nicht manches hineingesetzt
hat, was mir selbst zum Schaden gereichen knnte, wenn die Unsichtbaren darauf
hren. Der Knig neigte sich schnell zu Boden, fate den Brief und erbrach das
Siegel. Die Beichte des Grafen Gerhard will ich zuerst vernehmen, ehe sie zu
den Heiligen dringt. Er bekreuzigte sich und setzte sich nahe zu der Kerze.
Schwach war die Kunst des Geschorenen, der diese Krhenfe hingesetzt hat,
murmelte er. Mit seiner letzten Verrterei fngt der Snder an, ich glaube
wohl, da sie ihn am meisten ngstigt. Sie reut ihn, solange er im Turm sitzt. -
Dann kommt der Kaufmann. Der Goldstoff, den er geraubt hat, war fr die Knigin
bestimmt, und er hat ihn noch nicht einmal herausgegeben. Und er las fort mit
gespannter Aufmerksamkeit. Immo merkte, da der Knig seine Gegenwart ganz
vergessen hatte, denn er sprach zuweilen laut von den geheimen Taten.
    Den Grafen Siegfried im Walde berfallen, wobei ihn leider mein Mann Egbert
erschlug. Die Missetat blieb ungerochen, rief der Knig, die Leute sagten
damals, der Gefllte sei von Rubern erschlagen worden. - Hier folgen Snden
gegen die Wigbertleute. Es ist eine ganze Reihe. Schwerlich wrde Abt Bernheri
dafr Absolution erteilen. - Mit Herzog Heinrich, dem Znker - der dreiste
Bsewicht, meinen Vater so zu nennen. - Der Knig sah um sich, und als er Immo
noch auf den Knien fand, sprang er auf und winkte ihm zornig die Entlassung.
Dann ergriff er wieder das Pergament.: Mit Herzog Heinrich verschworen gegen
Kaiser Otto. Der Knig warf das Pergament auf den Tisch und schritt heftig im
Zimmer auf und ab. Das Unrecht meines eigenen Vaters soll ich zum Schrein der
Heiligen tragen, damit die Heiligen es wissen und an mir rchen. Unerhrt ist
die Bosheit. Wieder eilte er zum Tisch. Und hier steht es, meine eigene
Snde, und er las: Mit Herzog Heinrich, der jetzt Knig ist, Verabredung
getroffen gegen seinen Vetter, den jungen Kaiser Otto. Der Knig fate das
Pergament, drckte es mit der Faust zusammen und schleuderte es in den Kamin. Er
ri die Kerze aus dem Leuchter, hielt sie daran, bis das Blatt sich brunte und
knisternd verkohlte, und stie heftig mit dem Fu in die Asche. Dies sei der
Heiligenschrein, zu dem ich deine Snden trage, du Ruchloser. Mich selbst soll
ich verklagen vor meinen Nothelfern um deinetwillen. Lieber lasse ich dich unter
deiner Sndenlast leben wie bisher, als da ich dir den Himmel ffne. Siehe
selbst zu, ob du auf dieser Erde das Erbarmen der Himmlischen gewinnst, ich
weigere dir die Hilfe, die du begehrst. Der Knig stand finster vor dem Kamin.
An mein eigenes Unrecht mahnt er mich, und ich fhle den Schrecken und die
bittere Reue. Fr mich selbst will ich zu den Ewigen flehen wegen alter Snden
und da ich jetzt dem Flehen einer armen Seele nach der Seligkeit meine Hilfe
verweigerte. Und Heinrich eilte zu dem vergoldeten Schrein, um den, wie er
meinte, die hohen Frsten des Christenhimmels unsichtbar walteten, enthllte die
heilbringenden Reliquien und warf sich mit gerungenen Hnden vor ihnen nieder.
    In der Frhe des nchsten Tages begann die Feier der Heerschau. Unter den
Mauern der Festung Babenberg waren auf freiem Felde Schranken errichtet, die
Pfosten mit grnen Zweigen umwunden, die Treppen mit kostbaren Teppichen belegt,
an einer Seite stand auf hohen Stufen der goldene Knigsstuhl. Dort wollte der
Knig die Gaben verteilen und sein siegreiches Heer entlassen. Als die Sonne
aufging, zogen die Scharen von allen Seiten der Ebene zu und lagerten bei ihren
Bannern in weitem Ringe um den eingefriedeten Raum. Eine unzhlige Menge Volkes
drngte an den Schranken, um den Knig und das Festgeprnge zu schauen. Die
Helden des Heeres ritten in ihrem besten Schmuck herzu, stiegen von den Rossen
und sammelten sich in der Umzunung. Als der Knig auf seinem Schlachtrosse
herankam, in Knigstracht, die Krone auf dem Haupt, begleitet von der Knigin
und einem endlosen Gefolge geistlicher und weltlicher Herren, da brauste der
Heilruf durch die Scharen, und auch die Landleute schrien und hoben die Arme,
obgleich viele von ihnen ber das Schicksal ihrer alten Herren bekmmert waren.
Der Knig und die Knigin stiegen die Stufen hinauf und setzten sich wrdig auf
den Knigsstuhl, um sie herum saen auf niedrigen Sthlen die Edelsten des
Reiches. Nachdem der Rufer Stille geboten hatte, erhob sich der Erzbischof von
Mainz, sprach das Gebet, segnete den Tag und verkndete mit mchtiger Stimme,
die weit in das Feld schallte, den Willen des Knigs. Zuerst die Strafen, welche
der knigliche Richter ber die Emprer verhngt hatte. Jeden derselben nannte
er beim Namen, dann seine Missetat und die Strafe, welche nicht sanft war. Nur
den Bruder des Knigs nannte er nicht, um das hohe Geschlecht zu schonen.
    Immo stand in den Schranken nahe den Stufen und lauschte gespannt auf jedes
Wort des Erzbischofs. Als in der unseligen Reihe der Besiegten der Name des
Grafen Gerhard gerufen wurde, hielt er ngstlich den Atem an, denn er wute, da
der Geliebten unsgliches Wehe bereiten wrde, was darauf folgte. Aber ihm scho
vor Freuden das Blut ins Gesicht, und durch die ganze Versammlung ging ein
leises Summen, als der Erzbischof aus dem groen Pergament verkndete, da die
Gnade des Knigs die Missetat des Grafen nicht an seinem Leben und seiner Ehre,
sondern nur an einem Teile seines Gutes rchen wolle, und da dem Treulosen
gestattet werde, seinem Lehnsherrn aufs neue den Treueid zu schwren. Immo
machte eine heftige Bewegung, um aus den Schranken zu eilen, und der alte
Hugbald, welcher als Fhrer der Klostermannen auch die Ehre geno, in den
Schranken zu harren, mute ihn am Arme halten, da er die Feierlichkeit nicht
strte. Sorglos und mit lachendem Munde vernahm er eine lange Reihe von
Belohnungen, welche der Erzbischof verkndete, denn der Knig teilte die groen
Lehen der Babenberger unter seine Edlen. Jeder, der ein Herrenlehn empfing, ritt
mit seinem Gefolge in gestrecktem Lauf dreimal um die Schranken, stieg am
Eingange ab, trat die Stufen hinauf, empfing kniend die Fahne und schwor den Eid
in die Hand des Knigs. Das whrte lange, und die Sonne brannte hei, bevor
alles nach Gebhr vollendet war. Aber die Krieger und das Volk ertrugen gern den
Sonnenbrand, denn was darauf folgte, war der freudigste Teil der Begabung. Der
Kmmerer des Knigs schritt in die Schranken, gefolgt von einer langen Reihe
wohlgekleideter Diener, welche an Stangen groe Truhen trugen, die sie vor den
Stufen des Knigsstuhls nebeneinander niedersetzten. Die Decken wurden
abgehoben, und ein Goldschatz, wie ihn wenige Menschen geschaut hatten, blinkte
in der Sonne. Groe Kannen, Becher und Schalen, Dolche und reichgeschmckte
Helme, Ketten und Armringe lagen kunstvoll geschichtet bereinander. Nach der
Enthllung scholl ein lautes Geschrei und zahllose Heilrufe, die Zuschauer
drngten ganz auer sich an die Schranken, die zahlreichen Trabanten muten
stoen und sich entgegenstemmen, um den Einbruch abzuwehren. Und die Verteilung
der Ehrengeschenke an die Tapferen des Heeres begann. Der Kanzler trat vor und
ffnete eine Pergamentrolle, welche bis an den Boden reichte, laut rief er den
Namen jedes Helden und die Gabe, womit er geehrt wurde. Die rechte Seite
innerhalb der Schranken war durch den Rufer gerumt; wer von dem Kanzler geladen
wurde, trat vor den Stuhl des Knigs, empfing sein Geschenk, huldigte und
schritt vergngt der anderen Seite zu. War er aber aus vornehmem Geschlecht, so
berreichte der Kanzler dem Knig die Spende, und dieser teilte sie selbst dem
Glcklichen zu und sprach, wenn er ihn hoch ehren wollte, einige huldreiche
Worte. Auch das Heer und Volk begleitete mit lautem Zuruf die Gaben, wenn der
Empfnger rhmlich bekannt und im Heere beliebt war. Aus der Nhe Immos wurden
viele Helden gerufen, Hugbald trat vor und empfing seine Kette, nicht lange
darauf hrte Immo den Namen seines Gespielen Brunico, welcher ganz hinten an den
Schranken stand, und als dieser einen schweren Goldring erhielt, sprach der
Knig vom Throne: Den Schmied hast du mir gerettet, trage dafr seine Arbeit.
Aber Immo wurde nicht gerufen. Die Truhen leerten sich, die Unruhe in der
Umgebung des Knigs zeigte an, da der Aufbruch nahe war. Immo stand mit einer
kleinen Zahl anderer unbeachtet an seiner Stelle. Er merkte, da sich
verwunderte Blicke nach ihm richteten, und er begann zornig die Krnkung zu
fhlen. Hatte ihn auch der Knig am letzten Abend ungndig entlassen, er wute
doch, er hatte dem Knig gut gedient und war oft vor anderen ausgezeichnet
worden. Zwar um den Goldschatz hatte er wenig gesorgt, aber auch er hatte
zuweilen daran gedacht, da ein Schmuckstck eine gute Erinnerung sein werde.
Jetzt erkannte er, da der dstere Blick Gundomars von der Hhe auf ihm haftete,
und er fhlte, rgerlich ber sich selbst, da er errtete und den Leuten ein
gleichgltiges Gesicht zu zeigen nicht vermochte. Er merkte auch, da Herzog
Bernhard, dem seine Wrde erlaubte, in der Nhe des Knigs sich freier zu
rhren, hinter den Stuhl des Knigs trat, und da der Knig sich einen
Augenblick nach rckwrts wandte. Er verstand die Worte des Knigs nicht, und
sie htten ihn auch nicht erfreut, denn Heinrich antwortete der gutherzigen
Frage des Herzogs nach Immo: Er hatte bereits weit mehr erhalten, als er
verdient. Da stieg der Herzog die Stufen herab und schritt ber den Platz
dahin, wo Immo allein stand, stellte sich behaglich neben ihn hin und sagte
lchelnd: Fr uns beide, fr dich, Held Immo, und fr mich, klingt heute das
Goldblech nicht.
    Euch, erlauchter Herr, versetzte Immo mit einem dankbaren Blick, aber mit
zuckenden Lippen, vermag keine Knigsgabe an Ehren etwas zuzusetzen, mir aber,
hoffe ich, soll die Verweigerung der Gabe die Ehre nicht mindern.
    So ist es recht, Held, mahnte der Herzog, sieh trotzig geradeaus. Vernimm
ein Gesuch, das ich dir zur Stelle ausspreche, weil ich erkenne, da du
schwerlich im Dienst des Knigs beharren wirst. Komm als mein Gast mit mir in
mein Sachsenland, wir jagen miteinander die wilden Ochsen in der Heide. Du
sollst das Weidwerk bei uns nicht schlechter finden als in deinen Bergen. Und
noch anderes begehre ich von dir. Die Burgen, welche fremde Seeruber an der
Kste im Wasser geschanzt haben, will ich brechen, sobald der Eisfrost eine
harte Bahn zu ihren Holzringen bereitet, dabei sollst du mir helfen. Ist dir's
recht, so schlage ein. Er hielt ihm die Hand hin, welche Immo freudig ergriff.
Und der Herzog fuhr fort: Der Knig erhebt sich, das Heer zu entlassen. Unsere
Krieger sind ungeduldig, die Herden der Beutetiere und der gefangenen Bhmen zu
teilen.
    Der Knig und seine Edlen bestiegen die Rosse; die Helden sprengten
auseinander zu ihren Haufen. Vor jeder Schar hielt der Knig an, zollte seinen
Dank und sprach die Worte der Entlassung. Auch als er zu dem kleinen Haufen der
Bogenschtzen kam, welke Immo fhrte, neigte er das Haupt und rief: Treu
erfllt habt ihr den Eid, den ihr freiwillig gelobtet, ich lse euch von der
Pflicht, zieht in Frieden heim zu euren Bergen. Aber dabei ruhte sein Blick
kalt und feindselig auf ihrem Fhrer, und dieser erkannte, da der Knig ihn
ungndig von sich entfernte, und da sein Schicksal ihn anders, als er selbst
gedacht hatte, aus dem Knigsdienst lste. Er grte zum letztenmal mit seiner
Waffe den Kriegsherrn und fhrte seine Knaben nach der Stadt zurck.
    Aus der Herberge eilte er zum Grafen Gerhard, bayrische Knigsmannen hielten
die Wache und weigerten ihm den Zutritt; er strmte zu dem Hofe der Nonnen, die
frommen Mtter waren mit Hildegard durch Reisige aus der Stadt geleitet, niemand
wute zu sagen, wohin. Da suchte er den Kanzler auf, dieser empfing ihn kalt.
Soll ich dir Gutes raten, so entziehe dich dem Auge des Knigs, denn ich
frchte, er sinnt dir nichts Gnstiges. Fr die Jungfrau wird der Knig selbst
sorgen; wie ich vernehme, will mein Herr, da sie geschleiert werde, damit sie
fr die Missetaten des Vaters von der Heiligen Verzeihung erwerbe.
    Mit Mhe bewahrte Immo die Kraft, den Segen des Kanzlers zu erbitten, den
dieser mit einer nachlssigen Handbewegung erteilte. Er kam verstrt in seine
Herberge und trat in die Kammer, in welcher Heriman, der Goldschmied lag, der
von seiner schweren Wunde langsam genas. Oft hatte Immo whrend der Belagerung
in der Htte des Kranken gesessen und dem klugen Landsmann vertraut, was ihm auf
der Seele lag, jetzt setzte er sich bleich und erschpft neben ihn. An einem
Tage habe ich alles verloren, worauf ich hoffte, und wenn ich von hier weiche,
wie ich soll, so nehme ich ein Herz voll Angst und Sorge mit mir. Dennoch vermag
ich das Land nicht zu rumen, bevor ich die Jungfrau wiedergesehen habe.
    Ich bleibe zurck, versetzte Heriman trstend, dir danke ich, Immo, da
ich lebe und meine Glieder wieder zu regen beginne. Diese Schuld danke ich dir
jetzt oder wann du verlangst. Besser vielleicht als du selbst vermag ich dir zu
ntzen. Denn Kundschaft habe ich beim Knige und vielen Groen, und mancher
Stolze beachtet in der Stille meine Worte. Ziehe mit dem Herzog, denn weilst du
hier, so wird es dein Verderben. Du lt einen zurck, der ein wenig die Weise
kennt, wie man die Geheimnisse der Mchtigen erkundet. Noch ist die Jungfrau
nicht geschleiert. Und was ich erfahre, Gnstiges oder Ungnstiges, das sollst
du wissen.
    Whrend der Burgmann dem jungen Helden Trost einsprach und dieser gern
seinen Worten lauschte, scholl in der Haustr und auf der Strae ein wirres
Getn von Pfeifen, Fiedeln und Menschenstimmen, ein wilder mitnender Lrm von
allerlei Weisen, welche durcheinanderklangen, von Gelchter und trunkenem
Geschrei Immo eilte die Treppe hinab. Im Hausflur sa Brunico an der
weitgeffneten Tr, eine Trinkkanne in der Hand, umgeben von seinen
Bogenschtzen, vor ihm auf der Schwelle und auf der Strae stand ein groer
Haufe fahrender Spielleute, von denen jeder unbekmmert um die anderen in seiner
Kunst das Beste tat, so da ein unordentliches und greuliches Getse durch das
Haus und ber die Strae schallte. Schneller, trieb Brunico, ihr zirpt wie
die Mdchen, die zum erstenmal im Reigen springen. Wer um die Wette luft, darf
seinen Atem nicht sparen. Von neuem begann das tolle Gefiedel und Geschrei.
Jetzt merkt auf, mahnte Brunico lachend, der schnellste fngt den Preis. Er
zog den goldenen Ring vom Armgelenk und hielt ihn in die Hhe, schleuderte ihn
ber die Kpfe der Spielleute in den Staub der Strae und rief: So wirft der
Bauer von Friemar den Armring des Knigs. Gleich Hunden sprangen die Fahrenden
nach dem Ringe, sie fielen und berschlugen sich in wirrem Knuel, das Volk
schrie, jauchzte und balgte sich mit den Unehrlichen, bis endlich einer der
Spielleute den Goldschmuck fate, emporhielt und schnellfig mit dem Preise
entrann. Und als Immo den Gespielen schalt: Wie magst du eine wertvolle Gabe
vergeuden, die dein Geschlecht und dein Mdchen lange erfreut htte? da
antwortete Brunico: Ich warf sie fort, damit sie mir nicht die Augen blenden
sollte. Denn bel stnde mir an, das Ehrengeschenk eines Knigs zu tragen, der
dich gekrnkt hat, whrend er mir spendete.

                         Unter dem Rlein der Horsila


Die Felder in Thringen waren geleert, die Viehherden weideten auf den Stoppeln,
und die Jger zogen mit ihren Hunden in den Bergwald. Auch die Brder Immos
hatten durch einige Wochen den Heerschild getragen, sie waren gegen die Elbe
gezogen, um einen Einbruch der Bhmen zu rchen, aber der Feind war ihnen eilig
hinter seine Berge ausgewichen, und sie fanden nur die verkohlten Trmmer der
niedergebrannten Hfe. Da waren sie unzufrieden heimgekehrt und sannen mit ihren
Landsleuten auf einen vergeltenden Zug fr das nchste Frhjahr.
    Als sie an einem hellen Herbstabend von der Jagd zurckkamen und gerade ber
die Brcke eines Nachbardorfes ritten, fanden sie den Weg durch Gedrnge der
Einwohner gesperrt, und noch immer liefen die Leute aus den Hfen, einander
zurufend und heranwinkend. In der Mitte hielten Reiter, und um diese schlo sich
der Ring. Die Jagdhunde der Brder fuhren mit wtendem Gebell gegen den Haufen,
und Erwin hatte Mhe, die Zerrenden an ihren Riemen zurckzuhalten.
    Es sind Fremde, welche ausgefragt werden, rief Ortwin, und schneller
trabten die Rosse. Die Dorfleute machten den Jnglingen grend Platz, und diese
fanden in der Mitte den Spielmann Wizzelin, der wie ein Herr gekleidet und von
einem dienenden Genossen begleitet war, welcher das Saitenspiel bewahrte. Zwei
Landleute hielten das Ro des Spielmannes am Zgel, vor ihm standen die ltesten
des Dorfes und in groem Kreise alt und jung mit aufgerissenen Augen,
Verwunderung und helle Neugierde in den Gesichtern. Sei gegrt, Spielmann,
rief Odo lchelnd, wer die Pferde betrachtet, mu rhmen, da du Glck im
Kriege gehabt hast. Wizzelin neigte sich artig und trieb sein Pferd, damit es
die wohlgeformten Glieder rege. In dem siegreichen Heere findet auch ein armer
Spielmann etwas Gutes, versetzte er stolz.
    Wunderbares erzhlt er von dem Glck des Knigs und wie die Burgen des
Markgrafen brannten, berichtete ein alter Bauer.
    Tag und Nacht knnte ich euch erzhlen, niemand vermchte in einem
Niedersetzen alle Heldentaten herzusagen, fuhr Wizzelin fort. Auch bei euch
raste ich wohl einmal und singe unter der Linde; jetzt aber ffnet den Weg, denn
ich begehre dringend weiterzuziehen.
    Ich hoffe, du herbergst heut bei uns im Hofe, mahnte Odo. Doch unter den
Dorfleuten erhob sich Gemurr. Er hat noch wenig gesagt, riefen mehrere
Stimmen. Wir verlangen von den Nachbarn zu hren, welche freiwillig zu Knig
Heinrich gezogen sind, schrien andere.
    Als Helden kehren sie zurck, ihre Wagen sind schwer mit dem Kampfgewinn
beladen, und Beuterosse fhren sie in langer Reihe, auch bhmische Knechte,
welche ihnen der Knig zugeteilt hat, wenn sie dieselben nicht bereits an die
Hndler verkauft haben; denn ihnen wird mhsam sein, die Menge der Sklaven auf
der Reise zu ernhren.
    Ein lauter Schrei der Verwunderung antwortete, und die Knaben schlugen in
ihrer Aufregung Purzelbume im Staube.
    Sahst du den Dindo, den Sohn meiner Schwester Wendilgard? fragte eine
stattliche Buerin.
    Dindo? versetzte Wizzelin, der Held mit den runden Backen, sicher kenne
ich ihn. Er kehrt ganz heil zurck, und ich meine, in seinem Reisegepck liegt
auch eine Spange, welche das stolze Herz seiner Base erfreuen wird.
    Was weit du von Engilbrecht, klang es aus dem Haufen, und vom Vortnzer
Richilo?
    Engilbrecht kommt ohne Wandel, so wie er gegangen ist, und der schnelle
Richilo hat neue Reigen getanzt von der Mauer in eine brennende Stadt, beide
schreiten mit gebauschten Taschen einher und bringen fr manche, die ihnen lieb
sind, Gutes in ihren Scken; geduldet euch jetzt, und ihr alle werdet
erstaunen.
    Wieder ging das frohe Schwirren durch die Versammlung, und aller Blicke
richteten sich nach den Brdern. Niemand wollte die Frage tun, die zuerst ihnen
gebhrte. Da sie aber schwiegen, rief Sigilind, ein mutiges Weib: Weit du
etwas von Brunico, dem Sohn des alten Baldhard?
    Ha, rief Wizzelin, du nennst einen von den groen Helden des Knigs
Heinrich; laut hrte ich seinen Goldschatz rhmen, denn Armringe aus Knigsgold,
die wohl ein halbes Pfund schwer waren, hat er meinen Genossen auf die Strae
hingeworfen als Lohn fr ihre Lieder.
    Da scholl wieder ein lauter Schrei des Erstaunens, und Sigilind, Gisa,
Engiltrud und die anderen Weiber hoben die Hnde zum Himmel und rannten von
dannen, um den Hfen die unglaubliche Kunde zuzutragen.
    Schnatternd wie Gnse fahren sie mit gereckten Hlsen auseinander,
spottete Wizzelin leise zu Odo, die Bahn ist gefegt, gefllt's euch, so dringen
wir durch. Und nach allen Seiten grend und Rckkehr verheiend, trabte er mit
den Brdern von dannen.
    Kaum war der Spielmann in das Tor des Herrenhofes geritten, da flog die
Kunde von seiner Ankunft durch jeden Stall und jede Kammer; auch hier drngten
die Leute heraus, die Knechte waren beflissen, ihm und seinem Gefhrten die
Pferde anzubinden, und die Mgde steckten die Kpfe zusammen und bewunderten
sein schnes Gewand und die klirrende Kette. Nur Murhard, der Hofhund, und sein
Geschlecht waren nicht willig, zu wedeln, sie bellten wtend und unablssig und
sprangen feindselig an den Spielleuten herauf, und Wizzelin klagte gegen Odo,
welcher die Hunde scheuchte, mit finsterem Lcheln: Der Fahrende vermag die
Gunst der Mnner und Frauen zu gewinnen, die Kter aber bleiben seine Feinde,
sie erkennen ihn in jedem Gewande. Er ordnete Haar und Rock und zog sein
Gesicht in ehrbare Falten, als er in den Saal vor die Augen der Herrin Edith
trat. Hinter ihm sammelten sich die Dienstleute, alle in froher Erwartung der
Kunst, die er nach dem Mahle spenden wrde. Den Spielleuten wurde ein besonderer
Tisch gestellt, aber Edith winkte, da ihnen gute Kost geboten wurde und der
beste Met des Hauses. Und Wizzelin erhielt den Met in einem Silberbecher,
welcher ihm der Ehre wegen noch lieber war als der Trank.
    Nach dem Mahle begann Edith: Da du beim Heere des Knigs weiltest, so gib
uns Kunde, soweit du vermagst. Denn nur Undeutliches hrten wir von seinem Siege
und dem Unglck der Feinde.
    Der Spielmann erhob sich und begann seine Sage vom Raub des Schatzes, von
Belagerung der Feste und von den Kmpfen gegen Hezilo. Er sprach langsam und
feierlich, und seine Rede tnte zuweilen wie Gesang; vieles berichtete er getreu
nach der Wahrheit, anderes, wie es ihm in den Sinn kam. Den Namen des Mannes
aber, an den jeder in der Halle dachte, nannte er nicht. Regungslos, mit
verhaltenem Atem lauschten die Zuhrer, nur wenn er vom Schlachtgewhl erzhlte,
rhrten sich die Mnner, ihre Augen glnzten, und sie nickten einander zu, und
sooft er den Fall der Helden und den Brand der Burgen beklagte, seufzten die
Frauen. Als er seinen langen Bericht beendet hatte, sprach Edith: Fllt ihm
aufs neue den Becher. Du aber bewahre das Silber mit unserem Dank, denn groe
Dinge hast du uns verkndet, die wir alle im Gedchtnis behalten, solange wir
leben. Da sprang Gottfried auf, berreichte dem Spielmann den Becher und
begann: Weit du etwas von meinem Bruder Immo, so verknde auch das, denn an
ihn dachten wir alle, als wir dich hrten. Bei diesen Worten des Knaben brachen
die Dienstleute in einen Freudenschrei aus, es war ein kurzer Ruf, der schnell
verhallte, aber er kam aus bedrngten Herzen, die von einer Last befreit wurden.
Wizzelin hob den Becher und rief: Heil sei dir, junger Held, da du als der
erste nach ihm fragst im Saale seiner Vter. Er ergriff sein Spiel, fuhr
schnell ber die Saiten und sprach: Dieses Spiel hat oft von seinem Namen
getnt, denn wir Fahrenden singen mehr als ein Lied von ihm auf den Mrkten und
am Herdfeuer. Wollt ihr das eine hren, wie er den Grafen Ernst schlug? Und die
Saiten rhrend, stimmte er die Weise an: Einen Helden wei ich, Immo aus
Thringeland. So lautet das Lied, erklrte er, hre, Geschlecht Irmfrieds!
Und er begann seinen Sang, wie Immo an der Furt des Baches die Helden des
Babenbergers schlug, den Waltram, Hartwin und den jungen Hadamund, und wie er
darauf die Wache am Felsentor hielt, um durch seinen Leib den Knig zu decken.
Dort lief der edle Graf Ernst gegen ihn an, die Speere flogen, die Schilde
krachten, und aus den Schwertern fuhr die feurige Lohe, bis der Babenberger mit
zerschlagenem Helme betubt zurckfuhr. Da warf Wolfere von fern her den Hammer
und traf dem jungen Helden das Haupt, da er blutend zurcksank. Aber den Fall
seines Edlen zu rchen, sprang Knig Heinrich selbst in den Kampf.
    Oft hatte der Spielmann die Herzen der Hrer bewegt, wie er wollte, und er
war gewhnt, da sie durch hellen Ruf und leises Sthnen ihren Anteil kundgaben.
Heute aber freute sich der Schlaue ber das Entzcken, welches er erregte. Die
dienenden Frauen streckten in ihrer Aufregung die Hnde immer wieder dem Himmel
zu, Gertrud schluchzte vor Freude, und die Dienstmannen schnoben heftig mit den
Nasenflgeln und griffen mit den Hnden um sich. Der Knabe Gottfried stand wie
verzckt mit glhenden Wangen und aufgerissenen Augen, seine schlanke Gestalt
schien zu wachsen, und sein goldenes Haar strubte sich um das Haupt. Auch
andere sah der Snger, welche sich gegen die Gewalt seiner Tne wehrten, bis ihr
stolzer Groll dahinschmolz in der heien Freude ber die Ehren eines Haussohns.
Die Mutter barg nach den ersten Tnen ihr Gesicht in der Hand, und als er den
Sturz Immos verkndete, erhob sie sich von ihrem Sitz und trat zurck in das
Dunkel. Die Brder saen im Anfange mit zusammengezogenen Brauen gleich Mnnern,
welche gefat sind, Unwillkommenes zu hren. Doch auch ihr Widerstand wurde
schwach, in ihren Augen leuchtete die Freude, die jngeren sprangen auf und
traten nahe zu dem Snger, nur Odo blieb sitzen, aber um seinen Mund zuckte die
Bewegung. Und als der Snger endete und ein Jubelgeschrei der Dienenden, welches
nicht enden wollte, durch den Saal brauste, da trat Odo zu dem Spielmann, bot
ihm den Becher, aus dem er selbst getrunken hatte, und spach: Nimm noch dies
Silber, das dir die Shne Irmfrieds spenden. Leben wir auch in Zwist mit dem
Bruder, wir freuen uns doch, wenn der Name unseres Geschlechtsgenossen im Lande
gerhmt wird.
    Weit du mehr von ihm? rief Gottfried.
    Der Spielmann rhrte sogleich wieder die Saiten. Ihr mgt whlen unter den
Liedern, die ich von ihm habe. Und er verkndete ihnen nach der Reihe alles,
wie Held Immo unter den Sachsen ritt, wie er den Dienstmann Egbert schlug und
wie er als erster sich mit seinen Genossen in die Festung schwang.
    Der Sang war verklungen, die Hrer saen schweigend, ganz aufgelst von der
starken Bewegung. Da ergriff Wizzelin seine Fiedel und begann mit dem Bogen die
Saiten zu rhren, langsam, in einer rhrenden Weise, aber er sang und sprach
nicht mehr. Auch die Versammelten saen still, und wenn einem das Herz zu weich
wurde, so wischte er verstohlen die Trne ab.
    Das war die erste Kunde von Immo, welche in sein Vaterhaus drang. Nicht
lange darauf kehrten die Bogenschtzen in ihre Drfer zurck mit hochbeladenen
Wagen und manchem schnen Beutestck. Mehr als einer wurde nach dem Hofe geladen
und erzhlte, so gut er vermochte, von sich selbst und von seinem Anfhrer, und
da Immo mit dem Sohne Baldhards am Main von ihnen geschieden war, um zu den
Sachsen an die See zu fahren. Seitdem kam keine Nachricht von dem Helden, auch
die Eltern Brunicos wuten nichts zu erkunden. Die Bltter fielen, und der
Sturmwind tobte um die Mauern der Mhlburg, von welcher der alte Dienstmann
Berthold tglich nach seinem Herrn aussah. Berg und Wald lagen unter weier
Schneedecke. Jeder, der einen warmen Ofensitz erlangen konnte, schlpfte hinein
und lauschte vergngt auf das Brodeln im kupfernen Topfe. Aber der Stuhl, den
Edith tglich dem Herrensohne rckte, blieb leer, und niemand wute zu sagen, ob
er unter dem Dach eines Gastfreundes geborgen sa, oder ob er auf wilder See
umhertrieb in rasendem Sturm und wirbelndem Schnee.
    Die weie Decke, welche den Bergwald verhllte, schwand im Frhlingswind. In
tausend Rinnen rieselte und strmte das Wasser zu Tale, jeder kleine Quell wurde
zum Bach, die Waldbche fluteten wie groe Strme, die Weiher und Seen am Fu
der Berge berschwemmten Ried und Wiesen, und dem Fremden, welcher von einer
Hhe auf die thringische Ebene herabsah, glitzerte berall zwischen Wald und
Ackerbeeten eine gewundene Wasserflche entgegen, aus welcher die Dorfzune
hervorragten, und er konnte zweifeln, ob er einen ungeheuren See vor sich sah
mit zahllosen Inseln oder einen breiten vielarmigen Strom. Dann lagerten am
Morgen und Abend dichter Nebel auf der Flut, und bei Tage flatterten ungeheure
Schwrme von Wasservgeln darber hin. Aber nach wenigen Wochen war der Schwall
vermindert, Sonne und Wind verscheuchten den Wasserdunst, die Erde sog begierig
das befruchtende Na, und whrend die Knospen der Bume schwollen, hob sich der
Wiesengrund wieder aus der Flut, und die Waldbche zogen, gebndigt durch ihre
Ufer, den Flssen zu und strudelten, wo ein Baumstamm oder eine Erdscholle in
ihrem Bett haftete. Dies war die Zeit im Jahre, wo die Mnner aus den Waldlauben
sich ihrer Schiffahrt freuten. Denn auch ihnen war ein Flu zuteil geworden, nur
klein, aber ehrwrdig dem ganzen Lande, welcher aus den Waldbchen zusammenrann
und zwischen dem Gebirge und steilen Hgeln der untergehenden Sonne zuflo. Die
Horsila war damals kein unscheinbarer Bach, sie trug befrachtete Khne in die
Werra, und weit von Norden her kamen Fahrzeuge der Sachsen und Friesen die
Strmung hinauf bis an den Wald. Dort war bei dem alten Dorfe Horsilgau der
kleine Hafen, wo sie ein- und ausluden; eine wertvolle Sttte fr die Waldleute,
denn die Landfracht vom Norden her war teuer und der Weg oft unsicher. Das
Wasser brachte ihnen die kunstvolle Arbeit der friesischen und flmischen Weber
und manches Kaufmannsgut, das ihre Frauen ungern entbehrt htten; sie aber
tauschten dagegen ein, was ihr Land an Waren bot: Honig und Wachs, Pelzwerk und
Tierhute. Auch die Erfurter kamen heran, sooft die Khne abfuhren und anlegten,
sie schlugen am Ladeplatz ihre Bnke auf, kauften und tauschten und fhrten die
Fracht auf hochbepackten Karren nach ihrem groen Markt. Vor anderen aber
freuten sich die Mnche des heiligen Wigbert der Schiffahrt, sie waren seit
alter Zeit die Herren der kleinen Wasserstrae, und sie hielten die Burg Gotha
zumeist darum hoch, weil diese eine Feste ihres Hafens war und ihr Herrenrecht
ber den Flu behaupten half. Denn der Zehnte, welchen die Mnche von allem
Schiffsgut erhoben, war eine wertvolle Einnahme des Klosters, er lieferte die
Wolldecken ihrer Lager, Stoff zu ihren Kutten und vor allem die geehrte
Fastenspeise, den gesalzenen Heerfisch, welcher ihnen das ganze Jahr Freude an
ihrem Trunk gab. So wertvoll war dies Herrenrecht, da sie durch viele Jahre
blutige Kmpfe darum gefhrt hatten. Dennoch vermochten sie es nicht
ungeschmlert gegen einen Nachbar zu bewahren, welcher, klug gleich ihnen und
strker als sie, ebenso auf der Nordseite der Horsila herrschte, wie sie lngs
dem Walde. Ihr Feind war das Kloster von Fulda, in welchem der heilige
Bonifazius beigesetzt war. Und die beiden Glaubensboten, Winfried und Wigbert,
kmpften aus ihren Klstern zweihundert Jahre nach ihrem Tode grimmige Fehden um
die Heringstonnen der Nordsee und um die Gewebe derselben Friesen, deren
Vorfahren sie einst bekehrt hatten. So heftig tobte der Kampf zwischen den
Bewaffneten der beiden Klster, da die Sachsenknige mehr als einmal gezwungen
waren, sich zwischen die Streitenden zu stellen. Endlich hatten die Mnche von
Fulda das Recht erworben, da auf ihrer Uferseite Khne frei von dem Zoll der
Wigbertleute fahren durften. Aber der Ha der Klster wurde durch den
Schiedsspruch des Knigs, nicht gestillt, und fast in jedem Jahre wurden Mnner
erschlagen und Huser niedergebrannt.
    Diesmal brach das Eis und schmolz der Schnee frher als sonst. Das Tauwetter
vereitelte einen Rachezug, den Knig Heinrich ber die gefrorenen Smpfe in das
Slawenland gerstet hatte. Dafr bereitete es den Waldleuten die Freude, da sie
am Fest der Tagund Nachtgleiche auf schneelosem Anger ihre Reigen sprangen, und
da sie an demselben heilbringenden Tage auch die Kahnfahrt auf ihrem Flu
erffneten. Die Fahrt war eine Woche vorher zu Erfurt und auf dem Lande angesagt
worden, damit sich beizeiten rste, wer Gut und Ware nach der Werra zu den
Hessen und Sachsen abwrtsfhren wolle. Schon hatten die Erfurter ihre Lastwagen
zu einer kleinen Wagenburg beim Dorfe vereint. In langer Reihe lagen die Khne,
welche von den Waldleuten die Wasserrlein genannt wurden, am Ladeplatz, neu
geteert, lang und schmal, zum Teil beladen auf die Abfahrt harrend, whrend die
anderen durch Schiffer und starke Lasttrger gefllt wurden. Aber auch von der
Mndung des Flusses waren bereits einige Khne stromauf gefhrt, die Schiffer
hatten ihre Gter an dem Ufer geschichtet und harrten der neuen Ladung, sie
waren an ihren Strohhten, den langen weien Rcken und den breiten
Schwertmessern als Sachsen zu erkennen. Ein weiter Raum war auf dem Anger
abgesteckt und mit einem Seil umfriedet, dort standen das Marktkreuz und St.
Wigberts Banner, und daneben hielt der Hauptmann mit seinen Bewaffneten und dem
Bttel, um den Marktfrieden zu erhalten und von Vieh und Waren den Zoll zu
erheben. In der Ferne auf der andern Seite des Baches wehte neben einem Schuppen
das Banner von Fulda, geschtzt durch Gewappnete, welche der groen Familie des
heiligen Bonifazius angehrten. Doch auf der Wigbertseite war der rege Verkehr.
    Auch die Landleute, welche nicht selbst um Schiffahrt sorgten, eilten an
diesem Tage gern zu der Sttte. Wer Freunde und alte Genossen begren wollte,
konnte sie dort finden, wer sich einem Herrn zum Dienste geloben wollte, suchte
dort die Gelegenheit, Rosse und Herdenvieh wurden aus den Winterstllen zum
Verkauf herangetrieben. Die Edlen der Umgegend kamen im Eisenhemd mit ihrem
Gefolge, und das Volk der Fahrenden fehlte nicht mit seiner Musik, mit neuen
Liedern und Kunststcken. Im ganzen Lande war die Lust dieses Tages berhmt, und
sie erschien den streitbaren Mnnern um so ehrenvoller, weil selten ein Fest
verging ohne Schwerthiebe und tiefe Wunden.
    Die Sonne schien hell, und grer als seit langer Zeit war das Gewhl der
zugewanderten Gste. Nicht allein an dem Flusse, in allen Drfern lngs dem
Bergwald wurde der Ausgang des Winters und die junge Herrschaft des Sommers
gefeiert, man sah lange Reihen geschmckter Dorfleute im Freien tanzen und
vernahm ihren Gesang und das Getn der Fiedeln und Pfeifen, berall auf den
Hgeln und den Vorsprngen der Berge waren Holzste errichtet, welche nach
Untergang der Sonne brennen sollten, denn die ganze Nacht galt fr gnstig und
heilbringend, sie wurde beim Trinkkrug, unter Gesang und Reigentanz durchwacht
und war vielen der liebste Teil des Festes.
    Zwischen den Bnken, worauf die Erfurter ihre Ware ausgelegt hatten, zogen
die Dienstmannen der Edlen mit ihren Knechten, daneben junge Dorfhelden vom
Nesselbach; auch die Leute aus den Wendendrfern waren mit ihren Frauen
gekommen, und neben thringischer Sprechweise vernahm man schsische Worte und
die feintnende Rede der Slawen. Durch das Gewhl sprengten sechs hochgewachsene
Reiter, die Shne Irmfrieds, unter ihnen Gottfried, der heut zum erstenmal im
Schwertgurt ber das Land ritt und stolz auf die Gre und Glckwnsche
antwortete, welche ihm hier und da aus den Haufen zugerufen wurden. Neugierig
blickte der junge Krieger auf die fremdlndischen Mnner und Waren, aber die
neue Wrde hielt ihn ab von freudigem Ausruf und Fragen. Die Brder stieen auf
einen Trupp berittener Spielleute, darunter auch Weiber in fremder Tracht,
welche ihre Pferde in knstlichem Tanze trieben, whrend die Mnner um die
Raststelle handelten. Als die sechs einen Augenblick in der Nhe hielten,
scheute das Ro eines fahrenden Weibes, und sie glitt dicht vor den Brdern auf
den Boden. Mitleidig sprang Gottfried ab, um sie vor den Pferdehufen zu
bewahren, aber wie ein Federball hob sich das Weib vom Boden, und bevor er
sich's versah, fhlte er einen leichten Schlag auf seiner Wange, das Weib
schwang sich in den Sattel, und davonsprengend, rief sie lachend: Gesegnet
seien dir die hbschen und roten Wangen. Da lachten die Leute ringsumher,
Gottfried aber wurde vor Zorn noch rter und warf einen feindlichen Blick auf
die Dirne. Noch grollte er ber die Dreistigkeit, da hrte er, wie Graf Markwart
von Tonna spottend den Brdern zurief: Seit wann treibt ihr Helden
Kaufmannschaft wie die Krmer zu Erfurt?
    Odo sah ihn befremdet an. Nichtige Worte redest du.
    Der Graf wies auf Ballen und Tonnen, welche am Ufer lagen. Sie tragen das
Zeichen, womit ihr marktet, was euer ist. Ich rhme die Klugheit, welche das
Erbe durch Handel zu mehren wei.
    Odo versetzte: Rhmlicher wre es, das Erbe durch Kaufmannschaft zu mehren
als durch raubgierigen Wolfssprung auf der Heide, den die Leute dir zutrauen.
    
    Markwart hob zornig den Arm, doch als sechs hochstmmige Helden nahe um sein
Ro drngten, begngte er sich, Feindseliges zu murmeln, und wandte sich zur
Seite. Die Brder aber ritten zu den Tonnen und sahen erstaunt die Runenmarke,
welche mit weier Farbe den Stcken aufgemalt war. Das ist Immos Zeichen,
riefen sie wie aus einem Munde, und Odo fragte den Schiffer, welcher dabei
stand: Woher kommst du, und fr wen bringst du das?
    Mein Wasserro trug es vom Norden, drei Wochen haben wir gegen den Strom
gerungen, und mancher treibende Baumstamm streifte an den Bord, bevor wir
ausluden. Fr einen Burgmann im Lande ist es bestimmt. Die Brder bestrmten
ihn mit Fragen, aber von Immo wute der Mann nichts zu berichten.
    In der hlzernen Halle, welche unweit des Baches errichtet war und im Sommer
allerlei Frachtgut bewahrte, saen heut die Hupter der Landschaft, Edle und
Grafen, welche dem Feste zugeritten waren. Markwart von Tonna war da mit seiner
ganzen Sippe und seinen trotzigen Dienstmannen, die Grafen aus dem Nordgau und
andere, neben den Thringen auch Hessen, unter diesen Graf Gerhard aus den
Buchen. Ihn hatte die Gnade des Knigs wieder zu einem stattlichen Herrn
gemacht, denn obgleich ihm die Waldwiesen und mancher andere schne Acker
abgenommen waren, galt er noch immer fr reich an Erbe und Lehen, auch in
Thringen hatte er unweit der Horsila Hufen und hrige Leute. Heut begrte er
die edlen Thringe zum erstenmal seit seinem Unglck, er war leutselig und mild
gegen jedermann, und wenn einer auf die letzte Gefahr anspielte, so zuckte er
nur wehmtig mit den Achseln. Aber die meisten der Anwesenden vermieden, davon
zu sprechen, denn sie wuten wohl, da sie selbst um ein kleines in derselben
Not gewesen wren. Der Raum war mit Tischen gefllt, und der Schenkwirt, auch
ein Knecht des heiligen Wigbert, lief mit den Kannen umher und drehte fleiig am
Hahn seiner Fsser. Die Sonne sank hinter die Berge, und es dmmerte in dem
fensterlosen Raume, als die Shne Irmfrieds eintraten. Odo grte, und von
mehreren Tischen klang der Gegengru, aber Markwart und sein Geschlecht, welches
mit dem Grafen Gerhard unweit des Einganges sa, sperrte, sich breit setzend,
den Weg zu den Tischen. Gib Raum, Markwart, sagte Odo, damit wir dir nicht
die Knie scheuern. Aber der Held streckte sein Bein krftig aus und versetzte:
Mich wundert, da die Shne Irmfrieds begehren, ihren Sitz unter den Edlen des
Landes zu nehmen, da sie sonst hufiger die schwieligen Hnde der Bauern drcken
als die unseren.
    Harre, bis wir fr ehrenvoll halten, deine Hand zu fassen, versetzte Odo,
unterdes wundere dich nicht, da ich deinen Stuhl schwenke, da du selbst das
nicht tun willst. Mit einem krftigen Ruck drckte er den beschwerten Stuhl
beiseite. Markwart hielt sich mit Mhe im Gleichgewicht; er fuhr auf und mit ihm
sein Geschlecht, die Hnde griffen an die Schwerter, und das Eisen klirrte in
der Halle. Aber der Hauptmann des heiligen Wigbert rief mit lauter Stimme:
Gedenkt des Marktfriedens, und Gerhard sprang begtigend dazwischen und rief:
Wer eine Hand zuviel hat, der greife an das Schwert, ihr anderen aber htet
euch, denn jedes Tun hat seine Zeit, und jetzt ist die Zeit, friedlich zu
trinken. Dieser Rede riefen viele Stimmen Beifall, der Tumult wurde gestillt,
und der Wirt lief wieder mit den Kannen. Gerhard aber begann in der schweigenden
Versammlung vershnliches Gesprch: Obgleich an dieser Stelle die Mnche
Wigberts ihr Rauchfa schwingen, so will ich doch ber sie die Wahrheit sagen.
Ich wei manchen, der greres Vertrauen zu anderen Frbittern hat. Darum mchte
ich dich, Held Odo, fragen, was dir von neuen Wundern des Glaubenshelden
Meginhard bewut ist. Denn auch davon hren wir gern beim Trunke.
    Bevor Odo die Antwort gab, rief der Mnch, welcher whrend des Sommers als
Aufseher im Dorfe wohnte: Ungewaschenes Zeug kommt aus Eurem Munde, Gerhard,
weil Ihr unserem Heiligen in seiner eigenen Halle die Ehre vermindern wollt.
Achtet lieber auf anderes, was drauen vorgeht. Denn wundervolle Kunde vernehmen
wir, die jedermann mit Staunen erfllt. Ein fremder Spielmann sagt sie den
Leuten, auch euch, ihr Herren, wird es freuen, sie zu hren. Dich aber, du
Geschlecht Irmfrieds, geht sie noch mehr an als die anderen. Der Mnch steckte
eine Fackel an, da ihr rotes Licht die Halle erleuchtete, und in das Tor sprang
ein Spielmann, gefolgt von einem groen Haufen Neugieriger, er schwang sich auf
eine Bank, die einer seiner Genossen vor den Eingang stellte, und lud mit
heftigen Armbewegungen alle edlen Herren und jedermann ein, die unerhrte
Neuigkeit zu vernehmen, welche aus dem Nordmeer gekommen war, vom Kampfe der
Sachsen gegen die Seeruber. Bei hartem Winterfrost hatten die Sachsen den Sieg
gewonnen, indem sie ber das Strandeis zogen und die festen Burgen der Ruber
zerbrachen, und unter ihnen stritten die Helden der Thringe, der edle Immo,
Irmfrieds Sohn, und Brunico, sein Genosse. Grimmig war die Not der Helden im
Streit gegen die Seegespenster und gegen die Riesen unter dem Rubervolk, die
mit Eisenstangen auf sie schlugen. Und er schrie: Alles, was je von Kmpfen
gesungen wurde, ist wenig gegen diesen Kampf, und alles, was je von einem Schatz
geschaut wurde, ist ganz wenig gegen den unermelichen Goldschatz, den die
Helden aus den Burgen der Ruber gewannen. Von ihm will ich euch jetzt erzhlen,
soweit ich ihn selbst mit meinen Augen erkannt habe, denn alles vermchte einer
nicht zu schauen. Zuvor aber spendet mir etwas, denn spter, wenn ihr gehrt
habt, lauft ihr auseinander. Da lachten die Zuhrer, und viele griffen nach den
Ledertaschen, der Spielmann hob einen Beutel an einer langen Stange und fuhr
damit durch die Versammlung, er berging keinen, und wenn jemand mit dem Kopf
schttelte, so schnitt er ihm ein Gesicht oder sagte ihm etwas Boshaftes, wenn
er das wagte, so da die Herren lachten und williger gaben. Und als er
eingesammelt hatte, erhob er sich wieder, beschrieb die Herrlichkeit des
Goldgertes und schtzte es nach hundert Pfunden recht genau, bis die Leute an
der Tr vor Erstaunen die Hnde zusammenschlugen. Als er geendet hatte, schied
er von seinen Zuhrern, indem er schrie: Jetzt ziehet dahin, ihr edlen Herren
und guten Leute, und verkndet es jedermann im Lande, denn selig sind die Eltern
und selig ist die ganze Verwandtschaft der Helden, die mit so teurem Goldschatz
heimkehren.
    Die Zuhrer am Eingange liefen auseinander, in der Halle vernahm man durch
das Gesumme halblauter Reden Rufe des Erstaunens. Aller Augen hefteten sich auf
die Brder, und mancher trat an ihren Tisch und rief ihnen scherzend Heil zu;
auch neidisches Gemurr und mignstige Blicke stachen gegen sie. Odo aber sprach
verwundert: Ist auch der Fahrende ein verlogener Mann, vielleicht ist doch
manches wahr. Haltet fest an euren Sitzen und wehrt euch mit scharfer Zunge
gegen jede Ungebhr, denn ich merke, nicht in Frieden reiten wir heut nach
Hause.
    Graf Gerhard aber eilte aus der Halle, gefolgt von einem vertrauten
Dienstmann, denn es zog ihn mchtig zu den geheimnisvollen Ballen und Fssern,
welche, wie er vernahm, dem glcklichen Immo gehrten. Er wandelte lngs des
Bachs, und sein Mann wies auf den geschichteten Haufen und die weien Zeichen.
Alles riecht nach Fastenspeise, die von der See kommt, begann der Graf, und
seine Nasenflgel zuckten. Das ist die Schlauheit. Sie haben den Schatz ganz
unscheinbar unter Ebarem oder auch unter anderen Waren geborgen. Von je waren
die Sachsen ein listiges Volk, obgleich sie sich ganz einfltig zu stellen
wissen. Viel Wunderliches hrten wir lngst ber den Goldschatz der Seeruber.
Aus allen Meeren haben ihn die Wilden zusammengeraubt, durch viele Geschlechter
haben sie gesammelt, wie Knige saen sie in ihren Strandburgen, sie tranken ihr
Bier aus goldenen Schsseln, welche mit Edelsteinen besetzt waren, und man sagt,
da sie die Hufe ihrer Rosse nur mit Silber beschlugen. Dies alles hat ihnen
Herzog Bernhard und dazu Held Immo genommen, und was hier liegt, mag diesen zum
reichsten Mann im Lande machen, wenn er es auf seine Burg heimfhrt.
    Er blickte scharf um sich, in der Nhe war niemand zu erkennen, auf den
Bergen flammten die Osterfeuer, aus den Htten klang Geschrei und Jauchzen und
weiter abwrts am Bache lautes Geznk und der Ruf nach Waffen.
    Die Wchter der Ladungen waren sorglos zusammengetreten und schauten nach
der Stelle, wo wilde Worte und Schlge getauscht wurden. Der Dienstmann traf
eine kleine Tonne, welche von den anderen abgerollt war, mit einem Sto, da sie
zur Seite fuhr. Gefllt's Euch, Herr, sagte er lstern, so gebe ich der
Runden noch einige Tritte, und Ihr knnt in Ruhe prfen, wie dieser Schatz der
Ruber aussieht.
    Unwillig entgegnete der Graf: Willst du mich im Knigsfrieden zum Diebe
machen, du Wicht? Wie darf ein ehrlicher Mann fremdes Gut nehmen, wenn er es
nicht durch Gewalt und Schwertschlag gewinnt? Hallo Wchter! Htet euer Gut, die
Fsser kollern.
    Ein Mann in langem Mantel, den Hut tief in das Gesicht gedrckt, sprang
herzu, hob das Fa an seine Stelle und brummte:
    Htet Euch selbst, da Ihr nicht auf den Boden kollert.
    Enthalte dich der Grobheit, Freund, versetzte der Graf sanftmtig, denn
ich meine es gut. Ich hoffe, Held Immo lt seinen Goldschatz nicht lange im
Wind und Mondenschein liegen.
    Habt auch ihr gehrt, da der Held seinen Schatz in diesen Tonnen bewahrt?
fragte der Mann. Wir harren der Wagen: noch whrend dort die Feuer brennen,
wird alles hinter Tor und Riegel geborgen.
    Ich lobe die Vorsicht, besttigte Gerhard. Die Osterfeuer werden heut
nacht den Weg zur Mhlburg erleuchten. Wer aber schreit dort und schlgt so
wild? fragte er einen der Wchter, welcher herantrat.
    Es sind wieder die Knechte der Heiligen, welche einander bei den Haaren
fassen, antwortete dieser lachend, die Fuldaer sind ber das Wasser gekommen,
um die Dorfmdchen im Reigen zu schwingen, und die Knaben Wigberts wollen das
nicht leiden.
    Der Graf schttelte mibilligend das Haupt. Uns schelten die Mnche, wenn
wir einmal das Schwert ziehen, aber niemand von uns hegt einen solchen Grimm
gegen seinen Feind wie die Heiligen gegeneinander. Wollen sie selbst nicht
Frieden halten, so sollen sie sich nicht wundern, wenn auch wir zuweilen einer
dem andern den Weg verhauen. In schweren Gedanken schritt er der Halle zu,
hinter ihm ballte Brunico, der Mann im Mantel, die Faust.
    Auch auf dem umfriedeten Raum der Halle hatte der nchtliche Jubel begonnen.
berall loderten hohe Freudenfeuer, die Bnke, auf denen die Krmer gute Bissen
feilboten, waren umdrngt von Begehrlichkeiten; was stolze Knaben gern ihren
Mdchen schenken: bunte Bnder, Glasringe, Halsperlen und kleine Metallspiegel,
wurde eifrig gekauft, am dichtesten umlagert waren die Stellen, wo aus Fssern
und groen Kannen Bier und Met geschenkt wurde; berall, wo ein Spielmann
geigte, ein Snger sang, sammelten sich die Zuhrer. Um die Feuer aber schwangen
frische Knaben die Mdchen im Tanze, gesondert nach Gauen und Drfern; zwar
fehlten ihnen die Abzeichen aus Baumlaub und Blten, durch welche sie sich im
Sommer unterschieden, aber viele trugen das rote Kreuz Wigberts, andere das Rad,
mit welchem Erzbischof Willigis seine Angehrigen bezeichnete, und die aus dem
Nessebruch fhrten ein Bschel roter Wolle, mit grnem Band umwunden, statt der
Distel, welche sie zu anderer Zeit auf ihren Mtzen trugen. Viele tanzten in
Eisenhemd und Helmkappe, alle die klirrenden Schwerter an der Seite, zu ihren
hohen Sprngen schrien Pfeife und Fiedel in gellenden Tnen. Von allen Feuern
erklangen Heilrufe und markdurchdringende Jauchzer, welche die Thringe vom
Walde gewaltiger auszustoen wuten als andere Helden.
    Mich wundert, da diese hier so sanft sind und sich ganz ohne Messer
ergtzen, bemerkte Gerhard im Durchschreiten zu seinem Dienstmann, sonst waren
sie behender, das Eisen von der Hfte zu holen.
    Die einander raufen wollen, springen jetzt noch ber den Zaun ins Feld,
lachte der Dienstmann, weil sie sich scheuen, ihre Hand unter das Beil zu
legen. Spter reien sie wohl die Schranken nieder, dann klingen auch hier
scharfe Weisen.
    Am Tor der Halle stie Gerhard auf den Mnch, welcher, von zwei Dienern
begleitet, den groen Zinnbecher trug, in welchem St. Wigbert an diesem Feste
ansehnlichen Gsten den Ehrentrunk bot. Diese Spende war den Herren der Halle
die wichtigste Handlung des Abends, denn stets empfing der zuerst den Becher,
welcher seinem Geschlecht nach der Edelste war. Viele der stolzen Herren erhoben
den Anspruch und fhlten Eifersucht gegen andere, darum schuf der Becher jedes
Jahr, wenn nicht zufllig einer von den hchsten Herren des Reiches anwesend
war, dem bevorzugten Geschlechte Hndel und Feindschaft. Gerade deshalb war der
Vortrunk um so ehrenvoller. Der Mnch stand mit dem Becher in der Mitte der
Halle, segnete den Wein und begann: Da unter den edlen Herren, welche St.
Wigbert begrt, niemand dem Knigsgeschlecht der Sachsen angehrt, so reiche
ich den Becher heut dem Helden aus dem ltesten Geschlecht der Thringe. Und er
trug den Becher zu Odo. Einzelne Stimmen riefen Beifall, aber lauter war das
mifllige Gemurr und Geschrei. Die Gegner steckten die Kpfe zusammen und
fuhren von ihren Sitzen. Odo aber erhob sich, trank der Versammlung Heil und
reichte den Becher seinem Bruder Ortwin. Da rief Graf Gerhard, den die anderen
zu ihrem Wortkmpfer gewhlt hatten: Sehr ungeschickt ist die Wahl des Mnches
und eine Krnkung fr uns alle. Einen Jngling hat er zum Vortrunk gerufen,
whrend hier nicht wenige sitzen, deren Haar im Rat und Kampfe ergraut ist.
    Eure Klage nenne ich ungerecht, rief Odo zurck, denn nicht den jungen
Krieger soll der Trunk ehren, sondern das Geschlecht, fr welches ich hier als
ltester stehe.
    Wir aber vermgen nicht die Ehren deines Geschlechtes zu rhmen,
entgegnete Gerhard. Haben deine Ahnen auch hier und da das Schwert mannhaft
geschwungen, was keiner von uns ableugnet, so fhrt ihr doch kein Banner,
welches der Knig euch in die Hand gelegt hat, wie wir anderen, die wir als
Herren das Schildamt ben. Und wenn ihr auf eure edle Herkunft pocht, so wisset,
da man hier und anderswo euren Bauernadel belacht.
    Die jngeren Brder sprangen von ihren Sitzen, und Odo rief: Wenn der Knig
unsere entlaufenen Knechte mit Lehen und mit einem Banner begabt, so rhmen sich
die Knechte, groe Herren zu sein. Wir Bauern aber meinen, der Knig kann zum
Grafen und Markgrafen ernennen, wen er will, aber niemanden zu einem Edlen.
    Euch aber, rief Graf Gerhard wieder, haben die Mnche zu Edlen gemacht,
ja man sagt auch, da sie euch in der Stille zu kleinen Knigen gekrt haben,
nur da man nicht laut davon reden darf.
    Odo schlug an sein Schwert. Ich erkenne, da Ihr selbst Lust habt, von dem
Knigsstabe, den wir in der Hand fhren, die Belehnung zu erhalten.
    Da erhob sich wieder der Hauptmann von St. Wigbert und rief mit mchtiger
Stimme durch die Halle: bel fgen sich heie Worte zu starkem Trunk, ich rate,
da ihr beide in dieser Nacht euren Wortkampf stillt, morgen aber, wie euch
Herren gebhrt, an Vershnung denkt oder an Schwertschlag.
    Aber Gerhard fuhr eifrig fort: Nicht wir andern haben den Unfrieden
begonnen, sondern diese, vorhin, als sie hier eintraten. Und es ist wohlbekannt
im Lande, da ihr sogar untereinander nicht Frieden halten knnt. Schon zur Zeit
eurer Vter raunte man im Volke mancherlei von der Brudertreue, welche die
Mnner eures Geschlechtes einander beweisen, und jetzt hren wir wieder, da ihr
eurem ltesten Bruder Unheil gesonnen habt, so da dieser als ein fahrender
Recke in der Welt herumschweift.
    Da winkte Odo finster dem jungen Gottfried, da dieser vor den versammelten
Edlen seine erste Kampfprobe ablege, denn er war schneller Worte mchtig. Und in
der Stille, welche dem krnkenden Vorwurf des Grafen folgte, sprang Gottfried
vor und rief laut:
    Eure Rede ist unwahr, Graf Gerhard, nie haben wir gegen unseren Bruder Immo
Untreue erwiesen, und jetzt leben wir in groer Sorge um den Abwesenden. Deshalb
ersuche ich Euch, da Ihr die Krnkung zur Stelle widerruft.
    Ein Hhnchen hre ich krhen, versetzte der Graf lachend.
    So vernehmt, ihr edlen Herren, fuhr Gottfried fort, da ich vor euch
allen den Grafen Gerhard einen Verleumder nenne, und berall auerhalb des
Marktfriedens will ich mit meinen Brdern das an seinem Leib und Leben erweisen,
wo ich ihn treffe. Er lste seinen Handschuh und warf ihn vor den Grafen,
dieser aber stie verchtlich mit dem Fu daran.
    Da flog ein anderer Eisenhandschuh zu dem kleinen des Jnglings Gottfried;
und von dem Eingang her rief eine tiefe Stimme:
    Nehmt auch den meinen. Ein hoher Krieger schritt auf den Grafen zu, dieser
fuhr zurck wie vor einem Geiste, als er die zornige Entschlossenheit in einem
wohlbekannten Antlitz sah, und vermochte nur zu antworten: Dich habe ich hier
nicht erwartet, und dich habe ich nicht gemeint, Held Immo.
    Als er den Namen nannte, der heut in aller Munde war, regten sich die
Anwesenden, viele sprangen auf und drngten heran, um den Helden zu sehen. Immo
aber wies auf die Fehdezeichen:
    Widerruft die Krnkung und gebt vor allen Edlen meinen Brdern ihre Ehre,
oder nehmt den Streit auf auch mit mir.
    Gerhard blickte scheu auf den neuen Gegner: Du selbst magst wissen, Immo,
da ich ungern gegen dich kmpfe, wenn ich an Vergangenes denke; und du weit
auch, da meine Ehre mir nicht gestattet, Kampfesworte, die vor den Edlen
gesprochen sind, zu widerrufen.
    Ob wir Gutes oder Arges in vergangener Zeit miteinander gehandelt haben,
versetzte Immo, das alles sei vergessen in dieser Stunde. Als Sohn meines
Geschlechtes stehe ich dir gegenber, und Abbitte fordere ich von dir, oder ich
suche an deinem Leben die Rache.
    Da rief Gerhard mit querem Blick: Meine nicht, mir durch dein stolzes
Drohen den Willen zu beugen, ich widerstehe dir, wenn du auch jetzt auf deinen
Goldschatz vertraust; und die Handschuhe vom Boden hebend und auf den Tisch
werfend, rief er: Du denke daran, wenn du den Schaden trgst, da nicht ich die
Fehde gefordert habe, sondern du. Und darum sei Unfriede zwischen uns statt
Friede, sobald wir den Schranken den Rcken kehren, und Kampf sei um Leib und
Leben, Gut und Habe zwischen mir mit meinen Helfern und dir mit deinen Helfern.
Er wandte sich trotzig ab, setzte sich zu seinem Genossen Markwart und
verhandelte leise mit diesem. Immo trat zu dem Tisch der Brder, und den
Jngling Gottfried kssend, sprach er: Ich gre euch, meine Brder. Gewhrt
mir einen Sitz in eurer Mitte und einen Trunk aus eurem Becher, damit die
Fremden erkennen, da sich die Shne Irmfrieds in der Not nicht voneinander
scheiden.
    Die Brder rckten zusammen, Ortwin trug ihm den Stuhl, und Odo go ihm den
Trank ein, der Stolz wehrte ihnen zu reden, und sie saen schweigend
beieinander. Doch von den anderen Tischen eilten Bekannte des Geschlechts mit
den Trinkkannen heran, den Helden zu begren, und er stand, von vielen umgeben,
und antwortete auf die neugierigen Fragen. Aber sein Blick flog prfend durch
den Raum und nach dem Tische des Grafen Gerhard, bis er an der Tr seinen
Vertrauten Brunico erkannte, da winkte er diesem und trat mit ihm zur Seite in
heimlichem Gesprch.
    Brunico drngte sich hinaus ins Freie; nicht lange, so klang in dem Gewirr
von vielerlei Tnen ein neuer Gesang, hnlich dem Quarren eines Frosches; bald
hier, bald dort schrie einer aus dem Volk der Langschenkel, so da die Leute
einander lachend fragten; Ist auch der brllende Held Reginheri in seinem Sumpf
erwacht? Doch als sich der Froschgesang auf einer Stelle auerhalb der
Schranken vereinte und mit einem lauten Heilruf endete, da dachten die anderen,
da dies ein Zeichen bermtiger Genossen war, welche miteinander zu den
Bergfeuern ausschwrmten.
    Die Helden in der Halle aber, welche nicht selbst der Fehde teilhaftig
waren, freuten sich, da der Festabend so rhmlich verlief und da man davon im
Lande singen und sagen wrde. Sie saen jetzt friedlich bei ihren Kannen, denn
ihr Gemt war erfrischt wie die Flur nach einem Gewitter.
    Pltzlich klang in das wilde Geschwirr des Marktes ein Klageschrei und der
Ruf nach Rache. Der Gesang verstummte, die Pfeifer und Fiedler setzten ab, die
Krmer liefen zur Abwehr vor ihre Bnke und warfen mit ihren Knechten die Waren
schnell in die geffneten Kasten. In die Halle sprang ein verstrter und
blutender Mann und schrie: Die Hunde des Bonifazius sind ber das Wasser
gedrungen, einer von uns liegt erschlagen, rchet den Schaden, ihr
Wigbertmannen. Und unter die verstrten Haufen springend, rief der Mann
dieselbe Klage. Da schwand die Freude in wildem Zorn, die Frauen wichen in das
Dunkel zurck, die Mnner fuhren zusammen, rissen flammende Brnde aus den
Feuern und strmten dem Flusse zu. Vergebens sprengte der Vogt mit seinen Mannen
dazwischen und schrie den Frieden aus, die Wtenden lsten die Halteseile der
leeren Khne und drngten sich hinein, mancher Wilde sprang ins Wasser und rang
sich hinber auf die Seite der Fuldaer. Dort strmten Bewaffnete entgegen, um
die Einbrecher in die Flut zu werfen, und dicht am Ufer entbrannte der Kampf.
Aber neue Haufen folgten ber den Flu, auf Tonnen und Bnken suchten sie durch
das Wasser zu schwimmen; die Fuldaischen wurden rckwrts gedrngt, die rote
Lohe flammte an dem Holzhaus, ber welchem das Banner des heiligen Bonifazius
wehte, und das Banner selbst verschwand in den aufsteigenden Flammen.
    Auch die Herren in der Halle waren an das Ufer geeilt, die einen in bitterer
Sorge, die anderen schadenfroh. Da sprach Immo zu seinen Brdern, und es waren
die ersten Worte, die er seit dem Eintritt mit ihnen wechselte. Gefllt es
euch, Shne meines Vaters, so reiten wir. Lat euch nicht beschweren, wenn ich
euch begleite; denn ich merke, andere sinnen darauf, uns auerhalb des Friedens
zu treffen.
    Und Odo antwortete mit derselben Zurckhaltung: Da der Unfriede uns alle
angeht, so sei auch die Abwehr und der Angriff gemeinsam. Sie verlieen
zusammen die Halle und eilten zu ihren Rossen. Erstaunt fanden die Brder Immos,
da bei ihren Knechten und Rossen eine reisige Schar von Landleuten aus den
freien Drfern hielt.
    Nicht lange nachher knarrten die Rder beladener Wagen auf dem Wege, welcher
zwischen dem Leinbach und einem Waldhgel nach der Mhlburg fhrte. Nur zwei
Reiter bildeten die Bedeckung, die Knechte hatten Mhe, die Pferde in dem
aufgeweichten Wege bergan zu treiben, sie schrien laut und knallten mit den
Peitschen. Endlich kam an einer kleinen Steile der Zug ganz in das Stocken. Da
rasselte und klang es im Holz, eine Anzahl Reiter sperrte die Strae und warf
sich gegen die Wagen. Die berittenen Wchter flohen ohne Kampf talab, auch die
Knechte sprangen flchtig dem Bach zu. Als Graf Gerhard heransprengte, war das
Werk getan, die Wagen im Besitz seiner Reisigen. Er lachte und rief: Leichten
Kaufes wurde groes Gut in ehrlicher Fehde gewonnen. Lenkt die Wagen seitwrts
in das Holz, treibt, meine Mannen, in einer Stunde haben wir es hinter Wasser
und Mauer geborgen. Die Pferde wurden einen Waldweg bergan gefhrt, sie
schritten jetzt rstiger als vorher, und der Graf brummte vergngt vor sich hin.
Ich hrte zuweilen rhmen, junger Immo, da dein Schwert gut schneidet, aber in
Listen bist du schwach, und der Alte hat dir behende abgefhrt, worauf du mit
trotzigem Mute vertrautest. Der Zug betrat eine kleine Lichtung des Waldes,
welche in hellem Mondschein lag, umgeben von dichtem Niederholz, dessen laublose
ste die lichte Stelle mit dunklem Grau einfaten. Da flimmerte es in dem Holze
hier und da wie von blankem Eisen, die Reiter, welche die Vorhut bildeten,
jagten zurck und meldeten atemlos, da der Weg durch Gewappnete versperrt sei;
auch hinter der kleinen Schar des Grafen klang ein Kriegsruf, Hrner und laute
Stimmen antworteten, und mit Erstaunen sah der Graf sich rings eingehegt durch
Fuvolk und Reiter. Er ri die Pferde des vordersten Wagens herum auf die Mitte
der Waldwiese und gebot den Reisigen, einen Ring um die Wagen zu ziehen. Er
umritt seinen Haufen, hob den Speer und erwartete mutig den Anlauf.
    Aber der Angriff erfolgte nicht. Den ganzen Rand der Lichtung hielten
schnellfige Knaben umstellt, auf dem Wege stampften die Rosse der Gegner, und
man vernahm ein Rollen und Drhnen, als ob Baumstmme gewlzt wrden. Jenseits
des Weges zog sich ein offener Wiesengrund dem Gebirge zu, dort hatten die
Dorfleute der Umgegend einen mchtigen Holzsto getrmt, welcher in dieser Nacht
als Freudenfeuer aufflammen sollte. Um den Sto schwebten die Schatten, er wurde
zusehends kleiner. Herr, warnte den Grafen sein vertrauter Dienstmann sie
sperren die Wege, denn durch das Niederholz vermgen unsere Rosse schwerlich zu
dringen. Brecht durch, bevor sie uns einhegen.
    Soll ich den Schatz im Stich lassen, fragte der Graf unwillig, was in den
Wagen liegt, gibt Gold und Ehre fr euch alle, und er schrie hinber zu den
feindlichen Reitern: Was sumen die Helden, heranzusprengen, offen ist das
Kampffeld. Trotzige Worte hrten wir in der Halle, hier aber, merke ich,
schlottern euch die Beine im Bgel.
    Da rief Brunico zurck: Schlecht kmpft sich's im Waldesdunkel, harret noch
ein wenig, bis wir euch die Osterfeuer anznden.
    Brecht durch, Herr, rief der Vertraute aufs neue, denn sie schichten das
Holz auf der Wegseite zu einem Walle.
    Pfui ber dich, Immo, rief der Graf, in dem jetzt die Sorge mchtig wurde,
unritterlichen Brauch bst du, ich harre deiner, komm heran und schlage dich um
den Schatz.
    Immo rief zurck: Auch euch war der Pfad zum Kampfe geffnet, allzulange
habt ihr euch um die Tonnen gedrngt, jetzt rate ich, mit uns in Bauernweise den
Festbrauch zu ben. Die Flammen lodern, schwingt euch zum Tanze ber die
Scheite. Eine kleine Flamme leckte auf, die zweite, die dritte, bald sperrte
das Feuer wie ein Wall die Belagerten von dem Wege ab. Aber auch lngs dem
ganzen Rande des Niederholzes leuchteten die Funken, jeder der Knaben, welche
dort die Wache hielten, schwenkte Kienfackeln, denen gleich, womit sich die
Dorftnzer auf den Bergen um die Flammen drehten; und jeder schleuderte mit
wildem Geschrei und Jauchzen die lodernden Brnde gegen die Rosse der
Belagerten. Die Rosse scheuten und stiegen, die Reiter selbst, entsetzt ber das
feurige Gefngnis, vermochten der wtenden Tiere nicht Herr zu werden, mehr als
einer wurde abgeworfen und lag chzend am Boden. In diesem Augenblicke brachen
die Shne Irmfrieds mit ihrer Schar wie ein Wettersturm durch die Flammen, im Nu
waren die Helfer des Grafen berrannt, gefangen und gebunden. Der Graf selbst
schlug tapfer mit dem Schwert um sich, aber durch eine mchtige Faust wurde er
am Nacken gepackt und von seinem Rosse geschwenkt, da er schwertlos auf den
Boden fiel. Ergebt Euch, Gerhard, rief Immo, gelobt, als mein Gefangener zu
folgen, damit ich Euch die Schmach der Weiden erspare. Betubt gelobte der
Graf.
    In wenig Augenblicken war das Werk getan, behend rannten die Thringe, die
flchtigen Rosse der Gebundenen einzufangen. Sie bndigten die Pferde an den
Lastwagen und zerwarfen das Holz des brennenden Walles, und nachdem sie sich auf
ein Zeichen Brunicos mit hellem Jubelruf um die Brder gesammelt hatten, brach
der ganze Zug mit den Wagen und den Gefangenen nach der Mhlburg auf.
    Lngs der Freudenfeuer, welche berall auf den Hgeln und um die Drfer
flammten, zogen die Sieger jauchzend und singend dahin. Es war tief in der
Nacht, als sie in die Burg kamen. Immo, der whrend der Fahrt sich von den
Brdern ferngehalten hatte, ritt jetzt zu ihnen, als sie im Hofe auf den Rossen
hielten, und sprach grend: Seid willkommen im Hause unserer Vter, nehmt
vorlieb mit karger Bewirtung, denn erst beim Licht der letzten Sonne ist der
Wirt aus der Fremde heimgekehrt. Gefllt es euch, so enden wir unseren Handel
mit den Gefangenen noch whrend der lustigen Nacht, wie er begonnen wurde.
    Du warst beim Sprung um die Scheite der Vortnzer, versetzte Odo lchelnd,
wir vertrauen, da du auch gegen die Gefangenen unser Recht wahren wirst.
    Im Hofe der Mhlburg wurde ein groes Feuer entzndet und herbeigeholt, was
der Vogt aus dem Keller zu liefern vermochte. Krftig tranken die Thringe, und
auch den Gefangenen, welche kummervoll auf den Stufen der Halle kauerten, wurden
die Kannen geschwenkt. In der Halle aber saen die Shne Irmfrieds mit ihren
Dienstmannen und die Landleute von der Nesse, unter ihnen mit gebeugtem Haupt
der waffenlose Graf. Da rief Immo ihm zu: Hebt den Becher, Graf Gerhard, und
trinkt trotz Eurer Not. Einst lag ich als Gefangener in Eurem Turm, da ludet Ihr
mich in Eure Halle und botet mir den Trunk an Eurem Tisch. Heut tue ich Euch mit
Freuden dasselbe zur Vergeltung.
    Ich lobe dich, Immo, antwortete der Graf trbe, da du in dieser Stunde
an den Wechsel des Glckes denkst, beide haben wir ihn seit jenem Abend in der
Halle erfahren. Vergi auch nicht, da dem Sieger eine Ehre ist, Ma zu halten
in allem, was er dem Gefangenen auflegt. Behandelt mich mit Billigkeit, ihr
edlen Herren, denn glaubt meiner Erfahrung, die ich mir zu meinem groen Kummer
erworben, wer allzuviel fr sich begehrt, fhlt zuletzt selbst den Schaden.
    Immo versetzte ernsthaft: Meine Brder und ich, wir sind Herren geworden
ber Euren Leib und Euer Leben, und wir vermgen Euch jetzt zu zwingen durch
Haft und Bande und zu schatzen an Habe und Gut, weil Ihr wider die Wahrheit und
wider eigenes Wissen das Ansehen und die Ehre unseres Geschlechtes mit
gehssigen Worten angefeindet habt. Dennoch sollt Ihr erkennen, da die Shne
Irmfrieds gegen einen bezwungenen Feind Billigkeit ben. Eure Zunge hat Euch in
Unfriede gebracht, Eure Zunge soll Euch auch den Frieden wieder gewinnen, wenn
Ihr sie weise gebraucht, solange die Thringe sich in dieser Nacht um die
Festfeuer schwingen.
    In dem Grafen erwachte eine frohe Hoffnung, und er rief: Sage mir, was ich
reden soll, damit ich mich aus der Not lse.
    Und Immo fuhr fort: Wollt Ihr Abbitte tun wegen aller krnkenden Worte und
wollt Ihr mit allen Euren Helfern schwren, nichts von dem, was in dieser Nacht
gegen Euch gesagt und getan worden ist, an uns oder einem unserer Helfer zu
rchen, sondern in Zukunft Frieden und guten Verkehr zu bewahren, so mgt Ihr
mit unseren Gefangenen, mit Waffen und Rossen, frei und ledig von hinnen reiten,
sobald der erste Sonnenstrahl unsere Dcher bescheint.
    Graf Gerhard sprang erfreut in die Hhe und rief: Wahrlich, Immo, manchen
Beweis deines guten Verstandes habe ich erhalten, aber diesen will ich dir
niemals vergessen. Ich bin bereit zu allem, was du von mir verlangst, zu Abbitte
und Gelbnis.
    Wohlan, gebot Immo, ladet jeden in die Halle, der jetzt im Hofe weilt,
zuletzt die Gefangenen. Und mit diesen werdet Ihr Euch barhaupt und stehend
demtigen.
    Ein Hornzeichen rief die Gste und das ganze Gesinde zusammen, und als alle
versammelt waren, fhrte Immo den jungen Gottfried auf den Ehrensitz, und zu
diesem sprach der Graf barhaupt die Abbitte: Alles, was ich gegen Ehre und
Ansehen deines Geschlechtes jemals gesagt und getan habe, das sei ungesagt und
ungetan, alle edlen Rechte erkenne ich ihm zu und auch den Vorsitz und Vortrunk.
Denn wisset, ihr Herren, wenn ich auch manchmal im rger anders sprach, immer
habe ich das Geschlecht Irmfrieds vor anderen hochgeschtzt. Und ich bin bereit,
nachdem ich Vergangenes abgebeten habe, alles Gute fr die Zukunft zu geloben,
nicht nur weil ich in Not bin, sondern auch weil ich merke, da dies in Wahrheit
meines Herzens Wunsch ist.
    Als der Graf dies nach Gebhr vollendet hatte und seine Worte durch die
anderen Gefangenen besttigt waren, wurde er mit ihnen in die kleine Kapelle vor
den Altar gefhrt, dort gelobten die Helden fr alle Zukunft, jedem
Rachegedanken zu entsagen. Darauf ward der Graf auf den Ehrensitz in der Halle
geleitet, und jetzt trat Gottfried vor und bot ihm den Friedensbecher. Gerhard
tat einen tiefen Trunk und seufzte, aber er wurde mild und froh, ja er lachte
ein wenig ber sein Unglck und sprach allerlei Vertrauliches zu Immo.
    Beim Aufgang der Sonne wurden die Rosse der Gste vorgefhrt, und Immo
geleitete den Grafen selbst in den Hof. Als dieser aufsteigen wollte, sah er die
beladenen Wagen, und mit einem sehnschtigen Blick sprach er zu Immo: Htte ich
diese in ehrlicher Fehde gewonnen, so wrde ich fortan meinen Met aus goldenem
Becher trinken.
    Da antwortete Immo: Eifrig habt Ihr darum geworben und als ein Held euer
Leben dafr gewagt. Wisset, Ihr habt gefochten wie der alte Hildebrand, um
wollene Decken, welche die Sachsen mit guter Kunst verfertigen, und zumeist um
den gesalzenen Seefisch, welchen die Leute den Hering nennen.
    Als die Entledigten abgezogen waren, dankte Immo mit freundlichen Worten die
Landleute ab, welche als freiwillige Helfer herangeritten waren. Da die
Gefangenen gegen den Gebrauch kein Lsegeld gezahlt haben und auf ihren Rossen
davonreiten, so nehmt dafr mit meinem Dank einen Teil der Waren aus dem
Sachsenland, welche ihr wiedergewonnen habt; nicht als Entgelt, sondern zur
Verehrung. Das waren die Nachbarn wohl zufrieden, und Immo gebot dem Brunico,
einen billigen Anteil auszuscheiden. Diesen luden sie vergngt auf einen Karren
und schieden mit Heilruf zu ihren Drfern.

                                 Die Entfhrung


In der Halle standen die Brder zum Aufbruch gerstet, als Immo ihnen
entgegentrat. Den groen Goldschatz der Ruber hat der fahrende Mann mir
angelogen, doch brachte ich reiche Beute und die Gastgeschenke der Sachsen heim;
nicht die Wasserrosse fhrten meinen Kampfgewinn der Mhlburg zu, sondern die
Packpferde, welche Brunico leitete. Fr euch, Shne Irmfrieds, sind die Ballen
geffnet, damit ihr daraus whlet, was jedem von euch gefllt, und ich bitte
euch, diese Gabe anzunehmen anstatt der Schatzung, die ich den Gefangenen
erlie, ohne euch zu fragen.
    Solches Angebot ist gebhrlich gegen Fremde, nicht gegen die Genossen des
eigenen Geschlechts, antwortete Odo finster, und Ortwin rief: Du tust uns weh,
wenn du uns Gold bietest, wo wir brderlichen Gru erwarten.
    Da flog helle Freude ber Immos gramvolles Angesicht. Wollt ihr freundlich
zu mir reden und brderlich gegen mich handeln, so wit, meine Brder, da mein
Herz sich viele Jahre nach eurer Liebe gesehnt hat. Schon im Kloster fhlte ich
traurig unter Fremden die Einsamkeit und dachte mich tglich heim in eure Mitte,
und auch jetzt unter den Gastfreunden vermochte ich nicht die frohen Spiele
ihrer Knaben zu sehen, ohne da sich mir das Herz in Gram zusammenzog. Denn wie
ein Ausgestoener lebte ich, weil mir eure Freundschaft fehlte. Begehrt ihr,
liebe Knaben, da ich euch brderlich begre, so springt heran wie einst, denn
die Arme des Bruders sind geffnet, euch zu empfangen.
    Ortwin warf sich um seinen Hals und kte ihn, und wie er taten die
jngeren, nur Odo stand zur Seite. Gottfried aber ergriff Immos Hand und legte
sie in die Hand des andern. Odo drckte sie und begann: Der Zorn ist
geschwunden mit dem grnen Laub dieses Sommers, beide wollen wir vertrauen, da
in dem neuen Lenz unter uns sieben sich die Treue bewhre. Und auf Gottfried
weisend, fuhr er fort: Du siehst, wir haben ihn gewappnet, und da du zu uns
zurckgekehrt bist, vermgen wir jetzt in Frieden das Erbe zu teilen. Vor einem
Jahre widerstand ich dir, als du das Recht des ltesten fordertest, fortan bin
ich gleich meinen Brdern bereit, dir zu folgen, wenn du uns fhrst.
    Aber Immo rief mit ausbrechender Leidenschaft: Leite du die Brder und
bewahre du die Ehre des Geschlechtes, denn ich kehre nicht zurck, um in Frieden
unter euch zu leben. Ein groes Leid berge ich in meinem Herzen, und mein Leben
mu ich wagen in wilder Tat, noch bevor die nchste Sonne aufgeht. Wisset, der
Tochter des feindlichen Mannes, den wir heute demtigten, habe ich heimlich mein
Leben gelobt, der Knig aber will sie schleiern, ob es ihr und dem Vater lieb
oder leid sei. Bevor sie morgen frh zu Erfurt die Klosterschwelle betritt, hole
ich sie auf die Mhlburg, was mir auch darum geschehe. Dem Zorn des Knigs
trotze ich, und dem Rechte des Landes widerstehe ich, um sie zu erwerben, denn
ohne sie ist mir mein Leben verhat.
    Die Brder sahen betroffen einander an. Zu frh habt ihr mich brderlich
begrt, ihr Shne Irmfrieds, fuhr Immo heftig fort, mich wundert nicht, wenn
ihr euch von mir abwendet wie von einem Kranken, dessen Berhrung Unheil bringt.
Meint auch nicht, da ich euch mahnen will an die Hand, die ihr mir jetzt
gereicht habt, und an den brderlichen Ku. Denn eure Hilfe bei der Tat fordere
ich nicht, den Raub wage ich wohl allein mit denen, die sich mir gelobt haben.
Euch aber sage ich vorher, was ich tun werde, damit ihr mir trstlich seid,
soweit ihr es vermgt, ohne euch zu verderben. Doch nein, liebe Brder,
unterbrach er sich selbst, aus Klugheit und Vorsicht htte ich's euch nimmer
bekannt, aber eure Freundlichkeit hat mir die Seele weich gemacht. Denn Sommer
und Winter habe ich die Last allein getragen. Selig macht der Gedanke an das
geliebte Weib, aber furchtbar qult die Angst, sie zu verlieren, und manche
Nacht habe ich in der Fremde auf meinem Lager die Faust geballt oder kindisch
geweint, wie mir jetzt geschieht. Er wandte sich ab, hielt die Hnde vor das
Antlitz, und sein starker Leib bebte im Krampf.
    Es war totenstill in der Halle. Endlich begann Odo: Wenn unsere Eltern
einen Rat hielten, der ihr Wohl und Wehe anging, so saen sie vertraulich
nebeneinander am Herdfeuer nieder. Fhre auch du uns zum Herde der Burg, an dem
unsere Vorfahren beraten haben, damit wir die Flamme aufznden. Dort erzhle du
uns von dem Weibe, welches dir lieb wurde, und wie alles gekommen ist bis heut,
damit wir es wissen, denn auch das ist ein Recht der Deinen.
    Da fhrte Immo die Brder ber den Hof zu dem Flur des Saales, worin der
Herd stand, er entzndete das Feuer und schlo die Tr. Die sieben Brder
lagerten am Herde, und Immo begann leise seinen Bericht, zuerst, wie Hildegard
unter den Buchen sein Geselle wurde, und wie er ganz pltzlich sich glckselig
fhlte, und darnach alles andere. Und er zeigte ihnen auch das Pergament mit den
Goldfden, welches alle betrachteten, whrend er es in seiner Hand hielt, bis er
es wieder im Gewande barg. Die stolzen Knaben Irmfrieds vernahmen vorgebeugt mit
leuchtenden Augen die Kunde, welche auch ihr Leben nahe anging, und Gottfried
sa zu den Fen des Bruders, hielt die Hnde ber dem Knie desselben gefaltet
und blickte ihm unverwandt in das bewegte Antlitz, whrend Odo zuweilen einen
neuen Span in das Feuer legte. Immo aber wurde froh, da er von Hildegard
erzhlen durfte, und lachte dabei treuherzig wie ein Kind. Er schilderte ihr
Aussehen und ihre Art, so da sie auch seinen Brdern gefiel, obwohl sie die
Tochter eines wunderlichen Mannes war.
    Als Immo geendet hatte und alle in warmer Teilnahme schwiegen, begann Odo
nachdenkend: Sage uns, welche Meinung hat Graf Gerhard zu dir?
    Du kennst ihn ja auch, versetzte Immo, da er hastig nach jedem Vorteil
zngelt und schmeichelnde Worte nicht spart; aber ich frchte, im Grunde seines
Herzens ist er mir abgeneigt, da er schon mit unserem Vater in Unfrieden lebte.
    Odo nickte. Klein ist der Funke, welcher ein groes Feuer entzndet, auch
uns bedroht die Flamme. Gegen dich stehen der Knig und der Erzbischof, das
Recht des Vaters und der Friede der Stadt, und es wird ein Kampf gegen groe
bermacht um Gut und Leben, fr ich und deine Helfer. Aber der Knig ist, wie
wir hren, auf dem Wege nach Italien, das Recht des Erzbischofs beginnt erst mit
dem nchsten Morgen, das Recht des Vaters werden wir alle ungern ehren, und
wegen des gebrochenen Stadtfriedens werden die Erfurter vielleicht mit sich
handeln lassen, zumal wir selbst einen Hof in ihren Mauern haben. Doch, wenn
auch all diese Hoffnung trgt, hartnckiger Wille eines Mannes vermag viel. Und
zuletzt hast du noch deine Brder. Denn ich denke nicht, da diese hier den
Bruder in der Not verlassen werden.
    Da sprangen die Jngeren alle in die Hhe, zuckten an den Schwertern und
riefen: Nimm den Schwur. Und Odo fuhr fort: Lfte dein Schwert, mein Bruder,
damit wir alle unsere Hnde zugleich darumwerfen. Whrend das Herdfeuer lodert
und das Dach unseres Hauses uns bedeckt, geloben wir, dir mit Leib und Leben,
Gut und Ehre zu helfen, damit du die Braut heimfhrst. Denn wir alle wissen, da
wir im Tode zu dir gehren, wie du zu uns.
    So schworen die Sieben sich zusammen und kten einander am Herdfeuer.
Danach setzten sie sich wieder zu geheimer Beratung.
    Eine Stunde darauf ritten die Brder den Mhlberg hinab, Immo mit Gottfried
nach der Stadt Erfurt, die anderen nach dem Herrenhofe. Immos Seele hob sich in
neuer Hoffnung, als der warme Frhlingswind um seine Wangen wehte, und als der
Bruder, welcher ihm am vertrautesten war, ihn immer wieder an der Hand fate und
durch seine vertraulichen Fragen lockte, von Hildegard zu reden. Sie ritten
durch das offene Tor in die groe Marktstadt, die der ganzen Landschaft fr ein
Wunder galt, obgleich sie in vielem einem ungeheuren Dorfe hnlich war. Denn
hlzern waren die Huser, neben den meisten ffnete sich ein Hoftor, durch
welches man auf die Dungsttte und die Stlle sah, die Gnse wateten durch den
Kot der Gassen, und das Borstenvieh lief schonungslos umher. Aber die Mauern und
Tortrme ragten gewaltig, von den groen Kirchen und Kapellen luteten fast den
ganzen Tag die Glocken, auf den Marktbnken der freien Pltze war eine
unendliche Flle begehrenswerter Sachen zum Verkauf gestellt, und wer selten
nach der Stadt kam, der wurde nicht mde, nach der Heimkehr von dem Unerhrten
zu erzhlen.
    Diesmal achteten die Helden wenig auf die Waren und wenig auf die
stattlichen Mnner und Frauen, welche in den Gassen ihren Geschften nachgingen,
sie stiegen in dem Hofe ab, der dem Geschlecht seit alter Zeit gehrte, und
eilten zu Fu nach dem Hause des Goldschmieds.
    Der Hof Herimans war leicht kenntlich durch das groe Wohnhaus, welches sich
neben dem verschlossenen Hoftor erhob. Denn ein Stockwerk ragte ber dem Flur
vorspringend in die Strae und trug noch einen Giebel mit mehreren Bodenrumen.
Schon auf der Strae vernahm man Hammerschlge; als Immo das Gatter ffnete,
welches bei Tage den unteren Teil der Trffnung verschlo, fand er im Hausflur
einen schlanken Knaben im Schurzfell, der mit Raspel und Feile an einem
Metallgert arbeitete. Auf die Frage nach dem Herrn fhrte der Knabe eine kleine
Treppe hinauf in den hinteren Teil des Hauses, wo die Werkstatt des Goldschmieds
sich nach dem Hofe ffnete. Heriman sa mit seinem Knappen ber der Arbeit, im
Takte schlugen die kleinen Hmmer, um glnzendes Silberblech zu runden. Als er
die beiden Krieger im Kettenhemd erkannte, sprang er auf, warf den Hammer in
eine Ecke, fuhr sich heftig durch die wallenden Haare, und ber sein mannhaftes
Gesicht flog ein Schatten von Besorgnis. Aber er bot mit ehrlichem Gru seinen
Gsten die Hand und geleitete sie aus der Werkstatt nach dem oberen Stockwerk.
Durch die Lichtffnungen der verschlossenen Lden fielen die Sonnenstrahlen in
ein groes Zimmer, auf viele Truhen und Schrnke und auf die schmale Bettstelle,
in welcher Heriman selbst als Wchter seiner Waren zu ruhen pflegte. Whrend
Gottfried sich neugierig nach dem Silber- und Goldgert umsah, welches der
reiche Goldschmied in seinem Hause verwahrte, stie Heriman einen Laden auf,
doch so, da das Innere des Zimmers den Nachbarn gegenber verborgen blieb, und
rief: Bei Tageslicht will ich mit Euch verhandeln, obwohl es ein nchtliches
Werk ist, an welches Ihr denkt. Er holte tief Atem und fuhr sich wieder durch
das Haar. Bevor Ihr mir's sagt, wei ich, weshalb Ihr im Kriegskleide kommt,
denn durch meine Base Kunitrud erfuhr ich, da heute abend ein Gast in der Stadt
einzieht, um den Ihr Sommer und Winter gesorgt habt.
    Sie darf die Schwelle des Klosters nicht berschreiten; und ich will es
hindern oder meinen Leib in euren Mauern zurcklassen.
    Heriman setzte sich auf einen Schemel und neigte betubt das Haupt. Aber
gleich darauf erhob er sich. Ihr fordert, da ich heut meine Schuld bezahle?
Ihr sollt Euch in mir nicht geirrt haben, was mir auch darum geschehe. Doch
bevor ich Euch meinen guten Willen erweise, frage ich: Ist es ntig, da Ihr im
Frieden der Stadt wagt, was Ihr tun wollt?
    Sie kommt mit reisigem Gefolge ihres Vaters und des Erzbischofs. Ganz
unsicher wre das Gelingen bei einem Speerkampf auf offener Heide.
    Dann also mu es hier sein. Sie rastet heut nacht im Hessenhofe, wo ihr
Vater immer einliegt, ein Reisiger hat die Ankunft gemeldet. Morgen reitet der
groe Erzbischof in unsere Stadt, er selbst soll sie nach dem Willen des Knigs
den frommen Mttern zufhren. Noch andere Neuigkeit wei ich: morgen frh wird
die Heerfahne des Knigs auf seiner Burg ausgesteckt, und die Boten werden durch
das Land rennen, den groen Kriegszug nach dem Land Italien anzusagen. Denn der
Knig will sich dort die Lombardenkrone holen. Das geht euch an wie uns alle.
    Dieser Abend aber gehrt noch mir, versetzte Immo finster.
    Die Burgmannen sind in Bewegung wegen der Kriegsreise, heut abend werden
die Straen und Schenken gefllt sein. Das mag Euch frommen oder auch hindern.
Wollt Ihr Eure Hand um die goldene Spindel legen, die Euch im fremden Hause
gehrt, so mt Ihr sie nicht nur aus dem Hause holen, auch sicher aus Tor und
Mauer schaffen. Die Erfurter aber halten an ihren Toren gute Wache und fordern
Zoll von jeder Ware, die aus- und eingeht.
    Kannst du mir helfen, was mein ist, aus dem Hause zu schaffen, so trage
ich's mit meinen Schwurgenossen unter den Schilden durch das Tor.
    Heriman schttelte den Kopf. Kommt Ihr mit einem Haufen, so findet Ihr hier
einen greren, und bringt Ihr ein ganzes Heer, so werfen Euch meine Mitbrger
Speer und Axt, den Sturmgesang vom Turme und ihre Lrmhrner entgegen.
    Nicht mit einem Heerhaufen gedenke ich auszubrechen. Nur sieben haben ihr
Leben fr die Tat gelobt, und zwei davon stehen vor dir.
    Und Ihr wollt, da ich der achte sei? fragte Heriman, reicht das Kreuz
Eures Schwertes, ich bin bereit.
    Immo zog das Schwert und hielt den Griff in die Hhe, Heriman murmelte sein
Notgebet, dann legte er die Schwurfinger auf das Kreuz und sprach die Worte,
durch die er sich Immo gelobte. Seine Unsicherheit war geschwunden, er warf das
Schurzfell von sich, holte Mantel und Mtze vom Haken, grtete sein Schwert um
und begann: Vertauscht auch Ihr den Eisenhut mit dieser Mtze, ich hoffe, sie
soll Euch passen, und schlagt den Mantel zusammen, damit Ihr den Nachbarn
weniger auffallt. Euch aber, junger Held, ersuche ich, die Helmkappe des Bruders
in der Herberge zu bewahren, whrend wir beide durch die Straen gehen, denn
zwei Wlfe sind nur ein Paar, aber drei eine Rotte. Ich geleite Euch zu dem
Hofe, in welchem die Jungfrau heut nacht rastet, damit Ihr die Gelegenheit
selbst erkennt, denn lichtlos wird am Abend Hausflur und Treppe sein; seht
scharf um Euch und achtet auch auf Kleines.
    Sie verlieen das Haus. Mit Mhe hemmte Immo in den Gassen seinen Schritt zu
dem langsamen Gange, in welchem sich Heriman, seiner Wrde gedenkend, bewegte.
Dies ist der Hessenhof, murmelte Heriman, der Wirt ist ein Mann des
Erzbischofs, aber ein redlicher Nachbar. Immos Blick achtete forschend auf die
Umgebung und auf das Haus, welches dem des Goldschmieds hnlich, nur kleiner
war, und auf das Hoftor, durch welches man die Hintergebude und Stlle sah. Sie
traten in den Flur, stiegen unaufgehalten die Treppe hinan, fanden die Tr eines
Zimmers offen und darin eine krftige Frau, welche mit dem Besen umherfegte und
den Heriman vertraulich grte. Dies ist Base Kunitrud, die Witwe eines
wackeren Burgmanns, sie ist dem Wirt dieses Hofes befreundet und steht seinem
Haushalt vor. Dir aber, Base, fhre ich den edlen Helden Immo zu, weil er deinem
guten Gemt vertraut, das ich ihm gerhmt habe, und einen Dienst von dir
begehrt.
    Auch wir in Burg Erfurt haben von Held Immo mancherlei vernommen,
antwortete Kunitrud geschmeichelt, und ich gedenke vor allem der Guttat, die
Ihr diesem hier erwiesen habt.
    Um dir alles zu sagen, Base, fuhr Heriman auf einen bittenden Blick Immos
fort, der Held trauert, wie du ihm leicht ansiehst, darber, da das Grafenkind
geschleiert werden soll. Denn er hat sie im Hause ihres Vaters und auch sonst
liebgehabt, wie die Art junger Leute ist; und darum mchte er ihr durch deinen
Mund noch einen Gru sagen, bevor sie bei den frommen Schwestern eingeschlossen
wird.
    Kunitruds Augen glnzten von Neugier und Teilnahme. Verliert nur nicht den
Mut, edler Herr, ich habe mehr als eine Nonne gekannt, welche vom Erzbischof
Urlaub erhielt und als ehrliche Hausfrau lebte mit Kindern, so drall wie die
pfel. Denn in dem Erdgarten ist alles mglich, wenn man's nur erlebt.
    Whrend ihr Immo fr die Teilnahme zu danken suchte, fuhren seine Augen
rastlos um die offene Tr, das Trschlo und die Treppe. Beim Herabsteigen
mahnte Heriman leise: Achtet auf die ausgetretene Stufe, ein falscher Schritt
mag den Erfolg verderben. Und jetzt schnell vom Hause weg und in gerader
Richtung dem Tore zu, durch das Ihr entrinnen sollt. Einreiten mt Ihr bei
Tage, solange das Tor geffnet ist. Eure Brder sind hier wohlbekannt, und ihre
Ankunft wird in der Aufregung des Tages niemand auffallen. Mit Sonnenuntergang
wird das Tor gesperrt und den Ausreitenden geffnet; wenn die Nacht so weit
heraufgestiegen ist, da die Brgerglocke zum zweitenmal lutet und die Schenken
geschlossen werden, dann wird auch die Brcke gehoben, und von da vermgt Ihr
nur mit Heeresmacht hinauszureiten. Ihr mt also die Tat zwischen
Sonnenuntergang und dem zweiten Glockenklang vollbringen. Ich sende, wenn die
rechte Zeit gekommen ist, meinen Knappen nach Eurem Hofe, ich selbst warte Eurer
in der Nhe des Hessen. Und noch eins habe ich auf dem Wege bedacht, fuhr
Heriman fort, gelingt es Euch nicht, zum Tor hinauszuschlpfen, so mt Ihr die
Hlse wagen auf einem anderen Wege, den schwerlich jemand ohne Not whlt. Ein
Stck der Stadtmauer ist verfallen, gerade jetzt bessern sie an dem Schaden, die
Stelle ist nicht auf Eurem Wege, sondern nordwrts und nahe der Knigsburg.
Dennoch sollt Ihr sie beschauen, ob sie in der Not Euch Rettung gewhrt. Er
fhrte vom Tore lngs der Mauer zu einem wsten Platz, unter Schutthaufen.
    Die Trmmer der eingestrzten Mauerwand ragten aus dem Grabenwasser, und die
Arbeiter hatten Bretter darbergelegt, auch an der Bschung der Auenseite sah
man den Fusteig, durch welchen sie aus und ein liefen.
    Lacht der Mond freundlich, so ist der Angstpfad wohl zu durchreiten,
entschied Immo. Jetzt weiche von mir, Heriman, damit du dich nicht ohne Not
gefhrdest, denn deine Burgmannen werden bald mit Argwohn meiner gedenken. Nach
kurzem Gru entfernte sich der Goldschmied, Immo eilte in die Herberge und
sprengte gleich darauf mit dem Bruder aus dem Tor.
    Eine gute Wegstunde von Erfurt lag unweit dem Grenzwall, welcher die Gter
des Geschlechtes von der Stadtflur schied, ein Hgel, der, mit Eichen bewachsen,
auf seinem Gipfel ein altes Blockhaus trug, in welchem die Jger und Hirten zu
rasten pflegten. Im Sommer war die kleine Lichtung von dichtem Schatten umhllt,
auch jetzt bot das Geflecht der ste und Zweige ein sicheres Versteck. Zu dieser
verborgenen Stelle hatte Immo die Brder und die Getreuen von der Mhlburg
geladen, wenn die Sonne die Mittaghhe erreichen wrde. Er fand bei seiner
Ankunft Brunico mit den Waffen und frischen Rossen, und den Vogt der Mhlburg,
welcher die letzten Befehle des Herrn empfangen sollte. Als Immo absprang und
seinem Bruder Gottfried zunickte, erkannte er in dem erblichenen Antlitz des
Jnglings die Erschpfung, er hob ihn in seinen Armen vom Pferde und streichelte
ihm die Wangen. Zwei Tage und eine schlaflose Nacht im Eisenhemd waren fr
meinen Liebling zuviel, noch hast du Zeit, ein wenig zu ruhen, damit dir am
Abende nicht die Kraft versagt. Und mit freundlichem Zureden ntigte er den
Widerstrebenden auf ein Lager von Waldheu, das er im Blockhaus breitete, er
rckte ihm das Haupt zurecht und deckte ihn mit dem Wollmantel. Dann trat er ins
Freie und blickte unverwandt nach dem Wege, der vom Herrenhofe herzulief.
    Die Brder stoben in ihrer Rstung heran; als sie den Bruder auf der Hhe
erkannten, wirbelten die jngeren lustig die Speere. Odo fhrte sein Ro zu Immo
und bot diesem den Zgel. Nimm heut den Sachsen zurck, sagte er, denn die
Braut, welche wir einholen, soll von diesem Tiere getragen werden, welches der
Stolz des Hofes war. Die weie Farbe ist gedeckt, damit es im Dunkeln nicht
jedermann erkennbar schimmere. Da schlang Immo den Arm um den Hals des Bruders
und antwortete: Die Gabe nehme ich nicht, edler Odo, denn grere Gunst fordere
ich von dir selbst. Nicht meine Arme drfen die Braut, um welche wir reiten, aus
der Stadt tragen, sondern du selbst sollst es tun. Mir gebhrt die Abwehr, der
Kampf und die Nachhut auf der Flucht. Dir aber bergebe ich die Geliebte, da du
nur um sie sorgst und sie rettest, was uns anderen auch geschehe. Da nickte
Odo: Es sei, wie du willst.
    Schweigend standen die Mnner und schauten zuweilen durch die Baumste nach
dem Stand der Sonne. Endlich hob Immo den Arm nach dem Himmel, da neigten alle
die Hupter und flehten leise zu den hohen Engeln um Rettung aus der Not, in
welche sie ritten, dann traten sie an die Rosse. Wo bleibt Gottfried? fragte
Odo.
    Immo sprang in das Blockhaus. Der Bruder lag in festem Schlummer, er hielt
die Hnde gefaltet und lchelte. Als Immo das Kind so im Frieden liegen sah,
wurde ihm pltzlich das Herz weich, er trat leise zurck, und zu den Brdern
kehrend, sprach er: Er liegt in sem Schlafe, ich traue mich nicht, ihn zu
wecken.
    Bleibt er zurck, so wird er uns immerdar zrnen, versetzte Odo und wollte
hinein, aber Immo hemmte ihn und sprach: Denket daran, Schwurgenossen, da
unsere Mutter einen Sohn behalte, und dem Dienstmann Berthold die Hand zum
Abschiede reichend, bat er: Wenn er erwacht, so sage ihm, da wir einen von uns
gewhlt haben, fr unsere Mutter zu sorgen, und der eine sei er. Wieder hob er
den Arm zur Sonne, und die Helden sprengten den Berg hinab, der groen Stadt zu.
    Im Walde vor Erfurt teilte sich die Schar, denn nicht zu gleicher Zeit und
zu einem Tor wollten sie einreiten. Die fnf Brder zogen auf dem nchsten Wege
durch dasselbe Tor, zu welchem sie die Geraubte hinausfhren muten, Immo aber
mit Brunico betrat die Stadt durch das Tor im Osten. In der Herberge trafen alle
zusammen, sie fanden viel Volk in den Straen und in den Schenken, auch
Bewaffnete aus der Umgegend klirrten einher. Die Brder aber gingen einzeln und
zu zweien durch die Menge und betrachteten die Gassen, durch welche sie reiten,
und die Ecken, an denen sie sich aufstellen sollten.
    Die Sonne sank, in den Straen wurde es dunkel, die Gassen leerten sich,
doch aus den Husern glnzten die Herdfeuer, und aus den Schenken klang der Lrm
lustiger Zecher. Die Brder standen im Hofe ihrer Herberge bei den gesattelten
Rossen, sie wechselten gleichgltige Worte, aber in der langen Erwartung
hmmerte ihnen das Herz in der Brust. Und wenn ein Laden oder die Flurtr
geffnet wurde, so kam ihnen bei dem matten Lichtschein vor, als ob sie alle
bleich wren wie Leblose. Da fuhr eine dunkle Gestalt von der Gasse in den Hof,
und der Knappe des Goldschmieds flsterte Immo zu: Der am Idisbach lag, grt
Euch und lt Euch sagen, es sei an der Zeit. Der Graf und sein Gefolge sind
beim Vogt des Erzbischofs zum Nachtmahle. Gleich darauf ritten die Brder
langsam aus dem Hofe, voran Immo neben dem Boten, nach ihm Odo und Brunico, die
anderen Brder folgten ganz allmhlich zu zweien.
    Vor dem Hessenhofe war die Strae leer, aus dem Hofraum aber vernahm man
Stimmen und das Stampfen der eingestallten Pferde.
    An dem Kellerhals des Nachbarhauses tauchte ein Schatten auf und glitt neben
Immo bis nahe zu der Haustr. Den Zgel des Rosses ergreifend, mahnte Heriman
mit heiserer Stimme: Steigt ab.
    Immo sprang in das Haus; langsam ritt Odo bis dicht vor die Haustr. Das
Zeichen der Nachtglocke klang gellend vom Turme, in den Hfen rhrte sich's und
vom Markte her vernahm man den schweren Tritt und das Klirren Bewaffneter. Er
ist verloren, sthnte Heriman. Da sprang Immo ber die Schwelle, eine verhllte
Gestalt im Arme, er schwang sie dem Bruder auf das Ro, und der Sachsenhengst
fuhr in gestrecktem Lauf die Gasse entlang, dem Tore zu. Als Odo um die Ecke
bog, war er nicht mehr allein, denn hinter ihm ritten Adalmar und Arnfried, und
als sie dem Tor nahten, fanden sie Ortwin und Erwin schon in Verhandlung mit den
Torwchtern, welchen Ortwin zurief: Frisch, ihr guten Mnner, beeilt euch
aufzusperren, wir reiten zum Ehrentanze fr eine Braut. Odo hielt im Dunkeln,
er hrte das Knarren der Torflgel und mahnte zurck: Schliet dicht an. Dann
sprengte er hinter die vorderen Brder, und die Schar ritt eilig durch das Tor
auf die Brcke. Haltet, halt! Was tragt ihr hinaus? schrie der Wchter, aber
der Ruf verklang hinter den Flchtigen. Sie stoben gerettet unter dem
Nachthimmel dahin und sahen rckwrts nach dem Bruder aus.
    Als Immo vor dem Sachsenhofe nach seinem Rosse sprang, schrie aus dem
Oberstock eine helle Frauenstimme: Raub, Zeter und Waffen. Die Scharwchter
strmten heran, aus dem Hoftor drangen die Knechte, auch diese riefen Feuer und
Rache. Im Nu erhoben sich wilder Tumult und Waffengeklirr. Gegen Immo, der mit
Mhe sein Ro gewonnen hatte, warfen sich die Scharwchter, er wehrte den Fhrer
mit dem Speer ab, und als der Mann strzte und die Genossen sich um ihn
sammelten, ri Brunico das Pferd seines Herrn am Zgel und schrie: Fort, die
Bahn ist offen. Aber indem Immo sich wandte, klang in seinem Rcken aufs neue
Geschrei und Schwertschlag, und die Stimme Herimans rief flehend: Verlat nicht
Euren Helfer, der fr Euch das Schwert hob. Da merkte Immo, da die Stunde
gekommen war, in welcher eine Lehre des Mnches Gehorsam forderte und da dieser
Gehorsam ihn von Freiheit und Glck schied. Aber seiner Ehre gedenkend, rief er
entgegen: Des Rosses letzter Sprung sei fr dich, und er warf sich zurck in
den wtenden Haufen, stach und schlug, bis er den Heriman herausgehauen hatte
und dieser hinter dem Ro in der Dunkelheit verschwand. Jetzt wandte sich Immo
aufs neue zur Flucht und stob mit Brunico dem Tore zu. Aber die Stadt war
geweckt, hinter ihnen strmten mit lautem Hallo die Verfolger, aus aufgerissenen
Fensterlden fiel hier und da ein Lichtschein auf die Flchtigen, die Trinker
sprangen mit gezckter Waffe aus den Schenken und warfen sich ihnen entgegen.
    Als sie das Tor vor sich sahen, erscholl auch von dort Alarmruf und
Kampfgeschrei Bewaffneter, welche auf sie zurannten. Da fuhr Brunico in der
Bedrngnis zur Seite, in eine enge Gasse der gebrochenen Mauer zu, Immo folgte.
Der grte Teil der Verfolger lief nach dem nchsten Tor, um die Flchtigen dort
abzuschneiden, die Gehetzten gelangten bis zu den Mauertrmmern. Dort hielt
Brunico. Voran, befahl Immo. Keuchend klomm das Ro des Mannes hinab, dieser
gelangte glcklich ber den Bretterstieg, indem er unterwegs brummte: Nicht
umsonst habe ich dich zum Feierabend zurechtgelegt, und fuhr auf der anderen
Seite in die Hhe. Ihm folgte Immo. Er sah sich auf der wsten Sttte um, noch
waren die Verfolger zurck, aber sein verwundetes Ro hinkte; als er es
hinabtrieb, brach es an dem Trmmerhaufen, welcher aus dem Wasser ragte,
zusammen, warf den Reiter hart gegen die Steine und glitt in das Wasser, in dem
es angstvoll sthnte und um sich schlug. Immo erhob sich, betubt vom Fall, er
merkte jetzt, da er selbst hart verwundet war; mhsam wankte er auf den Steg
und wand sich an der anderen Seite des Grabenrandes empor. Dort blieb er liegen.
    Fnf Jahre habe ich dich gezogen, klagte Brunico zu seinem Hengst, und
jetzt rinnt dir's hei von der Hfte, und du ziehst auf dem Wege eine Spur
gleich dem verendenden Wild. Einem ruhmlosen Tlpel gehrte der Speer, welcher
auf das Ro zielte statt auf den Reiter. Hinter sich vernahm er einen leisen
Ruf, er sprengte zurck. Unweit des Grabens lag ein Mann am Boden, Brunico
sprang ab. Der Schildarm ist getroffen, seufzte Immo, und er hngt nach dem
Sturz machtlos in der Achsel.
    Ein wunder Mann und ein wundes Pferd sind einander jmmerliche Gesellen,
rief Brunico. Dennoch helfe ich dir auf mein Tier, mich birgt die Nacht und der
nchste Graben. Er hob den Wunden mit starker Anstrengung auf sein Ro, aber
Immo schwankte wie betubt. Halt aus, Brauner, bis zum nchsten Wald,
ermunterte Brunico, dort lade ich ihn auf meinen Rcken. Er schwang sich
hinter dem Verwundeten auf, die Hinterbeine des Pferdes knickten unter der Last,
Brunico trieb es mit den Sporen dem Saum des Gehlzes zu, welches in der
Dunkelheit schwarz vor ihnen lag.
    Die Hunde werden im nchsten Augenblick hinter uns sein, brummte der
Knappe, nach rckwrts sphend, und unsere Kunst geht zu Ende. Er sprang
wieder ab.
    Birg mich seitwrts vom Wege und rette dich, vielleicht vermagst du Hilfe
zu bringen, mahnte Immo.
    Der Mond scheint ber kahles Land, sie finden dich, bevor ich ein Pferd
schaffe.
    Vor ihnen knarrte ein Karren und knallte eine Peitsche. Der Wagen fhrt auf
unsere Drfer zu, rief Brunico erfreut, ich meine, es ist ein Nachbar, der
sich in der Stadt versptet hat. Er rief den Wagen an und fhrte das Pferd zu
ihm hin. He, Landgeno, kennst du den Freien Balderich im Dorfe vor uns?
    Vielleicht kenne ich ihn, versetzte der Mann, mit der Peitsche knallend.
    Willst du helfen, einen Verwundeten heimlich nach seinem Hofe zu schaffen,
so soll dir ein guter Lohn werden.
    Es kommt darauf an, wer der Wunde ist, versetzte der Mann auf dem Karren.
Als aber Brunico ihm nher kam, wandte er sich heftig ab. Dies Gesicht kenn
ich, ich sah dich unter den Disteln, verflucht sei die Hand, die sich dir zur
Hilfe rhrt. Brunico zog sein Schwert.
    La den Mann in Frieden, befahl Immo, aber er selbst glitt kraftlos vom
Ro in die Arme des Getreuen. Der Fuhrmann beugte sich ber ihn. Halt, rief
er, auch diese Stimme erkenne ich. Kann Euch mein Wagen helfen, Herr, so hebe
ich Euch herauf. Es sind dieselben Rder, die Ihr in meiner Not aus dem Wasser
hobt.
    Immo nickte schwach mit dem Haupt. Ladet mich auf. Die beiden Mnner hoben
ihn auf den Wagen, der Fuhrmann Hunold breitete eine Decke und rckte die
Strohbndel. Euch schaffe ich in das Dorf, der andere mge sich fernhalten von
meinem Messer.
    Immo streckte die Hand ber das Wagengeflecht. Fort mit dir, Gespiele. Der
Knappe warf sich mit einem Seufzer auf das Pferd und trabte dem Holze zu,
whrend der Fuhrmann ihm zornig nachsah.
    Hinter dem Wagen klang schneller Hufschlag, Hunold sah sich um und zog die
Decke ber den Liegenden. Bewaffnete sprengten heran und fragten barsch nach
Namen und Fahrt. Auf die Antwort des Fhrers, da er ein Mann des groen
Bischofs sei, klang die Gegenfrage, ob er Reiter gesehen habe.
    Sicher sah ich sie, kaum ein Viertel Weges zurck am Kreuze, zwei Mnner
auf einem Pferde, und er wies rachschtig dorthin, wo Brunico in der Dunkelheit
verschwunden war. Ihr mgt die Spur erkennen, denn sie liegt rot auf dem Wege.
Sie sind es, riefen die Reiter und stoben zurck bis zum Kreuzwege.
    Aber sie erreichten weder Ro noch Reiter. Denn Brunico war, als er sich in
der Dunkelheit allein sah, vom Hengst gesprungen und hatte das zitternde Tier
mit einem Schlage vorwrtsgetrieben. Hilf dir allein, wenn du kannst, ich
denke, den Weg nach deinem alten Stall kennst du. Ich laufe dem Karren nach
Balderichs Hofe vor, damit der Alte und mein Mdchen ber das Brautgeschenk, das
ich ihnen sende, nicht allzusehr erschrecken.

                            Die Mutter auf der Burg


Von den Mauern der Mhlburg sphten Immos Brder die ganze Nacht sorgenvoll nach
der Tiefe, immer wieder erwogen sie, ob er gettet sei, ob er in Erfurt
gefangenliege, oder ob er sich auf einem Umweg in die Berge schlagen und zu
ihnen kehren werde. Jedes Rauschen im Holz, jede Tierstimme im Walde dnkte
ihnen ein Zeichen des Nahenden. Als der Morgen graute, sandten sie Lufer in die
Drfer, welche ihnen gehrten, und forderten heimlichen Zuzug ihrer
Dienstmannen, und zwei von ihnen warfen sich mit den Knechten in das Gehlz, wo
ein gedeckter Anritt zu den Bergen mglich war. Aber friedlich lag die
Landschaft, auch von dem Turm des vorderen Berges, der am weitesten die Ebene
nach Erfurt berschaute, vermochten sie nichts zu erkennen, nur einzelne Reiter
sahen sie hier und da auf den Feldwegen, und ihre sphenden Knaben verkndeten,
da es Reisige des Erzbischofs waren, welche vorsichtig bei den Bauern nach der
flchtigen Schar forschten, aber den Rand des Gehlzes vermieden. Als die Sonne
im Mittag stand, rief Ortwin: Nicht lnger vermag ich die Unsicherheit zu
ertragen, es bringt uns wenig Ehre, hinter den Mauern zu harren, whrend der
Bruder in Not ist; ich sattle und reite nach dem Hofe der Mutter und weiter der
Stadt zu, damit ich Bericht einhole, sei er bse oder gut.
    Ich widerrate, versetzte Odo, da du der Mutter unter die Augen trittst,
denn besser ist es, da sie vllig keinen Teil habe an unserem Handel und fortan
ebensowenig der Jngling Gottfried, so wollte es auch unser Bruder Immo. Der
Jungfrau aber hier auf dem Berge dient die alte Gertrud, welche die Mutter auf
meine Bitte gestern dem Bruder gesandt hat. Auch deinen Ausritt vermag ich nicht
zu loben, leicht knnten wir noch dich verlieren; besser gefllt mir, da wir
den Mller Ruodhard schicken, er versteht die Leute auszufragen und hat berall
eher Frieden als ein anderer.
    Der Rat gefiel den Brdern, und Ruodhard stieg eilig von dem Berge. Auf dem
Herrenhofe fand er alles in Schrecken und Verwirrung, Frau Edith hielt das Tor
geschlossen, nur ber dem Grabenrand konnte er mit den Knechten verhandeln.
Niemand dort wute etwas von Immo und seinem Knappen. Dann lief er bis Erfurt.
Alle Schenken waren gefllt, und jedermann sprach von dem Raube, aber die Leute
stritten, wer der Ruber sein mge, und von Immo vernahm er vllig nichts, und
er meinte, da dieser schwerlich in Haft liegen knne, weil die Reisigen noch
auf der Jagd wren.
    Da beschlossen die Brder, still zu harren, aber sie fragten unsicher, wie
lange sie die Jungfrau bewahren sollten, wenn ein Landgeschrei erhoben wrde und
wenn gar die Mutter die Entlassung forderte.
    Wieder am nchsten Morgen hielten zwei der Brder auf dem Wartturm die
Wache, da lachte Ortwin: Den Kranich Ludiger hrte ich schreien, wie lief der
Vogel aus unserem Hofe ber das Land? und als er hinabsah, erkannte er, da an
der Auenseite des Grabens mitten auf dem Wege etwas Fremdes lag. Er lie das
Tor aufsperren, die Brcke werfen, eilte hinab und hob vorsichtig den Fund in
die Hhe, dann sprang er abwrts bis an das Gehlz, aber er vernahm nur noch ein
Rasseln der Zweige, als ob jemand schnell hinabgleite, und versuchte vergebens
den Springer zu erkennen. Er flog zurck, rief in den Hof: Eine Botschaft
bringe ich, was sie bedeute, mgt ihr selbst erkennen, und hielt ein kleines
dichtumwundenes Bndel in die Hhe. Das Gebinde ging von Hand zu Hand, und Odo
sprach: Sicherlich ist es ein Zeichen, ruft die alte Gertrud, denn sie versteht
alles Geheime besser zu deuten als wir anderen. Gertrud betrachtete mit
scharfen Augen das fremde Stck, sie setzte sich nieder, murmelte
Unverstndliches darber, lste behutsam das Band und dachte nach. Endlich hob
sie die Hand und rief: Ich verstehe den Gru, Gnstiges kndet er dem Hause;
denn da der Kranich rief, meldet euch, da die Botschaft von einem Sohne des
Hofes kommt; blau ist das Band, welches das Zeichen umschliet, und mit blauer
Farbe malt ihr Helden eure Schilde, in der Schlinge liegen fnf Pfeile um ein
Haselreis, und eurer sind fnf, und das Reis in der Mitte meint die Jungfrau.
Der dies gesandt hat, will, da ihr mit euren Waffen die Jungfrau umringt wie
die Pfeile das Reis. Das Reis ist noch ganz frisch, darum ist, der es sandte,
nicht weit entfernt. Da rief Odo: Geendet ist der Zweifel. Er lebt, und er
denkt seine Beute zu bewahren, er soll erkennen, da auch wir nach seinem Willen
tun; wir halten die Jungfrau, und wir halten die Burg gegen jedermann; denn hoch
ist der Berg und fest die Mauer, und viele Helmkappen mgen daran zerschellen,
wenn die Grafen aus der Ebene sich gegen uns erheben.
    Der flchtige Bote war ein junger Sohn des Bauern Balderich, in dessen Hofe
Immo verborgen lag. Ungeduldig forderte der Verwundete, da Brunico ihn nach der
Mhlburg schaffe; sein verrenkter Arm war ihm eingerichtet, aber der Schmerz und
Blutverlust einer tiefen Armwunde hinderten, das Ro zu besteigen, und Brunico
merkte, da die Wege auch in der Nacht von Reisigen umlauert waren. Da dachte
Immo, da der Balsam, welchen die Mutter bewahrte, ihm schnelle Heilung schaffen
knnte, und er mahnte seinen Knappen, das Heilmittel mit Gottfrieds Hilfe zu
gewinnen. Deshalb lief der Knabe von der Mhlburg nach dem Herrenhofe, um die
Arznei, welche Brunico selbst nicht zu holen wagte, vertraulich zu erbitten.
    Dem Knaben gelang es, in den Hof zu schlpfen und den Herrensohn heimlich zu
gren. Als Gottfried in den Saal trat, fand er seine Mutter in Unterredung mit
einem Mnch des heiligen Wigbert, den er nicht kannte; es war eine dstere
breitschulterige Gestalt, mehr einem Kriegsmann als einem Mnch zu vergleichen.
Und er vernahm, wie die Mutter zu dem Fremden sprach: Ich wute lngst, da die
Geweihten auch die hohe Pflicht ben, ihren Feinden zu vergeben und fr sie zum
Himmelsherrn zu bitten, aber da Ihr, ehrwrdiger Vater, gegen den mein armer
Sohn am rgsten gefrevelt hat, so treu der hohen Lehre anhngt und ihm jetzt
Eure Frbitte zuteil werden lat, das nimmt schwere Sorge von meinem Herzen.
    Gottfried winkte die Mutter zur Seite und sagte ihr heimlich: Gib mir den
Balsam der Kaiserin fr einen Verwundeten, aber frage nicht, wer er ist.
    Edith sah ihn mit groen Augen an, dann eilte sie in ihre Kammer, ri die
Bchse aus der Truhe, trug sie in den Saal und hielt sie dem Mnch hin, indem
sie sprach: Segnet die Arznei, ehrwrdiger Vater, denn vor jedem anderen Gebet
mag das Eure dem Unglcklichen frommen, der sich dies begehrt.
    Der Mnch neigte sich darber und segnete, Gottfried sprang hinaus und
bergab dem Knaben die Bchse. Der Wigbertmnch aber sah mit finsterem Blick dem
enteilenden Knaben nach.
    Am nchsten Tage rief Ortwin von dem Turme in den Hof: An das Tor, ihr
Genossen, Staub wirbelt auf der Strae, einen riesigen Zug sehe ich mit Wagen
und Herdenvieh, und Eisen blinkt ber den Rossen. Die Brder sprangen herzu, in
kurzem waren die fnf Kinder Irmfrieds auf der Hhe des Turmes gesammelt. Ich
sehe kein Banner wehen, sprach Erwin, und sorgenlos ziehen sie dem Gehlz zu.
    Nur klein ist der Haufe, mehr Rinder und ledige Rosse als Mnner, rief
Adalmar, wie Flchtige nahen sie und nicht wie Feinde. Weiber erkenne ich im
Haufen und den jngsten Bruder, lachte Arnfried.
    Es ist die Mutter selbst, rief Odo. Die Brder sahen einander mit
kummervollen Mienen an. Sie naht mit ihrem Gesinde, die Bewaffneten des Gutes
fhrt sie herbei.
    Hart ist es, gegen die eigene Mutter zu kmpfen, murmelte Erwin.
    Schwerlich drfen wir den Zugang wehren, sprach Ortwin, aber wie sollen
wir ihrem Willen widerstehen?
    Alles hat seine Zeit, rief Odo, wenn sie fordert, mgen wir weigern,
jetzt rate ich, ihr entgegenzugehen.
    Die Shne eilten hinab. Das Tor wurde geffnet, auf der Mauer drngten sich
die Mannen, und die Herren traten vor die Brcke, um den Zug zu empfangen.
Schweigend nahten die Reiter, ohne Gru und Willkommen sahen die alten
Bankgenossen einander ins Gesicht, schweigend traten auch die Shne an das Ro
der Mutter, sie aus dem Sattel zu heben. Als Edith den Boden berhrte, begann
sie: Es ist mir lieb, da ihr mich empfangen habt, geleitet die Mutter in das
Haus des Bruders. Du aber, Odo, gestatte, da deine und meine Leute den Hof
betreten, und nach rckwrts gewandt rief sie: Gehorchet, wenn Herr Odo euch
fordert, denn er hat hier zu gebieten. An der Hand des Sohnes schritt sie in
den Hof und grte die Kriegsleute, welche ihr jetzt zuriefen und die Waffen
zusammenschlugen. Unterdes sprachen die jngeren Brder mit Gottfried. Sie hat
unseren Hof gerumt, erzhlte dieser, alle, die treu an ihr hngen, fhrt sie
unter Waffen her. Was sie hier begehrt, hat sie mir nicht vertraut.
    Edith blickte ber den Hof auf das Gedrnge von Mnnern, Weibern und Vieh,
und auf die unsicheren und verlegenen Blicke, mit denen sie betrachtet wurde.
Harrt nur ein wenig, ihr Treuen; du, Odo, fhre mich zu dem Herde, an welchem
mein Sohn Immo gerastet hat, bevor ich ihn verlor.
    Die Brder geleiteten sie in das Haus, Edith neigte sich zu dem leeren
Herrensitze am Herde und ihre Lippen bewegten sich im stillen Gebet, dann trat
sie unter ihre Shne. Euch wundert, wie ich erkenne, die Mutter hier zu sehen,
und kalt ist der Willkommen, den ihr mir bietet, ich aber komme, bei euch zu
bleiben und euer Schicksal zu teilen. Sorget nicht, da ich euch den Sinn mit
Klagen beschwere oder gar mit Vorwrfen, weil ihr gefrevelt habt gegen Frieden,
Recht und die heilige Kirche. Andere werden euch darum bedrohen, ich aber will
euch dienen, soweit eine Mutter vermag. Denn wir alle erkennen, da wir in
Todesnot stehen. Wisset, meine Shne, der Knig naht mit groem Heergefolge, der
Erzbischof und die Grafen im Lande haben ihre Mannen in den Sattel gefordert,
heut oder in den nchsten Tagen wird der Feind die Burg umschlieen, und die
Kinder des Helden Irmfried werden hinter Mauern ihren letzten Kampf kmpfen,
wenn sie nicht demtig ihr Haupt beugen und das Erbe ihres Bruders ausliefern.
    Die Brder standen betroffen.
    Wir gedenken die Burg zu halten, Mutter, auch gegen den Knig, antwortete
Odo, obwohl wir erkennen, da wir in groer Gefahr stehen. Aber Mutter, da ich
alles sage, mehr als den Knig und den Erzbischof frchten wir deinen Wunsch,
da wir die Braut des Immo den Feinden ausliefern.
    Da antwortete Edith: Stets habe ich gehofft, da mir die Heiligen gewhren
wrden, ohne groe Missetat mein Leben zu beschlieen; aber anders hat der ble
Teufel es gefgt. Will ich meinem Geschlecht die Treue beweisen, so mu ich die
Mitschuld auf mich nehmen zu meinem Schaden hier und dort. Eure Mutter bin ich,
ihr Knaben, ich habe euch erzogen und ber eurem Haupt gebetet von dem ersten
Tage eurer Geburt. Darum will ich auch jetzt die Last mit mir tragen, du
einsames, verfeindetes Geschlecht. Und die Engel mgen es wissen, und die
Heiligen mgen mir verzeihen. Ich lasse euch nicht, und ich scheide mich nicht
von eurem Los, wie es auch falle. Da riefen ihr die Shne Heil und hingen sich
ihr um Hals und Hnde. Edith aber fuhr fort:
    La uns an die nchste Arbeit denken, Odo, unsere Getreuen sollen wissen,
da die Herren einig sind. Alle, die ich dir herfhre, sollen dem Herrn Immo in
deine Hand sich zuschwren. Ich bringe auch, was zumeist die Sorge der Frauen
ist, Vorrat von den Gtern fr Kche und Keller, vertraue mir die Aufsicht
darber an, damit ich mit meinen Mgden dir ntze, und ich rate, la abladen und
einrumen, solange nicht grere Sorge bedrngt.
    Gestatte, Mutter, da ich dir die Jungfrau zufhre, bat Odo. Das Antlitz
der Edith erblich, ihre Hand zog sich zusammen, und sie rang nach Fassung, aber
im nchsten Augenblick sprach sie lchelnd: Erst machen wir das Haus fest,
damit unsere Leute der Unsicherheit enthoben werden. Denn der Zweifel lhmt auch
den Mutigen, aber wer seine Pflicht kennt, bewahrt leichter die Kraft. Ist Burg
und Hof versorgt, dann denken wir des Gastes, der bei uns eingekehrt ist.
    Als Odo die Tr des Gemaches ffnete, in welchem Hildegard geborgen war, sa
die Jungfrau gebeugt auf dem Lager, die Hnde im Scho gefaltet. Sie fuhr auf
und sah erschrocken auf eine hohe Frauengestalt und den strengen Ausdruck eines
edlen Antlitzes. Es ist unsere Mutter, sagte Odo, welche zu dir kommt. Da
sank Hildegard vor Frau Edith auf den Boden, und Odo verlie leise das Zimmer.
    Steh auf, Jungfrau, begann Edith, ich bin nicht der Herr, welchen du dir
gewhlt hast.
    Hildegard sah furchtsam zu ihr auf. Im Traume sah ich dein Angesicht, es
gleicht dem seinen, aber feindlich blicken die Augen. O sei barmherzig, Herrin,
rief sie in ausbrechendem Schmerze, der Sturmwind ri ein Blatt vom Baume, und
es flatterte bis vor deine Fe. Zertritt nicht die Bebende!
    Edith hob ihr das Antlitz empor und sah scharf in die trnenfeuchten Augen.
Das sind die Zge, welche meinem Sohne lieber wurden als der Wille der Eltern
und das eigene Heil. Waren es deine Trnen oder war es dein Lachen, womit du
sein Herz umstrickt hast? Ich denke wohl, mit Lcheln begann's und die Trnen
folgten; das ist das Schicksal aller, welche einander liebhaben auf dieser Erde.
Leid brachtest du uns und Leid brachte er dir. Steh auf, Jungfrau, fuhr sie
milder fort, ich komme nicht, dich zu schelten und zu richten, sondern damit
ich dir Frauenrat gebe, sooft du ihn begehrst. Setze dich zu mir, und wenn du
mir gefallen willst, so sprich mir von ihm! Sie fhrte Hildegard zu dem Lager,
aber die Jungfrau glitt wieder an ihren Knien herab und klagte: La mich
liegen, Herrin, und zu dir aufsehen wie zu einer Frbitterin, denn mir ist, als
htte ich dir Groes abzubitten, da ich hier bin und da ich ihn liebe.
    Edith neigte sich zu ihr herab: Rede nicht weiter, bevor du mir eins gesagt
hast. Als meine wilden Knaben dich hertrugen, folgtest du mit gutem Willen, oder
haben sie eine Widerwillige auf das Ro gehoben? Bist du als Braut meines Sohnes
hier oder als Gefangene?
    ber das verstrte Gesicht der Hildegard flog eine holde Rte, und sie
neigte das Haupt in den Scho der Mutter. Als er eintrat, murmelte sie,
erschien er mir wie damals, wo er mich am Kreuz mit dem Schilde deckte. Gleich
dem hohen Engel Michael stand er bei mir im Kriegskleide, und mir schwand die
qulende Angst vor dem Kloster.
    Edith seufzte schwer, aber sie legte ihre Hand auf die feuchte Stirn der
Jungfrau.
    Hildegard warf ihre Arme leidenschaftlich um den Leib der Herrin und klagte:
Meine Mutter ist tot, und freudenlos lebte ich. Da trat er in unsere Halle.
Holdselig waren seine Worte, frhlich seine Art, und unter den Mnnern wute er
sich zu behaupten, da ihm keiner zu widersprechen wagte. Er wurde mir schnell
so vertraulich, lachte mich an und fate meine Hand. Sein Lachen ist lieblich,
Herrin. Er trank aus dem Becher, den ich ihm bot, und a von meinem Teller.
    Darum hat die Mutter ihm Becher und Teller vergebens gestellt, murmelte
Edith.
    Sie preisen ihn auch als einen Helden, Herrin, denn keiner kommt im Kampfe
gegen ihn auf, und die kleinen Spielleute erzhlen, da er mit dem Speer
sicherer als ein anderer auf die Stelle trifft, nach der er wirft. Jedermann
wundert sich, wo er im Kloster so Schweres gelernt hat.
    Er war schon als Knabe geschickt in aller Reiterkunst, versetzte Edith,
und sein Vater staunte selber darber. Ich sorge, auch im Kloster hat er mehr
an Holz und Eisen gedacht als an die Bcher.
    Dennoch, Herrin, versteht er ganz gut das Lateinische, obgleich er selbst
sein Wissen nicht rhmt; und er wei so geschickt mit Sprchen und Versen zu
antworten, da es eine Wonne ist, ihn anzuhren.
    Du warst auch in der Schule und verstehst das Latein? fragte Edith. Das
war es, was ihm gefiel, ich dachte sonst, die heilige Sprache hilft nur dazu,
den Glauben vertraulich zu machen, ich merke aber, sie verlockt auch Mnner und
Frauen zueinander.
    Du sagst die Wahrheit, Herrin. Denn die in der Schule waren, verstehen
einander leicht unter fremden Leuten. Damals, als ich ihn zuerst sah, wurde mir
weh ums Herz, weil er mir gestand, da er ungern im Kloster weilte. Aber spter
kam mir ganz andere Sorge. Sie hielt an und sah vor sich nieder. Denn als ich
ihn im Kriegskleide wiedersah und erkannte, da er dereinst mein Herr werden
sollte, da erschrak ich ber den schweren Gedanken. Und ich sa im
Sonnenuntergang auf dem Idisberge, bis die Nacht heraufstieg; und als der
Nachtwind in den Zweigen rauschte, hrte ich immerdar seine Stimme und daneben
eine andere, als wenn ich selbst mit ihm redete, aber fern und leise wie oben
aus dem Wipfel des Baumes, und die eine Stimme sprach: Selig war ich, Held, denn
ich habe deine Liebe gefunden, und jetzt zittre ich, dich zu verlieren. Und die
andere Stimme antwortete: Ruhm ersehne ich, und schrecklich will ich meinen
Feinden werden, gedenkst du das Weib eines Helden zu sein, so darfst du nicht
vor dem Tode beben. Wenn zwei einander liebhaben, sollen sie auch beten, da sie
miteinander sterben. Da merkte ich, Herrin, was es bedeutet, einen Mann im
Herzen zu tragen. Mein Geschlecht habe ich verlassen um seinetwillen,
unterbrach sie sich selbst, und jetzt ist er nicht hier, ich aber gehre zu
ihm, wo er auch weilen mag.
    Allzu ungeduldig bist du, an seinem Hals zu hangen, versetzte Edith
finster. Verwundet ward er in jener Nacht.
    Die Brder sagten mir's antwortete Hildegard leise, an sein Lager will
ich, und fhlst du Erbarmen mit meiner Not, so sage mir, wo ich ihn finde.
    Auch der Mutter bergen sie die Sttte, rief Edith. Meinst du, mich qult
es weniger als dich, da er unter Fremden liegt in traurigem Versteck?
    Hildegard sprang auf. Wenn du ihn liebst, so komm mit mir aus diesen
Mauern; wir hllen uns in niedriges Gewand und suchen ihn, bis wir ihn finden.
Denn der treue Mann, der ihn im Heereszug begleitete, wei es, wo er weilt.
    Eitel ist dein Wunsch, antwortete Edith, wenn wir diese Burg verlassen,
so wrden wir ihn eher verraten als retten. Denn wisse, Jungfrau, der Knig naht
mit seinem Heergefolge in feindlichem Willen, um den Raub zu rchen. Meinen
Sohn, seine Brder und uns alle auf dieser Burg bedroht des Knigs Zorn.
    Hildegard verhllte das bleiche Antlitz und sank, abgewandt von der Mutter,
auf die Knie. Edith sa lange Zeit schweigend, endlich begann sie forschend:
Klagst du, da er und sein Geschlecht um deinetwillen an Leben und Ehre bedroht
sind? Die Klage allein schafft keine Hilfe, auch der Himmelsherr erhrt nur die
Bitten derer, welche in Demut und Reue zu ihm flehn. Reut dich das Unheil, das
allen droht, so denke auch auf die Rettung. Um dich allein geht der Kampf. Du
vermagst ihm Leben und Freiheit zu bewahren. Denn milder wird die Strafe des
Richters sein, wenn er Ergebung und Gehorsam findet.
    Hildegard lag unbeweglich, Edith trat nher und sprach ber ihrem Haupte:
Liebst du ihn ber alles, wie du sagst, so kannst du das jetzt erweisen: Kehre
zurck zu deinem Geschlecht, wende deine Schritte dem Kloster zu und entsage
ihm, damit du ihn rettest!
    Ein Schauer flog ber Hildegards Leib, sie richtete sich auf, und ihre
groen Augen starrten entsetzt auf die Mutter. Ist deines Herzens Meinung,
Herrin, da ich tue, wie du sagst?
    Ich sage dir's, du aber antworte!
    Hildegard fuhr in die Hhe. Eine Feindin hrte ich des geliebten Mannes und
eine Feindin meiner Liebe. In den Abgrund will ich tauchen, in die Flammen will
ich springen, um sein Leben zu retten, bezeugt ihr guten Engel, die ihr meine
Gedanken bewacht, da ich die Wahrheit rede. Mein Leben nehmt fr ihn, aber
meine Liebe verrate ich nicht. Hat er alles fr mich hingegeben, ich habe
dasselbe getan. Gebunden bin ich an ihn, und solange ich atme, gehre ich ihm
zu. Jetzt ist meine Treue der Stab, an den er sich hlt auf seinem Lager, in
seiner Angst. Du aber willst mich zerbrechen und hinwerfen, damit ich erkenne,
da seine Liebe nichtig war, und die Jungfrau, der er alles geopfert hat, feige
und schwach und seiner unwert. Und wenn alle Menschen auf uns blicken wie auf
zwei wilde Tiere, welche von den Jgern umstellt sind, wisse auch, unter den
friedlosen Tieren ist der Brauch, wenn der Br verwundet ist und von den Hunden
umstellt, so luft die Brin nicht abwrts, um ihn zu retten, sondern sie wirft
sich der Meute entgegen. Die Kraft der Glieder ist mir versagt, aber mein Wille
ist fest wie der seine. Sage mir, wie ich sterben soll, um ihn zu retten, aber
mahne mich nicht, da ich lebend ihm entsage.
    Da rief Edith: Jetzt erkenne ich, wie du bist. Einer Taube siehst du
hnlich, aber wer dir die Kappe von dem Haupte lst, der erkennt die edle Art
eines Falken. Zrne nicht, da ich dich versucht habe. Denn ganz fremd warst du
mir. Auch das Herz einer Mutter fhlt Eifersucht, und sie fragt zuerst, ob das
Weib, das der geliebte Sohn sich erkor, wrdig ist, seine Vertraute zu werden
anstatt der Mutter. Gesegnet seist du, Jungfrau, und willkommen bist du mir als
Braut meines Sohnes und als Genossin im Hause. Deine Mutter bin ich von heute
und du mein Kind, und verteidigen will ich dich gegen den Knig der Welt. Komm
zu mir, Hildegard, zusammen wollen wir den Himmelsgott anflehen, da er mir das
Glck gewhre, deine Hand in die meines Sohnes zu legen.
    Hildegard warf sich an die Brust der Mutter.
    Frau Edith hatte recht verkndet. Als der Knig durch reitende Boten des
Erzbischofs die Kunde von dem Raube der Jungfrau erhielt, da hemmte er, wie sehr
auch sein Herz sich nach dem Sden sehnte, sogleich die Fahrt und kam mit den
Edlen und den Heerhaufen, welche um ihn gesammelt waren, ber die Werra zurck.
Der Erzbischof ritt ihm entgegen. Er fand den Knig hocherzrnt und wortkarg,
als er ihm von dem Raube berichtete, unterbrach ihn der Knig heftig: Wer ist
Klger? Und da der Erzbischof erwiderte: Ich selbst durch meinen Vogt, und der
Vater der Jungfrau, hob der Knig drohend die Hand und rief: Sagt dem Grafen,
er soll seine Pflicht nicht sumig tun, denn des Knigs Auge ist noch ber ihm.
Zuletzt sprach der Erzbischof: Ist auch die Stunde ungnstig, um die Verzeihung
des Knigs zu erbitten fr einen anderen, der in Ungnade lebt, so darf ich doch
dem Flehenden mich nicht versagen, da er ein Geweihter ist. Der Mnch Tutilo
begehrt, sich vor dem Knig zu demtigen; unstet treibt er umher im Zwist mit
seinem Abte, er kam von Ordorf zu mir und sthnte, da ich ihm die Huld des
Knigs wieder erwerbe.
    Er hat also Lust, die Rute zu kssen, wie die anderen Emprer seines
Geschlechtes getan haben, spottete der Knig. Manchen besseren Anblick wei
ich als einen hochfahrenden Mann, der widerwillig die Knie beugt und seine Miene
zur Demut zwingt. Doch da dem Knige nicht ziemt, gegen einen Mnch zu hadern,
so lat ihn herein.
    Kaum hatte der Erzbischof das Gemach verlassen, so lag Tutilo vor dem Knige
auf dem Fuboden. Als der Mnch nach kurzer Unterredung mit gesenktem Haupt,
einem reuigen Manne hnlich, entwich, trat Heinrich in den Saal, in welchem sein
Gefolge harrte, und rief: Ihr sagtet mir, ehrwrdiger Vater, da der Ruber
Immo spurlos verschwunden sei, wenn er nicht etwa bei seinen Genossen auf der
Mhlburg hause; Ihr wart im Irrtum. Und er rief Gundomar und gab ihm einen
leisen Befehl.
    An demselben Tage ritt eine Schar Knigsmannen dem Dorfe zu, in welchem der
Hof des Bauern Balderich lag. Die Reiter umstellten das Dorf und drangen unter
harten Drohungen in den Hof. Gundomar trat mit dem Knigsvogt von Erfurt in die
Kammer, in welcher Immo sa. Dieser wandte sich finster ab, als er seinen Oheim
erblickte, aber dem Vogt reichte er die Hand. Mir tut's von Herzen leid, Held
Immo, sprach dieser traurig, da ich dich zur Stelle dem Knige berliefern
mu.
    Ich vermag mich nicht zu wehren, wie du siehst, antwortete Immo ruhig,
nur eine Bitte erflle mir, verhindere deine Reisigen, da sie den Leuten hier
einen Schaden an Leib und Gut zufgen, denn aus Mitleid haben diese mich
aufgenommen, als ich hilflos vor ihrer Schwelle lag. Das versprach der Vogt.
    Am anderen Morgen sahen sie von der Burg in der Morgensonne blinkende Speere
und wehende Banner; der Knig hielt mit seinem Heerhaufen bei dem nahen Dorfe,
in welchem die Sachsenknige seit alter Zeit einen Hof hatten, das Knigsbanner
lie er auf einem Hgel errichten, der zu dem Erbe Irmfrieds gehrte, und
ringsherum die Wagenburg schlagen. Aus dem Heerlager bewegte sich zur Mhlburg
langsam ein friedlicher Zug, an dessen Spitze der Erzbischof Willigis ritt und
neben ihm der Mnch Reinhard. Edith selbst mit ihren sechs Shnen empfing die
frommen Vter am Tor und geleitete sie in die Halle. Sie begann, auf ihre Shne
weisend: Als ich zum erstenmal nach meiner Vermhlung vor dem Altar kniete,
erbatet Ihr, hochwrdiger Vater, den Segen der Himmlischen fr mein Leben; hier
seht Ihr, was ich von meinem Glck zu bewahren vermochte. Da Ihr jetzt in
unserer Not zu uns kommt, dafr danke ich dem Ewigen, denn als eine gute
Vorbedeutung sehe ich Euer geweihtes Haupt in diesen Mauern.
    Ich komme nicht als Bote des milden Himmelsgottes, versetzte Willigis,
sondern als Diener eines strengen Richters. Eile hinauf, gebot er mir, zerwirf
das Nest unholder Vgel und bringe mir die Brut herab unter meine Hand! Darum
bergebt euch der Gnade des Knigs ohne Widerstand, denn scharf ist sein Zorn
und schnell folgt seinem Willen die Tat.
    Odo versetzte ehrerbietig: Wir stehen hier in festen Mauern unter treuen
Schwurgenossen, wir haben nicht die Wahl, ob wir die Feste und die Jungfrau dem
Knig ausliefern wollen oder nicht, denn unser Bruder Immo, der hier gebietet
und heut fern ist, befahl uns, beide zu halten gegen jedermann.
    Da entgegnete der Erzbischof: Es ist eures Bruders Hals, um den ich sorge,
wenn ich von euch die Ergebung fordere. Denn wisse, Geschlecht Irmfrieds, Held
Immo liegt gefangen in des Knigs Gewalt.
    Edith rang die Hnde gegen den Himmel, und die Brder traten bestrzt
zusammen.
    Diesen Morgen brachten Reisige des Knigs den Verwundeten in das Lager,
sein Versteck wurde dem Knig durch einen Feind verraten.
    Tutilo, schrie die Mutter entsetzt.
    Seitdem hlt der Knig fest, was euch zwingt. Liefere mir die Nestlinge des
toten Irmfrieds, befahl der Knig, bevor die Sonne zur Mittagshhe gestiegen
ist; wenn sie lnger zaudern, so lasse ich den Gefangenen an den Fu der
Mhlburg fhren, wo man von der Hhe sein Haupt sehen kann, und ich werfe sein
Haupt auf den Grund. Austilgen will ich den frechen Trotz, der Landrecht und
Knigsmacht miachtet, und ausbrennen will ich die Mauern, hinter denen die
Ruber mir widerstehen. Darum wollt ihr, junge Helden, den Bruder vor jhem Tode
bewahren, so folgt mir aus der Burg zum Knige. Wenn er eure Ergebenheit sieht,
wird sein Sinn eher der Gnade zugnglich und dem Rat solcher, welche euch Gutes
wnschen.
    Da wandte sich Odo zu seinen vier Brdern: Unsere Lose warfen wir am
Herdfeuer, als wir uns dem Bruder gelobten. Wenn wir willig waren, in den Gassen
der Stadt unser Leben fr das seine zu wagen, so mssen wir dasselbe vor dem
Schwert des Knigs tun. Ich bin bereit, den Priestern zu folgen. Vier von euch
lade ich, da sie zu mir treten.
    Da traten alle fnf auf seine Seite, Odo aber wies seinen Bruder Gottfried
zu der Mutter: Nach dem Willen des Gefangenen gehrst du zu ihr, und dir ziemt
auch jetzt, diesen Willen zu ehren. Hochwrdiger Herr, wir sind gerstet, Euch
zu folgen. Wir allein, denn nur wir fnf waren Genossen des Bruders bei der Tat.
Die Burg unseres Geschlechtes aber, die Dienstmannen und die Braut des Bruders
vermgen wir Euch nicht zu bergeben; darber zu entscheiden, steht bei unserem
Bruder Immo, wenn er auch gefangen ist; und solange wir nicht deutlich erkennen,
da er die bergabe fordert, drfen wir Brder sie nicht vollbringen. Darum lege
ich die Gewalt ber die Burg und ber alles, was sie umschliet, in die Hand
unserer Mutter. Sorge du, Mutter, fr Braut und Erbe deines Sohnes Immo, uns
aber segne, da wir von dir scheiden.
    Die fnf Brder warfen sich vor der Mutter auf die Knie und kten ihr Hnde
und Gewand. Sie ri bleich und trnenlos einen der Liegenden nach dem anderen an
ihr Herz, ihre Lippen bewegten sich im Gebet, aber man vernahm keine Worte. Und
als die fnf der Tr zuschritten, strzte sie ihnen nach und umfate ihnen noch
einmal Hals und Haupt, bis sich die Weinenden von ihr lsten.
    Die geistlichen Boten hatten der Trennung teilnehmend zugesehen, obgleich
sie gewhnt waren, alle irdische Liebe als nichtig zu betrachten. Jetzt begann
der Erzbischof: Den redlichen Entschlu Eurer Shne, edle Edith, will ich gern
dem Knig rhmen; die Helden haben wohlgetan, dem Urteil der Mutter zu
vertrauen, denn als fromm und weise wird sie im ganzen Lande geehrt.
    Sechs junge Leben die mir gehren, hat Knig Heinrich fr sich genommen,
was will er von der verwaisten Mutter noch mehr?
    Die Burg und die geraubte Jungfrau, die Eure Shne darin bewahren, begehrt
er von Euch.
    Die Braut meines Sohnes Immo gehrt in das Frauengemach, in welchem die
Mutter gebietet, und nicht in das Heerlager des Knigs. An die Burg aber hat der
Knig vllig kein Recht, und ich bewahre sie selbst um der Lebenden und Toten
willen.
    Denkt in Eurem Schmerz auch daran, edle Frau, da Eure Shne durch ihre
Missetat dem Spruch des Knigs verfallen sind.
    Sind meine Shne schuldig, zu ben fr eine schwere Tat, so bin ich, ihre
Mutter, in derselben Schuld. Denn Blut sind sie von meinem Blut, und wenn sie
jetzt auch auf ihren eigenen Beinen dahinschreiten, wohin sie ihr Mut treibt,
meine Seele wandelt mit ihnen allen bei Tag und bei Nacht. Dies Geheimnis einer
Mutter vermag kein Priester zu begreifen. Haben sie Missetat gebt, so bin ich
dem Richter verfeindet wie sie; und gleich ihnen will ich das Erbe des
Geschlechtes bewahren gegen jedermann, auch gegen den Knig selbst.
    Htet Euch, Frau, mahnte der Erzbischof, freiwillig Eure schuldlose Seele
mit derselben Schuld zu beladen, welche auf jenen liegt. Denn nicht nur den
irdischen Richter haben sie erbittert, auch dem Himmelsherrn haben sie geraubt,
was ihm zukam, als sie eine Jungfrau entfhrten, die geweiht werden sollte.
Darum sorgt fr das Heil ihrer Seelen, indem Ihr die Jungfrau zurckgebt, sonst
mchte der groe Richter des Himmels sich ungndiger erweisen als der Knig
Heinrich, und Eure Shne fr ihre Tat hinabstoen in das Reich des blen
Drachen.
    Da rief Edith mit flammenden Augen: Und wenn wahr wre, was Ihr sagt, und
wenn der groe Himmelsgott ihnen die Wolkenhalle verschliet um so kleine
Schuld, weil sie den Besitz eines geliebten Weibes begehrten und weil sie alle
treu waren in der Not, meint Ihr, ehrwrdige Vter, da die Mutter allein im
Himmelssaal kauern wird, getrennt von ihren Kindern? Werden diese verworfen, so
will auch ich verworfen sein; lieber will ich meinen sieben Knaben ihre Becher
und Schlein in der finstern Hlle zureichen, als fern von meinen Kindern Euch,
Ihr Heiligen, in der strahlenden Burg des Himmels.
    Der Mnch Reinhard warf sich auf die Knie, und Willigis schlug schnell das
Kreuz. Er war ein alter und gestrenger Herr, der eifrig fr die Kirche sorgte.
Aber als Frau Edith so emprt vor ihm stand, hher als sonst und einem Weibe aus
der Urzeit hnlich, da dachte er daran, da sie von den wilden Sachsen
herstammte wie er selbst auch; und obschon ihm graute, so kam ihm doch vor, als
ob er wohl auch so reden knnte. Aber seiner Wrde gedenkend, zog er sein Gewand
zusammen und wandte sich zum Abgang. Wer die Strafen der Menschen nicht scheut
und die Strafen der Ewigkeit nicht ber alles frchtet, mit dem hat ein Priester
nichts mehr zu reden.
    Edith jedoch fate ihm das Handgelenk mit eisernem Griff. Haltet an,
ehrwrdiger Vater, Ihr selbst und wohl auch andere haben mich in meinem Glcke
ber Gebhr gerhmt als ein gottseliges Weib, das den Heiligen treu diene.
Weshalb meint Ihr wohl, bin ich verwandelt? Den ltesten Sohn habe ich verloren,
weil ich nach Eurem Rat forderte, da er gegen seinen Wunsch der Kirche diene
und diese Burg den Heiligen bergebe. Als er sich weigerte, habe ich ihm
gezrnt, und mein Auge hat ihn seitdem nicht wieder gesehen. Finsteren Gedanken
habe ich seine junge Seele preisgegeben, gerade als er den Rat und die Liebe der
Mutter am meisten bedurft htte. Untreu war ich als Mutter, weil ich den
Heiligen zu getreu diente. Jetzt ist er, wie ich frchte, in dieser Welt fr
mich verloren, und diese Burg, die der Knig ein Nest unholden Geflgels nennt,
soll zerworfen werden durch Eisen und Feuer. Versucht das rhmliche Werk, lat
Eure Knechte kommen mit der Haue und dem Brande, strmet die Mauern, erschlagt
meine Getreuen und fhrt hinaus an Strick und Kette, was Ihr hier an lebenden
Huptern findet. Einen Leib werdet Ihr dennoch zurcklassen. Folgt mir, Ihr
Geweihten, zu der Stelle, die auch Ihr ehren solltet, wenn Ihr Eures Amtes
denkt. Sie zog den Erzbischof aus der Halle ber den Hof und ffnete die Tr
der kleinen Kapelle. Es war nichts darin als ein Altar mit dem Kreuz darber.
An dieser Sttte hat der groe Verknder Winfried einen Stein der Heiden
geworfen, und sein Genosse Wigbert hat darber den Altar geweiht. Euch,
Erzbischof, und dem frommen Knige sollte dieser Ort ehrwrdig sein, und ich
meine, Ihr solltet fr Frevel halten, dies Mauernest zu zerreien und den Flug
der Vgel, welchen hier die Heiligen ihren Sitz geweiht haben. Was Ihr tun
wollt, steht bei Euch, was ich tun will, berge ich Euch nicht. Brecht Ihr das
Haus, dann wird dies die Sttte, wo ich ausharre unter berstenden Mauern und
brennenden Balken. Sagt dem Knig, da hier das Grab der Edith ist, und da die
Mutter der sieben Knaben keine andere Antwort fr ihn hat. Sie warf sich am
Altar nieder, die Sendboten verlieen schweigend den Raum.
    Wilde Worte hrten wir, begann der Erzbischof zu Reinhard, als sie
herabritten. Doch auch der schchterne Vogel wandelt seine Art, wenn ein Feind
die Krallen nach seiner Brut ausstreckt.
    Reinhard antwortete seufzend: In meinem Herzen fhle ich den Jammer ber
das Schicksal, welches diesem Geschlecht bereitet wird. Hochwrdiger Vater, bat
er, die Hnde faltend, wenn jemand den Helden Immo vom Tode zu retten vermag,
so ist Eurer Weisheit diese gute Tat vorbehalten.
    Der Erzbischof schttelte das Haupt. Du kennst noch zu wenig den Sinn
dieses Knigs. Meinst du, da Heinrich seine Reise unterbrochen und uns alle als
Zeugen seines Tuns mitgefhrt htte, wenn er nicht seine liegende Macht erhhen
wollte, indem er die Hupter eines edlen Geschlechts auf den Rasen wirft. Selbst
wenn er dem Schuldigen nicht feindlich denkt, ja auch, wenn er die Missetat in
seinem Herzen entschuldigt, ihm ist doch willkommen, sich vor seiner Kriegsfahrt
als strengen Richter zu erweisen. Denn die Trauer ber des Richters Spruch
fhlen nur wenige, die Kunde aber, da er wieder einen Ruber aus der Zahl der
edlen Schildtrger getroffen hat, fliegt durch das ganze Land, sie schreckt die
Argen und gewinnt dem Knig die Herzen der Friedlichen. Auch hat der Knig hier
wenig um die Rache mchtiger Herren zu sorgen, denn einsam und ohne Anhang von
Lehnsleuten haust das Geschlecht am Walde.
    Dennoch vernahm ich, da der Knig einst den Helden Immo wert hielt, warf
Reinhard bittend ein.
    Mir aber scheint sein Sinn gegen ihn verhrtet, versetzte der Erzbischof,
vielleicht weil Held Gundomar dem Jngling feind ist, vielleicht wegen anderem.
Nicht umsonst wurde Knig Heinrich in Klosterzucht gezogen, er hat gelernt, was
dem Manne am schwersten ist, seine Gedanken zu verbergen. Dreien Knigen habe
ich in die Tiefe ihrer Seele gespht, jetzt handle ich mit dem vierten, und
eifriger als die frheren dient er der Kirche durch Huldbeweis und reiche
Spenden. Dennoch erkenne ich zuweilen unter dem Lammfell die Tatze eines
Raubtiers, und ich merke, wenn er sich vor den Heiligen am tiefsten demtigt,
denkt er am meisten an den eigenen Vorteil. Mich aber freut die kluge Art, denn
auch wir sind nicht einfltig, und beide verstehen wir, wo unser Vorteil
gemeinsam ist.
    Am Fu des Berges gab der Erzbischof seinem Gefolge ein Zeichen, die
Reisigen rckten im Kreis um das Geschlecht Irmfrieds, und Willigis begann zu
Odo: Steigt von den Rossen, da er sie euch bewahre. Die Brder saen
unbeweglich, sahen drohend auf den Herrn und zogen ihre Schilde am Arm herauf.
Demut rate ich euch, wenn ihr dem Leben des Bruders ntzen wollt; du selbst
weit, edler Odo, da du nicht hoch zu Ro dem Knige vor die Augen reiten
darfst. Denn er fordert, da ihr euch ihm ergebt, und barhaupt, mit den Fen im
Staube mt ihr ihm nahen. Die Brder sahen einander grimmig an, und Erwin
gebot leise: Schliet euch zusammen, damit wir wenden und rckwrts
durchbrennen. Aber Ortwin mahnte: Dann stolpern die Rosse ber das Haupt
unseres Bruders, und Odo sprach: Der Pfeil flog vom Bogen, wir ndern nicht
mehr seinen Lauf, taucht zur Erde und fgt euch. Da sprangen sie von den
Rossen, hingen die Schwerter ab, lsten die Helme und schritten zu Fu unter den
Bewaffneten dem Lager zu mit gertetem Antlitz und Trnen der Scham in den
Augen. Vor dem Lager ritt Willigis noch einmal zu ihnen und riet in guter
Meinung: Leichter biegt sich im Sturm der junge Stamm als der alte, und er
schnellt auch wieder in die Hhe und breitet seine Wipfel lustig in die Sonne.
Denket daran, da der Knig vor allem Demut fordert; vermgt ihr sie nicht in
eurer Rede zu erweisen, so werdet ihr euer Heil am besten bedenken, wenn ihr
schweigend kniet.
    Der Knig hielt auf seinem Ro mit groem Gefolge, er sah finster ber die
Shne Ediths, welche schwerfllig die Knie beugten. Trotzig finde ich die
Waldleute noch in ihrer Haft. Wo habt ihr die Jungfrau? Auch erkenne ich nicht
des Knigs Banner auf der Burg.
    Willigis antwortete: In der Burg gebietet die edle Edith, und sie weigerte
mir die Jungfrau, welche, wie sie sagte, in Frauenzucht gehre und nicht in ein
Heerlager, da sie die Braut ihres Sohnes sei. Und weil Frau Edith aus edlem
Sachsengeschlecht stammt, welches in alter Zeit mit dem Hause des Knigs
befreundet war, so hielt ich fr recht, da der Knig selbst gebiete und der
Sachsenfrau seinen Willen verknden lasse. Denn schwere Worte sprach die Mutter
in ihrem Schmerz, und ich frchte, sie begehrt sich den Tod im brennenden
Hause.
    Der Knig zog den Mund zu einem herben Lcheln. Ich sah Frau Edith einst,
als ich ein Knabe war. Meint sie mit dem Knig zu streiten, weil er sie damals
im Kinderspiel auf die Hnde schlug? Ist sie so bereit, die Pfnder zu
verlieren, welche ich von ihr in der Hand habe? Ein Ende will ich machen mit
dieser Widersetzlichkeit. Fhrt die Ruber ab, doch so, da sie sich nicht ihrem
Bruder gesellen. Euch, hochwrdiger Vater, bitte ich, zur Stelle mit den Frsten
und Edlen, welche mir folgten, im Rat niederzusitzen ber den Raub der Jungfrau,
damit Ihr mir Eure Meinung erklrt, die ich beachte, soweit ich vermag. Denn ich
selbst will richten. Und sein Pferd wendend, rief er Gundomar zu sich. Dies
geht dich an, sprach er gtiger, denn ist dir das Haus des toten Irmfried auch
verfeindet, so wirst du doch um deiner eigenen Ehre willen dafr sorgen, da die
Frauen nicht in ihrer Torheit das Schicksal der Mnner teilen. Reite hinauf und
sage ihnen mein Gebot, da sie vor mir erscheinen.
    Gundomar vernahm die Botschaft mit umwlkter Miene. Hartes gebietet der
Knig, murmelte er, mein Fu betrat die Mauer nicht seit den Jahren meiner
Jugend.
    Aber mit blitzenden Augen rief der Knig: Willst auch du mir widerstehen?
In guter Meinung sprach ich zu dir. Wahrlich, es ist Zeit, eine Warnung zu
geben, denn unbndig und eigenwillig gebrdet sich jeder in dieser Waldecke.
    Da warf Gundomar sein Ro herum, winkte mit der Hand, da seine Ritter ihm
folgten, und sprengte dem Berge zu. Weit vor den anderen fuhr er dahin, und die
Hofleute sahen freudig auf den streitbaren Helden. Doch htten sie sein Antlitz
geschaut, die Angst darin htte sie gewundert. Als er den steilen Bergweg
hinaufritt, sank ihm das Haupt auf die Brust, und er seufzte schwer. Vor dem
Wallgraben hielt er still wie einer, der nicht ganz bei sich ist, er verga sein
Begehr, zum Turme hinaufzurufen, und vernahm auch nicht, da der Vogt ihn
anschrie. Erst als der drohende Ruf zum zweiten Male erklang, hob er das Haupt
und starrte wie ein Trumender um sich. Da rief der alte Berthorad: Ein Antlitz
sehe ich, das ich vorzeiten frhlicher schaute. Bringst du Frieden, Herr, so
harre, da ich dich unserer Herrin verknde. Er eilte von der Mauer, nicht
lange, und das Tor wurde geffnet, Gundomar winkte seinem Gefolge,
zurckzubleiben, und ritt allein in den Hof. Auch dort zgerte er, abzusteigen,
und zuckte am Zgel, als ob er wieder hinauswenden wollte. Aber neben ihm erhob
sich die alte Gertrud am Boden: Graues Silber glnzt in deinem Haar, aber deine
ersten Locken wuchsen, als ich dich auf dem Arme trug. Kannst du dem Weibe deine
Hand reichen, das allen Shnen Irmfrieds als Wrterin diente, so sei gesegnet.
    Gundomar schttelte das Haupt, und Gertrud rief zornig: Sieh dorthin, du
Held, der Schlehenstrauch steht noch an der Mauer. Wei ist die Blte, aber
schwarz die Frucht; dort trank der Boden das Blut zweier Brder, die im Todesha
gegeneinander schlugen. Dort binde dein Pferd an, du Feind des Geschlechtes.
Sechs Shne Irmfrieds sind deiner Rache verfallen, nur das jngste Kind ist noch
brig; ich denke, du kommst, auch mit dem letzten den Kampf zu beginnen.
    Schweig, Alte, versetzte Gundomar grimmig, fhre mich zu deiner Herrin!
    Gertrud wies auf die kleine Kapelle. Traust du dich, den Ort zu betreten,
wo die Snden vergeben werden, wirst du sie finden.
    Schwerfllig stieg der Held ab und trat in das Heiligtum. An einer Ecke des
Altars sa Edith auf den Stufen, sie wies auf die andere Seite. Dort sitze
nieder, Gundomar, denn die Nhe der Heiligen tut uns beiden not, wenn wir
miteinander reden.
    Gundomar warf sich [DM1]auf die Stufen des Altars, und es war ein langes
Schweigen im Raume. Als er sich aufrichtete, warf er scheue Blicke nach Edith
und sprach abgewandt: Eine Lge ist es, da die Zeit das Herz des Menschen
wandelt. Die Wunde brennt heut, wo ich dich wiedersehe, wie vor fnfundzwanzig
Jahren. Die Krallen des Hasses und der Eifersucht fhle ich wie damals, wo ich
dich verlor; und was die Priester als schwere Snde strafen, das hege ich
unablssig in meinem Innern, den heien Wunsch, der mich zu dir treibt.
    Edith wandte ihm ihr Antlitz zu: Du siehst eine Mutter, die ihre Shne
grogezogen hat, und im Witwenschleier des toten Gemahls gedenkt.
    Blicke mich nicht an mit deinen Augen, deren lichter Glanz mich einst selig
machte. Nicht die Mutter erkenne ich und nicht die Witwe eines anderen, nur das
Weib, das ich selbst begehrt habe.
    Edith schob ihr Gewand zusammen und wandte sich ab.
    Aber Gundomar fuhr fort: Wie im Traum habe ich dahingelebt alle diese
Jahre, nur meine Sehnsucht nach der einen und mein Ha gegen einen anderen haben
wahrhaft in mir gebrannt; alles brige war mir wie ein Spiel der Gaukler. Oft
habe ich gebt und die Geiel ber meinem Rcken geschwungen, aber fruchtlos
war das Fasten und vergeblich die Schlge, denn die bsen Feinde versuchten mich
immer wieder. Noch hier merke ich sie, raunte er, scheu um sich blickend.
Vieles habe ich auf Erden erlebt, sndige Liebe und sndigen Ha, ich sah, wie
man eine Krone gewinnt und was die Herrlichkeit der Welt wert ist. Unterdes,
wenn die warme Himmelssonne mich bescheint, fhle ich den Eisfrost in meinen
Gliedern, verleidet ist mir diese Erde, und ich schmecke die Galle aus dem
Honig. Mich jammert, da die Menschen so begehrlich sind nach Goldschmuck und
Kampfspiel und nach nichtiger Ehre. Das sage ich dir, da ich dich wiedersehe
gegen deinen Willen, damit du mich nicht hassest, wenn du an mich denkst. Denn
nur an deiner Meinung ist mir gelegen, um die anderen sorge ich wenig. Ich ringe
und suche, was mir die Kraft gibt, zu berwinden, damit mir das ewige Erbarmen
nicht fehle.
    Edith wies nach dem Kreuz auf dem Altare: Meide den Knig und suche dir
einen anderen Herrn.
    Ich denke daran bei Tag und Nacht, antwortete Gundomar leise. Und sich
erhebend fuhr er mit verndertem Tone fort: Der Knig sandte mich. Forderst du
meinen Rat, so weit du, da ich dir nichts berge.
    Rate mir, so wahr du ein Sohn dieses Geschlechtes bist.
    Dem Knige liegt am Herzen, seine Hoheit in einem Herrengericht zu
erweisen. Dazu bedarf er die Geraubte, und dich ladet er zur Mehrung seines
Ansehens. Ich rate dir, da du gehst. Denn der wird den Knigen am meisten
verhat, der sie hemmt, wo sie vor dem ganzen Volk ihre Wrde erweisen wollen.
    Edith machte eine abweisende Bewegung, und Gundomar fuhr fort: Willst du
dem Knig in der Burg widerstehen, so vermagst du das ganz wohl; denn ihm fehlt
alles Sturmgert, und er kann nur wenige Tage vor diesen Mauern liegen, weil die
Knigspflicht ihn bermchtig nach dem Sden treibt. Beim Abzug wird er dem
Gerhard und den Grafen in der Ebene die Fehde gegen dich und die Deinen
bergeben. Auch diesen Feinden kannst du siegreich entgegentreten. Merke, Edith,
die Burg und den jngsten Sohn vermagst du lange gegen den Knig zu bewahren,
nicht die Hupter der Shne, welche in seiner Gewalt sind. Denn diese wird er
Rache heischend werfen. Kommst du dagegen mit der Jungfrau in sein Heerlager, so
denkt er vielleicht auch an deinen Wert und an dein Herzeleid. Darum flehe ich
dich an, Edith, da du mir folgst.
    Rate anderes, Gundomar; die Braut meines Sohnes und die Burg bergebe ich
nicht.
    Was frommt die Brautschaft, wenn der Brutigam schwindet, und wie kannst du
ihm die Burg bewahren, wenn du ihn selbst verlierst.
    Edith barg ihr Antlitz in den Hnden. Du sprichst die Wahrheit. Aber wo die
Gedanken in der Seele feindlich gegeneinander ringen und der Mensch angstvoll
zweifelt, was ihn retten werde, da findet er einen Trost, wenn er treulich die
Pflicht tut, welche ihm auferlegt ward. Der Herr dieser Burg und der Jungfrau
hat uns geboten, beide festzuhalten; seinem Gebot folge ich, was uns allen auch
darum geschehe.
    Du verdirbst dich und andere, rief Gundomar heftig. Wohlan, manchen
Dienst habe ich dem Knig geleistet, und ich meine, er wird sich scheuen, mir
die Ehre zu krnken. Um deinetwillen will ich wagen, was Heinrich mir nicht
befahl. Ich biete dir mit der Jungfrau und dem jngsten Sohne freies Geleit zum
Gerichte des Knigs, und wenn du es nach dem Gericht begehrst, wieder in die
Burg zurck. Bis zu deiner Rckkehr mgen deine Dienstmannen die Burg halten,
nur da sie friedlicher Botschaft des Knigs den Zutritt nicht weigern, wenn er
sich Zeugen rufen will zu seinem Gericht.
    Da erhob sich Edith: Gelobe mir, Gundomar, und er warf sich am Altar
nieder und legte die Finger auf sein Schwert.

Unterdes war der Knig nach dem Hofe gesprengt, in welchem er rasten wollte. Als
er durch das Gedrnge von Edlen und Landleuten schritt und hier und da anhielt,
um einem ehrenwerten Mann Gnade zu erweisen, erkannte er Heriman, den
Goldschmied, welcher sich demtig verneigte. Der Knig winkte ihm ein wenig zu.
Und da er seltene und kostbare Waren, wie sie der Goldschmied hufig aus der
Fremde brachte, gern ansah und kaufte, so befahl er seinem Kmmerer: Frage den
Heriman, ob er etwas begehrt oder etwas bringt; begehrt er, so la du dir seinen
Wunsch sagen, und bringt er, so fhre ihn zu mir. Dem Eintretenden rief er
gtig entgegen: Wie gedeihen dir deine Fahrten auf des Knigs Strae?
    Wir Thringe danken dem Knig, da er die Raublust der Schildtrger
gebndigt hat, versetzte Heriman.
    Dennoch wagt sich freche Gewalttat auf die Strae, sobald der Knig nur den
Rcken kehrt. Ich bin hier, um ber einen Friedensbruch zu richten, der euch
Erfurter nahe genug angeht; und ich denke eine Warnung zu geben, welche andere
Missetter abschrecken soll, damit friedliche Leute wie du zu Ehren des Knigs
gedeihen. Was birgst du Gutes in deinem Sack, la sehen.
    Nur wenig habe ich, was wert ist, von dem Knig betrachtet zu werden,
versetzte der Goldschmied, ffnete einen Lederbeutel und breitete seine Schtze
auf den Tisch: geschliffene Edelsteine, goldene Borten und zierliche Ketten,
Gewrze und Balsam aus dem Orient und seltsame Kapseln, Schnitzwerk aus
Elfenbein, Dolche und Messer mit kostbarem Griff und Scheide.
    Der Knig betrachtete mit Kennerblick Schmuck und Steine und schob hier und
da ein Stck zurck. Was bewahrst du in dem Kstlein?
    Es ist ein Ring, versetze Heriman, mit dem Stein, den sie Saphirus
nennen, er verndert die Farbe, wenn der Ringfinger einen Becher berhrt oder
auch einen Teller, in welchem Gift ist. Der Stein wird jetzt sehr begehrt von
vornehmen Geistlichen und Laien.
    Der Knig warf einen gleichgltigen Blick darauf und wies an seinem Finger
einen Ringstein derselben Art. Nicht jeden Helden meines Geschlechtes hat
dieser Stein vor dem Verderben bewahrt, Heriman, es ist sicherer, den eigenen
Augen zu vertrauen als der Warnung, welche aus Steinen kommt.
    Besseres hoffe ich dem Knig zu bieten, versetzte Heriman, sobald ich von
der nchsten Fahrt ber den Rhein zurckkehre. Denn was hier im Lande Pilger und
fremde Hndler zutragen, das gelangt meist in die Hnde der unglubigen Juden,
und diese legen es zuerst dem ehrwrdigen Herrn Willigis vor, weil er ihr
Schutzherr ist; ich aber dem Knige.
    Du meinst also, die Juden stren dir das Geschft, fragte der Knig, einen
Edelstein gegen das Licht haltend.
    Sie haben das Geld, und wer mit kostbarer Ware handelt, vermag sie nicht zu
entbehren. Auch klage ich nicht ber sie, zumal Herr Willigis ihnen gnstig ist,
weil sie seiner Macht in der Stadt ntzen.
    Und dir gefllt die Macht des Erzbischofs in der Stadt Erfurt, warf der
Knig hin, in Betrachtung des Steines vertieft.
    Ein weiser Herr ist Willigis; bald werden die Mauern der Stadt zu enge sein
fr die Zahl der Unfreien, welche er von den Hufen des Stiftes und anderswoher
unter seinem Gericht versammelt. Wir alten Burgmannen aber, die wir uns rhmen,
von den Vtern her freie Leute zu sein, sehen ungern, da der Vogt des Knigs
nicht mehr allein zu Gericht sitzt, denn es fehlt nicht an Schlgereien zwischen
unseren Leuten und den Zugehrigen des Erzbischofs. Ich frchte, in kurzem sind
wir die Minderzahl. Doch wir wissen, es ist schwer, den Heiligen zu
widerstehen.
    Der Knig legte den Stein weg und fragte in verndertem Ton: Wie wars mit
dem Raub der Grafentochter? Erzhle, was du davon weit.
    Die Leute des Erzbischofs haben die Nachtglocke gelutet, entgegnete
Heriman vorsichtig, sonst wrde die Stadt wenig davon wissen, zumal da niemand
erstochen wurde. Selten vergeht eine Woche, wo nicht grerer Lrm in den Gassen
ist. Unter den Burgmannen sind viele dem Helden Immo und seiner Sippe
wohlgeneigt; denn diese gelten sonst im Lande fr redliche Mnner, und wer
ungerecht bedrckt wird, findet zuweilen bei ihnen Schutz.
    Der Knig sah mit groen Augen auf den Goldschmied und befahl streng: Packe
deinen Kram ein, ich will heut deine Steine nicht sehen; denn du kommst nicht um
des Kaufes willen, sondern du begehrst etwas anderes von mir.
    Als ich todwund am Idisbach lag, antwortete Heriman, seine Steine langsam
in den Sack sperrend, da war es Held Immo, der mich aufhob, und ihm verdanke
ich, da ich heut vor den Augen des Knigs stehen kann. Ich wre niedertrchtig,
wenn ich nicht gut von ihm redete, da der Knig zuerst mich seinetwegen gefragt
hat.
    Heinrich nickte: Du hast recht, la nur liegen. Heriman packte aus, und
der Knig sah wieder auf die Steine. Also die Leute des Erzbischofs schlugen an
die Glocke. Ich hre, da einige aus der Stadt den Rubern Vorschub leisteten
und sogar mit ihren Wehren die Bewaffneten des Herrn Willigis an der Verfolgung
hinderten. Weit du auch darber etwas?
    Heriman besann sich. Sie sagen, da scharfer Schwertschlag getauscht wurde,
und da Held Immo nur darum ins Unglck kam, weil er einen anderen, der, wie sie
sagten, ein Erfurter war, nicht unter den Schwertern der Reisigen zurcklassen
wollte. Und da manche in Erfurt glauben, da der Held wegen seiner Treue gegen
ein Stadtkind verwundet und gefangen wurde, so trauern diese ber sein Unglck.
    Da schob der Knig den Kram heftig von sich und stand auf. Rume fort, ich
will gar nichts mit dir zu tun haben.
    Heriman ffnete zum zweitenmal seinen Beutel und packte ruhig ein. Wenn der
Herr Knig meint, da die Erfurter Lmmern gleich sind, welche sich scheren
lassen und dann noch aus der Hand, die sie geschoren hat, das Futter nehmen, so
kennt er seine treuen Brger nicht. Bei uns lebt mehr als einer, der einen
Racheschwur gegen den Grafen Gerhard getan hat, weil dieser ein raubgieriger und
ungerechter Mann ist.
    Jetzt verstehe ich, versetzte der Knig, sich setzend. Das an dem Dolch
ist ja wohl Byzantiner Arbeit, la sehen. Und Heriman packte wieder aus. Wie
kommt's, da man den Mann nicht mit Weiden geschnrt hat, der, wie du sagst, fr
den Ruber Immo das Schwert zog, und dem Ruber, wie du sagst, seine Treue
erwies. Mich wundert's, da einer, der des Knigs Frieden so frech gebrochen
hat, frei in den Gassen wandelt.
    Die Wchter des Erzbischofs waren Stadtfremde, entgegnete Heriman,
argwhnisch nach dem Knig blickend, und die Erfurter haben vielleicht nicht
sehr nach dem Einheimischen gesucht. Auch hat der Brger eine Gewohnheit. Bevor
er im Zwielicht das Schwert zieht, so streift er sein Haar, wenn er es lang
trgt, ber das Gesicht; vielleicht birgt er auch seine Glieder in einem
wendischen Kittel. Er trat an den Tisch, bereit, die Steine wieder einzupacken.
    La nur liegen, sagte der Knig, ich sehe, dein Haar ist kurz genug.
Sagtest du nicht, da sich die Dienstleute des Erzbischofs zu eurem Schaden in
der Stadt mehren?
    Herr, die Stadt wird dabei gro, und wenn auch schlechtes Volk unter den
Zugewanderten ist, so mu man doch zugeben, der Stiftsvogt des Mainzers hlt
ber seine Leute strenges Gericht. Nur sorgen bei uns die Alten, welche
Bescheidenheit haben, da die Knigsmacht dadurch kleiner wird, und da sie
vielleicht einmal ganz schwindet.
    Denken viele wie du, da sie lieber dem Knig dienen wollen als dem
Erzbischof?
    Das Mehrteil wird sagen, es kommt darauf an, wie der Knig ist und wie der
Erzbischof ist. Dennoch, wenn der Knig eine starke Hand hat und sein Vogt
billig denkt, so wird der Brger freudiger einem Helden dienen, der ein Schwert
trgt, als einem geschorenen Haupte.
    Ihr selbst sitzt am liebsten daheim; aber ihr hrt es gern, wenn der
Spielmann vor euch singt, wie die Knie des Knigs im Drange der Schlacht
wundgerieben wurden, sagte der Knig mit trbem Lcheln. Gemchlicher ist dein
Herdsitz, Heriman, als der Sitz deines Knigs, welcher das ganze Jahr im Sattel
reitet. Geh in Frieden mit deinen Waren, dies hier habe ich fr die Knigin
ausgewhlt, la dir den Preis von meinem Kmmerer zahlen. Und vernimm noch eins,
was ich dir in deiner Redeweise vertrauen will. Die bescheidenen Leute in Erfurt
und anderswo meinen, der Mann handelt unweise, welcher mit unbedecktem Haupt auf
der Strae luft, wenn der Hagel herunterschlgt. Besser tte er, sein Antlitz
zu bergen, bis das Wetter vorbergerauscht ist.
    Das ist gute Lehre, versetzte Heriman demtig, zumal wenn sie ein Knig
gibt. Aber wir im Lande haben ein Sprichwort, womit wir uns trsten: Je treuer
der Sinn, desto dicker der Kopf.
    Als Heriman das Gemach verlassen hatte, sprach der Knig zu dem eintretenden
Kmmerer: Das ist ein redlicher Thring. Sorge, da er sein Geld ohne Verzug
erhlt.

                             Das Gericht des Knigs


Auf niedriger Anhhe stand unweit dem Mhlberg eine groe Linde; dort wurde
innerhalb gezimmerter Schranken dem Knige der Richterstuhl erhht und Sitze fr
die Groen des Reiches, welche in seinem Gefolge ritten. Die Diener breiteten
Teppiche und Polster auf das Holzwerk, das Banner des Knigs ward aufgesteckt,
der Rufer trat an den Eingang des Geheges, und die Leibwchter schritten mit
ihren Spieen in die Runde, das versammelte Volk abzuwehren. Die Frhlingssonne
schien warm, und die Lerchen sangen freudig von der Hhe, aber Landleute und
Burgmannen, welche in groen Haufen herzugeeilt waren, hielten sich abseits,
sprachen leise miteinander und sahen scheu nach dem Gerichtsbaum und zurck nach
dem Dorfe, bei welchem das Lager des Knigs war. Nicht die Ehrfurcht allein
bndigte ihnen Stimme und Gebrden, sonst zogen sie wohl einem scharfen Gericht
wie einem Feste zu und freuten sich, wenn das Haupt eines Missetters auf den
Rasen fiel; diesmal war den meisten der Mut beschwert, entweder, weil sie dem
Helden Immo wohlgeneigt waren, oder weil sie dem Grafen Gerhard geringes Glck
gnnten.
    In gesondertem Haufen standen die freien Bauern vom Nessebach, in ihrer
Mitte der alte Baldhard mit Brunico und seinem Geschlecht, und Baldhard streckte
den Arm nach dem Ring der roten Berge aus, auf welchen die Mhlburg ragte: Seht
dorthin.
    Auf dem Grunde lag der weie Wasserdunst, darber strahlten die Hhen wie
abgelst vom Erdboden und wie von eigener Glut durchleuchtet. An den waldlosen
Stellen schimmerte das Erdreich hier rosenfarben und blau, dort blutigrot.
Schaut alle, rief Baldhard, gleich rotem Golde glnzt Erde und Stein. Manches
Mal sehe ich den alten Gtterschein an den Hhen, und jedermann aus der Umgegend
kennt das Gleien, das man schwerlich an anderen Bergen schaut. Aber niemals
erblickte ich solches Feuer, und bekmmert fragen wir, was das blutige Licht dem
alten Landgeschlecht bedeute, gegen welches heut der Richterstuhl gezimmert
wird.
    Alle starrten mit scheuer Verwunderung nach den Hgeln.
    Und Ruodhard, der Mller, begann: Die letzte Nacht war still und der Mond
stand am wolkenlosen Himmel, dennoch hrte ich im Berg ein Drhnen und Brechen;
wie mit schweren Hmmern arbeiteten Riesenhnde in dem Gestein, und ich sah, da
die Grauwlfe heulend die Nasen hoben und in den Berg hineinfuhren.
    Da rief eine rauhe Stimme: Die in der Tiefe hausen, rsten sich, um junge
Helden zu empfangen, welche vom Tageslicht geschieden werden.
    Brunico sthnte und wandte sich ab.
    Beklagst du die Shne Irmfrieds? fragte die Stimme neben ihm. Brunico sah
auf eine riesige Gestalt in einem Rock von Wolfsfellen, das buschige Haar des
Mannes starrte wild um das Haupt, in dem Gurt steckte eine Axt mit neuem Stiel.
Jammervoll ist dieser Tag, Eberhard, murmelte der Knappe.
    Du hattest dich einem von ihnen gelobt, versetzte der Hirt finster, ich
aber war allen sieben ein Knecht von den Vtern her. Darum bin ich neugierig, zu
sehen, wie meine Herren auf ihrem eigenen Grunde von einem Fremden geschlagen
werden.
    Wisse, Eberhard, der Knig selbst ist gekommen, zu richten.
    Bis heut waren die Shne Irmfrieds Knige des Waldes, trifft ein fremder
Knig die Sieben in den Nacken, wie mag ihr Knecht sich noch seinen Herrn
suchen? Der Stiel ist neu, und das Eisen ist scharf. Schwingt keiner der Herren
die Axt in den Baum, so hebt der Knecht selbst die Axt zu einem Herrenwurf, und
er whlt sich das Ziel. Von meinen Ebern bin ich entwichen, damit ich den
fremden Richter schaue, weit du mir ihn zu zeigen?
    Du wirst ihn erkennen, wenn er auf dem Richterstuhl sitzt, antwortete
Brunico und wandte sich scheu von dem Wilden ab.
    Der Knig ritt aus seinem Hofe auf das Feld hinaus.
    Die Leute sahen, da er einen Hauptmann der Reisigen zu sich winkte, und da
dieser nach dem Lager der Knigsmannen eilte. Gleich darauf tnten von dem Anger
Hrner und das Getse einer aufbrechenden Schar.
    Als der Knig herankam mit groem Gefolge von Geistlichen und Laien, klang
der Heilruf nicht freudig wie wohl sonst, und der Knig merkte das und schaute
dster ber die Haufen. Die Leute vernahmen, wie der Rufer Stille gebot und des
Knigs Gericht nach den vier Winden ausrief, und sie drngten schweigend an die
Schranken. Als darauf Immo zum Hgel gefhrt wurde zwischen entblten
Schwertern und nach ihm seine Brder, da hrte man trotz dem Gebot des
Schweigens lautes Klagen und Jammern der Weiber, und viele knieten nieder, hoben
die gefalteten Hnde und taten Gelbde, damit die Heiligen sich der Angeklagten
erbarmten.
    Der Knig setzte sich auf den Richterstuhl und ergiff den weien Stab, an
welchem das goldene Knigszeichen einer Lilie hnlich glnzte. Erzbischof
Willigis trat mit den Bischfen und Edlen, welche der Knig zu Ratgebern gewhlt
hatte, vor den Stuhl und begann: Da des Knigs Wrde selbst den Spruch tun will
gegen den edlen Thring Immo wegen Raubes einer Jungfrau und wegen
Friedensbruch, so ist uns das Vorrecht geworden, im Rat zu sitzen ber die Tat
und die Rache. Denn so ist es Brauch, wenn der Spruch des Knigs gegen das Leben
eines Edlen geht. Was wir befunden haben, verkndet jetzt mein Mund dem Knige,
wenn Seine Hoheit es vernehmen will. Der Knig winkte, und der Erzbischof fuhr
fort: Gegen die ruchbare Tat des Helden Immo und seiner Brder hat Graf Gerhard
Klage erhoben wegen des nchtlichen Raubes seiner Tochter Hildegard aus dem Dach
der Herberge, und daneben mein Vogt zu Erfurt wegen Friedensbruches und schwerer
Verwundung seiner Reisigen. Darum mge die Gerechtigkeit des Knigs erwgen, ob
die schwere Tat verbt wurde gegen die Jungfrau selbst, gegen den Vater und
gegen den Frieden der Stadt. Bekunden ehrliche Zeugen, da der Mann Immo ein
Ruber der Magd war, so be er mit seinem Haupt und Leben. Hat er nur durch
gezcktes Schwert den Frieden der Strae geschdigt, so mge der Knig ihn
strafen, nicht an seinem Leben, aber an seinen Gliedern, an seiner Freiheit, an
Gut und Habe, wie es dem Knig gefllt. Seine Gesellen aber, weil sie als
jngere Brder die Treue des Geschlechtes erwiesen haben, mge der Knig strafen
oder verschonen.
    Der Knig antwortete: Ich rhme den Rat, den ihr Bischfe und Herren
gefunden, als gerecht und billig. Aber hart war der Ausdruck seines Angesichts,
als er auf die Gefangenen hinsah.
    Sind hier alle Shne des toten Irmfried versammelt? Von sieben Nestlingen
hrte ich singen und sagen.
    Gundomar trat heran. Einer ist zurck, der jngste Sohn Gottfried;
schuldlos ist er, Herr, und hat keinen Teil an diesem Frevel seiner Brder.
    Ist er schuldlos, warum wird er dem Auge des Knigs entzogen? fragte
Heinrich, brachtest du ihn von der Burg, so fhre ihn her.
    Gundomar eilte aus dem Ring, und Gottfried trat in die Schranken. Er trug
das Panzerhemd, das ihm die Brder geschenkt hatten, um das runde Gesicht
ringelten sich die goldenen Locken. In holder Scham stand er da; auf eine leise
Mahnung seines Begleiters trat er nher, kniete vor dem Knig nieder und senkte
sein Haupt.
    Der Knig sah berrascht auf den Knaben. Im Kreise der Herren erhob sich ein
beiflliges Gemurmel, und aus dem gedrngten Volke klangen Heilrufe der Mnner
und Segenswnsche der Frauen. Der Knig erkannte, da die Edlen und das Volk ihn
rhmen wrden, wenn er dem Unschuldigen seine Gnade erwiese. Und da ihm der
Knabe gefiel, so gedachte er bei sich, das Geschlecht nicht ganz zu vernichten,
sondern diesen zu bewahren, und er sprach gtig zu ihm: Steh auf und sieh mir
ins Gesicht.
    Gottfried starrte aus seinen grauen Augen so erstaunt den Knig an, da
dieser lchelte. Tritt nher, gebot er, fate den Knaben bei der Hand und
strich ihm ber die Wange. In jungen Jahren trgst du das Eisenhemd, wer hat
dich so frh mit dem Schwert gewappnet, du Singvogel? Noch ziemt dir nicht der
wilde Flug. Danke den Heiligen, da jene dich bei ihrem nchtlichen Ritt
zurcklieen.
    Gern wre ich mitgeritten, antwortete Gottfried arglos, und mich reut gar
sehr, da ich's verschlafen habe.
    Da lachten die Herren ringsum ber die Kinderstimme und nickten einander zu.
Ich merke, sagte der Knig, wir sind hier in dem Lande, wo schon die
Nestvglein trotzig singen, wenn auch ihre Stimme noch fein ist. Da du den Ritt
verschlafen hast, Knabe, war dir diesmal greres Glck als die beste Heldentat.
Sieh auf deine Brder; der einzige bist du aus deinem Hofe, der ein Schwert
trgt, obgleich es in deiner Hand noch schwerlich tiefe Wunden schlagen wird.
    Gottfried sah erschrocken auf seine Brder, grtete sich schnell das Schwert
ab und legte es dem Knig zu Fen. Verzeiht mir, Herr Knig, ich will nicht
anders gehalten sein als meine Brder, lat mich das Unglck, das sie trifft,
auch teilen, und er lief von dem Knig zu den Gefangenen und stellte sich als
letzter in ihre Reihe. Aber Gundomar ergriff ihn bei der Hand und fhrte ihn zum
Stuhl des Knigs zurck. Hebe dein Schwert auf, befahl der Knig gndig,
damit ich dich selbst damit umgrte; als Kriegsmann sollen dich, Gottfried,
Sohn des Irmfried, von heut an meine Edlen ehren.
    Da erhob sich ein Summen und Brummen in der versammelten Menge, und es
verstrkte sich zu einem donnernden Heilruf fr den Knig, so da dieser wieder
befremdet ber das Volk sah. Denn die Leute hofften, da die Huld, welche der
Knig dem Jngsten erwies, eine gute Vorbedeutung sei fr das Schicksal der
anderen Brder. Aber solche, die den Knig zu kennen meinten, urteilten anders.
    Der Knig gebot: Fhrt die Jungfrau herein.
    Gesttzt auf Edith trat Hildegard in die Schranken. Ein beiflliges Murmeln
ging durch die Versammlung, als die Frauen vor den Knigsstuhl traten. Wrdig
verneigte sich Edith und stand mit gehobenem Haupt in der Versammlung; und der
Knig, welcher gedachte, da sie sich stolz hielt, weil sie von den Ahnen her
dem kniglichen Stamme verwandt war, fate mit der Hand an die Lehne seines
Stuhls und hob sich ein wenig aus dem Sitz, indem er sich gegen sie neigte, um
die Ankunft zu ehren. Ediths Augen suchten die Shne. Als sie Immo erkannte, das
bleiche Antlitz und die schmerzvollen Zge, da tat sie einen Schritt auf ihn zu,
aber sie bezwang sich und hob nur die Hand segnend gegen ihn. Neben ihr stand
Hildegard, die Augen zum Boden gesenkt, ngstlich griff sie nach der Hand ihrer
Begleiterin, um sich daran zu halten. Dies ist deine Tochter Hildegard, Graf
Gerhard? fragte der Knig, und als der Graf sich bejahend verneigte, fuhr er
fort: Wenig gleicht sie dir, doch auch vom knorrigen Stamme kommt se Frucht.
Wahrlich, mancher von meinen jungen Helden wird ber die Missetat des Rubers
nicht erstaunen. Fasse Mut, Jungfrau, denn der Richter, welcher jetzt fragt, ist
dir wohlgesinnt. ber dem Thring Immo hngt die Klage, da er dich mit Gewalt
und entbltem Schwerte aus dem Frieden meiner Burg Erfurt geraubt und durch
seine Gesellen in sein festes Haus gefhrt hat. Ob es Raub einer Jungfrau war,
die widerwillig der Gewalt folgte, das erkennt der Richter aus dem Notschrei der
Geraubten; denn wie dem Mann das gezckte Eisen, so hilft der Jungfrau die
Stimme. Hast du dich gestrubt gegen die Entfhrung durch abwehrende Hand, und
wenn die Hand gebndigt war, durch den Mund, so sprich, damit wir dein Magdtum
ehren und die Tat des Rubers erkennen.
    Hildegard hielt sich an Edith fest. Es wurde so still im Raum, da man das
Summen einer Mcke gehrt htte, aber kein Laut drang aus den zuckenden Lippen
der Jungfrau.
    Da trat Erzbischof Willigis zu der Schweigenden und sprach mit vterlicher
Milde: Zum Dienst der Heiligen bist du bestimmt; deshalb mahne ich dich
freundlich, da du alle Furcht abtust, denn du sprichst jetzt fr deine eigene
Ehre. Der Richter fragt, ob der Mann, der zu dir in die Herberge drang, dein
Trauter war oder dein Ruber. Darum, hast du dir Hilfe gefordert, so antworte
nur ein: Ja, ich habe.
    Im Angesicht der Jungfrau wechselte Blsse und hohe Rte, aber sie schwieg.
Wieder ging ein Geflster durch die Versammlung, und manche Lippe verzog sich
zum Lcheln. Graf Gerhard aber drngte sich vor und rief ngstlich: Mge die
Hoheit des Knigs Nachsicht ben mit meinem armen Kinde, dem jetzt die Angst und
Scham den Mund verschliet. In jener Nacht aber hat sie gerufen, wie einer
sittsamen Jungfrau geziemt, Zeter und Waffen, und hat sich gestrubt, sosehr sie
vermochte, als die Ruber sie auf das Ro schwenkten.
    Da du selbst den Schrei nicht gehrt hast und die Jungfrau nicht reden
will, so rufe Zeugen, wenn du deren hast, gebot der Knig.
    Graf Gerhard eilte an die Schranken und fhrte den Wirt des Hessenhofes
herbei. Der Mann kniete nieder und bekannte: Laut gellte der Notschrei einer
Weiberstimme aus dem Gemach, in welchem die Jungfrau rastete, und als ich vom
Lager sprang und mit meiner Waffe in das Zimmer eilte, fand ich es leer, auf der
Strae sah ich Reiter davonsprengen und erkannte, da einer die Jungfrau vor
sich auf dem Rosse festhielt.
    Der Notschrei klang von den vier Wnden, besttigte der Knig, doch sah
der Zeuge nicht, ob es die Jungfrau war, welche rief. Hauste das Grafenkind
allein in der fremden Stadt?
    Nur ihre Dienerin kam mit ihr, antwortete der Graf, ein unfreies
Mdchen.
    Warum ist sie nicht zur Stelle? fragte der Knig. Du hrst, Beklagter,
etwas fehlt an dem Zeugnis gegen dich. Vermagst du den Spruch gegen dich weniger
schwer zu machen durch deinen Eid und den Eid deiner Helfer, so darfst du
schwren, da die Jungfrau dir ohne die Notklage gefolgt ist.
    Ich schwre nicht gegen ihre Ehre, antwortete Immo, was mir auch darum
geschehe.
    Da hob Hildegard das bleiche Antlitz ein wenig und begann leise: Einen
Goldfaden sandte ich ihm, und er bewahrt ihn an seinem Herzen, die Sommerlinde
auf der Idisburg sah es und wei es, da er mich kte. In der brennenden Stadt
stand ein steinernes Kreuz, so wahr das Kreuz dort steht, so wahr ist es, da er
mich aus den Hnden der Mrder gelst hat durch seinen Arm und sein Schwert.
Dann kam er in der Nacht, in der ich angstvoll am Boden lag, weil ich die Liebe
zu ihm im Herzen trug und doch am nchsten Morgen zu den Heiligen sollte; er
wei es wohl, da ich schwieg, als er mich auf das Ro seines Freundes hob.
    In der Stille, welche diesen Worten folgte, hrte man nur das Sthnen des
Vaters, welcher sich abwandte und die Hnde vor sein Antlitz hielt.
    Folgtest du freiwillig, ohne deiner Kindespflicht zu gedenken, fragte der
Knig, wer denn tat den Klageschrei? Wei jemand Antwort zu geben, der
antworte, damit der Zeuge nicht als meineidig erkannt werde.
    An den Schranken rhrte sich's unter den Brgern, welche aus Erfurt
herbeigeeilt waren. Frau Kunitrud wurde von Heriman und anderen vorgeschoben,
und der Rufer ffnete ihr auf einen Wink des Erzbischofs die Schranken. Sie warf
sich auf die Knie und begann mit gelufiger Stimme, whrend sie mehrmals
aufstand und wieder niederkniete, bis sie in der Nhe des Knigsstuhls beharrte:
Es wird kein Brei so hei gegessen, als er gekocht ist, und ein Kind aus Burg
Erfurt traut sich auch noch vor dem Knige zu reden, zumal wenn er jung ist.
Alles kann ich auf das genaueste verknden, Herr Knig, denn ich selbst habe die
Entfhrung erlebt, und sie war das rgste nicht, was ich erlebt habe; schlimmere
Gewalttat geschieht in der Welt, und noch dazu von Leuten, welche weniger
gutherzig sind als dieses junge Blut. Ihr sollt wissen, Herr Knig, da ich in
jener Nacht bei der edlen Hildegard war. Reisemde sa sie, oder sie lag auf dem
Boden und rang die Hnde, wie es ihr gerade gefiel. Da vernahm ich drauen
Getmmel und Klappern von Pferdehufen, und ich trstete die edle Hildegard und
sagte ihr: Das tut nichts, es sind nur tolle Brder, welche gegeneinander die
Messer zcken, und es ist des Knigs Wache, sie werden sich untereinander
raufen, wie sie oft tun. Da sprang die Tr auf, und der Held Immo trat ein, ganz
in Eisen, und er fuhr auf die Jungfrau zu, welche wie ein Rohr wankte, da sie
ihn sah; er fate sie und rief: Mut du Zeter schreien, Kunitrud, so harre, bis
ich zu Rosse bin. Ich schlug erschrocken die Hnde zusammen und lief an das
Fenster, ri die Decke weg und sah hinab, aber ich sah nur Undeutliches in der
Finsternis, bis ich mich endlich besann und das Geschrei erhob, wie sich
geziemte.
    Der Knig winkte, und der Rufer bedeutete der behenden Frau, zu schweigen,
worauf sich diese wieder mit Kniebeugungen aus den Schranken zurckzog.
    Folgte das Weib widerstandslos dem heischenden Manne, entschied der Knig,
so vermag der Richter nicht ihre Ehre zu rchen, sie selbst hat sich ihres
Rechtes begeben und ist Mitschuldige der Gewalttat. Denn nicht ihr stand zu,
sich den Gemahl zu whlen, sondern ihrem Herrn und Vater. An der Jungfrau hast
du, Schwertloser, durch den Raub keinen Frevel gebt; der Richter fragt, ob du
ihn gebt gegen Gerhard den Grafen. Dieser aber hat, wie du selbst sagst, dir
sein Kind nicht verlobt, sondern er wollte es nach dem Wunsch des Knigs
geschleiert den Heiligen weihen. Weit du, Immo, was dich von dieser Missetat
entschuldigt, so verantworte dich.
    Die Lippen Immos bewegten sich, aber er schwieg.
    Da Immo auf die Frage, welche fr sein Leben entscheidend war, nicht
antwortete, hob Edith mit einem Klageschrei die Hnde zum Himmel, eilte durch
die Versammlung zu ihrem Sohn und umschlang ihn mit ihren Armen. Er aber warf
sich vor seiner Mutter nieder und barg sein Gesicht in ihrem Gewande.
    Unter den Brdern entstand eine Bewegung, Odo trat ein wenig vor und begann
auf einen Wink des Richters: Immer wnschen wir, da der Knig uns gndig sei,
zumal wenn wir vor ihm sprechen sollen und doch behender Worte nicht sehr
mchtig sind. So geht es jetzt mir. Was aber die Klage des Grafen Gerhard
angeht, so behaupte ich, Odo, Irmfrieds Sohn, und mit mir meine Brder Ortwin
und Erwin, Adalmar und Arnfried, da die Klage vllig eitel und nichtig ist, und
wenn des Knigs Huld uns Schwert und Ro gewhren will, so sind wir fnf, die
wir jetzt schwertlos stehen, bereit, dies gegen den Grafen Gerhard und vier
ehrliche Kmpfer seiner Freundschaft zu erweisen, berall, wo die Sonne scheint,
die Luft weht und der Anger grnt.
    Der Knig sah verwundert auf den jungen Helden, dem man wohl anmerkte, wie
er die Worte bedchtig erwog, whrend er die grauen Augen und das unbewegte
Gesicht auf die Versammelten richtete. Du bist ein verwegener Gesell, da du
die Klage ber eine ruchbare Missetat ungehrig schiltst. Du selbst hast die
geraubte Jungfrau auf der Burg verschlossen.
    Ich bin nicht mein Bruder, versetzte Odo trocken, mir war auch bisher
ganz wohl in meiner eigenen Leibeshlle. Die Klage aber geht gegen den Helden
Immo und nicht gegen mich. Darum ist sie grundlos, und fr jedermann ist
deutlich, da mein Bruder die Jungfrau nicht geraubt hat. Sie hat den Rcken
seines Rosses nicht berhrt; als sie in der Nacht unter den Sternen dahinfuhr,
war er gar nicht in ihrer Nhe, als sie hinter dem Burgtor abgehoben wurde, lag
er weiter von ihr entfernt als die Stadt von der Burg. Wir im Lande aber strafen
nur die schwere Tat, nicht schweren Willen. Was er gewollt hat, darum mgen sich
die Unsichtbaren kmmern, welche, wie uns die Priester sagen, sogar die Gedanken
eines Mannes ersphen, der Richter unter der Linde spricht nur ber ruchbare und
greifbare Tat.
    Der Knig musterte mit scharfem Blick den stattlichen Jngling. Wenn ich
dich und deine Brder betrachte, so wundert mich nicht, da ihr die Sache wieder
von des Knigs Bank hinweg auf die Beine eurer Rosse bringen wollt. Ich merke,
du wagst vor dem Knig Haare zu spalten. Was jener nicht vollbrachte, tat einer
seiner Blutgesellen.
    Dies gerade ist es, was ich der Gerechtigkeit des Knigs sagen wollte.
Ungern redet ein Mann gegen sich selbst. Auch ich erinnere hier nur daran, da
er schuldlos an der Tat erkannt werden mge, weil er der lteste von uns Brdern
ist, und wie ich wohl wei, unserer Mutter der liebste. Und ich frchte, sein
Tod wrde ihr das Herz brechen. Mu also Strafe das Haupt eines Mannes treffen,
weil das Grafenkind auf ein Ro geschwenkt wurde, so darf doch nicht mein Bruder
fr die Tat ben, die ein anderer vollbrachte. Htte Graf Gerhard diesen
anderen verklagt, so drfte der andere sich nicht beschwert fhlen.
    Du selbst warst der andere? fragte der Knig.
    Die Jungfrau wurde dem gereicht, der das strkste Ro hatte, versetzte Odo
vorsichtig. Das Ro wurde vor Jahren von dem Weidegrund des Knigs nach
Thringen gefhrt, es ist vom besten schsischen Schlag.
    Auch der Reiter, wie ich merke, versetzte der Knig. Tritt zurck,
Jngling; die Klage nennt nach Recht den Urheber, er gab den Rat, er stiftete
die Tat, ihm frommte das Vollbringen. Du aber warst nur sein Gehilfe. Zum
anderen Mal frage ich dich, Immo, weit du etwas, was dich entschuldigt, so
sprich.
    Immo stand in hartem Kampf, er wute wohl, da Gerhard in Wahrheit niemals
der Vermhlung gnstig gewesen war, er selbst hatte frher dem Knig gestanden,
da der Graf ihm kein Versprechen getan habe, und obwohl er jetzt in Todesnot
war, so erschien ihm doch nicht mannhaft, an nichtige Worte des Gegners zu
mahnen. Whrend er mit seinen Gedanken rang, ob er reden sollte oder schweigend
den harten Spruch erwarten, begann der Knig, zu dem Erzbischof gewandt: Als
die Ratgeber mir durch Euren Mund, hochwrdiger Vater, ihren Rat kndeten, haben
sie, so scheint mir, eines nicht erwogen. Der Thring Immo war es, welcher dem
Grafen zu Hilfe kam, als dieser in Kerkernot sa. Denn htte der Jngling nicht
vor mir das Knie gebeugt, so wrde der Graf einem schweren Schicksal nicht
entgangen sein. Damals nun hat, so scheint mir, der Jngling von dem Grafen
selbst ein Versprechen erhalten, welches die Tochter betraf. Hat aber der
Jngling den Raub verbt auf Grund eines Gelbnisses, das er von dem Vater
empfing, so wrde seine Verschuldung gegen den Gerhard gering erscheinen, denn
er htte durch empfangenes Versprechen ein Recht auf die Jungfrau gewonnen, wenn
auch der Raub ein Frevel gegen den Knig und den Stadtfrieden war.
    Da drngte sich Graf Gerhard eilig hervor und rief laut in dem Ringe:
Keinerlei Gelbde hat der Ruber erhalten, und kein Schwur vermag ihm zur
Entschuldigung zu gereichen; weder die Tochter noch irgend etwas anderes habe
ich ihm verheien, damit er tue, was mir zum Heil helfen konnte. Ganz ohne
Entgelt wagte er, was fr ihn kein schwerer Dienst war, da des Knigs Gnade ber
denen, die im Unglck sind, ohnedies barmherzig waltet. War ich ihm einen Dank
schuldig, so htte ich ihm wohl etwas Gutes erwiesen durch ein Ro oder ein
stattliches Gewand, wie es im Lande Brauch ist, nur nicht durch so unerhrten
Lohn, wie das Magdtum meines Kindes.
    Wie! rief Heinrich, war er so tricht, deine Snden zum Knige zu tragen,
ohne den Brauch der Welt zu ben und an den eigenen Vorteil zu denken? Ungern
mag ich das glauben, wenn auch du es sagst. Sprich selbst, schwertloser Mann,
redet der Graf die Wahrheit?
    Durch Immos Seele fuhr ein heier Schmerz; htte er den Schwur des Grafen
angenommen, vielleicht wurde er jetzt der Gefahr enthoben und zuletzt doch mit
der Geliebten vereinigt. Die Lehre, welche er vom Vater Bertram gekauft hatte,
mochte Unglck und Tod ber ihn bringen. Und doch hrte er in diesem Augenblicke
der Entscheidung wieder das feierliche Flstern des alten Mnches, das ihn
damals mit Ehrfurcht erfllt hatte, und in seiner Seele schrie es, da der Rat
hochsinnig und ehrlich gewesen war. Darum sprach er leise in der Versammlung:
Der Graf redet die Wahrheit, ich empfing keinen Schwur von ihm, weder um seine
Tochter noch um etwas anderes, und ich habe sie mir geraubt, wie Kriegsleute in
der Not tun, weil sie mir lieber ist als mein Leben.
    Nun denn, rief der Knig, so sprich, was trieb dich damals, ein unholder
Bote des Grafen zu werden?
    Mich jammerte, da der Edle gegen einen Ehrlosen kmpfen sollte, und mehr
noch als das Schicksal des Gebundenen ngstigte mich die Trauer der Jungfrau.
Und Herr, wenn ich alles sagen darf, wie es mir damals erging, ich trug den
Brief wahrhaftig in Einfalt und treuem Sinn, denn ich wute und bedachte nicht,
da ich meinem huldreichen Herrn Ungnstiges reichte.
    Da flog ein heller Schein ber das Angesicht des Knigs. War es ein
Sonnenstrahl oder ein Wetterleuchten aus seinem zornigen Gemt, das wuten die
Herren nicht, die den Knig mit gespanntem Blick betrachteten.
    Nur der Erzbischof erkannte, da in dem Gemt des Knigs etwas vorging; und
da Willigis ein sehr kluger Herr war, so dachte er der vernderten Meinung des
Knigs Genge zu tun, um zugleich sich selbst einen Gewinn zu schaffen, den er
sich seit langem ersehnte. Deshalb begann er: Alle preisen wir des Knigs Huld,
welche auch an dem schuldigen Mann das Ehrenwort zu ehren wei, und viele gibt
es hier, welche ein mildes Urteil fr ihn ersehnen. Keiner aber wagt fr ihn zu
sprechen, weil er an der Kirche und den Heiligen gefrevelt hat, indem er ein
Weib entfhrte, welches der Knig dem Herrn verloben wollte. Darum ziemt vor
anderen mir, meinen Herrn und Knig flehend zu mahnen, da er sowohl der Kirche
eine Shne gewhre, als auch dem Schuldigen Leben und Ehre erhalte. Mge der
Weisheit des Knigs gefallen, den Berg und die Burg, welche Held Immo verwirkt
hat, den Heiligen zu bergeben, damit sie fortan dem Erzbistum gehren und damit
ich einen Lehnsmann hinaufsetze, entweder den Helden Immo selbst oder einen
anderen, wie es dem Knig gefllt.
    Der Knig sah berrascht auf den Erzbischof. Er gedachte der Worte welche
ihm Heriman zugetragen hatte, und ihm gefiel gar nicht, den mchtigen Priester
zum Herrn im Lande zu machen. Dennoch konnte er die Hilfe desselben nicht
entbehren, und so sa er, das Gesicht freundlich ihm zugewandt, aber in seinem
Herzen meinte er es weit anders. Denn ihm hatte noch diesen Morgen im Sinne
gelegen, die Mhlburg fr sich selbst zu behalten, aber sie vielleicht als Lehen
des Reiches einem Manne aus Irmfrieds Geschlecht zu bergeben. Darum hatte er
heimlich seinen vertrauten Kriegsmann auf die Burg gesandt, welcher in
Abwesenheit der Herrin einen Versuch machen sollte, die Besatzung zu tuschen
und zu berwltigen, und er hatte ihm geboten, stracks eine Stelle der Mauer zu
brechen, damit des Knigs Macht sichtbar werde. Jetzt gefiel ihm dieser Gedanke
noch mehr.
    Whrend der Knig auf die Antwort sann, hrte er das Rauschen eines
Gewandes. Ein Mnch kniete zu seinen Fen, es war Reinhard aus Heroldsfeld, der
Vertraute seines Kaplans, des frommen Godohard. Er winkte dem Demtigen zu: Was
begehrst du, Vater Reinhard, der du jetzt durch Herrn Bernheri zum Prpositus
deines Klosters ernannt bist?
    Nicht aus eigenen Gedanken, sondern nach dem Willen meines Herrn Bernheri
wage ich Unwrdiger in dieser hohen Versammlung zu bitten, zunchst, da Herr
Willigis mir verzeihe, wenn ich anders spreche, als ihm selbst gefllt. Die
Mhlburg liegt nahe den Hufen und Wldern, welche dem heiligen Wigbert gehren,
und keine Sicherheit hat das Kloster in Thringen zu hoffen, wenn nicht der
Gewappnete, welcher auf der Mhlburg haust, dem Kloster gehorcht. Auch ist
bereits ein Heiligtum auf dem Berge, welches Sankt Wigbert selbst geweiht hat,
und das edle Geschlecht des Helden Immo betet seit der Urzeit an den Altren des
Klosters. Darum flehe ich, da es der Gnade des Knigs und auch der Weisheit des
Erzbischofs gefallen mge, den Berg und die Burg meinem Kloster zu gewhren,
damit dieses einen treuen Kriegsmann hinaufsetze, der auch dem Knig
wohlgefllig ist.
    Der Knig sah das zornige Gesicht des Willigis, und um seinen Mund zuckte
ein schadenfrohes Lcheln, denn ihm war lieb, da die zweite Bewerbung leichter
machte, dem Erzbischof fr jetzt seinen Wunsch zu verweigern. Er hinderte also
die Gegenrede, welche der Erzbischof vorbereitete, indem er antwortete: Uns
ziemt demtige Erwgung, wenn zwei so fromme Vter sich dasselbe Gut begehren.
Da du aber mir sagst, da das Geschlecht des edlen Immo sich lngst den heiligen
Wigbert zum Beschtzer und Frbitter erwhlt hat, so will ich dich, Immo, selbst
fragen: We kommt es doch, da ihr seither vermieden habt, den heiligen Wigbert
als Herrn zu erkennen. bel hast du, so scheint es, dich beraten, da du dich
der Lehnshoheit des Heiligen entzogst, denn er vermchte dir jetzt vielleicht
die Mauern zu erhalten.
    Was der Knig sagte, fiel schwer auf das Herz des bedrngten Mannes, dennoch
trat er mit gehobenem Haupte vor: Herr, was ich als freies Erbe von meinen
Vtern bernommen habe, das wollte ich in Ehre und Wert unvermindert den
Nachkommen berlassen; immer war der Stolz meiner Ahnen, keinem Lehnsherrn zu
dienen.
    Und doch wrdest du jetzt froh sein, warf ihm der Knig prfend entgegen,
wenn du dein Erbe wenigstens als Besitz aus der Hand der Kirche
zurckerhieltest, damit du httest, wo du dein Haupt birgst. Immo schwieg.
Antworte mir, befahl der Knig. Immo kniete nieder. Da mein Herr und Knig
mich fragt, so will ich, obwohl in Todesnot, eine ehrliche Antwort geben.
Kleiner wird jhrlich die Zahl der Freien im Lande, mein Geschlecht aber sa
seit der Urzeit auf diesem Grunde. Nicht vom Knig und nicht von der Kirche
stammt unser Recht, sondern von der milden Himmelssonne selbst erbaten meine
Ahnen ihr Eigen, bevor Knig und Kirche im Lande herrschten. Wenig liegt mir am
Leben, da ich doch alles verloren habe, worauf ich hoffte, aber ein Vasall werde
ich nicht.
    In dem Kreise der Edlen entstand eine Unruhe, und Heinrich rief: Wahrlich,
der Knig mag zufrieden sein, da das Erbe deines Hauses nur klein ist, denn du
steigst ber den Adler und fhrst hher in deinen Gedanken als die Groen des
Reiches, welche selten verschmhen, auch von anderen als dem Knige Land und
Leute zu empfangen. Nicht unwahr reden die Menschen, wenn sie euch die kleinen
Knige aus dem Walde nennen. - Jetzt aber gedenke vor allem, ob du der Not
dieser Stunde entrinnst. Als den Ruber seiner Tochter hat dich Gerhard
verklagt, und zum drittenmal warne ich dich. Rede, wenn du etwas weit, was dich
gegen ihn entschuldigt, denn du redest fr deinen Hals.
    Da sprach neben dem Knige eine leise Stimme: Lieber Herr Knig, ich wei
etwas. Heinrich winkte den jungen Gottfried an sein Ohr, dann befahl er ihm,
laut zu reden. Der Knabe trat in den Ring vor den Grafen und begann mutig: Was
mein Bruder verschweigt, daran will ich ihn mahnen: Gedenke, Graf Gerhard, da
du einst meinen Bruder Immo einen Frosch nanntest, der aus dem Weiher zu der
Knigstochter hinaufhpft. Damals fordertest du selbst, da mein Bruder ihr
Geselle werden sollte, und du befahlst der Hildegard, weil sie den kalten Frosch
nicht anrhren wollte, da sie es doch tun mute. Aus einem Becherlein haben sie
getrunken und aus einem Schlein gegessen, und mit einem Goldfaden haben sie
sich gebunden, den sie meinem Bruder Immo geschenkt hat. Heute widerstrebst du
mit Unrecht, da er ihr Gemahl wird, denn du selbst hast deine Tochter dazu
angestiftet, da sie ihn wert halten sollte.
    Der Knig fragte ergtzt: Was weit du auf die Sage des jungen Helden zu
antworten? Hast du selbst den Jngling und die Jungfrau vertraulich gemacht, wie
darfst du dich beschweren, da sie auch spter sich zueinander gesellten?
    Da rief Graf Gerhard zornig: Habe ich jemals einiges von dem Frosch gesagt,
so vermag der Knig leicht zu ermessen, da dies nur scherzweise und beim Trunk
geschehen ist, wie man mit Kindern wohl zuweilen handelt. Im Ernst aber habe ich
nie daran gedacht, den Helden aus den Waldhecken zum Gemahl fr mein Kind zu
whlen, denn damals stand er noch in Klosterzucht, und spter hatte er die Gunst
des Knigs verloren. Auch war dieses Geschlecht eines Zaunknigs, welcher hier
gegen mich piept, mir und meinen Mannen oft feindselig und abgeneigt.
    Da errtete Gottfried im Eifer und rief: Darf ich ihm noch einmal
antworten, Herr Knig? Eine andere Sage hrte ich in den Waldhecken, die er
schmht, da einst Wolf Isegrim, ein Graf unter den vierfigen Tieren, das Nest
der Zaunknige verspottete, aber teure Bue zahlte er dafr. Denn die Vgel aus
den Lauben begannen einen Streit gegen ihn, und als sie in einer Waldlichtung
aufeinander trafen, da wurde dem Wolf das Fell gerauft, und Isegrim stand am
Abend mit entbltem Haupt an dem Nest der Zaunknige und bat demtig vor allem
Volk die krnkende Rede ab. Lat Euch erzhlen, wie Wolf Isegrim damals Abbitte
tat. Der jngste Nestling aus dem Geschlecht, das er geschmht hatte, wurde ihm
gegenbergestellt, und vor ihm mute der Wolf sich demtigen. Merke wohl, Graf
Gerhard, ich wei das genau, denn der junge Vogel war ich, und du warst der
Wolf.
    Der Graf wurde zornrot, und unwillkrlich tastete seine Hand nach der
Schwertseite. Aber im Kreise der Herren erhob sich ein schallendes Gelchter,
und Gottfried fuhr fort, indem er dem Grafen nher trat und nach dem Schwerte
desselben wies: Bei diesem Kreuz wurde beschworen, da die Fehde abgetan sein
sollte und aller Groll vergessen. Und beim Mahle trug ich dir die erste Kanne
Wein zu, und ich, den du jetzt wegen seiner Stimme schmhst, sang dir den
Willkommen. Denke auch daran, Graf Gerhard, wie du damals zu meinem Bruder
sprachst: Sehr leid tut es mir, Immo, da der Knig mit meiner Tochter anderes
im Sinne hat; wenn ich mit ihr verfahren knnte wie ich wollte, so meine ich,
sie wrde es nirgends besser haben als bei euch in den Waldlauben, und gern
wrde ich sie dir gewhren, da ich wei, da sie dir lieb ist. So hast du
geredet, und so hast du selbst ihm den Mut gegeben, sich die Braut zu holen.
    Wieder ging ein Summen und Lachen durch den Ring, der Graf suchte ngstlich
im Angesicht des Knigs zu lesen, und niederkniend sprach er: Ich flehe, da
die Weisheit des Knigs nicht vergangene Rede zu meinem Schaden gelten lasse.
Denn wenn ich auch hier und da bessere Gesinnung gegen den Helden Immo hatte,
durch den Raub der Jungfrau und durch den Friedensbruch sind er und sein
Geschlecht aus Frieden und Ehre gesetzt, und kein Edler kann billigen, da ich
mein Kind, auch wenn es nicht geschleiert wird, einem von jenen dort vermhle.
    Du hast ein Recht, so zu sprechen, versetzte der Knig ernsthaft, und
mich freut's, da du gelernt hast, strenge ber einen Mann zu urteilen, der
geraubt hat. Nicht vergebens hast du mich gemahnt, denn der Knig ist dazu
gesetzt, jedem sein Recht zu geben, das er sich verdient hat.
    Drauen klang Hufschlag; der Hauptmann trat gegenber dem Knig in die
Schranken und warf einen ausgebrochenen Mauerstein vor dem Richterstuhl auf den
Boden, zum Beweis, da des Knigs Befehl vollfhrt sei. Da hob Heinrich seinen
Arm und rief den Shnen Irmfrieds zu: Die Burg eurer Vter ist in der Hand des
Knigs, und harte Hnde meiner Krieger werfen die Steine der Mauer, damit das
Volk erkenne, da der Knig Herr ist im Lande. Die Versammlung erhob sich, die
Gewappneten schlugen an die Waffen und riefen dem Knige Heil. Aber die Shne
Irmfrieds sprangen erschrocken zusammen, und Edith sah bekmmert nach dem Helden
Gundomar, der bei den Worten des Knigs zuckte wie von einer Natter gestochen.
    Und der Knig fuhr fort: Die Mauer breche ich so weit, da der Knig mit
seinem Heergefolge unter freiem Himmel hereinreitet; du, Gottfried, magst die
Mauer wieder aufbauen und fr dein Geschlecht bewahren. Was dem Knig
anheimgefallen ist durch den Frevel deiner Brder, das gebe ich dir, dem
Schuldlosen, zurck in deine Hand als dein freies Eigen, das du fortan behaupten
sollst als ein Geschenk, das nicht von der Sonne stammt, sondern von der Gnade
des Knigs. Denn dem Knige liegt auch am Herzen, die alten Landherren zu
schtzen, wenn sie nicht Bedrcker ihrer Nachbarn werden. Er wandte sich zu dem
Erzbischof und zu Reinhard und fuhr weiter fort: Darum mgen mir auch heilige
Mnner meines Landes nicht bel deuten, wenn ich ihren frommen Wunsch fr die
Kirche diesmal nicht gewhre. Oft habe ich gewhrt, da sie oft bitten. Hier aber
geht, wie ihr alle merket, der Handel um Knigsgut zwischen zwei Knigen; der
eine bin ich, und der andere ist hier der kleine Knig aus den Waldhecken, und
darum will ich einem Herrn meinesgleichen nicht zuwider sein, wenn sein Krnlein
auch nur klein ist.
    Da der Erzbischof sah, da der Knig ihm die Mhlburg versagte, so war ihm
lieb, da die Mnche von St. Wigbert sie auch nicht erhielten, sondern ein
Knabe, den er sich einst geneigt machen konnte, und er antwortete lchelnd: Der
Knig hat weise entschieden und uns allen das Herz erfreut, indem er das
Geschlecht eines seligen Bekenners vor den Edlen ehrte. Du aber, Jngling, denke
daran, da du fortan als Herr auf eigenem Grunde gebietest.
    Der Knabe stand nachdenkend, dann trat er vor den Knig. Ist's an dem,
lieber Herr Knig, da ich jetzt Herr bin ber die Mhlburg?
    Der Knig zog einen Ring vom Finger und fate die Hand des Knaben. Schwach
ist deine Hand, du mut ihn auf dem Daumen tragen, sagte er. Wie ich diesen
Ring hier abziehe und dir anstecke, so bergebe ich, was dem Reiche an Berg und
Burg deiner Vter gehrt, dir zu freiem Eigen.
    Gottfried kte die Hand des Knigs und rief freudig: Und ich darf mit dem
Gut beginnen, wozu nur immer ein Herr sein Gut gebrauchen will?
    Das darfst du, Jngling, versetzte der Knig unruhig, denn er sah den
jungen Burgherrn zwischen dem Erzbischof und dem Mnch Reinhard stehen. Nur
beachte wohl, da du es nicht zum Schaden des Knigs gebrauchst.
    Da schlug der Knabe froh die Hnde zusammen und rief: Nicht zum Schaden des
Knigs, sondern zu seinem Nutzen, denn ich will der Burg einen Herrn geben, der
dem Knige besser dienen kann als ich. Und er zog den Ring von seinem Daumen,
lief damit durch die Versammlung zu seinem Bruder Immo, kniete vor diesem nieder
und rief: Nimm den Ring, mein Bruder, und nimm den Berg aus meiner Hand und
dulde, da ich dich als meinen Herrn ehre, denn lieb bist du mir, und gtig
warst du mir immer wie ein Vater.
    Immo warf seine Arme um den Bruder, die Trnen brachen ihm aus den Augen,
und beide hielten einander umschlungen. Alles in den Schranken war still, die
Augen des Knigs leuchteten hell, aber auch er schwieg, bis Gottfried seinen
Bruder an der Hand nahm und zum Knige fortri. Dort warf sich der Knabe nieder,
umfate die Knie des Herrn und wollte ihn anflehen, aber er legte das Haupt auf
die Knie, hielt den Knig umklammert und schluchzte in seinem Scho.
    Der Knig, dem ganz ungewohnt war, da ihn Kinderarme umschlangen, machte
zuerst, seiner Wrde gedenkend, eine Bewegung, den Weinenden abzuschtteln. Aber
das Zutrauen und das heie Weinen bewegten ihm das Herz, und er sprach leise:
Habt ihr je, edle Herren, bessere Rede eines Bittenden gehrt? Auch du
schweigst, Immo, und auch dir rinnt Tau von den Wangen? Ist das euer Lied, womit
ihr die Herzen rhrt? Noch mehr! fuhr er fort, als er sah, da die Brder und
die Mutter vor ihm knieten, ihr versteht gut, wie man eines Knigs Gnade
gewinnt, leise nur dringt der Gesang in das Ohr, aber er vermag wohl den Zorn zu
tilgen. Steh auf, Knabe; und du tritt nher, Immo, dein Recht sollst du erhalten
im Guten und Bsen, wie du verdient hast.
    Mit bleichem Antlitz trat Immo vor den Stuhl des Herrn und beugte das Knie.
Ich sehe dich vor mir, fuhr Heinrich fort, wie an jenem Abende, wo du den
Brief des Grafen zu meinen Fen niederlegtest. Damals war ich unwillig, weil du
zum Vorteil eines anderen schwere Sorge auf mein Haupt sammeltest, und ich habe
seitdem in meinen Gedanken mit dir gezrnt. Denn, Immo, ich war dir von Herzen
zugetan, und ich vertraue ganz fest deiner Treue und deiner guten Gesinnung zu
mir. An jenem Abend nun meinte ich mich von dir verraten, und da du, um das
Grafenkind zu gewinnen, die Treue gegen mich verleugnet httest. Das tat mir von
dir weh, und darum war seitdem dein Tun mir verhat. Heut aber habe ich erkannt,
da du redlich gegen mich warst, wenn auch unbedacht. Darber bin ich froh. Und
obgleich du gegen den Frieden des Landes gefrevelt und meinen Willen gekreuzt
hast, und obgleich ich einen Spruch gegen dich finden mu als Herr, der ber
Recht und Frieden zu walten hat, so will ich dir doch vorher die Ehre geben, die
der Knig einem Edlen gibt, der ihm lieb ist. Der Knig erhob sich schnell,
streckte die Hand nach dem knienden Immo aus, hob ihn auf, kte ihn auf den
Mund und lachte ihn freundlich an, und sein Antlitz, das sonst bleich war wie
das eines leidenden Mannes, rtete sich, wie einem geschieht, der sich heimlich
freut.
    Als der Knig so huldreich dem Gefangenen seine Ehre gab, schlugen die
Gewappneten mit den Waffen zusammen und riefen dem Knige Heil, und um die
Schranken erhob sich ein Jubelgeschrei, welches nicht enden wollte.
    Aber den Freudenlrm bertnte ein so gellendes und ungefges Jauchzen, da
auch eifrige Rufer erstaunt innehielten, und eine blinkende Axt flog aus dem
Volkshaufen nach dem Gerichtsbaume und schlug krachend in das Holz des Wipfels.
Als um den Werfer ein Tumult entstand und der Knig verwundert auf das Gedrnge
sah, eilte Brunico heran, und auf einen Wink des Knigs in die Schranken
gelassen, erklrte er begtigend: Der wilde Sauhirt tat es in bergroer
Freude, weil er den Hofbrauch wenig kennt.
    Heinrich sah ber seinem Haupte das Eisen durch die ste blinken, er ahnte
eine berwundene Gefahr und sprach lchelnd zu Immo: Subulcus curculos secat5.
Ist das eure Art, Ruten zu schneiden, wenn ihr einen widerwrtigen Schler
strafen wollt? Und er nahm ein abgeschlagenes Reis, welches an seinem Gewand
haftete und schlug damit auf Immos Finger.
    Jetzt aber hre in Demut, auch was dir leidvoll wird, begann er wieder mit
Knigsmiene und setzte sich auf dem Stuhl zurecht: die Jungfrau, welche du
entfhrt hast, damit sie dein Gemahl werde, verweigert dir der Vater, und du
mut ihr entsagen, wenn dir nicht gelingt, den guten Willen des Grafen fr dich
zu gewinnen. Bist zu zufrieden mit dem Spruch, Graf Gerhard?
    Der Graf stand in groer Verwirrung. Da der Knig den Gefangenen durch
einen Ku ehrte und ihm seine Ehre vor der Versammlung besttigte, ngstigte ihn
sehr, weil er die geheimen Gedanken des Knigs falsch gedeutet hatte; und er
vermochte, wie gewandt er sich sonst zu biegen wute, doch nichts Schickliches
zu erwidern, sondern stie nur heraus, nach Art der Thringe, welche ungern ja
sagen: Hm, und Allerdinge, es ist, wie der Knig meint; aber ihm ahnte, da
er in einem blen Handel war, und da der Richter ihm noch Arges sann. Dabei
fiel sein umherirrender Blick auf Heriman, welcher auerhalb der Schranken dem
Knig gerade gegenberstand, und seine Angst wurde noch grer. Der Knig aber
fuhr gegen Immo fort: Da mein Vogt von Erfurt keine Klage gegen dich erhoben
hat wegen deines nchtlichen Rittes, so besteht gegen dich die Klage der
Erzbischflichen wegen Tumults und schwerer Verwundung. Die Wunden wirst du nach
Landesbrauch entschdigen, wegen des gebrochenen Stadtfriedens sollst du ohne
Schaden an Leib und Leben das Land rumen. Und ich versage dir deine Heimat,
Dach und Herd auf ein Jahr und einen Tag von morgen an. - Ein leiser Klageton
des Gefangenen zitterte durch die Luft.
    Und nach Jahr und Tag, fuhr der Knig fort, falls die Heiligen uns gndig
sind, sollst du, Held Immo, deinen Knig zu dem Hochfest laden, das du feierst,
wenn du dich vermhlst. Ich selbst will zur Stelle sorgen, da ich dir deine
Braut werbe, denn ich habe nicht vergessen, da du einst zwischen mir und meinen
Feinden standest. Deshalb gedenke ich jetzt mit dem Grafen zu reden, ob er mir
Gehr gibt. Manches wei ich von seinen Gedanken und Taten, was vertraulich
zwischen uns beiden bleibt, und ich wei auch, da er dir im Grunde wohlwill,
nur da er des Knigs Zorn scheut. Denn er hat nicht nur gnstig ber sein Kind
zu dir gesprochen, er hat sogar damals, als du am Main vom ihm rittest, schon
den Goldstoff erworben, den ein Grafenkind schwerlich tragen wrde, auer wenn
sie sich einem Knig vermhlt; und der Knig konntest doch nur du oder ich sein,
ich aber habe meine Knigin und du noch nicht. Habe ich deinen Sinn recht
gedeutet, Graf Gerhard, so sprich. Und Heinrich warf einen Herrenblick auf den
Schuldigen, so da dieser, sich niederbeugend, nichts weiter sagen konnte als:
Des Knigs Weisheit rt immer das Beste.
    Dann rate ich dir auch, dem Goldschmied Heriman den Stoff zu bezahlen, und
da du ihm zu dem Preis das Fnffache darauflegst, damit der Schmied eine reiche
Spende in die Hand meines hochwrdigen Vaters Willigis von Mainz opfere. Denn
auch Heriman hat Ursache, den Heiligen dankbar zu sein, weil sie ihn damals und
spter aus groer Gefahr befreit haben. Du aber, Held Immo, sollst, bis Jahr und
Tag vergangen sind, mit deinem Knige reisen, der jetzt seine Kriegsfahrt
rstet. Unterdes wird die Jungfrau im Hause der edlen Edith zurckbleiben, wenn
der Vater, wie ich wnsche, die Herrin gleich zur Stelle darum bittet und diese
es ihm gewhrt. Du, junger Gottfried, bewahrst bis zur Heimkehr des Bruders sein
Erbe und legte es ihm in seine Hand zurck, wie du schon heute getan; ihr
anderen Shne des Helden Irmfried aber steigt auf die Rosse und folgt dem Bruder
in meinem Heere. Sooft die Speere an den Schilden der Welschen drhnen, hoffe
ich euren Gesang zu hren.
    Der Knig erhob sich, legte den Richterstab in die Hand des Erzbischofs und
trat vor Edith.
    Und jetzt, Base Edith, wenn der Knig durch die gebrochene Mauer reitet,
willst du ihm dennoch freundlichen Willkommen sagen? Mit groem Gefolge komme
ich, und nur wenige Stunden werden wir dich beschweren; doch man rhmt ja, da
Speicher und Keller, wo du waltest, reichlich gefllt sind. Heut sollst du
deinen Stammgenossen und Vetter gastlich empfangen, denn als Freund schwingt
sich des Reiches Aar zu dem Nest der Zaunknige.

                                     Schlu


Im Lande der Alemannen weilte der gebannte Immo auf einem Hofe des Knigs, bis
seine Wunde geheilt war und seine Brder mit reisigem Gefolge dem Heere zuzogen.
Als Heinrich ber die Alpen nach Italien drang und durch berraschung und Gewalt
den Widerstand seiner Feinde brach, da fhrte Immo das Banner der freien
Thringe vom Walde, wie einst sein Vater getan; er und seine Brder fochten in
den Straen Pavias gegen die emprten Welschen, und als Knig Heinrich von einem
treuen Bischof in Pavia zum Knig des langobardischen Italiens geweiht wurde,
klang auch Immos Heilruf unter den Sulen und Steintrmmern der alten
Knigsstadt. Heinrich kehrte im Sommer nach Deutschland zurck, aber er lie die
Brder als Wchter gewonnener Burgen durch den Winter in Italien.
    Seit jenem Gericht waren Jahr und Tag vergangen, ein neuer Sommer zog ins
Land, und kleine Bltter schlpften aus den Baumknospen, da legten die Mannen
Immos der Mhlburg festlichen Schmuck an, sie hefteten Fichtenkrnze an Tor und
Zinnen und breiteten schne Teppiche aus dem Lande Italien an die Wnde und ber
den Fuboden. Denn im Ringe seiner Edlen vermhlte Knig Heinrich den Burgherrn
mit der Tochter des Grafen, und der groe Erzbischof erteilte den Vermhlten den
Segen der Kirche. Edith schritt im Brautzug an der Hand des Knigs, gefolgt von
sechs Shnen; auch Graf Gerhard trat hinter dem Knig einher, er lchelte nach
allen Seiten und freute sich, aber er war verfallen und gar nicht in seiner
alten Kraft, denn auf dem Kriegszuge hatte ihn ein Pfeilschu verwundet, und im
Heere sagten sie, da der Pfeil nicht aus welschem Kcher gekommen sei, sondern
hinterrcks aus dem eines heimlichen Feindes. Da der Graf an der Wunde
krnkelte, so sprach er fter vertraulich mit dem Mnch Reinhard, denn ihn
ngstigte jetzt seine Feindschaft mit den Wigbertleuten.
    Als am Abend des festlichen Tages der Knig in seinen nahen Hof
zurckkehrte, folgte ihm Gundomar, welcher dem Feste ferngeblieben war, in das
Gemach. Heinrich hielt dem Helden den Becher entgegen: Heut bin ich frhlich,
auch du gltte die Falten auf deiner Stirn, denn Gutes bedeutet dieser Tag
deinem Geschlechte.
    Alles ist dem Knig wohlgelungen, versetzte Gundomar. Ich aber flehe
jetzt zu meinem Herrn, da er mir nicht zrne, wenn ich mein Schicksal von dem
seinen scheide.
    Heinrich sah betroffen auf die ernsthafte Miene: Unverstndiges sprichst
du. Da ich noch ein Kriegsmann war wie du, gelobten wir einander Gesellen zu
sein; an den Eid habe ich gedacht, auch wenn ich dir einmal zrnte. Wie willst
du dich von mir scheiden?
    Als ich gestern durch die neu geflickte Mauer ritt, dachte ich daran, da
sie von einem Herrn gebrochen wurde, obwohl ich der Frau, die dort oben gebot,
angelobt hatte, da der Bau meines Geschlechtes ihr unversehrt zurckgegeben
werden sollte.
    Du hast es gelobt, nicht ich, unterbrach ihn Heinrich.
    Du hast getan nach Art der Knige. Denn sie ben das Vorrecht, das Gute fr
sich zu begehren, das Unrecht auf das Haupt ihrer Diener zu wlzen. Auch klage
ich nicht darber, denn ich wei; auch den Knig zwingt die Knigspflicht. Ich
aber sah zerbrochen, was zu bewahren meine Pflicht war, und mir war diese Tat
eine Mahnung, da ich genug fr meinen Herrn getan und gesndigt habe. Und ich
sa im Abendlicht am Fu der Mauer und sah in die untergehende Sonne, da
erkannte ich, da auch fr mich das Tor des Himmels geffnet wird.
    Du willst der Welt entsagen? rief der Knig bestrzt. - Ich aber brauche
dich; ein Undankbarer bist du, da du mich verlassen willst, denn gtig war ich
dir, und oft habe ich deine harte Meinung mit Geduld ertragen.
    Gtig war mein Herr, auch wenn er fragte, ob die Treue des anderen ihm
ntze, gtiger noch ist der Herr in der Himmelshalle.
    Bist du unzufrieden, weil ich andere mehr ehre als dich, so fordere,
Gundomar.
    Was du von dem einen nimmst, gibst du dem anderen, das ist die Art der
Mchtigen; ich aber whle mir jetzt den Herrn, der jedem zu spenden wei aus dem
Schatz seiner Liebe. Er hob eine goldene Kette vom Halse und legte sie zu den
Fen des Knigs. Dies war die erste Spende, die du mir gabst, und vor allem
Schmuck habe ich sie hochgehalten. Wie dieses Gold, so will ich hinfort alles
entbehren, was ein Mensch dem anderen zu schenken vermag.
    Heinrich wandte sich gekrnkt ab. Gundomar kniete an seiner Seite nieder und
fate seine Hand: La mich dahinfahren. Gleichgltig ist mir alle Freude der
Welt geworden. Wenn ich deine Ritter im Kampfspiel reiten sehe und die langen
Zge der Wallenden in ihren Festgewndern, so scheinen sie mir wie spielende
Kinder gegenber den hohen Engeln, die ich im Abendlicht dahinschweben sehe.
    Der Knig hielt traurig die Hand des Knienden fest, und dieser fuhr fort:
Alle Liebe, die du je zu mir in deinem Herzen gehegt, la sie den Knaben meines
Geschlechts zugute kommen. Der junge Held, dem du heut deine Huld erwiesen, wird
ihrer wrdig sein. Er hat sich gestrubt gegen den fremden Willen, der ihn in
das Kloster warf, damit er fr die Schuld anderer be. Jetzt tausche ich mit
ihm. Der jngere Held in blhender Jugend soll meinem Knig unter Waffen dienen,
ich aber wende als mder Mann meine Schritte dem Kloster des heiligen Wigbert
zu.

Auf der Mhlburg sa Edith in dem hohen Herrenstuhl, zu ihren Fen die sieben
Shne, und im Ringe umher die vertrauten Gste des Geschlechts: Heriman, das
Haus Baldhards, worin Brunico und der Mnch Wigbert, auch Balderich mit seiner
Tochter und andere Freie aus den Nachbardrfern. Die Gste schwenkten frhlich
die Festbecher, welche die junge Wirtin Hildegard ihnen mit holdem Lachen
darbot. Als sie den Becher zu Brunico trug, reichte sie ihm die Hand: Das
nchste Hochfest feiern wir im Hofe deiner Braut und erflehen Segen fr euch
beide. Und Immo mahnte seinen Klostergenossen Rigbert: Jetzt ist die Stunde
gekommen, wo du vom Kloster und von den Vtern berichten sollst.
    Gutes und Bses habe ich zu knden, begann Rigbert. Ganz verwandelt
kehrte Tutilo vor einem Jahre in das Kloster zurck, er hatte mit Knig Heinrich
seinen Frieden geschlossen und demtigte sich bei seiner Ankunft vor Herrn
Bernheri. Dieser aber wurde tglich krnklicher, er stieg niemals mehr von St.
Peter herab und warf in seinem Gemach mit dem Krckstock nach den
Hirschgeweihen, weil er den Stock fr einen Speer hielt. Der Knig jedoch wollte
nicht leiden, da dem Herrn Bernheri, solange dieser lebte, sein Amt genommen
wrde. Da nun Reinhard fast immer in der Nhe des Erzbischofs weilte, so wurde
Tutilo wieder zum Prpositus erhoben, und er herrschte in ganz neuer Weise; denn
sonst hatte er wenig auf die Regel geachtet, jetzt aber wurde er hart und eifrig
und versagte den Brdern auch Erlaubtes. Du selbst magst ermessen, ob er das
getan hat aus frommem Eifer oder aus einem anderen Grunde. Darum wurde der
Widerwille der Brder gro, und mehr als einmal kehrten Unzufriedene dem
Heiligtum den Rcken und liefen aus. So verbot Tutilo im letzten Herbst dem
Vater Bertram, fernerhin in seinem Garten zu arbeiten, weil dieser sein Herz in
sndiger Weise an die Obstbume gehngt habe. Da stie Bertram seinen Spaten in
die Erde und ging schweigend in die Klausur zurck, Sintram aber sa seitdem
kraftlos in seinem Garten und vermochte nicht mehr zu graben. Tutilo herrschte
auch diesen an und bedrohte ihn mit Bue und Geiel. Als Bertram das vernahm,
erhob er sich, und weil gerade wieder Brder in Emprung von St. Wigbert
scheiden wollten, schritt auch er trotzig aus der Klausur in den Garten, nahm
seinen Spaten auf den Rcken und winkte Sintram, dasselbe zu tun. So zogen die
beiden Alten in die wilde Welt, traurig war ihr Anblick fr die wandernden
Brder, denn beide wankten vorwrts wie unter schwerer Last. Als sie nun zur
Hhe gekommen waren, wo am Birkengehlz das steinerne Kreuz errichtet ist als
Grenzzeichen unseres Glockenschalls, da lutete gerade die Glocke vom Turme des
heiligen Michael. Der wandernde Haufe wandte sich um, und manche klagten und
weinten. Bertram aber sprach: Weiter vermag ich nicht zu gehen, und von der
ehernen Stimme des Engels will ich mich nicht scheiden; wandelt ihr dahin und
sucht Frieden in der Fremde, mir gefllt diese Sttte und hier will ich bleiben.
Auf der Stelle begann er eine Grube zu graben, und die Brder vermochten ihn
nicht abzuhalten, denn er antwortete ihnen nicht mehr. Endlich verlieen ihn die
anderen, nur Sintram blieb bei ihm. Am nchsten Morgen lutete dieser an der
Klosterpforte und berichtete, da sein Geselle Bertram in Frieden geschieden sei
und da er neben einem Grabe liege, das er sich selbst geschaufelt hatte.
Sintram wankte in die Klausur zurck und blieb darin, bis sie ihn nach wenigen
Tagen auch hinaustrugen. Der gute Vater Heriger setzte durch, da die beiden an
der Stelle bestattet wurden, wo die Glocke von St. Michael sie gemahnt hatte.
Und gerade jetzt wird dem hohen Erzengel eine Kapelle ber ihrem Grabe erbaut.
Jetzt ist Herr Bernheri von uns geschieden, eine neue Ordnung beginnt fr St.
Wigbert und ein heiliges Leben. Auch ich fahre jetzt dahin zurck.
    Immo hob die Hand gen Himmel. Unter den Engeln weilt ihr, liebe Vter,
blickt gnstig auf den Mann herab, den ihr als wilden Schler gesegnet habt. Den
guten Lehren, die ihr mir bergeben habt, verdanke ich Leben und Glck. Einem
Spruch habe ich nicht gehorcht, der Mutter und den Brdern habe ich zu lange
meine Kriegslust geborgen, dadurch habe ich uns allen das Herz krank gemacht.
Da ich aber in der eigenen Bedrngnis meinen Helfer Heriman nicht im Stiche
lie, sondern die letzte Kraft daran setzte, ihn zu retten, das hat, wie ich
merke, dem Knig bessere Gedanken ber mich eingegeben, gerade als er mir am
meisten zrnte. Und da ich mir von Gerhard, als er in Not lag, nicht die
Tochter angeloben lie, das hat mir die Neigung des Knigs und die Braut
wiedergewonnen. Mein Erbteil habe ich nicht in fremde Hand gelegt, darum stehe
ich jetzt als froher Herr auf freiem Eigen. So hat sich jede Lehre als
heilbringend besttigt.
    Da rief Edith ihm zu: Zornig trugst du das Schlerkleid. Dennoch sollst du
heut die Mutter preisen, da sie dich, den Widerwilligen, zu den Altren sandte.
Denn nicht die Weisheit allein, sondern auch, was wenigen glckt, die liebe
Hausfrau gewannst du dir unter den Mnchen durch die Klosterschule.


                         Die Brder vom deutschen Hause

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Auf dem Wege von den roten Bergen nach Erfurt lag in einer Niederung der Hof von
Ingersleben, umflossen von einem Gebirgsbach, dessen Wasser die schtzenden
Grben fllte. Dahinter ragten die festen Mauern, an den Ecken und ber dem Tor
runde Trme, gerumig genug, um einen Standbogen oder eine groe Schleuder
aufzunehmen. Wer ber die Zugbrcke durch das Torgewlbe trat, der sah vor sich
einen weiten Hof von niedrigen Wohngebuden, Stllen und Vorratsrumen
eingefat, zur Seite das ansehnliche Herrenhaus; im Unterstock wlbten sich
Steinhallen, der vorspringende Oberstock war aus groen Holzbalken und Ziegeln
zusammengefgt. An der Sonnenseite des Hauses lief eine zierlich geschnitzte
Galerie entlang, und vor der Haustr standen zwei alte Linden, deren Stmme mit
Bnken umgeben waren. Neben dem Herrenhause erhob sich ein mchtiger viereckiger
Turm, von welchem die Sage kndete, da er so alt war als der Herrensitz des
Geschlechtes. In seinen geschwrzten Mauern liefen hier und da Risse, aus denen
kleines Gestruch und Grasbschel wuchsen, aber im ganzen war das feste Gefge
erhalten, noch stand der Turm trotzig und kriegerisch da, gleich einem Hnen der
Vorzeit, und er vermochte wohl bei einer Belagerung als letzte Zuflucht zu
dienen.
    Von der Hhe des Turms bersah man eine fruchtbare Landschaft, zur Linken
die Waldhgel von Erfurt, zur Rechten sdwrts die roten Berge mit drei Burgen
und mehreren Warttrmen. Einst waren der ganze Talgrund und alle Berghhen
dahinter Eigentum desselben edlen Geschlechtes gewesen, welches fr eines der
ltesten in Thringen galt. Aber was ihm von je Ehre gegeben hatte, da es frei
auf eigenem Grunde sa, das hatte ihm die Dauer des zusammenhngenden Besitzes
vermindert. Denn nach thringischer Volkssitte war das freie Erbe unter die
Kinder geteilt worden, vieles Land war durch Heirat und Schenkung, durch Fehde
und Krieg in fremde Hnde gekommen, und man hatte in dem Herrenhofe zuweilen
erfahren, da gerade freie Erbschaft Habe und Gut zersplittert und die
Angehrigen scheidet, whrend Dienstbarkeit und Lehnsitz die Stammgenossen
zusammenhlt und ein Geschlecht erhht.
    Auch das Schicksal der groen Landschaft Thringen war dem Wachstum der
Familie hinderlich gewesen; die Hupter hatten in alter Zeit treu zu den Sachsen
gehalten und zweimal war die Blte der mnnlichen Jugend in den Kmpfen der
Sachsen mit den Franken auf dem Schlachtfelde dahingeschwunden. Unterdes kam
durch die Gunst der Frankenkaiser ein anderes Herrengeschlecht herauf, welches
von dem Landgrafenstuhl gewaltig herrschte, nicht nur in Thringen, auch ber
Hessen und Meien, und welches gerade jetzt die strkste Frstenmacht im Reiche
innehatte.
    Die Edlen aber, welche sich rhmten, Nachkommen eines alten Helden Ingram zu
sein, hatten Herrenrecht an Drfern und Hfen, welche im Besitz ritterlicher
Dienstmannen und hriger Leute durch ganz Thringen zerstreut lagen; die Herren
selbst saen, in zwei Huser geteilt, noch auf altem Erbe ihrer Ahnen. Doch auch
zwischen dem Hofe von Ingersleben, in welchem Herr Ivo waltete, und zwischen der
Mhlburg, auf welcher Graf Meginhard hauste, bestand kein gutes Einvernehmen.
Der alte Meginhard galt fr einen harten eigenntzigen Mann, der seinem Neffen
Ivo wenig Gutes gnnte, und da er selbst kinderlos war, seinen Besitz dem
zugebrachten Sohn seines Weibes verlassen wollte, einem ungefgen Gesellen, der
nicht einmal aus altem Rittergeschlecht war. Der Graf hatte es freilich
verstanden, durch Hilfe der Landgrafen seinen Besitz zu mehren, er trug Gter
von ihnen zu Lehn und ritt gern als Vasall in ihrem Dienst und Gefolge. Aber die
Leute wuten, da die beste Kraft des Geschlechtes in dem Hofe des jungen Herrn
Ivo fortlebte, welcher noch nach der alten Weise freier Landherren auf seinem
Grunde gebot. Ivo war frhlich aufgeblht, seine Eltern, die er kurz
nacheinander verlor, hatten ihn als das einzige Kind sorglich in allem Hofbrauch
erzogen; seit er zum Mann erwachsen war, wurde er von den Landgenossen als ein
ehrbarer Nachbar gerhmt, der jede Bedrckung der Schwcheren mied, und von den
fahrenden Sngern als ein ritterlicher Held, der milde und sorglos spendete und
nach Ehren strebte, wie einem edlen Herrn geziemte.
    Heut hatte die Frhlingssonne ihre Fahrt am Himmel in heller Freude
begonnen; zuerst umzog sie die Zinnen des alten Turmes mit rosigem Schimmer,
kurz darauf strahlte ihr rundes Antlitz in den Hof, und sie sah lachend zu, wie
auch der Hof sich zu glnzender Ausfahrt rstete. Zwischen den Wohnhusern und
den Stllen eilten geschftig die Mnner und Knaben, der eine in buntem
Festkleid, der andere noch in Hemdsrmeln; die Knechte zogen starke
Turnierpferde an der Trense ins Freie und hingen die geschmckten Decken, welche
den Leib der Rosse umhllen sollten, ber die Holzgestelle. Behende Knappen
trugen in den Armen das Festgewand ihrer Ritter nach den Herrenkammern und
tauschten im Lauf neckenden Zuruf mit ihren lteren Gefhrten, welche Harnisch,
Schwert und Dolch der Herren putzten und zuweilen gegen die Sonne hielten, um
den Glanz zu prfen. Auch drben in der Kche tummelte sich der Koch mit seinen
Gehilfen, um ein Frhmahl zu bereiten fr das edle Hofgesinde und fr die
Vasallen, welche erwartet wurden. Durch die Knechte und Rosse schritt gewichtig
Herr Henner Marschalk, der ansehnlichste Ritter des Hofes und Aufseher ber
alles Ritterwerk, ein langer Mann mit scharfblickenden Augen und graulichem Haar
und Schnurrbart, dem die strenge Amtsmiene den gutherzigen Ausdruck nicht zu
bannen vermochte. Der kleine Hof, mit welchem er belehnt war, lag seitwrts im
Dorfe, dort sorgte seine Hausfrau um Kche und Stall, schalt die Mgde und
strafte ihre Knblein, whrend der Herr in dem Edelhofe herrschte und mit seinem
Gebieter auf reisigen Fahrten umherzog. Herr Henner warf seine schnellen Blicke
in jede Ecke, untersuchte jedes Ro bis auf die Hufe und gnnte den Knechten
strafende oder ermunternde Worte, je nach ihrem Verdienst. Lngere Zeit
beschaute er mit stillem Behagen die neuen Gewnder, in welche die Pferde
gehllt werden sollten, die schne blaue Leinwand, welche mit goldener Borte
umsumt war, und die kunstvoll aufgenhten Waffenbilder des Hofes.
    Endlich trat er in ein Seitengebude, die Herberge der ansehnlichen
Hofleute. Es war ein groes schmuckloses Gemach, in einer Ecke ragte der
rundliche Ofen mit seiner vielbegehrten Bank, der brige Raum war mit starken
Tischen und Schemeln besetzt, in der Hhe stand auf Wandbrettern kleines
Hausgert, darunter hingen Waffen, Harnischteile und anderes Rstzeug des
Krieges und der Jagd. Am Tische sa ein junger Krieger, der sich in einem
Handspiegel betrachtete und seinen Schnurrbart mit den Fingern abwrts zu drehen
suchte. Gefllt es Euch, Herr Lutz, begann der Marschalk streng, so streicht
Euer Haar tiefer in die Stirn und gewhnt ihm sein Gekrusel ab; nicht ohne
Absicht habe ich Euch eine scharfe Brste als Prsent geboten. Denn bel stnde
Euch heut die burische Unordnung, wenn wir zum Hofe des Landgrafen reiten.
    Der Jngling errtete ein wenig und strich eilig mit Brste und Hand, indem
er murmelte: Keine Salbe aus Wachs und Butter vermag sie zu zwingen.
    Henner schwenkte zierlich einen Schemel, lie seinen langen Leib darauf
nieder und sah der Arbeit des andern mit vterlichem Anteil zu. Es ist Eure
erste Fahrt unter die Mannen des Landgrafen, seit der Herr Euch den Rittergurt
angelegt hat, und ich sorge um Euch, mein Knabe, da Ihr uns auch Ehre macht.
Denn nur widerwillig lobt das stolze Gesinde des Landgrafen unsere Ritterzucht.
    Sorgt nicht, Herr Henner, trstete der Junge, ich will Eurer Lehren
gedenken.
    Ich bitte dich, Lutz, fuhr der Marschalk vertraulicher fort, halte dich
courtois, sprich wenig und floriere deine Rede zuweilen mit einem neuen Wort.
Sage nicht Ro, sondern Pferd, und da du mir nicht von Rodecken sprichst,
sondern von Kuvertren, und vor allem warne ich dich, da du whrend des Mahls
den Becher nicht fter hebst als dreimal und da du dir nicht einfallen lt,
jemandem zuzutrinken, wie du gestern abend in unserer Kompanei wagtest. Drngt
Euch auch nicht unter den andern vor, Herr, lat Eure Blicke nicht unverschmt
umherschweifen und glotzt nicht auf die Frauen, sondern steht bescheiden hinten,
Eurer Jugend eingedenk, denn nicht Euretwegen seid Ihr dort, sondern um Eurem
Herrn die Ehre zu vermehren. Und vernehmt noch ein ntzliches Wort. Unser Herr
Ivo reitet heut ungerstet zum Landgrafen, denn so ist es Brauch bei einem
Herrenbesuch; wir aber als sein Hofgesinde tragen Helm und Eisenhemd, damit wir
zur Ehre unseres Herrn die Landgrflichen mit dem Speer begren, wenn sie ein
ritterliches Rennen von uns begehren. Sollte jedoch der Landgraf selbst Lust
gewinnen, sich in unser Spiel zu mischen, so denkt daran, da wir nicht mit
unserm Kernholz gegen ihn rennen, sondern mit leichten Speeren, die bei sanftem
Sto zersplittern. Denn der Landgraf ist zwar ein tapferer Herr, aber bei
starken Sten, wie sie auf unserm Hofe gebt werden, wrde er wohl im Sattel
schwanken. Uns aber wre der Festtag verstubt, wenn wir den Stolzen vor seinem
Schlosse in den Staub legten. Gegen erlauchte Herren mu man geziemende
Nachsicht ben. Sie lohnen es wieder durch ihre Gnade, wenn man sie nicht merken
lt, da sie wenig vermgen.
    Nun, Marschalk, versetzte der Jngere, bei unserm Herrn trifft Eure Rede
nicht zu.
    Bei unserm, rief Herr Henner, sich aufrichtend, das ist ein ganz anderes
Ding. Habe ich ihn nicht selbst auf der Rennbahn unterrichtet seit dem Jahre, wo
er seinen kleinen Kinderspie zuerst auf das Rsteisen legte? Und doch, Lutz, er
ist auch nicht zum strksten Speerbrecher des Landes geworden, ohne da ich ihm
etwas nachgegeben habe. Denn als ich merkte, da ihm noch eines zu vollkommenem
Vertrauen fehlte, nmlich da er mich, seinen Lehrer, nicht in den Sand zu
rennen vermochte, da kann es wohl sein, da ich mich einigemal mit gutem Willen
hinter das Ro auf den Grund setzen lie. Es war, wie du dir denken kannst, fr
meinen Leib ein schwerer Fall, aber es half, denn seit der Zeit hat er seinen
Lwenmut. Dabei merkt, junger Herr, da auch eine Ehre des Dienenden ist, den
Herrn stark zu machen, wo es ihm fehlt.
    Der junge Ritter ergriff achtungsvoll die Hand des lteren: Lieber Herr und
Vater, es ist ein heimlicher Streit in unserer Kompanei und oft wird darber
geredet, wer jetzt der strkere im Anritt ist, ob unser Herr oder Ihr; denn
selten fordert Euch Herr Ivo auf, gegen ihn zu reiten, und dann scheint es immer
ein gleicher Kampf.
    Herr Henner zog sein Gesicht in Falten und sah vor sich nieder. Als er
endlich zum Jngling aufblickte, glnzten die grauen Augen in guter Laune. Es
bleibt am besten unentschieden, auch du unterfange dich nicht, darber zu reden
und zu grbeln. Denn manche Dinge gibt es, die ein hfischer Mann sich selbst
und anderen bergen mu, wenn er die Treue bewahren will.
    Ich wei߫, versetzte der andere leise, keiner von uns wagt zu fragen,
wohin unser Herr reitet, wenn er zuweilen allein seinen Hof verlt, ohne
Gefolge, ja sogar ohne seinen Knaben. Obgleich alle sich verwunderten, als er
neulich zurckkam mit durchntem Gewande, wie ein armer Mann, der zu Fu durch
tiefe Pftzen gewatet ist.
    Der Alte sah finster auf seinen Schler. Ich ersuche Euch, Herr Lutz,
angenehm zu reden und statt Pftze lieber Riviere zu sagen, und ich mahne Euch,
da Ihr solche dreiste Rede berhaupt vllig meidet. Wir alle haben die Ehre,
die wenigen in diesem Lande zuteil wird, da wir einem Frauenritter angehren,
welcher Leib und Leben seiner Herrin gelobt hat. Das ist sein und unser Ruhm
unter den Leuten; will einer darauf merken und sphen, wer die Herrin ist und
wie er ihr dient, ob mit Erhrung oder ohne Lohn, dem mchte seine Neugier
Verderben bereiten, und wenn er zu unserm Hofe gehrt, so drfte sein Sitz in
der Tafelrunde bald leer werden.
    Ich will alles tun, wie Ihr verlangt, antwortete der Jngling lchelnd.
Es wird heut ein warmer Ritt, darf ich fr Euch, lieber Vater, noch einen
Frhbecher ausbitten? Dort geht Herr Godwin, der Kmmerer, und hinter ihm der
Schler Nikolaus mit der Kanne.
    Mge diesem seine Schreiberei bel gedeihen, rief der Marschalk, der
Unheilstifter hat das Ohr des Herrn. rgerlich ist es fr einen Kriegsmann, wenn
ein miger Schreiber im Hofe stolziert. Lieber will ich einen Schwerthieb
abwehren als den Schlag seiner Zunge. Wendet Euch weg, damit er nicht hier
eindringe.
    Er trgt aber die Kanne, erinnerte der Jngere.
    Herr Henner warf durch das Fenster einen strengen Blick nach dem Schler,
doch die Miene wurde friedlicher, whrend er die Kanne beobachtete, denn er
erkannte die gute Meinung seines Gesellen. Dennoch fuhr er grollend fort: Ein
Schadenfroh ist er, und ich hoffe den Tag zu erleben, an dem er ohne Ehren aus
dem Hofe weicht. Er gehrt unter die Fahrenden, und ein ehrlicher Trunk wird in
seiner Nhe vergllt.
    Aber der junge Ritter hatte hinausgerufen, und gleich darauf trat der
Schler mit der groen Kanne ein. Nikolaus war ein Mann in mittleren Jahren mit
einem runden rtlichen Gesicht; Nase und Mund waren etwas zu voll und zu sehr
gertet, um hbsch zu sein, aber zwei strahlende Augen standen darber, deren
Brauen sich schrg nach der Nase hinunterschwangen. Er trug das Haar nach
Pfaffenweise kurz geschnitten, sein Schlermantel war von dunklem Stoff, aber
von sorgfltiger Arbeit, und er hatte ihn selbstgefllig zurckgeschlagen, damit
man das schne blaue Futter sehe; an seinem Grtel hing ein Messer in silberner
Scheide und eine Kapsel, welche das Tintenhorn und die Rohrfedern enthielt.
Benedicta sit sodalitas, begann der Eintretende mit leichter Verneigung, ich
gre die edle Kompanei, gefllt den Herren ein Frhtrunk, so sei mir die Ehre
gewhrt, ihn einzuschenken. Ohne sich an das feierliche Aussehen des Marschalks
zu kehren, welcher steif auf seinem Stuhle sa, setzte er die Kanne auf den
Tisch, holte vom Holzgesims drei zinnerne Becher, rckte sich einen Schemel, go
ein und schob die gefllten Becher den Rittern zu, indem er mit der Miene eines
Wirtes einlud: Wohl bekomme den Herren der Trunk. Es ist Wrzwein, Herr
Marschalk, und ich selbst habe ihn gebraut, darum mgt Ihr ihn fr gut halten.
Denn diese Kunst lehrte mich eine Herzogin in Ungarland, die deshalb unter
Christen und Heiden berhmt ist.
    Herr Henner hrte mit Verachtung die Rede und widerstand eine Weile dem
Wohlgeruch, der aus dem Becher aufstieg. Doch hob er ihn langsam: Wer Euch auch
die Kunst lehrte, entschied er absetzend mit einem leisen Seufzer, der Trank
ist ertrglich.
    Und niemand ist wrdiger, den besten Wein vom Rhein und Welschland zu
kosten als Ihr, schmeichelte der Schler. So sprach auch neulich unser Herr,
als er Euch mit seinen Rittern reiten sah: dies ist die Blumenkrone, worauf ein
Herr stolz sein kann, und der Marschalk gleicht immer der Rose in der Mitte. -
Noch eine gute Neuigkeit habe ich mitzuteilen, Herr. Ich vernahm zufllig, da
Ihr ein starkes Rennpferd begehrt und da Dunkelbraun Euch die liebste Farbe
ist. Vorgestern sah ich auf der Weide eines Bauern ein Tier, ganz wie Ihr es zu
einem Pferde fr Euch gebraucht, einen unmig starken Hengst. Der Bauer wei
schwerlich, wieviel sein Ro wert ist, und ich denke es Euch billig zu schaffen,
vielleicht gegen Tausch.
    Wenn Ihr es ernsthaft meint, so liee sich darber reden, versetzte Herr
Henner freundlicher. Nur da Ihr nicht einen der Streiche spielt, wie Ihr
neulich gegen Frau Jutte, meine Hausfrau, wagtet. Denn als sie mit
unertrglichem Zahnweh behaftet war, legtet Ihr neunerlei Kruter, wie Ihr
sagtet, auf eine Kohlenpfanne und gebotet der Frau, Tr und Fenster zu schlieen
und so lange rings um die Pfanne zu wandeln, als sie es irgend ertragen wrde.
ber dem greulichen Dunst kam sie ins Straucheln und schlug an die glhenden
Kohlen. Sie behielt ihren Schmerz und hatte den Schaden dazu, und der garstige
Dampf wollte nie wieder aus dem Gemach weichen. Ihr habt fortan geringe Huld von
ihr zu erwarten.
    Warum ging sie links im Kreise statt rechts, das hat die gute Wirkung
vllig verdorben, und ich hatte sie doch dringend gebeten, antwortete Nikolaus
bedauernd. Immer trgt der Arzt die Schuld, wenn der Kranke etwas versieht.
    Ihr habt vielerlei Knste, Nikolaus, warf der junge Ritter ein, indem er
mit einiger Scheu nach dem Schler hinsah.
    Wret Ihr wie ich viele Jahre durch die weite Welt gewandert, so wrdet
auch Ihr noch andere Dinge gelernt haben als Rosse zu zumen und Holz zu
verstechen, antwortete der Schler bermtig, denn wenig Lnder der Erde gibt
es, die ich nicht kenne, und keine Kunst der Weisen, in der ich nicht ein wenig
unterrichtet bin. Nur den Hafer im Sieb schwingen und mit dem Flegel auf die
Tenne schlagen, vertrage ich nicht, dann berfllt meine Glieder ein
gefhrliches Reien. Aber zu reden vermag ich in vielen Sprachen der Welt,
Lieder singe ich lateinisch und deutsch, und ich mchte den sehen, welcher mehr
Geschichten am Herdfeuer zu erzhlen wei als ich, Briefe kann ich schreiben von
jeder Art, Rosse kann ich heilen und den Hunden die Ohren stutzen, geheime
Mittel kenne ich gegen das Fieber und viele andere Leiden, und wenn Ihr es
einmal von mir begehrt, so verstehe ich auch Euer Mdchen zu zwingen, da sie
Euch am Abend die Kammertr williger ffnet. Wer in Not ist, dem bin ich
hilfreich, und ich kenne die Zeichen und Wappen aller edlen Geschlechter im
Lande. Solche Kunst macht, da ich nicht ntig habe, auf einem Hofe zu beharren
wie andere. Wo mir's gefllt, bleibe ich, und wo ich kalten Gru finde, da gehe
ich, wenn nicht zu Ro, doch zu Fu.
    Dann mssen wir Euch dankbar sein, spottete Henner, da Ihr gndig bei
uns aushaltet und nicht verschmht, unsern Wein zu trinken und unseren Weibern
allerlei in das Ohr zu flstern. Ich meine, Herr Ivo preist die Heiligen, da er
Euch erstarrt im Schnee gefunden hat.
    Vielleicht dankt er den Heiligen, versetzte der Schler mit verndertem
Tone, wie auch ich tue, da er damals Erbarmen bewiesen hat. Denn um Euch alles
zu sagen, ich habe einen Feind, der mich zwingt, und dieser ist der kalte
Winter; wenn die Stare fortgezogen sind, wird mir schwer ums Herz und meine
Kunst wird schwach, erst der Mai macht mich wieder zu einem Helden. Manches Mal
habe ich im Winter meine Kunst vor dummen Dorfleuten gebt und an ihrem Herde
gesungen.
    Jetzt aber ist Maienzeit, mahnte Herr Henner, ich hoffe, da Ihr jetzt
ausfliegt.
    Ihr verget, da ich erst dem Bauer das Ro verleiden mu, das Ihr
begehrt, antwortete der Schler lchelnd, auch bin ich nicht unempfindlich
gegen die gute Behandlung, die ich bei euch, ihr Herren, gefunden habe. Denn
glaubt mir, Schler und Ritter gehren zusammen, was der eine nicht bt,
versteht der andere. Er holte ein kleines Buch aus der Tasche, schlug die
Pergamentbltter auf und begann eifrig zu lesen. Herr Henner aber schob seinen
Sessel nher an den des jungen Ritters und fuhr leise in seinen Ermahnungen
fort. Allmhlich vergaen die Herren, auf den Schler zu achten, der, ber das
Buch gebeugt, lauschte, und dieser vernahm, da Herr Lutz unvorsichtig uerte:
Wenn nur dem Landgrafen heut nicht einfllt, da er uns beim Mahle auf der Erde
sitzen lt, was man jetzt champieren nennt. Denn die Edlen und ihre Frauen
empfangen dicke Polster oder auch Sthle, wir aber mssen uns im Eisenhemd auf
dem dnnen Teppich lagern, und von unten dringt die Klte in den Leib.
    Diese Rede mute dem Marschalk mifallen, und er mahnte wieder mit umwlkter
Miene: Solange Ihr auf dem Pferde sprengt, Chevalier, will ich Euch vertrauen,
aber wenn Ihr an der Tafel sitzet oder zum Tanze schreitet, und wenn die Herren
und Frauen mit artigen Reden schimpfieren, dann frchte ich, da Ihr nicht joly
antwortet, sondern gleich einem Tlpel. Denn an gefgiger Rede und vollends an
sen Worten fr die Frauen leidet Ihr noch Mangel.
    Ich wei eine, die diese Meinung nicht hat, versetzte der Jngere
gekrnkt.
    Meint Ihr, Herr Gelbschnabel, da Ihr den Frauen dort oben dasselbe bieten
drft, was Ihr Eurem Dorfmdchen in die Ohren raunt? Schmt Euch, Herr Lutz, von
Eurer Kundschaft im Dorfe zu prahlen.
    Aber der Jngling sang leise: Sind ihre Fel auch zerkratzt vom Stroh, ihr
roter Mund, ihr weier Leib, sie machen froh.
    Noch einmal sage ich Euch, Chevalier, schmt Euch und schweigt. Ihr mgt
Eurem Berchtel oder wie sie sonst heit, in Erfurt einmal eine seidene Borte
kaufen oder einen Ring von Glas und Silber, und Ihr mget sie heimlich herzen,
soviel Ihr wollt, niemand wird Euch das verdenken; ja Ihr drft sie auch, wenn
Ihr erst in die Jahre gekommen seid und gewrdigt werdet, ein Hofgut zu
erhalten, zu Eurer ehelichen Hauswirtin machen und zur Mutter Eurer Kinder; aber
niemals werdet Ihr Euch einfallen lassen, sie als Eure Frau zu rhmen, der Ihr
ritterlich dient. Das bringt Euch arge Unehre. Siehe, Lutz, das ist der Punkt,
wo ich an dir auszusetzen habe. Du reitest im Gefolge eines Herrn, der dem
ganzen Lande ein glnzendes Vorbild von Ehre und Zucht ist, auch von dir wird
gefordert, da du um die Minne einer edlen Frau wirbst, sei sie Herzogin oder
Grfin.
    Ich wei aber keine, versetzte Lutz. Die Hennebergerin ist zu alt, die
von Orlamnde hat nur ein Auge, und die Gleichen gilt fr ein bses Weib. Ich
kenne niemanden, der mir gefiele, als Frau Else, die Landgrfin.
    Henner machte schnell eine abwehrende Bewegung und blies durch die Zhne,
da sich sein Schnurrbart strubte. Von dieser rate ich Euch abzusehen. Dennoch
eilt, eine andere zu finden; bei Mnnern und Frauen werdet Ihr erst Geltung
gewinnen, wenn man erkennt, da Ihr hoch von Euch denkt und edle Minne begehrt.
    Der Jngling sa gedrckt und berlegte. Da begann der Schler mit
freundlicher Stimme: Darf ich in dieser Not einen Rat geben, obwohl ich nicht
dem Schildamt angehre? Ganz in der Nhe weilt eine ritterliche Frau, und fr
jedermann wre es ehrenvoll, um ihre Huld zu werben. Whlt Frau Jutte zu Eurer
Herrin.
    Henner starrte in malosem Erstaunen bald auf den Schler und bald auf
seinen Zgling; allmhlich zog sich sein Gesicht finster zusammen und er griff
an sein Schwert. Wollt Ihr alt werden im Sonnenlicht, so enthaltet Euch,
solchen Unfug zu sagen oder zu denken, Ihr Tropf, dies Eisen hier wrde schnell
jeder Werbung ein Ende bereiten.
    Er wrde doch nur tun, was Ihr von ihm fordert, versetzte der Schler.
    Gestattet, wenn ich Euch in aller Hflichkeit sage: Ihr seid ein
Unverschmter, und ich bin nicht der Mann, welcher ruhig zusieht, wenn in seinem
Hofe ein fremdes Hhnchen krht. Doch ich erweise Euch zu viel Ehre, da ich
ber Euren trichten Einfall zrne; auch ist Frau Jutte nicht so sanft geartet,
da sie irgendwelche Frechheit mit Wohlgefallen ertragen wrde, denn sie
schwingt krftig ihren groen Kochlffel, wie wir alle wissen, und auch ich
lasse mir das gefallen, weil sie ein redliches Weib ist.
    Das denke ich auch, versetzte der junge Ritter, und ich will Euch nicht
krnken, wenn ich tue, was Ihr gebietet.
    Es freut mich, da Ihr Euren verstndigen Sinn bewhrt, antwortete Henner
ruhiger. Auch wrde Euch dieser Frauendienst nichts ntzen; denn Frau Jutte
geniet die Ehre ihres Hauswirtes und war eines Ritters Kind, doch sie wurde in
Dienstbarkeit geboren wie Ihr und ich, sie ist gar keine Freie, und sie selbst
wird sich auch im Traume nicht berhmen, vom Adel zu sein. Ihr aber vermgt
durch Frauendienst nur dann Ehre zu erwerben, wenn Ihr einer edlen Herrin
gefallt.
    Es ist mir auch ganz recht, da Ihr mir den Dienst verwehrt, erklrte der
andere ehrlich.
    Dem Marschalk jedoch war die Laune verdorben, er erhob sich, winkte seinem
Genossen und schritt mit diesem klirrend aus der Tr, ohne den Schler weiter zu
beachten.
    Whrend der Hof um die Ausfahrt sorgte, stand Herr Ivo allein auf der
Galerie seines Hauses, die ber den kleinen Hofgarten vorsprang. Aus den ppig
geschwellten Knospen der Strucher brachen die zarten Bltter und umhllten als
grner Flor das Geflecht der ste. Ivo stand wie im frohen Traume und tippte mit
dem Finger im Takt auf das Gelnder, whrend ganz nahe vom hchsten Zweige ein
Vogel mit schmetterndem Schlage sang. Sooft der Vogel schwieg, spitzte Ivo
seinen lachenden Mund und pfiff leise eine Melodie dem Vogel zur Antwort. Das
freute wieder den Vogel, er neigte den kleinen Kopf und hrte zu; und wenn Herr
Ivo aufhrte, begann er aufs neue und noch kunstvoller seinen Sang, breitete
dabei seine Flgel und hob das Krnlein. Dann tippte Ivo wieder auf das Holz und
lachte selig vor sich hin. So trieben es die beiden lngere Zeit miteinander,
whrend die Himmelssonne alle umstrahlte, die brechenden Knospen, den Finken und
den jungen Hofherrn. Gleich hellem Gold glnzten die Locken um das edle Antlitz
des Mannes, welcher im langen Festgewande, wie es vornehme Herren damals trugen,
lichtumflossen dastand, als ein schnes Bild mnnlicher Kraft und Hoheit.
    Am Eingange regte sich's leise, der alte Kmmerer Godwin war eingetreten; er
neigte das Haupt mit dem weien Haar und Schnurrbart, hielt in der Hand einen
kleinen Silberbecher und erwartete achtungsvoll die Anrede seines Herrn.
    Ohne sich umzuwenden, fragte Ivo zurck: Bist du's, Nikolaus? Ich hoffe,
ich habe das Lied im rechten Tone zusammengebracht, nimm schnell dein Rstzeug
und schreibe, bevor mir die Worte entweichen.
    Es ist diesmal der alte Godwin, antwortete der Kmmerer und stellte den
Becher auf einen Tisch.
    Ein leichter Schatten flog ber das freudige Antlitz des Hausherrn, denn die
Strung war ihm peinlich, aber er fate sich sogleich, und dem Alten die Hand
bietend, sprach er gtig: Ihr bemht Euch meinetwegen selbst, dann bitte ich,
Herr, denkt auch an Euch, damit Ihr mir Bescheid tun knnt.
    Ich danke meinem Herrn, versetzte der alte Kmmerer. Eure Hofleute
verstehen ohnedies besser fr sich zu sorgen, als Ihr fr Euch; von den groen
Kannen, die Nikolaus bereitet, gelangt nur ein kleiner Napf, der kaum fr einen
Vogel im Bauer reichen wrde, bis an den Mund meines Herrn. Solche
Enthaltsamkeit ist neuer Brauch, und ich frchte, das junge Geschlecht wird ihn
nicht ohne Schaden ertragen. Die alte Sitte war: Der beste Mann, der strkste
Trunk.
    Bleibt bei Eurem Brauch, versetzte Ivo lchelnd, und lat mir den meinen.
Doch wie, mein Vater? Ich sehe Euch im Hauskleide, ich hoffe, Ihr versagt Euch
nicht der Fahrt.
    Ein Alter bedarf wenig Zeit, sich zu bereiten, die Frauen lcheln ihm nicht
mehr zu.
    Was beschwert Euch den Sinn, Vater? Ihr seht ernsthafter drein, als mir
heut lieb ist.
    Verzeiht. Ich dachte, wie das Alter pflegt, an die Zeit der Jugend. Euer
Vater ritt ungern in die Hfe des stolzen Geschlechtes, welches sich ber den
Freien im Lande gelagert hat, und er verschmhte es zuweilen, dort im Frhling
den Ehrentrunk zu holen, den der Landgraf Eurem Geschlechte schenken mu.
    Ivo ergriff die Hand des Alten. Ich verstehe, worauf Ihr zielt. Soll ich
dem Landgrafen Fehde ansagen, und soll ich mit den Goldketten, die aus dem Erbe
meiner lieben Mutter brig sind, Reiter zu einem Heere anwerben, um ihn aus
Burgen und Land zu treiben? Wollte ich das, ihr alle wrdet mich unsinnig
schelten.
    Das knnte Euch niemand raten, versetzte der Alte. Doch Euer edler Vater
diente im Heere des groen Kaisers und brachte reichliche Beute heim.
    Wo ist unser Kaiser Friedrich? fragte Ivo wieder, weit von hier sitzt er
am welschen Meere, und der Knabe Heinrich, der als Knig in seinem Namen ber
das Reich walten soll, hat bisher wenig getan, wofr ein Edler freudig ins Feld
ziehen knnte. Nein, mein Vater, ich bin zu stolz, um fremder Begehrlichkeit zu
dienen; ich vermag nicht als Gesinde eines Frsten, und sei er der reichste, im
Harnisch zu reiten, damit seine Herrschaft grer werde und er sein Haupt hher
hebe, whrend ich als Diener die Knchlein benage, die der Lwe dem Fuchs
briglt. Und ganz unwrdig dnkt mir, auf eigene Faust Beute zu gewinnen, wie
wohl der Oheim auf der Mhlburg und mancher andere Edle tut. Werdet Ihr, Herr
Godwin, mich loben, wenn ich die Erfurter ihrer Ballen beraube oder den Bauern
Rosse und Rinder bei Nacht davontreibe?
    In ehrlicher Fehde einen Warenballen gewinnen, versetzte der Kmmerer mit
einem sehnschtigen Blicke nach der Gegend von Erfurt, ist nicht so bel, Herr;
man wei nicht, was darin ist, das Aufschneiden hat schon manchen gefreut,
freilich auch gergert, wenn er Sackleinwand fand. Und was ein gutes Pferd auf
fremder Weide betrifft, so wird kein bedchtiger Mann leugnen, da der Raub ein
Unrecht ist; doch freilich kommt es manchem frischen Knaben hart an, daran
vorberzutraben. Denn das Ro gehrt zum Reiter, und man sagt, da auch die
Pferde denselben Stolz haben. Von Rindern aber und vollends von Schafen rede ich
gar nicht, es bringt geringe Ehre, sich deshalb dem Richter in die Hnde zu
geben. Nur ber den Krieg denke ich anders, Herr; Ihr wit ja selbst, da dieser
die hohe Schule ist fr alles Heldenwerk.
    Ja, rief Ivo stolz, wenn ich in die Schlacht reite fr meinen Ruhm und
mein Recht; nicht aber, wenn ich fr einen Gierigen, den ich nicht ehre und
nicht brauche, Seele und Leib daransetze. Und ich sage Euch, Vater, auch ich
habe wilde Stunden gehabt, in denen ich Fehde und Krieg ersehnte, und ich habe
in Gedanken meine Ahnen verklagt, da sie dies Geschlecht der Ludwige zu
bermtigen Landesherren heraufwachsen lieen. Jetzt aber sehe ich die Welt froh
im Frieden; alle preisen den jungen Landgrafen als einen guten Herrn; wei
nicht, ob ich ein besserer wre. Da habe auch ich mir gewhlt, was fr mich
brigbleibt und was mir Ehre gibt im Lande. Ich mhe mich, redlich zu sein, wie
meine Vter, und mild gegen jedermann. Geringere Freude macht mir der
Goldschmuck, den ich in der Truhe berge, als das Lachen und der herzliche Gru
der Kleinen, wenn ich das Gold in hflicher Weise austeile. Der Gewaltigste
vermag ich nicht zu sein zwischen Saale und Werra, sie sollen von mir sagen, da
ich der Adligste bin. Darum haltet die Truhen geffnet, denn wenig liegt mir,
solange der Sommer lacht, an Sparen und Knausern. Und wit, mein Vater, wenn ich
zum Landgrafen ziehe, um mir den Festtrunk zu holen, so tue ich das gerade heut
in heimlicher Freude. Darum, wenn Ihr mich liebt, lat auch Ihr die Sorgen zu
Hause, ungern mcht' ich heut meinen lieben Vater unzufrieden sehen. Und er
fate den Alten bei seinem weien Haupt und kte ihn.
    Der alte Kmmerer blickte seinen Herrn mit feuchten Augen an. Auch ich
widerspreche nicht mehr, sagte er bedchtig, denn ich vertraue der guten Art
meines Herrn. Solange Ihr habt, um zu spenden, werdet Ihr den Stolz bewahren,
anderen auszuteilen, und wenn Ihr merkt, da Euch die Habe fehlt, dann wird Euch
derselbe Stolz treiben, Habe und Gut von anderen wiederzugewinnen. Es gibt auf
den Burgen ein Sprichwort: Wer sich in der Jugend dem Dienst einer Frau
angelobt, der wird im Alter entweder ein Mnch oder ein sparsamer Herr.
    Von unten klang Hufschlag und lauter Zuruf, der Alte trat auf den Sller und
blickte zur Seite nach dem Brckentor. Sie kommen, rief er, die Ihr zur
Ausfahrt geladen. Ich erkenne Herrn Diether vom roten Spring, Herrn Werner und
den jungen Eberhard mit ihren Knechten. Der Marschalk begrt die Vasallen, Euer
Gefolge ist versammelt.
    Eilt, Vater, sie an meiner Statt in die Halle zu fhren, ich folge Euch,
sobald ich vermag. Doch vorher, bitte ich, sendet mir noch Nikolaus den
Schreiber.
    Als Nikolaus von seinem Herrn entlassen war, eilte er, whrend die Ritter
und Knappen beim Frhmahl saen, nach der Kche, wo er greres Ansehen geno
als in der Herrenstube. Nachdem er einige gute Bissen erlangt hatte, holte er
sein Rlein aus dem Stall und ritt allein auf die Landstrae hinaus, denselben
Weg, welchen Herr Ivo einschlagen wollte. Er trabte lustig dahin, summte und
sang bald lateinisch, bald deutsch und verzog das Gesicht ber die Worte des
eigenen Liedes. Dann sah er wieder ungeduldig nach dem Stand der Sonne und trieb
seinen Gaul zu schnellerem Lauf. So kam er in die Nhe des Dorfes Friemar, wo
Herr Ivo nach alter Gewohnheit zu rasten pflegte, sooft er gen Westen zog. Der
Schler aber bog ab von der Strae und ritt nach einem Gehlz, welches in der
Niederung dicht am Anger lag; dort stieg er ab, band sein Tier in dem Dickicht
fest und eilte an den Rand des Gehlzes, wo er den Anger und das Dorftor
bersah. Nicht lange und er vernahm vom Dorfe her den Klang einer Sackpfeife und
bald darauf die laute Stimme, mit welcher Berthold, der Vortnzer, durch die
Gassen sang: Aus der Stube, ihr stolzen Kinder, zieht euer bestes Gewand an.
Urlaub nahm der Winter von der Heide, zum Reigen ladet euch der Mai. In der
Gasse rhrte sich's, und die Landleute kamen durch das Tor auf den Anger, je
zwei, die einander die liebsten Gespielen waren, oder in kleinen Haufen; viele
Mdchen mit ihren Mttern, welche den Reigentanz nicht weniger begehrten als die
Tchter. Auf dem Anger standen sie nach Wrden gesondert, die Frauen erkennbar
an dem Hut oder Tuch, womit sie ihr Haar verhllten, die Freien unter ihnen, in
bunte Farben gekleidet, traten voran und hielten zusammen, wie sich's gebhrte.
Die Mdchen trugen ber den Zpfen einen Kranz von jungem Grn oder auch von
schn gewundenem Schleier, bunte Leibchen mit Spangen, faltige Rcke und
Halsbnder von buntem Glas. Auch die Mnner schritten ansehnlich daher, jeder
fhrte die Waffe am Grtel. Es war ein groes Dorf, und es war eine zahlreiche
Versammlung, denn nur wenige der ltesten waren zurckgeblieben, um die Hfe zu
behten. Mitten im Haufen bewegte sich der Vortnzer Berthold, der Sohn des
Richters Bernhard, mit dem Selbstgefhl, das ihm sein Ehrenamt gab, ein hbscher
Knabe, der seinen roten Hut schrg ber das krause Haar gesetzt hatte; das
gestickte Wams umschlo ein silberbeschlagener Grtel, an seinem grnen Rock
flatterten die langen Hngermel, und vor dem Ohr hing ihm eine lange Locke bis
auf den Hals hinab, an der er zuweilen zierlich drehte, wie freie Hofherren zu
tun pflegen.
    Der Schler musterte, hinter einem Strauch kauernd, die wohlbekannten
Gesichter, endlich erhob er sich freudig.
    Dort kommt Friderun, erscholl es aus dem Haufen.
    Aller Blicke richteten sich nach dem Rain, auf welchem die Tochter des
Richters, von einer jngeren Gespielin begleitet, mit schnellen Schritten
herankam. Guten Tag, Gesellschaft, rief sie, die Hand erhebend, den Dorfleuten
zu, Heia tirilei, gelobt sei der Mai.
    Die Burschen jauchzten und eilten ihr entgegen, die Mgde drngten sich um
sie, und wie eine Herrin empfing sie Gru und Huldigung, eine hochgewachsene
krftige Gestalt von vollen Formen, in dem runden Gesicht strahlten zwei
tiefblaue Augen, ihr blondes Haar war so lang, da sie die Zpfe um das Haupt
geschlungen trug, und doch hingen sie ihr bis tief ber den Grtel hinab. Die
hohe Stirn, die starken Brauen gaben ihr einen ernsthaften Ausdruck, darunter
aber lachten rosige Wangen, ein kleiner Mund und das Grbchen am Kinn. Sie trug
ein rotes Kleid von feinem Wollstoff, die blaue Jacke an den Rndern mit bunter
Seide gestickt, ber den Zpfen einen Kranz von jungem Grn und blauem Schleier
und einen andern, der in derselben Weise gewunden war, am linken Arm. Sie neigte
sich ein wenig vor den Frauen und trat, ohne die Knaben sonderlich zu beachten,
unter die Mgde, nach allen Seiten grend und Scherzworte tauschend. Freut
euch, ihr stolzen Kinder, ich sehe, Ruprecht, der Spielmann, ist hier mit seiner
Geige, heut wollen wir nach dem Reigen auch ein Hoftnzel treten.
    Womit fangen wir an? fragte Berthold in Amtseifer die Schwester.
    Der Ball ist immer das erste Spiel, riefen viele Stimmen.
    Tretet auseinander, gebot Berthold, den Stab des Vortnzers erhebend. Die
Weiber hierhin, die Mnner dort in die Reihe, so ist Wind und Sonne gleich
geteilt, damit wir vor allem erfahren, welche Paare heut zusammen tanzen. Wer
von euch Kindern den Ball fngt, den ich in meiner Hand halte, der will heut mit
mir im Reigen springen. Wirf, liebes Berthel, wir fangen, schrien einige
halbwchsige Mdchen aus seiner Verwandtschaft. Wirf hierher, Gevatterlein,
bat auch die alte Frau Herburg, welche noch gern mit den Jngsten sprang, und
alle lachten. Der schmucke Gesell stand vor der Reihe der Mnner, hob neckend
den groen Ball und neigte sich zum Wurfe, doch warf er nicht, sondern freute
sich ber die gehobenen Arme und die Gesichter, welche zum Himmel starrten;
endlich schleuderte er geschickt der Magd zu, die er am liebsten hatte; diese
fing, und whrend er jauchzte, trat sie vor und warf den Ball hoch in die Hhe,
zum Zeichen, da ihr nichts mehr daran liege, wer von den Mnnern ihn erhalte.
Dennoch fing ihn beflissen ein anderer Dorfknabe. So ging das Spiel weiter,
lauter wurde das Lachen und schneller die Bewegungen. Wenn der Ball einmal auf
den Boden sank und in Sprngen dahinhpfte, liefen Frauen und Mnner, so schnell
sie vermochten, ihm nach, denn es war Ehre fr jede Partei, ihn der anderen
abzugewinnen. Als er einmal so auf dem Boden rollte, sprang Friderun allen vor,
und ihn vor der Reihe schwingend, sang sie: Ich stehe auf der Brcke und harre
auf einen Tanz, ich bin ein tapfer Mgdlein und behte meinen Kranz. Und sie
warf den Ball mit einer Kraft, um die sie mancher beneidete, so weit, da
niemand ihn erreichen konnte, denn er sprang abwrts ber den Graben auf den
staubigen Weg. Dennoch blieb er nicht ohne Bewerber. Auf der Landstrae waren
Reiter herangesprengt, einer von ihnen war abgestiegen und sah dem Spiele zu. Er
lief nach dem Ball; aber von der andern Seite flog auch der Schreiber Nikolaus
herzu, und dieser hob den Ball, doch der Reiter ri ihn aus seiner Hand und
gebot: Hinweg, Schler! Und von dem zornigen Nikolaus verfolgt, eilte er in
den Haufen der Spielenden und rief: Wer den Ball fngt, hat das Recht
mitzuspielen, ich hoffe, auch ihr Bauern ehret den Brauch, dabei grte er
herablassend den Vortnzer Berthold. Die Mnner murmelten unzufrieden: Ritter
Konz, und ein trotziger Geselle entgegnete: Wir Bauern begehren nicht, auf der
Mhlburg mit euren Weibern den Ball zu werfen, uns liegt wenig daran, da ihr
herabsteigt, um unter uns zu springen. Aber Berthold entschied eifrig: Der
Brauch ist fr Herrn Konz, wir drfen's nicht wehren, seid willkommen.
    Ich aber widerspreche, rief Nikolaus zornig, denn wie ihr alle sahet,
fing ich den Ball.
    Den Ball fing keiner, rief Friderun herber, Nikolaus aber hat ihn aus
dem Staube gehoben.
    Das graue Mehl soll ihm nicht umsonst den rmel beschttet haben, der
Schler soll gleiches Recht gewinnen, entschied Berthold, und das Spiel ging
weiter. Herr Konz stellte sich in die Mitte und begann: Jetzt stehe ich auf der
Brcke und werfe den Ball zurcke; fange ihn, schne Friderun, - und da er den
vierten Reim nicht sogleich fand, warf er ihr schnell den Ball zu, aber
unglcklich; denn Friderun hob nicht die Arme, sondern neigte sich zur Seite,
und der Ball fuhr bei ihr vorber, einem kleinen Mdchen an den Kopf. Der
Schler jauchzte, sprang auf seinem Platze und sang: Herr Konze warf mit gutem
Glcke, er whlte die kleine Grasemcke, und alle lachten.
    Ich werde einen Herrn ber dich schicken, der Knttelholz heit, rief Herr
Konz dem Schler zornig zu.
    Ich kannte einen bsen Hofhund, entgegnete Nikolaus, der den Knttel
einen Herrn nannte, weil er ihn am Halse trug.
    Haltet Frieden im Spiel, geboten die Dorfknaben. Und der Ball flog wieder
hin und her unter frohem Zuruf und Gelchter.
    Endlich klatschte Berthold in die Hnde und warf den Ball zur Seite. Tretet
zusammen, ihr, die der Ball gesellt hat, und ihr Mdchen, bet Huld und gnnt
euren Gesellen die Krnze fr den Reigen. Hat aber eine keinen Tnzer gefunden,
dem sie ihren Kranz aufsetzen kann, die harre, ob einer kommt und darnach
begehrt.
    Jetzt entstand ein Suchen und Drngen, Friderun hielt vielumworben den Kranz
an dem Arme. Von der einen Seite redete Ritter Konz in sie hinein, und von der
andern der Schler, dieser aber mit grerer Vorsicht, wobei beide einander
feindselige Blicke zuwarfen. Herr Konz wiegte selbstgefllig sein Haupt auf den
hohen Schultern und fate an seinen Schwertgriff: Sehet her, schne Magd,
sprach er herablassend, an der Seite des Knopfes ist ein kleines Spiegelglas
ganz kunstvoll eingefgt, Ihr knnt Euch selbst schauen, wenn Ihr hineinblickt;
und da Friderun den Kopf schttelte, fuhr er drngend fort: Seht doch hinein,
Ihr werdet darin einen roten Mund erblicken, den ich gern kssen wrde, wenn er
sich mir zuwendete.
    Friderun aber antwortete ber die Achsel: Herr, ich sehe am liebsten in den
eigenen Spiegel, und ich wnsche niemals Euer Bild darin zu schauen. Und als
Herr Konz sich gekrnkt abwandte, raunte ihr der Schler zu: Achtet nur, wie er
den Kopf zurckwirft! Gleicht er nicht einem satten Tuberich, der mit vollem
Kropf auf einem Kornkasten sitzt?
    Konz trat zu Berthold. Du hast dein Versprechen bel gehalten. Deine
Schwester zeigt mir keineswegs gnstigen Sinn, denn sie verweigerte mir sogar,
in meinen Spiegel zu sehen, und deutete ganz merklich an, da sie gar nichts mit
mir zu tun haben wolle. Wenn dir an meinem guten Willen liegt, wie du sagst, und
wenn du den Wunsch hast, einmal in meinem Gefolge eine rhmliche Ritterfahrt
mitzumachen, so sorge dafr, da sie freundlicher mit mir spricht. Denn obwohl
sie mir sehr gefllt, so ziemt es mir doch nicht, da ein Bauernmdchen ihr
Spiel mit mir treibt, und ich sage dir, ich bin beleidigt.
    Ihr wit ja, Herr, da die Schwester sich anders hlt als die brigen
Mgde. Auch ich vermag wenig ber sie. Schon als Kind, als sie auf dem Edelhofe
bei der Mutter des Herrn Ivo hauste, hat sie gegen den jungen Herrn ihre
trotzige Art bewiesen, denn sie raufte ihm eine Locke aus, als er hbsch mit ihr
tun wollte, und die Edelfrau sandte sie kurz darauf nach Hause zurck. Doch da
ich meiner Schwester nichts Unrechtes nachsage, die Edelfrau hat auch spter
viel von ihr gehalten, und in ihrer letzten Krankheit verlangte sie die
Schwester zur Pflegerin. So hat diese sich gewhnt, den Herren dreist zu
antworten, und jetzt sieht ihr der Vater vieles nach, weil sie ihm statt einer
Wirtin den Hof in Ordnung hlt. Darum rate ich, da Ihr nicht die Geduld
verliert, wenn Ihr im Ernste an sie denkt, denn jede Magd will, da man um sie
werbe.
    Hat deine Schwester den Ivo feindselig an seinem Kopf gefat, so ist sie
mir deshalb um so lieber, antwortete Herr Konz vergngt. Ich kenne mehr als
eine Grfin, welche froh wre, wenn ich sie ebenso begrte, wie ich mit deiner
Schwester tue; aber ich wei nicht, was mir die Hexe angetan hat. Und wenn der
alte Herr Meginhard einmal die Augen schliet, so mag ihr das Glck blhen, da
sie die Hausfrau eines edlen Ritters wird, und auch du wirst der Gemeinschaft
mit diesen Dorftlpeln enthoben. Daran rate ich dir zu denken.
    Berthold trat eifrig zu seiner Schwester. Herr Konz will mit uns im Reigen
springen und begehrt dich; ich fordere, da du dich ihm nicht versagst, denn
ehrenvoller ist es fr uns, wenn du dich an der Seite eines Ritters schwingst,
als mit einem von unsern Tlpeln.
    Gehrst du nicht selbst zu denen, die du schiltst? versetzte Friderun
unwillig. Hat er dir gesagt, da deine Gespielen von ungeschlachter Art sind,
so gilt vielleicht er selbst unter seinesgleichen fr nichts Besseres. Hte
dich, Berthold; dir bringt das Geschwtz mit den Mhlburgern und das heimliche
Reiten unter den wilden Gesellen keinen Segen. Ich hrte wohl, wie du dein Ro
in der vorletzten Nacht erst gegen Morgen in den Stall zogst.
    Berthold wandte sich verlegen ab und Friderun setzte ihren Kranz einem
ehrbaren Nachbar auf, und sich verneigend, sprach sie: Gefllt's Euch, Herr
Gevatter, so fhrt Ihr mich zum Reigen.
    Wo ist der Vortnzer? Berthold, fhre den Reigen! riefen die Dorfknaben
ungeduldig. Der Spielmann strich auf seiner Geige, die Paare liefen, sich in die
Reihe zu stellen, und Berthold ergriff die Hand seiner Tnzerin, nachdem er noch
leise mit dem Ritter gesprochen hatte, der, seinen rger bezwingend, sich
herablie, einem andern Dorfkind die Hand zu reichen. Auch dem Schler blieb
nichts brig, als eine rundliche Buerin zu werben, die ihm schon frher
zuweilen zugelacht hatte und im letzten Winter mit Kesselfleisch und Wurst
freundlich gewesen war. Der Vortnzer stimmte den Reigen an, und alle sangen in
herzlicher Freude nach, die Mnner laut mit Jauchzen, aber die Frauen zarter.
Darauf schwangen sich die Paare zuerst einzeln im Kreise, dann alle miteinander
in vielen Windungen des langen Zuges, bis Ruprecht, der Spielmann, sich an die
Spitze stellte und die Kette vom Anger aufwrts fhrte, einen Feldweg entlang,
zu dem lichten Gehlz und zu dem flachen Hgel, auf welchem eine groe Linde
ragte, das Wahrzeichen des Dorfes, weit sichtbar im Lande. Haltet zusammen,
rief Berthold vor dem Holze, da keiner mit seiner Tnzerin aus dem Reigen
breche, sonst zahlt er die Bue. So fhrte er hinauf; um die Linde schlang sich
der Reigen, in hohen Sprngen zeigten die Mnner ihre Kraft, obgleich viele die
Schwerter an ihrer Seite fhrten, die Wangen glhten und die Haare flogen in der
Frhlingssonne. Endlich hielt der Vortnzer den Stab in die Hhe, der Spielmann
setzte die Geige ab, die Kette lste sich, und die Tnzer schwirrten lachend und
rufend durcheinander.
    Friderun stand unter dem Baume und fchelte sich mit einem gepflckten
Zweige Khlung zu, sie beugte sich schnell zur Erde und rief, die geschlossene
Hand emporhebend: Wer vermag zu raten, was ich in meiner Hand festhalte?
Vernehmt die Frage: Aus der Erde sprang es, auf niederem Stuhle sa es und trug
in milder Sonne sein winterlich Gewand, doch kndet's Heil und Wonne dem, der es
fand. Was ist das?
    Wenn es aus der Erde sprang und Gutes bedeutet, so mag es wohl ein Wiesel
sein, rief der stolze Adelhun, einer von den freien Knaben des Dorfes, welcher
auch beim Tanze sein Eisenhemd trug und ein langes Schwert, das an den Fersen
klirrte.
    Friderun schttelte den Kopf. Da riet der Schler: Es ist ein weies
Veilchen.
    Ihr habt's getroffen, und Ihr sollt es haben, mge es Euch Glck bringen,
antwortete Friderun, ihm zunickend, und gab dem Frohen das Veilchen.
    Darber wurden die Dorfknaben unwillig. Kein Wunder, da der Schreiber den
Preis davontrgt, hhnte Adelhun, er ist gewhnt, nach Hofbrauch in allerlei
Zungen zu reden, aber es gibt manchen, der seinen Worten mitraut.
    Herr Adelhun ist eine Blume des Dorfes, versetzte der Schreiber rgerlich,
seine Locken wehen in solchen Loden, wie man an dem Haupt des Lwen sieht, der
auf der Burg des Landgrafen gehalten wird.
    Adelhun spricht recht, riefen einige drohende Stimmen.
    Was ein der Gnserich schreit, schnattern die andern nach, entgegnete der
umstellte Nikolaus, indem er sich hin und her wandte.
    Adelhun hat dennoch recht, rief auch Herr Konz.
    Der Schler beachtete ihn nicht und sprach zu Friderun: Knnt auch Ihr
erraten, was ich in meiner Hand halte: Ich wei ein festes Haus, der dicke Wirt
zog aus, er a das volle leer; die Tr steht offen, nur Kehricht fliegt umher.
    Der Spruch meint die hohle Nu߫, riet Friderun lachend. Nikolaus ffnete
seine Hand, in welcher eine Nu lag, aber er versetzte, nach dem Ritter Konz
blickend: Nein, der Spruch meint einen Kopf auf hohen Schultern, welchen ich
sehe; denn keine hohle Nu ist so leer als dieser.
    Wie, du Schandfleck! rief Herr Konz, ich will sogleich den Leuten zeigen,
was in deinem Kopf zu finden ist, und er zog sein Schwert.
    Sie erregen Streit an unserer Linde, schrien die Knaben von Friemar,
wollen die Fremden unser Spiel stren, so weist ihnen die Messer und scheucht
sie ber die Grenze. Von allen Seiten blitzten die Waffen. Da entri Friderun
ihrem Bruder den Stab, und unter die Znker springend, hieb sie auf die
Schwerter und schalt: Wer das Spiel verdirbt, zahlt die Bue, wir Frauen
schlagen ihn mit dem Stock ber die Hnde.
    Die Mnner wichen zurck, und das Mdchen stellte sich schtzend vor den
Schler, der behend hinter den Baumstamm schlpfte.
    Steckt das Eisen ein, gebot eine tiefe Stimme. Ein Reiter ritt in den
Haufen, gefolgt von seinem Knechte. Der Richter, murmelten die Dorfleute und
wichen zurck.
    Ein breitschultriger Mann mit harten Zgen und langem weiem Haar stieg ab
und trat in den Kreis. Wer erhob den Streit? fragte er, finster umhersehend.
    Niemand antwortete, nur Friderun schnipste mit den Fingern: Es war nicht
der Rede wert, Richter, sie sind noch vom Tanze hei, und weil einige von ihnen
nicht Witz genug hatten, mit Worten zu treffen, griffen sie an das Eisen; wir
Frauen sind ihnen geringen Dank schuldig.
    Ich gre Euch, Richter, begann Konz, um sich vor den andern vornehm zu
erweisen, nachdem er vorher weislich sein Schwert eingesteckt hatte, der Streit
war, wie Euer Kind sagt, nicht der Rede wert, denn er ging um den Schler dort
und seine ungewaschenen Worte.
    Kommen Fremde ungeladen in die Flur, um an unseren Spielen teilzunehmen,
antwortete der Richter ernsthaft, so gebhrt ihnen vor andern, mit Mund und
Hand den Frieden zu bewahren, damit auch wir das Gastrecht ehren; denn Ihr wit,
Herr, wer Streit aufregt, verliert den Schutz.
    Wollt Ihr sagen, da wir ungebetene Gste sind, versetzte Konz hochmtig,
so wartet, bis wir Euch in die Huser treten. Kommt Ihr einmal der Mhlburg
nahe, so wird auch Euch nichts daran gelegen sein, wenn Ihr kalten Willkommen
findet.
    Wenn ich durch das Land reite, entgegnete der Alte ruhig, tue ich es in
des Kaisers Amt, und wer mit dem Fronboten naht, der sorgt nicht um kalten
Gru.
    Herr Konz sah dster auf den berittenen Knecht, von dessen Sattel das
Strangbndel herabhing, die furchtbare Waffe des Richters. Wohl, Richter, ich
kam durch Zufall hierher und sah das Spiel eine Weile an, wie Nachbarn zu tun
pflegen, und ich meine, die Luft ist fr jedermann frei und frei die Strae. Er
nickte stolz mit dem Haupte und wandte sich abwrts.
    Der Richter trat unter die lteren Bauern. Aber die Nhe des strengen Mannes
wirkte erkltend auf die Lust der Jungen, sie sprachen leise miteinander und
zerstreuten sich in das Gehlz. Friderun wandte sich zu dem Spielmann: Zeige
deine Kunst, Ruprecht, mit Singen oder Sagen, damit das junge Volk auf andere
Gedanken kommt. Der Spielmann nickte dienstbeflissen, fuhr mit dem Bogen auf
der Geige umher, und nachdem er eine alte Weise gespielt hatte, begann er mit
lauter Stimme, halb singend, halb sprechend eine lange Sage von einem Lindwurm,
der einst in den Steinen dieses Berges gehaust hatte, und von einem fremden
Ritter, der in das Land kam und das Ungeheuer erlegte.
    Friderun sa auf einem Steine, sie hielt die Hnde ber dem Knie gefaltet
und hrte mit strahlenden Augen dem kunstlosen Gesange zu, obgleich er ihr
wohlbekannt war. Auch als sie viele Rotritte hrte und ber die Achsel blickend
erkannte, da Herr Ivo mit groem Gefolge herangeritten war und mit dem Vater
sprach, blieb sie allein sitzen, whrend die Landleute neugierig zu den Reitern
traten, Gre tauschten, Waffen und Gewand musterten. Sie mahnte den Spielmann
durch ihr Kopfnicken, fortzufahren, bis ein Herrenpferd dicht neben ihr den
Dampf aus seinen Nstern blies und eine Stimme sie scherzend anredete: Guten
Tag, stolze Friderun, der junge Mai sitzt auf grnen Zweigen, wie kommt's, da
Ihr allein auf alte Mren lauscht? Ist kein frischer Gesell zur Hand, der Euch
ein neues Lied in das Ohr singt?
    Friderun stand errtend auf, aber ihre Brauen zogen sich finster zusammen:
Wenn Euch die alte Sage wenig gilt, weil sie nicht vornehm klingt, so wre doch
freundlicher, wenn Ihr Eure Verachtung vor uns bergen wolltet. Denn die Sage
kndet etwas von Eurem Geschlechte, und wir im Dorf denken gern daran. Hier, wo
der Baum steht, lag einst Euer Ahn im giftigen Dampfe des argen Wurms, und um
ihn loderte die rote Flamme.
    Und ein Weib aus Eurem Dorfe half ihm ins Freie, versetzte Ivo, ich habe
den Sang der Spielleute oft genug vernommen.
    Ruprecht fiel mit krftiger Stimme ein:

Eine Magd sprang durch die Flammen mit Namen Friderun,
Sie sah auf dem Leib des Drachen den mden Ritter ruhn,
Sie schlang um ihn die Arme, sie hob den jungen Leib,
Sie trug ihn aus der Lohe, das wunderkhne Weib.

Dies ist die Sage, fuhr Friderun ernsthaft fort, und Euer Ro wrde
schwerlich gegen mich fauchen, wenn nicht ein Weib unseres Hofes Eurem Ahnherrn
seine Treue bewiesen htte. Denn wir im Dorfe meinen, da es ohne Eltern keine
Kinder gibt und da die Enkel guttun, an die Mhen ihrer Vorfahren zu denken.
    Ihr habt recht, Friderun, antwortete Ivo, ergtzt durch den Eifer des
Mdchens. Und wenn Eure Ahnin, die der Fiedler rhmt, noch am Leben wre, so
wrde ich vor der alten Frau mich in Ehrfurcht neigen. Dennoch gestehe ich, da
ich lieber Eure rosige Wange sehe, wenn Ihr auch mit mir unzufrieden seid. Er
rhrte mit der Hand leise an ihren Kranz. Wenn Euch einmal der trotzige Mut in
Sehnsucht dahinschwindet, und wenn Eurem Vater gefllt, da Ihr den Kranz in
Eurem Haar mit dem Htlein vertauscht, so bitte ich, gestattet auch mir, bei
eurem Hochfest Brautfhrer zu werden, denn ich denke gern daran, da meine liebe
Mutter Euch wert gehalten hat. Er wandte sein Ro, die Schar stob abwrts,
Friderun stand allein, sie nahm den Kranz, den seine Hand berhrt hatte, vom
Haupte und schleuderte ihn hoch in den Wipfel des Baumes. Dann setzte sie sich
wieder auf den Stein, drckte ihre Hnde zusammen, da das Blut daraus wich, und
rief dem Spielmann gebietend zu: Singe weiter, Ruprecht!

                             Am Hofe des Landgrafen


Der junge Landgraf Ludwig war ein Herr ganz nach dem Herzen seiner Zeitgenossen:
scharf, hart, gewaltsam und eigenntzig, wo es galt, seine Herrschaft zu
vergrern, redlich und gutherzig in seinem Hause, gegen die Getreuen und gegen
das arme Volk. Sein verstorbener Vater, ein kraftloser Mann, hatte den fahrenden
Sngern fr ein Musterbild ritterlicher Tugenden gegolten; auch der junge Frst
machte in migen Stunden gern den modischen Ritterbrauch mit, dem sich kein
groer Herr entziehen durfte, wenn ihm an seinem guten Rufe etwas lag; aber im
Grunde dachte er lieber an die ausgestreckten Hnde bezwungener Burgmannen,
welche ihm den Treueid leisteten, als an die behenden Finger der Snger, welche
das Saitenspiel rhrten. Alles war ihm bisher wohl gelungen und seine Gedanken
flogen hoch. Gerade jetzt bereitete er einen Zug nach Welschland zum Kaiser
Friedrich, seine Boten waren seit dem Winter hin und her geritten, und seine
Hofleute erzhlten sich, da ein fremder Gast, die Grfin Hedwig von Meran, eine
Nichte des Kaisers, nicht allein deshalb an den Hof gekommen sei, um ihre Base,
die Landgrfin, zu besuchen, sondern auch, um dem Landgrafen geheime Botschaft
des Kaisers zu berbringen.
    Doch heut war im Hofhalt nichts von den Sorgen um Herrschaft und Reich zu
merken, der Landgraf war mit groem Gefolge von der Kreuzburg nach Gotha
geritten, wo er vor der Stadt einen schnen Meierhof besa, um dort nach alter
Gewohnheit den Mai zu begren.
    Bei dem einsamen Hofe drngte sich ein zahlreiches Gefolge, geschmckte
Frauen, edle Herren im Festkleid, Ritter im Kettenhemd und Tro der Diener. Die
Rosse, welche in den Stllen nicht Unterkunft fanden, stampften in langer Reihe
an den Pfhlen eines Geheges; auf dem Kchenherde loderte das Feuer, und die
Kche bereiteten Speisen, welche ein geduldiges Eselpaar im Rstwagen
herangefhrt hatte. Rudolf, der Schenk, lie die Fsser mit Wein und starkem
Bier anzapfen und zhlte den Knaben, welche bei der Tafel aufwarten sollten, die
Silberbecher zu. Aus der kleinen Stadt Gotha liefen die Leute schaulustig herbei
und stellten sich in ehrfurchtsvoller Entfernung auf. Sie wiesen einander die
berhmten Mannen ihrer Herrschaft und die vornehmen Gste, zumeist aber staunten
sie ber schwarzbraune Mnner im Turban, mit blitzenden Augen und mit
Krummschwertern, welche zum Gefolge der fremden Grfin gehrten.
    Unterdes fhrte der Landgraf die Frauen aus dem Hofe einige Schritte
aufwrts, wo sie Hgel und Tal berschauen konnten, und erklrte ihnen vergngt
seinen Besitz, die alte Burg, welche einst die Mnche von Hersfeld erbaut
hatten, und eine Stelle auf der Hhe, welche der Landgrfin gerade jetzt sehr am
Herzen lag, weil sie dort als gutes Werk einen kleinen Hof fr die armen Siechen
zu bauen gedachte.
    Pltzlich verdsterte sich das freundliche Gesicht des Landgrafen, er
berhrte die Schulter eines alten Hofherrn und wies nach der Landstrae. Seht,
Herr Walter, dort naht der Knig Mai mit Helm und Schildrand wie zum Kampfe
gerstet.
    Walter von Vargula lchelte. Es ist Herr Ivo mit seinen Hofgesellen, der
bei meinem Herrn ein altes Recht, den Ehrentrunk, sucht.
    Mir mifllt ein Vorrecht, welches den Landesherrn daran mahnt, da andere
in seinem Lande sitzen, die sich ihm gleich dnken, versetzte der Frst.
Dennoch, was er zu fordern hat, soll ihm gewhrt sein, aber nichts darber.
    Dann gestattet auch, ersuchte Herr Walter wohlmeinend, da ich ihm Anruf
und Gru entgegensende, und da ich unsere jungen Hofherren auf die Pferde
mahne. Denn nicht umsonst wollen diese mit Helm und Schild hergeritten sein, und
eine Krnkung wre es fr Euren Gast, wenn Ihr seinem Gesinde den ritterlichen
Willkommen versagtet.
    Denkt an uns Frauen, Vetter, und da wir zuweilen gern das Brechen der
Speere hren, bat eine wohlklingende Stimme mit fremdlndischer Betonung. Eine
Frau in langem weien Gewande, die nach dem Gebrauche des Sdens Haupt und Hals
mit dichtem Schleiertuch umwunden trug, trat zum Landgrafen und wandte die Augen
nach dem Wege, auf welchem die Reiter herankamen.
    Es geschehe, was Euch gefllt, Base Hedwig, antwortete der Landgraf wieder
in guter Laune, wisset, der junge Held, welcher meinen Wein begehrt, ist mit
seinen Dienstmannen im ganzen Lande wohlbekannt, weil er ruhelos sein Ro auf
der Rennbahn treibt. Herr Walter hatte unterdes den Speerruf nach dem Hofe
gesendet; von dort erklang ein vielstimmiges Urra wurra! als Antwort, die
Knechte liefen zu den Rossen, die Ritter schnallten an ihrem Harnisch und
schrien nach den Speeren. Gleich darauf sprengte eine kleine Schar, gefhrt von
Rudolf Schenk, dem Sohne des alten Walter, grend vor dem Landgrafen und den
Frauen in den Grund, der zu dem Rennen geeignet war. Herr Rudolf ritt voraus,
tauschte mit den Fremden die bliche Begrung und besprach in der Eile mit
Henner Marschalk das Rennen, sechs Kmpfer von beiden Seiten und jedem zwei
Speere.
    Auf der andern Seite des Kampfplatzes hielt Ivo mit seinem Gefolge, whrend
die Bewaffneten in scharfem Anlauf mit den Speeren gegeneinander ritten, zuerst
Herr Henner und Herr Rudolf, nach ihnen die brigen einzeln, dann sechs gegen
sechs. Die Rosse schnoben, die Speere krachten und die Reiter erwiesen ihre
Kunst, es war ein untadeliges Rennen, ehrenvoll fr beide Hfe; auch der
Landgraf freute sich und wurde warm. Und als Ivo abstieg und vom Herrn Walter
geleitet nher kam, da trat er ihm freundlich entgegen.
    Dein Hauswirt spricht lange mit dem Fremden, begann Frau Hedwig zu Else
und sah mit ihren groen Augen neugierig auf die Schar der Mnner, der Gast
steht, wie ich sehe, in stolzer Haltung.
    Er ist gut beleumdet im ganzen Lande, und die Leute rhmen ihn als einen
freudigen Helden, antwortete Frau Else, und leiser setzte sie hinzu: Er dient
einer Herrin in Zucht und Ehre, doch wunderlich dnkt es allen, da niemand
erraten kann, wer sie ist.
    Geheimer Dienst ist nur halber Dienst, versetzte Hedwig lachend; wenn wir
einem Ritter erlauben, uns zu dienen, so ziehen wir mit der einen Hand den
Schleier ber unsere Neigung, mit der andern lften wir den Zipfel, denn eines
Helden Huldigung mehret auch uns die Ehre.
    Sicher bringt sein Dienst Ehre, fuhr Else fort, denn fr den strksten
Speerkmpfer gilt er im Lande und ist voran bei jeder rhmlichen Tat. Sieh dort
die bunten Bilder auf dem Gewande der Herren in Farben gemalt und gestickt. Wenn
Herr Ivo jedem, den er im Speerwurf besiegt, nur ein Bild aus dem Gewande
schneiden liee, er knnte seiner Herrin einen weiten Mantel machen lassen, der
sie vom Kopf bis zu den Fen bedeckte.
    Wahrlich, rief Hedwig spottend, wenn seine Herrin nicht ein fahrendes
Weib ist, welches gelernt hat, mit wilden Tieren durch das Land zu ziehen, so
wrde ihr mhevoller werden, seinen Mantel zu tragen, als ihm, das Tuch zu
gewinnen.
    Die Schler und Spielleute singen auch Lieder, die er selbst erfunden hat,
denn er ist des Gesanges wohl mchtig; wir merkten, da seine Frau sich ihm
zchtig versagt, denn voll Sehnsucht und Klage sind seine Tne, und er ist uns
deshalb um so werter.
    Nun er sieht nicht aus wie einer, der ohne Erhrung wirbt, antwortete
Hedwig trocken.
    Dennoch ist es so, erklrte die Landgrfin eifrig, und mit zartem Errten
fgte sie hinzu: Es gab bereits miges Geschwtz, da er eine, die uns nahe
ist, in seinem Sange preist. Aber mein Hauswirt und ich, wir wissen beide, da
die Meinung falsch ist.
    Hedwig sah scharf in das unschuldige Gesicht und berhrte leise die Wange
der Landgrfin. Er htte keine holdere Herrin finden knnen. Sieh, dein Wirt
fhrt ihn zu uns, la sehen, ob er auch zu sprechen vermag.
    Der Landgraf wies nach der Begrung auf die Frauen. Folgt mir, da ich
Euch zu denen geleite, welche Euer Lob am liebsten verknden. Ihr findet einen
seltenen Gast, des Kaisers Nichte Hedwig, sie und die Frauen in ihrem Gefolge
sind wohl wert, da Ihr ihnen huldigt.
    Ivo berhrte mit der Hand ein Tuch, welches er um den Hals geschlungen trug.
Habt die Gte, mich bei den edlen Frauen zu entschuldigen, wenn ich ihnen
unhflich diene. Mir ist verboten, meinen Blick zu einer Frau Eures Hofes zu
erheben, und ich darf nur vor sie treten mit gesenktem Haupt und
niedergeschlagenen Augen; unlieb wre mir, wenn sie mich fr kindisch hielten.
    Nun beim heiligen Georg, rief der Landgraf erstaunt, Eure Herrin bt eine
harte Herrschaft! Selten haben unsere Frauen sich ber niedergeschlagene Augen
der Gste und der Schildtragenden zu beklagen. Doch ernsthafter fuhr er fort:
Wir wissen den Dienst eines verlobten Mannes zu ehren, mgen die Gste sich
streiten ber die Farbe Eurer Augensterne.
    Mit tiefer Verneigung trat Ivo vor die Frstin, das lockige Haar, welches er
nach Gebrauch seines Hauses lang trug, umsumte ein mnnliches Antlitz. Als er
so schweigend stand, ruhig, von hohem Wuchs, ein Bild der Kraft und vornehmen
Zucht trotz seiner niedergeschlagenen Augen, da wandten sich alle wohlgefllig
ihm zu, und die Frauen im Gefolge der Frstinnen nickten und flsterten einander
in die Ohren. Sogar die alte Dame Wendelmuth, welche den Kammerdienst und das
Hteramt bei Frau Hedwig hatte, gnnte ihm einen teilnehmenden Blick und sprach
halblaut zu ihrem Begleiter, dem fremden Kmmerer Volko, der mit dsterer Miene
unter den Thringen stand: Wahrlich, manchem von unseren jungen Rittern wre so
zchtige Scham zu wnschen, und dieser besttigte es durch ein leises Brummen.
    Es ist ihm durch ein Gelbde verboten, euch, edle Frauen, anzusehen,
erklrte der Landgraf, dennoch gnnt ihm eure Huld, denn allen Frauen gereicht
zum Ruhme, da der Held einer in Zchten dient.
    Das sagen wir zuweilen, antwortete die klangvolle Stimme der Hedwig, doch
wir denken nur so, wenn wir den Ritterdienst einer andern lieber gnnen als uns
selbst. Verlangt Ihr solche kalte Huld fr Euern Gast, so wird sie gern
gewhrt.
    Ihr versteht zu demtigen, indem Ihr Gnade bt, versetzte Ivo stolz.
    Verzeiht, Herr, wie kann ein Gast gefallen, der uns nicht gestattet zu
prfen, ob sein Blick treuherzig oder falsch ist? entgegnete die Fremde, und
sich zum Landgrafen wendend, rief sie: Seht Herr Ludwig, gerade ber euch
schwebt ein Reiher, ist niemand da, der Eurem Edelfalken die Kappe lst? Alle
sahen nach der Hhe, doch Ivo widerstand der neckenden Versuchung. Nichts fr
ungut, Vetter, fuhr die Dame lachend fort, es war nur eine Probe fr Euren
Gast.
    Da er die Probe bestanden hat, Base Hedwig, sollt Ihr die Bue zahlen. Ich
bitte Euch, legt den Schleier ab, der Euch Stirn und Kinn verhllt, und lat
meine Helden Euer Angesicht schauen. Ist auch in Eurer Heimat die Sitte
strenger, wir in Thringen sind gewhnt, beim Feste das Antlitz schner Frauen
zu betrachten. Gestattet unserer Sonne, da sie Euch die weie Haut brune.
    Die Verhllte berhrte schmeichelnd die Wange der Herrin Else. Deinem
rosigen Antlitz sieht man nicht an, da die Maiensonne ihm sein Wei und Rot
gemindert hat. Nur wir Verschleierten tragen den Schaden, denn Nase und Wnglein
verbrennen doch, und wenn wir einmal das Schleiertuch lften, so sind wir in der
Mitte des Antlitzes rot gemalt. Das aber ist die Wappenfarbe, die unsere
Hausherren an uns am liebsten sehen, obwohl jeder Blick auf den Spiegel uns
weinen macht. Sie lste die Enden des Schleiers, schlug sie ber den weien
Nacken zurck und wies ihr edles Angesicht, an dem von Sonnenbrand freilich
nichts zu merken war. Als sie so neben der Landgrfin stand in voller gereifter
Schnheit und mit ihrem Arm die Hausfrau umschlang, da freuten sich die Herren
ber den Anblick, und unwillkrlich erklang ein lauter Heilruf von den Lippen
der Hofleute; selbst die Augen des Herrn Ivo zuckten, aber er bezwang sich, und
der Landgraf rief: Wahrlich, das ist Frhlingswonne, und wir wollen den Tag in
einer Tafelrunde feiern. Den Hofhalt des Knigs Artus spielen wir heut, und Ihr,
edler Ivo, sollt Ritter Iwein sein oder ein anderer Held, der Euch am besten
gefllt. Breitet die Teppiche, rstet das Mahl, und ihr, edle Frauen, windet
Krnze fr euch und uns.
    Die Frauen flogen summend wie Bienen durch Garten und Anger. Doch waren der
Blumen nur wenige auer Veilchen und Himmelsschlsseln, und die zarten Hnde
muten zum Schlehdorn und Weidorn hinauflangen, deren Blten noch die kalte
Farbe des Schnees trugen. Dagegen verteilte Frau Else bunte Bnder aus einem
Korbe, den eine ihrer Frauen vom Rstwagen zutrug, und lachend mhten sich die
Sammelnden um die Wette, Blumen und Bnder auf biegsame Ruten zu binden und
diese in runde Kronen zusammenzufgen. Frau Else bot selbst dem Gaste den Kranz,
und die Fremde drckte den ihren auf das Haupt des Landgrafen.
    Auf sonniger Anhhe stand ein mchtiger Ahorn, niedrig gewachsen, aber mit
breitem Wipfel. Da seine Laubknospen noch wenig Schatten gaben, war keinem
unlieb, denn zartes Gewlk wehrte die Strahlen der Sonne ab und barg das Antlitz
der milden Herrin, so da man nur in dmmrigem Licht und mattem Schatten ihre
Gegenwart merkte. Unter den Ahorn wurde die Tafelrunde gesetzt, genau so, wie
der junge Lutz geargwhnt hatte, die edlen Gste auf niedrige Sessel, die Frauen
auf kleine Schemel und nur die Helden auf einen Teppich, der ber den Rasen
gebreitet war; denn die Landgrfin sah ungern, wenn ihre Frauen sich neben den
Mnnern auf den Boden lagerten, obwohl dies sonst Brauch war. Rudolf Schenk
hatte heute den Dienst, die Paare zu gesellen, nicht gerade wie es jedem der
Gste am liebsten gewesen wre, sondern mit bedchtiger Rcksicht auf die Ehren,
welche jeder zu fordern hatte: zwischen den Hofherrn und Frau Else die fremde
Grfin, und auf die andere Seite des Landgrafen den Herrn Ivo, neben die
Landgrfin aber seinen eigenen Vater, den alten Herrn Walter von Vargulu,
welcher der wrdigste Ritter des Landgrafen war, ein Hter der Frau Else und
zugleich ihr ergebener Freund. Auch die aus Ingersleben erkannten, da sie durch
ihre Sitze vom Landgrafen geehrt wurden. Denn der Kmmerer Godwin sa, allem
Frauendienst enthoben, neben dem Herrn Walter, und die beiden freundlichen
Herren mit dem weien Haupthaar tauschten gute Gedanken aus ber die Abrichtung
der Falken, welche in den Hfen ihrer Herren auf der Stange saen. Herr Henner
aber erhielt die alte Frau Wendelmuth zu seiner Kranzgenossin, und Herr Lutz die
junge Berta, die Tochter des Kmmerers von Fahnern, welche fr die schnste Magd
am Hofe galt. Und Herr Henner drckte den Kranz, den ihm Frau Wendelmuth mit
steifem Arm reichte, recht zart in das grauliche Haar, indem er sprach: Belle
graze, nahm ihre Fingerspitzen in die seinen und fhrte sie zu dem niedrigen
Tische. Er dachte wohl daran, da er sie vor vierzig Jahren zu Mainz am Hofe des
alten Kaisers Friedrich Rotbart gesehen hatte, aber er htete sich, das zu
sagen, um ihr nicht durch sein gutes Gedchtnis verleidet zu werden. Doch begann
er von alter Zeit zu sprechen, spielte sich mit gewandter Rede nach Mainz auf
das grte Kaiserfest, welches jemals in deutschen Landen gefeiert worden war,
und erzhlte, wie er damals als Knappe einer Magd des Hofes, die von einem
Ritter gerade zum Tanz aufgefhrt wurde, den Mantel vom Boden gehoben hatte, als
ihr dieser im Gedrnge durch einen ungefgen Helden abgestoen, war; und der
Schlaue setzte hinzu: Ach und weh! Sie erschien mir als die schnste Magd von
allen, und ich gedenke noch, von roter Seide war der Mantel. Da trat Frau
Wendelmuth in die Falle, welche er ihr stellte, denn als eine scharfe und
gewissenhafte Frau versetzte sie nicht unfreundlich, doch noch suerlich: Wenn
Ihr Euch der Magd so wohl erinnert, wie Ihr sagt, so mtet Ihr auch wissen, da
der Mantel goldgelb war, worauf Herr Henner siegesfroh ausrief: Nie htte ich
gewagt, Euch an den armen Knappen zu erinnern, der Euch die Hlle aufhob. Da Ihr
aber selbst des gelben Mantels gedenkt, so darf ich Euch sagen, da ich heut
beim ersten Blick Euch wiedererkannte, so wie Ihr damals waret, und da ich Euch
in meinen Gedanken mit derselben goldenen Hlle vor mir sehe. Durch diese Rede
machte er die stolze Frau vertraulich, und sie sprachen seitdem wie alte
Bekannte von den ruhmvollen Tagen des Kaisers Barbarossa und von vielem
rgerlichen, das sie spter erlebt.
    Dazwischen aber blickte Herr Henner sorgenvoll ber den Tisch, ob sein
junger Geselle sich auch bescheiden auf dem Teppich lagere, und wie er sich
gegen seine Nachbarin gebrde. Ihn freute, da beide leise miteinander redeten,
aber er sah mit Entsetzen, da Herr Lutz pltzlich die Beine unter das Ges
zog, weil ihn der Erdboden zu sehr khlte; und er hustete leise. Seine
Nachbarin, welche mit sphendem Blick das Ereignis in der Tafelrunde
beobachtete, erkannte sogleich den Grund seines Hustens; und da sie alle Not bei
Hofe verstand, so tat sie fr ihn selbst, was noch niemals ein Fremder von ihr
genossen hatte: sie fate hinter sich nach einer Decke, die zusammengebunden im
Bereich ihres Armes lag, schob sie leise an den Sitz des Herrn Henner und winkte
ihm, da er sie unterlege. Und der Marschalk, der die Wohltat zu wrdigen wute,
half mit der Hand ganz unmerklich nach und warf ihr einen dankbaren Blick zu,
whrend ihm die welken Schlsselblumen ber die Augen hingen.
    Aber die Herrschaft am oberen Tische sa unterdes sehr feierlich, nur der
Landgraf sprach einiges zu seinen Gsten, bis er endlich zufrieden von dem
ausruhte, was der Koch fr das Fest bereitet hatte. Da erhob er die Stimme: Und
alle will ich mahnen, da wir den jungen Sommer begren, wie es einer frohen
Tafelrunde gebhrt. Bringt das Saitenspiel und legt es in die Hnde des Gastes.
Gefllt es Euch, Herr Ivo, so lat unsere Frauen, denen Ihr nicht zulachen
drft, doch Euren Gesang vernehmen.
    Ivo hatte bis dahin in stolzer Zurckhaltung vor sich niedergesehen und nur
auf die Fragen des Landgrafen geantwortet, so da die Landgrfin heimlich zu
Frau Hedwig sagte: Sieh, gleicht er nicht unter den Sorglosen einem
Leidtragenden, der sein geheimes Weh mit Mhe bndigt?
    Oder einem Gefangenen, der widerwillig beim Mahle des Siegers sitzt,
versetzte die Fremde.
    Jetzt antwortete Ivo, wie sich's gebhrte: Die Bitte des erlauchten Wirtes
ist dem Gaste Gebot; bt Nachsicht, denn meine Stimme ist rauh und meine Weise
nicht so kunstreich wie andere, die ihr zu vernehmen gewhnt seid. Er griff
krftig in die Saiten, spielte ein wenig und sang, was damals aus seinem Munde
den Zuhrern weit lieblicher klang als jetzt aus dem Buche:

Bote, geh und knde meiner Fraue:
All mein Hoffen hat der Reif zerstrt;
Da die Blumen lachten auf der Aue,
Harrt' ich, ob sie noch mein Flehn erhrt.
Trostlos find' ich, wenn der Morgen tagt,
Vereist die Heide,
In Sehnsucht und Leide
Vergangen die Freude, das sei vor ihr geklagt.

Er hielt inne. Die Herren murmelten ihr Lob deutlich, die Frauen leise, aber
nicht weniger ehrlich, und der Landgraf rief: Wohlgesungen! Wir hrten die
Klage; ist niemand unter den Frauen, der ihm Antwort gibt? Base Hedwig,
vielleicht beliebt es Euch, dem edlen Gast das Widerspiel zu halten.
    Hedwig rckte das Saitenspiel zu sich, mit nachlssiger Handbewegung fuhr
sie ber die Saiten und sang eine Antwort, indem sie die fremde Weise, welche
sie eben gehrt hatte, wiederholte und zierlich wandelte:

Weh, des Mannes Sehnsucht schuf mir Sorgen,
Sprach die Frau, verschlossen bleibt der Mund,
Meine Liebe trag' ich still verborgen,
Wie das Meer die Perle birgt im Grund.
Trost noch findet, wer sein Lieben klagt;
Die sich sehnt und leidet
Und Rede meidet,
Der Armen ist ihr letzter Trost versagt.

Als sie geendet hatte, summten alle warmes Lob, auch Herr Ivo lchelte, und der
Hofherr sprach: Gern wird unser Gast Euch den Preis geben, Base, denn Ihr habt
seinen Sang geehrt, indem Ihr ihn zur Stelle nachahmtet.
    Und Ivo versetzte: Auch ich danke meiner Siegerin, obgleich ihr Lied den
Trost nicht verheit, um den ich flehte. Ich merke, da sie der Kunst des
Saitenspiels mchtig ist wie wenige. Vielleicht, wenn Ihr, erlauchter Herr, und
Euer Gemahl die Dame bitten, versagt sie uns nicht die Freude, ihr Spiel zu
hren.
    Die Grfin nickte gleichgltig und fate sogleich nach der kleinen Harfe,
die sie vor sich niedergesetzt hatte. Und sie spielte in Wahrheit mit solcher
Kunst, wie die meisten aus der Gesellschaft noch niemals gehrt hatten.
    Der Landgraf war voller Bewunderung, ergriff seinen goldenen Becher und
rief: Hebt euch von den Sitzen, ihr stolzen Helden; nie sah ich und nie hrte
ich die Finger einer Frau so behend durch die Saiten greifen, denn schnell wie
der Blitz bewegtet Ihr die kleine Hand, Base, und ich vermochte mit den Augen
kaum dem Spiele zu folgen. Darum trinken wir Heil der Herrin, welche so seltener
Kunst mchtig ist. Als der Beifallssturm sich gelegt hatte, fuhr der Wirt fort:
Gern vernhmen wir noch mehr von Euch, und unser Ohr wrde nicht mde vom
Zuhren. Lat singend oder sagend Eure Stimme noch weiter tnen, denn am Hofe
unseres Herrn, des Kaisers, habt Ihr, wie ich wei, jedes Werk der Snger gebt,
so da auch die Welschen ber Euch staunen.
    Hedwig lachte. Ihr wollt's, nehmt vorlieb. Und da wir hier unter Blumen und
Klee im Baumschatten sitzen, so hrt ein kleines Abenteuer, es heit wie dieser
Baum, der Ahorn. Und sie hob die Hand nach der Hhe. Darauf begann sie mit
klangvoller Stimme eine Geschichte in Reimen, welche folgendes verkndete: Ein
Knig im Lande Spanien hatte eine Tochter, welche so stolz war, da sie sich
selbst in den Arm zwickte, wenn sie einmal einen Mann gegrt hatte. Sie ritt am
liebsten allein auf ihrem Rlein durch Anger und Wald. Im Holze stand ein alter
Ahorn, ein kaltes Brnnlein quoll an seinem Fu, und blaue Glockenblumen blhten
darum. Als die Magd einst an einem heien Tage dort anhielt, lste sie die
Spangen ihres Gewandes und khlte Wangen und Brust am klaren Quell. Da hrte sie
ein leises Atmen, sie glitt um den Stamm und sah auf der andern Seite desselben
einen Jngling, der sich am Brunnen gekhlt hatte und mit offenem Gewande unter
den Blumen entschlafen war. Sie konnte die Augen nicht von ihm abwenden, bis er
aufwachte und sie ansah. Da sprach das Knigskind: Du siehst das Mal an meiner
Brust, wie ich das deine sah; ksse mich oder ich ksse dich. Von diesem Tage
trafen die beiden einander oft unter dem Baume, und sie wurden eins dem andern
lieb vor allem auf der Welt. Unterdes berzog ein wilder Mohrenfrst den Vater
des Knigskindes mit Krieg, so da dieser ihm einen Teil seines Reiches und die
Tochter zur Gemahlin verhie. Die beiden Trauten saen sorgenvoll unter dem
Baume, da Herz wollte ihnen vor Gram zerspringen, und ihre Trnen flossen in
den Quell. Da erhob sich vor ihnen die Wasserfrau, welche in dem Brunnen wohnte,
aus der Flut: Salzig wird mein ser Quell durch eure Not, und sie bot jedem von
ihnen einen hlzernen Armring, in welchen ein Zauberdorn geflochten war. Legt
ihr den Ring um, so vermag er euch Seele und Leib zu scheiden, so lange ihr es
begehrt, und als Dmmervogel fliegt ihr ins Freie ber Berg und Tal zu meinem
Baume; doch htet euch, da der Rckweg euch nicht gesperrt werde. Da besprachen
die beiden Traurigen, da sie einander am Baum wiedersehen wollten in jeder
Sommerzeit, bei jedem vollen Mond. Der Mohr aber schlo die Knigstochter auf
seiner Feste ein, die er sich auf steilem Felsen erbaut hatte, und sie durfte
niemanden sehen und sprechen, nur eine treue Magd, welche ihr gefolgt war. Als
nun der volle Mond in ihre Schlafkammer schien, da sprach sie zu ihrer Genossin:
Schliee die Tr und ffne das Fenster. Wache und sorge nicht um mich, ich wei
eine, die mit dem Mondenstrahl fliegt, wenn die Leibeshlle leblos liegt. Und
sie legte den Armring an. Da sank sie sogleich auf ihr Lager zurck, und aus
ihrem Munde flog ein winziges Vglein und verschwand durch das offene Fenster in
der Dmmerung. Die Dienerin wachte in Sorgen, denn ihre Herrin lag wie tot, das
Herz schlug nicht, und sie atmete nicht. Als aber die Tagesdmmerung am Himmel
aufstieg, schwebte wieder ein kleiner Schatten durch das Fenster, und das
Knigskind richtete sich von dem Lager auf und sprach: Am Astloch sa der
Geselle mein, ihm troff der Tau vom Flgelein. So trieb sie es den ganzen
Sommer. Doch als die Nchte lang wurden und weies Gespinst um die drren Halme
glnzte, da wurde der Dienerin mhsam, im Vollmond den Schlaf von ihren Augen
fernzuhalten; und als die Knigstochter sich aufrichtete, sprach sie: Ein
Bahrtuch sah ich weben ber Flur und Hain, meinem Gesellen hing die Flocke am
Bein. Und wieder schien der Vollmond in langer banger Nacht, der kalte Sturmwind
fuhr durch das Land, er heulte um die Burg und schlug das geffnete Fenster zu.
Die Dienerin aber hatte ihr Haupt verhllt und war entschlummert, der Morgen kam
und sie merkte es nicht, und als sie erwachte, schien die bleiche Wintersonne in
das Gemach. An die geschlossene Tr schlug der Mohrenfrst, bis sie aufsprang,
und er sah das Knigskind leblos liegen, den Zauberring am Arme. Da ri er ihr
zornig den Ring ab und befahl, den Leib in einem steinernen Sarg zu bergen, wo
nicht Mond, nicht Sonne ihn beschien. Und als die Kunde durch das Land lief, da
die Knigstochter gestorben war, da fanden die Knappen des Ritters am nchsten
Morgen ihren Herrn regungslos auf dem Lager, sein Herz schlug nicht, und er
atmete nicht. Wer aber am Vollmond zu dem Quell kam, der sah um den Baumeswipfel
einen kleinen Schatten schweben, und sie sagen, es war der treue Geselle,
welcher sich sehnte und harrte.
    Die Erzhlerin hielt inne, ber ihrem Haupte zwitscherte es in den sten.
Seht, rief sie mit vernderter Stimme, dort ist das Astloch, und dort hebt
ein Snger den Fittich, vielleicht ist es eine der beiden liebenden Seelen,
welche einander suchen. Sei tausendmal gegrt, du Armer, der du einsam
dahinziehen mut.
    Sie schwieg, und alle lchelten ber das Ende, welches anders war, als sie
erwartet hatten. Doch zeigten sie auch, wie sich fr Hofleute schickt, da sie
gerhrt waren, und bedauerten das Schicksal der Liebenden. Frau Wendelmuth
begann leise zu ihrem Kranzgenossen, indem jetzt sie die Falle stellte: Auch zu
Eurem Amt, Herr Marschalk, gehrt, da Ihr bisweilen einem Vogel das Fenster
offen haltet. Fliegt Euer Vogel in weite Ferne und mt Ihr lange harren, bis er
zurckkehrt, so habt Ihr einen sorgenvollen Dienst. Aber Herr Henner erkannte
die forschende Neugier und antwortete behutsam: Wir Thringe hngen an der
Heimat; ja selbst wenn wir ganz auer uns sind und wenn wir vor Liebe aus der
Haut fahren, wir kommen in kurzer Zeit wieder zu uns selbst. Da nickte Frau
Wendelmuth und blickte nach der Landgrfin hinber, denn in ihrem Ohre klangen
noch die herrlichen Worte, mit denen Frau Else vor kurzem den Gast gelobt hatte.
    Die Landgrfin aber war still geworden und sah mit gerteten Wangen vor sich
nieder. Doch auch sie erhielt ihren Anteil von den Ehren des Mahles. Seitwrts
der Tafel sa auf der Bank ein geistlicher Herr, dem sein Amt die Teilnahme an
der bekrnzten Gesellschaft verbot. Da der Herr zum Hofe gehrte, verriet die
tiefe Verneigung, welche die aufwartenden Diener nicht unterlieen, sooft sie
bei seinem Sitze vorbergingen. Er aber sah von seinem Buche hufig nach der
Artustafel. Jetzt erhob er sich geruschlos, ging nach dem Hofe, wo die Kinder
des Landgrafen mit ihren Wrterinnen weilten, der vierjhrige Sohn und die
kleinere Tochter, gebot, die Kleine ihm nachzutragen, und fate selbst den
Knaben bei der Hand. Als dieser ungern folgte und schrie, wollte der Geistliche
ihn heftig fortziehen, aber er bezwang sich, freundlich zu reden, gab ihm einen
grnen Zweig in die Hand, hob ihn auf seine Arme und trug ihn einige Schritte.
So trat er hinter den Landgrafen und begann mit gedmpfter Stimme, welche aus
dem Munde des Priesters feierlich in das Ohr drang: Auch die Kinder wagen im
Mai ihren lieben Vater zu begren, und sie erbitten fr sich die Liebe der
Eltern.
    Der Landgraf wandte sich berrascht um, sein Gesicht verklrte sich, als er
die Kleinen sah, er kte den Sohn auf den Mund, nahm die Tochter in seine Arme,
lachte ihr zu und rief ber die Tafel: Verzeiht, edle Brderschaft des Knig
Artus, wenn ich Ungehriges vollbringe; hier aber sind Geschenke meiner Else und
mir lieb vor allem, und die Kinder der Wrterin zurckgebend, nickte er dem
Geistlichen dankend zu, welcher noch leise sagte: Auch Ihr werdet im heiligen
Psalter begrt mit diesen Worten: Wohl dir, wenn du den Herrn frchtest, dein
Weib wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock und deine Kinder wie die lzweige
um deinen Tisch her. Als der Priester darauf den Knaben zur Mutter fhrte,
grte Frau Else den klugen Mann mit inniger Dankbarkeit und sprach: Ihr tut
immer das Gute; sie beugte sich tief auf seine Hand hinunter, da er sie
schnell wegzog und zurcktrat.
    Die dstere Gestalt des Geistlichen und seine Schriftworte verdarben den
Artusrittern die poetische Stimmung. Ivo starrte noch ernsthafter vor sich
nieder als vorher, sogar die Nichte des Kaisers betrachtete erstaunt das groe
Gesicht mit geschwollenen Stirnadern und mit zwei tiefliegenden, mchtigen
Augen, um welche Schwermut und geheime Trauer zuckten, und sie fragte den
Landgrafen, Wer ist dieser Unglcksvogel mit geschorener Krone?
    Es ist Meister Konrad von Marburg, ein Richter des Heiligen Vaters ber
Glaubenssachen und uns ein vertrauter Ratgeber.
    Dann mge sein Rat Euch alles Glck bringen, das ihm selber fehlt; denn ihn
anzusehen macht traurig.
    Der Wirt aber winkte dem Schenken Rudolf, welcher aufsprang und einen groen
Becher herantrug. Der Landgraf erhob sich und zugleich mit ihm die Herren, und
den Becher haltend, begann er: Altem Brauche zu Ehren sei dieser Wein Euch,
edler Ivo, geboten, denn es ist ein Recht Eures Geschlechtes aus der Vter Zeit,
da der Landgraf selbst Euch einmal im Jahre, wenn der Kuckuck ruft, den Becher
schwenke, ein Edler dem andern, damit er die Ehrbarkeit Eures Geschlechts vor
seinen Mannen besttige. Und er reichte ihm den Becher.
    Ivo verneigte sich, und den Becher fassend, sprach er dagegen: Aus
erlauchter Hand empfange ich die Gabe, damit ich Heil trinke fr Euch, den
mchtigen Gebieter in diesem Lande, fr Euer edles Gemahl und Euer ganzes
Geschlecht. Er trank, die andern riefen das Heil nach, und der Landgraf bot ihm
die Hand.
    Als alle saen, fuhr der Landgraf fort: Ich danke Euch, Herr Ivo, da Ihr
mir Gutes wnscht. Und da wir hier zwischen Wald und Flur unserer Heimat in
Frieden gesellt sind, so lat Euch noch etwas sagen, was mir lngst im Sinne
liegt. Ungern sehe ich, da Ihr Euch von meinem Hofe fernhaltet. Ihr findet hier
manchen, der Euch wohlgeneigt ist, auch mir ist es eine Freude, Euch bei mir zu
haben. Ungern entbehre ich auch Euren starken Speer, wenn ich einmal gegen meine
Feinde in den Stegreif trete.
    Tiefe Stille entstand, und aller Augen richteten sich auf den Gast, welcher
ruhig entgegnet: Lat mich antworten so offen, als Ihr fragt. Ihr seid ein
gnadenvoller Herr, kein Frst auf beiden Seiten des Rheins darf sein Haupt hher
tragen als Ihr, und oft hrte ich preisen, da Ihr guten Dienst reich zu
belohnen wit. Dennoch zrnt nicht, wenn ich meine eigenen Wege reite, nicht
umsonst botet Ihr mir heut den Becher. Ich habe nicht gelernt zu dienen, sondern
als Herr ber Dienenden zu walten, und ich vermag keinem Sterblichen den Treueid
zu leisten, als meinem und Eurem Herrn, dem Kaiser.
    Frau Else sah besorgt, da das Antlitz ihres Gemahls sich rtete, und als
sie sich hilfesuchend zu der Fremden wandte, wurde sie wieder durch das kalte
Lcheln derselben gekrnkt.
    Stolze Worte sprecht Ihr, Herr, rief der Landgraf gereizt, und wenn der
Becher, den ich bot, Euch so hohen Mut verleiht, kann ich den nichtigen Brauch
fernerhin nicht loben. Ihr selbst wit, wer als Landgebieter seine Macht
bewahren will, den krnkt es, wenn zwischen seinen Vasallen und Gerichtssthlen
kleine Herren sitzen, welche bei jeder Fehde stolz berlegen, ob sie zu Hause
bleiben oder vielleicht gar gegen den Landesherrn reiten.
    Beschwert Euch das, Herr, versetzte Ivo fest, so zrnt nicht mir, sondern
der alten Ordnung des Landes.
    Ich will Euch nicht krnken, edler Ivo, fuhr der Landgraf fort, denn mir
liegt daran, Euch zu gewinnen. Doch gibt auch der Kaiser mir recht, wenn ich
dafr eifere, da der Eigenwille mancher Edlen im Lande gemindert wird. So ist
des Kaisers Wunsch, da der groe Stand der Reisigen, welche den Rittergurt
tragen, in seiner Ehre erhht werde. Denn die rmlichen Ritter, welche jeder der
Edlen und Freien sich nach seinem Belieben ernennt, bringen dem Stand arge
Unehre, schweifen durch das Land und schdigen als Ruber das arme Volk. Auch
Euer Oheim Meginhard verzichtet darauf, seinen reisigen Knechten den weien Gurt
umzulegen, und er berlt mir diese Begabung. Ich wei wohl, Herr, da Ihr auf
Rittertugend achtet, dennoch wrdet auch Ihr guttun, wenn Ihr in Zukunft Eurer
Hofjugend die Ehre gnntet, da der Landgraf selbst sie aus Knechten zu Herren
macht.
    Ivo drngte mit starker Anstrengung den Zorn zurck, der in ihm aufstieg,
und er sah nur etwas bleicher aus als sonst, indem er ruhig erwiderte: Es war
bei diesem Frhlingsfeste schon allzuviel von alter Zeit die Rede; doch zrnt
mir nicht, wenn ich noch einmal daran mahne. Es geht die Sage im Lande und
meinem Hofe, da der erste Ludwig, den Ihr als Euren Ahnherrn auf dem
Landgrafenstuhle ehrt, Sohn eines frnkischen Vasallen aus den Buchen war. Den
Knaben zog ein Ahnherr meines Hauses, seit er den Vater verloren hatte,
getreulich auf, und als der Knabe zu seinen Jahren kam, bekleidete er ihn mit
dem Schwertgurt. Da Euer eigener Vorfahr seine Ritterwrde meinem Hause zu
danken hat, so bitte ich, ertragt in Huld, da auch ich fortfahre, die Ehre zu
verleihen, die Eurem Geschlechte so gut gefrommt hat.
    Die Landgrflichen sahen vor sich nieder, denn die Antwort war allen
peinlich. Ivo aber erhob sich und fuhr fort: Ich kam hierher, erlauchter Herr,
als Euer Gast, ich frchte, da meine Fahrt Euch unwillkommen war. Doch bevor
ich bitte, mich und die Meinen zu entlassen, will ich auch noch sagen, wie mir
gegen Euch zumute ist. Und da heut in dieser Runde ein Abenteuer von einem Baume
erzhlt wurde, so gestattet mir huldreich, da ich ein anderes berichte,
kunstlos und in wenigen Worten, welches Ihr die Eiche benennen mgt: - Zwei
junge Edle, von denen der eine reich und mchtig war, der andere auf migem
Erbe sa, lebten in Unfrieden, wie Nachbarn oft geschieht. Vieles irrte die
beiden, am rgerlichsten war ein Streit ber die Hirschjagd im Waldgebirge. Der
Mchtige hatte mit seinen Jgern und Hunden den Wald des andern durchzogen und
auf die Beschwerde, die dieser erhob, eine stolze Antwort gesendet. Da ging der
Gekrnkte allein mit Schwert und Armbrust in den Wald, um sein Recht zu
behaupten und die Einbrecher zu strafen, wo er sie fnde. Sein Mut war zornig,
und er dachte am liebsten daran, seinen Gegner selbst zu treffen und auf grnem
Moose Mann gegen Mann den Streit zu entscheiden. So stand er mit wilden Gedanken
lauernd hinter einem Urbaum, an dem die Mnche ein Bild der Gottesmutter
befestigt hatten zum Nutzen der frommen Waller, welche auf dem Fusteig ber die
Berge ziehen. Der Harrende vernahm, da Zweige brachen, sein Gegner trat
bewaffnet wie er selbst aus dem Dickicht. Da wollte er aus dem Versteck
springen, der andere aber legte ahnungslos die Waffen ab, warf sich mit
entbltem Haupte vor dem Heiligenbild auf die Knie, betete dort inbrnstig mit
seinen eigenen Worten und tat ein Gelbde in groer Bewegung. Der Rachelustige
trat zurck und vernahm wider Willen die Worte des Betenden. Ich darf nicht
knden, Herr, was ein Geheimnis des Waldes bleibt, aber ich sage, das Gebet
drang aus der Seele eines warmherzigen und ehrlichen Mannes, welcher den lieben
Heiligen fr alles Glck seines Lebens dankte, vor anderem fr sein liebes
Ehegemahl und fr die Hoffnung auf einen Erben, in der er damals lebte. Und er
flehte zu den Frbittern, da sie ihn vor argen Gedanken behten mchten und vor
arger Tat, damit er wrdig werde seines Glckes und ein rhmlicher Herr fr
alle, die ihm angehrten. Und als er sein Flehen und Gelbde vollendet hatte,
schritt er ohne Kenntnis der Gefahr bergab. Der andere aber, welcher wider
Willen ein Vertrauter geheimer Gedanken geworden war, kniete an seiner Stelle
nieder, fate an den Baum und gelobte, da er selbst dies Vertrauen ehren wolle
und gegen den andern nur solchen Widerstand ben, wie man ihn gegen einen
befreundeten und zugeneigten Mann bt, mit Schonung und Geduld und indem er die
Dienste von Vermittlern erbitte. Diesen Schwur hat er gehalten; der Streit um
die Hirsche wurde bald durch gute Gesellen vertragen, ohne da der Geschdigte
sein Recht verlor. So lautet das Abenteuer von der Eiche. - Und jetzt,
erlauchter Herr, erbitte ich Urlaub fr mich und die Meinen.
    Die ganze Tischgesellschaft erhob sich, der Landgraf aber breitete die Arme
gegen den Gast aus und rief: Nein, bleibe, Ivo, jetzt, wo ich dich kenne, wie
du gegen mich gesinnt bist, lasse ich dich nicht mit kaltem Gru von mir ziehen.
Leid tut mir meine Heftigkeit, und ich mu erfahren, da du mir darum nicht
grollst. Noch einmal rcken wir die Sitze zusammen, nicht als Artusbrder,
sondern als Nachbarn, welche einander in Glck und Unglck vertrauen. Setzt Euch
zu uns, Herr Walter von Vargula, Ihr wart es, der damals wegen der Hirsche dem
bermtigen die Besinnung zurckgegeben hat. Helft mir heut einen festhalten,
der unter uns ein seltener Gast bleiben will, damit wir uns noch mit redlichem
deutschen Herzen an einem guten Trunk erfreuen.
    So geschah es. Die Mnner setzten sich, das Spiel vergessend, nher
aneinander, und auch Ivo hob jetzt im Kreise guter Gesellen die Augen und sah
freimtig umher.
    Als die Frauen allein waren im Gemach der Landgrfin, trat Else heftig vor
Hedwig. Schner bist du als ich, und unter den Mnnern weit du die Worte
zierlich zu setzen, des Sanges bist du kundig, und deine Stimme dringt in das
Herz. Auch meinem Gemahl gefllst du gar sehr, und ich merkte wohl, wie er
bewundernd auf dich sah. Allen Ruhm gnne ich dir, jedem magst du besser behagen
als ich, denn einfach ist mein Sinn und ungebt bin ich in aller hfischen
Kunst; nur einen la mir, da ich nicht unselig werde; von meinem Hauswirt wende
deine Augen und deine Kunst, denn damit qulst du mich. Nichts habe ich auf
Erden als ihn und die Kinder, verliere ich seine Huld, so bin ich elend. Eine
Feindin sollst du in mir finden, anklagen will ich dich im Himmel, und mein
Recht will ich gegen dich verteidigen vor den Menschen! Sie warf sich in einen
Sessel und verbarg das Gesicht in den Hnden.
    Hedwig vernahm erstaunt diesen Ausbruch der Leidenschaft und rief, die
Achseln zuckend: Sie liebt ihren eigenen Hauswirt! und der Weinenden die Hand
auf das Haupt legend, sang sie leise: Lieb Elselein, la die Sorgen sein. Auch
ich sa unter dem Baume, wo der Zauberbrunnen quillt; dort schau' ich im Wachen
und Traume eines trauten Gesellen Bild.
    Die Helden von Ingersleben aber freuten sich der gelungenen Fahrt, als sie
bei sinkender Sonne heimritten. Das Gefolge rhmte die tapfere Haltung des
Herrn, und Ivo sang und lachte wie ein glcklicher Knabe. Als Henner ihm
anvertraute, da auch die Frauen am Frstenhofe sich wohlgefllig ber seine
Hflichkeit geuert htten, versetzte er gleichgltig: Zuweilen gefllt man am
leichtesten, wo man am wenigsten um den Beifall sorgt. Und als sie zum nchsten
Dorfe kamen, lenkte er sein Pferd neben das des Marschalks und gebot: Ich raste
mit meinem Knaben hier im Dorfe. Mir sang ein Vogel gute Nachricht in das Ohr
und kndete mir eine Stelle, an welcher ich geheime Botschaft finde; fhret Ihr
die Schar nach unserm Hofe, morgen frh bin ich daheim. Henner nickte gehorsam
und trieb die Pferde zu schnellem Lauf, whrend Ivo mit dem Knaben allein durch
das Dorftor ritt.

                            Der Ritt nach dem Mantel


Mit glhenden Wangen sprengte Ivo am nchsten Morgen in seinen Hof, er hob die
Hand zum Gru gegen seine Dienstmannen und fragte atemlos: Wo ist der
Schreiber?, sprang aus dem Sattel und eilte in sein Gemach. Als Nikolaus
eintrat, stie der Herr den entblten Dolch in den Tisch, um den Schreiber an
seinen schweren Treueid zu mahnen, und ein zusammengefaltetes Pergamentblatt aus
dem Gewande ziehend, gebot er: Tritt vor das Messer und lies mir, was in diesem
Briefe geschrieben steht, treu und genau, so wahr du leben willst, und Nikolaus
las folgendes:
    Ein armes trauriges Kuzlein schrieb an seinen Gesellen diesen Brief. -
Ich, das Kuzlein, vernahm, wie zwei Frauen zueinander von einem Ritter redeten.
Die eine lobte in guter Meinung seine Kunst im Speerkampf und sagte: er
vermchte wohl die Wappenzeichen am Gewande der Helden, welche er vom Pferde
wirft, zu sammeln und seiner Herrin daraus einen wallenden Mantel zu gewinnen.
Die andere Frau aber, welche aus der Fremde gekommen war, lachte spttisch in
argen Gedanken. Dennoch sage ich, knnte dieser Frau ihr Ritter einen hnlichen
Mantel erwerben, sie wrde ihn mit Freuden statt ihres Gewandes umtun, wenn sie
einmal mit ihrem Gesellen allein wre. Manche, die sich hart gebrdet, verbirgt
mit Mhe vor ihren Htern Leid und Sehnsucht. Liebe Du mich, wie ich Dich. Der
Brief mu liegen auf grnem Ast, ob ihn ein gnstiger Wind erfat, ob ihn die
Pfote des Katers packt, oder ob ihn der Specht zerhackt. - Der Brief ist zu
Ende, schlo Nikolaus verwundert.
    Lies noch einmal, gebot Ivo, der neben ihm mit heien Wangen auf das
Pergament starrte. - Und zum drittenmal, damit ich jedes Wort festhalte.
Darauf ri er den Dolch aus dem Tisch und winkte dem Schler Entlassung. Als er
allein war, barg er den Brief nahe bei seinem Herzen und rang die Hnde. Ja, du
sagst es, arme Nachtvgel sind wir beide, endlos treibt die Sehnsucht, verhat
ist mir das Leben, solange ich von dir getrennt bin, und wenn ich einmal vor
dein Angesicht trete, wird auch das Wiedersehen zur Qual, denn das eherne Gitter
ragt bis zum Himmel zwischen uns beiden, und kein Flgelschlag vermag darber zu
erheben. Er warf sich in den Sessel und barg das Gesicht in den Hnden. Doch
nicht lange unterlag er dem Schmerze, denn ihm fiel, wie Liebenden geschieht,
wieder etwas Gnstiges ein, er sprang auf und lachte: Verstehe ich meinen Kauz
recht, so wre ihm die Kappe lieb, von der die beiden Frauen zueinander
sprachen. Eine frohe Verkndigung finde ich in den Worten, da sie sich darein
hllen will, wenn das Glck uns zusammenfhrt. Ich denke, Geliebte, da ich dir
den Mantel gewinne. Einen Mairitt wage ich dir zu Ehren, und das Tuch fr dich
hole ich mir im Speerkampf von den Edlen dieses Landes. - Er schritt hastig auf
und ab und berlegte.
    Endlich lud er seine Getreuen, Godwin und Henner, zu geheimer Beratung.
    Die wilden Kampfspiele zu Pferde, durch viele Jahrhunderte Stolz und
Leidenschaft der Deutschen, waren in der Zeit des Herrn Ivo sehr ungleich dem
Speerkampf spterer Zeiten, wo dicke Eisenschienen den ganzen Leib des Reiters
schtzten und wo das gepanzerte Ro manchen Sto der feindlichen Speere
auszuhalten hatte. In jener alten Zeit war nur Haupt und Hals des Reiters durch
einen Eisentopf geschtzt und die obere Brust durch eine Eisenplatte, die ber
das Kettenhemd geschnallt wurde; der Sto des Speeres, welcher mit kurzer
stumpfer Spitze bewehrt war, wurde durch einen hlzernen Schild aufgefangen. Das
Ro trug keine Eisenrstung, der Ritter beugte sich beim Antritt stark nach
vorwrts, die hohe Rcklehne seines Sattels half verhten, da er durch einen
krftigen Sto hinter das Pferd geschleudert wurde. Schon damals waren die
Spielkmpfe mit Helm und Schildrand ein Vorrecht aller, welche den Rittergurt
trugen, das hchste und am meisten beneidete Vorrecht, welches einen Stand, der
zu den dienenden gehrte, in die Kampfgenossenschaft der Edlen heraufhob.
    Der Mairitt aber, den Herr Ivo beschlossen hatte, galt fr die ruhmvollste
Aufforderung zum Speerkampfe, welche sich an alle Ritter des Landes richtete.
Das Spiel selbst wurde in der Hofsprache Forest, Waldrennen, genannt und verlief
nach herkmmlicher Spielordnung. Wer zu solchem Rennen herausforderte, der zog
mit seinem Gefolge durch das Land und hielt zu vorbestimmter Zeit an
bezeichneten Raststellen, um dort Gegner zu erwarten, denen der Ort gut gelegen
war. Zu Raststellen wurden gewhlt ebene Grnde am lichten Laubwald, wo ein
klares Bchlein rann oder ein Quell zum Trnken der Rosse. Unter dem Grn der
Zweige wurde ein Zelt aufgeschlagen, in dem der Held sich wappnete; auch die
Gegner brachen am liebsten aus einer Lichtung des Waldes hervor. Dann ritt der
Herausforderer mit den einzelnen Gegnern im Speerkampf um einen begehrenswerten
Preis, den er ausgesetzt hatte. Am letzten Tage pflegte dem Rennen gegen
einzelne - welches in der Sprache des Herrn Henner Tjost genannt wurde - ein
Massenkampf zu folgen, das Turnier, ebenfalls nach strenger Spielordnung.
    Ivo gab seinem Mairitt solche Gesetze, wie sie einem vornehmen Herrn
gebhrten. Fr jeden Renntag setzte er vier Raststellen, an jeder Rast war er
verpflichtet, dreimal zu rennen, und nur wenn er wollte, fter; an jeder Rast
erhielt einer von den Gegnern, welche ehrenvoll widerstanden hatten, nach Ivos
Wahl einen goldenen Fingerring. Wer vom Pferde geworfen wurde oder sonst nach
Rennbrauch fr besiegt galt, der sollte nicht Ro und Rstung verlieren, wie in
der Regel geschah, sondern nur ein Stck des langen berwurfs, den der Ritter
damals ber dem Kettenhemd und den eisernen Beinstrmpfen trug. Denn der
Herausforderer verkndete, da er seinen Mairitt unternehme, um von den Helden
des Landes Tuch fr einen Frauenmantel zu erbitten. Am letzten Tage der Fahrt
sollte ein Turnier in der Nhe von Erfurt den Einzelkmpfen folgen.
    Sogleich begann in dem Hofe ein emsiges Rsten. Ivo selbst ritt nach Erfurt,
goldene Ringe fr die Gegner, Gewnder und Zierat fr sich und sein Gefolge zu
bestellen. Der Kmmerer Godwin hatte die schwierige Aufgabe, das Geld fr die
Fahrt zu gewinnen, und dieser sah einige Tage sorgenvoll aus, bis es ihm endlich
bei den Juden in Erfurt und bei den Mnchen in Reinhardsbrunn gelang. Die grte
Arbeit aber fiel dem Marschalk zu, und vom Morgen bis zum spten Abend klang
seine befehlende Stimme um die Stlle und auf der Rennbahn am Hofe. Die Pferde
wurden geprft, die Knechte und die jungen Knaben zum neuen Spiel angelernt, und
eine ganze Wagenladung Speerstangen wurde geschnitzt, sorgfltig geprobt und
zuletzt mit blau und weier Farbe schn bemalt.
    Nikolaus schnitt unterdes eine groe Rolle Pergament zu zahlreichen Briefen
und Zetteln an die Herren in den Hfen und an die Burgmannen der Stdte, und
schrieb die Aufforderung so oft ab, da ihn die Finger schmerzten. Im Hofe aber
sammelte sich an den nchsten Morgen ein Haufe von fahrenden Leuten, welche hier
und da im Lande hausten und welche bei ritterlichen Festen als Rufer und Boten
zu dienen pflegten. Sie empfingen die Briefe und lernten eine mndliche
Verkndung, die ihnen der Schler oft vorsagte. Damit zogen sie durch das Land
zwischen dem Bergwald und dem Harz, sangen ihren Spruch in den Burgen und
bergaben die Briefe an vornehme Edle und an die Obrigkeit der Stdte.
    Sogleich rhrte sich's in der ganzen Landschaft, ehrenvoll und lustig
erschien der angebotene Wettkampf, in wenigen Tagen war er in aller Munde als
das groe Ereignis des Frhlings. Wer den Rittergurt trug, erkannte eine
Mahnung, der er sich ungern entzog, und nicht weniger ungeduldig wurden die Tage
des Spieles von anderen erwartet, welche als Zuschauer daran teilnehmen wollten,
besonders von den Frauen.
    Aber am Hofe des Landgrafen brachte das Ausschreiben nicht jedermann Freude.
    Als der Kanzler die schn geschriebene Einladung vorgelesen hatte und Herr
Ludwig beifllig ausrief: Knig Mai will eine neue Ausfahrt halten! sa Frau
Else erschrocken mit zusammengeschlagenen Hnden, ohne ein Wort zu sagen, die
Frauen flsterten einander leise zu, und Frau Wendelmuth lchelte spttisch.
    Was hast du, Base? fragte Hedwig leise.
    Gedenkst du der Worte, die ich neulich im Scherze zu dir sprach? Jetzt will
er tun, was mir damals einfiel, und was doch niemand aus meinem Munde vernommen
hat als du und etwa unsere Frauen. Wer hat ihm meine trichte Rede zugetragen,
und was meint er damit, da er sie durch das Land rufen lt?
    Manches Ohr hat deine Worte gehrt, trstete Hedwig, wie darf dich
wundern, da sie ihm gefielen? Er selbst hlt es sicher fr eine Huldigung gegen
dich und deinen Gemahl, da er seinen Willen nach der guten Meinung richtet, die
du von ihm hegtest. Und zum Landgrafen gewandt fuhr sie fort: Wir wissen auch,
Vetter, wie Euer Herr Ivo auf den Gedanken gekommen ist, um einen Mantel fr
seine Herrin zu reiten. Denn Else und ich waren es, welche damals, als er hier
weilte, zuerst im Scherz die Kappe fr seine Herrin forderten. Will er Euch und
uns dadurch ehren, da er den lustigen Einfall Eures Hofes zu einem Gesetz macht
fr seine Ritterfahrt, so haben auch wir Grund, ihm Gutes zu wnschen.
    Wenn Frau Hedwig mit meiner Else zu der Kappe geraten hat, versetzte der
Landgraf sorglos, so wnsche ich ihm, da seine Herrin das nicht erfhrt, damit
ihr die Freude an der bunten Hlle nicht durch Eifersucht verdorben werde. Doch
rhmlich ist die Fahrt auch fr uns andere, sie gibt meinen Thringen Ehre unter
den Fremden, den Edlen aber und ihrer Ritterschaft durch einige Wochen Arbeit
und Unterhaltung, whrend ich abwesend bin. Vielleicht reite ich vorher selbst
noch gegen ihn. Und kampflustig ging er mit Herrn Walter nach den Stllen.
    Auch auf der Mhlburg erwachte die Kampflust, aber mit gehssigen Gedanken
gegen den Niederhof. Der alte Graf Meginhard war im Dienste des Landgrafen nach
dem Sden gezogen, Herr Konz sa an seiner Stelle gebietend unter den
Dienstmannen und hielt mit ihnen vertraulichen Rat ber eine Ritterfahrt. Da ihm
aber seine eigenen Gedanken nicht recht gefielen, so ritt er abwrts nach
Friemar, lud den jungen Berthold aus dem Hofe und verhandelte heimlich mit
diesem, da er den Schler Nikolaus vershnen und zu einer Unterredung bestimmen
mge. Vermagst du mir diesen Gefallen zu tun, so sollst auch du dem Kampfe
zusehen, nicht von der Heerstrae, sondern als unser Geselle im Festkleide mit
meinen Farben. Der Jngling war freudig bereit, den Schler zu gewinnen, und
Nikolaus willigte schneller ein, als der Bote gehofft hatte, mit dem Ritter in
einem Gehlz zusammenzutreffen, das zwischen dem Niederhofe und der Mhlburg
lag.
    Berthold von Friemar hat dir gesagt, da ich einen Dienst von dir begehre,
begann Herr Konz, von seiner Hhe auf den Schler herabblickend.
    Er hat mir etwas gesagt, versetzte Nikolaus khl.
    Konz griff in seine Tasche, suchte aus der hohlen Hand einige Silberstcke
und bot sie mit gespitzten Fingern. Wenn etwa frher Widerwrtiges zwischen uns
gesprochen wurde, so soll es ungesagt und vergessen sein. Nimm dies, damit du
mir in einer Sache, die mir am Herzen liegt, Gutes rtst.
    Nikolaus wog das leichte Silberblech in seiner Hand: Von Fremden nehme ich
ungern gebotenes Geld, zumal wenn es wenig ist. Doch noch unlieber ist mir, das
Geld abzuweisen, und er versenkte das Silber nachlssig in sein Gewand. Fragt,
und ich will antworten, soweit ich darf; aber wit, auf leichte Mnze folgt
leichter Dienst.
    Du sollst mehr erhalten, wenn ich erkenne, da dein Rat mir frommt,
ermunterte Konz. Bevor ich aber meine Frage stelle, gelobe mir Stillschweigen
auf dieses Kreuz, du kannst in dem Schwertknopf deine schlauen Augen sehen, wenn
du schwrst. Und er hielt ihm den Kreuzgriff des Schwertes hin.
    Nikolaus gelobte bereitwillig Verschwiegenheit.
    Sage mir, in welcher Farbe und mit welchen Zeichen wird Herr Ivo seinen
Speerritt durch Thringen vollbringen?
    Niemand wei das, Herr, als die in seinem Vertrauen sind.
    Darum gerade sollst du es mir sagen, versetzte Herr Konz ungeduldig, denn
ich gedenke ihm einen guten Possen zu spielen, wenn ich in denselben Farben und
Abzeichen gegen ihn reite.
    Nikolaus berlegte. Ihr mgt denken, da Herr Ivo solchen Schimpf nicht
freudig aufnehmen wird.
    Das eben will ich, rief Konz. Sein Zorn ist mir ganz recht, und ich hoffe
ihn auf den Grund zu stechen, da er dem Rennen fr lange entsagt, denn
unertrglich ist sein Hochmut, und ich gnne ihm wenig Gutes.
    Wenn Ihr so khn seid, so fragt den Schneider in Erfurt, antwortete
Nikolaus mit ausbrechendem Unwillen.
    Das steht mir nicht an, wohl aber dir; darum eben begehre ich deinen
Dienst.
    Der Schler dachte nach, und in seinen Augen glnzte die Schelmerei. Ich
vernahm, da er sich und sein Ro mit den Farben decken wird, die er sonst
trgt, und nach dem neuen Brauch, der jetzt aufkommt, wird er auch sein
Wappentier, den Raben, auf seinem Gewande fhren und auf der Rodecke.
    Das ist gute Botschaft, versetzte Herr Konz vergngt, denn wir von der
Mhlburg vermgen dieselben Farben und dasselbe Zeichen zu fhren, und ich
bedarf in diesem Fall deiner Dienste nicht mehr.
    Dennoch mgt Ihr mir einen Einwurf gestatten, zumal mir der Ritterbrauch
aus manchem Lande bekannt ist, warf Nikolaus demtig ein. Die vom Niederhofe
wollen nicht leiden, da Ihr selbst den Raben als Zeichen fhrt, wie Herr Ivo
mit seinem Gesinde tut, da Ihr nicht von seinem Geschlechte seid. Kommt Ihr
damit vor allem Volk zum Spiel geritten, so wird Ernst aus Scherz.
    Das ist mir recht, versetzte Konz, die starken Arme aus seinen Schultern
reckend.
    Vielleicht werden sie Euch ganz den Kampf versagen, und alle Herren, welche
etwa gegenwrtig sind, werden ihnen beistimmen. Mglich auch, da sie Euch wegen
dieser Krnkung zu scharfem Speersto fordern, nicht nur Herr Ivo, auch seine
Dienstmannen.
    Du meinst doch nicht, da ich die frchte? fuhr Konz auf, aber seine Augen
blickten unsicher umher.
    Auch werdet Ihr vor dem ganzen Lande wenig Ehre gewinnen, wenn Ihr das
Ritterspiel unhflich verderbt.
    Das gab Herr Konz durch sein Schweigen zu. Dennoch gedenke ich den Raben
nicht zu meiden, versetzte er endlich mit Trotz.
    Dann rate ich, da Ihr wenigstens sein Aussehen ndert. Auch die Brder des
Landgrafen geben dem Lwen auf ihrem Schilde ein Abzeichen, damit man sie
unterscheide. Was diese tun, wird Euch ohne Minderung Eurer Ehre erlaubt sein.
    Damit bin ich zufrieden, versetzte Konz, doch welches Abzeichen denkst du
dir?
    Nikolaus berlegte wieder. Die Alten im Lande nennen die Mhlburg das
Vogelnest, und sie wissen darber auch eine Sage. Darf ich Euch Gutes raten, so
lat unter dem Raben sein Nest oder doch ein Ei anbringen. Fhrt Ihr solch
eigenes Abzeichen, so drfen jene Euch das Kampfspiel nicht weigern, wie sehr
sie sich auch darber rgern.
    Konz erwog die Sache, ihm selbst fiel durchaus nichts Besseres ein. Deshalb
gab er seine Einwilligung und verpflichtete den Schler noch einmal zur hchsten
Verschwiegenheit, und dieser erbot sich endlich gutwillig, selbst den Schneider
des Ritters anzuweisen.

Es war ein wonniger Morgen, oben am blauen Himmel zogen in langer Reihe kleine
Lichtwolken, und unten auf der Landstrae zog die geschmckte Schar des
Frauenritters dahin, an der Spitze Herr Henner, hinter ihm der Posaunenblser
und der Rufer, dann Ivo mit Seinem Gefolge, zuletzt ein Haufen Knechte und
Diener, welche ledige Rennrosse und ein Reihe Rstwagen fhrten.
    Sooft die Frhlichen durch ein Dorf zogen, rannten die Leute an die Strae
und starrten neugierig auf den glnzenden Zug. Viele riefen Heil und Siegwunsch
zu, wenn sie den Herrn der Schar erkannten, denn die ganze Landschaft war stolz
auf seine Reitertugend. Barbeinige Dorfknaben liefen den Reitern meilenweit
nach, um auch etwas von dem Rennen des groen Herrn zu schauen.
    Als sie an eine Krmmung des Weges gelangten, wo ein lichtes Gehlz die
freie Umsicht verbarg, da klang durch die lachende Landschaft der Ton einer
Posaune, und aus dem Holz ritt ein Rufer ihnen entgegen und hielt auf der Hhe,
so da sein reiches Gewand und die Posaune, welche er hoch emporstreckte, in der
Morgensonne glnzten. Die Fahrt wurde gehemmt, der Gegenruf erscholl. Schlagt
den Pavillon auf unter dem Baumschatten, gebot Herr Henner, nahm den schweren
Helm aus der Hand seines Knaben, strzte ihn auf und band ihn mit der seidenen
Schnur am Halse fest, dann lie er sich Schild und Speer reichen und ritt vor.
Der fremde Rufer grte und verkndete mit lauten Worten, da sein Herr, der
Ritter vom gekrnten Lwen, in dem Holz lagere und von Herrn Ivo Ritterspiel
begehre. Und der Marschalk antwortete, wie sich gebhrte, da jenem das
Ritterspiel gewhrt sei, drei Rennen nach Brauch ihm und seinen Begleitern, und
da Herr Ivo den Lwen erwarte. Im nchsten Augenblick regte sich's in dem
grnen Holz, und aus dem Waldversteck brach eine geschmckte Schar von Rittern
und Knappen, die Helme aufgebunden, so da ihr Antlitz verborgen war; alle in
rotem Gewande, gestreifte Lwenbilder auf den Schilden und auf den langen
Rodecken, in ihrer Mitte mit glnzender Rstung der Herr, kenntlich durch ein
Krnlein auf dem Helm. Ivo rief mit strahlendem Antlitz dem meldenden Marschalk
entgegen: Gutes Glck, es ist der Landgraf selbst, der uns die Ritterfahrt
einweihen will. Sein Wappenbild soll, wenn mir die Heiligen beistehen, das erste
Stck Tuch zu dem Mantel geben. Henner hrte bekmmert diese Rede, doch wagte
er nicht zu widersprechen, er wandte sich wieder der fremden Schar zu, von
welcher jetzt ein Hofherr sich ablste, um mit dem Marschalk den Rennplatz auf
dem ebenen Rasengrund zu bestimmen. Feierlich begrten die beiden Wrdentrger
einander mit ritterlichen Worten. Seid willkommen, Messire Chevalier du Lion,
begann Henner, ich sehe, aus fremdem Lande kommt Ihr und sucht Goldringe als
Beute.
    Der Knig Lwe, versetzte der andere stolz, ist nicht um die Ringe zur
Jagd gezogen, er begehrt sich Eure Rosse und Euer Heergewand, wahret Euch vor
seinen Sprngen.
    Nach diesem feierlichen Grue ritten beide seitwrts, um auf ebener Stelle
die Stbe zu stecken, damit Wind und Sonne unter die Kmpfer gleich verteilt
sei. Unterdes lagerte der Haufe des Herrn Ivo auf der andern Seite der Strae,
und Ivo wappnete sich in dem schnell aufgeschlagenen Zelte. Als aber die beiden
Helfer des Kampfes sich von der brigen Schar getrennt hatten, begann Henner in
ganz anderem Ton: Wir freuen uns nach Gebhr der Ehre, Rudolf Schenk; dennoch
wre besser gewesen, wenn Ihr den Lwen berredet httet, sich dieser Sprnge
auf grner Heide zu enthalten, denn Ihr wit ja selbst, da es fr Euren Herrn
ein ungleicher Kampf wird, und ich bin von Eurer guten Gesinnung versichert,
auch Ihr wollt nicht, da der Landgraf meinem Herrn einen Groll nachtrage, was
er sicher tun wird, wenn er auf den Grund rollt.
    Der Schenk von Vargula zuckte die Achseln. Er war so begierig nach dem
Abenteuer, da ihm keiner zu widersprechen wagte, an Euch ist es, dafr zu
sorgen, da Euch nicht spter ein Schaden entsteht.
    Ihr sprecht gut, besttigte Henner, aber auch meiner ist so begierig nach
Beute, da alles Zureden nichts fruchten wird. Es ist unmglich, da er der Ehre
entsagt, die Haut des Lwen fr das Gewand zurechtzuschneiden.
    Ihr seid scharf, Henner. Solltet Ihr ja vielleicht gegen den Herrn das
bessere Glck haben, so sind andere unter uns, um seinen Fall zu rchen.
    Nun, Schenk, versetzte Henner, Ihr habt eine feste Faust, aber wenn Euch
gelnge, was Eurem Herrn miglckt, so wrde Euer gutes Glck Euch selbst kalten
Dank bei Eurem Gebieter eintragen.
    Dann mssen wir zusehen, wer den Schaden trgt, antwortete der Schenk
zornig. Auch die Frauen haben den Landgrafen bestrkt, Frau Hedwig bat sich den
Fingerring aus, den er gewinnen wird, und Frau Else sah zwar anfangs traurig
drein, doch im Grunde vertraut sie fest ihrem Gebet und der unbertrefflichen
Tugend ihres Hauswirtes.
    Henner nickte. Dennoch mu hier Hilfe geschafft werden. Tut, was Ihr
vermgt, ich will's an mir nicht fehlen lassen. Die beiden drngten die Rosse
aneinander und verhandelten leise durch die Helmlcher.
    Nach dieser Beredung verliefen die drei Rennen besser, als Henner gefrchtet
hatte. Hell klangen die Posaunen, die Herren sprengten auf ihren Stand, der
durch ein Fhnlein bezeichnet war, sie grten einander mit wrdiger Neigung des
Hauptes, senkten die Speere, hoben die Schilde und rannten von der Stelle in
gestrecktem Lauf gegeneinander. Aber whrend dem schnellen Ritt hob Ivo seinen
Speer, setzte ihn auf das Knie und empfing ohne Gegensto den Anritt des
Landgrafen. Dieser traf mit der stumpfen Spitze auf die Eisenplatte, welche als
Bruststck ber das Panzerhemd gelegt war, die Stange zersplitterte, Ivo sa
unbeweglich und neigte das Haupt tiefer, als die Reiter so nahe aneinander
vorberflogen, da ihre Knie streiften. Speere her, riefen beide, und die
aufgeregten Helden, welche in zwei Scharen geteilt um den Kampfplatz hielten,
schrien ihnen die Worte nach. Die beiden Marschlle ritten herzu, prften mit
scharfem Blicke die Rstung der Kmpfer und die Riemen des Geschirres und legten
die neuen Speere in die Hand der Leibknappen. Diesmal antwortete der Lwe auf
die Huldigung im ersten Rennen dadurch, da er seinen Speer aus der eisernen
Auflage hob und unter den Arm schlug. Ivo erwies sogleich dieselbe Artigkeit,
und auch dies Rennen blieb, wie zu erwarten war, ohne Gefahr, der schwache Sto
des Landgrafen traf wenigstens den Schild des Gegners, so da der Speer
zerbrach, und Herr Ivo hatte nach der Mitte des Schildes gehalten, wo die
Widerstandskraft des Gegners am grten war. Beide Kmpfer saen, als sie
aneinander vorbergejagt waren, fest im Sattel. Wieder riefen die Mannen Heil!
und Waffen!, aber eine Unruhe war erkennbar, jeder wollte den Ernst des Spieles
sehen. Jetzt kommt's, seufzte Henner; sorgfltiger prfte er den Harnisch
seines Herrn, und damit beschftigt, sprach er leise: Von Eurem Vater und von
Eurem Groahn vernahm ich, sooft sie gegen einen gekrnten Helm ritten, stachen
sie nach der Krone. Da auch heut der Lwe sich nicht enthalten konnte, zu
zeigen, da er ein Herr sein will ber uns alle, so wre es ein gutes Werk, ihm
das Krnlein zu kappen. Der kluge Rat half, beide Herren trieben ihre Rosse
weiter rckwrts von den Fhnlein, um strkeren Anlauf zu gewinnen, und
sprengten krftig gegeneinander. Der Speer Ivos traf genau die Krone, das
vergoldete Holz flog rckwrts und fiel in Trmmern zur Erde, der Speer des
Landgrafen brach regelrecht an dem Schilde, der Graf schwankte im Sattel, aber
er hielt sich. Und beide Kmpfer warfen die Endstcke der Speere auf die Bahn
und neigten sich grend gegeneinander. Wieder klang lauter Beifallsruf, der
Landgraf nahm seinen Helm ab und streckte mit gertetem Antlitz lachend seinem
Gegner die Hand entgegen, welche dieser ehrerbietig ergriff.
    Dem Kampf der Gebieter folgte eifriges Rennen des Gefolges, viel Eschenholz
wurde kunstvoll zerbrochen, und kein greres Unglck war zu beklagen als einige
verstauchte Daumen und ein harmloser Fall auf den Rasen. Darauf rasteten die
Rosse, die Herren saen am Birkengehlz auf weichen Polstern, tranken vergngt
welschen Wein und sprachen von Rstungen, Pferden und Falken, wie Brauch. Mit
ehrlichem Heilwunsch schied der Landgraf, nachdem er noch Herrn Ivo eine gute
Strecke begleitet und vergngt den Ring empfangen hatte.
    Auch an den nchsten Raststellen wurden die Reisenden von rstigen Rittern
der Umgegend erwartet, und die von Ingersleben merkten mit stolzer Freude, da
der Beginn ihrer Rennen glck- und ruhmverheiend war.
    Es war am zweiten Tage der Fahrt, als die Schar zu einem Platz auf einsamer
Heide gelangte, wo sie keinen Gegner zu finden glaubte. Dennoch hielt auch dort
ein kleiner Haufe mit gehobenen Waffen. Es war Herr Konz mit seinem Gefolge, er
ritt vor und schwenkte seinen groen Speer, hochragend auf starkem Rosse, ein
gefhrlicher Gegner, in seiner Rstung ganz hnlich dem Herrn Ivo, nur
breitschultriger und plumper. Jedoch die Zeichen auf seinem Wappenrock und auf
dem Behang seines Pferdes waren bel geraten. Allerdings war ein Rabe sorgfltig
aus schwarzem Tuch geschnitten und ber den blauen Perkan genht, auch ein
Krnlein trug er aus vergoldetem Taft, aber da der Schneider den Vogel
gewissermaen in huslicher Ttigkeit dargestellt hatte, ber seinem Nest
schwebend, so hatte er ihm den Schwanz gehoben, und was darunter lag, als Ei und
Nest, war weilich, undeutlich und erregte Zweifel ber die Beschftigung des
Vogels. Und wie Herr Konz selbst waren auch seine Begleiter gezeichnet.
    Die Schar des Herausforderers sah befremdet auf die ungewhnlichen
Wappenzeichen. Einer wies dem andern den Vogel, bald hefteten sich aller Augen
darauf, zuerst lachten die von Ingersleben, bald aber erkannten sie in dem
Reiter und seinem Vogel eine Krnkung, die ihnen angetan wurde, sie schrien laut
Hui! und Pfui! und faten nach den Schwertern. Henner ritt vor und rief seinem
Herrn zu: Erlaubt, da ich den Dreisten fr seine Frechheit bezahle, denn
unwrdig ist er Eures Speeres, und schnell soll die Unehre getilgt sein, die er
Euch bereitet hat. Ivo winkte Gewhr, und Henner spornte sein Pferd zum Anritt.
Den Herrn Ivo begehre ich zum Kampf! schrie Konz aus der Ferne; doch Henner
rief: Zuerst den Marschalk, ob Euch dann noch ein zweiter Ritt gelstet! Heran,
wenn Ihr kein Feigling seid, oder ich kehre den Speer um und schlage Euch mit
dem Holz, wie Ihr verdient. Da erhob sich lautes Getmmel, von beiden Seiten
klang wilder Zornesruf. Die beiden Kmpfer fuhren gegeneinander, nicht zum Heil
fr Herrn Konz, denn wie stark er sich dnkte, er war im Nu rckwrts aus dem
Sattel geschleudert und lag betubt auf dem Grunde. Die Schere her, rief
Henner vom Rosse. Und ihr, Mannen des edlen Ivo, rckt im Kreise um die
Spiegesellen des Geworfenen, lat keinen entweichen, der das Zeichen unseres
Herrn so unhflich fhrt. Euch aber, ihr Fremden, fordere ich auf, gutwillig
abzusteigen und euer Gewand abzulegen, oder bei allen Heiligen, die Schfte
unserer Speere sollen euch den Rcken bleuen. Doch die Begleiter des
Mhlburgers spornten ihre Rosse, und eine helle Stimme rief: Nimmer gebe ich
Euch Gewalt ber Kleid und Leib trotz Eurem Drohwort, Marschalk; wahret Euch vor
dem Freien. Es war Bertholds Stimme, er ri sein Schwert von der Seite und fuhr
gegen den Marschalk los. Aber im Nu war er umringt, vom Rosse geworfen, des
Gewandes entkleidet und geschlagen, und wie er die andern. Und Henner warf die
Streifen der zerschnittenen Decken hoch in die Luft, indem er rief: So sei der
Hohn gercht nach Reiterbrauch, vorwrts, ihr Herren, zu einer Stelle, wo man
hflichere Sitte bt; ihr aber tragt den Schaden. Herr Ivo winkte ihm dankend
zu und ritt davon. Flchtig im Reiten sah er noch das Antlitz des jungen
Berthold bleich und verstrt, er sah einen Arm, der sich wie zum Schwur gen
Himmel hob, und ein Auge voll Zorn und Seelenqual, das auf ihn starrte. Und
wieder bliesen die Pfeifen, spielten die Geigen und drhnten die kleinen
Trommeln, die bunte Schar flog lachend und jauchzend ber den grnen Grund und
lie gebrochene Speere, geknickten Stolz und todwunde Herzen an der Erde zurck.

Grer wurde der Zug und lauter die Frhlichkeit, als sich die Sonne abwrts
neigte; die Schar war fast zu einem Heere gewachsen, einige der Herren, welche
im Rennen rhmlich ihren Ring gewonnen hatten, schlossen sich dem Gefolge an,
viele Landleute, die an den Kreuzwegen gewartet hatten, begleiteten meilenweit
die Mairitter. Vollends die fahrenden Leute waren aus der ganzen Landschaft
zusammengestrmt, die ansehnlichen auf Pferden und Eseln, die Mehrzahl zu Fu:
Spielleute mit ihrem Gert, Gaukler und Luftspringer, Weiber in buntem Gewande
mit herausforderndem Blick, auch solche, welche ein Gewerbe daraus machten,
Pferde zu heilen und kranke Pferde um ein Billiges zu kaufen, dazu alle, die mit
dem Brauch der Speerrennen und Turniere vertraut waren und als Rufer und
gewandte Diener ihren Lohn zu gewinnen hofften; diese scharten sich achtungsvoll
um ihre Genossen, welche dem Herrn Ivo whrend der Fahrt treuen Dienst
geschworen hatten und einen schnen blauen berwurf sowie am Arme einen
silbernen Ring trugen mit dem Bilde eines Raben als Abzeichen. An sie schlo
sich ein ruhmloser Haufe von verlorenen Kindern der Heerstrae, welcher
keinerlei Kunst, aber groe Begehrlichkeit besa und durch Heilrufe und Geschrei
seine Spende zu verdienen suchte. Hinter dem Zuge der Herren und Knechte wlzte
das fahrende Volk sich mit Lachen, Geschrei und Zank dahin, lauernd sphten die
Augen aus den sonnenverbrannten Gesichtern, und der erste Rufer des Herrn hatte
Mhe, die Frechen, welche sich mit Scherzreden und Schmeicheleien an die Reiter
drngten, durch eine zhe Gerte zurckzuhalten, die er ber ihnen schwenkte.
    Die Abendsonne schien golden auf die Trme und Mauern einer ansehnlichen
Stadt, auf dem Felde davor sprengten Reiter, und groe Haufen von Neugierigen
harrten der Gste, denen die Luft ein Getse von Hrnern, Pfeifen und kleinen
Handtrommeln grend zutrug. Henner ritt zu seinem Herrn: Das sind die lustigen
Brger von Mhlhausen, ansehnlich wissen sie sich zu halten, und nicht wenige
treue Gesellen erkenne ich, welche ihre Ritterschaft erweisen wollen. Sie haben
Euch, wie ich vernehme, gute Herberge bereitet und hoffen auch bei einem
Abendtrunk Ehre einzulegen. Da das Volk hier drngen wird, so umzune ich mit
der Schnur einen Rosengarten, in dem Ihr reiten knnt. Er winkte den Rufern,
und eilend liefen diese hinter ihm mit den spitzen Stben und der roten Schnur;
nach artiger Begrung wurde der Plan abgesteckt und das Zelt des Herrn
aufgeschlagen. Die Burgmannen, welche den Ritterschild fhrten, waren zahlreich
gekommen, unter ihnen hielt auf einem mchtigen Rosse Johannes der Kaufmann, den
sie Langhans nannten, und sogar der alte Bertram Schulthei, ein runder Mann mit
frhlichem Gesicht, als kluger Sprecher wohlbekannt in den Stdten. Ihm wurde
nicht bequem, auf das Ro zu steigen, aber man wute auch, da er nicht leicht
herunterzubringen war, wenn er einmal fest sa.
    Als Ivo gewappnet aus seinem Zelte trat und sich auf das Pferd schwang,
begrten ihn wieder lauter Zuruf, Geschrei und Getse der fahrenden Musiker,
und als er in die Schranken ritt, drngten sich von allen Seiten die Zuschauer
heran, und ihre Augen richteten sich auf den entgegengesetzten Eingang, wer
zuerst gegen den berhmten Kmpfer ansprengen wrde. Es war der dicke Schulthei
Bertram unter einem schweren Helm in schnem feuerfarbenem berwurf, zwar mit
verdecktem Antlitz, aber wohl kenntlich an seiner Rundung; darber freuten sich
die Mhlhuser, jauchzten und nickten einander zu. Alles glckte in dem
Speergarten, zumal Herr Henner die Speere in freundlicher Gesinnung whlte und
seinem Herrn auch einmal zuraunte: Seid nicht zu scharf. Die Burgmannen aber
erwiesen sich gewaltig, der Schulthei gewann den Fingerring und rief frhlich
dem Ivo zu: Den trage ich, dieweil ich lebe, zu Eurem Gedchtnis. Nur Herr
Langhans entging dem Unglck nicht, er wurde aus dem Sattel geschleudert, da er
der Lnge nach auf den Rcken fiel und mit den Hnden in der Luft fingerte. Aber
da er in der Stadt nicht sehr beliebt war wegen bergroer Hoffart, so hielten
die von Mhlhausen seinen Fall fr keine Krnkung, auch er selbst trug's
leidlich, da ihm hnliches schon frher begegnet war. Ja, er versuchte sogar
trotz seinem Schmerz zu lcheln, als Henner sich ber ihn beugte und dem Knappen
mit der Schere zuwinkte, den vorderen Teil eines berwurfs von kostbarem Samt
wegzuschneiden, indem er artig sagte: Gestattet, Chevalier, da wir nach
unserem Devoir tun, wenn wir auch weniger gebt sind, Gewand zu schneiden, als
Ihr selbst.
    Jedesmal, wenn Herr Ivo von einem Rennen auf seine Stelle zurckritt, erhob
sich das Freudengeschrei des Haufens, der mit ihm gekommen war, zumal der
fahrenden Leute, welche dichtgedrngt am Eingange standen und einander stieen,
um den Schranken am nchsten zu sein. Denn alsbald griff Herr Henner in die
Geldtasche, welche er an der Seite trug, und warf kleine Silbermnzen in den
Haufen. Sobald er an die Tasche rhrte, hoben sich die Arme der Fahrenden, und
sie schrien: Segen ber Euch, Herr Ritter, hierher, hierher! Sie bckten sich
nach der fallenden Mnze, schlugen und balgten sich zum Ergtzen der Zuschauer.
Als Ivo einmal so an den Schranken hielt, unter dem Helme tief atmend und sich
mit einem Tuch durch die Helmlcher Khlung zuwehend, hrte er neben sich eine
bebende Stimme, welche wie die andern rief: Spendet mir! Er sah die zitternde
Hand eines alten Mannes in elendem Reisekleide, und als die Hand nichts zu
fangen vermochte, den matten Blick eines Entsagenden. Da fragte er ber die
Schranken: Wer bist du, Alter?
    Ein Elender, den der Hunger zwingt, whrend er sich nach der Heimat sehnt,
klang es leise zurck.
    Er gehrt nicht zu uns, schrien die Fahrenden neben ihm, feindselige
Blicke auf den Fremden werfend, der sich in ihre Brderschaft drngte.
    In dem Klang der Stimme und dem gramdurchfurchten Angesicht war etwas so
Verzweifeltes, da dem Herrn das Herz weich wurde, er lenkte, seiner
Ritterpflicht gedenkend, das Pferd zum Marschalk, griff in die Ledertasche und
holte einen Goldgulden heraus. Als er sich wieder zu dem Fremden wandte, war
dieser vor Erschpfung an den Schranken zusammengebrochen. Da winkte er einem
Knechte, dem Liegenden beizuspringen, und warf ihm das Goldstck in den Scho.
Gierige Hnde der Umstehenden griffen darnach, aber der Knappe eilte dem Manne
zu Hilfe, und dieser rief, die Hand hebend: Mge der Himmelsherr dich bewahren,
da du selbst jemals in so bitterer Not fr eine Gabe danken mut, wie ich dir
danke. Die Fanfaren klangen, Ivo wandte sich ab, fate nach dem Speere und
hatte bald unter den Gren der Mhlhuser und beim festlichen Abendtrunk in der
Ratsstube den Jammer des fremden Bettlers vergessen.
    Es war am vierten Tage der Maienfahrt, die ritterliche Schar kehrte von
Norden her in die Umgegend von Erfurt zurck; wieder trug die Natur ihr
schnstes Feierkleid, die Tautropfen blitzten wie Edelsteine an Gras und Blumen,
die Amsel pfiff im Gehlz, und von der Hhe trillerte die Lerche. Harte Ste
hatte der unermdliche Speerbrecher empfangen, aber noch strkere hatte er
ausgeteilt, mit Stolz blickte er rckwrts auf ein Bndel, welches mit seidener
Decke umhllt an seinem Sattel befestigt war, denn es enthielt zehn Stcke
bunten Stoffes, die sein Marschalk aus den Wappenrcken geworfener Ritter
geschnitten hatte. Beinahe war der Stoff gesammelt fr einen Mantel, und doch
war im Turnier noch der meiste Zuwachs zu erwarten. Sah man dem Herrn und seinem
Gefolge auch die Anstrengung der letzten Tage an, sein Herz war froh, denn sein
Ruhm war hoch gestiegen, die strksten Ritter der Landschaft hatten vergebens
ihre Rosse gespornt und mchtige Speere gegen ihn eingelegt, und die Spielleute
zhlten bereits in langen Gedichten seine Gegner auf, den Schmuck ihrer
Rstungen und den Verlauf seiner siegreichen Kmpfe.
    Ivos Lippen bewegten sich, und er sang leise vor sich hin. Da hielt der Zug.
Auf einer kleinen Anhhe standen Rosse, Helme blinkten, und Bewaffnete lagerten
am Rand eines Gehlzes. Gutes Glck, rief Herr Henner, dort harren edle
Gste, weckt sie aus ihrer Ruhe, denn mir scheint, sie haben den Ausguck
versumt und wir berraschen sie. Herausfordernd klang die Posaune, aber kein
Gegenruf antwortete, und die fremden Reiter traten nicht einmal an die Rosse.
Sie schlafen, rief Ivo verwundert, blast zum zweiten Male. Sie haben sich
trge verlegen und vermgen die Glieder nicht zu rhren, spotteten seine
Ritter. Auch der zweite Klang weckte keine Antwort. Der Marschalk ritt vor, aber
nach wenig Rosprngen wandte er um und rief seinem Herrn zu: Sie fhren nicht
Wappen, nicht Decken, nur ein schwarzes Kreuz erkenne ich an den Mnteln und die
Vollbrte der Gesichter. Es sind Marienbrder vom deutschen Hause in Jerusalem.
    Mehrere aus dem Gefolge bekreuzigten sich. Ivo hielt sein Pferd an: Wir
vernehmen zuweilen von ihren Taten im Gelobten Lande, doch wir selbst sehen
wenig davon; denn bei uns schleichen sie wie die Mnche, bergen ihr Antlitz in
den Siechhfen und stellen sich, wie man sagt, ungern zum Speerkampf. Dennoch
begehre ich ihr schwarzes Zeichen als Beute, wenn es auch nur ein trauriger
Schmuck ist. Wir reiten nher, ob wir sie herauslocken.
    Er ritt, vom Marschalk begleitet, zu den Fremden. Aus dem kleinen Haufen der
Gelagerten erhob sich ein Bruder und antwortete ernsthaft dem Grue, ein Mann
von mittleren Jahren, der ber dem Kettenhemd einen braunen berwurf von grobem
Wollstoff trug, ber der Brust ein groes Kreuz von schwarzem Tuchstreifen und
um die Schultern einen weien Mantel. Sein voller Bart war mit Grau gemischt,
die festen Zge des Antlitzes von sdlicher Sonne gebrunt.
    Geschlossene Helme sehe ich hier, begann Ivo, und Schwerter, welche am
Rittergurt hngen, aber auf die Ladung meines Rufers kam von euch keine frohe
Antwort. Ist keiner unter euch, ihr Herren, der sich einen goldenen Fingerring
begehrt, wenn er mir ehrlich widersteht, oder meine Rosse und Rstungen, wenn er
mich wirft? Schwingt euch vom Boden und ergreift die Speere.
    Einige der Jngeren sprangen auf, der Fhrer aber hob die Hand, und die
behenden Knaben traten zurck. Euer Ring, edler Herr, soll die Brder nicht
locken, sie drfen kein Gold tragen, nicht am Finger, nicht am Harnisch und
Gewand; auch eure Rosse und Rstungen drfen sie nicht erwerben, denn sie fhren
nicht eigenes Ro und nicht eigene Waffen, sie gebrauchen nur, was ihnen die
Bruderschaft zuteilt.
    Lockt euch der Preis nicht, rief Ivo wieder, so kmpft, wenn euch an der
Huld guter Frauen gelegen ist; einer Herrin zu Ehren fordere ich euch, habt ihr
eine Frau, welcher ihr dient, so streitet fr ihren Ruhm; denn ich hoffe, Ehre
erwirbt bei Mnnern und Frauen, wer mich aus dem Sattel zu schwingen vermag.
    Aber ungerhrt antwortete der Bruder: Keiner von uns dient einer irdischen
Frau, und das einzige Weib, welches wir anflehen, ist die hohe Gottesmutter.
Auch Euch, Herr Ivo, ziemt nicht, die Himmelsknigin gegen ein irdisches Weib
herauszufordern.
    Nun denn, versetzte Ivo gereizt, wenn ihr nicht um Beute kmpfen wollt
und nicht fr Frauenminne, so schwingt euch in den Sattel, weil ihr Ritter seid,
damit euch die Leute nicht schelten, da ihr ruhmlos die Waffen fhrt.
    Wieder regten sich die Jngeren, und zornige Blicke drohten dem
Herausforderer. Doch der Bruder wies auf einen Speer im Boden, an welchem die
scharfe Spitze glnzte. Wir treffen mit dem Speere nur, wenn wir den Tod geben
und erwarten, zu Reiterlust und Spiel fhren wir die Waffen nicht.
    Wohlauf, ihr Herren, ist euer Brauch so unmild, so wei ich euch mit
gleicher Waffe zu begegnen; auch ich fhre Speerholz, an welchem der
Todesstachel befestigt ist. Ihr seid geladen zum Kampf nach eurer Weise.
    Wir tten Unglubige, wenn sie uns trotzig widerstehen, versetzte der
Bruder. Unter den Christen ist unser Amt nicht, Wunden zu schlagen, sondern zu
heilen. Wir ben hier die Bruderpflicht. Er trat zurck und wies auf die Gruppe
am Boden. Ivo hob sich im Sattel und sah, da zwei Brder einen entblten und
blutigen Mann in den Armen hielten, whrend ein dritter mit dem Verband
beschftigt war. Er war als Sohn einer harten Zeit gewhnt, ohne Schrecken auf
Wunde und Tote zu sehen, aber der schweigsame Ernst, mit welchem die Brder um
den Kranken bemht waren, und ihr fremdartiges Aussehen fesselten seinen Blick,
er zwang sein bumendes Ro zu halten. Ist der Sieche von eurer Gesellschaft?
    Es ist ein armer Landfahrer, den andere schlugen, welche an Nchstenliebe
und Gnade rmer waren als er.
    Und was wollt Ihr mit ihm beginnen, Herr?
    Der Bruder zeigte in das Gehlz, wo zwei der Jngeren Holzstangen zu einer
Trage zusammenbanden. Wir tragen ihn, bis wir gute Leute treffen, welche ihn um
Christi willen aufnehmen.
    Und wenn ihr die Hfe an der Landstrae verschlossen findet? fragte Ivo.
Wer kennt das Schicksal, das der Arme sich bereitet hat, und wer wei, welchen
Fluch er mit sich durch das Land trgt?
    Einer wei es, der uns Barmherzigkeit geboten hat, versetzte der Bruder
feierlich.
    Ivo schwang sich aus dem Sattel und trat nher, aber er fuhr unwillkrlich
zurck, denn der Verwundete hob gegen ihn das Haupt, wimmerte leise und streckte
die geffnete Hand in die Hhe; Ivo erkannte jenen Drftigen, dem er vor wenigen
Tagen ein Goldstck in den Scho geworfen hatte. Ich gab ihm Geld vor vieler
Augen, murmelte er, und ich frchte, um des Geldes willen liegt er heut am
Boden.
    Der Krieger, welcher den Verband angelegt hatte, erhob sich und sprach zu
dem Fhrer einige Worte in fremder Sprache.
    Mein Bruder sagt, da dies Leben bei guter Pflege vielleicht erhalten
wird, erklrte der Anfhrer und neigte das Haupt zum Abschiede, whrend die
jngeren Brder den Kranken vorsichtig auf die Trage aus Baumsten hoben. Ivo
warf noch einen traurigen Blick auf das Opfer seiner Milde, bestieg das Ro und
sprengte nach dem Wege. Lauter Zuruf der Seinen grte ihn, die Spielleute
bliesen auf den Pfeifen und schlugen die kleinen Handtrommeln. Er aber hielt
still und senkte das Haupt: Frhlich sangen die Sommervgel in mein Herz, da
klang der Schrei eines Habichts durch die Luft, die kleinen Snger bergen sich
im Laub, und ich vernehme ihre Stimme nicht mehr. Er sah um sich und erkannte
das groe Dorf, welches im Grunde vor ihm lag, wandte das Pferd und ritt schnell
zu den Brdern zurck.
    Sucht ihr ein Obdach fr euren Schtzling, so nehmt freundlich mein Frwort
an. Ich kenne den Richter im nchsten Dorfe und hoffe ihn zu bereden, da er dem
Kranken und euch Herberge schafft; gefllt es euch, so geleite ich euch
dorthin. Er wies auf das Tor von Friemar, aus dem die Landleute in hellen
Haufen strmten, um die Herrlichkeit der geschmckten Rosse und Reiter zu
schauen. Der Fremde verneigte sich dankend, die dunklen Gestalten folgten dem
festlichen Zuge, vier Brder trugen den Verwundeten.
    Als die Reiter den Anger betraten, wurden sie auch hier durch Heilrufe und
vertrauliche Gre empfangen. Die Kinder liefen zu beiden Seiten der Schar auf
und ab, schrien vor Aufregung und zeigten einander die bekannten Herren. Die
Frauen standen mit untergeschlagenen Armen, und manche hbsche Magd errtete und
schlug ihre Zpfe auf die Schulter zurck, wenn die jungen Ritter ihr grend
Scherzworte zuriefen. Im Dorf warteten auch die Alten neugierig vor ihren Hfen;
die Hunde bellten, die Spielleute bliesen und sangen. So kamen die Gste vor den
groen Hof, der mitten im Dorfe am freien Platz lag. Dort aber war das Tor
geschlossen, kein Menschenhaupt an Tr und Fenstern zu sehen, vergebens suchte
Ivo nach den langen Zpfen der Magd Friderun; die Landleute traten scheu zurck
und tauschten kopfschttelnd leise Worte. Der Knappe Ivos stie mit der
Speerstange an das Tor, aber alles blieb still. Ist der Richter daheim? rief
Ivo in den Haufen.
    Ich vermute, da er im Hause ist, versetzte ein alter Bauer.
    Der Knappe ffnete die kleine Torpforte, Ivo stieg ab, bedeutete die Brder,
seine Rckkunft zu erwarten, und trat ein. Auch im Hofe war niemand zu finden,
nur der Hahn rief mitrauisch sein Federvolk zusammen, und der Hofhund zerrte
wtend an seiner Kette. Ivo ffnete den Drcker der halben Tr, welche in das
Wohnhaus fhrte, trat auf die Schwelle und sah in den dmmrigen Hausflur. Im
Holzstuhl am Herde sa der Richter und starrte mit gebeugtem Haupt vor sich hin,
das weie Haar hing ihm ber sein gramdurchfurchtes Gesicht. Neben ihm auf den
Stufen der Bhne sa die Tochter, bleich und verweint, beide unbeweglich in
stillem Jammer. Als die Gestalt des Eintretenden den Raum verdunkelte, hob der
Richter sein Haupt und blickte auf den geschmckten Ritter, sein Antlitz rtete
sich, die buschigen Brauen zogen sich zusammen, und indem er sich langsam erhob,
fragte er mit rauher Stimme: Was wollt Ihr, Herr, in dem Trauerhause?
    Wo ist Euer Sohn Berthold? rief Ivo.
    Tot, antwortete der Bauer und schlug mit der geballten Faust auf den Herd.
    Er ist fortgeritten von uns nach der Mhlburg, sprach die Tochter leise,
weil er den Hohn Eurer Ritter nicht ertragen konnte.
    Trieb ihn der Groll ber die erlittene Krnkung in den Hofdienst?
versetzte Ivo betroffen. Dann ist mir von Herzen leid, da es die schnellen
Hnde meines Gefolges waren, die ihn aufschreckten. Denn seit unserer Kinderzeit
war ich ihm freundlich gesinnt.
    Fr Euren freundlichen Sinn sage ich Euch geringen Dank, Herr, begann der
Richter wieder, und wenig liegt mir daran, wenn Ihr mir und denen, die mir
gehren, lchelnd zunickt. Zu ehrlicher Arbeit hatte ich mir einen Sohn erzogen
und nicht zur Gesellschaft fr Euresgleichen. Ob er jetzt als ein Gauch durch
das Land zieht, mit bunten Lappen behangen, oder ob er in der Dmmerung
dahinreitet, um die Rinder des Landvolkes fortzutreiben, das ist fr mich ein
geringer Unterschied. Und ich sage Euch, edler Herr im lichten Sommerkleide, ich
bin nicht dankbar dafr, da Ihr Euch herablat, mich in meinem Hause zu
begren. Haben auch die Kornscke lange meinen Nacken gedrckt, Euch gegenber
ist er steif, wenn Ihr Willkommen von mir begehrt. Denn Ihr und Euresgleichen
habt mir den Sohn genommen, fr dessen Ehre ich mich gemht habe, solange ich
meine Bauernschuhe trage.
    Ich aber denke daran, antwortete Ivo gemessen, da Ihr ein alter Mann und
in schwerem Kummer seid, wenn ich Eure Rede ohne die Antwort ertrage, die ich
Euch leicht geben knnte. Heut, Richter, kam ich nicht um meinetwillen, sondern
weil ich Eure Hilfe fr einen andern begehre. An der Grenze Eurer Flur lag ein
Schwerverwundeter, den die Brder vom schwarzen Kreuz aufgehoben haben; schon
allzulange harren sie mit dem Kranken vor Eurem Tor. Sie werden Euch fragen, ob
Ihr den Armen aufnehmen wollt. Mich reut's, da ich unternahm, bei Euch
Frsprech zu sein; dennoch mahne ich Euch an Eure Pflicht, tretet hinaus und
gebt den Fremden Bescheid.
    War's auf unserer Flur, murrte der Alte, kennt Ihr so genau das Ma der
Bauerncker?
    Die Tochter ergriff seine Hand: Geht vor das Tor, Vater.
    Als der Alte die Hand der Tochter an der seinen fhlte, fate er heftig
darnach, die Trnen strzten ihm aus den Augen, er zog sein Kind zu sich, legte
sein Haupt auf das ihre und schluchzte laut. Ivo trat leise in den Hof zurck
und sah ber Holzhaufen und Scheuern, der Hahn schritt stolz, ohne ihn zu
beachten, durch das Stroh, der Hund knurrte ihn aus seiner Htte mitrauisch an;
hinter dem Hoftore ragten die buntbemalten Speerstangen und klang das Summen der
Menge, aber ihm kam vor, als gehre er selbst nicht zu der Genossenschaft,
welche drauen auf Ritterspiele hoffte.
    Nicht lange, und der Richter schritt aus dem Hause und ffnete mit fester
Hand die Pforte.
    Als er vor die Menge trat, hochaufgerichtet, mit seinem weien Haar und dem
runden groen Haupte, war er in seiner Trauer so ehrwrdig, da ihn alle mit
Scheu betrachteten. Die kleine Schar der Brder hielt unbeweglich, der Fhrer
lenkte schweigend sein Ro zur Seite, so da der Richter den Wunden auf der
Trage vor sich sah. Er betrachtete den Mann. Es ist ein Fremder, sagte er
kalt.
    Es ist ein Todwunder, antwortete der Bruder, unser Amt ist, den Kranken
zu heilen, und wir bitten Euch, da Ihr uns dafr Obdach gewhrt.
    Wollt Ihr bezeugen, da er auf unserem Dorfgrunde lag? fragte der Richter.
    Wir kommen nicht, fr ihn zu zeugen, sondern ihm Liebe zu werben. Zum
andern Mal bitte ich Euch, nehmt ihn unter Eurem Dache auf und uns dazu, damit
wir ihn pflegen. Denn unser Erlser spricht: Was ihr dem Geringsten auf Erden
tut, das habt ihr mir getan.
    Doch der Bauer hob abweisend die Hand und versetzte finster:
    Tragt ihn unter das Dach der ritterlichen Herren, welche bereit sind,
solche Wunden zu schlagen.
    Wir aber stehen vor Eurer Tr, fuhr der Bruder fort, und dreimal zu
bitten, ist uns befohlen. Darum flehe ich zum drittenmal, da Ihr ihn aufnehmt
und uns dazu. Und wir mahnen Euch mit den Worten, die unser Herr Christus selbst
gesprochen hat, als er sagte: Ich suche nicht meinen Willen, sondern ich handle
nach dem Willen meines Vaters, der mich gesandt hat.
    Der Hofwirt sah schnell auf und fragte: Steht das geschrieben in dem
heiligen Buche, aus dem wir nur dann in unserer Sprache hren, wenn die Pfaffen
sich ein Ro begehren oder ein Stck unseres Ackers? Steht das in Wahrheit
geschrieben, so ist es eine weise Rede, denn auch der Sohn Gottes dachte daran,
da er der Sohn war, und gab seinem Vater die Ehre. Und weil Ihr mir diese Worte
sagt, so will ich Euch aufnehmen als ein Vater, der seinen Sohn verloren hat,
und ich will Euch einfhren in das verlassene Haus. Er schlug den Holzriegel
des Tors zurck. Tretet ein, ihr Herren.
    Die Brtigen betraten hinter dem Richter den Hof, die nachdringenden
Dorfleute wies dieser mit einer Handbewegung zurck und fhrte die Gste zu
einem Gebude, welches, kleiner als das Wohnhaus, mit der Langseite an der
Strae stand. Auf der Schwelle hielt er und begann finster: Hier wohnte einst
mein Vater, als er mir den Hof bergeben hatte. Dann ein Jngling, den seine
Mutter, whrend sie lebte, zu adlig hielt in Kleidung und Sitte. Er ffnete
zgernd die Tr. In dem leeren Gemach waren die Fensterladen geschlossen, durch
die Ritze fiel ein sprliches Licht auf die Dielen und das Lager an der Wand.
Der Richter ri den Laden auf, die Bewegung wollte ihn bermannen, und er gebot
mit heiserer Stimme: Dort ist das Bett, legt den Elenden hinein, und dies ist
eure Herberge, wenn sie euch, ihr Fremdlinge, gengt. Er wandte sich zur Tr.
In meinem Pferdestall ist seit der letzten Nacht Raum geschafft fr zwei Rosse;
begehrt ihr sonst noch etwas, so ist mir eine Tochter geblieben, sie soll fr
euch sorgen.
    Ich danke Euch, Richter, versetzte der Anfhrer. Einem Bruder mit seinem
Knecht und zwei Rossen bitte ich Obdach zu geben und so viel Kost, da sie nicht
Not leiden, bis wir jenen dort in unser nchstes Haus schaffen knnen. Wir
andern reiten zur Stelle unsern Weg. Fr Euer Erbarmen knnen wir Euch nichts
bieten; wir werden jeden Abend fr Euch beten, da der Himmelsherr Euch Gnade
erweise und die Trauer von Eurem ehrwrdigen Alter nehme.
    Der Richter neigte das Haupt ein wenig, schritt zu seinem Herde zurck und
sa dort wie zuvor.
    Whrend der Alte mit den Brtigen verhandelte, trat Ivo zu Friderun: Der
Vater hrt auf Eure Worte; sorgt mit gutem Bedacht, da er nicht ungerechten
Groll gegen mich und meinen Hof bewahre. Denn sein altes Haupt ist mir vertraut
und ehrwrdig. Und Euer Bruder war es, der zuerst das scharfe Schwert gegen die
Meinen entblte.
    Als ein Freier ritt der Bruder mit dem Mhlburger, Euer Ritterspiel in der
Nhe zu schauen, antwortete Friderun, fremd war er und unbeteiligt an Euren
Hndeln; da haben Eure Dienstmannen ihn vom Rosse gerissen, und ihre unfreien
Hnde haben den Freien geschlagen. Die Alten im Dorfe gedenken noch, wie der
Grovater Eures Herrn Henner, der jetzt so ritterlich prangt, im schmucklosen
Kleid eines Knechts die Hammel durch unsere Dorfgasse trieb.
    Ihr irrt, versetzte Ivo, nicht als ein Freier zog der Bruder in der Schar
meines Gegners, sich und sein Ro hatte er in die Farben des andern gekleidet,
und ein fremdes Abzeichen trug er wie ein Dienender.
    Fremde Farben und fremdes Abzeichen! wiederholte Friderun
leidenschaftlich. Waren es nicht auch Eure Farben, die er trug? Und ist der
Rabe darauf Euch so unbekannt? Was konnte mein lieber Knabe dafr, da Euch die
Bilder seines Begleiters nicht gefielen? Oh, du mein armer Bruder! Als du noch
ein Kindlein warst, hat man dich gelehrt, deine kleinen Armen auszustrecken und
zu jauchzen, sooft das blaue Herrengewand und sein Wappenbild in unserm Dorf zu
sehen war. Teuer hast du fr die Zuneigung bezahlt, die du in deinem treuen
Gemte bewahrtest. Denn aller Trost, den Herr Ivo unseren Herzen zu geben wei,
sind nur die stolzen Worte: Es ist ihm recht geschehen.
    Nicht so, Friderun; Euren Bruder erkannte nicht ich und kaum einer von den
Meinen, als er verkleidet im Haufen ritt. Erst als er auf dem Boden sa, sah ich
sein verstrtes Angesicht, und glaubt mir, ich dachte dabei an Euch und den
Vater, und sein Unfall tat mir wehe.
    Ihr aber rittet hoch zu Ro vorber, statt anzuhalten und ihn mit Eurer
Hand hochzuheben.
    Wie durfte der Verletzte, wenn er ein Mann war, in der Stunde der Krnkung
die Hand des Gegners fassen?
    Wundert Euch also, rief Friderun, da in dem Bruder die Scham brennt und
da er darauf denkt, die Schmach zu rchen in Eurer Weise? Hat Euch der Vater
schwere Worte gesagt, so haben Eure Dienstmannen die verschuldet, denn einsam
habt Ihr sein Alter gemacht und auf sein weies Haupt das bitterste Leid
gehuft. Sie sagen, da Euch der Mantel, um den Ihr stecht, hohen Ruhm schaffen
werde, wenn Ihr ihn Eurer Herrin um die Schulter hngt; denkt auch daran, da
Eure Fahrt Trauer unter Leute gebracht hat, die bisher treu zu Eurem Hause
hielten und die sich in der Stille freuten, wenn Euch alles im Leben gut
gelang.
    Bei allen Heiligen, erwiderte Ivo unwillig, selten hrte ich ein Weib,
das so scharf mit seiner Zunge zu schneiden versteht als Ihr, schon da Ihr ein
Kind wart, haben sich die Leute gewundert, und auch die Mutter hat Euch darum
gescholten.
    Eure liebe Mutter ist zu den Engeln heimgegangen, von denen sie zu uns kam.
Meint Ihr, da sie sich ber alles freuen wrde, was Ihr tatet, um Gold und
Silber fr Eure Ritterfahrt zu gewinnen? Von einem Manne aus Erfurt erfuhren
wir, da Ihr den alten Stadthof Eures Geschlechtes aus der Hand gegeben habt;
und doch hielt Eure selige Mutter viel auf den Hof, und sie sagte zuweilen, da
der Turm im Stadtfrieden ihrem Geschlecht einmal wertvoller sein knne als
manche Hufe auf dem Lande.
    Ivo fhlte ein scharfes Mibehagen ber die dreiste Rede, doch antwortete er
gutherzig: Heut darf ich Euch nicht zrnen, wenn Ihr scheltet, Ihr bt in Eurem
Schmerze nur ein altes Vorrecht; und ich wei wohl, Eure Meinung ist gut, wenn
Ihr auch um die Ehren des Ritteramtes wenig sorgt.
    Aber seine freundlichen Worte bezwangen nicht den Zorn der Jungfrau.
    Mgen andere Euer ritterliches Abenteuer preisen, unsere freien Bauern
wundern sich, da Ihr, der Edle aus dem alten Blut der Thringe, Eure Habe und
Eure Glieder bermtig preisgebt dem Speerholz jedes groben Gesellen, dem einmal
sein Herr den weien Riemen um seinen Knechtsleib geschnallt hat. Geringen Ruhm
finden wir darin, da Ihr solche wie Euresgleichen ehrt, die als Kuhdiebe durch
die Nacht reiten, Unfreie, deren Leib und Leben unter dem Hofrecht eines Herrn
steht, die als Knechte Schlge und Fesseln ertragen mssen und die in Wahrheit
nur wie Roknechte gebraucht werden, auch wenn Ihr sie nach Eurer hflichen
Sitte Herren nennt. Und wir Freien halten es fr einen schlechten Brauch in der
Welt, da der unfreie Knecht, wenn er den Eisenhelm empfngt, sich unter die
Edlen setzt und ber die Schulter auf die Freien im Bundschuh herabsieht. Auch
Ihr helft dazu, da die alte Freiheit im Lande untergeht, und mancher trauert,
da wir das von Eurem Geschlecht erleben.
    Oft habe ich vernommen, versetzte Ivo erstaunt, da die Bauern mit
Migunst und Neid nach den Hfen der Ritter schauen und auch gegen die Edlen
geheimen Ha bewahren, aber in Eurem Hofe, Friderun, htte ich bessern Verstand
gehofft.
    Meint Ihr so, rief Friderun mit blitzenden Augen, dann reut mich jedes
Wort, das ich Euch sagte. Bin ich Euch nur die Magd aus dem Bauernhofe, so fahrt
dahin in Eurem Stolz, ich behalte den meinen. Die Trnen strzten ihr aus den
Augen, aber gleich darauf zog sich ihr Gesicht finster zusammen, und sie wandte
sich ab.
    Noch einen dstern Blick warf Ivo auf die Gespielin seiner Kinderzeit, dann
schritt er durch das Tor und schwang sich auf sein Pferd.
    Gegen Abend kam der Richter aus seinem Hause in den Hof, er sah zuerst, wie
er gewohnt war, nach dem Stand der Sonne, an der Tr des Stalles fuhr er zurck,
doch bezwang er sich und trat hinein. Schweigend betrachtete er die fremden
Rosse, denen der junge Knecht das Futter schwang. Woher kam der Braune in
unsere Tler? fragte er endlich den Knecht.
    Aus dem Heiligen Lande, antwortete dieser unterwrfig.
    Du aber stammst, wenn ich deine Sprache richtig erkenne, aus Thringen.
Hast du einen Vater, und wo lebt er?
    Mein Vater war ein Schmied von der Naumburg, die Eltern starben an der
Pest, da nahm mich mein Herr Arnfried aus dem leeren Hause und zog mich bei der
Bruderschaft auf.
    Ich hoffe, er war strenge gegen dich.
    Er ist gut wie ein Engel des Himmels, aber der Orden ist streng, versetzte
der Jngling mit weicher Stimme.
    Ich denke mir's, sprach der Richter zu sich selbst, darum gefielen mir
die Mnner. Ist jener, der bei dem Kranken sitzt, dein Herr Arnfried?
    Nein, Herr, antwortete der Knecht, der andere war's, welcher mit Euch am
Tore sprach, er ritt von dannen. Der jetzt am Lager wacht, ist Bruder Gottfried,
der von den Sarazenen stammt.
    Der Richter sah verwundert auf das Pferd: La mich seinen Braunen von vorn
sehen. Er schttelte den Kopf und schritt nach der Gastwohnung.
    Der Bruder grte vom Lager des Verwundeten mit einer Handbewegung und
wandte sich wieder dem Kranken zu. Der Richter aber setzte sich abseits und
bedeckte das Gesicht mit der Hand. Als der Kranke einmal sthnte, richtete er
sich auf und betrachtete das dunkle Antlitz und den schwarzen gekruselten Bart
des Bruders, welcher die Lippen des Liegenden mit einem Trank anfeuchtete und
vorsichtig die Decke zurechtrckte. Fremdlndisch ist Euer Ro und fremd seid
Ihr selbst, ich hoffe, Ihr seid ein Christ.
    Der Bruder antwortete, das Haupt neigend, mit fremder Betonung: Ich glaube
an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, und sie sind eins und in
gleicher Hoheit anzubeten.
    Der Kranke seufzte und machte eine Bewegung, der Richter schlug sein Kreuz
und sprach: So sind auch wir im Glauben gelehrt. Von Euch aber vernahm ich, da
Ihr aus der Heidenschaft stammt; gibt es bei Euch Shne, die ihren Vtern
ungehorsam sind?
    Auch dort ist ein Gesetz, da der Sohn den Vater ehre, solange dieser lebt,
und wenn er gettet wird, seinen Tod an dem Feinde rche.
    Habt auch Ihr so gehandelt gegen Euren Vater?
    Der Bruder wies auf sein Haupt, an welchem eine rote Narbe vom Scheitel nach
der Stirn herablief. Ein Edler meines eigenen Stammes erschlug meinen Vater.
Ich nahm an seinem Leben die Rache und verfiel darum den Schwertern seiner
Blutgenossen. Als ich mit solchen Wunden in der Sonne lag, fanden mich die
Brder, in ihrem Hause erwachte ich zum Leben, seitdem diene ich ihnen.
    Der Richter nickte beistimmend: Ich merke, Ihr seid ein treuer Bruder. Ein
geistliches Leben fhret Ihr, aber anders als unsere Mnche und Pfaffen, denn
ganz verdorben sind diese, nur auf Wohlleben denken sie, auf kostbare Gewnder
und schne Weiber, und ich sorge, kraftlos sind ihre Gebete fr uns Laien. Fr
den Reichen beten sie aus Habgier, um den kleinen Mann kmmern sie sich wenig.
Doch vernahm ich, da jetzt allerlei neue Brder in das Land kommen, welche als
armselige Leute leben, sich ihre eigene Kost an den Tren betteln und am
liebsten fr die armen Laien beten. Ich denke, auch Ihr gehrt zu diesen
Bittenden.
    Der Bruder erhob stolz das Haupt. Ich bin ein Krieger und kein Bettelmnch,
ich diene nur durch gute Werke im Hospital oder mit den Waffen auf dem
Schlachtfeld.
    Und wer sind Eure Feinde?
    Die der Meister uns nennt.
    Der Richter schttelte sein weies Haupt, aber er blieb sitzen, bis er
drauen den Peitschenschlag seiner heimkehrenden Knechte hrte. Nach
Sonnenuntergang kam er zurck, begleitet von seiner Tochter, welche den Tisch
mit einem weien Tuch bedeckte und krftige Kost aufsetzte, der Alte selbst
brachte eine Kanne vom besten Bier, das er in seinem Keller bewahrte, stellte
sie vor den Gast und schttelte wieder das Haupt, als dieser sich mit wenigen
Bissen begngte und auch dem starken Trunk nicht volle Ehre erwies. Eine
stmmige Magd trug dem Fremden Streu in eine Ecke und breitete darber das
Polster, die Decke und ein weiches Kopfkissen. Der Richter blieb schweigend auf
seinem Schemel, endlich begann er: Gedenket der Ruhe, Bruder, und als der
Sarazene auf den Kranken wies, fuhr er fort: Sagt mir, was ich diesem tun soll.
Denn ruhelos ist fr mich die Nacht, und ich sorge, wenn ich allein liege, werde
ich einem fluchen, der nicht hier ist. Darum lat mich an Eurer Stelle sitzen,
Fremder. Ihr seid Eurem Vater treu gewesen bis ber den Tod, darum sollt Ihr
jetzt schlafen, und ein armer Vater will statt Eurer wachen.
    Der Bruder sah ihn dankend an und gab in wenigen Worten die Anweisung. Dann
sprach er, am Lager kniend, leise die Gebete und schob, bevor er sich
ausstreckte, das weiche Kopfkissen, welches ihm nicht erlaubt war, beiseite. Der
Richter aber sa bei dem Kranken und starrte auf das hagere Gesicht des
Liegenden, der zuweilen zuckte und sthnte. So durchwachte der Alte die Nacht,
zuweilen aufgerichtet mit finsterer Miene und geballter Faust, dann wieder mit
gebeugtem Haupt und gefalteten Hnden.
    Ivo hatte sich mit kurzem Abschied von den Brtigen getrennt und zog in
seiner lustigen Schar dahin. Aber er nahm nicht teil an der geruschvollen
Frhlichkeit der anderen. Dem hochherzigen Manne waren die harten Reden des
alten Bauern und seiner Tochter lstiger, als er irgend jemandem gestanden
htte, auch das Unglck des Knaben Berthold beschwerte ihm den Sinn. Seit der
Kinderzeit hatten ihn die Trnen, welche andere in seiner Nhe vergossen,
beunruhigt, manchem Knechte hatte er die verdiente Strafe abgebeten und dem
Traurigen heimlich gute Bissen zugetragen. Auch Friderun bewahrte in ihrer Lade
ein Geschenk, das er ihr als Knabe aus gutem Herzen gemacht hatte, eine bunte
Holzpuppe, welche ein lustiges Mnnlein vorstellte. Zog man an einem Faden, so
bewegte das Nrrchen den Kopf und die Arme. Ivos Mutter hatte es einst dem Sohne
von Erfurt mitgebracht, und der ganze Hof hatte sich gefreut, wenn der Knabe mit
dem Gaukelmann spielte und aus dem Stegreif possierliche Worte dazu sprach, wie
er sie von fahrenden Leuten gehrt hatte. Gerade damals war die kleine Friderun
nach dem Tode ihrer eigenen Mutter auf den Hof gebracht worden, weil die
Edelfrau ihre Pate war; das Kind sa in einer Ecke, bangte sich unter der
fremden Umgebung und weinte, als wollte ihm das kleine Herz brechen. Da ging Ivo
leise zu ihr und legte sein Spielzeug in ihren Scho. Das Geschenk hatte sie
auch ein wenig getrstet, nicht sowohl wegen des nrrischen Gesichtes, als
deshalb, weil ihr die gute Meinung des Knaben wohltat, und die Mutter, welche
von ihrem Ehrensitz die Kinder beobachtete, hatte genickt und dem Mdchen
erlaubt, das Bild zu behalten. Heut, wo Ivo die Jungfrau in Trnen gesehen
hatte, mute er immer wieder an jenen Tag denken, an dem das fremde Kind mit
seinen groen Augen so verstrt zu den Fen der Mutter gesessen hatte. Er
fhlte ihr Leid mit wie damals als Knabe, und ihm war, als mte er ihr etwas
recht Gutes erweisen. Doch er selbst hatte ihr den Bruder aus dem Hause
getrieben, und er hatte Schuld an den Trnen, die sie heut weinte. Vergebens
spornte er sein Ro, um der schwchlichen Gedanken ledig zu werden.
    Henner aber, der seinen Herrn nicht aus den Augen lie, sprach bekmmert zu
seinem Genossen Lutz: Ich sorge um ihn, er ist triste und pensant, er sieht
mde aus, er hat heimliche Maladey. Die Brtigen und die Bauern haben ihm seine
Kraft gemindert, und er wird sie jetzt mehr brauchen als zuvor. Denn wit,
Kumpan, wir sind seither fast nur gegen gute Gesellen geritten, die auer der
Ehre nur den Ring begehrten. Jetzt kommen wir unter die Erzbischflichen von
Erfurt und werden mit den Grafen von Gleichen und ihren Dienstmannen
zusammenstoen, von denen viele einen alten Groll gegen uns bewahren; harte
Rennen stehen uns bevor, ungefge Speere und bse Absicht, welche unserm Herrn
den Mairitt verderben mchte. Strengt Euren Witz an, da wir erfinden, was ihn
wild macht, denn zu hurtigem Rennen gehrt ein ganzer Mann und ein scharfer
Wille, sonst helfen nicht starker Rcken, nicht feste Schenkel.
    Ich habe ihm die zwei besten Pferde gespart, trstete der ruhige Lutz,
auf den Fuchs kann er sich verlassen.
    Aber nicht auf sich selbst, entgegnete Henner. - Alle guten Geister, mir
ahnte, da uns Unheil bevorsteht. Dort hlt der Rettbacher am Wege, der alte
Rennteufel bringt uns heut in Not.
    Er kommt nicht um zu stechen, er ist ganz allein.
    Er kommt zu sphen und sinnt Arges. Reitet flugs zu den Knechten, welche
die Pferde fhren, und leidet nicht, da er sich an die Tiere herandrngt.
    Guten Tag, Henner, grte der Rettbacher, ein stmmiger Mann mit einem
Stiernacken, kurzem Oberleib und starken Schenkeln, der im Lande fr einen der
gewaltigsten Speerkmpfer galt und ein Schrecken in den Rennbahnen war, weil er
sich wenig um die Ehre, aber sehr um die Kampfbeute kmmerte. Ein schner Zug,
fuhr er fort, ich sehe viele Hufe, die Ihr dem Sieger als Preis gestellt habt.
Wieviel mgen ihrer wohl sein?
    Gewinnt den Preis, und Ihr knnt sie gemchlich zhlen, spottete Henner.
Doch ich sehe, da Ihr ohne Speer kommt.
    Vielleicht reite ich doch, lachte der andere schlau.
    Dann rstet Euch, wir haben nicht weit bis zur nchsten Raststelle.
    Sie liegt einsam im Felde, versetzte der Rettbacher. Manchem wird lieber
sein, vor einer groen Menge zu stechen. Auf der Heide knnte es dem Sieger
schwer werden, Euch von den Rossen zu heben und aus den Rstungen zu schlen.
    Was wollt Ihr damit sagen, Ihr Kobold?
    Nichts gegen Eure Ehre, Henner. Doch Vorsicht ist gut. Nicht jedermann hat
aus Eurer Aufforderung verstanden, ob auch die Rstungen und Rosse der
Dienstmannen in den Preis gestellt sind oder nur die des Herrn und seiner
Knechte.
    Nehmt an, da der Sieger alles erhlt, was unter dem Wappenzeichen unseres
Hofes reitet.
    Herr Ivo handelt immer groartig. Gebt Ihr die Beute selbst oder zahlt Ihr
den Wert in Geld?
    Wie dem Sieger beliebt, antwortete Henner unwillig.
    Schtzt der Sieger nach eigenem Ermessen?
    Ihr wit ja selbst, da er das Recht hat, rief Henner noch zorniger.
    So ist's in Ordnung, besttigte der andere und sah mit Luchsaugen auf die
vorbeischreitenden Pferde. Da ist ja auch der Fuchs, sagte er nachdenklich und
ritt heran.
    Zurck, Wilhelm, oder Euer Pferd macht einen Bocksprung ins Grne, rief
Lutz, den Zudringlichen mit der Speerstange abtreibend, wir leiden nicht, da
eine Bremse um die Ohren unserer Rosse summt.
    Vorsicht ist immer gut, wiederholte der Ritter, ungerhrt durch den
Verweis. Die Zahl stimmt mit meiner Rechnung. Eure letzte Rast haltet Ihr ja
wohl in Erfurt?
    Habt Ihr gezhlt? Dann beeilt Euch, heut die Beute heimzutreiben, hhnte
Henner, denn morgen wrde die Zahl nicht stimmen.
    So? brummte der Rettbacher, ich verstehe, Ihr wollt heut noch in Euren
Hof fhren, was Ihr morgen nicht gebraucht.
    Drfen wir den Erfurtern weniger Pferde zeigen als den Bauern im Lande?
Unser Herr denkt weit anders, wir hoffen, morgen mehr und Besseres zu weisen,
als Ihr hier seht. Meint Ihr, da wir unsere besten Pferde wie Rotuscher durch
das Land fhren?
    Euer Fuchs ist doch hier, bemerkte Rettbacher.
    Es ist wohl mglich, da der morgen Ruhe hat. Den Stolz des Stalles hebt
jeder fr das Ende auf. Die vier Pferde, welche uns morgen zugefhrt werden,
findet Ihr nicht im Zuge.
    Vier? fragte der Schlaue. Wir haben doch nichts von neuen Rennpferden bei
Euch gehrt.
    Wir wissen einen Vorteil geheim zu bewahren, versetzte Henner.
    Ihr seid nicht von gestern, schlo der Rettbacher achtungsvoll. Also
vier? Gute Fahrt, Herr, vielleicht sehen wir uns wieder. Und er trabte mit
kurzem Gru nach Erfurt zu.
    Was wollt ihr mit den vier Pferden? fragte Lutz neugierig.
    Vielleicht meine ich die Gule, welche uns den Hafer nach Erfurt schaffen,
lachte Henner. Merkt auf, Lutz: er wollte heut abend gegen uns reiten, und es
ist wohl mglich, da unsere Feinde ihm allein die drei Speere gelassen htten.
Unser Herr aber darf heute diesem alten Stovogel nicht im Kampfe begegnen,
sonst erleben wir Malheur. ber Nacht findet Ivo wohl sein Vertrauen wieder und
morgen ist groes Gedrnge, da mu der Habgierige sich mit einem Speer begngen,
deshalb habe ich ihm die Beute, die er sich bereits gezhlt hat, so stattlich
gemehrt.
    So geschah es. Der kluge Henner wute bei dem letzten Rasten seinem Herrn
leichten Kampf zu verschaffen, die Schwche Ivos ging vorber. Am nchsten
Morgen freute sich der Marschalk ber das Feuer, mit welchem er in den Sattel
sprang, und ber die Gewalt der Ste, welche er austeilte.

                                Der Herrin Dank


Eine halbe Wegstunde von Erfurt waren auf groer Wiese die starken Pfhle der
Turnierschranken errichtet und durch Querriegel verbunden, mit zwei Eingngen
auf den entgegengesetzten Seiten. Der freie Raum ringsumher stieg allmhlich zu
den bewaldeten Hhen. Dort standen unter den ersten Bumen die buntfarbigen
Zelte der Kmpfenden; wo ein Edler sich gelagert hatte, wehte ein Banner mit
seinen Farben und Wappenzeichen, bei jedem Zelte stampften Rennpferde und
drngten sich buntgekleidete Knechte, Spielleute und neugierige Zuschauer.
Dazwischen hatten die Erfurter Buden und Tische aufgestellt, in denen sie Speise
und Trank feilboten, hier und da war in Holzhtten ein Herd errichtet mit dem
Blasebalg, und die Schmiede warteten mit ihren Hmmern am Ambo, um an Rstungen
und Hufbeschlag ihre Kunst zu erweisen. Zwischen dem Waldesrand und den
Schranken trieben sich Stdter und Dorfleute umher zu Fu und zu Ro, viele
waren aus groer Entfernung aufgebrochen und hatten die Nacht bei Bekannten in
der Nhe oder gar im Freien am flammenden Feuer zugebracht. Lange vor Beginn des
Festes schallte der Lrm zum Himmel; die Snger, welche die Fahrt begleitet
hatten, sangen von den Taten ihrer Helden, die Geiger spielten lustige Reigen,
Rosse wieherten, die Verkufer luden schreiend zu ihren Buden, die Menge
schwatzte und lachte; um jeden, der Bescheid wute, sammelte sich ein Haufe
Neugieriger, der sich die Wappen und Namen der Ritter erklren lie und seine
Vermutungen ber das Glck der einzelnen austauschte.
    Whrend Herr Godwin mit seinen Knechten in den Schranken umherritt,
dieselben von Knaben und vorwitzigem Volk frei zu halten, standen die fahrenden
Leute, welche als Turniergehilfen der Kmpfer in Sold genommen waren, in groen
Haufen unweit der Eingnge, denn als Helfer der Knappen muten sie sich in das
Gewhl der Mnner und Rosse werfen, um Geworfene zu retten, Speertrmmer aus dem
Wege rumen, Speere aufzuheben, kleine Schden an Riemzeug und Rstung zu
bessern; und sie taten dies nicht stillschweigend, sondern mit Geschrei. Die
bung half ihnen, aalgleich wuten sie sich zwischen den Reitern und unter den
Rossen durchzuwinden, wenn aber einer von ihnen getreten und verwundet wurde,
hatte er den Schaden und geringen Dank.
    Unterdes trugen in Erfurt die Knappen der Ritter, welche an dem Turnier
teilnehmen wollten, die Schilde anmeldend nach der Herberge, in welcher der alte
Graf von Orlamnde als erwhlter Turnierrichter sa. Durch ihn wurden die
Kmpfer in zwei Parteien geteilt und nach ihrem Wunsch entweder Herrn Henner
oder einem Dienstmann der Grafen von Gleichen zugewiesen. Denn Markwart von
Gleichen hatte die Fhrung der Gegner bernommen und alle, welche dem Herrn Ivo
abgeneigt waren oder ihre Kraft gegen die Herausforderer versuchen wollten,
sammelten sich unter seinem Banner. Die Mehrzahl der Kmpfer aber ging zur Messe
und tat heimliche Gelbde fr einen guten Ausgang, denn der Kampf im Turnier
bedrohte mit weit grerer Gefahr als das Speerrennen der einzelnen. Wer in die
Hnde der Gegner fiel oder gar vom Ro geschleudert wurde, der hatte schlechte
Behandlung und Schaden an Leben und Gliedern zu besorgen.
    Lange harrten die Zuschauer auf dem Rennplatz, endlich klangen die Posaunen
und vier Scharen Geharnischter sprengten mit geschlossenen Helmen auf der Strae
heran, jede gefolgt von ihren Knappen. Die Kmpfer im Helm hielten, von den
Marschllen gefhrt, durch die beiden Tore ihren Einritt; es waren im ganzen
etwa achtzig Speere, welche sich so aufstellten, da die Herausforderer den
Osten und Sden, die Gegner den Norden und Westen des umhegten Raumes erhielten,
die gegenberstehenden hatten abwechselnd gegeneinander zu reiten. Wer den Speer
verstochen hatte, oder wer sich an die Schranken drngen lie, galt fr wehrlos
und durfte nach Turnierrecht durch Schlge gezwungen werden, den Helm abzubinden
und sich gefangenzugeben. Ro und Rstung verfielen dem Sieger.
    Die vier Scharen ordneten sich jede in zwei Glieder, die Partei Ivos
kenntlich durch einen weien Schleier, die Gegner durch ein Tannenreis an den
Helmen. Als die Herren so hielten und die Rosse schnoben und stampften, da
dachten die Zuschauer mit Stolz daran, da sie die Blte ihres Adels und der
waffentchtigen Helden vor sich sahen, im Heergewande, in ihrem schnsten
Kriegerschmuck, die groen Helme zum Teil bemalt mit den Wappenfarben, bei
manchen Edlen gekrnt durch einen Aufsatz, der ein geschnitztes Wappentier wies,
einen Fcher, einen Mohrenkopf, oder was sonst den Herren als Zierat gefiel. Die
Holzschilde, mit schwarzem, grauem oder weiem Pelzwerk berzogen und zuweilen
mit dem Wappenzeichen versehen, die langen Gewnder ber Rstung und Ro, von
farbigem Stoff, mit Bildern geschmckt, waren den Leuten ein prachtvoller
Anblick.
    Posaunen und Pfeifen erklangen, das Kampfspiel begann. Ivo ritt mit seinem
Haufen in schnellstem Lauf gegen die Schar des Grafen Markwart von Gleichen, die
ihm entgegensprengte, um den Anprall nicht stehenden Fues zu erwarten. Laut
krachten die Speere des ersten Gliedes in jeder Schar, die Trmmer sanken zu
Boden, und im Nu fuhr das zweite Glied durch die Zwischenrume des ersten in den
Vorkampf, damit die speerlosen Genossen Zeit erhielten, von den Knappen, welche
sich in das Gewhl strzten neue Speere zu empfangen. Mit diesen Waffen drngte,
wer von der ersten Reihe freie Hand behielt, wieder den Genossen nach, um die
Reihen der Gegner zu durchbrechen und die Hintersten des feindlichen Haufens an
die Schranken zu drcken. Ein wildes Getmmel erhob sich, von allen Seiten
ertnte der Schlachtruf und das Geschrei nach Speeren, und an der einen Seite
des Kampfplatzes wogte ein unsgliches wirres Durcheinander von Rossen und
Menschenleibern. Auch die Zuschauer schrien und jauchzten in wilder Aufregung,
bis sich die beiden kmpfenden Scharen nach den entgegengesetzten Seiten der
Schranken auseinanderzogen, whrend ihre Gefangenen von den Knappen gewaltsam
aus der Umfriedung gezerrt wurden. Jetzt sprangen die fahrenden Leute in den
Rennplatz und suberten ihn von dem gebrochenen Holze und den gestrzten Rossen,
die sich nicht aufzurichten vermochten. Wieder rief die Posaune, die beiden
anderen Scharen, welche gegenber hielten, rannten ebenso wie die ersten
zusammen; unterdes zogen sich die Kmpfer des ersten Rennens hinter ihnen auf
den frheren Stand. In solcher Weise wurde viermal gerannt, damit jede der
Scharen ihren langen Anlauf erhielt. Dann erhob sich nach einer Pause, in
welcher nur einzelne gegeneinander ritten, ein allgemeiner Kampf der beiden
Parteien. Die Zahl der Streitenden war kleiner geworden, aber der Eifer
gestiegen, die Reihenfolge im Abritt war nicht mehr zu bewahren, auch der
Zusammenhalt der Scharen wurde gelockert, von allen Seiten stieen die Wilden
nach der Mitte und suchten sich die Gegner, welche ihnen am leidigsten waren;
immer schrfer gellten die Rufe der Kmpfenden, die Pfeifen und Posaunen schrien
dazwischen und gleich dem Gebrll emprter Meereswogen tnte Zuruf,
Jubelgeschrei und Klage der Schauenden um das sinnbetrende Schauspiel. Der
Rettbacher stie mit Henner zusammen. Wo sind Eure neuen Rosse? schrie er,
sein Pferd zum Anlauf wendend. Am Heuwagen, rief Henner zurck, htet Euch,
da Ihr heut Euren Gaul bewahrt. Und sie stieen zusammen wie zwei Felsblcke,
welche gegeneinander geschleudert werden, beide blieben unbewegt sitzen und
beiden kamen die nchsten Genossen zu Hilfe, whrend sie sich, neue Waffen
suchend, dem Getmmel zu entziehen suchten. Aber die von Ingersleben waren
zahlreicher, Lutz schleuderte mit seinem Rosse die herzueilenden Knappen des
Rettbachers zur Seite und der Waffenlose mute, indem er unablssig nach einem
Speer schrie, den Rcken wenden und durch die Windungen seines Pferdes den
Verfolgern zu entrinnen suchen, welche ihn den Schranken nher trieben.
    Unterdess blieben die Fhrer im dichten Kampfgewhl, denn um beide scharten
sich am engsten die Genossen, weil die Ehre der Partei daranhing, da ihr
Vorkmpfer nicht gefangen wurde. Gebt Raum, rief Ivo, den zugereichten Speer
einlegend, jetzt bring' ich's zum Ende, und er fuhr mit so gewaltigem
Rosprunge auf Herrn Markwart zu, da diesem das Tier auf das Hinterteil gesetzt
wurde und mit dem Ritter zu Boden rollte. Hilflos lag der Graf unter dem Rosse
und um ihn begann das Stoen und Zerren, so da die Zuschauer in dem tollen
Gewirr nichts deutlich erkannten, nur einen Strudel von Helmen und Rohuptern,
der sich kreisend um den unsichtbaren Mittelpunkt bewegte. Aber die Mannen von
Ingersleben drngten mit ihren Speeren dicht um den liegenden Grafen, und Ivo
rief ihm zu: Nur das Wappenbild auf Eurem Gewande begehre ich. Gebt Euch, Graf
Markwart, damit meine Knaben Euch nicht die Arme schnren. Der Betubte
vermochte kaum zum Zeichen der Ergebung die Hand zu heben. Ivo sprang herab,
lste ihm die Schnur des Helms und half ihm auf das zitternde Ro, aber die
behende Schere seines Knappen hatte dem Gefallenen bereits den seidenen berwurf
gekrzt.
    Da gab der Kampfrichter den Blsern ein Zeichen, das Ende auszurufen. Wer
nach dem letzten Posaunenton noch weiterkmpfte, verlor seine Rstung, darum
schwand allmhlich das Getse, die Kmpfer banden ihre Helme ab und suchten ihre
Stelle in den geminderten Haufen. Ivo aber sprengte mit entbltem Haupt in die
Mitte des Raumes, rief den Teilnehmern am Turnier seinen Dank aus und zog dann
langsam mit seiner Schar in den Schranken umher, whrend der Beifallsruf der
Zuschauer wie Donner erklang. Die Gefangenen entlie er, soweit er Macht ber
sie hatte, ohne Lsegeld.
    Es war ein kleines, aber ruhmvolles Turnier. Die Gegner Ivos hatten den
grten Verlust an geworfenen Helden, wie an zerbrochenen Rippen, und die
Erfurter rhmten als besonderen Zufall, da kaum zwei gefhrlich verwundet
waren. Nur die Beutelustigen grollten dem Sieger, weil er das Waffenspiel allein
auf Speere und nicht auch auf die stumpfen Schwerter eingerichtet hatte, welche
sonst nach dem Speerkampf geschwungen wurden und reichlicher zu Gefangenen
verhalfen. Ganz unzufrieden war der Rettbacher, denn die Herren von Ingersleben
hatten ihn gefangen, und weil er sich strubte, mit Riemen geschnrt.
    Am Abend lag Ivo mde auf seinem Lager, Henner hatte sich nicht nehmen
lassen, den Herrn eigenhndig mit wohlriechendem le zu salben, er umhllte ihn
sorglich mit der weichen Decke und mahnte: Gnnt Euch die Ruhe. Nie wurden
Ste ruhmvoller empfangen, und die Anstrengung dieser Tage war grer, als wohl
ein anderer Mann ertrge.
    Wahrlich, lachte Ivo, sich mhsam ausstreckend, an den Blumen rhmen wir
im Liede die Farben Rot, Blau und Braun, aber auf der Haut bereiten sie nicht
das grte Behagen.
    Unterdes kniete Nikolaus auf dem Boden und breitete vor dem Herrn den Gewinn
des Kampfes, die bunten Stcke Tuch und Pelzwerk aus, er rief dabei noch
begeisterter als der Marschalk: Das Leid whrte nicht lange, denn nicht ein
Finger wurde gebrochen, und selig preisen wir den Helden, der dafr Ruhm in
allen Landen davontrgt. Es wird ein Mantel, den eine Knigin mit Stolz tragen
kann, oben das weiche Pelzwerk und unten die wilden Tiere, und in der Mitte die
ganze Herrlichkeit des Himmels, Sonne, Mond und Sterne. Und er summte vor sich
hin:

Non leo rugiens, neve bos mugiens,
nec hircus hinniens, cornibus quatiens
insanit totiens, quam miles saliens dominae serviens6.

Henner verlie das Zelt mit einem argwhnischen Blick auf den Schler, und Ivo
sprach mde zu Nikolaus: Sage mir, was du lateinisch gesungen hast.
    Die Miene des Schlers nderte sich, als er mit Ivo allein war, und an das
Bette tretend, antwortete er nicht wie ein Dienender, sondern wie ein Snger,
der zu seinem Genossen redet: Es gibt nichts auf Erden, was sich solchem
Ritterspiel vergleichen lt, als der Kampf zweier Stiere auf dem Anger oder
auch zweier bermtiger Bcke, wenn sie mit den Hrnern zusammenschlagen. Um
fnfzehn Lappen Zindel und Perkan habt Ihr Euch fnfzehn Todfeinde gemacht; seid
sicher, sie werden's Euch nachtragen.
    Mgen sie, versetzte Ivo gleichgltig, nicht alle bewahren ihre Tcke so
dauerhaft als du; und wenn sie es tun, so weit du auch, da ich wenig darnach
frage.
    Nur eines mindert Euren Ruhm, fuhr Nikolaus fort, da Ihr mit ziemlich
heiler Haut davongekommen seid, weit ritterlicher wre es, wenn Ihr wenigstens
ein Bein gebrochen httet.
    Ich bin dir dankbar fr die guten Wnsche.
    Nicht ich denke so, denn das Schicksal hat mich davor bewahrt, ein Reiter
zu werden, aber Euresgleichen hegt solche Gedanken. Es ist Art der Welt, Herr,
die Liebenden zu bewundern, wenn sie Unglck haben. Der junge Held Leander
schwamm zu seiner Herrin Hero ber ein groes Wasser, wre er nicht ertrunken,
so wrde kein Hahn nach ihm krhen. Jetzt rhmen die Snger in allen Landen
seinen Heldenmut. So wrden auch Euch die Frauen lieblicher zulcheln, wenn Ihr
wenigstens halbtot am Boden liegen wolltet, denn das brchte ihnen mehr Ehre.
    Eine wei, da mir wenig am Leben gelegen ist, versetzte Ivo lachend.
    Wre es noch auf dem Wege zur Herrin oder lieber von ihr, antwortete der
Schler. Aber fr ein Gewand das Leben zu wagen, solcher Dienst ist nicht nach
meinem Sinn.
    Nein, murmelte Ivo, sonst wrest du schwerlich ein fahrender Schler.
    Was kann ich dafr? fragte Nikolaus. Jedes Geschpf hat seine eigene
Natur, und ich bin nicht in die Welt gesetzt, um mit Schwert und Spie zu
hantieren. Das merkte ich neulich, als Ritter Konz und die Dorfknaben ihre
Schwerter gegen mich zogen und die Magd Friderun dazwischensprang. Mich
ngstigte das kalte Eisen, dennoch freute ich mich ber das Weib, denn sie
achtete um meinetwillen die Schwerter weniger als Rohrhalme.
    Um meinetwillen? wiederholte Ivo, aus seiner Mattigkeit erwachend.
    Ja, Herr, versetzte der Schler, ich hoffe, da sie mir wohlwill, und
wenn mir einmal besseres Glck zuteil werden sollte, so denke ich, sie als meine
Hausfrau heimzufhren.
    Ivo richtete sich auf. Du? fragte er kalt.
    Warum nicht? Jedermann denkt in der Stille gut von sich und rechnet auf
besseres Glck. Und wieder an das Bett tretend, fuhr er eifrig fort: Ich wei,
auch Ihr achtet mich im Grunde nicht viel mehr, als Eure Ritter tun, die einen
leeren Kopf in dickem Eisentopfe verstecken. Und trget Ihr Euren Rittergurt
gerade so wie die andern, ich wrde Euch nicht lange dafr danken, da Ihr mich
aus dem Schnee gehoben habt, sondern ich wrde meinen Stab weitersetzen und das
Zauberweib Fortuna anflehen, da sie mir anderswo ein Unterkommen bereite, am
Kchentisch eines lustigen Bischofs oder in einer kalten Schneewehe. Aber Herr,
obwohl Ihr so fleiig Speere zerstecht, da die Spreizel durch das ganze Land
fliegen, so habt Ihr doch andere Gewohnheiten, welche ich lieber verehre. Wenn
die Nachtigall singt, so zwitschert auch in Eurem Herzen ein kleiner Vogel, wenn
Ihr einen Notleidenden seht, so rtet sich Eure Wange in Mitgefhl, wenn Ihr
lacht, so klingt das herzlicher als bei den meisten Menschen und es macht auch
andere froh. Und nicht zum wenigsten dankbar bin ich Euch deshalb, weil Ihr den
Witz habt, mich zu ertragen, wenn ich rede, wie ich denke, und weil Ihr einmal
zu mir gesagt habt: Nur die Lge will ich nicht leiden, sage mir die Wahrheit
und ich gelobe, dir niemals zu zrnen und dir auch Unrecht zu verzeihen, solange
ich das vermag. Das spracht Ihr, Herr, und ich tue darnach. Andere habe ich oft
belogen, gegen Euch bin ich ehrlich gewesen. Wollt Ihr mich so nicht mehr
dulden, so sagt mir's, ich laufe von dannen. Fr Eure Lieder werdet Ihr leicht
einen andern fahrenden Snger finden, der sie Euch zurechtsetzt und im Lande
verbreitet, und fr Eure vertraute Schreiberei noch eher einen geflligen
Pfaffen, den Ihr durch Eide festbinden knnt.
    Ivo streckte den Arm von seinem Lager: Bleibe bei mir, Nikolaus.
    Der Schler beugte sich ber die Hand und verlie leise das Zimmer. Ivo
legte sich seufzend zurck. Die Siegesfreude, welche er eben noch empfunden
hatte, war ihm geschwunden. Vergebens mhte er sich, das Bild der Herrin
festzuhalten und an die berraschung zu denken, die ihr der Mantel bereiten
werde; immer wieder kam ihm das zornige Antlitz des Landmanns vor Augen, dem der
Sohn entwichen war, und dazwischen hrte er die klagenden Worte der Magd
Friderun. Er machte mit der Hand eine heftige Bewegung, um die fremden Gedanken
loszuwerden, aber sie warfen ihn lange umher, bis sie endlich als undeutliche
Traumbilder entschwebten.
    Einige Tage darauf traten Frau Else und Hedwig aus den Frauengemchern der
Wartburg in den kleinen Hof, welcher zu ihrem Gebrauch abgegrenzt war. In den
Steinhallen der Burg loderten die Kaminfeuer, aber drauen schien die Abendsonne
warm auf den Felsen. Der Landgraf war mit groem Heergefolge nach Italien zum
Kaiser gezogen, auch Hedwig rstete sich zur Abreise nach Augsburg an den Hof
des jungen Knigs Heinrich, wo sie zu weilen pflegte. Die Frauen waren allein,
nur in einer warmen Mauerecke kauerte, das rote Turbantuch ber der braunen
Stirn, frstelnd ein stummes Sarazenenmdchen, die vertraute Dienerin der
Fremden.
    Beide stiegen aus dem Hofe einige Stufen hinauf zu einem Sller von
zierlichem Schnitzwerk, der oben an die Mauer gefgt war; von dort sahen sie
ber Felsen und Baumwipfel hinab auf ein enges Tal, in welchem die Hirten mit
ihrem Herdenvieh lagerten. Durch die stille Luft klangen einzelne Tne der
Sackpfeife wie ein Gru, den das Tal der Hhe zusandte.
    Es ist niedrige Kunst, die jene dort ben, begann Hedwig, aber frhlicher
ist ihr Mut als der meine, denn hinter vergoldeter Pforte stehe ich in der
Klausur und der Blick ins Freie macht mich traurig. Du bist glcklich, Else, da
du ohne Wchter mit offenem Antlitz ber Berg und Tal ziehen darfst. Es ist
lange her, seit ich mit meinen Fen auf offenen Anger trat und fr mich Blumen
zum Kranze las.
    Nahe vor ihren Fen ertnte leiser Gesang, die Frauen sahen einander an.
Das klingt nicht wie das Lied eines Bauern, es ist eine ritterliche Weise,
sagte Hedwig und beugte sich ber die Brstung. Unter dem Sller fiel der Fels
steil zur Tiefe. Auf einem Vorsprung, der kaum dem Stehenden Raum gab, lehnte
ein Mann in rmlicher Tracht, dem das Haar wirr um das Gesicht hing; einen
groen Filzhut, wie ihn die Landfahrer trugen, hatte er abgenommen und hielt
ihn, nach der Hhe blickend, ber sich, als wollte er eine herabgeworfene Gabe
auffangen. Klimmen bei euch die Bettler mit Lebensgefahr nach Almosen? fragte
Hedwig. Kann ich ihm spenden, so tue ich's, denn er wagt seinen Hals oder doch
seine heile Haut, wenn ihn die Wchter auf der Zinne erblicken. Sie suchte in
der Tasche, welche ihr an der Seite hing. Fange auf, rief sie hinab und warf
etwas in den Hut, ein undeutlicher Dank wurde gehrt, dann klang die frhere
Weise fort. Whrend die Frauen lauschten, schwebte pltzlich ein dunkler
Gegenstand vor ihnen in der Luft, ein Bndel, mit Stoff umwickelt, sank vor ihre
Fe; die Frauen sprangen auf und sahen ber die Mauer, der Felsblock war leer,
der Fremde verschwunden. Ihn deckt der Laubwald, wir aber haben ein
Gegengeschenk empfangen, rief Hedwig mutwillig, bcke dich nicht darnach,
Else, wer mag wissen, was darin ist.
    Ich sehe silberne Borten glnzen, versetzte Frau Else erstaunt.
    Rufen wir eine unserer Frauen, da sie es ffne. Sie klatschte schnell in
die Hnde, ihre Dienerin flog von der Mauerecke herzu, Hedwig gebot ihr in
fremder Sprache. Die Dienerin lste die Bnder und entrollte einen bunten
Mantel, seltsam aus vielen Stcken zusammengenht, mit allerlei ritterlichen
Zeichen, Sternen und Fabeltieren bedeckt. Die Landgrfin sah erschrocken darauf
und rang die Hnde. Das ist der Mantel, den Herr Ivo im Kampfe fr seine Herrin
erworben hat.
    Weit du, wer die Herrin ist? fragte Hedwig mit blitzenden Augen.
    Else neigte wie betubt das Haupt. Wieder machte Hedwig eine heftige
Bewegung, die Dienerin raffte den Mantel zusammen. Was soll aus der Speerbeute
werden? fragte sie wieder.
    Nie habe ich ihm ein Recht gegeben, klagte Else, nicht durch Wort, nicht
durch Miene, mir so dreist sein Geschenk zu senden. Rein hielt ich mich vor dem
Himmelsherrn und vor meinem lieben Hauswirt.
    Eine andere Frau wrde stolz sein, so teuer gewonnene Spende zu empfangen,
versetzte Hedwig kalt. Frau Else aber stie mit dem Fu an das Bndel. Hinweg
damit, eine Versuchung erkenne ich, die mir der Bse sendet, meinem Hausherrn
will ich die Krnkung klagen.
    Willst du Herrn Ivo tten oder deinen Gemahl und vielleicht beide, weil ein
Ehrengeschenk ber die Mauer geflogen ist, welches keine Knigin miachten wird?
Wahrlich, bescheiden und demtig rollte der Bund vor unsere Fe. Merke auf,
Else, krnkt dich das Gewebe, so strafe den, der es gesandt hat, durch Klte in
Blick und Wort; aber mache keinen Mann zum Vertrauten, keinen, Else, denn du
selbst mchtest die Folgen beweinen. Von der Gabe, die der Werber vor unsere
Fe gesandt hat, denke ich dich schnell zu befreien. Sie fragte die stumme
Dienerin: Brennt das Kaminfeuer in meiner Kammer? Trag den Bund eilig hinauf,
schlie die Tr, wirf ihn in die Flammen und harre, bis er zu Zunder verbrannt
ist. Und sie fgte einige fremde Worte hinzu.
    Als das Sarazenenmdchen die Treppe hinaufeilte, trat ihr ein Mann in
dunklem Priesterkleide entgegen, es war Meister Konrad. Er ri das Bndel aus
ihrer Hand, und whrend die Stumme heftig mit den Armen gegen ihn schlug und
mitnendes Geschrei ausstie, lftete er das lose Band, sah die Zipfel des
zusammengerollten Tuches und gab es mit finsterer Miene zurck. Als das Mdchen
entsprungen war, blickte er forschend in die Landschaft hinaus.
    Unterdes standen die Frauen einander schweigend gegenber. Endlich wies
Hedwig nach einer Esse, aus welcher ein dicker Qualm aufstieg. Dort schweben in
braunem Dampfe Greifen und Lwen den Wolken zu, rief sie bermtig. Getilgt
ist der Zauber, mit dem der Khne edle Frauen umstricken wollte. Stecht Ihr
wieder einen Mantel zusammen, Herr Ivo, so sorgt dafr, da er unverbrennbar
werde. Sei ruhig, Else, wren wir Bauernkinder, wie die dort unten, so wrden
wir den Glasring, den uns ein kecker Werber an den Finger drckt, entweder in
den nchsten Bach werfen oder auch heimlich bewahren, und uns frhlich im Reigen
weiter schwingen. Ksse du deinen Trauten um so herzlicher, wenn er zur Heimat
kehrt, schweig und vergi. Denn wir sind nicht allein, dort naht der finstere
Meister, der wenig spricht und auf alles merkt, und der in diesem Hause mehr
gebietet, als einem leichten Herzen frommt.
    Konrad verneigte sich gemessen vor den Frauen. Ein Bauer rief klagend in
den Schlohof, da ihm ein Br aus den Bergen in seinen Zaun gebrochen sei, Herr
Walter rstet eine Jagd gegen das Untier. Und zu Frau Else tretend, fuhr er
leise fort: Was soll mit dem Mantel werden?
    Else wies nach der Hhe. Er ist verbrannt, mein Vater. Der Meister nickte
zufrieden mit dem Haupt.
    Als Frau Else sich nach demtigem Gru dem Hause zugewandt hatte, trat
Konrad zu Hedwig, die ihn mit zusammengezogenen Brauen erwartete. Enthaltet
Euch, edle Frau, Eure Kunst an meiner Herrin Elisabeth zu ben. Sie ist seither
unstrflich gewandelt in einer verdorbenen Welt, die Unschuld eines Kindes hat
sie sich als Hausfrau und Mutter bewahrt, ihr Sinn ist vllig lauter, ihre Rede
wahrhaft, und sie gleicht einem Engel des Himmels, soweit irdischer
Unvollkommenheit solche Hoheit gegnnt ist. Ich aber habe vor Gott und den
Heiligen gelobt, ihr Gemt dem Himmel rein zu bewahren, wie ich es empfing.
Darum rate ich Euch, verlockt sie nicht in das weltliche Treiben, das Euch die
Seele fllt. Denn obgleich ich selbst ein sndiger Mensch bin, bei dieser Reinen
will ich stehen wie der Wchter vor dem Paradiese, der den Gefallenen wehrt, das
Heiligtum zu betreten. Er sprach in groer Bewegung und seine Augen flammten.
    Hedwig antwortete stolz: Seid Ihr zum Wchter einer Frau gesetzt, die in
weltlichen Freuden leben darf, so htet Euch, Herr, da Ihr nicht Eifer fr den
Glauben nennt, was Herrschsucht und Neid gegen andere ist. Wisset, da ich unter
den Sndern die Kunst gelernt habe, durch die Augen der Menschen in ihr Herz zu
schauen. Ich sah zuweilen, da ein Priester ein Weib mit der Geiel zur Nonne
schlug, weil er sie anderen Mnnern nicht gnnen wollte und daran verzweifelte,
sie fr sich selbst zu gewinnen.
    Aus den Augen des Priesters brach ein heier Blick des Zornes, aber er
erblate und sprach leise: Ich sagte Euch, da ich ein sndiger Mensch bin.
Habe ich mit schweren Gedanken zu ringen, so wissen meine hohen Frbitter, da
ich mich selbst mit strenger Bue strafe. Ihr aber sprecht nur wie ein bser
Feind von den geheimen Sorgen einer frommen Seele, denn Ihr vermgt nichts von
der heiligen Freude zu ahnen, die ein Lehrer haben darf ber eine Schlerin, wie
jene ist. Verstndet Ihr die Kunst, in dem Gemt anderer zu lesen, so wrdet Ihr
auch in meinem Herzen erkennen, da ich ein treuer Diener meines Gottes bin und
da ich keine Schonung be, wo ich Unglauben und Herrschaft des Teufels erkenne,
sei der Snder hoch oder niedrig, Landfahrerin oder Frstin.
    Ihr sprecht zu einer Nichte Eures weltlichen Herrn, des Kaisers, versetzte
Hedwig kalt, und zu einer Frau, welcher der Heilige Vater selbst ihre
Rechtglubigkeit bereitwillig besttigt hat. Und ich rate Euch, da Ihr Euer
menschenfreundliches Werk zu Rom beginnt unter den Groen der Kirche; denn man
sagt, da Hoffart, Geldgier und was Ihr als Sinnenlust und Werke des Teufels
verfolgt, nirgend mehr in Blte stehen als dort.
    Sie wandte ihm den Rcken und er sah ihr zornig nach.
    Die Nacht war gekommen, der Vollmond ging am Himmelsgewlbe, das wolkenlos
wie ein dunkler Kristall die Erde umschlo. Nur hoch ber der Burg schwebte eine
schwarze Wolke, vielleicht war es der zusammengeballte Dampf eines verkohlten
Gewebes. Auf den Hhen und im Tal war kein Windeshauch zu spren, regungslos
starrte das junge Laub an dem Gehlz, welches den Fu des Burgfelsens umgab.
Auch der Hof hinter der Mauer lag einsam mit dunklen Schatten und hellen
Lichtern. Da klang eine Frauenstimme leise wie ein Hauch von der Mauer herab:
Ein Kuzlein ruft das andere.
    Von unten aus dem Schatten des Felsen kam ebenso die Antwort zurck: Dein
Geselle hngt am Steine, er hrt die Stimme, die ihn selig macht, das Antlitz
vermag er nicht zu schauen; denn dunkler Schatten birgt das Licht deiner Augen,
und ich erkenne nicht, ob dein Mund mir zulacht.
    Und von der Hhe sprach's wieder: Ich aber mchte alle Finsternis der Nacht
ber dich decken, denn mir bangt um dich, und mich ngstet dein Stand auf dem
schmalen Stein. Schnell weichen die Schatten, der erste Mondenstrahl, der auf
dich fllt, verrt dich den Wchtern.
    Sorge nicht, antwortete es, grau ist der Stein und grau das Gewand deines
Kauzes. Ach, eine Lge war unser Spiel mit dem Kuzlein, so klein ist der Raum,
der mich von dir trennt, und doch fehlen die Flgel, auf denen ich mich zu dir
schwinge.
    Harre unten, Geselle, flsterte es, die Spher wachen. Ich wei eine, die
ihrem Ritter dankbar ist und die ihre Kappe treu bis zu der Stunde bewahrt, wo
sie sich damit umhllen darf. Wisse auch, arge Not bereitete das Geschenk,
welches zwischen zwei Frauen fiel, und nur eine List vermochte es vor dem Feuer
zu retten. Wie gefiel dir's, mein Kauz, als die fremde Frau in der Tafelrunde
eine Geschichte erzhlte, die wir beide am Baume erlebt? - Die Heiligen mgen
uns vor einem gleichen Ende bewahren.
    Sinnvoll sprach die Frau, denn in dem Astloch fand ich den Brief meines
Gesellen. Aber hart war dein Gebot, die Augen zu senken.
    Oben klang leises Lachen. Arme Schattenvgel sind wir. Wenn wir bei
Sonnenlicht gegeneinander blinzen, erraten uns die Spher. Ich bewahre geduldig
die Kappe, ertrage auch du das Geheimnis um meinetwillen.
    Ob ich in deiner Nhe atme, antwortete der Mann, oder ob ich von dir
getrennt bin, immer fhle ich den Zauberring, den du um meinen Arm gelegt hast.
Auch, wenn du in der Ferne weilst, ist der beste Teil meines Lebens bei dir. Und
ich sage dir, Herrin, ganz wie im Traume wandle ich dahin, unablssig schweben
meine Gedanken um den Baum und den Quell, an dem ich dich kte, als du noch
frei durch Flur und Hain zogst. Alle meine Sinne sind durch deine Macht
gefangen, und mir ahnt, nicht eher werde ich den Frieden wiederfinden, als bis
ich dich an meiner Seite schaue, wie einst in seligen Tagen am Quell.
    In der Hhe schwieg's, erst nach einer Weile hauchte es leise, mit bebender
Stimme: Ich aber sorge anders um dich, du kindischer Mann; auch unter den
Fremden freue ich mich in meinen Gedanken des Geliebten; wenn ich dein Lob hre,
so pocht mir das Herz, und gern sinne ich darber, wie ich alle Herrlichkeit um
dein Haupt sammeln knnte. Deinen Ruhm will ich erhhen und als sieghaften
Helden will ich dich unter deinesgleichen sehen. Ich hoffe, bald kommt der Tag,
wo du dem groen Herrn der Christenheit wert bist; vielleicht, da du durch die
Gunst des Kaisers einen Preis gewinnst, den du dir, wie du sagst, am meisten
ersehnst.
    Ungleich ist unsere Liebe, sprach es traurig in der Tiefe, du begehrst
fr mich Kampf und Heldentat, damit du stolz sein kannst auf einen Ritter, der
dir dient. Ich aber sehne mich in deine Arme, dein holdes Lachen will ich hren
und die sen Worte, die du mir einst in das Ohr sprachst. Lade mich, da ich
das Mohrenschlo breche, welches dich umschliet, und ich will, wie hoch die
Mauer auch rage, zu dir eindringen, dich auf mein Ro heben und meine Beute
behaupten gegen jedermann, ja auch gegen Kaiser und Reich. Aber trste mich
nicht mit der Gunst anderer und hoffe nicht, Geliebte, da Fremde fr meines
Herzens Seligkeit tun werden, was wir selbst nicht zu tun vermgen. Allein sind
wir beide auf der Welt mit unserer Liebe, und nur auf uns selbst drfen wir
vertrauen. Die Frauenstimme antwortete nicht, nur ein Seufzer drang in das Ohr
des Mannes, der ernsthaft fortfuhr: Bitter und schwer wird mir die Entsagung,
in der ich wie ein Mnch lebe, und fr meine Liebe ist es die hrteste Prfung,
da ich deinen Willen ehre, auch wenn du dich mir versagst. Wisse, du Holde,
wenn ich mein Haupt hoch trage unter den Edlen dieses Landes und wenn ich gering
achte, was andere mit wilder Begier erfllt, so gewinne ich die Kraft nur darum,
weil ich mich wrdig halten will fr den holden Gru, den ich von deinen Lippen
hoffe, und fr das Umfangen deiner Arme.
    Eine kleine Hand hob sich wie zum Segen ber die Mauer. Nicht um
meinetwillen sollst du stolzer sein als deinesgleichen, und nicht mir verdankst
du es, wenn du dich edler hltst als andere, denn du folgst nur dem hohen Sinn,
der dir selbst eigen ist. Ja, du hattest recht, den Ehrgeiz zu schelten, mit dem
ich dir durch Fremde eine grere Herrschaft bereiten mchte. So, wie du bist,
sollst du dich mir bewahren. Glcklich war ich in der Stunde, in welcher du dem
Herrn dieser Burg antwortetest, du, ein hochsinniger Edler einem Begehrlichen.
Da du nicht um Gunst und Lohn der Mchtigen sorgst, darum will ich dich lieben,
und wie ein Lied in reinem Ton soll dein ganzes Leben erklingen nach deiner
eigenen Art. - Wehe mir, die Schatten schwinden, und das Mondenlicht umsumt
dein bleiches Antlitz. Drcke dich an den Felsen und vernimm meinen letzten
Gru. Immer liebe ich dich. Selig fhle ich mich in deiner Heimat, selten
verging ein Tag, wo nicht unter den Frauen dieses Hauses von dir die Rede war,
aus der Ferne sah ich die Sttte, wo deine Wiege stand, und sie zeigten mir den
alten Turm deines Hofes. Tglich habe ich dir mit dem Schleier Gre zugeweht
und deine Liederweise vor den kleinen Vgeln deines Landes gesungen. Ist deine
Sehnsucht hei, so wisse, auch ich gehe jetzt in das Elend, da ich dich meiden
mu.
    Von unten hob sich ein Arm in die Hhe, vergebens bemht, der Geliebten Hand
zu fassen, welche sich nach ihm ausstreckte. Da erscholl vom Turme ein
feindlicher Ruf und ein Pfeil flog zwischen den ausgestreckten Armen an den
Felsen. Lebe wohl, gedenke mein, flsterte es noch traurig hinauf. Im nchsten
Augenblick glitt die Gestalt eines Mannes abwrts, von der Hhe starrten zwei
Frauenaugen angstvoll in die Dmmerung hinab.

                                 In harter Zeit


Auf den sonnigen Mai folgte ein regenloser Sommer, jeden Tag warf die Sonne
feurige Strahlen auf die trockene Erde. Die Obstbume in den Grten hatten
berreichlich geblht, jetzt fielen die grnen Frchte welk auf den Boden; auf
den Ackerbeeten hatte die Saat wie ein grnes Meer gewogt, jetzt sah man graue
Schollen zwischen den hrenlosen Halmen; der bunte Blumenteppich der Wiesen war
geschwunden und verbrannt lag der Rasen auf dem Anger und der Heide; die Quellen
versiegten, in dem Bett der Gebirgsbche rann die dnne Wasserader kaum sichtbar
zwischen kahlen Steinbnken; das Herdenvieh drngte sich hungrig an die
schattigen Rnder des Laubwaldes, sogar das grne Gewand der Bume hing dnn und
durchsichtig um die Zweige. Den Menschen schwand der kecke Sommermut in banger
Sorge um die Zukunft, wenn sie ber die lechzende Flur sahen, auf hungrige
Herden und in leere Scheuern. Aber noch war das Schlimmste zurck, denn als die
Landleute gerade ihr Werkzeug schrften, um die sprliche Ernte einzubringen,
barg sich die Sonne hinter dicken Wolkenmassen und der Regen strmte herab,
tglich ohne Ende. Der Donner krachte und die Blitze zuckten um das Waldgebirge,
das Wasser strzte in Strmen durch die Tler; wieviel auch der versengte Boden
einsog, der Schwall rauschte doch aus den Ufern, bergo die Felder und wlzte
sich zerstrend durch die Drfer, er hob die Brcken, schwemmte Stlle und
Htten von ihrem Grunde und ri Tiere und Menschen in tollem Strudel abwrts. Da
kam der grte Schrecken ber das Land, ein Gefhl menschlicher Ohnmacht
gegenber den feindseligen Gewalten der Natur. Die Leute liefen zu den
Heiligtmern, beteten und taten Gelbde. berall erschienen neue Mnche in
braunen Kutten, mit einem rohen Riemen oder Strick gegrtet; unter den
Dorflinden und auf den Kirchhfen der Stdte, wo sich sonst die Paare im
Reigentanz geschwungen hatten, hielten sie ihr kleines Holzkreuz in die Hhe und
schrien den Zorn des Himmels aus, mahnten zur Bue und verkndeten die Schrecken
des Jngsten Gerichts. Viele von den armen Laien verzweifelten am Leben, die
Trotzigen gesellten sich zu Haufen, welche gegen die Hfe der Wohlhabenden die
Fuste erhoben und auszogen, um durch Raub und Einbruch ihrer Not abzuhelfen;
die Schwcheren unterlagen dem Mangel und den Seuchen, welche sich pltzlich mit
furchtbarer Macht in Stadt und Dorf ausbreiteten. Jedermann litt und klagte,
auch der Reichste fragte bekmmert, wie das Volk die lange Zeit bis zur nchsten
Ernte ertragen werde.
    Von der Wartburg stieg Frau Else jeden Tag nach Eisenach herab, dort loderte
das Feuer in vielen Kchen, fr welche sie sorgte, und vielen hundert
Notleidenden wurde dort tglich die Kost bereitet. Aus den Scheuern und Stllen
ihres Gemahls lie sie herbeifahren, was sie vermochte, um unter der Aufsicht
des Meister Konrad den Darbenden zu spenden. Vergebens mahnte Herr Walter, Ma
zu halten, und vergebens zrnten die Brder des Landgrafen, da sie das Gut des
edlen Hauses vergeude, ihr Herz war ganz aufgelst von Angst und Mitleid, sie
sa selbst bei den Kranken in den Siechhfen, fastete und bte in hrenem
Gewand, um den Zorn des Himmels von ihrer Landschaft abzuwenden. Dabei grmte
sie sich ber die Abwesenheit ihres Gemahls, dem seine Kriegsfahrt in Italien
gar nicht glcken wollte.
    Auch auf dem Hof des Herrn Ivo sah man ernste Gesichter, die Ausgaben in der
Maienzeit waren gro gewesen, jetzt kamen statt neuer Einnahmen von allen Seiten
Klagen der Vasallen und Notrufe der hrigen Leute. In dem eigenen Dorfe, welches
seitwrts vom Hofe lag, hatten die Bauern in milder Dienstbarkeit gelebt und
sich lange wohlgefhlt, jetzt sah Ivo tglich bleiche Kinder und Frauen mit
Herrn Godwin verhandeln, und wenn die Armen ihn selbst erblickten, so faten sie
ihm flehend an Hnde und Gewand und schrien um Nahrung fr sich und fr die
letzten Hupter ihres Stalles. Er ffnete warmherzig seine Scheuern, und mit
Mhe rettete der Kmmerer dem Herrenhofe den notdrftigen Winterbedarf; aber was
Ivo auszuteilen vermochte, wollte nirgend reichen, und oft stand er bei Herrn
Godwin in sorgenvoller Beratung.
    Zum ersten Male in seinem Leben empfand er bitteres Weh darber, da er
nicht reicher und mchtiger war und da er nicht als Herr fr andere, welche auf
ihn hofften, so zu sorgen vermochte, wie ihm sein milder Sinn gebot. Er dachte
auch zuweilen daran, da jenes Gold, welches im Frhling vom Schmiede zu
Fingerringen geschlagen war, jetzt manchen aus der letzten Not erlst htte.
Aber solcher Gedanke erschien ihm wieder als ein Unrecht gegen die Herrin, und
er bat sie in der Stille um Verzeihung. Nur einmal war er heimlich nach dem
Sden geritten und hatte aus der Hhlung eines Baumes, den er kannte, einen
Brief geholt; daraus wute er, da auch die geliebte Frau mit schweren Sorgen
rang. Deshalb war ihm das Herz selten so leicht, da er nach dem Saitenspiel
griff, und Nikolaus, der ihm sonst die Lieder schrieb und mit seiner schnen
Stimme vorsang, hatte mige Tage.
    Oft zog den Schler der Wunsch, Friderun zu sehen, nach ihrem Dorfe; doch
trotz seiner Dreistigkeit wagte er lange nicht, den Hof des Richters zu
betreten, denn sein arglistiger Rat hatte das Unglck Bertholds herbeigefhrt,
er hatte wohl gemerkt, da seit jener Zeit der Verkehr zwischen den Herren von
Ingersleben und dem Hofe des Richters aufgehrt hatte, und er frchtete fr sich
schnde Behandlung, die ihn anderswo weniger gekmmert htte. Von den Dorfleuten
vernahm er, da der fremde Bruder mit dem schwarzen Bart noch immer bei dem
Richter hauste und da zu dem einen Kranken ein zweiter gekommen war, ein
hilfloser Mann aus dem Orte selbst. Um seine Feinde auf der Mhlburg sorgte er
nicht sehr. Denn Ritter Konz hatte sich mit Berthold und einigen Knechten dem
Zuge des Landgrafen nach Welschland angeschlossen, weil ihm nach seiner
Niederlage ganz lieb war, fr lngere Zeit der Heimat den Rcken zu kehren.
    Als nun Nikolaus einmal im Sptsommer das Haus des Richters sphend
umkreiste, sah er durch die offene Pforte, da Friderun ber den Hof nach dem
kleinen Garten schritt. Da konnte er sich nicht enthalten, ihr nachzuspringen,
und er begann verlegen: Guten Tag, Magd Friderun. Ich wollte sehen, ob der
wilde Birnbaum, unter dem Ihr steht, in diesem traurigen Jahr Frchte trgt. Ich
denke wohl daran, da Ihr mich einmal spottend mit einer wilden Birne verglichen
habt, die erst geniebar wird, wenn sie Runzeln bekommt, und dann auch nicht
sehr. Beim lichten Himmel, der Baum trgt ber und ber, ich glaube, er ist der
einzige in der Welt. Sein Gesicht verklrte sich, als Friderun ihm eine
freundliche Antwort gab und sogar fragte, wie es whrend der langen Zeit im
Edelhof ergangen sei. Sogleich schnellte sein Selbstgefhl in die Hhe. Ich
habe wenig Gelegenheit, dort meine Kunst zu ben, auch die behelmten Raubvgel,
welche dort sitzen, lassen die Flgel hngen, und Herr Ivo hat den Gesang fast
verlernt.
    Friderun nickte: Er singt Euch zuerst seine Lieder vor, weil Ihr selbst ein
Snger seid.
    Ich helfe ihm auch, wenn ihm eine Silbe fehlt oder ein Reim nicht
suberlich klingt, denn er arbeitet liederlich, wie Herren pflegen.
    Ist er immer gtig gegen Euch? fragte Friderun schnell.
    Fragt lieber, ob ich es gegen ihn bin, versetzte Nikolaus bermtig. Aber
er bereute zur Stelle diese Worte, denn die Augen der Friderun blitzten so
scharf gegen ihn, da er zurcktrat.
    Ihr seid in seinem Dienst und Ihr sollt Euch nicht vor Fremden gegen ihn
erheben, das ist nicht redlich, Nikolaus, denn Ihr vermgt seine edle Gesinnung
besser zu verstehen als mancher andere.
    Ihr habt recht, bekannte Nikolaus reuig, doch bedenkt, da auch ich ein
Snger bin und nicht geringer als er.
    Seid Ihr ihm im Gesnge berlegen, fuhr Friderun mahnend fort, so zeigt
das ihm allein mit Bescheidenheit, damit seine Kunst sich mehre.
    Ich spreche auch nur gegen Euch so, weil ich Vertrauen zu Euch habe, sagte
Nikolaus und setzte mit stockender Stimme hinzu: Denn glaubt mir, vor allen
anderen mchte ich Euch gefallen.
    Euer Handwerk verlangt, da Ihr vielen zu gefallen sucht, antwortete
Friderun freundlicher, und Ihr wit, da ich Euch zuweilen gerne sehe und Eure
lustigen Reden anhre. Sie nickte ihm zu und wandte sich abwrts zu den Husern
der Bienen, welche ihr und dem Vater Ehrfurcht bewiesen, aber dem Schler
furchtbar waren.
    Nikolaus folgte ihr mit den Augen, bis ihre Gestalt hinter den Stcken
verschwand. Dann glitt er auf eine Bank, barg trbselig seine Augen mit der Hand
und lange Zeit zwitscherten seine kleinen Kumpane im Laube, ohne da er darauf
achtete, endlich summte er leise: Die Schwalbe baut aus Lehm ihr Huselein, ich
aber habe keins. Wirt und Wirtin fliegen aus und ein, ich aber schweife durch
die Welt in Lieb' und in Leide allein, allein.
    Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter, er fuhr in die Hhe, der
Richter stand vor ihm. Der Schler zwang sich zu sorglosem Ausdruck und suchte
in den Zgen des Alten zu lesen, ob dieser ihm bles sinne, aber er sah eine
nachdenkliche und trbe Miene.
    Man sagt von Euch, Nikolaus, da Ihr weit in der Welt umherkommt und da
Ihr auch einmal geistlich gewesen seid.
    Nikolaus antwortete mit mehr Aufrichtigkeit, als er sonst einer forschenden
Frage vergnnte: Ich sa zu Wrzburg in der lateinischen Schule, und mit
manchem, der jetzt als ein stolzer Bischof durch die Lnder fhrt, habe ich
zusammen gelernt. Ich war auch zwei Jahre in Paris bei weisen Meistern. Und ich
meine, nicht vergebens habe ich die Dichter gelesen, denn einige Lieder, die ich
erdacht habe, singen die Schler noch heut an den lateinischen Bnken.
    Dann sagt mir doch, wenn es Euch gefllt, warum Ihr ein schweifender
Landfahrer geworden seid, statt eines feisten Pfaffen oder Mnches.
    Ich schme mich der Wahrheit nicht, ob Ihr sie glaubt oder bezweifelt,
versetzte der Schler stolz, ich konnte das Haupt nicht lange demtig beugen
und das Schafskleid tragen, ganz zuwider wurde mir ihre Heuchelei und ihre
Falschheit.
    Wir sind nicht gewhnt, an fahrenden Leuten die Wahrhaftigkeit zu loben,
sagte der Alte.
    Dennoch drft Ihr mir glauben, Vater. Luft meine Rede auch nicht immer auf
geraden Wegen, meine Verachtung kann ich nicht hinter der Zunge bewahren. Unser
Herr Christus ging, wie die Schrift verkndet, demtig zu Fu und ritt hchstens
auf einem Esel, kme er jetzt, die Pfaffen in Seide und Purpur wrden ihn nicht
als ihren Herrn erkennen.
    Der Bauer ergriff krftig die Hand des Schlers. Ihr sprecht gute Worte.
Wir haben Wunderliches an den neuen Mnchen gesehen, welche jetzt unter den
Armen predigen. Wit Ihr, wie es mit diesen steht?
    Vorsichtig versetzte der Schler: Es sind heilige Mnner unter ihnen, aber
auch unverschmte Bettler; als die Hndlein des Papstes laufen sie sphend und
bellend durch die Christenheit, mancher hofft, da sie uns ein neues Heil
bringen, zumeist solche, denen daran gelegen ist, da der Kasten unseres Vaters,
des Papstes, mit Geld gefllt wird.
    Mich dauert das Los der Laien, fuhr der Richter fort. Manchmal rhmen die
Pfaffen, da der Himmelsherr unser Vater sei, voll Liebe und Erbarmen, und
manchmal scheuchen sie uns mit seinem Zorn und seiner Rache, wir aber mssen
dies leiden, denn sie allein bewahren die heiligen Bcher, in denen, wie wir
vernehmen, das ganze Gesetz verzeichnet ist und auch die Rechte, die wir als
Christen an den Himmel haben. Ich mu den selig preisen, der selbst die Wahrheit
zu erkunden vermag, weil er der Schrift mchtig ist und der heiligen Sprache,
und ich mchte wohl von Euch wissen, Schler, ob Ihr so glcklich seid.
    Nikolaus hob sich und seine Augen glnzten. Der Vater des Mdchens, welches
er sich ersehnte, pries seine Vorzge, und er antwortete schnell: Ich bin der
Schrift kundig und oft habe ich in den heiligen Bchern gelesen, nicht nur in
der Schule, auch sonst.
    Der Richter schwieg lange Zeit und der innere Kampf verriet sich in seinem
Gesicht, whrend er zuweilen forschend auf den Schler blickte, endlich fate er
die Hand des Erstaunten und fhrte ihn an seinen Herd. Ich gedenke Euch noch
etwas zu fragen, begann er feierlich, wenn Ihr mir schwren wollt, da Ihr
gegen jedermann schweigt von dem Geheimnis, das ich vielleicht bei Euch suche.
Wird Euer Sinn und Eure Zunge untreu, so wisset, da ich Euch schdlich sein
will, wo ich kann und darf.
    Schon andere haben erfahren, da ich Geheimes zu bewahren wei߫, antwortete
der Schler. Und mit Freuden gebe ich Euch den Schwur.
    Ich wrde mich lieber offenbaren, sprach der Bauer mitrauisch, wenn Ihr
weniger leichtfertig gelobtet. Dennoch mu es sein. Und zgernd fragte er: Ist
es schwer, des Lesens kundig zu werden
    Es ist jahrelange Arbeit fr einen Jngling, und einem lteren Manne wird
die Mhe nur selten gedeihen.
    Ich aber will es versuchen; vielleicht gnnt mir der groe Gott, da ich's
erlange.
    Der Schler frohlockte: Und Ihr wollt, da ich's Euch lehre?
    Wenn Euch das gelingt, versetzte der Richter, so bin ich bereit, Euch
ansehnlichen Lohn zu geben. Ein gutes Ro oder zwei Rinder, sofern Ihr die
begehrt, dazu ein neues Gewand. Und Ihr sollt, solange Ihr mich lehrt, an jedem
Sonntag, wenn Ihr vorsprecht, die beste Kost finden.
    Ich begehre nicht Rosse, nicht Gewand, rief Nikolaus feurig, ich will
mich auf den Lohn besinnen. Zuvor aber sagt mir noch eins: wozu ersehnt Ihr Euch
die schwere Kunst? Es ist nicht unntz, da ich es wei. Denn wollt Ihr Briefe
lesen ber Verleihungen und Schenkungen, wie ich annehme, so sind diese in
lateinischer Sprache geschrieben, und es wrde Euch wenig frommen, wenn Ihr auch
der Schrift kundig wret, Ihr knntet die fremden Worte doch nicht verstehen.
    Der Richter antwortete zgernd: Ich begnge mich, wenn ich deutsche Worte
zu lesen vermag.
    Nikolaus lachte. In deutscher Mundart aber ist wenig anderes zu finden als
die Lieder und Brieflein, welche einander solche zusenden, die gerade in Liebe
sind, ich denke nicht, da Ihr daran Freude haben knnt; oder seid Ihr im
geheimen nach Sagen begierig, wie von Herrn Siegfried und von Kaiser Karl? Ich
habe niemals bemerkt, da Ihr mir freundlichen Gru geboten habt, wenn ich
einmal vor den Bauern sagte und sang.
    Vielleicht will ich alte Sagen lesen, antwortete der Richter.
    Dann wird Euch am besten frommen, wenn ich des Sonntags an Eurem Herde das
Saitenspiel rhre oder Euch aus geschriebenem Buche vorsage, denn viele haben
meine Kunst darin gerhmt.
    Euren Gesang begehre ich nicht, selbst will ich lesen.
    Der Schler sah noch immer erstaunt auf den Alten, der in tiefem Ernst vor
ihm stand, aber die Hoffnung, der Tochter mit gutem Rechte nahe zu sein, war ihm
so erfreulich, da er in die dargebotene Hand schlug und fragte: Und wann wollt
Ihr das schwere Werk beginnen?
    Am nchsten Sonntag, sobald das junge Volk auf den Anger zum Reigen geht.
Ihr habt mir Geheimnis gelobt, htet Euch, gegen irgend jemand ein Wort von
unserer Schule zu sprechen.
    Fragen die Neugierigen, so mgen sie erfahren, da Ihr mir alte Urkunden
deutet.
    Am Abend sa der Richter neben seiner Tochter am Herdfeuer und sah durch die
Trffnung schweigend in den dmmrigen Hof, auf welchen wieder ein dichter Regen
herabstrmte. Da begann Friderun: Vater, wie soll es werden zwischen uns und
dem Herrn Ivo?
    Der Richter strich mit der Hand ber die Ecke des Herdes. Es ist aus
zwischen uns. Seine Ritter haben deinen Bruder geschlagen, als er noch in unserm
Hause war, und ich habe dagegen den reisigen Herren unsern Hof gesperrt, keiner
von beiden kann das ungeschehen machen.
    Er aber hat sich gegen uns entschuldigt, denn der arme Berthold trug in
seinem Unbedacht das Kleid eines fremden Dieners.
    Ist der Bauer schrfer gewesen als der Edle, entgegnete der Alte, und hat
der Edle die bessere Entschuldigung, so haben wir den hrteren Stolz. Vielleicht
tut mir manches Wort leid, das ich in meinem Zorne sprach, aber einem Edlen
gegenber bitte ich es niemals weg. Das lobte auch der fromme Bruder drben, mit
dem ich neulich den Streit besprach.
    Der Bruder mag ein guter Mann sein, antwortete Friderun lebhaft, aber er
ist ein Mohr und kann nicht Ratgeber werden fr die Hfe der Thringe. Dies ist
keine Zeit, Vater, in welcher redliche Leute einander feindlich den Rcken
zukehren drfen. Der Richter schwieg und beide hrten auf das Rauschen des
Regens. Ich denke, Vater, begann Friderun wieder, wenn Herr Ivo durch unser
Dorf reitet, so drft Ihr am Tore stehen, und wenn er Euch zuerst grt, so
drft Ihr ihn einladen, in Euren Hof zu treten, und von den harten Worten
braucht nicht mehr die Rede zu sein.
    Er aber wird ebensowenig anhalten und gren, entgegnete der Vater, wie
ich es tun wrde.
    Ich will ihn fragen, entschied Friderun. Morgen gehe ich die Nesse hinauf
zur Base nach Frienstdt, da will ich am Edelhof vorsprechen, wenn Ihr nicht
dawider seid.
    Du? fragte der Vater befremdet. Hte dich, Friderun, ein Kind ist mir in
den Ritterburgen geschwunden, der Verlust des zweiten wre ein rgeres Leid und
knnte traurig enden fr dich und mich.
    Sprecht nicht solche Worte, Vater, versetzte Friderun, ihren Arm um seine
Schulter legend, Ihr wit recht gut, da Ihr mir vertrauen knnt. Ich aber
erkenne, da Euch die Feindschaft mit Herrn Ivo fast ebensoviel Sorge macht wie
mir, und was ich tun will, ist gut fr uns alle; darum lat mich gehen.
    Der Alte schwieg, und beide saen wieder nebeneinander am Herde, zu ihren
stillen Gedanken knisterte das Feuer und rauschte der Regen.
    Am nchsten Nachmittage trat Herr Godwin eilig in die Galerie, von welcher
Ivo auf die Nebelwolken sah, wie sie im Regen ber dem Boden sich ballten und
die Niederung mit wogendem Schleier bedeckten. Verzeiht, Herr, drauen vor der
Brcke steht im Regen eine Magd, die einst ein lachender Gast des Hofes war; sie
weigert sich einzutreten und doch begehrt sie mit Euch zu reden.
    Das ist Friderun, rief Ivo, Hut und Kappe ergreifend.
    Friderun stand an der Landstrae, gehllt in einen grauen Regenmantel, das
Wasser rieselte ihr ber Stirn und Wange. Ich wute, Ihr wrdet zu mir
herauskommen, begann sie in tiefem Ernst. Bevor ich Euch meine Botschaft sage,
mchte ich gern von Euch hren, da Ihr mir wegen der heftigen Worte nicht
zrnt, die ich in meinem Schmerze gegen Euch sprach. Ich hatte in manchem recht,
und zurckdeuten kann ich nichts, aber ich htte Euch nicht so dreist mahnen
sollen.
    Ihr wart durch unsere Schuld in Trauer versetzt, antwortete Ivo
freundlich. Heut aber ist es unrecht, da Ihr in Regen und Wind vor meiner
Schwelle steht.
    Ich darf nicht nher treten an Euer Haus als drei Schritt vom Wege, denn
zwischen unserm Hofe und dem Euren ist der Friede geschwunden.
    Kommt Ihr als freundlicher Bote, um ihn wiederzubringen, so drft Ihr auch
die Halle besuchen, ermahnte Ivo, im Kamin brennt ein Feuer, legt die Hlle
ab, denn Ihr gleicht einer Wasserfrau mit triefendem Gewande.
    Das Himmelswasser ist ein guter Freund der Bauern, wenn es uns auch dies
Jahr ngstigt; es hilft heut unserer Rede, denn es mahnt zur Eile. Ich komme,
Euch zu ersuchen, da Ihr meinem alten Vater nicht nachtragt, was er Euch an
rauhen Worten gesagt hat.
    Ich habe immer an sein weies Haar und seinen Verlust gedacht, versetzte
Ivo.
    Friderun sah ihn dankbar an. Wenn Ihr das nchste Mal durch unser Dorf
reitet ohne Eure Herren, so bitte ich, haltet an unserm Hoftor, und wenn der
Vater in die Pforte tritt, so grt ihn zuerst, weil er ein Greis ist.
Vielleicht dankt er Euch und fordert Euch auf, einzutreten. Dann bitte ich,
reitet ein und sitzt an unserm Herde nieder, und von dem alten Zorn soll nicht
mehr die Rede sein. Denn dem Vater tut manches leid, aber sein Stolz ist alt und
der Eure ist jnger; Ihr seid der Edle, er ist der Freie, und da Ihr ber ihm
sitzt, fhlt er sich leichter beschwert. Der Stolz eines wackeren Mannes geht
nach oben und nicht abwrts, und deshalb knnt Ihr dem Vater mehr nachgeben als
er Euch, ohne da Eure Ehre gemindert wird.
    Ivo berlegte: Ich komme morgen, Friderun.
    Ich danke Euch, Ivo, rief das Mdchen, und in ihren Augen leuchtete so
warme Freude und Rhrung, da Ivo hingerissen ihr die Hand entgegenstreckte. Sie
aber trat zurck und schlug den nassen Mantel dichter um sich. Ihr werdet
morgen den Vater allein finden, denn ich habe auswrts zu tun. Lebt wohl, Herr.
Der Weg in der Niederung ist bergossen, ich mu einen Umweg nehmen. Der liebe
Gott segne Euch. Sie hob die Hand gegen ihn, dann wandte sie sich schnell um
und schritt im Regen auf der Landstrae dahin.
    Am nchsten Tage hielt Ivo zu derselben Stunde mit seinem Knappen vor dem
Hofe; der Alte ffnete die Pforte, die Mnner tauschten ernsthaften Gru, und
der Bauer lud den Edlen ein, in seinen Hof zu reiten. Bald saen die Mnner am
Herde, ihre Gedanken ber die Not des Jahres austauschend, und Ivo erkannte, da
der verstndige Rat des andern auch ihm fr die Sorgen seines Hofhaltes ntzlich
war. Seitdem lenkte er zuweilen, wenn er allein ausritt, dem Hofe des Richters
zu.

Der Winter kam, der Frost bndigte den Sturz der Wasser, der Sturmwind fegte die
drren Bltter vom Waldesrand ber die mifarbige Flur; dann fiel der Schnee in
groen Flocken und barg die sprliche Wintersaat unter seiner weien Decke. Auch
im Hofe Ivos glitzerten die weien Schneekappen auf den Zinnen der Mauer und auf
dem alten Turme; der junge Hofherr sah statt der bunten Sommervgel jetzt
schwarze Krhen um die entblten ste schweben und hrte statt des frhlichen
Liedes der kleinen Hofsnger das Geznk der Sperlinge, welche nach den Krnlein
am Boden pickten. Herr Henner hauste in seinem Hofe bei Frau Jutte, in der
Wolljacke sa er am Herde und schnitzte seinen Shnen Armbrust und Pfeile, damit
sie sich an den Krhen bten; wenn er aber in den Herrenhof kam, schritt er in
Pelzrock und Mtze wie ein wohlhabender Landmann. Die jngeren Gesellen des
Hofes ritten zuweilen auf dem Anger, wo sie sich mhsam eine Bahn gefegt hatten,
und Ritter Lutz zimmerte mit eigener Hand einen Holzschlitten, bte zwei Rosse,
das leichte Geschirr zu ziehen, und freute sich auf den Tag, wo er neben seinem
Mdchen ber die Flur gleiten werde. Nur Herr Godwin sah strenger aus als sonst,
und die Hofleute klagten, da er sehr genau war im Zumessen von Getreide und
Kchenkost, selbst die Kannen, in denen Nikolaus den Wrzwein braute, wurden
kleiner.
    Jeden Sonntag trabte der Schler nach dem Hofe des Richters, aber er sah
Friderun selten daheim und fand allmhlich langweilig, neben dem dstern Alten
zu sitzen, dem es gar nicht gelingen wollte, die Striche der Buchstaben auf
vorgelegtem Pergament zu unterscheiden, obgleich er mit finsterem Eifer darauf
bestand. Auch wenn der Schler vor den Hofleuten sang oder abenteuerliche
Geschichten erzhlte, wurde ihm schwerer, seinen Zuhrern ein herzliches Lachen
abzugewinnen als in der Sommerzeit. Der Verkehr zwischen den Hfen der Umgegend
war drftiger als einst, denn jedermann sa mit trbem Mut bei den lodernden
Holzscheiten, und wenn die Mnner zum Jagdspie griffen und mit ihren Hunden in
den Bergwald zogen, so hatten sie auch dort geringe Freude; das Wild war durch
die Ungunst des Jahres ebenso gemindert wie die Herden der Landleute; nur die
Wlfe trotteten frech um die Drfer und wagten sich bei hellem Tag an die Hfe.
    Die Sonne schien leidlich warm, und die Bume trugen ihren Winterschmuck,
die Reifkristalle, als Ivo nach lngerer Zeit wieder einmal am Hoftor des
Richters hielt. Verwundert sah er an dem Nebenhause, welches lngs der Strae
lag, ein Holzschild mit groem schwarzen Kreuze und eine neue Tr, welche nach
dem Dorfplatz fhrte. Noch befremdlicher war ihm der Ton einer Geige, die aus
dem stillen Hof klang. An der Tr des Wohnhauses drngten sich Knechte und
Mgde, und in ihrer Mitte sprang eine vermummte Gestalt in einem umgewendeten
Pelzrock mit einer roten Kappe, an welcher zwei groe Ohren und lange Loden von
Werg befestigt waren. Das Ungetm hob bisweilen die Beine zum Sprunge,
begleitete sich aber selbst die wilden Bewegungen durch wohlklingendes
Saitenspiel. Als Ivo herantrat, wichen die Zuschauer zurck, der Vermummte
begrte ihn durch lcherliche Verbeugungen, und eine Magd des Hofes redete ihn
gewichtig an: Meine Herrin Friderun findet Ihr heut nicht, sie ist zur lichten
Himmelsfrau geworden und bereitet sich, die Dorfkinder zu besuchen.
    In der Mitte des Hausflurs stand Friderun, ein weier Mantel, mit glnzenden
Sternen verziert, wallte bis zum Boden, die Flle des langen blonden Haares hing
gelst ber den Mantel und umgab ihr Haupt und Leib wie ein goldener Schleier.
In solcher Hoheit stand das Mdchen, da Ivo sich unwillkrlich bekreuzigte und
rief: Sei gegrt, Maria, du Stern des Meeres. Auch Friderun empfing seinen
Gru anders als sonst, denn sie gedachte in frommem Sinne, da sie sich zu
halten habe, wie einer Himmelsherrin gebhrt, deshalb neigte sie sich mit
gefalteten Hnden ein wenig gegen ihn, nur da sie dabei errtete. Doch sogleich
fiel ihr aufs Herz, da er, der vor ihr stand, ein Gast des Hofes war, und sie
fgte vertraulicher hinzu: Der Richter wurde gefordert und ritt mit seinem
Knecht ber Land, und mir ist's zugeteilt, den Kindern im Dorfe zu erscheinen.
Sonst ging ich in grerem Zuge, aber die Knige habe ich dies Jahr gebeten,
wegzubleiben, weil einer von ihnen fehlt. Der Gast erriet an dem Zucken ihres
Mundes, da Berthold der Fehlende war. Auch die Narren und Wichtelmnner sind
zu Hause geblieben, weil manchem die Lustigkeit mangelte, doch Ruprecht, der
Geiger, ist da, die Frau erscheint heut nur bei der Freundschaft des Hofes und
wo in den armen Htten kleine Kinder sind. Deshalb zrnt nicht, wenn Ihr niemand
am Herde findet.
    Gestattet Ihr's, so folge ich Euch, bat Ivo.
    Aber Friderun versetzte: Die Frau mu allein gehen, nur unter den Leuten,
welche sich an der Schwelle drngen, drft Ihr stehen. - Sie gebot dem Haufen
an der Tr: Tretet nher, ihr Mdchen, und hebt eure Last, denn die Kleinen
harren und sehnen sich. Als zwei handfeste Mgde die gefllten Scke, welche am
Herd lehnten, gefat hatten, neigte die Jungfrau das Haupt und die Mnner zogen
die Mtzen; sie sprach leise ein Ave Maria, dann winkte sie zum Aufbruch; der
Kobold Ruprecht begann krftig auf der Geige zu streichen und der Zug setzte
sich in Bewegung. Schweig still in den Dorfgassen, nur in den Hfen darfst du
springen und spielen, gebot Friderun am Tore. So schritt sie mit ihrem Gefolge
hinaus in den Schnee, auch der fremde Bruder vom deutschen Orden trat aus dem
Vorderhause und folgte mit entbltem Haupt. Als er neben Ivo dahinging, begann
dieser: Wie ich sehe, habt Ihr hier eine Heimat gefunden.
    Gutes brachte uns Euer Geleit, antwortete der Fremde, der Richter hat die
Bruderschaft begabt mit dem Vorderhause und mit einer Wiese fr zwei Rosse.
    Sobald der Zug in einen Hof trat, empfing ihn der Wirt frhlich an der
Hausschwelle, Ruprecht sprang, nachdem er sich der Geige entledigt hatte, zuerst
in die Stube, sagte lustige Reime her und fragte, ob die Kinder suberlich waren
und ob sie zchtig ihren Eltern dienten. Und die er als unordentlich erkannte,
bedrohte er mit Gefngnis in seinem schwarzen Sack, so da ber Gute und Bse
ein heilsamer Schrecken kam. Dann erst trat die Jungfrau ein und mahnte durch
einen alten Spruch jedermann zum Flei im Stall und am Rocken. Endlich lud sie
die Kinder zu sich, und wenn diese mit gefalteten Hnden herumstanden, teilte
sie ihnen zu, was ihr die Mgde aus den Scken reichten, am hufigsten ses
Pfeffergebck, zu dem die Bienen ihres Gartens den Honig geliefert hatten. Ivo
gedachte, da auch ihm seine Mutter als lichte Himmelsherrin erschienen war und
Geschenke gebracht hatte, und sah in dem Haufen der anderen von der Schwelle zu,
ohne da jemand auf ihn achtete.
    So kamen sie auch in eine niedrige Htte; der Span, welcher am Herde
steckte, warf sein flackerndes Licht auf eine Sttte der Armut, der Hausherr
fehlte, die Wirtin lag krank in drftigem Bett, fnf Kinder kauerten in der Ecke
und erwarteten mit starren Blicken die vornehmen Gste. Da winkte Friderun dem
Kobold, sich seiner Sprnge zu enthalten, sie trat an das Bett, sprach leise den
frommen Gru, und auf dem Schemel sitzend, hielt sie die Hnde, welche die
Kranke ihr entgegenstreckte. Die Kinder schnellten eins nach dem andern aus
ihrer Ecke auf und kamen langsam, mit stockendem Schritt, nher zu der vornehmen
Frau, nur das kleinste stand fern und hielt bedenklich den Finger im Munde.
Pltzlich rannte es mit ausgebreiteten Armen auf die Jungfrau zu und umschlang
ihre Knie. Da lachte Friderun ihm entgegen und hob es in ihren Scho, und das
Kind wand sich zu ihr hinauf und versuchte die Arme um ihren Hals zu schlingen.
Im Nu war auch den anderen Kindern das Bangen geschwunden, sie schmiegten sich
von allen Seiten an die Sitzende, umfaten ihr Hnde und Knie und tauchten unter
ihrem Mantel empor, so da das Antlitz der Jungfrau mit seinem wallenden Haar
ganz umgeben war von den hellockigen Kinderkpfen. Sie winkte ihren
Begleiterinnen und teilte reichlich aus, whrend die kranke Frau den Segen des
Himmels auf sie herabbetete. Kobold Ruprecht, welcher still an der Tr stand,
verga ebenfalls seine Bosheit und teilte dem Herrn Ivo mit: Hier ist die Not
am grten, aber die Jungfrau kehrt jeden Tag zweimal ein, bringt Speise und
Trank und erhlt die Zucht. Wundert Euch nicht, da sie die Kinder so herzlich
kt, denn sie selber hat sie heut wie alle Tage gewaschen.
    Als Ivo nher trat und eine Spende auf das Bett der Kranken legte, wandte
Friderun sich ihm zu, und ihr Auge ruhte wie verklrt auf ihm. Mit schnellen
Schritten verlie er den Raum.
    Am Abend sa er in seiner Halle an dem groen Kamin, in welchem die
Holzkltze brannten; der Wintersturm fuhr um das Haus und stie zuweilen in den
Schlot, da der Rauch in das Zimmer schlug. In tiefen Gedanken starrte Ivo auf
die zngelnde Flamme und auf die glhenden Kohlen. In dem Feuer sah er den
hellen Mantel der Jungfrau Maria wallen und viele blondhaarige Kinderkpfe um
sie herum, welche sehnschtig zu ihr aufblickten. Als aber der Luftzug die
Flamme niederdrckte und eine dunkle Rauchwolke in das Zimmer trieb, fuhr er in
die Hhe, und ihm kam vor, da der dmmrige Raum de war und da er einsam auf
seinem Sessel sa. Da fiel sein Blick auf Herrn Henner, der leise eingetreten
war und den Fensterladen ffnete, um den wirbelnden Rauch zu entfernen.
    Es tobt ein wilder Kampf um die Hfe und auf dem Anger, begann Ivo, der
bittere Frost und sein Gefhrte, der Hunger, bedrngen das Volk, und alle
Frhlichkeit der Welt schwand in Dunkelheit und Not. Setzt Euch zu mir, Henner,
es ist einsam in der alten Halle, auch das Feuer will nicht wrmen.
    Den Knechten drcke der ble Teufel den Kragen, weil sie meinem Herrn
nasses Holz in den Kamin geschichtet haben; ich wollte, eine Hausfrau wie Frau
Jutte fhre ihnen ber die Kpfe.
    Ivo lchelte und starrte wieder in die Flamme. Sagt mir, Henner, welchem
Heiligen vertraut Ihr Euch am liebsten?
    Henner rusperte sich und dachte nach. Es kommt darauf an, Herr, in welchen
Nten ich bin. Da ich jung war, suchten unsere Hofleute noch zuweilen die
Frbitte des Hersfelder Wigbert, aber ich frchte, da dieser Heilige trge und
sumig geworden ist, die Bitten der Glubigen anzuhren. Die auf der Mhlburg
priesen mir vor Jahren sehr ihren Meginhard, aber wie er auch sei, wo die vom
Berge ihre Not klagen, vermgen wir im Talhofe fr uns wenig Gutes zu erhoffen.
Am besten hat sich mir immer noch St. Georg erwiesen, er hat ritterliche
Gewohnheiten, und ich hoffe, er ist gutherziger als andere gegen die kleinen
Snden, welche einem Reiter ber den Weg laufen.
    Viele wei ich, fuhr Ivo in seinen Gedanken fort, welche Sinn und Herz
der reinen Jungfrau zugewandt haben, die als Himmelsknigin waltet, denn sie
beschtzt nicht nur die unschuldigen Kinder, auch den Kriegern neigt sie sich
huldreich zu und hebt sie von dem Schlachtfelde hinauf in den Saal der ewigen
Freude.
    Ich hre, da die brtigen Brder ihr vertrauen und auch die Schiffer in
den wilden Nordmeeren, warf Henner ein, ganz erstaunt ber die schweren
Gedanken des jungen Helden. Doch wei ich nicht, ob die Jungfrau auch dem
zulchelt, welcher sich einer irdischen Herrin gelobt hat, denn die Frauen
verlangen gern, da die Gelbde der Mnner ihnen allein zukommen.
    Ivo seufzte: Es naht die gnadenvolle Zeit der zwlf Nchte, in welcher
einst unser Herr Christus geboren wurde; er lag als Kindlein in rmlicher Htte,
und als er ein lachender Knabe war, hielt ihn die Jungfrau in ihren Armen. Mich
wundert nicht, da so viele Helden der Christenheit nach dem Heiligen Lande
gefahren sind, denn wahrlich, es mu Wonne sein, an den Sttten zu knien, wo
einst der Herr leibhaftig gewandelt ist.
    Die Pfaffen sagen, da solche Fahrt alle Snden eines Mannes austilgt. Auch
Godwin und ich hatten ein gutes Vertrauen, als wir mit Eurem Vater das Kreuz
nahmen, doch blieben wir auf halbem Wege in Italien sitzen, und ich bin
unsicher, ob die im Himmel den Willen fr die Tat nehmen.
    Ivo sah wieder in das Feuer. Den Mantel sehe ich und die Kinderkpfe
darunter, und darber holdselig das Antlitz der reinen Magd. Beide saen in
langem Schweigen, das Feuer brannte herunter, die blauen Flammen zngelten aus
den glhenden Kohlen, sie schwanden und fuhren aufs neue empor, wenn die Luft
strker in den Schlot wehte. Endlich rttelte sich Ivo auf und blickte in dem
dunklen Raum umher und ber die lange Gestalt des Treuen, welcher achtungsvoll
auf dem Schemel sa und den nchsten Einfall seines Herrn erwartete. Wie steht
es drben in Eurem Hofe? fragte Ivo.
    Ich denke, Frau Jutte schafft am Herde und sorgt fr die Abendkost,
versetzte Henner gleichgltig, und die jungen Wlfe werden nicht weit ab sein,
denn sie sind elustig.
    Ist es Euch recht, Herr, so will ich heut Euer Gast sein und eine Kanne
Wein zum Abendtisch steuern, wenn Frau Jutte mich sehen will.
    Das ist hohe Ehre, rief Henner, erlaubt, da ich vorausgehe und die
unartigen Knaben auf ihr Lager scheuche, damit sie nicht um Euch glotzen und
heulen, denn sie gleichen noch zu sehr ungeleckten Wildtieren.
    Nein, lat sie, wo sie sind. Der Knecht mit der Kanne soll uns begleiten,
ich will nicht, da Eure Hausfrau mich anders halte, als einen guten Gesellen
ihres Wirtes.
    Die Mnner brachen auf, und Ivo sa den Abend am Herde seines Dienstmannes,
rief die Knaben zu sich, hrte auf ihre kindlichen Reden und erzhlte ihnen
Geschichten, die er als Kind vernommen hatte, bis er selbst in die Stimmung kam,
zu spielen und zu lachen wie ein sorgloser Knabe.

Die Tage wurden lnger, der Winter, der grausame Herr, mute mit seinen Rittern
Reif und Frost das Land rumen, und die kleinen Vgel, denen er lange den Gesang
gewehrt, flatterten wieder durch die grnen Baumknospen. Die Schneewurz und das
Veilchen hoben ihre Hupter aus dem Grunde, und der Frhlingswind wehte warm
ber Berg und Tal. Wieder tummelte sich die Dorfjugend auf dem Anger und der
Ball flog zur Lerche empor. Aber die Zahl der Springenden war gemindert,
mancher, der sich im letzten Mai mit stolzem Mut ber die Genossen gehoben
hatte, lag still unter grnem Rasen, viele saen kummervoll in dem leeren Hofe
und andere schweiften mit wilden Gedanken in der Ferne und mieden die Nhe des
Richters und seiner Schergen.
    Ivo stand im Bergwalde, auf dem Grund seiner Vter, gelehnt an den Stamm
einer alten Eiche, deren ste der Sturmwind durchfahren hatte, bevor die ersten
Kirchenglocken in den Tlern erklangen. Die Zgel des mden Rosses hatte er um
eine aufspringende Wurzel des Baumes geschlungen, er selbst sah ber die Wlder
hinab nach der Gegend, in welcher sein Hof lag; um ihn rauschten die Wipfel, am
Himmel trieben die Wolken schnell unter der Sonne dahin und warfen Schatten und
dmmrige Lichter auf die Landschaft. Auch die Gedanken des Mannes flogen unstet
umher; wieder war sein heimlicher Ritt nach dem Quell und Baum fruchtlos
gewesen, er hatte keinen Brief der geliebten Frau gefunden und von den Leuten
der Umgegend erfahren, da man sie nach Welschland gefhrt habe. Der Sonne
lichter Schein vergeht, sprach er leise, und graue Schatten fahren durch meine
Seele, der frhliche Mut ist geschwunden, mit dem ich im vorigen Jahr ber die
Flur ritt. Der Rettbacher hhnte meine Hofleute mit einer Sage, die durch das
Land geht, da die Frauen auf der Landgrafenburg ein Gewebe verbrannt haben. Ist
das Geschwtz auch unwahr, mir tut es doch wehe. Oh, zrne mir nicht, geliebte
Herrin, wenn ich sorge, da der Mantel ein kindisches Werk und des langen
Reitens nicht wert war. - Aus dem Harzwald weht der Duft, und die Vglein im
Laube singen wie sonst, der Frhling hat jedes Festgewand in Wald und Flur
wohlbereitet, aber die Menschenwelt um mich sehe ich verwandelt, und verwandelt
bin ich selbst. Langweilig wird mir das Reiterspiel unter meinen Gesellen, und
wenn ich in der Halle meiner Vter sitze, empfinde ich die kalte de des
Winters. Im Herzen schelte ich eitel und nichtig, was ich gerade treibe, mir
zucken die Glieder, und die Faust ballt sich, als knnte ich etwas Groes tun
und mein Leben wagen fr ein heilbringendes Werk. Wahrlich, Gefahr wrde mich
trsten und heier Kampf. - Wofr? - Sie sagen, da der Mann den hchsten Preis
erringe im Kampfe um die heiligen Sttten, wo die Gottesmutter unsern Herrn auf
ihren Armen trug. Manches Geschlecht vergangener Helden ist nach dem Osten
gefahren und hat fruchtlos sein Blut vergossen, zwei meiner Ahnen sind denselben
Weg gezogen und mit gebrochener Kraft zurckgekehrt. Aber auch der Glaube ist
kalt geworden, und wir zweifeln, ob es in Wahrheit Gottes Wille ist, da wir im
Heergewande ber das Meer ziehen. - Hier ist die Stelle, wo ich den Landgrafen
knien sah. Jetzt ist er aus Welschland zurckgekehrt, es war ein khles
Wiedersehen, sein Mut war beschwert und gern habe ich ihm in diesem Jahre den
Ehrentrunk erlassen. Man sagt, da er jetzt eine neue Fahrt rstet.
    Aus der Tiefe luteten unablssig die Klosterglocken. Zu welchem Feste
laden die lustigen Mnche von Reinhardsbrunn so dringend? Er neigte sich vor
dem Bilde der Gottesmutter am Baum, band sein Pferd los und ritt langsam ber
seine Mark dem Kloster zu. Als er in die Waldlichtung hinabkam, welche das
Kloster umgab, fand er den Grund mit Rossen und Reisigen gefllt und erkannte
das Gefolge vieler Edlen aus der Umgegend, darunter auch die Knechte seines
Oheims Meginhard. An der Klostermauer war ein groes rotes Kreuz aufgerichtet.
Dort drngte sich das Landvolk um einen Bettelmnch in brauner Kutte, der mit
heftigen Armbewegungen eine neue Kreuzfahrt ausschrie und hohen Lohn jedem
verkndete, der mit seinen Waffen zur Befreiung des Heiligen Landes ausziehen
werde, vllige Vergebung aller Snden und dreijhrigen Frieden und Schutz fr
Habe und Eigen, Weib und Kind in der Heimat. Einige der Zuhrer waren
niedergekniet, hoben die Arme nach dem Kreuz und begleiteten die Worte des
Mnches mit Sthnen und Ausrufungen des Entzckens. Die meisten aber standen
schweigend in stumpfer Neugier, oder schttelten den Kopf und sprachen
zueinander. Da bergab Ivo einem Knaben sein Pferd und schritt durch das offene
Tor zu dem Klosterhof, in welchem die Kirche lag. Leise trat er ein und blieb
unter den Knappen an der Tr. Er fand eine erwhlte Gesellschaft. Der Landgraf
selbst stand auf den Stufen des Chors, ein rotes Kreuz an der Schulter, aber er
blickte zerstreut und in trben Gedanken um sich. Neben ihm lag Frau Else vor
dem Altar, bitterlich weinend und ganz aufgelst in Schmerz. Denn lange hatte
der Gemahl ihr verborgen, da er schon in Welschland sich der Kreuzfahrt
zugelobt, und hatte das Zeichen der Fahrt heimlich auf dem Unterkleide getragen.
Dort hatte sie es in vertrauter Stunde entdeckt, und jetzt fhlte sie ihr Elend.
Auf der andern Seite der Altarstufen aber sah Ivo einen fremden Mann in der
Rittertracht der Marienbrder, mit einem groen goldenen Kreuz am Halse, umgeben
von Zugehrigen des Ordens. Der ganze Raum der Kirche war von knienden Edlen und
ihren Rittern angefllt, gegen welche Meister Konrad oben am Altar stand. Von
den Knienden erhob sich einer nach dem andern und stieg zu dem Priester hinauf,
der ihm das rote Kreuz anheftete und ihn segnete, whrend rings umher feierlich
der Chorgesang der schwarzen Mnche erscholl. Ivo sah, wie sein Oheim Meginhard
das Kreuz empfing und nach ihm Ritter Konz und noch ein junger Knappe, Berthold,
der Sohn des Richters. Als Meister Konrad die Knienden smtlich gezeichnet
hatte, erhob er mchtig seine Stimme und rief:
    Ihr aber, die ihr von fern steht, bedenket euer Heil. Wer ein Schwert zu
schwingen vermag, der rste sich zum Kampfe, denn der Herr spricht: Vater und
Mutter sollt ihr verlassen und mir nachfolgen, von Haus und Hof sollt ihr euch
scheiden und mein Kreuz auf euch nehmen, damit die Welt erkenne, wer zu mir
gehrt. Auf, auf, ihr Helden, zur heiligen Reise, Gott will es! Und die
Versammelten riefen, die Arme hebend: Gott will es! Da eilten noch manche aus
dem Hintergrunde zum Altar, warfen sich vor die Fe des Priesters und lieen
sich zeichnen. Aufs neue erhob Konrad die mchtige Stimme und rief zum Kreuze,
und Ivo meinte zu erkennen, da der Priester mit finsterem Blicke, nach ihm
hinsah und ihn durch seine Rede anmahne. Er aber neigte das Haupt und blieb
stehen. Als die Mnche einen neuen Gesang begannen, trat er leise zurck und
verlie die heilige Sttte, schwang sich auf sein Ro und ritt in tiefen
Gedanken seinem Hofe zu.
    Am nchsten Tage sa er auf der Galerie seines Hauses und sprach zu
Nikolaus: Du selbst warst im Heiligen Lande, wie kommt es, da du lieber von
anderem erzhlst als davon?
    Ich war jung, antwortete Nikolaus, mich bedrckte meine Snde noch wenig,
auch stand ich mit leerem Magen auf dem lberg, und der Hunger ist der Andacht
hinderlich. Das Beste, was man dort fhlt, lt sich nicht sagen, und was man
erlebt, ist nicht viel Gutes.
    Ivo fuhr in seinen Gedanken fort: Als ich aus dem Klosterhofe trat, schrie
der Mnch drauen an der Mauer gerade wie Meister Konrad drinnen: Wer kommt noch
mehr? Und als er einen ernsthaften Mann nahe bei sich stehen sah, rief er diesen
vor anderen zu sich: Kommt, Freund, und nehmt das Kreuz auf Euch. Der Mann aber
antwortete: Ich war bereits dort. Da wandte sich der Mnch ab und der andere
auch, und sie hatten nichts mehr miteinander zu reden. Das wunderte mich. Weit
du, was das bedeutet?
    Der Schler sah nach, ob die Tr geschlossen war, bevor er die Antwort gab:
Ich traf einst einen fahrenden Mann, der gegen eine kleine Spende den grten
Narren auf Erden zu zeigen versprach. Wer die Tasche auftat, dem ffnete er
einen verhllten Kasten und sprach dazu: Haltet's geheim vor jedermann. Alle
schieden verlegen von dem Kasten. Was meint Ihr wohl, was in dem Kasten war? Ein
kleines Spiegelglas. Jeder behielt fr sich, da er sich als Narren geschaut
hatte. Jener Mnch und der andere, beide wuten, was in dem Kasten zu finden
war. - Dennoch wnsche ich Euch, da Ihr einmal die heilige Fahrt unternehmt.
Macht's auch nicht froher, es macht klger.
    Ein Hornruf des Trmers verkndete das Nahen Bewaffneter. Die Knechte des
Hofes liefen zu der Brcke, und Herr Godwin trat in das Tor. Ivo vernahm die
Hufschlge der Einreitenden, im nchsten Augenblick kam die Meldung, da Hermann
von Salza, der Meister der Marienbrder, im Hofe sei. Er eilte dem berhmten
Herrn auf die Schwelle entgegen und geleitete ihn in das Gastgemach, whrend das
Gefolge durch die Dienstmannen in der groen Halle begrt wurde. Neugierig
betrachtete Ivo den vielgenannten Helden in der Nhe, und er war berrascht, da
dieser, den er sich wie einen stolzen Krieger gedacht hatte, als ein Herr von
mittlerer Gre vor ihm stand, mit einem Gesicht, dessen vorstechender Zug
gutherzige Freundlichkeit war; nur die klugen Augen und die Falten der Stirn
verrieten, da groe Gedanken und schwere Sorgen durch sein Haupt gegangen
waren. Einfach wie das Aussehen des Fremden war auch seine Anrede, und seine
Sprache klang so vertraulich in das Ohr, da dem jungen Hofherrn vorkam, als
begre ihn ein alter Bekannter: Ihr habt Euch dem Kreuze versagt, edler Herr.
Als ich in meine Heimat ritt, um dem Zuge des Kaisers ritterliche
Schwertgenossen zu gewinnen, da hoffte ich, da Ihr in der frommen Schar nicht
fehlen wrdet, denn ich wei, Euer Beispiel gilt viel in den Burgen.
    Ich sah eine groe Zahl bewhrter Krieger, welche Eurem Rufe gefolgt ist,
antwortete Ivo, ich aber habe nur geringe Erfahrung auf dem Schlachtfelde
gewonnen.
    Soll ich Euch in das Gesicht rhmen? fragte der Meister mit einem
wohltuenden Lcheln. Was einen Helden locken kann, biete ich Euch; ersehnt Ihr
Heldentat und Ruhm, kein Kampf ist ehrenvoller als gegen die Unglubigen, und
die Snger verknden das Lob des Siegers in allen Sprachen der Christenheit. Ihr
wit, da auch der Heilige Vater hohen Preis auf solche Fahrt gesetzt hat, wie
ihn die Kirche zu spenden vermag.
    Ivo versetzte mit hflicher Zurckhaltung: Vieles hren wir von Frevel und
Torheit der Christen im Morgenlande, was uns das Herz erkltet.
    Ihr knnt nur wenig von dem gehrt haben, versetzte Hermann ernst, was
ich selbst mit Sorgen erlebte. Wilde Missetat der Eifrigen und harte Klugheit
der Groen, welche mehr an den eigenen Vorteil denken als an die Pflicht des
Kreuzes. Um unserer Snden willen hat, wie ich frchte, der groe Gott uns
entrissen, was die Frmmigkeit eines frheren Geschlechtes gewann. Aber gerade
darum, weil die Argen dort zahlreich sind, sollen die Redlichen der Fahrt nicht
widersprechen, damit der Himmel wieder gndig unseren Waffen beistehe.
    Uns aber, Herr, entgegnete Ivo, bedrngt jetzt die Not in der Nhe. Ohne
Freude sage ich, was ich doch nicht verschweigen darf, die Ritterfahrt in das
Heilige Land gilt bei uns fr kostbar, und wohlbekannt ist der Wucher und die
Bosheit, mit welcher die Christen auf dem weiten Wege den Wallenden betrgen.
    Hindert Euch diese Sorge, welche ich verstndig nenne, so wit, edler Herr,
der Kaiser hat mich nicht ohne Goldschatz in das Land gesandt, und ich vermag
Euch an Geld zu bieten, was die Rstung und Reisezehrung kostet.
    Wie darf ich Gold nehmen, damit ich mich dem Dienst des Himmelsherrn
gelobe? rief Ivo verletzt. Mich wundert, da Ihr mir ein solches Angebot tut.
    Ich wollte Euch nicht krnken, versetzte der Gast ruhig. Doch wisset,
edler Ivo, solche Reisespende ist ein gewhnlicher Handel, und die hchsten
Herren begehren ihn, denn an Geld zur Rstung fehlt es ihnen immer, und manchmal
ist das fr andere ein Glck. Auch Graf Meginhard, Euer Oheim, bereitet sich zur
Kreuzfahrt mit dem Golde, welches ihm der Landgraf aus dem Schatze des Kaisers
zahlt.
    Es tut mir wehe, wenn ich nicht loben kann, was mein Oheim tut, antwortete
Ivo finster. Mir verbietet die Ehre, das Werbegeld des Kaisers zu empfangen,
und ich denke, Herr, auch Ihr wrdet an meiner Stelle fremdes Gold nicht
nehmen.
    Ich bin nur ein Dienstmann der Jungfrau, sagte der andere, und ich denke
ungern daran, was ich tun wrde, wenn ich nicht in den Schuhen des Bruders
Hermann stnde. So wie ich bin, lobe ich den edlen Stolz, der sich weigert, um
Gold zu pilgern, aber verzeiht mir, wenn ich den Rittersinn eines Christen nicht
preise, der sich weigert, fr den Himmelsgott die Waffen zu tragen, weil ihn
solcher Dienst zuviel Geld kostet.
    Ivo errtete bis an die Schlfen, und Hermann fuhr fort: Der khne
Turnierkmpfer, welcher, um seiner irdischen Herrin im Spiel zu gefallen,
Goldringe austeilte, wird mir nicht im Ernst sagen, da seine Truhen leer sind,
wenn es eine Fahrt zu Ehren des Erlsers gilt.
    Ivo fhlte tief den Vorwurf, doch er antwortete ehrlich: Streng sind Eure
Worte, Herr, aber Ihr habt recht. Ich selbst, wenn ich unzufrieden war mit mir
und mit anderen, habe zuweilen daran gedacht, da ich den freudigen Mut
wiedergewinnen knnte durch guten Schwertschlag am lberge. Dennoch, Herr, darf
ich Euch nicht bergen, da ich in meinem Innern auch eine warnende Stimme
vernehme, welche mir diese Speerreise widerrt. Wenn der Himmelsherr das Gelobte
Land der Christenheit gnnen wollte, er vermchte das zu tun ohne unsere
Waffen.
    Sprecht diese Worte nicht nach, edler Ivo, ein satter Pfaffe hat sie
erdacht, und Ihr scheltet dadurch mich selbst einen Toren, antwortete der
Meister mit Nachdruck. Gott wirkt seine grten Werke durch die Gedanken und
den Willen der Menschen, welche ihm dienen. Seit zwanzig Jahren fahre ich
rastlos ber die wilde See und durch die Lnder der Christen und Heiden, um die
Kreuzfahrt mglich zu machen, zu welcher ich Euch lade. Darum habe ich
verzichtet auf Gut und Eigen, auf ein Ehegemahl und auf Shne aus meinem Blut.
Ich habe gekmpft gegen den Eigennutz und die Bosheit der Mchtigen und gegen
die dumpfe Trgheit der Reichen.
    Er war aufgestanden wie Ivo, jetzt wies er auf die Sessel: Gnnt einem
Vielgeschftigen noch einmal Rast unter Eurem Dache. Ihr wit, ich bin ein
Thring wie Ihr, der Hof, in dem ich geboren wurde, liegt so nahe an dem Euren,
da ein Ro den Reiter in einem Tage hintrgt. Ich sah einst Euren Vater, und
was ich von ihm kennenlernte, machte mir den Sohn wert. Darum vernehmt mit
gnstiger Gesinnung eine Mahnung, die ich nicht in die weite Welt hinausrufen
darf. Als ich, fast noch ein Jngling, nach dem Morgenland kam, fand ich allen
Landbesitz der Christen und alle Gewalt in den Hnden der Welschen, zumal der
Gallier. Franzsisch waren Sprache und Sitte, mit Hochmut und Verachtung
blickten sie auf die Mnner unseres Volkes herab. Auch die beiden mchtigen
Bruderschaften vom Tempel und St. Johannes gehrten den Fremden, kam einer
unserer Landsleute zu ihnen, so mute er sich schnell der heimischen Weise
entledigen, wenn er unter ihnen gelten wollte. Ihrem Schwert allein und ihrer
Heldenkraft schrieben sie die Eroberung des Heiligen Landes zu. In Jerusalem sah
ich das Grabmal des strksten Helden im Kreuzheere, des Schwaben Wigger, der mit
seinem Schwert einen raubenden Lwen zerschlug und unter Knig Gottfried zuerst
ber die Mauer von Jerusalem sprang, durch die Eitelkeit der Fremden zerschlagen
und geschndet, damit die unwillkommene Erinnerung an unser Volk dahinschwinde.
    Die gottlosen Buben, murmelte Ivo zornig.
    Meine Faust ballte sich, als ich den Frevel sah, wie jetzt die Eure beim
Hren, fuhr Hermann fort. Da lernte ich unsere heimische Art mit der fremden
vergleichen, und ich fand, da wir nicht schlechter waren als jene. Ich erkannte
auch, wie Jerusalem durch Schuld der Christen verloren ward. Zuchtlose
Kreuzfahrer aus allen Lndern der Christenheit saen dort durcheinander in Hader
und Untreue, in Wahrheit heimatlose Abenteurer, nur auf den eigenen Vorteil
bedacht, oft einer im Kampf mit dem andern und den unglubigen Heiden verbndet.
Soll Jerusalem wiedergewonnen werden und die Herrschaft der Christen dauern, so
mssen sie alle einem starken Herrn dienen, der seine Macht nicht ihnen dankt,
sondern der sie selbst zu schtzen, zu bndigen und zu strafen vermag. Dieser
Herr aber ist unser Kaiser Friedrich. Und gegen die Verdorbenheit und Untreue
der Fremden sollen Mnner eines Volkes, dem die Redlichkeit nicht zum Spott
geworden ist, als Hter des Heiligen Grabes gesetzt werden, und diese Mnner
sollen Eure und meine Landsleute sein. In solcher Meinung will Kaiser Friedrich
die neue Kriegsfahrt rsten, auf die Wehrhaften unseres Volkes hat er sein
ganzes Vertrauen gesetzt. Vor anderen aber sind es Edle und Ritter des Thringer
Landes, auf die er hofft. Denn wie ein Herzland liegt es in der Mitte und die
grte Kraft ist hier gesammelt, ich darf das zum Lobe meiner Heimat wohl sagen.
Wenn wir jetzt in edler Schar ber das Meer ziehen, so tun wir dies auch, um den
Namen der Deutschen zu Ehren zu bringen und eine Herrschaft unseres Blutes ber
die Lnder am Sdmeere zu begrnden. Das zu bewirken, ist das hohe Ziel meines
Lebens. Darum bin ich vor Euch getreten mit hoher Mahnung, als Thring, und als
Meister einer Bruderschaft, welche sich vom deutschen Hause nennt. Und darum
strecke ich jetzt bittend meine Hand gegen Euch aus, damit Ihr ein Jahr Eurer
Jugend dem heiligen Werke weihet als ein Christ und als ein Edler unseres
Volkes.
    Gefesselt durch die warme Rede des mchtigen Mannes sa Ivo mit gerteten
Wangen. Zum ersten Male, seit er lebte, wurde er gerufen, weil er ein Deutscher
war; und verwundert dachte er nach, welchen Wert solche Aufforderung fr ihn
haben knne. Aber whrend er den Grund eines tiefen Quells erschauen wollte,
gewahrte er darin pltzlich sein eigenes Bild. Ihm stieg das Blut ins Gesicht,
als er fhlte, da eine Krnkung seines Volkes auch Krnkung seiner eigenen Ehre
war; und die Hand erfassend, antwortete er: Ihr habt meine Seele nicht
vergebens daran gemahnt, da ich als ein Kriegsmann meinem Volke zu dienen
schuldig bin. Denkt nicht gering von mir, wenn ich heut das Ja nicht ausspreche,
das ich gern geben mchte. Ich bin nicht ganz so frei, wie Ihr meint, auch ich
stehe unter einem Gelbde; und ich darf nur sagen, da Ihr meinen guten Willen
gewonnen habt; entscheiden ber meine Zukunft kann ich erst, wenn ich da gefragt
habe, wo ich diene.
    Der Meister bewegte beistimmend das Haupt: Ich ehre die Rcksicht auf
ltere Pflicht. Habe ich Euren guten Willen gewonnen, so vertraue ich, da ihm
die Tat nicht sumig folgen wird. Und nachdem er noch einiges ber Zeit und Ort
der Heeresversammlung mitgeteilt hatte, brach er auf, und die Hand Ivos
festhaltend, sagte er: Es war eine kurze Begrung, aber ich werde mit Freude
daran denken. Auf Wiedersehen, will's Gott, im Hafen, wenn ein guter Fahrwind
dem Heiligen Lande zuweht. Damit schied er vom Hofe.
    Eher als Ivo dachte, erhielt er einen Gru seiner Herrin, der die
Unsicherheit beendete. Von Gotha ritt ein Knecht des alten Walter von Vargula
bei ihm ein mit der Nachricht, da Frau Else ihm mndlich eine Botschaft
mitzuteilen habe. Ivo schwang sich auf sein schnellstes Pferd und traf vor der
Stadt mit Herrn Walter zusammen, der nach der Begrung klagte: Meine Herrin
weilt unter den Siechen, dort will sie Euch sehen. Ich frchte, Ihr werdet sie
verndert finden, die Trennung von Herrn Ludwig hat ihr diesmal fast das Herz
gebrochen, drei Tage dauerte der Abschied, seitdem lebt sie nur fr ihre Kinder
und die Armen.
    Am Bette der armen Kranken sah Ivo die Landgrfin in klsterlicher Tracht,
verweint und erblichen, hinter ihr stand wie ein dunkler Schatten Magister
Konrad. Als Frau Else ihm entgegentrat, zog eine flchtige Rte ber ihr
vergrmtes Gesicht, und mit einem Blick auf den Priester begann sie: Man hat
mir gesagt, da ich ein gutes Werk tue, wenn ich Euch spreche. Es war der Wunsch
meines lieben Hauswirtes, Ihr mchtet Euch der Fahrt, welche sie die gnadenvolle
nennen, nicht entziehen, denn er sagte mehrmals, lieber wrde er Euch in seiner
Nhe sehen als daheim. Auch Frau Hedwig, die Ihr einst bei uns getroffen habt,
schreibt mir durch einen Boten vom Kaiserhofe diese Worte ber Euch: Sorge
nicht, denn alles verheit der Schwertreise ins Gelobte Land gutes Glck, und am
ruhmvollsten zieht ihr Thringe daher. Manche unter uns meinen auch, da Euer
starker Speerbrecher, Herr Ivo, nicht fehlen wird, da es jetzt gilt, der
Heiligen Jungfrau zu Jerusalem statt des alten Gewandes, das die Sarazenen
zerrissen haben, ein neues zu erkmpfen. Nur das wollte ich Euch ausrichten,
Herr; verzeiht, da ich Euch bemhte, schlo die Landgrfin, das Pergament
zusammenlegend, und verneigte sich wie zum Abschiede.
    Diese Worte entschieden den inneren Kampf Ivos. Mit Entzcken erfllte ihn
die Hoffnung, da er seine geliebte Herrin in Welschland treffen knne, ja da
sie vielleicht, wie Frauen oft taten, selbst die Pilgerreise im Gefolge des
Heeres wagen werde; deshalb antwortete er zur Stelle: Die Mahnung, die mir
durch Euren Mund kommt, soll nicht verloren sein. Ich denke mich zur Fahrt zu
bereiten.
    Mit groen Augen, wie erschrocken ber seine schnelle Bereitwilligkeit, sah
ihn Frau Else an, und wieder rtete sich ihre Wange ein wenig; dem Scheidenden
folgte der finstere Blick des Priesters Konrad.

                                Kaiser Friedrich


Die Reisewege nach dem Gelobten Lande waren zur Zeit Ivos den Leuten besser
bekannt als in spteren Jahrhunderten, jedes Kloster bewahrte Beschreibungen der
Fahrt; kaum einen Hof und kein greres Dorf gab es, aus welchen nicht seit
Menschengedenken einzelne die Pilgerreise gemacht hatten, entweder im Kreuzheer
oder als friedliche Waller. Die Burgmannen von Kln, Bremen und Lbeck fuhren
auf ihren hochbordigen Seeschiffen, den Koggen, hufig mit Pilgern und Waren in
das sdliche Meer, kmpften dort gegen die Seeruber und warfen ihre Anker an
den griechischen Inseln und der syrischen Kste neben den Galeeren der reichen
Handelsherren von Pisa, Genua und Venedig. Auch im Innern des Landes waren die
Waren des Orients begehrte Handelsartikel; in jedem wohlhabenden Haushalt
besserten die Frauen den herben Wein mit indischem Pfeffer und Zimt; die
Goldarbeiten, Rstungen und Seidengewebe der Griechen und Syrer galten fr den
wertvollsten Schmuck der Vornehmen, und Ivo selbst dachte jetzt gern daran, da
er mit Wasser aus dem Jordan getauft war, welches ein Bruder seiner Mutter
heimgebracht hatte. Seit mehr als hundert Jahren war die christliche
Ritterschaft nach dem Morgenlande gefahren, jetzt hatte sich die fromme
Begeisterung in den Herzen gemindert, aber die Abenteuer und Heldentaten
frherer Geschlechter wurden doch in den Edelhfen und unter der Dorflinde gern
als Sagen erzhlt. Zumal die Thringe waren stolz auf die Reisen ihrer Herren
ins Heilige Land, denn jeder der letzten Landgrafen hatte mit seinem
Heeresgefolge sich dort kriegerisch gerhrt. Man wute in den Burgen auch
Bescheid ber die christlichen Herrengeschlechter, welche noch im Osten
herrschten: auf Cypern, im Herzogtum Antiochien und dem syrischen Tripolis, man
kannte den Namen des Sarazenensultans Elkamil, welcher jetzt um den Besitz des
Knigreichs Jerusalem mit seinen Verwandten haderte, und man hatte vernommen,
da der neue Zug von der Hafenfestung Accon, die noch in den Hnden der Christen
war, nach Jerusalem gerichtet wrde.
    Ivo fand schwer, seine Fahrt in der Eile zu rsten, und sein Kmmerer Godwin
hatte weit grere Mhe als im vorigen Jahre, durch Verkauf und Verpfndung von
Drfern und Hufen das Reisegeld zu beschaffen. In den letzten Tagen vor der
Fahrt ritt Ivo nach dem Hofe des Richters. Der Alte schlo auf einen Wink des
Edlen die Tr des Hauses, und in geheimem Gesprch vertraute dieser seine
letzten Sorgen um Habe und Hof dem Nachbar. Als er sich zum Abschied erhob, war
Friderun verschwunden, und der Vater mute wiederholt ihren Namen rufen, bevor
sie aus dem Garten trat. Bleich und ohne ein Wort zu sprechen, legte sie ihre
Hand in die des Scheidenden, und als Ivo ernsthaft sagte: Auf Wiedersehen im
nchsten Mai, will's Gott, da sah sie so starr und angstvoll in seine Augen,
da Ivo den Blick gar nicht vergessen konnte.
    Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne vergoldeten den First des
Herrenhofes, und die Rosse stampften ungeduldig unter den gewappneten Reitern,
als Ivo, zur Reise gerstet, ber die Schwelle trat. Er streckte die Hnde nach
den Leuten des Hofes und Dorfes aus, welche sich in dichtem Haufen
herandrngten. Den alten Kmmerer Godwin kte er herzlich und empfing mit
gesenktem Haupte den Segen des schluchzenden Greises. Sobald er sich auf das
Pferd geschwungen hatte, stimmte Nikolaus das fromme Kreuzlied an: In Gottes
Namen fahren wir, und als er sich vom Wege nach seinem Hofe umwandte, sah er den
alten Godwin inmitten der Brcke auf den Knien und um ihn die Weiber und Kinder,
mit aufgehobenen Armen des Himmels Segen fr ihn herabrufend. ber die Mauern
und Dcher des Hofes aber ragte der alte Turm seines Geschlechtes in dsterm
Grau, nur die Zinnen leuchteten in feurigem Scheine.
    Das erste Lebende, welches dem Ausfahrenden im Freien aufstie, war ein
Habicht, der vor ihm aufflog und hoch in der Luft ber ihm kreiste. Whrend er
dies gute Vorzeichen seinen Genossen wies, gesellte sich ein zweiter Raubvogel
zu dem ersten und beide entschwebten miteinander in schnellem Flug nach dem
Osten, so da Henner kopfschttelnd sagte: Sie weisen nach dem Morgen, aber
nicht ber die Alpen.
    Es war ein kleiner Haufe, der unter dem Kreuze dahinfuhr, auer den
Dienstmannen Henner und Lutz noch ein Vasall, der junge Eberhard, welcher
freiwillig folgte, zusammen vier Ritter und ebensoviel Knechte mit zwlf Rossen
und drei Rstwagen, von denen zwei, welche Reisevorrat fhrten, nur so lange zu
fahren hatten, bis sie geleert waren. Nikolaus aber sollte, weil er der fremden
Sprachen am besten mchtig war, die Gesellschaft bis zu ihrer Einschiffung im
Hafen von Brindisi begleiten und dann, wenn es ihm gefiele, in den Hof
zurckkehren und dort den Winter verbringen. Aber schon an den ersten
Raststellen vergrerte sich die Zahl der Begleiter, denn hier und da schlossen
sich ritterliche Pilger an, und diese whlten Ivo zu ihrem Fhrer und sie
gelobten einander bis zu den Schiffen treue Genossenschaft.
    Solange die Reisenden durch deutsches Land zogen, war es eine frhliche
Fahrt, Ivo selbst fhlte eine Zufriedenheit, die ihm lange gefehlt hatte. Vor
sich sah er ruhmvolle Arbeit eines Kriegers, und dabei trumte er von dem
Wiedersehen der Geliebten. Die Freude lachte ihm aus den Augen und er sang mit
Nikolaus um die Wette. Als die Waller aber ber die Alpen in das Land der
Lombarden hinabstiegen, wurden die Mienen ernster, denn ihre Rosse zogen mde
dahin im Sonnenbrand, und die Pilger fanden fast berall kalte Blicke, vernahmen
spttische Reden und rgerten sich ber unchristliche Preise, welche die
Welschen von ihnen forderten.
    Und wie scharfe Windste schlugen ble Nachrichten von dem Kreuzheer ihnen
entgegen: da die Schiffe nicht zur rechten Zeit gekommen, da das Heer Hunger
leide, da ein groes Sterben ausgebrochen sei, da auch der Kaiser und der
Landgraf von der Krankheit ergriffen worden. Bald sahen sie selbst die
Besttigung. Elende Haufen von Mnnern und Frauen zogen ihnen auf der Landstrae
entgegen, zuweilen in stummem Jammer, die meisten mit Geschrei und Klage, sie
versammelten sich um die Reiter, hoben flehend die Hnde, drngten sich an die
Rstwagen und griffen gierig hinein; es waren Fremde von allerlei Volk, meist
Englnder und Franzosen, in ihrer Sprache verwnschten sie den Kreuzzug und
schrien Rache ber Geistliche und Laien, welche so viele fromme Seelen in das
Verderben gefhrt htten. Je nher die Pilger der Stadt Brindisi kamen, desto
klglicher wurde, was sie erblickten. Die Landschaft sah aus wie ein ungeheures
Schlachtfeld, berall Kreuze an unordentlich geschichteten Erdhaufen, Leichen
von Pferden, bald auch von Mnnern und Frauen, beraubt und entblt. Schwrme
von Geiern und kleinen Raubvgeln schwebten trge auf, sobald die Reisenden
vorberkamen, und kehrten dreist zu ihrer eklen Beute zurck. Den mifarbigen
Boden bedeckten widerwrtige Lagertrmmer, dort rauchten noch die verkohlten
Bretter einer Holzhtte, hier schlichen um Strohdcher bleiche Gestalten, und
aus den Fensterffnungen drang das chzen der Kranken, welche
zusammengeschichtet darin lagen.
    Am Wege stand ein Franziskaner, der einen schweren Quersack trug; er schrie
den vorbeireitenden Schler mit mitnender Stimme an: Hallo, singender Klaus,
kommst auch du zum Gastmahl, welches hier fr alle unntzen Vgel bereitet ist?
Die vornehmen Wirte sind weggezogen und haben nur noch den Kchenabfall
zurckgelassen. Deine Schelmenlieder kannst du hier vor den Toten und Sterbenden
singen.
    Nikolaus verfrbte sich: Bist du es, Dorso? Seit wann trgst du die Kutte?
    Seit du dich dem Teufel verschrieben hast, war die unhfliche Antwort.
    Als Ivo die deutsche Rede vernahm, lenkte er sein Pferd heran; vor ihm stand
ein vierschrtiger Mann mit gekrmmtem Rcken und starken Armen und Beinen, der
auf dem kurzen Hals einen bermig groen Kopf trug, so da er aussah wie ein
verknorzter Riese. Wo ist das Heer? fragte Ivo.
    Der Mnch wies hhnisch auf einige helle Punkte in der glitzernden See: Die
letzten, welche noch leben, fahren dort hinaus. Wollt Ihr nach dem Gelobten
Lande, so mgt Ihr auf euren Gulen durch das Meer schwimmen.
    Wo ist der Kaiser?
    Wenn Ihr die Heiligen des Himmels nach ihm fragt, so werden sie Euch
schwerlich guten Bescheid geben, denn seine Untreue hat die frommen Glubigen in
Not gebracht.
    Bist du ein Deutscher, du Schuft, so sprich mit Ehrfurcht von unserm
Herrn, rief Ivo, seine Gerte erhebend.
    Ihr selbst werdet, hoffe ich, Eure Ehrfurcht vllig verbrauchen, wenn Ihr
erst einige Wochen in diesem Rosengarten lagert, versetzte der ungeschlachte
Mnch. Der Herr verleihe Euch christliche Geduld, und wenn Ihr bei diesen
Htten in den letzten Zgen liegt, so verget nicht, den Schuft holen zu lassen,
damit er Euch den letzten Segen erteile; sonst wird St. Peter Eurer armen Seele
die Himmelstr zuschlieen, weil Ihr einen Diener des Herrn gelstert habt. Er
rckte seinen Quersack auf die Achsel, so da das Metall darin klirrte, und
kehrte den Reisenden seinen Rcken.
    Schweigend ritten die Genossen der groen Stadt zu, das Tor war bewacht, mit
Mhe erhielten sie Einla. Aber in der Stadt fanden sie gehuftes Elend. Lngs
der Mauer lagen die armen Kranken unter Dchern von Brettern und Segeltuch,
durch die Straen zogen Mitglieder der frommen Bruderschaften mit Kreuzen und
Lichtern, alle Huser waren mit traurigen Fremden gefllt, die Straen durch
Unrat und umgestrzte Karren fast unwegsam. Und als sie zu dem Hafen
durchgedrungen waren, fanden sie ihn leer, kein Segel darin, die ganze Umgebung
wie ausgestorben. Unten schlugen die Wellen an die kahle Steinmauer und darber
wehte der Seewind an verstrte Gesichter.
    Harret hier, gebot Ivo den Genossen, wo die Luft rein ist und der Jammer
nicht den Sinn betubt. Er selbst ritt mit Nikolaus zurck in die Straen der
Stadt, sie hielten oft an und fragten, vernahmen aber nichts Trstliches.
Endlich lenkte Ivo zu einem kleinen Hause, an dem ein weies Schild mit
schwarzem Kreuze hing, dem Spital der deutschen Marienbrder. Ein alter
Ordensmann, der dort unter den Siechen zurckgeblieben war, gab willigen
Bescheid: Der Kaiser und der Meister hatten eine Kriegsfahrt waffentchtiger
Mnner aus unserer Heimat gerstet; dem Heiligen Vater aber lag eine allgemeine
Fahrt der Christenheit mehr am Herzen, und er sandte daher die Bettelmnche
durch alle Lnder. Denn es gab manche, welche uns Deutschen die Ehre beneideten.
Da sammelte sich gleich Heuschrecken ein ungeheurer Schwarm wilden Volkes aus
jedem Lande, auer Mnnern und Weibern auch Kinder. Fr ihn reichten weder
Schiffe noch Lebensmittel. Der verlorene Haufe lagerte sich um die Stadt, zuerst
sang er, dann raubte er, bis er aus Mangel verging und uns die Seuche
zurcklie. Jetzt erhebt sich Geschrei und Fluchen gegen die, welche die
Kreuzfahrt zugerichtet haben. Darf ich Euch raten, Herr, so weicht ohne Zaudern
von dieser Sttte des Unheils. Ich vernahm, da zwei Tagereisen sdwrts, im
Hfen von Otranto, Schiffe aus Bremen angelegt haben; auch der Landgraf wollte
landen. Vielleicht gewinnt Ihr dort die berfahrt.
    Ivo schied mit Dank von dem Landsmann, und die Reiter wendeten sogleich die
Hupter ihrer Rosse dem Sden zu und atmeten frei auf, als sie dem Dunst und dem
Gesthn des Kreuzlagers entronnen waren.
    Als die Reisenden sich am zweiten Tage darauf der Burg Otranto nherten,
fanden sie den Weg durch ein hlzernes Gatter gesperrt, dahinter lag ein
steinernes Wachthaus, vor welchem ein Wchter mit Schwert und kurzem Spie auf
einer Bank sa. Henner ritt vor und forderte Durchla, der Wchter schrie, ohne
aufzustehen, in welscher Sprache nach dem Wachthause zurck, gleich darauf
traten zwei Mnner heraus, mit dunklen, faltigen Gesichtern, und riefen in
strengem Tone ber die Schranken Befehle, die Herr Henner nicht verstand.
Hilflos sah er sich nach dem Schler um, welcher vorreitend erklrte: Sie
gebieten uns, abzusteigen. Wie, rief Henner entrstet, diese Mnnlein wagen
uns von den Pferden zu drngen? Sagt ihnen, wenn sie ihre schlotternde Haut
unversehrt nach Hause tragen wollen, so sollen sie sich beeilen, die Sperre zu
ffnen.
    Ich widerrate solcher Drohung, sagte Nikolaus ernsthaft, soweit ich den
Brauch dieses Landes kenne, sind es Beamte des Kaisers, und sie haben ein Recht
zu ihrer Forderung.
    Beamte? fragte Henner verchtlich. Seit wann lungern die Herren, welche
dem Kaiser dienen, an der staubigen Landstrae?
    Der Schler rief in Latein zurck: Wir sind Kreuzfahrer und reiten im
Gefolge eines edlen Herrn.
    Aber ungerhrt entgegnete einer der Schwarzhaarigen mit einem Wirbel fremder
Worte und begleitete seine Rede mit drohender Gebrde.
    Was sprudelt der Zwerg? fragte Henner, aufs hchste entrstet.
    Sie wollen unser Reisegert durchsuchen, ob etwas Zollbares darin ist, und
fordern unsern Passierschein.
    Zollbares? Wir sind nicht Kaufleute; und was bedeutet ein Passierschein?
Wenn das Geschriebenes ist, so mgen sie sich bei einem Pfaffen darnach
erkundigen.
    Das ist in Apulien und Sizilien so Brauch, belehrte der Schler. berall
hlt der Kaiser Bewaffnete zu Ro und zu Fu, welche die Reisenden nach
Freibriefen fragen und solche in Haft nehmen, denen das fehlt, was sie die
Legitimatio nennen. Ich rate Euch, Herr, nachzugeben, sonst entsteht Unheil.
    Bei St. Georg, schwor Henner, das mag unter Sarazenen und Mohren
gebruchlich sein, aber einem christlichen Deutschen wre es Schmach, sich
solcher Zumutung zu fgen. ffne, du Migestalt, rief er, oder ich renne dir
das Gitter ein.
    Als der Apulier die drohende Bewegung des Reiters sah, winkte er seinen
Begleitern, welche sich in achtungsvoller Entfernung vor dem Schlagbaum quer
ber den Weg stellten, worauf die beiden Beamten sich hinter diese Hecke
zurckzogen und heftige Worte gegen die Fremden richteten.
    Hier mu ein Ende werden, rief Henner, dort naht bereits unser Herr; habt
die Gte, Lutz, die Valets anzurufen, da sie eine Axt vom Rstwagen bringen.
Mit mchtigem Satze trieb er das Pferd ber das Gitter, brach durch die
Bewaffneten und packte mit jeder Faust einen der Beamten beim Kragen, schwenkte
sie an den Sattelknopf und drckte sie fest, da sie jmmerlich schrien. Als
Lutz seinen Marschalk im Angriffe sah, zgerte er nicht, ihm auf demselben Wege
zu folgen, er ri dem einen Wchter den Speer aus der Hand und stie den andern
beiseite, so da beide brllend davonliefen. Ich erbitte Euren Riemen, Herr
Lutz, fuhr Henner erfreut fort, damit ich meine Hasen am Sattel befestige.
Unterdes sprengte ein Knecht durch Axtschlge das Gitter, und als Herr Ivo, den
der Schler ngstlich geholt hatte, herankam, war das Werk getan. Ich sorge,
Marschalk, dies wird ein bser Handel, sagte Ivo, und ersuche Euch, die beiden
Mnner loszubinden, denn sie haben, wie ich vernehme, nur nach dem Befehl des
Kaisers gehandelt. Als Henner zgerte, nahm er ihm die Riemen aus der Hand, und
da ihm der Schler zuflsterte: Gebt ihnen Geld, das ist hier das letzte
Mittel, solchen Streit zu vergleichen, griff er in die Tasche, drckte jedem
der Mnner ein Silberstck in die Hand und lste die Riemen. Die Beamten
schlossen die Finger ber dem Gelde, aber nur, um die Faust zu ballen, sich
feindlich auf den Weg zu stellen und die flchtigen Wchter zurckzurufen. Von
neuem begann das Geschrei, und der Schler riet ngstlich: Gebt ihnen mehr,
noch sind sie nicht zufrieden.
    Sie haben doch Geld genommen, versetzte Ivo, und rckwrts rief er:
Schliet euch um den Wagen zusammen, mgen sie es jetzt versuchen, uns zu
hindern.
    Auf einem Hgel in der Nhe wurde ein Trupp Reiter sichtbar, die Abendsonne
vergoldete Rstungen und Gewnder, Ivo grte, den Speer senkend und die
Reisekappe lftend. Er bemerkte, wie die Wchter zu dem Trupp liefen, dort
niederfielen und die gehobenen Arme heftig bewegten. Gleich darauf lsten sich
einige Reiter von der Gesellschaft und sprengten auf die Fahrenden zu. Ivo ritt
ihnen entgegen, nannte seinen Namen und die Absicht der Fahrt und entschuldigte
die Gewalttat seiner Mannen, so gut er vermochte. Die strenge Miene des
Anfhrers entwlkte sich, und er antwortete in deutscher Sprache: Ihr werdet
Euch gefallen lassen, da die Beamten mit ihren Augen Euer Reisegert mustern,
damit dem Gebot des Kaisers Genge geschehe, ich will sorgen, da sie Euch nicht
weiter belstigen. Vermeidet, in der Stadt Herberge zu suchen, sie ist berfllt
durch das Gefolge des Kaisers und der Kaiserin; habt Ihr Zelte, so schlagt sie
nahe am Hafen auf. Einer meiner Speerreiter soll Euch begleiten. Ein junger
Krieger jagte pfeilschnell an die Spitze des Zuges. Der Turban, den er ber der
Eisenkappe trug, sein runder Schild und sein Speerschaft aus Rohr verrieten, da
er zu der maurischen Leibwache des Kaisers gehrte. Wenn Ihr aus Thringen
seid, sprach der Reiter beim Abschiede mit ernster Miene, so kommt Ihr nicht
zu froher Stunde. Bevor Ivo weiter fragen konnte, war der Herr zurckgesprengt.
    Die Reisenden zogen im Abendlichte dem kleinen Hafen zu. Auf der dunklen
Flut schwebten eine Anzahl Schiffe, welche der Kreuzflotte angehrten, lngs dem
Hafendamm lagen sizilische Galeeren, dahinter an ihren Ankern rundliche
Kielschiffe aus den Nordmeeren; Boote fuhren hin und her, ein Teil der Reisenden
war ausgeschifft und hatte die Zelte am Strande aufgeschlagen. Aber der freudige
Ruf, mit welchem die Ankommenden die ersehnten Fahrzeuge begrten, wurde
sogleich gedmpft, denn sie erkannten Verwirrung und Trauer an den Borden und am
Ufer. ber den Schiffen wehten die schwarzen Flaggen, die Bewaffneten am Ufer
rannten durcheinander oder standen in unordentlichen Haufen, und von den
Verdecken erscholl Trauergesang und laute Totenklage. Henner ritt zu einem
Haufen der Landgrflichen, und als er zurckkam, lasen die andern die
Schreckenskunde in seinen Zgen, bevor er noch zu rufen vermochte: Der Landgraf
ist tot. - Schweigend hoben sich die Reiter aus den Stteln und warfen sich auf
den Boden, fr die Seele des Herrn zu beten. Jedem kam vor, als ob die blutlose
Hand des Todes sich drohend gegen ihn selbst erhebe, Ivo dachte, whrend ihm die
Trnen von den Wangen rannen, an die Stunde, wo er den Herrn zuletzt vor dem
Altar gesehen hatte, wie in dsterer Vorahnung seines Endes, und neben ihm am
Boden die verzweifelnde Gemahlin.
    In ihrem Kummer achteten die Pilger nicht darauf, da die Reiter, an denen
sie vorbergezogen waren, nher herankamen und unweit ihrer Raststtte hielten,
whrend zwei Mnner von den Rossen stiegen und, in ihre Mntel gehllt, dem
Uferdamm zuschritten.
    Der eine von ihnen war Hermann, der Meister des Deutschen Ordens, und der
andere ein Herr von miger Gre und zarten Gliedern. Sein Antlitz, fahl wie
das eines Erkrankten, erschien noch bleicher durch die rtlich-blonden Locken
des Haupthaars, aber die Krankheit hatte nicht vermocht, die stolze Haltung zu
beugen, in welcher er daherging. Dieser Herr war Kaiser Friedrich.
    Es war ein heller Frhlingsmorgen, der dort in Trauerwolken untergegangen
ist, begann Hermann, zu den Schiffen gewandt.
    Wahrlich, antwortete der Kaiser, nicht wie einen Frsten des Reiches,
sondern wie einen Knig betrauert das Volk diesen Toten. Einem sonnigen Morgen
vergleichst du sein Leben, aber ein heier Wettertag wre es fr den Kaiser und
das Reich geworden, denn in seiner Seele lebte der Herrenstolz. Ein Glck, da
seine Brder ihm nicht gleichen. Mancher wird sagen, da sein Tod eine Strafe
des Himmels war. Denn hheren Preis als jeder andere hat er von mir erzwungen,
bevor er das Kreuz auf sich nahm; das Land Meien, welches er dem Shnlein
seiner Schwester mit den Waffen entri, habe ich ihm bewilligen mssen samt
allen Einknften des Reiches; vergebens hat die fromme Else sich geweigert, das
Brot aus den geraubten Kornkammern zu essen, und vergebens hat sie, wie man
erzhlt, einen kranken Bettler in das Bett ihres Gemahls gelegt, um durch
schwere Liebeswerke die rchende Vergeltung von seinem Haupte abzubitten.
    Und doch hat Eure Majestt ihm selbst seine Wrde erhht.
    Auch du hast deshalb meine Klugheit gelobt. Wie kann ich in dem fernen
Deutschen Reich die Ordnung erhalten, Sicherheit auf der Landstrae und
Ehrfurcht vor meiner Wrde, wenn nicht durch die Frsten und Bischfe, welche
als Gebieter mchtig auf ihren Sthlen sitzen. Hier in Apulien und Sizilien bin
ich Herr, ich allein, und sie nennen mich einen scharfen Herrn, der ihnen in
jeden Topf guckt. Daher gehorcht mir das ganze Land wie ein gut geschultes Ro.
Auch fr meine Deutschen hoffe ich eine bessere Zeit. Bin ich erst Gebieter ber
die Ostlnder an diesem blauen Meer, dann sollen die Deutschen erkennen, da
ihre Frsten ohnmchtig sind gegen den Kaiser.
    Mehr vermgt Ihr als ein anderer Mann auf Erden, versetzte Hermann,
dennoch seid auch Ihr ein sterblicher Mensch, und die Jahre bndigen Eure
Kraft. Ihr seid einer, die Frsten aber gleichen zusammen einer groen
Bruderschaft, die Brder wechseln und sterben, die Bruderschaft dauert.
    Der Kaiser lchelte. Das spricht einer, der selbst ein Ordensbruder ist.
Dennoch merke, Meister, alles Groe und Dauernde auf Erden hat nicht eine
Gesellschaft von Schwachen geschaffen, die sich zusammenschwor, sondern ein
Held, der hher dachte als die andern alle. Du vertraust deinem Orden, deine
Brder jedoch hoffen auf dich, du bist der Starke, welcher Kleine grozumachen
versteht, weil du klger und fester bist als die andern.
    Der Meister schwieg, Friedrich lauschte auf den Trauergesang, welchen die
Abendluft von den Schiffen herbertrug. Auch ich war in seiner Gesellschaft
zuweilen frhlich. Noch war er des Kaisers Freund. Uns beiden wurde Antwort
erspart auf die Frage: Wie lange?
    Hermann wies auf die Stelle, an welcher der Haufe Ivos die Zelte aufschlug:
Nicht alle Herren aus Thringen folgten dem Banner des Landgrafen.
    Das ist der Recke, dessen Heldenkraft meine Gitter zerbrach und meine
Wchter schlug, versetzte der Kaiser unfreundlich.
    Er war der einzige unter den Edlen aus Thringen, der meine Goldgulden
ablehnte, obgleich er nicht auf reichem Erbe sitzt.
    Botest du ihm zu wenig?
    Er meinte, es mindere seine Ehre, wenn er Geld nehme, um fr den
Himmelsherrn zu reiten. Und der Meister berichtete einiges ber Ivo.
    Ha, rief Friedrich, das Haupt hebend. Schon frher habe ich aus anderem
Munde sein Lob gehrt; ruf ihn her.
    Hermann eilte nach den Zelten. Die Sonne war untergegangen, aus dem Meere
stieg die Dmmerung schnell am Himmel empor, als Ivo seinem Kaiser
gegenbertrat. Aus Thringen seid Ihr, Herr, begann Friedrich, und doch
rastet Ihr abseits von dem trauernden Haufen am Strande; seid Ihr jenen
verfeindet?
    In der Heimat habe ich Herrn Ludwig als meinen Nachbar geehrt, jetzt traure
ich ber seinen Tod. Zur Kreuzfahrt aber zog ich aus eigenem Willen, und das
Schwert wrde ich ungern unter einem andern Banner schwingen als unter dem
meines Kaisers.
    Bewahrt diesen Stolz, sagte Friedrich schnell. Wer hoch von sich denkt,
der steckt sich wohl auch ein groes Ziel. Wird Euch das Erbe Eurer Vter zu
klein, fr treue Dienste kann der Kaiser es mehren.
    Wenig habe ich bis jetzt um Gut und Eigen gesorgt, antwortete Ivo ehrlich.
Bevor ich das Kreuz auf mich nahm, diente ich in freiem Jugendmut da, wo mir
mein Herz gebot.
    Friedrich lchelte. Hat Euch die Herrin in die Fremde geschickt? Ich meine,
solche Entsendung gleicht dem Torenwerk eines Mannes, der mit der Sge den Ast
abschnitt, auf dem er sa.
    Beide begehren wir vom Himmel, da er uns gndig sei.
    Wieder lchelte der Kaiser und betrachtete den jungen Helden, dessen Antlitz
durch den letzten Abendschein gertet wurde. Auch einen Mann macht es frhlich,
Euch in die Augen zu sehen, Herr; mich wundert nicht, da die Frauen Euch
preisen; ich hoffe, Ihr sollt den braunen Damen im Harem des Sultans manche
Angststunde bereiten, wenn Ihr gegen ihre Helden sprengt. Trgt man in Thringen
solch buntes Tuch als Kollier, wie Ihr um den Hals geschlungen habt?
    Ivo antwortete errtend: Des Kaisers Majestt wei, da Wallende die Gabe
einer geliebten Frau unter dem Kreuzeszeichen tragen, wenn sie der Herrin Anteil
geben wollen an dem Heil, welches ihnen die Fahrt bereitet.
    Der Kaiser nickte: Auch ich trage den Schleier meiner Herrin, und er wies
auf ein feines Gewebe aus Goldfden, welches ebenso unter dem Kreuz an der
Schulter befestigt war. Doch ich sorge, die Unbekannte, welcher Ihr dient, ist
eine unglubige Sarazenin; denn auf dem Zipfel unter dem heiligen Kreuze sehe
ich fremde Buchstaben in Gold gestickt; versteht Ihr die verschlungenen Linien
zu deuten? Und den Zipfel fassend, fuhr er spottend fort: Es sind arabische
Worte, sie bedeuten: Allah ist Gott und Mohammed ist sein Prophet. Ich hoffe,
der Spruch, dem unsere Pfaffen fluchen, wird Eurer Seligkeit nicht schaden.
Zufllig vermag ich dies Geheimnis zu knden, denn ich selbst schenkte einst ein
Tuch, diesem hnlich, einer edlen Frau, die mir verwandt ist. Noch vor wenig
Tagen httet Ihr Euer Tuch mit dem ihren vergleichen knnen. Jetzt ist die Dame
durch ihren Herrn nach Deutschland zurckgefordert. Ivo zuckte und trat einen
Schritt zurck. Bleibt ruhig, Messire Ivo, fuhr der Kaiser lachend fort, aber
seine Augen sahen scharf auf den Betroffenen. Ich verrate die Helden meiner
Tafelrunde nicht.
    Er winkte Entlassung und sprach auf dem Wege zu seinem Begleiter: Diesem
kann man vertrauen, und ich gedenke ihn in meiner Nhe zu behalten. Aber ich
frchte, er ist von einfltigem Herzen.
    Er ist ein Deutscher, antwortete der Meister.
    Das bin auch ich, versetzte der Kaiser schnell. Wie, Hermann, du birgst
dein Lcheln nicht? Was meinst du, sprich, bin ich ein Deutscher oder nicht?
    Verzeiht, wenn ich in einem Gleichnis antworte. Als ich zuerst nach dem
Morgenlande zog, empfing ich als Geschenk eine Silberplatte aus Goslar. Ein
arabischer Goldschmied schlug sie mir zu einem Becher, mit rmischen Goldmnzen,
die ich ihm gab, berzog er das Silber, und fgte in der Kunst, welche die
Unglubigen verstehen, zierliche bunte Farben zu dem Golde. Jetzt hat der Becher
langen Reiterdienst getan; die arabischen Farben und das rmische Gold sind an
vielen Stellen abgescheuert, und das deutsche Silber kommt zum Vorschein;
mglich, da der Becher fr Fremde unscheinbar ward, mir ist er jetzt teurer als
ehedem. Ich wei nicht, ob ich zu den Heiligen flehen darf, da auch bei Eurer
Majestt durch den Druck der Jahre das deutsche Metall ans Tageslicht gebracht
werde.
    Friedrich lachte. Ich hoffe, deine Treue wnscht mir kein Unglck. Immerhin
danke ich dir, da du mich wenigstens mit einem silbernen Napfe vergleichst.
Doch meine ich, Meister, du trinkst aus zwei Bechern, der eine heit Kaiser, der
andere heit Papst. Aus welchem Metall ist der alte Mann, welcher grollend in
Rom sitzt, der dein zweiter Herr ist und dazu der meine?
    Da er mein Herr ist, wie Ihr sagt, so verbietet mir die Ehrfurcht, gegen
Euch sein Metall zu schtzen. Doch der hochwrdige Vater, welcher auf dem Stuhl
St. Peters sitzt, darf sagen: Wie auch das Gef sein mag, der Wein, den ich
berge, ist immerdar ein Himmelstrank und das Heil der Christenheit.
    So la du dir in deinem Gleichnis sagen, rief der Kaiser eifrig, da drei
Tpfe aus schlechtem Ton von den trichten Vlkern der Erde angebetet werden als
die Bewahrer gttlichen Segens. Der erste stammt von Moses und der letzte von
Mohammed, und der mittlere ist der, den der Alte zu Rom so herrisch schwenkt.
Knnte ich wie ich wollte, ich zerschlge alle drei, um die Welt von finsterer
Tyrannei zu befreien. Hermann bekreuzigte sich. Sei ruhig und entsetze dich
nicht, du weit, ich bemhe mich um die Gunst der Heiligen und bin zur Zeit in
dem frmmsten Geschft meines Lebens. Verliere nicht das Zutrauen zu mir,
vielleicht kommt die deutsche Einfalt, die du bei deinem Herrn Ivo rhmst, auch
an mir noch einmal zutage, so da ich dahinfahre als ein treuer und hochgelobter
Sohn der Kirche wie der junge Landgraf. - In Wahrheit, gerade jetzt wre
willkommen, bei unserem Vater Papst einigen guten Willen fr mich zu finden. Er
blieb stehen. Vernimm du zuerst, was bald ruchbar sein wird. Die Kreuzfahrer,
welche hier versammelt sind, fhrst du nach dem Gelobten Lande, nicht ich. Ich
folge dir erst im nchsten Frhjahr.
    Der Meister stand still, und in seinem Gesicht zuckte eine heftige Bewegung,
der staatskluge Mann fand keine Antwort. Sieben Jahre waren es her, seit der
Kaiser den Kreuzzug gelobt hatte, immer hatte er ihn verschoben, und Hermann
hatte mehr als einmal seine ganze Kunst aufgewandt, den erzrnten Papst zu neuem
Aufschub zu bewegen; jetzt, wo die Fahrt begonnen war, sah er die reifende
Frucht mhevoller Arbeit durch einen Einfall des Kaisers verdorben. Du zrnst
mir in deinen Gedanken, begann Friedrich endlich, niemand hat so viel Recht
dazu; denn dir, Hermann, danke ich, da ich in den letzten Jahren frei von Bann
und Verwnschung des Alten die zuchtlosen Fllen dieses Landes an meinen Zaum
gewhnen konnte. Alles, was du sagen kannst, um mich zu treiben, wei ich
selbst, und glaube mir, heier ist mein Drang, im Morgenlande die Krone ber
dies Inselmeer zu holen, als dein Wunsch, deinen Brdern dort Burgen und eine
Herrschaft zu gewinnen. Darum vernimm du allein, was mich hindert. Zwei
Frauenlippen waren es und wenige holde Worte, die mir in das Ohr geflstert
wurden, aber sie wiegen schwerer als die alte Pflicht und als der Kriegsruf aus
dem Heere, das du fr mich gesammelt hast. Ja, und auch du, der du dem Weibe
entsagt hast, wirst mich nicht schelten. Denn eine neue Zeit kommt heran, und
alte Verkndigung wird zur Wahrheit. Wisse, sechs Wochen sind es jetzt, da mein
Gemahl, die Erbtochter des Knigreichs Jerusalem, zum letztenmal an meinem Halse
lag. In derselben Nacht stand mein weiser Omar auf der Zinne des Schlosses und
sphte nach dem Stand der Himmelslichter, an denen unser aller Schicksal hngt.
Gerade als wir uns von Brindisi eingeschifft hatten zur gelobten Fahrt, brachte
mir eine schnelle Galeere auf der See den Gru der Kaiserin: die goldene Kapsel,
in der sie sonst ihre Reliquien bewahrt, ein aufgebrochener Granatapfel lag
darin. Verstehst du dies Zeichen? Es bedeutet geheimes Hoffen. Und der Bote
verkndete, da sie hier meiner harre. Darum sind wir gelandet. Der Landgraf
vermag nicht mehr die Pilger zu fhren, das macht auch mir leichter, zu bleiben,
denn ungern htte ich den jugendlichen Helden unter meinen Deutschen allein im
Gelobten Land gesehen - obgleich er nicht der Mann war, mit den Kindern
Mohammeds zu handeln. Sieh hinauf, Hermann, er wies nach dem dunklen Himmel, an
welchem einzelne Sterne sichtbar wurden, dort wandeln unter den andern
Gestirnen die groen Wahrsager unseres Schicksals ihre geheimnisvollen Bahnen,
dort glnzt der Stern meines Geschlechtes, Almustari, den die Rmer Jupiter
nennen. Lautlos ziehen sie, und doch enthllen sie dem Kundigen, da in wenig
mehr als sieben Monden der heie Wunsch meines Lebens erfllt wird, der Knig
ber Glubige und Unglubige wird geboren, die Herrlichkeit eines neuen Reiches
wird heraufsteigen aus dem Meere, und in neuem Glauben werden die Stmme mit
schwarzen und blauen Augen eintrchtig beieinander wohnen.
    Zrnt mir nicht, mein kaiserlicher Herr, entgegnete der Meister traurig,
wenn ich Euch nicht folge zu den Luftbahnen, welche die Sterne wandeln. Ein
deutscher Ordensmann bin ich, und mein Amt ist, nicht an mich zu denken, sondern
an das Wohl meiner Bruderschaft. Fr diese aber sind Eure Majestt und Papst
Gregor die beiden Leitsterne, welche unser Schicksal da bestimmen, wo unsere
eigene Kraft nicht reicht. Und deshalb gestattet mir noch einmal, Euch zu
mahnen. Sieben Monate sind von Euren Wahrsagern als Frist gegeben fr die Fahrt,
in heien Landen fr uns die beste Jahreszeit, nach dieser Zeit mgt Ihr
zurckkehren und Euch des Glckes freuen, das Ihr so sicher erhofft.
    Doch wenn ich nimmer zurckkehre? fragte Friedrich mit finsterem Blick.
Du weit, Hermann, nicht jedem meines erlauchten Stammes glckte, aus dem
Gelobten Lande den Rckweg zu finden. Und wenn ich heimkomme, whnst du, da ich
die Kaiserin und die Hoffnung, die mich jetzt froh macht, ungeschdigt
wiederfinde?
    Man sagt, da des Kaisers Frauengemach einer zugemauerten Burg gleicht, so
unzugnglich wie der Harem des Kalifen, und da die fremden Wchter den
Zudringlichen mit scharfer Waffe begren.
    Die Feinde, welche wir beide kennen, dringen durch jede Tr, sie geben
Siechtum mit der Hostie und raunen Tdliches in das Ohr der Betenden. Hermann,
ich darf mein Weib in dieser Zeit nicht verlassen.
    Wenn aller Welt verborgen bleibt, was Euch bis zu nchstem Frhjahr bei
Eurem Gemahl festhlt, einen gibt es, dem dies Geheimnis dennoch zugetragen
wird, und dieser eine ist der Heilige Vater. Den Erben begehrt Ihr dem Volke zu
zeigen, bevor Ihr ihm das Gelobte Land gewinnt, Eure Gegner in Rom aber drngen,
da Ihr das Land erwerbet, nicht fr Euer Geschlecht, sondern fr einen
Oberherrn, den Heiligen Vater selbst. Keinen Grund des Zgerns wei ich, der den
Zorn des Papstes so heftig entflammen mu wie dieser geheime, der dem Kaiser so
wichtig ist. Bei Strafe des Bannes habt Ihr Euch verpflichtet, in diesem Sommer
zu segeln; wird der Bann gegen Euer hohes Haupt geschleudert, so verdirbt er
Euch die heilige Fahrt und verdirbt die Arbeit und die Hoffnungen vieler Jahre.
Und vor dem Kaiser niederkniend, rief er in heiem Schmerze: Oh, lat Euch
warnen, Herr; wenn Ihr je Treue und gute Meinung in meinen Worten erkannt habt,
so hrt jetzt auf mein Flehen, setzt nicht alles aufs Spiel um einer unsicheren
Hoffnung willen, die jeder kommende Tag vereiteln kann.
    Steh auf, Hermann, sprach der Kaiser, den Knienden erhebend, du sprichst
redlich, wie du immer gegen mich gesinnt warst. Aber du begreifst nicht, wie
dein Kaiser denken mu. Hoch ber alle Hupter der Christenheit hat der Erhalter
der Welt mein Geschlecht erhht, an dem neuen Leben, welches er in mein Haus
sendet, hngt das Schicksal von Millionen. Nicht ein Kind wie jedes andere ist
der Sohn, welcher dem Kaiser geboren wird, sondern eine Verheiung fr die
Vlker der Erde. Du mahntest mich an meine Sterblichkeit und mein Alter, in
meinen Shnen liegt die Verjngung meiner selbst und die Brgschaft dafr, da
die Gedanken, die ich in mir trage, und mein Wille, eine neue Ordnung in die
zuchtlosen Seelen der Menschen zu pflanzen, nicht mit meinem Leben vergehen. Nur
auf zwei Augen, auf dem Knaben Heinrich allein, ruhte bisher die ganze Zukunft
meines Geschlechts. Jetzt ist die neue Hoffnung verkndet. Darum sage ich dir,
der Knig wird geboren werden, so wahr ich unter dem Schein dieses Sternes vor
dir stehe. Ich werde ihn den Vlkern zeigen, und ich werde fr ihn die Krone der
heiligen Stadt gewinnen, gebannt oder nicht, mit gutem Willen des Papstes oder
mit bsem. Wie mein Sohn Heinrich die Diademe des Deutschen Reiches tragen wird,
so soll ein anderer Sohn als Meerknig die Kronen von Sizilien und Jerusalem auf
seinem Haupte vereinigen. Und ich mit meinem Geschlecht, wir werden die Welt
befreien von der Tyrannei des Alten, der zwischen den sieben Hgeln thront und
der sich zum Herrn gemacht hat ber die Majestt der Knige und ber das
Schicksal der Vlker.
    Hermann bewegte abweisend das Haupt. Da fate Friedrich die Hand des
Vertrauten am Gelenk und schttelte sie in leidenschaftlicher Aufregung. Die
Vlker leben in Siechtum und die Knige werden Sklaven. Da ich noch ein Knabe
war, haben die Priester mich gezwungen, ihrer List und Untreue zu begegnen mit
gleicher Verstellung. Du hast zuweilen die Kunst gerhmt, mit welcher ich meine
Gegner berrasche, und die Migung, mit der ich fr mich nur begehre, was
erreichbar ist; wisse, mein Freund, teuren Preis habe ich fr diese Kunst
gezahlt, es ist die Schlauheit eines Unfreien, der unablssig die Kette fhlt,
die er mit sich schleppt. Durch sie bin ich gescheuert wie dein Becher, von dem
du sprachst, und wenn ich jetzt in der Stille vor dir tobe, so nimm an, da es
mein deutsches Silber ist, ein emprtes Gemt, was an mir zum Vorschein kommt.
Und seine Bewegung bezwingend, schlo er: Gib dich, Hermann, sprich mir nicht
mehr von dem, was unabnderlich ist, sondern vernimm, was ich noch von dir
begehre. Die Luft wird khl und der kranke Leib fordert Ruhe.
    Das Dunkel der Nacht lag ber dem Hafen, aus dem die Masten der Schiffe
schwarz gegen den Sternenhimmel ragten; die Totenklage war verstummt, nur die
Flut rauschte aus der Tiefe. Ivo stand am Ufer, sein Auge haftete an einem
bleichen Lichtstreif, der ostwrts auf hoher See glnzte. Dort hinaus liegt das
Land der Verheiung. Eine hohe Pflicht habe ich auf mich genommen, und ich ahne,
da sie mir den freien Sinn einhegt und mich enge und dster umschliet wie die
Schwrze dieser Nacht. Von den Freuden meiner Jugend habe ich mich geschieden,
auch von der geliebten Herrin soll mich weites Land und wildes Meer trennen. Wer
mag sagen wie lange? Das Tuch mit den fremden Zeichen, welches uns beide einem
Fremden verriet, lse ich vom Halse, heimlich will ich es an meinem Herze
bewahren als die einzige Habe, die mir aus seligen Tagen geblieben ist. Still
berge ich fortan meine Liebe und meine Sehnsucht, nur fr mein neues Amt will
ich leben, damit der Himmelsherr meinen Dienst gnadenvoll annehme und mit mir
tue, wie ihm gefllt, ob die furchtbare Todesmahnung, die mir auf dem Wege
hierher wurde, auch an mir in Erfllung geht oder ob mir gestattet wird, die
Treuen zur lieben Heimat zurckzufhren. Er kniete nieder und betete fr alle,
die er in der Heimat liebhatte.
    Als der Meister des Deutschen Ordens am Abend in seine Herberge kam, gelang
es ihm, wie sehr er gewhnt war, sich zu beherrschen, dennoch nicht, seine
Bewegung den harrenden Brdern zu verbergen. Mit stummem Gru winkte er die
Entlassung, lange sa er schweigend gebeugten Hauptes, whrend Arnfried, sein
Neffe und liebster Gesell, ehrerbietig an der Tr harrte. Wie lange ist es her,
da wir vom Mastkorb auf die Mauer von Damiette sprangen? fragte er endlich.
Seitdem trage ich rollende Steine den Berg hinauf in mhsam fruchtloser Arbeit.
Der Kaiser ist anderen Sinnes geworden und verweigert die Kreuzfahrt.
    Wir vernahmen ngstliches von der Krankheit des Kaisers.
    Er ist krank, und seine heidnischen rzte raten ihm Ruhe, obgleich sie ihn
schwerlich von der Falkenjagd abhalten werden. Doch nach einem Aufschub von
wenigen Wochen vermchte er dem Kreuzheer zu folgen, und diese Verzgerung wrde
wenig schaden. Er aber hat den Willen, erst im kommenden Jahre zu fahren.
Arnfried starrte erschrocken den Meister an, und dieser fuhr leise fort: Der
Grund des Aufschubs ist Geheimnis. Er ist nicht auszutilgen und erfllt ihm die
ganze Seele. Drei Kronen schweben ber seinem Haupte, aber sein edler Geist
ertrgt nicht ohne Schaden diese irdische Verklrung; ihm schwillt das Herz bei
dem Gedanken an die Majestt und den Pomp seines Amtes. Jetzt bleibt er zurck,
weil er die Hoffnung hegt - wahrlich, eine unsichere Hoffnung -, im nchsten
Frhjahr der staunenden Welt von hohem Gerste groartige Worte zu verknden.
Schon heut freut er sich des Tages. Alles, was inzwischen geschehen mu,
erscheint ihm gering gegen diese Verkndigung vor dem Volke. Er ist ein weiser
und khner Herr, und doch leidet er durch geheimen Schaden. Kennst du sein
Unglck, Arnfried? Ihm ist in die Wiege gelegt, da er elf Stunden des Tages
klger, strker und grer sein soll als wir anderen alle, die zwlfte Stunde
aber ein unartiges Kind. - Wir fahren morgen, um zu retten, was mglich ist; nur
du folgst spter. Dich sende ich vorher auf den Wunsch des Kaisers zum Heiligen
Vater, um Entschuldigungen hinzutragen. Leichtherzig hofft er den Greis Gregor
fr neuen Aufschub zu gewinnen, er will nicht wissen, wie gro die Ungeduld, das
Mitrauen und die Abneigung des Papstes sind. Ein neuer Streit wird entbrennen
zwischen den beiden Huptern der Christenheit, und die Heiden werden frohlocken,
denn nie war eine Fahrt so furchtbar fr sie und so glckverheiend fr uns wie
diese. Und als der Meister seinem Vertrauten vieles andere aufgetragen hatte,
fgte er noch hinzu: Sorge auch, soweit du vermagst, fr unsern Landsmann,
welcher jetzt mit seinen Rittern vergebens nach einem Fahrzeug ausspht.
    Ihr meint den Edlen von Ingersleben?
    Der Kaiser mchte ihn in seiner Nhe festhalten, aber der junge Held wird
unter den Welschen und Sarazenen schwerlich gedeihen. Ich habe ihn auf meine
Seele genommen, denn ich habe ihn durch hohe Mahnung zu der Fahrt geladen.
    Ihr wit, da die Spielleute in der Heimat ihn den Knig nennen. Leidet
auch er an dem Fluch, der nach Eurer Meinung an der Knigswiege hngt?
    An einem andern, mein Bruder. Wer den Sinn eines Knigs hat ohne die Macht,
der vermag schwerlich zu bestehen im Kampfe gegen die wilde Welt.

                                   Bei Accon


Auf dem Deck einer starken Kogge aus Lbeck saen die Pilger, den Blick nach der
aufsteigenden Kste von Cypern gerichtet. Ihre Wangen waren gebleicht durch den
Meerwind und das ungewohnte Schaukeln des groen Wasserrosses, und oft hatten
sie sich reisemde gewundert, da es so viel wildes Gewsser auf Erden gebe.
Jetzt harrten sie schweigend des Landes, nur der sorglose Lutz sang leise einen
heimatlichen Reigen. Wer kann hier tanzen, sprach Henner unzufrieden, wenn er
nicht vom Geschlecht der Meerweiber oder Seehechte ist, denn gromulige und
habgierige Gesellen wlzen sich um uns. - Segel ahoi, rief der Maat ber die
Brustwehr des Gerstes, welches oben am Mastbaum ragte. Gleich darauf schrillte
derselbe Ruf wieder und wieder. Der Schiffer trat zu Ivo. Es sind Schiffe des
Kreuzheeres, welche von Accon heimkehren, Ihr werdet im Hafen Neues aus dem
Heiligen Lande erfahren. Bald sahen die Pilger eine ganze Flotte, welche von
Osten her einfuhr oder bereits landete, viele Boote fuhren an das Land, und doch
standen die Leute auf den Fahrzeugen Kopf an Kopf gedrngt.
    Geht der Kreuzzug rckwrts? fragte Ivo verwundert, auch Banner der Edlen
sehe ich an den Mastbumen; die Krieger hasten, nach dem Ufer kommend, aber sie
ziehen nicht gleich Siegern daher.
    Als er mit seinen Begleitern im Boot durch das Gewirr der Schiffe ans Land
fuhr, riefen ihm Stimmen entgegen: Kehrt um, nutzlos ist eure Reise, die
Kreuzfahrt ist vergangen.
    Henner wies zur Seite. Seht dort Gesichter, die wir in der Heimat nur zu
gut kannten. Graf Meginhard, Euer Ohm, hebt sich an den Strand.
    Ivo sprang aus dem Boote. War auch daheim nur geringe Freundschaft zwischen
ihm und seinem Verwandten gewesen, hier pochte ihm doch freudig das Herz, als er
dem Mann seines Blutes entgegentrat. Seid gegrt im fremden Lande, sagte er
frhlich.
    Der Graf antwortete kalt der Begrung. Ihr kommt zu spt, Ivo, wenn Ihr
gesonnen seid, weiter ostwrts zu fahren. Wir Thringe haben geringe Ursache,
die Treue des Kaisers zu rhmen, er hat uns verlassen, und der Zorn des Papstes
hat die gewappneten Pilger von ihrem Gelbde gelst. Das ganze Heer luft
auseinander. Umsonst haben sich die Pfaffen in der Heimat heiser geschrien, und
ganz umsonst haben wir unser Geld aufgewandt.
    Der Kaiser aber wird kommen.
    Der Graf lachte. Dann mag er allein die Heiden in ihre Sandwste scheuchen,
die Hilfe der Christen hat er verloren. Eilt Euch, rief er seinen Begleitern
zu, damit wir Herberge in der Stadt finden, bevor der Schwarm der Fahrenden
eindringt. Wundert Euch darum nicht, schlo er, seine Mtze gegen Ivo lftend,
wenn ich Euch verlasse. Wollt Ihr Euch weise beraten, so wendet den Kiel Eures
Schiffes einer anderen Ritterfahrt zu.
    Ivo erkannte im Gefolge des Grafen den leidigen Herrn Konz und den jungen
Berthold, welche mit den Herren vom Niederhof feindliche Blicke tauschten. Er
rief dem Oheim nach: Wollt Ihr mir noch sagen, wo der Meister des Deutschen
Ordens weilt?
    Er mht sich zu Accon, Wasser in einem Siebe zu tragen, antwortete der
Graf ber die Achsel zurck.
    Da sprach Ivo zornig zu seinen Gesellen: Ich aber meine, da jetzt ein
anderes Sieb geschwenkt wird, welches die Spreu des Heeres vom Weizen sondert.
    Am dritten Tage darauf lag die Kste des Heiligen Landes vor den Augen der
Pilger; alle knieten auf dem Verdeck, ein alter Priester sprach die Gebete und
stimmte den Hymnus an, zu welchem die Laien das Kyrie sangen, indem sie
sehnschtig die Arme gegen das Land streckten. Als der Gottesdienst mit heier
Andacht vollendet war, deutete der Geistliche den Thringen die sichtbaren
Strecken des Landes. Dort gegen Norden ragen die beschneiten Gipfel des
Libanon, jener blaue Fels im Sden ist der heilige Berg Karmel, und hier vor uns
liegt Accon, der eherne Schirm der Christenheit, denn dreieckig, gleich einem
Schilde, liegt es da, an zwei Seiten von den Wellen umsplt. Er wies auf einen
alten Turm, der auf einer Klippe trotzig in die See hinausgebaut war, als
uerste Wacht des Auenhafens. Dies ist der Fliegenturm, dort hinten ragen die
Zinnen der Knigsburg, dies sind die starken Trme und die Basteien der Brder
von St. Johannes, und weiter abwrts hinter den Hgeln liegt das Pilgerschlo,
die Burg der Templer, welche nicht ihresgleichen auf Erden hat.
    Als das Schiff in den Binnenhafen fuhr, luteten die Glocken und drhnten
groe eherne Pauken den Gru der Stadt. Eine unzhlbare Menge war
zusammengelaufen und antwortete den winkenden und grenden Pilgern durch lautes
Geschrei. Wie Gestalten einer fremden Sage schwebten und drngten die Menschen
vor den erstaunten Augen der Landenden, sie fanden sich umgeben von Trachten,
die sie niemals geschaut, und angerufen durch Laute menschlicher Rede,
dergleichen sie niemals gehrt. Neben dem Griechen in langem bunten Gewande
standen der Jude im Kaftan, der syrische Christ mit weiem Turban und
Wollgrtel, Frauen, welche Stirn und Kinn verhllt trugen, aber mit Auge und
Hand zu sich heranwinkten, und Lateiner aus jedem Volk des Abendlandes vom
braunen Portugiesen bis zum hagern Schotten. Unter den Erwachsenen wanden sich
aalgleich halbnackte Kinder, wei, braun und schwarz, und hoben begehrlich die
geffneten Hnde. Abseits von dem Volksgetmmel aber harrten stolze Krieger des
Christenheeres, viele im schwarzen Mantel der Johanniter oder im weien der
Templer, Leibwchter des Patriarchen mit vergoldeter Rstung und georgische
Reiter, Mann und Ro in glnzende Schuppenpanzer gehllt. Zwischen die Menschen
schoben sich Esel und Maultiere der Fhrer, welche die Reisenden und ihr Gepck
in Empfang nehmen wollten, dahinter ragten die langen Hlse und Hcker der
Kamele. Und der ganze seltsame Schwarm grte, winkte, schrie. Wir hrten eine
Sage ber den Turmbau zu Babel, murmelte Henner, hier ist einiges aus dem
Wirrwarr briggeblieben. Weiche zurck von meiner Tasche, Gesindel.
    Heil sei allen tapferen Deutschen! schrie ein vierschrtiger Mann, seine
Nachbarn zurckstoend. Hierher, ihr Herren, hier steht der echte Blitzschwab,
bei mir findet ihr Herberge und heimische Kost, berhmt sind die Kle und
vielgepriesen ist der Wein des Wirtes zum Greifen.
    Segen ber Eure goldnen Locken, Ihr edler Herr! rief von der andern Seite
eine ltliche Frau, die ein rotes Turbantuch um die Schlfen trug und am
Halsbande ein groes silbernes Kreuz. Nimmer htte ich mir trumen lassen,
euch, ihr ruhmvollen Helden, hier zu sehen. Habt ihr nie von der Wirtin zum
heiligen Georg gehrt? Ein Erfurter Kind bin ich, und ich sah manchen von euch,
da er nicht grer war als so hoch.
    Ein Ritterbruder von St. Johannes nahte hinter einem Knappen, der mit seinem
kurzen Spiee rcksichtslos auf die Schienbeine der Zudringlichen schlug, so da
sie scheu zurckfuhren und dem Ritter eine Gasse bis zu Ivo ffneten. Seid
willkommen, edler Herr, begann der Bruder hflich zu Ivo, der hochwrdige
Meister sendet Euch und den Herren seinen Gru und erbietet sich zu jedem guten
Dienst, den ein Fremder in diesem Lande begehren mag. Gestattet Ihr's, so fhre
ich Euch vor seine Augen, denn er selbst ist zur Stelle.
    Ivo trat mit seinen Rittern zu einer Gruppe von Johannesbrdern, aus deren
Mitte der berhmte Meister Bernard ihm entgegentrat. Der Lothringer segnete ihn
in deutscher Sprache und bot ihm verbindlich das Gasthaus des Ordens zur
Herberge an. Da Ivo sich aber nicht in der ersten Stunde seiner Ankunft einer
Bruderschaft verpflichten wollte, so dankte er artig, und der Meister, ein
geheimes Mivergngen verbergend, entlie ihn mit wiederholtem Angebot
ritterlicher Dienste. Sogleich hingen sich wieder die Erfurterin und der Schwabe
an ihn.Begehrt Ihr den Greif oder St. Georg, fragte Henner, mir scheint, die
Ehrbarkeit ist in beiden gleich.
    Die Landsmnnin soll uns haben, versetzte Ivo lachend, wie sie auch sei.
    Sehr klug tatet Ihr, lobte vertraulich die Frau, da Ihr die Skorpione in
den Strohscken der Weikreuze vermieden habt, die vom Johannes sind gieriger
als alle anderen und mignnen sogar einer ehrlichen Frau ihre kummervolle
Nahrung. Heda, Jakob, wo bist du und wo sind die Esel?
    Ein syrischer Mann zerrte seine Tiere am Halfter herzu, und mit vielem
Aufwand von Worten und Gebrden fhrte die Wirtin ihre Gefangenen triumphierend
in die Stadt. Durch enge, schmutzige Gassen, zwischen den rckstrmenden Haufen
drngte und stie sich der Zug bis zur Herberge, whrend Henner und Lutz mit den
Knechten im Hafen zurckblieben, um das Ausschiffen der Rosse und der
Heeresrstung zu berwachen.
    Der Abend kam heran, bevor die Thringe sich mit ihren Tieren unter dem
Schutz des heiligen Georg geborgen hatten, und in einem weiten Hof, der mit
Fliesen gepflastert war, an Tischen und Bnken zusammen saen. Der ganze Raum
fllte sich mit Gsten; auch hier schwirrten viele Sprachen des Abendlandes
durcheinander, doch blieb das Deutsche obenauf. Es waren zum Teil Leute von
achtbarem Aussehen, neben ihnen andere mit deutlichen Gaunergesichtern und
gefllige Weiber, bunt aufgeputzt, mit frechen Blicken; auch deutsche Spielleute
fehlten nicht, bald klang die Sackpfeife und die Flte, bald sang ein Wanderer,
der den silbernen Armring seines Herrn trug, zu der kleinen Harfe. Auf allen
Tischen standen Kannen mit dem feurigen Wein Palstinas, oft gefllt von den
geflligen Tchtern des Gasthofes, die zwar einer Mutter gehorchten, aber in
verschiedenen Mundarten auf die Befehle der Gste antworteten.
    Die Angekommenen hatten keinen ruhigen Sitz, denn um sie kreiste neugierig
und begehrlich der Schwarm. Manche fragten wehmtig nach der Heimat, andere
priesen ihre Waren, die sie in Krben vorzeigten, oder erboten sich zu jeder Art
von Diensten, auch zu unsuberlichen. Sogar Brder von St. Johannes saen in dem
Haufen, und Ivo wunderte sich, da die Ordensregel das lustige Zechen nicht
hindere. Aber er war doch froh, als derselbe Bruder, der ihn am Hafen begrt
hatte, zu seinem Tische trat, denn der schwarze Mantel desselben scheuchte
sogleich alle Zudringlichen aus der Nhe, und dem Bruder hflich Sitz und Becher
bietend, sprach er: Mit frommen Gedanken betraten wir das Land der Verheiung
und erwarteten Bugesnge zu hren, aber wir vernehmen hier weltliches Getse,
lauter und wilder als daheim. Der Bruder lachte. Jeder Ankommende hegt
dieselben Gedanken, und mancher, der betend landet, lernt hier das Fluchen.
Doch, fgte er hflich hinzu, Eure Frmmigkeit ist zuverlssig grer als die
der meisten Pilger, da Euch das Herz treibt, zu kommen, whrend die anderen
abziehen.
    Wir vernahmen auf dem Wege, da der Heilige Vater aus Zorn gegen den Kaiser
die Waller von ihrem Eide entbunden hat.
    Der Bruder versetzte vorsichtig: Traurig war fr uns der Tag, wo die
Botschaft verkndet wurde. Was soll aus dem Weinberge werden, wenn der Aufseher
selbst die Arbeiter hinausscheucht? - Jetzt aber sind wir alle begierig, Neues
zu hren, und Ihr werdet auch deshalb meinen Brdern eine Freude machen, wenn
Ihr unseren Hallen die Ehre Eures Besuches vergnnt.
    Ivo neigte sich stumm, der Bruder fuhr fort: Ihr habt heut, edler Herr, den
Antrag meines Meisters zurckgewiesen, sicher aus wackerem Stolz. Verzeiht aber
die Frage: gedenkt Ihr lange in dieser Herberge unter Dieben und Trunkenbolden
auszuharren?
    Wir kamen hierher, mit den Unglubigen zu kmpfen.
    Kmpfen? antwortete der Bruder verwundert. Wir leben seit Jahren im
Waffenstillstand oder im Frieden mit den Sarazenen, nur da wir eingeschlossen
sind. Die Ruhe soll dauern, bis der Kaiser kommt. Wer wei, wann?
    Die Thringe sahen einander betroffen an. Wurde das Kreuzheer dazu
aufgeboten, um hier ruhmlos zu liegen? fragte Ivo.
    Das Heer ist zum groen Teil verlaufen, erklrte der Bruder, was noch
kampflustig unter den Waffen steht, vermag den Kampf im freien Felde nicht
aufzunehmen. Derweil vertreiben wir die Zeit, indem wir miteinander zanken, und
da Fehde und Zweikampf unter dem Kreuze verboten sind, so mssen wir uns
begngen, mit der Zunge zu stechen. Htten wir nicht die Frauen, welche uns
zuweilen ein Lcheln gnnen, so wre das mige Sitzen gar nicht zu ertragen.
Wir haben eine Tafelrunde als Liebeshof eingerichtet, die Nichte des Patriarchen
Gerold ist Gromeisterin. Jeder Neue wird geprft, ob er hoher oder niederer
Minne dient, und erhlt alsdann eine Lehrmeisterin.
    Die haben wir Thringe nicht ntig, bemerkte Lutz. Sitzt Ihr dabei auf
dem Erdboden?
    Die Paare, welche sich gesellen, ruhen auf weichem Polster, sie schmiegen
sich nahe zueinander, und die Leuchte brennt zuweilen dunkel. Seid Ihr dem Sange
und frhlichem Minnespiel nicht abhold, so knnt Ihr Euch dort manche Stunde
verkrzen.
    Ivo sah vor sich nieder, und Henner brummte: Ich hoffe, Ihr brecht unterdes
fleiig Eschenholz.
    Ihr wit ja selbst, da der Heilige Vater die Turniere verboten hat, dafr
stechen wir in der Rennbahn nach hlzernen Mohrenkpfen. Der Brust des
Marschalk entrang sich ein beistimmender Laut, der einem Sthnen glich.
    Auf der Strae gellte ein verzweifelter Schrei nach Hilfe, mancher Gast
wandte das Gesicht neugierig dem Eingange zu, aber die lrmende Unterhaltung
wurde nicht unterbrochen, bis zwei Mnner einen Verwundeten, dem das Blut aus
groer Brustwunde lief, in den Hof trugen. Die Wirtin strzte sich wild aus
ihrer Burg, einem hohen Verschlage nahe der Tr, von dem sie mit scharfem Blick
alle Tische berschaute, und die Eintretenden abwehrend, schrie sie: Hinaus,
ihr heillosen Trpfe, wollt ihr mir den Fuboden beschmutzen? Legt ihn auf die
Strae und ruft die Wache des Balif.
    Henner erhob sich und durchschritt das Gewhl: Es sind Schiffskinder des
Lbeckers.
    Er ist von unserer Back, klagten die Seeleute gegen Ivo. Er wankte allein
wenige Schritte vor uns durch die Gasse, da warfen sich die Mrder ber ihn und
raubten ihn behende aus. Unsere Gesellen verfolgen die Feiglinge.
    Der Johannesbruder beugte sich ber den Erschlagenen. Es ist vorbei mit
ihm, der Sto kam von gebter Hand, sagte er achselzuckend. Warum trug er kein
Stahlhemd unter der Jacke? Sorgt fr die Bestattung, ihr guten Mnner, und wenn
ihr Rache begehrt, so nehmt sie an der ersten Nachtmotte, der ihr begegnet; es
ist kein Mangel daran. Noch andere Matrosen traten ein, verstrt und grimmig.
Wir verfolgten die Bsewichter bis zu einem groen Hause, sie sprangen hinein,
vor uns schlug man die Tr zu; das weie Zeichen von St. Johannes hing darber.
Die zornigen Gesichter der Seeleute wandten sich gegen den Bruder, welcher stolz
entgegnete: Sie haben das Asylrecht gefordert. Das weie Kreuz schirmt jeden,
der ihm vertraut. Naht morgen bei Tage hflich der Pforte und klagt bei dem
Hauskomtur. Und zu Ivo gewandt, fgte er entschuldigend hinzu: Wundert Euch
nicht, wenn Ihr hier mehr von heimlichem berfall vernehmt als daheim. Der
heilige Friede, welcher hier geboten ist, trgt die Schuld. Denn wer sich mit
dem Schwert nicht rchen darf, bezahlt zuweilen ein Messer. Doch als er aus der
ernsten Haltung Ivos erkannte, da auch dieser gekrnkt war, leerte er sein Glas
und empfahl sich mit zierlichen Worten knftiger Gunst. Auch der Tote wurde
hinausgeschafft, eine schwarze Tochter der Wirtin fuhr mit einem groen Schwamm
ber den Fuboden, und der Lrm tobte weiter.
    Die Wirtin im Turban aber trat zu Ivo, und auf den leeren Sitz des Bruders
deutend, sprach sie leise: Da Ihr ein Thring seid, so traut diesem Ritter
nicht, denn er ist aus Franken, und selten bezahlt er einen Becher, den er bei
mir trinkt. Ihr habt wohl selbst gemerkt, da er nur gekommen ist, um Schakale
zu locken.
    Was bedeutet das? fragte Ivo.
    Verzeiht, wir nennen die neuen Pilger so. Denn Schakal ist hier ein Tier,
dem Fuchs hnlich, welches hinter dem Lwen hertrabt und diesem das Wild jagen
hilft, dafr lt der Lwe dem Schakal den Abfall der Beute.
    Begehrt die groe Bruderschaft den Beistand der Pilger, damit diese unter
ihrem Banner fechten?
    Fechten? Hier wird seltener gefochten als daheim, versetzte die Wirtin.
Gewhnlich mssen die Fremden ihnen um Gotteslohn Scke tragen, Mrtel mischen
und Steine heben fr ihren Burgenbau. Wie knnten die Brder als Herren unter
uns sitzen in ihren Palsten, wenn die Pilger ihnen nicht mit ihrem Schwei die
Mauern zusammenfgten?
    Das mag gute Arbeit sein fr die armen Waller, die in ihrer Heimat
hnliches getan haben, doch schwerlich fr solche, welche das Waffenkleid
tragen.
    Ihr irrt, Herr. Wisset, da fr den Pilger in diesem Lande jede Arbeit, die
er den Heiligen zur Ehre tut, ein gutes Werk ist, welches ihm den Himmel ffnet,
und die niedrigste Arbeit das heilsamste. Ich selbst sah Frsten und Grafen die
Mauerkelle schwingen, und auch mich dnkt es ein rhmliches Tun, wenn gerade die
Not bedrngt. Die Bruderschaften aber sinnen unablssig auf Vergrerung, und
deshalb fangen sie den neuen Pilger in ihren Herbergen ein, damit er sich ihnen
gelobe und ihnen diene, wozu sie ihn gebrauchen. Erst vor wenigen Tagen haben
die Templer einige tausend Mann des Kreuzheers entfhrt, damit sie ihnen die
Mauern der Stadt Saida wieder aufrichten.
    Wie kommt's, da die Brder vom Tempel nicht auch in Eurer Herberge
werben?
    Die sind zu stolz, um in die Schenken zu gehen, antwortete die Wirtin,
sie verstehen darum den Fang nicht weniger gut.
    Und haben die Brder vom deutschen Hause denselben Brauch?
    Die Wirtin zuckte mit den Achseln. Diese sind stille Mnner, aber sie sind
arm und haben wenig Gewalt. Ihre kleine Herberge ist berfllt durch die
Kranken. Wollt Ihr den Rat einer geringen Frau beachten, so traut hier
niemandem, denn jeder sorgt nur fr sich selbst.
    Auch Ihr, Mutter? fragte Ivo lchelnd.
    Ach, edler Herr, rief die Frau beweglich, Ihr werdet es mit einer Witwe
nicht zu genau nehmen. Bedenkt, wir sind hinausgestoen an die uerste Grenze
unter die Heidenschaft, wir sind es, welche fr die ganze Christenheit das
rgste wagen und dulden, damit wir frommen Pilgern hilfreich sein knnen. Ihre
Rede strte ein plumper Gesell mit borstigem Haar, einem Schlchter hnlich,
welcher, die Mtze in der Hand, herzutrat: Solltet Ihr selbst einmal eine
sichere Hand bedrfen, bei Tage oder bei Nacht, so gebt mir und meinem Gesellen
den Vorzug, weil ich ein Deutscher bin und in diesen Hof gehre.
    Was ist dein Amt? fragte Ivo mit Widerwillen. Der Mann wies auf das breite
Messer an seiner Seite und machte eine kurze Bewegung mit der Hand. Da winkte
ihm Ivo, zu entweichen, und sprach finster zu der Wirtin: Herbergt Ihr auch
ehrlose Gesellen dieser Art?
    Heilige Magdala, rief die Wirtin, scheltet mir nicht meine Sangliers. Wie
soll eine fromme Frau unter dem wilden Volke haushalten, wenn sie nicht einige
Trotzkpfe hat? Die meisten Prlaten und die groen Laien halten sich
dergleichen. Ich nhre nur zwei, damit sie dort vor meinem Stuhl sitzen und die
frechen Trunkenbolde schrecken. Der Wirt zum Greifen aber bewahrt ein ganzes
Rudel und vermietet sie auch, was ich niemals tue. Denn ich achte, soviel ich
vermag, auf Ehrbarkeit.
    Am nchsten Morgen begann Ivo zu seinen Gefhrten: Wir sind in dies Land
gekommen, um allerlei zu lernen. Was die Kreuzespflicht gebietet, das wollen wir
tun bis aufs uerste, fremdem Brauch fgen wir uns nur, wenn er unserer Ehre
nicht zu nahe tritt. Wir schlagen noch heut Zelt und Htte drauen im Lager auf
und verhalten uns dort nicht als Werkleute, sondern als Krieger. Denn darum sind
wir gekommen, und die Heiligen werden uns nicht zrnen, wenn wir uns nach der
Sitte der Heimat unedler Arbeit versagen. Immer aber lat uns, ihr Herren, treu
zusammenstehen und ein gutes Vertrauen bewahren.
    Als die Pilger aus der Herberge traten, umfing sie wieder betubender Lrm
der groen Stadt. Von dem Syrer Jakob, ihrem Dragoman, gefhrt, wanden sie sich
durch das Gewirr der engen Gassen und kletterten halsbrechende Stiegen zwischen
den Husern, welche gleich zahllosen Burgen um sie ragten, wei getncht, mit
sprlichen Lichtffnungen und platten Dchern. Unter den schmucklosen Wohnungen
kleiner Leute standen mchtige Steintrme und reichverzierte Palste, die Burgen
edler Geschlechter, dazwischen eine groe Anzahl Kirchen und Kapellen, deren
Glocken fast unablssig luteten. An den freien Pltzen aber lagen die
stattlichen Hfe der Kaufherren aus Pisa mit gewlbten Lauben, wo hinter
metallenen Gittern Waren des Morgen- und Abendlandes ausgestellt waren. Bei
jedem Schritt haftete der erstaunte Blick der Thringe auf feilgebotenen
Frchten und Lebensmitteln, von denen heimkehrende Pilger Wunderbares berichtet
hatten; auf kostbaren Stoffen und edlem Metallschmuck, von deren Pracht und
Flle ihnen selbst das Lied des Sngers nichts verkndet hatte. Sie sahen die
reiche Stadt, von Meer und Ebene abgeschlossen durch zwiefache hohe Mauern, die
aus Felsstcken wie fr die Ewigkeit gebaut waren, darber ragten mchtige Trme
und als Vorwerke groe Bastionen, die Barbakanen, welche gerundet oder im Winkel
gegen den Strand und die Ebene vorsprangen; jede war selbst eine kleine Festung,
trug auf der Plattform ihre Wurfgeschosse und enthielt im Innern groe gewlbte
Rume und Gemcher, in denen sich eine ganze Schar bergen konnte. Auf diesen
Basteien wehten die Banner der Bruderschaften und einzelner Edlen, an der
nrdlichsten Ecke, beim Tore von St. Leonhard, auch das Banner der Marienbrder.
Drauen in der weiten Ebene aber lagen einzeln an Quell und Bach die
burghnlichen Wohnhuser der syrischen Landbauer zwischen groen Wein- und
Orangegrten, in der Niederung breiteten sich Feigenbume und Olivenwlder, am
Rand der Bche wuchs der Oleander, auf den Hhen ragten Zypressen und
flachgewipfelte Pinien. Der Syrer wies in die Ferne: Dort hinter den Bergen
liegt Jerusalem. Und die Pilger neigten sich ehrfrchtig der heiersehnten
Stadt zu.
    In der Barbakane der Marienbrder fand Ivo ihren Meister. Ich dachte wohl,
da Ihr beharren wrdet, rief ihm dieser grend entgegen.
    Der Kaiser kommt zum Frhjahr, sprach Ivo, er hat es mir, da ich Urlaub
nahm, feierlich besttigt.
    Er kommt als ein Gebannter, murmelte Hermann. Euch aber, edler Herr,
beweise ich meine Achtung, wenn ich in diesem Lande den Rat gebe, helft Euch
selbst und schlagt Euch als ein Freier durch alle Hindernisse. Sucht Ihr den
Beistand eines erfahrenen Mannes, so werde ich immer bereit sein. Meine
Bruderschaft aber gehorcht einem strengen Gesetz, sie naht freiwillig nur dem
Kranken und dem Feinde, und sie verrichtet ohne Entgelt nur Werke des Erbarmens
und des Krieges. Wer uns sonst gebraucht, mu uns rufen, und wer von uns
begehrt, mu uns leisten. Denn nur unsern Dienst vor Augen, gehen wir still
unseren Weg zwischen den Guten und zwischen den Argen und suchen beide fr uns
zu bentzen. Deshalb ist der beste Wunsch, den ich fr Euch hege, da Ihr
niemals unsern Beistand gebrauchen mgt.
    Ivo meinte, da dies kalte Worte eines Mannes waren, den er im Herzen
verehrte, und er nahm sich vor, die Dienste des Meisters und seiner Brder
solange als mglich zu entbehren. Er meldete seine Ankunft dem Herzoge von
Limburg, welcher an Kaisers Statt Fhrer des Heeres war, und rckte mit seinem
Gefolge an demselben Morgen auf die Ebene unweit des Strandes, wo die Zeltgassen
verdet lagen. Sein Zelt wurde aufgeschlagen, einige leere Htten gesubert und
ausgebessert, und es war fr alle der erste frohe Augenblick seit vielen Tagen,
als Henner das Wappenschild seines Herrn auf der gemalten Speerstange befestigte
und, sein Haupt entblend, rief: Fliege in Ehren ber getreue Herzen.
    Das Jahr neigte zum Ende, die Pilger freuten sich ber die milde Luft der
ersten Wintermonate, und Henner richtete hinter den Htten eine kleine Rennbahn
ein, auf welcher die Thringe sich und ihre Rosse eifrig im Speerkampf bten.
Wurde das ritterliche Stechen auch von der Kirche nicht gelobt, die Krieger
durften sagen, da sie es als bung nicht entbehren konnten. Bald war die Bahn
in dem trgen Lager ein gesuchter Ort, nicht nur Landsleute, auch Fremde
sammelten sich darin, und ber den Trmmern der gebrochenen Speere gewannen die
Thringe gute Kundschaft mit vielen frhlichen Gesellen. Der Herzog von Limburg
verstach selbst zuweilen gegen Ivo seinen Rohrschaft und rhmte den Helden und
seine Ritter vor den Huptern des Heeres.
    Aber die Ungunst des Winters strte das sorglose Treiben. Ein kalter Nordost
hinderte die Schiffahrt, die Zufuhr blieb aus, eine unleidliche Teuerung begann.
Denn Weizen und Gerste, die unentbehrlichen Lebensmittel, wurden zumeist mit den
Summen erkauft, welche fromme Christen des Abendlandes zu dem Kreuzzuge
gesteuert hatten. Immer war die Verteilung unbillig gewesen, der kleine Haufe,
fr welchen Henner zu sorgen hatte, wurde gegen andere Scharen zurckgesetzt,
die groen Bruderschaften und die mchtigen Gebieter nahmen gern das Beste
vorweg, und mit viel scharfem Wortgefecht hatten die Thringe kaum das
Notdrftige behauptet. Jetzt war gar nichts zu erhalten, alle Beschwerden Ivos
blieben fruchtlos; der Herzog schalt heftig auf die Verteiler, vermochte aber
die Parteilichkeit nicht zu brechen. Und Henner mute aus der Geldtasche, welche
er als leichte Last ber seinem Herzen bewahrte, den Tagesbedarf zu unerhrten
Preisen einkaufen. Sein Zorn wurde grer, wenn er sah, wie wohlgenhrt die
Pferde vom Tempel und Johannes waren. Denn die Brder hatten durch groe
Magazine weislich fr ihren Bedarf gesorgt, sie besaen eigene Lastschiffe und
Unterhndler in anderen Hfen. Darum ging der Marschalk mit umwlkter Miene
einher, bemht, seinem Herrn die Not zu bergen. Unterdes suchten Lutz und
Eberhard, die jungen, durch Jagdbeute der Kche zu helfen. Doch in der Nhe des
Lagers war das Wild fast gnzlich getilgt, sie muten weit in das Land ziehen
und stieen mehr als einmal mit feindlichen Bodwinen zusammen, welche auf ihren
Rossen schweifend das Lager umlauerten, und unter den braunen hrenen Mnteln
gerade dann hinter einer Erdwelle auftauchten, wenn die Pilger ein Rudel Rehe
oder Gazellen beschlichen hatten. Ein Glck, da diese Heidetraber im weien
Hemde niemals einen Pfeil versenden, trstete sich Lutz, als er einen Rehbock
durch einen Lanzenstich im Arme erkauft hatte.
    Als Ivo einst in der Rennbahn ritt, erkannte er unter den Zuschauern weie
Mntel der Templer, und Herr Peter von Montague, ihr Meister, kam grend heran
und rhmte die gute Hofzucht der Pferde. Sie haben nicht ihre volle Kraft,
antwortete Henner, ein wenig getrstet durch das Lob des stolzen Helden, der von
dem ganzen Kreuzheere mit Scheu betrachtet wurde. Schwer haben sie sich an das
Futter des Landes gewhnt, und jetzt wird es ihnen knapp zugemessen.
    Der Meister lchelte ein wenig und sagte im Davonreiten: Solltet Ihr einmal
Lust haben, Pferde Eurer Zucht zu verkaufen, so bitte ich, denkt vor andern an
die Brder vom Tempel.
    Henner sah ihm finster nach. Wenige Tage darauf begann Ivo beim Lageressen:
Feiern wir im voraus das Osterfest, ihr Herren? Tglich bietet der Koch
gesottene Fische. Wie kommt es auch, Herr Eberhard, da Ihr so verstrt sitzt
und den Arm verbunden tragt.
    Ich fiel, als wir Fische aus der Bucht holten, von der Klippe in die See,
antwortete der Vasall, und ich wre nimmer aus der kalten Flut getaucht, wenn
mich mein Geselle Lutz nicht an den Haaren herausgezogen htte.
    Da stie Henner pltzlich sein Schlein beiseite und groe Trnen liefen
ihm aus den Augen. Es ist mir nur um die Pferde, seufzte er, sie wollen
durchaus nicht mit Grten vorliebnehmen.
    Ivo stand auf und winkte dem Marschalk ins Freie. Sagt mir alles, Henner.
    Die Geldtasche ist leer, versetzte Henner, wir sind am Ende.
    Ivo nahm die schwere Goldkette vom Halse, den einzigen Schmuck, welchen er
trug: Nimm. Henner wog die Kette in der Hand. Oft habe ich sie in Gedanken
geschtzt, sie ist die letzte Brgschaft fr Eure Heimkehr.
    Fr die Zukunft vertrauen wir dem, in dessen Dienst wir hierhergekommen
sind, antwortete Ivo.
    Sie hilft auch nur auf kurze Zeit, Herr. - Eberhard trgt eine Schiene um
den gebrochenen Arm und wird ihn den Sommer schwerlich im Ernste gebrauchen. Er
sehnt sich heimlich nach Hause, nur da ihn die Scheu abhlt, Euch das zu
sagen.
    Und Ihr, Henner?
    Ihr werdet doch nicht ohne mich und meinen Gesellen Lutz in Jerusalem
einziehen wollen?
    Ivo zerri die Kette in zwei Teile. Die Hlfte sei fr Eberhard und seinen
Knecht zur Heimfahrt, die andere Hlfte fr uns, damit wir aushalten. Zwlf
Rosse hatten wir bis jetzt, verkauft die Hlfte den Templern, so bleibt dem
Manne ein Pferd.
    Es war fr Henner der schwerste Ritt seines Lebens, als er am Nachmittage in
die Burg der Templer zog, die Pferde anzubieten. Der Meister empfing ihn mit
ausgesuchter Hflichkeit. Schtzt die Pferde selbst und empfangt zur Stelle den
Preis. Wir fttern und gebrauchen sie fr euch, begehrt ihr sie einst zurck, so
mgt ihr sie wiederkaufen. Und findet ihr es zu schwer, unter eigenem Banner
bessere Zeit zu erwarten, so wit, da meine Brder sich freuen werden, euch von
unseren Vorrten mitzuteilen, soviel ihr wollt.
    Diese verstehen besser als andere, fr sich zu werben, sagte Ivo mit
trbem Lcheln, als ihm Henner die Unterredung berichtete. Mein Stolz gleicht
einer Espe, von welcher der Sturmwind einen Ast nach dem andern bricht, unruhig
zittern die Bltter der letzten Zweige, wie lange, und die karge Frist, welche
wir erlangt haben, wird verronnen sein.
    Die Worte sollten bald Wahrheit werden. Die warme Frhlingssonne umkleidete
wenige Tage darauf die Landschaft mit buntem Farbenglanz. Whrend in der Heimat
die ersten Veilchen und Schneeglocken sich furchtsam an die kalte Luft wagten,
leuchtete hier die Ebene gleich einem gestickten Teppich, die weien Lilien und
die Rosen ffneten die geschwellten Knospen, die Turteltauben girrten auf den
Sykomoren und die Nachtigall schmetterte aus dem Zitronenhain ihre Lieder. In
dem Lager liefen die Krieger zusammen, denn aus der Stadt bewegte sich unter
Glockengelut und geistlichem Gesange, gefhrt von dem Herzoge von Limburg und
dem Patriarchen, ein langer Zug mit dem wallenden Banner der Marienbrder; sie
kamen nicht im kriegerischen Schmuck, sondern trugen Schanzzeug und Baugert,
und in langer Reihe folgten Lasttiere und Karren. Mit dsterem Blick sahen die
Templer, welche bei Ivos Rennbahn hielten, auf den groen Schwarm, als er, das
Kreuzlied singend, durch die Ebene zog, und der Johannesbruder barg nicht den
Ausruf: Niemals htte ich gedacht, da das Marienspital eine solche Schar fr
sich erbeuten wrde. Da dachte Ivo, da es Deutsche waren, welche auszogen, und
er folgte mit seinen Rittern. Eine gute Meile landeinwrts erhob sich ein
ansehnlicher Hgel, an dessen Fu mehrere weie Huser syrischer Landbauern
glnzten. Der Zug erstieg die Hhe, die Karren wurden zusammengefahren, das Heer
umschritt singend den Gipfel, dann trat es in groem Ringe zusammen, und der
Patriarch rhmte, da das beabsichtigte Werk eine heilige Tat und die Teilnahme
daran fr jeden heilbringend sei; er weihte die Sttte und erteilte den Segen.
Darauf wurde die gesamte Schar unter Ordensbrder verteilt und zur Arbeit
gefhrt. Um den abgesteckten Raum begann ein Teil der Pilger den Graben zu
ziehen und einen Wall zu erhhen, whrend andere Haufen die Abhnge des Berges
von Bumen und Gestrpp reinigten. Der Herzog von Limburg und der Ordensmeister
taten den ersten Spatenstich, und beide arbeiteten tapfer mit Hacke und
Grabscheit, ringsum klangen die xte und Hauen laut an Holz und Stein, denn wohl
mehr als tausend krftige Mnner schufen am Werke.
    Ivo sah eine Weile schweigend zu. Als dem Meister ein groer Stein, den er
aus dem Boden heben wollte, abglitt, sprang er herzu, hob die Last und lachte,
als der Meister ihn mit freundlichem Kopfnicken grte. Bald fate er selbst
eine Haue und half frisch bei der Arbeit. In der Rastzeit trat er zu Hermann und
sprach, das Haupt neigend: Nehmt mich zum Arbeiter an, auch fr mich ist die
Zeit gekommen zu dienen, und ich will es am liebsten fr Euch tun, da Ihr mich
im Namen unseres Volkes zur Pilgerfahrt geladen habt.
    Der Meister antwortete ernsthaft: Ich empfange Euren Dienst, den Ihr mir
als ein Freier bietet, Ihr aber nehmt, solange Ihr an unserem Werke schafft,
auch unsere Hilfe fr Euer Leben. Keine unrhmliche Arbeit ist es, edler Ivo,
der Ihr Euch weiht. Dies ist streitiges Land zwischen uns und den Sarazenen, uns
aber gehren die Meierhfe, welche Ihr in den wonnigen Tlern vor uns seht.
Starkenburg soll dies Kastell heien, ein Schutz fr Accon und zur Behauptung
der Landschaft. Vielleicht sind auch schon die Sttten bestimmt, an welchen
weiter abwrts die nchsten deutschen Burgen gebaut werden. Meine Brder leiten
die Arbeit, denn sie haben darin Erfahrung; Bruder Arnfried von Naumburg
gebietet den Maurern auf der Hhe - Ihr seht ihn mit Richtscheit und Mestock
schreiten -, und dort unten bereitet Bruder Sibold aus Bremen ein Heerlager fr
die Arbeiter; diesem will ich Euch zuteilen.
    Ohne Freude empfing ihn der Alte: Was fiel meinem Meister ein, da er mir
einen Gehilfen sendet, der zuverlssig nichts versteht als Rosse zu drcken und
der auerdem ein Edler ist? Kennt Ihr das Geheimnis der Zahlen?
    Wie der Knabe es auf dem Zahlbrett lernt.
    Wit Ihr die Zahlzeichen auf eine Wachstafel zu schreiben?
    Das wute Ivo nicht. Versteht Ihr die Linien auf diesem Pergament zu
deuten? und er hielt ihm einen gezeichneten Plan hin. Ivo fand die Linien
unverstndlich. Der Bruder bewegte mibilligend das weie Haupt: Ich dachte
mir's wohl, es ist geringe Freude, einen Ungeschickten zu lehren.
    Habt Geduld mit mir, bat Ivo, den aufspringenden Stolz unterzwingend. Ich
will mir eifrig Mhe geben, Euch zu gefallen.
    Haltet wenigstens die Meschnur, gebot der Bremer, und Ivo fate an.
    Am Abend war es ihm gelungen, dem strengen Alten so weit zu gefallen, da
dieser sagte: Ich sehe, Ihr seid willig. Dafr will ich Euch Zeichen in den
Sand ritzen und erklren, damit Ihr sie morgen bei Sonnenaufgang merkt. Legt ein
Brett darber, sonst tilgt Euch ein plumper Futritt die Wissenschaft.
    Frh am nchsten Morgen sa Ivo auf dem Sande in der Wolljacke, ein
Schurzfell um die Hften, er zog mit einem Schnitzmesser gerade Linien auf ein
dnnes Brett, sgte vorsichtig das umrissene Stck ab und rief, seine Arbeit in
die Hhe haltend, dem Marschalk zu: Wit Ihr, Henner, was ein Winkel ist? Er
mute die Frage wiederholen, denn rings um ihn krachten die xte; auch seine
Ritter und Knechte waren in Werkleute verwandelt, welche Balken und starke
Pfosten zurechthieben. Endlich antwortete Henner, seine lange Gestalt reckend
und den Schwei von der Stirne wischend: Ich kenne nur einige Winkel in Erfurt,
in welchen nicht viel Gutes zu finden ist. Doch die Heiligen hier haben andere
Gewohnheiten als bei uns, fr die Seele mag ihre Sitte heilsam sein, aber dem
Rcken tut sie weh. Wir merken, Herr, da dies die Heimat des heiligen Joseph
ist, der, wie sie sagen, ein Zimmermann war.
    Wieder half Ivo dem Alten und war eifrig bei der Arbeit, denn er erkannte
allmhlich das Sinnvolle der Zeichen, welche er machen half. In der Mitte des
Lagers sah er einen groen freien Raum, den Ring zum Marktverkehr und zur
Sammlung beim Alarm, in der Mitte des Ringes das Wachthaus und dahinter nach der
Zahl der Apostel die Stellen der zwlf Schenken und Kaufbuden, seitwrts den
Kirchhof, auf dem die Kapelle der Jungfrau Maria gezimmert werden sollte. Von
den vier Ecken des Marktes liefen vier Lagergassen nach zwei gegenberliegenden
Toren, und kleinere Gassen nach den Pforten auf den beiden anderen Seiten, lngs
der Gassen wurden die Httenrume fr je zwlf Schsselgenossen abgesteckt und
in Quartiere geteilt; um den ganzen Raum wurde die Furche fr den Wall und
Graben gezogen.
    Mit dem Werke gewann Ivo auch den Bruder lieb, denn er merkte wohl, da
dieser in seiner Art ein vielerfahrener und weiser Mann war. Als sie alles
abgegrenzt hatten und die Pfhle mit verschiedener Farbe bezeichnet in Reihen
standen, sah der Alte zufrieden auf sein Werk und sprach im Selbstgefhl eines
Meisters: Auch Ihr habt jetzt die Kunst gewonnen, ein Lager abzustecken,
welches so gro ist, da zweitausend Mann darin bequem wohnen und zugleich den
Wall verteidigen knnen. Glaubt aber nicht, da Ihr deshalb versteht, auch das
Lager fr weit grere Anzahl zu errichten, indem Ihr nach Eurer Willkr die
Quartiere vergrert, Ihr wrdet nur ein ungefges Werk zustande bringen und die
Mannschaft wrde sich entweder drngen oder nicht imstande sein, den ganzen Wall
zu verteidigen. Denn jedes Ma ndert das andere, und eine Zahl hngt von der
andern ab. Dies grere Geheimnis aber darf nur ich wissen und der Orden, denn
der Lehrherr mu etwas vorausbehalten vor dem Lehrling.
    Das gab Ivo ergeben zu, und Sibold fuhr fort: Diese Kunst, die wir jetzt
ben, vermag man hier im fremden Lande nicht zu gewinnen, wo vieles unordentlich
zugeht. Sie ist aber ein Geheimnis, das wir Nordfahrer und zum Teil Eure
Nachbarn, die Magdeburger, ergrndet haben, wenn wir mit unseren Meerschiffen
den Strand der Heiden im kalten Osten anliefen oder unter den Fremden handelten.
Merket auch, da dieses Lager zugleich eine Stadt werden kann fr die Siedler,
wenn diese hier dauern. Wo wir das groe Alarmhaus gesetzt haben, wird ein
Stockwerk bergebaut fr den Rat der Gemeinde, und die zwlf Apostel dahinter
werden zwlf Kaufhuser, aus den Lagergassen erstehen die Straen und aus den
Htten die Wohnungen mit ihrem Hofraum. Dann mgen sich die neuen Burgmannen
statt des Holzgerstes eine Kirche bauen und statt des Pfahlwerkes eine Mauer
errichten. Solche Werke gedeihen bei uns berall, wo die Kaufleute ihre Bank
unter den Ostleuten aufschlagen und die Bauern ihnen nachziehen, um auf neuer
Scholle zu siedeln.
    Ivo sah ber das Lager auf die fruchtbare Landschaft, um sein Haupt sangen
die Sommervgel, die Natur blhte und duftete, und er rief begeistert:
Wahrlich, keinen besseren Wohnsitz kann ich denken fr Mnner meines Volkes.
Bald soll, wenn unser Schwert hilft, hier ein neues Heimwesen gegrndet werden.
Und ich denke, auch Euer Meister hat das gewollt, als er die Arbeiter bei der
neuen Burg ansiedelte.
    Der Alte schwieg, endlich sprach er in seinen Gedanken: Viel bin ich
umhergezogen ber das salzige Meer in Sturm und Eisfrost unserer Heimat. Und in
manchem Lande fremder Menschen habe ich, als ich noch ein freier Mann war, die
Warenballen aufgeschnrt, gekauft und getauscht, um in Reichtum meine Tage zu
enden. Wisset, Herr, eine Sturmnacht vertilgte die Hoffnungen meiner Seele, zwei
gewappnete Shne versanken mir mit ihrem Schiffsvolk im Ostmeere. Seitdem wurde
mir die Sorge um mein einsames Leben verchtlich und ich dachte oft an den Saal
der ewigen Freude, in dem ich meine lieben Jungen wiederfinden knnte. Da
bergab ich mich und mein Gut der Bruderschaft und kam in dieses Land. Mit gutem
Grunde sagt Ihr, da das Land erfreulich ist fr Auge und Herz, und doch kennt
Ihr noch wenig davon. Ich aber habe das Schnste darin geschaut, was einem
Paradiese gleicht.
    Ihr meint das heilige Jerusalem? fragte Ivo.
    Bruder Sibold schttelte das Haupt. Dort wurde der Herr gemihandelt und
gekreuzigt, und wenn sie auch sagen, da groe Verheiung an der den Sttte
hngt, mir war, als ich dorthin pilgerte, das Herz schwer bedrckt. Nein, ein
anderes Tal preise ich, wo ich selbst sterben mchte. Seht dort, gerade vor uns,
hinter den Bergen, liegt das gesegnete Nazareth, in wenigen Stunden knnte Euch
ein Ro hintragen. Dort wuchs unser lieber Herr bei seiner Mutter und dem treuen
Joseph auf. Dort stand ich mehr denn einmal als Waller, und ich sage Euch,
nichts auf Erden gleicht der Seligkeit dieser Stunden. Denn ich sah in meinem
Geiste das liebe Kind mit seinen treuen Augen vor mir, als es vor dem Hause sa
und spielte, wie Kinder tun, und ich kniete an der Quelle, zu der ihn gewhnlich
seine Mutter schickte, das Wasser zu holen, und hrte in meinem Geiste, wie die
Himmelsknigin, wenn er das Krglein brachte, zu ihm sprach: Ltte Putje, wat
vorsumst du di? Da dachte ich an meine eigenen Jungen.
    Den Alten bermannte die Bewegung, er setzte sich auf einen Stein zur Seite
und faltete die Hnde. Ivo stand still neben ihm und legte den Arm ber seinen
Hals. Auch er dachte an die Heimat, obwohl kein blondhaariger Knabe seine
Rckkehr erwartete. Nach einer Weile fuhr der Bruder traurig fort: Ihr saget,
aus diesem Lager hier mag eine Stadt unseres Volkes werden, und wie Ihr, denken
vielleicht andere; ich aber sorge, diese Hoffnung wird nicht in Erfllung
gehen.
    Die Ankunft des Kaisers steht bevor, Vater; vertraut auch Ihr, da die
trge Ruhe ein Ende nimmt und die Heiden vor unseren Waffen entweichen.
    Wenn Waffen dies Land festhalten knnten, entgegnete der Alte
kopfschttelnd, so wre es nicht verloren worden, trotz unserer Snden. Wir
Kaufmnner aus Bremen haben darber andere Gedanken. Die Edlen und Ritter haben
durch das ganze Land unablssig Burgen erhht und unzhlige Christen haben ihr
Blut vergossen, sie zu behaupten. Aber das Beste wollte nicht gelingen, die
Christen haben nirgend im Lande eine Stadt gebaut, und nur die Kste vermochten
sie festzuhalten, weil die Schiffahrt und der Handel ihnen gehren. Denn eines
fehlt hier, unsere Bauern und Arbeiter, die hinter dem Stadtwall hausen und von
da das umliegende Land in Frieden bezwingen.
    Mgen sie hier beginnen, rief Ivo. Viele krftige Ackerleute unseres
Volkes kommen in den Kreuzheeren.
    
    Da sprach der Alte leise: Sie gehen wieder oder verderben, denn sie
vermgen hier nichts. Wundervoll ist, was dieses Land den Menschen gewhrt, und
zwiefltig ist der Segen. Denn die Wolle wchst nicht nur auf den Schafen,
sondern noch zarter auf einem Gestruch des beackerten Bodens; den sen Seim
sammelt nicht nur die Biene, auch die Menschen kochen ihn aus einer kostbaren
Rohrpflanze, die sie im Sumpfe bauen. Fremdlndisch ist der Bau, und unsere
Landsleute sind den fleiigen Syrern an Kunst nicht berlegen, sondern die Syrer
ihnen. Und ebenso sind diese hier in vieler Handwerksarbeit voraus. Darum knnen
unsere Landgenossen sich nur mhsam durch ihrer Hnde Arbeit behaupten, und sie
finden es leichter, als mige Herren ber den Arbeitern zu sitzen. Dies ist der
Grund, da unsere Httenlager sich niemals in Stdte verwandeln, und deshalb
wird um die Burgen der Kampf toben, solange wir hier sind.
    Solange wir hier sind? wiederholte Ivo. Meint Ihr, Vater, da die
Christenheit einmal aus dem teuren Lande entweichen wird?
    Der Alte vermied die Antwort. Ein Bremer Kaufherr hatte, da ich jung war,
ein Sprichwort, welches viele verlachten: Der Untreue vergeht, der Redliche
besteht. Ihr seid ein billig denkender Mann, und auch ich gehre zu einer
Bruderschaft, welche auf Treue hlt, aber ich hrte manchen frommen Mann
bitterlich klagen, da die Sarazenen gerechter und wahrhafter sind als die
Lateiner, denen auch wir zugezhlt werden. Das beachten die alten Einwohner
dieses Landes sehr wohl, auch wenn sie Christen sind; und sie werden darum den
Sarazenen williger dienen als uns Abendlndern. Wenige wagen davon zu reden,
einer aber wei es, der vorsichtig fr uns alle denkt. Und der Alte wies nach
dem Hgel, auf dem der Meister seiner Bruderschaft stand.

Whrend Ivo in der Fremde, da, wo er khne Rittertat gehofft hatte, die
Meschnur hielt und den friedlichen Lehren des alten Brgers lauschte, war in
seiner Heimat der Friede geschwunden und eine gepanzerte Faust hob sich gegen
die andere. Vor andern erfuhr die schuldlose Frau Else mit ihren Kindern die
Rache des Schicksals. Wie ihr Gemahl sein Schwesterkind aus den Burgen von
Meien verjagt hatte, ebenso trieben jetzt die Brder des Landgrafen sie mit
ihren Kindern aus der festen Wartburg, und die Thringe erzhlten einander mit
Schrecken, da die Landgrfin zu Fu aus der Burg gewandert war und wie eine
Bettlerin mit ihren Kleinen Obdach in der Stadt Eisenach erbeten hatte. Der tote
Landgraf hatte aber auch als strenger Herr die Raublust in den Bergen gebndigt
und mehr als einen frechen Missetter gezwungen, barbeinig und auf den Knien
Genugtuung zu geben. Jetzt brannten berall neue Fehden auf, man sah den Himmel
oft von niedergesengten Hfen gertet und vernahm von geblendeten Bauern und
weggetriebenen Herden.
    In dem Hofe Ivos stand der alte Godwin trbe zwischen Stllen und Scheuern.
Von den entfernten Drfern kamen unwillkommene Nachrichten, noch hielt die
Teuerung an und viele Hintersassen waren nicht imstande, dem Herrenhofe die
Gebhr zu leisten, andere entzogen sich aufsssig ihren Pflichten, da die Hand
des Gutsherrn nicht ber ihnen war. Zwar sollten Hof und Gut den hohen Frieden
genieen, welchen die Kirche verkndet hatte, aber mancher gewaltttige Nachbar
umlauerte die Grenzen und enthielt sich durchaus nicht eigenntziger Eingriffe.
Auch der alte Graf Meginhard kam mit seinem Gefolge ber die Brcke geritten,
rief die Hofleute herrisch an, sah in die Stlle und sa in der Halle nieder,
weil er bei der langen Abwesenheit seines Neffen um das Erbe des Geschlechtes zu
sorgen habe; und am greulichsten war dem Kmmerer, da sogar Ritter Konz
unverschmt ber den Hof schritt und ein junges Ro von der besten Zucht am
Halfter aus dem Stalle fhrte, um es nach der Mhlburg zu nehmen. Nur mit Mhe
vermochte Godwin durch den alten Grafen diese Gewalttat zu hindern.
    Lange hatte der Kmmerer ungeduldig nach Nikolaus ausgesehen, der ihm lieber
gewesen war als den anderen Rittern des Hofes und der ihm jetzt Nachricht aus
Welschland bringen sollte. Aber der Schler blieb lange aus. Und als er endlich
spt im Winter zurckkehrte, war sein bermut ganz geschwunden und er wollte
wenig von dem berichten, was er selbst erlebt hatte.
    Auch ihm war nicht alles wohlgelungen. Ivo hatte, whrend er, vom Kaiser
festgehalten, bei Otranto auf die Abfahrt wartete, zuweilen wieder die Saiten
der Harfe gerhrt und ein neues Lied an die Herrin erdacht. Vor dem ersehnten
Tage der Abreise legte er seinem Liedergesellen Nikolaus die Verse ans Herz,
damit dieser sie, wie er bisher getan, vor den Landsleuten singe, und Ivo machte
ihm vor allem zur Pflicht, nach Augsburg an das Hoflager des jungen Knigs
Heinrich zu gehen, sich dort in den Haushalt der Grfin von Meran zu schmeicheln
und das Lied vor ihr und ihren Frauen zu singen. Dies war fr Nikolaus ein
willkommener Auftrag. Denn er lie seine Stimme am liebsten vor schnen Frauen
ertnen. Als er nach Augsburg kam, erkundete er leicht das ansehnliche Turmhaus,
in welchem die Herrin wohnte. Er fand einzelne aus dem Gefolge, denen er schon
einmal bei den Landgrflichen in Thringen vorgesungen hatte, und gewann den
Eintritt in die untere Steinhalle. Schnell machte er die Hofleute, welche darin
saen, durch seine Lieder und Scherzreden gutwillig und lauerte auf eine
Gelegenheit, die ihm das Gemach der Herrin ffnen wrde. Als Frauenrosse an das
Tor gefhrt wurden und zierliche Hofknaben zur Schwelle eilten, um der
Gebieterin aufzuwarten, trat er aus der Halle in den Flur, stellte sich so auf,
da man ihn sehen mute, griff in die Saiten der Harfe und hob mit lauter Stimme
den Ton des Herrn Ivo an. Eine verhllte Frau, welche, gesttzt auf den Arm
ihres Kmmerers, herankam, hielt still, sobald sie den Gesang vernahm, und hrte
einem Verse aufmerksam zu, dann winkte sie mit der Hand und sprach: Eine
wohltnende Stimme ward Euch zuteil, Snger, und gern vernehme ich bei
Gelegenheit mehr davon, meldet Euch, wenn Ihr wiederkommt, vor meiner Kammer.
Sie rauschte vorber und wurde auf das Ro gehoben, whrend der Schler, seines
Glckes froh, sich tief verneigte. Aber sein Behagen ward jmmerlich gestrt,
als ein Herr mit braunem, gefurchtem Gesicht, welcher einem Welschen glich, in
den Flur trat und mit scharfer Stimme gebot: Fhrt den Fahrenden in mein Gemach
und harret vor der Tr. Sogleich fhlte sich Nikolaus gepackt und widerwillig
fortgeschoben. Als er im verschlossenen Gemach dem Fremden gegenberstand,
sprach dieser: Auch ich bin ein Freund des Gesanges. Sing mir das Lied, das du
unten an der Tr erschallen lieest. Der Schler hielt fr das beste, dem
unfreundlichen Mann seinen Willen zu tun. Dieser hrte abgewandt zu. Ich kenne
die Weise deines Liedes, denn fter wird nach derselben in diesem Hause
gesungen. Mit welchem Namen benennt ihr Snger die Weise?
    Es ist der Ton des Herrn Ivo, versetzte Nikolaus, und er heit so, weil
der edle Ivo von Ingersleben in diesem Tone zu dichten pflegt.
    Du aber bist der Fahrende, der in seinem Solde singt?
    Ich bin, wie Ihr seht, ein lateinischer Schler und singe seine Lieder.
    Und dein Herr hat dich gesandt, damit du sie in diesem Hause singen
sollst?
    Solche Frage dnkte den Schler ungehrig. Ich sang das Lied hier, wie ich
es berall singe, wo man mich hren will.
    Im nchsten Augenblick fhlte er die Spitze eines Dolches an seinem Halse
und vernahm entsetzt die Worte: Gesteh, oder dies Eisen durchbohrt dir die
Kehle. Da vermochte er in der Todesangst die Wahrheit nicht zu bergen, zumal
sie ihm nicht verboten war, und seufzte: Es ward mir befohlen.
    Und wie heit die Dame, vor der du singen solltest? Da nannte er traurig
den Namen. Der Herr ffnete die Tr und gebot den Dienern: Fat die Riemen und
geielt ihn hinaus. Lt du dich noch einmal in diesem Hause oder in der Nhe
blicken, so hast du zum letzten Male das Sonnenlicht geschaut.
    Behende entsprang Nikolaus den Knechten, eilte in die Herberge und kehrte
noch an demselben Tage der ungastlichen Stadt den Rcken. Lange war ihm aller
Gesang verleidet, auch die Rckkehr in den Edelhof mifiel ihm, denn er
gedachte, da er in seiner Angst die Wahrheit gesagt hatte, wo sie seinem
Beschtzer nicht frommte. So flatterte er unstet umher wie ein Vogel, dem der
Marder das Nest zerrissen hat, und erst die Winterklte trieb ihn unter das
schtzende Obdach.
    Er htete sich, Herrn Godwin etwas von seinem Abenteuer zu gestehen, als er
aber in den Hof des Richters kam und Friderun ihn mit herzlicher Freude empfing
und das Beste hervorholte, was sie aus Kche und Keller ihm anzubieten hatte, da
ging ihm das Herz auf, und nachdem er die ganze Reise des Herrn Ivo bis zum
Hafen berichtet und vielen Fragen der Magd geantwortet hatte, vertraute er ihr
auch ber den Herd hinber einiges von seinem spteren Schicksal, vor allem den
Unglimpf, welchen er im Dienste des Herrn Ivo erfahren hatte, und er freute
sich, da Friderun ihn dabei aus ihren groen Augen so entsetzt anstarrte, als
htte sie selbst das Unglck erlebt. Da er aber zuletzt gedrckt hinzufgte:
Ich sorge, die Dame selbst oder eine ihrer edlen Frauen ist seine Herrin, und
darauf zu der Magd hinbersah, war ihr Sitz leer und sie selbst wie ein Geist
verschwunden.
    Dagegen stand in der Tr eine groe Gestalt und die Hand des Richters fiel
schwer auf seine Schulter. Ihr haltet bel den Vertrag, dem Ihr Euch gelobtet.
    Beunruhigt durch die finstere Miene des Alten, sagte Nikolaus: Ich dachte,
Herr, die mhsame Arbeit sei Euch selbst verleidet.
    Ich aber rate Euch, da Ihr Eures Eides gedenkt, versetzte der Alte
feierlich. Folgt mir, denn die Zeit ist gekommen, wo Ihr mir deuten sollt, was
ich selbst nicht zu lesen vermag. Er fhrte den betroffenen Schler in die
Kammer, ffnete die Truhe, hob einen Pack heraus, den er sorgfltig in Leinwand
geschlagen hatte, und enthllte eine Anzahl Pergamentbltter, gebrunt und
vielgebraucht, das Auenblatt durch dunkle Flecke entstellt. Der Richter setzte
den Daumen an die Flecke. Der mir dies gab, sagte aus, da hier Blut eines
Mannes ist, welcher gettet wurde, weil er diese Bltter zu lesen vermochte.
    Nikolaus sah entsetzt auf das Pergament, sein Grauen berwindend, schlug er
die Bltter um, aber er legte sie nach wenigen Augenblicken wieder weg, sein
rtliches Antlitz war erblichen und seine Augen fuhren angstvoll umher, whrend
er den durchbohrenden Blick des Richters auf sich gerichtet fhlte.
    Versteht Ihr, was in dem Buche steht?
    Es ist die Verkndigung, welche sie das Evangelium des Markus nennen, und
es ist in deutscher Sprache geschrieben. Diese Bcher sind ein Geheimnis der
Unseligen, welche von den Pfaffen Abtrnnige und Ketzer genannt werden. Ein
solches Buch lesen, bringt, wie ich frchte, den Tod.
    Gilt bei den Schriftkundigen fr Wahrheit, was hierin geschrieben steht?
    Es ist ein Teil der heiligen Offenbarung.
    Dann will ich es verstehen trotz aller Pfaffen, rief der Richter mit
starker Stimme, was mir auch darum geschehe. Denn ich erkenne, nicht umsonst
wurde das Buch in mein Haus getragen. Vernehmt, Nikolaus, am Tage, wo ich meinen
Sohn verlor, forderten mich die Kreuzbrder zur Hilfe bei einem guten Werke.
Einen Landfahrer, der auf der Strae verwundet worden, nahm ich auf und half ihm
zur Genesung. Er war ein Mann, der wegen der Pfaffen aus seiner Heimat am Rhein
entwichen war, flchtig zog er gen Osten, um sein Haupt unter dem Bhmervolk zu
bergen. Das einzige, was ihm die Ruber gelassen hatten, war diese hohe
Verkndigung. Ich habe manche Nachtstunde neben ihm gesessen und seltsame Worte
gehrt, und ich sage Euch, er, der heimatlos auf Erden umherirrte, war ein
frommer Mann, der unserm himmlischen Vater unter Trnen diente. Vieles hat er
mir gesagt, was hier ungesprochen bleibt, und groe Worte hat er mir zugeraunt
von dem Tage, an welchem Himmel und Erde vergehen werden und den niemand wei,
nicht die Engel, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater; und dazu andere
Worte, die zu seiner Zeit der Herr Jesus in Todesnot gesprochen hat: Vater,
nicht wie ich will, geschehe, sondern wie du willst. - Habt Ihr jemals diese
hohe Rede vernommen?
    Ich kenne die Worte, antwortete der Schler mit gestrubtem Haar.
    Diese Stellen in dem Buche will ich selbst erkennen, damit ich die Wahrheit
erschaue. Dies sind Worte, die ein treuer Sohn zu seinem Vater sprechen mu, und
sie sind der Grund eines echten Glaubens; denn ich hoffe, auch im Himmel gilt
der Vater mehr als der Sohn, und was uns die Pfaffen von der gleichen Wrde des
Sohnes vorreden, ist Trug.
    Schwer ist es, Richter, die Verkndigung zu verstehen, und ich lobe die
Bescheidenheit des Mannes, der in so groer Sache der Deutung weiser Lehrer
vertraut.
    Wer sind die weisen Lehrer? fragte der finstere Richter. Sind es die
Mnche, welche betteln, oder die andern, welche sich mit den grten Weinfssern
im Lande berhmen? Ist es der Papst, der unsern Herrn Kaiser in den Bann getan
hat, whrend dieser die Fahrt zum Heiligen Grabe bereitet? Die Welt ist
zerrttet und die Rachsucht tobt, wo Liebe herrschen soll und Erbarmen. Ich aber
bin ein Richter und fhre Schwert und Strang gegen die Missetter, ich will auch
Richter sein ber Recht und Unrecht in dem Glauben, an dem meine eigene
Seligkeit hngt. Wenn mir jemand klagt, dieser Mann hat Missetat gebt, so lade
ich die Zeugen; jetzt will ich Zeugen rufen in einer Sache, die mir zumeist am
Herzen liegt. Und er legte die Faust auf das Pergament.

                        Bis zu den Messern am Grenzstein


Der Kaiser kommt, riefen die Kreuzfahrer einander freudestrahlend zu, als ein
schnelles Ruderschiff die Nachricht von Accon gebracht hatte, da Friedrich mit
seiner Flotte auf Cypern gelandet sei. Mit gehobenem Haupt schritten die
Deutschen einher, auch die Partei des Papstes: Lombarden und Provenzalen,
Templer und Johannesbrder vermochten das frohe Gefhl nicht zu unterdrcken,
da jetzt die trge Ruhe zu Ende sei und eine groe Entscheidung bevorstehe. Der
Kaiser kam als Gebannter und kam gegen den Willen des Papstes, der den
verspteten Kreuzzug vor der gesamten Christenheit als neuen Frevel und
Ungehorsam verklagt hatte. Aber da er dennoch sein Gelbde erfllen wollte und
da er in stolzem Mute wagte, trotz der Verdammung des Heiligen Vaters im Dienst
des Erlsers zu kmpfen, das fesselte fr den Augenblick die Herzen der Menschen
in Bewunderung und hemmte die Bosheit der Unvershnlichen. Und als Kunde auf
Kunde einlief, da der gewaltige Herr das ganze Knigreich Cypern ohne
Schwertstreich, nur durch die Wucht seines Willens und durch blitzschnelle
berraschung unter seine Gewalt gezwungen habe und da er seine hochfahrenden
Gegner gleich Unterworfenen mit sich fhre, da bezwang die Furcht selbst die
Unbotmigsten; die Frsten von Antiochien und Tripolis, alle Grafen und Barone
des nrdlichen Syriens riefen nach ihren Rossen und beeilten sich, gen Accon
hinabzuziehen, um dem Oberherrn der Christenheit zu huldigen. Die Johannesbrder
luden ihre Komture aus den groen Burgen am Libanon, um dem Kaiser die Helden
ihrer reichen Genossenschaft vorzustellen, und sogar die hochfahrenden und
eigenmchtigen Templer beschlossen, sich vorlufig vor der berlegenen Macht zu
beugen. Da endlich seine Flotte in Sicht kam, strmte alles nach dem Hafen, die
Edlen, die Kreuzfahrer, die Brger der Stadt, und er setzte seinen Fu auf den
Boden des Gelobten Landes unter einem Jubelgeschrei, das bis zum Himmel stieg.
Auch der Patriarch mit seinen Bischfen stand grend am Ufer, und der Kaiser
beachtete wenig, da der Stellvertreter des Papstes ihm, weil er gebannt war,
den Friedensku versagte. Sein Antlitz strahlte vor Freude, als er die Fhrer
der Christenheit und einen unzhlbaren Schwarm des Volkes vor sich sah, wie sie
niederknieten und begeistert die Hnde zum Himmel hoben, um ihn als Kaiser und
Herrn und als ihren Retter zu begren.
    Gro war die Freude der Christen, doch noch grer die Bestrzung der
Mohammedaner. Zu ihnen flog die Kunde, da der groe Emperor gekommen sei, wie
ein Wstensturm, der den Horizont mit rotem Dampfe verhllt, Wolken von heiem
Sande aufwhlt und durch seinen Atem das Mark der Glieder und das Grn des
Bodens versengt. In jedem Weiler und in jeder Burg der Sarazenen lauschten die
Leute der Verkndigung, in den Oasen der Wste saen die Haufen der Bodwinen,
nachdenklich die Brte streichend, und die wilden Krieger des Libanon, die den
Sarazenen verfeindet waren wie den Christen, sprengten durch die Felsschluchten
und schrien die Neuigkeit in die Tler. Es war nicht das kleine Kreuzheer,
welches den eingeborenen Shnen des Ostens solche Scheu einjagte, ihre Spher
hatten oft in die leeren Lagergassen der Christen geschaut und auch die Schiffe
der kleinen Flotte gezhlt, welche der Kaiser heranfhrte. Es war der Name des
einen Mannes, der die Khnsten mit banger Sorge erfllte. Nicht grundlos war die
Scheu, mit welcher sie ihn betrachteten, denn sie hatten im Guten und Bsen die
Gewalt seines Wesens erfahren. Er hatte Sizilien den Helden ihres Volkes
entrissen, jeden Widerstand niedergeschlagen, alle seine Feinde vom Erdboden
vertilgt. Sie wuten, da er erlittene Krnkung nicht verga und da er Untreue
zu rchen wute, ausdauernd, kalt die Stunde erwartend, aber sicher und
erbarmungslos gleich einem Geiste der Luft, der unsichtbar den ttenden Hauch
entsendet. Doch wie er sie mit Schrecken erfllte, so verstand er ihnen auch zu
gefallen durch vornehmen Stolz, durch sein prachtvolles Wesen und durch das
hochsinnige Vertrauen, welches er den unterworfenen Bekennern des Islams
schenkte. Denn aus ihnen whlte er die Leibwache, die ihn immer umgab. Mit den
Sultanen der Sarazenen verkehrte er durch Gesandte wie mit stammverwandten
Frsten, und gern tauschte er mit ihnen Geschenke; die arabischen Gelehrten und
Dichter pilgerten zu seinem Hofe, er selbst kannte ihre heilige Sprache und
hatte Verstndnis fr die Weisheit und Kunst des Morgenlandes. Wo er als Herr
waltete, hielt er streng darauf, da die Mohammedaner in ihrem Glauben nicht
gestrt wurden, ihre Muezzins riefen in Palermo und Messina zum Gebet wie in
Kairo und Damaskus, und gern verkndeten ihre weisen Mnner, da er kein Christ
sei wie die andern, sondern eher ein Bekenner des Propheten. Whrend das
Mitrauen der ppstlichen Partei jede Tat seines Lebens feindselig deutete,
empfing ihn die Bewunderung der Unglubigen als einen Mann, der an Strke und
Weisheit allen berlegen sei.
    Hier hast du mich, rief Friedrich frhlich dem Bruder Hermann zu, denke
an den Abend von Otranto, es ist gekommen, wie ich hoffte.
    Auch wie ich frchtete, antwortete der Meister ernst.
    Ja, sagte der Kaiser, der Alte hat mir Not genug gemacht; dennoch
verspreche ich dir, ich gehe nicht eher von hier fort, bis ich dich und deine
Brder in Jerusalem eingefhrt habe. Vermgen wir nicht mit dem Blitz zu
treffen, so wollen wir durch Donner betuben. Vor allem will ich deinen
Mignnern von St. Johann die Herrenfaust zeigen. Beim Einfahren sah ich Brder
vom weien Kreuz in der Maut lagern, sie sollen sogleich erfahren, da dieser
Hafen mit seinen Einknften mir gehrt. Und wir werden das Geld gebrauchen. -
Das Heer mu aus der verdorbenen Luft hinein ins Land.
    Die neue Burg ist geschanzt, welche des Kaisers Heerlager gegen Sultan
Elkamil decken soll, versetzte Hermann.
    Du tust immer still das Richtige, lobte der Kaiser. Wo lagern die
Sarazenen? Und zur Stelle begann ein eifriger Austausch von Nachrichten.
    Unterdes stand Ivo in der Halle des Knigsschlosses unter einer glnzenden
Versammlung von Edlen. Als der Kaiser mit seinem Gefolge eintrat, erscholl
wieder donnernder Jubelruf, und er dankte mit sichtlicher Freude. Einer der
Herren nach dem andern nahte huldigend, und da auch Meister Montague vom Tempel
sein Knie beugte, flog ein Lcheln des Triumphes ber das Antlitz Friedrichs,
und er lie ihn einen Augenblick knien, bevor er ihn aufhob und kte. Whrend
er den knienden Ivo erhob und mit einem Ku ehrte, sagte er leise: Ihr seid
einer von den Treuen, und hier gedenke ich Euch nicht von mir zu lassen. Denn
Ihr seid erwhlt, die deutschen Ritter anzufhren, mit denen ich mich umgeben
will. Einst wart Ihr zu stolz, die Reise mit meinem Golde zu rsten, jetzt lege
ich Euch an eine goldene Kette.
    Als Ivo in das Gemach des Kaisers trat, sich fr den neuen Dienst zu melden,
fand er den Herrn im Gesprch mit einem Edlen, dem sein schwarzes
kurzgeschnittenes Haar und das hagere, gefurchte Gesicht das Aussehen eines
Italieners gaben. Kennst du den Edlen von Ingersleben, Humbert? fragte
Friedrich und setzte, zu Ivo gewandt, hinzu: Mein Vetter, der Graf von Meran.
    Ich sah den Herrn niemals vor diesem Tage, antwortete der Graf stolz.
    Der Kaiser setzte sich und betrachtete mit stillem Behagen die beiden
Helden, welche sich frmlich gegeneinander neigten. Vertragt euch unter dem
Kreuz als gute Gesellen, riet er gemtlich. Als er den Grafen entlassen hatte,
berhrte er mit der Hand die Schulter Ivos da, wo er einst die Stickerei eines
Tuches gemustert hatte, und sagte, auf die Tr deutend, vertraulich: Er ist
still und scharf. Mir hat er gute Dienste geleistet, da wir beide jnger waren
und ich im Kampf gegen die emprten Sarazenen Siziliens. Diese haben zuweilen
erkannt, da er Feinde nicht schont. Ihr wit vielleicht, da er durch Heirat
meinem Hause nahe verbunden ist; ihn und sein Gemahl habe ich nach Deutschland
weggegeben, damit der junge Knig Heinrich, der die Nhe des Vaters entbehren
mu, von Angehrigen meines Geschlechtes beraten sei. Zu der Kreuzfahrt lud ich
den Grafen, weil er mit Sprache und Brauch der Sarazenen so gut bekannt ist wie
wenige. Knnt Ihr nicht sein Freund sein, Ivo, so seht zu, da er nicht Euer
Feind wird, denn er ist seinen Gegnern lstig. - Aber ich habe noch jemanden,
der Euch kennen mu. Er schlug dreimal an eine tnende Erzschale. Durch eine
Seitentr trat ein alter Mann herein mit scharf geschnittenen Zgen und
forschenden Augen in langem wallenden Gewande. Dies ist mein Lehrer Omar,
sprach der Kaiser herzlich, einer von den Weisen, der die tiefen Geheimnisse
der Zahlen und der Sterne versteht und der auch aus den Seelen der Menschen
Geheimes zu lesen wei. Betrachte diesen, Omar, und suche von ihm die
Konstellation zu erfahren, wenn er selbst die Stunde seiner Geburt kennt, denn
meine Deutschen sind darin sorglos.
    Der Araber schaute prfend auf den jungen Helden, dem dabei gar nicht wohl
zumute war, er bat ihn, seine Hand zu ffnen, und nickte zufrieden, als Ivo
nicht nur das Jahr der Geburt zu sagen vermochte, sondern auch, da er am hohen
Pfingstsonntag geboren sei, gerade als das Glcklein zur Mette lutete.
    Seit diesem Tage wurde Ivo von dem Kaiser mit so gtigem Vertrauen
behandelt, da er sich selbst darber wunderte und da der Neid anderer
erwachte. Vielleicht verdankte er die unerwartete Gunst einem Horoskop, welches
Omar anfertigte, vielleicht einem andern geheimen Bande, welches ihn nach der
Meinung des Kaisers zu treuem Dienst fesselte.
    Im glnzenden Kriegerschmuck, mit wehenden Bannern rckte der Teil des
Kreuzheeres, welchem der Kaiser am meisten vertraute, aus der Nhe des Hafens
zwei Tagemrsche in das Land. Am Ufer eines klaren Baches wurden die Gassen
gezogen, die Zelte geschlagen; jeder lebte in ungeduldiger Erwartung des
Kampfes, denn drei Sarazenenknige zogen mit ihren Heerhaufen heran, und der
mchtigste von ihnen, Elkamil, Sultan von gypten, welcher die Herrschaft ber
Palstina an sich gerissen hatte, lagerte so nahe, da jeden Tag ein
Zusammensto zu erwarten war. Doch keine Posaune rief zum Kampf, nur Gesandte
der Christen und Sarazenen ritten zwischen den beiden Heerlagern.
    Unterdes wurde es nicht leicht, das Heer zu ernhren, am schwersten, den
Rossen das Futter zu schaffen, die leichten Reiter der Sarazenen streiften
umher, lauerten hinter Felsen und Sandhgeln, und die ausgesandten Haufen der
Christen hatten fast tglich kleine Kmpfe zu bestehen und kehrten oft
vergeblich zurck, gemindert an Zahl und Vertrauen. Einst erhielt Lutz den
Befehl, mit einer Anzahl Knechte nach Lebensmitteln auszureiten. Ich denke mit
gefllten Karren heimzukommen oder gar nicht, sagte er, des Auftrages froh, zu
Henner. Bei frheren Jagdfahrten war er viel durch das Land gestreift, auch
diesmal wute er seinen Zug auf Umwegen weit hineinzufhren, bis er von der Hhe
auf ein Tal blickte, das, von einer reichen Quelle bewssert, in tiefem Frieden
dalag. Hier hat noch niemand gesengt, die Huser sind unversehrt, ich sehe
Kamele und weidende Rosse. Die Reiter wanden sich durch ein Gehlz vorsichtig
in den Grund, wo ihr pltzliches Erscheinen arge Verwirrung hervorbrachte. Eine
kleine Karawane hatte sorglos am Quell gerastet, verhllte Frauen rannten zu den
Kamelen und ihre Wchter sprangen zu den angepflckten Rossen. Doch sie wurden
umringt und entwaffnet, bevor sie zum Widerstand bereit waren, und Lutz rief
ihnen durch den syrischen Dragoman zu: Werft euch mit den Gesichtern auf den
Boden und rhrt euch nicht, an euch ist uns wenig gelegen. Die Knechte
durchsuchten die Huser und ffneten die gemauerten Gruben, in denen das
Getreide lag. Whrend sie aber hastig die Karren beluden, kam von der
entgegengesetzten Seite ein anderer Haufe des Kreuzheeres herangejagt mit
hnlicher Absicht; Lutz erkannte die Mntel der Johanniter und ritt ihnen
entgegen: Sucht euch andere Gelegenheit, hier sind wir Wirte.
    Wir teilen die Beute, rief ein Bruder, oder, beim heiligen Kreuz, ihr
sollt gar nichts erhalten, denn wir sind die strkeren.
    Wir aber waren die ersten, versetzte der Thring, und deshalb fllen wir
vor euch. Er gab seinen Begleitern das Zeichen, vorzusprengen, und gebot, die
Karren zum Schutz des kauernden Haufens an den Seiten aufzufahren. So halte ich
meine Speerbeute in der Wagenburg geschlossen, rief er; will einer von euch
durchbrechen, so erhlt er Hiebe.
    Die Brder ritten scheltend und drohend durcheinander, ihr Fhrer schrie
zornig herber: Hrt meinen letzten Vorschlag, nehmt eure Scke und macht euch
davon, uns aber lat die Weiber und Kamele.
    Ihr seid gtig, spottete Lutz. Ich will euch nicht in Versuchung bringen,
euer Gelbde zu brechen. Wir halten Quell und Tal besetzt und haben keine Eile,
abzuziehen, seht zu, ob ihr's so lange aushaltet wie wir, und er rief zu den
Karren zurck: Nehmt einen Hammel, ihr Knaben, und bereitet suberlich eine
Mahlzeit, denn wir fhlen Hunger.
    Ihr seid ganz nahe an dem Lager der Sarazenen, mahnte der Bruder, jeder
Augenblick Sumen kann euch die Todespforte ffnen. Ganz unsinnig mu ich euch
schelten, da ihr so sorglos lagert.
    Bedrngt euch die Nhe, so macht euch fort, antwortete der Thring, ich
gedachte euch, wenn ihr ruhig harret, von dem gebratenen Hammel anzubieten.
    Die Brder zgerten, Gewalt zu brauchen, denn obgleich ihr Gewissen sie
nicht gehindert htte, den Gegner anzufallen, so scheuten sie doch das strenge
Lagergesetz.
    Wisset, starrkpfiger Deutscher, da wir ausgeschickt sind, den Haufen zu
fangen, welchen ihr zwischen den Karren festhaltet. Es ist wertvolle Beute, denn
die Weiber sind aus dem Harem des Sultans, und uns ward ihre Reise verraten,
Wagt ihr sie zu weigern gegen den Befehl unseres Feldherrn?
    Gewi weigere ich sie, entgegnete Lutz. In meiner Heimat ist nicht
Brauch, da ein Ritter auf den Fang von Weibern ausgeht, sondern diese haben
Frieden bei den Fehden der Mnner, zumal edle Frauen. Gehren die Verhllten zum
Hofhalt des Sultans, so sollt ihr sie erst recht nicht erhalten. Und als er so
fr die fremden Frauen sprach, fiel ihm der Vorwurf ein, den sein Lehrer ihm
zuweilen machte. Niemals trifft sich eine bessere Gelegenheit, dem Mangel
abzuhelfen. Er gebot seinen Begleitern: Fllt die Speere, da sie nicht gegen
euch vorbrechen, und den Dragoman rufend, ritt er zum Haufen der Gefangenen und
begann mit hflicher Handbewegung: Ist eine Edle unter den Frauen hier, so
ersuche ich sie in allen Ehren, da sie fr mich ein Stck ihres Schleiers
abschneide und mir freiwillig bergebe, damit ich ihr als Ritter dienen kann,
denn ich gedenke nicht zu leiden, da jene schreienden Helden euch wegfhren.
    Eine der Frauen, welche mit verhlltem Gesicht an dem Kamele lag, erhob
sich, ri einen Zipfel ihres Schleiers ab und hielt ihn dem Ritter hin; Lutz
erkannte, da zwei dunkle Augen ngstlich auf ihn starrten. Er dankte ehrbar.
Dagegen weihe ich mich Eurem Dienste, habt die Gte, jetzt ein wenig
aufzublicken, und sein Ro spornend, rief er den Brdern entgegen: Wisset, ich
bin Ritter jener weien Taube geworden, und wenn ihr etwas gegen ihre Freiheit
und Ehre sinnt, so werdet ihr mir einen Speerkampf nicht versagen. Werft ihr
mich, so folgt euch die Dame, werfe ich euch, so lat mich die Schweife eurer
Rosse so bald als mglich sehen. Das ist ehrliche Bedingung.
    Die Langmut des Johanniters war zu Ende, mit einem lauten Fluch wandte er
sein Pferd zum Anlauf, beide rannten gegeneinander, und als die Speere gebrochen
waren, zogen sie die Schwerter und schlugen, da die Helme klangen. Da gab einer
der Brder ein schrilles Zeichen, der Johanniter wandte sein Pferd, und alle
jagten, so schnell sie vermochten, von dannen.
    Ich sehe, was Euch den Kampf verleidet, rief Lutz, als eine Schar
Sarazenen in der Entfernung sichtbar wurde. Ihrer sind viele, und wir mssen
auf den Rckzug denken. Er berhrte den alten Haremswchter mit der
Speerstange. Ihr Fledermaus, der Ihr weder Vogel noch Maus seid, nehmt Eure
Damen unversehrt in Empfang, und sich zu der Verhllten wendend, welche dem
Kampf vom Rcken des Kamels zugesehen hatte: Ihr seid frei, Herrin, erweist
auch mir die Gunst, jenen dort Stillstand zu gebieten, whrend ich meine Karren
abwrts fhre. Lebt wohl, ich frchte, da ich Euch niemals wiedersehe und mein
Lebelang die Sehnsucht nach Euch herumtrage.
    Die Frau sprach einige arabische Worte zu dem Alten, welcher den Sarazenen
entgegenritt. Lutz aber gebot, noch schnell auf die Karren zu werfen und ber
die Sttel zu hngen, was erreichbar war, deckte die abfahrende Ladung und
gelangte glcklich an das Lager, ohne von den Feinden verfolgt zu werden.
    Als er, durch Ivo und Henner eingeholt, den Zelten nahte, begegnete den
Thringen der Kaiser. Ivo berichtete zur Stelle den Ritterdienst seines Mannes
und wies auf den Schleier. Da dem Kaiser die gute Behandlung des Harems sehr
willkommen war, so lachte er und redete das Gefolge an, was er sonst selten tat:
Erkanntet Ihr ein wenig, Herr, wie Eure Dame aussieht?
    Ich sah nur zwei Augen wie die einer Eule, versetzte Lutz ehrlich, und
zwei trippelnde Fe. Wenn sie unter der Dorflinde im Reigen sprnge, wrde sie
Mhe haben, sich neben unseren stolzen Mgden zu behaupten.
    Henner wurde traurig ber die ungefge Antwort. Der Kaiser bemerkte die
strenge Miene des langen Ritters und fragte ergtzt: Wie behagt es meinen
Thringen im Gelobten Lande?
    Da dies ein heiliges Land ist, antwortete der Marschalk ehrerbietig, so
darf ein billig denkender Mann nicht zu viel weltliche Ergtzlichkeit erwarten.
Dennoch ist es ein jmmerlicher Gedanke, da zwei wrdige Heilige, wie die
Jungfrau Maria und Joseph, in ihrem Leben hier soviel Herzeleid erduldeten.
Sicher wre ihnen auf Erden manches besser gediehen, wenn sie aus dieser drren
Gegend frhlich nach Deutschland ausgewandert wren, sie htten dort grere
Courtoisie gefunden, und dazu mehr Redlichkeit.
    Ihr verget, Marschalk, mahnte der Kaiser, da in diesem Falle die
Kreuzigung und die Erlsung ausgeblieben wren, und wir mten alle miteinander
zur schwarzen Hlle fahren. Obwohl es auch in Deutschland an Pfaffen nicht
gefehlt htte, denen die Heiligen verdchtig geworden wren. Denn auch deutsche
Priester sind begierig, Holz zum Scheiterhaufen zu schichten.
    Als die Lagergenossen verwundert den goldgestickten Schleier musterten,
erklrte Lutz zufrieden: Die Herrin ist brunlich und sitzt in einem Harem, ich
hoffe, das wird meinem Berchtel um so lieber sein.
    Aber er wurde noch an das Abenteuer erinnert. Denn als kurz darauf ein
Gesandter der Sarazenen in das Lager kam, ffnete der Dragoman des Kaisers die
Tr seiner Htte und fhrte einen nubischen Knaben herein, welcher vor dem
jungen Ritter niederkniete und einen Selam sprach, zuerst arabisch, dann
ziemlich verstndlich in der Sprache der Lateiner, da die Herrin des Schleiers
dies ihrem Ritter als Dank sende, worauf er sich selbst und einen zierlichen
Kasten vor die Fe des Thrings setzte.
    Der Knabe ist aus der lateinischen Schule des Sultans Elkamil, erklrte
der Dragoman, wie ich selbst aus der arabischen zu Messina; er ist zum Erklrer
erzogen, und vermag Euch und dem Herrn wohl zu dienen.
    Lutz sah die Sendung bedenklich an. ffne den Kasten. Als er eingemachte
Datteln darin fand, schob er ihn dem Sklaven hin: I von diesen Pflaumen,
solange sie reichen, denn weiter habe ich dir nichts anzubieten; er selbst
ergriff eine Brste und rieb ihm damit krftig die Haut. Lange begehre ich
diese Probe zu machen. Die Schwrze geht ber alle Schornsteinfegerei, sie ist
untilgbar, und dies ist das echte Rabenkind und ganz sicher ein Heide und
Hllensohn.
    Verlegen brachte er den Knaben seinem Herrn. Der Schwarze erwies sich als
anstellig und empfnglich fr die Freundlichkeit, mit welcher ihn die neuen
Herren behandelten, er wurde bald der verzogene Liebling der Htten, und Ivo
vertrieb sich manche mige Stunde damit, den jungen Ali Reiterdienst zu lehren
und sich arabische Worte vorsagen zu lassen.

Die gehobene Stimmung, in welcher die Kreuzfahrer den Kaiser begrt hatten,
sollte nicht dauern. Friedrich hatte einen groen Kriegsrat nach Accon berufen
und ritt frohen Mutes hinab. Es war eine erlauchte Versammlung: der Patriarch
und die Bischfe des Gelobten Landes, die Meister der drei Orden, die Edlen des
Kreuzheers und der christlichen Besitzungen in Syrien. Als der Kaiser die
Verhandlungen ber den Feldzug erffnen wollte, erhob sich der Patriarch und
meldete eine Botschaft des Heiligen Vaters, welche an die Versammlung gerichtet
sei. Zwei Franziskaner traten ein und berreichten kniend das Schreiben des
Papstes. Feierlich begann er zu lesen, da der Statthalter Christi den
Geistlichen und Laien des Kreuzheeres verbiete, dem eidbrchigen und gebannten
Kaiser, dem nach seinem ersten Ungehorsam die Pilgerreise versagt worden und der
in ungehorsamem Trotz dennoch gefahren sei, irgendwelchen Gehorsam zu leisten.
Damit aber das versammelte Kreuzheer nicht fhrerlos werde, bestelle der Heilige
Vater selbst zu Feldherren des Heeres fr die Abendlnder Hermann von Salza, fr
die Morgenlnder zwei andere edle Barone. Als die Vorlesung beendet war,
herrschte Totenstille im Saale, und Ivo, der hinter dem Stuhl des Kaisers stand
und gesehen hatte, da dieser wie im Krampf die Lehne des Thronsessels packte,
war erstaunt, als er mit ruhiger Stimme begann: Der Heilige Vater ist trotz
seiner hohen Jahre eifrig fr das Wohl der Christenheit besorgt. Mir mge die
erlauchte Versammlung nicht verdenken, wenn ich den Eifer seiner Mahnung fr
allzu gro halte, nicht meinetwegen, denn als ein treuer Sohn wei ich mich
auch, wenn er zrnt, seinem Willen zu fgen; wohl aber sorge ich um die
begonnene Kreuzfahrt und unser aller Ehre. Denn das Heer ist klein, und jeder
Zwiespalt in demselben nimmt die Hoffnung auf Sieg. Erachten die hochwrdigen
Vter der Kirche und meine Edlen fr heilsam, dem Wunsche des Papstes zu
gehorchen, so werde ich nicht widerstehen; aber ich werde als Streiter Christi
und weltlicher Oberherr dieser Lnder mit dem Heere ziehen, selbst gegen den
Willen des Heiligen Vaters, denn dies ist mein Recht als Kaiser und Knig, als
Ritter und als Christ.
    Da erhob sich unter den Deutschen ein Summen des Beifalls, und auch die
Welschen waren durch die Nachgiebigkeit des Kaisers freundlich gestimmt. Doch
Peter von Montague zerri die Vershnung, welche sich anknpfte, indem er
hochfahrend begann: Die Brder vom Tempel sind nur dem Gericht und der
Oberhoheit des Papstes untertan und vermgen nicht im Rat zu sitzen und nicht in
einem Lager zu dienen mit einem weltlichen Frsten, den unser Oberherr gebannt
hat. Wir versagen uns seinem Befehle, wie der Teilnahme an seinen Verhandlungen
mit den Feinden, und wir schlagen unsere Zelte gesondert von den seinen auf.
Dasselbe erklrte Bernard der Johanniter, die Geistlichen und die meisten Laien
des Morgenlandes. Heftig eiferten die Parteien gegeneinander, whrend der
Kaiser, ohne ein Wort in den Streit der Meinungen zu werfen, auf seinem Stuhle
sa; mit Mhe vermochte Hermann von Salza durchzusetzen, da die Herren, welchen
der Papst den Oberbefehl berwiesen hatte, von der Versammlung als Feldherren
ausgerufen wurden.
    Schweigend ritt der Kaiser in das Lager zurck. Aber als er mit wenigen
Getreuen in sein Zelt trat, sagte er heiter: Lange Jahre spiele ich mit dem
Alten von den sieben Hgeln das Knigsspiel, welches sie Schach nennen, und ich
habe manches von ihm gelernt; jetzt hat der hitzige Spieler einen falschen Zug
mit seinem Elefanten Gerold getan, er soll mich nicht verleiten, in den gleichen
Fehler zu fallen. Du, Humbert, hast von je gute Freundschaft mit Templern und
Johannitern gehalten, bewahre die Vertraulichkeit, sosehr du kannst, damit wir
zu rechter Zeit erfahren, was sie in ihrem Lager ersinnen.
    Ivo wollte das Zelt mit den anderen Herren des Gefolges verlassen, da hielt
ihn der Kaiser durch ein Zeichen zurck, und als sie allein waren, sagte er
herzlich: Bleibe noch, mir ist heut einsam zumute, erzhle mir, was du willst,
am liebsten Frhliches. Er reichte ihm die Hand, und als Ivo sich gerhrt
darber beugte, prete er ihm heftig die Finger zusammen. Und du weit nicht
einmal das rgste, denn whrend ich hier mit Christen und Heiden streite, rstet
der fromme Vater der Christenheit daheim ein Heer, um mich aus meinem Erblande
zu verjagen. Dennoch hoffe ich, da ich diesmal sein Meister bleibe. Und er sa
im nchsten Augenblick mit Knigsmiene auf seinem Stuhl, lie sich von der Jagd
im Bergwalde Thringens erzhlen und belehrte Ivo ber die Vorzge der
norwegischen Schneefalken.
    Unterdes erhob sich in den Zeltgassen Lrm und Getmmel, die Krieger eilten
auf den Erdwall, welcher das Lager umgab, starrten in die Ferne und riefen
einander heftig zu, whrend ausgestellte Wachen auf schumenden Rossen vor das
Zelt des Kaisers jagten. Als dieser heraustrat, empfing er von den Aufgeregten
die Nachricht, da ein fremder Krieger sich einen Ritter aus dem Christenheer
zum Zweikampf fordere. Geringschtzig sagte Friedrich: Ich denke, er wird nicht
vergeblich schreien, die Helden in unserem Heere haben so lange ber unsern
Miggang geklagt, da sie in einen Baumstamm hacken wrden, dem man einen
Turban aufsetzt, und zu dem sarazenischen Leibwchter gewandt, fragte er:
Kennst du deinen Glaubensgenossen? Wer ist der brllende Wstenlwe?
    Mit einer Gebrde des Abscheues antwortete der Mann: Kein Bekenner des
Propheten, Herr; sie sagen, da es Hassan der Ismaelit ist, einer von den
Verfluchten, welche dem Scheik in den Bergen dienen.
    Wie, fragte der Kaiser neugierig, senden auch die Assassinen des Libanon
ihre Helden gegen uns herab? Ich rate, ihr Herren, da wir den Unhold
betrachten. Er ritt mit seinem Gefolge aus dem Tor; auf der Hhe vor ihnen
ragte im Sonnenlicht ein Reiter, Mann und Ro in hellglnzendes Metall gehllt,
ber der Stahlkappe trug der Fremde eine spitzige rote Mtze und ber der
Rstung einen schneeweien berwurf. Hinter ihm hielt ein kleiner Trupp seiner
Genossen in hnlichem Kriegsschmuck, nher am Lager schrie ein Syrer in der
Sprache der Morgenlnder und Lateiner die Ausforderung gegen das Christenheer,
und zwei Reiter mit Pauken und langen Posaunen begleiteten die Verkndigung
durch mitnenden Lrm. Die Kreuzfahrer drngten sich mit zornigen Gesichtern um
das Gefolge des Kaisers, und der Herzog von Limburg meldete: Derselbe Fremdling
war gestern vor Accon bei den Zelten der Johanniter, er hat einen der
Bruderschaft geworfen und erlegt und ist darauf schnell wie ein fallender Stern
in der Ferne verschwunden.
    Vieles haben wir im Abendlande von den unholden Bruchen der Rotmtzen
vernommen und von der Dreistigkeit, mit welcher sie das Messer fhren,
versetzte der Kaiser, ich merke an den bestrzten Mienen, da sie auch von
meinen Helden mit Scheu betrachtet werden.
    Ihr Messer hat den Grafen Bohemund von Tripolis gettet, rief einer der
Edlen, und ein anderer: Zwei Komture von St. Johannes und ein Meister der
Templer sind durch sie gemordet.
    Es ist eine Bruderschaft ehrloser Schufte, erklrte der Graf von Meran,
die Meuchler, welche sie gegen ihre Feinde aussenden, schleichen durch jede Tr
und dringen durch den Ring der Leibwache. Auch die Sultane des Islams hegen in
ihrem Harem Angst vor ihnen und kaufen sich durch Jahrgeschenke los von der
tglichen Sorge um heimlichen Mord!
    Dann sind diese Heiden in der Kunst des Messers besser erfahren als deine
Welschen, Humbert, denen es an gutem Willen auch nicht fehlt, versetzte der
Kaiser ungerhrt.
    Die Templer haben ihren Brdern verboten, fuhr der Graf fort, gegen das
Ungetm dort zu kmpfen, weil sie demselben ritterliche Ehre nicht zugestehen.
Sie allein unter allen Anwohnern des Libanons werden von den Mrdern gefrchtet,
denn sie haben ihnen Land abgenommen und die Burg Safitah darauf erbaut.
    Wir haben zuweilen die Redlichkeit kennengelernt, mit welcher die Templer
ihre Gegner in Worten und Werken behandeln, sagte Friedrich verchtlich; und
es gibt ein Sprichwort, da auch der ble Teufel nicht so schwarz ist, wie die
Leute ihn schildern. Jener dort kommt doch nicht mit dem Messer, sondern mit dem
Speere, und fordert ritterlich zum Kampfe, ich denke, wenn er einen Johanniter
geworfen hat, werden meine Deutschen ihm den Gegengru nicht schuldig bleiben.
Er sah im Kreise umher, eine Zahl Edler sprengte aus dem Haufen, des Kaisers
Blick haftete auf Ivo. Reitet hinaus, Herr, und fat mir diesen Uhu, gegen
welchen alle meine Raubvgel die Federn struben.
    Ivo winkte seinem Marschalk und eilte sich zu waffnen, whrend Henner mit
dem Dragoman und einem Rufer in das Feld ritt. Das ganze Heer sammelte sich zu
dem bevorstehenden Streite, auch der Kaiser hielt erwartungsvoll auf der Stelle;
der Fremde aber sprengte, als der gebotene Kampf angenommen war, von der Hhe
herab und tummelte stolz sein Ro, den Anritt des Gegners erwartend. Als Ivo im
Harnisch aus dem Lager kam, laut begrt von den Kreuzfahrern, begann Henner,
der den Ismaeliten seither nicht aus den Augen gelassen hatte, vertraulich: Er
ist ein krftiger Gesell, und im Schwertkampf wird er Euch Not machen. Aber er
ist noch jung und versteht seine Kunst nicht zu bergen, immer wieder wirft er
sein Pferd zur rechten und gleich darauf zur linken Hand, um dann ein Stck in
Rabbia geradeaus zu sprengen. Er will das Tier an seine Kunst mahnen. Kommt Ihr
ihm im Anritt nahe, so wird er das Pferd umlenken, das gerade Rennen vermeiden
und Euch wie ein Blitz  travers anfallen. Solche Knste sind auf unserer
Rennbahn auch bekannt, nur da sein Tier mehr einem Aale gleicht als einem
Pferde. Seht, Herr, wie ein Wunder schwingt es sich. Wenn Ihr im rechten
Augenblick zum Gegensto dreht und Euer Fuchs nicht versagt, so mgt Ihr ihn
wohl berrennen.
    Ihr ratet gut, versetzte Ivo eifrig, lat blasen, ich bin bereit.
    Die Kmpfer ritten auf den Platz, Ivo grte, die Lanze neigend, der
Ismaelit antwortete in derselben Weise. Der Fremde wandte sich nach Norden und
Ivo nach der Gegend, wo Jerusalem lag, whrend beide ihr Gebet sprachen. Dann
klangen hell die Fanfaren und beide rannten gegeneinander; unterdes hielt der
Marschalk die Hand auf sein klopfendes Herz. Aber der lautlosen Stille im
Christenheere folgte helles Siegesgeschrei, denn dem gefhrlichen Anfall auf die
ungedeckte Seite begegnete Ivo durch schnelle Wendung im Laufe, sein Speer
zerbrach am Metallschild des andern, aber die Wucht des schweren Reiters und
seines mchtigen Pferdes warf wie der Sto eines Sturmbocks den Gegner und sein
schwcheres Ro zu Boden. Der Ismaelit lag, von dem Rosse geklemmt, der Helm war
ihm abgesprungen, und aus seinem jugendlichen Gesicht starrten die dunklen Augen
auf Ivo, den Todessto erwartend. Dieser war zu Boden getaucht und hielt die
Schwertspitze ber den Hals des Gegners, welcher kein Zeichen gab, da er
Schonung begehre. Gut geritten, Ivo, rief der Kaiser herzureitend, schenke
mir sein Leben, wenn er es selbst nicht begehrt. Lst ihn vom Rosse, entwaffnet
ihn und schafft ihn zu unseren Zelten, mein arabischer Arzt soll nach seinen
Schden sehen. Ich bin dir dankbar, Ivo, da du diesen Scheucher fr meinen
Vogelherd eingefangen hast.
    Die Begleiter des Fremden waren whrend des Kampfes nher geritten, sie
stieen nach dem Fall ihres Gefhrten einen gellenden Klageschrei aus und
verschwanden hinter den Hgeln. Der Geworfene, welcher schwer am Bein beschdigt
war, wurde auf einer Trage zu den Htten geschafft, welche das kaiserliche Zelt
umgaben, und Friedrich trug dem Sieger die Sorge und Wache ber den Kranken auf.
    Als Ivo mit einem Dragoman an das Lager des Ismaeliten Hassan trat,
begegnete seinen forschenden Augen ein wilder Blick voll geheimer Seelenqual,
aber seinem gehaltenen Gru antwortete der Fremde in gleicher Wrde, indem er
mit der Hand an Brust und Haupt rhrte. Der Wchter meldete: Er hat sich
geweigert, Nahrung zu nehmen, und hat auch den Trank zurckgewiesen, den der
Arzt bereitet hat. Da sagte Ivo: Whrend du als Gefangener des Kaisers unter
uns weilst, habe ich die Pflicht, fr deine Sicherheit und fr dein Wohl zu
wachen. Ich bitte dich, erschwere mir nicht mein Amt.
    Der Fremde antwortete finster: Habt Ihr mein Leben bewahrt, um ein
Unterpfand zu erhalten, durch welches Ihr meinen Stamm demtigen knnt, so ist
Eure Hoffnung vergeblich. Sind mir auch die Waffen genommen, ich wei auf dem
Lager die Lsung zu finden, die mir dein Schwert versagt hat. Er legte sich
zurck und wandte sein Haupt ab.
    Du sprichst, wie einem Tapferen gebhrt, versetzte Ivo, erfreut ber den
Stolz des anderen, doch du kennst unsere Sitte nicht. Wer im ritterlichen Kampf
Gefangener des Kaisers wird, dem mutet dieser nichts zu, was fr einen Helden
schmachvoll wre. Unterdes rate ich dir, fr deine Genesung zu sorgen, denn
gerade so wie jetzt, bist du auch spter Herr deines Schicksals, wenn dir das
Leben verleidet wird.
    Wenig liegt an dem Leben eines Besiegten, rief der Ismaelit.
    Du hast dich unserm Kampfbrauche gefgt und mein Ro strker gefunden als
das deine; htten wir den Kampf ausgefochten in der Weise deines Volkes, so
wrdest vielleicht du der Sieger sein, trstete Ivo. Darum verzweifle nicht,
sondern denke mutig auf neuen Streit. Bringt ihm Trank und Kost, damit ich's ihm
anbiete. Ivo a ein wenig von der Speise und setzte den Trank an die Lippen.
Nimm, lud er freundlich ein, und la dir die Heilung gefallen. Beide sind wir
jung und haben in unserem Leben noch Ruhm und gutes Glck zu hoffen.
    Der Fremde empfing den Becher aus der Hand seines Wirtes und sah ihn mit
dankbarem Blicke an.
    Einige Tage darauf sprach Ivo am Lager des Ismaeliten: Bei uns ist Sitte,
da ein gefangener Held sich durch hohen Eid verpflichtet, whrend der Haft
nichts gegen das Wohl seiner Wirte zu tun und nicht durch Flucht zu entweichen.
Gern wrde ich dir deine Gefangenschaft erleichtern, wenn ich wte, ob dich ein
Eid bindet und wie dieser Eid lautet. Doch zrne mir nicht, wenn ich dir auch
sage, da viele unter uns den Mnnern deines Volkes nicht vertrauen, weil ihr
fremde und unehrliche Bruche bt und heimliche Todesboten gegen eure Feinde
sendet.
    Der Ismaelit sah finster vor sich nieder: Ich bin ein Krieger und gehre
nicht zu der kleinen Zahl der Geweihten, denn nur diese dienen unserm Scheik mit
dem Messer. Wisse, Franke, verschieden sind die Pflichten des Lebens unter uns,
geradeso wie bei euch. Stehen wir auch alle als Schwurgenossen zueinander, so
folgt doch jeder dem Gesetz, welches seinem Berufe gegeben ward. Sieben sind der
Stufen zu dem hchsten Amt, auch bei uns arbeitet der Landbauer sorglos auf
seinem Acker, der Edle bewahrt seine Ehre, die Weisen hten die Gedanken des
Volkes, und unser Vater, der Scheik, sorgt als ein Heiliger ber alle. Die
Krieger und Weisen geben ihm Rat, wenn er ihn verlangt, sie sprechen Recht in
den Tlern und kmpfen mit den Feinden. Nur was gegen die Fremden geschehen mu
zur Ehre des Glaubens und der ganzen Bruderschaft, darber waltet der Scheik
allein, denn dazu ist er von Gott begnadet, und sein Ausspruch, an dem wir nicht
deuten, ist unfehlbar.
    Wie mgt ihr euch, wenn ihr Mnner seid, solcher Herrschaft eines Mannes
fgen, der eure Seelen und Gedanken fhrt, wie der Hirt die Schafherde?
    Auch ihr gehorcht, wie wir vernehmen, einem Scheik, den ihr den Heiligen
Vater nennt, er ffnet und schliet euch die Tore des Christenhimmels, und auch
ihr dient ihm willenlos auf den Knien.
    Erzrnt rief Ivo: Wage nicht, eure teuflische Lehre mit dem milden Gesetz
der Christenheit zu vergleichen. Unser Glaube ist durch heilige Verkndigung
festgesetzt, und alle unsere Bischfe und frommen Vter haben darber zu wachen,
da er rein bewahrt werde. Unser Heiliger Vater ist nur der Erste unter ihnen,
und wir dienen ihm, soweit er weise und redlich ist. Mehr als einem Papst haben
Geistliche und Laien widerstanden, und er wurde herabgeworfen von seinem Stuhl,
weil er unwrdig war.
    Der Fremde legte sich, ohne zu antworten, auf sein Lager zurck.
    Als Ivo dem Kaiser die Unterredung berichtete, sprach dieser: Zeige ihm
Vertrauen, ich wette, es ist mehr Redlichkeit in diesem Heiden als in manchem
Christen. Und auf Ivos ehrerbietige Mahnung, da die Sicherheit des Kaisers
Vorsicht gebiete, versetzte er gleichgltig. Wisse, du sorgsamer Deutscher,
wenn Messer und Gift eines Meuchlers den Kaiser zu erreichen vermchten, so wre
er lngst aller irdischen Sorge enthoben. Oft war ich begierig, das Geheimnis zu
erkunden, welches die Bruderschaft vom Messer verbindet, denn ihr Scheik, wie er
auch sei, hat doch etwas Groes bewirkt, sein ganzes Volk gehorcht ihm bis zum
Tode. Wren sie die Bsewichter, wozu ihre Nachbarn sie gern machen, so htten
sie sich lngst untereinander gleich Ratten vertilgt. Bist du des Helden Hassan
besser gesichert, so will ich ihn selbst ausfragen. Denn er gilt in seinem Volke
fr einen groen Mann, und er ist, wie die Templer behaupten, ein Schwestersohn
und Liebling des Scheiks.
    Friedrich widerstand der Versuchung nicht lange; eines Abends trat er
verhllt in die Htte, redete den Ismaeliten in arabischer Sprache an, und als
er nach langer Unterredung schied, sagte er befriedigt zu Ivo: Sie haben
verrckte Bruche, und ihre Messer sind in Wahrheit unhflich. Die Scheiks haben
fr sie einen eigenen Glauben gemacht, indem sie vorgeben, da die gttliche
Offenbarung von Moses zu Christus gekommen sei, von diesem zu Mohammed und da
sie jetzt aufs neue verkndet werde von ihnen selbst. Dennoch sind sie nicht
ganz Teufelskinder. Dein Gefangener fragte ganz verstndig nach dem Gesetz der
Christen. Ich habe ihm seine Freiheit angekndigt, und sobald er genesen ist,
mag er zu seinen Bergen ziehen. Vielleicht gelingt es uns, diese Wilden an
bessere Sitte zu gewhnen.
    Trotz dem Vertrauen des Kaisers bewachte Ivo doch sorgsam die Htte des
Fremden, denn ihm kam vor, als ob dieser geheimen Verkehr unterhalte, und die
Wachen muten einigemal fremdartige Gestalten verscheuchen, welche sich in die
Nhe drngten. Aber der Argwohn gegen den Ismaeliten schwand in grerer Sorge.
Eine Gesandtschaft des Sultans Elkamil war in das Lager gekommen, und als Ivo
bei dem Kaiser eintrat, fand er diesen in einer zornigen Aufregung, welcher der
kluge Frst selten unterlag. Weit du, was der Bote des Sultans mir zugetragen
hat? Da die Treue von den Christen gewichen und zu den Heiden gezogen ist, ich
stehe hier von meinen Mitchristen preisgegeben und verraten, und ich verdanke
nur dem Hochsinn eines Sarazenen, da ich nicht ein Gefangener bin. Zwei Briefe
sendet der hfliche Sultan, welche Christen an ihn geschrieben haben, der eine
ist von dem Heiligen Vater selbst, welcher den Sultan warnt, mit mir zu
verhandeln, denn ich sei gebannt, und alle Vertrge, die ich schliee, seien
nichtig; der andere Brief des Schurken Montague verrt dem Heiden gar die
Stunde, in der wir tglich mit kleinem Gefolge in das nahe Tal reiten, um dort
zu baden, damit der Sultan uns durch seine Reiter ergreife. Wie gefllt dir, du
deutscher Snger, die neue Weise, in welcher meine Feinde den Sarazenen ins Ohr
singen? Und wer hat den Templern zugetragen, da wir im Bade zu fassen sind?
    Gebt uns Deutschen die Erlaubnis, rief der emprte Ivo, den Bsewicht
Montague zu greifen, und wir reien ihn mitten aus seiner Bruderschaft und
fhren ihn gebunden an die Sttel unserer Pferde in dies Lager und vor Euer
Gericht.
    Ich wei, da ihr Thringe behende seid, widerwrtige Leute an eure Sttel
zu binden, antwortete der Kaiser, ein wenig besnftigt durch den Zorn des
Getreuen. Aber solange du mir diesen Ritterdienst nicht gegen alle Feinde
erweisen kannst, danke ich dir dafr, denn er wrde das bel nur rger machen
und uns schnell aus dem Heiligen Lande hinaustreiben. Anderes gebietet dem
Kaiser sein Amt. Willst du wissen was? Er nahm zwei Briefe von der Tafel, warf
sie in einen Kasten und schlug den Kasten zu. Schweigen und stillhalten, bis
der Tag der Rache kommt. Unterdes sind diese Briefe fr mich nicht geschrieben,
und auch du vergi, da du von ihnen gehrt hast.
    Der Kmmerer trat ein. Zrnt nicht, wenn ich Nichtiges melde. Zwei
Fremdlinge, die mehr bartlosen Knaben als Mnnern gleichen, erflehen Zutritt.
Sie tragen sich wie syrische Landleute, doch sprechen sie nur Arabisch, und auch
davon kam wenig ber ihre Zunge.
    Frage selbst, was sie begehren, befahl Friedrich abweisend.
    Nur dem groen Emperor drften sie den Auftrag sagen.
    Dann kommen sie wegen geraubter Frauen oder Hammel. Der Sarazene Abdallah
soll mit ihnen reden.
    Aber im nchsten Augenblick trat der gerufene Leibwchter ein, entsetzt, als
htte er einen Geist gesehen. Sie kommen vom Scheik aus den Bergen, es sind
verkleidete Fedavie mit den Messern. Gestatte, da wir sie niederhauen, bevor
sie stechen.
    Ich bin dem Alten dankbar, da er gleich zwei seiner Wespen an uns
verschwendet, sagte Friedrich betroffen. Torheit, unterbrach er sich selbst.
Ich habe ihm nie etwas zuleide getan. Ladet den Helden Hassan zu mir, doch
geleitet ihn durch den anderen Eingang; alsdann fhrt die Boten herein, ich will
sie selbst sehen.
    Als Hassan waffenlos, mit tiefer Verneigung eintrat, hob der Kaiser ein
reichgeschmcktes Krummschwert, wie es die Morgenlnder zu fhren pflegten, aus
den aufgestellten Rstungen und reichte dasselbe dem Ismaeliten. Ich empfange
Boten deines Scheiks, sie sollen dich als freien Mann unter uns erkennen, nimm
die Waffe und stelle dich neben mich.
    Ivo warf einen flehenden Blick auf den Kaiser und beugte das Knie. Gut,
nickte Friedrich, ich halte mich seitwrts, du magst an meiner Statt in die
Mitte treten; ihr Wachen lftet die Klingen und bringt sie her.
    Zwei unansehnliche Gestalten mit fahlen, verlebten Gesichtern und glanzlosen
Augen traten herein, warfen sich am Eingang zur Erde nieder und schlugen mit dem
Haupt auf den Teppich, dann griff der eine in das Gewand, brachte einen Brief,
der mit goldener Schnur umwunden war, hielt ihn an Herz und Haupt und legte ihn
ehrfurchtsvoll in Ivos Hand. Dieser berreichte den Brief dem Kaiser. Der Alte
fhrt ein Siegel wie andere groe Herren, murmelte Friedrich neugierig, und
sogar sein Wappenzeichen, das Messer. Er las, ihm entschlpfte ein Ausruf des
Erstaunens, und er gab den Brief an Hassan. Lies, Held, und sage mir, ob alles
ehrlich gemeint ist, was in diesen Zeilen steht.
    Der Ismaelit rhrte mit der Hand an seinen Hals und versetzte stolz: Mein
Haupt sei dir Unterpfand, verchtlich ist die Lge in den Bergen, auch unsere
Feinde haben nie an der Wahrheit unserer Rede gezweifelt.
    Der Kaiser blickte ihm scharf in die Augen. Ich vertraue dir. Wisse, Ivo,
begann er gutgelaunt in deutscher Sprache, die keiner der Anwesenden verstand,
dieser Tag bringt vieles Unerwartete; nicht nur der Sultan, auch der Scheik aus
den Bergen erweist sich als ein wohlgeflliger Nachbar. Er dankt ganz hflich
fr die gute Behandlung seines Neffen Hassan, schreibt Ehrenvolles ber die
Hochherzigkeit, die ich diesem bewiesen habe, und bittet mich, einen Weisen zu
senden, der mit ihm und seinen Gelehrten ber den Glauben der Christen
verhandeln knne. - Er wei nicht, da ich gebannt bin und da ich nicht
sogleich einen frommen Vater auftreibe, der in arabischer Sprache zu streiten
vermag. - Zuletzt beweist er seine Achtung vor unserem Christentum dadurch, da
er mir diese hier zum Geschenk sendet. Er wies auf die beiden Boten, welche am
Eingange des Zeltes kauerten mit gesenkten Huptern und stieren Augen gleich
Stumpfsinnigen. Ivo sah in Widerwillen auf die Gesandten. Was sollen Eurer
Majestt diese kraftlosen Mnner?
    Auch der Alte wird schwerlich auf ihre Stattlichkeit stolz sein, aber er
hlt sie fr ntzlich. Zwei Seelen seiner Geweihten schenkt er mir und zwei
Messer, damit ich sie, wie der wilde Heide schreibt, gegen meine Feinde
gebrauche. Denn wisse, so klglich sie aussehen, sie sind begeistert in ihrem
Glauben, kein Hindernis und keine Gefahr hemmt, wie er behauptet, den Todesgru,
welchen sie tragen, und keine Marter lockt ihnen ein Gestndnis ab. Wunderlich
ist eine Macht, welche so ber das Leben anderer verfgt, schneidende Werkzeuge
sind diese Knaben in der Hand ihres Herrn, und dieser Herr soll fortan ich
sein.
    Mein Kaiser aber wird dem Geber die fluchwrdige Gabe zurcksenden, bat
Ivo.
    Du bist schnell, versetzte Friedrich, mit dsterm Behagen auf die
Willfhrigen blickend. Wer die Geschenke eines Morgenlnders ablehnt, beleidigt
ihn schwer, und der Alte in den Bergen vermag ein wertvoller Freund zu werden,
ja noch mehr, er findet sogar ein Wohlgefallen an unserem Glauben.
    Begehrt er in Wahrheit gutes Einvernehmen mit den Christen, fuhr Ivo
flehend fort, so ist die erste Bedingung, da er dem teuflischen Gebrauche der
Messer entsage, denn kein Zutrauen ist mglich zu einem Volk, dessen Glaube
ehrlose Taten heiligt. Niemand aber vermag ihm das so eindringlich zu sagen als
des Kaisers Majestt, wenn Ihr seiner Sendung entgegenhaltet, da sie mit dem
Gesetz unseres Glaubens unvertrglich sei.
    Du hast ganz recht, versetzte der Kaiser ruhiger, wenn du ihre Messer
ehrlos nennst. Handeln aber die Christen anders? Er wies auf das Kstchen.
Waren das nicht auch ehrlose Dolche, die gegen mich geschwungen wurden?
    Viele Missetat geschieht unter uns, welcher wir fluchen, entgegnete Ivo,
doch die Missetter trifft in dieser Welt Zorn und Verachtung der Redlichen und
vielleicht der Arm des irdischen Richters; und in jenem Leben, wie wir belehrt
sind, die Schrecken der Ewigkeit.
    Dein Kaiser ist auf Erden der hchste Richter, antwortete Friedrich, und
er hat oft gefhlt, da in Notzeiten sein Arm schwach ist, die Missetter zu
strafen. Da die Rmer noch Heiden waren, bildeten sie ihren hchsten Gott
Jupiter ab, wie er ein Bndel rchender Blitze in der Hand hielt, sie konnten
kein besseres Zeichen gttlicher Macht erfinden. Wahrlich, diese Knaben, welche
sich fr ihren Herrn dem Tode geweiht haben, sind solchen Blitzen vergleichbar.
    Erschreckt durch diese Worte, warf sich Ivo dem Kaiser zu Fen und rief:
Oh, mein gnadenvoller Herr, bannt die finsteren Gedanken aus Eurem edlen
Geiste, denn der ble Teufel versucht die Guten durch seine Unholde, die er
ihnen in den Weg sendet. Auch der Hchste und Beste auf Erden soll sich hten,
da ihm nicht in schwerer Stunde die dienstwilligen Boten der Hlle als gute
Gehilfen erscheinen fr eine ehrliche Tat. Eurer Rache dienen die Schwerter der
Redlichen und die Gewalt des laut verkndeten Richterspruches, nicht die
heimliche Waffe der Verschwrer; ein heller Tagesfrst seid Ihr uns und nicht
ein Gebieter finsterer Schatten.
    Erhebt Euch, Herr, rief der Kaiser unwillig, allzu dreist mahnt Ihr vor
Zeugen Euren Gebieter. Da Ivo traurig zurcktrat, fgte er freundlicher hinzu:
Du meinst es gut, das wei ich wohl, aber hege ein besseres Zutrauen zu mir.
Seh' ich aus wie einer, der Meuchler sendet, um sich lstiger Feinde zu
entledigen? Wahrlich, meine Gegner drfen sich nicht beklagen, da ich ihnen die
Freude, mir zu schaden, unredlich verkrze. Wenn ich etwas von Notfllen sagte,
so waren es nur solche, die ein Knig allein versteht. Trste dich, Ivo, jene
Stummen mgen abwarten, bis wir den Alten selbst auf bessere Gedanken gebracht
haben, vielleicht behltst du recht, und ich kann sie ihm zurcksenden, ohne da
er sich gekrnkt fhlt. - Du, Hassan, sprich zu den verlorenen Kindern deines
Volkes, ihr anderen aber achtet darauf, da sie nicht im Lager umherschweifen,
und berlat sie sonst ihren eigenen tiefen Gedanken.
    Der unablssigen Sorge, mit welcher Ivo die Behausung der unheimlichen
Gesellen bewachte, wurde er bald darauf durch den Kaiser selbst enthoben.
    Sattle, Held, rief Friedrich dem Eintretenden zu, du sollst einen weiten
Weg fr mich reiten. Nach dem Norden entsende ich dich mit einer Botschaft an
den Sultan von Damaskus, du wirst ihn und sein Heer am Libanon finden, wo er mit
den Johannitern um die Grenzsteine hadert. Von dort magst du ihn nach Damaskus
begleiten, dort kannst du den Hofhalt eines reichen Morgenlnders schauen,
Geschenke bringen und empfangen.
    Ivo dankte durch einen frohen Blick. Deine Augen sind unhflich, lachte
der Kaiser, sie verraten, wie glcklich du bist, meiner Nhe zu entrinnen.
Entschuldige dich nicht, fuhr er gtig fort, und eile zurckzukehren. Auch
deinen Schtzling, den Ismaeliten, wirst du entlassen; ich sende zugleich mit
dir den Grafen Humbert nach dem Libanon, er soll dem Scheik seinen Helden
bergeben und meinen Dank fr die Messer zurcktragen, die der Alte mir gesandt
hat. Ich meine, dir wre der Auftrag unwillkommen.
    Ich danke, da des Kaisers Majestt mich dieser Fahrt enthebt, versetzte
Ivo aufrichtig. Mge Eure Huld dem Hassan eine ehrliche Heimkehr sichern, denn
er hat sich unter uns unstrflich gehalten und doch geringe Freundlichkeit
gefunden.
    Du selbst kannst fr deine Speerbeute sorgen, denn du reitest bis zu den
letzten Burgen der Christen mit dem Grafen Humbert zusammen.
    Ivo machte eine Bewegung. Ihr lebt beide unter dem Kreuz, mahnte Friedrich
ernsthaft. Die Heiligen, denen ihr jetzt dient, fordern mancherlei Entsagung.
Das Land ist unsicher, und ihr werdet guttun, scharf auszusehen.
    Der Graf trat ein mit anderen Herren des Gefolges. Bevor der Kaiser sie
anredete, schlpfte aus der Seitentr ein maurischer Knabe und bergab kniend
ein kleines Pergamentblatt. Friedrich las, seine Miene umwlkte sich, er setzte
sich schweigend in den Sessel, las wieder und sah prfend auf Ivo und den
Grafen. Endlich erhob er sich, und nachdem er die Aufwartenden entlassen hatte,
begann er in gebietendem Tone gegen beide von der vertrauten Sendung. Aber Ivo
vermochte seine berraschung nicht zu bergen, als der Kaiser dem Grafen Humbert
die Gesandtschaft an den Sultan von Damaskus auftrug, ihm aber die Reise zu dem
Alten vom Berge. Der Graf warf von der Seite einen wilden Blick des Triumphes
auf Ivo und verneigte sich dankend gegen den Herrn. Als der Thring folgen
wollte, trat Friedrich auf ihn zu, und ihn scharf anblickend, sprach er: Ich
habe dir zuweilen gezeigt, da du mir wert bist. Wenn du jetzt in stillem
Verdru die unwillkommene Reise antrittst, so wisse, Ivo, da ich dir einen
greren Beweis meiner Neigung nicht geben konnte, als gerade den, da ich dein
Amt und das eines andern vertauschte. Er gab ihm mndliche Auftrge, das
Schreiben an den Scheik, das Verzeichnis der Geschenke und schlo: Deine Ritter
wrden dir in dem fremden Land ohne Nutzen sein, nimm statt ihrer einen Beritt
meiner Leibwchter, welche Sprache und Sitte des Morgenlandes kennen, du kannst
dich fr Leben und Tod auf sie verlassen. Um deine Thringe werde ich unterdes
sorgen. Sende mir den Hassan, damit ich selbst ihn entlasse.
    Sonst war Ivo jedem neuen Abenteuer frhlich entgegengezogen, als er heut
aus dem kaiserlichen Zelt trat, war ihm das Herz so schwer wie niemals in seinem
Leben, und er schalt sich selbst darber. Auch seine Ritter trauerten. Zum
erstenmal reitet mein Herr ohne mich unter Feinden, klagte Henner, und Lutz
bat: Nehmt wenigstens den Rabensohn mit Euch, der uns aus dem Harem zugeflogen
ist, denn er versteht das Schnarren und Krchzen alles Geziefers in diesem
Lande.
    Mit sechs maurischen Leibwachen und den Saumrossen ritt Ivo, begleitet von
Hassan und dem jungen Nubier, zum Sammelplatz des Lagers, gleich darauf kam der
Graf von Meran mit groem Gefolge, darunter Brder von St. Johannes und dem
Tempel, welche nach ihren Burgen im Norden reisten. Ivo sah, da in der ganzen
Gesellschaft kein Deutscher war, nur Provenzalen und Welsche. Graf Humbert gab
das Reisezeichen, und die kleine Schar sprengte aus dem Lagerwall der Kste zu.
Als sie eine Strecke geritten waren, trieb der Graf sein Pferd zu Ivo heran.
Der Kaiser will, da Ihr die Reise bis zu den Grenzburgen in meiner
Gesellschaft macht. Da Ihr ein Deutscher seid, so ist nicht unntz, Euch zu
erinnern, da ich den Befehl habe und da Ihr Euch meinem Gebot fgen werdet wie
ein anderer.
    Ivo antwortete: Der Oberbefehl gebhrt Euch mit Recht, da Ihr der ltere
seid. Was Ihr zum Nutzen der Fahrt meinen Leuten gebieten mt, das lat mich
wissen, und zwar mit der Hflichkeit, welche ich im Amt des Kaisers von Euch zu
fordern habe. Auer durch mich kommt kein Befehl an den Ismaeliten Hassan und an
meine Lanzentrger, denn die Leibwache fhre ich, und fr den Fremden bin ich
dem Kaiser verantwortlich.
    Mit hoher Miene antwortete der Graf: Ich bin nicht gewhnt, den Befehl mit
andern zu teilen.
    Ivo wandte sein Ro. Dann gestattet, da ich zur Stelle zurckreite und den
Entscheid des Kaisers erbitte.
    Ihr wit das Vorrecht eines Gnstlings keck zu benutzen, versetzte der
andere mit Hohn und sprach Arabisch zu dem Fhrer der Leibwache. Dieser
antwortete ehrerbietig und machte gegen Ivo den Gru des Untergebenen. Da die
Leibwachen sagen, da sie an Euch gewiesen sind, schlo der Graf unzufrieden,
so berlasse ich Euch der Gesellschaft Eurer Unglubigen. Er sprengte
vorwrts, die Schar bewegte sich in zwei Haufen dahin, die Genossen des Grafen
lachend und in sorglosem Gesprch, Ivo allein unter den Morgenlandern in trben
Gedanken.
    Meiden sie dich, fragte Hassan, weil du mit einem Sohn der Berge
reitest? und sein Flammenblick folgte dem Grafen.
    Ich frchte vielmehr, Held Hassan, da deine Reise beschwerlich wird, weil
ich selbst jenem verfeindet bin.
    Und warum reitet Ihr nicht seitwrts in ein Tal, um Euren Streit
auszufechten?
    Ivo wies auf das Kreuz an seiner Schulter. Beide haben wir der Rache
entsagt, solange wir das heilige Zeichen tragen.
    Solches Gesetz verdirbt den, der es am meisten ehrt, versetzte der Fremde.
    Fnf Tage zogen die Gesandten lngs der Kste dem Norden zu. Oft ritten sie
auf hartem Ufersand, umweht von dem milden Seewinde, oder blickten von der Hhe
weit hinaus auf das blitzende und wogende Meer. Sie kamen durch die berhmten
Hafenburgen der Christenheit, welche von frheren Kreuzfahrern ber den Trmmern
vergangener Stdte Phniziens aufgemauert waren, vor ihnen aber erhob sich zur
Rechten gewaltig das Gebirge des Libanon, unten fruchtbare Gelnde, darber
Hhen mit dunklem Bergwald und alles berragend die langgestreckten
Schneegipfel.
    Am sechsten Tage lenkten die Reisenden vom Kstenpfade den Bergen zu, welche
rings um sie aufstiegen, hier als steile Felsklippen, dort durch dunkles
Nadelholz gekrnt. Sie betraten das Grenzgebiet, welches die Templer den
Ismaeliten entrissen hatten und durch ihre Burgen festhielten. Beim Aufbruch aus
dem Nachtlager bemerkte Ivo, da der Ismaelit nicht mehr das reichverzierte
Krummschwert trug, welches ihm der Kaiser geschenkt, sondern eine Waffe, die er
im Zweikampf verloren und bei der Entlassung zurckerhalten hatte, und er
fragte: Willst du die Ehrengabe ablegen, jetzt, wo wir deinen Bergen nahen?
    Fr den Kampf vertraut der Krieger am liebsten dem Stahl, welchen er
erprobt hat, versetzte Hassan.
    Sinnst du auf Schwertschlag? fragte Ivo. Wir ziehen im Frieden, und du
weit, da ich dem Kaiser mit meinem Leben fr deine Heimkehr hafte.
    Hassan neigte hflich das Haupt. Vor mir liegt das Land meiner Vter, und
bei uns gilt das Sprichwort, da der Fu des Heimkehrenden am leichtesten an der
Schwelle des eigenen Hauses strauchelt. Sie ritten den Tag menschenleere und
de Hhen entlang, zwischen Felsen, welche steil gen Himmel ragten, zuweilen
sahen sie ein lachendes Tal, welches noch im Sptherbst mit hellem Grn prangte,
aber die vereinzelten Steinhuser, welche gleich Burgen an den Felsen hingen,
waren durch Feuer ausgebrannt, und die verkohlten Balken lagen umher. Hier und
da erschienen und schwanden Reiter auf den Hhen, einigemal glaubte Ivo die
Tracht der Templer zu erkennen. Am Abend kamen sie an einen groen Chan und
traten in niedrige Hallen, welche sich nach einem weiten ummauerten Hofraum
ffneten, an dem Eingange hing das rote Kreuz der Templer. Dort wurden die
Reisenden von einigen Brdern des Ordens begrt, Tische waren aufgestellt und
ein reiches Mahl gerstet fr die Herren und Knechte und gesondert fr die
maurische Leibwache nach dem Brauch ihres Glaubens, diese bedienten ein
sarazenischer Koch und ein Bruder des Ordens.
    Die Sonne war untergegangen und groe Feuer verbreiteten im Hofe Licht und
Wrme, als eine Schar von Templern heransprengte, in ihrer Mitte sah Ivo mit
Erstaunen die dstere Gestalt des Meisters Montague, den er weit im Sden beim
Kreuzheer verlassen hatte. Der mchtige Mann begrte als Wirt die christlichen
Gste, auch zu Ivo trat er: Da hier die Wegscheide ist fr die beiden Boten des
Kaisers, so bin ich zur Grenze gekommen, um fr die edlen Herren zu sorgen,
soweit die Bruderschaft vermag. Wisset, Herr, Ihr zogt bis jetzt im Schutze des
Tempels, denn meine Brder haben die Bergpfade bewacht.
    Bald schwirrte laute Unterhaltung in verschiedenen Sprachen, Graf Humbert
war in besserer Laune als sonst, und Ivo beachtete wohl, wie vertraulich er mit
den Templern lachte und Scherzworte tauschte. Auch Ivo wurde von einem Bruder
deutscher Zunge, der mit dem Meister gekommen war, in ein leichtes
Reitergesprch gezogen, und die Gste rhmten freudig die leckere Kost, whrend
behende Knaben der Templer den heien Wein des Libanon schenkten. Dennoch war
bei dem Gelage ein Zwang erkennbar, fter als sonst geschieht, sprachen einzelne
leise miteinander, und lautes Gelchter wechselte mit unheimlicher Stille. Als
Ivo aufstand, nach dem Helden Hassan zu sehen, fand er ihn allein neben dem
nubischen Knaben auf dem Boden sitzen, mit dem Rcken an die Mauer des Chans
gelehnt. Da nahm er einen gefllten Becher und bot ihn dem Ismaeliten: Du
verschmhst unter uns nicht den Lieblingstrank der Christen, trinke nach unserem
Brauch auf ein gutes Ende der Fahrt. Hassan wies dankend den Becher zurck.
Auch nicht, wenn ich dir zutrinke?
    Der andere weigerte sich wieder und wies nach den Templern. Ich und jene
schenken einander nichts als den Tod. Willst du dein eigenes Wohl beraten, so
halte dich fern von mir.
    Da gebot Ivo dem nubischen Knaben, da er ihm das Nachtlager an der Seite
des Ismaeliten bereite, er selbst trat zu den Leibwachen und fand, da auch
diese stumm vor unberhrten Speisen saen. Als er fragte: Verbietet heut euer
Gesetz das Nachtmahl? antwortete der Fhrer dster: Sonst, wenn uns der Knappe
des Meisters zum Mahle lud, kostete er von Speise und Trank vor, wie sich's
gebhrt, heut unterlie er die Hflichkeit. Dagegen forschte er prfend, ob wir
im Fall eines Kampfes das Schwert fr den Ismaeliten ziehen wrden. - Und was
sagtest du ihm?
    Da wir tun werden, was du gebietest.
    Ivo nickte. Achtet auf die Pferde, da ihnen kein Gegner nahe. Du,
Abdallah, wende deine Augen nicht von dem Fremden und schtte dein Lager dicht
an unserer Seite. Als er sich dem Tisch zuwandte, trat der Meister der Templer
ihm entgegen. Gefllt's Euch, Herr, so gnnt mir auf einige Augenblicke Eure
Gesellschaft, und das Tor des Chans ffnend, lud er ein: Folgt mir hinaus in
die Nachtstille. Ivo sah zgernd nach dem Ismaeliten; da setzte der Templer
hinzu: Ihr werdet ihn hier wiederfinden, wie Ihr ihn verlat. Im Freien begann
er: Euer Kaiser erforscht gern die Zukunft aus den Sternen; auch meine Brder
ehren diese Wissenschaft. Sie fragten die Himmelslichter nach dem Schicksal
jenes Sohnes der Messer, den Ihr mit Euch fhrt, und ihnen wurde verkndet, da
dies seine letzte Reise ist und da er gefllt wird, bevor er eine Burg seiner
Genossen betritt.
    Ich bin des Kaisers Bote, Herr, antwortete Ivo, und der Fremde ist meiner
Ehre anvertraut.
    Die Macht des Kaisers ist nichtig in diesem Lande, keinen andern Gewaltigen
gibt es hier als den scharfen Stahl. Jener aber gehrt zu einer Rotte von
Mrdern; sie werden von ihren Nachbarn erlegt, wie man den Wolf und die wilde
Katze erschlgt, welche, allen Waldtieren schdlich, im Dunklen schleichen. Ein
unchristlicher Einfall des Kaisers war es, dem Heiden das Leben zu bewahren, als
er unter Eurem Schwerte lag, und Ihr begeht ein Unrecht gegen die Christenheit,
wenn Ihr ihn heimzufhren strebt.
    Ihr wit, Herr, da mir als einem Gesandten nicht ansteht, den Wert des
anvertrauten Mannes zu schtzen.
    Dann frchte ich, antwortete Montague ruhig, da Ihr selbst durch Euer
Amt belstigt werdet. Denn als meine Brder in den Sternen lasen, da jener dort
dem Tode verfallen ist, da ersphten sie auch, da jeder, der fr ihn das
Schwert zieht, von dem gleichen Schicksal bedroht wird. Da Ihr ein Edler und ein
Christ seid, so hielt ich fr recht, Euch zu warnen.
    Wisset auch, Herr, rief Ivo stolz, da Ihr selbst Euch durch diese Rede
in meine Hand gebt.
    Der Meister lchelte finster. Ein Tor warnt, wo er verderben will, ich
spreche in guter Meinung. Und ich sage Euch nur, was unsere Weisen aus den
Sternen erforscht haben. Tut mit der Warnung, was Euch gefllt, ruft sie in die
Berge, klagt sie dem Himmel oder schreit sie laut in den Hof. Blickt um Euch,
Herr, die grauen Mntel, welche Ihr vielleicht ringsum im Dmmerlichte seht,
mgen Euch die Sicherheit geben, da die Templer in dieser Nacht um Euch wachen.
Zuletzt vernehmt noch dies: Meinen Brdern verbietet ihr Eid, einen Christen,
zumal wenn er das Kreuz trgt, mit ihren Waffen anzugreifen, auer in eigener
Not zur Verteidigung. - Gefllt's Euch, so kehren wir zum Abendtrunk zurck.
    Ivo schritt im Hofe zum Grafen von Meran und rhrte ihn am Arm. Dieser
zuckte, als er den Mahnenden erkannte, aber so feierlich war der Ausdruck und
die Haltung des Gegners, da er sich erhob und zur Seite trat. Ich bin
gewarnt, sprach Ivo, da mir und meinen Begleitern vor dem Ende der Reise ein
berfall droht, und ich hege Verdacht, da er von Christen ausgeht, welche
Gegner des Kaisers sind. Wie denkt Ihr Euch dabei zu verhalten?
    Mich zwingt mein Amt, zum Sultan von Damaskus zu reiten, versetzte Graf
Humbert, scheut Ihr Euch, Eure Reise zu wagen, so schliet Euch meinem Gefolge
an, und wenn ich Euch gesund heimbringe, sagt dem Kaiser, da Ihr Furcht
hattet.
    Solche Antwort habe ich erwartet, versetzte Ivo ruhig, doch war es meine
Pflicht, von der drohenden Gefahr gegen Euch zu reden; denn es handelt sich hier
um das Wohl eines Fremdlings, der in kaiserlichem Schutze reist, und um die
treuen Leibwchter, fr deren Heil ich zu sorgen habe.
    Da Ihr Euch den Befehl ber den Fremden und die Mauren vorbehalten habt, so
mt Ihr auch allein die Verantwortung fr ihr Heil bernehmen.
    Ihr sprecht wieder, Herr, wie ich erwartete, antwortete Ivo, und damit
alles zwischen uns geordnet sei, bevor Ihr Euren Weg fahrt, so vernehmt noch die
letzten Worte, welche ich Eurem und meinem Herrn durch Euch sende, da Ihr
vielleicht dem Kaiser eher vor Augen treten werdet als ich. Der hochwrdige
Bruder Montague sagte mir, da die Templer einen Kreuzfahrer nur in eigener Not
zur Verteidigung angreifen. Werde ich aufgehalten, so sind andere Christen
weniger bedenklich gewesen. Er kehrte dem Grafen den Rcken.
    Der Graf von Meran trat zurck und sah unwillig nach dem Meister der
Templer, der daneben stand und, die Worte Ivos besttigend, mit dem Haupte
nickte. Seit wann haben die Brder vom Tempel den Brauch zu warnen, bevor sie
treffen? fragte er leise.
    Seit sie fr unrecht halten, in diesem Lande alte Krnkung zu rchen. Und
ich sage dir, Humbert, meine Brder sollen seinen Tod nicht auf ihre Seele
nehmen, wenn es zu hindern ist.
    Die Feuer brannten nieder, der Meister brach mit seinem Gefolge nach der
Burg Safitah auf, die Gesandten des Kaisers bereiteten in den Hallen ihr
Nachtlager. Ivo streckte sich neben dem Ismaeliten auf den Teppich und befahl
dem jungen Nubier, zwischen ihnen zu kauern, damit er im Notfall leise Worte von
einem Ohr zum andern trage. Der Knabe erwies sich herzhaft und flsterte:
Schlaft, Herr, ich wache. Es war eine stille, bange Nacht, Ivo lag, auf den
Arm gesttzt, unbeweglich, aber seine ganze Seele war gespannt in Auge und Ohr;
der Lrm in den Mauern war verstummt, er vernahm nur das Stampfen der Rosse und
leise Seufzer der Schlafenden, und drauen in der Wildnis den Schrei eines
Nachtvogels und das Gebell der Raubtiere. Zuweilen erhob sich der Knabe und warf
ein Scheit in das niedergebrannte Feuer. So verging die Nacht den Schlaflosen.
Als kaum der erste Tagesschimmer ber den Himmel flog, rief der Marschalk des
Grafen von Meran zum Aufbruch. Eilig wurden dem Grafen und seinem Gefolge die
Rosse gesattelt, die Herren schwangen sich auf und ritten ohne Abschiedsgru
davon. Jetzt erst erhoben sich die gewarnten Helden, sie waren allein und Ivo
atmete auf, als er ins Freie trat; vor der Herberge war alles still, nirgend ein
Feind zu sehen, der Bergwind wehte frisch an die heien Schlfen, und das
aufsteigende Tageslicht weckte in allen Herzen neues Vertrauen. Ivo ergriff die
Hand des Ismaeliten: Vermgt Ihr allein Euch leichter zu retten als in unserer
Gesellschaft, so lat mich das wissen.
    Se ich auf meinem Ro, das die Berge kannte wie ich selbst, so wrde ich
die Verfolgung der Templer verlachen, aber dieses Tier ist aus der Ebene und
nicht behender als die Euren.
    Dann reiten wir als treue Genossen zusammen, entschied Ivo. Euch, Held
Hassan, gebhrt, uns zu fhren.
    Hassan winkte zu den Pferden, er selbst ritt voran und lenkte seitwrts in
die Berge. Es war ein heier Ritt um das Leben, Felsen hinauf und hinab,
zwischen die Stmme mchtiger Zedern, in grne Tler, durch angeschwollene
Waldbche und wieder steile Berglehnen hinauf. Die Rosse schnoben und
strauchelten, hoch aufgerichtet sa der Sohn der Berge, seine Augen fuhren
sphend ber Nahes und Fernes, oft nderte er die Richtung oder lenkte zurck
auf bereits durchlaufenen Weg. Als Ivo ihn bei solcher Umkehr fragend ansah,
wies er in die Ferne, und da Ivo nichts zu erkennen vermochte und mit dem Haupt
schttelte, hob er zwei Finger in die Hhe und rief mit einem Blick wilden
Abscheues:
    Es sind Templer, sie verstehen sich auf Jagd in den Bergen. Die Sonne
stieg hher, die Pferde ermdeten und traten unsicher, Ivo fhlte unter den
Leichtbewaffneten den Druck seiner schweren Rstung. Und wieder wies er warnend
auf die sthnenden Pferde.
    Sie mssen aushalten, oder wir verderben, versetzte der Ismaelit. Weiter
ging die Fahrt ber Steine und durch strzendes Wasser. Endlich hielt Hassan vor
einer stillen Klippe, schwang sich vom Ro, zog ein rotes Tuch aus dem Gewande,
und in die Hhe klimmend, lie er das Tuch ins Tal wehen. Als er zurckkehrte,
blickte Ivo in ein freudiges Gesicht. Noch sind wir nicht am Ziele, sagte
Hassan, aber Kinder der Berge wissen, da wir nahe sind, und ihre Reiter jagen
mit der Botschaft in die nchste Burg. Und sich wieder auf das Pferd schwingend
fhrte er einen Bergrcken entlang durch den Hochwald. Vor ihnen fiel die Hhe
steil ab in ein kleines Tal, welches von einem reienden Gebirgsbach durchstrmt
wurde. Dort liegt das Land meiner Vter, sagte er, mit einem Blick des
Triumphes hinberweisend, der Bach ist die Grenze. Vermgen wir vor einem
Anfall der Feinde hinberzudringen, so sind wir der Gefahr enthoben, denn dort
sammeln sich jetzt meine Brder. Vorsichtig stiegen die Reisenden in das Tal,
drangen durch den kalten Bach, der seinen Schaum zu den Schaumflocken der
zitternden Pferde warf, und trabten, die letzte Kraft aufbietend, den Hgel
hinan, auf welchem ein hoher Grenzpfeiler stand, der ihnen ein Kreuz als Zeichen
zukehrte. Ivo neigte sich vor dem heiligen Symbol, bevor er es hinter sich lie,
dann glitten sie in eine Senkung des Bodens hinab, die von hohen Zedern
umschlossen war. Hassan hielt sein Ro an, sein dunkles Antlitz strahlte vor
stolzer Freude, er wies nach dem Grenzstein zurck, in welchem auf dieser Seite
zwei Messer eingehauen waren: Hier ist meine Heimat. Und wrdig grend,
sprach er: Seid willkommen. Wir lagern und harren der Meinen. Mir deucht, schon
hre ich den Klang der Hufe durch den Wald. Die ermdeten Reiter stiegen von
den Pferden, Ivo band den Helm ab, warf sich erschpft neben den andern auf den
Boden und faltete seine Hnde zu stillem Gebet.
    Pltzlich stie Hassan einen wilden Schrei aus, Ivo fuhr auf, die Sttte war
von dunklen Gestalten in schwarzer Kriegertracht umringt, von allen Seiten
flogen die Wurfspeere, und ein gellendes Kampfgeschrei folgte der Stille. Er zog
sein Schwert und eilte dem Ismaeliten zu Hilfe, der, am Boden liegend, gegen
einen ganzen Haufen Feinde rang. Da sprang ein einzelner Gegner auf ihn zu,
diesem war die schwarze Kurdenmtze abgefallen, und Ivo starrte in ein
Angesicht, das er wohl kannte; er rief, sein Schwert wegwerfend: Nimm dein
Recht, und das Messer des andern bohrte sich durch die Rstung in seine Brust.
Seufzend sank er ber den Leib des Isameliten. Im nchsten Augenblick waren die
Mrder verschwunden, die Rosse der Getteten entfhrt, lautlose Stille lag
wieder ber dem Tale des Todes, nur der Bergwind rauschte in den Wipfeln der
Bume.
    Ungeduldig erwartete der Kaiser die Rckkehr seiner Gesandten. Er war mit
dem Heere nach Sden aufgebrochen und lag bei Jaffa an der Strae nach
Jerusalem. Seinem Vorsatz getreu, vermied er den Kampf mit den Sarazenen, aber
er wute trotz der Schwche seines Heeres die Zauberkraft zu bewahren, die sein
Wesen auf die feindlichen Frsten ausbte, und bentzte in den Verhandlungen
meisterhaft die Uneinigkeit, welche die Sultane des Morgenlandes an gemeinsamer
Tat hinderte. Endlich ritt der Graf von Meran in das Lager ein mit guten
Versprechungen und reichen Geschenken des Sultans von Damaskus, ihm war alles
wohlgelungen; von der andern Gesandtschaft wute er nichts zu berichten, als da
er sie in der Herberge einer Grenzburg zurckgelassen hatte. Vergebens lie der
Kaiser durch ihn bei Templern und Johannitern, den nchsten Nachbarn der
Ismaeliten, umfragen. Endlich kam vom Norden her ein Gercht in das Lager, die
Gesandtschaft sei von wilden Kurden, welche in dem Grenzland nach Raub
umherstreiften, gettet worden. Da sprach der Kaiser traurig zu seinem
Vertrauten Omar: Du hattest falsch gerechnet. Nur was du mir prophezeitest, als
er zuerst in mein Zelt trat, ist zur Wahrheit geworden, da sein Dienst kurz und
wohlttig fr mich sein wrde. Aber das Ende hat sich weit anders gefgt. Der
Araber eilte bestrzt zu seinen Kreisen und Sterntafeln, kehrte zurck und
behauptete, der Geschwundene msse noch wiederkehren. Da hoffte Friedrich aufs
neue. Als aber Woche auf Woche verrann, sah er sich nach einem andern Boten in
die Berge um und fand endlich einen redlichen Mnch aus schsischem Kloster, der
des Arabischen mchtig war; ihn sandte er mit einem Briefe heimlich ber
Damaskus in das Gebiet des Scheiks. Doch der Mnch brachte den Brief zurck, den
Herrn der Berge hatte er gar nicht gesehen, denn er war in einer Grenzburg
desselben aufgehalten worden, ber das Schicksal der Gesandtschaft hatten die
Ismaeliten ein finsteres Schweigen bewahrt und nur mndlich die stolze Antwort
gegeben: sie wnschten dem Kaiser als einem hochsinnigen Helden Glck gegen
seine Feinde, aber sie htten erkannt, da er zu schwach sei, um Treulosigkeit
und Verrterei der Christen zu bndigen. Und der Glaube, dem so viele Schlechte
vertrauten, sei ihnen verleidet und verhat.
    Als die erste Nachricht von dem berfall der Kurden zu den Zelten der
Thringe kam, schritt Henner schweigend in den Stall, sattelte sein Pferd und
sprengte aus dem Lager, um seine Verzweiflung den Jngeren zu verbergen. Da
Lutz, besorgt um seinen Gesellen, nacheilte, fand er ihn auf der Hhe unter
einem bltterlosen Baume sitzen, ganz verwandelt und weit lter als sonst. Er
setzte sich zu ihm und fate schweigend die Hand. Du bist jung und du wirst
wieder lachen, sprach Henner, ich aber habe ihn auf meinem Arm gehalten, da er
ein Kindlein war, mir ist unerfreulich, da ich ihn berleben soll, und ich sah
aus, ob ich einen schweifenden Haufen von Bodwinen oder hnlichem Heidenvolk
erblicken knnten, um an diesen die Rache zu nehmen und ihm nachzufolgen.
    Denkt auch daran, Marschalk, da er vielleicht noch lebt, trstete Lutz,
und da er Euch finden mu, wenn er zurckkehrt.
    Trstet Ihr Euch mit dieser Hoffnung! sthnte Henner, schlug die Hnde vor
sein Gesicht und weinte.
    Wir vernehmen oft, begann der Jngere wieder, da die Wstenruber gierig
nach Lsegeld sind und lieber gefangennehmen als tten.
    Unser Herr ist nicht leicht zu fangen, versetzte der Marschalk rauh, Ihr
solltet doch wissen, da er sich nicht ergibt und am wenigsten diesen
unritterlichen Bsewichtern.
    Das mute Lutz seufzend zugeben, und sie saen wieder schweigend
beieinander.
    Wenn er aber dennoch am Leben wre und zu den Seinen zurckkme, begann
Henner endlich, so soll kein Auge ihn eher erblicken als das unsere, und wenn
er zu Fu kommt als ein mder Wanderer, so soll er hier eines unserer Rosse
finden, damit er in das Lager reiten kann als ein Krieger. Merkt, Herr, da dies
von heut an unsere Warte ist, von der wir nordwrts blicken, denn hinter jenen
Bergen ging verloren, was die Freude und Ehre unseres Lebens war. Seit diesem
Tage ritt der Marschalk tglich hinaus zu dem Baume und fhrte ein leeres Pferd
an der Trense mit sich. Bald wute man im Lager, da die beiden dort auf ihren
Herrn harrten; die Christen, welche des Weges zogen, sahen scheu hinber und
mancher sprach ein stilles Gebet fr den Verlorenen.
    Der Vertrag des Kaisers mit dem Sultan war geschlossen, der Kaiser erwarb
die heiligen Stdte Jerusalem und Bethlehem, und die Herbergen auf dem Wege von
der Kste bis Jerusalem. Als ihm das groe Werk gelungen war, lie er die beiden
Dienstmannen vor sich laden und sprach:Die Kreuzfahrt wird vollendet, wir
brechen morgen nach Jerusalem auf, und auch ihr Herren werdet mich um des
Verlorenen willen begleiten, denn ich verspreche euch, durch die Frsten der
Sarazenen unter den Horden, welche im Lande umherziehen, nachzuforschen, damit
wir Sicherheit gewinnen ber sein Leben oder seinen Tod.
    Da riet Lutz ehrerbietig: In der Begleitung des Herrn war ein schwarzer
Knabe. Das Heidenkind ist schlau und vermchte wohl Auskunft zu geben; ich
denke, da es nicht gettet ist, sondern irgendwo als Sklave weilt.
    Der Kaiser nickte: Ich kenne den Knaben. Zwar ist die Hoffnung gering, hier
im Lande einen Neger bei den Hndlern aufzufinden, dennoch will ich auch daran
denken.
    Als die Kreuzfahrer die Kuppeln und Mauern Jerusalems vor sich sahen,
loderte in dem mden und entzweiten Heere die fromme Begeisterung aufs neue in
hellen Flammen empor, die Pilger warfen sich zur Erde, kten den Boden,
schlugen die Brust, seufzten, chzten und weinten und zogen unter Bugesngen in
ungeheurer Prozession durch die Tore. Der Kaiser aber stellte berall seine
bewaffneten Haufen auf, damit die Entzckten den Sarazenen in der Stadt nichts
zuleide tten. Da ihm die christlichen Priester zrnten und das Hochamt zu
seiner Krnung verweigerten, so erstieg er selbst in der heiligen Grabskirche
die Stufen des Hochaltars, hob die Knigskrone Jerusalems vom Altar und setzte
sie sich auf unter dem hellen Jubelgeschrei des Heeres. Den deutschen
Ordensbrdern aber verlieh er zur Belohnung fr ihre Treue die Knigsburg von
Jerusalem und setzte die Bruderschaft, welche sich bis dahin mhsam gegen die
anderen behauptet hatte, in den berhmtesten Herrensitz als Wchter der Heiligen
Stadt. Und whrend seine Kreuzfahrer in vielen wallenden Haufen vor den
zahlreichen geweihten Stellen knieten, tauschte er selbst hfliche Gre und
Versicherungen der Freundschaft mit den Sarazenen und veranstaltete zu seinem
Vergngen Wettgesprche, in denen die Weisen aus dem Morgen- und Abendland mit
den schrfsten Waffen ihrer Dialektik und Rhetorik gegeneinander kmpfen muten.
Heimlich aber blieb sein Sinn auf die Heimkehr gerichtet, denn was er lngst
befrchtet hatte, war geschehen, sein Erbland, das Knigreich Sizilien, war von
einem ppstlichen Heere berschwemmt.
    Die Ritter des Herrn Ivo hielten sich auch in der Heiligen Stadt gesondert
von den brigen unter traurigen Gedanken, und Henner fand seinen einzigen Trost
in den Reden seines Gesellen Lutz, welcher fest an der Meinung hielt, da ihr
Herr noch am Leben sei. Auch aus Jerusalem ritten die beiden tglich zu der
Strae, welche von Norden heranfhrte, sie hatten ihren Sitz auf hohem Felsblock
gewhlt, von dem sie ein weites Land bersahen. Dort begann einst Lutz: Ich
rate, Marschalk, da wir bisweilen an das Heil unserer Seelen denken, damit wir
nicht den Segen verlieren, der dem Pilger zuteil wird, wenn er an den heiligen
Sttten kniet.
    Doch der Marschalk entgegnete finster: Tut Ihr, was Euch frommt, ich aber
vertraue, da die Heiligen mein Gebet auch von diesem Stein erhren werden. Denn
ich habe nicht viele Bitten an sie zu richten, sondern nur die eine, da ich
bald ebendahin fahre, wo mein Herr weilt, sei es auf Erden oder im Himmel oder
sonstwo.
    Am Tage vor seiner Abreise ritt Friedrich mit Hermann von Salza aus den
Mauern von Jerusalem. Hier ist meine Arbeit getan, begann er, eine hrtere
erwartet uns in der Heimat. Das Banner des Kaisers weht ber der Heiligen Stadt
und die Abendlnder knnen auf den heiligen Steinen ihre Knie wund reiben, ohne
von den Unglubigen gemihandelt zu werden. Ich habe fr mich und meinen Sohn
die Krone vom Altar gehoben, und dich und deine Brder habe ich ansehnlich
gemacht vor den Leuten; ich hre, die deutschen Ritter drngen sich jetzt an die
Pforten deines Hauses, um bei euch die Gelbde abzulegen. Beide haben wir
gewonnen, was die Herzen der Glubigen an uns fesseln mu, und die hohe Meinung
der Welt soll uns Brgschaft werden fr knftige Siege. Wir brauchen Sie,
Hermann, fuhr er mit dsterm Lcheln fort, denn in Wahrheit reitet jetzt der
Kaiser neben dir als ein Knig ohne Land. Und ich wrde teuren Preis dafr
bezahlen, wenn ich mit dir auf dem Zaubermantel eines weisen Meisters nach
Italien fliegen knnte, denn mir brennt das Herz darnach, an meinen Feinden
Rache zu nehmen. Wer sind jene, unterbrach er sich, nach der Hhe weisend, die
ber dem Grabe der alten Kaiserin Helena die Speerwache halten?
    Es sind die Dienstmannen des edlen Ivo, antwortete der Meister ernsthaft,
sie wollen der Hoffnung nicht entsagen, da ihr Herr zurckkehre.
    Friedrich ritt an die Traurigen und sprach zum Marschalk: Vergeblich war
alles Hoffen, ihr Treuen; gern werde ich selbst euch in meinem Dienste behalten,
in Italien habe ich scharfe Arbeit fr eure Schwerter. Auch Held Ivo wrde mir
seine Waffe gegen die welschen Feinde nicht versagt haben.
    Henner antwortete mit bebender Stimme: Mge der Majestt des Kaisers alles
wohl gelingen. Uns zrnt nicht, wenn wir noch hier beharren, bis wir untrgliche
Kunde erhalten, ob unser Herr aus dieser Welt geschieden ist. Denn ganz
Verworrenes reden die Leute. Wir aber meinen, da er uns in diesem Lande finden
mu, wenn er dennoch zurckkehrt, und wenn die Kunde erschallt, da er irgendwo
am Leben ist, so mssen auch wir zur Stelle sein, um sie sogleich zu vernehmen.
Sobald wir unserer Pflicht gegen das Kreuzheer enthoben sind, denken wir
nordwrts zu reiten, und selbst im Grenzlande zu suchen.
    Da gebot der Kaiser, da sie sich noch bei seinem Kmmerer melden sollten,
um Reisegeld zu empfangen, und sprach traurig zu Hermann: Dies ist das Land, wo
sich jeder fr seinen Glauben unsinnig gebrdet. Aber das trichte Vertrauen
dieser zwei armen Mnner ist ehrwrdiger als manches Pochen auf hohe
Verheiung.

                                    Friderun


Jahraus, jahrein sten die Thringe die goldenen Halmfrchte in den Ackergrund,
aber die alte Fruchtbarkeit des Bodens, durch welche sie krftig und stolz
geworden waren, wollte nicht zurckkehren. Die Sommerglut drrte, die schtzende
Schneedecke blieb aus, der Rost befiehl die hren und die Feldmaus tilgte das
Saatkorn. Darum blieben die Leute rgerlich und fuhren unruhig durcheinander.
Noch anderes krnkte die alten Bauerndrfer am Nessebach. Als die Landgenossen
sich einst versammelt hatten zu gebotenem Ding unter der Gerichtslinde in der
Nhe von Friemar, kam ein Zug landgrflicher Reiter herangesprengt mit Edlen der
Umgegend, mit Geistlichen und Hofherren. Und der Kanzler las dem erstaunten Ring
der Versammelten groe Briefe vor von Kaiser und Knig und von dem Landgrafen,
in denen verkndet wurde, da das kaiserliche Gericht der freien Thringe
aufhre und da alles Recht fortan im Namen des Landgrafen verkndet werde. Denn
der Kaiser hatte den groen Gebietern in Deutschland dies Herrenrecht mit vielem
anderem gewhren mssen, damit sie auf seine Seite traten und bei dem Heiligen
Vater die Lsung vom Banne betrieben.
    Als die Briefe gelesen waren und die Landleute schweigend und erschrocken
standen, ritt Graf Meginhard vor und sprach gegen den Richter: Wollt Ihr dem
Landgrafen den Eid leisten, wie Ihr ihn einst dem Kaiser geleistet habt, so
mget Ihr Euer strenges Amt auch in der neuen Ordnung bewahren.
    Da antwortete der Richter, sein Haupt erhebend: Viel Neues ereignet sich
jetzt auf Erden und alter Brauch vergeht schnell; ob das Neue besser sein wird,
darber mag ein jngeres Geschlecht urteilen, wenn es den Schaden fhlt. Ich
aber stehe unter dieser Linde als ein alter Mann; im Namen meines Herrn, des
Kaisers, bin ich geritten mit meinem Knecht, bis mein Haar wei wurde. Soll der
Name des Kaisers fernerhin verschwiegen bleiben, wenn die Schffen unter der
Linde sitzen oder stehen, so tue ich mich ab von meinem Amte, und ein anderer
mag mit meinem Werkzeuge reiten, wenn es ihm gefllt. Er legte den Strang und
das Schwert auf die Gerichtsbank und trat finster zurck in den Ring.

Friderun stand auf dem Hgel unter der Linde, der Herbstwind schttelte den
Wipfel, und sie sprach Else vor sich hin: Ich wei eine Magd, die einst in
stolzem Mute ihren Kranz auf die Zweige warf, das ist lange her. Seit ich
traure, trug die Linde dreimal ihr grnes Kleid und dreimal zerri es im
Wintersturm. Als er hinausritt in die Fremde, sprach er: Auf Wiedersehen, will's
Gott, im nchsten Mai. Es whrte lange, da kam der Mai ins Land und mancher
frohe Sommervogel flog heran und baute sein Nest in der Linde. Er aber blieb
aus, und wenn die Magd die Kleinen im Laube nach ihm fragte, so sangen sie ihr
die Antwort: Er ist nicht da, so kommt er wohl bald. Die Snger flogen davon und
die Krhen schrien auf den sten. Doch als die Tagvgel zum andernmal kamen, und
die Magd wieder fragte, klagten sie traurig; Weit ist die Reise, nicht jeder,
der ausflog, kehrt zurck. Und da sie zum drittenmal Bescheid geben sollten,
flatterten sie scheu davon und weigerten die Antwort; und wenn die Magd
hinaussah auf die grne Heide, standen die Blumen welk und fahl, und sie hatte
niemand, den sie fragen konnte, als die Wolken und Wind. Der Sturm fegte die
Bltter hinab, die Wolken fuhren um den bleichen Mond, und sie rief in den
wilden Sturmwind hinein: Dir will ich klagen, du sollst von dem einen Botschaft
sagen. Da war ihr, als rufe aus den Wolken zur rechten Hand ein Reiter auf
grauem Nebelrosse: Er liegt gefangen im Heidenland. Doch von links rief ein
schwarzer Reiter: Er liegt still und tief unter dem Rasen. Seitdem war alles
Hoffen der Magd geschwunden und sie weinte, wo niemand ihre Trnen sah.
Friderun setzte sich auf einen Stein und barg das Gesicht in den Hnden.
    Aus der Ferne klang Hufschlag. Die Reiter kommen, rief sie aufspringend.
    Auf dem Wege von Erfurt nahte ein Ritter mit seinem Knecht, er stieg am
Holze ab, warf dem Begleiter die Zgel zu und eilte zu dem Steine.
    Berthold mein Bruder! grte Friderun, du trgst den Rittergurt?
    Meine Lehrzeit ist vorber, versetzte Berthold stolz. Und auch die drei
Jahre gingen zu Ende, in denen jene dort der heilige Frieden beschtzte. Er
wies zornig nach der Gegend des Niederhofes.
    Die Rache hinkt, welche gegen die Toten reitet, antwortete Friderun.
    Noch leben manche, welche meine Faust fhlen sollen. Das ganze Erbe gehrt
jetzt zu Recht dem Grafen Meginhard, und es ist wohl mglich, da er einen
seiner Getreuen ausstattet mit dem Hofe, in dem meine Feinde stolzierten.
    Du denkst dich selbst in dem fremden Hofe niederzulassen, du ritterlicher
Knabe? fragte Friderun zornig. Was der Graf tut, mag er vor dem Himmelsherrn
verantworten. Wenn aber du aus dem Bahrtuch eines edlen Geschlechtes fr dich
ein neues Knechtsgewand zu schneiden hoffst, so wisse, Berthold, da du einen
Feind finden wirst, der dich als untreu verklagt, und dieser Feind will ich
sein.
    Du! rief der junge Ritter unwillig. So hre auch du, Schwester, was ich
dir ungern sage, die Zeit ist vorber, wo ich deine stolze Weise geduldig
ertrug. Ich bin ein Mann geworden, und nach dem Vater, der grollend in seinem
Hofe sitzt, werde ich dein Herr, und mir steht es zu, ber deine Zukunft zu
beschlieen.
    Und was hast du beschlossen? fragte Friderun, die Arme bereinander
schlagend.
    Ich meine es gut mit dir und will, da du die Frau eines ehrlichen Ritters
wirst. Mein Geselle Konz, gegen den du dich immer so hochmtig hltst, kann das
Wohlgefallen an dir nicht verwinden und sprach erst gestern von seinem Wunsche,
dich zu freien. Ich denke, der Vater wird sich fgen, wenn du nur willst. Sollte
aber der Alte widerstehen, so ist mein Geselle auch bereit, seine Zeit
abzuwarten, sobald du ihm nur gutwillig zulachst.
    Ich bin euch beiden, ihr strengen Ritter, dankbar fr das Los, welches ihr
mir bereiten wollt, antwortete Friderun verchtlich. Doch sogleich fuhr sie in
anderm Ton fort: Mein armer Bruder! Es war ein schweres Schicksal, das dich
unter dies Reitervolk geschleudert hat. Dennoch htte ich von dir mehr Liebe
erwartet, als da du mich dem ungeschickten Manne vermhlen wolltest.
    Er ist immer freundlich gegen mich gewesen, versetzte der Bruder, weil er
auf dich gehofft hat; auch daran solltest du denken.
    Ja, Berthold, die Schwester ist der Preis gewesen, durch den du dich in der
Gunst deines Genossen eingekauft hast. Das war nicht treu gegen mich, und du
mut es jetzt tragen, wenn er dir wegen meiner Weigerung zrnt. Denn niemals
werde ich seine Hausfrau.
    Was soll aus dir werden? fragte der Bruder zornig.
    Die Magd sah zum Himmel hinauf. Ich bleibe bei dem Vater, er bedarf meiner
Dienste mehr als sonst, denn sein Mut ist beschwert, und er grbelt ber die
arge Zeit. Auch um deinetwillen bleibe ich. Tglich, wenn ich deinen Sitz an
unserm Herde leer sehe, denke ich daran, wie wir als Kinder miteinander im
Herdloch kauerten, ich als Hauskatze und du als Schferhund. Jetzt ist mein
Hndlein unter die Wlfe geraten, und ich frchte, es wird entweder seinen
frommen Sinn verlieren, oder die Argen werden es zerreien.
    Sprich nicht so wehmtiges Zeug, das hier ganz ungehrig ist, versetzte
Berthold unruhig, und hre verstndig auf meine Worte.
    Ich bin verstndig, Bruder, sprach Friderun, seine Hand festhaltend.
Setze dich zu mir, Berthold. Mutterlos wuchsen wir zwei Geschwister auf, und
wenn der Vater hart war, suchten wir Trost beieinander. Mir ist oft einsam im
Hofe, und die Sehnsucht nach dir und deinem sorglosen Lachen verlt mich nicht.
Ich denke mir, da auch du unter den Fremden keine Schwester gefunden hast, mit
der du vertraulich reden kannst, wie du einst mit mir tatest.
    Berthold setzte sich willig zu ihr, sie sah ihn liebevoll an. Du bist
mannhaft geworden, und ich mu dich loben, du eitles Kind, deine Lckchen hngen
dir lustig um die Wange. Aber dein Auge fhrt unruhig umher, und ich frchte,
sie haben dich zu mancher Tat verleitet, deren ein redlicher Mann ungern
gedenkt.
    Jeder Dienst verlangt Gehorsam, sagte der Bruder trbe.
    Du warst ein Freier und an friedliche Sitte gewhnt. Doch Vergangenes macht
niemand ungeschehen, fuhr sie seufzend fort. Da du ein Ritter geworden bist,
mssen wir beide darauf denken, da dir dein Leben nicht in fremdem Dienst
verdorben werde. Vernimm, mein Bruder, was dich trsten soll. Du hast jetzt
keine Hoffnung, den Zorn des Vaters zu vershnen, aber was ich als seine Tochter
tun darf, um dir dein Erbe zu bewahren, darauf bestehe ich. Deshalb verpflichte
dich nicht gegen die Mhlburger.
    Berthold erhob sich: Du bist eine treue Schwester, doch du verstehst nicht,
was ritterliche Pflicht gebietet.
    Kannst du dich nicht heut und nicht morgen von ihnen befreien, so tue es
allmhlich. Denke immer daran, da deine Zukunft nicht von ihrer Gunst abhngt
und da es noch andere gibt, die um dein Glck besorgt sind. Und la mich dein
vertrautes Gesicht bald wiedersehen, mein Bruder.
    Friderun sah dem scheidenden Berthold traurig nach. Ein ungetmer Drache
wlzt sich um den Edelhof, nicht lange, er dringt hinein und verzehrt Habe und
Gut. Der Held aber, der diesen Drachen erlegt, ist geschwunden. Auch dem Hofe
des Bauern wird der Untergang des edlen Hauses zum Verhngnis, der Sohn zieht
unstet auf den wilden Wegen, und die Tochter wird auf dem Steine ein altes Lied
singen, bis ein neues Geschlecht sie und ihren Gesang verlacht. Sie sprang
erschrocken auf. Eine Mahnung erhalte ich vom Schicksal, schwarz ist das Ro,
welches dort herankommt, und schwarz ist der Reiter; ich wei, was mir der
Hufschlag bedeutet. Bleich und starr sah sie auf den Weg.
    Seid gegrt, Magd Friderun, rief ein brtiger Krieger ihr zu, ein gutes
Vorzeichen soll es fr mich sein, da ich zuerst Euch finde.
    Lange weiltet Ihr in der Fremde, Bruder Gottfried, antwortete die Magd
tonlos, das Kreuz der Bruderschaft hing ber leerem Hause.
    Wir kommen und gehen, wie der Meister gebietet, diesmal denke ich nur kurze
Zeit bei Euch zu bleiben.
    Ihr kommt aus dem Morgen, bei uns wurde es Abend. Was bringt Ihr Neues fr
die Meinen und mich?
    Aus Accon, einer Burg der Christenheit, bin ich herzugereist, und Euch
bringe ich Botschaft aus dem Libanon.
    Sprecht, ich hre, murmelte Friderun unbeweglich.
    Der Bruder griff in sein Gewand und bot ihr ein seidenes geknotetes Tuch,
das mit vielen Schnren umwunden war. Ein schsischer Mnch, der als Waller von
Antiochien nach Damaskus zog, empfing dies heimlich in einem Tal der Ismaeliten
von einem thringischen Manne; traurig war der Geber und ein Notzeichen nannte
er die Gabe, er gebot dem Mnch, sie in einem Haus unseres Ordens abzugeben
zugleich mit dem Wahrspruch: Friderun aus Friemar sprang in die Flamme.
    Die Jungfrau strzte auf die Knie, die zitternden Finger lsten und rissen
an der Schnur, sie schlug das Tuch zurck, ein Strang Menschenhaare ringelte
sich in ihrer Hand, und sie schrie: Die Haarlocke ist es, das letzte Notzeichen
des Bedrngten. Sein Haar ist es, er wei, da ich die Farbe kenne, er lebt und
ruft nach Hilfe. Sie warf sich an dem Baume nieder, hob die Arme gen Himmel,
lachte und weinte zu gleicher Zeit.
    Am Abend sa eine kleine Zahl lterer Mnner am Herdfeuer des Freihofes, die
Tr war verschlossen gegen Regen und Sturm, die Flamme schien auf graue Hupter
und gefurchte Gesichter; es waren Bauern des Dorfes, die meisten seit alter Zeit
dem Geschlechte des Richters Bernhard verwandt. Hinter ihnen auf der Bhne stand
Friderun, den Arm auf das Gelnder gesttzt, sah sie zu, wie die Flamme loderte
und der Rauch in der Hhe sich zu dicken Wolken ballte. Und ein alter Bauer
begann. ber dem Wald sieht man hellen Feuerschein, dort werden Huser gesengt
und neue Frucht verbrannt, denn es ist Fehde zwischen den Dienstmannen des
Hennebergers und den Landgrflichen.
    Nie dachte ich zu erleben, fuhr der Schffe Isenhard fort, da der grobe
Mann, den sie Ritter Konz von der Mhlburg nennen, jemals auf dem Grafenstuhl
Gericht halten sollte ber freie Bauern; sonst ehrte der Richter in Wort und
Gebrde den hchsten Herrn der Christenheit, diesmal war von dem Herrn nicht
mehr die Rede. Ganz unordentlich und greulich hielt der Plumpe das Gericht, denn
er mengte die Worte und herrschte die Schffen an, als ob sie von seinem Gesinde
wren.
    Ich gedenke noch der Zeit, sprach Hartmann, ein treuer Nachbar des
Hauswirts, wo die Leute bei uns lachten und fluchten, wenn jemandem einfiel,
den Herrn Papst zu rhmen. Damals war ein groer Streit in der Christenheit, wer
strker sei, der Kaiser oder der Papst, doch jetzt ist dies anders geworden, man
vernimmt wenig vom Kaiser und viel vom Papste.
    Vielleicht ist das besser, vielleicht auch nicht, antwortete vorsichtig
der erste Bauer.
    Damals, fuhr Hartmann nachdrcklich fort, fragten die Leute, ob der Vater
der Christenheit zu Rom mit seinem Gefolge in Wahrheit die Gewalt habe, das
Himmelreich den armen Seelen zu ffnen oder zu sperren. Ich merke, da jetzt
niemand darber spricht, und ich mchte wohl wissen, ob es noch viele gibt, die
den Zweifel hegen.
    Die meisten frchten sich, zu fragen, versetzte der erste Bauer. Die
Mnner sahen einander bedeutsam an.
    Da sprach Bernhard mit starker Stimme: Eine Verkndigung vernahmen wir, da
vor dem Ende der Welt eine neue Ordnung kommen soll und eine Herrschaft des
Antichrists, welcher sich auf dem Stuhle niedersetzt, der fr unsern Herrn
Jesus, den Sohn des Himmelsgottes, errichtet ist; in dieser Zeit wird der Sinn
von Geistlichen und Laien verkehrt, und sie werden dem falschen Gott dienen, der
sich frech vermit, an Stelle des Herrn zu herrschen. Manche von uns sorgen, da
diese Zeit der Betrung nahe sei, denn der Acker beharrt darauf, die Frucht zu
versagen, das alte Recht schwindet und rger als je zuvor reiten die Diebe aus
den Burgen und schnren dem Landmann das Haupt mit seiner Peitschenschnur, damit
er ihnen das Versteck erffne, in dem er sein Geld birgt. Braune Mnche
schweifen durch das Land, rufen die armen unfreien Leute, welche uns seither
dienten, auf, da sie die echten Gotteskinder seien, und hetzen die einfltige
Menge gegen uns.
    Wir wissen, sprach Isenhard trstend, da vieles auf Erden in das Arge
verkehrt ist. Aber manche schwere Zeit erlebten wir, und ihr folgten bessere
Tage. So denke auch ich, da die beiden neuen Bedrcker, welche uns den Frieden
in Unfrieden verkehrt haben, die schweifenden Bettler, welche sich Mnche des
Heiligen Vaters nennen, und die schlechten Richter, welche den Kaiser
verleugnen, nicht ewig dauern werden. Denn wir sind nicht herrenlos, noch lebt
unser Kaiser. Alle verknden, da er ein weiser und machtvoller Herr ist, der
den Pfaffen und Mnchen gewaltig widersteht. Aber er ist fern von uns, und er
wei in der Fremde nicht, was uns, den Freien am Walde, Sorgen bereitet. Kme er
zu uns und she das Leiden, er wrde es an sich nicht fehlen lassen. Denn das
ist sein Amt; und wir alle haben von unsern Vtern gehrt, da die Kaiser einst
durch das Land geritten sind mit groem Gefolge, den raubenden Rittern haben sie
die Burgen gebrochen und die Missetter an die Bume gehenkt, an grne und an
drre, je nach dem Ma ihrer Untaten. Darum soll, soweit ich erkenne, unsere
Sorge sein, ob wir den Kaiser zur Hilfe rufen knnen gegen die wilden Mnche,
welche mit dem Holzsto drohen, und gegen die Ruber, welche prahlen, da sie im
Dienste eines Herzogs oder Landgrafen mit unserer Habe und unseren Kindern zu
schalten vermgen, wie ihnen beliebt.
    Ihr sprecht verstndig, versetzte Bernhard, aber wer wagt so laut zu
schreien, da seine Klage ber deutsches und welsches Land hinausschallt bis an
das Meer, wo die Heiden wohnen, denn dort waltet der Kaiser. Vieles und Schweres
haben wir ihm zu knden, vielleicht, fuhr er mit leuchtenden Augen fort, auch
manches, was ihm selbst ein teurer Gewinn sein kann. Denn er lebt in starker
Feindschaft mit dem Manne zu Rom, der sich fr den Herrn der Welt ausgibt, weil
er ein Nachfolger der heiligen Apostel ist. Die Apostel aber haben wieder die
Herrschaft empfangen von dem Sohne des Himmelsherrn. Darum erlgen die Pfaffen,
da der Sohn gleiche Macht und Herrlichkeit habe wie der Vater, damit sie den
Mann in Rom und seine Gebote gleichmachen dem Himmelsherrn und den Geboten des
alten Gottes selber. Wir aber haben erkannt und wir wissen, wie unser lieber
Herr und Heiland in seiner Demut selbst bezeugt hat, da sein Vater mehr ist als
er. Hat der Herr Papst seine Macht von dem Sohne, so hat unser Herr Kaiser sein
Recht und seine Macht von dem Vater; denn der Vater selbst hat in dem Erdgarten
die Menschen geordnet und jedem sein Amt und seine Arbeit festgesetzt. Dies
heilige Geheimnis haben wir erkundet, und wir sind bereit, dasselbe vor aller
Welt zu bezeugen. Denn wir besitzen einen unumstlichen Grund dafr, das eigene
Wort des Herrn, wie es niedergeschrieben wurde und besprengt mit dem Blute eines
redlichen Bekenners. Das knnte dem Kaiser zum Siege verhelfen in seinem harten
Streit mit dem Papst zu Rom, wenn er die heiligen Worte erfhrt, welche sein
Recht besser machen als das des andern, und wenn er solche Wahrheit verknden
lt durch alle Lande, damit jedermann sie wisse. So vermchten auch wir dem
Kaiser zu helfen, wie er uns helfen soll. Und wieder beklagen wir, da der
Kaiser uns verlassen hat; denn wer von uns Bauern kann mit solchem Gru viele
hundert Meilen ber ungeheure Berge und ber das wilde Meer zu ihm dringen?
    Die Mnner sahen in die Flamme und schwiegen; von oben klang eine
Frauenstimme: Die Freien von Friemar hatten einst unter den Edlen einen
Genossen, welcher bei den Knigen das Wort fr sie fhrte.
    Die wir einst hatten, wir haben sie nicht mehr, sie sind verdorben und
gestorben, versetzte der Vater.
    Hat auch die Grafen auf der Mhlburg ihr Hofdienst verdorben, die Herren im
Niederhof haben uns billigen Sinn bewhrt, sie vermchten am ersten ihre Stimme
fr euer Recht zu erheben und den Kaiser, dem sie lieb sind, an eure Not zu
mahnen.
    Was rufst du die Toten, Friderun, der letzte von ihnen, der unter uns sein
Haupt hoch trug, ist getilgt.
    Er lebt, rief Friderun, so wahr auf die Nacht der Morgen kommt und auf
Wettersturm das milde Sonnenlicht! Er lebt, aber er liegt in Not und Gefngnis,
und er fordert von uns Hilfe fr sich. Sie stieg die Stufen herab und zog aus
dem Gewande ein seidenes Tuch hervor, schlug es auseinander und hielt eine Locke
in die Hhe. Dies ist Haar von seinem Haupte, welches er in unsern Hof sandte,
damit wir ihn retten. Der Brtige brachte diesen Gru aus dem Heiligen Lande,
ein Pilger empfing ihn von Herrn Ivo, der in Haft liegt bei dem wilden
Heidenvolk, welches sie die Ismaeliten nennen. Dies ist in Wahrheit seine Locke,
und als er sie dem Boten gab, sprach er einen Wahrspruch dazu, welchen nur wir
kennen. Darum, mein Vater, beschliet, wie Ihr ihm helfen mgt.
    Die Landleute sahen scheu auf das ehrwrdige Notzeichen, welches Friderun
unter ihnen in der Hand hielt.
    Ist das Zeichen echt, begann der Richter, so mahnt die Tochter nicht ohne
Grund; denn wisset, ihr Freunde und Eidgesellen, ich bewahre einiges von seiner
Habe, was er mir beim Abschied anvertraute. Ist er ein Gefangener, der durch
Lsegeld befreit werden kann, so mag ihn vielleicht retten, was er meinem Herde
bergab.
    Wieder saen die Mnner nachdenklich, bis Isenhard begann:
    Ihr dachtet daran, ihn als Helfer zu gewinnen, und er begehrt Eure Hilfe
fr sich, so wchst zu der alten Sorge die neue. Schon war der Wagen berladen,
wie vermgen die Rosse zu ziehen, wenn eine grere Last dazu kommt?
    Darf ich sprechen in Eurem Rat, Vater? fragte Friderun.
    Wollt ihr mein Kind hren? Ist sie auch ein Weib, so wurde ihr doch die
Gabe nicht versagt, guten Rat zu finden.
    Die Mnner nickten bedchtig. Wir wissen, da etwas in dir ist, Friderun,
ermunterte Hartmann, was manchen mit Scheu erfllt, mich aber mit Freude.
    Sendet einen Boten zum Kaiser, rief Friderun mit blitzenden Augen,
vertraut dem Boten an, was euch beschwert, und vertraut ihm den Schatz an,
damit er ihn in die Hand des Kaisers lege. Denn wenn irgendein Mann, so vermag
der Kaiser den Herrn Ivo zu lsen. Seine Herrlichkeit ist gefrchtet im Abend
und im Morgen, und man sagt, da auch die Heidenknige sich vor ihm neigen wie
vor einem Herrn und ihn durch reiche Geschenke ehren. Und, Vater, rief sie
begeistert und kniete nieder, seine Hand ergreifend, der Bote will ich sein,
lat mich ziehen.
    Du? rief der Richter, und sein Antlitz erblich in der heftigen Bewegung.
Du bist mein letztes Kind, und du bist ein Weib. Soll ich auch dich verlieren?
    Nicht verlieren sollst du mich, Vater, sondern besseres Glck durch mich
gewinnen. Pilgern nicht alljhrlich viele Frauen nach Rom und kehren ungekrnkt
zurck. Warum soll mir es schwer sein, zu unserm Kaiser zu dringen? Bedenke,
Vater, da wir bessere Hilfe haben als viele andere, und sie legte schnell die
Hnde zusammen, wie die Brtigen taten, wenn sie mit den Zugewandten der
Bruderschaft Gru tauschten. Ich bin ein Kind der Thringe und frchte mich
nicht vor den Fremden.
    Da der Richter nicht antwortete, so erhob sich der alte Hartmann und sprach
feierlich zu seinem Genossen: Ob Ihr als Vater die Tochter an solche Botschaft
wagen wollt, das steht bei Euch allein, und wir andern drfen nicht zureden und
nicht abmahnen. Doch es handelt sich um ein groes Werk, und das Schicksal von
manchem unter uns mag daran hngen. Und deshalb sage ich hier nach meinem
Gewissen, da die Freien von Friemar keinen besseren Boten durch die wilde Welt
senden knnen als unser Kind Friderun. Denn wir alle wissen und vertrauen, da
sie eine reine Magd ist, welche niemals einem Manne heimlich zugelchelt hat wie
andere Mdchen im Dorfe. Einer solchen gelingt aber auf Erden, was einem starken
Manne versagt ist, und sie ist begnadigt vor anderen Menschen, da die Argen sie
scheuen und die Gefahr von ihr weicht und die liebe Sonne freundlicher auf ihrem
Wege scheint als vor anderen. Darum sorge ich auch nicht bermig um die
Gefahren einer weiten Fahrt, nicht wegen der Ruber, wenn sie einen Schatz
trgt, und nicht wegen der Heiden, wenn sie durch ihre Schwerter wandelt. Einen
Edlen vermgen wir dem Kaiser nicht zu schicken, aber wir senden ihm das
Vornehmste, was wir haben, eine Jungfrau, welche den Menschen und den Engeln
lieb ist und welcher die Gabe der Rede zugeteilt wurde und zuweilen groe
Gedanken, denen auch wir Alten willig Gehr geben.
    Friderun stand mit gesenktem Haupt, whrend der Alte sprach, jetzt neigte
sie sich wieder zu ihrem Vater herab und fate Knie und Hand. Dem Alten rannen
die Trnen ber sein ehrwrdiges Angesicht, er legte den Arm um sie, kte sie
auf die Stirn und sprach: Geh, und sage auch unserem Kaiser, da Bernhard, der
sein Richter war, ihm das Liebste sendet, was er noch auf Erden sein nennt.
    Am nchsten Morgen ging Friderun nach dem Edelhofe. Der Hof war leer, wie
ausgerumt, die Stalltren standen offen, die Rosse waren bis auf zwei Klepper
entfhrt. Als die Magd ein klgliches Brllen hrte, trat sie in den Kuhstall,
dort fand sie die letzte Kuh vor leerer Krippe. Sie sprang auf den Futterboden,
holte von dem geringen Heuvorrat und legte der Hungrigen vor. Dann eilte sie
ber den den Hof nach dem Herrenhause, ffnete die Tr der Stube, in welcher
Herr Godwin hauste, und rief auf der Schwelle: Er lebt.
    In seinem Bett lag Godwin, schwach und verfallen, an der Seite sa Nikolaus
und las ihm aus einem kleinen Pergamentband Gebete vor. Als die beiden Friderun
erkannten, welche freudestrahlend mit gehobener Hand die Verkndigung brachte,
erhoben sie sich aus ihrer Bekmmernis, Godwin starrte mit gefalteten Hnden
nach der Tr, und Nikolaus sprang auf, um der Magd entgegenzueilen, aber er
hemmte den Schritt, da er ihre Verklrung erkannte, denn ihm kam pltzlich die
Erkenntnis, da die Magd um einen andern mehr sorge als um ihn. Der Herr lebt,
wiederholte Friderun, zu dem Lager tretend, er liegt im Morgenlande gefangen,
und ein Bote wird zu unserm Kaiser wandern, damit sein Wort die Befreiung
verschaffe. Ihr zuerst sollt das wissen, Herr Godwin, und niemand anders, denn
schdlich wre es, davon zu reden; nur damit Ihr ausdauert, sage ich's Euch;
will's Gott, kehrt er dennoch wieder.
    Der Alte hatte sich aufgerichtet, er beugte jetzt schweigend sein Haupt ber
die heftig zitternden Hnde.
    Die Mhlburger haben den Hof gerumt, sagte Nikolaus leise, seitdem ist
seine letzte Kraft gebrochen, und ich frchte, es geht bald mit ihm zu Ende.
    Godwin fate die Hand der Magd und wollte sie an sein Lager ziehen, sie aber
sprach, ber ihn gebeugt: Ich darf mich nicht setzen und ich darf nicht rasten,
denn Groes liegt mir auf der Seele, und ich bin nur hier wie die Schwalbe, wenn
sie sich im Fluge durch den Hof schwingt, bevor sie den weiten Weg in die Fremde
beginnt. - Wie kommt's, Nikolaus, da Frau Jutte nicht nach dem Vieh im Stalle
sieht? Ihr mt sie bitten, ich darf nicht zu ihr gehen, weil ihr Hauswirt unser
Geschlecht gekrnkt hat.
    Auch dort ist Not und Kummer, klagte der Schler, die Knaben sind krank.
    Ich sende Euch noch heut aus unserem Hofe, was Ihr zunchst brauchen mgt,
spter soll der Vater fr Euch sorgen.
    Ich frage nicht, begann Nikolaus traurig, wer der Bote zum Kaiser sein
soll. Lat mich Euch begleiten, Friderun.
    Die Magd schttelte das Haupt. Nimmer, Nikolaus; Ihr habt einmal von Eurem
gnstigen Willen zu mir gesprochen, und ich habe Euch Bescheid gegeben, wie ich
mute. Wollt Ihr dem Herrn, dem Ihr Euch einst gelobt habt, Eure Treue erweisen,
so verlat den Kranken nicht, und gewinnt Ihr Zeit, so seht nach meinem lieben
Vater, denn in schwerer Sorge um ihn ziehe ich aus dem Lande.
    Wie wollt Ihr allein ber Berg und Tal in die Fremde? fragte Nikolaus, die
Hnde ringend.
    Es ist fr mich gesorgt, ein Bruder von den Brtigen geht von der Naumburg
zu seinem Meister nach Welschland, ihm vertraue ich mich, damit sein Kreuz mich
schtze.
    Wenige Tage darauf hielt ein alter Ritterbruder mit seinem Knecht vor dem
Hofe Bernhards und sah schweigend zu, wie die weinende Friderun sich vom Halse
des Vaters lste und noch von ihrem Rlein den Segen des Himmels fr den Hof
erflehte. Erst als sie eine gute Wegstrecke geritten waren, redete er die
Traurige an: Die Sorge fr Euch ist mir von Bruder Arnfried auferlegt, und was
ich bis jetzt von Euch gesehen habe, gefllt mir recht wohl. Doch mgt Ihr
selbst denken, da es mir geringe Freude ist, mit einem Weibe durch das Land zu
ziehen, zumal ich in gewichtigen Sachen reise und eilig bin. Ich frchte, Ihr
werdet mich aufhalten.
    Duldet mich, solange Ihr drft, bat Friderun. Auch ich habe Eile und
reite fr Leben und Freiheit eines andern.
    Sagt mir nichts, was ich nicht zu wissen brauche, denn wir Brder kmmern
uns nicht um fremde Geschfte; nur was fr den Weg ntig ist, lat mich
erfahren. Wollt Ihr auf Eurer Pilgerfahrt bei Heiligtmern eintreten oder
sonstwo?
    Nein, ehrwrdiger Bruder, zwischen Euch und mir mu Vertrauen sein,
antwortete Friderun, sollt Ihr fr mich sorgen mit freudigem Willen, so mt
Ihr vorher wissen, da ich Eurer Sorge nicht unwert bin. Wenn Ihr auch rauh zu
mir sprecht, so habe ich doch bemerkt, da Ihr ein gutherziger Mann seid, als
Ihr im letzten Dorfe dem Knaben ber die Wange stricht. Darum verschmht nicht
mein Geheimnis zu hren, soweit ich es sagen darf. Ich ziehe aus der Heimat, um
Hilfe zu werben fr einen Gefangenen im Morgenlande, und ich gleiche dem
Mdchen, das ber die Erde bis an den Himmel ging, um die drei segensreichen
Gestirne zu fragen. Mein Mond ist Frau Else, die Landgrfin, welche jetzt auf
der Marburg wohnt, der Morgenstern ist eine Verwandte des Kaisers, zu der mich
die Landgrfin weisen soll, und das dritte Gestirn ist die lichte Sonne, unser
Herr Kaiser selbst, zu dem ich dringen mu, um zu verknden, da ein Verlorener
wiedergefunden ist, und da er, den seine Freunde als tot beweint haben,
Botschaft aus dem Berge Libanon gesandt hat.
    Der Bruder hielt sein Pferd an. Meint Ihr einen Thring, den edlen Ivo?
    Ihr kennt ihn? rief Friderun in heller Freude.
    Gewi kenne ich ihn, versetzte der Bruder, und manchen Tag habe ich mit
ihm vor Accon an demselben Werke geschafft. Einiges, was wir damals miteinander
redeten, ist jetzt der Erfllung nahe. Wagt Ihr die Reise fr ihn, um den auch
ich getrauert habe, so sollt Ihr mir lieb sein, und ich will treu fr Euch
sorgen, bis ich Euch zum Meister bringe, welcher jetzt bei dem Heiligen Vater
weilt oder doch in der Nhe.
    Im sichern Schutz des Bruders Sibold gelangte Friderun bis zu der Marburg,
wo neben den frommen Stiftungen der Landgrfin auch ein Spital des Deutschen
Ordens war. Der Bruder fhrte Friderun in die Burg und empfahl sie dort dem
Meister Konrad, welcher mit den Brtigen in gutem Einvernehmen lebte. Prfend
fragte der strenge Priester: Was begehrst du, Pilgerin, von der gottseligen
Frau?
    Verzeiht, ehrwrdiger Vater, wenn ich meine Bitten zuerst der Herrin selbst
anvertraue. Doch darf ich Euch sagen, ich komme um Leben und Freiheit eines
armen Kreuztrgers im Morgenlande.
    Du bertst dich bel durch dein Mitrauen. Doch bittest du fr einen, der
unter dem Kreuzeszeichen gelitten hat, so will ich dir den Zutritt nicht
wehren. Er schritt vor ihr in das Gemach.
    Die Landgrfin sa in Nonnentracht unter den dienenden Frauen, der rosige
Schimmer ihrer Wangen war geschwunden, ihr Leib hager von Gram und strengen
Bungen, und ihre Augen strahlten in dem Glanze, welcher zuweilen das Antlitz
des Menschen verklrt, wenn ihm nur noch ein kurzes Leben bestimmt ist. Sie hob
die Magd, welche an der Tr niedergekniet war, gtig auf: Du kommst aus
Thringen, wo ich oft mit meinen Gedanken weile, gutwillig hre ich, was du mir
zu sagen hast. Sie setzte sich, und Friderun begann ihren Bericht, da sie der
Mutter des Verlorenen groen Dank schuldig sei und da sie jetzt Frsprache fr
sich selbst ersehne durch die Landgrfin und durch Frau Hedwig, damit sie bei
dem Kaiser gndigen Empfang finde.
    Whrend sie erzhlte, flog ein heller Schimmer wie vom Abendlicht ber das
Antlitz der Frau Else, und der Priester, welcher zur Seite stand, betrachtete
besorgt die Miene der Herrin. Als Friderun geendet hatte, antwortete die
Landgrfin: Es ist lange her, seit ich mit meiner Base die letzten Briefe
getauscht habe. Doch um des Herrn Ivo willen will ich dir gern einige Zeilen
anvertrauen, denn ich kannte ihn, als ich hier auf Erden im Glcke war, und mit
leisem Lcheln fgte sie hinzu: Er war auch mir wohlgesinnt, und dies ist eine
Gelegenheit, wo ich ihm als Christin meinen Dank dafr erweisen darf. Sie erhob
sich; doch als sie zu dem Schreibpult trat, stand der Priester neben ihr, legte
seine Hand auf das leere Pergamentblatt und fragte in gebietendem Tone: Ziemt
der Gedanke an eitle Ritterdienste einer gottgeweihten Seele?
    Frau Else hob das Haupt, und in ihren Augen blitzte der Stolz einer Frstin:
Nehmt die Hand vom Pergament, Herr, mein Berater und Lehrer seid Ihr, und
wahrlich, die Heiligen wissen es, ein strenger Lehrer, doch zu ihrem Hter hat
Euch die Landgrfin nicht bestellt. Als er erstaunt und mit gefurchter Stirne
wich, tat der Herrin die eigene Strenge leid, und sie fuhr demtig fort: Einst
war ich nicht nachsichtig mit einer weltlichen Huldigung, obgleich sie in
Ehrerbietung dargebracht wurde; aber hartherzig kann ich nicht werden gegen die
wenigen, welche meinem lieben Gemahl und mir redliche Gesinnung erwiesen haben.
    Sie schrieb den Brief, bergab das geschlossene Pergament Friderun mit einem
Segenswunsch fr Ivo, und fgte hinzu: Die Grfin ist, wie ich vernehme, mit
dem Knigshofe nach Speyer gezogen, dort wirst du sie finden. Aber die Magd
bemerkte wohl, da Frau Else bedrckt war durch ihren eigenen Widerstand gegen
den mchtigen Meister, und als sich die Tr hinter ihr schlo, vernahm sie laute
Worte des Mannes.
    Gtigen Schein spendete mir das Mondenlicht, sprach Friderun, dem Bruder
das Pergament weisend, aber der Priester Konrad entlie mich feindselig.
    Er ist hei in allem Tun, antwortete der Bruder, und viele halten ihn fr
furchtbar. Doch unserer Bruderschaft ist er ein treuer Gehilfe, denn er spricht
fr uns bei den Groen und im Volke, und ich denke, wir werden in kurzem seinen
mchtigen Beistand gebrauchen.
    Die Reisenden zogen in Frieden sdwrts; als sie sich aber der ruhmvollen
Knigsstadt Speyer nherten, begann der Bruder, den stolpernden Gaul der Magd am
Zgel fassend: Wer zu Rosse sitzt, ringt nicht ohne Gefahr die Hnde. Verndert
finde ich Euer Wesen, Friderun, der Weg zu dem goldenen Stuhle, dem Ihr jetzt
nahet, wird Euch mhevoll.
    Friderun sah den Bruder mit so bitterer Seelenqual an, da dieser ihren
Kummer durch Schweigen ehrte. Gern wrde ich mich an den Weg setzen und
ausweinen, sagte sie.
    Manchem hilft das, ermunterte der Bruder, ich warte auf Euch.
    Vorwrts! rief die Magd, tief aufatmend.
    Kurze Stunden darauf stand sie in einem reichgeschmckten Gemach der Grfin
von Meran gegenber. Hoch aufgerichtet, sah sie von der Schwelle auf die
vornehme Dame, so da sich diese verwundert erhob, doch im nchsten Augenblick
neigte sie sich tief und berreichte den Brief der Frau Else. Hedwig ging zum
Fenster, las und fate mit dem Arm die Stuhllehne, so stand sie lange Zeit
abgewandt, und die Magd fragte sich, ob sie vor Freuden weine. Endlich trat sie
zu der kleinen Harfe, welche auf einen zierlichen Tisch gestellt war, und fuhr
mit der Hand durch die Saiten. Friderun wute wohl, da dies die Weise des Herrn
Ivo war, und dachte bei sich: ich hre sie oft erklingen, auch wenn niemand an
die Saiten rhrt, doch in den letzten Wochen habe ich nicht an seine Lieder
gedacht. Pltzlich wandte sich die Grfin zu ihr, fate ihre Hand und sah sie so
weich und dankbar an, da Frideruns Trotz dahinschwand. Seit wann kennst du
ihn?
    Da ich ein Kind war, weilte ich einige Jahre im Edelhofe, antwortete die
Magd, vor dem forschenden Blick die Augen niederschlagend.
    Wann hat er dich zum letztenmal gekt? fragte Hedwig lchelnd.
    Nimmer seit ich heranwuchs, rief Friderun gekrnkt. Beide schwiegen und
betrachteten einander mit gerteten Wangen.
    Wei jemand in diesem Hause, weshalb du zu mir kommst?
    Nur wenige erfuhren, weshalb ich reise, in dieser Stadt seid Ihr die
einzige.
    Du sprichst verstndig. Wenn dir sein Leben lieb ist, birg das Geheimnis
vor jedermann. Jetzt setze dich zu mir und erzhle, wie du die Nachricht
erhieltest und zu dem Entschlu kamst, fr ihn, der einst dein Gespiele war, die
weite Fahrt zu machen.
    Niemals zeige ich ihr die Haarlocke, dachte Friderun, ihr Auge soll nicht
darauf sehen, und sie soll mein Eigentum nicht von mir fordern. Deshalb sprach
sie vorsichtig: Einer von den Brtigen, der im Hofe meines Vaters Kranke
gepflegt hatte, brachte uns die Botschaft, da er als Gefangener im Libanon
lebe, und als Wahrzeichen Worte eines alten Liedes, das in unserem Dorfe bekannt
ist. Denn bevor Ivo unter dem Kreuze auszog, bergab er meinem Vater Goldschmuck
und edle Steine, das Erbe seiner Mutter, damit der Vater den Schatz in unserem
Herd berge bis zu seiner Rckkehr. Diesen Schatz soll ich zum Kaiser tragen als
Lsegeld.
    Hedwig lchelte. Und warum wurdest du der Bote und nicht dein Vater?
    Der Vater ist alt und der Hof kann ihn nicht entbehren. Hedwig nickte: Du
warst seiner Mutter vertraut. Sprich mir von ihr.
    Sie war aus dem Grafenhaus von Orlamnde, wie Ihr wissen werdet, und eine
stolze Wirtin, doch klger als andere und von gtigem Herzen. Da sie starb, war
ein Unglck fr den Hof, Herr Ivo lebte sorglos und ritt durch das Land, und ein
Herrenhof bedarf Hnde, die sparsam zusammenhalten, denn wo viele begehren, wird
leicht unntz verschwendet, und auch die Treuen gewhnen sich, aus dem vollen zu
leben.
    Wieder lchelte Hedwig. Wie war der Herr Ivo als Knabe?
    Friderun schwieg. Fragt mich, was Ihr ber ihn wissen wollt, sprach sie
endlich mit Zurckhaltung.
    Sage mir, wie er gegen dich war.
    Wir spielten miteinander. Wer die Gerte in der Hand hielt, fhrte den
andern als Ro an der Leine.
    Doch als du grer wurdest?
    Wir zankten uns zuweilen, doch saen wir auch beieinander und sangen Lieder
um die Wette. Als Knabe hatte er eine liebliche Stimme, berichtete Friderun
kurz.
    Und wann schiedest du aus dem Hofe?
    Da er in die Zucht des langen Marschalks kam und der Vter meiner
bedurfte.
    Ich erkenne, begann Hedwig berlegend, da du schnell und klug zu
antworten weit; ich hoffe, du verstehst ebenso zu sehen und zu hren. Frau Else
schreibt mir, da du mein Frwort beim Kaiser gebrauchst. Ich gebe dir keinen
Brief, doch ein Zeichen, da du von mir kommst. Sie zog einen Ring vom Finger.
Auch den Ring bewahre geheim vor jedermann. Willst du dem Kaiser angenehm und
wertvoll werden, so mut du ihm einiges von seinem Sohne, dem Knig Heinrich,
berichten knnen, denn wenn du ihm meinen Ring gibst, wird er auch darnach
fragen. Ich will dir Gelegenheit verschaffen, den jungen Knig zu sehen und zu
hren, ohne da er und seine Herren dich mit Fragen belstigen, doch mut du
dich vorsichtig still halten. Verweile hier, bis ich dich rufe, mich zwingt
meine Pflicht als Hauswirtin, dich zu verlassen; la dir die Zeit nicht lang
werden und wundere dich nicht, wenn ich die Tr zusperre, damit die Diener nicht
eindringen.
    Ich ginge lieber, versetzte Friderun.
    Wenn du fr Herrn Ivo sorgen willst, so bleibe, sprach Frau Hedwig mit so
hohem Ernst, da die Magd schweigend einwilligte.
    Hedwig verlie das Zimmer, und Friderun hrte, da die Tr gesperrt wurde.
Lange sa sie in unruhigen Gedanken. Endlich kehrte die Grfin zurck. Folge
mir schnell und vorsichtig, gebot sie, und Friderun erkannte, da eine finstere
Entschlossenheit auf dem bleichen Antlitz lag. Sie folgte der Fhrenden wenige
Stufen einer Seitentreppe hinab und wurde erst ihrer Sorge enthoben, als sie
ganz in der Nhe Gelchter und das frohe Gerusch eines Gastmahls vernahm.

                             Vor drei groen Herren


In einer drftigen Herberge der syrischen Hafenstadt Tripolis saen Henner und
Lutz einander gegenber. Jedermann merkte, da sie nicht im Glck lebten, ihr
Gewand war abgetragen, das Eisenhemd darunter rostig und an den Rndern
zerrissen, und ihre Miene sehr bekmmert. Sie waren ruhelos am Libanon
umhergeritten und hatten vergeblich in allen Burgen nachgeforscht. Als das
reiche Geschenk des Kaisers aufgezehrt war, hatten sie in der Not einem der
syrischen Barone bei seinen Grenzfehden gedient, um sich rittermig
durchzubringen. fter waren sie mit Kurden und Arabern zusammengestoen und mit
Mhe der Knechtschaft entgangen, zweimal auch waren sie in das Land der
Ismaeliten eingedrungen, aber die Grenzwchter hatten sie trotzig abgewiesen,
denn jedem bewaffneten Fremden blieb das Gebiet des Scheiks verschlossen. Das
letzte Pferd ist verkauft, begann Henner.
    Dann brauchen wir's nicht zu fttern, versetzte Lutz, und sind die grte
Sorge los.
    Das Geld fordert der Wirt, fuhr Henner fort, er behauptet, ein Thring
und ein Ei aus den Drfern des Hennebergers zu sein. Aber die heie Sonne hat
ihn hart gesotten und von Erbarmen ist nichts mehr an ihm zu finden.
    Lutz, welcher unntige Worte gern vermied, schwieg still, und Henner begann
nach einer Weile wieder: Ein Krieger, der Knecht und Ro verloren hat, ist
nicht glckselig zu preisen; wir sind jetzt Bettler, Chevalier, von dem Orden
der armen Ritter, denen ich daheim manchmal mit Mivergngen ein Almosen
zugesteckt habe. Darum frage ich Euch, was soll aus uns werden?
    Wir fasten wieder wie einst, riet Lutz, im Meer sind Fische genug, es ist
hier nicht leicht zu verhungern.
    Ich sorge nicht um unsern Magen, Herr, antwortete der Marschalk, aber Tag
und Nacht mu ich an den Brief denken, den uns unser Geselle Godwin durch
Nikolaus schreiben lie. Denn was die deutschen Brder vorlasen, war ganz
widerwrtig; die Mhlburger wollen unsern armen Herrn bei lebendigem Leibe
beerben.
    Wten wir nur erst sicher, da er lebendig ist, bemerkte Lutz verstndig,
dann wollten wir die Mhlburger flugs von Hof und Gut jagen.
    Seit dem Briefe verlt mich der Gedanke nicht, da wir zu Hause ntiger
sind als hier, und die Angst um den Hof wchst mir mit jedem Tage, den wir in
diesem bsartigen Lande verweilen. Auch Frau Jutte mit den Knaben jammert mich.
    Der Schiffer aus Bremen war hier, warf Lutz ein, er will Euch mitnehmen,
wenn Ihr Euch whrend der Fahrt dem Schiffe als Kriegsmann gelobt.
    Mich? fragte Henner unwillig, wir sind aber zwei.
    Lutz antwortete ausweichend: Denkt daran, Herr, da Weib und Kinder an
Eurem Herde sitzen, und da der alte Godwin sich nicht auf dem Gute behaupten
wird, wenn nicht Eure Fuste ihm helfen. Ich aber habe nur eine, um die ich
sorge. Seht Ihr mein Berchtel, Henner, so sagt ihr, da sie das Strumpfband
losbinden soll, welches ich ihr um ihr weies Bein gelegt habe; denn ich kehre
schwerlich zurck. Er sttzte den Kopf in die Hand.
    Lat Euch sagen, Lutz, sprach der Marschalk gerhrt, da Ihr
gewissermaen besessen seid. Ich lobe die Treue, Ihr aber werdet hartnckig ohne
Nutzen.
    Vielleicht kommt er doch wieder, versetzte Lutz. In seinem Hofe bin ich
erzogen, und er hat mich bei sich behalten und einen Mann aus mir gemacht,
deshalb denke ich in seiner Nhe zu bleiben. Sprecht mir nicht dawider,
Marschalk, Euer Amt ist, den Hof zu bewahren, und meines ist, auf den Herrn zu
warten.
    Henner erhob sich. Wahrlich, Geselle, Ihr habt das Richtige gefunden; was
geschehen mu, soll geschehen ohne viele Worte, und wenn wir es beide vermeiden
knnen, ohne Wehmut. Begleitet mich, wenn's Euch beliebt, zum Schiffe.
    Als Lutz von seinem Gefhrten Abschied genommen hatte und das Schiff zum
Hafen hinausfuhr, stand er am Strande und starrte nach der hageren Gestalt des
Marschalks, der immer wieder die Hand nach ihm ausstreckte, bis ihm das Schiff
und der Freund darauf wegen rinnender Trnen undeutlich wurden. Bald aber fand
er seine bedachtsame Ruhe wieder und sprach zu sich selbst: Bisweilen ist einer
mehr als zwei. Mein Geselle war allzu ritterlich. Wir haben seither vielerlei
Umwege gemacht, ich gehe geradeaus zu dem grimmigen Messerschmied in den Bergen
und sage ihm auf den Kopf zu, da er den Herrn gefangenhlt und da es endlich
Zeit ist, ihn zu entledigen. Er eilte in das kleine Hospital, welches die
deutschen Brder vor kurzem in Tripolis gegrndet hatten, bat um ein altes
Pilgerkleid und gab dafr sein Ritterschwert zum Pfande. So verlie er die Stadt
als ein armer Waller und zog lngs der Kste nordwrts, um das Grenzgebiet der
Templer und Johanniter zu vermeiden; denn diese hielten scharfe Aufsicht ber
alle Reisenden, die nach den Bergen der Ismaeliten oder von dort nach der Kste
gingen. Zwei Tage lief er in Pilgerweise und nahm Kost und Herberge bei
barmherzigen Leuten, am dritten kam er an eine kleine Hafenstadt Valenia, welche
frher den Ismaeliten gehrt hatte und jetzt von den Johannitern und einem
Bischof bewacht wurde. Dort schlug er sich in die Berge. Als er die Grenzwchter
der Ismaeliten erblickte, eilte er auf sie zu und sagte, so deutlich er es mit
arabischen Worten vermochte, da er zu ihnen gedrungen sei, um in einer groen
Sache ihren Vater, den Scheik, zu sprechen. Er wurde auf ein Pferd gesetzt und
durch das Land gefhrt bis zu einer groen Burg, welche mit Trmen und Mauern
auf steilem Fels ragte, so da man nicht erkannte, wo die weie Klippe aufhrte
und wo das Menschenwerk begann. In der Burg blieb er strenge bewacht bis zu dem
Tage des Verhrs. Endlich wurde er in eine weite Halle gefhrt, zwischen
reichverzierte Sulen und Bgen; in einer Nische auf erhhtem Raume stand ein
Haufe der Geweihten im weien Kaftan, kenntlich an der spitzen roten Mtze und
dem roten Leibgurt, und lngs den Wnden saen auf Polstern Weise und Edle des
Volkes. Lutz sah nach dem furchtbaren Alten umher, von dem er gehrt hatte, aber
vor ihm waren viele bejahrte Mnner, er fand viele blitzende Augen auf sich
gerichtet und nicht wenige weie Brte hingen bis zu den Grteln herab, so da
er dachte: wenn ich nicht wte, wie rachschtig sie sind, wrde ich sie fr die
ehrbarste Gesellschaft halten, die ich je geschaut. Doch wer unter wilde Tiere
geht, hte sich, ihren Zorn zu erregen, und er verneigte sich tief zu beiden
Seiten.
    Nach langem Schweigen winkte ein Greis dem Dragoman und begann: Freiwillig
kamst du in unsere Berge, o Franke, verknde, wer du bist und was du begehrst.
    Ludwig von Ingersleben ist mein Name, ein Dienstmann bin ich des edlen Ivo,
den ihr, wie ich vernehme, gefangenhaltet; seinetwegen komme ich, euch zu
bitten, da ihr ihn freigebt.
    Wer hat dir die Kunde zugetragen, da dein Herr als Gefangener bei uns
weilt?
    Unter den Christen an der Grenze luft die Sage, behauptete Lutz khnlich,
und er hatte in der Tat unter vielem anderem auch dies vernommen.
    Wer von Fremden holen will, mu vorher bringen. Was gedenkst du zu bieten?
fragte der Alte weiter.
    Geld bringe ich nicht, versetzte Lutz ehrlich, doch vermag mein Herr euch
Lsegeld zu zahlen, wenn ihr ihn nicht unmenschlich schtzt; ich aber erbiete
mich, an seiner Statt als Gefangener bei euch zu bleiben, bis ihr das Geld
empfangt.
    Wenn Geld die lsen knnte, welche wir festhalten, so wre mancher frei,
der hinter Mauern weilt.
    Ein langes Schweigen folgte, dem Thring aber kam vor, als ob sein Herr
wahrhaftig hier in Gefangenschaft sei, und er htete sich, seine Freude zu
verraten und Ungeduld zu zeigen. Hast du sonst etwas zu bitten und zu bieten,
fragte der Greis wieder, so sprich, doch meide unntze Worte.
    Wohlan, ihr Herren, wenn ihr ein Recht zu haben glaubt an seinen Leib, so
fordere ich, gewhrt auch mir ritterliches Recht und stellt mir einen Kmpfer,
damit ein Gottesurteil entscheide, ob das Leben meines Herrn euch gehrt, oder
seinen Freunden.
    Gering ist dein Aussehen, wie magst du wagen, unsere Helden zum Kampfe zu
fordern?
    Lutz ffnete sein Pilgerkleid und wies auf den weien Rittergurt. Ich bin
schwertlos gekommen, um euch nicht zu erzrnen, aber ich trage die Ehrenzeichen
eines Ritters, und kein Frst darf mir den Kampf verweigern, wenn ich ihn in
ehrlicher Sache fordere.
    Meinem Volke aber wird deine Forderung verchtlich; nur ein Unsinniger
kmpft ohne Not um ein Gut, das ihm bereits gehrt.
    Ich dachte mir's, murmelte Lutz. Dann also, alter Herr, lat mich mein
letztes Gebot tun. Wenn euch so viel daran liegt, einen Ritter aus Ingersleben
in eurem Turm zu bewahren, so lat meinen Herrn frei, behaltet statt seiner mich
und macht mit mir, was ihr wollt.
    Du nennst dich selbst seinen Diener, ihn deinen Herrn, auch bei euch
tauscht der Jger nicht den Falken gegen die Amsel. Wieder folgte langes
Schweigen, endlich begann der Alte: War der, welchen du deinen Herrn nennst,
ein Christ?
    Gewi war er das, versetzte Lutz.
    Wie kam es doch, da wir ihn am Grenzsteine gefllt fanden ohne einen
Glaubensgenossen, mitten unter Bekennern des Islam?
    Er war von dem groen Kaiser zu euch gesandt mit maurischen Leibwchtern,
weil diese eurer Sprache und Sitte mchtig sind. Htte ich mit meinen Gesellen
ihn begleitet, dann wre die Missetat nicht vollbracht, oder ich wrde nicht
lebend vor euch stehen.
    Der Ismaelit gab ein Zeichen, einer der Geweihten trug ein blutgetrnktes
Tuch herzu, welches der Dragoman dem Thring wies, und dieser vermochte seine
Bewegung nicht zu bergen, als er das Tuch erkannte, welches sein Herr einst am
Halse getragen hatte.
    Auf dem Gewebe steht ein Spruch, den die Mohammedaner fr heilig halten;
bewahren die christlichen Franken ein solches Amulett ber ihrem Herzen?
    Erstaunt vernahm Lutz die Bedeutung der goldgestickten Zeichen. Ich wei
nur, da das Tuch eine Gabe der Herrin ist, welcher er sich geweiht hatte; wer
die Herrin war, blieb sein Geheimnis. War sie eine Sarazenin, so wisset, da wir
auch fremdlndischen Frauen unseren Dienst widmen. Ich selbst bewahre das
Schleiertuch einer Dame, der ich diene, obwohl sie im Harem eines Sultans lebt.
    Und er brachte bereitwillig aus seinem Gewande den zerrissenen Schleier
hervor, den er einst bei den Kamelen gewonnen hatte.
    Zum erstenmal bemerkte er unter den Ismaeliten eine Regung der Neugierde,
leise Ausrufe wurden gehrt und mehrere strichen zufrieden die Brte. Du selbst
bist der Ritter, welcher mit den Johannitern kmpfte, um die Mutter des Sultans
Elkamil vor der Gefangenschaft zu bewahren? fragte der Alte.
    Lutz hatte bis jetzt nie erfahren, da die Herrin des Schleiers so ehrwrdig
war, und er fand seltsam, da die Wilden im Libanon das wuten. Als er in den
Mienen der Ismaeliten die Billigung erkannte, dachte er: Ihr wrdet anders
denken, wenn ihr jnger wrt, aber antwortete beherzt: Ich bin der, welchen du
meinst.
    Da traten die Geweihten auseinander, er sah auf der Hhe einen Greis im
weien Gewande sitzen und merkte, da ihm erst jetzt der Anblick des Scheiks
vergnnt wurde. Der Weigekleidete schlug in die Hnde, zwei Gewappnete fhrten
einen jungen Neger herein, der mit ausgebreiteten Armen auf Lutz zueilte, sich
vor ihm niederwarf und das Gesicht an sein Gewand drckte. Ali, mein
Rabenkind, rief Lutz, die ganze Umgebung vergessend, wo weilt unser Herr?
    Sprich nicht mit dem Knaben, warnte der Dragoman dazwischentretend. Die
Stimme von der Hhe fragte: Du kennst den Sklaven?
    Er war ein Geschenk, welches mir die Frau, von der ich sprach, in das Lager
des Kaisers sandte, und er war der einzige aus unseren Zelten, der meinen armen
Herrn auf der Reise begleitet hat.
    Im Tal des Todes fanden meine Shne den Schwarzen, sprach der Scheik.
Sprich wahrhaft, Franke, was hast du im Lager des groen Emperor ber die
Bluttat vernommen?
    Da umherziehende Kurden die Missetat verbten.
    Unschuldig sind die Kurden an der Tat, Held Hassan und dein Herr fielen
unter den Messern deiner Glaubensgenossen.
    Der Thring sah erschrocken um sich. Was der Scheik behauptete, klang ihm
nicht fremd in das Ohr, schon im Lager war allerlei ber die Templer geflstert
worden, und er selbst hatte sich mit seinen Gesellen schwere Gedanken gemacht
wegen der Feindschaft, die zwischen Ivo und einem Verwandten des Kaisers
bestand. Nachdrcklich fuhr der Scheik fort: Rache begehren wir fr den Tod des
Helden Hassan und fr die Missetat, welche hinterlistig von Christen auf unserem
Grunde verbt wurde. Darum handelt der Christ tricht, welcher von uns hohen
Dienst begehrt, ohne den Gegendienst zu leisten, welcher uns wertvoll ist. Das
Gesetz in den Bergen lautet: Leben fr Leben; begehrst du deinen Freund lebendig
zu schauen, so hilf uns, da ein anderer erlegt werde.
    Lutz berlegte. Vieles darf ich fr meinen Herrn tun und willig gab ich
Freiheit und Leben in eure Hand, aber wenn ihr mich gebrauchen wollt, da ich an
Stelle eurer Knaben irgendwie einen Christen oder Heiden hinterrcks treffe, so
habt ihr euch grblich in mir geirrt, und ich antworte euch, ich tue es nimmer
und um keinen Preis. Darum macht mit mir, was ihr wollt, aber ein Mrder werde
ich nicht.
    Meine Shne gebrauchen nicht fremde Hilfe, um einen Feind, der ihnen
gewiesen wird, zu verfolgen; sie tragen die Rache ber Land und Meer und wissen
in Alexandrien und Messina den Todesgru zu bieten. Die Missetat aber, um welche
wir trauern, blieb auch uns geheimnisvoll. Darum begehren wir deine Hilfe, da
du den Mann erkundest, welcher die Tat geleitet hat, und da du nach den
Gebruchen des Abendlandes das Leben des Mrders austilgst. Wir fordern von dir
nur, was in deinem Volke fr ehrenwert gilt; willst du den Gefangenen befreien,
so sei unser Kmpfer, um die Bluttat zu rchen.
    Nachdenkend versetzte der Thring: Wegen der schweren Tat, welche an dem
Gast und dem Gesandten meines Kaisers verbt wurde, darf ich den Gerichtskampf
fordern als Christ und Ritter. Doch, Herr, erst mu ich glauben, da ein Christ
Anstifter und Vollbringer wurde, und ich mu wissen, wer der Tter war. Wie
knnt ihr mir Sicherheit darber geben, da Ihr selbst, wie Ihr sagt, in Zweifel
seid?
    Der Scheik neigte das Haupt. Zwei Zeugen bergebe ich dir, der eine ist der
schwarze Knabe, den wir in dem Tale des Todes fanden, er wei von der Untat zu
berichten, doch ist er ein Sklave. Der andere Zeuge aber ist dieses Werkzeug.
Er winkte, einer der Geweihten trug ein Dolchmesser herbei, dessen Spitze durch
eine goldene Kapsel gestochen war, wie sie kaiserlichen Briefen angehngt wurde,
um das Siegel zu bewahren. Dies Messer durchbohrte das Tuch und den
kaiserlichen Brief, welchen dein Herr auf der Brust trug, beide hemmten die
ttende Gewalt des Stoes. Den Knaben und das Messer sollst du ohne Sumen zu
deinem Kaiser bringen mit dieser Botschaft aus unseren Bergen: Gemeinsam sei der
Schimpf, den er und die Ismaeliten erduldet, darum senden wir an ihn die Zeugen
und den Rcher, nach der Sitte seines Landes, damit er selbst fr unsere und
seine Rache sorge. Dies ist der Dienst, den wir von dir begehren, denn wir haben
erkannt, da du nicht zu den Argen gehrst, sondern zu den Treuen. Leiste uns
einen Eid nach deinem Glauben, da du von hier ohne Aufenthalt ber das Meer vor
das Angesicht des Kaisers eilen willst.
    Da hob der Thring die Hand in die Hhe und sprach den Eid. Gestatte mir,
bevor ich scheide, meinen Herrn zu sehen.
    Du wirst ihn wiedersehen, antwortete der Scheik, wenn er durch dich
entledigt zwischen Messer und Kreuz am Grenzsteine steht, nicht eher. Geendet
sei die Rede, meine Shne geleiten dich. Nimm die Zeugen mit dir und gedenke
deines Eides.

Whrend Lutz mit dem Knaben Ali zum Tor der Burg hinausritt, lag der Gefangene
wenige Bogenschsse von ihm entfernt auf dem Dach eines morgenlndischen
Landhauses. Vor ihm ffnete sich ein lachendes Tal, tief in das Gebirge
eingesenkt, von allen Seiten mit hohen Felsen umschlossen. berall brachen
starke Quellen aus dem weien Gestein, sie strudelten und rauschten, bis sie
sich unten zu einem See vereinigten. Bei dem milden Herbstlicht wies der Grund
ein ppiges Grn, denn kleine Rinnen, von Menschenhand gezogen, verbreiteten
weithin das lebenspendende Wasser. In heiterer Ruhe lag das Tal wie geschieden
von der Welt. ber mchtige Fruchtbume ragten auf kleinen Anhhen die
Turmhuser der Landleute, am Fu der Felsen kletterten genschige Ziegen, und
groe Koppeln edler Rosse tummelten sich im Gehege.
    Der Gefangene war nur an dem blonden Bart und der helleren Hautfarbe als der
Fremde zu erkennen, er trug das reiche Gewand eines Morgenlnders und redete
arabisch mit seinem Wchter Achmed, einem Jngling, der seinem lteren Bruder
Hassan in Gestalt und Gebrde hnlich war. Lange weilt der Knabe Ali auf der
Burg, begann Ivo.
    Unser Vater, der Scheik, hat ihn zu sich befohlen, antwortete Achmed.
    Es geschah zum erstenmal, murmelte Ivo unruhig, und da er die verwunderte
Miene seines Gefhrten sah, setzte er lchelnd hinzu: Wer nicht von groer
Sorge bedrngt wird, der schafft sich kleine.
    Der Jngling wies hinab in den Hof, wo braune Mdchen in leichtem Gewande
sich zum Klange einer arabischen Laute zierlich im Kreise drehten. Sie zeigen
dir ihre beste Kunst; es wird sie krnken, da du so wenig auf sie achtest, denn
der Sklavin ist der freundliche Wink des Herrn der beste Lohn.
    Auch ser Trank wird verleidet, antwortete Ivo mit ernstem Lcheln, ihre
behende Kunst gleicht dem Gesange der Nachtigallen in deinem Tal. Bei mir daheim
gilt derselbe Vogel fr den lieblichsten Snger und wir lauschen ihm freudig.
Hier aber hrte ich im Frhling nicht einzelne singen, sondern scharenweis
schmetterten sie im Laube und nahmen mir jede Nacht den Schlummer. Viel Wonniges
ist hier gehuft. Zrne mir nicht, Achmed, wenn ich, des Reichtums berdrssig,
mich nach der Armut meines Landes sehne.
    Kommt dich die Schwermut an, versetzte der Jngling, so lasse ich dein
Ro satteln und wir reiten durch das Tal.
    Auch die Wege dieses Tals haben wir durchmessen. Von Balsam duftet der
Grund, und tglich erblhen neue Blumen, dennoch ist es fr den Gefangenen ein
geringer Unterschied, ob er die Schritte zhlt von einer Kerkerwand zur andern
oder die Sprnge des Rosses von Fels zu Fels.
    Sonst warst du anders, rief unzufrieden der Jngling.
    Habe Geduld, du treuer Wchter. In Thringen erzhlen die Leute, da eine
holde Gttin, Frau Minne, im Innern der Berge wohnt und junge Helden zu sich
lockt, sie beharren lange bei ihr in Freuden, zuletzt verzehrt sie doch der
Kummer nach der Oberwelt. So habe ich hier gelebt wie im Traume, und wenn du
mich den Sinn eurer Lieder lehrtest, so war mir zuweilen, als knnte ich im
Morgenlande heimisch werden; jetzt ist auch fr mich der Zauber gelst. Wisse,
mir gelang es, aus deinen Bergen einen heimlichen Gru in die Heimat zu senden;
ich sage dir nicht wie, damit du niemandem zrnst. Mit dem Gru wandert jetzt
meine Seele jeden Tag, ungeduldig folge ich dem Boten auf Schritt und Tritt; ich
sehe ihn am Hafen und auf dem wilden Meer, und wie er die Botschaft in die Hand
eines Weibes legt, der ich gern vertraue. Wahrlich, neulich am Abend erkannte
ich die blonden Zpfe der Magd Friderun neben der braunen Tnzerin dort unten,
und ich schob das Mdchen zur Seite, um das Haar der Deutschen zu fassen. Zu
Ro, Geselle, schlo er, sich aufrichtend, fliegt der Rappe dahin wie ein
Pfeil, und saust die Luft um die Schlfen, so hre ich wohl auf, dir gleich
einem Weibe Klagelieder zu singen.
    Von der Burg jagte ein Reiter heran, Achmed empfing die Botschaft und kehrte
bestrzt zurck. Unser Vater, der Scheik, fordert dich vor sein Angesicht.
Gleich darauf klang von der Hhe ein scharfer, eherner Ton ber das Tal, und aus
der Ferne antwortete der Gegenklang. Die Mnner meines Geschlechts werden
aufgeboten zum Waffenritt.
    Mir ahnt, sagte Ivo ernst, dies verzauberte Leben nimmt ein Ende. Ich bin
bereit; nur mein altes Eisenhemd tue ich um, denn mir ziemt nicht, im Gewande
dieses Tales vor deinen Herrn zu treten. Dir aber, Jngling, danke ich, wenn ich
nicht wiederkehre, fr deine Sorge, denn treu wie ein Bruder warst du dem
fremden Mann.
    Ivo hatte nur einmal, als er mit seiner Wunde in den Burghof getragen war,
den Herrn der Berge undeutlich gesehen, denn der Greis stieg niemals von seiner
Hhe in die Tler hinab. Als er jetzt in die Halle trat, fand er den Scheik
allein auf seinem Polster sitzen, er sah eine hohe gefurchte Stirn und zwei
Augen, welche scharf wie die eines Adlers nach ihm blickten. Dann senkte er nach
der Sitte des Ostens sein Haupt und harrte der Anrede.
    Zwei Sommer weilst du bei uns, nicht als Gast, denn du beharrtest nicht
freiwillig; nicht als Gefangener, denn meine Shne haben dich geehrt gleich
einem Gastfreund. Zwei Sommer war dein Mund verschlossen, und die Pforte deiner
Heimkehr blieb verschlossen, weil du dich geweigert hast, vor deinem Kaiser und
deinem Volk Klger zu werden ber verruchte Missetat. Doch bevor das Laub vom
Baume fllt, wandelt es sein Grn in bunte Farben; auch du wandelst wohl, bevor
du aus dem Tal des Lebens scheidest, deine Gedanken. Darum frage ich dich in der
letzten Stunde: Willst du ungesprochen mit dir nehmen, was nach der Sitte deines
und meines Landes Racheruf fordert?
    Ich mu schweigen, Herr, antwortete Ivo, was mir auch darum geschehe.
    Dann scheidest du, Christ, wie du kamst, nicht Freund, nicht Feind, als ein
Fremder, an den wir denken wie an die Wolke, welche vorberzog. Meine Shne
gewhren dir die Entlassung, wandle dahin, ungescholten und ungegrt.
    Ivo vermochte nicht zu antworten, in der Freude bebte ihm das Herz; er sah
sich in dem Hause seiner Vter, ihm war, als hrte er auf seinem Sller den
Gesang der kleinen Vgel und den Speerruf seiner Ritter, und er neigte stumm das
Haupt. Der Alte fuhr fort: Einem Sohn meines Volkes hast du Treue bewiesen, wir
fanden dich blutend ber dem Leibe des Toten; die Mnner des Geschlechtes Hassan
achten darauf, dich in Ehren zu entsenden. Sie knnen dir nicht Gastgeschenke
bieten, die der freundliche Wirt gibt und die der Gast nicht ausschlagen darf,
du selbst magst dir vom Boden heben, was fr dich bereit liegt. Der Alte winkte
und fhrte ihn in den Hof, dort waren zwei Teppiche gebreitet, auf dem einen
seidene Gewnder, darber ein Schwert in goldener Scheide, der Griff mit einem
groen Edelstein geschmckt; daneben hielt Achmed das arabische Ro, auf welchem
Ivo durch das Tal gesprengt war, und den ritterlichen Speer mit dem Rohrschaft.
Auf dem andern Teppich lag ein Pilgerkleid mit Hut und Stock, wie arme
Christenwaller trugen. Whle, sprach der Scheik.
    Ivo trat an die Seite des Rosses, strich am Halse herab und sagte ihm leise
in das Ohr: Lebe wohl, Rappe. Dann hob er Pilgerkleid und Hut vom Teppich. Der
Scheik neigte das Haupt, machte das Zeichen der Entlassung und trat in die Halle
zurck. Ivo aber hob den Arm gegen das Tal, welches in der Tiefe vor ihm lag:
Mge der hohe Vater im Himmel auch hier die Guten beschtzen und ihnen mildere
Sitten verleihen. Er zog das Pilgerkleid ber sein Eisenhemd und ergriff den
Stab, da fhrte Achmed traurig das Ro zu ihm und sprach: Noch einmal soll es
dich tragen bis zum Grenzsteine, denn ich und mein Geschlecht geben dir das
Geleit. Ivo schwang sich auf und sprengte aus dem Hofe, drauen hielt ein Haufe
Bewaffneter, an ihrer Spitze flog er neben Achmed den Felsen hinab in das Tal.
    Er zog still wie im Traume dahin, auch der Jngling ehrte durch Schweigen
die ernsten Gedanken, doch war er immer herzlich um ihn bemht, und wenn der
Christ des Weges nicht achtete, rief er dem Ro leise Mahnungen zu. So ritten
sie Stunde auf Stunde in gestrecktem Lauf, bis sie an die Wildnis kamen, welche
das Gebiet der Bruderschaft von dem Lande der Christen schied. Vor ihnen erhob
sich weit sichtbar ein weier Stein mit den Grenzzeichen, der Jngling hob den
Arm gegen sein Gefolge, die Ismaeliten riefen laut ihren Kriegsruf, fuhren auf
ihren flchtigen Rossen blitzschnell durcheinander und schleuderten das Holz der
Wurfspeere an die metallenen Schilde, den Scheidenden im Getmmel umkreisend,
dann hielten sie pltzlich still und Ivo neigte dankend das Haupt, Achmed sprang
ab, ergriff den Zgel des Rappen und sagte, auf einen Haufen der Geweihten
zeigend, der dicht geschlossen jenseit des Grenzsteines hielt: Diesen mu ich
dich bergeben, und eine Tasche von der Seite lsend, setzte er mit stockender
Stimme hinzu:
    Nimm hier und sei gesegnet. Ivo sah ihn dankbar an: Solange ich lebe, bin
ich deiner eingedenk. La mich gehen, wie ich kam. Doch der Jngling hielt noch
einmal mit gesenkten Augen die Tasche hin: Nimm nur so viel von mir, da du dir
Nahrung kaufen kannst beim ersten Hunger. Da hob Ivo aus der Tasche zwei der
kleinsten Silbermnzen und sagte: Einst mahnte mich ein Darbender, dem ich ein
Goldstck zuwarf, an den Tag, wo auch ich eine Spende aus fremder Tasche suchen
wrde. Lebe wohl. Der Ismaelit wich zurck, und Ivo schritt an dem Grenzstein
vorber gegen die Sonne, welche sich zum Abend neigte. Die Reiter vor ihm stoben
auseinander, und er sah auf dem Felde den Knaben Ali stehen und neben diesem
einen Christenpilger. Im nchsten Augenblicke fhlte er sich an der Hand gefat
und vernahm mit Entzcken die deutschen Worte: Guten Tag, Herr, seid willkommen
zur Reise in die Heimat.

Unterdes hatte Bruder Sibold seinen Schtzling bis nach der Stadt Anagni
geleitet, wo Papst Gregor am liebsten weilte. Dort hielt er vor einem
Frauenkloster und eilte, nachdem er Friderun der Sorge frommer Schwestern
empfohlen, zu seinem Meister, welcher ihn ungeduldig erwartete. Bringst du die
Urkunde aus dem preuischen Grenzlande, so sei dreimal gesegnet, denn der
Heilige Vater ist feurig fr unsere Fahrt gegen die preuischen Heiden und sorgt
tglich um unsere Vertrge mit all den christlichen Nachbarn, welche Anspruch
auf das Heidenland erheben. Mit der Urkunde ging der Meister zum Papst. Wenige
Tage darauf stand er neben dem Heiligen Vater in einer Kapelle der Kathedrale,
und Papst Gregor, ein stattlicher alter Herr mit groen munteren Augen begann:
    Du hast aufs neue deine Kunst bewhrt, zu vershnen. Ich habe den Kaiser
bei unserem Wiedersehen demtiger gefunden, als ich erwartete; ich hoffe, der
verlorene Sohn, welcher zu seinem Vater zurckgekehrt ist, hat in den Jahren des
Bannes Bescheidenheit gelernt.
    Oft habe ich seine Weisheit im Heiligen Lande bewundert, antwortete
Hermann. Alles, was den Heiden abgerungen wurde, hat nur er durchgesetzt. Da er
gebannt war, konnte er wahrhaftig nicht mehr erreichen.
    Willst du mir andeuten, mein Sohn, da die Zuchtrute zu schnell geschwungen
wurde? versetzte der Papst in guter Laune. Du freilich hast immer zur Geduld
mit diesem argen Weltkinde geraten. Gern vertraue ich deiner Einsicht und
Redlichkeit, aber du gleichst nur einer von den vielen Pfeifen in dieser Orgel,
andere sind die Bischfe und Mnchsorden, und noch andere deine Gegner, die
Johanniter und Templer. Ich aber gebrauche fr das Hohe Lied, welches zur Ehre
Gottes erklingt, alle Tne des heiligen Instrumentes, bald diesen, bald jenen.
Jetzt ist die Stunde gekommen, wo ich dir, du wohltnendes Rohr der Kirche, den
Mund ffne, damit du eine neue Weise zu Ehren der hohen Gottesmutter intonierst.
Ich erkenne, da fr die nchste Zukunft in dem Gelobten Lande keine Mehrung
unserer Wrde durchzusetzen ist. Deshalb will ich die neue Kreuzfahrt in die
Nhe richten und dir und deinen Brdern die Unterwerfung der heidnischen Preuen
anvertrauen. Ich habe auch die Urkunde erhalten, durch welche der Polenherzog
Konrad deinem Orden seine Grenzen ffnen will, damit ihr ein Kreuzheer in das
Preuenland geleitet. Aber eine so liederliche und trichte Schrift habe ich
kaum jemals gesehen, das Datum fehlt und jede gebhrliche Form, und sogar die
Hauptsache ist verschwiegen, eure Kreuzespflicht, das Land Preuen zu erobern,
damit ihr es unter meiner Oberhoheit besitzet. Ich frchte, der Herzog und sein
Kanzler waren nach ihrer Unsitte sauren Weines voll.
    Die Brder klagen, da mit den Polen schwer zu verhandeln ist, versetzte
ehrerbietig der Meister, am Morgen sind sie voll Argwohn und am Abend behende
mit Umarmungen, aber unfhig zu bedachtsamer Rede.
    Dennoch fordere ich, da die Urkunde ein ehrbares Ansehen habe, denn sie
soll uns in saecula saeculorum dienen. Er mu eine andere ausstellen und meine
Kanzlei soll sie ihm selbst vorschreiben, damit er sie nur unterzeichne.
    Meine Brder werden auf eine Gelegenheit harren mssen, wo der Pole wieder
einmal ihre Dienste ersehnt, bemerkte Hermann.
    Wende nur einige edle Pferde oder auch Geld an den Kanzler, riet der
Papst, von solchem Geschenk mu er seinem Herrn abgeben, dergleichen
Linsengericht macht diese Shne Esaus gutwillig. Dem Magister Konrad in Hessen
habe ich gebieten lassen, das Kreuz zu errichten und eine Preuenfahrt zu
verknden. Er wird es an sich nicht fehlen lassen. Und wahrlich, es tut not, in
Deutschland die Seelen an den Dienst der Heiligen zu mahnen, denn Trauriges
vernehmen wir von Unglauben und ruchloser Ketzerei, welche dort heimlich in die
Seelen schleichen. Du aber, mein Sohn, nimm als Lohn fr die Vershnung mit dem
Kaiser das neue Amt auf dich. Gern vertraue ich dir, denn du hast immer den
Frieden betrieben, whrend andere eifrig waren, den Zwist zu nhren. Auch deiner
Bruderschaft vertraue ich gern, denn deine Deutschen sind, wenn sie etwas
beginnen, hartnckig und wtend gegen ihre Feinde, und lieber sehe ich die neue
Eroberung in euren Hnden, als in der Gewalt meiner Shne von St. Johannes,
welche allzu reich und weltlich werden. Und Bruder Peter vom Tempel lt es zwar
an Ehrfurcht gegen uns nicht fehlen, und sendet auch reichlicher Geld als ihr
andern, aber ich frchte, die Christenliebe gedeiht in seinen Konventen nicht
allzu wohl. Doch wegen jenes Mordes, der vor Jahren an der kaiserlichen
Gesandtschaft begangen wurde, haben sich die Templer entschuldigt. Denn durch
sie wurden nur Unglubige gettet, wie du wissen wirst.
    Ich habe nur vernommen, was das Gercht kndet, versetzte Hermann
vorsichtig.
    Der Papst aber fuhr redselig fort: Und wie der arme Bischof von Valenia
meinem Kmmerer schrieb, soll jener Gesandte auch gar nicht tot sein, sondern
den Mrdern entronnen und bereits zu Schiff auf der Heimkehr. Hatte jemand bei
dem schlimmen Handel schuld gegen einen Christen, so mag der Kaiser den Tter
unter solchen suchen, die er fr seine Treuen hlt, obgleich die heilige Kirche
manchen von ihnen besser kennt als er. Gehe also mit meinem Segen. Ich wei, du
kluger Rat, ich erflle dir jetzt einen Herzenswunsch, den du lange in geheimer
Seele bewahrt hast.
    Als der Meister in seine Herberge zurckkehrte, sagte er zu Bruder Sibold:
Nirgend erfhrt man so viel Neues aus der Welt als hier, und dem Heiligen Vater
macht es zuweilen Freude, davon zu erzhlen. Sorge dafr, da dein Schtzling
seine Worte in acht nimmt, denn die frommen Schwestern werden sie neugierig
ausfragen. Schaffe ihr auch das Gewand einer Mitschwester, damit sie in meinem
Gefolge nach Otranto reisen kann, dort werde ich den Kaiser treffen.
    Bange Wochen vergingen der Pilgerin, zuerst auf der Fahrt im Gefolge des
Meisters, dann zu Otranto in einem Frauenkloster, bis Hermann sie in die
kaiserliche Burg geleitete. Auf dem Wege wies der Meister nach dem Hafen: Das
Schiff, welches dort einfhrt, kommt aus dem Heiligen Lande, die Kreuzfahne der
Pilger steckt am Mast. Vielleicht bringt es auch dir Neues.
    Als Hermann fr die Magd Zutritt erbat, fragte der Kaiser spttisch: Du,
strenger Meister, fhrst mir ein Weib zu?
    Sie ist im Geheimnis des schwarzen Kreuzes, versetzte Hermann, sie und
ihr Vater haben der Bruderschaft Gutes getan.
    Und du willst, ich soll fr die Dienste bezahlen, die sie deinem Orden
erwiesen hat? Ist sie jung und hbsch, eine Edle oder doch unter dem
Ritterschild geboren?
    Es ist Friderun aus Thringen, die Tochter Bernhards, der des Kaisers
Richter war. Sie kommt nicht mit leichtem Herzen; Eure Nichte, die edle Hedwig,
bergab ihr ein Zeichen fr Euch.
    Der Kaiser sah verwundert auf. Lat sie allein ihr Leid klagen. Als
Friderun in die Halle trat, kniete sie nieder, hob flehend den Ring in die Hhe
und bot ihn dem Kaiser dar, der sie von seinem Sessel forschend ansah. Whrend
Friedrich das Juwel betrachtete, wartete sie mit gesenktem Haupt und gefalteten
Hnden auf die Anrede.
    Bringst du mir eine Botschaft von der Dame, welche dir diesen Ring gab, so
sprich.
    Ich komme eine Klage zu verknden, welche die Landgenossen zwischen Berg
und Tal einander leise in das Ohr sprechen. Die Welt ist in Not und Trauer; wenn
die Bume grnen und wenn der Wintersturm durch kahle ste saust, jahraus,
jahrein, harren wir vergeblich auf den hchsten Herrn der deutschen Erde, der
ber Recht und Frieden waltet.
    Senden die Bauern aus Thringen solche Botschaft an den Kaiser? fragte
Friedrich verwundert.
    Auf dem Berge steht der Baum, fuhr Friderun begeistert fort, an welchen
der Kaiser seinen Heerschild hngen soll. So verknden die Alten. Manche
behaupten, da dieser Kaiser lngst gestorben sei und nur noch als Geist in der
Tiefe des Berges hause; wenn der Nachtwind braust, meinen sie ihn zu hren, wie
er herrlich durch die Lfte fhrt, und sie entsetzen sich. Der Vater aber sagt,
nicht ein Nachtgeist, sondern unser Herr, der unter der welschen Sonne wohnt,
werde ber die Berge in das Land dringen mit seiner Heeresmacht, um sein armes
Volk aus der Bedrckung zu retten, die wir von den falschen Richtern und von den
raubenden Rittern erdulden. Ihr seid der Herr, und auf Euch hoffen wir.
    Friedrich sah sie betroffen an, er dachte daran, da er erst vor kurzem die
eigene Richtergewalt den deutschen Frsten geopfert hatte. Und das Mibehagen
darber niederkmpfend, spottete er: Ich bin eurer Treue dankbar, da ihr mir
das Amt des groen Knigs Karl zuschreibt, einmal aus dem Schlaf zu erwachen und
eure Ruber an den Baum zu hngen. Unterdes saen wir hier nicht mig, du
deutsche Sagenerzhlerin. Euch aber fehlt, wie ich hoffe, in eurer Verlassenheit
ein christlicher Trost nicht: Der Heilige Vater ist eifrig, die Guten zu locken
und die Bsen zu erschrecken.
    Wir vernahmen, da zwei Schwerter vom Himmelsherrn in die Welt gesandt
sind, um die Vlker zu regieren, das eine fhrt Ihr und das andere der Papst in
Rom, den sie den Heiligen Vater nennen. Der Kaiser sah wieder auf. Wir aber im
Dorfe wissen, da zur Zeit der Vorfahren nur ein Herr ber uns gewaltet hat, der
von deutschem Blute war, unser Kaiser.
    
    Ist das Bauernmeinung? fragte Friedrich, ht dich, du schne Unglubige,
da dich kein Pfaffe hrt. Wisse, Kaiser und Papst sind wieder gut Freund.
    Wir bewahren solche Gedanken vor jedermann, auer vor Euch, denn Ihr seid
uns der Hchste auf Erden.
    Friedrich rhrte mit der Hand an ihr Haupt und sprach gtig: Steh auf und
sprich mit deutlichen Worten, was du von mir begehrst. Denn nicht deiner Bauern
wegen hast du den Ring empfangen.
    Lat mich knien, Herr, bat Friderun, Schweres habe ich Euch zu verknden
und Ihr sollt, wenn Ihr mir darum zrnt, nicht vergessen, da ich eine arme
Flehende bin.
    Rede, wie du willst. Weshalb hast du die weite Fahrt zu mir gemacht?
    Damit Eure Macht den Herrn Ivo befreie, denn er liegt gefangen am Berge
Libanon.
    Friedrich fuhr auf: Was soll die Rede? Du begehrst des Kaisers Hilfe fr
einen Toten?
    Die Magd zog die gebundene Locke aus ihrem Gewande. Er lebt, so wahr dies
Haar von seinem Haupte ist; dies Zeichen sandte er aus einem Volke, von dem sie
Furchtbares erzhlen.
    Und dir sandte er den Notruf? Nicht du bist die Vertraute, welche die Farbe
seines Haares kannte.
    Friderun senkte den Blick. Ich lebte als Kind auf dem Edelhofe.
    Wahrlich, dies ist kein Trug, fuhr Friedrich fort, sie scharf betrachtend,
und mein alter Omar behlt am Ende recht. Doch weshalb kommst du, fr ihn zu
reden, da du nicht von seinem Geschlechte bist?
    Vor alter Zeit, als die Flamme loderte, die aus dem Rachen des ledigen
Wurmes kam, rettete eine Frau meines Stammes seinen Ahnherrn, darum meinten wir,
da wir dem Nachbar die alte Treue erweisen mten. Ich trage heimlich mit mir,
was ihn befreien mag, wenn die Fremden Lsegeld nehmen. Seht her, sie zog aus
ihrem Gewande ein Tuch, knotete es am Boden auf und wies es gewichtig dem
Kaiser, der darin edle Steine und Goldschmuck sah in derber Fassung, wie sie auf
deutschen Edelhfen bewahrt wurden.Es ist der Schatz seiner Mutter, erklrte
Friderun, ich bringe ihn Euch, Herr Kaiser, Ihr werdet am besten wissen, wie
man ihn zu seiner Rettung verwendet.
    Friedrich sah lchelnd auf den Knuel. Packe ein, du Einfalt, und erzhle
mir genau, was du von seiner Gefangenschaft erfahren hast.
    Die Magd berichtete, was ihr der Brtige zugetragen hatte, und darauf von
ihrer Reise. Unterdes hielt der Kaiser nachdenklich den Ring in der Hand. Du
sahst den Knig Heinrich? unterbrach er ihre Rede.
    Ich sah ihn, antwortete Friderun zgernd.
    Wie sah er aus, was sprach er zu dir? Rede, Magd, du warst erst so
spruchreich, jetzt stockt dir das Wort in der Kehle. Durch den Ring wei ich,
da du mir Ernsthaftes zu sagen hast.
    Frau Hedwig zog mich auf eine Bhne; an der Wand eines groen Saales war
diese erhht und durch einen Teppich verschlossen. Hier harre und hre,
flsterte sie, verrtst du deine Nhe, so wird es dein Verderben. Durch eine
ffnung sah ich hinab in den Saal, wo fnf vornehme Herren beim Becher saen.
Vernimm auch die Namen, raunte sie mir zu, damit du sie melden kannst. Der
bleiche Jngling ist Knig Heinrich, und der Starke mit dem gelben Bart ist
Herzog Ludwig von Bayern.
    Der Kaiser stand auf. Weiter!
    Jener ist der Bischof von Straburg und der Rote im Pelzrock ein Gesandter
aus Bhmen.
    Wenn meine bittersten Feinde nach Speier reiten, um mit dem Sohne zu
trinken, so wird der Vater wohl die Kosten des Gelages zu zahlen haben,
murmelte Friedrich. Fahre fort.
    Die Herrin verlie mich, ich stand allein und vernahm vieles, was ich nicht
verstand, bis die Frau selbst durch eine Tr in den Saal trat und von ihrem Sitz
den Namen unseres Herrn, des Kaisers, nannte. Da vernahm ich Gelchter und
frevelhafte Reden, und einer rief: Das Ro des Deutschen Reiches ist es mde,
zwei Reiter zu ertragen, der eine sitzt darauf, der andere will's von fern an
der Leine lenken. Zerschneidet die Leine, da der junge Knig frei durch das
Land reite. Und ein anderer sprach: Unwrdig ist es, einen Knig am Gngelband
zu fhren, eine Knigin begehrt er sich nach seinem Herzen, die verhate
Gemahlin, welche ihm der Sarazene Friedrich aufgedrungen hat, jagt er aus seinem
Hause und whlt sich ein schmuckes Knigskind aus Bhmerland. Und ein dritter
riet: Durch Seufzen und Schelten wird nichts gebessert, steht fest zusammen,
werft die hohen Briefe, welche ber die Alpen zu uns fliegen, ins Feuer und
sperrt die welschen Tore.
    Der Kaiser fate die Magd hart am Arme und schttelte sie. Und was sprach
Knig Heinrich? Friderun schwieg. Rede, wenn dir dein Leben lieb ist,
Horcherin.
    Friderun erhob sich. Nehmt mein Leben, aber die Horcherin verklagt nicht
den Sohn bei seinem Vater. Schon zuviel habe ich Euch von dem gesagt, was ich
mit Unrecht hrte, und wer mir zornig droht, schliet mir die Lippen, auch wenn
er mein Herr und Kaiser ist.
    Friedrich schritt heftig auf und ab, bis er vor Friderun stehenblieb, welche
sich wieder auf ihre Knie niedergelassen hatte. Du hast recht, Magd, es bringt
Unglck, die Geheimnisse der Knige zu erlauschen. War keiner, der den dreisten
Reden widersprach?
    Keiner, antwortete Friderun.
    Vier Namen nanntest du mir; wer war der fnfte?
    Die Frau nannte ihn nicht.
    Ein finsterer Mann mit schwarzem, geschorenem Haar, der Grfin Hausherr.
    So war er, und dieser gebot den Dienern. Als die Knaben mit goldenem Gert
eintraten, erhob sich die Frau, welche stumm unter den Mnnern gesessen hatte,
und wieder trat sie an die Tr des Verstecks, zog mich hinaus und sprach: Was du
vernommen hast, sei dein, verschweige es oder gebrauche es nach deinem Gefallen.
Samen der Zwietracht schwenke ich aus dem Tor, ob er verwehe, ob er hafte, ob er
Heil bringe oder Verderben. Und mit bleichem Antlitz ohne Gru entlie sie mich.
Auch ich sah nicht rckwrts, als ich aus dem Hause entfloh.
    Langes Schweigen folgte ihren Worten. Friedrich warf sich in den Sessel und
beugte das Haupt. Die undeutlichen Worte gleichen dem mitnenden Schrei einer
Eule, sprach er zu sich selbst, wer sie abwgen will, der vermag keinerlei
Beweis zu finden, und doch regen sie eine wilde Flut von Schmerz und Sorge auf,
denn sie stimmen zu anderen Berichten und sind Besttigung einer Ahnung, die ich
vor mir selbst verbarg; und der groe Herr der Erde barg das Gesicht in seiner
Hand.
    Es war so still in dem Gemach, da man die Stechfliegen summen hrte, welche
an dem Schleiertuch des Fensters auf und ab fuhren und Einla begehrten. Da
drang aus den Lippen des Kaisers leise der Jammerlaut: Heinrich, mein Sohn!
Gegen den kinderlosen Alten stand ich in frohem Vertrauen auf den Nachwuchs
meines Geschlechts. Mein Werk sollte fortleben in meinen Shnen, die Fden habe
ich gezogen ber Land und Meer, damit, wenn ich scheide, meine Knaben das Gewebe
vollenden; jetzt zerreit der eigene Sohn ruchlos die Arbeit meines Lebens. -
Drauen klang der Ruf der Wachen und kriegerische Musik, darauf Saitenspiel und
das Schwirren und Lachen Sorgloser. Das Sonnenlicht fiel gedmpft durch den
Vorhang in den Raum und umsumte das Haar des Kaisers, im Schatten kniete das
Mdchen aus Thringen, der graue Mantel der Bruderschaft wallte ihr um den Leib,
da sie aussah wie ein Geist der heimatlichen Berge. Endlich erhob sich
Friedrich, sein umherirrender Blick haftete auf der fremden Frau, und wild zogen
sich seine Brauen zusammen. Was kauerst du hier, Unglcksgestalt? Ich sage dir,
da es Tod bringt, in die Geheimnisse der Knige zu dringen.
    Ich wei, wie einem Vater ums Herz ist, der um den verlorenen Sohn
trauert, antwortete Friderun, habe ich Euch Unglck verkndet, so zrnet dem
Boten nicht, ich durfte nicht verschweigen, was ich widerwillig gehrt; denn wie
der Vater im Himmel grer ist als der Sohn, so soll auch auf Erden der Kaiser
mehr sein als der junge Knig. Er ist jung, Herr, und er lachte sorglos wie ein
leichtherziger Knabe. Er sieht Euch auch hnlich, hoher Herr, und jedermann mu
merken, da er von Eurem Geschlecht ist. Leicht wird ein Sohn verlockt, wenn
arglistiger Rat in sein Ohr dringt. Das haben auch wir in unserem Hofe
erfahren.
    Du sprichst gut, murmelte der Kaiser, gegen den Arglistigen hebt sich die
Hand des Rchers.
    Aus dem Hofe klang vielstimmiger Freudenruf und gleich darauf die
Totenklage, welche unter den maurischen Kriegern gebruchlich war. Der Kaiser
trat zornig an das Fenster: Vergessen auch meine Leibwachen die Ehrfurcht vor
ihrem Herrn? Was verstrt ihnen die Zucht?
    Ein Leibwchter meldete eilig: Der Knabe Ali steht unten und bei ihm ein
deutscher Ritter.
    Herein, befahl Friedrich. Er ffnete die Tr eines Nebenzimmers und gebot
der knienden Friderun: Tritt zur Seite. Als er sich umwandte, erkannte er den
Thring Lutz mit dem nubischen Knaben. Steht auf, Mann. Ich sah Euch zuletzt
auf trauriger Warte bei Jerusalem, und ich merke, nicht fruchtlos war Euer
Harren, denn Ihr habt etwas von dem gefunden, was Ihr suchtet. Vernahmt Ihr von
dem Gefangenen?
    Mein Herr Ivo harrt am Tore auf die Erlaubnis, vor des Kaisers Angesicht zu
treten.
    Ihr bringt ihn, rief Friedrich in freudigem Erstaunen, warum sendet er
Euch voraus?
    Ich habe einen Handel gemacht wegen seiner Rckkehr mit dem weibrtigen
Alten im Libanon und gedachte zuerst dem Heiden meine Treue zu erweisen. Denn,
Herr Kaiser, durch hohen Eid bin ich verbunden, die Missetat zu rchen, welche
beim Grenzsteine der Messer verbt wurde an meinem Herrn, an dem Helden Hassan,
an dem Mauren Abdallah und an dessen fnf Begleitern. Als Klger stehe ich hier
gegen einen Christen, den die Heiden im Gebirge mit ihrer schleichenden Rache
nicht zu erreichen wissen. Ich bringe die Zeugen mit mir und fordere, wenn des
Kaisers Majestt den Schuldigen erkennt, Kampf gegen ihn im Gottesgericht.
    Du meinst Peter Montague vom Tempel, rief Friedrich.
    Die Templer hatten teil an der Tat, denn ihr Meister selbst hat vorher
meinen Herrn gewarnt; aber der Stifter und Fhrer des berfalls war ein
anderer.
    Weit du den Namen? fragte Friedrich mit flammenden Augen.
    Ich denke, da ich ihn kenne, antwortete Lutz vorsichtig. Mge mein Herr
und Kaiser ihn selbst durch das Zeugnis erfahren. Die Mrder kamen als ein
groer Haufe in der Tracht schweifender Kurden, nur der Knabe Ali entrann in den
dunklen Wald. Die letzten Worte, welche er vernahm, rief ein Kurde in der
Sprache der Lateiner, als er sich gegen Herrn Ivo warf, und die Worte waren:
Hier, Minnesnger, nimm den Dank. Als die Ismaeliten herzueilten, fanden sie die
berfallenen Mnner am Boden, die Rosse entfhrt, meinen Herrn ber der Leiche
des Helden Hassan, in seiner Rstung diese Waffe. Er wies dem Kaiser den Dolch,
an dessen Spitze noch die goldene Kapsel steckte. Die Ismaeliten meinten, der
groe Kaiser werde an dem Messer und an den Worten des Knaben den Tter
erkennen.
    Friedrich warf einen Blick auf den kunstvoll gearbeiteten Griff der Waffe
und schleuderte sie auf den Tisch. Ich sah sie schon frher. Er wandte sich zu
dem Knaben und sprach Arabisch mit ihm. Dann trat er an den Tisch und starrte
auf die Waffe. Es ist lange her, mein Vetter, da du deine Wahl getroffen hast
zwischen Vater und Sohn. Den vereitelten berfall im Bade darf ich wohl auch auf
deine Rechnung schreiben. Seitdem habe ich manches Mal deine Falschheit geahnt.
Was ich dir gewhren konnte, hattest du erreicht, als vertrauter Rat des Knaben
Heinrich hofftest du der groe Gebieter der Christenheit zu werden. Die
Versuchung war fr dich zu gro, und mein war die Schuld, da ich dir zu lange
vertraute. Immer warst du klug und ohne Bedenken, und fast httest du mich
berlistet. Aber einmal haben Neid und Eifersucht dir doch die kalte Ruhe
genommen, eine Torheit war der kurdische Mummenschanz, durch ihn hast du dein
Spiel verloren. Hinweg. Er warf ein Tuch ber die Waffe und trat zu Lutz: Ihr
habt als ehrlicher Ritter Eure Pflicht getan, die Vollstreckung der Strafe,
welche Ihr den Ismaeliten gelobtet, nehme ich Euch ab, der Kaiser selbst wird
Rcher der Missetat.
    Lutz griff verlegen an seinen Schwertgurt. Verzeiht, Herr Kaiser, um meinen
Herrn zu retten, habe ich bei meiner Ehre gelobt, gegen den Leib des Tters zu
reiten.
    Sorgt nicht, versetzte Friedrich mit wildem Lcheln, des Kaisers Rache
zieht vielleicht nicht auf einem Ritterro durch das Land, aber sie trifft das
Leben. Er fate an sein Schwert. Ich gelobe, Herr, Euch und Euren Heiden soll
Genge geschehen. Jetzt aber eilt, mir einen Lebenden herbeizufhren, an den ich
lieber denke.
    Lutz und der Knabe verlieen das Gemach, gleich darauf lag Ivo zu den Fen
des Kaisers, der ihm ber sein Haupt strich und ihn kte. Da du lebest, wurde
mir wenige Stunden vor deiner Ankunft durch deine Haarlocke angekndigt. Eines
sage mir vor allem, wie kam's, da der wilde Alte dich nicht selbst als Rcher
entlie?
    Herr, ich durfte den Heiden niemals gestehen, da ich Christen als Tter
erkannt hatte und Euren Boten als Anstifter. Jener aber meinte nur mich. Ivo
berhrte mit der Hand seine Schulter, an welcher der Kaiser einst das Tuch
erkannt hatte.
    Ich verstehe, sprach Friedrich, aber wozu mute der Bsewicht ein solches
Gemetzel ersinnen? Konnte er nicht warten, bis es Zeit war, euren Handel zu
einem ehrlichen Ende zu bringen? - Fr dich, Ivo, bewahre ich zwei Getreue,
welche sich deiner Rettung freuen werden, beide sind, wie ich frchte,
Unglubige. Er ffnete die Seitentr, winkte der Magd, einzutreten, und verlie
das Gemach.
    Als Friderun sich pltzlich dem Jugendgespielen gegenber sah, stie sie
einen Schrei aus und lehnte sich an die Wand. Sie fhlte sich umfat und einen
Ku des Mannes auf ihrer Stirn, und sie ruhte einen Augenblick, alles
vergessend, in seinen Armen, doch bald entzog sie sich ihm und sprach mit
bebender Stimme und niedergeschlagenen Augen: Die Bauern von Friemar gren
Euch vor den anderen.
    Hinter dem Kaiser trat der weise Omar ein. Der Araber fate die Hand des
Wiedergefundenen und legte sie sich an Herz und Haupt. Auch der Alte freute
sich in seiner Weise, sagte der Kaiser lchelnd, denn deine Rckkehr hat seine
Wissenschaft zu Ehren gebracht. Wisse, Ivo, als ich dich und zugleich einen
anderen entsendete, suchte Omar, wie er zuweilen fr mich tut, den Erfolg eurer
Reise zu erkunden. Nachdem ich dir bereits den Auftrag gegeben hatte, erhielt
ich das Prognostikum, welches mir und ihm seitdem Kummer gemacht hat, denn es
lautete: Die Sendung zu dem Herrn der Messer mag vergeblich sein, doch der Bote
kehrt gerettet zurck, und ferner: die Botschaft nach Damaskus schafft dem
Kaiser Glck, aber dem Boten mag sie zum Unheil werden. Da tauschte ich dir
zuliebe die mter, und ich habe mit diesem gegrollt, weil du nicht
wiederkehrtest. Jetzt hat sich die Verkndigung, welche dich anging, als wahr
erwiesen - und, setzte er finster hinzu, auch was dem andern gedeutet wurde,
mag sich erfllen. Du aber erzhle, wie du bei den wilden Mnnern im Berge
gelebt hast, denn ganz als ein Sagenheld stehst du vor mir.

                                  Die Heimkehr


Als Ivo einige Tage spter mit Friderun zur Reise gerstet vor dem Kaiser stand,
sprach dieser: Zwingt dich die Sorge um Hof und Gut in deine Heimat, so darf
ich dich nicht festhalten. Doch wird dir einmal das Reiten unter den Nachbarn
verleidet, so komme zu mir und versuche, wie sich's in meinem Dienste lebt. Fr
den Knaben Ali la mich sorgen, er wrde in euren Hfen schwerlich gedeihen.
    Als die Reisenden zum Abschiede die Knie beugten, flehte Friderun: Die
Dorfleute werden mich fragen, wann unser Kaiser zu uns kommt, um Frieden zu
bringen und eine neue Herrlichkeit. Was darf ich den Alten sagen, Herr?
    Da lchelte Friedrich wieder ber die treuherzige Frage, aber gleich darauf
flog ein dsterer Schatten ber sein Antlitz: Ruhelos kmpft der Kaiser gegen
seine Feinde, auch wenn die Deutschen nichts vom Waffenlrm vernehmen. Gerade
jetzt steht ihm neuer Streit bevor. Du aber sage den Weisen deines Dorfes: der
Kaiser vertraut, da der groe Himmelsgott, welcher ihn in sein Amt eingesetzt
hat, ihm zuletzt Sieg verleihen wird ber alle seine Gegner. Und solange dies
Vertrauen mich erhebt, sollen auch meine Deutschen sich die Hoffnung bewahren,
da ich in besserer Zeit bei ihnen sitzen werde am Gerichtsbaume unter meinem
Heerschild.
    Er stand in seiner Majestt vor ihnen, glanzumflossen und kraftvoll, umringt
von seiner maurischen Leibwache, whrend unten in der Stadt die Glocken der
bischflichen Kirche luteten. Oft gedachten die Reisenden an diesen Abschied.
    Eilig zogen die Thringe nordwrts. Es war kurz vor dem Winter, auch in dem
warmen Lande trug der Herbstwind die Klte von den Bergen und entlaubte die
Bume, mifarbig war der Grund und graue Wolken deckten die Sonne, aber Ivo und
Friderun achteten wenig auf die wilde Jahreszeit; sie zogen nebeneinander dahin
so glcklich, wie sie in der Kinderzeit ber Hgel und Feld der Heimat gewandert
waren. Die Magd wurde nicht mde zu fragen, und whrend Ivo erzhlte, durchlebte
sie in Gedanken die Abenteuer der Kreuzfahrt; er aber freute sich an dem
Verstand, mit welchem sie die Gebruche fremder Menschen und das Leben im
Morgenlande betrachtete. Auch sie berichtete von der Heimat; war auch vieles
unerfreulich, er vernahm es aus einem Munde, der ihm dabei herzlich zulachte;
alles, was sie sagte, klang ihm wie ein Lied aus Thringen, entzckt lauschte er
auf die heimische Sprache und die krftige, treuherzige Weise, in der sie zu
reden wute. Und obgleich ihr Mantel grau war und ohne Flittersterne, so sah sie
ihm doch zuweilen aus wie die Jungfrau Maria, welche zu armen Kindern
herniedersteigt. Freilich dnkte sie ihm nicht immer so vornehm. Einst, als sie
in der Mittagssonne auf einem Steine saen, whrend Lutz die Pferde am nahen
Quell trnkte, war ihr eine der Flechten, welche sie mhsam unter dem Pilgerhut
zusammenhielt, am Rcken hinabgefallen, da konnte er sich nicht enthalten, die
Flechte zu ergreifen und zu kssen, und als sie das merkte und mit heiem
Errten die verschobene zurechtrckte, gestand er ihr, da er in der Ferne oft
an sie gedacht hatte, zuweilen wie an eine gute Gespielin mit zwei langen
Zpfen, und ein andermal wie an eine bermenschliche Frau in wallendem
Haarschleier, er wute selbst nicht, ob Gttin, ob Heilige.
    Wie war Euch die Magd lieber? fragte Friderun, mit abgewandtem Gesicht
trockne Grashalme pflckend.
    Immer gerade so am liebsten, wie sie mir vorkam, versicherte er ehrlich,
und wenn ich heut die Flechte berhrte, so tat ich dies in Erinnerung an einen
frheren Tag, wo sich ein wildes Mdchen zu mir gesellte und ich sie zur Seite
schob, weil ich wahrhaftig beim Schein der Leuchte Euch neben mir sah.
    Da aber blickte ihn Friderun kummervoll an und sprach, schnell aufstehend:
Sagt mir so etwas niemals wieder, Herr Ivo.
    Am nchsten Morgen ritt sie niedergeschlagen an seiner Seite, und als er
nach dem Grunde ihrer Trauer fragte, begann sie errtend: Viele Tage mt Ihr
mich mitnehmen und oft mssen wir bei fremden Leuten einkehren; sind sie auch
fremd, mir tut weh, wenn sie Unrechtes von mir denken, denn einer Magd ziemt es
nicht, so zu reisen, wie ich mit Euch fahren mu. Darum flehe ich, Herr, lat
mich in einem Frauenkloster, wo sie gegen arme Pilgerinnen gtig sind, bis ich
eine Gelegenheit zur Heimkehr finde.
    Wie drft Ihr mich durch solche Gedanken krnken, rief Ivo, keine hhere
Pflicht habe ich jetzt, als Euch unversehrt in den Hof Eures Vaters zu bringen.
    Ich wei, da Ihr's gern ttet. Ich aber war mutvoll, da ich ging, und
furchtsam kehre ich heim.
    Sagt, wie Ihr mit uns reisen wollt, bat Ivo, wir haben den Schatz der
Mutter, ich will Euch ein Gefolge werben, damit Ihr nach dem Brauch ansehnlicher
Frauen, umgeben von Euren Htern, dahinziehen knnt, und wir begleiten Euch als
dienende Reiter.
    Friderun lachte trotz ihrer Sorge. Das wrde dem Bauernkinde nicht ziemen,
auch wrde es das bel nur rger machen, wenn uns ein Thring begegnete und
Kundschaft von uns erhielte, denn die Landsleute wandern sehr in der Welt umher,
und da ich mit dem Brtigen reiste, habe ich mehr als einen getroffen. Ich
merke, Herr, ich bin in Not, es ist nicht die grte, und sie geht mich allein
an, doch ist sie schlimm genug fr mich und meinen alten Vater.
    Mir fllt eine Hilfe ein, trstete Ivo. Als Ihr bei uns im Hofe wart,
spielten wir zuweilen, da der Bruder verlorenging und die Schwester ihn suchte
beim Traume, beim Baume und beim Rlein im Stall. Jetzt seid Ihr wieder
ausgezogen, mich zu finden, lat uns denselben Brauch ben, wir reisen als
Pilger und Geschwister, und Herr Lutz sei unser Hter. Leicht werden uns die
Leute dafr halten, und Ihr seid miger Fragen ledig.
    Das wrde mir gefallen, sprach Friderun leise, doch wenn zwei eine lange
Fahrt zusammen tun, so verpflichten sie sich gegeneinander durch ein Gelbnis,
treue Gesellen zu sein. Wollt Ihr geloben, mich als eine Schwester zu halten und
zu ehren, so will ich weiter mit Euch ziehen, und der liebe Gott mge unsere
Reise behten.
    Das gelobte Ivo. Am nchsten Tage trug er ber dem Eisenhemd wieder ein
Pilgergewand, und Friderun zog mit besserem Vertrauen neben ihm dahin.
    Nur ein Erlebnis ihrer Reise hatte sie ihm verschwiegen, den Besuch bei Frau
Hedwig. Sooft sie davon anfangen wollte, schnrte es ihr die Kehle zusammen.
Endlich aber bezwang sie sich. Er mu es wissen, da sie seine Herrin ist. Und
obgleich ihr vorkam, als verderbe solches Gesprch die ganze Seligkeit ihrer
Reise, so begann sie doch: Ich war auch bei Frau Hedwig, der Grfin.
    Ihr? rief Ivo heftig. Sie sah, da er tief errtete, und fhlte einen
Stich im Herzen wie von einem Messer. Sprecht, wie war die Begegnung? fragte
er nach einer Weile. - Als ich ihr sagte, da Ihr lebet, spielte sie Eure Weise
auf ihrer Harfe. Dann fragte sie mich aus ber allerlei, um zu erforschen, ob
ich mit Bedacht reden knnte. Sie versprach mir auch, den Knig Heinrich zu
zeigen, damit ich dem Kaiser von ihm erzhle, und lie mich ein Gesprch
belauschen, das ich lieber nicht gehrt htte. Auch davon mute ich dem Kaiser
wider Willen berichten.
    Was vernahmt Ihr, Friderun?
    Das bleibt mein Geheimnis, Herr, antwortete die Magd. Ivo fragte nicht
mehr, und beide zogen stillschweigend nebeneinander.
    Lutz, welcher den Reisenden bald voraussprengte, bald den Rcken deckte,
ritt zu seinem Herrn: Ich sorge, unsere Fahrt wird beobachtet; blickt nach
rckwrts. Seit zwei Tagen sehe ich einen Mann in unserer Spur, er hlt sich
fern, aber folgt jedem Schritt unseres Weges.
    Ivo wandte sich um. Es ist ein einzelner Reiter, und soweit ich erkenne,
klein und ohne Rstung, wahrscheinlich ein furchtsamer Hndler, der in einem
Notfall unsere Hilfe begehren will.
    Dann wrde er nher heranreiten, denn wird er berfallen, so vermchten wir
aus der Ferne doch nicht zu helfen. Sooft wir halten, hlt er auch, um uns nicht
nahe zu kommen, und sobald wir aus dem Nachtlager aufbrechen, zeigt er sich in
der Entfernung.
    Merkt, Herr, er beachtet, da wir nach ihm hinschauen, denn er hlt.
    Vielleicht werdet Ihr seiner in der Herberge habhaft, versetzte Ivo
gleichgltig.
    Sie kamen in die lombardische Ebene und zogen den Alpen zu, da begann Lutz
wieder: Das dunkle Mnnlein folgt uns immer noch. Die Sonne bescheint ihn auf
der Hhe, Ihr mgt ihn jetzt deutlich erkennen; ein Hndler ist er schwerlich,
denn er fhrt weder Pack- noch Saumtier, und sein Ro ist so beharrlich wie er
selbst, denn es kann mit diesen Pferden aus dem kaiserlichen Stalle Schritt
halten. Er schleicht hinter uns, wie im Morgenlande das Raubtier hinter der
Karawane.
    Bleibt bei der Magd, gebot Ivo, ich betrachte die Gestalt in der Nhe.
Er fuhr in gestrecktem Laufe zurck. Der Fremde wich der Bewegung nicht aus,
sondern stieg vom Pferde und kauerte auf dem Boden, die Ankunft erwartend. Ivo
sah einen drftigen Gesellen vor sich in geringer Tracht, mit hagerem braunem
Gesicht und stierem Blick. Er prallte mit seinem Ro entsetzt zurck, denn er
hatte dieselbe Gestalt, ebenso kauernd, vor Jahren im Zelte des Kaisers gesehen;
und an die Waffe fassend, fragte er in arabischer Sprache: Was suchst du auf
meinem Wege, Unglubiger?
    Mir ist geboten, auf deiner Spur nach Norden zu gehen, antwortete der
andere.
    Wohin und gegen wen? fragte Ivo. Der Mann schwieg und sah gleichgltig vor
sich nieder. Hast du das Bellen verlernt, Schakal, rief Ivo zornig und rhrte
ihn mit dem Fu am Bein. Der Mann zog das Bein an sich und fragte gleichmtig:
Haben sie dich in den Bergen mit dem Fue gestoen, wenn du ihrer Frage die
Antwort versagtest?
    Da lie Ivo den Schwertgriff los. Mir ist es greulich, dein Fhrer zu sein,
darum weiche von meinem Wege, du Unglcksgestalt.
    Mir aber ist geboten, auf deiner Spur nach Norden zu gehen, wiederholte
der Fremde und senkte, der Reden berdrssig, das Haupt.
    Ivo kehrte in finsterm Schweigen zu seinen Begleitern; als Lutz ihm fragend
in das verstrte Gesicht sah, antwortete er nur: Ihr nanntet ihn mit Recht ein
Raubtier, hinweg aus seiner Nhe. Eilig zogen sie vorwrts und hatten den
Ismaeliten bald aus dem Gesicht verloren. Sie kamen in die Schneeberge und
wanderten mit Fhrern mhsam auf rauhem Pfade, oft sahen die Mnner, wenn der
Weg abwrts lief, nach der Hhe zurck, aber sie ersphten die Schattengestalt
nicht mehr. Als sie von der schweren Bergfahrt in deutsches Land hinabstiegen
und die bleiche Novembersonne Tal und Hgel mit mattem Schein erhellte, atmete
Ivo leichter und sprach leise zu Lutz: Vielleicht hemmten ihm Eis und Schnee
den Weg. Aber Lutz wies rckwrts, auf der Hhe bewegte sich etwas durch den
Schnee, kaum sichtbar dem Auge, und wieder spornte Ivo sein Ro, da es bumte.
    Die Nacht verbrachten sie in der engen Herberge eines Gebirgsdorfes, die
Mnner hatten sich in ihren Mnteln auf den Boden gestreckt, Friderun sa am
Ofen und hrte auf den Nachtwind, der um das Haus tobte. Ich war ihm gut,
sprach sie zu sich selbst, seit ich denken kann. Wie man der Sonnenstrahlen
froh wird und des singenden Vogels, so freute ich mich, wenn ich von ihm hrte
und an ihn dachte. Wenn ich ihn aber als erwachsene Magd im Hofe des Vaters sah,
da krnkte mich, da er als ein edler Herr anders zu mir sprach als damals, wo
wir als Kinder zusammen spielten; und ich wurde trotzig gegen ihn und eine
hochmtige Trin. Erst als die Trauer um den Geschwundenen ber mich kam, merkte
ich, wie sehr mein Herz an ihm hngt. Und seit er mir die Locke sandte, ist es
mir angetan. Die haben wohl recht, welche sagen, da von dem abgeschnittenen
Haar ein Zauber ausgeht fr den, der es bewahrt. Ich habe einen Teil von ihm,
den ich an meinem Herzen trage und den ich niemandem gnne. Seitdem hat mich der
Mut in seiner Nhe verlassen. Sonst wre mir das hchste Glck gewesen, als
seine Schwester neben ihm zu wandeln, jetzt macht mich auch dieser vertraute
Gru traurig.
    Ivo bewegte sich unruhig im Schlafe. Peitscht mir den Hund aus meiner
Seele, murmelte er.
    Auch ihm ist das Herz schwer, fuhr Friderun fort, er merkt wohl, da ihn
Hartes in der Heimat erwartet. Aber dort ist er wieder der Edle, welcher im
Dienste seiner Herrin reitet, und ich die ungeschickte Dorfmagd, welche das
Drachenlied singt. Arme Friderun!
    Sie erhob sich, denn zwischen dem Brausen des Sturmes und dem Drhnen im
hlzernen Hause vernahm sie ein leises singendes Murmeln, wie von einer
Menschenstimme, dicht an der Hauswand. Sie bndigte den ersten Schrecken, indem
sie dachte: Bleibt ein Mensch in der kalten Nacht dort drauen, so wird es ihm
schdlich. Entschlossen drckte sie die Tr auf und trat in das Freie. Nahe der
Schwelle am Fenster kauerte eine dunkle Gestalt, welche das Haupt hin und her
bewegte und unverstndliche Worte vor sich hin sang, ohne die Nahende zu
beachten, Da schlo sie die Tr, rhrte ngstlich an Ivos Arm und flsterte:
Drauen unter dem Fenster sitzt einer, der trunken ist oder unsinnig, denn ganz
verstrt singt und gurgelt er vor sich hin. Ivo sttzte sich auf den Arm, um zu
hren, aber im nchsten Augenblick sprang er auf und fate ihre Hand: Bete,
Friderun, fr eine arme Seele; denn dieser Nachtgesang bedeutet einem sndigen
Menschen ehrlosen Tod. Und beide flehten zu dem Gott des Erbarmens, whrend
drauen der Bergwind tobte und ein Verzckter von den Freuden des Paradieses
trumte.
    Am Morgen sah Ivo vor die Tr, der Fremde war verschwunden. Da gebot er
seinem Begleiter Lutz: Wir reiten nach Speier, den Grafen von Meran zu gren.
    Einige Tage darauf hielten die Reisenden vor dem Hause, in welchem Humbert
von Meran wohnte. Ivo winkte seinem Begleiter, beide stiegen ab und gaben die
Zgel an Friderun. Dem diensttuenden Kmmerer rief Ivo zu: Ein Pilger, der
geheime Botschaft vom Kaiserhofe trgt, und beide folgten dem Manne in das
Gemach des Grafen. Ivo nahm den Pilgerhut ab, und als der Graf erschrocken
zurckfuhr, rief er: Ein Verrter seid Ihr an Eurem Kaiser, Graf Humbert, und
fr die heilige Woche der Kreuzigung und Auferstehung ladet Euch der Thring Ivo
zum letzten Kampfe. Er warf ihm das Fehdezeichen hin und fuhr fort: Wollt Ihr
den Tag des Kampfes erleben und ein ehrliches Ende finden, so entweicht zur
Stelle hinter geweihte Mauern und bergt Euer Haupt, wo kein Fremder Euch nahen
kann; denn wisset, die Messer vom Grenzsteine sind ber Euch. Und bevor der
Graf einer Antwort mchtig war, verlie er mit seinem Begleiter das Haus und
ritt von dannen.
    Jahrelang hatte Ivo mit heier Sehnsucht an die Tage gedacht, wo ihn Gru
und Brauch der Heimat empfangen wrden, wo er im alten Eichwald stehen und den
Vogelgesang vernehmen wrde, der ihm aus der Kindheit vertraulich war. Jetzt
kehrte er gelst aus wilder Fremde zurck, er ritt an der Seite eines Weibes,
das ihm liebgeworden, und eines Treuen, dem er die Freiheit verdankte. Und
dennoch wurde ihm das Herz immer schwerer, je nher er der Heimat kam; fremd und
rauh war der Gru der Leute, kalt der Himmel, die Bume entlaubt und die Vgel
entflogen. Die Schwermut und geheime Angst, welche den Deutschen beim Nahen des
Winters berfllt, bedrckten ihn rger als jemals zuvor. Auch wenn er an seinen
Hof dachte und an die ritterlichen Genossen der Landschaft, wurde ihm nicht
wohl. Zwar um den begehrlichen Oheim und um widerspenstige Vasallen sorgte er
nicht allzusehr, denn er vertraute seinem Arm und guten Helfern, und er scherzte
mit Lutz ber das Erstaunen und die geringe Freude aller, welche sich frech in
seinem Erbe niedergelassen hatten. Aber auch wenn er sich in sicherem Besitz des
Hofes und der Turnierrosse dachte, mitten unter seinen Dienstmannen, und da er
vielleicht einmal dem Schler Nikolaus ein neues Lied vorsagen werde, erschien
ihm sein ganzes frheres Leben wie ein abgelegtes Gewand, und er empfand
dasselbe Mibehagen, welches ihn zu der Kreuzfahrt getrieben hatte, vorahnend
wieder. Noch ein anderer Streit arbeitete in seiner Seele, alte Leidenschaft und
wilde Hoffnungen waren lebendig geworden, und dazwischen fhlte er etwas
Unheimliches, das zwischen ihn und seine Herrin trat, er wute nicht zu sagen,
was es war, aber sooft ihm dieser Schatten durch die Seele fuhr, wurde es sein
bester Trost, die Stimme der Magd Friderun zu hren. Denn wenn sie von der
Heimat erzhlte, an der ihre ganze Seele hing, konnte er trumen, da er dort
sein Glck finden werde.
    Als die Wanderer ber den Main gedrungen waren und an dem Kirchhof einer
ansehnlichen Stadt vorberritten, wies Lutz zur Seite. Wir kommen und diese
wollen gehen, und Ivo sah wieder ein rotes Kreuz aufgerichtet, dabei einen
Bettelmnch, welcher dem aufgeregten Haufen neue Briefe des Heiligen Vaters
vorlas und fr den nchsten Mai groe Vergebung der Snden allen verkndete,
welche einen Sommer unter dem Kreuz gegen das wilde Preuenvolk kmpfen wrden.
Da sprach Ivo lchelnd zu seinem Gefhrten: Ich denke, wir haben genug davon
genossen, und er wunderte sich, als Lutz antwortete: Nach allem, was man hrt,
haben diese Heiden doch grere Lust zu fechten als die Sarazenen, und ein
ehrlicher Kriegsmann knnte dort Sommerfreude finden.
    Die Reisenden waren um Gotha, die letzte Stadtburg ihres Weges geritten, und
Ivo suchte von der Hhe die Stelle des Tales, wo der Ahorn stand, aus dem er
einst den Brief seiner Herrin geholt hatte. Da scheute das Pferd der Magd an das
seine, er fhlte sich beim Arme gefat und sah in das verblichene Gesicht seiner
Begleiterin. Auf der andern Seite der Strae bewegte sich ein trauriger Zug;
voran auf einem Esel ein ungeschlachter Bettelmnch, der ein rohes Holzkreuz wie
eine Waffe auf der Schulter hielt, hinter ihm ein Mann und ein Weib,
blutrnstig, mit Riemen aneinandergebunden, und um die Gefangenen ein Haufe
bewaffneten Gesindels. Als der gebundenen Frau die Knie einknickten, zerrte sie
der Mnch am Riemen, und der Haufe dahinter hhnte und piekte mit Speer und
Schwert gegen sie. Wie mgt Ihr ein Weib so rauh fortschleifen, Bruder, rief
Ivo, an den Mnch reitend. Wie mgt Ihr so unverschmt fragen, spottete ihm
der Mnch nach. Die Tiere, welche ich treibe, sind eine neue Art von
Ungeziefer, welches in diesem Lande zum Vorschein kommt.
    Wer seid Ihr, und mit welchem Recht fhrt Ihr diese? fragte Ivo unwillig.
    Dorso haben mich die getauft, denen mein Rcken nicht gefiel, und ich rate
Euch, nicht an meiner Heiligkeit zu zweifeln, denn ich bin der Handlanger meines
hochwrdigen Meisters Konrad und fhre hier Marktware fr das Hllenfeuer.
Verdammte Ketzer sind es, welche Meister Konrad zu Erfurt auf dem Holzsto
sengen wird. Soll ich Euch Gutes raten, so haltet Euch fern von ihnen, denn dies
traurige Laster steckt an. Doch halt, Bruder Pilger, auch Ihr seid mir schon
ber den Weg gelaufen. Wart Ihr es nicht, der mich im Kreuzlager anherrschte und
grblich schmhte? Seid Ihr damals den Leichenvgeln entgangen, so seht zu, da
Ihr nicht jetzt den Krhen in die Hnde fallt, welche nach meinem Gebote
fliegen, denn sie verstehen mit den Schnbeln zu hacken, und ihr Krchzen
bedeutet ein feuriges Ende. Seine Begleiter lachten und schrien Beifall; die
Reiter spornten ihre Pferde, um der unheimlichen Nhe zu entkommen, whrend Ivo
Friderun zu untersttzen suchte, welche sich kaum auf ihrem Rosse zu erhalten
vermochte. Ivo aber sprach finster: Wir haben auf dieser Fahrt die Rache des
Kaisers und des Heiligen Vaters auf der Landstrae gesehen, die eine schlich
scheu und verkleidet, die andere fhrt trotzig am Tageslicht. Wir zweifeln nicht
mehr, welcher der beiden Herren im deutschen Lande gebietet.
    Als sie an das Dorftor von Friemar kamen, bat Friderun, die bis dahin ihr
starres Schweigen nicht gebrochen hatte: Lat mich allein meinen lieben Vater
begren; kommt aber bald, damit die Nachbarn sich Eurer freuen. Sie wandte ihr
Ro zum Tore, er sah ihr nach, bis ihre Gestalt zwischen den Hfen verschwand.
    Ivo jagte in gestrecktem Lauf vorwrts, und als Lutz warnte: Herr, den
Pferden dnkt die Eile zu gro߫, versetzte er: Mit heiem Wunsch habe ich
diesen Tag ersehnt und oft an das Glck gedacht, Berg und Tal der Heimat
wiederzuschauen, heut ist mir alle Freude geschwunden, ein Unglcksahnen lastet
mir auf der Brust, und ich hre die Warnung des toten Hassan: Der Fu des
Heimkehrenden strauchelt an der Schwelle des Hauses. Er wies mit der Hand nach
der Ferne. Dort ragt der alte Turm, hinein in den Hof, denn nicht im Frieden
finden wir ihn wieder. Sie jagten bei bewaffneten Knechten vorbei, welche auf
dem Anger hielten; schon vor dem Tore vernahmen sie Zank und wildes Geschrei;
als sie einritten, fanden sie den Hof mit Bewaffneten zu Fu und Ro gefllt,
und erkannten viele der Nachbarn: Dienstmannen der Grafen von Gleichen und den
Rettbacher; auch Ritter Konz war da und Graf Meginhard, und dieser stand zu Fu
inmitten des Haufens gegenber dem Turme. Der alte Graben um den Turm war
vertieft, ein schmaler Steg darbergelegt, und auf der Turmseite stand Herr
Henner mit wenigen Knechten bei einem Stellbogen, der so aufgerichtet war, da
er den Steg bestrich. Die Ankommenden drckten die Eisenhte in die Augen, und
niemand achtete auf sie, den Knechten im Hintergrund galten sie fr Gesellen der
Angreifer, und die vorderen haderten mit Herrn Henner.
    Zum letztenmal will ich Euch mahnen, Marschalk, rief Graf Meginhard, wie
ein Toller gebrdet Ihr Euch; wir aber sind nicht hergekommen, um Mrchen zu
hren, bei uns werden die Toten nicht lebendig, und Eure Sommerritte mit dem
leichtgeherzten Fant haben ein Ende. Im Namen des Landgrafen fordere ich, da
Ihr Euch ergebt, oder Ihr und die Toren, welche Euch folgen, ben mit ihrem
Leibe fr den Ungehorsam gegen Euren Herrn.
    Henner aber rief zurck: Nicht als Herr des Gutes kommt Ihr, Graf
Meginhard, mit Euren Kumpanen, sondern als ein raublustiger Einbrecher, und wie
Ruber will ich Euch empfangen. Wer Miene macht, herberzudringen, den nagelt
mein Pfeil an den Boden.
    Macht ein Ende, schrie der Rettbacher den Knechten zu, schlagt Balken aus
den Dchern und legt sie ber den Graben, damit wir dem Schreier seinen Mund
stopfen. Macht ein Ende, schrie auch Herr Konz, Balken her!
    Kommt nur herber, Wilhelm, entgegnete Henner zornig, Ihr findet im Turm
die vier Pferde, die Euch vor Jahren entgingen, und eine Halfter, mit der wir
Euch am Halse schnren.
    Da rief eine helle Stimme ber den Haufen: Was sucht ihr Herren in meinem
Hofe? Ich gre Euch, Oheim, vor dem Turm unserer Vter. Durch die Bestrzten,
welche nach allen Seiten zurckwichen, ritt Ivo mit seinem Begleiter an den
Graben und stellte sich gegen sie auf, Lutz sprang vom Pferde, und das
widerstrebende ber den Steg treibend, rief er seinem Gesellen zu: Bewahrt den
Gaul, Henner, er kommt aus gutem Marstall.
    Mit geschlossener Faust stand der Graf und hrte finster auf den jauchzenden
Heilruf, der von der andern Seite des Grabens fr seinen Neffen erscholl.
Beweist, da Ihr es seid, murmelte er endlich, und der Rettbacher rief: Er
ist ein Betrger, auf ihn, und macht ein Ende.
    Ivo nahm seinen Hut ab: Wer mich nicht wiedererkennt, der reite heran,
damit ich ihm mit der Schwerthand beweise, wer ich bin.
    Da kam niemand, aber mehrere der hintersten ritten weiter zurck und
sprachen leise miteinander. Doch Graf Meginhard stand trotzig. An Euren hohen
Worten erkennen wir Euch, doch frchte ich, da Ihr Eurer Heimfahrt nicht so
froh werdet, als Ihr meint; denn Euer Gut und Hof ist mir als Erbe zugefallen,
und Ihr habt Euch mit mir zu vergleichen, bevor Ihr wieder in den Herrenschuh
treten drft.
    Tut das, Herr, und zur Stelle, rief Lutz, es fehlt hier nicht an guten
Gesellen, welche nach einem Vergleich begierig sind. Und blitzschnell packte er
den Grafen mit starkem Griff und schwenkte ihn auf den Steg. Herbei, Henner,
und haltet Eure Waffe ber ihn. So unerwartet war die kecke Tat, da niemand
sie hinderte, doch im nchsten Augenblick erhob sich helles Geschrei, und die
Mhlburger drangen gegen Ivo, der sie mit seinem Schwert vom Stege abtrieb.
Weicht zurck, rief Henner, oder, bei St. Georg, euer edler Genosse zahlt
zuerst fr den Schaden. Weicht, ihr Herren, rief auch Ivo, da ich mit dem
Grafen friedlich verhandle; Ihr aber, Marschalk, geleitet ihn hflich an den
Turm. Haltet hier Wache, ihr Treuen, und lat niemand herber. Lutz sprang vor,
und whrend die beiden Dienstmannen jenseit der Brcke gegen den unschlssigen
und schreienden Haufen Wache hielten, ergriff Ivo den bestrzten Oheim bei der
Hand und fhrte ihn in das Turmgewlbe. Ich bin im Vorteil, Graf Meginhard, und
es bedarf zwischen uns nicht vieler Worte. Ungern be ich gegen einen Verwandten
Gewalt; Ihr selbst tragt schuld, wenn Ihr in diesem Turme, den Euer Ahn gebaut,
als Gefangener bleiben mt. Denn nicht lebend verlat Ihr diese Mauern, wenn
Ihr nicht herausgebt von Hufen und Habe, was Ihr als zugefallene Erbschaft in
Besitz nahmt. Ihr schaltet vor Fremden den leichten Sinn, mit dem ich sonst
dahinlebte, Ihr zuerst sollt erkennen, da ich aus der Fremde zurckkehre,
scharf und hart, um mein Recht zu behaupten.
    Der Graf blickte in dem dstern Raume umher und erkannte in dem Gesicht
seines Neffen eine finstere Entschlossenheit, darum versetzte er: Ihr sprecht
mit gutem Grunde, da es zwischen uns nicht vieler Worte bedarf; und gern
erspare ich Euch die Unehre, da Ihr Euren Blutsverwandten im Kerker haltet.
Schafft einen Schreiber und gute Mnner von beiden Seiten, welche vermitteln und
zeugen, ich bin bereit, mich dem Vorteil zu fgen, den Ihr ber mich erlangt
habt. Jedoch merkt, Neffe: Mich knnt Ihr zwingen, Frieden zu halten, nicht alle
Feinde, welche ber das herrenlose Gut eingebrochen sind. Ich will Euch loben,
wenn Ihr scharf und hart auf Eurem Rechte besteht, aber ich sorge, die
Erkenntnis ist Euch zu spt gekommen.
    Ivo stand wieder als Herr in dem Hofe seiner Vter. Der zudringliche Erbe
war hinausgescheucht, ein Teil der entfhrten Rosse und Rinder zurckgegeben,
den Schatz der Mutter hatte er zu Gelde gemacht, um Knechte zu werben und die
Schden der letzten Jahre zu bessern. Dennoch fand er es schwer, den alten
Besitz, welcher durch die ganze Landschaft zerstreut lag und jahrelang fr
herrenlos gegolten hatte, wiederzugewinnen. Bauern, welche ihm zinspflichtig
waren, hatten sich selbstwillig anderen Herren unterstellt, um Schutz fr Leben
und Habe zu finden, ritterliche Vasallen weigerten sich, ihre Lehnspflicht zu
erfllen, benachbarte Edle hatten sich Wlder, Weiden und Wiesen angeeignet und
waren entschlossen, ihren Raub mit den Waffen zu behaupten. Viele Grundstcke
waren vor der Kreuzfahrt durch Verpfndung und Leihkauf in andere Hnde
bergegangen, wo sollte Ivo die Summen schaffen, um das Verpfndete einzulsen,
selbst wenn die Glubiger guten Willen hatten, es gegen die gezahlte Summe
zurckzugeben? Auf allen Seiten fand er sich in Hndel verstrickt, und er
empfand, da er als freier Herr auf seinem Erbe viel schlimmer daran war als ein
groer oder kleiner Vasall, denn er stand allein gegen zahlreiche Feinde. Ohne
Hilfe vermochte er ihnen nicht zu widerstehen, und Verbndete konnte er nur
durch neue Opfer an Geld und Hufen erhalten, weil niemand bereit war, im
Harnisch fr ihn Leib und Glieder zu wagen, wenn er nicht einen Vorteil fr sich
zu hoffen hatte. Die grten Herren der Landschaft, das Haus des Landgrafen und
der Erzbischof von Mainz, welcher von Erfurt aus gebot, waren ihm abgeneigt und
begnstigten seine Gegner, die Mhlburger und die Gleichen. Jeder der anderen
groen Herren hatte seine Feinde, mit denen er in Hndeln und Fehde lebte, und
wenn ein solcher bereitwillig war, einen Vertrag zu schlieen, da Freunde und
Feinde gemeinsam sein sollten, so war fr Ivo sicher, da er zu seinen Feinden
noch zahlreiche neue erhielt, aber sehr unsicher, ob er gerade da, wo es ihm
darauf ankam, die tatkrftige Untersttzung seines Verbndeten gewinnen wrde.
Ivo hatte frher mit Widerwillen die kleinen Fehden seiner Nachbarn betrachtet,
das Niederbrennen der Drfer und das Wegtreiben der Herden, jetzt fand er sich
in der Lage, an dieselben rohen Zwangsmittel zu denken, denn wie konnte er
seinen Gegnern anders furchtbar werden, als wenn er ihnen Schaden zufgte?
    Sehr verndert war das Aussehen des Herrenhofes. Statt der zierlichen
Knaben, welche sonst dem Herrn aufgewartet hatten, lagerten jetzt narbige
Knechte mit harten Fusten in Saal und Zimmern, die Boten, welche aus- und
einritten, trugen nicht Einladungen zu ritterlichen Stechen, sondern Fehdebriefe
oder Klageschreiben, an den Speerstangen blitzten scharfe Eisen, und statt der
schnellen Turnierpferde stampften derbe Kriegsgule in den Stllen. Oft trauerte
Henner ber diese Vernderung, und er wunderte sich, da sein Herr unter allem
Widerwrtigen die heitere Fassung nicht verlor. Gleich am ersten Tage, nachdem
der Hof von Fremden gesubert war, hatte er ihn in die Kammer gefhrt, wo der
gute Godwin gestorben war: Er hielt auf dieser Erde aus, bis ich in den Hof
kam, ihm die Augen zuzudrcken, und er starb als Ritter und Christ mit einem
Segenswunsch fr seinen Herrn. Da legte Ivo die Hand auf die Stelle, wo das
Haupt des Alten geruht hatte, und sprach: Ich gedenke deiner Worte, Vater,
jetzt ist die Zeit gekommen, wo ich als sparsamer Herr um das Meine zu sorgen
habe, und ich verspreche dir, mu ich Bue zahlen fr das sorglose Treiben
meiner Jugend, so soll niemand meine Trauer darber erkennen. Ich sorge,
Marschalk, wir werden fortan nicht um das Lcheln der Herrin unter dem Schilde
reiten, und auch Nikolaus wird schwerlich Verse schreiben, sondern grobe
lateinische Urkunden. Wo weilt der Schler? Er vernahm, da Nikolaus seit
Godwins Tode den Hof verlassen hatte und unstet in der Gegend umherzog.
Ungeduldig erwartete Ivo das Eintreffen des Wandervogels. Aber Nikolaus beeilte
sich nicht, in das alte Nest zurckzukehren, auch nachdem er vernommen hatte,
da sein frherer Liedergesell daheim sei. Erst an einem kalten Abend, als Ivo
allein bei der knatternden Flamme des Kamins sa, vernahm er drauen die
wohlbekannte Stimme, welche durch ein Lied Einla begehrte. Seinem warmen Gru
antwortete Nikolaus in einer gedrckten Weise, die dem Dreisten sonst fremd
gewesen war, bis er nach den ersten Reden vor den Hausherrn trat und fragte:
Soll zwischen uns beiden auch ferner gelten, was wir einst wegen meiner
Wahrhaftigkeit besprochen haben? Und als Ivo antwortete: Es soll, da begann
Nikolaus die Erzhlung von seinem Abenteuer in dem Hause der Frau Hedwig und
schlo: Vielleicht wre ich in der rauhen Nacht lieber woanders eingekehrt als
bei Euch, aber heut erfuhr ich, was mir allerlei Gedanken macht und wohl auch
Euch. Jener grobe Mann ist still geworden, und das Eisen, welches er damals mir
gegen die Kehle zckte, hat er mit besserem Recht gegen sich selbst gebraucht.
Ein Kaufmann, der von Frankfurt ber den Main kam, erzhlte mir neue Mr. Man
fand den Unhflichen in dem Flur seines Hauses auf den Steinen und ein Messer in
seiner Brust, und als die Leute nher zusahen, war es seine eigene Waffe. Doch
vernahm der Kaufmann auch Wunderliches von dem Messer, denn der Tote soll es
seit Jahren vermit haben, und man sagt, kurz vor seinem Ende sei ihm ein Geist
erschienen, habe ihm das Messer zurckgebracht und sein bevorstehendes Ende
angezeigt.
    Ivo sank schweigend auf seinen Sitz, und Nikolaus fuhr schadenfroh fort:
Wer jetzt eine ritterliche Weise in dem Hause singt, wird den Weg zur Herrin
von Riemen und Eisen frei finden.
    Er ist geschwunden und die Herrin ist frei, hallte es in Ivos Seele nach,
er stand auf und verlie das Zimmer.

                                 Der Mitbruder


Wieder wehte der Mai mit warmem Hauch durch das Land und hing sein grnes Gewand
um die entlaubten Bume, wieder regte sich das frohe Leben auf Heide und Flur,
und die Herzen der bekmmerten Menschen erhoben sich in neuer Hoffnung. Auch in
dem Edelhofe war der goldene Schein zu erkennen, welchen das Sonnenlicht in die
Seelen warf. Jedermann schritt stolzer einher; wer den ganzen Winter kein Lied
gesungen hatte, der summte jetzt die fast vergessene Weise; aus den Kammern der
Knechte erklang jeden Abend ein lustiger Rundgesang. Lutz, der sich wenig ber
den Winterfrost gegrmt hatte, brstete viel ber Bart und Haar und betrachtete
vergngt die glnzende Borte, welche er seinem Mdchen als Grtel schenken
wollte; Nikolaus war oft ber seiner neubesaiteten Laute zu finden, und sogar
der Marschalk ehrte die frohe Jahreszeit, indem er eigenhndig einen groen Topf
mit Farbe ber den Hof trug und den Knechten gebot, das Speerholz suberlich mit
den Wappenfarben des Herrn zu bemalen. Ivo blickte wieder von der Galerie herab
auf das kleine Baumgehege an der Mauer und hrte lachend auf den Gru des
thringischen Finken, den er jahrelang nicht vernommen hatte. fter als sonst
lie er sein Pferd satteln, um nach dem Hofe des alten Bauern zu reiten. Denn
dort erwartete ihn ein Weib, das er seit der Heimkehr gern als seine Schwester
begrte.
    Aber mit dem Frhling kam auch die Unruhe und Reiselust in das Volk; berall
sprachen die Leute von der neuen Kreuzfahrt, die den Seelen ebenso heilsam sein
sollte wie die frheren und doch weit weniger mhsam. Oft verlie die Dorfjugend
den Anger und das Spiel mit dem bunten Ball, um auf die heftigsten Mahnungen
eines braunen Mnches zu hren, der auf dem Kirchhofe zur Fahrt in das
Preuenland trieb und dabei von der Flle guter Dinge berichtete, welche dort
fr begehrliche Weltkinder zu finden seien. Zuweilen zogen auf der Landstrae
wandernde Haufen mit Gesang und Geschrei dem Ostlande zu, meist leichtfertiges
und unstetes Volk, die ersten Schaumwellen der beginnenden Strmung, doch war
auch mancher ehrenwerte Mann darunter, und in den Drfern der Umgegend nannte
man bereits die Namen sehafter Wirte, welche ebenfalls daran dachten, sich zu
erheben. Strker als in anderen Jahren arbeitete das Sommerleben in der Natur
und in den Seelen der Menschen, der Frhling war spt gekommen, aber als heier
und starker Gebieter. Fast pltzlich bedeckte sich der Grund mit Grn und die
Obstbume mit ihrem weien Bltenschmuck; in unaufhrlichem Wechsel folgten
heies Tageslicht und befruchtender Regen, und wenn der Ackersmann auf die ppig
wuchernde Saat schaute, so schttelte er wohl das Haupt ber die unerwartete
Herrlichkeit und sorgte, da der kalte Feind noch einmal zerstrend in das Land
dringen werde.
    Nach einem warmen Tage trat Ivo auf den Sller seines Hauses. Er staunte
ber den Wohlgeruch, welcher von der Wiese und den Bltenbumen aufstieg, die
Sonne war glhendrot gesunken, kein Tropfen Tau hing am Boden, und die stille
Luft wurde ihm so schwl, da er sein Gewand aufri. In der Hhe zogen die
Wolken hastig um die Mondsichel, unter den kleinen Lichtflocken schoben sich
graue unfrmliche Gebilde dahin, jedes mit lichten Rndern umsumt, whrend ber
den roten Hgeln und dem Bergwald die schwere schwarze Finsternis lagerte; dort
sammelten sich die Gewaltigen der Luft zu einer groen Schlacht, und die Kinder
der Erde harrten in bangem Schweigen auf den bevorstehenden Kampf. Ivo war den
Tag im Hofe Bernhards gewesen, und Friderun hatte zum erstenmal von ihrer Sorge
um den Vater gesprochen, von seinem dstern Grbeln und von dem wilden Feuer,
mit welchem er ihr und den Nachbarn das erforschte Geheimnis der heiligen Lehre
verkndete. Sie geht still durch Hof und Haus, dachte Ivo, schafft unablssig
fr den Vater und sorgt warmherzig um viele andere, immer ist ihre Rede mutvoll,
aber ihr Lcheln wird traurig, ich sorge, ihr Herz ist schwer bekmmert und sie
lebt in Erwartung eines Unheils. Lange stand er und sah in die dunkle
Landschaft, aus dem Hofe klang ein kriegerisches Lied, welches Nikolaus den
Knechten vorsang, auf dem Lande lag tiefes Schweigen. Der Mond war verschwunden
und dichte Finsternis deckte Himmel und Erde, vergebens sah er aus nach einem
Blitz und htte sich gefreut, das Rollen des Donners zu hren. Da suchte auch er
mit einem Seufzer sein Lager.
    Dort warf er sich unruhig umher, bis ihm endlich ein bleischwerer Schlaf die
Glieder lhmte. Er vernahm nicht, da sich der Wettersturm erhob, da er die
Baumblten raufte und ste brach und mit wilden Sten um das Haus fuhr, durch
den Hof fegte und an die Stalltren schlug, bis die Rosse bumten und die Rinder
in Angst brllten. Die Blitze zerrissen das schwere Wolkendach, der ganze Himmel
loderte von Flammen und der Donner krachte und rollte unaufhrlich. Henner
sprang auf dem schmalen Steg, der von seinem Hofe ber den Wallgraben fhrte, zu
den Kammern der Knechte, er fand die Mnner wach und ermahnte sie, auf den Hof
und das Herrenhaus zu achten. Wir Thringe wissen, was ein tchtiges Wetter
heit, aber solche Wut der Wolken hat noch keiner erlebt, denn armesdick fallen
die feurigen Strahlen; Lutz, welcher Trme und Wall des Hofes beschritten und
den erschrockenen Torwchter getrstet hatte, rief durch das Brausen:
    Von den roten Bergen hebt sich ein Feuerschein in den Himmel, dort liegt
das Wetter ber dem Talkessel, mir scheint, es versengt den Mhlburgern ihre
Schlafdecken, und der Regen bleibt aus, der ihnen beim Lschen helfen sollte.
Im ersten Morgengrau ffneten die Mnner das Tor und drangen mhsam durch den
tobenden Sturm zu der nchsten Anhhe, dort wiesen sie nach den Hhen und hoben
die Arme. Als Henner zu ihnen kam, sah er von jeder der drei Burgen, welche auf
den Bergen standen, eine Flamme und eine Rauchwolke aufsteigen zu dem schwarzen
Himmel, aus dem noch immer die Blitze um den mifarbenen Dampf zuckten. Da rief
er bekmmert: Dort fhrt die Lohe aus den drei Steinringen, in denen vorzeiten
das Geschlecht meines Herrn aufgewachsen ist, und Herr Ivo schlft. Ich war in
seiner Kammer, doch ich scheute mich, ihn zu wecken.
    Blieb doch unser Hof verschont, trstete Lutz.
    Dennoch darf er nicht liegen, whrend ihm der Himmel diese drei Lichter
angezndet hat, sprach Henner und kmpfte sich zurck nach dem Hofe.
    Ivo fuhr empor, als ihn der Treue am Arm zog, er richtete sich auf und hrte
erstaunt auf das Tosen im Freien. Mir trumte so deutlich, wie ich Euch vor mir
sehe, da ich auf meinem Lager hingestreckt war, meine Hausfrau hielt ich im
Arme, ihr Haupt und ihr langes Haar war an meiner Brust, und ich fhlte den
Schmerz meiner Wunde. Um mich hrte ich Kampfgeschrei, ber mir flammte das
Hausdach und es knisterten die brennenden Balken. Doch war es nicht dieses Haus.
Ihr aber, Henner, saet abgewandt von mir am Fu meines Lagers, das Schwert in
den Hnden. Der Donner drhnte, da wecktet Ihr mich. Gern wte ich, was der
Traum bedeutet.
    Saht Ihr Flammen im Traume, so mag er Euch eine gute Neuigkeit verknden,
antwortete Henner ernsthaft. Dem andern aber, der abgewandt von Euch sa,
weissagt er bles. Steht auf, Herr, denn auch drauen hat das Wetter ein Zeichen
aus den Wolken gesandt, das Euer Geschlecht angeht.
    Als der Morgen kam, sahen die im Hofe ringsum den Schaden der Sturmnacht:
geworfene Baumstmme, niedergelegte Zune, zerraufte Dcher und am Horizont hier
und da aufsteigende Rauchwolken. Noch immer rollte der Donner, der Wind trieb
die Wolken in hoher Luft und hinderte den Regen. Ivo stieg von dem alten Turme
herab und winkte dem Schler: Es brennt in der Richtung von Friemar, wirf dich
auf den Gaul, frage, wie es um den Hof des Alten steht. Nikolaus sattelte
willig sein Rlein und trabte aus dem Hofe, whrend sein Schlermantel wie ein
schwarzes Segel ber den Kopf flog.
    Die Sonne stieg hher, es sauste und pfiff in der Luft, und jedem war, als
sei das ungeheure Wetter nicht zu Ende; da klang der Hornruf des Trmers,
welcher das Nahen Bewaffneter anzeigte. Gleich darauf jagten fremde Reiter
heran, und Lutz, der ber dem Tore stand, erkannte mit Staunen die Turbane und
Rstungen maurischer Leibwachen. Er rief, alter Genossenschaft eingedenk, den
Unglubigen von der Zinne arabischen Gru entgegen und empfing die Botschaft
eines reichgeschmckten Knaben, der zwischen den Bewaffneten hervorritt und
meldete, die Herzogin Hedwig von Staufen erbitte auf ihrem Wege nach Erfurt die
Gastfreundschaft des Hofes.
    Atemlos trug Lutz seinem Herrn die Nachricht zu. Ivo empfing sie schweigend,
das Blut scho ihm zum Herzen und bergo gleich darauf seine Wangen mit dunkler
Rte. Bereitet Euch, sie zu empfangen, rief er, sich umwendend, entlie den
Boten und sprang auf das Tor, um dem Flchtigen nachzusehen, ganz betubt durch
die groe Erwartung. Henner kam eilfertig heran: Der Hof ist bel fr den
Besuch einer Frstin vorbereitet, darf ich Frau Jutte rufen, damit sie der
erlauchten Frau zu Diensten sei? Ivo wehrte: Treibt Eure Hausfrau nicht in ihr
Festgewand, ich denke, die Herrin wird Nachsicht in einem Reiterhaushalt ben.
    Ein glnzender Zug stob heran, Schleier und bunte Gewnder wehten im Winde,
Henner erkannte Frau Wendelmuth und den Krmer Volko und hinter den maurischen
Kriegern auch beladene Saumtiere. Ivo trat der Herrin auf der Brcke entgegen,
und als er das Knie beugte, lachte ihn Hedwig von ihrem Rosse herzlich an: Wir
suchen bei dem ritterlichen Herrn Schutz gegen die wilden Wetter des Landes,
nehmt gtig die Zudringlichen auf und bietet uns Willkommen wie alten Freunden.
    Ivo stand unter den strahlenden Augen des schnen Weibes und aufs neue
umfing ihn der Zauber. Nehmt vorlieb, der Wirt war lange in der Fremde und der
Hof ist verwstet, rief er, indem die helle Freude sein Antlitz verklrte. Er
selbst fhrte ihr Ro am Zgel in den Hof, und als er zur Seite trat, um sie
herabzuheben, griff sie lachend in sein langes Haar und hielt sich daran,
whrend sie zu Boden glitt. Als er sie in das Haus fhrte, warf sie einen
schnellen Blick umher und sprach halb zu dem Gefolge: Nicht lange denken wir
Euch zu belstigen, und da dem Hause die Herrin fehlt, so bitte ich, gestattet
meinen Frauen, da sie mein Reisegert in der edlen Herberge ausbreiten. Ivo
wies fr das Gefolge auf die Hallen des Unterstocks und fhrte Frau Hedwig
hinauf in seine Behausung, den einzigen wohnlichen Raum seit der Rckkehr. Ich
merke wohl, da ich Euch nichts bieten kann, als meine Freude, sagte er
entschuldigend.
    Hier ist Euer Heimwesen? Nirgend will ich lieber weilen, antwortete
Hedwig. Ich sehe die Rstungen an der Wand, die Harfe, und hier einen Sller,
den ich kannte, bevor ich ihn sah. Sie winkte der stummen Dienerin, das Mdchen
flog hinab, im nchsten Augenblick wurden umhllte Ballen herzugetragen und die
Kammern und das Gemach mit Polstern und Teppichen belegt. Wieder ein Wink der
Herrin und die Diener verschwanden, Hedwig stand Ivo allein gegenber. Sie sah
ihn innig an und hielt ihm die Hand entgegen. Da hast du das Kuzlein, sprach
sie mit zuckenden Lippen. Hingerissen von der holden Mahnung, senkte Ivo in
tiefer Bewegung das Knie.
    Leise berhrte sie ihm das Haupt. Steht auf, Ivo, uns beide hat die Zeit
verwandelt und der Scherz des jugendlichen Frauendienstes mag uns nicht mehr
geziemen. Kommt, setzt Euch zu mir und lat uns beide wissen, wie jezt die alte
Liederweise in unsern Herzen klingt. Heut ist der Tag, wo ich mein Trauergewand
abgetan habe; dieser Tag sollte dem Manne gehren, der mir vor anderen vertraut
war.
    Liebe Herrin, rief Ivo.
    Still, Geselle, mahnte sie, la mich bedchtig reden. Es ist lange her,
seit ich dich als fahrenden Helden bei der Burg meines Vaters entdeckte, wie du
am Quell lagst und schliefst. Der erse Ku, den ich einem Manne gab, haftet an
deinen Lippen, das kann ich nicht vergessen, Ivo. Uns beiden ist dadurch das
Leben schwer geworden. Der Kaiser zwang mich, einem verhaten Manne zu folgen,
und ich habe die traurige Kunst der Frauen gebt, mich zu verstellen und zu
lachen, whrend ich in meiner Seele Bitterkeit fhlte. Du aber hast, als ich dir
entfremdet wurde, treu zu mir gehalten; du weit nicht, wie oft der Gedanke an
deinen demtigen Dienst mein einziges Glck war, an dem ich mich aufgerichtet
habe, indem ich unter den Argen lebte. Aber dir und mir hat unsere Liebe zuletzt
Not gebracht, und scharfes Eisen hat in das Band geschnitten, welches zwischen
uns geschlungen war. Ich bin hier, um zu prfen, ob das alte Bndnis noch dich
und mich zusammenhlt.
    Ivo wute nicht, da sie in derselben Stunde, in der sie die Kunde von
seinem Leben erhielt, einen andern dem Arm des Rchers preisgegeben hatte; aber
ihm fiel aufs Herz, da eine wahrhafte Magd in der Nhe mit Unwillen an die List
dachte, durch welche sie damals zur Zeugin gemacht worden war. Und der Gedanke
an Friderun hing sich wie ein Reif an die Freuden seiner Mailiebe. Darum
erwiderte er mit Haltung: Beide hatten wir einem Fremden Anrecht gegeben,
unsere Liebe zu hassen; da er die Rache nehmen wrde in seiner Weise, haben wir
erwartet, und wir muten die Rache ertragen.
    Hedwig ahnte, da ihr Falke anders flog, als sie wollte, und sie fragte sich
in der Stille angstvoll, ob er alles wisse und ob er ihr deshalb zrne. Aber als
sie Ivos Blick unsicher und fragend auf sich gerichtet fand, erhob sie stolz das
Haupt: Jetzt sind wir beide frei. Wisse, Ivo, ich war seitdem bei dem Kaiser.
Er nannte deinen Namen nicht, als er von meiner Zukunft sprach, aber gleich
darauf begann er in groer Gte von dir zu reden, da er dir das Beste gnne und
da er dir Hohes gewhren wrde. Und er sagte: Ich vernahm, da ihm sein Haus
zerrttet ist, weil er in meinem Dienst berlange verweilt wurde, mir wre ganz
recht, wenn eine Frauenhand ihn dieser lstigen Sorge enthbe. Frau Hedwig sah
auf ihre eigene Hand, als sie fortfuhr: Sieh zu, Ivo, ob du eine solche Hand
findest.
    Das waren ruhige Worte, aber sie regten in der Seele des Mannes einen wilden
Sturm von Gedanken auf. Hier ein enges Leben, gefllt mit Demtigungen und einem
endlosen Streit gegen widerwrtige Nachbarn, an ihrer Seite Reichtum und Glanz
des Kaiserhofes, Herrschaft und Kriegsruhm. Er atmete tief, als er wie im Scherz
antwortete: Wir loben den Heldenmut des Mannes nicht, der sich durch ein Weib
aus der Bedrngnis retten lt. Ist die Mitgift der Hausfrau zu gro und die
Morgengabe des Gatten zu gering, wie kann der Wirt die Herrschaft im Hause
bewahren?
    
    Denke stolzer von dir, Ivo; du selbst rhmtest einst in meiner Gegenwart
gegen den Landgrafen die Hoheit deiner Ahnen. Wisse, Held, dies Geschlecht der
Landgrafen ist dem Kaiser verleidet, und wenig Gutes erwartet er in Zukunft von
ihm, vielleicht ist der Tag nicht fern, wo er sogar gegen sie rstet. Wer ihm
das Heer fhrt und die stolzen Hupter dieser Herren wirft, der mag selbst in
ihrem Stuhle niedersitzen. Das sprach sie in tiefem Ernste, Ivo wute recht
wohl, da es nicht eitle Worte waren, und in seinem Auge blitzte der alte Stolz
seines Hauses. Doch whrend sich Hedwig ber die Glut freute, die sie in ihm
entzndet hatte, fhlte sie den festen Druck seiner Hand und vernahm die
traurigen Worte:
    Lade nicht die Gewaltigen der Welt zu Bundesgenossen unseres Glckes. Aus
Herrschsucht und Ehrgeiz darf ich dein Gemahl nicht werden, von solchem Elend
hast du zur Genge gekostet. Nur wenn wir beide uns im Herzen vertrauen, und
wenn du in treuer Liebe zu mir stehen kannst, wie es mir auch in meinem Leben
gelinge, nur dann sollst du dich zu mir neigen wie einst. Rhmte der Kaiser
gegen dich meine Treue, so sage ich dir, ich ehre in Demut den groen Geist des
Herrn, aber ich vermag ihm nicht zu folgen in seinen Gedanken und nicht auf
seinen Wegen. Einfach bin ich in Sinn und Sitte. Wie enge und klein das Leben
ist, in dem ich aufwuchs, habe ich in der Fremde vllig erkannt. Dennoch will
ich die heimische Art nicht von mir abtun; redlich will ich bleiben in Liebe und
Ha, die gewundenen Gedanken und die kalte List des Kaisers Friedrich kann ich
nicht loben, und ich will keinen Teil daran haben. Frei gedenke ich zu leben
nach meinem Gewissen auch gegenber seinem Willen. Und darum sage ich dir,
Diener und Werkzeug der Hohenstaufen wird der Mann nicht, welcher sich einst im
Mairitt vor dir berhmte, ein Nachkomme des alten Helden Ingram zu sein.
    Hedwig trat abgewandt auf den Sller und blickte nach den geballten Wolken.
Du zrnst, Herrin, fuhr Ivo traurig fort, merke wohl, heut schaust du das
Gewand deines Kauzes beim Tageslicht, da erscheint es dir weit anders als sonst
im Dmmerscheine und ganz ins Fahle und Schmucklose gewandelt. Halte mich darum
nicht fr unsinnig, wie die Tagesvgel mit dem Kuzlein tun. Dort an der Seite
siehst du den alten Turm, die einzige Erinnerung an meine Vorfahren, er ist
zerrissen und geflickt, ein guter Aufenthalt fr Nachtvgel, nicht lange, und er
sinkt in Trmmer. Aber solange sein Haupt gegen die Berge ragt, bewahre ich mir
den Stolz, ein kleiner Herr zu sein und nicht ein mchtiger Diener.
    Hedwig wandte sich zu ihm und lachte; so zutraulich und herzlich war ihr
Lachen, da auch er nicht ganz ernsthaft blieb. Wir sind beide kindisch, da
wir in der ersten Stunde des Wiedersehens vom Kaiser und von den Vtern reden
statt von uns beiden. Ivo, geliebter Mann, ahnst du nicht, was ich dir bringe?
Es ist die Erfllung des Versprechens, das wir als Frau und Ritter einander
gaben, sieh her. Sie ffnete die Tr des kleinen Gemaches, in welchem die
stumme Dienerin geschftig gewesen war; ber das Lager, welches sonst dem
Hausherrn diente, war ein groer Hermelinmantel gebreitet, und dabei lag die
Speerbeute des Mairittes, die wallende Kappe, welche aus Wappenzeichen
zusammengenht war. Hedwig warf die Kappe um ihre Schulter. So komme ich zu
dir, mein Ritter, wie ich dir verhie, Gabe um Gabe, du gewannst mir den Mantel,
ich bringe dir die Frau. Sie warf sich in seine Arme und drckte ihn fest an
sich. Die heien Ksse des Mannes schlossen ihr den Mund.
    Ivo hrte nicht den Hufschlag des Pferdes und nicht die Menschenstimme,
welche ihn aus der Ferne ngstlich anrief. Gleich darauf lrmte es im Hause und
pochte wild an die Tr, und der Schler rief: Zu Hilfe, Herr Ivo.
    Als Ivo ffnete, stand Nikolaus ganz auer sich mit schlotternden Gliedern
vor ihm: Friderun und ihr Vater sind gebunden, der Teufel Dorso fhrt sie wegen
Ketzerei nach Erfurt. Rettet sie, schrie er, die Hnde ringend, sie werden zum
Holzsto getrieben.
    Ivo starrte wie einer, der aus dem Traume erwacht.
    Die Magd sprang in die Flamme, murmelte er und fragte, nach dem Harnisch
an der Wand greifend: Welchen Weg ziehen sie?
    Die Strae jenseits der Nesse; der Alte ist verwundet, beide sind auf einen
Karren gesetzt. Seitdem ist fast eine Stunde vergangen, obwohl ich mit dem Winde
ritt.
    Rufe den Hof zu Pferde. Nikolaus flog die Treppe hinab, gleich darauf
klang der Ton eines Hornes ber den Hof. Verzeiht, Herrin, sprach Ivo tonlos,
wenn ich Euch verlasse, grblich fehle ich gegen die Pflichten eines Wirtes,
und er warf sich das Eisenhemd ber.
    Hedwig stand bleich wie er selbst. Ist jene, um deren Rettung Ihr reiten
wollt, die Magd, welche fr Euch zum Kaiser ging?
    Sie ist es, antwortete Ivo ber seiner Arbeit, Ihr wit, ich bin ihr Dank
schuldig.
    Sendet Eure Dienstmannen mit meinen Speerreitern, rief Hedwig, ihn am Arme
haltend. Nur Ihr verlat mich nicht in dieser Stunde.
    Die Hilfe der Heiden, welche einen Mnch angreifen, wrde das Verderben der
Gebundenen vollenden. Verzeiht mir, ich bitte, wiederholte er, unhflich
handelt der Hausherr, welcher den Gast allein lt.
    Nicht deinen Gast krnkst du, wenn du jetzt von mir scheidest, sondern ein
Weib, welches, die Liebe im Herzen, zu dir kam.
    Auch Ihr knntet mich nicht lieben und nicht ehren, wenn ich treulos
handelte gegen meine Freunde.
    Und wieder fate Hedwig ihn am Arm und rief mit blitzenden Augen: Willst du
der Nichte des Kaisers Schimpf antun in deinem eigenen Hause, um die Bauerndirne
zu retten?
    Ich gehe die zu retten, welche in Not ist, antwortete er, sein Schwert
umgrtend. bt Gromut, Hedwig, und entlat mich ohne Vorwurf.
    Sie aber hielt ihm den Arm fest. Ivo, ich kenne den Priester Konrad, dem es
eine wilde Lust ist, der benden Landgrfin den nackten Rcken zu peitschen. Du
selbst wirfst dich, wenn du gehst, in Todesnot, aus welcher keine Erdenmacht
dich erlst.
    Das ist wohl mglich, antwortete Ivo zerstreut und suchte in seinen
Waffen, Meister Konrad versteht zu hassen.
    Hedwig trat zurck und neigte ihr Haupt ber die Harfe, sie fuhr mit den
Fingern heftig durch die Saiten, die Weise des Herrn Ivo spielend; immer
schneller und strmischer wurden die Griffe, bis die Saiten mit schrillem Miton
zerrissen, da fuhr sie auf und starrte nach ihm, und als er den Helm ergriff und
die bergende Eisenhlle ber sein Haupt legte, fate sie das Saitenspiel und
schleuderte es in wildem Schwunge vor seine Fe, da es klirrend zerbrach. Sie
aber warf sich auf das Lager und verhllte das Haupt. Ivo sprang aus der Tr. Im
nchsten Augenblicke drhnte Hufschlag der Davonreitenden auf der Brcke.
    Als Nikolaus am Morgen nach scharfem Ritt in das Dorf gekommen war, hatte er
keinen Wetterbrand gefunden, aber eine aufgeregte Gemeinde. Schon in der Ferne
vernahm er zu ungewohnter Stunde unablssiges Glockengelut und bei der Kirche
hrte er predigen und erkannte die mitnende Stimme des Mnches Dorso. Dieser
stand ber der Kirchhofsmauer, umgeben von seinen Handlangern und von fremden
Landlufern, welche mit dem roten Kreuz gezeichnet waren, und las einen Brief
vor, in welchem Kaiser und Knig geboten, die Ketzer, welche Meister Konrad
verklagen wrde, in weltlichem Gericht abzuurteilen, damit sie an Leib und Leben
gestraft wrden. Und der Mnch rief: Hier stehe ich in heiligem Amte, um die
Bcke von den frommen Schafen zu scheiden und die Ruchlosen zum Holzsto zu
fhren. Hohen Preis hat der Heilige Vater fr die Treuen gesetzt, welche einen
Irrglubigen, den sie etwa kennen, anzeigen; denn Habe und Gut soll dem Untreuen
genommen und den Treuen zugeteilt werden, Haus und Hof des Ketzers werden den
eifrigen Kindern Gottes preisgegeben, damit sie sich daraus auch irdischen Lohn
holen fr ihre Frmmigkeit. Und das Holzkreuz schwenkend, schrie er: Darum
weise ich das Kreuz und lade die frommen Zeugen zum ersten, zweiten und dritten
Male vor mein Angesicht; scheuen sie sich, laut zu rufen, so mgen sie mir ihren
Argwohn leise anvertrauen, denn dazu bin ich hier.
    Da erhob sich unter den Wirten, welche umherstanden, ein unwilliges Gemurr,
und aus dem Haufen trat ein alter Mann mit weiem Haar und festen Zgen und
sprach mit lauter Stimme:
    Wir aber halten Eure Verkndigung fr ungerecht, denn leichtfertige Angeber
und falsche Zeugen lockt Ihr durch wilden Preis, und jeden Herrn ber Haus und
Hof liefert Ihr in die Macht habgieriger Bsewichte. Wir Alten im Dorfe wollen
uns wahren gegen so freche Forderung, und wir raten Euch, Euer Holzkreuz wieder
auf die Schulter zu nehmen und abzuziehen aus unserer Flur.
    Halloh, rief der Mnch erstaunt, ich hre, der schwarze Hllenmohr hat
sich einen weihaarigen Knappen geworben. Hast du nicht die Briefe gehrt?
Willst du es wagen, den Geboten des Heiligen Vaters und des Kaisers zu
widerstehen? Mifllt dir ihr Inhalt, so gibst du deine eigene Bosheit zu
erkennen, und ich will sogleich mit dir den Anfang machen und forschen, wie es
mit deinem Glauben bestellt ist.
    Da drang ein Weib durch den Haufen und Friderun fate flehend den Arm des
Vaters. Antwortet ihm nicht, Vater, und kehrt dem Wilden den Rcken. Aber der
Alte schttelte sie heftig ab: Meinst du, ich werde schweigen, wo es gilt, die
Wahrheit zu bekennen und die teure Offenbarung, und er warf dem Mnch entgegen:
An die kaiserlichen Briefe glauben wir nicht, denn wir wissen besser, wie unser
Herr und Kaiser gegen uns Landleute gesinnt ist. An der Aufforderung des Papstes
aber, welchen Ihr den Heiligen Vater nennt, erkennen wir, da sie hohem Zeugnis
der Schrift widerstrebt.
    Er lstert die Ordnung der hohen Apostel, schrie der Mnch, zu seinem
Haufen gewandt, er bestreitet die Gewalt der heiligen Kirche, und sein Gefolge
heulte ihm die Worte nach. Ein gottverdammter Ketzer bist du, Schriftgelehrter
im Bauernrocke, und du selbst hast dir das Urteil gesprochen. Werft euch auf ihn
und fat mir den Schurken.
    ber die Kirchhofsmauer sprang der wtende Haufe gegen den Alten ein, um ihn
sammelte sich ein Teil der Dorfleute und in wildem Tumulte blitzten die Waffen,
der Mnch aber erhob sich auf der Mauer, streckte sein Kreuz in die Hhe und
warnte mit drhnender Stimme: Verflucht sei, wer die Hand fr ihn hebt, er ist
gezeichnet und verdammt; weicht zurck, ihr Christenleute, flieht vor dem Kerker
auf Erden und vor dem Hllenfeuer.
    Da wichen die Leute bleich und entsetzt zurck, auch die Alten des Dorfes
standen finster zur Seite, und mancher schlich sich nach seinem Hause. Bernhard
aber warf sein Schwert auf den Boden und rief: Der Tag ist gekommen, Zeugnis zu
geben; frchtet euch nicht vor denen, die den Leib tten, denn die Seele
vermgen sie nicht zu tten. Hier stehe ich als ein Bekenner des Herrn, Trotz zu
bieten den Pfaffen und Pharisern, welche uns die Herrlichkeit der Gotteslehre
verderben.
    Hrt ihr den Emprer prahlen? schalt der Mnch aufs neue. Packt ihn und
bereitet ihn fr das Gericht. Die Schar strmte gegen ihn, ein roher Gesell
fhrte mit dem Hebebaum den ersten Schlag, da der Alte in der tobenden Menge zu
Boden sank. ber ihn warf sich die Tochter, um die Streiche mit ihrem Leibe
aufzufangen, beide wurden emporgerissen und gebunden nach ihrem Hofe gezogen.
Nikolaus sah noch, wie das Gesindel raublustig in Stlle und Kammern drang und
wie der Mnch die Gebundenen auf einen Karren des Hofes heben lie und mit einem
Teil seiner Begleiter in der Richtung nach Erfurt abzog. Dann jagte der Schler,
fast besinnungslos vor Angst und Grauen, dem Edelhofe zu.
    Als Dorso mit seinen Gefangenen in die Nhe von Erfurt kam, merkte er, da
jenseit der Brcke, welche ber den Nessebach fhrte, ein Trupp Bewaffneter den
Weg sperrte. Er ritt vor, hob das Kreuz und rief von seinem Esel: Als Beamter
des hochwrdigen Meisters Konrad reise ich, ffnet die Strae. Aber die Hand
eines Gehelmten fiel schwer auf seinen Arm und hielt ihn mit seinem Tiere fest,
wie sehr er sich strubte und schrie, whrend die brigen Reiter schweigend um
den Karren rckten, das andringende Gesindel mit den Speerstangen abtrieben und
die Pferde des Karrens in einen Seitenweg sdwrts lenkten. Auf einen Ruf des
Anfhrers fuhr der Karren, umschlossen von den Reitern, in schnellem Lauf von
dannen. Der Anfhrer, welcher bis dahin den wtenden Mnch mit eisernem Griff
gehalten hatte, sprengte nach und durchschnitt mit dem Dolche die Riemen der
Gebundenen.
    Als Ivo mit dem Karren am Edelhofe ankam, fand er den Marschalk seiner
wartend. Kalt war der Abschied der hohen Gste, meldete dieser bekmmert, im
Sturme sind sie gekommen und verstoben. Dafr, Herr, werden sich jetzt andere
Gste in Kutten einfinden, welche uns fester um den Hals fassen.
    Vielleicht vermgen wir jene dort noch in die Berge zu retten. Wir kennen
manches Versteck, sprach Ivo leise.
    Der Mnch ist nicht nach Erfurt gelaufen, wie ich hoffte, wandte Lutz ein,
die ganze Meute trabt hinter uns her und wir werden sie in kurzem am Tore
hren. Auf unsere Knechte ist kein Verla, Herr, sie stutzten und redeten leise
miteinander.
    Wer kann sie darum schelten? sagte Ivo mit kaltem Lcheln. Die Verfolgten
bergen wir in dem Gewlbe des alten Turmes; die Leute unseres Dorfes entbieten
wir nicht zur Verteidigung der Mauern, denn auch diese wrden uns versagen.
Unterdessen besetzt die Trme mit Wachen, hebt die Brcke und sperrt das Tor.
    Die Brcke stieg auf, kurz darauf klang von der Landstrae Gesang der
Wallfahrer, eine rauhe Stimme sang vor und die andern wiederholten die Worte.
Dorso ritt auf seinem Esel gegen die Zugbrcke und schrie ber den Graben: Wer
mit Irrglubigen Gemeinschaft hlt, wer den Verdammten Obdach gewhrt, Speise
und Trank, und wer eine Hand hebt fr ihre Verteidigung, der wird teilhaftig
ihrer Missetat und teilhaftig der irdischen und der ewigen Flammen. Gebt heraus,
ihr groben Burgleute, die ihr mir entfhrt habt.
    Ihr seid ein unverschmter Narr, sprach Henner zurck.
    Vernehmt die lustigen Worte des Abtrnnigen, rief der Mnch zu seinem
Haufen, verflucht sei dies Ketzernest und preisgegeben euren Fusten. Ein
gellendes Geschrei antwortete. Der Mnch ritt zurck, lud seinen Haufen
zusammen, und Henner erwartete einen Anlauf. Aber nichts dergleichen wurde
versucht, der Schwarm teilte sich wieder, ein Teil zog in das Dorf, andere
bewachten in einiger Entfernung das Tor, noch andere drangen oberhalb durch den
Bach und stellten sich dort als Wchter auf.
    Unterdes war Friderun im Gewlbe des Turmes um den verwundeten Vater bemht,
welcher nach dem furchtbaren Schlage auf das Haupt lange in Betubung gelegen
hatte, jetzt aber in wilde und wirre Reden ausbrach; sie sah, wie dem Schler,
der ihr zu helfen bemht war, die Hnde in der Angst flogen, und sprach gefat:
Lngst habe ich einen solchen Tag in der Stille gefrchtet; ich wei, da wir
dem Tode geweiht sind und da auch Herr Ivo uns nicht davor bewahren wird. Aber
weshalb wollt Ihr Euch dem Mnche in die Hand geben? Vielleicht knnt Ihr Euch
noch retten. Entflieht, auch um unsertwillen. Sie holte aus ihrem Gewande ein
kleines schwarzes Kreuz, welches in geschlossener Hand zu bergen war. Eilt nach
Erfurt, Nikolaus, zum Hause der deutschen Brder, gebt dies dem ersten Bruder
ab, den Ihr dort findet, und sagt ihm, wir senden dies und der Vater liege hier
in Not. Vermgen die Brder auch nicht, uns das Leben zu retten, lieber wollen
wir in ihrer Haft vergehen, als unter den Hnden des wtenden Mnches.
    Nikolaus nahm das Dargebotene und lief dem Stege zu, der nach dem Hofe des
Marschalks fhrte; gerade als Lutz im Begriff war, den Steg zu heben, sprang er
hinber, wand sich unbemerkt hinter dem Dorfe herum und rannte der Stadt zu.
    Es war still geworden im Hofe und drauen, nur der Wind heulte und in der
Hhe flogen die Wolken. Ivo trat zu Friderun, und als er ihr liebevoll Trost
zusprechen wollte, antwortete sie mit verklrtem Blick: Ihr habt an uns
gehandelt, wie Eurer wrdig ist, ich klage auch nicht um Eure Gefahr, ich flehe
zu unserm Vater im Himmel, da er mich annehme als Opfer und Euch errette.
    So verrann Stunde auf Stunde, bis die Sonne sich zum Abend neigte.
    Ivo stand bei Henner auf dem Torturm. Sie haben sich Hilfe geladen und
wollen wie Krieger uns belagern. Verstehen wir, sie bis zur Nacht hinzuhalten,
so kann uns wohl gelingen, ber sie hinwegzureiten.
    Der Mnch kennt sein Handwerk, versetzte Henner und wies auf den Weg, der
von der Mhlburg heranfhrte. Seht dort, Gewappnete, sie nahen schwerlich, um
Euch das Gesindlein zu verscheuchen. Lutz kam eilig herzu: Von Gotha zieht ein
Haufe Kreuzfahrer heran, ich vernahm das Lied der Wallenden, der Mnch ritt
ihnen entgegen.
    Was bringst du, Martin? fragte Ivo einen handfesten Knecht, welcher das
geworbene Gesinde im Hofe anfhrte.
    Herr, begann der Kriegsmann bekmmert, meine Kumpane im Hofe weigern sich
zu fechten, sie sagen, ihr Eid verpflichte sie nur, gegen Eure irdischen Feinde
das Eisen zu heben, nicht aber gegen die Heiligen des Himmels.
    Und was wollen sie tun, um den Heiligen zu gefallen?
    Sie gedenken, nichts gegen Euer Haupt zu wagen, aber sie werden sich abseit
halten in ihren Kammern und sobald der Hof geffnet wird, davonziehen.
    Sage ihnen, sie mgen handeln nach ihrem Gewissen, versetzte Ivo.
    Als der Mann kummervoll die Treppe hinabstieg, sprach Ivo: Wir sind allein,
ihr Herren, und beiden die Hnde reichend, fuhr er mit stolzem Lcheln fort:
Es ist nicht ntig, da wir alle drei bei dem alten Turm die Totenwache halten;
Ihr seid jung, Ludwig, und Ihr, Henner, habt Weib und Kind.
    Wir aber dachten nicht, da unser Herr uns jemals den Dienst aufkndigen
wrde, antwortete Henner gekrnkt. Wir sind nicht auf Zeit gedungen, Herr Ivo,
sondern unsere Ehre ist, wenn wir nicht mehr auf Erden Euch begleiten knnen,
Eurer lieben Seele nachzufolgen, wohin der groe Gott sie fahren lt. - Dort
hebt sich das Banner des Landgrafen in der Faust eines Mhlburgers. Der
Bannertrger blickt nach dem Raben unseres Hofes umher, denn er hat von je seine
Freude an dem schwarzen Vogel gehabt.
    Von der andern Seite des Grabens rief eine befehlende Stimme: Im Namen des
Landgrafen, ffnet das Tor.
    Wie kommt's, da Ihr unter dem fremden Wappentier reitet, Ritter Konz?
fragte Henner von der Zinne. Scheut Ihr Euch, unter Eurem Raben dahinzufahren,
weil er den Schwanz gegen Euch hebt?
    Den hhnenden Worten folgte helles Geschrei der Mhlburger, die anderen
Haufen antworteten, und im Getmmel breiteten sich die Angreifer gegen den
Grabenrand.
    Sie wissen, da es uns an Hnden fehlt, sie abzutreiben, sprach Ivo. Zu
unserer Feste, ihr Herren!
    Die Bedrngten eilten nach dem alten Turme, ihrer letzten Zuflucht. Ich
rate, den Steg nicht zu werfen, sprach Henner, damit den ritterlichen Feinden
der Anlauf leichter werde. Und er stellte sich mit Schild und Schwert am
Grabenrande auf. Sie vernahmen das Geschrei und Brausen der Menge, welche von
allen Seiten mit Balken und Dachleitern gegen Tor und Mauer anlief. Nicht lange,
und sie sahen hier und da Bewaffnete ber die Mauer springen, hrten das Klirren
der Ketten und das Drhnen der geffneten Brcke. In hellen Haufen drangen die
Belagerer ber den Hof, ein Teil rannte nach Haus und Stall, Beute zu holen, der
grere Schwarm zog sich zu dem Turme; voran Ritter Konz, der vom Pferde
gesprungen war und in wildem Mute den Schild erhebend gegen den Steg lief. Als
Henner den Verhaten im Ansprunge sah, vermochte er sich nicht zurckzuhalten,
er strmte ihm ber die Bretter entgegen und die beiden Starken schlugen
aufeinander. Aber dem Marschalk war kein ritterlicher Kampf gestattet, die
Knechte des Mhlburgers stachen mit ihren Speeren gegen ihn, und whrend er sich
ihrer erwehrte, traf ein Schwertschlag des Ritters seine Schulter, da er
blutend zurcksank. Konz schrie freudig auf, doch es war sein letzter Ruf, denn
in demselben Augenblick fuhr ein mchtiger Pfeil des Stellbogens ihm durch
Harnisch und Brust, er sthnte und fiel. Whrend die Mhlburger erschrocken zu
ihm liefen, sprang Lutz vor, hob seinen Gesellen und half ihm ber den Steg.
Dann ri er das Brett, welches auf dem jenseitigen Grabenrande ruhte, zurck,
und einen neuen Pfeil auf den Stellbogen legend, drohte er: Heran, wer die
zweite Gabe begehrt.
    Von der Landstrae ritt ein Geistlicher, begleitet von Dorso und einem
andern Mnche, in den Hof. Es war Meister Konrad selbst. Tretet zurck, gebot
er den Haufen, damit nicht ohne Not das Leben frommer Christen gefhrdet werde.
Euch aber, der Ihr Herr dieses Hofes seid, mahne ich noch einmal, da Ihr den
ruchlosen Widerstand aufgebt gegen das Gesetz des Himmels und der Menschen und
da Ihr Euren Leib berantwortet dem irdischen Richter, damit die Frbitte der
Heiligen Eure Seele errette aus der ewigen Verdammnis.
    Vom Turme her antwortete Ivo: Vergeblich ist Eure Ladung, Ihr stolzer
Priester; die hier versammelt sind, vertrauen einem barmherzigeren Richter, als
Ihr seid.
    Der Meister erhob die Hand. Die Mnche begannen ein Bulied, zu welchem die
anderen das Kyrie eleison schrien, und die Haufen strmten von allen Seiten
gegen den Graben, schichteten Holzscheite, trugen Balken und schossen mit
Brandpfeilen nach den Fensterffnungen des Turmes. In dem Turmgewlbe war Ivo
mit Friderun um die Wunde Henners beschftigt, nur Lutz kniete, gedeckt von
seinem Schilde, drauen am Standbogen und wartete auf die Gelegenheit, um an
einem Verhaten die letzte Rache zu nehmen.
    Eine Dampfwolke brach aus dem Luftloch des Turmes. Brennendes Werg und Teer,
die um einen Pfeil gewickelt waren, hatten in dem Raume gezndet, wo den Rossen
fr einen Fall der Not das Heu geschichtet war. Mit den Windsten wogte der
Dampf um die Mauern und umhllte den Fu des Turmes. Ein wildes Freudengeschrei
erscholl aus dem Haufen.
    Da schmetterte von drauen eine Posaune. ber die Brcke ritten vier Brder
vom deutschen Hause mit ihren Knechten, und Bruder Arnfried von der Naumburg
rief ber die Menge: Wo weilt der Herr des Hofes, damit wir ihn gren und
fragen?
    Meister Konrad antwortete: Er birgt sich im Turme, verstrickt in dem
Dampfe, den fromme Christen ihm entzndet. Was fhrt euch her, ihr Brder?
    Arnfried versetzte: Einer, der die Heimlichkeit des Ordens wei, liegt hier
in Not und sandte uns sein Zeichen.
    Die dort liegen, sind Verbrecher an der heiligen Kirche und Verchter des
Landesherrn, die Boten des Landgrafen und meine Schergen begehren ihren Leib,
und ich vertraue, die frommen Brder deines Hauses werden uns nicht hindern.
    Du weit, wir gehen in Frieden unsern Weg und ben unsere Werke. Wir
hindern dich nicht in deinem Recht, wir suchen nur das unsere; wir kommen, weil
wir gerufen sind, und wir begehren nur, was uns gehrt.
    Einen Alten und ein Weib, die meinen Boten hhnend trotzten und ruchlose
Ketzerei ausschrien, hat der Mnch gefat fr mein Gericht, beide gehren mir.
    Ist der Alte mit dem Weibe ein Zugewandter unserer Bruderschaft und finden
deine Spher Irrglauben in ihm, so soll ihn ein frommer Priesterbruder unseres
Ordens belehren, und wenn er der Belehrung widersteht, so straft und richtet ihn
die Bruderschaft, nicht du, nicht der Landgraf, auch nicht der Kaiser. Erst wenn
er sich unserer Strafe versagt und aus dem Orden scheidet, magst du ihn nehmen
und mit ihm tun, was deines Amtes ist. Und er ritt vor gegen den Turm. Da
sprang der Mnch Dorso wtend aus dem Haufen und schrie: Hinweg, wagt es nicht,
das brennende Ketzernest zu betreten, denn verdammt sind alle, die dort im
Qualme hausen.
    Ob die Flamme lodert, ob der ble Teufel im Wirbel fhrt, wir reiten, wohin
uns die Pflicht fhrt, versetzte Arfried; und an den Grabenrand sprengend, rief
er hinber: Ist ein Christenmann dort drinnen, so ffne er den Weg. Die
Jungfrau mit dem Kinde begehrt Einla.
    Ivo trat aus dem Turme und grte den Bruder.
    Nicht freiwillig drangen wir in Euren Hof, edler Ivo, sagte Arnfried, wir
kommen Euch nicht zu Hilfe und nicht zu Leide, nur Eure Gste holen wir, weil
sie sich das begehren.
    Nehmt sie und seid gesegnet fr Eure gute Tat, sprach Ivo dagegen. Lutz
hatte behend die Bretter des Steges zusammengefgt, er hob mit Ivo den alten
Bernhard vom Boden, trug ihn ber den Graben und legte ihn vor die Rosse des
Brtigen; Friderun folgte. Die Ritter traten zurck an den Turm, Bruder
Arnfried, der Sarazene, stieg ab und schlo den Alten in seine Arme.
    Da rief Meister Konrad unwillig: Du hast genommen, Arnfried, was deiner
Bruderschaft gehrt; jetzt fordere ich, weiche von jenem anderen, der mir
gehrt.
    Friderun warf sich vor dem Rosse Arnfrieds nieder: Rettet ihn, ehrwrdiger
Bruder, nur weil er meinen Vater und mich dem rasenden Haufen entri, hat der
bse Mnch die Menge gegen ihn gehetzt.
    Verteidige ihn nicht, antwortete Arnfried traurig, ich bin nicht Klger
und Richter ber Unglauben, aber jene sind die Klger, und sie ben ihr heies
Recht; ein freier Mann ist Herr Ivo und frei hat er sich sein Schicksal gewhlt.
Wir aber vermgen nur den zu schtzen, der zu uns gehrt. Und er sprach ber
den Graben: Habt Ihr, edler Ivo, mir noch etwas zu sagen, was man einem
wohlmeinenden Manne vor dem letzten Scheiden anvertraut, so sprecht.
    Sorgt mit der Treue, die ich an Euch kenne, fr die Magd, die dort vor
Euren Fen liegt.
    Da ritt Meister Konrad aufs neue heran und begann. Wieder bitte ich dich,
Arnfried, da du nicht freundlich zu dem Schuldigen redest, der gegen meine
Rechte gefrevelt hat, denn du irrst mir die Menge und minderst das Ansehn meines
heiligen Amtes.
    Ich ehre und scheue dein schweres Amt, Konrad, wie dem frommen Christen
gebhrt. Aber denke auch, da jener dort in unseren Augen nichts Arges tat, als
er deinen Schergen die entzog, welche nicht vor dein Gericht gehrten, sondern
vor das unsere. Hat er dir die Ehre des Amtes gekrnkt, so siehe zu, was dir
dein Amt und dein Gewissen gegen ihn erlauben; uns aber zrne nicht, wenn wir
ihm in seiner letzten Not noch danken, soweit wir drfen.
    Meister Konrad wandte sein Ro, redete leise zu dem Mnche Dorso, der ihm
mit rachschtiger Freude zustimmte, und verlie darauf den Hof. Er hielt vor der
Brcke bei dem Haufen der Mhlburger an, welche um den todwunden Konz versammelt
waren, und sprach ber diesem die Gebete, dann ritt er abwrts. Im Hofe hielten
die Brtigen finster gegenber dem brennenden Turme; die Flamme schlug aus den
ffnungen und zngelte an dem Mauerwerk empor; Dorso aber und seine Begleiter
trmten auf der Windseite Holzwerk und was sie sonst an Brennbarem fanden, zu
einem Walle, und Dorso rief hhnend hinber: Ihr habt die Ketzerkchlein mir
entfhrt, jetzt halten wir euch in eurem Bau umschlossen, kommt ihr nicht
gutwillig heraus, so ruchern wir euch, und er hielt eine Pechfackel an den
Holzsto. Ivo legte die Hand auf die Schulter des jungen Ritters, der sich
hinter seinem Schilde am Graben niedergesetzt hatte, und wies ber den Steg;
doch dieser schttelte das Haupt. Da neigte sich Ivo gegen die deutschen Brder
zum letzten Gru, und die Hand gen Himmel hebend, rief er mit heller Stimme:
Aus feuriger Lohe stieg mein Geschlecht hernieder in dies Land, hier stehe ich
unter der letzten Mauer, die mir von dem Erbe meines Geschlechtes geblieben ist;
in ihrem Brande will ich vergehen als ein Freier; ehrlich habe ich gelebt und
ehrlich sterbe ich, und meine Seele empfehle ich der Gnade des erbarmenden
Gottes. Und er wandte sich nach dem Turme.
    Aber ein alter Bruder ritt an den Grabenrand und rief zornig hinber:
Willst du als ein Knig der Spielleute untergehen auf den Trmmern deiner
Herrschaft? Ich denke, du hast gelernt, neue Burgen zu bauen. Ich mahne dich,
Geselle, da du mir im Preuenlande die Meschnur haltest.
    Als Ivo die Stimme hrte, hielt er an und hob das Haupt, da sprang von der
Seite des wunden Vaters Friderun empor und rief: Vater, ich tue, was ich mu߫,
und ber den Steg eilend, warf sie die Arme um den geliebten Mann: Hast du den
Willen, in den Flammen zu sterben, so will auch ich nicht leben. Darfst du im
Leben mir nicht gehren, so will ich dein sein im Tode. Ivo umschlang die Magd
und kte sie auf den Mund, er hielt sie in seinen Armen und rief: Ich will mit
euch leben, Sibold.
    Wie eine Beschwrung erklangen diese Worte zwischen Erde und Himmel. Einem
Wunder gleich erschien es, da zugleich das Tosen des Sturmes aufhrte. Die
Flamme, welche der Mnch am Grabenrand entzndet hatte, um die Eingeschlossenen
durch Dampf zu tten, flackerte aufwrts, und die Rauchsule stieg gegen die
Wolken.
    Die Brder aber rckten um den Steg, und Arnfried sprach: Wer unser Bruder
sein will, der mu um Bruderschaft bei uns werben.
    Ich werbe, antwortete Ivo.
    Wer Bruderschaft des Ordens begehrt und dabei in weltlichen Ehren leben
will, fuhr Arnfried fort, der mu uns einen Anteil geben, gro oder klein, an
seiner Habe und an seinem Gut, an seinen Gedanken und an seinem Willen, damit
der Welt kundwerde, da er mit uns diene, und ich mu Euch fragen, seid Ihr dazu
bereit?
    Ich bin bereit, antwortete Ivo, der Magd in die Augen blickend. Harret,
whrend ich die Brder frage, ob sie Euch als Mitbruder empfangen wollen in
unserer Gemeinschaft. Die Brtigen stiegen von den Rossen, traten zusammen und
verhandelten leise. Und Arnfried begann aufs neue: Komm zu uns, Ivo, und knie
nieder. Da trat Ivo mit Friderun ber den Steg und beugte das Knie, whrend
Arnfried die Worte der Aufnahme sang: Deus meus, salvum fac servum tuum, mein
Gott, errette deinen Knecht. Er segnete ihn mit dem Kreuz, hob ihn auf, kte
ihn auf den Mund und gebot: Legt ihm das Gewand um.
    Dorso aber rief in Wut: Heillos seid ihr selbst und mit Ketzern haltet ihr
Gemeinschaft. Herbei, ihr frommen Pilger, helft gegen die Verrter.
    Da erhob sich unter den Brdern ein zorniger Ruf: Er lstert den Orden,
werft den bellenden Hund in den Graben. Doch Arnfried gebot: Nicht so, fhrt
den Mnch an der Hand ber die Brcke und entlat ihn in Frieden, denn er hat
nicht teil an unserer Arbeit, und wir nicht an der seinen. Ihr Brder aber
entrollt das Banner der Jungfrau und stot es in die Zinne des Tores, damit die
Pilger und das Landvolk erkennen, da die deutschen Brder hier eine Heimat
haben und ein Hospital. In dem Hause unseres Mitbruders bereitet die Lager und
sorgt um die Verwundeten, denn das ist unser erstes Amt.
    Dem Befehl des Bruders gehorchten nicht nur die Brtigen, auch viele der
Eingedrungenen riefen ihm Heil zu, die erschrockenen Knechte kamen eifrig
hervor, und dieselben Hnde, welche vor kurzem das Holz geschichtet hatten,
zerwarfen jetzt die Flammen.
    Arnfried aber sprach zu Ivo: In Freuden fasse ich deine Hand, mein Bruder;
denn dieser Tag verbindet einen Mann von edlem Sinne zu ehrlichem Dienste mit
anderen, welche auch zu den Guten unseres Volkes gehren. Du selbst magst den
Anteil bestimmen, den du der Bruderschaft an deinem Erbe gewhren willst, und
sei er gro oder klein, du wirst gut dabei fahren, denn der Orden vermag jetzt
dein Recht zu vertreten, und unter dem schwarzen Kreuze wirst du der meisten
Gegner ohne jeden Kampf ledig. Mit unserer Mitschwester Friderun wird einer von
unseren alten Priestern gutwillig wegen ihres Irrglaubens sprechen, ihr Vater
aber wird bald vor einem Richter stehen, der die Seelen und Gedanken der
Menschen mit anderem Mae mit, als wir zornigen Snder.
    An Henners Lager kniete neben der Hausfrau des Ritters Friderun und klagte,
ber seine Hand gebeugt: Fr mich und meinen Vater empfingt Ihr die Wunde, und
bitter schmerzt mich, da ich Euch gezrnt habe.
    Gehabt Euch darum nicht pleurant, liebe Magd, versetzte Henner
rcksichtsvoll, ich tat Euch Willkommenes und Eurem Bruder Widerwrtiges,
beides in meinem Amte. Und die Hnde Ivos festhaltend, sprach er mit
Anstrengung: Sorgt fr die Kummervollen, welche ich zurcklasse. Zu den lieben
Engeln nehme ich den Ruhm, da ich mit dem adligsten Herrn in Thringen geritten
bin, keinem war er untreu und keiner hat ihn jemals vom Pferde gestochen, ich
aber war sein Marschalk. Speere her! Lutz, mein Geselle, halte auf Kernholz! Er
sank sterbend zurck.
    Aus den Wolken sank friedebringender Regen, und das Himmelswasser rauschte
hernieder auf die Mauern des ausgebrannten Turmes.

                                     Schlu


Aus dem Hgellande Thringen bewegte sich ein reisiger Zug ostwrts nach den
Ufern der Weichsel. In der Urzeit hatte das gelbe Wasser des groen Stromes die
Vandalen und Burgunder getrennt von Slawen und anderen Vlkern fremden Stammes.
Damals hatten sich die Germanenkrieger aus ihren stlichen Sitzen erhoben und
waren wie Meereswogen eingebrochen in den Lndern des Westens, mildere Sonne und
ein reicheres Leben begehrend. Jetzt strmte die Volkskraft der Deutschen in
vielen kleineren Wellen wieder zurck von Westen nach Osten, und tausend Jahre
nach der Auswanderung jener alten Germanen begannen die Thringe und Sachsen an
der Stromgrenze aufs neue den Kampf gegen die Fremden, mit strkeren Waffen und
festerer Kraft.
    Der Haufe, welcher von den roten Bergen und dem Nessebach ber die Saale
zog, glich in vielem den Schwrmen alter Germanen, welche tausend Jahre vorher
aus dem Osten gekommen waren; denn nicht nur gewappnete Krieger bildeten die
Schar, ein langer Tro von Wagen und Karren folgte mit Kindern und Frauen,
gezogen durch starke Rinder, beladen mit Saatkorn, Hausrat und Feldgert. Und es
war nicht allein die unruhige Jugend, welche auszog, auch grauhaarige Bauern mit
ihren Hausfrauen saen auf den Wagen oder schritten, das Kreuzlied singend,
nebenher. Der alte Hartmann aus Friemar ritt in dem Haufen, der Freischffe
Isenhard und andere ansehnliche Nachbarn von der Nesse, welche Baugrund in einem
Lande begehrten, wo sie als Christen ehrwrdig waren und wo man um anderes
sorgte als um ihre Gedanken ber die Macht des Vaters und des Sohnes. Auch
deutsche Ordensleute zogen in der Schar, Bruder Sibold fhrte sie, und Ivo ritt
als Mitbruder neben seinem Gemahl Friderun, und in seinem Gefolge waren die
Witwe Henners mit ihren zwei Knaben, Ritter Lutz und ein rotwangiges Dorfkind,
das Berchtel aus Frienstdt.
    Als der Zug ber die Saale gesetzt hatte und auf der Hhe anhielt, damit die
scheidenden Pilger noch einmal das Land ihrer Vter begrten, bestiegen Ivo und
Friderun einen Felsen und blickten Hand in Hand hinber nach dem blauen Streifen
des Waldgebirges. Da klang in der Nhe Hufschlag eines einzelnen Reiters, und
Berthold stand vor ihnen. Wild und drohend war sein Aussehen, als er die Hand
der Schwester ergriff und sprach: Du trgst den Segen des alten Mannes auf
deinem Haupte, meiner hat er nicht gedacht. Ich aber war in dem Hofe, den die
Horden des Mnches ausgeraubt hatten, ich kniete nieder am Herde und gelobte,
den Vater zu rchen an seinem Mrder. Lebe wohl, Friderun, und Ihr, der Ihr ber
meine Schwester Herr geworden seid, macht an ihr gut, was Euer Gesinde an mir
gefrevelt hat. Vernehmt Ihr von schwerer Tat, so wit, da es der Sohn des
Richters ist, welcher eine Brandfackel in unserem Lande austilgt. Und ohne Gru
trat er zurck und jagte den Bergen zu.
    Je weiter die Fahrenden nach Osten drangen, desto grer wurde ihre Schar,
mehr als einmal kamen sie bei hnlichen Haufen gersteter Auswanderer vorber,
dann liefen die Fahrenden mit frohem Gru zusammen als knftige Nachbarn und
Streitgenossen. Whrend der Nchte rasteten sie in der Wagenburg, die sie aus
ihren Karren zusammenstieen, auf einem Dorfanger oder in der Nhe einer
ummauerten Stadt, bis sie das wilde Wasser der Weichsel erreichten. Dort
lagerten sie am Ufer und zimmerten Fhren. Bruder Sibold aber fuhr mit Ivo ber
den Strom zu der Stelle, wo andere Brder bereits um einen alten Eichbaum die
kleine Holzburg gezimmert hatten. Dort steckten die beiden mit ihren Gehilfen
Pfhle fr ein Standlager, welches zu einer festen Stadt werden sollte und zu
einer neuen Grenzburg der Deutschen. Den Brdern gefiel, die neue Sttte Toron
zu nennen, und sie dachten dabei mit Freude an einen Berg Accon, unter dem die
Bremer vor vierzig Jahren das erste Spital des Ordens aus Segeltuch errichtet
hatten. Die Kreuzfahrer aber taten jetzt am Gestade der Weichsel dieselbe
Arbeit, welche frhere Waller im Heiligen Lande gebt hatten, sie zogen die
Grben, erhhten den Wall, richteten darber aus Pfhlen den Zaun einer Stadt
und bauten in dem umschanzten Raum ihre Htten. Fehlten ihnen in dem Flachland
die Steine, so schichteten sie die Baumstmme des Waldes. Wie durch Zauber wuchs
das neue Menschenwerk aus dem Boden, und auf dem Markt und in den Straen der
Stadt bewegte sich wenige Monate nach der Ankunft geschftig die wohlgeordnete
Gemeinde, der Kaufmann bot seine Waren feil, der Handwerker schnitt und
hmmerte, und der Landbauer fuhr auf seinem Erntewagen den ersten Hafer ein.
    In dem neuen deutschen Lager grndete auch Ivo sein Heimwesen. Zuerst war es
ein Blockhaus, bald wurde es ein knstlicher Bau, welcher ansehnlich unter den
Htten ragte. Als Kriegsmann ritt er mit dem Kreuzheer gegen die Heiden, und bei
der ersten Ausfahrt fhrte er das Banner der thringischen Pilger, wie einst
seine Ahnen in den Kmpfen des Reiches das Banner ihrer Landschaft getragen
hatten. Bald wurde er im Grenzlande ein vielgenannter Held, die Freude seiner
Nachbarn und den Feinden furchtbar. Und ihm selbst hob sich das Herz in stolzem
Behagen, als er sah, wie hier das Heidenland sich ganz nach dem Willen des
weisen Sibold mit Burgen und Stdten fllte, denn jeder Kreuzhaufe, der ber die
Weichsel kam, zimmerte eine neue Burg oder Feste und lie Ansiedler fr Drfer
oder eine neue Stadt zurck, und durch jede dieser Ansiedlungen wurden neue
Meilen des Bodens den Heiden entrissen und mit deutschen Ansiedlern besetzt. Als
Mitbruder blieb er auch den Brtigen vertraut, und obgleich er nur ein
Zugewandter war, welcher nicht im Rate der Bruderschaft stand und kein Ehrenamt
bekleidete, so saen die andern, welche sich der Jungfrau gelobt hatten und
Eigentum und Haushalt entbehren muten, doch lieber an seinem Herde nieder als
anderswo, und mancher von ihnen betrachtete das Haus, in welchem Frau Friederun
waltete, als seine Heimat.
    Auch an wandernden Landsleuten fehlte es nicht, welche neue Kunde aus der
Heimat zutrugen. Als erster kam Nikolaus mit seiner Laute. Ihn hatte die Furcht
vor dem Mnche Dorso aus der Heimat vertrieben, er berichtete von dem frommen
Ende der Frau Else, und von den wunderbaren Heilungen, welche sie in der letzten
Zeit verrichtet, und klagte, da seit ihrem Tode der Grimm des Priesters Konrad
wie ein wildes Feuer durch das Land fuhr und unzhlige Unglckliche zum Holzsto
fhrte. Als ihn Ivo aufforderte, im Preuenlande zu bleiben, wo seine
Schreibekunst den neuen Brgern wertvoll sein knne, da sah er traurig nach
Friderun und schttelte das Haupt. Doch einige Jahre spter blieb er, und seit
er das ansehnliche Amt des Stadtschreibers in einem neuen Burgsitz gewann, wurde
er wohlhbig und berwand seinen geheimen Gram, nur machte er zuweilen noch
lateinische Verse, in denen die Anfangsbuchstaben, ohne da es jemand merkte, zu
dem Namen Friderun zusammenstimmten. Im nchsten Jahre zog ein anderer Gast,
Berthold, mit einem schsischen Kreuzhaufen durch das Stadttor. Aber erst am
Abend betrat er Ivos Haus, dem Diener, welcher ihn ankndigte, nannte er einen
fremden Namen, und im ersten Morgengrau ritt er, durch Ivo ber die Stadtmark
geleitet, zum Kampfe mit den Heiden von dannen. Die thringischen Ansiedler aber
erfuhren von anderen Wallern, da Meister Konrad auf der Heerstrae durch
unbekannte Rcher erschlagen und die Brandfackel Deutschlands in Blut
ausgelscht sei.
    Als endlich der groe Ordensmeister Hermann selbst ber die Weichsel kam, da
war Ivos Haus die erste Herberge, welche er auf dem neuen Grunde der Deutschen
besuchte. Er sa zwischen Friderun und ihrem Gatten und begann: Dir, Schwester,
bringe ich einen Gru der Herzogin Hedwig, welche am Kaiserhofe lebt, von vielen
umfreit und von den Sngern gepriesen. Sie sprach zu mir: Grt die Hausfrau,
und nicht ihn, damit sie erkenne, da ich ihr Recht ehre und ihr Gutes wnsche.
Darauf erzhlte er, da Kaiser Friedrich ber die Alpen nach Deutschland
gekommen sei. Wie war sein Heergefolge, Meister? fragte Ivo.
    Er zog ohne Heer. Dreiig Kamele trugen ihm Kisten nach, darunter einige
mit Gold gefllte fr die deutschen Frsten.
    Wie widersteht er bei uns der Herrschaft des Heiligen Vaters? Denn wir
hren, da die groen Hupter der Christenheit wieder uneinig sind.
    Er hat, um seine Glubigkeit zu erweisen, mit seinen Schultern den Sarg der
Frau Else getragen, da diese als Heilige beigesetzt wurde, antwortete der
Meister ernsthaft. Die Mnner sahen einander an. Oft mu der groe Kaiser tun,
was er im geheimen mibilligt oder verachtet, fuhr Hermann traurig fort, und
doch wird seine Herrschaft im Reiche allmhlich schwach und zu eitlem Scheine.
Er ist so stolz auf die Majestt seines kaiserlichen Amtes, und doch wurde sein
Schicksal, da er sich selbst die Wurzeln seiner Herrenmacht zerstren mu.
    Die Leute hier sorgen oft, da die Herrlichkeit des Reiches klein werde,
und sie befrchten Unheil auch fr unsere Burgen im Preuenland.
    Der bescheidene Mann meidet vergeblich Sorge. Du weit, wir Brder deuten
nicht und grbeln nicht, wir schaffen schweigsam und warten berall unseres
Amtes. Hier im Lande sen wir deutsche Saat. Wenn einst die Zeit der Ernte
kommt, dann mgen andere zusehen, die nach uns leben. Er wies auf zwei
blondhaarige Knaben, welche an die Knie der Mutter geschmiegt, den fremden Herrn
anstarrten.
    Auch die deutsche Saat, bei welcher Ivo ttig war, wurde zuweilen durch die
Kriegsrosse der heidnischen Preuen niedergetreten. Es war ein harter Kampf, und
es war ein sorgenreiches Wachstum, aber ihm erschien er als gro und als heilsam
fr alle, die er liebhatte. Wenn er mit seinem treuen Gesellen Lutz gegen die
Feinde ritt oder wenn er im Rate der Ansiedler tagte, sooft er den alten Sibold
gleich einem Ahnherrn zwischen der Kinderschar sitzen sah, welche in seinem
Hause aufblhte, und immer wenn er das mutige und hochgesinnte Weib im Arme
hielt, welches sich ihm in der Todesnot verlobt hatte, freute er sich des Tages,
wo er ein Mitbruder des deutschen Hauses geworden war und aus einem
thringischen Edlen der Ivo, den sie den Knig nannten, ein Burgmann von Thorn.


                                  Marcus Knig

                                 Im Jahre 1519

Im Preuenlande ging die Herrschaft des kalten Winters zu Ende. Noch lastete auf
Flur und Wald der Schnee, und ber dem Wasser der Weichsel starrte geborsten und
in riesige Schollen zusammengeschoben die Eisdecke. Aber ein lauer Westwind, der
erste Vorbote des Frhlings, hatte zur Fastnacht mit neuem flockigem Wei die
mifarbige Landschaft berzogen. Der leichte Flaum der Wolken deckte die kahlen
Stellen der Heide, welche der Nordsturm gefegt, er verbarg die Fhrten der Wlfe
und die Stapfen der Raubvgel, die Gleise der Schlitten und die braunen Steige,
welche der Fu des Menschen gedrckt hatte. Jedes Turmdach und jeder Vorsprung
der Huser, die Kiefer im Walde und der Wacholder am Moor waren geschmckt mit
glitzernden Kappen.
    Am Ufer des Stromes lagen die Altstadt und Neustadt, welche den Namen Thorn
fhrten und einem Rate gehorchten, noch durch Mauern voneinander geschieden und
durch Tore, welche in der Nacht verschlossen wurden; nach auen aber gegen die
Landschaft eine einige Burg mit vielen stolzen Trmen, von drei Seiten von einem
breiten Graben umgeben; an der vierten wlzte sich unter der Eisdecke das wilde
Weichselwasser. Ungern ertrug es die lange Brcke, welche die Brger erst vor
kurzem gezimmert hatten, damit ihnen der Verkehr nach Polen bequemer sei.
    Dreihundert Jahre hatte dies feste Feldlager deutscher Arbeiter an der
Slawengrenze bestanden, zuerst war es von Holz gewesen, dann hatten die
Ansiedler sich eine Mauerbrstung aus gebranntem Steine errichtet. Als Eroberer
waren die ersten Burgmannen an den Heidenstrand gezogen, als Herren fhlten sich
die Nachkommen noch jetzt zwischen Slawen und deutschen Edelleuten. Klugen Sinn
im Rat und harte Faust zur Tat rhmte man an ihnen berall im Lande, doch wurden
sie auch herrisch gescholten und eigenntzig, aber sie behaupteten ihren hohen
Mut unter lauernden Gegnern und offenen Feinden. Und wenn die Stadt aus ihrem
Artushofe die Shne alter Geschlechter zur Landesmusterung sandte, so trug der
Fhnrich ein Banner von rotem Tuch, worauf ein Salamander zwischen Flammen
gemalt war, mit der stolzen Umschrift: Ich werde dauern. Saen die Mnner von
Thorn auch nicht in der grten Stadt des Weichsellandes - denn Danzig an der
See war mchtiger geworden -, sie freuten sich doch des Vorrechts der ltesten,
ihre Brgermeister fhrten den Vorsitz im gemeinsamen Rat der Stdte, als
Glieder der Hansa waren sie heimisch auf den Kontoren von Lbeck und Brgge und
bten Herrenrechte an dem Strand von Schonen, wo das Stadtzeichen ber den
Lagerhusern ihrer Fischer befestigt war.
    Sie waren Deutsche geblieben und sahen mit geheimer Verachtung auf die
polnische Unordnung jenseits der Weichsel, aber ber ihrer Stadt schwebte
gebietend der weie Adler der Polen. Denn zur Zeit der Grovter hatte sich das
ganze Weichselland von Thorn bis zur See gegen den verdorbenen Deutschen Orden
emprt und der Krone Polen untergestellt, weitab im Osten lag das verkleinerte
Ordensland wie eine Insel zwischen dem Meere und dem slawischen Gebiet. Auch
diesen Landrest sollte der Hochmeister nur als Vasall der Krone Polen regieren,
und da der junge Herr Albrecht von Brandenburg, welcher jetzt auf dem
Hochmeisterstuhle sa, die Lehnshuldigung noch nicht geleistet hatte, so wurde
er in den Stdten des polnischen Preuens mit Argwohn und Ha betrachtet. Denn
berall zrnte und spottete man ber den Verfall des Ordens, und die Brger
wurden nicht mde, arge Geschichten von Druck, Freveltat und nichtswrdiger
Schwche der alten Kreuzritter zu erzhlen. Auch die weltklugen Mnner, welche
in dem Rate von Thorn saen, haten den Gedanken an eine Rckkehr der
tyrannischen Ordensherrschaft und dachten feindselig an ihre Landsleute im
Ordensland. Sie hofften fr sich und ihre Stadt aus dem groen Polenreiche ein
frhliches Aufblhen, sie verstanden trefflich, sich von dem Knige als
Belohnung ihrer Treue wertvolle Vorrechte zu erhandeln und sie wunderten sich
zuweilen, da ihrer Stadt ein vlliges Gedeihen doch nicht wiederkehren wollte.
So glichen sie Matrosen, welche sich beim Schiffbruch gegen den schlechten
Schiffsmeister emprt und auf einem Boot an das Land gerettet haben; und sie
sahen hinber nach dem verlassenen Schiff und auf die bedrngten Maate, welche
bei dem Meister zurckgeblieben waren, in einem finsteren Groll, der vielleicht
verstrkt wurde durch geheime Mahnung des Gewissens.
    Wer aber heut die Gassen der Stadt betrat, der merkte nicht, da die Brger
durch schwere Hndel und Kriegsgefahr bedrngt wurden. Es war Wochenmarkt in der
Fastnacht, das lustigste Frhlingsfest der Stadt. Durch die klare Luft klang das
Morgengelut der kleinen und groen Glocken, jede der metallenen Stimmen redete
vertraulich dem Stadtsohne zum Herzen, denn in jeder vernahm er den Gru eines
Schutzheiligen der Stadt, und jede hatte hohe Stunden seines eigenen Lebens
geweiht. Vor allem erhob den ehernen Gesang das schne Gelut der Heiligen
Jungfrau, welcher die erste Rede gebhrte, da sie fr die himmlische Gebieterin
des ganzen Preuenlandes galt, wie im Wettstreit antworteten aus der Neustadt
der groe Jakob und die scharfe Stimme der Dominikaner von St. Nikolaus, gleich
darauf folgten mit schnellem Schwunge und hellem Gebimmel alle kleinen Bethuser
und Kapellen. Aber am liebsten lauschten die Brger in der Altstadt auf den Ruf
der Pfarrkirche von St. Johannes, und sie hatten die Absicht, dort eine neue
Riesenglocke aufzuhngen, welche zu allem Gesange der Luft den Ba hallen und
die Ehre der Stadt in der Landschaft vermehren sollte. Denn weit ber die Drfer
und Wlder, den Strom entlang und nach Polen hinein drang der Morgengru der
groen deutschen Burg, und das raublustige Gesindel, welches mit den Wlfen und
Fchsen bei Nacht ber die preuische Heide trabte, wandte sich mivergngt von
dem Klange ab nach seinen wilden Schlupflchern.
    Als die ersten Festgenossen des Tages schwrmten die Kinder aus den Husern,
sie wateten lustig im weichen Schnee und sprangen im Reigen, viele mit Flittern
und knstlichen Blumen aus buntem Papier geschmckt. Auch die Brger beeilten
sich, auf dem Markt und in den breiten Straen Bnke aufzustellen und die Waren
auszulegen; wer keinen Stand behauptete, der brachte doch seine Arbeit in den
Hausflur oder hing sie an seine Tr, damit sie den Fremden gefalle. Denn auf
allen Straen zog das Landvolk der Stadt zu, die Bauern der Umgegend in ihren
Korbwagen, die Junker mit ihren Knechten auf behenden Rossen, die gewhnt waren,
sich durch Kiefergebsch und ber das Moos der Smpfe zu winden. Auch die Polen
kamen ber die lange Brcke in lodigen Schafpelzen auf kleinen struppigen
Pferden; viele lagerten auerhalb der Mauern am Ufer wie ein Kriegshaufe bei
rauchenden Feuern, und sie luden von ihren Karren ab, was sie zum Tausch gegen
stdtische Waren angefahren hatten: Honig, Wachs und Felle.
    Zunchst nach den Glocken erhob der ehrbare Rat seine mahnende Stimme. Der
erste Diener, gefolgt von zwei Hellebardieren, schritt vom Rathaus ber den
Markt und rief an den Ecken den strengen Frieden der Stadt aus: Der Rat
gebietet euch von Gottes wegen und von der Stadt wegen, verbricht jemand mit
Worten, so gehe es ihm an seine Habe, verbricht er mit Werken, so gehe es ihm an
seinen Hals. Und jedesmal folgte den Worten ehrfrchtige Stille, darauf ein
unterdrcktes Gemurmel.
    Gleich darauf erklangen Trommeln und Pfeifen aus allen Stadtvierteln, Frauen
und Mdchen traten in die Haustren und blickten neugierig aus den Fenstern,
denn die Viertel trugen heut nach altem Brauch ihre Fahnen vor das Rathaus,
damit einer der Herren Brgermeister das Fahnentuch mustere und den Trgern von
Rats wegen eine Verehrung zuteile. Zu gleicher Zeit kamen aus beiden Stdten die
Fhnriche, begleitet von einem Zug Bewaffneter, herangezogen. Sobald der
Fhnrich des Viertels, welches das Altthorner hie, von der Heiligengeiststrae
her den Markt betrat, hielt er vor einem Eckhause, das unter den ansehnlichen
Steinbauten des Marktes als ein berrest aus alter Zeit stand. Der Unterstock
war dicke Mauer, die an der Straenecke kreisfrmig geschwungen war, gleich
einem Festungsturme, darber erhob sich ein hlzerner Giebelbau aus starken
Balken, welche in jedem hheren Stockwerk ber die unteren vorsprangen; das
Holzwerk war geschwrzt durch Sonnenbrand und Wintersturm vieler Jahre. Eine
gepflasterte Einfahrt mit hochgewlbtem Tor und im Giebel eine Luke, aus welcher
an einem Kranbalken das Seil herabhing, lieen erkennen, da das Haus einem
Kaufherrn gehrte. Der Fhnrich sah scharf nach den Fenstern, entfaltete das
blau und weie Tuch der Fahne und streckte sich, um seine Kunst zu zeigen. Da
ffnete sich die Tr, und auf die obere Stufe der Steintreppe trat ein Mann in
der Tracht eines wohlhabenden Brgers, den Hut auf dem Haupte, eine goldene
Kette am Halse, ber dem Hausgewande einen schnen Pelz, um den Leib einen
breiten Grtel, der mit Golde reich verziert war. Stolz stand er da, trotz
seiner hohen Jahre ein krftiger Mann, mit hagerem Antlitz von strengem Ausdruck
und mit dunkeln Augen, denen die starken Augenbrauen einen dsteren Ausdruck
gaben; dahinter ein Jngling, dem Alten sehr ungleich, mit rundlichem Gesicht
und lachendem Munde. Als der Fhnrich die beiden erblickte, hob er sich wie zum
Tanz, senkte grend die Fahne und lie das Tuch in kunstvollen Wellen durch die
Luft sausen, endlich sprang er gar selbst ber den Fahnenstock, und die Fahne
stand erhebend aufrecht, so da die Falten derselben ihn wie ein Mantel
umhllten. Dem Gru antwortete der Mann auf der Schwelle, indem er seinen Hut
abnahm und das Haupt ein wenig neigte, whrend der Jngling dem Fhnrich
vertraulich zuwinkte. Darauf traten die beiden zurck, die Tr schlo sich und
kein neugieriges Gesicht erschien an den Fenstern, als htte das Haus nur mit
Herablassung die Ehre angenommen, welche ihm die Brger erwiesen.
    Unter den Leuten, welche den Fahnenzug begleiteten, ging ein Fremder; an dem
langen Pelzrock, der Mtze mit einer Reiherfeder und dem krummen Sbel erkannten
die Brger einen polnischen Gast. Dieser wandte sich zu seinem Begleiter, dem
Schreiber des Rates, und sagte spttisch, auf die Haustr deutend: Eure Stadt
hat stolze Brgermeister, mein Herr Seifried, es wird ihnen mhsam, das Haupt zu
neigen.
    Es war der reiche Marcus Knig, der dort heraustrat und verschwand wie das
Mnnchen in der Uhr, versetzte der Schreiber und verzog sein breites Gesicht;
er ist weder Brgermeister noch Ratmann, doch rechnet er sich zu den Herren von
edlem Blut, welche im Artushofe auf der Georgenbank sitzen.
    So ist er ein Kriegsherr der Stadt?
    Er ist auch nicht Hauptmann; das Fahnenschwenken vor seinem Hause dauert
nur als alte Gewohnheit, und er bezahlt die Ehre dem Fhnrich jedes Neujahr mit
einer Kanne Wein. Es geht die Sage, da sein Haus noch von den Alten herstammt,
die sich zuerst gegen die Heiden hier anbauten. Auch die Farben der Fahne sollen
von seinem Geschlechte gegeben sein. Jetzt nhrt der unntze Brauch nur den
Hochmut. Doch dnkt mich, da Herr Marcus stolzer ist auf sein Geld als auf sein
Wappen. Fragt nur Euren Grokanzler, er kennt sicher den Preis des Goldstoffes,
welcher hier in dem Kaufhause zu finden ist.
    Ihr sagt recht, Herr Stadtschreiber, da es unser Geld ist, welches die
Brger von Thorn stolz macht, versetzte der Pole lachend. Wir Edelleute in
unsern Palsten trsten uns damit, da auch ein fester Kasten springt, wenn man
mit der Axt darauf schlgt.
    Lat Eure Edelleute doch zuerst dafr sorgen, da ihre Palste ein festeres
Dach erhalten als Euer Stroh. Wer die Kisten der Thorner begehrt, mag sich
selbst vor den Brandkugeln hten, welche unsere Brger in die Raubnester der
Edelleute schieen, entgegnete der Stadtschreiber.
    Wir sind gute Brder, beruhigte der Pole, und Federn im Schwanz desselben
Adlers. Kommt, Bruder Stadtschreiber, und weist mir den Kram, den Eure Stdter
heut auslegen.
    Allmhlich fllten sich die Straen, zwischen geschftigen Brgern und
Landleuten trieben einzelne Vermummte umher. Vor den Husern stimmte ein Haufe
Lehrlinge krftigen Gesang an um Wecken und Wrste, sie hatten die Gesichter
durch Ofenru geschwrzt und machten eine nrrische Musik mit mitnenden
Instrumenten, mit Kuhhrnern, groen Trichtern und mit Pfannen, welche durch
einen Kochlffel geschlagen wurden; der Vorsnger hielt eine riesige Gabel in
der Hand und spiete auf, was die Leute ihm darreichten. Wer nur wenig auf sich
zu wenden vermochte, lief in der Jacke eines Bauern oder im Kittel eines
Fuhrmanns oder band sich ein Strohseil um das Knie, zur Andeutung, da er einen
Landmann vorstelle. Sogar die Verkufer hinter ihren Tischen gaben der Festzeit
die Ehre, indem sie ihre Pelze umdrehten, so da die Haare nach auen starrten,
oder ein Band mit tnenden Schellen um das Handgelenk befestigten.
    Bei einem Krmer an der Marktecke war jetzt der regste Verkehr. Dieser hatte
an der Tr den lockenden Schmuck des Tages ausgehngt. Narrenkappen mit langen
Zipfeln, breite Bnder mit Schellen fr Knie und Arme, auch Larven fr solche,
welche ihr Gesicht nicht gern unter der Narrenmtze zeigen wollten. Wer nicht
kaufen konnte, erhielt wohl auch geliehen, wenn er sicher war, und gab am Abend
zurck, was er nicht verdorben hatte. Da das Haus einen Ausgang nach der
Hintergasse hatte, so schritt mancher ernsthaft durch die Vordertr und sprang
als Br oder Stocknarr hinten heraus, nachdem er auf der hohen Dngersttte des
Hofes sein neues Wesen durch einige Sprnge eingebt hatte. Wie die Sonne hher
stieg, wurden die Vermummten dreister und beschwerlicher, als Mnche und Nonnen
kamen sie paarweise mit wilden Gebrden, tanzend, Schelmlieder singend und
bereit, jedermann zu umarmen. Noch unleidlicher waren die grauen Brder, welche
groe Scke mit Asche trugen und oft hineingriffen, am liebsten, wenn ihnen eine
wohlgeschmckte Person aufstie, der sie Kleider und Gesicht bestuben konnten.
Auch zierliche Gestalten sah man in rotem Hut mit Hahnenfeder, um den ein
Schleier gewunden war, ber der Haustracht ein buntes Hemd mit seidenen Nhten.
Jeder, der sich als Maske betrachtete, arbeitete eifrig in seinem erwhlten
Berufe, der Br im Pelz tanzte unermdlich, das Kuhhorn blies, der Aschenmann
stubte, bis irgendein auffallender Narrenstreich und ein helles Gelchter dies
geschftliche Treiben unterbrach. Am meisten geplagt waren die Landleute, zumal
die Polen, deren Schafpelze beliebt waren, um darauf schwarze und graue Streifen
zu ziehen. Aber obwohl sie das wuten, freuten sie sich doch nicht weniger als
die andern ber das wilde Treiben, mancher vorsichtige Landmann polsterte sich
seinen Rcken mit Werg, um durch die Schlge der Lederkolben und Pritschen
weniger belstigt zu werden, und sie brachten sogar ihre Frauen mit, welche den
Anfechtungen durch die Narren mit starken Ellenbogen zu widerstehen wuten. Eng
zusammengeschart saen die Buerlein um die Huser, in denen Bier und Met
geschenkt wurde, und boten ihren Nachbarn den Trunk, bis sie einander umarmten
und kten, oder bis ihnen das Herz aufging gegen die Frauen und Mdchen, dann
brach die ganze Vetterschaft auf zu den Tischen, an denen der Schmuck fr die
Weiblein zu kaufen war: Ringe mit Glassteinen, Spangen, Rosenkrnze und
zierliche Kramtaschen. Dort feilschten sie mit dem Krmer, wehrten die Narren ab
und blickten begehrlich auf die ausgelegten Schtze und mit erstauntem Grinsen
auf die wunderlichen Masken der Brger und auf das tolle Gebaren in der Stadt,
die sonst so ernsthaft war.
    Am Kirchhof von St. Johannes hatte Hannus, der Buchfhrer, seinen Tisch
aufgeschlagen, einige gebundene Bcher lagen darauf und viele leichte Bchlein,
wie sie das Volk gern kaufte, Kalender und Prognostika, in denen aus dem Stand
der Gestirne die Fruchtbarkeit des Jahres und das Schicksal der Knige
prophezeit wurden. Manche klagten ber die Lgen der Kalenderschreiber, doch
bedchtige Leute wuten, da zwar die Vorhersagung nicht sicher war, aber die
ganze Wissenschaft keineswegs verchtlich. Liebevoll behtete der kleine Hannus
seine Waren: Rhre mit deinen geteerten Fingern nicht an, was du doch nicht
kaufst, rief er, als ein Buerlein neugierig nach einem Blatte griff, auf
welchem Sonne und Mond freundlich auf ein Totengerippe mit Sense herabsahen. Es
ist etwas Neues gekommen von Straburg, Meister Schwertfeger, ber die Kunst,
Eisen zu hrten, empfahl er, ein Bchlein in die Hhe haltend, die besten
Rezepte und verborgenen Geheimnisse Eures Handwerks werden darin offenbart. Seid
willkommen, hochgelehrter Herr, begrte er einen ernsten Mann, welcher
vorbeiging, Ihr fragtet neulich nach dem Carmen des ruhmvollen Eobanus Hessus
Poeta, welches betitelt ist: Beschreibung des Preuenlandes, es war nicht auf
Lager, jetzt aber ist es mir zugegangen.
    Trotz der eifrigen Empfehlungen blieb der Stand in den ersten Morgenstunden
wenig beachtet, und Hannus sah zuweilen abfllig hinber nach dem umdrngten
Tisch zur Linken, auf welchem bunte Bnder verkauft wurden, und nach dem Haufen,
welcher sich an seiner Rechten um Kuchen und Pfeffergebck sammelte. Aber nach
und nach erhielt auch er Zuspruch, so da, wer spter in die Nhe kam, sich ber
die ansehnlichen Mnner um den Tisch wunderte und ebenfalls herantrat. Doch
hatte es mit den neuen Kunden eigene Bewandtnis. Hannus whlte sie sich
gewissermaen unter den Vorbeigehenden aus, indem er, wie in geheimem
Einverstndnis, mit dem Finger winkte, dann trat der Geladene hinter den Tisch,
Hannus sprach leise mit ihm und wies ihm ein und das andere Bchlein, welches
der Bevorzugte still in seiner Tasche barg, worauf er unweigerlich den Beutel
zog. Dabei sphte der Buchfhrer vorsichtig umher. Bonum matutinum, domine,
rief er einem Fremden zu, der mit einer verhllten Frau langsam ber den Markt
schritt und an seiner Tracht und der Neugier, mit welcher er sich umsah, leicht
als auslndisch erkannt wurde.
    Der Fremde lchelte und steuerte mit entschlossenem Schritt dem Tische zu,
gleich dem Schiffe, welches nach unsicherem Kreuzen die Einfahrt zum Hafen
gefunden hat; ein kleiner Mann mit hagerem Gesicht und zwei lebhaften Augen, die
durch zahllose Falten eingefat waren, er griff an die Mtze und antwortete mit
heller Stimme, der man anhrte, da sie gewohnt war zu befehlen: Salve domine
bibliopola. Dabei versenkte er beide Hnde in die Taschen seines Gewandes und
suchte nach etwas, sah forschend unter sich auf den Boden, griff in andere
Taschen und suchte wieder, bis eine Frauenstimme neben ihm mahnte: Herr Vater,
den Brief habt Ihr in die Ledertasche gesteckt.
    
    Ganz recht, besttigte der Fremde und holte ein zusammengefaltetes Papier
heraus. Wenn ich in Euch, wie ich annehme, den frsichtigen Hannus Buchfhrer
begre, so nehmt dieses Schreiben Eures ansehnlichen Geschftsfreundes aus
Danzig.
    Hannus las und warf dabei prfende Blicke auf die Fremden. Seid willkommen
in Thorn, wohlgelehrter Herr Magister Fabricius, ich empfehle mich Eurer Gunst
zu guter Kundschaft. Und dies ist des Herrn Magisters Frau Liebste? Da aber die
Begleiterin des Fremden errtend den Kopf schttelte, so sah der Hndler wieder
in den Brief und verbesserte sich: Doch nein, es ist die Tochter, Jungfer
Anna, und er sprach heuchlerische Worte von einer hnlichkeit mit dem Vater.
Kann ich mit meinem Vorrat dienen? Hier das Neueste von Erasmus Roterdamus.
    Der Magister griff danach, doch das Buch haltend, sprach er ehrlich: Wenn
jemand eine weite Reise gemacht hat, so ist bei ihm die Lust zu kaufen
vielleicht grer als das Vermgen.
    Das tut nichts, trstete der Thorner wohlwollend, mir ist ja bekannt, da
Ihr als neuer Rektor hiesiger lateinischer Schule von ansehnlichen Mnnern
erwartet werdet. Was Ihr nicht kauft, seht Ihr Euch an. Der Magister war
sogleich in das Lesen einer lateinischen Vorrede vertieft. Vielleicht gefllt
es der Jungfer Anna, unterdes hier die Bilder zu betrachten, riet Hannus der
vergessenen Tochter, welche unruhig auf den Vater sah, und bot ihr ritterlich
die Meerfei Melusine. Whrend er so fr die Fremden sorgte, steigerte sich seine
Teilnahme an ihrem Wohlbefinden, und er unterbrach den lesenden Magister, beugte
sich ber den Tisch und sprach leise: Oder begehrt Ihr etwas von Wittenberg?
    Mnchsgeznk, versetzte der Magister, aber er legte doch den Erasmus auf
den Tisch und fragte: Wo? und beide senkten die Nasen und sahen einander ber
die Brillenglser bedeutsam an. Hannus zog unter einer Decke kleine Bchlein
hervor. Sie sind alle von demselben Manne, von dem die Leute jetzt berall
reden.
    Diese sind deutsch, rief der Magister verwundert: Sermon von Abla und
Gnade. Und was haben wir hier: Ohne Abla von Rom kann man wohl selig werden.
    Es sind lauter Bibelsprche, mit denen das bewiesen wird, erklrte der
Buchfhrer leise.
    Die Augen des Magisters glnzten, er fuhr mit dem Bchlein schnell in die
Tasche - die Tochter stie ihn an -, doch ich vergesse wieder, entschuldigte
er, den Fund herausziehend.
    Behaltet die Bogen, ersuchte Hannus wohlwollend, das Geld ist gut
angelegt, denn Ihr werdet mich dafr bei vorkommender Gelegenheit gebhrlich
empfehlen.
    Ich bleibe dafr in Eurer Schuld, versetzte der Gelehrte mit Wrde.
    Unterdes betrachtete Jungfer Anna nicht ohne Strung die Holzschnitte ihres
Buches. Sie hatte Aufsehen erregt, vielleicht wegen ihres anmutigen Gesichtes,
vielleicht weil sie einen Beduinenmantel trug, welcher in Thorn bei ehrbarn
Jungfrauen nicht gebruchlich war, denn sie vernahm pltzlich neben sich die
dreisten Worte eines fremden Mannes: Was guckt Ihr in Gedrucktes, Ihr hbsches
Frulein; hrt lieber auf die Rede eines Edelmanns, wenn er Euch sagt, da Ihr
selbst schner anzusehen seid als die Weibsstcke, welche in diesem Buche
abgebildet sind. Anna sah neben sich den Schnauzbart des Polen, welcher in das
Buch und auf sie starrte. Errtend wandte sie sich ab und fate den Magister am
Arm: Herr Vater, gehen wir.
    Aber als der Magister sich zu der Verabschiedung rstete, raunte Hannus:
Bergt die Bcher, dort schleicht ein Dominikaner herzu, es ist Pater Gregorius,
der heftige Mann. Er schob mit schneller Handbewegung eine Decke ber die
aufgelegte Ware und neigte sich vor dem Mnch, welchen der Beduinenmantel der
Jungfrau und die weie Feder auf der Mtze des Polen herangelockt hatten, damit
er seine Gewalt erweise. Der Mnch sah unter der gerollten Krempe seines Hutes
finster auf den Hndler herab: Ich sorge, Meister Hannus, Ihr bewahrt vieles in
Eurem Kram, was die Seelen guter Leute zu Schaden bringen mag.
    Ihr kennt ja mein Geschft seit lange, versetzte der Buchfhrer, wenn Ihr
mir auch selten Eure Kundschaft vergnnt. Wir armen Laien kaufen und verkaufen,
was die Drucker von neuer Ware zusenden, uns fehlt die Zeit, um alles selbst zu
lesen; auch haben wir nicht Witz genug, um zu verstehen, was den ehrwrdigen
Vtern lieb oder leid ist.
    Der Rat sollte Euch strenger auf die Finger sehen, fuhr der Mnch tadelnd
fort, denn wie mir scheint, gleitet allerlei durch Eure Hnde, was Euch einmal
da Angst bereiten wird, wo Ihr Erbarmen ntig habt.
    Ich halte auf reine Wsche, entgegnete Hannus gereizt, erst gestern habe
ich das Geld zu Eurem Tische getragen und meinen Zettel gelst. Ist mir in
meinem Geschft zuweilen ein unrichtiges Buch durch die Hnde geschlpft, so
habe ich diese Snde durch richtiges Geld bei den Heiligen wettgemacht. Ihr
selber wit, da ich Abla fr alles habe.
    Dennoch rate ich Euch, da Ihr Euch vor der Versuchung wahrt; denn der bse
Feind ist mchtig geworden unter solchen, welche Bcher schreiben, und zu der
Rotte des Reuchlin und Erasmus gesellen sich jetzt andere beltter, welche
rger sind als jene, und er schlug im Eifer mit der Faust auf den Tisch.
    Der Pole hrte ergtzt dem Eifer des Mnches zu. Recht, ehrwrdiger Vater,
ermunterte er, alles Gedruckte ist Unsinn.
    Diese trichten Reden der Dunkelmnner vermochte der Magister nicht geduldig
anzuhren, er wandte sich mit herber Miene, um ihnen Bescheid zu sagen. Da aber
erhob sich ein helles Geschrei, die Marktleute stoben vor einem fernen Schrecken
auseinander, Weiber und Kinder rannten den Husern zu und das Volk schrie: Die
Teufel kommen. Anna drckte sich ngstlich an den Arm des Vaters. Ach, sie
glich heut dem Schwan Hangan mit goldenen Federn, von dem die Thorner eine alte
Geschichte wuten, wer ihn berhrte, blieb an ihm hngen. Auch an die Jungfer
heftete sich der Pole, an diesen der Mnch und an den Mnch leider viele Teufel.
    In der weiten Gasse, welche durch den Schrecken des Volkes geffnet wurde,
sprang etwa ein Dutzend wilder Gestalten heran in roten Kamisolen und engen
schwarzen Hosen, vor den Gesichtern braune und schwarze Teufelslarven mit groen
Hauzhnen, zwischen denen eine Zunge von rotem Tuch heraushing, die Hupter
durch schwarze Ziegenfelle verhllt, aus denen die Hrner ragten, in den Hnden
schwenkten sie Lederkolben und rasselnde Schweinsblasen. Der gute Stoff ihrer
hllischen Gewnder und der kecke bermut, mit welchem sie auf die Menge
schlugen, lieen wohl erkennen, da sie gewhnt waren, sich als Herren in den
Straen der Stadt zu fhlen, aber die Leute vergaen vor den greulichen
Gestalten, da heut Fastnacht und da diese Maske in Thorn nicht ungewhnlich
war. Viele empfanden ein Entsetzen, als wenn Luzifer mit seinem Gesinde
leibhaftig aus dem Abgrund aufgestiegen wre, vollends die Landleute, welche zum
erstenmal die Schreckbilder sahen, verfielen in Not und Angst, mehr als einer
kniete nieder, und die Weiber auf den Karren schrien zum Himmel, rangen die
Hnde oder bargen die Gesichter in Stroh, je nach ihrer Gemtsart. Als Hannus
den Aufstand und das Drngen des Volkes sah, warf er behend die wertvollsten
Bcher in den Kasten. Doch da er so eifrig seinen Tisch rumte, gedieh ihm
nicht zum Heil. Denn als die Teufel herankamen, erkannte einer den geleerten
Tisch und schwang sich hinauf; ein kleiner dienender Satan, der mit zwei
Widderhrnern auf dem Kopfe und einem groen Kuhschwanz am Hinterteil sehr
bsartig aussah und whrend des Laufes zuweilen Kobolz geschossen hatte, brllte
im nchsten Augenblick den Buchfhrer so grimmig an, da auch dieser erschrocken
zurckfuhr, ergriff den Schemel, auf dem Hannus auszuruhen pflegte, und hob ihn
auf den Tisch als Thron des Oberteufels. Dieser setzte sich darauf und rief,
seinen Kolben schwingend, mit hohler Stimme ber den Platz: Wohl her, wohl her,
mein teuflisches Heer, aus Smpfen und Moor, aus Brchen und Rohr. Und auf den
Dominikaner weisend, fuhr er fort: Hier haben wir Mnch und Nonne beieinander,
das Sprichwort sagt wahr, da die Heiligen nicht einzeln wandern, sondern zu
zweien; ist das zweite nicht ein Mnnlein, so ist es ein Frulein; heran, meine
Teufel, ehrt die Frommen durch einen Tanz. Denn auch wir gehren zur Kirche,
berall, wo die heiligen Vter sich ein Haus errichten, bauen sie dem Teufel
daneben eine Kapelle. Sa, sa, rund um. Der Mnch und der Pole, der Magister und
seine Tochter wurden, bevor sie sich's versahen, von den Teufeln in einen Kreis
gezogen und mit wildem Tanze umringt. Das Mdchen barg entsetzt ber den Anblick
und emprt ber die Schmach in der fremden Stadt das Gesicht in ihren Hnden,
der Magister starrte durch seine Brille erstaunt auf die unerhrte Gesellschaft,
der Pole fluchte und der Mnch begann einen zornigen Verweis, aber die Worte
wurden bertnt durch den lauten Gesang der tanzenden Teufel: Luzifer auf
deinem Hllensitz, rivo, rivo, rivo; einst warst du ein Engel von gutem Witz,
jetzt bist du greulich und gar nichts ntz, pfu Deubel, pfu Deubel. Der Mnch,
bermannt von Zorn, ballte die Faust, um sich tatkrftig der Andringenden zu
wehren, welche mit ihren Schweinsblasen seinen Rcken zu treffen suchten, aber
der kleine Satan mit dem Kuhschwanz sprang ihm wie ein Bock gegen die Beine, so
da der wrdige Herr stolperte und sich auf den Boden niedersetzte. Da erhob
sich unter dem zuschauenden Volk ein wildes Gelchter, in dem die geheime
Abneigung laut wurde. Doch die Teufel wichen zurck. Ihr seid ungeschickt,
rief der Oberteufel, da ihr unsern lieben Vater an den Boden setzt, helft ihm
suberlich auf und entlat ihn aus unserer Mitte, denn ich hoffe, er und wir
bleiben gute Freunde. Der Mnch erhob drohend den Arm und entwich aus dem
Kreise.
    Wer aber ist der polnische Hahn, der so wild in unserm Ringe krht? fuhr
der Anfhrer fort und sprang vom Tische dem Polen entgegen. Doch in demselben
Augenblick blitzte ein geschwungener Sbel in der Luft und traf seine Larve; die
festen Hrner minderten die Wucht des Hiebes, aber die Larve klaffte und glitt
vom Haupte, und ein gertetes Jnglingsgesicht wurde sichtbar, dem das Blut von
der Stirne rann. Ein lauter Schrei erscholl, die Umstehenden riefen einen
wohlbekannten Namen, und gleich darauf erhob sich der zornige Ruf: Greift den
Polen, er hat den Frieden der Stadt gebrochen. Eine Anzahl fester Fuste packte
den widerstrebenden Fremden und ri ihn zur Seite. Der Teufel hatte im Nu seine
Larve wieder befestigt und schrie: Fhrt jeden zur Hlle, der die Rechte der
Kinder von Thorn krnkt, heran, meine Gesellen, erhebt noch einmal den Gesang.
Zwei Gefangene sind uns geblieben und der eine gleicht einem Gelehrten. Er wies
auf den Magister, welcher den Arm um seine Tochter geschlungen hatte und schrie:
Latine loquamur, ut vir doctus gaudium habet.
    Nicht habet, sondern habeat, du hllischer Abcschtz, rief ihm der
Gelehrte unwillig entgegen. Doch ungerhrt durch den Verweis fuhr Luzifer fort:
Schwand auch der Mnch, die Nonne blieb, und dabei legte er den Arm um die
Kappe der Jungfrau, aber er stand wie versteinert, als er ein verblichenes
junges Antlitz sah, die verstrten Mienen und den entsetzten Blick, und er rief
zurcktretend und die Hand hebend: Diese gehren nicht zu uns, hinweg, ihr
Gesellen. Mit groen Sprngen fuhr er an die Spitze des Schwarms und schwang
sich mit ihm durch die Haufen in die nchste Gasse, die gehobenen Kolben fielen
auf die Rcken der Landleute, und das Gelchter der Zuschauer begleitete die
Unholde, bis Geschrei in der Ferne verriet, da die Teufel wieder mit einem
Gegner zusammengestoen waren.
    Furor diabolicus, rief der Magister, blicke auf, mein Kind, sie sind
fort, komm nach der Herberge. Er verga den Scheidegru an den Buchfhrer,
welcher zerknitterte Bogen glttete, und verschwand mit seinem Kind in der
Menge.

Am Nachmittage schlug der eiserne Klopfer stark an die Haustr des Marcus Knig,
in dem Flur wurden Stimmen laut, Barbara, die alte Hausmagd, ffnete dem
Ankommenden die Stubentr. Ein stattlicher Mann in hheren Jahren trat ein, das
braune Haar mit Grau gemischt, in dem groen Antlitz runde, scharfblickende
Augen; ber dem langen, braunen Samtmantel trug er einen Kragen von Marderfell,
an dem silberbeschlagenen Grtel einen Degen in silberner Scheide. Er bewegte
seinen gestickten Hut mit gemessenem Gru gegen den Hausherrn und streckte ihm
die Rechte entgegen. Mit langsamer Frmlichkeit ergriff der Wirt die gebotene
Hand und lud den Gast auf einen groen Lederstuhl, den Ehrensitz. Er selbst
rckte sich seinen Sitz gegenber und winkte der harrenden Magd, welche eine
Flasche und zwei kleine Silberbecher herzutrug und vor den Herren auf den Tisch
setzte. Als sie die Tr geschlossen hatte, begann der Wirt, sein Glas hebend:
Dies bringe ich Euch zum Willkommen, namhafter Herr Brgermeister Hutfeld.
    Der Gast antwortete ebenso bedchtig: Ich denke in diesen Wnden an meine
selige Schwester Martha, Eure Ehegattin, und gern wrde ich vernehmen, da Ihr
mich wie sonst als Euren Schwager begrt. Da Marcus schweigend das Haupt
neigte, fuhr der Gast lebhafter fort: Ich bedaure, Schwager Marcus, da Ihr mir
so fremd gegenbersitzt. Tragt nicht mir nach, wenn Euch vor kurzem eine
Weigerung des Rates gekrnkt hat. Ihr erbatet aus dem Zeughause zwei
Feldschlangen fr das feste Haus Eures Landguts, aber Ihr selbst wit, da nur
den Ratmnnern zuweilen Geschtz in ihre festen Huser geliehen wird.
    Ich wei߫, versetzte der Hausherr. Die Brger klagen zuweilen, da die
ehrbaren Herren vom Rat nur deshalb die Geschtze der Stadt auf ihre Landhuser
ziehen, um die Gastgelage, welche sie dort ausrichten, durch Freudenschsse den
Untertanen zu verknden. Mir aber hatten, als ich die Herren durch meine Bitte
beschwerte, fremde Wegelagerer eine Scheuer meiner Dorfleute ausgebrannt und mit
fernerer Rache gedroht. Die wilde Reiterei ist gemein geworden im Lande, und
darum meinte ich, der Stadt werde nicht gleichgltig sein, wenn das Gut ihrer
Brger zugrunde geht. Ich will fernerhin versuchen, mich selbst zu beraten; ich
habe durch mein Leben gelernt, fremder Hilfe nicht zu trauen.
    Wenige in der Stadt werden bezweifeln, da Ihr in Ratschlag und Tat
wohlbedacht seid. Doch verzeiht, Herr Schwager, wenn ich Euch in treuer Meinung
sage, nicht immer frommt es dem Brger, seine Meinung von denen seiner Nachbarn
zu trennen, und leichter gewinnt man Gutes fr sich selbst, wenn man sich
gutherzig in andere schickt. Das Geschtz httet Ihr erhalten, und ein Sitz im
Rate wrde Euch nicht fehlen, wenn Ihr williger der Stadt Eure gnstige
Gesinnung erweisen wolltet.
    Der Hausherr richtete sich in seinem Stuhle hoch auf: Sprecht weiter,
gebietender Herr Brgermeister, Ihr habt zuviel gesagt, um aufzuhren.
    Ich rede vertraulich, mein Schwager, fuhr der andere fort. Vielen fllt
auf, da Ihr in dieser Zeit, wo es sich um Gedeihen oder Untergang der Stadt
handelt, in Rede und Tat so wenig Ha und Liebe erkennen lat: und sie wissen
darum nicht, ob sie Euch vertrauen drfen oder nicht.
    Ich bin gelehrt worden, versetzte der Wirt, da dem Brger ziemt, um das
eigene Wohl zu sorgen, und da ein ehrbarer Rat die Sorge um die Stadt als sein
Vorrecht betrachtet.
    Dem Rat aber vermchte Eure Einsicht zu ntzen. Ich wei am besten,
Schwager Marcus, wie hoch der Sinn des Mannes ist, mit welchem ich rede. Nie
werde ich vergessen, da ich meinen Wohlstand den Jahren verdanke, in denen ich
als Euer Geselle Handelschaft trieb.
    Verget die alte Zeit, Herr Brgermeister, und wenn Ihr redlich an mir
handeln wollt, so mht Euch zu vergessen, was Ihr vielleicht von mir
kennengelernt habt, als wir beide jnger waren. Ich bin alt geworden, es ist
einsam in meinem Hause; ich denke, die Stadt kann mich leiden, wie ich bin, bis
ich in der Marienkirche beigesetzt werde gleich anderen meines Geschlechts. Dann
mag Euer Pate, mein Sohn Georg, versuchen, dem Rat besser zu gefallen.
    Wenn ich unwillkommen zu Euch kam, antwortete der Brgermeister, gekrnkt
durch die Abweisung, so kam ich um Eures Sohnes willen. Ein Haufe Vermummter in
der unheiligen Tracht von Teufeln hat heut in den Gassen Ungebhr gebt, hinter
der Larve ihres Anfhrers ist mein Pate Georg erkannt worden. Es geschieht nicht
zum erstenmal, da der Rat Ursache hat, auf ihn zu merken. Diesmal hat er der
Kirche rgernis gegeben und ist auch mit dem Polen Pietrowski zusammengestoen,
welcher als Gesandter des Grokanzlers dem Rate am Herzen liegen mu. Vielleicht
gefllt es Euch, Herr Schwager, den Sohn auf einige Tage zu versenden, bis der
rgerliche Fall vergessen ist.
    Hat der Knabe einen polnischen Abgesandten auf offener Strae gekrnkt, so
soll er auf offener Strae die Bue zahlen, versetzte Marcus finster, ich will
nicht, da um meines Blutes willen die Stadt in Ungelegenheiten gerate. Erlaubt,
da ich ihn in Eurer Gegenwart abhre. Er schritt zur Tr und rief nach seinem
Sohne. Es verging einige Zeit, in welcher die Herren schweigend einander
gegenbersaen; endlich ffnete sich die Tr, und herein trat ein junger Gesell,
hoch aufgeschossen, mit blondem Kraushaar und mit einem runden, rosigen Antlitz,
in dem zwei schlaue Augen unruhig ber die ernsten Gesichter der Herren fuhren;
man sah dem Eintretenden die Verwirrung an, sein Wams war unordentlich genestelt
und eine Seite der Stirn mit einem Pflaster gedeckt, aber um den Mund zuckte
doch die Schelmerei, als er, sich verneigend, grte: Guten Abend, Herr Vater,
guten Abend, Herr Pate.
    Wer hat dir die teuflische Fratze gemacht, fragte der Vater streng, in
der du heut vor den Bauern getanzt hast?
    Lorenz, der Lufer, hat sie von Danzig zugefhrt.
    Und wer hat dir das Geld dazu in die Hand gelegt?
    Der Danziger wartet noch darauf, Herr Vater, gestand Georg mit geringerer
Zuversicht. Da ist der Gewinn vom letzten Vogelschieen.
    Der ist schon mehr als einmal in Rechnung gebracht, unterbrach ihn der
Vater. Wer hat dich an der Stirn getroffen?
    Der Sbel des Pan Pietrowski, aber er soll dafr bezahlen. Eisen um Eisen
ist ein Thorner Sprichwort.
    
    Schweig, du dreister Knabe. Ihr hrt, Herr Brgermeister, er hat bekannt,
nehmt ihn und tut mit ihm nach Ermessen des ehrbaren Rats.
    Dem Brgermeister war die kurze Bereitwilligkeit des Vaters nicht
willkommen, und er fragte nach einer Weile: Als der Fremde den Sbel zog, was
hatten ihm die Vermummten angetan?
    Sie hatten ihn umtanzt wie viele andere, die heut in fremder Tracht auf
unsern Gassen wandeln. Das ist ein altes Recht der Fastnachtsteufel, wenn es den
Fremden nicht gefllt, mgen sie drauen bleiben, antwortete Georg trotzig.
    Haben Stadtleute gesehen, da die Wunde geblutet hat?
    Er hieb die Bnder der Larve durch und entblte mein Gesicht, und einige
schrien Gewalt, als das Blut rann.
    Hutfeld sah den Vater ernst an? Dies mag das Recht des Polen mindern und
dein Unrecht bessern. Euch, Herr Schwager, ersuche ich, diesen unterdes in Eurem
Hause festzuhalten, wenn etwa der Rat ihn Euch abfordern lt. Er wandte sich
zum Abgange.
    Darf ich noch etwas reden, lieber Herr Pate, bat Georg demtig, und als
Hutfeld nickte, fuhr er fort: Mir wre wirklich lieber, wenn statt meiner der
Pietrowski verhaftet, verstrickt und eingesetzt wrde. Denn nicht ich habe das
Gesetz mit dem Sbel gebrochen, sondern er, und nicht er trgt die Schmarre,
sondern ich, und deshalb kann mir nicht gefallen, da ich in der Klausur sitzen
soll, whrend er in der Schenke die Stiefel zusammenschlgt; zumal heut, wo alle
Brderlein lustig sind.
    Du bist Sohn eines Hauswirts, er ist der Gast, antwortete Hutfeld ernst.
Nicht immer trinken Wirt und Gast das gleiche Ma. Dir aber kann morgen vor dem
Rate frommen, wenn du heut nicht im Artushofe beim Abendtanz gefunden wirst. Er
verlie grend das Zimmer. Der Wirt folgte ihm bis zur Haustr.
    Als Marcus zurckkam, schritt er schweigend zu einem kleinen Wandschrank,
hob ein Schlsselbund heraus und gebot dem Sohne:
    Folge mir. Hole zuvor dein Gebetbuch, denn es wird dir heilsam sein, um den
Himmel zu sorgen, nachdem du dich im Dienst der Hlle so lustig bemht hast.
    Georg trug mit dsterer Miene ein kleines Buch herzu und folgte dem Vater
die Treppe hinauf in den Oberstock. Dort hielt Marcus vor einer
eisenbeschlagenen Tr und faltete, bevor er das Schlo ffnete, die Hand ber
dem Schlssel. Der Sohn aber trat einen Schritt zurck, der stumme Trotz, mit
welchem er die Einsperrung erwartete, schwand in unverhohlenem Schrecken. Denn
das Gemach war, obwohl stattlich in der Mitte des Hauses nach dem Markte
gelegen, doch bei den Hausgenossen und auch unter den Nachbarn bel beleumdet
als Behausung eines polternden Geistes, welchen alte Leute als einen gepanzerten
Mann geschaut hatten, andere aber als einen braunen Kobold. Georg hatte nur
selten den Raum betreten, und gerad heut, wo er sein Gewissen ein wenig bedrngt
fhlte, war ihm der Aufenthalt unheimlich, aber die Scheu vor dem Vater schlo
ihm den Mund, und er prete die Lippen zusammen. Die Tr knarrte in den Angeln,
der Sohn trat auf die Schwelle, und sein Blick irrte in dem dmmrigen Raume
umher. Es war ein Gewlbe mit dicken Mauern, durch die trben Rauten des
Fensters fiel ein Sonnenstrahl und zeichnete auf die Dielen ein Netzwerk aus
mattem Gold, an den Wnden standen Schrnke und eiserne Ksten, auf einem Tisch
hing am kleinen Stnder eine goldene Haube und anderer Schmuck, wie ihn die
vornehmen Frauen zu Thorn trugen. Der Vater blieb vor einem groen Schrank
stehen. Tritt nher, begann er feierlich, du hast heut Heilloses getrieben in
dem bermut, den ich wohl an dir kenne und lange mit Nachsicht getragen habe,
ich will dich zur Vorsicht und Bescheidenheit mahnen durch ein ernstes
Beispiel.
    Sagt mir vor allem, Herr Vater, ob Ihr selbst sehr bse seid wegen des
Teufelskrams, bat Georg.
    Da mein Sohn in der unheiligen Maske als Narr vor den Brgern gespielt
hat, war fr uns beide Unehre, und noch grer war die Torheit, da er sein
Gesicht sehen lie.
    Der Pole soll mir's bezahlen, murmelte Georg.
    Was ist der Pole? fragte der Vater, der Diener eines Dieners. Wer seinen
Zorn an kleinem Gesindlein verzettelt, gleicht dem Bussard, der nach Musen
stt. Er ffnete die Schranktr. Du warst oft begierig, in Blechkappe und
Krebs eines Gewappneten zu reiten, weit du mir zu sagen, wer einst diese
Rstung getragen hat? In dem Schranke stand eine altertmliche Rstung, graues
Eisen mit Gold verziert, dabei ein hoher Schild mit dem Zeichen, welches in
Thorn verhater war als irgend etwas anderes. Es war das schwarze Ordenskreuz,
in dessen Mitte ein goldenes lag.
    Ein Weimantel trug die Rstung, antwortete Georg, und sehe ich recht, so
war es ein Hochmeister des Ordens.
    Es war ein Meister des Ordens, besttigte der Vater, und er war von
unserm Geschlecht. Vernimm, was von ihm die Chronik kndet. Herr Ludolf wurde zu
seiner Zeit gerhmt als ein weiser und kriegstchtiger Herr. Er fhrte ein
groes Kreuzheer gegen die Heiden in Litauen, wohlberlegt war der Kriegsplan,
und er hoffte Ruhm fr sich und Landgewinn fr den Orden. Aber die groe
Hoffnung erwies sich als eitel, die Litauer wichen weit rckwrts in ihre
Smpfe, und whrend er mhsam durch die Wildnis nachzog, brachen andere
Heerhaufen der Heiden in das preuische Land und verwsteten erbrmlich Gut und
Volk des Ordens. Als er auf die Trauerbotschaft umkehrte, verlief sich
unzufrieden das Kreuzheer, und von allen Seiten erhoben sich Klagen gegen ihn
selbst. Das Unglck des Landes fra ihm am Herzen, so da er in Trbsinn verfiel
und in schwarzer Stunde mit dem Messer nach einem Ordensbruder stach. In seinem
Gram ber die Missetat entsagte er selbst einer Herrschaft. Nach Jahren schwand
die Wolke von seinem Geiste, und die Brder, welche seinen Wert wohl kannten,
wollten ihn wieder auf den Herrenstuhl setzen, er aber weigerte sich. Und als er
von dieser Erde schied, umgeben von trauernden Brdern und Mnnern unseres
Geschlechts, da sprach er, wie die Sage meldet, eine schwere Besorgnis aus: Oft
ist das Schicksal der Knige von Thorn gewesen, da durch den Lauf der Welt
vereitelt wurde, was sie redlich wollten, ihnen ist, wie ich frchte, kein Glck
auf Erden beschieden. Sorgt dafr, Kinder meines Geschlechtes, da ihr im Himmel
euch gute Frbitter gewinnet. Was der Sterbende sprach, hat die folgende Zeit
erfllt. Einst sa unser Geschlecht ehrenvoll in den groen Stdten und in der
Landschaft, es sind wenige davon briggeblieben, hier in Thorn sind wir beiden
die letzten. Er sah finster vor sich nieder.
    Dem Sohn tat der Kummer des Hausherrn leid, und er versuchte gutherzig zu
trsten: Ach, Herr Vater, htte der arme selige Vetter Hochmeister doch, bevor
er schwermtig wurde, noch einmal auf die hinterlistigen Heiden losgeschlagen.
Blieben sie strker, so starb er im Felde mit leichtem Herzen. Und wegen seiner
Prophezeiung grmt Euch nicht. Euch ist doch auch manches gelungen in Eurem
Leben, und im Artushofe schweigen alle mit Achtung, wenn Ihr einmal das Wort
ergreift. Waren die Alten trbselig, warum sollen wir's sein.
    Du sprichst in kindischem Mut, antwortete Marcus, hre weiter. Du hast
deinen Grovater nicht gekannt, auch von ihm bewahre ich ein Gewand. Er ffnete
die andere Hlfte des Schrankes, ein Berkleid hing darin. In seiner Zeit war
der Deutsche Orden schwach und hilflos, die Ordensherren verdorben durch
Schwelgerei und Unzucht, wie sie in der Mehrzahl noch jetzt sind; hochmtig
pochten sie auf ihren Adel, sie versagten uns alten Geschlechtsgenossen aus den
Stdten die Aufnahme in die Bruderschaft, weil wir Kaufmannschaft trieben und
Brger waren, und verteilten die mter des Ordens an fremde Abenteurer aus dem
Reiche, die gewhnt waren, von Raub zu leben, und die auch als Ordensritter
gleich Rubern in unserm Lande hausten. Die Tyrannei wurde dem Lande unleidlich,
zum Unheil war der Orden geworden, und ein Unheil war die Hilfe, welche das Land
zur Zeit deiner Grovter dagegen fand. In offener Emprung kmpften Stdte und
Landschaft gegen den Orden, und sie, die sich Deutsche nannten, gaben ihr Geld
und ihr Blut dafr, da der Pole ihr Schutzherr wurde. Damals war im Lande alles
feindlich geteilt, Brder und Nachbarn in grimmigem Kampf gegeneinander. In
unserer Stadt gab es viele, welche dem Hochmeister anhingen und die Stadt der
deutschen Herrschaft bewahren wollten. Auch dein Grovater gehrte zu den
Freunden des Ordens. Da ich ein kleiner Knabe war, wurde ich vor ein Gerst
gefhrt, das dort vor unserem Hause gezimmert war, und sah, wie die Hupter
ansehnlicher Brger in den Sand fielen. Zuletzt erkannte ich meinen Vater. Er
lie mich durch den Mnch, der neben ihm stand, auf das Gerst heben, kte
mich, sah mich aus hohlen Augen an und sprach mir leise in das Ohr: Du wirst
mich rchen, Marcus. Seitdem sehe ich zuweilen am Boden das schwarze Blut, und
ich hre, wenn ich allein bin, die heisere Mahnung in meinem Ohr. Er hielt
inne, auch der Sohn starrte bleich auf das blutgetrnkte Gewand. Endlich fuhr
Marcus fort: Der Bruder meines Vaters, der mein Pate war, hielt zur polnischen
Partei, er rettete mir das Erbe und erzog mich in Treue. Wundere dich nicht,
Georg, da dein Vater ein schweigsamer Mann geworden ist, nur kurz war das
Glck, welches mir mit deiner lieben Mutter, der Schwester meines Spielgesellen
Hutfeld, in das Haus gefhrt wurde, sie ging zu den Engeln und lie dich mir
zurck. - Ungern giee ich den bittern Trank in den Becher deiner Jugend, aber
der Tag ist gekommen, wo dein sorgloser Mut durch ernste Gedanken gebndigt
werden soll. Erkenne, da ich dich nicht wie einen ungezogenen Knaben behandle,
und hte dich, mir fernerhin zu mifallen.
    Er wandte sich zum Gehen, Georg eilte ihm nach und sprach mit trnenden
Augen: Ich danke Euch, Herr Vater, fr Eure Liebe und Euer Vertrauen und da
Ihr mich so gtig straft. Gefllt es Euch, Herr, so sagt mir noch eins, worum
ich in Demut bitte: Ist's nach Eurem Wunsche, wenn ich mich fr einen Deutschen
halte gegen die Polen?
    Der Vater hielt an und antwortete mit berwindung: Ich denke, dir ist nicht
not, darum zu sorgen. Du bist ein Sohn, der im Hause des Vaters lebt, und der
Vater richtet dir den Willen. Zuerst gebietet dir der Vater, dann der Rat. Wirst
du einst zum Ratmann der Stadt erkoren, dann erst darfst du deine eigenen
Gedanken bettigen.
    Als Marcus die Tr verschlosesn hatte, fragte Georg erstaunt: War dies mein
Vater? Er sah hher aus als sonst, und so gewaltige Rede habe ich nie aus seinem
Munde vernommen; er wre wohl strenger gewesen, wenn er gewut htte, da wir
den Frauenbruder garstig vexiert haben. Scheu blickte er durch die Dmmerung
nach dem offenen Schrank, dessen Tiefen wie schwarze Schlnde gegen ihn ghnten.
Vom Grovater hat mir oft die selige Tante erzhlt, und meine Gesellen haben mir
sonst sein Schicksal vorgeworfen. Jetzt wagt es keiner mehr. Dennoch ist es
hart, mit diesen Totengewndern eingesperrt zu sein. Er drckte die Schranktren
zu, eilte an das Fenster und zog, bis es ihm gelang, zu ffnen. Dort atmete er
frische Winterluft, sah die heimziehenden Landleute, die geschftigen Brger,
welche Tische und Kasten vom Markte in die Huser trugen, und hoch ber den
dunklen Schatten der Erde den lichten Abendhimmel; da wurde ihm leichter zu
Sinn. Also ich bin von dem Blute, dem Hochmeister entstammen? Ich gre Euch,
mein Kumpan, Herzog Albrecht von Brandenburg! Der Vater trgt, wie ich merke,
seinen Stolz in der Tasche, ich wollte, er zeigte ihn auf dem Markte. Meine
Ahnen haben als die Vornehmsten dem Adel geboten, jetzt drngen wir uns mit den
Junkern vom Lande, wenn wir zufllig auf derselben Bank sitzen, und hhnen
einander in wilden Reden. Der lange Henner Ingersleben, der weder Gut noch Geld
hat und als Einlieger bei seinen Spiegesellen auf dem Lande haust, weigert sich
hhnisch, mit uns Stadtknaben im Ringelrennen zu reiten und schalt uns
Brgerpack. Treffen wir uns auf der Heide, so ist ausgemacht, da wir einander
schlagen, bis einer unter dem Pferde liegt. Auch mit dem Polen und seiner
Sippschaft hngt jetzt ein Handel, den wir in Frieden schwerlich zu Ende
bringen; aber Junker und Polen sollen merken, da wir Kinder von Thorn uns gegen
sie zu behaupten wissen. Drohend hob er die Faust, aber er sah gleich darauf
wieder scheu in der Stube umher. Als ich vor Jahren auf dem Danziger Schiff nach
Schonen fuhr, um unsere Heringstonnen heimzuholen, und der dnische Seeruber
uns anlief, da sprang ich mit den andern auf sein Verdeck, obwohl ich ein Knabe
war, und der Schiffer Hendrik rhmte die Hiebe des Dussek, den ich gegen die
Dnen schwang. Doch trotz dieser tapfern Reden hielt er sich vorsichtig in der
Nhe des Fensters. Drauen war es finster geworden, nur einzelne Tritte klangen
auf den Straen, in den Husern glnzten Lichter und flackernde Herdfeuer, um
die Schnken summte das Gerusch lustiger Gesellschaft, und vom Artushofe her
klang die Tanzmusik. Die Pfeifer htten auch nicht ntig, so gellend zu locken,
ich vernehme die Ladung ohnedies. Ob Eva Eske wohl nach mir fragt? Ich denke,
sie erwartet, da ich mit ihr tanze. Wre ich dort, ich htte den Vortritt, weil
ich beim letzten Stechen das Beste gewonnen habe. Jetzt wird sich Vetter Matz
Hutfeld, die teige Brgermeistersemmel, obenan auf das Brett schieben. Matz
stolperte neulich beim Tanze ber mein ausgestrecktes Bein und fiel hin, mich
soll wundern, ob sein Vater trotzdem im Rate fr mich sprechen wird. Auf der
Strae sangen vorbergehende Gesellen ein Liebeslied, Georg summte es leise mit.
Ach, das fremde Mdchen hat ein holdseliges Gesicht, und mich rgert sehr, da
ich sie gekrnkt habe, sie starrte mich an in Schreck und Scham, ich kann den
Blick nicht vergessen; ich mu erfahren, wer sie ist und bei wem sie haust, ich
mchte nicht, da sie mich fr ganz unbndig hielte. Vielleicht berede ich meine
Genossen, da sie ihr eine Nachtmusik bringen, dann spiele ich die Laute, und
Lips Eske streicht das Bassettel. Lange erfreute ihn dieser Gedanke, und er
summte eine zierliche Weise, die zu dem Stndchen pate. Auch als die
Abendglocken luteten und er das Gebetbuch in der Tasche fhlte, dachte er: das
luft niemals weg, und begann eine neue Melodie. Zuletzt aber fhlte er die
Klte und den Hunger, und auch die finstere Stube bereitete ihm Sorge. Der Herr
Vater sitzt wohl im Artushofe bei seinem Trunke, und Barbara getraut sich nicht
ohne seine Erlaubnis, Licht und Nachtkost zu bringen. Es ist zuweilen
mhseliger, ein Sohn zu sein als ein Vater.
    Da knarrte es leise lngs der Hauswand, an dem Seile, welches aus der
Giebelluke hing, glitt ein dunkles Bndel herab, und eine Stimme flsterte vor
dem Fenster: Seid Ihr noch bei Leben und Gesundheit, Junker?
    Bist du's, Dobise?
    Niemand sonst. Wenn Ihr Euren Arm ausstreckt, knnt Ihr den meinen fassen
und mich ans Fenster ziehen.
    Das tat Georg. Der Ankmmling, dessen Fu in dem Haken des Seils haftete,
klammerte sich an das Fensterbrett und blickte ngstlich in den Raum. Was
bringst du, Hausteufel? fragte Georg.
    Nichts vom Teufel, warnte der andere, denn es ist Nacht, und die
schwarzen Geister wandeln. Eure Gesellen gren Euch, sie ziehen nach dem
Abendtanz in die Trinkstube zu Jan Rike, dort erwarten sie Euch. Haltet das Seil
fest, Ihr knnt nach mir auf den Boden steigen und durch das Hinterhaus ins
Freie. Schlagt den Haken an das Fenster, so findet Ihr Euch auf demselben Wege
zurck, und kein Herr merkt Eure Fahrt.
    Wo ist der Vater?
    In seiner Kammer, die er nicht mehr verlt.
    Georg dachte sehnschtig an die harrenden Genossen, aber er ermannte sich:
Ich bin hier verstrickt und darf nicht entweichen.
    Bindet Euch ein Strick, so lst Euch der andere, erinnerte Dobise, an dem
Seil schttelnd.
    Dennoch bleibe ich hier, man mu seinem Alten auch einmal etwas zu Gefallen
tun. Den Gesellen sage, da der Rat ber uns ist; und hr, mahne heimlich die
Magd, da sie mir ein Licht und gute Kost zutrgt, denn es ist einsam im
Finstern.
    Ihr wollt doch die Nacht nicht allein bleiben mit den Unholden der Stube?
    Willst du zu mir hereinkommen und bis zum Morgen hier weilen, so habe ich
nichts dagegen, versetzte Georg.
    Lieber wollte ich sterben, raunte Dobise in ehrlichem Grauen und lie das
Fenster los, so da er an dem Seile baumelte.
    So fahr dahin, du Narr.
    Auf der Treppe will ich die Nacht sitzen um Euretwillen, flsterte der
andere handelnd, dafr bitte ich Euch, morgen um Silber bei den Pfaffen einen
Zettel fr mich zu kaufen. Denn sie sagen, da die Teufel Macht ber jeden
erhalten, der ihren Rock anzieht, und da ich Euch zuliebe mit Kuhschwanz und
Hrnern gesprungen bin, so hoffe ich, werdet Ihr Euch meiner Seele erbarmen.
Alle vierzehn Nothelfer! Seht Ihr die feurigen Augen hinter Euch?
    Georg wandte sich erschrocken um. Es ist die Goldhaube der Mutter, sagte
er beruhigt.
    Dobise schwieg und sah sphend in den Raum.
    Auf dem leeren Markt klangen Tritte, welche sich nherten. Schnell, mach
dich fort, mahnte Georg und trat vom Fenster zurck. Im nchsten Augenblick
vernahm er Gebrll und einen Schreckensruf und sah den Dobise schleunigst am
Seil nach der Hhe klimmen. Unten murmelte es leise, dann wurde alles still, der
Nebel quoll in den Straen, die roten Lichter, welche hier und da blinkten,
schwanden eines nach dem andern, in der Ferne schlug dumpf die Uhr von St.
Johannes, und zuweilen blies der Trmer die gewohnte Weise. Spt kam die alte
Barbara, sie trug die Abendkost, eine Lampe, Strohsack und Decke. Georg
antwortete ihrem bekmmerten Nachtsegen mit freundlichem Lachen, warf sich auf
sein Lager am Boden und entschlief ruhig.
    Der Vater aber in seiner Kammer wachte, er sa ber ein Buch gebeugt, dessen
Seiten er mit vielen Zeichen beschrieben hatte, zhlte zusammen und rechnete.
Die Zeichen und Zahlen des Buches, unverstndlich fr jeden andern, bedeuteten
nicht Kaufmannsgter und Summen seines irdischen Handelsgeschftes, es war die
Rechnung, die er als frommer Christ fr das ewige Leben fhrte. Die frommen
Bruderschaften standen darin, denen er angehrte, jede mit vielen Tausenden
Paternoster und Ave-Marias, mit ganzen Rosenkrnzen und anderen Hilfsmitteln zur
Seligkeit, welche die Bruderschaft als gemeinsamen Schatz fr ihre Mitglieder
gutgemacht hatte. Auch seine eigenen guten Werke waren darin verzeichnet, die
frommen Spenden und Almosen, die er ausgeteilt, und die Bubungen, denen er
sich unterzogen. Seite auf Seite berschlug er und rechnete zusammen, am
sorgfltigsten, was er der Mutter Gottes und seinem Schutzpatron, dem heiligen
Johannes, zu Ehren erwiesen hatte, damit sie ihm ihre besondere Neigung
zuwendeten. Es war eine groe Summe von Gebeten und von guten Werken. Wir
flehen und opfern unablssig, seufzte er endlich, aber nimmer erfahren wir,
wie hoch die Heiligen den Aufwand schtzen, den wir fr sie gemacht, und wir
mssen den Priestern vertrauen, wenn sie uns gute Vertrstung geben und
besttigen, da unsere Rechnung mit dem Himmel gnstig fr uns stehe. Ich bin
ein alter Mann geworden ber der Arbeit dieses Buches, aber den grten
irdischen Wunsch, um den ich flehe, entbehre und opfere, haben die Heiligen
nicht erhrt. Er barg das Buch in seinem Schrein und ging mit groen Schritten
und gehobenem Haupte in der Kammer auf und ab, die Augenbrauen zogen sich
finster zusammen, die Faust ballte sich, und wenn das Licht seine dstern Zge
erleuchtete, sah er einem harten Kriegsmanne hnlicher als einem friedlichen
Kaufherrn.

                               Der Herr Magister


Marcus Knig galt fr den reichsten Grohndler der Stadt, er war Herr eines
Landgutes mit befestigtem Hause, er besa Wlder, Wiesen und Mhlen nicht nur im
Stadtgebiet, auch jenseit der Brcke in Polen, ihm gehrten mehrere Bordinge und
Frachtkhne auf der Weichsel, und man wute, da er in Gesellschaft mit groen
Kaufherren aus Danzig und Lbeck weit ber die See handelte. Wer in sein Kontor,
die Kammer, trat, erkannte, da der Hausherr sich viel in der Welt versucht
hatte; neben den Schrnken mit Handelsbriefen und Warenproben hingen zwei halbe
Rstungen aus schwarzem Eisenblech, wie die Seefahrer im Kampfe zu tragen
pflegten, darunter ein Feuerrohr, Piken und Enterbeile, an der Decke
zusammengerollte Wimpel und Flaggen verschiedener Schiffe; in der Ecke lehnten
gewaltige Wurfspeere, welche der Nordlnder zum Streit gegen Seeungeheuer
gebraucht, und zwischen ihnen das riesige Horn eines Ungetms. Auch das
Marienbild, welches ber dem Weihkessel an der Tr hing, war mit einem
Rosenkranz von groen roten Korallen umgeben, die nur im Sdmeer erfischt
wurden. Die oberen Stockwerke des Hauses, die Keller und die Speicher in dem
langen Hof waren mit Kaufmannsgut gefllt, dort lagerten Kupfer und Pelzwerk,
Wachs und Honig der Ostlnder, aber auch die kstlichen Waren, welche aus dem
fernen Westen herzugefahren wurden, ser Wein und Gewrz, teure Gewebe, Samt
und goldgemusterte Stoffe aus Flandern und Genua. Dennoch war es ein stilles
Haus und eine kleine Dienerschaft, mit welcher der reiche Mann seinen Handel
betrieb. In der Kammer sa nur ein Gehilfe ihm gegenber, Bernd Gusek, ein
demtiger Mann, welcher der Lieger hie, weil er eigenen Anteil an vielen
Geschften hatte und das Vorrecht, gleich dem Herrn mit der Marke der Handlung
zu zeichnen; er war wohlbekannt in allen Oststdten von Lemberg bis Danzig und
galt unter den Polen soviel als der Herr selbst. Ein niedriger Seitentisch war
fr Georg aufgestellt, der als Gesell in der Handlung diente. Im Hofe und in den
Speichern aber wirtschaftete mit einigen Packern der Hausknecht Dobise, ein
Unfreier vom Gute des Hausherrn. Sonst wuten die Neugierigen weniger von dem
reichen Marcus zu erzhlen als von andern Brdern des Artushofes. Denn er war
nach dem Tode seiner Hausfrau viele Jahre auf Handelsfahrten in der Fremde
gewesen, whrend seine unverheiratete Schwester ihm den einzigen Sohn erzog.
Erst als die Schwester starb, war er heimgekehrt, ein ernster, schweigsamer
Herr, der sich stolz hielt gegen die Brger, aber auch unter den Brdern des
Artushofes, wo er von seinen Vorfahren her einen Ehrensitz an der vornehmsten
Bank innehatte.
    Am Tage nach dem Teufelstanz schrieb Marcus in der Kammer ber
Geschftsbriefen, auch Georg, der seiner Haft entledigt war, sa mivergngt auf
dem Schemel, als der Ratsbote eintrat und den Hausherrn mit seinem Sohne vor den
Rat lud. Die alte Magd reichte dem Herrn klagend seinen Hut: Das wird fr Euch
ein saurer Gang. Sonst, wenn Lischke, der Bote, in das Haus kam, hielt er gern
bei der Kchentr an, er sa auf dem Schemel nieder und erwartete, da ich ihm
ein Glas Danziger zutrug, heute sah er feindselig um sich und wich vor dem
Schemel zurck, wie ein Kater vor dem heien Rost.
    Nicht nur der Diener war in Aufregung, auch die Herren des Rates saen steif
auf ihren Sthlen, und sogar der lteste Brgermeister, Burggraf Friedewald, der
allen ehrwrdig war mit seinem langen weien Haar und dem freundlichen Antlitz,
begann feierlicher als sonst: Bevor der Rat Euren Sohn straft, Herr Kumpan, mu
ich Euch vorhalten, da heut Barthel Schneider mit seinem Gesellen eine Anzeige
vor uns gebracht hat. Als er gestern in spter Abendstunde bei Eurem Hause
vorbeiging, hat er nahe an Eurer Wand ber sich in der Luft eine schwarze
scheuliche Gestalt gesehen, die ihm als der leibhaftige Teufel kenntlich wurde.
Diese Gestalt hat sich in der Luft berschlagen und gegen die redlichen Mnner,
den Schneider und seinen Gesellen, so greulich gebrllt, da beide entsetzt
auseinanderfielen, bis sie auf dem Boden lagen. Von dort, sagt Barthel, habe er
noch gesehen, da der bse Geist an Eurem Hause in die Hhe flog, wobei sein
Schwanz immer lnger wurde, bis er endlich in Eurer Giebelluke verschwand. Der
Geselle sagt aus, da er ein unmenschliches Gelchter vernommen habe und da
obenerwhnter Schwanz, welcher gerade herabhing, am Ende gekrmmt gewesen sei
wie bei einem Fleischerhunde. Ungern teile ich Euch das mit, da Ihr als ruhiger
und gottesfrchtiger Mann bekannt seid, doch Euch selbst wird nicht verborgen
bleiben, was viele meinen, da der Frevelmut Eures Sohnes und sein Spiel mit dem
Teufel dem Bsen Zugang in Euer Haus bereitet habe. Arges Gercht aber verdirbt
den besten Mann, und des Rats Verpflichtung ist unter anderem auch,
Beunruhigungen christlicher Seelen zu verhindern, deshalb werdet Ihr wohltun,
unverzglich die frommen Vter zu laden, damit sie dem Bsen Euer Haus
verleiden, und werdet fortan Eure Hausgenossen in strenger Zucht halten, damit
das Gerusch in der Stadt wieder gestillt werde und unsere und Eure Ehre im
Lande nicht durch schdliches Gercht gekrnkt.
    Marcus warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn, der betroffen an das
Seil des Dobise dachte, und schwieg eine Weile, wie einem bescheidenen Manne
schicklich war, wenn ihm Gewichtiges in das Ohr klang. Endlich begann er: Ich
bedanke mich bei dem ehrbaren Rat fr die Vermahnung, und ich werde zur Stelle
bei den ehrwrdigen Dominikanern um die Hilfe der Heiligen anhalten. Ich selbst
habe in meiner Kammer, wo ich gerade besser als mit weltlichen Dingen
beschftigt war, einmal ein fernes Brummen vernommen und mich dabei beruhigt,
da es vom Markt herkomme. Gegen die Aussage des Barthel Schneider vermag ich
nichts vorzubringen, er ist aus der Neustadt und deshalb geneigt, von unserer
Altstadt Unfreundliches zu vermelden, und er ist zwar bekannt als ein redlicher
Mann, aber nicht als ein herzhafter. Einen ehrbaren Rat bitte ich nur,
wohlmeinend zu erwgen, da der nchtliche Spuk nach Aussage nicht in meinem
Hause sichtbar wurde, sondern auerhalb, und wenn er sich unter meinem Dach
verloren haben soll, so mgen vielleicht die Erschrockenen dies nicht deutlich
gesehen haben, zumal die Nacht finster war. Darauf wandte sich der Burggraf
gegen Georg und strafte diesen strker mit Worten: Denn obwohl die Maske des
Teufels in der Fastnacht von Thorn nicht unerhrt ist, so bleibt sie immer
bedenklich, vor anderen fr junge Gesellen des Artushofes; und obwohl das
Vexieren mit Schweinsblasen und Lederkolben ebenfalls gebruchlich ist, so ist
dabei doch billige Rcksicht zu nehmen auf fremde Gste und zumeist auf heilige
Mnner. Beide aber sind durch den Narrentand gekrnkt worden, und der Rat mu
Euch, weil Ihr den Frieden der Stadt durch Wort und Gebrde geschdigt habt, zu
einer starken Pn verurteilen, zumal uns allen wohlbewut ist, da Ihr nicht zum
erstenmal wegen Ungebhr vor dem Rate steht. Da Ihr fter gemahnt worden seid
und doch nicht Ruhe haltet, so mu der Unwille der Stadt um so grer werden.
    Hochgebietender Herr Burggraf, antwortete Georg mit aufrichtigem Kummer:
Mich selbst verwundert sehr, da gerade ich zuweilen das Unglck habe, einen
Ansto zu geben, denn ich mchte gern in Frieden leben.Wenn die anderen Vgel
davonfliegen, an meinen Federn haftet das Pech, da zuletzt der Bote des Rats
seine Mtze ber mich wirft.
    Wollt Ihr damit sagen, versetzte der Brgermeister, da Ihr von anderen
angestiftet seid, so mgt Ihr in diesem Fall vielleicht Eure Strafe mildern,
wenn Ihr die Rdelsfhrer angebt. Und als der alte Herr so sprach, zuckte trotz
der strengen Worte doch ein Lcheln um seinen Mund. Georg errtete ber die
Zumutung: Ihr wit selbst, hochgebietender Herr, da mir nicht ziemen wrde,
einen meiner Gesellen zu verraten oder gar das Urteil, welches gegen mich
gefllt ist, andern an den Hals zu reden.
    Da Herr Friedewald dasselbe wute und auch daran dachte, da die andern
Teufel zum Teil Shne von Ratsherrn gewesen waren, so begngte er sich zu sagen:
Wenn Euch der Rat nach dem Namen Eurer Kumpane fragen wollte, wrdet Ihr ihm
die Antwort nicht weigern, diesmal geht die Klage gegen Euch allein. Dagegen ist
wieder dem Rate berichtet, da ein Buerlein von den Stadtgtern mit einem
eisernen Flegel gefhrlich gegen Eure Genossen losgeschlagen und da der fremde
Pole Euch mit gezckter Waffe angefallen hat. Beide haben den Frieden der Stadt
gebrochen, das Buerlein, welches uns angehrt, wird nach Gebhr gerichtet
werden, und gegen den Polen steht Euch selbst eine Klage zu wegen des Hiebes,
welcher dem Vernehmen nach zweizllig und blutig war.
    Da der Pole als Gast der Stadt anwesend ist und sich als fremd zu unserm
Brauch und Recht bekannt hat, so will der Rat ein briges tun und Eure Strafe
erlassen, wenn Ihr davon absehet, den Gast zu verklagen.
    Ich denke, gebietende Herren, versetzte Georg, mein Recht mir selbst von
dem Pietrowski da zu holen, wo der Friede der Stadt mir nicht die Waffe bindet.
    Ich merke, sagte Herr Friedewald strafend, da Ihr geringe Ursache habt,
friedliche Gesinnung vor uns zu rhmen. Wahrt Euch auch auf fremdem Grunde vor
Hndeln und Rache, damit der Stadt nicht Euretwegen neue Sorge entstehe. Heut
aber entnehme ich aus Euren Worten, da Ihr der Klage entsagt. Fertigt die
Vergleichung zu Papier, Stadtschreiber.
    Als Vater und Sohn das Ratszimmer verlieen und der Vater schweigend mit
gesenktem Haupt ber den Markt schritt, dachte Georg reuig, da er sehr zornig
sein msse, und der Kummer des Alten tat ihm von Herzen weh. Erst als sie vor
ihrem Hause standen, sah Marcus nach der Hhe und sprach, seinen Sohn scharf
anblickend: Dort hngt der Haken mit dem Seil aus der Luke, sage dem Dobise,
da er ihn zur Stelle einzieht; ich gehe zu den Predigermnchen.
    Herr Vater, bat Georg, warum wollt Ihr nicht bei unserem Pfarrer von St.
Johannes Hilfe suchen, was kmmern uns die Mnche in der Neustadt.
    Sie kmmern uns, weil sie gegenwrtig die Herrschaft unter den Geschorenen
fhren. Der Pfarrer von St. Johannes ist beargwhnt als ein Unzufriedener.
    Kurze Zeit darauf bewegte sich ein heiliger Zug von der Neustadt ber den
Markt, zwei Predigermnche, vor ihnen die Knaben mit Lichtern, der Sakristan mit
Wedel und Sprengkessel, ein junger Bruder mit dem groen Buche. An der Tr
empfing der Hausherr die hilfreichen Gste, die Knaben zndeten die Lichter an,
welche der Wind ausgeblasen hatte, und die Mnche umschritten feierlich die
versammelten Hausgenossen, sprachen die lateinischen Gebete und besprengten die
Knienden mit dem Weihwasser, wobei Georg ohne Freude erkannte, da der Zorn des
Pater Gregorius ihm das ganze Gesicht mit dem Wedel bestrich. Als die Menschen
notdrftig gegen die Einwirkungen des Satans geschtzt waren, durchzogen die
Brder das Haus, forderten in jedem Raume den Bsen auf, zu entweichen,
sprengten und rucherten jede Ecke. Der Demtigste von allen war Dobise, er
hatte sich aus eigenem Triebe ein Wachslicht angezndet, das er mit gesenktem
Haupt und gefalteten Hnden vor sich hertrug, er murmelte das Ave-Maria, dessen
er mchtig war, unablssig vor sich hin und benutzte jede Gelegenheit, sich auf
die Knie zu werfen.
    Als alles nach Gebhr vollendet war, fhrte der Hausherr die Brder zur
Wohnstube, wo bereits der Weinkrug mit den Bechern stand, er bedankte sich
wieder ehrerbietig wegen Suberung seines Hauses und empfahl sich und die Seinen
dem Gebet der Mnche. Und jetzt bitte ich, da die ehrwrdigen Vter eine
Strkung nicht verschmhen.
    Noch haben die Heiligen nicht die Shne, welche sie sich begehren mssen
nach der Krnkung, die einem Geweihten zugefgt wurde, versetzte Pater
Gregorius feindselig abweisend.
    Mein armer Sohn ist bereit, sich jeder Bue zu unterwerfen, welche Ihr ihm
auferlegen werdet.
    Wenn er an drei Festtagen vor dem andchtigen Volke bend befunden wird,
nicht auf den Stufen des Altars, sondern auf dem Fuboden, nicht auf seinen
Knien, sondern ausgestreckt, und wenn er darauf gebhrlich opfert, so mag die
Kirche ihn seiner Sndenschuld erbarmend entledigen.
    Das Antlitz Georgs rtete sich und er ballte die Faust, aber der Vater hob
die Hand, da er schweige. Wenn er auch tut, was Ihr frommen Vter ihm
auferlegt, so wei ich doch, da Euer Gebet heilkrftiger fr ihn sein wird als
seine eigene Bue, und vor allem mchte ich Euren guten Willen erwerben. Deshalb
flehe ich, da Ihr als Zeichen gnstiger Meinung nicht verschmht, von diesem
Sekt zu trinken, welcher das Beste meines Kellers ist.
    Pater Gregorius ergriff nachlssig den Wedel, sprengte um den Wein, wobei er
sich htete, Wassertropfen in den Trunk zu werfen, leerte vornehm das Glas und
wandte sich dann im stillen Gebet vor das Muttergottesbild in der Nhe der Tr.
Als Dobise, welcher dort unter den Knaben stand, die neue Andacht des groen
Mannes sah, hielt er es fr ntzlich, ihm wieder zu leuchten, und warf sich mit
seiner Kerze vor den Fen des Mnches zu Boden. Unterdes nahm Marcus den
anderen Bruder, der dem Wein volle Ehre erwiesen hatte, ans Fenster und sprach
bekmmert: Ich bitte Euch, ehrwrdiger Bruder, mir zu sagen, wie ich den guten
Willen unseres Vaters gewinnen kann; gern wrde ich ihm meine Verehrung
erweisen, damit er des Mutwillens nicht mehr gedenkt und fortan mit treuer
Gesinnung fr mich und meinen Sohn zu bitten vermag. Denn hart ist die Bue,
welche die Heiligen meinem armen Georg auferlegen wollen, und gern vermiede ich
die Unehre.
    Vielleicht, versetzte der Mnch wohlwollend, wenn Ihr ein ansehnliches
Fa von demselben Wein an unserer Pforte abladen lieet, wrde mein Bruder
besseres Vertrauen gewinnen.
    Ein ansehnliches Fa߫, wiederholte Marcus erstaunt, Ihr wit, da dieser
Wein nur in kleinen Tonnen aus Welschland zu uns kommt. Doch bin ich bereit,
gegen Abend zwei Legel nach St. Nikolaus zu schaffen, diese soll mein Knabe
selbst berbringen.
    Der Mnch winkte mit einem Blick des Einverstndnisses, und die frommen
Brder verlieen das Haus im Zuge, nachdem sie die Hausbewohner gesegnet hatten.
    Georg trat mit flammendem Blick vor den Vater. Niemals unterwerfe ich mich
der Bue des boshaften Mannes.
    Wer lnger gelebt hat als du, der erkennt, da alles seinen Preis hat. Am
kostbarsten aber ist der Zoll, den wir auf dem Wege in jenes Leben zu entrichten
haben. Gibt jemand den Pfaffen ein Recht ber sich, so darf er sich nicht
wundern, wenn sie den Vorteil unmig benutzen. Denn die Geistlichen, wie sie
auch sein mgen, haben die Macht, jedem in diesem und noch mehr in jenem Leben
zu schaden oder zu ntzen. Kein Kaiser und kein Knig vermag ohne ihre Hilfe und
Frbitte zu bestehen, und die von St. Nikolaus sind, obgleich schrfer als
andere in Thorn, doch noch nicht so unersttlich als grere, und kluger Sinn
vermag sie noch zu gewinnen. Und ich sage dir, fuhr er befehlend fort, du
wirst dich vor ihnen demtigen, sie aber werden, wie ich hoffe, dir die
ffentliche Unehre erlassen.
    Als Georg gegen Abend mit Dobise den Wein vor der Klosterpforte abgeladen
hatte, senkte er, seinen Stolz mhsam bndigend, vor dem Pater das Haupt und bat
mit hflichen Worten, die er sich mhsam berlegt hatte, um Verzeihung. Der
finstere Blick des Paters glitt auf die Tnnlein herab und wurde etwas
freundlicher, so da er dem Snder nur als stille Bue auflegte, an drei Tagen
eine vorgeschriebene Anzahl von Gebeten vor jedem Altar der Klosterkirche zu
sagen. Mit diesem Bescheid ging Georg mimutig heim.
    An einem der nchsten Tage sa Georg in der dunkeln Hinterstube des Hauses
und berechnete die Unkosten, welche eine Kiste Samt und Brokat von Venedig bis
zur Ankunft in Thorn verursachen wrde. Die Arbeit rtete ihm die Wangen, und da
er sich mehrmals in das Haar gefahren war, stand es ihm aufgeregt um den Kopf,
er sah zuweilen auf ein Rechenbrett mit wunderlichen Zeichen und war unzufrieden
mit dem Schreiberohr, der Tinte und der schweren Rechnerei. Unvermerkt war der
Vater herangetreten; als Georg das Rohr weglegte und tief aufatmete, ergriff er
das Blatt und sah die Rechnung durch: Samt und Brokat haben klein Gewicht, das
konntest du wissen, tadelte er, auch hast du vergessen, da die Herrschaft von
Venedig dem deutschen Kontor beim Zoll zehn Prozent vom Werte der Ware nicht in
Rechnung bringt. Die Berechnung ber Augsburg ist richtig, der Danziger nimmt
die Lagermiete nach dem Wert der Ware, sobald er die Kiste unter sein Dach
bringt, und es ist deshalb unsere Sache, mit dem Bordschiff bei der Hand zu
sein, damit wir vom Deck einladen. Das Blatt weglegend, fuhr er fort: Wie
lange ist es her, seit du die lateinische Schule von St. Johannes verlassen
hast?
    Drei Jahre, Herr Vater, und ich mute lnger dort sitzen als ein anderer,
ich war der grte Schler, und die kleinen Schtzen lachten, wenn ich einmal
nicht Bescheid wute, versetzte Georg mit ehrlichem Abscheu.
    Ich habe mit Brgermeister Hutfeld, deinem Paten, deinethalben gesprochen;
einiges, was er mir sagte, vermag er mit guten Grnden zu sttzen; jetzt sitzest
du im Artushofe unter den jngsten, ich denke, du hast den Willen, einen
Ehrensitz zu erwerben.
    Ich will der Stadt keine Schande machen, Herr Vater.
    Marcus nickte. Es kommt eine neue Zeit, und wer jetzt ber das Wohl der
Stadt verhandeln will mit den Polen oder auch fern im Reiche, der mu des
Lateinischen mehr mchtig sein, als du bist. Gern htte ich dich an die Oder
nach Frankfurt geschickt, damit du dort bei den Juristen das Recht lerntest.
Aber die Handlung konnte dich nicht entbehren. Noch andere Knaben aus dem
Artushofe sind in derselben Lage, da die Vter sie im Hause nicht ganz missen
wollen. Darum haben einige von uns vereinbart, euch dem neuen Magister der
Johannesschule in der Art zu bergeben, da ihr gesondert von den andern in Stil
und lateinischer Kanzlei belehrt werdet. Es wird dem Magister sowohl durch Geld
als auch durch Getreide gutgemacht werden.
    Georg vernahm bekmmert diesen Befehl, aber im nchsten Augenblick erhellte
sich sein Gesicht, und mit grerer Freudigkeit, als der Vater erwartet hatte,
antwortete er: Ich bin willig, Herr.
    Am Nachmittage sa Konrad Hutfeld wieder seinem Schwager gegenber, diesmal
in besserem Einvernehmen; beide in der Absicht, den geladenen Magister zum
lateinischen Lehrer ihrer Shne zu werben. Der Gelehrte wurde eingefhrt und
begrte geziemend die beiden. Hochansehnlicher Kaufherr und Wirt, namhafter
Herr Brgermeister, es geschieht auf Grund einer Aufforderung, da ich hier
eindringe. Gern bin ich bereit, zu vernehmen, womit ich meinen gnstigen Herren
zu dienen vermag. Sind hier auch meinerseits Bitten statthaft, so wollte ich mit
gebhrendem Respekt anheimgeben, da der Ofen in der mir berwiesenen Schulstube
qualmt und da meine Schtzen Rauch schlucken, was ihre Aufmerksamkeit nicht
befrdert und auch mir erschwert, in dem schwarzen Dampf die beltter zu
erkennen, obgleich dies wegen der Abrechnung am Samstage notwendig ist.
    Der Brgermeister stellte Abhilfe in Aussicht; der Magister nahm auf dem
bereitstellenden dritten Stuhle Platz und empfing den Wein, welcher ihm von dem
Hausherrn eingeschenkt wurde. Er kostete, setzte erfreut ab, leerte das Glas und
rief: Dieser Rivesalt hat lange Jahre in einem guten Keller gelegen.
    Da lchelte der Hausherr ein wenig, und der Brgermeister machte den
verabredeten Vorschlag. Doch der Magister vernahm die Zumutung ohne Freude:
Ungern nehme ich erwachsene Jnglinge in die Lehre, noch unlieber teile ich
ihnen besondere Stunden zu, denn selten lernt etwas Ordentliches, wer gewhnt
ist, am Abend mit der Laute durch die Gassen zu ziehen und auf das Frauenvolk an
den Tren zu blicken.
    Dennoch wrdet Ihr manchen durch diese Geflligkeit verpflichten, der Euch
von Nutzen sein kann, mahnte Hutfeld, verletzt durch die khle Haltung.
    Es ist nicht meine Sache, gebietender Herr, versetzte der Magister, ihn
steif ansehend, als Lehrer anderen angenehm zu sein, sondern die Knaben, welche
ich lehre, sollen mir angenehm werden, das will sagen, sie sollen etwas
Ordentliches lernen, denn das ist die Freude des Lehrers; wollen sie das nicht,
so krnkt mich die verlorene Zeit, selbst wenn die Faulen, mit Verlaub zu sagen,
Shne eines Brgermeisters sind.
    So mgt Ihr mit mir reden, antwortete Hutfeld mit Haltung, nachdem Ihr
Eure Schler als trge erkannt habt, jetzt rate ich doch, die Sache erst zu
versuchen.
    Der Magister fhlte, da er zu eifrig gewesen war, und diese Erkenntnis
bndigte den Stolz, den er als Feldherr im Kriege gegen burische Unwissenheit
gewonnen hatte; er fuhr ruhiger fort: Auch was Ihr von der Zulage zu meiner
Besoldung gesagt habt, kann mich nicht locken. Wenn ich Eure alten Knaben in
meine Lehre nehme, so tue ich es nur auf meine Bedingungen.
    Nennt diese, mahnte Hutfeld.
    Zunchst nehme ich sie nur auf Probe, und ich selbst bestimme am Ende des
Vierteljahres das Geld, welches jeder zu zahlen hat; wer nichts lernt, zahlt
doppelt, und wer mir Freude macht, weniger; denn bei den Schlechten habe ich
rger und Mhe.
    Ihr habt recht, Herr Magister, lobte Marcus, dem die Gesinnung des Alten
gefiel, um das Schulgeld wollen wir also nicht streiten.
    Noch bin ich nicht fertig, fuhr der Magister ungerhrt fort, ich nehme
keinen Knaben an, den ich nicht vorher gesehen habe, denn wir Schulmnner lesen
aus den Linien des Gesichtes manches, was die Eltern nicht erkennen.
    Einer wenigstens ist zur Stelle, sagte Marcus aufstehend und rief in die
Kammer nach seinem Sohne.
    Georg trat eilig ein in dem Wams, das er in der Schreibstube trug, und
grte den Paten; als sein Blick auf den Magister fiel, errtete er ein wenig,
denn er erkannte sein Opfer vom Fastnachtsspiele. Da der kleine Magister die
hohe Gestalt sah in voller Jugendkraft, die Stirne von blonden Locken umgeben,
stellte er sich dicht vor den Jngling und sttzte die Arme unter. Sein scharfer
Blick wurde heiter: Einen so langen Bacchanten habe ich noch niemals unter
meinem Zepter gehabt, begann er endlich und lachte so laut, da er schtterte
und sich beugte, und da Georg von der Frhlichkeit angesteckt wurde. Doch wie
geschieht mir, unterbrach sich der Magister, diesen Lateiner habe ich bereits
gesehen; richtig, er ist es, und er fate ihn am Wams und schttelte ihn. Ihr
wollt den Teufel spielen, Ihr seid in der hllischen Kanzlei schlecht bewandert,
meint Ihr, ich habe vergessen, da Ihr in Eurer Rede ut mit dem Indikativ
konstruiert habt? Ihr werdet Eurem Lehrer Not machen. Er wandte sich kurz ab
und setzte sich stracks auf seinen Stuhl.
    Jetzt lchelte auch Hutfeld und fragte, um die Verhandlung zu enden: Wollt
Ihr es nicht dennoch mit ihm und den andern versuchen?
    Die Frage ist jetzt, gebietender Herr Brgermeister, ob er es mit mir
versuchen will. Er sprang wieder vor Georg und sprach, mit dem Finger gegen die
eigene Brust stoend: Ich gehe nicht in die Huser, um die Shne reicher Leute
zu unterrichten wie ein verlaufener Bettelmnch; wer bei mir lernen will, der
mu zu mir kommen, und wer in meine Lehre eintritt, der wird mein Schler und
ich werde sein Meister. Lasse ich vor dem Schler, welcher bereits ein Jngling
ist, meinen Stock in der Ecke, so mu der Schler seinen Hochmut zu Hause
lassen! Willst du ein Lehrling werden in der Grammatik und in den Skriptoren, so
mut du mir die Ehre eines Herrn zugestehen und von mir den Gru annehmen, den
ich meinen Knaben gebe; denn nur in der Zucht gedeiht die Lehre. Wollt Ihr das
nicht, Junger, so bleibt zu Hause oder lauft als Teufel durch die Gassen, wie es
Euch gefllt.
    Da der Gelehrte Georg als Knaben anredete, hob sich dieser trotzig, aber im
nchsten Augenblick beugte er das Haupt und sprach: Ich will, mein Herr
Magister.
    Der Magister wandte sich wieder kurz um und setzte sich: Wenn die andern
nicht rger sind als dieser hier, so will ich's versuchen.
    Dem Brgermeister gefiel die Art des Fremden gar nicht, doch er bedachte,
da derselbe als ein gelehrter Mann und trefflicher Lehrer empfohlen war, und so
wurde zuletzt mit hflichen Worten eine Schule fr Knaben des Artushofes
verabredet.
    Der vornehmen Schler sollten auer Georg noch zwei sein. Der eine war
Matthias Hutfeld, der nchste Vetter Georgs; doch bestand zwischen ihnen keine
Herzlichkeit, denn Matz sorgte lieber fr sich selbst als um andere; er war ein
rundlicher Gesell, der in engen Kleidern daherging wie ausgestopft, hatte ein
milchweies Gesicht mit roten Backen, groe wasserblaue Augen unter weilichen
Brauen und trug sein hellblondes Haar zu einem Kolben geschnitten, der ihm die
Stirn bis zur Mitte verdeckte. Er hielt sich fr einen sehr hbschen Knaben, und
weil sein Vater mchtig war, galt er auch bei vielen Mdchen dafr. Da er
vorsichtig Hndel und gemeine Gesellschaft mied, so wurde er als wohlgezogen
gerhmt und hatte gute Aussicht, dereinst in die Ratsstube seines Vaters zu
treten. Ein besserer Gesell war Philipps Eske, Sohn des Dritten Brgermeisters,
ein langer hagerer Knabe, der sich gern zu Ro mit der Stechstange sehen lie,
er sprach wenig, und es war ihm lieb, wenn Georg fr ihn dachte, denn er hielt
treu zu diesem. Beim Abendtanz im Artushofe suchte er mit seiner Tnzerin hinter
Georg zu stehen und sprang genau wie sein Vormann, nur da er wegen seiner
Hagerkeit die Glieder in scharfen Ecken hob; er trieb auch wie Georg die Musica
und strich am liebsten die Standgeige, das Bassettel, mit einem starken Bogen,
der zum Krhenschieen brauchbar gewesen wre, seine Kunst war nicht gro, aber
ihn freute mehr als alles das Gebrumm der dicken Saiten. Der Magister merkte in
den ersten Stunden, da Philipps die lateinische Weisheit seines Freundes Georg
bewunderte und gern einige Krnlein davon fr sich aufpickte, und er nderte ihm
deshalb den Vornamen in Pylades.
    Da die Decke in der Schulwohnung von St. Johannes eingefallen war, weil der
vornehme Rat lange die Zudringlichkeit des Regens miachtet hatte, so wurde
jetzt ber einen Neubau verhandelt und der Magister mute mit einer andern
Behausung vorliebnehmen, welche nach einiger Mhe bei einem Diener des Rates
beschafft wurde. Es war der ganze Oberstock des Hauses: eine groe Stube, in
welcher vorlufig die Schule abgehalten wurde, daneben eine Studierkammer fr
den Magister und auf der andern Seite der Treppe die Wohnstube, Kammer und
Kche. Anna freute sich ber das gute Gela, zumal auch der Ratsdiener und
dessen Frau sich als dienstfertige Leute erwiesen. Das Haus lag unweit der
Stadtmauer zwischen Altstadt und Neustadt, aus den Fenstern der Vorderseite sah
man auf einen stillen Platz mit zwei alten Linden, von der Hinterseite auf einen
ummauerten Raum, in welchem Karren und Feuertonnen des Rates bewahrt wurden.
Seitwrts lag ein ungeheurer Schutthaufen wie ein Berg, aus welchem ein
geborstener Turm und Mauertrmmer ragten. Das war die Sttte der Ordensburg,
welche die Thorner vor sechzig Jahren zerstrt hatten, weil sie ihnen eine
verhate Zwingfeste geworden war. Aber auch die Umgebung der wsten Sttte war
durch Frauensorge ein wenig verschnt. Hinter dem Hause hatte die Ratsbotin,
ohne da die Herren vom Rat widersprachen, allmhlich bei den Feuertonnen einen
kleinen Garten angelegt mit einer schnen Sommerlaube, sie zog dort nicht nur
rankende Bohnen, auch wohlriechende Kruter und Blumen, und ein groer
Fliederstrauch in der Ecke, welcher noch aus der Ordenszeit stammte, war in der
ganzen Stadt rhmlich bekannt, so da Frau Lischke alljhrlich Kampf mit den
Kindern hatte, wenn diese ber die Mauer klommen, um die heilkrftigen Blten
abzureien. Und als sie an einem warmen Tage des Mrz ihrem Gaste die kleinen
Beete wies, aus denen das erste Grn hervorspro, vertrstete sie gutherzig: In
einigen Wochen ist alles grn, und Euch, Jungfer Anna, soll der Garten immer
geffnet sein und auch die Laube, wenn Ihr einmal den Sitz unter Blumen begehrt,
wie junge Frulein gern tun.
    So richtete Anna mit gutem Mute die neue Behausung ein. Und eines Mittags
rief ihre Stimme frhlich ber den Flur: Herr Magister!
    Quid vis, Annule? antwortete der Magister aus der Schulstube, denn einem
Ringe kann ich dich vergleichen, den mir der grundgtige Gott an den Finger
gesteckt hat zur Ehre und Freude meines Lebens.
    Will der Herr Vater mir helfen, die Truhe in die Kammer tragen?
    Sogleich, meine Tochter, ich mu nur erst den wilden Dampf hinaussenden,
welchen diese teutonischen Buchschtzen in dem Museum zurcklassen. Er kam
eilig heraus, rckte die Truhe und fuhr lchelnd fort: Doch habe ich auch
einige glatte und wohlgeputzte Patricios, ich denke, es wird ihnen sauer, an der
beklexten Schulbank zu sitzen. Es sind lange Gtzen darunter, vorab dieser Georg
Regulus, dem du schon begegnet bist; in Wahrheit ein hbscher Junge und nicht
ganz bel im Wollen, wenn auch nicht stark im Knnen. Hast du ihn dir
betrachtet?
    Nein, Herr Vater, versetzte Anna kurz, mir kommt ein Schauder, wenn er
die Treppe heraufkommt, und ich sehe ihn in Gedanken immer, wie seine Larve
gegen uns die Zhne fletscht. Ich sorge, Vater, sein Eindringen in die Schule
bedeutet nichts Gutes.
    Possen, versetzte der Magister berlegen. All dieser Satyrkram wird
ohnmchtig in dem Raume, in welchem die oberen Gtter walten: Jupiter, Phbus
Apollo und die herzerhebende Minerva. Hat der Gesell dich gengstigt durch das
Brllen seiner Teufel, so ngstige ich ihn durch den Accusativus cum Infinitivo,
diese Konstruktion ist allen Teufeln lstig. Er trat an den Tisch, auf welchem
Anna das einfache Mittagsmahl zurechtgesetzt hatte, und faltete die Hnde,
whrend die Tochter den Tischsegen sprach. Wenn wir allein sind, ermahnte er,
seinen Stuhl rckend, habe ich nichts dagegen, da du dein Sprchlein in
gemeinem Deutsch sagst, wenn aber arme Schler mit uns essen, so fordere ich des
guten Beispiels wegen das angenehmere Latein, denn nicht umsonst will ich dich
darin unterrichtet haben. Wie? fuhr er erfreut fort, sogar ein schnes Stck
Fleisch? Schade, da ich das whrend der Schule nicht gewut habe, denn unter
meinen Schtzen sind einige armselig.
    Et es nur lieber selbst, Herr Vater, denn Ihr habt die grte Mhe.
    Natrlich, stimmte der Magister essend bei. Der Lehrer darf auch sie
nicht vergessen, und behaglich fuhr er fort: Im ganzen hoffe ich, Kind Anna,
da uns das Leben hier wohl gedeihen wird.
    Beruft es nicht, Vater, mahnte die Tochter, wir kennen noch wenig davon.
    Unsinn, entschied der Magister vergngt, wir wissen, da wir dreiig
Schock erhalten und ziemliches Holz, wenn auch nicht ganz reichlich. Die
Schulstube mag in Zukunft zu klein werden, aber unsere Wohnung ist hell und es
ist eine ruhige Sttte. Der Hauswirt sagte mir etwas von dem Steinhaufen
nebenbei, da darin zuweilen Ungetme poltern, aber ich merke, auch dies
Geschlecht nchtlicher Schatten erweist seine Achtung vor dem Musensitz, welcher
hier eingerichtet wird; wenigstens habe ich gestern, als ich am spten Abend in
meiner Kammer las, von den Steinen her ganz wohlklingende Musik gehrt. Wenn die
Kobolde so artig zwischen dem Gestein umgehen, habe ich nichts dawider.
    Die Tochter sah finster auf den Teller, auch sie hatte die spte Musik
gehrt und mute der Warnung gedenken, welche die Hauswirtin gleich in den
ersten Tagen vertraulich gegeben hatte: Htet Euch zumeist vor den stolzen
Knaben aus dem Artushofe. Denn diese werden leicht unverschmt. Wie sie zur
Fastnacht als Teufel springen, so schwrmen sie auch des Abends in den Gassen
und suchen Eingang durch Liebeslieder und Saitenspiel, wo ihnen eine Jungfer
gefllt. Dann gibt es zuweilen Lrm mit den Wchtern, und uns armen Weiblein
entsteht ble Nachrede.
    Trotz dem weiblichen Widerwillen klang auch ferner aus den Steinen der
zerstrten Burg das Spiel einer Laute; niemand wute, wer der Spieler war, auch
der Ratsdiener schttelte unsicher den Kopf. Denn von Mauer und Graben umgeben
lag der Burghof nahe am Strome zwischen Altstadt und Neustadt, den Schlssel zu
der einzigen Pforte bewahrte Lischke selbst, in der Dmmerstunde schlo er ab
und sperrte die Trmmer fr jedermann. Und obgleich er vertrauter mit den
Schrecken des Platzes war als andere, hinderte auch ihn die Furcht vor den
Unholden, in der Finsternis unter den Steinen zu suchen. Nur aus seinem Hofe
hatte er einmal dunkle schwebende Schatten erkannt. Wer sich aber auch die Mhe
gab, dort im Nachtwind die Saiten zu rhren, eines Gewinns konnte er sich nicht
rhmen, denn das Haus verriet nicht, da es sich um diese luftige Artigkeit
kmmerte, kein Fenster wurde aufgesperrt, kein Licht erschien in der Nhe der
Scheiben und kein Frauenkopf wurde sichtbar.
    Georg ffnete zgernd die Pforte der Dominikanerkirche, um seine Bue an den
Altren abzutun; er meldete sich, wie Brauch war, bei dem ab- und zugehenden
Bruder Sakristan, dieser nickte gleichgltig mit dem Kopf, sah noch zu, wie der
Ber in einer dunklen Ecke an den Stufen des Altars niederkniete, und
verschwand dann in einem Nebenraum. Als Georg die dicke Weihrauchluft atmete,
wurde ihm fhlbar, da er im Hause und unter Herrschaft der Heiligen war, er
fate seinen Rosenkranz, neigte das Haupt und begann mit gutem Willen die
Gebete. Aber die ehrfrchtige Stimmung hielt nicht vor, die Kugeln glitten
langsam durch die Finger, er begann die Augen um sich zu werfen, starrte auf die
knstlichen Blumen, welche die Landleute gestiftet hatten, auf den dunklen
Trauerbehang, der ber den Altar gebreitet war, und ihm fiel der Handel ein und
die Flein mit Sekt, durch welche er sich die mige Bue verschafft hatte. Da
kam ihm das Lachen an und zugleich ein Zorn gegen die Mnche. Den Wein trinken
Gregorius und Pankraz miteinander aus, mge er ihnen den Schlund verbrennen. Das
ist nicht recht und wird nimmer recht. Wahrlich, die Heiligen gehen mit bsem
Beispiel voran, wenn sie durch ihre Bttel, die Mnche und Pfaffen, Bestechung
nehmen, wie manche unserer Herren vom Rat tun. Das meiste nimmt, wie man hrt,
der Heilige Vater selbst, wenn er um Ablageld die Tren des Himmels ffnet. Er
sah mifllig auf eine arme Frau, die heranschlich, sich am nchsten Altar auf
die Stufen warf und die Hnde rang. Das Weib kenne ich, ihr Sohn sitzt im
Turme, weil er zur Fastnacht das Eisen schwenkte, um sich gegen die
Schweinsblasen meiner Teufel zu verteidigen. Man sagt, der Hieb mit dem Flegel
wird ihm die Hand kosten, gewi schreit sie deshalb zu den Heiligen. Warum hob
der Tor seine Waffe gegen Stadtkinder. Wre er wie der Pole Pietrowski, so wrde
er frei ausgehen. Wohl dem, der reich ist, die armen Leute mgen sehen, wie sie
in diesem und jenem Leben zurechtkommen. - Vielleicht kann ich dem Vater
Gregorius einen Possen spielen. Ich wei, da er gern ein frommes Weiblein
besucht, es wre gut, ihm aufzulauern, wenn er einmal in der Dmmerung von ihr
weicht. Dieser Gedanke machte ihn eine Weile lustig, bis ihm einfiel, da die
Rachsucht an diesem Orte eine neue Snde sei; und er fing wieder an, die Kugeln
des Kranzes zu bewegen. Da vernahm er in seiner Nhe leisen Tritt, er sah auf,
ob Vater Gregorius komme, sich an seiner Demtigung zu weiden, aber er drckte
sich tiefer in die dunkle Ecke, denn an die Stufen des Altars trat eine
verhllte Magd, es war Jungfer Anna. Seine Andacht hatte ein Ende. Er blickte
scharf nach dem holden Angesicht, das sich einst im Zorn ber ihn gertet hatte.
Sie war ihm noch nie so schn vorgekommen; mit gefalteten Hnden stand sie vor
dem Altar, nicht gebeugt, wie sonst die Frauen pflegten, denn sie sah ber das
Kruzifix weg nach der Hhe, sie bewegte auch nicht betend die Lippen, sondern
sprach ihre Bitte ganz still. Georg sah aus seiner dunklen Tiefe zu ihr auf, und
ihm kam etwas wie Ehrerbietung vor solcher Andacht. Sie hlt sich auch vor den
Heiligen fremdlndisch, dachte er; ich hre, da es Ketzer gibt, welche den
Bildern die gebhrliche Demtigung weigern, und er erschrak bei dem Gedanken,
da sie zu diesen Verdammten gehren knne. Nicht zum erstenmal kam ihm die
Sorge, denn er hatte bereits bemerkt, da auch der Magister sich auffllig gegen
die Werke der Pfaffen verhielt. Einst, als whrend der Lektion auf der Strae
das Glckchen tnte und Georg mit den andern Schlern sich schweigend ber die
Bcher neigte, tat der Lehrer, als vernehme er nichts von dem Wandel des
Allerheiligsten, sondern erklrte die Worte Augur und Haruspex und erzhlte aus
dem alten Rom: wenn zwei solche Mnner einander begegneten, vermochten sie sich
des Lachens nicht zu enthalten. Und Georg dachte wieder, da Gregorius und sein
Geselle einander auch angeblinzt und gelchelt htten, als der Wein in das
Kloster gerollt wurde. Die aber jetzt vor ihm stand, war sicher fromm.
    Als sich Anna vom Altar abwandte, erhob sich auch Georg, sah auf die
liegende Frau und ging mit leisen Schritten zum Ausgang, wo er sich an dem
Weihbecken aufstellte; ihm schlug das Herz, und seine Verlegenheit war grer
als seit lange, da er auf Anna zutrat. Das Mdchen fuhr zurck, und sein
furchtsamer Blick las in ihren Augen leider Schrecken und Abneigung. Mit
stockender Stimme begann er: Da ich wegen der neulichen Teufelei hier bin, um
die Heiligen zu vershnen, so mchte ich auch Euch, liebe Jungfer, bitten, da
Ihr mir verzeiht, wenn ich Euch in der Fastnacht krnkte, ich versichere Euch
von Herzen, es reut mich sehr, da ich Euch unhflich an den Mantel gerhrt
habe.
    Anna wollte ihm streng entgegnen, aber weil er mit niedergeschlagenen Augen
demtig vor ihr stand, antwortete sie nur:
    Tut es Euch leid, so darf auch ich als Christin Euch verzeihen.
    Reicht mir die Hand, flehte Georg, zum Zeichen, da Ihr mir nicht mehr
bse seid.
    Diese Gunst konnte ihm Anna nicht gewhren, obgleich er verschchtert
aussah; sie zog die Hand zurck und sprach hastig: Lat mich gehen, Junker,
redet nicht zu mir im Heiligtum und nicht auf der Strae, dann werdet Ihr mir
besser gefallen; denn Ihr wit selbst, Eure Nhe kann mir nicht frommen.
    Der arme Georg dachte, da er gern in ihrer Nhe weilen und ihr sehr gern
gefallen wollte, und ihm kam ein verzweifelter Einfall. Dennoch bitte ich Euch,
mir einen Augenblick Gehr zu geben. Der Sohn jener Frau, welche dort vor dem
Altar fleht, sitzt im Turme und ist in Gefahr, wegen desselben Fastnachtsfrevels
seine Hand zu verlieren, weil er gegen mich und meine Gesellen die Waffe gehoben
hat. Als ich Euch bei dem Altare sah, fiel mir ein, da Ihr vielleicht der Frau
helfen knntet. Denn wenn sie den Mnchen eine ansehnliche Spende opfert, so
werden diese ein Frwort beim Rate einlegen, weil der Sohn sich nur als guter
Christ gegen solche gewehrt hat, die er fr Teufel hielt. Ich darf der Frau die
Anweisung nicht geben, denn die Mnche wollen mir nicht wohl und knnten sie
ausfragen; darum flehe ich, sprecht Ihr zu der Armen.
    Wenn die Mnche nur gegen Spende ihr Frwort geben, wie kann ich der Frau
helfen, da ich so wenig das Geld habe wie sie?
    Gerade deshalb ersuche ich Euch, da Ihr dieses hier in ihre Hand legt,
damit sie es zum Opfer trage, und er bot ihr ein groes Goldstck, ein
Patengeschenk des Brgermeisters, welches er als Opfer fr sich selbst
mitgenommen hatte.
    Diese List Georgs erwies sich als Ungeschick, denn Anna trat zurck und
lehnte mit einer Handbewegung das Geld ab. Wenn die Mnche um Geld ihre
Frbitte gewhren, so ist dies ein Unrecht vor unserem lieben Gott, und mein
Gewissen sagt mir, da ich nicht dazu helfen darf. Wisset aber, Junker, da es
Eure Pflicht ist, nicht durch andere der Frau etwas in das Ohr sagen zu lassen,
sondern selbst Mhe anzuwenden bis zum uersten, damit ihr Sohn entledigt
werde. Unrecht ist es, wenn Ihr ertragt, da der Arme Euretwegen in Not kommt,
denn jedermann wird sagen, da Ihr schuld seid an dem Unglck des Buerleins.
Sie nahm ihr Gewand zusammen und verlie das Heiligtum.
    Georg sah ihr betroffen nach und murmelte: Mich soll's nicht wundern, wenn
ihr im Rcken zwei Flgel herauswachsen. Er trat hinter den Pfeiler und
berlegte, endlich schlich er mit unhrbarem Tritt in die Nhe des Altars, an
dem die Frau noch immer jammervoll ber ihrem Rosenkranz kauerte. Pltzlich
vernahm diese eine flsternde Stimme von der Seite ber sich: Weib, willst du
Gnade finden, so wandle von hier zu dem frommen Bruder Gregorius, flehe ihn an,
da er beim Rate fr deinen Sohn spricht. Denn der Teufel geht umher wie ein
brllender Lwe, und dein Sohn ist nur in Not gekommen, weil er als frommer
Christ gegen einen Teufel das Messer gezckt hat. Damit die frommen Vter
erkennen, da die Heiligen dir gndig sind, so empfange hier, was du der Kirche
opfern sollst. Ein groes Goldstck fiel klirrend auf die Stufen des Altars.
Das Weib, welches bei dem ersten Laut sich niedergestreckt hatte, fuhr auf, als
das Metall klang, und fate das Gold, hob es entzckt gegen den Altar, sprang
auf und lief dem Kloster zu. Georg aber stahl sich schnell nach Hause: Ich
hoffe, Bruder Gregorius merkt nicht, da ihm von der einen Seite abgeht, was ihm
von der andern zukommt. Wenn ich meine Bchse ausfege, finde ich immer noch, was
mich zur Not von den Habgierigen lst.
    Die Frau stammelte vor den Mnchen einen verwirrten Bericht von der
himmlischen Stimme, die sie gehrt, und von dem Engelsantlitz, das sie einen
Augenblick ber sich am Altar gesehen, sie wiederholte, so gut sie vermochte,
die Worte und bot das Geld. Die Mnche schttelten den Kopf, erforschten das
Weib kreuz und quer und prften das Goldstck. Da sie sahen, da die arme Frau
nicht tuschen wollte, so berlegten sie, wer der Geber sein knne, und es ist
wohl mglich, da sie auf Georg rieten. Aber sie erkannten auch, da der Vorfall
wunderlich und ihrem Kloster ntzlich sei, darum beschlossen sie nach langer
Erwgung, die Sache mit Vorsicht auf sich zu nehmen, und geleiteten die Frau
nach dem Rathause. Dem Rat gefiel im Grunde gar nicht, da die Predigermnche
durch ein Wunder die Stadtjustiz hindern wollten, auch erschien ihm seltsam, da
die Heiligen mit dem Goldstck sich gewissermaen selbst ein Geschenk machten.
Dennoch wurde die Frbitte des Pater Gregorius mit Achtung angehrt; denn dieser
sprach bescheidener als wohl sonst und stellte die Angelegenheit gnzlich der
Weisheit des Rates anheim. Zuletzt wurde, nachdem die Mnche abgetreten waren,
die Sentenz gefllt, da das Buerlein seine Hand auf den Klotz legen, und da
Hans Buck, der Scharfrichter, die Schneide des Beils darberhalten und dann
wegziehen solle, damit der Bauer gndiges Recht erhalte und die Unehre fhle,
doch ohne Leibesschaden.
    Konrad Hutfeld sah genau auf das Goldstck, bevor es in die Kutte der Mnche
fiel, doch schwieg er und billigte den Beschlu. Nur der Stadtschreiber Seifried
wollte seine Verachtung nicht bergen, als er am Ende halblaut fragte, ob er den
Vorfall unter der Rubrica Gaunerei oder Gewalttat gegen den Rat in das Stadtbuch
eintragen solle, und erst ein strafender Blick des Burggrafen wandelte ihm die
spttische Miene. Die Thorner liefen in hellen Haufen zu, um Hans Buck mit
seinem Beil zu sehen; die Predigermnche aber hatten den grten Vorteil, denn
um den Altar, auf welchem das Engelsgold aufgestellt wurde, war seitdem ein
Gedrnge von Betenden, und alle, die in Not waren, lauschten nach dem Klange
eines Geldstcks. Doch der Engel hatte keines mehr, das er zu werfen vermochte.
    Georg ging am nchsten Tage zufrieden in seine Schule, er sah nach dem
Zeiger der Uhr auf St. Johannes, um ein wenig vor der Zeit einzutreffen. Denn er
hatte bereits gemerkt, da Anna zuweilen vorher im Museum des Vaters beschftigt
war; entwich sie auch schnell, wenn ein Schler nahte, so hatte er doch bei
solcher Gelegenheit die Freude, sie zu gren und in ihre Augen zu sehen. Auch
heut glckte es ihm, denn Anna trat aus dem Raume, als sie seinen Tritt auf der
Treppe hrte; aber als er ihr mit hflichem Gru zu sagen wagte: Dem Bauer ist
es wohl gelungen, er hat seine Faust gerettet, da versetzte sie traurig: Wenn
Ihr meinen Vater fragt, wird dieser Euch sagen, da es vielleicht noch grere
Snde war, den Engel zu spielen als den Teufel.
    Der Junge ist doch mit seiner Mutter ganz voll von Met und Bier aus der
Stadt gefahren, mit Semmeln und Wrsten beladen, die ihm als Ehrengeschenk wegen
des Wunders von den Leuten zugetragen wurden.
    Ein anderer aber hat das Heiligtum gemibraucht zu losem Streich und die
Mnche und Stadtleute in falschem Glauben bestrkt, und er trgt die
Verantwortung, wenn die Seelen in ihrem Irrtum verhrtet werden. Damit lie die
Eifrige den Verdutzten stehen. Er schlug auf den Pfosten der Treppe, auch
seinerseits unwillig, und dachte: Ihr ist nichts recht; nie habe ich eine
Jungfer gekannt, welche eine so scharfe Brste fhrt. Ich wei nicht, warum ich
mich um sie kmmere, es gibt wohl noch andere, welche freundlicher gegen mich
sind.
    Er bestand den Tag schlecht in der Lektion, und die rgerliche
Gemtsstimmung hielt bis zum Abende an. Denn als Anna spt in ihre Kammer kam,
hrte sie wieder die Laute aus dem wsten Gestein eine bekannte Weise spielen,
und sie vernahm zum erstenmal, da der Lautenspieler auch zu singen vermochte -
nicht schlecht - die Worte klangen undeutlich, aber ihr war wohlbekannt, da sie
lauteten: Ich armes Kuzlein kleine, wo soll ich fliegen hin, ich mu mich von
dir scheiden, ganz traurig ist mein Sinn, es geschah mir nie so Leides. Ade, ich
fahr' dahin.
    Da setzte sie sich auf das Bett, schlug die Arme bereinander und sang den
letzten Vers leise vor sich, so da niemand als sie selbst etwas davon vernehmen
konnte: Ade, er fhrt dahin! - Ich merke, er wird nicht wiederkommen, sagte
sie, indem sie ihr Haar lste und in Gedanken die langen braunen Flechten durch
die Finger gleiten lie.
    Es blieb auch wirklich mehrere Abende still, und Anna dachte jedesmal, wenn
sie zur Nacht ihr Haar aufband: Es ist gut, da der Gesang zu Ende ist! Aber die
Zufriedenheit dauerte nicht lange, denn am nchsten Sonnabend, als sie in ihre
Kammer getreten war und gerade vor sich hinsummte: Ich armes Kuzlein kleine,
wurden die Geister wieder unruhig, und diesmal erklang nicht nur die Laute,
sondern auch die Pfeife und ein Bassettel. Sie sprang vom Bett und eilte an das
Fenster, aber sie fuhr sogleich zurck und dachte rgerlich, da sie die
Dreistigkeit ruhig ertragen msse. Da rhrte sich's auch im Museum, und der
Magister rief in den Flur hinaus: Hrst du die Geister lrmen, mein Kind? Einer
spielt gar das Bassettel.
    Ich hre, Vater, antwortete Anna bekmmert, was werden die Leute sagen?
    Sie werden wohl wieder ein Wunder daraus machen, versetzte der Magister in
guter Laune, kannst du dir denken, was die Musica soll?
    Ich wei es nicht, Herr Vater, wir sind ja fremd hier.
    Das ist richtig, sagte der Magister. Sollten unter meinen Schlern einige
sein, welche mir und dem Museum zu Ehren dies Nachtstck auffhren? Das war
sonst nicht die Art meiner Schtzen; aber jede Stadt hat ihre Bruche, und ich
habe unter ihnen bereits zwei Musenshne zur Strafe notiert, welche ihre Lust so
wenig bezwingen konnten, da sie whrend der Lektion auf einem Kamme bliesen.
    Vater, ich glaube nicht, da diese es sind.
    Jedenfalls mu der mit dem Bassettel ein starker Gesell sein; ich mchte
wissen, wie sie das Instrument ber Wasser und Steine hineingebracht haben.
    Unten bellte ein Hund, die Hoftr ffnete sich und der Ratsdiener drang in
den Hof in nchtlicher Tracht mit einer groen Schlafmtze und einem Feuerrohr,
hinter ihm seine Frau, welche die Laterne hielt, aber den mutigen Gatten am Bund
seiner Beinkleider zurckzog. Wer erkhnt sich, wer unterfngt und wer
unterwindet sich, den Frieden der Nacht zu stren? fragte Lischke gegen das
Gemuer, doch hrte man seiner Stimme die Aufregung an. Er rief umsonst, die
geisterhaften Musiker fuhren fort, ganz versunken in ihre Kunst, die liederliche
Weise zu spielen: Wer hier mit mir will frhlich sein, das Glas will ich ihm
bringen, trink, mein liebes Brderlein, so wird dir's wohl gelingen. Der
Ratsbote, welcher sich bis dahin hinter dem Zaun des Gartens gedeckt hatte,
drang khn noch einen Schritt vor und rief wieder gegen die wste Sttte: Seid
still oder ich feuere, und er hob sein Rohr. Da schwieg die Musik einen
Augenblick und eine hohle Stimme tnte gewaltig zurck: Der Rat hat alles
Schieen in der Stadt verboten, und sogleich ging der Lrm weiter. Lischke
setzte verdutzt das Rohr ab und sagte, sich zu seiner Frau umwendend: Sie
wissen Bescheid und sie haben recht.
    Oben lehnte sich der Magister zum Fenster hinaus und lachte laut: Lat sie
gewhren, Herr Hauswirt, ich freue mich der Ehre, und er rief ihnen den Vers
eines lateinischen Dichters hinber, in welchem die stygischen Schatten
aufgefordert werden, sich in den Orkus zurckzuziehen.
    Das Erscheinen des Magisters und die lateinische Beschwrung bewirkten, was
dem Ratsdiener nicht gelungen war, die Musik verstummte pltzlich. Die
Lauschenden vernahmen nur noch den Abendwind, der ber den Strom wehte, und
sahen nichts als ragende Trmmer und oben die kleinen Sterne, welche durch die
Wolken blinzten. Der Hund bellte noch einmal gegen die Ruinen und Lischke ging
laut scheltend in das Haus zurck. Der Magister schlo zufrieden das Fenster.
Den Virgil vermochten sie nicht auszuhalten, er hat sie verscheucht; er soll
noch manchem von ihnen schrecklich werden.
    Anna aber sprach in der Kammer zu sich selbst: Das kann und darf nicht so
fortgehen, und es mu dem Dreisten verboten werden. Doch gegen den Vater traue
ich mich nicht davon zu reden, da ich doch nichts Sicheres wei, und ich frchte
seine Heftigkeit. Da kam ihr wieder der Rat zu Hilfe. Denn die trotzigen
Neustdter, welche weniger Mitleid mit nchtlichen Musikanten hatten als die in
der Altstadt, und auerdem jetzt durch die Erscheinung von Teufeln und Engeln
aufgeregt waren, trugen eine Klage ber Unruhe in dem verwnschten Schlo aufs
Rathaus; und weil der Rat sich um alles kmmerte, was das Gemt der regierten
Brgerschaft aufregen konnte, so wurde Lischke als Hter der Sttte ernsthaft
ermahnt, dies Getse junger Gesellen zu stillen. Als der Diener nach Hause kam,
war er wegen der Ermahnung widerwrtig gegen seine Frau und sprach strafend:
Ihr Weiber frchtet die Geister, wo gar keine zu finden sind, auch der Rat
meint gerade wie ich, da es nur Unruhestifter sind, und sie sollen den Ernst
erkennen. Das klagte wieder Frau Lischke gegen Anna: Meiner ist ganz wild, und
der Rat hat ihm erlaubt, wenn sie nicht gutwillig weichen, das Rohr zu
gebrauchen; wandeln sie in Fleisch und Bein, so mgen sie den Schaden tragen.
Selbst wenn Georg Knig zu ihnen gehrt.
    Anna fragte erschrocken: Warum denkt Ihr auf diesen?
    Weil er bei jedem Schabernack geschftig ist, versetzte die Wirtin, und
schlimmer als andere im Gassieren und Anlachen der Mdchen und Frauen.
    Die Miene Annas wurde sehr streng, und die Wirtin, welche selbst eine
zierliche Frau war, fuhr verschmt fort: Auch Euch hat er gekrnkt, und Ihr
seid nicht die einzige, denn voriges Jahr beim Vogelschieen wagte er sogar im
Vorbergehen seinen Arm um mich zu schlingen und, ich glaube, er htte mich
gekt, wenn ich mich nicht ihm entwunden htte. Doch durfte man ihm das nicht
so bel deuten, denn er war gerade frohen Mutes, weil er einen glcklichen Schu
getan hatte. Und die Brger halten ihm auch mehr zugute als anderen.
    Da erkannte Anna aufs neue, da der Schler ihres Vaters ein gefhrlicher
Hausgast war, den ein Mdchen sich fernhalten mute; sie hatte die Absicht
gehabt, der Wirtin eine vertrauliche Warnung fr Georg anzuempfehlen, aber die
Art, in welcher Frau Lischke von der Dreistigkeit des Gesellen gesprochen hatte,
mifiel ihr heimlich, und sie bedachte seufzend, da sie selbst die Musik ihm
wehren msse. Noch dies eine Mal rede ich mit ihm und nicht wieder.
    Deshalb geschah es, da sie ihm begegnete, als er in die nchste Lektion
kam, und da er sie mit leuchtenden Augen grte, begann sie leise: Mein Vater
und ich sind fremd hier, und es liegt uns daran, die gute Meinung der Thorner zu
gewinnen; wir werden sie aber verlieren, wenn in den wsten Steinen neben uns
zur Nachtzeit Musik gemacht wird, wie seither fter geschah. Da Ihr in der Stadt
wohlbekannt seid, so werdet Ihr fr die Ruhe und den guten Ruf meines lieben
Vaters und aller Hausleute sorgen, wenn Ihr den Anstifter erkundet und ermahnt,
da er unsern Nachtfrieden nicht mehr strt.
    Georg sah zu Boden, endlich fragte er ergeben: Sagt mir nur, ob Euch das
Lautenspiel auch lstig wre, wenn es von niemandem vernommen wrde als von Euch
allein.
    Anna erschrak ber die dreiste Frage und antwortete tonlos:
    Ja. Da zuckte ein so tiefer Schmerz ber sein Gesicht, da sie fast die
kurze Antwort bedauert htte, er wich zurck und sprach mit mhsam gedmpfter
Bewegung: Die Musik soll Euch nicht mehr stren. Gern htte sie ihm fr die
Bereitwilligkeit gedankt, aber sie fand nicht Worte und schied mit stummem Gru.
    Seitdem hielten die Geister Ruhe, und Lischke triumphierte ber ihre Furcht.
Georg aber stampfte mit dem Fue heftig auf den Boden, als er die Schule
verlie: Es gedeiht nimmer zwischen ihr und mir und ich will gar nicht mehr an
sie denken.
    Bevor er seinen Beschlu ausfhrte, beschwerte er sich noch einmal bei
seinem Vertrauten Philipps: Sie spricht anders und sie hlt sich anders wie
unsere Mdchen.
    Sie ist aus Kursachsen, erklrte Lips.
    Sie hat auch andere Gedanken. Keine unserer Jungfern hat so stolzen Sinn
und so vornehme Art.
    Soll ich dir meine Meinung sagen, entschied Lips, sie ist eines Magisters
Kind, Topf wie Kessel, sie ist eine Schulmeistersche.
    Dir stnde besser an, rief Georg, wenn du sie mit einer Herzogin
verglichst.
    Eine Herzogin, die ich gesehen habe, antwortete Lips, trug einen
Schleppenpelz und blies ber beide Achseln. Das ist nicht nach meinem Gefallen.
Wie ich gewachsen bin, so tanze ich. Mir ist die Jungfer am liebsten, die mich
haben will, so wie ich bin.
    Sie gleicht einem Heiligenbilde, klagte Georg wieder, kannst du dir ihre
Augen denken, da sie holdselig anlachen, kannst du ihren Mund denken, wie er
kt? Und kannst du dir denken, da sie abends die Tr ffnet?
    Warum nicht, versetzte Lips.
    Da aber fuhr Georg zornig auf ihn los. Willst du an so etwas denken?
    Das ist ja deine Sorge, entschuldigte sich Lips. Aber darf ich dir einen
Rat geben, denke auch du nicht mehr an die Fremde, denn sie macht dich
rgerlich. Und wenn meine Geige bei der nchtlichen Reise ber Graben und Mauer
zerbricht, dann werden alle Stndchen in Thorn ein jmmerliches Ende finden.
Darum sage ich, schlage sie dir gnzlich aus dem Sinn.
    Das versprach Georg aufs neue. Und es wre ihm vielleicht gelungen. Aber die
Jahreszeit war dazu nicht geeignet. Es kam ein Mai, so lind und froh, wie er im
Nordlande seit Menschengedenken nicht gewesen war. Die Vgel sangen wunderschn,
die Sonne lachte, und die Bume blhten, alle Locken flogen in dem warmen Hauch,
durch alle Sinne drang die Wonne des Frhlings in die Seelen, und die jungen
Gesellen und die Mdchen schwangen sich in Wohlgefhl und berkraft dahin wie
zum Tanze. Das war keine Zeit, einen roten Mund zu vergessen und zwei tiefblaue
Augen, und am wenigsten wollte das ihm gelingen, der jeden Tag in die Gefahr
kam, die Geliebte wiederzusehen. Oft wenn Georg unglcklich darber grbelte,
da eine, welche schner war als alle andern, ihn in der Stille mit Abneigung
betrachtete, fielen ihm die Worte ein, mit denen sie ihn gescholten hatte, dann
sprang er leicht wie ein Ball ber die Gasse und rief: Solch hohen Mut und
solch redliches Herz gibt es nicht weiter auf Erden, und war auf kurze Zeit so
froh, als ob ihm die fremde Jungfrau einen Kranz von Rosen aufgesetzt htte. In
der Schule aber war er in dieser Zeit nicht gerade lustig und hielt sich stiller
als sonst. Aus diesem Benehmen erriet Anna endlich, da es nicht mehr ntig war,
ihn durch Strenge abzuschrecken, und sie vernahm auch ohne Widerwillen, wenn der
Magister einmal Georgs Vortrag lobte. Denn der Magister lie seine Patrizier
gern Reden aus dem Livius memorieren und vortragen. Dann ergriff er seinen Stock
und setzte sich mit bergeschlagenen Armen vor sie hin. Hier sitzt euer Konsul
Fabricius. Da ihr dereinst als Oratores vor dem polnischen Senat eure Worte
stellen sollt, so sorgt jetzt, da ihr vor dem rmischen Rate wohl besteht.
Wenn nun Anna in Kche und Flur beschftigt war und die Stimme Georgs hrte, so
unterbrach sie die Arbeit, um zu vernehmen, ob er auch gewichtig und ohne
Stocken die schweren Worte herausbrchte, ja, es geschah, da sie die Kchentr
ffnete und harrte, bis er an die Reihe kam. Dann stand sie an den Pfosten
gelehnt und lauschte mit vorgebeugtem Haupt, und wenn der Magister zuletzt
urteilte: satis bene, flog ein Lcheln ber ihr Gesicht, und sie nickte
zufrieden.

                              Die Fahrt aufs Land


Der Sommer kam, im Garten bei der Schule blhten die stolzen Lilien; wer ein
Liebchen hatte, war selig, wenn er sie kte, und wer um die Neigung einer
Jungfrau warb, der dachte in der Stille darauf, ihr seine Liebe zu erweisen.
    Der Buchfhrer hatte dem Magister neue Bchlein zur Ansicht geschickt, und
da der Bote die alten zurcknehmen sollte, gedachte Anna, da sie heut wohl in
das Museum des Vaters dringen drfe, weil gerade nur einer von den drei
Patriziern anwesend war, Georg Knig, der ihren Eintritt unmglich bel auslegen
konnte.
    Der Magister ergriff die Sendung, betrachtete die Holzschnitte der Titel und
sagte zufrieden: Auch diese Bilder werden jetzt kunstvoller gemacht als ehedem;
sieh hier ein zierliches Weib, an welchem das Hndlein heraufspringt.
    Es ist ein hbsches Hndlein, besttigte Anna.
    Da du klein warst, hatte die selige Mutter lange Not mit dir, weil du
durchaus einen solchen Zwerghund zum Spielgenossen haben wolltest. Endlich gab
die Mutter dir nach und betupfte, um einen Hund hervorzubringen, das weie Fell
deines hlzernen Schafes mit braunen Flecken. Aber als sie dir das neue Wunder
darbot, wolltest du kluges Kind nicht an die Verwandlung glauben.
    Ich wrde mich auch jetzt ber ein solches Hndlein freuen, sagte Anna
arglos, doch es ist nur ein Spiel fr reiche Leute. Sie trug die Antwort des
Vaters hinaus, aber Georg war durch ihre Worte in tiefes Nachdenken versetzt,
und als er von dem Magister entlassen wurde, sprang er die Treppe hinab in dem
Entschlu, der Jungfrau einen kleinen Hund zu verschaffen. Die Sache erwies sich
schwierig, denn in der Stadt waren zwar Hunde genug, aber nur von ungefgem
Schlage, wie sie an der Kette lagen, mit den Metzgern liefen, oder wie der Hirt
sie hielt zum Kampf gegen Wlfe. Nur zwei Frauenhunde wute er in der Stadt, ein
Wachtel und ein Windspiel, welche der Stolz ihrer Herrinnen und von jedermann
gekannt waren. Diese durch Bitten oder List aus ihren Burgen zu entfhren, war
unmglich, auch um den Nachwuchs stand es bei beiden verzweifelt. Als er
unsicher um sich blickte, sah er sich selbst am Fhrtor und vor sich den Mast
eines wohlbekannten Bordschiffes; mit geflgelten Schritten eilte er darauf zu,
kletterte die Leiter hinan und traf auf dem Deck den Schiffer Hendrick, seinen
alten Bekannten. Diesen nahm er beiseite und beschwor ihn im hchsten Vertrauen,
bei seiner nchsten Fahrt einen kleinen Frauenhund von Danzig oder Lbeck
mitzubringen.
    Hendrick stemmte beide Arme ber seine dicken Hften und zog schnaubend
einen Strahl Luft ein, als wollte er den neuen Fahrwind einfangen. O Jrge,
lieber Jrge, was forderst du von mir? Noch niemals ist ein Frauenhund zwischen
Haupt und Sterz meines Bordings gelaufen, die Schiffskinder sind argwhnisch,
und ich wei nicht, wie sie einen solchen Gesellen ihrer Fahrt ertragen werden.
Er knnte bei Nacht ber Bord fallen. Warum willst du nicht lieber eine bis drei
junge Robben? Sie drehen sich auch ganz behende und sie sind fetter.
    Da Georg diesen Vorschlag mibilligte, fuhr der Schiffer berredend fort:
Ich wei im Danziger Hafen einen Papagei mit wunderschnem Gefieder, Schnabel
wie ein Adler und beit dir jede Nu.
    Hendrick, es mu ein Wachtel sein mit Loden an den Ohren und am Schwanze.
    Das ist das Schlimmste, versetzte der Schiffer, denn wenn ich auch einen
meiner Jungen mit dem Fangnetz in die Straen von Danzig ausschicke, er wird mir
eine ganz andere Art von Schwanz zurckbringen.
    Du mut den Hund von den Kaufleuten erbitten, das Geld dafr verlegst du,
was er auch koste.
    Ich merke, wohin die Fahrt geht, schlo Hendrick bekmmert, ich tt's fr
keinen als fr dich. Und er versprach mit Handschlag das mgliche.
    Einige Monate vergingen, in welchen die Thorner vergebens auf hohes Wasser
hofften, damit die tiefen Bordschiffe sich von der See stromauf steuern knnten;
endlich kam doch der Tag, wo Hendricks Mastkorb wieder ber das Zollhaus ragte.
    Am nchsten Morgen hatte Lischke in der Dmmerung die Haustr geffnet und
war gegangen, die Mauerpforten zwischen den beiden Stdten aufzuschlieen. Als
er zurckkam, stand etwas Helles auf der Treppe zum Oberstock, er erkannte die
Henkel eines Korbes, der mit einem weien Tuche lose verdeckt war. Zuerst
erschrak er und bekreuzigte sich, dann ergriff er den Korb und trug ihn in seine
Kammer vor das Bett seiner Frau, welche erstaunt dem Abenteuer entgegensah. Beim
Schein des Lichtes erblickte er ein beschriebenes Papier auf dem Tuche, er trug
es vorsichtig zum Licht und buchstabierte laut die Worte: Dies gehrt dem Herrn
Magister. Unter dem Tuche aber rhrte sich's, und ein leises Winseln wurde im
Zimmer gehrt.
    Es ist ausgesetzt, rief Frau Lischke, nach dem Korb starrend.
    Es ist ausgesetzt, wiederholte Lischke, und beide fuhren fort, aus der
Ferne den Korb zu betrachten, in welchem sich's unter der Leinwand wieder regte.
    Endlich fate der Mann ein Herz und griff nach der Decke. Rhre nichts an,
rief die Frau, wer es zuerst ansieht, mu ihm etwas Gutes wnschen und sein
Pate werden.
    Lischke lie die Hand fallen, aber er dachte daran, da er ohne Leibeserben
war, und sagte mitleidig: Vielleicht geschah es mit dem Willen der Heiligen,
da es in unser Haus getragen wurde. Da aber sprang Frau Lischke mit ihren
nackten Beinchen aus dem Bette und stellte sich drohend vor den Gatten: Was
hre ich, du bist gar nicht verwundert ber dies Eingebrachte?
    Es ist ja dem Magister zugeschrieben, versetzte Lischke kleinlaut.
    Das ist nur Hinterlist, rief die Frau in hellem Zorn, der Herr Magister
gleicht nur einem Sack, auf den geschlagen wurde, aber ein anderer ist gemeint.
Ach, wenn du so ein gutes Gewissen httest als der Magister.
    Wo denkst du hin, antwortete der bestrzte Lischke, wir vom Rat -
    Schweig mit deinem Rate, befahl die Frau, die Herren vom Rat sind auch
nicht besser als du. Zur Stelle nimmst du den Korb und trgst ihn hinauf.
    Das hielt auch Lischke fr das beste. Er trug den Korb die Treppe hinauf und
pochte, whrend die Frau mit fliegender Eile die ntigsten Gewnder umlegte und
ihm nacheilte. Anna ffnete und der Zug bewegte sich nach dem Museum des
Magisters, der verwundert ber den aufgeregten Besuch aus seiner Kammer kam. Er
las den Zettel und ri das Tuch von dem Korbe, ein kleines zottiges Ungetm von
dunkler Farbe lag darin und winselte. Frau Lischke fiel entsetzt auf die Knie
und hob die Arme in die Hhe: Hilf Maria Jacobe, hilf Maria Salome, helft ihr
heiligen Marien alle drei, hier ist ein neugeborener Teufel.
    Wie? fragte der Magister, erschrocken seine Brille suchend, werden
hierzulande die Teufel in Krben ausgetragen?
    Anna fhlte einen Stich in ihrem Herzen, sobald die Hauswirtin des Teufels
gedachte; ihr fiel sogleich ein, wie Georg mit groen Augen zugehrt hatte, als
der Vater einmal von ihren kindischen Wnschen sprach, und sie rief: Herr
Vater, dies ist nur ein kleiner Wachtelhund. Sie beugte sich nieder, hob das
Tier heraus und lste die Bnder, mit denen die Fe festgebunden waren. Das
Hndlein fiel aus ihrem Scho auf die Diele, schttelte sich und lief laut
bellend im Kreise.
    Canis pusillus, besttigte der Gelehrte.
    Es ist ein vornehmer Frauenhund, rief Lischke bewundernd, und auch seine
Frau begann sich ihres Argwohns zu schmen. Anna aber sa schweigend und sttzte
den Kopf in die Hand.
    Das ist die Tcke eines meiner ungeschlachten Schtzen, erklrte der
Magister, erst gestern habe ich ihnen die Stimmen der Tiere im Latein
beigebracht, er hat den Hund aus einem Patrizierhause entwendet.
    Aber Lischke verneinte. Der Hund ist nicht von hier, er hat einen weien
Brustlatz; er ist, wie der Zettel besagt, ein Geschenk fr den Herrn Magister.
    Wir haben bereits Esser genug an unserm Tisch, welche ungern zahlen. Doch
das Wachtel selbst machte der Verlegenheit ein Ende, denn es setzte sich vor
Anna nieder, wedelte mit seinem buschigen Schwanz und winselte bittend. Da fate
Anna den Hund schnell in die Arme, trug ihn in die Kche und setzte ihm ein
Schlchen Milch vor, whrend der Magister mit den Wirtsleuten nachtrglich den
geziemenden Morgengru wechselte und sie dankend entlie.
    Aber den ganzen Morgen erfllte der Ankmmling die Gedanken des Hauses, Frau
Lischke vertrat im Unterrock die Meinung, da der Magister das vornehme Tier
nicht behalten drfe, weil Anna dadurch in den Verdacht des Hochmutes kommen
msse. Auch der Magister entwich einige Male seinen Amtsgeschften, um seinen
Gast zu betrachten, der neben der Kche auf einem Sthlchen sa, aber jedesmal
auf den Gelehrten lossprang und die runden Brillenglser anbellte. Am grten
war Annas Not, welche niemand kannte. Da Georg Knig in solcher Weise ein
Geschenk zu machen wagte, rgerte sie, da er so eifrig gewesen war, ihr einen
Wunsch zu erfllen, ngstigte sie; und doch fhlte sie eine geheime Freude, dann
streichelte sie das Hndlein und drehte ihm seine Locken. Als sie ihren Gast
ber der Schssel liebkoste, fand sie, da ein Faden um seinen Hals gebunden war
und daran ein schmales, zusammengerolltes Pergamentblatt. Auf dem Streifen stand
geschrieben: Mein Name ist Amor. Diese Andeutung hatte sich Georg ausgedacht.
Anna wich bestrzt von dem Kleinen und ihr Antlitz rtete sich bis an die
Schlfe. Ein solcher Name war eine deutliche Anspielung vor jedermann. Sie lste
den Faden, versteckte den Zettel in ihrem Gewande und sah aus der Ferne starr
auf den Hund. Es war ein hbsches Tier, es drehte sich zierlich und schnoberte
am Boden umher, und sie rief es halb bewutlos leise mit dem geschriebenen
Namen. Doch der Hund beachtete den Ruf nicht. Da atmete sie tief auf, er
wenigstens wute von nichts. Aber je hher der Tag heraufstieg, desto grere
Beklemmung fhlte sie bei dem Gedanken an die Dreistigkeit des fremden Knaben
und da sie jetzt mit ihm ein Geheimnis teile und Mitschuld trage an der
Tuschung ihres lieben Vaters. Als die Tischgenossen sich bedankt hatten und
geschieden waren, holte sie das Pergament heraus. Herr Vater, dies trug das
Hndlein um den Hals.
    Der Magister las und nickte sorglos. Es ist ein lustiger Name. Wir drfen
das Tier nicht Amor nennen, das wrde Gerede geben.
    Worber? fragte der Vater verwundert. Nenne ihn also Psyche. - Herr
Vater! - Ja, so, verbesserte sich der Magister, es wre gegen die mnnliche
Wrde. Was meinst du zu Cupido?
    Das wre nicht besser.
    So soll er Ajax heien wegen seiner Zornwut.
    Dem widersprach Anna nicht. Herr Vater, auf wen mutmat Ihr wegen des
Hndleins?
    Der Gelehrte beugte sich gewichtig zurck: Es ist ein alter Brauch, da
Gelehrte einander etwas senden, ein neues Buch, oder auch einen Karpfen, oder
gutes Getrnk, dann schreiben sie eine Entschuldigung an das Ende des Briefes
und ihren Namen darunter. Da aber der Geber des Hndleins nicht gewagt hat, mit
seinem Namen zu zeichnen, so ist er noch kein Gelehrter, sondern wahrscheinlich
ein Schler, und ich vermute, da es einer von meinen Patriziern ist, denn wie
sollten die jungen Schtzen eines solchen Geschenkes habhaft werden.
    Und wem von den Groen traut Ihr die listige Sendung zu?
    Dem Matz Hutfeld, versetzte der Magister entschieden, denn die andern
haben sich smtlich mehrmals durch Verehrungen bemerkbar gemacht, dieser aber
noch nicht.
    Anna schlug die Augen nieder: Ich dachte daran, Herr Vater, da der Sohn
des reichen Knig einmal gegenwrtig war, als Ihr ein solches Hndlein in einem
gedruckten Buche frhlich ansaht und rhmtet, und ich denke, der junge Georg ist
der Geber. Ihr wurde leichter, als sie den Vater in dieser Weise zum Mitwisser
gemacht hatte, nur eines traute sie nicht zu sagen, da die Sendung ihr gegolten
hatte; und sie wurde deshalb aufs neue gengstigt, als der Vater zufrieden
zustimmte. Du bist mein bedchtiges Kind, und ich freue mich deines guten
Gedchtnisses, denn ich wei nichts mehr von jener Rede. Von meinem Regulus ist
mir's, im Vertrauen gesagt, am liebsten, obgleich er seine Orationen gern krzer
macht als die andern.
    Als der Magister aber bei der nchsten Lektion der Groen den
widerstrebenden Hund auf den Tisch stellte und dazu fragte: Wer von euch hat
mir diesen als Prsent geschickt? antworteten alle einstimmig: Nicht ich,
auch Georg, obgleich er scharf angeblickt wurde; und als der Magister zum
zweitenmal fragte: Wer von euch hat mir diesen Zettel geschrieben? und alle
wieder antworteten: Ego, vero, minime, da entschied er krftig: Dann also tat
es ein anderer, schob das Hndlein bis zur Tr hinaus, und die Sache blieb
geheimnisvoll.
    Anna lebte in der Sorge, da Georg wegen des Geschenkes ihr eine grere
Vertraulichkeit zeigen werde, und sie war entschlossen, in diesem Fall den Vater
zu bitten, da er die Gabe samt dem Korbe zurcksende, was auch daraus entstehen
mge. Doch Georg verriet gegen sie niemals durch Wort oder Miene, da er den
Geber kenne, er blieb still und ehrerbietig und bewies dem Kleinen, welcher Ajax
genannt wurde, weil er nicht Amor heien durfte, nur khle Freundlichkeit. Diese
Klugheit wurde belohnt. Nmlich das Wachtel selbst hatte eine Vorliebe fr ihn.
Wenn die Stunde kam, in welcher die Treppe unter seinem Tritt knisterte, lief es
nach der Tr und wedelte eifrig. Das ist nicht zu verwundern, dachte Anna,
denn er hat es zuerst gefttert und sein weiches Fell gestreichelt. Seitdem
geschah es wohl, da Anna einen Spalt der Tr ffnete und das Hndlein zur
Begrung hinauslie. Bei dieser Gelegenheit gewann Georg einen flchtigen
Anblick ihrer Gestalt und zuweilen einen freundlichen Gru. War das auch nur
wenig, es gab ihm doch Mut, mehr fr sich zu begehren.
    Es kam ein Sonntag im Herbste, klar, warm und still, die Frucht der Felder
war in den Scheuern geborgen, und viele kleine Vgel waren fortgezogen, aber
groe Flge der Tauben lagen auf den Stoppeln, die grauen Stelzen liefen die
Raine entlang, und die Stadtsperlinge von Thorn wiesen der jungen Brut die
schnen Felder und Bume, an denen sie altes Herrenrecht hatten, und zankten
sich mit den Dorfspatzen. Da erbat Georg von seinem Vater, da er dem Herrn
Magister einmal auf dem Landgute Ehre erweisen drfe, und der Vater war das wohl
zufrieden: Der Magister mge nicht fr ungut nehmen, wenn ich nicht selbst
komme. Darauf sandte der vorsichtige Georg zuerst seinen Gesellen Philipps zu
Frau Lischke, diese einzuladen, weil sie doch die Hauswirtin der Schule sei, und
die Frau, geschmeichelt durch die Hflichkeit der vornehmen Knaben, erklrte
ihre Bereitwilligkeit. Lischke wird nicht belnehmen, wenn er der Ehre nicht
teilhaftig wird, denn er sitzt des Sonntags gern im Bierhause. Doch schickt sich
nicht, da ich allein unter jungen und alten Mnnern weile, und ich kann nur
kommen, wenn Jungfer Anna zugleich eingeladen wird.
    Darauf lud Georg feierlich in lateinischer Sprache den Magister ein, welcher
fr sich und seine Tochter in einer wohlgesetzten Periode die Freundlichkeit
annahm. Wie Georg die Treppe hinabstieg, erwartete ihn Frau Lischke: Ihr wit
selbst, Junker, da eine ehrbare Frau nicht mit euch wilden Brdern durch die
Gassen und Tore spazieren darf, und ich rate euch, vorauszuziehen und den
Magister und uns am Birkenholz zu erwarten. Damit war Georg einverstanden. Als
der Gottesdienst beendet war und die Brger in ihren Festkleidern durch die
Straen gingen, schritt auch der Magister mit den beiden Frauen langsam nach dem
Tor. Er trug sein bestes Kleid und einen seltenen Stock von hispanischem Rohr
mit einem Lederriemen, und grte wrdig zur rechten und linken Hand. Hinter ihm
kamen Anna und die Wirtin, ihre groen Regentcher auf dem Arme, beide mit
Handkrben. Anna trug in dem ihren das Wachtel, und Frau Lischke hatte bedacht,
da es auf dem Lande Brauch war, den Gsten aus der Stadt etwas Zubeie fr den
Heimweg mitzugeben.
    Als sie beim Birkenholz um die Ecke bogen, blieben sie erstaunt stehen, denn
auf der Strae hielten zwei Reiter, und zwischen diesen stand ein schner Wagen
mit zwei groen Gulen bespannt. Auf dem Kutschersitz hockte Dobise und sah
unter seinen buschigen Augenbrauen schlau auf die bevorstehende Ladung. Die
Reiter sprengten ihnen entgegen, es waren Georg und Matz, whrend Lips im Wagen
die Gesellschaft begleiten sollte. Das Antlitz Georgs war in heller Freude
gertet, als er vom Rosse sprang, um die Gste zu begren. Auch Anna lachte ihn
froher an, als er bis jetzt an ihr gesehen hatte. Der Magister aber schritt
bewundernd um den Wagen und die Pferde. Das Korbgeflecht war mit Hochrot und
Gold bemalt, darber trugen Reifen ein luftiges Dach von bunter Leinwand, welche
sich an den Seiten zurckschieben lie und oben noch mit einer Lederdecke
berspannt war zum Schutz gegen ein Unwetter. Georg ntigte den Herrn Magister
auf den Vordersitz. Du, Lips, sitze daneben und sorge, da unserm Herrn Vater
die Unterhaltung nicht fehle. Darauf ffnete er die Hinterwand des Wagens, zog
eine kleine Leiter heraus und hakte den Polstersitz ab, damit den Frauen das
Einsteigen bequemer sei, half ihnen ritterlich in das Innere, befestigte hinter
ihnen Sitz und Rckwand und schwang sich wieder auf seinen Gaul, um nebenher zu
reiten. Der Magister steckte den Kopf seitwrts heraus und rief vergngt:
Wahrlich, wie ein rmischer Gott fahre ich im Triumphwagen, zu beiden Seiten
die Dioskuren. Und auch Annas Augen leuchteten, als sie auf den bewaffneten
Reiter an ihrer Seite blickte, der als Seitenwehr einen groen Dussek mit
breiter krummer Klinge und in der Hand einen Kurzspeer fhrte, und sie
unterdrckte mit Mhe einen Angstruf, als das mutige Pferd unter dem Reiter
aufsprang, bis er es mit fester Faust bndigte. Dobise knallte, und in scharfem
Trabe ging es vorwrts; der Staub wirbelte, der Wagen schtterte, und wenn die
Rder ber einen Stein hpften, zuckten die Fahrenden von ihren Sitzen in die
Hhe, so da Anna sich am Holz des Wagens festhalten mute. Aber das Schtteln
gehrte zu vornehmer Fahrt, die Frauen berwanden bald den kleinen Schreck,
lachten einander zu und fanden endlich den Mut, die artigen Fragen Georgs zu
beantworten. Und obgleich zuweilen der Staub durch die Fensterffnung wehte,
wollte Anna doch die Leinwand nicht vorschieben, wie Frau Lischke riet, und sie
wurde auch nicht bse, als Georg ihr nach dieser Erklrung einen dankbaren Blick
zuwarf. Unterdes hrte Lips ergeben die Bemerkungen des Magisters und nannte die
Namen der Drfer, deren Kirchtrme hier und da aus der Ebene aufstiegen. Es war
Sonntagsstille ber der Landschaft und auf den Feldern niemand zu sehen, nur
hier und da rollten sie an einer weidenden Herde vorber und hrten das Gebell
des Hirtenhundes, der auf sie zulief.
    Endlich fuhren sie ber eine kleine Grenzbrcke in den Schatten wilder
Birnbume, welche zu beiden Seiten des Weges standen, der Wagen hielt, und Georg
bat die Gste, sich eine Weile zu gedulden, damit die Pferde verschnaufen und er
vorausreiten knne, sie auf dem Hofe anzumelden. Die Fahrt war wundervoll
gewesen, aber eine kurze Ruhe war nach der Erschtterung doch allen lieb. Dobise
stieg ab und trat zu den Pferden, auch der Magister und Philipps kletterten ber
den Kutschersitz ins Freie, nur die Frauen blieben in dem Wagen und hatten
einander jetzt leise viel zu erzhlen. Pltzlich sprang Dobise auf seinen Sitz,
ergriff die Zgel und wies mit der Peitsche in die Ferne: Es kommt einer.
    Ein einzelner Reiter trabte ber das Feld gerade auf sie zu. Es war auf
magerem Pferde ein langer Mann in halber Rstung mit Brustschiene und Helmkappe
und einem langen Reiterspie. Wer ist es? fragte Matz Hutfeld den Kutscher.
    Es ist eine Landfliege. Seht ihn nur an, Ihr kennt ihn gut genug.
    Der Reiter ritt ohne zu gren langsam im Kreise um die Gesellschaft, wobei
sein Pferd wie ein Hund durch den Graben am Wege kroch, endlich hielt er,
betrachtete unverschmt die erschrockenen Frauen und sphte in jede Ecke des
Wagens. Der hagere, starkknochige Gesell mit schmalem Angesicht, das bleich und
verbrannt und trotz der Jugend durch hartes Leben und Ausschweifungen gefurcht
war, sah auf seinem struppigen Klepper gegenber dem rundlichen Stadtreiter aus
wie aus einem andern Lande. Matz hielt still auf seinem Platze, Lips aber entri
dem Dobise die Peitsche und rief dem Gefhrten zu: Hilf ihn zurcktreiben. Da
lenkte auch Matz sein Pferd heran: Macht Euch fort, Henner, hier ist nichts fr
Euresgleichen zu holen.
    Ich komme nicht zu holen, sondern zu geben; ich merke, Matz, Ihr seid nach
Streichen begierig, versetzte der Reiter verchtlich. Redet hflicher auf der
Landstrae, ihr stolzen Brgermeistershne, es wird jedermann erlaubt sein, die
Knige von Thorn anzustaunen, wenn sie im roten Wagen durch das Land traben.
Potz Blitz, weg mit der Peitsche, du Narr, oder ich treibe dir das Eisen in die
Rippen. Wo wollt ihr hin, ihr heldenmigen Kumpane des Knig Artus?
    Das geht Euch nichts an, rief ihm Matz zu, wir haben auch Euch nicht
gefragt, wo Ihr herkommt. Ich sage Euch, macht Euch fort. Dies ist Thorner
Grund, und wir sind vier gegen einen.
    Die vier sind auch danach, hhnte der Fremde. Schne Samtmtzen sehe ich
auf euren gekruselten Haaren. Wie hoch haltet Ihr das Stck, Junker Krmer? Ich
habe Lust, meine mit Eurer zu vertauschen. Ist's nicht eine Schere, die Ihr an
der Seite tragt? Er rhrte mit dem Spie an Hutfelds Dussek.
    Die Thorner Schere hat schon mehr als einmal in Euer Wams geschnitten, ich
denke, Ihr kennt den Kfig ber unserm Kerkertore.
    Ich wei eure guten Herbergen zu rhmen, antwortete der Reiter ungerhrt,
auch die Thorner hngen keinen, den sie nicht haben. Meiner Treu, Ihr reitet
ein starkes Pferd, Brgermeister Matz, ich merke, Ihr wollt mir's zum Tausch
anbieten; steigt einmal herunter, es ist nur zur Probe.
    Hutfeld errtete, aber er blieb unbeweglich sitzen. Dort kommt Georg, rief
Eske.
    Das ist eine andere Art Apfel, sagte der Reiter ernsthafter, lenkte sein
Pferd zurck und legte den Bolzen auf die Armbrust. Guten Tag, Jrge, gerade
Euretwegen bin ich gekommen; ich ritt so am Rande Eurer Feldmark entlang und
suchte jemanden, dem ich einen Gru an Euch in den Kopf schlagen knnte, da
ersah ich Eure Kardinalsfuhre; ich merke, Ihr wollt geistlich werden, weil Ihr
schon zwei Weiblein unter Eurem roten Dach eingefangen habt.
    Ich habe lange auf Eure Botschaft gewartet, rief Georg, ihm nahe reitend,
Ihr hattet die Frechheit, mir vor der Fastnacht sagen zu lassen, da Ihr mich
unter freiem Himmel werfen wolltet, wenn ich den Mut htte, gegen Euch zu
sprengen. Jetzt habe ich Euch vor der Klinge, heraus mit dem Eisen, frisch
gezckt ist halb gefochten.
    Er hob schnell den Dussek und schlug dem andern die Armbrust aus der Hand.
La ihn los, Lips, rief er seinem Gesellen zu, der von der andern Seite mit
krftigem Griff das Bein des Reiters gepackt hatte, so da dieser schief im
Sattel hing. Er soll herunter vom Gaule, versetzte Eske festhaltend, er trgt
die Eisenplatten, und du bist wehrlos, ich leide nicht, da Ihr Euch heute
rauft.
    La ihn los, wiederholte Georg heftig.
    Er hat recht, Jrge, sprach der Reiter zwischen Zorn und Lachen. Steckt
ein und wartet auf einen andern Tag. Ich verspreche Euch, heut Frieden zu
halten, obgleich Ihr meine Armbrust zerhauen habt. Lat das Bein los, Junker
Klette, und gesegne euch der Teufel eure Lustfahrt.
    War er unhflich gegen die Frauen? fragte Georg zurck, indem er mit
drohender Gebrde vor dem Wegelagerer hielt.
    Wir erheben keine Klage gegen ihn, rief der Magister, wir haben am Tage
des Herrn genug von Streit gesehen und schon zuviel fr unser Vergngen. Weicht
von hinnen, Ihr Catilina aus Moor und Heide, excede evade, erumpe. Er stand
drohend mitten auf der Strae, und seine Brillenglser glnzten gegen den
Reiter.
    Unterdes ritt Henner nher an Georg und sprach leise: Durch Eure Gesellen
wollte ich Euch sagen, damit Ihr nicht unrichtig von mir denkt, da ich seither
Leib und Ro einem andern zum Dienst angelobt habe und meine eigenen Hndel
nicht betreiben darf, bis ich wieder mein eigener Herr werde.
    Georg antwortete ebenso: Ihr hattet es hei, den Brei zu kochen, jetzt
stellt Ihr ihn kalt. Seid Ihr frei, so lat mich's wissen, dann bestimme ich die
Zeit, wo wir uns treffen, damit ich fr mich dasselbe Recht behaupte, das heut
Ihr Euch nehmt. Ich denke, wir sorgen alsdann dafr, da einer von uns
heimgetragen wird.
    Henner nickte einverstanden: Macht euch zuerst fort, Jrge, obgleich ihr
die Strkeren seid; ich will nicht vom Pferde steigen und mich nach der Armbrust
bcken, whrend die Stadtjungen zusehen. Und lachend fuhr er fort: Ihr httet
heut nicht viel Ehre mit mir gewonnen, denn ich reite in einem Auftrage, an dem
gelegen ist; ich und das Pferd sind abgetrieben, und ich habe Nacht und Tag den
Riemen ber meinem Magen enger geschnallt, weil er knurrte. Jetzt habt Ihr mir
zerschlagen, was zu einem Feldhuhn oder Hasen helfen konnte, und ich mu mir's
zurechtbasteln.
    Georg wies auf einen alten Baum. Da wir einander durch die Haut an das
Leben wollen, kann ich Euch, obgleich Ihr hungert, nicht einladen, mein Gast zu
sein, auch wrde Eure Galle gegen die Kinder von Thorn uns das Mahl verbittern;
aber ich sende vom Hofe einen Kober und Krug dort in den hohlen Stamm. Findet
Ihr's, so nehmt Ihr's ohne Dank.
    Euch wre auch schicklicher, Georg, wenn Ihr als ein Reiter geboren wrt;
Ihr wrdet in dieser Zeit auf gezumtem Pferde um anderes sorgen als um
Frauenfuhren, antwortete Henner, und beide lfteten gegeneinander ein wenig die
Mtzen. Darauf rief Georg: Vorwrts, Dobise knallte stolz mit der Peitsche,
und die Pferde liefen, da den Fahrenden in der Anstrengung, die Sitze zu
behaupten, alle Sorge um Vergangenes und Knftiges dahinschwand. Auch Georg ritt
schweigend, berdachte die Reden des Henner und wunderte sich, da der
Buschreiter ganz gegen seine Art lieber hungere, als die Kost mit Gewalt von den
Bauern nehme. Als er endlich wagte, in den Wagen hineinzusprechen und Anna zu
fragen, ob der rohe Mann sie erschreckt habe, sa die Jungfrau mit
niedergeschlagenen Augen und gab mit gleichgltiger Stimme den Bescheid: Es
waren ja Mnner genug zur Stelle, und er merkte, da sie durch die Begegnung
gekrnkt war.
    Vor ihnen erhob sich ein Herrenhaus, der Wagen rasselte ber die Zugbrcke
und fuhr in einen engen Hof, in welchem Stlle und Wirtschaftsgebude von Graben
und hoher Mauer umgeben standen. Das Haus selbst war ein schmuckloser Steinbau
mit dicken Wnden, auf dem Unterstock erhob sich ein zweiter mit verschlossenen
Fenstern und mit kleineren ffnungen, ber welche sich Schirmdcher wlbten; der
Raum war zur Aufstellung von Sandbchsen und Geschtz bestimmt, jetzt aber
diente er als Kornboden. Der Vogt des Gutes trat mit seiner Frau achtungsvoll
heran, Georg sprang vom Pferde und half den Gsten aus dem Wagen. Als er alle
auf dem Erdboden versammelt hatte, nahm er die Mtze ab und begrte im Namen
seines Vaters den Besuch, whrend ein Knecht mit Dobise die Pferde nach dem
Stall fhrte. Auch der Magister lftete seine Mtze und antwortete durch schnen
Gegengru, worauf Georg in das Haus geleitete. Unter Vortritt des Magisters
stiegen die Gste die steinernen Stufen hinauf und sahen neugierig in die
Herrenstube und ber die gedeckte Tafel, auf welcher ein kleines Vesperbrot
aufgestellt war, dreierlei Weizengebck, se und saure Milch, und was dem
Magister lieber war, groe Tonkrge, gefllt mit starkem Bier und uraltem Met.
Mit heien Wangen erfllte Georg die Pflicht des Wirtes, er bot dem Magister den
Ehrensitz und lud ihm zu beiden Seiten die Frauen; da er als Wirt bescheiden
unten sitzen mute, konnte er nicht vermeiden, da Matz Hutfeld seinen Platz
neben Anna erhielt. Das war ihm unlieb, und ihn rgerte auch, da Matz sogleich
mit groer Sicherheit die Speisen bot und die Frauen zum Met ntigte, als ob er
selbst der Gastgeber sei, doch trstete ihn wieder, da Anna sich auch gegen
diesen ernsthaft hielt, auf den Teller blickte und wenig beachtete, wenn Matz
seine runde Hand zierlich schwenkte und den Frauen die Babe, den groen
Napfkuchen, vorschnitt. Frau Lischke aber lie vergngt ihre Augen
umherschweifen, ermahnte Anna, die groe Menge blanken Zinns zu bewundern,
welches auf dem Tische aufgesetzt war und noch reichlicher auf Gestellen an der
Wand, und sie hob das Tischtuch und rhmte das feine Gespinst. Das mute auch
Anna loben, und sie sah ein wenig nach Georg hinber, als dieser ernsthaft
sagte: Es ist aus dem Brautschatz meiner seligen Mutter. Der Magister aber,
als er einen tiefen Trunk getan hatte, richtete sich strack auf und begann das
Gesprch: Vor allem sage mir, mein Sohn Regulus, wer war dieser gewappnete
Strolch, was wollte er von uns, und was hatte er gegen euch, meine Scholaren?
    Es ist ein Adliger, erklrte Georg, den sie den langen Henner nennen,
seine Vter waren im Lande angesessen, er aber schweift ohne Gut und Habe, liegt
bei den Landherren ein und gelobt sich bald dem einen und bald dem andern zur
kleinen Reiterei.
    Er ist ein armseliger Latro und Buschklepper, fiel Matz wegwerfend ein,
er ist in der Stadt bel berchtigt wegen seiner Schamlosigkeit, und ich werde
meinem Vater sagen, da er unsern Freireitern befiehlt, auf ihn zu fahnden und
ihn festzumachen.
    Diesmal hat er nur mit losen Reden gefrevelt, versetzte der Magister, und
mein Sohn Eske hat das richtige getan, als er ihm das Bein schwenkte. Dich aber,
Georg, mu ich schelten, soweit sich bei diesem Vespermahle geziemt, denn auch
du bist wie ein Heckenreiter gegen ihn gesprungen und warst nicht abgeneigt,
mich und die Frauen in eine Katzbalgerei zu verwickeln.
    Ich merke wohl, Herr Magister, da ich mich ungebhrlich geregt habe, und
ich merke auch, da die Frauen mir deshalb zrnen. Aber da ich ihn von ferne
sah, bekam ich Angst, da er gegen die Gste unschickliche Reden fhren knnte,
denn sein Mundwerk mahlt nur groben Schrot, auch gibt es zwischen mir und ihm
alte Spne, weil er uns Thornern feindselig ist.
    Vernahm ich recht, so war von einem Duellium die Rede.
    Es ist nichts damit, entschuldigte sich Georg mit bsem Gewissen, er
hatte sich frher gerhmt, da er jedem Kinde von Thorn feindlich sein wollte,
und kam heut zu sagen, da er verhindert sei, gegen uns zu reiten.
    Der lange Henner ist mit allen jungen Gesellen vom Artushofe verfeindet,
erzhlte auch Eske, der in der Rede hufig zu spt kam, denn er hat sich
geweigert, auf der Stechbahn gegen uns zu stechen, weil unser Adel, wenn unsere
Vter ihn auch gehabt htten, durch Tinte bekleckst und durch die Gewandschere
zerschnitten sei. Es ist jedem unleidlich, das zu hren.
    Darum also wollte er nicht mit Georg raufen? fragte der Magister
ernsthaft.
    Bei diesem, fuhr Eske vorsichtig fort, will er eine Ausnahme machen, weil
ihre Vorvter Landsleute gewesen wren aus Thringen, wir aber stammten aus
Westfalen; und er sagt, ein Vorfahr des Georg htte lange als Knecht gedient bei
einem seiner Vorfahren, deshalb habe er ein Recht, sich mit Georg zu schmeien
und ihn zu schlagen, sooft es ihm gefiele.
    Du knntest auch Besseres tun, Lips, als den Frauen die ungefgen Reden des
wsten Junkers vorerzhlen, unterbrach ihn Georg mit einem furchtsamen Blick
auf das ernste Gesicht der Jungfrau. Aber hier ist ein Gast, welcher sein
Schlein noch nicht erhalten hat, und er bckte sich zu Ajax, der wohl wute,
wer Wirt war, denn er sa still neben ihm und bat mit Schweif und Pfoten. Georg
go Milch in eine Schale, brockte Weibrot ein und setzte das Gericht neben
Annas Stuhl auf den Boden, aber er gewann keinen dankenden Blick.
    Jetzt nahm der Magister das Wort und sprach Gelehrtes ber den Unterschied
zwischen deutschen Rittermigen und rmischen Rittern, die deutsche Reitersitte
sei ungeschickt und barbarisch, bei den Rmern aber sei sie weit besser gewesen,
denn, sagte er, die rmischen Reiter vergeudeten nicht, sondern sammelten
Geld und hielten auch fr ehrenvoll, durch Kaufmannschaft vorwrtszukommen. Er
wurde heiter durch seine Rede und den Met, und da unterdes alle dem Vesperbrot
Ehre erwiesen hatten, und da die Vogtin mit einer Handvoll groer grner Bltter
hereinkam und den Frauen viel von dem Weizengebck einpackte, damit sie es in
den Krben heimtrgen, so erhob sich auch der Magister und erklrte seine
Beistimmung, als Georg um die Erlaubnis bat, den Gsten das Gutsland und die
Gegend zu zeigen. Die Gesellschaft brach auf, Georg gab dem Dobise, der unterdes
vom hohlen Baume zurckgekehrt war, einen Wink, worauf dieser zwei Lauten aus
der Kammer holte und hinter ihnen hertrug. So schritten sie aus dem Hofe und
zwischen drftigen Htten des kleinen Dorfes dahin. Die Dorfleute saen gedrngt
in der Schenke, aus welcher eine Sackpfeife klang; wer in der Tr stand, grte
unterwrfig den Herrensohn und mit finsteren Blicken den Vogt, der den Gsten
mit seinem groen Amtsstock folgte. Die Kinder des Dorfes starrten von den
Hausschwellen neugierig auf die Fremden, ein bel bekleidetes Vlklein, die
meisten barfig, die kleineren nur im groben Hemde, und als Anna sich nach den
rundlichen Wangen und blauen Augen umsah und einem Krauskopf die Wange
streichelte, kam die ganze Schar nachgezogen, aus Furcht vor dem Stock des
Vogtes in geziemender Entfernung.
    Die Gste durchschritten einen Wiesengrund und betraten den hochstmmigen
Laubwald. Der unebene Fupfad fhrte zu einer Lichtung, in welcher eine riesige
Eiche stand, die Herrin des Waldes, umgeben von ihrem grnen Hofgesinde.
Zwischen den hohen Wurzeln des Baumes war ein Balkenstck als Holzbank
eingeklemmt, auch in der Hhe sah man ber den mchtigen sten die morschen
Bohlen, einst Boden und Seitenwnde eines Baumhauses, wie es hier und da als
Sommerlaube in den Ritterburgen und als Jagdhtte in den Wldern zu finden war.
In der Lichtung war es still und feierlich wie in einer Kirche, nur zuweilen
klang von dem hohen Gipfel der klagende Schrei eines Raubvogels. Hier ist ein
philosophischer Sitz, rhmte der Magister, sich schnell setzend und die Mtze
lftend, da der unebene Pfad ihm warm gemacht hatte. Georg aber sah nach Dobise
mit den Lauten zurck, und Anna erriet wohl seine Gedanken. Denn nachdem alle
eine Weile still geruht hatten, begann sie: Die Nachtigall hre ich nicht mehr,
und auch der Kuckuck schweigt, er hat sich wohl, wie das Lied im Scherze sagt,
zu Tode gefallen in einer alten Weiden, und sie begann mit leiser Stimme die
Melodie. Da fate Georg schnell die eine Laute, reichte dem treuen Philipps die
andere, und beide nahmen zur Stelle die Weise auf: Wer soll uns nun, wer soll
uns nun die liebe Zeit vertreiben. Krftig fuhren die Jnglinge fort: Ei, das
soll tun Frau Nachtigall. Und Georg hrte whrend des Singens mit Entzcken,
wie Anna mitsang und knstlich in hoher Stimme trillerte, ganz, als wollte sie
die Nachtigall nachahmen. Auch der Magister summte im Ba Kuckuck dazu. Als
das Lied zu Ende war, lachten alle gegeneinander, die Spieler begannen eine
andere noch feinere Weise ohne Gesang, und darauf stimmten Wirt und Gste in
schne Lieder ein, welche sie gemeinsam vermochten.
    Anna wurde von Herzen vergngt; Georg gefiel ihr heut ausnehmend gut, wie er
in blhender Jugend mit dem Rosse sprang, da er sich ritterlich gegen den Vater
hielt, da er so froh war, sie im Hause zu begren, und so bescheiden den Wirt
machte mitten in allem berflu des Reichtums. Wohl hatte er sie durch sein
schnelles Losfahren gegen den Fremden gengstigt, und auch am Tische hatte der
reiche Haushalt sie bedrckt, aber das alles war vergessen, seit sie miteinander
sangen, und sie fhlte sich ihm so vertraulich, als ob sie zu ihm gehre. Als
sie whrend des Ausruhens frhlich um sich sah, merkte sie, da sie nicht allein
waren, am Rande der Lichtung lagerten die Dorfkinder, die kleinen saen auf der
Erde, den Finger im Munde, alle staunten unverwandt die vornehmen Stadtleute an.
Da ergriff Anna schnell einen Handkorb, der neben ihr stand, eilte zu ihnen und
sprach: In dem Korbe ist Ses fr euch, ihr Kleinen, seid fromm und sprecht
ein Vaterunser. Aber die Kinder glotzten sie an und regten sich nicht. Die
wissen nichts vom Vaterunser, lachte der Vogt, wo sollen sie es her haben, von
den Eltern lernen sie eher Flche und Schelmenlieder.
    Lieber Gott, rief Anna erschrocken, so lebt ihr ja als kleine Heiden
dahin. Sie beugte sich nieder, legte den Kindern der Reihe nach die Hnde
zusammen und gebot: Sprecht mir alle die Worte nach, welche ich euch vorsage,
damit der liebe Gott doch wenigstens eure Stimmchen hrt, so bekommt ihr den
Kuchen, und sie sprach ihnen die erste Bitte nachdrcklich vor. Da schrien die
Kinder hoffnungsvoll den frommen Gru nach, und die Jungfrau neigte das Haupt.
Dann griff sie in den Korb und verteilte den Kuchen. Sie sah begeistert aus, wie
damals in der Kirche.
    Aber die Thorner sahen befremdet auf diese sorglose Verteilung, welche ihnen
ungehrig und als eine Krnkung des Gutsherrn erscheinen mute. Denn das Gebck
war aus Gastfreundschaft den Geladenen gewidmet, und es war ihnen feierlich als
angenehme Erinnerung beigepackt worden. Am tiefsten gekrnkt war die Ratsbotin,
da es ihr Handkorb war, aus dem die Jungfer ihre Verschwendung betrieb. Sie
fate den Korb und sagte mit scharfer Stimme: Hierzulande ist es nicht Brauch,
Jungfer Anna, Ehrengeschenke der Hauswirte vor ihren Augen zu vergeuden, am
wenigsten aus fremdem Korbe.
    Nehmt dafr den meinen, antwortete Anna, sich erhebend. Obgleich sie
gutherzig lchelte, so dachten doch die Thorner, da die Ratsbotin nicht ohne
Grund rgerlich war. Und Georg freute sich zwar, da sie von den Kindern mit so
sicherem Vertrauen zu ihm aufsah, als ob sie selbst die Gutswirtin wre, aber er
sagte doch leise zu seinem Gesellen Eske: Ach, sie ist schn und hat als
Nachtigall holdselig getrillert, aber ich frchte, ihrem Gemt ist alle irdische
Freude gleichgltig.
    Sie ist zu einer Nonne geboren, versetzte Lips unwillig, und Georg dachte:
ich will und mu erfahren, ob sie mich so geringachtet wie unsern Kuchen.
    Anna hatte sich wieder zu den Kindern gebeugt, die ihr jetzt williger
Bescheid gaben. Da rief eine schrille Stimme von der Seite: Lehrt nur die
deutschen Krhen singen, Junker Georg, hier vor Eurem Baume; der Tag wird
kommen, wo die fremden Vgel wieder wegfliegen, groe und kleine. Eine alte
Frau, verwittert und runzlig, wankte unter der Last eines schweren Korbes heran,
stellte sich vor Georg hin, und die grauen Augen in dem wankenden Kopf sahen
scharf nach dem Herrensohn.
    Wollt Ihr schweigen, Alte, rief Dobise, herzueilend, und versuchte die
Frau wegzufhren, sie aber hielt sich mit ihrer Hacke an eine Baumwurzel.
    La deine Mutter, Dobise, gebot Georg, ich wei, sie wnscht mir nichts
Bses.
    Denkst du daran, Junkerlein, da ich dich einst auf den Armen hielt? Lange
hast du der Alten nichts Gutes in das Haus gesandt, und doch gehe ich hier Jahr
fr Jahr um den Baum und sehe zu, wie die Krhen kommen und fliegen; ich hre,
wie das Holz im Sturme kracht, und ich fege den Schnee von den Wurzeln, damit
die Seelen der Verstorbenen gute Bahn finden, wenn sie aus den sten zur Erde
fahren.
    Demens est, rief der Magister.
    Aber die Alte versetzte mit scharfem Ton, als wenn sie die Rede verstanden
htte: Ich bin nicht schwachsinnig, deutscher Mann, und wenn die deutsche
Glocke bimmelt, opfere ich den Heiligen mein Wachslicht so gut wie andere. Das
Herrenkind versteht mich wohl, denn es ist von alten Leuten gesagt, als der
Stamm in festem Holze stand, kamen seine Vorfahren in das Land, sie fllten
ringsumher den Wald, sie zimmerten ihr grnes Lager unter dem Wipfel, und ihre
Weiber und Kinder saen in den sten. Von hier flogen sie ber das Preuenland,
ihrer wurden viele und unserer wenige. Solange der Baum grnt, soll das fremde
Geschlecht in dem Lande herrschen. Grt Euren Vater, Georg, und sagt ihm, es
rauscht in der Luft, und die Unsichtbaren brauen einen Sturm, der Moder frit in
der Eiche, er soll seinen Sohn hten, und mit vernderter Stimme wiederholte
sie: Warum hast du der alten Mutter so lange nichts Gutes hinausgeschickt, ich
singe deinetwegen und gehe fr dich um den Baum, aber ich kann das Volk der
Wrmer nicht mehr aus dem Holze bannen.
    Gut, Mutter, da Ihr erinnert; geht heut abend auf den Hof, der Vogt wird
Euch geben, was Euch erfreut, und whrend Dobise die Alte abfhrte, gebot er
dem unwilligen Vogt: Der Vater will, da ihr von Euch kein Leid geschieht, wenn
sie auch wilde Reden verfhrt; sie ist harmlos und war eine Zeitlang meine
Wrterin. Und zum Magister fuhr er fort: Diese und ihr Sohn sind eigene Leute
des Gutes und stammen von den alten Preuen. Die Leute sagen, da einst meine
Vorfahren, als sie unter dem Kreuz in das Land kamen, bei dem Baume gerastet
haben, und darum prophezeien sie allerlei. Sonst war das Sommerhaus dort oben in
besserem Stande, ich selbst habe oben mit dem Flitzbogen geschossen, jetzt hat
niemand daran gedacht, neues Geblk einzuziehen.
    Anna hatte mit Anteil die Erklrung gehrt. Als sie nun zur Heimat
aufbrachen, machte sich's, da Georg neben ihr ging, er half ihr das grne
Regentuch umlegen, denn die Sonne stieg niederwrts, und es wurde khl. Da
begann sie: Die Alte war doch eine schreckhafte Frau, und zu ihrem Sohne, Eurem
Diener, knnte ich auch kein Zutrauen haben.
    Er ist anstellig, und der Vater ist gewhnt, ihm zu vertrauen.
    Ich denke, Euer Vater kommt selten auf das Gut.
    Er sorgt doch in der Stille um alles, was hier vorgeht, aber er lebt
schweigsam vor sich hin. Es werden bei uns im Hause nicht mehr Worte gemacht,
als gerade ntig sind. Immer freue ich mich, wie der Herr Magister mit Euch
verkehrt; Ihr seid freilich an Hausfrauen Statt und seine Sttze.
    Ihr knnt gar nicht denken, wie gut der Herr Vater gegen mich und alle Welt
ist, versetzte Anna eifrig.
    Gern wten wir, ob der Herr Magister auch mit uns zufrieden ist, fragte
der schlaue Georg.
    Er mag wohl manche Ursache haben, zu tadeln, sagte Anna lchelnd.
    Das gab Georg bescheiden zu, und sich ein Herz fassend, fuhr er fort: Ach,
liebe Jungfer Anna, mehr noch als die Gesinnung Eures Herrn Vaters kmmert mich
die Eure, denn ich besorge, da Ihr mir in Eurem Herzen abgeneigt seid.
    Anna zog an ihrem Tuche. Warum denkt Ihr so?
    Ich merke zuweilen, da Ihr gegen meine Gesellen freundlicher redet beim
Gru und Abschied; denn den anderen, vorab dem Matz Hutfeld, sagt Ihr ganz
frhlich Dank und auf seine Frage auch einmal freundlichen Bescheid. Wenn ich
aber die Treppe heraufkomme, so tretet Ihr in die Kche zurck, und wenn Ihr mir
antworten mt, so sind es nur kurze Worte. Ich wei es wohl, fuhr Georg in
aufrichtiger Reue fort, da ich Euch schwer gekrnkt habe, bevor ich Euch
kannte, und ich frchte, da Ihr das nicht vergessen knnt.
    Da sah sie ihn schweigend an mit so warmem Blick, und ein liebreiches Lachen
flog ber ihr Antlitz, da ihm sein Herz vor Wonne hpfte. Sie waren von den
andern durch ein Gebsch getrennt, das oben in rotem Abendlicht glnzte und
unten in blulicher Dmmerung stand, er fhlte einen warmen Lufthauch an seiner
Wange, und ein Vogel rief von dem Aste: Flink, flink! Da verga er sich ganz und
gar, er verga, da er als Wirt neben seinem Gaste ging, er schlang den Arm
wieder um sie und neigte sich, um sie zu kssen.
    Aber die Hlle sank zwischen ihr und ihm zur Erde, sie entwand sich ihm
heftig, er sah zum zweitenmal ein verstrtes Gesicht und den starren Schrecken
in ihren Augen, im nchsten Augenblick rannen Trnen auf ihre Wangen. Sie wandte
sich ab und ging, ohne ihn noch eines Blickes oder Wortes zu wrdigen, eilig den
andern nach. Er stand am Wege, hob betubt den Mantel auf und fhlte sich elend
und verworfen. Er hatte schnell erfahren, was er durchaus wissen wollte, da sie
ihn anders achtete als sein Gastgeschenk, denn sie hatte seinetwegen geweint.
Sie aber erkannte, da er in dem bermut eines vornehmen Knaben Dreistes gegen
sie wagte, und ihr Herz emprte sich gegen ihn.
    Obgleich sie kein Wort geredet hatte, behauptete Georg doch vor sich selber:
Sie ist hart und scharf wie Riedgras. Ich mchte Matz Hutfeld Pffe geben, er
ist geradeso kalt wie sie. Beide passen gut zueinander, ich merke auch, da er
sogleich gegen sie hbsch tut. So schritt er finster und grollend hinterdrein
und fhlte sich unglcklich wie noch niemals in seinem Leben. Erst im Hofe, als
der Magister stehenblieb und ihn wegen der Heimfahrt anredete, gedachte er
seiner Pflicht; er lftete die Mtze und lud, wie alle erwarten muten, zu einer
Abendkollation ein. Wieder betraten sie die Herrenstube, aufs neue war der Tisch
gedeckt und reichlich besetzt mit allerlei auserwhlter Kost, worunter ein
riesiger Schinken war, daneben Pfefferkuchen und sogar die neueste Erfindung,
welche die Kaufherren aus Italien eingefhrt hatten, heilkrftiger Marzipan, und
zwischen den Krgen mit Bier und Met standen jetzt Flaschen mit sem Sekt. Der
Magister konnte einen Ausruf angenehmer berraschung nicht unterdrcken, als er
eine solche Besetzung der Herrentafel sah, und er merkte nicht, da, was ihn mit
stolzer Befriedigung erfllte, sein liebes Kind noch mehr demtigte und ihr aufs
neue Trnen in die Augen lockte. Alles war sehr festlich, und die meisten
freuten sich der Ehre, nur zwei saen bleich und verstrt, und das Hndlein lief
vergeblich zwischen ihnen. Da war es ein Glck, da der Magister die
Gesellschaft unterhielt von den Pfauenzungen seiner Rmer und da einer von
diesen die Fische mit Sklaven gefttert habe. Nur Frau Lischke antwortete:
Pfui, der Trke. Als Dobise drauen knallte, stand der Magister auf, gertet
vom Sekt, und hielt die Dankrede an den Hausherrn und den gegenwrtigen Sohn
Regulus, wobei er auch den Vogt und die Vogtin ehrenvoll erwhnte; und als sie
zu dem Wagen traten, sprach er, an das Schttern gedenkend, groartig wie ein
rmischer Feldherr: Hinter uns liegt die Freude, jetzt kommt die Ehre, worauf
die Gste zur Vorder- und Hintertr hineinstiegen. Es war eine schweigsame
Fahrt, Dobise fuhr malos, denn es war spt geworden, und er dachte an die
Heckenreiter. Georg trabte finster an der Seite, wo die Ratsbotin sa, und in
ihm klang es zum Abendgelut der Dorfglocke: Es ist vorbei und kann sich nimmer
wenden. Als endlich der Wagen an dem Birkengehlz hielt und Frau Lischke der
Gesellschaft Trennung gebot, sah er noch einmal in das verblichene Antlitz Annas
und auf die niedergeschlagenen Augen, mit denen sie sich gegen den Abschiedsgru
der Schler neigte, und ritt stumm neben seinen Gesellen, dem Reiter und
Fugnger, einem andern Tore zu.
    Am Abend ging der Magister begeistert in seinem Museum auf und ab, whrend
Anna schweigend nach den Trmmern des Schlosses starrte, von denen sich jetzt
niemals mehr eine Abendmusik hren lie. Es war alles rhmlich und
freudenreich, triumphierte der Magister, und der ansehnliche Herr Marcus Knig
hat sich kniglich gegen uns verhalten.
    Er selbst war aber nicht da, warf Anna ein.
    Dafr hat er seinen Sohn gesandt, der uns im Grunde vertraulicher ist,
verbesserte sie der Vater; und ich habe beschlossen, den gnstigen Gnnern
meine Dankbarkeit zu erweisen durch Dedizierung und berreichung eines
elegischen Gedichtes zu Weihnachten; habe auch schon dem Hannus Buchfhrer davon
Andeutungen gemacht, welcher sich bereit erklrt, die Kosten fr einen Bogen
Papier und Druck zu tragen, mir mehrere Exemplare gratis zu verabreichen, den
Rest womglich um drei Kreuzer zu verkaufen. Der Bogen mu in Danzig gedruckt
werden, weil man hier in dieser Kunst nichts vermag.
    Als der verstrte Georg mit seinen Gesellen den Marktplatz betrat, standen
die Leute in eifrigem Gesprch. Vor dem Rathause hielten polnische Reiter, im
Artushofe saen die Brder dicht gedrngt, auch er verga auf Augenblicke sein
Leid, als ihm seine Genossen zuriefen: Es ist Botschaft gekommen vom polnischen
Knig, der groe Reichstag wird zum Winter nach unserer Stadt geladen, es geht
gegen den deutschen Hochmeister.
    Und als der Winter kam, als Hannus einen Danziger Ballen auspackte und der
Magister seine Bogen, welche er lange mit stillem Behagen betrachtet hatte, den
Gnnern der Schule austrug, schritt er durch den Tumult fremder Haufen, er fand
in den Husern seiner Patrone sorgenvolle Gesichter, und ihrem Dank, den sie
nicht vorenthielten, fehlte die Herzlichkeit.

                                Der Hochmeister


Die vier Brgermeister hielten im Artushofe mit den ltesten der Bruderschaft
vertraulichen Rat, wie die polnischen Herren bei den ansehnlichen Brgern
eingelegt werden sollten. Jeder der Anwesenden begehrte solche Gste, die ihm
bekannt waren, oder von denen er Vorteil hoffte. Marcus Knig war der einzige,
welcher geduldig hinter seinem Becher sa, und wenn er einmal das Wort ergriff,
nur fr Abwesende sprach, damit diese nicht bermig beschwert wrden. Es
geschah wie durch Einverstndnis, da niemand das Haus des Marcus in Vorschlag
brachte, entweder aus Achtung vor dem stillen Manne oder weil es unheimlich
geworden war, denn gerade in den letzten Tagen hatten die Nachbarn wieder ber
nchtlichen Spuk geklagt. Doch nur hinter dem Rcken des frommen Hausherrn wurde
dergleichen gemurmelt, denn man wute, da er Fragen darnach mit einem finstern
Zornesblick beantwortete oder mit kalter Abweisung, welche noch mehr gefrchtet
war. Endlich begann der alte Burggraf: Die Kumpane haben jeder gewhlt, nur
Ihr, Bruder Marcus, seid noch zurck. Da Ihr nicht frei bleiben werdet, so
ersuche ich Euch, das Recht unserer Bruderschaft zu gebrauchen.
    Ich bin bereit, den Fremden zu nehmen, welchen Euer Wille mir zuteilt,
versetzte Marcus.
    Der Brgermeister nickte und sah in die Liste. Was wrdet Ihr zu dem
hochwrdigen Bischof von Plozk sagen?
    Da er von Euch kommt, will ich ihn und seine Begleiter, soweit das Gela
reicht, gern beherbergen; doch zrnt nicht, wenn ich Euch sage, nur ungern ffne
ich mein Haus den liederlichen Weibern, welche von den geistlichen Herren
mitgebracht werden.
    Der Mibrauch verleidet vielen die Bischfe, gab der Burggraf zu.
    Vielleicht beschwert Euch das weniger als andere, warf ein Bruder ein, da
in Eurem Hause die wilden Weiber keiner Hausfrau die Ehre krnken.
    Martha Hutfeld hat in meinem Hause gewohnt, entgegnete Marcus, und ich
will nicht, da ihr Sohn ein tglicher Genosse der Unordnung werde.
    Der Bischof bringt wohl seine Trauten in der Nhe unter, entschied
Hutfeld, ich finde Gelegenheit, mit seinem Kaplan darber zu reden.
    Die Stadt fllte sich mit Fremden, durch die Straen schritten vornehme
Prlaten mit ihrem geistlichen Gefolge und polnische Edle, begleitet von einem
langen Tro Bewaffneter; vor den Schenken zankten, fluchten und umarmten sich
Schlachtschtzen mit groen Brten und wilden Gesichtern. Die friedliche Stadt
war in ein Feldlager verwandelt, auf den Straen und in den Husern klang lauter
die polnische Rede als die deutsche. - Der Wintersturm fegte und heulte in den
Schornsteinen, und Eisschollen trieben auf dem kalten Wasser, als Brgermeister
und Rat ber die deutsche Brcke der Weichsel zogen, um an der Stadtgrenze den
einziehenden Knig von Polen zu begren. Unter einem seidenen Baldachin, den
zwei Brgermeister und zwei Herren von der Landschaft trugen, ritt der Knig in
die Stadt, huldvoll nach allen Seiten lchelnd, ihm folgte polnisches
Kriegsvolk, das den Thornern unendlich schien, stundenlang dauerte der Einzug.
Den Brgern war es nichts Neues, den Knig und den polnischen Reichstag in ihren
Mauern aufzunehmen, sie hatten auch gelernt, die Augen zu schlieen gegen
fremden Brauch und zuchtloses Benehmen der Gste, solange diese sorglos ihre
Geldtasche ffneten, doch so groe kriegerische Pracht und Menge hatte das
lebende Geschlecht nimmer gesehen. Die Leute staunten ber samtene Pelzrcke,
silberne Rstungen und edle Rosse, deren Reitzeug mit bunten Steinen bedeckt
war, und sie schrien einander die Namen der vornehmsten Herren zu. Aber viele
empfanden Schadenfreude, als ein kalter Sprhregen auf die Einziehenden
niedersank und den Fremden die kostbaren Kleider verdarb, obgleich sie selbst
nicht weniger na wurden. Verstndige Mnner blickten mit geheimem Schrecken auf
den Strom wilden Kriegsvolks, der durch die Tore eindrang, und fhlten sich erst
erleichtert, als die Mehrzahl nach kurzer Rast auf der entgegengesetzten Seite
der Stadt wieder hinauszog, um sich in den Drfern der Umgegend zu lagern. Bis
zum spten Abend wogte das Gewhl in den Straen, und die Ratsbeamten
verhandelten mit heien Gesichtern und heiseren Stimmen gegen Haufen
unzufriedener Gste, welche viel mehr von der Stadt begehrten, als diese zu
leisten vermochte.
    Auch vor dem Hause des Marcus hielt ein stattlicher Zug; der hochwrdige
Bischof von Plozk mit seinen Geistlichen und Edelleuten stieg ab und wurde an
der Tr von dem Hauswirt empfangen, der sein Knie bis auf den Boden neigte, den
Segen des Bischofs erbat und ihm demtig in der Gaststube den Willkommen bot.
Unterdes geleitete der Ratsdiener einige vornehm geschminkte Frauen, welche auf
Wagen und Rossen vor der Einfahrt hielten, um die Ecke in ein Nebenhaus der
Hintergasse, obgleich die Weiber mit hellen Worten gegen die niedrige Herberge
fochten. Aber auch die geistlichen Herren im Markthause erfuhren bald, da ihre
Wohnung Gste ungern ertrug und da sie widerwrtigen Heimsuchungen nicht
entgingen, wenn schon ihr Hauswirt ein frommer und eifriger Christ war.
    Am Abend schlich Dobise mit einer Laterne ber den Bodenraum des alten
Hauses, er sah scheu um sich, bevor er einen Bretterverschlag ffnete, der mit
alten Kisten und Fssern gefllt war. Dort wand er sich zwischen dem Gert, hob
an der Rckwand ein Brett und schlpfte durch die schmale ffnung in einen engen
lichtlosen Raum, den er sich allmhlich hergerichtet hatte und den nur er
kannte. Es war darin gerade fr einen Schemel Gela und fr einige Kisten.
Dobise hing die Laterne an einen Pflock, richtete sich so hoch auf, als er
vermochte, und sah sich stolz in dem Verschlage um. Jetzt ist Dobise wieder ein
Edelmann und Kaufherr von Thorn. Er warf seine Jacke ab, hob aus der Kiste einen
stattlichen Pelzrock und eine Mtze von Marderfell, tat beides an und setzte
sich auf den Schemel, dann holte er aus einem anderen Behltnis einige Stcke
schweren Seidenstoffes, die mit Gold durchwirkt waren, breitete sie um sich her
und sah entzckt, wie die bunten Muster im Licht der Laterne glnzten. Dies ist
der frstliche Mantel fr mich, und hier ist auch ein Prachtkleid fr die Alte
im Dorfe, das ich ihr aufhebe. Er griff wieder in eine Ecke, holte einen Krug
hervor, schwenkte ihn und murmelte: Dies trinke ich zu meinem eigenen Wohl, es
ist das Beste aus dem Keller des Alten. So sa er da, hnlich einem Hauskobold,
die kleinen Augen zwinkerten unter den schwarzen Brauen, und die schmalen Lippen
in dem gelben Gesicht zogen sich in behaglichem Lachen zu beiden Ohren. Niemand
wei es, da ich hier sitze als der echte Herr der Stadt und des Landes, auch
der Alte bildet sich ein, da ich an unseren Kisten zimmere; drben in der
Kaufkammer rechnen sie, und der fremde Gast, der unter mir wohnt und aus seinem
schwarzen Buch beten sollte, zankt sich mit seinen Dirnen; ich aber trete mit
meinem Fu auf ihre Kpfe und freue mich. Wieder trank er und murmelte: Deutsche
und Polen sind jetzt darber her, einander umzubringen. Wenn sie abgewrgt sind,
bleiben wir brig und werden wieder Gebieter des Landes, wie wir einst waren.
Vivat Rex, Dobise, rief er, den Becher hebend, mge allen Fremden scharfes Eisen
durch die Hlse fahren. Er trank und setzte ab. Meinen Alten nehme ich aus, dem
gebe ich ein bis zwei Goldstcke zur Heimfahrt ber das gelbe Weichselwasser,
den Georg nehme ich aus, und vielleicht noch wenige Stdter, darunter Barthel
Schneider. Er lachte ber das ganze Gesicht. Den Schneider soll alle Tage der
Teufel zwicken, wenn ich erst Herr von Thorn bin. Dann werfe ich auch dieses
goldne Kleid der Jungfer Anna zu und mache sie zur Knigin. Er hielt an und
lauschte. Der Bischof zankt noch immer mit seinen Weibern; es ist ein filziger
Pfaffe, den sie in unser Haus gelegt haben, und meinem Alten liegt wenig an ihm,
denn der Alte und ich, wir sahen einander an, und mein Alter fragte: Ob der Pole
hier Ruhe findet? Mancher wird furchtsam, wenn die Katzen auf dem Boden
springen. Nach diesen Worten fuhr Dobise in die Hhe und sprang mit beiden
Beinen krftig gegen den Fuboden, sa nieder und fuhr verchtlich fort: Es ist
ein schmutziger Pfaffe, der zu der schwarzen Maruschka von Czenstochau betet,
obgleich dies Weib aussieht wie des Teufels Gromutter. Wie will das polnische
Weibsstck wagen, sich gegen unsere Maria von Thorn zu brsten, welche wei und
rot in der Kirche steht mit goldner Krone und blauem Mantel? Ich denke, es wird
dem Alten ein Gefallen sein, wenn ich den Bischof aus dem Hause schicke. Er
kniete an der Seite nieder, wo er die Flasche unter dem Fuboden heraufgeholt
hatte: Gepriesen sei mein Kellerloch. Mhsam habe ich den Schutt ausgewhlt bis
zu den Deckbrettern ber der Gaststube, dafr hre ich die Reden dort unten. Er
neigte das Ohr: Der Pfaffe zankt noch immer auf polnisch. Dobise steckte den
Kopf in das Loch, stie ein wildes Gebrll aus und schrie in polnischer Sprache:
Hoho, der Teufel ist ber euch, ihr Satansbrut, worauf er schnell das seidene
Gewebe und den Krug versteckte und aus der Kammer sprang. Er stolperte noch
zwischen den Kisten, lschte das Licht aus und fuhr unter dem Dach nach dem
Hinterhause.
    Am nchsten Morgen waren die geistlichen Herren in geheimnisvoller Unruhe,
sie murmelten untereinander und schritten wieder mit Lichtern und Sprengwedel
durch den Oberstock, doch wollte der Grund ihrer Bekmmernis nicht laut werden.
Bis endlich der hochwrdige Bischof zu den Brgermeistern sandte und sich eine
andere Herberge forderte. So wurde Marcus schnell der Gste enthoben; nur in
seinem Hinterhause blieben einige Geistliche aus dem Hofhalt des Bischofs,
welche in der gefhrlichen Wohnung bei Tag und Nacht lnger beteten, als sonst
ihre Gewohnheit war.
    Der Reichstag wurde erffnet. Die Abgeordneten der deutschen Stdte waren
ebenso eifrig als die Polen, Krieg gegen den widersetzlichen Hochmeister zu
fordern, und der Knig gab ihrem Drngen nach. Zum letztenmal wurde Herr
Albrecht gefordert, den Lehnseid zu leisten, und als er nicht erschien, trugen
die Fehdeboten des polnischen Adels zahlreiche Absagebriefe ber die Grenze.
    Der Krieg begann, ein seltsamer Krieg, denn weder der Knig noch der
Hochmeister geboten ber ein Heer, um ihren Willen durchzusetzen. Die Thorner
hatten vor wenig Wochen eine groe polnische Heeresmacht angestaunt; es waren
fast nur Banden polnischer Edlen gewesen, und diese hatten zwar feurig nach dem
Kriege geschrien, aber sie hatten wenig Lust, selbst Haut und Gut im Kampfe zu
wagen; das polnische Heer ritt auseinander und verzog sich nach der Heimat. Der
Hochmeister hatte seit Jahren um den bevorstehenden Kampf gesorgt, aber alles
Mhen und Verhandeln war fruchtlos gewesen, sein Land war klein, arm,
widerwillig, nur wenige der Ordensherren waren feldtchtige Reiter, die Brger
weigerten sich, im Harnisch zu ziehen, das gedrckte Landvolk sa waffenlos, und
es fehlte ohnedies an Hnden, das Land zu bebauen; die Frsten im Reiche hatten
zwar Gutes versprochen, aber wenig gehalten. Zuletzt waren beide Herren in der
Lage, nach geworbenen Sldnern auszuschauen, und keiner von beiden hatte das
Geld, starke Fuste zu bezahlen. Der Hochmeister fand einigen guten Willen bei
der frnkischen Ritterschaft und lie durch diese im Reiche Landsknechthaufen
werben, der Knig von Polen wandte sich an die Bhmen und sogar an die Tataren,
und diese Heiden, welche am schnellsten zur Stelle waren, fielen in das
Ordensland ein, brannten, erschlugen und hausten so greulich, da ein Schrei des
Unwillens bis in das Reich drang und da auch die Brger von Thorn die Kpfe
schttelten und in den Schenken zur Beunruhigung des Rates gegen die polnische
Zgellosigkeit ein Gemurr erhoben. Sie freilich saen vorderhand in Sicherheit.
Immer noch war der Knig in der Nhe, viele vornehme Herren ritten aus und ein,
und gutes Geld wurde lustig ausgegeben und leicht verdient. Doch auerhalb der
Mauern merkte man die Verstrung, oft sahen die Brger den Himmel gertet,
Ruber und loses Gesindel wurden eingebracht, und Hans Buck hatte mehr Arbeit
als sonst. Noch in anderer Weise empfand die Stadt den Krieg, die Brger selbst
lebten unruhig und wild, vom Morgen bis Abend waren die Schenken gefllt, feste
Arbeit wollte nicht gedeihen, wer unzufrieden war mit dem Rat, ballte nicht mehr
die Faust in der Tasche, sondern schrie laut hinter seinem Kruge; wer zornig
wurde, schlug schneller los als sonst, und das Schlichten und Rechtsprechen nahm
kein Ende.
    Zwischen Anna und Georg war seit jener Fahrt nach dem Gute kein Vertrauen
mehr, der Herbstwind strmte gegen die junge Neigung, alle Blten welkten im
Frost, und Schneegestber wirbelte darber. Georg litt zuweilen an
unchristlichen Gedanken. Die teuren Heiligen und wer sonst im Himmel Wrde hat,
werden jetzt zu oft durch Bitten beschwert. Viele, die am eifrigsten zu ihnen
schreien, taugen wenig, und andere, die sich brigens redlich halten, verlieren
dadurch ihren Frohsinn. Ich lobe mir eine Magd, die vor einem frischen Knaben
lieber daran denkt, ihre Arme um seinen Hals zu werfen, als die Hnde zu falten.
Als ich im letzten Winter mit Eva Eske aus einem Becher trank und sie kte,
lachte sie nur, und auch Drte Mochinger, das Doktorkind, verzog nur ein wenig
die Nase, obwohl sie ebenfalls eine Fremde ist. Und mich dnkt, sie ist auch
hbscher. Das konnte er freilich im Ernste nicht fr wahr halten, und wenn er
Anna vor der Schulstube sah - selten mehr als eine Wange und ein Ohr -, so
fhlte er die bittere Reue in seinem Herzen. Anna aber dachte: seine Augenbrauen
sind schrge, gerade wie sie auf der Teufelslarve waren. Nein, nicht ganz so,
aber sie sind listig geschwungen, und man kann seinem bermut niemals trauen.
Ach, was ist es ein Unglck, wenn Leute so reich sind, die ganze Stube voll Zinn
und alle Truhen voll feiner Wsche, und sie sitzen triumphierend am
reichbestellten Tisch und meinen mit uns Armen spielen zu knnen wie mit einem
Hndlein. Bei solcher Miachtung, welche in beiden arbeitete, war es ihnen
lstig, da sie doch nicht vermeiden konnten, eines um das andere zu sorgen. So
war Ajax durch seine Zuneigung zu Georg verleitet worden, hinter diesem aus dem
Hause zu laufen, und Georg, welcher gerade in trauriger Stimmung war, hatte
nicht darauf geachtet, bis er ein klgliches Gewinsel hrte und den Kleinen
zwischen den Pferdebeinen polnischer Leibwchter sah, welche die Strae
hinabsprengten. Er warf sich zwischen die Reiter, die Pferde bumten, die Polen
fluchten, aber er ri, obgleich sein Arm durch einen Hufschlag getroffen war,
das Tierchen aus der Gefahr und trug es in die Schule zurck. Schon im Hause
hrte er Annas Stimme, welche ngstlich nach dem Kleinen rief, er sprang die
Treppe hinauf, lie ihn vor Annas Fen nieder, sagte mit gleichgltiger Miene:
Ich fand ihn auf der Strae, zog die Mtze und ging stolz hinab, bevor Anna
mit ihrem Danke zurechtkam. Aber Lischke hatte etwas von der Rettung gesehen,
und als Georg am andern Morgen den Arm in der Binde trug und der Magister bei
Tische bedauernd erzhlte: Den Regulus hat ein Polenpferd geschlagen, da
sprach Anna zwar nichts, aber Ajax hatte es am Nachmittage gut, denn sie hielt
ihn auf ihrem Schoe fest, damit er nicht in ein neues Unglck liefe.
    Kurz darauf kam in die Stadt eine Schreckensbotschaft, da fremdes
Raubgesindel sich auf Stadtgrund eingenistet hatte und in den Drfern plnderte
und brannte. Da trat Georg mit anderen Knaben des Hofes, welche fr Reiterdienst
eingeschrieben waren, vor den Rat und erbot sich, freiwillig in Waffen
auszuziehen. Das gefiel dem Rate, weil die geworbenen Freireiter in dieser Zeit
nirgend ausreichen wollten. Die Knaben sollten unter Anfhrung eines Alten ber
das Land und durch die Wlder reiten, um die Wegelagerer einzufangen. Darunter
litt natrlich die lateinische Schule. Als Georg von dem Magister kam, bei dem
er sich und die Genossen auf einige Tage beurlaubt hatte, stand Anna an der
Treppe, und da er vorbergehen wollte, redete sie ihn an: Wer seinen Arm noch
verbunden trgt, der sollte sich nicht wieder in Gefahr werfen. Georg aber hob
lachend den Arm aus der Binde und antwortete kurz: Der Schlag war nicht der
Rede wert, und es war der linke. Rauh war die Anrede und rauh war die Antwort.
Und als die Reiter zur Nacht nicht heimkehrten und Lischke allen, die ihn hren
wollten, erzhlte, da man in der Ferne Schsse aus Feuerrhren gehrt habe, da
ging in manchem Hause zu Thorn die Nachtruhe verloren, und es gab solche, welche
bei brennender Lampe vergeblich auf den Hufschlag Heimkehrender lauschten.
    Erst gegen Abend des nchsten Tages rief die Hauswirtin die Treppe hinauf:
Es schiet wieder, der Trmer schreit herunter, da die Unsern sich mit fremden
Reitern auf dem hohen Land herumtreiben, und einige Zeit darauf rief sie
wieder: Sie kommen zum Jakobstor herein, schnell, Jungfer Anna, es sind nur
wenige Schritte, da ging Anna mit, nicht freiwillig, sondern von der Frau
fortgezogen. Sie stand unter dem Volk unweit des Tores, und Georg ritt vor
seinem Haufen bei ihr vorber mit tiefliegenden Augen und einem wilden Ausdruck
in seinem Gesicht, und neben seinem Rosse fhrte er an einer Halfter gebunden
einen greulichen, barhaupten und blutigen Gesellen. Da riefen ihm die Brger
frhliche Gre zu, auch Frau Lischke rief, aber Anna vermochte keinen Laut
hervorzubringen und sah ihn nur stumm an, und er sie ebenfalls, ohne da er die
Mtze schwenkte, was er sonst so bereitwillig tat. Und als der Ratsbote nach
Hause kam und von den Abenteuern der jungen Reiter vieles berichtete, auch den
Georg hoch rhmte, weil er nach hartem Strau den Anfhrer der Bande bewltigt
hatte, da blieb Anna still und finster, denn er war ihr furchtbar erschienen.
    Bei solchem Zustande konnte der Frhling nicht gedeihen. Er kam zwar nach
alter Gewohnheit, aber widerwillig, und er war auch danach. Unfriede und
zerstrte Hoffnung in den Lften wie auf der Erde. Wenn die Singvgel ihre
Nester im Baumeswipfel fertig hatten, erhob sich ein Sturm und brach die ste;
als die Baumblten gerade aufbrechen wollten, schtteten die Wolken eine
Schneelast darber; wenn die Leute einmal zum Reigen antraten, stieen sie
einander mit den Ellbogen, und der Tanz endete in Schlgen. Die Sommerlust
verlief nach derselben Weise. Alle kleinen pfel fielen grn von den Zweigen;
sooft die Nachtigallen sich zu einem Wechselgesange zurechtsetzten, rauschte ein
Wetter und Hagel hernieder und zerstubte ihnen die Federn, und wenn Lips Eske
einem guten Gesellen zuliebe des Abends mit dem Bassettel eine Musika anstellte,
sprangen aus allen Schenken trunkene Schlachtschtzen und begannen im
Mondenschein mit wildem Geschrei einen ungefgen Krakowiak. Es war fr jedermann
ein schlechtes Jahr.
    Als der Sommer kam, hatten Brgermeister und Rat ber neue Einquartierung zu
beraten. Denn frstliche Vermittler hatten dem Hochmeister Albrecht freies
Geleit ausgewirkt, und dieser wollte selbst nach Thorn reiten, um wegen Krieg
oder Frieden mit dem Knige, seinem Oheim, zu verhandeln. Diesmal berieten die
Herren von Thorn weniger frhlich. Die Stadt war des Kriegslrms mde, der Hader
mit den einquartierten Polen nahm kein Ende, jedermann strubte sich gegen neue
Belstigung, zumal gegen Aufnahme der Feinde. Zuletzt erschien es der Mehrzahl
als eine gute Auskunft, da ein Ratmann begann: Das Haus des Marcus Knig ist
zu Unbill fr andere wenig belastet, und Bruder Marcus hat erst gestern im
Artushofe gesagt, ihn wundere selbst, warum man ihn vor andern verschone. Da
stimmten alle bei, den reichen Kaufherrn zu laden; nur Konrad Hutfeld schwieg,
wie die andern meinten, deshalb, weil es ihm als dem Schwager des Marcus sowohl
unziemlich war, beizustimmen als zu widersprechen.
    Als Marcus vor den Rat trat, wurde er nicht wie frher um seinen guten
Willen befragt, sondern der Burggraf erffnete ihm als Gebot: Da die ganze
Stadt schwere Brde trgt, Ihr aber weniger, so ist Beschlu des Rates, da Ihr
jetzt den deutschen Hochmeister und einen Teil der neuen Gste empfangt.
    Auch Marcus war nicht mehr so willig wie ehedem. Er schwieg lange, und seine
Augenbrauen zogen sich zusammen, er sah, da sein Schwager Hutfeld ihn forschend
anblickte, endlich begann er: Ich bin dem Rat Gehorsam schuldig, und ich kenne
die Not der Stadt, doch bitte ich die ehrbaren Herren, in Zukunft daran zu
denken, da nicht ich die Fremden erbeten habe, sondern da sie mir ohne meinen
Willen in das Haus gelegt werden. Ich fhre frwahr ein friedliches Leben,
dennoch hre ich, da man mich hier und da fr einen Gegner der Landesfreiheit
hlt. Die Nachrede wird sich mehren, wenn weie Mntel durch meine Tr aus und
ein gehen. Dies mag mir selbst einmal bei dem Rate nachteilig werden, denn ich
habe bereits zu meinem Schaden erfahren, damals, als die Scheuern meines Gutes
angesteckt wurden, da die hochmgenden Herren nicht bereitwillig waren, mein
Eigentum zu schirmen. Darum erscheint mir das Gebot bedrohlich.
    Ihr sprecht vorsichtig, versetzte der Brgermeister, der Rat wird sich
erinnern, da Ihr heut bereitwillig ward; und da Ihr an die Sorge um das
Geschtz rhrt, so darf ich Euch sagen, da auch die Stadt Euch gute Meinung
beweisen wird, und ich hoffe, Herr Kumpan, da Ihr die Feldschlangen aus dem
Zeughaus erhaltet.
    Marcus vernahm die Kunde ohne ein sichtbares Zeichen der Freude und sagte
nur: Die gebietenden Herren mgen tun, was ihnen gerecht und billig dnkt.
    Er wandte sich auf der Treppe, da ihm jemand folgte. Es war Konrad Hutfeld.
Mich fhrt mein Amt nach dem Zeughaus, ist's Euch recht, Schwager Marcus, so
begleite ich Euch.
    Marcus lftete seinen Hut. Die Schwger betraten nebeneinander den Markt.
Gern htte ich Euch, fuhr Hutfeld fort, das lstige Einlager des Hochmeisters
abgewehrt.
    Ich wei, Herr Brgermeister, antwortete Marcus, da Ihr den Fremden, den
Ihr selbst nicht mgt, auch in meinem Hause nicht gern seht. Verzeiht einem
Hauswirt die Frage: Erwartet Ihr, da der Hochmeister lange hier verweilen
wird?
    Ihr fragt, welches Vertrauen ich zu der Friedenshandlung habe. Ich will
offenherzig zu Euch reden, ich habe, wie alle Welt, geringe Zuversicht. Der
Knig hielt es fr klug, den deutschen Frsten, welche fr den Hochmeister
verhandeln, nicht entgegen zu sein, aber der Krieg ist entbrannt, keiner von
beiden hat dem andern obgesiegt, und wenn der Hochmeister auch erkannt haben
mag, da er der Schwchere ist, er hat zu stolz gehofft, des Lehnseides quitt zu
werden, als da er nachgeben sollte, solange ihm die Deutschen im Reiche noch
ihre Hilfe nicht ganz versagen. Und nachdrcklich fgte er hinzu: Ich sorge,
er hat Ratgeber, die ihn durch eitle Hoffnungen tuschen.
    Ist seine Art so, da er sich tuschen lt?
    Er ist einer von den deutschen Frsten, versetzte Hutfeld kalt, und er
hlt sich fr einen Meister der deutschen Adligen. Ihr wit selbst, da diese
schlechte Ratgeber sind, auer da, wo es gilt, zu rauben oder zu trinken.
    Vielleicht hofft der Hochmeister darauf, seinen Orden zu reformieren.
Vieles, was zur Vter Zeit schlecht geworden ist, mu von den Enkeln gebessert
werden.
    Hutfeld sah mitrauisch auf seinen Begleiter: Meint Ihr, da der junge
Albrecht ein Schwarzknstler ist, welcher die abgestandenen Fische seines
Sumpfes wieder lebendig machen wird? Doch, wenn es ihm auch gelnge, wozu keine
Aussicht ist, des Lehnseides fr seine kleine Herrschaft quitt zu werden, was
kmmert uns Thorner und das ganze Weichselland solcher Gewinn?
    Nichts, denke ich, antwortete Marcus, unsere Brgermeister werden doch
dem Knige von Polen den Baldachin tragen.
    Nicht also, Marcus, sprecht lieber so: Wir Thorner werden doch die
Freiheit, welche die Vorfahren mit Blut erkauft haben, gegen die Tyrannei der
Ordensherren behaupten. Ich denke nicht, da in der Stadt noch einzelne Trumer
sich mit der Hoffnung getrsten, das Weichselland unter die Knechtschaft dieses
Knaben Albrecht zurckzubringen.
    Sind es einzelne und sind es Trumer, so hat der Rat sie nicht zu
frchten, entgegnete Marcus kalt.
    Damit er sie nicht frchten msse, ist er gentigt, mit scharfem Auge auf
ihren Weg zu sehen.
    Wir Thorner vertrauen ruhig der Vorsicht des Rates, antwortete Marcus.
    Sein Schwager sah ihn besorgt an und ergriff die Hand des Widerstrebenden.
Ich bin Euch dankbar fr groe Treue, und ich dachte an die Zukunft des alten
Hauses, vor dem wir stehen, als ich so offen zu Euch sprach; denkt auch Ihr
daran, Schwager.
    Ich denke daran, da Ihr ein kluger Herr seid, namhafter Herr
Brgermeister, und da Ihr entschlossen tun werdet, was Ihr tun mt, schlo
Marcus, seine Hand zurckziehend, und verneigte sich hflich.
    Es war mitten im Sommer an einem heien Tage, als der Hochmeister, Herr
Albrecht, in die feindliche Stadt einzog. An dem Tore begrte ihn der Kastellan
von Dibow und ein Ratmann. Whrend der Herr unter ihrer Fhrung langsam aus der
Mauerenge zwischen die Huser ritt, hinter ihm die kleine Schar der Weimntel
und die Frachtwagen, welche den Fremden ihren Reisebedarf in feindlichem Lande
nachfuhren, standen die Leute wieder dicht gedrngt an den Tren und auf den
Kellerhlsen, und ein aufgeregtes Summen ging durch die Menge. Aller Augen
suchten das verhate schwarze Kreuz, aber sie fanden es nicht, und sie sahen,
da die Hllen der Reiter weie Tatarenmntel waren, welche der Orden den
Sldnern des polnischen Knigs im Kampfe abgenommen hatte. Da fiel manchem aufs
Herz, da die Herren des Ordens doch als Christen gegen unmenschliche Heiden
gestritten hatten, deren Bundesgenossenschaft die Thorner fr eine Schande
halten muten, und ihr Unwille gegen die Einziehenden wurde ein wenig gedmpft.
Einzelne Stadtleute, zumal Brger aus der Neustadt, zogen sogar ihre Mtzen, da
der Hochmeister auf seinem schwarzen Streithengst bei ihnen vorberkam, ein
schlanker Herr, noch in jungen Jahren, mit einem Antlitz, das bleich aussah,
vielleicht wegen Krnklichkeit, vielleicht wegen der Sorgen. Er dankte vornehm
auf gebotenen Gru, aber mit gespannter Aufmerksamkeit sahen seine hellen Augen
auf das Volk zu beiden Seiten. Wie der Zug am Markte aufgeritten war, entdeckte
Georg verwundert, da unter den letzten im Gefolge auch sein Feind, der lange
Henner, in dem fremden Mantel unter der Blechkappe hielt. Ich hoffe, er ist
nicht so unverschmt, in unser Haus zu dringen. Aber bevor Henner mit anderen
seitab ritt, trieb er sein Pferd mit geschickter Wendung in die Nhe der
Trtreppe und raunte, an die Wand geklemmt, in Georgs Ohr: Wenn ich als Gast in
Euer Haus komme, will ich Malvasier trinken, auch knnt Ihr mir einen neuen
Marderpelz zurechtlegen, ich denke ihn anzunehmen.
    Die Knechte fhren lange Stcke, mit denen sie die Motten ausklopfen, htet
Euch, da Ihr ihnen nicht in die Hnde fallt, antwortete Georg.
    Der Ratmann geleitete den Hochmeister zu dem Kaufherrn. Als Marcus den
vornehmen Gast begrte, kam dem Sohne vor, als ob der Vater ebenso verblichen
aussehe wie der Hochmeister. Aber beide hielten sich hflich zueinander, wie die
strenge Sitte vorschrieb. Marcus geleitete die Gste in den Oberstock, wo eine
Reihe Zimmer fr sie bereitet war, und whrend Rosse und Wagen in den Hof
einfuhren und der vertraute Rat des Hochmeisters, Herr Dietrich von Schnberg,
verbindliche Worte zu Georg sprach, tauschte Herr Albrecht selbst mit dem
Hausherrn die gebhrlichen Reden. Wir vernahmen viel von dem Hasse, mit welchem
die Brger uns Brder vom schwarzen Kreuz ansehen, wir freuen uns, da wir das
Gercht als unwahr befinden und da die Thorner ihren deutschen Nachbar
gutwillig leiden wollen.
    Die Welschen sagen uns Deutschen nach, versetzte Marcus, da wir in Zorn
und in Reue malos sind. Vielleicht aber vermgen die Deutschen deshalb auch in
Reue wieder gutzumachen, was sie im Zorn verdorben haben.
    Der Hochmeister sah befremdet auf seinen Wirt, doch fragte er gleichgltig
weiter: Ihr ward selbst in welschen Landen, Herr? und als er nach Frstenweise
auch den andern Ehre erwiesen hatte, verabschiedete er die Herren von Thorn,
weil er dem Knige aufwarten msse, und Dietrich von Schnberg versicherte dem
Hauswirt mit einem Hndedruck, da seine frstlichen Gnaden einer ernsten
Zusammenkunft entgegengehe und wohl lieber noch unter den Hausgenossen weilen
wrde.
    Frmlich, wie der Empfang, verliefen auch die folgenden Tage. Die Brger
muten bekennen, da die Fremden sich schweigsam und in guter Zucht hielten.
Auch im Hause des Marcus gingen zwar Weimntel und frstlicher Besuch hufig
aus und ein, doch an Gelage und Gasterei war nicht zu denken, der Hochmeister
blieb des Abends am liebsten allein oder zusammen mit wenigen Vertrauten. Marcus
wartete jeden Morgen als Wirt seinem Gaste auf, fragte nach den Wnschen der
Herren und erhielt jedesmal ein Lcheln und dankbare Reden.
    Aber er beobachtete mit leidenschaftlicher Teilnahme jede Regung der Fremden
und vermochte die geheime Freude kaum zu bergen, als ihre Mienen nach wenigen
Tagen sorgenvoller wurden. Einst fand er den Hochmeister frher als sonst vom
Rathause zurckgekehrt, der Herr sa in trbem Sinnen und antwortete dem Gru
des Wirtes: Ohne Nutzen fr das Land haben wir Euch bemht, wir ziehen in
Unfrieden ab, mein Oheim will, da ich das blutige Schachspiel gegen ihn
fortsetze. Marcus schwieg, und der Hochmeister fuhr in seinen Gedanken fort:
Zehn Jahre trage ich dies Kreuz, und die Last war zuweilen schwer.
    Da vernahm er die Gegenrede: Sechzig Jahre trage ich die Hoffnung auf
Rettung und Rache still in mir herum, und mein heiestes Gebet war, da ich
nicht von dieser Erde scheiden mge, bevor die Ordensfahne wieder ber der Burg
von Thorn weht.
    Der Hochmeister sprang auf: Der Ruf kam von Herzen. Wer seid Ihr, Herr, da
Ihr in Thorn solche Rede wagt?
    Ein Mann aus dem Geschlecht des Ludolf Knig, der einst auf dem
Hochmeisterstuhl zu schnell an seinem Glck verzweifelte.
    Ich aber sehe heut in das Angesicht eines vertrauten Mannes, rief der
Frst. Nicht zum erstenmal vernehme ich den geheimen Gru. Seit Jahren erhalte
ich ber Lbeck Briefe, deren Schreiber sich nicht nannte. Oft war ich ihm
dankbar fr klugen Rat und habe ber seine gute Kenntnis des Weltlaufs gestaunt,
seine Worte haben mich getrstet, wenn mir Ermutigung am meisten nottat. Jetzt
frage ich nicht mehr, wer der unbekannte Freund war.
    Marcus verneigte sich ehrerbietig. Seit Jahren erkenne ich, da Eure
frstliche Gnade mit dauerhaftem Mut gegen Wind und Wogen zu steuern wei, und
oft habe ich im geheimen Euch gerhmt, weil Ihr unermdlich ward und Euren
Feinden widerstandet, obgleich das Unglck wie Wellen des Meeres ber Euch
hereinbrach.
    Der Hochmeister lchelte traurig: Auch der Gleichmut in Welthndeln wird
erlernt. Doch teuren Preis habe ich dafr bezahlt. Denn ich darf Euch, der
gleich einem alten Freunde vor mir steht, auch bekennen, da mir das Leben so
sauer gemacht wird wie keinem andern deutschen Frsten. Da ich mit dem Mantel
bekleidet wurde, fast noch ein Knabe, schwoll mir das Herz bei dem Gedanken, da
ich als Landesherr mit einem ritterlichen Kreuzheer das Ordensland freimachen
und die Fremden zurckwerfen knne. Es war ein trichter Wahn, mein Vater, und
bitter war die Enttuschung. Denn wie ich nach Preuen kam und die Helden
betrachtete, welche die Ordensburgen und Pflegeschaften innehatten und durch ihr
Amt und ihr Gelbde zum Kampf verbunden waren, fand ich sie bis auf wenige
unkriegerisch, und als ich prfend nach ihrem Willen forschte, empfing ich drei
Gre: Lachen, Sthnen und Achselzucken. Der eine hatte die Gicht, dem andern
hatte die Traute, die er sich in seinem Hause hielt, gnzlich verboten, auf das
Pferd zu steigen, einige saen schon vormittags in Trunkenheit, und manche, die
noch auf Waffen und Gule hielten, fanden es tricht, fr den Hochmeister und
den Orden ins Feld zu ziehen und zogen es vor, in der Dmmerung mit
Heckenreitern gemeinsame Sache zu machen und Reisende auf der Heide ihres Geldes
zu entledigen. Auch die Besseren waren mde und mutlos und lebten armselig im
verarmten Lande. Dennoch, Herr, erkannte ich unter ihnen einige Mnner von
wackerm Mut und adligem Sinn. Und ich sage ehrlich, wie ich's gefunden, der
deutsche Adel war immer noch meine beste Hilfe.
    Weil der Adel am meisten verlieren wird, wenn der deutsche Orden vergeht,
warf Marcus ein. Soll der Orden gedeihen, so mu der Brger Anteil an seinem
Regiment gewinnen.
    Es mag so sein, wie Ihr sagt, fuhr Herr Albrecht fort. Denn die Brger
meiner Stdte waren nicht willig gegen mich, jeden Groschen, den sie mir
zahlten, rckten sie mir wieder vor, die kleinste Geldsumme sollte ich bezahlen
durch ein Pergament, welches ihnen neue Rechte einrumte; jeder, der mir zu
leisten hatte, wollte dafr haben. War doch alle Macht des Hochmeisters ohnedies
zerstckelt in den Hnden der Stdte und Landschaft. Ich hoffte auf die
deutschen Frsten, auf meine Verwandten, auf den alten Kaiser Max, auf den
jungen Kaiser Karl, auf den Heiligen Vater selbst. Ich bekam guten Rat so viel,
da ich damit eine Burg von Papier htte aufbauen knnen, unsichere
Versprechungen und nirgends Hilfe, und zu den kleinen Summen, die mir meine
Verwandten etwa vorschossen, alsbald herrische Ermahnungen und Forderungen auf
Ersatz. Niemand hatte, was mir allein helfen konnte: die Lust, meinetwegen in
das Feld zu ziehen. Der Kaiser, ja der Heilige Vater selbst sandten mir zuweilen
gute Vertrstungen, um den berlstigen Bettler loszuwerden, und in der nchsten
Stunde dachten sie daran, da der groe Knig von Polen ihnen mehr ntzen knne
als der deutsche Ordensritter am fernen Meeresstrand.
    Kmpfen zwei Adler miteinander in freier Luft, antwortete Marcus, so wird
der den Gegner niederstoen, welcher am hchsten fliegt. Der Hochmeister zu
Knigsberg, getrennt durch das polnische Weichselland vom Deutschen Reiche, hat
nur geringen Wert fr Kaiser und Reich, ein geehrter Landherr wird er erst, wenn
ihm die Stdte des Weichselstroms gehorchen; und niemals wird Eure frstliche
Gnade von der Schmach der polnischen Dienstbarkeit befreit werden, wenn Ihr
nicht mehr begehrt als den Rest des alten Ordenslandes.
    Ich vernehme die alte Mahnung Eurer Briefe, rief der Hochmeister, sie
klang laut wider in meinem Herzen. Gegen die Polen, bei Kaiser und Papst habe
ich das ganze Ordensland gefordert. Ich habe gefordert, doch ich vermochte nicht
zu erringen. Und ich sorge, mehr noch als die polnische Macht hindert mich der
Ha der Weichselstdte.
    Ihr habt bei uns mehr Freunde, als Ihr wit. Zwar die Geschlechter, welche
in der Stadt regieren, sind Euch feindselig, aber sie werden von den Brgern
beargwhnt, vorab in der Neustadt hausen viele Unzufriedene. Die groe Masse
endlich folgt dem, welcher die grere Strke erweist. Wollt Ihr die Polen
bewltigen, so mt Ihr Thorn mit Kriegsmacht einnehmen, denn es ist die Pforte
des Weichselstroms, und Euch mit den Danzigern freundlich vertragen, was sie
auch fr sich fordern mgen, dann fllt Euch das brige Weichselland von selbst
zu.
    Knnt Ihr helfen, da ich diese Stadt in meine Gewalt bekomme? fragte Herr
Albrecht schnell.
    Vielleicht ist die Stunde nicht fern, wo die Brger freiwillig Euch die
Tore ffnen. Vertraue Eure frstliche Gnade, da hier ein treuer Mann lebt, der
jeden Tag darber sinnt, Euch zum Herrn der Stadt zu machen.
    Gut, Herr, rief freudig der Hochmeister. Aber sogleich fuhr er finster
fort: Wir gebrden uns als Eroberer, und doch habe ich zur Zeit groe Not, nur
zu behaupten, was ich besitze. In Wahrheit hngt mein ganzes Glck an einem Sieg
im Felde. Ihr aber versteht, wie ein Sieg erkauft wird, er ist teure Ware, und
der Hochmeister ist der rmste aller Landesherren; ich werbe Sldner, und es
fehlt mir nicht an kriegsfesten Hauptleuten, doch an Geld, sie zu unterhalten.
Kein Bettler und kein Heckenreiter, der gewhnt ist, auf fremdes Gut zu lauern,
hat so groe Sorge um das Volk gemnzter Pfennige als ich; denn, mein gnstiger
Freund, zum Losschlagen sind die Deutschen wohl bereit, aber nicht, den Beutel
zu ffnen. Und obwohl der Knig von Polen sein Geld lieber in der Truhe behlt,
als im Kriege verschwendet, so wird er doch lnger Goldgulden besitzen, die er
in das Spiel setzt, als ich. Und es ist ein alter Spruch, da das letzte
Geldstck das Spiel gewinnt.
    Nicht so, edler Herr, der wird gewinnen, welcher den besseren Mut einsetzt.
Denn wem das Herz fest bleibt in aller Not, der wird zuletzt nicht nur den lauen
Freunden, auch seinen Feinden ehrwrdig.
    Ihr sprecht mit gutem Vertrauen, Vater, aber auch Ihr wit nicht, wie
krnkend fr frstlichen Stolz dies Beharren ist; denn ich darf sagen, in Sorgen
schwebe ich, vom Borgen lebe ich. Und wenn ich alles bedacht habe und Plan auf
Plan geschmiedet, am Tage der Ausfhrung wird alles vereitelt, weil der
Schatzmeister mir vorrechnet, da ich nichts vermag. Es ist ruhmlose Arbeit,
welche ich aufwende, um solcher Not zu widerstehen, die preist kein Snger und
rhmt kein Orator, und mchtigere Frsten zucken die Achseln darber. So sind
jetzt stattliche Haufen von Reisigen und Landsknechten bereit, mir zu dienen,
wenn ich ihnen Sold zahle, und ich ziehe von hier mit der bittern Sorge, da ich
sie nicht festzuhalten vermag.
    Und wenn Ihr sie nicht festzuhalten vermgt, gndiger Herr, was werdet Ihr
dann tun? fragte Marcus.
    Ich wei es heut noch nicht zu sagen; aber eines darf ich khnlich vor Gott
behaupten: verzweifeln werde ich nicht. Ich habe in den zehn Jahren manchen
bittern Trank der Demtigung getrunken; darum habe ich mich jetzt entschlossen,
das uerste zu wagen; und ich denke lieber unterzugehen im Kampfe, als den Eid
zu leisten, der den Meister des Ordens zum Diener eines fremden Knigs macht.
Ich will der letzte Hochmeister sein, wenn ich nicht dem Orden aufs neue eine
geehrte Herrschaft erwerben kann.
    Da rief Marcus mit starker Stimme: Seid gesegnet, Herr, um dieser Worte
willen. Bewahrt Ihr in der Not den Sinn eines festen Mannes, so bewahre ich eine
Waffe, die Euch aus der Not erlst. Folgt mir, gndiger Herr.
    Er ffnete mit einem Schlssel die Tr, welche das Gemach des Hochmeisters
von dem Gewlbe trennte, und fhrte den erstaunten Herrn zwischen die Schrnke
vor einen groen eisernen Kasten, dort hob er den schweren Deckel. Der Kasten
war mit gemnztem Golde gefllt, und Marcus sprach, darauf weisend: Des
Kaufmanns Truhe ist nicht gro genug, um alles Geld zu fassen, welches einem
Kriegsherrn ntig ist, damit er den Krieg ernhre bis zum Siege. Aber ich denke,
der Schatz, an welchem ich mein Lebelang gesammelt habe, ist keine verchtliche
Ausstattung fr einen jungen Helden; denn hat er sich seinen Feinden furchtbar
erwiesen, so ffnen sich ihm auch wohl die Beutel zweifelhafter Freunde, und er
selbst holt sich neue Kriegszehrung von den Feinden. Dies ist gesammelt, um
Eurer frstlichen Gnade zu dienen, wenn Ihr mir gelobt, zu beharren bei Eurem
hohen Vorsatz und eher zu sterben, als ein Vasall der Polen zu werden. Dies
gehrt Euch und im Notfall noch mehr, soweit mein Vermgen reicht. Der Kaufmann
verpfndet Euch seine Habe, Ihr setzt dagegen Ehre und Leben. Verleihen die
Heiligen Euch Sieg, so werdet Ihr mein Landesherr und fr diese Summe Schuldner
eines getreuen Dieners, und endet Euer frstliches Leben anders, so ist diese
wie jede andere Erdenschuld getilgt.
    Der Hochmeister stand sprachlos. In der Stunde, wo ich mich von allen
verlassen whnte, murmelte er. Mein Vater und mein bester Freund.
    Ich bin nur ein Brger von Thorn, den es schmachvoll dnkt, da seine
Vaterstadt einem fremden Volke dienstbar ist. Seht, Herr, das Eisen dieses
Deckels ist scharf und vermchte wohl meine Hand abzuschlagen, die ich hier
zwischen Kasten und Deckel lege. Freudig will ich sie in den Kasten fallen
sehen, wenn ich dadurch meine Vaterstadt von der Unehre des alten Treubruchs
lsen knnte.
    Da legte Herr Albrecht, hingerissen durch die finstere Begeisterung, seine
Hand zu der des Marcus auf den Eisenrand und rief:
    Auch der Hochmeister des deutschen Ordens will eher seiner Schwurhand quitt
werden, als dem Polen dienen, das gelobe ich Euch.
    Marcus hielt die Hand des Herrn ber dem Golde und sprach: Der Schatz fand
seinen Herrn, ich aber danke den Heiligen, da ich diesen Tag erlebte.

                                Stiller Vertrag


Der Hochmeister hatte die Stadt verlassen, der Krieg war aufs neue entbrannt und
die gebietenden Herren zu Thorn erwarteten ungeduldig die Nachricht von der
vlligen Besiegung ihres Feindes. Aber es kam weit anders. Wie durch einen
Zauber herangelockt, drang ein deutscher Heerhaufe nach dem andern an die
Weichsel, der junge Hans Sickingen fhrte eine Schar Reiter herzu, darunter
wohlbekannte Herren des frnkischen Adels, viele Fhnlein Landsknechte wlzten
sich mit ihrem Tro ber das polnische Preuen, und der Hochmeister stand auf
einmal an der Spitze eines Heeres, dem die Polen nicht gleiche Kraft
entgegenzusetzen hatten; er eroberte Stdte zurck, welche die Kastellane des
Knigs vorher eingenommen hatten, suberte den grten Teil des Ordenslandes von
den Fremden, und tchtige Hauptleute seines Heeres schlugen und fingen einen
polnischen Trupp nach dem andern. Aufs neue wurde das Land durch Brand und Raub
verwstet. Traf der Verlust auch beide Teile, im ganzen war durch mehrere Monate
Herr Albrecht der strkere; die deutsche Partei erhob mit frischem Vertrauen das
Haupt, und die Mienen der Polenfreunde wurden sorgenvoll.
    Das Herz des Marcus pochte in stolzer Freude. Zwar in der Trinkstube des
Artushofes htete er sorgfltig Miene und Rede, er wute wohl, da er unablssig
beobachtet wurde. Auch dem Sohne verhllte er sein Gemt, denn er wollte den
einzigen Erben von den Gefahren entfernt halten, unter denen er selbst
einherging; nur gegen den vertrauten Gehilfen Bernd, der heimlich zum Orden
hielt, offenbarte er etwas von der strmischen Bewegung, die er empfand. Der Rat
hatte ihm als Entgelt wegen Verpflegung des Hochmeisters zwei Feldschlangen fr
sein festes Haus bewilligt. Damit erhielt er das Vorrecht, zum Schutz und zur
Bedienung des kostbaren Stadtgutes einen Bchsenmeister und einige Sldner zu
unterhalten. Georg bat den Vater ehrerbietig, die Sorge um die Kriegsleute ihm
anzuvertrauen, und er war gekrnkt, als der Vater ihm das kurz abschlug, zumal
er bei einem Ritt auf das Gut wahrnahm, da Haus und Hof fr eine groe
Besatzung vorbereitet wurden. Zwar kamen die Nachrichten vom Heere des
Hochmeisters nur undeutlich in die Stadt, was fr den Feind ungnstig war, wurde
laut berichtet und seine Siege gern vom Rat verschwiegen, aber Bernd war mit dem
Volke der Schiffer vertraut und hatte Kundschaft mit kleinen Brgern in der
Neustadt, und was er dort erfuhr, lautete oft weit anders, als was in der Halle
des Artushofes verkndet wurde.
    Als Georg einst am Abend durch das Hinterhaus heimkehrte, vernahm er in der
Kammer, in welcher sonst Dobise schnrte und hmmerte, den Gesang einer fremden
Stimme, welche zu bekannter Weise ein neues Landsknechtslied sang, und er
verstand Worte, in denen die Danziger und Elbinger bel gescholten und die Taten
des Hochmeisters und seiner Scharen mit stolzer Freude gerhmt wurden. Er
blickte erstaunt durch das Fenster, in der Mitte des Raumes stand sein Vater,
und diesem leuchtete das Antlitz vor freudiger Aufregung, und ein Lcheln
schwebte um seinen Mund. Gegenber dem Vater sa ein fremder Gesell mit narbigem
Gesicht in der Tracht eines Landfahrers, der das lange Lied frhlich absang und
nach dem Ende mancher Verse die Trinkkanne hob. Als der Sohn leise eintrat, zog
sich die Miene des Vaters finster zusammen; er winkte ihm mit der Hand, sich
still zu halten, und erst als das Lied beendet war, sagte er gemessen: Es ist
ntzlich, neue Zeitungen auch so zu vernehmen, wie die Gegner sie berichten. Er
reichte dem Fremden etwas in der Hand und gebot dem Dobise, ihn in eine sichere
Herberge zu fhren. Und Georg erkannte aus der gezwungenen Haltung des Vaters,
da dieser ihm seine Gesinnung verbarg. - Aber nicht Marcus allein lauschte auf
Kunde, welche dem Hochmeister gnstig war, in der Neustadt saen viele, welche
den Polen nichts Gutes gnnten, entweder weil sie dem Regiment des Rates
zrnten, oder weil sie daran dachten, da ihre Vorfahren lieber zum Orden
gehalten hatten als die Altstdter; und in den Trinkstuben der Neustadt bargen
die Mivergngten ihre Freude nicht, wenn sie erfuhren, da der polnischen
Partei etwas milungen war. Dasselbe Lied, welchem Marcus zugehrt hatte, war in
der Schenke Zur blauen Marie hergesungen und das Gemurr der Wohlgesinnten durch
lauten Ruf der andern bertnt worden. Und als der Rat auf Anzeige nach dem
Snger suchte, war dieser verschwunden, obgleich keiner von allen Torwrtern
einen Fremden seines Aussehens am Tore beachtet hatte. Solche Anzeigen machten
dem Rat stille Sorge.
    Aber als der Herbst kam und die gefllten Erntewagen durch die Stadttore
fuhren, und als die Schwalben ihre junge Brut ber den gerumten Feldern den
Kreistanz lehrten, da kam zu der alten Unruhe ganz allmhlich noch eine neue in
die Seelen der Thorner. Wenn angesehene Brger auf der Strae einander
begegneten, verweilten sie lnger als sonst und sprachen leise miteinander, wenn
an den Tischen der Stammgste das Gesprch ber die letzten kriegerischen
Nachrichten aus dem Felde aufgehrt hatte, vernahm man starke Worte gegen
vornehme Geistliche, ja, was sonst jeder als Geheimnis bewahrt hatte, Gedanken
ber Kirchenlehre und Glauben, das lief ihm jetzt ber die Zunge. Neben den
alten Sprichwrtern, durch welche der Brger seine Rede besttigte, gebrauchten
jetzt zuweilen auch Laien Sprche aus der Heiligen Schrift, und Barthel
Schneider geriet mit seinem Nachbar, dem Lohgerber, in heftigen Zwist, als er
sich auf eine Aussage des Daniel berief, welche dem Lohgerber ungehrig
erschien, weil der Jude Daniel Danziger ihn bei einer silbernen Kette betrogen
hatte, Barthel aber nicht deutlich zu sagen vermochte, wer Daniel eigentlich
gewesen sei. Wenn die Predigermnche zu zweien durch die Stadt gingen, lachten
viele hinter ihnen her oder zuckten die Achseln und wandten sich ab wie von
nichtsnutzigen Leuten. Und die Menschen wagten nicht nur, von anderem zu reden
als seither, sie dachten sogar darauf, Neues zu fordern. ber das Regiment der
Stadt wurde laut gehandelt, oft erfuhr der Rat, da Unfreundliches ber ihn in
den Schenken verlautete. Sonst hatte der Brger, auch der Neustdter, mit kaltem
Hochmut auf den Bauer herabgesehen und ihn als das Lasttier der Erde betrachtet,
jetzt sprach der Brger mit freundlicher Herablassung zu dem Buerlein, welches
in den Laden kam, eine Sense oder eine Pelzmtze zu kaufen, und wenn der
Landmann zutraulich ber unertrgliche Lasten klagte, so nickte der Brger im
Einverstndnis. Sogar im Artushofe, wo die Herren der Stadt in drei Bnke
geteilt saen, war zwischen der vornehmen Georgenbank und den Bnken der
Kaufleute und Schiffer eine stille Fehde erkennbar, und ungern vernahmen es die
Alten auf der Georgenbank, da Hendrick, der Schiffer, seinen Krug erhob und
laut rief: Dies bringe ich einem guten Steuermann, der uns alle durch die
Brandung fhrt, und auf diese Anspielung klang in der alten Halle hier und da
Beifallsruf.
    In diesen Wochen wurde Hannus ein vielgesuchter Mann. Es war ihm nach langer
Unterbrechung seines Geschftes gelungen, einen groen Bcherballen von Danzig
heraufzuschaffen, er war jeden Tag beschftigt, seine Ware vertraulich
vorzulegen und kleine Silberstcke in seinem Beutel zu bergen. Und er mute die
Mehrzahl seiner Kunden auf eine neue Sendung vertrsten, nach der er
geschrieben. Was die neue Aufregung in den Seelen bewirkte, waren wieder
unscheinbare Bchlein, die er aus dem Reiche eingefhrt hatte, jetzt in der
Mehrzahl nicht lateinisch fr die Gelehrten; in deutscher Sprache berichteten
sie jedem, der zu lesen vermochte, von einem Kampfe zwischen tausendjhriger
Herrenmacht und dem khnen Mute weniger, welche ihre berzeugung gegen die
Gewaltigsten der ganzen Welt zu verfechten wuten. Noch nie war die deutsche
Sprache durch den Druck so stark in die Seelen gedrungen, der Zorn und die
Klage, welche hier verkndet wurden, lagen in jedermanns Herzen, die Besserung
des christlichen Standes, welche sie forderten, war aller Vernnftigen Wunsch,
und die Erlsung der Christenheit aus der babylonischen Gefangenschaft, in
welcher fremde Priester zu Rom die Gewissen hielten, lngst die geheime
Sehnsucht der Besten. Um so unwiderstehlicher war die Wirkung der khnen Worte,
weil die Leser wuten, da den Mnnern, welche vor allem Volk zu lehren wagten,
was Jahrhunderte nur unterdrcktes Murmeln gewesen war, wegen ihres Mutes der
Tod drohte in seiner furchtbarsten Gestalt, da ihre Seelen verflucht werden
sollten und die Asche ihres verbrannten Leibes in alle Winde gestreut.
    Aber auch fr den Brger von Thorn wurde es gefhrlich, sich um die neue
Lehre zu kmmern, und ber den Bchlein des Hannus zog sich ein Wetter zusammen.
Denn der polnische Knig, welcher nahe der Stadt auf seinem Schlosse Dibow
weilte, kam oft ber die Brcke und erhielt Kunde von allem, was die Deutschen
aufregte. Als Knig Sigismund einst nach dem Rathause geritten war, und der
Brgermeister Hutfeld vor sein Angesicht trat, sah der Knig den Brgermeister
bei gndigem Gru mit seinen klugen Augen prfend an und wandte sich wieder dem
Markte zu, wo ein Haufe polnischer Reiter auf dem Durchzug rastete. Die mden
Pferde lieen die Kpfe hngen, und die Polen schrien einander ber den
Futterscken zu oder lagen erschpft auf ausgebreitetem Stroh. Da begann der
Knig: Aus dem Lande sind ble Nachrichten gekommen, wie Ihr wohl gehrt habt,
Brgermeister; mein Vetter Albrecht spielt den Kriegsmann und ist ein Fhrer
fremder Landsknechte geworden. Die deutschen Bremsen stechen bel im Lande.
Briefe verknden mir, da im Reich unter dem Adel ein starkes Werben fr den
Hochmeister ist. Das Land aber liegt verwstet, und die Polen sind ebenso
sumig, ihre Haufen heranzufhren, als ihr Stdter sumig seid, euer Geld in das
Schatzhaus zu senden. Mein Neffe erweist grere Hartnckigkeit, als ich ihm
zugetraut, und ich sehe kein Ende des Raubes und Brandes. Auch unsere Freunde im
Reich mahnen zur Nachgiebigkeit. Da Hutfeld auf diese Rede nicht antwortete,
fragte der Knig mit abgewandten Blicken: Was ist Eure Meinung, Brgermeister?
    Das behagliche Gesicht des Herrn Konrad rtete sich, als er antwortete: Wie
wir in Thorn wissen, sind es jetzt sechzig Jahre, da tat ein Knig von Polen
einem Brgermeister von Thorn dieselbe Frage, und der Enkel wei Eurer
kniglichen Wrde nur dieselbe Antwort zu geben. Wenn die Krone Polen dem
Ordensmeister gestattet, eine freie Herrschaft zu behaupten, so opfert sie
frher oder spter das Weichselland, welches sich unter polnischen Schutz
gestellt hat. Solcher Entschlu geht uns allen an die Hlse. Unsere Vter haben,
um Stdte und Land zu retten, der polnischen Treue vertraut. Schwere
Verantwortung haben sie auf sich genommen und ein heier Ha ist entbrannt, er
glimmt noch heut unter der Asche. Wenn die Polen treulos gegen uns handeln, so
bleibt uns nur brig, um unser Leben zu kmpfen. Darum, entsagen die Polen dem
Preuenlande, so werden wir sie als Meineidige vor aller Welt anklagen und
berlegen, wie wir uns selbst bewahren vor der Rache unserer Feinde.
    Jetzt ruhte der Blick des Knigs auf dem erregten Sprecher, er trat auf ihn
zu, und ein Lcheln glitt ber sein ernstes Gesicht. Das war eine Sprache, die
ich hren wollte; ich habe Euch nur durch Worte geprft, zrnt mir darum nicht.
Wisset, Herr, manche in meiner Nhe hegen Argwohn gegen euch Deutsche, weil ihr
in vielem hartnckig den Polen widerstrebt. Ich aber denke nicht daran, dem
jungen Albrecht in seinem fadenscheinigen Ordensgewand zu schenken, was ich in
meiner Hand halte, und Ihr mgt mir glauben, Herr Brgermeister, da ich lieber
neuen Krieg wage, als das Anrecht opfere, welches die Krone Polen an dem
Preuenlande erstritten hat. Und da Hutfeld betroffen schwieg, fgte er hinzu:
Seid nicht gekrnkt ber meine Rede, wir wissen jetzt beide, da wir gute
Freunde sind, und Eurer Stadt soll nicht zum Schaden gereichen, da ich Euch
vertraue. Doch nicht alle in Thorn denken wie Ihr. Wer ist das Haupt der
Unzufriedenen?
    Hutfeld antwortete zgernd: Es sind auer den Schreiern in den Schenken nur
einzelne der ansehnlichen Brgerschaft, niemand vom Rate, und diese
Unzufriedenen bewahren vorsichtig ihre Gedanken. Und da der Knig ihn, Weiteres
erwartend, anblickte, fgte er hinzu: Ich denke, da ich Eurer kniglichen
Wrde brgen kann fr die Treue der Stadt.
    Wollt Ihr die Brgschaft auf Euer Gut und Leben nehmen, so frage ich nicht
weiter.
    Ich will die Brgschaft bernehmen, versetzte Hutfeld, wenn Ihr,
gndigster Herr, meiner Treue fest vertrauen wollt.
    Der Knig nickte und fuhr nach einer Weile fort: Ihr seid zu nachsichtig
gegen die deutschen Ketzereien, welche sich aus dem Reiche einschleichen, sie
mehren den Zwist mit meinen polnischen Herren.
    Sie trennen uns auch fr immer von der Mncherei des deutschen Ordens;
darum sieht der Rat aller Weichselstdte in der Stille nicht ungern, wenn die
Brger etwas von der neuen Lehre in ihre Herzen aufnehmen. Zudem wird die
Tyrannei und Habsucht der Pfaffen oft unleidlich. Auch fr Eure knigliche Wrde
mag der neue Glaube, wie ihn die Leute nennen, eine gute Hilfe werden gegen den
Hochmeister und seine Ordensleute.
    So denkst du als Brger von Thorn, antwortete der Knig vertraulich in
lateinischer Sprache, der Knig aber hat andere Rcksichten zu nehmen auf den
Eifer der Magnaten und Bischfe und vor allem auf den Kaiser und den Heiligen
Vater selbst, und es ist mir gerade jetzt notwendig, mich als treuen Sohn der
Kirche zu erweisen. Dem Rat wird ein scharfes Mandat zugehen gegen die
Verbreitung der Irrlehren durch Predigt und Bcher, und ich fordere von den
Stdten, da sie mir darin nicht widerstreben.
    Der Rat wird das Mandat des Knigs gehorsam ausrufen und anschlagen,
versetzte Hutfeld ehrerbietig. Doch mge Eure knigliche Wrde auch gndig
bedenken, da die Thorner sich nicht gern die freie Rede verbieten lassen.
    Wir verstehen uns, schlo der Knig huldreich, sorge nur, du Treuer, da
kein Lrmgeschrei der Pfaffen zu mir dringt.
    Wenige Tage darauf schlug Lischke ein groes Mandat an das Rathaus, er
lutete mit der Glocke durch die Straen, und der Ausrufer schrie die Worte des
Befehls in die Lfte. Am Abend war in allen Schenken groe Aufregung und manches
heftige Wort gegen den Rat wurde laut, auch wurden einige junge Gesellen deshalb
vorgefordert und streng vermahnt. Hannus raffte in dem ersten Schrecken alle
verdchtigen Bchlein zusammen und versteckte sie unter seinem Bette, an den
nchsten Markttagen fand man bei ihm auer den Kalendern und Wetterbchern nur
etwas von den Gegnern der neuen Lehre, von Dr. Eck und Cochlus, und wenn die
Leute seinen Kram umstanden und neugierig fragten, so zuckte er abweisend mit
den Achseln und wies nach dem Rathause. Als aber endlich die Brger ber seine
Verzagtheit spotteten und er merkte, da Lischke gar nicht nach seinem Tische
hinsah, wurde er wieder mutiger und griff zuweilen, wenn ein sicherer Kunde kam,
in die Tiefe seines Kastens, oder lud ein, ihn daheim zu besuchen, ob er
vielleicht etwas Erwnschtes finden werde.
    Niemand in Thorn war glcklicher ber die neue Aufregung als der Magister.
Zuerst hatte er vornehm auf den Streit der Mnche herabgesehen, dann hatte er
dem Kampf eine wohlwollende Teilnahme gegnnt, jetzt aber umfing auch ihn die
Macht des gewaltigen Geistes, welcher unablssig als Lehrer der Deutschen
verkndete und mahnte. Er war der erste, welchem ein Einblick in die Sendungen
des Buchfhrers vergnnt wurde, und seit die Trakttlein in deutscher Sprache
durch die Lnder flogen, wie die Bienen eines umgeworfenen Stockes durch den
Garten, verlor er seinen lateinischen Stolz und trug ungelehrte deutsche
Druckschriften in den Taschen umher. In der Schule zwar nahm er einige Rcksicht
auf die Gewaltigen der Stadt. Anna aber war als sein einziges Kind auch die
Vertraute seiner Gedanken, und es war fr sie eine Herzensfreude, dem Herrn
Vater zuzuhren, wenn er ihr des Abends vorlas; dann wurde er bei dem Streit der
Theologen kriegerisch, er schlug auf den Tisch, sprang bei den Stellen, die ihm
besonders gefielen, auf und pries mit gehobenen Hnden den Schreiber und sein
eigenes Glck, da er solche Tapferkeit erlebe. Die Argumente der Gegner aber
begleitete er mit verchtlichen Bemerkungen, warf ein Bchlein, das ihm mifiel,
in die Stubenecke und kmpfte gegen das liegende mit starken Grnden und seinem
Stocke, bis er es endlich wieder aufhob, um weiterzulesen. Da war natrlich, da
Anna ebenso eifrig fr die neue Lehre wurde. Und als ein redliches Weib mute
sie wnschen, da auch andere von der verkndeten Wahrheit erfllt wurden,
mochten sie nun Schler sein oder nicht. Bei den andern dachte sie zunchst an
einen, fr den sie in der Stille immer sorgte. Sie frchtete, da er sehr wenig
um sein Seelenheil bekmmert sei und da er sich aus den Streitbchern der
Gottesgelehrten und aus den Greueln des Papsttums gar nichts mache. Ihr schlug
das Herz hher in dem Gedanken, da sie ihm aufhelfen msse. Aber wie durfte sie
in sein Gemt eindringen?
    Wenn sie einmal zufllig ihre Meinung offenbarte und Georg etwas davon
vernahm, dann trug der gute Samen bei ihm ble Frucht. So war Matz Hutfeld spt
zu dem Entschlu gekommen, auch seinerseits einmal dem Magister und seinen
Schulgenossen eine Kollation auf dem nahen Zinsgut zu geben, welches sein Vater
von der Stadt innehatte. Und zwar sollte alles groartiger sein als im letzten
Jahre bei den Knigen. Nachdem Matz den Vater um einen Wildbraten aus dem
Stadtwald gebeten hatte und um ein Flein rheinischen Weins, geleitete er
dieselbe Gesellschaft, die frher zusammen gewesen war, durch die Felder nach
dem Herrenhof. Diesmal fuhren sie nicht zu Wagen, sondern kleine Polenpferde
warteten vor der Stadt auf die Frauen und den Magister, und einige Freireiter
geleiteten den Zug; denn Matz hatte vorsichtig die unsichere Zeit und die
fahrenden Strolche bedacht. Es war vieles prchtiger; aber das vornehme Wesen
und die schwere Zeit bedrckten die Herzen, und als die Gste gar in den Gutshof
traten und dort hinter der Mauer zwei Feldschlangen aufgepflanzt sahen und
einige Kriegsknechte zur Bewachung, da verstummte die Unterhaltung, obgleich
Matz mit Stolz zu den Geschtzen fhrte und den Ruhm erklrte, welchen sie dem
Hausherrn gewhrten. Als der Wildbraten bei der Kollation aufgestellt wurde,
schlug nur Frau Lischke die Hnde zusammen; Matz aber hielt zum Ruhme des
Magisters eine lateinische Oration, die er sich ausgearbeitet hatte, ganz ohne
Fehler, und wie er den Becher hob und die Gesundheit ausbrachte, lsten die
Kriegsknechte im Hofe ein Geschtz zur Begrung der Gste, was sonst nur bei
groen Gastmahlen fr Brgermeister und Rat gebruchlich war. Obgleich Matz am
Pulver gespart hatte, damit in der Stadt kein Gerede entstehe, sprangen die
Frauen doch erschrocken von ihren Sitzen, und Georg vernahm mit grimmigem Zorn,
wie der de Brgermeistersohn Anna in unverschmter Vertraulichkeit trstete:
Das geschah vor allen anderen Euch zu Ehren, liebe Jungfer.
    Nach der Kollation fhrte Matz die Gste ebenfalls ins Freie, um ihnen das
Gut zu weisen, und da es ein Sonnabend war, fanden sie die Arbeiter ber der
letzten Ernte beschftigt. Die Gste sahen zu, wie die Bauern im Frondienst
mhten und wie der Vogt sie scheltend trieb. Der Magister sagte bedauernd: Der
arme Karsthans arbeitet in saurem Dienst, damit wir unser Brot haben. Doch Matz
Hutfeld antwortete kalt: Es sind Deutsche, ein strriges und widerwilliges
Volk, weil sie sich rhmen, von den Vtern her freie Leute zu sein.
    Ein alter Mann konnte wegen Gebrechlichkeit nicht die Reihe halten, so da
der Vogt auf ihn eindrang und seine Gerte ber ihm schwang. Da verga sich die
Anna ganz und gar und rief mit gerteten Wangen und blitzenden Augen: Wie darf
der Vogt einen freien Mann schlagen, zumal dieser alt und gebrechlich ist? Aber
Matz lchelte, und der Magister kehrte dem Vogt den Rcken, um den Anblick zu
meiden. Der Alte mochte etwas von dem Bedauern vernommen haben, denn er legte
die Sense hin und wankte zur Seite in den Schatten des Gebsches, bei welchem
die Gste eben gestanden hatten; da schrie der zornige Vogt: Tut's die Gerte
nicht, so soll dich die Peitsche lehren. Er lief eine Wegstrecke zurck, wo
sein Pferd angebunden war, um dort die Lederpeitsche zu holen. Der Magister,
gekrnkt durch die wilde Drohung, fhrte seine Begleiter mit starken Schritten
von der Stelle weg. Anna aber wandte sich nach einer Weile um, denn Georg fehlte
in der Gesellschaft. Sie sah den Weikittel wieder tief gebckt mhen und wie
der Vogt mit geschwungener Peitsche auf ihn losfuhr, aber im nchsten Augenblick
stand der Mher hoch aufgerichtet, sprang gegen den Vogt, ri ihm die Peitsche
aus der Faust und hieb ihn mit seiner eigenen Waffe jmmerlich durch. Es war
Georg in Mtze und Kittel des Bauern. Du sollst fhlen, du wster Tropf, da
Hiebe weh tun, rief er, nimm dies, weil du einen Freien geschlagen hast, und
dies, weil du einen Alten geschlagen hast, und dies, weil du ein hartherziger
Tyrann bist. Der Vogt brllte unter den Streichen, die Arbeiter standen still
und sahen einander frohlockend an. Matz Hutfeld verga seine Ruhe und lief
herzu. Das sollst du ben, rief er seinen Mitschler an.
    Halte dich zur Seite, junger Brgermeister, gebot Georg mit gerteter
Wange, verklage mich bei deinem Vater. Dir aber, Meister Vogt, rate ich, deine
Rache an mir zu nehmen und nicht an dem Alten, denn wenn du ihm nur ein Haar auf
seinem Haupte versehrst, so komme ich zum zweitenmal ber dich und zahle dir,
da du das Aufstehen fr immer vergit. Er warf dem alten Manne, der hinter
einem Busche auf den Knien lag, Kittel und Mtze zu und schritt ohne Gru nach
dem Hofe. Gleich darauf sahen die Gste ihn heimwrts reiten. - Das war ein
klgliches Ende der Kollation. Matz enthielt sich nicht, mit bleichem Gesicht
gegen den entfernten Georg loszuziehen, aber Lips Eske fand diesmal frher Worte
als der Magister und sagte: Httest du dem Vogt seine Bosheit gewehrt, wie du
wohl konntest, so wre Jrge nicht in seinen Zorn verfallen.
    Verstrt kehrte die Gesellschaft zurck und brach nach einigen hflichen
Reden, welche die Bewegung verbergen sollten, zur Stadt auf. Georg aber dachte,
als er heimritt: ihr schafft es kein Glck, mit mir ber Land zu reisen. Sie sah
erstaunt aus ihren groen Augen auf mich, ich habe sie gewi wieder durch mein
jhes Wesen erschreckt. Und doch kam mir ein, da ihr ganz recht sein wrde,
wenn ich den Vogt abstrafte. Es ist mglich, da ich wegen des Handels wieder
vor den Rat komme, ungern bemhe ich die alten Herren. Ob Matz jetzt noch einmal
aus der Feldschlange schieen lt? Aber: da ich den Vogt gestrichen hab', das
freuet mich von Herzen. Dieser Satz gefiel ihm sehr, und er sang ihn zuerst nach
der Weise: Tannhuser war ein Ritter gut, und darauf wie das Lied: Frisch auf,
du schne Sommerszeit, und endlich nach dem Schlo in sterreich.
    Er kam zufriedener nach Hause, als er ausgeritten war, und beschlo, whrend
er das Pferd in den Stall fhrte, seinem Vater keine Mitteilung zu machen. Nur
nicht voreilig, sagte er mit klugem Bedacht.
    Als der Magister das Museum betrat und das zurckgelassene Wachtel seine
Brillenglser anbellte, brach er ein langes Schweigen mit den Worten: Nicht du
solltest Ajax heien, sondern ein anderer. Ich bin in groer Sorge um den
zornigen Georg, und er vernahm mit Erstaunen, da Anna heftig antwortete: Auch
ich htte den Vogt gestraft, wenn ich ein Mann wre. Sie war den Abend
schweigsam, beeilte den Gutenachtgru und ging in ihre Kammer. Dort warf sie ihr
Regentuch zur Seite, und die helle Freude flog ber ihr Gesicht. Wilder Georg,
sprach sie leise vor sich hin und wiederholte oft die Worte, sie ffnete das
Fenster und sah hinaus nach der wsten Sttte der Ordensburg. Da fiel ihr alles
ein, die Lieder und die groe Musika, welche dort in den ersten Wochen erklungen
waren, die Geduld, mit welcher er seit der Zeit um ihre gute Meinung geworben
hatte, und seine Freude, als er im vorigen Jahr mit ihr zusammen sang. Auch der
dreiste Arm, den er damals um ihre Hfte gelegt und den sie durch so lange
Strenge gestraft hatte, tat ihr heut gar nicht weh; ja ihr war, als fhle sie
seinen Arm wieder, und sie wandte sich mit freundlichem Blick zu der Seite, wo
sie ihn dachte, sie lchelte nur und sagte vor sich hin: Er ist ein wilder
Knabe. Heut tat er es um meinetwillen, weil ich mich ber den harten Treiber
erzrnt hatte, denn er sah vorher auf mich, ach so warm und treu. In dieser Art
trieb sie es lange, auch als sie die Flechten gelst und ihren Grtel auf den
Schemel gelegt hatte, wollte sie das Fenster noch nicht schlieen. Sie hielt
zuweilen inne und lauschte, um ein Lied aus der Ferne zu vernehmen. Es war
drauen alles still, aber in ihr klang eine holde Weise nach der andern. Und als
sie im Bette lag und die Decke um sich zog, flsterte sie noch lchelnd: Gute
Nacht, wilder Junker, schlafet in Frieden. - Gute Nacht auch der Jungfer Anna.
Sie war ein feines und sittsames Kind, aus Kursachsen oder Meien, und hatte
einen Widerwillen gegen rohe Taten der Mnner, und doch war es ihr Schicksal,
da die Liebe in ihr aufblhte, weil ihr behender Knabe einen andern mit der
Faust bewltigt hatte.
    In den Ratsherren von Thorn wollte eine hnliche Wohlmeinung nicht erblhen.
Matz berichtete dem Vater gehssig gegen Georg. Am andern Tag kam jammernd der
zerbleute Vogt, und die Geschichte wurde ruchbar. Da der Tter und der Herr des
Gutes dem Artushofe angehrten, so ging der Handel vor das Gericht der Brder,
auf deren Bank Marcus Knig neben Hutfeld sa. Diesmal trat Georg keck unter die
Augen seiner Richter, erzhlte den Fall in seiner Weise, beschuldigte den Vogt
und schlo: Hochmgende Herren, Vter und Brder, wenn ich wieder solches
Unrecht sehe, werde ich wieder zuschlagen, was mir auch darum geschehe.
    Da furchte sich die Stirn Hutfelds, und der Burggraf Friedewald mute dem
Dreisten seine Rede verweisen. Wenn der Vogt im Dienst seines Herrn allzu
eifrig war, so stand nicht Euch die Strafe zu, mein Sohn, sondern dem Gutsherrn
selbst.
    Das bekenne ich, hochgebietender Herr, versetzte Georg achtungsvoll,
vielleicht fhlte ich das Unrecht doppelt, da ich auf dem Gute meines Oheims
und Paten war, und ich meinte nichts bles zu tun, wenn ich als ein Mann aus der
Freundschaft des Gutsherrn zur Stelle bewies, da der Brgermeister von Thorn
seine Diener nicht gegen Recht und Gesetz an dem Leibe freier Arbeiter freveln
lt. Habe ich darin zuviel getan, so bitte ich um gndige Strafe.
    Nach den khnen Worten schwiegen alle, Hutfelds Gesicht rtete sich im Zorn,
und er sah finster auf seinen Paten.
    Darauf wurden die Zeugen gefordert. Von dem Magister sah man ab, da er kein
Bankgenosse war, Lips Eske aber sagte genau aus wie Georg, und der Vogt konnte
seine Hitze nicht leugnen, obgleich er viel ber Widersetzlichkeit der Arbeiter
zu klagen hatte, so da die Herren mit dsteren Mienen zuhrten.
    Als die Parteien abgetreten waren, bat zuerst Hutfeld um milde Strafe fr
seiner Schwester Sohn, was manchen wunderte, denn man wute, da er ungern
verzieh. Doch der Burggraf fiel ihm bei. Es wrde dem Hofe in dieser Zeit
verdacht werden, wenn er ber solche Dreistigkeit strenger urteilte als die
Brger; die Leute sind jetzt durch neue Gedanken beunruhigt, und es wird uns
wohl anstehen, zu zeigen, da auch wir einer Bedrckung des gemeinen Mannes
nicht gleichgltig zusehen.
    Darauf erhielt der Vogt einen scharfen Verweis und Georg als milde Strafe
einige Tage Gefngnis in einer Kammer des Artushofes. Dort weilte er ohne
Ungemach, denn Eske und andere gute Gesellen wuten zu ihm zu gelangen, er geno
frhlich in ihrer Mitte allerlei Gutes, das sie ihm zutrugen, und der
Hauswchter brachte ihm sogar einen Topf mit kunstvoll gebrautem Wrzbiere, den
die Stammgste der blauen Marie in der Neustadt ihm wegen seiner
Unerschrockenheit gestiftet hatten. Da merkte Georg, da die Brger ihn wert
hielten, sein Mut stieg hoch, und er wurde ganz sorglos. Nur als er aus der
Klausur nach Hause kam und seinem Vater gegenberstand, fhlte er sich bedrckt.
Denn der Vater warnte ihn in seiner ruhigen Weise: Du trgst deinen Krug
allzuoft zum Wasser, er wird zerbrechen. Diesmal hast du alle Brder gekrnkt,
welche als Herren auf Stadtgtern sitzen, und du hast dir auch in unserer
Freundschaft Gegner gemacht, denn Brgermeister Hutfeld und sein Sohn werden dir
die Krnkung im geheimen nachtragen.
    Verzeiht nur Ihr, Herr Vater, es soll sicher das letztemal sein, da ich
als unbndig gescholten werde.
    Denselben Tag stand Anna allein im Hausgarten. Durch das Laub des
Fliederstrauchs warfen einzelne Sonnenstrahlen goldenen Schein auf ihre langen
braunen Zpfe und auf das feine Rot ihrer Wangen und malten ihr bunte Muster
ber das dunkle Hauskleid. Hoch aufgerichtet hielt sie die gebogenen Zweige mit
der Hand und sah nach einem Vogelnest: Die Kleinen sind ausgeflogen, und ich
werde ihr Gezirp nicht mehr hren; htet euch, ihr Flatterer, da euch die
Menschen nicht einfangen und in ihre Bauer stecken. - Wie ist es doch traurig,
im Gefngnis zu sitzen, wenn die warme Sonne scheint und der wrzige Geruch von
Blumen und Krutern in der Luft schwebt.
    Da lief das Hndlein und bellte, kam zu ihr und zog sie am Gewande. Sie
wandte sich um, an der Auenseite des Zaunes lehnte Georg und sah bewundernd
nach ihr hin. Beiden rteten sich die Wangen hher, als sie einander
gegenberstanden; weil aber Georg, hingerissen von dem Anblick der Geliebten,
stumm blieb, begann sie endlich verlegen: Der Vater wird gern vernehmen, da
Ihr aus dem Gefngnis befreit seid.
    Ihr Gru lste ihm die Zunge. Es war keine schwere Haft, doch war sie nicht
so lustig als der Zaun, von dem Ihr umschlossen seid. Dort kam ich heraus, hier
mchte ich hinein, wenn Ihr es vergnnt.
    Bleibt doch drauen, versetzte sie ngstlich, gute Nachbarn tauschen
ihren Gru auch ber den Zaun.
    Ach, liebe Jungfer Anna, meine Freude wre gro, wenn Ihr mich fr einen
guten Nachbarn hieltet; dem Nachbar reicht man auch wohl etwas Gutes ber den
Zaun. Er schwenkte seinen Hut. Ich wrde frhlicher meine Strae ziehen, wenn
ich einen kleinen Strau aus Eurem Garten auf dem Hut tragen drfte zum Andenken
an dieses Wiedersehen.
    Tragt Ihr einen Strau am Hute, so wissen alle Leute, da eine Magd ihn
Euch gebunden hat, und sie raten, was jedes Kraut und jede Blume fr Euch
bedeuten.
    Vermag doch niemand zu erraten, wer mir den Strau angebunden hat, und jede
Blume, die Ihr mir schenkt, bedeutet fr mich Gutes.
    Mich aber ngstigt, ob ich die rechten whle, antwortete sie befangen.
Dies hier wage ich Euch zu geben, nehmt das Eisenkraut, da Ihr doch ein
strmischer Junker seid, und sie bot ihm den blhenden Stengel ber den Zaun.
    Wie einen wilden Kriegsmann behandelt Ihr mich, sprach Georg, den Stiel
haltend. Ich bitte herzlich, tut noch etwas Wohlriechendes hinzu, Salbei und
Muskatkraut, damit ich Eure gute Meinung erkenne.
    Sie bckte sich zu den Beeten. Nehmt auch noch die Sternblume, sie deutet
auf die Sterne und da die Geberin Gutes fr Euch erfleht, und sie wand ihm das
Bschel mit einem Halm zusammen.
    Er hob frhlich den Hut. Gesegnet sei der Garten, und gesegnet sei die
Jungfrau darin, und mir sei es gute Vorbedeutung, da ich Euch zuerst hier
wiedersehe, allein, in freier Luft, wo die Vgel fliegen und die Sonne lacht.
    Mit Recht lobt Ihr den Garten, sagte Anna, um seine verklrten Augen von
sich abzulenken, denn ist der Raum auch nur klein, er birgt doch ein Wunder des
Sommers, seht dorthin. Die Rosenzeit ist lngst vorber, und wenn ein Knig
seine Boten aussenden wollte nach einem Rosenkranze, er wrde weit umher suchen
mssen, hier aber trgt ein Stock zum zweitenmal seine Blte. Sie wies nach der
Seite.
    Ihr sagt es, da die Rose blht, versetzte Georg bekmmert, aber fr
einen, der drauen steht, ist sie vom Baumlaube verdeckt.
    Da rhrte Annas Hand leise an der Gittertr, Georg sprang herein; sie trat
zurck und wies nach der Blume. So standen sie im Garten, beiden bebte das Herz
in Ahnung und freudigem Bangen, und beiden war der Blick wie mit einem Flor
verhllt und die Wange in freudigem Schreck verblichen. Sie traten zu der Rose,
die am Gipfel des Strauches im Halbschatten leuchtete, und Georg begann leise:
Wo eine Rose einsam steht, da ist hier Brauch, da man ihr Vertrauliches
offenbart. Und wenn eines dem andern etwas zu sagen hat und die Scheu beim
Anblick des andern die Lippen schliet, dann wenden sich beide voneinander ab
und sprechen zu der Blume. So tue ich hier.
    Anna wandte sich ab und faltete die zitternden Hnde.
    O liebe Rose Jungfer Anna, seit Jahr und Tag bin ich Euch gut und trage
meine Sehnsucht still im Herzen. Einst war ich ein frecher Knabe gegen Euch,
aber die Liebe hat meinen Sinn gewandelt; auch wenn Ihr streng gegen mich wart,
seid Ihr mir immer lieber geworden, das Hchste seid Ihr mir, was ich auf der
Erde habe, ich scheue Euch und ehre Euch und frage unablssig, was Ihr von mir
denkt. Lat's Euch gefallen, da ich Euch im Herzen trage, seht mich freundlich
an mit Euren treuen Augen und sprecht auch milde Worte zu mir, denn ich lebe in
Unglck und Verstrung, wenn ich denke, da Ihr mir zrnt. In tiefen Atemzgen
bebte seine Stimme, und bei dem zitternden Klange pochte das Herz des Weibes;
sie stand unbeweglich und als er schwieg, antwortete sie fast unhrbar mit
bebenden Lippen: Ich sah, wie die Knospe aufscho, und ich sah, wie die roten
Bltter aus der Hlle brachen, und jetzt, da die Rose blht, mu ich sorgen,
fallen die Bltter in der Nacht, oder wird sie morgen noch blhen?
    Da wandte sich Georg zu ihr und rief: Die Rose kommt und welkt in wenigen
Tagen, mir aber wurde die Jungfrau lieb fr mein Leben, und wenn ich sie missen
mu, will ich nimmer leben.
    Auch sie sah zu ihm auf, ihre Augen strahlten von Liebe und Zrtlichkeit,
aber sie hob die Hand abwehrend gegen ihn und sprach tonlos: Liebt Ihr mich und
ehrt Ihr mich, so flehe ich, da Ihr geht.
    Und der wilde Knabe ging.
    Aber der liebste Gang war ihm fortan in die Nhe der alten Burg. Dort sa
der Magister zuweilen nach der Lektion im Schulgarten, und da er bei Georg eine
besondere Ehrfurcht vor diesem Aufenthalt erkannte, so lud er ihn eines Tages
ein, im Garten gewissermaen zwanglos lateinische Reden zu ben, und er freute
sich, da die bungen ganz nach dem Herzen seines Schlers waren, denn Georg kam
seitdem regelmig. Zuerst verlief die Stunde lateinisch, dann brachte Anna dem
Vater sein Vesperbrot herab, und der Magister forderte seinen Schler auf,
mitzuessen. Glckselig saen die drei zusammen; es war ein stiller,
abgeschlossener Raum, der nicht durch die Augen der Nachbarn zerstochen wurde,
und nur zuweilen verriet sich die Gesellschaft dem Volke der Gassen, wenn Georg
nicht vermeiden konnte, zur Laute zu singen. Doch tat er das selten, denn Frau
Lischke, die jetzt ganz auf seiner Seite war, warnte ihn verstndig, damit dem
Hause keine ble Nachrede entstehe.
    Bald wurde er der Vertraute bei einem geheimen Vorsatz des Magisters. Denn
an einem friedlichen Nachmittage begann dieser: Da wir hier zu dreien
versammelt sind, so will ich ein Kollegium erffnen, du, Regulus, und du, Kind
Anna, ihr sollt meine Berater sein. Nmlich der neuliche Ehrentag hat mich,
obwohl er jmmerlich auslief, doch wieder an meine Pflicht erinnert wegen eines
kleinen Gedichtes zur Weihnacht. Hannus ist willfhrig, einen Bogen drucken zu
lassen. Aber nur unter einer Bedingung, sagte er: Die ganze Welt ist jetzt nach
deutschen Bchlein begierig, das Lateinische vermgen nur wenige zu lesen. Wenn
ich einen Bogen Deutsches erhielte, so knnte ich mich fr die Kosten daran
erholen, und etwas Deutsches wrde auch Euch, Herr Magister, den Thornern wert
machen, vornehmlich, wenn es einfltiger wre und fr die kleinen Leute. Er wies
mir einen Holzstock, der ihm einmal zugekommen ist, darauf das Kind in der
Krippe, Maria und Joseph, dabei chslein und Esel, Mond und Stern. Und er rhmte
sich und mich, indem er sagte: Schreibt Ihr dazu etwas, so kann keiner
widerstehen. Heut nun erinnerte ich mich an unsere Fahrt im vorigen Jahre zu
dir, Regulus, welche vergnglicher war, als die letzte, und ich bedachte, wie
jmmerlich unkundig in der heiligen Geschichte das Volk hier dahinlebt. Darum
will ich diesmal den Brgern ganz schlicht aus Matthus und Lukas die Kapitel
von der Geburt des Herrn zusammenfgen und in gemeines Deutsch bertragen. Es
ist keine vornehme Arbeit, und mancher wird es als Pfaffenwerk geringachten,
jedoch es luft unter anderem mit. Das ist meine Absicht; nun sagt ihr Kinder
auch eure Meinung.
    Da fiel Georg sogleich mit warmen Worten bei, aber Anna schttelte den Kopf.
Vater, wer kann wagen, die heiligen Worte in Deutsch zu verknden, wenn er
nicht geistlich und nicht in der Kirche angesehen ist. Die Pfaffen werden Euch
jedes Wort aufmutzen, und ich frchte, Herr Vater, Euch selber wird jedes Wort
schwer auf dem Gewissen liegen, ob Ihr den Leuten alles richtig erklrt.
    Daran hatte der Magister nicht gedacht, und der Einwurf fiel ihm auf das
Herz. Es gibt jetzt andere, die noch Greres wagen, antwortete er endlich;
und die kleinen Bnkelsnger singen ja auch zuweilen ein Lied darber, im
Notfall kann ich meinen Namen weglassen, und obgleich ich's nicht gern tue, kann
ich die Arbeit auch vorher unserm Pfarrer von St. Johann unterbreiten. So
beschlo er die kleine bersetzung aus dem Griechischen, und Georg war sehr
bereitwillig, ihm Bcher zu werben und heranzutragen.
    Als der Nachtfrost das Grn des Gartens verdarb, wurde die gelehrte
Unterhaltung in die Stube des Magisters verlegt. Hier war die Freude Georgs noch
grer, wenn er zusah, wie sicher Anna in der Wirtschaft waltete, wenn sie sich
im Gesprch vertraulich zu ihm wandte wie zu einem alten Freunde, und wenn er
einmal wagte, einen Augenblick ihre Hand zu halten. Dann trieb auch er Possen
wie ein kleiner Knabe, erzhlte lustige Geschichten, und ein herzerfreuendes
Lachen froher Menschen klang von den Wnden zurck. Nie hatte der Jngling bis
dahin das Glck empfunden, welches die Anmut einer Frau im Haushalt verbreitete,
jetzt sah er die Geliebte an seiner Seite und fhlte den seligen Frieden in
seinem Herzen. Und oft verstummte er pltzlich und sa in seinem Entzcken
schweigsam mit heien Wangen. Er half auch treulich bei der bersetzung des
Weihnachtsevangeliums, wenigstens als Zuhrer. Der Magister begann siegesgewi,
aber whrend der Arbeit wurde er immer unsicherer, er strich und nderte, klagte
ber die ungefge deutsche Sprache alter bersetzungen, die ihm Georg aus den
Bchern einiger Ratsherren verschafft hatte, und war, wie Anna vorhergesagt, in
seinem Gewissen beschwert, ob er die Worte geschickt deute und auch den
Geistlichen kein rgernis gebe. Als er endlich den Druck der wenigen Seiten
austrug, fand er diesmal Widerspruch, die Brger zwar kauften das Blatt, aber
seine vornehmen Gnner sahen unzufrieden auf die geistliche Arbeit, welche nicht
seines Amtes gewesen sei, und vollends die Mnche von St. Nikolaus wollten das
Werk gar nicht loben und warnten ihre Getreuen davor. Da war in seinem rger
Georg der beste Trost, denn diesem gefiel jedes Wort, weil Anna mit ihrer klaren
Stimme das ganze Bchlein an dem Abende, wo es dem Magister zukam, vorgelesen
hatte.
    Und da Georg bedachte, da die Verhandlung Annas mit Dorfkindern auf dem
vterlichen Gute die ersten Gedanken zu der Arbeit gegeben hatte, so bat er um
den Bogen, aus welchem die Jungfrau vorgelesen hatte, faltete ihn eng zusammen
und barg ihn mit den trockenen Blten ihres Straues an seiner Brust.
    So kam und schied der Winter. In der Kammer des Vaters sah Georg jetzt
gefurchte Stirnen, Marcus sa oft in finsterm Nachdenken, und auch der
schweigsame Gehilfe konnte stillen Kummer nicht verbergen, Handwerker aus der
Neustadt erschienen im Hause, mit denen der Vater sonst nicht verkehrt hatte;
sogar der Stadtschreiber Seifried, der wegen seiner bsen Zunge im Artushofe
nicht gut beleumdet war, kam zu geheimer Unterredung, und Georg merkte, da der
plumpe Gesell einmal einen groen Beutel Geld unter seinem Mantel hinaustrug.
Ihm galt das wenig; auch was von den Weltluften erzhlt wurde, vernahm er ohne
Sorge; da der Knig und der Hochmeister nicht mehr Krieg zu fhren vermochten
und doch Frieden nicht schlieen wollten, da ein Waffenstillstand im Werke sei
und da fr die nchsten Jahre alles bleiben solle, wie es vor dem Kriege
gewesen. Als diese Nachricht zuerst im Artushofe verkndet wurde, sah er, da
sein Vater finster lchelte, und wunderte sich, da der Alte zum Aufbruch ihn an
seine Seite rief und sich beim Heimgange auf seinen Arm sttzte, was er vorher
nie getan hatte. Einen Augenblick ngstigte ihn das, aber er schlug sich's gern
aus dem Sinn, denn sein junges Leben stand zum erstenmal unter der Herrschaft
einer groen Leidenschaft, und alle seine Gedanken flogen der einen zu, von der
er jetzt wute, da sie auch ihn im Herzen trug.

                       Auf dem Kirchhofe von St. Johannes


In der kleinen Stube des Buchfhrers saen der Magister und Anna als geladene
Gste. Hannus, der einsam in seinem Hause wohnte, machte selbst die Bedienung,
putzte das Licht, fllte die Glser, lobte Anna, da sie ihm beistand, das
Tischtuch aufzulegen und die Teller zu setzen, und erwies seinem Besuche jede
gebhrende Ehre. Denn der Gelehrte war ihm eine wichtige Person geworden, weil
er nicht nur kaufte, sondern auch anderen mit Wrme empfahl. Unterdes sah der
Magister unruhig nach einem groen eisenbeschlagenen Kasten in der Stubenecke.
Dort liegt die Arbeit der Weisen und der Esel friedlich zusammen.
    Wenn mir Jungfer Anna den Tisch rcken hilft, sagte Hannus lchelnd, so
will ich Euch als einem vertrauten Manne und guten Freunde meinen Schatz
offenbaren. Er hob den Deckel. Es ist alles neue Sendung.
    Der Magister griff nach den obersten Blttern. Wieder neue Zeitungen, rief
er bewundernd. Es erscheinen jetzt jedes Jahr solche Bogen, und man erfhrt,
was an den Enden der Welt vorfllt, beim Trken und Spanier. Die nchsten Hefte
schob er unzufrieden beiseite. Die leidigen Prophezeiungen.
    Auch diese helfen einem redlichen Hndler, trstete Hannus, sie sind den
Leuten um so lieber, je mehr Unheil sie verknden. Wie ich hier sitze, habe ich
zweimal den Untergang der Welt erlebt. Aber den harten Kpfen der Leute ist die
Furcht heilsam, sie denken an ihre letzte Rechnung und werden barmherziger.
    Sie essen auch ihre Wrste vor Weihnachten auf und mssen, wenn die Welt
nicht untergeht, im neuen Jahre fasten, versetzte der Magister aufsehend. Was
gibt es hier Gutes? fuhr er fort und las den einen Titel: In diesem Bchlein
wird bewiesen, da der Apostel Petrus niemals in Rom gewesen ist. Er lachte
vergngt: Ob der Rat dies fr gefhrlich hlt?
    Dem Rat fehlt es nicht ganz an Einsicht, beruhigte Hannus, Lischke war
mehr als einmal hier, er kam immer des Abends, klopfte an den Fensterladen und
wartete drauen, bis ich ihm einen Trunk zurechtgestellt hatte. So machte
sich's, da ich vor der Obrigkeit bestand.
    Auf der Strae drhnten schwere Tritte, es pochte am Fenster, und eine
Stimme befahl: Hannus, ffnet, ich komme auf Befehl des Rats. Der Buchfhrer
sprang erschrocken auf und fuhr mit beiden Hnden in den Kasten, hob einige
kleine Ballen heraus, lief in die Kammer und versteckte sie unter die Kissen des
Bettes, indem er rief: Ich komme, Lischke. Zgernd ffnete er die Haustr,
aber er fuhr entsetzt zurck, als er bei der Laterne des Ratsboten blinkende
Hellebarden und die grimmigen Gesichter fremder Trabanten erkannte. Klirrend
trat der Pole Pietrowski ein, hinter ihm zwei Mnche, und einer davon war Pater
Gregorius. Dieser begann feindselig: Der hochwrdige Legat des Heiligen Vaters
gebietet Euch, Euren ganzen Kram aufzulegen, damit wir untersuchen, ob Ihr die
Verbote der heiligen Kirche und das Edikt des Knigs beachtet habt. Der Pole
aber befahl, an seinen Sbel fassend: Wer nicht in dieses Haus gehrt, der
weiche von hinnen, und er blickte heut fremd auf Jungfer Anna und ihren Vater.
    Macht fort, raunte Lischke ngstlich dem Magister zu, denn es wird
diesmal ein groes Unglck. Da trat der Magister traurig zu dem Buchfhrer,
welcher gebeugt mitten unter den Feinden stand, drckte ihm teilnehmend die
Hand, wechselte noch einen feindseligen Blick mit dem Frauenbruder und verlie,
die Hand seiner Tochter fassend, das Haus des Heimgesuchten.
    Am nchsten Morgen sprach Frau Lischke die Treppe hinauf zu Anna: Ich wei
alles, nur da ich nicht reden darf, weil es Geheimnis des Rates ist. Hannus ist
sonst ein redlicher Nachbar, aber seine Verwegenheit hat ihn ins Unglck
gestrzt. Ob es ihm an den Leib gehen wird, wute Lischke noch nicht, aber sein
ganzer Kram ist verloren. Warum hat er die verbotene Ware in seiner eigenen
Stube verhalten, wie eine Braut ihre Ausstattung? Und er hat doch einen
Gnsestall; unter den Gnsen htte kein Pole nach Bchern gesucht.
    Wit Ihr, wohin sie die Bcher geschafft haben? fragte Anna.
    Frau Lischke kam die Treppe herauf: Verratet's nicht, denn das Grte steht
noch bevor; die Kiste ist zu den Predigermnchen gefhrt, obgleich der Handel
vor den Rat gehrt htte. Die Bischfe selbst nehmen sich der Sache sehr an;
wenn Ihr heut abend hellen Schein vom Kirchhofe seht, wo der Hannus sonst seinen
Stand hatte, so macht ein Kreuz und denkt, da die Mnche Ketzerei brennen.
    Anna trat erschrocken zurck und rang die Hnde, die Hausfrau fuhr fort: So
war auch mir, als ich's erfuhr, und ich sagte zu Lischke, wenn die geistlichen
Vter brennen und nicht der Rat, so geht dich die Sache vllig nichts an, und du
bleibst zu Hause. Er aber behauptete: Ich mu hin. Ihr mgt denken, da ich
deshalb in ngsten schwebe, denn auch er kann sich an solchem Holzsto das Wams
versengen.
    Anna ging traurig in die Kche zurck, sie empfand tief die Krnkung, welche
der neuen Lehre bereitet wurde, und dazwischen kam ihr heie Angst, da dem
Vater eine Gefahr drohe; sie dachte auch, da es ihm leidvoll sein werde, wenn
einer von den Schlern, vielleicht ein kleiner, vielleicht ein groer, sich
vermessen an das nchtliche Werk der Dunkelmnner wage. Die Hnde flogen ihr
zwischen den Tpfen, und das Essen war lngst fertig, als das Mittagsgelut die
Schulstube leerte. Der Magister sa heute trbe ber seinem Teller, whrend Anna
begann: Sagt mir, Herr Vater, haben die alten Rmer auch Bcher verbrannt, die
ihnen nicht gefielen?
    Selten, versetzte der Magister. Die weise Sibylle verbrannte Bcher, aber
das waren ihre eigenen, und es hatte niemand dareinzureden. Doch warum fragst du
so? Es ist ein trauriger Streit, den heutzutage der Holzsto gegen das Feuer des
Geistes fhrt, und lange haben die Ppstlichen an guten Bchern greulichen Mord
gebt, bis die Wittenberger ihnen die richtige Antwort gaben, indem sie die
Bannbulle verbrannten. Mit den Bchern erffnen die Mnche den Brand, aber mir
ahnt, bald werden die Leiber redlicher Bekenner auf dem Scheiterhaufen brennen.
    Wenn die Mnche am Abend den Kram des Hannus anznden, so knnen sich Eure
Schler unntz machen, und Euch wre leid, wenn deshalb einer vor den Pfaffen in
Not kme.
    Der Magister legte seinen Lffel weg und sah starr auf die Tochter, bis ihm
diese die ganze Neuigkeit erzhlte. Ich frchte, Herr Vater, schlo sie
bekmmert, obgleich Ihr die Knaben in strenger Zucht haltet, so sind doch
einige darunter vorwitzig, am meisten die groen.
    Diese bescheidene Warnung hatte zur Folge, da der Magister am Ende der
Nachmittagslektion seinen Schtzen einschrfte, sich von allen Auflufen
fernzuhalten, und er drohte, jeden von der Schule auszuschlieen, der heut auf
der Strae umherschweifen werde. Er htte ebensogut den Sperlingen auf dem
Fliederstrauch verbieten knnen, um die Marktwagen zu hpfen. Als darauf die
groen Schler kamen, wurde er deutlicher und stellte die Frage zur Disputation,
wie sich ein Humanist verhalten solle, wenn Obskuranten an den Schriften eines
verehrten Mannes durch Brand und Feuer frevelten. Aber er erhielt von keinem die
Antwort, welche er begehrte. Matz Hutfeld empfahl Klage beim Rat, Lips riet zu
einem Gegenfeuer mit den Werken der Dunkelmnner, und Georg wollte gar durch
Hebebume und starke Fuste die Brenner verscheuchen. Der Magister hatte
schweren Stand, als er bewies, da einem Deutschen, der durch die lateinische
Schule aus der heimischen Roheit herausgehoben sei, nichts so sehr gezieme als
ruhige Verachtung der Auguren; und er selbst konnte nicht vermeiden, da seine
Augen zornig funkelten und seine Hand schwer auf den Tisch schlug, whrend er
die Schler beschwor, sich zu Hause zu halten, wenn ja in ihrer Nhe ein solches
Feuer aufbrennen sollte.
    So war wirklich das mgliche geschehen, um die Schule vor dem Lrm der
Strae zu bewahren. Dennoch wollte das Schicksal, da gerade diese Vorsorge
Lehrer und Schler dem lodernden Feuer nahebringen sollte. Von den Schtzen
dachte keiner an das Pensum fr morgen, sie schwrmten wie die Hummeln um das
Kloster der Predigermnche und an den Pforten zwischen Altstadt und Neustadt,
und sogar Georg, der mit seinem Gesellen Lips eine Unterhaltung beim Bassettel
verabredet hatte, schlug vor, heut auf die Musik zu verzichten.
    Wir wissen, da es nicht gut ist, den geistlichen Herren in den Weg zu
laufen, mahnte Lips, ihn bedeutsam anblickend.
    Georg nickte: Auch ich will unsern Magister nicht krnken und nur aus der
Ferne zusehen.
    Es war ein milder Frhlingstag gewesen, das Abendlicht vergoldete die Trme
von St. Johannes, unter dem hellen Himmel lag der Kirchhof in rtlicher
Dmmerung, aus welcher einzelne Kreuze und Steintafeln hervorragten. Die Brger
trieben in froher Bewegung umher. Denn die Mehrzahl der polnischen Herren,
welche so lange unter ihnen gelegen hatten, war am Morgen mit dem Knige
abgeritten, und sie freuten sich, wieder Herren in ihren Husern zu sein. Zuerst
hatten sie den guten Verdienst gelobt, welchen sie von den Fremden zogen, dann
war die Last und Unordnung grer geworden als die Freude, und zuletzt erschien
das Einlager den meisten ganz unertrglich. Heut verglichen sie Gewinn und
Nachteil, suberten ihre Huser und eilten zum Tisch ihrer Schenke. Das junge
Volk aber trieb auf dem Markte und den Gassen dahin wie an einem Festtage, viele
im Sonntagsschmuck. ber den Kirchhof erklang frohes Geschrei der spielenden
Kinder, um die Mauer saen die Erwachsenen, hier sang ein munterer Brgersohn
zur Laute, und die Frauen seiner Bekanntschaft sangen den Kehrreim mit, in der
andern Ecke schnarrte ein Dudelsack, und leichtes Volk sprang zwischen den
Grbern zusammen und ordnete sich zum Reigen. Es wuten nicht viele Leute von
dem, was bevorstand, aber durch die einzelnen Haufen ging ein Summen, die Zahl
der Anwesenden war viel grer als sonst wohl, und die Schtzen der lateinischen
Schule steckten ihre Kpfe hinter den Kirchenpfeilern hervor, bald auf das
Abenteuer des Abends lauernd, bald ngstlich nach dem Herrn Magister sphend.
    Auch fr die Herren des Rats war es ein festlicher Tag, gegen Gewohnheit
saen sie noch spt versammelt. Die Brgermeister hatten den Knig bis an die
Grenze begleitet und freuten sich jetzt, seine letzten huldreichen Worte vor dem
Rat zu wiederholen und, was allen wichtiger war, die Urkunden, welche der Knig
beim Abschied der Stadt verliehen, feierlich in die eiserne Truhe
einzuschlieen. Denn da der Knig oft auf Kosten der Stadt gelebt hatte und ein
sehr teurer Gast gewesen war, so hatte er als Gegengabe der Stadt auch Groes
gewhren mssen, indem er Neues schenkte und alte Vorrechte besttigte, und
beide Teile hatten darauf geachtet, da die Gaben der Stadt und die Bezahlung
nicht ungleich waren; der Knig nahm's nicht von seinem eigenen, und die
Mitglieder des Rats erhielten durch seine Begabung greren Vorteil als andere
Brger. Als nun der Burggraf die Anwesenden auf die Sthle lud, um die Sitzung
aufzuheben, da fing einer der jngsten Ratmnner von dem Buchfhrer Hannus an
und von Wegnahme der Bcher, und Lischke, der bei der Tr stand, merkte als
vorsichtiger Beobachter groer Herren, da diese Erwhnung den anderen ungehrig
erschien. Denn zgernd sprach Herr Friedewald: Der hochwrdige Legat hat
gestern den Ratsboten gefordert, um in geistlichen Dingen bei einem Brger zu
untersuchen. Was er etwa gefunden, ist nicht vor uns gebracht worden; vielleicht
ist es dem Rate genehm, da er nicht gentigt wird, zu prfen, ob ein Brger
gegen des Knigs Mandat gefrevelt habe. Wir vermgen den Hannus nicht zu
bestrafen, wenn die verbotene Ware nicht vor unsere Augen kommt, weil sie
anderswo liegt, oder weil sie gar verbrannt wird.
    Aber der heftige Ratmann gab sich nicht, sondern fuhr fort: Soll der Rat
von Thorn dulden, da Habe und Gut eines Brgers ohne Urteil und Recht von den
Pfaffen geraubt wird?
    Darauf antwortete wieder Herr Friedewald bedchtig: Ob der Rat das dulden
mu oder nicht, darber, Herr Kumpan, werden wir erst befinden, wenn Meister
Hannus vor uns eine Klage gegen die ehrwrdigen Vter oder gegen wen sonst
erhebt. Zur Zeit wissen wir nichts. Nach diesen Worten mahnten die Herren den
Unruhigen durch Blicke, da er schweige, aber dieser brach zum drittenmal los:
Und heut abend soll ein Feuer brennen, welches in der Stadt unerhrt ist; es
kann ein Unglck geben, denn in den Kpfen arbeitet Widersetzlichkeit.
    Darauf gab der Burggraf gar keine Antwort mehr, und Hutfeld fragte:
Widersetzlichkeit? Nicht gegen uns. Ihr selbst habt die Feuerwache, Herr
Kumpan, vielleicht seht Ihr heut nach den Tonnen, worauf die Sitzung eiligst
aufgehoben wurde. Daraus entnahm Lischke, da der Rat sich nicht einmischen
wollte, und als Brgermeister Hutfeld bei ihm vorberschritt, wagte er die leise
Frage: Wenn ich heut abend nach St. Johannes gehe, soll ich von den Sldnern
der Stadt mitnehmen? Aber er vernahm die strenge Gegenfrage: Hat jemand
Bewaffnete gefordert oder erbeten? Deshalb beschlo er, seinen eigenen Mut
ebenfalls zu bndigen.
    Vor dem Kloster der Predigermnche harrte erwartungsvoll die Menge. Die
Klosterpforte war heut weit geffnet und hell erleuchtet, Mnche liefen
geschftig aus und ein, und es war ein Verkehr in dem frommen Hause wie in einer
Herberge. Aus der Altstadt kam in feierlichem Zuge Bischof Zacharias, Legat des
Heiligen Vaters, er sa prchtig auf einem grauen Maultier, das mit seidener
Decke und mit vielen bunten Quasten geschmckt war, er selbst ein hagerer Mann
mit einer dnnen Nase und schielenden Augen, der hochmtig und quer ber die
gefurchten Gesichter der Brger wegsah; vor ihm schritten vier Trabanten in
roten Wmsern, welche das sumige Volk durch die Schfte ihrer Hellebarden
unsanft aus dem Wege trieben, zur Seite liefen zwei Knaben in buntem Festkleide,
und hinter ihm zog eine lange Reihe von dienenden Geistlichen und Beamten. Die
Leute lachten, wenn einmal das Maultier strker ausschritt, und die frommen
Vter mit gesenktem Haupt und gefalteten Hnden hinterhertrotteten. Aber das
Gelchter verstummte, sooft der Pole Pietrowski mit seinen bewaffneten
Begleitern den Zug entlang sprengte, denn die Polen ritten schonungslos gegen
den Haufen als verwegene Gesellen, welche die adlige Feder auf ihren Pelzmtzen
nicht zum Scherz trugen. An der Klosterpforte wurde der Legat von dem Prior und
den knienden Brdern empfangen, er bewegte nachlssig die Hand zuerst ber sie
und streute dann den Segen ber die Haufen der Zuschauer, von denen viele die
Hupter nicht entblten. Gleich nach ihm kam in hnlichem Aufzuge, nur ohne
Trabanten, der Bischof von Kaminiez, den die Thorner Stampe nannten, weil er
kurz und dick war wie ein solches Trinkglas, die kleinen Augen in seinem roten
Angesicht waren durch die schweren Lider fast ganz zugesperrt, denn das
Fackellicht tat ihnen seit dem letzten starken Trunke weh. Schwerfllig plumpte
er von seinem Gaule und wankte in das Kloster. Hinter den groen Herren drngte
das Volk bis an die Pforte, staunte ber die roten Trabanten und verlachte die
gekrausten Lappen an ihren Gewndern. Als aber der gefrchtete Vater Gregorius
am Eingange sichtbar wurde, schwieg alles erwartungsvoll; ein Mnch eilte
geschftig um die Ecke und brachte einen greulichen Zug heran, den Henker Hans
Buck mit seinem Knechte, und der Knecht fhrte eine elende Mhre herbei mit
einer Schleife, auf welcher eine Kuhhaut lag. Da Hans Buck vor die Augen des
Paters trat, rckte er unbehilflich an seiner Mtze und vernahm die Anrede: Du
bist geladen zur Hilfe bei frommem Beginnen, und dein Dienst soll dir in diesem
und jenem Leben helfen. Bist du bereit, den Holzsto zu schichten und Werke des
Teufels darauf zu brennen?
    Es wre nicht der erste Holzsto, an den ich die Fackel halte, versetzte
Hans Buck mit Selbstgefhl. Er stand vierschrtig da und sah aus seinen scharfen
grauen Augen dem Pater unerschrocken ins Gesicht. Von welcher Art ist der
Teufelskram, den Ihr abtun wollt?
    Es sind ketzerische Bcher, von der heiligen Kirche fr todwrdig erklrt,
du sollst ihnen zu feurigem Ende verhelfen.
    Papier brennt leicht, nur da die Asche weit fliegt, versetzte Hans
vorsichtig. Ich denke, da dies freiwilliger Dienst ist, der nicht fr meine
Schuldigkeit gilt.
    Nicht umsonst fordern die Heiligen deine Hilfe; entble dein Haupt, Mann,
und empfange hier fr dich und deinen Knecht, was dich von dem Hllenfeuer lsen
mag.
    Hans lftete wieder die Mtze und nahm zwei Ablazettel, die ihm der Pater
wie einem Ausstzigen mit spitzen Fingern darbot. Hans hielt das Papier gegen
das Licht der Fackeln. Es sieht aus wie mein Name; kommt's dem Feuer zu nahe,
so verfliegt auch dies zu schwarzer Asche, sagte er schlau. Doch man kann
nicht wissen, wozu es gut ist, und er steckte das Papier in sein Wams. Zeigt
mir meine Ladung.
    Der Pater winkte, die Mnche rollten einen groen Ballen herzu, der mit
roten und schwarzen Stricken verschnrt war. Es war im Volk lautlose Stille, als
die Mnche den Ballen auf die Kuhhaut wlzten. Aber gleich darauf erhob sich ein
tiefes Summen, Gelchter und lautes Geschrei. Denn ein junger Mnch trug einen
Stock mit eisernem Stachel herzu, an welchem eine lebensgroe Puppe mit
Teufelshrnern befestigt war; auf die Brust der Migestalt war der Name eines
Mannes geschrieben, und in dem ausgestreckten Arme hielt sie einen Holzschnitt,
welcher das Gesicht desselben Mannes darstellte. Es war das Bild, welches jeder
Thorner whrend der letzten Monate an dem Brettergestell des Buchfhrers Hannus
gesehen hatte und das in manchen Husern heimlich bewahrt und guten Freunden
gezeigt wurde. Der Mnch stie die Stange in den Ballen, so da die teufliche
Gestalt von jedermann gesehen wurde. Als die Nahestehenden allmhlich beim roten
Fackellicht den Namen und das Bild erkannten, wichen sie zurck, und dem
Gelchter folgte ein dumpfes Gemurr, aber auch dies verstummte, als Pater
Gregorius einen Schritt auf die Menge zutrat und mit gehobenen Augenbrauen
hineinblickte. Vorwrts nach dem Kirchhof, gebot er dem Henker.
    Doch Hans Buck stemmte die gespreizten Beine auf den Grund und sah sich den
Teufel an. Der Dienst ist freiwillig, antwortete er endlich; von dem
schwarzen Butzemann war vorhin nicht die Rede.
    Willst du mit den Heiligen um deinen Lohn feilschen? fragte der Pater
zornig.
    Ich bin Scharfrichter von beiden Stdten, welche Thorn heien, und ich bin
Diener des Rates; ein Menschenbild, ob es lebendig oder von Papier ist, brenne
ich nur, wenn der Rat befiehlt, sonst niemandem zu Liebe oder Ha. Klas, gebot
er seinem Knecht, spanne die Mhre ab und fhre sie nach Hause. Die Kuhhaut
lasse ich Euch wegen der Zettel, denn eine Gabe ist der andern wert. Er sah
noch einmal nach dem Bilde, dann wandte er sich entschlossen und trat in den
Haufen zurck, whrend der Knecht den mden Gaul von dannen trieb. Niemals war
Hans Buck in hnlicher Weise durch die versammelten Brger von Thorn gewandelt;
er war gewhnt, da ihm alle auswichen und seinen Blick vermieden, heut sah er
viele freundliche Augen auf sich gerichtet und vernahm, wie er weiterschritt,
von beiden Seiten grende Zurufe: Wackerer Hans, treuer Mann. Gottes Segen
ber dich! Da wurde ihm wohler als je in seinem Leben, und er schritt stolz bis
an die Kirchhofsmauer. Auch dorthin folgten ihm Leute, und Barthel Schneider
lief sogar in das Schenkhaus gegenber und brachte ein groes Glas Danziger
getragen, das er neben dem Mann auf die Mauer stellte. Nehmt, Hans, und mge es
Euch gedeihen. Hans hob das Glas und rief: Dies bringe ich allen freien
Kindern von Thorn, trank und schob das geleerte Glas unter den Arm, wie sein
Recht war bei jedem gespendeten Trunk, da nach ihm niemand das Gef gebrauchen
konnte.
    Die freien Kinder von Thorn danken dir, Hans, da du ihnen einmal gutes
Glck zutrinkst, ohne da du deine Waffe an ihren Hlsen gefrbt hast, sprach
neben ihm eine lustige Stimme.
    Mancher, der heut den Kopf hoch trgt, denkt nicht daran, da er morgen
unter meiner Waffe liegen kann, versetzte Hans ernsthaft.
    Darum sorgen wir nicht mehr, lachte Georg, denn wir hoffen, Hans, du
wirst morgen den Kindern von Thorn dieselbe Schonung erweisen wie heut der
Puppe.
    Hans Buck grinste und wandte sich zu Lischke, mit dem er so vertraut war,
wie der Unterschied ihrer Ehre gestattete: Ich wrde mir lieber einen Finger
abhacken, als den Pfaffen zuliebe jenes Mannsbild brennen.
    Kmmert auch dich der Streit der Pfaffen? fragte Lischke verwundert.
    Um das Geznk dieser Mnche kmmere ich mich nicht, und ich mache mir auch
wenig aus ihrem Glauben. Wenn ich einmal im Jahre zur Beichte gelassen werde,
schieben sie einen kleinen Altar in die Armesnderecke und fassen die Kutte mit
beiden Hnden, damit ich sie nicht berhre. Jener Mann aber, von dem sie das
Konterfei verbrennen wollen, hat ihnen die Wahrheit gesagt, darum hassen sie
ihn.
    Was weit du von seiner Lehre?
    Einer von seinen Jngern, die man Prdikanten nennt, hat sich nicht
gegraut, an meinem Tisch niederzusitzen, dieser verkndete mir und meinem Knecht
soviel, als wir brauchen. Wit, Lischke, er hat zwei Lehren, gleich den zwei
Beinen eines Menschen, sich darauf zu sttzen. Das erste Bein ist: Alle Menschen
sind arme Snder, und vor andern die vornehmen und reichen Hansen, die mit ihren
guten Werken prangen; das andere Bein aber, welches dem ersten Widerpart hlt,
ist dieses: Kein Snder ist so verworfen, da er nicht durch seine Reue die
Gnade unseres Vaters im Himmel erwerben kann. Da dieses alles die Wahrheit ist,
wei der Henker am besten. Denn manchmal, wenn ich einen gerichtet habe, htte
ich mit besserem Recht den Stolzen abgefertigt, der den armen Snder richten
lie; und wieder, mancher armen Seele habe ich zugesehen, die so friedlich den
letzten Weg ging wie ein Kind, das zu seiner Mutter ins Bette kriecht. Er
nickte und verschwand in einer Seitengasse.
    Aber der Widerstand des Hans Buck hemmte nur kurze Zeit die dstere
Feierlichkeit, welche die geistlichen Herren zur Warnung der Brger beschlossen
hatten. Aus einem nahen Stall wurde ein anderes Ro herzugefhrt, und der Zug
setzte sich in Bewegung. Einen Bupsalm singend, schritten die Mnche mit Kreuz
und Fahne voran, die groen geistlichen Herren folgten; hinter ihnen kam die
Schleife und ein Karren mit Brennholz, gedeckt von den Trabanten und
Laienbrdern des Klosters, lngs dem Zuge sprengten gleich Marschllen der Pole
und seine Begleiter. So bewegte sich die unheimliche Prozession vom Kloster der
Predigermnche durch das Kerkertor nach der Altstadt und nach dem Kirchhofe von
St. Johannes. Die traurigen wilden Klnge des lateinischen Gesanges beengten den
Brgern das Herz; das Licht der Pechfackeln beleuchtete mit grellem Rot die
Gestalten der reitenden Bischfe, welche ber dem dunklen Haufen dahinfuhren wie
der Erde enthoben; die kahlen Scheitel der singenden Mnche glnzten bald in
rotem Schimmer, bald wurden sie von einer ruigen Wolke verhllt. Am Eingange
des Friedhofs empfing den Legaten demtig der Pfarrer von St. Johannes, der im
Grunde den Mnchen zuwider war, sich aber heut vor der hheren Macht beugte. Der
Zug stellte sich auf, ein neuer Psalm Davids, worin der Snger seinen Feinden
viel Bses wnscht, wurde angestimmt, junge Mnche luden die Holzbndel ab,
schichteten den Sto und wlzten den Ballen hinauf.
    Der Magister konnte heut ber seinen Bchern nicht ausdauern, er ging mit
groen Schritten in der leeren Schulstube auf und ab, ergriff seinen Stock und
tat gefhrliche Ste nach der dunklen Ecke, welche unter den Schtzen
gefrchtet war, weil dort die argen Frevler abbten. Als es finster wurde und
das Gesumm von dem nahen Kirchhofe in sein Ohr drang, ergriff er den Hut. Ich
frchte, meine Schler vermgen heut nicht zu gehorchen, ich will selbst hin,
sie wegzutreiben.
    Anna fate flehend seinen Arm. Bleibt nur heute, Herr Vater, mich qult den
ganzen Tag die Ahnung, da ein Unglck bevorsteht; warum wollt Ihr ansehen, was
Ihr nicht hindern knnt?
    Aber der Magister wies sie kurz zurck und schritt eilig die Treppe hinab.
Als Anna allein war, wurde ihre Angst unertrglich, sie sah die Hausgiebel vom
Feuerschein gertet und hrte aus der Ferne Bugesnge. Da schlug sie ihren
Mantel um und eilte zur Hauswirtin hinab. Sie fand diese in derselben Tracht zum
Ausgange gerstet. Eilt, Jungfer Anna, wir drfen die Mnner heut nicht aus den
Augen lassen.
    Auf dem Kirchhofe wanden sie sich durch dichtgedrngte Haufen, ngstlich
nach denen suchend, die ihnen am Herzen lagen. Sie kamen, als gerade ein Mnch
die Fackel zutrug und in den Holzsto steckte. Als die Flamme aus der schwarzen
Rauchwolke zngelte, wurde es so still im Volke, da man den Schrei eines Kauzes
auf dem Turmdach hrte.
    Pater Gregorius trat an den Sto, las laut die Titel der Bcher, welche in
dem Ballen gebrannt werden sollten, und warf die letzten, welche er noch in der
Hand hielt, eines nach dem andern in die Flammen. Er nannte wohlbekannte
Schriften, welche vielen in Thorn fr trstend und heilbringend galten; darunter
auch den Titel des fliegenden Blattes, welches der Magister zur Weihnacht hatte
drucken lassen, und obgleich er den Namen des Autors nicht kndete, weil dieser
in dem Blatt nicht zu finden war, so wuten die Thorner doch, wer es geschrieben
hatte. Es erhob sich ein Gemurr, und einzelne Steine flogen von hinten her gegen
den Holzsto. Zuletzt rief der Mnch: Wie diese in das irdische Feuer geworfen
werden, ebenso mgen die beltter, welche Ketzerei in der Welt verbreitet
haben, dem Hllenfeuer verfallen.
    Der Magister stand, von den Flammen beleuchtet, zornrot in der ersten Reihe,
seine Hnde ballten sich, aber er vermochte nichts herauszubringen als ein
lautes Pfui. Sein Schrei verhallte in neuem Gesang, den junge Klosterbrder
anstimmten, sie trugen die Teufelspuppe auf der Stange rings um den
Scheiterhaufen unter dem Spottliede: Ach du armer Judas, was hast du getan.
Das Lied wurde durch Gejohl und Schreien des Volkes begleitet. Die Mnche aber
befestigten die Stange an dem brennenden Holzsto, und jetzt trat der Legat
selbst hervor und sprach in feierlichem Latein einen Fluch ber den Mann, dessen
Name auf dem teuflischen Bilde geschrieben stand. Da flog ein groer Mauerstein
gegen die Puppe, da sie aus dem Feuer fiel, aber der hochwrdige Bischof von
Kaminiez bckte sich trotz seiner Schwere nach der Gestalt und warf sie von
neuem in die Flamme. In diesem Augenblick rief eine helle Stimme - ach, es war
die des Magisters -: Ich protestiere gegen die Krnkung, welche hier einem
wrdigen Lehrer des deutschen Volkes zugefgt wird.
    Dieser Ruf war wie ein Windsto, welcher ein Hagelwetter entladet, von allen
Seiten flogen Erdballen und Steine gegen den Scheiterhaufen und gegen den
geistlichen Herren. Der Rat selbst hatte dafr gesorgt, da es an Wurfgeschossen
nicht fehlte, denn er lie noch immer ber der lateinischen Schule bauen, und
dicht am Kirchhofe war die Bausttte. Eilig entwichen die Geistlichen in das
Dunkel, doch Pan Pietrowski fuhr mit seinem Gefolge auf den Magister los und
gebot: Dieser ist der Schreier, fat ihn. Der Magister stand ihm gegenber,
bereit, zu kmpfen und zu sterben, der Hut war ihm vom Haupte gefallen, einen
Arm hielt Anna, den andern die Ratsbotin, um den Widerstrebenden zurckzuziehen.
Aber gerade, als der Pole die Hand gegen ihn ausstreckte, trat Georg zwischen
beide und warf den Pietrowski zurck, da er taumelte. Der Pole stie ein
Schmhwort aus und sprang mit gehobenem Sbel wieder vor. Da traf ihn eine
Rststange am Haupt, da er lautlos zu Boden sank, und die Stange schwingend,
rief Georg: Heran, ihr Schler von Thorn, verlat euren Herrn Vater nicht in
der Gefahr. Auf diese Worte erhob sich ein so frhliches Jauchzen und Geschrei,
wie es zu diesem Abend gar nicht pate, die Schtzen, kleine und grere,
tauchten aus allen Ecken hervor und sprangen ber die Mauer. Viele sammelten
sich um den Magister, andere holten ihre Waffen von dem Holzwerk des Gerstes.
Ihrem Beispiel folgte die Menge, auch bedchtige Brger wurden fortgerissen und
griffen nach Steinen und Stangen. Die frommen Vter mit ihrer Begleitung
entwichen laufend dem Kirchhofe, der betubte Magister aber sah sich der Gefahr
enthoben und von seiner ganzen Schule umschwrmt. Lustig sprangen die Leute
gegen das Feuer, stieen mit dem Rstholz hinein, zerrissen den Scheiterhaufen
und warfen die Brnde auseinander.
    Marcus sa an seinem Schreibtisch in finsteren Gedanken: Ich hre die
Bugesnge der Mnche und sehe das rote Fackellicht heut, wie in jener Nacht, wo
mein Vater endete. Damals ritt der Ahn des Pietrowski als Treiber des traurigen
Zuges, gerade wie heut sein Enkel, und der Fremde fluchte und schmhte meinen
Vater, als sie mich auf das Gerst hoben. Die Krnkung blieb ungerochen; als
Knabe vernahm ich sie, warum brennt sie heut auf der Seele des Alten? - Da
wurde die Tr hastig geffnet, er wandte sich befremdet um, erkannte im trben
Schein der Kerze das verstrte Gesicht seines Sohnes und vernahm die Worte:
Verzeiht mir, Herr Vater, ich komme in einem bsen Handel. Die Bischfe und
Mnche haben zu St. Johann Bchlein der Wittenberger verbrannt, dabei wollten
die Polnischen gewaltttige Hand an den Herrn Magister legen, ich aber habe den
Pietrowski mit einem Rstbaum niedergeschlagen, er liegt mit blutendem Kopfe,
und die Polen brllen Gewalt in den Straen.
    Der Vater fate mit der Hand das Pult, als er sich langsam erhob, er stand
mit gesenktem Haupt und murmelte: Unheilig war der Wunsch und die Hlle hat ihn
erfllt. Er trat auf seinen Sohn zu und fragte bleich wie dieser: Ist der Pole
tot?
    Ich wei es nicht, Herr Vater.
    Die wilde Tat geht noch einem andern an Hand und Hals. Warum warst du so
hastig, zu begehren, da dein Vater dich berleben soll? Gegen die Ketzerrichter
hast du dich aufgelehnt, Unseliger! Die Heiligen des Himmels hast du erzrnt,
und Gnade hast du nicht im Himmel und auf Erden zu hoffen!
    Der Pole schmhte, Herr Vater, dem Schimpfwort folgte der Schlag.
    Ich wei߫, sagte Marcus leise. Vermagst du noch durch das alte Tor aus der
Stadt zu entrinnen?
    Ich hoffe, Herr Vater; der Pfrtner ist uns zugetan.
    So entweiche in die wilde Nacht, flieh nach unserm festen Hause und la
Wache halten, morgen frh sende ich dir durch Bernd Nachricht. Du gehst als
Schiffer nach Danzig, von da nach Lbeck, dort weilst du, bis dein Schicksal
hier entschieden ist. Als Flchtling mut du von dem Hause deiner Vter
scheiden; wann wirst du es wiedersehen? Hinweg, jeder Augenblick vermehrt die
Gefahr.
    Lat mich nicht ohne Segen von Euch, Vater, rief Georg und warf sich vor
ihm auf die Knie. Marcus legte ihm die zitternde Hand auf das Haupt und murmelte
Unverstndliches, und als Georg aufsprang und ihn umfate, hielt er den Sohn
einen Augenblick an seinem Herzen, gleich darauf stie er ihn heftig zurck:
Hinweg! Georg sprang aus der Tr und aus dem Vaterhause. Marcus aber schlug
die Hnde zusammen und warf sich vor dem Marienbilde auf den Boden.
    Georg eilte, in einen polnischen Mantel gehllt, durch die Hintergassen dem
Tore zu, scheu blickte er zur Seite nach den Verfolgern. Doch die Angst, ein
neues Gefhl in seinem jungen Herzen, vermochte ihn nicht lange zu demtigen, er
richtete sein Haupt auf, fhlte nach dem Messer an seiner Seite und dachte:
Leichten Kaufes sollen sie mich nicht fangen.
    Euch wre auch besser, Junker, wenn Ihr jetzt in einer Nebelkappe lieft,
raunte neben ihm eine warnende Stimme. Es war Barthel Schneider. Wo wollt Ihr
hin?
    Habt Ihr gehrt, was aus dem Herrn Magister geworden ist? fragte Georg
schnell.
    Ich sah ihn mit der Tochter zu seiner Schule wanken. Lischke sagt, es wre
sein Letztes, die Pfaffen wrden ihn wegen Ketzerei richten.
    Georg drehte sich kurz auf das Haus des Magisters zu, aber Barthel fate ihn
am Arme. Seid Ihr unsinnig? Sorgt um Euren eigenen Kragen. Kommt, Junker, hier
ist dunkler Schatten, drckt die Mtze besser auf den Kopf, da man Euer krauses
Haar nicht erkennt. Sie kamen an das Tor, Barthel klopfte an den Fensterladen
des Wchters. Gevatter, bemht Euch um meinetwillen, mein Gesell hat eilige
Botschaft aufs Land zu tragen.
    Aber aus dem halbgeffneten Laden kam die leise Warnung zurck: Lat Euch
Gutes raten und sucht fr Euren Gesellen eine andere ffnung. In demselben
Augenblick sprang die Tr auf, ein Haufe Bewaffneter brach aus dem Hause.
Barthel umklammerte ngstlich den Arm Georgs und wehrte ihm, das Messer zu
ziehen. Der Jngling wurde bewltigt und vor den Sbeln der fluchenden Polen nur
dadurch bewahrt, da sich der Pfrtner und Barthel fest an ihn hingen. Als
Gefangener wurde er dem Rathause zugefhrt.
    In der kleinen Ratsstube saen am nchsten Morgen die vier Brgermeister
zusammen; der Burggraf, Herr Friedewald, hatte das Antlitz ber den Tisch
gebeugt, da ihm das lange weie Haar ber die Augen herabfiel, und zgerte, die
Beratung zu beginnen. Achtungsvoll harrten die andern, und die beiden jngsten,
Herr Eske und Herr Seuse, richteten zuweilen neugierige Blicke auf ihren Kumpan
Hutfeld, welcher aufrecht dasa mit gefurchter Stirn, als ein Mann, der gewhnt
war, seine Ruhe im Kampfe zu behaupten. Endlich hob der alte Burggraf das Haupt
und nach seinem ruhigen Nachbar sehend, fuhr er statt der gebhrenden Einleitung
in seinen Gedanken fort: Ich gehre nicht zu der Freundschaft seines
Geschlechtes, aber ich habe den Knaben stets gern betrachtet. Die Brger hatten
auch nicht unrecht, wenn sie seinem bermut etwas nachgaben, denn viele dachten
wie ich, da er eine Hoffnung der Stadt war. Mancher ist vielleicht umsichtiger
und ebenso redlich im Gemt, er aber hatte die Faust eines tapferen Mannes und
sprang vor den anderen in die Gefahr. Er sollte eine Ehre werden fr die Stadt
und ein deutscher Hauptmann fr die Landschaft.
    Die schnelle Faust ist es, welche ihn von der Bruderschaft, von der Stadt
und von dem Sonnenlicht scheidet, antwortete Hutfeld ernsthaft.
    Ihr seid sein Freund und Pate und sprecht, wie Eure Pflicht ist, fuhr der
Burggraf fort. Wundere sich niemand, da ich als der Alte bei seinem Verderben
auch den Schaden fhle, welcher unsere Stadt bedroht. Ich wei nicht, ob wir
bessere Zucht und mildere Sitten haben als unsere Vter, aber da ich jung war,
zogen die Brger selbst aus den Toren und schlugen auf ihre Feinde, wir greifen
in den Beutel und bezahlen fremde Sldner. Die Alten unterfingen sich, weil sie
der eigenen Kraft stolz vertrauten, ihr Recht gegen die Ordensleute und gegen
die Polen zu vertreten. Wenn unsere Shne zu klug und zu fein werden, um selbst
den Spie zu tragen, so, frchte ich, knnten fremde Fuste ihnen bald einmal
das Geld aus den Truhen holen. Die andern schwiegen. Und darum, schlo der
Burggraf, bedaure ich, da wir guten Stahl zerbrechen mssen, weil er zu scharf
geschnitten hat.
    Das Edikt bedroht den bertreter nur mit Verbannung, warf Herr Eske ein.
Ich meine, dem Zorn des Knigs geschieht Genge, wenn wir den Jngling aus der
Stadt senden, weil er der Zerstrung von Ketzerbchern widerstrebt hat.
    Ob die Mnche Ketzerbcher verbrannt haben, wissen wir nicht, antwortete
der Burggraf, aber er wird verklagt und durch Zeugen berwiesen, da er zum
Widerstand gegen den Legaten des Heiligen Vaters gerufen und selbst mit
hlzerner Waffe den Schdel eines adligen Polen zerbrochen hat, welcher jetzt
todwund bei St. Nikolaus liegt.
    Es wird auch bezeugt werden, versetzte Herr Eske, da der Pole als erster
das Schwert gezogen hat, zum zweitenmal in unserer Stadt; der Pole selbst ist
dem scharfen Gericht der Stadt verfallen.
    Er war hier als des Knigs Diener, und die Bestrafung der kniglichen
Diener steht beim Knige selbst, uns bleibt nur die Klage. Die Bestrafung eines
Knaben aus dem Artushofe heischt der Knig von der Stadt, und er hat gengenden
Grund dafr, denn noch stand die Stadt in seinem Frieden, und allen ist bewut,
Herr Kumpan, da whrend dieser Zeit scharfes Recht gilt und jeder handhafte
Widerstand gegen des Knigs Boten am Leben gestraft wird.
    Und wieder neigte der alte Mann das Haupt und sah traurig vor sich nieder.
    Ist es an dem, da Hans Buck Arbeit haben soll, so ist ein Opfer genug fr
den Zorn des Knigs, erinnerte Herr Seuse. Die Schler der Johannesschule
haben die Steine geworfen, und ihr Magister hat sie angefhrt. Mu ein Opfer
fallen, so ist der Magister ein Fremder und gehrt nicht zur Bruderschaft des
Hofes.
    Er hat nur mit Worten gehadert, entgegnete der Burggraf. Doch verga er
die Bescheidenheit und gab seinen Schlern ein bses Beispiel vor allem Volke.
Deshalb wird der Stadt unleidlich, da er in seinem Amte beharre. Dazu hat er
die Wrde unseres geistlichen Vaters gekrnkt, der an Statt Seiner Heiligkeit
unter uns weilte, und die Stadt wird wohltun, ihm ihren Frieden zu versagen und
ihn auszuweisen in krzester Frist.
    Er war ein guter Lehrer unserer Kinder und hat sich sonst unstrflich
gehalten, warf Herr Eske ein.
    Er war zu hitzig fr uns, entschied der Burggraf. Vorschnelles Wort
verdirbt auch gerechte Sache. Hat er durch zwei Jahre den Brgerkindern Gutes
getan, so erweisen auch wir ihm Gutes, wenn wir ihn unversehrt an Leib und Habe
von uns entsenden, bevor die von St. Nikolaus ihn wegen ketzerischen Irrtums
verklagen. Denn ich vernehme, es ist auch Gedrucktes, das aus seiner Feder
kommt, gebrannt worden.
    Hutfeld stimmte bei: Der Elbinger, welcher whrend des Winters im Hafen
lag, hat das Grosegel zum halben Mast gezogen, er ist fertig zur Abfahrt;
gefllt es den hochmgenden Herren, so legen wir den Magister und seine
Hausgenossen diesem als Ladung auf. Es mag anderen zugute gerechnet werden, wenn
die Stadt gegen ihn einen harten Ernst beweist, und den Magister selbst enthebt
es grerer Not.
    Damit waren die vier einverstanden, und der Burggraf fragte: Wer wird
Klger wider den Gefangenen?
    Der edle Kastellan von Dibow, antwortete Hutfeld. Der Knig besteht
darauf, da die Stadt selbst ber den Tter richte, damit der Ha nicht auf ihn
falle.
    Der Knig war bel beraten, als er beschlo, den Ha der Brger gegen uns
zu wenden, rief Herr Seuse.
    Wenn der Knig sich selbst seines Gerichtes begibt, mahnte wieder Herr
Eske, so rate ich, da wir ihm dennoch widerstehen und den Tter verurteilen,
wie es uns frommt, und nicht, wie es ihm gefllt.
    Die andern sahen finster vor sich nieder.
    Uns frommt, dem Knig nicht zu widerstehen, entgegnete der Burggraf
nachdrcklich. Der Waffenstillstand mit dem Hochmeister ist beschlossene Sache,
und der Knig ist mchtiger im Lande als je. Einst, zur Zeit der Grovter, als
der Ordensritter zwischen uns sa, verging selten ein Jahr, wo die Ordensleute
sich nicht ein Menschenleben als Beute holten, entweder einen Mann oder ein
junges Weib, darum verjagten wir die Frevler. Mssen wir jetzt zuweilen
ertragen, da der polnische Br ein Leben fr sich fordert, es geschieht doch
nur selten und nie in mutwilligem Bruch des Stadtrechts, denn er haust nicht
unter uns.
    Aber er lauert an unseren Grenzen, sprach Eske.
    Wo ist bessere Sicherheit auf Erden, und wo ist Friede? fragte traurig der
alte Burggraf.
    Kurz darauf ffnete die weinende Barbara dem Brgermeister Hutfeld die
Wohnstube, und wieder standen die beiden Schwger einander gegenber. Wer die
beiden nicht kannte, durfte zweifeln, welchem von ihnen das Schicksal des
Gefangenen mehr am Herzen lag. Denn Marcus stand, seine Angst krftig
bezwingend, gerade aufgerichtet da, und auf des Brgermeisters Gesicht, das im
Rate so unbewegt erschien, lag jetzt die Verstrung. Der Hauswirt enthielt sich
nicht frmlicher Begrung und bot den Stuhl, Konrad aber beachtete nicht die
Hflichkeit und begann sogleich: Ich komme vom Knig, es ist dort keine
Hoffnung.
    Habt Ihr fr meinen Sohn gebeten, hochmgender Herr?
    Ich tat es.
    Hast du dem Knig gestanden, Konrad, da der Knabe ein Sohn deiner
Schwester ist und du ihm vom Taufstein her an Vaterstelle?
    Wenn das der Knig wei, so erfuhr er es nicht durch mich, versetzte
Hutfeld mit gefurchter Stirn.
    Marcus trat zurck: Ich denke, Ihr tatet klug, Euch dem Polen nicht zu
verleiden.
    Ich schwieg nur, weil ich unserm armen Knaben mehr zu ntzen glaubte, wenn
ich als Brgermeister von Thorn bat.
    Und was hat der Rat ber Georg beschlossen? fragte der Vater kalt.
    Du weit selbst, antwortete Hutfeld mit zuckenden Lippen, wie der Verlauf
sein wird; morgen frh fllt der Spruch des Gerichtes; noch lag des Knigs
Friede auf der Stadt, der Verwundete gibt keine Hoffnung, der Knig, auch wenn
er schonen wollte, ist gezwungen, die Steinwrfe zu rchen, welche den Legaten
und die Priester getroffen haben.
    Marcus sttzte sich mit der Hand auf die Tischplatte. Die Stadt hat von dem
Polen neue Gunst erfahren und wird eifrig sein, seinen Zorn zu besnftigen.
    Aufschub wre Rettung, antwortete Hutfeld bedeutsam, der Knig will ihn
nicht gewhren. Die Priester haben ihn erzrnt, und er tat, da ich's hrte, den
Schwur: Nicht eher kehre ich den Schweif meines Rosses gegen diese
aufrhrerische Stadt, die ich eben erst durch Huldbeweise geehrt, bis Ihr die
Kunde bringt, da das Urteil vollzogen ist.
    Wenn der Vater den hochmgenden Rat um Aufschub anfleht, wrden
Brgermeister und Rat noch einmal den Ritt zum Knige ber die Brcke wagen?
    Wenn der Rat selbst solche Bitte tut und der Knig sie gewhrt, dann
bernimmt der Rat auch die Brgschaft dafr, da nach Ablauf der Frist der
Gefangene zur Stelle ist, versetzte Hutfeld ablehnend, und nach einer Weile
fuhr er fort: Als ich heimritt, dachte ich daran, da du stets bemht warst,
dir den guten Willen der Geschorenen zu sichern. Ich wei, da sie dir als einem
Rechtglubigen vertrauen. Die guten Dienste des Vaters knnten wohl die Missetat
des Sohnes berwinden, wenn du den Bischfen jetzt eine goldene Shne bietest.
    Habe ich als treuer Sohn der Kirche von meinem irdischen Verdienst
geopfert, so habe ich es getan, um die Gunst der Heiligen fr mich zu gewinnen,
nicht die der Priester. Ihr wit so gut wie ich, da es vergeblich wre, Gold an
den hochwrdigen Legaten Zacharias zu zahlen, da dieser ein Welscher ist. Denn
er wrde jede Gabe willig annehmen und auch mit lauten Worten Frbitte einlegen,
zu gleicher Zeit aber durch die geistlichen Vter der Polen den Knig
aufstacheln, damit die Krnkung seiner Wrde dennoch gercht werde. Den
polnischen Herren aber vermag man ihren Zorn nie in den ersten Tagen abzukaufen,
sondern erst nach einiger Zeit.
    Die beiden Welterfahrenen sahen einander an. Dann bleibt noch ein Mittel,
begann Hutfeld feierlich, das letzte.
    Ihr sprecht zu einem Vater, hochmgender Herr.
    Ich geleite dich zum Knige und schaffe, da du vor sein Angesicht gefhrt
wirst ohne Zeugen. Tu den Kniefall des Bittenden und gib dem Knig eine
Verheiung. Ich wei, er begehrt sich den Eichwald, der bei Nessau deinem Hause
verblieben ist, beweise ihm darin guten Willen, und du magst von ihm gleiche
Geflligkeit erwarten. Du hast nie vor seinem Angesicht gestanden, und es ist
wohl mglich, da er den Namen deines Sohne ohne gute Meinung gehrt hat;
gewinnst du diese durch Demut und Gefgigkeit in seine Wnsche, so gewhrt er
dir, was er irgend vermag, nicht Verzeihung fr Georg, aber lngeren Aufschub
und dadurch die Wahrscheinlichkeit, ihn zu retten, so oder so.
    Marcus sah vor sich hin, whrend Hutfeld warm auf ihn einredete. Als er das
Haupt erhob, fand er die Augen des andern ngstlich und forschend auf sich
geheftet. Er richtete sich hoch auf. Gilt der alte Burgwald von Nessau fr ein
so knigliches Geschenk, da der Knig von Polen darum den Kopf eines Deutschen
freigibt, den er werfen knnte? Ich bin nicht gewhnt, knigliche Herren durch
Geschenke zu verpflichten, und ich frchte, ich knnte straucheln, wenn ich den
Wald in der Hand tragen und dabei niederknien sollte. Erlat mir die
Kniebeugung, die ich bisher nur vor dem Himmelsherrn und seinen Heiligen gebt
habe, und nehmt den Wald fr das Haupt des Knaben, den Eure Schwester unter dem
Herzen getragen. Nehmt den Wald, Ihr selbst, die Stadt, der Knig, ganz wie
Eurer Weisheit am frderlichsten scheint.
    Hutfeld versetzte unwillig: Wundert Euch nicht, wenn andere fr Euren Sohn
nicht tun, was Euch selbst zu tun nicht gefllt. Soll ein Angebot dem Leben des
Sohnes frommen, so mu die demtige Bitte des Vaters dasselbe annehmbar machen.
    Soll ich demtig flehen, so vertraue ich vor allen den heiligen
Frbittern.
    Dann scheide ich von Euch mit noch grerem Leide, als ich herbrachte, denn
ich sehe keine Hilfe, die Ihr und ich miteinander beraten knnten.
    Ich danke Euch fr Euren guten Willen, Herr Brgermeister, sprach Marcus;
aber pltzlich, auf den andern zutretend, erhob er die Hand und rief drohend:
Wahrlich, Konrad, das Blut deines Schwesterkindes wird auf dein Haupt fallen,
denn du bist es, der dem Dienst des Knigs meinen Knaben opfert. Seine Augen
flammten, und die Faust bebte in starker Bewegung.
    Hutfeld trat einen Schritt zurck, aber er wich nicht dem Zorn des Vaters,
sondern entgegnete leise: Hte du dich selbst, Marcus, da du nicht deinen Sohn
um ein Traumbild hinopferst, das - wenn es etwas anderes wird als ein Traum,
dein und deines Sohnes Haupt auf dieselbe Sttte fhrt, auf der dein Vater
endete.
    Damals stand Konrad Hutfeld neben mir und hielt meine Hand!
    Damals machtest du es deinen Freunden nicht so schwer, dir zu dienen als
jetzt, antwortete Hutfeld bewegt.
    Wo liegt mein Knabe in Haft? Man hat mir den Zutritt zu ihm verweigert.
    Nur bis der Spruch des Gerichtes gefallen ist, versetzte der
Brgermeister. Er ist in der Artuskammer des Kerkerturmes. Die Stadt hat bis
jetzt die Pflicht, ihn zu bewahren. Da er unter alt und jung manchen verwegenen
Freund zhlt, werde ich den Kastellan von Dibow, der als des Knigs Klger in
die Stadt geritten ist, heut, wenn die Abendglocke lutet, auffordern, den
Zugang vom Turm von der Alt- und Neustadt her zu bewachen, damit die Stadt der
Verantwortung enthoben werde.
    Nehmt meinen Dank, namhafter Herr, fr diese Vorsicht, antwortete Marcus.
Beide sahen einander schweigend an, endlich streckte Hutfeld die Hand aus,
Marcus ergriff sie, und die beiden Schwger tauschten einen Hndedruck, doch
wurde kein Wort mehr gesprochen.
    Marcus blickte auf die geschlossene Tr und murmelte: Ich kenne dich, und
ich wei, da zwei scharfe Augen auf meine Wege sphen. Der Streit, welcher
zwischen uns begonnen, wird einen von uns beiden verderben. Heut aber mu ich am
Leben meines Sohnes prfen, ob du ein redlicher Gegner sein kannst. Er ffnete
schnell die Schreibstube und rief seinen Gehilfen Bernd. Unterwrfig trat der
stille Mann ein und erwartete in kummervollem Schweigen die Auftrge des
Meisters. Sie verhandelten leise, dann rief Bernd den Dobise in die Stube und
lie den Herrn mit seinem Knechte allein. Endlich schlich Dobise in seine
Geschirrkammer, und Bernd eilte aus dem Hause dem Strome zu. Als es dunkel
wurde, verlie auch Dobise durch die Hintertr das Haus. Marcus schritt allein
mit gerungenen Hnden auf und ab. Die weinende Magd brachte das Licht und
begehrte Trost von ihm. Er wies sie mit einer Handbewegung hinweg und hob aus
dem geheimen Schranke das Buch, ber dem er in stillen Stunden am liebsten sa,
hastig wandte er die Bltter: Zu dir flehe ich vor allen, Gebenedeite, holde
Jungfrau Maria, du Knigin von Preuenland. Oft haben meine Vorfahren und oft
habe ich deine Gnade erfahren, auf deinem Mantel trugst du, wie die Sage kndet,
die Seelen meiner Ahnen in die Himmelshalle, ber dem Mastkorb unserer Schiffe
schwebtest du und wehrtest der bsen Macht des Eises und des Sturmes, nach jeder
Fahrt nahmst du huldvoll den Herrenzins von gewonnenem Gut. Du bist es, in deren
Dienst ich lebe, damit dein Reich aufs neue erhoben werde vom Haff bis ber den
Strom, sei mir auch heut barmherzige Frbitterin. Doch nicht dich allein bemhe
ich fr die Rettung meines Sohnes. Darum rechne mir meine demtigen Dienste
nicht ganz auf gegen seine Rettung, damit ihm und mir noch eine Hoffnung bleibe
fr unsere Stadt und unser Land. Wenn ich Gnade bei dir gefunden habe, so
erweise mir diese auch bei anderm Wunsch, von dem du aus ungezhlten Bitten
weit. Er schlug mehrere Bltter um. Sei gegrt, St. Johannes, Prediger in
der Wste. Ich armer Snder habe dir treu angehangen, denn immer dnkte mich
meine eigene Sorge als ein Abbild der deinen. Auch ich habe gelebt in der Wste,
und ich bin in irdischem Kampf der Vorlufer eines Grern, der vollenden soll,
was ich im kleinen begann. Das Haupt meines Vaters fiel unter dem Schwert, wie
das deine, und ich, der Sohn, lebe, wie du gelebt hast, in der Sorge, da mir
dasselbe geschehe. Gedenke heut meines Flehens und der Werke, die ich nach
Krften deinem Heiligtum zugewandt, und schtze den Sohn in der Gefahr, die uns
jetzt umgibt. Und bei dem dritten Blatt sprach er: Ich wei, heiliger
Nikolaus, da manche in deinem Heiligtum meinem Knaben abgeneigt sind, la ihn
heut seine Vermessenheit nicht entgelten. Man rhmt von dir, da du selbst
frhlicher Mummerei nicht abhold bist und dem Possenspiele der Kinder freundlich
zusiehst; auch mein Sohn ist nur kindisch einhergesprungen auf den Straen der
Stadt, und als er sich gestern gegen den Zug auflehnte, der aus deinem
Klosterhofe zog, tat er es nicht in hartem Unglauben, sondern als ein
Schulknabe, der seinem Lehrer die Treue beweisen will. Ich habe Goldstoff auf
deinen Altar gelegt und dir neue Kerzen angezndet zur Shne fr deine Priester.
Darum sei auch du nicht strenge gegen ihn und widersprich nicht, wenn andere
Heilige fr ihn bitten. Und er bltterte weiter. Zu dir flehe ich heut vor
andern, St. Jakob in der Neustadt, du bist als Helfer in Todesnten weit berhmt
und angerufen in der ganzen Christenheit. Sonst habe ich dich mit meinem Flehen
selten beschwert, heut hebe ich als ein jammernder Vater zu dir die Hnde. Er
warf sich auf den Boden. Nimm gndig das Gelbde an, das ich in dieser Stunde
ablege. Dorthin, wo im Lande Hispanien dein groes Heiligtum errichtet ist, will
ich bend ziehen in Betfahrt nach armer Pilger Weise, wenn deine Frbitte
meinen Knaben vom Tode lst. Habe Mitleid mit seinem sorglosen Gemt, er ist ein
frischer Gesell, ich habe ihn streng gehalten und fern von dem gefhrlichen
Werk, das ich selbst betreibe, harmlos lebt er noch dahin in seiner Jugendblte,
und ich denke, keine schwere Snde lastet auf seiner Seele. - Jeden von euch
vieren flehe ich an und alle vier zusammen, ihr seid die groen Helfer von
Thorn, in eurer Obhut steht die Mauer und der Strom, alle Herrlichkeit und Macht
unserer Stadt, und in eurer Hand sind die Seelen aller Groen und Kleinen, der
Lebenden und der Toten. -
    Das Dunkel der Nacht lag auf den Gassen, doch in der Stadt blieb es unruhig,
die Schenken waren berfllt, und wenn sich eine Tr ffnete, drang mit dem
Lichtschein lautes Gerusch der Stimmen auf die Strae, hufiger als sonst
schritten Ratsherren und ansehnliche Brger mit ihren Dienern, welche die
Laterne trugen, ber den Markt; am lautesten schwirrten die Stimmen in der Nhe
des Kerkertores zwischen alter und neuer Stadt. Dort erhob sich ber dem Tore
ein festes Haus mit dicken Mauern, zur Seite mit einem runden Turm, der wie
viele andere ber die Fluchtlinie der Stadtmauer ragte. Georg sa in dem
Herrengela des Turmes, welches man im Spott die Artuskammer nannte. Es war ein
kahler Raum mit hoher, schmaler Lichtffnung, er enthielt einen alten Tisch und
eine Lagerbank, die Wnde waren bis zur halben Hhe verkleidet, nicht mit Holz,
sondern mit Eisenplatten, an welche in regelmigen Zwischenrumen starke
eiserne Ringe geschmiedet waren, um Ketten daran zu befestigen. Als vom Turme zu
St. Johannes die Abendglocke lutete, zog eine Schar bewaffneter Polen vor das
Kerkerhaus, gefhrt von dem Kastellan des Knigs, geleitet vom Brgermeister
selbst. Hutfeld betrat mit dem Kastellan das Haus, rief den Schlieer und gebot:
Weist dem edlen Herrn bei Lichte den gefangenen Mann, schliet die Tr vor
seinen Augen und hngt das Schlsselbund an den Haken. Das Gela gehrt innen
der Stadt, drauen den Wchtern des Knigs.
    Wenn ich gutstehen soll fr den Gefangenen, sagte der Kastellan, so
begehre ich auch die Treppe zu hten, den Wchter und seine Schlssel.
    Es sei fr diesmal, versetzte Hutfeld, doch da es kein Beispiel gebe
gegen die Rechte der Stadt.
    Der Kastellan lie das Gefngnis ffnen, trat ein und sah, ohne den
Gefangenen zu beachten, mit dem Grauen, welches auch ein wackerer Krieger in
verschlossenen Mauern fhlt, die furchtbare eiserne Rstung an der Wand. Er nahm
das Licht und untersuchte die Wnde, alles war fest gefgt. Er blickte nach der
Hhe. Durch das Luftloch knnte sich vielleicht ein schlanker Leib zwngen.
    Es hat's nie jemand versucht, antwortete der Schlieer kopfschttelnd. Das
Gefngnis wurde verschlossen, zwei Bewaffnete auf die Stufen der Treppe
gestellt, zwei andere in das Zimmer des Schlieers vor das aufgehngte
Schlsselbund, und diese sahen lachend zu, wie der Schlieer sich mit
untergeschlagenen Armen niedersetzte und murrte: Es geschieht zum erstenmal,
da der Schlieer von Thorn durch polnische Sbel seines Amtes enthoben wird.
    In zwei Haufen lagen die Polen vor dem Gefngnis und bewachten von der
Altstadt und Neustadt die geschlossenen Pforten, sie zndeten groe Feuer auf
der Strae an, und die rote Flamme erhellte die kleinen Fenster des Baues und
die Mauer, so da man selbst ein Wiesel erkannt htte, welches auf der Hhe
lief.
    So verging Stunde auf Stunde; die Polen um das Gefngnis tranken, schrien
und erhoben wilden Gesang, der die Brger der benachbarten Huser tief krnkte.
Oben in der eisernen Kammer lag Georg auf der Bank. Von den Feuern drang ein
rtlicher Schein durch die Fensterluke, zuweilen trieb der Wind eine Rauchwolke
herein, dann starrte Georg in der Dmmerung auf die Wirbel des Dampfes. Er wute
wohl, da er in blem Handel war, aber die Gre seiner Gefahr kannte er nicht.
Ihn wunderte, da er den ganzen Tag ohne Zuspruch aus dem Vaterhause geblieben
war, auch der trbe Ernst des Schlieers hatte ihn fr kurze Zeit nachdenklich
gemacht, und als am Abend der Kastellan eindrang und das Gefngnis untersuchte,
ohne ihn selbst zu gren oder wie einen Lebenden zu beachten, da fiel grere
Sorge auf sein Herz, und das Geschrei der Wchter wie der Feuerschein wurden ihm
unheimlich. Aber immer trstete er sich damit, da er ein junger Bruder des
Artushofes sei und da auch diesmal, wie bei allen frheren Hndeln, die er mit
der Stadt gehabt, das Drohen rger sein werde als die Strafe. Sie sagen, ich
bin ein Sonntagskind, sprach er endlich mde, diesen kommt das Glck im
Schlafe. Wenn ich nur wissen knnte, wie es ihr ergangen ist, ich wollte das
harte Lager mir ganz vergnglich gefallen lassen. So entschlief er. Im Traume
kam ihm vor, als ob er in seiner Kammer lge und Dobise mit der Leuchte
hereinschliche, um ihn zu wecken, wie er jeden Morgen tat. Er weigerte sich, zu
erwachen, und murmelte: Tlpel, noch ist es nicht Zeit. Aber die Leuchte fuhr
fort zu flackern, er ffnete die Augen und sah in Wahrheit den Dobise mit einer
kleinen Blendlaterne vor sich stehen. Erstaunt richtete er sich auf und rieb die
Augen. Nehmt hier dies in Eure Hand, flsterte Dobise mit heiserer Stimme und
hielt ihm ein kleines Kruzifix hin. Der Alte schickt es Euch, da Ihr darauf
schwrt bei dem Manne am Kreuz und bei den vier groen Stadtheiligen, das
Geheimnis dieser Kammer niemals zu verraten, auch nicht, um Euer Leben ~om Tode
zu retten. Schwrt, denn morgen mittag fat Hans Buck Euren Hals, wenn Ihr nicht
vorher entrinnen knnt. Auch Euer Grovater sa hier, bevor er gerichtet wurde;
ihm aber hatten die Herren vom Hofe den Ausgang gesperrt.
    Georg sprang auf: Steht es so, dann schaffe mich fort, wenn du kannst. Wo
ist dein Schwanz, du Teufel? Hastig sprach er den Eid, Dobise steckte das Kreuz
ein. Harret noch ein wenig, flsterte er, erst mu ich den wilden Polen etwas
vormachen. Er schlang einen Strick in einen der Eisenringe an der Wand und warf
das andere Ende, welches durch ein Gewicht beschwert war, aus der Fensterluke,
das Seil zog sich straff. Dort hinaus kann nur ein Kater, aber nicht wir beide.
Mgen sie sich darber die Kpfe zerbrechen, raunte er mit schlauer Miene, Ihr
aber folgt mir. Er ergriff an der andern Seite der Wand einen Ring, drckte und
zog, ein Feld des eisernen Tafelwerks sperrte sich auf, und eine dunkle ffnung,
der niedrige Zugang zu einer engen Treppe, wurde sichtbar. Dobise wies in die
schwarze Tiefe und lachte: Nur die drei ltesten der Bruderschaft kennen das
Geheimnis, und der vierte bin ich, denn die Herren mssen einen haben, der mit
dem Eisenwerk umzugehen wei und der seinen Hals fr sie wagt. Nehmt die Leuchte
und kriecht voran, damit ich hinter Euch zusperre. Sie sagen, dies Kunstwerk
wurde von einem Schlosser aus Nrnberg erfunden. Auch wer guten Witz hat, wird
von der Kammer aus die Tr nicht erraten.
    Fort, mahnte Georg flsternd; er tauchte in die dunkle Wlbung hinab und
hielt auf der Treppe kniend die Leuchte, whrend Dobise die eiserne Tr von
auen zuzog, verriegelte und noch durch eine hlzerne Tr verschlo. Tief
gebckt strichen die Flchtigen in einem schmalen Mauergang, die dumpfe Luft
machte das Atmen schwer, und der Weg wollte kein Ende nehmen, zuweilen stiegen
sie Stufen hinab, dann ging es wieder eine Weile eben fort. Zuletzt war der Gang
durch eine Wand geschlossen, Georg fhlte an den kalten Stein. Der Weg hat ein
Ende.
    Fallt auf die Knie und kriecht durch das Loch, riet Dobise. Eine
Mauerffnung, durch Entfernung einiger Steine gebildet, gewhrte gerade Raum zum
Durchkriechen. Georg schob die Leuchte voran und schlpfte hindurch. Als er sich
erhob, stand er in einem Gewlbe, das zum Aufbewahren von altem Gert diente,
Dobise kauerte am Boden, schichtete die herausgezogenen Steine wieder in das
Loch, strich einen dunklen Kitt in die Fugen und hufte Holzbndel davor. Dies
ist Dobises Tr, niemand versteht sie zu ffnen als ich. Ihr aber gebraucht dies
Bndel, es ist ein polnischer Mantel darin, Mtze und Stiefel, denn als Pole
mt Ihr entweichen. Ohne Freude ffnete Georg den Pack und wechselte die
Kleidung. In dem einen Stiefelschaft ist das Leder doppelt, ich habe Geld
eingenht; der Alte schickt Euch auerdem zur Reise diesen Beutel. Es ist Gold
darin, sagte er mit lsternen Augen.
    Das Siegel des Beutels ist erbrochen, versetzte Georg befremdet.
    Ich mute ihn doch ffnen, um Euch den Notpfennig in die Stiefel zu nhen;
und wenn ein und das andere Stck dabei verlorenging, so werdet Ihr es dem Alten
nicht klagen, denn ich habe noch manches bei Euch gut und mu mich bezahlt
machen deswegen und wegen meiner Lebensgefahr. Jetzt aber rate ich Euch, Euer
Gebet zu sprechen, wir sind hier ber dem Graben auf der Neustdter Seite; diese
Tr fhrt bei den Predigermnchen heraus, und Ihr mt an dem Polenvolke
vorberstreichen.
    Wo fhrst du mich hin?
    In die Trmmer des Ordensschlosses, den Weg, welchen Ihr von der Musik her
kennt; an der gelben Weichsel liegt unser Kahn im Versteck, Ihr sollt mit dem
wilden Wasser abwrts treiben. Es wird Zeit, der Morgen ist nahe.
    Schnell hinaus, gebot Georg und lftete den polnischen Sbel in der
Scheide. Dobise schlo die Tr auf, lschte die Leuchte, und Georg atmete die
frische Nachtluft. Er warf einen Blick zur Seite, die Polen lagen und saen in
einiger Entfernung mde um die niedergebrannten Feuer, die Flchtigen glitten
lngs der Mauer des Klosters dahin, hielten eine Weile im Schatten der
Klosterpforte und gingen von da mit festerem Schritt unangefochten durch die
leeren Straen. Strmisch schlug das Herz des Jnglings, als er in der Dmmerung
undeutlich die Schule erkannte, und er hielt an, aber Dobise rief ngstlich:
Vorwrts! Es ist nicht das erstemal, da Ihr den Weg ber die Burgmauer findet,
hinweg, wenn Euch Euer Leben lieb ist.
    Sie kletterten auf den Steinhaufen der Ordensburg. Heut knnt Ihr nicht
weilen, um eine Musika zu beginnen, Ihr mt auf der Fluseite wieder hinaus,
die Mauer hinab. Folgt vorsichtig, denn die Steine sind locker, aber der Graben
unten hat eine trockene Furt. Dobise kletterte wie ein Kater voran, mhselig
folgte Georg, indem er murmelte: Du weit hier gut Bescheid, bin ich erst
Brgermeister, so frage ich dich, wozu du diese Kenntnis gebraucht hast.
    Ihr seid just auf dem Wege, Brgermeister zu werden, spottete Dobise.
Reicht mir die Hand, und er half ihm vom Grabenrand ins Freie. Haltet Euch
fern vom Fhrtor, bei der Frberei soll der Kahn liegen.
    Georg trat an den Strom, laut rauschte das Wasser, auf der geschwollenen
Flut schwammen kleine Eisschollen. Der Schiffer erhob sich aus dem Fahrzeug:
Dies wird ble Fahrt zwischen treibenden Baumstmmen und Schollen, das Wasser
reit und kocht in den Strudeln wie in einem Topfe. Sie bestiegen den Kahn, der
Schiffer lste das Seil, und Georg trieb, dem Tode entronnen, von der Heimat
geschieden, auf dem wilden Strom hinein in die unsichere Dmmerung.
    Als am Morgen der polnische Kastellan die Zelle des Gefangenen betrat, fand
er nur das Seil, welches ber die Stadtmauer hinabhing. Da erhob sich groer
Lrm, die Polen schrien Verrat, ihre Boten ritten ber die Brcke zum Knige,
das Gefngnis wurde wiederholt untersucht, aber nichts Unrechtes gefunden, die
Wchter smtlich verhrt, doch es war auf niemanden etwas zu bringen, am
wenigsten auf den Schlieer und die Beamten der Stadt. Der Zorn des Knigs legte
sich erst, als am Nachmittag der Brgermeister Hutfeld allein vor seinem
Angesicht gestanden hatte. Die Thorner und die Polen stritten darber, ob es
einem Manne mglich sei, seinen Leib durch die Lichtffnung des Kerkers zu
zwngen, die Aberglubischen neigten zu der Annahme, da der Teufel aus dem
Hause des Marcus dabei wieder im Spiele gewesen sei, und die Klugen wunderten
sich, da die Verfolgung nicht eifriger betrieben wurde, denn der Wchter ber
dem Fhrtore hatte Mnner auf einem Kahne gesehen, der gegen Morgen stromab
gewirbelt war.
    Die Mnche aber hatten von ihrem feurigen Werk schlechten Gewinn. Viele
unter ihnen waren durch Steinwrfe getroffen, dem hochwrdigen Legaten selbst
war ein Stein an das Bein geflogen, und er chzte, als er am nchsten Morgen in
aller Frhe auf das Maultier gehoben wurde, damit er der zornigen Stadt
entweiche. Ihre Absicht hatten die Eiferer vollends nicht erreicht. Zwar die
Teufelspuppe fand man halb verbrannt im Grase, aber der Ballen des Buchfhrers
war nur an den Rndern gesengt und verkohlt, die frommen Vter hatten vergessen,
da festgepackte Bcher der Flamme lange widerstehen. Hannus erhielt von seinem
Krame kaum ein einzelnes Stck zurck, denn als das Volk den Holzsto
auseinanderwarf und den Inhalt des Ballens zerstreute, wurden die angesengten
und gebrunten Bchlein wie eine wertvolle Beute aufgegriffen und in die Huser
getragen. Wer sich bis dahin um den Inhalt der neuen Lehre nicht gekmmert
hatte, der las jetzt neugierig davon, es war wohl keine Familie, in welche nicht
gerettete Bogen gelangten, und der Stadtschreiber Seifried hatte Grund, zu
spotten, da gerade durch den Scheiterhaufen jener Nacht die neue Lehre in Thorn
eingebrgert worden sei.

                            Unter den Landsknechten


Whrend Georg im Kerkerturm lag, verlie der Magister mit seiner Tochter die
Stadt.
    Auf dem Deck des Elbingers war in der Eile eine Htte errichtet, welche den
Verbannten mit seinem Haushalt beherbergen sollte, bis er das Gebiet der Stadt
Thorn gerumt htte, dann mochte er auf dem Bordschiff weiterfahren oder
aussteigen, wie es ihm gefiel. Die Htte hatte Philipps Eske durch seinen Vater
dem Schiffer anbefohlen, und der treue Knabe wich den Flchtigen in den letzten
Stunden ihres Aufenthalts nicht von der Seite. Doch nicht er allein war der
Pflichten eingedenk, welche dem lateinischen Schler gegen seinen Lehrer
oblagen, auch ein Haufe der kleinen Schtzen trug sich mit dem Reisegepck des
Vaters, und vor andern die Armen, welche an seinem Tische Kost und freundlichen
Zuspruch gefunden hatten. Lips machte sich auf dem Schiffe bei dem Gepck und
den Schiffsleuten zu tun, um der Unterhaltung mit den Scheidenden auszuweichen,
denn ihm war das Herz schwer, und er frchtete wegen des Gefangenen ausgefragt
zu werden. Er hatte dem Ratsdiener und dessen Frau ernsthaft geboten, die
Traurigen nicht durch Reden ber die Gefahr des Freundes noch tiefer zu krnken.
Aber seine Vorsicht ntzte wenig, denn wenn auch der Magister fr seinen Schler
noch Gutes von der vornehmen Freundschaft hoffte, Anna erkannte deutlich aus den
Mienen ihrer Wirte und aus den zgernden Antworten des Pylades, da Georg in
furchtbarer Bedrngnis zurckblieb. Sie sa stumm und teilnahmlos auf dem
Verdeck, hielt das Hndlein in ihrem Scho und blickte unverwandt nach den
Trmen der Stadt, welche sie in Feindschaft verlassen sollte. Nur einmal, als
Philipps vorberging, fragte sie: Wo weilt er jetzt? Da verga der Gefragte
selbst die Behutsamkeit und antwortete traurig: Ihr knnt von hier den Turm
nicht sehen, sie aber senkte das Haupt und fragte nicht mehr. Als in den
letzten Stunden des Nachmittags der Schiffer alle Fremden aufforderte, das Deck
zu verlassen, bot Lips dem Magister und Anna die Hand und vermochte nichts
vorzubringen als: Ich danke fr alles Gute Herr Vater; lat mich in kurzem
wissen, wohin ich Euch Nachricht senden soll; dem Schiffer raunte er noch zu:
Sorgt fr meinen Herrn Vater, wenn Euch an dem guten Willen der Thorner gelegen
ist, und schwang sich an Land. Die Schtzen aber standen gedrngt am Rande des
Ufers, und als der Magister ihnen vom Deck den Scheidegru zurief und sie
aufforderte, guter Lehre eingedenk zu sein, da schrien die greren ihre
lateinischen Abschiedsworte mit heiseren Stimmen und die Kleinen schluchzten.
Der Elbinger rief seine Schiffskinder zusammen, sprach die Reisebitte zur
Heiligen Jungfrau und drckte das Schiff vom Ufer in die Strmung. Es ist gegen
Schifferbrauch, bei sinkender Sonne an das Steuer zu treten, sagte er im
Vorbergehen zum Magister, aber die Herren von Thorn haben es diesmal geboten.
Das Fahrzeug glitt schnell stromab, in grauem Nebel schwanden die Trme und
Mauern der Stadt, die Gebannten saen in trbem Schweigen vor ihrer Htte und
starrten hinab auf das Wasser und in die Ferne, welche undeutlich vor ihnen lag
wie ihre eigene Zukunft.
    Als Anna am nchsten Morgen aus der Htte auf das Deck trat, lag das
Fahrzeug an der deutschen Uferseite, und der Schiffer wies ihr eine Steinsule
auf der Hhe: Dort ist die Grenze des Stadtgebietes. Sie stand lange, die
Augen zum Himmel gerichtet; ach, heut war bei ihren heien Bitten das Antlitz
verstrt, die Augenlider vom Weinen gertet, aber htte Georg sie gesehen, sie
wre ihm noch ehrwrdiger erschienen als damals in der Kirche; sie dachte nur an
ihn und bat fr ihn. Bei dem stillen Flehen wurde ihr das Herz mutiger, und sie
bot dem Vater, als er zutage kam, einen herzlichen Morgengru.
    Wir treiben auf der Flut, hier und dort unwirtliches Gestade, Szylla und
Charybdis; aber ich bin besser daran als der alte Grieche Ulysses, denn ich habe
mein liebes Kind bei mir, und ich denke doch, da wir in diesem gelben Wasser
nicht auf Menschenfresser stoen werden. Und gegen seine eigenen reuigen
Gedanken ankmpfend, fuhr er fort: Bei alledem kann ich nicht bedauern, da ich
den Obskuranten am Holzsto meines Herzens Meinung deutlich gemacht habe. Aber
Anna, die noch in ihrer andchtigen Stimmung war, antwortete: Ich aber, Herr
Vater, habe an dem Unglckstage zu wenig daran gedacht, alles vertrauend dem
lieben Gott zu berlassen, denn htte ich mich vorher mit herzlicher Bitte an
ihn gewandt, so wrde ich bessere Ruhe und Bedacht genommen haben; ich htte
Euch nicht durch die Nachricht von dem Vorsatz der Feinde erschreckt, und es
wre Euch und der Schule leichter geworden, dem Feuer fernzubleiben. Jetzt sind
wir beide der Gefahr entronnen, aber einer ist darin zurckgeblieben. Da schlug
der Magister die Hnde zusammen und setzte sich sthnend auf ein Fa. Mein
armer Regulus! Der rmische Name, den ich ihm gegeben, ist fr ihn von bler
Vorbedeutung geworden. Denn wie jenen Konsul halten ihn die Feinde gefangen und
wollen ber ihn in scharfem Gericht erkennen. Wahrlich, auch dies war ein
seltsamer Zufall: die letzte Oration, die ich ihm aufgegeben, war die
hochherzige Rede, welche Regulus im rmischen Senat halten mute, da er als
Gefangener der Karthager mit Urlaub nach Rom zurckkehrte; er mahnte seine
Landsleute, nicht seinetwegen mit den Fremden Frieden zu machen, sondern ihn zum
Tode zurckzuliefern. Georg war mit Lust bei der Arbeit, er forderte mit
Begeisterung, in die Gefangenschaft zurckzukehren, und ich freute mich innig
ber den Vortrag. Bei dem Gedanken verlor der Magister die Fassung und suchte
in den Taschen nach seinem Tuche.
    Da wagte das Hndlein zum erstenmal wieder zu bellen, und eine feierliche
Stimme klang hinter den Traurigen: Adsum, patres conscripti, adsum captivus et
aegre e vinculis solutus. Ich bin da, Herr Magister, dem Gefngnis entronnen,
aber ich habe gar keine Lust, dahin zurckzukehren. Guten Morgen, Herr Vater,
guten Morgen, liebe Jungfer Anna. Der Redner sprang ber den Bord in das
Schiff, aber er vermochte nicht weiterzusprechen, denn Anna wankte, im nchsten
Augenblick hielt er sie fest in seinen Armen, er fhlte ihr Haupt auf seiner
Brust und zwei Arme, die sich an ihn klammerten, und er kte sie zum erstenmal
auf den bleichen Mund. Der Magister aber sa unterdes wie betubt auf dem
Tnnlein, er hrte eine vertraute Stimme, aber er sah einen wilden Polen in das
Schiff klettern, und griff krampfhaft nach seiner Brille, bis er den festen
Hndedruck seines Schlers fhlte und die heiteren Worte vernahm: Jetzt ist die
Schule wieder beisammen, Herr Magister, und ich denke, der Rat von Thorn soll
die Lektionen nicht mehr stren. Da ging auch dem Magister alle Wrde verloren,
und er umschlo, wie ein Kind weinend, den Geretteten.
    Drei Heimatlose saen zusammen in kalter Morgenluft ber dem ungastlichen
Wasser, aber sie dachten jetzt wenig an alles, was sie verloren hatten, und die
Schule stimmte vergngt bei, als Georg vorschlug: Ist's Euch recht, Herr
Magister, so bleiben wir beieinander; mein Vater will, da ich zuerst nach
Danzig fahre, von dort schreibe ich ihm und erwarte sein Gebot; Ihr aber werdet
berall Schler finden und bessere Dankbarkeit als in unserer Stadt. So machten
sie in gutem Vertrauen Plne fr die Zukunft; nur Georg sah zuweilen mitrauisch
nach rckwrts und auf die Wege am Ufer, ob er verfolgt wrde.
    Es war keine mhelose Reise. Das groe Fahrzeug trieb bald mit reiender
Strmung, bald langsam in seichtem Wasser zwischen angeschwemmten Inseln und
zwischen kahlen Dmmen und Lehmhgeln dahin; hier kreiste die Flut in
gefhrlichem Strudel, dort streifte ein Baumstamm, welcher dahinschwamm oder im
Grunde festgerannt war, die Seiten und den Boden. Unablssig arbeiteten die
Schiffer mit Stangen und Haken, sich die Fahrt freizuhalten, sie lieen sich
gern gefallen, da Georg Hand anlegte wie einer von ihnen. Sogar der Magister
stemmte Hnde und Schultern gegen das Ruderholz. Wenn der Abend kam, wurde die
Reise unterbrochen, der Schiffer suchte eine Stelle in der Nhe des Ufers, wo er
das Tageslicht abwarten konnte, auch in der Nacht mute ein Wchter Ausguck
halten gegen Schollen und treibendes Holz. Der Magister mit seiner Tochter fand
zuweilen Herberge am Lande, Georg vermied auf dem Schiffe die Augen der Spher.
    So waren sie einige Tage ohne Abenteuer gefahren und trieben mit der
Strmung am Ufer eines Landstrichs, welcher im Kriege zwischen dem Hochmeister
und den Polen streitig gewesen war. Am Abend kamen sie an einen Ladeplatz, zu
welchem von hohem Deiche zwei Wege hinabfhrten; dort stand am Wasser eine
Schenke und Htten fr die Schiffer. Der Elbinger sah unruhig auf die de
Sttte: Dies gehrt noch zum Land des Bischofs von Pomesanien, sagte er zu
Georg, Polen und Ordensleute sind hier widerwrtig, und beide wagen zuweilen
Zoll zu fordern. Georg sprang mit dem Schiffer ans Land, sie fragten in der
Schenke, suchten in den Schoppen, bestiegen die Dmme und sphten in die dunkle
Landschaft, es war nirgends etwas Unrechtes zu entdecken. Da legte der Ebinger
an, der Magister und sein Kind suchten Unterkunft in der Schenke, Georg blieb
mit einem Schiffsknecht als Wchter auf dem Fahrzeuge; er stand in der hellen
Mondnacht lange auf dem Deck, stieg wiederholt hinab an das Ufer, umschritt die
Htten und sah von der Hhe in das Land, aber alles lag friedlich in grauem
Dmmer. Als der Morgen nahte, hllte er sich in einen Schiffermantel und legte
sich in die Htte zu kurzem Schlummer. Er erwachte von heftigem Gebell des
Hundes, der bei ihm zurckgeblieben war, vernahm auf dem Lande das wilde
Geschrei Zankender und erkannte in der Dmmerung auf jedem der beiden Wege,
welche an den Deichen hinabliefen, Bewaffnete und Gespanne. Wir waren die
ersten, schrie eine gebietende Stimme, und wenn ihr nicht zurckweicht, so
werfen wir euch zu den Fischen ins Wasser.
    Im nchsten Augenblick hrte er einen Angstruf Annas und sah die Jungfrau
aus der Herberge dem Schiff zueilen. Da warf er sich in mchtigem Satze auf das
Land und sprang mit geschwungenem Sbel einigen dunklen Gestalten entgegen,
welche die Flchtige verfolgten. Er schlug krftig auf die Verfolger ein und
schleuderte den ersten, welcher den Arm nach der Geliebten ausstreckte, durch
einen Streich des Sbels zur Seite. Gleich darauf war er im Kampf gegen mehrere
Feinde, aber wie wild er um sich schlug, er wurde im Rcken gepackt, entwaffnet
und an den Hnden gebunden. So blieb er mit Anna am Ufer unter Obhut eines
finsteren Gesellen, der ihn mit der Hellebarde niederzuschlagen drohte, wenn er
sich noch weiter rege. Unterdes dauerte um die Htten der Zank und das Geschrei
fort. Nicht lange, so sprangen Bewaffnete auf das Schiff, die xte krachten an
Deck und Planken, Wagen rasselten vom Deich herunter an die Ladestelle,
Laufbretter und Leitern wurden an den Schiffsbord gelegt, und ein Haufe von
Mnnern und Weibern begann die Ladung auszurumen, welche zum grten Teil in
Getreide und in einigem Kaufmannsgut bestand. Beim aufgehenden Frhlicht sah
Georg, da eine ansehnliche Zahl ausgestellter Wachen die Beraubung deckte und
da sie Tracht und Waffen deutscher Landsknechte trugen. Zuletzt vernahm er
wieder die Stimme, welche herrisch in dem Tumult gerufen hatte. Ein hoher,
breitschultriger Mann mit groem rundem Kopf und grauem Bart trat auf ihn zu und
rief befehlend: Potz Velten, Ihr habt's uns sauer gemacht, Mann; schttet aus,
was Ihr in der Tasche habt, denn das ist unser Recht. Er warf seinen Hut auf
die Erde. Ihr mgt selber Eure Tasche leeren, da Ihr Euch redlich gewehrt habt.
Wollt Ihr Euch ergeben und Friede geloben, so steht es bei Euch, sonst schlagen
meine Gesellen Euch nieder.
    Ihr seid die Strkeren, versetzte Georg grimmig. Lst mir die Bande, so
will ich Euch fr heut Frieden geloben. Der Landsknecht winkte dem Wchter,
Georg sprach das Gelbnis und schleuderte sein Scklein mit Geld in den Hut. Der
Fhrer kniete nieder, zhlte und teilte in mehrere Huflein, das grte steckte
er mit dem Beutel in die Tasche. Und jetzt antwortet auf meine Frage, aber
wahrhaft, wenn Ihr Leib und Seele zusammenhalten wollt: wer seid Ihr und woher
kommt Ihr?
    Georg nannte Namen und Heimat und fragte trotzig dagegen:
    Und wer seid Ihr, da Ihr es wagt, an Reisenden Gewalttat zu ben?
    Holla, entgegnete der andere, Ihr seid der Gefangene, Ihr habt zu
antworten und ich zu fragen, denn das Eisen hngt ber Eurem Haupte. Doch da Ihr
Frieden gelobt habt, sollt Ihr wissen, wem die Herrschaft ber Euren Leib
zugefallen ist. Ihr seid in der Hand freier Knechte aus dem Reich, und ich bin
Hans Stehfest, ihr Hauptmann. Fhrt die Gefangenen das Ufer hinauf, gebot er
seinen Begleitern, und haltet sie unter Wache, doch getrennt, damit sie sich
nicht miteinander bereden. Zu der Frau setzt zwei von den Weibern, die ihr das
Weglaufen wehren.
    Auf der Landseite des Deiches, schritt Georg die kurze Strecke, welche ihm
sein Wchter freigab, in heiem Zorne auf und ab. In der Ferne sah er Anna
zwischen Weibern der Bande, und ihn trstete ein wenig, da diese der Gefangenen
gegen den Morgenfrost ein Tuch um die Glieder schlugen. Ajax kam ngstlich von
der Hhe gelaufen, der Landsknecht schlug mit dem Spiee nach ihm. Der Hund
gehrt der Jungfrau dort, herrschte Georg den Wchter so gebieterisch an, da
dieser dem Kleinen den Weg freilie. So verging Stunde um Stunde, vom Wasser her
klang unablssig Geschrei und mahnender Zuruf. Endlich kamen die Wagen mit dem
Raube beladen ber den Deich und fuhren in Reihe auf. Auf einem lag der
verwundete Landsknecht, mit welchem Georg zusammengestoen war. Als dieser den
Gefangenen sah, hob er die geballte Faust und stie einen schweren Fluch gegen
ihn aus. Georg zuckte verchtlich die Achseln. Darauf stieg ein Trupp der
Bewaffneten von der Hhe herab, der Hauptmann blies in ein kleines Horn, das er
am Halse trug, struppige Pferde wurden vom Grunde herangefhrt, die Knechte
warfen sich unbehilflich ber die Rcken der Gule, und der Hauptmann befahl:
Auf die Wagen mit den Weibern, und nach Georg und einem leeren Pferde deutend:
Fort, wir haben Eile. Der wilde Zug setzte sich, von den Landsknechten
geleitet, in Bewegung; der Hauptmann ritt an den Wagen auf und nieder, unter
Antreiben und Fluchen ging es vom Flusse ab in das Land hinein.
    Georg, der hinter dem Hauptmann ritt, erkannte Anna auf einem Getreidewagen
vor sich, und er sah, da sie sich nach ihm umwandte. Die Jungfrau begehrt
uns, rief er befehlend dem Hauptmann zu, und bevor dieser ihn hindern konnte,
jagte er an den Wagen. Anna rang die Hnde gegen ihn: Wo ist der Vater? Er
suchte vom Pferde den Zug entlang, der Magister war nirgend zu finden. Da rief
er den alten Landsknecht an: Hochgebietender Befehlshaber, ist eine Frage an
Eure Ehrbarkeit erlaubt? Wir waren drei Reisende auf dem Schiff, hier sind nur
zwei, was ist aus dem dritten geworden?
    Ich denke, er reitet ebenso gemchlich nach anderer Seite im polnischen
Haufen, wie Ihr mit uns deutschen Knechten, und Ihr werdet ihn schwerlich so
bald wiedersehen.
    Mein Vater, klagte Anna, und in dem Schrecken ber ihre Hilflosigkeit sank
ihr das Haupt auf die Brust.
    Also Ihr seid die Tochter jenes Mannes, fragte der Landsknecht, und
gehrt zu der Freundschaft meines Gefangenen?
    Anna antwortete nicht, doch Georg versetzte ungeduldig: Die Jungfrau und
ihr Vater sind mir wohlbekannt, und ich sage Euch, an ihrem Wohl ist mir mehr
gelegen als an uns allen.
    Dies also ist eine Jungfer, welche von ihrem Vater abgekommen ist,
wiederholte der Kriegsmann bedchtig und betrachtete die gebrochene Gestalt von
der Seite. Ihr knnt gemerkt haben, fuhr er gegen Georg mitteilsamer fort,
da wir es nicht allein waren, welche die Beute erwarteten, denn ein polnischer
Haufe, bei welchem mein alter Gesell Heinzelmann mit seinen Knechten dient,
lauerte gleich uns auf das Schiff, und wir stieen am Ufer mit ihnen zusammen.
Doch wurde der Streit gtlich vertragen, sie haben einen Teil der Ladung
genommen und auch einen Gefangenen gefordert. Den Polen gefiel der Mann, weil er
sie lateinisch anrief, sie halten jeden fr vornehm, der dieser Sprache mchtig
ist, und sie werden ihn nicht schlechter behandeln, als sie mssen, denn sie
hoffen von ihm gutes Lsegeld.
    Anna verbarg ihr Antlitz in den Hnden. Denkt daran, liebe Jungfer, bat
Georg, hingerissen von ihrem Weh, da Euch ein treues Herz geblieben ist.
Solange ich den Arm rhren kann, sollen sie Euch kein Leid tun.
    Versprecht nicht mehr, als Ihr halten knnt, warnte der Hauptmann. Heda,
wer trabt dort ber das Feld? Er wies auf einen entfernten Reiter und gebot den
Bewaffneten: Treibt den Fremden mit Euren Spieen ab. Doch halt, verbesserte
er sich unwillig, den langen Gesellen kenne ich. Ich dachte es wohl, das
Junkervolk sprt auf Meilen, wo eine Beute zu nehmen ist. Dies ist einer von den
Reitern unseres Ordenspflegers. Der Pfleger gedenkt nach seiner Art sich einen
Anteil von der Mahlzeit zu holen, die er nicht kochen half.
    Der Reiter kam nher, der Tatarenmantel und die weie Feder auf der Mtze
gehrten einem Adligen im Dienste des Ordens. Gutes Glck, Hauptmann, rief er
mit rauher Stimme. Ihr versteht, das Wild schnell auszuweiden. Sein Blick flog
begehrlich ber die lange Reihe der Wagen. Hui, auch Gefangene. Aber im
nchsten Augenblick begann er hellauf zu lachen, sein Pferd sprang mit allen
vieren in die Hhe und schlug darauf mit den Hinterbeinen aus, gleich einem
ungezogenen Knaben, der sich ber fremden Schaden freut. Ihr seid es, Jrge, in
den Fusten der Landsknechte? Wo habt Ihr Euren vergoldeten Wagen, und wo sind
Eure stolzen Artusbrder? Doch ich sehe, wenigstens die Jungfer fhrt Ihr mit
Euch ber die Heide.
    Georg sah wild auf seinen alten Feind Henner, er verga, da er ohne Waffen
war, und trieb sein Pferd heftig auf ihn zu, aber der Landsknecht fiel ihm in
die Zgel. Hngt euch an ihn und haltet ihn zurck, denn er hat den Teufel im
Leibe, gebot er seinen Leuten. Er ritt dem Ankmmling entgegen und lie das
Pferd Georgs zwischen den Fusten zweier Knechte. Whrend der Zug sich vorwrts
bewegte, verhandelte er mit dem Adligen, und als Georg sich umwandte, merkte
dieser, da der Landsknecht auf ihn selbst zeigte und sich von dem
zurckbleibenden Henner berichten lie. Was er erfuhr, mute ihm willkommen
sein, denn er ritt wiederholt bei Georg vorber, betrachtete ihn scharf und
lachte still in sich hinein.
    Sie zogen lngere Zeit dahin, so schnell die Gespanne laufen konnten, bis
sich vor ihnen die Mauern und Trme einer kleinen Stadt erhoben. Auch dieser Ort
war einst von deutschen Kolonisten an dem Wall eines Ordenshauses gezimmert und
umschanzt worden. Jetzt hatte das Kriegsfeuer die Scheuern und Auengebude
getilgt, und um die Mauern lag verkohltes Holz auf schwarzen Brandsttten. Das
Innere bot ebenfalls ein Bild des Verfalls und der Zerstrung, den Kies der
Gassen deckte eine Wust von Stroh und Dnger, die Mehrzahl der Huser war
beschdigt; hatten die Fenster einst Scheiben gehabt, jetzt waren sie
zerschlagen, die Fensterlden hingen locker in den Angeln, sogar Haustren waren
zertrmmert und als Brennholz verbraucht. Viele Brger hatten die Stadt
verlassen, nur hier und da schlich ein altes Mtterlein oder ein Handwerksmann
die Huser entlang und sah furchtsam auf unwillkommene Gste, welche herrisch in
fremdem Eigentum geboten. Denn ein Fhnlein der Landsknechte hatte sich
innerhalb der Mauern festgesetzt und fhrte seinen wilden Haushalt in den
Brgerhusern. Wo einst fleiige Hnde den Hammer geschwungen und den Hobel
gezogen hatten, schlugen jetzt die harten Fuste trunkener Kriegsknechte auf die
Tische, und der wilde Tro des Fhnleins, Dirnen und Kinder, schrie aus den
Fenstern und balgte sich vor den Tren. Mit hellem Freudenlrm empfing die Bande
den heimkehrenden Haufen, Knaben und Mdchen, manche trotz der Klte halb nackt,
andere eingewurstelt in die Kleidung Erwachsener, kletterten an den Wagen
hinauf, halbwchsige Trobuben griffen begehrlich ber den Leiterbaum in die
Ladungen, die Dirnen der Bande, bunt aufgeputzt, riefen die Einziehenden an und
wechselten mit ihnen dreiste Scherzreden, und bewaffnete Landsknechte liefen aus
den Husern, boten den Genossen die Trinkkrge und folgten lachend dem Zuge.
ber den Markt drngte der lrmende Schwarm nach dem Schlosse, in welchem das
Hauptquartier der Knechte war. Am Schlotor machte der Hauptmann mit seinen
Begleitern gegen den Haufen kehrt, gebot dem Tro mit Donnerstimme,
zurckzubleiben, und schlug mit einem Stock unbarmherzig auf die Kpfe der
berdreisten, welche sich hinter den Wagen in den Schlohof einschmuggeln
wollten. Als das Fuhrwerk geborgen war, besetzte er das Tor mit Wchtern und
ritt mit seinem Gefangenen in den Hof. Eine feste Mauer mit Scharten und einer
Galerie, zur Verteidigung wohl geeignet, umfate den Hofraum, gegenber dem Tor
stand ein hohes Steinhaus und daneben ein dicker viereckiger Turm aus
geschwrzten Ziegeln, zur Seite lagen Stlle und Scheuern und ein langes
niedriges Gebude mit Kammern und Gewlben zum Aufbewahren der Vorrte. Hans
stieg schwerfllig ab und reichte seine groe Hand grend einem Weibe, das ihm
von der Schwelle des Hauses entgegentrat. Es war eine hagere ltliche Frau mit
harten Zgen, die in einem verschossenen Gewand von schwerem Seidenstoff
daherging, ber welches sie vorsorglich eine Schrze gebunden hatte, sie trug am
Grtel neben ungeheurem Schlsselbund ein langes Messer und schwenkte in der
Hand einen groen Schpflffel. Wir bringen, grte der Landsknecht in guter
Laune. Gib auch du, Alte, was der Kessel fat, denn wir sind hungrig.
    Wer hat's dem Peter Meffert versetzt, fragte die Frau, nach dem Wagen
sehend, von welchem der verwundete Landsknecht durch schreiende Weiber
herabgehoben wurde.
    Dieser, antwortete der Hauptmann, auf Georg zeigend, und vertraulich
setzte er hinzu: Der Vogel hat goldene Federn, er soll dafr Gutes aus deinem
Kessel erhalten.
    Die Jutta wird wohl dafr sorgen, da er's nicht lange geniet, sagte die
Alte und wies auf eine groe, ppige Dirne, welche ber den Leib des Verwundeten
heftige Schmhreden gegen Georg ausstie. Aber Blitz und Hagel, was fhrst du
hier fr ein Milchgesicht heran?
    Anna wankte, von Georg gefhrt, zu der Alten, sie sank, die Hand der
Widerstrebenden fassend, lautlos an ihr nieder und sah so flehend und beweglich
zu ihr auf, da die Frau eine mtterliche Empfindung nicht abzuwehren vermochte.
Unterdes drckte Georg heftig die andere Hand und bat: Wrdige Frau
Hauptmnnin, erbarmt Euch der armen Jungfer mit gutem Herzen.
    Die Alte sah von einem zum andern und antwortete ohne Hrte:
    Wer im Kriege gefangen wird, mu sein Schicksal tragen, wenn es ihm auch
grausam erscheint. Steht auf, Jungfer, der beste Dienst, den ich Euch hier
erweisen kann, ist der, da ich Euch einsperre. Sie hob Anna in die Hhe,
fhrte sie in eine Kammer des Vorratshauses und schlo sorgfltig hinter ihr ab.
Als Georg folgen wollte, legte sich ihm die Hand des Hauptmanns schwer auf die
Schulter: Euer Schlupfloch ist anderswo. Er ntigte den Widerwilligen eine
kleine Treppe zum Turme hinauf und barg ihn dort in dem untern Gemach. Bevor er
die Tr schlo rief er noch trstend hinein: Verhungern und verdrsten sollt
Ihr nicht.
    Nach einer Weile kam die Alte aus dem Gefngnis der Jungfrau, stie den
Hauptmann vertraulich in die Seite und sprach leise in ihn hinein; er zuckte mit
den Achseln, ma mit seinen groen Augen die Hhe und Breite des Hauses und
lachte schlau.
    Sie lag wieder vor mir auf dem Boden, sagte die Frau, es war ein
trauriger Anblick, und sie sagte, da sie zu mir Zutrauen htte, da ich dein
eheliches Weib sei und eine ehrsame Frau.
    Na, sagte der Hauptmann.
    Wie darfst du grienen, du Bsewicht, fuhr ihn das Weib an, als wenn ich
nicht mit dir vor der Kirchentr gestanden htte, da der Pfaff unsere Hnde
zusammenlegte.
    Ich wei zwei, die damals widerwillig waren, nicht nur der Pfaffe, auch
noch ein anderer. Und besnftigend fgte er hinzu: Gib dich zur Ruhe, Alte, es
ist einmal geschehen und geschieht nimmermehr.
    Pfui, Hans, ich habe Besseres um dich verdient. Und was soll aus dem armen
Kinde werden, denn sie ist ja noch ein Kind.
    Wieder verzog er das Gesicht. Kann sie Lsegeld schaffen in nicht zu langer
Frist, so bewahren wir sie nach unserem besten Vermgen, denn wir sind Christen
und keine Mohren. Kann sie nicht zahlen, so mu aus ihr werden, was aus andern
geworden ist. Sie wird einem freien Landsknecht die Grtze kochen.
    Sie wird ins Wasser springen.
    Das hat manche gewollt, die dort den Kochlffel rhrt, entgegnete Hans
gemchlich. Sie mag sich einen aussuchen, der sie behaupten kann, an
Begehrlichen wird es ihr nicht fehlen.
    Sie hat gute Verwandte in Meien.
    Was knnen wir dafr; soll sie deshalb als alte Jungfer sterben?
    Ich aber sage dir, sie ist nicht von dem Schlage wie diese dort.
    Diese sind von gutem Schlage, wie er uns Knechten wohltut. Wenn das
Schuhwerk fehlt, laufen sie barfu, und wenn ihr Herr hungert, mausen sie fr
ihn. Du weit ja selbst, da die Fremde so bei uns nicht bleiben kann, und
wenn's die Knechte ertragen wollten, die Dirnen wrden's nimmer leiden.
    Was der Hauptmann mit seiner Ehefrau besprach, blieb kein Geheimnis; die
Weiber, welche im Schlohofe wirtschafteten, verlieen die Feuersttten, fuhren
aufgeregt durcheinander und verhandelten eifrig; auch die Mnner traten
zusammen, zuchtlose Scherzworte flogen durch den Haufen, und mancher kecke
Gesell reckte sich hoch auf und schritt dem Hause nher, um durch das Fenster
einen Blick auf die Fremde zu gewinnen. Der Hauptmann stand noch immer vor dem
Hause, lachte zuweilen und berlegte, endlich wandte er sich kurz um, schritt
hinein und schlo hinter sich die Tr. Als er wieder herauskam, war er ernst und
nachdenkend und winkte einige alte Wrdentrger des Haufens zu sich heran. Eine
arme weie Maus, sagte er.
    Kann sie zahlen, was dem Haufen lohnt? fragte Wuz, der Locumtenens.
    Hans schttelte den Kopf. Wenigstens ist es ganz unsicher, sie hat ihre
Verwandten weit von hier in Sachsen. Sie will von den Mnnern nichts wissen und
betet zu ihrem Gott um ein barmherziges Ende.
    Dergleichen kommt vor, erklrte Benz Streitenberg, ein alter
Doppelsldner. Ich gedenke wohl, bei einem Haufen in Friesland war in meinen
jungen Jahren auch eine Magd, welche sich jedem versagte, und die Sache war
nicht ohne, fgte er geheimnisvoll hinzu, das Fhnlein hatte Glck, bis es die
Magd verlor.
    Ohne Zweifel war die Frieslnderin hlich, diese aber ist es weniger. Wer
soll unseren Eisenbchsern wehren?
    Kommt Zeit, kommt Rat, beruhigte der Alte. Unterdes bergebt sie Eurer
Frau, bis Ihr wegen des Lsegeldes sichere Kundschaft gewonnen habt.
    Soll ich wegen der Jungfrau gegen unsere frechen Knaben auf der Lauer
liegen und mich auerdem mit der Alten zanken? wandte Hans ein, offenbar am
meisten beunruhigt durch die letzte Mglichkeit. Wollt Ihr die Sorge fr sie
bernehmen? fragte er seinen alten Genossen. Lieber wollte ich einen
Ameisenhaufen hten, versetzte Benz unwillig.
    Dann wei ich keinen Rat, entschied der Hauptmann, und das Rad mag
laufen, wohin es will. Aber noch ein anderes Urteil haben die Brder zu fllen,
ber den Gesellen, den wir verstrickt halten. Der verwundete Peter hat ein Recht
an ihm gewonnen, und er wird fordern, ihn niederzuhauen. Der Gefangene ist aber
der Sohn eines reichen Kaufmanns aus Thorn und vermchte sich hoch zu lsen.
    Es gilt ein Sprichwort, sagte der Alte: Geld ist gut und Rache besser,
doch die Rache dient nur einem, das Geld aber uns allen. Das erwgt.
    Mir hat der Knabe unmig gut gefallen, fuhr der Hauptmann fort, er
schlug um sich wie ein Satan, und drei von uns hatten Mhe ihn zu bndigen. Und
als ich ihn an seinen Banden betrachtete, gefiel er mir noch besser, denn
hochmtig trug er seinen Kopf, ein langer Gesell mit starken Gliedern, der
scharf aus seinen Augen sieht, mit roten Backen und langem Haar und suberlich
in seinem ganzen Wesen, dazu von Geburt ein Junker, und ich dachte, das wre der
Fhnrich, den wir entbehren.
    Ein reicher Junker gibt einen schlechten Landsknecht; er schmt sich, die
Brder an seinen Herrentisch zu setzen, wandte Benz Streitenberg ein.
    Vielleicht mag ihn die Not, in der er unter uns liegt, dazu bringen,
meinte der Hauptmann.
    Wie drfen wir die Fahne einem berlassen, der sie aus Furcht trgt?
fragte ein anderer bedenklich.
    Der Gesell tut nichts halb, lobte Hans, nimmt er die Fahne, so trgt er
sie uns zur Ehre. Darum, bevor ich die Brder in den Ring lade, bitte ich euch,
sie geneigt zu machen, da sie sich nicht auf die Seite des geschdigten Peters
stellen; denn dieser ist uns nicht selten zuwider gewesen, und auf seinem
Kerbholz ist mancher blutige Strich, den ein redlicher Knecht ohne Freude
betrachtet.
    Darauf fllte Hans eine Holzkanne mit Bier, rief einen Buben, da er sie
hinter ihm hertrage, und schritt nachdenklich zu dem Turme, in welchem er seinen
Gefangenen untergebracht hatte. Er ffnete mit der Erwartung, den Jngling in
einer Lage zu finden, welche er bei hnlichen Fllen oft beobachtet hatte, auf
dem Holzklotz sitzend mit gefalteten Hnden; aber er vernahm schon an der Tr
Gesang vieler Stimmen und dazwischen belehrenden Zuruf. Georg hatte sich auf
eine Fensternische geschwungen und verkehrte durch das Eisengitter mit Kindern
des Trosses, welche drauen an der Bschung des Walles saen und mit heller
Stimme das Lied vom gefangenen Knaben absangen, wobei Georg ihnen einhalf. Auf
das Gerusch wandte sich der Jngling um und sprang dem Landsknecht entgegen.
Wrdiger Hauptmann Isegrim, wie geht es der Jungfrau? Ich rate Euch, sie
suberlich zu behandeln, wenn Euch Eure Ohren lieb sind.
    Oho, rief Hans, verwundert ber den groben Empfang, ich rate Euch, an
Eure eigenen Ohren zu denken, die wahrlich in Gefahr sind.
    An meinem und an Eurem Kopf ist jetzt wenig gelegen, und ich gebe Euch Eure
Rede und den Trunk in der Kanne, die Ihr mit Euch tragt, keinen Bescheid, bevor
ich nicht wei, ob Ihr an dem Kinde als redliche Leute oder als Schelme handeln
wollt.
    Ihr waret wohl noch nie Gefangener? fragte Hans, da Ihr Euch unterfangt,
so gegen mich aufzupochen.
    Georg zuckte die Achseln ber solche Unwissenheit. Wenigstens noch nicht in
den Fusten Euresgleichen. Doch ich merke, ich mu Euch traben lassen, wie Ihr
es gewohnt seid, er machte eine Bewegung nach dem Holzklotz, setzt Euch,
beginnt Eure Rede und trinkt Euer Bier, aber schnell, denn ich habe nicht
bermig Geduld.
    Der Hauptmann setzte sich gemchlich, stellte die Kanne auf den Boden und
betrachtete in unverhohlenem Behagen den Jngling, welcher mit gekreuzten Armen
nachlssig an der Wand lehnte. Ihr habt einen unserer Bruderschaft gefhrlich
verwundet, und er wird Euer Blut fordern.
    Bringt Ihr die Kanne, um es mir abzuholen, Meister Fleischhauer? fragte
Georg zornig.
    Ich kam zu Euch in guter Meinung, und es wre klug von Euch, wenn Ihr die
scharfen Reden unterlieet.
    Ich bin Eurer Hauptmannschaft fr die gute Meinung verbunden, versetzte
Georg, und bin bereit, Euch zu hren, schon deshalb, weil ich verhindert bin,
Euch hinauszuschicken. Gefllt es Euch, beantwortet mir nur eine Frage: Seid ihr
Landsknechte die der Hochmeister geworben hat, oder seid ihr Ruber?
    Darauf will ich Euch Bescheid geben aus guten Grnden, obwohl Ihr unhflich
fragt. Wir sind freie Knechte aus dem Reich und kamen hierher, vom Hochmeister
geladen; wir dienten ihm, er aber zahlte uns nur kurze Zeit. Jetzt hausen wir
hier und behelfen uns, so gut und bel wir knnen. Wir stehen unter dem
Ordenspfleger der nchsten Burg und tun, wie er gebietet, wenn nmlich sein
Gebot unserer Bruderschaft gefllt.
    Ihr nehmt euch also, wo ihr etwas erhalten knnt, von beiden Teilen?
    Hans zuckte die Achseln. Auch wir freien Knechte mssen leben und zu
unseren Tagen kommen. Heut wollen die Frsten und Herren sich schlagen und
morgen vertragen; wenn sie schlagen wollen, dann locken sie uns mit schnen
Worten und hohen Versprechungen, die sie selten halten, und wenn sie sich
vertragen wollen, so wnschen sie uns zu allen Teufeln. Wir aber sind's, die den
Krieg fhren, und htten sie uns nicht, um ihre Hndel auszufechten, so bliebe
ihnen nichts brig, als zu fauchen wie alte Kater, und einander durch heimlichen
Mord aus dem Wege zu rumen.
    Wie mgt ihr, da ihr so gering an Zahl seid, hier an der Grenze euch
behaupten gegen die Polen des Knigs und die Deutschen der Stdte?
    Gegen das fremde Kriegsvolk hat uns bisher Eisen und Blei gute Dienste
getan, und mit den deutschen Knechten, welche sonst im Lande sind, halten wir
Kundschaft, wie sich gebhrt, denn wir denken: Heut Feind, morgen Freund.
    Ihr sagt, da ein Ordensherr euch an Stelle des Hochmeisters gebietet. Wie
kann dieser mit solchem Vertrage zufrieden sein?
    Vielleicht ist dieser Vertrag ihm selbst ntzlich. Kommt der Tag, wo der
Kriegsherr uns gegen alte Genossen aufruft, so fragen wir zuerst, ob er sich
ehrlich gegen uns gehalten hat mit Sold und Zufuhr und ob auch wir ehrlich gegen
ihn sein mssen. Und wenn wir befinden, da er ein Recht an unsere Hlse
behaupten kann, so wagen wir uns fr seine Sache, und die andern, gegen die wir
losschlagen, handeln ebenso. Dann mssen sich alte Kameraden im Herrendienst
einmal die Wmser zerstoen und auf brauner Heide ihr Leben geben und nehmen.
Das aber geschieht nach redlichem Handwerksgru, und keiner darf dem andern
wegen Leibesschaden und Tod einen Groll in jenem Leben nachtragen. Dort drben
der polnische Starost unterhlt auch deutsche Landsknechte, die in ihrer Not zu
den Polen bergetreten sind und die Ihr heut frh gesehen habt. Auf der Heide
ist eine Sttte erkoren, welche Frieden hat, an dieser begren wir uns
zuweilen, und der eine erfhrt im voraus, was ihm von der andern Seite gebraut
wird.
    Wo die Fchse einander gute Nacht sagen, finden die Hasen bles Lager.
Verdammt, da ich jetzt euer Hase bin. Auch der Gesang eurer Kinder hat
aufgehrt; zrnt nicht, wenn ich Euch bekenne, da ich ihn lieber hre als Eure
Erzhlung. Er schwang sich wieder auf das Fenster und rief hinaus: Seid ihr
da?
    Ja, schrien viele Kinderstimmen.
    So singt mir noch eins zum Angehr. Kennt ihr das: Ducke dich, Hansel,
ducke dich, das Wetter wird vorbergehn.
    Krftig schrie der Chor drauen die Weise.
    Und was denkt Ihr jetzt mit mir zu beginnen? fragte Georg, zu dem
Landsknecht zurckkehrend.
    Die Bruderschaft hat ein Recht auf Euch gewonnen, und sie wird sich's
einfordern, so oder so.
    Und was will sie mir antun?
    Entweder wird sie Euch hinstellen vor den Verwundeten und seine Freunde,
damit ihre Waffen Euch den Arm abhaue, den Ihr einem Knechte geschdigt habt.
    Teufel, Hauptmann, Ihr bt groben Brauch, daran ist mir nichts gelegen. Und
welches andere Recht knnten sie noch gegen mich behaupten?
    Da Ihr selbst in die Bruderschaft tretet.
    Georg lachte: Und da ich ein Mausekopf werde wie ihr andern. Auch dies
steht mir nicht an, findet bessere Hilfe. Was sagt Ihr zu einigen Batzen
Lsegeld? Lat uns versuchen, ob gute Leute in meiner Vaterstadt das fr mich
aufbringen.
    Hans schttelte den Kopf. Ich sorge, da die Knechte sich damit nicht
zufriedengeben, zumal sie nicht alles erhalten wrden; denn wenn Geld gezahlt
wird, so nimmt sich einen Teil der deutsche Ordensherr.
    Georg stellte sich vor den Landsknecht und begann in verndertem Ton: Ihr
seid zu mir gekommen, wie Ihr sagt, in guter Gesinnung, und wahrlich, an Eurem
breiten Gesicht erkenne ich, da Ihr es nicht bel mit mir meint. Sprecht, ob
Ihr mir und der Jungfrau von hier forthelfen knnt; denn obwohl ich jetzt so arm
bin wie eine Kirchenmaus, glaube ich doch, da ich Euch einen Zehrpfennig fr
Eure alten Tage schaffen kann, der Euch aller spteren Sorge entheben wird, wenn
heute oder morgen diese wilde Wirtschaft aufhrt.
    Hans hob die Kanne. Das war ein verstndiges Wort, und ich will Euch meine
Meinung sagen, wenn Ihr mir erst willig Bescheid getan habt.
    Georg nickte. Trinkt mir zu auf gutes Geschft, ich folge Euch. Sie
tranken und schttelten einander die Hnde; darauf sagte Hans: Ich kann Euch
nicht von hier lsen, wie Ihr meint, und ich wrde es auch nicht tun, selbst
wenn ich's vermchte. Denn ich will gegen meine Gesellen nicht unehrlich sein,
und ich wrde schwerlich lange am Leben bleiben, um das Geld zu genieen. Darum
wiederhole ich mein Angebot. Ich will nicht, da Ihr ein gemeiner Landsknecht
werdet, sondern da Ihr den Brdern die Fahne tragt. Uns ist der Fhnrich
gestorben, und Wuz, der jetzt an seiner Stelle das Tuch schwenken mu, taugt
ganz und gar nicht dazu und begehrt sich selbst die Ehre nicht. Und um Euch
alles zu sagen, Ihr habt mir gefallen, und ich mchte Euch darum retten und fr
den Haufen bewahren.
    Wieder lachte Georg. Ich bin dankbar fr die zugedachte Ehre. Doch ist mir
noch undeutlich, fr wen ich nach Eurem Willen die Fahne schwenken soll. Ist's
der Hochmeister oder der Ordenspfleger oder Herr Omnes, der Hauf Eurer Knechte?
    Das Fahnentuch weist die schwarzen und weien Rauten und an der Ecke das
Ordenskreuz, antwortete der Hauptmann.
    Und wenn es den Knechten gefllt, ihren Herrn zu wechseln?
    Der Fhnrich gelobt sich der Fahne; nur solange Ihr des Hochmeisters Farben
tragt, seid Ihr gebunden.
    Der Krieg ist beendet, ein Stillstand geschlossen. Wie lange denkt Ihr hier
noch zu dienen? fragte Georg.
    Bis der Hochmeister uns ablohnt, versetzte Hans. Zahlt er dem Fhnlein
morgen aus, so seid Ihr morgen frei. Doch, fgte er schlau hinzu, es kann auch
lnger dauern.
    Jedenfalls lange genug, sagte Georg ernsthaft, um Eurem Fhnrich Ehre und
Gewissen in Bedrngnis zu bringen. Denn, Hauptmann, nach allem, was Ihr erzhlt
und was ich gesehen, haust ihr in einer Weise, die mir nicht gefllt.
    Auch dabei hat der Fhnrich mitzureden, antwortete Hans; Euch steht es
zu, die Ehre der Fahne gegen die Knechte zu vertreten, und dem ganzen Haufen
liegt daran, da Ihr selbst an unehrlichem Werke keinen Anteil habt. Wenn Ihr
Euch weigert, die Fahne fliegen zu lassen, weil Unehre gebt ist durch einen
oder viele, so mu der Haufe den Schaden bessern oder in Schimpf dahinleben. Ist
vielleicht in dieser Zeit, wo uns ein sicherer Fhnrich fehlte, allerlei
geschehen, was besser unterblieben wre, so knnt Ihr helfen, da es knftig
vermieden wird. Lat Euch sagen, da Ihr mir gerade darum wohl ansteht, weil ich
Euch als einen stolzen Gesellen erkenne. - Ich wei jetzt auch durch die
Gefangene, wer Ihr seid, und da Ihr von Eurer Vaterstadt nur wenig zu hoffen
habt, denn Ihr seid dort strengem Recht verfallen, und das Polenreich ist Euch
zugesperrt.
    Zum erstenmal merkte Georg, da er im Elend war, und sah schweigend vor sich
hin, whrend der Hauptmann schlo: Darum denke ich, da Euch mein Angebot
genehm sein knnte. Wollt Ihr nicht, auch gut. Dann bleibt mir nichts, als ber
Euch, wenn Ihr auf dem Boden liegt, das Kreuz zu machen.
    Droht mir nicht, wenn Ihr mich haben wollt, rief der Jngling unwillig,
denn durch Schrecken gewinnt mich niemand.
    Dann rate ich, da Ihr an andere denkt, die Euch vielleicht am Herzen
liegen. Denn diesen vermgt Ihr jetzt nur beizustehen, wenn Ihr meinen Vorschlag
willig annehmt.
    Georg berlegte. Ich habe Euch gehrt, jetzt merkt auch auf mich. Ihr seid
dem Ordenspfleger dieses Amtes unterstellt, lat mich vorerst mit ihm
verhandeln; es soll Euer Schade nicht sein.
    Hans vernahm mit Mivergngen diesen Vorschlag. Ihr setzt Euch aus dem
Regen in die Traufe. Dennoch mgt Ihr erkennen, da ich Euch gern gefllig bin.
Wir haben nicht ntig, deshalb Reisestiefel anzuziehen, denn er kommt sicher
noch heut, um die Beute zu besehen.
    Vom Tore her tnte dumpfer Trommelschlag. Hans erhob sich rgerlich. Ich
wute, da er gute Nachbarschaft halten wrde; folgt mir und harret, bis ich
Euch zur Unterredung fhre. Der Hauptmann trat mit seinem Gefangenen in den
Hof, die Knechte in der Nhe des Tores liefen mit ihren Spieen und Rohren herzu
und stellten sich auf. Durch die Stadt sprengte ein Trupp Reiter nach der Hhe,
an ihrer Spitze der Pfleger der nchsten Ordensburg. Er trug wie mehrere seiner
Begleiter, welche die Gelbde abgelegt hatten, auf dem weien Mantel das
schwarze Kreuz; neben ihm ritt seine Traute, ein prchtiges Weib im roten
Samtpelze, mit wallenden Straufedern auf dem Hute. Sie bndigte ihr mutiges Ro
wie ein Mann und sah, an Bewunderung gewhnt, herausfordernd in die Reihe der
Knechte. Als die Schar im Hofe anhielt, rief der Pfleger mit nachlssiger
Vertraulichkeit dem Hauptmann zu, indem er auf die Wagen wies: Meine Bren
kommen voll vom Honigbaum, und der Seim trieft ihnen vom Fell.
    Herr Reinecke trabt auch herzu, brummte der Landsknecht und zog den Hut
ab. Was wir gebeutet haben, ist fast nur Brotkorn; den Mulern meiner Kinder
tat es not, Euch wird es wenig frommen.
    Mir ist von Kaufmannsgut berichtet, versetzte der Ordensmann eifrig,
weist meinem Schreiber die Ware. Als er vom Pferde stieg, fiel sein Blick auf
Georg, und, unwillig ber den fremden Zeugen, rief er: Welchen unberufenen Gast
habt Ihr hier? Seit wann ladet Ihr Gefangene zu den Geschften mit meinem Amt?
    Der Junker begehrte dringend, Euch selbst zu sprechen, und ich wollte nicht
verhindern, was Euch lieb sein konnte.
    Ihr also seid der Brgersohn aus Thorn? fragte der Pfleger mit finsterer
Miene.
    Georg las in dem harten Gesicht, aus welchem zwei scharfe Augen auf ihn
stachen, nicht viel Gutes fr sich, und sein Stolz bumte sich auf: Ich bin
Georg Knig, einer von den Brdern des Hofes zu Thorn; bei friedlicher Fahrt auf
dem Strome wurde ich durch diese Knechte gefangen herbeigefhrt, obgleich ein
Stillstand geschlossen und die Stromfahrt freigegeben ist.
    Uns ist darber keine Nachricht zugegangen, erwiderte der Ordensherr
abweisend, und Ihr seid nach Kriegsbrauch gefangen.
    Ob ich mit Recht oder Unrecht angehalten wurde, das mag verhandelt werden
zwischen dem Hochmeister, Eurem Gebieter, und meinem Geschlecht. Unterdes bitte
ich Euch geziemend, da Ihr es bernehmt, Seiner frstlichen Gnaden, welcher ich
von Angesicht wohlbekannt bin, ein Schreiben von mir zugehen zu lassen und bis
zu der Antwort Eures Gebieters die Entscheidung ber mein Lsegeld und ber das
meiner Mitgefangenen hinauszuschieben.
    Ich bin kein Bote fr Eure Briefe, beschied der Pfleger geringschtzig.
Hat Euch der Hochmeister in Wahrheit je gesehen, so hat er Euch lngst
vergessen.
    Herr Albrecht hat, da er als Gast in meines Vaters Hause weilte, mir
wiederholt in Hulden sein Schlo zu Knigsberg als meine Gastwohnung angeboten,
wenn ich einmal das Ordensland betrte. Darum, meine ich, hat er ein Recht, zu
erfahren, da ich hier mit Gewalt zurckgehalten werde.
    Ein Weimantel aus dem Gefolge ritt zum Pfleger und sprach ihm in das Ohr,
das Gesicht des Ritters erhielt einen entschlossenen und bsartigen Ausdruck.
Es ist weit von hier bis nach Knigsberg, antwortete er endlich; und ich
versage Eurer Rede den Glauben.
    Da rief Georg zornig: Ihr seid Pfleger dieses Amtes, damit Ihr im Namen
Seiner frstlichen Gnaden Recht und Gesetz handhabt; verweigert Ihr mir in
meiner Bedrngnis, was mein Recht und Eure Pflicht ist, so mgt Ihr die Folgen
auf Euer Gut und Leben nehmen; denn ich sage Euch, Herr, Ihr werdet es
entgelten, entweder mir oder anderen, welche das Unrecht an Euch rchen.
    Ihr krht zu laut, junger Hahn aus dem Brgerhofe, entgegnete der
Ordensherr mit unheilverkndendem Blick und wandte sich kurz ab. Aber Georg, dem
das Blut wallte, fuhr heftig fort: Auer mir ist eine ehrbare Jungfrau
hergefhrt worden; haben die Herren vom schwarzen Kreuz vergessen, da Frauen
frei ausgehen beim Streite der Mnner? Wir in Thorn vernahmen, da es einst
Ritterpflicht war, Frauen und Jungfrauen zu beschtzen. - Er hrte hinter sich
die leise Warnung: Schweig, du Tor, und erkannte die Stimme seines Feindes
Henner, aber unbekmmert um die Folgen fuhr er fort: Ist ein Adliger von Ehre
in der Nhe, so fordere ich ihn auf, da er an seine Ehre und an seinen Eid
gedenke.
    Der Pfleger lchelte. Ist sie vom Adel? fragte er, sich zum Hauptmann
wendend.
    Es ist die Tochter eines lateinischen Lehrers, erklrte dieser.
    Wenn sie jung und hbsch ist, so wollen wir dem frechen Gesellen den
Gefallen tun und selbst den Schutz bernehmen. Fhrt sie herbei.
    Hans eilte nach der Kammer und brachte die erschrockene Anna in den Kreis.
Der Ordensherr sah sie sorgfltig an und nickte seinen Begleitern zu. Seid
guten Muts, Jungfer, Ihr sollt nicht lange in der Hut dieser brbeiigen Knechte
verweilen. Er winkte dem Hauptmann, da er die Gefangene zurckfhre, und
stieg, ohne Georg noch einmal anzusehen, auf sein Pferd. Die Frau im roten
Samtpelz aber rief: Wir danken fr die Gesellschaft der bleichwangigen Dirne;
wollt Ihr jemand von hier in das Schlo laden, so fordere ich diesen mit dem
krausen Haare zu meinem Dienst, und sie trieb ihr Pferd mit einer Wendung an
Georg vorber und schlug ihn mit ihrem Handschuh an die heie Wange. Das Gefolge
des Pflegers lachte, er aber warf ihr einen finstern Blick zu und ritt
schweigend nach dem Tore. Dort sprach er lngere Zeit mit dem Hauptmann, dann
winkte er mit der Hand, und der Reiterzug sprengte abwrts durch die Gassen der
Stadt.
    Georg stand allein im Sturm seiner Gedanken, da trat der Hauptmann zu ihm
und begann in guter Laune: Ihr habt den Ordensleuten den Trunk vergllt. Sonst
muten wir ihnen jedesmal auftragen, wenn sie uns die Ehre ihres Besuches
erwiesen. Wenn diese Weimntel untereinander sitzen, so reden sie verchtlich
von uns Knechten, als von treulosen Buben und Strauchdieben; wie sie selbst aber
sind, habt Ihr wohl gemerkt. Und ich sage Euch, der ganze Haufen meiner Knechte
ist ausbndig erfreut, da Ihr dem Pfleger aufgetrumpft habt.
    Was hat er mit der Jungfrau vor? fragte Georg wild.
    Hans zuckte die Achseln und erklrte, das nicht zu wissen.
    Gestattet, da ich mit Ihr rede, bat Georg.
    Der Hauptmann, welcher mitrauisch die Folgen dieses Gesprchs erwog,
schttelte den Kopf. Bedenkt, was ich einem Gefangenen gestatte, knnte ich den
freien Knechten nicht verweigern. Die Magd bleibt heut im Verschlu meiner
Alten. Wir aber kommen auf den Handel zurck. Auch die Knechte meinen jetzt, da
Ihr unser Fhnrich werden mt. Ihr versteht die Worte zu setzen wie ein
Schreiber, und das Feuer sprht Euch aus den Augen. Ihr ward behende dabei, Euch
den Pfleger zum Feind zu machen, und im Vertrauen, er riet uns, dem verwundeten
Peter sein Recht an Eurem Leibe zu gewhren.
    Um den Verwundeten sorge ich nicht schwer, sagte der Jngling, mit seinen
Gedanken ringend, gegen ein gutes Stck Geld vertrgt er sich mit mir.
    Vielleicht tut er das, antwortete Hans, vielleicht auch nicht; ich
widerrate, da Ihr Euer Schicksal in die Faust des wsten Gesellen legt.
    Hauptmann, rief Georg, die Hand des Landsknechts ergreifend, mein Ro
stutzt und bumt vor dem Graben, lat mich kurze Zeit unter freiem Himmel
allein, dann will ich Euch Bescheid sagen. Der Landsknecht nickte und trat
zurck, Georg schritt im Hofe auf und ab, endlich setzte er sich auf einen Stein
unweit der Kammer, in welcher Anna verschlossen war. Es war still um ihn, am
Abendhimmel trieben dunkle Wolken schnell dahin, darber hellere in rtlichem
Glanz; die Knechte standen mit untergeschlagenen Armen vor dem Tore, nur die
Kinder des Haufens hockten nahebei auf den Balken, sie beobachteten den
Gefangenen in Erinnerung an die gemeinsame Kunstleistung wie ein Flug Saatkrhen
den Ackersmann. Jetzt benutzten sie die Stille, um zu seiner Unterhaltung das
Lied: O Schiffsmann anzuheben, und sie sangen von der Jungfrau, welche aus dem
Schiff in die Tiefe versenkt werden soll und der Reihe nach ihre Lieben zu Hilfe
ruft; der Bruder kommt nicht, der Vater kommt nicht, aber der Geliebte hrt und
lst sie aus der Todesnot. Und als die Kinder schrien: O Liebste mein, Leib und
Seel' verkaufe ich, dein junges Leben rette ich, ich will dich nicht verlassen,
da sprang Georg auf, und den Arm hebend, rief er: Ich hre die Mahnung meiner
Kantorei, und sie hat das Richtige getroffen. Und whrend die Bande noch ber
dem Liede sang, trat er zu dem Hauptmann und begann frhlich: Ich will Euer
Fhnrich werden, und ich will mich Eurer Bruderschaft geloben fr Leben und Tod,
wenn Ihr mir die Rechte abtretet, die Euer Haufe an die Jungfrau als Eure
Gefangene beansprucht. Ihr mgt sie schtzen und das Lsegeld von mir nehmen,
aber sie wird, soweit Ihr ein Recht an sie habt, mein eigen von der Stunde, wo
ich mich Euch angelobe.
    Sie soll Euer werden, antwortete der Landsknecht, die Worte erwgend,
soweit der Haufe ein Recht an sie hat. Und Georgs Hand schttelnd, rief er:
Nichts Besseres konnte dem Fhnlein geschehen. La den Trommler anschlagen,
Wuz, und die Alten zum Rate laden, denn ein wackerer Fhnrich ist gefunden.
    Unterdes sa Anna zwischen den Heubndeln ihrer Kammer; nach schlafloser
Nacht und einem Tage unsglicher Angst waren ihre Krfte erschpft, ihr Haupt
auf ein Bund herabgeglitten und das Bewutsein ihres Elends auf kurze Zeit
geschwunden. Im Schlummer kam ihr vor, als ob Georg mit der Laute vor ihr stehe,
und sie lachte ihn freundlich an. Da unterbrach Trommelschlag den friedlichen
Traum, die Tr ffnete sich und die Frau des Hauptmanns trat ein, Anna fuhr in
die Hhe. Ihr habt nicht ntig, zu erschrecken, Jungfer, begann die Alte
freundlicher als bisher, Euer Schicksal wendet sich zum Bessern; das Fhnlein
ist dabei, sich einen neuen Fhnrich zu whlen; hat er sich erst der Fahne
gelobt, so will er die Sorge fr Euch bernehmen, und von morgen gehrt Ihr ihm
an. Entsetzt Euch nicht, Jungfer, der neue Herr ist Euer guter Freund, der
Junker, welcher mit Euch gefangen wurde.
    Da stie Anna einen gellenden Schrei aus, warf sich auf die Knie und
verhllte das Haupt, und die Alte, welche sich ber sie beugte, vermochte ihr
keine Rede abzugewinnen.
    Am nchsten Tage wurde das ganze Fhnlein aus der Stadt und den nchsten
Drfern zusammengeboten und lange mit den einzelnen Haufen verhandelt. Endlich
am Nachmittag war durch den Einflu der Fhrer und Doppelsldner die Einigkeit
gewonnen, Georg trat in den Ring und legte das Gelbnis ab, die Fahne wurde ihm
angebunden, wie Brauch war, da er sie in der Rechten trage und nach Verlust der
Rechten in der Linken, da er sie im Lager bewahre bei Tag und Nacht gleich
einer Braut und beim Kampf sein Leben fr sie lasse. Und als Georg die Fahne in
der Luft schwenkte, so sicher wie ein alter Kriegsmann, freuten sich die
Knechte. Er hatte bisher nicht gedacht, da das Spiel des Artushofes bitterer
Ernst seines Lebens werden sollte. War seine Wange auch fahler als sonst, er
trug sein Haupt aufrecht und das Herz wurde ihm nicht schwer. Als alles nach
Gebhr vollendet war und er die Knechte mit einer Ansprache begrt hatte, die
dem Haufen wohlgefiel, lste der Hauptmann den Kreis und Georg begann: Ich habe
unsern Vertrag erfllt, jetzt tut Ihr mir desgleichen und fhrt mich zu der
Jungfrau. Der Hauptmann nickte. Aber in demselben Augenblick rief die Wache vom
Tor, da ein Reiter herantrabe, und das Gesicht des tapfern Hans verzog sich in
Unruhe und Verlegenheit. Der Pfleger hat's eilig, brummte er. Gedenkt,
Fhnrich, was ich Euch verheien habe; das Anrecht, welches das Fhnlein an der
Gefangenen behaupten kann, will ich Euch bergeben, mehr nicht; vielleicht ist
es noch ein anderer, der ein Recht auf die Jungfrau fr sich fordert. Da fate
die Hand des Jnglings wie eine Eisenklammer in seinen Arm, da er zuckte, und
dem herantretenden Henner rief Georg entgegen: Kommt Ihr, die Jungfrau nach dem
Ordenshause zu holen, so steigt vorher ab und zieht Eure Waffe, denn ich weigere
Euch das Weib.
    Aber Henner blieb sitzen und sah verwundert auf seinen Gegner, der die Fahne
im Arm hielt und nicht als Gefangener, sondern in Waffen vor ihm stand. Die
Pest auf alle Weibernarren, fluchte er; meinetwegen behaltet Euer Liebchen,
bis Ihr und sie mit Urenkeln gesegnet seid. Ihr habt heut nicht ntig, mich
anzuschnarren, auch ich will Euch nicht auslachen, wie ich wohl knnte, da Ihr
ein Fhnrich dieser Klotzkpfe geworden seid; denn ich habe in meinen Tagen
selber erfahren, wozu Not und Elend verleiten. Ich kam nur im Vorberreiten
herauf, um Euch zu winken, da Ihr Euch mit der Jungfer fortmacht, was es den
reichen Vater auch koste. Denn Ihr seid hier nicht gut daran, aber in dem Hause,
aus dem ich komme, wret Ihr oder eine andere, an der Euch liegt, vllig
verloren. Doch ich sehe, Ihr habt Euch festgehakt und dem Teufel ein Recht ber
Euch gegeben, und sich vom Rosse niederbeugend, sagte er leiser: Die Jungfer
wird dem Fhnlein abgefordert werden, und die Knechte werden sie Euch zuliebe
schwerlich verweigern.
    Ich aber, rief Georg.
    Bah, wie vermgt Ihr das, sie ist ja nicht Euer Eheweib. Und ich sage Euch,
die Ordensdiener wren bereits hier, wenn der Pfleger nicht in ein Hindernis
gefallen wre. Er geriet gestern beim Trunke mit einem Adligen in Streit,
vielleicht war es Euretwegen und wegen des blassen Magisterkindes. Das Eisen
fuhr zu schnell aus der Scheide und er liegt jetzt mit einem Ritz im Leibe, der
andere aber hat sein Pferd gesattelt und ist dem Hause entwichen, sich
irgendwoanders Unterschlupf zu suchen. Benutzt die Frist, die Euch durch den
Schnitt geworden ist, denn ich denke, allzuviel Zeit wird Euch nicht bleiben.
    Der andere wart Ihr, Henner, sagte Georg und streckte die Hand nach ihm
aus. Henner ergriff sie: Der Krug ist bezahlt, die zerschlagene Armbrust habe
ich bei Euch gut. Er wandte sein Pferd, um wegzureiten. Verweilt noch,
Henner, rief ihm Georg zu. Ich gedenke Euch als meinen Zeugen zu laden, wenn
ich mir ein Eheweib gewinne.
    Ich bin ein schlechter Hochzeitsgast, versetzte Henner, und ich will heut
nicht mit den Knechten beim Trinkkrug niedersitzen, nachdem ich mich gestern mit
den Herren gerauft habe. Fahrt wohl, Ihr stolze Distel von Thorn, rief er
lachend, niemand wei, was auf Erden noch aus ihm werden kann. Er grte mit
der Hand und sprengte aus dem Tor.
    Georg trat zu dem Hauptmann. Wird der Haufe das Eheweib seines Fhnrichs
gegen die Begier eines Fremden schtzen?
    Wenn Ihr ein Eheweib gewinnt in Eurem Amte, so gehrt das Weib zur
Bruderschaft und die Knechte mssen es schtzen. Wollt Ihr mit der Jungfrau in
den Ring treten, so steht das bei Euch, wir werden uns nicht versagen. Und darf
ich Euch raten, so tut zur Stelle, was Euch am Herzen liegt.
    ffnet mir die Kammer der Jungfrau, forderte Georg.
    Er trat schnell ein, in dem dmmerigen Raum sah er eine helle Gestalt,
welche scheu zurckwich und den Arm ihm abwehrend entgegenhielt, er sah das
verstrte Gesicht der Geliebten und zwei Augen, welche ihn angstvoll anstarrten.
Da hemmte sich sein Schritt, und er begann traurig: Liebe Jungfer Anna, lat
Euch gefallen, was geschehen ist, bei schlechtem Wetter ist jedes Obdach eine
Hilfe.
    Armer Georg, klagte sie, Seele und Seligkeit habt Ihr in Gefahr gesetzt.
    Nicht also, liebe Jungfer, Seele und Leben hoffe ich zu bewahren, wenn Ihr
mich nicht verlat, und ich komme, Euch anzuflehen, da Ihr bei mir aushaltet.
Er fate ihre Hand, sie zuckte bei der Berhrung, aber im nchsten Augenblick
warf sie sich an seine Brust und weinte. Als sie sich aufrichtete, sah sie ihn
zrtlich an, wie eine Mutter ihr Kind, und strich ihm mit der Hand ber Haar und
Stirn: Armer wilder Knabe, was habt Ihr gewagt, warum habt Ihr Euch dazu
gedrngt, das Opfer zu sein?
    Nicht ich, Anna, das Grte mt Ihr selbst wagen, denn Ihr knnt Euch nur
retten, wenn Ihr Euch mir vermhlt.
    Sie lste sich von ihm, und wieder sah er den scheuen Blick. Der
Ordenspfleger wird Boten senden, um Euch auf sein Schlo zu holen.
    Habt Ihr kein Messer, das Ihr mir geben knnt? rief sie mit rauher Stimme.
    Ich selbst und die drauen vermgen Euch zu schtzen, wenn Ihr nach dem
Brauch des Fhnleins mit mir in den Ring tretet und Euch mir zur Ehe angelobt.
    Sie sah ihn lange unsicher an, wie jemand, der den andern nicht versteht,
bis sie heftig ausrief: Wo ist der Brautkranz? Kommt! Aber sie wankte, und er
hielt sie in seinen Armen fest.
    Im Hofe klang wieder die Trommel, und die Knechte traten zusammen, der Ring
ffnete sich, als Georg das zitternde Weib in seinen Armen herausfhrte. Georg
legte die Jungfrau seinem Gesellen Wuz an die Schulter, ergriff die Fahne und
trat mit seinem Zeugen gegenber; der Hauptmann stand in der Mitte, tat die
Fragen und fgte die Hnde zusammen. Wieder schlug die Trommel mit dumpfem Ton,
Georg reichte die Fahne dem Hauptmann, und dieser schwenkte das Fahnentuch ber
den Vermhlten, damit die Ehe ehrlich werde und in den Schutz der Bruderschaft
aufgenommen.
    Georg rief: Seid bedankt, Hauptmann und gute Gesellen. Er raunte der
Bewutlosen zu: Mein Weib, hob sie mit starkem Arme und trug sie in den Turm.
Hier setzte er sich mit seiner sen Last auf die Bank, bedeckte ihr bleiches
Angesicht mit heien Kssen und vermochte nichts anderes zu sprechen als: Mein
liebes Weib. Sie hing hilflos in seinen Armen und widerstrebte nicht, wenn er
sie kte. Aber als er sie mit heien Augen zu sich emporhob, glitt sie an
seiner Seite nieder auf den Boden und lag, die gerungenen Hnde flehend
ausgestreckt: Um meinetwillen seid Ihr aus der Heimat geworfen, um meinetwillen
in Not und Elend geraten, um mich zu retten, habt Ihr Euer Leben den furchtbaren
Leuten angelobt; hier liege ich vor Euch, Leib und Seele sind Euch verfallen,
Ihr mgt mit mir machen, was Euch gefllt.
    Er fuhr erschrocken zurck vor dem jammervollen Blick und hob ihr leise das
Haupt: Anna, ich hoffte, da Ihr mich liebhttet. Sie seufzte fast unhrbar:
Wollt Ihr mich nicht ganz zerbrechen, so schont mich.
    Da wandte er sein Antlitz ab, um den Schmerz darber zu verbergen, da sein
Weib sich ihm versagte, aber er vermochte nicht die Herrschaft ber sich zu
behaupten, der Sturm in seinem Innern hob ihm die Brust und er sthnte laut. Sie
lag regungslos vor ihm auf der Erde und heie Tropfen fielen aus seinen Augen
auf sie. So blieben sie lange.
    Georg ermannte sich zuerst. Er berhrte ihr leise den Arm: Erhebt Euch,
liebe Jungfer Anna, ich kann solchen Schmerz nicht ansehen. Dort ber uns im
Oberstock ist Euer Gemach, ward es auch nur notdrftig hergerichtet, es ist
sicher. Zieht Ihr die Leiter hinauf, so vermag niemand zu Euch zu dringen.
Gestattet mir, da ich mit der Fahne hier unten hause, ich will Euch ein treuer
Wchter sein.
    Sie erhob sich ohne seine Hilfe und wankte nach der Leiter, dort hielt sie
sich fest, er aber stand abgewandt und starrte durch das Gitterfenster auf den
grauen Wolkenhimmel; als er sich umwandte, war sie verschwunden. Da ergriff er
seinen Hut und strzte aus dem Turme.
    Drauen empfing ihn der lrmende Zuruf seiner neuen Genossen, er sagte
ihnen, da sein Weib erkrankt sei, vernahm mit halbem Ohr ihre rauhen Scherze
und lie sich durch sie fortziehen zu dem Gelage, das der Hauptmann dem neuen
Fhnrich zu Ehren fr die Wrdentrger des Haufens veranstaltet hatte. Erst in
spter Nacht kehrte er zum Turm zurck, er wankte in das Gemach, stie hart
gegen die Wand und sank mit einem unterdrckten Fluch auf sein Lager. Dort
verlor er in bleiernem Schlaf die Empfindung seines Unglcks.
    Es war still im Turme und man vernahm nur die schweren Atemzge des
Schlafenden; da fiel ein Lichtstrahl aus der Luke hernieder. Mit der Leuchte
stieg ein angstvolles Weib herab, sie setzte sich an das Lager, rckte dem
Schlafenden sorglich das Haupt zurecht und breitete eine warme Decke ber ihn;
lange sa sie auf dem Boden, lautlos mit gesenktem Haupte.
    Das war fr die armen Kinder der Tag ihrer Vermhlung.

                             Die Ehe in der Wildnis


Georg erwachte spt am Morgen, fhlte nach seinem heien Haupt und sah sich
verwundert in dem kahlen Raume um. Neben seinem Lager sa Ajax und wedelte. Mir
ist so, als wre ich verheiratet und seit gestern ein Ehemann, sagte er zu sich
selbst. Vor ihm stand Wasserkrug und Becken und dabei lag sorgfltig
ausgebreitet ein Anzug aus seinem Reisebndel, den er bereits als verloren
bedauert hatte. Er sprang auf und benutzte die Gelegenheit, sich in besseren
Stand zu setzen. Als er umschaute, stand die Leiter zum Oberstock angelehnt;
oben war alles still, er wagte nicht hinaufzusteigen, aber er rief: Jungfer
Anna, doch kam keine Antwort.
    Da klopfte es an der Auentr, und auf sein Herein trat Anna in den Turm,
einen rauchenden Topf und ein Schlchen in der Hand. Guten Morgen, Junker,
grte sie mit niedergeschlagenen Augen, ich bringe die Morgensuppe. - Ei!
rief der erstaunte Georg. Sie rckte einen wankenden Tisch heran, setzte den
Schemel, go aus dem Topf in die Schale und khlte den Trank mit dem Lffel.
    Georg sa vor dem Frhstck. Vor allem sagt mir, wer bin ich und wer seid
Ihr? Da lie sie den Lffel fallen, ein trauriges Lcheln glitt ber ihr
Gesicht. Ihr seid mein Herr, sprach sie leise. Aber als er ihre Hand ergriff,
indem er die Frage wiederholte: Wer seid Ihr?, da entzog sie ihm die Hand und
antwortete, niederblickend: Ich bin Eure Jungfer Anna.
    Hm, summte er und trank aus der Schale.
    Anna ergriff das Wams, welches Georg abgelegt hatte, setzte sich ihm
gegenber auf die Bank und holte Nadel und Zwirn aus der Tasche. Dies Loch hat
die Hellebarde des Hauptmanns gerissen; auf dem Wege hierher grauste mir, wenn
ich es ansah und dachte, wie wenig gefehlt hat, da er Euch am Leben traf. Sie
legte das Gewand in den Scho und sah vor sich hin, aber sie fate es sogleich
wieder und nhte eifrig ber dem Ritz. Georg sah ihr schweigend zu.
    Wit, lieber Junker, begann sie, das Ntigste ist ein eigener Herd, auf
dem ich fr uns koche. Am Turme luft ein Schlot hinauf, es wre geringe Mhe,
hier oder oben einen Herd oder gar einen Ofen zu setzen; vielleicht ist ein
Tpfer in der Stadt zu finden. Ich habe ein wenig Geld gerettet, das in mein
Kleid genht war, ist's Euch recht, so sehen wir flugs, da wir zu dem Herde
kommen. Die Hauptmnnin sagt, was wir an Essen gebrauchen, mu Euch das Fhnlein
liefern. Du lieber Himmel, es wird wohl drftig sein, aber ich will's Euch schon
zurichten.
    Um das Geld sorgen wir nicht, antwortete Georg, auch mich haben sie nicht
ganz ausgeplndert, und wenn ich in die Stadt hinuntergehe, suche ich die
Arbeiter.
    Wenn Ihr geht und es Euch nicht uneben ist, bat Anna, so nehmt mich mit,
damit das Gesindlein sieht, da ich zu Euch gehre; sie werden dann eher Scheu
haben, wenn ich einmal allein unter sie treten mu.
    Es ist also Euer Wille, zu mir zu gehren? fragte Georg. Und wofr sollen
die Leute Euch halten?
    Nun, da Ihr hier Fhnrich geworden seid, bin ich doch die Frau Fhnrichin,
antwortete Anna und stach heftig in das Wams.
    Das ist richtig, sagte er.
    Ist der Herd das erste, fuhr Anna fort, um ihn von seinen Gedanken
abzuziehen, so ist eine Mausefalle das nchste. Die Hauptmnnin sagt, da die
Buben vom Tro darin groes Geschick haben. Die Falle aber ist dringend, denn
das Musevolk rennt hier unverschmt, wahrscheinlich, weil es nichts zu knuspern
findet, wobei es stillsitzen knnte. Heut nacht habe ich mich entsetzt, als ich
sah, da eine ganz frech ber Euch weglief.
    Georg sprang auf: Jungfer Anna, ich wei jemand, der zur Nacht an meinem
Lager war und der mir auch die warme Decke bergelegt hat.
    Anna lie erschrocken das Wams auf die Erde fallen. Aber im nchsten
Augenblick lag sie an seinem Halse und klagte mit bebender Stimme: Armer wilder
Georg.
    Anna, mein geliebtes Weib, rief er, sie umschlingend. Sie weinte still an
seinem Herzen, er hielt sie fest und wollte sie kssen, doch wie gestern glitt
sie an ihm nieder und sah mit gefalteten Hnden zu ihm auf. Ihr seid mein, und
ich bin Euer, sprach sie leise, aber bt Nachsicht gegen mich; mir graut vor
der Zuchtlosigkeit, die mich in Eure Arme geworfen hat; wenn ich sehe, wie die
es hier treiben, die zusammengehren, so erscheint mir alles wie Snde und
Frevel; und wenn Ihr mich mit feurigen Augen kt, so fhle ich bittere Angst
ber unser Elend. Duldet mich, Herzensjunge, wie ich bin, ich will Euch dienen
und fr Euch sorgen bei Tag und Nacht.
    Georg hob die Kniende zu sich herauf. Und was soll zuletzt aus uns beiden
werden, Anna?
    Ich wei es nicht, antwortete sie tonlos, und in ihrem Blick fand er
wieder die Angst, die ihn gestern erschreckt hatte. Er lie sie los und setzte
sich auf den Schemel. Das wird eine Ehe wie im Himmel, sagte er gutherzig und
trommelte auf dem Tische.
    Anna stand abgewandt und zog an den Falten ihres Kleides. Nach einer Weile
kauerte sie hinter ihm an dem Schemel nieder, und er vernahm ihr Flstern an
seinem Ohr. Gedenkt an den Garten. Dort stand ich und sah tglich, wie die Rose
wuchs. Mit der Zeit wurde sie grer, und als die roten Bltter aus der Hlle
brachen, da kamt Ihr zu mir. Und jetzt -  Sie schob ihm mit der Hand die Locke
vom Ohr, doch sie schmte sich, zu sprechen, was sie meinte, und barg ihr
Antlitz am Schemel. Er aber gewann neues Leben aus ihren Worten und fuhr
frhlich fort: Und jetzt, Jungfer Anna, da Ihr meint, da die Rose wieder
aufblhen wird, will ich Euch als ein wackerer Knabe auch sagen, was ich denke,
und er sang: Da das Rslein blhte zum ersten Male, kam ich zu ihr; wenn es
wieder blht zum andern Male, kommt sie zu mir. Anna sa noch hinter dem
Schemel und barg ihre Wange an der Lehne, er aber hielt ihr seine Rechte hin:
Traut mir, liebe Jungfer Anna, hier gelobe ich, ich will Euren Sinn ehren. Da
ergriff sie die Hand ihres Herrn und kte sie. Darauf setzte sie sich still auf
die Bank und fate die Nhterei aufs neue an. Darf ich noch ein Drittes sagen,
Herr? fragte sie nach einer Weile.
    Ja, rief Georg. Jetzt hre ich Euch vergngt zu, denn jetzt wei man
doch, wie man daran ist. Also was hat die Frau Fhnrichin zu wnschen?
    Du liebes Leben, zu wnschen wre viel. Aber das dritte, was gleich nach
dem Herde kommen sollte, ist dieses: Ihr mt unsere Brautzeugen zu einer
kleinen Gasterei oder Kollation auffordern. Vor allen andern jedoch die Frau
Hauptmnnin. Das mu sein, damit die Ehe besttigt und ihnen lieb werde.
    Ihr habt recht, sagte Georg, aber worauf einladen? Kche und Keller sind
nicht vorhanden, und wren sie zur Hand, so wrden sie leer sein.
    Sagt ihnen nur in Eurer lustigen Weise, da Ihr sie einladen wollt und da
Ihr auch etwas daranzuwenden habt, so werden sie Euch schon allerlei Gutes
nachweisen; denn bei solcher Gelegenheit werden die Leute erfinderisch.
    Als Georg dem Hauptmann den Morgengru bot, rief ihm dieser entgegen: Der
Forderung des Ordenspflegers bin ich zuvorgekommen, ich habe in der Frhe zwei
von den Alten als Botschaft zu ihm gesandt, damit er wisse, da unser Fhnlein
Euch aufgenommen hat und da die Jungfrau unter der Fahne Euer Eheweib geworden
sei.
    Wie wird der Arge das ertragen? fragte der Fhnrich finster.
    Er wird gute Miene machen und seinen Grimm still bewahren, antwortete der
Hauptmann; denn Eure Rede ber den Hochmeister hat das Junkervolk in Verwirrung
gebracht, und ich denke, sie brauchen uns ntiger, als wir sie.
    In dieser Weise wurden die jungen Gatten wenigstens fr die nchste Zeit
einer Gefahr enthoben.
    Auch der kluge Rat, welchen Anna erteilt hatte, erwies sich als heilsam. Der
Hauptmann und seine Frau lieen sich nicht nehmen, die neuen Wrdentrger bei
ihrem ersten Besuche in der Stadt zu geleiten, und diese Einfhrung war nicht
unntz, denn die Neulinge wurden mit groen Augen betrachtet; und wenn Anna auch
bemerkte, da Georg den Mnnern und Weibern ganz wohl gefiel und in seiner
sorglosen Keckheit berall gut Bescheid zu geben wute, so war das doch bei ihr
selbst weniger der Fall; ihr zog sich das Herz zusammen vor der Roheit und
Unsitte, welche sich so dreist auf den Straen darbot, und sie vernahm zuweilen
hinter sich freche Nachrede von wsten Gesellen und Dirnen. Zu besonderem Kummer
gereichte ihr, als sie ein Kleid aus ihrem eigenen Reisebndel auf fremdem Leibe
ber die Gasse laufen sah, und sie fhlte sich bitterlich gedemtigt, wenn die
Hauptmnnin aufforderte, vor der Dirne eines einflureichen Doppelsldners
stehenzubleiben und mit dieser freundlichen Gru zu tauschen. Die armen Dinger
sind nicht wie wir, erklrte die gebietende Frau, aber sie haben ein mhsames
Leben, und manche von ihnen htte ein besseres Schicksal verdient. Dennoch
schaffte der Gang den ersehnten Herd; denn in einem Winkel der Stadt fand sich
im leeren Hause zwischen einem groen Hauf Scherben ein alter Tpfer, dessen
Lebensmut zerbrochen war wie seine Ware. Als dieser spter mit Anna im Turm eine
vertrauliche Unterredung gehabt hatte, erklrte er sich zu jeder Leistung
bereit, und es machte sich, da er an einem dunklen Abend sogar das ntigste
Kochgeschirr aus der Tiefe seines Scherbenhaufens auf den neuen Herd lieferte.
Auch der Kriegszug gegen die Muse wurde durch einige braune, fingergewandte
Buben auf der Stelle mit gutem Erfolge erffnet. Vollends die Einladung zu einer
Kollation fand bei allen Wrdentrgern des Fhnleins gnstige Aufnahme. Wuz, der
Lokumtenens, schenkte als Angebinde in die junge Wirtschaft Tische und Sthle,
die er, wie sich spter ergab, einer Kammer des Rathauses entfhrte, und der
Hauptmann erbot sich, ein Flein guten Weines gegen gutes Geld zu beschaffen.
Anna hegte den Verdacht, da er es einem Winkel des Schlokellers enthob, in
welchem der Schatz vor den Luchsaugen der Knechte verborgen lag. Auch die
Hauptmnnin versprach der Jungen Frau jede Hilfe in der Kche; und als Anna sich
eines Nachmittags aus der Schlopforte ins Freie wagte, sah sie Buben der Bande
mit einem Korb Hhner vom Lande her dem Schlosse zuziehen, und als sie die
Knaben ausfragte, ergab sich, da diese auf Befehl einen Beutezug in den Drfern
der Umgegend unternommen hatten. Da geriet fr einige Stunden das ganze Fest in
Gefahr, zu scheitern, denn Anna krnkte sich so tief ber den unredlichen Erwerb
der Mahlzeit, da Georg ins Mittel treten und die wohlgemeinte Gabe ablehnen
mute, weil jedes Hochzeitsmahl Unglck verheie, wenn es nicht um Geld erworben
sei. Trotz dieser Strung verlief die Kollation besser, als Anna gehofft hatte,
die Hauptmnnin erschien in einem prchtigen Gewande mit Federn auf dem Hute,
und die Landsknechte saen, ihrer Wrde froh, mit steifer Frmlichkeit am
Tische, bis der Wein ihnen die Zunge lste. Aber obwohl sie weniger laut wurden
als sonst und Flche und rohe Reden nach Mglichkeit vermieden, weil sie sich
durch die vornehme Haltung der beiden Wirte beengt fhlten, so waren sie doch
eben darum sehr erbaut von den neuen Bekannten, und Wuz, ein alter Knabe, der in
Strmen und Streiten fast ein halbes Jahrhundert ausgehalten hatte, wollte beim
Abschiede Annas Hand gar nicht loslassen und versicherte ein Mal ber das
andere, da sie niemandem hnlicher sehe als seiner Mutter. Der Hauptmann aber,
stolz auf seine neuen Zugehrigen, erbot sich gegen Anna, Erkundigungen nach
ihrem Vater einzuziehen, weil er am nchsten Tage das Lager des polnischen
Haufens besuchen mute, um mit Hauptmann Heinzelmann Streitigkeiten
auszugleichen wegen der Grenzen, in denen das Fhnlein beuten durfte. Und als
Anna ihn bat, ein Brieflein an ihren Vater mitzunehmen und sich wegen des
Lsegeldes zu erkundigen, versprach er auch dies.
    Am andern Tage legte Georg, der das Heiligtum des Haufens, die Fahne, nicht
auf lngere Zeit verlassen durfte, dem Hauptmann zwei Briefe an das Herz. Der
eine war an Herzog Albrecht, worin er den Herrn um Schutz bat, auch einige
vorsichtige Andeutungen ber die abenteuerliche Lage des Fhnleins beifgte; der
zweite aber war an seinen Vater. In diesem berichtete er sein Schicksal und wie
er dazu gekommen sei, Anna zu seiner Frau zu machen, er entschuldigte den
schnellen Entschlu, flehte um den Segen fr die Ehe und da der Vater von ihm
in seiner bedrngten Lage nicht die Hand abziehen mge. Er bat den Landsknecht
beim Abschiede dringend, die Briefe in der Stadt, welche die Polen besetzt
hielten, an einen Kaufmann abzugeben, den er von der Handlung her als
zuverlssigen Mann kannte. Der Hauptmann betrachtete die Briefe mit schlauer
Miene, indem er das Beste versprach, und Georg sah dem Abreitenden vom Tore noch
lange traurig nach. Denn erst jetzt, wo er seine Lage dem Vater berichten mute,
fiel ihm die Not in der Fremde schwer auf das Herz, und er wurde sehr unsicher,
wie sein Vater die unwillkommene Kunde aufnehmen werde. Diese Sorge htte er
sich ersparen knnen; denn als Hans eine Wegstrecke geritten war, nahm er die
drei Briefe der Fhnrichfamilie hervor und besah sie, da er des Lesens unkundig
war, argwhnisch aufs neue von der Auenseite. Endlich beschlo er, so redlich
zu sein als irgend mglich, und wenigstens der Frau seinen ritterlichen Dienst
nicht zu versagen. Die Briefe des Fhnrichs aber behielt er in der Hand, bis er
in einem alten, einsamen Birnbaum hoch ber dem Boden ein Loch entdeckte. Dort
verbarg er sie, weil ihm unschicklich schien, die mhsame Arbeit eines guten
Gesellen zu vernichten und weil er doch von Besorgung der Briefe Unheil fr sich
und das Fhnlein erwartete. Denn seine Hauptmannschaft und der gegenwrtige
Zustand waren ihm gerade recht, und er frchtete, durch das Papier die Fahne und
den Fhnrich, auf den er bereits groe Stcke hielt, in irgendeiner Weise zu
verlieren.
    In dem wilden Baume verfielen die Briefe, welche das Schicksal Georgs und
Annas zum Bessern wenden sollten, dem kleinen Tro der braunen Heide; die
Spinnen und Kfer krochen neugierig hinein, die Fledermaus nagte daran, und
zuletzt kam das Eichhorn und benutzte sie bei seinem Wochenbett.
    Als Hans zurckkehrte, begrte er im Turme die Frau Fhnrich, welche am
Herde kochte; er setzte sich nieder und sah sie mit seinem schlausten Blick an,
whrend sie mit gefalteten Hnden und unsglicher Angst vor ihm stand. Knnt
Ihr mir etwas Gutes erweisen, so tut es, begann er, auf den Topf zeigend, denn
auch ich bringe gute Nachricht: Ein kleiner alter Herr mit scharfen Augen und
heller Stimme, ist er das?
    Mein Vater, rief Anna.
    Seinem Zeichen nach ein Koch mit einer langen Fleischerschrze, welcher
Arme Ritter buk, fuhr Hans prfend fort.
    Das ist der Vater nicht, seufzte Anna.
    Mit seinem Namen heit er Magister Fabricius, schlo Hans siegreich.
    Die Tochter umklammerte mit beiden Hnden die groe Faust des Landsknechts.
Aber der Vater in der Kche, klagte sie.
    Er ist Koch, weil er zu den Waffen nicht tauglich ist, was konnte ihm
Besseres begegnen? Ein kleiner behender Kerl, er ist ganz munter in seiner Art,
und sie behandeln ihn gut. Ihr sagt ganz richtig, da er schwach in der Kche
ist, aber dafr versteht er zu lesen, besser als ein Ratsschreiber. Er ist bei
ihnen Koch, Schreiber und Leser. Hans schttelte den Kopf und lachte. Ich habe
dort neuen Brauch erlebt, der seither unter den freien Knechten unerhrt war:
die Alten sitzen abends bei Lichte im Haufen, er in der Mitte, und er liest vor
ihnen, so da sie alle zuhren und zuweilen sogar ihr Karnffelspiel vergessen.
Auch mich haben sie aufgefordert, anzuhren, und um Euretwillen fgte ich mich
in die Sitte und vernahm, wie Euer Vater von einem Bettelmnche las, welcher fr
sein Kloster sammeln wollte und zu einem Bauer kam. Der Bauer nahm ihn auch auf,
gab ihm aber keine Eier und keinen Kse, sondern setzte ihm scharf zu mit
subtilen Worten, indem er ihm die Nichtswrdigkeit seines Lebens und der ganzen
Pfaffenwirtschaft vorhielt, so da der Kopf des Mnches dick und rot wurde. Was
der Bauer nach den Reden Eures Vaters ber die Pfaffen zu klagen wute, ist gar
nicht wiederzusagen. Aber es ist alles wahr, und die Gesellen dort drben hatten
dieselbe Meinung. Und leiser fgte er hinzu: Zuletzt fing Euer Vater auch noch
an, aus eigenem Kopfe zu reden, und ermahnte meine Kameraden mit hohen Worten,
da sie sich allerlei Unzucht abgewhnen mchten. Manche lachten, andere hrten
ihm zu, weil man merkte, da er's ehrlich meinte. Ich denke, es wird nicht viel
ntzen, denn es sind Teufelskrabben unter ihnen, welche die andern anstiften.
Doch mu ich sagen, Euer Alter gefiel mir nicht bel, und ich fragte die
Knechte, welches Lsegeld sie von ihm hofften. Aber sie waren ganz eingebildet
auf seine Leserei und wollten ihn ungern missen. Nur ein Schreiben habe ich
mitgebracht, das er mir heimlich bei meinem Abgang zusteckte. Er zog ein
zusammengelegtes Papier heraus und legte seine Hnde darauf. Anna fate wieder
flehend die Hand. Haltet an, Weiblein, sagte der Landsknecht, so schnell geht
das nicht, es knnte etwas darin stehen, was unserer Bruderschaft schdlich
wre. Denn wenn die drben auch im ganzen sich gewissenhaft halten, es sind doch
Feinde, und ich wei nicht, wie ich Euch Macht ber den Brief geben soll. Kommt
herbei, Jrge, ich will Eurem Schwur trauen, wenn Ihr mit hineinseht und mich
versichert, da sie jedes Wort so vortrgt, wie es geschrieben steht.
    Wenn Anna das will, versetzte Georg.
    Tretet heran, rief Anna hastig und ffnete den Brief. Liebe Tochter,
meinen besten Gru zuvor. In der Hoffnung, da Herr Hans Landsknecht dies
Brieflein an dich abgeben wird, schreibe ich Dir mit der ntigen Vorsicht aus
meinem Gefngnis in der Hhle der Zyklopen.
    Er meint die schwarze Kche, erklrte Hans.
    Liebes Kind, was Du mir ber Dich und meinen lieben Sohn Regulus schreibst,
das erlst mich von der unablssigen Angst, welche ich bei Tag und Nacht
Deinetwegen in mir herumgetragen habe. Freilich bereitet es auch Kummer von
anderer Art, doch dieser ist ertrglicher und geht zum grten Teil die Zukunft
an. Geliebte Kinder, ich sende Euch beiden meinen vterlichen Segen aus
gerhrtem Herzen, und ich hoffe, was etwa noch an der Form und Ordnung fehlt,
wird sich spter nachholen lassen, zumal wenn auch mein Sohn Georg bei seiner
Freundschaft das Ntige tut. Diesem vertraue ich gnzlich wegen Deines knftigen
Glckes. Liebes Kind, um mich sollst Du Dir keinerlei Kummer machen, denn Pan
Stibor, der hiesige Kastellan, ist nicht ganz ohne lateinische Zucht, und ich
darf auf seinen Schutz hoffen, sowohl wegen seiner Wissenschaft als auch, weil
er mich beim Lesen und Konzipieren der lateinischen Briefe verwendet. Und
obgleich die Polnischen mir nicht zugeben wollen, da ich widerrechtlich in Haft
gehalten werde, weil sie nmlich auf die deutschen Stdte und vorab auf die
Thorner sehr zornig sind, so merke ich doch, da sie sich heimlich meinetwegen
in ihrem Gewissen bedrckt fhlen, und ich hoffe, sie werden mich zuletzt noch
freigeben oder doch wenigstens gegen Gelbnis der Wiederkehr entlassen, damit
ich mich in Danzig nach einem migen Lsegeld umtue. Auch trstet mich, da die
Leute hier von den Auguren keinerlei gute Meinung hegen. Liebe Tochter, lieber
Sohn, ich bitte tglich den allmchtigen Gott, Euch in seinem gndigen Schutz zu
bewahren und bin mit Anwnschung eines besseren Schicksals fr uns alle meiner
lieben Kinder getreuer Vater M. Fabricius.
    Anna hielt den Brief lange in der Hand. So harmlos und warmherzig fand sich
der Vater in die wilde Vermhlung, er ahnte nicht, was ihr die Seele bedrckte!
Und sie sagte zrtlich: Ach, der liebe Vater, er behlt auch im Unglck sein
gutes Vertrauen zu aller Welt. Georg aber rief frhlich: Gepriesen sei der
Herr Vater, und bedankt fr jedes Wort, das er im guten von mir schrieb. Er
wandte sich zum Hauptmann, der unterdes am Herde bei seiner Schssel beschftigt
war. Hat Euch nicht mifallen, Hauptmann, da der Herr Magister dem fremden
Haufen vorlas, so vermag die Fhnrichin ebensogut vor Euch zu lesen. Denn ich
bewahre ein Bchlein, welches noch besser ist als jenes dort drben. Er holte
aus seinem Gewande den gefalteten Bogen, welcher dem Magister so leidvoll
geworden war. Hans erkannte Sonne und Mond, Ochs und Esel und sagte erfreut: Es
ist richtig, das ist ganz dieselbe Art; aber wie getraut sich die junge Frau
damit fertig zu werden?
    Sie ist gelehrt wie ihr Vater, erklrte Georg mit unverhohlener
Bewunderung, und sie vermag alles noch viel schner zu verknden als er.
    Steht das so mit ihr, rief Hans erstaunt, dann lade auch ich die
Ansehnlichen des Haufens, welche um das Schlo hausen, zu einem Fa Bier, und
Eure Frau soll vor diesen ihre Kunst erweisen, wenn es ihr selbst genehm ist.
    So machte sich's, da an einem der nchsten Tage Anna mit dem Bchlein in
der Halle des Hauses sa: aus dem hohen Fenster fiel der Lichtstrahl auf ihr
Haupt und die bedruckten Bltter. Hinter ihr stand Georg mit der Fahne, um sie
herum saen und kauerten Weiber des Haufens, weiter ab die wilden Gestalten der
Mnner, viele ihre Trinkglser neben sich. Vorn auf einem Sessel, der sonst dem
Brgermeister gedient hatte, dehnte sich Hans, sein groes Schlachtschwert
zwischen den Beinen.
    Bevor Anna begann, sprach sie zu Georg: Sagt ihnen, Herr, was es ist, das
sie hren wollen. Und Georg mute erklren: Was die Jungfrau aus dem Buche
lesen wird, ist die Botschaft von der Geburt des Herrn, wie sie wahrhaft von
seinen Schlern verzeichnet worden ist. Sie ist jetzt ganz neu in unserer
Sprache ans Licht gebracht und soll eine Grundlage unseres Glaubens sein, darum
ist es gut, da wir alles vernehmen und wissen.
    Und Anna begann mit ihrer wohltnenden Stimme, langsam und laut, sie selbst
in ehrlicher Andacht, so da mancher narbige Snder, welcher sie ansah, sich der
Frau unter der Fahne freute.
    Sie las von der Geburt des Kindes, von den Weisen aus dem Morgenlande und
von dem argen Knig Herodes. Neugierig und mit vorgebeugten Hlsen hrten die
verlorenen Kinder zum erstenmal in verstndlichen Worten, die ihnen wie ein Lied
klangen, den Bericht, von dem sie in der Kinderzeit eine undeutliche Kunde
vernommen hatten. Als Anna nachdrcklich aussprach, wie der Herr heien sollte,
nahm Hans feierlich seinen Hut ab, und seine Getreuen folgten dem Beispiel, und
als sie nach dem Besuch der Weisen einen Augenblick innehielt, erhob sich zu
aller Erstaunen Wuz, der sonst schweigsam das Seine tat, und rief tief
begeistert: Ja, alles war so, wie es hier gelesen wird, denn, liebe Gesellen,
ich selbst war auch dabei als einer von den drei Knigen. Ich war noch
halbwchsig, und wir trugen an einer Stange den Stern, der sich drehte, wenn man
einen Faden zog; einer aber von den dreien mu schwarz gewesen sein, denn ich
war der Schwarze. Und auch das brige, Ochs und Eselein, ist wahrhaft, denn es
war viel davon die Rede, wie wir von Haus zu Haus zogen und Eier einsammelten.
    Die wirklichen Knige aber haben nicht genommen, sondern gebracht,
erklrte Hans, um den Aufgeregten zu beschwichtigen, und sie haben als Knige
auch nicht Eier geboten, sondern, wie sich gebhrt, Gold und kostbares Gewrz,
womit man den Wein bessert.
    Doch Wuz lie sich nicht abweisen. Alles andere aber ist so, wie es im
Buche steht, und wie diese drei heiligen Knige aus der Gesellschaft gingen, so
grten sie hflich und sagten: Wir wnschen dem Herrn einen goldenen Tisch, an
jeder Ecke einen gebratenen Fisch. Das war damals, als meine Mutter noch lebte,
und er setzte sich schnell wieder hin. Als aber weiterhin Knig Herodes seine
Rache bte und die unschuldigen Kindlein umbringen lie, ergriff die Unruhe auch
die Weiber, sie seufzten, einige hoben die Hnde, und man vernahm den Ruf: Was
haben die armen Kinder verschuldet? Der Bsewicht! Und Hans spuckte verchtlich
aus und rief mit mchtiger Stimme: Dieser Knig Herodes war zu seiner Zeit ein
Mistfink. Ich denke, bei solchem Morde hat sich kein redlicher Landsknecht
gebrauchen lassen.
    Zuletzt erhob sich Anna und sprach ein kurzes Gebet. Da standen auch die
Zuhrer auf, die Mnner entblten die Hupter wie in der Kirche, und alle
gingen vergngt auseinander.
    Dem Hauptmann aber war bestimmt, da er noch weiter fr die Erbauung des
Fhnleins sorgen sollte, auch wo er selbst ganz andere Unterhaltung
beabsichtigte. Wenige Tage nach der Vorlesung zog er mit einem Teil der Bande zu
Pferde aus dem Schlosse, ohne seinem Fhnrich vorher eine Mitteilung ber den
Zweck der Reise zu machen. Denn er dachte wohl an das Versprechen, das er
gegeben, die Fahne von Geschften zweifelhafter Art fernzuhalten. Zu diesen
Unternehmungen gehrte der Ausguck an der Weichsel auf vorberfahrende Khne und
der unregelmige Zoll, welcher von diesen erhoben wurde. War auch seit dem
Frieden grere Migung ntig geworden und ein Ausrauben der Ladungen nicht
mehr ratsam, so hielt doch Hans ebensogut wie die Polen darauf, einen kleinen
Anteil als Steuer zu erheben, und er gedachte damit fortzufahren, bis die Klagen
der Geschdigten bermchtig wrden. Diesmal fand er an dem Ladeplatz nur
geringe Beute: ein Fahrzeug, welches mit Ballast stromauf fuhr, und in dem Kahn
einen einzelnen Reisenden, den das Unglck in der letzten Zeit hart verfolgt
hatte. Es war der kleine Buchfhrer von Thorn.
    Hannus, der sich auf dem Deck sorglos ber seine Kiste gebeugt hatte, hob
erschrocken das Haupt, ihn umgaben wilde Gestalten mit gezckten Waffen und rote
Gesichter mit wtenden Augen beugten sich ber seinen Kram. Wer bist du und was
fhrst du, rief der Hauptmann, ihn an der Brust packend.
    Ich bin Hannus, der Buchfhrer von Thorn.
    Was birgt er in der Tasche? fragte Hans Stehfest einen Genossen.
    Leer wie eine Kirche, versetzte Wuz.
    Hebt den Kasten auf und schttet aus. Der Deckel krachte, die Bcher
kollerten auf die Planken, der Landsknecht strte mit seiner Hellebarde in dem
Haufen, da eine Anzahl Bcher in das Wasser fiel. Hannus sah die Holzbnde aus
der Flut auftauchen und vermochte einen Schrei nicht zu unterdrcken: Die
Adagia des Herrn Erasmus.
    Dem Landsknecht tat der Schmerzensruf leid, darum entschuldigte er sich,
indem er den kleinen Mann anherrschte: Untersteh dich nicht, zu winseln. Danke
den Heiligen - wenn es welche gibt, die um deinesgleichen sorgen -, da wir dich
nicht in das kalte Bad tauchen, wohin deine Ware schwimmt, denn du hast uns
betrogen.
    Hannus erhob flehend die Hnde.
    Wir haben Besseres von deinem Kasten erwartet, und du hast uns in unntze
Mhe gebracht. Doch halt. Antworte mir, wenn du deine heile Haut liebst,
wahrhaft auf eine Frage. Er stampfte mit der Hellebarde vor ihm auf die Planke.
Fhrst du unter deinen Bchern auch solche, in denen von allerlei die Rede ist,
was sie die neue Lehre der Wittenberger nennen, von Mnchen mit Eiern und von
dem Knig Herodes und dergleichen?
    Hannus sah furchtsam auf den wilden Mann, er wute nicht, ob die Wahrheit
ihm zum Heil oder Verderben sein wrde. Wir fhren Altes und Neues, sagte er
endlich demtig.
    So zeige mir das Neue. Der Buchfhrer kauerte nieder und bot einige
Bchlein dar.
    Narr, schalt der Landsknecht, wrde ich dich fragen, wenn ich's selbst
lesen wollte? Was ist dieses? Hier erkenne ich einen Mnch mit einem Katzenkopf
und einen Bauer. Er wies es seinen Gefhrten. So ungefhr sah das aus, was die
drben in der Kche bewahrten. Und liest denen dort der Magister Fabricius, so
soll uns dieses seine Tochter lesen.
    Hannus horchte hoch auf, aber er frchtete sich zu fragen, und in der
Zerstreuung nahm er ein greres und hielt es dem Hauptmann hin.
    Dies ist dicker und grer als das, welches die drben haben, entschied
der Landsknecht zufrieden. Um dieses Buch pfnde ich dich, deine andere Ware
magst du behalten. Er wandte sich zum Abgange.
    Hannus fate ein Herz und rief dem Landsknecht nach: Nehmt eine Frage nicht
fr ungut: Ihr spracht von einer Tochter des Magisters, welche bei Euch weilt;
heit sie mit Namen Anna, welche ehedem in Thorn war?
    Wohl mglich, da es dieselbe ist, versetzte der Hauptmann.
    Das arme Kind, seufzte Hannus.
    Ihr braucht nicht gro um sie zu klagen, sagte der Landsknecht zornig,
sie hat es so gut wie das beste unserer Weiber. Der Fhnrich Grge selber sorgt
fr sie.
    Barmherziger Gott, klagte Hannus wieder. Wollt Ihr mir noch sagen, wo der
Vater ist?
    Den halten die Polen dort hinten gefangen, bis er Lsegeld zahlt. Hans
Stehfest hielt bei der Leiter an: Sieh zu, Wuz, ob die Luft rein ist.
    Nichts zu sehen und zu hren, antwortete der Genosse.
    Man hat Beispiele, fuhr der Hauptmann fort, da es Unglck bringt, fromme
Bcher ohne Entgelt zu gewinnen. Matz Rotkopf, der einem Pfaffen sein Brevier
abgenommen hatte, plumpte in der nchsten Nacht vom Fuwege in den Sumpf, und
als ich acht Tage darauf des Weges kam, sah ich verwundert ein Bschel rotes
Gras im Moder, bis ich erkannte, da es sein Haarschopf war, die arme Seele aber
war irgendwohin gefahren. Er griff in seine Tasche und brachte mit Mhe kleine
Silbermnzen ans Tageslicht.
    Merkt auf, Mnnlein, wir wollen als redliche Knechte Euch Gelegenheit
geben, Geld zu verdienen. Er warf das Buch auf die umgestrzte Kiste. Kommt
heran, Ihr setzt das Buch, ich setze dagegen mein Silber, und wir wrfeln
darum.
    Hannus vernahm erschrocken die neue Zumutung. Und sie wrfelten um seine
Kleider, murmelte er, behaltet das Buch lieber so.
    Ich will aber nicht, rief der Landsknecht und stampfte mit der Hellebarde
auf. Hat einer von euch Wrfel? Nicht deine Schelmbeine, Wenzel, er soll
ehrliches Spiel haben. Er legte die Wrfel, welche ihm Wuz reichte, auf die
Kiste. Frisch, Kleiner, und sperrt Euch nicht, wir haben keine Zeit.
    Hannus warf mit zitternder Hand.
    Daus und vier ist wenig, sprach der Hauptmann, die Wrfel in seiner groen
Hand schttelnd. Er schwenkte sie auf das Holz. Fnf und sechs, Ihr habt
verloren, Geld und Buch sind mein. Alles ist mit rechten Dingen zugegangen, und
ich hoffe, Ihr seid jetzt zufrieden. Denn selbst der Kaiser darf sich nicht
beklagen, wenn die Wrfel gegen ihn fallen. Und auf die schwimmenden Bltter
weisend, schlo er gndig: Fische auf, Wuz, was du erreichen kannst, damit das
Mnnlein durch uns in nichts zu Schaden kommt.
    Hannus empfing dankend einige triefende Bcher. Er ist ganz vergngt,
sagte der Landsknecht zu seinen Begleitern. Fahrt wohl, Thorner, und sagt Euren
Stadtleuten, wir hoffen bald einmal an sie zu kommen, und sie sollen ungnstige
Gste in uns finden, wenn sie in ihren Kisten nichts Besseres bewahren, als Ihr
mit Euch fhrt.
    Als die Rcken der Knechte hinter dem hohen Uferrand verschwunden waren und
die Schiffer schreiend und fluchend den Kahn wieder in Bewegung setzten, verlie
Hannus seinen Kram, schlpfte unter das Bretterdeck und fhlte in der Dmmerung
nach dem Ritz, in welchem er einen schmalen Geldbeutel verborgen hatte.
    Aber auch, da er beruhigt wieder auf das Deck kam, den Mnch mit dem
Katzenkopf in die Kiste packte und die durchnten Bcher zum Trocknen
ausbreitete, war er nicht mit ganzer Seele bei dem Werk, er seufzte, schttelte
den Kopf und suchte einen Ausblick auf das Land zu gewinnen, als vermchte er
den Magister und sein Kind an dem schwarzen Waldsaum zu entdecken, welcher auf
beiden Seiten des Stromes die Ebene begrenzte.
    Als der Hauptmann heimgekehrt war, fand er Anna auf der Auenseite des
Schlosses hinter einem Strauch wilder Rosen, der wegen seiner krummen Stacheln
dem Schicksal entgangen war, an den Kochtpfen der Landsknechte verbrannt zu
werden. Sie war von den Kindern des Trosses umringt, der Garde, welche sie sich
zum Schutz in dem wilden Lager abgerichtet hatte. Wie Kletten hingen ihr die
Kleinen den ganzen Tag an; auch jetzt lagerte der Haufe, blauugig, rotbckig,
mit brauner Haut und hellen Haaren, um sie herum, die jngsten spielten vor
ihren Fen im Sande und verfertigten unermdlich kleine Backfen, whrend ihre
Vter die groen einschlugen; einige ltere Mdchen saen dicht bei ihr, eifrig
mit der Nadel beschftigt. Denn diese Kunst wurde nchst der des Kochlffels von
Mnnern und Frauen des Haufens am meisten geehrt, weil in dem scharfen und
stachlichen Treiben Wmser und Rcklein unablssig zerrissen. Sie aber schalt
gerade den Purzel, einen kleinen Bsewicht, welcher einen andern noch kleineren
Strolch von hinten beim Hemd gepackt und zerhmmert hatte. Hans winkte ihr,
sitzenzubleiben, und legte feierlich das erbeutete Buch in ihren Scho. Ihr
mgt es ruhig behalten, sagte er, ber das ganze Gesicht lachend, es ist um
seiner Heiligkeit willen ganz redlich gewonnen.
    Anna sah auf den Titel: Eine schne, ntzliche Erklrung der zehn Gebote.
Da erhob sie sich schnell: Und Ihr seid es, Herr, der dies Buch in meine Hnde
legt? Ach, Ihr wit nicht, Hauptmann, wie gro die Freude ist, dir Ihr mir
bereitet. Dies ist ein sehr heilsames Buch, und es ist von dem groen Doktor in
Wittenberg selbst geschrieben.
    Wenn diese neue Geschichte von dem starken Mann zu Wittenberg ist, so mag
sie dem Haufen wohl frommen, nickte Hans, erfreut durch ihre Dankbarkeit. Und
ich denke, Ihr sollt es vorlesen. Denn aus dieser Stadt ist der Pfaffe entwichen
und die Knechte leben gottlos dahin. Ihr knnt statt des Pfaffen meine Knaben
ein wenig an die Hlle mahnen, vielleicht gehorchen sie dann um so williger.
    In dieser Weise geschah es, da Anna denen, welche zuhren wollten, aufs
neue an einem Sonntagmorgen in dem Saale vorlas. Sie selbst kannte das Buch aus
dem lateinischen Text, den der Vater ihr gelesen hatte, sie whlte mit Klugheit
aus, was ihren Zuhrern verstndlich und am ntigsten war, und wagte auch,
fromme Bitten hinzuzufgen. Es wurde ein seltsamer Gottesdienst, denn die
Bierkrglein fehlten nicht, und die Andacht der Gemeinde lie zu wnschen brig.
Aber der ernste Inhalt, welchem auch die Rohen eine widerwillige Achtung nicht
versagten, gewann ihr doch die Aufmerksamkeit, und mehr noch als der Inhalt ihr
eigenes Wesen; denn gehoben und glcklich ber ihr frommes Amt, sa die Jungfrau
dem Haufen gegenber, und die klangvolle Stimme, welche aus bewegter Brust in
die Seelen drang, bte auf solche, welche hoher Lehre ungewohnt waren, einen
Zauber, dem sie sich im Augenblicke nicht entziehen konnten.
    Aber leider! Auf die Lnge vermochte Annas Begeisterung ihre Hrer nicht bei
der neuen Lehre festzuhalten. Vom Anfang war ein Teil der Knechte aufsssig
gegen das Pfaffenwerk gewesen; Peter Meffert fluchte auf seinem Lager ber den
Unsinn, welcher den Brdern das Mark aus ihren Knochen ziehe, und seine
Lagergenossin Jutta hhnte Anna hinter ihrem Rcken als alberne Pfarrkchin,
auch Bruder Veit erwies geringe Andacht, er blieb in kurzem aus der Versammlung
weg, setzte sich am Sonntagmorgen mit seinem Trinkkrug und gespreizten Beinen in
die Schlotr und verlockte junge Gesellen, mit ihm ein Schelmlied zu singen,
welches die Aufmerksamkeit der Hrer in dem Saale bedenklich strte. Sogar Hans
wurde zweifelhaft und mit ihm die alten Doppelsldner, denn die Lehren des
Buches gefhrdeten die Einigkeit in der Bruderschaft. Einige nahmen sich zu
Herzen, da ihnen geboten wurde, sie sollten nicht fremdes Gut begehren; der
stille Wuz geriet in einen schweren Handel, weil er einem Bruder sein
gotteslsterliches Fluchen verwies, und es ereignete sich, da eine Rotte,
welche auf Beute in das Land geschickt war, beim Wegtreiben des Viehes uneinig
wurde, weil die Mehrzahl den flehenden Dorfweibern eine Milchkuh zurcklie, so
da Veit in hellem Zorne die Kuh vor ihren Augen erstach. Deshalb erhob eines
Abends im Rat der Vornehmen Benz Streitenberg, den alle mit Achtung hrten, ein
schweres Bedenken. Es ist ein neues Abenteuer unter uns gekommen, welches man
das Lesen der Bchlein nennt, und es hat sich in der Bruderschaft deshalb
allerlei Zwist erhoben. Es gibt mehr Rauferei als sonst, und wir haben Mhe, die
Zornigen zu vertragen. Nicht wenige fangen an, um jenes Leben zu sorgen, und
verlieren die Freudigkeit fr diesen Stand. Ich sage nichts gegen das Weib,
welches als Lesemeisterin bestellt ist, obgleich man von dieser Ordnung unter
uns niemalen und nirgend gehrt hat, und ich sage auch nichts gegen die neue
Verkndigung, welche fr solche, die an ihrem Samtwams einen runden Geldbeutel
tragen, ganz heilsam sein mag. Aber ich halte fr schdlich, wenn die Knechte
mehr um die Gnade sorgen, als wie sie sich und dem Tro den leeren Magen
fllen.
    Sogleich fielen ihm mehrere mit lautem Rufe bei, und ein andrer Landfahrer
sprach: Auch ich meine, da Unfug aus dem Neuen kommt, denn seither, wenn
jemand zuviel auf sein Gewissen geladen hatte, wandte er einiges Geld an die
Pfaffen oder kaufte einen Zettel und ging rein gewaschen von dannen; jetzt soll
er jammern und die Hnde aufheben, welches einem Kriegsmann bel ansteht, und er
soll auch vieles meiden, was er gern tut. Es wird uns gelesen von zehn Geboten,
die wir halten sollen, wir aber vermgen kaum eins zu beachten, und darum meine
ich, da der neue Glaube fr uns ganz verwerflich ist.
    Hans sa verlegen bei solchem Angriff, dessen Wahrheit ihm selber
einleuchtete, und er versuchte die neue Einrichtung zu entschuldigen.
    Bedenkt auch dies, liebe Brder und Gesellen, es ist keinem von uns zu
verargen, wenn er zuweilen daran denkt, wohin seine Seele dereinst fahren wird.
Darum meine ich, da wir dem Gewissen eines jeden freistellen mssen, wie er
sich seine Zukunft herrichten will.
    Und Wuz fiel ihm eifrig bei: Man sagt freilich, da einmal ein dummer
Dorfteufel vor dreien aus unserer Bruderschaft erschrocken ist, als er unter der
Ofenhlle auf sie lauerte, sie aber hatten einen schwarzen Hahn gebeutet und
hinter den Ofen gehngt, und als sie untereinander sprachen, wir wollen den
Schwarzen hinter dem Ofen schlachten, meinte der Teufel, da ihn die Rede
anginge, stie eine Ofenkachel ein, entwich und warnte seine Kumpane, keinen von
uns aufzunehmen. Aber obgleich es seitdem eine Rede ist, da kein Landsknecht in
die Hlle kommt, weil die Teufel mit uns durchaus nicht auszukommen wissen, so
ist solche Verkndigung doch unsicher und nicht fr jeden trstlich, zumal uns
auch berichtet ist, da St. Peter die Landsknechte gleichfalls nicht leiden mag
und ebenso vom Himmelstore zurckweist. Wohin soll einer fahren, wenn ihm alle
Unterkunft versagt wird? Und ich frchte, wir haben keine Brgschaft dafr, da
uns das Hllenfeuer erspart bleibt. Darum bitte ich euch herzlich, verachtet
nicht die Worte des Mannes, welcher in die Welt gesetzt ist, um uns das
Himmelstor aufzuschlieen, verlat euch auch nicht auf die Pfaffen und
Bettelmnche der alten Lehre. Von diesen kann uns niemals Hilfe kommen, nur von
uns selber, wenn wir, wie in dem Buche verkndet wird, uns redlich um die Gnade
bemhen.
    Was der Bruder sagt, begann der alte Benz wieder, hat guten Grund, und
ich werde niemals raten, da wir Mnche und Pfaffen unter uns leiden, darum aber
brauchen wir auch das Lesen der Bchlein nicht zu vertragen; und ich mahne
unsern Hauptmann, da er die neue Sitte abstelle.
    Dieser Rat gefiel der Mehrzahl, und mit Betrbnis vernahm Anna die
Entscheidung.
    Aber dieser Kummer ging unter in einem greren. Wochen verliefen, und um
das verwnschte Schlo, in welchem die Liebenden zwischen den Stangen ungefger
Riesen hausen muten, tobte der Kampf des Winters und des Frhlings. Unterdes
war das de Turmgela durch Annas Kunst in eine leidliche Wohnung gewandelt;
wenn der Nordwind an die Mauern schlug und ein kalter Regen herniederrauschte,
verbreitete das Herdfeuer behagliche Wrme und malte die Wnde mit rtlichem
Licht. Auch Georg hatte gefunden, was er lange gesucht, einer von den Knechten
hatte ihm eine alte Laute berlassen; sooft er neben Anna am Herde seine Lieder
sang, glnzte sein Auge wieder frhlich wie ehedem, und der rosige Schein des
Glckes frbte seine Wangen. Deshalb ermunterte sie ihn fleiig, seine Kunst zu
ben, aber ihr selbst wurde schwer, in den Gesang einzustimmen, und nur wenn er
sehr bat, entschlo sie sich dazu. Dann brachte nach einer Weile auch sie das
neue Buch hervor und begann zu lesen. Georg legte still die Laute weg und hrte
zu, er sah mit Bewunderung und heimlicher Sehnsucht in die edlen Zge ihres
Angesichts und wohl auch auf den runden Arm, welchen sie beim Umwenden der
Bltter regte. Wenn sie aber aufsah und ausrief: Das sind groe Worte und eine
edle Verkndigung, dann nickte er zwar seine Zustimmung, aber er bat, versunken
in ihren Anblick: Liebe Jungfer, legt Euer schnes Haar vorn ber die
Schultern, da es Euch an den Wangen herunterluft, denn so steht es der Frau
Fhnrich am besten. Dabei sah er sie wieder mit den heien Augen an, die sie
frchtete. Sie konnte ja nicht bse darber sein, da sie ihm gefiel, aber sie
merkte, da er lieber an die Kreatur dachte als an den Schpfer, und das wurde
ihr ngstlich. Auch sagte er ihr das einmal geradezu, als sie mit ihm aus der
Schlopforte ins Freie trat, um den jungen Frhling zu begren. Nach einem
warmen Regen bereitete sich ber der Heide eine grne Samtdecke, kleine
Schmetterlinge waren aus den Gehusen geschlpft, die Frsche begannen ihre
Chorgesnge, und die Krhen flogen aus der Stadt zum Kiefernwalde. In einer
Senkung des Bodens lag ein Weiher, welcher von Buschwerk und lichtem Gehlz
eingefat war; dort hpften und sangen die Vgel hinter dem dnnen Flor der
jungen Bltter. Sie sind da, sagte Georg herzlich, seid tausendmal gegrt.
Der Kuckuck rief. Es ist der erste Ruf, er fhlte in die Tasche. Im Beutel
ist etwas Geld, wenn auch wenig. Kuckuck von Heven, wie lange soll Jungfer Anna
leben? Da antwortete der stolze Vogel nur einmal und nicht wieder, und Georg
sah erschrocken auf die Geliebte; als aber Anna fr Georg dieselbe Frage tat, da
geriet der Kuckuck in Eifer und wollte mit seinem Ruf kein Ende finden, und Anna
lachte ihren Hausherrn an. Georg aber sagte rgerlich: Der Gauch ist ein
unholder Vogel, und ich habe ihn nie gemocht, denn er sitzt unter den andern wie
ein Pfaffe und wei nichts zu schreien als: Tu Bu; viel lieber hre ich auf die
Nachtigall, denn sie singt unablssig: Lustig, ihr lieben Leut', ach, wie ist es
schn in dieser Welt. Da merkte Anna, wie Georg im stillen dachte, und senkte
das Haupt.
    Ihr war es nicht zu verdenken, wenn sie sich in der unsicheren Wildnis,
unter den rohen Leuten, fest an die Lehren des Buches hielt, welches jetzt ihr
einziger Halt und Trost war. Tglich las sie in der Einsamkeit und grbelte
darber; dabei fiel ihr vieles ein, was sie in alter Zeit versehen hatte, sie
wurde strenger in ihrem Urteil gegen sich selbst, und betrbte sich immer mehr
ber die Snde, die sie an andern sah. Oft erwog sie kummervoll ihr Bndnis, dem
noch der Segen des Priesters fehlte. Auch mit Georg war sie zuweilen
unzufrieden. Sie fand ganz recht, da er sich seines neuen Amtes krftig annahm.
Aber wie einem Fhnrich gebhrte, lebte er auch sorglos mit seinen Genossen, und
ihr tat weh, wenn sie aus dem Turmzimmer sein lautes Lachen im Hofe hrte und
da er mit den Ungeschlachten in derben Scherzworten verkehrte. Vollends am
Abend, wo die Anfhrer im Trinkgelage zusammensaen, fehlte Georg ungern. Er
wute wohl, weshalb er nicht mit Anna allein zu Hause blieb. Sie aber hrte von
ihrem einsamen Sitz den Lrm der Zecher, sie unterschied zuweilen in dem Gesang
der vollen Brder die Stimme ihres Herrn, und lauschte ngstlich auf seinen
schweren Tritt, wenn er spt nach Hause kam. Als er einst am Morgen mit
schmerzendem Haupte am Herde sa und sie ihm zu sagen wagte: Schont Euch,
lieber Junker, mir tut es bitterlich leid, wenn Ihr Euch mit den andern gemein
macht, da vernahm sie die Gegenrede: Ihr selbst wollt es nicht anders, Jungfer
Anna, da ihr die Trnen aus den Augen brachen und sie still hinausging.
    So legte sich ganz allmhlich graue Asche ber die Glut einer Leidenschaft,
welcher die helle Flamme versagt war. Georg betrat seinem Versprechen getreu
niemals den Oberstock des Turmes, und die Leiter wurde am Abend immer zeitiger
heraufgezogen. Auch bei Tage, wenn beide einmal drauen vom Schlowall auf die
grnende Landschaft schauten, saen sie voneinander getrennt, sie hier, er dort;
so da sogar Wuz, welcher vorbeiging, erkannte, da etwas nicht richtig war und
zu Georg sagte: Warum sitzt die Fhnrichin allein? Wenn zwei zusammengehren,
so gehren sie zusammen. Diesem Rat, welcher viel mehr Weisheit enthielt, als
Wuz ahnte, stimmte Georg trbe zu. Doch er blieb sitzen, und Anna kam nicht zu
ihm.
    Beide wuten nicht, wie sie miteinander daran waren. Georg fhlte ein
unablssiges Weh, weil er sah, da Annas Augen die Spuren geheimer Trnen
zeigten, und er dachte: sie wird tglich unglcklicher in dem wilden Leben, und
das Opfer, welches ihr zugemutet wird, hier mit mir auszuhalten, ist fr ihr
feines und sauberes Wesen zu gro. Aber er kannte nicht ihr ganzes Leiden. Ach,
Georg wurde ihr immer lieber. Er kam ihr schner vor als je, und immer wieder
flogen ihre Gedanken den Augenblicken zu, wo er sie an seinem Herzen gehalten
und wo sie seine Ksse gefhlt. Wenn sie des Abends allein sa, dann lste sie,
was sie in seiner Gegenwart zu tun verweigerte, ihre braunen Flechten und legte
sie an die Wange, weil ihm das so gefiel. Oft dachte sie, da er einst in der
Schule ganz auer sich gewesen war, als die Ratsbotin ihr im Scherz einen
Blumenkranz in das Haar gesetzt hatte, und gar zu gern htte sie wieder seine
Worte gehrt: Wie steht Euch das gut, liebe Jungfer Anna. Da sie allein nach
dem Teiche ging, pflckte sie den Scho voll Blumen und wand hastig fr sich
einen Kranz; aber als er fertig war, fehlte ihr der Mut, ihn aufzusetzen. Sie
trug ihn zu der Stelle, an der Georg gestanden hatte, als der Kuckuck zum
erstenmal rief, und legte ihn dort auf den Grund, wie vor seine Fe.
    An einem Morgen trat sie in die Turmtr und sah dem Hauptmann zu, welcher
unter die Knechte Brotkorn verteilte; da verkndete der Ruf vom Tore die Ankunft
fremder Ritter. Als weie Ordensmntel in den Schlohof sprengten, flchtete sie
erschrocken in ihr Gemach und sphte durch die Fensterffnung nach den
widerwrtigen Gsten. Sie erkannte den Pfleger und neben diesem einen kleinen
Mann in brgerlicher Tracht, und sah erstaunt, da Georg dem Kleinen vom Pferde
half und um den Hals fiel. Der Pfleger, welcher seit jenem Angsttage das Lager
des Fhnleins gemieden hatte, wandte sich sogleich zu Georg und begann mit
umwlkter Miene, der man den Zwang wohl ansah: Habe ich Euch bei der ersten
Begegnung rauhen Willkommen geboten, Fhnrich, so bringe ich Euch dafr heut
einen Gru Seiner frstlichen Gnaden und diesen Boten aus Eurer Heimat. Und
Bernd Gusek, der Gehilfe des Vaters, schttelte Georgs Hand und schalt
ernsthaft: Ihr habt uns mehr Kummer gemacht, als Ihr verantworten knnt. Georg
fhrte den treuen Mann zur Seite: Was hat der Vater auf meinen Brief gesagt?
    Einen Brief hat er niemals erhalten. Zuerst kam Botschaft von dem Elbinger
Schiffer, da sein Schiff geplndert sei und Ihr mit andern Reisenden
weggefhrt, und Euer Vater ngstigte sich, weil er Euch von den Helfern des
Pietrowski aufgefangen glaubte. Dieser liegt noch mit einem Loch im Kopfe bei
den Mnchen. Dann brachte der Buchfhrer Hannus ein Gercht nach der Stadt, und
so trostlos war die Kunde, da Euer Vater in Zorn und Kummer mich aussandte,
Euch aufzusuchen. Bevor ich zu Euch drang, mute ich nach Knigsberg zum
Hochmeister, denn in Eurer Nhe fand ich blen Willen, und ich wollte aus gutem
Grunde nicht ohne Geleit unter dies ungeschickte Volk kommen.
    Erzhlt mir vom Vater, bat Georg.
    Er ist finsterer und stiller, als er war, aber er trgt sich mit groen
Gedanken. Euer Lachen tte dem Hause gut. Ich denke, wir mssen Euch nach Thorn
zurckbringen, im guten oder bsen. Er lchelte geheimnisvoll.
    Ich wei, der Vater ist verwandelt, seit der Hochmeister bei uns in
Herberge lag.
    Bernd sah ihn schlau an. Wit Ihr das nicht durch Euren Vater, so kann auch
ich nichts darber sagen. Ich bin nur hier, um Euch seinen Befehl auszurichten,
da Ihr Euch schleunig von dieser Bande lsen sollt, und leiser setzte er
hinzu: Ich trage bei mir, was Ihr dazu braucht.
    Sagt dem Vater, Bernd, ich bin als Fhnrich durch schweren Treueid an die
Fahne gebunden; und wie die Mnner auch sein mgen, denen ich die Fahne trage,
da ich eidbrchig werde, wird mein Vater nicht verlangen.
    Darum eben sollt Ihr ihnen Geld geben, damit sie Euch freiwillig vom Eide
lsen.
    Ihr kennt die Ordnung der Bruderschaft nicht. Noch sind es fast vierhundert
Mann, welche an meinem Leib und Leben ein Recht haben; nur wenn das Fhnlein vom
Hochmeister abgelohnt wird, bin ich wieder frei, und dazu vermag ich nicht zu
helfen.
    Wie behauptet Ihr Euch in dem Haufen, fragte Bernd nachdenklich, folgen
sie Eurem Rat?
    Der Hauptmann und die Fhrer haben Zutrauen zu mir.
    Ihr habt mich noch nicht nach Thorn gefragt, fuhr der andere fort.
Wisset, da bei uns der Unfriede gro geworden ist. Vielleicht denkt mancher:
Schade, da Junker Georg mit seinen Knechten so weit von der Stadtgrenze steht.
Beide sahen einander bedeutsam an. Doch nicht dahin geht mein Auftrag, sondern
Euch zu mahnen und Euch Euer Lsegeld im geheimen zu bergeben.
    Ich aber habe eine andere Bitte an Euch, mein alter Geselle. Helft mir den
Magister mit dem Gelde lsen.
    Verlangt das nicht von mir, antwortete Bernd ernsthaft. Euch soll ich das
Geld bergeben und niemand anderem; wie Ihr es verwendet, ob nach des Vaters
Willen oder wider seine Meinung, das ist Eure Sache. Zwischen Vater und Sohn
setze ich mich nicht.
    Dann also folgt mir in den Turm, damit ich Euch zur Fhnrichin fhre;
erzhlt ihr Freundliches von unserer Stadt.
    Ungern folge ich Euch, sagte Bernd zgernd, denn es wird niemandem etwas
ntzen. Doch da Ihr mich so traurig anblickt, merke ich, da ich's Euch nicht
weigern darf.
    Die Mnner traten in den Turm, Georg schlo die Tr, und der Bote entledigte
sich seines Geldes, welches Georg sorglich verbarg. Dann rief er Anna herab.
Befangen trat sie dem Thorner gegenber und holte, um den Gast zu ehren, nach
der ersten Begrung herzu, was der Haushalt darbot. Bernd sah sich bekmmert in
dem Turme um, und da er ein gutherziger Mann war, htete er sich, beiden das
Herz schwerer zu machen. Aber bald erhob er sich, weil der Geleitsmann wartete,
um ihn nach dem Ordenshause zurckzubringen. Als er von Anna freundlichen
Abschied genommen hatte und mit Georg im Hause stand, fragte er prfend: Wollt
Ihr sie in diesem Turme bewahren, bis Ihr selbst frei werdet?
    Da antwortete Georg mit tiefem Ernst, Ich danke Euch, Bernd, und ich danke
meinem lieben Vater, da mir seit heut mglich wird, besser fr das Wohl meines
Weibes zu sorgen.
    Ich komme wohl wieder, sagte der Gehilfe, ihm vom Pferde die Hand
schttelnd, und ich wiederhole Euch meine Mahnung, die Handlung fordert sich
ihren Erben.
    Als der Brger die Stadt verlassen hatte, suchte Georg den Hauptmann auf und
hatte mit diesem eine lange Unterredung, dann kehrte er zu seinem Weibe zurck.
    Anna sa sinnend am Herde, das Feuer flackerte, das Holz knisterte, an den
Wnden fuhren unruhig rote Lichter und Schatten dahin, und kleine Funkengarben
sprhten aus der Flamme. Der Besuch eines Brgers mit stdtischer Sitte
erinnerte Anna schmerzlich an das frhere Leben, von dem sie wie durch einen
Abgrund geschieden war, sie bedachte alle Worte und Mienen des freundlichen
Mannes, und ihr fiel schwer auf das Herz, da er den stolzen Vater ihres Gatten
gar nicht erwhnt hatte. Da trat Georg schnell ein, holte von seinem Lager den
Schatz, welchen ihm Bernd zurckgelassen, und den Beutel vor Anna auf den Herd
setzend, sagte er: Er brachte das Lsegeld.
    Ihr werdet frei? schrie Anna aufspringend.
    Nicht ich, antwortete Georg, aber Euer Vater und Ihr. Morgen reitet Hans
unter die Polen, den Herrn Magister zu lsen.
    Anna umfate mit ihren Hnden den Arm des Gatten, aber indem sie ihn ansah,
erkannte sie den tiefen Ernst in seinem entschlossenen Angesicht und sank, den
Blick unverwandt auf ihn geheftet, in den Stuhl zurck. Morgen kommt der
Vater, fuhr Georg fort, ich hoffe, es bleibt genug von dem Gelde brig, da er
mit Euch lngere Zeit in grerer Sicherheit leben kann unter sehaften Leuten.
Die Stadt Elbing liegt in miger Entfernung, und er sagte mir einst, da er
dort gute Kundschaft habe.
    Ihr wollt mich von Euch fortschicken? rief Anna.
    Ich will nicht, liebe Jungfer Anna, antwortete Georg, vergebens bemht,
seine Bewegung zu beherrschen; aber ich erkenne mit jedem Tage deutlicher, da
ich es mu, damit mir das Liebste, was ich auf Erden habe, nicht im Elend
vergehe. Denn wenn Ihr mir Eure Trnen auch verbergt, ich fhle sie doch hei
auf meiner Seele, und ich wei, wie unglcklich Ihr in dieser Wildnis geworden
seid. Anna sa unbeweglich, das Antlitz gertet, und er fuhr nach langem
Schweigen mit gebrochener Stimme fort: Mich hlt hier der Schwur, den ich
abgelegt habe. Aber ich hoffe, das Fhnlein wird in kurzem ausgezahlt, unterdes
behelfe ich mich; und an dem Tage, welcher mich frei macht, komme ich zu Euch.
Bis dahin will ich sorgen, da wir hufig voneinander erfahren. Er wandte sich
ab, setzte sich auf die Bank bei seinem Lager und kehrte das Gesicht dem
Gitterfenster zu. Anna erhob sich, in fliegender Eile rckte sie an den Topfen,
setzte ihm das Schlein mit seinem Abendessen an die Ecke des Herdes und
entfloh aus dem Gemach die Leiter hinauf. Als Georg sich nach ihr umwandte, sah
er nur noch den Saum ihres Gewandes. Er sa allein, das Feuer seines Herdes
stieg und sank, es flackerte noch einmal, dann verging es in blulichem Scheine.
So hei war die Flamme gewesen und so kurz das Licht und die Wrme, welche sie
gab. Schweigend, ohne Klage und ohne ein Wort des Trostes, lste sich sein Weib
von ihm. In rtlicher Dmmerung lag das Gemach, bald kam die schwarze, kalte
Finsternis; er schlug die Hnde vor sein Angesicht und warf sich auf das Lager.
Drauen war es still, von der Stadt her vernahm man verlorene Klnge eines
Liedes, das ein Landsknecht sang, und vom Wasser her tnten die Rufe der
Nachtvgel.
    Da stieg etwas die Leiter herab, es glitt am Herde vorbei und neigte sich
ber das Lager. Den Liegenden umschlangen zwei weiche Arme, er fhlte den warmen
Hauch an seiner Wange und vernahm die flehenden Worte: Ich komme zu dir. Du
ber alles Geliebter, behalte mich bei dir.
    Stille drauen und im Turme. Aber vom Weiher klang jetzt schmetternd wie
Siegesruf Gesang der Nachtigallen.

                            Das Jahr der jungen Frau


Als die Vermhlten am nchsten Morgen ins Freie traten, war die ganze Welt um
sie gewandelt. Vom Himmel strahlte die Sonne, und warme Luft wehte sie grend
an. Die langen Stacheln der wilden Rose am Wall, bisher das Kriegskleid der
kahlen Zweige, waren durch unzhlige Strue heller Bltter verdeckt, und
drauen grnte und blhte Wiese und Wald. Anna hielt die Hand des Gatten fest
und wollte sie nicht mehr loslassen, und da Wuz herzutrat, lachte sie den Zeugen
ihres Gelbdes an und hielt sich noch fester an ihren Herrn, da der Landsknecht
etwas von der Seligkeit merkte und ihr zunickte: Das ist recht. Sobald sie auf
das Feld kamen, stiegen die Lerchen von allen Seiten in die Luft, und wohin Anna
den Schritt wandte, jubelten sie ber ihrem Haupt. Wollte ja ein scheuer Vogel
aus ihrem Wege fliegen, so sang diesem sein Gefhrte zu: Die Federlosen frchten
wir nicht, sie bauen am Neste wie wir. Auch die brllenden Landsknechte des
Weihers, die Frsche, sahen schlau zu der jungen Frau empor, und ein alter
Hauptmann dieses Volkes rief mit seiner quarrenden Stimme so deutlich:
Querkopf, da sie die Meinung verstand. An der Stelle, wo beide neulich die
ersten Boten des Frhlings gehrt hatten, breitete Georg seinen Mantel aus, sie
lagerten unter dem jungen Laubdach, und die trunkenen Augen flogen ber das
glitzernde Wasser und den blhenden Grund. Das Weib lag an seiner Achsel, und er
lachte und sang laut sein altes Lied: Der Kuckuck hat sich zu Tod gefallen in
einer alten Weiden, und als er nach dem neuen Zeitvertreibe fragte, hielt ihm
Anna den Mund zu und sang weiter, und sie zog und trillerte bermtig wie ein
Vogel, schob sich an ihm empor, fate mit beiden Hnden in seine Locken und
kte ihn, bis er rief: Tricht war Lips Eske, als er behauptete, Jungfer Anna
sei zu einer Nonne geboren.
    Da entsprang sie, pflckte Blumen und grne Zweige und wand zwei Krnze.
Fr dich und mich, sagte sie ernsthaft, es sind unsere Brautkrnze, und heut
abend im Turm trgst du deinen und ich meinen. Ach, Ihr habt lange Geduld mit
mir gehabt, lieber Junker.
    Kommt heut abend der Vater, sagte Georg, so wird ihm der Festschmuck
recht sein, denn er denkt daran, da auch seine Rmer Krnze aufsetzten, wenn
sie froh waren.
    Der liebe Vater bleibt von jetzt als Gast bei uns, entschied Anna, ich
schaffe ihm neben uns im Schlo eine Kammer. Der Hauptmann wird sie mir nicht
wehren.
    Aber am Abend kehrte der Landsknecht ohne den Vater zurck und brachte auch
das Geld wieder. Der Magister war von den Polen gegen Gelbnis nach Danzig
gesandt, um dort dem Kastellan in einem Geschft mit dem Rate zu dienen. Die
Kammer richte ich dennoch morgen fr ihn ein, sagte die Tochter, damit er bei
uns jederzeit gutes Gemach findet.
    Ich aber lasse morgen eine Treppe nach dem Oberstock zimmern und verbrenne
die feindselige Leiter, rief Georg entschlossen.
    Das wird dem Hndlein Amor lieb sein, antwortete Anna, er hat mir seither
Not genug gemacht, denn er wollte jeden Abend zu Euch herunter, und ich mute
ein Tuch ber ihn decken, damit sein Winseln den Herrn nicht strte; und ihre
Wange an die seine legend, gestand sie schchtern: Ich habe zuweilen das Tuch
ber uns beide gedeckt, um uns festzuhalten.

Von dem Jahre, welches der weissagende Vogel den Liebenden vergnnt hatte,
vollendete sich ein Mond nach dem andern; gleich einer Mauer umschlo sie der
dunkle Ring der Kiefernwlder am Horizont, und nur selten und undeutlich drang
Kunde von der Auenwelt zu ihnen. Aber in der Bruderschaft verlorener Leute,
welcher sie angehrten, bewhrten sich beide als gute Helfer. Georg besserte,
wie der Hauptmann ihm zugetraut hatte, an der Zucht des Fhnleins, einigemal
durch hohen Ernst, den er gegen Missetter bewies, immer durch sein frisches
Wesen und geschickte Worte. Er bestand darauf, da das rohe Beuten abgeschafft
wurde und regelmige Lieferung durch die geplagten Landleute eingefhrt, und er
gewhnte den Hauptmann daran, auch den Einwohnern, wenn sie einmal grblich
verletzt wurden, einiges Recht zu bewilligen. Sogar die Kanzlei des Hochmeisters
half zu grerer Ordnung; von vielem rckstndigen Solde wurde etwas auf
Abschlag gezahlt, und Georg meinte, da sein Vater dabei die Hand im Spiele
habe. Wer aber ist das schne Weib, welches so stolz und sicher wie eine Herrin
zwischen den ruchlosen Shnen der Fremde einhergeht? Ist es die scheue Anna, das
Kind des Schulmeisters? Hher scheint ihr Wuchs und gebietender ihr Auge, ihre
Wangen frbt wieder ein mildes Rot, und wer in den festen Zgen zu lesen
versteht, der kann die frohe Sicherheit, welche ein groes Glck verleiht, darin
erkennen.
    Mit der Hauptmnnin ging sie durch die Gassen der Stadt und antwortete
gehalten auf Anreden der Groen und Kleinen; gerade vor ihr hatte sich wildes
Getmmel erhoben, trunkene Knechte zankten und schrien nach Hilfe und Waffen.
Die Hauptmnnin hielt Anna zurck: Peter Meffert tobt in dem Haufen. Ich rate
Euch nicht, weiterzugehen. Knnen wir auf anderem Wege zu der Dirne gelangen?
fragte Anna.
    Wir mssen hier vorber. Dann gehen wir. Und sie sprach laut: Gebt Raum
fr die Frauen, ihr freien Knechte. Da traten die ersten zurck bis zu dem
zornigen Peter, der mit seinem langen Degen um sich fuchtelte. Anna stand ihm
gegenber: Lat uns vorbei, Herr, wir gehen zu Eurer Jutta.
    Geht zum Teufel, aber nicht ber meine Schwelle, rief der Landsknecht.
    Wir wrden Euch mit dem unwillkommenen Besuch verschonen, sagte Anna,
wenn Ihr selbst am Lager Eures kranken Mdchens set, statt hier auf der Gasse
zu streiten: denn die Arme gebraucht Hilfe, damit Ihr sie nicht verliert, und
sie htte es wohl um Euch verdient, da Ihr jetzt ein wenig um sie sorgt. Er
sah die Frau des Fhnrichs gehssig an, und die Waffe zuckte in seiner Hand,
aber er hob sie nicht, und Anna schritt vorber. In der Wohnung des Landsknechts
warf sich die Kranke in Fieberhitze auf ihrem Lager. Weicht von mir, rief sie
Anna zu, denn Ihr seid uns feindlich, und Ihr bringt mir Unglck ins Haus.
    Sind die Mnner Gegner, warum sollen wir Frauen es sein? Lge ich einsam
auf dem Krankenlager, wrde ich Euch bitten, mir zu helfen.
    So geht, Ihr Stolze, und holt meinem Herrn Bier in seinen Krug, denn wenn
er nach Hause kommt und den Krug leer findet, schlgt er mich. Whrend die Frau
des Hauptmanns die Aufgeregte beschwichtigte und eine Arznei einflte, fllte
Anna den Krug am Brunnen mit Wasser und setzte ihn auf den Tisch, dann holte sie
den kleinen Purzel aus der Ecke, welcher dort jmmerlich im Sude lag, setzte
sich so, da die Mutter ihre Arbeit nicht sah, wusch und strhlte ihn und zog
ihm ein reines Hemd und Rcklein an, die sie mitgebracht hatte. Die Tre ging
auf, und Peter drang herein; er sah finster und verchtlich nach den Frauen,
warf sich auf den Schemel und hob die Kanne. Mord und Tod, fluchte er, wer
hat den Gnsetrunk eingegossen?
    Ich, antwortete Anna ruhig, an dem Knaben beschftigt. Er schttete das
Wasser auf den Boden. Wie knnt Ihr wagen, an dem Kinde zu hantieren, es geht
Euch nichts an, rief er streitlustig.
    Die Mutter kann ihn nicht wahrnehmen, und Ihr wollt es nicht. In ihren
gesunden Tagen hielt die Jutta darauf, da der Knabe suberlich einherging. Die
Leute sollen nicht ber Euren Sohn die Achsel zucken.
    Ich aber leide nicht, da das Kind trgt, was aus Euren Hnden kommt; und
soll ich Euch Gutes raten, so nehmt Eure Lappen mit Euch und weicht aus meinem
Hause.
    Es kann doch nicht nackend gehen, wandte Anna ein, knpfte dem
schweigenden Purzel das Jckchen zu und kte ihn auf die Stirn. Ist's Euch
widerwrtig, da der Kleine die Kleider behlt, so lat sie ihn wenigstens
tragen, bis seine Mutter wieder bei Krften ist, dann mgt Ihr den Kram wegtun.
Und ich sage Euch, Herr, die Hauptmnnin und ich lassen uns nicht durch Euren
Trotz abweisen, wir kommen jeden Tag, um nach Eurer Kranken zu sehen; gefllt's
Euch nicht, mit uns zusammen zu sein, so erlaubt uns die Stube, wenn Ihr nicht
daheim seid. Und ich bitte Euch, werbt eine Wrterin aus dem Tro, oder lat uns
das tun, denn ihr Mnner bleibt ungeduldige Pfleger. Als sie sich erhob und mit
der Alten das Zimmer verlie, sa Peter auf seinem Schemel und antwortete dem
Grue nicht. Drauen sagte die Frau des Hauptmanns: Niemals htte ich gedacht,
da die schchterne Taube zu einer so dreisten Krhe werden knnte. Ihr seid
gemacht, den Befehl ber ein Fhnlein zu fhren. Anna aber sah sie verwundert
an.
    Als Jutta genesen war, lag des Morgens frh ein Bndel auf der Turmschwelle.
Anna lste die Schnur und fand das Wams des kleinen Landsknechts darin und dabei
einen Rock, der ihr selbst bei der Plnderung geraubt war.
    Der Hochsommer kam; ber dem dunklen Kranz der Wlder wlbte sich der blaue,
lichtvolle Himmel wie eine Halbkugel von blauem Glase; unten in der Mitte des
groen Glasberges stand der Turm, in welchen die jungen Gatten gezaubert waren,
und oben stieg die liebe Sonne tglich auf und ab und warf ihre heien Strahlen
auf den Boden des umschlossenen Raumes. Dort blhte das Heidekraut und deckte
die wilde Landschaft mit rtlichen Farben, und ber dem Bltenmeer wallte und
zitterte die heie Luft. An einer Stelle, wo Wald und Heide zusammenstieen, hob
sich ein kleiner runder Hgel, der einst als Grabmal eines alten Preuen oder
Goten geschichtet war; auf ihm standen Eibenbume, zwischen denen die Zeidler,
die den wilden Honig sammelten, eine kunstlose Htte errichtet hatten, an der
Sonnenseite offen und gerade gro genug, um wenigen Wanderern kurzes Obdach zu
geben. Dort pflegte Georg zu rasten, wenn er einmal die Fahne dem getreuen Wuz
anvertraute und mit der Armbrust dem Wilde nachging, um seiner Hausfrau die
Kche zu bessern. Heute hatte ihn Anna begleitet; die Jagdbeute lag bei den
Waffen, und beide harrten, im Heidekraut gelagert, auf den Niedergang der Sonne
und die khle Abendluft. Es war ein wonniges Lager, ber den roten Bscheln
flatterten die Schmetterlinge, die Bienen trugen den Seim zu ihrem Baume; die
Wachtel schlug, Feldhhner schwirrten in langen Ketten, und hoch oben am blauen
Gewlbe zog der Adler seine Kreise. Da kam eine groe Hummel an die sitzende
Frau, umkreiste sie unablssig und brummte mit schwerem Fluge an ihrem Haupt.
Georg wollte die Lstige fortscheuchen, aber Anna hielt ihm den Arm: Sieh, wie
schn sie ist, sie trgt stahlblaue Panzerringe um ihren Leib, und schwer wird
ihr der Flug, denn sie birgt unter ihrer Rstung den sen Honig. Ich verstehe
wohl, Gevatterin, was du mir summend verkndest. Willst du es wissen, Georg? Oh,
komm nher zu mir, wenn ich an deinem Herzen liege, getraue ich mich dir's zu
sagen. Und sie sprach leise zu ihm nur wenige Worte, aber sein Gesicht erglhte
in freudigem Schrecken, und wie sie dasa mit stolzem Lcheln, kniete er vor ihr
nieder, bedeckte ihre Hnde mit Kssen und kte das Gewand ihres Leibes. Dann
hielt er sie in seinen Armen, und sie saen aneinandergelehnt, whrend sich der
Abendhimmel rtete und von wolkenloser Hhe ein ferner Donner klang.
    Wieder vergingen Wochen, die drftige Halmfrucht in der Nhe der Stadt war
eingebracht mit Hilfe der Knechte, welche den besten Teil selbst zu genieen
dachten. ber die Stoppeln zogen die kleinen Spinnen ihr silbergraues Gespinst,
und die Tautropfen glnzten als flssige Edelsteine darauf. Die Bltter der
Birke und Eberesche frbten sich mit Gelb und Purpur, dem letzten Festschmuck
zur Ehre des scheidenden Sommers. Anna stand mit dem Gemahl an der Stelle des
Weihers, welche beide wohl kannten, und begann mit trbem Lcheln: Deine
Nachtigallen sind fortgeflogen, und als er antwortete: Nein, eine, die ich
liebe, bleibt treu bei mir, wandte sie sich ab und fragte: Wie lange noch? Ein
Jahr gestattet der Kuckuck fr mein Glck, und die Hlfte ist vorber. Georg
erschrak, da sie noch an die vorlaute Frage aus dem Frhjahr dachte. Sie bog
ihr Haupt dem seinen zu; da sah er, wie die Trnen aus ihren Augen rannen.
Selig war die Zeit, und wie ein Engel sorgte mein Junker fr mich; o Georg, wie
ist das Leben schn, und wie traurig ist es, von dem Liebsten zu scheiden. Er
hielt die Schwermtige still an seinem Herzen. Auch er dachte daran, wie hart
der Winter fr sein liebes Weib werden msse und wie gefhrdet die Zukunft sei.
Noch anderes bedrngte ihn. Sein Vater selbst hatte ihm niemals geschrieben, nur
durch Bernds Hand war ein Befehl an ihn gekommen, da er bei der Fahne bleiben
mge; von Anna aber stand nichts in dem Briefe.
    Krzer wurden die Tage und rauher das nchtliche Dunkel; der Herbststurm
fuhr wild um die Mauern des Turmes, er drehte die Wetterfahne am Schlosse, da
sie chzte, und polterte wie ein unseliger Geist an den Tren und Fensterlden.
Da sorgten die Menschen um die nahe Winterzeit, auch Georg sammelte als Hauswirt
Vorrte und half selbst die Holzscheite um den Turm zu einem Wall hufen, damit
in dem Ofen, den die Kunst des Tpfers fr sein Weib hergestellt hatte, die
Wrme nicht fehle. Doch die Knechte dachten am liebsten darauf, den Gewinn des
Sommers lustig zu verwenden, viele Tnnlein Bier wurden gewlzt, um die
Feuersttten dufteten die Braten, und in lrmender Gesellschaft verzehrten sie
sorglos, was kluger Bedacht des Erwerbenden auf den ganzen Winter verteilt. Auch
im Schlohofe war jetzt tglich reges Leben und Geschrei. Und oft schritt Anna
durch gedrngte Haufen. Aber Mnner und Weiber gaben ihr ehrerbietig Raum, wo
sie ging, die Augen der Frauen ruhten mit Teilnahme auf ihr, sogar die derbe
Jutta unterbrach das Geznk mit einer andern Dirne und schwieg, bis Anna vorber
war; die Kinder des Trosses standen verschchtert zur Seite und wagten nicht
mehr, sich an ihre Arme zu hngen wie ehedem, auch die Mnner, welche sonst das
schne Weib mit dreistem Blick betrachtet hatten, wandten jetzt unwillkrlich
die Augen ab, als ob ihnen nicht gezieme, eine Geweihte anzustarren. Und kam sie
langsam mit schwerem Tritt die Stufen hinauf in das Turmgemach, dann rckte
Georg ihr den Stuhl zurecht und legte das Federkissen herein, welches die
Hauptmnnin in mtterlichem Wohlwollen herzugetragen hatte. So sa sie eines
Tages und hrte zu, wie Georg ihr lachend sagte: Henner, die rastlose Dohle,
welche nur auf Augenblicke herzufliegt, ritt heut ein und fragte ernsthaft, wie
es dir gehe. Und sie antwortete: Sage ihm nur, ich bin bei dir.
    Da ffnete sich schnell die Turmtr, und der Magister trat herein. Mit einem
Freudenschrei erhob sich Anna und ging dem Vater entgegen. Diesen aber
bermannte die Bewegung, als er die Tochter sah, denn sie war anders, als er sie
immer in seinen Gedanken geschaut hatte. Er setzte sich sogleich auf einen
Schemel an der Tr und bedeckte die Augen mit der Hand. Doch nicht lange, so
fuhr er empor, fate Georg um den Leib und rief: Ich habe unrecht, mein Sohn,
sie gehrt jetzt dir, und darauf erst begrte er gerhrt sein liebes Kind.
Anna sa zwischen dem Vater und dem Gemahl, jeder hielt eine Hand, beide
sprangen auf, sooft sie meinten, da ihr etwas zu bringen sei, und der Magister
lief ungeschickt um den Herd herum und trug das Kissen des Hndleins statt der
Fubank. Als Anna inmitten der beiden ausruhte, welche ihr die Liebsten auf der
Erde waren, und wieder das Lachen und die lateinischen Reden des Vaters hrte,
sagte sie in inniger Freude: Heut bin ich glcklich.
    Ach, du armes Kind, antwortete der Magister und suchte vergebens nach
seinem Sacktuch, euer Schicksal ist ganz ohne Beispiel, und ich wei niemanden,
mit dem ich dich vergleichen knnte, es mte denn die deutsche Frstin
Thusnelda sein.
    Diese aber, Herr Vater, wurde von ihrem Hausherrn getrennt.
    Richtig, versetzte der Magister, dies stimmt nicht, aber anderes stimmt.
Und er sprang wieder auf und trug ihr das flackernde Licht aus den Augen. Bald
jedoch war er frhlich dabei, von den eigenen Abenteuern zu erzhlen, und lobte
den Pan Stibor sehr: Zuletzt hat er mich ohne Lsegeld entlassen, nachdem ich
ihm beim Danziger Rate die Auszahlung eines Erbteils durchgesetzt, und ich bin
vllig frei. Freier als ihr, arme Kinder. Doch dies ist ein Jahr der
Gefangenschaft; nicht nur uns erging es so, auch ein Grerer, der unser aller
Hoffnung war, sitzt, der Menschheit entzogen, in Haft. Die Danziger glaubten ihn
in dem Kerker seiner Feinde, aber jngst ist Botschaft gekommen, da er irgendwo
verborgen lebt. Und da es ihm besser ergangen ist, als wir whnten, so hoffe ich
jetzt auch fr euch Gnstiges.
    Und Ihr bleibt bei uns, Herr Vater, bat Anna, seit dem Frhling steht
Euer Gemach bereit.
    Natrlich bleibe ich, rief der Magister, ich darf doch meinem lieben
Kinde die Ruhe nicht mitnehmen. Aber nur bis morgen, denn hier herrscht, wie ich
merke, das Gerusch des Lagers und die Musen haben nicht viel Frderung zu
erwarten. Es ist alles bedacht, ich finde Unterkunft in der ansehnlichen Stadt
Elbing, und wenn ihr mich einmal begehrt, so kann ich jetzt, wo der Verkehr
wieder erffnet ist, leicht zu euch dringen.
    Trotz aller Bitten blieb der Magister fest, und er sagte beim Abschiede in
seiner ehrlichen Weise den wahren Grund nicht der Tochter, aber seinem Schler
Regulus: Auch die Kinder mssen zuweilen Nachsicht mit den Eltern ben. Du hast
dir den Ring, den ich an meinem Finger trug, redlich verdient, ich lobe dich und
ich segne dich; aber den Alten vexiert's, da sein Kind nicht mehr ihm gehrt,
und er braucht Zeit, um das zu berwinden.
    Der harte Winter war gekommen. Das Himmelsdach umschlo schwarzgrau, wie ein
ungeheures Kerkergewlbe, die Heide, den Turm und die beiden Gatten, nur am
Morgen und Abend vermochte man an einem feurigen Scheine den Ort zu erkennen, in
welchem die Wintersonne auf- und niederstieg. ber der weiten Ebene lastete
tiefer Schnee, er glich nicht dem weien Tuch, welches zum Schutz des
schlummernden Lebens gebreitet ist; wie ein brandendes Meer war er von dem
Sturmwind aus den Steppen des Ostens herangetrieben; langgestreckte Schneewellen
hoben sich, so weit das Auge reichte, eine hinter der andern, und wie
Wasserschaum der Wellen stoben weie Wolken ber dem Kamm der Schneehgel in die
Luft, sanken in die Schneetler, die der Wind eben erst gefegt, und erhoben neue
Berge ber den Grund. Hinter dem weien Schneemeer aber ragte der schwarze Ring
des Kiefernwaldes, auf welchen die Wolkendecke gemauert schien. Bei Tage kein
Ton in der Luft als das Heulen des Windes, der Schrei eines Raubvogels und das
Gekrchz eines Krhenschwarmes, welcher frohlockend der Stelle zuflog, wo ein
Wild in den Schneehgeln verendet war. Auf wenige Stunden des dmmrigen
Tageslichts folgte eine lange, bange Nacht, schwarz und sternlos, dann
verstummten auch Adler und Krhen, nur die Wlfe heulten, und in dem fahlen
Licht, welches die untergehende Sonne ber den Schnee sandte, sah man die Herde
der Hungrigen um die Mauern trotten, hinter denen die Menschen sich bargen. Dann
lutete noch einmal die kleine Glocke der Stadt, zitternd und wehklagend war der
Laut, ein Hilferuf gegen die Gewalten der Nacht, bis er unkrftig in wirbelndem
Schnee und sausendem Wind verhallte; das Dach des Himmels wurde kohlschwarz, und
die Erde begann gespenstisch zu leuchten, ein matter blulicher Schein glomm von
dem Schnee herauf gegen die Finsternis der Luft, und eisige Klte, der Todfeind
des Lebens, fra sich in das Holz der Bume, bis der Kern zersprang, sie drang
durch die Mauern und machte die Menschen beben, auch wenn sie sich mit dichtem
Pelz geschtzt hatten.
    Einsam und preisgegeben dem Zorn des Winters stand das Lager der
Landsknechte zwischen den Schneebergen, selbst der Mauergraben war zugeweht, und
durch die flache Rinne zogen sich lange weie Bnder der Windwehen bis zu den
Zinnen herauf. Innerhalb der Mauern drngten sich die Menschen zusammen, wo eine
Feuersttte war oder ein Ofen, und die Knechte haderten und schlugen sich um den
wrmsten Platz; jeden Tag liefen Weiber und Kinder mit den xten, sie scheuten
die Mhe und frchteten die Gefahr, Brennholz durch den tiefen Schnee aus dem
Walde zu schleifen. Die Balken der geworfenen Scheuern waren lngst verbrannt,
jetzt zerhieben rotgeschwollene Hnde den Dachstuhl, die Tren und Fenster der
leeren Stadthuser, ja sogar das Geblk der Wohnungen, in denen die Knechte
selbst herbergten, so da der Schnee in das Innere wehte und durch die erwrmten
Decken tropfte. Mehr als einmal krachte ein Haus zusammen, und mit Mhe
entrannen die Bewohner dem Verderben, dennoch wurden die Sorglosen nicht
vorsichtiger, scharrten nach kurzem Geschrei ihre Habseligkeiten aus den
Trmmern und drngten sich in eine andere Wohnung; bis der Hauptmann einen Rat
der alten Knechte berief und durch diesen ein Verbot ergehen lie. Hans selbst
mute, obgleich ihm der kalte Winter den Fu gelhmt hatte, schwerfllig mit
seinem Stock durch die Straen schreiten und das Gesindlein zchtigen, das er
ber verbotenem Holzschlage traf.
    Drauen aber in der Wildnis glitt ein Schlitten die Schneehgel abwrts und
wieder hinauf. Um den einsamen Fhrer Finsternis und de, hinter ihm das Geheul
des Sturmes und das Bellen der jagenden Wlfe; ungeduldig peitschte er die mden
Pferde und richtete sich auf, um in der Ferne den Lichtfunken zu erkennen, der
aus dem Turmzimmer blinkte und zu dem ihn Sehnsucht und heie Angst zogen. Es
war Georg, der im Auftrage des Hauptmanns zu den Knechten auf das Dorf geschickt
war, um ernste Hndel mit den Polen zu vergleichen. Ungern war er ausgefahren,
denn sein liebes Weib war erkrankt. Doch sie selbst hatte ihn lchelnd
fortgetrieben mit gutem Trost. Den ganzen Tag hindurch verweilte er bei den
Znkern, jetzt schnrte dem Heimkehrenden die Angst das Herz zusammen, wie er
sein Weib wiederfinden werde. Er sah das Licht, er unterschied die Umrisse des
schwarzen Turmes und jagte in den Schlohof mit heien Wangen.
    Als er in den Turm trat, vernahm er den Schrei einer Stimme, die bis dahin
noch niemals in den Wnden des Turmes erklungen war; er sprang die Treppe
hinauf, sein Weib ruhte auf dem Lager, und die Hauptmnnin hielt ihm einen
nackten Knaben entgegen. Es war sein neugeborener Sohn. Da schlug er die Hnde
zusammen und rief auer sich: Herr, mein Gott! Scheu und ehrfrchtig empfing
er das Kind in seine Arme und sank an dem Lager seines Weibes nieder. Halte die
Hand ber ihn und mich und flehe zu unserm Vater im Himmel, da ich wrdig
werde, sein Wunder zu bewahren.

                                 Auf der Heide


Georg sa am Herde, hielt sein Kind in den Hnden und sah unverwandt auf das
kleine Gesicht. Das erste Lachen soll die Mutter sehen, rief er freudig und
legte den Knaben schnell in Annas Arme.
    Wie soll es mit der Taufe werden, lieber Herr?
    Sobald die Frau Fhnrich Gste vertragen kann.
    Ich denke, wir laden die Gevattern, riet Anna. Zuerst den Vater, dann die
Hauptmnnin -
    Der dritte mu Henner sein, fiel Georg ein, denn als er neulich
heranritt, dich zu gren, forderte er dies Amt als sein Recht, weil wir doch
von den Vtern her Landsleute wren und er, wenn es mit rechten Dingen zuginge,
der Oberherr unseres Knaben; dabei kam er wieder mit seinem alten Unsinn.
    Anna nickte. Die grte Sorge ist in dieser Wildnis der geistliche Herr.
Doch die Taufe wird heilkrftig durch jeden Geweihten.
    Dann also fahre ich mit dem Schlitten aus und suche einen Priester,
beschlo Georg.
    Durch Henner selbst wurden die Gatten dieser Verlegenheit enthoben. An einem
der nchsten Tage schalt die Stimme Henners im Hofe. Er hielt zu Pferde neben
einem Bauernschlitten, auf welchem unter Stroh und Decken ein hilfloser Kranker
lag. Dies Ungeheuer fand ich beim nchsten Dorfe geduckt in einer alten Weide
und auf dem Wege, zu erfrieren. Da gerade die Kirchglocke lutete und heut
Sonntag ist, tat ich ein briges und warf es einem vorberfahrenden Bauern auf
den Schlitten. Wollt ihr es wieder lebendig machen, so steht das bei euch.
Jedenfalls schneide ich ihm ein Ohr ab, das habe ich allen Brdern seiner Art
zugeschworen, denn es ist ein Mnch.
    Georg beugte sich ber den Korb und erkannte erstaunt die entstellten Zge
des Bruder Pankratius aus Thorn. Der Arme wurde in die Turmstube getragen und
dort mit Mhe wieder zu Sinnen gebracht, so da er seine Glieder regen und den
Trank, welchen Anna ihm bot, einnehmen konnte. Unterdes sa Henner dem Kranken,
welcher die frhere Wohlhbigkeit gnzlich verloren hatte, feindselig gegenber
und enthielt sich nicht, ihn zu hhnen: Ich kenne diesen Gesellen, er trug
seine Kutte so stolz wie ein Freiherr und am Handgelenk einen Rosenkranz von
roten Korallen, den ihm sicher ein frommes Beichtkind geschenkt hatte, und er
spielte mit dem Kreuze, das daran hing. Er hatte auch einen Bisamapfel von
Silber in der Tasche, aus dem ein Wohlgeruch kam, und wenn der Apfel duftete und
der Mnch die Augen verdrehte, dann fielen die Weiblein nur so vor seine Fe.
Wo blieb der Wohlgeruch, Bsewicht? Du riechst mir jetzt sehr nach armen Leuten;
und wo blieb der silberne Ohrlffel, den du vordem in der Hand schwenktest?
    Ich war in den Hnden Eurer Gesellen, seufzte der Mnch.
    Haben diese dir den Sack ausgefegt, so haben sie ein gutes Werk getan,
hoffe deshalb bei mir nicht auf Erbarmen.
    Schweigt mit den wilden Worten, Junker, und schont den Unglcklichen,
mahnte Anna unwillig.
    Ihr mgt gut reden. Ich aber habe eine alte Rechnung mit seinesgleichen.
Denn sie sind schuld, da ich als armer Reiter im Stegreif traben mu, was mir
bei meiner Wiege nicht gesungen wurde. Wit, junge Frau, ich wuchs auf als Erbe
eines alten Oheims, der guten Anteil an Burgen und Mhlen hatte. Da dieser
krnklich wurde, riet ihm der Bse, nach Thorn zu ziehen. Dort schlichen die
Brder dieses Gesellen an sein Lager und erboten sich zu allem Guten unter dem
Vorwande, da ihre Regel ihnen die Pflicht auflege, Bedrngte aufzusuchen. So
nisteten sie sich in seinem Hause ein. Dazwischen klagten sie viel ber das
Elend der Welt, ber die groe Not ihrer Brder, und sie beschrieben ihre Armut,
die sie tglich ertrugen, und ihre strenge Regel mit vielem Fasten und langem
Chorsingen. Dann lobten sie ihm die Privilegien und hohen Freiheiten ihres
Ordens, die zahllosen Messen, welche jedem im Himmel gutgeschrieben werden,
welcher dem Orden Gutes tut, auch zhlten sie die frommen Bruderschaften auf, an
denen sie nach dem Gebot des Papstes Anteil haben, und sie rhmten sich vieler
frommer Kinder und Brder, die so streng gegen sich selbst leben, da sie gar
wenig essen und trinken, und da ihre Frmmigkeit im Himmel jedem andern zugute
kommt, der in die Bruderschaft tritt. So verlockten sie den kranken Mann, da er
ihrem Orden sein Hab und Gut bermachte, und ich ging nach seinem Tode leer aus.
Ich hatte eine Jungfer von Herzen lieb; dem Erben htte der stolze Vater sie
bewilligt, den armen Kalmuser wies er zum Tor hinaus. Dadurch bin ich geworden,
was ich jetzt bin, ein Heimatloser, der von heut auf morgen lebt. Er sttzte
sich finster auf den Tisch.
    Ihr aber, Bruder, fragte Georg, was scheuchte Euch in dieser Jahreszeit
aus dem Kloster?
    Seit dem Scheiterhaufen, der Euch schdlich wurde, ist von St. Nikolaus der
Friede gewichen, klagte der Mnch. Die Brger mgen uns nicht mehr leiden, und
kaum trauen wir uns auf die Strae; einige von uns sind ganz ausgelaufen, und
wir brigen leben in Furcht. Mich sandte der Prior nach Elbing; auf dem Wege
wurden wir von Reitern berfallen, aus dem Schlitten geworfen und geplndert,
die Ruber lieen mich nach harten Sten frei, doch in dem Schnee schwand mir
die Kraft, und ich war meiner letzten Stunde gewrtig. Henner lachte
verchtlich.
    Zu diesem trat Anna, das schlummernde Kind in den Armen haltend, verneigte
sich und begann herzlich: Gestrenger Junker, fr meinen Hausherrn und fr mich
erbitte ich als werte Gunst, da Ihr es nicht verschmht, das Amt eines
Gevatters bei unserm Knaben zu bernehmen. Denn ich hoffe, der Priester ist
gefunden. Das umwlkte Gesicht Henners wurde freundlicher, er erhob sich und
nahm die Stelle mit geziemenden Worten an.
    Anna aber blieb stehen und sah flehend zu ihm auf. Da wir wnschen, da
Bruder Pankratius den Kleinen zum Christen weiht, so bitte ich, da Ihr der
Gevatterschaft zu Ehren den Bruder mit Eurer Rache verschont.
    Ihr wollt mich fangen, junge Frau, versetzte Henner zwischen Unwillen und
Lachen. Ich sehe wohl, ich bin Euch einen Gevatterdienst schuldig; aber
wenigstens ein Ohrlppchen mu er hergeben.
    Doch auch dies wurde dem rauhen Gesellen in den nchsten Tagen abgehandelt.
Auf die Einladung seiner Kinder kam der Magister unter sicherem Geleit, er
segnete gerhrt den Enkel und nannte ihn einen Romulus, der, obgleich von Geburt
ein Knigssohn, unter die Wlfe ausgesetzt sei. Und der Bruder, welcher sich in
guter Pflege wieder erholt hatte, vollzog die Taufe. Als dieser am nchsten Tage
mit neuem Lebensmut unter dem Schutze eines sicheren Knechtes wegziehen sollte,
nahm er von Anna wehmtigen Abschied. Ich habe dem Bruder Gregorius vor dem
Scheiterhaufen die Bchlein zugereicht, und jetzt danke ich Euch Leben und
Gesundheit! Vielleicht schaffen die Heiligen, da ich Euch wieder einen Dienst
erweise. Drauen aber winkte er Georg zur Seite und begann mit hohem Ernst:
Nehmt als Dank fr Eure Gutherzigkeit eine Warnung: Euer Feind, der bisher
krank im Kloster lag, ist endlich genesen und ist nach dieser Gegend zu dem
polnischen Kastellan Pan Stibor aufgebrochen, um an Euch seine Rache zu nehmen,
denn damit hat er Euch oft bedroht. Wisset, es ist ein Anschlag gemacht,
entweder gegen Euch allein oder auch gegen Eure ganze Gesellschaft. Denn da ich
um die Pflege des Kranken zu sorgen hatte, hrte ich etwas weniges von den Reden
des Polen mit Herrn Hutfeld Brgermeister, welcher jetzt Burggraf werden soll,
weil den alten Herrn Friedewald der Schlag getroffen hat. Die beiden waren in
Unruhe wegen Eures Fhnleins und berlegten, ob es von den Unzufriedenen einmal
in unsere Landschaft geladen werden knnte. Darum traut dem Stillstande nicht
und wahret Euch selbst, Euer liebes Weib und Kind vor Eurem Todfeinde.
    Aufgeschreckt durch die Nachricht, wollte Georg mehr erfahren, aber der
Mnch verweigerte weitere Rede. Das andere ist Geheimnis des Ordens, die
Heiligen mgen mir verzeihen, wenn ich Euch schon zuviel gesagt habe.
    Diese Warnung des Mnches erhielt noch an demselben Tag von anderer Seite
Besttigung.
    Der Wchter verkndete Gste aus der Umgegend des Polenlagers. In den
Schlohof traten drei ausgewetterte Gesellen, ber den geschlitzten
Landsknechtshosen, deren bunte Farbe durch Wetter und Lager unscheinbar geworden
war, trugen sie kurze Pelze, an den Beinen hohe Stiefel, und jeder von ihnen
fhrte eine der Landsknechtwaffen: Spie, Hellebarde oder Feuerrohr, woraus Hans
schon von weitem erkannte, da sie sich nicht zufllig zusammengefunden hatten,
sondern als Erwhlte ihres Haufens gekommen waren. Er richtete sich deshalb hoch
auf und begrte sie am Tore mit grerer Frmlichkeit, als sonst Brauch war.
Seid willkommen, Hauptmann und gute Gesellen. Ob ihr einen Auftrag auszurichten
habt oder nur als gute Nachbarn kommt, des letzten Zwistes soll nicht gedacht
werden.
    Da Hauptmann Heinzelmann, ein hagerer Alter mit schlauem Gesicht, vorsichtig
erklrte, da sie im Auftrage kmen, so lie Hans den Trommler anschlagen und
die Fhrer und Doppelsldner zum Rate laden. Als der Kreis geschlossen war,
begann der fremde Fhrer: Nehmt unsere Botschaft, ihr Landsleute, im guten auf,
wie wir sie bringen. Wir haben lange einander gegenbergelegen ohne scharfen
Gru und haben uns als Nachbarn vertragen. Beide sitzen wir geldlos mit
Vertrstung und drfen fragen, wieweit wir den Herren, die uns geworben haben
und nicht bezahlen, zu Dienste sein wollen, und wir haben gefunden, da wir
ihnen geringen Dienst schuldig sind, um geringen Lohn. Er hielt an, die Knechte
nickten ihre Beistimmung, und Hans besttigte: Es ist so, wie Ihr sagt. Ich
hoffe, ihr habt uns treu gefunden, und auch wir wollen heut nicht Ursache
suchen, ber euch zu klagen.
    Der fremde Redner billigte die Worte mit hflichem Lcheln und fuhr fort:
Dieselbe Treue denken wir euch jetzt zu erweisen, wo der Mond wechselt und das
Wetter sich ndern will. Nmlich, uns ist die Kunde zugegangen, da Pan Stibor
und seine Edelleute einen Wagen mit Geld heranfahren, und um gutes Geld eine
Verschrfung unseres Gelbdes und unserer Arbeit fordern werden. Ihr Plan geht,
wie wir meinen, gegen euch und den Garten, den ihr besetzt haltet. Da wir uns
nun lieber mit euch vertragen, als gegen euch schlagen, so fragen wir euch im
guten und in treuer Gesinnung, ob ihr von dieser Burg weichen wollt und uns das
Land rumen, damit wir es ohne Blutvergieen behaupten. Ihr wit, wir sind im
Vorteil, dennoch bieten wir euch mit eurer Habe, mit Weib und Kind, mit Karren
und Pferden freien Abzug.
    Ein Gesumm und Gemurr erhob sich im Kreise, und Hans antwortete: Wir haben
vernommen, was Ihr gesprochen; Ihr wit, da Brauch der Knechte ist, allein
untereinander zu beraten, wenn nicht einmal, dann zweimal. Ich ersuche Euch
also, da ihr so lange aus der Runde weicht. Er winkte einem der Rottenfhrer,
welcher die Fremden zur Seite wies. Nach kurzer Beratung wurden sie wieder in
den Ring geleitet und Hans sprach: Gnstige Gesellen, wir bedanken uns fr eure
Erinnerung und bitten, da ihr euch nicht beschwert haltet, wenn wir euren
Vorschlag nicht annehmen. Wir haben an unsern Brotherrn eine Forderung von Sold
und Reisekosten, welche gro ist, wir knnen unser sauer verdientes Geld nicht
im Stiche lassen; und ihr wrdet ebenso handeln.
    Hauptmann Heinzelmann, der auf diese Antwort vorbereitet war, versetzte:
Wir verstehen wohl, da ihr eures Beutels gedenkt, obwohl euer Brotherr
schwerlich imstande sein wird, jemals nur einen Teil eures Soldes zu zahlen.
Dennoch wollen wir euch noch weitere Kameradschaft erweisen und wollen den Pan
Stibor drngen, da er euch ein Drittel eurer Forderung zahlt und freie Zehrung
auswirkt bis an die Grenze der polnischen Herrschaft, wenn ihr auf dem krzesten
Wege ohne Rasttage hindurchziehen wollt. Ihr aber bedenkt, da der Sperling in
der Hand auch etwas wert ist, zumal wenn man ihn ohne eigene Gefahr erfassen
kann. Er trat zum zweiten Male aus dem Kreise. Diesmal dauerte die Beratung
lnger, und mehrere Stimmen mahnten ernsthaft, da man das Drittel nehme.
    Georg stand im Ringe, die fliegende Fahne in der Rechten. Als die Knechte
ber den Abzug verhandelten, schlug er schweigend das Fahnentuch zusammen und
steckte die Fahne verkehrt in den Boden. Da erhob sich lautes Geschrei, und Hans
begann erschrocken: Was tut Ihr, Fhnrich, da Ihr die Fahne bergt wie vor
Missettern?
    Georg antwortete: Liebe Gesellen, ihr fragt, was eurem Sckel frommt; mich
aber habt ihr dazu gesetzt, da ich die Ehre der Bruderschaft wahre, und da ich
Worte hre, welche zu Meineid und Verrat an unserm Kriegsherrn fhren, so behte
ich die Fahne und berge das Tuch, denn ihr wit, da es nicht ber eure Schande
wehen darf. Wieder erhob sich lautes Geschrei, und einzelne griffen zornig nach
den Waffen, aber Hans entschied mit starker Stimme: Er bt sein Recht, und wir
drfen es ihm nicht wehren. Dennoch mahne ich Euch, Fhnrich, da Ihr den Sinn
der Brder nicht mehr beschwert, denn noch ist nichts abgemacht.
    Beschliet, Euch als fromme Knechte zu halten, rief Georg, dann werfe ich
das Tuch in den Wind ber ehrliche Leute.
    Darauf sprach Benz Streitenberg. Vernehmet den Rat eines Alten. Da der
Stibor uns einiges Geld hinlegt, das knnen wir bewirken, wenn wir die Stadt
preisgeben; aber wir knnen nicht hoffen, da wir es in das Reich bringen. Denn
sobald wir das Geld des Polen nehmen, verlieren wir die Fahne und den Schutz des
Hochmeisters, und ohne Fahne sind wir ein armer Schwarm von Flchtigen, welche
des Befehls und der Ordnung entbehren. Wie wollen die einzelnen mit dem Tro
unversehrt aus diesem Lande sich retten? Der gerade Weg hinaus fhrt drei
Tagereisen durch des Heideland. Wer soll dort die hungrigen Muler verpflegen?
Und das Geld in den Taschen wird uns Wegemden von den polnischen Strauchdieben
bald abgejagt werden.
    Dieser Meinung waren auch andere, es erhob sich lautes Geschrei und Getmmel
und dazwischen der Ruf: Stellt die Frage und hebt die Hnde, damit wir nicht
weiter beraten in Schande. Als nun Hans fragte, erhob eine groe Mehrzahl die
Hand fr Ablehnen, und Georg lachte und rief, das Tuch entfaltend: Ich bedanke
mich bei euch, Hauptmann und Gesellen.
    Als die Fremden wieder in den Kreis gefhrt wurden, sprach Hans feierlich:
Mein Volk mu ablehnen, was ihr geboten, um der Fahne und des Eides willen; wir
aber sagen euch Dank und bitten, da ihr nicht fr ungut nehmt, was wir nicht
mit leichtem Herzen beschlossen haben.
    Die fremden Landsknechte vernahmen den Entscheid ohne Verwunderung, und der
Sprecher sagte nur: Besttigt auch ihr, da wir euch, soweit wir vermochten,
gute Nachbarschaft gehalten haben.
    Das tun wir, riefen die Knechte, und Hans gebot: Geschlossen ist der Rat
und geffnet der Ring, euch aber bitte ich, da ihr als unsere Nachbarn einen
Trunk nicht verschmht.
    Die Boten waren der Einladung nicht abgeneigt, und der Haufen geleitete sie
in die Halle; ein Fa wurde herangeschleift und starkes Zechen begann. In heller
Frhlichkeit und mit hochroten Wangen tranken die Parteien einander zu auf gutes
Glck und treue Nachbarschaft, am lautesten die Heimischen, weil sie eine Sorge
im Herzen bargen. Der fremde Hauptmann lobte die feste Mauer und das Schlo und
begann scherzend: Wenn ja das Schicksal wollte da wir noch einmal
gegeneinander schlagen mten, so wird euch der Vorteil der Mauern und des
Grabens ntig sein, damit ihr die starken Fuste meiner Knechte abwehrt. Denn
obwohl wir an Zahl ziemlich gleich sind, so meinen unsere Gesellen doch, da ihr
im freien Felde euch niemals gegen uns wagen werdet.
    Da erwiderte Hans, gehoben vom Trunke: Wir begehren gegen euch keinerlei
Vorteil der Mauer und des Grabens; auch in gleichem Kampfe trauen wir euch
obzusiegen nach unseres Ordens Brauch auf offener Heide, im gevierten Haufen,
wann und wie ihr den Kampf begehrt. Und seine Genossen riefen strmisch die
Besttigung. Der Fremde aber sprach mit lauter Stimme: Wenn sein mte, was wir
nicht begehren, soll alsdann das Wort gelten, ihr frommen Knechte? Alle
schrien: Ja, Hans schlug ein, da es schallte und setzte lachend hinzu: Wenn
es sein mu. Auch der andere lachte.
    Erst gegen Abend brachen die Gste auf.
    Hans, der die Fremden bis zum Kreuz geleitet hatte, kehrte nachdenkend ins
Lager zurck; am Tore erwartete ihn Georg: Sie werden den Kampf fordern,
Hauptmann.
    Ich denke nicht, versetzte Hans unsicher. Sie werden sich ungern Schlge
holen; sie wissen auch, da wir kahl sind und da sie bei uns nur geringe Beute
finden.
    Als Georg am Abend in seine Behausung zurckkehrte, betrat er vorsichtiger
als sonst die Frauenstube. Es war still darin, kein Gru empfing ihn, er vernahm
nur leise Atemzge. Mutter und Kind lagen in friedlichem Schlaf, der Kleine
nher der Wand, durch Betten gegen den kalten Zug aus den Steinen geschtzt, die
Mutter vor ihm, noch im Schlaf mit ihrem Leibe seine Schtzerin. Der Vater stand
lange versunken in den Anblick des liebsten Lebens, welches in zwiefacher
Gestalt vor ihm lag, und sein Auge wurde feucht. Mein alter Feind gedenkt die
Rache an einem zu nehmen, noch wei er nicht, da er mit einem Schlage drei
Leben trifft. Ob er den Fhnrich allein sucht oder auch die Fahne, in jedem Fall
hat er dafr gesorgt, da er im Vorteil ist. Ich sah den hndischen Blick des
fremden Landsknechts, als unser Hauptmann den Kampf auf der Heide versprach. Ich
frchte, er hat damit auch euch, ihr beiden sen Schlfer, den Dritten
abgesprochen, der zu euch gehrt. Wenn das Fhnlein auszieht und der Fhnrich
den Rckweg nicht findet, was wird alsdann aus diesen? Vater im Himmel, tu mit
mir, was du willst, aber rette mein Weib und Kind. Er kniete am Lager nieder
und hob in bittrer Angst die Arme nach der Hhe, bis der kleine Sohn die
geballten Hndchen ffnete und schrie Da erwachte die Mutter, sie lchelte
glcklich, als sie das Antlitz des Gatten dicht neben dem ihren sah, und sie
fand noch Zeit, den Arm um seinen Hals zu legen und ihn herzlich zu kssen,
bevor sie sich zu dem Schreier wandte. Da lachte Georg wieder und sagte ihr noch
halblaut Lustiges von der Gesellschaft, aus welcher er kam, bis er sich auf sein
Lager an der Tr warf und das Gesicht der Fahne zuwandte, um die wilde Neuigkeit
weiter zu erwgen.
    Am andern Morgen rief er den Magister in die Turmstube und berichtete seinem
Weibe in Gegenwart des Vaters einiges von seinen Sorgen. Es ist ein Anschlag im
Werke, sich dieses Schlosses zu bemchtigen. Obgleich der Krieg durch Stillstand
geendigt ist, so hoffen die Polen doch, bei einem knftigen Frieden zu behalten,
was sie jetzt in Besitz nehmen, und es ist wohl mglich, da diesem Schlosse
eine Belagerung droht. Denn wir haben die Pflicht, die Stadt und das Amt dem
Hochmeister zu bewahren. Da ist mir der Gedanke unertrglich, da euch die
Unruhe umfassen knnte. Wuz zieht morgen mit einigen Knechten nach der Seite
hin, wo Elbing liegt. Vermagst du mit dem Kinde bei gnstigem Wetter die
Schlittenfahrt zu wagen, so will ich, da du mit dem Vater dorthin aufbrichst
und in den nchsten Tagen nicht zurckkehrst, sondern dort oder wo es dem Vater
am sichersten erscheint, verweilst, bis ber dieses Amt und das Fhnlein
entschieden ist. Denn, wie man vernimmt, ist auch im Werke, das Fhnlein zu
entlassen. Als er so sprach, suchten zwei groe Augen angstvoll seine ganze
Meinung zu verstehen, der Magister aber fiel ihm eifrig bei. Anna sprach nicht
ja, nicht nein, sie beugte sich ber das Kind, und ihre Trnen fielen auf den
Kleinen herab. Georg selbst mhte sich, die Bewegung, welche ihn fast
bermannte, in der Geschftigkeit zu verbergen, womit er den Aufbruch betrieb.
Anna sa unterdes bleich und schweigend, das Kind im Arme, aber sie regte sich
nicht, um fr die Reise zu rsten, wie Frauen pflegen. Nur des Kindes Bedarf,
ber dem sie im Herbste genht, rollte sie in ein Bndel. Erst als Georg
heraufkam, ihr zu sagen, da der Schlitten seiner Ladung harre, erhob sie sich
und trug ihm das Kind entgegen: Vater, segne deinen Sohn. Da verlie ihn die
Fassung, die er bisher mhsam bewahrte. Er hielt den Knaben unter Trnen in den
Armen, und sie sprach leise zu ihm: Das Jahr ist zu Ende. Und als er das Kind
in die Hnde des Grovaters legte, umschlang sie ihn mit heier Leidenschaft und
hing an seinem Halse, er aber hob sie in wildem Schmerze und trug sie nach dem
Schlitten. Sie hielt die Augen starr auf ihn geheftet, bis die Pferde anzogen
und der Weg ihr seinen Anblick entzog. Beide vernahmen nichts von den Gren und
Abschiedsrufen der Mnner und Weiber, welche sich um den Schlitten gesammelt
hatten, denn in unsglichem Weh und schwerer Ahnung schwanden ihnen die
Gedanken.

In dem stillen Kontor des Marcus Knig fanden sich jetzt zahlreiche Besucher
ein, doch kamen sie schwerlich als Kunden des Geschftes. Es waren meist
Zunftgenossen aus der Neustadt, sie traten vorsichtig von der Hintergasse in den
Hof, und whrend sie in der Kammer mit dem Kaufherrn und dem Gehilfen
verhandelten, hielt Dobise, ber einem Frachtstck beschftigt, an der Vordertr
Wache und pochte, so oft ein strender Gast nahte. Als Marcus sich gegen Abend
von seinem Sitz erhob, sagte er mit stolzem Lcheln zu seinem Vertrauten: Die
Flut steigt schnell, die Galeone von Thorn fhlt Wasser unter dem Kiel, es wird
Zeit, da wir alle Hnde zuhauf rufen.
    Da meldete Dobise mit schlauem Augenzwinkern einen Fremden, der in
dringendem Geschft den Herrn allein sprechen msse. Marcus trat eilig in den
Flur, fand einen kleinen verhllten Mann, der seinen Hut tief in die Augen
gedrckt hatte, und winkte mit der Hand in die Wohnstube. Dort erst nahm der
Gast den Hut ab, der Magister stand dem Kaufherrn gegenber. Die Gestalt des
Marcus hob sich wie zum Kampfe, und ohne dem andern einen gastlichen Sitz zu
bieten, begann er: Was fhrt den Herrn Magister in die Stadt, welche ihn
gebannt hat, und was fhrt ihn zu dem Vater, welcher durch ihn seines Erben
beraubt ist?
    Das Gesicht des Gelehrten war gertet, und seine Stimme zitterte, als er zur
Antwort gab: Die Sorge eines Vaters zwingt mich zu Euch, auch ich habe ein
Kind, welches durch Euren Sohn der Herrschaft des Vaters entzogen wurde,
wahrlich ohne meinen Willen und in furchtbarer Notzeit. Als es sich fr Euren
Sohn und meine Tochter um Ehre und Leben handelte, haben die Armen sich
vermhlt. Sie muten den Segen der Eltern entbehren, aber Gott hat ihre Ehe
gesegnet, ein Enkel ist Euch und mir geboren, und ich bin in die Stadt
gedrungen, um Euch, hochansehnlicher Kaufherr, als dem Vater und Grovater, dies
anzuzeigen und Euch zu bitten, da Ihr durch Eure Bestimmung und durch Euren
Segen die Ehe bekrftigt.
    Marcus trat zurck, und ein dsteres Licht glomm in seinen Augen. Sendet
Euch der Fhnrich Georg Knig?
    Er wei nichts von dieser Reise.
    Weilt Eure Tochter bei ihm?
    Ich habe sie und das Kind mit seinem Willen zu besserer Sicherheit und
Pflege nach Elbing gefhrt.
    Dort mgt Ihr sie von jetzt an bewahren, versetzte Marcus, und redlicher,
als Ihr seither getan.
    Den Magister ergriff unsgliche Angst bei der abweisenden Haltung des
strengen Mannes, und mit heiserer Stimme fragte er: Wie soll ich Eure Rede
deuten, Herr?
    Da ich als Vater dem wilden Zusammenleben feindlich bin und da ich einer
Ehe meines Sohnes mit Eurer Tochter, von der Ihr redet, Einwilligung und Segen
verweigere.
    Dem Magister bewegten sich krampfhaft die Hnde. So war meine Ahnung,
murmelte er und wischte sich den Schwei von der Stirn. Erst nach einer Weile
fand er die Worte: Obgleich ich kein groer Mann auf Erden bin, so wird mir
doch schwer, mich zu demtigen; aber heut tue ich es, nicht fr mich, sondern
fr mein armes unglckliches Kind, und ich flehe Euch herzlich und in Todesangst
an, erweist uns Geschlagenen eine mildere Gesinnung, lat meine Tochter nicht in
Schimpf und Unehre vergehen, denn ich sage Euch, Herr, sie ist ein gutes Kind,
und sie war der Stolz meines Lebens.
    Auch Georg Knig war lange die Freude seines Vaters und dem einsamen Hause
die einzige Hoffnung, antwortete Marcus. Wer trgt die Schuld, da er von
seinem Vater und aus der Heimat hinausgeworfen wurde in ein elendes Leben? Ihr,
Herr Magister, und Euer Kind. Jahrelang habt Ihr Besuche meines Sohnes und
heimliche Liebschaft in Eurem Hause geduldet; Ihr selbst habt in seine Seele
Irrlehren und Unglauben geset, Euch zuliebe geschah es, da er sich offen gegen
die heilige Kirche emprte und der Blutrache des polnischen Knigs verfiel. Und
Ihr und Euer Kind habt bewirkt, da er in wstem Leben bei fremden Landsknechten
festgehalten wurde. Durch Euch ist der Sohn dem Vater entfremdet. Mit Bitterkeit
und Gram habt Ihr mein Leben erfllt, und jetzt wagt Ihr vor mich zu treten und
von mir zu fordern: Gib einen Segen, alter Mann, zu unserm Werke.
    Der Magister stand wie berwltigt durch die Vorwrfe des Gegners. Unser
Vater im Himmel wei, da ich von der Neigung Eures Sohnes nichts geahnt habe,
solange ich mit ihm zusammen war, und unser Vater im Himmel wei auch, da meine
liebe Tochter zchtig und ehrbar in Worten und Werken gelebt hat. Was ich Eurem
Sohne beigebracht habe von Lehre und Gedanken, das ist wahrhaftig in guter
Gesinnung geschehen; keiner vermag anderes zu geben, als er hat, und ich habe
ihm in Latein und in Lehrmeinungen berliefert, was fr den Magister Fabricius
der Stolz seines Lebens war. Wenn Euch das nicht gefllt, Herr, so ist dies
nicht die Schuld des Lehrers, denn Ihr habt mich geworben. Wenn Ihr mir sagt,
da wir Euch den Sohn entfremdet haben, so sage ich dagegen Euch, Euer Sohn hat
auch mir mein Kind entzogen. Und ich wei, wie wehe es einem Vater tut, wenn er
sein Kind einem andern berlassen soll. Dies aber ist von dem Allmchtigen
selbst geordnet, da die Kinder Vater und Mutter verlassen um der Gatten willen,
und weder Ihr noch ich haben ein Recht, darber zu zrnen, wie wehe es auch tun
mag. Darum, Herr, unternehme ich, was ich noch niemals in meinem Leben getan
habe, ich flehe zum zweitenmal da, wo ich einmal abgewiesen bin, nicht fr mich,
sondern fr mein Kind. Herr, Ihr bedenkt nicht, um was es sich hier fr meine
Tochter Anna handelt, rief er mit strkerer Stimme. Die Frage ist, ob sie vor
den Leuten ein redliches Weib sein soll, oder eine Dirne. Ihr habt oft Gut und
Geld gewagt, Herr, aber niemalen wart Ihr in der Lage, da der bse Wille eines
andern Euch so elend und verworfen machen konnte, wie Euer bser Wille mein
liebes Kind elend und verworfen machen kann; ein gutes Kind, Herr, und wie ich
Euch sagte, die Freude meines Alters. Und wahrlich, Herr, fr Euer stolzes Haus
wre es ein Segen und ein Glck, wenn mein Kind als Eure Schwiegertochter darin
hauste. Und ich versichere Euch, Herr, htte ich eine Ahnung gehabt, da Euer
Sohn heimlich meine Tochter im Herzen trug, ich htte ihn, wie wert er mir auch
als Schler geworden war, aus dem Hause gejagt auf Nimmerwiedersehn. Denn nichts
ist mir in meinen Tagen nchst den Lgen der Pfaffen so verhat gewesen, als der
Dnkel der Reichen, und niemals, Herr, habe ich die Gesellschaft Euresgleichen
geliebt und gesucht, denn ich wei wohl, wie selten Nchstenliebe und ein
freundliches Herz unter den Geldscken gedeiht. Und darum, Herr, mahne ich Euch
noch einmal und zum letzten Male, nicht mehr um meines Kindes willen, sondern um
Eures Sohnes willen, damit er nicht als Schelm und Bsewicht gegen meine Tochter
fortlebe, und ich mahne Euch noch einmal um Euer selbst willen, damit Euch das
Unglck, das Ihr ber mein Kind bringen wollt, nicht in Eurer letzten Stunde das
Scheiden schwer mache.
    Marcus, dem die steigende Heftigkeit des andern seine Ruhe zurckgab,
antwortete ohne Hrte: Ich bin alt und denke zuweilen an meine letzte Rechnung.
Der Sorge dafr enthebe ich Euch. Hat mein Sohn in dem bermut der Jugend ein
Unrecht an Eurer Tochter gebt, was ich nicht wei, so mu er das Unrecht auf
sein Leben nehmen und bei den Heiligen um Vergebung seiner Schuld werben. War es
auch fr Euch ein Unglck, was fr mich leidvoll geworden ist, da mein Sohn in
Euer Haus kam, so bin ich bereit, Euch die Entfernung aus diesem Lande mglich
zu machen, welche Ihr selbst wnschen mt. Sagt mir, wo Ihr Euch hier verborgen
aufhaltet, damit ich deshalb meinen Gehilfen zu Euch sende.
    Das gertete Gesicht des Magisters erblich whrend der Rede des andern wie
das eines Sterbenden. Er drckte seinen Hut in das Gesicht, rief mit heiserer
Stimme: Pfui! Sendet Euren Gehilfen in die Weichsel! und strzte aus dem
Hause.
    Unterdes ging Lips Eske, bei welchem der Magister das Versteck gefunden
hatte, unruhig in seiner Kammer auf und ab und erwartete die Rckkehr des
Lehrers. Als der Alte entstellt in Antlitz und Gebrde hereinwankte, erkannte
der treue Knabe, da alles gekommen war, wie er gefrchtet. Er rckte schnell
dem Magister einen Sessel, der Alte hielt sich daran. Schaffe mich fort, mein
Sohn, denn der Boden dieser Stadt brennt mir unter den Fen.
    Ich leide nicht, da Ihr so von mir geht, bat Lips, und drckte den
Gelehrten in den Stuhl, hier sitzt nieder und nehmt diese Strkung. Er go
Vein in ein Glas und zwang den Alten, die Lippen zu befeuchten. Und wenn Euch
lstig ist, mir die Reden des harten Mannes zu wiederholen, so sollt Ihr
stillsitzen; aber bleibt bei mir, Herr Vater, bis Ihr Euch erholt habt, hier
seid Ihr sicherer als anderswo. Ich weiche nicht mehr von Eurer Seite, bis ich
Euch wohlbehalten auerhalb des Stadtgrundes sehe. Er setzte sich zu ihm,
umfate die Hand des sthnenden Alten, hielt sie fest und strich sie zuweilen
mit seinen knochigen Fingern, wie ein Kind die Hand seiner lieben Mutter
streichelt. Der Magister lie sich das gefallen, und die beiden beharrten lange,
ohne ein Wort zu sprechen. Endlich ermannte sich der Magister. Du hast das
Verzeichnis meiner Bcher, die ich in Verwahrung des Lischke zurcklie.
    Ja, Herr Vater. Ich selbst bewahre den Schlssel.
    Gib das Verzeichnis an Hannus, er soll aus alter Gunst die Bcher hier oder
in Danzig verkaufen, sich einen gebhrlichen Vorteil nehmen und den brigen
Ertrag dir einhndigen.
    Aber, Herr Vater, Eure ganze Liberei? Sie war fr Euch ein Schatz.
    Der Gelehrte besttigte durch ein Kopfnicken. Sie ist mhsam
zusammengebracht, und manches Geschenk ehrenwerter Gnner steht darunter. Aber
sie mu fort, mein Sohn, und so schnell als mglich. Empfngst du das Geld, so
trgst du es zu dem reichen Manne, von dem ich komme, und sagst ihm: dies sei
die Summe, welche der junge Knig dem weiland Magister Fabricius damals
auszahlte, als er sein Weib Anna, geborene Fabricius, und seinen Sohn Romulus
Knig dem erwhnten Magister zu fernerer Behtung bergab. Ob das Geld im
Betrage stimmt, wird unwichtig, da es alles ist, was ich besitze.
    Das Geld will ich bergeben; aber was bedeutet weiland, Herr Vater?
    Finster antwortete der Alte: Der lateinische Ehrenname Fabricius ist von
heute ab verloren; der Mann, welcher unrhmlich und verborgen zu leben hat,
heit fortan mit gemeinem deutschen Namen Schmieder.
    Mit Betrbnis hrte Lips den verzweifelten Beschlu. Vertraut mir, lieber
Herr Vater, was wollt Ihr jetzt tun?
    Der Magister richtete sich auf und sa stolz vor ihm wie in der Schule:
Erinnerst du dich noch an den Rmer Virginius, welcher seine Tochter vor Unehre
zu bewahren hatte?
    Herr Vater, rief Lips, erschrocken aufspringend.
    Still, gebot der Magister, wir sind Christen, und es war nur ein
Beispiel.

Tag auf Tag verrann, und Georg erhielt von Anna und seinem Kinde keine
Nachricht. Der Tauwind erhob sich und schttete Regenwolken ber das Stromeis
und die Schneehgel der Heide. Auf die starre Ruhe des Winters folgte wilde
Bewegung, in zahllosen Rinnen lief das Wasser, es tilgte den Schnee, hob die
Eisdecke der Bche und wlzte die Trmmer dem Meere zu. Georg sandte Boten ber
Boten nach der Stadt Elbing, aber keiner brachte Kunde von seinen Lieben.
Wortkarg sa er unter seinen Gesellen, tglich ging er hinaus auf die Stellen,
wo im vorigen Jahre Anna gern geweilt hatte; wenn er des Abends in dem den Turm
sa, hrte er die Stimme der Gattin und den Schrei des Kleinen, aber was von den
Mauern widerklang, waren nur die Seufzer seiner eigenen Brust. Unterdes kam
langsam die Gefahr heran, welche er vorausgesehen. Das gute Einvernehmen mit den
polnischen Landsknechten hrte pltzlich auf. In den Grenzdrfern gab es tglich
Zusammenste, Pferde wurden gestohlen, Knechte erschlagen, entlaufene Dirnen
nicht zurckgeliefert, und auf die Beschwerden, welche Hans den Nachbarn zugehen
lie, kamen abweisende Antworten und hhnende Reden. So geschah es, da die
Knechte in kurzer Zeit zornig wurden und beim Hauptmann Rache forderten und da
dieser Mhe hatte, den Ingrimm der Seinen zu bndigen. Jeden Tag erwartete
Georg, da die Feindschaft zu heller Flamme aufschlagen werde. Als er einst
drauen am Walle stand, unweit des wilden Rosenbusches, und an die Stunde
dachte, wo er Anna in den Schlitten hob und an den Unheil ahnenden Blick, mit
dem sie von ihm schied, da kam Henner durch die Pforte auf ihn zu; unsicher war
der Schritt des rastlosen Gesellen und in Falten zusammengezogen sein Antlitz.
Habt Ihr Botschaft von Eurem Weibe? fragte er mit heiserer Stimme.
    Ihr bringt die Botschaft, schrie Georg.
    Ich ritt nach Elbing, obwohl es dort fr unsereinen nicht geheuer ist, und
fragte in den Herbergen des Hafens. Die Leute erzhlten als Schiffernachricht,
da ein Weichselkahn umgeschlagen sei und die Fahrenden im Strome ertrunken: ein
kleiner Alter, ein junges Weib und ein Kind. Ich lief zu dem Wirt, bei dem der
Magister gewohnt hatte, er hielt mir den Brief eines Danziger Buchfhrers
entgegen, den er eben erhalten, der Brief meldete dasselbe, mit dem Auftrage,
Euch davon Nachricht zu geben.
    Georg stie einen gellenden Schrei aus, da Henner zurckfuhr, und strzte
wie ein gefllter Stamm zu Boden; er lag sthnend und wandte das Antlitz vom
Himmel ab, der Erde zu. Henner beugte sich an ihm nieder und versuchte
unbehilflich Trstendes zu sagen, aber der Liegende verstand ihn nicht und
entzog ihm wild die Hand. Da setzte sich Henner schweigend neben den
Geschlagenen, und whrend diesem der starke Leib zuckte und schauerte, schrieb
er mit der Schwertscheide Totenkreuze in den Sand. Der Regen rieselte herab, er
nahm seinen Mantel von den Schultern, warf ihn ber den Fhnrich, setzte sich
wieder auf den Stein und zeichnete von neuem viele Kreuze um sich und den
andern, soweit sein Arm reichte. Als endlich ein Bube vorberlief, lie er den
Hauptmann benachrichtigen und rief dem erschrockenen Hans zu: Hier liegt, was
von Eurem Fhnrich brig ist; helft ihn nach dem Turm schaffen. Sie hoben den
Armen, der sie zuerst rauh abwehrte und sich dann schwerfllig wie im Traume zum
Turm bewegte. Dort warf er sich auf sein Lager, das Gesicht der Wand zugekehrt,
und Henner blieb neben ihm sitzen und mhte sich, den Fuboden aufs neue mit den
Zeichen des Todes zu bedecken.
    Als der Hauptmann am nchsten Morgen eilig eintrat, fand er einen bleichen,
finstern Mann, der am Herde vor sich hinstarrte, whrend Henner an Stelle der
Hausfrau Tpfe zum Feuer rckte. Vermgt Ihr herauszukommen, Fhnrich, so
gedenkt der Fahne, mahnt Hans bekmmert, es ist etwas auf dem Wege.
    Der Pole kommt, antwortete Georg mit rauher Stimme, dies ist die rechte
Zeit fr ihn und mich. Er legte schnell sein Schwert um, ergriff die Fahne und
stieg mit seinem Gefhrten die Mauer hinauf zur Stelle, wo die Wache stand,
whrend Henner bei den Kochtpfen zurckblieb.
    Es war ein kalter Morgen, die Sonne stand gedeckt hinter einer dunklen
Wolkenwand, ber der kahlen Heide lag der Reif. Ein einzelner Reiter bewegte
sich von dem polnischen Lager langsam heran.
    Er fhrt einen Kurzspie und kommt als Bote, sagte Wuz.
    Er reitet mit steifen Beinen, fuhr der Hauptmann fort, daran erkennt Ihr
den Landsknecht, und wenn sie auf Kamelen und Seehunden ritten, sie mten die
Beine spreizen. Er schttelte den Kopf.Es ist Tiele Storch, ihr Ausrufer,
diesmal hat er's nicht eilig, alte Gesellen zu begren.
    Argwhnisch umschauend, ritt der Fremde in den Schlohof. Treibe deinen
Gaul, rief der Hauptmann von der Mauer herab, der Morgentrunk ist bereit.
    Aber Tiele hielt mitten im Hofe an. Ich bringe Botschaft an Euch und Eure
Gesellen, gefllt es Euch, so hrt sie unter freiem Himmel, wo die Sonne scheint
und die Luft weht.
    Hans sah den Fhnrich mit dsterm Blicke an. Der Wein ist ausgetrunken,
werft die Glser gegen die Wand und kmmert Euch nicht, wohin die Scherben
fallen. Kommst du als Bote, so harre, bis ich die Brder lade. Er hob die alte
Trommel, welche unter einem schtzenden Dchlein stand, die dumpfen Schlge
trieben die Knechte aus den Husern, sie eilten an das Tor und traten mit
ernsten Mienen in den Kreis, der sich nach der Seite des Fremden ffnete, so da
dieser dem Hauptmann und Fhnrich gegenberstand. Er war vom Pferde gestiegen,
hielt seinen Kurzspie verkehrt mit der Spitze nach unten, und seine lauten
Worte kamen mit Anstrengung aus der Kehle. Ich gre den Orden der freien und
wehrhaften Knechte, tragen sie Spiee oder Rohr, ich gre den Hauptmann, und
ich gre den Fhnrich, mit Gunst oder ohne Gunst bringe ich Botschaft von
meinem Hauptmann und von meiner Bruderschaft, und sie senden euch, weil es nicht
anders sein kann, dies rote Zeichen, nicht zu Liebe, sondern zu Leide, und sie
sagen euch ab allen Frieden und bieten euch Unfrieden. Er warf einen groen
rotgefrbten Handschuh vor dem Hauptmann nieder. Am dritten Morgen von heute
wollen sie ausziehen gegen euch mit Harnisch und Wehr von Sonnenaufgang nach
Untergang, um sich mit euch zu schlagen nach Landsknechtsbrauch. Am Kreuze auf
brauner Heide, wo im Sommer die Blumen blhen und im Winter der Schnee weht,
wollen sie den Grund rot frben mit eurem Blut. Ihr aber, Hauptmann, besttigt,
da ich meinen Auftrag nach Gebhr verkndet, sei er mir oder Euch lieb oder
leid.
    Hans trat einen Schritt vor und gebot: Fhnrich, hebt das Pfand auf und
bewahrt's. Wir aber bieten Euch und Euren Gesellen unsern Gegengru ohne Gunst
und in heller Feindschaft, die sie durch Euch gefordert haben. Am dritten Morgen
von heut ab werden auch wir ausziehen mit Harnisch und Wehr von Abend gegen
Morgen, damit wir euch treffen und auf brauner Heide schlagen nach Brauch freier
Knechte. Euch aber besttige ich, da Ihr nach Gebhr abgesagt habt, wenn nicht
zuliebe, dann zuleide, und die Bruderschaft verweigert Euch nicht den Botenlohn,
der dem Absager gebhrt als letzte Gunst. Holt einen Becher mit rotem Wein,
damit er ihn trinke, abgewandt und ohne Bescheid. Whrend ein Knecht den Trunk
holte, standen die Mnner einander schweigend gegenber. Ihr hattet es eilig,
den Frieden aufzukndigen, begann endlich Hans mit erheuchelter Ruhe, ich
selbst war gestern am Kreuz, aber ich sah keinen drren Ast, der doch verabredet
war als Warnung.
    Der Bote rusperte sich. Der Pan Stibor kam erst gestern zu uns geritten,
auf jeder Sattelseite einen Beutel mit Geld, er hat allen Rckstand bezahlt,
doppelten Sold verheien und ehrliche Ablohnung zum nchsten Monat, damit wir
heimkehren, wenn wir vorher euch aus der Burg werfen und die Herrschaft ber
euren Garten in seine Hand geben.
    Hans wandte sich grimmig lchelnd zu seinen Gesellen: Dann kommt ihr also
schwer um die Hften, mit gefllten Taschen; meinen Knaben wird es wohltun, mit
euch zu teilen. Nehmt den Becher und trinkt.
    Der Bote wandte sich ab, leerte das ansehnliche Gef, in dem aber nur Bier
war, und go die Neige in den Schnee. Aus der Erde kam's, zur Erde fllt's,
sagte er, den Becher vor dem Hauptmann auf den Boden setzend.
    Aus der Erde wuchsen wir, und zur Erde sinken wir, wiederholte Hans, das
Haupt neigend, unsern Seelen aber sei Gott gndig. - Um die Mnner haben wir
gehandelt nach Brauch der gewappneten Knechte, sorgen wir jetzt um unsere Weiber
und Kinder, da sie Frieden behalten beim Sieger. Wollt Ihr einen Eid darauf
geben und empfangen, damit ihr euch als ehrliche Feinde erweist? Denn ihr dient
einem Fremden, der unlustig ist, unsern Brauch zu ehren.
    Wir bieten Freiheit fr die wehrlosen Weiber und Kinder, und von ihrer Habe
Kochlffel und Bett, ihr Gewand und was sie sonst unter dem Grtel tragen.
    Wir fordern auch Pferde und Wagen fr die Unsern, versetzte Hans, und wir
wollen sie den Euren gewhren.
    Ihr wit, da dies gegen den Brauch ist, antwortete der Bote
rcksichtsvoll.
    Wir sind aber in fremdem Lande, und hundert Meilen ber Heide und Schnee
sind weit fr kleine Fe.
    Darf ich's nicht beeiden, so will ich doch bei meinen Brdern dafr
sprechen, sagte der Bote.
    Als der feindliche Rufer sich entfernt hatte, standen die Knechte auf ihre
Wehren gelehnt und sahen bestrzt einander an.
    Die Hunde verlassen sich darauf, da sie unser Gelbnis in der Tasche
haben, murmelte Hans.
    Was werdet Ihr tun? fragte Georg.
    Ihnen entgegenziehen, wie wir gelobten, versetzte Hans dster. Die
Knechte knnen nicht in Schande leben.
    Mt Ihr das Fhnlein im Freien daran wagen, so drft Ihr doch die Hilfe
des Ordens anrufen, damit Euch der Rcken gedeckt werde.
    Den Orden? rief Hans verchtlich, ich sage Euch, die Junker und alle ihre
Kumpane werden froh sein, wenn man uns von hier vertreibt, und sie werden sich
lieber mit den Polen vertragen, als uns helfen. Die Brger aber und das Landvolk
sind so armselig und zerschlagen, da es ihnen geringe Sorge macht, wer aus der
Burg nach ihren leeren Hfen sieht. Dies ist ein Streit, der nur uns Knechte
angeht. Werden wir der andern Meister, so fegen wir ihnen die Taschen und ziehen
in unsere Burg zurck, werden sie die Strkeren, so ist ganz gleich, wer nach
uns in diesen Steinen gebietet.
    Dennoch mahne ich Euch, da Ihr die Pflicht habt, diese Stadt und Burg
unserem Kriegsherrn zu bewahren. Darum bitte ich, berichtet dem Pfleger ohne
Verzug durch sichere Boten von dem drohenden Zweikampf.
    Wozu dem Pfleger eine Freude machen? Sende ich einige aus meinem Haufen, so
knnten sie fehlen, wenn ich sie brauche, und wir sind um keinen zuviel.
    Wenn niemand reiten will, so entsendet mich.
    Hans sah ihn mitrauisch an. Wollt Ihr von uns weichen?
    Ich hoffe, da Ihr das nicht im Ernste meint, rief Georg.
    Ihr aber sollt daran denken, entgegnete der Hauptmann, da der Weisel den
Stock nicht verlassen darf. Reitet Ihr ohne Euer Tuch, so geht es Euch an Ehre
und Hals, und nehmt Ihr den Knechten das Zeichen weg, dem sie sich gelobt haben,
so wird ihr Eid null und nichtig, und sie schwrmen auseinander wie Raubbienen.
Was meine Knechte hier zusammenhlt, ist nur der Glaube, da sie im Haufen vor
Eurer Fahne kmpfen mssen und Euch rchen, wenn Ihr auf dem Grunde liegt.
    Wollt Ihr niemanden aus dem Fhnlein daran wagen, so gestattet, da ich den
Henner abschicke, damit er fr Burg und Stadt eine Hilfe herbeiholt.
    Die Helfer, wenn sie kommen, knnten uns bei der Gelegenheit selbst
aussperren, antwortete mrrisch der Hauptmann. Doch tut nach Eurem Gutdnken.
    Georg kehrte zum Turme zurck und berichtete dem Reiter, welcher ruhig ber
dem Frhstck sa, in Eile die neue Gefahr. Henner erhob sich: Zum Henker mit
der ganzen Bruderschaft. Sie htten sich dreimal besonnen, bevor sie fr den
Hochmeister ihre Hlse wagten, weil sie aber eine Bosheit gegen ihresgleichen
gefat haben, stolpern sie wie Betrunkene in eine nutzlose Schlgerei. Er
strzte die Blechkappe ber sein Haupt. Auch ich rate nicht, dem Pfleger zu
vertrauen. Doch vernahm ich, da der Hochmeister selbst zu einer Reise in das
Deutsche Reich aufgebrochen ist und hier in der Nhe verweilt, vielleicht
gelingt mir, ihn zu finden. Verlat Euch darauf, da ich mein Pferd nicht
schone. Tragt Euren Kummer wie ein Mann, Jrge, in drei Tagen hrt Ihr von mir.
Er eilte hinaus, Georg warf sich in den Sessel, und sein Haupt sank ihm schwer
auf den Herd.
    Die drei Tage vergingen in strmischer Vorbereitung. Schnelle Boten beritten
die Drfer der Umgebung und riefen die Rotten, welche dort mit ihrem Tro
lagerten, nach der Stadt; die Waffen wurden gemustert, die Knechte neu
eingeteilt und gezhlt. Es waren noch an dreihundert Mann, welche unter die
Fahne traten, und etwa ebenso stark sollte der feindliche Haufen sein. Aber die
Knechte des Hans waren stolz auf grere Erfahrung im harten Kampfe.
    Am Frhmorgen des dritten Tages stand Georg mit dem Hauptmann ber dem Tore.
Hans wies nach dem Osten, wo die Morgenrte feurig heraufstieg: Dort oben
brennt's rot genug, auf der Heide aber liegt der Reif. Noch niemalen habe ich
vor einem Streite den Morgenschauer so tief im Mark gefhlt als heut.
    Wenn unsere Knechte die Arme heben, werden sie wrmer werden, versetzte
Georg zerstreut und sah nach dem Wege, auf dem er die Rckkehr des Henner
erwartete. Er bleibt zu lange aus, murmelte er.
    Ein Landsknecht soll sich niemals auf Pferdehufe verlassen, ist eine alte
Rede, sagte der Hauptmann.
    Wenn nicht Gewalt ihn zurckhlt, so kommt er, antwortete Georg.
    Wir aber knnen nicht warten, bis ihm gefllig ist, die Gesellschaft der
Junker zu verlassen. Ich wollte, Fhnrich, eine, um die Ihr trauert, wre heut
hier. Sie wrde einen Segen ber unser Eisen sprechen.
    Er sah prfend auf Georg. Um Euch sorge ich nicht, obgleich Ihr zum
erstenmal die Fahne im Sturme tragen sollt. Verget nur nicht, sie hochzuhalten,
die Spitze stracks nach vorwrts, denn auf dies Zeichen achten alle Knechte, und
denkt auch daran, da Ihr nicht in die erste Reihe gestellt seid und nicht in
die zweite, sondern in die dritte, weil Ihr nicht selbst um Euch schlagen sollt,
sondern das Tuch gegen den Wind halten. Nur wenn keiner mehr vor Euch steht und
die fremden Fuste nach Euch greifen, mgt Ihr die Fahne um Euch werfen und Eure
Rechte gebrauchen, solange Ihr knnt. Noch einmal sah er in die Runde und
neigte sein Haupt. Dann gebot er mit mannhafter Stimme: La die Trommel
schlagen, Wuz, damit die Knechte ihren Frhtrunk verlassen.
    Die Trommel drhnte, und Hans achtete scharf nach dem Ton; als die Schlge
in der frischen Morgenluft krftig ber den Alarmplatz klangen, sagte er
zufrieden: Sie spricht an, ihr ist der Streit gelegen.
    In der Stadt wurde es laut, Weiber und Kinder schoben die Karren aus den
Torwegen und warfen die Bndel hinauf, um sich in dem Schlohofe zu bergen.
berall ngstliche Gebrden und wilde Rufe, die Knechte rannten zum Platze und
stellten sich auf, viele mit bleichen Gesichtern und verstrten Mienen. Hans
aber sprach zu seiner Frau, die gleich einem Mann bewaffnet zu ihm geeilt war:
Manches Jahr bist du Hauptmann gewesen in meiner Htte und an meinem Feuer,
heut bergebe ich dir, den Weibern und Trobuben die Wache ber das Schlo߫, und
leiser fgte er hinzu: Auch die Wache ber die Vorrte, welche ich hier
zurcklassen mu. Stelle die besten der Weiber auf das Tor, la Steine
herzutragen und achte darauf, da der Zugang und alles brige verschlossen
bleibt.
    Sorge nicht um uns, Johannes, versetzte das Mannweib, achte auf dich
selber, da du nicht gerade mit dem Hauptmann zusammenstt, denn er hat einen
alten Groll auf dich noch vom Reiche her, und verdeckte Kohlen halten lange die
Glut.
    Euch haben sie Frieden gelobt. Wenn ich nicht wiederkehre, so gebraucht
eure Zungen, damit sie ihr Wort halten; denn auch ein Unbndiger scheut sich vor
eurem Geschrei und Fluchen. Ich denke, Alte, daran wirst du es nicht fehlen
lassen, lange Jahre hast du dich bei mir redlich gebt. Er hob ihr das Kinn und
sah ihr vertraulich in das wettergebrunte Gesicht. Sie hielt seine Hand fest,
und eine Trne lief langsam ber die Wange.
    Sonst war ich nher bei dir auf dem Felde, klagte die Frau.
    Unsere Spur ist breit genug, ich denke, du wirst noch zurechtkommen. Finde
ich den Rckweg nicht, so findest du den Weg zu mir; ich hoffe, die Heiligen
werden sich mehr um dich kmmern als um die andern, weil du mit mir an der
Kirchentr standest. Alles hat sein Gutes. Er wandte sich ab und trat zum
Haufen, dort gab er die letzten Befehle, dann hob er den Spie, welchen er im
Kampfe trug, lftete seinen Hut und gab das Zeichen zum Aufbruch.
    Langsam bewegte sich der Haufen aus dem Tore; im Schlohof beim Trinkkruge
hatten die Knechte sich fr eine ansehnliche Schar gehalten, jetzt im Freien auf
der weien Decke, welche der Reif ber das Land gelegt hatte, erkannten sie, wie
klein ihre Zahl war, und besorgte Blicke sphten nach der Ferne, um zu erkunden,
ob die Feinde in grerem Zuge entgegenkmen.
    Kurz darauf sprengte ein Reitertrupp durch die Stadt, dem Schlosse der
Landsknechte zu, die Weiber in der Burg erkannten weie Mntel und das
Ordenskreuz. ffnet, gebot die Stimme des Pflegers an dem geschlossenen Tore.
Aber ber die Zinne hob sich die Frau des Hauptmanns, eine Hellebarde in der
Hand. Weicht von hinnen, wer Ihr auch seid; hier gebietet niemand als Hans
Stehfest und sein Volk.
    ffne, alte Trin, wiederholte der Reiter ungeduldig und stie mit dem
Schaft seiner Lanze gegen das Tor, oder meine Buben lassen dich ihr Speerholz
fhlen.
    Kommt der Ordenspfleger, um die geworbenen Knechte zu gren, so soll er
hinausreiten auf die Heide, wo unsere freien Knaben zum Streite ziehen. Wollt
Ihr kmpfen, so rckt gegen die Polen, nicht gegen uns Weiber. Macht Euch fort,
sage ich, oder mein Tro wirft Euch mit Steinen.
    Der Reiter zog sich zurck. Sprengt die hintere Pforte, gebot er einem
Trupp Knechte. Diese fhrte Henner um das Schlo herum, trotz dem Widerstand der
Weiber rissen sie die Pforte auf. Nach lngerem Verzug und vielem Lrm gelang
es, den vorderen Zugang zu ffnen. Mhsam wanden sich die Reiter durch
aufgefahrene Karren des Trosses, umtobt von dem Geschrei und Geheul der Weiber
und Kinder.
    Mit seinen Begleitern ritt der Hochmeister in den Hof. Besetzt die Mauern
und sichert die Pforte, befahl Herr Dietrich von Schnberg, wir kamen noch zu
rechter Zeit.
    Wohin zog der Hauptmann mit dem Fhnlein? fragte der Hochmeister die Alte,
welche mit ihrer Hellebarde feindselig vor ihm stand.
    Den Weg zum Steinkreuze findet ein Blinder. Seid Ihr der Herr, dem die
Fahne gehrt, so achtet darauf, da Hans Stehfest mit seinen Knechten nicht
unter Euren Farben erschlagen werde. Sie wandte sich finster ab, stieg auf
einen Karren, ergriff die Zgel und peitschte die Pferde zum Schlotor hinaus.
    Da gebot Herr Albrecht dem Pfleger: Sorgt mit Euren Reisigen fr die
Sicherheit des Schlosses, und dem Herrn Dietrich: Lat ihm an Mannschaft
zurck, was die Mauer bedarf, und ihr Herren folgt mir, da wir den Bruch des
Stillstands verhindern. Aber er sah rings um sich umwlkte Gesichter und
widerwillige Mienen. Herr Dietrich bat mit hfischer Ergebenheit: Wir drfen
nicht leiden, da mein gndiger Herr sich mit dem schwachen Haufen in freiem
Felde einem polnischen Angriff preisgebe. Von der andern Seite drngte der
Pfleger sein Pferd heran. Nichts Besseres kann Eurer frstlichen Gnade und dem
Orden geschehen, als wenn die fremden Ratten sich untereinander auffressen.
    Ohne Befehl und wie Meuterer sind die Schelme ausgezogen, ganz eigenmchtig
und in Rachsucht, rief ein alter Komtur. Das Schlo behaupten wir, wie mgen
wir unsern Gebieter und unsere Waffen in unrhmlichem Kampfe gegen Knechte
daransetzen. Und mit Kopfnicken und Gemurmel fielen ihm andere bei. Da trieb
Henner sein Pferd aus dem Kreise. Ich bitte um Urlaub, Herr, da ich zu dem
Haufen reite, ich habe dort einen Gesellen, der zu mir gehrt, und ich will
ansehen, wie er im Sturm die Ordensfahne hlt.
    Nehmt mich mit, Junker, gebot in bitterem Unwillen der Hochmeister, wenn
meine Ordensbrder in bedchtiger Klugheit die Ehre ihres Herrn vergessen, so
will ich allein dafr sorgen, da meinem Andenken die Schande erspart bleibe.
Und er ritt hinter Henner dem Tore zu.
    Da blickte Herr Dietrich finster auf seine Kumpane und jagte mit einem Teil
der Weimntel dem Herrn nach.
    Gerade als sie aus den engen Gassen der Stadt ins Freie kamen, fuhr im
gestreckten Lauf ein Schwarm polnischer Reiter ihnen entgegen. Die Polen
stutzten und warfen sich seitwrts auf das Feld, dort hielten sie an, und ihre
Fhrer berieten, endlich ritt ein einzelner Reiter auf die Ordensbrder zu. Herr
Dietrich lste sich aus dem Trupp und rief dem Fremden entgegen: Ihr kommt zu
spt, Kastellan, wenn Ihr ein Gastlager im Schlosse sucht; der Hausherr hat den
Schlssel abgezogen und bewahrt ihn an seiner Schwertseite.
    Aber Pan Stibor schwenkte lachend die Hand zum Grue: Dennoch komm ich
nicht zu spt, Seine frstliche Gnaden zu begren und meine Landsleute zu
entschuldigen. Denn nicht wir Polen sind darber her, den Frieden zu brechen,
sondern die fremden Knechte, welche untereinander in Zwist geraten sind und
jetzt auf der Heide zusammen schlagen.
    Wollt Ihr deshalb mit meinem gndigsten Herrn verhandeln, so seid Ihr in
unsern Reihen willkommen, rief Herr Dietrich dagegen, Ihr mgt uns helfen, den
Streit zu hindern. Euren Haufen aber ersuche ich aus unsern Feldern
heimzusenden, denn Ihr seht, Pan Stibor, wir sind hier die Strkeren. Der Pole
berlegte, dann rief er einen Befehl zurck, der polnische Haufe stob von
dannen, er selbst kam mit hflichem Gru auf den Hochmeister zu.
    Unterdes bewegte sich das Fhnlein der Knechte langsam nach der Sttte, wo
auf der Heide ein verwittertes Steinkreuz ragte. Die Gesichter der Wilden waren
fahl, aber in den dstern Zgen lag mrrische Entschlossenheit. Georg trug die
Fahne mit gehobenem Haupte, gleichgltig wie ein Traumwandler gegen alles, was
um ihn vorging, denn immer schwebten zwei krperlose Gestalten vor seinem Auge,
ein Weib und ein Kind, und kein Gedanke wurde in ihm lebendig als der eine, da
er auf dem Wege sei, sie wiederzufinden. Zur Seite sah er das Kreuz zwischen
erstorbenen Distelstauden, und einen krchzenden Raben, welcher auf dem Kreuze
sa, und er lchelte ber den Vogel. Der Hauptmann rief Halt, denn wenige
hundert Schritte vor ihm brach der feindliche Haufe aus einem Kieferngehlz.
Auch dieser hielt. Wir haben sie, rief Hans mit starker Stimme ber seine
Schar, dringt gegen sie und stecht in ihre vollen Taschen. Ein wilder Schrei
folgte der Mahnung, und von drben antwortete ein gleicher Ruf. Der Trommler
schlug, die Fhrer sprangen vor und ordneten ihre Rotten zu viereckigem
Schlachthaufen; mitten auf der Seite, die dem Feinde zugekehrt war, hielt Georg
die Fahne, umgeben von den strksten Knechten, welche riesige Schlachtschwerter
fhrten. Vor die Spietrger traten in gelster Ordnung die Knechte mit
Feuerrohr, um den feindlichen Haufen fr den Einbruch zu lockern. Umstndlich
wurde die Schlachtordnung von beiden Teilen geformt. Endlich drhnte die groe
Trommel zum zweitenmal, der ganze Haufen fiel auf die Knie, jeder der Knechte
sprach mit gehobener Waffe ein stilles Gebet und warf, um sich fr den Tod zu
weihen, eine Handvoll Erde hinter sich. Als Hans aufstand, gab er dem Fhnrich
das Zeichen. Da schwenkte Georg das Fahnentuch in der Luft und rief den alten
Schlachtenruf der Knechte: Wohl ber sie, Herr, und ber sie, Herr, schrie
der Haufe nach. Von drben klang derselbe Schrei, und langsam, mit schwerem
Tritt, rckten die Fhnlein aufeinander zu, so da beide in Schuweite hielten;
die Schtzen sttzten sich auf ein Knie, bliesen das Zndkraut an, und die
ersten Schsse krachten aus den schweren Rohren. Aber nicht lange ertrug die
grimmige Ungeduld das tatlose Harren, nach jeder Kugel, welche traf, tnte der
Kriegsruf wilder aus den heiseren Kehlen. Die dichte Masse bewegte sich und
drckte, bis der Hauptmann erkannte, da der Augenblick gekommen sei; der
Trommler schlug zum dritten Male in schnellem Sturmschlag, die Schtzen liefen
zur Seite, die Spietrger senkten die Waffen, und die Haufen brachen zum Sturm
gegeneinander vor.
    In dem Augenblick regte sich's hinter den Feinden am Holz, ein Schwarm
berittener Polen trabte aus dem Walde und stellte sich zur Seite auf, den
Reitern folgte fremdes Fuvolk, welches als Rckhalt fr die Landsknechte den
Waldrand besetzte. An der Spitze der Reiter meinte Georg seinen Feind Pietrowski
zu erkennen. Hans aber stie einen schweren Fluch aus: Die ehrlosen,
meineidigen Schufte! Denn er verstand wohl, da gerade in der Entscheidung
seinem Haufen die Kraft des Stoes zerbrochen wurde, und er schrie mit mchtiger
Stimme zurck: Drauf und dran. Da stieen die Haufen zusammen, die Spiee
krachten, Todwunde fielen, mit wildem Geschrei rckten und drngten die beiden
zusammengeschobenen Massen gegeneinander, treibend und weichend, gleich zwei
wtenden Stieren, deren Hrner sich nicht mehr zu lsen vermgen. Aber nur kurze
Zeit behielt der Haufe des Hans Stehfest seine Strke; an den scharfen Ecken, wo
Wuz und Benz den Befehl hatten, vermochte ihr gutes Beispiel nicht zu
verhindern, da in der Sorge um die neue Gefahr die Kraft erlahmte. Dort begann
die Flucht; nicht lange, und nur in der Mitte, wo der Hauptmann und der Fhnrich
trieben, hielt noch ein Knuel zusammen. Vor der Fahne lag eine Reihe der alten
Doppelsldner am Boden, und von den Starken mit den Schlachtschwertern sprang
einer nach dem andern vor die Fahne, zerschlug Spiee und warf sich gegen die
Leiber der Feinde; und einer nach dem andern wurde erstochen. Der letzte war
Peter Meffert, wtend hieb er um sich, und sein Schwert traf den Heinzelmann,
da dieser in die Arme seiner Nachbarn sank. Als der Wilde zurcksprang, sah er
seinen Hauptmann am Boden, den Haufen zerstreut und den Fhnrich, der, nur noch
von wenigen Knechten umgeben, in der Linken die Fahne hielt und in der Rechten
den geschwungenen Degen. Da schrie der Landsknecht: Der letzte Streich sei fr
mich und die Rache, und sich zur Flucht wendend, schlug er mit dem furchtbaren
Schwerte gegen den Arm des Fhnrichs, da diesem die Hand mit der Waffe zu Boden
fiel und der Verstmmelte auf die Fahne hinsank.
    Vom Walde flogen die polnischen Reiter heran, und ihr Fhrer senkte mit
brennenden Augen die Lanze, um den Wunden auf dem Fahnentuch zu durchbohren.
Aber von der Seite rief eine Stimme: Hierher, du Henkersknecht, da ich dir die
adlige Feder ausraufe, und Henner strmte mit seinem Rennspie gegen den Polen.
Er stach ihn im Nu durch die Gurgel und vom Pferde, doch er selber strzte
gleich darauf, von einem polnischen Streitkolben getroffen, neben Georg auf die
Heide. Armer Henner, seufzte Georg.
    Gehab dich nicht weinerlich, Jrge, antwortete Henner leise, und ein
Lcheln flog ber sein entstelltes Gesicht. Jetzt liegen zwei beieinander, die
zusammengehren; ich aber hab dir meine Treue bewiesen als ein deutscher
Edelmann. Er zuckte, dann lag er still.
    Unterdes drhnte auf dem Felde der Hufschlag eines geschlossenen
Reitertrupps, die Verfolger wichen zurck, da, wo der Fhnrich und die Fahne
lagen, umschlossen die Reiter im Kreise den Hochmeister. Aber Albrecht stieg ab,
beugte sich ber den toten Henner, sprach herzlich zu Georg und bergab ihn der
Pflege eines Arztes in seinem Gefolge. Und zu seinem Vertrauten gewandt, setzte
er traurig hinzu: Der Hochmeister kam zu spt, weil seinen Ordensbrdern der
Ritt nicht behagte; jeder Landesherr, der mit angeborenem Recht seinen Leuten
gebietet, htte williger Gehorsam gefunden.
    Der kurze Tag ging zu Ende, bewaffnete Ordensleute schtzten die Sttte des
Kampfes vor Raubtieren mit menschlichem Antlitz und vor den hungrigen Wlfen,
whrend die Weiber des Trosses mit lauter Klage die Wunden und Getteten auf
ihre Karren luden. Da sa am Steinkreuz unter den Disteln eine alte Frau; ber
den Leib des starken Hans gebeugt, hielt sie sein Haupt in ihrem Schoe; sie sa
unbeweglich und ohne Trnen, nur zuweilen strich sie mit ihren Hnden sein
graues Haar. Um sie flatterte und krchzte der Rabe, und ber die Heide brauste
mit mchtiger Stimme der Wind: Aus der Erde wuchset ihr, zur Erde sinket ihr.

                                  Enttuschung


Auf seiner Reise nach dem Deutschen Reiche ritt der Hochmeister in Thorn ein
unter polnischem Geleit, das der Knig nicht hatte versagen knnen. Dem Rat war
die Herberge des gefhrlichen Nachbars unwillkommen, er trug Vorsorge, da die
Stunde der Ankunft vorher nicht ruchbar wurde, und ffnete den Gsten Zimmer des
Artushofes, damit der Verkehr mit den Brgern leichter beaufsichtigt werde.
Trotz dieser Vorsicht fand der Hochmeister bei seinem Einzuge die Straen mit
Menschen gefllt, empfing Gre von allen Seiten und sah neben den ernsten
Mienen der Polnischgesinnten viele erfreute Gesichter. Als er das Gastgeschenk
der Stadt entgegengenommen und mit dem neuen Burggrafen Hutfeld hfliche
Begrung ausgetauscht hatte, sagte er Herrn Dietrich:
    Ich trete heut nicht ohne Sorge unserm finstern Alten gegenber, ich
frchte, er ist mit uns nicht zufrieden, und ich mu ein Bote werden, der ihm
Unwillkommenes meldet.
    Sein guter Rat, der unerbeten aus dem Winkel kam, ist Eurer Gnade oft
lstig geworden. Wer nicht die Arbeit und Last der Verhandlungen auf sein Leben
nimmt, der sollte sich hochtnender Ratschlge enthalten.
    Ehre seine Klugheit und Treue, gebot Herr Albrecht.
    Lieber ehre ich sein Geld, und deshalb bitte ich Euch, mit hoher Huld nicht
zu kargen, denn Geld brauchen wir jetzt ntiger als je.
    Wie darf ich ihm, der so groe Opfer fr uns gebracht, neue Zumutung
stellen?
    Was Ihr selbst nicht tun wollt, berlat getrost mir, antwortete lachend
der Vertraute, da der Brger die Ehre hat, Euer Bundesgenosse zu sein, so ist
billig, da er wenigstens zutrgt, was Euch fehlt.
    Auch Marcus erwartete den angekndigten Besuch nicht mit leichtem Herzen.
Auf die begeisterte Hoffnung war Ernchterung gefolgt, vieles war nicht
gelungen, das Wichtigste noch unentschieden, und der Kaufherr hatte sich
zuweilen gefragt, ob die rhrige Geschftigkeit des Hochmeisters nicht grer
sei als sein festes Beharren. Aber als der edle Herr jetzt vor ihm stand und mit
herzgewinnender Freundlichkeit seinen Gru bot, da leuchtete doch die Freude im
Angesicht des stillen Mannes.
    Ihr seid nicht einverstanden, Vater, da ich in das Reich gehe, begann
Herr Albrecht nach dem ersten Austausch hflicher Worte.
    Verzeiht, gndigster Herr, wenn ich mich zu der Meinung bekannte: der Herr
gehrt in sein Land und gute Helfer an fremde Hfe und Kanzleien.
    Gute Helfer, selbst wenn ich sie htte, werden meinen Bitten in der Fremde
schwerlich geneigtes Gehr schaffen. Um den Hochmeister, welcher einsam in
Knigsberg sitzt, kmmert sich niemand; auch meine Vettern sind froh, wenn sie
meine Mahnungen nicht hren. Allzu weit bin ich von den Reichstagen, von Rom und
dem Kaiser entfernt. Die Reise ist lange bedacht, und meine beste Hoffnung ist,
da ich da, wo die letzte Entscheidung liegt, selbst fr mich handle.
    Unzufrieden fragte Marcus: Und hofft mein gndigster Herr, da in dem
eigenen Lande, dem der Gebieter fehlt, Sicherheit und gutes Vertrauen
zurckkehren werden? Vieles bleibt dort ungeordnet, und alle Gegner erheben ihr
Haupt. Man erzhlt, da die neue Ketzerei in dem Ordenslande wenig Widerstand
findet.
    Wie vermag ich den Kampf aufzunehmen mit Gedanken, welche jetzt jeden
erregen? rief der Hochmeister lebhaft, und seine Vorsicht vergessend, setzte er
hinzu: Wie darf ich wehren, Vater, was beschwerte Gewissen fr sich als ein
Recht fordern? Jedermann wei, da die Kirche einer Besserung bedarf.
    Die Brauen des Marcus zogen sich finster zusammen: Der Hochmeister des
Deutschen Ordens ist verloren, wenn Mitrauen und bler Wille des Heiligen
Vaters sein Werk kreuzen. Nicht Eurer frstlichen Gnade steht es zu, um die
Schden der Kirche zu sorgen; denn fr das groe Geschft Eures Lebens ist der
Heilige Vater ein Geschftsfreund, den Ihr zur Zeit notwendig braucht. Dem Knig
von Polen gelingt besser, sich in Rom guten Willen zu sichern.
    Mein Oheim trennt sich ungern von seinem Golde, dennoch kann er leichter
volle Felleisen ber die Alpen senden als ich. In seinem Lande zeigt er zwei
Gesichter, den Polen einen rmischen Hofmann, den Deutschen einen nachgiebigen
Schutzherrn. So mu auch ich tun, Herr, denn unter meinen Augen lst sich von
dem alten Bau der Kirche ein Stein nach dem andern.
    Der groe Dom, welcher die Christenheit umschliet, wird durch keine
Neuerung zerworfen werden, antwortete Marcus mit gehobenem Haupt, und ich
flehe in Ehrfurcht, da mein gndigster Herr um des eigenen hchsten Vorteils
willen auch im Reiche die Gemeinschaft mit den Sektierern sorglich meide. Denn
von wildem Rausche sehe ich die Menschen erfat, Gelbde sollen nicht mehr
gelten, frech verknden die neuen Lehrer Befreiung von jeder lstigen Pflicht,
berall ist der Friede in Unfriede verkehrt und Krieg zwischen den Herzen,
welche zusammengehren, die Dienenden erheben sich gegen ihre Herren, die Kinder
gegen die Eltern.
    Dennoch werdet Ihr es nicht tadeln, wenn ich einen Unfrieden, den ich nicht
zu schlichten vermag, fr mich zu benutzen suche; Ihr selbst in Thorn setzt Eure
Hoffnung darauf.
    Ungern tue ich es, entgegnete Marcus finster. Auch ist es nicht das
Gewissen des Unzufriedenen, auf welches Eure ergebenen Freunde Hoffnung setzen,
sondern die Snde und Schwche unserer Gegner; und Euch, gndiger Herr, wrde,
wenn Ihr im Lande geblieben wret, wohl in wenigen Tagen die Kunde zugegangen
sein, da die Brger von Thorn sich gegen das polnische Regiment erhoben haben
und Euch zu dienen bereit sind. Vermgt Ihr auch whrend des Stillstandes Euch
dieser Stadt nicht offen anzunehmen, so sind es doch Eure Freunde, welche die
Macht erhalten; ihr Beispiel wird in andern Stdten Nachahmung finden, und ihre
Klagen gegen die Polnischen laut genug bis in das Deutsche Reich hinberklingen.
- Ich nehme an, Eure Gnade hat befohlen, die Landsknechte, deren Fhnrich Georg
Knig geworden ist, abzuzahlen, damit den Hochmeister kein Vorwurf treffe, wenn
die Brger von Thorn sich einen Teil der Heimziehenden anwerben.
    Der Hochmeister erhob sich schnell. War es unrecht, Euch die Nachricht bis
jetzt vorzuenthalten, so zgerte ich nur, weil mir schwer wird, dem Vater
Schmerzliches zu sagen. Das Fhnlein ist in Hndel mit polnischen Landsknechten
geraten und in offenem Kampfe zerstreut worden; Euren Sohn fand ich auf blutigem
Felde. Ich hoffe, Herr, da es der Kunst meines Arztes gelingt, ihn dem Vater zu
erhalten; aber er ist schwer verwundet.
    Noch habt Ihr nicht alles gesagt, rief Marcus, in das bewegte Gesicht des
Herrn starrend.
    Er hat seine Schwurhand durch den Schlag eines Schwertes verloren.
    Da sprach Marcus vor sich hin: Der Vater setzte die Hand auf das Eisen, und
dem Sohne wurde sie abgeschlagen.
    Ich denke daran, Herr, da Euer Sohn die Hand verlor, als er meine Fahne
trug. Ich bitte, gebt mir Gelegenheit, ihm und Euch meine guten Dienste zu
erweisen, soweit ich armer Mann das vermag. Ich habe meinen Medikus bei dem
Kranken zurckgelassen; gestattet dem Sohn, wenn sein Zustand das erlaubt, mir
in das Reich zu folgen, dort wollen wir ihn pflegen, und ich will ihn halten wie
den liebsten meiner Diener.
    Der Vater stand abgewandt mit gebeugtem Haupte; als er das dstere Antlitz
seinem Gaste zukehrte, zitterte seine Stimme: ffnen sich meinem Sohn die Tore
der Vaterstadt, so soll er hierher zurck, denn der Vater vermit ihn jeden Tag;
bleibt der Bann, welcher ber ihm hngt, in Kraft, dann mge er Eurer
frstlichen Gnade zu dienen suchen. Er rang nach Fassung, aber der Hochmeister
sah mitleidig den bittern Zwang, und aufbrechend sagte er traurig: Was wir
beide hoffen, werde unser Trost.
    Auch gutes Glck gibt nicht jedem wieder, was er verlor, antwortete der
Alte. Wenn die Heiligen unsere Wnsche nur gegen ein Opfer erfllen, so mge
das Unglck mich und die Meinen treffen und Ihr, gndiger Herr, frei ausgehen.
Denn Ihr seid immerdar die Hoffnung des ganzen Preuenlandes.
    Als Marcus allein in der Stube sa, das schwere Haupt in die Hand gesttzt,
vernahm er vor der Tr ein klgliches Seufzen, sein Knecht Dobise schlich
herein, wischte die Augen bald mit der Mtze, bald mit dem rmel und brachte
endlich heraus: Meister, die Alte ist fort.
    Wohin? fragte Marcus in seinen Gedanken.
    Wer kann das sagen, seufzte Dobise. Sie verging ganz schnell, bevor sie
den letzten Segen erhielt. Es gab im Holze ein groes Gekrach und Drhnen, das
man weit auf dem Felde hrte, und die Leute liefen ins Dorf und schrien, da die
Eiche umgestrzt war. Marcus fuhr auf und sah ihn fragend an. Ja, Herr, der
alte Baum in der Lichtung. Es wehte kein arger Wind, und allen kam der Sturz
wunderlich vor. Da schrie die Alte: Jetzt geht es zu Ende, und alle Seelen
fliegen von dannen! Wer wei wohin, Herr. Aber der Baum ist zur Erde gefallen
und die Alte auch. Er wischte sich wieder die Augen. Herr, wie wird's mit dem
Sterbekleide? Ich denke, weil sie Euch gehrt hat, ist das eher Eure Sache als
die meine.
    Marcus bedeutete ihm durch eine Bewegung der Hand, zu entweichen, und Dobise
setzte sich kummervoll in seine Kammer. Ob ich ihr den Goldstoff zu ihrem
Kleide einpacke und mitgebe, oder ob ich ihn behalte? Denn sie wre eine
vornehme Frau, wenn sich nicht vor ihrer Zeit manches in der Welt gendert
htte. Die Eiche und die Alte sind fort, Junker Georg ist verloren, die Jungfer
Anna und das Kind sind tot, und mit diesem Haus geht es auch zu Ende, ich hre
seit langem das Knistern im Geblk. Dobise, sorge dafr, da du deine Schtze
anderswo versteckst. Niemand in Thorn wei so viele Verstecke als ich, fuhr er
ruhmredig fort, Geheimnisse des Hofes und andere, die ich als Erbteil von
meinen Landsleuten berkommen habe. Auch diese sind jetzt verschwunden, und ich
bin der einzige, der Bescheid wei.
    Nach diesem Selbstgesprch geschah es, da Dobise mit besonderer
Heimlichkeit in dem alten Hause wirtschaftete, er trug zusammen und schnrte
Bndel, wo ihn niemand sah, und begann am nchsten dunklen Abend mit seinem Kram
auszuziehen. Er lief, scheu um sich blickend, zu den Trmmern der alten Burg,
drang an der wegsamsten Stelle, zu welcher er einst die Musikanten geleitet
hatte, ber den Graben, kletterte die gemauerte Einfassung hinauf und verlor
sich unter den dunklen Schatten des Trmmerhaufens. Wenn er dort in einer Ecke
den Schutt entfernte, fand er eine niedrige Holztr und dahinter Zugang in den
Keller des alten Schlosses. Frher hatten Schiffsleute das Versteck gebraucht,
um geraubtes Gut zu bergen oder Waren dem Auge des Zollwchters zu entziehen,
jetzt freute sich Dobise der gnstigen Stelle. Aber nicht lange blieb ihm dieser
Besitz; denn seit einiger Zeit achteten fremde Augen auf jeden seiner Wege, und
als er zum drittenmal unter die Steine kam, sein Bndel niedergelegt und mit
Hilfe der Blendlaterne die Tr geffnet hatte, fhlte er sich von starken
Fusten gepackt, und aus dem Schatten der Mauer trat eine Gestalt, welche er
trotz der Verhllung zur Stelle erkannte, weil er sie nchst seinem Gebieter
mehr frchtete als jeden andern. Es war der Schwager seines Herrn, einst Genosse
der Handlung. Bindet ihn, Lischke, gebot der Burggraf, und steigt mit einem
Trabanten hinab; ihr andern fhrt den Knecht ohne Lrm zum Kerkertor, dort will
ich ihn selbst verhren.

In der Neustadt lag unweit des Marktes die Schenke zur blauen Marie, in welcher
ansehnliche Zunftgenossen am liebsten verkehrten. Sie war fr Fremde von weitem
kenntlich durch ein Holzbild der Himmelsknigin, welche im schnen blauen
Gewande die geffnete Hand ber der Tr ausstreckte, als Zeichen, da an diesem
Ort den Neustdtern durch den frommen Wirt das Geld abgefordert wurde. In der
groen Schenkstube standen Tische und Bnke aus Fichtenholz, dort saen
dichtgedrngt die Gste, welche der Zufall oder alte Genossenschaft
zusammenfhrte: Handwerksgesellen, Landleute aus der Umgegend mit ihren Weibern,
dazwischen andere, deren Heimat und Amt unsicher war, leicht erkennbar an den
herausfordernden Mienen, mit welchen sie ihre Nachbarn betrachteten. Aus dem
Raume fr das gemeine Volk fhrten mehrere Stufen zu einer Oberstube, welche
stattlicher eingerichtet war, der untere Teil der getnchten Wnde war mit
gebohnten Brettern verschlagen, Tische und Bnke wei gescheuert, auf dem
Fuboden lag weier Sand zu zierlichen Kreisen gesiebt, ein Ofen verbreitete
behagliche Wrme und Talglichter in groen kupfernen Leuchtern erhellten den
Raum, und wenn sie einmal dunkler brannten, so schneuzte sie der auf und ab
gehende Wirt geschickt mit den Fingern. Aber heut tat er das nur aus alter
Gewohnheit, denn die Stube war leer, und er selbst bewegte sich als Wchter, um
fremde Kunden abzuhalten. Denn seine Stammgste waren in geschlossenem Gemach
dahinter versammelt, und durch die Tr tnte ein Durcheinander heftiger Stimmen.
Jetzt spricht Herr Seifried, brummte der Wirt, man merkt's an der Stille - er
zhlt die Summen auf, welche der Rat vergeudet hat, nicht umsonst hat er die
Ratsbcher gefhrt - er verhhnt das Vornehmtun - jetzt verklagt er den Rat
wegen der Ungerechtigkeiten, welche dieser an Neustdtern verbt hat - das hat
sie erzrnt, er versteht sein Handwerk. Er versteht sich auch auf Striche am
Kerbholz, denn er ist mir am meisten schuldig.
    Ein untersetzter Mann in dunklem Mantel, den Hut tief ber die Stirn
gedrckt, stieg aus dem Dunst der unteren Stube herauf; der Wirt ma den Fremden
mit ngstlicher Miene, und als dieser leise gebot: ffnet und haltet Euch in
der Nhe, da lie der Wirt den Gast dienstbeflissen in das verschlossene Gemach
und hielt sein Ohr an die Tr. Die meisten Viertelsmeister und Zunftltesten der
Neustadt standen in dem Raume zu geheimer Beratung, beim trben Schein des
Lichtes erkannte man kaum die gerteten und eifrigen Gesichter. Was braucht es
noch vieler Worte, uns zornig zu machen, mahnte ungeduldig Dendel, der
Zinngieer, wir haben lange genug die Fuste in der Tasche geballt, jetzt
gilt's, sie ihnen unter die Augen zu strecken. Meiner Zunft bin ich sicher,
schlagt um und ruft zum Sturme.
    Und Herr Seifried rief bermtig einen Spottvers, der auf den Straen
gesungen wurde: Auf und an mit frischem Mut wohl gegen das edle Blut, das wenig
hat und viel vertut.
    Auch meine Knappen sind bereit, schrie Kunz, der Lohgerber, die Faust auf
den Tisch setzend, und sie haben nichts dagegen, ihre gelben Schrzen im
Rathause rot zu frben.
    Ihr wit, Nachbarn, rief Barthel, da die Schneider der Neustadt bei
jedem Alarm den Vortritt haben.
    Wenn Ihr sie fhrt, Barthel, spottete der Lohgerber, Ihr tragt ihnen die
Quaste vor, die Eure Schere vor Zeiten dem Hausteufel der Knige von seinem
Schwanz geschnitten hat.
    Schweigt mit den Possen, gebot in drhnendem Basse Wolf, Obermeister der
Schmiede, verteilt lieber die Arbeit fr morgen zur Mitternacht. Wer lockt mit
der Feuerglocke? Wir Schlosser, antwortete ein Meister. Und wer ffnet das
Kerkertor? Bilse, der Grobschmied, rief ein anderer.
    Da klang aus dem Hintergrunde eine helle Stimme: Wollt ihr die alte Ordnung
der Stadt zerschlagen, Nachbarn, so nehmt mich mit, denn ich gedenke euch zu
helfen. Zwischen den Brgern trat der Verhllte an das Licht und entblte sein
Haupt, es war der Burggraf Hutfeld. Flche und zornige Rufe wurden laut, die
Messer fuhren aus der Scheide, und vom Hintergrund schrie eine Stimme: Auf ihn,
er darf nicht lebendig von hinnen.
    Lat die Eisen stecken, gnstige Nachbarn und gute Freunde, gebot Hutfeld,
wenn scharfe Waffen diesen Streit beenden sollten, dann wre euer Burggraf im
Vorteil, und ihr wret Gefangene des Rats. In der vordern Wirtsstube zechen
Trabanten und andere bewachen die Tr, durch welche ihr eingetreten seid. Die
Gesichter wurden lang, die gehobenen Arme sanken herab. Wie durftet Ihr wagen,
hier einzudringen? schrie der Lohgerber, welcher zwischen Zorn und Sorge zuerst
Worte fand.
    Da ihr nicht zu mir an den Ratstisch kamt, um eure Beschwerden vorzutragen,
so komme ich zu euch, und ich schwre bei den Heiligen unserer Stadt, ich komme
ohne Arg in guter Meinung. Denn ich wiederhole euch, wollt ihr den Rat werfen,
wollt ihr alten Mibrauch nicht rger machen, sondern bessern, so bin ich auf
eurer Seite, und ich, der Burggraf, will euch helfen mit meinem Leben nach
meinem besten Vermgen. Ich denke, wir mssen den Streit untereinander
ausmachen, damit wir weder den andern Stdten noch der Landschaft, weder den
Polen noch anderen Fremden ein Recht geben, sich in den Zwist der Kinder von
Thorn einzumischen. Denn dies geht uns allein an. Es handelt sich um Stadtgut,
und es handelt sich nur um unsere Hlse. Und darum bitte ich euch, hrt auf
meine Worte. Manches ist hier und anderswo geklagt worden ber unser Regiment;
ich wei besser als ihr, da vieles bel geordnet ist, und ich knnte zu euren
Klagen noch andere setzen, die nicht weniger Grund htten. Aber nicht die
einzelnen Beschwerden sind das grte Leiden der Stadt, sondern der Rat selbst.
    Die Brger trauten ihren Ohren nicht und standen in finsterm Schweigen, aber
die Stimme des Schneiders rief: Hrt ihn, er hat das Richtige gesagt.
    Liegt die Schuld am Rate, fuhr Hutfeld fort, so liegt sie doch nicht an
den Mnnern, welche jetzt darin sitzen, denn diese sind nicht schlechter als
andere in der Stadt; sondern der Schaden liegt darin, da nach eingerosteter
Gewohnheit nur wenige die Macht haben und zuweilen eigenntzig gebrauchen und
da sie nicht immer erkennen, was der Brgerschaft frommt. Vieles wrde besser
geschafft werden, wenn die Stadt den Beirat der verstndigen Mnner gewinnen
knnte, welche hier versammelt sind, und einiger anderer aus der Altstadt,
welche Einsicht und das Vertrauen ihrer Mitbrger besitzen. Darum ist meine
Meinung, da fr die Thorner hohe Zeit ist, die Ratssthle umzustellen, die
kleine Zahl der Ratsherren zu vergrern und euch und euresgleichen an den
Ratstisch zu setzen, damit die Brgerschaft das Recht erhalte, selbst fr das
Wohl ihrer Stadt zu sorgen. Mir ist nicht leicht geworden, euch dieses Angebot
zu machen, denn ich gehre zu den alten Regierenden, und ich und mein
Geschlecht, wir hatten den Vorteil davon; aber ich erkenne die groe Gefahr der
Stadt, Fremde lauern darauf, sich einzudrngen, und der Unfriede frit an eurem
Wohlstand und ehrlichen Verdienst. Traut mir darum nicht weniger, weil ich mit
schwerem Herzen komme, ich will euch ein ehrlicher Bundesgenosse sein, und ich
hoffe, wenn ich am Ratstische mit euch sitze, da wir das Beste der Stadt
williger wahrnehmen, als der alte Rat vermochte. Wisset auch, gnstige Nachbarn,
in denen ich gern meine knftigen Ratsgenossen begre, ich bringe euch noch
einen andern Verbndeten zu, und dieser ist Knig Sigismund von Polen.
    Ein Murren erhob sich, aber der laute Ruf: Stille! bndigte es. Und der
Burggraf sprach weiter: Der Knig wei durch mich von vielem, was ihr mit gutem
Grunde fordert, er ist gewillt, euch nachzugeben und eine Reformation der Stadt,
die wir zusammen beschlieen, durch sein Siegel zu besttigen. Und darum frage
ich euch jetzt noch einmal in Treue: Wollt ihr euren Burggrafen als Genossen
annehmen zu gemeinsamem Werk?
    Alle schwiegen, aber Hutfeld erkannte in vielen Gesichtern die Befriedigung.
Endlich begann Wolf, der Obermeister: Da Ihr zu uns kommt als guter Nachbar,
wie Ihr sagt, so sollt Ihr auch von uns ehrlichen Bescheid erhalten. Groe
Verheiungen haben wir von Euch gehrt, und mancher unter uns meint vielleicht,
da es fr ihn und die Stadt gut wre, wenn wir auf Eure Worte achten; aber es
besteht ein alter Verdacht zwischen uns und euch Herren vom Rat, und wir wissen
nicht, wieweit wir der Vertrstung trauen drfen. Darum suchen wir zuerst bei
Euch Sicherheit, da keinem von uns in Zukunft nachgetragen werde, was er bisher
gehandelt hat, auch nichts von dem, was Ihr, Herr, heut bei uns vernommen habt;
denn heimlich seid Ihr zu uns eingedrungen.
    Was ich von eurer Heimlichkeit gehrt, antwortete der Burggraf, das
gelobe ich euch zu verschweigen und zu vergessen, wenn auch ihr in meine Hand
gelobt, euch die nchste Nacht und fernerhin der Gewalt zu enthalten und fortan
in guter Gesinnung mit mir zu verhandeln. Alle habt ihr gesprochen als freie
Brger, die in ihren eigenen Schuhen stehen, und keinen von euch soll deshalb
ein Vorwurf krnken, nur diesen hier nehme ich aus, er wies auf den
Stadtschreiber Seifried. Er war ein Diener des Rates, und er hat seinen Schwur
gebrochen, denn er hat Ratsgeheimnis unter die Brger getragen. War er unehrlich
gegen den alten Rat, so wird er auch unehrlich gegen euch, die Herren vom neuen
Rate, sein.
    Wieder erhob sich Gemurr, und einige riefen: Wir drfen unsern Genossen
nicht preisgeben, aber Herr Hutfeld gebot kurz: Entfernt Euch, Ratsschreiber,
und als Seifried entwich, ohne ein Wort zu sprechen, beschwichtigte der Burggraf
die andern: Auch ihr sollt ber sein Schicksal entscheiden. Und siegreich an
den Tisch tretend, fuhr er fort: Wohlan, ihr Brger von Thorn, bietet jetzt
freundlich eurem Nachbar einen Sitz in eurer Mitte, damit wir nach guter
deutscher Weise bei einem Trunke besprechen, was unsrer Gemeinde vor allem
nottut.
    Da lchelte achtungsvoll die Mehrzahl der knftigen Ratsmnner.
    Marcus durchschritt am spten Abend ungeduldig die Kammer, sein vertrauter
Knecht, der um vieles wute, war verschwunden. Zuerst hatten die Hausgenossen
gemeint, da er, durch den Tod der Mutter verwirrt, auf das Gut entwichen sei,
und Bernd war deshalb hinausgeritten, aber im Dorfe wie in der Stadt wute
niemand, was aus Dobise geworden war. Jetzt erwartete, Unheil ahnend, der
Kaufherr seinen Gehilfen: Auch die Neustdter beraten zu lange, sprach er vor
sich hin, beim Trinkgelage vergessen sie, da ihre Hlse in Gefahr sind. Da
pochte es stark an die Haustr, er vernahm den Schritt der Dienstmagd, welche
ffnete, gleich darauf ihren Schrei und Geklirr von Waffen. Schnell erhob er
sich und griff nach der Wand, wo sein Schwert hing, aber er trat zurck und
sagte: Es kommt nicht unerwartet.
    Die Tr flog auf, und der Burggraf stand vor ihm. Verzeiht, Herr Schwager,
wenn ich zur Unzeit stre, ich komme diesmal im Amte.
    Dann ist mir, wie Euch, jede Stunde gleich, hochgebietender Herr,
antwortete Marcus und bot dem Gaste den Sitz.
    Hutfeld neigte dankend das Haupt. Ihr wit, Herr Schwager, da die Brger
sich zuweilen ber nchtlichen Verkehr auf dem Burghofe beschwerten. Der Rat
lie die Sttte bewachen, die Wchter ergriffen Euren Knecht, welcher im Begriff
war, dort in einem Kellerloch gestohlenes Gut zu bergen. Es wurde vielerlei
gefunden, was er selbst versteckt, auch alter Raub, den er gehehlt hat. Manches
ist aus Eurem Hause, und darber wird Euch das Gericht gegen Euren Knecht
zustehen; anderes ist nach seinem Bekenntnis an fremder Stelle entwendet und von
ihm gehehlt; und darber steht das Gericht bei der Stadt, die Vollstreckung des
Urteils aber, da er ein Unfreier ist, nach unserer Gewohnheit bei Euch, der Ihr
sein Gerichtsherr seid. Nach dem Recht und Urteil der Stadt gebhrt seinem Halse
der Strang. Die Trabanten fhren Euch den Gefangenen zu, ob Ihr ihn gegen Eure
Brgschaft selbst bewahren wollt oder dem Gefngnis der Stadt bergeben, bis Ihr
ihn richten lat. Auch den Kram, den er Euch entwendet zu haben bekennt, trgt
der Ratsbote in Euer Haus zurck. Und leiser fragte er: Ihr bewahrtet einst
die Goldhaube Eurer seligen Frau in dem Gewlbe des Oberstocks, habt Ihr sie
etwa vermit? Sie findet sich unter seiner Beute.
    Jetzt vermochte Marcus den Schrecken nicht zu verbergen und stemmte die Hand
auf sein Pult. Die Neuigkeit, welche Ihr mir in das Haus bringt, gebietender
Herr, erschreckt mich mehr, als vielleicht eine andere, die mir greren Verlust
verkndete; denn der Unglckliche ist ein Hausgenosse gewesen, dessen
Ergebenheit ich fest vertraute.
    Er war Euch ergeben, nur da er die Art eines Raben an sich hatte,
antwortete der Burggraf mit flchtigem Lachen.
    Kann ich ihn sehen?
    Er ist zur Stelle. Hutfeld ffnete die Tr und winkte. Als Dobise mit
gebundenen Hnden hereinwankte und auf die Knie fiel, hob Marcus gegen ihn den
Finger: Wie hast du die Haube entwendet?
    Vom Seil durch das Fenster, sthnte Dobise, sie blitzte mich beim Lichte
an.
    Da wandte sich Marcus zu dem Burggrafen: Ich bernehme die Brgschaft fr
seinen Leib auf Habe und Gut, und ich lasse das Urteil gegen seinen Hals, wie
ein ehrbarer Rat gebietet, vollstrecken auf der Gerichtssttte seines
Heimatdorfes.
    Nehmt seinen Leib, sprach Hutfeld.
    Marcus hielt die Hand ber den Gefangenen. Er, der den Strang am Halse
trgt, war durch viele Jahre ein heimlicher Knecht der Artusbrderschaft, und
die ltesten des Hofes mchten ihm in seiner Not eine Gunst gewhren, soweit das
strenge Recht verstattet. Ist's Euch genehm, hochgebietender Herr, wenn ich
diese Gunst ihm biete?
    Der Rat wird nicht dawider sein, antwortete Hutfeld, und nachdrcklich
fgte er hinzu: Ich selbst habe ihn verhrt und kein anderer.
    Ein dsterer Blick des Marcus antwortete der trstenden Versicherung des
Burggrafen, und er fragte den armen Snder: Begehrst du etwas Gnstiges fr
deinen Leib und deine Seele, nur nicht dein verfallenes Leben, so sprich; dein
Herr darf dir's gewhren.
    Zhneklappernd flehte Dobise: Zum schwarzen Wasser im Walde, wo die
vierzehn Nothelfer ihr Heiligtum haben, ziehen die Leute meines Volkes, wenn sie
um ihre Seligkeit sorgen. Schickt mich dorthin, Herr, damit ich mir die Gnade
des Himmels erwerbe.
    Es sei, antwortete der Herr. Gelobe die Heimkehr, auf da die Stadt ihr
Recht an dir gewinne. Er wies auf das Marienbild an der Tr, Dobise rutschte
auf den Knien zum Bilde und hob die Hand.
    Du bist gebunden zur Wiederkehr, Tag und Stunde stehen bei dir, du darfst
sie whlen nach deinem Gefallen. Kehrst du zurck, so verfllt dein Leib dem
Richter.
    Steh auf und entweiche, gebot Hutfeld, der Ratsbote ffnet dir das Tor.
    Lat mich noch einmal den Morgen in der Stadt erleben, bat Dobise.
    In der Nacht bist du zu schdlichem Werk durch die Stadt geschlichen, darum
versagen dir die Mauern den nchtlichen Schutz; zieh hinaus in die wilde
Finsternis, entschied der Burggraf.
    Dobise sah sich mit irrem Blick in der Kammer um, dann schlich er schweigend
hinaus. Die Schwger standen einander allein gegenber.
    Ich danke Euch, gebietender Burggraf, fr Eure Mhe um mein Haus und meinen
Knecht, begann Marcus frmlich.
    Noch andern Dank mchte ich von Euch verdienen, Herr Schwager, antwortete
Hutfeld. Ich hoffe, der Friede, welcher unserer Stadt lange gefehlt hat, soll
zurckkehren. Ich habe heut mit den Huptern der Unzufriedenen gehandelt, und
wir haben uns ber eine Reformation der Stadt friedlich geeinigt. An Stelle des
alten Rates wird ein neuer treten. - Auch Euch geht die Neuerung an, Herr
Schwager, und mir wird ein Wunsch erfllt. Denn auch Ihr werdet zum Ratmann der
Stadt erkoren.
    Marcus stand unbeweglich, aber dem forschenden Blick des Burggrafen
antwortete ein flammender Blitz aus finsteren Augen. Als Ihr ber die Schwelle
tratet, hochgebietender Herr, sah ich, da Ihr als Sieger kamt.
    Noch nicht, entgegnete Hutfeld vorsichtig, unser Schicksal wird nicht in
Thorn entschieden.
    Bis dahin lat Euch meine Antwort gengen, sprach Marcus. Ihr knnt den
letzten der Knige von Thorn zu der Sttte fhren, wo sein Vater geendet hat,
aber Ihr drft ihn nicht mit dem Strang am Halse entlassen, wie seinen Knecht.

                                  Auf dem Wege


Jahre vergingen; langsam fr einen heibltigen Alten, welcher mit Ungeduld auf
die Erfllung seiner liebsten Hoffnungen harrte, langsamer noch fr den Sohn,
dem die Hoffnung und Freude seines Lebens im kalten Strome versunken war, endlos
und unertrglich fr einen entlassenen Knecht, dem alles Hoffen und Harren
beendet sein sollte, wenn er in die Heimat zurckkehrte.
    Wenige Meilen von dem Turme, in welchem einst die jungen Gatten ihr
Heimwesen gefhrt hatten, lag mitten unter hohen Fichten ein kleiner Landsee,
tief eingesenkt in rundem Talkessel. Vor Zeiten war dort ein Heiligtum der
heidnischen Preuen gewesen, und die Leute der Umgegend wuten von dem See viel
Unheimliches zu erzhlen. Darum hatten christliche Priester die Stelle den
vierzehn Heiligen geweiht, welche sich als hohe Nothelfer den schwer
gengstigten Gewissen zuneigten. Am Rande des Wassers standen rohe Holzbilder
der seligen Frsprecher, mit bunten Farben gemalt, jedes unter einem kleinen
Schirmdach; ein umhegter Raum mit einer Kanzel vereinte zu frommem Dienst die
Wallfahrer, welche im Sommer aus der Nhe und Ferne herzukamen. Fr diese Zeit
lebte ein frommer Bruder aus dem Orden der Predigermnche in kleiner Holzhtte
als Wchter des Heiligtums und als Geistlicher der Wallenden. Solange die
Landsknechte in der Nhe lagen, unterblieben die Wallfahrten, denn niemand wagte
sich gern in die Nhe der Gewaltttigen; seitdem prangten die Heiligen in neu
gemalten Gewndern, und das Kloster geno wieder die frommen Spenden. Auch
Dobise schlich um das schwarze Wasser, er diente dem Mnch und flocht
Fichtenkrnze fr die Heiligen. Jahr und Tag war er umhergeirrt, er selbst wute
nicht wo, bald hatte er armen Stammesgenossen, mit denen er sich durch Sprache
und geheime Zeichen verstand, in ihrer Wirtschaft geholfen, bald war er mit
heimatlosem Volk und Wegelagerern gewandert; aber nirgends vermochte er zu
haften, denn immer zog es ihn in die Nhe der Stadt, in welcher Hans Buck, wie
er annahm, seiner harrte. Zuweilen war er heimlich bis zur Grenze des
Stadtgebiets gelaufen, hatte an den Steinpfeilern und Warten gekauert und nach
der Stelle hinbergestarrt, wo die Trme von Thorn in der Dmmerung lagen. Im
vergangenen Herbst war er dem einsamen Mnch ein willkommener Diener gewesen,
den Winter hauste er allein unter dem Holzdach der Klause in furchtbarer
Verlassenheit zwischen Wlfen und Krhen, fing Waldtiere in Schlingen und
richtete Vgel im Bauer ab. Jetzt trieben die Fichten neue Knospen, in dem
runden See spiegelten sich wie in einem groen Auge die Wolken des Himmels, der
Mnch war angekommen, und Dobise vernahm wieder die Stimme eines Bekannten. Er
sa am Saum des Waldes und erwartete die Heimkehr des Bruders, welcher am Morgen
aufgebrochen war, ohne ihm zu sagen wohin, und sich den ganzen Tag verweilt
hatte. Als er den leisen Schritt des Mnches hrte, wandte er den Kopf. Ist es
wahr, Vater Pankratius, da die groe Glocke, welche sie bei St. Johannes
aufgehngt haben, ihre Stimme nur hren lt, wenn zwlf Mann am Strange
ziehen?
    So ist es, antwortete der Mnch.
    Und die Bttcher ziehen, fuhr Dobise kopfschttelnd fort. Ich mchte wohl
ansehen, wenn sie die Glocke schwenken, und ich mchte den Gesang hren.
    Mancher sehnt sich nach dem, was er verloren hat, sagte der Mnch traurig,
und, erfllt von den Ereignissen des Tages, setzte er vertraulich hinzu: Es
leben noch andere in der Gegend, welche sich um die Thorner in der Stille
grmen, und sie gehen dich nahe genug an. Sieh dorthin, wo jetzt die Sonne
schwindet; hinter dem Holze liegt eine Stadt, und in der Stadt steht ein Turm,
dort hat einst dein Junker Georg mit Frau Anna, seinem Weibe, gewohnt.
    Dobises Augen zwinkerten: Ihr kommt von dort, Vater?
    Ich hatte mit dem neuen Stadtschreiber zu tun, antwortete Pankratius,
abbrechend, und schritt seiner Klause zu.
    Am nchsten Morgen fand der Mnch das Lager des Knechtes leer, und niemand
antwortete auf seinen lauten Ruf. Zu derselben Zeit lief Dobise wie ein
Hndlein, welches eine Spur verfolgt, durch Wald und Heide der Landstadt zu.
Sobald das Tor geffnet wurde, wand er sich durch die Gassen, das Auge
unverwandt nach dem Turme gerichtet. Als er Leute in den Schlohof gehen sah,
wagte auch er sich hinein und duckte sich hinter einem Haufen Bauholz in die
Ecke. Nicht lange, und die Tr des Turmes ffnete sich, ein kleiner Mann mit
faltigem Gesicht trat heraus, drckte ein Bndel Papiere unter den Arm und
schritt ber den Schlohof der Stadt zu. Dobises Augen funkelten in der dunklen
Ecke wie zwei Leuchtkfer. Wie die Sonne hher stieg und ihr warmes Licht die
dstere Masse des Turmes beschien, ffnete sich die Tr wieder, auf der Schwelle
stand ein junges Weib in Witwentracht, sie hielt einen Knaben im Arme, der mit
der Hand lustig eine Gerte schwenkte. Bald setzte sie ihn auf die Schwelle und
ging an den Brunnen. Dobise lachte ber das ganze Gesicht, er kroch hinter dem
Holze nher heran, und da er die Frau in einiger Entfernung merkte, lief er
schnell auf den Kleinen zu, hob die Gerte auf, welche diesem entfallen war, gab
sie ihm in die Hand und schlpfte in sein Versteck zurck. Am Abend sa er vor
der Htte des Mnches, schnitzelte ber Holzstben und sprach mit sich selbst:
Ich habe unserm Junker den ersten Wagen gebaut, als er zu spielen anfing, jetzt
mache ich einen neuen fr den jngsten Herrn. Wenn Lips Eske wte, was ich
wei. Als der Mnch die kleine Glocke zum Abend gelutet hatte, fiel Dobise vor
ihm nieder und bat: Segnet mich, Vater.
    Was liegt dir im Sinn, mein Sohn, fragte Pankratius verwundert.
    Ich mu fort, ehrwrdiger Vater.
    Wohin, du Tor? fragte der Mnch.
    Wer wei, wohin, Vater. Am nchsten Morgen war der Flchtling wieder
verschwunden, und diesmal kehrte er nicht zurck. Aber auf der Schwelle des
Turms stand ein kleiner, suberlich geschnitzter Wagen als Spielzeug fr das
Kind.

Wenige Wochen spter stand Georg zu Frankfurt am Main in der Herberge des
Hochmeisters, breitete auf dem Arbeitstisch des Herrn neugefertigte Urkunden aus
und stellte daneben einen Beutel mit Geld. Der feurige Jngling war zu einem
ernsten, stillen Manne geworden, lange hatte er an seiner Wunde gelitten und
nach der Genesung viele Mhe darangesetzt, bevor seine Linke die Arbeit der
verlorenen Hand verrichten lernte. Jetzt versah er bei dem Hochmeister, wenn
dieser mit seinem unsteten Haushalt zu Frankfurt weilte, die vertraulichen
Geschfte der Kanzlei und arbeitete, sooft er Mue hatte, als freiwilliger
Helfer bei einem angesehenen Kaufmann, welcher seinem Vater von Venedig her
befreundet war. Heut sah er auf die Schrift der Urkunden, welche er nach Preuen
senden sollte, und sagte trbe zu sich selbst: Die alte Handschrift ist
wiedergewonnen, aber das Lautenspiel finde ich niemals wieder. Er betrachtete
den Beutel. Im sparsamen Hause zu Thorn wurde das Geld gesammelt, und in der
Fremde verwendet's leichtherzig ein anderer.
    Der Hochmeister trat ein und wog vergngt den schweren Beutel. Dies sind
die Rlein, welche mich eine Strecke Wegs vorwrtsbringen sollen, ich frchte,
sie werden nur allzu schnell auseinanderspringen. Nimm auch dir einen Anteil
davon, Jrge, ich denke, da ich in deiner Schuld bin; und hr, geh noch heut
zum Goldschmied. Die goldene Kette, welche er mir wies, habe ich lange begehrt,
jetzt will ich sie haben.
    Erschrocken vernahm Georg diesen frstlichen Wunsch; er wute, wie lange
Fleischer und Bcker, die fr den Hofhalt geliefert hatten, nicht bezahlt waren.
Ich frchte, gndigster Herr, wandte er bescheiden ein, die Frankfurter,
welche bis jetzt die Kche versorgt haben, werden neidisch nach der Goldkette
schielen, sie drohen mit Klage.
    Vertrste sie, versprich ihnen, was du kannst, sagte der Hochmeister
gleichgltig, sie sitzen gemchlicher als ich und knnen warten.
    Sie haben aber blen Willen, und Herr Dietrich klagt, da es unmglich sei,
den Herren und Knechten noch Kost zu schaffen.
    Ich merke, auch du wandelst auf den Wegen des Marschalls und machst dich
durch Widerspruch unleidlich, ich dachte besser von dir, Jrge.
    Gestattet wenigstens, da ich fr mich nichts aus dem Beutel nehme, ich
vermag mir durchzuhelfen, aber Euer Hofhalt vermag es nicht mehr.
    Wie du willst, versetzte Herr Albrecht gekrnkt, vergi aber in Zukunft
nicht, da ich dir einen Teil angeboten habe.
    Georg beugte das Knie. Ich dachte an das frstliche Ansehen meines Herrn.
    Mein frstliches Ansehen, brach der Hochmeister bitter heraus und ging,
die Hnde zusammenpressend, im Zimmer auf und ab. Ich wei, da ich ein Bettler
bin, und du brauchst mir es nicht vorzuhalten, ich wei, da mein ganzes Leben
ein jmmerlicher Schein ist ohne Macht, da die Frsten ber mich die Achsel
zucken, die gemeinen Leute ber mich spotten. Du hast nicht ntig, meinen Stolz
zu demtigen, er wird tglich mit Fen gestoen. Du verstehst nicht, was es
heit, jahrein jahraus sich schwach und hilflos zu fhlen, alle Wochen neue
Plne zu machen und sich mit Hoffnungen zu trsten, die am nchsten Tage im
Sande verrinnen. Dennoch bin ich ein deutscher Frst, nicht schlechter als die
andern, und ich habe, da ich den weien Mantel nahm, ein Recht gewonnen auf
Landherrlichkeit und Frstenmacht. Bei aller Schmach hlt mich nur der Gedanke
aufrecht, da ich fr mich gewinnen will, was eines Edlen wrdig ist. Wie vermag
ich das, der Machtlose unter Hochfahrenden und Eigenntzigen, wenn ich nicht
wenigstens den Schein behaupte? Die Ordensbrder haben mir bitter vorgerechnet,
da ich armer Mann unter den Frsten Goldgulden verspielte. Es mag bler Brauch
sein, da edle Herren jetzt im Brett um Goldgulden spielen, und es mag ein
frommer Schwrmer dagegen predigen, da die vornehmen Leute goldene Borten und
Ketten tragen, sie tun's aber alle, und wenn ich nicht mehr tun kann wie sie,
werde ich ihnen vollends verleidet und sitze als ein Schuhu unter den Falken.
Darum liegt mir mehr an der Kette und dir mehr an den Mienen des Fleischers und
Bckers. Und heftig setzte er hinzu: Du meinst es gut in deiner Weise, und du
hast mir ohne Sorge um den eigenen Nutzen gedient; ich werde nicht zrnen, wenn
dir das ewige Borgen, Feilschen und Vertrsten verleidet wird und du mich
verlt, wie mancher andere getan. Vielleicht wrst du mir lieber, wenn du nicht
so ungeschickt ehrlich wrest, dann wte ich eher, wodurch ich dich festhalten
kann.
    Gekrnkt durch die Rede des Herrn, nahm Georg sein Bndel Papiere zusammen
und verneigte sich, um das Zimmer zu verlassen, da rief Herr Albrecht: Bleib,
ich habe unrecht, dich mit bler Laune zu plagen, du hast ohnedies Mhe mit
mir. Er legte ihm die Hand auf die Schulter. Als du mir unzufrieden
widerstandest, sah ich in dir den Sohn deines Vaters, der mich zuweilen auch
durch seine Mahnungen qult. Ihm gegenber aber fhle ich mein Gewissen
bedrckt, und ich be meine Unfreundlichkeit, indem ich dir das bekenne. Wisse,
Georg, ich habe vor Jahren deinem Vater ein Versprechen getan, da ich, der
Hochmeister des Ordens, den Polen niemals huldigen werde. Das Gelbde war
voreilig, unablssig habe ich bei aller Welt um die Freiheit meiner Herrschaft
gehandelt, gedrngt und gefleht, es war alles vergebens. Der Kaiser und der
Papst stehen auf seiten meiner Feinde, das Reich hat mich verlassen, der Orden
in Deutschland ist mir feindlich und wrde mich am liebsten aus der Welt
schaffen. Der Orden in Preuen vergeht an seiner eigenen Schwche, die starke
Stimme von Wittenberg hat dringend geraten, mit dem Zwitterwesen ein Ende zu
machen, und seit das Bchlein an die Herren des Deutschen Ordens im Druck
ausgegangen ist, verndern die Brder in Preuen eigenhndig ihren Stand, und
schon mehr als einer hat sich ein Eheweib genommen. Darum bin ich jetzt dabei,
mich in das Unvermeidliche zu fgen und mich mit meinem Oheim von Polen zu
vertragen. Mein Gelbnis halte ich nach den Worten, aber wie ich frchte, nicht
nach dem Sinn deines Vaters. Das lag mir heut schwer auf der Seele, und deshalb
war ich gegen dich widerwrtig. Denke nicht mehr daran, bat er und hielt ihm
die Hand hin.
    Herr Dietrich kam, eine Tasche mit Briefen in der Hand. Gute Zeitungen!
rief er, hier ist das Schreiben des Knigs von Polen an Eure frstliche Gnaden;
die Entscheidung ist gefallen, wir reisen nach Krakau. Und zu Georg sagte er
leise: Auch fr Euch ist ein Schreiben darunter. Georg trat in das Vorzimmer
und ffnete den Brief. Es war die Handschrift seines getreuen Gesellen Lips
Eske, und es waren nur wenige Zeilen, darin stand etwas von seinem Weibe, von
seinem Sohn und von einem Turmgemach. Alles wurde undeutlich im wilden Sturme,
der ihm die Gedanken umhertrieb, den Mund zum Lachen verzog und die Augen mit
Trnen fllte; nur den Turm sah er vor sich, schwarz war die Mauer, und auf
halber Hhe wuchs aus dem Stein eine Eberesche, welche die Vgel geset hatten.
Dorthin ging jetzt sein Weg. Ihm war, als ob Herr Albrecht ihm zum Abschied
sagte: Du glcklicher Jrge, und da ihm selbst wegen dieser Worte die Stimme
beim letzten Gru versagte. Er merkte, da er im Kontor des befreundeten
Kaufmanns stand und auf die kunstvolle Scheide eines Messers sah, das ihm der
Frankfurter zu seiner Reise verehrte; dann fand er sich im Stall, sein Pferd
sattelnd, und darauf vor der Herberge, einen Fu im Steigbgel, und ihm war, als
ob Herr Dietrich ihn lustig auf die Achsel schlge. Bald ritt er auf der
Landstrae. In den Grten blhten die Apfelbume, es war hier wrmer als da, wo
die Esche aus dem Stein wuchs. Denn er war erst im Anfang des Weges, der hundert
Meilen ber Berg und Tal dem Aufgang der Sonne zufhrte. Und er meinte zu sehen,
wie ihre ersten Strahlen das Dach des Turmes rteten und immer mehr von dem
Gemuer vergoldeten, bis die Schwelle im hellen Lichte lag; und auf der Schwelle
sa sein Sohn. So schrieb Lips Eske. Wie konnte der Sohn auf dem kalten Stein
sitzen? Oft hatte er ihn geschaut in schwerer, banger Zeit als ein kleines
nacktes Kind, mit wenig Hrlein auf dem Kopfe, wie es ihm von den Frauen
entgegengehalten wurde. Nackt war das Kind und winzig klein, welches er wachend
und trumend in sich herumtrug und das er jetzt wieder vor sich sah; ganz
deutlich schwebte es ihm zugewandt in der Luft und zeigte ihm den Weg nach dem
Turme. Wie konnte das Kleine auf der Schwelle sitzen und spielen? Da merkte er,
da er jahrelang einsam und elend gewesen war, und die Trnen strzten ihm aus
den Augen in Wehmut ber sein langes Leid. - Er ritt weiter gen Norden und
Osten; in den Drfern klang Sturmgelut, und Haufen bewaffneter Bauern umringten
ihn, er vernahm drohenden Anruf, sah eiserne Flegel und Morgensterne gegen sich
gehoben und bat herzlich: Lat mich ziehen, ich bin ein armer Vater, der sein
Weib und Kind jahrelang als tot betrauert hat, und jetzt hre ich, da sie
leben, darum will ich zu ihnen. Die Landleute senkten ihre Waffen und lieen
ihn durch. Er kam in das Land des Kurfrsten von Sachsen und ritt lngs der
thringischen Berge bei der Burg vorber, in welcher ein anderer lange Zeit
verborgen gelebt hatte, whrend das Volk seinen Untergang betrauerte. Er
gedachte der Stunde, wo sein liebes Weib fr den Verlorenen die Hnde faltete,
als sie im Turm zwischen ihm und ihrem Vater sa. Und in ihm klangen die Worte
wider: Jener wurde damals bewahrt vor dem Verderben, auch wir drfen wieder
Gutes hoffen.
    So drang er bis an die Elbe. Als er von seinem mden Pferde gestiegen war
und am Ufer auf den Fhrmann wartete, sangen die Kinder auf einem umgestrzten
Kahn in der Nhe. Ihm fiel das Lied von der Jungfrau bei, welche im Strome
versenkt werden soll und durch den Geliebten gelst wird. Zum erstenmal seit
Jahren vermochte er die Worte zu ertragen, und whrend er leise vor sich
hinsang, berkam ihn wieder das Entsetzen jener Stunde, wo Henner von dem
umgeschlagenen Kahn berichtet hatte; und er fuhr mitten im Liede wild empor, als
er neben sich die Stimme seines alten Gesellen Wuz hrte, denn er meinte das
Frchterliche noch einmal zu erleben. Aber Wuz stand wirklich vor ihm und auer
diesem noch einige Genossen aus dem Schlohofe; rings um sich vernahm er frohen
Zuruf, und auch er umarmte den Wuz und den Benz wie seine besten Freunde und
sagte ihnen glcklich: Verweilt mich nicht, liebe Gesellen, die Fhnrichin
lebt, und mein Sohn lebt, und ich ziehe zu ihnen, denn sie wohnen im Turme. Da
freuten sich die alten Knechte ber ihn; sie streichelten sein Pferd, einer lief
und holte Hafer und Heu, und Wuz griff sogar in seinen Sckel, welcher leicht
war, und wollte ihm daraus mitteilen. Er hrte, da sie nach Torgau reisten, um
sich dem Kurfrsten als Trabanten anzubieten; und wie er mit seinem Pferde auf
der Fhre stand, erscholl ihr lauter Zuruf: Grt die Frau Fhnrichin von der
Bruderschaft, und sie soll unser im Guten gedenken.
    Durch Sand und Kiefernholz fhrte die Strae, die Grben waren mit
Winterschnee gesumt, die Krhen flogen ber das de Land, und der Weg wurde
mhsam, denn die Landschaft war auf mehrere Tagereisen berchtigt als Aufenthalt
grausamer Buschklepper; in den schlechten Herbergen verschwand mancher Wanderer
fr immer aus dem Tageslicht, und jeder Reisende mute Not leiden. Aber die
Sorge vermochte noch nicht aufzukommen, sein Rlein wieherte, ein frischer
Reisewind streifte seine Wange, und vor ihm schwebte wie leibhaftig eine
Gestalt: das kleine nackte Kind glitt ihm zugewandt ber Feld und Heide, ber
Wasser und Wald dem Turme zu. Deutlich schaute er das Kind, welches den Weg
wies, und deutlich schaute er das dunkle Gemuer, dem er zuzog; doch das Bild
des Weibes sah er nicht auer sich, sie war bei ihm in seinen Gedanken, sprach
ihm in das Ohr, lehnte an seiner Schulter und schlummerte an seiner Seite auf
dem Lager.
    Endlich stand er an dem Strome der Heimat und blickte ber das wilde Wasser,
dort lag die Schenke, und dort ragten die Deiche, wie an jenem Morgen, wo er mit
Anna ein Gefangener der Landsknechte wurde. Jetzt legte sich die Angst um seine
Brust, in welcher Gesinnung ihm sein Weib entgegentreten werde und ob er dem
Magister die Feindschaft seines Vaters entgelten msse. Denn durch seinen
Gesellen Eske war ihm nicht verhehlt worden, wie grausam der Kaufherr mit dem
Gelehrten gehandelt hatte, und zwischen ihm und seinem Vater war seit jener Zeit
in Briefen kein vertraulicher Gru gewechselt worden, nur mit kalter Vorsicht
das Ntigste. Wild rief er nach dem Fhrmann, sein Herz pochte, da er den Atem
verlor, und endlos dnkte ihm die Breite des tckischen Stromes. Dann trieb er
sein Pferd auf dem Wege, den er einst neben dem toten Hauptmann durchmessen, und
hob sich im Steigbgel, um ber Heide und Holz das Schlo auf der Hhe zu
erkennen. Vor ihm stieg es empor als ein dunkler Schatten, und er jagte darauf
zu wie an jenem Winterabende, wo er nach dem Lichtschein im Fenster gespht
hatte. Alles Schauen und alles Denken ging verloren in dem heien Fieber,
welches ihn schttelte. Er sprengte durch das Stadttor, undeutlich kam ihm vor,
als ob andere Menschen wie sonst in den Gassen liefen und da die Handwerker
wieder in ihren Stuben bei der Arbeit saen. Er spornte sein Pferd den
Schloberg hinauf, sprang ab und schlang den Zgel in den Ring des Pfostens. Wie
gelhmt schritt er in den Hof, die Turmpforte stand geffnet, und die Zweige der
Esche bewegten sich im Winde, mattes Sonnenlicht lag auf dem Wege, und vor der
Turmschwelle lief ein Knabe umher; er hatte kleine blonde Locken und rosige
Wangen und stapfte mit den Beinchen krftig auf die Erde. Georg stand
erschrocken. Dort ist es; von ihr kam es, und mir gehrt es; es gleicht einem
Engel. Aber es sieht weit anders aus als mein armes kleines Kind. - Romulus,
rief er, kaum brachte er das Wort aus der heiseren Kehle. Der Knabe sah zu dem
fremden Mann auf und lachte ihn an. Da schrie der Vater laut, ri den Knaben zu
sich und sprang mit ihm in den Turm. Niemand war darin, aber alles wie sonst:
der Herd, die Treppe, das Lager; er warf sich auf den Sessel am Herde nieder und
kte den Kleinen auf Stirn, Wangen und Mund. Das Kind aber wurde bei den
Liebkosungen des Mannes ngstlich und rief nach der Mutter. Und er setzte seinen
Sohn, der ihn nicht kannte, betubt zu Boden.
    Unterdes bellte laut und lauter das Hndlein, sprang an ihm herauf und legte
sich vor ihm auf den Rcken, bis eine Frau eilig die Treppe herabkam in dunklem
Gewande, das Haar in einer Witwenhaube verborgen. Zwei leise Rufe des Schreckens
und Entzckens, sein Weib flog ihm entgegen, warf sich an seinen Hals, und er
hielt sie an seinem Herzen. Unsglich war das Elend der letzten Jahre gewesen,
und unsglich war die Seligkeit dieses Augenblicks. Als sie endlich unter Trnen
und Kssen die Worte fanden, sprach Anna leise: Ich wute, da du mich hier
finden wrdest, und den Knaben zu ihm aufhebend, rief sie: Hier ist dein Sohn,
und du, Knabe, sprich: lieber Vater. Er ist die Rede gewhnt, denn ich habe sie
ihn alle Tage gelehrt. Da sah das Kind von einem zum andern und verstand alles,
es wute, da der Vater gekommen war und sagte leise die ehrwrdigen Worte nach.
Als aber Georg den Sohn vom Arme der Mutter hob, erkannte sie erst, da der
Gemahl die rechte Hand unbehilflich regte, sie fate den Arm und sank an seiner
Seite auf die Knie.
    Der Dmmerschein des heimlichen Raumes schwand in dem kalten Tageslicht, das
durch die offene Tr hereinfiel. Der Magister stand vor den Gatten: Was drngt
Ihr Euch aufs neue zu meiner unglcklichen Tochter, Junker Georg Knig? Das
Weib, welches einst allzu willig Eurer Liebe vertraut hat, ist von Euch
geschieden und tot. Die hier lebt, gehrt nur mir. Hinweg von meiner Tochter!
    Anna erhob sich und trat dem Alten gegenber. Es ist mein Hausherr, Vater,
der zu mir und meinem Kinde heimkehrt.
    Sendet Euch der ungerechte Mann, welcher Euer Vater und Herr ist, so will
ich mich mhen, die tdliche Krnkung unserer Ehre zu vergessen. Kommt Ihr mit
eigenmchtiger Werbung wie vor Zeiten, so gebiete ich Euch: weicht von hinnen!
    Ich komme weit her aus dem Reiche, um mein Weib und Kind zu fordern, und
nicht Ihr und nicht mein eigener Vater drfen sie mir weigern.
    Wit Ihr, wozu Euer Vater mein Kind gemacht hat? Geht nach Thorn und hrt
es aus seinem eigenen Munde.
    Da warf sich Anna um den Hals des Gatten und rief dem Alten zu: Ihr habt
zwei Hnde, um mich von seinem Herzen zu reien, er vermag nur eine zu regen, um
mich festzuhalten. Gedenkt, da er die Hand verlor, weil er um meinetwillen
seine Freiheit hingab.
    Der Magister starrte auf den Handschuh der Holzhand und murrte: Scvola,
griff suchend in die Tasche und ging mit groen Schritten auf und ab. Hier
verweilen drft Ihr nicht, Georg, begann er endlich, was aus uns allen werden
soll, wei ich nicht zu sagen. Kein Richter im Lande soll, weil ich lebe, ber
Ehre oder Unehre meines Kindes absprechen, und Gott im Himmel allein vermag
zwischen uns und Eurem Geschlecht zu entscheiden.
    Georg schwieg, aber er drckte seinen Sohn fest an sich. Wieder ging der
Magister auf und ab.
    Vater, flehte Anna, einer lebt auf Erden, den der liebe Gott zum Ratgeber
fr angstvolle Gewissen bestellt hat.
    Willst du einen Fremden zum Richter machen ber deine und meine Treue?
fragte Georg traurig.
    Da hob Anna die gefalteten Hnde. Er ist kein Fremder fr dich und mich,
denn er hat durch seine Lehre geholfen, da ich die Trennung von dir ertrug.
    Wieder hielt der Magister vor dem Gaste an. Ist meine Tochter vor Gott und
den Menschen Euer eheliches Weib, so gehrt sie mit ihrem Kinde Euch, ist sie es
nicht, so bleibt sie mein. Darum lade ich Euch im zweiten Monat von heut, an
demselben Tage, zu dieser Stunde, an die Klosterpforte der Augustiner zu
Wittenberg. Dort soll ein Richter ber Euer Anrecht entscheiden. Hier aber
gestatte ich Euch unter meinen Augen nur so lange Zeit, als ein Wanderer
braucht, um auszuruhen, nicht lnger.
    Ich fge mich Eurem Willen, Herr Vater, sprach Georg. Hat der Richter
gesprochen, so sage ich ihm und Euch, was mir mein Gewissen gebietet.
    Er rastete und hielt das Weib in seinem Arm, den Sohn auf dem Schoe; der
Magister aber ging schweigend vor ihm auf und ab.

Marcus wog einen Brief des Dietrich von Schnberg in seiner Hand, und ein herbes
Lcheln fuhr ber sein Antlitz. In den Tagen junger Freundschaft schrieb der
Herr selbst, jetzt versieht der behende Diener die lstige Arbeit. Je schwerer
das Gewicht des Geldes wird, welches ich ihnen zutrage, um so flchtiger wird
ihre Antwort auf die Fragen, welche ich in banger Sorge tue. Er las: Die
Zusammenkunft meines gndigen Herrn mit dem Knige von Polen ist endlich
durchgesetzt, der Hochmeister rstet sich zur Reise nach Krakau, und die
Entscheidung steht bevor. Auch Ihr, mein gnstiger Herr und guter Freund, mgt
den Ausgang mit gutem Vertrauen erwarten und Euch durch allerlei Gerchte nicht
beirren lassen, denn wir haben Sicherheit, da der Knig in hchster
Notwendigkeit ist, den alten Streit zu beenden. Die edlen Herren haben darber
bereits vertraulich eigenhndige Briefe gewechselt. Marcus sah auf: Ist die
Freundschaft der Edlen pltzlich so warm geworden? Sie bedroht das Preuenland
mit kaltem Wetter. Er las weiter: Ich darf dem Papier nicht bergeben, was noch
als Geheimnis bewahrt werden mu, damit nicht unsere Feinde in der letzten
Stunde die Vollendung hindern. Aber Seine frstliche Gnaden befehlen mir, Euch
mitzuteilen, wenn in dem Vertrage auch nicht alles erreicht werde, was wir in
dem letzten Jahre betrieben haben, so steht doch ein fester Friede in Aussicht
und fr das Land unseres gndigen Herrn eine heilsame Zukunft. Marcus
schleuderte den Brief auf den Tisch. Ich verstehe die Meinung. Thorn und das
Weichselland sind den Polen preisgegeben, und wir zahlen mit unserer Zukunft und
unserem Gelde dafr, da der Hochmeister fr sich und sein Land des
schmachvollen Lehnseides enthoben wird. - Du hast lange gelebt, Alter, und
solltest gewhnt sein, da deine Hoffnungen eitel und nichtig dahinflattern, und
doch fhlst du so heien Schmerz ber diese letzte Enttuschung. Fge dich,
stolzer Sinn, begnge dich mit dem kleinen Trost, da Mhe und Opfer doch nicht
ganz vergeblich waren. Wenn Onkel und Neffe einander noch so warmherzig die
Hnde reichen, sie werden nicht hindern, da die Feindschaft zwischen dem freien
Ordenslande und Polen aufs neue entbrennt. Was wir nicht vollendeten, das mu
den Shnen gelingen. Ich aber frage, wo ist mein Sohn, da ich ihm die Erbschaft
bergebe? Sein Erbteil an Geld ist klein geworden, dafr lege ich ihm eine groe
Forderung auf die Seele, da er hasse und treibe wie sein Vater und, gefllt's
dem Himmel, mit besserem Glck. Er nahm den Brief auf und sah nach dem Datum:
Das Schreiben war lange unterwegs, und manches mag unterdes geschehen sein.
    Auf dem Markt liefen die Leute zusammen, sie sammelten sich in Haufen vor
dem Rathause. Bernd kam eilig herein, der Schrecken lag ber seinem behaglichen
Gesicht. Ein polnischer Bote trgt dem Rate seltsame Kunde zu. Habt Ihr sie
vernommen? Es gibt keinen Hochmeister mehr.
    Marcus fuhr in die Hhe: Ist Herr Albrecht tot?
    Nein, der Herr lebt, aber der Deutsche Orden in Preuen hat, wie sie sagen,
ein Ende. Herr Albrecht hat den Ordensmantel abgelegt, ist in weltlichen Stand
bergetreten und durch den Knig von Polen unter polnischer Hoheit als Herzog
eingesetzt worden, er selbst und sein ganzes Geschlecht.
    Da lchelte der Kaufherr und zuckte die Achseln. Du bist alt genug, um zu
wissen, was von Gerchten zu halten ist, zumal von der Meldung polnischer
Boten.
    Der Bote ritt den weiten Weg von Krakau hierher, um dem Rate die Nachricht
zu bringen.
    Marcus lchelte wieder: Er wurde getuscht oder er will die Brger
tuschen, denn dies ist unmglich. Ich habe einen Brief erhalten, der weit
anderes meldet, und, was schwerer wiegt, ich habe ein Gelbnis des Hochmeisters
selbst; ist er auch kein Mann von hartem Stahl, er hlt sein Wort.
    Soweit er vermag, versetzte Bernd kopfschttelnd. Wer darf in den groen
Welthndeln auf Jahre hinaus beeiden, was er dereinst tun wird?
    Niemand kann das, aber ein Mann darf sagen, was er nicht tun wird.
    Wieder schttelte Bernd den Kopf.
    An der Haustr tnte ein scharfer Schlag, der Gehilfe rief seinen Herrn auf
die Schwelle. Vor dem Hause stand der Ratsbote mit Hans Buck und zwischen ihnen
der Knecht Dobise. Der Rat sendet Euch Euren Knecht, begann Hans Buck, er
kehrte freiwillig zurck und trat in mein Gehege. Sein Kopf gehrt mir, und ich
fordere ihn von Euch.
    Guten Tag, Meister, grte Dobise demtig, da Ihr mir Tag und Stunde
freigelassen habt, so komme ich erst jetzt, nehmt's nicht fr ungut.
    Und warum kommst du jetzt? fragte Marcus.
    Herr, es wollte mir in der Fremde nicht mehr gefallen, und nach dem, was
ich in den letzten Wochen erfahren habe, bin ich ganz zufrieden, da es mit uns
beiden zu Ende geht. Nach uns kommen andere. Vor Hans Buck frchte ich mich
nicht, ich habe ihm oft zugesehen, und einen besseren finde ich nirgends. Hans
Buck lchelte wohlwollend ber das Lob.
    Nehmt den Mann, Ratsbote, und verwahrt seinen Hals, bis ich ihn abfordere.
    Er treibt sich seit lange in der Gegend umher, erklrte Lischke; und
wurde zuerst vor mehreren Wochen im Hause des gebietenden Herrn Eske erkannt,
dann sa er zuweilen auf dem Kirchhofe von St. Johann, erst heut gab er sich
unter die Hand von Hans Buck.
    Was kann ich noch fr dich tun, du Armer? fragte Marcus.
    Dobise drehte die Mtze in den Fusten: Wenn es Euch nichts verschlge, so
mchte ich noch einmal zusehen, wie sie die neue Glocke ziehen.
    Dazu kann Rat werden, sagte der Ratsbote, froh ber die Neuigkeiten,
welche er wute. Denn es ist Befehl erteilt, morgen mit allen Glocken zu
luten, um den Frieden mit dem neuen Herzog Albrecht einzuweihen. Ich selbst
gehe jetzt mit dem Ausrufer, zu verknden, da der Herzog unserm Knige
gehuldigt hat und zum Dank in dem frheren Ordenslande wieder eingesetzt ist.
Morgen kommt Herr Albrecht selbst in die Stadt, der Lufer hat ihn angekndigt,
und die gebietenden Herren wollen ihn festlich empfangen.
    Da winkte Marcus mit der Hand, da sie sich entfernten, und Bernd schlo die
Tr.
    Der Abend kam heran, auf den Straen trieb die frohe Menge umher, aus den
Fenstern blinkten Lichter und lustige Herdfeuer, alle Tren waren geffnet, und
die Freunde der Hausbewohner gingen aus und ein. Nur das Eckhaus am Markte stand
finster und verschlossen, kein Lichtschein verriet, da es bewohnt sei, und kein
Besucher hob den Klopfer der Haustr.
    Erst am andern Morgen, als alle Glocken der Stadt miteinander das feierliche
Friedensgelut anstimmten, wurde die groe Torfahrt geffnet, Marcus Knig ritt
aus seinem Hofe, wie ein Kriegsmann gerstet. Im Tor stand die alte Dienstmagd
und barg ihr Schluchzen hinter der Schrze, und Bernd ging barhuptig zur Seite
des Reiters, vergebens bemht, seine Fassung zu behaupten. Auf dem Markt wandte
der Kaufherr das finstere Antlitz noch einmal nach dem Hause seiner Vter und
gebot von der Hhe seinem Gehilfen: Sollte der neue Herzog von Preuen nach dem
Hauswirt fragen, so sage ihm, Marcus Knig sei fr Seine herzoglichen Gnaden
nicht bei Wege. Er reitet ber Land und lt seinen Knecht henken, weil dieser
ihm einen Eidschwur gehalten hat.
    Langsam und allein zog er unter dem Gelut der Glocken zum Tore hinaus.
    Auf dem Dorfgrunde unweit des Stadtweges war der Galgenhgel, dort hielt der
Karren mit Hans Buck und Dobise. Marcus stieg vom Pferde, schritt, von
Bewaffneten seines festen Hauses umgeben, nach der Anhhe und gab dem
Scharfrichter das Zeichen. Dobise kletterte willig die Leiter hinauf und sah
ber das Geblk auf den Himmel und die grnende Flur. Alles blau und grn,
sagte er kopfschttelnd.
    Sieh dir die Sache genau an, ermunterte Hans Buck, der zur Seite ber dem
Querholz sa, wir haben keine Eile.
    Dort sehe ich die Trme unserer Stadt, der Ratsturm hat ein neues Dach, das
hlt wieder eine Weile.
    Bis es herunterfllt wie das alte, versetzte bedchtig sein Nachbar.
    Mein Alter sieht aus wie ein Kriegsmann, fuhr Dobise fort, er trgt
selten die Brustplatte und das lange Schwert.
    Heut hat er es als Gerichtsherr dir zu Ehren angelegt, sagte Hans Buck.
    Niemals ist einer so hinausgefahren wie ich, whrend die zwlf Bttcher
zogen, berhmte sich Dobise, und mich freut's, da der Alte mir die letzte
Ehre erweist. Er denkt daran, da ich zu ihm gehre.
    Du bist von deinen Vtern her sein Knecht?
    Dobise nickte. Die Brger wollen die Leute meines Geschlechts nicht mehr in
der Stadt leiden. Doch er und ich, wir gehren von Vater und Mutter zusammen,
ich bin im Thorner Lande der letzte von den alten Preuen, und er ist der letzte
von den alten Deutschen. Und jetzt geht es auch mit uns beiden zu Ende. Hans
Buck sah ihn fragend an und hob die Schlinge, Dobise half sie um den Hals legen.
Aber der Alte wei doch nicht, was ich wei; denn, Hans Buck, ich habe gesehen,
wie sein Enkel die Gerte schwenkte.
    Was spricht der arme Snder? fragte von unten eine starke Stimme.
    Lebt wohl, Hans Buck, rief Dobise und sprang von der Leiter.
    Schneide ab, schrie Marcus.
    Der Henker zerschnitt mit Hilfe des Knechtes eilig den Strick. Der gute
Wille war vergeblich, Herr; er sprang zu jach in die Luft, das Genick ist
gebrochen.
    In einer Ecke des kleinen Friedhofs wurde die Ruhesttte geschaufelt; die
Schollen rollten auf den Leib, der Wind wehte, und die Wolken flogen, whrend
Marcus am Grabe seines Knechtes auf den Knien lag.

Den Tag darauf standen die neuen Ratsmnner Kunz Lohgerber und Barthel Schneider
am Ufer der Weichsel und sahen ber den leeren Ladeplatz, zu dem nur einige
Holzfle trieben. Der Friede ist verkndet, begann Kunz, ich gedenke der
Zeit, wo die schweren Khne hier so dicht lagen, da man Mhe hatte, einen Kbel
Wasser zu schpfen. Ob sich's wieder fllen wird?
    Dort stt der groe Danziger gegen den Strom heran, antwortete sein
Nachbar, wunderlich ist es, da er zurckkommt; er hat fr Marcus Knig geladen
und lag die letzte Nacht unterwrts am Ufer. Seht, er hat sich wie ein
Kriegsschiff gerstet, eine Schanze um den Mastkorb gebaut, und, meiner Treu,
ich erkenne bewaffnete Mnner im Korbe; meint Ihr nicht, da wir Lrm machen?
    Hier kommt jemand, der Euch die Sorge abnehmen wird, der Burggraf mit
seinen Trabanten. Das Schiff bleibt im Strome, und der Ratskahn legt an, der
Burggraf selber will den alten Knig zum Land fahren.
    Ob zu einem Festmahle oder in den Turm? Nun, es haben schon bessere Leute
darin gesessen als der alte Papist.
    Der Kahn des Rates fhrte den Burggrafen an das Schiff; Hutfeld bestieg die
Planken, Marcus begrte ihn an der Treppe. Ich danke Euch, hochgebietender
Herr, da Ihr gegen den Brauch des Rates nicht verschmht, die Fahrt im
Stadtgebiet auf einem fremden Schiff zu machen.
    Der Burggraf warf einen besorgten Blick nach dem Korbe, in welchem
Bewaffnete ihre Rohre steif am Fu hielten, und nach dem Steuer, wo neben einem
fremden Maat Hendrick, der Schiffer, seine Mtze lftete: Sind die
Schiffskinder auch zum Teil Fremde, antwortete er lchelnd, der Schiffsmeister
ist ein Brger von Thorn.
    Er war es bis jetzt, versetzte Marcus.
    Hutfeld sah nach dem Kahne zurck, dann ma er prfend das dstere Antlitz
seines Gegners. Ich war bis jetzt Brger dieser Stadt, fuhr Marcus fort, und
um mich von den Mauern zu scheiden, in denen die Sorge uns beiden das Haar
gebleicht hatte, habe ich dich, mein Schwager, hierhergeladen. Ich denke, es
sind die letzten Augenblicke, in denen wir einander gegenberstehen. Den
Burggrafen der Stadt htte ich nicht bemht, den Bruder meines lieben Weibes
wollte ich noch einmal gren, bevor ich von hier gehe; denn mein Fu betritt
die Straen von Thorn nicht wieder.
    Hutfeld fate seine Hand. Die Stimme alter Freundschaft hre ich nach
Jahren zum erstenmal aus deinem Munde; zrne nicht, wenn ich widerstrebe, da
diese Stunde die letzte sein soll, in der ich dich sehe.
    Auch du, dessen Klugheit und Vorsicht ich heut mit schwerem Herzen loben
mu, wirst meinen Entschlu nicht beugen. - Den Burgwald von Nessau und das
Landgut, welche ich als altes Erbe meines Geschlechts berkam, begehrt der Rat.
Der Preis, welcher mir geboten wurde, ist so gering, da ich ihn zu anderer Zeit
abgelehnt htte, jetzt ist er mir willkommen, denn, Konrad, ich bin kein reicher
Mann mehr.
    Das habe ich gefrchtet, sagte der Burggraf. Es war ein Unglckstag, wo
der Herzog von Preuen in deinem Hause Einlager hielt.
    Weit du dies, du scharfblickender Mann, so weit du auch mehr. Du warst
der Gegner, der meine stillen Wege aufsprte, und du gewannst das Spiel, weil du
mehr von mir wutest als andere.
    Nicht ich, Marcus. Du rangst gegen eine Flut, welche uns alle bermchtig
forttreibt.
    Vielleicht, sagte der Kaufmann, das Haupt neigend. Diese Planken sind
Danziger Grund, und auf fremdem Boden darf ich dir sagen, da ich getan habe,
wahrlich aus Liebe zur Stadt, was mich ausschliet von der Tafel Eures Hofes und
von dem Glockengelut Eurer Trme. Den Rat wollte ich werfen und die Stadt in
die Gewalt des deutschen Hochmeisters zurckbringen als ein wertvolles
Unterpfand fr seinen Frieden mit Polen. Jahre hindurch habe ich unter Euch
gelebt als Euer Todfeind.
    Wozu von Vergangenem reden? Dir frommt nicht, es zu sagen, mir nicht, es zu
hren.
    Du darfst es doch hren, Konrad, denn deiner Migung verdanke ich, da ich
heut vor dir stehe.
    Ob du mit Grund sprichst oder nicht, ich weigere dir die Antwort,
antwortete Hutfeld, wre es aber, wie du sagst, so weit du auch, da in dem
Frieden Verzeihung fr alle Parteinahme ausbedungen ist. Httest du Unrecht
gebt gegen die Stadt und die Krone Polen, es wre jetzt geshnt.
    Du sagst es, versetzte Marcus, aber du weit auch, da es fr den Kampf
um die Herrschaft kein Vergessen gibt. Bald wrden der Knig und der Rat einen
Vorwand finden, mir an Habe und Hals zu gehen. Und zrne mir nicht, wenn ich es
sage, ich bin zu stolz, um lnger als dein Schtzling zu leben, der auch dir
unablssig die Sicherheit gefhrdet.
    Der Kampf ist ausgetragen und wir werden alt, sprach bittend der Burggraf,
und ich denke, ebenso wie das Weichselland und die Stadt begehren wir beide
fortan den Frieden.
    Nicht ich, rief Marcus zornig. Knnt Ihr verzeihen, ich vermag es nicht.
Er wandte sich rckwrts, wo die Mauern und Trme von Thorn ragten. Einst
priesen dich die Nachbarn als Knigin der Weichsel, jetzt ist die Krone fr
immer von deinem Haupt gerissen; zu einer polnischen Metze bist du geworden, der
die Knige einmal ein Almosen hinwerfen, um sie darauf wieder mit Ruten zu
streichen nach ihrem Gefallen.
    Lstere nicht, Marcus, in der letzten Stunde die Stadt, welche dich geboren
und lange getragen hat, mahnte Hutfeld, blutiger Zwist und Krieg waren fast
hundert Jahre im Lande, Drfer sind geschwunden, durch menschenleere Einden
schweifen die Raubtiere, aber die alte Stadt steht als ein sicherer Schutz fr
ihre Getreuen und als gastfreie Zuflucht fr Flchtlinge aus aller Herren
Lndern. Der Spruch unseres Fhnleins, der in harter Zeit darauf gesetzt wurde,
hat sich als wahr erwiesen, sie hat's berdauert.
    Ja, zwischen feindlichen Flammen, wie der Wurm, den niemand kennt. Hoffe
nicht, da in dem polnischen Feuer deine Brger gedeihen werden. Verhat ist die
deutsche Art dem fremden Volke, verhat euer Reichtum dem polnischen Edelmann
und euer Stolz dem Palatin, der ber euch herrschen will. Scheuen sie sich, die
Tore zu brechen, so werden sie zu den Pforten hineinschlpfen, und frchten sie
eure helle Klage, so werden sie langsam durch Schmeichelei und hohles Getn der
Worte euch zu Knechten machen.
    Nicht wir haben die Feindschaft geschaffen, Marcus, die dich jetzt von uns
scheidet, wir haben sie als ein Erbe von den Vtern berkommen. Was die Zukunft
uns bringt, dafr mgen die Knftigen sorgen, wir tun heut und morgen, was wir
mssen.
    Bis der Tag kommt, wo das schwarze Gerst, das fr meinen Vater errichtet
wurde, wieder auf dem Markte von Thorn erhht wird, damit die Polen die Hupter
eurer Nachkommen werfen. Das ist der letzte Gru, mit dem ich von euch scheide,
als ein Flchtling, der eine Sttte sucht, wo er unter freien Landsleuten sein
Haupt bergen kann. Dir aber, Konrad, bergebe ich die Sorge fr die Grber
meines Geschlechtes, du warst der erste Freund meiner Jugend, du bliebst dem
Alten hochgesinnt auch als Feind.
    Der Burggraf umfate den Scheidenden, er fhlte den krampfhaften Hndedruck
und sah das Zucken in dem Antlitz des andern. Gleich darauf trieb sein Kahn auf
dem gelben Wasser der Stadt zu. Als er noch einmal zurckschaute, stand Marcus,
den Blick nach dem dunklen Norden gerichtet, dem die Strmung zueilte, rastlos
und unaufhaltsam.
    Der Einsame hob die Augen zu dem Wolkenhimmel und suchte nach einer Stelle,
wo die Himmelsblue sichtbar wre, es war alles in Grau gehllt. Nichtig war
seine Erdenarbeit gewesen, all seine Hingabe eitel und nutzlos. Keiner der
Frbitter, wie ngstlich er sein Lebelang um ihre Gunst geworben, hatte
vermocht, ihm den groen Wunsch zu gewhren. Auch sie erschienen ihm kalt und
fremd, alt und machtlos, und er gedachte ihrer wie ein gottloser Mann; fruchtlos
war alle Gabe und Verehrung, welche Bittende ihnen zollten, und verchtlich das
Drngen der Pfaffen, welche fr jeden beteten, der die Macht hatte und der sie
bezahlte. Jetzt feierten sie das Hochamt um einen unseligen Frieden und flehten
fr das Wohl des Polenknigs. Er setzte sich nieder und barg das Gesicht in den
Hnden. Gnade fr dieses Leben hatte er nicht gefunden, und er glaubte nicht
mehr, da seine Rechnung mit dem Himmel ihm fr das Jenseits heilsam sein werde.
    Das Schiff legte bei, Marcus fuhr auf, neben ihm stand der Schiffer Hendrick
und wies auf die Steinsule am Ufer. Ihr wit, es ist Brauch, an dem Bilde der
Jungfrau zu halten und um gnstige Fahrt zu bitten. Hier war es auch, wo Euer
Sohn auf seiner Flucht das Boot des Elbingers betrat. Marcus wandte sich ab und
barg wieder seine Augen in der Hand. Auch er ist mir durch fremde Schuld
verdorben, und wenn ich ihn wiedersehe, wird er mein Gegner, sprach er finster
vor sich hin.
    Da klang ber das Deck der flehende Ruf: Mein Vater! Und der Sohn warf
sich vor seine Fe und umschlang ihn mit den Armen.

                              Bei den Augustinern


In der Schreibstube des Doktor Martinus Luther zu Wittenberg standen der
Magister und Anna mit dem Knaben und vernahmen die Worte des verehrten Mannes:
Mir ist durch Magister Philippus Gutes ber Euch und Euer Kind berichtet, und
ich will es an mir nicht fehlen lassen, damit der Zweifel und die Unsicherheit
ein Ende nehmen, welche jetzt Euer Leben verstren. Denn in Gewissensnten
schlgt an den Zweifel gern der leidige Teufel seine Krallen, und jede
Sicherheit, selbst wenn sie schmerzlich ist, hilft eher zur Gesundheit der Seele
und des Leibes. Und gegen Anna fuhr er gtig fort: Es ist ein seltsamer
Handel, um den Ihr mit Eurem Sohne die weite Reise unternommen habt, mge sie
auch dem vaterlosen Kinde frommen. Er strich dem Kleinen ber das Haar. Ich
denke, dieser hat dazu geholfen, da Ihr die traurige Verlassenheit tapfer
ertrugt; er nchst Eurem Gottvertrauen, denn auch davon ist mir Kunde
zugegangen.
    Romulus sah zu dem Doktor auf und verstand, da der Herr es gut zu ihm
meinte und hier zu befehlen hatte. Aber der Handel, welcher die Groen
bekmmerte, machte ihm heut wenig Sorge. Denn noch erfllt von der Reise, dachte
er vielmehr darauf, wieder in die Welt zu fahren, und achtete begehrlich auf
zwei schwarze Filzschuhe hinter dem Ofen, um diese als Gule anzuschirren.
    Ein junger Mann, in der Tracht eines Schlers, ffnete leise die Tr. Euer
Verlobter ist zur Stelle, sagte der Doktor, lat euch beide gefallen, da ich
euch in dieser Stube bewahre, denn ich will den Junker zuerst allein sehen.
    Mit pochendem Herzen ffnete Georg die Pforte zum Kloster, die Scheu vor dem
mchtigen Manne und schwere Ahnung bedrckten ihm die Seele, auch ein Rest des
alten Trotzes, da der Priester ber das Glck seines Lebens entscheiden sollte.
Auf der Bank vor dem Hause sa ein Jngling ber einem groen Buche. Als Georg
grend seinen Namen nannte, erhob sich der andere: Der Herr Doktor ist noch
beschftigt, Ihr mgt hier niedersitzen und seiner harren.
    Georg sa allein und sah sich in dem Hofe um. Trotz seiner Not dachte er,
wie unscheinbar und drftig die Sttte erschien, aus welcher ein so helles Licht
ber das ganze deutsche Land leuchtete. Ein Baum in voller Bltterpracht war die
einzige Zierde des stillen Raumes; auf dem Boden vor ihm flatterten die Vgel,
ein Fink schritt dicht vor seinen Fen, die Sperlinge als klgere Weltkinder
hpften in grerer Entfernung und sahen ihn mit ihren runden Augen von der
Seite mitrauisch an. Ihre Geschlechter lebten hier seit Jahrhunderten im Besitz
der Mauerritzen und immer hatten die Mnche ihnen Krumen gestreut. Jetzt war das
Kloster im Schwinden, nur die Kleinen saen dick und stolz wie Prlaten. Das
dachte auch Georg, und unter den vertrauten Gesellen wurde ihm leichter ums
Herz. Endlich flog der Fink gar auf die schne Laute, welche an der Bank lehnte,
und sang in kunstvollem Schlag den Fremden an, whrend die Saiten von der
Erschtterung leise klangen. Da konnte Georg der Versuchung nicht widerstehen,
mit dem Finger prfend ber die Saiten zu fahren, aber er setzte die Laute
sogleich wieder hin, betroffen ber das Getn, welches er verursacht hatte.
    Ihr seid des Saitenspiels mchtig? fragte eine helle Stimme neben ihm.
Georg fuhr empor und stand dem Herrn gegenber, den er noch nie leibhaftig
gesehen hatte, und dessen Angesicht doch durch die Holzschnitte fast jedem
Deutschen bekannt war. Er sah einen Mann von stattlicher Mittelgre, mit groem
Haupt, in welchem zwei tiefliegende Augen wie dunkle Sterne blitzten. Ihr seid
der Junker aus Thorn, welcher bei mir sein Eheweib begehrt? fuhr der Doktor
fort. Auch in Eurer Vaterstadt weicht jetzt die Finsternis dem Lichte. Ist mir
recht berichtet, so hattet Ihr vor einigen Jahren Tumult, weil die Ppstlichen
ein Bild des Luthers verbrannten. Ich denke, sie htten lieber den Luther selbst
in die Flamme geworfen; doch ich hoffe, sie sollen noch manchmal durch ihn
erzrnt werden, bevor sie ihren Mut an ihm khlen. In Thorn widersprach der
Magister Fabricius dem Beginnen der Mnche und wurde deshalb aus der Stadt
verbannt. War's nicht so?
    Georg besttigte, und der Doktor fragte weiter: Damals geriet noch ein
anderer in Streit mit den Papisten, wer war dieser und was ist aus ihm
geworden?
    Es war ein Schler des Herrn Magisters, auch er mute die Stadt verlassen
und lebt seitdem in der Fremde.
    Und verlor seitdem, wie ich sehe, die Hand, mit welcher er sonst die Laute
spielte, setzte der Doktor, auf den Handschuh blickend, die Rede fort. Was
trieb Euch dazu, den Mnchen das Ketzerfeuer zu verstren?
    Herr, ich sah meinen Lehrer in Gefahr und hatte auerdem einen alten Handel
mit dem Polen, welcher die Hand gegen ihn ausstreckte.
    Ihr seid fr Eure Gewalttat mit Recht gestraft worden, versetzte der
Doktor kurz. Aber mich freut's, da Ihr so ehrlich seid und Euren wilden
Streich nicht mir auf die Seele reden wollt. Und abbrechend sagte er in gtigem
Ton wie zu einem alten Bekannten: Setzt Euch zu mir auf die Bank, Junker.
Georg rckte sich bescheiden in die Ecke. Dieser Platz ist mir lieber als jeder
andere, wenn ich meditiere und wenn ich mit guten Freunden ein vertrauliches
Wort rede. Ich sah vorhin, wie Ihr meinen kleinen Flattergeistern zulachtet,
auch ich achte gern auf sie, denn in ihrem bunten Kleide sind sie die kleinen
Nrrchen unseres Herrgotts, und sie haben mich manchmal getrstet, wenn mir der
Papst und der Teufel Not machten. Ihnen ist gesetzt, sorglos dahinzuleben, wir
Menschen freilich haben besseren Witz empfangen, damit wir mit greren Sorgen
ringen. Uns Thringern vorab ist die Freude an diesen Federhelden gemein. Eure
Vorfahren haben immer in Thorn gewohnt?
    Es geht die Sage, antwortete Georg bescheiden, da auch meine Voreltern
aus Thringen stammen.
    Ihr seid vom Adel?
    Mein Vater gehrt zu den ltesten des Artushofes und einer von unserm
Geschlecht war vor Zeiten Hochmeister von Preuen.
    So? sagte der Doktor. Euer Vater also ist reich und stolz auf seine
Vorfahren. Wie hlt er sich im Glauben?
    Er ist eifrig fr die alte Kirche.
    Und Ihr habt die Frau, welche er Euch verweigert, von Herzen lieb?
    Georg stand auf: Herr, so lieb, da mir alles auf Erden wenig gilt gegen
sie.
    Auch der Doktor erhob sich und sprach feierlich: Dann erwartet mit Demut
gegen den Herrn, was Euch die nchste Stunde bringt. Er winkte dem Schler,
welcher an der Tr harrte, der Magister und Anna traten mit dem Knaben in den
Hof. Als Georg Weib und Kind wiedersah, eilte er auf sie zu, kte sein Gemahl
auf die Stirn und hob seinen Sohn zu sich auf, dann legte er die Hand des
Kleinen in die der Mutter, trat zurck und begrte den Magister von weitem. Der
Doktor sah aufmerksam zu, wie das Kind dem Vater sein Hndchen reichte und dabei
lieber Vater sagte, mit so zarter und verschmter Liebe, als kme der Gru aus
der Seele seiner Mutter. Aber gleich darauf war Romulus wieder mit eigenen
Angelegenheiten beschftigt. Er hatte sich im Hofe sofort einer Gerte bemchtigt
und damit nach einem jungen Sperling des Doktors geschlagen. Auf die
Kriegserklrung flog das ganze geflgelte Volk zur Hhe und die beiden Parteien
saen lauersam gegeneinander.
    Ich flehe, ehrwrdiger Herr, bat Georg, da Ihr mir gestattet, die Zeugen
vor Euer Angesicht zu fhren, welche fr mich aussagen knnen. Sie warten vor
dem Tor.
    Ich bin kein Schffe und kein Romanist, antwortete der Doktor, und das
Zeugnis anderer wird Euch in dieser Stunde wenig helfen. Doch habt Ihr sie
herbeigefhrt, so lat sie ein.
    Georg eilte zur Pforte und herein trat Wuz mit zweien seiner Gesellen und
hinter ihnen ein alter Mann in der Tracht eines Wallfahrers. Die Mnner blieben
an der Tr, die Landsknechte nahmen ehrerbietig ihre Hte ab und standen steif
bei ihren Hellebarden.
    Der Doktor sah unzufrieden auf die wilden Gestalten. Was sollen die
fahrenden Hansen und Jakobsbrder in Eurer Sache?
    Die Landsknechte waren Zeugen, als ich mit meinem Weibe vermhlt wurde,
erklrte Georg bittend, und sie haben in guter Meinung fr mich die Reise
gemacht.
    Tretet nher, gebot der Doktor, da ihr einmal gekommen seid. Ihr also
ward zugegen, als der Mann die Magd zur Ehe nahm. Habt ihr in eurem Orden
besonderes Gesetz fr die Vermhlung?
    Wuz dachte nach: Wir haben keine besondere Ordnung, sondern wir ben
denselben Brauch, welchen im deutschen Oberlande die Brger und Bauern anwenden,
nur da wir die Fahne darberhalten.
    Und wie empfing dieser das Weib?
    Suberlich, es ging zu wie vor einer Kirche, versetzte Wuz, das Fhnlein
trat zum Ringe, ich gab die Braut, und Benz Streitenberg stand hinter dem
Brutigam.
    Wer tat die Fragen, und mit welchen Worten?
    Der Hauptmann fragte: Fhnrich, wollt Ihr diese zu Eurem Ehegemahl nehmen?
Der Fhnrich sagte ja. Dann fragte der Hauptmann die Jungfer, und da diese nicht
vernehmlich wurde, so sprach ich das Ja, was ebensogut war; und hernach
erinnerte der Hauptmann den Fhnrich, da er der Braut auf den Fu treten msse,
denn dieser hatte nicht daran gedacht.
    Der Doktor wandte sich zu Anna. Habt Ihr auf die Frage ja gesagt?
    Ich wollte ein Ja sagen, antwortete Anna. Der Doktor nickte und sprach zum
Landsknecht: Und wie haltet ihr es bei euren Ehen mit dem Priester?
    Wenn sich eine Gelegenheit bietet, so lt auch der fromme Landsknecht
seine Ehe an der Kirchtr weihen, obgleich das Fhnlein solches nicht begehrt.
    Mich wundert diese Ordnung; denn ich hre, ihr lebt zuchtlos mit euren
Weibsen?
    Es ist ganz wie der Herr Doktor gehrt hat, besttigte Wuz ehrerbietig.
Die meisten wirtschaften mit ihren Dirnen, jedoch treten auch zuweilen zwei
miteinander in den Ring. Nmlich eine Ehefrau sitzt vor den andern auf dem
Karren, und wenn es an Fuhrwerk fehlt, mssen die Dirnen zu Fu laufen, auch
darf der Troweibel keine Ehefrau mit dem Stock schlagen. Und es wrde wohl jede
am liebsten Frau sein, jedoch ist ihnen wieder hinderlich, da die Ehefrau nicht
wechseln darf, solange das Fhnlein fliegt.
    Martinus winkte finster mit der Hand. Es ist genug, tretet zurck. Die
Knechte wichen rckwrts zu dem Baum, in dessen Schatten der Wallfahrer lehnte.
    Der Doktor wandte sich wieder zu Anna. Habt Ihr nach eurer Vermhlung den
Segen eines Priesters empfangen?
    Nein, antwortete Anna unsicher.
    Wie kam das? Da Ihr, wie ich vernehme, eine gottesfrchtige Frau seid.
    Zuerst frchtete ich mich, trotz der Vermhlung sein eheliches Weib zu
werden, sprach Anna mit stockender Stimme. Dann las ich in Eurem Buche, da
nicht des Priesters Dienst eine rechte Ehe bewirkt, sondern fromme Liebe und
christliche Gesinnung der Verlobten, und ich wurde ruhiger darber, da kein
Priester in der Nhe war. Denn die Knechte waren widerwrtig gegen alle Pfaffen
und hatten diese verscheucht. Als sich endlich ein Predigermnch aus Thorn zu
uns fand, lag mein Hausherr diesem hoch an, da er uns trauen mge. Da erbot
sich der Mnch, da er mit dem Vater meines Hausherrn wohlbekannt sei, vorher um
die Einwilligung des Vaters zu werben und uns bei seiner nahen Rckkehr zu
segnen. Bevor er wiederkam, wurden wir getrennt.
    Wohlan, sprach der Doktor, hret zu, ihr, die ihr meine Entscheidung
angerufen habt. Ich bin kein weltlicher Richter, sondern ein Diener unseres
himmlischen Vaters. Die Ehe der Christen aber ist ebensowohl nach gttlicher als
nach menschlicher Ordnung eingesetzt. Darum liegt mir vor allem ob, zu
erforschen, ob euer Verlbnis zu einer rechten Ehe vor dem Herrn geworden ist.
Das Wohlgefallen unseres Vaters im Himmel wird gewonnen durch christliche
Gesinnung der Gatten, wenn sie in dem Gedanken an Gott die Ehe eingehen, und
sein Wohlgefallen wird erhalten durch ehrbare und fromme Liebe, in welcher die
Verlobten fest beharren mit dem Willen, ihr lebelang beisammen auszuhalten. Da
euch beiden eure Liebe zueinander hoher Ernst war und nicht nur ein
leichtfertiges Spiel bermtiger Jugend, das erkenne ich aus der Not, in welcher
ihr euch verbunden habt, und aus der Angst, in welcher ihr jetzt vor mir steht.
Ob ihr aber auch als gute Kinder eures himmlischen Vaters im Glauben und
Vertrauen auf ihn euren Bund geschlossen habt, das mt ihr mir jetzt selbst
bekennen, und ihr mt die Worte auf euer Gewissen nehmen, damit nicht
Unwahrheit eurer Seele und Seligkeit schade. Darum frage ich zuerst Euch,
Junker, nach Gesinnung und Glauben dieses Weibes vor, bei und nach der
Vermhlung.
    Ach, Herr, antwortete Georg mit gefalteten Hnden. Jedermann, der mein
Weib gekannt hat, mu bezeugen, da sie schon als Jungfrau gottseliger war als
andere ihresgleichen. Mich hat sie lange durch hohen Ernst und Strenge
verschchtert. Und in der Ehe habe ich tglich Ehrfurcht gefhlt vor der
Innigkeit, in welcher sie mit dem lieben Gott verkehrte. Auch die Kriegsleute,
unter denen sie leben mute, erkannten das und ehrten sie darum. Wuz unter dem
Baume nickte heftig mit dem Kopfe.
    Das dachte ich wohl, sagte der Doktor freundlich. Und Ihr, junge Frau,
vermgt Ihr hnliches von Eurem Gatten zu sagen?
    Da Anna schwieg, fuhr er ermunternd fort: Denn Ihr mt doch gemerkt haben,
wie es mit seiner Gottesfurcht stand schon vor der Ehe und sicher in der Ehe.
    Leise antwortete die Frau: Er hatte mich von Herzen lieb und war bereit,
sein Leben fr mich hinzugeben.
    Fr Euch, das Geschpf, doch ob fr seinen Schpfer? Auch der Hirsch kmpft
zuzeiten fr die Hindin. Solch heier Drang hat mit dem Glauben nichts zu
schaffen.
    Anna schwieg. Wie? fragte der Doktor, hatte er, als Ihr mit ihm in den
Kreis der Kriegsknechte tratet, kein Wort, keinen Blick fr den Vater im Himmel,
der Euer Bndnis segnen sollte? Besinnt Euch, mahnte er dringend, denn es
handelt sich hier um Groes fr euch beide.
    Herr, ich war damals kaum meiner Sinne mchtig.
    Da nahm ihr Georg die Sorge ab. Ehrwrdiger Herr, ich stehe hier wie in der
Beichte, und obwohl es meines Lebens Glck gilt, so will ich doch nicht
tuschen. Als ich ihr zugesprochen wurde, sah ich nichts als sie, und dachte an
nichts, als an ihre Gefahr und da ich sie fr mich gewinnen wollte.
    Und nachher? forschte der Richter unruhig.
    Herr, ich fhlte nur Schmerz und Zorn, da sie sich mir versagte; und um
Euch die ganze Wahrheit zu bekennen, lange Zeit war mir ihre Frmmigkeit
verleidet, weil sie sich in solcher Gesinnung von mir entfernt hielt.
    Da blitzten die Augen des Doktors zornig auf das Weltkind und er sprach
rauh: Sie tat recht, Euch zu meiden, denn Ihr waret nicht der Mann, der ihrer
Seele heilsam werden konnte. Doch als Ihr sie endlich wegen ihrer weiblichen
Schwche gewannet und mit ihr in Gemeinschaft lebtet, kam Euch niemals der
Gedanke, da Ihr verdammt sein werdet, und da Eure Ehe eine wilde Buhlschaft
sein werde ohne Gottes Gnade? Und kam Euch niemals der Schrecken vor dem
Richter?
    Ich kann's nicht sagen, antwortete der ehrliche Georg in seiner
Bedrngnis. Ich habe, obgleich wir im Elend waren, doch am liebsten frhlich
vor mich hingelebt, meines Herzens Freude war immer mein gutes Weib, und ich
habe sorglos darauf vertraut, da ihr Gebet auch mir zugute kommen werde. Bis
ich einst an einem kalten Wintertage spt in unsere Behausung zurckkehrte. Dort
fand ich ein Geschenk Gottes, das nicht gewesen war, als ich wegfuhr. Drauen
heulte der Schneesturm, als sie es mir entgegentrugen, es war nackt und winzig,
und ich hatte dergleichen niemals gesehen; oben sah es aus wie ein altes
Mnnlein und unten hnlich einem Frosch, der im Wasser steuert. Und es war mein
lieber Sohn. Da erschrak ich vor Gottes Wunder und mir erbebte das Herz.
    Endlich, rief der Doktor aufatmend.
    Seit der Zeit, ehrwrdiger Herr, lernte ich den groen Gott anflehen. Oft,
wenn ich den Knaben ansah, ri es mich nieder auf die Knie; denn ich bedachte,
da ich fr ihn zu leben und zu sorgen htte und wieviel unser Vater im Himmel
noch dazu tun mte, bevor das Kind seine Locken bekme, feste Beinchen und
einen verstndigen Sinn. Auch mein eigenes Leben erschien mir weit anders als
frher, gleich einem Amte, das mir bergeben war, damit ich sein Wunder ehrlich
grozge. Und als ich meinen Sohn verloren glaubte, stand er immer so in meinem
Gemt, wie ich ihn das erstemal sah, und wenn sein Bild erschien, trieb es mich,
die Hnde aufzuheben und zu bitten, da ich bald dorthin erhoben werde, wo nach
meinen Gedanken er und seine Mutter auf mich warteten.
    Der Dokter sah auf die Mutter, und in seinem Antlitz leuchtete die Freude.
Nun, dieser ist kein verzweifelter Kunde, und er vermchte wohl neben einer
guten Frau ein frommer Hauswirt und Vater zu sein; zumal wenn die Frau, welche
im Glauben strker ist, ihn nicht durch Mahnungen qult, sondern die Zeit
abwartet und ihm herzlich zuredet. Und nher an beide tretend, begann er
feierlich: Soweit ich als kurzsichtiger Mensch den Willen des Herrn zu deuten
vermag, sage ich euch, euer Bndnis ist vor Gott eine rechte Ehe. Und wenn der
Herr euch beiden die Gnade erwiese, euch aus dieser sndigen Welt in das Reich
des Lichtes abzurufen, so vertraue ich, da euch, ihr armen Kinder, im Himmel
eure Stbchen nebeneinander gerckt werden.
    Da umfate Georg glcklich die weinende Frau; und der Doktor fuhr fort:
Auch bin ich jede Stunde bereit, eurer Ehe durch Priestersegen nachtrglich die
Bekrftigung zu geben, welche ihr noch fehlt, wenn ich von denen geladen werde,
die das Recht dazu haben. Er lste die Hnde der beiden voneinander. Denn die
Ehe ist nicht allein nach gttlicher Ordnung eingerichtet, sondern auch nach
menschlicher. Und obgleich die Bruche, durch welche eine Ehe vor den Menschen
gltig wird, nicht in jeder Landschaft dieselben sind, so ist doch unter
Deutschen berall Gesetz, da der Haussohn und die Tochter sich nicht vermhlen
drfen ohne Einwilligung der Eltern oder derer, welche an Eltern Statt ber sie
zu gebieten haben. Euch aber Junker, lebt der Vater, und dieser hat die
Erlaubnis nicht gegeben, sondern er hat sie ausdrcklich verweigert. Darum mu
ich euch sagen, frwahr mit schwerem Herzen, vor den Menschen, in dieser
sndigen Welt, ist euer Bndnis eine rechte Ehe nicht.
    So schrecklich war fr zwei Seelen der Sturz aus hoher Freude zum Elend, da
die Verlobten fassungslos standen. Der erschrockene Magister zog die Tochter an
sich und hielt die Unglckliche umschlungen. Der Doktor aber sah unzufrieden auf
das Entsetzen der Geschiedenen, denn ihn erfreute zumeist ihre gute Aussicht fr
jenes Leben, sie aber fhlten strker das Elend der irdischen Trennung. Doch
sprach er schonend zu Georg, welcher mit gefurchter Stirn und geschlossener
Faust vor ihm stand: Da Ihr im hchsten Vertrauen zu mir gekommen seid und mich
wider meinen Willen zum Meister Eures Geschickes machen wolltet, so vernehmt den
besten Rat, den ich Euch geben kann: Eilt von hier zu den Fen Eures Vaters und
fleht instndig, da er Euch den Segen nicht lnger vorenthalte. Denn Liebe der
Eltern flackert nicht umher wie Liebe junger Herzen, sie sitzt tief und bleibt
bestndig, und wenn sie auch einmal in den Winkel gestampft wird, so bricht sie
immer wieder hervor.
    Ich habe zu den Fen meines Vaters gefleht, ehrwrdiger Herr, antwortete
Georg, und er hat seine Einwilligung verweigert. Da habe ich ihm bekannt, da
ich mit dem Vater meines Weibes vereinbart habe, uns unter Euren Richterspruch
zu stellen. Er aber hat gefordert, selbst ein Zeuge Eures Ausspruches zu sein,
um sein Recht als Vater gegen Euch zu behaupten, wenn Ihr ihm die Herrschaft
ber seinen Sohn absprechen wolltet. Und ich gab ihm zur Antwort, wenn er mich
begleite, so sei auch ich durch mein Gewissen gedrungen, mein Recht unter Euren
Augen gegen ihn selbst zu vertreten. Darber vertrugen wir uns. Und ich bitte,
gestattet mir, da ich ihn vor Euch fhre, denn ich erkenne, da die schwerste
Stunde meines Lebens gekommen ist. Er wies auf den Wallfahrer, welcher
herantrat: Dies ist mein Vater.
    Die Gestalt des Doktors hob sich gebietend: Ihr tatet klug, Euch in dem
Schatten zu bergen, Herr. Httet Ihr mir sofort Euren Namen genannt, so wrde
ich auch Euch gesagt haben, was Euch unlieb zu hren ist.
    Dennoch zrnt nicht, begann Marcus mit gleichem Stolze, da ich ein Zeuge
Eures Urteils war; denn was ich niemals fr mglich gehalten, habt Ihr bewirkt:
ich bin Euch dankbar geworden fr Eure Rede.
    Vermgt Ihr nach allem, was Ihr hier gesehen und gehrt habt, Eure
Einwilligung noch ferner zu versagen?
    Ich versage sie, antwortete Marcus.
    Dann habe ich mit Euch nichts mehr zu schaffen, sagte Martinus. Ich sehe
wohl, Ihr seid einer von den Hochmtigen, welche sich in der Stille ihrer guten
Werke berhmen und den Willen unseres Herrgotts zu meistern hoffen, weil sie
fasten, opfern und zu den Altren der Heiligen fahren. Ich aber sage Euch, Ihr
werbt um die Gunst Eurer Heiligen so, wie ein schlechter Verwalter durch
Bestechung um die Gunst der Hofleute wirbt, damit sie ihm bei ihrem Gebieter zu
weltlichem Vorteil helfen. Eure kalte Frmmigkeit ist eigenntzig und gottlos,
sie macht Euren Sinn nicht demtig, sondern stolz und hart. Und Ihr und
Euresgleichen, die dem Herrn nur dienen wollen, damit er Euch wieder dienstbar
sei, Ihr sollt erfahren, da Euer Hoffen eitel und Euer Wille ohnmchtig sind,
gerade dann, wenn Ihr am stolzesten auf Euer Recht vertraut.
    Marcus zuckte unter diesen Worten, aber er legte seinem Sohn die Hand auf
und gebot: Komm.
    Da sprang Georg zu seinem Kinde, ri es an sich und rief: Fordert Ihr Euer
Recht an mir, so bin auch ich Vater und fordere mein Anrecht an meinem Sohn.
Diesen hat mir der Herr durch seine Mutter zugeteilt fr mein Leben, und er hat
auf mein Gewissen gelegt, da ich dem Kinde und seiner Mutter ihre Tage behte
als Wirt und Herr.
    Sprich nicht weiter, Georg, rief Marcus heftig, denn wie du den Knaben
hltst, so hielt ich dich in meinen Armen.
    Doch Georg warf sich, den Knaben festhaltend, auf die Knie. Im Angesicht
des Himmels klage ich mein bitteres Leid. Zwingt mich dein harter Wille, Vater,
zu whlen zwischen deiner Liebe und der Treue gegen Weib und Kind, so mu ich
deine Liebe missen, damit ich die Liebe meines Kindes verdiene.
    Marcus hob drohend den Arm: Wahre dich, da nicht der Fluch des Vaters dein
Haus niederreie.
    Da ermahnte der Doktor: Ich hre zwei, welche allzu hart auf ihrem Recht
bestehen. Euer Recht, Kniender, ist nach dem Evangelium das bessere, nach Brauch
und Ordnung dieser Welt ist es das schwchere. Strmt in Eurer Seele eine hohe
Pflicht gegen die andere, so htet Euch, da Ihr nicht allzu schnell die eine
verachtet, um die andere zu erfllen. Denn was dem Menschen unvershnlich
scheint, wei einer, der die Herzen lenkt, in Liebe zu vergleichen ber alles
Hoffen. Darum sage ich Euch zum zweiten Male, weichet um Eurer Geliebten willen
nicht von Eurem alten Vater, wie hart er auch gegen Euch poche. Wisset, ich
selbst habe erfahren in langem Herzeleid, wie es schmerzt, mit seinem Vater in
Unfrieden zu leben, und ich habe ihn nicht um irdischer Liebe willen verlassen,
sondern um meines Gottes willen, weil ich damals wahrhaftig nicht anders konnte.
Aber den rechten Frohsinn habe ich in meinem Herzen erst gefhlt, seit ich aus
der Mncherei erlst wurde und mein alter Vater mich wieder freundlich anlachte.
Seid Ihr ein solcher Gesell, wie Ihr mir heut erschienen seid, so fhlt Ihr in
stillem Herzen denselben Stein, der mich im Kloster drckte. Sprecht aber nicht
etwa: Herr, mein Gott, ich will zu meinem irdischen Vater gehen und ihn bitten,
und wenn er meinen Wunsch nicht erfllt, so tue ich dies und das. Solcher
Vorsatz ist eitle Vermessenheit, er nimmt Eurem Flehen die Kraft und hindert
Euch, den Willen Eures himmlischen Vaters zu erkennen; sondern geht und sprecht
so: Ich will als ein guter Sohn gegen meinen irdischen Vater handeln. Und wenn
dann Euer Herr Vater Euch ferner widersteht, so wendet Euch wieder zu Eurem Gott
und sorget unablssig, da Ihr mit diesem in Frieden bleibt und seinen rechten
Willen erkennt. Dann wird auch er Euch zur Zeit eingeben, was fr Euch das
Rechte sein wird; und ich hoffe, lieber Junker, er wird's mit Euch wohlmachen.
    Georg hielt schweigend den Sohn an seinem Herzen. Martinus nahm ihm den
Knaben aus der Hand und stellte ihn vor den Grovater: Bitte du, Kleiner, denn
unsere Stimme dringt nicht an sein Ohr.
    Doch Romulus, welcher wute, da die armen Pilger seine Mutter um Almosen
baten, sah zu dem Doktor auf und antwortete: Er mu bitten.
    Wahrlich, rief Martinus, du hast in deiner Einfalt das Richtige gesagt.
Dennoch flehe, denn du stehst vor dem Ahn deines Geschlechts. - Da streifte das
Kind seinen rmel zurck und wies einen braunen Fleck auf der Haut, welchen die
Mutter seinem Vater im Turme als ein Zeichen des Geschlechts gewiesen hatte, und
es sprach: Ich habe auch ein Mal.
    Als Marcus das Zeichen sah, welches er selbst auf dem Arm hatte, wollte die
weiche Regung seiner Herr werden; doch wieder zog sich sein Antlitz zusammen und
er rief seinen Sohn nochmals an: Komm! Fahrt dahin in Eurem Hochmut, gebot
der Doktor in heiligem Zorn. Seht zu, was Euch von dem Sohne bleibt, wenn Ihr
seinen getreuen Willen zerbrecht. Fr diese hier zu leben hat er gelobt, was Ihr
aber aus ihm machen wollt, ist ein ehrloser, eidbrchiger Mann.
    Wie ein Blitzstrahl schlug das strenge Wort in das verdsterte Gemt des
Vaters. Langsam trat er auf Anna zu, fate die Schaudernde bei der Hand und
fhrte sie zu Georg. Nehmt ihn von mir, junge Frau, er war mein einziger Sohn.
    Anna sank neben dem Geliebten auf die Knie, und Marcus begann mit hartem
Stolze zum Doktor: Ihr ward bereit, zu segnen, Herr. Helft, da er seinen Eid
gegen diese halte, der Vater ist nicht dawider.
    Da sprach Martinus Luther feierlich den Segen ber die knienden Gatten. Als
die Vermhlten sich erhoben, ergriff Marcus den Stab: Lebe wohl, mein Sohn.
    Vater, schrie Georg.
    Whrend du im Kerkerturme lagst, dem Tode verfallen, gelobte ich den
Heiligen, damit sie dich bewahrten, die Betfahrt nach Compostella. Zwingt dich
dein Eid, fr deinen Sohn zu leben, auch ich halte den Eid, den ich fr meinen
Sohn getan. Er winkte mit der Hand und wandte sich zur Klostertr.
    Wie Romulus sah, da der Wallbruder unzufrieden und ohne Gabe entweichen
sollte, tat ihm der Alte leid, er lief ihm nach und sagte: Da hast du meine
Gerte.
    Marcus fuhr zurck, wie vor einem unsichtbaren Schrecken, und rief: Der
Tote sah den Enkel des Alten, und seine letzten Worte haben ihn verkndigt. Und
den Knaben aufhebend, trug er ihn zu der Mutter: Nehmt meinen Enkel, liebe
Tochter, mit meinem Segen. Er rhrte ihr mit der Hand das Haupt, dann schritt
er aus der Pforte.
    Georg wollte dem Vater nacheilen, der Doktor hielt ihn zurck: Was unsere
Mahnung nicht vermochte, hat der Herr durch die Einfalt des Kindes getan.
Widersteht ihm nicht, wenn er auch im Irrtum dahinwandelt. Ich kenne diese
trotzige Art; in seiner Seele kmpft ein starker Engel mit dem Teufel. Ihr drft
hoffen, da er Euch wiederkehrt. Er wandte sich zu dem Magister. Ihr habt
einst vor dem Scheiterhaufen der Mnche fr den Luther Zeugnis abgelegt, heut
dankt er Euch dafr, Herr Magister.
    Wieder Fabricius, antwortete unter Freudentrnen der Gelehrte.
    Da trat Wuz herzu, entblte sein Haupt, strich das sprliche Kopfhaar mit
der Hand zurecht, und sein runzliges Gesicht rtete sich. Dies ist die
Gelegenheit, welche wir lange gesucht haben, ehrwrdiger Vater, denn wir
erkennen, da Ihr als ein Feldhauptmann vor uns steht im Streite gegen den
Teufel.
    ngstigt Euch der alte Bsewicht? fragte Martinus, die narbigen Gesichter
musternd.
    Wir Landsknechte haben eine Verheiung wegen der Hlle, und wir mchten
wohl wissen, ob wir darauf bauen drfen.
    Nein, versetzte der Doktor.
    Derselben Meinung war zu ihrer Zeit die junge Frau Anna, fuhr Wuz unsicher
fort. Auch wrde uns das wenig frommen wegen alter Abneigung des heiligen
Petrus. Nun ist uns von der erwhnten Fhnrichin verlesen worden und auch
anderweitig zu Ohren gekommen Eure Lehre von den zehn Geboten, welche man
gewissermaen als Christ beachten soll.
    Es sind nicht meine Gebote, unterbrach ihn der Doktor, sondern die Gebote
deines himmlischen Vaters.
    Wuz verneigte sich aufs neue demtig: Es wird uns gesagt, da sie notwendig
sind fr unserer Seele Seligkeit, jedoch meinen wir aus vielen Grnden, da sie
nicht fr uns Knechte gegeben sind. Denn, hochwrdiger Herr, sie sind uns bei
weitem zu schwer und ganz unmglich zu beachten. Darum kommen wir, um Euch
flehentlich zu bitten, ob wir nicht mit einem Teil, etwa mit der Hlfte, genug
htten, weil wir keine hohe Wrde im Himmel begehren, nur da wir dort einen
ehrlichen Ruhesitz finden.
    Hinweg, du Narr, versetzte Martinus, meinst du, da der groe Gott mit
zweierlei Ma mit? Dasselbe Gesetz ist gegeben fr den Knig wie fr den
Landsknecht.
    Wuz sah sehr bekmmert aus, als er erwiderte: Aber, lieber Herr Doktor, bt
Nachsicht mit uns, denn die zehn sind mit dem Amt eines Landsknechts
unvertrglich.
    Ich wei, da ihr Spieler seid, Flucher, Ruber, voll von Unzucht, und da
euch der Teufel beim Kragen hat, ohne da ihr ihn merkt.
    Wuz besttigte durch Kopfnicken jede Eigenschaft, die ihm der Doktor
zuteilte. Alles ist, wie Ihr sagt, jedoch wie sollen wir anders sein, denn wir
bestehen ohne Geld, nur durch Gewalttat, und leben in einem Notstande.
    Wenn eure Herren auch zur Snde verlocken, so werden sie dafr ben wie
ihr, euch aber vermag das nicht zu entschuldigen.
    Wuz drehte ngstlich seinen Hut: Nichts fr ungut, ehrwrdiger Herr, wir
mchten aber doch auch selig werden.
    Als der Doktor die Angst des Mannes sah, trat er ihm nher. Ihr habt
allerlei Zauberei und geschriebenen Segen, auf den ihr euch gern verlat, wenn
ihr ins Treffen geht. Das gab der zerknirschte Wuz zu. Wohlan, ich will euch
einen besseren Segen lehren, der euch vielleicht helfen mag, wenn ihr ihn
fleiig gebraucht. Kennt ihr das Vaterunser? Das kannte Wuz ganz gut. Aber die
Worte allein tun's nicht, belehrte der Doktor, sie wirken nur dann, wenn ihr
sie in der Weise gebraucht, welche ich euch jetzt lehren will. Bevor ihr sie
sprecht, hebt die Augen zum Himmel und denket daran, da auch euch armen
Schelmen ein Vater im Himmel lebt, der euch liebhat und fr euch sorgt, und der
euch gar zu gern gndig sein mchte, wenn ihr nur nicht so arge Unflter wret.
Denkt an den Vater mit herzlichem Vertrauen, dann faltet die Hnde, wie ich
jetzt tue, und sprecht leise, was ich euch vorsage. Er sagte ihnen langsam und
mit heier Andacht die Bitten vor, und die Landsknechte murmelten sie nach.
Diesen Segen, fuhr er fort, gebe ich euch auf den Weg, sprecht ihn jeden
Abend und jeden Morgen und wenn ihr sonst einmal mit guten Gedanken allein seid,
und ich sage euch, er wird euch aus eurem Elend helfen; denn es liegt eine
wunderbare Kraft in ihm, er weckt das Gewissen und widersteht der Hlle.
    Wuz sah frhlich aus, aber noch stand er zgernd, griff in seine Tasche, zog
die Ohren eines schwarzen Lederbeutels und zhlte drei Goldstcke in seine Hand.
Jeder von uns hat eins geopfert fr die arme Seele des starken Hans, welcher
unser Hauptmann war, bis eine Hellebarde seinen Schdel traf. Dies mchten wir
gern anwenden, um unserem guten Gesellen noch etwas Gnstiges zu erweisen fr
den Einmarsch bei Sankt Peter, und wir flehen, ob Ihr uns auch dazu helfen
knnt.
    Hinweg, ihr Leute, gebot der Doktor, ihr seid hier nicht im Papsttum;
euer Hauptmann hat seinen Richter gefunden. - Mge der Herr euch allen gndig
sein. Er grte und trat in das Haus zurck.

                                     Schlu


Im Jahre 1530 wurde zu Augsburg auf dem Reichstage ber die Geltung der neuen
Lehre verhandelt. Der gebannte und gechtete Mnch aus Wittenberg war zu einer
Macht geworden, mit welcher Kaiser und Reich sich vertragen muten. Er selbst
war sdwrts gezogen bis zur letzten Burg seines Kurfrsten. Whend er als
geehrter Gast in der Feste Koburg wohnte, ritten seine Boten nach Augsburg und
wieder zurck.
    Auf dem Vorsprung eines hohen Hgels erhob sich die stolze Burg mit ihren
Trmen, durch einen doppelten Mauerring gepanzert; am Saum der Hhe breiteten
sich Obstgrten, zur Seite lag die alte Stadt Koburg, weiter unten das Tal des
Itzbaches in leuchtendem Grn, gegenber ragten schn geschwungene Hhen, mit
Laubwald bedeckt, und in der Ferne die blauen Hgel des Mains mit alten
Grenzburgen und Klstern. An einem Tor der Feste stand ein Fhrer der
kurfrstlichen Trabanten, breitbeinig hielt er seine Partisane im Arm, so da
man an der Haltung einen frheren Landsknecht erkannte, und streckte die beiden
Hnde grend den Fremden entgegen, welche von ihm Einla begehrten. Der eine
war ein hochgewachsener Mann in voller Kraft, wie ein ansehnlicher Kaufmann
gekleidet, er hatte den Handschuh der Rechten geschlossen und bot dem Trabanten
die Linke. Neben ihm stand ein blhendes Weib, welches einen achtjhrigen Knaben
an der Hand fhrte; auf dem Torsitz aber ruhte mit gekrmmtem Rcken ein Greis,
dem ein kleiner Herr als Begleiter und Sttze diente, und der Kleine hob dem
Sitzenden den Stock auf, welcher diesem entfallen war, und klopfte ihm mit
freundlicher Zurede auf die Schulter. Der jngere Fremde bat: Wir sind vom Main
heraufgereist, um in schwerer Sache den Herrn Doktor zu sprechen. Helft dazu,
lieber Wuz, da es uns gelinge.
    Alles soll gelingen, was Ihr und die Fhnrichin beginnt, rief Wuz
vergngt. Ich denke, unserem ehrwrdigen Vater wird es recht sein, da ihr
kommt. Wisset, er hat mich bereits euretwegen angeredet und mir erzhlt, da ihr
zu Frankfurt durch Handelschaft frhlich gedeiht. Zu ihm selbst drfen wir nicht
dringen, aber er hat zwei bescheidene Knaben als Begleiter, diesen mt ihr euch
vertrauen. Der dort auf dem Sller steht und jetzt die Treppe herabkommt, ist
einer von ihnen.
    Georg ging dem Jngling entgegen und nannte Namen und Begehr. Zgernd
erwiderte dieser: Der Herr Oheim hat geboten, in diesen Tagen Fremde von ihm
abzuhalten, weil er mit groer Arbeit allzusehr beschwert ist. Doch da ihr aus
der Ferne zugereist seid und seine Hilfe nottut, so harret im Hofe. Gegenber
seiner Arbeitsstube ist an der Mauer ein Sitz, wenn er aus dem Fenster sieht,
wie er oft tut, und euch wahrnimmt, so beschliet er vielleicht selbst, euch zu
sprechen. Der Jngling geleitete zur Seite des stattlichen Hofgebudes, dort
fhrten breite Stufen die Mauer hinauf, oben war ein Ausbau mit einer Bank, von
der man ber die Zinne in den nahen Bergwald und das lachende Tal sah.
    Georg fhrte den Alten mit zrtlicher Sorgfalt zu der Bank, er und die
brigen setzten sich auf die Stufen vor seine Fe. Um den hohen Schloturm
lrmten die Dohlen, in dem niedrigen Gebsch, welches drauen am Fue der Mauer
aufgeschossen war, zirpten furchtsam die kleinen Vgel. Die Fremden saen in
andchtigem Schweigen, nur von der untersten Stufe, wo Romulus die Hand des
Magisters hielt, vernahm man leise die Lehre: Fringilla, im Latein Femininum,
obwohl der Fink ein kecker und tapferer Vogel ist.
    Da klirrte oben ein Fenster, man sah die Gestalt des Doktors und vernahm
feierliche Laute einer Stimme. Die Gesellschaft unten senkte andchtig die
Hupter, als aber die Stimme verhallte, rief der Greis auf der Bank nach der
Hhe: Seid Ihr der Rat und Helfer beschwerter Gewissen, so neigt Euch zu mir
und helfet zum Frieden.
    Der Doktor trat an das Fenster. Ich komme, rief er herab. Georg eilte ihm
entgegen. Euch alle erkenne ich, sprach der Doktor gtig, wer aber ist der
Alte, der mich rief?
    Mein Vater, ehrwrdiger Herr.
    Ich erinnere mich. Welche Hilfe begehrt er von mir?
    Er ist jahrelang als Waller umhergezogen, von Compostella nach Rom, dann
kam er zu uns zurck mit gebeugtem Mut; seitdem las er in Euren Bchern,
ehrwrdiger Herr, und niemand kann eifriger sein, als er geworden ist. Aber er
glaubt sich ausgeschieden von der Christenheit, weil er an dem Heiligen
Abendmahle nicht teilnehmen darf.
    Was hindert ihn? fragte der Doktor.
    Er will die Bedingung nicht erfllen, welche uns Christen gesetzt und durch
Eure Lehre geschrft ist, er kann sich nicht berwinden, einem Feinde zu
vergeben. Darum hlt er sich fern von Kirche und Gemeinde, und wir alle leben in
Angst um seiner Seele Seligkeit. Er hat mit sich gerungen, da es fr den Sohn
jammervoll anzuhren war; aber immer wieder brennt ihm der Zorn auf, und die
Rachegedanken werden bermchtig, so da er selbst an seinem Heile verzweifelt.
    Ich gehe zu ihm, sagte der Doktor. Er trat mit schnellem Schritt unter die
Gesellschaft, grte durch eine Handbewegung, winkte, da sie beiseite trat und
stieg zu dem Alten hinauf. Ihr riefet den Lehrer, hier steht er.
    Der Alte, dessen Kraft durch den Bergweg erschpft war, versuchte sich zu
erheben, der Doktor hinderte ihn. Bleibt sitzen, Herr; durch Euren Sohn habe
ich von Eurer Bedrngnis vernommen. Wer ist der Mann, den Ihr so hat, da Ihr
seinetwegen die Vershnung mit unserm himmlischen Vater nicht findet?
    Albrecht, Herzog von Preuen, antwortete heftig der Alte.
    Wie? rief der Doktor, er ist unter seinesgleichen der Schlechteste nicht.
Hat er Euch an Gut, Leib oder Ehre geschdigt?
    Er und ich haben uns zu gemeinsamem Werke verlobt, und er hat sein
Gelbnis, nachdem er mich lange getuscht, nicht gehalten.
    Ihr seid Kaufmann; ging Euer Bndnis auf Geld und Gut?
    Es ging auf die Befreiung des Preuenlandes von polnischer Herrschaft, der
Kaufmann gab sein Geld, der Hochmeister setzte die rechte Hand zum Pfande, da
er niemals der Krone Polen huldigen werde. Mein Sohn hat in seinem Dienst die
Schwurhand verloren, er aber trgt die seine heil am Arm und lebt als Vasall des
polnischen Knigs.
    Hat er Euch Euer Geld zurckgezahlt?
    Er hat kaum den Anfang dazu gemacht.
    Das war zu frchten, sagte der Doktor. Hat er whrend Eurer
Genossenschaft selbst und allein mit Euch verhandelt?
    Zuerst er allein, als ihm der Vertrag lstig wurde, durch seinen
Vertrauten.
    Das denke ich mir wohl. Die Zwischentrger verderben einen blen Handel
vollends. Und was trieb Euch, den Brger von Thorn, zu solch hohem Vertrage?
    Meine Ahnen waren unter den ersten, welche das Kreuz in das preuische
Heidenland trugen, und das Haupt meines Vaters fiel auf dem Blutgerst, weil er
gegen die Polen treu zum Orden hielt.
    So werden die Taten der Vter das Unglck der Shne, seufzte der Doktor.
Wenn der Herzog Euch gelobt hat, etwas zu tun, was er nach dem Willen Gottes
nicht durchsetzen konnte, so war das Gelbde ein Unrecht, nicht die Vereitlung;
und der Zorn ber den vorschnellen Eid steht dem Herrn zu, nicht Euch. Mein Amt
ist nicht, weltklug zu sein, doch mu ich Euch sagen, da gerade Euer heier
Wunsch fr das deutsche Wesen Eurem Ha gegen den Herzog unrecht gibt. Ihr
wolltet Eure Heimat unter deutscher Herrschaft sehen, und deshalb wolltet Ihr,
da der Herzog lieber untergehen sollte, als dem Polen huldigen. War's nicht
so?
    So war es, Herr.
    Nun gebt acht. Gesetzt, der Herzog wre seinem Versprechen, das er Euch
tricht gegeben, so treu nachgekommen, wie Ihr fordert, was htten wir erlebt?
Wre er Hochmeister und Knecht des Papstes geblieben, so htten ihn seine
eigenen Untertanen verachtet und ausgestoen, denn wir wissen wohl, da der
ganze Orden zerfiel wie morsches Gestein. Und htte er bis zum Tode widerstehen
wollen, so wre ihm nichts briggeblieben, als sich auf der Heide von polnischen
Sbeln niederhauen zu lassen. Dann war er tot und seines Gelbdes quitt. Doch
was wurde aus dem Ordensland, wenn der letzte Herr wie ein Katzbalger erschlagen
war? Es wre den Polen gnzlich anheimgefallen, kein Hahn htte darum gekrht;
und was Ihr hartnckig begehret, das wurde nach menschlichem Erkennen fr alle
Zeit vereitelt. Aber gerade, weil der Herzog erkannte, da sein Versprechen
gegen Euch eine sndige Vermessenheit war, und weil er sich beim Leben und bei
der Regierung erhielt, bewahrte er seinem Lande ein deutsches Regiment. Und da
er den geistlichen Stand aufgab und ein weltlicher Herr wurde, verschaffte dem
Lande die Hoffnung auf frstliche Nachkommenschaft und auf ein Herrengeschlecht,
welches sich dort behaupten und Euer deutsches Wesen, wie Ihr wollt, fr
knftige Zeiten bewahren kann. Ihr seht also, das Versprechen, welches Ihr von
ihm erhieltet, war nicht nur ein Unrecht vor dem Herrn, die Erfllung wre auch
nachteilig fr das, was Ihr selbst begehrt.
    Meine Vaterstadt aber und das Weichselland berlie er dem Verderben,
antwortete Marcus finster. Ihr sprecht als Anwalt eines Unbestndigen, und Ihr
selbst, hochwrdiger Herr, habt die Deutschen gelehrt, da ein Mann, der in
guter Sache fest auf seinem Worte steht, ber Tod und Teufel triumphiert und ein
ganzes Volk zwingt, nach seinem Willen zu tun. Gerade damals, wie ich mit dem
Herzog handelte und Euch als einem Ketzer abgeneigt war, habe ich an Eurer
Tapferkeit gelernt, was ein Starker auf dieser Erde in dem Gemt der Menschen zu
ndern vermag.
    Ich bin ein Diener des Herrn in geistlichen Dingen, und wer mit seinem Gott
in Frieden lebt, kann die ganze Welt verachten und darf frohlocken, wenn die
Feinde seinen Leib tten, damit er aus dieser sndigen Welt zu seinem lieben
Vater gehe. Weit anders steht es in weltlichen Hndeln, wo Tausende in Eigennutz
und Herrschsucht gegeneinander streiten. Wer sich hier behaupten will, der mu
auch seinen Gegnern etwas nachgeben. Und merket wohl, in weltlichen Dingen ist
der Klgste vor unserm Herrgott ein armer Tropf. Seid Ihr ein Landwirt gewesen?
    Auf dem Landgut, das ich besa, stand die Eiche, um welche die Deutschen an
der Weichsel ihre erste Burg schlugen; die Eiche fiel zu Boden, als der
Hochmeister mir die Treue brach.
    Wohl, mein guter Freund, die Eiche ist gestrzt, und Gottes Sonne scheint
noch heut wie damals ber die Flur. Wir nennen die Eiche einen dauerhaften Baum,
der viele hundert Jahre auf Erden steht, aber viele hundert Jahre sind vor dem
Herrn wie ein Tag, die Geschlechter der Menschen, welche aufeinanderfolgen, sind
vor ihm wie Halme eines Sommers und die Erde gleich einem Landgut; und wie ein
Wirt Weizen und Hafer, so set er Deutsche und Polen nacheinander auf denselben
Grund, gerade die Frucht, welche er fr die himmlische Wirtschaft bedarf. Was
wollt Ihr, der Ihr nur ein Halm der Erde seid, im voraus bestimmen, welche
Frucht der Herr jetzt und knftig an der Weichsel sen soll?
    Kein ehrlicher Mann vermag in den Tag hineinzuleben, ohne gute Vertrstung
auch fr seine irdische Zukunft, antwortete der Alte, und jeder Deutsche mu
Angst um seine Angehrigen fhlen, wenn er zusieht, wie die Feinde seines
Geschlechtes und seines Volkes die Herrschaft gewinnen. Knnt Ihr einem Manne
raten, ehrwrdiger Herr, da er ohne Widerstand gegen Feinde das Gericht Gottes
und den Jngsten Tag erwarten soll?
    Er soll bescheiden seinem Gott vertrauen, antwortete der Doktor. Ich bin
ein deutscher Mann wie Ihr, und Gott wei, da ich meinem Volk das Beste gnne,
aber ich sage Euch, vor dem allmchtigen Gott steht die Frage nicht so, wie Ihr
sie gestellt habt, ob Deutscher oder Pole, sondern sie steht so, ob echter
Glaube oder teuflische Verblendung. Wenn die Polen Gottes Wort annehmen und treu
bewahren, wie sie ja auch guten Willen haben, so werden sie und ihre Herrschaft
frhlich gedeihen, und Euren Landsleuten wird es frommen, in Eintracht mit ihnen
zu leben. Wenn sie aber beharren in ihrem alten Wust und Unrat, so werden sie
darin umkommen und hier und dort ihren Lohn erhalten. Sind die Deutschen besser
in Glauben und Gewissen, so mgt Ihr vertrauen, da sie auch tchtiger auf der
Erde sein werden und dem Herrn liebere Kinder Ev als die Polacken, wenn diese
ungewaschen und strotzig bleiben.
    Ich hre die Verkndigung, ehrwrdiger Vater, aber sie trstet mich nicht.
Dem Hochmeister gab der Herr des Himmels den Beruf, im Preuenlande unsere
Herrschaft wiederherzustellen, und seine Treulosigkeit ist schuld, wenn meine
Landsleute durch Schmeichelei, List und Gewalt der Fremden umgarnt werden. Um
eitler Ehre willen hat er mein Vertrauen getuscht und mich verraten, und darum
vermag ich dem Grimm und der Rachsucht nicht zu widerstehen. Jeden Tag steigen
die bsen Geister in mir auf, und wie ich auch im Gebet gegen sie ringe, sie
bleiben bermchtig.
    Herr mein Gott, rief der Doktor, hier ist ein Greis, der wenig mehr auf
Erden hat, was ihn von dem Gedanken an dich abziehen kann, und doch hlt er fest
an seiner Rache! Erbarme dich seines Gemtes und senke in die Bitterkeit seines
Herzens einen Tropfen deiner himmlischen Gnade. Ich denke, fuhr er fort, Euch
dem bsen Feind nicht zu berlassen, der jetzt die Krallen nach Eurer Seele
ausstreckt; manches Mal habe ich mit dem Grobian gerungen und bin sein Meister
geblieben. Auch Euch will ich strker bedruen, damit Ihr auf mich achtet. Ihr
wollt einem nicht vergeben, den Ihr Euch selbst in gehssigen Gedanken zu Eurem
Feinde gemacht habt, und Ihr vermgt von dem Recht nicht zu lassen, das Ihr, wie
Ihr meint, an seiner Seele erworben habt. Wohl, tragt seinen Schuldschein vor
Gottes Thron und beschuldigt ihn des Treuebruchs gegen Euch. Seht zu, ob der
Richter Euch nicht antworten wird: Bevor ich deinen Zorn entschuldige, will ich
prfen, ob du selbst niemals der Verzeihung anderer bedurft hast. Bist du immer
treu gewesen gegen deine Mitbrger und deine Stadt, der du verpflichtet warst?
    Nein, rief Marcus mit starker Stimme. Untreu war ich gegen die Obrigkeit
meiner Stadt, aber die Snde nahm ich auf mich um seinetwillen. Gerade darum
hasse ich ihn.
    Und der Richter wird weiter fragen, du bist niemals ungerecht und untreu
gewesen gegen dein eigenes Geschlecht, welches du in deinem Ehrgeiz durch den
Hochmeister erhhen wolltest?
    Ja, rief Marcus wieder, hart und ungerecht war ich gegen meinen lieben
Sohn, meine Pflicht als Vater habe ich gering geachtet, um den Eid zu halten,
den ich dem andern geleistet. Gerade darum fhle ich den Grimm, da er mich
getuscht, wie ein Werkzeug benutzt und preisgegeben hat.
    Und zum dritten wird der Richter fragen: Hast du selbst niemals einen
anderen getuscht und zur Tuschung verlockt, zu deinem Vorteil bentzt und
preisgegeben?
    Marcus zuckte empor und starrte mit verglasten Augen vor sich in die Luft:
Dort ward er gerichtet, es war mein vertrauter Knecht.
    Da winkte der Doktor die Angehrigen herzu und wies mit der Rechten nach der
Hhe: Darum spricht dein Richter in deiner letzten Stunde: Vergib, damit dir
vergeben werde. Er stand gebietend vor dem Alten: Vergib! Dein Richter ladet
dich vor seinen Thron.
    Die Augen des Scheidenden fuhren unsicher ber den Sohn und ber die
Tochter, welche vor ihm knieten, und sie hafteten zuletzt auf dem Kinde, welches
Georg mit trnenden Augen vor ihm festhielt. Pltzlich erhob er sich, griff mit
beiden Hnden nach dem Arm des Doktors und seufzte zurcksinkend: Nehmt die
Hand zur Vershnung.
    Um den Toten glnzten Himmel und Erde in goldenem Abendlichte. Er hatte
zornig die Heimat an der Weichsel verlassen, um in der Fremde zu sterben, und er
schlo die Augen auf der alten Heimatsttte seines eigenen Geschlechtes. Aber
nicht er und keiner seines Stammes kannte die Heimat.
    Die Krhen und Dohlen flogen schreiend um die Trme der Burg, und im Gebsch
an der Mauer sangen furchtsam die kleinen Vgel. Da klang ber den Lauten der
Natur die feierliche Stimme des Mannes, in welchem sich die Kraft, die Gre und
die Einfalt des deutschen Wesens vereinten wie nie vorher in einem einzelnen
Menschen. Auch an dem Geschlecht des Toten bte er sein hohes Amt, indem er die
Trauernden ermahnte, jeden Tag und jede Stunde mit ihrem Gott zu leben, den er
nach alter berlieferung als gebietenden Herrn und liebenden Vater verstand.
Sptere Enkel desselben Geschlechtes deuteten das Unermeliche nach dem Ma
ihres Erkennens und nach dem Bedrfnis ihres Herzens zugleich freier und
bescheidener; aber alle spteren, wohin sie auch der himmlische Landwirt nach
dem Bedarf seiner Wirtschaft ste, wurden Dank schuldig fr ihre Freiheit und
fr ihre Frmmigkeit dem Doktor Martinus Luther.


                                Die Geschwister

                         Der Rittmeister von Alt-Rosen

                                 Im Jahre 1647

Nahe der Heerstrae, welche von der Tauber zum Main fhrt, rastete an einem
Nachmittage des Frhsommers eine Anzahl Bewaffneter auf niedrigem Hgel. Eine
alte Linde gab den sonnengebrunten Mnnern drftigen Schatten, die Hlfte des
Baumes war durch Feuer zerstrt, und nackte ste starrten zwischen dem Laube in
die Luft, dennoch blhte der Baum, und wrziger Duft mischte sich mit dem
Brandgeruch, welcher aus der Niederung heraufzog.
    Rings um den Hgel lagerte Kriegsvolk, und man bersah von der Hhe die
Reihen der angepflckten Pferde, kleine Laubschirme aus schnell
zusammengetragenen Baumsten, dazwischen wenige Zelte und die Feuer, um welche
sich Mnner und Reiterbuben bewegten. Dick und wetterschwl war die Luft, sie
drckte den Dampf der Feuer an der Erde dahin, und wenn zuweilen ein kurzer
Windsto den Rauch in Wolken emportrieb, dann verhllte er die Reiterstandarten,
welche im Boden steckten, und die Reihen der Pferde, dann ragten die Gestalten
der berittenen Wachen, welche die Auenseite des Lagers umgaben, undeutlich aus
der mifarbigen Wolke, und man vernahm auf dem Hgel aus dem Dunst der Tiefe nur
Geschrei der Buben, Wiehern der Rosse und gebietende Rufe.
    Wer die Standarten musterte, sah, da sie mehreren Reiterregimentern
zugehrten, nur eine Kompanie Fuvolk lag dazwischen, und ihr groes gelbes
Fahnentuch, gebleicht durch Sonne und Regen manches Feldzugs, hing, in den
Knoten geschlagen, um die Stange. Dem Reiterhaufen fehlten die Karren und das
Gesinde seines Trosses. Im Rcken des Haufens zogen sich dichtbelaubte Hhen auf
beiden Seiten des Weges nordwrts, und die rastende Schar war nur eine Nachhut,
welche anderen Teilen des Heeres ihren Marsch durch den langen Engpa gegen
einen Feind decken sollte, der sdwrts von der Tauber her erwartet wurde.
    Anderes freilich mute einen Kriegsmann befremden. Es waren ausgewetterte
Soldaten, welche um den Hgel lagerten, narbige, gefurchte Gesichter mit
trotzigen Augen, viele mit grauem Haar, in ihren Bewegungen sicher und
bedchtig, untereinander schweigsam und von stolzer Haltung, Leute, die auch
ohne Befehl zu tun wuten, was die Stunde verlangt; aber nur sprlich waren
neben den zahlreichen Kornetten die Trompeter zu sehen, welche doch sonst in
jeder Kompanie als vertraute Boten der Offiziere bei den Feldzeichen lagen. In
den Reihen der Rosse und Feuerstellen vernahm man nicht die krftigen Worte der
Unteroffiziere, welche anderswo berall die Ordnung des Lagers mit vielem
Fluchen und Sausen ihrer Stcke aufrechterhalten muten. Auch der Hgel in der
Mitte, der das Hauptquartier vorstellte, war nicht durch Wachen von dem Volke
geschieden, wie Lagerbrauch war; zwanglos und ohne Scheu verkehrten die gemeinen
Reiter mit den Herren auf der Hhe, sie riefen im Vorbeigehen hinauf und lachten
ber einen launigen Zuruf, der ihnen von oben gegnnt wurde. Und die
Befehlshaber selbst glichen nicht in allem den Offizieren, wie sich diese in
anderen Heerhaufen darstellten. Bei den meisten erwies nur die groe Feldbinde,
da sie Rang und Amt hatten, aber Samt und Seide, goldene Tressen und wallende
Federn auf den Hten waren selten zu erblicken; die Mnner lagen im Grase,
rauchten aus kurzen Tonpfeifen, spielten mit Wrfeln, und einer besserte gar
eigenhndig am schadhaften Wams, das er sich ausgezogen hatte. Die Mehrzahl
schien von demselben Schlage wie die Soldaten, ein Geschlecht alter harter
Kriegsgurgeln, dem der Dienst vieler Jahre anzusehen war. Nur ein jngerer Mann
befand sich unter ihnen mit neuer seidener Feldbinde und silbernem Ringkragen.
Dieser, ein stmmiger Herr, sa auf einem Stein in der Mitte, er hatte ein
breites Angesicht und groe, gescheite Augen, welche in unablssiger Bewegung
ber die Begleiter, das Lager und die Landschaft flogen. Die weien
Strauenfedern auf seinem Hut kndigten den obersten Befehlshaber an.
    Ein kleiner Trupp kam in scharfem Trabe auf der Landstrae heran und hielt
auerhalb des Lagers, ein einzelner Reiter sprengte durch die Lagergasse dem
Hgel zu.
    Der Feldoberst trat dem Ankommenden entgegen und rief mit guter Laune:
Maecenas, atavis edite regibus!

O Bernhard, aus der Knig altem Haus,
Entsprossen, du mein Schutz und Augenschmaus,

was bringst du Neues?
    Der Angeredete sprang vom Pferde, eine schlanke Kriegergestalt mit scharfen
blauen Augen, gebrunten Wangen und schwedischem Knebelbart, dem die braunen
Locken bis auf den Halskragen herabhingen: Marschall Turenne hat einen Offizier
mit Trompeter gesandt, welcher an den Kriegsrat dieses Schreiben berbringt.
    Die Miene des Befehlshabers wurde finster. Hofft der Franzose immer noch,
durch Briefe und Boten die weimarischen Regimenter in seinen Dienst
zurckzuzwingen? rief er laut. Unter den Offizieren auf der Hhe entstand eine
Bewegung, sie sprangen empor und umringten den Anfhrer, welcher das Schreiben
ffnete: Marschall Turenne verheit zum drittenmal Verzeihung und Amnestie,
wenn wir reuig zurckkehren und uns aufs neue dem Knig von Frankreich
zuschwren. Er hob den Brief in die Hhe. Es steht kein Wort darin, da er
unser verbrieftes Recht anerkennen will, uns nur in deutschen Landen zu
gebrauchen und nur fr die Sache des Evangeliums.
    Ich warne euch, ihr Herren, rief ein alter Offizier aus dem Gefolge, da
ihr der Redlichkeit des Franzosen jetzt weniger traut als zuvor; der Wolf wird
um so bissiger, je mehr ihn hungert. Schon einmal, als er Amnestie verhie, hat
er gleich darauf Reiter von uns, die in seine Gewalt fielen, auf die Folter
gespannt, damit sie gegen uns aussagten. Dieselbe schwarze Treulosigkeit wird er
auch jetzt gegen unsere Vlker beweisen und vor allem gegen die Befehlshaber.
    Wer ist sein Bote, Rittmeister Knig? fragte der Feldoberst.
    Der Junker Reinbold, welcher unter dem Marschall meine Kompanie fhrte,
meldete der Befragte, es war ein seltsames Wiedersehen.
    Wir zerreien den Brief, rief ein anderer, und dem schurkischen Boten,
der seine Kompanie um des Franzosen willen verlassen hat, zerbrechen wir den
Degen und jagen ihn mit blutigem Rcken von dannen. Der General vernahm
beifllig den Ausbruch des Zornes: Dennoch rate ich, entschied er, da wir
dem Marschall nach Kriegsbrauch antworten und seinen Boten ehrlicher behandeln,
als er verdient. Dem Rittmeister vom Regiment Alt-Rosen befehle ich die
Aufsicht. Geleitet den Abgesandten herein. Und nher zu dem Angeredeten
tretend, setzte er hinzu: Hindere ihn, mit den Gemeinen zu schwatzen. Wie
gebrdet er sich?
    Er faucht wie ein Marder, und es wird ihm schwer, die Hflichkeit zu
bewahren.
    Der Rittmeister sprengte zurck zur Lagerwache, whrend der General, den
sich die emprten Regimenter aus ihren Reihen selbstwillig erwhlt hatten, mit
den Offizieren beriet. Kurz darauf ritt der Bote des Marschalls mit seinem
Begleiter durch die Lagergasse. Er war ein junger Edelmann von entschlossenem
Wesen, und sein Gesicht wre hbsch gewesen, bis auf den unsteten, wilden Blick
der Augen, htte nicht das wste Lagerleben ihm vor der Zeit Furchen
eingegraben. Er sah hochmtig ber die dstern und feindseligen Mienen der
Reiter, welche herandrngten, um den wohlbekannten Mann zu betrachten. Als er am
Fu des Hgels abgestiegen war, verbeugte er sich mit hhnender Artigkeit gegen
den Feldobersten, dieser aber schnitt ihm die Anrede ab, indem er, an seinen Hut
rhrend, im Tone ruhigen Befehls sagte: Das Schreiben des Marschalls Turenne
ist mir bergeben, Ihr werdet hier die Antwort des Kriegsrats erwarten. - Dabei
wandte er dem Boten den Rcken und schritt mit seinem Gefolge dem Zelte zu,
welches in einiger Entfernung eilig aufgeschlagen wurde.
    Alle Teufel, rief Reinbold spttisch, Wilhelm Hempel aus Weimar trgt
seine Plumage so stolz wie vorzeiten Saul, der vom Eseltreiber zum Knig
avancierte. Ich bin ihm dankbar, da er geruht hat, gerade Euch zu meinem Hter
zu bestellen, Monsieur Knig, der Ihr mein Fhnrich wart.
    Bernhard antwortete ernst: Zwingt mich nicht, Euch zu zeigen, da Ihr jetzt
mir zu gehorchen habt.
    Verzeiht, versetzte der andere, Eure junge Wrde als Rittmeister in
Ehren; ich bin die verkehrte Welt nicht gewhnt wie Ihr. Bah! Was weiter! Ihr
seid auf Fortunas Rade in die Hhe gestiegen, und ich bin herabgeschwenkt. Das
ist der Welt Lauf. Er rief einen Vorbergehenden an: Gottlieb Stange, du hast
ein Pferd und Beutegeld bei uns zurckgelassen, wir heben's dir auf, bis du
wiederkommst.
    Bernhard griff an den Degen: Ich warne Euch, da Ihr zu niemandem aus dem
Volke redet, sonst wird Euch Eure Ambassade nicht vor einem Stich in die Kehle
schtzen.
    Der Angerufene war stehengeblieben, ein alter Kriegsmann mit groem
Schnauzbart, grauen, scharfen Augen und hagerem Angesicht, der schon unter
Gustav Adolf als Kanonier gedient hatte und jetzt die Stelle eines Leutnants
versah, er war ein Liebling des Heeres, wegen harter Tapferkeit, und weil er
ber viele Dinge seine eigenen Gedanken hatte.
    Ob ich Gott lieb bin, werdet Ihr am wenigsten wissen, Junker von Reinbold,
antwortete er, denn Eure Bekanntschaften im Himmel sind mir sehr zweifelhaft.
Wenn ich Euch wie einem Gaste Rede stehen soll, so verlange ich vor allem als
Leutnant Stange stimiert zu werden, denn ich trage meine Feldbinde mit mehr
Recht als Ihr die Eure. Mir traben die Reiter nach, wenn ich sie kommandiere,
Euch aber nicht.
    Da habt Ihr Euren Bescheid, sagte Bernhard.
    Reinbold nickte gleichgltig: Ihr haltet Eure Leute in strenger Zucht, das
merkten wir auf dem Wege hierher, bei jeder Raststelle sahen wir arme Snder,
die Ihr als Eicheln an die Bume gehngt habt. Wollt Ihr alle hngen, die Euer
Abzug reuen wird, so werdet Ihr zuletzt die Regimenter aus der Luft
zusammenblasen mssen. - Ist bei euch auch der Trunk verboten? Sonst war es
guter Brauch, einem alten Kameraden die Kanne nicht zu versagen.
    Wollt Ihr Eure Zunge hten und Euren Zorn bndigen, antwortete Bernhard,
so soll die Kanne nicht fehlen, obwohl unser Wein zur Neige geht. Er winkte
einem Knecht und bot dem Gesandten Sitz und Becher. Vor der vollen Kanne fuhr
Reinbold vertraulicher fort: Du tust unrecht, Bruder, aus dem Weinlande
nordwrts zu reiten, fr uns Verlassene ist jetzt Wein der einzige Trost in
unserem betrbten Witwerstande.
    Dann wundert mich, da Ihr und Euer Marschall uns nachzieht, ber den
Rhein, den Neckar, die Tauber bis zum Main.
    Marschall Turenne sucht und reitet nach seinem verlorenen Glck. Der Knig
von Frankreich hat nirgend Soldaten gleich den acht Regimentern, welche Ihr ihm
entfhrt habt.
    Wir hrten zuweilen den welschen Hahn in unserem Rcken krhen, versetzte
Bernhard. Wie vertragt Ihr Euch mit den Franzosen?
    Wie Hund und Katze, um die Wahrheit zu sagen. Zuerst hat uns der Franzose
schne Worte und hohe Versprechungen eingeschenkt, solange er euch an unseren
Feldbinden festzuhalten hoffte; jetzt macht er uns bereits den Trunk sauer durch
seine Mienen; und mit seinen Gnstlingen, den Laffen aus Paris, gibt es tglich
Tnze hinter der Mauer, die mit blutigem Hinfallen enden. Viele von uns denken
daran, die Pferde zu satteln und von den Franzosen abzureiten.
    Kommt zu uns zurck, mahnte Bernhard, noch ist es Zeit.
    Wollt Ihr mir meine Kompanie zurckgeben? fragte der Abgesandte schnell;
und wollt Ihr wieder Fhnrich unter mir werden?
    Ich bin's zufrieden, entgegnete der Befragte, wenn Ihr Euch durch
denselben Eid bindet, den wir untereinander geschworen haben, und wenn die
Kompanie, welche Ihr den Fremden zu verkaufen dachtet, Euch zurcknimmt.
    Also, wenn Wasser den Berg hinauffliet, lachte der Gesandte, seid
bedankt fr die gute Meinung. Doch sage, Bruder, wohin will dein Kriegsfrst
Hempel die Vlker fhren?
    Das fragt ihn selbst.
    Ich denke doch, Bernhard, du bist sein Vertrauter? forschte der andere mit
treuherziger Miene.
    Wre ich's, so drftet Ihr von mir zuletzt Bescheid erwarten. - Reinbold
aber fuhr fort: In Hessen und in Westfalen findet ihr die Betten belegt. Da ihr
von den Kaiserlichen ab nordwrts reitet, so denke ich, es zieht Euch zu dem
Schweden und zu den thringischen Klen.
    Ihr selbst seid ein Thringer? fragte Bernhard ablenkend.
    Vom Rande des Waldes. Geratet Ihr dorthin, so gebe ich Euch Gre mit an
einen alten Schatz.
    Erst mu ich wissen, ob ich auch guten Willkommen finde, wenn ich Eure
Gre ausrichte, antwortete Bernhard.
    Der Fremde verzog den Mund. Vielleicht wird sie Euch freundlicher ansehen,
wenn Ihr erzhlt, da Ihr mich zum Rittmeister ohne Kompanie und zum Junker
Habenichts gemacht habt. Er trank hastig aus: Doch sage ich dir, Bruder,
manches Weib hat seitdem an meinem Halse gelegen, aber die Dirne vom Walde kann
ich nicht vergessen. Wachend und im Traume sehe ich sie vor mir, zuweilen mit
geballter Faust, zuweilen mit lachendem Munde; mir strubt sich das Haar, und
mich packt die Begierde, ihrer Herr zu werden oder sie zu erstechen. - Hoscha!
Still! Trinken wir eins auf Euer Wohl bis dahin, wo mir Euer Wehe ntig wird zum
eignen Glck.
    Bernhard stie das Glas weg: Trinkt allein zu so widerwrtigem Wunsch.
    Noch sind wir ja gute Freunde, versicherte der Fremde. Und wenn ich so
neben dir sitze, fllt mir aufs Gewissen, da du zu deiner Zeit ein ehrlicher
Kamerad gewesen bist, vor allem damals, als du mich aus Lamboys Dragonern
heraushiebst. Trink, Bruder, scheiden wir voneinander mit heilen Gliedern, dann
setze ich mich auf einen Stein und blase drei Federn in die Luft, eine fr die
Landgrfin von Hessen, die andere fr den Schweden, die dritte fr den Kaiser,
und die am hchsten fliegt, der reite ich nach. Es kann wohl sein, da mir eine
Feder, die ich in der Luft vor mir sehe, zum Kaiser nach Bhmen winkt. - Er
schwieg eine Weile, hob drohend die Faust und fuhr leise fort: Kommt eine
dorthin, die ich kenne, so biete ich ihr den Willkommen. - Er lachte wieder.
La mein Glas nicht leer stehen, meine Pflicht ist, euch zu schdigen, wo ich
kann, darum will ich vor allem euren Wein austrinken.
    Holla, Pyritzer! unterbrach Bernhard, einen Offizier anrufend: Was hat
Euch mein Bube getan, da Ihr ihn gefesselt heranfhrt?
    Der Angerufene ritt nher, neben dem Pferde lief ein Knabe mit geschnrten
Hnden, durch einen Riemen am Sattel festgebunden. Es war ein Reiterbube von
etwa zwlf Jahren, doch ungewhnlich klein fr sein Alter, als Junge eines
angesehenen Offiziers trug er gute Kleider, aber sein Wmschen war beschmutzt
und zerrissen; es war auch kein schnes Kind, das bleiche Gesicht mit
Sommersprossen bedeckt, das rtliche Haar kurzgeschoren, groe Nase, groer Mund
und ein Zug von Verschlagenheit in dem jungen Gesicht, der verriet, da der
Kleine ber seine Jahre gewitzigt war.
    Ich wollte die Range dem Rumormeister bergeben, sie hat sich in mein Zelt
geschlichen, und ich traf sie ber meiner Feldflasche. Der Teufel mu ihr
geholfen haben, einzudringen, denn unsere Knechte und Buben lagen rings um das
Zelt.
    Wie, Pieps, du machst deinem Herrn die Schande, im Lager zu mausen? rief
Bernhard zornig.
    Es geschah nicht wegen des Branntweins, entschuldigte sich Pieps, nur
wegen der Ehre. Die Reiterbuben von Taupadel verhhnen mich, weil ich auf die
Bank steige, wenn ich das Pferd striegle. Da kroch ich zwischen ihnen durch, um
zu zeigen, da Alt-Rosen mehr versteht als sie.
    berlat mir den Buben zur Bestrafung, ersuchte Bernhard, und wenn Ihr
mir Eure freundliche Gewogenheit erweisen wollt, so gestattet, da ich Euch als
Ersatz fr den verdorbenen Trank die letzten Flaschen von diesem hier in das
Zelt sende. Er bot ihm den Becher.
    Ich frchte, Herr, sagte der Offizier, den Knaben losbindend, der Junge
wird der rgste Taugenichts im Tro. Er ist im ganzen Lager beleumdet.
    Ich wundere mich, Bruder, warf Reinbold dazwischen, da du das garstige
Krtlein als deinen Lufer unterhltst, mache es zum gemeinen Buben.
    Ich fand ihn in der ersten Woche, als ich zum Heere kam, neben seiner
Mutter an der Landstrae liegen. Die Mutter war tot, das Kind kam zum Leben und
wuchs bei den Pferden auf, soweit es vermochte.
    Der Pyritzer, ein bedchtiger Pommer, gab den Becher dankend zurck, hielt
im Abreiten noch einmal an und begann vertraulich: Ihr seid von den Gelehrten,
Herr Kamerad, wit Ihr mir den Traum zu deuten, den ich heute nacht hatte? Ich
sa als Schulthei auf dem Hofe meines Vaters, und hinter mir blkte die Herde.
Im Traumbuch finde ich nichts darber. Das Schaf ist ein seltsames Vieh geworden
zwischen Rheinstrom und Oder, wer jetzt Herden scheren will, der mu die Wolle
von den Wlfen schneiden. Darum mchte ich wissen, hat dieser Traum eine
Bedeutung, und welche Bedeutung hat er?
    Vielleicht wird er einst zur Wahrheit, Ihr erlebt den Frieden und die
Herde.
    Der Pyritzer schttelte zweifelnd den Kopf: Der Schulzenhof ist abgebrannt,
und die Hammel sind aufgegessen. Meint Ihr, da mir bestimmt ist, den Hof wieder
aufzubauen?
    Wenn Friede wird, will ich Euch darauf Antwort geben, antwortete Bernhard
lachend.
    Mir fr mein Teil liegt wenig am Frieden, sagte Reinbold, mir hat eine
Zigeunerin prophezeit, da ich um keine Kugel zu sorgen habe, bevor die
Kirchenglocken den Frieden einluten.
    Setze dich unter das Pferd, gebot Bernhard dem Knaben, bis ich dich
stripsen lasse. Pieps tauchte ergeben in die unrhmliche Sperre zwischen den
Pferdebeinen; das Pferd, an diese Mitwirkung zur Disziplin gewhnt, neigte den
Kopf zu dem beltter herab, und Pieps streichelte den Pferdehals aus der Tiefe,
worauf er sofort einigen Trojungen, welche lachend auf ihn wiesen, durch
wortlosen Gebrauch seiner Zunge Miachtung ausdrckte und dieselbe Gebrde dem
Abgesandten zuwendete, als dieser ihm den Rcken kehrte.
    Der General kam mit seinem Gefolge aus dem Zelte heran. Empfangt hier die
Antwort gegen das Schreiben Eures Marschalls. Der Rat hat abgelehnt, auf das
Angebot einzugehen. Euch aber mahnen wir daran, da Ihr als deutscher Offizier
zu Euren Fahnen gehrt.
    Umgekehrt! hochmchtiger Herr Kriegsoberst! antwortete Reinbold, sich
verneigend. Wir in unserem Quartier sind des Glaubens, da die Reiter zu ihren
Offizieren gehren, und ich hoffe, mancher von denen, die hier im Kreise
drngen, wird sich noch daran erinnern.
    Darber sollt Ihr sogleich Sicherheit erhalten, antwortete der General und
rief mit heller Stimme in den Haufen, welcher den Fremden umstand: Der
Marschall Turenne bietet euch Pardon und zwei Monate Sold, wenn ihr zur Stelle
zurckkehrt und euch dem Knige von Frankreich aufs neue verpflichtet.
Antwortet, deutsche Soldaten, wollt ihr das oder nicht?
    Es wogte und murmelte in dem Haufen, dann erhob sich ein lautes Geschrei:
Wir wollen nicht! Wilde Stimmen riefen: Eher reien wir das Fahnentuch von
den Stangen und laufen nach allen Winden. Und ein alter Reiter trat vor den
Abgesandten und rief: Sagt Eurem Marschall auf seinen Gru die letzte Antwort:
Wenn einer unter uns auch nur ein franzsisches Haar auf dem Kopfe trge, wir
wrden es ihm ausreien.
    Wahre du selbst deinen Schopf, rief der Abgesandte dagegen, da deine
Haare nicht am drren Baume hngenbleiben, wenn wir dich behandeln, wie einem
Verrter gebhrt. - Im Haufen erhob sich Tumult, die Waffen blitzten, und viele
Rufe erschollen: Nieder mit ihm!
    Der General trat rasch vor den Gefhrdeten und gebot: Hinweg! Fhrt ihn mit
sicherer Bedeckung bis zum nchsten Kreuzweg.
    Ich danke dem Herrn Kriegsobersten fr die gndige Entlassung, entgegnete
der Gesandte zornig, und bitte zum Abschiede nur noch um die Erlaubnis, meiner
eigenen Kompanie einen Gru zu bestellen. - Er warf seinen Handschuh vor
Bernhards Fe. Ihr, Fhnrich Knig, reitet in meinen Stiefeln, die Ihr mir
gestohlen. Von zwei Rittmeistern bei demselben Kornett ist einer zu viel. Lat
uns zur Stelle entscheiden, wem das Fhnlein gehren soll.
    Bernhard hob den Handschuh auf.
    Ich verbiete den Kampf, befahl der General, der Franzose soll nicht
sagen, da wir seinen Gesandten auf die Erde gelegt haben, bevor er unsere
Antwort zurcktrug.
    Ich preise die Vorsicht des Herrn, antwortete der Gesandte.
    Geduldet Euch, Herr, sagte Bernhard, treffen wir uns wieder, so will ich
Euch Eures Ranges entledigen. Aufgesessen und fort!
    Die Reiter warfen sich auf die Pferde, den Gesandten umschlo die Zeltwache;
so stoben sie ins Freie, die beiden, welche Todfeinde geworden waren, schweigend
nebeneinander. Am Kreuzwege hielt der Trupp, die Gegner wechselten hflichen
Gru und rhrten an ihre Degen, der Fremde trabte von dannen.
    Als Bernhard zu seinem Befehlshaber zurckkehrte und die Meldung machte,
setzte er hinzu: Er wird nicht weit reiten, bis er Genossen findet; denn
whrend er hier seinen Groll verbi, flogen ihm die Augen lauernd ber den Weg,
zumal nach jenem Hgel, als ob er dort etwas erwarte. Auch verriet er sich, da
Turenne bis ber die Tauber unseren Vlkern nachgegangen sei. Ich denke, der
Marschall selbst ist in der Nhe.
    Aus der Ferne jagten die Feldwachen heran.
    Dort kommt Botschaft, rief der Befehlshaber, auf die Flchtigen weisend,
blase, Trompeter! Zu Pferde, ihr Herren!
    Von einer Anhhe zur rechten Seite drhnte ein Schu. Eine Stckkugel schlug
gegen den Stein, auf welchem kurz vorher der General gesessen; ein zweiter, ein
dritter Schu krachte, die Rosse bumten, die Mnner rannten zu ihren
Standarten.
    Marschall Turenne spricht, rief der Feldoberst, er gedachte uns durch den
Gesandten sicher zu machen und lie unterdes seine Stcke hinaufzerren. Die
Ordres flogen zu den Regimentern: Die gelben Musketiere und Rosen-Dragoner
gegen die Geschtze, Alt-Rosen dahinter als Sukkurs. Rittmeister Knig hat den
Befehl des rechten Flgels. Regiment Taupadel gedeckt in Reserve. Unser
Feldgeschrei soll sein: Hie Teutschland! - Das Geschrei summte von Beritt zu
Beritt. Noch einen langen Blick warf Bernhard auf die geschwungenen Linien der
Hgellandschaft, dann grte er den Freund, der die Hand nach ihm ausstreckte,
und trabte an der Spitze seiner Schar vom Wege ab.
    Den Musketieren und abgesessenen Dragonern gelang es, sich gedeckt den
Geschtzen zu nhern und diese zur Abfahrt zu zwingen, doch als sie aus der
Deckung, welche ihnen das Buschholz gab, heraustraten, ritten die franzsischen
Kompanien gegen sie.
    Sie aber ballten sich zu einem Igel, aus den heiseren Kehlen drang der
Schlachtruf, der bis dahin nur selten gehrt war, und aus den Rohren fuhren
feurige Strahlen gegen die Feinde. Im nchsten Augenblick waren die
franzsischen Reiter ber ihnen, und der wtende Kampf Mann gegen Mann begann.
Da flogen die Kompanien von Alt-Rosen zur Hilfe, allen voran, Schwert und
Pistole in den beiden Fusten, der junge Rittmeister, und in dem Gedrnge der
Pferde taten Pistolen und Schwerter ihr blutiges Werk.
    Holt Euch die Kompanie, Reinbold, schrie Bernhard, auf seinen Feind
einstrmend, und schlug mit ihm zusammen.
    Hinter den franzsischen Regimentern hielt Vicomte Turenne selbst, noch
zweimal sandte er neue Haufen in den Kampf, die gefhrdeten Geschtze zu retten,
auch der Rckhalt der Deutschen warf sich in das Getmmel. Doch die gehoffte
berraschung war den Franzosen milungen, kmpften die Haufen auch fast in
gleicher Strke, die Wucht der deutschen Veteranen erwies sich als mchtiger.
Langsam wichen die Angreifer, gedeckt durch gut postiertes Fuvolk.
    Als die Trompete den Deutschen das Sammeln gebot und der General die Reihen
entlang ritt, da riefen ihm die alten Reiter zu: Htten wir die anderen
Regimenter zur Stelle gehabt, es wre uns keiner entronnen, auch nicht der
Marschall.
    Die Sonne sank abwrts. Die Reiter trieben ihre Gefangenen zusammen,
durchsuchten die Taschen und verhandelten kameradschaftlich mit ihnen wegen der
Lsung; wer aber einen Offizier gefangen, der freute sich des Gewinnes, den er
aus Fortunas Glckstopf gezogen. Auf der Sttte des Kampfes wurde es still, nur
hier und da ein Schu aus erbeuteter Pistole, Rufe der Fhrer, Hilfeschrei und
Gesthn der Verwundeten.
    Unterdes war die Kunde vom Kampfe dahin gedrungen, wo die Strke des Heeres
und der Tro durch den langen Engpa zogen, dort erhob sich jetzt wirres
Geschrei; die Regimenter an der Spitze hielten an, und im Tro begann Getse und
Gewhl, Weiber und Kinder flatterten wie ein Volk Stare, welches durch einen
Schu erschreckt wird, wild auseinander. Die eine Hlfte drngte nach vorn, die
andere strmte zurck, um den Regimentern, welche im Kampfe gewesen, nahe zu
sein. Wagen und Karren wurden umgeworfen und stopften die Wege. Unter den
Zankenden und Schreienden mhten sich die Rumormeister vergebens, mit
geschwungenen Stcken die Ordnung herzustellen, die Rckflut der Waffenlosen zu
hindern. Als die Abenddmmerung sich ber die Erde legte, breitete sich zwischen
den Regimentern der Nachhut, die jetzt neugeordnet zum Aufbruch bereit standen,
jauchzend, brllend, klagend der Haufe ihrer Angehrigen ber den Kampfplatz,
sie drngten in die Reihen, schrien die Namen ihrer Zeltherren, klammerten sich
an Schweif und Mhne der Pferde, schwangen sich in die Steigbgel, um ihre
Liebsten zu umarmen, und kletterten wohl gar dem Gaul des Vaters oder Gatten auf
den Rcken. Scheltend und lachend suchten die Offiziere ihrer Herr zu werden,
aber immer wieder muten die Kompanien ihre Stelle wechseln, um die Reihen zu
erhalten.
    ber die Berge stieg der volle Mond, aus der Niederung hob sich der
Nebeldunst; er kroch an dem Gelnde entlang und verdeckte mit grauem Flor die
Toten und Sterbenden, nur hier und da ragte ein blutloses Antlitz hervor oder
der Leib eines getteten Pferdes. Aber in dem Dampf, der sich ballte und
zerflo, huschten jetzt gleich Gespenstern die Weiber und Buben des Trosses. Sie
suchten nach ihren Herren und Befreundeten, um sie auf Karren zu laden oder in
einem Soldatengrabe zu bergen, und sie sphten nicht weniger eifrig nach
liegenden Feinden, um sie zu berauben. Hier in Mondlicht und Nebel lautes
Geschrei und Schluchzen, daneben scheues Geflster und behende Arbeit der
diebischen Finger.

                                 Der Kriegsrat


Als die gelichteten Regimenter von der Sttte des Kampfes aufbrachen, um sich
zur Nacht mit dem vorausgezogenen Heer zu vereinigen, war unter den letzten,
welche von der Verfolgung zurckkehrten, Bernhard mit seiner Kompanie. Er
erkannte die Hutfedern des Feldobersten vor einem Trupp Reiter, welcher am Wege
hielt.
    Ich melde mich zu Befehl meines Herrn Generals, grte Bernhard.
    La die Hflichkeit, gebot der andere, wandte sein Pferd dem Lager zu und
gab dem Gefolge einen Wink, auer Gehrweite zu reiten. Ich mu vertraulich mit
dir reden und begehre deinen Rat.
    Den brauchst du nicht, Bruder, versetzte der Rittmeister trocken. Du
warst stets neunmal klug und trgst jetzt deine Hutfeder wie einer, der
jahrelang den Befehl gefhrt hat.
    Doch sage ich dir, mein Amt mu aufhren, je frher, um so besser, denn es
wird unmglich, unser herrenloses Volk aus dem Stegreif zu fhren, wie wir tun
mssen. Wir reiten durch das Land, allen Potentaten unheimlich, und nur, da
jeder uns zu gewinnen hofft, bewahrt uns auf kurze Zeit vor neuen Sten.
    Wir frchten sie nicht, Wilhelm. Das Wasser mu den anderen bedrohlich an
die Kehle steigen, bevor sie ihr zusammengelaufenes Volk gegen uns senden. Unter
allen, die jetzt im Felde schwrmen, haben wir die schrfsten Stacheln, und sie
wissen das.
    Noch sind wir vielleicht zu frchten. Doch ohne Quartiere, ohne Verpflegung
schwinden wir dahin wie Schnee in der Sonne. Mu der Soldat sich tglich rauben,
was er braucht, so wird er in kurzem zum Ruber und Marodebruder.
    La jeden, der ein Schelm wird, henken, wie du seither getan.
    Bis die Unzufriedenen den Profos erschlagen und uns dazu. Und ich sage dir,
die Ordnung ist nicht aufrechtzuerhalten, wenn wir nicht Sold zahlen und Land
belegen wie die anderen.
    Wer nicht Sold zahlt, sind die anderen. Drnge dich ein zwischen Schweden
und Hessen.
    Wir vermgen uns ohne festen Proviantplatz nicht zu behaupten, sobald
Schweden und Hessen sich gegen uns konjungieren. Und wir haben kein Geschtz, um
eine geschlossene Stadt einzunehmen.
    Was wir nicht haben, wollen wir gewinnen, vertraue dem Glck und unseren
Fusten.
    Wer alles auf Fortunas Launen setzt, der kann schnell alles verlieren.
    Er kann auch alles gewinnen, Wilhelm.
    Und welchen Gewinn hoffst du fr dich und mich? fragte der Feldoberst
schnell.
    Was du dir ersehnst, verbirgst du mir, Herr Graf Wilhelm von Weimar,
versetzte Bernhard lachend. Was ich fr uns ersehne, ist, wie du weit, der
Frieden; auch fr mich selbst und fr die Schwester, die ich jetzt im wilden
Lager bewahren mu. Ich dachte seither, der frhere Student Wilhelm Hempel
knnte ein wenig dazu helfen; fr welche rhmliche Arbeit ich auch seinen
getreuen Commilito Knig rekommandiere.
    Der Befehlshaber warf einen mitrauischen Blick auf den Freund, aber er
sagte lchelnd: Jetzt trabt dein Gaul auf dem rechten Wege; du sollst noch heut
fr die gemihandelte Frau Deutschland deine Zunge gebrauchen. Ich habe zur
Nacht den Kriegsrat zusammengeladen und will das Eisen schmieden, whrend es vom
Gefecht hei ist. Wisse, die Regimenter Ruwurm und Schtze werden schwierig,
der Schwede Knigsmark hat seine Spione unter sie geschickt und den Offizieren
heimliche Versprechungen gemacht; sie werden fordern, da wir dem Knigsmark
zuziehen.
    Du willst ja dasselbe.
    Meint der General, fuhr Wilhelm finster fort, durch geheime Intrigen
unsere Vlker zu gewinnen ohne mich? Wenn sie ihm zuteil werden, so soll er sie
nur aus meiner Hand erhalten. Dazu habe ich dir eine Rolle zugedacht in der
heroischen Komdie unserer dickkpfigen Offiziere, deren Spielmeister ich heute
sein mu.
    Du weit, Wilhelm, ich rede nicht anders, als meine Gedanken sind.
    Sprich nur, wenn du gefordert wirst, wie dir's ums Herz ist, und du wirst
mir recht sein; sorge auch, da Gottlieb Stange nicht fehlt, denn ich brauche
ihn ntig. Es ist alles bedacht; wir werden dem Willen unserer Herren ein wenig
nachgeben mssen, fgte er mit stolzem Lcheln hinzu, und verhten, da kein
Schaden geschehe; und ich hoffe, du reitest morgen nach Gotha. Bernhard hielt
erstaunt an: Ich tauge nicht zu deinem klugen Paktieren.
    Ich gedenke dich an einen ehrlichen Herrn zu senden, gegen den du in deiner
Art reden kannst.
    Dann danke ich dir fr den Auftrag, auch wegen meiner Schwester Regine. Das
Kind ist zu schwach und suberlich fr dieses Leben unter dem Trosse. Ich nehme
sie mit mir und schaffe ihr ein Unterkommen bei frommen Leuten bis auf bessere
Zeit.
    Das Gesicht des Freundes verfinsterte sich: Wenn du alles mit dir fhrst,
was dir lieb ist, wer brgt mir dafr, da du selbst zu dem verlorenen Haufen
zurckkehrst?
    Der Eid, den ich den Vlkern geschworen, antwortete Bernhard stolz. Ich
ersuche Euch, Herr, solche Gedanken vor mir und Euch geheimzuhalten.
    Dein Eid soll dich binden? fuhr der andere grollend fort, leicht ist ein
Vorwand gefunden, ihn zu umgehen.
    Zweifelt Ihr an mir, so whlt einen anderen Boten, und dies sei das letzte
Wort, welches wir als alte Kameraden gewechselt haben. Kommt der Tag, wo Euer
Befehl aufhrt, dann werdet Ihr mir Rede stehen wegen Eures Verdachtes.
    Wilhelm bezwang mit Mhe seine Bewegung: Sei nicht so streng gegen mich,
Bruder. Mir verstrt es die Gedanken, da ich dich und deine Schwester entbehren
soll. Denn was dieses Leben, den scharfen Hader um eine unsichere Zukunft bisher
ertrglich machte, das waren die Stunden, wo wir drei in deinem Quartier
zusammensaen, du zur Laute spieltest und die werte Demoiselle Knigin uns mit
hohen Worten ermahnte, wenn wir uns als Weltkinder zu grblich gebrdeten.
Bernhard, ich bitte dich, la die Schwester hier, ich will an deiner Stelle Tag
und Nacht ber sie wachen, als wenn ich ihr Bruder wre.
    Du bist es aber nicht, Wilhelm.
    So gib sie mir zur Frau, brach der General heraus. Mit groem Erstaunen
sah Bernhard auf seinen Freund: Der Himmel sei mein Zeuge, da mir kein anderer
Schwager lieber wre als du. Die Schwester aber werde ich nie gegen ihren Willen
zwingen. Du selbst weit, da sie nicht ist wie andere Weiber und zuweilen
schwer heimgesucht wird. Sie ist krank und kann im Lager nie genesen. Aber auch
du, Wilhelm, lebst nicht in einem Stande, der dir ratsam macht, den Brutigam zu
spielen.
    Du meinst, weil ich ein anderes Spiel unternommen habe, bei dem mein Kopf
als Einsatz steht. Es war nicht freundlich, mich in dieser Stunde daran zu
mahnen. Da der Brgerssohn aus Weimar ber Nacht zu einem Herrn von acht
Regimentern geworden ist, welcher nicht in eines Knigs Namen henken lt,
sondern in dem eigenen, das macht ihn zu einem Wundertier, auf das die Leute mit
Fingern zeigen, und es verleidet ihn auch seinem eigenen Freunde als Schwager.
Sage mir nichts, fuhr er ruhiger fort, es ist mglich, da du recht hast; ich
aber will dir und anderen beweisen, da ich Witz genug finde, in diesem tollen
Wagnis meinen Kopf zu behaupten. Ist auch heut keine Zeit, zu freien, wenn ich
die Vlker aus ihrem Aufstand hinbergefhrt habe unter neuen Befehl, dann
versuche ich, ob du dich als treuer Kamerad gegen mich beweisen wirst. Jetzt
wiederhole ich noch einmal die Bitte: La deine Schwester hier; du weit, von
unseren Reitern wird sie keiner krnken, mir aber ist ihre Nhe wie die
Brgschaft meines guten Glckes. Als sie in Trnen beistimmte zu unserem
Widerstand gegen die Franzosen, fhlte ich mich leichter in meinem Herzen, und
dir ging es ebenso.
    Sie selbst soll entscheiden, ob sie bleiben will oder mit mir gehen,
antwortete ernsthaft der Bruder.
    Es sei, sagte der Feldoberst, aber das Zugestndnis wurde ihm schwer.
Doch gnne mir ehrliche Karten, gestatte, da ich sie in deiner Gegenwart
bitte, deine Rckkehr unter uns zu erwarten. Sei unbesorgt, Bernhard, ich werde
nicht als ein Liebhaber zu ihr reden, sondern nur als dein Kamerad. Bernhard
reichte ihm die Hand.
    Neben einem verlassenen Dorfe leuchteten die Lagerfeuer. Als die Reiter
nher kamen, umgab sie das Gewhl des Trosses; durch das Gedrnge der Karren,
zwischen den Weibern und Buben, welche Stroh und Holz an die Feuer schleppten,
wand sich der Trupp langsam der Mitte zu, wo ein Raum fr die Zelte und das
Gepck der Befehlshaber abgesteckt war. Dort stand unter den Trokarren der
Offiziere ein Wagenhaus, aus starken Brettern gezimmert, hell getncht, mit zwei
kleinen Fenstern. Daneben schlug der Knecht die Pfhle fr ein Linnenzelt in den
Boden. Bernhard schied von dem Freunde, sprang eilig ab und hielt im nchsten
Augenblick ein Mdchen in den Armen, welches ihm schon vom Wagen die Hand
entgegengestreckt hatte.
    Ihr seid verwundet, Bruder, rief Regine zurckfahrend, als sie einen
zerschlitzten rmel und tropfendes Blut sah.
    Nur ein Schnitt ins Fleisch, den deine Kunst schnell heilen wird.
    Wir hrten die Schsse, und die Buben schrien, da Alt-Rosen zum Angriff
reite, klagte die Schwester, ich aber sa festgefahren im Hohlwege, und da ich
nach meinem Pferde rief, wute niemand, wo es war, und mir blieb nur brig, in
bitterer Not den lieben Gott zu bitten. Es war eine angstvolle Stunde, um mich
sthnten die Weiber und forderten, da ich auch fr ihre Mnner Gutes vom Himmel
erflehen sollte, dazwischen heulten die kleinen Kinder; bis endlich der Wilhelm
an der Berglehne vorberritt und mir zurief, da er Euch in guten Krften auf
Eurem Pferde gesehen.
    Das Weib, welches liebevoll die Hand des Bruders festhielt, war von zarter
Gestalt. Beim ersten Blick sah man, da sie kein abgehrtetes Kind des Lagers
war, die Sonne hatte ihre Haut nicht gebrunt, und die kleinen Hnde waren harte
Arbeit nicht gewhnt. Die groen dunklen Augen mit langen Wimpern und
zusammengewachsenen Brauen sowie die bleiche Farbe der rundlichen Wangen gaben
ihr das Aussehen einer Trauernden und Kranken, aber sie bewegte sich behend und
krftig, als sie in den Wagen kletterte und Verbandzeug herzubrachte. Kommt in
das Zelt, bat sie, auf den wunden Arm deutend.
    Geh voran, Prinzessin Dorimene, bevor dein untertniger Amadeo seinen Arm
preisgibt, mu er nach den Pferden sehen.
    Wenn Weiber oder sthnende Buben in die Nhe des Feuers kamen und die
Geschwister erblickten, so prallten sie hastig zurck. Das ist die schwarze
Hexe, flsterte ein Trobube, hinter einen Baum zurckweichend, seinem Genossen
zu.
    Du Mondkalb, belehrte dieser, die schwarze Nonne heit sie.
    Das ist Gurr wie Gaul, versetzte der erste, sieh nur, was sie fr Augen
macht.
    Fort, Lumpengesindel! schrie Pieps und strmte mit einer Wagenrunge auf
sie ein.
    Als Bernhard zum Zelte zurckkehrte, erwartete ihn die Schwester am Eingange
und zog ihn hastig hinein; er fhlte, wie ihre Hand zitterte, und erkannte bei
der brennenden Wachskerze in ihren Zgen die Aufregung.
    Blitz! sagte er heiter, mit ihrer Hilfe sein Wams ausziehend, hier hngt
auch die Laute, sie wird in den nchsten Tagen vor mir Ruhe haben - er strich
mit der hohlen Hand ber die Saiten und summte die beliebte Weise: Venus, du
und dein Kind seid alle zwei blind.
    Die Schwester machte den Verband zurecht. Singt nicht, Bernhard, bat sie,
Ihr habt heut Menschenblut vergossen.
    Das gehrt zum Amt eines wackeren Reiters, antwortete der Bruder. Doch
dir will ich's gestehen, heut wurde uns der Ritt sauer gemacht. Der schlaue
Franzose hatte unsere eigenen Offiziere zu einer Kompanie formiert, unsere alten
Kameraden strmten mit heien Gesichtern gegen uns, und meine Reiter stutzten,
als ihnen ihre frheren Offiziere zuriefen: Hie Weimar zur Hilfe! Erst als sie
mich im Gedrnge sahen, erhielten sie ihren Zorn, und es wurde ein scharfes
Raufen. Wre uns nicht Sukkurs gekommen, du httest mich vielleicht nicht
wiedergesehen, denn der Schelm Reinbold summte um mich wie eine Hornisse, ihm
danke ich diesen Schlitz im Wams. Doch auch er entkam nicht mit heiler Haut, und
ich sah, wie er auf seinem flchtigen Pferd wankte.
    Die Schwester setzte sich und rang die Hnde. Ach wie gern wollte ich
sterben, wenn ich Euch aus dieser blutigen Gesellschaft erlsen knnte. Die Welt
ist ganz ins Arge verkehrt; wo ist noch Liebe und Erbarmen zu finden? Auch mein
Bruder rhmt sich seiner wilden Taten. Schaffet den Zorn aus Eurer Seele, bat
sie, mit dem Schwamm auf seine Wunde tupfend, und entsaget Eurer Freude am
Raufen und Eurem wtenden Reiten ber Stock und Stein und denket fleiiger an
den sen Herrn, der als Lamm der Welt Snde trgt.
    Wetter, brummte der Bruder, das Lamm hat jetzt viel zu tragen. Als er
aber die Krnkung der Schwester merkte, fgte er gutherzig hinzu: Habe
Nachsicht mit mir, Frau Pastorin, die Worte sind schlimmer als die Meinung. Ich
vertraue gern auf die Bitten meiner frommen Schwester und hnge mich an ihre
Schrze. Denn wenn auch ich nicht in der Gnade bin, du bist erkoren und
ausgewhlt.
    Regine legte ihm die Leinwandfden auf die Wunde.
    Mig und gleichfrmig sollt Ihr sein in Eurem Gefhl, immer an die lieben
Engelein denken und nicht an die Katzbalgerei in Eurer Kompanie; und wie Ihr
jetzt stillhalten mt, whrend ich die Binde rolle, so sollt Ihr immer still
dahinleben in ruhigem Gemt, denn das ist die beste Hilfe zur Seligkeit. Und
sie band ihm die Leinwand fest. Tut es noch weh? Ungern sehe ich Euch auch so
viel mit dem Wilhelm zusammen, den Ihr jetzt Euren General nennt, denn er hat
nur irdischen Ehrgeiz.
    Er meint es doch gut zu dir und mir. Bereite dich, ihn noch heut zu sehen,
er will dir etwas erzhlen.
    Eine Magd schob die Leinwand zurck, der General trat ein und wandte sich
mit ritterlicher Haltung zu Regine: Zrnet mir nicht, werte Demoiselle, wenn
ich Euch den Bruder auf ein oder zwei Wochen versende. Er reitet mit einem
Auftrage nach Thringen.
    Die Schwester trat schnell zum Bruder und flehte: Nehmt mich mit.
    Ich bitte Euch, fuhr der Gast gehalten fort, da Ihr bei uns seine
Rckkehr erwartet. Der Weg ist weit und beschwerlich, der Ritt mu schnell sein
und wrde Eure Kraft erschpfen. Ihr seid in den nchsten Wochen sicherer im
Lager als irgendwo anders, denn wir haben jetzt eher die Freundschaft der
Mchtigen abzuhalten, als ihrer Feindschaft zu begegnen.
    Es kann Euer Ernst nicht sein, Herr, da ich mich von dem Bruder scheiden
soll; droht ihm auf dem Wege Gefahr, so will ich sie mit ihm teilen. Nehmt mich
mit Euch, Bruder, bat sie wieder, lat mich nicht zurck unter fremden
Leuten.
    Bin ich Euch ein Fremder, Regine? fragte der General unzufrieden. Gnnt
mir fr diese kurze Zeit das Recht, ber Euer Wohl zu wachen. Mir ist, als ob
die Gottesfurcht mit Euch von dannen ziehe und aller Schutz des Himmels, und
manchem unter unseren Reitern wird es ebenso gehen.
    Ach! Monsieur Wilhelm, sagte Regine, Ihr seid ein gar weltliches Kind und
folgt Euren Eingebungen. Ihr hrt nur zum Schein auf andere, und wenn Ihr auch
gtig gegen mich seid, Ihr beachtet mich nur, wie die Kinder ihr Spielzeug. Sie
bat wieder mit gefalteten Hnden: Lat mich mit dem Bruder ziehen, hier finde
ich den Frieden nicht, nach dem ich mich sehne. Ich gedenke wohl, wie unser
seliger Vater, da ich noch ein Kind war, das Land Thringen rhmte, weil es treu
zum Evangelium halte und christliche Gesinnung dort noch nicht geschwunden sei;
dort hat auch der erwhlte Mann Gottes, Doktor Luther, zu seiner Zeit gelebt,
und es steht in meiner Bibel eingeschrieben, da er unseren Voreltern zugetan
war, und da ihr Glck von ihm seinen Anfang genommen hat. So hoffe auch ich,
da fr den Bruder und mich dort ein besseres Glck kommen wird.
    Euer Bruder aber gehrt mir, sprach Wilhelm zwischen Unwillen und Rhrung.
    Nur solange Gott will, antwortete das Mdchen und schlang die Arme um den
Bruder, wie um ihn zu schtzen.
    Lebt wohl, Regine, schlo der General, mhsam seine Bewegung
niederkmpfend. Euch, Rittmeister Knig, erwarte ich im Rat.
    In der zerstrten Dorfkirche versammelten sich die Offiziere der Kompanien
zum Kriegsrat. An den Pfeilern waren brennende Kienfackeln befestigt, auf dem
steinernen Fuboden vor dem Altar flammte ein Feuer, und der Rauch wirbelte um
die glaslosen Fensterffnungen oder sammelte sich zu ruigen Wolken an der
gewlbten Decke. Im roten Scheine glitzerten die trotzigen Augen der Geladenen,
und ber die gefurchten Gesichter flogen grelle Lichter und tiefe Schatten. Als
der Feldoberst vortrat und seinen Hut lftete, erstarb das Gesumm in tiefer
Stille. Ich bedanke mich bei den Herren Offizieren, und ich bedanke mich bei
den Regimentern der Nachhut, da sie heute ihre angestammte Bravour bewiesen
haben, als sie den verrterischen Franzosen verjagten. Seiner sind wir, wie zu
hoffen ist, fr immer ledig. Darum aber steht uns schwere Wahl bevor, nmlich
da wir entscheiden, welchen Potentaten wir zu unserem Kriegsherrn erkiesen
wollen, um ihm das Jurament zu leisten, damit wir vor Gott und der Welt als
ehrliche Soldaten erkannt werden und nicht als herrenlose Ruber. Nun ist euch
allen bewut, da der rmische Kaiser Ferdinandus III. uns hohe Antrge und
Versprechungen zukommen lie. Unsere Vlker aber haben seinen Boten abgewiesen,
weil sie die evangelische Sache nicht verraten wollen. Auch die Landgrfin von
Hessen hat uns eingeladen, und der Schwede Wrangel hat eine Ambassade geschickt,
welche ffentlich den Rat gab, da wir zu den Franzosen zurckkehren sollten,
und sich erbot, diesen mit uns zu vershnen; dieselbe Legation aber hat uns auch
in hchstem Vertrauen mitgeteilt, da, wenn solche Vershnung unmglich sei, der
Schwede selbst sehr kontent sein werde, uns in sein Heer aufzunehmen. Zwischen
diesen hohen Bewerbern haben wir uns zu entscheiden, und ich bitte jedermann in
erffnetem Kriegsrat zu einer guten Wahl zu helfen, entweder durch Vortrag
eigener Meinung oder durch Beistimmung. Da die Vlker bereits gegen den Kaiser
entschieden haben, so ersuche ich die Herren Offiziere, zunchst ber das
Angebot der Frau von Hessen zu verhandeln.
    Von allen Seiten erhob sich Gemurr und Einrede.
    Sie lebt in Unfrieden mit ihren Befehlshabern, rief es aus dem Haufen,
sie operiert mit den Franzosen, und wir bekommen bei ihr wieder den Turenne auf
den Nacken. Es ergab sich nach heftigem Hin-und Herreden, da in dem Heere
geringe Bereitwilligkeit war, hessisch zu werden.
    Wohlan, begann der General wieder, so bleibt die Konjunktion mit dem
Schweden. Ich frage, ob der Kriegsrat sich fr den Feldmarschall Wrangel zu
entscheiden vermag?
    Wieder Gemurr und laute Rufe. Dort regieren die schwedischen Kommissare;
sie schicken uns Deutsche ins Feuer und essen die Kastanien, die wir ihnen
herausgeholt. - Aber auch Freunde der Schweden lieen sich vernehmen: Dem
Gustav Wrangel glckt es gegen alle seine Feinde. Einst haben wir den groen
Schwedenknig einen Erretter genannt, und die ltesten von uns haben unter ihm
gedient. Es ist das Heer seiner Tochter, der Knigin, zu dem wir jetzt
zurckkehren.
    Da rief ein alter Haudegen des Regiments Ruwurm unter die Streitenden:
General Knigsmark! Und viele Stimmen in seiner Nhe wiederholten den Namen.
Der Rufer trat vor: Der General ist von Blut ein Deutscher wie wir, er ist ein
pompser Herr, der dem armen Soldaten auch das Seine gnnt, und er ist ein
tapferer Feldherr, dessen Bravour weltkundig geworden. Bei ihm finden wir
Soldaten von Fortune die beste Ehre und Anerkennung. Darum, liebe Brder, rate
ich, da wir nur diesen als unseren Feldherrn whlen und da wir uns nicht darum
von ihm abwenden, weil wir bei ihm der schwedischen Knigin das Jurament leisten
mssen. Sind die Schweden auch nicht eingeborene Deutsche, so wissen wir doch
alle, da sie echte Martisshne sind.
    Ein Geschrei der Zustimmung kam aus vielen Kehlen, aber auch heller
Widerstand erhob sich, und der General, welcher Mhe hatte, die Ordnung zu
erhalten, blickte forschend in die Versammlung.
    Endlich trat Gottlieb Stange in den Ring, er nahm den Hut ab, strich sich
mit der Hand sein graues Haar glatt und verneigte sich bedchtig nach beiden
Seiten. Wir vernahmen soeben von meinem Herrn Bruder Ruwurm sechste Kompanie,
da die Schweden die echten Shne des Martis oder Martinus sind, welches ich
nicht bezweifeln will, obgleich ich noch nicht erfahren habe, da besagter
Heiliger seinen echten Shnen mehr gebratene Gnse und mehr gebackene
Martinshrner in ihre Quartiere liefert als uns anderen. Solange der groe Knig
Gustavus Adolfus lebte, dachten wir wenig daran, da der Schwede von Mitternacht
her als Fremder kam, denn der Knig war ein gerechter Herr, und wir hofften, da
er ein Retter der evangelischen Sache sein werde. Seit seinem Tode aber hat sich
der Eigennutz erwiesen, und viele von uns zogen unserem seligen Herzog Bernhard
zu, weil dieser aus deutschem Blute war, angenehm als Landsmann, wie auch als
Kriegsfrst formidabel. Was wir seit seinem Tode von den Franzosen erduldet
haben, ist jedem bekannt, und viele von uns sind der Meinung, da zwischen dem
Turenne und dem Wrangel, was die gute Gesinnung gegen uns Vlker betrifft, kein
grerer Unterschied sei als zwischen Kessel und Ofentopf, obgleich einer dem
anderen sein schwarzes Ges vorwirft. Wir aber sind es herzlich mde, einem
Fremden zu dienen, und die Reiter stecken die Kpfe zusammen und bedenken die
deutschen Potentaten des evangelischen Glaubens, welche wir whlen knnten. Sie
finden keinen Mann, der gegenwrtig mit seinen Vlkern im Felde liegt, nur die
Frau von Hessen. Diese jedoch behagt ihnen nicht, weil sie ein Weib ist, welches
nicht selbst zu Felde zieht, und manche nehmen auch Ansto daran, weil sie beim
Abendmahl ganze Stcke Brot it, obwohl man ihr dies zugestehen knnte, wenn sie
dem armen Soldaten den Braten liee, doch man sagt von ihr, da sie knickerig
haushalten lt in ihren ausgesogenen Quartieren. Nun aber sehen und erfahren
wir alle, da der Kaiser seine Freude daran hat, wenn Deutschland verdet wird,
und da der Hahn von Frankreich einen Stolz darin findet, in den deutschen Hfen
zu krhen, und da der schwedische Br auch keine Lust versprt, aus der Nhe
der deutschen Stallungen abzuziehen, solange er noch ein Kalb zum Zerreien
findet. Keiner will den Frieden, nur der Bauer will ihn und der arme Soldat, und
die beiden mssen einander zuvor totschlagen. Und ich sage euch, ihr Herren,
wenn es nach den drei mchtigen Gebietern im deutschen Lande geht, so wird nicht
eher Friede, als bis der letzte Bauer an den drren Ast gehenkt ist; wenn keiner
mehr Brot und Hafer baut, dann gehrt das Land ganz den wilden Hunden, und dann
kommt Ruhe in die Tler. Darum ist unter den Vlkern die Meinung, da wir, die
wir zumeist Thringer und Sachsen sind, uns auch einen Herren whlen von unserer
eigenen Art, den wir erhhen und zu einem Kriegsfrsten machen, damit er durch
uns dazu helfe, den ersehnten Frieden in das gequlte Deutschland zu bringen.
Nun aber haben manche von uns einen deutschen Herrn wohl erkannt, Ernestus, den
Bruder unseres seligen Herzogs Bernhard, damals, als er bei uns Kriegsdienste
tat und als er Gubernator in Franken war. Dieser ist ein Mann, an welchem wir
keinen Tadel wissen, redlich und treu, und wir trauen ihm zu, da ihm unser
Feldgeschrei von heute: Hie Teutschland! ein angenehmer Ruf sein werde. Darum
dachten wir daran, unseren Herrn General zu bitten, da er vor allem Abgeordnete
der Vlker zu dem Herzog sende; wenn dieser uns haben wollte unter billigen
Bedingungen, so wrden wir ihm am willigsten dienen.
    Nach den Worten des beliebten Mannes trat eine kurze Stille ein, dann ein
Gemurmel, welches sich endlich zum lauten Geschrei verstrkte: Wir wollen den
Herzog Ernestus! Und der Feldoberst erkannte, da die Mehrzahl sich diesen
begehrte. Aber auch der Widerpart eiferte heftig. Endlich riefen helle Stimmen
aus dem Hintergrunde nach Gehr, und einer der Ruhestifter schrie: Wir haben
mancherlei Opinion vernommen, ehrliche Worte und wohl auch Meinungen, welche von
Fremden dem Heere zugetragen sind, aber wir wollen eine frische und redliche
Rede hren, welche die Vlker sonst wohl gern vernommen; wir von Alt-Rosen
fordern den Rittmeister Knig auf, da auch er seine Meinung sage. Und aus den
hinteren Reihen erklang Beifallsruf.
    Der Befehlshaber winkte dem Freunde zu, und Bernhard trat vor: Ansehnliche
Herren und lieben Brder! Da ich einer der jngsten bin, ziemt mir mehr zu hren
als zu raten. Was dem Heere am vorteilhaftesten ist fr Sold, Quartiere und
Ruhm, darber haben viele unter uns mehr Erfahrung als ich. Ich aber will sagen,
was uns allen whrend unserer Hndel mit den Franzosen am Herzen gelegen hat:
Wir haben uns von dem Marschall darum geschieden, weil wir Deutsche sind und
unser Blut nicht lnger fr den Eigennutz fremder Potentaten vergieen wollen.
Wir hren viel von der alten Herrlichkeit des deutschen Landes, wo ist sie
hingeschwunden? Ich kenne manchen unter euch, der mitten in Brand und Plnderung
aus tiefem Herzen erseufzte ber das Unglck, welches wir ertragen und anderen
zufgen, und ich hrte manchen Kriegsmann mit grauem Haar einen Fluch ausstoen
gegen die vornehmen Percken, welche Frieden im Munde fhren und den Krieg im
Herzen begehren. Fnf Jahre verhandeln die Schreiber ber den Frieden, und wir
sind weiter davon entfernt als je. Ich aber lebe des Glaubens, da der rmische
Kaiser als der hartnckigste und diffizilste Gegner des Friedens gegen uns
steht. Er fhlt in seinen Erblanden wenig von der Kriegsnot und ist wohl
zufrieden, wenn die Drfer und Stdte der evangelischen Landesherren verwstet
werden. Und ich sage euch, ihr Herren und Brder, nicht eher wird er sich einem
billigen Vertrage zuneigen, als bis ein deutsches Heer ber seine Berge zieht
und seine Hofburgen ausbrennt. Darum, wenn die Groen blen Willen haben, das
deutsche Land in einen besseren Zustand zu bringen, so meine ich, sollen wir
Kleinen dazu helfen. Habt ihr den Mut und den Willen, euch als Helden zu
erweisen und den Kaiser zum Frieden zu zwingen, so whlt euch einen khnen
Kriegsobersten, dem ihr zutraut, da er sich mit eurer Hilfe hoher Anschlge
vermesse. Und in diesem Falle rate ich, da ihr den General Knigsmark zuzieht,
obgleich er den Schweden dient. Denn wir wissen, da er von allen groen
Befehlshabern am frhlichsten schlgt und in seinen Reiterstiefeln weder Tod
noch Teufel frchtet. Wollt ihr jedoch so hohes Wagnis nicht auf euch nehmen, so
wahrt wenigstens euer Gewissen, auf da ihr nicht ferner an der Zerstrung
teilhabt, und sucht einen gerechten protestantischen Landesherrn, dem ihr euch
zum Schutz seines Landes anbietet und der vielleicht, wenn er die Regimenter
entlassen will, mit unseren Vlkern, ihren Weibern und Kindern die leeren
Bauernhfe seines Landes besetzt. Wollt ihr in solcher Weise fr das Heil des
gemeinen Reiters sorgen, so fragt den Herzog Ernestus, den Bruder unseres
seligen Kriegsherrn, ob er die Regimenter auf billige Bedingungen in seine
Gewalt aufnimmt. Nur zwischen diesen beiden Heerstraen haben wir die Wahl, und
heute mssen wir uns entscheiden. Doch worauf die Mehrzahl auch ihren Sinn
richte, daran mahne ich euch bei unserer brderlichen Treue und bei dem schweren
Eide, den wir einander geschworen haben, da die Minderzahl sich nicht beschwert
fhle und sich gutherzig mit ehrlichem deutschem Gemt dem Beschlu der anderen
fge, damit wir fest beieinander stehen und Glck und Unglck gleich Brdern
teilen.
    Seinen Worten folgte wieder tiefe Stille, dann wurde aufs neue die geteilte
Meinung in den Rufen laut: Fr den General Knigsmark! Fr den Herzog
Ernestus! Der Fhrer erkannte, da es Zeit sei, zum Beschlu zu kommen, er trat
vor und rief: Wer fr Herzog Ernestus ist, der hebe die Rechte, damit der Wille
des Heeres kundbar werde.
    Die groe Mehrzahl der Hnde fuhr in die Hhe.
    Die Mehrhand ist fr den Herzog! verkndete er, und ein langes
Beifallsgeschrei antwortete. Was der Kriegsrat beschlossen hat, fuhr er fort,
soll sogleich ins Werk gesetzt werden. Morgen mit Sonnenaufgang whle jedes
Regiment einen Abgesandten. Dazu whle ich einen, der bei der Ambassade meine
Stelle vertritt. Noch ersuche ich die Herren, folgendes zu bedenken: Zwei
Meinungen sind hier verkndet. Die Mehrzahl hat fr die eine entschieden.
Dennoch ist unsicher, ob es den Gesandten gelingt, mit dem Herzog zu paktieren.
Sollte sich wider Hoffen ein Hindernis ergeben, so schlage ich vor, da die Not
drngt, da in diesem Fall unsere Abgeordneten Vollmacht erhalten,
weiterzureiten und nach Beschlu der Minderzahl mit den schwedischen
Befehlshabern zu verhandeln. Auch dies wurde nach manchem Widerspruch zum
Beschlu erhoben, und der Kriegsrat lste sich geruschvoll und mit guten
Hoffnungen auf.
    Den nchsten Morgen ritt ein Reitertrupp aus dem Lager nordwrts; in seiner
Mitte rollte der Lagerwagen Regines, von vier starken Gulen gezogen. An
demselben Tage fhrte der Befehlshaber das Heer bei Wrzburg ber den Main.

Der verlorene Haufe wlzte sich wieder vorwrts auf staubigen Wegen ber Felder
und Heide, die Rosse zerstampften die Halme des Ackers, die Weiber und Kinder
drangen in die Dorfhtten, in welchen noch der Landwirt hauste, und zernagten
wie ein ungeheurer Rattenschwarm das wenige, was er zur Erhaltung des eigenen
Lebens versteckt hielt. Wo der Dampf von den Feuersttten des Heeres aufstieg,
da wurde die Arbeit eines Jahres versengt, vergeudet, verdorben. An den
Lagerbrnden verkohlten der Mut und die Hoffnung, die Freude an redlichem
Erwerbe, Nchstenliebe und Erbarmen in diesem Jahre wie bisher. Seit fast
dreiig Jahren loderte das Kriegsfeuer im Lande, es war zuerst hie und da
aufgebrannt, dann war es zu einer ungeheuren Brunst geworden, welche mit
feuriger Lohe ber das ganze Land lief, mit heiem Dampf jede Brust beengte und
schonungslos Leib und Seele der Lebenden zerstrte. Jetzt war die Flamme kleiner
geworden, aber sie flackerte bald hier, bald dort in die Hhe, wo sie unter den
Trmmern noch Nahrung fand, und niemand war stark genug, ihr zu wehren, ja die
Fremden schrten, whrend sie vom Frieden sprachen, unablssig in der Glut.
    Es ist wahr, viele Eltern der sonnengebrunten Brut, welche jetzt raublustig
in Scheuern und Stlle des Bauern sprang, wuten nicht mehr, was Friede bedeute
und was Herrschaft des brgerlichen Gesetzes; sie selbst waren unter den
Schrecken der Kriegsfurie geboren und zu Mnnern erwachsen und hatten Kinder
gezeugt, welche heimatlos und schdlich durch das Land schwrmten, gleich ihren
Eltern.
    Und doch schien die Sonne warm wie vorzeiten, im Frhjahr sang die Lerche in
der Luft, im Sommer schlug die Wachtel im Unkraut des Ackers, und an den
Fruchtbumen, welche noch nicht als Brennholz gefllt waren, rteten sich die
Kirschen. Wenn die kleinen Reiterbuben dem Johanniskfer zusangen:
Sonnenvglein, flieg aus, komm wieder in mein Haus!, so gebrdeten sie, die
niemals in eigenem Hause gesessen hatten, sich, ohne es selbst zu wissen, als
ehrbare Hofherren, wie vor langen Jahren ihre Vorfahren. Die deutsche Natur
lebte ungewandelt wie einst, und der ausgeruhte Acker war willig, neue Frucht zu
tragen. Undeutlich klang im tiefsten Herzen derer, welche noch nicht ausgetilgt
waren, in dem verwilderten und verdorbenen Geschlecht, ein Ton der Sehnsucht und
Klage. War es nur der Wunsch nach besserem Glck, von dem ihnen eine Sage aus
dem Munde der Alten zugekommen war, war es nur Schmerz ber alle Angst und Not,
die sie umgab, oder war es ein strkeres Gefhl, welches wohl einmal dem Manne
die Faust um Schwert und Bchse ballen konnte? Die Vter des gequlten
Geschlechtes hatten sich lange gerhmt, da sie Deutsche waren, und hatten doch
fremde Sprache, Mode, Sitte ungeschickt nachgeahmt und sich zu Dienern der
Fremden entwrdigt; und jetzt, wo Deutschland als Beute der Fremden niederlag
und aus den Stuben der Gelehrten die Trauerklagen ber den Verfall der alten
Herrlichkeit in das Volk drangen, jetzt antwortete aus den Lagerhtten der
gemeinen Soldaten, welche eine harte Notwendigkeit trieb, sich durch Zerstrung
und Verderb des Volkes zu erhalten, ein scharfer Gegenklang. Die narbigen
Reiter, die zuerst dem Sachsen Bernhard von Weimar gedient hatten, dann dem
Franzosen verhandelt waren und mit Abenteurern aus jedem Lande des Weltteils
Schulter an Schulter gekmpft hatten, sie, die gefrchteten Alten des Krieges,
die Waffenlehrer des jngeren Schwarms, sie emprten sich gegen einen fremden
Feldherrn und gegen die eigenen Offiziere, weil sie zuletzt nur fr die deutsche
Sache kmpfen und sterben wollten. War das ein verlorener wilder Ton in langer,
banger Nacht, wie das ferne Gebell eines hungrigen Wolfes, oder waren es die
ersten Noten eines Liedes, welches von da ab aus dem Gemt des deutschen Volkes
erklingen sollte, bald so, bald anders angehoben, wie das Gezirp eines jungen
Vogels, bis es nach Jahrhunderten unwiderstehlich herausschmettern wird als
Schlachtgesang einer siegreichen Nation?

                                    Im Walde


Von der Werra her ritten vier Reisende auf der frnkischen Seite des Bergwaldes
dem Rennwege zu. Voran ein lterer Mann in Lederkoller mit Karabiner und Degen,
eine kurze Pike statt der Reitgerte in der Hand; aus dem hageren Angesicht
blickten zwei schlaue Augen sphend ber die Flur und in das Buschwerk am Wege.
An seiner Seite lenkte ein Knabe das Packpferd, welches einen groen Quersack
trug. In einiger Entfernung hinter ihnen kam auf bequemem Zelter ein Mdchen in
dunklem Reisemantel, neben ihr ein junger krftiger Mann, bewaffnet wie der
Fhrer.
    Lange zogen die Reisenden schweigend dahin ber Hgel und durch Talwellen in
der milden Sonnenwrme des spten Nachmittags. Unter dem lichtvollen Himmel
breitete sich eine menschenarme Landschaft. Wenn die Reisenden zu einem Dorf
kamen, wurden sie von den Einwohnern scheu und feindselig betrachtet, sie sahen
zerzaustes Dachstroh und viele leere Fensterffnungen, die Kirchenwnde
schadhaft und die Schallcher der Glocken ausgebrochen, dann ritten sie in
gestrecktem Trabe auf der Dorfstrae hindurch oder in weitem Bogen herum: nur
hier und da fanden sie Arbeiter auf dem Felde, in den Niederungen eine kleine
Rinderherde und auf den Anhhen einzelne bewaffnete Reiter zum Schutz der
Dorfleute gegen streifendes Gesindel. Um die Bume am Wege flatterten die
Sommervgel, aber ber ihnen flogen ungeheure Schwrme von Krhen und Dohlen dem
Walde zu, und bei dem Geschrei der Groen verstummte das Gezwitscher der
Schwachen.
    Als die Reisenden zum Fu des Gebirges gekommen waren, hielt der Fhrer auf
dem Anger eines kleinen Dorfes und erwartete seine Genossen. Er sprang vom
Pferde, warf dem Knaben die Zgel zu, setzte die Waffen in Bereitschaft und
betrat vorsichtig die Dorfgasse. Dort sphte er von Htte zu Htte, pochte an
verschlossene Tren und rief, aber er erhielt keine Antwort; nur ein schwarzer
Kter klffte wtend hinter ihm her, als er zu den Pferden zurckkehrte.
    Geflchtet! meldete er und ritt wieder vorwrts. Vor einem kleinen Gebsch
auf dem nchsten Hgel gebot er dem Knaben, der behende seinen Quersack verlie
und in das Gehlz kroch, whrend der Alte sphend in die Runde schaute. Als der
Kleine zurckkehrend sein Zeichen machte, winkte der Fhrer seine jngeren
Gefhrten heran und wies hinter dem Rcken des Mdchens bedeutsam in die Ferne
nach einer aufsteigenden Rauchwolke. Ich rate, Bruder Bernhard, da wir hier
fr die Pferde sorgen und unsere Abendkost verzehren, solange wir allein sind;
Proviant ist nirgends sicherer als im Magen.
    Bernhard hob die Schwester vom Zelter, Pieps leitete die Pferde in das
Gehlz zu der Stelle, wo ein Bergquell frhlich talab rieselte, dort lste er
die Ledertasche mit dem Reisevorrat vom Sattel und half den Tieren zu Weide und
Trnke. Die anderen setzten sich in die Nhe des Wassers und sprachen der Kost
zu, wie Reisenden gebhrt. Die blauen Waldglocken blhen, begann Regine
erfreut, gedenkt Ihr, Bernhard, wie wir miteinander sangen, als ich ein Kind
war: Blau sind alle meine Farben, und blau ist meine Lust? - Denn dies war die
Farbe, worauf der selige Vater am meisten hielt.
    Bernhard nickte. Spter kamen bessere Arien daran, wie diese: Knabe, geh
und kauf Melonen und vergi des Zuckers nicht. Gottlieb, mein ergrauter Knabe,
reiche die Flasche mit gebranntem Wasser.
    Jetzt ist die Zeit des Abendgelutes, fuhr die Schwester fort, mich
wundert, da wir keine Glocke hren.
    Die Mnner sahen einander an. Vielleicht sind sie vom Kriegsvolke
entfhrt, trstete Gottlieb, indem er seine Bissen zuschnitt, oder die Bauern
frchten sich, am Strange zu ziehen, damit nicht fremdes Gesindel zu ihrem
Abendessen gelockt werde.
    Ihr sagtet doch, antwortete Regine, da in dem Lande des frommen Herzogs
keine Kriegsleute lagern und da wir in Sicherheit reisen.
    Es ist nirgends Sicherheit vor streifendem Volk, entgegnete der Bruder,
und da du ein beherztes Kind bist, so berge ich dir nicht, da Gottlieb zur
Vorsicht gemahnt hat.
    Soll ich meine Meinung sagen, begann dieser, so sind wir nicht die
einzigen Kriegsleute, welche heut im Walde reiten. Vielleicht ist der Schwede
von Erfurt ber den Rennstieg gekommen, um Fichtenzapfen zu beuten, da er auf
anderen Gewinst hier schwerlich hoffen darf.
    Bernhard schttelte das Haupt: Oberst Ermes bezieht seinen Proviant aus
Gotha; wollte er hier rauben, wrde er sich selbst die Zufuhr mindern. Streifen
Bewaffnete im Holz, so sind es kaiserliche Freireiter vom Frankenwalde her. Um
der Schwester willen reut es mich, da unsere Begleiter an der Werra
zurckblieben, weil wir unsern heimlichen Ritt zum Herzoge vor den Schweden
verbergen sollten. Doch haben wir seither gutes Glck gehabt und kommen jetzt
auf die Hhe des Gebirges und in die Drfer von Thringen; dorthin, hoffe ich,
folgen die Beutenden nicht. Regine stand auf.
    Haben wir eine Gefahr zu meiden, so bitte ich, da wir aufbrechen, damit
wir noch bei Tage in sicheres Land vordringen.
    Damit war Gottlieb einverstanden, und sie ritten nach kurzer Rast wieder dem
Kamme des Waldgebirges zu.
    Auch Bernhard sah jetzt unruhig zurck, bis sie den Hochwald erreicht hatten
und hinter den Bumen der Beobachtung durch raublustige Reiter entzogen wurden.
Die Sonne neigte zum Niedergang, zuweilen fiel goldenes Licht zwischen den
Baumstmmen auf den Weg, dann kletterten die Pferde in dichtem Schatten bergauf,
whrend sich graue Dmmerung ber Berg und Tal legte.
    Sie hatten den Rennstieg berschritten, den Aushau des Waldes, welcher die
Wasserscheide bildet zwischen Franken und Thringen, und die Pferde schnaubten
und strauchelten mhsam abwrts. Der Weg zog sich zwischen dichtem Tannengehlz
in scharfer Krmmung, da hielt der Fhrer pltzlich an; im nchsten Augenblick
knackte es im Holz. Mehrere wste Gesellen sprangen in den Weg, in drftigen und
zerrissenen Kitteln, mit Bauernmessern und alten Musketen bewaffnet, einige
unter gerolltem Bauernhut, andere barhaupt.
    Holla, halt! schrie der erste, steigt vom Pferde, oder der schwarze Hagel
fhrt euch in den Leib.
    Gottlieb blieb sitzen und musterte die Wegelagerer. Wahre dich selbst,
Bauer, deine Lunte versengt dir den Rock. Whrend der Mann mit der Hand die
glimmende Stelle ausdrckte, brachte Gottlieb seinen Karabiner in Ordnung:
Dieser hier gibt auf grobe Worte heie Funken. Wenn ihr aber ehrliche Flegel
seid, wie ich hoffe, so zeige ich euch meinen Freipa. - Er griff in die
Tasche, holte einen schmalen Riemen hervor, ritt unter die Waldleute und sprach
leise den Reim: Wer hiermit bindet den Schuh, der bleibt vor dem armen Bauer in
Ruh'. Die Mnner starrten ihn an, unsicher sagte einer zum andern: Er hat das
frnkische Zeichen, ich traue mich nicht, ihn abzutun, wir mssen den Schreiber
rufen.
    Whrend der Bote abwrts lief, hielten die Reisenden, umstellt von den
Waldleuten. Ein plumper Gesell fate das Saumpferd am Zgel, Pieps schlug ihm
die Hand beiseite.
    Was ist in dem Sack? fragte ein anderer und packte einen Beutel an Regines
Pferd.
    Regine griff hinein. Es ist unser Reisebrot, bist du hungrig, so nimm es.
Der Mann bi gierig zu.
    Es ist Weizenbrot, dergleichen ist lange nicht in unseren Backofen
geschoben; ihr scheint mir rare Vgel. - Ein Genosse ri ihm die Semmel vom
Munde und wies mit drohender Gebrde nach dem Sack.
    Es war das letzte, sagte sanft Regine, jetzt mssen wir euch um Nahrung
bitten. - Der Bauer lachte: Das wre verkehrte Welt! Hier ist Schmalhans
Kchenmeister.
    Ein breitschultriger Mann in stdtischer Tracht mit rotem, aufgedunsenem
Gesicht kam herzugelaufen, er hielt mit der einen Hand eine Blendlaterne, mit
der andern eine Pistole: Wer seid ihr und was wagt ihr euch in unser
Geheimnis? schrie er.
    Seid Ihr einer von den Beamten Sr. Herzoglichen Gnaden, antwortete
Gottlieb, so wit, da wir einen hochntigen Auftrag an Euren Herrn zu
bestellen haben und da Euch Blitz und Donner auf Eure Kpfe fahren wird, wenn
Ihr uns aufhaltet.
    Gebt eure Waffen ab, befahl der Schreiber, denn ihr seid jetzt unsere
Gefangenen.
    Wollt Ihr versuchen, ob wir's sind! versetzte Bernhard und ritt ihm
drohend nher.
    Sein Gegner zog sich hastig zurck und rief den Bauern zu: Auf ihn,
Nachbarn! Macht den Prahler still! Regine drngte mit einem Angstschrei ihr
Pferd zwischen den Bruder und die Landleute.
    Schande ber euch, ihr Mnner, da ihr eine Frau im wilden Walde bedroht,
rief eine klangvolle Stimme; ein groes Weib schritt durch die Landleute und
fate Reginas Pferd am Zgel. Folgt mir, gebot sie den Reisenden.
    Jungfer Judith mengt Euch nicht in diese Sachen! rief der Schreiber.
    Den Herrn Amtsschreiber warne ich, da er sich selbst in acht nehme. Er
wird sich schlechten Dank erwerben, wenn er solche hindert, die zum Hofe
wollen.
    Wo ist Euer Paport? fragte der Beamte finster. Bernhard reichte ihm das
Papier, der Schreiber versuchte, beim Schein der Laterne zu lesen: Hier stehen
nur Namen ohne Stand und Wrde, was gegen die Vorschrift ist. Wei der Herzog,
da ihr ihm zureist? fragte er lauernd.
    Ihr habt kein Recht zu solcher Frage, war die kalte Antwort.
    Sie kommen als Spione, sagte der Schreiber zu den Bauern.
    Wir haben fr Euch spioniert, Ihr Musterschreiber, entgegnete Gottlieb.
Jenseits des Rennstieges brennt's, und die Drfer sind leer; wir aber wollen
die feindlichen Reiter vermeiden, ebenso wie Ihr.
    Die Bauern wurden unruhig und verhandelten leise. Wohlan, entschied der
Schreiber in verndertem Tone, wir hindern euch nicht lnger, ihr mgt euren
Weg fortsetzen. Lat ihnen den Willen, Nachbarn. Aber das Weib erfate wieder
den Zgel: Ich widerrate der fremden Frau, weiter zu reiten, der Weg ist bei
Nacht gefhrlich.
    Der Beamte trat ihr entgegen: Jungfer Judith, Ihr mibraucht die Gewalt,
die Ihr ber mich und andere habt, wenn Ihr unser Geheimnis den Fremden
preisgebt.
    Ich tue es ungern, antwortete die Jungfrau, aber Ihr wit, was ihnen
droht, wenn sie abwrts ziehen. Folgt mir, mahnte sie die Reisenden; gebt
Raum, ihr Nachbarn. Die Bauern rumten willig den Weg.
    Regine sah unsicher auf ihren Bruder, aber dieser rief: Fhret, wir folgen
Euch mit gutem Vertrauen.
    Die Frau leitete die Fremden einen Seitenweg bergauf und talab, bis sie
durch dichtes Unterholz an einen Zaun von starken Bohlen kamen. Hier stiegen die
Reisenden ab, die Fhrerin ffnete das Tor. Um eine alte Eiche lagerte
zusammengedrngt die geflchtete Gemeinde, eine Anzahl Weiber und Kinder kauerte
bei ihren Bndeln, unter dem Baume sa ein alter Geistlicher in seinem Amtsrock.
Alle Blicke richteten sich neugierig auf die Fremden, aber niemand regte sich,
nicht einmal die Hnde der geflchteten Weiber, welche ber die geretteten
Ballen gekreuzt waren. Nur der Geistliche erhob sich und lftete seinen Hut, als
er die lateinische Anrede Bernhards vernahm:
    Ehrwrdiger Herr, wir kommen in Frieden und bitten im Namen Gottes um Euren
Schutz.
    Der Herr sei mit Euch und uns in der Wildnis, antwortete der Alte. Ihr
seht, die Wirte sind ausgezogen und haben den Gsten kein anderes Obdach zu
bieten als das grne, welches der Herr fr das wilde Geflgel errichtet hat.
Auch die Kost wird drftig sein - er wies auf ein kleines Feuer am Boden, bei
welchem einige Kochtpfe standen.
    Wir wnschen nur, da Ihr uns bis zum Morgen in Eurer Nhe duldet,
antwortete Bernhard, und die Fhrerin bat er, auf Regine zeigend: Ich flehe
herzlich, sorgt fr meine Schwester, denn die Tagefahrt war mhsam.
    Die Jungfrau wies schweigend auf die Pferde und auf eine Anzahl Pflcke am
Zaun, dann fate sie die Hand Reginas und fhrte die Erschpfte einige Schritte
aufwrts, dort breitete sie eine Wolldecke ber das Moos, schlug sie um die
Glieder des Gastes und schob ihr ein Bndel unter das Haupt; sie selbst setzte
sich daneben auf einen Stein.
    Bernhard folgte ihr erstaunt mit den Augen, der ruhige Stolz, mit welchem
sie gute Gesinnung erwies, waren wunderlich bei einer Jungfer vom Dorfe. In dem
unsicheren Scheine des Feuers erkannte er eine prachtvolle Gestalt von vollen
Formen, ein groes Antlitz mit leicht gebogener Nase, das blonde Haar in starken
Zpfen um das Haupt geschlungen. Er sah, da sie jung war, und ihm kam vor, als
ob sie ein schnes Weib sein wrde, wenn der finstere Zug um Stirn und Mund
verschwnde. Whrend Gottlieb mit dem Buben fr die Pferde sorgte und die Scke
bei seiner Ruhesttte zurechtlegte, setzte sich Bernhard in die Nhe des
Pfarrers, welcher das sichtbare Haupt der Gemeinde war.
    Wir hofften hierzulande bessere Sicherheit zu finden, begann er. Ich
bedauere, ehrwrdiger Herr, da Ihr in hohen Jahren noch so Schweres erleben
mt.
    Gewi war es im ganzen eine schwere Zeit, antwortete der Pfarrer mit
dsterem Behagen, das Lamm ist kahl gerupft und es wird nicht besser, sondern
immer schlimmer. Denn, obgleich die Gemeinde in der letzten Zeit wieder etwas
zugenommen hat, so sind doch die Herzen verhrtet. Es nutzt nichts, zum
Vertrauen zu mahnen, wenn der Magen leer ist und das Elend durch groe Lcher in
die Huser dringt. Kein Jahr, in dem wir nicht drei- bis viermal hierher
geflchtet sind und daheim ausgeraubt wurden; und dann bedenkt die Pest und die
Bosheit mancher Dorfleute, die ihrem Seelsorger nichts Gutes wnschen, wenn er
ihnen ihre Snden vorhlt.
    Ihr habt in Eurer Jugend bessere Jahre gekannt, versetzte Bernhard
teilnehmend, wir anderen gedenken nicht, da es jemals anders war.
    Ja, Herr, besttigte der Pfarrer, der Erinnerung froh, noch vor sechzehn
Jahren hatte meine Kirche Fenster und zwei silberne Kelche und ich fhrte den
Klingelbeutel ein. Aber schon damals fing der rger an, als meine Beichtkinder
die Kpfe zusammensteckten und murrten: Dieser Pfarrer will etwas Sonderliches
sein, er will ein Klingelscklein in die Kirche bringen, was niemals
gebruchlich gewesen ist, und wir legen nichts hinein! Damals aber folgten sie
mir zuletzt doch noch, ja, die Offiziere der schwedischen Einquartierung gaben,
und wir untersttzten damit noch fremde Exulanten. Jetzt aber wandert das
Scklein nicht mehr, sogar die Klingel haben die Diebe genommen. Von vierzig
Pferden sind noch vier brig, und die Weiber spannen sich zu dreien oder vieren
vor den Pflug, denn der Mnner gibt es wenige. Seht diesen Talar, - er wies auf
sein verschlissenes Gewand -, der Schlafrock darunter ist alles, was ich heut
salviert habe. Susanne, sieh nach der Suppe, mahnte er, sich unterbrechend,
eine alte Magd. Diese go auf dem Topfe in eine irdene Schale und trug die
Abendkost mit einem Blechlffel dem Pfarrer zu. Er hielt die kleine Schssel
unsicher in der Hand: Ich mte Euch einladen, sagte er.
    Der Gast dankte, und Gottlieb sprach von seiner Raststelle: Wir sahen doch
Wild im Walde und die Bauern schleppen sich mit Feuerrhren.
    Ihr verget, da das Wild unserem gndigen Herzog gehrt, antwortete der
Pfarrer im Essen.
    Nun, beim Donner! rief Gottlieb, wenn der Herzog seinen Bauern nicht das
Mehl im Kasten zu schtzen vermag, so sollte er ihnen wenigstens die Tiere des
Waldes nicht verbieten.
    Ein alter Bauer, der als Wchter am Eingange sa, lachte, aber ein warnender
Blick Bernhards hemmte die dreiste Rede.
    Seine herzogliche Gnade wrde wohl Nachsicht ben, antwortete der Pfarrer,
aber der Herr Jgermeister ist strenge. Wenn der Herr Herzog im Walde jagt, so
treibt die Gemeinde, aber viele sind widerspenstig geworden.
    Der Herr jagt das Wild, und fremde Reiter jagen seine Bauern, brummte
Gottlieb aufsssig.
    Er schiet uns auch die Wlfe und lt die wilden Hunde schlagen, erklrte
der Pfarrer, aber er kann es nicht leiden, da die Dorfleute mit Feuerrhren im
Walde streifen.
    Es scheint, da diese sich wenig darnach kehren, antwortete Gottlieb.
    Vor ihm fiel, in Farnkraut gewickelt, ein Stck gebratenes Fleisch in das
Moos, und eine Stimme hinter ihm sprach: Nehmt, weil Ihr fr den Bauern
gesprochen habt. Gottlieb wandte sich um und sah in die spttische Miene eines
krftigen Schtzen, der hinter dem Zaune stand. Er nickte seinen Dank und
gebrauchte sein Messer an der verbotenen Kost.
    Aus der Ferne vernahm man dumpfen Knall. Zuerst einzelne Schsse, dann
lngeres Geknatter; die Weiber steckten ngstlich die Kpfe zusammen und
flsterten miteinander. Der Pfarrer aber faltete ber seinem Lffel die Hnde.
Dort schiet der wilde Feind Viktoria bei unseren ausgeraubten Husern.
    Auerhalb des Verschlages riefen Stimmen in gedmpftem Tone, und durch einen
Spalt im Zaune sah Bernhard weiter unten in einem Erdloch ein loderndes Feuer
und Gestalten, welche sich darum bewegten.
    Was bedeuten die Stimmen und das Feuer? fragte er den Pfarrer.
    Es ist der Amtsschreiber mit unseren Mnnern, welche dort unten fr uns
Wache halten, antwortete der Pfarrer gleichmtig.
    Bernhard stand auf und sprach leise mit seinem Begleiter.
    Das letzte Abendrot war verglht, am dunklen Nachthimmel glnzten die
Sterne, nur im Norden lag ein rtlicher Schein ber dem Horizont. Kein
Windeshauch regte sich in den Wipfeln der Bume, auch das Feuer war
niedergebrannt und warf unsichere Lichter durch das Gehege der Flchtigen.
Bernhard nherte sich dem Lager der Schwester, und als er die tiefen Atemzge
der Schlummernden merkte, legte er wenige Schritte vor ihr seine Waffen ab, um
sich zur Nachtruhe hinzustrecken.
    Verlat die Stelle, gebot eine Stimme, Ihr steht auf blutigem Grunde und
Euer Lager wre fr Euch von bler Vorbedeutung. Bernhard trat nher zu der
Warnerin: Dort wurde vorzeiten einer erschlagen; seitdem treibt der Grund jedes
Jahr die roten Nelken hervor, und wer bei Sinnen ist, meidet den Ort.
    Ich danke Euch fr diese Mahnung und auerdem fr Greres, sagte Bernhard
leise. Ich bitte, beantwortet mir redlich die Frage: Ist die Schlafende hier
unter den Dorfleuten sicher?
    Ich hoffe, die Gefahr ist vorber, kam es aus dem Dunkel zurck. Sagt
Eurem Begleiter, da er wach bleibe.
    Nicht ihm, sondern mir gebhrt die Wache fr eine, die mir das Liebste auf
Erden ist.
    Habt Ihr jemand auf Erden, der Euch lieb ist, war die Antwort, so bedenkt
auch, da im Walde heilsamer ist zu schweigen als zu reden. Die Jungfrau zog
ihr Gewand zusammen und sa unbeweglich.
    Es wurde still. Unter dem Laubdach des Waldes ruhten die Mden und die
Geflchteten. Da erklang in hellen Lauten eine Frauenstimme, langsam und
feierlich tnten die Worte einer Schlafenden durch den Raum, wie eine
Verkndigung: Sehet, o sehet, ihr Armen und Mhseligen, die ihr in Finsternis
und Todesschatten liegt! Oben am Himmel ffnen sich die Wolken, und heller
Schein strahlt herab. Hoch ber Sonne und Mond leuchtet ein Tempel, gebaut aus
Morgenrot und Sternenglanz, und die Scharen der Seligen schweben hinauf,
anzubeten. Sehet, der se Herr sitzt auf goldenem Thron in seiner Herrlichkeit,
er hlt einen Blumenstengel in der Hand, daran sind blaue Glocken; und er winkt
mich zu sich: Komm auch du, arme Seele. Ach Herr, mir war so bange auf Erden.
    Bernhard hatte sich aufgerichtet und beugte sich ngstlich ber die
Schwester, welche mit geschlossenen Augen dasa, das Angesicht von freundlichem
Traume verklrt. Dem fragenden Blick des Weibes, welches neben der Schwester
kniete, antwortete er traurig: Ihr ist eigen, zuweilen so im Schlafe zu
sprechen. Auch der alte Pfarrer war erwacht, faltete die Hnde und starrte nach
der Sprechenden, die Dorffrauen regten sich und traten nher. Wieder begann
Regine: Hret, ihr Frauen, ein lichter Engel schwingt die Flgel und ruft mit
starker Stimme auf die Erde herab: Halte an, du armes Gesindlein, welches
ruhelos durch Disteln und Dornen des Ackers dahinzieht, schirre die Rosse ab und
treibe sie auf die Weide, denn ich verknde Friede den Menschen und neue
Herrlichkeit der Erde. Die sich haten, vershnen sich, auf den Feldern blht
der Weizen, und die Bcklein springen lustig in der Herde. Friede, Friede soll
sein im deutschen Lande.
    Alle, die ich sehe, sind wei gekleidet zum Feste der Seligen, und ihre
Grtel sind golden. Eine aber sitzt neben mir in grauem Gewand, und die Schatten
verbergen ihr Angesicht. Warum bist du allein fremd und traurig unter den
Frhlichen?
    Wo seid Ihr, mein Bruder? Oh, kommt eilig, da wir zum Tempel des Herrn
hinaufsteigen, die Glocken luten und ein weies Gewand habe ich Euch
zurechtgelegt; wo weilt Ihr? Ich fahre allein dahin zu den Seligen, ich suche
Euch traurig mit meinen Augen, und ich sehe Euch nirgends. - Sie seufzte tief:
Lieber Gott, schtze ihn, lieber Gott, und sank auf das Lager zurck.
    Du treue Schwester, rief Bernhard und winkte mit einer bittenden Gebrde
dem Pfarrer zurckzutreten; auch die Weiber schlichen nach ihrer Schlafsttte.
Zu der Jungfrau Judith aber, welche der Schlummernden leise das Haupt
zurechtlegte, sagte er: Sie schlft jetzt fest, und morgen wei sie nichts von
allem, was sie gesprochen, und grmt sich, wenn man zu ihr davon redet.
    Wieder wurde es still im Gehege, bis vom Norden her ein graues Licht ber
den Himmel zog, der Vorbote des Morgens; aber noch lag das Dunkel auf dem
Waldboden, als weigere sich die Erde, den schwachen Schein von oben aufzunehmen.
Unten im Kesseltal rhrte sich's, Boten gingen und kamen und heftige Reden und
Antworten summten nach der Hhe. Bernhard erwachte aus leisem Schlummer, er
fhlte den Schmerz seiner Wunde und blickte frstelnd um sich, noch lag die
Schwester regungslos unter der warmen Hlle, das bleiche Antlitz auf den Arm
gesttzt. Aber als er die Stelle neben ihrem Haupte suchte, wo das fremde
Mdchen gesessen hatte, fuhr er zurck, denn ihr Angesicht war in das einer
runzligen Alten verwandelt, und die Alte winkte und lchelte und wies auf den
Eingang des Geheges. Der Bauer am Eingang war verschwunden, aber Pieps kauerte
dort an dem Zaune, wies mit der Hand in den Talkessel, hob drei Finger in die
Hhe und machte die Gebrde des Kehlabschneidens. Sahest du Feldzeichen der
Getteten? fragte Bernhard leise. Rot, versetzte Pieps. - Ist die Luft
rein? - Der Bube nickte.
    Bernhard wies auf die Schwester zurck, und Pieps glitt in Reginas Nhe auf
den Grund.
    Vorsichtig schritt Bernhard zwischen den Baumstmmen an den Rand des
Hochwaldes und blickte ber die Berge und Baumwipfel hinaus in den Nebel der
Ebene, whrend in der Nhe die ersten leisen Vogelstimmen das beginnende Leben
des Tages verkndeten; die Trillerche, welche im Laubholz die Nachtwache hlt,
erhob ihren kurzen Ruf, bald pfiff die Amsel, ihr folgten viele kleine Snger,
vom Himmel fiel ein rosiger Schein auf die hchsten Gipfel und glitt langsam
herab an den Stmmen. Es war so feierlich und friedlich zwischen den Bergen und
Bumen, als htte nie der Menschen Unruhe, Eigennutz und Ha einen Weg in die
stille Wildnis gefunden. Auch der frische Gesell, dem jetzt das Frhlicht sein
verblichenes Antlitz rtete, fhlte etwas von dem Frieden, obgleich er sich des
Morgens lieber am brodelnden Feldkessel seiner Kameraden gefreut htte.
    Seitwrts knisterte ein drrer Ast. Eine hohe Frauengestalt schritt, das
Haupt nach vorn geneigt, langsam durch Heidekraut und Ginster. Sie suchte am
Boden, zuweilen kauerte sie zwischen den hohen Wedeln des Farnkrautes nieder,
und dem Manne war, als vernehme er ihr leises Murmeln, dann erhob sie sich
wieder und barg Gepflcktes in einem Tuche. Er dachte, da sie heilkrftige
Kruter sammelte, und da er sich scheute, sie bei ihrem geheimen Werke
anzureden, trat er hinter den Baum. Doch konnte er den Blick nicht von ihr
abwenden; sie ging so geruschlos und feierlich dahin, in dem dunklen Gewande
und verhllten Haupte einem Geiste der Dmmerung vergleichbar. Vor ihr bewegten
sich auf dem Boden kleine dunkle Schatten; sie huschten durch das wilde Kraut,
hoben sich in die Luft und verschwanden wieder am Boden. Als die Frau einmal dem
Standort des Mannes nher kam, erkannte er zwei Vgel, welche wie Hndlein um
sie herumliefen; endlich schwang sich der eine auf die Spitze eines Strauches
und pfiff das Morgenlied der Amseln in das Tal hernieder als Antwort auf den Ruf
seiner wilden Stammgenossen. Bernhard vermochte jetzt auch die edlen Zge des
Angesichts zu erkennen, wenn es sich dem Lichte zuwandte. Nur einmal richtete
sie die Augen nach dem Baume, als sie das Geschrei eines Kauzes hrte, welcher
seinen Gesellen zur Heimkehr ermahnte, aber sie verriet durch kein Zeichen, da
sie den fremden Mann erblickt hatte, und wandte sich langsam und suchend wieder
dem Lager zu.
    Doch hatte sie ihn gesehen; denn kurze Zeit darauf stand sie neben ihm. Die
rosige Farbe ihrer Wangen lie nicht erkennen, da sie die Nachtruhe entbehrt
hatte, sie sah ihm voll ins Gesicht wie eine Herrin, welche die Miene eines
Untergebenen mustert. Freudig grte Bernhard: Da ich der Jungfer vor
Sonnenaufgang begegne, ist eine gute Vorbedeutung fr den Tag.
    Das Gute, welches Euch der Tag bringen soll, erwartet nicht von uns,
antwortete sie ruhig. Was Ihr in der Nacht unter den Waldleuten erfahren habt,
bewahret still fr Euch. Haltet Euch in der Nhe des Pfarrers, wenn wir in das
Dorf zurckkehren, denn die Mnner haben Argwohn. Sie meinen, Ihr mt zu der
Partei gehren, welche uns in dieser Nacht die letzten Khe rauben wollte.
    Der Raub ist miglckt, antwortete der Fremde. Eure Nachbarn waren die
Strkeren.
    Die Bauern gebrauchen jetzt das Grabscheit, damit nicht ruchbar werde, was
in der Nacht geschehen ist, fuhr sie fort. Der Bauer erschlgt jeden Soldaten,
dessen er heimlich Herr wird, der Rache und der Beute wegen; und das
Bauernmdchen ist stolz darauf, wenn sie sich ein Brusttuch aus der Feldbinde
eines Offiziers schneiden kann, den ihr Liebster mit schwarzer Erde zugedeckt
hat. Darum werdet Ihr bei unserm geplagten Volk keine gute Gesinnung finden, und
ich rate, achtet auch auf das Futter und auf die Hufe Eurer Pferde, damit ihnen
nichts zustoe, was Eure Reise hemmt.
    Warum haltet Ihr mich fr einen Offizier? fragte Bernhard.
    Ihr trugt sonst eine Feldbinde auf Eurem Rock, antwortete die Jungfer,
flchtig ber seine Schulter sehend.
    Verzeiht eine Frage, Demoiselle.
    Mein Name ist Judith Mring, antwortete sie kurz.
    Dann also, werte Jungfer Judith, haltet mir meine Neugierde zugut. Ihr
lebt, wie ich erkenne, unter den Bauern; seid Ihr das Herrenkind des Dorfes?
    Ein trauriges Lcheln zog ber das Gesicht des Mdchens, Ich bin eine
Waise, mein Vater kam als Flchtling in das Dorf, da ich noch ein Kind war. Seit
er tot ist, dulden sie mich, obgleich ich in der Fremde geboren bin. Sie wies
in das Tal: Dort bin ich aufgewachsen zwischen Baum und Stein. Ich bin gewhnt,
aus dem Dorfe nach dem Wald zu flchten, und habe oft von hier hinabgesehen wie
heut, ob eine Rauchwolke mir verkndet, da meine letzte Zuflucht auf Erden von
den Soldaten niedergebrannt ist.
    Auch ich sehe in die Ferne nach den Trmen der Stadt, antwortete Bernhard
teilnehmend, und ich bin unsicher, ob sie uns ein gastliches Obdach gewhren
wird. Denn ich suche fr meine Schwester eine Sttte, wo sie weilen kann bis auf
bessere Zeiten, die wir immer noch hoffen.
    Wollt Ihr bei uns bleiben? fragte das Mdchen schnell.
    Ich habe, wie Ihr vernahmt, bei Eurem Herzoge ein Geschft und mu wieder
in die Fremde.
    Ihr wollt wieder zu einem Heere der Mordbrenner, welche das Land verderben?
Ich frage nichts mehr, fahret dahin! Sie wandte sich ab und schlug die Arme
bereinander.
    Nicht jeder Soldat ist ein Mordbrenner, liebe Jungfer.
    Wie drft Ihr mir sagen, da ich Euch lieb bin? antwortete das Mdchen
ber die Schulter, solche Hflichkeit spart fr andere, welche vielleicht
williger darauf hren. Ich bin Euch fremd, und ich bin Euch nicht mehr wert als
die Ringeltaube dort auf dem Ast, oder als die Katze, welche vor einer Haustr
sitzt, an der Ihr vorbeireitet. Mibraucht Eure Stimme nicht zu Geschwtz.
    Zrnt nicht, antwortete Bernhard betroffen ber die herbe Abweisung, ich
bin ein ehrlicher Knabe und wollte Euch nicht durch Unwahrheit verletzen.
Gestattet mir wenigstens, da ich Euch sage, wie es mir von Herzen lieb ist,
Euch in der Wildnis gefunden zu haben, denn Ihr wart gtig gegen mich und meine
Begleiter. Wisset, da Ihr mich fr einen Soldaten haltet, da der Kriegsmann
sich noch mehr freut als ein anderer, wenn er irgendwo freundlichen Gru und
eine gute Gesinnung erkennt; denn sein schweres Amt ist, anderen zu schaden, und
er wei, da die friedlichen Leute ihn verwnschen.
    Wie er es wert ist. Ihr dient den Fremden; seid Ihr schwedisch? fragte
sie.
    Ich bin von den weimarischen Vlkern.
    Die Jungfrau wandte sich ab und machte eine Bewegung, welche ihm Entfernung
gebot; aber Bernhard, welcher gedachte, da der Unwille gegen die franzsische
Dienstbarkeit deutscher Soldaten in vielen lebte, fuhr eifrig fort: Duldet, da
ich noch erzhle, woran Euch, wie ich merke, wenig gelegen ist. Die Regimenter
haben, weil sie Deutsche sind, den Franzosen verlassen. Vor wenigen Tagen haben
wir uns mit dem Marschall und mit unseren alten Offizieren, welche uns
verrieten, gerauft, und diesen Sbelhieb erhielt ich von meinem eigenen
Rittmeister.
    Die Jungfrau kehrte ihm das erblichene Angesicht zu und fragte mit rauher
Stimme: Warum liet Ihr Euch schlagen, anstatt selbst zu treffen?
    Auch mein Gegner erhielt sein Teil.
    Ihr habt ihn gettet? fragte sie fast schreiend.
    Wei nicht. Ihn trug sein flchtiges Pferd von dannen. Er war ein Edelmann
von diesseits der Berge, setzte er hinzu.
    Wie war sein Name? klang es heiser aus ihrem Munde. Bernhard nannte den
Namen. Mit einem Schrei schlug das Mdchen die Hnde vors Gesicht.
    Es steht ein Wort des Herrn geschrieben: Die Rache ist mein, begann sie
nach langem Stillschweigen. Meint Ihr auch, da es unrecht ist, sich an seinen
Feinden zu rchen?
    Ich bin Soldat, und meine Ehre gebietet, loszuschlagen, wo mir eine
Krnkung widerfhrt.
    Ich bin ein Weib, und, verzeihe mir der Himmel, ich habe zuweilen dasselbe
gedacht. Sie fate ihn am Armgelenk und sprach, seine Hand schttelnd, heftig:
Ihr sollt nicht uneben von mir denken, hrt zu: Der Mann, den Ihr nanntet, warb
vor Jahren um ein Mdchen, das einzige Kind eines flchtigen Dorfpfarrers. Die
Trin hrte gern auf seine schmeichelnden Worte und trumte davon, seine
Hausfrau zu werden. Da verschwor er sich einst in der Trunkenheit vor ruchlosen
Buben seinesgleichen, sie trotz ihrem Widerstande zu gewinnen. Er drang in ihr
Haus, dessen Tr sich ihm nicht ffnen wollte, und schleuderte den alten Vater,
der gegen ihn rang, so hart auf den Stein der Schwelle, da der Alte nicht
wieder aufstand. Die Jungfrau hatte sich in den Wald gerettet; als sie am Morgen
in das Haus zurckkehrte, sagten ihr die Leute, da sie eine Waise war; der Bube
aber ritt ungefhrdet ber die Berge zu den weimarischen Vlkern. - Wer hat Euch
die Wunde verbunden?
    Die Schwester hat darin gute Wissenschaft, antwortete der erstaunte
Bernhard, doch dachte ich, einen Medikus der Stadt zu Rate zu ziehen.
    Wenn Ihr erlaubt, den Schaden zu sehen, vielleicht vermag ich Euch zu
heilen, sagte sie bittend. Unter dem Zauber ihres krftigen Wesens nestelte
Bernhard bereitwillig an seinem Wamse.
    Nicht hier, gebot die Jungfrau, noch ist die Sonne nicht ber den Bergen,
und was in der Nachtluft schwebt, ist heillos fr offenen Schaden. Weicht zum
Lager, ich folge Euch.
    Bernhard trat scheu zurck; als er sich umwandte, sah er sie auf dem
uersten Vorsprung des Felsens stehen, die Arme gekreuzt, das Haupt geneigt,
die beiden Vgel liefen und flatterten um sie her.
    In dem Gehege fand er Gottlieb mit den Pferden zum Aufbruch bereit. Regine
kam ihm ngstlich entgegen. Die Weiber starren mich mitrauisch an, klagte
sie, ich wollte, wir wren wieder allein im grnen Wald.
    Bernhard wies trstend nach dem Morgenhimmel. Steigt die Sonne ber die
Berge, so denke ich, brechen wir auf.
    Auch der Pfarrer erhob sich, schttelte die Waldstreu aus seinem Talar und
begann: Unter Anwnschung eines guten Morgens allerseits empfehle ich den
Gegenwrtigen, sich mit mir zu einem Bu- und Klagelied fr Abwendung der
Feindesgefahr zu vereinigen. Ihn unterbrach der eindringende Amtsschreiber; mit
finsterem Blick und ohne Gru eilte er an den Fremden vorber: Beeilt Euch,
ehrwrdiger Herr, die Luft ist rein, die Ruber sind abgezogen.
    Die Weiber regten sich in froher Geschftigkeit um die Kinder und die
geflchtete Habe. Der Pfarrer aber lie sich in seiner Pflicht nicht beirren und
verkndete: Demnach lege ich an das Herz, zu einem kindlichen sowohl Dank- als
Freudenliede fr unsere Rettung aus Todesgefahr zusammenzutreten. Doch bevor
das Danklied intoniert wurde, sah er unzufrieden in die Runde und fragte: Wo
sind die Nachbarn, wo sind eure Mnner? - Niemand antwortete; endlich kam aus
einer Frauenkehle: Sie halten Wache. - Sie sind ber der Teilung, verriet
unbesonnen eine andere.
    Wenn sie Speise und Trank zu verteilen haben, so mahne ich, da sie auch
ihren alten Pfarrer nicht vergessen. Und der arme Herr begann mit zitternder
Stimme das Lied.
    Regine neigte sich ber die gefalteten Hnde, und ihre Andacht war wohl die
wrmste, denn die Dorffrauen kamen zgernd herzu, und der Schreiber drehte
unruhig an seinem Hute, Bernhard aber blickte seitwrts auf die Jungfer Judith,
welche geruschlos eingetreten war und die Augen dem goldenen Licht des Morgens
zuwandte.
    Die Geflchteten drngten aus dem Gehege, Weiber und Kinder liefen, mit
Bndeln beladen, in unruhiger Erwartung den Talweg hinab, und die bewaffneten
Mnner, welche voranzogen, hatten Mhe, die Aufgeregten zurckzuhalten. Bernhard
bot, der erhaltenen Warnung eingedenk, dem alten Pfarrer den Sitz auf seinem
Pferde an, und da dieser sich bescheiden gegen die Erhhung strubte, so schritt
auch er, die Pferde fhrend, zu Fu an seiner Seite, ein wenig beruhigt durch
die Zuversicht seines Gefhrten Gottlieb, der mit den Bauern Bekanntschaft
gemacht hatte und wohlwollend aus seinem Tabaksbeutel fr ihre Holzpfeifen
mitteilte. Die Hunde haben auer Montur und Geld der kaiserlichen Reiter auch
einige Pferde erbeutet und im Wald versteckt, raunte er Bernhard zu, ihre
jungen Burschen lauerten gestern abend weiter unten auf unserem Wege, und wir
knnten jetzt arkebusiert sein, wenn nicht die Jungfrau ein Einsehen gehabt
htte.
    In der Nhe des Dorfes, wo sich von steiler Berglehne ein gewundener Pfad
zur Strae zog, hielt die Gemeinde an. Die Landleute schrien und jauchzten, als
sie aus dem dichten Tannengehlz Brummen und Gebrll der Rinder hrten. Eine
kleine Herde von Khen und Jungvieh kam in lustigen Sprngen herab, getrieben
von Knaben des Dorfes; lauter als ber die eigene Rettung freuten sich die
Dorfleute darber, da ihre beste Habe im Waldversteck den Feinden entgangen
war. Die Kinder liefen im Haufen den Tieren entgegen. Auch Judith rief: Ble߫,
und lockte eine stattliche Kuh, die strkste der Herde. Das Tier leckte die Hand
seiner Herrin, und Bernhard, welcher jetzt in der Nhe ritt, hrte, da die
Jungfer sich mit ihr unterhielt wie mit einer Vertrauten. Wie war Euch die
Nacht im Heidekraut, junge Frau? Habt Ihr Euch vor den Wlfen gengstigt? Und
die Kuh brummte ihre Antwort und schritt bedchtig im Zuge nach dem Dorfe, als
Judith ihr liebkosend die Hand zwischen die Hrner legte.
    Im Talgrunde lag das Dorf an beiden Seiten des Bergbaches, der wei ber die
Steine schumte. Zwischen den bewohnten Htten von Tannenholz, welche die Zeit
grau und braun gefrbt hatte, lag das Geblk zertrmmerter Huser, eingefallener
Stlle und Scheuern.
    Die Ruber haben geplndert, rief der Schreiber und wies auf das
zerschlagene Hoftor des nchsten Hauses. Da schlug die Freude pltzlich in
Jammer um, die Leute fluchten und rannten auseinander nach ihren Htten; dort
fanden sie aufgeschlagene Truhen, zerbrochene Sthle und den Vorrat, der etwa
noch in Scheuer und Keller gewesen war, verzehrt oder verwstet, von dem
Geflgel des Hofes nur die ausgerauften Federn. Die Fremden standen allein auf
der Strae, nur der alte Pfarrer, welcher ihnen auf dem Wege ehrenhalber ein
Obdach angeboten hatte, harrte noch eine Weile bei ihnen aus und sah trbselig
nach dem Pfarrhofe, in welchen seine Magd vorausgelaufen war. Judith hielt mit
ihrer Kuh und der alten Frau, ihrer Dienerin, schweigend in der Nhe. Die
Pfarrkchin kam mit gehobenen Armen zurckgerannt. Alles zerschlagen, auch die
Bibel zerrissen und beschmutzt. Einige Weiber liefen aus den nchsten Husern
und stimmten mit ihr Wechselklage an. Nur das Haus der Jungfer Judith ist
unversehrt, schrie die eine.
    Die Jungfer versteht die Kunst, den Leuten die Augen zu verblenden, rief
die neidische Magd des Pfarrers.
    Judith lchelte: Das Haus liegt abseits im Schatten des Berges, und die
Nacht war finster. Sie trat zu Regine. Ist es Euch genehm, so kommt mit mir.
    Die Reisenden folgten dem Mdchen auf einem schmalen Stege ber den Bach und
durch den Wiesenrand dahinter. Auch dies Haus, in eine Krmmung der Bergwand
eingebaut, war aus Holzbohlen gefgt, aber ein Oberstock sprang mit seinen
kleinen Fenstern ber den unteren hervor, und ein starker Holzzaun umschlo das
kleine Gehft. Judith holte einen groen Schlssel aus ihrer Ledertasche und
ffnete die Zauntr, dann wies sie auf ein wstes Haus, das in der Nhe stand.
Dort mgen die Herren sich und die Pferde unterbringen, denn hier fehlt es an
Gela, doch die Ladung der Pferde rate ich bei uns Frauen zu bergen, auch die
Herren selbst mssen zu uns in die Kche kommen, denn dort drben ist alles
ausgeleert.
    Sie zog Regine an der Hand in das Haus, whrend Gottlieb mit dem Knaben die
Pferde entlastete und unter Vortritt der alten Ursula nach dem Nachbarhause
fhrte. Als Bernhard die Stufen hinaufstieg, stand die Jungfrau im Hausflur und
wies mit der Hand auf die Schwelle. Setzt Euren Fu das erstemal nicht auf den
Stein, sprach sie traurig, damit Euer Eintritt Euch nicht Unheil bereite.
Aber als sie mit den Geschwistern in der Stube stand, grte sie frhlicher:
Seid willkommen! Es ist alles unverndert. Die Katze hat gut hausgehalten,
sprach sie rhmend, als eine groe schwarze Katze vom Ofen vor ihre Fe sprang
und schmeichelnd ihr Fell am Gewande rieb. Es ist auch Mehl vorhanden und Milch
im Keller, und wenn die Jungfer mit ihren Begleitern frliebnehmen will, so wird
sie hier nicht schlechter daran sein als irgendwo im Dorfe.
    Die Geschwister sahen sich neugierig in der Stube um. Es war ein wohnlicher
Raum mit dem Hausgert einer stattlichen Bauernwirtschaft, ein Tisch,
Holzsthle, die Ofenbank, das Spinnrad, die buntbemalte Truhe, alles sauber und
behaglich, um die Fenster sogar Vorhnge von Leinwand mit gesticktem Saume, an
den Wnden aber mehrere Holzfcher, auf denen auer dem Geschirr viele groe und
kleine Flaschen und andere Gefe von seltsamer Form standen, dazwischen
Kruterbndel und groe Bcher. Wundert Euch nicht ber die Apotheke an meinen
Wnden, sagte Judith, ich bin bei Krankheiten ein Beirat und Medikus in den
Walddrfern noch von meinem seligen Vater her, der aus der Heimat groe
Kruterkunde mitbrachte und wegen seiner Heilkunst berhmt war. Und wieder trat
sie zu Regine: Gern mchte ich mit Euch an der Wunde des Herrn Bruders meinen
guten Willen erweisen, denn ich kann Euch einen Balsam geben, der oft
wundergleich geholfen hat. Regine sah den Bruder fragend an und wunderte sich,
als dieser ohne jede hfliche Rede und Entschuldigung sogleich seinen Arm
darbot.
    Die Frauen waren beide eifrig bei dem guten Werke, und als dasselbe
vollbracht war, dachte auch Regine, da die Fremde von freundlichem Herzen sei,
und sagte, die sichere Gewandtheit bewundernd: Ihr seid meine Meisterin. Der
Schaden ist grer, als der Herr meint, mahnte Judith ernsthaft, und htte ich
Gewalt ber Euch, so wrde ich Euch zwingen, einige Wochen still zu rasten.
    Wenn Ihr es gestattet, spreche ich wieder vor, antwortete Bernhard, denn
mein Herz ist voll Dankes; ich wei jetzt, Jungfer, da Schwester Regine und ich
durch Euch in dieser Nacht einer Lebensgefahr enthoben wurden.
    Es ist gefgt worden, da ich mit Euch zusammentreffen sollte, antwortete
Judith, beide haben wir's nicht gewut und nicht gewollt. Und mit verndertem
Tone setzte sie hinzu: Jetzt aber sorgen wir nicht um Vergangenes, nur um das
Nchste, da wir euch Herren die Tageskost bereiten. Vertraut mir die Jungfer
Schwester an und kommt bei guter Zeit mit Eurem Gefhrten zu Gaste bei der
Armut. Die Jungfer Regine aber bitte ich, sich's bequem zu machen, und wenn es
ihr recht ist, weise ich ihr auch den Keller, die Kche und ein Stbchen, wo sie
sich ausruhen kann.
    Gottlieb sa in der verfallenen Htte und schraubte zufrieden an seinem
Karabiner. Dies ist das beste Quartier, das wir seit lange gehabt haben, lobte
er gegen den eintretenden Kameraden, der Regen knnte durchlaufen, und als
Hausgenossen spre ich nur Muse und Sperlinge, aber die Nachbarschaft ist
gnstig. Es sind kluge Frauen, und die junge ist in ihrer Art eine
Prachtjungfer. Und was das hauptschlichste ist, wir sind hier angenehm und gern
gesehen. Seit vielen Jahren ist mir dergleichen nicht vorgekommen. Die Alte hat
Heu geschafft, und sie sprach sogar etwas von einem Scklein Hafer. Ich sage
dir, dies ist ein gesegnetes Land, Vivat Ernestus! Vermgen wir noch die Tr zu
schlieen, so sind wir hier in Abrahams Scho.
    Wie magst du dich hier ins Quartier legen? Sind die Pferde gefttert und
die Wege geffnet, so reiten wir zum Herzoge.
    Aber dieser Vorschlag fand wenig guten Willen. La dir sagen, Bruder,
begann Gottlieb, die Asche seiner Pfeife ausklopfend, da ich in der Stadt
Gotha mehr Kundschaft habe, als mir lieb ist. Und um dir alles zu vertrauen, ein
Weib von mir haust an diesem Orte, und deshalb ist er mir verleidet.
    Das hast du mir nie bekannt, versetzte der erstaunte Bernhard.
    Ich war nicht stolz auf mein Gespons. Sie war zu ihrer Zeit eines
Schlossermeisters Witwe, nicht mehr jung, aber die Nahrung war leidlich. Sie
riet mir, da ich als Altgeselle bei ihr arbeitete, ich wrde mich gut stehen,
wenn ich sie heiratete. Jedoch sie erwies sich als Hausdrache; ich versuchte es
mit Leder und mit Holz, aber nichts wollte helfen, und da ich das Eisen bei ihr
nicht anwenden konnte, so nahm ich hollndischen Abschied, weil ich dachte, da
ich mit dem Kriegsteufel eher auskommen wrde als mit dem Eheteufel.
    Wie, lachte Bernhard, du Eisenbeier frchtest dich vor einem Weibe? War
sie lter als du, so kann sie lngst dahin sein.
    Du sprichst leichtsinnig, weil du sie nicht kennst, antwortete Gottlieb
bekmmert. Ihre Rachsucht ist terribel, und ich habe heute von der Alten
erfahren, da sie noch in diesem Jammertal verweilt und scharf nach mir
aussieht, denn sie ist in der Bruderschaft der alten Weiber wohlbekannt. Und
kurz, mir wre lieb, wenn du unsere Sache mit dem Herzog allein ausmachen
knntest, sintemal ich auerdem sein Landeskind bin und nicht gern auf seine
Fragen antworten mchte. Der Weg zu unseren Abgesandten fhrt dich doch ber
dies Dorf zurck.
    Die Alte lud zur Mahlzeit, sie forderte auch den bereitwilligen Pieps in die
Kche, und als Gottlieb vertraulich einwendete: Aber Mutter, die Pferde im
leeren Hause, da trstete die Magd: Ich bleibe derweilen hier und bin euch
gut, da die Dorfleute mir nichts wegnehmen. - Gottlieb sah sie schlau an, und
auch die Alte lachte. Furcht ist allemal gut, selbst wenn es nicht Furcht des
Herrn ist; auch ein alter Kriegsmann versteht sich mit dem Schwarzen auf gutem
Fu zu erhalten. Die Mnner fanden in Judiths Stube den Tisch gedeckt, Regine
kam dem eintretenden Bruder in einer Dorfhaube mit der Schrze entgegen und half
geschftig, wie ein Kind des Hauses die einfache Kost herzutragen. Judith aber
sprach das kurze Tischgebet und lud zum Sitzen ein, wie Bernhard meinte, mit dem
Anstand einer Knigin. Er sah sich whrend des Essens vergngt um. Wo sind die
Reisebegleiter unserer Jungfer Wirtin? Ich sehe die Amseln nicht.
    Sie sind in der Stube nicht suberlich, entschuldigte das Mdchen, und
flattern hier nebenbei in der Kammer; dort knnen sie durch ein Guckloch ins
Freie, sooft sie wollen. Sie haben mir manchmal Sorge gemacht, als der selige
Vater hier mehrere Jahre die Stelle des Pfarrers versah; denn der frhere war in
der Kriegsnot gestorben und der jetzige noch nicht hergeschickt; damals fehlte
auch der Kster, und ich mute als Gehilfin des Vaters alle Kirchenmter
versehen, ich zog die Glocke, bekleidete den Altar und sang der Gemeinde vor; es
waren nur wenige, welche auer uns im Dorfe beharrten. Da wollten sich meine
kleinen Gesellen nicht zu Hause verhalten, und sie flogen mir durch ein
zerschlagenes Fenster in die Kirche nach, rannten um den Altar und behandelten
den Taufstein rgerlich und unchristlich. Es kam vor, da der Vater nur
gepredigt hat vor zwei alten Frauen, vor mir und den Amseln, und einmal pfiff
das Mnnchen mitten im Vaterunser ber der Kanzel sein Lied. Auch sie halten
Gottesdienst auf ihre Weise, so gut sie es verstehen.
    Die stille Freude machte ihr Antlitz so schn, da Bernhard sie mit
unverhohlener Bewunderung betrachtete. Zrnt nicht der dreisten Frage: Wie
konntet Ihr dies einsame Leben unter dem wilden Volk ertragen?
    Ja, es ist einsam hier, antwortete Judith mit trbem Blick. Die liebe
Sonne kommt auch im Sommer spt und scheidet frh; im Winter sperrt der Schnee
zuweilen die Pforte, und ich bin mit meinen Gedanken allein, mit der alten Ursel
und mit den Haustieren. Dann schwatzt und erzhlt jedes in seiner Weise. Doch
fehlt es mir niemals an Zuspruch von Armen und Kranken, welche um Rat fragen,
auch werde ich oft nach auswrts geladen, und drauen am Rand des Waldes leben
auf den adeligen Gtern einige Frauen, wenn sie nicht gerade in die Stadt
geflchtet sind, welche es gut zu mir meinen; dort helfe ich in den Notzeiten
bei der Pflege.
    Schrecklicher noch als die Einsamkeit ist die Gefahr unter dem Landvolk und
dem Raubgesindel, welches umherstreift, bedauerte Regine.
    Ich bin daran gewhnt, auch ist mir die alte Ursel ein guter Schutz; sie
ist klug und wei mit den Leuten fertig zu werden.
    Dennoch wundert mich, fuhr Regine fort, da Ihr Euch nicht in die Stadt
gerettet habt.
    Mir gefiel nicht zu dienen, antwortete die Jungfrau mit gehobenem Haupt;
hier habe ich ein Heimwesen, das mir der liebe Vater hinterlassen hat. Soll ich
mich unter fremdem Dach um Gabe und Gunst bemhen?
    Bernhard stimmte warm zu. Auch wir, Schwester Regine und ich, sind freudlos
in der Welt, und uns ist es nicht so gut geworden, da wir ein eigenes Obdach
haben. Darum, werte Jungfer, fuhr er bittend fort, gibt mir Eure bewiesene
Freundlichkeit den Mut, ein Gesuch an Euch zu richten, da Ihr meine Schwester
lnger als heut bei Euch leidet, bis ich fr sie gefunden, was wir begehren;
auch mein Geselle wnscht als Salva Guardia im Dorfe zu bleiben, bis das
Geschft in Gotha vollendet ist.
    Und Regina hrte wieder mit Verwunderung, da Judith feierlich antwortete:
Ihr habt ein Recht darauf, da das Haus meines Vaters Eurer Schwester ein
Obdach werde, solange Ihr es begehrt.

                                Herzog Ernestus


Ein Bauer schlug heftig an die Pforte und rief in den Hof: Der Herzog ist im
Dorfe; er fordert die fremden Mnner.
    Bernhard eilte hinaus, zgernd folgte sein Begleiter. Auf dem freien Platze
am Gemeindehause hielten Bewaffnete, Jger und Trabanten, in ihrer Mitte der
Herzog, welcher die Berichte des Schreibers und des Pfarrers anhrte. Er nickte
ein wenig auf den ehrfurchtsvollen Gru Bernhards und beobachtete ihn, whrend
er zu den Dorfleuten sprach, prfend aus der Ferne. Er war ein hagerer Herr, den
Jahren nach nicht alt, aber mit gefurchtem Antlitz und einem Zug von Trauer um
den Mund, so da man ihm ansah, er hatte Schweres erlebt. Endlich ritt der
Jgermeister auf die Fremden zu und fragte von oben herab: Ihr seid zur Nacht
ber den Wald gekommen; habt ihr etwas von den fremden Rubern gesehen? - Nur
eine Rauchsule in der Ferne und ein leeres Dorf. Ihr habt vorgegeben, einen
Auftrag an herzogliche Gnaden zu haben. Wer seid Ihr? Bernhard griff in das
Wams: Hier ist unser Kreditiv, welches ich dem Herrn Herzog in eigene Hand zu
bergeben bitte.
    Der Jgermeister reichte das Schreiben dem Herzog; dieser las lange darin
und sah wieder erstaunt auf die Abgesandten, endlich barg er das Papier in
seiner eigenen Tasche, winkte Bernhard heran und gebot, da die Umstehenden
zurcktraten. Ich kenne niemand von denen, welche Euch sandten, sagte er, und
Mitrauen klang aus der Rede. Was sucht der Herr Rittmeister Knig, wenn Ihr
der seid, bei mir?
    In einer importanten Sache erbitte ich ehrerbietig bei Eurer herzoglichen
Gnaden Audienz.
    Ihr habt einen Begleiter? Ist das jener Mann? - Und wie der Pfarrer
berichtet, fhrt Ihr auch ein Weib mit Euch.
    Meine Schwester, antwortete Bernhard, sie hat in jenem Hause ein Obdach
gefunden.
    Wieder musterte der Herzog das Aussehen des Fremden. Die mannhafte Haltung
mochte ihm gefallen, denn er schlo freundlicher: Ihr traft es ungnstig mit
Eurer Ankunft. Der Beamte hat Euch als Soldaten erkannt und behauptet, da die
Plnderer zu Eurem Volke gehren. Ich hoffe, er war im Irrtum. Ein Trabant, den
ich zurcklasse, soll Euch morgen in der Frhe nach Gotha geleiten. Er winkte
den Abschied und hrte wieder auf die Klagen der Dorfleute.
    Am nchsten Morgen ritt Bernhard mit dem Reiter des Herzogs der Stadt zu.
Der Fhrer schaffte ihm Einla bei der Wache und hielt nahe am Tor vor einer
Herberge: Da Ihr von der schwedischen Salva Guardia, welche in der Stadt liegt,
nicht beachtet werden wollt, so stellt Euer Pferd hier ein und folgt mir zu Fu
nach dem Schlosse. Er wies die Richtung und ritt davon. Bernhard schritt durch
enge Gassen nach dem Markte, er fand die Straen voll von geschftigen Menschen,
die den Fremdling neugierig und forschend ansahen, viele unter ihnen in
mangelhafter Bekleidung, mit bleichen und vergrmten Gesichtern. Auch die Huser
waren mit Einliegern berfllt, noch in den Dachluken guckten Kinderkpfe und
hing die Wsche armer Leute. Aus den engen Hfen hrte er Gebrll der Rinder,
und neben den Hunden liefen grunzende Schweine vor den Haustren. Denn viele
Landleute waren nach der Stadt geflchtet und hausten mit ihrem Vieh gedrngt in
jmmerlichen Wohnungen. Vor wenig Jahren hatte berdies eine groe Feuersbrunst
den Ort verwstet, nur die Hlfte der Huser war aufgebaut, auf vielen
Brandsttten standen zwischen verkohlten Balken rmliche Holzhtten. Auch der
Marktplatz war mit Bretterbuden und Leinwandzelten besetzt, an welchen armselige
Frauen wuschen und kochten und halbnackte Kinder auf den Steinen spielten,
dazwischen standen Rsthlzer, geschichtete Ziegel und Kalkbhnen, Wagen mit
Bauholz und Lehm. berall belstigte Straenschmutz, Geschrei und Zanken der
Menschen, und Bernhard dachte mit Sorge, wie die Schwester in der wsten und
gefllten Stadt ein Unterkommen finden werde. ber der Stadt aber erhob sich auf
steiler Hhe ein gewaltiger Ziegelbau, das neue Schlo des Herzogs. Auch dort
vernahm man das Gerusch der Bauarbeit, Hiebe der xte und laute Zurufe an eine
lange Reihe geschirrter Pferde, welche die Dachbalken mit starken Seilen hoch
hinaufhoben. Es war berall wenig zu sehen, was das Auge erfreute, aber aus dem
Wirrwarr, der Not und Drangsal erkannte man doch schaffende Kraft. In den
Werksttten schnitten und pochten die Handwerker, an vielen Fenstern boten sich
ausgestellte Waren, in den Kauflden standen die Kunden, und die Schenken waren
gefllt.
    Bernhard stieg den steilen Schloberg hinauf und wurde von dem Trabanten,
der ihn am Tor erwartete, eilfertig zu den Gemchern des Herzogs gefhrt. Ein
Kammerjunker ffnete die Tr des Arbeitszimmers, und Bernhard stand dem Herzog
allein gegenber. Dieser hielt das Kreditiv in der Hand. Ihr seid also Bernhard
Knig?
    Rittmeister der Leibkompanie von Alt-Rosen, deren Standarte ich sonst
trug.
    Wir lasen in den Avisen, wahrlich mit Bedauern, von einem Aufstand der
weimarischen Vlker, und wie ich sehe, sind es fahnenflchtige Emprer, welche
Euch zu mir deputiert haben.
    Die Regimenter, welche mich gesandt haben, fhren die alten Kornette und
Fahnen, die sie zum groen Teil durch Eurer Gnaden Bruder empfangen haben, von
dem wortbrchigen Franzosen hinweg. Und weil sie das Andenken an den deutschen
Kriegshelden Herzog Bernhard mit getreuen Herzen bewahren, stehe ich jetzt vor
dem Angesicht seines erlauchten Bruders.
    Ihr sprecht hohe Worte, antwortete der Herzog, sie rechtfertigen das
unerhrte Unterfangen nicht.
    Eurer herzoglichen Gnaden ist bewut, fuhr der Abgeordnete fort, wie nach
Herzog Bernhards Tode die Obersten des fhrenden Heeres mit der Krone
Frankreichs paktierten. Von allem aber, was damals beschworen wurde, hat der
Franzos uns nichts gehalten; seit vollends Graf Turenne als unser Feldhauptmann
aus Frankreich geschickt wurde, hat man uns ber alle Gewohnheit den Sold
vorenthalten, so da der Hunger Tro und Pferde im ausgesogenen Lande fra; in
die Kommandostellen drngten sich Franzosen, vornehme Gecken mit Affengebrden,
prahlerisch und hochmtig, welche unsere Sprache nicht verstanden und sich damit
rhmten, da sie die deutsche Art verachteten. Unwillig trug der Soldat durch
Jahre die fremde Dienstbarkeit. Als aber der Marschall sich rstete, uns vom
Elsa aus in fremde Lnder zu fhren, klagten Offiziere und Gemeine ber den
Bruch des Vertrages, sie verweigerten den Marsch, und weil der Franzose uns mit
seiner Gewalt bedrohte, forderte sich das Heer unsern Generalleutnant Rosen zum
Fhrer und zog es aus dem Elsa bei Straburg ber den Rhein zurck; Turenne
aber setzte den Rosen hinterlistig gefangen, whrend dieser in guter Meinung
zwischen dem Heere und dem Marschall vermittelte. Da kehrten die Regimenter dem
treulosen Franzosen den Rcken und wandten sich nach dem Schwabenland. Turenne
kam nachgerckt und gewann durch listige Versprechungen unsere Obersten und
Offiziere, die auf sein Veranstalten, getrennt von ihren Soldaten, in stdtische
Quartiere gelegt waren. Die uns fhren sollten, dieselben, welche den Widerstand
gegen die Franzosen genhrt hatten, verrieten unsere Sache. Doch die gemeinen
Soldaten traten zusammen, und weil sie herrenlos und verkauft zwischen Feinden
standen, whlten sie aus den alten Reitern sich selbst ihre Befehlshaber und
schworen einander bei den Feldzeichen zu, als redliche Deutsche Blut und Leben
miteinander daranzusetzen, nimmermehr aber dem falschen Franzosen zu gehorchen.
    Der Herzog murmelte: Die Welt verkehrt sich! Die Herren sind Diener des
Erbfeindes, und der verlorene Haufe handelt von der Ehre des deutschen Namens.
    Vom Neckar zogen wir dem Main zu in fester Ordnung, doch noch immer kam uns
der Franzose nach, bat und drohte; wir aber lieen ihm sagen, das Tuch sei
zerschnitten zwischen ihm und uns. Nahe dem Main ersah er seinen Vorteil; als
ein Hohlweg unsere Vlker teilte, griff er die Nachhut an, wir aber schlugen ihn
zurck, fuhr der Bote mit leuchtenden Augen fort, und der arge Mann entwich
nach Frankreich.
    Ihr warft den Turenne zurck? fragte der Herzog unglubig, uns wurde
geschrieben, da der Hauptteil der Weimarischen bei ihm zurckgeblieben sei und
nur schlechtes Volk entwichen.
    Unwillig rief der Bote: Eine Lge war's. Ich verberge Eurer herzoglichen
Gnaden nicht, da unser tapferes Heer zerrissen ist. Vier berittene Regimenter,
die gesondert lagen, hielt er am Rheine von uns ab. Jedoch die Strke blieb
vereint. Es sind die acht Reiterregimenter Alt-Rosen, Mazarin, Fleckenstein,
Wittgenstein, Ohme, Ruwurm, Taupadel, Schtze; dazu die Hlfte von
Rosen-Dragoner und die letzte brige Kompanie des alten gelben Regiments, das
Knig Gustav Adolf selbst gefhrt.
    Ihr nennt wohlberhmte Feldzeichen, rief der Herzog erstaunt.
    Diese sind es, die mich zu Eurer herzoglichen Gnaden gesandt haben. Auch
unsere Reihen sind gelichtet; mancher wurde weggelockt, dem der Mut versagte vor
der unsicheren Zukunft, denn heimliche Boten kamen tglich von den Offizieren
mit hohen Versprechungen. Den Schlechten aber mifiel die strenge Kriegszucht,
welche wir halten. Sie hatten auf Ruberleben gehofft, und wenn wir einen Lump
arkebusierten oder an die Bume hngten, so verschwanden seine Genossen in der
nchsten Nacht; ich denke, diese vergingen im elenden Krieg mit den Bauern,
bevor sie ihrer Freiheit froh wurden.
    Dennoch seid ihr nicht besser daran, entgegnete der Herzog, jeder
ehrliche Befehlshaber wird sich gegen euch rsten, denn ganz unleidlich ist
solcher Abfall und ein bedrohliches Exempel fr alle Kriegsherrlichkeit.
    Wir frchten keine Gewalt, antwortete Bernhard, und haben noch wenig von
fremdem Ha gemerkt; dagegen kann ich Eurer herzoglichen Gnaden nach Wahrheit
versichern, da wir bis jetzt nur Gunst genossen, denn wie zu einer reichen
Braut, so ritten bei uns die Freiwerber ein: Kaiserliche, Hessen und Schweden.
Wir haben die Wahl zwischen groen Potentaten, und wir meinen, da uns jeder
mehr verspricht, als er halten wird.
    Und wollt ihr euch vermessen, im Kriege zu bestehen gegen alle und gleich
wilden Wlfen durch die Lnder zu trotten, damit euch jedermann erschlage?
fragte der Herzog.
    Wir suchen einen Landesherrn, der unseres Stammes und Glaubens ist, damit
wir ihm als redliche Soldaten gehorchen, und darum, Herr Herzog, stehe ich hier,
denn wir suchen Euch.
    Der Herzog trat zurck, und der Abgesandte fuhr fort: Diese Botschaft
senden Euch die alten Reiter Herzog Bernhards: als der Beste erscheint Ihr uns
von den Brdern unseres ruhmreichen seligen Herrn. Mancher unter uns hat seinen
ersten Kriegsdienst zugleich mit Euch getan, da Ihr als Oberst in unserem Heere
gebotet. Euch rhmt die allgemeine Sage als gottesfrchtig und gerecht, als
einen Frsten, der das Wohl seiner Zugehrigen nie vergit und der zwischen
harten und eigenntzigen Gebietern den Vorteil des deutschen Landes hher achtet
als den eigenen Nutzen. Auch ist uns wohl bewut, da unser teurer Herzog
Bernhard, Euer Bruder, in seinem Testamente Euch zum Erben seines ganzen Heeres
gesetzt hat. Und seine Regimenter, welche der Krieg noch nicht getilgt, denken
jetzt daran, da sie als Erbteil Euch zugehren. Darum erbieten wir, die Ihr
verlorene Kinder des deutschen Landes nanntet, uns gegen Euch zu treuem Dienste,
ob Ihr durch unsere Fuste dazu helfen wollt, da unser deutsches Land den
ersehnten Frieden gewinne. Sind's auch acht Regimenter nur, zweitausend Mann in
Reih und Glied, die heute durch mich vor Euer Angesicht treten, ich darf es
sagen, Herr Herzog, die Spreu ist von uns weggeflogen, ein Kernvolk ist's, das
dreifache bermacht nicht frchtet; und rhren wir in Eurem Namen die Trommel,
so strmt in wenig Monden ein Heer zusammen, das Euch den Kaiserlichen und
Schweden furchtbar macht.
    War ich ein Kriegsmann, entgegnete der Herzog in tiefem Ernst, das Amt
ist abgetan. Seit neunundzwanzig Jahren hat die Kriegsfurie Tod und Verderben in
die Lnder gefhrt; mein frstliches Amt ist, zu erhalten und zu retten, was
noch am Leben ist, nicht neues Blutvergieen aufzuregen. Ich weigere euch, was
ihr mit hoher Mahnung von mir verlangt. Denn wenn ich wagen wollte, was fr mich
ein frevelhaft Beginnen wre, ich knnte mir aus dem zerstrten Lande vielleicht
einen greren Lappen zu meinem Frstenmantel schneiden, aber ich wrde neue
Steine legen in den Pfad, der jetzt zum goldnen Frieden fr uns gebahnt wird.
Und wenn ich fr meinen und meines Hauses Vorteil nur um vier Wochen den
Abschlu des teuren Friedenswerkes verzgern wollte, so wre es vor Gott und
meinem Gewissen ein schweres Unrecht.
    Hoffen Eure herzoglichen Gnaden, da der Frieden komme? Der mde Soldat
glaubt nicht, da er ihn erleben wird.
    Wir alle harren zwischen Furcht und Hoffnung, antwortete der Herzog. Sind
ohnedies die Schwierigkeiten zahlreich, die den Abschlu des Friedens
verhindern, wie darf ich durch freches Unterfangen auch das umstrzen, was
bereits in gutem Vertrauen beschlossen ist? Ein neues Heer schafft sich neuen
Krieg, das solltet Ihr wissen; denn der Soldat vermag nicht von Luft zu leben
und nicht von Hoffnungen auf den Frieden.
    Herzogliche Gnaden gestatten mir zu sagen: Ein redlicher Herr, der seinen
Feinden schreckhaft wird durch ein kriegshartes Heer und auf den Vorteil aller
denkt, wre wohl imstande, die Frsten der protestantischen Partei in einem
Bndnis zu konjungieren, die Sachsen, Hessen, Braunschweiger, den Brandenburger,
und solches Bndnis, wenn es auch nur Neutralitt begehrt, wrde den Kaiser und
die Fremden zum Frieden zwingen.
    Die deutschen Frsten konjungieren! rief der Herzog, Ihr kennt die
Staatsrson nicht, die jeden verhindert, dem anderen zu trauen. Kann der gemeine
Soldat in schwerer Stunde einmal den eigenen Vorteil vergessen, die groen
Landherren knnen das nicht. - Wo habt Ihr Euer Heer verlassen, und wohin geht
Euer Marsch?
    Die Regimenter lagerten bei Neustadt, als ich von ihnen ritt. Sie wollten
langsam heranziehen bis Wasungen.
    An meine Grenzen? fragte der Herzog, und wieviel Kpfe zhlt der Haufe?
    Mit Reitern, Weibern, Buben und Kindern an achttausend Menschenhupter,
dazu dreitausend Pferde.
    Der Herzog schritt heftig durch das Zimmer. Achttausend Muler, dazu
dreitausend Rationen, sie verzehren in wenig Wochen mein ganzes Land. Ich
weigere euch den Eintritt, soweit ich es vermag. Wollt ihr aber meinem
frstlichen Willen trotzen und euch in meinen Drfern setzen, so werdet ihr
selbst sehen, da wenig darin zu holen ist. Bald wird der Hunger euch tilgen. In
dem Nest der Grasmcke sitzt bereits ein Kuckuck. Meine Untertanen darben, weil
wir den Schweden in Erfurt zu fttern haben.
    Sorgen herzogliche Gnaden nicht, antwortete Bernhard traurig, wir meiden
den Bezirk, welcher dem schwedischen Kriegsvolk kontribuiert, und werden Euer
Land nicht beschweren, wenn wir nicht dazu gezwungen werden.
    Beide schwiegen still, bis Bernhard wieder begann: In treuer Meinung und
hohem Vertrauen sandte mich unser Volk zu einem Herrn, den alle Welt als klug
und redlich rhmt. Sind Eure herzogliche Gnaden auerstande, mich mit einer
freundlichen Antwort zu entlassen? Viele unter uns waren der Hoffnung, da dem
Herzoge von Gotha, auch wenn er nicht heilsam befinden sollte, mit eigenem
Kriegsheer ins Feld zu ziehen, doch eine wehrhafte Mannschaft willkommen sein
knnte. Die Mehrzahl unserer Soldaten ist aus Thringen und Sachsen, sie wrde
sich wohl zu der Bevlkerung des Landes schicken. Auf dem Wege hierher erfuhr
ich, da fremdes Kriegsvolk ungebndigt im Lande beutet, ich sah viele leere
Hfe und wste cker, gern wrde der Soldat, wenn er nicht mehr zum Schutze des
Heimatlandes gebraucht wird, mit Weib und Kind die leeren Hfe besetzen und
einem huldvollen Herrn, der ihn seiner Dienste entlt, als friedlicher Untertan
gehorchen.
    Der Herzog trat zu dem Sprechenden: Ihr fhrt die Sache Eurer Kameraden,
wie ich erkenne, mit Verstand, und ich will ehrlich auf Euer Vertrauen
antworten. Wenn ich euch mein Gebiet ffne und euch in meinen Dienst nehme, nur
zum eigenen Schutz, so sind eurer zu viel, und ich bin nicht reich genug, euch
zu unterhalten, zumal ich euretwegen sogleich mit dem Schweden in Hndel kme.
Wenn ich euch aber annehme mit dem Versprechen, euch abzulohnen, und statt des
Soldes mit Wohnsttte und Land zu begaben, so wrde euer wildes und hungriges
Gesinde schnell darauf pochen und verlangen, da ich sie bis zu nchster Ernte
fttere und noch darber hinaus, falls ihnen die ungewohnte Bauernarbeit nicht
gedeiht. Darum mu ich auch diesem Wunsche widerstehen. Wollt ihr jenseits der
Grenze mit eigener Faust das Tuch von den Standarten lsen und wollen die
entlassenen Soldaten mit Weib und Kind als friedliche Wanderer in mein Land
ziehen, so will ich sie gnstig aufnehmen und ihnen leicht machen, die leeren
Hfe zu besetzen.
    Der Soldat fhlt in seinem Herzen, wie bitter und schwer die Zeit ist,
antwortete Bernhard mit Zurckhaltung, aber er wei auch, da er jetzt als ein
Herr der Welt gebietet. Denn weil er nicht geqult und zertreten werden wollte,
darum ist er der Fahne zugezogen. Solange er in friedlicher Arbeit keine
Sicherheit findet und solange im Herzogtum Gotha noch der Schwede und der
kaiserliche Freibeuter herrisch ber die Flur reiten, werden Eure herzogliche
Gnaden nicht verlangen, da die Axt zum Holzblock werde, von dem die Fremden
ihre Spne hauen.
    Wollt ihr so trotzig des Teufels Werke weiter ben, rief der Herzog
unwillig, so fahrt dahin auf dem Wege, den euch der Bse fhrt; ich versage
mich euch. Da Bernhard gekrnkt schwieg, fuhr der Herzog nach einer Weile
ruhiger fort: Meint ihr, da ich das Elend meines wehrlosen Status weniger
fhle als ihr? Keiner wird so gedemtigt durch die Herrschaft der Fremden und
durch den Raubsinn ihrer Befehlshaber wie der Frst, der seinem Gott gelobt hat,
ein Vater des Landes zu sein. Glaubt mir, Fremdling, da es meinem frstlichen
Blut bitter und sauer ankommt, jedem wilden Ruber, der mit einem Heerhaufen
ber die Grenze bricht, zu zinsen und zu zahlen und dazu noch groben Hohn zu
ertragen. Aber der Herr hat mir das christliche Amt anvertraut, nicht zu
zerstren, sondern zu erhalten, vor allem aber meine eigenen Untertanen, deren
wenige geworden sind, aus Zuchtlosigkeit und Verderb wieder in die Ordnung zu
zwingen, damit sie nicht wie Drohnen im Stocke leben, sondern wie ntzliche
Bienen. Andere Waffen fhre ich als eure Reiterpistolen; ich wei wohl, da der
bermut dieser Welt sie verlacht und da viele mich einen Toren schelten.
Dennoch denke ich fest zu bleiben und mich gegen die blutige Faust des Krieges
mit meinem Rstzeug zu wehren. Wollt Ihr dies Rstzeug kennenlernen? Ich will es
Euch weisen. - Er hob eine Handbibel in die Hhe, die auf seinem Tische lag.
Hier das Wort Gottes! Dies Geschlecht hat den Glauben verloren, und ich
schttle sie tglich an den Ohren, damit sie wieder beten lernen. In weltlichen
Dingen aber ist mein Werkzeug dies hier! - Er wies auf einen Bogen Papier. Auf
solchen Bogen sende ich tglich meine Befehle und Ordnungen fr jeden Stand, fr
jedes Amt und jeden Ort durch das Land. Meine verwilderten Untertanen schnellen
sie zuweilen in die Luft, sie sind sumig, zu gehorchen, und verlachen ihren
Herrn als einen machtlosen Schreiber; aber sie gewhnen sich doch daran, Befehle
zu empfangen, und da sie merken, da der Nacken des Herzogs noch steifer ist als
der ihre, so werden meine treuen Beamten allmhlich ihrer Meister. Und endlich
mein letzter Helfer ist dieses Gert, - er wies durch das Fenster auf den Hof,
wo eine Reihe Arbeiter mit Handkarren fuhr. Der Radkarren ist es, durch den ich
sie gewhne an tglichen Flei und an den Dienst fr mich, damit ich das
ruchlose Herumlungern bndige. Es tat bis jetzt ein jeder, was er fr sich
selbst wollte, ich aber bin gewillt, ihn zu solcher Arbeit zu zwingen, welche
anderen frommt.
    Herzogliche Gnaden sprechen als Friedensfrst; aber noch rast der
schdliche Krieg, welcher jederzeit in wenig Tagen zerstren kann, was eines
guten Landesherrn Frsorge durch jahrelange Mhen gebessert hat, und ich erflehe
Verzeihung, wenn ich daran erinnere. Ich halte hier ein Gewicht in der Hand,
zweitausend der besten Soldaten, das biete ich Eurer Gnaden, damit Dieselben es
in ihre Waagschale stellen; verschmht der Herzog von Gotha, dies Gewicht fr
sich zu verwenden, so fat ein anderer danach. Vielleicht der Schwede.
Herzogliche Gnaden mgen selbst ermessen, ob solcher Zuwachs, wenn er in die
Schale eines Fremden fllt, fr dieses Land Frieden oder Verlngerung des
Krieges bedeutet. Von den Heeren, die im Felde liegen, zhlt zur Zeit keines
mehr als zehntausend wirkliche Soldaten; fallen zweitausend, welche dem
Franzosen abgehen, jetzt dem Schweden zu, so kann wohl geschehen, da dieser
dadurch das strkste Gewicht in deutschen Landen erhlt und Meister des Spieles
wird.
    Was Ihr mir einwendet, Herr, entgegnete der Herzog, das klingt wie eine
Drohung; auch darauf will ich Euch runde Antwort geben. Zu dem hei ersehnten
Frieden vermag ich nur zu helfen durch meine Gesandten an der Sttte, wo ber
den Frieden verhandelt wird, und durch Mahnung an befreundete Frsten, da sie
zu hoch erhobene Prtention einschrnken. Im brigen habe ich mich und meine
Untertanen vertrauend in Gottes Hand gegeben, er allein ist jetzt der groe
Frst, der unserem Elend helfen will und kann. Vertraut auch Ihr, da dieser
Helfer die Herzen der Gewaltigen dem Frieden zuwende.
    Da Bernhard, ohne zu antworten, der Entlassung harrte, fuhr der Herzog nach
einer Weile in gtigem Tone fort: Ich habe mit Euch, der Ihr mir fremd seid,
verhandelt wie mit einem alten Bekannten. Denn wisset, wenn ich auch dem Antrag
Eurer Vlker widerstehe, es ist mir doch genehm, da sie wegen meines seligen
Bruders und meines ehrlichen Namens in guter Meinung an mich gedacht haben. Auch
Ihr selbst, Herr Abgesandter, seid mir wohlgefllig, und ich habe solche Rede,
wie Ihr zu mir getan, nicht aus Eurem Lager erwartet. Woher stammt Ihr? Ich hre
aus Euren Worten, da Ihr ein Literatus seid; wie kamt Ihr zu den weimarischen
Vlkern?
    Mein seliger Vater zog als ein vermgender Kaufmann von Frankfurt nach
Nrnberg, er starb in der Notzeit, die unter Knig Gustav Adolf hereinbrach. Die
Mutter erzog in Treue mich und eine junge Schwester, zu Straburg habe ich das
Jus studiert und gedachte in meiner Heimat Frankfurt durch Freunde und Gnner
ein Amt zu erhalten, da geriet ich mit einem vornehmen Lothringer in Zweikampf
und entzog mich der Rache seiner Angehrigen unter der Standarte.
    Ihr fhrt die Schwester mit Euch umher? Der Tro des Heeres ist ein bler
Aufenthalt fr ein sittsames Frauenzimmer.
    Vor zwei Jahren starb die liebe Mutter, da kam mir aus Nrnberg ein Brief
der Schwester zu; sie war dort ohne Anhang, und obgleich sie wrdige Bekannte
gefunden hatte, so sehnte sie sich doch hinweg und zu mir. Als Bernhard zgernd
innehielt, fuhr der Herzog mit neuem Anteil fort: Was ist es mit ihr? Der alte
Pfarrer hat mir Wunderliches erzhlt.
    Sie lebt in schwacher Gesundheit, gndiger Herr, und vor Jahren ist eine
Heimsuchung ber die fromme Magd gekommen, da sie im Schlafe zuweilen laut
Gebete und allerlei gottselige Worte spricht. Die Geistlichkeit zu Nrnberg
aber, welche durch unsere Mutter Kunde davon erhielt, achtete stark auf ihre
Reden und wollte ein Wunder aus ihr machen. Das widerstand ihrer Sittsamkeit,
denn verzeihen Eure herzogliche Gnaden, wenn ich als Bruder sie rhme, sie ist
bescheiden und ehrbar und dabei von nicht gemeinem Verstande. Aus den
Winterquartieren wagte ich mich nach Nrnberg und nahm sie zu mir mit der
Intention, ihr so bald als mglich an einem guten Ort bei redlichen Leuten ein
Unterkommen zu schaffen. Darum, als ich hierher deputiert wurde, beschlossen wir
zu versuchen, ob sie in der Stadt Gotha, wo das Evangelium geehrt wird, bleiben
knnte. Die Kosten ihres Unterhaltes wrden niemandem zur Last fallen, denn sie
ist von unseren Eltern her trotz der Kriegszeit nicht ganz ohne Vermgen. Jetzt
haben herzogliche Gnaden selbst mir den Mut gegeben, zu flehen, da ihr
verstattet werde, hier in ehrbarem Haushalt unter hohem landesherrlichen Schutz
zu weilen, bis ich weiter fr sie zu sorgen vermag.
    Hat sie den christlichen Sinn, welchen Ihr rhmt, antwortete der Herzog
gtig, so soll sie auch die Sicherheit genieen, welche die Mauern meiner
Residenz bieten knnen. Habt Ihr sie zur Stadt gefhrt?
    Ich lie sie im Dorfe zurck unter dem Schutz meines Gefhrten im Hause der
Jungfer Mring. Sie ist gut bei der Jungfer aufgehoben, aber die Gegend ist
unsicher. Doch hoffe ich, sie wird von dort aus besser als ich Kundschaft in der
Stadt gewinnen. Denn ich berge Eurer herzoglichen Gnaden nicht, da ich nach dem
hier erhaltenen Bescheide gentigt bin, mit erwhlten Deputierten der
Regimenter, welche in Wasungen meiner Antwort harren, zum Schweden nach Erfurt
zu reiten, und ich wage deshalb noch die Bitte, meinen Gefhrten den Zug durch
das Gothaische gndigst zu verstatten.
    Wieviel sind eurer? fragte der Herzog mit erwachender Unruhe.
    Dreiig Pferde. Ich brge dafr, da wir weder mit Kost noch mit Quartier
die Einwohner beschweren.
    In diesem Fall habe ich nichts dawider. Meldet Euch bei dem schwedischen
Offizier, welcher als Salva Guardia unten auf dem Markte einliegt. Wenn Ihr zu
dem Schweden reiten mt, so wird Euch selbst daran gelegen sein, da Eure
Sendung an mich nicht ruchbar werde. Fhrt Euch Euer Weg wieder in mein Land, so
lat Euch vor mir sehen; ich freue mich, da ich meine Wohlmeinung auch Eurer
Schwester erweisen kann. Er neigte sich gegen den Gesandten zu gndigem
Abschied.
    Als der Herzog allein war, pfiff er auf einer silbernen Pfeife, die er am
Halse trug, und befahl dem eintretenden Diener, sogleich den Licentiatus Hermann
zu holen, welcher die Aufsicht ber den sechsjhrigen Prinzen hatte und auerdem
von dem Herrn als vertrauter Sekretr gebraucht wurde. Ihr wart lngere Zeit in
Nrnberg? Habt Ihr allda von einer Jungfer Regina Knigin etwas vernommen, Gutes
oder Schlimmes?
    Gewi habe ich, antwortete der Lizentiat. Der hochwrdige Propst, mein
verehrter Gnner, der mich meinem gndigsten Landesherrn empfahl, hat selbst ein
Skriptum ber sie aufgesetzt. Die Jungfer wurde als eine gottselige Bekennerin
gerhmt, welcher nach Meinung einiger die Gabe der Prophezeiung verliehen war.
Mir ist vergnnt worden, den Aufsatz abzuschreiben, und werde ich denselben
herzoglicher Gnaden unterbreiten knnen.
    Holt ihn zur Stelle, gebot der Herzog eifrig, schreibt der Vorsicht
halber nach Nrnberg und sorgt, da der Brief mit dem nchsten Expreboten
ablaufe, damit man erfhrt, wie die Jungfer von Nrnberg geschieden ist und was
es mit ihrem Bruder fr Bewandtnis hat.

Als Pieps allein war und die Pferde besorgt hatte, steckte er die Daumen in
seinen Grtel und stellte sich vor dem Hausknecht auf, welcher verwundert das
weltmnnische Benehmen des Kleinen betrachtete und noch mehr erstaunte, als
dieser in einem Gesprch genaue Kenntnis der Stallgebruche offenbarte, indem er
fragte, wo hinaus Erfurt liege und anderes, was einem Reiterjungen am Herzen
lag. Da Pieps Zutrauen zu dem Knechte gewann, empfahl er ihm die Pferde,
stolzierte auf die Gasse und betrachtete in seiner Weise die Stadt. Er
widerstand der Versuchung, aus dem Fleischladen, in welchem viel Lockendes offen
dalag, sein Frhstck zu beuten, verschmhte aber nicht, die Bekanntschaft eines
Straenjungen zu machen, und lie sich von diesem das Haus der Schmiedin Stange
zeigen. Als er in der offenen Hausflur eine hagere Frau von unzweifelhaftem
Alter am Waschtrog beschftigt sah, trat er auf die Schwelle und begann: Seid
Ihr mit einem Herrn Oberst Stange verwandt, der am Rheinstrom bei den
weimarischen Vlkern wegen seiner Bravour sehr gefrchtet ist? Man sagt, da er
aus Thringen stammt. - Die Frau starrte auf den Knaben, der fremdlndisch
sprach und stattlich gekleidet war.
    Seid Ihr nicht mit ihm verwandt, so schadet's auch nicht, adjes! fuhr
Pieps fort und wandte sich zum Abgehen. Die Frau trat auf ihn zu, packte ihn
schnell beim Kragen, ri ihn in die Stube und schnappte die Tr zu. Der Bube
lie sich die Gewalttat ohne Widerstand gefallen, setzte sich nieder und
antwortete auf die heftigen Anklagen und Fragen der Verlassenen bereitwillig,
aber nicht wahrhaft, whrend seine Augen scharf in alle Ecken sphten.
    Der Genannte hat groe Beute gemacht, und man sagt, er will nchstens
heimkehren; habt Ihr etwas an ihn zu bestellen? Ich habe keine Zeit, denn ich
will frhstcken.
    Unter harten Beschwerden ber ihren einsamen Stand schlo die Frau den
Brotschrank auf.
    Kse nehme ich nicht, sagte Pieps und sah genau in den Schrank, denn ich
bin Page eines vornehmen Offiziers und esse nur Wurst. Aber so hohen Genu
vermochte ihm die Schmiedin nicht zu bieten, und er lie sich endlich zu
Geringerem herab. Als er sein Botenbrot verzehrt hatte, entzog er sich weiteren
Zumutungen seiner aufgeregten Wirtin, indem er behend einen Stuhl bestieg, das
Schiebefenster ffnete und auf die Strae sprang. Die Frau fuhr ihm an das
Fenster nach, er aber zog einen kleinen Beutel aus der Tasche, warf ihn in die
Stube und rief stolz: Nehmt die Bezahlung fr das Frhstck. Darauf wandte er
sich mit der Sicherheit eines Straenlufers der Herberge zu und erwartete den
Rittmeister.
    In gestrecktem Trab kehrte Bernhard nach dem Walddorfe zurck. Er hielt an,
um die Lerchen in der Luft zu hren, und rief dem Hasen, der neben ihm
aufsprang, einen Jgerruf nach. Das Herz war ihm leicht, und der groe Auftrag,
der ihm bis dahin im Sinn gelegen, beschftigte ihn wenig. Bevor ich ber die
Berge kam, dachte er bei sich, stand mir der Mut mehr nach der schnellen
Reiterei bei dem Schweden als nach dem Trabantendienst eines kleinen Hofes,
jetzt aber fhle ich ein Vertrauen zu dem Herzog, und ich denke, er wre der
Landesherr, unter dem ich gern im Frieden hausen wrde. - Er kam beim Ritterhofe
eines Dorfes vorbei, an der Brcke des Grabens stand der bewaffnete Hofherr,
welcher soeben von auswrts heimgekehrt war, und begrte sein Weib, das ihm mit
dem Sohn an der Hand aus dem Hofe entgegentrat. Bernhard sah, wie der Mann das
Weib kte und den Knaben zu sich heraufzog, und als er selbst freundlich
grend vorbeiritt und verwunderten Gegengru erhielt, da lachte er und ihm fiel
ein, da auch er ein solcher Gutsherr werden knne durch redlich gewonnenes
Beutegeld und durch die Hinterlassenschaft seiner lieben Eltern. Er sah sich als
Herrn im steinernen Hause, die Schwester wohnte bei ihm, Gottlieb war
Hofverwalter, Pieps wurde sein Leibknecht, und am Sonntage lud er den Pastor zum
Braten. In seiner Kammer hing die Armatur am Nagel und daneben in einem Schrank
stand einiges, was ihm von Bchern wert war, darunter sein kleiner Horaz und der
anmutige Snger Martin Opitz. Aus diesem las er an Winterabenden den anderen vor
und sang seine Lieder zur Laute. Auch der junge Sohn, den der Gutsherr zu sich
heraufgehoben hatte, kam in seinen Trumen wieder, und dazu vernahm er eine
Frauenstimme: Ksse deinen Sohn, bevor er zu Bett geht. - Dieser Gedanke wurde
dem Rittmeister der liebste und er konnte gar nicht davon abkommen, so da er
sich ber sich selbst wunderte.
    Als er durch eine offene Landstadt kam, hielt er bei der Schenke und lie
den Hausknecht die Pferde besorgen. Die Wirtin, eine leidliche Frau, trat heran
und fragte, ob er sich nicht auch eine Ergtzlichkeit begehre. Sie trug ihm
einen Schemel zu, und whrend er trank, stand sie, die Hnde unter der Schrze,
bereit, ihn zu unterhalten, und sagte laut, da sie ihn schon am Morgen mit
einem Trabanten des gndigen Herzogs im Vorbeireiten gesehen. Da faten sich die
Nachbarn ein Herz, welche ihn vorher neugierig aus Fenstern und Tren betrachtet
hatten, sie kamen nher herzu, und er sa, von einem Kreis umgeben, welcher
zutraulich fragte und von dem Einbruch der fremden Reiter in die Walddrfer
erzhlte. Sonst wre ihm solches Geschwtz der kleinen Leute lstig gewesen,
heut freute er sich, da sie ihn wie einen friedlichen Mann und Nachbar
behandelten, ihm fiel auf die Seele, wie frhlich es mache, wenn einer von allen
Seiten solche Ansprache finde, und er dachte sich wieder in der Nhe als einen
sicheren Mann angesessen und in freundlichem Verkehr mit der Umgegend. Und als
er ins Freie kam, die grnen Triften vor sich sah und dahinter die Waldhgel, da
begann er laut die Worte des Dichters zu singen:

Ihr Birken und ihr hohen Linden,
Ihr Wsten und du stiller Wald,
Mein Trost und bester Aufenthalt
Ist jetzt bei euch allein zu finden.

Er spornte sein Ro, da es hoch aufsprang, und wie er ber den Steg lenkte und
vor dem Hause hielt, empfand er in seligem Herzen, da alles hnlich war, wie er
sich's eingebildet hatte, die Pforte war geffnet, die Schwester eilte ihm
entgegen; und eine stand dabei und reichte ihm ihre Hand, die er nicht wieder
loslassen wollte.
    Als Pieps hinter seinem Herrn im Quartiere anlangte, berichtete er dem
Alten, was er spioniert hatte. Stark von Knochen, sagte er, und fest im
Greifen. Die Schmiede war kalt, einiges Werkzeug vorhanden, der Brotschrank
leer, Euren Beutel warf ich durchs Fenster.
    Sie fluchte sehr? fragte Gottlieb bekmmert.
    Es war nicht der Rede wert, trstete Pieps.

                                 Junge Neigung


Die Mnner hatten das Walddorf verlassen und waren mit den brigen Deputierten
der Regimenter nach Erfurt geritten. Dort erfuhren sie, da alle groen Mchte
ihretwegen in Bewegung waren, und da die schwedische Regierung, um das
verbndete Frankreich nicht zu beleidigen, darauf bestand, noch einen
Shneversuch zu machen. So wurden sie durch fruchtlose Verhandlungen
aufgehalten. Beim Abschied hatte Bernhard seiner Schwester den Buben und ihren
Zelter zurckgelassen mit dem Versprechen, in das Dorf zurckzukehren, bevor er
dem General Knigsmark zuziehe.
    Regine sa am Spinnrade, und Judith stand neben ihr, sah der Arbeit zu und
prfte den Faden. Er ist ganz fein und gleichmig, lobte sie, bt Ihr Euch
eine Weile, so werdet Ihr eine Meisterin.
    Lange hat mir das Hauswesen gefehlt, klagte das Kind, und die stille
Arbeit, bei der man sich jeden Abend am Ofen ber das Fertige freut und bedenkt,
was den nchsten Tag zu schaffen sein wird. Sie stellte das Spinnrad zur Seite,
und Judith drehte die Schnur los, welche um das Rad lief. Warum lst Ihr die
Schnur? fragte Regine wibegierig. Judith lachte: Sie sagen, bei ungelster
Schnur kommen die Erdmnnchen und spinnen am Rocken, dann hrt man die Spule
schnurren.
    Glaubt Ihr, da sich solche Geister zu einem Mdchen drngen, welches dem
lieben Gott vertraut? sagte Regine besorgt und sah in die Stubenecken.
    Wir wissen es nicht, versetzte Judith ruhig, und Vorsicht ist ratsam.
Denn es gibt viel geheimes Leben auf der Erde, das uns Menschen unbekannt ist,
schdliches und heilsames; das erkennt jeder, der um wohlttige Arznei zu sorgen
hat. Viel hngt ab vom Tag und von der Stunde, an welcher man sie zum Gebrauch
gewinnt, und die weisen Leute sagen, da in den Krutern der Flur kleine Geister
leben, welche man die guten Holden nennt und die man sich geneigt machen kann.
Wir merken auch, da manche von ihnen Mnnlein sind und andere Frulein, und
ihre junge Brut halten sie um sich gesammelt.
    Jungfer Judith, davon steht nichts in der Schrift, rief Regine eifrig.
    Aber es ist zu lesen in Feld und Wald, antwortete Judith, dort hat es der
liebe Gott verzeichnet.
    Ihr seid so gut gegen mich, und ich merke, auch gegen andere, denn die
Leute hier achten sehr auf Euch. Liebe Jungfer, seid mir nicht bse, wenn ich
frage, warum singt Ihr des Morgens und Abends nicht aus dem Gesangbuch? -
Judith strich der Fragerin liebkosend ber das Haar.
    Ich bin eines Pfarrers Kind und habe gelernt, still mein Sprchlein zu
beten. Ich halte nichts von langem Absingen und Hersagen, denn wer seine frommen
Gedanken zur Schau trgt, der betet sich durch den Himmel durch, wie die Rede
geht, und mu jenseits Gnse hten. Euch wird das nicht begegnen, sagte sie
herzlich.
    Regine mute lachen: Auch ich denke so, da der stille Dienst am
wohlgeflligsten ist. Diesen aber sollen wir den ganzen Tag ben.
    Auch seines Amtes redlich warten, ist ein Gottesdienst, versetzte Judith.
Ist Euer Bruder ebenso gesinnt wie Ihr?
    Ich frchte, er folgt mehr Eurer Weise, antwortete Regine. Nach seinem
Herzen aber ist er ein liebevoller Knabe, das wei ich am besten.
    Judith setzte sich neben sie. - Denn Ihr mt wissen, fuhr Regine
gewichtig fort, eine Schwester kennt den Bruder anders als jede Fremde, und der
selige Vater sagte im Scherz: Die Mutter sieht das Knblein nackt, und die
Schwester sieht es im Hemde, fremde Jungfern aber sehen es im Seidenwams.
    Jetzt lachte Judith. Der Herr Vater war wohl ein kluger Mann?
    Das war er, besttigte die Tochter, er sah auch dem Bruder hnlich, hielt
sich stattlich und war von heiterem Wesen. Und Ihr knnt mir glauben, um den
Bernhard ist's schade, da er ein Kriegsmann werden mute, denn er hat gute
Wissenschaft in gelehrten Dingen, spielt auch auf dem Clavicordium, singt dazu
mit einer guten Stimme und macht allerwege die Leute frhlich. Ich aber bin ein
trauriger schwarzer Butz, und er hat seine Not mit mir; ich bin aus der Art
geschlagen, sie sagen, weil die Mutter bevor ich geboren wurde, sich sehr wegen
der Kroaten gengstigt hat. Sie sah bekmmert vor sich hin.
    Judith nahm liebkosend die Hand des Gastes und hielt sie in ihren Hnden
fest.
    Unterdes war das zugereiste Mdchen im Walddorfe, ohne eine Ahnung zu haben,
der Gegenstand hoher Beachtung geworden. Den Herzog beschftigte seit der
Unterredung mit Bernhard der Gedanke an die Geschwister; doch um die Wahrheit zu
sagen, er gedachte weniger des Bruders, der ihm fremdes Kriegsvolk angeboten
hatte, als der Schwester, welche im Rufe stand, zu prophezeien. Und das war
nicht zu verwundern. Denn jedermann wurde durch die Schrecken der Gegenwart
gepeinigt und fhlte ungeduldiges Verlangen, in der Zukunft ein besseres Glck
zu erkennen. Im Volke wucherte der Aberglaube, und viele suchten durch geheime
Knste, die seit der Heidenzeit nicht vergessen waren, knftige Ereignisse zu
deuten und sich vor drohender Gefahr zu schtzen; berall erstanden Propheten,
sogar Kinder weissagten und verkndeten bald Untergang der Welt, bald Besserung
des betrbten deutschen Zustandes. Auch der Herzog hatte seinen Anteil an
solcher Sehnsucht und Neugierde und konnte sich nicht versagen, das Skriptum des
Nrnberger Propstes seinem Schloprediger mitzuteilen. Der Geistliche las mit
hoher Befriedigung und sprach Bewunderung der Verkndigungen aus, obwohl diese
in der Hauptsache nichts weiter waren als umgewandelte Bibelsprche. Er
erstaunte nicht wenig, als der Landesfrst, seiner Beistimmung froh, ihm
offenbarte, da das Wunderkind zur Stelle sei und da es erwnscht wre, wenn er
dasselbe gegen billige Vergtung durch die Angehrigen des Mdchens fr die
nchste Zeit in Wohnung und Kost nehme. Der geistliche Herr bat um Erlaubnis,
diesen Punkt mit seiner Hausfrau zu bereden, da Seiner herzoglichen Gnaden nicht
unbekannt, da die derzeitige Wohnung des Schlopredigers enge, nicht gnstig
gelegen und mit einer finsteren Treppe behaftet sei.
    Das verkannte der Herzog nicht, und obgleich er vermied, eine Abhilfe in
Aussicht zu stellen, so sah der Prediger nebst seiner Gattin dennoch ein, da
die Aufnahme der Fremden vorteilhaft zu werden nicht unbegrndete Aussicht
verschaffe.
    An einem der nchsten Tage fuhr ein stattlicher Wagen mit einer Schutzdecke,
begleitet von einem herzoglichen Trabanten zu Pferde, in das Walddorf und hielt
bei der Pfarre; nicht lange darauf bewegten sich der Pfarrer und Lizentiat
Hermann in bedchtigem Schritt nach dem Hause der Jungfer Judith, wo Licentiatus
einen Brief des Schlopredigers an Regine bergab. Nach dem notwendigen
Hinundherreden und nachdem sich beide Herren in aller Hflichkeit zu besten
Diensten erboten hatten, wurden die Sachen der fremden Jungfer auf den Wagen
gestaut und dieselbe eingeladen, auf dem Ehrensitze Platz zu nehmen, dem
Lizentiaten aber zu gestatten, da er sie aus dem Dorfe in die Stadt und aus
einer unsicheren Wildnis unter die Augen und in den Schutz ansehnlicher Personen
stelle. Die Mdchen hielten einander bei der Hand.
    Es ist besser so fr Euch, sagte Judith freundlich; seht Ihr Euren Bruder
wieder, so grt ihn von mir.
    Als aber der Besuch in den Wagen gehoben war und eine kleine Hand noch
einmal zum Abschied zurckwinkte, schlug das Dorfmdchen die Hoftr zu, eilte in
die Stube und sa dort lange mit gesenktem Haupt.
    Unterdes bemhte sich der Lizentiat, durch hflichen und wohlanstndigen
Diskurs seine schweigsame Reisebegleiterin zu unterhalten, und da er ein
gescheiter und aufgeweckter Mann war, so gewann er auch allmhlich ihre
Aufmerksamkeit. Er hatte das Zartgefhl, von persnlichen Verhltnissen zu
schweigen, aber er spielte sich behende auf Nrnberg, die berhmte Stadt, und
verschmhte nicht, von der Verwunderung zu sprechen, welche ihm alldort die
Tracht der Frauen und das groartige Aussehen der Stadt sowie auch die
knstlichen Gebude verursacht hatten, und nicht weniger das sogar in der
Kriegszeit lustige Leben auf den Wochenmrkten und das ffentliche Braten der
Fische. Lngere Zeit hrte ihm Regine mit Anteil zu, endlich wagte sie die
schchterne Bitte, er mge ihr nicht verschweigen, welche Gesinnung der Herr
Schloprediger und dessen Frau Liebste ihr entgegenbrchten, und wie sie sich
dort zu verhalten habe, um zu gefallen; denn es ist schwer fr ein Waisenkind
in fremdem Lande; auch die Bruche hier sind mir ganz unbekannt; und ich mchte
doch, da beide in ihrem Gemt von aufrichtiger Gte gegen mich wrden. Da
verga der Lizentiat seine wohlgesetzten Reden und die gemessene Bewegung der
Hand, welche dem Erzhlenden wohl ansteht, und brach heraus: Seien Sie nur ganz
ohne Sorge, sehr verehrte Jungfer Knigin, und seien Sie nur ganz so, wie Sie
auch gegen mich sind, nach Ihrer eigenen Art, und Sie werden allen Leuten, hohen
und niedrigen, ber alle Maen gefallen. Aber er zuckte zurck und fate sich
zusammen, weil er ungebhrlich laut und schnell gesprochen; auch Regine sa
verlegen da, bis ihr Begleiter wieder die richtigen Worte fand und gewissermaen
zur Shne seines jhen Wesens ausfhrlich ber den geistlichen Herrn berichtete,
sehr vorsichtig, sehr voll von Hochachtung und Anerkennung, jedoch so, da
Regine eine Meinung ber ihren knftigen Beschtzer bekam, die sich spter als
richtig erwies.
    Nmlich der Schloprediger war ein wohlhbiger Herr mit gertetem Antlitz,
runden, grauen Augen und starkem Munde. Er trug das groe Haupt zurckgeworfen,
und die Augen sahen gerade und stolz in die Welt. Denn zu einer Zeit, in welcher
friedliche Leute gentigt wurden, scheu um sich zu blicken und leise zu reden,
war er in der glcklichen Lage, jede Woche seine Stimme mchtig ber demtigen
Hrern zu erheben, und keiner durfte ihm widersprechen. So hatte er das Aussehen
eines gewaltigen Mannes und war in der Tat ein strenger Gebieter seiner
Gemeinde; nur hatte auch er, wie andere Machthaber, mit der Schwierigkeit zu
kmpfen, da ihm sein Volk ungern gehorchte. Zwar wenn er die Andersglubigen
durch krftige Schlge auf die Kanzel verurteilte, waren seine Beichtkinder
recht wohl zufrieden, wenn er aber einmal einen Feldzug gegen ihre liederlichen
Gewohnheiten unternahm und ihnen Nchternheit, Zucht und Nachtruhe empfahl, dann
zuckten die Snder hinter seinem Rcken die Schultern und spotteten ohne
Ehrfurcht ber den rtlichen Schimmer seines Angesichts, denn sie wuten, da er
in der schweren Zeit zuweilen Trost in heiem Frankenwein fand; und wenn er auf
der Kanzel gegen die Herrschbegier derjenigen Hlfte des Menschengeschlechts
wetterte, welche nach der Schrift der anderen Hlfte Gehorsam schuldig ist, so
flsterten die Zuhrer einander in das Ohr, da er nur darum in der Kirche so
krftig losgehe, weil er zu Hause leidend gehorchen msse.
    Von solchen Eigenschaften des hochansehnlichen Mannes kam in den Worten des
Lizentiaten so viel zutage, da Regine ein wenig lcheln mute, zuletzt aber
nachdenklich wurde. Und der Redner, betroffen ber ihre Schweigsamkeit, beeilte
sich, die Frau Schlopredigerin zu erwhnen, welche, obgleich klein und hager,
doch im Hauswesen die strkere Kraft entwickelte. Er rhmte ihre
Wirtschaftlichkeit im Einschlachten und Ruchern, und er verriet auch, da sie
eine sonderliche Vorliebe fr Backobst habe und stolz auf einige Obstbume in
ihrem kleinen Garten sei.
    Das ist gut, sagte Regine eifrig, im Winter ist solche Hauskost ein
Schatz. Aber der Herr scheint sich nicht viel daraus zu machen, fgte sie
hinzu, ihn schalkhaft anblickend, denn sonst wrde derselbe dies nicht zu
auffllig finden. Der Begleiter beeilte sich, seine unbedingte Bereitwilligkeit
zu diesem Genu auszusprechen.
    Wieder ein kleines Stillschweigen, dann begann das Mdchen aufs neue: Ich
sorge, da ich dem Herrn Lizentiaten vorlaut erscheine, wenn ich mich
unterstehe, auch nach dem Herzog zu fragen. Da Seine Gnade mir, wie die Herren
erwhnten, diese gute Sttte bereitet hat, so mchte ich gern wissen, wie ich
mich gegen ihn zu halten habe, um ihm meine Dankbarkeit zu beweisen. Jetzt
wurde ihr Begleiter beredt, rhmte den Herzog hchlich und mit warmen Worten,
und nachdem er von seinem redlichen Eifer erzhlt hatte und von der guten
frstlichen Huslichkeit, so erwhnte er auch die Sorgfalt, mit welcher der Herr
sich um allerlei kmmerte, was in seinem Lande vorging. Durch diese
Sorglichkeit werden herzogliche Gnaden zuweilen bermig okkupiert und
oneriert, und die Spezialitten werden demselben jeweilig zu einem Embarras.
    Ich bitte den Herrn, nicht so vornehm mit mir zu sprechen, sagte Regine,
ich bin nur das gemeine Deutsch gewohnt.
    Verzeihe mir die hochverehrte Jungfer, bat der Redner betroffen, ich
wollte nur anzudeuten wagen, da die undankbaren Leute Seine herzogliche Gnaden
ab und zu verkennen - und kurz gesagt, in unverschmter Dreistigkeit einen
Topfgucker nennen.
    Jetzt sah er mit inniger Freude, da Regine lachte. Um dies zu verbergen,
neigte sie sich zum Wagen hinaus, da auf der Wiese nebenbei gerade eine Sense am
Tengelstein klang. Die Leute mhen Gras, rief sie frhlich, das habe ich
lange nicht gesehen. - Ihr Begleiter wies ihr den bewaffneten Reiter, der zum
Schutz in der Nhe hielt. Auch dafr hat unser Herzog gesorgt!
    Sie kamen durch ein Dorf. Vor einer der halbzerstrten Htten saen kleine
Kinder auf der Erde; sie starrten furchtsam nach dem Wagen, und die Schwester
drckte den jngeren Bruder fest an sich.
    Sie sehen so krnklich aus, klagte das Mdchen, gewi sind sie hungrig.
    Der Lizentiat gebot heftig dem Kutscher, anzuhalten, kletterte aus dem Wagen
und reichte den Armseligen die Reisekost, welche er, wie Brauch war, mit einem
Lschpapier umwickelt in seiner Tasche mitgenommen hatte. Regine sah zu, als die
Kinder die gute Speise verzehrten. Wieder fuhren sie eine Weile schweigend
dahin, das Mdchen mit gefalteten Hnden, denn die Nhe eines Theologen, die sie
lange entbehrt, strkte ihr die erbaulichen Gedanken. Und da in ihrer Phantasie
der gestrenge Schloprediger sich zu dem Bilde der armen Kinder gesellte, begann
sie endlich: Ach! Soviel Eifer und Zorn ist in der Welt, und doch ist die
christliche Gesinnung so selten, alles ntzt ihnen nichts, und wenn sie noch so
klug sind, sie werden dem Lande nicht aufhelfen, solange sie nicht die Liebe
haben.
    Was die Jungfrau spricht, ist ein groes Wort, antwortete ihr Begleiter
ernsthaft, und da ich selbst dem geistlichen Amt angehre, so bitte ich, nicht
fr berhebung zu halten, wenn ich eine leise Klage gegen geistliche Herren in
allen Konfessionen erhebe. Sie haben so lange gezankt, verdammt und
Andersglubige verflucht, bis Zank, Fluchen und Ha in das Gemt des Volkes
gedrungen sind, so da die Menschen um des Glaubens willen einander schdigen
und tten und das Land fast zur Einde geworden ist. Furchtbar ist es, zu sehen,
da die Lehre der Liebe sich so verkehrt hat.
    Herr Lizentiat, sagte Regine begeistert, da ich Euch so reden hre, wage
ich Euch zu sagen, was Ihr nicht mideuten mgt: Ich bin gut evangelisch, aber
ich habe in Nrnberg eine wrdige Frau gekannt, welche diese Liebe hatte, von
der Ihr sprecht. Sie hat mir und meiner seligen Mutter viel Gutes getan, und
doch war sie katholisch. Und sie wies mir in aller Heimlichkeit ein
geschriebenes Bchlein mit Liedern, welches betitelt war: Geistliches
Lustwldlein. Davon durfte ich mir manches abschreiben, und dieses zu lesen ist
mir groe Erbauung, obgleich der Dichter nicht unseres Glaubens gewesen ist. Ich
hoffe, Ihr haltet das nicht fr unerlaubt.
    Wenn mich die Jungfer mit so hohem Vertrauen beehrt, versetzte der
Theologe ernsthaft, so bin ich schuldig zu antworten, ich mte diese Poesie
vorher gelesen haben, bevor ich wagen darf, einen Rat zu geben.
    Ihr sollt sie zu Gesicht bekommen, versprach Regine und sah ihn treuherzig
an.
    Jetzt hatten die Reisenden gefunden, was beide redselig machte, und die
Wegstunden schwanden ihnen schnell dahin. Endlich sagte der Lizentiat mit
frhlichem Lcheln: Als ich heut frh ausfuhr, dachte ich nicht daran, da mir
diese Reise eine Bekanntschaft verschaffen wrde, die mir so hochwert geworden
ist und immerdar eine glckselige Erinnerung sein wird, und ich gestehe der
Jungfer Knigin, da ich in Sorge war, wie dieselbe sich mir gegenber gehaben
wrde, ja da ich nach manchem, was ich gehrt, meinen Auftrag fr diffizil
erachtete, aber ich fand heut frh einen guten Trost, als ich zu christlicher
Prfung des Kommenden dreimal in der Schrift den Vers nachlas, auf welchen mein
Finger geriet. Denn worauf ich traf, das war alles gut.
    Regine strich an ihrem Gewande, als sie fragte: Darf auch ich wissen,
welches die gnstigen Vorzeichen waren?
    Zgernd berichtete er: Der erste Vers war aus den Sprchen Salomonis: Sie
tut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre.
    Herr Lizentiat, das pat nicht, rief das Mdchen erschrocken.
    Mir scheint, der Spruch trifft gerade das Richtige, versetzte ihr
Begleiter siegreich. Der zweite aber war fnftes Buch Mose: Der Herr brachte
uns an diesen Ort und gab uns dies Land, da Milch und Honig innen fleut. Er
hielt an.
    Und der dritte? fragte Regine leise.
    Den dritten, versetzte der Theologe befangen, wage ich Euch jetzt nicht
zu sagen, vielleicht gestattet Ihr mir's einmal spter.

Es war ein stiller Abend im Dorfe, die Berge warfen blaue Schatten ber die
Holzhuser, den Wiesengrund und das murmelnde Wasser, und oben an der Berglehne
leuchteten die Baumwipfel von brunlichem Golde. In der frischen Abendluft sa
Judith am Zaun ihres Hofes; das Spinnrad schnurrte, aber ihre Augen flogen die
Strae hinab, der Gegend zu, wo sich das Tal in die Ebene ffnete.
    Heute war das Sonnenlicht mild, und langsames Reiten wrde einem Kranken
nicht schaden. Kommt er noch, so kommt er heut. Die Spindel stach in den Finger,
das bedeutet Besuch. Ich sorge um einen, der mir fremd ist und doch der
Vertraute meines Herzens vom Morgen bis zur Nacht. Wenn er wieder im Lederstuhl
am Herde sitzt, reiche ich ihm den Trank in dem silbernen Becherlein, welches um
der seligen Mutter willen in aller Not bewahrt wurde. Seine Schwester sagt, da
er von frhlichem Gemte ist und jedem lieb macht, mit ihm zu verkehren; das
wute ich auch, denn wenn er lachte, schlug mir das Herz. Die Ursel berhmt
sich, da sie einen Entfernten zwingen kann, seine Gedanken nach dem zu richten,
der ihn herbeiwnscht, aber ich zweifle, ob ihr das Kunststck gelingt. Ist es
stillem Wunsche mglich, ber Berg und Tal in die Seele eines anderen zu
dringen, so ziehe ich ihn selbst herbei, bis er leibhaftig vor mir steht, denn
wie ein Feuerfunken, der im Sturmwind dahinfhrt, fliegt meine Sehnsucht in die
Ferne zu ihm. Er spornt sein Ro, und er jagt auf der Strae, er hlt an und
schlgt an das Tor. Arme Trin! rief sie laut, was wei ich von seinen Wegen?
Und weshalb vertraue ich, da er meiner gedenkt?
    Aber von fern klang der Hufschlag eines Pferdes; auf der Strae jagte ein
Reiter heran, er setzte ber den Steg, schwenkte den Hut und rief grend ihren
Namen. Der, den sie gerufen, hielt vor ihr, und in freudigem Schreck wich ihr
das Blut aus dem Antlitz zum Herzen.
    In der Stube antwortete sie seinem suchenden Blick: Der Herr findet die
Schwester, zu der er kommt, nicht mehr hier; sie erzhlte dem Erstaunten von
der Einholung und hatte Mhe, ihre Freude zu bergen, als der Bruder frhlich
antwortete: Ist mir der Herzog zuvorgekommen, so erhalte ich das Recht, auch
fr mich selbst zu sorgen. Er wies auf seinen Arm. Lieber bleibe ich hier, als
im Gedrnge der Stadt, whrend die Kameraden leere Worte mit den groen
schwedischen Schreibern wechseln. Und jetzt, wo ich den wrzigen Geruch der
Kruter wieder atme, ist mir so wohl zumute, als wre ich ein Knabe, der seine
gnstige Frau Pate besucht, und ich bitte die Jungfer, da sie mich nicht
fortweise, wenn ich mich hier ins Quartier lege. Dabei neigte er sich tief vor
ihr. - Judith antwortete errtend:
    Der Herr ist willkommen whrend der Stunden, die er bei uns verweilen will.
Der Zelter steht neben der Kuh, und der Knabe schlft auf dem Boden darber,
aber der Herr Rittmeister ist mir zu gro, um mit den anderen Puppen in diese
kleine Holzschachtel eingesperrt zu werden, darum machen wir's Euch im Hause
nebenan so wohnlich, als wir knnen. Ihr besucht den Pfarrer und meldet Euch bei
dem Amtsschreiber, der sich jetzt wie ein Ohrwurm winden wird, da er gemerkt
hat, da Ihr beim Herzoge etwas geltet. Doch traut ihm nicht ber den Weg, er
meint es zu wenigen gut, und am meisten mgen sich die hten, zu denen er es in
seiner Weise gut meint. Ein Schatten flog ber ihr frohes Gesicht, doch schwand
er gleich wieder in Heiterkeit, als sie auf den Knaben wies, der suberlich in
neuer Wsche auftrat, das struppige Haar glatt gebrstet, die rmelschlitze
seines Wamses mit bunter Seide ausgepufft. Wir haben dem Herrn unterdessen
seinen Pagen ausstaffiert, damit dieser ihm Ehre mache.
    Sie lud den Gast zum Sitzen, und er verneigte sich zum Danke dafr wieder
wie vor einer Knigin. Denn er gedachte der Sitte und da er die Schutzlose in
ihrem Hause zu ehren hatte. Das verstand Judith in dankbarem Herzen, und auch
sie setzte sich ihm gegenber an das Spinnrad, hoch aufgerichtet, mit ruhigem
Antlitz. Ihr Wunsch war erfllt, der Ersehnte sa auf dem Lehnstuhl am Herde,
und sein Trunk wurde ihm in dem Schmuckstck des Hauses vorgesetzt; sie fragte,
und er berichtete ber die kleinen Abenteuer auf der Reise und die schlechten
Herbergen am Wege. Dennoch erwies sich das Lied, welches der Rittmeister
zuweilen sang und worin er behauptete, da Amor, das verschmitzte Kind, vllig
blind sei, an dem Snger selbst als unwahr. Denn der erwhnte Gott sa
luchsugig, wenn auch unsichtbar, auf dem Brettergerst unter den Kruterbndeln
und scho mit seinem Flitzbogen einen Pfeil nach dem andern gegen den Kriegsmann
ab. Der Gast und die Jungfer Wirtin, wie hflich sie auch zueinander redeten,
sie konnten nicht vermeiden, da das Glck ihnen aus den Augen leuchtete und da
ihnen die Stimme von der inneren Bewegung leise erbebte. Bald erzhlte ihr
Bernhard wie einem treuen Kameraden von allem, was er in den letzten Wochen
erfahren, und kam dabei unvermerkt auf sein frheres Leben, bis ihr die Spindel
im Schoe ruhte und ihre Augen in stiller Verklrung auf seinem Angesicht
hafteten. Whrend das Abenddunkel in das Gemach drang, ffneten sich zwei Herzen
wie zwei volle Knospen, welche die rosigen Bltter gegeneinander entfalten. Auf
unruhige Erwartung und pochende Leidenschaft war fr beide das erste Glck des
Wiedersehens gefolgt, ein seliger Friede.
    Als sie dem Gast das Abendbrot vorgesetzt und den Arm verbunden hatte,
fhrte sie ihn nach seiner Herberge und bot ihm die Gutenacht.
    Wie wutest du, da ich heut kommen wrde? fragte der Rittmeister den
Knaben, sobald sie allein waren.
    Die Jungfer hat's gewut, antwortete Pieps, und sein groer Mund verzog
sich zu einem glckseligen Grinsen.
    Lange sa Bernhard im Dunkel an dem kleinen Fenster. Er versuchte leise zu
singen, aber er verlor die Melodie sowohl bei Frau Venus als bei den zu
kaufenden Melonen. Ihm hatte in sorglosen Tagen manches Mdchen wohlgefallen,
aber niemals war ihm das Herz aufgegangen wie in der letzten Stunde, ihm kam
vor, als ob er zu dieser Jungfrau halten msse, solange er lebe, und er starrte
beim Sternenlicht hinber nach dem Nachbarhause, mehr dem Corydon gleich, der
sich um Phyllis grmt, als einem Reiter von Alt-Rosen, welcher in wstem Hause
lagert.
    Am nchsten Morgen ritt er nach Gotha. Die Schwester sprach ihm gegenber
mutig und in gutem Vertrauen von ihrer Lage; mit dem Schloprediger beredete er
zu groer Zufriedenheit des geistlichen Herrn die Vergtung und wie die Habe der
Schwester in dem Trowagen sicher von Wasungen heranzufahren sei, auch beim
Herzoge meldete er sich und erhielt Erlaubnis, im Walddorfe zu rasten, weil er
dort den Quartieren seiner Vlker nher war. Und die Schwester freute sich ber
die Zuversicht des Bruders, als er ihr beim Abschied sagte: Der Herzog hofft
jetzt auf Besserung, auch die Schweden reden viel vom Frieden, vielleicht frage
ich in kurzem, ob du dich hierzulande bei dem Bruder ansiedeln willst.
    Als er mit dem Buben den Eingang des Waldtales erreichte, sah er unweit der
Strae die Jungfrau, welche mit ihrem Korbe aus der Htte eines Holzfllers
herabkam. Sie blieb stehen, als sie die Reiter erkannte. Er sprang ab, sandte
den Knaben und die Pferde voraus und schritt neben ihr den Fuweg entlang. Wie
mgt Ihr Euch allein durch das offene Land wagen? mahnte er besorgt. Auf den
Straen schweift unsicheres Volk, und im Walde ist noch weniger zu trauen.
    Wir Landleute haben in der eigenen Flur immer guten Mut, antwortete
Judith; heute begleitete mich auf dem Hinwege der Mann meiner Kranken, und bei
der Heimkehr dachte ich Euch zu treffen. Ihr Antlitz rtete sich, aber sie sah
ihn in unschuldiger Zuversicht an.
    Liebe Jungfer Judith, rief er und suchte ihre Hand zu fassen.
    Sie lste die Finger aus den seinen, aber mit strahlenden Augen fragte sie:
Bin ich Euch ein wenig lieb, Monsieur Knig? Heut mchte ich's glauben, denn
Eure Stimmung klingt anders als von kalter Hflichkeit. Und da Ihr und die
Schwester gute Kundschaft halten wollt mit der armen Dorfjungfer, soll mir
manchmal in der Wildnis ein Trost sein; denn die Gste, welche sonst zu uns
kommen, sind selten der Art, da man mit Freude an sie zurckdenkt. Sie wies
auf die Landstrae: Seht, dort ziehen solche heran, von denen wir hufig
Zuspruch haben. Aber im nchsten Augenblick ging sie mit schnellem Schritt auf
die Fremden zu.
    Ein Mann zog einen kleinen Handwagen, auf welchem zwei mde Kinder saen,
neben ihm hinkte, auf einen Stab gesttzt, die Frau. Der Fahrende trug einen
stdtischen Rock, dessen schwarze Farbe durch Sonnenbrand und Regen vergraut
war; aus dem feinen Angesicht blickten zwei gescheite Augen. Er und die Frau
waren nicht alt, aber schwchlich und verfallen, und man sah ihnen wohl an, da
sie bessere Tage gekannt hatten.
    Judith rief ihrem Begleiter hastig zu: Es sind Exulanten, es ist ein
Geistlicher! und redete den Mann an, indem sie sich verneigte: Salve, vir
reverendissime! Dabei nahm sie ihm die Deichsel aus der Hand und kehrte den
Wagen dem Dorfe zu: Ihr drft nicht ohne Erquickung weiterziehen. Verschmht
nicht, die kurze Strecke zurckzulenken; was fehlt der Frau am Fue?
    Der Mann zog vor diesem entschiedenen Willen den Hut. Will die wohlgeneigte
Frau den Meinen etwas Gutes tun, so wird es der Himmel lohnen, denn wir kommen
von weit her und wissen nicht wohin.
    Judith wandte sich zu Bernhard, und auf die Kinder weisend, sagte sie in
herzlicher Bewegung: Auf solchem Wagen sa als Kind auch ich, wenn ich
erschpft vom Wandern war, mein Vater zog die Deichsel, und die Mutter ging mit
wunden Fen im Staube der Heerstrae. Und den Wagen auf der Strae
zurckfahrend, wehrte sie dem Flchtling: Ich leide nicht, Herr Pastor, da Ihr
Euch bemht.
    Da nahm auch der Rittmeister den Arm der wankenden Frau und fhrte sie
vorsichtig, die tiefen Wagengleise meidend, nach dem Dorfe zurck. So kam die
Gesellschaft vor das Haus der Jungfrau; diese lenkte zu dem Bau, in dem der
Rittmeister einquartiert war, und bat: Gestattet ihnen, in der Kammer Euch
gegenber zu bleiben, denn ich sehe, eine Nachtruhe ist ihnen vor allem ntig.
- Sie hob die Kinder vom Wagen, gab der alten Ursel und dem Reiterbuben schnelle
Befehle, und dem Rittmeister war, als ob sie auch seine Hilfe bei dem guten
Werke erwarte, so da er ihr dienstwillig in das Haus folgte. Dort schlo sie
die Truhe auf, kramte in der Wsche, wickelte ein kleines Bndel und hob ein
vornehmes Tischtchlein mit buntgenhtem Saume heraus: Es macht dem Herrn
Pfarrer soviel Freude als gute Kost, erklrte sie, wenn wir ihm ein Tischtuch
aufdecken. Sie legte das Tuch ihrem Gast ber den Arm und fragte: Es war
starkes Bier gekommen aus der Stadt fr die Jungfer Schwester; darf ich davon
geben? Als ihr Blick auf das Gestell fiel, wo sie den kleinen Silberbecher
versteckt hatte, hielt sie zweifelnd an und fragte wieder: Ist es Euch unlieb,
wenn der Fremde aus Eurem Becher trinkt? Bernhard hob das Gef schnell herab.
Dann ist noch das Huhn fr die kranke Frau, fuhr sie bittend fort, auch dies
war fr einen anderen zubereitet, und er wrde mit Geringerem vorliebnehmen
mssen. Und sie trugen gemeinschaftlich den Flchtlingen hinber.
    Unterdes war Ursel um die kranke Frau bemht, und Pieps, welcher Lagerstroh
herzugetragen und mit nicht gemeiner Kunst eine Streu geschttet hatte, sa vor
der Tr bei einem Wasserkbel und striegelte den beiden Kindern mit Schwamm und
Brste den Staub des Weges von Gesicht und Kleidern. Judith aber und Bernhard
deckten dem Pfarrer den Tisch im Freien; sie trug auf, er schenkte ein und trank
den Willkommen zu, gleich als ob er Hausherr wre.
    Dies ist ein Landsmann aus dem Riesengebirge, sagte Judith und strich dem
Pfarrer vertraulich ber den rmel, ich erkenne an seiner Rede die Heimat. Und
als der Fremde, bevor er sich an die Kost wagte, wehmtig durch das Fenster in
die Stube zurcksah, trstete Judith: Sorge der Herr Pastor nicht um die liebe
Frau und nicht um die Kinder, denkt jetzt an Euch selbst.
    Der Mann gewann im Essen besseren Lebensmut und erzhlte dem Rittmeister,
welcher sich zu ihm setzte, von dem Unglck seiner Heimat und dem Elend seiner
Irrfahrten, ruhig und ohne Klage, wie mde und geplagte Leute von ihrem schweren
Schicksal sprechen, wenn sie nicht darauf ausgehen, Mitleid zu erregen. Auch
Bernhard, welcher den Flchtling als verstndigen Mann erkannte, der von den
Kriegsluften zu berichten wute, antwortete ihm achtungsvoll und merkte, wie
froh Judith ber seine Teilnahme war, wenn sie einmal am Tische stehenblieb. So
kam der Abend heran; Judith fhrte die Kleinen sauber und gesttigt zu ihrem
Vater: Die Kinder wollen Euer Ehrwrden gute Nacht sagen, wir legen sie jetzt
in die warme Streu, die liebe Frau ist versorgt, und ich hoffe, sie wird morgen
bis zur Stadt gehen.
    Sie rumte ab, hing dem Rittmeister auf seine Forderung wieder das Tischtuch
ber den Arm und schttelte dem Pfarrer, whrend er seine Segenswnsche
aussprach, lange die Hand. Gute Nacht euch allen, ihr Armen; ihr schlaft in
gutem Schutz, der Knabe dieses Herrn wird euch heranholen, was ihr etwa noch
braucht.
    Auch als Judith mit Bernhard in ihre Stube zurckgekehrt war, hrte das
Schaffen nicht auf; sie fand noch mancherlei, was die Fremden ntig brauchten
und was sie entbehren konnte, ffnete die Kasten und trug zusammen, bis Bernhard
endlich sagte: Die Jungfer ist glcklich, gerade das Ntigste geben zu knnen;
gern wollte auch ich etwas tun; wenn Ihr einen Beutel httet, so mchte ich
einen Joachimstaler hineinstecken, damit Ihr ihn beim Abschiede der Frau gebt.
Dieser Gedanke gefiel der Jungfrau, und sie brachte aus einer Ecke der Truhe ein
Lederscklein herbei, trat vor ihn, hielt es umgestrzt am unteren Zipfel und
sagte lachend: Es ist leer! - So unschuldig und liebenswert waren ihre Freude
und der warmherzige Eifer, da Bernhard ein Entzcken in seinem Herzen fhlte,
welches ihm bermchtig wurde; er neigte sich zu ihrem Angesicht und kte sie
herzlich auf den Mund. Sie widerstand nicht, und als er wagte, den Arm um sie zu
legen, ruhte sie einen Augenblick an seinem Herzen. Doch whrend sie sich von
ihm lste und ihn liebevoll ansah, rtete sich ihr Antlitz; sie trat schnell zum
Tisch, ergriff ihren Kram und verlie das Zimmer.
    Bernhard stand allein in der Stube, und ihm kam vor, als ob die
Kruterbndel und Flaschen auf dem Brettergestell hpften und der Lehnstuhl ihn
tanzend umkreiste. Ungeduldig schritt er auf und ab, die Rckkehr des Mdchens
erwartend. Als sie nicht kam, eilte er aus dem Hause, sie zu suchen. Er fand sie
an der Felswand auf einer Bank sitzend und merkte, da ihre Augen na waren. Da
ergriff er ihre Hand, und sie zog die Hand nicht zurck, aber sie sah traurig zu
ihm auf und sagte leise: Ihr httet mich nicht kssen sollen. - Ihm schlug das
Herz hoch, und er bat: Der lieben Jungfer Judith habe ich etwas zu vertrauen,
was ich am liebsten sage, wenn dieselbe im Hause vor mir sitzt auf ihrem Stuhle
am Spinnrad, zwischen den Wnden, in denen sie durch die lieben Eltern gesegnet
wurde.
    Sie sah ihn gro an und das Blut wich aus ihrem Antlitz, als sie aufstand
und schweigend neben ihm in das Zimmer trat. Hier stellte er ihr Stuhl und
Spinnrad zurecht und bat sie mit einer Handbewegung, niederzusitzen. Sie
gehorchte und hielt die Spindel im Scho, die Augen fest auf ihn gewandt. Er
aber begann feierlich:
    Liebe Jungfer Judith, ich habe mich zu dem Kusse vermessen in herzlicher
Neigung, die ich fr Euch fhle. Zrnet nicht, wenn ich Euch heut geradeheraus
und ohne Freiwerber meine Liebe bekenne und meinen heien Wunsch, da Ihr Euch
entschlieen mget, mein eheliches Gemahl zu werden.
    Das Mdchen stand erschrocken auf, whrend er bittend fortfuhr: Ich wei
wohl, was die geliebte Jungfer einwenden wird, da so voreiliges und strmisches
Werben nicht gezieme, da ich nur seit kurzer Zeit Euch bekannt bin. Auch frchte
ich, da Euch mein Kriegsamt leidig ist. Hret dennoch meine flehentliche Bitte
mit gnstiger Gesinnung an, denn von der ersten Stunde, wo ich Euch sah, habt
Ihr mir sehr gefallen und seitdem immer mehr, und wenn ich hier Euer Wesen
betrachte, so merke ich, da ich auf Erden nur mit Euch glcklich sein kann.
    Judith atmete tief auf und antwortete mit stockender Stimme: Der Herr sagte
selbst, da ich ihn erst seit kurzem kenne, dieselbe Rede mu ich dem Herrn
zurckgeben, auch von mir ist ihm wenig bewut; er wei noch nicht, wie das
freundlose Dorfmdchen sich zu seinem Leben schicken wrde, und mir bangt, da
ihn bald seine Rede gereuen knnte.
    Sprecht nicht ungerecht gegen Euch, rief Bernhard, alle Bedchtigkeit
vergessend, denn ich sehe wohl, in der Jungfer ist ein Geschick und eine
Festigkeit, da sie berall in der Welt bestehen wird. Ich hoffe, dieselbe soll
auch finden, da in meinem Gemt keine dunklen Winkel sind; ich bin ein
einfacher Gesell, wie ich denke, so gebe ich mich; seid Ihr einmal mit mir
unzufrieden, herzliebe Jungfer, so sagt es mir geradeheraus, und ich werde mich
gern nach Eurem Willen richten, soweit dies dem Manne geziemt. Und wenn Ihr mir
einwendet, da ich Euch zu wenig kenne, so wisset, da ich zu Euch ein Vertrauen
habe, wie niemals gegen einen Menschen, und ich fhle die Sehnsucht, immer in
Eurer Nhe zu sein und alles mit Euch zu teilen, Gedanken und Werke.
    Judith verstand die Bewegung seiner Stimme und das Flehen seiner treuen
Augen, und die Trnen liefen ihr ber die Wangen, aber sie fate sich bald. Ich
glaube Euch, sprach sie, und ich traue Eurer Redlichkeit. Doch zrnt nicht,
Herr, wenn ich in dieser Stunde die Antwort gebe, die mir gebhrt. Zu Eurer
verlobten Braut kann ich mich nicht bekennen nach solcher Rede, wie Ihr heut zu
mir getan. Es ist ein alter Glaube, da jhe Werbung kurzes Glck gewinnt. Euch
treibt Euer Amt in die Ferne, wer wei, ob ich Euch dort so lieb bleibe, wie ich
Euch nach Euren Worten zur Zeit bin. Deshalb bitte ich instndig, schont jetzt
meinen einsamen Stand und sehet erst zu, wie Ihr die Ehe, die Ihr beabsichtigt,
mit Eurem Amte und Euren Blutsfreunden in Einklang bringt. Werbt Ihr dann um
mich, wie Sitte ist, durch Eure Freundschaft, und kommt Eure Schwester, um mich
als Hausfrau fr Euch zu fordern, so sage ich Euch Bescheid.
    Sie trat zurck, und er sah finster vor sich nieder: Lat mich nicht
unsicher und in Traurigkeit dahinziehen, denn das Zutrauen zu Eurer Liebe wre
mein einziges Glck fern von Euch in der Fremde.
    Da sprach sie leise: Ist es Euch unlieb, da ich zgere, mir ist es leid.
Tut dennoch nach meinem Wunsche und vertraut unterdes, da ich Euch zugetan
bleibe. Denn ich bekenne Euch, Monsieur Bernhard, was sonst ein Mdchen
verbirgt: auch ich bin Euch gut. Und wenn Ihr mich durch Eure Freunde zu Eurer
Hausfrau begehren wollt, so gehre ich Euch, als meinem geliebten Herrn, fr
Leben und Tod. Wisset auch, da ich seit dem Morgen, wo ich Euch im Walde zum
ersten Male sah, in der Stille des Glaubens lebe, da der Himmel Euch zu mir
gesandt hat, damit ich Euch angehre.
    Bei diesen Worten bot sie ihm die Hand, er aber zog sie frhlich an sein
Herz und rief: Allerliebste Herzensjungfer, es soll geschehen, wie Ihr wollt,
und ich hoffe, es dauert nicht lange, da ich die Schwester zu Euch sende, denn
mir ist auf dem Wege zu Euch allerlei eingefallen, wie wir unser Leben friedlich
einrichten knnten. Ist's Euch genehm, so erzhle ich davon. Als sie aber ihm
gegenber niedersitzen wollte, sagte er: Jetzt, da Ihr wit, da Ihr meine
Liebste seid, ist mein Recht, da ich neben der Jungfer sitze und auch, da ich
Euch vor den Leuten an der Hand fhre. Das mute Judith zugeben, und er rckte
ihren Schemel neben seinen Lehnstuhl, auch gebrauchte er sein Recht, ihre Hand
zu halten, und hinderte sie in der Arbeit. Dabei begann er:
    Zuerst bitte ich Euch, da Ihr das Waisenkind, meinen Buben, bei Euch
behaltet und auch das Rlein der Schwester. Dem Knaben ist Eure Zucht ein
Himmelssegen, und er merkt das auch, Euch aber kann er als Bote dienen zur Stadt
und wie Ihr sonst wollt, denn er ist ber seine Jahre gewitzigt. Den Gaul wird
er besorgen, damit Ihr diesen fr Eure Wege zu den Kranken gebraucht oder fr
die Schwester bewahrt.
    Als Judith damit einverstanden war, berichtete er weiter, wie er neulich auf
dem Wege den heimkehrenden Gutsherrn betrachtet und sich an seine Stelle
gedacht, die Jungfer Judith aber an Stelle der Hausfrau. Und als er das rosige
Licht sah, welches sich ber die Wangen des geliebten Mdchens ergo, schilderte
er ihr die ganze Einrichtung des Gutes, erwhnte Gottlieb und Pieps und seine
Beutepferde, so da Judith, hingerissen durch die Beschreibung, auch ihrerseits
von der Molkerei anfing, und da sie eine gute Gromagd wisse; bis sie ihn
endlich in die Kammer zog und bat, an die Wand zu klopfen. Sie freute sich, als
er ihr bekannte, da er nichts Aufflliges entdecken knne, und vertraute ihm
ein Geheimnis des Hauses, da die Wand doppelt war nach kluger Einrichtung des
seligen Vaters. Man kann nur vom Dachboden in den Raum, und ich zeige Euch den
Zugang, darin aber steht eine groe Truhe mit der Leinwand, die wir in all den
Jahren gesponnen. Und sie sagte stolz: Es ist eine Ausstattung wie fr eine
Kaufmannstochter, das ist mein Schatz. Das Haus ist fter geplndert, mein
Geheimnis haben die Ruber niemals entdeckt, fr Wsche brauchtet Ihr nimmer zu
sorgen. Doch wir sind tricht, fuhr sie kleinlaut fort, denn wie wollt Ihr in
diesem Lande zu einem Gute kommen? Jetzt wurde Bernhard froh, fhrte sie wieder
auf ihren Sitz und gestand ihr, da es mit seinem Vermgen gar nicht drftig
stand und da die Geschwister zu Nrnberg in guter Verwahrung noch Geld besaen
und Anteil an einer Handlung; so da Judith erschrocken sagte: Ich habe nicht
gewut, da der Herr so viel vermag, wie darf ich fr mich daran denken, in
solchen Wohlstand zu treten? Und er mute viele Beredsamkeit anwenden, bis er
sie wieder dazu brachte, seine Plne anzuhren.
    Als beide eine Weile emsig an dem Garn ihrer Zukunft gesponnen hatten,
begann Judith: Wisset, liebster Monsieur Bernhard, da Euer Mdchen, wenn die
Kriegsnot nicht wre, Euch auch ein Gtchen zubringen knnte. Denn die lieben
Eltern saen auf einem schnen Freihof in dem Lande Schlesien nahe an dem
Riesengebirge bei einem hohen Berg, den man die Eule nennt; dort bin ich
geboren, und ich war neun Jahre alt, als wir die Gegend verlassen muten.
    Der Herr Vater war doch ein Geistlicher? fragte Bernhard verwundert.
    Das war er. Von Geburt ein Deutscher, aber er hielt zu den Gemeinden der
bhmischen Brder und stand unter ihnen in Ehren als einer von ihren Bischfen;
meine Mutter aber war eine Bhmin von der anderen Seite des Gebirges und stammte
aus einem Geschlecht der Bekenner, welche man in alter Zeit Hussiten nannte. Als
nun in Bhmen die grausame Verfolgung aller Evangelischen ausbrach, gelang es
dem Vater, der viel Anhang in dem Grenzlande hatte, sich in Schlesien zu
behaupten, weil er die Gunst einiger groer Herren besa. Und da er immer ein
Naturkundiger gewesen war, so hielt er sich still auf unserem Gut, das er
erworben, half den Kranken, wo er konnte, und bte nur insgeheim sein heiliges
Amt. Aber nicht lange, bevor der Schwedenknig ins Land kam, ward er den
Jesuiten verraten und sollte in den Kerker abgefhrt werden, was damals so viel
bedeutete als in den Tod; doch er wurde durch einen Freund gewarnt, und wir
flohen bei Nacht, zuerst im Wagen, dann zu Fu durch Schlesien und ber die
Elbe, bis wir in dieses Land gelangten. Die liebe Mutter starb nach den
Schrecken und Anstrengungen unserer Reise, der Vater zog mit mir aus bitterer
Not in dies Dorf, und ich habe ihm whrend der Kriegszeit noch als Kind die
Wirtschaft gefhrt. - Sie legte ihr Haupt an seine Schulter und sah starr vor
sich hin, Bernhard wagte nicht, das Schweigen zu brechen; er dachte wehmtig,
wie unsglich viel Trbsal und Schmerz das tapfere Herz, welches nahe an dem
seinen schlug, in jungen Jahren durchgekmpft hatte. Endlich fragte er, um
wieder ihre Stimme zu hren: Von dem Gut aber, was der Herr Vater
zurckgelassen, habt Ihr nie wieder etwas gehrt?
    Zuweilen kam Kunde. Unter dem Schwedenknig diente ein Oberst, der von
unserem Glauben war und mit meiner Mutter verwandt, dieser lag lngere Zeit in
unserer Heimat; an ihn schrieb der Vater, und er hat uns seine Treue bewahrt.
Denn da die Feinde unsere ganze Habe genommen hatten, zwang er sie, den Raub in
Gelde zu ben, ein Teil davon kam in des Vaters Hnde, so da er sich hier
festsetzen konnte. Und wegen des Gutes wurde abgemacht, da es dem Vater als
Eigentum bleiben sollte, und der gnstige Freund, von dem uns die Warnung
gekommen, sollte den Nutzen haben, als wenn es ihm gehrte, bis wir wieder
zurckkmen. Das ist jetzt fnfzehn Jahre her, und der Krieg hat seitdem fast
unablssig auch in meiner Heimat gewtet. Wer kann sagen, wie es jetzt dort
bestellt ist? Ich aber sehe das alte Steinhaus, in dem wir wohnten, noch
deutlich vor mir, einen groen Hof mit hoher Mauer, und auch die Berge, welche
in der Nhe stehen, sie sind viel hher als diese hier. Im Traum bin ich
zuweilen ein Kind, trage mein Spielzeug durch die Stuben und hre erschrocken
den Schlag am Tore in jener Nacht, wo wir gewarnt wurden. Auch die alte Bhmin
sehe ich noch vor mir, welche meine Kindermuhme war, sie sah der Ursel sehr
hnlich und galt fr eine Frau, welche Gesichte hatte. Als sie mich in der Nacht
zu den flchtigen Eltern in den Wagen hob, segnete sie mich und klagte in ihrer
bhmischen Sprache: Du wirst hierher zurckkehren, denn dein Grab schaue ich,
aber deiner Eltern Grab vermag ich nicht zu sehen. - Wer wei, ob sie recht
hat? schlo sie leise und starrte wieder vor sich hin.
    Dient es zu Eurem Glck, da Ihr hinkommt, so soll es geschehen, trstete
Bernhard. Ist der Weg auch weit, meine Hausfrau soll gute Reisegesellschaft
haben. Der Knabe schirrt die Pferde auf, und mein alter Kampfgenosse begleitet
uns, wir ziehen als frische Reiter in Eure Heimat und zwingen die Leute dort,
Euch als Herrin zu erkennen. Judith lachte ihn mit besserer Zuversicht an.
    Ihr habt einen frischen Mut, rhmte sie.
    Dafr reite ich auch mit kecken Gesellen durch das Land.
    Das Mdchen stand schnell auf. Wie die Kinder haben wir uns ein
glckseliges Leben eingebildet; Ihr aber seid den bsen Geistern des Krieges
preisgegeben, und auf der Schneide des Schwertes schwebt Euer Geschick und das
meine. Ach, lieber Herr, ein Trugbild war die Hoffnung und eitel die Freude.
Die Trnen brachen ihr aus den Augen und sie barg das Angesicht ber den Hnden
auf dem Tisch. Haltet mich nicht fr dreist, bat sie aufsehend, und denkt
nicht, ich sei liebetoll. Ehe ich Euch kannte, war ich gefat, auch Schweres zu
tragen, jetzt fhle ich mich hilflos wie ein Kind. Ich sehe die Feinde gegen
Euch reiten, die Schwerter zcken, der Feuerstrahl fhrt aus dem Rohr, das Pferd
rennt dahin ohne den Reiter, und ich harre und weine. Sie blickte wild wie auf
eine Erscheinung.
    Ich schwor einen teuren Eid, bevor ich Euch sah, sprach Bernhard,
ergriffen durch die Leidenschaft der Jungfrau; ich bin meinen Kriegsgesellen
verpflichtet, solange das Tuch an der Standarte weht, mit ihnen zu reiten und
ihr Schicksal zu teilen; das ist des Soldaten Los. Wenn es uns bei den Schweden
gert, so mu ich mit meiner Kompanie im Felde liegen. Auch in diesem Falle
komme ich wieder zu Euch und bitte, da Ihr als Offiziersfrau mit mir haushaltet
in unseren Quartieren. Ist dort das Leben unsicher, so frage ich Euch, herzliebe
Jungfer, habt Ihr im Dorfe grere Sicherheit? Auch hier brgt uns niemand
dafr, da nicht in der nchsten Stunde die Feinde an das Haus dringen. Das aber
gelobe ich Euch, so wahr ich Euch liebe und so wahr ich fr uns beide auf eine
friedliche Zukunft hoffe, ich lse mich von der Fahne, sobald der Eid und die
Ehre dies gestatten. Er zog das Mdchen wieder an seine Seite, sie aber blieb
den Abend still und feierlich und verhandelte drauen leise mit der alten
Dienerin. Endlich brach sie das Schweigen: Heut ist eine heilbringende Nacht,
und ich mchte in die Berge, ein wohlttiges Kraut zu holen, das man nach
Vorschrift der Bcher und klugen Leute nur um Mitternacht aus dem Boden heben
darf. Wollt Ihr mich begleiten, doch ohne ein Wort zu sprechen, so wre mir's
lieb.
    Ich bin bereit, sagte Bernhard verwundert. Was Ihr wagt, soll mich nicht
schrecken. Doch um Euretwillen, liebe Jungfer, warne ich vor der Stunde, welche
dem Christen unheimlich ist.
    Sorgt nicht, antwortete Judith mit dsterem Lcheln, ich vertraue, es ist
keine Gefahr fr Leben und Seligkeit. Sie setzte sich wieder zu ihm, sprach
ruhig und zutraulich und bat ihn, von seinen Kriegsfahrten zu erzhlen. Das tat
er gern, und schnell vergingen die Stunden, bis sie aufstand und bedeutsam
sagte: Jetzt ist es Zeit, zu gehen. Bernhard eilte in sein Quartier, holte
seine Waffen, hllte sich in den Mantel und weckte den Knaben.
    Der Schreiber hat heut im Hofe der Jungfer spioniert, berichtete Pieps.
Ich sah ihn im Abenddunkel unter dem Fenster. Halt Wache, gebot Bernhard.
    Als er aus der Htte trat, stand die Jungfer ihn erwartend am Tor und legte
warnend die Hand auf den Mund. Sie eilten ber den Steg auf die Berge zu. Die
Nacht war khl und still, der volle Mond warf helle Lichter auf den Pfad,
welcher der nchsten Hhe zufhrte. Judith sah oft nach dem Himmel und hemmte
den Schritt, um die rechte Stunde zu treffen. Als sie den Gipfel erreicht
hatten, wies sie auf eine hohe Tanne, welche allein am Rande des Abhanges stand;
Bernhard verstand, da er dort zurckbleiben sollte, und das Mdchen trat allein
hinaus auf den offenen Raum, welcher, mit jungem Laubholz umfat, vom Monde hell
beschienen war.
    Bernhard merkte nichts von den Schrecken der Geisterstunde. Hinter ihm fiel
die Hhe steil zu dem Tale, er erkannte die grauen Dcher des Dorfes im Grunde,
auch das Haus der Geliebten und den weien Schaum des Bergbaches. Vor ihm aber
lag friedlich in silbernem Glanze die Bergwiese, der Nachtwind strich leise ber
die Halme und Blten, so da sie sich regten wie im Schlafe, und trieb ihren
wrzigen Duft weithin durch die Luft. Wo ein Busch oder der Stumpf eines Baumes
Schatten warf, bewegten sich wie im Tanze kleine Lichtfunken; sie fuhren auf und
nieder, erglnzten und verschwanden zwischen Schatten und Licht. Es war
wundersam still, keine Vogelstimme ertnte und kein Wildtier bewegte die Zweige,
die Grillen hingen schweigend an den Blttern, die Hummeln saen geduckt in
ihrem Erdloch, und ber der strahlenden Erde lag aus Strahlen gewebt die
silberne Decke, welche das geheime Leben verbarg. Bernhard, der zum Schutz fr
sich und eine andere leise sein Gebet gesprochen hatte, bedachte, da die Stunde
und der Ort eher zu frommen Gedanken ermunterten als zu Werken des Teufels. In
der Ferne sah er Judith langsam am Rande des Gehlzes dahingehen, auch sie
umflossen von dem milden Schimmer der Nacht, und er erkannte, da sie
niederkniete auf dem Grunde. Nicht lange, und sie kam mit schnellen Schritten
auf ihn zu, zog ihn in den Schatten des Baumes und flsterte, scheu
zurckblickend: Nicht ohne Widerstand empfing ich die Gabe. Mir war, als
schaute ich im Gehlz das Gesicht des bsen Feindes; er sah einem Manne hnlich,
vor dem mir graut. Doch das Trugbild verschwand wieder, und ich halte in meiner
Hand, was ich fr Euch geholt. Sie wies ihm den kleinen Beutel, welchen sie aus
der Truhe gehoben hatte. Dies Scklein, ber dem Ihr die Jungfer gekt habt,
bewahrte ich fr Euch; die Wurzel eines kleinen Krautes steckt darin, denn es
ist ein Glaube, da diesem die Kraft verliehen sei, den Leib des Mannes, der sie
trgt, vor feindlichem Gescho zu bewahren. Nehmt sie, Geliebter, und bergt sie
unter Eurem Kleide. Wir haben ja keine Gewhr, da sie die groe Kraft hat, aber
wir hoffen es. Seid Ihr selbst auch stolz und seid Ihr unglubig, tragt sie doch
um meinetwillen, denn in Herzensangst um Euch habe ich sie der Erde abgefordert
und geraubt.
    Da empfing er die Gabe, barg sie an seiner Brust und sagte herzlich:
Seither habe ich der Gefahr ohne Furcht ins Auge gesehen und war bereit, in
Gottes Namen zu ertragen, was der Krieg dem Reiter bringt. Was mir von Euch
kommt, bewahre ich ohne Scheu. Aber ich frchte fast, da mir Euer Geschenk das
sorglose Wagen vermindert; denn wenn ich es an meinem Herzen fhle, so mu ich
jetzt denken, da ich ein holdes Mdchen besitze, das mehr um mein Leben sorgt
als ich selbst. Krftiger als die Kruter des Feldes ist der Zauber, den Ihr an
mir bt, wenn ich Euch in die Augen blicke und wenn ich Euch in meine Arme
schliee, wie ich jetzt wage.

                                 Enttuschungen


Die hohe frstliche Teilnahme machte den Gast im Hause des Schlopredigers zu
einem Gegenstand sorglicher Pflege. Der Herzog sandte einen Wildbraten und sogar
einen guten Trunk fr seinen Schtzling, er hielt im Vorbeireiten an und fragte
den Hausherrn, welcher vergngt auf die Schwelle trat, nach dem Befinden der
Fremden, ja, er stieg selbst die finstere Treppe hinauf und versicherte Regine
mit trstenden Worten seines Schutzes. Da war natrlich, da ihr manch gutes
Sppchen gekocht wurde, und da die Schlopredigerin nicht leiden wollte, wenn
ihr Gast an die Waschgefe trat und in der Kche unter den Tpfen hantierte.
Doch Regine beharrte dabei, das Wohlwollen, welches ihr so pltzlich zuteil
geworden war, durch treue Hilfe zu verdienen, sie bemchtigte sich der Bffchen
und Kragen des Geistlichen, wute diese in glnzendem Wei zu erhalten, machte
mit herzlicher Innigkeit die Hausandachten durch und ging bei jedem ffentlichen
Gottesdienst schchtern neben der Schlopredigerin zur Kirche hinauf; dort sa
sie auf einem Ehrenplatz mit niedergeschlagenen Augen und merkte nicht, da sie
der kleinen Schlogemeinde zu bestndiger Verwunderung gereichte und da auch
die hohen Herrschaften vom Chore aus den Verlauf ihrer Andacht genau beachteten.
    Sie war glcklicher als seit lange. Aber bei ihrem Wohlbefinden war ein
Haken, den sie selbst nicht merkte. Sie erwies sich nicht als das Wunder, das
sie doch sein sollte, sie wandelte durch die Stunden des Tages ganz wie ein
anderes Mdchen, und zuweilen verschnte ihr herzliches Lachen die Rume des
Pfarrhauses, wenn Licentiatus Hermann als Gast gegenwrtig war, kleine Abenteuer
von der Universitt erzhlte und dabei die fremdartige Sprache der Sddeutschen
possierlich nachmachte. Vielleicht war es das ruhige Glck, welches dem Mdchen
die Erweckungen fernhielt; aber solche Enthaltsamkeit war nicht ganz nach dem
Sinne ihrer Gnner. Der Herzog begngte sich, bei dem Geistlichen deshalb
vertraulich anzufragen, und sagte: Haltet das Kind nur gut, das brige sei dem
Herrn befohlen! Aber der Schloprediger fhlte die Verantwortlichkeit und da
die Sache einen Fortgang haben msse, und es geschah, da er sich bei Nacht von
seinem Lager erhob und in Socken an die Kammertr seines Gastes schlich, um zu
horchen, ob sie nicht vielleicht an leere Wnde die wertvollen Worte
verschwende, so da die Hausfrau, ebenfalls in Socken, nacheilen und mit
krftigem Protest an seinen Husten erinnern mute.
    Endlich fand der Schloprediger, da es notwendig sei, die sibyllinische
Ttigkeit seines Gastes, soweit geistlichem Zureden mglich ist, aufzumuntern;
er spielte sich eines Tages mit vorsichtigen Worten auf die frheren Zuflle des
Mdchens, forschte genau nach den Kennzeichen, an denen das Eintreten dieses
Zustandes von dem teilnehmenden Beobachter erkannt werden knne, und beobachtete
im Amtseifer nicht, da sein Gast sogleich alle Heiterkeit verlor und
hilfeflehend zu ihm aufsah. Zuletzt wagte er sogar den Rat: Meine liebe
Jungfer, da des Herzogs Gnaden ein besonderes Interesse an Euren prophetischen
Aussprchen nimmt, so wre fr uns alle wnschenswert, wenn derselbe einmal
davon profitieren knnte. - Regine versetzte kummervoll: Ach, ehrwrdiger
Herr, ich vermag ja dabei nichts.
    Aber wohlmeinend fuhr der Geistliche fort: Vielleicht wrde durch Gebete
sowie durch ernste Richtung des Willens auf die erwhnte Begabung der erwnschte
Effekt zu erreichen sein.
    Regine stand erschrocken auf: Soll ich meinen lieben Schpfer bitten, da
er mich trumen lasse, damit dem Herrn Herzog eine Unterkunft bereitet werde?
    Die liebe Jungfer mge meine Worte nicht uneben auslegen. Diese Trume
knnten manches enthalten, was als gttlicher Fingerzeig fr Seine herzogliche
Gnaden von hoher Importanz sein wrde, insbesondere, wenn es der Jungfer
gelingen sollte, dem Herzoge etwas wegen der groen Flgelhauben und Bnder,
wodurch die Weiber jetzt rgernis geben, ans Herz zu legen, sodann wegen des
unmigen Saufens seiner Kavaliere, vielleicht auch wegen der hchstntigen
Erhhung der Stolgebhren.
    Regine sa wie vernichtet in tiefem Schweigen, so da der Schloprediger den
Eindruck seiner Worte merkte und gutmtig fortfuhr: Die Jungfer ist uns allen
wert geworden durch gottesfrchtiges und suberliches Wesen, auch ohne ihre
Trume, von denen wir ja nicht wissen, ob sie eine himmlische Heimsuchung oder
Begnadigung sind. Es wre uns nur lieb, darber einmal durch eine Beobachtung
informiert zu werden.
    Diese Unterredung hatte zur Folge, da Regine in tiefe Trauer verfiel; sie
sa den Tag ber schweigsam und abgespannt, und die Schlopredigerin, die es fr
passend hielt, selbst die Bewachung zu bernehmen, hrte sie noch am spten
Abend in ihrer Kammer weinen. Den anderen Tag war sie bleich und unruhig, die
Hnde flogen ihr bei der Arbeit, die sie vergebens zu bezwingen suchte, wie im
Fieber, und als sie am Nachmittag der Hausfrau klagte, da sie sich mde und
erschpft fhle, und von dieser auf einen Lehnstuhl gefhrt und in warme Decken
gehllt wurde, da konnte der Geistliche zum Herzog eilen und berichten, die
Anzeichen seien gnstig, und es sei wohl mglich, da der Gast heut allerlei
offenbare.
    Auch der Herzog wurde durch Wibegierde getrieben und lie schnell den
Lizentiaten Hermann rufen, damit dieser die Enthllungen zur Stelle
niederschreibe. Als er in die Stube des Schlopredigers trat, fand er die Kranke
im Lehnstuhl zurckgelehnt, mit geschlossenen Augen, die Wangen leicht gertet,
so friedlich und heiter, da er sich ber sie neigte und sie lange mit innigem
Wohlwollen ansah. Sie hatte noch nichts geredet. Doch sobald er der Schlferin
gegenber einen Sessel einnahm und das Geflster der Anwesenden eine gewisse
Erregung erkennen lie, teilte sich die Bewegung der Schlafenden mit, sie rhrte
die feinen Hnde, holte tief Atem und begann deutlich und langsam zu sprechen:
Du lieber Gott, bei dir ist Friede. Wir bitten tglich darum, und ich wei, du
wirst dich unser erbarmen.
    Sorge nicht um mich, mein Bruder, mir geht es wohl auf Erden, die Leute sind
gut gegen mich, vor anderen der fromme Herzog. Betet alle fr ihn - der
Schloprediger hob die gefalteten Hnde. -
    Als er gestern auf die Jagd ritt, stand ich am Fenster, und ich ngstigte
mich um ihn. Die Wlder sind unsicher; wahret Euch, lieber Herr, denn das Land
knnte Euch nicht missen. Ich freue mich, da der Herzog sich nicht zu einem
Kriegsfrsten gemacht hat, wie unsere Reiter begehrten, denn wer Menschenblut
vergiet, dessen Blut soll wieder vergossen werden.
    Ich frchte, er traut zuviel auf den Herrn Schloprediger, denn dieser ist
ein Fuchs; er wollte mich bereden, da ich dem guten Herzog etwas wegen der
Stolgebhren verknden sollte.
    Entsetzlich, seufzte der Schloprediger. Das war ein Miverstndnis,
herzogliche Gnaden. - Der Herzog hob strafend den Finger, Regine aber schwieg;
es war tiefe Stille, nur der bedrngte Hausherr fuhr nach seinem Sacktchlein.
Endlich begann die Schlummernde wieder: Ei, da ist ja auch Monsieur Hermann?
Hm, hm! - Danke fr freundliche Nachfrage, ganz gut. - Der Lizentiat legte
errtend die Feder weg.
    Sie wollen hren, was ich im Traume rede, du lieber Gott! Aber auf dein
Wort, welches du verkndet hast, wollen sie nicht hren. Sie berhmen sich hoher
Kenntnis der Schrift, aber ihr Herz ist kalt. Wie wollen sie dazu helfen, da
dein Reich und deine Herrlichkeit auf dieser Welt heimisch werde?

O Schpfer mein, den Augen dein
darf niemand keck erscheinen.
Mein Unverstand ist dir bekannt,
kann seufzen nur und weinen.

Wieder schwieg sie still und bewegte sich unruhig. Die Hnde werden mir kalt,
murmelte sie, und ich werde erwachen. - Sie neigte das Haupt und seufzte noch
einige Male, dann ffnete sie die Augen und sah mit starrem Blick auf die
Versammlung.
    Des Himmels Segen ber dich, du gutes Kind, sagte der Herzog. Wir haben
diesmal keine Verkndigung vernommen, - wohl, aber christliche Gesinnung. Was
Ihr geschrieben, Hermann, bleibt vertraulich zwischen den Anwesenden. Euch aber,
Schloprediger, ermahne ich, da Ihr Euch nicht einfallen lat, Eure Wnsche der
Jungfrau in das Ohr zu sagen; Ihr seht, sie kommen schnell an den Tag.
    Dennoch darf ich Eurer herzoglichen Gnaden nicht verbergen, sagte der
Schloprediger bedrckt, da mir ein Zweifel gekommen ist, ob, was sie hier
verkndet hat, irgendwie durch gttliche Erleuchtung gesagt ist. Schon Martinus
Luther hat erfahren, da auch der Satan in leuchtendem Gewande sich zu
prsentieren wagt.
    Haltet Ihr die Andeutung wegen der Stolgebhren fr eine teuflische
Eingebung? fragte der Herzog mit Spott.
    Fr einen Irrtum, gndigster Herr, antwortete der Geistliche feierlich.
Nicht nur ich, sondern alle meine Amtsbrder sind der Meinung, da ein neues
Edikt ber die Stolgebhren fr das geistliche Ministerium ntig sei, und ich
erinnere mich, da ich darber zu der Jungfer gesprochen. Aber keineswegs war
die Meinung, da ich wie ein Fuchs hinterlistig durch solche Rede Eurer Gnaden
gute Meinung fr diese Angelegenheit gewinnen wollte; und ich wiederhole meine
Befrchtung, da die Aussage der lieben Jungfer eher Traumgespinst einer kranken
Person als eine Offenbarung sei.
    Was es auch sein mag, Ehrwrden, ich denke, auch Ihr seid der Meinung, da
es aus einem reinen kindlichen Herzen kam; und ich bin willens, die Herzogin zu
veranlassen, da sie der Jungfer auf dem Schlosse ein Unterkommen bereite, damit
Euch nicht durch ein neues Miverstndnis das arme Kind verleidet werde.
    So schied Herzog Ernst, und die Kranke sa da, gestochen durch die kalten
Blicke ihrer geistlichen Wirte. Als aber nicht lange darauf einige Schlodiener
kamen und Regine in einer Snfte nach dem Friedenstein hinauftrugen und mit ihr
ihre Habe, da erkannte der Schloprediger, da hier ein ernster Fall vorliege
und da er in einem natrlichen weltlichen Bestreben ein geistliches Unrecht
verbt habe. Er ging die ganze Woche schwermtig umher und hielt am nchsten
Sonntage in Gegenwart des Hofes eine nachdrckliche Predigt, in welcher er eine
Menge Fallstricke bezeichnete, durch welche Satan die Gerechten dieser Welt fr
sich einzufangen sucht. Zum Schlu aber erhob er in aufflliger Bewegung seine
Stimme und klagte sich selbst vor seiner Gemeinde an, da auch er in Gefahr
gewesen sei, einer Versuchung aus eigenntzigem Interesse zu unterliegen; und er
bat die gesamte christliche Zuhrerschaft, ihn durch Gebet zu untersttzen,
damit er Verzeihung erwerbe. Dazu erwies sich die Gemeinde willig, und der
geistliche Herr sah mit Befriedigung, da auch sein Herzog die Hnde faltete und
fr ihn bat. So hatte er die blen Folgen seines vorschnellen Eifers allerdings
von sich weggebetet und durfte wieder mit erhobenem Haupte einherschreiten; aber
gegen die fremde Jungfer und ihre begnstigte Stellung im Himmel und auf Erden
vermochte er fortan ein gewisses Mitrauen nicht loszuwerden.
    Zu derselben Zeit, in welcher Regine durch die irdische Klugheit des
geistlichen Herrn gekrnkt wurde, sollte auch ihr Bruder durch hnliche
Gesinnung hoher weltlicher Befehlshaber von seiner Kompanie beschieden werden.
Er war mit seinen Begleitern unter schwedischem Kondukt den Quartieren des
Generalleutnants Knigsmark zwischen Weser und Leine zugeritten. Dort wurden die
Abgesandten in Herberge gelegt, Bernhard selbst durch einen Offizier, der ihm
als Fhrer zugeteilt war, vor das Tafelzelt des Generals gefhrt. Er stand vor
einem ansehnlichen Bau, der nur von auen linnen war, denn an den
zurckgeschlagenen Zipfeln des Eingangs sah man den kostbaren Seidenstoff des
Innern; dafr diente das Zelt auch zur Pracht bei Gastereien und beim Empfange
fremder Besucher. Eine grne Schnur schlo die Umgebung in weitem Kreise ab und
wurde durch Hellebardiere bewacht, welche dem dreisten Andrngen Neugieriger zu
wehren hatten.
    Seine Exzellenz sind noch bei der Tafel, und Ihr werdet Euch gedulden
mssen, sagte der Schwede und fhrte seinen Gast zu einem Haufen von Soldaten
und Offizieren niederer Grade, welche schaulustig auerhalb der Schnur standen.
Bernhard sah lange Reihen reichgekleideter Diener die Speisen in groen
Silberschsseln auftragen, behende Pagen liefen ab und zu oder stolzierten
hochmtig durch die harrende Menge; der Kellermeister brachte einen goldenen
Pokal mit beiden Hnden heran, und hinter ihm schritten seine Kfer mit schweren
Kannen; berall reicher Schmuck und edles Metall, eine Pracht, wie sie Bernhard
noch nirgend geschaut hatte, selbst nicht bei dem franzsischen Marschall, dem
die hungernden Soldaten oft Bses wnschten. Da wurde ihm das Herz schwer, und
er fragte sich zweifelnd, ob der neue Herr besser sein werde als der alte. Er
hatte Zeit zu solchen Betrachtungen, denn die Mahlzeit whrte lange, zuweilen
vernahm er aus dem Innern des Zeltes lautes Gelchter und Rufe nach dem
Mundschenk. Die schwedischen Offiziere, die um ihn her standen, hatten seinen
Gru mit kalter Hflichkeit erwidert und ihn neugierig betrachtet, doch da er
stolz aufrecht stand und wie ein Kriegsmann aussah, der seinen Degengriff
schnell zu finden wei, so begngten sich die Beobachter mit abflligen Blicken
und leisen Bemerkungen. Endlich nach einer harten Geduldsprobe hrte er das
Gerusch der aufbrechenden Zechgesellschaft, die Diener strmten zum Ausgang und
stellten sich in Reihen auf, und die Befehlstrger und Wrdentrger schritten
zwischen ihnen, einzeln oder zu zweien, ins Freie, alle mit gerteten
Gesichtern, mancher mit wankendem Tritt. Wieder verging eine Weile, die
Zuschauer hatten sich verlaufen, und Bernhard stand allein, da kam sein
Begleiter geschftig aus dem Zelt, ihn zur Audienz zu holen.
    Sie durchschritten den groen Raum, in welchem das Mahl aufgetischt worden,
und Bernhard sah die bunten Teppiche der Tribne, auf der die Tafel stand, in
der Mitte den vergoldeten Sessel des Generals mit purpurnem Samt berzogen,
einem Frstenstuhle hnlich, da General Knigsmark als Gubernator von Bremen und
Verden sich den regierenden Herren in Deutschland gleich achtete. Der Offizier
schlug einen Vorhang zurck, und der Rittmeister befand sich zwischen Tapeten,
die aus Gold und grner Seide gewirkt waren, dem berhmten Kriegshelden
gegenber. Der General hatte diesen Ruf wohl verdient durch die Klugheit seiner
Anschlge und wilde Verwegenheit im Gefecht, aber auch durch die Leutseligkeit,
in der er mit seinem Volke zu verkehren wute, wo es galt, zu gewinnen; nicht
zuletzt durch sein prachtvolles und groartiges Auftreten und durch einen
Anschein von sorgloser Verschwendung. Doch die, welche ihm zu kontribuieren
hatten, wuten, da er habgierig zu greifen und festzuhalten verstand. Auch sein
ueres war so, wie es der Soldat an seinem Feldherrn liebt, er hatte das Lob,
ein schner Mann zu sein, und war auch sein Antlitz durch Ausschweifungen
aufgedunsen, die groen feurigen Augen, hoch geschwungene Brauen und eine starke
Adlernase darunter gaben ihm bei seiner stolzen Haltung ein heroisches Aussehen.
Mit kurzem Gru beantwortete er die tiefe Verneigung Bernhards.
    Euer Name und Euer Regiment? Was wart Ihr vor Eurer wilden Reformation?
    Fhnrich in der Leibkompanie.
    Warum seid Ihr nicht Eurem Obersten gefolgt?
    General Rosen ist durch Marschall Turenne verhaftet, und ich bin ein
Deutscher.
    Das bin ich zuletzt auch, sagte der Feldherr, leider ist diese Qualitt
kein Passeport zu einem glcklichen Leben. Und mit gehobener Stimme fragte er:
Warum seid Ihr nicht zum Feldmarschall Wrangel gestoen, der sich doch, wie ich
hre, mehrfach durch Unterhndler um Euch bemht hat?
    Er ist ein Schwede, unsere Vlker aber begehren sich einen Kriegsobersten
von deutschem Stamme, dem sie zutrauen, da er der evangelischen Sache
aufrichtig dient und seinen Soldaten ein redliches deutsches Herz beweist. Der
General hob warnend die Hand, schritt zum Vorhang und sah nach, ob ein fremder
Hrer in der Nhe sei. Dann begann er freundlicher: Soll ich Euch Gutes raten,
Euch und Euren Kameraden, so schweigt von Eurem deutschen Wesen, insonderheit
wenn Ihr mit mir verhandelt. Ich fhre Amt und Befehl von der Krone Schweden und
bin ein treuer Diener meiner Knigin. Bezeuget mir, fuhr er mit lauter Stimme
fort, da ich durch keinen Boten einen Antrag an Euch gesandt und mich in
keiner Weise um Euch beworben, sondern da Ihr freiwillig zu mir kommt und erst
zu fragen habt, ob mir an Euch gelegen ist oder nicht.
    Solcher Antwort waren wir von Ew. Exzellenz durchaus nicht gewrtig,
antwortete Bernhard unwillig. Als in unserm Kriegsrat Euer Name genannt wurde,
gedachten wir, da Ihr als ein erfahrener Feldhauptmann und Held den Wert der
Regimenter besser taxieren wrdet. Zumal auch durch Boten, welche vorgaben, in
Eurem Auftrage zu handeln, einzelnen Kompanien Versprechungen gemacht wurden,
damit dieselben sich Eurem Heere zuwenden mchten.
    Ob meine Obersten Euch in solcher Weise angesprochen haben, wei ich
nicht, antwortete der General, und kann fr Versuche einzelner nicht
respondieren. Von mir selbst ist kein Antrag ausgegangen, und wenn ich Euch
nehme, tue ich es nur auf meine Bedingungen.
    Wir aber, versetzte Bernhard, wollen uns nur auf geschlossenen Vertrag
bergeben, und wir suchen nach teuer erkaufter Experienz einen Herrn, der uns
bei seiner Ehre gelobt, den Vertrag zu erfllen, und dem wir zutrauen, da er
uns das Paktum halte. Ist Eurer Exzellenz an uns nichts gelegen, so habe ich
meinen Bescheid, und ich kann gehen.
    Knigsmark trat auf ihn zu und hob wieder die Hand. Ihr seid kurzab mit
Worten, Herr Abgesandter, das frommt bei solchem Handel nicht, wie Ihr mit mir
begehrt. - Er wies auf eine groe goldene Ehrenmnze, welche er am Halse trug.
Ihr seht die eine Seite der Medaille, mir liegt die andere auf der Brust, und
ich will mit Euch, obgleich Ihr mir fremd seid, in der deutschen Weise reden,
deren Ihr Euch rhmt. Was Euch gefllt, da ich ein Deutscher bin, das gerade
ist mir in Stockholm ein Hindernis fr Gunst und Glck, denn argwhnisch
belauern dort meine Feinde meine Mensuren und warten nur auf einen Vorwand, mich
zu verleumden, als wenn ich mehr an den eigenen Nutzen oder auf den Vorteil der
deutschen Landsleute denke als an den schwedischen. Schon bin ich Euretwegen von
dem Wrangel angefeindet und bei der Knigin verklagt. Ich aber habe keine Lust,
das Schicksal des Friedlnders zu teilen, denn als ein drohendes Schredkbild
lebt sein Abfall in der Erinnerung aller Potentaten. Wenn ich jetzt willfhrig
und mit offenen Armen Euch Emprer empfange, so werde ich selbst geheimer
Anschlge verdchtig, und mir wie Euch wrde das wenig frommen. Darum wiederhole
ich Euch: mir ist wohl bewut, was Ihr wert seid, aber ich kann nicht wie andere
Euch die Hnde drcken und in das Ohr sagen: kommt zu mir, whrend ich mich vor
den Franzosen anstelle, als ob ich Eure Rckkehr zum Turenne betreiben wollte.
Ich sage Euch kurz und gut, begehrt habe ich Euch nicht! Wollt Ihr doch zu mir,
so darf ich's Euch nicht versagen, aber Ihr mt Euch meinem Vorteil fgen. Was
ich Euch bewillige, will ich Euch redlich halten. - Doch wie mir zugetragen
wird, hat sich in Euren Vlkern das Geschrei erhoben: der Soldat msse zu dem
helfen, was die Percken niemals durchsetzen werden, da nmlich dies gedrckte
Deutschland pazifiziert werde. Solche Meinung ist neu und unerhrt in den
Heeren. Habt Ihr diese Gesinnung?
    Auch den Soldaten jammert der allgemeine Ruin, antwortete Bernhard, und
die Weiber und Kinder des Trosses fhlen den Hunger.
    Wenn sie gute Quartiere erhalten, kommen ihnen vielleicht andere Gedanken,
versetzte der General lchelnd, nur im Kriege macht der Soldat seine Fortune.
Jetzt hofieren uns die deutschen Frsten, ist der Friede geschlossen, dann fegen
sie uns durch einen Federbart aus dem Lande. Dennoch, Herr Rittmeister, bin auch
ich dem Frieden nicht abhold, nur da er rhmlich komme und zur rechten Zeit.
    Verzeihet, Herr, die trauernde Germania fragt seit Jahren, wann soll die
rechte Zeit kommen?
    Fr Euch, Herr Abgesandter, wenn Ihr ein gemachter Mann geworden seid,
antwortete der General, und fr andere, wenn sie in gleichem Falle sind. Ihr
scheint mir von der Art zu sein, aus welcher Frau Fortuna ihre Gnstlinge whlt,
ich hoffe, es soll Euch auch bei mir gelingen. Er ging zum Tische und ergriff
ein Blatt: Die Bedingungen Eurer Vlker ber Sold, Quartiere, Dienst sind
mig, und sie werden uns nicht scheiden. Doch was hier nicht verzeichnet steht,
mchte ich von Euch erfahren, da wir allein sind. Ihr seid im Vertrauen der
Offiziere. Was begehren diese unter der Hand fr sich selbst, und was begehrt
Ihr fr Euch als Unterhndler? Da Bernhard ihn schweigend ansah, fuhr er fort:
Meine Kassen sind leer, und hoch drft Ihr nicht fordern.
    Herr General, sagte Bernhard kalt, gestattet mir und meinen Kameraden die
Nachrede zu vermeiden, als wenn wir die Regimenter an Euch verkauften.
    Ihr tut am besten, Geld zu nehmen, riet der General gutmtig, denn mit
anderem kann ich Euch noch weniger gefllig sein.
    Wir Offiziere begehren keine Begabung, die vor den Vlkern geheim bleiben
mte.
    Ich habe Euch fr klger gehalten, versetzte der Schwede trocken. Ihr
werdet noch lernen, da das ganze Wesen der Welt durch zwei Prinzipia regiert
wird, bei den Soldaten heit es: nehmen, was zu greifen ist, bei den Schreibern:
eine Hand wscht die andere.
    Ich habe keinen Auftrag, fr die Offiziere der Kompanien etwas zu fordern,
auer eines, da sie im Befehl belassen werden; und vielleicht, Herr General,
wrde ich mich auch nicht zum Boten eines andern Auftrages hergegeben haben.
    Das tut mir leid um unser Geschft, antwortete der Feldherr, denn wenn
die Fhrer begehren, ihre Kompanien zu behalten, so sage ich Euch geradeheraus,
da ich darauf nicht mit Euch paktiere. Die Ihr als Offiziere bestellt habt,
sind im Tumult aus dem gemeinen Volke gewhlt, es ist unmglich, da sie in
ihren Stellen bleiben. Das wre ein himmelschreiendes Exempel fr alle Zeit,
meine Offiziere wrden sie niemals als ihresgleichen anerkennen, und kurz, ich
sage Euch, soll ich Euch nehmen, so werden die Regimenter neu formiert, die
Obersten und Rittmeister von mir bestellt.
    Euren Willen werde ich dem Kriegsrat mitteilen, antwortete Bernhard mit
Zurckhaltung.
    Das Hin- und Herziehen verdirbt Euch und schadet mir, rief der General,
soll ich abschlieen, so mu es heut geschehen und mit Euch! Sprecht ehrlich,
wie weit knnt Ihr mir nachgeben?
    Wer die Feldbinde des Offiziers getragen hat, wird um seiner Ehre willen
diese nicht ablegen, sagte der Rittmeister finster.
    Das gebe ich zu, versetzte der Feldherr. Die Fhrer der Kompanien mgen
zu Leutnants werden. Nur einer soll seine Kompanie behalten, und der seid Ihr.
Da Bernhard stumm blieb, fuhr der Graf fort: Wollt Ihr diese Abmachung nicht
auf Euren Kopf nehmen, so lat Eure Begleiter darber entscheiden; und ich sage
Euch, eine Mehrzahl wird froh sein, die Kompanie loszuwerden, denn auf die Lnge
wrden sie schlechteren Gehorsam finden als meine Offiziere. - Noch bleibt das
schwerste Stck, fuhr er nach einer Weile fort, was soll ich mit Eurem Fhrer
machen, den Ihr, wie ich hre, General tituliert, obgleich er bei Turenne nur
Wachtmeister war?
    Er hat sich als ein guter Oberst bewhrt im Befehl gegen die Feinde und
gegen die Soldaten, antwortete Bernhard, und das Heer hngt an ihm.
    Um so schlimmer, murmelte der General. Was fordert er fr sich?
    Wollen Ew. Exzellenz observieren, da er es ist, der die Vlker der Krone
Schweden zufhrt, und da er wohl das Recht hat, eine ehrenvolle Anerkennung zu
verlangen.
    Ich sage Euch, mein Sckel ist leer, doch soll es mir auf ein Stck Geld
nicht ankommen.
    Unsere Vlker begehren fr ihn das Amt eines Obersten in einem unserer
Regimenter.
    Das ist wieder unmglich, rief der General. Die Majestt von Schweden
wrde niemals eine solche Ernennung tolerieren und besttigen. Auch kann Euer
Fhrer selbst das Amt nicht wnschen, denn er wrde, bevor acht Tage ins Land
gehen, seiner Ehren durch Degenstiche enthoben sein. Tut ein anderes Gebot.
    Ich bin dazu nicht ermchtigt, antwortete Bernhard.
    So lat mich selbst mit ihm verhandeln, es wird sich dazu Gelegenheit
finden, wenn Eure Regimenter herangekommen sind. Will sich Euer Fhrer mit
Diskretion der kniglichen Gnade anvertrauen, so bin ich bereit, nach Befund der
Sache die Forderung eines migen Ranges zu befrworten, ich selbst wrde mich
auf ein Wespennest setzen, wenn ich mehr tte.
    Mit diesem Bescheid wurde Bernhard entlassen.
    Vor den Abgeordneten des Heeres wiederholte der Feldherr sein Anerbieten. Er
war leutselig, lie Wein kredenzen und trank den Fremden auf baldige Konjunktion
zu. Bernhard erkannte, wieviel dem General daran gelegen war, den Zuwachs zu
erhalten, und wie es ihm auch gelang, die gute Meinung der Abgesandten zu
erwerben; und er hrte mit Verachtung, da schwedische Offiziere mit seinen
Begleitern verhandelten und da leise Worte durch den Klang des Geldes Gewicht
erhielten.
    Als der Rittmeister mit den anderen Abgeordneten zu den weimarischen
Regimentern zurckkehrte, fand er die gemeinen Soldaten nicht in guter Stimmung.
Das Unsichere der Lage und die Strenge des Fhrers, welcher Gewaltttigkeiten
gegen die Einwohner nicht leiden wollte, hatte viele unzufrieden gemacht. Dem
General war durch seine stillen Vertrauten, die er am Lagerfeuer unterhielt,
zugetragen worden, da einzelne Kompanien schon darber handelten, sich gegen
ihn aufzulehnen und einen anderen Befehlshaber zu setzen. Mit bitterem Lachen
vernahm er den Bericht des Freundes. Als dein Schreiben kam, da Herzog Ernst
die Annahme verweigere, da schwand den alten Reitern das Vertrauen. Ich sage
dir, die Undankbaren werden fr sich annehmen und mich preisgeben.
    Was willst du tun?
    Aushalten, rief Wilhelm. Meint Herr Knigsmark, da ich mit seinen
Pfennigen in der Tasche und der Schmach auf dem Haupte von dannen reiten werde,
nachdem ich ihm acht stolze Regimenter zugefhrt? Ich will diese hochmtigen
Schweden noch zwingen, mich zu beachten; denn wisse, den Soldaten wird schnell
die Reue und neue Unzufriedenheit kommen, und sie werden nach einem Mann
aussehen, der fr sie denkt und spricht.
    Mit Gefahr seines eigenen Kopfes, wenn er der Schwedenknigin den Eid
geleistet hat.
    Sorge nicht um mich, sagte der General, ich bin vorsichtig und will ihnen
mit ihrer Mnze bezahlen.
    In groer Versammlung der Offiziere wurde die Antwort des Schweden
verhandelt und den Vlkern zur Entscheidung vorgelegt; und der Soldat entschied,
wie Wilhelm vorausgesagt, bereitwillig fr den Marsch zum Knigsmark.

                              Die beiden Sibyllen


Regine sah jetzt von der Hhe des Schlosses auf die Stadt herab und in die blaue
Ferne, wo sie sich den lieben Bruder beim Heere des Schweden dachte. Sie war
halb als Dienerin, halb als Gast in den frstlichen Haushalt aufgenommen und
hatte auch hier die Freude, sich ein wenig ntzlich zu machen. Sie gefiel der
Frau Herzogin, einer ruhigen Dame, welche ihrem Herrn mit Bewunderung und Liebe
zugetan war und ihre Pflichttreue whrend einer langen Ehe durch die Geburt von
achtzehn Kindern erwies. Obgleich damals von diesem groen Segen nur die ersten
Offenbarungen sichtlich waren, so fand die erlauchte Frau doch bereits ihr Glck
in stiller Huslichkeit, indem sie Kche, Wsche und Silberzeug des frstlichen
Haushalts berwachte und einen groen Teil ihrer Zeit im Sessel bei vornehmer
Arbeit verlebte. In solchen Stunden sa Regine oft auf dem Bnkchen zu der
Herzogin Fen, und da der oberdeutsche Klang ihrer Sprache den Herrschaften
wohlgefllig war, so wurde ihr das Amt zuteil, Predigten und anderes Erbauliche
vorzulesen. Das tat sie mit Eifer, und sie hatte zuweilen auch Gelegenheit,
darber eine bescheidene Meinung gegen den Herrn Lizentiaten auszusprechen,
dessen stillen Gru sie tglich in den Gemchern der Herzogin empfing. Der
Herzog selbst aber, der sonst den Frauen der frstlichen Kammer keine
auszeichnende Beachtung zuwendete, fuhr fort, an seinem Schtzling ein
besonderes Wohlgefallen zu empfinden. Er dachte zuweilen an das unschuldige
Gesicht und das verklrte Lcheln, welches er an der Schlummernden beobachtet,
dann nahm er das Blatt hervor, auf welchem der Lizentiat die kurzen Reden
Reginas verzeichnet hatte, und nhrte den Wunsch, wichtigere Enthllungen von
ihr zu erhalten. Ja, ihm begegnete, da er einst die Tr zu den Zimmern seiner
erlauchten Gemahlin ffnete und hinter dem Vorhange stehenblieb, als er die
erzhlende Stimme des Mdchens hrte. Aber da sah er die Herzogin vor einer
Tafel sitzen und um sie die Kammerfrulein, welche, mit Schrzen ber den
Kleidern, gerade an Glsern mit Eingesottenem hantierten, er vernahm, da seine
junge Sibylle im Eifer sagte: Ihrer herzoglichen Gnaden empfehle ich den
Nrnberger Brauch, denn dort kochen sie die Latwerge mit Birnmost. Und dem
Herrn mifiel, da eine der Frauen widersprach und den Widerspruch schonungslos
mit Grnden sttzte.
    Doch auch ihm glckte nicht, die Fremde in der erwnschten Ttigkeit zu
beobachten. Allerdings, wenn das Kammerfrulein, welches bei Nacht auf hohen
Befehl Reginas Genossin war, pflichtgem ber den Schlummer ihrer Nachbarin
berichtet htte, so wre mancherlei Prophetisches zu melden gewesen, aber das
Frulein wurde durch die flehentlichen Bitten Reginas veranlat, nichts zu
sagen. Und es schwieg um so lieber, als auch die Hofmeisterin der Ansicht war,
da dem ganzen adeligen Frauenzimmer wenig daran liegen knne, wenn eine
Landfremde durch mondschtige Reden bei Hofe zu einer unerhrten Distinktion
gelange.
    Aber nur kurze Zeit sollte Regine in lichter Hhe atmen; vom Walddorfe her
zog schwarzes Gewlk heran gegen ihren Frieden und gegen das Glck des Bruders.
    In dem Amtsschreiber kmpften durch einige Wochen Furcht und Eifersucht
gegen die alte Begehrlichkeit, mit welcher er nach dem Besitz der Jungfer Judith
und ihres Hauswesens strebte. Er hatte mit grimmigem Ha Bernhards Wege belauert
und in jener Nacht vom Rande des Gehlzes der Suchenden zugesehen. Ihr Werk war
ihm unheimlich erschienen, obgleich er sonst im stillen die landlufige Angst
vor Zauberknsten verachtete. Aber die Scheu vor ihrer geheimen Wissenschaft
legte ihm auch den Gedanken nahe, da er als ihr Hausherr dadurch allerlei fr
sich gewinnen knne. Endlich bedachte er, da der Fremde davongezogen sei und
wohl nicht wiederkommen werde, und wagte sich in das Haus der Jungfrau, mit der
Absicht, ihr einen Antrag zu machen. Aber er lief nach kurzer Zeit zornig
heraus, sattelte mit bsem Blick sein Pferd und ritt nach der Stadt.
    Am nchsten Morgen rollte ein groer Wagen, von Bewaffneten geleitet, dem
Walddorfe zu, das gesamte Konsistorium des Landes befand sich darin, drei
weltliche Richter und drei geistliche, unter diesen der Schloprediger, und
neben dem Kutscher hockte ein Schreiber. Die Herren saen in wrdigem Ernste
wegen des schweren Handels, der ihnen bevorstand. Mehrere Jahre hatte Satan sich
begngt, seine Gegenwart durch die Versuchungen zu erweisen, welche er
unzweifelhaften Christen in den Weg warf, aber er hatte den Geplagten kein
frmliches Paktum zugemutet, jetzt jedoch war Aussicht vorhanden, wieder eine
groe Jagd auf den alten Bsewicht mit aller gesetzlichen Feierlichkeit
anzustellen. Darum fhlten die Herren neben der Verwunderung und dem Grausen
auch das dstere Behagen, welches mit jeder schweren Pflichterfllung verbunden
ist.
    Sie waren kaum vor der Wohnung des Pfarrers abgestiegen, so flog, whrend
sie sich noch durch mitgebrachtes Frhstck fr die bevorstehende Arbeit
strkten, die Kunde von der Neuigkeit durch alle Htten des Dorfes. Wer das
Geheimnis zuerst ausbrachte, htte niemand zu sagen vermocht, aber alle wuten
darum; die Leute liefen aus den Husern, starrten nach der Pfarre, flsterten
einander ins Ohr oder rangen die Hnde, und wiesen mit heftigen Bewegungen nach
dem Hause, das einsam jenseits des Baches stand. Zu den ersten gehrte die alte
Ursel selbst, die sich wohl bewut war, da die Leute mancherlei von ihr
argwhnten; sie lief von der Wiese, auf welcher sie Wsche bleichte, in den Hof
zurck.
    Judith sa auf dem Ehrensitz, den vor kurzem ein anderer innegehabt. Sie
folgte mit ihren Gedanken dem Lauf eines trabenden Rosses, wiederholte seine
Reden, und ihr Auge leuchtete frhlich, wenn ihr die Worte in der Erinnerung
besonders gefielen. Da schrie die alte Dienerin entsetzt in der Tr: Die
Richter sind im Dorfe, sie sind gekommen, Hexen zu brennen.
    Sie meinen dich, rief Judith aufspringend.
    Und noch eine, antwortete scheu die Alte. Judith hielt die Hand vor die
Augen. Sie hatte nach dem rosigen Himmel geschaut und stand pltzlich vor einem
ghnenden Abgrund. Im nchsten Augenblick gebot sie: Entflieh! und wies nach
der Gegend des Rennstiegs. Sie selbst setzte sich wieder zu der Arbeit. Sie
lauschte auf die Tritte der Alten, vernahm, wie diese hastig im Flsterton mit
dem Knaben sprach, sie hrte die Hinterpforte knarren und sah von ihrem Stuhl
durch das Fenster, ob ein Spher in der Nhe sei. Dann rief sie den Knaben,
holte aus der Truhe ein verschnrtes Bund, welches Bernhard bei ihr
zurckgelassen, tat es in einen Korb und gab es dem Kleinen. Dies gehrt deinem
Herrn, birg es in einem Versteck und trag es zu seiner Schwester; bitte, da sie
fr dich sorgt, denn ich frchte, Kind, du wirst bei mir nicht lnger bleiben
drfen.
    Die schwarzen Mnner mgen sich in acht nehmen, drohte Pieps, mein Herr
wird ihnen die Wege zeigen.
    Judith lchelte. Als der Knabe mit dem Korbe verschwunden war, schlug sie
die Bibel auf, in welche der Vater ihr fr die Todesnot einen Spruch geschrieben
hatte, legte die Hnde darber und neigte das Haupt, dann setzte sie sich wieder
in den Lehnstuhl vor das Spinnrad. Sie dachte, ob der Knabe auch noch Mittagbrot
erhalten und ob die Ble versorgt sei, aber sie stand nicht auf, um nachzusehen.
Sie sa still und starr und fhlte dabei, wie ihr das Atmen schwer wurde, und
da sich langsam etwas Unbekanntes, Furchtbares auf ihre Brust legte.
    Unterdes fanden die Herren Kommissare viel zu verhren und
niederzuschreiben. Zuerst hatten die Dorfleute scheu von fern gestanden, und der
Amtsschreiber hatte den einen und den anderen zu den Richtern hineinziehen
mssen mit der harten Bedrohung, da das ganze Dorf der Zauberei verdchtig
werde, wenn man nicht aussage. Allmhlich gerieten die Leute selbst in
wahnsinnigen Eifer; was ihnen im Anfange als unglaublich und ungeheuerlich
erschienen war, das wurde unter dem Hin- und Herreden wahrscheinlich. Viele
wollten etwas beobachtet haben, und zuletzt drngten sich die Schwachen und
Einfltigen zum Verhr. Nicht alle Nachbarn, man sah auch traurige Mienen und
zornige Gebrden, aber die so gesinnt waren, standen furchtsam beiseite.
    So geschah es, da am Nachmittage eine lange Reihe gefhrlicher
Beschuldigungen gegen die Jungfrau jenseits des Baches gesammelt war, von der
Dienerin Ursula ganz zu schweigen, da das Konsistorium diese nach fast
einstimmiger Versicherung der Zeugen fr eine Haupthexe halten durfte. Aber auch
die Zauberkunst der Jungfrau war den Herren wahrscheinlich geworden. Sie hatte
in Krankheiten geholfen, wo der Stadtmedikus vergeblich angegangen worden, durch
belschmeckende Trnke, durch Auflegen der Hnde, ja sogar durch ihre bloe
Nhe. Sie hielt zwei schwarze bezauberte Vgel, welche sich vor anderen Menschen
als Amseln gebrdeten, sie hatte bei Raubeinbrchen wiederholt ihr Haus
unsichtbar gemacht, die Ble gab eine unnatrliche Menge Milch; Leute, welche
bel von ihr gesprochen hatten, waren pltzlich erkrankt, mehrere Kinder hatten
erst vor kurzem in ihrer Dachluke einen Kobold oder Hausgeist in Gestalt eines
Kindes mit roter Mtze gesehen, der gegen sie die Zunge ausgestreckt hatte; dazu
kam vieles andere, was nach allgemeinem Glauben von Zauberinnen verbt wurde.
Auch das Zeugnis des alten Pfarrers war nicht gerade gnstig. Er gab zu, da sie
als Pfarrerstochter mit den Geheimnissen des Glaubens wohlbekannt sei und da
sie regelmig dem Gottesdienst und der Kommunion beigewohnt, indes habe sie
sich niemals durch besonderen Eifer bemerkbar gemacht, auch lobte er, da sie
stets den Schein eines bescheidenen und ehrbaren Wesens bewahrt habe, dennoch
mute er auffllig finden, da die Dorfleute und die ganze Umgebung eine gewisse
Scheu und unerklrliche Furcht vor ihr gehabt, und er konnte nicht leugnen, da
ihr seit Jahren jedermann geheimnisvolle Knste zugetraut habe. Sie sei
allerdings gegen viele hilfreich gewesen, doch bleibe immer noch der Zweifel
brig, ob dies nicht aus Schlauheit geschehen sei, um gute Meinung zu gewinnen;
auch sei ihm zuweilen auffllig geworden, da ihre Heilungen nicht lange Bestand
gehabt und da die Genesenen bei nchster Gelegenheit wieder in harte Krankheit
gefallen waren; und wenn ihm selbst auch sehr schwer werde, daran zu glauben,
da eine Jungfrau, welche von geistlichen Eltern stamme, sich auf Zauberei
eingelassen, so sei doch sicher, da die fromme Jungfer Knigin, welche jetzt
unter herzoglicher Protektion in der Stadt weile, in einer ihrer Visionen
zweifelhaft von dem Glauben der Angeklagten gesprochen habe.
    Es war Nachmittag geworden, als die Kommissare sich aus dem Pfarrhofe mit
feierlichem Schritt nach der Wohnung Judiths bewegten und die Bewaffneten an der
Pforte aufstellten. Hinter ihnen zog die ganze Gemeinde und umringte neugierig
das Haus; whrend die einen erschreckt und traurig auf die Fenster starrten,
dachten die Schlechtesten bereits daran, da Haus und Hof begehrenswerte Dinge
enthielten, welche besser in ihren Htten als in den Hnden der Richter
aufgehoben sein wrden.
    Judith stand allein in der Stube, sie wute jetzt, da sie schutzlos dem
Untergange preisgegeben war durch eine Anklage, welche grere Todesgefahr
brachte als der Bi einer Kreuzotter an heiem Tage. Aber ihr Schmerz war in
diesem Augenblick niedergekmpft, hochaufgerichtet und in stolzer Haltung trat
sie den Herren gegenber, so da diese mit mehr Hflichkeit und Vorsicht, als
vorher in ihrer Meinung gewesen war, das Verhr begannen. Sie begutachteten
Kruter und Flaschen und sorgten dafr, da der Vorrat, welcher unheimliches
Rstzeug des Bsen sein konnte, aus dem Zimmer entfernt wurde. Judith antwortete
auf alle Fragen ruhig, sicher und mit klugem Bedacht. Sie erzhlte, da sie ihre
Heilkunde von dem verstorbenen Vater erlernt, sie ffnete die Kammertr, und als
ein schwarzer Vogel hereinflog, stellte sie ihm die Bibel hin, und der Vogel
setzte sich nach einem Wink darauf und pfiff seine Weise, so da der alte
Konsistorialrat Glassius laut sagte: Mir wird leichter ums Herz, denn dieser
Vogel scheint durchaus eine natrliche Amsel, bis einer der Kollegen das
Titelblatt des heiligen Buches aufschlug und, nach dem Druckort sehend,
bedeutsam sagte: Schismatisch. Da wurde der Vogel noch verdchtiger, als er
gewesen. Judith lchelte stolz, als das rote Kppchen des Hausgeistes erwhnt
worden war, und sie antwortete: Den hochehrwrdigen Herren ist ja bewut, da
Kinder und Erwachsene auf dem Lande berall Erdmnnchen und Hausgeister sehen.
    Als sie gefragt wurde, wo ihre Dienerin Ursula sei, erklrte sie, das nicht
zu wissen, und als ihr die uerung Reginas zu Gemte gefhrt wurde, antwortete
sie kurz: Ich war der Jungfer fremd, und setzte nach einer Weile in herbem
Tone hinzu: Ich denke, es geschah ihr ein groer Dienst, da sie von mir weg
nach der Stadt geholt wurde.
    So stark war der Eindruck, welchen ihr festes Benehmen auf die Verhrenden
machte, da sie milder gestimmt wurden und sich der Ansicht zuneigten, die
Hauptschuld der Angeklagten sei am Ende nur ein verwegenes Kochen von Krutern,
welches mit Kirchenbue und strenger Gefngnishaft zu shnen wre. Doch freilich
blieb einiges sehr Bedrohliche zurck, vor allem als schwere Anschuldigung, da
sie in der Nacht an unheimlicher Stelle im Walde bei zauberischem Werk gesehen
worden war und bei ihr der alte Versucher in Gestalt des wilden Jgers. Als sie
darber befragt wurde, rtete sich ihr bleiches Gesicht, und sie schwieg
hartnckig, so da die Herren einander kopfschttelnd ansahen. Und als der
verhrende Richter darauf mit grerer Strenge ber ihren vertraulichen Verkehr
mit dem hllischen Nachtjger zu inquirieren begann, da brach ihr emprtes
Gefhl leidenschaftlich heraus, und sie rief mit blitzenden Augen: Schmach und
Schande ber die Herren, da sie es wagen, einer ehrbaren Jungfrau so schamlose
Fragen zu stellen. Htte ich die Macht, ich wrde euch aus dem Hause jagen, wie
man einen bsen Hund hinausjagt. Sie schlug die Arme bereinander, blieb stumm,
und keine Drohung mit Gewalt und peinlichem Verhr vermochte ihr fortan ein Wort
abzugewinnen. Da freilich erkannten die Richter das verhrtete Gemt und da der
Proze mit aller Strenge durchzufhren sein werde, und weil auch der Tag
dahinschwand und das Abenddunkel die Stube der Zauberin noch unbehaglicher
machte, als sie sonst schon war, so wurde das Protokoll schnell geschlossen. Der
Jungfrau ward mitgeteilt, da sie in Haft sei, und da das Dorf kein Gefngnis
hatte, wurde zur Behtung der Gefangenen, sowie zu der nicht weniger
wnschenswerten Bewahrung ihrer Habe befohlen, da zwei Bewaffnete bei Tag und
Nacht an dem Hause wachen sollten. Der Schloprediger aber, dem vieles an der
Gefangenen gefallen hatte, vielleicht auch, da sie der Jungfer Regine ohne
Zuneigung gedacht, bestand darauf, da ihr als einer Pfarrerstochter bis nach
gefllter Sentenz eine christliche Frau aus dem Dorf zur Beschaffung des
notwendigen Lebensunterhaltes beigeordnet werde. Als die Leute drauen gefragt
wurden, wer das Amt bernehmen wolle, war niemand bereit; endlich trat ein
halbwchsiges Mdchen hervor und sagte weinend: Sie hat meine Mutter in der
letzten Krankheit gepflegt. Der liebe Gott wird mich nicht verstoen, wenn ich
zu ihr gehe. Da die Richter ungern die eigene Rckfahrt aufschieben wollten,
nahmen sie das Mdchen schleunig in Pflicht, verschlossen das Haus und bergaben
den Schlssel dem Pfarrer.
    Als die Haustr zugeschlagen wurde, klang aus der Stube ein gellender
Schrei, dann wurde es still. Es war der Angstruf eines Weibes, welches von
seiner Liebe und dem Leben geschieden ward.
    Der Amtsschreiber eilte in den Stall, um die Kuh Ble und, was ihm noch mehr
am Herzen lag, den Zelter in seine Verwahrung zu nehmen; aber er sah erstaunt,
da das Pferd verschwunden war. Da erst fiel ihm der fremde Knabe ein, und er
fragte die Umstehenden nach diesem, doch auch ihn hatte niemand gesehen.
    Am nchsten Morgen fand der Schreiber sein Hoftor geffnet und sein eigenes
Pferd, einen tchtigen Klepper, gestohlen; die Spuren fhrten aufwrts nach den
Bergen, sie wurden endlich unsichtbar, und alle Nachforschung im Walde war
vergebens. Zu Regine aber kam in derselben Stunde ein Schlomdchen: Drauen am
Tor steht ein Knabe, welcher der Jungfrau ein Geschenk bergeben soll, er hat es
eilig, doch will ihn die Wache nicht einlassen.
    Wie sieht er aus? fragte Regine neugierig und ging nach der Antwort herab
zum Tore. Dort sa Pieps auf der Bank; er nahm in Gegenwart der Trabanten, die
ihn argwhnisch betrachteten, hflich die Mtze ab und bot einen Korb: Dies
soll ich zur Verwahrung bergeben. Und leiser setzte er hinzu: Euer Zelter
steht in der Herberge am Tor, er ist fr schnellen Ritt nicht zu gebrauchen. Wo
liegt der Knigsmark? Regine sah erstaunt die verstrte Miene und die rollenden
Augen des Knaben.
    Hinter Gttingen.
    Und wo liegt Gttingen? fragte Pieps wieder. Weist mit der Hand nach der
Richtung. Als Regine die Himmelsgegend gezeigt hatte, so gut sie wute, grte
der Knabe wieder und lief den Berg hinab, bevor sie ihn ausfragen konnte. Sie
trug den Korb in ihre Kammer, fand Sachen des Bruders darin, welche ihm lieb
waren, und machte sich Gedanken ber die geheimnisvolle Sendung.
    Als sie aber einige Stunden darauf allein im Vorzimmer der Herzogin sa,
trat der Lizentiat Hermann ein. Regine hatte seinem ehrerbietigen Grue jeden
Morgen freundlich gedankt und zuweilen nach der Tr gesehen, wenn die Stunde
kam, in welcher er durch das Zimmer schritt, zuweilen auch, wenn er sie
anzureden wagte, hatte es ein Wechselgesprch gegeben, an welches Regine den Tag
ber dachte. Heut sah sie wieder freundlich nach ihm hin, aber befremdet
erkannte sie den dsteren Ernst seiner Miene. Schneller als sonst kam er auf sie
zu und begann: Die werte Jungfer Knigin bitte ich an den Spruch zu denken:
Denen, die Gott lieben - und ferner an den zweiten: Wen der Herr liebhat -.
    Ich denke daran, sagte Regine aufstehend und neigte das Haupt.
    Denn, fuhr Hermann fort, ich habe mitzuteilen, was sowohl klglich als
schrecklich ist, und ich bitte instndig, da die liebe Jungfer nicht den Boten
entgelten lasse, was er wahrlich in tiefem Mitgefhl sagen mu.
    Was ist dem Bruder geschehen? fragte das erschreckte Mdchen.
    Nicht dem Bruder, antwortete der Lizentiat, sondern der Jungfer im Walde.
Sie ist wegen Zauberei angeklagt und gestern im Dorfe von einem hohen
Konsistorium verhrt worden.
    Sie ist von schlechten Menschen verleumdet, rief Regine, hnderingend.
    Sie wird als Gefangene in ihrem Hause verstrickt gehalten, versetzte
Hermann, und wie ich vernehme, liegen schwere Anschuldigungen vor.
    Sorgt nicht, sprach das Mdchen mit bebender Stimme, ihre Unschuld wird
sich ergeben.
    Ich bitte die Jungfer, sich der gewichtigen Worte zu erinnern, welche mir
dieselbe auf der Reise hierher sagte, fuhr der junge Mann feierlich fort, da
uns nur die Liebe aus unserem traurigen Zustande erretten kann, und da diese
Liebe selten ist auch bei den Richtern. Es sind verlorene Stimmen in der Wste,
welche seither gegen das grausame und ungerechte Verfahren in zauberischen
Hndeln protestiert haben, und ich frchte, viele Unschuldige werden geopfert,
bevor einmal ein Schuldiger getroffen wird. Ich kenne die herzbrechende Klage,
welche ein Unbekannter in einem lateinischen Bchlein gegen die Grausamkeit der
gerichtlichen Prozedur verffentlicht hat, und ich habe seitdem solche Anklagen
beachtet, aber ich habe niemals gesehen, da die Angeklagten sich zu retten
imstande waren.
    Ich mu zu ihr, rief Regine.
    Weil ich solchen Entschlu fr mglich hielt, habe ich gewagt, die Jungfer
in dieser Sache anzureden mit flehentlicher Bitte, solchen Gedanken nicht
auszufhren, denn Euch selbst bedroht die Gefahr.
    Mich? fragte Regine, das Haupt hebend. Was kann mir geschehen?
    Wer einer Gemeinschaft mit den Angeklagten bezichtigt wird, ist verdchtig,
und wer verdchtig wird, der ist verloren.
    Ich aber will Zeugnis geben fr sie, rief Regine, was mir auch darum
geschehe.
    Die Jungfer kann nichts bezeugen, als ihres Herzens Meinung zum Mifallen
der Richter. Knntet Ihr der Jungfrau Mring dadurch auch nur einen migen
Dienst erweisen, so wrde ich, obgleich mit blutendem Herzen, vermeiden, Euch
abzuraten. Von den Richtern aber wird Eure unschuldige Aussage nur zum Schaden
der anderen gedreht und umgedeutet werden und ihr Schicksal verschlimmern.
    Fhrt mich zum Herzog, da ich ihn anflehe.
    Auch dies widerrate ich, bat der Kandidat, denn der Herzog wird in
solchem Falle sein frstliches Belieben gegenber der gerichtlichen Prozedur
niemals geltend machen, zumal da diese Prozedur vorgibt, sich sowohl auf
gttliches als menschliches Recht zu sttzen. Mir ist bewut, da bei jedem
Prozesse dieser Art unsern frommen Herrn herzliche Angst beunruhigt, aber er ist
selbst in seinem Leben so schwer durch die Bosheit der Menschen gekrnkt worden,
da er fr eine teure frstliche Pflicht hlt, der Macht des Satans durch
scharfes Verfahren entgegenzuarbeiten.
    Das Mdchen stand mit gerungenen Hnden, und auch dem Lizentiaten zitterte
die Stimme, als er fortfuhr: In bitterer Sorge um die liebe Jungfer selbst wage
ich nur eine Bitte: handelt in dieser schweren Prfung nach dem Glauben, welchen
Ihr bekennet; stellt alles dem anheim, bei dem allein Hilfe ist, verbergt vor
jedermann die groe Bewegung Eures Gemtes und lebt in dem Vertrauen, da
zuletzt alles wohlgemacht wird, wenn auch die Wege fr uns unerforschlich sind
und zuweilen menschlichem Verstand furchtbar erscheinen.
    Ach, Herr, klagte das Mdchen, innerer Friede wird uns nur zuteil, wenn
wir vorher alles getan haben, was unsere Pflicht ist, und ich vermag den
Gedanken nicht zu ertragen, da ich in scheinbarer Ruhe leben soll, whrend
eine, die gtig gegen mich war, in Todesgefahr ringt.
    Gerade um ihretwillen sollt Ihr Euch fassen, denn wenn es noch mglich ist,
zu seiner Zeit den Herzog gnstig fr die Angeklagte zu stimmen, so kann das mit
Eurer Hilfe und durch Euer Zeugnis nur geschehen, wenn Ihr selbst keinerlei
Leidenschaft und geheime Verstrung offenbart.
    Ich will mich mhen, antwortete Regine, tief aufatmend, so zu sein, wie
der Herr fr heilsam erklrt; ich bitte aber, mich Schwache dadurch zu strken,
da Ihr mich unter den fremden Herrschaften hier nicht trauriger Ungewiheit
berlat, sondern mir aufrichtig mitteilt, wann ich vor dem Herzoge meine Stimme
erheben darf. Das versprach der Lizentiat, hingerissen von ihrem Schmerz, aber
er gedachte auch, sie selbst soviel als mglich vor der Gefahr zu schtzen, die
er fr sie voraussah.
    Unterdes jagte ein Knabe in gestrecktem Rosseslauf auf der Landstrae dahin.
Die heie Julisonne brannte ihm die Haut, und der Gewitterregen durchnte das
Kleid, aber unverrckt suchte sein Auge am Himmel und auf dem Wege die Richtung
nach Norden. Traf er Leute auf der Landstrae, so fuhr er in schnellstem Rennen
vorbei oder umritt sie in weitem Bogen. Mehr als einmal wurde er angehalten,
dann log er, sein Herr sei als Bote des Knigsmark von Rubern berfallen, er
selbst habe sich auf dem Pferde eines Rubers gerettet und eile mit der blen
Kunde zum General. Zuweilen fhlten die Leute Mitleiden, wiesen ihm den Weg und
boten ihm einen Trunk und Brot; einmal griff die begehrliche Hand eines
Strolches nach dem Zgel, aber sie zuckte, von dem scharfen Messer des Knaben
geschnitten, zurck, und die Drohungen des Mannes verhallten hinter dem
Flchtigen. Am Abend des zweiten Tages brach das Pferd zusammen, er lie es
liegen, ohne sich danach umzuwenden, und lief zu Fu weiter. Bei Gttingen kam
er in die Wegspuren seiner Regimenter; er fand Weiber des Trosses, die er
kannte, und erfuhr von ihnen, da der Heerhaufen einen Tagemarsch nordwrts an
der Leine rastete.
    Denn dort sollten die weimarischen Regimenter sich mit dem kleinen Heere des
Generals Knigsmark vereinigen. Der Herr empfing die Anziehenden auf freiem Feld
in groem Ornate, er hatte sein Heer so aufgestellt, da es von drei Seiten
einen freien Raum umfate, und Wilhelm wies mit herbem Lcheln seinem Freunde
Bernhard die schwedischen Kanoniere, welche mit brennender Lunte bei ihren
Geschtzen standen. Die von Weimar zogen gegenber in Reih und Glied auf, jedes
Regiment gefolgt von seinem Tro. Die Beritte muten sich drngen, weil, wie die
schwedischen Offiziere bedauernd sagten, Mangel an Raum war. Wilhelm trabte mit
seinem Gefolge vor und begrte den Feldherrn, welcher, den Hut abnehmend,
dankte. Darauf rief der weimarische Feldoberst mit heller Stimme die Namen der
Regimenter, und als von jedem der laute Gegenruf unter den geschwungenen
Standarten: Hier Alt-Rosen! Hier Taupadel! geantwortet hatte, meldete er, zum
Schweden gewandt: Herr Generalleutnant, wir alle sind bereit, der Krone
Schweden den Eid zu leisten.
    Knigsmark bewegte sich einige Schritte vorwrts und fragte berrascht:
Auch Ihr? - Und als Wilhelm hflich bejahte, fragte er weiter: Auf meine
Bedingungen?
    Auf Eure Bedingungen, wiederholte der andere.
    ber den gesenkten Standarten und Fahnen wurden von schwedischen Offizieren
die neuen Farben befestigt. Dann ritten die weimarischen Offiziere vor der Front
in groem Ringe zusammen, der Eid wurde ihnen verkndigt, und sie schworen mit
aufgereckten Fingern, als erster Wilhelm.
    Nur Bernhard schwenkte den Hut zum Abschiede gegen die Standarte seiner
Kompanie, rief dem Volke zu: Lebt wohl, Kameraden, und ritt, gefolgt von
seinen Knechten, zur Seite.
    Nach den Fhrern wurde der Soldat regimenterweise in Pflicht genommen.
Knigsmark beobachtete whrend der Zeremonie mit stillem Triumph seinen neuen
Erwerb und konnte sich nicht enthalten, zuweilen seiner Freude laute Worte zu
geben, denn er sah narbige Gesichter, sehnige Gestalten, wie aus Erz gegossen,
und die sichere Haltung kampfgewohnter Mnner. Aber er merkte auch an vielen
finstere und traurige Mienen und erkannte, da sie nicht freudig zu ihm kamen,
sondern im Gebote harter Not. Als er so prfend von seinem Platze die Front
entlang ritt, kam er in die Nhe Bernhards und begann:
    Wie, Herr Abgesandter? Ihr seid der einzige, der nicht gut schwedisch sein
will?
    Die Ehre verbietet mir, meine Kompanie abzugeben, und sie verbietet mir
auch, als dem einzigen unter meinen Kameraden, die Kompanie zu behalten,
entgegnete Bernhard.
    Ich htte andere, die ich hier sehe, lieber gemit als Euch, sagte hflich
der General. Gewinnt Ihr einmal Lust zu schwedischem Dienst, so kommt zu mir.
Verlat Euch auf mein Wort, ich schaffe Euch eine Bestallung.
    In der Herberge wartete Bernhard lange vergeblich auf den Freund, welcher
zum Generalleutnant entboten war. Als Wilhelm eintraf, warf er sich finster in
einen Sessel und drckte den Hut tief in die Augen. Der General meint, er habe
mich beseitigt, aber er knnte sich irren. Merk auf! Die Regimenter sind unter
dem Vorwand guter Quartiere weitlufig auseinandergelegt, um den Verkehr
zwischen ihnen zu erschweren, sie werden neu formiert, je zwei und zwei zu einem
vereint mit neuen Standarten und neuen Obersten.
    Das haben wir erwartet, und der Schwede ist in seinem Recht, warf der
Freund ein. Jeder Feldherr wrde ebenso verfahren.
    Mich wundert, da du den Schweden lobst, sagte Wilhelm mitrauisch.
    Ich habe mich seinem Dienste versagt, versetzte Bernhard ruhig, aber ich
will ihn nicht unbillig verurteilen. Doch am meisten liegt mir auf der Seele:
was ist aus dir geworden?
    Ein Oberstleutnant ohne Kommando, sagte Wilhelm bitter.
    Auch das ist fast mehr, als wir erwartet haben.
    Meinst du? fragte der Unzufriedene. So hre denn, der General pries mit
glatten Worten meine Fhrung und rhmte sich, da er dem schwedischen
Kronkommissar, der ihm als Wchter gesetzt sei, mein Patent abgerungen habe; er
fgte mit falscher Freundlichkeit hinzu, da er sogleich meine Dienste fordern
msse; mit vertrautem Schreiben soll ich morgen bei Anbruch des Tages zum
Feldmarschall Wrangel. Verstehst du, was das bedeutet? Ich soll getrennt werden
von unseren Vlkern, und sie werden dafr sorgen, mich in der Ferne
festzuhalten, bis sie hier nach ihrem Gutdnken reformiert haben. Du hast den
besseren Teil erwhlt, Bernhard, dennoch denke ich, du sollst von mir hren.
Gre deine Schwester und sage ihr, meine weltliche Kunst, andere zu behandeln,
habe mir schlechten Lohn eingetragen. Zuletzt hat mir keiner Dank gewut, nicht
unsere Leute, nicht die Fremden.
    Ich aber, antwortete Bernhard, fr gute Kameradschaft in guten und
schlechten Tagen. Das will ich dir sagen, bevor wir scheiden. Denn du sollst
jetzt fr dein Glck unter den Schweden sorgen, ich aber werde mit leichtem
Herzen und frhlichem Mut zum Ehemann und Hausvater.
    La Wein auftragen, mein Bruder, rief Wilhelm, wir wollen noch einmal wie
Studiosen zusammensitzen, wir wollen denken, da die ganze Kriegsfahrt zu Ehren
Deutschlands und da unser Heerbefehl nichts anderes war, als ein
Studentenknigreich, das wir am heiligen Dreiknigsabend angestellt haben. Jetzt
sind alle unsere Mannen von der Bank gefallen, wir beide aber sitzen fest. Wer
am lngsten auf dieser Erde den Becher hebt, der bleibt Sieger.
    Die Tr wurde aufgerissen; bei dem trben Licht sah Bernhard eine kleine
Gestalt, welche mit wankendem Schritt auf ihn zukam. Vor seinen Fen brach der
Bube zusammen. Bernhard beugte sich zu ihm nieder, und das matte Kind flsterte
ihm wenige Worte in das Ohr. Da sank auch der starke Mann, wie von einem Schlage
getroffen, zurck, und das Blut wich aus seinem Angesicht.

                                  Die Rettung


Nach heien Sonnentagen trieb der Nordwind dunkle Regenwolken ber das Land.
Regine blickte durch das Fenster auf ein glhendes Abendrot, welches am Horizont
unter dem schwarzen Wolkendach wie eine ungeheure Feuersbrunst aufleuchtete.
Auch das heitere Licht ihrer Lebenstage war geschwunden; die Angst war seit der
letzten Nachricht, die der Lizentiat zutrug, so gro geworden, da ihr
verstrtes Wesen im Schlosse auffiel und die Herzogin ihr heut gtig geraten
hatte, der Unplichkeit nicht zu trotzen, sondern sich ruhig in der Kammer zu
halten. Sie fuhr zusammen, als der alte Diener des Frauengemaches eintrat und
ein Brieflein berreichte, welches ein Mann fr sie am Tore abgegeben hatte. Sie
las die Zeilen, ergriff ein Regentuch und strzte hinaus. Auf dem Korridor
vernahm sie hinter sich schnelle Tritte und die ngstliche Frage des
Lizentiaten: Was ist Euch zugestoen?
    Ich habe einen Gang vor, antwortete Regine zitternd.
    Will mir die Jungfer nicht gestatten, sie zu begleiten? bat Hermann. Ihr
seid ganz auer Euch.
    Drft Ihr versprechen, gegen jedermann zu schweigen, sagte Regine in Hast,
so tut Ihr mir einen Gefallen, wenn Ihr mich zu der Schenke fhrt, welche
drauen beim Gehlz am Fue des Friedenssteines steht.
    Der Ort ist bel beleumdet und eine Niederlage von schlechtem Gesindel. Wie
drft Ihr Euch dorthin wagen?
    Ich mu߫, rief Regine, das Tuch um sich ziehend, und ging an ihm vorber.
    Doch nicht ohne Schutz; ich leide nicht, da Ihr Euch allein der Gefahr
aussetzt, entschied Monsieur Hermann, ihr nachfolgend.
    Schweigend eilten sie nebeneinander den Schloberg hinab zu der wsten
Stelle im Freien, wo ein waghalsiger Schenkwirt einen hlzernen Bau
aufgeschlagen hatte, bequem fr die Landleute, welche zur Bauarbeit am Schlosse
gefordert wurden, aber auch fr fremdes streifendes Volk, dem die Torwache
feindselig war.
    Aus der Bretterhtte schallte das Stampfen der Glser und das Geschrei
Berauschter. Der Lizentiat fhrte das Mdchen einige Schritte vom Wege ab, wo
eine Linde und umherstehendes Gestruch vor neugierigen Augen deckte, und sagte
ernsthaft: Ihr drft nicht dort hinein.
    Ein Mann in dunklem Mantel trat herzu und fate Reginas Hand. Hinweg! rief
Hermann und fuhr auf den Fremden los. Aber Regine bat mit gefalteten Hnden:
Ich flehe Euch an, da Ihr mich jetzt allein lat.
    Der Lizentiat blickte erschrocken von dem verhllten Mann auf das Mdchen.
Ich gehorche dem Wunsche der Jungfer und will die Zusammenkunft nicht stren,
sagte er, und bitterer Schmerz klang aus seinen Worten, aber ich bleibe so
nahe, da Euer Ruf mich erreicht.
    Regine vermochte nur tonlos zu sagen: Ich bin Euch auch dafr dankbar.
    Der Verhllte zog sie tiefer in das Gehlz. Sie sah im Zwielicht das bleiche
Antlitz und die zusammengezogenen Brauen des Bruders; sie hielt seine Hand fest
und weinte darber. Wo ist sie? fragte Bernhard hastig.
    Sie wird im Walddorfe bewacht.
    Und wie steht ihre Sache?
    Morgen soll sie in der Stadt peinlich verhrt werden, antwortete die
Schwester, umschlang den Leib des Bruders und fhlte den Schrecken, der ihm
durch die Glieder zuckte. Er strich ihr mit der Hand ber das Haupt, ohne es zu
wissen.
    Die Zeit ist kurz, murmelte er. Du bist gebt, fr deinen Bruder zu
beten; flehe heut zum letzten Male fr ihn, und bitte, da die Nacht finster
sei. Er lie die Entsetzte los und trat an das Gehlz. Regine sah, da sich die
Zweige bewegten, und glaubte das gefurchte Antlitz eines alten Bekannten zu
erkennen. Leise verhandelten die Mnner. Der andere entwich, und der Bruder trat
wieder zu ihr. Jetzt kte er sie auf die Stirn und sagte traurig: Arme
Schwester.
    Bin ich Eure Schwester, sagte Regine, das Haupt erhebend, so lat mich
teilhaben an Euren Gedanken.
    Fordere nicht zu wissen, was dich verderben knnte, du unschuldiges Kind.
Eine, die wir kennen, ist zur Zauberin gemacht, und wer teil an ihr nimmt, den
binden sie auf den Holzsto. Wir aber sind gottselige Christen und wissen die
Gemeinschaft mit allem Teufelswerk zu meiden. Vielleicht habe ich noch etwas
Wertvolles in dem Hause der Zauberin versteckt, was ich herausholen mchte,
bevor das Gericht mit gierigen Hnden danach greift.
    Sprecht nicht so zu mir, Bernhard, flehte die Schwester. Meint Ihr, da
meine Angst geringer wird, wenn Ihr Euch vor mir verstellt? Ich sehe durch die
Maske und fhle das Grausen.
    Graust dir vor der Zauberin? fragte der Bruder mit rauher Stimme. Sie war
doch einst gtig gegen dich, und wir verdanken ihr die Rettung vor elendem
Verderben.
    Sie ist schwer angeklagt, stammelte Regine, und man sagt, es sei
bewiesen, da sie nchtliches Werk gebt habe, das nicht gottselig ist und das
dem Teufel Macht ber sie gibt.
    Ich denke, sie hat bei Nacht Wurzeln gegraben, von denen die Leute glauben,
da sie krftig sind, feindliche Kugeln abzulenken; und ich denke, sie hat die
unheimliche Arbeit gewagt, um einen vor Gefahr zu schtzen, der ihr lieb ist.
War sie im Irrtum oder nicht, war sie in Snde oder nicht, was, meinst du, soll
der Mann tun, dem sie solche Gabe zugeteilt hat?
    Von sich werfen soll er, was dem Bsen Macht ber ihn geben kann, rief
Regine entsetzt.
    Ich aber sage dir, Mdchen, er bewahrt es an seinem Herzen, solange er
lebt; nicht, weil er einen ehrlichen Soldatentod frchtet, sondern weil das
Weib, das er liebt, Leben und Seligkeit fr ihn gewagt hat.
    Regine hielt sich an dem Stamme des Baumes fest, und das Haupt sank ihr auf
die Brust, der Bruder rhrte mit dem Finger darauf.
    Glaubst du, da der Gott der Liebe, zu dem du so eifrig bittest, eine
Menschenseele deshalb dem Teufel und der ewigen Verdammnis bergibt, weil sie
sich, nicht aus Ha, sondern aus herzlicher guter Meinung unterwunden hat, aus
dem Walde zu holen, was die Nachtgewalten nur ungern dem Menschen hergeben?
    Ich bin gelehrt, antwortete Regine leise, da es Snde ist, an solche
Geheimnisse zu rhren.
    Und glaubst du, da die Jungfrau im Walde schdliche Zauberei treibt und
mit dem Bsen im Bunde steht?
    Regine erhob sich und sagte: Nein!
    Sei bedankt fr dieses Wort, rief Bernhard, und ein Strahl von Freude
erhellte sein Angesicht. So ziemt es der Schwester zu reden. Er zog sie an
sich und wiederholte: Armes Kind! Fr dich wird am hrtesten zu tragen, was das
Schicksal uns gefgt hat. Warst du auch zuweilen unzufrieden mit dem wilden
Bruder, du hattest seither an seinem Herzen eine Sttte, wo du sicher ruhen
konntest; wir beide kannten einander genau, und zwischen uns war festes
Vertrauen. Jetzt stehst du in Gefahr, den Bruder zu verlieren; freundlos sollst
du, zarte Blume, unter Fremden gedeihen; ja, wer mag dafr brgen, ob meine Tat
nicht auch dich beschdigt und ins Elend wirft? Das ist Gram und Bitterkeit, die
ich zu anderer Not in diesen Angststunden fhle, und ich bitte dich, und ich
bitte die lieben Eltern im Himmel, da ihr mir verzeiht, wenn ich dich verlasse
um einer anderen willen.
    Reginas Trnen fielen auf die Hand des Bruders, als sie die Hand kte.
Sorgt nicht um mich, bat sie. Das Blmlein, welches Ihr genannt habt, steht
unter Gottes Auge, geduldig in Regen und Sonnenschein, damit der Herr mit ihm
tue nach seinem Gefallen. Knnt Ihr aber jetzt, wo Euch irdische Leidenschaft
treibt, unserer Eltern im Himmel gedenken und Eurer Schwester auf Erden, die
Euch liebt, so sorget auch, da Ihr Euch nicht fr immer von ihnen scheidet.
    Es ist frchterlich, zu denken, da die Jungfrau vom Walde ohne schweres
Verschulden verurteilt werden kann durch falschen Glauben und durch die
Blindheit ihrer Richter. Mein Bruder aber, wenn er dieses Urteil durch
heimlichen Anschlag verhindern will, verfllt dem irdischen Richter ebenso wie
jene. Der Teufel ist geschftig, Bernhard, gegen solche, welche in stolzem
Vermessen gegen Recht und Gesetz ankmpfen; ist auch die Jungfrau unschuldig,
wer brgt dafr, da nicht Ihr zu einem schweren Verbrechen an Gott und den
Menschen verlockt werdet, whrend Ihr sie mit Gewalt aus den Banden des Gesetzes
lsen wollt?
    Deiner Warnung gedenke ich, antwortete der Bruder, vielleicht bewahrt sie
einen Schurken vor der Kugel, die ich ihm zugedacht. Rufst du aber das
Gedchtnis unserer toten Eltern gegen mich an, so wisse, seit der Stunde, in der
mein Bube mir die Trauerbotschaft zutrug, whrend ich hierherritt in Angst und
Wut, wie du sie niemals empfunden, habe auch ich Gesichte gehabt von seltsamer
Art, und ich habe Stimmen gehrt, wei nicht, kamen sie vom Himmel oder
anderswoher. In das eine Ohr schrie es mir: Sei treu bis ber den Tod, und wenn
die ganze Welt Untreue fordert; und in das andere Ohr schrie es: Deines Rosses
letzter Sprung sei fr den Genossen, der um deinetwillen in Not kam. Ist ihr der
Pfahl beschieden, so sei er mir's auch, und wrde ihr der Himmel verweigert, so
soll meine Seele den Trsteher Petrus niemals um Einla bitten. Ich tue, was ich
mu; und ich sage dir, Mdchen, wenn unsere Eltern noch lebten, die Mutter wrde
weinen wie du, der Vater aber wrde sein Haupt heben, wie er zuweilen tat, und
mich mit seinem Sprichwort begren: Treue bewahren, ist jedem Pflicht, den
Knigen aber ist es Ehre.
    Ich mahne nicht mehr, wo menschliche Warnung vergeblich ist, sprach die
Schwester, entsetzt ber den Aufruhr seines Gemtes; Ihr aber sollt nimmer
vergessen, da auch fr mich das Sprichwort des Vaters gilt. Braucht Ihr in der
Not ein treues Herz, so denkt meiner.
    Liebe Schwester, rief Bernhard und umschlang das Mdchen, welches er
allein und schutzlos in der Wildnis dieser Welt zurcklassen sollte. An seiner
Hand trat sie aus dem Baumschatten auf den Weg. Dort wies sie nach ihrem
Begleiter vom Schlosse, der in einiger Entfernung stand, auch er mit finstern
Gedanken beschftigt. Noch einmal fhlte sie die Hand dessen, der ihr bis dahin
Bruder und Vater gewesen war, auf ihrem Haupte, dann wich er in den Schatten
zurck, und sie schritt eilig vorwrts, aber ihre Glieder bebten in
unterdrcktem Schluchzen. Der Lizentiat ging schweigend neben ihr durch die
Schlopforte. Er sah beim Laternenlicht zwischen Mitgefhl und Groll die Qualen,
mit denen sie rang, und verneigte sich auf dem Gange tief und frmlich zum
Abschiede. Ach, er wre trotz seiner Wrde reuig vor ihr auf die Knie gefallen,
htte er den Jammer des armen Mdchens verstanden, welches jetzt alles verloren
hatte, was ihr auf Erden lieb war, auch den teilnehmenden Freund im
Frstenschlosse.
    Unter dem dunklen Wolkenhimmel sprhte der Regen und tobte der Sturm. Er
drhnte wie Wogenschwall an den Mauern des Frstenschlosses, warf die
Schornsteine von den Dchern der Stadt und schleuderte groe Baumste auf den
Grund. Aus der Herberge nahe am Schlosse jagten zwei verhllte Reiter auf der
Landstrae dahin. Hinter dem ersten Dorfe gesellten sich zwei andere zu ihnen,
nach der ersten Wegstunde war die Zahl bis zu einem ganzen Trupp herangewachsen,
und zwischen sich fhrten sie ein Wagenhaus, aus starken Brettern gezimmert.
Wenn eine Dorfwache in dem Brausen des Windes den Hufschlag und das Rasseln des
reisigen Zuges hrte, der auerhalb des Zaunes dahinfuhr, so drckte sie den Hut
ber die Augen und sprach einen hilfreichen Spruch, um vom Heere des wilden
Jgers verschont zu werden.
    Am Eingange des Waldtals, wo ein steiler Fels bis zum Wege vorsprang, hielt
der Haufe an, und der Fhrer, ein hagerer Gesell, dessen Gesicht durch die
herabgezogene Krempe des Hutes verborgen war, sah scharf in die Runde und gab
die Befehle. Ist der Funke dort hinten ein Licht des Dorfes, und brennt das
Licht im Hause der Jungfrau? fragte er eine kleine verhllte Gestalt, die neben
ihm ritt.
    Es kommt aus der Kammer eines kranken Dorfweibes, antwortete der Kleine.
    Dann lenken wir hier ber den Bach und meiden die Dorfgasse. Hinab, und
suche die Furt! - Ruhig, Bruder, mahnte er einen Gefhrten, dessen Ro durch
die Ungeduld des Reiters gestachelt wurde. Willst du die Bauern vor scharfem
Eisen bewahren, so mssen wir lautlos flattern wie Fledermuse. Unterdes glitt
der Kleine vom Pferde und verschwand in der Finsternis. Als er nach einer Weile
an seinem Tier heraufkletterte, gebot der Alte: Voran und achte auf die
Steine. Die Reiter verlieen den Weg, setzten vorsichtig ber den geschwollenen
Bach und zogen talauf lngs der Berglehne, an welcher das einsame Haus stand.
    Ich denke, bei diesem Wetter schlafen die Wachen, begann der Fhrer
wieder. Ich bringe das Eisen mit, welches die Tren geruschlos ffnet.
Schwinge dich ber den Zaun, Bube, und sieh zu, auf welcher Streu du die Wchter
findest. Sie mssen unter die Nebelkappe, bevor sie sich rhren; ein lauter Ruf
knnte uns zwingen, dem ganzen Dorf ein heies Ende zu machen. Wieder hielt der
Trupp in einiger Entfernung vom Hause, und wieder tauchte der Knabe vom Pferde
hinab in die Schwrze der Nacht.
    In der Stube lag auf dem Lehnstuhl ein bleiches Weib und starrte nach dem
flackernden Schein der Lampe. Zum letzten Male sehe ich dies Licht brennen.
Klein ist der Funke, doch bald wird er ein groer Brand. Nur um Euretwillen tue
ich es, geliebter Herr; den Leib, der Euch gehrt, soll keine fremde Faust
entblen; ich selbst will mir den Richter suchen, der mehr Erbarmen hat, als
die Menschen hier auf Erden. Die Nacht ist finster und lang; erkenne ich im
Morgengrauen die Fichte auf der Hhe, wo ich an seiner Seite stand, so will ich
ihm Lebewohl sagen fr immer. Wenn die Lohe aufsteigt, so hoffe ich, jagt der
Wind sie abwrts vom Dorfe, damit die Wchnerin mit ihrem Kinde nicht Schaden
leide.
    In den ersten Tagen, nachdem sie mich in Haft gesetzt, flogen meine Gedanken
unablssig zu ihm hin, und ich meinte, er mte kommen, mich in die Arme
schlieen und ber mir trauern, da ich ausgestoen und verflucht bin ohne
Schuld. Jetzt trumt mir nicht mehr so. Es wird ihm gehen, wie den andern auch,
sie werden ihm bles von mir sagen, und er wird ihnen glauben. Ich mchte doch,
da ich ihm leid tte.
    Die Wchter riefen mir zu, da die alte Ursel tot im Walde gefunden ist. Das
war ein Glck fr sie. Die Amseln sind von den Bauern erschossen, auch die Katze
ist erschlagen, weil sie mir zugehrte. Einsam war mein Leben und einsam soll
mein Ende sein.
    Von der Leinwand, die ich gesponnen und ber die er sich gefreut, habe ich
als letzte Arbeit zwei Hemden genht. Eines trage ich auf dem Leibe fr meine
letzte Stunde, und das andere sollte er sich aufheben bis zu der Zeit, wo es ihm
angezogen wird. Aber der Wunsch war eitel, niemand wird ihm mein Vermchtnis
zutragen, denn es gibt keinen Boten mehr von mir zu ihm. Und wer wei, ob nicht
auch ihm davor graut, in meinem Gespinst bestattet zu werden.
    Sie sprang heftig auf, sah durch das Feuer zu der Tanne und fate nach der
Lampe. Ein Windsto schlug an das Fenster, da die Scheiben klirrten, und durch
Sturm und Regen klang ein Gerusch wie von schnaubenden Pferden, Geflster von
Stimmen und das Knarren des Tores. Die Stubentr sprang auf, ein Mann stand auf
der Schwelle. Sie hrte die Worte: Gelobt sei Gott, da ich Euch finde! und
fhlte sich von starken Armen umschlungen. Da klammerte sie sich fest an den
Geliebten und schrie: Noch nicht sterben!
    Komm, Judith, mahnte der Mann und zog sie nach der Tr.
    Wohin? fragte sie wild. Die Leute drauen weisen auf mich mit den
Fingern, und Euch werden sie tten, wenn Ihr nicht von mir weicht. Hinweg von
mir, Ihr seid bei einer Hexe! Sie suchte sich ihm zu entwinden, aber sie sank
wieder an seine Brust.
    Was die Hexerei angeht, begtigte die Stimme Gottliebs hinter ihr, so
gibt es hier nur eine Hexe, die sogenannte Frau Venussin, sowie ihren Jungen,
welcher den Hundenamen Amor fhrt. Und wenn Euch die Nachbarn hierzulande
gehssig sind, so reitet davon. Wer vier starke Pferdebeine unter sich hat, dem
steht die weite Welt offen, geht's nicht bei den Christen, so zieht er zu den
Trken oder zu den Englndern, welche ich gleichfalls loben hre. Schaffe sie
auf das Pferd, Bruder, denn dieser Ort ist ihr verleidet.
    Er rt gut, rief sie auer sich. Hinweg ihr alle, damit ich das Haus
anznde.
    Eile mit Weile! trstete Gottlieb. Alt-Rosen ist niemals so leichtfertig,
ein volles Haus abzusengen. Soll die Ausstattung der Frau Rittmeisterin
verkohlen oder den Schreibern in die Hnde fallen? Erst gerumt, dann gebrannt,
ist Soldatenbrauch. Und zu Bernhard tretend, gebot er: Erwarte uns im Walde,
es ist nicht ntig, da sie unserer Arbeit zusieht. - Vorwrts, Bube! Wo ist der
Zugang zum Versteck? Sperre die Truhe auf und wirf in den Wagen, wie's kommt!
Heran, Kameraden, schnelle Hnde und scharfen Ausguck, denn der Morgen ist
nahe.
    Im nchsten Augenblick jagten Bewaffnete, das Weib in der Mitte, dem
Bergwald zu, um den Hof aber bewegten sich schweigsam geschftige Plnderer,
whrend zwei aus dem Haufen die geknebelten Wchter vorwrts stieen bis in das
nahe Gehlz und dort an Bumen festbanden. Auch der Wagen rollte von dannen,
umritten von der reisigen Schar. Als letzter blieb Gottlieb mit dem Knaben im
Hause zurck; beim Heraustreten schlo er die Tr und die Pforte des Zaunes. Es
ist der letzte Hof, sagte er zurckblickend, dem unser Regiment ein feuriges
Ende bereitet. Nur eins tut mir leid, da wir von dannen ziehen, ohne da ich
den Amtsschreiber in das Feuer geworfen habe. Doch hoffe ich, Satan holt sich
seinen Braten. Mit diesem Wunsche ritten sie davon. Hinter ihnen stiegen aus
dem verlassenen Hause die Flammen auf, der Wind blies hilfreich in die Glut. Als
die erwachten Dorfleute herzurannten, stand der ganze Bau in Flammen, und sie
riefen vergebens nach den Wchtern.
    Die fremden Reiter aber fuhren dahin ber die Berge, durch Regen und Sturm,
und zu dem Geheul der Luft und dem Brausen des Waldes schallte ihr wildes Holla
ho! Der wilde Jger entfhrte sich das Zauberweib. Die er mit trotzigem Sinne
auf das Ro gehoben, hielt er fest, um sie gegen eine Welt von Feinden zu
behaupten. Was tut's, ob der Ritt kurz oder lang whrt? Wer sein Leben wagt, um
geliebtem Leben die Treue zu erweisen, der hat zu aller Zeit das Recht, ber die
Rotte der Einfltigen und Schlechten hinwegzusetzen.

In dem Zimmer der Herzogin harrte der kleine Prinz mit dem Lizentiaten auf die
Ankunft seines Herrn Vaters, denn es war die Stunde, wo der Herzog sich gern von
dem Kleinen aufsagen lie, was dieser gelernt hatte. Zu den Fen der Herrin sa
Regine ber vielen Knueln von bunter Wolle, whlte und reichte sie zur
Stickerei.
    Aber ihre Seele war nicht bei der Arbeit, die Hnde flogen in fieberhafter
Hast; und da sie nicht aufzusehen wagte, bemerkte sie auch nicht, wie bekmmert
der Lizentiat zu ihr hinsah.
    Der Herzog lie diesmal auf sich warten; als er endlich eintrat, begrte er
seine Gemahlin und ging mit umwlkter Stirne auf und ab, ohne nach der Lektion
des Prinzen zu fragen. Das Haus der Zauberin ist niedergebrannt, und sie selbst
ist wahrscheinlich in dem verschlossenen Bau von der Flamme verzehrt, begann er
endlich zur Herzogin. Die Bauern aber sagen aus, der Teufel oder wilde Jger
habe sie entfhrt. Die bunten Knuel entrollten dem Schoe Reginas und kugelten
auf den Fuboden. Die Dorfleute wollen die schwarze Hllenschar leibhaftig
gesehen haben, den wilden Jger mit seiner Jagd, wie er das Weib auf dem Rosse
hielt und mit ihr durch Flammen und Rauch in der Luft ber die Berge fuhr. Es
ist seltsam, da so viele dasselbe gesehen, der eine mehr, der andere weniger;
die Wchter behaupten, von dem hllischen Heer bel zerstoen zu sein, doch fand
man sie mit gewhnlichen Stricken gebunden.
    Die Dienerin der Angeklagten, welche entflohen war, hat man in den Bergen
leblos gefunden; sie sa in einem Versteck, zu dem die Dorfleute bei
Kriegsgefahr flchten. Die Nahrungsmittel in ihrem Korbe waren unberhrt, und
die Leute behaupten, der Bse habe ihr den Hals umgedreht. Doch ist wunderlich,
da in ihrem Schoe das Gesangbuch lag und darin aufgeschlagen das Lied: Ein'
feste Burg. - Dergleichen ist in der Christenheit unerhrt. Fr mich aber wird
es besonders schrecklich, denn ich konnte mich, was auch die Richter
vorbrachten, noch nicht an den Gedanken gewhnen, da das Mdchen einen Bund mit
dem Bsen gemacht habe.
    Des Himmels Segen ber Eure herzogliche Gnaden fr diese gtigen Worte,
klang es leise neben dem Stuhl der Herzogin, wo Regine mit gefalteten Hnden auf
den Knien lag. Der Herzog sah von der Seite auf die Kniende und fuhr fort: Nur
der Jgermeister will nicht glauben, da es hllische Geister waren, welche das
Weib entfhrten; er wies mir weiter oben am Wege die Spuren vieler Pferdehufe;
die Hufe hatten Eisen, und an dem einen fehlte ein Nagel.
    Er ging wieder nachdenklich auf und ab. Auch aus der Stadt wird
Wunderliches berichtet. Bei der Schmiedin Stange, deren Mann seit vielen Jahren
verschwunden ist und unter das Kriegsvolk gelaufen sein soll, stand vor zwei
Tagen pltzlich zur Zeit der Abenddmmerung in der Stube eine finstere Gestalt,
welche sich als heimgekehrter Schmiedemeister gebrdete, und, als das
erschreckte Weib auf ihn zugehen wollte, dasselbe streng ermahnte, bis
Mitternacht nicht mit ihm zu sprechen, sondern ihn ruhig schalten zu lassen, und
gegen jedermann zu schweigen; dies werde ihr Glck sein; wenn sie aber spreche,
ihr Verderben. Zur Bekrftigung scheint er Geld auf den Tisch gelegt zu haben,
die Frau gibt nur einen Dukaten zu, doch mag es mehr sein. Whrend sie noch
betubt dasa, ist er in die Schmiede gegangen, hat dort mit dem Werkzeug
hantiert und auch das Feuer angeblasen. Pltzlich war er verschwunden und ist
bis jetzt nicht wieder sichtbar geworden. Durch das spte Arbeiten in der
Schmiede, die seither kalt war, entstand in der Nachbarschaft ein Argwohn, und
da die Frau widerwillig blieb, Auskunft zu geben, wurde sie heut verhrt und
behauptete, es sei der Geist ihres Mannes gewesen. Wir haben wahrlich genug
gegen die Bsen in dieser Welt zu kmpfen, solches Eindringen des Satans schafft
neuen Schrecken und entsetzt die Gemter.
    Er hielt vor Regine an. Ihr, Jungfer Knigin, habt selbst Bekanntschaft mit
der Angeklagten Mring gehabt. Ich frage Euch auf Euer Gewissen: Haltet Ihr sie
fr eine schdliche Zauberin?
    Nein! rief Regine, an ihren Werken sollt ihr sie erkennen, sie war
gutherzig gegen jedermann und nicht auf eigenen Vorteil bedacht. Der Pfarrer
dort ist alt, und in der Gemeinde leben Arglistige, welche ihr neidisch sind.
    Sie ist beschuldigt, um Mitternacht im Walde teuflische Knste gebt zu
haben, und ein Zeuge sagt aus, da der Teufel in Gestalt des wilden Jgers bei
ihr gesehen worden.
    Regine rang die Hnde. Es war ein Mensch, und ein redlicher Christ, denn,
herzogliche Gnaden, es war mein Bruder.
    Der Herzog trat zurck. Woher ist Euch das bewut, Jungfer? fragte er
streng.
    Mein Bruder selbst hat es mir vertraut, antwortete das Mdchen und fuhr,
das Haupt erhebend, fort: Was mir auch geschehen mge, ich kann es nicht
ertragen, da Eure herzogliche Gnaden durch die Aussagen der verwirrten und
boshaften Leute getuscht werden. Die Jungfrau vom Walde war meinem Bruder lieb
geworden, und als er durch seinen Buben Kunde erhielt von der Todesgefahr, in
welcher sie verstrickt sa, kam er heimlich mit bitterer Angst in Eurer Hoheit
Land. Er lie mich aus dem Schlosse zu sich fordern, und obwohl er mir seinen
Entschlu bergen wollte, so erkannte ich doch, da er auf eine Gewalttat in der
nchsten Nacht sann. Auch war er nicht allein, er hatte einen treuen Kameraden,
welcher denselben Namen fhrt, mit dem herzogliche Gnaden soeben die
Schmiedefrau benannten. Dieser war im Heere bekannt als ein redlicher Mann, aber
in allerlei Listen erfahren, und ich hoffe, diese beiden haben die Jungfrau
weggefhrt.
    Ihr aber, sprach der Herzog unwillig, seid Mitwisserin geworden bei einer
frechen Gewalttat, durch welche das Gericht gehindert und meine Autoritt
gekrnkt wird, und Ihr selbst seid schuldig geworden vor dem Gesetz.
    Da begann der Lizentiat ehrerbietig: Ist Jungfer Regine schuldig, so bin
ich in derselben Schuld, denn ich habe sie vorgestern zu der geheimen
Besprechung mit ihrem Bruder begleitet und wieder zurckgefhrt, und ich habe
mir in der Stille hnliche Gedanken gemacht wie sie selbst, ber eine natrliche
Entfhrung ohne teuflische Knste. Und ich berge Eurer herzoglichen Gnaden
nicht, da ich trotz der entgegengesetzten Meinung hoher Geistlichkeit in meinem
Herzen auch die Gesinnung der Jungfer Regine gegen die Angeklagte teile und der
berzeugung lebe, da jene unschuldig ist. Ja, ich wage Eurer herzoglichen
Gnaden freiheraus zu sagen, da ich die ganze Prozedur wegen dieser sogenannten
Hexerei fr ungerecht, gewaltttig und nicht in frommer christlicher Lehre
begrndet halte.
    Der Herr Lizentiat, rief Regine zitternd, ist unstrflich wie ein Engel
in dieser Sache, denn er wute nicht, zu wem er mich begleitete; er kannte den
Bruder nicht, hatte ihn nie gesehen, und ich habe, um niemanden in Gefahr zu
setzen, ihm nichts bekannt.
    Ist es so, wie Ihr sagt, begann der Herzog unzufrieden, so wundert mich,
da Monsieur Hermann, den ich seither als vorsichtigen und mir ergebenen Diener
betrachtet habe, sich dazu drngt, der Vertraute und Komplice in einer so
widerwrtigen Angelegenheit zu werden.
    Die Herzogin, welche mit Teilnahme zugehrt hatte, so da sie auch die
Stickerei in den Scho legte, erhob jetzt die Augen zu ihrem Gemahl und sprach
leise: Mein geliebtes Herz wolle die beiden ansehen, sie sind sich einander
gut.
    In dem ernsten Gesicht des Herrn malte sich ein unmiges Erstaunen, da
die, welche er fr eine Verknderin gehalten, sich in solcher Weise als eine
Liebhaberin enthllte. Und zuerst wurde seine Miene noch finsterer. Aber als er
die ehrlichen Gesichter der jungen Leute prfend betrachtete, erhielt seine
gtige Gesinnung allmhlich die Oberhand, zumal er in seinem verwsteten Lande
gern behilflich war, gottselige Ehen zu stiften. Und obschon der hohe Ernst
nicht von seinem Angesicht wich, so war sein Ton doch ohne Hrte, als er gegen
Regine begann: Die Herzogin und ich haben Euch als einer Landfremden Unterkunft
in unserem eigenen Hause bewilligt; und wiewohl wir an Euch, abgesehen von Euren
Heimsuchungen, nichts Unebenes und Aufflliges bemerkten, so beweist sich doch
auch Euch gegenber die Regel eines frstlichen Haushalts als richtig, da ein
Landesherr seine vertraute Umgebung am besten aus Angehrigen des eigenen Landes
erwhlt, deren Extraktion und Anhang ihm genau bekannt sind. Ihr aber seid durch
Euren Bruder und dessen Verbindung mit einem Weibe, welches unter furchtbarer
Anklage steht, in den Schatten eines Verdachts gekommen, welcher in einem
frstlichen Haushalt ganz unleidlich ist, deshalb knnt Ihr nicht lnger in dem
Schlosse und in unserer Nhe Euren Aufenthalt finden. Regine erhob sich
schweigend und streifte die Wollfden von ihrem Kleide; ihre Angst war
geschwunden, sie stand mit gesenktem Haupt bereit, zu gehen.
    Ich berge Euch nicht, fuhr der Herzog fort, da durch den Schloprediger
auch Bedenken gegen das wenige, was mir von Euren Revelationen und Gesichten
zugnglich wurde, erhoben sind, indem derselbe behauptet, da darin eine ihm
bereits anderweitig bekannte versifizierte uerung enthalten sei, welche von
einem Jesuiten herrhre. Diesen Verdacht lasse ich billig auf sich beruhen, denn
mir ist wohlbewut, da Ihr Euch sonst als eine treue Bekennerin evangelischer
Lehre bewiesen habt. Und ich hoffe es vor meinem Gott zu verantworten, wenn ich
in dem Wunsche, Euch vor Gefahr und Schaden zu bewahren, von dem, was Ihr mir
heut im Vertrauen mitgeteilt, meinem Consistorio gegenber keinerlei Gebrauch
mache, zumal es mir eine herzliche Erleichterung ist, da ich jetzt hoffen darf,
die Angeklagte, welche sich durch die Flucht ihren Richtern entzogen hat, sei in
Wahrheit nicht ewiger Verdammnis verfallen. Da Ihr selbst aber von hier scheiden
mt, so will ich Euch in guter Meinung fragen, wohin Ihr Eure Schritte zu
wenden gedenkt?
    Ich wei es nicht, antwortete Regine ergeben, ich bin jetzt allein, aber
der Himmel wird mich nicht verlassen. Sie neigte sich tief vor dem Herzog und
kniete vor der Herzogin. Ich danke in Ehrfurcht fr alle Gnade, die ich hier
gefunden. Sie stand auf und wandte sich zum Gehen.
    Gestatten, herzogliche Gnaden, sagte der Lizentiat schnell, da ich in
hoher Gegenwart der Jungfer noch etwas weniges mitteile; und zu Regine tretend,
sprach er: Der dritte Spruch, den ich damals getroffen, als ich die werte
Jungfrau nach der Stadt holte, war aus dem Buch Ruth, und er lautete: Wo du
hingehst, da will ich auch hingehen, und wo du bleibst, da bleibe ich auch, und
dein Gott ist mein Gott. Er stand neben ihr und hielt ihre Hand fest.
    Durch den Schmerz Regines fuhr ein heller Strahl der Freude, da der Mann,
dem sie von Herzen zugeneigt war, sich in dieser Stunde zu ihr bekannte, und sie
sah ihn dankbar mit nassen Augen an. Aber gleich darauf zog sie die Hand zurck
und sagte leise: Ich darf niemanden unglcklich machen. Doch der Lizentiat
lie sich nicht beirren und fhrte sie vor den Herzog.
    Herzogliche Gnaden sind zugleich ein Vater aller Waisen und der oberste
Bischof in Ehesachen. Deshalb sei mir gestattet, da ich an hoher Stelle meine
Absicht erklre, um die Zuneigung der lieben Jungfer Knigin zu werben und
dieselbe, wenn sie mir ihre gute Gesinnung zuwenden kann, zu meinem ehelichen
Gemahl zu machen. Unterdes bitte ich ehrfurchtsvoll um Erlaubnis, die Jungfer
meiner Mutter zu bringen, welche nach allem, was sie durch mich vernommen hat,
sich freuen wird, dieselbe aufzunehmen.
    Ungern werden wir Euch aus unserer Mitte entlassen, antwortete der Herzog,
da Ihr aber fr diese fremde Waise in so feierlichen Worten mein hohes Amt
angerufen und Euren Willen erklrt habt, mit der Jungfer Knigin Freud und Leid
zu teilen, so will ich mich Eurem Vorhaben nicht entgegensetzen, sondern
wnschen und hoffen, da Ihr im Verein mit dieser auf Erden mehr Freude als Leid
genieen mgt.
    Er trat vor Regine und fuhr gtig fort: Es war meine Absicht nicht und
nicht die der Herzogin, Euch ohne Schutz den Zufllen des Lebens preiszugeben.
Denn uns ist Eure Ergebenheit gegen uns besser bewut, als Ihr selbst meint.
Wollt Ihr diesen Mann als Euren Herrn anerkennen, so tretet Ihr unter gute
evangelische Aufsicht, und Eure Seele wird wohlbehtet sein. Und um Euch fr
guten Willen, den Ihr im Dienste der Herzogin, wenn auch nicht lange, doch mit
Eifer bewiesen habt, unsererseits den Rekompens zu gewhren, so werde ich Euch
fr den Lizentiaten Hermann eine Vokation in die nchste offene Pfarrstelle
bergeben. Diese mgt Ihr ihm zubringen, falls Ihr ihn zu Eurem Herrn nehmt. Bis
dahin bleibt er in meinem Dienst, Ihr aber im Hause seiner Mutter, und da Ihr
keinen Familienanhang in meinem Lande habt, so wird die Herzogin seinerzeit Euch
im Pfarrhause die Hochzeit ausrichten lassen.

                                Bei den Schweden


Der Krieg war von neuem zu hellen Flammen aufgebrannt. Der Kurfrst von Bayern
hatte seine Neutralitt aufgegeben, sein Heer verstrkt und mit den Kaiserlichen
zu der grten Armee verbunden, welche seit Jahren im Felde operiert hatte.
Gegen diese Macht rief Feldmarschall Wrangel den General Knigsmark zu Hilfe,
auch Graf Turenne kam widerwillig herzu, und ihre Heerhaufen lagerten an der
Donau, drei Rudel von Wlfen, welche die Not zwang, sich fr gemeinsame Jagd zu
gesellen, whrend jeder Haufe gehssig die anderen belauerte. Aber auch die
Kaiserlichen und Bayern betrachteten einander mit scheelem Wolfsblick. Von neuem
wurden Stdte berannt, Drfer ausgesengt und im kleinen Kriege die Zahl der
Kmpfenden verringert, denn keine Partei wollte ihre ganze Strke zu einer
entscheidenden Schlacht auf das Spiel setzen.
    In den Quartieren des Generals Knigsmark standen jetzt unter Oberst Penz
die weimarischen Reiter in vier Regimenter geteilt mit neuen Standarten. Es war
viel junges Volk bei ihnen, und nicht wenige der Alten hatte der Krieg getilgt
oder ihr eigenes Gelst zu anderen Fahnen gefhrt. Dennoch hielten sie
untereinander gleich Leidensgefhrten zusammen. Vor dem Feinde bewhrten sie
ihre Tchtigkeit, und Knigsmark wute, da sie ihm in der Gefahr nicht
versagten; aber im Lager waren sie fr die schwedischen Fhrer schwer zu
behandeln.
    An einem Maimorgen kam ein einzelner Reiter, gefolgt von seinem Knechte, bei
den Lagerwachen des Dorfes an, in welchem gerade der General das Hauptquartier
hatte. Der Reisende war von mannhaftem Aussehen und in vornehmer Kleidung, aber
er trug nicht die Feldbinde eines Offiziers. Dennoch empfing er Zuruf und Gre
von mehreren Soldaten, welche am Wege standen, und er selbst sah um sich wie
einer, der Bekannte wiederfindet, er schwenkte den Hut und sprang vom Pferde,
als ihm ein alter Offizier mit ausgebreiteten Armen entgegenkam.
    Willkommen, Bruder! rief Gottlieb. Durch dein Brieflein bin ich avisiert,
du findest alles bereit, und der Oberst erwartet dich. Zuerst aber frage ich,
wie geht es deiner Frau Rittmeisterin?
    Sie grt ihren Brautfhrer, antwortete Bernhard. Um ihre Gesundheit zu
schonen, lie ich sie mit unserem Sohne und den Trowagen in der Stadt zurck.
Ist dir's recht, so holen wir sie ein, sobald ich hier in Amt und Quartier bin.
    Um ihretwillen freut mich, da du erst mit der Frhlingssonne dem Heere
zuziehst; in meinen Gedanken zweifelte ich oft, ob du wieder zu Pferde steigen
wrdest.
    Wir lebten verborgen im Feenlande, berichtete Bernhard lachend. Wisse,
als du mit deinen Reitern aus dem Urlaub, den dir Knigsmark bewilligt, nach den
schwedischen Quartieren abgeritten warst, wollte der frnkische Dorfpfarrer, der
mir mein Weib angetraut, uns gegen billige Vergtung gern in seinem Hauswesen
behalten. Doch fand ich besseren Schutz bei dem Sohn eines vornehmen
Geschlechtes aus Nrnberg, welcher zugleich mit mir das Jus studiert hat und
jetzt als reicher Erbe die Handlung und die Gter seiner Vorfahren besitzt. Er
gab mir Unterkunft auf einer seiner Burgen und machte mich zu seinem Kastenvogt,
so da ich ihm mit meinen Knechten nicht nutzlos war, denn ich hielt das
ruberische Volk von seinen Drfern ab. Ich sa mit der jungen Hausfrau den
Herbst und Winter in festem Steinhaus auf der Hhe, sah zu, wie die Bltter im
Winde tanzten und der Schnee um die Fenster wirbelte; Bruder, es war eine selige
Zeit; und Frau Judith fand zuweilen ihr Lachen wieder. Wenn das Burgtor am Abend
verschlossen war, sang ich nach alter Gewohnheit zur Laute, sie aber schnitt und
nhte fleiig von dem Schatz ihrer Truhe, den du gerettet, eine Ausstattung fr
sich und mich und dazu noch fr ein Drittes. Als nun im Frhling das Laub spro,
wagte sie sich einst hinaus ins Freie, da traf sie auf dem Wege einen armen
Mann, der als Hausierer frher in das thringische Walddorf gekommen war; er bat
um eine Gabe, und wie sie ihm freundlich antwortete, wandelte sich das Gesicht
des Tropfes, er trat scheu zurck und lief ohne Gru von dannen. Sie kam
verstrt in die Burg und trieb seitdem in unntiger Angst um mich zum Aufbruch.
Unterdes war auch die Geldkatze leicht geworden, und wir fragten in Sorge,
wohin?
    Der Alte nickte. Auch darin rate ich, der Zeit zu vertrauen. Der hchste
Berg wird klein wie ein Maulwurfshgel, wenn man sich weit genug von ihm
entfernt. Hier findest du manchen ehrlichen Kameraden, aber viel Unfrieden, Brot
ist teuer, doch das bayrische Vieh nhrt den Soldaten, unsere Reiter sind
Ochsenhndler geworden, von scharfen Aktionen ist wenig zu spren.
    Was weit du ber Wilhelm? fragte Bernhard.
    Er haust unzufrieden beim Wrangel, der ihn in der Kanzlei verwendet; doch
haben unsere Leute hier ihn nicht vergessen, auch dich nicht, Bruder, und du
wirst manchem beim Glase Bescheid tun mssen. Sieh, das ist einer von den
Getreuen.
    Sie trafen in der Dorfgasse auf den Leutnant Pyritzer, der in seiner
bedchtigen Weise grte.
    Ich freue mich Eurer Ankunft, sie ist uns bereits verkndigt; und ich
erbitte Verzeihung, wenn ich den Herrn Kameraden zur Stelle um seinen Beistand
angehe. Ein frherer Offizier vom Regiment Taupadel, der nur als ein
franzsischer Windbeutel stimiert werden kann, ist aus den Drfern des Turenne
herangeritten, er hlt vor dem Lager und hat mir durch einen bebnderten
Milchbart, der sich seinen Pagen nannte, diesen unsinnigen Kartellbrief gesandt,
worin zu lesen steht: Er habe zu seinem groen Bedauern erfahren, da ich mein
Haar kurz geschoren trage. Dies sei ihm unleidlich, und er bitte deshalb
hflichst um die Ehre einer Begegnung im Freien. So schreibt der Narr.
    Das ist der richtige franzsische Stilus, besttigte Gottlieb. Es ist der
verkehrte Hundestil, vorn Wedeln, hinten Zhnefletschen. Ich rate Euch, da Ihr
mit dem Degen die Punkte zu dieser Schrift stecht.
    Darum eben wollte ich mir die Ehre erbitten, sagte der Pyritzer zu
Bernhard, da der Herr Kamerad als mein Begleiter mit hinausreite. Auch der
Franzose bringt nur einen Partner mit. Fehlt es Euch an Pistolen, so ersuche
ich, unter den meinen zu whlen.
    Euer Vertrauen ehrt mich, antwortete Bernhard, hflich den Hut lftend,
ich bin bereit.
    Aber Gottlieb trat dazwischen. Ich widerstehe den Herren ungern in solcher
Sache; doch unser Gast hat weder Feldzeichen noch Lagerrecht und ist gebunden,
zunchst vor dem Obersten zu erscheinen. Die Fremden aber sollen nicht prahlen,
da wir Deutsche gezgert haben, auf ihren Gru zu antworten; bitte also, da
meine Herren Brder diesmal mir den Vorzug geben und gestatten, an Stelle des
Rittmeisters Knig die Sekundanz zu bernehmen.
    Gegen diesen Vorschlag konnte Bernhard nichts Stichhaltiges einwenden, und
da auch der Pyritzer zufrieden war, so eilten die beiden Leutnants zu ihren
Pferden. Der Rittmeister wurde von dem Obersten und der Kanzlei lange
aufgehalten, bevor er bei der Standarte den Eid ablegte und die Feldbinde umtat.
Als er, beglckwnscht von alten und neuen Kameraden, wieder auf die Strae
trat, um das Logis des Generals Knigsmark aufzusuchen, fand er seinen
Vertrauten auf der Bank sitzen. Der wackere Kamerad ist vom Pferde gefallen und
dahin, sagte Gottlieb traurig.
    Dann habe ich die Pflicht, ihn zu rchen, antwortete Bernhard. Trage dem
Franzosen meine Herausforderung.
    Es ist nicht ntig, Bruder, sprach Gottlieb, an seinen Degen rhrend,
auch der Franzose reitet nicht mehr zurck. Gedenkst du an den Traum, welchen
du einmal dem Pommer auslegen solltest? Etwas davon ist ihm in Erfllung
gegangen. Als er auf dem Felde lag, so friedlich ausgestreckt wie ein
Schlafender, der sein gutes Tagewerk getan hat, trieben Reiter von uns eine
Viehherde heran, und bevor ich die Treiber verscheuchen konnte, drngten sich
die Schafe um den Leib des Toten. Hat er noch etwas davon vernommen, so hoffe
ich, er wird dabei zum letzten Ende an den Hof seines Vaters gedacht haben. Ich
sage dir aber, Bruder, wenn das so zwischen uns und den Franzosen fortgeht,
braucht der Kaiser sich unsertwegen nicht auer Atem zu setzen, denn das Geznk
und Geraufe ist unmig geworden, und die gemeinen Soldaten sind noch wtender
aufeinander als die Offiziere. - Ich erwarte dich; sieh zu, da du vom General
nicht lange aufgehalten wirst, denn ich gedenke dich heut fr mich und einige
alte Kuze, die du kennst, zu behaupten.
    Als Bernhard in dem Vorzimmer seines neuen Befehlshabers stand, fiel ihm auf
die Seele, wie verndert seine Lage war. Einst hatte er in der Zuversicht junger
Liebe den schwedischen Dienst verschmht, jetzt mute er ihn als eine Zuflucht
fr sich und die geliebte Frau suchen. Alles Glck, an das er damals mit
Sehnsucht gedacht, war ihm zuteil geworden, und doch zog er unstet und heimatlos
auf der Erde, und ber ihm schwebte eine dunkle Wolke, die ihn und eine andere
vom hellen Sonnenlichte schied.
    Knigsmark empfing ihn gtig wie einen jngeren Kameraden. Euer Brief hat
mich nicht vergebens an mein Versprechen gemahnt. Ich hoffe, die Redlichkeit,
welche Euch damals hinderte, in den Dienst der Knigin zu treten, wird Euch
jetzt zu einem guten Offizier machen, dem auch ich vertrauen kann. Euch soll
nicht schaden, da ich durch das Geschenk, welches Ihr mir damals anbotet, in
noch grere Sorgen gekommen bin, als wir beide ahnten. Denn wisset, Eure Alten
verstehen zwar zu reiten, aber sie sind im Heere ein harter Stein des
rgernisses und machen mir das Leben sauer. Um ihretwillen bin ich mit
Feldmarschall Wrangel verfeindet, und ich bin, wie ich voraussah, zu Stockholm
in den Verdacht gekommen, als ob ich fr mich selbst insgeheim machiniere und
mich zum Haupt einer deutschen Partei aufwerfen wolle. Doch das ist nicht das
rgste, denn euren bertritt vermag auch der Franzose nicht zu verwinden, er
liegt unseren Kommissaren bestndig in den Ohren, ihm die Abtrnnigen wieder zu
berweisen. Zornig hat er sich mit uns konjungiert, die Feindschaft zwischen uns
und ihm ist kaum noch zu bergen, und er droht, sich wieder nach dem Rheine zu
wenden. Der Zustand wird unleidlich fr das Heer und fr mich selbst. Das sage
ich Euch im Vertrauen, damit Ihr zur Ruhe und Vorsicht mahnt, denn ich wei, da
Ihr unter den alten Weimarischen Anhang habt. Und ich habe auf Euer Gesuch
gnstig geantwortet, weil ich einen zuverlssigen Mann brauche, der mir die
Gedanken der Vlker zutrgt und vor ihnen mein Interesse nach Krften vertritt.
Wollt Ihr mir solche Treue erweisen, so soll es Euer Schade nicht sein, denn ich
schlafe gut, wenn ich wei, da meine Feinde darniederliegen, aber ich wache
auch eifrig fr den Vorteil meiner Freunde.
    Eure Exzellenz wird nicht fordern, da ich als Zutrger und Spion zwischen
dem Feldherrn und den Soldaten einherschleiche, zu solchem Dienst schickt sich
mein Wesen nicht, versetzte Bernhard mit Festigkeit. Auch bin ich mit dem, was
Offiziere und Soldaten begehren, zur Zeit wenig bekannt. Doch hoffe ich des
hohen Vertrauens nicht unwert zu sein, wenn ich behaupte, gerade durch die
rgerlichen Hndel mit dem Franzosen ist eine gnstige Gelegenheit geboten, wo
Eure Exzellenz als Fhrer der deutschen Vlker zum hohen eigenen Ruhm und zum
Vorteil der Krone Schweden den Frieden befrdern knnten, auf eigene Hand und
als hchster Befehlshaber. Denn jetzt ist die Zeit gekommen, unsere Regimenter
von hier ab in das Kaiserliche zu fhren.
    Der General lchelte. Ist's Eure Weisheit oder ist es der Witz des Lagers,
den Ihr mir zutragen wollt?
    Nicht ich allein unterhalte mich mit solchen Gedanken. Liegt Euch daran,
die geheime Meinung der Soldaten zu erkunden, so ist Leutnant Stange, ein alter
Reiter, der bei den Weimarischen in hohem Ansehen steht, hier in der Nhe.
    Ein schwedischer Offizier trat ein. Was bringst du? rief Knigsmark,
unwillig ber die Unterbrechung.
    Aus den Quartieren des Feldmarschalls Wrangel kam die Nachricht, da
Oberstleutnant Hempel, der vormals Befehlshaber der Weimarischen war, gestern
morgen tot vor seiner Behausung gefunden worden sei.
    Der General sah von der Seite nach Bernhard und erkannte die tiefe Bewegung.
Er ist im Duell erstochen? fragte er, das war zu besorgen, denn er hatte
viele Feinde.
    Unter den Soldaten luft das Gercht, fuhr der Offizier fort, da an
seinem Leibe keine Kartellwunde gefunden sei, sondern ein Messerstich. Die Leute
klagen ber Ermordung, weil der Tote in aller Stille sofort begraben worden.
    Es tut mir leid um ihn, bedauerte Knigsmark. Er war in diffiziler
Stellung, doch hrte ich, da er sich dem Feldmarschall als brauchbar empfohlen
hat. Euch war er gut bekannt? fragte er, zu Bernhard gewendet.
    Er war mein Freund, versetzte dieser mit zuckendem Munde.
    Das Leben des Soldaten hngt an einem Haar, trstete der General. Der Tod
sucht ihn mit jeder Art von Waffen. Rufe den Leutnant Stange! gebot der
Offizier.
    Es war ein unheimliches Schweigen im Zimmer, bis Gottlieb hereintrat, das
Angesicht noch finsterer zusammengezogen als gewhnlich.
    Ihr seid einer von den Alten des Herzogs Bernhard? fragte ihn der
Feldherr.
    Jetzt Leutnant bei Penz, vierte Kompanie, antwortete Gottlieb feierlich,
frher bei Alt-Rosen, erste; unter Knig Gustav Adolf Kanonier bei Ltzen.
    Ein guter Anfang, Alter, lobte der Graf, mit Wohlgefallen den Veteranen
betrachtend, damals wieset Ihr dem Pappenheim die Wege, neulich sah ich Euch
den anderen voran in die Kaiserlichen einhauen.
    Jeder nach Krften, antwortete Gottlieb. Eure Exzellenz hielten auch
nicht hinten, als dieselben das sahen.
    Der General nickte ihm zu: Eure Kameraden sind schwierig. Mir liegt am
Herzen, ihre Unzufriedenheit zu dmpfen, denn der Groll, der durch einen Zufall
in die Gemter kommt, frit weiter und treibt eine Forderung nach der anderen
hervor. Ihr kennt die Gesinnung der Soldaten, was begehren sie?
    Rache, antwortete Gottlieb nachdrcklich. Rache an dem Franzosen oder an
wem es sonst sei! Feldmarschall Graf Turenne wird klug handeln, wenn er es
vermeidet, bei einer Gasterei oder auch beim Scharmtzel unseren Leuten in
Schuweite zu kommen, ihre Karabiner knnten von selbst losgehen.
    Euch an einem Verbndeten zu rchen, ist nicht meines Amtes, sagte der
General mit finsterer Miene. Was kann ich selbst tun, um meine tapfern Reiter
zu kontentieren?
    Gottlieb rusperte sich: Links schwenken und vorwrts ins Kaiserliche! Denn
des Rmischen Kaisers Majestt ist, mit Respekt zu sagen, kriegslustig in der
Fremde, aber furchtsam in seinem Hause. Jetzt hat er sich ein groes Herz gefat
und seine Armada dem Bayern ins Land geschickt. Wenn wir unterdes links ab nach
Bhmen traben, whrend Feldmarschall Wrangel und der Franzose hier
Herausforderung blasen, so wrden unsere Vlker den Wunsch erreichen, von dessen
Erfllung sie bei Tage diskurieren und in der Nacht trumen.
    Kommt Ihr alter Haudegen auch mit dem Frieden? fragte Knigsmark
achselzuckend.
    Nicht sowohl Friede, Eure Exzellenz, als vielmehr Beute, antwortete
Gottlieb, die grte Beute der Welt, Millionen von Gold, Edelsteinen und
Prachtgert, wie es noch schwerlich irgendwo auf einem Haufen zu finden ist!
Darnach steht unserem Volke das Herz. Denn wir haben durch bhmische berlufer
von der Hussitenart gute Kunde, da nach Prag die Schtze aus allen Landen des
Kaisers zusammengeflchtet sind; auch sitzen dort Hunderte der vornehmsten
Edelleute mit Weib und Kind, von denen jeder ber tausend Dukaten Ranzion zahlen
wrde. Das alles ist fr den zu greifen, der die Hand darnach ausstreckt, denn
die Kaiserlichen sind sorglos im Dienst, und die Bhmen erzhlen, da man leicht
in die Festung Prag hineinpassieren knnte, weil die Pfaffen vorgeben, da die
Heiligen selbst davor Wache halten. Darum begehren unsere Reiter zuerst, den
kaiserlichen Adler kahl zu rupfen; dann wre ihnen der Friede recht.
    Knigsmark lachte und legte vertraulich die Hand auf die Schulter des
Leutnants. Ihr wit, da der Feldherr nicht so schnell zum Beuteritt blasen
kann, als der Soldat sattelt. Mir selbst liegt alles daran, euch aus dem Geznk
herauszubringen, aber ich bin nicht der, bei dem die letzte Entscheidung steht.
-
    Von der Strae klangen Schreie und eilige Tritte. Wieder trat der meldende
Offizier ein: Die Regimenter des Obersten Penz sind in Tumult, die Reiter
laufen nach dem Alarmplatz, dort stehen sie in Haufen zusammen.
    Was fordern sie? fragte der General, das Haupt erhebend.
    Noch wird's nicht laut; sie klagen ber den Tod ihres alten Fhrers und
verhandeln finster und mitrauisch untereinander.
    Der wilde Stier ist unsicher, gegen wen er die Hrner heben soll, sagte
der Feldherr. Also ohne Ehre und Kondukt ist der Tote bestattet worden? Das
krnkt auch mich; denn euch ist bewut, ich hatte ihn ehrenvoll aufgenommen,
soweit ich vermochte. Das Leben kann ich ihm nicht wiedergeben, aber die
nachlssige Bestattung gedenke ich nicht zu leiden, und ich mu durchsetzen, da
er aus dem Boden gehoben und in einem zinnernen Sarge in ansehnlicher Kirche
beigesetzt wird, wie einem schwedischen Obersten gebhrt; mein eigener
Feldprediger soll ihm die Gedchtnisrede halten, und Deputierte der Regimenter
sollen zu der Bestattung geladen werden. Ich hoffe, das wird den gemeinen Mann
soweit kontentieren, da er meine gute Gesinnung erkennt. - Und ihr seid der
Meinung, da den Vlkern willkommen wre, wenn ich sie nach Bhmen fhre? -
Eilt, ihr Herren, fuhr er zu den beiden Offizieren fort, noch ist es Zeit, die
Unruhe zu stillen, seid schnell und rhrig, damit uns nicht neues Unheil
erwachse.
    Mit Mhe wurden die zornigen Soldaten beschwichtigt, der General ritt selbst
unter sie, versprach scharfe Untersuchung und Genugtuung, ja, er gab den Rat,
da Abgeordnete der Regimenter ihre Klagen den schwedischen Kommissaren im Lager
vortragen sollten, und sagte dabei in guter Laune zu Bernhard: Ich rate aber,
das Prager Phantom, welches den Herren in Gedanken liegt, durchaus nicht zu
erwhnen. Zuletzt setzte er durch, da der Gettete aus der Erde gehoben und
nochmals feierlich beigesetzt wurde. Als Bernhard an dem Sarge des Freundes
kniete, gedachte er traurig der Stunde, in welcher der Tote um die Schwester
geworben hatte und des stolzen Vertrauens auf die eigene Klugheit. Er sollte
nicht erleben, da unsere Soldaten die deutsche Not an dem Kaiser rchen, aber
ich merke, sein Tod soll dazu helfen.
    Diese Erwartung wurde erfllt. Denn auch die Schweden erkannten, da die
deutschen Reiter des Knigsmark an der Donau mehr Verlegenheit als Vorteil
bereiteten. Und als sich die Bume mit Laub bekleideten und das junge Grn der
Wiesen und Saatfelder einem reisigen Zuge Futter bot, erhielt der General die
Erlaubnis, nach Bhmen aufzubrechen.
    Dort zog er von dem schwedischen Sttzpunkt Eger aus scheinbar planlos
umher, dem Raubvogel gleich, der in hoher Luft seine Kreise zieht, aber sein
sphender Blick haftete unverrckt auf der alten Kaiserstadt an der Moldau.
Geheime Boten gingen und kamen, und Leutnant Stange wurde oft als Vertrauter in
das Zelt des Feldherrn gerufen. Endlich fand sich ein unzufriedener Bhme, bis
dahin kaiserlicher Offizier und in der Festung Prag wohlbekannt, welcher bereit
war, Fhrer eines berfalls zu werden.
    Es war am Ende des Juli, als der General, ohne Geschtz und Tro, durch
einen Eilmarsch bis nahe vor Prag rckte. In einem Walde an der Landstrae
erwartete der Heerhaufe die Abenddmmerung, dann zog er, das Fuvolk voran,
dahinter die weimarischen Reiter mit dem General, verstohlen der Stadt zu. Um
Mitternacht hielt der Schwede auf dem weien Berge, im ersten Morgengrau drang
der Vortrupp zwischen den schlecht bewachten Werken ein, bewltigte die nchste
Wache, schlug das Tor auf und lie die Zugbrcke herunter; hinter ihm brachen
die Eroberer wie eine Wasserflut in die Straen der schlafenden Stadt, whrend
das erste Frhlicht die Spitzen der Trme vergoldete, und die Glocken zum
Morgengebet luteten. Die kaiserliche Burg, der vornehme Stadtteil der groen
Festung, geriet fast ohne Blutvergieen durch ein keckes Reiterstck in die
Gewalt der Schweden. Jauchzend und brllend warfen sich die Sieger in die Huser
und Palste, welche schon vor der Einnahme mit ihrem Inhalt als Kriegsbeute
verteilt waren. Alles, was die alten Reiter an ihren Lagerfeuern ersehnt hatten,
wurde ihnen zuteil, reichlich und vlliger, als sie getrumt. Denn die Beute,
welche sie gewannen an adligen Gefangenen, an Gold, Edelgestein und Prachtgert,
schien ihnen selbst unermelich.
    In einem groen Herrenhause, das mit frstlicher Pracht eingerichtet war,
lag Rittmeister Knig mit seiner Kompanie. Den Besitzer hatte sein gutes Glck
in Wien zurckgehalten, aber der zitternde Hausmeister wies den Eindringlingen
die Silberkammer, die gefllten Schrnke und den Weinschatz des Kellers. In den
unteren Rumen hausten die Soldaten; sie saen auf Sthlen, die mit vergoldetem
Leder bespannt waren, und tranken einander spanischen Sekt aus silbernen Bechern
zu. In den Stllen des weiten Hofraumes stampften ihre Pferde, auch sie
wohlgenhrt und bermtig durch malos eingeschtteten Hafer. Als oberster Vogt
des Hauses aber schritt Leutnant Stange einher, neben seinem Degengehenk ein
groes Schlsselbund, um der Trunkenheit und unsinnigen Verschwendung zu wehren.
    In einem Prachtgemach des Oberstocks sa Judith ber das Bett des jungen
Sohnes gebeugt. Sie haben dich in eine Wiege gelegt aus Silber und Elfenbein,
du heimatloser Knabe; von Marmor sind die Wnde deines Schlafgemachs und aus den
groen Bildern sehen gerstete Mnner mit Purpurmantel und Ehrenketten am Halse
hochmtig auf dich herab, als wollten sie fragen: Wer ist das fremde Kind und wo
gehrt es hin? Niemand wei es. Wenn du einst heranwchst, so wirst du vergebens
fragen, wer deine Mutter war; da, wo einst ihr Haus stand, ist jetzt ein
schwarzer Brandfleck. Kommst du in das Land, wo man sie kannte, wirst du einen
wilden Fluch hren, sooft jemand ihrer gedenkt; hte dich, in die Dorfkirche mit
den zerschlagenen Fenstern zu treten, da die Leute nicht von dir wegrcken und
dich hinausweisen als einen Gezeichneten.
    Sie hob das Kind aus der Wiege, als sie einen schnellen Schritt hrte. Hier
ist Euer Sohn, geliebter Herr, rief sie dem eintretenden Gatten zu. Ihr habt
Euer Weib, das sie bereits in den feurigen Sarg gelegt hatten, auf die Erde
zurckgefhrt, mein Dank war, da ich Euch dies junge Leben gab. Jetzt mt Ihr
uns beide tragen. Nehmt ihn in Eure Arme und mich dazu, denn Ihr seid alles, was
wir auf Erden besitzen, die letzte Heimat der Verstoenen.
    Er wird ein wackerer Knabe, sagte Bernhard, das Kind freudig betrachtend,
hilf, Kleiner, der lieben Mutter mutig zureden. Sieh, er ffnet die Augen und
wird zur Stelle in seiner Sprache fordern, da du dir nicht in Schwermut den
Segen verdirbst, den er in unser Leben gebracht hat.
    Das Kind schrie; Pieps lief herbei, nahm es an sich, lachte ihm vertraulich
zu und trug es, die Arme schwenkend, unter gutem Zureden in der Nebenstube auf
und ab.
    Der Rittmeister sah sich im Zimmer um. Wir sind den Herren dort an der Wand
ungeladene Gste, la dir's gefallen, da die Hochmtigen als stumme Trabanten
dir dienen. Die stolzen Feinde sind gedemtigt, von der Hhe der Kaiserburg
sehen der Thringer und Sachse herab auf die alte Stadt, aus welcher vor dreiig
Jahren die Kriegsfurie aufflog; jetzt schwingen wir siegreich die Fackel, und
unsere Reiter, welche das Schicksal des Krieges lange gezaust, knnen als Sieger
ber die Moldau trotzig ihr altes Schlachtgeschrei rufen: Hie Deutschland! Jetzt
drfen auch sie hoffen, sich im Frieden ihres Sieges zu freuen.
    Und wenn der Friede kommt, was bringt er fr Euch, Herr? fragte Judith.
Wo lutet die Kirchenglocke, die uns mit guten Nachbarn zum Gottesdienst
ladet?
    Das deutsche Land ist gro߫, versetzte der Gatte, und der teuflische
Argwohn vergeht.
    Er vergeht, und er wird wieder laut gerade dann, wenn die Angst geschwunden
ist. Ich hre sein Geflster wie das Gerusch des Waldbachs unter der grnen
Eisdecke, auf der ich stehe.
    Bernhard sah ihr besorgt in das Antlitz und ergriff ihre Hand: Wer hat dir,
Geliebte, die du seither so tapfer warst, den Sinn verstrt?
    Oh, bet Nachsicht, Herr, bat das Weib. Die zweite Warnung hat das
Schicksal mir gesandt. Ihr wit, wie ungern ich an Kranken die alte Kunst be;
heut, als Ihr mit dem Obersten ausgeritten wart, kam Gottlieb und erzhlte von
einem kranken Reiter aus anderem Regiment, der nebenan in tdlichem Siechtum und
hilflos lag. Da ging ich mit Eurem Kameraden an das Lager des Sterbenden. Der
Mann war aus Thringen und erkannte mich. Er weigerte die Arznei zu nehmen, die
ich ihm bot, und kehrte sich mit einem Fluche der Wand zu. Euer Freund aber
sagte mir darauf zu meinem Trost, da der Kranke verschieden sei.
    Bernhard fhlte tief den Schmerz der Geliebten, aber er antwortete ruhig:
Harre aus, Judith. Um alles Leben schleicht der Tod, niemand kann sagen, was
ihm in der nchsten Stunde beschieden ist. Wie darf dich und mich die Furcht
verwirren, weil die Gefahr, in der wir stehen, vielleicht ein wenig grer ist
als die manches anderen. Beschied der Himmel uns mehr Gefahr, so verlieh er uns
dafr ein festes Herz, und er gab uns auch ein greres Glck. Da wir der Not
entronnen, miteinander als wackere Ehegatten leben, das ist ein gutes Erdenlos,
und wie ein Panzerhemd gegen alle Gefahr trage ich diese stolze Freude.
    Haltet Ihr mich an Eurem Herzen und hre ich die Zuversicht Eurer Rede,
sprach Judith, sich von seiner Brust erhebend, so schwindet die Angst, und aus
Euren Augen dringt ein Strahl der Hoffnung in mein Herz. Segen ber Euch! Denn
nur in Eurer Nhe finde ich Mut und Vertrauen. Dann wage ich zu bitten, da der
Himmel mich noch unter den fremden Menschen dulde.
    Nicht alle sind fremd, trstete Bernhard und wies nach auen, wo die
Stimme des Leutnants in krftigen Scheltworten laut wurde. Mancher von den
Kameraden setzt fr die Frau Rittmeisterin durch das Feuer. Hier in diesem
Schlo, in das die Gttin Bellona uns versetzt hat, hausest du sicher unter
treuen Gesellen. Aus Schlesien zieht uns Sukkurs heran, die Wege werden frei,
und die Strae dorthin kommt in unsere Hnde, vielleicht wird uns Gelegenheit,
von hier den Ritt nach deiner Heimat zu unternehmen.
    ber das Antlitz der Frau zog ein Schimmer von Freude, sie zog ihn an das
Fenster: Seht dort in der Ferne die grauen Berge, dort liegt unser Hof. Seit
ich den Knaben habe, trumt mir wieder von der Kinderzeit. Dann erfat mich die
Sehnsucht. Ich sehe die Hhen im Morgenlicht und das Haus des Vaters, und ich
hoffe, was mich jetzt krank macht und zur Last fr meinen lieben Herrn, das wird
schwinden, wenn ich dahin komme. Im Hof der Eltern sitzt wohl lngst ein
Fremder, und er knnte uns rauhen Gru bieten, wenn wir ihm in sein Heimwesen
eindringen. Dennoch ruft mir eine innere Stimme zu, da ich dort den Frieden
wiederfinden werde.
    So hre ich dich gern reden, sagte der erfreute Bernhard.
    Und wisset, Herr, fuhr Judith fort, die Hoffnung ist nicht ungereimt. Ein
Bhme meines Glaubens, den Euer Bube hier erkundete, hat mir Nachricht aus
unserer Gegend gebracht. Ach, viele wurden gettet oder verjagt, und von den
Bekennern sind nur wenige brig. Aber einer der Alten lebt noch, der nchste
Freund meines seligen Vaters, zu ihm begleitet mich, Bernhard. Dort wird die
bittere Ausgeschiedenheit mich nicht mehr qulen, ich komme unter Landsleute,
und, setzte sie leise hinzu, auch beim Gottesdienst wre mir wohl, denn unsere
Brder halten fest zusammen, und ihnen wrde ich nicht verdchtig sein.

Die hren waren gereift, und der Herbst begann die Bltter zu frben, als
reitende Boten die Kunde nach Prag trugen, da zwischen Schweden und dem Kaiser
endlich der Friede vereinbart sei. Da bergab Bernhard die Kompanie der Sorge
seines alten Freundes und fhrte sein Weib den Bergen zu. Die Heerstrae war bis
in das Riesengebirge durch schwedische Posten gesichert, und die
Feindseligkeiten der Armeen hatten aufgehrt. Als Judith mit ihrem Kind und der
Dienerin im Sonnenlicht auf der Landstrae dahinfuhr, geleitet von dem Gemahl
und bewaffneten Knechten, und vor ihr die blaue Kette des Gebirges immer hher
aufstieg, da glnzte ihr Auge, und der Mund lachte, wenn sie sich hinausbeugte
und dem Vater sein Kind zum Kusse bot.
    In der Nhe von Braunau bernahm sie selbst die Fhrung der Reise. Sie
richtete die Fahrt nach einem Bauernhof, der abseits der Strae lag und trotz
der Verwstung verriet, da er bewohnt sei. Und als in dem Hofe ein alter Mann
mit schneeweiem Haar auf die Schwelle trat, da bat sie den Gemahl, sie allein
zur Unterredung mit dem Greise zu lassen. Am nchsten Morgen begleitete der
bhmische Bauer die Reisenden ber die Grenze in das Schlesierland. Bernhard
hielt scharfe Umschau, doch nirgends war Feindliches zu sehen, ringsum
menschenleere Tler und bewaldete Berggipfel und in den Drfern die
Trmmerhaufen, welche der Krieg zurckgelassen hatte. Als sie eine Hhe erreicht
hatten, von welcher der Weg in die Ebene fhrte, lie der Bhme den Wagen halten
und mahnte zur Vorsicht, weil sich die Kunde verbreitet hatte, da die Schweden
ihre Quartiere lngs der Grenze rumten und kaiserliche Vlker einrckten.
Begnge dich heut, meine Tochter, wie Moses dein gelobtes Land von ferne zu
betrachten, sprach er trstend, bis die Freunde dir den Zugang zu deinem Hofe
geffnet haben. Da stieg Judith aus, kniete vor dem Alten nieder und bat: Mein
Vater, segnet mich! Lange hat keines Priesters Hand mein Haupt berhrt, wie eine
Ausgestoene habe ich gelebt, und mir war zuweilen, als sei ich von unserm
lieben Gott geschieden. Das nehmet heut von mir. In Frieden und Freude will ich
das Haus meines Vaters wiedersehen. Und als der Alte ber ihrem Haupt gebetet
hatte, reichte sie Bernhard die Hand und sagte: Kommt mit, wir gehen zu Fue
nur so weit, da ich die Schwelle erkenne, die Tr und die Bank, auf der ich als
Kind gesessen.
    So gingen sie beide vorwrts, in geringer Entfernung gefolgt von dem
Reiterbuben, der den Karabiner seines Herrn trug. Es war ein klarer
Herbstmorgen, berall feierliche Stille, auf den Wiesen in der Tiefe lag noch
dmmeriger Nebel, aus der nahen Stadt klang das Glockengelut. Sie luten den
Frieden ein, sagte Judith, das bedeutet auch fr Euch und mich ein besseres
Glck. Knnte ich mit Worten danken fr alles, was Ihr an mir getan, heut mtet
Ihr mich anhren, denn, geliebter Herr, mein Herz ist bervoll von Liebe und
Zrtlichkeit fr Euch. Sie drckte sich an ihn. Seht, dort steht die
Steinbank; von dort hob mich die Alte in den Wagen, als die Eltern flohen. Aber
whrend er mit den Augen der Richtung folgte, nach der sie ihn wies, fhlte er,
wie sich ihre Finger krampfhaft in seinen Arm preten, im nchsten Augenblick
warf sie sich mit wildem Schrei an seinen Hals.
    Hinter der Hofmauer jagte ein Beritt kaiserlicher Reiter heran, darunter ein
Offizier mit roter Feldbinde. Bernhard erkannte, da er wehrlos vor seinem
Todfeinde stand, und Reinbold schrie: Was mir lange getrumt, ist wahr
geworden; heut bin ich's, der Euch der Kompanie entledigt und des Weibes dazu.
Er gebot: Feuer!, und als die Reiter zgerten, rief er mit einem Fluch:
Vorwrts! Es ist die Hexe aus Thringen! Die Schsse krachten, Bernhard sank
dahin, sein totes Gemahl im Arme.
    Und noch ein Blitz und ein Knall aus einem Rohre, das ein Knabe mit
gestrubten Haaren hob. Die Pferde der Reiter stoben auseinander, der Gaul des
kaiserlichen Offiziers schleifte den erschossenen Mrder am Bgel.
    So kam den Liebenden der Friede. Und wer von ihnen erzhlt, der wei nicht,
soll er sie glcklich preisen oder beklagen.

                                     Schlu


In einem Kirchdorfe, nahe bei Gotha, war die Getreideernte beendigt. Nicht alle
cker der groen Dorfflur hatten Frucht getragen, und nicht in jeder Hofsttte
wohnten Landleute, welche sich der Ernte freuen konnten, aber die Gemeinde sa
doch wieder um ihre Kirche, mancher war aus der Stadt zurckgekehrt mit den
geretteten Rindern und dem Ackergert, und mancher war aus der Fremde zugezogen.
Zum ersten Male seit langen Jahren hatten die Leute in Frieden ihre Garben
gebunden und, wenn sie auf dem Felde schafften, in leidlicher Sicherheit auf die
kleine Turmglocke gehrt, welche ihnen Mittag- und Abendruhe ankndigte. Auch im
Pfarrhofe stand der Wagen mit der letzten Mandel, die am Abend noch nicht
abgeladen war, und ber ihm schwebte der Erntekranz. Das Hoftor war
verschlossen, der Hofhund sa achtsam neben seiner Htte und murrte zuweilen,
wenn ein Kuzlein schrie oder ein spter Futritt auf der Dorfgasse schallte.
Die Frau Pfarrerin sah am Fenster nach der runden Mondscheibe, welche, umsumt
von einem Strahlenkranze, den Hof und die Trschwelle mit grellem Licht berzog,
als wren sie mit weiem Sande bestreut. Ihr Gatte trat herzu, um den Laden zu
schlieen und sein stilles Heimwesen vor dem Gesindel zu wahren, welches
obdachlos durch das Land zog. Alle Abende steht mein liebes Weib am Fenster,
sieht hinaus auf die Strae und horcht auf fernes Gerusch.
    Regine sah bittend zu ihm auf. Alle Abende hofft die Schwester, da der
Verlorene kommen wird. Bei Tage bin ich ruhig in der Arbeit und meinem Glck,
aber wenn der Mond auf die Dcher scheint und die Wolken an ihm vorberfahren,
dann ergreift mich Angst und Sehnsucht. Zrnt nicht, lieber Herr.
    Das ist der jungen Frau zurckgeblieben aus der Zeit, wo sie mit hellen
Worten trumte.
    Die Traumreden sind zu Ende, seit ich einen Hausherrn habe, den ich nicht
aufwecken darf, sagte sie und barg ihr Haupt an seiner Brust. Schliet das
Fenster, sprach sie nach einer Weile, es ging vorber.
    Da bellte der Hofhund laut und zornig, und die Rassel am Hoftor erklang.
Regine fuhr zusammen und rief: Er kommt! Doch im nchsten Augenblick fate sie
ngstlich den Arm des Gatten. Weckt die Leute.
    Der Pfarrer ergriff den Hut. Ich sehe, bevor ich ffne, trstete er.
    Regine eilte ihm nach bis auf die Hausschwelle. Er schob den Riegel zurck,
die Pforte sprang auf, niemand war im Eingang zu sehen. Doch zur Seite im
Schatten des Zaunes kauerten zwei dunkle Gestalten, und eine Knabenstimme fragte
leise: Wohnt hier jemand, der einst zu Alt-Rosen gehrt hat?
    Ich bin's, Knabe, schrie Regine und sprang an das Tor. Der Knabe trat
heran, ein Bndel in den Armen; ihm folgte ein Mann, den Hut tief in die Augen
gedrckt. Der Fremde sah vorsichtig hinter sich und schlo das Tor, dann nahm er
den Hut ab, und im Mondlicht erkannte Regine das gefurchte Antlitz eines alten
Freundes.
    Wir bringen der Schwester das Erbteil, welches ihr Bruder auf Erden
zurcklie. Der Rittmeister und sein Weib sind dahin, ich denke, es war die
letzte Kugel, welche sie traf, als der Friede eingelutet wurde. Was der Knabe
im Arm hlt, trugen wir vom Riesengebirge heran, eine Frau des Trosses, die ihm
Nahrung gab, der Knabe und ich.
    Regine stand regungslos, und ihr Gatte sagte, sie festhaltend: Tretet in
das Haus! - Der Alte schttelte den Kopf. In diesem Lande bringt es den Leuten
Unglck, uns zu beherbergen. Wir ziehen bei Nacht weiter dahin, wo uns niemand
kennt. Denkt insgeheim der Toten und der Lebenden. Gottlieb winkte grend mit
der Hand, ffnete die Pforte, und sein eiliger Schritt verklang auf der leeren
Strae. Der Knabe trug seine Brde hinter der wankenden Pfarrerin in die Stube
und legte sie auf einen Stuhl. Der Feldprediger hat es getauft, es heit, wie
mein Herr hie߫, sagte er und wandte sich zum Gehen.
    Du aber bleibst bei uns, rief der Pfarrer.
    Doch Pieps sah von der Schwelle stolz in die Stube zurck: Ein Reiterjunge
von Alt-Rosen wird kein Kster. Adjes! Ich werde manchmal nachsehen, wie es
diesen geht.
    Er wies auf Regine, welche vor dem Kind kniete.

                     Der Freikorporal bei Markgraf-Albrecht



                                 Zum Jahre 1721

Wenn Herr Bernhard Georg Knig mit seiner Frau Liebsten ber den Marktplatz der
kurschsischen Stadt lustwandelte, in welcher er whrend des Winters wohnte, so
zogen die Brger mit Hochachtung die Hte, und ihre Bemerkungen hinter dem
Rcken des Ehepaares waren nicht selten beifllig. Denn die Knigschen Eheleute
wurden zu den Honoratioren der Stadt gezhlt, sie waren rechtschaffen, und sie
waren wohlhabend, da ihnen nicht nur ein Rittergut in der Nhe gehrte, sondern
auch in Zukunft der Besitz des besten Hauses am Markte gar nicht entgehen
konnte. Man wute, da dies Vermgen von dem Vater der Frau herkam, welcher zu
seiner Zeit ein reicher Kaufmann in Leipzig gewesen war und sein einziges Kind
mit dem genannten Knig verheiratet hatte.
    Aber auch Herr Knig war kein gewhnlicher Mann. Als Sohn eines Thringer
Pfarrers hatte er Theologie studiert und war Geistlicher eines deutschen
Regiments geworden, welches Knig Wilhelm von England in seinen Kriegen mit den
Franzosen gebrauchte. Im Felde behauptete er sich als ein stattlicher Mann von
festem Charakter, der den Tod nicht frchtete, dem Teufel krftig zu Leibe ging
und seinen Soldaten eine heilsame Scheu vor dem breiten Pfade zur Hlle
beibrachte. Und da er auch ein guter Gesellschafter und beim Glase Wein ehrbarer
Frhlichkeit nicht abhold war und leichter Franzsisch und Englisch lernte als
die meisten Offiziere, so wurde er ein guter Freund seines Obersten und diesem
bei schriftlichen Verhandlungen ein vertrauter Helfer. Er selbst lernte in
Holland ein groartigeres Leben kennen, als in der deutschen Heimat zu finden
war, und unterhielt, seinen Horaz in der Tasche, geselligen Verkehr mit
berhmten hollndischen Gelehrten, welche sich seines festen Lateins freuten.
    Beim Regiment hatte er einem kurschsischen Kaufmann, welcher in das
Kriegsgetmmel geraten war, wichtige Dienste geleistet, er hatte ihn nicht nur
vor Ausplnderung behtet, sondern auch durch sorgsame Pflege aus schwerer
Krankheit wiederhergestellt. Der Sachse erbat vor seiner Abreise die Ehre eines
Briefwechsels und bewahrte fortan seinem Retter eine herzliche Dankbarkeit. Als
nun der Feldprediger nach Jahr und Tag in die Heimat zurckkehrte, folgte er
einer dringenden Einladung des Kaufmanns nach Leipzig. Dort wurde ihm unter dem
Dache des Gastfreundes die aufblhende Tochter ber alle Maen lieb, und er
offenbarte in seiner ehrlichen Weise dem Vater, da er dies gastliche Haus
verlassen msse, weil er der Demoiselle Susanne gegenber eine groe
Beunruhigung in seinem Herzen spre und wegen mangelnden Reichtums, und zudem
als Landfremder wegen mangelnder Hoffnung auf eine gute kurschsische Pfarre,
nicht daran denken drfe, die Tochter von den Eltern zur Frau zu erbitten. Da
kamen dem Kaufmann die Trnen in die Augen ber die Redlichkeit seines
Erretters, und er bat diesen, es sich noch drei Tage in seinem Hause gefallen zu
lassen. Und nach drei Tagen lud er ihn feierlich in die gute Stube, aus welcher
die Hausfrau alle Leinwandkappen des seidenen Mbelbezugs weggenommen hatte, und
dort verlobte der edle Mann den Gastfreund mit der herbeigerufenen Tochter,
welche dem glcklichen Brutigam leise gestand, da auch sie ihn seit seiner
Ankunft insgeheim im Herzen trage.
    Jetzt bemhte sich Herr Knig ernsthaft um eine Pfarre in der Nhe, machte
Reisen und suchte Gnner zu gewinnen. Aber das wollte sich nicht so leicht
schicken, da ihm die Orthodoxen mitrauten und auch die Stillen im Lande an
seiner Erweckung zweifelten. Dagegen wurde er dem Kaufmann bald in anderer Weise
unentbehrlich. Denn er verstand als Sohn eines Landpfarrers die Gutswirtschaft
und wute dem Amtmann des Gutes, welches der Kaufmann besa, besser auf die
Finger zu sehen als der Leipziger selbst. Auch der Handlung wurde er durch seine
hollndischen Bekanntschaften ein wertvoller Beirat.
    Als sich vollends nach einigen Jahren begab, da der Kaufmann aus diesem
Leben schied, erwies sich der Schwiegersohn als die Sttze der Familie; die
Handlung wurde aufgehoben, und er hatte jahrelang den Vorteil seiner
Schwiegermutter wahrzunehmen. Endlich verlie die Familie Leipzig, Herr Knig
zog mit seiner jungen Frau auf das Gut in der Lausitz, und die Schwiegermutter
erwarb Haus und Garten in einer nahen Stadt, welche ihr seit ihrer Kindheit
wohlbekannt war, da sie selbst aus einer adligen Familie der Umgegend stammte
und in der Nhe Verwandtschaft und Anhang hatte.
    War das Gut auch nicht gro, es bot der Familie als Sommeraufenthalt doch
viele Annehmlichkeit; ganz zu geschweigen von dem Eingeschlachteten, den Scken
mit Weizenmehl und den Stoppelgnsen. Das Wohnhaus war ein alter Bau mit dicken
Mauern und unregelmigen Fenstern, der Unterstock durch eiserne Gitter verwahrt
wegen des immer noch stark umherschweifenden Gesindels, im Garten ein sorgfltig
geschnittener Heckengang, ja sogar ein Weingelnder und ein Quartier mit
Blumenbeeten, in welchem der Hausherr kostbare Tulpen und Narzissen zog, deren
Zwiebeln ihm ein Freund aus Holland zusandte.
    Doch wiewohl es dem Herrn Knig in weltlichen Dingen gelungen war, in seinem
Gemt trug er es als eine Entbehrung und zuweilen als ein Unrecht, da er dem
Predigtamt entsagt hatte, und es gereichte ihm fast zu einer Befriedigung, da
sein Dorf keine eigene Pfarre bildete; denn wenn einer der Dorfleute in Jammer
und Gewissensnot lag, so war er der nchste, ihn zu trsten und zu ermahnen;
auch der Schullehrer wurde eifriger in seinem Amt, da er merkte, da das Auge
des geistlichen Gutsherrn scharf auf ihn gerichtet war und da ihm lblicher
Pflichteifer Gutes in die Kche und in den Stall brachte.
    Jeden Winter aber zog Herr Knig nach der Stadt in das groe Haus der
Schwiegermutter. Die Stadt war ein alter namhafter Ort mit Mauern und Trmen, an
denen man noch die Lcher wies, welche feindliche Kugeln im Dreiigjhrigen
Kriege geschlagen hatten. Einst war der Ort stolz auf seinen Handel gewesen,
jetzt sah er ein wenig heruntergekommen aus, aber es lagen doch nur wenige
Huser in Trmmern. Seine Brger hatten viel Landbesitz, und wen das Handwerk
nicht nhrte, der konnte sich's vom Acker holen. Es saen angesehene Beamte des
Landesherrn darin, auch eine lateinische Schule war vorhanden, und einige Huser
gehrten Edelleuten der Umgegend, welche die vornehmste Soziett bildeten, sooft
sie in der Stadt wohnten. Unter ihnen fanden sich einzelne Herren mit polnischen
Namen, da der Kurfrst von Sachsen zugleich Knig von Polen war; und wenn die
Lnder auch nicht zusammenhingen und die polnische Wirtschaft unter den
Deutschen bel beleumdet blieb, so hatten sich doch mancherlei Fden von einem
Lande zum andern gezogen. Unternehmende Sachsen suchten an der Weichsel leichten
Gewinn, und junge Polen kamen an die Elbe, um Geld zu borgen und unter den
adligen Familien Edukation zu erhalten. Denn die Kursachsen galten dafr, gute
Lebensart zu besitzen, der Hof zu Dresden war der prchtigste im ganzen
Rmischen Reiche, und die Kunstwerke italienischer Kche und franzsischer
Modisten verbreiteten sich aus der Residenz in die kleineren Stdte. Auch das
bcherdruckende Leipzig sandte beflissen seine literarischen Erzeugnisse durch
das Land, und der Gelehrte stand an der Pleie und Elbe in hherem Ansehen als
anderswo. Sogar der Landadel verachtete nicht ganz das literarische Wesen und
fhlte sich in einnehmender Redekunst und in jeder Art von wohlbedachten
Komplimenten seinen Genossen aus der deutschen Nachbarschaft berlegen, er
verstand, beim Beginn einer Mahlzeit stets das groe Wort zu fhren, doch wurde
er im Verlauf der Festivitt oft durch die strkere Trinkkunst der anderen zum
Schweigen und unter den Tisch gebracht.
    So fand Herr Knig in der Stadt wohltuenden Verkehr. Auch seiner
Schwiegermutter, die ihn nicht weniger verehrte als die eigene Frau, blieb er
ein treuer Berater gegenber groen und kleinen Versuchungen, zum Beispiel als
der neue ungeschickte Kopfputz aufkam und danach die Erbauungsstunden, in denen
fern von der Kirche das Lmmlein auf eigentmliche Weise verehrt wurde.
Vollends, als es in dem eigenen Hause der Schwiegermutter zu poltern anfing,
entdeckte er mit berlegener Ruhe, da es zuerst nur Ratten hinter dem
Holzverschlage gewesen waren und dann eine liederliche Kchin, welche mit ihrem
Liebhaber das Gerusch eigenntzig fortgesetzt hatte. Wenn er sich gerade und
stolz gegen die vornehme Verwandtschaft hielt, so tat das zuweilen den Frauen
wehe, doch trugen sie es schweigend, da sie merkten, da ihm gerade deshalb von
den Anspruchsvollen die gebhrliche Hochachtung nicht versagt wurde.
    Seine Gattin beschenkte ihn mit zwei Shnen, und die Erziehung der beiden
Knaben ward allmhlich sein grtes Glck. Beide wuchsen krftig heran, im Alter
nur um ein Jahr verschieden. Der ltere, Georg Friedrich, ein Abbild des Vaters,
blond, breitbrustig und gestreckt; der jngere, Bernhard August, zierlich von
Gliedern, mit braunem krausen Haar, der Mutter hnlicher. Auf dem Hofe
behaupteten sie als junge Gutsherren zuerst mit einer Gerte und unsicheren
Beinchen ihre Herrschaft ber das Federvieh, dann zausten sie den groen
Hofhund, welcher ihnen mit seiner Nase liebkosend ins Gesicht stie, endlich
kletterten sie auf die Pferde und wurden Freunde des Groknechts. Im Hause aber
legte ihnen die Mutter ihre kleinen Finger zum Gebet zusammen, dann lehrte der
Vater den Tischsegen, und der Frau Knig traten die Trnen in die Augen, als
Friedrich zum ersten Male, genau mit dem Anstande und Tonfall des Vaters, vor
seinem Stuhle den lieben Gott zu Gaste bat. Nicht lange darauf muten die
Kinderlippen sich mhen, lateinische Vokabeln nachzusprechen; doch lernten die
Knaben willig, weil der Vater die Fleiigen mitnahm, wenn er durch die Felder
ging.
    Auch den Kindern wandelte der Winter das ganze Tagesleben. Denn sobald sie
nach der Stadt zogen, erhielten sie andere Wmser und Hslein, sie muten einen
kleinen Hut tragen, jeder Schmutzfleck wurde strenger gergt, und ein artiges
Hndegeben hrte gar nicht auf. Sie standen erstaunt in den Putzstuben fremder
Huser, wo ihnen sehr verdacht wurde, wenn sie Bindfaden aus der Tasche zogen
oder ungebrdig aufjauchzten; dagegen konnten sie auch alle Tage beim Laden des
Pfefferkchlers vorbeigehen, sie sahen rings um sich geputzte Menschen,
buntgetnchte Huser und bei den Kaufleuten ausgestellte Spielwaren, erhielten
oft Konfekt und sen Wein und erkannten bald, da in der Stadt alles prchtiger
war; im Hause der Gromama schngemusterte Wandbehnge, blanker Fuboden, groe
Fensterscheiben und ein Schohndchen mit langem Seidenhaar.
    Whrend die Knaben im Wechsel von stdtischer Zucht und lndlicher Freiheit
heranwuchsen, beobachteten die Eltern mit stets neuer Verwunderung, wie
verschieden das Wesen derselben sich entwickelte. Fritz, der lteste, war ein
stiller Knabe, welcher seinen Ball nach dem Spiele sorgfltig in die Schublade
legte, und wenn er aus dem Straenstaub in die Stube kam, Strumpf und Hslein
gutwillig brstete. Er lernte fleiig; freute sich, sooft er neben dem Vater
ausging, wenn dieser ihn an die Hand nahm, und wandelte geradlinig und ehrbar an
seiner Seite. August aber war ein wildes Kind, welches am liebsten sprang und
hpfte und unaufhrlich der Nadel seiner Mutter zu tun gab. Oft zog er sich
durch ein heftiges Auffahren Schelte zu, aber er war auch aufgeweckt und
gesprchig, blieb schon als kleiner Kerl dem Fragenden selten eine Antwort
schuldig und wute gegen den Bruder und die Gespielen seinen Willen
durchzusetzen, indem er trotzte oder schmeichelte. Leider waren seine
Unternehmungen nicht immer lblich, und wenn er mit einer kleinen Bande zu den
Frhpfeln des Nachbars ber den Zaun geklettert war, oder wenn er einem
trunkliebenden Magister Eselsohren aus Papier auf den Rcken gesteckt hatte, so
gab es fr ihn trbe Stunden. Auch fr seinen Bruder, denn obgleich dieser nur
widerwillig dem Eifer des jngeren folgte oder wohl gar seine Beihilfe zu einem
gewagten Unternehmen versagte, so erhielt er doch seinen Anteil an der Strafe,
weil er als der lteste nicht zurckgehalten oder weil er eine Missetat nicht
angezeigt hatte. Trotz kleiner Niederlagen galt August in der Familie fr ein
glckliches Kind, dem alles wohl gelang, in der Regel deshalb, weil er der
Gromama oder der Mutter bittend die Wange strich, was er zeitig gelernt hatte.
Aber er wute auch hhere Autoritten fr sich anzurufen, denn als ihm die
Mutter einst an seinem Geburtstage die Lieblingsnscherei verweigert hatte,
fate er beim Mittagsbrot den Lffel mit beiden Hnden und flehte recht
herzlich, da ihm der liebe Gott nach Tische getrocknete Pflaumen schenken mge.
Die Eltern lchelten; als aber die Mutter am Nachmittage sein rosiges
Kindergesicht mit dem gekruselten Haar inmitten der Gespielen betrachtete,
wurde ihre Zrtlichkeit so bermchtig, da sie einen Teller des geschtzten
Naschwerks vor den Kindern aufstellte. Seitdem entdeckte die Kindermuhme, da
fromme Bitten dieses Knaben in merkwrdiger Weise Erhrung fanden. Als es zum
Beispiel am Morgen vor einer langersehnten Ausfahrt zweifelhaft wurde, ob bei
dem trben Wetter die Reise zu wagen sei, da erhob August wieder nach der
Morgenandacht des Vaters sein Stimmchen und bat den Himmel um Sonnenschein.
Unterdes war sein Bruder beobachtend zu einer Torricellischen Rhre gelaufen,
welche mit Quecksilber gefllt am Fenster hing und durch die weisen
Einrichtungen einer gtigen Vorsehung in den Stand gesetzt war, den Menschen
bisweilen die kommende Witterung anzuzeigen. Nachdem August gebetet hatte, brach
die Sonne durch das Gewlk, und es wurde ein schner Reisetag. Da nun aber die
Frauen den Knaben seiner wirksamen Bitten wegen rhmten, benutzte der Vater die
gemeinsame Abendandacht zu einer Warnung und flehte in hohem Ernst, der liebe
Gott mge ein Kinderherz davor behten, da es nicht in Eitelkeit verfalle und
sich besonderer Gnade rhme, und ebenso auch helfen, da die Liebe der
Angehrigen stets vorsichtig sei und nicht aus dem Zufall ein Verdienst des
Kindes mache. - Dadurch dmpfte der Hausherr die Reden des Frauenzimmers, doch
konnte er nicht verhten, da dem Sohne die Zuversicht blieb, seine Wnsche
durchzusetzen.
    Unter die nchsten Bekannten des Hauses gehrte eine adlige Witfrau, die
Majorin von Borsdorf. Ihr Mann hatte in schsischem Dienst gestanden, sie selbst
war eine entfernte Verwandte der Madame Knig; sie lebte in beschrnkten
Verhltnissen, war aber mit den ersten Familien der Umgegend befreundet und
wute sich und ihr kleines Hauswesen vornehm zu halten. Ein Sohn war als
Fhnrich in kurschsischem Dienst untergebracht; die Tochter, Dorothea, fast in
gleichem Alter mit August, wurde von ihr erzogen. Dorchen war niedlich, aber,
wie Mama Knig richtig erkannte, durch allzu groe Liebe verwhnt. Auch die
Knaben konnten der Kleinen khle Anerkennung nicht versagen, wenn sie in ihren
Hackenschuhen zierlich ber die Strae schritt, die Schultern gerade und das
Kpfchen steif, wie einem Frulein von Stande gebhrte, oder wenn sie vor Frau
Knig zu einem Knicks hinabtauchte, dabei die Augen niederschlug und anmutig
lchelte, wie es eine Groe nicht schicklicher htte vollbringen knnen. fter
aber wurde der Zwang lstig, welchen ihre Gegenwart den Spielen der Knaben
auflegte; sie hielt ihr Schnupftchlein nicht in der Tasche wie andere Kinder,
sondern schwenkte es in der Hand, weil es mit einer Spitze umsumt war, und sie
wollte durch solche Bewegungen den Knaben befehlen, ihr zu bringen, was sie
gerade begehrte. Widerwrtig war sie auch, wenn die Knaben ihretwegen in kleinen
braunen Tonschsseln und Tpfen kochen muten; sie litt nicht, da die Jungen
Nsse schnitten wegen zweifelhafter Sauberkeit der Finger, und war beleidigt,
wenn die Knige zuletzt das kalt Gekochte, welches sie ihnen vorsetzte, nicht
aufessen wollten, was wirklich eine Anmaung war, denn das Verzehren fremder
Kocherei galt damals unter den Kindern fr weniger anmutig als das eigene
Kochen. Das war nun auffallend, und Frau Knig lachte zuweilen darber, da ihre
Shne sich ungleich gegen die Ansprche des Mdchens verhielten, denn Fritz, der
sonst gefllig war, gab dem Dorchen keineswegs nach, sondern sagte schonungslos
seine Meinung, whrend August sich der kleinen Dame williger fgte als
irgendeiner anderen; und wenn er sich auch mit ihr stritt, doch durch ihr
Nasermpfen und Abwenden des Kopfes gentigt wurde, seinen Widerstand
aufzugeben. Vollends in grerer Gesellschaft war August ihr treuer Gefhrte,
und sooft die Kinder Polnisch betteln spielten, was gerade damals in Sachsen
aufkam, gingen August und Dorchen als Bettelleute am liebsten miteinander im
Kreise umher und erbaten abwechselnd Brot fr sich selbst und einen Ku fr das
andere. Dabei bemerkten die Mtter, da Dorchen niemals Neigung hatte, sich von
Fritzen kssen zu lassen, sondern ihrem Bettelmnnchen leise vorschrieb, zu
welchem Knaben er sie fhren solle, damit sie das Unvermeidliche dulde.
    Dies Verhltnis erhielt sich auch, als die Kinder heranwuchsen. Dorchen
wurde konfirmiert, und die Knaben saen in den oberen Klassen der lateinischen
Schule. Da bedachten diese, jeder fr sich, welches Geschenk sie der Gespielin
machen wollten. Friedrich kaufte aus seinen gesparten Groschen ein kleines Kreuz
von schwarzem Glase, das an seidener Schnur um den Hals zu tragen war, und
August bat die Mutter um eine Beisteuer fr ein rotes Glasherz mit goldenen
Sternen, welches ebenfalls als Halsschmuck dienen sollte. Das Frulein empfing
beide Geschenke mit artiger Danksagung, aber sie hing das rote Herz sogleich um
den Hals und behielt das Kreuz in der Hand. August lachte vergngt, aber
Friedrich ging schweigend zu seinen Bchern zurck. Auch als Dorchen beim
nchsten Besuch, um nicht unhflich zu sein, das Kreuzchen am Halse trug, machte
ihr zwar August darber Vorwrfe, aber Friedrich gab durch kein Wort zu
verstehen, da ihn diese Aufmerksamkeit freue.
    Nach Kringeltanz und Pfnderspiel wurde den beiden Messieurs Knig noch
Greres im Verkehr mit halbwchsigen Demoisellen zugemutet. In mehreren
ansehnlichen Familien fanden die Eltern notwendig, ihren Kindern die eckigen
Bewegungen und das allzu natrliche Wesen durch einen franzsischen Tanzlehrer
abzugewhnen, der eigens der Stadt zugereist war, um solche Guttat zu erweisen.
Whrend dieser Stunden wurde der harte Knabensinn ein wenig erweicht, und Frau
Knig beachtete mit inniger Freude, da auch ihre Shne beflissen waren, in
Kavaliersweise den Mdchen die geziemende Ehre zu geben. Doch freilich stand die
neue Kunst nicht einem Sohne so gut wie dem anderen. Fritz war in das Wachsen
gekommen, er drohte sehr gro zu werden und wute bei seiner schnell erworbenen
Lnge, welcher die Majestt fehlte, die hageren Glieder nicht gebhrlich zu
verwenden; August dagegen hatte den zierlichen Fu und die kleine Hand der
Mutter und in allen Bewegungen ein natrliches Geschick, welches ihm bald die
Lobeserhebungen des Tanzmeisters eintrug. Wenn so die junge mnnliche Kraft auf
auswrts gekehrten Fuspitzen wandelte, dazu mit angepreten Ellenbogen den Hut
hielt und dabei noch die Hnde mit dem heuchlerischen Schein anmutiger
Empfindungen zu bewegen suchte, da machte sich's fast immer, da das junge
Frulein den Brdern gegenberstand und sie in ihrer Weise anlachte. Als
vollends nach beendeter Tanzstunde beschlossen wurde, da bei einem vornehmen
Familienfeste acht Kinderpaare als Schfer und Schferinnen erscheinen sollten,
alle gepudert, alle in Rosa und Wei mit bebnderten Schferstben, da geschah
es wieder, da August und Dorchen miteinander zum Menuett in den Saal zogen. Dem
ltesten Sohn hatte die Mutter angedeutet, da er fr das bukolische Kostm
bereits zu hoch aufgeschossen sei, doch wider alles Erwarten bestand Fritz
eifrig darauf, an dem Aufzuge teilzunehmen. Aber der wackere Junge sah sehr
auffllig aus. Er wurde mit der Tochter des Oberpfarrers, die ebenfalls in das
Schieen gekommen war, zusammengesellt; sie stellte eine hagere Schferin dar,
welcher man die gute Weide nicht ansah, in der ihr Vater seine Herde htete, und
Fritz glich einem jungen schlenkrigen Giganten, der Jacke und Hosen des Thyrsis
auf dem Felde gefunden hat. Da war nicht zu vermeiden, da die Mdchen
untereinander spttische Bemerkungen ber das Paar machten, und Fritz erkannte,
da Dorchen sich lebhafter als andere an dem Mokieren beteiligte.
    Doch im Sommer darauf wurde Fritz ber seine Lnge ein wenig getrstet. Die
Brder waren mit den Eltern zum Besuch auf ein benachbartes Gut gefahren und
dort mit Dorchen, die zu der Freundschaft des Gutsherrn gehrte,
zusammengetroffen. Die drei jungen Leute schwrmten durch den Garten ins Freie
und zogen den Bach entlang bis zu einer Mhle, dort freuten sie sich ber das
Klappern und ber die kleinen Schaumwellen, in welche der Strom sich lste, wenn
er aus der Holzrinne scho. Das junge Frulein lie sich vom Mller eine lange
Rute aus dem Weidengebsch schneiden, schlte mit ihren Fingern zierlich die
Rinde ab und wippte, whrend sie neben ihren Begleitern am Bache dahinzog,
neckend ins Wasser, um durch aufspritzende Tropfen die Frisur und
Sonntagskleider der jungen Herren zu gefhrden.
    August wollte sich das nicht gefallen lassen und lief auf sie zu, um ihr die
Gerte zu entwinden, sie aber flchtete auf einen Steg, der ber den Bach fhrte,
und verteidigte durch ihre Waffe den schmalen Zugang. Dabei glitt sie mit den
Hackenschuhen aus und fiel ins Wasser. Es war unterhalb der Schwemme, das Bett
des Baches war breit und hatte tiefe Stellen, sie aber schwamm, da ihr
gesteifter Rock sich blhte, wie eine Wasserblume mit gehobenen Armen klagend
abwrts. August sprang im Augenblick auf den Steg und in den Bach; doch er fand
an der Stelle keinen Grund, und da der Aufenthalt im freien und kalten Wasser
damals nicht zu den Ergtzlichkeiten eines wohlerzogenen Jnglings gehrte, so
vermochte er durchaus nicht zu schwimmen. Durch den Schwung, den er sich beim
Absprung gegeben, kam er der Gespielin nahe, so da er sie mit der Hand
erreichen konnte, aber er verbesserte ihre Lage nicht, denn er zog sie zu sich
herunter. Friedrich dagegen war vom Ufer aus in den Bach gestiegen und watete zu
den beiden Ringenden. Auch ihm ging das Wasser bis an das Kinn, bevor er sie
erreichen konnte. Es gelang ihm, jedes an einem Arme zu packen und mit
Anspannung aller Kraft an sich heranzuziehen; keuchend rief er dem Frulein zu:
Umfassen Sie meinen Hals. Sie hatte noch die Besinnung, zu gehorchen, und er
hielt sie mit dem einen Arme fest, whrend er mit dem anderen den Bruder am
Rocke ergriff. Aber obgleich Fritz ungewhnlich stark war, wurde ihm die Last
doch zu schwer, das Wasser stieg ihm bis an den Mund, seine Kraft schwand, und
er wankte. Da vernahm er einen Zuruf, der Kahn des Mllers scho heran, August
wurde nicht ohne neue Gefahr in das Fahrzeug geschwenkt, und Fritz watete, die
freie Hand am Kahn, in das Seichte zurck und erreichte mit dem Frulein
glcklich das Ufer. Als er ihre Hnde, die seinen Hals krampfhaft umfat
hielten, von sich lste, verlor sie die Besinnung. Die Mllerin lief mit einem
Stuhle herzu, Dorchen wurde durch ein Tuch daran festgebunden und in die Stube
getragen, wo die Mllerin, nachdem sie die Mnner hinausgetrieben, ihr die
Schnrbrust ffnete und die Erschpfte durch Reiben und freundliches Zureden so
weit herstellte, da sie ihre nassen Kleider mit einem Anzuge der Frau
vertauschen konnte. Den Jnglingen, die bleich und matt auf der Bank unter den
Kornscken saen, half der Mller mit seinem Knappen bei hnlichem
Kleiderwechsel. Als der Wagen mit den Mttern vom Schlosse kam, um die
Geretteten abzuholen, lachten sie whrend der Rckfahrt einander wegen des
Abenteuers und der Vermummung aus. Beide Jnglinge erhielten ihr Lob, welches
allerdings mit Vorwrfen ber die jugendliche Unbesonnenheit versetzt war; den
Frauen hatte am meisten gefallen, da August zur Stelle nachgesprungen war, und
er empfing von ihnen mtterliche Liebkosungen; Herr Knig klopfte seinem Sohne
Fritz zufrieden auf die Schulter und fragte laut: Wer aber war der Retter? Da
antwortete Fritz ehrlich: Der Mller! - Als Dorchen kurz vor dem Aufbruche
wieder in die Familienstube kam, immer noch schwach und verblichen, ging sie auf
Fritz zu, sah ihn schweigend an und bot ihm die Hand. Gleich darauf eilte sie zu
August, machte ihm einen tiefen Knicks und fragte: Wie war es im Wasser, Sie
dummes Gustchen? Beim Abendgebet gab es in allen beteiligten Familien
auergewhnliche Danksagung und in der Nacht fr die jungen Leute einen festen
Schlaf.
    Die Erlernung des Menuetts, wodurch in Haltung und Gemt des Menschen vieles
gendert wird, hatte auch das Verhltnis der Brder zueinander gewandelt. Bis
dahin waren sie wie untrennbar zusammen gewesen, jetzt sa Fritz oft allein ber
seinen Bchern, und der jngere fand lustiger, mit Kameraden umherzustreifen,
die ihm bequem geworden waren. Das ging eine Weile ohne rgernis, bis einst in
der Dmmerung der Vater mit schnellem Schritt nach Hause kam und, ohne den
Schlafrock anzuziehen, in die Arbeitsstube der Shne trat.
    Weit du, wo dein Bruder sich aufhlt? fragte er streng den ltesten.
    Nein, Herr Vater.
    Der Apotheker hat mir zugetragen, da August mit lockeren Gesellen in der
Hinterstube einer gemeinen Schenke tabagiert. Ist dir etwas davon bewut?
    Nein, Herr Vater.
    Du ziehst dich sogleich an und kommst mit!
    Friedrich fuhr in seinen Rock, ergriff den Hut und begleitete den Vater, dem
es heute schwer wurde, auf der Strae den ruhigen Schritt zu behaupten.
    In einer Seitengasse, unweit dem Schenkhaus, hielt der Vater an. Ich will
dem Unglcklichen keine Demtigung vor den Brgern bereiten. Geh hinein und
fhre ihn hierher.
    Friedrich trat mit trben Ahnungen in die Tabagie. Schon vor der Haustr
vernahm er Gesang, auch eine weibliche Stimme darunter, und als er in die
Hinterstube drang, bersah er das ganze Unglck. Ein halbes Dutzend von Shnen
vornehmer Eltern sa in der kleinen, verrucherten Stube; jeder hatte eine groe
Stange dunkles Bier vor sich, und jeder hielt eine Tonpfeife in der Hand; aber
was das Schlimmste war, Lene, ein dralles Mdchen, die Tochter des Schenkwirts,
sa in bedenklicher Nhe des Bruders, der seinen Arm um ihren Hals gelegt hatte;
und alle zusammen, August, Kameraden und Jungfer Lene, sangen recht herzlich,
und zwar das wilde lateinische Lied: cerevisiam bibunt homines, ceter animalia
fontes, welches ein Dichter des deutschen Helikons also bertragen hat:

Nur die Menschen trinken Biere,
Wasser alle andren Tiere.

Friedrich brach erschrocken in die Orgie ein, neigte sich zum Ohr des erstaunten
Bruders hinab und sagte leise: Der Vater steht an der Ecke, ich soll dich
herausholen. August schnellte in die Hhe, hatte aber noch die Dreistigkeit,
laut zu lgen: Ich komme wieder, und im Hausflur den Bruder zu bitten:
Verrate die Lene nicht. Fritz fhrte den Schuldigen, nicht weniger hei im
Gesicht als dieser, dem Vater zu.
    Herr Knig gnnte dem Sohne nur einen finsteren Blick und schritt voran dem
Hause zu. Dort begann das Verhr, und es kam alles ans Licht, denn die Beweise
fehlten nicht, die gerteten Wangen verrieten geistiges Getrnk und der Geruch
in Haar und Kleidern den Kanaster. Auch die weibliche Stimme war auf der Strae
vernommen worden, Fritz mute zgernd bekennen, da sie der Wirtstochter
angehrt hatte, und hielt fr ein Glck, da der Vater in seinem Zorne nicht
nach dem rumlichen Abstand fragte, welcher zwischen dem dreisten Mdchen und
dem Bruder gewesen war.
    Es wurde fr die Hausgenossen ein schmerzlicher Abend. Die Mutter weinte,
der Vater, tief gekrnkt durch die Ungebhr, verfgte drei Tage Stubenarrest,
mit Ausnahme der Schulstunden, und August sa als Verurteilter ber seinen
Bchern, ohne hineinzusehen, denn er wute, da ihm noch das Schwerste
bevorstand, die ffentliche Ermahnung in der Abendandacht. Feierlicher als sonst
traten die Dienstboten herein. August fhlte, da ihre neugierigen Blicke auf
ihm ruhten, er merkte die verweinten Augen der Mutter, aber er wagte gar nicht
den Vater anzusehen, als dieser die Stimme erhob und dem Himmel die
Ausgelassenheit des Sohnes noch einmal klagte, obwohl er berzeugt sein mute,
da man dort oben ber die ganze Angelegenheit bereits gengend unterrichtet
sei. Als er zuletzt bat: Wenn ich als Vater schuldig bin, weil ich ihn durch zu
groe Liebe und Nachsicht verwhnt habe, so rche mein Vergehen nicht an seinem
Leben, da wurde auch August weich. Und als der Vater ihm winkte, nher zu
treten, und ber seinem Haupte flehte, da der Herr ihm Taten und Gedanken
behten mge, und als August die Trnen des Vaters auf seiner Stirn fhlte, da
begann auch er zu schluchzen, obschon er ein Jngling war, und kte zerknirscht
den Eltern die Hnde. - Als nun alle weich, aber in gehobener Stimmung zu Bett
gingen, mahnte Friedrich den Bruder in der Kammer: Der Vater hat nicht alles
gewut.
    Er ist streng genug gegen mich gewesen, antwortete der Bestrafte, ich bin
immer froh, wenn die Nachtpredigt vorber ist. Doch Friedrich versetzte: In
dieser Stunde habe ich vor unserem Vater noch grere Ehrfurcht als sonst, und
da ich kleiner war, ist er mir vorgekommen wie der Herrgott selbst, und ich
htte vor ihm niederknien mgen. Aber heut wute er das rgste nicht, mein
Bruder, das mit der Lene. August versuchte zu lachen, aber es gelang nicht
recht, und Fritz fuhr fort: Damit mein Schweigen kein groes Unrecht wird und
deiner Zukunft keinen Schaden bringt, so mut du jetzt freiwillig dem
himmlischen Vater versprechen, da du niemals mehr mit ihr zusammenkommen
willst.
    Du bist noch kein Pfarrer, versetzte der jngere unwillig, da du mir so
etwas zumuten darfst.
    Ich bin dein Bruder und bin in Schuld gegen unseren Vater, weil ich
verschwiegen habe, was ihn am meisten bekmmert htte. Darum mut du deinet- und
meinetwegen freiwillig geloben, aber laut, damit ich es hre. Und August mute
die Hnde falten.
    Das Ereignis warf finstere Schatten hinter sich. Obgleich Herr Knig
vermieden hatte, selbst die Schenke zu betreten, so war das gewaltsame
Herausziehen seines Sohnes doch mehrfach beobachtet worden, und ein mignstiger
Momus versagte sich nicht, ein groes Skandalum daraus zu machen. Am zweiten
Morgen nach der Orgie wurden ffentliche Anschlge gefunden, einer am Rathause,
neben dem Schwarzen Brett, einer sogar an der Kirchentr, in welchen die
Geschichte grblich und verleumderisch versifiziert dem Publikum erzhlt ward.
Zwar waren die Namen nicht genannt, doch deuteten Ausdrcke wie Rex und Regulus
auf die Familie. In dem Libell war hmisch auf arrogante Leute gestichelt,
welche fr unanstndig hielten, da ihre Shne Wirtshuser besuchten, obwohl sie
selbst in ihrem frheren Leben in schlechteren Herbergen verkehrt htten, als
die renommierte Schenke Zur lustigen Wachtel war. Um neun Uhr trug der Kster
mit einer Empfehlung des Herrn Oberpfarrers das erste Exemplar in das Haus, um
zehn Uhr brachte der Ratsdiener das zweite, um elf Uhr kam der Herr
Brgermeister selbst und nach ihm viele Bekannte. Alle bedauerten und
verurteilten den Tter, und alle verwunderten sich ber das groe Aufsehen,
welches durch das Libell hervorgebracht wurde, alle hatten mit Wibegierde
gelesen und wiesen nach, da noch mehr Abschriften existierten. Herr Knig
empfand die Krnkung wie ein Mann in sauberem Kleide, welcher von einem
Schornsteinfeger angestoen wird, das Opus war witzlos, jmmerlich, durchaus
verchtlich; auch blieb die Stadt nicht im Zweifel, von wem es herrhrte. Da war
ein heruntergekommener Magister Blasius, der allerdings angesehene Verwandte
hatte, denn sein Bruder war doctor juris und kurfrstlicher Beamter; der
Magister aber hatte sich auf Nichtstun und Vllerei gelegt, dazu eine Witfrau
mit bitterbsem Gemte geehelicht und machte seitdem, wenn er zu Hause bel
behandelt wurde, seinem Zorn durch satirische Ausflle gegen die Menschheit
Luft. Es wurde festgestellt, da er an jenem Abende in der Vorderstube der
Schenke gesessen hatte, und obwohl in dem Pasquill die Handschrift gut verstellt
war, so blieb doch der Charakter des Poetasters kenntlich.
    Was Herrn Knig die meiste Sorge bereitete, war der groe Schmerz seiner
Frau, welche weinend klagte, da sie sich nicht mehr getraue, ber die Strae zu
gehen, weil jedermann spttisch auf sie schaue. Wirklich wurde die Familie acht
Tage lang durch teilnehmende Besuche und durch Gemurmel der Leute in Aufregung
gehalten. Am schlimmsten war natrlich August daran, welcher von den Frauen
bereits als verlorener Sohn betrachtet ward, auch Dorchens Mutter behandelte ihn
eine Weile mit sichtlicher Klte, nur Dorchen zeigte ihr gutes Herz, denn sie
fragte ihn zwar neckend, wie ihm die Pfeife Tabak bekommen sei, aber sie lachte
ihn dabei so freundlich an, da er wohl merkte, sie sei ihm nicht bse.
    Doch auch ber dieses jammervolle Ereignis flutete der Zeitenstrom dahin,
und nach einem Vierteljahr war die Reputation und das Wohlbehagen der Familie
wieder auf die alte Hhe gebracht.

                                 In die Fremde


Wenn Herr Knig auf seine Shne sah, wie wohlerzogen und stattlich sie
heranwuchsen, hob sich ihm das Herz vor Freude, er nahm seine strengste Miene
an, damit die Kinder die Zrtlichkeit nicht merkten, und faltete gleich darauf
demtig die Hnde. Friedrich hat wieder eine der besten Zensuren erhalten,
sagte er vergngt zu seiner Gattin, ich hoffe, er soll werden, was sein Vater
nicht geworden ist, ein Doktor der Gottesgelahrtheit und ein Verknder der
reinen Lehre. Da antwortete seine Frau zustimmend: Um meinetwillen haben Sie
den heiligen Stand aufgegeben, ich mu mich freuen, da unser ltester das Amt
des Vaters erwhlt. Doch denke ich, auch dem Gustchen haben die Lehrer sein Lob
zugeteilt.
    Das Lob ist mit allerlei Tadel gemischt, sagte der Vater ernsthaft,
insonderheit wegen seines unruhigen Betragens.
    Aber mein lieber Schatz wei doch, da der Brummkreisel wider Gustchens
Willen aus dem Schlssel fiel und in der Schulstube umherfuhr, damals, als der
Rektor ihn so hart verklagte.
    Der Kreisel dreht sich nicht ohne Schwung, und Sie mgen annehmen, da er
die Weisung, vorwrts zu laufen, erhalten hatte, antwortete der Vater.
Obgleich es diesem Sohne keineswegs an Applikation fehlt, so tritt sein
weltlicher Sinn doch immer mehr hervor, und fr seine Unternehmungslust wird
eine strengere Disziplin notwendig, als bei der Laufbahn eines Gelehrten mglich
ist.
    Sie waren der Meinung, da er einmal unser Gut bernehmen knnte.
    Ich wei, da Sie, geliebtes Suschen, dies fr ihn wnschen, und ich fge
mich gern Ihrem Willen. Aber soll er als ein fester Mann sich unter dem
landsssigen Adel und gegenber den Bauern behaupten, so mu er vorher gelernt
haben, zu befehlen, und ich halte bei diesem Sohn die militrische Karriere fr
die heilsamste.
    Das meinte auch unser Vetter, Herr v. Mickau, nur widerriet er den
preuischen Dienst, weil dort ein sehr rigoroses und eigenmchtiges Wesen sei.
    Aber der Militr ist dort angesehen, denn der Knig von Preuen ist der
grte Soldatenfreund in der Welt. Und obgleich unserem August in Preuen wie
hier in Sachsen nicht vorteilhaft sein mag, da er von brgerlichem Stande ist,
so wird doch bei den Preuen, wie ich aus Erfahrung wei, der tchtige Mann mehr
geschtzt als bei uns, wo die Obersten sich mit Schohndchen tragen und
leichtfertige Damen mehr kommandieren als die Generale. Mein lieber Major Vogt
vom Regiment Markgraf Albrecht gehrt auch nicht zum Adel und wird doch von
seinem Chef und dem Knige selbst favorisiert, weil er ein guter Offizier ist,
er hat sich freiwillig erboten, unsern August in seiner Nhe zu placieren.
    Frau Knig sah schmerzlich zur Hhe: In die wilde Fremde!
    Der Hausherr kte sie auf die Stirn. Es ist nur eine Lehrzeit, Suschen;
bei der Mutter knnte der ausgelassene Knabe doch nicht bleiben, und die
Entfernung zur Garnison ist nicht viel weiter als die nach der Universitt.
    Whrend sich auf solche Weise die Trennung der Shne vom Vaterhause
vorbereitete, wurde auch Dorchen in die Fremde geladen. Eine Nichte der Frau von
Borsdorf hatte einen vornehmen Polen geheiratet, der Gter an der Weichsel
besa, aber einen groen Teil des Jahres am Hofe beschftigt war. Da seine
Gemahlin zarter Gesundheit wegen dem anstrengenden polnischen Hofleben
fernbleiben sollte, wurde ihr in der lndlichen Einsamkeit eine Gesellschafterin
wnschenswert und Dorchen dafr erbeten. Der Mutter war sehr schwer, sich von
ihrem Liebling zu trennen, aber sie bedachte die Zukunft der Tochter, da sich
in dem groartigen Leben und unter den reichen Polen viel mehr Mglichkeiten und
Aussichten erffneten als in dem engen Leben der schsischen Stadt, in welcher
jedermann die Mitgift als eine Hauptsache erwog. Auch ihre Verwandten, welche
das Frulein gern ohne eigene Unbequemlichkeiten versorgen wollten, rieten
eifrig, den Antrag anzunehmen, und so fgte sich's, da die junge Borsdorferin
in demselben Herbst, welcher den beiden Knigen zur Trennung vom Vaterhause
bestimmt war, unter dem Schutz eines alten Onkels nach Dresden und von da in das
Polnische versandt werden sollte.
    Whrend der Vorbereitungen zur Reise kam einst Dorchens Mutter in der
Dmmerstunde zu vertraulichem Besuch in das Knigsche Haus, und als Herr Knig
in die Familienstube trat, begann nach der Begrung eine schickliche
Besprechung der Stadtneuigkeiten. Und es war allerdings etwas Aufregendes
eingetreten. Der Nachtwchter htte um Mitternacht zwei Subjekte berrascht,
welche mit einer Blendlaterne bei einem Winkel der Stadtmauer in der Erde
gruben. Vor dem Magistrat hatte sich ergeben, da sie einen Schatz suchten auf
Grund einer Anweisung, die sie von einem fremden Abenteurer fr gutes Geld
gekauft hatten. Diese Offenbarung hatte die Form eines Briefes, den ein Vater an
seinen Sohn richtete, und es war darin alles genau beschrieben, der Stein in der
Mauer, welchen eingemeielte Kreuze kenntlich machten, auch die Gre des
Schatzes, unter welchem viele Kleinodien, silberne Becher, Perlen und Goldmnzen
sein sollten. Das Machwerk war zu den Akten geliefert worden, und man erzhlte
in der Stadt, da die Nacht darauf ein gestrenger Rat selbst in aller Stille
habe weitergraben lassen; ob etwas gefunden worden, wute man nicht, mutmate
jedoch allerlei. Herr Knig hatte durch die Gunst des Brgermeisters Einblick in
den Schatzzettel erhalten und sprach sich, wie von einem aufgeklrten Manne zu
erwarten war, mit groer Unzufriedenheit ber die hufigen Betrgereien durch
Schatzbriefe aus, welche gerade sehr im Schwange waren.
    Nachdem man diesen Gegenstand gnzlich abgesprochen hatte, kam der
Augenblick, wo Frau von Borsdorf die eigentliche Ursache ihres Besuches
offenbaren konnte, indem sie fragte, ob der hochgeschtzte Freund vielleicht
unter den Honoratioren der Stdte in Polnisch-Preuen Bekanntschaften habe, da
er mit vielen Personen von Distinktion in Briefwechsel stehe. Denn, fgte sie
hinzu, es kann meiner Doris von Nutzen sein, wenn sie einer deutschen Familie
in den Stdten empfohlen ist.
    Herr Knig holte eine Karte, sah nach und berlegte, aber ihm war dort kein
nherer Bekannter bewut. Endlich sagte er lchelnd: Vielleicht kann das liebe
Frulein Dorchen mir zu einer Bekanntschaft helfen, die ihr selbst dienlich ist.
Ich habe soeben gegen den Betrug mit Schatzbriefen gesprochen, ich selbst aber
habe vor Jahren unter den hinterlassenen Papieren meines Vaters einen Brief
gefunden, welcher auch Dinge erwhnte, die seinerzeit im Polnischen aufbewahrt
wurden. Seine Shne sprangen auf und bestrmten ihn mit Fragen, er ging in die
Nebenstube, ffnete die Klappe des Schreibtisches und brachte ein vergilbtes
Papier vor die Augen der Gesellschaft.
    Um nun die Befriedigung der Neugierde zu einer kleinen moralischen
Betrachtung zu benutzen, begann er gutlaunig: Wir gehren ja nicht dem Adel an,
und ich habe niemals den Trieb gehabt, meinen brgerlichen Stand mit einem
anderen zu vertauschen, welcher in der Welt fr vornehmer gilt. Ich wnsche
auch, da meine Shne sich dieselbe Bescheidenheit bewahren. Denn obwohl den
Adligen vieles in der Welt leichter gemacht wird, so habe ich doch nicht
gefunden, da sie dadurch grere Redlichkeit und Tchtigkeit erwerben als
andere. Dies sei mit allem Respekt vor dieser verehrungswrdigen Frau gesagt.
Doch auch wir drfen uns ansehnlicher brgerlicher Vorfahren freuen. Mein Vater
war Pfarrer, mein Grovater aber war Rittmeister unter den Schweden; dieser und
die liebe Gromutter mssen gleich nach der Geburt meines Vaters gestorben sein,
denn er hat beide nicht mehr gekannt und wurde von seiner Tante erzogen. Aber in
noch frherer Zeit waren Voreltern von uns, wie dieser Brief ausweist,
ansehnliche Kaufleute in Frankfurt am Main, ja aus dem Briefe scheint
hervorzugehen, da wir ursprnglich aus Polen stammen. Und Magister Kurz, unser
hiesiger Historikus, ist der Meinung, der deutsche Name Knig werde wohl eine
bersetzung von dem nicht seltenen Familiennamen Kralitsch sein, welcher bei den
Polen so viel wie Goldhhnchen oder Zaunknig bedeuten soll. Ich aber denke, wir
sind von deutschem Blut, doch stammen wir aus Polen.
    Das alte Papier, dessen krause Schriftzge dem Lesenden Mhe machten, war
der kurze Geschftsbrief eines gewissen Herrn B. Gusek, datiert von Thorn im
Jahre 1531, worin dieser dem Kaufmann Knig zu Frankfurt am Main unter anderem
folgendes schrieb: In der Stube ber dem Flur des Eckhauses habe ich nach dem
Gebot Eures seligen Vaters den Inhalt des Schrankes, von welchem Ihr wissen
wollt, vermauert und menschlicher Neubegierde entzogen. - Daraus ist
ersichtlich, fuhr Herr Knig fort, da meine Vorfahren in jener alten Zeit zu
Thorn wohlbekannt waren, und ich habe zuweilen daran gedacht, mich dort bei
einem Liebhaber der Historie zu erkundigen, ob von denselben noch etwas zu
erfahren sei. Jetzt bin ich bereit, an den dortigen regierenden Konsul, Herrn
Rat Roesner, einen renommierten Mann, zu schreiben. Da das Schlo Ihres Herrn
Schwagers nur einige Meilen von Thorn liegt, so hat Frulein Dorchen vielleicht
Gelegenheit, den Brief abzugeben, und sie wird bei einem Besuch selbst das beste
tun, sich der Familie des Konsuls zu rekommandieren.
    Gewhrte dies Anerbieten auch nicht gerade viel, so erklrte doch die Mutter
hflich ihre Befriedigung.
    Die Herbstfreuden dieses Jahres wollten nicht gedeihen. Als vom Gute die
erste junge Gans mit einem Tragkorbe pfel bei Frau von Borsdorf abgegeben wurde
mit der herkmmlichen artigen Redensart, da die pfel zum Fllsel fr die Gans
verwandt werden mchten, da konnte die unbillige Zumutung, welche dem
Fassungsvermgen der Gans gestellt wurde, diesmal kein Lcheln hervorlocken, und
die Mutter sagte traurig zu der Magd: Sonst kamen die pfel auf den
Weihnachtstisch meiner Doris. Und als Herr Knig selbst mit Dorchen am
Weingelnder des Gutes vorbeiging und ihr eine ungewhnlich groe Traube wies
mit den Worten: Die Traube war fr das liebe Frulein bestimmt, wenn es bei uns
geblieben wre, da wunderte er sich, da Dorchen, die er sonst fr ein
leichtherziges Mdchen hielt, sich pltzlich ber seine Hand beugte und die Hand
mit nassen Augen kte. Vollends am letzten Abend, welchen das Frulein mit
ihrer Mutter bei Knigs verlebte, war die feierliche Stimmung nicht zu bannen.
Vergebens brachte der aufgeregte August allerlei Gesellschaftsspiele in
Vorschlag, um sich und den anderen die Laune zu verbessern. Er setzte das
prophetische Glcksrdlein auf den Tisch, bei welchem die Anwesenden der Reihe
nach den schwebenden Zeiger ber einer Scheibe zu drehen hatten; wenn der Zeiger
stillstand und mit der Spitze auf eine Nummer wies, wurde aus einem Bchlein die
Weissagung abgelesen, welche unter derselben Nummer verzeichnet war. Aber da
ergab sich nur Ungereimtes. Dorchen wurde von der Gemeinschaft mit trunkenen
Brdern gewarnt, Fritz vor der Hingabe an den Kriegsgott Mars, und August
erhielt die Warnung, da Propheten im Vaterlande nichts gelten. Sogar das
unterhaltende Post- und Reisespiel versagte, obgleich die Eltern sich mit
dazusetzten, die Mutter frische Nsse fr Einlage und Gewinn heranbrachte und
Herr Knig ermunternd riet: Seht zu, ihr jungen Reisenden, wer von euch als
erster in der Stadt des Glckes ankommt. Aber auch hierbei stolperten alle drei
Kinder unablssig ber Hindernisse, Fritz blieb in der Herberge liegen, August
wurde von einer Schildwacht arretiert, und Dorchen fiel gar unter Ruber, so da
endlich Herr Knig selbst als erster in der Stadt anlangte und die Nsse unter
trben Gedanken der Anwesenden geknackt werden muten. Als es zum Abschied kam,
durfte man annehmen, da Dorchen, die sich stets schicklich zu benehmen wute,
das passende Abschiedskompliment sagen wrde, Dorchen hatte sich's auch ganz
ordentlich zu Hause berlegt, zuerst fr Frau Knig, dann fr den Hausherrn und
dann, krzer und zutraulicher, gegen die Jungen. Als aber alle um sie
herumstanden, so feierlich und in Erwartung, da versagten ihr pltzlich die
Gedanken, sie begann laut zu schluchzen, und als August ihre Hand fate, lehnte
sie sich weinend an seine Schulter.
    Ob in der Zukunft einmal eine eheliche Verbindung Augusts und Dorchens
angemessen sein werde, davon war zwischen den Mttern niemals auch nur mit einem
Wort die Rede gewesen; natrlich nicht, so unverstndig und voreilig durften sie
nicht das Schicksal der geliebten Kinder lenken. Dennoch lag beiden Frauen die
erwhnte Aussicht stets in Gedanken; sie gab ihrem Verhltnis eine Wrme, deren
Hhengrad allerdings wechselte, die aber doch bei jeder Gelegenheit durch
bersendung von Kuchen, Mitteilung des Eingemachten und bereitwillige Aushilfe
in der Wirtschaft sichtbar wurde. Denn es war damals die Zeit, wo alle Welt
darauf sann, Angehrige und Bekannte unter die Haube zu bringen. Und der Mann,
welcher in der angenehmen Lage war, eine Frau ernhren zu knnen, mute eine
ungewhnliche Hartnckigkeit besitzen, um den Andeutungen und Schlingen, welche
ihm von guten Freunden gelegt wurden, aus dem Wege zu gehen; beharrte er aber in
solcher Verstocktheit, so hatte er sein ganzes Leben hindurch den stillen Genu,
von Projekten wie von einem Schwarm Liebesgtter umschwebt zu werden, er erhielt
Einladungen zu Gnsebraten und erfreute sich groer Zuvorkommenheit, bis er
endlich, wenn er als Heiratskandidat hoffnungslos geworden war, als Pate
begehrenswert ward, und in dieser behaglichen brgerlichen Eigenschaft noch in
hohem Greisenalter die Vergngungen achtungsvoller Freundlichkeit geno.
    Auch Madame Knig wute recht gut, da es fr die beiden Kinder viele
Mglichkeiten gab, die sich nicht berechnen lieen. Da war zuerst Dorchens
adeliger Stand, es konnte jeden Tag ein Freiwerber von Noblesse kommen, welcher
imstande war, seine Frau ansehnlich zu halten. Und Dorchen verdiente, wie ihre
Mutter mit Recht annahm, den besten Kavalier, und htte sich auch in sehr
distinguierter Stellung trotz ihrer einfachen Erziehung gut behauptet. Dann
waren noch andere Aussichten, denn die Familie hatte vornehme Verwandte; und
obgleich diese bis dahin nichts getan hatten, so war es doch mglich, da durch
ihre Konnexion eine Befrderung erreicht wurde: Stelle in einem Fruleinstift
oder gar das ausgezeichnete Amt einer Hofdame. Auf der anderen Seite bot auch
Augusts feuriges Temperament keinerlei Brgschaft fr die ferne Zukunft. Deshalb
war der Verkehr beider Mtter gerade so voll von Hintergedanken, wie der
zwischen zwei Diplomaten groer Mchte, welche bald vertraulich Arm in Arm gehen
und bald einander mit khler Zurckgezogenheit behandeln.
    Heut aber ging der Hausfrau das Herz auf. Whrend sie eine Trne abwischte,
verga sie die Vorsicht und sagte bedeutsam zu der Freundin: August wird die
Trennung von unserm Dorchen schwer ertragen. Jedoch der Augenblick war nicht
gnstig gewhlt, denn Frau von Borsdorf verweilte mit ihren Gedanken gerade bei
den polnischen Hoffnungen und antwortete deshalb in khlem Ton: Monsieur August
ist jung und wird sich bald trsten.
    Da schwieg Frau Knig, tiefgekrnkt durch solchen Stolz, und drckte das
aufgestiegene Heiratsprojekt wieder tief in die Flut ihrer Gedanken hinab.
    Am nchsten Morgen luteten die Glocken den Sonntag ein, als Friedrich durch
das Stadttor ins Freie ging. Er bog von der Landstrae ab, einem niedrigen Hgel
zu. Dort hatten die Kinder oft unter einer alten Linde gespielt, Schmetterlinge
gefangen und in der Kiesgrube nach Versteinerungen gesucht. Heut blinkten die
Tautropfen in allen Farben des Regenbogens, um die Kamille und wilde Zichorie
summten die Kfer, und in der alten Linde schrien die Finken und das junge Volk
der Spatzen. Aber dem Jngling war das Gemt beschwert. Er setzte sich unter den
Baum auf einen bemoosten Stein und starrte ins Leere. Eine, die jetzt in die
Fremde ging, war ihm von Herzen lieb; er wute, da sie mit seinem Bruder viel
vertraulicher verkehrte als mit ihm, und er kannte auch die Plne seiner Mutter.
Oft hatte er gegen die Eifersucht gekmpft, mit einem Heldenmut, den niemand
ahnte, hatte er sein Gefhl bezwungen; doch gestern, nach dem Abschiede, war der
Schmerz bermchtig geworden, und er fhlte sich ganz ohne Kraft und Hoffnung.
Um ihn grnten, glnzten und schwirrten die Wunderwerke der Schpfung, deren
weise Anordnung ihm der Vater freudig erklrt hatte, aber die Bienen krochen
vergebens in die Blumenkelche und befestigten Wachs an ihren Beinchen, und das
Volk der Ameisen lief auf der Strae, die es sich mit unsglicher Mhe zwischen
den Grashalmen gesubert hatte, unbeachtet hin und her, ohne da er das
Verdienstliche ihrer Ttigkeit anerkannte. Auch als er ber sich in einem Loch
des Baumes ein graues Gewebe erblickte, erhob er sich zwar und lste die Zellen
eines verlassenen Wespennestes aus der ffnung, aber er hielt die Zellen achtlos
in der Hand, obwohl sie regelmig wie aus feinem Papier zusammengebaut waren,
und vermochte dabei an nichts von alledem zu denken, was sich fr einen
vernnftigen Naturfreund aus dem merkwrdigen Gebilde ergab.
    Da pltzlich schwirrte in der Nhe ein Flug kleiner Vgel auseinander, und
dasselbe Frulein, um welches er in seinem Schmerz sorgte, kam auf ihn zu. Das
war kein Wunder, denn ganz in der Nhe lag der Garten, welcher Dorchens Mutter
gehrte; vielleicht war Fritz deshalb, ohne es selbst zu wissen, unter die Linde
gegangen, von der man die offene Gartentr beobachten konnte. Er fuhr in die
Hhe, auch Dorchen hemmte den schnellen Schritt und trat befangen in den
Schatten des Baumes.
    Ich war bei unseren Blumen, begann sie leise, da erkannte ich den
Monsieur Fritz unter der Linde und wollte Ihnen noch einmal Lebewohl sagen.
    Friedrich sah das Frulein glckselig an, aber so mchtig war seine
Bewegung, da er nichts Passendes zu antworten wute und nur sagte: Ich fand
hier dies Wespennest.
    Wie zierlich es ist, versetzte das Frulein, ohne die Augen bis zu ihm
aufzuheben, und beide saen im nchsten Augenblick nebeneinander auf dem Stein,
nicht ganz nahe, denn das Gewebe lag zwischen ihnen. Ich habe immerzu an Sie
gedacht, fuhr Fritz mutiger fort, wie es Ihnen unter dem fremden Volke gehen
wird, und ob Sie auch unsrer gedenken werden.
    Mir ist bange, rief das Mdchen und rang die Hnde, und mir war heute
frh, als knnte ich den Abschied nicht ertragen. Der Mutter verberge ich meine
Angst, um ihr die groe Bekmmernis nicht zu vermehren, aber Ihnen gestehe
ich's, Monsieur Fritz, denn ich wei, da Sie gegen jedermann schweigen; ich
frchte mich vor den auslndischen Verwandten, und wenn es nicht um meines
Bruders willen wre, dem eine Frsprache beim polnischen Hof ntzlich sein soll,
so wre ich niemals gegangen.
    Wo Sie auch sind, Frulein, die Leute werden Sie liebgewinnen, antwortete
Fritz, der jetzt zu trsten versuchte. Aber dabei fhlte er pltzlich wieder das
Weh des Abschiedes und sah auf das Wespennest. Es wird Ihnen vergnnt sein, was
schon diesen kleinen, unvernnftigen Tieren zuteil wird. Sie machen sich jeden
Sommer ein neues Huschen, das alte bleibt leer hngen. Auch Sie werden neue
Freunde finden, welche Ihr gutes Herz hochschtzen, und die alte Bekanntschaft
wird sein wie dies verlassene Gewebe.
    Halten Sie mich fr so vernderlich? fragte das Frulein, und man hrte am
Tone, da sie gekrnkt war.
    Nein, nein! bat Fritz und ergriff im Eifer ihre Hand. Aber Sie sind jung
und voller Anmut, und wer Sie sieht, wird Sie lieben; da ist es natrlich, da
auch in Ihrem lieben Herzen sich etwas Neues anspinnen wird. - Dorchen wandte
ihm das Gesicht zu und fragte schnell: Wird das bei Ihnen auch so sein? Und
wird die gute Freundschaft, in der wir bis jetzt gelebt haben, auch nicht mehr
bedeuten als diese leere Hlse?
    Fritz schlug die Hnde zusammen und rief in inniger Bewegung: Ich wei
nicht, was aus mir werden wird und wohin mich der liebe Gott fhrt, aber das
wei ich wohl, da ich das Frulein Dorchen in meinem Herzen liebhaben werde,
solange ich lebe. Und er schubste das Wespennest, das er zum Sinnbild der
Unbestndigkeit gemacht, auf den Boden. Dorchen beugte sich nieder, hob das
verachtete Gewebe auf, legte es in ihr Taschentuch, knotete dies hastig zu und
stand auf. Ich will es mir aufheben, sagte sie. Sie griff in die Tasche und
brachte ein kleines Kissen heraus, welches die Form eines Herzens hatte und am
Rande mit den kleinen Blumen Vergimeinnicht bestickt war, und sagte verlegen:
Behalten Sie das zum Andenken an mich, ich habe Lavendel und anderen Wohlgeruch
aus unserem Garten hineingetan, wenn Sie es unter die Wsche legen wollen. Sooft
Sie den Geruch spren, denken Sie an mich. - Sie legte es ihm in die Hand,
beide kten einander unschuldig wie Kinder zum Abschiede, und Dorchen weinte an
seinem Halse, doch nur einen Augenblick, dann klang leise aus ihrem Munde:
Seien Sie Gott befohlen! Und schnell eilte sie dem Garten zu, an dessen Tr
die alte Wrterin bereits nach ihr ausschaute.
    Als Fritz allein war, kte er auch das Herz und barg es in der
Westentasche, dann sah er noch einmal um sich und merkte, wie lieblich es in der
Natur duftete und sang. Jetzt wurde ihm klar, da eine weise Vorsehung alles
fgt, Groes und Kleines, und unter dem Gelut der Kirchenglocken schritt er
langsam nach Hause.
    Es war fr die Knigschen Eltern eine harte Zumutung, da die beiden Sterne,
welche ihnen der liebe Gott fr Licht und Wrme an ihren Himmel gesetzt hatte,
zu gleicher Zeit unsichtbar werden sollten. Zuerst verschwand Fritz in der
akademischen Dmmerung. Von ihm war der Abschied nicht so schwer. Er blieb auf
der Universitt doch im Inlande, und er konnte jedes halbe Jahr, ja noch fter,
zum Besuch heimkehren. Auch hielt er sich tapfer bis zur letzten Stunde, da erst
bermannte ihn die Rhrung, als der Vater seine Hand und die des Bruders
zusammenhielt und dabei sagte: Bleibt einander treu.
    Seinen Sohn August brachte der Vater selbst nach der kleinen mrkischen
Stadt, in welcher die Kompanie des Regiments Markgraf-Albrecht in Garnison
lag. Dort trafen die Ankommenden nach schriftlicher Verabredung mit dem Major
Vogt zusammen, der in Geschften des Regiments vom Stabsquartier zugereist war.
August sah mit Stolz, wie herzlich der Major seinen Vater empfing.
    Ich habe, mein Herr Bruder, deinen Sohn fr diese Kompanie bestimmt, weil
ich hoffe, da er sich gerade hier gut zu den Offizieren schicken wird. Ihr,
mein lieber Monsieur August aber, beweiset unter uns, da Ihr ein Sohn Eures
Vaters seid, lernt schweigend gehorchen, ertragt tapfer, was Euch nach dem
Vaterhause hart und bitter scheint, und spannt Eure Krfte aufs uerste, um im
Dienste fest zu werden. Obwohl ich Eure Wnsche und Beschwerden, auch wenn sie
gerecht sind, fortan nur durch Euren Kapitn vernehmen darf, so werde ich Euch
doch im Auge behalten, und wenn Ihr Euch Mhe gebt und gute Applikation zeigt,
werde ich es an mir nicht fehlen lassen. Noch whrend der Anwesenheit des
Vaters wurde August als Gemeiner eingekleidet, der Major machte ihm Hoffnung,
da er im Winter Unteroffizier werden knnte, und setzte fr ihn sofort das
Traktament eines Freikorporals durch, auch leidliches Quartier erhielt er in
einer Kammer neben dem Sekondeleutnant. Nachdem der Vater den Major und die
Offiziere der Kompanie zu einem Mittagstisch geladen hatte, der so gut war, als
die Gastwirtschaft des Stdtchens leisten konnte, merkte August an den
freundlichen Mienen seiner Vorgesetzten, da er mit guten Aussichten in seinen
neuen Stand eintrat. Dennoch war der nchste Morgen, an dem er den scheidenden
Vater nicht einmal bis zum Stadttor begleiten durfte, weil sein Drillen begann,
der schmerzlichste seines jungen Lebens; und als er dem Wagen nachsah, meinte
er, das Herz msse ihm zerspringen. In den nchsten Freistunden fand er
trbseligen Trost darin, die guten Dinge auszupacken, welche ihm die Mutter zur
Verbesserung seiner Soldatenkost mitgegeben. Er wies sie in dem Bedrfnis
menschlicher Teilnahme seinem Stubennachbar, dem Sekondeleutnant, und freute
sich, da dieser sowohl Schinken als Rauchwurst sehr lobte und es nicht
verschmhte, sie mit ihm zu prfen, dabei aber verstndig riet, nicht gegen
jedermann freigebig zu sein. Bei diesem Genu aus der Heimat und bei einigen
Flaschen Wein, fr welche August einen goldenen Pfennig, die heimliche Gabe der
Mutter, opferte, erkannten der Leutnant und er gegenseitig ihre guten
Qualitten, und August erhielt in den den Tagen nach der Trennung bei seinem
Nachbar menschenfreundlichen Trost.
    Der erste Winter war eine harte Lehrzeit. Der Rekrut sank oft des Abends
todmde auf sein hartes Lager, aber sein Ehrgeiz war aufgestachelt, und eine
natrliche Gewandtheit kam ihm zugute, auch gelang ihm bald, die Billigung und
das Zutrauen der Unteroffiziere zu gewinnen, und er fand hinter rauhem Wesen bei
mehr als einem der Subalternen Gutherzigkeit und das Bedrfnis, sich honett zu
halten.
    Als das Frhjahr herankam, wunderte er sich, wie schnell der Winter
vergangen war. Jetzt wurde das Exerzieren mit doppeltem Eifer betrieben, die
Kompanien wurden in einer benachbarten Landstadt zusammengezogen, und als dort
der Dienst im Regimente unter den Augen des Markgrafen Albrecht gebt war,
marschierte das ganze Regiment nach Berlin, zu der groen Aktion des Jahres, der
Revue, welche der Knig selbst abnahm, nachdem er zehn Regimenter Infanterie und
einige Kavallerie zu einem Korps formiert hatte. Die Kompanien von Markgraf
Albrecht versammelten sich zu Beginn schon um Mitternacht vor dem Quartier
ihres Chefs und zogen mit frhem Morgen in die Nhe von Tempelhof, wo zwei Tage
lang manvriert werden sollte. Da wurde August nach schlafloser Nacht und
bergroer Anstrengung in den Straen der Hauptstadt ohnmchtig; doch als er
wieder zu sich kam, ging er dem Regimente nach, und obgleich der Kapitn warnte,
erbat er doch die Erlaubnis, das Manver mitzumachen. Und er hielt aus, wiewohl
er noch einmal erschpft zusammenbrach, so da Markgraf Albrecht selbst, ein
alter wunderlicher Herr, ihm etwas Beiflliges zurief. Nach dem groen Manver
wurden die einzelnen Regimenter vom Knige gemustert, und weil Seine Majestt
mit Albrecht zufrieden gewesen war, lobte der Chef auch die Kompanie, und der
Hauptmann sagte rhmend zu August: Ihr habt Euch brav gehalten; morgen um drei
Uhr werdet Ihr vor die Augen Seiner Majestt gefhrt.
    Am nchsten Tage traten alle Unteroffiziere des Regiments, welche auf
Avancement dienten - es waren auer August smtlich Junker aus adeligen Familien
-, im Lustgarten gegenber dem kniglichen Palais an und wurden in einer Reihe
aufgestellt. Nachdem zuerst der Markgraf sie gemustert hatte, kam mit dem
Glockenschlag drei der Knig Friedrich Wilhelm aus der gelben Pforte auf den
Platz und fragte, vom rechten Flgel anfangend, jeden der Unteroffiziere nach
Namen, Heimat, Dienstalter.
    Dem sorglosen August hatte vorher das Herz in unruhiger Erwartung gepocht,
weil er zum ersten Male durch den strengen Kriegsherrn besichtigt werden sollte,
und er hatte auf die Pforte gestarrt, als ob aus ihr das Schicksal selbst gegen
ihn heranschreiten werde. Als er aber den Knig erblickte, minderte sich seine
Befangenheit. Er sah einen kurzen, starken Herrn mit rtlichem Angesicht und
runden Backen, im einfachen blauen Rock, wie ihn die anderen auch trugen, mit
brauner Stutzpercke und dreieckigem Hut, in der Hand einen starken Rohrstock,
und er dachte sich, da Seine Majestt recht gutmtig und behaglich aussehe,
einem mrkischen Pchter hnlich. Und erst als er den Knig in der Nhe sah und
den scharfen Blick auffing, der aus den runden grauen Augen in die
Gegenberstehenden bohrte, wurde er aufs neue von Bangigkeit erfat.
    Sobald der Knig die Antworten des Kursachsen vernommen hatte, wandte er
sich zum Chef des Regiments: Wie kommt der hierher?
    Sein Vater ist jetzt Rittergutsbesitzer in der Lausitz, stand aber
vorzeiten als Feldpropst in preuischen Diensten unter Feldmarschall Lottum, und
geleitete, die Bibel in der Hand, sein Regiment bei der Erstrmung von Namur
durch die Bresche.
    Der Sohn sieht propre aus, sagte der Knig zufrieden, hat er denn auch
Vigueur?
    Daran fehlt es nicht, Eure Majestt. Er hat gebeten, die Revue
durchzumachen, obwohl der Kapitn ihn in das Quartier zurckschicken wollte, da
er neu war und von einer Ohnmacht berkommen wurde.
    Das ist gut! fuhr der Knig, zu dem Jngling gewandt, huldreich fort. Ihr
habt einen braven Vater. Wenn Ihr Euch verpflichten wollt, in meinem Dienst zu
bleiben, so will ich Euch ein gndiger Herr sein und Euch frdern.
    Da gab August, hingerissen durch die Huld und seiner eigenen hflichen
Beredsamkeit froh, zur Antwort: Ja, Eure Majestt, es soll, solange ich lebe,
mein Stolz sein, Eurer Majestt Zufriedenheit und Gnade zu gewinnen; ich bin
ganz zu Eurer Majestt allerhchstem Befehl.
    Gut! wiederholte der Knig und schritt weiter.
    Durch diese wenigen Worte war der Fremdling den Preuen kameradschaftlich
empfohlen; der Major Vogt sprach, nachdem der Knig sich entfernt hatte, mit
aufrichtiger Herzlichkeit zu ihm, und die Offiziere seiner Kompanie betrachteten
ihn seitdem auerhalb des Dienstes zuweilen als ihresgleichen, denn obgleich er
noch das Kurzgewehr eines Unteroffiziers trug, hatte ihm doch die knigliche
Gnade bereits den Sponton des Offiziers in Aussicht gestellt.

                               Unter den Preuen


Nach den Manvern trat bei der Kompanie grere Ruhe ein, der Dienst wurde
leichter, ein Teil der Soldaten, sichere Landeskinder, wurden mit Urlaubschein
in ihre Heimat entlassen, damit sie sich dort selbst ihr Brot verdienten; ihren
Sold aber bezog nach altem Brauch der Hauptmann, der dagegen fr den Bestand der
Mannschaften und fr die Montur verantwortlich war. Kapitn Spie war nicht von
Adel und benahm sich im Dienste als ein genauer und zorniger Mann, wie nach
alter Soldatenregel ein Hauptmann sein soll. Auch beim Stabe galt er fr einen
tchtigen Offizier, nur die Musen hatten ihm ihre Huld versagt, und wenn bei
schriftlichen Arbeiten die gewhnlichen Wendungen des Kompaniestils nicht
ausreichten, wurde sehr bald der Korporal Knig zur Schreiberei kommandiert, und
der Hauptmann sagte in solchem Falle herablassend: Monsieur Knig, richtet die
Redensart ein, wie passend ist. Indes gereichte diese stille Beihilfe dem
jungen Unteroffizier keineswegs zum Vorteil, denn der Vorgesetzte, besorgt, ihm
gegenber die Autoritt zu wahren, war im Dienst gegen ihn noch strenger als
gegen andere, schalt und drohte zuweilen grblich, und enthielt sich nicht
widerwrtiger Anspielungen auf den Hochmut der Schreiber.
    War der Hauptmann brgerlich, so vertrat dagegen der Premierleutnant von
Klotzing die Noblesse, er wute sich viel mit seinem alten Geschlecht, konnte
genau angeben, wieviel Ahnen bei den verschiedenen geistlichen Stiftern verlangt
wurden, und erzhlte, da ein Bruder von ihm Page gewesen war, gern von den
kniglichen Jagden in Wusterhausen und von dem Besuch des Zaren Peter, welcher
dem Pagen zum Scherz auf die Frisur gespuckt hatte. Doch war er in der Kompanie
nicht beliebt, da er sich bei Tisch gern betrank und darauf hochmtig und
krakeelig wurde. Er hatte deshalb nicht selten Hndel, die er mit einer guten
Klinge ausfocht. Wie er behauptete, war er mit seinem Hofmeister auf einer
Universitt gewesen, jedenfalls nur kurze Zeit und nicht in der Absicht, sich
Gelehrsamkeit anzueignen. Da er von dem jungen Korporal alle Hflichkeiten
erhielt, welche dieser aus dem Vaterhause mitgebracht hatte, so gnnte auch er
dem Sachsen ein nachsichtiges Wohlwollen und lie sich zuweilen herab, ihn mit
seinen Jagdabenteuern zu unterhalten.
    Am wenigsten glckte es dem Unteroffizier mit seinem Fhnrich, der nach
damaligem Brauch zu den Oberoffizieren gerechnet wurde und, an Jahren jnger als
August, noch in dem grnen Stolz seines hheren Ranges einherschritt.
    Als besserer Kamerad bewhrte sich der Sekondeleutnant von Brsicke, ein
redlicher Junge mit roten Backen, rundem Gesicht und hervorstechenden Augen, der
keinerlei Launen hatte und auch keine Einflle, durch welche andere berrascht
wurden. Nachdem die Anrede, welche er seinem Stubennachbar zuteil werden lie,
durch einige Monate zwischen Hret, Knig und Hren Sie, Monsieur Knig
geschwankt hatte, schlossen beide, sobald August die Korporalswrde erlangt
hatte, Brderschaft, und wurden allmhlich Freunde.
    August war so klug, einzusehen, da er vor den Gewalthabern der Kompanie
vermeiden msse, sein besseres Wissen in allerlei gelehrten Dingen an den Tag zu
legen, doch wurde dies fr ihn eine harte Zumutung, und er mute zuweilen
Lehrgeld zahlen. Als er einst die Ehre hatte, mit den Offizieren auf der Stube
seines Leutnants bei einem Glase Bier und einer Pfeife Tabak zusammenzusitzen,
wollte das Unglck, da die Rede auf Rom und Julius Csar kam. Und da ergab
sich, da sowohl der Hauptmann als seine Oberoffiziere durchaus unsicher ber
das Verhltnis Csars zum Papst waren. Der Hauptmann erklrte ganz verstndig:
Da Julius Csar ein groer rmischer General gewesen ist, der Papst aber unter
allen Umstnden ein Pfaffe und ebenfalls zu Rom wohnhaft, so ist glaublich, da
die beiden nicht in guter Harmonie gestanden und Csar zu seiner Zeit sich wenig
um den Papst gekmmert hat. Der Premierleutnant aber behauptete mit hherem
Wissen, jedoch unrichtig, Csar sei als rmischer Kaiser und als Vorfahre der
jetzigen kaiserlichen Majestt Karl VI. mit dem Papst in Hndel geraten und habe
deswegen mit den Franzosen, welche zum Papst hielten, viele Kriege fhren
mssen. Der Sekondeleutnant und der Fhnrich endlich vertraten bescheiden die
Ansicht, da mehrerwhnter Csar nur Brgermeister in Rom und der Papst
jedenfalls sein Prinzipal oder Vorgesetzter gewesen sei. Da war es fr August
unmglich, ein vorsichtiges Stillschweigen beizubehalten. Er tat sich auf,
obschon in achtungsvoller Weise, und setzte auseinander, da die alten Rmer zur
Zeit Csars noch Heiden waren und erst mehrere Jahrhunderte spter Christen und
Untertanen des rmischen Papstes wurden. Im Eifer seiner belehrenden Darstellung
bemerkte er nicht die mivergngten und abflligen Blicke seiner Vorgesetzten,
welche ihn, nachdem sein Redeflu beendet war, behandelten, als sei er gar nicht
vorhanden, und von der Montierung des Potsdamer Regiments zu reden begannen,
nachdem der Hauptmann noch kurz bemerkt hatte: In jedem Fall war der Dienst in
der Kompanie damals schlechter als im Preuischen. Sogar Augusts Leutnant
vermied in den nchsten Tagen ganz, mit ihm zu sprechen, der Hauptmann aber
machte ihm beim Exerzieren den Dienst sauer und warf ihm unangenehme Redensarten
wie Sakramenter und schsischer Tintenkleckser zu. Durch einige Wochen
kmpfte der Sachse in stiller Verzweiflung gegen die hochgehenden Zorneswogen im
Gemt der Vorgesetzten, und die Stellung war noch schlecht, als sein Gnner, der
Major Vogt, in die Garnison kam. Auch dieser mute Unholdes ber den gelehrten
Korporal gehrt haben, denn er beachtete ihn durch die drei Tage seiner
Anwesenheit gar nicht, erst kurz vor der Abreise, als August mit einer Meldung
zu ihm kam, begann er mit umwlkter Stirne: Es tut mir leid, zu vernehmen, da
die Herren Oberoffiziere mit Eurem Benehmen nicht zufrieden sind. Hat Euch der
gute Anfang Eures Dienstes bermtig gemacht, so mu ich Euch sagen, da Ihr die
Nachsicht und das Wohlwollen Eurer Vorgesetzten, die Euch sehr ntig sind,
vllig verscherzt habt. Da erschrak August: Ich bitte den Herrn Major,
berzeugt zu sein, da ich es im Dienst an Eifer nicht fehlen lasse.
    Es ist sowohl der Dienst, antwortete der Major, als Euer anmaendes
Benehmen auerhalb des Dienstes, wodurch Ihr Ansto gebt.
    Mge der Herr Major mir glauben, entschuldigte sich August demtig, da
ich niemals in meinem Verhalten den geziemenden Respekt vergessen habe. Ich wei
recht gut, da an meinem Unglck nichts schuld ist als Julius Csar.
    Wieso? fragte der Major. Und als der Korporal wahrheitsgetreu berichtet
hatte, lchelte der gute Herr zuerst vor sich hin, dann aber begann er strafend:
Es war nicht schicklich, da Ihr Eure Schulweisheit dazu benutzt habt, um Eure
Herren Offiziere in der Stunde, wo sie Euch die Ehre kameradschaftlicher
Vertraulichkeit gewhrten, eines Besseren zu belehren. Ihr habt ihnen dadurch
ihre freundliche Absicht bel vergolten. Doch Ihr seid jung und von lebhaftem
Naturell, und ich will Euch das Ungeschick nicht zu hoch anrechnen. Merkt Euch
aber fr Euer ganzes Leben, mein lieber Sohn, da der Wert des Soldaten nicht
vorzugsweise auf seinem Wissen beruht, sondern auf seiner Pflichttreue und auf
der Strke seines Willens. Damals, als Euer guter Vater bei unserem Regiment
war, vermochte einer der Hauptleute auer seinem Namen nichts zu schreiben; er
war doch von uns allen hochgeschtzt, und seine Soldaten gingen fr ihn ins
Feuer. Es darf Euch auch nicht ungereimt erscheinen, wenn Ihr hier und da in der
Armee eine Verachtung der Schreiber und aller Gelehrsamkeit aussprechen hrt;
solche Feindseligkeit wird allerdings zuweilen ungerecht, dennoch ist sie bei
dem preuischen Offizier zu entschuldigen, denn er merkt wohl, da die Schreiber
und Gelehrten sich unfhig und auerstande erwiesen haben, den Staat und das
vaterlndische Wesen vor Freund und Feind ehrenvoll zu vertreten und da dazu
sein Beruf besser geeignet ist, weil er gelernt hat, sein Blut und Leben
daranzusetzen, nicht nach eigener Weisheit, sondern nach dem Willen und den
Intentionen eines Oberhauptes, welches fr ihn denkt.
    Nach dem Besuche des Majors trat fr August bei der Kompanie wieder
leidliches Wetter ein, kleine Regenschauer, aber auch Sonnenblicke, und er
durfte hoffen, da Csar nicht ewig als rchender Geist vor der Front gegen ihn
aufsteigen werde. Da wurde durch einen Zufall das Verhltnis zu seinem Chef
vllig gendert. Der Hauptmann war nicht verheiratet, er vertraute seine Wsche
aber keiner Unteroffiziersfrau an, sondern schickte sie durch seinen Burschen in
ein kleines Haus an der Stadtmauer zu einer armen Witwe, welche mit einem jungen
Mdchen erst vor etlichen Jahren aus benachbarter Garnison zugezogen war. Da der
Hauptmann selbst hufig in der Dunkelheit das Haus besuchte, so hatte die
Kompanie ber diese Bekanntschaft ihre sehr bestimmten Ansichten, die aber in
seiner Gegenwart nicht laut wurden, weil sein ernsthaftes und zurckhaltendes
Wesen auch die Offiziere nicht zur Vertraulichkeit ermutigte. Doch erzhlten die
Jngeren untereinander, da er sich des Mdchens wegen schon einmal nach dem
Mittagessen auf seiner Stube mit dem Premierleutnant geschlagen habe, jedenfalls
war dieser mehrere Wochen mit verbundenem Arm gegangen, hatte aber jede Auskunft
ber das Duell verweigert. Als nun August eines Abends im Dienst auf der Strae
ging, hrte er rohe Scheltworte und sah einen Betrunkenen, welcher ein
flchtiges Mdchen verfolgte und sie zuletzt anpackte. Er sprang herzu,
schleuderte den Mann zurck und stellte sich zwischen ihn und die Verfolgte, die
vor Schrecken ber den Angriff einer Ohnmacht nahe war und sich an einem
Trpfosten festhielt. Der Angreifer, ein bel beleumdetes Subjekt, das frher
Soldat gewesen und eines Schadens wegen aus dem Dienst entlassen war, drang
wtend auf den Helfer ein, der Korporal aber schlug ihn mit dem Eisen seines
Kurzgewehrs ber die Schulter, da der Mann mit lautem Schrei zurcktaumelte und
blutend zusammenbrach. Ohne sich weiter um den Liegenden zu kmmern, wandte sich
August zu dem Mdchen, richtete sie auf und ersuchte sie hflich, seine
Begleitung bis an ihre Wohnung anzunehmen. Dabei entdeckte er, da es ein recht
hbsches Mdchen war in einfacher brgerlicher Kleidung, mit einem runden
Gesicht, aus welchem ihn zwei blaue Augen verstrt ansahen. Sie aber entzog ihm
den Arm und versetzte, immer noch zitternd: Ich danke dem Herrn Korporal von
Herzen, aber ich darf mit keinem Soldaten gehen; ich bitte den Herrn, mich
allein zu lassen, unsere Wohnung ist in der Nhe. Sie sah ihn noch einmal an,
als ob sie wegen ihrer Weigerung um Verzeihung bitte, und eilte lngs den
Husern dahin. Der Jngling folgte ihr aus Teilnahme in einiger Entfernung,
obgleich er hinter sich den Lrm der zusammenlaufenden Menschen hrte, war aber
hchlich erstaunt, als er pltzlich einen Sto vor die Brust bekam und seinen
Hauptmann erkannte, der von der Seite herbeigeeilt war, wtend den Degen zog und
gegen ihn einhieb. August parierte den Schlag mit seiner Waffe und rief
zurckspringend: Ich melde dem Herrn Kapitn, da ich soeben einen Betrunkenen
auf der Strae niedergeschlagen habe, weil er ein Mdchen insultierte. Der
Kapitn lie den Degen sinken und trat, gefolgt von August, in den Haufen,
welcher den Liegenden umstand. Dort erkannte er, da der Mann schwer verwundet
sei, und gebot dem Korporal kurz, einen Feldscher zu holen und alsdann in sein
Quartier zu kommen, worauf er sich in derselben Richtung entfernte, welche das
flchtige Mdchen genommen hatte.
    August, der jetzt den Zusammenhang ahnte, wartete lngere Zeit in der
Wohnung des Kapitns. Dieser bot, als er endlich kam, dem Korporal in groer
Bewegung die Hand mit den Worten: Ich bitte Euch wegen meiner Heftigkeit um
Verzeihung, Monsieur Knig. Ihr habt Euch benommen, wie einem Manne geziemt, der
des Knigs Rock trgt, ich aber habe mich in der Hitze gegen Euch vergessen.
Dafr will ich Euch die Satisfaktion geben, indem ich Euch im Vertrauen auf Eure
Ehre und Verschwiegenheit mitteile, da es meine Tochter war, der Ihr heut einen
groen Dienst erwiesen habt. Sie selbst hat mich gebeten, Euch den Dank
auszurichten, der ihr in ihrer Angst nicht zu Gebote stand.
    Ich habe nur geringen Anspruch auf den Dank meines Herrn Kapitns und der
Demoiselle, versetzte August, da ich ganz zufllig zu dem Rekontre kam und
nicht wute, wem ich beistand. Ich bitte nur, sich meiner anzunehmen, damit ich
nicht wegen der Verwundung des Zivilisten, welchem das Schlsselbein zerschlagen
ist, in Ungelegenheiten gerate.
    Ihr? antwortete der Hauptmann mit finsterem Lcheln. Ihr habt Lob zu
erwarten, da Ihr Euch zur Stelle defendiert habt, der Kerl aber Ketten und
Zuchthaus, weil er sich unterfangen, die Montur Seiner Majestt anzugreifen.
Erzhlt mir den Verlauf, damit ich den Bericht mache; Ihr knnt ihn selbst zur
Stelle niederschreiben.
    Als dies vollbracht war, und August der Entlassung harrend, sich
zusammenrckte, holte der Hauptmann eine Flasche Wein aus dem Schrank, go zwei
Glser voll und wies auf den Tabak und die Pfeifen.
    Setzt Euch her zu mir, Monsieur Knig, ich habe noch etwas von Euch zu
fordern. Und als August stramm dasa, vom Glase genippt hatte und mit stiller
Genugtuung die blauen Wlkchen aus der Tonpfeife blies, begann der Hauptmann:
Ich will Euch meinen Dank dadurch bezeigen, da ich Euch erzhle, was Eurer
Jugend zu einer Lehre gereichen kann. Als armer Fhnrich war ich einem
Brgermdchen, der Tochter einer Witwe, zugetan, und ich handelte in meiner
Leidenschaft nicht ehrlich an ihr. Sie starb in Kummer und hinterlie ein
Mdchen. Mir ist es mein Leben lang sauer geworden, und ich war ein harter Mann,
der sich das Unglck anderer nicht sehr zu Herzen nahm. Da sah ich einmal meine
kleine Tochter, das Kind drckte sich in seiner Unschuld an meinen Hals, und mir
fiel ein, da ich doch jemanden auf der Welt hatte, der an mir hing. Darum
begann ich mich der Tochter anzunehmen, brachte sie zu einer ordentlichen Frau,
und was ich von meinem Traktament ersparen konnte, wandte ich auf ihre
Erziehung. Sie wuchs heran als ein braves Kind, welches in seinem guten Herzen
den Vater lieb hat. Die Stunden, in welchen ich bei ihr sitze und ihre
zutraulichen Reden hre, sind das Glck meines Lebens. Aber sie sind auch mein
Kummer und ein unablssiger Vorwurf. Denn sie ist unschuldig und gutartig und
wre eines besseren Schicksals wert. Aber nach den Vorurteilen der Welt ist sie
ausgeschlossen von jeder Hoffnung auf eine Heirat mit einem braven Manne, und
von jeder Aussicht auf eine andere anstndige Versorgung. Und wenn sie mir
freundlich zulacht und in ihrer kindlichen Weise erzhlt, wie gut es anderen
Mdchen aus ihrer Nachbarschaft mit Ehe und Hausstand gert, da will sich in mir
vor Mitleid das Herz umwenden, da bei ihr davon nicht die Rede sein kann. Er
legte die Pfeife weg und sah finster vor sich hin.
    Vielleicht gibt es dagegen eine Hilfe, riet August mitfhlend. Ich habe
einmal gehrt, da man auch an Kindesstatt annehmen kann.
    Der Hauptmann blickte beifllig auf ihn: Dies ist die einzige Hoffnung, an
die ich mich noch halte. Da ich aber ohne Konnexion bin und befrchten mu, da
mir ein solches Unternehmen bei den Vorgesetzten im Avancement hinderlich sein
wird, so mu ich's auf die Zeit schieben, wo ich entweder als Major in den Stab
versetzt oder pensioniert bin. Habe ich in der Karriere meinen Wunsch erreicht,
oder habe ich keinen Gegner mehr zu frchten, so nehme ich die Tochter zu mir.
August, stolz auf so groes Vertrauen, rauchte fort und war ganz einverstanden.
Dies habe ich Euch mitgeteilt, Korporal Knig, weil ich jetzt Euer Ehrenwort
verlange, da Ihr die Bekanntschaft, welche Ihr heut mit meiner Tochter
Friederike auf der Strae gemacht habt, in keiner Weise fortsetzt, solange sie
in ihrem dunklen Zustande leben mu; da Ihr sie also nie in ihrer Behausung
aufsucht, und wenn Ihr zufllig mit ihr zusammentrefft, sie ganz wie eine Fremde
behandelt. Ich will nicht, da mein Kind irgendwelche Bekanntschaft mit Soldaten
und Offizieren hat, denn ich wei, da fr sie daraus nichts Gutes kommen kann.
Und dies ist das einzige, was ich dem armen Mdchen streng verboten habe. Wollt
Ihr mir als honetter Soldat Euer Wort darauf geben, so werde ich Euch, solange
Ihr dies haltet, mit aufrichtigem Danke verpflichtet sein, und wenn Ihr es im
bermute brechen solltet, Euch an Eurem Leib und Leben die Rache eines
gekrnkten Vaters fhlbar machen. Er stand auf, auch August schnellte in die
Hhe.
    Mein Herr Kapitn htte nicht Ursache gehabt, mein Versprechen so stark zu
provozieren; ich bin bereit, mein Wort zu geben.
    Der Hauptmann hielt einen Augenblick die Hand des Jnglings fest und entlie
ihn mit Wiederholung seines freundlichen Dankes.
    August ging zufrieden in sein Quartier zurck und gelobte sich selbst, da
er das neue Wohlwollen des Vorgesetzten durch Schweigsamkeit und groen
Diensteifer verdienen wolle.
    Dennoch erwies sich die Vorsicht des Hauptmanns in diesem Falle als
ungeschickt; denn es war natrlich, da August von jetzt ab zuweilen an sein
Versprechen dachte und mit einer gewissen Neugierde nach der Demoiselle aussah.
Wenn er ihr einmal begegnete, was nicht selten geschah, so grte er hflich -
das hatte der Alte doch nicht verbieten wollen - und empfing ihren schchternen
Gegengru mit der frohen Empfindung, da zwischen ihr und ihm ein geheimes
Einverstndnis sei, von dem die Welt nichts wissen drfe. Auch sah er immer mehr
ein, da gengender Grund vorhanden war, die Jungfer vor der Unternehmungslust
kriegerischer Jugend zu bewahren. Denn sie hatte durchaus nichts von dem
brbeiigen Wesen des Hauptmanns. Er erkannte bei jeder Begegnung deutlicher ein
rosiges Gesicht mit schnen blauen Augen, denen, wie er meinte, die Frhlichkeit
sehr gut stehen mte. Sie war einfach, aber sauber gekleidet, hatte einen
zierlichen Gang und, wie er ganz genau sah, auch eine natrliche Anmut, wenn sie
ihm das Kpfchen zuneigte; kurz, sie war ihrem Vater durchaus nicht hnlich.
    August konnte nichts dafr, da er an ein Mdchen, welches ihm fremd war,
das er nicht anreden und nicht kennen sollte, gerade da erinnert wurde, wo er
als guter Sohn der Ermahnung seines eigenen Vaters nachkam. Dieser hatte ihn
nmlich dringend aufgefordert, seine Freistunden zu weiterer Erlernung des
Franzsischen zu verwenden, wenn sich in der kleinen Garnison eine Gelegenheit
biete. Nun fand sich unter den alten Unteroffizieren der Kompanie ein Franzose,
der einst als flchtiger Hugenotte mit seinen Eltern ins Preuische gekommen
war. Bei diesem nahm August gegen billige Vergtung Stunde. In der Konversation
erfuhr er mit Verwunderung, da Monsieur Roncourt auch Lehrer der Demoiselle
Friederike war, und da sein Hauptmann, der selbst aus Bchern so wenig gelernt
hatte, fr den Unterricht des Kindes alles mgliche tat. Der alte Franzose
sprach gern von seiner Schlerin, er rhmte ihren Verstand und die Fortschritte,
und beobachtete mit ritterlicher Teilnahme ihr Verhltnis zum Vater. Es kam auch
heraus, da dieser zuweilen bei den Lektionen gegenwrtig war und in hoher
Zufriedenheit seine Pfeife rauchte, whrend die Tochter sich mit dem Lehrer in
der unverstndlichen Sprache unterhielt. Es wre auffllig gewesen, wenn August
seinem Lehrer verboten htte, in der Stunde von Demoiselle zu erzhlen. Und es
ist wohl mglich, da Monsieur Roncourt in seiner gesprchigen Weise auch dem
Mdchen zuweilen etwas ber den jungen Korporal mitteilte, der sich ebenfalls
dem Lehrer wert zu machen wute.
    In dieser ganzen Zeit bestand zwischen den Eltern und den beiden Shnen ein
lebhafter Verkehr, welchen das fr alle Welt erfreuliche Posthorn vermittelte.
Es klang nur zweimal in der Woche durch die Straen, aber gerade weil es nicht
hufig kam, dachte jedermann, da es ihm etwas Gutes bringen msse, und wer in
der Fremde sa, der wurde durch die weichen Tne an alle Lieben daheim erinnert.
Am regelmigsten war in der Familie der Verkehr zwischen Fritz und dem Vater.
Der Sohn schrieb von der Universitt ausfhrlich ber seine Kollegien und ber
die Gedanken, welche ihm angeregt wurden, der Vater aber fand eine hohe Freude
darin, mit seinem Fritz gelehrte Fragen zu errtern, und eine noch grere, wenn
er in den Briefen des Jnglings einen festen, die Wahrheit suchenden Sinn
erkannte. Durch den Briefwechsel wurden Vater und Sohn in ganz neuer Weise
Herzensfreunde, und der Sohn gewann in dem rckhaltlosen Aussprechen ber alles,
was ihm die Seele bewegte und seinen Geist beschftigte, vielleicht mehr
Weltweisheit, als durch die Vortrge der Professoren.
    Als Friedrich einmal im Postskript beilufig gefragt hatte, ob Nachrichten
von Thorn angekommen seien - er wollte nicht geradezu nach Dorchen fragen -, da
erhielt er zu seiner Verwunderung mit der Antwort des Vaters die Abschrift eines
Briefes, welchen der erste Brgermeister von Thorn, Herr Roesner, dem Vater
gesandt. Darnach hatte Dorchen den Brief des Vaters abgegeben, sie hatte den
Stdtern sehr gefallen, war mit den Frauen zum Gottesdienst gegangen und fr
lngeren Besuch eingeladen worden. Wegen des Gusekschen Schreibens von 1531 aber
berichtete der Konsul, da er mit mehr Auskunft dienen knne, als vielleicht
erwartet werde; sein Kollege Zernecke, der zweite Brgermeister, sei selbst als
Historikus eine Autoritt, und dieser wute, da in jenen alten Zeiten eine
Familie Knig zu den Mitgliedern des Artushofes, also zu der angesehenen
Brgerschaft, gehrt hatte. Auch das Eckhaus war ermittelt worden, es war alt
und baufllig und gerade in den Besitz eines Brgers bergegangen, der sich
rstete, dasselbe umzubauen. Da hatten die Herren Brgermeister aus dem alten
Briefe Veranlassung genommen, dem wohlgesinnten Besitzer das Geheimnis der Stube
mitzuteilen; es hatte sich sogleich ergeben, was bis dahin noch niemand
beobachtet, da durch leichtes Fachwerk ein Teil des ursprnglichen Zimmers
abgeschlossen war. Der Besitzer hatte in Gegenwart der Brgermeister die
Zwischenwand einschlagen lassen und dahinter einen groen Wandschrank gefunden.
Ich selbst habe, da der Hauswirt die Berhrung scheute, den Schrank geffnet,
schrieb Herr Konsul Roesner, aber nichts darin gefunden als eine verrostete
Rstung und ein modriges Gewand, welches einem Armsnderkittel hnlich sah; ich
verberge Euer Ehrwrden nicht, da mich einen Augenblick das Grauen berkam, als
ich groe dunkle Flecke darauf erkannte. Was man dort verbergen wollte, war
offenbar etwas Ungnstiges aus einer Zeit stdtischen Unfriedens.
    
    Mit einer scherzhaften und verbindlichen Wendung bat darauf der
Brgermeister um Fortsetzung der angeknpften Verbindung und deutete an, da es
ihm wnschenswert wre, von der neuen Leipziger Bchermesse gewisse Neuigkeiten
gegen Wiedererstattung der Auslagen frher zu erhalten, als bei der langsamen
Spedition durch die Buchhandlung mglich wrde.
    Da der Vater ermahnte, die Auftrge des Herrn Konsuls sorgfltig
auszufhren, und Fritz in Leipzig gute Gelegenheit fand, das Bcherpaket nach
Thorn zu spedieren, so machte es sich, da er selbst mit den beiden
Brgermeistern, zumal mit dem gelehrten Herrn Zernecke, in hflichen Brief
verkehr trat, und diese Verbindung wurde ihm eine grere Freude, als er selbst
dem Vater bekannt htte, denn er konnte dadurch vielleicht dem Dorchen die
wohlwollende Teilnahme der wichtigen Stadtherren vermehren.
    Nicht ganz so erfreulich waren die Nachrichten ber Dorchen, welche die Post
dem jngeren Sohn brachte. In einem Briefe der Mutter las er, da die
Jugendgespielin, welche lange mit ihrer kranken Verwandten zu Dresden gelebt
hatte, jetzt in einem groen Schlosse an der Weichsel wohne, welches mit
frstlicher Pracht eingerichtet sei. Dort speiste sie, wie Frau von Borsdorf in
mtterlichem Stolz mitgeteilt hatte, jeden Tag von Silber und hatte drei
Domestiken zu ihrer eigenen Bedienung, nur klagte sie etwas ber die Einsamkeit.
Und als seine Mutter mit dem Postskript schlo: Wenn das liebe Kind nur nicht
in Hochmut verfllt, da wurde August wild und zornig ber diesen Luxus mit
Silber und ber das ganze vornehme Wesen, und nachdem er lange mit dem
unschuldigen Dorchen gegrollt hatte, kam er zu der unzufriedenen Betrachtung,
wie verschieden doch das Schicksal seine Gaben austeile. Dorchen war die Tochter
eines pensionierten Majors, ohne Vermgen, und lebte in so glnzendem Zustande,
und Riekchen war das Kind eines Hauptmanns, der auch jederzeit Major werden
konnte, und wohnte, gering geachtet, in einer Hintergasse. Zuletzt unternahm er
sogar, die beiden Mdchen miteinander zu vergleichen; auch Riekchen war hbsch,
obgleich in anderer Weise; sie hatte ein Stutznschen, grere Flle, ihre Augen
waren vielleicht noch einnehmender. Und unzweifelhaft hatte auch sie gute
Manieren.
    Gustchen verhrtete sich so in seinem Zorne gegen die Vorurteile der Welt
und gegen die Launen des Geschickes, da er den trotzigen Entschlu fate, die
Ungerechtigkeit auszugleichen, soweit er dies als junger Korporal und
Unbekannter vermochte. Dazu bot sich eine Gelegenheit. Durch den Franzosen wute
er, da Friederike ber den Tod eines Stieglitzes geweint hatte, der in
trichter Sicherheit aus seinem Bauer geflogen und von einer Nachbarkatze erfat
war. Darum gedachte er die Arme fr die fehlenden Silberteller gewissermaen
dadurch zu entschdigen, da er ihr einen neuen Stieglitz ins Haus praktizierte.
Dies mute natrlich so geschehen, da der Vater nicht an einen unbekannten
Geber denken konnte, weil er sonst dem Vogel unfehlbar den Hals umgedreht htte.
Es durfte also keiner von den Garnisonvgeln sein, welche durch die Soldaten
gehalten und zu kunstvollem Gesange abgerichtet wurden, um das Leben der
Freudearmen zu verschnen. Doch glckte es, in dem nchsten Dorf einen Stieglitz
zu entdecken, der in seiner Art ein wirklicher Knstler war; er kaufte das
Tierchen, als gerade sein Leutnant Dienst hatte, und trug es des Abends in
seiner Hand zu dem Hause, in welchem Friederike mit ihrer alten Erzieherin
wohnte. Als er durch das ausgeschnittene Herz des Fensterladens Licht im Zimmer
sah, steckte er den Vogel vorsichtig in das Loch in der Hoffnung, da der Kleine
zwischen Laden und Scheiben herabflattern und durch seinen Flgelschlag ein
ffnen des Fensters veranlassen werde. Dies geschah. Der Korporal hrte das
Flattern, merkte, da jemand das Fenster auftat, und entwich geruschlos. Bei
der nchsten Lektion vernahm er mit gut erheuchelter Gemtsruhe, da der
Demoiselle in merkwrdiger Weise ein neuer Stieglitz zugeflogen war und da der
Ankmmling mit groer Freude in dem Bauer bewahrt wurde, da kein Eigentmer zu
ermitteln sei. Vielleicht haben ihn die Eulen aufgescheucht, sagte August
gleichgltig.
    C'est vrai, rief der Franzose, erfreut ber die Idee, doch ist der Vogel
abgerichtet.
    Aber dies gemtliche Verhltnis, in welches sich der junge Korporal zu einem
jungen Mdchen gesetzt hatte, tnte in seiner Seele nur wie ein leiser Gesang in
den Pausen zwischen dem Trommelwirbel des Dienstes. Als der Herbst herankam,
erhielt die Kompanie ihre Rekruten, zwei Drittel Landeskinder aus der Umgegend,
ein Drittel Angeworbene, welche gleich Gefangenen herangefhrt wurden. Da begann
auch fr August neue angestrengte Ttigkeit, denn er hatte jetzt selbst bei dem
Drillen zu helfen und fand es schwerer als je, seinem Hauptmann genge zu tun.
    Zu rechter Zeit kam vor dem Weihnachtsfest die Kiste vom Vaterhause. Da der
Hauptmann den Abend bei der Demoiselle zubrachte und die beiden anderen
Offiziere ber Land geladen waren, so bat August den Sekondeleutnant um die Ehre
seiner Gesellschaft und berreichte ihm bei der Einladung einen hbschen
trkischen Pfeifenkopf, den er durch ein artiges Kompliment annehmbar zu machen
suchte, indem er sagte: Mein Herr Bruder hat mir, da ich jung und unerfahren
hierherkam, so viel Gte und Freundlichkeit erwiesen, da ich, solange ich lebe,
demselben mich verpflichtet fhlen werde, und ich bitte daher, diese Kleinigkeit
als ein Zeichen meiner Wertschtzung anzunehmen, dabei aber nicht die
Geringfgigkeit der Gabe, sondern die gute Gesinnung zu beachten, in welcher ich
dieselbe zu offerieren wage. Der Leutnant empfing die gestopfte Pfeife und
antwortete: Du bist, hol mich der Teufel, immer der hfliche Sachse. Dabei
zndete er sie zur Stelle an und setzte sich zum Genu zurecht, aber er fuhr
sich gleich darauf ber die Augen. Bruder, mir hat noch niemals jemand etwas zu
Weihnachten geschenkt, und ich habe auch nichts fr dich. - August schttelte
ihm die Hand. Wenn du die Kompanie haben wirst, dann kommst du an die Reihe,
mir zu geben, unterdes versuchen wir heut, was in der Kiste Gutes gekommen ist.
    Diese Anweisung auf knftigen Reichtum erheiterte den Leutnant, und sie
trugen gemeinsam die Schtze der Kiste auf den Weihnachtstisch.
    Doch auch die Garnison wollte dem jungen Korporal ihre Artigkeit erweisen,
denn als er am nchsten Morgen beim Hauptmann eintrat, begann dieser, nachdem er
die Meldung angenommen: Ihr habt in diesem Jahre einer Person, die mir lieber
ist als mein Leben, einen Dienst erwiesen, und Ihr habt das Versprechen, das Ihr
mir damals gegeben, als ein honetter Soldat gehalten. Ich bin nicht gewhnt,
eine Guttat zu empfangen, ohne dafr erkenntlich zu sein. Wre ich ein Mann von
Vermgen, so wrde ich Euch ein besseres Prsent bieten, jetzt ersuche ich Euch,
meine Jagdflinte anzunehmen, da ich hre, da Ihr gern auf die Jagd geht. Er
berreichte ihm das Gewehr; es war ein neuer gestickter Tragriemen daran, und
der Jngling wute wohl, woher dieser kam. In der ganzen Zeit war er von dem
Kapitn kurz und gebieterisch behandelt worden, wie jeder andere; und wenn er in
seiner Schlauheit trotzdem gemerkt hatte, da er in Gunst stand, weil
widerwrtige Kommandos von ihm fernblieben, so berraschte ihn doch diese
Freundlichkeit des harten Vorgesetzten so sehr, da sein Dank krzer herauskam,
als schicklich war, denn er fand nur die Worte, welche gar nicht zur Sache
gehrten: Es ist mir wohl bewut, da ich es nur dem Herrn Kapitn zu danken
habe, wenn ich einmal ein brauchbarer Offizier werde.
    Tut Eure Pflicht gegen den Knig, wie ich sie im Dienst gegen Euch tue,
antwortete der Hauptmann und entlie ihn mit einem Kopfnicken.
    Und wieder kam das Frhjahr, welches an der mrkischen Landschaft rings um
die Garnison nur wenig zu verndern imstande war, der Kiefernwald frbte sein
dunkles Gewand ein wenig heller, die Sandflchen zwischen Feld und Wald wurden
ein wenig gelber, und auf dem Acker spro zgernd und sprlich die junge Saat.
Die Kompanie aber bewegte sich wieder pnktlich, gleich einem Uhrwerk, zu den
Vorbungen im Stabsquartier und von da nach Berlin zur Revue. Diesmal
marschierte August fest wie ein alter Soldat ber den Rixdorfer Damm nach dem
Manverfelde und erwartete mit Selbstvertrauen die letzte Prfung der
Unteroffiziere im Lustgarten. Er freute sich wie ein geborener Preue, als des
Knigs Majestt, der kleine starke Herr, wieder aus der gelben Pforte gewichtig
heranschritt. Sobald der Knig lngs der Reihe seine Fragen getan hatte und bis
zu August gekommen war, sah er ihn scharf an, und der kecke Unteroffizier August
ebenso den Knig, weil er wute, da seine Majestt dies gern hatte. Das ist
der Sachse, sagte der Herr wohlgefllig, seid Ihr dies Jahr bei der Revue
schwindlig geworden?
    Nein, Eure Majestt, antwortete August, es ging ganz gut.
    Wie war seine Auffhrung? fragte der Herr den Markgrafen. Hat er gut
profitiert?
    Er hat das beste Lob, versetzte der Oberst.
    Das ist mir lieb, sagte der Knig. Ihr knnt Eurem Vater schreiben: Ich
freue mich, da der Sohn eines so braven Mannes wohl gert, und es soll den
Vater nicht gereuen, da er Euch in meine Armee getan hat. Fhrt so fort, damit
Ihr im Dienst immer fester werdet.
    Dies war in den Augen smtlicher Anwesenden eine so hohe Gnade, da August
gleich darauf von seinem Chef, von dem guten Major Vogt, und seinen Offizieren
Glckwnsche erhielt, und kaum in seinem Quartier angelangt, sich hinsetzte, um
dem Vater den ganzen Vorgang zu berichten. Den Tag darauf erhielt er die
Nachricht, da ihn der Knig zum Gefreiten-Korporal ernannt habe, der den Dienst
bei der Fahne hatte und der Nchste zum Oberoffizier war. Und seine Freude
kannte keine Grenzen, als sein Hauptmann sich freiwillig erbot, ihm nach der
Rckkehr in die Garnison einen mehrmonatigen Urlaub zu geben.
    Als der Freikorporal vor seiner Abreise aus der Garnison beim Hauptmann
eintrat, um den Urlaubsschein zu holen, blieb er betroffen an der Tr stehen.
Vor dem Vater kniete in Trnen aufgelst Friederike, und er sa ber sie gebeugt
in so tiefem Gram, da er den Eintretenden gar nicht beachtete. Das Mdchen fuhr
auf, sah den Jngling schmerzvoll an und verschwand in dem Nebenzimmer, der
Vater aber erhob sich, mhsam nach Fassung ringend: Erfahret, Monsieur Knig,
da ich von der Kompanie und von dieser Garnison auf lngere Zeit scheide. Ich
bin zum Werbeoffizier fr das Regiment bestimmt und soll nach Ostfriesland
abgehen. Mancher hlt solches Kommando fr eine Gunst, und auch vom Stabe wird
gratuliert, weil mir dadurch Gelegenheit geboten sei, den Major zu verdienen;
ich aber hatte bis daher geglaubt, da redlicher Dienst im Regiment mich solcher
Ehre wrdig machen knne, denn ich wei, da ich zum Marchandieren und
Beschwindeln nicht passe, und mir ist, als wre ich zu einer Kugel verurteilt.
    August dachte wohl, da sein gradliniger Hauptmann guten Grund hatte, das
Amt eines Werbeoffiziers zu scheuen. Nur bermtigen Gesellen, die nicht durch
groe Gewissenhaftigkeit belstigt wurden, war dies Kommando willkommen, es bot
Gelegenheit zu flottem Leben in der Fremde und zu allerlei Nebenverdienst; auch
Abenteuer fehlten nicht, die zuweilen gefahrvoll wurden. Und in tiefem Mitgefhl
fragte der Jngling, alle Vorsicht vergessend: Wie aber wird es mit der
Demoiselle Tochter werden? Da ballte sich die Hand des Hauptmanns auf dem Tisch
und er sagte in grimmiger Ratlosigkeit: Das wei Gott allein.

                                Alles verwandelt


August wanderte zu Fu der Heimat zu. Er hatte die Garnison in heller Freude
verlassen, eine Strecke begleitet von dem Sekondeleutnant. Als dieser beim
Abschiede traurig sagte: Du bist glcklich, Bruder, da du Eltern hast, die
sich auf dich freuen. Eine Waise wie ich hat keine andere Heimat als bei der
Fahne, da empfand August mitleidig, wie gro das Unglck des Kameraden war,
aber ihm selbst schwand nach diesen Worten pltzlich die frohe Zuversicht. Auch
als er weiterzog ber die braune Heide, in drftigem Nadelwald und durch
armselige Drfer, blieb ihm eine Bangigkeit, ber die er sich selbst wunderte.
Oft hatten ihn der harte Dienst und das knappe Leben bedrckt, jetzt, wo er sich
in grerem Wohlstand bei seinen Angehrigen zwanglos tummeln wollte, kam ihm
vor, als trenne er sich von Glck und Hoffnung. Sein ehrlicher Hauptmann wollte
ihm nicht aus dem Sinn, auch an die arme Friederike mute er denken, wie sie die
Trennung vom Vater ertragen werde, und vergebens mhte er sich, die Gedanken
nach vorwrts zu richten und die Freuden des Wiedersehens auszumalen. Als er an
einem sonnigen Sommerabend das erste schsische Dorf erreichte, schallte ihm aus
dem Wirtshaus Tanzmusik entgegen. Selbst dieser lustige Gru, den das Vaterland
bot, nahm ihm die Beklemmung nicht von der Brust; er fragte hastig die Wirtin,
ob kein Wagen vom Gute der Eltern ihn erwarte Es war keiner da, und doch wuten
sie zu Hause den Tag seiner An kunft. Die Wirtin sah ihn so seltsam an, als er
seinen Namen nannte. Es ist dort groes Feuer gewesen, sagte sie, der Gutshof
ist abgebrannt.
    Das also war es, was er ahnend vorausempfunden, und ihm kam vor, als sei
dies das rgste noch nicht, was er erfahren solle. Nach kurzer Rast brach er auf
und ging im Mondenlicht weiter. Er kam in die Gutsflur, er sah die Brandsttte,
aus welcher noch weie Rauchwolken aufstiegen, vor sich. Das alte Wohnhaus
wenigstens war erhalten, denn dort bewegten sich Lichter, aber niemand empfing
ihn; er schritt durch die leere Wohnstube, ri die nchste Tr auf und sah seine
Mutter und den Bruder regungslos an einem Bett sitzen und darauf seinen Vater
ausgestreckt, regungslos und tot. Da warf er sich am Lager nieder und merkte in
seinem heien Schmerze nicht, da die Mutter und der Bruder neben ihm
niederknieten und ihn mit ihren Armen umschlangen.
    Das Feuer war bei Nacht in den Wirtschaftsgebuden ausgebrochen, der Hofherr
hatte sich bermig angestrengt, das Vieh zu retten, den Tag darauf war er, vom
Herzschlage getroffen, dahingesunken.
    Nach den Tagen dumpfen Schmerzes saen drei Unglckliche zusammen und
fragten, wie sie das Leben fortan ertragen sollten. Der Tod eines guten und
krftigen Mannes, sowie der Verlust, welcher vorausgegangen war, hatten der
Familie fast alles unsicher gemacht; der Wohlstand war in geldarmer Zeit tief
erschttert, die Gebude wieder aufzubauen, den Verlust an Vieh und Gert zu
ersetzen, die Wirtschaft fortzufhren, erwies sich als schwer, und obgleich die
gute Gromutter in der Stadt bereit war, nach Krften auszuhelfen, so wurde doch
der Beistand eines zuverlssigen Ratgebers unentbehrlich. Auch fr die Shne
mute ein Vormund bestellt und sein Rat ber die Zukunft der Jnglinge eingeholt
werden. Nchster Verwandter der Mutter war Herr von Mickau, der in der Nhe ein
Rittergut besa und fr einen erfahrenen Geschftsmann gehalten wurde. Der
Mutter galt seine Wahl als selbstverstndlich; zwar erhob Fritz bescheiden den
Einwand, da der Vater von der geschftlichen Umsicht des Herrn Vetters nicht
immer eine gute Meinung gehabt habe, aber der Mutter blieb der Gedanke
unertrglich, einem anderen Einblick und Verfgung in ihren Angelegenheiten zu
gestatten.
    Herr von Mickau, ein kleiner gewandter Mann von hflichem und aufgewecktem
Wesen, hatte frher sorglos gelebt und dem Hofe als Kammerjunker seine Dienste
gewidmet, sich aber zu rechter Zeit, bevor sein vterliches Erbe vertan war, auf
das Gut zurckgezogen; er hatte am Hofe noch immer gute Verbindungen und war
Vertreter des benachbarten Landadels bei Staatsaktionen und feierlichen Anreden.
Der Herr erklrte sich bereit, die Vormundschaft zu bernehmen, und gab
verstndigen Rat in so einnehmender Weise, da auch Fritz nichts dagegen
einzuwenden wute. Es wurde beschlossen, da der ltere Sohn nach Leipzig
zurckkehren solle, seine Studien zu beenden, der jngere aber whrend des
Urlaubs als Beistand der Mutter zurckbleiben. Beim Abschiede sagte Fritz dem
Bruder: Wir sind im Wohlstande aufgewachsen und vielleicht in manchem verwhnt.
Mir ahnt, da wir beide einmal in die Lage kommen werden, auf das angewiesen zu
sein, was wir selbst verdienen. La uns immer daran denken.
    Fr Madame Knig war in ihrer Trauer der einzige Trost, da sie sich auf
ihren Liebling sttzen konnte, und da dieser im Hofe und unter den Bauleuten
mit einer Umsicht und Sicherheit gebot, welche weit ber seine Jahre gingen. Als
aber der Urlaub dem Ende nahte, bestand die Mutter leidenschaftlich darauf, da
August seine Entlassung aus dem preuischen Dienst fordere, weil er ihr
unentbehrlich sei. Der Sohn widersprach ehrerbietig, doch auch der Vormund
stellte sich auf Seite der Mutter und riet: Dem schriftlichen Gesuch an die
Kompanie mu der Form wegen ein rztliches Zeugnis beigelegt werden, welches den
Gesundheitszustand meines Neffen als ungengend darstellt, denn auf die nderung
der Familienverhltnisse wrde bei einem Auslnder keine Rcksicht genommen
werden. Das Zeugnis eines geflligen Arztes wurde leicht beschafft und ging mit
dem Abschiedsgesuch an den neuen Hauptmann der Kompanie. Gleich nach dem Tode
des Vaters hatte August dem Major Vogt geschrieben, aber er hatte auf diesen
Brief keine Antwort erhalten und spter zufllig erfahren, da der Major gar
nicht mehr beim Regiment stehe, sondern weit hinaus an die hollndische Grenze
kommandiert sei.
    Auf die Eingabe erfolgte in krzester Zeit eine hfliche Antwort des
frheren Premierleutnants von Klotzing, welcher jetzt die Kompanie als Hauptmann
fhrte, da die Aushndigung des Entlassungsscheins nur erfolgen knne, wenn
Monsieur Knig sie persnlich in Empfang nehme; es sei deshalb eine Rckkehr in
die Garnison und vielleicht eine Reise ins Stabsquartier notwendig.
    Mit schwerem Herzen machte sich August auf den Weg. Widerwillig hatte er den
Trnen der Mutter und dem Drngen des Vormundes nachgegeben, jetzt erschien ihm
die Sache nicht so leicht, als der Vetter sie dargestellt, und bei seiner
Ankunft in der Garnison war ihm zumute wie einem Verbrecher, der vor seinen
Richter treten soll.
    Und so war auch der Empfang, der ihm zuteil wurde. Der Hauptmann begrte
seinen Freikorporal mit den Worten: Es ist mir lieb, Monsieur, da ich Euch
hier habe, holte von dem Aktenbrett das rztliche Zeugnis, welches dem Gesuch
beigelegt war, und zerri das Papier und warf es vor Augusts Fe. Wie konntet
Ihr Euch unterstehen, mir mit solchen elenden Flausen zu kommen? Ihr habt Euch
mit Worten vor des Knigs Majestt und durch Revers gegen das Regiment
verpflichtet, im preuischen Dienste zu bleiben, und seid deshalb zur Fahne
avanciert. Wenn Ihr meint, da es noch in Eurem Belieben steht, zu bleiben oder
zu gehen, so will ich Euch lehren, Euer gegebenes Wort zu halten. Geht zur
Stelle in Euer Quartier und tretet morgen bei der Kompanie an. Und als August
Vorstellungen erheben wollte, rief er mit einem Fluche: Hinaus! Ich werde Euch
Eure schsischen Mucken vertreiben. Der Korporal trat, bleich von mhsam
bekmpftem Zorn, auf die Strae, als ein Gefangener, der in seinen Kerker
geschickt wird. Leider war der erwhnte Revers vorhanden; der junge Korporal
hatte ihn nach der ersten gndigen Anrede des Knigs unterschrieben, als eine
bloe Frmlichkeit, die bei jedem Fremden, der in die preuische Armee trat,
gebruchlich war. Jetzt wurde die Unterschrift zu einem furchtbaren Gebot fr
die Tage seiner Zukunft. Als er in sein Quartier kam, vernahm er noch in
Betubung den warmen Gru und die trstende Zusprache seiner alten
Unteroffiziere. Den ganzen Tag sa er wie erstarrt. Er mute unaufhrlich an das
Leid der Mutter denken, und was ihn am tiefsten demtigte, er war mit sich
selbst unzufrieden, denn er hatte dem Hauptmann ein Recht gegeben, ihn rauh zu
behandeln. Aber er war auch lange genug Soldat gewesen, um sich einem
bermchtigen Zwange zu fgen. Deshalb trat er nach einer schlaflosen Nacht am
nchsten Tage vor den Hauptmann und begann ehrerbietig: Ich bitte den Herrn
Kapitn, mein Versprechen anzunehmen, da ich mir im Dienst redlich Mhe und
Seiner Majestt als honetter Soldat meine Treue erweisen werde, solange hchster
Wille mich an der Fahne festhlt. Vielleicht gewhrt der Herr Kapitn spterhin
einem Gesuch um den Abschied sein geneigtes Frwort, wenn derselbe im Laufe der
Zeit die berzeugung gewinnen sollte, da ich seiner Teilnahme nicht unwrdig
bin. Der Hauptmann aber versetzte darauf mit finsterer Miene: Wer mit dem
Gedanken umgeht, den Dienst zu verlassen, der ist in der Kompanie wenig ntze,
und ich sage Euch deshalb geradeheraus, da ich weder jetzt, noch in der
nchsten Zukunft Eure Entlassung favorisieren werde. Erweist Ihr Euch als
widerspenstig und unbrauchbar, so soll Euch hier bei uns der Teufel holen; und
seid Ihr eifrig, wie Ihr mir versprochen habt, so kann Euch die Kompanie jetzt
weniger entbehren als frher, da Ihr die Leute und die Umgegend kennt.
    Unter so trben Aussichten begann August wieder den tglichen Dienst. Von
den Offizieren war sein Freund Brsicke als Premierleutnant zu einer andern
Kompanie versetzt, mit den neuen Leutnants, welche ihn kalt und abgeneigt
betrachteten, kam er in kein gutes Verhltnis. Er erfuhr, da Major Vogt vom
Knige geadelt worden, wie bei hheren Offizieren Brauch war, und da er immer
noch auf Kommando abwesend sei.
    Was den Korporal ein wenig mit seinem Schicksal vershnte, war die
franzsische Stunde. Mit zierlichen Worten und mit aufrichtiger Freude hatte ihn
Monsieur Roncourt begrt, und bald plauderte der Alte wieder von dem frheren
Kapitn und von seiner lieben Demoiselle. Das Mdchen lebte noch eingezogener
als sonst, und wie der Franzose versicherte, waren er selbst und der Stieglitz
die einzigen mnnlichen Charaktere, mit denen sie verkehrte. Es dauerte lange,
ehe der Jngling ihr begegnete, obgleich er immer bei ihrer Wohnung vorberging,
sooft er die Wache visitierte. Als er sie endlich einmal auf der anderen Seite
der Strae erblickte, eilte er mit beflgeltem Schritt auf sie zu, und erst als
er ihr nahe gekommen war, fiel ihm sein Versprechen ein, errtend hielt er
mitten auf der Gasse an und nahm den Hut ab, wie vor einer Dame vom hchsten
Stande. Mit Errten und tiefer Verneigung dankte auch sie, und der teilnehmende
Ernst, mit welchem sie auf ihn sah, gab ihm die berzeugung, da sie an seinem
Schicksal Anteil nehme. Dabei blieb es freilich zwischen beiden, er grte, sie
dankte, und Monsieur Roncourt trug, ohne es zu wissen, Botschaft hin und her.
    Aber auch ber dieses Verhltnis warf das Schicksal einen Trauerflor. Als
Roncourt einst bei seinem Schler eintrat, zog er sein Taschentuch und begann
feierlich: Monsieur Knig, ich kann heut nicht das Vergngen Ihrer Konversation
genieen, weil mir das Gemt zu sehr bewegt ist. Ich habe soeben die
Verzweiflung der Demoiselle Friederike angesehen; ihr Vater ist in Friesland bei
seinem Werbegeschft von einem rachschtigen Deserteur, der ihn hinter der
Verkleidung entdeckte, erschossen worden.
    Auch dem Jngling brachen die Trnen aus den Augen, ihm fiel die letzte
Stunde ein, in der er seinen alten Hauptmann gesprochen hatte, und da dieser
Tod dem Mdchen alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft zerstrte. Die beiden
Vertrauten saen kummervoll einander gegenber, bis der Jngere rief: Was wird
die Demoiselle jetzt beginnen?
    Das ist mein grter Gram, antwortete Roncourt, wieder nach dem Tuche
greifend, sie kann sich hier nicht allein erhalten, obwohl sie im Nhen
geschickt ist und von den Kaufmannsfrauen zuweilen Arbeit erhlt. Bis jetzt hat
ihr der Vater jeden Monat einen Teil seines Soldes auszahlen lassen. Ach,
Monsieur, es wre mir eine Freude und Ehre, knnte ich ihr einiges von meinem
Stundengelde, das ich nebenbei verdiene, zugehen lassen. Aber sie wrde es in
keinem Falle annehmen, und wenn sie verhungern sollte, denn darin hat sie den
Stolz ihres Vaters.
    Man mte etwas erfinden, was ihr die Annahme mglich macht, rief August.
    Das wre gut, sagte der Franzose, aber was?
    Der Jngling berlegte: Wollen Sie versprechen, mich niemals zu verraten,
so wrde auch ich unserem guten Hauptmann zuliebe gern etwas beitragen. Sie
wissen, da ich seiner Gte viel verdanke und da ich von Hause weit greren
Zuschu habe, als ich bedarf. Das letzte war eine fromme Lge.
    Roncourt schttelte den Kopf: Wenn ich als alter Knabe eine Wenigkeit fr
das Kind meines seligen Kapitns abgebe, so ist das in der Ordnung; Sie aber
sind ein junger Herr, und ich wei nicht, ob ich im Interesse der Demoiselle Ihr
gutherziges Erbieten annehmen darf.
    Machen Sie sich das nicht schwer, berredete August, ich gebe nicht dem
fremden Mdchen das Geld, sondern, wenn Sie erlauben, Ihnen. Das Honorar,
welches Sie seither von mir anzunehmen die Gte hatten, war viel zu niedrig. Sie
gestatten mir, da ich es erhhe. Wie Sie es verwenden, ist Ihre Sache und geht
mich nichts an.
    Das ist ein Vorschlag, sagte der Franzose, immer noch bedenklich. Doch
August fuhr eifrig fort: Gegen das Frulein geben Sie vor, da ein alter
Kamerad des Vaters brieflich bei Ihnen angefragt habe, an wen er von jetzt die
monatlichen Abzahlungen einer alten Ehrenschuld, die er seither dem Hauptmann
zugesandt, adressieren solle.
    So kann es gehen, stimmte der Alte bei, erfinden Sie noch den Namen und
den Ort.
    Beides will der Schuldner geheimhalten und sich nur Ihnen anvertrauen,
belehrte der begeisterte Dichter. Vielleicht hatte der Schuldner einen
Kassendefekt begangen und ist durch die Hilfe des Hauptmanns vor der
Verzweiflung gerettet worden.
    Sie sind ein Diplomat und voll von Einfllen, antwortete Roncourt mit
Bewunderung. Auf diese Verabredung gaben die beiden einander die Hand.
    Fr den Jngling begann eine Zeit unerhrter Wirtschaftlichkeit. Der kleine
Zuschu, welchen er seit dem Tode des Vaters noch erhielt, wurde von jetzt jeden
Monat dem Franzosen gezahlt, und der Freikorporal sah sich auf seinen Sold
beschrnkt. Es war eine schwere Zumutung, die er sich gestellt hatte, aber er
setzte seinen Willen siegreich durch, strich unbarmherzig jede Ausgabe, die er
irgend vermeiden konnte, und erfocht in der Stille viele kleine Triumphe ber
die eigene Begehrlichkeit. Als Knabe hatte er gut verstanden, sich Gensse zu
erschmeicheln, jetzt zwang ihn ein wunderliches Verhltnis, sich unablssig
Entbehrungen aufzulegen. Doch die grte Entbehrung entstand ihm dadurch, da er
sich selbst eine neue Schranke errichtet hatte, welche ihn von nherer
Bekanntschaft mit dem Mdchen schied. Denn er mute jetzt nicht nur den Willen
eines Verstorbenen ehren, sondern auch sein eigenes gutes Werk. Eins freilich
war durchaus nicht zu vermeiden. Er sah die Demoiselle fortan fter, wenn auch
nur von weitem. Denn sooft er der Versuchung entgehen wollte, mit seinen
Kameraden einige Groschen im Wirtshaus auszugeben, brachte er die Zeit damit zu,
da er spazierenging. Auf solchen Gngen kam er an ihrem Hause vorber. Als er
sie zum erstenmal nach dem Tode ihres Vaters in Trauerkleidern am Fenster sitzen
sah, blieb er stehen, sie aber ffnete das Fenster. Da reichte er ihr seine Hand
hinein, sie hielt die Hand fest und weinte, und er sagte: Auch ich habe meinen
Vater verloren. Das war alles, und dagegen htte auch der Hauptmann nichts
einwenden knnen. Wenn der Jngling seitdem um diese Stunde vorberkam, fand er
das Mdchen fast immer hinter den Scheiben bei der Nhterei sitzen. War das
Wetter leidlich, dann hing der Vogel im Bauer vor dem Fenster, so da August
zuletzt mutmate, sie habe ihn als Geber erkannt. Am Sonntag aber fand er sie
regelmig in der Kirche, denn auch diese ehrwrdige Sttte besuchte er jetzt
fleiiger als sonst. Sie mute bei ihm vorber, wenn sie eintrat und hinausging,
und er beobachtete whrend des Gottesdienstes scharf ihre Andacht, nicht gerade
zum Vorteil der seinen. Ja, zu der Neigung des stillen Liebhabers kam ihm etwas
von der zrtlichen Sorgfalt eines Vaters. Er fing an, sich um ihre Kleidung zu
kmmern, und wie er merkte, da ihr ein warmer Wintermantel fehlte, hatte er an
jedem kalten Tage bitteren Verdru. Als ihm gegen Weihnacht der Fuhrmann von
Frankfurt an der Oder die Kiste heranfuhr, welche die Mutter gefllt hatte, da
lud er am Abend vor dem Fest den alten Franzosen zu Gaste und widmete diesem das
gesamte anmutige Beiwerk: ein Marzipanherz, pfel und Nsse. Und Roncourt
empfing die Sachen so vergngt, da August nicht im Zweifel blieb, wohin der
Alte sie tragen wrde.
    Fr die Armee kam ein unruhiges Jahr; der Knig hatte geboten, alle
Landeskinder in Dorf und Stadt, welche nach Stand und Beschftigung
dienstpflichtig waren, aufzuzeichnen. Jeder von diesen erhielt eine rote
Halsbinde, die er fortan zu tragen hatte, und jedem Regiment wurde eine Anzahl
dieser Aufgezeichneten berwiesen, in der Regel die Leute aus der Umgegend
seiner Garnison. Da nun die Bezirke nicht sofort abgegrenzt wurden, gab es
Eifersucht zwischen den Regimentern, Streit mit den Ortsbehrden und Kampf gegen
die Widersetzlichkeit der einzelnen Leute, und darum, was den Kompanien am
lstigsten war, eine endlose Schreiberei. Niemals zu irgendeiner Friedenszeit
war das Heer in solcher Schreiberttigkeit gewesen, und niemals hatten die
Hauptleute so zornig mit Redensarten um sich geworfen, die in der Bibel nicht zu
finden sind.
    Auch der Korporal hielt in diesem Jahr weniger die Fahne in der Hand als die
Feder, und er bte fr seine kurschsische Bildung dadurch, da er in seiner
Kompanie einen groen Teil der Schreiberei besorgen mute.
    So verging der Winter und das Frhjahr, das Regiment wurde diesmal nicht zur
Revue gezogen, und August fand keine Gelegenheit, seine Entlassung zu betreiben.
Er selbst war in dem Einerlei des Dienstes still und ernst geworden, ein fester
Soldat, der gelernt hatte, harter Pflicht zu gehorchen, und er fhlte die de
seines Daseins fast nur an den Tagen, wo er einen Brief der Mutter erhielt oder
einen des Bruders, der in seiner glcklichen Freiheit ihm jetzt oft schrieb und
zu geduldigem Ausharren mahnte. Ach, die Nachrichten aus der Heimat machten das
Herz nicht leichter, die Mutter oft krank, dazu Geldsorgen und Gutsrger; auch
von Dorchen vernahm man wenig, sie a auf ihren Silbertellern in der Einsamkeit,
die Kusine war immer noch leidend, und was am meisten zu denken gab, Frau von
Borsdorf sah bekmmert aus und hatte nur einmal verlauten lassen, da Jesuiten
in dem Schlosse aus und ein gingen.
    August wute, da der Hauptmann ihn nicht leiden mochte und fortwhrend mit
Mitrauen betrachtete, obgleich seine Hilfe in dieser Zeit wertvoll war; deshalb
erwartete er auch nichts Gutes, als er an einem Morgen mit ungewhnlicher
Hflichkeit angeredet wurde: Monsieur Knig, Ihr sollt mir und der Kompanie
einen Dienst leisten und fr einige Wochen auf Kommando gehen. Ihr habt unsere
Ersatzleute, welche hier und da in der Neumark wohnen, aufzusuchen und mit
Pssen zu versehen, neue Burschen einzuschreiben und Euch nach verlorenen Leuten
zu erkundigen. Betrachtet dies Kommando als einen Beweis meines Vertrauens; bin
ich in dieser Sache mit Euch zufrieden, so will ich sehen, wieweit ich Euren
Wnschen entgegenkommen kann. Seit langem war unter den Offizieren von diesem
lstigen Auftrage die Rede gewesen, der nicht dem Fahnenkorporal zukam, sondern
dem Premierleutnant. Da der Korporal schweigend in straffer Haltung stand,
fragte der Vorgesetzte: Nun, habt Ihr etwas zu bemerken?
    Ich stehe zu Befehl.
    Ihr nehmt einen unserer Leute mit, der zuverlssig und in der Gegend gut
bekannt ist, Ihr mgt ihn auswhlen.
    Ich bitte den Herrn Kapitn, selbst den Mann zu bestimmen, versetzte der
Korporal.
    Das war dem Hauptmann unlieb, weil er die Verantwortung fr den Mann gern
dem Untergebenen zugeschoben htte, doch sagte er nach einigem Nachdenken:
Nehmt den Bttcher. Er soll nur das Seitengewehr tragen, damit er vor den
Leuten fr einen Beurlaubten gelten kann. Ihr geht noch heut ab.
    Bttcher war ein Landeskind aus der Neumark, er hatte sich nach
abenteuerlichem Leben vor mehreren Jahren freiwillig anwerben lassen und stand
als verwegener Gesell und Spamacher der Kompanie bei dem Hauptmann in Gunst,
obwohl sein Rcken mehr als einmal mit den Spieruten Bekanntschaft gemacht
hatte. August fand bald Grund, sich zu der Wahl Glck zu wnschen, denn Bttcher
erwies sich als ein Schlaukopf, welcher den unangenehmen Teil des Geschftes mit
Behagen auf sich nahm.
    Herr Freikorporal, sagte er auf dem Wege, die Bauern und auch die
Schulzen sind wegen der roten Halsbinden ngstlich und widerbellig und werden
Ihnen die Leute vertuschen. Verraten Sie nichts von unserem Kommando, wenn wir
an einen Ort kommen; ich werde tun, als ob ich auf Urlaub gehe und nur zufllig
mit Ihnen zusammengetroffen bin, und ich werde vorher spionieren. Das tat der
Schelm, in jeder Dorfschenke erzhlte er den Anwesenden Schnurren, gab vor, da
er aus der Umgegend stamme, und erkundigte sich mit erlogener Teilnahme nach
seinen alten Bekannten, den jungen Burschen, deren Namen in der Liste standen
oder die er im Nachbardorfe erkundet hatte. Waren die Leute ermittelt, so fhrte
er seinen Korporal zu ihnen, damit dieser den Pa einhndige, durch welchen sie
fr Zugehrige der Kompanie erklrt wurden. Dabei verlief kein Tag ohne
rgerliche Abenteuer. Gleich im Anfange, als sie das Haus eines Taglhners
betraten, welcher drei Shne hatte, verweigerten der Vater und die Shne
trotzig, die Psse anzunehmen, und als endlich ernste Vorstellungen und
Drohungen die Familie erschreckt hatten, begann ein herzzerreiendes Wehklagen
und Schluchzen, und die Braut des ltesten Sohnes umklammerte die Fe des
Korporals, so da dieser Mhe hatte, die Fassung zu bewahren und trstend
versprach, wie er sich bemhen wolle, dem Brutigam eine Heiratsbewilligung vom
Hauptmann auszuwirken und auf Grund derselben Befreiung vom Dienste. Ein anderer
Bursch wies den Pa zurck, weil er bereits bei einem benachbarten Regiment
eingeschrieben sei, und August stie feindlich mit einem Major dieses Regiments
zusammen, welcher ihn heftig bedrute, weil er einen Mann seiner Rolle wegnehmen
wolle und ihm selbst in Aussicht stellte, da er ihn geschlossen zu seinem
Regiment zurckschicken werde. Aber der Korporal lie sich nicht beirren und
drohte wieder: Wenn der Herr Oberstwachtmeister glauben, hierzu berechtigt zu
sein, so mu ich es mir gefallen lassen; ich wei aber, da mich Seine Hoheit
der Markgraf krftig verteidigen wird, da ich nur nach der Order meiner
Vorgesetzten gehandelt habe. Darauf wurde der Major sanftmtiger und verglich
sich zuletzt mit dem Korporal, da der Fall hchster Entscheidung vorgelegt
werden solle. Wieder ein anderer Eingeschriebener hatte durch den Offizier eines
anderen Regiments bereits die Erlaubnis zur Verheiratung erhalten, und der
Korporal mute bei dem Ortspfarrer im Namen seines Regiments gegen die Heirat
Einspruch tun. Auch der alte, wrdige Geistliche weigerte sich, diesen Protest
anzunehmen, bis August ihm erklrte: Ich stehe hier, um dem Befehl des Knigs
Gehorsam zu verschaffen; wollen Euer Ehrwrden diesem Befehl widerstehen, so tun
Sie es auf Ihre Gefahr, ich aber verlasse Ihr Haus nicht, bis Sie mir einen
Empfangsschein ber den eingelegten Protest gegeben haben. Da klagte der
Pfarrer bekmmert: Solange ich lebe, ist mir keine solche Zumutung von einem
Unteroffizier gestellt worden, aber er schrieb den Schein. Auch die verlorenen
Leute des Regiments machten Mhe; der eine war vom Urlaub nicht zurckgekehrt,
sondern hatte, um Handgeld zu erhalten, sich bei einem Garnisonbataillon
anwerben lassen und mute nach langem Hin- und Herreden aus dem Gliede
herausgeholt werden; ein anderer htete in der Montur eines benachbarten
Regiments die Schafe und gab sich fr einen Beurlaubten aus, es erwies sich
aber, da er den Rock nur gekauft hatte, um sich dem Dienste der Kompanie zu
entziehen.
    In dieser ungemtlichen Beschftigung durchzog der Korporal mit seinem
Begleiter mehrere Wochen die Landschaft. Sein Auftrag war beinahe zu Ende
gefhrt, und er sa mde in der Schenke eines Grenzorts an der Warthe, da
meldete Bttcher: Es ist ein Flchtling aus Polen drauen, ein Deutscher, dort
hinten von der Weichsel her, er ist gro und hat leere Taschen. Wollen Sie ihn
freihalten, so werbe ich ihn an.
    Bring ihn her, gebot August.
    Ein krftiger Gesell mit gescheitem Gesichte trat ein, grte hflich und
wurde auf freundliche Einladung zu Speise und Trank bald zutraulich. Als
Bttcher ihm mit Trinken zusetzte, ohne sich dabei selbst zu vergessen, lachte
der Flchtling: Ein williger Gaul bedarf nicht der Peitsche; ich merke, die
Herren gehen darauf aus, mich anzuwerben.
    Nur wenn Ihr bei nchternem Mute selbst wollt, antwortete August; ich bin
nicht hier, Fremde zu verlocken, und bot Euch an, unser Gast zu werden, weil ich
hrte, da Ihr ein Deutscher und ein armer Flchtling seid. Trinkt ruhig, ich
verspreche, es soll Euch zu nichts verpflichten.
    Der Fremde sah ihn dankbar an: Wenn mir auf dem Wege der Zorn ber die
Polacken in den Kopf stieg, habe ich zuweilen daran gedacht, bei den Preuen in
des Knigs Rock zu fahren; es wre mir eine Freude, die drben einmal
auszuhauen. Und ich habe als Gerbergeselle sonst hier wenig Aussicht, weil das
Thorner Handwerk mit den deutschen Znften nicht in Bruderschaft steht.
    Mit einem neuen Interesse fragte August: Wenn Ihr in Thorn znftiger Gesell
wart, was hat Euch fortgetrieben? Erzhlt, wenn Ihr keinen Grund habt, es
geheimzuhalten.
    Es wird laut genug, die Steine schreien davon, versetzte der Thorner mit
zornigem Blick. Ihr habt gehrt, da wir Brgershne mit den polnischen
Studenten Krakeel hatten.
    Es war etwas davon in der Zeitung zu lesen, sagte der Korporal, doch
haben wir nicht viel darauf gegeben.
    Bei uns aber wird's, wie ich frchte, mancher teuer bezahlen, sagte der
Gast. Wit, die Polen haben die Schule von St. Johann in Thorn zu einem
Jesuitenkollegium gemacht; darin liegt eine bermtige und liederliche Bande von
adligen Polen, welche mit ihren Sbeln in der Stadt herumfegt und uns
Brgerkindern spinnefeind ist, weil wir nicht ihren Glauben haben und ihr
trunkenes Geschrei nicht ruhig ertragen. In diesem Sommer hatten die Nonnen in
unserer Neustadt eine groe Prozession angestellt, und die jesuitischen
Studenten mit ihren Sbeln waren auch dabei, wir aber, Gesellen und Kinder,
standen auerhalb des Kirchhofs und sahen dem Spektakel zu. Als die Prozession
bei uns vorbeikam, nahmen die meisten von uns um des lieben Friedens willen die
Mtzen ab, die Polnischen aber sprangen auf uns zu und schrien, wir sollten
niederknien, und da wir widerstanden, zogen die bsen Buben ihre Sbel und
hieben auf uns ein. Ich selber erhielt einen Schlitz am Ohr - er wies die Narbe
-, so da wir zornig wurden und die jungen Jesuiten zurckschlugen. Alsbald
rotteten sie sich zusammen, liefen brllend mit geschwungenen Sbeln durch die
Gassen und fielen jeden Deutschen von unserem Glauben gewaltttig an, bis Herr
Konsul Roesner einen von ihnen einstecken lie. Da wichen sie zurck, kamen aber
bald mit neuer Furie aus ihrem Kollegium hervor, zogen einen armen Studenten von
der deutschen Stadtschule aus dem Hausflur, in dem er ruhig stand, schleppten
ihn gefangen in ihr Kollegium und brllten und rasten aufs neue durch die
Gassen. Endlich ri uns jungen Burschen die Geduld, mancher war wie ich
verwundet, auch wir liefen zu Haufen und drngten sie nach ihrer Schule zurck.
Weil sie aber aus den Fenstern mit Steinen gegen uns warfen und mit Gewehren
schossen, wurde das Volk wtend, drang in das Kollegium ein, zerschlug das
Holzwerk von ihren Tischen und Bnken und verbrannte dies am Johanniskirchhofe
in einem groen Feuer. Man sagt bei uns, da vor langer Zeit an derselben Stelle
die Pfaffen Dr. Luthers Bcher verbrannt haben. Die gesamte Brgerschaft trat
bewaffnet zusammen, mit Mhe gelang es den Herren Brgermeistern, den Lrm zu
stillen. Am anderen Morgen hieen wir Deutsche die Tumultuanten, die Tore
blieben geschlossen, und vom Rat wurde nach uns gesucht. Ich hatte mich
versteckt, wo mich niemand fand. Und die Sache schien zu Ende. Jetzt aber, im
September, kam unversehens von Krakau eine polnische Kommission mit wildem
Kriegsvolk in die Stadt gezogen, und es begann ein Nachforschen und Verhren, so
feindselig und mit so grausamer Bedrohung, da jedermann das rgste zu
befrchten hatte, ja sogar unsere beiden Herren Brgermeister wurden angefahren
und wie Missetter verhrt. Da sagte mein alter Vater: Mach dich fort, denn
jetzt naht der Tag, welcher prophezeit ist, wo es heien wird: Das deutsche
Thorn geht an die Polen verloren. Sieh zu, da du dich ins Preuische
durchschlgst, denn nur von dort kann uns Hilfe kommen. - Ich entwich bei Nacht
ber die Stadtmauer und hatte meine Not, bis ich ber die Grenze gelangte.
    Hier seid Ihr unter Landsleuten und in Sicherheit, trstete August. Habt
Ihr in Thorn zufllig ein deutsches Frulein gesehen, welches bei Euren
Brgermeistern aus und ein geht und auf einem polnischen Schlosse wohnt? - Er
nannte den Namen.
    Das Frulein kenne ich nicht, das Schlo aber gehrt dem Woiwoden, der
einer der schlimmsten Wteriche gegen die Deutschen ist.
    Das also war das Glck des armen Dorchens unter Jesuiten und polnischem
Adel! Der Korporal wurde einsilbig und berlie es seinem Beistand Bttcher, den
Gast zu unterhalten. Die beiden sprachen leise miteinander, endlich begann
Bttcher: Der Thorner will sich bei unsrer Kompanie anwerben lassen, wenn er
ein ordentliches Handgeld bekommt.
    Wollt Ihr mit Eurem guten Willen zu uns, so seid Ihr mir willkommen, sagte
August erfreut, beredete mit dem Manne die Werbung und trank ihm darauf zu.
    Der Thorner ging am nchsten Morgen mit Pa und Brief an den Hauptmann zur
Garnison ab; der Korporal aber setzte seinen Weg fort, durchsuchte die letzten
Drfer und dachte vergngt, da ihm die saure Arbeit wohlgelungen sei. Am
Nachmittage fhrte Bttcher auf dem Fuwege, der lngs der Warthe hinlief, zu
einer Stelle, wo dicht am Wasser einige Erlen standen und daran eine rohe
Holzbank. Hier ist eine berfahrt, sagte Bttcher, und hier liegt der Kahn,
auf dem der Pole herbergekommen ist, eine Stunde auf und ab ist dies der
einzige Kahn. Warten Sie ein wenig, Herr Freikorporal, ich will zusehen, ob ich
fr mich etwas erfischen kann. August setzte sich auf die Bank, und der Gemeine
hakte die Kette des Kahnes los, sprang hinein, stie ihn einige Schritte vom
Ufer ab und setzte sich darin nieder. Ich denke, Herr Korporal, wir haben
unsere Geschfte glcklich zu Ende gefhrt, und ich hoffe, Sie werden mit mir
zufrieden sein.
    Ja, Bttcher, antwortete August behaglich, du warst ein schlauer Gehilfe,
und ohne dich htte ich's nicht fertiggebracht.
    Zuletzt habe ich der Kompanie einen Mann verschafft, fuhr Bttcher
selbstzufrieden fort, der einen Zoll mehr hat als ich.
    Der Hauptmann soll dein Verdienst erfahren, er wird sich wundern, wenn der
Pole ankommt.
    Da er kommt, sagte der Soldat, will ich gehen, Herr Freikorporal, ich
desertiere.
    Plagt dich der Teufel, Bttcher? rief der berraschte Korporal. Hast du
einen Grund, unzufrieden zu sein?
    Das gerade nicht, versetzte der Gemeine, aber es ist mir langweilig
geworden. Ich will einmal zusehen, was jetzt unter den Polen los ist. Greifen
Sie nicht erst hinter sich, Herr Korporal, ich habe in Ihre Taschenpistole heut
frh Wasser gegossen.
    August zog die kleine Waffe hervor, die ihm der Vater beim Abschiede
geschenkt hatte, und spannte den Hahn. Ich hab's gemerkt, ich dachte, der
gestrige Gewitterregen wre schuld, ich habe aber frisch geladen. Und er
richtete die Waffe auf den Ungetreuen, der sich unterdes durch einen Sto weiter
abgebracht hatte. Komm zur Stelle zurck, Kerl, du weit, da ich dich
niederschieen mu, wenn du nicht gehorchst.
    Ich lasse es darauf ankommen, sagte Bttcher, sich weiterschiebend. Der
Schu krachte, Bttcher hielt mit dem Kahn still.
    Die kleinen Dinger treffen nicht weit. Da Sie aber auf mich geschossen
haben, ist mir um unserer Freundschaft willen unlieb, rief der Ausreier nach
dem Ufer herber. Zur Entschdigung dafr nehme ich die Montur unseres braven
Knigs Knirps mit in das Polnische, sie gibt dort mehr Ansehen als ein Freipa,
denn die Polen traktieren jeden preuischen Ausreier mit Branntwein. Adieu,
Herr Freikorporal, kommen Sie gut nach Hause. Halten Sie sich auf dem Wege
links, sonst geraten Sie in den Modder. Er stie den Kahn an das andere Ufer
und verschwand im Weidengebsch. August steckte seine Pistole in die Tasche und
eilte zurck zum nchsten Dorfe. Dort erzwang er durch ernste Vorhaltungen die
Begleitung des Schulzen und einiger handfester Leute. Nach lngerem Umwege kamen
sie ber den Flu und forschten in den Grenzdrfern jenseits nach dem
Flchtling. Er war bereits gemchlich ber die Grenze gegangen. Da der Korporal
wute, da die Verfolgung ber die Grenze hinaus der Kompanie zwei Mann gekostet
htte statt des einen, so mute er unverrichtetersache ber den Flu zurck und
seinen Weg allein fortsetzen. Wahrlich in dsterer Stimmung. Denn er ahnte, da
die Flucht eines treulosen Helfers ihm bei der Rckkehr blen Empfang bereiten
werde. Auch sonst waren seine Betrachtungen unerfreulich; die Sonne neigte sich
zum Untergang, er sah um sich eine de Moorgegend, aus der er so bald als
mglich herauskommen mute, von der Garnison war er noch weiter als einen
starken Tagemarsch entfernt, und sein Geld ging zu Ende, denn er hatte dem
angeworbenen Mann, der von allen Mitteln entblt war, einen Vorschu auf das
Handgeld gemacht. Er schritt also unzufrieden mit sich und der Welt vorwrts und
war froh, als er bei Sonnenuntergang aus den Smpfen heraus in eine Kieferheide
gelangte. Der Abend wurde kalt und finster, der Weg schien endlos, zuletzt
erkannte er in einer Lichtung die Umrisse einiger Gebude und hrte Hundegebell.
Er ging darauf los und kam an die Htte eines Teerbrenners, den er durch starkes
Klopfen am Fensterladen endlich bewog, die Haustr aufzuschlieen. Nach langen
Verhandlungen erlaubte der ungefllige Mann ihm ein Nachtlager auf dem Heuboden,
wo der Gast frierend und bekmmert und keineswegs beruhigt ber seine Sicherheit
sich in halbem Schlummer umherwarf. Als er bei grauendem Morgen aufbrach, go
der Regen in Strmen, und der Brenner weigerte sich, etwas von dem einzigen Laib
Schwarzbrot zu verkaufen, der den Vorrat des Hauses ausmachte; kaum war Auskunft
ber den nchsten Weg zur Stadt zu erhalten.
    Als August endlich eine kleine Landstadt erreichte, war seine Kraft
erschpft; mde, durchnt, hungrig und mit leerer Tasche zog er ein und sah auf
dem Markte nach einem Quartier aus. Da stand an der Einfahrt des Eckhauses ein
junger Mann in Hemdsrmeln, rotbckig, mit breiten Schultern und einer offenen
Miene, welcher ihn anredete: Herr Sergeant, wonach sehen Sie sich um? August
antwortete: Nach einem guten Wirt.
    Kommen Sie herein, sagte der Mann. Er fhrte ihn in eine groe Stube, in
welcher eine hbsche junge Frau sa, ihr Kind auf dem Schoe. Die Stube war
sauber mit gelber Farbe getncht, rotgestrichene Tische und Bnke standen darin,
und im Ofen brannte ein wohlttiges Feuer. August grte die Frau und fragte,
wie Soldatenbrauch war, nach dem Namen des Wirtes. Ich heie Schulze, sagte
dieser, und bin ein Brandenburger. Rume die Ofenbank, Pine, damit der Herr
Sergeant sich trocknet. August setzte sich und geno schweigend die behagliche
Wrme, whrend der Wirt ihm mit untergeschlagenen Armen zusah. Endlich begann
der Gast: Lieber Herr Schulze, mich hungert.
    Es ist schon gesorgt, antwortete der Wirt.
    Aber geben Sie mir keine Mahlzeit, fuhr August fort, bedrckt durch seine
Geldlosigkeit, denn ich habe nur wenig in der Tasche.
    Das wird sich alles finden, sagte Schulze. Es ist Mittagszeit, und auch
wir wollen essen. Sie mssen vorlieb nehmen mit dem, was wir im Hause haben.
Pine, decke auch fr den Herrn Sergeanten.
    Die Frau setzte das Kind ihrem Manne auf das Knie und ging behend nach der
Kche. Der Wirt sah ihr wohlgefllig nach und nickte dem Gaste zu: Sie
versteht's. Darauf lie er seinen Jungen auf dem Knie reiten, zuerst langsam,
wie die Bauern, dann im Trabe wie die jungen Herren, bis der Kleine ins Feuer
kam und seinerseits durch Hott und H den Vater antrieb. Unterdes legte die
Wirtin ein reines Tischtuch auf und brachte die Speisen, deren krftiger Geruch
den Hungrigen mit frohen Hoffnungen erfllte.
    Kommen Sie, Herr Sergeant, sagte Schulze, nichts geht ber einen Teller
Grtzesuppe, wenn man durchnt ist.
    Der Gast a wacker, so da er sich selbst seines Appetits schmte, der Wirt
aber gab ihm darin nichts nach, whrend er mit der Frau in freundlichem Zureden
abwechselte und aus einer groen Kanne fleiig Kottbuser Bier einschenkte. Dabei
erzhlte der Korporal ein wenig von seiner schsischen Heimat und von dem
Kommando, welches ihn hierherfhrte, und verbarg nicht, da ihm die Betrbnis
der Leute, welche er aufgesucht, die Arbeit oft schwer gemacht hatte.
    Ich glaub's wohl, sagte der Wirt, denn manchen trifft es hart und
grausam. Jedoch dazu sind wir alle da, die einen zahlen die Steuern, whrend die
anderen marschieren, damit die Fremden Respekt vor uns behalten. Als mein
Grovater jung war, hausten die fremden Kriegsvlker hier am Orte wie
Mordbrenner und Kannibalen, und die Brger wurden wie die Hunde erschlagen, von
den Weibern und Kindern gar nicht zu reden. Als aber mein Vater jung war, hieben
wir Brandenburger den Schweden, der sich noch einmal ins Land gewagt hatte, mit
unseren Fusten hinaus; seitdem haben wir Sicherheit, unsern Weibern wird keine
Schmach mehr angetan, und unsere kleinen Kinder werden nicht mehr unter die Hufe
der Pferde geworfen. Wenn nur von den Herren Offizieren Billigkeit gebt wird,
so ist die Last fr das Volk zu ertragen. Unsere Landeskinder, soweit sie
wirklich eingezogen werden, dienen nicht gar lange und kommen klger nach Hause
zurck, als sie gegangen sind. Ich denke, es ist bei uns in Stadt und Land,
obgleich wir viele Soldaten unterhalten, mit der Nahrung und mit dem Verdienst
nicht schlechter bestellt als bei Ihnen in Sachsen oder anderswo in Deutschland.
Denn unser Knig fhrt einen schweren Stock, aber er sorgt auch wie ein Vater
fr die Blauen und fr uns andere in Hemdsrmeln.
    August freute sich ber die kluge Rede, denn auch er fhlte zuweilen wieder
den Stolz eines Preuen, und er sa mit seinem Wirt lngere Zeit in gutem
Gesprch zusammen, obwohl er die Mattigkeit immer noch merkte. Als er nach Tisch
aufbrechen wollte, forderte er seine Rechnung, da sagte Schulze: Drei Ma Bier
zu einem Drittel, welches auf Sie kommt, macht soundso viel; das Essen bezahlt
der liebe Gott.
    Und als August sich strubte, diese Gastfreundschaft anzunehmen, schnitt
Schulze seine Einrede durch, indem er nachdrcklich begann: Lieber Herr
Sergeant, ich habe aus Ihren Worten gemerkt, da Sie von gutem Herkommen sind
und zuweilen mehr Geld im Beutel haben, als vielleicht heut. Bietet sich Ihnen
Gelegenheit, so knnen Sie damit einmal einem armen Soldaten etwas Gutes tun.
Ich aber nehme von Ihnen weiter nichts; der Herr hat mir ein gutes Stck Brot
beschert; meine Frau, die Sie hier sehen, habe ich geheiratet und diesen Gasthof
mit dazu bekommen. Wir sind glcklich in unserem Hauswesen, warum sollte ich
Ihnen nicht dies wenige angedeihen lassen? Nehmen Sie vorwillen. Die Hausfrau
sprach leise zu ihrem Mann. Die Frau sagt mir eben, fuhr Schulze fort, da
ich Sie zum spten Nachmittage nicht fortlassen soll, weil Sie erschpft sind.
Nun wei ich, da Herrendienst allem vorgeht, aber wenn es Ihnen nichts
verschlgt, so ruhen Sie sich erst in einem ordentlichen Bette aus, heut knnen
Sie doch nicht mehr weit und morgen holen Sie mit frischer Kraft das Versumte
ein. Das ist Pines Meinung, und die Frau hat recht. Schlagen Sie ein. - Er
hielt ihm die Hand hin. August schlug dankbar ein. Als er am andern Morgen
aufbrach, schritt er zwischen dem Wirt und der Wirtin bis zum Haustor, wo zum
letzten Abschied auch noch das Kind dem Gaste die Hand reichen mute.
    Herr Schulze und seine Frau wuten nicht, wie wohl ihre Freundlichkeit dem
vereinsamten Jngling tat, der auf dem Weitermarsch immer daran dachte, da sein
Vater gern hilfreich gegen Notleidende gewesen war, jetzt zahlten Fremde dem
Sohne die Guttaten zurck. Auch sein harter Dienst dnkte ihm in diesen Stunden
nicht mehr eine unwrdige Sklavenarbeit, die einfachen Worte des Brandenburgers
hatten ihn gemahnt, da etwas Groes darin war.
    Am spten Nachmittag erreichte August die Garnison. Da der Hauptmann nach
Tisch leicht unwirsch wurde, so besorgte der Heimkehrende, da sein Aufenthalt
bei dem freundlichen Wirt ihm jetzt seinen Rapport erschweren knne. Diese
Annahme betrog ihn nicht. Als er eintrat, empfing ihn der Hauptmann mit
Vorwrfen ber seine lange Abwesenheit, auch der Bericht ber die gelungene
Ausfhrung des Auftrags minderte den Unwillen nicht, und als der Korporal
zuletzt die Flucht des Bttchers berichten mute, verlor der Hauptmann alle
Herrschaft ber sich, schleuderte rohe Flche auf das Haupt seines Untergebenen
und beschuldigte ihn der Willfhrigkeit gegen den Entflohenen und der Feigheit
bei der Verfolgung. Da geriet auch August in Zorn und rief mit blitzenden Augen:
Herr Kapitn, ein solcher Angriff auf meine Ehre ist ungerecht und
unvernnftig. Der Wtende ri den Degen aus der Scheide: Ihr Hllenhund wollt
noch rsonieren? und drang mit der blanken Waffe auf ihn ein. Der Korporal
sprang, um sich dem Trunkenen zu entziehen, zur Tr hinaus und die Treppe hinab,
aber der Offizier rannte ihm nach, fuchtelte ihm mit der Degenklinge auf den
Rcken und rief zu dem Feldwebel, welcher mit einigen Unteroffizieren auf der
Strae vor dem Quartier stand: Fhrt den Sakramenter in Arrest.
    August hatte bis dahin das Glck gehabt, niemals die Zchtigung mit der
flachen Klinge zu erfahren, welche den Unteroffizieren und Junkern zugeteilt
wurde, weil sie den Betroffenen nicht die Ehre minderte, was die Stockschlge
getan htten, die den Gemeinen zukamen. Als er nun heut so schwere Krnkung
erfuhr, wo er freundliche Billigung erwarten durfte, emprte sich seine Seele
gegen die Ungerechtigkeit, und wie der Feldwebel ihm nach dem Seitengewehr
fate, sprang er zurck und legte die Hand an den Griff. Da drang der Hauptmann
mit entbltem Degen aufs neue gegen ihn ein und hieb ihn ber die Hand, da das
Blut hervorspritzte. Die Unteroffiziere drngten sich in guter Meinung an den
Verwundeten, um diesen am Gebrauch seiner Waffe zu hindern, und der Feldwebel
entri ihm das Seitengewehr; er wurde auf die Wache gefhrt und dort auf Befehl
des nachstrmenden Hauptmanns mit der gesunden Hand an die Strafsule
geschlossen, whrend der Feldscher geholt ward, die Wunde zu verbinden. Der Mann
sagte bedauernd: Es hat wenig gefehlt, da Ihnen die Hand fr immer gelhmt
wurde.
    August sa totenbleich und trotzig in der strengen Haft. So mute es kommen,
dachte er, damit ich der ungerechten Fesseln entledigt werde. Lieber will ich
das mhselige Leben in der Jugend endigen, als mich fernerhin in so schndlicher
Weise zum Sklaven machen zu lassen. Und kein trstendes Zureden der
Unteroffiziere vermochte ihm ein Wort abzugewinnen. Nach einer Stunde kam der
Hauptmann, den der Vorfall ernchtert hatte, in ganz vernderter Stimmung, er
gebot den Arrestanten loszuschlieen und versuchte begtigende Worte, aber er
erhielt nur die Antwort: Ich war des Knigs Unteroffizier, aber nicht Ihr
Sklave.
    Nach einigen Tagen wurde der Korporal zu dem gtlichen Verhr gefhrt,
welches der kriegsgerichtlichen Untersuchung vorausging. Dazu waren ein
Premierleutnant und der Auditeur vom Stabe gesandt, der Sekondeleutnant von der
Kompanie zugezogen. August wute, da er sich vor einem Soldatengericht keines
anderen schweren Unrechts schuldig gemacht hatte, als der Weigerung, sein
Seitengewehr abzugeben, und er versuchte sich zu verteidigen: Ich bin nie
bestraft worden und fhlte in jenem Augenbilck am tiefsten die Schande, auf der
Strae arretiert und ohne Gewehr durch die Stadt nach der Wache gefhrt zu
werden. Ich hatte nicht die Absicht, mich gegen die Verhaftung selbst
aufzulehnen, und wollte nur das Gesuch stellen, mich mit dem Seitengewehr nach
der Wache gehen zu lassen, als ich mit dem Degen angefallen und verwundet
wurde. Darauf bat er zu Protokoll zu nehmen, wie der Hauptmann am ersten Tage
der Rckkehr sein Abschiedsgesuch behandelt, wie er ihn von der Fahne weg zu
angestrengtem Dienst in die Schreibstube gesetzt und ihm zuletzt das schwierige
Offizierskommando zugeteilt habe. Er erzhlte das Benehmen bei der Rckkehr, die
ungerechten Vorwrfe, die ihm wegen der Desertion des Bttcher gemacht worden,
den nicht er, sondern der Hauptmann selbst ausgewhlt. Wie kann mir ein Vorwurf
gemacht werden, da ich ihn, der an meiner Seite ging, in den Kahn springen
lie, da ich, auf seine Hilfe angewiesen, vier Wochen mit ihm im Lande
umhergezogen bin, wo er jeden Tag eine Gelegenheit finden konnte, zu entweichen?
Was mir auch geschehen mge, ich erklre hier, da ich mich keines strafbaren
Unrechts schuldig wei, wohl aber mit bitteren Schmerzen fhle, da ich grausam
behandelt und in meiner Ehre gekrnkt worden bin.
    Als er in den Arrest zurckgefhrt ward, empfand er den besten Trost eines
emprten Gemtes, da er seinem Herzen Luft gemacht und, was ihn lange bedrckt,
freimtig ausgesprochen hatte. Die Haft wurde ihm durch die Teilnahme der
Unteroffiziere erleichtert; er vernahm auch, da sein Fall schwerlich vor ein
Kriegsgericht kommen werde, und da der Hauptmann fr einige Wochen beurlaubt
sei.
    Eines Abends sa der Korporal beim Kreuzerlicht ber einem Buche, als
Unteroffizier Roncourt eintrat. Der Alte hatte ihn so oft besucht, als der
Dienst gestattete, und durch sein Geplauder bleischwere Stunden ertrglich
gemacht, heut sah er sehr ernsthaft aus: Demoiselle Friederike wnscht Sie zu
sprechen. August fuhr in die Hhe: Sie wissen, da das unmglich ist.
    Es ist keiner von den Offizieren bei Wege. Der Unteroffizier der Wache
sitzt in der Stube und sieht nichts, der Posten unter dem Gewehr wird Ihnen den
Rcken kehren, Sie mssen innerhalb der Vergatterung bleiben; das Frulein steht
drauen. So knnen Sie mit ihr reden.
    Was ist geschehen? fragte August mit trben Ahnungen.
    Sie geht fort, sagte Roncourt traurig.
    Der Jngling eilte hinter ihm ins Freie. An dem Lattenzaun sah er eine
verhllte Gestalt, er ging auf sie zu und suchte durch die Stbe ihre Hand zu
fassen, die sie ihm nicht entzog.
    Der Herr war meinem verstorbenen Vater lieb, begann das Mdchen leise. Es
ist zum letzten Male, da ich Sie sehe, und ich wollte Ihnen Lebewohl sagen.
Sie sttzte sich an den Zaun und weinte.
    Warum mssen Sie fort?
    Ich habe Herrn Roncourt gentigt, mir zu bekennen, woher die Untersttzung
kam, durch welche ich in der letzten Zeit hier erhalten wurde. Ich wei jetzt,
wie gromtig der Herr an mir gehandelt hat, und ich danke Ihnen dafr von
ganzer Seele. Aber das darf nicht so fortgehen. Dem Andenken an meinen Vater bin
ich schuldig, mir andere Unterkunft zu suchen. Es ist mir Aussicht auf eine
Stelle gemacht, morgen frh reise ich mit der Frau eines Kaufmanns ab.
    Wohin? fragte der Jngling wie betubt.
    Fragen Sie nicht, Monsieur Knig, vergessen Sie mich; nein, denken Sie
zuweilen an mich wie an eine Verstorbene; ich werde Ihrer Herzensgte gedenken,
solange ich lebe. - Er fhlte den bebenden Druck ihrer Finger, da zog er in der
Bewegung ihre Hand durch den Zaun und kte diese. Das gebeugte Mdchen richtete
sich auf und sagte fast freudig: Ich danke Ihnen fr diesen letzten Gru. Ich
gelobe dem Herrn, wenn er in Zukunft jemals von mir erfhrt, es soll demselben
nicht leid tun, da er einem Mdchen von meiner Lage die Hand gekt hat. Sie
zog ihr Tuch um sich, und kaum hrbar klang ihr Lebewohl, dann verschwand sie in
der Dunkelheit; der Gefangene aber legte sein Haupt an den Zaun, der ihn von ihr
schied.
    Auch dieses Band, welches ihn noch in der Garnison festhielt, war zerrissen.
Er sa den Rest des Abends in dumpfem Schmerze auf seiner Bank und suchte sich
mit dem Gedanken zu ermutigen, da solche Freundschaft auf die Lnge doch nicht
ohne Worte und Verkehr geblieben wre. Und was htte dann werden sollen? Erst in
dem Weh, welches er nach der Trennung fhlte, wurde ihm bewut, wie sehr sein
Herz an der Verschwundenen hing. Als der Franzose wieder eintrat, machte er ihm
heftige Vorwrfe, da er gegen das Abkommen den Anteil des Jnglings an den
Sendungen verraten habe.
    Roncourt stellte sich feierlich vor ihn hin: Sie haben Grund, Monsieur
Knig, mit mir unzufrieden zu sein, und wenn Sie auf Genugtuung bestehen, so
werde ich mich nicht weigern. Aber mir blieb keine Wahl, denn Demoiselle
Friederike forderte die Mitteilung um ihrer Ehre willen, und sie hatte ein Recht
dazu. Wenn Ihnen, dem jungen Manne, leid ist, da sie geht, was soll ich, der
Alte, sagen, der mit ihr fast alles verliert, was seinem Leben eine Freude war?
Sie hat mir den Vogel in Kost gegeben, wollte ihn aber nicht verschenken, denn
sie meinte, er wre ihr vor aller ihrer Habe lieb, und sie hoffe, mich und den
Vogel noch einmal wiederzusehen. An den Trost mu ich mich halten.
    Die Haft hatte einige Wochen gedauert, als der Feldwebel eilig den
Gefangenen aufrief: Mein Herr Bruder soll sogleich zum Major Vogt kommen;
dieser ist aus dem Stabsquartier eingetroffen, und ich denke, er bringt auch in
deiner Sache die Sentenz. August geriet in groe Bewegung, der berbringer
seines Urteils erschien ihm glckverheiend, dennoch bangte ihm jetzt vor der
Entscheidung. Sein Empfang belehrte ihn, da die Sorge nicht unbegrndet war,
denn der Major begann mit strenger Miene: Ihr habt Euch gegen Euren Kapitn
schwer vergangen, Ihr habt ihm ins Angesicht sein Verhalten ungerecht und
unvernnftig gescholten und habt Euch, die Hand am Seitengewehr, der Verhaftung
widersetzt. Wenn er darauf die blanke Waffe gebraucht hat, so habt Ihr Euch
Glck zu wnschen, da Ihr nur mit einem leichten Hiebe davongekommen seid, ein
anderer htte Euch schlimmer mitgespielt. Seine Hoheit der Markgraf haben mir
befohlen, Euch diese Order vorzulesen: Der Freikorporal Knig hat knftig den
Respekt gegen seinen Kapitn besser zu beobachten, widrigenfalls man ihn mit der
empfindlichsten Strafe belegen wird. Fr diesmal ist er wegen seiner Jugend und
bewiesenen Applikation aus besonderer Gnade zu pardonieren, auch wieder in
Dienst zu stellen. - Dankt unserem gtigen Chef, ermahnte der Major wieder
gebieterisch, wret Ihr in meiner Kompanie gewesen, es wre Euch viel
schlechter ergangen.
    Htte doch der Himmel gefgt, da mir dieses Glck zuteil geworden wre,
antwortete August, der Dienst ist mir im letzten Jahre schwer gemacht worden.
    Harter Dienst erzieht eher zum Soldaten als leicht gewonnene
Zufriedenheit, sagte der Major. Mit groem Bedauern habe ich den Tod Eures
Vaters vernommen, Eure Anzeige fand ich erst in diesen Tagen bei meiner Rckkehr
vor. Wre der wrdige Mann noch am Leben und htte er von diesem Streit mit
Eurem Hauptmann gehrt, er wrde Euch mit den Worten ermahnt haben: Mein lieber
Sohn, dein Hauptmann darf gegen dich nicht unrecht behalten. Und er legte ihm
vterlich die Hand auf die Schulter.
    Das warme Wohlwollen, welches hinter dieser Mahnung erkennbar wurde, gab dem
Korporal den Mut, sein frheres Gesuch um Entlassung zu erwhnen und fr jetzt
wenigstens um Urlaub zu bitten. Da aber furchte sich die Stirn des Majors. Ein
solches Gesuch vermag ich nicht zu befrworten, auch ist die Zeit dafr bel
gewhlt. Es stehen Verwicklungen bevor, welche einem Soldaten verbieten, seine
Fahne zu verlassen. Mit diesem Bescheide mute August vorliebnehmen. Als der
Hauptmann einige Tage darauf in die Garnison zurckkehrte, fragte er erstaunt
den Korporal: Wie? Seid Ihr los? Was habt Ihr fr Strafe bekommen?
    Der hohe Chef hat mich begnadigt. Da sagte der Hauptmann: Haben gute
Freunde diesmal bei Seiner Hoheit fr Euch gesprochen, so werde ich Euch von
heut ab auf den Dienst passen. Sobald ich die geringste Widersetzlichkeit merke,
sollt Ihr die Bekanntschaft mit meinem Degen in ganz anderer Weise machen als
bisher.
    Der Unteroffizier schwieg und machte kehrt.

                             Von Thorn nach Berlin


Fritz hatte ausstudiert, war Magister geworden und hatte die Prfung bestanden,
welche ihn zur bernahme eines geistlichen Amtes berechtigte. Durch seine
Professoren war er einem Grafen von Hannover empfohlen, welcher am englischen
Hofe lebte und einen Erzieher fr seinen Sohn suchte; zum Winter sollte der neue
Kandidat mit der Familie des Grafen nach London abreisen, jetzt kehrte er in die
Heimat zurck, froh der guten Aussichten fr seine Zukunft.
    Er fand die Mutter erkrankt. Seit dem Tode des geliebten Mannes war ihre
Gesundheit erschttert; die traurigen Nachrichten, welche sie von August
erhielt, hatten ihr die letzte Kraft genommen. Weinend sa sie neben dem Sohne,
der jetzt an Stelle des Gatten das Haupt der Familie werden sollte, und hielt
gerade den Brief in der Hand, in welchem August von der Tyrannei des Hauptmanns
und von seinem Arrest geschrieben, als Frau von Borsdorf eintrat. Auch diese
hatte einen traurigen Brief in der Tasche und fand kaum hfliche Worte, um ihre
Freude ber die glckliche Heimkehr des Herrn Kandidaten auszudrcken. Beide
Mtter hatten einander lange das Unglck ihrer Kinder zu bergen gesucht, heut
aber vermochte Dorchens Mutter mitfhlende Herzen nicht zu entbehren. Sie zog
unter Trnen den Brief der Tochter hervor, Dorchen war nicht mehr bei ihren
Verwandten, sondern hatte sich in der Stadt Thorn unter Vermittlung der Frau
Brgermeisterin Zernecke bei redlichen Leuten eingemietet. Dort aber war ihr
Aufenthalt nicht sicherer geworden; die Stadt unter den Hnden wilder polnischer
Banden; in den Familien der Bekanntschaft Schrecken und Todesangst, so da die
Tochter flehentlich bat, ihr nach der Heimat zurckzuhelfen. Als Frau von
Borsdorf ber dem Brief die Hnde rang, sagte Fritz: Ich bin bereit, zur Stelle
abzureisen, um Frulein Dorchen zu holen, wenn mir Frau von Borsdorf das
Zutrauen schenkt und die liebe Mutter mir's gestattet. Den Rckweg nehme ich
durch das Preuische, vielleicht vermag ich dem Bruder in irgend etwas zu
helfen.
    Frau von Borsdorf war allzu bewegt, um die schicklichen Einwendungen gegen
das angebotene Opfer vorzubringen, sie nahm es mit gerhrtem Danke an; auch der
Mutter war willkommen, da Fritz bei dem Bruder vorsprechen wollte, denn sie
setzte bereits auf die Umsicht ihres ltesten ein festes Vertrauen. Und Fritz
trat, nachdem er sich die ntigen Psse besorgt hatte, unter den Segenswnschen
der Frauen die polnische Reise an.
    An einem kalten Dezembertage fuhr er ber die lange Holzbrcke der Weichsel.
ber ihm bargen dunkelgraue Wolken das Sonnenlicht, ein kalter Sturmwind heulte
ihm aus den Steppen des Ostens entgegen, unten wlzte der Strom seine
hochgeschwollenen Fluten dem Meere zu, schumte und gurgelte zornig an den
Eisbcken und Pfhlen der Brcke. Die vieltrmige Stadt vor ihm war mit Mauern
und Bastionen umschanzt, aber die Erdwerke standen zerrissen und die Mauern
durchlchert von der letzten Belagerung her, das Stadttor war mit einer
polnischen Wache besetzt, welche den Reisenden anherrschte und erst nach langem
Aufenthalt einlie. Da Friedrich in den Straen ein wirres Menschengedrnge sah,
stellte er sein Fuhrwerk in eine Herberge am Tor und ging, ohne sich
aufzuhalten, vorwrts.
    Er betrat eine ansehnliche Stadt, um ihn ragten hohe Huser, von denen viele
alte Steinverzierung wiesen, und groe Kirchen mit Strebepfeilern; es war viel
fremdes Volk in den Gassen, verwegene Gestalten mit wirrem Haar in geflickten
Pelzen; auch polnische Reiter in ihrer fremden Tracht schritten zu dreien oder
vieren mit klirrendem Sbel stolz durch die Menge. Aber die deutschen
Brgersleute trieben auf der Strae verstrt umher, alle mit finsteren Mienen,
viele verhrmt und bleich; in den Haustren standen die Weiber beieinander und
rangen die Hnde, auch wohlbekleidete Mnner gingen gebckt und scheu ihren Weg
dahin. Den Fremden beachtete niemand, ja, ihm schien, als wenn Mnner und Frauen
die Blicke von ihm abwendeten. Er kam zu einer Unglcksstunde. War eine Pest
ausgebrochen oder ein Feind in das Land gefallen? Lange sah er keinen ruhigen
Mann, den er sich zu fragen traute. Ein Trupp polnischer Trabanten zog dem
Markte zu, wilde Gesellen mit groen Schnauzbrten, in langen Pelzrcken, die
Hellebarden in der Faust. Sie nahmen die ganze Breite der Strae ein, und er
wurde an der Marktecke zur Mauer eines Hauses gedrngt, wo Rstzeug
durcheinander lag. Von da blickte er ber den Platz; er war mit Gruppen
schweigender Stadtleute gefllt, die auf ein Gerst von Bohlen und Brettern
starrten, ber welchem die Zimmerleute arbeiteten. Kein lautes deutsches Wort
wurde gehrt, zuweilen nur ein polnischer Zuruf der Arbeiter. Als er auf die
steinerne Trschwelle des Eckhauses trat, fand er die Tr halb geffnet und
dahinter einen bejahrten Mann in Brgertracht, auch diesen mit einem
unheimlichen Ausdruck von Schrecken und Trauer. Da fate er sich ein Herz und
fragte hflich nach der Wohnung des Herrn Rat Roesner. Als der Brger deutsche
Worte hrte, kam er aus dem Hausflur hervor, aber nach der Anrede sah er den
Fragenden so berrascht und argwhnisch an, da Friedrich rief: Um Gottes
willen, was geht hier vor? Ich bin ein Fremder, soeben angekommen, Sie sind der
erste, den ich zu fragen wage. -
    Sie sind ein Fremder? wiederholte der Mann grimmig, und Sie wollen Herrn
Rat Roesner besuchen? Warten Sie noch einen Tag, dann knnen Sie ihm von dieser
Haustr gerade ins Gesicht sehen, wenn er auf dem Gerst kniet und sein Kopf von
den Schultern fllt. Friedrich trat entsetzt zurck. Als der Brger den
Schrecken des Fremden sah, brach er klagend aus: Als noch keiner wute, was
kommen wrde, hat es mir geahnt, denn da oben - er wies ber sich - griff
seine Hand nach dem Armesndergewand, und ich sah, wie er vor den Blutflecken
schauderte. Dem Jngling fuhr in seinem Schrecken die Ahnung durch die Seele,
da er vor dem Hause seiner Vter stand. Wollen Sie gestatten, da ich fr
kurze Zeit eintrete? bat er tonlos.
    Der Hausherr schlo hinter ihm die Haustr und ffnete seine Stube. Setzen
Sie sich, sagte er, auf einen Lederstuhl weisend, ich merke, auch Sie sind
erschrocken. Sind Sie evangelisch? Friedrich nickte: Ich bin Kandidat der
Theologie.
    Und Sie wollten zu unserem Herrn Rat? fragte der Wirt kopfschttelnd
weiter, woher sind Sie denn, da Sie das Unglck nicht wissen?
    Ich komme auf geradem Wege aus Kursachsen.
    Da kommen Sie zur rechten Stunde, um mit anzusehen, was Ihr Kurfrst, der
bei uns Knig von Polen heit, den Deutschen fr ein Fest bereitet. Weil der
Pbel den polnischen Studenten die Fenster des Kollegiums eingeschlagen hat,
sollen morgen neun Brger und Brgerskinder gekpft und gevierteilt werden und
dazu unsere beiden Herren Brgermeister, den Polen und Pfaffen zur
Satisfaktion.
    Friedrich stand schweigend am Fenster, sah vor sich das Gerst und die
dunklen Gestalten darauf. Nach einer Weile begann er: Wundern Sie sich nicht
ber mein Benehmen, Herr Hannus; mein Name ist Knig, und Vorfahren von mir
haben in alter Zeit dieses Haus besessen.
    Kennen Sie meinen Namen, rief der Brger erstaunt, so ist mir auch der
Ihre nicht fremd, die Herren Konsuln haben ihn genannt, und dieser Bekanntschaft
wegen hat auch die Frau Brgermeisterin das schsische Frulein bei uns in Kost
gegeben.
    Ist Frulein Dorothee in Ihrem Hause? fragte der Jngling, und geschwunden
waren im Nu der Zorn und die Trauer. Der Brger wies ber sich. Sie wohnt oben,
die Stube ist neu eingerichtet, auch ein Ofen ist darin.
    Fritz sprang die Treppe hinauf; er pochte an eine Tr und vernahm das
Herein einer Stimme, deren ser Ton ihm in den Jahren der Trennung oft im Ohr
geklungen hatte. Als er das geliebte Mdchen an dem alten Fenster mit Glasrauten
sitzen sah bei einem Gebetbuche, blieb er auf der Schwelle stehen.
    Dorchen fuhr in die Hhe und schaute die groe Gestalt, ein rosiges Licht
berzog ihre Wangen, und sie hielt sich in freudigem Schreck an die Tischecke.
Das war das Antlitz des Jugendfreundes, aber er war zum Mann geworden, die Zge
fest, breit die Brust, sicher die Haltung und der Wuchs noch hher, als sie sich
gedacht. Als er sprach: Die Mutter schickt mich, das liebe Frulein nach Hause
zu holen, da brachen ihr die Trnen aus den Augen, und sie flog ihm mit einem
Freudenruf entgegen. In schnellem Tausch von Frage und Antwort suchten beide
ihrer Bewegung Herr zu werden; Fritz berichtete hastig von der Heimat und von
der Trauer der Mutter, und whrend er sie an der Hand hielt, erzhlte sie von
allem Leid, das sie in schweren Jahren still getragen: von dem Unglck ihrer
Cousine, welche, krank und durch den rohen Gatten vernachlssigt, allen Halt
verloren hatte und in devoten Bubungen Hilfe suchte, dann von dem wilden
polnischen Haushalt, von der Unordnung und Vergeudung und da sie selbst bei
allem Glanze, der sie umgab, doch durch die Verwandten hart wie eine Dienerin
behandelt worden sei, und zuletzt von dem Einzug eines zgellosen Trosses
polnischer Edelleute in das Schlo und von ihrer Flucht. Es kam heraus, obgleich
sie es zu verbergen suchte, da man ihr die Zumutung gestellt hatte, an den
Gelagen teilzunehmen, welche mit geflligen Frauen der Umgegend dicht neben den
Zimmern der kranken Schloherrin begangen wurden. Ein trunkener Haufe polnischer
Junker war ihr eines Abends bis in die Stube der Kranken gefolgt, und sie hatte
sich an dem Bett ihrer Cousine festgeklammert, um die Zudringlichen abzuwehren.
Da war sie am nchsten Morgen, als noch alles schlief, begleitet von einem
deutschen Diener der Woiwodin, aus dem Schlosse abgereist und hatte in der Stadt
Zuflucht gesucht. Auch hierher hatten sie die Bekehrungsversuche der Geistlichen
verfolgt, und der Rektor des Kollegiums war mehreremal zu ihr gekommen und durch
seine Ermahnungen beschwerlich geworden.
    Dem Theologen wurde hei bei dem Gedanken an die Gefahr, in welcher die
Seele des Mdchens gewesen, und er fragte zuerst: Es ist den Fremden doch nicht
gelungen, Zweifel in dem Gemt des lieben Fruleins zu erregen? Aber ihre
Antwort beruhigte ihn: Auch ich habe in dem Umgange mit Ihrem seligen Vater
einen Schutz gewonnen.
    Wie aber steht es mit Ihrer Sicherheit? fuhr Fritz in seiner Angst fort.
Hat der Pole Sie nicht als seine Verwandte zurckgefordert?
    Ich habe es gefrchtet, antwortete Dorchen, doch ist es nicht geschehen.
Ehe ich aus dem Schlosse ging, flehte ich die Cousine fufllig an, mich ohne
Hindernisse ziehen zu lassen und bis zur Heimreise vor Verfolgung zu schtzen.
Das versprach mir die Arme in Wehmut, ich verdanke wohl ihrer Frbitte, da man
mich von dort her unbeachtet lie. Und in berstrmender Bewegung rief sie aus:
Wie ein Engel des Himmels erschien mir der Herr Kandidat, als er in der Tr
stand. Denn Tag und Nacht flehte ich um Rettung aus dieser Sttte des Unglcks.
Hier im Hause habe ich menschenfreundliche Pflege gefunden, aber jetzt ist auch
hier alles verstrt. Fritz sah sich in dem Zimmer um. Dies ist die Stube,
sagte Dorchen leise, dort an der Wand stand der Schrank mit dem blutigen
Gewande, und ich habe mich oft des Abends gefrchtet, wenn ich hier allein sa.
    Die Frau des Hausbesitzers trat herein, Fritz dankte ihr im Namen der
Familie, und die Rede kam auf die Schrecken der Gegenwart.
    Im Gasthofe, der mit polnischem Kriegsvolk gefllt war, fand der Reisende
mit Mhe ein Unterkommen. Der mutlose Wirt wies ihn ab, und es bedurfte der
Frsprache eines entschlossenen Hausknechts: Wir drfen doch unsere Vettern aus
dem Deutschen nicht wegen der polnischen Schnauzbrte wegjagen? Da ist noch das
Stbchen neben dem Hamburger Kaufmann, die beiden knnen sich miteinander
unterhalten. Auf diese Empfehlung wurde Fritz angenommen und fand in seinem
Stubennachbar, der ihm an der Treppe entgegentrat, einen artigen jungen Mann,
welcher ber den jmmerlichen Zustnden die gute Laune nicht verloren hatte und
hflich sagte: Ich habe seither bedauert, da hier keine Geschfte zu machen
waren, jetzt werde ich dafr durch die Ankunft des Herrn und das Vergngen
seiner Nachbarschaft entschdigt. Kann ich Ihnen in dieser verwirrten Stadt
behilflich sein, so bin ich zu allen Diensten erbtig. Darauf stellten die
Herren sich einander vor. Als der Hausknecht den Namen Knig hrte, wurde sein
Gesicht noch schlauer, als es zuvor gewesen war; er erklrte dem Gaste: Dieser
also ist Herr Buschmann, ich aber heie Schlegel, und bewies ihm fortan in den
kleinen Diensten des Hauses die grte Aufmerksamkeit.
    Als Fritz das Frulein wiedersah, sagte er: Noch etwas Schweres habe ich
mitzuteilen. Wenn die Sorge um Ihre Sicherheit es gestattet, so mu ich sogleich
unsere Geistlichen aufsuchen und mich erbieten, ihnen in ihrem heiligen Amte bei
den Verurteilten zur Seite zu stehen. Denn ich hrte, da bereits einige der
Prediger in eigener Todesgefahr geflohen sind, und da die brigen durch die
Jesuiten bedroht werden, weil sie von ihrer Pflicht nicht weichen wollen. Da
wird ihnen vielleicht die Hilfe eines Landsmanns willkommen sein.
    Dorchen wagte kein Wort des Widerspruchs, obwohl sie sich um die Gefahr des
Jugendfreundes ngstigte, sie hllte sich schnell in die Enveloppe und fhrte
ihn zu ihrem Bekannten, dem Herrn Prediger Khler. So stark war die Spannung
dieser Tage und so verzweifelt die Stimmung, da der ehrwrdige Herr dem
Fremden, nachdem dieser sein Anerbieten getan, weinend um den Hals fiel und ihn
sogleich zur Begleitung aufforderte. Bis zur Nacht weilte Friedrich in den
Zellen der Verurteilten. Dann sa er still und bleich im Hause seiner Vorfahren,
umgeben von der liebevollen Sorge der Hausgenossen. Als Dorchen in zrtlicher
Besorgnis ihn bat, auch an sich selbst zu denken, sagte er: Bedauern Sie mich
nicht meines Amtes wegen, wnschen Sie mir Glck, denn ich habe heut Groes
erlebt; bedauern Sie vielmehr uns alle darum, da es ein deutscher Frst und
unser Landesherr ist, welcher dieses greuliche und in der Christenheit unerhrte
Bluturteil gegen Deutsche hierhergesandt hat. Morgen frh aber bitte ich das
Frulein und unsere Gastfreunde, die Fenster des alten Hauses zu verhngen, die
Tr verschlossen zu halten und in einer Hinterstube fr die Armen zu bitten,
damit das Schreckliche von Ihren Augen fernbleibe.
    Am nchsten Tage wurde zuerst Herr Konsul Roesner im inneren Hofe des
Rathauses mit dem Schwert gerichtet, dann auf offenem Markt, grausam und unter
Martern, neun Brger und Brgershne, von denen mehrere an dem Tumult gar nicht
beteiligt waren. Als Friedrich in der Schreckensstunde den Zug der polnischen
Reiter sah, welcher das Schafott umringte, das fremde Kriegsvolk an den Ecken
des Marktes und auf dem traurigen Gerst die Unglcklichen im Armensnderkleide,
da wirbelte in seinem Haupte Gegenwrtiges und Vergangenes, was er vor sich sah
und was einst an derselben Sttte geschehen war, wild durcheinander. Waren es
Fremde, die vor seinen Augen geopfert wurden, war es einer seiner Vorfahren,
oder war er es selbst, der in Todesnot stand? Die Schlge der Totenglocke
klangen ihm wie ein Schreckenston, den er schon einmal in seiner Kindheit
gehrt. Und als einer der Verurteilten, der im Preuischen geboren war und den
er im Gefngnis besucht hatte, mitten in dem Totengebet mit heiserer Stimme
murmelte: Unser Knig wird uns rchen, da wute Friedrich auch, da er die
wilde Rede nicht zum erstenmal hrte; schon frher, vor langer Zeit, ob im
Wachen oder im Traume, war der Ruf nach Rache in sein Leben gedrungen. Und ihm
war, als ob alle Ber im Armensnderkittel sich gegen ihn neigten und mit
heiserer Stimme von ihm Rache heischten. Lange stand er so, gepeinigt durch
einen Sturm der Leidenschaft, und er faltete in der Bedrngnis die Hnde. Da
stieg das Bild des verstorbenen Vaters vor ihm auf, er dachte an das klare,
feste, liebevolle Wesen, neigte das Haupt und bat in der Weise des Vaters, da
der Himmel ihm seine Seele festigen mge gegen die Dmonen der Wut und
Rachsucht. -
    Gern htte Friedrich seine Jugendfreundin an demselben Tage hinweggefhrt,
aber der Fuhrmann verweigerte die Fahrt. In der Stadt waren die Huser
geschlossen, weil man eine Plnderung durch die Polen befrchtete, aus der
Umgegend kamen Schreckensgerchte von bewaffneten Banden, welche den Deutschen
auflauern sollten. So wurde er gezwungen, noch mehrere Tage zu verweilen. Er sah
in dieser Zeit den zweiten Brgermeister, Herrn Zernecke, fr den sich der Adel
der Umgegend verwendet hatte und dessen Schicksal noch unsicher zwischen Leben
und Tod schwebte; der milde, auf alles gefate Herr fand einen Trost darin, mit
dem Landsmanne von dem traurigen Geschick seiner Stadt zu reden und von der
unsicheren Zukunft des polnischen Preuens an der Weichsel. In diesen Tagen war
auch der Hamburger zuweilen ein willkommener Gesellschafter, er bewies sich als
ein kaltbltiger und beherzter Mann, der mit Verachtung in die wilde Unordnung
hineinsah und die Sorge um das eigene Behagen nicht verga. Er blieb dem Sachsen
treu zur Seite und machte bei Gngen durch die Stadt gern den Fhrer.
    Als der Hamburger erfuhr, da Friedrich mit einem Frulein, welches ihm
anvertraut sei, nach Berlin abreisen wolle, sagte er warnend: Mge der Herr
nicht fr anmaend halten, wenn ich einwende, da der Weg bis an die preuische
Grenze noch keineswegs sicher ist. Die Polen sind wie aufgestrte Hornissen in
Bewegung, und ein schsischer Pa wird den Herrn nicht schtzen. Derselbe
braucht entweder eine polnische Eskorte oder einen Passierschein von den groen
Woiwoden der Gegend.
    Beides habe ich nicht, versetzte Fritz bekmmert, ich mu es darauf
ankommen lassen. Herr Buschmann schttelte den Kopf: Ich mchte dem Herrn
nicht zudringlich erscheinen; doch da auch ich in das Deutsche zurckkehre, so
wage ich den Vorschlag, da wir die Reise bis Berlin miteinander machen und uns
in die Kosten teilen; ich habe mir Passierscheine verschafft, und meine
Gegenwart knnte Sie vor Unannehmlichkeiten von seiten der Polen bewahren.
    Der Kandidat empfand, da er dafr dankbar sein msse, und doch war ihm die
Gesellschaft des Fremden durchaus nicht willkommen. Er entschuldigte sich
deshalb hflich, da er dem Frulein die Entscheidung berlassen msse. Als er
zu Dorchen von dem Anerbieten sprach, nahm sie es eifriger an, als ihm lieb war.
Mir ist der Gedanke frchterlich, da Sie meinetwegen noch in Gefahr kommen
knnten.
    Als er aber den Tag vor der Abreise in das Hoftor trat, winkte ihm der
Hausknecht nach dem Stall und begann, auf den Besen wie auf ein Zepter gesttzt:
Herr Kandidat Knig, Sie sind ein guter Mann, aber Ihr Bruder ist schlauer.
    Wie, Schlegel, du kennst meinen Bruder? fragte Friedrich berrascht.
    Der Knecht nickte. Jetzt bin ich nur ein Schlegel, frher war ich der
Bttcher selbst und stand mit Ihrem Bruder in einer Kompanie. Ich bin der
Vernderung wegen desertiert. Aber diese polnische Schlchterei gefllt mir
nicht - er spuckte zornig aus -, sogar die Henker sind hier betrunken. Und
sollten Sie Ihren Bruder wiedersehen, so sagen Sie ihm: Wenn mir der Hauptmann
einen Pardonbrief schickt, so komme ich zur Kompanie zurck. Das ist mein
Geschft, ich aber wollte von dem Ihren reden. Ich habe Sie zu dem Hamburger
gebracht, weil Sie von der richtigen Gre sind und ich dem splendiden Herrn
eine Freude verschaffen wollte. Als ich aber ihren Namen hrte und von ihrer
Verwandtschaft mit Markgraf Albrecht, taten Sie mir leid, obgleich Ihr Bruder
auf mich geschossen hat.
    Ich verstehe dich nicht, sagte Fritz ungeduldig.
    Das ist's ja eben; Ihr Bruder wrde mich schon verstehen. Nmlich der dort
oben ist kein Hamburger und heit nicht Buschmann, sondern ist ein Edelmann und
ein preuischer Werbeoffizier, welcher Sie eingefangen hat. Leicht genug haben
Sie es ihm gemacht.
    Du kommst sogleich mit, ich werde ihm deine Aussage vorhalten.
    Ich werde nicht kommen, und Ihnen wrde das auch nichts ntzen, versetzte
Bttcher. Denn wenn Sie ihn hier abschtteln, was Sie ja leicht knnen, so
reist er Ihnen nach und lt Sie als Rekruten arretieren, sobald es ihm im
Preuischen gelegen ist.
    Und wenn ich nicht ber Berlin zurckkehre?
    Dann reist er Ihnen durch Polen nach und Sie mgen sich verlassen, da er
auf dem Wege fr sein Geld Helfer findet, welche Sie festnehmen.
    Du unterstehst dich, mit mir zu scherzen.
    Nein, versetzte Bttcher, Sie haben mehr als zwlf Zoll, da hrt aller
Spa auf. Wer so gro ist, der kommt nach Potsdam, das ist wie Amen in der
Kirche, mag er ein Russe oder ein Englnder sein. Mich wundert's, da Sie als
Student den Werbern entlaufen sind.
    Sagst du mir das, um mich zu schrecken, so wisse, da ich nicht furchtsam
bin. Redest du in guter Absicht, so sprich kurz, wie die Gefahr zu meiden ist.
    Sie wollen durch das Preuische? fragte Bttcher.
    Ich habe ein Gesuch an den Knig.
    Bttcher pfiff durch die Zhne: Dies wird Knirpsen schon recht sein. Doch
das ist Ihre Sache. Fr diesen Fall ist meine Meinung: Der Hamburger reist auf
Werbung fr einen mchtigen Mann, fr den Frsten Leopold von Dessau. Das wei
ich, weil er so unvorsichtig war, durch mich einen Brief an den Feldmarschall
auf die Post zu schicken. Deshalb wird ihm viel daran liegen, Sie wohlbehalten
in Berlin abzuliefern; denn wenn er Sie auf dem Wege dorthin bei einem Regiment
festhalten lt, so behlt Sie das Regiment, und ihm entgeht der Fang. Darum
meine ich, da Sie bis Berlin, solange er Ihnen nicht mitraut, durchaus nichts
von ihm zu frchten haben, zumal auch eine Demoiselle von Adel bei Ihnen ist. In
Berlin aber drfen Sie nicht in das Quartier gehen, zu dem er Ihnen raten wird,
sondern mssen einen Schutz suchen und Ihre Wege vor ihm verbergen. Ich kenne
die Schliche, denn ich selbst war eine Zeitlang im Dienst eines Werbers, und ich
wei auch, da die vom Regiment Schulenburg und Markgraf Albrecht, welche hier
zunchst an der Grenze liegen, meinem Hamburger auf den Dienst lauern, weil er
ihnen die grten Leute fr den Dessauer wegfngt.
    Fritz antwortete: La mich eine Weile nachdenken. Er setzte sich auf eine
Bank, und Bttcher fuhr mit dem Besen umher. Nicht lange, und der Jngling
sprach aufstehend: Deiner Rede glaube ich; deinem Vorschlag aber folge ich
nicht, und den Betrger nehme ich nicht mit auf die Reise. Doch wenn du selbst
in das Preuische zurckwillst und deinen Dienst hier sogleich aufgeben kannst,
so fhre ich dich bis Berlin als meinen Bedienten mit. Bttcher sah ihn gro
an: Sie sind doch klger, als ich dachte. Jetzt lassen Sie mich berlegen. Fort
von hier kann ich jeden Augenblick; gehe ich mit Ihnen, so wei der Hamburger,
da ich ihn verraten habe, er wird sich an mir rchen wollen, und fngt er uns,
so schlgt er zwei Fliegen mit einer Klappe. Auf der anderen Seite freie Reise,
auerdem guter Lohn, denke ich. Friedrich nickte. Und Bttcher auf dem Bock
des ersten Wagens und kapabel, dem, der hinter uns fhrt, einen Nebel
vorzuhexen. Diese letzte Aussicht gefiel ihm am meisten. Ich gehe mit, wenn
Sie mich als Diener des Fruleins in den Pa schreiben lassen, und wenn Sie mir
versprechen, Ihre Rechnung mit dem Hamburger erst morgen abzumachen, denn sonst
knnte er mir noch heut etwas zuleide tun. Das versprach Friedrich. Am nchsten
Morgen frh bat er den Fremden in die Wirtsstube und sagte ihm leise, da er
Grund habe, ihn fr einen preuischen Werbeoffizier zu halten. Herr Buschmann
war nur einen Augenblick betroffen, dann entgegnete er drohend: Um meiner
Sicherheit willen bestehe ich darauf, zu erfahren, wer dem Herrn diesen Verdacht
beigebracht hat.
    Nicht an dem Herrn Offizier ist es, mir zu drohen, antwortete Fritz.
Demselben ist bewut, da ein lautes Wort von mir ihm unter den Polen groe
Unannehmlichkeit bereiten kann. Ich frchte, der Herr hatte die Absicht, mich in
einen Zustand zu versetzen, der fr mich lebenslngliche Gefangenschaft wre;
ich darf jemand, den ich unter den Fremden fr meinen Landsmann halte, nicht in
ein hnliches Unglck bringen und werde schweigen, wenn der Herr mich nicht zu
anderem ntigt.
    Ich bin dem Monsieur Knig fr diese Rcksicht verbunden, versetzte der
falsche Buschmann mit hflichem Lcheln. Auch ich habe Pflichten zu erfllen
gegen die Firma, fr die ich reise, und bitte daran zu denken, wenn meine
Bekanntschaft dem Herrn in Zukunft einmal zu einer unangenehmen Erinnerung
werden sollte. Beide grten einander, Friedrich verlie den Gasthof. Vor dem
Hause seiner Ahnen erwartete ihn der Reisewagen, in den durch Bttcher schon vor
dem Morgengrauen das Gepck eingestaut war. Er hob das geliebte Mdchen in den
Wagen, schttelte dem Hauswirt die Hand, warf noch einen traurigen Blick ber
die alten Hausmauern und den Marktplatz und fuhr zum Tore hinaus. Erst vor der
Stadt stieg Bttcher, der sich in einen alten Lakaienmantel gehllt hatte, beim
Kutscher auf.
    Auf dem Wege brauste der Sturm und flog der Schnee; hinter den Reisenden
lagen Verwstung und Schrecken, vor ihnen das friedliche Leben der Heimat. Um
Dorchens Mund spielte wieder das holde Lachen, welches einst dem Jugendgespielen
so entzckend gewesen war, und der Kandidat verlor viel von der feierlichen
Strenge, die ihm unter den Polen auf der Stirn lag. Nie htte Dorchen fr
mglich gehalten, da der ernste Mann so zarter Sorgfalt fhig wre, wenn er sie
bat, sich fester zu verhllen, wenn er unablssig kleine Erfindungen machte, um
den Schnee abzusperren, der sich das Eindringen durchaus nicht wehren lie, und
vollends, wenn sie abends in die Herbergen kamen, in denen die Wirtsleute das
Dorchen immer fr die gndige Frau hielten. Da bewies der Kandidat so viel
ritterliches Zartgefhl, da Dorchen zuweilen ngstlich wurde, denn er brachte
die Nacht jmmerlich zu, whrend sie selbst auf leidlichem Lager ausruhen
konnte. Aber er war nicht allein gut, er war auch sehr gescheit. Whrend er sie
von vielem unterhielt, was die Frauen damals nicht sehr kmmerte, ber das
polnische Wesen, welches dem Frulein vllig verleidet war, und ber das
preuische, vor dem die Schsin eine unbestimmte Scheu hatte, erschien ihr
alles, was er sagte, groartig, und ber jedes hatte er seine eigenen Gedanken,
so da ein verstndiges Mdchen sich gar nichts Besseres wnschen konnte, als
immer mit ihm durch die Welt zu fahren. Es begegnete ihnen auch so wenig
rgerliches, als auf einer Reise nur mglich war. Einmal blieben sie in einer
Schneewehe stecken, aber whrend der Fuhrmann eine Schaufel aus dem Wagen zog
und den Weg zu rumen begann, stapfte Friedrich gleich einem Hnen den Schnee
mit den Fen nieder, so da die Pferde hindurch konnten. Ein andermal brach ein
Rad, und der Wagen neigte zur Seite, so da Dorchen aufschrie, da ergriff ihr
Begleiter das Handbeil des Fuhrmanns, schlug im Nu einen Baumast ab und stemmte
ihn mit Riesenkraft unter den Wagen. Und whrend der Fuhrmann nach dem nchsten
Dorfe ritt, um ein Rad zu holen, und die Reisenden beim Zwielicht im Kieferwald
festsaen, wo viel Ursache war, sich vor Rubern zu ngstigen, da wute der
Kandidat lustig zu erzhlen, wie er auf der Leipziger Tour einmal im gefllten
Wagen umgeworfen war, und die klagenden Frauen und Kinder aus dem Gewimmel im
Korb des Wagens wie aus einem Bergwerk ans Tageslicht herausgezogen hatte, so
da gar keine Angst aufkommen konnte. Wurden die Reisenden ja einmal angehalten,
so verhandelte der neue Diener mit dem ungefgen Volk in polnischer Sprache, er
schrie noch lauter als die Angreifer, und die strmischen berflle endigten
nach kleinen Geschenken in Vershnung.
    Fritz fuhr nicht in demselben guten Vertrauen, er sah fter besorgt
rckwrts und sprach leise mit dem Diener. Aber auch ihm wuchs die Zuversicht,
als sie ungefhrdet die preuische Grenze erreicht hatten und auf geradem Wege
der Hauptstadt zurollten.
    Bei der letzten Raststelle vor Berlin sagte Bttcher vertraulich: Noch ist
der Hamburger uns nicht vor, und ich glaube auch nicht, da er eine andere
Strae gewhlt hat, denn dies ist der krzeste Weg und der beste.
    Wahrscheinlich folgt er uns gar nicht, antwortete Fritz. Der Diener
schttelte den Kopf: Sie sind ihm wohl tausend Taler wert, dafr lohnt sich's,
den Weg zu machen.
    Sie waren noch nicht weit gefahren, als ein leichter Wagen sie berholte.
Bttcher lie den Fuhrmann in einem Gehlz halten und bat den Kandidaten,
auszusteigen. Das war der Offizier, flsterte er. Er hat sich vermummt, ich
erkannte ihn doch; er ist immer hinter uns her gewesen; jetzt, wo er uns zu
haben meint, jagt er voraus. Er wird der Torwache den Befehl geben, uns
festzuhalten, whrend Sie die Psse vorzeigen. Wir aber fahren sogleich vom Wege
ab und versuchen, auf einer anderen Seite in die Stadt zu dringen. Hat er noch
nicht Zeit gehabt, uns bei allen Toren anzumelden, so kommen wir durch. Auf
jeden Fall bitte ich Sie, mir hier meinen Lohn zu geben. Denn in der Stadt suche
ich mir sogleich einen Schlupfwinkel.
    Der Wagen lenkte vom Wege ab, und whrend Dorchen in freudiger Hoffnung auf
die Rauchwolke sah, welche am klaren Winterhimmel ber der groen Stadt
schwebte, erwartete ihr Begleiter mit klopfendem Herzen die bevorstehende
Einfahrt.
    Der Schnee lag auf der Strae, und die Wintersonne warf ihre kalten Strahlen
darber, als die Reisenden ohne Hindernis in Berlin einfuhren. Fritz gab der
Torwache als Zweck der Reise ein Gesuch bei Seiner Majestt an und als
Aufenthalt die Wohnung des schsischen Geschftstrgers, dessen Frau eine
Verwandte Dorchens war und dieser die weitere Reise in die Heimat vermitteln
sollte. Dem schsischen Beamten teilte er die Gefahr mit, in welcher er
schwebte, aber ihm wurde die verlegene Antwort: Unsere Stellung ist jetzt in
Berlin so schlecht, da wir darauf gefat sind, selbst abzureisen, und unsere
Verwendung in dieser widerwrtigen Angelegenheit wrde Ihnen mehr schaden als
ntzen. Da beschlo Fritz, es darauf ankommen zu lassen. Er erhielt einen
Diener zur Begleitung, der ihn vor das Schlo fhren sollte, damit er dem Knig,
wenn dieser von der Wachtparade zurckkehre, sein Gesuch mndlich vortrage. Denn
es war bekannt, da Knig Friedrich Wilhelm zu dieser Stunde Bitten und Eingaben
gern persnlich in Empfang nahm.
    Fritz wartete am Schlo, er dachte, da diese Stunde auch ber sein eigenes
Leben entscheiden knne, aber er war nach dem Schweren, was er erfahren, in
einer so gehobenen Stimmung, da in ihm kein Bangen aufkam, obgleich die
Offiziere der Portalwache ihn nicht aus den Augen lieen und leise miteinander
sprachen. Endlich kam der Knig mit einem groen Gefolge von hohen Offizieren
heran, und der Diener raunte dem Harrenden einige Namen zu. Der nchste beim
Knige war der Frst von Anhalt-Dessau. In demselben Augenblick trat ein
Offizier an den Dessauer, und Fritz erkannte den Werber von Thorn; der Frst
blieb im Gesprch mit dem Offizier einige Schritt zurck, und beide sahen nach
dem Sachsen hin. Als der Knig den groen Mann am Schloportale wahrnahm, ging
er schnell auf ihn zu, hielt vor der tiefen Verbeugung an und ma ihn hchst
wohlgefllig mit den Augen.
    Der Kandidat der Theologie Knig aus Kursachsen wagt Eurer Majestt in
tiefster Ehrfurcht zu nahen, um Urlaub fr seinen Bruder zu erbitten, welcher
als Freikorporal bei Markgraf Albrecht steht. Der Frst von Dessau kam heran.
Knigliche Majestt, der Mann gehrt mir, er hat sich in Polen meinem Werber
durch die Flucht entzogen. Der Offizier ist ihm nachgereist, um ihn zur Stelle
zu rekognoszieren.
    Der Offizier spricht die Unwahrheit, antwortete Fritz mit lauter Stimme,
er hat mich nicht geworben, und ich bin nicht vor ihm geflohen, sondern ich
habe ihm vor meiner Abreise erklrt, da ich wegen der hinterlistigen Tuschung,
welche er vergebens an mir versucht hatte, seine Reisegesellschaft verschmhe.
    Habt Ihr von dem Offizier Handgeld genommen? fragte der Knig, immer noch
in die Betrachtung des groen Mannes vertieft.
    Es konnte zwischen uns von Handgeld nie die Rede sein, antwortete Fritz,
da er in der Maske eines Hamburger Kaufmanns den Verkehr mit mir suchte.
    Dann also kommt der Mann dem Offizier Eurer Durchlaucht nicht zu,
entschied der Knig.
    Es war meine Absicht, versetzte der Frst mit verhaltenem Unwillen, Eurer
Majestt diesen Mann fr das Potsdamer Regiment vorzustellen.
    Das ist etwas anderes, sprach der Knig. Er hat mehr als zwlf Zoll, ich
schtze ihn auf nahe an dreizehn. Legt ihm ein Gewehr in den Arm, damit wir die
Hhe messen. Schnell wurde ein Gewehr herzugebracht und an den Leib des Sachsen
gelegt. Ich sagte ja, es sind fast dreizehn. Ich bin Eurer Durchlaucht sehr
obligiert. Und der Knig wandte sich um, um das Unangenehme, was jetzt kommen
mute, nicht zu sehen und zu hren, ganz hnlich dem Knaben, welcher nach einem
unangenehmen Streiche sich der Verantwortung entziehen will.
    Da merkte Friedrich, da er von den Menschen verlassen in groer Gefahr
stand, und rief laut hinter dem Knige her: Gerechter Gott, Vater im Himmel,
gib nicht zu, da der Knig von Preuen in tyrannischem Gelste dem hohen Amt
der Gerechtigkeit untreu wird, gerade in der Zeit, wo tausende bedrngter
evangelischer Herzen auf ihn als Erlser aus den Greueln der Verfolgung hoffen.
Wenn der Feldherr, den du gerstet hast zum Beschirmer des reinen Glaubens und
der Gerechtigkeit, selbst zu einem ungerechten Tyrannen wird, welche Hoffnung
bleibt dann noch den gequlten Opfern von Thorn?
    Er hob flehend die Arme gen Himmel; das Gewehr, welches sie an ihn gelegt
hatten, fiel klirrend zu Boden.
    Hre ihn nicht, Herrgott! rief der Dessauer, zornig den Hut lftend: Er
hat das Gewehr auf die Steine geschmissen.
    Der Knig hatte bei der Beschwrung den Schritt gehemmt, er stand abgewandt
und sah von der Seite auf den Bittenden. Jetzt kehrte er sich zu ihm und fragte
heftig: Was schreit er hier von den Gequlten zu Thorn ber den Platz?
    Ich stand in meinem geistlichen Amt auf dem Blutgerst bei den armen
Mrtyrern, welche gerichtet wurden, weil sie Deutsche und Evangelische waren,
und ich vernahm die Seufzer, mit denen sie fr ihre Zugehrigen den Schutz Eurer
Majestt anriefen.
    Der Knig sah ihn ungndig an, aber der begeisterte Blick, welcher dem
seinen begegnete, bndigte den Ausbruch des Zornes, und er gebot dem
diensttuenden Offizier: Behaltet ihn hier, ich will ihn allein sprechen.
    Friedrich hatte nicht ntig, lange am Portal zu warten. Ein Kammerdiener kam
heraus, ma mit den Augen die Gre, winkte, ohne ein Wort zu sprechen, und
fhrte durch einen Hof und langen Gang in ein Empfangszimmer. Gleich darauf trat
der Knig ein, den Hut auf dem Haupte, den Stock in der Hand, offenbar nicht in
guter Laune. Er trat vor den Bittsteller und stampfte mit dem Stock auf den
Boden. Er htte auch nicht ntig gehabt, die Arme aufzuheben und den Himmel
gegen mich um Hilfe anzurufen. Ich bin kein Tyrann, sondern ein christlicher
Knig, der den Willen hat, vor unserem Herrgott ein ehrlicher Mann zu bleiben;
warum hat er geschrien wie ein Brenhuter? Wieder stie der Knig auf den
Boden. Warum graut ihm davor, meinen Rock zu tragen?
    Euer Majestt halten zu Gnaden, ich fhlte, da man ungerecht und
gewaltttig gegen mich verfuhr. Und solche Gewaltttigkeit, mit welcher ich in
kniglicher Gegenwart bedroht wurde, krnkte mich gerade deshalb in tiefster
Seele, weil ich Eurer Majestt in wahrhafter Ehrfurcht und herzlichem Vertrauen
genaht bin. Denn ich habe in der Stadt Thorn wohl erkannt, da Eure Majestt die
Zuflucht der Deutschen und Evangelischen sind, und die unglcklichen Mnner,
deren grausames Ende ich anschauen mute, haben mich beauftragt, ihre letzten
flehentlichen Bitten Eurer Majestt vorzutragen.
    Da rief der Knig: Es ist eine greuliche und unerhrte Geschichte, und ich
habe mir alle Mhe gegeben, den Brgermeister und die anderen zu retten. Das
Blut schreit zum Himmel. Aber der polnische Knig hat nicht mehr Macht als ein
Dorfschulze. Es ist Euer eigner Kurfrst, fuhr er wieder unwillig fort. Wie
sieht es jetzt in der Stadt aus? Liegen noch die polnischen Reiter darin?
    Die Stadt und Umgegend ist mit Fuvolk angefllt, die Soldaten sind bei den
Evangelischen einquartiert und wirtschaften wie in Feindesland; in der
Marienkirche, welche seither evangelisch war, hielten die Jesuiten Hochamt und
sangen Jubellieder, da die Ketzerei gedmpft sei. Auch der Rat wird zur Hlfte
polnisch gemacht.
    Was habt Ihr sonst in Thorn gesehen? fragte der Knig. Erzhlt geradeaus
und ehrlich.
    Friedrich begann seinen Bericht ber die Standhaftigkeit und die letzten
Stunden des Konsuls Roesner und der brigen Gerichteten. Der Knig setzte sich
und hrte mit gespannter Aufmerksamkeit zu, bis der Erzhler mit den Worten
schlo: Knigliche Majestt, in diesen schrecklichen Tagen habe ich das Grte
erlebt, was einem Diener des heiligen Amtes zuteil werden kann, denn ich sah
fromme deutsche Mnner, welche mit Gottvertrauen mutig in einen elenden Tod
gingen. Jeder von den zehn Gerichteten konnte sich Leben und Freiheit retten,
wenn er seinen Glauben abschwor. Aber nur einer von elfen wurde schwach, die
anderen zehn blieben treu bis zum Tode. Da faltete der Knig die Hnde: Was
sagtet Ihr vorhin ber eine Hilfe, die sie von mir begehrt haben?
    Mehrere der Gerichteten hinterlassen Frau und Kinder in bitterer Not, denn
ihre Habe ist eingezogen, und die Kinder werden den Mttern entrissen, um in
polnischer Weise erzogen zu werden. Da hofften die Sterbenden, da Eure Majestt
sich der armen Witwen und Waisen erbarmen werde, und ich versprach, ihr
demtiges Flehen hierherzutragen.
    Ich will versuchen, ihnen zu helfen, antwortete Friedrich Wilhelm. Sie
sollen nach Preuen kommen. In meinem Lande befehle ich, und die Leute
gehorchen, aber selbst in meinem Lande vermag ich nicht immer zu tun, was ich
will, denn auch hier mu ich mancherlei Rcksicht nehmen; und vollends dort
drauen, wo alles widerhaarig und feindselig ist. Ihr sagtet etwas von den
letzten Worten des seligen Roesner. Was meinte er, als er klagte: Der
Brgermeister bt fr sein eigenes Unrecht und fr die Snden der Vorfahren?
War das richtiger evangelischer Glaube?
    Sich selbst klagte Herr Konsul Roesner darum an, weil er frher der
polnischen Krone zu treu gedient und den bergriffen der Polen nicht immer
Widerpart gehalten habe, antwortete der Kandidat. Wenn der Verstorbene aber
die Snden der Vorfahren beklagte, so dachte er wohl an frhere Schicksale
seiner Stadt. In alter Zeit wollte die Mehrzahl der Brger von Thorn lieber zu
Polen gehren als zu dem Ordensland Preuen. Damals hat die polnische Partei in
der deutschen Stadt viele Mitbrger, weil sie zu Preuen hielten, in Bruderha
auf dem Schafott hingerichtet und die Stadt unter die Krone Polen gebracht.
Jetzt haben die Polen den Nachkommen jener Alten dasselbe getan, denn sie haben
durch Hinrichtungen den Enkeln vergolten, da die Ahnen einst ihre Kpfe der
Krone Polen untergestellt hatten. Und in Thorn gibt es Leute, welche ausrechnen,
da es seit jener alten Hinrichtung der preuischen Partei jetzt gerade das
siebente Glied ist, an welchem die Strafe vollzogen wird nach den Worten der
Schrift. Solches Gericht des Herrn ist uns Menschen furchtbar und entsetzlich.
    Es wird auch an den Jesuiten und Niepozwalums heimgesucht werden bis ins
siebente Glied, rief der Knig, seinen Stock schttelnd. Woher wit Ihr aber,
da die Hingerichteten gerade Nachkommen jener alten beltter sind? Der
Schuster Wunsch war ein geborener Brandenburger, wie kommt er dazu? Das riecht
nach Prdestination.
    Der Tod traf die Armen nur, weil sie in der Stadt lebten, ber welcher der
Fluch hing, antwortete Friedrich traurig. Gerade das, was Eure Majestt sagen,
macht uns solch gttliches Strafgericht allzu hoch und schwer, und uns bleibt
nichts brig, als demtig zu rufen: Des Herrn Wege sind nicht unsere Wege. Als
die Angst ber diese Strenge mir im Herzen ri, hat mich der Gedanke getrstet,
da unser Vater im Himmel dadurch die Menschen an die Pflicht mahnen will, altes
Unrecht ihrer Vorfahren wieder gutzumachen, und da er nur zuweilen an den
einzelnen schwere Vergeltung bt, um die Menge der Irrenden und Verstockten auf
den rechten Weg zu weisen. Darum vertraue ich, er wird noch die Herzen der
Knige lenken und wird das unglckliche Thorn, welches ihn jetzt in der Not
anruft, nicht gnzlich den wilden Polen berlassen, sondern ihm die Rettung
bereiten.
    Whrend der Theologe in seiner Begeisterung sprach, ging eine Tr auf. Zwei
halbwchsige Knaben in Soldatenrcken traten ein und stellten sich militrisch
auf. Der Knig schritt in groer Bewegung auf und ab, musterte aber doch im
Vorbergehen die Knaben und gebot dem einen, indem er mit dem Stock seinen
Rcken berhrte: Gerade stehen! Dann wandte er sich zu dem Fremden und begann
in gtigem Ton: Hast du dich um die Thorner gegrmt, so habe auch ich
ihretwegen schlaflose Nchte gehabt und Gott angerufen, da er da helfen mge,
wo unser guter Wille nichts vermag. Er trat wieder dicht vor den Jngling, sah
an ihm hinauf und fragte, ihm einen Knopf am Rocke drehend, vertraulich: Warum
willst du meinen blauen Rock nicht tragen?
    Eure Majestt, ich bin Theologe, und mein Amt ist nicht der Krieg, sondern
Verkndigung der Lehre, welche gegeben ward, um Frieden auf die Erde zu
bringen.
    Ich soll Euch also ziehen lassen? fragte der Knig wieder unzufrieden.
Und was wollt Ihr noch?
    Ich flehe Eure Majestt an, meinem Bruder Urlaub zu geben. Der Vater ist
gestorben, die Mutter ist krank.
    Der Knig ging einige Schritte und sah sich den Bittsteller wieder an.
Wieviel Kinder hat Euer Vater hinterlassen?
    Nur meinen Bruder und mich.
    Hat Eure Mutter einen Sohn in meinem Dienste, so will ich ihr den zweiten
nicht nehmen, entschied der Knig mit Selbstberwindung. Du sollst nicht von
mir gehen und zu den Wolken schreien, da ich ein Tyrann bin. Dein Bruder kann
Urlaub haben, aber unter einer Bedingung: Du brgst mir dafr, da er in meinen
Dienst zurckkehrt, und du brgst mir mit deinem eigenen Leben. Kommt er nicht,
so kommst du und trittst fr ihn ein. Willst du mir das versprechen, so sollst
du ihn haben.
    Friedrich stand betroffen; er wute, da die Mutter daran dachte, den Sohn
in ihrer Nhe zu bewahren, und er frchtete auch, stille Hoffnungen des Bruders
durch sein Gelbnis zu kreuzen.
    Kurz und gut, fuhr der Knig fort, keine Bedingung und Ausrede; willst du
als ein ehrlicher Mann versprechen: er oder du?
    Ja, antwortete Friedrich leise.
    Der Knig ma ihn noch einmal mit den Augen, ffnete schnell die Tr des
Vorzimmers und rief dem Offizier zu: Der Freikorporal Knig von Markgraf
Albrecht hat von morgen Urlaub nach der Heimat; sorge dafr, da dieser hier
einen sichern Pa bekommt, seinen Bruder zu begleiten.

                                Bei den Sachsen


Als Friedrich mit dem Urlaub in das Quartier des Bruders trat, fiel August ihm
gerhrt um den Hals. Du hast mir deine brderliche Liebe erwiesen, wie der
Vater wollte; wird auch fr mich eine Gelegenheit kommen, dir dafr zu danken?
Vielleicht kommt die Zeit, wo einem von uns ein weit greres Opfer zugemutet
wird, antwortete Fritz, welcher an Dorchen dachte. Es wurde eine frohe
Heimfahrt fr beide. Die als Knaben geschieden waren, fanden einander in
mnnlichem Jugendmut wieder, und jeder freute sich ber die Tchtigkeit des
anderen. Auch die Mutter geno, als die Brder Hand in Hand vor ihr standen, zum
ersten Male seit dem Tode des Gatten ein groes Glck. Aber nur wenige Tage
durfte Fritz bei der Mutter weilen, die Reise hatte seine Ferienzeit vllig in
Anspruch genommen, er mute aufbrechen, um seinen neuen Zgling in Empfang zu
nehmen und nach England zu geleiten. Als er schied, war Dorothee noch nicht aus
Berlin gekommen, und Fritz sagte sich vergebens zum Troste, da ihm dies lieb
sein msse.
    In der zrtlichen Pflege der Mutter suchte August sich die Gedanken an das
freudlose Leben der Zukunft fernzuhalten. Aber bald wurde er durch Gerchte und
durch die Zeitungen daran ermahnt. Die Ereignisse zu Thorn und der tiefe Unwille
Friedrich Wilhelms hatten zwischen dem preuischen und polnischen Hofe so groe
Feindseligkeit aufgeregt, da ein kriegerischer Zusammensto zu erwarten war.
Die schsischen Truppen wurden eilig vermehrt, der Verkehr an der Grenze
stockte, die Behrden der beiden Lnder verweigerten einander bereits die
gewhnliche Aushilfe und Untersttzung. August wurde von den schsischen
Offizieren, die er zufllig traf, mit kalter Nichtachtung behandelt und erkannte
mit Schrecken, da die Frage an ihn herantrat, ob er gegen sein Vaterland in das
Feld ziehen drfe. Er schrieb, ohne der Mutter von seiner inneren Unsicherheit
etwas zu sagen, deshalb an den Bruder nach London. Doch bevor die Antwort
einlief, kam sein Vormund angefahren, und mit ihm ein Hauptmann von Wlfert aus
einer nahen schsischen Garnison. Der Vormund erklrte, es sei unmglich, da in
solcher Zeit sein Mndel in preuischen Dienst zurckkehre, und der Hauptmann
setzte hinzu: er habe den Fall seinem Obersten vorgetragen, Monsieur Knig knne
sogleich in dem schsischen Regiment als Fhnrich eintreten, um nach einem Jahr
Leutnant zu werden. August weigerte sich standhaft, obgleich die Mutter die
Hnde rang und ihm zurief, es werde ihr Tod sein, wenn er wieder in die
gyptische Dienstbarkeit ziehe. Endlich entschied der Vormund: Wenn mein Herr
Neffe sich durch ein Versprechen, welches sein Bruder unter ganz anderen
Verhltnissen gegeben hat, verpflichtet hlt, in dem Dienst einer feindseligen
Macht zu beharren, so wrde als letztes Mittel brigbleiben, ein allerhchstes
Verbot gegen die Rckkehr zu veranlassen. Doch bevor dies uerste unternommen
wird, ist der nchste Weg der beste, da mein Neffe unter Angabe der
patriotischen Grnde um seine Entlassung aus dem preuischen Dienst einkomme.
Ist diese frher verweigert worden, so ist jetzt die Lage der Sache eine ganz
andere, auch den Herren Preuen kann nichts daran liegen, einen Sachsen wider
seinen Willen bei der Fahne festzuhalten.
    Wenige Tage darauf erhielt August die Antwort des Bruders: Da der Wille
unserer lieben Mutter und Dein Pflichtgefhl fr die schsische Heimat auf der
einen Seite stehen, auf der anderen das Versprechen Deiner Rckkehr, so darfst
Du durch die Bitte um Entlassung allerdings versuchen, des preuischen Dienstes
ledig zu werden. Wird Dir der Abschied verweigert, so mte einer von uns beiden
sich zur Verfgung des Knigs Friedrich Wilhelm stellen. Dies entschied. Der
Korporal sandte zum zweitenmal sein Abschiedsgesuch an die Kompanie und schrieb
zu gleicher Zeit einen beweglichen Brief an seinen Gnner, den Major Vogt. Er
selbst erwartete wenig von diesem Versuche und bereitete sich zur Abreise. Und
als er nach mehreren Wochen die Antwort aus dem Stabsquartier erhielt, pochte
ihm das Herz. Aber glckselig las er den Inhalt, denn der Major schrieb, da
sein hoher Chef, der Markgraf, die Berechtigung dieses Abschiedsgesuches
anerkannt und die Entlassung verfgt habe. Der Entlassungsschein sei bereits
ausgefertigt, nach Berlin zur hchsten Kenntnisnahme gesandt und werde dem
Bittsteller demnchst zugehen. Darauf wnschte ihm der Major hflich Glck zur
Lsung seines Dienstverhltnisses und sprach den Wunsch aus, da er in seiner
Heimat sich als braver Offizier bewhren mge.
    Befreit von der Last, die ihn lange bedrckt, atmete August auf. Er fuhr mit
dem Schreiben in die Garnison des Herrn von Wlfert, empfing Glckwnsche und
wurde sogleich zum Obersten gefhrt. Auch dieser nahm ihn zuvorkommend auf und
sagte: Auf Grund dieses Briefes, dessen Handschrift und Schreiber mir
wohlbekannt sind, knnen Sie zur Stelle in mein Regiment eintreten.
    Doch habe ich den Entlassungsschein noch nicht in Hnden, wandte August
ein.
    Der Brief gengt, versetzte der Oberst. brigens darf es nicht von dem
Belieben eines fremden Monarchen abhngen, ob ein Sachse in das Heer seines
Vaterlandes eintreten soll oder nicht. Und ich rate Ihnen, nicht zu zgern, denn
unsere Augmentation wird in kurzem beendigt sein, und der Aufschub knnte Ihnen
die Stelle unsicher machen, die Zusendung des Entlassungsscheins erfolgt bei den
gegenwrtigen gespannten Verhltnissen vielleicht erst nach langer Zeit.
    So wurde August Fhnrich in einer Kompanie des Leibregiments. Die beglckte
Mutter rhmte jetzt, da ihre Verwandten dies fr ihn durchgesetzt hatten, und
erzhlte, wie Tanten und Bschen deshalb beim Stabe und in Dresden hin und her
gelaufen waren, er vernahm auch, da Herr von Mickau mit der Mutter vertraulich
einige artige Geschenke besprach: seidene Roben und einen Satz von dem neuen
Meiner Porzellan, welche an Gnnerinnen in der Hauptstadt als Rekompens
gesendet wurden. In seiner Freude sorgte er wenig darum. Sein Dienst wurde ihm
leicht, er war durch die preuische Schule fest geworden und fand sich schnell
in das Abweichende des Kommandos und der militrischen Einrichtungen. Die
Mehrzahl seiner Kameraden hatte nicht mehr Schulweisheit zur Fahne gebracht als
die preuischen, aber sie waren bequemer im Verkehr. Er stand jetzt in grerer
Garnison und hatte Gelegenheit, auch im Gesprch mit unterrichteten Zivilisten
seine Bildung zu erweisen und gescheite Urteile zu hren. Der Familie wegen
empfing er Freundlichkeit selbst von Unbekannten, und wenn er seinen
gegenwrtigen Zustand mit der de und Verlassenheit der preuischen Garnison
verglich, so kam er sich vor wie in einer besseren Welt.
    Als er einst mit solchen Gedanken auf der Strae ging, sah er an einer
Haustr einen kleinen Mann stehen im Schlafrock, mit rtlicher Nase und
gescheiter Miene. Der Kleine betrachtete ihn mit unverhohlener Bewunderung:
Welche Freude, Herr Fhnrich, da ich Sie hier wiederfinde. Das Gesicht des
Fhnrichs zog sich drohend zusammen, er erkannte denselben Magister, der frher
als Pasquillant der Familie schwere Tage bereitet hatte, und wollte mit kaltem
Dank vorbergehen. Aber der Kleine vertrat ihm flehend den Weg. Obwohl mir
bewut ist, da Sie mich ohne Vorliebe regardieren wegen eines alten
unbegrndeten Verdachtes, so mu ich Ihnen doch sagen, da ich Sie jetzt als
Herrn Offizier vor mir sehe, da auch ich mit groer Bekmmernis den Verlust
Ihres hochverehrten Vaters vernommen habe; er war ein Mann ganz nach dem Herzen
aller Edlen, und ich sehe und vernehme mit Freuden, da sein Herr Sohn ihm
nachgeartet ist.
    Ich danke Ihnen, Herr Magister, antwortete August von oben herab.
    Gehen Sie nicht so stolz vorber, verehrter Herr Landsmann, bat der
Kleine, erweisen Sie mir nur auf einen Augenblick die Ehre, einzutreten, damit
ich des schmerzlichen Gefhls enthoben werde, da dieselben ungnstig von mir
denken; denn ich habe Sie bereits gekannt, als Sie Ihr erstes rotes Rckchen
trugen. Denken Sie noch daran, wie ich Sie damals in aufrichtiger Schtzung
Ihrer Familie mit einer Tte Pfeffernsse regalierte? Heute bitte ich um die
Erlaubnis, Ihnen mit einem Glase eigenen Wachstums aufzuwarten. - Ich kann
mich nicht aufhalten, Herr Magister.
    Nur im Stehen, bat der Magister.
    Der Fhnrich blieb in dem Flur, der Magister brachte ihm mit Verbeugungen
eine Kanne Landwein zugetragen und erzhlte, whrend der Gast das Glas in der
Hand hielt, da seine Frau in dieser Stadt einen sehr reichen Onkel beerbt habe
und da er jetzt als wohlhabender Hausbesitzer die Ernte des eigenen Weinbergs
an gute Freunde ausschenke. Doch, fgte er mit einem trben Blick nach dem
Innern des Hauses hinzu, nicht alle Gtter lcheln dem Sterblichen freundlich
zu; wer von Minerva und den Musen Gunst erfhrt, wird vielleicht von Venus und
Juno kurz gehalten. Eine scharfe Frauenstimme aus der Tiefe des Kellers rief
seinen Namen und fgte einige Scheltworte hinzu. Mehr Juno als Venus, sagte er
wehmtig und wies mit dem Daumen nach der Tiefe.
    Seit dieser Begegnung hatte August zuweilen Mhe, sich der Verehrung des
Magisters zu entziehen, zumal wenn er des Nachmittags beim Hause vorbeikam, wo
der Kleine durch die Gunst solcher Gtter, mit denen er auf gutem Fue stand, in
einen gehobenen und redseligen Zustand versetzt war. Es ergab sich bald, da der
Magister eine besondere Vorliebe fr kriegerisches Wesen hatte. Sooft die
Trommler durch die Straen schritten und die Wache aufzog, stand er an der Tr.
Csar hatte wenig Haupthaar, sagte er zu dem Fhnrich, seine eigene Percke
hin und her ziehend, und Prinz Eugen ist nicht hoch von Wuchs; auch ich habe
seit meiner Jugend zu nichts so groe Zuneigung gehabt als zum Amt eines
Obersten oder Generals. Glauben Sie, hochverehrter Herr Fhnrich, es gibt fr
einen Mann keine grere Lust, als zu kommandieren: Schiet mir dorthin oder
jagt mir den aus der Stadt, Himmeldonnerwetter! Puff! Und nieder mit ihnen! Das
war mein Beruf, und, vertraulich zu reden, ich habe noch Stunden, wo ich meiner
Juno einen Possen spielen und mich unter die Fahnen des Kriegsgottes stellen
mchte.
    Ich kann's nicht raten, Herr Magister, antwortete August. Bevor Sie so
weit kommen, da die Liktoren mit den Rutenbndeln vor Ihnen herschreiten,
mssen Sie sich erst der Gefahr unterziehen, selbst Spieruten zu laufen. -
Das schreckt mich nicht, versetzte der Gelehrte geheimnisvoll, auch in
Brgerhusern gibt es Besen, welche widerwrtig streichen.
    Als August eines Abends in sein Quartier kam, fand er auf der Hausschwelle
eine kleine Gestalt sitzen, welche sich mit dem Taschentuch schneuzte und dann
die Hnde zum Himmel hob.
    Was tun Sie hier, Herr Magister? fragte er verwundert. Der kleine Mann
fuhr in die Hhe und sprach schluchzend: Ich melde mich! - Wozu, Herr
Magister? Der Kleine griff wieder nach seinem Taschentuch. Ich halte es nicht
lnger aus. Die fter erwhnte Juno verdient es nicht besser. Ich melde mich als
Rekrut bei Ihrer Kompanie!
    August lachte. Beschlafen Sie's, Herr Magister. Aber der unzufriedene
Gatte fate ihn am rmel und erklrte heftig, er wisse wohl, was er sage, er
wolle jetzt werden, was ihm immer im Sinne gelegen, denn zu Hause halte er es
nicht aus, und er wolle in die Kompanie zu Herrn Knig treten. - August sagte,
um ihn zu beruhigen: In der Finsternis kann Ihre Annahme nicht stattfinden,
machen Sie mir morgen frh die Freude, auf ein Schlchen Tee mein Gast zu sein.
Am andern Morgen lud August den Premierleutnant zu sich, und beide harrten des
Magisters. Dieser stellte sich pnktlich ein, setzte sich ernsthaft zu seiner
Tasse nieder, und als August die Verhandlung mit der Frage einleitete: Wissen
Sie auch, Herr Magister, da Sie sich gestern bei mir zum Rekruten gemeldet
haben? Da erklrte der Verzweifelte nchtern und bestimmt, da er das sehr wohl
wisse und da er auf seinem Willen bestehe. August hielt ihm vor, wie wunderlich
es sei, da er Frau und Hausstand aufgebe, der Magister aber sprach sich ber
alles zivile Leben, ja sogar ber das Glck der Ehe verchtlich aus und
behauptete, wenn der Herr Fhnrich, fr den er besondere Affektion empfinde, ihn
nicht annehme, so gehe er von hier sofort zu einer andern Kompanie. Die
Offiziere sahen einander an. Wohlan, sprach der Fhnrich aufstehend, wenn Sie
es so haben wollen, so mu ich Ihr Verlangen erfllen und Sie bei meinem Kapitn
melden. - Gerade das wollte der Magister. Habe ich Sie aber gemeldet, so
werden Sie erfahren, da wir keine lustigen Zechbrder sind, welche mit sich
spielen lassen. Auch das wute der Gelehrte, und er bat den Fhnrich und den
Leutnant sogleich sein Versprechen in ihre Hand zu empfangen, damit die Sache
endlich die erforderliche Festigkeit erhalte. August meldete dem Kapitn den
Handel, und dieser gab erfreut den Befehl, am nchsten Morgen den Rekruten zu
ihm zu fhren.
    Den Tag darauf ging August in das Haus des Magisters, und da dieser noch
schlief, trat er auf die Schwelle des Schlafzimmers und gebot: Der Rekrut
Magister Blasius soll aufstehen und zum Kapitn kommen!
    Hinter der Gardine bewegte sich's, der Magister steckte den Kopf heraus:
Hren Sie, Herr Fhnrich, ich habe nicht geglaubt, da es so eilen wrde.
Entschuldigen Sie gtigst, ich kann heute nicht kommen. Zugleich erhob eine
weibliche Stimme sehr heftige Beschwrung mit vielen Scheltworten. Der Fhnrich
behauptete seinen Ernst, fragte den Magister, ob er gesonnen sei, gutwillig
mitzugehen oder nicht, und als der Magister erklrte: Heut kann ich wirklich
nicht, schickte August nach der Wache. Im Hause entstand Geschrei und
Wehklagen, eilig wurde der vornehme Bruder, Doktor der Rechte und angesehener
Beamter, zu Hilfe geholt. Dieser kam zugleich mit der Wache und wollte den
Fhnrich ber die Nichtigkeit seiner Ansprche verstndigen, August aber wies
ihn kurz ab: Ich bitte, da Sie mir in meinem Beruf keine Kollegien lesen;
verfahre ich unrecht, so wissen Sie, wo ich zu belangen bin. Da zog sich der
Doktor schleunig zurck, der Magister aber stand, im Nachtkleide, festgehalten
durch die Arme seiner Gattin, welche ihn in heller Verzweiflung vor der
Kriegsmacht schtzen wollte. Erst das Geklirr der eintretenden Wache befreite
den kleinen Herrn, der sich jetzt gutwillig zum Abgang rstete, unterwegs seinen
Soldatenmut wiederfand und auf die zornige Frage des Fhnrichs, ob er das
Regiment zum Narren habe, versicherte, da ihm das krftige Verfahren gerade
recht sei, seine Frau brauche nicht zu wissen, da er aus eigener Neigung
Militr werden wolle. So wurde er zum Hauptmann gefhrt, legte dort bereitwillig
den Eid der Treue ab, schrieb eigenhndig seinen Namen in die Stammliste und
erhielt sogleich Urlaub und das Recht, bis auf weitere Order zu der Gattin und
seinem Hauswesen zurckzukehren.
    Whrend aber August ganz mit sich zufrieden war, flsterte und summte es
durch die ganze Stadt, und nach der Residenz liefen bogenlange Beschwerden. Der
Bruder des Magisters erklrte laut, er werde den Schimpf, welcher der Familie
angetan sei, nicht ruhig ertragen, und wenn es ihn das halbe Vermgen kosten
solle. Seine Klagen und, wie die Offiziere behaupteten, wohlangebrachten
Geschenke hatten auch Erfolg, denn ein geheimer Kriegsrat fuhr als
Musterkommissar des Regiments mit einer Kommission von Offizieren und Beamten in
die Garnison ein.
    Als der Fhnrich vor die Kommission gefordert wurde, wollte der Vorsitzende
zuerst von ihm wissen, aus welchem Grunde der Hauptmann den kleinen, alten,
offenbar unbrauchbaren Magister angenommen habe. August fhlte sich durch den
Verdacht, welcher der Frage zugrunde lag, in der Seele seines Vorgesetzten
bitter gekrnkt und entgegnete; Ich mu einer hohen Kommission die Antwort auf
diese Frage verweigern, weil die Frage ganz unmilitrisch ist, denn dem Soldaten
steht es durchaus nicht zu, einen Vorgesetzten nach dem Beweggrund seiner
Handlungen zu fragen. Und als der Rat aufs neue drngte: Sie sollen nur Ihre
Meinung zu Protokoll geben, die Sie sich jedenfalls gebildet haben, da
versetzte der Fhnrich: Meine Meinung zu sagen wre ich vollends nicht
verpflichtet. Doch bin ich bereit zu erklren, was ich selbst in hnlicher Lage
tun wrde. Wenn eine Person wie der Herr Magister sich bei mir, als dem
Hauptmann, freiwillig meldet, so werde ich sie annehmen zum Nutzen des Regiments
und des kniglichen Dienstes, auch wenn ich sie fr vllig unbrauchbar halte.
Denn da ich wei, da dem Eingeschriebenen selbst sein Wunsch bald verleidet
wird und da seine Anverwandten ihn in keinem Fall beim Regiment lassen, so bin
ich sicher, als Ersatz fr ihn einen brauchbaren Mann zu empfangen. Jeder
Kapitn aber ist durch seinen Eid verbunden, die Kompanie fr des Knigs
Majestt vollzhlig und in gutem Stande zu erhalten.
    Dagegen wute der Vorsitzende nichts einzuwenden, aber er bedrute jetzt den
Fhnrich selbst: Wie durften Sie sich unterstehen, einen verheirateten Mann von
Kondition aus dem Bette zu holen?
    Ist Ihnen nicht bewut, da der Magister als graduierter Gelehrter einen
hheren Rang hat als Sie selbst? Auf solche Fragen verlor August die Geduld:
Wenn ein graduierter Mann sich durch Handgelbnis verbunden hat, als Soldat
einzutreten, so hole ich ihn, sobald mein Hauptmann es befiehlt, zu jeder Stunde
des Tages oder der Nacht aus dem Bett oder aus der Kirche, ohne zu fragen, wie
vornehm er ist. Und wenn es der Herr Geheime Kriegsrat selbst wre, ich wrde
Sie holen und im Falle des Widerstandes arretieren. Und ich bitte, meine Rede
Wort fr Wort ins Protokoll zu schreiben.
    Da hob der Vorsitzende emprt die Hnde zum Himmel, und der Fhnrich wurde
mit starken Vorhaltungen ber sein dreistes und zu Gewalttaten geneigtes Wesen
aus dem Verhr entlassen. Doch ein alter Oberstleutnant von der Kommission
folgte ihm in das Vorzimmer und reichte ihm dort die Hand. Vom Obersten erhielt
er kurz darauf einen langen schriftlichen Verweis wegen seines heftigen und
keineswegs respektusen Benehmens, unterderhand aber die Versicherung, man sei
beim Stabe ganz mit ihm zufrieden; so da er merkte, der Dienst werde hier
anders gehandhabt als im Preuischen. Der Magister empfing, ohne einen
Ersatzmann zu stellen, seinen ehrlichen Abschied. Und er blickte seitdem scheu
und betrbt zu dem Fhnrich auf, wenn dieser stolz an ihm vorberging.
    Nur eins war wunderlich, der Entlassungsschein aus dem Preuischen kam
nicht. August hatte sogleich nach der Anzeige des Majors dem Bruder geschrieben,
da er den Abschied erhalten, ihm war damals gar nicht eingefallen, da sich
noch ein Hindernis erheben knne, weil er wute, da Annahme und Entlassung der
Unteroffiziere vom Chef des Regiments allein abhing. Jetzt stiegen ihm Zweifel
auf.
    Aber er verga seine Bedenken ber einem frohen Ereignis. Das Regiment wurde
nach Dresden kommandiert, um die Besatzung der befestigten Residenz zu
verstrken. August freute sich whrend des Marsches, wie alle jungen Offiziere,
auf das groartige Leben, doch merkte er nach der Ankunft schon in den ersten
Tagen, da ein Fhnrich, der nicht aus vornehmer Familie war oder sorglos Geld
ausgab, nur von der Strae den Glanz und die Herrlichkeit betrachten durfte. Und
der Dienst in seiner Kompanie wurde beschwerlicher, denn der neue
Premierleutnant war ein junger Graf, der gar nicht beim Regimente stand, sondern
die Uniform auf seinen Reisen trug, und der Leutnant war Sohn eines Herrn vom
Hofe und blieb die meisten Abende der Woche vom Dienst dispensiert.
    Doch auch August sollte der Wunder teilhaftig werden, womit die prchtige
Stadt damals den Zugereisten berraschte. Als er einst in der Nhe des Schlosses
das Gewhl reichbekleideter Spaziergnger betrachtete, die Portechaisen, in
welchen vornehme Damen von riesigen Heiducken geleitet wurden, vergoldete
Karossen, edle Pferde in prchtigem Geschirr, die Kutscher in Tressenlivree auf
hohem Bock und an dem Trittbrett hngende Lakaien, da fuhr ein vornehmer Wagen
vorber, in welchem zwei Frauen saen, und eine von den beiden glich der Tochter
seines alten Hauptmanns. Es war nur eine hnlichkeit, sagte sich August,
whrend ihm das Blut zum Herzen scho; da sah er, als der Wagen um die Ecke
rollte, da eine kleine Hand zum Fenster herauswinkte. Er eilte nach, aber er
vermochte die schnellen Pferde nicht einzuholen. War es ein Zufall oder war es
ein Gru, und war Friederike zu einer Dame geworden, welche in der Karosse fuhr?
Ihm wurde siedend hei. Vergebens suchte er sich auf das Aussehen der anderen
Frau zu erinnern, ihm kam vor, als sei sie sehr jung gewesen; auch von dem Wagen
und den Pferden wute er nichts Ungewhnliches anzugeben. Es nutzte ihm nichts,
da er die nchsten Tage in jeder Freistunde durch die Straen irrte und
argwhnisch in jeden Wagen blickte. Er sah das geliebte Mdchen nicht wieder.
    Als August am ersten Tage des nchsten Monats sein Traktament geholt hatte
und in sein kleines Quartier zurckkehrte, fand er in der Stube ein Paket,
welches ein fremder Mann fr ihn abgegeben, und darin zwei bunte
Porzellanfiguren, Schfer und Schferin, von denen jede zierlich auf einem
Felsen sa. Er hatte bis dahin der neuen Erfindung keine Beachtung gegnnt, aber
er wute doch, da die Figuren eine kostbare Zuwendung waren. Natrlich dachte
er sogleich an Friederike. Sollte dies eine Gegengabe fr den Stieglitz sein?
Aber er verwarf den Gedanken sogleich wieder; nach allem, was er von ihr wute,
sah ihr dies seltsame Geschenk nicht hnlich. Er stellte die Figuren auf die
bunte Kattundecke der Kommode, wo sie neben dem Tabakskasten und den Tonpfeifen
standen, wie aus dem Feenland in das gemeine Menschenleben verschlagen.
    Doch bei dieser Spende blieb es nicht; am Ersten des folgenden Monats wurde
wieder etwas abgegeben, diesmal eine Puderquaste mit goldenem Griff; nach
gleicher Zwischenzeit erschien eine Bonbonniere mit sem Inhalt, und dabei lag
ein Zettel, auf welchem mit grober Hand geschrieben war: Du hast dich, wo es
not, zu geben bald beflissen. Empfange jetzt den Dank, vertrau trotz
Hindernissen.
    Das konnte von niemand anderem kommen als von der Tochter des Hauptmanns;
aber nach der ersten Freude kam ihm wieder die Verwunderung, und er zrnte sich
selbst wegen des geheimen Mibehagens, das er empfand.
    Unterdes wurde er auch whrend des Dienstes durch kleine Abenteuer in
Anspruch genommen. Sein Regiment gab die Wache, er visitierte vor dem Quartier
des Kapitns die Parade der Kompanie und marschierte mit der Mannschaft nach dem
Pirnaischen Tor ab.
    Auf dem Wege wurde er selbst durch seinen Obersten aufgehalten. Wie er zur
Wache kam, hatte der Unteroffizier bereits die Vergatterung geschlossen, durch
welche das Tor whrend der Ablsung fr den Verkehr gesperrt ward, und eine
Anzahl Leute wartete am Gatter geduldig auf die Erffnung. Als die Schildwache
ihm auftat, weil der Offizier im Dienste war, wollte sich ein Mann in grauem
Habit, der einen Hut mit goldener Tresse und an der Seite einen Hirschfnger
trug, ebenfalls vordrngen, begann, da ihn der Posten zurckwies, grblich zu
schimpfen und mhte sich, das angelehnte Gatter mit seinen Hnden aufzureien,
indem er rief, da er ebensoviel Recht habe zu passieren wie der Offizier, so
da der Soldat ihn endlich zurckstoen mute. Als August sich umwandte, nach
dem Namen fragte und zur Ruhe ermahnte, schrie der Fremde: Ich bin grflicher
Hausmeister, und Sie haben mir nichts zu befehlen; ich will doch sehen, wer sich
untersteht, mir das Tor zu sperren. Und er drngte aufs neue und ri am Gatter.
Da lie August den Tobenden arretieren und nach der Hauptwache schaffen und
ersuchte den Offizier der abgelsten Mannschaft, welcher den Vorfall mit
angesehen hatte, den Hergang und die grobe Widersetzlichkeit des Mannes zu
melden. Der Platzadjutant kam spter selbst zum Tor, lie sich von dem Fhnrich
berichten und lobte: Sie haben ganz recht getan. Der Arretierte wurde von der
Hauptwache zum Auditeur des Gouverneurs gebracht und von diesem mit einem
scharfen Verweis entlassen.
    Wenige Tage darauf wurde der Fhnrich zu seinem Obersten befohlen, der ihm
mit den Worten entgegenkam. Sie mssen hohe Gnner haben, Monsieur Knig. Mir
ist durch ein Billett des Feldmarschalls mitgeteilt worden, da der Knig die
Gnade gehabt hat, Sie zum Leutnant zu ernennen. Ich bekenne Ihnen meine
Verwunderung, da solche Ernennung ohne Mitwissen des Regimentschefs ungewhnlich
ist.
    Ich bitte den Herrn Obersten, die Versicherung anzunehmen, da ich hier
ganz fremd bin, keinerlei Connaissance habe und meine Befrderung niemals auf
einem anderen Wege betreiben wrde als auf dem, welcher mir durch die
Zufriedenheit des Herrn Obersten erffnet wird. Der alte Herr schttelte den
Kopf. Und doch ist die Sache unzweifelhaft. Hier ist der Patentbrief, von
Seiner Majestt unterschrieben, und mir bleibt nichts brig, als Ihnen Glck zu
wnschen.
    Aber der neue Leutnant wurde schnell aus den Trumen von Glck und Liebe
aufgeschreckt, als er wenige Tage darauf wieder zum Obersten beordert wurde.
Was, zum Teufel, Leutnant Knig, ist mit Ihnen los? Sie sind vor Seiner
Majestt hart verklagt. Aus dem geheimen Konseil geht dem Regiment der Befehl
zu, Sie wegen Ehrenkrnkung eines grflichen Hausmeisters zur Untersuchung zu
ziehen, Ihnen auer der gebhrenden Strafe aufzuerlegen, da Sie den Mann um
Verzeihung bitten und, falls Sie sich weigern, Ihre Entlassung zu verfgen.
August war ber den jhen Sturz wie vom Donner gerhrt. Der Vorfall ist bereits
frher vor dem Auditeur des Gouvernements verhandelt, sagte er. Werde ich vom
Regiment fr strafbar befunden, so mu ich mich der Strafe unterwerfen. Den
Zivilisten um Verzeihung zu bitten, bin ich meiner Soldatenehre wegen durchaus
nicht imstande, und ich flehe den Herrn Obersten an, mich im Interesse des
Dienstes gegen diese ungewhnliche Zumutung zu schtzen. Darauf erzhlte er den
Sachverhalt und berief sich auf die Zeugen.
    Das ist eine widerwrtige Affre, sagte der Oberst bekmmert. Der grobe
Hausmeister ist in Diensten der polnischen Grfin Orczelska, welche zur Zeit die
einflureichste Dame der Residenz und Seiner Majestt so wert ist, da ich
besorge, die Ombrage der erwhnten Dame wird Ihnen verderblich. Ich rate, da
Sie sich sogleich mit einer Supplik an den Feldmarschall wenden, damit dieser
Ihnen mglich macht, Seiner Majestt direkt Ihre Sache vorzutragen.
    
    Gestatten der Herr Oberst, da ich diesen letzten Schritt erst dann tue,
wenn das Regiment ber mein Recht und Unrecht entschieden hat.
    Das war dem Obersten unwillkommen, weil er sich und dem Regiment nicht eine
mchtige Feindin zuziehen wollte, doch konnte er das Begehren des Leutnants
nicht abschlagen. August erschien vor der Kommission, diese entschied, da der
Offizier nur seine Pflicht getan habe, und das Regiment berichtete in gleichem
Sinne. Aber der hchste Bescheid darauf war nur eine Wiederholung der frheren
Forderung: Abbitte oder Entlassung.
    Der Oberst war gedrckt und verlegen, als er dem jungen Leutnant die
knigliche Order mitteilte, August aber mute lachen, so da der alte Herr
unwillig sagte: Monsieur Knig, das ist kein Scherz, es geht zwar nicht an den
Kopf, aber an den Kragen.
    Verzeihung, Herr Oberst, mir war nur wunderlich, da ich zu meiner
Verteidigung gegen eine Dame bataillieren soll.
    Was aber wollen Sie tun?
    Jetzt bitte ich den Herrn Obersten um Erlaubnis, selbst beim Feldmarschall
und bei Seiner Majestt um Rcknahme der Order bitten zu drfen. Er eilte zur
Stelle in das Palais des Feldmarschalls Grafen Flemming, welcher der mchtige
Minister Knig Augusts des Starken war, frher ein Offizier von Verdienst, der
lange in preuischem Dienst gestanden hatte, jetzt ein gewandter Diener und
lustiger Gesellschafter des Knigs, ein Mann, der an wenig glaubte und sich ber
wenig in dieser schlechten Welt wunderte. August erhielt leicht Einla und fand
in dem Grafen einen stattlichen lteren Herrn in seidenem Schlafrock, der ihn
wohlwollend empfing. Whrend er das Ereignis vortrug, glaubte er zu hren, da
der Minister vor sich hinsagte: Die betrunkene Katze; der laute Bescheid aber
war: Ich denke, die Affre des Herrn lt sich arrangieren. Ich an Ihrer Stelle
wrde den Burschen auch nicht um Verzeihung bitten. Melden Sie sich morgen bei
dem diensttuenden Offizier vor den Appartements des Knigs und erwarten Sie mich
dort, ich werde Sie selbst einfhren.
    Alles geschah, wie er gesagt. Am anderen Morgen schritt der Feldmarschall,
dem harrenden August zuwinkend, nach den Zimmern des Knigs; nicht lange, die
Tr ffnete sich, und der Leutnant erhielt Befehl, einzutreten. Seine Majestt
stand hoch mit kniglicher Miene ihm gegenber, immer noch eine gebietende
Gestalt, obgleich das wste Leben die vielgerhmte Kraft und Vlligkeit bereits
gemindert hatte. Er musterte das uere des Leutnants und drckte dem Grafen
durch ein Kopfnicken seine Befriedigung aus. Ich vernahm, worum es sich fr
Euch handelt, begann der Herr gndig, erzhlt selbst den Vorfall. Und als
August berichtet hatte, sprach der Knig: War es, wie Ihr sagt, so hat der
Verhaftete geringen Grund zu seiner Beschwerde. Ihr tatet ganz recht, ihn nicht
durchzulassen. Da Ihr ihn als Arrestanten auf die Hauptwache fhren liet, ist
wohl im jugendlichen Diensteifer geschehen. Und zum Grafen gewandt, fuhr er
franzsisch fort: Die kindische Grfin hat ihren Kopf auf die Deprekation
gesetzt; ich kann im Grunde dem jungen Manne nicht verdenken, da er sich
weigert, dem Schurken Gregor Abbitte zu tun, der Mensch hat sich unter den Polen
das Brutalisieren angewhnt. Versetzen Sie den Leutnant zu einem anderen
Regiment, damit er dem Kinde aus den Augen kommt.
    Das Leibregiment hat sich seiner angenommen, antwortete der Minister mit
ehrerbietigem Achselzucken ebenfalls franzsisch. Die Versetzung wird in der
Garnison Aufsehen machen, und die Offiziere werden sich beklagen, da sie an
hchster Stelle bei Erfllung ihrer Dienstpflicht nicht geschtzt werden. Und
in deutscher Sprache fuhr er fort: Der unbedeutende Vorfall wrde am besten
beigelegt werden, wenn der Leutnant der Grfin selbst ein artiges Bedauern ber
das Rekontre aussprche. Der militrische Stolz, welcher ihn verhindert, dem
Hausmeister Entschuldigungen zu machen, drfte einer liebenswrdigen Dame
gegenber nicht genieren. Der Leutnant rckte sich zurecht, um gegen die
Zumutung zu protestieren, aber er sah die zusammengezogenen Brauen des Grafen
und fing einen warnenden Blick auf, so da er stumm blieb. Auch dem Knige
gefiel der Vorschlag des Staatsministers nicht, er betrachtete den blhenden
Jngling wieder von Kopf bis zu Fu, aber mit weit geringerem Wohlwollen, und
sagte kurz: Das ist nicht ntig. Die Sache soll durch mich erledigt werden,
und verabschiedete den Leutnant durch eine kleine Bewegung seiner Locken.
    August meldete seinem Obersten den guten Erfolg der Audienz. Haben Sie
etwas Schriftliches erhalten? fragte dieser. Und auf die verneinende Antwort
sagte er: Hier aber liegt eine knigliche Order. Wir warten also ab. Aus dem
Kabinett erfolgte nichts weiter, August tat seinen Dienst wie zuvor, bis ihn
einst der Oberst nach der Parade auf die Seite nahm: Soeben ist durch das
Stadtkommando an mich die Anfrage ergangen, warum Sie die Abbitte noch nicht
getan, und dazu der Befehl, die knigliche Order unverzglich auszufhren.
Suchen Sie sich schnell selbst zu helfen, wenn Sie Gnner finden.
    Wieder stand August in der Antichambre des Feldmarschalls. Er mute diesmal
lange warten, wurde auch gar nicht eingelassen, der Graf trat heraus, um
wegzufahren, und sagte im Vorbeigehen achselzuckend: Ich bin nicht imstande,
Ihnen beizustehen. Der Einflu jener Dame ist bermchtig geworden. Was ich
damals vorschlug, nicht in der Meinung, da es ntig sein werde, ist jetzt die
letzte Hilfe. Suchen Sie die Grfin auf und sagen Sie ihr etwas Verbindliches,
die Dame lt mit sich reden. Damit schritt der Minister vorber. August ging
langsam hinterdrein, an der Treppe blieb er stehen und lehnte sich an die
Brstung. Das also war das Ende seiner Hoffnungen, so sah der Dienst in seinem
Heimatlande aus! Warum sollte er nicht zu der schnen Grfin gehen? Das taten ja
alle, von Seiner Majestt und dem Feldmarschall an. Warum sollte er, der
Leutnant, eine andere Ehre haben als diese? Es war einmal der Welt Lauf. Da kam
ihm sein erschossener Hauptmann in den Sinn, er schlug mit der Faust auf den
Pfosten der Treppe und rief laut: Nein!
    Ja! antwortete eine Mdchenstimme, und eine kleine geballte Hand schlug
neben der seinen auf die Treppe. Vor ihm stand ein junges Frulein von etwa
dreizehn Jahren in elegantem Hauskleide, mit einem feinen Gesicht, das ber ihr
Alter klug schien; sie neigte das Kpfchen zur Seite, sah ihn schlau an und
fragte: Monsieur Knig, Leutnant im Leibregiment? Kommen Sie schnell mit. Sie
flog ihm voraus durch mehrere Zimmer und rief lustig an der Tr des letzten:
Bibi, ich habe ihn eingefangen, da ist er! Ein Mdchen sprang von der Arbeit
auf, die Robe, ber welcher sie nhte, rauschte auf das Parkett, und Friederike
stand, mit hoher Rte bergossen, vor dem Leutnant. Auch August war von dem
unverhofften Anblick so berrascht, da er sich stumm verneigte.
    Ist das ein Wiedersehen von zweien, die einander gut sind? schalt das
mutwillige Frulein. Hier ist Bibis Hand, Monsieur Knig. Sie zog die
Widerstrebende vorwrts. Wollen Sie ihr einen Ku geben, so wende ich mich ab.
Sie flog in einen Sessel, warf sich hinein und vergngte sich damit, ihren roten
Samtpantoffel vom Fu in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen. August
folgte dem Rat, den die junge Dame gegeben hatte: Seit Wochen suche ich Sie
vergebens.
    Ich bin hier als Dienerin der Komtesse, antwortete Friederike befangen.
    Das ist nicht wahr, rief die Komtesse ber die Schulter zurck. Sie ist
meine liebe Freundin und mir von dem Herrn Vater geschenkt, damit sie mich zu
einer Deutschen mache. Man hrte der Sprache des Fruleins an, da sie von
Fremden erzogen war. Ich wundere mich ber den Herrn Leutnant, weil er mit
Worten so sparsam ist.
    Ich hre der gndigen Komtesse zu, versetzte August.
    Ja so, sagte die Kleine und schnellte wieder in ihren Sessel zurck.
    Es ist mir weit besser geraten, als ich zu hoffen wagte, erzhlte
Friederike. Ich hatte mich wegen eines Unterkommens an unseren Herrn Major Vogt
gewandt, und dieser schrieb meinetwegen an den Herrn Grafen, den er aus der Zeit
des preuischen Dienstes kannte. Da traf es sich gerade, da unser Herr Graf
selbst fr die Komtesse Tochter eine Person suchte, welche in Sachsen fremd wre
und ohne Familienanhang. So hatte ich das Glck, hierherzukommen. Denn, Monsieur
Knig, Sie ahnen nicht, wie gut mein liebes Frulein ist. Sie eilte zu der
Komtesse und neigte sich ber die Hand, die kleine Dame aber fate sie bei den
Ohren, kte sie und streichelte ihr mit der Hand die Wange, wie eine Mutter
ihrem Kinde. Ich wei alles, sagte sie stolz, zu August aufsehend, da der
Herr Leutnant sich wie ein echter Kavalier gegen Demoiselle Bibi benommen hat.
Nein, viel besser. Sie waren ein bescheidener Schfer, und ich hoffe, Sie sind
ihr von ganzem Herzen gut, obgleich ihr nur stumm aus der Ferne freinander
geseufzt habt. Aber Sie sollen wissen, da Ihre Schferin auch sehr hbsch zu
reden versteht. - Ihren Vogel hat ein Lufer hergebracht, und Sie knnen ihn im
Hause wiedersehen.
    Dagegen habe ich der lieben Demoiselle fr grere berraschungen zu
danken, sagte August, die mir hier in mein Quartier geflogen sind.
    Friederike sah befremdet zu ihm auf. Das war ich, lachte die Komtesse.
War der Vers nicht schn? Ich habe ihn aber nur abgeschrieben.
    Von einer anderen Verwendung meiner jungen Herrin aber wei ich, sagte
Friederike mit glcklichem Lcheln, sich vor dem Offizier verneigend: Ich
gratuliere dem Herrn Leutnant zu seiner Charge.
    Ach, dieses Glck, welches ich der gndigen Komtesse zu danken habe,
versetzte August traurig, hat nicht lange gedauert; ich bin gezwungen, meinen
Abschied zu nehmen; auch Seine Exzellenz, von der ich eben komme, vermochte mir
nicht zu helfen. Und er erzhlte das Unglck. Mir wurde der Rat gegeben, die
Grfin selbst um Verzeihung anzugehen, aber ich kann mich nicht dazu
entschlieen.
    Beide Mdchen protestierten lebhaft dagegen. Das drfen Sie nicht, um
dieser Demoiselle willen, versetzte die Komtesse mit mehr Ernst, als sie bis
dahin gezeigt. Verzgern Sie, womglich, die Entscheidung bis auf morgen,
Monsieur Knig, vielleicht habe ich Gelegenheit, mit dem Herrn Vater ber Ihren
Handel zu sprechen. Jetzt aber drfen Sie der Demoiselle noch einmal die Hand
geben, und dann schicken wir Sie fort. Wollen Sie in Zukunft meinen Liebling
sehen, so mssen Sie sich bei mir melden, denn ich bin Herrin im Hause und
auerdem Gouvernante dieses Kindes. August versprach alles und schied mit neuem
Lebensmut.
    Am Abend war bei dem Staatsminister glnzende Gesellschaft, der Knig selbst
war zugegen und alle Herrschaften des Hofes, welche sich der Knig begehrte.
Beim Beginn der Assembleen war die Komtesse anwesend, vielleicht nach polnischem
Brauch, vielleicht weil der Vater, der sie zrtlich liebte, auf den Geist und
Takt stolz war, welchen sie bei solchen Gelegenheiten bewies. Die junge Dame
empfing an Stelle der abwesenden Hausfrau die Gste und zog sich zurck, sobald
der Knig sich zum Spiel niedersetzte oder der Tanz begann. Da der Knig sie
seine kleine Hebe nannte, ihr Vater der mchtigste Mann des Landes war und ihre
verstorbene Mutter eine Prinzessin vom hchsten polnischen Adel, so wurde sie
auch von den Damen mit ungewhnlichem Respekt behandelt. Und Monsieur August
htte sich ber die Haltung gewundert, mit welcher das ausgelassene Kind die
Grfin Orczelska begrte, denn bei dem Empfange war das Kind die vornehme Dame,
die Grfin aber, ungeachtet ihrer nahen Beziehungen zum Knige, doch die
Unsichere.
    Als der Knig mit der Orczelska und dem Hausherrn sich zum Trisette gesetzt
hatte und die Karten ausgeworfen wurden, trat die kleine Komtesse an den Knig
und bat: Bevor ich Eurer Majestt gute Nacht sage, flehe ich um gndige
Erlaubnis, auch einmal hinter dem Stuhl mitzuspielen. Der Knig wandte sich um:
Willst du mein Partner werden? Das Frulein nickte: Ich will auf Eure
Majestt gegen die Grfin halten, wenn Grfin Orczelska mir das verstattet.
    Worum will die Komtesse mit mir wetten? fragte die Grfin.
    Geld habe ich nicht, aber ich fr mein Teil setze meinen Papagei, welcher
der Frau Grfin neulich so gut gefiel, und die Frau Grfin verspricht, wenn sie
verliert, einem Herrn, den ich auswhle, eine Freundlichkeit zu erweisen, die
ich auch bestimme. Da antwortete die Orczelska: Das ist gefhrlich, Komtesse.
Ehe ich darauf eingehe, mte ich wissen, wer der Herr ist. Das Frulein nahm
schnell ein Pergamentblatt, schrieb mit dem Goldstift den Namen August K. und
wies ihn der Polin. Diese las, nickte ihr lachend zu und sah den Knig an, und
die Damen legten die Fingerspitzen zur Bekrftigung aufeinander. Das Spiel
begann, der Knig hatte nicht gute Karten, aber die Grfin war beflissen, ihr
Spiel zu verlieren, und so machte sich's, da die Majestt und mit ihr das
Frulein gewannen. Da verneigte sich das Kind vom Hause tief vor dem Knig und
der Grfin und sagte: Majestt, der Herr, dem die Grfin einen Gefallen zu tun
versprochen hat, ist August Knig, Leutnant im Leibregiment, und das Gute, was
die Frau Grfin ihm tun wird, ist, da sie die Forderung aufgibt, er solle ihrem
Hausbedienten Abbitte tun. Die Grfin errtete vor Unwillen und wandte sich zum
Minister: Diese Surprise haben Exzellenz arrangiert. Das Spiel mit dem
Gleichklang der Namen war kein Meisterstck.
    Papa ist unschuldig, gndige Grfin, sagte die Kleine. Ich traf den
Leutnant zufllig in unserem Hause, als er von Papa ohne gnstigen Bescheid
entlassen war. Seien Sie nicht bse auf mich, da es mir Freude macht, auch
einmal jemanden zu protegieren. Htten Sie den armen Jungen gesehen, wie traurig
er war, er htte auch Ihnen leid getan. Bitte, schenken Sie mir die Verzeihung
fr den Leutnant und nehmen Sie dafr den Papagei.
    Frauen halten ihr Wort gegeneinander, sagte die Orczelska. Ich bitte Eure
Majestt, den genannten Leutnant zu pardonieren. Und zu der Tochter vom Hause
gewandt, fuhr sie fort: Er soll sich nicht nur bei der lieben Komtesse
bedanken, sondern auch bei mir.
    Da aber entschied seine Majestt mit hoher Wrde: Es ist fr einen Offizier
am besten, wenn er niemandem zu Dank verpflichtet ist als seinem Landesherrn.
Teilen Sie ihm seinen Pardon mit, Flemming.

                                Unsicheres Glck


Am Ersten jedes Monats durfte der glckliche Leutnant seine liebe Demoiselle im
Hause des Grafen besuchen; dann war immer die kleine Komtesse zugegen; sie las
in einem Buche und fuhr nur zuweilen in das Gesprch der Liebenden hinein. Doch
trotz dem Zwang, den ihre Gegenwart auferlegte, lernte August jetzt sein Mdchen
in anderer Weise lieben als frher; er erkannte nicht nur, da ihr Herz an ihm
hing, auch da sie gescheit und redlich war und in ihrem Charakter dem Vater gar
nicht unhnlich. Zuweilen verwnschte er die Beschrnkung des Verkehrs, doch
trug gerade das Ungewhnliche der Besuche dazu bei, seinem lebhaften Sinn das
Verhltnis reizvoll zu erhalten. Und als sein Regiment in die alte Garnison
zurckkehrte, wurde zwar die Trennung schwer, und das Abkommen der Liebenden,
einander fleiig zu schreiben, vermochte nur wenig zu trsten, aber August
behielt doch die gehobene Stimmung. Er war wieder geneigt, sich fr ein
Glckskind zu halten, wozu ihn einst die Frauen im elterlichen Hause ernannt
hatten. Wurde er auch zuweilen durch Fortunas Finger herabgedrckt, immer wieder
war er in die Hhe geschnellt, und er hoffte, da die Zukunft auch seinem
grten Herzenswunsch hold sein werde.
    Seine Mutter freilich fand er in ernsten Sorgen, als er sie von der Garnison
aus besuchte. Das Vertrauen zu dem Vormunde war grndlich erschttert. Die
Gromama, welche in der letzten Zeit hinfllig geworden, hatte dem vornehmen
Vetter Verfgung ber den grten Teil ihres Vermgens gestattet, und der Herr
war in weltmnnischem Leichtsinn der Versuchung unterlegen, dasselbe zur
Bezahlung seiner drckenden Schulden zu verwenden. Die Sicherheit, welche er
etwa noch bieten konnte, war so ungengend, da ein groer Verlust in Aussicht
stand.
    In dieser Zeit war fr Madame Knig der Anblick ihres Leutnants und der
Gedanke an seine gute Karriere die beste Erquickung. Und wenn sich August in der
neuen Montur mit seinem silbernen Degen ritterlich um Dorchen bewegte und das
Frulein zu den Tulpen und Narzissen des Gartens fhrte, gefiel er jetzt auch
der gndigen Frau von Borsdorf; sie bedachte, da trotz der Schulden das Gut
doch nach einigen Jahren einen Landwirt ernhren knne, und da sich auch die
polnischen Aussichten als Trugbilder erwiesen hatten, so ging diesmal ihr Herz
auf, und sie sagte, auf die Kinder weisend, zu ihrer Freundin: Es ist ein
hbsches Paar, und sie halten treu zusammen. Aber sie erhielt nicht die
Antwort, welche sie begehrte, denn diesmal wurde Madame Knig zur Vorsicht
gemahnt durch den Wunsch, fr ihren Sohn eine reiche Partie, wenn auch eine
brgerliche, zu gewinnen, und sie antwortete: Es ist eine Kinderfreundschaft,
meine Liebe, man kann beide ruhig gehen lassen, sie denken sich weiter nichts
dabei, so da Frau von Borsdorf Mhe hatte, ihre Krnkung zu verbergen und auf
dem Rckwege das verwunderte Dorchen schalt, weil sie zu vertraulich mit dem
Leutnant gewesen sei.
    Nur einen geheimen Kummer hatte August. Sein preuischer Abschied kam nicht.
Die Wetterwolken zwischen Preuen und Sachsen hatten sich verzogen, sie konnten
nicht mehr das Hindernis sein. War es die Ungnade des Knigs? August suchte sich
diese Mglichkeit auszureden, aber die Ungewiheit bedrckte ihn so sehr, da er
zum zweitenmal an seinen Gnner Vogt schrieb, welcher jetzt Oberstleutnant des
Regiments war, und um Nachricht bat. Auf diesen Brief erhielt er keine Antwort,
wohl aber schrieb ihm sein alter Freund Roncourt, er sei veranlat, ihn zu
benachrichtigen, da sein Name in der Regimentsliste nicht gestrichen und nur
durch besondere Gnade des Chefs mit dem Vermerk beurlaubt versehen sei, da
aber der Hauptmann heftig von Desertion spreche und behaupte, da die Kompanie
solche Schonung nicht lnger ertragen knne. Whrend August noch den Schreck
ber diese Nachricht in sich herumtrug, lie ihn der Oberst kommen und erklrte
mit umwlkter Stirn, ihm sei der Privatbrief eines hheren Offiziers von
Markgraf Albrecht zugegangen, der Knig von Preuen habe den Entlassungsschein
nicht an das Regiment zurckgeschickt und nach wiederholten Anfragen den
Bescheid erteilt, er verweigere den Abschied. Auf dienstlichem Wege sei in
dieser unangenehmen Angelegenheit keine Hilfe zu finden.
    Bestrzt antwortete August: Der Herr Oberst haben, als ich eintrat, auf den
Entlassungsschein keinen Wert gelegt.
    Allerdings, versetzte der Oberst, unter den damaligen Konjunkturen und da
die Erteilung zweifellos schien. Doch verhehle ich Ihnen nicht, da es dem
Regiment unangenehm sein wrde, wenn die Herren Preuen an unserem Hofe Alarm
schlagen sollten. Deshalb rate ich, die Sache auf diplomatischem Wege zu
erledigen.
    Ich bitte den Herrn Obersten, sich fr diesen Weg meiner anzunehmen.
    Mein junger Freund, antwortete der Oberst wohlmeinend, in dergleichen
diffizilen Fllen gilt als Regel, da die groe Treppe weniger bequem zum guten
Ziele fhrt als die kleine. Geht die Angelegenheit auf der groen Treppe durch
das Regiment an die Majestt, so gibt es auf eine khle Verwendung aus Dresden
eine Antwort von kurzer Hflichkeit aus Berlin, und die Sache kann fr immer zu
Ihrem Nachteile entschieden sein; whrend durch Connaissancen und Privatregards
ohne Schwierigkeit das Gewnschte erreicht wird. Sie kennen ja den wrdigen
Herrn von Reck.
    Das mute August zugeben. Denn Herr von Reck, Besitzer eines nahen Gutes,
war Dorchens Vormund; August hatte schon als Knabe auf dem Gute zugleich mit
Dorchen im Wasser gelegen und war jetzt zuweilen bei Jagden ein willkommener
Gast. Der Kavalier, fuhr der Oberst fort, ist ein Verwandter unseres
Geschftstrgers in Berlin; wenn er diesen veranlat, bei dem Staatsminister von
Grumbkow einige gute Worte einzulegen, so wird der Entlassungsschein ohne allen
Lrm erteilt.
    August war mit diesem Bescheid unzufrieden, aber er fand keinen besseren
Rat. Er fuhr sogleich auf das Gut des Herrn von Reck, machte ihn zum Vertrauten
seiner Not und erhielt das Versprechen warmer Verwendung. Er sah jetzt ein, da
er in bler Lage war. Es wurde ihm leicht, gegen die Mutter zu schweigen; aber
das grte Mibehagen empfand er, als er an seinen Bruder schrieb, denn er
getraute sich nicht mehr, diesem seine Verlegenheit mitzuteilen. Sich selbst
sagte er, da er dem Bruder nicht unntige Sorgen machen drfe, aber im Grunde
bangte ihm vor dem entschiedenen Willen des ltesten. Bald jedoch gewann er
wieder Zutrauen auf einen guten Ausgang dieser Angelegenheit, denn er empfing
einen neuen Beweis, da das Glck nicht mde wurde, ihm berraschungen zu
bereiten.
    Einst sah er auf der Strae einen kleinen Herrn vor sich hergehen mit
gebeugtem Haupte, in schwarzem Trauerkleide, den Degen an der Seite. Erst nach
einer Weile erkannte er seinen frheren Rekruten und wollte verwundert ber den
Wandel im ueren des Magisters mit kurzem Gru vorber, als der Kleine
aufblickte und ihn anredete, whrend ein Freudenschimmer ber sein Gesicht zog:
Es ist mir ein unerwartetes Vergngen, den Herrn Leutnant wiederzusehen.
    Guten Morgen, Herr Magister, versetzte August und ging weiter. Aber der
Kleine drngte sich an seine Seite und bat, indem er, die Hand am Degen,
gleichen Schritt zu halten suchte: Entziehen sich der Herr Leutnant nicht
meiner Gesellschaft, da mir jetzt ein mitfhlendes Herz Bedrfnis ist. - Juno
ist gestorben, lieber Monsieur Knig.
    Ich bedaure, Herr Magister.
    Der Kleine griff nach seinem Taschentuch. Sie war zuweilen strenge, sagte
er, jedoch lag das mehr in ihrem Charakter als in einer ungnstigen Gesinnung
gegen mich, denn sie meinte es manchmal besser zu mir als ich selbst. Er
wischte sich die Augen: Lugete Veneres Cupidinesque! Sie hat mir alles
hinterlassen, was sie besa: drei Huser, und in dem Kasten, dessen Schlssel
immer in ihrem Bett steckte, war viel mehr, als irgend jemand gedacht hatte; und
kurz, Monsieur Knig, ich bin auf meine alten Tage ein reicher Mann. Wieder
fate er nach seinem Tuche.
    Dazu wnsche ich Glck, Herr Magister, sagte August, immer noch bemht,
sich zu entziehen.
    Aber der Witwer fuhr, Tritt haltend, fort: Wer zu den Sechzigen gekommen
ist und in der Welt allein steht, findet das Glck nicht gro. Hat der Herr
Leutnant einige Zeit fr mich brig, so wage ich die Bitte, mit mir hier auf den
Friedhof zu treten und das Monument zu betrachten, welches ich der Seligen
gesetzt habe.
    Er bat so angelegentlich, da August mit ihm ging. Als der Kleine mit
Genugtuung die Urne aus Sandstein gewiesen und die Tafel, deren Inschrift den
Verlust einer zrtlichen Gattin beklagte, setzte er sich auf eine Ecke des
Grabsteines und begann feierlich: Herr Leutnant, ich habe Sie hierhergefhrt,
weil es mich drngt, Ihnen etwas mitzuteilen. Ich kann das einsame Leben nicht
lnger ertragen.
    Wollen Sie wieder heiraten? fragte August verwundert.
    Damit ist es vorbei, sagte der Magister, den Gedanken mit der Hand
abwehrend. Nein, Monsieur Knig, ich habe den Wunsch, Sie nach rmischem Recht
zu adoptieren und zu meinem Erben zu machen.
    Herr Magister, versetzte der erstaunte August, das ist ein Gedanke wie
damals, wo Sie mein Rekrut werden wollten. Es wrde Ihnen bald leid tun. Sie
wissen, ich habe schon einmal Unannehmlichkeiten gehabt, weil ich Ihrem Wunsche
willfhrig war; es knnte mir jetzt noch bler bekommen.
    Mir war es damals widerwrtig, klagte der Magister, und es geschah gegen
meinen Willen, da die Verwandten sich einmischten. Jetzt aber ist auch mein
Bruder tot, obgleich er jnger war als ich, und er hat keine Kinder
hinterlassen. Da habe ich Sie mir ausgewhlt. Sie waren mir angenehm seit Ihrer
Kinderzeit, und Sie haben das richtige heroische Wesen, denn mein Erbe soll nur
ein Mann von Bravour sein.
    Da August trotz der ernsten Zumutung, die ihm gestellt wurde, ein Lcheln
nicht bergen konnte, hob der Kleine den Finger und sagte feierlich: Herr
Leutnant, wenn Ihnen das Innere meines Herzens bekannt wre, wrden Sie nicht
lachen. Lassen Sie sich vor dieser Urne erzhlen, was ich noch keinem Menschen
vertraut habe, auch nicht meiner Seligen. Ich war ein frhliches Kind von guten
Anlagen, hatte immer Freude an dem Poetischen und einen guten Stilus, so da die
Lehrer und auf der Universitt die Herren Professoren mich lobten und meine
Mutter auf mich, als den ltesten der Kinder, ihre ganze Hoffnung setzte. Aber
ich war demtig erzogen und von schchterner Natur. Da, als ich bereits Magister
war und den Degen trug, wurden meine Mutter und meine verstorbene Schwester von
einem jungen Offizier so schwer beleidigt, da ich die Pflicht fhlte,
Satisfaktion von ihm zu fordern. Ich fhlte die Pflicht, Monsieur Knig, denn
ich hatte das richtige Ehrgefhl; aber als es dazu kam, versagte dem armen
Magister der Mut. Er verdeckte die Augen mit der Hand. Dies wurde das Unglck
meines Lebens, denn seitdem war ich mir selbst verchtlich; die Leute wunderten
sich, da ich herunterkam und in die Schenke ging, und meine Mutter starb in
Kummer. Er sttzte den Kopf auf die Hand. Sie werden mich ganz gering achten,
Herr Leutnant.
    Nein, lieber Herr Magister, rief August in herzlichem Mitgefhl. Ich kann
mir jetzt auch denken, weshalb Sie immer Soldat werden wollten.
    Nicht wahr? fragte der Magister aufblickend, als Soldat htte ich die
Dreistigkeit erhalten. Sie aber, Monsieur Knig, haben das resolute Wesen,
welches ich mir wnsche. Als Sie mich arretierten, fhlte ich in meinem Herzen
die grte Hochachtung vor Ihnen. Seit der Zeit lag mir auf der Seele, wie
glcklich ich wre, wenn ich einen solchen Sohn htte. Darum will ich Sie dazu
machen, indem ich Sie an Kindesstatt annehme, und ich bitte Sie, miachten Sie
meinen Antrag nicht, denn er kommt aus gutem Herzen und ist ernsthaft gemeint.
    Da schttelte August die Hand des Magisters und antwortete: Der Herr
Magister hat mir greres Vertrauen geschenkt als sonst jemanden. Ich will
meinen Dank dadurch beweisen, da auch ich Ihnen etwas offenbare, was noch
niemand von mir gehrt hat. Aber, Herr Magister, nicht auf dem Friedhofe,
sondern im Freien, wenn Sie mich begleiten wollen. Der Kleine erhob sich
bereitwillig, und August fhrte ihn aus dem Tore zwischen die Getreidefelder.
Dort begann er im Sonnenlicht unter den blhenden hren: Ich will zu Ihnen von
einer Demoiselle sprechen, die ich innig liebe und die, wie ich hoffe, auch mir
zugeneigt ist. Sie ist sittsam und gut erzogen, aber sie trgt ein schweres
Unglck, sie hat vor dem Gesetz keinen Vater. Und er erzhlte den ganzen
Verlauf seiner Liebe, wie er Friederike kennengelernt und wie er Jahr und Tag
den Zwang getragen, sie nicht zu sprechen. Er erwhnte auch bescheiden den
Stieglitz und das Honorar fr die franzsische Stunde, den Tod ihres Vaters und
wie er sie verloren und in der Hauptstadt wiedergefunden, und er schlo mit den
Worten: Herr Magister, meine Mutter lebt, und sie wrde es als eine Untreue des
Sohnes gegen den verstorbenen Vater betrachten, wenn ich in eine andere Familie
treten wollte. Kann ich aber nicht der Sohn des Herrn Magisters werden, das
Glck meines Lebens wrde ich Ihnen danken, wenn Sie mich zum Schwiegersohn
annehmen wollten. Whrend August feurig von der Geliebten erzhlte, sa der
kleine Magister unter Kornblumen und Feldmohn auf einem Stein, und um ihn wogten
die hren im Winde. Er sa still mit gesenktem Haupt und gefalteten Hnden, und
die Trnen liefen ihm immer strker an den Wangen herab, ohne da er es selbst
wute. Nur einmal, als der Erzhler von dem gewaltsamen Tode des Hauptmanns
berichtete, stand er auf und starrte den Jngling mit wildem Blick an, aber er
setzte sich sogleich wieder. Als August geendet hatte, blieb der Kleine noch
immer sprachlos, der Mund zuckte ihm krampfhaft, und er rang vergebens mit
seiner Bewegung. Endlich begann er leise: Jener erwhnte Hauptmann Spie war
als Fhnrich in schsischem Dienst und trat bei der Reduktion in ein preuisches
Regiment. Der Magister Blasius aber und sein Bruder haben nach der Sitte der
Gelehrten ihrem Namen die lateinische Endung angehngt, und die verstorbene
Mutter der Demoiselle Friederike, welcher Sie gut sind, hie mit ihrem
Familiennamen Bla und war die leibliche Schwester desselben Magisters, welchen
Sie kennen. Der Hauptmann nahm die Tochter als sein Kind feindselig in das
Preuische. - Lassen Sie mich jetzt allein, Monsieur August. Ein alter Mann
wnscht der gttlichen Vorsehung zu danken, da sie es mit ihm in seinen alten
Tagen weit besser gefgt hat, als er verdient. Er winkte grend mit der Hand
und ging allein durch die Kornfelder dahin.
    Am nchsten Tage reiste der Magister mit Briefen, die ihm August fr die
Geliebte und fr die Komtesse geschrieben hatte, nach der Residenz. Beim
Abschiede sagte er dem Glcklichen: Ich komme nicht eher zurck, als bis ich
durch das geheime Konseil fr mich eine Tochter und fr Sie die Jungfer Braut
erhalten habe, und ich hoffe, da ich das Kind mitbringe.
    Unterdes empfing Herr von Reck die Antwort seines Verwandten; sie war so
ungnstig wie mglich. Der Knig hatte auf ein wohlwollendes Frwort, welches in
seinem Tabakskollegium an ihn gerichtet wurde, zornig geantwortet, er werde dem
Flchtling den Entlassungsschein nicht geben und wenn die schsische Majestt
selbst ihn darum angehe. Er wolle ein Exempel statuieren. Auffllig sei nur, da
er trotzdem die Sache liegen lasse und beim Regiment nichts verfge. Vielleicht
knne noch eine zu guter Stunde von der Familie bergebene Supplik ntzen, und
dafr erffne sich gute Gelegenheit, weil der Knig in den nchsten Wochen das
Kottbuser Land bereisen und ganz in der Nhe des Herrn von Reck verweilen werde.
    Nach Empfang dieses Briefes lie sich Herr von Reck durch sein Mndel,
welches fr die Sommermonate zum Besuch war, die Londoner Adresse des Kandidaten
Knig geben und schrieb zunchst nicht an August, sondern an den ltesten der
Familie.
    Dorchen war an einem hellen Sommertage mit sorglosem Herzen durch die Felder
gewandelt. Jetzt lehnte sie an dem neuen Gelnder des Steges, von dem sie als
Kind ins Wasser gefallen war, band Feldblumen zu einem Straue und dachte an
vergangene Zeiten. Da vernahm sie schnelle Tritte, derselbe Mann, von dem sie
selig getrumt, kam auf sie zu. Sie wute bereits, da er im Herbst aus England
zurckerwartet wurde, und flog ihm freudig entgegen. Aber sie hielt erschrocken
vor dem schwermtigen Ernst an, der auf seinem Antlitz lag. Ich komme meines
Bruders wegen, dessen Ehre und knftiges Leben in groer Gefahr sind, begann
Fritz gemessen. Einen Tag war ich bei der Mutter; ich habe ihr nur gesagt, da
ich wegen Augusts Entlassung mit Ihrem Herrn Vormund verhandeln msse. Dies ist
jetzt geschehen. Von hier gehe ich, um mich nach meinem Versprechen dem Knige
von Preuen zu stellen. Ich habe keine Hoffnung, zurckzukehren. Vorher wollte
ich noch einmal das liebe Frulein sehen; ich bitte Sie, da Sie meiner
freundlich gedenken. - Mu der Herr Kandidat gehen? fragte Dorchen, einer
Ohnmacht nahe.
    Ich mu. Die Gefahr ist fr meinen Bruder und fr mich nicht dieselbe. Er
hat harte Strafe zu befrchten, die er schwerlich ertragen wrde, ich habe davon
nichts zu erwarten. Leben Sie wohl, Dorothee. Ihn bermannte die Rhrung, er
wandte sich schnell ab und schritt dem Hause zu. Dorchen neigte sich ber das
Gelnder, die Sommerblumen schwammen im Wasser dahin.
    In der Wohnung des Magisters saen am Abend desselben Tages drei Frhliche
zusammen; der Magister als Hausherr und Vater nahm den Ehrenplatz auf dem Sofa
ein, aber der neuen Wrde ungewohnt, fuhr er hin und her, um Tischgert
herbeizuholen, so da Friederike ihn bitten mute, ihr Recht als Tochter zu
beachten. Die Demoiselle go den Herren aus groer Kanne den vornehmen Trank der
Schokolade, welche der Magister aus der Residenz mitgebracht, in die Schlchen,
und August freute sich innig ber die sichere Ruhe, mit welcher sie sich in der
neuen Umgebung bewegte. Whrend er erzhlte und die beiden zuhrten, trat sein
Bursch herein und brachte einen Brief, den ein Exprebote vom Gute des Herrn
Reck zugetragen hatte. Darin schrieb der Gutsherr vorsichtig, da Augusts Bruder
angekommen sei und sich dem Knig von Preuen whrend dessen Reise vorstellen
wolle. Dem Herrn Leutnant werde erwnscht sein, dies zu erfahren und vielleicht
mit dem Absender des Briefes Rcksprache zu nehmen.
    August sa betubt, und in dem Bestreben, sich und der Geliebten den
furchtbaren Ernst der Nachricht zu verhllen, sagte er: Mein lieber Fritz! Ich
denke, ihm gelingt es, mit dem Knig fertig zu werden. Aber er rief gleich
darauf: Ein Fremder mu mir schreiben, da mein Bruder in der Nhe ist.
    Niemand antwortete. August sttzte den Kopf in die Hand und starrte auf den
Brief. Da sagte Friederike ruhig: Ist der Herr Bruder von groer Leibeslnge
und sein Versprechen gegen unseren Knig von der Art, wie er dem Monsieur August
erzhlt hat, so wird dem Knige mehr an dem Bruder gelegen sein als an meinem
lieben Monsieur, und der Knig wird den Bruder nach Potsdam schicken.
    August stand auf. Die Worte waren wie ein Windeshauch, der den Nebel vor
seinen Augen zerri, er sah die Geliebte unverwandt an, sie ebenso ihn, doch
keines sprach von dem, was zu tun sei. Endlich beugte sich Friederike ber den
Bauer, in welchem der Stieglitz alt und lebensmde sa, und redete zu dem Vogel:
Wenn unser lieber Monsieur August seine Strafe berstanden hat und wieder als
Gemeiner bei Markgraf Albrecht eingekleidet wird, dann ziehen auch wir beide
fort von hier in das kleine Haus an der Stadtmauer. Die Rieke kocht und wscht
ihrem Schatz, und der Vogel singt.
    Da ergriff August seinen Hut und sprang aus dem Zimmer.

                            Knig Friedrich Wilhelm


Das Kottbuser Lndchen lag wie eine preuische Insel rings von schsischem
Gebiet umgeben. Knig Friedrich Wilhelm war zur Besichtigung gekommen, hatte
Soldaten gemustert und Kammergter bereist. Jetzt war er bei einem ansehnlichen
Gutsherrn zu Gaste, welcher sich mehr als andere Standesgenossen um die Kultur
seines Gutes und der Umgebung bemhte.
    Da der Knig den Aufenthalt in freier Luft liebte, so hatte der Gutsherr ein
Zelt aus roher Leinwand aufgeschlagen mit einem greren Raume fr die Mahlzeit
und einem kleineren daneben, wohin die Majestt sich zu ihrer Bequemlichkeit
zurckziehen konnte. Die Vorderseite des Raumes, in dem der Knig bei Tische
sa, war offen, so da der Herr von seinem Sitz ein groes Tabaksfeld
berschauen konnte, dessen hochaufgeschossene Stauden dem Wirte zu Freude und
Stolz gereichten, denn er versuchte als erster in dieser Gegend den Bau der
eintrglichen Pflanze.
    Der Knig war in sehr vergngter Stimmung; er hatte unter den aufgesetzten
Speisen Rauchfleisch mit Erbsen gefunden, einem alten Rheinweine tapfer
zugesprochen und hrte jetzt am Ende der Mahlzeit wohlgefllig an, was der
Landwirt von den Vorteilen des Tabakbaues erzhlte.
    Aber der Dnger, Kottwitz, wo soll der in dieser magern Gegend herkommen?
fragte die Majestt. Und als der Gutsherr von seiner Absicht sprach, einen
schlechten Teich auszutrocknen und nach einer Vorfrucht Tabak dorthin zu
pflanzen, schttelte der Knig das Haupt und sagte: Kottwitz, das wird
Lausewenzel. Die Sache mag gut sein, aber rauchen tu' ich deinen Tabak nicht.
    Da wagte der Landwirt die Gte seines Tabaks zu verteidigen, trug eine
Bchse und Tonpfeifen herzu, stopfte eine Pfeife und bat ehrerbietig, die
Majestt mge nur einmal selbst versuchen.
    Der Knig aber, welcher diesem Tabak nichts Gutes zutraute und dem auch
unlieb war, da eine fremde Hand gestopft hatte, legte die Pfeife beiseite und
sprach wohlwollend weiter.
    Der diensttuende Offizier wurde hinausgerufen; der Knig sah sich wiederholt
nach ihm um und rief dem Eintretenden ungeduldig entgegen. Was gibt's,
Einsiedel? Was hast du? Brennt das Pulver in der Tasche?
    Eure Majestt, ein auswrtiger Zivilist fleht um Gehr. Er gibt an, ein
Kursachse zu sein, Magister und Kandidat der Theologie, mit Namen Knig.
    Knig? wiederholte die Majestt nachdenkend. Was will der Sachse? Hast du
ihn nicht gefragt?
    Er will Eurer Majestt sein Anliegen selbst vortragen. Ein schner Mann,
Majestt, wenigstens einen Zoll ber sechs Fu. Der Knig stand schnell auf.
Den kenne ich, er soll sogleich hereinkommen. Er winkte mit der Hand, die
Gesellschaft trat ehrerbietig aus dem Zelte, und Friedrich wurde eingefhrt. Er
war bleich, aber er trug das Haupt hoch, als er nach ehrfurchtsvoller Verbeugung
begann: Eure Majestt befahlen mir vor zwei Jahren an Stelle meines Bruders,
welcher damals in Eurer Majestt Diensten stand, zu kommen. Ich habe die Ehre,
mich zu melden.
    Die Miene des Knigs verfinsterte sich, und die Finger umfaten heftig das
Rohr. Euer Bruder ist ein fahnenflchtiger Deserteur, und Ihr seid nicht viel
besser. Ihr habt zwei Jahre gebraucht, um Euch an Euer Versprechen zu erinnern.
    Halten Eure Majestt zu Gnaden, ich war als Erzieher zwei Jahre im Ausland,
hier ist mein Reisepa und das Zeugnis meines Prinzipals; meine Angehrigen
hatten mir in zu groer Sorge um meine Zukunft verborgen, da Eure Majestt die
Entlassung meines Bruders, welche ihm durch den Chef des Regiments erteilt war,
kassiert haben. Vor wenigen Tagen kam ich in mein Vaterland zurck, erst dort
habe ich das Schicksal meines unglcklichen Bruders erfahren. Von der Stunde an
wute ich wohl, was ich zu tun hatte. Er bot die Papiere.
    Nimm die Schreiberei, sagte der Knig zu Einsiedel.
    Es ist, wie er sagt, berichtete dieser hineinblickend, in dem Briefe
versichert Herr von Reck, da er selbst die schmerzliche berraschung des
Anwesenden gesehen, und er fleht die Gnade Eurer Majestt fr den redlichen Mann
an.
    Der von Reck ist ein ordentlicher Kerl, aber Euch, Sachse, ntzt sein
Frwort nichts. Euer Bruder hat mich unverantwortlich hintergangen, und Eure
Regierung hat alle amikabeln Regards vergessen, als sie meinen Fahnenkorporal
ohne Entlassungsschein zum Offizier annahm. Was soll daraus werden, wenn die
Ehre und Reputation der deutschen Offiziere in solcher Weise prostituiert wird?
Ich will ein Beispiel geben, da ich mich nicht durch schne Worte hinter das
Licht fhren lasse. Euer Bruder mag zum Teufel gehen, Ihr aber, da ich Euch
jetzt habe, tretet zur Stelle statt seiner ein.
    Was Eure Majestt ber mein Schicksal beschlieen, mu ich mir gefallen
lassen, sprach Friedrich ergeben, denn ich habe Eurer Majestt versprochen,
wenn Dieselben es fordern, mein Leben zur Verfgung zu stellen. Dazu bin ich
jetzt bereit; aber eben deshalb flehe ich fr meinen armen Bruder um
Gerechtigkeit. Dieser ist nicht so schuldig, wie Eure Majestt annehmen, und er
ist der Verzeihung und Gnade nicht unwert; auch seine Offiziersehre wage ich in
tiefster Submission vor Eurer Majestt zu verteidigen. Er hatte von seinem
preuischen Vorgesetzten unter amtlichem Siegel die Zuschrift erhalten, da
seine Entlassung von dem hohen Chef des Regiments bereits ausgefertigt sei und
da nur durch die Kommunikation an Eure Majestt die Zusendung verzgert werde.
War mein Bruder im Irrtum, wenn er dies Schreiben fr eine Lsung seines
Dienstverhltnisses hielt, so hat er sich doch nicht darauf verlassen, sondern
die schsischen Kommandeure selbst, welche ihm den Eintritt in den schsischen
Dienst antrugen, haben ihm die Zusicherung gegeben, die Aushndigung des
Entlassungsscheins bewirken zu wollen, ntigenfalls durch die Gesandtschaft.
    Der Knig stie heftig mit dem Stocke auf. Das ist eben die Lachet, und
dafr mt Ihr jetzt entgelten.
    Haben die schsischen Oberoffiziere aber zu voreilig der Gnade Eurer
Majestt vertraut, fuhr Friedrich demtig fort, so vertraue ich, da die hohe
Gerechtigkeit des Knigs von Preuen nicht das Versehen derselben meinem Bruder
zurechnen wird, der damals noch jung war und sich in betreff seiner
Offiziersehre willig auf das Urteil seiner Vorgesetzten verlie.
    Ich wrde diese beim Kopfe kriegen, wenn ich sie htte; so aber mu ich
mich jetzt an Euch halten.
    Mein Schicksal habe ich mit Vertrauen einem Herrn bergeben, der die
Gedanken der Knige lenkt und ihre Taten richtet, und ich stehe vor Eurer
Majestt als ein Mann, der gefat ist, sich von allen Hoffnungen, die er sonst
fr seine Zukunft hegte, zu scheiden. Aber da bis jetzt mein Beruf war, die
heiligen Gebote mir und anderen zu erklren, so gestatten Eure Majestt mir auch
zu sagen, da das Versehen, welches durch meinen Bruder und durch die
schsischen Behrden etwa gegen Eurer Majestt hohes Amt begangen wurde,
geringfgig ist gegenber dem greren Unrecht, welches Eure Majestt selbst an
meinem Bruder begangen haben.
    Der Knig hob den Stock und trat ihm nher. Was untersteht Er sich?
    Ich spreche aus, was der gerechte Sinn des Knigs von Preuen ohnedies
recht gut wei. Mein Bruder trat als Auslnder freiwillig in Eurer Majestt
Dienst, aber er wurde dadurch nicht Eurer Majestt Sklave. Als unser Vater starb
und die Familienverhltnisse eine Rckkehr in die Heimat wnschenswert machten,
hat mein Bruder wiederholt um seinen Abschied angehalten, und dieser ist ihm
wiederholt verweigert worden; zuletzt wurde ihm Urlaub, um seine kranke Mutter
zu besuchen, nur erteilt, nachdem Eure Majestt mich als Bruder wegen der
Rckkehr verpflichtet hatten in einer Weise, welche bei Christen und Heiden
ungewhnlich ist.
    Einsiedel trat einen Schritt vor und machte eine abwehrende Bewegung. La
den schsischen Pfaffen nur schwatzen, sagte der Knig grimmig, er hlt seine
Henkerspredigt. Was wagt Er mir mit seiner Zunge noch auf die Seele zu reden?
    Nichts weiter, sagte Friedrich fest, bebte ihm auch in tiefer Bewegung die
Stimme. Fr mich selbst habe ich nichts zu bitten.
    Eure Majestt werden Ihre Macht an mir ben, wie Sie es vor Gott
verantworten knnen. Ich wei, da Eure Majestt in dem Rufe eines strengen
Herrn stehen, und manche nennen Eure Majestt hart. Trifft mich die Hrte,
vielleicht haben andere den Segen.
    Das hie Ihn Gott reden, rief der Knig, den Stock senkend.
    Auf der Landstrae rollte ein Wagen heran; gleich darauf war auerhalb des
Zeltes eine Bewegung erkennbar. Der Offizier eilte hinaus und brachte die
Meldung: Herr von Reck ist angekommen, um Eure Majestt von kurschsischer
Seite zu begren. Er hat eine Demoiselle mitgebracht und erfleht fr sich und
seine Begleiterin Audienz.
    Jetzt schicken die Sachsen noch gar ihre Schrzen aus, um mir den
Nachmittag zu verderben, grollte der Knig. Hre, Einsiedel, diesen hier will
ich sogleich in der Montur meines Regiments sehen. Der Sergeant Dpel soll mit
ihm tauschen.
    Der Dpel ist anderthalb Zoll grer, wandte der Offizier ein, welcher
trotz seines Berufes ein gewisses Mitleid mit dem Fremden fhlte.
    Tut nichts, sagte der Knig, du mut an den Knien nachgeben.
    Der Dpel ist auch schmler in den Schultern; es ist schade darum, der Mann
wird sich schlecht prsentieren.
    Dummes Zeug, rief der Knig. Zieh ihn hier gleich hinter der Leinwand an
- er wies auf den Nebenraum des Zeltes. Rechts um und marsch! befahl er seinem
Opfer und sah ihm behaglich nach. Die Fremden la herein!
    Der schsische Gutsbesitzer wurde mit Dorchen in das Zelt gefhrt. Der Knig
stand wrdig in der Mitte des Raumes: Ich wei mich sehr wohl auf Sie zu
besinnen, Herr von Reck. Ist es ein Verwandter von Ihnen, der bei Marwitz
steht?
    Zu Befehl, Majestt, es ist mein Bruder!
    Was also fhrt Sie zu mir?
    Mir ist die Ehre geworden, Eure Majestt im Auftrage der schsischen
Regierung ehrfurchtsvoll zu begren. Zugleich wage ich mein Mndel, Dorothea
von Borsdorf, hchster Gnade zu empfehlen.
    Der Knig sah in guter Laune auf das hbsche Mdchen. Will das Frulein in
preuischen Dienst treten? Dorothea wollte sich tief verneigen, aber sie sank
auf die Knie und hob die gefalteten Hnde flehend auf.
    Stehen Sie auf, junges Frauenzimmer, sagte der Knig zurcktretend; ich
kann's nicht leiden, wenn Fremde vor mir knien. Am wenigsten Weiber. Ich knie
auch nicht vor Ihresgleichen. Was ist Ihr Begehr?
    Retten Eure Majestt den Fritz Knig. Die Miene des Monarchen umwlkte
sich. Ha so! Hat er Sie angestiftet, zu mir zu kommen? - Nein, rief Dorchen,
und er soll nie erfahren, da ich gewagt habe, seinetwegen zu Eurer Majestt zu
dringen.
    Er ist ihr Brutigam? fragte der Knig, zu dem Begleiter gewandt.
    Nein! entschuldigte sich Dorchen, er ist nur ein guter Freund aus der
Zeit, wo wir Kinder waren. Damals hat er mich mit eigener Lebensgefahr vor dem
Ertrinken bewahrt, und, fuhr sie errtend und stockend fort, auch spter hat
er sich meinetwegen in Gefahr gestrzt, um mich in Polen aus schrecklicher Lage
zu befreien.
    Ich denke, er war in England, sagte der Knig mit erwachendem Mitrauen.
    Es war vor seiner Reise, damals, als er zuerst vor Eurer Majestt Angesicht
kam. Ich war whrend jener frchterlichen Wochen zu Thorn, und er brachte mich
zu meinen Verwandten zurck.
    Darum also wagte sich der Candidatus unter die Sbel der Polen? Und Sie
haben die Geschichte ebenfalls erlebt? Ich kann sie nicht aus dem Gedchtnis
bringen, und wir mssen sagen: Der Herr wei alles zum besten zu lenken, aber
wir ngstigen uns, weil wir seine Gedanken nicht verstehen.
    Dasselbe sagte damals auch Fritz.
    So? fragte der Knig, er ist wohl ein heftiger Theologe, der gegen die
Andersglubigen auf seiner Kanzel paukt?
    So ist er nicht, er folgt mehr der Lehre von der Liebe und dem Erbarmen,
nur da er kein Kopfhnger ist.
    Das ist recht, besttigte der Knig zufrieden. Die Diskutierer auf der
Kanzel kann ich nicht leiden und die Kopfhnger auch nicht. Wer ein gutes
Gewissen hat, soll freudig und beherzt geradeaus sehen. Tun Sie das auch, mein
Kind, und sagen Sie mir ehrlich, was Sie wollen. Ich soll den Mann nicht fr
mich haben, sondern Ihnen zurckgeben, weil Sie ihn selber behalten wollen.
    Ein glhendes Rot flog ber Dorchens Gesicht. Unter den kurzen Worten des
Knigs zerri der Schleier, welcher ihr das eigene warme Gefhl verborgen hatte,
und leise sagte sie: Das will ich nicht! Aber im nchsten Augenblick lag sie
wieder auf den Knien und rang die Hnde. Ich habe gewagt, Herr Knig, was fr
ein armes Mdchen zu viel und schwer ist, verachten Sie deshalb meine Bitte
nicht. Ja, ich bin ihm gut, und was noch niemand von mir gehrt hat, Eurer
Majestt will ich es gestehen, damit Eure Majestt sich unser erbarmen. Ich
wei, da er aus brderlicher Liebe sich ausgeliefert hat wie jemand, der in den
Tod geht, denn er ist nicht zum Soldaten erzogen, sondern zum Geistlichen.
    Wie knnen Sie sagen, Demoiselle, da er zu mir gekommen ist wie einer, der
sich dem Profos ausliefert? Hat er eine solche Meinung vom Knig von Preuen?
    Nein! rief wieder Dorchen, noch immer kniend, ich htte nicht gewagt, zu
kommen, wenn Monsieur Fritz nicht zu Eurer Majestt ein ganz anderes Vertrauen
htte. Denn damals, als wir die unglckliche polnische Stadt verlieen, sagte er
zu mir mit schwerem Seufzen: Als Sachse wollte ich, wir htten das nicht erlebt,
und ich wollte lieber, wir wren unter dem Knig von Preuen zu Hause.
    Nun, sagte der Knig, was nicht ist, kann noch werden. Er schob die
Leinwand zurck und rief:
    Herein, Sergeant! Friedrich trat ein im blauen Rock des Knigs. Er stand
steif da, aber die Augen waren ihm feucht, und er hatte Mhe, die Haltung zu
bewahren.
    Als Dorothea den Geliebten in der Montur erblickte, verlor sie alle Fassung,
die Trnen brachen ihr aus den Augen, und sie verbarg ihr Gesicht im Tuche.
Unterdes betrachtete der Knig mit innigem Vergngen das Aussehen des Theologen.
Die Montur ist gar nicht zu enge, sagte er zu seinem Vertrauten, mit dem Ma
hattest du recht, er kme doch noch ins erste Glied. - Was ist hier los? fuhr
er verwundert gegen Dorothea fort. Herr von Reck, Ihr Mndel ist mit der
Vernderung nicht zufrieden. - Hat Er gehrt, was diese von Ihm erzhlt hat?
    Ja, antwortete Friedrich leise, wider meinen Willen.
    Es geschah auch nicht mit meinem Willen, Frulein, versuchte der Knig zu
begtigen, aber das Unglck ist einmal geschehen, nun wit ihr's beide. Hren
Sie auf mit dem Weinen! - er stampfte mit dem Stocke auf - das kann ich nicht
leiden. Sie gefielen mir vorhin besser. Was sagt Er zu den Gestndnissen dieser
Demoiselle?
    Die Erinnerung daran wird mir fr mein Leben das hchste Glck sein; ihre
Worte gleichen dem letzten Gru eines Freundes, von dem ich fr immer scheide.
    Wegen meines Rockes? fragte der Knig.
    Ja, sagte Fritz. Auch die Mutter hatte den Wunsch, da Frulein Dorothea
einst die Gattin meines Bruders wird.
    Der Knig sah enttuscht von einem zum andern. Zum Teufel mit Eurem
Bruder! rief er unwillig.
    Wieder trat der Offizier ein, diesmal selbst in Alteration. Der
Freikorporal Knig von Markgraf Albrecht meldet sich in Arrest.
    Dorchen stie einen leisen Schrei aus und tat einen Schritt auf Fritz zu,
als wenn sie bei ihm Schutz suchte; auch der Knig stand berrascht. Einsiedel,
ich will ihn nicht sehen. Trgt er schsische Montur?
    Er kommt zivil, er hat heut frh seine Entlassung aus dem schsischen
Dienst genommen.
    Hast du ihm gesagt, da der Bruder statt seiner angenommen ist?
    Gewi߫, antwortete der Offizier, und ich habe ihm gesagt, da er wie ein
Verrckter handelt, wenn er sich jetzt in unsere Hnde und vor die Augen Eurer
Majestt wagt. Ich habe ihm geraten, er soll zur Stelle seinem Pferde die Sporen
geben und nach Sachsen zurckreiten, denn was ihm hier bevorstehe, sei ein
Kriegsgericht und dahinter Ketten oder eine Kugel.
    Das war recht, sagte der Knig.
    Er aber meinte, er knne nicht dulden, da der Bruder fr sein Unrecht
bezahle, und msse darauf bestehen, sich selbst anzugeben.
    Warum hat er nicht frher so gedacht? grollte der Knig und sah von der
Seite auf Friedrich. Es ist zu spt, der andere ist bereits angenommen.
    Das hielt ich ihm vor; er aber meinte, er knne nicht leben mit einer
solchen Schuld gegen seinen Bruder auf der Seele, und ich sollte so barmherzig
sein und ihn melden.
    Wie war er?
    Wie ein braver Kerl vor dem Duell, hflich aber kurz.
    Der Knig sah wieder nach den Liebenden. Die weinende Dorothee hatte die
Hand des Rekruten ergriffen, und er blickte ihr traurig ins Gesicht. Geht beide
dort hinein, gebot der Monarch, und damit die jungen Leute nicht miteinander
allein bleiben, leisten Sie ihnen Gesellschaft, Herr von Reck. - Darauf befahl
er dem Offizier: Ich will den Ausreier doch sehen, halte fr alle Flle die
Wache bereit mit Ober-und Untergewehr.
    Eure Majestt haben ja niemand mitgenommen als den Dpel, weil Dieselben
meinten, Sie wollten Kottwitzen nicht zuschanden essen; und der Dpel steckt,
wie Eure Majestt befohlen, in dem schwarzen Rock des Theologen.
    Dann bleibst du selbst gegenwrtig. Diese schwadronierenden Sachsen sollen
sehen, da wir mit ihrem Mundwerk und ihren Flatusen auch noch fertig werden.
    August trat ein, stellte sich aufrecht hin und begann seine Meldung:
Freikorporal August Knig!
    Der Monarch unterbrach ihn rauh: Ist mir nicht bewut. Warum tragt Ihr
nicht die schsische Montur, wenn Ihr Euch bei mir meldet? Ich mag's nicht
leiden, wenn ein fremder Offizier sich wie ein Federfuchser kleidet.
    Ich habe meinen Abschied aus kurschsischem Dienst genommen und heute frh
erhalten.
    Abschied? fragte der Knig. Es kommen dabei Irrtmer vor.
    Hier ist mein Entlassungsschein, sagte August, ein Papier herausziehend.
Der Knig winkte dem Offizier, der es abnahm und meldete: Der Schein ist in
Ordnung.
    Kmmert mich nicht weiter, entschied der Knig. Einsiedel gab dem
Delinquenten das Papier zurck.
    Raucht Ihr Tabak, Leutnant Knig? fragte der Monarch.
    Zu Befehl, Eure Majestt.
    Dann zndet Euch diese Pfeife an. Reich sie ihm, gebot der Herr seinem
Vertrauten, und sorge fr Feuer.
    August setzte erstaunt den Tabak in Brand. Raucht! gebot der Knig
unwillig. Ich habe zu tun. Er setzte sich auf einen Holzstuhl an den Tisch,
nahm einen Anschlag ber die Kosten der Entwsserung, welchen der Gutsherr
zurechtgelegt hatte, und las darin. August stand still und steif am Eingang des
Zeltes und blies stark riechenden Dampf aus der Pfeife. Auch der Adjutant harrte
unbeweglich. Der Knig ergriff ein Papier nach dem anderen und vertiefte sich
darein, das dauerte eine Weile. Endlich fragte er ber die Schulter: Wie
schmeckt der Tabak?
    Schlecht, Eure Majestt, antwortete August, die Arme anziehend, er
fuselt.
    Das war Sein Glck, rief Friedrich Wilhelm aufstehend, ich habe es dem
Kottwitz im voraus gesagt. Es ist gut, Leutnant Knig, Ihr knnt abtreten. Und
da Ihr von hier sogleich in Eure Garnison zurckreisen werdet, so mgt Ihr einen
anderen Abschied als der ist, den Ihr in Eurer Tasche tragt, fr einen
Namensvetter von Euch mitnehmen, der auch August Knig hie und vor Jahren in
meinen Diensten stand. Die Aushndigung ist durch gewisse Umstnde versptet
worden. Setze dich, Einsiedel, und schreibe fr den gewesenen Freikorporal
August Knig einen richtigen Abschied. Und schreibe darunter das Jahr und den
Tag, an welchem der Bewute die preuische Garnison verlassen hat, damit seine
Landsleute ihn nicht fr einen verdammten Ausreier halten. Wit Ihr, wie lange
es her ist? August nannte das Jahr und den Tag, aber die Worte kamen klanglos
aus der Kehle.
    Einsiedel schrieb, der Knig sah wieder in die Rechnungen, bis ihm der
Offizier den Abschied zur Unterschrift vorlegte. Der Herr unterzeichnete und
winkte, den Schein dem Sachsen zu geben. Aber August verweigerte die Annahme.
Danken Sie Gott und stecken Sie ein, sagte leise der Offizier. August
antwortete ebenso: Ich kann an meinem Bruder nicht zum Schelm werden.
    Was gibt's noch? grollte der Knig, sich umsehend.
    Er will den Abschied nicht nehmen, Majestt. Der Knig erhob sich, und als
er sah, da August das Knie beugte, rief er zornig: Donnerwetter, wer in meinen
Diensten gewesen ist, soll wissen, da der Soldat nicht kniet, auer im ersten
Gliede beim Feuern.
    Vergebung, Majestt, bat der Verabschiedete. Dem August Knig, welchem
die hchste Gnade heut die Entlassung bewilligte, darf ich den Abschied nicht
mitnehmen, wenn ich ihm nicht seinen Bruder zurckbringe, welcher sich als sein
Stellvertreter der Gnade Eurer Majestt bergeben hat.
    Der Deserteur will noch Bedingungen stellen? rief der Monarch in hellem
Zorn. Er wagt auf meine Nachsicht zu trotzen? Ich will ihm einen strengen Herrn
zeigen. Nimm seinen Degen. Fort mit ihm!
    Er hat keinen Degen, Majestt, rapportierte der Offizier und gebot, zu dem
Sachsen tretend: Sie sind verhaftet, folgen Sie mir. August rckte sich
zusammen. Er erkannte, da er in ungndige Hand gefallen war, aber er sprach
nichts weiter, sondern wendete sich zum Gehen.
    Da vernahm der Knig ein unterdrcktes Schluchzen aus dem Nebenraum des
Zeltes. Oho! rief er und schlug mit dem Stock auf den Tisch, denn ihm fiel
ein, da er als ehrlicher Mann den lteren Bruder nicht behalten konnte, wenn er
den jngeren im Arrest festsetzte. Einsiedel! Der Offizier und sein Gefangener
wurden am Eingang sichtbar. Frage doch den Kerl, ob er in Sachsen eine Braut
hat? Der Offizier wiederholte die Frage, und August antwortete: Nein! Ob er
eine gewisse adlige Dorothea Borsdorfin von Person kennt.
    Ich kenne sie seit meiner Kindheit, sagte August.
    Frage ihn, gebot der Knig weiter, ob er die Dreistigkeit gehabt hat, sie
heiraten zu wollen.
    Es war zwischen den Eltern vielleicht die Rede, versetzte August. Ich
glaube aber nicht, da ihr Gemt mir zugewandt ist.
    Sie will ihn durchaus nicht zum Manne, brach der Knig gegen den
Unglcklichen los. Sie will Seinen Bruder; da er es nur wei.
    Der Knig rhrte an die Leinwand. Bringen Sie Ihre Anbefohlenen heraus,
Herr von Reck!
    Dorothea traf mit ihrem Vormund heran, hinter ihnen Friedrich in der Montur.
Hier, Frulein, sagte der Monarch mit einer unbeholfenen Ritterlichkeit, die
ihm doch gut stand, denn man merkte ein ehrliches Wohlwollen, hier sind zwei
Brder. Einer davon gehrt mir, der andere mag gehen, wohin er will. Der, den
Sie heiraten wollen, den nehme ich, und ich will mir Mhe geben, die
Einwilligung Ihrer Verwandtschaft durchzusetzen.
    Das Frulein stand zwischen den beiden Brdern. Majestt, flehte sie
zitternd.
    ngstigen Sie sich nicht, versuchte der Knig zu trsten, ich meine es
gut, und ich will Ihnen beweisen, da ich kein Tyrann bin, obgleich dieser hier
- er wies auf Friedrich - mich dafr ausgeschrien hat.
    Dorothea sah zur Erde, aber die Rechte hob sich leise auf Friedrich zu. Der
Knig ergriff schnell ihre Hand und legte sie in die des Kandidaten, stellte
sich vor diesen und berhrte ihm mit dem Knopfe des Stockes die Brust. Dich
wollte ich, sprach er, und du gehrst zu mir. - Ziehe jetzt meine Montur aus,
obwohl ich dich lieber darin sehe als in dem schwarzen Rock. Der Feldprediger
von Markgraf Albrecht ist hinfllig, ich setze dich in seine Stelle, damit
sollst du bei mir anfangen. Ihr, Herr Leutnant aus Sachsen, steckt jetzt Euren
preuischen Abschied in die Tasche. Da Ihr, um Eure brderliche Pflicht gegen
meinen Feldprediger zu erfllen, aus dem schsischen Dienst ausgetreten seid, so
will ich dafr sorgen, da Ihr wieder hineinkommt. Kottwitz! rief er aus dem
Zelt. Den Herren Sachsen schmeckt der Tabak nicht. La den Wagen vorfahren.

                                     Schlu


Frau von Borsdorf kam zu Madame Knig und rang nach der ersten Begrung die
Hnde. Meine Doris ist mit ihrem Vormund ins Preuische gefahren, um vor dem
bsen Knige wegen Entlassung des Monsieur August einen Fufall zu tun. Die
Tante schreibt durch die Botenfrau.
    Frau Knig ahnte nicht die Gre der Gefahr, aber sie wurde von tiefer
Rhrung ergriffen, da Dorchen aus Neigung fr den Sohn ein solches Wagnis auf
sich genommen; alle anderen Plne, die sie in letzter Zeit wegen einer reichen
Heirat gehabt hatte, schwanden dahin; sie fiel der Freundin um den Hals und
sagte: So wird durch unsere Kinder selbst offenbar, was lange unser Wunsch
war. Endlich stimmten die Mtter einmtig zusammen. Doch whrend sie die
Zukunft der Kinder besprachen, fuhr ein Wagen vor, und nicht August, sondern
Fritz und Dorchen knieten vor den Frauen und baten um den mtterlichen Segen;
August aber stand ruhig beiseite und sah zu.
    Als der erste Sturm der berraschung vorber war, nahm die Mutter den
jngeren Sohn beiseite und fragte in zrtlicher Teilnahme: Wie wirst du das
ertragen, armes Kind?
    Mit vergngter Seele, versetzte August. Die Mutter sah ihn erstaunt an.
Ich war dem Dorchen niemals so gut wie der Bruder.
    Da wurde der Mutter leicht ums Herz: Mir ist von der Majorin aus deiner
Garnison etwas zugetragen worden. Bei euch ist jetzt eine reiche Partie, die
angenommene Tochter des Magister Blasius. Der Mann hat frher schlecht an uns
gehandelt, aber er soll sich in seinen alten Tagen sehr gebessert haben, auch
bei dem Mdchen ist etwas mit der Herkunft nicht in Ordnung, und das wre ja ein
Hindernis. Aber sie hat eine gute Erziehung erhalten, und es sind drei Huser
vorhanden. Man sagt, da dein Hauptmann sich sehr um das Mdchen bewirbt. - Du
knntest dann den Soldatendienst aufgeben und dich zur Ruhe setzen.
    Ich bleibe Soldat, liebe Mutter, antwortete August. Wegen der gtigen
Worte aber, mit denen Sie die Demoiselle erwhnten, ksse ich Ihnen dankbar die
Hnde. Morgen fhre ich der Frau Mutter die Schwiegertochter zu.
    Neunzehn Jahre waren den Brdern in ungetrbtem huslichem Glck vergangen.
Zwei Knige, denen sie den Eid geleistet, waren gestorben; der eine, welcher
alle hochgewachsenen Mnner zwingen wollte, seinem Staate zu dienen, und der
andere, der alle Frauen und Tchter, welche ihm gefielen, fr sich begehrte.
Zwischen den Nachfolgern war der Krieg entbrannt. In dem zweiten Kampfe, den der
junge Knig Friedrich von Preuen um den Besitz Schlesiens fhrte, hatte sich
Kursachsen mit sterreich verbunden, und Frst Leopold von Dessau zog mit einem
preuischen Heere gegen Dresden heran. Bei Kesselsdorf erwarteten die Sachsen
und sterreicher seinen Angriff. Das schsische Leibregiment, welches jetzt
Regiment Knigin hie, stand auf dem linken Flgel nach Kesselsdorf zu, und
der Hauptmann Knig hatte den Platz links von seiner Kompanie nahe den
Grenadieren an der Flanke. Zweimal schlug das Regiment den Angriff der Preuen
zurck. Als im dritten Angriff neue Reihen aus der schwarzen Wolke von
Pulverdampf heraustraten, sah der Sachse die Uniformen des Regiments, welches
sein verstorbener Freund, der General Vogt, gefhrt hatte. Ihm gegenber trieb
ein Major zu Pferde seine Kompanie mit geschwungenem Degen vorwrts. Ein Schu
traf das Pferd, da es ausbrach, in wilden Stzen bumte und wenige Schritte vor
der schsischen Front zusammenbrach. In dem gestrzten Reiter erkannte August
den alten Stubennachbar Brsicke, er sprang vor und umfate den Jugendfreund,
ihn aus dem Gewhl zu retten. Da sank er selbst, in den Rcken geschossen, zu
Boden. Als der Preue sich ber den Gefallenen neigte, sah dieser ihn mit
freundlichem Blicke an und sagte im Sterben leise: Es war eine schsische
Kugel!

Am zweiten Feiertage der Weihnacht standen zahlreiche Relaispferde mit Bereitern
und Postillionen vor dem Pfarrhofe eines groen mrkischen Dorfes, um den
siegreichen Knig Friedrich zu erwarten, welcher nach geschlossenem Frieden in
die Residenz zurckkehrte. Auch die Beamten der Umgegend hatten sich
eingefunden. Denn bei dem Pfarrhofe pflegte der Herr jedesmal anzuhalten, sooft
er des Weges fuhr. Als der knigliche Wagen herankam und der Knig whrend des
Umspanns mit den Versammelten sprach, trat die Frau Pastorin neben ihren Gatten
und bot auf der Tablette eine Erquickung. Ist jemand gestorben? fragte der
Knig, dem das Trauerkleid der Frau auffiel, den Geistlichen.
    Mein Bruder blieb bei Kesselsdorf, er stand unter den Sachsen im Regiment
Knigin.
    Das Regiment hat sich brav gehalten, sagte der Knig. Sind das alles Eure
Kinder? Er blickte ber eine Gruppe von Knaben und Mdchen, welche von der
offenen Hoftr mit groen Augen nach ihm hinsahen.
    Meine Kinder und die meiner lieben Schwgerin, antwortete der Geistliche
und wies auf eine Frau im Witwenkleide.
    Der Knig wandte sich zu seinem Begleiter im Wagen: Kennen Eure Liebden
diese hohe Sule unserer Kirche?
    Es ist der groe Feldprediger, der frher im Regiment Markgraf stand.
    Wissen Sie, wo wir ihn zuerst gesehen haben? - Es war bei dem seligen
Knige im Berliner Schlo zur Zeit der Tragdie von Thorn.


                            Aus einer kleinen Stadt

                                 Im Jahre 1805

Es war eine ansehnliche Kreisstadt im Flachland der schlesischen Oder, in der
Mitte ein weiter Marktplatz, der Ring, darauf das Rathaus. Von den Ecken des
Marktes liefen vier Hauptstraen zu den beiden Toren. Seit dem letzten Brande
standen die Huser unter neuem Ziegeldach, schn rosa, blau und gelb getncht,
die meisten hatten freilich nur ein Erdgescho, doch viele auch ein Stockwerk
darber, wenige aber zwei Stock, und diese wurden als merkwrdig gezeigt. Das
Ganze war von einer Mauer umgeben, ber welcher noch die Tortrme ragten; alles
hbsch regelmig, wie von einem klugen Riesenknaben aus seinem Baukasten
aufgesetzt. Auerhalb der Stadt zogen sich Scheunen und Stlle der Vorstdte
weit hinein in die Ackerflur, auf der viele Brger der Stadt schweren Weizen
erbauten. Es war eine alte Stadt, einst eine Festung deutscher Kolonisten gegen
fremdes Volk, und mancher wilde Kriegssturm hatte um ihre Mauern getobt. Aber
das war lange her, die Mauern waren brchig geworden, in dem trockenen
Wallgraben breiteten sich Obstbume, und die Gnse des Stadtkmmerers weideten
darunter, die Brger aber lebten unbekmmert um ihre alte Kriegsherrlichkeit und
wuten auch nichts davon. Ihre Erinnerung an frhere Zustnde begann mit dem
Schwedenkriege, sogar dieser war undeutlich geworden, denn die Konfessionen der
Stadt verkehrten in brderlicher Eintracht, die Gebildeten meinten, da aller
Glaubenshader abgetan und in ihrer aufgeklrten Zeit unmglich sei, die Frauen
hrten am liebsten, wenn ihre Pfarrer von der christlichen Liebe predigten, und
die geistlichen Herren saen beim Glase Ungarwein gern einander gegenber. Wenn
sich die Stadt einmal von vergangener Zeit erzhlte, so begann und endete ihre
Geschichte mit dem Alten Fritz, der die Provinz fr seinen Staat erobert hatte.
Die lteren Leute berhmten sich, da sie ihn persnlich gekannt hatten, und in
den meisten Wohnstuben hing sein Bild.
    In den Mauern der Stadt walteten unumschrnkt die guten Geister der Ordnung
und Stille, nur am Abend des Wochenmarktes schrie zu weilen ein trunkenes
Buerlein. Jedermann ging am Sonntag frh auf seinen Platz in der Kirche und
nachmittags in den neuen Kaffeegarten, um sich dort ebenfalls hinzusetzen, und
das Hauptfest im Jahre war das Knigschieen. Auerdem erschien zur Freude der
Jugend zuweilen ein mrrisches Kamel mit seinem Affen und zwei Bren oder ein
Seiltnzer mit kleinen Kunstpferden, sehr selten ein Trupp Komdianten, den die
Polizei ungern sah, weil er immer Schulden hinterlie. Die Honoratioren
besuchten im Winter die Vorstellung eines fremden Knstlers, der die Flte blies
und deklamierte oder ein Schattenspiel zeigte; doch auch neue musikalische
Erfindungen wurden aufgefhrt: die Glasharmonika, wobei dem Stadtdirektor seine
eigene Frau ohnmchtig wurde, oder eine olsharfe, welche der Verfertiger am
Stadtwalde in abgestecktem Raume aufhing. Dieser Genu war sehr ergreifend, nur
trug er dem Manne nichts ein, weil die Leute den Geistergesang am liebsten von
fern vernehmen wollten. Unleugbar war fast alles in der Stadt mig und
bescheiden, auch der Wohlstand war nicht bergro, aber die Brger gediehen doch
und merkten, da sie vorwrtskamen trotz der Miernten in den letzten Jahren.
Ihr schlesisches Geld, Bhmen und Grschel, war schwrzlich; es war auch weniger
wert als das Kurant, aber die Brger nahmen es willig und wurden, wenn sie es
ausgaben, gern lustig. Jeder wute so ziemlich, was der andere besa, und einige
Kaufleute und Fabrikanten galten fr reich, ja einer von ihnen sollte die
Absicht haben, in seiner Fabrik eine Dampfmaschine aufzustellen.
    Groer Luxus wurde in der Stadt nur im Winter sichtbar, wenn die adligen
Gutsherren des Kreises im Gasthofe ihr Krnzchen abhielten und untereinander
einen Ball veranstalteten. Dafr wurde der Fuboden des Saals und die Treppe
sorgfltig mit Wasser und Brste behandelt, was sonst nicht hufig geschah, und
alle llampen des Kronleuchters wurden angezndet. Die Edelleute kamen in
geschlossenen Kutschen, manche mit silbernem Pferdegeschirr, und die vornehmsten
hatten Lufer in bunter Tracht mit einer groen geflochtenen Lederpeitsche als
Bandelier. Dann tanzten die Herrschaften vergngt miteinander, die Damen trugen
Ballkleider aus der Residenz, und die Herren schlpften in eine Nebenstube, um
Pharao zu spielen; und wer von dem kleinen Stadtvolk neugierig war, stand auf
der Strae und sah zu den erleuchteten Fenstern auf.
    Natrlich war ein verstndiger Brger oft unzufrieden mit den kniglichen
Behrden, welche seine Stadt und das Land regierten, sich in alles mischten und
auch da, wo sie das Beste wollten, herrisch und ungeschickt schalteten; noch
hufiger rgerte er sich ber die Garnison, ber Roheit der Soldaten und
Ungezogenheiten der Offiziere, und wenn vor der Hauptwache das Signal zum
Gassenlaufen gegeben wurde, verbot er seinen Kindern und Dienstboten zuzusehen.
Er wunderte sich auch ber den Lauf der Welt, denn er hatte die ganze
Franzsische Revolution erlebt, wie man dort vor kurzer Zeit Knig und Adel in
grter Eile umgebracht hatte, und wie jetzt pltzlich ein neuer Kaiser
aufgeschossen war. Aber obgleich eine unruhige und kriegerische Zeit gekommen
war, in welcher vieles Alte zusammenbrach, das geschah weit drauen, und man
unterhielt sich gleichmtig davon, wie von fremden Dingen; denn die Provinz lag
abseits in Sicherheit, und das polnische Wesen in der Nhe war zwar bel
beleumdet, jedoch nicht mehr zu frchten.
    Und wenn einer von den Brgern auf rauhen Wegen in seiner alten Kalesche
oder in dem unfrmlichen Holzwagen der Post nach der Hauptstadt der Provinz
fuhr, so fand er dort alles in grerem Mastab und reichlicher als daheim, doch
im Grunde war es nur ein Unterschied in der Gre; er besuchte ebenfalls als
Hauptvergngen den Kaffeegarten, welcher am Abend durch viele bunte Lampen
illuminiert wurde, er sa in dem gewlbten Ratskeller und stand im Parterre des
Theaters und erzhlte nach berstandener Reise vergngt, da es in der groen
Stadt immer etwas Neues gebe: eine Menagerie, einen Luftballon. Aber im brigen
lebte die Hauptstadt fast ebenso still dahin, wie das ganze Land, hchstens, da
die Schneidergesellen einmal Revolte machten, weil die hohe Obrigkeit sich gar
zu einfltig gegen sie benahm.
    Heute war Sonntag. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel warm in die
reingefegten Gassen, und von beiden Pfarrtrmen luteten die Glocken. Die Stadt
aber befand sich in einem Zustande stiller Aufmerksamkeit und Beobachtung. Denn
der neue Arzt war angekommen. Ein junger, angenehmer Mann, sagte die
Gastwirtin zu ihrer Nachbarin, der Bckersfrau, lang von Gestalt und von
ernsthaftem Wesen, sein Name steht im Fremdenbuch als Doktor Ernst Knig. Er hat
schne Wsche, so stickt hier niemand die Hemden. Die Bckerin deutete dasselbe
ihren Kunden an, und die Milchfrau trug es weiter; bis endlich der Friseur den
Fremden beobachtete und die Neuigkeit zu allgemeiner Kenntnis brachte. Ja, es
war nicht zu leugnen, der Doktor sah ansehnlich aus in rundem Biberhut und
zierlichen Stulpstiefeln, auch trug er keinen Zopf mehr, sondern das helle Haar
halblang, und das Gekrusel dabei war ein natrliches. Das wute der Friseur
genau, denn er traf den Fremden bei seinem besten Kunden, dem kniglichen Zoll-
und Akziseeinnehmer Khler, als er diesem den Zopf flocht. Und er sah den beiden
Herren bekmmert nach, wie sich diese zu ungewhnlicher Zeit promenierend nach
dem Stadttor bewegten.
    Dort liegt das Riesengebirge, erklrte der Einnehmer seinem Gast und wies
zwischen den Linden des Stadtwalles auf die blauen Berge in der Ferne. Aber
Riesen wohnen nicht mehr in den Tlern, sondern arme Weber, welche wenig zu tun
haben, seit der franzsische Kriegstrubel den Kaufleuten die Wege unsicher
macht. Und was Sie in der Mitte sehen, ist die Schneekoppe.
    Der Doktor wandte sich freudig der Richtung zu: Ich habe vor Jahren dort
oben gestanden und den Sonnenaufgang erlebt. Er war unbeschreiblich schn und
erhob mir die Seele. Als ber den Nebeln der Erde das goldene Tagesgestirn
heraufstieg, kam es mir vor wie die Gottheit selbst, welche in dem Chaos unter
ihr blhendes Leben schafft. Glcklich ist der Mensch, welchem Gelegenheit
wurde, ein Bild solcher erhabener Gre in seiner Seele zu bewahren.
    Der Einnehmer drckte seinem Gaste die Hand. Ich freue mich, da Ihr Gemt
offen ist fr die Reize der Natur, darin gleichen Sie ganz dem seligen
Kriegsrat, Ihrem lieben Vater. Sind Sie auch auf unseren alten Burgen
herumgeklettert?

Dort, wo wildverschlungene Ranken sich
ber Uhunester schwarz verbreiten,

wie Matthison so schn sagt, obgleich mir wahrscheinlich ist, da er sich bei
den Nestern nicht den eigentlichen Uhu, sondern vielmehr die Fledermaus gedacht
hat. Er unterbrach sich selbst. Von dieser Seite sehen Sie durch das Stadttor
bis auf den Markt.
    Ich habe mich ber das gute und saubere Steinpflaster gefreut. -
    An Steinen fehlt es unserer Gegend nicht, versetzte der Einnehmer, auch
nicht an Besenbindern, welche ihren Edelleuten die Birkenreiser aus dem Walde
stehlen. Nun, Sie werden unsere Herren und das Landvolk zur Genge
kennenlernen.
    Ich bin ja selbst ein Landeskind, sagte der junge Arzt, und mein Beruf
macht es mir leicht, mit vornehm und gering fertig zu werden. Jetzt freilich, da
ich aus der Fremde heimgekommen bin, sehe ich, da man hier in manchem
zurckgeblieben ist.
    Still! warnte der Einnehmer, wir sind in starkem Fortschritt, und wer uns
das leugnet, mag sich hten. Es gibt hier und da Leute, welche Bcher ber uns
schreiben; diese sind uns durchaus verhat, ich hoffe, Sie gehren nicht zu der
Zunft. Der Gast verneinte. Im Vertrauen, wir fhlen uns in unserer Haut gar
nicht wohl, aber wir knnen nicht leiden, da andere uns das zu verstehen geben.
Wenn Sie einmal unzufrieden mit dem hiesigen Wesen sind, so schelten Sie nur
immer gegen mich, man wird Ihnen sagen, da an mir nichts zu verderben ist, und
ich hoffe, Ihr lieber Vater hat Ihnen auch gesagt, da ich ein zuverlssiger
Freund bin. Er schttelte dem Doktor die Hand. Dennoch wundert mich, da Sie,
dem ich ber sein gutes Aussehen keine Artigkeit sagen will, an diesem kleinen
Ort niedersitzen.
    Ich folge dem Wunsche meines Vaters, und mir selbst liegt daran, sobald als
mglich eine feste Ttigkeit zu erhalten.
    Sie waren lngere Zeit in der Fremde?
    Ich wurde als junger Arzt von meinem Professor dem kranken Prinzen Georg
zum Begleiter empfohlen und lebte einige Jahre mit ihm auf Reisen, zuletzt in
Paris, wo ich Zutritt zu den Hospitlern gewann.
    Der Einnehmer stand erstaunt still: In Paris? rief er, Sie sind ein
Wundermann, und es kann Ihnen gar nicht fehlen. In Paris! Eine lebhafte Stadt,
etwas unbndig. Die Straen sind dort ja wohl mit Kpfen gepflastert, welche die
Kleinen den Groen abgeschlagen haben.
    Jetzt ist gute Ordnung dort, antwortete der Gast, und die Polizei
strenger als bei uns. Natrlich, versetzte Herr Khler, der groe Musikus
dort versteht es, alle Welt nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Ich sage Ihnen,
Ihr Glck unter uns ist gemacht, jedermann schttelt sich, wenn von Paris die
Rede ist, aber jedermann will davon hren.
    Er zog seine silberne Uhr heraus. Kommen Sie, der Gottesdienst ist zu Ende,
wir treffen die Honoratioren jetzt in der Frhstcksstube beieinander; dort
werde ich Sie einfhren. Auch der Wein ist gut.
    Sie traten in die Weinstube, dort trafen sie die Vornehmen der Stadt an drei
runden Tischen versammelt, an dem einen die Offiziere der Garnison, bei ihnen
den adligen Stadtdirektor und mehrere Herren vom Landadel, am zweiten die
kniglichen Offizianten, am dritten Kaufleute und Fabrikanten, den Kmmerer und
Apotheker. Herr Khler stellte den Gast vor und fhrte zum zweiten Tisch. Alle
Augen beobachteten die neue Erscheinung. Der Einnehmer aber deutete leise seinen
Vertrauten an, wie es um den Gast stehe, da er von Paris komme und mit dem
Kaiser Napoleon auf der Strae vielfach zusammengetroffen sei. So wurde der
Doktor bald Mittelpunkt einer lebhaften Unterhaltung, nur die Offiziere am
Herrentisch zeigten eine gesuchte Nichtachtung, sprachen laut und verchtlich
von dem revolutionren Wesen und von einem Abenteurer, der durch unerhrtes
Glck heraufgekommen sei.
    Ob der Friede dauern wird, fragte jemand vom dritten Tisch, bis unser
Bndnis mit sterreich und Ruland geschlossen ist?
    Wir gehren einem so groen Staate an, da wir nicht ntig haben, von
fremder Hilfe unser Heil zu erwarten, antwortete vom ersten Tisch gewichtig der
Stadtdirektor.
    Wir sind so gro geworden, besttigte der Einnehmer, da niemand mehr
recht sagen kann, wo unsere Grenzen sind. Sie werden jedes Jahr gendert. Wie
man erzhlt, aus Geflligkeit gegen den Kaiser Napoleon.
    Eine Pause entstand. Er ist ein Korse, rief verchtlich der Reiterleutnant
Baron Hille, welcher aus einer nahen Garnison herzugeritten war.
    Ohne Zweifel, besttigte der Einnehmer. Ob dieser Mann aber als Korse,
als Franke oder als Gallier nichtsnutziger ist, vermag ich nicht zu entscheiden.
Ich hrte jede dieser drei Eigenschaften an ihm tadeln. Vielleicht wrde der
Herr Baron uns sagen, weshalb man der Insel Korsika nichts Gutes zutrauen darf.
    Der Kerl und sein republikanisches Gesindel werden laufen, wenn sie von
preuischen Husaren attackiert werden, rief der aufgeregte Leutnant wieder. Ein
beiflliges Summen der Offiziere besttigte die Worte. Auch die vom Zivil
nickten mit dem Kopfe.
    Der Kaiser trgt hohe Stiefeln, sagte der Einnehmer, die mgen ihn wohl
bisher am Laufen gehindert haben. Denn diese Eigenschaft hat er noch nicht sehen
lassen; wenn er es ja einmal versuchte, ist er noch immer vorwrts gekommen.
    Wieder Stillschweigen. Tun Sie, als wren die drben nicht da, sagte der
Einnehmer leise zum Doktor, Sie mssen Ihnen zuerst guten Tag sagen. Das
geschah auch. Nach einiger Zeit, als der Fremde gerade einmal von seinem Sitz
aufgestanden war, erhob sich ein kleiner Herr in zimtfarbigem Rocke und blendend
weier Wsche, trat zu dem Doktor, gab sich als Kammerherrn von Bellerwitz zu
erkennen und leitete das Gesprch mit den Worten ein, da er den Vater des Herrn
Doktors wohl gekannt habe.
    Auf dem Markte erscholl rauher Anruf und Tritte. Mehrere der Anwesenden
eilten an das Fenster. Sie bringen ihn! sagte der Stadtdirektor zu dem
Kammerherrn.
    Ein schlanker Bursch wankte, den Oberkrper vorgeneigt, zwischen bewaffneten
Fhrern, an dem entblten Haupte hatte er eine Hiebwunde, das geronnene Blut
klebte in den Haaren und entstellte ihm das Gesicht. Vor dem Hause des
Weinkaufmanns stand ein Brunnen, der Gefangene schrie mit heiserer Stimme:
Wasser!, und als die Wchter ihn fortstoen wollten, warf er sich auf die
Steine. Vergebens mhten sich die Mnner, ihn in die Hhe zu bringen. Mit dem
Stadtdirektor eilte der Doktor auf die Strae, holte Besteck und Verbandzeug aus
der Tasche und erbat Erlaubnis, dem Manne die blutende Wunde zu verbinden. Die
Frau des Weinkaufmanns trug mitleidig ein Handbecken herzu, und als der
Verwundete auf die Schwelle des Hauses geschleift war, reichte ihm der Arzt
einen Trunk, wusch und verband die Wunde und sprach ihm trstend zu. Der
Verwundete sah den Hilfreichen dankend an, erhob sich nach einer Weile
schweigend und wurde auf Befehl des Direktors vorlufig in das Stadtgefngnis
gefhrt.
    In der Weinstube sagte der Direktor: Der Mensch ist Untertan des Grafen und
wird dort durch die Karbatsche von seiner Strrigkeit geheilt werden.
    Der Doktor fragte mit Teilnahme: Was hat er verbrochen?
    Er wollte ein Mdchen aus dem Dorfe des Grafen heiraten, welches untertnig
ist wie er, und da das Mdchen hbsch und sauber war, weigerte ihm der Inspektor
die Ehe und bestimmte das Mdchen zum Dienst auf dem Hofe, wo sie ihre drei
Jahre aushalten soll. Darber geriet der Bursche auer sich, vergriff sich
ttlich an dem Inspektor und entsprang.
    Der Graf soll den Kerl zu meiner Kompanie geben, bei uns werden ihm die
Mucken ausgetrieben, begann der Kapitn von Buskow, der die Garnison
befehligte, ein hagerer Mann mit harten Zgen, dem man wohl ansah, da er die
Fuchtel zu gebrauchen wute.
    Was wird jetzt mit dem Unglcklichen geschehen? fragte der Doktor.
    Er wird morgen dem Grafen ausgeliefert werden, antwortete der
Stadtdirektor, und hat von seinem Inspektor keine nachsichtige Behandlung zu
erwarten.
    Wie ist es mglich, da er in die Hnde desselben Mannes geliefert wird,
den er beleidigt hat? fragte der Doktor. Ist er schuldig, sich an dem
Gutsbeamten vergriffen zu haben, so gehrt der Fall doch wohl vor das knigliche
Gericht.
    Der Inspektor bt die Polizei auf den Gtern des Grafen, und der Graf hat
die Gerichtsbarkeit ber seine Dorfleute, belehrte der Stadtdirektor, in
Kriminalfllen hat der Inspektor erst dem Gericht Anzeige zu machen.
    Und wenn er den Burschen vorher halbtot schlagen lt, wie Sie selbst
annahmen? Oder wenn er ihn auf andere Weise im Ortsgefngnis mihandelt, was
wird dann geschehen?
    Der Stadtdirektor zuckte schweigend die Achseln und ging an seinen Tisch.
    Da verlie den Doktor die Vorsicht, und er sagte nachdrcklich: Zustnde,
welche dergleichen mglich machen, sind tyrannisch und im schreienden
Widerspruch gegen die Gebote der Humanitt.
    Sansculotte, murmelte der Reiterleutnant halblaut.
    Das Behagen in der Stube war gestrt, die Herren verhandelten in leisem
Gesprche, vom dritten Tisch ersuchten einige der Herren den Einnehmer, sie mit
dem Gaste bekanntzumachen, und der Fabrikant drckte diesem krftig die Hand und
sprach seine Freude darber aus, da er sich in der Stadt niederlassen wolle.
    Als der Doktor mit seinem Vertrauten auf den Markt trat, begann der
Einnehmer: Die drei Tische, welche Sie heut gesehen haben, finden Sie bei uns
berall. Die am ersten Tisch schwadronieren wie der Baron, oder sie drcken
lchelnd die Hnde wie der Kammerherr, der zweite Tisch versieht die
Plackerarbeit des Staates und fgt sich, und der dritte denkt still auf seinen
Vorteil und verzieht den Mund ber die beiden anderen. Das brige Volk aber
sitzt stumm auf der Bank oder der bloen Erde. brigens wnsche ich Ihnen Glck
zu Ihrem Eintritt bei uns.
    Ich frchte, nicht bei allen eine gnstige Meinung erweckt zu haben,
antwortete der Doktor, ich habe Ihre Warnung von vorhin nicht beherzigt.
    Das ist wahr, aber Sie waren stolz und menschenfreundlich. Sie werden im
ganzen Kreise als Revolutionr herumgetragen werden, und jedermann wird begierig
sein, Sie kennenzulernen, am meisten unser Adel. Da Sie keinen Talar tragen, der
mit Hieroglyphen bedruckt ist, was freilich das Wirksamste wre, so ist schon
etwas wert, da Sie sich durch abenteuerliche Ideen von den hiesigen Menschen
unterscheiden. Kommen Sie, heut sind Sie mein Gast auf ein Gericht Gerngesehen.
    In seiner Wohnung ging der Einnehmer zum Schreibtisch und holte eine seltsam
gestaltete goldene Berlocke heraus. Wissen Sie, was das ist?
    Es stellt eine Guillotine vor.
    Richtig! Ich habe sie vor zwlf Jahren dem Kammerherrn abgekauft, der
damals noch jung war und sie wohlgefllig an der Uhr trug. Ich hebe sie auf und
erinnere ihn zuweilen daran, was ihm unlieb ist. Es hat Stunden gegeben, mein
junger Freund, fuhr er ernster fort, wo der knigliche Einnehmer Khler hier
unter dem Bilde des Alten Fritz die Ansicht hatte, da ein solches Hackebrett
auch anderswo als bei den Franzosen gute Dienste tun wrde gegen unertrglichen
Hochmut und ein vornehmes Schmarotzertum ohne Kraft und ohne Ehre, welches bei
uns alles verdirbt. Trotz alledem sind die, welche wir hier im Kreise haben,
noch lange nicht die Schlechtesten. Wer als Rabe geboren ist, von dem kann man
nicht verlangen, da er wie eine Lerche singen soll. Heute habe ich Lust, Ihnen
die Berlocke zu schenken.
    Tun Sie das nicht! bat der Gast.
    Dann hebe ich sie fr den Kammerherrn auf, entschied der Einnehmer. Und
jetzt denken wir daran, da Essen und Trinken zu den unvergnglichen Freuden des
irdischen Daseins gehrt. Ich habe einen Menescher Ausbruch im Keller, an dem
Sie Freude haben werden.
    Nach dem Essen ging der Arzt in das Gefngnis, was ihm der Direktor whrend
des Verbandes bewilligt hatte. Er fand den Burschen, dem die Arme von den
Fesseln befreit waren, finster auf dem Schemel sitzen. Als er ihm die Wunde
besorgt hatte und einige ermutigende Worte sagte, fate der Gefangene pltzlich
seine Hand, und die Trnen strzten ihm ber die bleichen Wangen. Der liebe
Gott bezahle Ihnen, da Sie so freundlich gegen mich sind. Ich htte den
Inspektor nicht verprgelt, wenn er nicht meinem Mdchen schon lange
nachstellte. Jetzt nimmt er sie auf seinen Hof, und was sie dort aus ihr machen
-  Er ballte die Faust und murmelte: Es wird ein Unglck. Erzhlt mir von
Eurem Mdchen, sagte der Arzt, ich bin hier zwar fremd, vielleicht kann ich
Euch doch in etwas helfen. Da begann der Bursch sein Mdchen zu rhmen und
wurde darber wieder weich. Denkt auch, wie Ihr Euer Schicksal zum Besseren
wendet, mahnte der Doktor, habt Ihr nicht jemand, der bei dem Grafen fr Euch
sprechen kann?
    Der Gefangene schttelte den Kopf und sah unwillkrlich auf ein Fenster
seines Arrestes, welches in die Stadtmauer gebrochen war: Der Inspektor soll
mich nicht einsperren.
    Kann ich noch etwas fr Euch tun? fragte der Arzt.
    Ich habe meine Mtze verloren, sagte der Gefangene finster. Die Landjger
haben mich durchsucht und meinen Geldbeutel genommen, in dem einige Groschen
waren, da kann ich nicht einmal zu einer Mtze kommen.
    Der Doktor legte etwas Geld auf das Fensterbrett und verlie das Gefngnis.
    Von dem Gefangenen ging er nach dem Gasthof und fragte, ob der Kammerherr
noch in der Stadt sei. - Der Wagen war bereits vorgefahren, doch wurde er von
dem Bedienten gemeldet und angenommen. Er erklrte seinen Eintritt mit dem
Wunsche, einem Herrn, der sich seines Vaters freundlich erinnere, sogleich
seinen Besuch zu machen, und begann nach kurzem Gesprch: Ich habe soeben dem
Gefangenen den ntigen rztlichen Beistand geleistet, der junge Mann ist in
verzweifelter Stimmung, und die Sache kann weitere Folgen haben. Und er
erzhlte von der Eifersucht des Burschen. Es war bereits davon die Rede, sagte
der Kammerherr unbehaglich, und der Mensch ist leider im Kreise nicht
unbekannt, er gilt fr einen guten Musikus und war zur Kirmeszeit und sonst in
den Drfern eine beliebte und auch gefrchtete Person; ich traue ihm wohl zu,
da er neues rgernis bereitet.
    Vielleicht knnte dies vermieden werden, wenn die Braut des Mannes nicht in
den gefrchteten Hofdienst treten mte.
    Das ist nicht zu verhindern, erklrte der Kammerherr bestimmt.
    Durch Ihr Frwort, sagte der Arzt bittend. Der Kammerherr sah ihn erstaunt
ber diese Zumutung an.
    Die Ansprche, welche an das Mdchen gemacht werden, stehen im Widerspruch
zu allem, was man Kultur und Zeitgeist nennt, und eine gewisse Unzufriedenheit
im Publikum uert sich gern in Privatbriefen und Pasquillen. Der Graf selbst
wird vielleicht ein Interesse daran finden, da der Vorfall nicht nach der
Residenz getragen wird.
    Wenn er nicht ein nheres Interesse hat, die Person im Dienst zu behalten,
fuhr dem Kammerherrn heraus. Er sah den Doktor mitrauisch an.
    Doch dieser fuhr beharrlich fort: Ich habe den warmen Wunsch, mir in dieser
Gegend Wohlwollen zu erwerben, und ich glaube dasselbe dadurch zu verdienen, da
ich ein Unglck verhten helfe. Dies wrde hier der Fall sein, wenn sich ein
anderer anstndiger Dienst fr das Mdchen fnde.
    Sie haben nicht ganz unrecht, gab der Kammerherr zu, der recht gut wute,
da an hchster Stelle nichts widerwrtiger war als ungnstiges Gerusch im
Volke und der Vorwurf der Inhumanitt. Und er bedachte, da der dreiste
Fremdling vor ihm vielleicht selbst solchen Vorwurf irgendwo erheben knnte.
Deshalb fuhr er fort: Wie ich hre, waren Sie in Gesellschaft des Prinzen auf
Reisen, stehen Sie mit dem Herrn noch in irgendwelcher Verbindung? Er hat mir
erlaubt, ihm zu schreiben, sagte der Doktor, sich erhebend.
    Ich freue mich ausnehmend unserer Bekanntschaft, schlo der Kammerherr
sehr artig. Und was jene Affre betrifft, ich treffe noch heut mit dem Grafen
zusammen, vielleicht finde ich Gelegenheit, ein gutes Wort einzulegen. Kommen
Sie in die Nhe meines Hofes, so versteht sich von selbst, da Sie nicht
vorbeifahren.
    Als es Abend wurde, stand der Doktor in seiner neuen Wohnung. Sie sah aus
wie viele andere, vielleicht etwas heller und sauberer; die Dielen von
Tannenholz frisch gescheuert, die Wand mit blauer Kalkfarbe gemalt, die Mbel
bis auf eine alte verschnrkelte Kommode geradlinig, hager, ohne jeden unntzen
Schwung. In der Stube und auf dem Lande verkndeten bereits die Eingeborenen,
jeder nach seiner Weise, das Lob des Gastes. Der Baron von der Reiterei schalt
ihn einen frechen Brgerlichen, den man schon ducken werde, der Kammerherr sagte
daheim: Er ist dreist, aber er ist ein geistreicher Kopf, die Gastwirtin lobte
den artigen Dank, mit dem er von ihr geschieden war, der Fabrikant erklrte
seiner Frau: Zu dem knnte ich Vertrauen haben; sogar ein armer Flchtling
gedachte in dieser Stunde des Fremden, whrend er mit blutenden Hnden das
Gitter seines Kerkers aus den Steinen brach, und der Einnehmer sagte, vor seinem
Schrank die Bnde von Jean Paul liebevoll betrachtend: Endlich eine Seele mit
hherem Schwung, nur den Titan versteht er nicht zu schtzen. Alle Welt
beschftigte sich mit ihm und war bereit, ihn nach ihrer Art hoch zu achten.
Mute man ihn nicht glcklich preisen, wie er so dastand, jung, gutgestaltet,
freundlich aufgenommen an einem Ort, wo er berreiche Gelegenheit erhielt,
seinen Beruf zu ben, nichts auf seiner Seele, keine Leidenschaft, keine arge
Tat, die ihm den Frieden stren konnten. Und doch stand er allein, traurig, mit
beschwertem Mut: Du, mein verklrter Vater, dessen Bild ich in der Seele trage
als mein hchstes Gut, oft sagtest du mir, da das Bewutsein erfllter Pflicht
das einzige dauerhafte Glck auf Erden bleibt. Aber ich frchte, frhlich macht
es nicht, und den mnnlichen Stolz, als ein Herr durch das Leben zu gehen,
verleiht es doch nicht. So freudige Menschen, wie ich zuweilen unter den Fremden
gefunden, wie sie der englische Dichter zu schildern wei, sehe ich hier
nirgends. Jeder wandelt mit eng angezogenen Armen seine Strae, damit er nicht
anstoe. Viele sind wie Freigelassene, welche sich in ihrem Gemt noch als
Knechte betrachten, die Mehrzahl sthnt in der Sklaverei. Auch der krftige Mann
erhebt sich einmal ber die andern, indem er sie neckt und verspottet, und in
der nchsten Stunde ist sein Genu, alles Irdische als verchtlich zu betrauern
und vor einer Graburne zu seufzen. Es ist eine edle Poesie, die uns aus der
alltglichen Wirklichkeit in reinere Luft erheben will, aber traurig, traurig
ist es, da in dem Leben des Tages nichts gefunden wird, was mit Begeisterung
erfllt. Die kraftvolle Hingabe an Schnes und Groes, das in Wirklichkeit unter
uns lebt, wird sie den Deutschen jemals kommen, und werden wir in unserm stillen
Lande auch einen Anteil daran gewinnen? - Vielleicht langsam, nach harten
Kmpfen, in einem spteren, glcklicheren Jahrhundert. Das gelobte Land, welches
du, lieber Vater, entbehrtest und das ich nicht erblicke, das werden die
Spteren einnehmen. - Ich murre nicht mehr, mein Vater; wie du fr mich lebtest,
so will ich fr das nchste Geschlecht mich hingeben; ich will meine Pflicht tun
gegen die anderen, und ich will danach ringen, da ich dies tglich vermag. Er
setzte sich nieder, faltete Bogen zusammen und zog die Linien zu dem Geheimbuch,
das er als Arzt fr seine Kranken fhren wollte.
    Am nchsten Morgen kam die Wirtin des Doktors und erzhlte, da der
Gefangene in der Nacht ausgebrochen sei. Wohin kann er sich geflchtet haben?
fragte der Doktor den Einnehmer. Dieser wies nach dem Gebirge: Wahrscheinlich
wird er Schmuggler, denn er wei in der Gegend Bescheid. Und als der Doktor in
der nchsten Woche, einem Briefe des Kammerherrn folgend, auf dessen Gut kam,
sah er bei der Hausbedienung ein sauberes Mdchen, welches ihm durch die
traurige Miene auffiel. Als er in den Wagen stieg, stand sie hinter dem
Bedienten auf den Stufen und betrachtete ihn unverwandt. Auf dem Rcksitz fand
er hinter dem Kissen einen kleinen Nelkenstrau eingeklemmt, und bald erfuhr er,
da die Kammerherrin selbst sich entschlossen hatte, die Braut des Flchtlings
in ihren Dienst zu nehmen.

                            Am Ringvall der Vandalen


Der knigliche Einnehmer Khler blieb dem Doktor der liebste und vertrauteste
Umgang. Er war ein gesetzter Mann in guten Mitteljahren, in dem behaglichen
Gesicht glnzten zwei hbsche, ausdrucksvolle Augen, welche er beim Sprechen
gern zusammendrckte. Er war als Ehrenmann geschtzt, aber seiner spttischen
Einflle wegen mehr gefrchtet als geliebt, und der Kammerherr nannte ihn
kaustisch. Unverheiratet und nicht ohne Vermgen, sah er gern Gste bei sich;
auch diese hatten sich zu hten, da er ihnen nicht mit Wort oder Taten einen
Possen spielte, der zuweilen derb war.
    Einst hatte er den jngeren Freund zum Abend auf einen Rehrcken geladen,
der ihm als Geburtstagsgeschenk zugegangen war. Da ffnete sich die Tr, und
wahrscheinlich angezogen von dem Duft des Bratens, den er im Vorbergehen
aufgefangen hatte, trat der steife Hauptmann von Buskow in die Stube. Da die
Beharrlichkeit des unbeliebten Gastes bekannt war, so hielt der Doktor den Abend
fr verdorben. Khler aber sah den Freund mit seinem schlauen Blicke an, schob
ihm ein Buch zu und zog den Hauptmann vertraulich zur Seite. Ihnen ist bekannt,
da die Tungusen Hunde verspeisen. Der Hauptmann hatte nichts dagegen
einzuwenden. Unter uns besteht eine Abneigung gegen diesen Genu, wie der
Doktor behauptet mit gutem Grund; wie ich sage, ohne Grund. Und heut will ich
ihm das beweisen. Sie sind gerade der rechte Mann, dabei den Dritten abzugeben,
denn Ihnen, als einem Militr, wird allerlei Fremdartiges im Feldkessel nicht
unerhrt sein.
    Sie werden doch nicht - fragte der enttuschte Hauptmann. Bst! mahnte
der Einnehmer. Niemand darf etwas merken.
    Sie haben aber doch noch etwas anderes in der Kche, fragte der Offizier.
    Natrlich nicht, versetzte der Einnehmer, er darf keine Wahl haben.
    Recht so; doch leider bin ich heut verhindert, bedauerte der Besucher und
entfernte sich nach gleichgltigen Reden. Und die beiden Freunde blieben allein.
Als aber der Hauptmann einige Tage darauf in Gegenwart anderer den Doktor
spttisch fragte, wie ihm der seltsame Braten geschmeckt habe und der Doktor den
Einnehmer befremdet ansah, antwortete dieser: Denken Sie, Herr Hauptmann, wie
es mir neulich erging. Meine Wirtin war in der Stille widersetzlich geworden,
und da sie es fr unehrliche Kchenarbeit hielt, den befohlenen Braten in die
Pfanne zu tun, so hat sie hinter meinem Rcken ein wirkliches Reh, das mir
zufllig der Oberfrster geschickt hatte, gebraten und uns vorgesetzt.
    Seit der Zeit bestand eine Spannung zwischen dem Einnehmer und der
bewaffneten Macht, und daraus wurde bald offene Feindseligkeit. Ein Bauer hatte
nmlich dem Herrn Khler einen jungen flgellahmen Storch zugetragen, den dieser
sorgfltig ftterte und zhmte; der Storch lief gern aus dem Hofe und wurde ein
eifriger Besucher der Gassen und des Marktes. Die Brger freuten sich ber das
kluge Tier des Herrn Einnehmers, und die gnstige Meinung, welche der Kinderwelt
von den sozialen Verpflichtungen des Storches beigebracht war, verschaffte ihm
auch die achtungsvolle Freundschaft der Straenjungen. Der Storch aber gewann
bei den Besuchen des Marktes eine Vorliebe fr die Schildwache und fr die
Herren Offiziere, welche an der Vergatterung der Hauptwache auf und ab
schritten; ihn mochte bednken, da dies eine ehrenvolle Beschftigung sei, und
er gewhnte sich an, unter dem Jubel der Kinderschar auch seinerseits vor der
geweihten Sttte ernsthaft hin und her zu gehen. Als Herr Khler dies erfuhr,
lie er ihm vom Schneider blau und rote Fracksche machen und band sie ihm ber
die Flgel. Da war natrlich, da in der Brgerschaft laute Heiterkeit entstand,
da aber die Kriegsmacht in den Frackschen eine persnliche Krnkung sah. Der
arme Storch bezahlte die Zeche, er wurde an einem der nchsten Tage in der
Dmmerstunde dem Einnehmer tot ins Haus gebracht, und dieser wollte erkennen,
da sein Liebling durch einen Degenstich gemeuchelt sei. Er schwieg, wie ihm die
Klugheit gebot, aber er sann auf Rache. In der Weinstube der Honoratioren stand
nach alter Sitte ein Tabakskasten, aus dem sich die Gste mit Diskretion
bedienen konnten. Die Brgerlichen brachten ihre Tabaksbeutel mit, die Herren
vom Militr pflegten aus dem Kasten zu requirieren. Da geschah es eines Tages,
da nach dem Genu der Frhstckspfeifen das gesamte Offizierskorps der Stadt in
einen Zustand der Abspannung und Schwche verfiel, durch welchen die
kriegerischen bungen des Nachmittags verhindert wurden. Der jdische Wirt
bewies erschrocken seine Unschuld, indem er andere Pfeifen aus demselben Kasten
stopfen lie, und es war auf niemanden sonst etwas zu bringen, doch war der
Einnehmer an dem gefhrlichen Morgen in der Stube gewesen. Und es ist gar nicht
zu ermessen, wie weit dieses Kriegsfeuer zuletzt um sich gefressen htte, wenn
es nicht durch grere Ereignisse ausgetilgt worden wre.
    Unterdes gewann der Doktor Vertrauen und Zulauf und erhielt reichliche
Gelegenheit, seine Kunst zu erweisen. Es whrte nicht lange, da er auch die
Anstrengungen fhlte, denn einen groen Teil seiner Praxis fand er auf den
Drfern, und fast tglich, wenn die Kranken der Stadt besucht waren, mute er
mit jeder Art von Fuhrwerk meilenweit ber Land. Zumal als der Herbst und Winter
kam, wurde die Reise in offenem Wagen oder Schlitten, auf schlechten Landwegen
durch wirbelnden Schnee und dunkle Nacht zur Beschwerde. Er aber fuhr,
eingehllt in seinen Pelz, einen Sbel zur Seite, unermdlich nach allen
Richtungen des Kreises, und die Leute rhmten an ihm, da er den Armen ebenso
bereitwillig helfe wie den Vornehmen. Als gewissenhafter Mann empfand er die
furchtbare Verantwortung seines Berufes, denn die Wissenschaft hatte zu seiner
Zeit von den Geheimnissen des inneren krperlichen Lebens weit weniger erspht
als wohl jetzt. Der Arzt war deshalb oft unsicherer, nur auf Beobachtung uerer
Erscheinungen und auf Mutmaungen angewiesen, und der junge Doktor verbrachte
manche schlaflose Nacht in Zweifel und Gewissensbedenken, und doch durfte ihm
niemand etwas davon ansehen, und er mute dergleichen schwere Sorge allein
tragen, ohne einen Vertrauten.
    Noch etwas strte ihm das Behagen. Es wurde ihm bitterlich sauer, Honorar zu
fordern, am schwersten bei den anspruchsvollen Reichen; den Armen gab er lieber,
als er nahm. Dies Gefhl vermochte er nicht zu berwinden, und seine Forderungen
niederzuschreiben, blieb ihm die widerwrtigste Arbeit. Da war es natrlich, da
seine Einnahmen nicht im richtigen Verhltnis standen zum Umfange seiner
Ttigkeit. Doch besa er von seiner Mutter ein miges Vermgen, welches ihn von
den Honoraren unabhngig machte, und er betrachtete dies als ein groes Glck.
    Allmhlich drang der Ruf, den er als Arzt gewann, ber die Grenzen seines
Kreises hinaus. Unter anderen Einladungen in die Ferne erhielt er einst die
eines Landgeistlichen, der fr seine kranke Frau, welche in Behandlung eines
anderen Arztes gewesen war, ein Gutachten erbat. Der warme Ton des Briefes und
die Weise, in welcher der wrdige Senior seine Angst um die liebe Frau
aussprach, gewannen ihm im voraus besondere Teilnahme des Doktors. Der Wagen
rollte durch eine fruchtbare Ebene, deren ppiges Grn in der warmen
Frhlingsluft das Auge erfreute. Dennoch wurden dem Reisenden die Meilen des
Weges zu lang, und der Kutscher, der zuletzt in der Gegend nicht mehr bekannt
war, mute einige Male nach der Pfarre fragen. Endlich trabten die Pferde ber
unbebautes Land, das mit Ginster und Dornen bewachsen war, bei einem runden
Hgel vorber, in einen weiten Hof mit Scheunen und Stllen, die einer groen
Feldwirtschaft angehrten, und hielten vor einem langgestreckten, niedrigen Bau
unter Schindeldach.
    Der Senior trat aus dem Hause dem Gaste entgegen, ein Mann in hheren
Jahren, mit weiem Haar, aber von krftiger Haltung, mit einem groen Kopf und
vollem Angesicht, dem man die milde Gutherzigkeit ansah. Nach der ersten
Begrung bat der Gast, zu der Kranken gefhrt zu werden, und er konnte nach
sorgfltiger Prfung des Falls dem Gatten zuletzt die frohe Mitteilung machen,
da die Krankheit heilbar und Genesung zu erwarten sei. Darauf erst erhob sich
in der Studierstube des Herrn Seniors das unter treuen Deutschen notwendige
Wechselgesprch, welches zu einer persnlichen Annherung zu fhren pflegt.
Daraus erfuhr der Doktor, da Behrden und Gemeinden sich in bergroer Liebe
zum Herkmmlichen niemals entschlossen hatten, ein neues Wohnhaus zu errichten,
da aber die Pfarre doch zu den besten des Landes zhlte, viele reiche Drfer
gehrten dazu und vieles Ackerland; der Himmel aber hatte die Pflichttreue des
Herrn Seniors durch reichen Kindersegen vergolten, die Shne waren Beamte und
Lehrer geworden, mehrere Tchter an Pastoren der Umgegend verheiratet. Nur die
jngste Tochter lebt als treue Gehilfin der Mutter im Hause, schlo der Senior
seinen Bericht, unsere Henriette ist Trost und Freude unseres Alters. Und dies
idyllische Dasein wre so glcklich, da kaum ein Wunsch brigbliebe, wenn wir
noch gar so einsam und allein lebten.
    Bei solcher Pfarre mu doch ein groes Dorf sein.
    Es ist gar kein Dorf da, belehrte der Geistliche, nur wenige Htten, die
zum Hofe gehren. Das Dorf wurde im Dreiigjhrigen Kriege verwstet, es stand
auf der den Sttte, an welcher sie vorbergefahren sind, daneben liegt noch
eine hohe Schwedenschanze; das Dorf wurde nicht wieder aufgebaut, nur die Kirche
und Pfarre sind erhalten.
    Der Doktor trat wibegierig an das Fenster. Eine schlanke Frauengestalt
schritt behend vorber, wie ein Lichtschein hob sie sich von dem dunklen
Hintergrunde ab. Er sah eine rosige Wange, braungelocktes Haar, ein edel
geschnittenes Profil, einen vollen, krftigen Arm.
    Das war die Tochter, sang es in ihm, wie ist sie schn.
    In solcher Einsamkeit helfen die Bcher, fuhr der Senior fort. Der Doktor
wandte sich um, das helle Licht war verschwunden, er stand in der grauen
Wirklichkeit der schmucklosen Stube.
    Es ist vor allem der teuere Gottesmann Luther, mit dessen Lebenslauf und
Werken ich mich beschftige, bedeutete der Senior, behaglich auf seinen groen
Bcherschrank zeigend. Der Doktor sah artig nach den Titeln. Hier finden Sie
sein Bild, erklrte der Pastor, an die Wand tretend. Dort das seiner Kthe,
und hier darunter sehen Sie die Sttte, an welcher er verborgen gehaust hat. Er
wies auf eine kleine Radierung der Wartburg.
    Als Student habe ich in den Ferien die Wartburg besucht, fiel der Doktor
ein, auch die Studierstube, wo der Teufel mit dem Tintenfa geworfen wurde.
Darum knnte ich Sie beneiden, rief der Pastor. Es ist nmlich eine besondere
Fgung, da der groe Mann in zwei wichtigen Lagen seines Lebens auf frstlichen
Burgen in Verborgenheit gelebt hat; sowohl auf der Wartburg als auch spter im
Frnkischen auf der Koburg. Von der letzteren jedoch ist mir eine Abbildung zu
erhalten nicht gelungen. Die Koburg habe ich nicht selbst gesehen, sagte der
Doktor arglos, doch habe ich von meinem Vater gehrt, da irgendwo bei
Verwandten ein Neues Testament aufbewahrt wird, in welches der Reformator einem
meiner Vorfahren, der mit ihm bekannt war, auf der Koburg einen Spruch
eingeschrieben haben soll. Das ist ja eine groe Erinnerung, rief der Senior,
den Arzt mit einer neuen Art von Achtung betrachtend. Also Ihre Familie war mit
Doktor Luther bekannt. Bitte, setzen Sie sich und erzhlen Sie. Er fate den
Gast mit beiden Hnden und drckte ihn auf das Sofa. -
    Es ist lange her, Herr Pastor, antwortete der Doktor hilflos, und ich
bekenne, gar nichts weiter von der Bekanntschaft zu wissen.
    Da ffnete sich die Tr und Henriette trat ein. Der Gast schnellte in die
Hhe, wieder kam ihm vor, als ob ein heller Schein den Raum erleuchte. Er sah
mit einer Mischung von Bewunderung und Scheu das Mdchen vor sich und verbeugte
sich tief. Ihre Wangen rteten sich bei ihrem gehaltenen Dank. Der Kaffee steht
im Garten, sagte sie leise dem Vater.
    Das war ein guter Gedanke. Unsere Kaffeestunde ist vorber, lassen Sie sich
als Reisender noch eine Schale gefallen. Unterdes gewinnt die Kche Zeit, ihre
Pflicht zu tun.
    Ich kann Sie nicht so lange aufhalten, wandte der Doktor ein, mit
geringerer Ehrlichkeit, als ihm sonst eigen war, da er gern bleiben wollte. Und
das mute er zur Stelle versprechen. Denn Vater und Tochter sahen ihn ganz
erschrocken an, und der Senior hob beschwrend die Hnde: Ohne Abendessen den
weiten Weg zurckmachen, das drfen Sie uns nicht antun. Henriette! Tabak,
Pfeifen und Fidibus, denn auch in der freien Natur soll der Mensch seiner
Bequemlichkeit gedenken.
    Der Vater bernahm die Fhrung, der Doktor lie sich nicht nehmen, den
Tabakkasten zu tragen. Als sie so im Hausflur standen, wo der Geistliche noch
schnell die Rumlichkeiten des Hauses erklrte, rollte ein Wagen in den Hof. Dem
Gast entging nicht, da ein leichter Schatten wie ein Bedauern ber das offene
Angesicht der Tochter flog. Aus dem Korbwagen stiegen zwei Bauernmdchen in
ihrer Sonntagstracht; der Kutscher aber sprach angelegentlich mit dem Hausherrn.
Mit dem Mller geht's zu Ende, wandte sich der Senior betrbt zur Tochter,
und er verlangt meinen Beistand. Gottesdienst mu allem vorgehen; seien Sie mir
nicht bse, lieber Doktor, wenn ich Sie um eines Sterbenden willen auf eine
Stunde allein lasse, meine Tochter und diese wackeren Mdchen werden Sie
unterdes umherfhren. Er eilte in seine Stube, sich fr die geistliche Handlung
zu rsten. Der Doktor berlegte, ob er bei dem Tausch gewonnen hatte; ber
Doktor Luther brauchte er nicht mehr Auskunft zu geben, aber die Unterhaltung
mit der Tochter war auch gestrt.
    Die Bauernmdchen begrten unterdes das Pfarrkind. Der Wagen traf uns auf
dem Wege, da stiegen wir ein, erklrte die eine. Wir kommen bitten, begann
die andere, ob Sie mit Blumen zur Hochzeit aushelfen wollten.
    Was fllt euch ein, ihr Mdel, da ihr mich heut so fremd anredet? schalt
Henriette. Wir sind Dutzschwestern und vom Vater zusammen konfirmiert,
erklrte sie dem Gaste, hier Brbel, die Schulzentochter, und Liesel vom
Freibauer; ihr Vater und wir grenzen mit der Flur. Sie denken, weil ein Herr aus
der Stadt dabei ist, mssen sie vornehm reden. Kommt alle mit, wir fhren den
Herrn in den Garten. Sie ffnete die Hintertr des Hauses.
    Dort lag der Garten, zwischen dem Hause und dem Kirchhofe eingehegt, ein
wohlgepflegter Raum mit gradlinigen Beeten, auf denen die Frhlingsblumen:
Primeln, Narzissen und stolze Kaiserkronen, in ppiger Pracht blhten. Dahinter
lief die niedrige Mauer des Friedhofes, halb verdeckt durch Flieder- und
Jasminbsche, man bersah den Friedhof mit den einfachen Denkmlern, die der
Landmann nach der Vter Sitte errichtet, und in seiner Mitte die alte Kirche mit
ihren gemauerten Strebepfeilern, dem blauen Holzdach und einem spitzen Turm,
dessen oberer Teil auch aus Holz gezimmert war. Henriette beachtete wohl, wie
sehr dem Gast das kleine Landschaftsbild gefiel, und als er dies mit einfachen
Worten sagte, wies sie auf eine groe Geiblattlaube an der Seite.
    Hier sitze ich oft am frhen Morgen, berlege mir die Arbeit fr den Tag
und sehe, wie der Turm und das Kirchdach vom Frhlichte erglnzen. Hier ist es
immer traulich und still. Nur des Sonntags fllt sich der Friedhof mit den
Kirchgngern aus unserer Gemeinde, mit groen und kleinen; dann summt die
Unterhaltung zwischen den Kreuzen, denn die Leute, die sich hier treffen, haben
einander viel zu erzhlen, und die Kinder lassen sich schwer abhalten,
umherzuspringen, sie klettern auf die Steine der Mauer, kauern dort wie eine
Reihe Schwalben und gucken neugierig in den Garten. Sie fhrte nach der Laube,
ntigte zum Sitzen und bot den Gsten die Tassen mit dem geschtzten Tranke; dem
Doktor aber trug sie, wie sich geziemte, die Pfeife herzu. Als er ablehnte, bat
sie so freundlich, da er nicht gnzlich zu widerstehen wagte und eine kleine
Meerschaumpfeife herausholte, die ihn seit der Studienzeit auf seinen Reisen
begleitete. Dazu brachte er sein Feuerzeug, Stahl und Schwamm, aus der Tasche
und suchte den Feuerstein. Das Mdchen, erfreut, helfen zu knnen, zog die
Schublade des Tisches auf und reichte ihm einen schnen glatten Stein mit
scharfer Kante. Und als der Gast das Stck aufmerksam betrachtete, sagte sie:
Wir finden dergleichen oft bei der alten Schanze, der Vater sagt, es sind
Naturspiele.
    Der Stein ist doch wohl von Menschenhand geschliffen und geschrft; diese
Art geformter Feuersteine wird an solchen Stellen gefunden, wo einst Grber der
alten Heiden waren. Man fngt an, solche Erinnerungen zu sammeln. Wenn Sie es
erlauben, will ich mir den Stein zum Andenken aufheben.
    Da fragte das Mdchen in dem Wunsch, ihm etwas Liebes zu erweisen, ob sie
ihm mehr von derselben Art geben drfe.
    Nun lag dem Doktor gar nichts an den Feuersteinen des alten Heidenvolkes,
aber ihr Errten und der fragende Blick ihrer Augen waren so anmutig, da er
eifrig bejahte und sich wider alle Wahrheit fr einen Freund von derartigen
Kuriositten ausgab, und die holde Freude, mit welcher sie seine Antwort
aufnahm, beruhigte sein Gewissen vollends ber die Lge. Denn sie hob jetzt aus
dem Innern des Tisches ein graues Sckchen an das Licht, klapperte lustig mit
dem Inhalt und stellte es triumphierend vor den Doktor hin. Da sind ihrer
viele, groe und kleine! rief sie.
    Zuletzt wurde durch andere Mittel die Pfeife in Brand gesteckt, und die
blauen Wlkchen kruselten sich in der Laube und fuhren zwischen dem Geiblatt
in den Bereich der Sonnenstrahlen. Die Bienen summten, und die Vgel sangen wie
vor tausend und aber tausend Jahren, die Herzen schlugen, und die Menschen
gewannen einander lieb, jetzt, wie in uralten Zeiten. Mitten im Gesprch sprang
Henriette auf, die Mutter! rief sie. Ich sehe schnell nach ihr. Meine
Gespielen werden unterdes auf den Kaffeetisch achten, Brbel, sorge dafr, da
die Tasse des Herrn Doktors nicht leer bleibt! Sie eilte davon. Der Gast sa
mit den Bruten zusammen. Es waren zwei dralle, tapfere Mdchen, beide hbsch,
und beide saen ihm im Bewutsein ehrenvoller Gesellschaft steif und schweigend
gegenber. Nur Brbel erhob sich zuweilen, sah ihm in die Tasse und setzte sich
wieder fest auf ihren Sitz. Als der Doktor aber durch einige Fragen nach den
beiden Verlobten und dem neuen Hausstand das Eis gebrochen hatte, wurden beide
auf einmal gesprchig und erwiesen sich als frohsinnige und gescheite Kinder.
Und Brbel verga ber der Unterhaltung ihre Pflicht keineswegs, sowie der Herr
etwas getrunken hatte, go sie trotz seinem Proteste nach und tat ihm auch
reichlich Zucker hinein, bis der Doktor endlich den Lffel ber die Tasse legte.
Diese Erklrung, da er an der Grenze des Mglichen angelangt sei, wurde von ihr
geachtet. Die Mdchen aber waren viel schlauer, als der Fremde ahnte, denn sie
fingen an, verblmt von Mamsell Jettchen zu reden, indem sie zuerst die Khe des
Pfarrhofes lobten, welche unter Obhut des Fruleins standen, und dabei
erzhlten, da die reiche Pachtersfrau in der Nhe eiferschtig war, weil sie es
nicht dahin bringen konnte, da ihre Khe die gleiche Menge Milch gaben. Dann
kam heraus, da Jettchen beim letzten Erntekranz mit den beiden Brutigamen
getanzt hatte und da sie sehr gut tanze, endlich, da sie eine Nhschule fr
kleine Dorfmdchen halte; kurz, es war nicht die Schuld der beiden Brute, wenn
der fremde Herr eine geringe Meinung von Jettchen nach der Stadt mitnahm.
    Henriette kam zurck, und die Mdchen erhoben sich zum Gehen. Die Mutter
hat mich fortgeschickt, sie bedarf meiner heut nicht mehr, die Frau Kantorin ist
zur Pflege gekommen. - Alles, was hier blht, Liesel und Brbel, sollt ihr
haben, soweit es sich zu der Hochzeit schickt. Sie standen vor zwei groen
Myrtenbumen still, die nach sorgfltiger Winterpflege frhlich ihr junges Grn
trieben.
    Von den Myrten schneid' ich euch so viel, als die Bume entbehren knnen.
Schickt den Tag vorher eure Brder mit den Krben, die Brautkrnze winde ich
euch hier.
    Die Mdchen machten nicht viel Dankesworte, aber in ihren Mienen erkannte
man die stolze Befriedigung, denn sie waren zumeist der Myrte und des Kranzes
wegen gekommen, und alles war ihnen wohlgelungen. Beim Abschied reichten sie
auch dem Doktor die Hand und gingen mit schnellem Schritt ber den Hof ihrem
Dorfe zu.
    Sie heiraten beide in der nchsten Woche, sagte Henriette, und ich mu
bei zwei Hochzeiten Brautjungfer sein. Sie bekommen beide gute Mnner und sind
selbst kreuzbrave Mdel, die immer auf sich gehalten haben.
    Vom Hofe klang das Gebrumm der Khe. Mir ist zumute, begann der Doktor,
als wre ich hier nicht fremd, denn auch ich stamme aus einem Pfarrhaus vom
Lande.
    Ihr lieber Vater war Pastor? rief erfreut das Mdel, denn der ansehnliche
Herr wurde ihr dadurch auf einmal viel vertraulicher.
    Mein Grovater war es, fuhr der Doktor, dem das Herz aufgegangen war,
redselig fort. Dieser war Geistlicher in einem mrkischen Dorfe; er hatte eine
gute Stelle und eine groe Wirtschaft und das ganze Haus voll Kinder, denn er
erzog neben den eigenen noch die seines verstorbenen Bruders. Dies Geschlecht
hat sich ber das ganze Land verbreitet bis nach Sachsen und in das Reich. Mein
Vater war der jngste Sohn. Er trat in kniglichen Zivildienst und lebte lngere
Zeit in den polnischen Provinzen. Meine liebe Mutter starb, als ich noch klein
war, und der Vater hat mich als sein einziges Kind erzogen. Seine Tage unter
fremden und feindseligen Menschen vergingen einsam, viel Arbeit und wenig
Freude, ich allein war es, fr den der ernsthafte, stille Mann lebte. Und ich
habe die Liebe eines guten Vaters so voll genossen, wie wohl wenig Kindern
zuteil wird. Das Mdchen sah, da ihm die Lippen zuckten. Mein kleines Bett
stand neben dem seinen, und er selbst legte mich des Abends in die Kissen, dann
faltete er mir die Hnde zusammen und sa an meiner Seite, bis ich einschlief.
Frhzeitig wurde ich der Vertraute von vielem, was ihm durch die Seele zog. Als
ich in die lateinische Schule kam, machte er mit mir noch einmal das ganze
Lernen durch und freute sich innig, wenn ich ihn in der Mathematik etwas lehren
konnte, was er selbst vergessen hatte. Oft legte er den Arm um mich und hielt
mich lange fest, und dabei sah er zufrieden vor sich hin. Noch jetzt, wenn ich
allein bin, sehe ich sein Antlitz, die Augen voll Liebe zu mir, und fhle die
Wrme in meinem Herzen. Als ich auf die Universitt gehen mute, war die
Trennung fr den Sohn sehr schwer, fr den Vater wohl noch schwerer.
    Whrend er so erzhlte, hatten sie sich auf eine Bank gesetzt, welche unweit
der Kirchhofsmauer stand; die Sonne war untergegangen, zum letzten rosigen
Widerschein der Wolken warf der Mond sein blasses Licht, und im dmmrigen
Doppellicht glnzte die Natur.
    Sie aber muten, da Sie noch jung waren, unter wildfremde Menschen! Das war
doch das grere Leid.
    Ich denke, allein zu sein im leeren Hause, in dem die Stimme des geliebten
Kindes verhallt ist, war noch schmerzlicher. Ich fand auf der Universitt ein
sorgloses Treiben und gewann bald gute Kameraden, ich sah und hrte viel Neues
und viel Schnes.
    Mein Vater studierte in Knigsberg, Sie aber gewi in Halle, denn dort
waren alle jngeren Amtsbrder des Vaters.
    Ja, ich war dort, rief der Doktor, und die Erinnerung an eine frohe Zeit
erhellte sein Antlitz, ich fand daselbst berhmte Lehrer und hatte zum
erstenmal die Freude, ein gutes Theater zu besuchen, denn ich ging und ritt
fleiig nach Lauchstdt, wo die Gesellschaft aus Weimar spielte. Und das wurde
fr mich der grte Genu.
    Schchtern setzte Henriette die Unterhaltung fort: Die Komdie kenne ich
aus unserer Hauptstadt, dort war ich zwei Jahre bei meiner Tante. Erst als meine
Schwester heiratete, nahmen mich die Eltern hierher zurck. Dort habe auch ich
gefhlt, wie schaurig schn die Kunst ist und wie sie die Seele erhebt. Denn ob
sie zu weinen zwingt oder ob sie lachen macht, es ist immer eine Wonne. Genau
dasselbe war die Meinung des Doktors. Sie saen auf der Bank, und jetzt schien
der Mond ber ihnen, er allein, die Sonne hatte ihm ganz das Feld gerumt; ruhig
und freundlich sah er hernieder, wie einem Himmelskrper ber einem Pfarrhofe
schicklich ist, und er warf seine Strahlen durch das Baumlaub auf zwei junge
Gesichter, die beide einander zugewandt und beide in heiterer Bewegung waren.
Und whrend jedes dem andern herzlich in die Augen sah und auf die Worte
lauschte, vergngte sich der Mond damit, die alte verstoene Mauer mit neuem
Goldglanz zu bekleiden, die Steine des Kirchhofs, unter denen die
Dahingegangenen so ruhig schlummerten, mit blendendem Wei zu bermalen und
sogar den alten grauen Kirchturm mit berirdischem Licht zu verklren, so da
die Fledermaus, welche von dem Dichter als Uhu erwhnt wird, wegen des
ungewohnten Scheines mit den Augen blinzelte.
    Noch immer sprachen die beiden begeistert von der Komdie und freuten sich,
da ihr Urteil ber das gemtvolle Stck Die Jger so ganz bereinstimmte.
Deshalb berhrten sie den Wagen des heimkehrenden Vaters und fuhren empor, als
sie die Stimme des alten Herrn hinter sich vernahmen, welcher um Entschuldigung
bat, weil er so spt kam.
    Da der Senior vor der Abendkhle warnte, mute der Gast in das Haus zurck,
und Henriette eilte in die Kche. Noch einmal sah der Arzt nach der Kranken,
dann kam das Abendessen, vergeistigt durch einen ausfhrlichen Bericht des
Seniors ber die trben Schicksale, von welchen Katharine von Bora in ihren
letzten Lebensjahren betroffen wurde. Der wrdige Herr war ber den neuen
stillen Zuhrer hrer so erfreut, da er die Unaufmerksamkeit gar nicht merkte;
denn fr den Gast gab es nebenbei viel zu sehen und auch zu denken. Nach dem
Essen noch ein herzlicher Abschied und der Doktor fuhr in die stille Nacht
hinaus.
    Er sah glckselig vor sich hin. Den Liederklang, die sanfte und wehmtige
Poesie, welche ihm so oft das Herz gerhrt, hatte er heut als wirkliches Leben
genossen. Da war das Getrmmer aus wilder Vergangenheit, um welches die
Brombeeren rankten und dmmrige Schatten schwebten, daneben der ehrwrdige
Friedhof und die Kreuze, an denen die Kranzgewinde in der Luft zitterten, das
bemooste Turmdach, um welches im trgen Fluge die Eule flatterte, alles durch
die Abenddmmerung in geisterhaften Schleier gehllt. Und dicht daneben das
frische junge Leben des Mdchens, ihre rosigen Wangen, der warme Gru ihrer
blauen Augen, die unschuldige Sicherheit. So voll Anmut, wenn sie vor ihm stand,
im Strohhut und einfachen Brusttuch, noch anmutiger, wenn sie sich niederbeugte;
eine Blume zu pflcken, und wenn sie das Haupt neigte, um auf den Gesang der
Nachtigall im Fliederbusch zu hren oder auf die Worte, die er selbst zu ihr
sprach. Friedlich und gleichmig zwischen krftigem Schaffen und sinnigem
Trumen verlief ihr Leben, wie der klare Bach, der durch die Auen der Dichter
fliet, so heiter war sie und doch so rhrend, o Henriette!
    Als der Doktor nach Hause kam, stellte er das Scklein mit den alten
Feuersteinen aus den Heidengrbern sorgfltig auf seinen Schreibtisch, ging eine
Weile auf und ab und sah sich die Leinwand, an der eine liebe Hand geknpft
hatte, immer wieder an. Endlich setzte er sich nieder und schrieb noch in der
Nacht an einen Universittsfreund, den er in Koburg wute und der ihm einst ein
zierliches Bild in sein Stammbuch gemalt hatte, ob er ihm eine Abbildung der
Feste verschaffen knne.
    Dieser Anschlag gelang ber Erwarten. Nach einiger Zeit traf mit der Post
eine Rolle ein, in welcher ein hbsches Bild der Burg und Stadt lag, die der
treue Freund selbst mit Wasserfarben gemalt hatte. Das Format war, dem
Patriotismus des Koburgers gem, allerdings viel grer gefat, als der Doktor
sich gedacht; doch lie er das Bild einrahmen und wagte dazu einen innigen Brief
an Frulein Henriette zu schreiben, in welchem er sie bat, das Bild als seinen
Dank fr die Feuersteine zu betrachten und ihrem Herrn Vater an seinem
Geburtstage aufzustellen.
    Als nach einiger Zeit eine Kiste vom Dorfe eintraf, fand er darin mit
stiller Enttuschung nur einen Brief des dankbaren Vaters, welcher mit
feierlichen Worten ausdrckte, da dies schne Bild ein Hauptschmuck seiner
Stube geworden sei. Zugleich aber bat der Pastor im Namen seiner Tochter um
Vergebung wegen bersendung einer Beisteuer zum Haushalt, da das Dorf etwas
Besseres nicht biete. Unter den Frhlingsblumen lagen wohlhbige Kunstwerke der
Kche und Wirtschaft. Und obwohl die Tiere, welche das Material dazu geliefert
hatten, von dem Dichter nicht unter die poetischen Gebilde der Natur aufgenommen
waren, so bemerkte der Doktor diesen Mangel der Sendung doch durchaus nicht. Er
stellte zuerst die Blumen in ein Glas, ging mit ihnen aus dem Kerzenlicht nach
der Nebenstube, in welche der Mond sein volles Licht warf, betrachtete den
Strau, wie er vom Monde beschienen wurde, stand lange am Fenster und blickte
auf zum Nachthimmel. Aber zuletzt gedachte er doch frhlich des Schinkens und
der Wrste. Und als er mit den Geschenken beim Abendessen sa, wurde er den
Gedanken nicht los, wie wehmtig es war, da er das Gute fern von der Spenderin
verzehren mute. So a und trank er in heimlicher Sehnsucht; neben den Schein
seiner Kerze malte das sanfte Himmelslicht ein schrges Bild des Fensters auf
den Fuboden, und er sah zuweilen liebevoll darauf hin. Er hatte das Abbild der
Sttte, an welcher die groen Erinnerungen seiner Familie hingen, ausgetauscht
gegen Gewhnliches und Vergngliches aus dem Rauchfang, und er kam sich vor wie
ein reicher und glcklicher Mann. O Henriette!

                                 Es wird Krieg


Es sah nach Krieg aus. Zuerst wurde diese Mglichkeit an der bewaffneten Macht
erkennbar, die Offiziere drillten eifriger, schritten noch stolzer als sonst
durch die Gassen und wurden in der Weinstube lstig, weil sie mehr tranken und
wetterten und allzuoft das franzsische Gesindel mit krftigen Worten aufrieben.
Auch unter den Honoratioren war die Heiterkeit geschwunden; es wurde viel leise
geredet, und es gab heftige Errterungen. Der Stadtdirektor klagte ber die
Arbeitslast, und der Einnehmer fand keinen Beifall, als er erzhlte, der
Hauptmann habe die Kompanie angelernt, nur immer geradeaus auf Napoleon
loszurcken und diesen durch Pelotonfeuer zu erschieen.
    Dennoch erschreckte die Nachricht, da der Krieg erklrt sei. Wurde er auch,
wie jedermann wute, in weiter Ferne gefhrt, so handelte es sich diesmal doch
um weit mehr als um einen Marsch nach Polen. Die Kompanie sollte ausrcken. Die
Offiziere hielten am Abend vorher mit einigen Bekannten vom Landadel ein
festliches Gelage, und die Soldaten empfingen von dem guten Willen der
Quartiergeber eine letzte Mahlzeit. Am Morgen schlug der Tambour Reveille durch
die Straen, und die Soldaten eilten aus den Quartieren, die lteren begleitet
von ihren Frauen und Kindern, welche bitterlich schluchzten. Als sich nach
langen Vorbereitungen die Kompanie in Bewegung setzte, schritten die Offiziere
mrrisch und durch die schlaflose Nacht verstrt dem Tore zu, und die
Angehrigen der Kompanie drngten, das Geleit gebend, zu beiden Seiten. Auch die
Schwester des Hauptmanns, das kleine Frulein von Buskow, zog in ihrer schwarzen
Enveloppe auf dem Brgersteige vorwrts, um ihrem Bruder noch so lange als
mglich nahe zu bleiben, und die Leute, welche wuten, da sie heut das beste
Recht hatte, wichen, wo sie ging, teilnehmend zur Seite. Die Soldaten aber
brachen rechts und links aus und nahmen noch einmal von ihren Frauen und Mdchen
Abschied, viele mit nassen Augen; nur die Polen unter ihnen, welche aus
Sdpreuen als Rekruten zugefhrt waren, sahen gleichgltig geradeaus und
hofften in der Stille auf eine Gelegenheit, dem verhaten Dienst zu entweichen.
Die Brgerschaft aber, jung und alt, stand fast vollzhlig auf der Strae oder
an den Tren und rief den Scheidenden Gre zu. Oft waren Offiziere und
Mannschaft ihnen verleidet gewesen, heut dachten sie doch daran, da die armen
Leute in Gefahr und Tod gingen, viele Quartierwirte steckten ihren Soldaten auf
dem Wege gefllte Flaschen zu, und Fleischer Beblow versprach dem seinen noch am
Tore zweimal wchentlich Kost fr Weib und Kind.
    In den nchsten Wochen kam den Brgern ihre Stadt still und leer vor; sie
vernahmen nicht mehr die tglichen Signale der Garnison, nach welchen sie sich
gerichtet hatten fast wie die Soldaten, und sie spotteten, da alte
Zunftgenossen, welche in ihrem Erwerb zurckgekommen waren, mit einem
unfrmlichen Sbel an der Seite den Wachtdienst bei den Toren versahen. Zuweilen
kamen noch durchziehende Truppen, und lange Reihen von Proviantwagen rasselten
auf dem Pflaster, auch die Schwadron, bei welcher der Baron stand, ritt durch
die Stadt, und der Leutnant hielt vor der Frhstcksstube an, lie sich ein Glas
Wein auf das Pferd reichen, schleuderte das geleerte Glas groartig auf die
Steine und jagte seinen Reitern nach. Doch blieb die Schwadron nicht lange aus;
an einem Mittag war sie wieder da und zog langsam, ohne Begeisterung, in
entgegengesetzter Richtung zurck. Tglich umstanden die Leute das Posthaus und
drngten sich nach Briefen und Zeitungen. Aber in den Zeitungen war wenig zu
lesen, nur zahllose Gerchte kamen aus den groen Stdten, meist Gutes
verheiend; und wenn jemand auswrts gewesen war, liefen die Leute an den Wagen
des Heimkehrenden und fragten ihn aus. Eine schwle Erwartung lastete auf den
Gemtern, jederman hoffte, wenn er mit andern zusammen war, das Beste und redete
tapfer, aber im geheimen fhlte jeder Zweifel und Bangen.
    Der Doktor hatte das Haus des Seniors durch die ganze Zeit nicht besucht;
ihn hielt das Zartgefhl ab, ungeladen in eine Familie zu treten, in welche er
nur als Arzt gerufen worden. Einmal aber war er auf der Landstrae dem Wagen
begegnet, worin der Senior mit seiner Tochter sa. Da war er von seinem Sitz
gestiegen und hatte schnell in den andern Wagen hinein nach dem Befinden der
Frau Pastorin gefragt. Es wurde nur ein kurzer Austausch von Frage und Antwort,
aber der Vater lud zu einem Besuche ein, sobald ihn der Weg in die Nhe fhre.
Der Doktor sah in ein liebes Antlitz, hrte den Ton einer sanften Stimme und
erkannte - durfte er sich's gestehen? - die Freude, welche Henriette bei der
Begegnung fhlte. Das war fr ihn ein glcklicher Tag gewesen. Dann kamen
Kriegsgerusch und Sorge. Jetzt lie es ihm keine Ruhe, er mute wissen, wie sie
im Pfarrhause diese Wochen gespannter Erwartung verlebten.
    Als er aus dem Wagen sprang, stand sie auf der Schwelle. Der Korb, den sie
hielt, entglitt ihrem Arm, aber sie trat dem Gast gleich darauf mit strahlenden
Augen entgegen. Keines wute recht, was es bei der Begrung sagte, doch beide
fhlten in der Unruhe sich so froh und glcklich, da sie nicht das wilde Gebell
des Hofhundes vernahmen und nicht die Frage des Kutschers, ob er ausspannen
solle. Das Mdchen gedachte zuerst ihrer Pflicht, sie lste die Hand, welche er
festhielt, aus der seinen, aber ihm war, als wollte sie ihn mit sich
hineinziehen. Unterdes gebot die Stimme des Vaters: Halte den Herrn Doktor
nicht auf, wir sind auch da, ihn zu begren. Wie ein alter Freund trat er in
das Haus, setzte sich vor allem zur Frau Pastorin, die er auer Bett fand, und
empfing ihren Dank und ausfhrlichen Bericht ber die besiegte Krankheit,
whrend Henriette herantrug, was in einem gastfreien Pfarrhause fr den Gast zu
finden war. Der Doktor hing mit seinen Augen an jeder Bewegung des lieben
Mdchens, und ihm kam vor, als schwebe sie gelst vom Erdboden ber die
Schwelle. Sie hat darauf bestanden, heut eine Babe zu backen, sagte die Mutter
zufrieden, es mu ihr geahnt haben, da ein lieber Besuch kommen wrde.
Henriette nickte fast unmerklich mit dem Haupte. Der Senior dankte nochmals fr
das schne Bild, welches jetzt prchtig ber dem Sofa hing, und kam dabei
natrlich auf Doktor Luther. Aber er setzte von diesem mit einem groen Schritt
ber drei Jahrhunderte in die Gegenwart, indem er ein aufgeschlagenes Buch vor
den Doktor legte: Dies ist unsere Bitte: Verleih uns Frieden gndiglich,
Herrgott, zu unsern Zeiten; es ist ja doch kein anderer nicht, der fr uns
knnte streiten. Und da die Frauen gerade das Zimmer verlassen hatten, fuhr er
leiser fort: Wir sind hoffentlich sicher, da der schreckliche Krieg nicht in
unsere Nhe kommen wird?
    Der Doktor sah in den gefllten Wirtschaftshof und ber die Strohdcher der
Scheunen und Stlle, und ihn berkam eine pltzliche Angst: Es wird einem
Preuen nicht leicht, die Mglichkeit anzunehmen, doch wenn Sie auch an das
Unwahrscheinliche denken wollen, so erlaube ich mir die Frage, haben Sie nicht
die Absicht, das Wertvollste der Habe und vielleicht auch Frulein Henriette fr
einen solchen Fall in einer Stadt zu bergen?
    Wir haben noch nicht daran gedacht, antwortete der Senior wrdevoll, ich
bin Ihnen aber dankbar, da Sie daran erinnern. Meine Schwgerin in unserer
Kreisstadt wird uns gern diese Sorge abnehmen; denn Sie haben recht, in der
Stadt ist doch besserer Schutz.
    Diese Aussicht machte dem Doktor das Herz wieder leicht, und da Henriette
eintrat, bat er: Gnnen Sie mir die Freude und fhren Sie mich in den Garten.
    Sie hing den Hut ber den Arm, und beide eilten dem Vater voraus ins Freie.
    Als Sie bei uns waren, blhten die Rosen noch nicht, sagte das Mdchen;
und jetzt sind sie dahin. Wenn ich im Sommer davorstand, dachte ich, Sie mten
die Blte sehen, denn sie war dies Jahr schner als sonst. Sie hielt vor einem
Bumchen an, selbst so schn und begehrenswert, da er, hingerissen, ihre Hand
fate; sie lie ihre Hand in der seinen, und er fhlte das warme Leben, welches
darin zuckte. So traten sie nebeneinander zum Garten hinaus und erstiegen die
alte Schanze.
    Es war ein kreisrunder Wall von migem Umfang, er schlo auf der Innenseite
einen vertieften Raum ein, der hher als das Land drauen und wohlgerundet wie
ein Kessel war. Hier fhren Stufen hinab, wies Henriette, als sie auf dem
Rande standen, der Rasen ist jetzt glatt. Als Kinder sind wir oft mit Freuden
in die Tiefe gerutscht. Und sie schwang sich behende vor ihm hinunter. An
dieser Stelle finden wir zuweilen Glcksbltter, sagte sie in der Tiefe und
blickte scharf auf den niedrigen Rasen. Endlich beugte sie sich hinab. Hier ist
Klee mit vier Blttern. Vergngt hielt sie ihm das grne Blatt hin. Nehmen
Sie, es soll Ihnen Gutes bedeuten. Der Doktor stand wie bezaubert, der Wallring
umschanzte das liebe Mdchen und ihn gegen die ganze Welt, nichts war zu sehen
als der Himmel, welcher wie eine lichtblaue Glocke ber dem Ringe stand. Er nahm
das Blatt aus ihrer Hand, und hingerissen von der heiteren Unschuld ihres Wesens
und dem warmen Blick, mit dem sie ihn bittend ansah, neigte er sich zu ihr und
kte sie leise auf den Mund. Sie stand still und schlo einen Augenblick die
Augen; aber gleich darauf sah sie mit rosigen Wangen wieder zrtlich zu ihm auf.
Keins von beiden sprach. Sie hob den Strohhut vom Boden und fhrte den Gast die
Hhe hinauf. Dort blickten sie von dem Wall herab in die helle Landschaft. Die
Herbstsonne neigte abwrts, ber die Stoppelfelder vor ihnen neigten sich weie,
glnzende Fden wie ein dnner Schleier, dahinter sah man in der klaren Luft
Dorf neben Dorf, bei jedem ragten die Dcher aus einem Kranz von Bumen, deren
Laub im Sonnenlicht wie brunliche Bronze schimmerte, bis sich die letzten
Baumgruppen wie ferne Inseln am dmmrigen Horizont verloren. Ich zeige Ihnen
auch die Gegend, wo Sie wohnen, sagte das Mdchen. Manchmal haben wir dort
hinausgesehen und gefragt, ob Sie wohl einmal kommen wrden. Der Vater war
unsicher, ich aber dachte, Sie mten doch nach der Mutter sehen. Und frhlich
setzte sie hinzu: Es war heut nicht der erste Kuchen, welcher fr Sie gebacken
wurde.
    Als sie in die Nhe des Friedhofs kamen, bellte ein Hund. An der Stelle, wo
der Sage nach einst die Htten eines Dorfes gestanden hatten, weidete der
Schfer eine kleine Schafherde. Sie gehrt uns, erklrte Henriette stolz, der
alte Christian versieht sie mit seinem Knaben; er ist auch unser Wchter und mu
einige Stunden des Tages ausruhen. Der Alte stand zwischen wilden Schlehen und
Brombeeren, den Rcken einem alten Gemuer zugekehrt. Er nahm den Hut ab und
gebot dem Hund, nicht durch sein Gebell zu stren. Henriette wies auf die
Steine: Das ist der Rand des verfallenen Brunnens, der, wie man sagt, einst
mitten in einem Dorfe war. Der Vater lie das Holzdach darber zimmern, damit an
den Kirchtagen nicht ein Kind darin verunglcke.
    Guten Tag, Schfer, grte der Doktor, Eure Herde darf auf einen guten
Herbst hoffen, denn die Spinnweben hngen wei ber den Feldern.
    Die einen weben Glck, und die andern verknden Unglck, antwortete der
Alte, und das Unglck wird mchtiger als das Glck.
    Wer verkndet Unglck? fragte der Doktor, ergtzt durch das feierliche
Aussehen des Weissagenden. Der Schfer antwortete nicht, er wandte sich zu der
Tochter seines Herrn und wies mit dem Stabe nach dem Brunnen: Sie geht wieder
um! Redet nicht so etwas, Christian, sagte Henriette unzufrieden, Ihr wit,
der Vater kann es nicht leiden. Wieder zeigte der Schfer geheimnisvoll hinter
sich: Sie tut, was sie mu, und niemand kann es ihr wehren. Die aber am Leben
sind, mgen sich wegen ihrer Warnung in acht nehmen. Der Doktor sah seine
Begleiterin fragend an. Die Leute haben eine Scheu vor dem Platze, wo der
Brunnen steht, erklrte das Mdchen. Es geht die Sage, da sich zur Zeit des
Schwedenkrieges, als das Dorf noch stand, ein Weib in den Brunnen gestrzt hat,
um ihren Verfolgern zu entgehen.
    Heut nacht war das Brunnenweib wieder da, sagte der Alte; vom Kirchhofe
kam sie her, sie zog in langem weien Gewande wie ein Rauch, und als ich nach
dem Brunnen hinsah, war das Holzdach fort und eine schwarze ffnung vorhanden,
die Gestalt aber schwebte um den Brunnen, wirbelte in die Hhe und versank
darin. Das kann auch der Herr Senior nicht fortschaffen. Meine Schafe wissen
Bescheid, es geht selten eines bis zu den Steinen, und der Hund wei es auch, er
winselte die ganze Nacht.
    Das Unheil ist bereits gekommen, Alter, sagte der Doktor, ein harter
Krieg hat angefangen.
    So erzhlt man sich, versetzte der Schfer, entschlossen, nichts weiter zu
berichten, und ging scheltend zu seinen Schafen.
    Auch unsere Hofleute sind durch diese Zeit aufgeregt und sehen und hren
jetzt allerlei, fgte Henriette hinzu, um den Schfer zu entschuldigen. Aber
die finstere Sage und die Verkndigung des Alten befingen doch beider Gemt, sie
gingen ernsthaft und schweigend nebeneinander.
    Die Mutter wartet mit dem Essen, rief der Senior aus dem Garten, jetzt
will auch ich von unserem Gaste etwas hren, denn wir vernehmen hier wenig
Neues, und doch nimmt der Streit der Groen auch uns die Ruhe.
    Die letzte Stunde verlief in Mitteilung der Gerchte, welche durch das Land
flogen, und der Doktor war nicht mehr mit Henriette allein. Nur beim Abschiede
lag ihre Hand noch warm in der seinen. Wieder fuhr er in stiller Seligkeit
heimwrts. Und immer sah er sie in der Tiefe des Ringwalls vor sich, wie er sie
kte.
    Nun war zu jener Zeit ein Ku noch kein Beweis von Liebe; ernsthafte Mnner
und ehrbare Frauen gnnten diesen Beweis freundlicher Gesinnung einander gern,
und vor andern waren die Landsleute des Doktors bereitwillig. Aber jedermann
wute auch, da es dabei groe Unterschiede gab. Heut pochte sein Herz in der
holden Ahnung, da er dem Pfarrkinde lieb geworden sei; und an dies beseligende
Gefhl, das in ihm aufscho, spann seine Phantasie zahllose Fden, die sich aus
der Gegenwart in die Zukunft hineinzogen, ein ganzes Gewebe von neuem Glck, das
er fr sich zu hoffen wagte.
    Ein scharfer Windsto pfiff an dem Wagen vorber; die Pferde scheuten, der
Kutscher wandte sich um. Es ist etwas in der Luft, sagte er und knallte mit
der Peitsche.
    Der Doktor fuhr aus seinen Trumen auf. Vor der sinkenden Sonne erhob sich
eine Wolkenbank, ber ihm aber wlbte sich blau und lichtvoll der Abendhimmel,
und ein groer Raubvogel, gefolgt von einer Schar Krhen, flog in der Hhe
dahin. Und wieder schlug ein pltzlicher Windsto an seine Wange, ri Bltter
und ste von den Bumen und trieb sie im Kreise um Pferde und Wagen. Es ist ein
Wirbel, sagte der Doktor, er zieht vorber. Das bedeutet was, rief der
Kutscher und peitschte aufs neue die erschreckten Pferde. Sie fuhren im scharfen
Trabe durch niedriges Gehlz, das sich zu beiden Seiten des Weges breitete; da
schrie eine wilde Stimme: Halt! Aus dem Gebsch sprang in brauner,
verschossener Jacke ein Mann, der die Krempe seines Filzhutes tief in die Stirn
gedrckt hatte. Der Kutscher hob drohend die Peitsche. Ist dies der Doktor aus
der Kreisstadt? rief der Fremde.
    Was wollt Ihr? fragte der Doktor und fate nach seiner Waffe.
    Kennen Sie mich noch, Herr? Es war der Flchtling, welcher einst dem Arzt
den Verlust seiner Mtze geklagt hatte. Eine groe Schlacht ist gewesen im
Schsischen, die hiesigen Soldaten sind gelaufen wie eine Schafherde, den
Offizieren ist es heimgezahlt; es liegen viele still auf der Erde.
    Woher wollt Ihr das wissen?
    Ich fuhr ber die Grenze mit einem Marketender, jetzt bin ich
zurckgeritten, Pferde ohne Reiter waren genug zu haben. Der Franzose zieht
heran, und der Inspektor wird auf das Strohbund gelegt. Sie wollte ich fragen,
wie es meinem Mdchen auf dem Schlosse geht. - Ich habe sie vor wenig Tagen
gesund gesehen. -
    Ich bitte, sagen Sie ihr, der Hans lt sie gren, und sie soll mir treu
bleiben. Jetzt wird bessere Zeit, und wenn der Franzose kommt, kann ich mich
wieder im Lande sehen lassen.
    Wie drft Ihr bessere Zeit hoffen fr Euch und Euer Mdchen? Wenn der
Franzose bei uns einbricht, dann werden wir alle unglcklich. Versteht Ihr
nicht, was feindliche Einquartierung heit und Mihandlung durch Fremde? Mit dem
Kriege ziehen Hunger und Krankheit ins Land, und ich sage Euch, nur ein
schlechter Kerl freut sich ber das Unglck seiner Heimat.
    Den andern mag es meinetwegen gehen, wie es will, und Ihnen, Herr, wnsche
ich nichts Bses, aber den Grafen und den Inspektor sollen die Franzosen
streichen.
    Doch Ihr seid ein Preue.
    Wenn die sterreichischen Pascher mich einen Preuen gescholten haben, so
habe ich sie geknufft, wie recht war, versetzte der Mann finster, aber unter
den Franzosen kann man auch leben.
    Denkt Ihr so, dann geht Eurer Wege, ich will nichts mehr mit Euch zu tun
haben, versetzte der Doktor unwillig.
    Ich wollte Ihnen noch wiederbringen, was Sie mir damals gegeben haben,
sagte der Bursch und legte Geld auf den ledernen Schurz des Wagens. Der Doktor
beugte sich vor und schob das Geld weg, da es auf den Weg fiel. Fahr zu,
Kutscher! Die Pferde zogen an, und im Windgebraus ging's weiter. Nach einer
Weile drehte sich der Kutscher um und rief in den Wagen: Er steht noch am Wege,
wo er stand.
    Als der Doktor spt durch das Stadttor fuhr, rannten die Leute in den
Straen hin und her, auf dem Markt sammelten sie sich in Haufen um weinende
Soldatenfrauen. Die erste Botschaft von einer verlorenen Schlacht war gekommen,
und die Menschen gaben sich in Schreck und Klage dem Eindruck hin oder suchten
sich mit trotzigen Worten dagegen zu wehren.
    Wie emprte Meereswogen durch den gebrochenen Damm ber das schutzlose Land
dahinfluten, so folgten jetzt die Unglcksbotschaften mit reiender Schnelle
aufeinander. Das Heer geschlagen und wieder geschlagen, zur Kapitulation
gezwungen und gefangen, der Knig geflchtet bis in den entferntesten Osten des
Staates, die Residenz in der Hand des feindlichen Siegers. Schrecklicher noch
wurde dies gehufte Unglck, das die Zeitungen verkndeten und das jeder
vernahm, durch zahllose Berichte von einzelnen, welche selbst einen Teil der
Schrecken erlebt hatten. Bald kamen Soldaten der Garnison zurck, einzeln oder
in kleinen Haufen, die sich der Gefangenschaft durch Flucht entzogen hatten; sie
kamen ohne Waffen, zerlumpt, verhungert, klagten das Greuliche, das sie erlebt,
und fluchten ber die Offiziere, welche sie gefhrt. Der Feind zog nher heran,
auch die Provinz hatte seinen Einbruch zu erwarten, die Festungen allein
vermochten ihn durch ihre Gegenwehr aufzuhalten. Seit einem Menschenalter hatten
die Brger der Stadt keinen Krieg gesehen, nur ltere Leute wuten aus ihrer
Jugend von den Feldzgen Friedrichs II. zu erzhlen. In gesetzlicher Ordnung
hatten die Lebenden Gedeihen und Glck gefunden. Jetzt auf einmal sollten sie
herrenlos und rechtlos dem Gelst eines bermtigen Siegers preisgegeben sein.
Da war kein Wunder, da der Kleinmut in die Herzen drang und da mancher an
Flucht dachte.
    Der Stadtdirektor kam aus der groen Stadt zurck, ging mit gesenktem Haupt
umher und vertraute endlich kummervoll seinen Getreuen, da der mchtige
Minister, welcher an des Knigs Statt die Provinz regierte, in Gegenwart vieler
Rte mit gerungenen Hnden geklagt hatte, alles sei verloren. Der Einnehmer
machte eine Dienstreise nach der nchsten Festung. Nach der Rckkehr sa er bei
seinem Glase stiller als sonst und antwortete auf die Fragen, was er vernommen
habe, brbeiig: Nichts; nur einen Anschlag hoher Obrigkeit habe ich in der
Festung gelesen. Wir alle sollen den feindlichen Truppen mit Bereitwilligkeit
und Hflichkeit entgegenkommen und nach Krften ihre Forderungen befriedigen.
Ich hoffe, Mnner und Frauen werden sich das gesagt sein lassen. Da wir sie in
den nchsten Wochen erwarten drfen, so mag jeder die Zeit benutzen, neue
Gardinen aufzustecken und sein Silberzeug fr die Franzosen zu putzen; denn, wie
man hrt, picken diese gleich den Dohlen nach allem, was glnzt. Das lieen
sich die Stdter gesagt sein, und in den Husern begann heimliches Pochen,
Graben und Mauern.
    Sie sind bekmmert, Herr Hutzel, begrte der Doktor im Vorbergehen einen
wohlhabenden Hausbesitzer, der in dem Ruf stand, sich selbst alles Gute zu
gnnen, anderen aber wenig. Nehmen Sie sich in acht, wer so ngstlich aussieht
wie Sie, dem trauen die Feinde zu, da er viel zu verlieren hat. Der Mann wurde
noch bleicher, als er vorher war. Ich ersuche Sie, sich nur einen Augenblick
herein zu bemhen. Er fhrte durch den Hof in den Garten und sah sich
argwhnisch um. Ich habe zu Ihnen ein Vertrauen, wie sonst zu keinem Menschen,
sagte er; ich bin jetzt der Verzweiflung nahe und bitte Sie flehentlich um
einen Rat. Der Arzt erwartete Mitteilungen ber eine ernste Krankheit, aber
Hutzel fragte: Wohin soll ich verstecken?
    Sie haben ja ein eigenes Haus, geschlossenen Hof und dazu diesen Garten.
    Alles unsicher, klagte der Mann. Verschlagen und vermauern ist unmglich,
weil ich dazu einen Handwerker brauche. Ich lie vermauern. Als ich den Arbeiter
bezahlte, lachte er so auf eine gewisse Weise, und mir fiel auf das Herz, da
ich ganz in seiner Gewalt war, denn wer steht mir dafr, da er nicht schwatzt
oder gar dem Feinde sagt: Halbpart, und ich verrate euch was. Ich brach also mit
diesen meinen Hnden die Steine wieder auseinander und hob die Kiste heraus.
Jetzt wollte ich im Hofe das Pflaster aufreien und ein Loch machen; auch das
war nicht zu bewirken, ohne da der Knecht oder die Magd etwas davon merkten,
und ich war wieder in der Macht dieser Leute. Ich ging bei Nacht mit Grabscheit
und Laterne in den Garten und vergrub die Kiste. Auf einmal hre ich von der
andern Seite des Zaunes die Stimme meines Nachbars, des Tischlers, der mir
ohnedies aufsssig ist: Sie sind es, Herr Hutzel? Meine Frau sah das Licht und
dachte, es wren Spitzbuben. Und ich war wieder in fremden Hnden und mute
wieder forttragen.
    So vergraben Sie in dem Stadtwald.
    So weit aus meinen Augen? wehklagte der Mann.
    Dann also lassen Sie es darauf ankommen und verstecken Sie gar nicht.
    Aber die kopflose Sorge wich in dem Volke bald mnnlicheren Gedanken; einige
der Edelleute, welche in der Friedenszeit mit alten Rechten und ererbtem Ansehen
stolz ber dem Volke gestanden hatten, bewhrten sich jetzt als beherzte Mnner,
welche wohl wuten, da ihnen ihre Vorrechte groe Pflichten auferlegten. War
auch das alte Heer geschlagen, sie waren bereit, ein neues zu rsten, mehrere
tausend Frster und Jger in der Provinz trugen die Bchse, gro war die Zahl
der heimgekehrten Soldaten, und nach Hunderttausenden zhlten die Mnner, die
den Gutsbesitzern untertnig dienten; in Herrenhfen und Bauerndrfern stand ein
guter Schlag Pferde. In wenig Wochen vermochten sie ein neues Heer aufzustellen.
So dachten die Besten vom Adel, aber auch in den Stdten und auf dem Lande
arbeitete derselbe Gedanke.
    Der Doktor kam bei dem Hause des Fleischers vorber, wo der Hauptmann
gewohnt hatte, er sah die Schwester des Offiziers vor der Tr sitzen, die Hnde
im Scho gefaltet und das Haupt geneigt; ein Bild demtiger Trauer. Er grte
und wollte vorbergehen, da er dem kleinen Frulein wenig bekannt war; sie aber
stand auf und sagte, zu ihm tretend, mit trnenden Augen: Auch mein Bruder ist
verwundet und gefangen; und als der Doktor ehrliche Teilnahme aussprach,
trocknete sie die Trnen: Es ist nicht der Bruder allein, was mich weinen
macht. Wre ich ein Mann, so wrde ich nicht weichmtig hier sitzen, sondern mir
ein Gewehr schaffen. Der Fleischer, ein hnenhafter Mann, trat hemdrmelig in
die Tr. Meiner ist auch wieder da - er meinte seinen Soldaten -, er hat dem
Frulein die schlimme Nachricht gebracht; jetzt sitzt der arme Kerl in seiner
Kammer und fragt mich, was aus ihm werden soll. Er schmt sich, in seiner Montur
auszugehen, und die Obrigkeit wei nichts mit ihm anzufangen. Der Meister
schlug die Arme bereinander. Ich habe mir's berlegt, Herr Doktor, wie man mit
diesem Napoleon fertig werden kann. Der Doktor blickte ihn fragend an. Man mu
ihn hinausschmeien, sagte der Fleischer entschlossen.
    Das ist es ja eben, was unsere Soldaten nicht vermochten.
    Die hatten zu schlechte Kost; da konnte nichts Gutes herauskommen, ich
hab's immer gesagt. Wir selbst mssen es tun. Es sind mehr als dreihundert
handfeste Mnner von guter Kraft in der Stadt, wir haben es ausgezhlt. Mein
Sohn geht auf der Stelle mit, im Notfalle fasse ich auch den Kuhfu.
    Wo aber sollen die Anfhrer herkommen?
    Daran liegt's, sagte der Fleischer bedenklich. Wissen Sie, zu wem ich
Vertrauen htte? Das ist unser Herr Einnehmer, Sie gehen als Doktor mit; ich
denke, wenn's zum Einhauen kme, wrden Sie auch nicht hinten bleiben. Als der
Doktor dem Freunde von dem guten Zutrauen des Zunftmeisters berichtete,
antwortete dieser ernsthaft: Ich habe mein lebelang nur einmal ein Gewehr
abgefeuert, und ich frchte, ich habe einer Ente den Kopf zerschossen, weil sie
gar zu nahe vor mir sa. Dennoch bin ich dem Fleischer fr die Meinung dankbar;
denn in solcher Zeit erkennt man, da man von den andern fr einen ehrlichen
Mann gehalten wird. Dieser Sturmwind fegt bei uns viel Spreu von der Tenne.
    Und die Feinde kamen.
    Es war ein finsterer Dezembertag, als der erste feindliche Reiter, die
Pistole in der Hand, durch das Stadttor ritt, hinter ihm ein Offizier und vier
Mann. In deutscher Sprache fragte der Offizier am Tore die Brger, die aus den
Husern gelaufen waren, und als er erfuhr, da keine Soldaten in der Stadt
standen, sprengte er auf den Ring und stieg vor dem Gasthofe ab, ein junger,
blhender Mann mit gebruntem Antlitz. In der Torfahrt verhrte er wieder den
Wirt, der ihm zgernd Bescheid gab, und nachdem er sich versichert hatte, da in
der Nhe nichts von den preuischen Truppen gesehen worden war, quartierte er
sich gemtlich ein und forderte ein Frhstck und den Arzt. Dem eintretenden
Doktor stellte er sich vor: Kapitn Dessalle. Es ist nur ein Ritz in das
Fleisch, fr den ich Ihre Hilfe erbitte, sagte er hflich in franzsischer
Sprache, zog seine Uniform aus und wies eine tiefe Wunde am Arm. Der Doktor
verband schweigend. Wir kommen als ungebetene Gste, sagte der Fremde lachend.
Sie werden sich an uns gewhnen mssen, mit Ihrem Knige und seinem Heer geht
es zu Ende.
    Das wird der Himmel verhten, versetzte der Arzt.
    Der Himmel ist denen gnstig, die sich selbst zu helfen wissen, das
versteht unser groer Kaiser am besten. Ist Ihnen gefllig, mit mir zu
frhstcken? Der Doktor dankte.
    Am Abend war die Wirtsstube mit Gsten gefllt, denn die Brger eilten
neugierig zum Trunk, um den jungen Feind zu betrachten, der sich so ungezwungen
unter den Wrdentrgern der Stadt niederlie, als gehre er dorthin. Whrend die
Leute leise darber stritten, ob er ein Franzose war, da doch seine Mannschaft
aus Schwaben stammte, zog er die kleine Tochter der Wirtin an sich und fuhr ihr
durch die blonden Locken. Meine Puppe kann ich dir nicht zeigen, sagte die
Kleine zutraulich, die habe ich vor den Franzosen versteckt. Dort unter dem
Schenktisch liegt sie und schlft, wo der Vater das Geld und die silbernen
Lffel vergraben hat.
    Die Leute lachten. Ach, du Unglckskind, rief die entsetzte Wirtin. Der
Fremde aber holte ein Geldstck aus der Tasche. Hier hast du einen
franzsischen Groschen, bitte deine Mutter, da sie dir dafr einen hbschen
Husaren kauft.
    Und als er sich, artig grend, in seine Stube zurckgezogen hatte, rhmte
ihn die Wirtin: Der ist von ganz anderem Schlage als unsere hochnsigen
Offiziere.
    Es ergab sich, da die Feinde herangeritten waren, um eine Anzahl Pferde in
Empfang zu nehmen, welche der Kreis dem Feinde zu liefern hatte, und der stolze
Stadtdirektor verhandelte demtig mit dem Offizier, der sich so sicher und
berlegen zu gebaren wute, als sei er schon lange Regent der Landschaft. Am
andern Tage wurden die Pferde, zumeist aus den kniglichen mtern, auf den Ring
gefhrt. Der Tag verging unter Hufgeklapper und trbseligen Verhandlungen, bis
endlich die Gule im Gasthofe und einigen nahen Stllen untergebracht wurden.
Die wenigen Reiter, welche den Franzosen begleitet hatten, schliefen in den
Stllen.
    Im Morgengrauen des nchsten Tages pochte es an das geschlossene Stadttor.
Als der Torwchter ffnete, sah er den wohlbekannten Reiterleutnant aus der
nchsten Garnison, hinter ihm den Junker, einen Unteroffizier und dreiig
Gemeine der Schwadron. Wo liegt der Feind, und wieviel sind ihrer? fragte der
Leutnant. Sobald er den Bescheid erhalten, rckte das Kommando in die Stadt. Die
hinteren Ausfahrten der Huser, in denen die Einquartierung lag, wurden auf den
Rat des Unteroffiziers besetzt, die Reiter drangen ein und fingen zwei Gemeine,
welche gerade die Pferde putzten. Doch ging der berfall nicht ohne Lrm ab, und
dem feindlichen Unteroffizier gelang es, sich mit zwei Mann nach dem Gasthause
zu schleichen. Da befahl der Leutnant seinem Kommando, vor dem Gasthofe
aufzureiten.
    Ein Fenster ffnete sich, der Fremde sah heraus und fragte in franzsischer
Sprache: Guten Morgen, meine Herren, was steht Ihnen zu Diensten? Als Antwort
fiel ein Schu, den einer der Reiter ohne Kommando abgab. Der Franzose dankte im
nchsten Augenblick in gleicher Weise, und der Reiter strzte verwundet auf das
Steinpflaster. Ihr alle habt denselben Willkommen zu erwarten, wenn ihr euch
nicht fortmacht, rief der Fremde. Zur Stelle saen einige Mann ab, drangen in
den Gasthof und auf die enge Treppe, aber der Franzose trat mit seinen Pistolen
in die Stubentr und rief ihnen zu: Wer von euch sich untersteht,
heraufzukommen, den schiee ich nieder wie euren Kameraden. Da hinter dem
Zornigen drei Karabiner im Anschlag lagen und die Strmenden keinen Befehl
erhielten, die Treppe und Stube mit Gewalt zu nehmen, so wichen sie abwrts, und
hinter ihnen wurde das Haus von vorn und hinten verschlossen. Das Kommando zog
sich zurck und machte in achtungsvoller Entfernung auf dem Ringe halt. Unterdes
hatte sich der Platz mit Neugierigen gefllt, der Baron ritt unter die Brger
und rief: Herr Beblow und Meister Schilling, ich ersuche Sie, in den Gasthof zu
gehen und dem Feinde vorzustellen, da er sich gutwillig ergebe, er mu ja die
Unmglichkeit einsehen, sich zu befreien. Das ist nicht unsere Sache,
antwortete Schuster Schilling mit Kopfschtteln.
    Ich versichere euch auf meine Ehre, ermutigte der Leutnant, ihr werdet
nicht erschossen, nur ich habe das zu befrchten, wenn ich mich nhere.
    Die Brger traten schweigend zurck. Der Doktor, welcher herangekommen war,
sah, wie der alte Unteroffizier errtete und unwillkrlich die Faust ballte. Das
Kommando hielt unschlssig, der Leutnant ritt vor demselben hin und her. Auch
der Doktor fhlte, da ihm die Wange hei wurde, und rief: So drfen die Leute
nicht stehenbleiben, ich bin bereit, mit dem fremden Offizier zu verhandeln.
    Ich lasse Sie nicht allein gehen, sagte der Einnehmer. Wenn wir aber als
Abgesandte zu diesem gallischen Helden eindringen, so ist Vorsicht ntig; ich
verlange einen Trompeter.
    Ein junger Reiter ritt freiwillig vor. Bleibt Ihr nur zurck, mein wackrer
Junge, ich wnsche zivile Musik. Holt Eure Trompete, Turmwchter Steinmetz, und
marschiert vor uns her, Ihr seid, solange Ihr blast, sicher wie in Abrahams
Scho.
    Mir ist unbekannt, sagte Steinmetz bekmmert, was bei dergleichen
Handlungen gebruchlich ist.
    Es wird heut nicht so genau genommen, trstete der Einnehmer.
    Die Trompete wurde geholt. Steinmetz, der Trmer, schritt in Parade vor. Da
sein Gemt schwer belastet war, so geriet er auf das Signal, welches er oft in
hnlicher Gemtsstimmung vernommen hatte, und blies das Stck, welches
gebruchlich war, wenn ein Husar Spieruten lief.
    Der Gastwirt lie eine kurze Leiter durch das untere Fenster herab. Die
Herren stiegen, von dem fremden Unteroffizier geleitet, die Treppe hinan und
richteten dem Franzosen ihren Auftrag aus. Dieser aber wies auf die Pistolen,
welche auf dem Tische lagen, und antwortete: Ihr Offizier soll heraufkommen,
mich zu holen, wenn er es vermag; lebendig bin ich nicht zu haben, und jede
weitere Verhandlung ist unntz. Mit diesem Bescheide verlieen die Gesandten
den Gasthof. Als sie zu dem Kommando zurckkehrten und die Antwort berbrachten,
ritt der Unteroffizier heran und rief in grimmiger Bewegung: Herr Leutnant, ich
bitte um Erlaubnis, mit einem Beritt abzusitzen und den Feind gefangenzunehmen.
    Nein, antwortete der aufgeregte Leutnant, es ist Befehl, Verlust an
Mannschaft zu vermeiden, mag der Franzose bleiben, wo er ist, wir reiten hinten
herum und holen die Pferde aus den Stllen. So geschah es. Das Kommando
schwenkte in eine Nebengasse ein und zog mit einem Teil der Pferde, welche der
Franzose requiriert hatte, wieder zum Tore hinaus. Die Leute verliefen sich, der
Markt wurde leer. Als der Doktor einige Stunden spter in den Gasthof gerufen
wurde, fand er den Offizier zum Aufbruch bereit. Ihr Kommando ist artig
gewesen, rief der Fremde lachend dem Eintretenden zu, es hat mir die Hlfte
der Pferde zurckgelassen. Sind das die Husaren Friedrichs des Groen? Sie
verstehen, in den Hintergassen herumzureiten.
    Sie werden nicht immer so vorsichtig gefhrt werden, versetzte der Doktor
finster.
    Sie selbst htten mich gern gefangengenommen, sagte der Franzose mit
spttischem Lcheln. Sie heien Knig, mein Herr, wenn ich recht vernahm.
Stammen Sie hier aus der Gegend?
    Ich bin in Schlesien geboren.
    Der Name ist hufig unter den Deutschen, bei uns in Frankreich wrde er
lange Zeit dem Besitzer eine schlechte Empfehlung gewesen sein.
    Dafr ist Ihr Kaiser jetzt um so mehr beflissen, die Welt mit Knigen zu
versehen.
    Diese sind gut genug fr die Fremden, sagte der Offizier hochmtig. In
Frankreich gibt es nur einen Herrn, und das ist unser Stolz. Doch Verzeihung,
ich wollte Sie nicht verletzen. Er hielt die Hand auf den Tisch. Der Doktor
bemerkte an dem Mittelgliede des kleinen Fingers einen dnnen Goldreif mit einem
Vergimeinnicht, wie er ihn sonst wohl schon gesehen hatte; er dachte sich, da
der Ring von einem Mdchenfinger herkomme, und als er die stattliche, elastische
Gestalt des jungen Kriegers betrachtete, mute er zugeben, da es diesem auch
bei Frauen wohl geglckt sein msse. Trotz der patriotischen Abneigung freute
ihn, da der krftige Mann eine Stelle in seinem Herzen hatte, die anderen
Gewalten als seinem Kaiser gehrte.
    Nachdem der Verband erneuert war, legte der Fremde ein Goldstck auf den
Tisch. Ich bin Ihnen Dank schuldig.
    Sie haben mir nur Gelegenheit gegeben, meinen Beruf zu ben, antwortete
der Doktor hflich. Es ist meine Pflicht, jedermann hilfreich zu sein. Von
einem Feinde nehme ich kein Honorar.
    Der Fremde sah ihn scharf an, aber er nickte beistimmend: Vielleicht
treffen wir uns einmal wieder, und nicht als Feinde, denn der Kaiser pflegt
festzuhalten, was er erobert hat, und dies ist die Zeit, wo alte Throne in den
Trdelladen kommen.
    Dafr wurde auch Ihrem schwbischen Landesherrn ein neuer gezimmert,
versetzte der Doktor.
    Ich bin keine Schwabe, antwortete der Fremde stolz, und nur durch einen
Zufall zu diesem Kommando gekommen. Meine Leute sind unbndig, aber ich denke,
sie werden mit der Zeit zu guten Soldaten.
    Kurz darauf trabte der Franzose mit seinen Reitern und den Pferden aus dem
Tor.
    Der Baron ist entlarvt, sagte der Einnehmer, dem Fremden nachsehend, und
doch wre mir lieb, wenn das Pferdegetrappel von heut frh nicht zu meinem Alten
mit dem Krckstock heraufgeschallt htte. Er wies auf das Bild des Knigs, an
dem ein Trauerflor befestigt war.

                                 Die Verlobung


Diesem ersten Besuch des Feindes folgten andere, deutsche Bundestruppen des
Kaisers, Franzosen und Italiener; die Deutschen aber roher und zgelloser als
die Fremden. Dennoch hielten sie im ganzen in der Stadt so leidliche
Manneszucht, da die Brger sich verwunderten und erzhlten, es sei strenger
Befehl des Kaisers, die Stdte zu schonen. Jmmerlich aber waren die
Botschaften, welche von den Drfern kamen. Dort hausten die Feinde ganz
unmenschlich, alle Gewalttaten und Greuel, welche dem zuchtlosen Sieger mglich
sind, wurden begangen. Und wenn der Doktor ber Land fuhr, oft angehalten und in
eigener Gefahr, hrte er Klagen, die ihm das Herz zerrissen, und sah, was ihn
entsetzte, geleerte Hfe, verdorbenen Hausrat, gemihandelte Frauen und Mnner,
die an Schlgen und Wunden elend darniederlagen. Dann war sein einziger Trost,
da ein Mdchen, das er liebhatte, durch die Flucht nach der Stadt davor bewahrt
wurde, solches Elend in der Nhe zu schauen.
    Des Abends standen die Leute jetzt in Haufen auf dem Stadtwall trotz Klte
und Schnee und horchten schweigend in die Ferne. Wenn der Wind den Schall
herzutrug, konnte man das dumpfe Drhnen schwerer Geschtze hren, welche der
Feind gegen Festungsmauern und gegen die Huser umschanzter Stdte richtete.
    Weihnachten kam heran; nach altem Brauche trugen die Kinder aus dem Walde
groe Moospolster herzu, legten sie auf Bretter und steckten mit spitzigen
Hlzlein bunte Bilder hinein, in der Mitte das Christkind mit Maria und Joseph,
Ochs und Eselein und an die Seiten Schfer und ihre Herden, darber aber hingen
sie einen groen goldenen Stern und Engel, welche auf einem Papierstreifen die
Inschrift wiesen: Gloria in excelsis. Solchen Bau hatte der Doktor als Kind
jedes Jahr zusammengefgt. Als jetzt die Knaben seiner Wirtin das Moos aus dem
Walde heimbrachten und ihm frhlich vorzeigten, wurde mit dem krftigen
Waldgeruch die ganze Freude und Sehnsucht der Kinderzeit in ihm wach; er setzte
sich zu ihnen und half bei der knstlichen Arbeit, schnitt, wie sie, die Bilder
und lehrte sie eine offene Htte zu pappen, in welcher die ruhmvolle Krippe des
Christkindes aufgestellt werden konnte. Aber whrend er sich aus den Schrecken
der Gegenwart hineinzutrumen suchte in den glckseligen Frieden der
Kinderarbeit, kam ihm vor, als vernehme er den dumpfen Schall ferner Schsse, er
sah die tdlichen Geschosse in feurigem Bogen herniederbrechen in die Wohnungen
friedlicher Menschen, er sah abgehrmte Gestalten in den tiefsten Gewlben der
Huser kauern, und er fragte sich in tiefer Emprung: Du heiliger Lehrer, dessen
Geburt die Kleinen im kindischen Spiel darstellen, du fordertest Liebe und
Frieden auf Erden. Deiner hohen Lehre stimmt alles Holde und Freundliche in
unserem Herzen zu. Hat sie recht? Oder ist Kampf und Streit der Nationen als
eine ewige Notwendigkeit von der gttlichen Vorsehung geboten, und mssen wir im
Kriege tten und uns tten lassen, um in friedlicher Zeit menschenwrdig zu
leben? Sind die Greuel dieses Jahres ntig, und kann ein Mensch das Recht haben,
dies Frchterliche ber Millionen andere heraufzubeschwren? Und wenn er sich
antwortete: Dies Leid ist der Preis, den der Mensch dafr bezahlt, da er einem
Volke angehrt und einem Staat, und Krieg ist der Zweikampf der Vlker, der als
das geringere Leiden an die Stelle getreten ist einer rohen Selbsthilfe der
einzelnen, welche unablssig zerstrt; dann blieb er vor der Frage stehen: Wie
weit bin ich als einziger schuldig, mich dem Kampfe meines Heimatstaates
hinzugeben? So dachte er, ber Moos und Fichtenreiser des Waldes gebeugt, aber
die Antwort fand er nicht.
    Dieselben Festungen, um welche in den Kriegen Friedrichs des Groen der
Kampf getobt hatte, wurden jetzt von den Franzosen belagert. Bei jeder hofften
die Stdter, da die Kriegskraft der Fremden, die in der Provinz nur mig war,
an den Bastionen zerschellen wrde, doch eine Festung nach er andern wurde von
schwachen Kommandanten, lange bevor die Not dazu zwang, dem Feinde ausgeliefert.
Als aber die Hauptstadt des Landes trotz dem Widerspruch, den mutige Brger
erhoben, bergeben ward und der Feind zugleich mit der Stadt auch die Regierung
des Landes in Besitz nahm, da drang auch in die Seelen der Bessern die
Mutlosigkeit. Und von da folgte in den den Wintertagen eine Unglcksnachricht
der andern, nichts schien festzuhalten, worauf man gehofft hatte, nicht die
Mauern, nicht die Menschen. Dem Feind gehrte die ganze Provinz, nur im Sden
widerstand noch ein schmaler Landstrich: die Festungen an sterreichs Grenze und
die Berge der Grafschaft Glatz; auch diese, wie man annahm, nur deshalb, weil es
den Franzosen an Belagerungsgert und Mannschaft fehlte.
    Aus der Hauptstadt aber kamen immer neue Erzhlungen von dem bermute der
Sieger, den Erpressungen der Befehlshaber; der eine hatte alles Silbergeschirr
aus dem Laden eines Goldschmieds fr sich requiriert, der andere brauchte
tglich ein Fa Wein, sich darin zu baden; die kniglichen Offizianten wurden
mit kaltem Hohn wie Bediente behandelt, vornehme Gutsbesitzer standen demtig
harrend im Vorzimmer der Fremden und erbaten als Gunst, ihnen Feste veranstalten
zu drfen. Von dem Knig aber und von dem Heere, die weit entfernt im uersten
Norden lagerten, drang selten eine Kunde in das Land.
    Viele gaben die Hoffnung auf, da das alte Wesen jemals wiederkehren werde,
und nicht wenige freuten sich darber. Mancher, den die schlechte Zeit
wundgedrckt hatte, dachte, da es ntzlicher sei, den Sieger zum Freunde und
Herrn zu haben, als den schweren Druck lnger zu ertragen.
    Denn das meiste, was der Brger bis dahin mit scheuer Ehrfurcht betrachtet,
hatte sich verchtlich gezeigt. Streng waren die Kleinen bevormundet worden,
jetzt waren die hchsten Behrden, die ersten Offiziere in ihrer hohlen
Eitelkeit und in der Erbrmlichkeit ihres Charakters erwiesen. Darber klagte
das warmherzige Volk mit Bitterkeit und die Schlechten mit hmischer Freude.
Wenn einer der Gutsherren, der einen Sohn beim Heere hatte, nach der Stadt kam,
so waren die Leute nicht mehr willig, die Mtzen zu ziehen; sie wiesen
vielleicht hinter seinem Rcken mit Fingern auf ihn und flsterten sich zu, wie
er sich die Einquartierung abgekauft und wie er bei den Feinden zu Hofe gegangen
war.
    Auch das neue Wesen der Fremden, welches so gewaltig der alten Ordnung
berlegen war, dnkte vielen strker und besser. Ja, der Kaiser verstand
aufzurumen; er wrde durch wenige Federstriche den Stolz der Herren abschaffen,
die mit Lufern durch die Straen zogen und ihre untertnigen Leute zwangen,
ihnen zu dienen, gleich als ob diese Negersklaven wren. Nicht nur in den
Schenken, wo loses Volk verkehrte, auch in den Husern studierter Mnner, welche
sich ihrer Wissenschaft und ihrer Erfahrung im Staatsdienst rhmten, vernahm man
das Lob des Kaisers, und wenn deutsche Offiziere, die in franzsischem Dienst
standen, in einer Gesellschaft seine Gesundheit ausbrachten, so schrien auch
schlesische Landeskinder ihr Hoch dazu.
    Und etwas Unerhrtes geschah; das ganze Land fllte sich mit Spionen. Die
Fremden verstanden mit einer teuflischen Fertigkeit, die sie in andern Lndern
erworben hatten, schwache Menschen als Zutrger zu gewinnen; berall schlichen
sich franzsische Agenten ein. Wer in grerer Gesellschaft ein freies Wort
wagte, der lief Gefahr, angezeigt zu werden. Man wute, da hier und da jemand
bei Nacht aufgehoben und nach der Hauptstadt gefhrt war. Vorsichtig und scheu
gingen die Leute aneinander vorber, ein Nachbar traute nicht mehr dem andern.
    In der Stadt lebte ein pensionierter Rat, der wenig beliebt war. Man sagte,
da er wegen grober Amtsvergehen seinen Abschied erhalten habe. Dieser Mann
suchte jetzt die Gesellschaft des Doktors, erzhlte viel und laut von seinem
Patriotismus und fragte den Doktor, der ihn kalt behandelte, nach seinen
Ansichten.
    Lassen Sie sich nicht mit dem ein, sagte einst die Gastwirtin vertraulich,
es geht mich nichts an, aber die Leute erzhlen, da er insgeheim mit dem
Feinde zusammensteckt. Wenn Sie viel mit ihm gesehen werden, so kommen auch Sie
ins Gerede.
    Wenn er in solchem Verdacht steht, versetzte der Doktor erstaunt, wie
knnen die Honoratioren ihn an ihrem Tische und in der Unterhaltung neben sich
dulden? Die Wirtin zuckte die Achsel. Sie mgen es wohl aus Furcht tun. Als
der Doktor den Einnehmer deshalb befragte, antwortete dieser: Ich rede nicht
mit ihm, frherer Geschichten wegen, ob er spioniert, wei ich nicht; aber
glauben Sie mir, die rgsten Spione sind unsere Oberbehrden, welche aus reiner
Feigheit sich und die Verwaltung den fremden Schuften in der Hauptstadt zu Fen
legen.
    Das nchste Mal begann der Doktor traurig:
    Es geht mit unserm Widerstand zu Ende. Die letzten Truppen, welche sich
noch in der Grafschaft hielten, sind ber die bhmische Grenze gesprengt.
    Der Einnehmer zuckte die Achseln: Ich werde wohl nicht mehr lange ber
Steuern quittieren. Zwei Knige haben mit ihrem Stock dies Wesen
zurechtgeschlagen, unter zwei andern ist es verloddert. Ich sage Ihnen, Doktor,
der fhlende Mensch soll sich um diese Dinge nicht grmen.
    Um was denn sonst? fragte der Doktor.
    Um nichts, antwortete der Einnehmer, dem Weisen darf nichts auf Erden den
Appetit verderben. Beide saen einander schweigend gegenber.
    Wieder begann der Jngere: Ich las, wie ein wohlmeinender Schriftsteller
die Deutschen ermahnt, da ihnen doch die Herrschaft bleibt im Reiche des
Geistes, in der Wissenschaft und Poesie. Darin kann kein anderes Volk sich mit
uns messen, und unsere heimische Art lebt sicher fort in unserer Muttersprache.
    Auf der andern Seite der Oder reden sie polnisch, jenseits des Gebirges
bhmisch, und unsere Edelleute freuen sich, wenn sie franzsisch parlieren
knnen; erzhlen Sie doch den Brgern und Bauern von der Gre unserer
Wissenschaft und Dichtkunst, antwortete der Einnehmer.
    Wieder langes Schweigen. Wohlan, ermutigte sich der Doktor, aus Trbsal
und Gefahren steigt ein neues Leben empor; was unhaltbar war, fllt um uns in
Trmmer. Die eigenntzige Politik der Kabinette hat ihre Schwchen erwiesen. Die
Schranken, mit welchen die Nationen voneinander getrennt wurden, sind gebrochen;
fr die Vlker kommt jetzt eine Zeit brderlicher Vereinigung.
    Das sagen ja die Franzosen immer, versetzte der Einnehmer, und dabei
treiben sie den Bauern die Khe aus dem Stalle und raffen unsere sauer
verdienten Groschen in ihre Tasche.
    Auch der Kaiser, welcher jetzt mit seiner Geiel auseinanderwirft und
zerschlgt, ist der Diener einer hheren Macht; er zwingt uns zur Bue und
Einkehr in uns selbst, denn er lehrt uns, da vieles, was wir in schlaffer
Gutmtigkeit aus der Vergangenheit bewahrt haben, ein Unrecht geworden ist. Ob
er bestimmt ist, ein besseres Leben bei uns heraufzufhren; wer wagt das zu
entscheiden?
    Das wage ich, als kniglicher Steuereinnehmer, indem ich Ihnen im Vertrauen
sage, da ich ihn fr einen Schurken, einen Dieb und Einbrecher halte. Aber
andere unserer groen Herren sind nicht viel besser. Er nimmt's dreist in
Scheffeln, die andern furchtsam in Lffeln. Und ich wiederhole Ihnen, der
Weltlauf war immer so, und nur in seinen vier Wnden vermag der Mensch glcklich
zu sein. Zuweilen hilft dazu ein Glas Wein. Er trug eine Flasche Ungar heran.
Das trinken wir aus, ermahnte er, sonst holen es am Ende die Volksbeglcker.
Die Freunde setzten sich zusammen. Der Wirt wollte nicht von Politik reden und
erzhlte kleine schnurrige Geschichten, denen der Gast mit halbem Ohr zuhrte.
Beide Weltbrger, der, welcher sich aus der gemeinen Auenwelt in die Stille des
Hauses retten wollte, und der andere, der nach dem Ha der Knige eine
Freundschaft der Nationen erwartete, sollten noch erfahren, da sie selbst
Besseres zu tun hatten, als ber den Fall ihres Staates traurig nachzudenken.
    Auch der Doktor hatte mhevolle Tage. Es gab viel Krankheit in den
ausgesogenen Drfern, die Wege waren unsicher geworden und nchtliche Fahrten
galten fr gefhrlich. Er fuhr mit Sbel und Pistole bewaffnet zu seinen
Kranken; aber die einsamen Reisen unter dem Nachthimmel waren ihm ganz recht.
Wenn der Schneesturm um seinen Schlitten heulte, und wenn die Wintersonne auf
das weie Bahrtuch schien, in welches die Landschaft gehllt war, sann er
ernsthaft ber die groen Fragen, welche den Menschen beschftigen, wenn er
zertrmmern sieht, was ihm bis dahin lieb und ehrwrdig gewesen ist.
    Als er bei einem Krankenbesuch auf dem Lande wieder Klagen ber die Roheit
und Raubsucht der Feinde angehrt hatte, sagte der Bauer endlich: Woanders ist
es noch schlimmer hergegangen; bei dem Herrn Senior haben sie arg gehaust, und
er ist kaum mit dem Leben davongekommen. Da befahl der Doktor dem Kutscher,
sogleich nach dem Pfarrdorf zu fahren.
    Der Weg bog von der Landstrae ab, zur Seite die wste Sttte und das
Dorngebsch um den verfallenen Brunnen, dahinter der alte Ringwall. ber dem
Deckel des Brunnens hmmerte der alte Christian. Der Doktor lie halten: Wie
geht's in der Pfarre, Schfer? Der Alte schttelte den Kopf: Der Herr Senior
will durchaus, da ich den Deckel wieder festschlage; die Arbeit ist doch
vergebens. Sie leidet's nicht mehr.
    Wer will's nicht leiden? Der Mann wies scheu in den Brunnen hinab. Die
einst hier heruntersprang. Er warf die Axt weg: Hier fing das Unglck an. Am
Morgen kam die Magd mit der Nachricht gelaufen, der Brunnen wre offen und das
Holz nirgends zu finden. Der Herr meinte, es sei hineingestrzt. Es war ganz
fest, sagte ich; ich selbst habe in den letzten Tagen daran gefat, wie knnen
die Bohlen hinunterfallen? Dann haben Fremde dort nach Wasser gesucht, sagte der
Herr, griff nach seinem Hut und ging selbst zur Stelle, doch war nirgends etwas
zu finden. Und gleich darauf kamen die Ruber und Mrder ber uns. Ach, und
unser armes Frulein!
    Fahr zu, Kutscher, schrie der Doktor in der Ahnung eines Unheils. Als er
in den Hof einfuhr, fand er dort den Staatswagen des Kammerherrn. Der Bediente
grte und berichtete ungefragt, da die gndige Frau zum Besuch beim
Pfarrfrulein sei. Der Doktor wurde in die Amtsstube des Seniors gefhrt. Erst
auf dem Wege hierher habe ich vernommen, da Sie in Gefahr gewesen sind.
    Es war eine schwere Zeit, antwortete der Geistliche, welcher krnklich und
gebeugt vor ihm sa, und ich besorge, die Prfungen sind noch nicht zu Ende. Es
ist uns im vorigen Herbst und Winter bel zugesetzt worden. Zuerst kamen kleine
Kommandos, sie nahmen uns das Vieh aus den Stllen, kaum da den Frauen gelang,
die letzte Milchkuh zu verstecken; bis endlich an einem Sonnabend, da ich gerade
memorierte, das Unglck hereinbrach. Er hielt inne und sah den Doktor unruhig
an. Wir sind Ihnen bereits Dank schuldig, und Ihr Besuch erscheint mir wie eine
Fgung des Schicksals; ich wei, da meine Henriette groes Vertrauen zu Ihnen
hat, und es knnte sein, da wir bald einmal Ihre Hilfe fr Sie erbitten
mssen. Ist sie krank? fuhr der Doktor auf.
    Ich frchte, obgleich sie im Hause umhergeht wie sonst. Er hielt wieder
inne. Dem Arzte soll man mit Vertrauen entgegenkommen, fuhr er, sich selbst
ermutigend, fort, und ich will Ihnen alles erzhlen, wovon wir sonst ungern
reden. An jenem Sonnabend war der Hof im Augenblick durch wilde Gestalten,
durch Pferde und schreiende Soldaten gefllt; sie drangen in die Stube mit
wtenden Gesichtern und rohen Flchen; der ganze Haufe war betrunken, leider
waren es Deutsche. Sie hielten mir Pistolen an die Schlfen, drehten das Tuch um
meinen Hals, um mich zu ersticken, und forderten das Geld und Silberzeug.
    Whrend meine Frau zitternd in der Kammer herbeisuchte, was sie begehrten,
hielt mich die Tochter fest umschlungen, um meinen Leib vor den Schlgen der
Bsewichter zu schtzen. Aber zwei, die Offiziersepauletten trugen, rissen sie
von meinem Herzen und wollten sie mit rohen Liebkosungen zur Stube hinausziehen.
Da hrte ich in halber Ohnmacht, wie unsere alte Magd, die an der Tr auf den
Knien lag, jemanden anschrie: Herr, rettet unser junges Frulein! In dem
Augenblick sprang ein junger Offizier ber die Schwelle, ein schner Mann, wie
vom Himmel kam er. Er sah sich in der Stube um und schlug den Bsewichtern,
welche mich qulten, die Pistolen zur Seite, und wie mein Kind, welches
gebrochen auf den Knien lag, von den zwei Wterichen fortgeschleift wurde, fuhr
er auf diese zu und gebot ihnen mit flammendem Blick: Lassen Sie das Mdchen
los. Als die beiden sich unter Flchen weigerten, packte er den Frechsten bei
der Brust, warf ihn zurck und rief: Wagt es, ihr Hunde, die Braut eines
franzsischen Offiziers anzurhren. Braut? schrien die andern, Lgner! Schlagt
den franzsischen Windbeutel nieder. Der Franzose zog seinen Sbel heraus und
sagte jetzt ganz ruhig: Ich ersuche alle Anwesenden, Zeugen meiner Verlobung zu
sein. Er beugte sich zu meiner Tochter herab, welche im Scho der Mutter auf dem
Boden lag, zog ihr den Ring vom Finger, der ein Geschenk ihrer Pate war, und
steckte ihr einen andern an, den er an der Hand trug. Herr Pfarrer, so verlobe
ich mich mit Ihrer Tochter, sagte er, und gleich darauf fuhr er die beiden
Bsewichter an: Hinaus. Unterdes waren einige seiner Leute in die Stube
gedrungen, hatten die Marodeure aus dem Hause gejagt und bewachten die Tr. Es
wurde still, wir hrten in unserer Betubung Sbelgeklirr aus dem Hofe. Kurz
darauf kam der franzsische Offizier zurck und rief meiner Tochter zu: Der
Elende wird Sie nicht mehr belstigen. Er hatte ihn dort vor der Scheune zum
Tode verwundet. Der Mensch starb wenige Stunden darauf und wurde von seinen
Leuten in aller Stille auf einem Karren fortgeschafft. Der Senior wischte sich
den Schwei von der Stirn. Auch sein Zuhrer barg sein Gesicht hinter der
aufgesttzten Hand.
    Meiner Tochter lief der Schauder durch die Glieder, fuhr der Geistliche
fort, der Franzose redete ihr trstend zu: Armes Mdchen, fassen Sie Mut, es
soll Ihnen kein Leid mehr geschehen; er hob sie auf und bergab sie der Mutter.
Sie wurde aus dem Zimmer gefhrt. Als wir allein waren, fuhr der Offizier fort:
Fr die nchsten Tage lasse ich Ihnen einen zuverlssigen Mann als Sauvegarde im
Haus, und spter, hoffe ich, sollen Sie von aller Einquartierung verschont
bleiben. Er rief einen seiner Reiter herein, es war ein alter Haudegen von sehr
gutem, kriegerischem Aussehen. Bisher hatte der Offizier deutsch geredet, wenn
auch mit fremder Aussprache, mit dem Alten besprach er sich franzsisch. Dann
wandte er sich wieder zu mir: Was hier vorgefallen ist, zwingt mich, sogleich
aufzubrechen, um Sie und mich selbst zu sichern. Ich bitte Sie, bevor ich
scheide, um ein Glas Wein; ich wnsche, die Gesundheit meiner Braut zu trinken.
Als er trank, lief ihm vom Arme das Blut herab. Und als er aufbrach, sagte er
noch, meine Hand ergreifend, in seinem fremdartigen Deutsch: Mein ehrwrdiger
Vater, als ich die Heimat verlie, hatte ich eine Schwester, welche Ihrer
Tochter hnlich war, und einen Vater mit weiem Haar, gleich dem Ihren, und es
sah in der Stube fast so aus wie hier. Und meinen Dank unterbrach er mit den
Worten: Gren Sie meine Braut und sagen Sie ihr, wenn ich wiederkomme, werde
ich fragen, wann sie Hochzeit machen will, und ein franzsisches Lied singend,
ritt er mit seinen Leuten von dannen. Doch einen Empfehlungsbrief fr sptere
Einquartierung hat er zurckgelassen. Der Senior holte ein Papier aus dem
Schreibtisch und wies es dem Doktor. Es war ein offener Brief in franzsischer
und deutscher Sprache, worin der Unterzeichnete seine verlobte Braut und deren
Eltern der Ehre aller Kameraden empfahl. Die Unterschrift war Dessalle,
Kapitn, mit Angabe des Regimentes.
    Der Doktor legte das Blatt auf den Tisch, er wute jetzt, woher der Ring mit
dem Vergimeinnicht kam, und er wute auch, wo die Armwunde empfangen war, die
er verbunden hatte. Und Sie haben spter von diesem Dokument Gebrauch gemacht?
fragte er mit klangloser Stimme.
    Es hat uns einigemal in der Not gute Dienste geleistet, antwortete der
Geistliche gedrckt.
    Sie haben dadurch die Verlobung Ihrer Frulein Tochter mit dem Fremden
anerkannt, sagte der Doktor traurig; hat auch Frulein Henriette ihre
Zustimmung ausgesprochen?
    Sie hat nie ein Wort dafr und dagegen gesagt, den Ring des Fremden hat sie
abgezogen und verwahrt ihn in ihrer Kommode. Lange war sie auf den erlittenen
Schreck bettlgerig; als sie wieder zu einigen Krften kam und die Mutter von
dem Unglckstage anfing, brach sie in Schluchzen aus und geriet in solche
Aufregung, da wir bis jetzt vermieden haben, davon zu reden, sie selbst erwhnt
niemals den Offizier.
    Hat Kapitn Dessalle seit jenem Tage sich nicht wieder gezeigt?
    Nein. Einmal hat er mir in kurzem Billett angezeigt, er sei verhindert, uns
wiederzusehen, da er im Dienste verschickt werde.
    Darf ich mir die Frage erlauben, wie Sie selbst die dreiste Tat des
franzsischen Offiziers ansehen und was Sie ihm gegenber und vielleicht vor
andern zu tun gedenken?
    Der Senior faltete die Hnde. Ich stelle alles dem Willen des Hchsten
anheim, er wird es wohlmachen.
    Dem Doktor emprte sich das Herz ber solche christliche Ergebenheit.
    Die Heimsuchung ist ber mein Haus gekommen, wie ber unser Volk, fuhr der
Senior fort, der Kaiser hat alles zerschlagen, worauf wir vertrauten, und
niemand vermag zu sagen, ob er nur wie ein Skorpion ist, mit dem wir gezchtigt
werden, oder ob er ein Bote der Vorsehung ist, um uns, wenn auch wider unsern
Willen, zu einem besseren Glck zu fhren. Ist er nur ein Werkzeug der
Zerstrung, so wird Gott ihn finden und zerbrechen, ist er ein groer Reformator
in irdischen Dingen, so wird er sich auch unsern Dank verdienen, und die Herzen
werden sich ihm freudig zuwenden.
    Es war wenige Tage her, da hatte der Doktor, welcher jetzt in tiefer
Emprung dem Alten gegenber sa, ganz hnliches gedacht; heut tnten ihm die
Worte wie Vaterlandsverrat in das Ohr. Er verstand wohl, was der Senior vor ihm
nicht aussprach; der fromme Mann hatte in seiner Ergebenheit bereits bei sich
ausgemacht, da der Herr ihm vielleicht einen Offizier des Kaisers als
Schwiegersohn bestimmt habe, und er war bereit, ihn zu empfangen. Schmerz und
Zorn wurden in dem Doktor so bermchtig, da er vergebens nach Worten rang.
    Es war ein langes, unfreundliches Schweigen.
    Die Frau Kammerherrin hlt die Meinigen lange auf, sagte der Pastor, nach
der Tr sehend.
    Der Doktor erhob sich. Was Sie mir mitgeteilt haben, werde ich als
Geheimnis bewahren. Ist das Leiden Ihrer Frulein Tochter eine Folge des groen
erlittenen Schreckens, so haben Sie Heilung von der Zeit zu hoffen; hat die
Strung ihrer Gemtsruhe einen anderen Grund, so wird ihr Leiden nur beseitigt
werden, wenn der Grund des Kummers wegfllt. Als Arzt vermag ich nur dann zu
raten, wenn Frulein Henriette sich entschlieen kann, mir so weit ihr Vertrauen
zu schenken, als der Arzt in solchem Falle beanspruchen mu. Darum lasse ich sie
herzlich bitten. Es wird gut sein, wenn Sie ihr dies vorher mitteilen. Als er
die Stube verlie, fuhr der Wagen des Besuches ab. Henriette stand auf den
letzten Stufen der Treppe. Da sie den Gast erkannte, wich alles Blut aus ihrem
Gesicht, und sie hielt sich an dem Treppengelnder fest. Er blickte sie traurig
an, grte schweigend und frmlich und stieg in den Wagen. Er sah nicht mehr,
da das Mdchen sich ber die Treppe beugte und in lautes Schluchzen ausbrach.
    Der Doktor drckte sich in eine Ecke des Wagens und versuchte, an alles
mgliche andere zu denken, um die bitteren Empfindungen zu betuben. Ihn
bermannte fast die Trauer, da sie jetzt vielleicht unglcklich war durch den
bermtigen Einfall eines Fremden. - Doch wahrlich, es war Torheit, sich um dies
Abenteuer zu grmen. War der Fremde nur ein frecher Taugenichts, so durfte der
Ringwechsel aus dem Stegreif unter keinen Umstnden ihre Zukunft bestimmen, und
war er ein Mann von Ehre, so verstand es sich von selbst, da die Sache keine
weiteren Folgen hatte. Aber er war ihr Retter! Wie vom Himmel kam er, sagte
der Vater. So dachte wohl auch die Tochter. Es war natrlich, da ihr der
Franzose lieb geworden war, dessen Ring sie bewahrte. - Und welches Recht hatte
denn er selbst an das Mdchen?
    Er rang in seinen Gedanken gegen das Neue, das wie ein giftiger Qualm seine
Hoffnung auf Liebe und Glck verdorren machte. Und je lnger er sich mhte, um
so wilder wurde der Sturm in seinem Gemt, bis ihm sein ganzes Leben entweiht
und zerbrochen dnkte.
    So kam er nach Hause und warf sich den Rest der Nacht ruhelos auf seinem
Lager umher. Kalt und grau war der Morgen, und die finstere Entsagung, zu der er
sich zwingen wollte, wurde immer wieder durch das Auflodern eines wilden
Schmerzes gestrt. Nur ein Strahl von Hoffnung fuhr zuweilen durch das Dunkel in
seiner Seele: Henriette selbst wrde seinen Beistand begehren. Aber Tag auf Tag
verrann, und vom Pfarrdorf kam keine Botschaft.
    Wohl aber traf er mit dem Kammerherrn zusammen, der ihm erzhlte: Meine
Frau hat bedauert, neulich bei dem Herrn Senior Sie nicht gesehen zu haben. Das
ist ja eine ganz poetische und romantische Begebenheit. Dem Frulein darf man,
abgesehen von der gegenwrtigen Kriegslage, zu der Partie gratulieren. Ich war
im Auftrage der Stnde gentigt, mit den Franzosen zu verhandeln. Da erkundigte
sich der Prinz selbst nach der Familie des Seniors und rhmte den Brutigam mit
warmen Worten.
    Und wie erwhnte Frulein Henriette den Franzosen? fragte der Doktor kalt.
    Sie hat meine Frau mit Trnen gebeten, ber die ganze Angelegenheit gegen
sie selbst und andere zu schweigen. Dies Zartgefhl macht ihr Ehre bei der
jetzigen Unsicherheit aller Verhltnisse. Ich zweifle aber nicht, wenn erst der
Friede geschlossen ist, wird sich dort alles gnstig gestalten. Meine Frau ist
bezaubert von der Haltung und Liebenswrdigkeit des Mdchens.
    So war es entschieden. Ein kurzer Traum von Liebe und Glck! Sonne und Mond
verklrten den Friedhof so freundlich mit ihrem Licht, das Ende ist doch ein
Grab fr Liebe und Hoffnung; kurz war die Seligkeit, und ihr folgt ein des
Leben voll von Entsagung. So dachte der Doktor daheim, er trat aus dem
Sternenlicht in den dunklen Schatten und barg sein Gesicht in den Hnden.

                                Nach den Bergen


Die ersten Boten des Frhjahrs kamen. Die Schneeglckchen blhten, und der Fink
erhob in den Hausgrten seinen mutigen Ruf. Die Kinder banden buntes Papier und
Flittern an Fichtenreiser, liefen durch die Gassen und schrien, da sie den
Winter ausgetrieben htten und den Sommer wiederbrchten; und wo sie von der
Hausfrau Brezeln hofften, da sangen sie schmeichelnd von einer goldnen Schnur,
die um das Haus gehe, und von einer schnen Frau Wirtin darin. Ach, das Gold war
in den Husern der Brger selten geworden, aber die steigende Sonne bte doch
ihren alten Zauber. Die Mutlosigkeit, welche unter den Schneewolken geherrscht
hatte, schwand dahin. Die Brger schritten wieder rstiger einher, Augen und
Herzen erhoben sich in neuer Hoffnung. Noch war es ein schchternes Ergrnen,
und der nchste Schneefall mochte es verderben, aber die Leute erzhlten doch
frohlockend, da dem fremden Kaiser nicht alles geglckt war und da oben in der
Grafschaft und um die Grenzfestungen sich wieder Soldaten ihres Knigs
tummelten. Ein neuer Gouverneur war angekommen, und seine Husaren streiften weit
in das Land, fast tglich kam Botschaft von kecken Unternehmungen, welche dem
Feinde Schaden getan, da sich die mutigen Reiter durch die engen Tler, ber
Eis und Schnee der Berge gewunden, um pltzlich ber die Franzosen herzufallen,
da sie mit dem alten Husarenstolz schonungslos auf jede bermacht einhieben und
mit ihren Gefangenen und Beutepferden in der Ferne verschwanden, gleich
Luftgestalten, welche der Berggeist Rbezahl aus seinem Reiche gesendet hat, die
Fremden zu necken.
    Seitdem wurde wie mit Geisterhilfe dem Feinde ein Tort nach dem andern
getan, auch da, wo niemand an die Mglichkeit dachte. Die Franzosen wollten in
der Mnze der Hauptstadt Geld schlagen mit den vorhandenen Prgstcken, welche
jetzt in ihrer Gewalt waren; als sie den verschlossenen Raum ffneten, fanden
sie alles leer, die Prgstcke waren durch unsichtbare Hnde in die Berge
geschafft. Dem Feinde fehlten Hohlgeschosse zur Belagerung der Festungen, die
Guformen dazu verwahrte er in Eisenwerken Oberschlesiens; als die Arbeit
beginnen sollte, wurden die Htten bei Nacht von Bewaffneten umstellt, die
Formen herausgeholt und zerstrt. Und wieder weit abseits, an der polnischen
Grenze, hatte ein wackerer Edelmann auf seinem Gute die Monturen aus den
nchsten Garnisonen gesammelt und vermauert, die Feinde aber hatten davon
erfahren, ihm den Hof verwstet und besetzt. Da zogen in nchtlichem Ritt die
Geister aus den Bergen ber die Oder, quer durch das ganze Land, rumten
heimlich aus und schafften alles fort.
    Zuweilen kam dem Doktor vor, als ob auch um ihn herum etwas Geheimnisvolles
vorgehe. Unter den jngeren Mnnern der Stadt war ein Assessor sein Tischgenosse
in dem kleinen Zimmer des Gasthofes. Der andere war immer schweigsam gewesen und
hatte sich selten aufgetan; jetzt sa er noch verschlossener als sonst, bis er
einmal nach dem Essen die Hand des Arztes ergriff. Wir nehmen heut Abschied,
bewahren Sie mir ein freundliches Andenken. Dies klang so feierlich, da der
Doktor befremdet fragte: Sie wollen mich auf lngere Zeit allein lassen?
    Es gibt jetzt wenig zu tun, antwortete der andere ausweichend, und ich
mache die Reise in eigenen Angelegenheiten. Am anderen Tage sagte die Wirtin,
auf den leeren Platz weisend: Der ist auch fort. Vorige Woche ist der Sohn
meiner Schwester gegangen, wer wei, ob wir sie wiedersehen.
    Wohin? fragte der Doktor.
    Wir wissen es nicht, antwortete sie. Einer ist wie der andere am frhen
Morgen zum Tore hinaus, auf die Grafschaft zu. Seine Sachen hat der Assessor mir
bergeben, aber das Gewehr, welches er sich gekauft hatte, ist nicht darunter,
und vor einigen Tagen hat ein Fremder, der sich einen Pferdehndler nannte, eine
Kiste von ihm in das Gebirge mitgenommen.
    Da fiel dem Doktor ein, da er vor kurzem auch den Einnehmer mit einem
Fremden im Gesprch getroffen. Der Besuch war bei seinem Eintritt mit kurzem
Gru davongegangen, der Einnehmer aber hatte auf des Doktors fragenden Blick
ausweichend geantwortet: Er macht Geschfte mit Pferden und anderem nach der
Grafschaft hin.
    Doch nicht jedermann war geneigt, die Geister der Berge zu rhmen. Auf der
Bank der stdtischen Promenade sa der pensionierte Major von Henner, bot seinen
Rcken den Strahlen der Mittagssonne und sttzte die gefalteten Hnde auf seinen
Stock. Er gehrte zum ersten Tisch, war als wackerer Mann in der Stadt geachtet
und hatte auch in dieser Zeit der Schwche seinen harten Mut nicht verloren.
Heut sah er trbsinnig zu dem Arzte auf, als dieser nach seinem Ergehen fragte.
    Ich habe als junger Soldat manche Woche erlebt, wo die ganze Welt den Knig
und seine Armee verloren gab, und unsere Soldaten machten doch alle Hoffnungen
der Feinde zuschanden. Jetzt aber, Herr, traure ich, da ich solchen Frevel
erleben mu. Und den Trost des Doktors abweisend, fuhr er fort. Mit den
Franzosen wren wir zuletzt fertig geworden, aber wir selbst geben uns den Rest.
Was in der Grafschaft vorgeht, mu einem alten Preuen das Herz brechen. Der
Mann, welcher dort im Namen des Knigs regiert, befiehlt nicht wie ein
preuischer Offizier, sondern wie der Ruber Karl Moor, der keinen Gott und
keinen Herrn ber sich erkennt. Die gute Zucht unseres Heeres hat er wie einen
lahmen Hund totgeschlagen, der Unterschied zwischen Edelmann und Schneider ist
aufgehoben, Gassenlaufen und Stock sind verpnt, jedermann mu als Gemeiner
eintreten, jedermann kann Offizier werden, auch mein Bedienter, und die Gemeinen
sollen vor allem durch das sogenannte Ehrgefhl gedrillt werden. Nicht
preuische Soldaten erzieht er, sondern einen Haufen von Rubern, die in ihrer
Hhle die Helden spielen und beim ersten scharfen Gefecht auseinander laufen.
Da mit dieser Flunkerei jetzt Tritt, Tempo und Subordination zum Teufel gehen,
das ist das Anzeichen von unserem Ende. So klagte finster der Alte.
    An demselben Mittag stand der Einnehmer vor seinem geffneten Bcherschrank
und musterte whlerisch die Bnde. Ich suche, was das Gemt mit heiterer Ruhe
erfllt, brummte er.
    Die Haushlterin trat in die Tr. Frulein von Buskow wnscht den Herrn
Einnehmer zu sprechen.
    Der Einnehmer schlo unwillig den Schrank: Die Schwester des Meuchlers!
Aha, seid ihr klein geworden? Ich denke, sie will um Verzeihung bitten. Lassen
Sie ein!
    Das Frulein trat schnell in das Zimmer, eine kleine, behende Dame in
schwarzer Enveloppe und schwarzer Kapuze. Der Einnehmer verneigte sich hflich
gegen ihren artigen Gru, sah aber wieder sehr majesttisch aus, als er sie
einlud, auf dem Sofa niederzusitzen.
    Ich komme, Sie um allerlei zu bitten, begann das Frulein leise, was Sie
vielleicht von Ihrer Garderobe entbehren knnten, vor allem, wenn Sie dicke,
alte Stiefel haben und vielleicht etwas Warmes unterzuziehen; am liebsten auch
um Geld.
    Von allem ist wenig vorhanden, sagte der Einnehmer, verwundert auf die
niedlichen Fe sehend, welche kaum bis zum Boden reichten, da Sie aber die
Stiefel doch nicht fr sich brauchen, so sagen Sie mir auch, wem Sie damit den
Weg durch dieses Jammertal besohlen wollen.
    Armen Soldaten, antwortete das Frulein, welche sehr abgerissen sind.
    So ist es mehr als einer?
    Ach, lieber Herr Einnehmer, entschuldigte die Kleine schchtern, es ist
eine ganze Kompanie, ber achtzig Mann. Wo? fragte der Einnehmer erstaunt.
Hier drauen beim Schiehause. Sie sitzen in der Scheune meines Hauswirtes,
dort habe ich sie verlassen.
    Sie? fragte der Einnehmer. Achtzig arme Marodeure knnen Ihnen und der
Stadt groe Unannehmlichkeit bereiten.
    Die Wangen des Mdchens rteten sich: Es sind keine Marodeure, die meisten
sind Grenadiere von der Kompanie, welche einst mein seliger Vater gehabt hat;
sie waren bei unseren Truppen in der Grafschaft und wurden nach Bhmen gedrngt.
Dort haben sie sich ranzioniert und sind ber die Berge wieder in das Land
gekommen. Sie wollen unsern Knig aufsuchen. Vorige Nacht lagen sie im
Stadtwald; heut in der Frhe kam ein alter Sergeant, der meinen Bruder und mich
von frher kennt, in einem Bauernmantel zu mir und fragte um Auskunft wegen des
Marsches zu Seiner Majestt und ob ich der Mannschaft mit etwas helfen knnte,
denn es geht ihr sehr schlecht; die wenigsten haben noch Schuhwerk und nichts
Warmes in den kalten Nchten, und sie frchten, den Franzosen in den Weg zu
laufen. Ich bat meinen Hauswirt, den Fleischer, um Hilfe, und er bewies sein
gutes Herz, denn er ging mit mir hinaus, ffnete seine Scheune und schenkte
ihnen auch einen Hammel, etwas Speck und Brot. Aber das ist immer wenig fr so
viele. Herr Einnehmer, es ist ein Jammer, die armen Leute anzusehen. Sie fuhr
schnell an die Tasche, wischte mit dem Tuch ein paar Trnen ab und zog sogleich
wieder entschlossen ihre Hlle zurecht.
    Der Einnehmer sah ihr immer noch verwundert zu. Also das ist der
Charakter, sagte er endlich. Bevor ich Ihnen antworte, noch eine Frage: Warum
wenden Sie sich gerade an mich?
    Es ist mir von einem durchreisenden Bekannten geraten worden, versetzte
das Frulein zgernd.
    Hie er vielleicht Wei? fragte der Einnehmer.
    Das Frulein trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und hob den
Zeigefinger. Ich denke, Schwarz, sagte sie.
    Der Einnehmer stand auf. Da haben wir die Bescherung. Dieser schwarze Peter
spielt in seinem Leichtsinn einen kniglichen Offizianten einem jungen Frulein
in die Hnde, welches mehr Elfe oder Sylphe als Steuerzahlerin ist. Bleiben Sie
ruhig sitzen, liebes Frulein. Ich berlege nur, was wir zu tun haben. Unterdes
und vor allem werden Sie einen Imbi zu sich nehmen, das haben Sie heut gewi
noch nicht getan. Er holte die Flasche aus dem Wandschrank und gebot der
Haushlterin, schnell etwas aufzutragen. Whrend das Frulein sich gehorsam an
den Tisch setzte und einige Bissen a, schritt er auf und ab und sah sie von der
Seite an.
    Der Einnehmer galt fr streng in Beurteilung weiblicher Schnheit, es gefiel
ihm nmlich selten eine, und zwar wegen einer Geschichte aus seinen jungen
Jahren, die lngst dunkel geworden ist, mit einer hheren Ratstochter, welche
aus Eitelkeit treulos an ihm gehandelt hatte. Wie er aber heut die Sylphe so
pltzlich an seinem Tisch essen sah, ruhig und ohne Ziererei, als ob das eine
gleichgltige Sache sei, wurde sein Urteil milder. Er sah ein regelmiges
Gesicht von klugem Ausdruck, hbsche, muntere Augen, dunkle Lckchen, welche aus
dem Capuchon herausquollen, und eine zierliche Gestalt.
    Endlich hatte er seinen Entschlu gefat: Die Leute mssen morgen in der
Frhe fort. Nicht nach Ostpreuen, wohin sie gar nicht mehr dringen knnen,
sondern nach der Grafschaft. Wer marode ist, wird gefahren; meine Stiefel und
Rcke tun's nicht, es mu einiges geschafft werden. Sie und ich drfen hier
nicht allein als Verschwrer auftreten. Der Stadtdirektor mu Mitschuldiger
sein.
    Aber er meldet aus Furcht alles an die Franzosen.
    Wenn wir beide allein das Geschft machen, so erfhrt er doch davon, und
wir werden von ihm ohne Zweifel in der Hauptstadt angezeigt, aus reiner elender
Angst vor Verantwortung, die ihn treffen knnte. Ich gehe sogleich zu ihm. Das
Frulein fate ngstlich seinen Arm und klagte: Mir ist, als verriete ich meine
Freunde. Der Einnehmer aber sagte, an ihr Glas mit dem seinen rhrend,
achtungsvoll: Vertrauen Sie mir und erwarten Sie meine Rckkehr. Ich wollte,
ich knnte die Flasche mit Ihnen austrinken. Er gab seiner Bedienung einige
Befehle und eilte zum Stadtdirektor.
    Als er zurckkam, fand er seinen Gast beschftigt, die Sachen in ein Bndel
zu schnren, welche er aus seiner Garderobe preisgegeben hatte. Um den feinen
Rock ist's schade, sagte das Frulein, er ist auch nicht warm, den kann der
Herr Einnehmer noch tragen; dagegen ist eine alte Friesdecke vorhanden - die
Motten waren darin, unterbrach die Haushlterin -, wenn Sie diese schenken
wollten, wrden die Leute dankbar sein. Bereitwillig gewhrte der Einnehmer,
der Bund wurde gepackt. Und jetzt erlauben Sie, da ich Sie begleite, sagte
der Einnehmer, es ist auf dem Wege noch einiges abzumachen. berlassen Sie das
Bndel meiner Bedienung.
    Ich mu es heut noch hinaustragen, bat das Frulein.
    Sie wollen doch nicht bis zum Stadtwald gehen mit dieser Last auf den
Schultern?
    Ja, Herr Einnehmer, antwortete das Mdchen entschieden, die armen Leute
drauen frieren; es hilft doch einigen, die kalte Nacht leichter zu berstehen.
    Ihr Fleischer soll anspannen; ich habe ohnedies noch mit ihm zu reden.
    Whrend die Dienstmagd das Bndel voraustrug, gingen beide auf den Markt.
Der Stadtdirektor ist ein noch grerer Hase, als ich gedacht, erzhlte Herr
Khler seiner Begleiterin wie einer alten Bekannten. Ich sagte ihm also, der
Sergeant sei zu Ihnen gekommen, Sie htten mich gefragt, wie Sie sich verhalten
sollten, die Ranzionierten wren in der Scheune einquartiert. Da hatte er Lust,
die Brgschaft gegen sie aufzubieten. Ich berzeugte ihn aber, da ein Kampf mit
den desperaten Menschen sehr bedenklich sei.
    Sie haben ja keine Waffen, Herr Einnehmer, sagte das Mdchen lachend.
    Vielleicht haben sie die Armatur versteckt, antwortete der Einnehmer,
holen sie pltzlich hervor und rennen brllend durch die Straen. Auch
bedeutete ich ihm, da dieselben Unholde zu ihm kommen wrden, um im Namen des
Knigs achtzig Paar Stiefel und warme Decken zu requirieren, auerdem natrlich
Lebensmittel und Getrnk und einen bis zwei Wagen. Und als er ber diese
Zumutung in die grte Aufregung geraten war, gab ich ihm zu bedenken, da man
seine Weigerung falsch deuten werde, wenn unsere Soldaten wieder ins Land kmen.
Da verlor er vollends den Kopf und klagte fast mit Trnen ber die frchterliche
Zeit und seine schwierige Stellung. Zuletzt kapitulierte ich mit ihm und erbot
mich aus alter Hochachtung, die Sache so einzurichten, da er auer
Verantwortung bleibe. Es fand sich, da im stdtischen Stall einige eingebrachte
Soldatenpferde stehen, welche von den Franzosen noch nicht abgeholt sind. Diese
werden morgen mit einem Wagen nach dem Stadtwald fahren, dort wird Ihr Sergeant
sie gewaltsam requirieren; wo er mit ihnen hinfhrt, ist seine Sache. Unterdes
schaffen wir allerlei hinaus, was die Leute brauchen.
    Wer aber soll das bezahlen? fragte das Frulein ngstlich.
    Hm, ich denke der Direktor. Seien Sie ruhig, es wird alles unserm guten
Knig berechnet werden. Das Frulein drckte in freudiger Aufregung den Arm
ihres Begleiters. Es freut mich, da ich zu Ihnen ging; ich hatte vorher
Angst.
    Die Angst war nun wieder dem Einnehmer angenehm, und er fuhr behaglich fort:
Offen und gesetzlich verfahren, ist immer vorteilhaft. Sie uerten eine
Vorliebe fr wollene Decken, der Kaufmann hier fhrt dergleichen, ich will
sogleich anfragen, wenn Sie ein wenig warten wollen. Und als er herauskam, fuhr
er fort: Gefunden; jetzt aber mssen wir uns trennen; ich will meinen Schuster
zu Rate ziehen, er ist ein nachdenklicher Kopf. Das Frulein schwebte davon.
Schuster Schilling sa mit Frau, Kind und Lehrjungen vor dem Kaffeetopf und sah
verwundert auf den Besuch: Lassen Sie sich nicht stren, Meister, ich habe
Zeit. Zum Glck war der Meister fertig und fhrte in die gute Stube gegenber.
    Sie haben alles richtig prophezeit, wie es geworden ist, sagte der
Einnehmer. Es ist eine schwere Zeit gekommen.
    Ja, sagte der Schuster, die Konjunktion in der Politik war so, da dies
alles kommen mute, und, Herr Einnehmer, glauben Sie mir, es kommt noch mehr.
    Das sag' ich auch, besttigte dieser. Und sich dem Ohre des Schusters
nhernd, sprach er leise: Achtzig Paar Bauernstiefel mssen binnen zwei Stunden
in aller Stille ankommen.
    Das ist unmglich, antwortete der Schuster; es arbeitet jetzt niemand auf
Vorrat, denn er knnte ihm genommen werden.
    Diesmal wird bezahlt, und ich bin Ihnen gut dafr.
    Fr wen soll's denn?
    Nicht fr die Franzosen, sagte der Einnehmer. Ich fordere gute Stiefel in
einer Marktkiste, je mehr, um so besser.
    Also je mehr, um so besser, wiederholte der Meister. Das ist mir ganz
recht, Herr Einnehmer. Eine Stunde, nachdem zwischen den Potentaten der Friede
geschlossen ist, sollen Sie dreiig Paar haben, Kernstiefel, meine eigene
Arbeit.
    Also haben Sie die Stiefel fertig?
    Ich habe sie, besttigte der Schuster geheimnisvoll, aber ich kann nicht
dazu. Ein Familienvater, der fr Weib und Kind zu sorgen hat, mu in dieser Zeit
seine Stiefel einmauern.
    Und leise in Socken auftreten, sagte der Einnehmer, das tun jetzt viele.
Die dreiig Paar aber schlagen Sie sogleich heraus und mauern fr Ihre Kinder
neue ein. Es kommt jetzt eine andere Konjunktion, Meister, das Glcksrdlein
knnte sich drehen.
    Gott geb's, sagte der Schuster.
    Auf einer Waldble in der Nhe der Scheune fand der Einnehmer die Soldaten
um lodernde Feuer versammelt, der Waldbelaufer trug ihnen hilfreich Holz herzu.
Es waren in der Mehrzahl jngere Mnner, dazu einige alte Unteroffiziere; ein
Sergeant mit grauem Schnurrbart befahl. Wohl hatte das Frulein recht, sie zu
bedauern, so hager und bleich die Gesichter, mit struppigem Bart und
tiefliegenden Augen, die Monturen zerrissen und durch Sonnenbrand und
Winterschnee entfrbt. Aus dem klaffenden Schuhwerk ragten die erfrorenen Zehen,
viele hatten Lappen darber gebunden oder abgezogene Felle. Aber die Leute saen
und regten sich mit fester Haltung, stramm und selbstbewut, und man erkannte
hinter dem Elend eine Zucht und harte Kraft, die nicht gebrochen war. Mitten
unter der Kompanie wirtschaftete das Frulein; es zerri alte Leinwand zu
Verbandszeug fr einen Fukranken, wachte ber einigen groen Tpfen, in denen
die Suppe kochte, und antwortete nach allen Seiten auf Fragen und Bitten, befahl
den Leuten und schickte sie hin und her. Sie nickte von dem Holzscheit, auf dem
sie sa, dem Einnehmer freundlich zu. Zwei von der Mannschaft haben Frau und
Kind in ihrer Garnison zurckgelassen und mchten diesen zu wissen tun, da sie
noch leben. Knnten Sie vielleicht helfen? Der Einnehmer zog seine Brieftasche
und nahm die Leute beiseite, und er hrte, wie die Kleine unterdes einem andern
zurief: Alle Wetter, Kerl, untersteh dich nicht, mit deinen schmutzigen Fingern
in den Topf zu fahren; willst du hinsetzen, du Tolpatsch! - Hier ist einer, Herr
Einnehmer, der die Hand beschdigt hat und sich nicht selbst helfen kann; fr
diesen wird Ihre Decke zu einem Kapottrock zusammengeheftet. Man kann das auf
mancherlei Art machen, am schnellsten geht's so, wenn man in der Mitte ein Loch
schneidet. Die kleinen Hnde flogen bei der Arbeit, und wenn sie die Klte
sprte, blies sie darauf und heftete weiter, sah dazwischen wieder nach den
Tpfen und redete trstend mit einem und dem andern ber seine Not.
    Sie ist nur mit Puk oder Ariel zu vergleichen, dachte der Einnehmer, das
putzige Ding wei die ganze Kompanie zu kommandieren wie ein Hauptmann, es mu
im Blute liegen. Jetzt aber, Sergeant, begann er, sollen Sie in Empfang
nehmen, was wir bringen: Decken, Stiefel, Lebensmittel, soviel sich in der Eile
beschaffen lie. Sie mssen unterschreiben, was sie empfangen haben, ich brauche
meinen Beleg. Morgen frh, vor Sonnenaufgang, wird ein groer Korbwagen mit
Strohschtten und zwei Pferden wie von ungefhr herauskommen. Ich rate Ihnen,
Wagen und Pferde in Beschlag zu nehmen, verstehen Sie? Lassen Sie Ihre Kranken
aufsitzen. Dieser mein Kutscher wird mitkommen, er ist eines Brgers Sohn und
zuverlssig und wird Sie gern durch den Stadtwald auf Seitenwegen der Grafschaft
zufahren. Denn dort ist jetzt unser Generalgouverneur, und dorthin will Sie der
Knig haben. Sie haben die Waffen in Bhmen abgeliefert, sind also wehrlos?
fragte er teilnehmend.
    Wir haben sie in den Bergen versteckt, antwortete der Sergeant; sind wir
erst glcklich in der Grafschaft, so holen wir sie wieder.
    Die franzsischen Vorposten stehen auf Ihrem Wege, Sie mssen ausweichen.
Und er gab leise die Richtung an, nannte ihm das Dorf, wo er einen getreuen
Fhrer finden werde, und den Namen des Mannes.
    Auch das Frulein wunderte sich jetzt, da der Herr, den sie bis dahin aus
der Ferne nur als einen Lebemann gekannt hatte, in Verschwrungsgeschften so
guten Rat wute.
    Und jetzt, Frulein, schlo Herr Khler, bitte ich, da Sie auch an sich
selbst denken. Die Sonne sinkt, und Sie haben sich gegen die kalte Nachtluft
nicht vorgesehen. Erlauben Sie, da ich Sie mit mir zurcknehme. Das Frulein
erhob sich ohne Weigern und berreichte einem der Leute den fertigen berwurf.
Sie mssen noch sehen, wie gut Ihr Geschenk einem preuischen Grenadier steht,
sagte sie froh. Fahrt hinein, Mann, damit der Herr Euch betrachtet. Der Soldat
streifte die warme Hlle ber. Wie ein Herold aus dem Volk der Samojeden,
sagte der Einnehmer.
    Die Mannschaft hatte unterdes emsig Kisten und Fsser abgeladen, und die
Unteroffiziere hatten von dem Inhalt verteilt, jetzt umstand die Kompanie mit
neuem Lebensmut die Scheidenden.
    Des Himmels Segen ber Sie, liebes Frulein, und ber Sie, guter Herr!
rief der Sergeant.
    Hier, nehmt die Schere, Nadel und Zwirn, sagte das Frulein mit nassen
Augen. Die Laterne behalten Sie, riet der Einnehmer noch aus dem Wagen, und
geben Sie ja acht, da der Stadt kein Schaden geschieht. Lebt wohl, ihr braven
Mnner, und wenn Ihnen alles gelungen ist, Sergeant, so lassen Sie mich's durch
den Mann wissen, den ich Ihnen genannt habe.
    Als der Einnehmer mit seiner Begleiterin zurckfuhr, begann er ernster, als
sonst seine Art war: Alle tragen wir Schweres, aber keiner von uns allen leidet
und wagt so viel, und sie gehen freiwillig wieder hinein. Und keiner klagte, wie
diese armen Leute. Sie kommen aus unablssigem Elend, und alle waren dankbar.
Wir lassen uns gern durch erdachte Geschichten rhren, welche in Bchern erzhlt
sind, aber diese freiwillige Hingabe und die wortlose Treue sind grer als alle
Erfindung, und sie sind jetzt nichts Unerhrtes - und er zog pltzlich sein
Taschentuch heraus und kmpfte mit einer Bewegung, die ihm stark zusetzte. Da
auch das Frulein schwieg, fuhr er nach einiger Zeit in seinem Selbstgesprch
fort: Doch einen gibt es, der auch in Bchern versteht, das Edelste
menschlicher Gefhle lebendig zu machen. Ich denke, Jean Paul ist auch Ihr
Liebling.
    Ich habe nichts von ihm gelesen, sagte das Frulein.
    Dann mssen Sie mir erlauben, da ich Ihnen morgen etwas von ihm
zuschicke.
    Das nahm das Frulein dankbar an.
    Als am nchsten Abend der Sohn des Fleischers zurckkam und berichtete, da
er Wagen und Mannschaft glcklich einige Meilen in das Land gebracht hatte,
schlug Herr Khler vergngt sein Buch in eine alte Zeitung und bersandte es mit
hflichem Grue dem Frulein.
    Der Einnehmer erzhlte dem Freunde von seinem Abenteuer und war gekrnkt,
da dieser finster und, wie ihm vorkam, mit geringer Teilnahme zuhrte und
zuletzt nichts weiter sagte als: Es geht jetzt mancher nach jener Landecke, dem
die Fremden das Herz emprt haben. Doch wenige Tage darauf sollte der Doktor
selbst Gelegenheit erhalten, von einer hnlichen Begegnung zu berichten.
    Auf einer Fahrt ber Land hielt sein Wagen am Gasthofe eines nahen
Marktfleckens; er wickelte sich aus dem Brenpelz und trat in die gefllte
Wirtsstube. Als wohlbekannter Mann empfing er hfliche Gre, die Wirtin wischte
mit der Schrze einen Schemel ab; bald war er der Mittelpunkt eines Kreises von
Zuhrern und mute von den Neuigkeiten erzhlen, die aus dem fernen Osten durch
Reisende nach der Kreisstadt gebracht wurden.
    Unser Knig soll zu uns kommen, rief ein stmmiger Ackerbrger mit einer
entschlossenen Miene, wir Schlesier werden ihn nicht im Stiche lassen, wie
mancher vornehme Verrter getan hat. Guter Wille tut's nicht, sagte der
Doktor, dem Manne zunickend. Wollen Sie fr ihn fechten, Herr Krause? Warum
nicht, antwortete dieser, wir haben es satt, anzusehen, da die Feinde unsere
Pferde aus dem Stalle fhren und den Hafer vom Schttboden, und da die
Dickkpfe aus dem Reiche mit ihrer groben Rede durch das Land ziehen und den
Brger mihandeln; von uns kommen mehr als zehn oder zwanzig auf einen von den
Fremden; wenn zehn von uns nur immer einen totschlagen, so sind wir sie los.
Warum geschieht das nicht? Warum sind die Vornehmen so bereit, dem Feinde zu
gehorchen? Einmal ber das andere wird uns befohlen, alles zu liefern, was die
Schufte verlangen. Wenn wir Fhrung htten, so stnde die Sache anders. Ein
beiflliges Gemurmel begleitete die entschlossenen Worte. Geben Sie mir Ihre
Hand, sagte der Doktor und schttelte dem Mann die Rechte, mchte die Zeit
kommen, wo dem Knig solche Gesinnung zu helfen vermag.
    Habe ich recht gehrt, so war hier von unserem Knig die Rede, klang eine
feste Stimme aus dem Hintergrunde, und ein Fremder trat heran. Es war ein groer
junger Mann in einfachem Reiserock: Ich komme in meinen Geschften aus Preuen
und bin auf dem Wege der Knigin und den Kindern des Knigs begegnet; sie fuhren
auf offenem Schlitten im Schneesturm ber die Heide, um den franzsischen
Reitern zu entgehen. Es war bitter kalt, der Wind heulte, und die Klte drang
mir bis in das Mark. Als ich meinen Schlitten anhielt und mich erhob, grte die
Knigin, aber es war ein trauriger Blick, und die kleinen Prinzen nahmen still
ihre Mtzen ab, whrend der Schnee ihnen um die freundlichen Gesichter flog.
    Die Wirtin rang die Hnde. Unser armer Knig in dem kalten Lande, und seine
Frau und die Kinderchen bei dem Wetter auf offenem Schlitten.
    Niemand sprach, die Leute sahen scheu vor sich nieder.
    Was der Knig jetzt in der Stille ertrgt und leidet, fuhr der Fremde
fort, das vermag wohl keiner von uns zu ermessen; ich denke, wenn er wte, wie
treu seine Schlesier ihm zugetan sind, wrde er in seinem Unglck eine Freude
haben. Er wandte sich zu dem Doktor: Ich vernahm, da Sie nach der Kreisstadt
fahren, durch einen Schaden am Fuhrwerk werde ich hier aufgehalten. Darf ich die
Bitte wagen, da Sie einen Geschftsreisenden mitnehmen? Freilich wrde Ihnen
auch ein Mantelsack lstig werden. Der Doktor gab das bereitwillig zu, denn die
Art des Reisenden gefiel ihm, und die beiden traten aus der Wirtsstube, alle
Anwesenden folgten ihnen bis zum Wagen. Kutscher, lege den Mantelsack des Herrn
unter die Decke, meinen Arzneikasten stelle obenauf. Der Fremde sah den Doktor
dankbar an; die Leute umstanden den Wagen und nahmen schweigend die Mtzen ab,
als die Pferde anzogen.
    Ich bin erst seit kurzem in dieser Gegend, begann der Doktor, aber in
solcher Zeit gewinnt man unser Volk lieb.
    Wer war jener Mann, der so tapfer sprach? fragte der Reisende.
    Ein wohlhabender Ackerbrger, der erst vor kurzem geheiratet hat, aber mit
der Waffe umzugehen wei, denn er ist Schtzenhauptmann; ich glaube, da er
nicht mehr gesagt hat, als er tun wrde.
    Wie will er wohl die zehn Mann zusammenbringen, fragte der Fremde wieder,
welche den Feind, der auf ihren Teil kommt, unschdlich machen sollen?
    Wahrscheinlich meinte er, da sich alle Einwohner des Kreises, welche eine
Waffe fhren knnen, zu einer Landwehr vereinigen mten.
    Gut! rief der andere, einfaches Exerzitium und einige militrische
Disziplin knnen in sechs bis acht Wochen eine Kreiswehr herstellen, welche zu
vielem brauchbar wre, vorausgesetzt, da Waffen und Uniformen zu schaffen sind
und da der Feind nicht die Ausbildung hindert, indem er die Rdelsfhrer
erschiet. Knnen Sie mir mitteilen, wo in diesem Teil der Provinz Truppen der
Franzosen stehen?
    Der Doktor erzhlte, was er wute.
    Mir wurde gesagt, da in Ihrer Kreisstadt und der Umgegend kein Militr zu
finden sei.
    Das ist wahr, aber wir sind keinen Tag vor Streifpartien und Durchzgen des
Feindes sicher. Holla! rief er einem Bauern zu, der ihnen eilig entgegenkam,
es sind doch keine Soldaten auf dem Wege? Der Bauer wies nach rckwrts: Sie
halten im Dorfe vor der Schenke, und mit einem Fluch setzte er hinzu: Es sind
bayrische Reiter!
    Der Doktor sah seinen Begleiter an: Wir wollen umkehren, wenn Sie es
wnschen. Der Fremde blickte scharf in die Ferne. Zu spt, sagte er halb fr
sich. Sie sehen uns, wie wir sie. Es tut mir leid, da ich Sie in Ungelegenheit
bringe; ich habe allerdings den Wunsch, von den Herren dort nicht festgehalten
zu werden.
    Sie traten unsicher auf, als Sie in den Wagen stiegen. Ich vermute, Sie
haben einen Schaden am Fue.
    Nehmen wir an, eine Verstauchung, antwortete der Fremde.
    Dann sind Sie mein Patient, und ich bringe Sie zur Kur in meine Wohnung.
Ich fr meinen Teil habe einen Reisepa.
    Ich auch, sagte der Fremde, Kaufmann Heller aus Lwenberg.
    Fahre zu, Kutscher! gebot der Doktor.
    Bayrische Reiter hielten den Schlitten an. Ein hherer Offizier ritt heran,
die Reisenden grten. Herr Doktor Knig! sagte der Major, whrend der Doktor
seinen Pa herauszog, ich habe Sie bereits in Ihrer Stadt gesehen. Wer ist Ihr
Begleiter?
    Mein Patient, den ich zur Kur in die Stadt bringe. Der Bayer ffnete einen
Augenblick das Papier, welches der Fremde ihm hinreichte, beide sahen einander
fest in die Augen; dem Doktor pochte das Herz.
    Ein alter Wachtmeister, welcher das Wagenleder aufgeknpft hatte, meldete
respektvoll: Der Mann dort hat einen preuischen Offiziersbel zwischen den
Beinen.
    Sie sind jetzt billig zu kaufen, sagte der Fremde.
    So schmerzlich war der Klang dieser Worte, da der bayrische Offizier
schweigend das Papier zurckgab und der Mannschaft zurief: Passiert!
    Der Kutscher fuhr im Schritt an den Reitern vorber, und dem Doktor dnkten
die Minuten eine Ewigkeit, sein Gefhrte hatte sich zurckgelehnt und schwieg
lange; endlich begann er: Es ist Zeit, da ich mich und meinen Sbel vorstelle:
Rittmeister Helwig von den Husaren.
    Der Doktor wandte sich erstaunt zu ihm. Unter vielen Geschichten von
Schwche und Hilflosigkeit, welche seit dem letzten Herbst von Mund zu Mund
getragen wurden, war eine andere gewesen, welche so ermutigend klang, da die
Hrer sie gar nicht glauben wollten. Ein junger Husarenleutnant sollte mit einer
halben Schwadron ein Bataillon der Feinde zersprengt und einen groen Transport
Kriegsgefangener, man sprach von zehntausend Mann, befreit haben. Der junge
Husar war deshalb auer der Reihe zum Rittmeister befrdert worden.
    Dieser Tapfere war der Reisegefhrte. Der Doktor sprach mit warmen Worten
seine Freude ber den Zufall aus, und beide fuhren als gute Genossen in eifriger
Unterhaltung der Stadt zu.
    Wir haben unerhrtes Unglck gehabt, sagte endlich der Rittmeister, wir
haben es ja wohl in vielem verschuldet; aber wenn uns auch die franzsische
Fhrung im groen berlegen war, glauben Sie mir, unsere Soldaten sind da, wo
die Tchtigkeit des einzelnen den Ausschlag gibt, fester und kriegstchtiger als
die Feinde; und sie wissen das auch. Nehmen sie den Franzosen einen Mann, und
wir treiben sie wieder ber den Rhein zurck. Ich hoffe, den Tag zu erleben, wo
wir auch mit dem Feldherrn die letzte Abrechnung halten. In der Grafschaft
befiehlt jetzt als Gouverneur Graf Gtzen, einer der Besten, die wir in Preuen
haben. Ich mu ohne Aufenthalt zu ihm. Knnen Sie mir dabei helfen? Denn wie ich
sehe, wird der Weg unsicher.
    Ich bin bereit, in der Stadt sogleich einen andern Wagen zu nehmen, was bei
meinem Berufe niemandem auffllt, und ich begleite Sie nach jeder Richtung, die
Sie wnschen, im Fall Sie meine Gesellschaft fr vorteilhaft halten.
    Gewi߫, antwortete der Rittmeister, wenn Sie mir erlauben, als Ihr Gehilfe
mitzufahren; einige Meilen von hier finde ich auf dem Gute eines Bekannten ein
Pferd, von da helfe ich mir weiter.
    Als der Doktor seinen Begleiter glcklich durch die feindlichen Kommandos
gebracht hatte und am spten Abend nach Hause kam, fand er eine Gestalt auf der
Treppe sitzen. Die Erscheinung machte Platz, stieg aber hinter ihm die Stufen
herauf. Es war ein Mann in einem Bauernmantel, der mit abgezogenem Hut in das
Zimmer trat. Der Doktor erkannte den flchtigen Knecht, der ihm die Nachricht
von der verlorenen Schlacht zugetragen hatte. Hans drehte den Hut in den Hnden.
Ich wollte Sie nur fragen, weshalb Sie mir damals das Geld auf den Weg geworfen
haben.
    Weil ich dir das Geld geschenkt hatte, und weil ich annahm, da du nicht
auf redlichem Wege erworben hattest, was du mir zurckgeben wolltest; vor allem
aber, weil mir mifiel, da du dich ber das Unglck unserer Soldaten freutest.
Der Mann sah vor sich nieder. Herr Doktor, ich will auch unter die Soldaten
gehen, wenn Sie meinen.
    Du? Wie kommst du zu dem Entschlu?
    Hans holte tief Atem. Mir ging die Geschichte im Kopfe herum. Ich bin kein
schlechter Kerl, und Sie sollen mich nicht dafr halten. Aber ich lasse mir
nichts Unrechtes gefallen, und ich war damals im Zorn ber die groen Herren.
Jetzt sehe ich, wie die fremden Spitzbuben mit unsern Bauern umgehen. Hafer,
Stroh und Heu sind weg, Pferde und Khe, Gnse und Hhner sind weg, und wie
haben sie die armen Leute mihandelt! Da fiel mir ein, da sie kein Recht dazu
haben. Letzten Sonntag hatte ich mich auf das Gut des Kammerherrn geschlichen
und sah von weitem, wie mein Mdchen zur Kirche ging. Ich wagte mich auch
hinein, bevor die Tre zugemacht wurde, und stand ganz hinten. Da hrte ich, wie
der Prediger zuletzt seine Bitten sprach fr das gequlte und gengstigte Land.
Wer helfen kann, der helfe, sagte er; die beste Hilfe aber ist beim Herrn. 
Hans faltete bei dem Bericht die Hnde. Sogleich fiel mir ein, da ich auch
helfen kann, ebensowohl mit dem Sbel als mit der Trompete, und ich mchte
Trompeter werden bei den Husaren. Am Abend sah ich aus meinem Versteck, wie ein
verdammter Franzose, der auf dem Schlosse liegt, mit meinem Mdchen schntun
wollte, und das schlug dem Fasse den Boden aus. Die Hunde mssen fort, so oder
so, rief er. Das meinte auch das Mdchen, als ich abends mit ihr zusammentraf.
Sie klagte ber die Dreistigkeit und verlangte, da ich Sie befragen sollte.
    Der Doktor fhlte den Zorn des Mannes mit und verstand die Mahnung, welche
auch an ihn selbst gerichtet wurde. Du hast jetzt noch weniger gutes Leben
unter den Soldaten zu erwarten als zu anderer Zeit: schweren Dienst, schlechte
Kost und tgliche Gefahr.
    Das tut mir nichts, antwortete Hans, ich war unter den Paschern, Herr;
dort heit's auch, heut trinken und morgen sinken, und ich wollte fragen, ob Sie
mir zu den Husaren helfen knnen.
    Kannst du dich einige Tage in der Nhe aufhalten, ohne von der Obrigkeit
gefat zu werden, so gehe ich selbst mit dir in das Gebirge.
    Ich wnsche mir nichts Besseres, rief Hans erfreut, wenn Sie mir sagen,
wohin, so fhre ich Sie ber die Berge auf Wegen, die kein Franzose betritt.
    Am Morgen suchte der Doktor seinen Freund auf, welcher mit stillem Anteil
einen Schmerz beobachtet hatte, dessen Grund ihm der andere verbarg. Ich
verlasse die Stadt auf mehrere Wochen und gehe nach der Grafschaft; dort fehlen
in den Lazaretten die rzte, und die Not ist gro. Whrend meiner Abwesenheit
soll mein Vetter, der als junger Arzt in der Hauptstadt lebt und nach Wissen und
Charakter durchaus Vertrauen verdient, mich hier vertreten. Er wird noch heut
eintreffen. Fragen Sie nicht, mein Freund, was mich bestimmt, jetzt von hier zu
gehen; vielleicht kommt der Tag, wo ich gegen Sie ohne Schmerzen davon reden
kann.
    Der Einnehmer fate seine Hand: Wenn ein gewissenhafter Mann wie Sie
solchen Entschlu fat, so mu er gehen, und es ntzt nichts, Worte darber zu
machen. Aber sobald Sie drfen, kehren Sie zurck; denn es gibt Leute hier,
kranke und gesunde, welche Sie jeden Tag vermissen werden.
    Darauf besprachen die beiden, was fr die Reise durch feindliche Truppen
ntig war.
    Der Einnehmer sah den Scheidenden von der Treppe ernsthaft nach. Du bist
nicht der einzige, der mit sich herumtrgt, was ihn plagt. Er griff rckwrts
nach seinem Zopf. Darauf gebot er der Haushlterin, den Friseur zu holen. Als
der Alte eintrat mit der demtigen Vertraulichkeit, zu der sein Beruf
berechtigte, sah ihn der Einnehmer feindselig an: Blaschke, schneide Er mir den
Zopf ab. Ich will mit seinesgleichen nichts mehr zu tun haben.
    Blaschke erschrak sehr, und sein groer Beutel fiel auf die Diele. Denn die
Zahl der Zpfe, welche er band, wurde mit jedem Jahre kleiner, und das
ansehnliche Geflecht des Einnehmers erschien ihm zuweilen als das letzte Tau,
welches seine Kunst in den emprten Wogen der neuen Zeit vor dem Untergang
bewahren knnte. Aber Herr Einnehmer, bat er.
    Fort mit dem Zopf, und fort mit Ihm selbst, gebot der grimmige Kunde zum
zweitenmal. Er ist ein Spion.
    Hochverehrter Herr Einnehmer, flehte der entsetzte Blaschke, Sie kennen
mich doch seit vielen Jahren als einen redlichen Brger.
    Einer von Seinem Handwerk hat eine Festung an die Franzosen verraten, und
Er wrde es auch tun. Er ist an mir und meinem Zopf zum Judas geworden. Gesteh
Er zur Stelle, wer hat Ihn bestochen, damit er zutrage, was bei den Honoratioren
und in der Brgerschaft zu erhorchen ist. Wenn er nicht alles bekennt, so
schneide ich den Zopf eigenhndig mit der Papierschere ab und werfe den Zopf und
den Blaschke zum Fenster hinaus.
    Der Alte legte die Hand auf das Herz: Niemals hat mir jemand einen solchen
Antrag gestellt, beteuerte er in ehrlicher Entrstung.
    Der Einnehmer stillte ein wenig seinen Zorn: Es wre auch unntig; Er
schwatzt ohnedies gegen jedermann alles aus, was Er wei. Er setzte sich:
Abgeschnitten aber wird doch. Fortan Tituskopf, Blaschke, die Welt ist zu
schlecht.
    Herr Einnehmer, mir ist zumute wie bei einem Begrbnis, klagte der Friseur
und hielt mit unsicherer Hand die Schere.
    Welcher von den dreizehn Zpfen in der Stadt mag wohl einem Franzosen
gehren? fragte der Einnehmer mit pltzlicher Milde.
    Kein einziger, das kann ich als Vaterlandsfreund attestieren.
    Der pensionierte Rat drben ist ja wohl auch ein guter Preue?
    Der gehrt zu den Besten; Sie glauben gar nicht, mit welcher Verachtung er
von dem Feinde zu mir redet.
    Mein alter Blaschke unterhlt sich also gern ber allerlei mit dem braven
Manne?
    Ja, das gestehe ich aufrichtig.
    Der Einnehmer wandte sich um und sah den Alten fest an: Er hat neulich bei
mir den reisenden Hndler gesehen. Als der Herr Rat von drben wegen dieses
Kaufmanns mit ihm sprach und Ihn ausfragte, was hat er dem Herrn Rat berichtet?
    Nichts als die volle Wahrheit, antwortete der Friseur gekrnkt: da ich
den Fremden frhmorgens bei dem Herrn Einnehmer fand, und da der Fremde mir
hier auf dem Sofa als ein hbscher Herr erschien, der recht militrisch aussah.
Und schlau fuhr er fort: Ich sah auch spter, als er in den Wagen stieg, da er
etwas Schweres hereinhob und da er Pistolen bei sich hatte.
    Der Einnehmer pfiff vor sich hin. Es ist richtig. Der Zopf ist schuld, da
ich den Franzosen in der Hauptstadt angegeben bin. Fort mit den Haaren, und fort
mit Ihm selbst!
    Am Nachmittag richtete sich Herr Khler so ein, da er zu einer Stunde, wo
Minchen von Buskow auf dem Stadtwall zu gehen pflegte, ihr begegnete. Bitte,
Frulein, bewundern Sie dort unten die goldenen Rnder der schwarzen Wolke. Er
trat mit ihr zwischen die Bume.
    Das Frulein sah neugieriger auf die neue Haartracht als auf die Wolken. Es
gibt wieder Regen.
    Wohl mglich, besttigte der Einnehmer und hob vor ihren Augen seinen
Finger. Sollten Sie einmal an Ihren Gnstling Schwarz oder Neger schreiben, so
bitte ich, ihm mitzuteilen, da ich von jetzt ab auf einer anderen Behandlung
bestehen mu. Die Besuche nicht mehr in meiner Wohnung, sondern im Amtslokal,
und nicht allein, sondern mit wenigstens zwei Begleitern, ihre Uniformen unter
dem Zivilmantel erkennbar. Ich mu auch fordern, da mir eine bis zwei Pistolen
auf die Brust gesetzt werden, und bitte nur dafr zu sorgen, da keine Kugeln
darin sind, damit nicht durch Zufall ein Unglck geschieht. Am Ende des Besuches
jedoch, bevor die Herren auf ihren Wagen steigen, darf eine Kugel in die Wand
gefeuert werden.
    Was ist geschehen? fragte das Frulein erstaunt.
    Ein Besuch, den der erwhnte Herr mir abgestattet hat, ist in der
Hauptstadt angezeigt worden, und ich erhielt von einem Beamten eine klgliche
Warnung. Da der Kaiser sich unsere Provinz angeeignet hat und unsere hohen
Behrden so pflichtgetreu sind, ihm dabei jeden Vorschub zu leisten, so sollen
auch wir gezwungen werden, ihm die Steuern in seine Tasche zu liefern. Wer sich
nicht fgt, wird beseitigt. Man behauptet, da Ihr Schwarzer hier Kassengelder
erhoben hat. Das Morgenrot der Freiheit geht endlich bei uns auf, liebes
Frulein, und es fehlt in dieser Stadt und Umgegend nicht an Lerchen, welche die
neue Sonne ansingen. Auch wer Briefe schreibt, mag sich hten. Das versprach
das Frulein. Als aber der Einnehmer beim Abschiede fragte: Nun, wie gefllt
Quintus Fixlein? Da antwortete sie ehrlich: Herr Einnehmer, das ist mir zu
hoch.
    Wie ist das mglich? fragte Herr Khler enttuscht.
    Ich bin ein einfaches Soldatenkind. Seit die liebe Mutter starb, habe ich
dem Vater und dann meinem armen Bruder gekocht, gestrickt und genht, denn das
Bgeln war fr mich zu schwer, und bin wenig mit Bchern umgegangen. Wenn ich
einmal lese, so sind mir die Reisebeschreibungen am liebsten; dabei denke ich,
da ich mich auch in der Fremde durchschlagen knnte, wie Robinson. Dann laufe
ich in meinen Gedanken mit Papagei und Sonnenschirm durch den Busch und freue
mich ber die vielen Lama, welche um mich herumspringen. Die Wilden wrden dem
kleinen Wichtel nichts tun.
    Sie war so anmutig in ihrer Einfalt, da der Einnehmer nichts Feindseliges
zu erwidern vermochte und auf dem Heimwege seiner Menschenfreundlichkeit nur den
bedauernden Ausdruck gab: Schade, jede Poesie fehlt.

                                Der Ruber Moor


Es war ein heller Morgen des beginnenden Frhlings, die Sonnenstrahlen streiften
in der frischen Bergluft mit wohltuender Wrme die Wangen des Reisenden. An den
gefrorenen Gleisen des Waldweges hing weier Reif, aber Zweige und Blattknospen
des Laubholzes ragten glatt und rund, gefllt mit geheimem Leben, unter den
Bumen sprote das junge Grn, und um kleine weie Blten flogen die ersten
Schmetterlinge. Die Amsel pfiff ihr Lied, und hinten im Walde krchzten die
Krhen, sonst war es still, kein Mensch auf den Feldern und Wegen zu sehen.
Halt, wer da! rief ein Posten, hinter dem Busch hervortretend. Der Wagen,
welcher den Doktor mit seinem Begleiter bis hierher gefhrt hatte, hielt an, und
sie wurden einen migen Hgel hinaufgefhrt, dessen freie Hhe mit jungen
Fichten umwachsen war.
    Auf der Hhe empfing sie ein Offizier. Als er Namen und Begehr des Doktors
erfahren hatte, sagte er: Sie treffen den Generalgouverneur in der Nhe, ich
schicke Sie sogleich zu ihm. Aber schon kam der Rittmeister aus der Umgebung
des Grafen ihm entgegen: Seien Sie gegrt und dreimal willkommen, wenn Sie bei
uns bleiben. Im nchsten Augenblick stand der Doktor dem Grafen gegenber; er
sah eine hagere Gestalt von mittleren Jahren, das Antlitz bleich, die Wangen
etwas eingesunken, zwei groe Augen, welche hell und glnzend in die Welt
blickten.
    Sie kommen ersehnt, begrte ihn der Gouverneur mit freundlicher Stimme,
und werden finden, da Sie vielen wohlttig sein knnen. Ein edler Mann Ihres
Berufes, welcher aus der Hauptstadt zu uns durchdrang, ist schwer erkrankt, und
wir mssen seinen Beistand entbehren; nichts aber fehlt unseren armen Leuten so
sehr wie rztliche Hilfe, und die Krankheit, gegen welche wir ratlos sind, wird
uns schdlicher als der Feind. Der Rittmeister sagt mir, da Sie entschlossen
sind, uns auch mit den Waffen zu dienen; Sie sind uns aber am wertvollsten als
Arzt, und ich bitte Sie, Ihren Beruf bei uns zu ben. Auch bei mir selbst,
fgte er lchelnd hinzu. Da der Doktor sich bereit erklrte, fuhr er fort: Wer
sicheres Leben aufgibt, um zu uns in die Berge zu kommen, der hat ein Recht
darauf, da wir ihn wie einen werten Freund empfangen. Indem ich Sie auffordere,
unserem Knig das Gelbnis der Treue in meine Hand abzulegen, begre ich Sie
als Kameraden. Alle sind wir durch diesen Eid zueinandergesellt wie
Bundesbrder, und dieselbe brderliche Gesinnung, die wir Ihnen entgegenbringen,
werden Sie, wie ich hoffe, auch uns erweisen. Seine Augen flogen ber den Kreis
der Offiziere, welche um ihn versammelt waren, und hafteten mit so seelenvollem
Ausdruck auf dem Doktor, da diesem vorkam, als ob er vor einem Mann von
ungewhnlicher Herzensgte stehe.
    Er legte das Gelbnis in die Hand dessen ab, der jetzt auch fr ihn der
hchste Befehlshaber wurde, und wandte sich dann fort, um seinen Beruf zu ben,
zu einem Husaren, der einen Schu durch das Bein erhalten hatte und, an einen
Baum gesttzt, zur Seite lag. Der Graf warf einen zufriedenen Blick nach ihm,
dann sprach er zu seinem Gefolge.
    Einzelne Offiziere kamen heran, den Doktor zu begren, auch seine Kunst in
Anspruch zu nehmen. Unterdes sah er in der Nhe den Gouverneur, welcher
Nachrichten empfing und absandte, und beobachtete die schnelle und feste Weise
des Mannes und die Gewandtheit, mit welcher er jeden behandelte.
    Vor dem Aufbruch trat der Gouverneur wieder zu ihm: Als der Adjutant mir
von Ihrer Absicht erzhlte, begann er vertraulich wie zu einem jngeren
Kameraden, waren Sie mir nicht ganz fremd, denn Ihr Name stand bereits
eingezeichnet in die Zahl derer, auf welche wir uns in Notfllen gern verlassen
mchten. Und da der Doktor ihn verwundert ansah, fuhr er fort: Gute Freunde
senden uns zuweilen die Namen solcher, welche nach ihrem Charakter geeignet
sind, fr uns Opfer zu bringen. Und Sie waren in Ihrer Stadt nicht sicher, da
nicht bei Gelegenheit einer von uns bei Ihnen angeklopft htte als bei dem
Manne, der sein Vaterland liebt. Das groe Unglck hat viel Schwche und
Mutlosigkeit zutage gebracht, aber im Heer und im Volke auch viel Treue und
dauerhafte Kraft. Sie ist fr uns in den Bergen die beste Hilfe, die kann der
bse Feind uns nicht nehmen, und um dieser Gerechten willen wird der Himmel uns
nicht verderben, sondern aus unseren Prfungen siegreich hervorgehen lassen.
    Und lchelnd setzte er hinzu: Das sind hohe Worte bei geringer Macht, denn
wer uns jetzt sieht, ohne uns zu kennen, der kann uns wohl mit Freibeutern oder
Rubern vergleichen.
    Das geschieht auch von solchen, welche nicht hier waren, versetzte der
Doktor und erzhlte von den Klagen eines alten Soldaten aus Knig Friedrichs
Zeit.
    Der Graf lachte: Es gibt viele, die deshalb ber uns klagen werden. Aber
der Stock, die Fuchtel und das Gassenlaufen waren auch nicht immer da, sie kamen
als revolutionre Neuerungen in die Welt, und sicher haben damals viele alte
Krieger den Untergang alles kriegerischen Heldenmutes von ihnen befrchtet.
    Auf dem Wege nach der Festung, welcher der Doktor im Gefolge des Gouverneurs
zufuhr, bersah er mit grerer Mue die Gesellschaft, in welcher er sich
befand; der Graf hatte nicht ohne Grund an die Ruber gedacht, denn das Aussehen
der Offiziere und Gemeinen war ungewhnlich und durchaus gegen das Reglement;
entschlossene Mienen und kriegerische Gestalten, mehr als eine von edler
ritterlicher Haltung, aber nach den Uniformen aus allen Truppenteilen
zusammengesetzt, jede Art von Husarendolman und Kopfbedeckung, sogar bayrische
Uniformen, notdrftig zugerichtet, die meisten einander nur darin gleich, da
sie durch Regen und Sonne, durch Biwak und feindliche Waffen entfrbt und
durchlchert waren. Auch die Pferde waren zum grten Teil aus dem Lande
zusammengerafft oder vom Feinde erbeutete, viele unansehnlich und strapaziert
durch bermigen Gebrauch.
    In seinem Berufe fand der Doktor groe Aufgaben und schwere Arbeit. Nicht
alle Lazarette waren in der Stadt und in der darberliegenden Festung, mehrere
hatte der Graf mit gutem Grunde an anderen Orten der Grafschaft eingerichtet,
und die Sorge dafr wurde durch die Entfernung erschwert. Kaum in einem der
Lazarette gebot ein gelernter Arzt, Typhus und bsartige Fieber herrschten in
allen, berall war kaum das Notdrftigste fr die Verpflegung eingerichtet. Da
kam dem Doktor zugute, da er in Paris die Einrichtungen kennengelernt hatte,
welche damals fr die besten galten. Bald gewann er durch seine Vorschlge und
das sichere Wesen, das er bei der Anordnung bewies, das ganze Herz des
Gouverneurs. Und er hatte so viele Gelegenheit, zu helfen und zu retten, da er
am Abend oft todmde, und doch in gehobener Stimmung zu seinem kleinen Quartier
in der Stadt zurckkehrte. Nach wenigen Tagen wurde ihm in der Nhe des
Gouverneurs ein Feldbett aufgeschlagen.
    Der Graf selbst erfuhr auf seine Frage, da er ernsthaft krank sei, und da
sein Leiden, wenn er sich nicht mehr schone, fr ihn verhngnisvoll werden
msse.
    So drfen Sie nicht zu mir reden, sagte er gutlaunig, Schonung und Pflege
sind unmglich, und ebensowenig darf ich unbrauchbar werden, solange der Krieg
dauert; von Ihnen also fordere ich, da Sie mich zwischen Szylla und Charybdis
durchsteuern. Und den Arzt aufmerksam betrachtend, auf dessen erblichenen
Wangen man die bergroe Anstrengung lesen konnte, setzte er hinzu: Gern bte
ich, wenn ich Erfolg hoffte, da auch Sie vor einer Niederlage sich in acht
nehmen. Ich vermag im Notfall noch zu kommandieren, wenn ich auf dem Kissen
liege, was soll aber aus unsern armen Kranken werden, wenn Sie nicht zur Stelle
sind? Doch wieviel Sie auch in den Hospitlern zu tun haben, ich mu Sie noch
auerdem fr mich in Anspruch nehmen; eine Stunde des Abends mssen Sie mir
opfern und sich gefallen lassen, da Ihr Patient Ihnen vorklagt.
    Der Doktor merkte bald, wie edelherzig dieser Befehl war. Jedesmal, wenn er
kam, fand er durch den alten Diener zwei Kuverts gedeckt, dann mute er mit dem
Grafen zum Abendessen niedersitzen. In dieser Zeit sprach sein Chef vertraulich
zu ihm wie zu einem jngeren Bruder, zuweilen von der Politik, lieber von seinen
persnlichen Freunden und von allerlei Menschen, die er kennengelernt hatte. So
brachte er den Gast dahin, auch seinerseits zu erzhlen, was ihm durch das Gemt
gezogen war.
    Er entlie ihn nach einem solchen Abend mit einem Hndedruck: Das ist meine
Kur. Sie haben mir meine Arznei gereicht, jetzt vermag ich wieder zu arbeiten.
    Durch dies Vertrauen gewann der Doktor zuweilen Einblick in das stille
Triebwerk der Politik, und seine Verwunderung wurde immer grer ber den Umfang
der Ttigkeit, welche vom Kabinett des Gouverneurs ausging. Denn dorthin kamen
Nachrichten aus allen Teilen der Provinz, Briefe vom Kaiserhof in Wien, vom
Auswrtigen Amte Englands, aus der Umgebung des russischen Kaisers; dazu
vertraute Mitteilungen aus dem Hauptquartier in Ostpreuen und andere aus der
Residenz, welche oft auf seltsamen Umwegen eingingen, manche in einer
Chiffreschrift geschrieben, zu welcher der Graf allein die lsenden Zeichen
kannte. Dazwischen jede Art von militrischen Berichten und Projekten.
    Drauen fand sich der Doktor mitten in das strmische Treiben eines
Feldlagers versetzt; in dem engen Raume der Festung Glatz drngten sich fast
alle zusammen, welche mit Tat und gutem Rat zu helfen bereit waren. Vornehme
Gutsbesitzer, zuweilen aus weit entlegenen Kreisen, kamen und gingen, brachten
Nachrichten und nahmen geheime Auftrge mit sich. Hhere Verwaltungsbeamte der
Provinz arbeiteten in engen Bros, die in einer Zimmerecke eingerichtet waren;
ein Oberster Gerichtshof sprach auch in brgerlichen Hndeln Recht; ihn hatte
der Graf eingerichtet, weil er die Urteile, welche von den Obergerichten der
Provinz im Namen des fremden Kaisers erlassen wurden, als nichtig behandeln
mute. Bei diesem Gericht fand der Doktor seinen Assessor aus der Kreisstadt
beschftigt. Und wer aus den berfllten Husern auf die Gassen trat, der stie
auch hier auf eine Menge abenteuerlicher Gestalten: Schmuggler von der nahen
Grenze, welche ihre Ladungen in die Magazine geliefert hatten, Soldaten von fast
jedem Regimente des Heeres, wie sie sich aus der Gefangenschaft gelst oder
durchgeschlagen hatten, Freiwillige aus allen Stnden der Bevlkerung, die sich
zum Dienst anboten, Treiber, welche Schlachtvieh herbeifhrten, jdische
Lieferanten mit ihren Proviantwagen. In den Werksttten schnitten, nhten und
hmmerten dichtgedrngt die Handwerker bis in die Nacht, auf allen Pltzen wurde
exerziert, und noch des Abends klangen berall, wo Soldaten einquartiert waren,
die Hrner, Trompeten und Pfeifen der Musiker, denn jede der neugebildeten
Kompanien und Schwadronen war stolz auf eigene Musik, und sie wurde ihr gern
gestattet, nur da ihre Musiker auch als Soldaten fechten muten. Unter den
eifrigsten war Hans, der in der Schwadron des Rittmeisters sofort zu einer
Trompete gekommen war und wenige Wochen nach seinem Eintritt vor dem Doktor an
seinen Sbel schlug und stolz meldete: Der war heut zum erstenmal dabei. In
dem engen Raum stieen die Menschen, so verschieden an Vergangenheit und
Bildung, oft hart aneinander, aber obenauf war bei Offizieren und Gemeinen eine
trotzige Zuversicht zur eigenen Kraft und Vertrauen zu der Fhrung.
    Mit Befremden sah der Doktor in den ersten Tagen einen Offizier, der ihm
scheu aus dem Wege ging, den Reiterleutnant vom runden Tisch, und er versagte
sich nicht, den Rittmeister nach seiner Brauchbarkeit zu fragen.
    Ich habe ihn unter den andern tchtig einhauen sehen, sagte dieser
gleichgltig. Diese Art Mut hat er, zu selbstndigem Kommando wrde ich ihn
ungern verwenden; er ist weichlich erzogen, um seine Person besorgt und braucht
eine Stunde zum Anziehen.
    Aber an einem der nchsten Tage redete der Baron den Arzt an: Sie haben
mich damals gesehen, wo ich meine Pflicht nicht tat; es war mein erstes
Kommando, bei welchem ich mit einem Feinde zusammentraf. Der Gedanke an den
Morgen lt mir seit der Zeit keine Ruhe. Wenn jetzt hier die nheren Umstnde
bekannt wrden, mte ich mir eine Kugel durch den Kopf schieen. Ich bitte
also, schweigen Sie gegen jedermann.
    Wenn der Arzt mitten in der Nacht aus einem seiner Lazarette ins Quartier
ging, sah er in dem Arbeitszimmer des Grafen noch Licht und zuweilen den
Schatten einer auf und ab schreitenden Gestalt. Da sagte er dem Grafen bei der
nchsten Zusammenkunft: Das darf ich als Arzt nicht dulden!
    Lagen Sie zu Bett, als Sie es sahen? antwortete der Gouverneur.
    Ich hatte einen schweren Fall.
    Ich auch, versetzte der andere heiter. Aber wir tun, was wir mssen,
nicht auf gleiche Weise. Ich tummle mich in diesem Wirrwarr mit leichtem Sinn,
Sie aber ernsthaft und mit schwerem Mut; und wenn Sie einmal ausruhen, so sehen
Sie in sich gekehrt aus, als ob die Welt rings um Sie leer wre.
    Solchen Ernst, den ich auch in meinem Vornamen mit mir herumtrage, habe ich
wohl von meinem Vater geerbt, antwortete der Doktor.
    Der Graf rckte ihm den Stuhl, schenkte ihm das Glas voll und legte sich auf
dem Sofa zurck. Erzhlen Sie mir von Ihrem lieben Vater.
    Das tat der Doktor gern. Lange bevor er geendet hatte, hielt der Graf, neben
ihm sitzend, seine Hand fest. Ich danke Ihnen, mein Freund. Und jetzt will ich
erfahren, was Ihnen unter uns leichten Husaren das Herz schwer macht.
    So vieler Freundlichkeit konnte der Doktor nicht widerstehen.
    Ich hatte ein Mdchen liebgewonnen; es war das erste frische Aufblhen
einer innigen Neigung, und die Geliebte wurde mir pltzlich entfremdet. Er
berichtete von dem berfall und von der Verlobung im Pfarrhaus, wie ihm der
Geistliche erzhlt hatte. Der Graf hrte zu, ohne durch eine Frage zu
unterbrechen. Als der Erzhlende zu den Worten kam, welche der Franzose bei dem
Ringwechsel gesprochen, fiel ihm die Spannung im Gesicht des Hrers auf. Nachdem
er geendigt hatte, sa der Graf einige Augenblicke in Nachdenken. Man sucht bei
solcher auffallenden Tat nach den Beweggrnden. Ein toller Streich, wie man ihn
etwa einem verwegenen Fhnrich zutrauen knnte, scheint dies nicht zu sein. Ist
die Demoiselle das, was man eine Schnheit nennt? - Ich glaube, ja, versetzte
der Doktor. - So war es dies, schlo der Graf. Da der Vater die Nichtigkeit
einer solchen Verlobung nicht sogleich und nicht in der nchsten Zeit betont
hat, drfen Sie dem armen alten Herrn, der bis auf den Tod bedrngt war, nicht
als bergroe Schwche auslegen. Zunchst kommt es doch darauf an, wie das
Frulein selbst die Sache ansieht.
    Ich habe sie durch den Vater bitten lassen, mir ihr Vertrauen zu schenken,
sie ist nicht darauf eingegangen; sie verhllt ihre Seele auch vor mir, und
darber traure ich. Ich hatte freilich noch kein Anrecht auf so hohes
Vertrauen.
    Auch Schchternheit und Scham knnen ein unschuldiges Weib, dem geliebten
Manne gegenber, zum Schweigen veranlassen. Und von dieser Seite ist noch nichts
verloren. Dagegen scheint mir dieser franzsische Rittmeister wohl wert, da man
sich nach ihm erkundige. Vielleicht kann ich Ihnen Auskunft verschaffen.
Unterdes lassen Sie sich's gefallen, da ich mich Ihnen in der Rolle eines
Vertrauten aufgedrngt habe, und entsagen Sie der Hoffnung nicht so hartnckig
wie bisher.
    Nach einer Zusammenkunft mit dem franzsischen General, welcher die
gegenberliegenden Truppen befehligte, rief der Graf am Abend seinem
Tischgenossen entgegen: Heut war ich Ihnen noch dankbarer, als ich wohl sonst
bin, denn Sie haben mir die unvermeidlichen Viertelstunden der Konversation mit
dem Franzosen erleichtert. Ich habe Auskunft ber den Kapitn erhalten. Also,
jene Szene im Pfarrhause hat den Prinzen und die Generalitt weit mehr
beschftigt, als anzunehmen war. General Lefebre selbst war gentigt, deshalb
beim Prinzen die Lrmtrommel zu schlagen, nicht wegen des Zweikampfes, sondern
weil der Herr Dessalle damals in seinem Zorn das gesamte Offizierskorps eines
deutschen Rheinbundstaates vor den Ohren der Mannschaft und anderer Zuhrer mit
sehr bedenklichen, respektwidrigen Ausdrcken bezeichnet hatte. Durch den
zweiten Offizier, der sich vorsichtig dem Sbel des Kapitns entzogen hatte, und
durch die Unteroffiziere wurde dies nach dem Todesfalle zur Anzeige gebracht,
die hheren Offiziere aber begingen in patriotischem Grimm die Taktlosigkeit,
wegen dieser Ehrenkrnkung Klage beim Oberkommando zu erheben. Prinz Jrme
vernahm in seiner Weise lachend und wohlgefllig das Abenteuer und dachte
offenbar von dem Kapitn darum nicht schlechter, weil er den deutschen Tlpeln
eins versetzt hatte. Um seinen Gnstling aber den weiteren Folgen zu entheben
und die Angelegenheit durch Hinziehen zu beendigen, sandte er ihn mit Briefen an
den kaiserlichen Bruder. Dies ist der Grund, weshalb der Offizier vom Horizont
verschwunden ist und whrend dieses Feldzuges schwerlich in unserer Provinz
erscheinen wird. Das letztere wenigstens ist gnstig; - und ernsthaft fgte er
hinzu - der Kapitn gilt, soweit dem Urteil meines Berichterstatters zu trauen
ist, fr einen Mann von Ehre; er ist durch eigene Tchtigkeit heraufgekommen.
    Der Doktor sa in dsterem Schweigen, und der Graf fuhr ermutigend fort:
Denken Sie jetzt auch an die Freuden und Sorgen des nchsten Tages. Hundert
gute Monturen sind heut frh von den Husaren eingebracht worden. Wir sollen
Armeen aus der Erde stampfen und ein Kornfeld bauen auf der flachen Hand; das
wird uns nicht leicht, doch viele helfen mit Freuden. Htten wir nur eine
Million Taler und sechs Monate Zeit, dann wollten wir Waldlufer uns sehen
lassen. Und er begann vertraulich von seinen Plnen fr die Ausrstung zu
erzhlen, bis der andere das eigene Leid verga.
    Ja, es war eine endlose, mhevolle Arbeit. Alles fehlte. Am wenigsten noch
die Mannschaft. Die Treuen kamen zum Teil aus weiter Ferne, sogar aus den
sddeutschen Frstentmern, welche einst zu Preuen gehrt hatten. Auch an
Kompanieoffizieren war kein Mangel, von allen Waffen stellten sie sich ein,
manche von zweifelhaftem Wert, aber auch nicht wenige der Besten, deren Name in
spteren Jahren von Mund zu Mund ging. Doch weit schwerer als die Menschen war
die Ausrstung zu beschaffen. Wo das Pulver finden? Der Graf lie eine
Pulvermhle errichten, bald fehlte dafr der Salpeter; Schmuggler trugen mit
Lebensgefahr einzelne Zentner auf dem Rcken ber die sterreichische Grenze.
Zuletzt lie der Gouverneur gar durch Streifpartien das Sprengpulver aus den
Bergwerken, welche jetzt fr den Feind frdern muten, entfhren. Wo die
Musketen hernehmen? Die Gewehre, welche heimlich in der Landschaft gesammelt
wurden, hatten jede Art von Kaliber, und es waren meist leichte Jagdflinten, im
Krieg auf die Lnge gar nicht zu gebrauchen; fast an jeder mute repariert und
gebastelt werden. Der Graf richtete deshalb auch eine Gewehrfabrik ein, aber
natrlich vermochte diese nicht sofort Groes zu leisten. Woher das Tuch und
Leder holen fr Monturen und Riemenzeug? Woher endlich die Kavalleriepferde,
seit der Feind den ganzen Winter ber die Tiere aus den Stllen geholt hatte,
darunter Gespanne, die der Landwirt nicht entbehren konnte. Und ber allem,
woher das Geld nehmen fr den Sold der Festungstruppen und des kleinen mobilen
Heeres? Ohne Geld und Lhnung war keine geordnete Verpflegung mglich, und wenn
die Leute hungern muten, liefen sie wieder auseinander. Die Geldsummen, welche
durch patriotische Mnner herzugebracht oder durch treue Steuereinnehmer den
behenden Boten des Grafen ausgeliefert wurden, auch einzelne Sendungen, welche
der Graf durch unermdliches Schreiben von Wien und London zu erhalten wute,
reichten gerade von einer Woche zur andern, die Vermittler und Agenten waren zum
Teil unsicher, und Veruntreuungen blieben nicht aus.
    Und doch wuchs durch die rastlose Sorge und Ttigkeit des einen Mannes in
den Frhlingsmonaten eine Kompanie und Schwadron um die andere herauf.
    Aber je rhriger sich die neugebildeten Truppen im Lande tummelten, um so
argwhnischer vermehrte auch der Feind sein Heer. Gegen jedes Tausend, das der
Graf ins Feld schickte, konnte der Kaiser, der von den Pyrenen bis zur Weichsel
gebot, durch einen Federstrich zehntausend senden, und je lstiger die Zwerge in
den Bergtlern wurden, um so heftiger begehrte der Riese in der Ebene das Ende
und die Bewltigung des Widerstandes.
    Das sagte einst der Doktor zum Gouverneur, als er neben ihm auf einer
Bastion stand und in die anmutige Sommerlandschaft hinabsah. Der Graf heftete
seinen Blick auf den fernen Horizont: Nicht bei uns liegt die Entscheidung,
aber was wir von den Feinden auf uns ziehen, halten wir dort ab, wo unser
Schicksal entschieden wird. Ob sterreich sich entschliet, uns zu helfen, ist
noch immer die Frage; nur solange wir Preuen hier in diesem Lande von uns reden
machen, knnen wir auf die Hilfe hoffen. Und ist bei einem Friedensschlu die
Provinz mit allen ihren Festungen in der Hand des Feindes, so drfen Sie
annehmen, da Schlesien fr Preuen verloren ist, und dann ist unser Staat
selbst verloren. Da haben Sie drei Grnde dafr, mein Freund, weshalb unsere
Husaren wieder ausreiten, um den Franzosen die Wmser zu klopfen. Er wies auf
den gewundenen Weg, auf welchem Reiter und Fuvolk hinabzogen. Heut mssen Sie
mir gestatten, da auch ich den Ritt mitmache, wir gedenken einen guten Fang zu
tun.
    Am Abend bliesen die heimkehrenden Husaren Fanfare; der Graf hatte in einem
ernsten Gefecht dem Feinde herben Verlust zugefgt und fhrte eine ansehnliche
Zahl Gefangener mit sich zurck. In einem bayrischen Major, der gefangen neben
dem Grafen einritt, erkannte der Doktor denselben Offizier, welcher frher ihn
und den Rittmeister auf der Landstrae angehalten hatte. Jetzt ist es an uns,
Ihnen zu danken, rief er bei der freundlichen Begrung. Da auch der
Rittmeister das seine tat, so fehlte es dem Bayern nicht an Bequemlichkeit und
Gesellschaft. Der Major erwies sich als wackrer Mann von Ehre, und die Besuche
des Arztes wurden fr beide angenehm.
    Kennen Sie einen franzsischen Hauptmann Dessalle? fragte einst der
Doktor.
    Sie nennen einen Namen, der uns Bayern sehr lstig geworden ist,
antwortete der Major. Er erzhlte mit Zurckhaltung von dem Zweikampf und was
der Doktor sonst schon wute. Wir Bayern sind in die Notwendigkeit versetzt,
Erklrungen von ihm zu fordern. Meine Landsleute, an denen er zum Ritter
geworden ist, waren so sehr im Unrecht, da wir uns schmen mssen, und es wre
ganz in der Ordnung gewesen, wenn der Prinz Jrme oder der Kaiser die strengste
Bestrafung der Schuldigen, soweit diese noch am Leben waren, gefordert htten.
Das aber hat man nicht getan, dagegen hat der Prinz in Gegenwart eines
bayrischen Generals vor einem groen Kreise die Geschichte von der Verlobung
erzhlt und dabei den ritterlichen Franzosen bis in den Himmel erhoben; und uns
Bayern bleibt nur brig, diesen Herrn mit dem Sbel zu begren, sobald wir
seiner habhaft werden. Glauben Sie mir, Doktor, auch unter uns sind viele,
welche es fr einen traurigen Krieg halten, wo Deutsche gegen Deutsche kmpfen
und fr Fremde einander totschlagen; wir fr die Franzosen, und Sie fr die
Russen, denn beide haben wir von den Fremden Hinterlist und Tcke zu erwarten.
So klagte der Bayer.
    Mit gemischten Gefhlen vernahm der Doktor, da jene Stunde im Pfarrhause
auch ber die Zukunft seines Gegners dunkle Schatten warf.
    Aber der Doktor sollte noch von anderer Seite an den Fremden erinnert
werden.
    In der Tr einer Weinstube der Stadt traf er auf einen Husarenoffizier, dem
ein jdischer Hndler gerade einen Brief zusteckte. Komm zu uns herein, Bruder
Doktor, rief der Offizier mit hartem polnischen Akzent, sind wir alle gerade
lustig. Da die Aufforderung von einem Liebling des kleinen Heeres kam, so
folgte der Doktor der Einladung und sa in der frhlichen Gesellschaft nieder.
Der Offizier neben ihm zog den Brief aus der Tasche und lachte. Dies hat mir
der Jud zugesteckt, es kommt von einem alten Bekannten von mir, der im Stabe des
franzsischen Generals ist. Bevor ich den Brief dem Gouverneur abgebe, will ich
ihn selber lesen. Er brach auf und lachte wieder. Schreibt mir Ossowski
kuriose Sachen. Kaiser will mir ein polnisches Regiment geben und mich zum
Obersten machen, wenn ich hier quittiere und hinberkomme. Ich werde sogleich
antworten; Wirt, geben Sie eine Feder! Und er malte auf einen Zettel mit groen
Buchstaben: Mein Herr, Sie haben mir auf polnisch geschrieben, ich habe als
preuischer Offizier verlernt, auf polnisch zu antworten. Darum schreibe ich
Ihnen deutsch, da ich den fr einen verdammten Kujon halte, welcher einem
Preuen solchen Antrag macht; wenn ich Sie einmal finde, werde ich Ihnen das mit
meinem Sbel beibringen! Mit gebhrender Hochschtzung bin ich Ihr ergebener.
Er gab den empfangenen Brief und seine Antwort dem Adjutanten. Schaffe das zu
den Franzosen, lieber Bruder, und mache eine Adresse!
    Die Kameraden lachten und sammelten sich um den ehrlichen Gesellen. Und ein
Husarenstreich nach dem andern kam zum Vorschein. Endlich sagte der Pole: Dabei
fllt mir ein, da ich ohnedies schon einem Franzosen versprochen habe, mich mit
ihm zu hauen, wenn wir einander treffen. Das war so. Im Winter streifte ich an
der polnischen Grenze, und ich kam bis an die Strae, die durch Polnisches nach
Ostpreuen fhrt; dort legte ich mich, wie Kater tut, auf die Lauer. Die
Schwadron versteckte ich im Walde und zog mich mit wenigen Husaren quer ber
Feld zu einem einzelnen Wirtshaus, daneben war nur Scheune und Stall, nach
beiden Seiten offene Strae. Ich postiere also einen Mann auf die Leiter, die am
Dach der Scheune lehnt, und sperre den Kretschmer und sein Weib in den Keller.
Die Pferde fressen zwischen Hof und Scheune aus dem Futterbeutel, und die
Mannschaft sitzt daneben. Wir waren Tag und Nacht durch Wlder gezogen, Pferd
und Mann sehr herunter. Ich aber gehe in das Haus und suche in der Kammer neben
der Schenkstube, ob ich eine Schssel finde, und ziehe mich schnell aus, um mich
zu waschen, was beraus ntig war. Meine Husaren geraten unterdes ber ein
Fssel Branntwein und machen sich in grter Eile alle na, wie Fliegen in
Buttermilch. Auf einmal entsteht ein Getrappel und Geschrei, und bevor ich in
die Kleider komme, hre ich die Stubentr aufgehen; ich schiebe also leise den
Riegel vor die Kammertr und gucke durch den Ritz. Ein franzsischer Offizier
tritt in die Stube, er hat einen Arm in der Binde und Pistole und Kuriertasche
in der linken Hand. Zuerst sieht er sich argwhnisch um, weil aber nichts in der
Stube unordentlich ist, legt er Pistole und Tasche auf den Tisch und untersucht
mit dem Sbel das Bett. Ich fahre wie ein Blitz hinter seinem Rcken aus der
Kammer, packe die Tasche und halte ihm meine Pistole an das Ohr, wie er sich
gerade herumdreht. Den Sbel konnte er, da ich ihn an das Bett drngte, mit
seinem gebundenen Arm nicht ziehen. So war er einen Augenblick wehrlos in meiner
Hand und sagte ruhig: Schie! Nein, antwortete ich auf franzsisch, ich halte
die Tasche, Sie halten meine Leute, wir tauschen und machen Waffenstillstand!
    Gut! Auf Parole, sagte er. Ich bin Kapitn Dessalle, und wer sind Sie? -
Hatte ich keine Hosen an und schmte mich deshalb, den Namen eines preuischen
Offiziers zu nennen, so sprach ich: Leutnant Brummteufel von Bila-Husaren, wegen
der Reinlichkeit im Hemde. Ich gab die Tasche in seine Hand, und er ging an die
Tr und befahl seiner Mannschaft, meine Schlingel freizugeben. Darauf zog ich
mich schnell an, er lie eine Flasche Wein aus seinem Mantelsack bringen, wir
saen einander gegenber und tranken; beim Abschied sagte er: Mein Herr, heut
bin ich Ihnen etwas schuldig geblieben, ich bin gewhnt, meine Schulden zu
bezahlen, treffen wir uns wieder im Krieg oder Frieden, so hoffe ich, nicht
verhindert zu sein, die Waffen zu gebrauchen. Dann werden Sie mir Genugtuung
geben. Ich bin immer zu Ihren Diensten, sagte ich, und mein wirklicher Name ist
Witowski. Er grte noch mit der Hand und ritt dorthin und ich dahin. Am Abend
aber holte ich meinen Husaren Futter und Brot aus der Schenke.
    Nher rckte der Feind und enger wurde der Kreis, in welchem die preuischen
Fahnen wehten. Wenn es einmal gelang, den Gegner durch khnen Angriff
zurckzuwerfen, so kehrte er verstrkt wieder. Bei kleinen Unternehmungen waren
die neugebildeten Kompanien und Schwadronen fast immer glcklich, bei greren
versagte die Kraft. Schon waren von den vier Festungen, ber welche der
Generalgouverneur gebot, zwei belagert, und der Fall der einen, des wichtigsten
Waffenplatzes, stand bevor. Vergebens sandte der Graf Boten und Befehle durch
den Ring der Belagerer, um den Kommandanten zur Ausdauer zu veranlassen,
vergebens ersann er einen verzweifelten Zug seines kleinen Heeres hinaus in die
Ebene, um die Festung zu entsetzen; das Wagnis gelang nicht, er selbst hatte es
wohl kaum gehofft. Unterdes lag er, vom Fieber geschttelt, auf dem Lager, aber
seine Energie, mit welcher er festhielt, was er noch in Hnden hatte, und die
behende Kraft, mit welcher er neue Hilfsmittel ersann, wurden nicht vermindert.
Wenn der Doktor die schnellen Atemzge und den glitzernden Schein der Augen
beobachtete, da fhlte er herzliche Hochachtung vor einer Hingabe, die immer das
Vaterland im Auge, das eigene Leben fr nichts achtete, und vor einem Geiste,
welcher der Schwche des Leibes so siegreich widerstand. Als der Graf in einer
solchen Stunde nach einem schmerzlichen Seufzer den teilnehmenden Blick des
Arztes auffing, begann er: Ich bin nicht mutlos, Doktor, aber traurig. Da wir
nicht hier sind, um Siege zu erfechten, und da wir zuletzt untergehen mssen,
wenn nicht ein erbarmendes Geschick von auen Hilfe sendet, das haben wir immer
gewut. Auch darauf bin ich gefat, da unser Nachbar sterreich nach den
letzten Ereignissen noch weniger geneigt sein wird, uns zu helfen, als er frher
war. Was mir in der Stille zusetzt, das ist der Verlust an guten Kameraden und
getreuen Herzen, den ich fast tglich erfahre. Solche Empfindung steht im Kriege
einem Manne, der den Befehl hat, bel an, und vollends bei meiner
abenteuerlichen Stellung ist sie eine Schwche. Aber einen nach dem andern sehe
ich fallen und verderben. Gerade in dem kleinen Krieg trifft das Schicksal die
Bravsten, sie alle spielen bei ihren Wagnissen mit Tod und Teufel; dem Schlauen
gelingt es fnfmal, und wenn er ein unerhrtes Glck hat, zehnmal, zuletzt fllt
die Karte doch gegen ihn. Von meinen Getreuesten, die Sie fanden, als Sie hier
ankamen, wie wenige sind noch brig? Im groen Kriege verschwindet das Leben des
einzelnen in der Masse; bei unserem Freibeuterkampfe zhlte ich die Hupter,
denen ich vertrauen kann, und vermisse jedes, das aus dem tglichen Verkehr
schwindet. - Auch der Schlaukopf ist dahin, mein Geschftsreisender, der
unermdlich durch das Land zog und mit gewissenhaften Einnehmern seine Geschfte
machte; er hat uns zuweilen geholfen, wenn der letzte Pfennig ausgegeben war.
Zuletzt wollte er auch einmal auf eigene Faust Krieg spielen und raffte sich
einige Mannschaft zusammen. Dabei vertraute er zu sehr seinem Glck und kam in
die Hnde des Feindes. Neulich, als wir den bayrischen Major fingen, sa er als
Gefangener in Zivilkleidern gebunden auf einem Karren, an welchem unsere Husaren
vorberjagten. Es wre leicht gewesen, ihn loszuhauen, jetzt mu ich durch
allerlei Kunststcke die Courtoisie der Franzosen wachrufen, damit diese uns
nicht den armen Burschen als Spion abtun.
    In den nchsten Tagen wurde der Gouverneur von dem neuen franzsischen
General, einem der nichtswrdigsten Werkzeuge des Kaisers, zur Verhandlung
hinausgeladen auf das Feld inmitten der beiden Heere. Mit kriechender
Hflichkeit begann der Franzose die Unterredung, in welcher er zur bergabe
mahnte, denn er wollte sich gern bei seinem Kaiser den Ruhm sichern, da er den
hartnckigen Widerstand des Gegners bewltigt habe. Da ihn aber der feste
Widerstand des Grafen reizte, brach die rohe Heftigkeit seines Wesens heraus. Er
schrie, da das preuische Heer des Knigs geschlagen und vernichtet, der Knig
selbst verschwunden sei: Dies Knigtum hat aufgehrt, die jetzt noch
widerstehen, sind nichts als Ruber und Mrder. Er forderte die Offiziere auf,
den unsinnigen Mann zu verlassen, der sie ins Verderben fhren wrde, er drohte,
das Gut des Gouverneurs, das dieser in der Grafschaft hatte, niederzubrennen,
die Familie desselben der Wut der Soldaten preiszugeben und ihn selbst an den
Galgen zu hngen. Wohl niemals hat der Stellvertreter eines Knigs solche
Sprache ertragen. Die preuischen Offiziere griffen an ihre Waffen, um den
frechen Franzosen niederzuhauen, der Graf trat dazwischen, wehrte dem Eifer und
schied mit den Worten: Wir respektieren in Ihnen den Vertreter Ihres Kaisers,
aber wir verhandeln mit solchem Manne nicht mehr.
    Als der Gouverneur am Abend erschpft auf dem Lager lag und sein Vertrauter
ihm sagte: Wie der Franzose die gleiende Hflichkeit aufgab und durch seine
Drohungen Sie in Ihrem innersten Leben krnkte, da erkannte ich, wie schwer es
ist, die innere Emprung fr das gemeine Wohl zu bndigen; ich htte schwerlich
der Versuchung widerstanden, den schlechten Mann niederzuschlagen oder gleich
einem Hund wegzustoen.
    Loben Sie meine Zurckhaltung nicht, sagte der Graf, denn ich fhlte in
diesem Augenblick tief die Demtigung, da ich nicht als freier Herr ihm
gegenberstand, sondern als Diener eines Staates, der nicht in der Lage ist,
seine Vertreter vor solcher Beleidigung zu schtzen. Htte ich aber dem
Franzosen geantwortet, wie er verdiente, so wre das dem Kaiser sehr willkommen
gewesen, denn er htte darin eine Veranlassung gefunden, ber Verletzung des
Vlkerrechts und der franzsischen Ehre zu deklamieren und den Frieden, welchen
er widerwillig und mit argen Hintergedanken, nur aus Rcksicht auf andere
Mchte, uns bewilligen mu, zu erschweren. Er wei heut so gut wie wir beide,
da zwischen uns und ihm ein ehrlicher Friede unmglich ist, fr ihn steht die
Frage nur so, auf welchem Wege er uns umbringen soll, und fr uns, wie wir
seiner ledig werden. Er ist uns darin berlegen, da er in seiner klaren
Entschlossenheit genau sieht, wie die Sachen stehen. Beten Sie, Doktor, da
nicht eine Wahrheit werde, was heut der arge Mann von dem Schicksal unseres
Knigs und des Heeres gelogen hat.
    Nicht alles wurde als Wahrheit besttigt, aber die Entscheidung war bei
Friedland gegen Preuen gefallen durch die Unfhigkeit oder Hinterlist des
russischen Feldherrn. Die Kunde, welche der Graf bald vom Prinzen Jrme erhielt
und dem Heere verbarg, verbreitete sich doch mit seltsamer Schnelle. Nach diesem
Schlage schwand den Soldaten die Hoffnung und der Mut.
    Und der Kampf um die Festung begann. Der Graf hatte mit Aufgebot aller Kraft
ein verschanztes Lager auf einer Hhe errichtet, deren Besitz fr die Behauptung
der Festung entscheidend war.
    Auch Sie erwarten in den nchsten Tagen einen Sturm des Feindes, sagte der
Doktor zu dem Rittmeister, welcher einsilbiger als sonst an seiner Seite ging.
    Mich krnkt's, da Sie mich gerade in der Arbeit haben, Doktor, und da ich
nicht dabei sein kann. Es ist eine gute Disposition, die der Graf fr die
Verteidigung jener Hhe dort gemacht hat, aber nach meinem Husarenverstand mutet
sie unseren Offizieren und Soldaten allzuviel zu, denn alles bei uns ist noch zu
locker. Wer unsern Gouverneur kennt wie Sie und ich, der mu ihn lieben und
verehren bis zur Schwrmerei, und ich kenne keinen Mann auf Erden, der so rein
und ohne Rcksicht auf sich selbst fr seinen Knig und fr andere lebt. Er ist
hier wie die Sonne, die uns allen die Kraft zum Leben gibt, er allein, so da,
wenn er uns verlorengeht, in demselben Augenblick alles auseinanderfllt. Er hat
nur eine Schwche, er beurteilt uns alle im Grunde zu gnstig. Beachten Sie
seinen Blick, er sieht immer still verklrt in die Ferne, das groe Ziel hat er
fest im Auge und erfinderisch wie ein Dichter ersinnt er hundert Wege und
Auskunftsmittel, um dahin zu gelangen, aber nicht so genau schtzt er die
Hindernisse, welche ihm bei den nchsten Schritten in dem Wege stehen. Sein
ganzes Wesen treibt ihn dazu, der Tchtigkeit menschlicher Natur zuviel zu
vertrauen, und trotz dem groen Scharfsinn, mit welchem er im ganzen die Sachen
beurteilt, wird seine Rechnung zuweilen fehlerhaft, weil er die kleinen
Reibungen und die Fehler seiner Werkzeuge nicht genug bercksichtigt.
    Wie vermchte er dieses Leben auszuhalten, versetzte der Doktor, die
Unsicherheit, die ganz unerhrte Stellung eines Diktators, wenn nicht ein Zug
von Begeisterung und sanguinischem Glauben in ihm wren? Und ich ahne, da er
auch von den Menschen, die ihn umgeben, manches kennt, was er allen verbirgt.
Unser bayerischer Freund sagte mir, als er ausgewechselt wurde, beim Abschiede:
Ich lasse Sie mit Bedauern hier zurck, denn die Braven hier sind alle verraten
und verkauft. Darauf erzhlte er, da ihm hier vielerlei fr die Franzosen
mitgeteilt worden sei, einiges Schriftliche habe er verbrannt, schlo er, denn
ich habe nicht vergessen, da ich ein Deutscher bin, und will mich, wenn ich Sie
als ehrlicher Soldat bekmpfen mu, nicht zum Angeber gegen die Fremden machen.
    Sie haben das doch dem Gouverneur mitgeteilt? fragte der Rittmeister.
    Hren Sie, was er mir antwortete: Wenn man mich mit Schillers
Ruberhauptmann verglichen hat, so wissen Sie jetzt auch, da die Herren
Spiegelberg und Schufterle unserer Gesellschaft nicht fehlen.
    Ein hoher Stabsoffizier schritt ber die Bastion, ein lterer Mann mit einem
hageren, bronzefarbenen Gesicht und finsteren, scharf geschnittenen Zgen. Der
Doktor und der Rittmeister salutierten; als er vorber war, stie der
Rittmeister mit innerem Abscheu seinen Sbel auf den Stein. Das ist er, und er
ist vielleicht nicht der einzige.
    Wie ist es mglich, da der Graf solche Menschen im Amte duldet, wenn er
sie fr Verrter hlt? fragte der Doktor bestrzt.
    Er hat sich lange geweigert, den Verdacht gegen sie aufkommen zu lassen,
obgleich ihnen niemand traute. Jetzt endlich berwacht er sie. Aber dieser und
noch ein anderer haben hheren militrischen Rang als der Graf selbst. Als
Stellvertreter des Knigs kann er sie, sobald ihr Verrat erwiesen ist,
verhaften, im uersten Fall erschieen lassen, aber solange er keinen Beweis
gegen sie hat, darf er ihnen den Befehl nicht nehmen. Der Gouverneur hat getan,
was ihm ganz widerwrtig ist, dort oben in dem Bro hat er einen geheimen
Polizeidienst einrichten mssen, um Beweise gegen die hchsten Offiziere seiner
eigenen Garnison zu finden. Es ist ihm bis jetzt nicht gelungen, und glauben Sie
mir, das ist seine unablssige Sorge.
    Der Sturm auf das verschanzte Lager hatte begonnen, unter dem rollenden
Donner der Geschtze und dem Knattern der Musketen eilte der Doktor zu dem
Verbandsplatz fr die Verwundeten. Jetzt hrte und sah er die Sckrecken, welche
der Zweikampf der Vlker jedem einzelnen bereitet, aber anders als vor einem
halben Jahre empfand er das Furchtbare des Krieges, und auf alles gefat, sagte
er sich: Wunderlich ist es, da derselbe Kriegssturm, welcher das Beste im
Manne lebendig macht und das Hchste von ihm fordert, zugleich und oft in
derselben Seele das Widerwrtigste und Gemeinste grozieht, rohe Wildheit,
Geldgier und alle Laster, welche erwachen, wenn die alte feste Ordnung seines
Lebens aufhrt. Das Erhabenste ist zugleich auch das Schrecklichste, und mit dem
Gttlichen in uns wird auch der Teufel mchtig. Bald nahm die Sorge um die
herbeigetragenen Verwundeten ihn vllig in Anspruch.
    Am Abend drngten sich die geschlagenen Kompanien mrrisch und mutlos durch
das Tor. Die Festung wurde belagert, und die Rechnung ging jetzt um den Tag, an
welchem sie fallen msse.
    Der Diener hatte den Tisch mit dem Abendessen des Doktors, wie er pflegte,
an das Bett des Grafen gerckt, da begann der Kranke: Ich mu mich Ihrer
freuen, solange ich Sie habe. Was jetzt noch zu tun bleibt, ist das Schwerste
von allem und doch so widerwrtig, da niemand es loben wird.
    Sie werden tun, was Ihre Pflicht ist, sagte der Doktor, nicht jede
Pflichterfllung wird durch den Beifall der Lebenden und der Spteren gerhmt.
Ich bin gelehrt, da man bei solcher Erfllung niemals an den Beifall der
Menschen denken soll, nur darauf, da man der Mahnung des eigenen Gewissens und
vernnftiger Erwgung folge.
    Das ist eine strenge Lehre, mein Freund; auch die Besseren sorgen,
vielleicht nicht um den Beifall der Menge, aber doch um die gute Meinung
solcher, die ihnen wert sind. Wir Soldaten vollends, bei denen Befehl und
Gehorsam so schonungslos sind, brauchen einen starken ueren Antrieb, damit wir
unsere Pflicht tun; der Soldat vermag Anerkennung und Ruhm nicht zu entbehren,
und ebensowenig die Furcht vor Strafe, und die hheren Offiziere bedrfen diesen
Sporn noch mehr als andere. Wenn Sie fragen, woher es kommt, da in diesem Jahre
gerade unter den Hohen unserer Armee soviel offene Schwche zutage trat, die bis
zum Verrat ging, so gibt es darauf eine kurze Antwort: weil sie vor ihrem guten
Knig keine Furcht hatten. Ein General und jeder, der selbstndiges Kommando
fhrt und despotisch gebietet ber Untergebene, mu im Grund seiner Seele
unablssige Scheu hegen vor dem Stirnrunzeln seines Herrn und dahinter vor
Festung oder einer Kugel.
    Ich selbst bin jetzt in der Lage, an eine Verurteilung und Festungshaft fr
mich zu denken, fuhr er mit traurigem Lcheln fort: Denn, Doktor, es geht mit
uns zu Ende. In dem Pulvermagazin fehlt das Pulver, man hat mir seit Monaten
falsche Bestnde angegeben; ein unsichtbarer Feind hat sich beeilt, diese
Hiobspost und andere hier zu verbreiten; den Leuten ist der Mut gebrochen, sie
wissen, da wir nicht mehr imstande sind, ernstem Angriff zu widerstehen.
Bedauern Sie mich, denn mir ist auch die letzte Ehre des Soldaten versagt, diese
Festung bis zum letzten Laib Brot und zur letzten Patrone zu verteidigen. Ich
bin nicht zum Kommandanten der Festung bestellt, sondern zum Gouverneur des
Landes. Meine Provinz ist klein geworden, aber auer diesen Steinen habe ich
noch einige andere dem Feinde streitig zu machen, und erst auf dem letzten darf
ich vergessen, da ich meinen Knig und den Staat noch in andern Sachen zu
vertreten habe als in militrischen. Dann erst darf ich die Scheide wegwerfen
und an nichts denken als an einen ehrlichen Soldatentod. Jetzt sollte ich diese
Festung der Ehre ihres Kommandanten anvertrauen, aber dieser wrde morgen dem
Feinde das Tor ffnen und dadurch die Wochen, die ich noch gewinnen kann und auf
die jetzt alles ankommt, zugunsten der Franzosen preisgeben. Deshalb werde ich
die Demtigung einer bergabe auf meinen Namen nehmen.
    Da verga der Doktor seine eigene Philosophie und rief in tiefem Schmerz:
Herr des Himmels, soll eine bergabe auch hier das Ende sein! Unermeliche Mhe
und Arbeit haben Sie aufgewandt, uns allen sind Sie ein Vorbild geworden der
Hingabe an Amt und Beruf. Ihrem Beispiel verdanke ich, da ich erkannt habe, was
ein Mann seinem Vaterlande schuldig ist, und jetzt sollen Sie demselben
Schicksal verfallen wie die Schwachen und Schlechten, die anderswo den Befehl
hatten? Und Sie sollen nicht unterliegen im ehrlichen Kampfe gegen den Feind,
sondern durch elenden Verrat und durch die Gemeinheit anderer? Wahrlich, das ist
ein frchterliches Geschick. Die Ehre, die sich um Ihr Haupt gesammelt, soll
Ihnen in der Meinung der Menschen genommen werden durch den Zwang kleiner und
nichtswrdiger Verhltnisse. Er wandte sich in seiner Bewegung ab.
    Sagten Sie nicht soeben, begann der Graf mit weicher Stimme, da man die
Pflicht tun soll ohne Rcksicht auf den Beifall der Menschen und nur das eigene
Gewissen und vernnftige Urteil anhren?
    Das habe ich gesagt, ich wei wohl, da Sie so handeln werden; aber das
Volk bedarf auch Beispiele von Tugend und Gre, die ihm das Herz erwrmen. Und
es wird krank, wie wir geworden sind, weil uns so sehr die Mnner fehlen, deren
Wert man mit Begeisterung empfindet. Sie waren der Mann, meinen schlesischen
Landsleuten in finsterer Zeit ein solches Vorbild zu werden, und fr mich ist es
furchtbar, da Ihnen durch ein ruhmloses Ende dieses Kampfes die Krone geraubt
wird.
    Der mde Mann erhob sich und sprach leise: Seien Sie ruhig, mein Freund.
Was ich bis jetzt nur meinem Knig vertraut habe, sollen Sie erfahren: ich
bergebe die Festung nicht. Wenn ich mit dem Feinde das bereinkommen schliee,
ihm die Tore an einem bestimmten Tage zu ffnen, so tue ich dies, um Zeit fr
die Verteidigung zu gewinnen. Gegenwrtig sind wir durch Verrat und Entmutigung
wehrlos gegen den drohenden Angriff, ich brauche einige Wochen, um das zu
bessern. Nur durch den Vertrag mit den Franzosen habe ich die Mglichkeit
gewonnen, mich mit unserm Knige in gesicherte Verbindung zu setzen. Diese
Verbindung habe ich benutzt, ihn anzuflehen, da er mir erlaube, nicht mehr sein
Stellvertreter im Lande, sondern nur Kommandant dieses Platzes zu sein. Die
bermtigen Feinde verletzen jeden Tag den Vertrag, den ich mit ihnen schlo,
und jeden Tag darf ich ihnen das nichtige Schriftstck vor die Fe werfen. Und
nun wissen Sie, was Ihrer Freundschaft trstlich sein soll; wenn nicht Friede
wird, sollen sie mich lebendig nicht haben. Wir bewahren, will's Gott, dem
Knige unsere Berge, oder wir machen dem Feinde die Mhe, uns ein Grab zu
schaufeln.
    Die Franzosen drngten, dem abgeschlossenen Vertrage zuwider, whrend der
Waffenruhe nher an die Festung heran; der Graf, welcher unterdes die Schden an
den Werken, an den Vorrten und in den Gemtern seiner Soldaten gebessert hatte,
schlo drohend die Tore und verkndete seinen Entschlu, am Ende der Waffenruhe
die Feindseligkeiten wieder zu beginnen. Da kam der Friede. Sogleich bestand der
Gouverneur darauf, da die Feinde die Grafschaft und die nchsten Landkreise
rumten, und er setzte seinen Willen durch.
    Er hatte das Gebiet fr Preuen behauptet.
    Als der Graf die Bedingungen des Friedens erfahren, lud er eine Anzahl
Mnner zu sich, welche ihm persnlich nahegestanden hatten. Der Doktor fand
einige Offiziere von der frheren Garnison, Offizianten, welche in den Bros
arbeiteten, adlige Gutsbesitzer aus der Provinz, die in den letzten Monaten sich
und ihr Vermgen fr den Staat eingesetzt hatten. Der Graf erhob sein Glas,
trank die Gesundheit des Knigs und sagte: Wir lassen andere trauern ber den
Vertrag, welcher jetzt als Friede den Vlkern verkndigt wird; wir wissen so gut
wie der Herr der Franzosen, da dies nur ein Waffenstillstand ist, den beide
Teile, wir und der Kaiser, gebrauchen, um aufs neue zu rsten; wir wissen, und
der Kaiser ahnt es auch, da die Feindschaft zwischen ihm und uns eine tdliche
geworden ist, die nur enden wird mit der Vernichtung des einen. Wir aber
vertrauen dem gerechten Gott, da wir die Sieger bleiben. Whrend die Waffen
ruhen, bereiten wir uns fr den neuen Kampf. Wir haben hier in Not und Enge wie
Brder miteinander gelebt, und treue Genossen bleiben wir einander, wohin uns
auch das Schicksal fhrt. Gro, wie die Niederlage unseres Vaterlandes war, soll
auch die Erhebung sein, jeder Preue, der die Waffen tragen kann, soll ein
Krieger werden. Und so scheiden wir voneinander als Mnner, welche jederzeit
bereit sind, ihr Leben hinzugeben fr ihren Knig und fr die Befreiung ihres
Vaterlandes. Jeder von Ihnen sammle in dem Kreise, in dem ihn sein Beruf
festhlt, die Gleichgesinnten. Fr mich aber erflehe ich von der Vorsehung als
das hchste Glck meines Lebens, da mir vergnnt werde, Sie wieder um mich zu
versammeln an dem Tage, wo wir die Waffen zu neuem Kampfe gegen den bsen Feind
erheben.

                                 Die Begegnung


Wie siehst du jetzt im Frieden aus, liebe alte Stadt? Als der Friede verkndet
war, hat man am Sonntage darauf mit drei Glocken zur Kirche gelutet, statt mit
zweien; und der Pastor hat von der Kanzel den Herrn um Kraft gebeten, auf da
die Stadt den Frieden ertrage. In deinem Aussehen ist wenig gendert, die Mauern
hat niemand gebrochen, und die armen Zunftgenossen, die mit dem Sbel an den
Toren standen, sind auch nicht erschossen worden, nur ein bayrischer Soldat hat
beim Hinausreiten einen von der Wache aus Rachsucht bel geschlagen, weil ihm
das Getrnk der Stadt mifiel. Straen und Huser stehen wie sonst, und die
Menschen unterhalten sich und mhen sich, sind unzufrieden und hoffen auf eine
bessere Zukunft wie immer. Und wenn sie im Wirtshause beieinander sitzen, so
fragen sie, ob das wirklich eine Zeit des Friedens sei, in der sie leben. In den
Festungen liegen die Franzosen wie in der letzten Zeit des Krieges, franzsische
Generle regieren in der Hauptstadt, franzsische Kommandos durchziehen das
Land, holen das Vieh aus den Stllen und die Brotfrucht vom Boden, nur da sie
die Gnse und Hhner auf dem Hofe verschonen. Das Zahlen, Liefern und Steuern
hat sich im Kriege so eingebrgert, da man die Gewohnheit im Frieden nicht
loswerden kann. Ja, die Last wird rger, denn neben den Feinden fordert jetzt
auch die eigene Regierung. Wo aber sind unsere einquartierten Soldaten
geblieben, wo schultert der Posten, der sonst vor der Hauptwache auf und nieder
schritt, und wo sitzen die Offiziere vom runden Tisch der Weinstube? Alles
verschwunden, die Kompanie ist aufgelst, die Leute haben sich verlaufen, denn
der Staat ist sehr klein geworden und soll sich den Luxus eines groen Heeres
nicht machen. Nur der Hauptmann ist wieder da und wohnt beim Fleischer Beblow
wie sonst, aber in der Dachstube. Er ist auf Halbsold gesetzt, trgt auch nicht
mehr seinen blauen Rock, sondern geht wie andere in einem alten, verschossenen
Zivilkleide, noch finsterer und mrrischer als sonst, und seine kleine Schwester
nht und kocht fr ihn und arbeitet zuweilen bis in die Nacht, damit sie ihm mit
einem Paket Tabak Freude machen kann; sie bittet und drngt ihn, bis er sich
entschliet, des Nachmittags mit ihr auf dem Stadtwall spazierenzugehen, denn
ihm selbst ist widerwrtig, da die Leute ihn in seinem Zustande ansehen. Auch
Schuster Schilling ist da, aber die gegenwrtige Konjunktur vermag ihn durchaus
nicht zu befriedigen, denn fr seine neuen Stiefel findet sich kein rechter
Absatz; mancher, der frher Schuhwerk trug, hat die Laune, jetzt barfu durch
die Welt zu gehen. Hutzel steht wieder an seiner Tr, immer noch mitrauisch; er
hat an drei Orten eingegraben und noch nicht alles hervorgeholt, und it mit
seiner Familie aus Blechlffeln, weil er sich die bittere Sorge, noch einmal zu
verstecken, nicht machen will. Vollends in der Weinstube ist eine nderung
bemerkbar; der ganze erste Tisch und der Tabakskasten sind verschwunden, der
Stadtdirektor, ein gedrckter Mann, sitzt jetzt bei den anderen Offizianten, und
wenn der Kammerherr einmal vom Gute hereinkommt, so nimmt er seinen Platz neben
dem Einnehmer. Nur Herr Khler ist bis auf seinen Tituskopf ganz der alte,
wohlhbig und schlau; wenn er ber den Lauf der Welt gespttelt hat, zieht er
sich daheim unter seine Dichter zurck, auch am Bilde des Alten Fritz hngt noch
der Trauerflor. Und wenn er auf dem Stadtwall den Buskows begegnet, so bewegt er
seinen Hut mit der Miene, die ihm niemand nachmachen kann. Denn die untere
Hlfte seines Gesichtes weist einen finstern Trotz wegen des Storches, und aus
den Augen lacht die Befriedigung wegen seiner Verschwrung mit der Sylphe.
    Heut aber hat er sein Zimmer festlich geschmckt, er hat selbst in einem
Garten der Vorstadt den groen Blumenstrau geholt und auf den Tisch vor dem
Sofa gestellt, und in seiner Kche wird eine Kalbskeule am Spie gedreht, denn
sein Liebling, der Doktor, ist wiedergekommen und zum ersten Male sein Gast.
    Der Winter war vergangen und der Sommer in das Land gezogen, bevor der
Doktor aus der Grafschaft nach der Stadt zurckkehrte. Er hatte seine Kranken
nicht verlassen wollen, und er wute, da sein Vetter ihn daheim zur
Zufriedenheit der Leute vertrat. Als er jetzt seinem Freunde gegenberstand,
hielt ihm dieser einen gefllten Becher entgegen.
    Auf solchen Willkommen habe ich mich lange gefreut, begrte ihn Herr
Khler. Wenn wir alle in diesem Jahre zerstoen, verrgert und zurckgekommen
sind, Ihnen hat der Krieg wohlgetan, denn Sie stehen anders vor mir als damals,
wo Sie gingen. In Ihnen ist Lebensmut und stolze Sicherheit. Natrlich, wenn wir
krank sind, wird der Arzt unser Herr. Nun, ich denke, dies Herrengefhl werden
Sie unter uns nicht verlieren, denn wir sind jetzt alle arme Patienten, die nach
guten rzten seufzen. Heut aber nichts von rgerlichen Dingen, sondern wie
Nestor zur betrnten Hekuba sagt: Trink ihn aus, den Trank der Labe, und vergi
den groen Schmerz.
    Als beide in Behagen beieinander saen, begann der Einnehmer: Sie bleiben
doch jetzt bei uns und mit leichterem Herzen? Er sah den Freund prfend an.
    Ich nehme meine Praxis wieder auf, antwortete dieser, dem fragenden Blick
ausweichend. Meinen Vetter behalte ich hier, bis sich ihm irgendwo Aussicht auf
erfolgreiche Ttigkeit bietet.
    Hm! sagte der Einnehmer, das bedeutet wohl, er soll ins Feld, sobald es
wieder losgeht?
    Er oder ich, entgegnete der Doktor. Er hob ein Buch, welches aufgesperrt
neben ihm lag, und las: Reden an die deutsche Nation. - Der groe Mann erhebt
darin strenge Anklage gegen die Selbstsucht und Genusucht des lebenden
Geschlechtes, aber die Ermahnung zur Bue und Einkehr in uns selbst kam den
Deutschen zur rechten Stunde.
    Der Selbstpeinigung wegen lassen wohl auch Sie Ihre Pfeife im Winkel
stehen? fragte der Einnehmer und faltete die Hnde: Ich bekenne die
Selbstsucht und Genusucht meines Jahrhunderts, auch meine eigene. Ich habe
seither, wenn der Winter dem Transport gnstig war, zwei- bis dreimal ein
Dutzend Austern gegessen; waren die Austern nicht frisch, so wurden sie von der
Weinwirtin gebraten, das versteht die Frau. Ich bekenne auch die Snde, da ich
zuweilen ein Glas Ausbruch getrunken habe, und ebenso hatte ich die Selbstsucht,
grob zu werden, wenn ein andrer meinen Zaun ungebhrlich benutzte. Von solcher
Versunkenheit heilt uns der groe Napoleon grndlicher als Ihr Professor. Die
Austern finden nicht mehr den Weg hierher, und unsere Zune sind vom Feinde
eingerissen und als Brennholz verbraucht. Wenn es jemandem schlecht geht, so
kommen die Pastoren mit und ohne Bffchen und rufen Zeter ber die
Sndhaftigkeit. Ich denke, bei uns ist weniger schlechte Sitte, ppigkeit und
Selbstsucht, als bei den Franzosen, welche so siegreich ber uns triumphieren.
Mich krnkt's, da man jetzt berall die Menschen anklagt und nicht die
Verhltnisse, unter denen sie zu leben gezwungen waren. Dennoch mu ich
ernstlich darauf bestehen, da Sie sich diesen Wein mit Genuliebe gefallen
lassen, denn ich habe in Hoffnung auf diese Stunde der Versuchung widerstanden,
die Flasche allein auszutrinken.
    Der Doktor hatte in den ersten Tagen viel auf die Gre und freundlichen
Anreden der Brger zu antworten. Er erkannte, da er der Stadt wert geworden,
und begann aufs neue seine Ttigkeit in der frohen Empfindung, da er hier in
Wahrheit heimisch war. Unter den ersten Kranken, welche seine Hilfe begehrten,
war auch der Hauptmann auf Halbsold. Der Doktor stieg zwei enge Treppen hinauf
in eine Dachwohnung; dort fand er den Hauptmann verfallen und mrrisch in seinem
Bett, davor das kleine Frulein, mit einer Arbeit beschftigt. Es war keine
tdliche Krankheit, nur die Nachwirkung der frheren Strapazen und befrdert,
wie der Arzt argwhnte, durch die schmale Kost, denn in Kammer und Stube sah es
drftig aus. Ein kleines altes Sofa, mit geblmtem Baumwollstoff berzogen, war
von Sonne und Luft so gebleicht, da man die ursprngliche Farbe nur an
viereckigen Stcken erkannte, welche an einer geschtzten Stelle ausgeschnitten
und von vorn eingesetzt waren. ber dem Sofa hing das Pastellbild eines lteren
Offiziers, wahrscheinlich des verstorbenen Vaters. Der Doktor lie sich, um zu
verschreiben, von der Schwester in ihr kleines Hinterstbchen fhren, lobte die
Aussicht, welche hinter den Dchern der Nachbarhuser den Stadtwald und die
blauen Berge wies, trstete die Besorgte und freute sich ber die ruhige
Sicherheit, mit welcher die kleine Dame sich in ihren Wnden bewegte, und da,
bei aller Einfachheit, der Raum so sauber und wohnlich war. Als er herunterkam,
winkte ihn die Hauswirtin in ihre Stube. Es geht knapp dort oben zu, sagte sie
vertraulich, und die Schwester nht bis in die Nacht, wenn sie Arbeit findet.
Du lieber Gott, wer hat jetzt Geld, um andere nhen zu lassen? Ich habe es
bernommen, ihr Arbeit zu verschaffen; wenn Sie unter Ihren Bekannten jemanden
wten; das Wartegeld des Bruders reicht ja nicht viel weiter als zur Miete, die
aber bezahlt er jeden ersten. Sie glauben gar nicht, wie ttig unser Frulein
ist; sie hat immer noch Hilfe fr andere brig, und man hrt sie niemals
klagen.
    Seitdem wurde der Doktor ein regelmiger Besucher der Geschwister; die
aufrichtige Hochachtung, welche er der Schwester bewies, tat auch dem Bruder
wohl, und er wurde bald nicht mehr mit mrrischem Argwohn betrachtet. Einst
vernahm er schon auf der Treppe Musik, und als auf sein Klopfen nicht
geantwortet wurde, trat er endlich ein. Der Hauptmann sa im Bett und spielte
leise auf einer alten Geige, Minchen aber stand daneben vor ihrem Notenpult und
blies die Flte. Da der Doktor vor Jahren sich auf demselben Instrument gebt
hatte, so verstand er, da sie mit Fertigkeit und mit gutem Ansatz zu blasen
wute. Errtend legte sie die Flte weg; da aber der Arzt sie beim Abschiede an
der Treppe bat, ihrer Gesundheit wegen das eifrige Blasen zu meiden, winkte sie
ihn wieder in ihre Stube und sagte vergngt: Wundern Sie sich nicht darber;
ich habe die Flte, als der selige Vater noch lebte, bei der Kompanie gelernt,
und sie greift mir die Brust gar nicht an. Weil der Bruder oft bekmmert ist
ber seine Unttigkeit und ber unsere beschrnkte Lage, so haben wir uns
ausgedacht, wenn er erst wieder gesund ist, wollen wir miteinander auf Reisen
gehen und kleine Konzerte geben; wir nehmen einen fremden Namen an, und wenn wir
etwas erworben haben, kommen wir wieder hierher zurck. Es fehlt uns nur
manchmal an Noten, die ich fr mich abschreiben knnte.
    Was ich selbst besitze, steht Ihnen zu Diensten. Das war dem Frulein
lieb, und ein Austausch wurde beschlossen.
    Da der Doktor von jenem Besuche des Fruleins bei dem Einnehmer gehrt
hatte, so vertraute er dem Freunde an, was er jetzt vernommen. Das Auswandern
sieht ihr hnlich, antwortete dieser trocken, das kommt von den
Reisebeschreibungen; mich wundert nur, da sie nicht die Pickelflte blst.
    Aber er ging am nchsten Tage zum Kaufmann, erstand ein Schock feine
Leinwand und gebot der Haushlterin, diese mit einer Probe seiner Wsche zu Frau
Beblow zu tragen.
    Dasselbe wiederholte sich mehrere Male, bis endlich die Haushlterin bei
einer neuen Bestellung Einwnde erhob: Aber Herr Einnehmer, der ganze Schrank
ist ja voll Wsche; es ist mehr Vorrat von Bettzeug, Tischzeug und Leibwsche,
als Sie in Ihrem Leben gebrauchen knnen, und die neue Wsche liegt ganz
unbenutzt.
    Das versteht Sie nicht, bedeutete Herr Khler unwillig, ich gedenke
steinalt zu werden. Kennt Sie die Geschichte von den sieben fetten und magern
Khen des Pharao? Die Haushlterin wute von den sieben Khen und von den
sieben hren. Lese Sie den Vorfall aufs neue durch! befahl der Herr. Ein
vorsichtiger Wirt, mu beizeiten einschaffen. In kurzem kommen die mageren
Jahre, wo alle unsere Weber gegen die Franzosen marschieren mssen. Dann wird
alle Leinwand aufhren.
    In der Geiblattlaube des Pfarrgartens saen Henriette und Brbel, die
Schulzentochter. Auf dem Tisch vor ihnen lag ein kleiner Berg grner Bohnen,
Brbel hatte, um whrend ihres Besuches nicht mig zu sitzen, ein Messer
genommen und schnitt in die Schssel, welche sie im Schoe hielt. Auch fr die
Unterhaltung sorgte die junge Frau fast ganz allein, denn Henriette sa
schweigsam, und die Hand sank zuweilen herab. Sie mochten wohl an Trauriges
gedacht haben; Brbel fuhr sich mit dem Rcken der Hand ber die Augen, als sie
sagte: Mir gruselt's, wenn ich bei der Scheune vorbeigehe. Und dann die
Verwstung bei euch, die Schafherde kann ich gar nicht vergessen. Dieses Unglck
haben wir nicht gehabt, denn wie die schlechten Nachrichten kamen, sagte mein
Karl zu mir: Brbel, sagte er, als der Vater auf dem Totenbette lag und schon
fast ganz hinber war, richtete er sich noch einmal auf und sprach: Karl, wenn
Krieg wird, schlachte zuerst die Schafe! Diese letzten Worte des Alten haben wir
befolgt; was wir nicht sogleich verkaufen konnten, haben wir geruchert, und
meiner hat es auf unserem Heuboden unter alten Brettern versteckt. Dort hat es
niemand gefunden, nur da wir selbst unser Vieh aufessen muten. Aber so geht's
im Kriege. - Das beste ist noch, da sie eure silberne Kelle nicht fortgetragen
haben, denn diese ist ein schnes Stck und gebhrt dir zu deiner Ausstattung.
    
    Henriette machte eine abwehrende Bewegung.
    Du bist heut wieder traurig, sagte Brbel, willst du allein sein? Ich
komme ein andermal.
    O bleibe, bat Henriette; ich kann mit dir ber das Vergangene besser
reden als mit Vater und Mutter.
    Brbel setzte sich wieder fest und schlug die Arme bereinander. So rede,
sagte sie, denn aus dem stillen Kummer kommt nichts Gutes heraus. Das
hauptschlichste bei der ganzen Geschichte ist: Welchen willst du haben?
    Wie kannst du so fragen!
    Das versteht sich, antwortete die Freundin, wenn ich an einer Wegzwiesel
stehe, so mu ich doch wissen, ob rechts oder links, und ein Mdchen mu auch
darauf denken, welcher Ehemann sich fr sie schickt. Als ich meinem Karl gut
wurde, strte er mit seinen Augen noch unter allen Mdchen herum, ich aber
winkte ihm mit dem Ellenbogen, wie man so sagt, und ich bekam ihn. Du hast ihrer
zwei. Sind sie dir beide recht, jeder in seiner Art, so warte ruhig ab und grme
dich nicht um sie. Henriette schttelte mit dem Kopf. Ist aber einer unter
ihnen, den du gern httest, und ein anderer, den du gar nicht magst, so rede:
Welchen willst du?
    Da sah Henriette nach der Gartenbank zur Seite, wo sie einst mit dem Besuch
gesessen hatte, und sagte leise: Den Doktor.
    Er hat mir gut gefallen, versetzte Brbel, mit dem Kopf nickend, er ist
auch jetzt bei Wege, denn, wie man hrt, fhrt er wieder in die Drfer. Der
andere aber soll auch ein schner Mann sein und dabei sehr martialisch.
    Er ist mein Retter, Brbel, aber er war mir frchterlich. Er wei wohl, da
ich den Finger krumm bog, als er den Ring daran stecken wollte.
    Wenn du unsern Hiesigen haben willst und den Fremden nicht, fuhr Brbel
mit unerbittlicher Logik fort, so mu zuerst der Hiesige das merken. Ist er dir
gut, wie du ihm, so kannst du auch Vertrauen zu ihm haben, und er kann dir
raten, wie du den andern los wirst, da der Herr Senior das nicht vermag. Mein
Karl, setzte sie stolz hinzu, wrde den andern durchwamsen, wenn dieser auch
noch so sehr mit seinem Sbel herumflunkerte. Doch das geht bei euch nicht.
    Henriette stand schnell auf und rief entsetzt: Denke an das Blut, das bei
der Scheune vergossen wurde. Auch die Freundin schwieg eine Weile, aber sie
lie sich nicht beirren: Der Doktor ist ein gesetzter Mann und wei in der Welt
Bescheid. Er wrde wohl einen Weg finden.
    Er ging bei mir vorber, klagte Henriette, und sprach kein Wort zu mir;
die Soldatenbraut war ihm verleidet. Meine gequlte Seele sehnte sich danach,
ihm alles zu sagen; er aber grte so fremd und hart, da mir fast das Herz
brach.
    Ihm war der Kopf dick, da der Herr Senior ihm gerade vorgeklagt hatte. Die
Mnner haben auch ihre Eifersucht, dann sind sie unvernnftig. Du aber mut
wissen, ob er dir noch gut ist, dadurch wirst du einen bessern Mut gewinnen, und
du wirst dein Schicksal nicht mehr so allein herumtragen.
    Du bist eine treue Freundin, sagte Henriette, dankbar auf Brbel sehend.
    Das ist schon recht, besttigte diese, aber ich bin kein Mann. Komm, die
Bohnen werden welk. Und sie ergriff wieder das Messer.
    Whrend der Arbeit berlegte Brbel, wie sie selbst an den Doktor kommen
knne. Denn ihr war deutlich, da das Pfarrkind niemals den Mut haben werde, ihn
anzustoen. Auch fr sie war die Sache schwer. Der Doktor wohnte fnf Meilen
entfernt in anderem Kreise, Gelegenheit dorthin war selten, und hinzufahren ging
whrend der Ernte vollends nicht an. Im Briefschreiben war sie immer tchtig
gewesen, aber solche Geschichten konnte man doch in keinen Brief setzen. Sie
sann also ber jedes Wort, das sie damals von dem Gaste vernommen. Endlich fiel
ihr ein, da dieser studierte Mann eine trichte Grille in seinem Kopfe hatte,
diese wollte sie am Flgel fassen.
    Sie bog deshalb bei der Heimkehr vom Wege ab nach der Htte des alten
Christian. Sie fand den Schfer, der seit dem Verlust seiner Herde trbsinnig
geworden war, allein in seiner Stube, wie er an einem Vogelbauer schnitzte.
Schfer, ich habe vor dem Kriege gesehen, da der Herr Senior in der Schublade
allerlei Steine hielt, die man Feuersteine nennt. Diese habt Ihr doch Eurem
Herrn aus der Erde geholt?
    Das ist wohl mglich, antwortete Christian vorsichtig.
    Knnt Ihr auch mir einen solchen Stein schaffen?
    Wozu wollt Ihr ihn gebrauchen, junge Frau? fragte der Alte.
    Er soll nicht fr uns, nur fr einen Bekannten. Sie sagen, wenn man so
etwas unter das Kopfkissen legt, dann erinnert man sich an allerlei, was man
vergessen hat.
    Das ist nicht wahr, solche Kraft ist nicht darin, versetzte der Schfer,
der selbst praktizierte und nicht leiden konnte, da andere mehr wuten als er.
    Mein Bekannter macht einmal groes Wesen von diesen Steinen, und da will
ich ihm behilflich sein; habt Ihr also davon, so gebt her.
    Der Schfer brachte einen ziemlich groen Stein hervor. Er hat sogar ein
Loch, und ich will ihn mir selbst aufbewahren, sagte er, um ihn nicht umsonst
hinzugeben. Aber Brbel lie sich die Ware nicht verteuern und nahm ihm den
Stein aus der Hand. Ach was, an dem grauen Ding ist Euch auch nichts gelegen,
versetzte sie; wenn wir im Herbst schlachten, bringe ich Euch etwas Besseres
dagegen. Und sie trug den Stein in ihrem Korbe nach Hause. Unterwegs wurde ihr
auch der Umweg deutlich, auf dem sie das Geschenk in die Hnde des Doktors
spielen wollte. In dem Marktflecken, der auf halbem Wege zur Kreisstadt lag, war
ihre Gespielin Liesel an den Ackerwirt Krause verheiratet, und in dem Flecken
hatte der Arzt zuweilen zu tun.
    So geschah es; Brbel winkte dem Liesel, und dieses rhrte mit dem
Ellenbogen den Doktor an. Denn als kurz darauf sein Wagen vor dem Wirtshause des
Fleckens hielt, schickte die Wirtin eilends einen barfigen Jungen zu Krauses.
Und nicht lange darauf kam Liesel heran und fragte schchtern, ob der Herr sich
noch auf sie und ihre Gespielin erinnere, die einmal mit ihm in der Pfarre
zusammengewesen waren.
    Wie gut erinnerte sich der Doktor daran! Als die junge Frau bemerkte, da
ihm die Begegnung etwas Groes war, fhlte sie sogleich ihre berlegenheit, zog
den Stein dreist aus der Tasche und log, er sei von Brbel gefunden, und diese
htte gemeint, da der Herr sich aus den Steinen etwas mache und schon die andern
habe, so mte er diesen auch erhalten. Da ich dies gesagt hatte, erzhlte
nachher Liesel ihrer Gepielin, so tat ich, als wollte ich gehen; denn, dachte
ich, er mu anfangen, wenn er jetzt wie ein Stock steht, so liegt ihm nichts an
dem Jettchen. Er aber wurde Feuer ber und ber und fragte mich nach allem in
der Pfarre aus, so da ich zuletzt wie dumm sagte: Sie sollten einmal wieder
hin; es wrden sich gewi alle freuen. Da schttelte er mit dem Kopf, ich aber
tat, als htte ich's nicht gesehen, und redete herzhaft weiter: Denen in der
Pfarre sind auch die Franzosen verleidet worden. Darauf sah er mich gro an und
fragte: Auch dem Frulein Henriette? Der am meisten, antwortete ich, das ist
doch natrlich. Mehr war nicht zu reden, denn die Wirtin stand in der Nhe, und
ich wandte mich nur noch zu der Wirtin, gar nicht zu ihm, und sagte: Wenn die
Bellerwitzin mit der groen Kutsche vorbeifhrt, so sagen Sie doch dem
Bedienten, die Frau Krause liee Mamsell Henriette schn gren, denn das
Pfarrfrulein kommt in der nchsten Woche fr einige Zeit zum Besuch auf das
Schlo. Da wute er's, setzte Liesel stolz hinzu, und es ging ihm im Kopfe
herum.
    Du warst immer die Schlaue, sagte Brbel bewundernd. Und als sie gleich am
nchsten Tage nach der Pfarre kam, erzhlte sie ihrer Freudin: Am gestrigen
Sonntage war die Gespielin mit ihrem Manne bei uns, sie wren gern
herbergekommen, nur ging es nicht wegen ihres Kleinen, den sie mit hatte; ist
das ein dicker Junge! - Denke dir, sie hat neulich im Wirtshause den Doktor
getroffen, der hat sich nach allem bei euch erkundigt und am meisten nach dir,
und er wurde dabei ganz feurig und rot, so da die Gespielin sagte: Du kannst
glauben, er ist ihr gut.
    Henriette antwortete nicht, sie stand mit gesenktem Haupt, und ihre Hnde
zerpflckten die Astern, welche sie dem Brbel mitgeben wollte, sie sprach auch
spter kein Wort von dem Doktor, aber sie erzhlte von vielem anderen und
bestand darauf, die Freundin ein Stck zu begleiten.
    Als sie zwischen den Getreidefeldern heimkehrte, lief die Wachtel im Korn
neben ihr dahin und lie ihren Ruf erschallen. Lange hatte die Jungfrau der
Hoffnung entsagt und in herber Trauer trstende Stimmen, die leise an ihr Ohr
klangen, weggescheucht; heut hrte sie auf die Sngerin, welche sich immer
verbirgt und aus dem Versteck Gnstiges kndet.
    In der Nhe des Hofes empfing sie den artigen Gru des Landrats, welcher
gerade aus dem Tore fuhr. Daheim waren die Eltern in lebhaftem Gesprch und
heiterer, als sie seit langer Zeit gewesen waren. Denke dir, rief der Vater,
auf einige groe Geldrollen weisend, unverhofft ist das Glck bei uns
eingekehrt. Vor einigen Wochen war ich aufgefordert worden, die Verluste, welche
wir in der Kriegszeit erlitten haben, zu berechnen. Es war keine geringe Summe,
das viele Vieh und der Schttboden. Ich erstaunte selbst darber und dachte,
zurckerhalten werden wir in dieser eisernen Zeit doch nichts. Heut legt der
Landrat die ganze Summe auf den Tisch und sagt, von der franzsischen
Generalitt sei der Befehl ergangen, mir den Betrag auszuzahlen. Auch sei ihm
mitgeteilt, da die franzsischen Kommandos, welche aus den Festungen geschickt
werden, um von den Kreisen Proviant einzutreiben, vom Pfarrhofe nichts mehr zu
beziehen htten, und wir sollen fortan von den Leistungen frei sein.
    Henriette schwieg.
    Die Schulzenfrau hat eine gute Milchkuh zu verkaufen, sagte hoffnungsvoll
die Mutter.
    Und Christian erhlt seine Schafherde zurck, ergnzte der Senior.
    Die rosige Farbe, welche die Tochter auf den Wangen heimgebracht, war
erblichen, als sie fragte: Erhalten auch alle anderen ebenso wie wir in Gelde
zurck, was ihnen geraubt ist? Der Senior sah seine Tochter betroffen an. Das
wohl nicht; der Landrat meinte, es sei eine besondere Gunst. Und weshalb wird
uns gewhrt, was andern versagt bleibt? fragte die Tochter wieder.
    Das sagte der Landrat nicht, antwortete der Alte, erschreckt durch das
Aussehen seines Kindes. Er wnschte nur lchelnd Glck zu der einflureichen
Verwendung.
    Der Kapitn hat es bewirkt, entschied die Mutter, ich dachte mir lngst,
er wrde einmal von sich hren lassen. Henriette faltete die Hnde und starrte
vor sich hin. Zu der alten Fessel ein neuer Ring und zu dem alten Jammer neuer
Streit! Was ist dir, meine Tochter? fragte der Vater.
    Sie regt sich wieder auf, weil von dem Kapitn die Rede ist, sagte die
Mutter unzufrieden.
    Mein Vater, warum hast du dies Geld genommen? Aus den Beuteln unserer
Nachbarn haben es die Franzosen erpret, um dir ein Geschenk zu machen, und wenn
wir befreit bleiben, mssen unsere Nachbarn den Fremden mehr zinsen als seither.
An diesen Rollen hngt ein Fluch, die Seufzer und Trnen von Hunderten.
    Du bertreibst! sagte der Senior unsicher; und doch ist dein Einwand
nicht unbegrndet. Aber im Vergleich zum Ganzen ist dieser Betrag so
unbedeutend, da die Landsleute den Verlust in ihrem Beutel kaum bemerken
werden. Und die Mutter erinnerte: Dafr haben wir auch mehr gelitten und
verloren als andere.
    Und wre unser Schaden zehnmal und hundertmal grer, so mte uns der
Gedanke doch bedrcken, da wir besser und anders gehalten werden als unsere
Nachbarn. Vater, wenn du mich liebst, so flehe ich: gib das Geld zurck.
    Wem? fragte der Senior. Wenn ich die angebotene Gunst zurckweise, so mu
solche Weigerung uns bel ausgelegt werden, und wir haben bei Gelegenheit neue
Qulerei zu erwarten; das Geld aber werden die Franzosen vergngt selbst
behalten, dem Kreise wird es doch nicht zugute kommen. Ich habe es angenommen
und quittiert und kann dem Landrat nicht sagen: Es tut mir leid.
    So verbirg die Rollen in der dunkelsten Ecke und wahre dich, lieber Vater,
da du sie nicht ffnest in Mangel und Not, denn wisse, jeder Groschen davon
wird einst von dir zurckgefordert werden.
    Durch wen? fragte der Senior erstaunt.
    Durch deine Tochter, rief Henriette auer sich; diese Rollen gehren zu
dem Kaufpreis, den ein Fremder dafr zahlt, da er mich wie eine Gefangene am
goldenen Ringe hinter sich herziehen darf. bergro ist ohnedies die
Verpflichtung, die wir gegen ihn haben, und mit ihrem Lebensglck bezahlt dein
Kind unsere Rettung aus der Gefahr. Nimm nicht neue Gunst und Geschenke, wir
tragen schon schwer genug an den alten.
    Der Vater hob die Geldrollen vom Tisch und verschlo sie in seinem Schrank.
Ich tue, wie du willst, mein Kind. Tglich bete ich, da die Unsicherheit
aufhren mge, die ein Brautstand ohne Brutigam uns bereitet, und bei jeder
Nachricht von Siegen des Kaisers hoffe ich, da der Mann wieder fr uns
erreichbar wird, welcher bei der Entscheidung ntig ist.
    Ich hoffe nicht mehr, sprach Henriette vor sich hin.
    Es war kein Zufall, da in der nchsten Woche der Wagen des Doktors beim
Hause des Kammerherrn vorfuhr. Der Gast wurde in der Besuchstube von der
gndigen Frau empfangen, nachdem sie noch mit einem schnellen Blick in den
Spiegel ihre Toilette geordnet hatte. Denn der Doktor war bei ihr in besondere
Gunst gekommen, zuerst vielleicht, weil er gute Formen hatte und doch im
geheimen ein Sansculotte war; bald aber, weil sie ein ehrliches Zutrauen zu
seinem Gemt gewann und zu seinem Geschick, auf ihre Ideen einzugehen. Denn die
gndige Frau war nicht die vornehmste Dame im Kreise, aber die rhrigste. Sie
war in der Residenz einigemal von der Knigin besonders beachtet worden und galt
dafr, der hohen Frau hnlich zu sein, nur da ihr Nschen etwas spitzer war.
Sie trug sich deshalb gern wie ihr Vorbild: Lockenhaar, einen kleinen Schleier
um den Hals. In der Tat hatte sie einen weiteren Gesichtskreis als andere Frauen
in der Nhe, sie wute sich etwas damit, da eine ihrer Cousinen am Hofe von
Weimar war, und sprach begeistert ber Poesie und ber das Ideale; sie war
besonders zuvorkommend gegen Brgerliche, und immer voran, wo es galt, Vornehme
zu begren, Feste zu feiern und den Armen Strmpfe zu stricken, zu denen die
Schuhe fehlten. Von ihr und ihrem Gemahl war deshalb oft die Rede. Obwohl
Sptter ihnen die Beflissenheit, mit der sie sich um alles kmmerten, zum
Vorwurf machten, so waren sie doch im ganzen Kreise wohlbeleumdet und nicht
unbeliebt.
    Willkommen aus Rbezahls Reich! begrte die Dame den Doktor. Heut halten
wir den flchtigen Gast fest; Sie sollen von Ihren Abenteuern erzhlen. Ihr Graf
fuhr auf der Durchreise bei uns vor, und wir haben ihn auch nach Ihnen
ausgefragt. Ein bedeutender Mann, leider so krnklich, und doch ist er nicht
lter als der Kammerherr, kaum ber vierzig, und war noch vor wenigen Jahren
einer der elegantesten Tnzer bei den Franaisen am Hofe. Aber die Politik macht
die Mnner jetzt merkwrdig alt, und doch stand diese Karriere sonst berall in
dem Ruf, da sie am besten konserviere. - Und die furchtbaren Krankheiten, mit
welchen Sie zu tun hatten, man hrt davon Schauderhaftes. Ach, Doktor, und des
Friedens kann man sich auch nicht freuen. Dennoch hoffe ich, da die Mnner
jetzt mehr Zeit und Gemt fr uns Frauen brig haben, denn seither war die
Unterhaltung von einer traurigen Eintnigkeit: Pferdemangel und Kanonendonner,
und man machte sich ein Gewissen daraus, einen Walzer zum Klavier zu tanzen. Sie
finden meinen Mann nicht zu Hause, doch drfen wir ihn jede Stunde erwarten,
auerdem ist heut ein lieber Besuch bei mir, den Sie ja auch kennen, die Tochter
des Seniors, sie hat den Beinamen die Franzosenbraut, aber sie ist scharmant,
nur ernster als sonst, doch steht es ihr gut.
    So unterhielt die lebhafte Hausfrau, und dem Doktor war lieb, da sie die
Beschwerden allein trug, bis sie sich endlich entschlo, ihn in das
Familienzimmer zu fhren. Henriette sa neben den kleinen Tchtern vom Hause.
Als der Gast eintrat, erhob sie sich langsam, ihn zu begren. Sie hatte sich
gemht, ihr pochendes Herz zur Ruhe zu bringen, dennoch stand sie ihm bleich vor
innerer Erregung gegenber, und nicht anders erging es dem krftigen Manne. Er
fand mit Mhe die schicklichen Worte, sich nach den Eltern und dem Garten zu
erkundigen. Sie antwortete ihm, nachdem die erste Befangenheit berwunden war,
mit ruhiger Haltung, aber er fhlte heraus, da sie sich Zwang antat. Die
Kammerherrin lud hinaus in den Park. Beiden wurde im Freien und in der Bewegung
unter den andern leichter zumute, und doch empfanden sie, da sie in dieser
Stunde zueinander gehrten und wie lstig die gleichgltige Unterhaltung war, an
der auch sie teilnehmen muten. Endlich wurde die Hausfrau abgerufen, und die
beiden jungen Frulein liefen nach dem Obstgarten voraus. Der Doktor und
Henriette standen an der Landestelle des Schloteiches, und vor ihnen war ein
kleiner Kahn am Ufer befestigt. Da wies der Doktor mit einem bittenden Blick auf
den Kahn, das Mdchen trat hinein und setzte sich schweigend nieder, er lste
die Kette, ergriff das Ruder und fuhr so weit vom Ufer ab, da das gesprochene
Wort fr fremde Ohren verklang. Whrend er das Fahrzeug vorwrtstrieb, wagte er
in leisen Worten von seiner Liebe zu reden und von seiner Trauer. Die Bltter
der Seerosen auf dem Wasser hoben und senkten sich, als ob das Beben seiner
Stimme auch sie errege.
    Solange er sprach, blickte sie unverwandt auf den Finger ihrer Hand, an
welchem der Ring mit dem Vergimeinnicht fehlte. Ich lag hilflos am Boden,
begann sie langsam, ohne ihn anzusehen, gedemtigt, mihandelt, da hat er mich
befreit. Als er den Unhold zwang, zu entweichen, und als er wieder eintrat und
mir zurief, da der andere gefallen sei, da, der Herr verzeihe mir die Snde,
meinte ich die Schmach von mir genommen, und mir war auf Augenblicke, als mte
ich fortan dem Manne folgen, der mich gercht hatte. Zrnen Sie mir, verachten
Sie mich, da ich so fhlte, nicht wie eine Christin und ein ehrbares Mdchen
soll, aber es war so, und ich darf die Wahrheit nicht bergen, am wenigsten
Ihnen. Und wre er davongeritten, wie er kam, als ein Fremder, so htte ich ihm
nachgesehen wie meinem Heiligen. Aber eine Demtigung hat er von mir genommen,
und eine andere hat er mir an den Finger gesteckt. Da er mich in meiner
Erniedrigung gleich einem Nichts behandelte, welches er sich erkaufen und
aneignen knne durch ein unwahres Wort, darum emprte sich mein Gemt wieder
gegen ihn wie gegen die Missetter, und ich vermochte ihm fr seine schnelle
Hilfe, die mich gerettet, nicht zu danken.
    Auch der Mann, welcher ihr gegenbersa, starrte finster zur Seite auf die
Wellenringe, welche ber das Wasser zogen. Und er fragte tonlos: So war Ihr
Gefhl damals; wie wurde es spter?
    Wie es damals war, so ist es noch heut, antwortete Henriette in derselben
Weise. Um meinetwillen hat er einen Menschen gettet, und da ich noch unter
andern mein Haupt erheben darf, verdanke ich ihm; dies sind feste Bande, ich
vermag sie nicht zu lsen; weil aber seine Hand selbst die Kette um mich gelegt
hat, mich anzuschlieen an sein Geschick, zrne ich ihm noch heute wie damals,
denn er hat damit zerstrt, was in meinem Leben frhlich war, unschuldig und
glckverheiend. Jetzt sah sie ihn an und er sie, und aus ihren Augen quollen
die Trnen.
    Und wenn er wiederkommt und Ihre Hand fr sich fordert?
    Ein finsterer Schatten flog ber ihr Antlitz. Ich wrde ihm dasselbe sagen,
was ich heut Ihnen sage: Seine Frau kann ich nicht werden, und einem andern darf
ich nicht angehren, solange er sein Anrecht behaupten will.
    Sie nennen es ein Recht des Fremden? Es war ein bermtiger Einfall, ein
ruchloses Spiel! Wie kann solche Tat ihm ein Anrecht an Ihr Leben geben?
    Zuerst war es ein wilder Einfall, mit der Zeit ist es ein Anspruch
geworden. Schon das zweite Jahr trage ich die Last, mit jedem Tage sind die
Bande fester geworden, welche mich an ihn schnren, die Leute betrachten mich
als seine Braut, die eigenen Eltern mchten gern das Furchtbare sich und mir
verhllen; der Vater vertraut, da der Himmel alles ohne sein Zutun fgen werde,
die Mutter hofft, da der Fremde ihrem Kinde einmal Schtzer und Versorger
werden knne. Ich hatte in den ersten Tagen und Wochen niemanden, vor dem ich
mein Elend htte klagen knnen, damit er mir rate und mich befreie. Gab es
damals einen, der mir in seinem Herzen freundlich gesinnt war, so fhlte auch
dieser sich mir entfremdet und ging mit hflicher Klte an mir vorber.
    Henriette! schrie der Doktor entsetzt.
    Sie aber zog ihr Tuch um sich und fuhr traurig fort: In dieser langen Zeit
bin ich ruhiger geworden. Die Fessel, die ich trage, wird schwerer, als sie
vormals war, aber ich bin gewhnt, sie zu tragen. In Harren und Leiden ist der
Frohsinn untergegangen und die Hoffnung, die einst ein trichtes Mdchen hegte.
Ich trage mein Teil still; andere tun es auch.
    In jenen Monaten bat jemand, der Ihnen von Herzen ergeben ist und der gern
sein Leben fr Sie hingeben wrde, durch Ihren Vater, da Sie ihm Ihr Vertrauen
gewhren.
    Dem Mitgefhl des Arztes hatte ich nichts zu vertrauen, antwortete
Henriette stolz, und einem Manne, an dessen Freundschaft ich gern dachte, sah
ich bei der Begegnung an seinen Augen an, da fr ihn das Mdchen, welches die
fremden Soldaten an sich gerissen hatten, nicht mehr denselben Wert hatte wie
das unschuldige Pfarrkind, das ihm die Kleebltter pflckte.
    Henriette! rief der Mann wieder - zu dem Leid, das ich trage, fgen Sie
ein neues, wenn Sie mich so grausam verkennen. Da ich Sie zuerst sah, wurde ich
Ihnen gut, wie ich noch keinem Weibe gewesen, es war in meinem einsamen Leben
die erste Liebe, und ich war selig, wenn ich an Sie dachte und mich an Ihre
Seite. Da kam die Erzhlung des Vaters; aus seinen Worten klang vieles, was mir
wie Grabgelut meines stillen Wunsches erschien. Welches Recht hatte ich auf
Ihre Neigung? Was wute ich davon? Sie hatten sich mir herzlich zugeneigt in
froher Stunde, aber zweifelnd fragte ich mich, welchen Wert meine Liebe fr Sie
haben knne; und die Antwort, die ich mir selbst gab, war: da ich noch wenig
fr Ihr Herz bedeuten konnte. Als ich von dem letzten Besuch nach Hause kam,
habe ich mit dem Gedanken gerungen, ob ich es wagen drfe, Ihnen zu schreiben
und Sie von meiner Leidenschaft zu unterhalten. Ich war mutlos, Henriette, denn
nicht ich hatte Sie an dem Schurken gercht. Seitdem erst habe ich selbst
erkannt, wie hei und stark das Gefhl ist, das ich in mir herumtrage. Lassen
Sie sich gefallen, da ich Ihnen dies heut sage: Frchterlich und unertrglich
ist mir der Gedanke, da Sie mir fremd werden knnen.
    Sie sa aufgerichtet im Kahne und zwang sich, fest zu scheinen, aber die
Trnen rollten von ihren Augen.
    Ich wage in dieser Stunde nicht davon zu reden, fuhr der Liebende fort,
was geschehen mu, um die Last einer unmenschlichen Verpflichtung von Ihnen zu
nehmen. Vielleicht vermag ich dies, aber nur mit Ihrer Hilfe. Und darum flehe
ich nur um das eine: da Sie sich meine stille Verehrung gefallen lassen und da
Sie zuweilen daran denken, wie in Ihrer Nhe ein Mann lebt, dem Ihr Glck weit
teurer ist als sein Leben, und dessen hchster Lebenswunsch ist, Ihre Liebe und
Ihre Hand fr sich zu erringen.
    Sie bewegte abweisend das Haupt, als sie traurig sagte: Es ist an meinem
Unglck genug; vergessen Sie mich. Aber als sie ihn einen Augenblick ansah,
drang ein heller Strahl ihm in die Seele. Dann blickte sie wieder abwrts und
weinte still vor sich hin, er aber bewegte leise das Ruder und fhrte den Kahn
dem Lande zu, wo die Hausfrau sie bereits erwartete.
    Als der Doktor nach Hause fuhr, lag die Landschaft vor ihm im Zauberglanze
der Nacht. Sein alter, sanfter Freund blickte vom dunklen Nachthimmel traulich
ber die schlafende Erde. Lichter und Schatten zogen in schnellem Wechsel
vorber, jeder Hof und jede Baumgruppe standen geheimnisvoll in farbigem
Scheine, der doch keine Farbe war. Nur in leisen Tnen klang das Leben der
Natur, die Grillen zirpten im Korn, und eine groe Nachtmotte schwirrte an
seinem Hut: so weich und mild die Luft und so schn die trumende Welt rings um
ihn her! Er aber achtete wenig darauf; ihm selbst war sein Dasein aus dem
Dmmerschein sehnschtiger Erwartung hineingeworfen in scharfes Tageslicht und
in die heie Leidenschaft der Wirklichkeit. Wie sie vor ihm sa im Kahne, da war
sie dasselbe Mdchen gewesen, das er gekt hatte, und zugleich eine andere, ein
stolzes und krftiges Weib; es waren die Umrisse des Angesichtes, welches ihn
einst in mdchenhafter Zrtlichkeit angesehen hatte, aber etwas anderes war in
ihr Wesen gekommen: die Brauen zusammengezogen, das ganze Antlitz grer, die
Gestalt fester, sogar die Stimme klang ihm tiefer und ernster in das Ohr. Ihren
Willen setzte sie gegen den seinen, und fest wehrte sie sein Bitten und Drngen
ab. Sie hatten die Rollen gewechselt, er war der sehnsuchtsvoll Harrende
geworden, und sie hatte in berlegener Haltung von dem gesprochen, was sie fr
Pflicht hielt. Dennoch empfand er, da sie ihm noch nie so lieb gewesen wie in
dieser Stunde. - Und er sollte ihr entsagen! Aber als sie das forderte, war sie
weich geworden und ihr innerer Kampf wohl erkennbar. In dem Augenblick lag in
ihren Augen und dem Ton der Stimme so viel Schmerz und Liebe, da nicht die
strengen Worte in ihm hafteten, sondern die tiefe Empfindung, welche sie
dahinter verbarg.
    Er strich sich ber die heie Schlfe und mahnte sich zu bedchtiger
berlegung. Was mute er tun, um sie dem andern zu entreien und fr sich zu
gewinnen? Schmachvoll dnkte ihn zu ertragen, da der bermtige Franzose durch
wildes Spiel mit dem eigenen und fremden Leben ein Recht gewonnen hatte ber die
Tage der Jungfrau und ber die Zukunft eines deutschen Mannes; und ganz
unleidlich, da im gnstigsten Fall das Glck redlicher Menschen abhngen sollte
von Laune und Entscheidung eines Rivalen. Wilde Gedanken zogen wie Nachtvgel
durch sein Hirn: War von zweien einer zuviel auf Erden? Aber er scheuchte die
finstere Versuchung hinweg. Vergossenes Blut hatte dies unheimliche Bndnis
gefestigt, neuer Tod vermochte den berlebenden ein reines Glck nicht zu
verschaffen. Was hier not tat vor allem, war das eine, da er selbst sich ihr
wert machte. Nur die Neigung zu ihm konnte ihr den Entschlu geben, sich von dem
andern zu lsen trotz allem, was sie jetzt ihre Pflicht nannte und was sie ihm
wie einen Schild zur Abwehr entgegenhielt. Ja, er selbst mute Bue zahlen
dafr, da ihn bei der letzten Begegnung im Pfarrhause allzusehr der eigene
Schmerz beschftigt hatte und zu wenig ihre Leiden. Er wollte sie wiedersehen,
sooft das mglich war, ohne da er sich aufdrngte, er wollte ihre Zurckhaltung
ehren und seine Rede behten, aber wissen mute sie fortan zu jeder Stunde, da
ein treues Herz ihr angehrte und da er ein sicherer Berater sein konnte, wenn
sie das Vertrauen gewann, das sie nicht zu ihm gehabt. Und er sann darber, wie
er sich ihr auch aus der Ferne vertraulich machen knnte und so lieb, da ihr
Gemt sich gegen ihn ffnete.
    Als er nach Hause kam, setzte er sich zur Stelle nieder und schrieb an sie:
Teures Frulein! Frchten Sie nicht, da ich Ihnen von einer Leidenschaft
vorklagen werde, welche meine Seele erfllt. Nur darum flehe ich, da Sie mir
gestatten, Ihnen zuweilen so zu schreiben, wie ein Freund dem andern schreibt,
auch ber mich selbst und mein eigenes Leben. Lassen Sie sich leidend gefallen,
wenn ich soweit Ihren Anteil in Anspruch nehme. Knnen Sie mir einmal auf meine
Briefe eine Antwort geben, so wird dies fr mich eine Seligkeit sein; aber auch;
wenn Sie das nicht tun wollen, erlauben Sie mir, zu Ihnen zu reden, wie der
Unglckliche zu seinem Beichtiger spricht. Darauf schrieb er ber seine
Erlebnisse in den vergangenen Jahren und ber vieles, was er dabei gedacht
hatte.
    Mit diesem Brief fuhr er nach dem Marktflecken zu Henriettens Gespielin und
bat, den Brief sicher in die Hnde des Fruleins zu liefern.
    Sie ist noch bei der Bellerwitz; ich trage das Schreiben selbst zu ihr,
versprach Liesel, welche das Sachverhltnis scharfsinnig erkannte. Und als der
ungeduldige Doktor nach einigen Tagen wieder vorsprach, erzhlte die Vertraute:
Ich lie sie aus dem Schlo bitten, wir gingen in den Garten, dort gab ich ihr
den Brief. Ich sa auf der einen Bank, sie auf der andern; sie brach den Brief
sogleich auf und la sehr lange; dann steckte sie ihn unter ihr Brusttuch und
reichte mir die Hand. Als ich fragte: Ist vielleicht Antwort? schttelte sie nur
mit dem Kopf und ging zu den Blumen, brach eine ab und gab sie mir. Dann fing
sie an, von meinem Kleinen zu reden und von anderem.
    
    Was war es fr eine Blume? fragte der Doktor.
    Es war eine weie Rose; sie war wohl fr Sie bestimmt, aber mein Kleiner
hat sie sogleich zerrupft.

                                  Die Warnung


In einiger Entfernung von der Stadt lag am Rand eines lichten Gehlzes der
Schieplatz, wo seit alter Zeit die ehrbare Gilde der Brgerschtzen ihre Bahn
hatte. Dort stand ein Kaffeehaus, und an sonnigen Ruhetagen zog der Brger mit
Weib und Kind hinaus und geno auf den Bretterbnken den Kaffee, welchen die
Hausfrauen in der Tte mitbrachten und den die Wirtsleute mit groer
Gewandtheit, aus jeder Tte besonders, zu bereiten wuten und im Geschirr
aufsetzten. Heut konnte der Vermgende auch Kuchen dazu erhalten, denn es war
der schne Tag des Knigsschieens. Am Morgen waren die Schtzen ausgezogen in
ihrer grnen Uniform mit gelbem Kragen und groen wollenen Epauletten, vor ihnen
Steinmetz mit der Musik und der Zieler, welcher eine groe gemalte Scheibe auf
dem Rcken trug. Auf der Scheibe war in diesem Jahre ein ungeheurer Drache
gemalt und der Knstler hatte ihn so schn gewunden, da sein Kopf in der Mitte
stand; es war aber der Kopf eines Mannes, und der Kopf trug einen kleinen
schwarzen Hut.
    Die Sonne schien warm, Honoratioren und Brger saen, nach Familien
geordnet, behaglich im Schatten der Linden und freuten sich der groen
Menschenmenge, welche sie alle zusammen darstellten. Die Kinder sprangen um die
Tische oder standen vor den beiden aufgeschlagenen Buden, in denen man durch
waghalsiges Wrfelspiel Pfefferkuchen und Glaswaren gewinnen konnte. Die meisten
verloren ihr Grschel, aber sie hatten dafr die Hoffnung gehabt. Zuweilen
spielte die Musik, und in kurzen Zwischenrumen knallten die Schsse vom nahen
Schieplatz in die Unterhaltung. Und hatte einer der Schtzen einen guten Schu
getan, so tanzte der Zieler vor Freude und schwenkte die kleine Scheibe, welche
er an einem Stocke in der Hand trug.
    Heut wurde mehr geschossen als sonst, denn die Brgerschtzen hatten einen
Zuwachs gewonnen, auf den sie stolz waren. In der Stadt war auf einmal eine
Vorliebe fr Scheibenschieen eingerissen, und viele jngere Mnner waren zu
einer Freikompanie zusammengetreten; sie trugen keine Uniform und marschierten
auch nicht mit der alten Gilde, aber sie schossen als Verbndete mit. Und um in
Schritt und Tritt zu kommen, hatten sie einen alten Unteroffizier, der jetzt in
stdtischem Dienst lebte, zum Exerziermeiser angenommen, sie waren so eifrig bei
der Sache, da auch heut ein groer Teil von ihnen auf der Waldble neben dem
Schieplatz marschierte, und zuweilen klang das Feuer ihrer Salven zwischen die
Schsse nach der Scheibe. Sogar die Umgegend hatte Schiegenossen herzugesandt,
Krause aus dem Marktflecken war da mit seinem Stutzen und einem Dutzend
Gefhrten, und aus den Drfern eine Anzahl junger Burschen. Sonst htten die
Brger fr eine Entwrdigung ihrer Scheibe gehalten, wenn grobe Bauern und
Knechte in den Stand getreten wren, heut dnkte das fast allen recht, denn, wie
ein geachteter Brger sich ausdrckte, es war eine neue Konjunktion gekommen,
die Untertnigkeit war aufgehoben und zugleich vieles andere, was sonst die
Landleute unansehnlich gemacht hatte, und eine Annherung hatte stattgefunden
zwischen Brgern und Bauern um des gemeinsamen Schicksals willen, das sie alle
trugen.
    Beim Schiehause verkehrt auch der Assessor, nicht so still wie frher, er
spricht mit Wrde zu den Brgern, welche ihn im Kreise umstehen; denn er ist
ganz vor kurzem in der Stadt der grte Mann geworden. Der alte Stadtdirektor
ist verzogen, verschwunden, und niemand frgt nach ihm, die Stadt hat eine neue
Ordnung erhalten, die Brger regieren sich selbst, haben sich Ratsherren gewhlt
und den Assessor zum Brgermeister. Aber auch er hat eine Bchse in der Hand und
wird sogleich wieder mit der Kompanie exerzieren. Weiter ab, da, wo ein schner
Kranz von jungen Frulein auf Sthlen sitzt, bewegt sich unser Vetter, der junge
Arzt; ein heiterer rundlicher Herr, sehr hflich und aufmerksam, er berreicht
kleine Strue von Feldblumen und ist vielen Mttern und Tchtern angenehmer als
sein Verwandter, so da sie diesen nur in schweren Fllen bemhen.
    Hauptperson aber und gewissermaen das Zentrum dieses ganzen
Scheibenschieens ist der Doktor. Vor dem Schiehause steht er mit seiner Bchse
neben dem Fleischer Beblow, der als Schtzenkapitn goldene Epauletten auf
seiner Uniform trgt und so gewaltig um sich sieht, da die Brger ihn mit noch
grerer Hochachtung betrachten als an Werkeltagen. Der Doktor und Beblow haben
viel zu gren und auf Fragen zu antworten, Beblow aber gebietet mit lauter
Stimme, und der Doktor redet oft leise und vertraulich. Gerade jetzt zu einem
jungen Herrn mit einem Schnurrbart, einem groen Gutsbesitzer im Kreise, den er
mitgebracht hat. Er fhrt den Gast einige Schritte zur Seite, als dieser
zufrieden beginnt: Ich sehe, bei dir ist alles in gutem Zuge.
    Sage dem Grafen, antwortete der Doktor, in unserer Kompanie sind etwa
hundert Stutzen und ebenso viele Gewehre nach dem Modell. Jeder hat einen blauen
Rock, rotes Tuch kann sogleich auf die Kragen gesetzt werden; auch das ntige
Lederzeug ist da, nur mit Mnteln sind wir noch zurck; die Leute sind bereit
und vom besten Willen. Die Kompanie wird acht Tage nach empfangener Order
ausrcken, wenn ihr uns Offiziere und einige Unteroffiziere schickt, denn von
diesen letzteren haben wir nur drei im Kreise.
    Du bist weiter als ich, sagte der andere, der frher bei den Husaren
gestanden hatte; mich hindert zu sehr der Mangel an brauchbaren Pferden. Der
letzte Krieg hat darin arg verwstet. ber den Grafen aber wrdest du dich
freuen; er hat von seinem Gut die ganze Provinz mit einem unsichtbaren Netz
berzogen und ist wieder, trotz seiner Krnklichkeit, Tag und Nacht geschftig.
Doch fand ich ihn in den letzten Wochen ungewhnlich ernst. Die Niederlagen der
sterreicher und die neuen Erfolge Napoleons mgen ihn wohl verstimmen, und ich
frchte, er empfngt keine guten Nachrichten aus der Residenz, dort fehlt in der
letzten Stunde der Entschlu.
    Unterdes tun wir das unsere, sagte der Doktor ruhig. Sieh auch die
bungen unserer Mannschaft an.
    Kommen Sie, Drachentter, rief der Einnehmer dem Freunde zu, wir wandern
ein wenig zwischen den Tischen, uns das Vlkchen zu betrachten. Hier knnen Sie
die Verdorbenheit unseres Jahrhunderts deutlich erkennen. Mancher Rock ist
schbig und geflickt, weil der Besitzer allzu tief versunken ist, und mancher
Mann verschwendet hier seinen letzten Groschen, um die Zichorie mitzutrinken.
Auch die Erhebung der Gemter, welche jetzt bei uns beginnen soll, ist bereits
zu beobachten; denn whrend die Leute alle Fehler ihrer Mitmenschen scharfsinnig
besprechen, bauscht sich ihr eigenes Selbstgefhl auf und sie ziehen am Abend
tugendhaft und erhoben nach Hause. - Wer ist der Fremde, der hier umherstreicht,
er scheint Sie scharf ins Auge zu fassen.
    Ich kenne ihn nicht, versetzte der Doktor, er ist wohl Gast eines
Stdters.
    Er sieht mir nicht so aus, sagte der Einnehmer, ich will mich doch beim
Kaffeewirt erkundigen, der kennt jedermann aus der Umgegend. - Dort sitzt auch
der Hauptmann und trinkt unter den Brgern so gemtlich Kaffee, als htte er
niemals einen Kriegszug gegen Strche gemacht; das beste an ihm ist seine
Schwester.
    Am Waldrande in einer Ecke hatte sich die reduzierte Kriegsmacht gelagert,
der alte Major, der Hauptmann und das Frulein. Die Mnner rauchten steif und
ernsthaft und wechselten nur zuweilen kurze Reden, das Frulein aber klapperte
geschftig mit den Tassen, und ihre Augen blickten frhlich in die groe
Gesellschaft, denn sie hatte heut frh dem Bruder viele Groschen im Beutelchen
gewiesen, die sie sich mit ihrer fleiigen Hand verdient, und hatte ihn und den
Major als Gste eingeladen. Darum stand auch ein ganzer Teller Kuchen auf dem
Tisch, und whrend sie eingo, mahnte sie die Herren so dringend, das Backwerk
nicht zu vergessen, da der Major die Pfeife wegstellte und ritterlich nach dem
Teller griff. Um den Bruder machte sie sich weniger Sorge, denn was nicht
verzehrt wurde, packte sie in das Krbchen, und er mute es morgen doch essen.
    Whrend das Frulein auf den artigen Gru der vorbergehenden Freunde
dankte, errtete sie ein wenig: Der Herr Einnehmer wei gewi߫, dachte sie,
da ich seine Hemden genht habe, er wird mich wegen des vielen Kuchens fr
eine Verschwenderin halten. Aber als der Doktor sie freundlich anredete, gewann
sie sogleich die Unbefangenheit wieder und sprach mit ihm in sicherer Haltung
als eine kleine kluge Dame, die auch wei, was ihr gebhrt.
    Mich wundert, sagte der Major, den beiden Freunden nachsehend, da unser
Doktor sich auf diesen neuen Schwindel mit der Freikompanie eingelassen hat.
Aus der Ferne puffte eine Salve. Die Himmelhunde plackern, brummte der
Hauptmann und blies eine Wolke.
    Und wieder eine Salve. Wir wollen doch einmal das Kinderspiel ansehen,
riet der Major und erhob sich. Sogleich tat der Hauptmann dasselbe, das Frulein
packte schnell ihren Kuchen zusammen, und sie gingen zu drei nach dem
bungsplatz. Dort sahen sie eine Weile zu und vermehrten durchaus nicht das
Behagen der Kompanie; denn der Unteroffizier wurde, seit er die groen Herren zu
Zuschauern hatte, strenge und tadelschtig und verlangte Schweres von der
Mannschaft. Die Offiziere, welche seit Jahren mit Tritt und Griff nur in ihren
Trumen zu tun gehabt hatten, betrachteten die Sache vornehm und berlegen, aber
doch mit steigendem Anteil. Endlich raunte der Major dem Assessor, welcher
gerade bei ihm vorbeimarschierte, halblaut zu: Gewehr anziehen! Darauf ruckte
auch der Hauptmann leise mit den Armen, um den Tritt der Kompanie gewissermaen
durch moralische Nachhilfe zu krftigen, bis er endlich ausbrach: Donnerwetter,
Unteroffizier, lassen Sie die Leute Distanz halten!
    Es wird dem Mann allein zu schwer, bemerkte mitleidig der Major; und im
nchsten Augenblick marschierten die Offiziere, jeder neben einem Zuge, auf dem
Exerzierplatz umher, bis der Unteroffizier, stolz ber solche Hilfe, in Linie
aufmarschieren und das Gewehr prsentieren lie. Ein Vivat den Herren
Offizieren! Lustig schrie die Kompanie nach. Die beiden Herren dankten und
sahen einander betroffen an. Es ist doch zu nichts gut als zur Bewegung, sagte
der Major mit nachsichtigem Lcheln.
    Der Schieplatz war aber seit alter Zeit auch deshalb berhmt, weil sich auf
ihm dicht neben den wilden Waffentaten der Mnner Holdes und
Menschenfreundliches ereignete: zarte Annherung, anmutiges Wiedersehen und
dergleichen. Viele reichgesegnete Ehen waren dort eingeleitet worden, und die
Hausfrauen fhrten ihre Kleinen gern unter die Linden, weil ihnen selbst die
Sttte durch groe Erinnerungen geweiht war, welche wie unsichtbare
Blumengewinde um Bume und Tische hingen.
    Arglos stand Frulein Minchen, von ihren Herren verlassen, unter den
Zuschauern und beobachtete die kriegerischen Bewegungen mit besserem Verstndnis
als der Einnehmer, sie ahnte auch nichts von dem tiefen Mitrauen, mit welchem
dieser sie selbst betrachtete. Denn Herr Khler erwartete jede Woche zu hren,
da sie als weiblicher Robinson mit der Flte statt Sonnenschirm und mit dem
Lama, ihrem Bruder, in die weite Welt gezogen sei. Endlich berreichte er ihr
mit einer Verbeugung das Taschentuch, welches heruntergefallen war, und begann
ein kleines Gesprch ber Sonnenschein und Festfreude. Da sehen Sie den neuen
Brgermeister selbst Soldaten spielen.
    Er macht seine Sache recht gut, sagte das Frulein.
    Mit dieser Stdteordnung kommen allerlei Ideen auf, fuhr der Einnehmer
fort; nicht nur die Groen, auch die Kinder sollen auf neue Weise gedrillt
werden. Der Brgermeister hat die Absicht, fr arme Mdchen, groe und kleine,
eine Art Schule einzurichten, wo sie allerlei Weibliches erlernen, und er fragte
mich, ob ich jemanden wte, der gegen ein Entgelt, das freilich gering ist,
eine solche Anstalt bernehmen wrde. Eine Stube im Schulhause ist dafr
bestimmt, und es handelt sich nur um die Lehrerin. Man wollte deshalb Sie um
Ihren Rat fragen. Wissen Sie jemand nachzuweisen, so tun Sie ein gutes Werk.
    Das Frulein sah den Einnehmer mit groen Augen an. Sie haben dabei an mich
gedacht.
    Seit ich Sie damals im Kriege auf diesem Platze unter den Soldaten sah,
antwortete Herr Khler, glaube ich allerdings, da Sie eine gute Lehrerin sein
knnten, aber die Stelle Ihnen anzutragen, wird der Brgermeister kaum wagen, da
die Stadt gegenwrtig arm ist.
    Ich bin auch arm, sagte das Frulein mit fester Stimme, und eine sichere
Einnahme, auch eine geringe, wre fr mich ein groes Glck. Wenn Sie meinen,
da ich brauchbar bin, so wrde ich mit Freuden annehmen.
    Es wren tglich zwei Stunden und auer den Festwochen nur einmal im Sommer
Ferien. Und dabei dachte er: Warte, Robinson, du sollst kein Kanu behalten, auf
dem du in der Ferne Abenteuer suchen kannst.
    Das wrde ich gerade noch bernehmen drfen, sagte sie mit glnzenden
Augen, ich htte dann noch Zeit genug fr unsere kleine Wirtschaft im Hause.
    Dann aber wird der Brgermeister kommen, schlo Herr Khler gleichmtig,
damit die Dankbarkeit, mit welcher sie ihn betrachtete, sich nicht in Worten
ausdrcke. Und er empfahl sich mit weltmnnischer Krze. Er hatte kein gutes
Gewissen, denn er selbst hatte lngere Zeit intrigiert und gemahnt, bis der neue
Magistrat, welcher die dringende Notwendigkeit solcher Schule nicht sofort
begriff, zu dem Entschlu gekommen war.
    Auch der Doktor konnte sich der geheimnisvollen Begabung des Schieplatzes
nicht ganz entziehen. Zwischen ihm und dem Ackerwirt Krause war im letzten Jahre
ganz besondere Wohlmeinung erwachsen, nicht durch das Vaterland allein
veranlat. Auch heut hatte der Schtzengast auf viele Fragen zu antworten:
Liesel hatte das zweite taufen lassen, Brbel erwartete das erste, und Henriette
war ttig im Hause und fr die Bedrftigen der Gemeinde besorgt, wie immer.
Dennoch schlo Krause seinen Bericht mit Kopfschtteln: Der Herr Senior ist als
ein redlicher Mann und auch als getreuer Seelsorger in der Umgegend geschtzt,
aber die Leute verdenken ihm jetzt, da er von den Lieferungen an die Festung
gnzlich befreit ist. Wenn die Kommandos der Franzosen durch den Kreis reiten,
halten sie bei ihm an zu einem Frhstck und Glase Wein. Mehr als einer von den
Eingepfarrten hat den Geistlichen mit diesen Leuten am Tische gesehen; deshalb
schelten manche die Familie Franzosenfreunde. Meine Frau sagt, sie wisse am
besten, da man dem Senior und noch mehr dem Frulein unrecht tut, aber es ist
kein Wunder, da solches Gerede entsteht. Auch der Kirchenbesuch hat
abgenommen.
    In dem stillen Pfarrgarten blhten wieder die Rosen, und durch das stachlige
Gest der Schlehen und Brombeeren schlpften vorsichtig die Zaunknige. Das
erste Heimwesen hatte ihnen der Kater zerrissen, jetzt waren sie geschftig bei
der zweiten Brut, das Weibchen sa still auf dem Neste, aber der kleine Herr
fuhr heimlich zwischen Ranken und Dornen dahin und trug Gutes fr die Wirtschaft
herzu; und wenn er einmal mit seiner feinen Stimme anschlug, antwortete kaum
hrbar das Weibchen. Henriette, welche das leise Locken der Kleinen vernahm,
rhrte an die Stelle des Mieders, wo sie den letzten Brief des Doktors bewahrte.
Wieder war Jahr und Tag vergangen seit jener Unterredung auf dem Wasser, noch
immer lag das Verhngnisvolle schwer auf ihr, aber in ihr selbst war ein neuer
Sommer erblht, denn stolz fhlte sie sich als die Freundin und Vertraute des
Mannes, der ihr lieb war. Von dem Inhalt seines Lebens war in das ihre
bergegangen. Seine Hoffnung und Arbeit fr das geknechtete Heimatland, vieles,
was er ber den Weltlauf dachte und was ihm von Trauer und Freude bei Ausbung
seines Berufes durch das Gemt ging, das empfand sie mit, in ihrer Einsamkeit
gehoben durch den Zauber dieser Bundesgenossenschaft. Nur selten hatte sie ihn
gesehen, immer im Zwange grerer Gesellschaft, und nie hatte er in der Zeit
etwas anderes zu ihr gesprochen, als was auch Fremde hren konnten, aber in
seinem Blick und im Ton seiner Rede vernahm sie dasselbe, was aus allen seinen
Briefen klang. Auch wenn er schrieb, vermied er, von seinen Gefhlen zu
sprechen, die Leserin fand doch in jeder Zeile die treue Liebe.
    Ein Postillon blies, die Extrapost fuhr im Hofe an, und Henriette eilte nach
dem Hause. Sie traf die Eltern in Begrung eines Fremden, der das Deutsche wie
ein Franzose sprach. Es war ein behender junger Mann, der keine Uniform trug,
aber durch seine Haltung verriet, da er Offizier war. Als der Vater die Tochter
vorstellte, begann der artige Gast: Es macht mich glcklich, die Huldigung,
deren Bote ich bin, selbst an Mademoiselle ausrichten zu knnen, Major Dessalle
hat mir aufgetragen, hier einzutreten und diesen Brief dem Herrn Pfarrer zu
bergeben. Der Senior brach auf. Der Brief enthlt nichts als die Mitteilung,
da Herr Dessalle befrdert worden, und verweist im brigen auf Sie, verehrter
Herr.
    Mir ist nur auf kurze Zeit das Glck zuteil geworden, in Paris mit dem
Major zusammenzusein; er war mit Auftrgen aus Spanien an die Donau zum Kaiser
gesandt und mute nach seiner Audienz wieder ber die Pyrenen.
    In das wilde Land und in diesen unbarmherzigen Kampf! bedauerte gutherzig
der Senior. Vor Jahr und Tag empfingen wir einen hnlichen kurzen Brief von
Paris, worin er mitteilte, da er aus Italien zurckgekehrt sei und zur
spanischen Armee abgehe. Dies ist die erste Nachricht, die wir seitdem
erhalten.
    Das Schicksal des Soldaten! antwortete mitfhlend der Franzose. Ich ahne
jetzt, wie schwer mein Freund die Entbehrung empfindet, welche ihm der Dienst
auflegt.
    Aber noch stehen Sie, rief die Frau Pastorin. Henriette, vergi nicht die
Sorge fr unsern Gast. Die Tochter eilte hinaus und prete die Hand gegen ihr
hmmerndes Herz.
    Als sie den Wein hereinbrachte, war der Fremde in lebendiger Unterhaltung
mit den Eltern. Sie schenkte ein; als ihr der Franzose ritterlich einen Stuhl
heranzog, lehnte sie ab, ging mit dem Schlsselbund hin und her, ihre Unruhe zu
verbergen, blieb nur zuweilen am Tische stehen und hrte mit halbem Ohr
Bruchstcke des Gesprches.
    Der Ungarwein und die harmlosen Fragen des Seniors machten den Franzosen
zutraulich: Es tut wohl, endlich einmal wieder unter Gutgesinnten zu sein; auf
den letzten Stationen hatte ich finstere Blicke und Ungeflligkeit zu ertragen.
    Es ist ja jetzt Friede, bedauerte der Pastor, und wir beten, da der
schreckliche Krieg uns fortan verschone.
    Nicht jeder in diesem Lande denkt so, antwortete der Fremde, zog seine
Brieftasche hervor und bltterte darin. Kennen Sie einen Doktor Knig hier in
der Gegend?
    Jawohl, antwortete der Senior ohne Behagen; er hat frher einmal meine
Frau behandelt, aber als spter meine Tochter erkrankte, hatte sie eine
Abneigung, ihn zu Rate zu ziehen, und seit Jahren besucht uns der Arzt aus einer
anderen Stadt.
    Ihre Demoiselle Tochter hatte die richtige Empfindung, als sie sich
weigerte, dem erwhnten Manne ihr Vertrauen zu schenken. Henriette stand
unbeweglich und sah dem Franzosen voll ins Gesicht. Meine Reise geht auch ihn
an, fuhr dieser geschwtzig fort. Er ist ein gefhrliches Subjekt.
    Das tut mir leid, sagte der ehrliche Senior; ich wnsche nur, da er sich
als unschuldig ausweise.
    Der Franzose lchelte. Es wird gut fr ihn sein, wenn er das vermag.
    Sie sollen ihn doch nicht bei unserer Regierung belangen? fragte der
Senior.
    Der Franzose lchelte wieder. Der Kaiser liebt ein kurzes Verfahren und
wartet in solchen Fllen nicht darauf, was den Regierungen belieben wird. Er
brach ab und fragte nach der Entfernung bis zur nchsten Festung. Denn diese war
im Besitz der Franzosen geblieben, auch nachdem ihre Truppen die brige Provinz
gerumt hatten.
    Henriette trat jetzt an den Tisch und sagte langsam, wie jemand, der
auswendig Gelerntes hersagt: Ich hoffe, der Herr wird uns die Ehre erweisen,
heut in unserem Hause vorliebzunehmen; ein Abendessen und eine Nachtruhe wird
Ihnen nach der langen Reise guttun.
    Ich handle gegen meine Order, versetzte der hfliche Franzose, aber ich
vermag einer Einladung aus Ihrem Munde nicht ganz zu widerstehen. Sie werden mir
erlauben, heut zur Nacht nach der nchsten Station aufzubrechen, wo mich ein
Kommando aus unserer Garnison erwartet, denn mein Auftrag hat Eile.
    Dann machen wir sogleich zurecht, was Sie bedrfen.
    Eine stolze Schnheit, sagte der Franzose, ihr nachsehend, mit dreister
Artigkeit, Major Dessalle hat Geschmack, und ich finde, er ist zu beneiden.
    Henriette ging in die Kche, befahl ruhig den Mdchen und half selbst. Auch
whrend des Abendessens ging sie ab und zu und trug selbst den Wein auf. Es ist
franzsischer Wein, mein Herr, sagte sie mit kaltem Lcheln. Wir wissen Ihnen
nichts Besseres anzubieten. Sie setzte sich einen Augenblick mit zu Tisch, doch
a sie nicht und antwortete auf die Einladung des Fremden, da heut fr sie
Fasttag sei. Nach dem Essen verneigte sie sich vor dem Gaste, sagte Vater und
Mutter gute Nacht und setzte gleichgltig hinzu: Das Brbel hat heut
hergeschickt; ich will morgen mit dem frhesten nach ihr sehen; sie erwartet
ihre Stunde.
    Weshalb will Mademoiselle uns verlassen? fragte der Franzose mit
aufsteigendem Argwohn.
    Entbindung einer Freundin, erklrte der Senior. Ah so, sagte der Fremde,
zufrieden, da ihn die zarte Angelegenheit nichts anging.
    Henriette rief die alte Magd Susanne in ihre Stube. Du bist treu und klug,
heut sollst du mir das beweisen. Wenn von jetzt ab nach mir gefragt wird, so
sage, ich sei zum Brbel gegangen. Sie verhllte ihr Haupt und schlug ein
dunkles Tuch um die Schultern. Schliee hinter mir die Gartentr!
    Sie wollen doch nicht hinaus? fragte die Magd entsetzt, zur Nacht und in
dieser unsicheren Zeit.
    Dies ist die Zeit, bei Nacht zu gehen, antwortete Henriette, das Tuch
zusammensteckend. Wo ist der Knecht? - Im Stall mit dem Postillon des fremden
Herrn.
    Er darf von nichts wissen - und wo ist Christian mit dem Hunde?
    Er sitzt noch im Hirtenhause, wird aber bald zur Nachtwache kommen.
    Schnell, damit der Hund nicht anschlgt, wenn er meinen Tritt hrt. Bete
fr mich, Susanne, und schweige. Sie eilte durch den Garten bei dem alten
Brunnen vorber auf die Landstrae. Dort ging sie mit ruhigem Schritt vorwrts.
Ich mu die Kraft sparen, sagte sie zu sich selbst, der Weg ist weit, aber
ich habe die ganze Nacht vor mir. Sie sphte mit scharfem Blick auf die Strae
und in die Landschaft. Durch das gebrochene Gewlk schien bald heller, bald
schwcher ein graues Dmmerlicht, es warf viele seltsame Schatten ihrer Gestalt
auf den Weg, hierhin und dorthin, rings um sie im Kreise. Zuweilen blieb sie
neben einem Baumstamm stehen und lauschte; alles war still, nur die Frsche
schrien lustig im Sumpfe, die Grillen zirpten, und in dem nahen Dorfe bellten
die Hunde. In der Niederung zur Seite lag weier Dampf am Boden, wie eine
Wasserflche breitete er sich ber Grser und Blten des Grundes. Dort ist der
Richtweg, der mich schneller frdert, und ich vermeide den Wagen des Feindes.
Sie verlie die Strae, betrat das groe Ried, welches sich in ihrer Richtung
weit hinzog, und achtete sorglich auf die kleinen Erdhaufen, die Zeichen des
Weges. Der Nebel deckte ihr die Fe bis an die Knie, und der Landmann in dem
nahen Weiler, welcher die hohe Gestalt lautlos an sich vorberschweben sah, nahm
erschrocken den Hut vor die Augen und sprach einen frommen Spruch hinein, damit
ihn der Geist nicht schdige.
    Jetzt denkt er meiner, sagte sie vor sich hin, denn mir will das Herz
zerspringen vor Sorge und Gram um ihn. Immer hat mich getrstet, wenn mein
Jammer unertrglich wurde und die Sehnsucht nach Rettung bergro, da auch ihm
in derselben Stunde das Herz schwer sein mte bei dem Gedanken an mich. Zu
dieser Zeit kommt er wohl heim von einem Kranken, vielleicht auch aus lustiger
Gesellschaft, und wenn er in seine Stube tritt, sieht er, wie das Sternenlicht
ein bleiches Fenster auf die Diele malt, dann fllt ihm jener Abend ein, an dem
er den Brief des Vaters erhielt, und noch ein anderer Abend, wo er neben mir sa
auf der Bank. Zwischen uns war nur ein heller Strahl Mondenschein, und der
Strahl schien ber meine Hand, da legte er seine Hand auf die meine, und der
Strahl war wieder da, er konnte ihn nicht zudecken, wie er als Knabe immer
gewollt. Er wei nicht, wie oft ich in meiner Kammer die Hand auf das
Fensterbrett gelegt habe, damit der liebe Mond sein Licht ebenso darauf werfe
wie damals. Seitdem haben wir schwere Jahre verlebt, und von dem Fluch, der auf
mir liegt, vermag auch er mich nicht zu lsen.
    So schritt sie vorwrts, eine Meile um die andere. Das letzte Abendrot
rckte am Himmel langsam gen Norden, und die Jungfrau wandte zuweilen den Blick
rckwrts und suchte den Schein. Im Sommer mahnst du, freundliches Licht, wie
geheime Hoffnung daran, da die Sonne in der Nhe bleibt und in kurzem wieder
heraufsteigen wird ber die grnende Erde; wenn aber im Winter von jener Stelle
die rote Lohe aufsteigt und den Himmel mit Flammen und zuckendem Glanze anfllt,
dann entsetzen sich die Dorfleute und wahrsagen Bses. Ach, das schwerste Unheil
kommt pltzlich ber den Ahnungslosen, mitten in Friede und Freude bricht es
hinein. Als ich heut am Dornenstrauch stand und das Zwitschern der kleinen Vgel
hrte, war mir freudig zumut, und ich dachte an nichts, als an den heimlichen
Gesang, der von ihnen zu mir klingt. Die Kleinen ahnen es auch nicht, wenn das
Raubtier gegen sie heranschleicht. Und ihr Schritt wurde schneller.
    Zur Seite lag der Hof, in welchem ihre Gespielin wohnte; vielleicht wachte
sie jetzt im Bett, ber die Wiege des Kindes gebeugt. Und die Wanderin dachte
daran, ob sie an das Tor pochen sollte, um den Beistand ihrer Vertrauten
wachzurufen, aber sie schttelte das Haupt und schritt schnell vorber. In dem
Marktflecken schlug die Uhr Mitternacht, und in weiter Entfernung hallte aus den
Drfern derselbe Schlag; die ngstliche Stunde der Nacht begann. Daheim, als sie
noch Kind war, hatte auch ihr in dieser Stunde vor dem Friedhofe gegraut, aber
spter war sie oft bei Nacht ber die Sttte gegangen und hatte der Furcht sich
entwhnt. Vor sich sah sie die Umrisse des Gehlzes, durch welches der Weg
fhrte, und besorgt sphte sie in die dunkle Masse des Laubwerkes, das sich wie
aus schwarzem Stein gehauen vor ihr hinzog. Dort unter dem ersten Busch, der am
Wege stand, entdeckte sie in der fahlen Dmmerung undeutlich eine menschliche
Gestalt. Ein Mann lag am Boden. Da durchfuhr sie heie, bebende Angst; der
Gedanke an jenen schrecklichen Tag im Pfarrhause, alles Entsetzen, das sie
seitdem in der Erinnerung empfunden, wurden in ihr bermchtig, sie flog dahin
wie ein gescheuchtes Wild. Ein Tier des Waldes sprang neben ihr auf, und neues
Entsetzen schttelte ihr die Glieder; lange lief sie, Atem und Kraft begannen zu
versagen. Erst als sie wieder ins Freie gekommen war, blickte sie zurck und
erkannte, da niemand folgte. Sie lehnte sich an einen Baum des Weges, bis der
Herzschlag, der ihr die Brust zu zersprengen drohte, beruhigt war, und wieder
dachte sie, wie der geliebte Mann jetzt ahnungslos im Schlummer lag, whrend das
Verderben unsichtbar auf schnellen Rossen gegen ihn heranzog. Sie sah ihn unter
den Feinden stehen, hochaufgerichtet, das Antlitz bleich und zusammengezogen,
wie es damals war, als sie ihm von der Treppe nachgeblickt hatte, sie sah die
Gewehre der Feinde gegen ihn im Anschlage und hrte die Salve, mit welcher der
bse Feind einen Deutschen, der ihm verhat war, vom Leben schied. Da zuckte sie
zusammen und wankte wieder vorwrts, mutlos und halb gebrochen. Dort bei der
groen Linde stand ein steinernes Kreuz aus alter Zeit. Sie lehnte sich an den
Stein, schlug die Hnde zusammen, neigte das Haupt und bat fr seine Rettung,
bis die finstere Einbildung verschwand.
    Mit neuem Mute ging sie weiter. Es war jetzt hohe Nacht, auch die leisen
Tne der Natur waren verstummt, rings um sie feierliches Schweigen.
    Als er noch klein war, dachte sie, hat ihm sein Vater die Hndchen im Bett
zusammengelegt und die holde Kindergestalt mit Freuden betrachtet, wie sie im
Schlummer gleich einem Engel dalag, die brunlichen Haare kruselten sich schon
damals zu Locken, rosig waren die Bckchen, die Beinchen hatte er heraufgezogen,
wie die Art der schlafenden Kinder ist, und die kleinen Finger halb geschlossen.
Lieber, ser Knabe, jetzt bist du recht gro geworden, aber wenn ein heiterer
Schein ber dein Antlitz zieht, dann blicken die Augen so voll und unschuldig
wie die eines Kindes in die Welt.
    Sie kam durch ein Dorf; in einer Seitengasse sang der Wchter und blies
herzhaft in sein Horn. Hier war es friedlich und sicher, und sie setzte sich auf
eine Bank, die vor der Schenke stand. Der Morgen war nahe und das Schwerste
vorber; sie hrte den Hufschlag der Pferde im Stall und das Schnauben, mit
welchem sie ihr Futter erwarteten. Wohin wrde er flchten, wenn ihre Warnung
kam? Sie wute es wohl; in die Berge der Grafschaft, wo jetzt sein vornehmer
Freund weilte. Und sie nickte zufrieden mit dem Haupt. Der wrde wohl Rat
wissen; und wenn das Volk aufstand und der Kampf losbrach gegen den
hinterlistigen Kaiser, dann zog der Geliebte an der Seite des Grafen hinaus,
ach, hinaus in neue Gefahr. Wieder sah sie auf zum Sternenhimmel. Frisch,
Mdchen! Bald krhen die Hhne, ermunterte sie sich selbst.
    Das erste fahle Licht des Morgens hob sich, und immer noch schritt die
verhllte Gestalt den Weg dahin, der Tau hing sich in Haar und Tuch, die Tropfen
rannen ihr von der Stirn herab; war es das Wasser der Luft oder der Angstschwei
der Ermdeten? Das rosige Frhlicht breitete sich ber den Himmel, und die
Lerche sang in der Hhe; aber schreckhaft klang ihr das Getriller des Vogels.
Was geschlafen hatte, erwachte, auch die Gefahr fuhr mit Windeseile heran, so
langsam war ihr Schritt, und endlos dehnte sich die Strae. Die Spitzen der
hohen Pappeln frbten sich mit brunlichem Gold, und auf dem Rasen am Wege
konnte man deutlich die grauen Tauperlen erkennen.
    Wie wrde er erschrecken, wenn er sie sah! Sie schttelte das Haupt. Er
wei wohl, da ich nicht geringer Dinge wegen zu ihm komme; wenn ich eintrete,
ahnt er auch, was ich bringe; er ist ein mutiger Mann und sorgt beizeiten fr
alle Flle; sein kleiner Mantelsack ist immer gepackt, wie er mir einst
geschrieben, damit er sich nicht verweile, wenn er zu einem Schwerkranken ber
Land gerufen wird. Er rafft schnell seine Papiere zusammen, die geheimen Briefe,
in denen von der Rstung die Rede ist; dann schlgt er den Mantel um, nimmt den
Reisesack und geht mit mir aus seiner Wohnung, ohne jemandem zu sagen, wohin.
Ich aber weiche nicht von seiner Seite, bis er im Wagen zu einem Tore
hinausfhrt, welches von den Feinden abliegt. O Vater des Himmels, la mich
diesen Augenblick erleben!
    Sie sah die Strohdcher der Vorstadt im Morgenlicht gertet und hrte in den
Hfen das Gebrumm der Rinder. Kein lebendes Wesen war ihr begegnet, als wollten
Nacht und Morgen liebevoll das Geheimnis der Wanderin bewahren. Sie kam an das
Stadttor, noch war es verschlossen, und sie lehnte sich einen Augenblick an die
Mauer, bevor sie mit dem schweren Klopfer pochte. Schlaftrunken rief der
Wchter: Wer da? - Eine Kranke, welche Arznei begehrt, die Torflgel drehten
sich schwerfllig in ihren Angeln, und sie fragte nach der Wohnung des Arztes.
Auch in der Stadt war es still, kein Mensch auf den Straen, Tren und
Fensterlden geschlossen und vom rtlichen Lichte gefrbt. Sie schritt hastig
auf den Markt, suchte das Schild des Doktors und fate nach dem Klingelzug; da
wollte ihr die Kraft versagen, betubt setzte sie sich auf die Schwelle und
verhllte ihr Angesicht im Tuche.
    Aber als in der Ferne ein Wagen rasselte, sprang sie auf und ri an der
Klingel. Der Doktor war bereits bei der Arbeit und zu sprechen. Sie trat schnell
ein und schlo hinter sich die Stubentr. Retten Sie sich, rief sie, die
Franzosen sind auf dem Wege, Sie aufzuheben. Der Doktor sprang auf und erkannte
die verhllte Gestalt; er eilte auf die Wankende zu und umfate sie mit seinen
Armen. Sie lag an seiner Brust und weinte, aufgelst in bangem Schmerz, wie ein
Kind am Herzen der Mutter.

                                 Banges Harren


Am spten Abend fuhr der Wagen des Flchtigen in den Hof des Grafen. berrascht
erhob sich dieser von seinem Arbeitstisch, als der Doktor eintrat. Das Neue,
was Sie bringen, ist nichts Gutes, rief er bei der warmen Begrung, ich sehe
es Ihnen an.
    Ich komme leider in persnlichen Angelegenheiten. Napoleon hat Befehl
erteilt, mich durch die franzsische Besatzung von Glogau aufheben zu lassen.
Die Warnung ging mir von einer Seite zu, welche keinen Zweifel an dem Plane
briglie. Ich eile vor allem zu Ihnen, denn es ist mglich, da nicht gegen
mich allein so unerhrte Gewalttat beabsichtigt wird.
    Auch ich lebe hier von Sphern umgeben, aber ich bin ein erfahrener
Verschwrer und nahe an der Grenze. Haben Sie etwas zurcklassen mssen, was Sie
nicht in fremder Hand sehen mchten?
    Hier ist meine Korrespondenz, antwortete der Doktor, ich will sie am
liebsten bei Ihnen niederlegen.
    Vortrefflich! sagte der Graf. Ist es leicht, Ihrem Wege hierher
nachzuspren?
    Ich habe den Wagen mehreremal gewechselt.
    Sie haben also jedenfalls Zeit, bis morgen bei mir auszuruhen. Der Sturm
erhebt sich auch von unserer Seite gegen den Kaiser, wir stehen am Kriege. Die
Gewalttat, welche er gegen Sie versucht hat, ist ein so aufflliger Angriff
gegen die Ehre und Selbstndigkeit einer Regierung, da er dergleichen nicht oft
wiederholen kann, ohne starkes Geschrei auch bei anderen Nationen gegen sich
aufzuregen. Und da ihm hier die Sache milungen ist, so bin ich berzeugt, da
er gegen Sie den tckischen Sprung nicht zum zweiten Male macht; man sagt, da
die Bestien vom Katzengeschlecht beschmt davongehen, wenn ihnen der Ansprung
auf die gehoffte Beute miglckt. Erklren wir ihm, was ich immer noch hoffe, in
letzter Stunde den Krieg, so hat er um anderes zu sorgen, und bewahren wir in
unserer Schwche den Frieden, so fllt fr ihn der Grund weg, eine solche Razzia
gegen einen einzelnen Fremden zu befehlen. Dennoch sollen Sie sich vorsehen.
Unterdes werde ich persnlich dem schlechten Manne dafr zu Dank verpflichtet,
da er Sie in meine Arme gefhrt hat.
    Mir ist doch nicht verstndlich, sagte der Doktor nach Besprechung ihrer
gemeinsamen Ttigkeit, wie gerade ich, ein einfacher Privatmann am kleineren
Ort, in bescheidenen Verhltnissen, zu der Ehre komme, von den Franzosen in so
aufflliger Weise heimgesucht zu werden.
    Weil Sie zufllig am leichtesten erreichbar waren, versetzte der Graf,
Sie drfen annehmen, da der Kaiser im ganzen wei, was wir treiben. Er wollte
an einem von uns, gleichviel an wem, ein Exempel statuieren, um unserer
Regierung seinen Argwohn und seine Verachtung zu zeigen und um die Schwachen
unter uns zu schrecken. Freilich wei er auch, da er gegen die Bewegung in den
Gemtern nichts ausrichten kann. Er kannte die Stimmung schon, als er uns im
Frieden eine halbe Selbstndigkeit bewilligte; seitdem hat, was in Spanien
geschieht, seine Sorge vor einer Volkserhebung unter uns so gesteigert, da
diese Sorge ihn wie ein Gespenst verfolgt.
    Kannte er uns, so war er ein Tor, da er unseren Staat nicht vernichtete,
rief der Doktor.
    Wie gern htte er es getan! Aber die Vernichtung Preuens htte die Habgier
der groen Nachbarn erregt. Fr ihn allein war die Mahlzeit zu gro, und dem
Bren und zweikpfigen Adler einen Teil zu berlassen, verbot ihm die Klugheit,
deshalb ertrug die Tigerkatze knurrend, da das gepackte Wild halbtot den
Krallen entkam. Jetzt vertraut er darauf, da unserer Regierung die Kraft zu
einem Entschlu fehlen wird, denn er, der Mann von stahlhartem und schnellem
Willen, miachtet grndlich unseren Herrn und hlt die groe Bedenklichkeit
desselben fr seinen besten Verbndeten. Er wei wohl, da er auf unserer Seite
der Elbe nichts zu erwarten hat als Feindseligkeit. Im brigen Deutschland ist
das anders. Dort streichelt er mit Samtpfoten die Dichter von Weimar, weil er
annimmt, da sie groen Anhang unter den Gebildeten haben, denen solche
Behandlung ihrer Gren wohltun wird. Die deutsche Poesie ist ihm so
gleichgltig, wie Geschrei der Frsche im Sumpf, und whrend er den Herren dort
Artiges ber ihre Mannhaftigkeit sagt, ist ihm die Mannhaftigkeit eines Doktor
Knig, welcher in seinem Kreise zweihundert Gewehre gegen ihn erheben kann, viel
wichtiger als aller Verskram, fr den er sich eine halbe Stunde vor den
Audienzen vorbereitet hat. Da ihm die brutale Gewalt gegen Sie milungen ist, so
wird er vielleicht auf etwas anderes sinnen, was uns wehe tut. Die Bestie in ihm
ist lter geworden und die Geschmeidigkeit vermindert. Und als die beiden spt
in der Nacht sich trennten, sagte der Graf: Ihr Zimmer ist bereit. Morgen lasse
ich Sie ber die Berge nach Bhmen fahren. Der Herzog von Braunschweig hat dort
seine Rstungen schneller beendigt als wir und ist bereits im Marsche gegen die
Sachsen. Zu ihm sende ich Sie, ich habe bernommen, unsere Landsleute, die von
den schlesischen Besitzungen des Herzogs kommen, an ihn abzugeben, und Sie
werden dabei zu tun finden.
    Einige Tage nach der Flucht sa Henriette zwischen Brbels Bett und der
Wiege, aus welcher ein kleiner Kerl, das Abbild der Mutter, in die fremde Welt
guckte. Es war schon recht, da du selbst gegangen bist, wenn's nur nicht bei
Nacht gewesen wre.
    Wie durfte ich warten? sagte Henriette.
    Ich htte sehen mgen, wie sich der Doktor anstellte, fragte neugierig die
Freundin.
    Gut, antwortete Henriette mit einem glcklichen Lcheln, und gerade so,
wie ich gedacht hatte. Er nahm seine Sachen in die Hand und ging mit mir auf die
Gasse. Dort waren erst wenige Menschen; wir kamen zu einem Bekannten von ihm,
einem Fleischermeister, als die Leute eben aufstanden. Die Frau war sehr
freundlich gegen mich und weckte ein Frulein, ein liebes Mdchen, das in
demselben Hause wohnt; diese kam sogleich herunter, ihr empfahl mich der Doktor.
Du httest hren sollen, wie herzlich er das tat. Whrend der Fleischer ihm den
Wagen bespannte, hatte er noch eine schnelle Unterredung mit seinem Vetter, dem
jungen Arzte. Ich stand am Wagen, als er abfuhr, und er hielt meine Hand, als
die Pferde schon anzogen. Der Meister begleitete ihn bis zum Stadtwald und kam
mit gutem Bescheid zu uns zurck. Vom Walde aus fuhr er meilenweit auf
Nebenwegen, wo kein Fremder seine Spur finden konnte. Unterdes holte der junge
Herr fr mich ein Fuhrwerk, das mich zur Liesel bringen sollte. Das Frulein
bestand darauf, mich bis dahin zu begleiten. Wir waren etwa eine Stunde
gefahren, bis zu einer Wegscheide, da wies der Kutscher auf den anderen Weg:
Dort kommen franzsische Soldaten. Wir wandten uns um und sahen einen
Kutschwagen mit einer Anzahl bewaffneter Reiter in schnellem Trabe der
Kreisstadt zu fahren. Frulein Minchen hielt meine Hand fest, doch keines von
uns vermochte zu reden. Nicht lange, und ein einzelner Reiter sprengte bei uns
vorber, wendete das Pferd und sah in den Wagen. Ich hatte mir das Gesicht
verhllt und tat, als ob ich schliefe. Der Mann rief dem Kutscher zu: Woher und
wohin? und als dieser den Namen des Marktfleckens sagte, rief er: Gut! und ritt
zurck. Wir berechneten in groer Angst den Vorsprung, den der Doktor hatte; er
war doch schon einige Meilen voraus. Heut erhielt ich durch Liesel einen Brief
von ihm, da er glcklich beim Grafen angekommen ist. - Als ich mit Krause zu
dir kam, lag dein Kleiner bereits in der Wiege. Du wirst mich fr eine untreue
Freundin gehalten haben, Brbel.
    Ich wute, es mute ein groes Hindernis sein.
    Und was mir lieb ist, fuhr Henriette fort, zu Hause haben sie nichts von
dem nchtlichen Gange gemerkt, die Mutter wunderte sich nur, da ich so sehr
ermdet aussah, und meinte, ich htte mich um dich gengstigt. Liebes Brbel,
diesmal um einen andern.
    Jetzt sind sie beide fort, klagte Brbel, und niemand kann sagen, wenn
einer von ihnen wieder sichtbar werden wird. Das ist ein schlechter Zustand fr
dich, du hast solches Schicksal nicht verdient.
    Beklage mich nicht, rief Henriette. Wnsche mir Glck, da es so gekommen
ist, denn die Unsicherheit, in der ich lebte, ist jetzt zu Ende. Da ich allein
durch Nacht und Nebel ging, schwand die Wolke von meiner Seele, die mir bisher
den Trbsinn gemacht hat; ich wei jetzt, was ich zu tun habe. Es wird mir
schwer, dies allein zu vollbringen, ohne den Beistand des treuen Mannes, aber es
mu geschehen, und wenn er glcklich heimkehrt, soll er erfahren, da ich
redlich gegen ihn gehandelt habe.
    So ist es recht, lobte Brbel. Aber wie willst du den andern
fortschicken, er ist ja gar nicht vorhanden, und kein Mensch kann sagen, wo er
verweilt. Das Land Spanien ist unermelich weit und alles voll von grausamem
Kriege. Auch der Postbote wird ihn nicht auffinden.
    Ist es auch schwer, entgegnete Henriette, ich suche mir einen Weg.
    Aber Brbel fuhr fort, Unheil vorauszusagen: Seinen Ring mut du ihm
zuschicken. Henriette nickte. Wie kannst du hoffen, da dieser durch die
wilden Lnder zu ihm dringt? Sie werden unterwegs den Ring herausnehmen und den
Brief zerreien. Ich an deiner Stelle wrde mich kurz entschlieen und den
Hiesigen heiraten. Wer wei, ob der andere berhaupt kommt. Kme er, so mte
man ihm sagen: Warum sind Sie so lange ausgeblieben? Jetzt ist es zu spt.
    Auch er trgt meinen Ring am Finger.
    Er hat ihn ja selbst genommen.
    Und ihm hat niemand widersprochen, antwortete die Jungfrau traurig.
    Aber das Weib, welches danach rang, unertrgliche Fesseln zu lsen, die
Mnner, welche zum Kampf gegen den Feind rsteten, alle Vlker eines Weltteils,
die sich gegen die Tyrannei einer verhaten Nation emprten, sollten noch einmal
vergebens hoffen, sich winden und an ihrer Kette zerren. Nur um so tiefer
schnitten die Bande in ihr Leben, auch der Widerstand der Verzweiflung war
vergeblich gewesen. Htet euch, deutsche Herzen, da der Mut nicht schwinde und
die grnende Saat eurer Liebe nicht niedergetreten werde unter dem gepanzerten
Tritt kalter, harter, tckischer Selbstsucht, die eine fremde Nation und ihr
gottverfluchter Meister gegen euch verben.
    Der Doktor erreichte an der schsischen Grenze das kleine Heer des Herzogs
von Braunschweig; dort war er bei Aufnahme seiner Landsleute ttig, die von den
schlesischen Besitzungen des Herzogs eintrafen. Er begleitete ihn bis nach
Dresden und ritt beim Einzuge des Tapferen in die feindliche Residenz unter
seinem Gefolge. Von dort kehrte er nach Bhmen zurck und weilte als vertrauter
Agent seines Freundes in Prag, wo sich eine groe Zahl patriotischer Preuen
gesammelt hatte.
    Da kam wie ein Wetterschlag die Botschaft, da sterreich seinen Frieden mit
Kaiser Napoleon geschlossen habe. Ein Brief des Grafen, welcher dies mitteilte,
rief ihn wieder nach dem Gute desselben.
    Der kranke Graf streckte ihm von seinem Bett die Hand entgegen. Hier liege
ich, mein Freund; Sie wissen, da meine Krankheit getuschte Erwartung heit.
Mit geheimer Trauer erkannte der Arzt die Fortschritte, welche das Leiden des
Kranken in den letzten Jahren gemacht hatte: Ich verlasse Sie nicht, wenn Sie
mich in Ihrer Nhe dulden wollen, bis Sie sich vom Lager erheben. Der Sorge um
Gewehre und Patronentaschen sind wir ledig, und Sie werden endlich Zeit
gewinnen, an sich selbst zu denken. Wir hatten uns in der Jahrzahl verrechnet,
nicht in unserer Hoffnung.
    Es freut mich, da Sie so mutig wiederkehren, nachdem Sie berall
Vereitlung wackerer Plne erlebt haben, sagte der Graf traurig.
    Ich war besser daran als Sie, versetzte der Doktor. Sie wurden tglich
geqult durch die Nachrichten ber wechselnde Stimmungen an den Hfen und in den
Kabinetten. Ich habe daheim und jetzt in der Fremde im Volke gelebt, da stellt
sich unsere Lage anders dar. Das glimmende Feuer des Hasses vermag der Franzose
nicht mehr auszutilgen; ein frischer Luftzug, und die Flamme lodert zum Himmel!
    Und wenn der starke Luftzug in der rechten Stunde fehlt? fragte der Graf.
    Es ist ein alter Bauernglaube, da jeder Hausbrand sich zuletzt selbst
einen Wind erregt, der ihm die Flamme schrt. So wird es auch bei dem Feuer
sein, zu dem Sie die Scheite getragen haben. Wie fand der Kampf mit dem Fremden
uns vor drei Jahren und wie jetzt? Damals ein friedliches Volk, hilflos
gegenber dem Widerwrtigen, auch in den Besseren Unsicherheit und Mangel an
Entschlu. In drei Jahren hat der Kaiser uns gegen seinen Willen zu Mnnern
gemacht, und wenn wieder drei Jahre ber das Land gezogen sind, bereiten wir ihm
das Verderben.
    Sagen Sie mir das alle Tage, bat der Kranke, denn dieser Glaube allein
kann mir zur Genesung helfen. - Der Knig ist gegen mich gndig gewesen, fuhr
er abbrechend fort, er hat mich zum Chef des Husarenregiments ernannt, bei
welchem Ihre liebsten Bekannten stehen. Helwig fhrt eine Schwadron; und Ihr
getreuer Hans ist Stabstrompeter.
    Dann werde auch ich in neuer Weise Ihr Untergebener, sagte der Doktor,
denn ich habe mit dem Rittmeister besprochen, da ich im nchsten Kriege bei
seiner Schwadron als Freiwilliger eintrete.
    Der Kriegslrm war verstummt, der Friede, wie der Senior gewnscht hatte,
dem Lande erhalten, da sa der wrdige Herr am Schreibtisch und neben ihm die
Tochter, und er schrieb zwei Briefe, die ihm beide schwer wurden. Den ersten an
den franzsischen Major. Darin versicherte er in warmen Worten lebenslnglichen
Dank und bekannte darauf, da die Rcksicht auf das Glck seiner Tochter ihn
ntige, jene schnelle Verlobung rckgngig zu machen, er sende den aufgesteckten
Ring zurck und bitte um Wiedergabe des Reifes, den sein Kind am Finger
getragen. In den Brief schlo er den Ring des Fremden ein. Den zweiten Brief
aber schrieb er auf Henriettens Wunsch an Graf Gtzen, erzhlte darin kurz, was
dieser bereits wute, und bat instndig, da ihm der Weg in das Feldlager der
Franzosen unbekannt sei, da der Graf bei der franzsischen Gesandtschaft
Befrderung des inliegenden Schreibens an den Major befrworten mge.
    Als kurze Zeit darauf eine freundliche Antwort des Grafen einlief mit der
Anzeige, da er das Seine getan und den Brief so sicher als mglich befrdert
habe, fiel Henriette dem Vater um den Hals, und zum erstenmal seit mehreren
Jahren setzte sie sich an das Klavier und sang die Lieblingslieder des Hauses.
In der nchsten Woche aber erbat sie Erlaubnis, das Liesel zu besuchen. Denn der
Doktor war wieder in der Heimat und hatte fr diesen Tag bei Krause seinen
Besuch angekndigt.
    Drauen fuhr der Tauwind um die laublosen Bume und raufte das Stroh am
Scheunendach, auch in dem Gemt der Menschen bargen schwarze Wolken den
frhlichen Sonnenschein. Aber als Henriette dem Freunde gegenberstand, brach
ihr die helle Freude in Trnen aus den Augen. Jetzt erst gehrte er ihr, und sie
hatte ihn vor dem Verderben gerettet.
    Der Hauswirt wies seinen Gsten vergngt einen Quell, den er in seinen Hof
geleitet hatte; das Wasser, welches bis dahin heimlich in der Erde geflossen
war, rann lustig in den neuen Steinbehlter, um fortan im Sonnenlicht zu
flieen, solange ttige Menschen im Hofe lebten. Die Liebenden standen am
Brunnen und zwischen ihnen pltscherte leise das Wasser, da erzhlte Henriette
von dem Briefe, den sie durch den Vater an den Franzosen gerichtet, und da sie
den Ring von sich abgetan; und ihre Gestalt hob sich in stolzer Freude, als sie
die Seligkeit in seinem Antlitz sah.
    Ich hatte, whrend ich als Bote zu Ihnen ging, mir berlegt, da ich dies
tun mte. Jetzt habe ich dadurch den inneren Frieden wiedergefunden, den ich
lange entbehrt.
    Geliebtes Mdchen! rief der Mann.
    Still, mein Freund, sagte sie feierlich. Was Sie mir einst geschrieben
von Schweigen und Entsagung, das gilt noch immer fr uns beide. Sie hielt ihren
Finger, an dem einst ihr Ring gesteckt, in den Quell. Kein Wasser wscht von
dem Finger, da der andere ihn fr sich genommen, und nicht mein Wille allein
vermag mich zu befreien.
    Ich werde Ihr Gefhl ehren, wenn es mir noch so schwer wird; aber ist denn
ntig, da ich noch immer Ihrem Hause fernbleibe? Diese Entbehrung ist allzu
gro.
    Sie ist ntig, sagte Henriette bittend, und nicht nur um der Leute
willen - sie hob ihre Hand -, wenn der ersehnte Tag kommt, wo ich wieder habe,
was mir genommen ward, dann, mein Freund, fegt Susanne das Haus, und ich trage
Blumen hinein, Sie zu empfangen.
    Armes Mdchen! Das war keine Zeit, Gutes zu hoffen.
    Es ist wieder einmal Sommer, der Tambour der Brgerschtzen trommelt durch
die Straen und ladet zum Feste, aber die Stadt ist diesmal nicht bereitwillig,
sich zu freuen. Es ist vieles nicht in der Ordnung. Die ganze Stadt sieht
heruntergekommen aus, die Hauswnde sind lange nicht neu getncht, neue Huser
sind gar nicht gebaut und die schlechten Giebel der alten kaum notdrftig
gebessert. Die Menschen gehen ernst und mivergngt einher, und die Zahl der
fadenscheinigen Rcke, welche der Steuereinnehmer genau kennt, ist grer
geworden. Die Schtzen ziehen aus mit ihrer Musik, und der Zieler trgt die
Scheibe; diesmal ist nichts darauf als ein Hirsch, an welchem die grimmigen
Hunde heraufspringen. Das edle Tier hat den tdlichen Schu empfangen, sinkt auf
die Knie und das Blut strmt aus der Wunde. Es war die alte Geschichte, aber der
Knstler wute nichts Besseres und hatte sie neu gemalt. Der Brgerschtzen sind
weniger geworden, denn manchem kommt das ganze Vergngen zu teuer. Und wo ist
die Freikompanie geblieben? Nur einzelne davon treten in den Stand und schieen
mit, weil sie sich einmal dazu verpflichtet haben. Unser Freund, der Doktor,
hlt sein Gewehr, wie vor Jahren, aber er hat nicht ntig, sich leise mit den
Bekannten zu bereden. Auch die Gesellschaft, welche unter den Linden Kaffee
trinkt, scheint nach allem nicht so glnzend wie frher, viele Honoratioren
fehlen, und Minchen Buskow fehlt, sie ist zum Besuch auf das Land gegangen, da
ihre Schule Ferien hat. Sogar die Zahl der Buden ist vermindert, aus zweien ist
eine geworden, denn nur die Frau mit dem Pfefferkuchen hat ausgelegt, dem
Glasmann lohnt sich's nicht mehr, die Leute wollen ihre Groschen im Wrfelspiel
nicht dranwagen. Die Kinder allein schwrmen in heller Freude umher wie immer,
und zu den frheren sind, gottlob, einige neue gekommen, kleine Wutzel, welche
neben ihren Mttern auf dem Grunde kauern und mit Kienpfeln spielen. Dort
erscheint endlich unser Einnehmer, der schlaue Herr, er zieht eine Tte aus der
Tasche und spricht strafend zum Kaffeewirt: Ich fordere besonderen Aufgu fr
diese gebrannten Mhren, denn die Mischung von Zichorie und Eichel, die Sie in
die Tpfe schtten, ist fr meinen Magen unertrglich; der ganze Platz riecht
danach, ich wollte, Bonaparte wrde zur Strafe fr seine Snden tglich einige
Stunden mit Zichorie geruchert.
    Ach, Herr Einnehmer, klagte der Kaffeewirt, mit dem Zucker steht es noch
schlechter. Den Kaffee bringen die Schmuggler zuweilen ber die Grenze, aber der
Zucker ist unerschwinglich.
    Sie knnen hier schnen Heidehonig ziehen, sagte Herr Khler. Unterdes
rate ich Ihnen, die franzsische Sperre dadurch zu betrgen, da Sie die Stcke
Zucker dreimal so klein schlagen als sonst. - Sie haben recht, es geht uns
schlechter als vor dem letzten Kriege. Alles klagt und schreit; da aber niemand
mehr den Schreiern ihren Mund zuhlt, so wird ihnen zuletzt durch lautes Klagen
das Herz leichter und sie denken wieder an knftige, bessere Zeiten. - Wer fhrt
da heran? Beim Styx! Das ist die Kutsche der Bellerwitze.
    Der Diener ffnete den Schlag und die gndige Frau stieg aus mit ihren
beiden Frulein, die in der Zeit hbsch in die Hhe geschossen waren und vornehm
in das Getmmel der Brger hineinstarrten. Als der Doktor herankam, die Dame zu
begren, hielt sie ihm einen Brief entgegen. Dies brachte ein Bote aus dem
Hause des Seniors auf unsern Hof und fragte, ob wir Gelegenheit nach der
Kreisstadt htten. Da ich selbst in der Stadt zu tun hatte und da der Brief fr
Sie bestimmt war, bernahm ich die Besorgung. Demoiselle Henriette soll krank
sein. Leider ist das arme Mdchen bel daran; diese alte unglckliche Geschichte
mit dem Franzosen bringt sie und die ganze Familie in eine falsche Stellung.
Der Doktor besttigte durch eine stumme Verneigung, winkte seinen Vetter herzu
und stellte den Einnehmer vor. Die gndige Frau war erfreut, endlich dem Herrn
persnlich bekannt zu werden, von dem der Kammerherr so viel Liebes erzhlt
hatte.
    Ich habe die Ehre, Ihren Herrn Gemahl seit der Zeit zu kennen, wo er eine
kleine Guillotine als Berlocke trug, sagte der Einnehmer mit artiger
Verbeugung. Unterdes nahm der kleine Doktor behend die jungen Frulein in
Anspruch und die Gesellschaft bewegte sich schwatzend und lachend zwischen den
Bnken. Als die Kammerherrin sich aber nach ihrem groen Gnstling umsah, war
dieser verschwunden. Er ist zu einem Kranken gerufen, entschuldigte der
Vetter.
    In dem Schreiben bat der Senior um einen Besuch, da seine Tochter erkrankt
sei. Die Pferde rannten im gestrecktem Trabe, aber dem Liebenden dehnte sich der
Weg zu unertrglicher Lnge. Seine Briefe waren seither immer den regelmigen
Weg gegangen, und seit Wochen hatte er Henriette nicht gesehen; doch schon beim
letzten Zusammentreffen war sie bleich und still gewesen, und er kannte wohl den
Gram, den sie trug. Von jenem Fremden war keine Antwort gekommen, seit Jahr und
Tag keine Nachricht, das Harren und Bangen des Mdchens wurde unruhiger, sie
hatte ihm gestanden, da sie jedesmal beim Eintritt eines Besuches
zusammenschrecke, denn sie frchte, es msse der Franzose sein. Heut ahnte der
Doktor Unheil fr sie und sich und bereitete sich vor, den Feind selbst zu
finden.
    Es war Abend, als er im Pfarrhofe aus dem Wagen sprang, er fhlte sich fast
erleichtert, da er den Senior allein ohne den argen Gast in der Stube traf. Wie
vor Jahren stand er dem Vater gegenber. Was war seitdem alles drauen in der
Welt geschehen - und hier in dem stillen Hause immer die alte Angst und Not!
    Meine Tochter hat gewnscht, da wir Sie zu Rate ziehen, begann der Pastor
bekmmert und verlegen. Es ist derselbe Zustand und dasselbe Leiden wie damals,
als Sie zuletzt hier waren.
    Ist es durch eine uere Veranlassung hervorgerufen? fragte der Arzt, doch
er wute die Antwort voraus.
    Ich habe Ihnen erzhlt, wie es uns im Kriege ergangen ist, antwortete der
Senior zgernd; auch das Weitere will ich nicht verbergen. Ich frchte, ein
Brief, den ich erhalten, hat ihr den Weinkrampf und das Fieber veranlat. Er
berreichte ihm ein Schreiben. Es ist fast ein halbes Jahr alt, sagte er, die
Stadt, welche darin angegeben ist, liegt ja wohl an der portugiesischen Grenze.
In dem Briefe stand:
    Ehrwrdiger Herr! Ich kann es Ihnen und Frulein Henriette nicht verdenken,
wenn Ihnen ein Brutigam zuwenig und zuviel ist, der seine Pflichten so vllig
vernachlssigt. Ich habe keine andere Entschuldigung als den Dienst meines
Kaisers, der mich seither ohne Unterbrechung von Ihnen ferngehalten hat. Ich
vermag aber ungeachtet der Mitteilungen Ihres Briefes auf ein Verhltnis nicht
zu verzichten, welches mir verhnignisvoll geworden ist und an welches sich fr
mich teure Hoffnungen knpfen. Deshalb werden Sie vergeben, wenn ich den Ring,
den ich jetzt am Finger trage, nicht zurcksende; ich bitte Sie vielmehr, mir zu
gestatten, da ich in nchster Zeit mich selbst bei Ihnen einfinde und
persnlich um die Neigung Ihrer Tochter werbe. - Oberst Dessalle.
    Dies ist mehr, als ich fr mglich hielt, rief der Doktor emprt und warf
das Papier auf den Tisch. Darf ich Frulein Henriette sehen?
    Als er an das Bett der Kranken trat, wandte sie ihm ihr heies Antlitz zu
mit einem verzweiflungsvollen Blick, der ihm in das Herz schnitt. Er nahm ihre
Hand und fhlte ein Zucken, als ob sie ihm die Hand entziehen wollte. Er sa
lange am Bett und zwang sich, in leichtem Tone mit der Mutter von Gleichgltigem
zu reden. Er konnte der Geliebten so, da sie allein ihn verstand, nur sagen,
da er die Ursache der Krankheit kenne. Beim Abschied warf er in ihrer Gegenwart
hin: Ich habe im Marktflecken Kranke und bernachte dort bei Bekannten; ich
kann morgen frh wieder herankommen.
    Eine schwere Krankheit brach aus. Nur der Doktor verstand die Gre der
Gefahr und die Ohnmacht des Arztes, sie zu besiegen und whrend ihm geheime
Angst die Wangen entfrbte, mute er sich sicher und berlegen stellen, um der
Kranken und den Eltern den Mut zu erhalten. Aber wenn er allein war, rang er die
Hnde gegen den Himmel und flehte fassungslos um Erbarmen. Weit anders erging es
in lichten Augenblicken der Geliebten; wenn sie zu ihm aufsah, die ermutigenden
Worte vernahm und die treue, zrtliche Sorge erkannte, dann erschien ihr seine
Gegenwart wie eine Arznei, die ein Engel ihr zutrug. Als er mit bewegter Stimme
und feuchten Augen sagen konnte, da die Macht der Krankheit gebrochen sei und
Genesung zu hoffen, sprach sie leise: Ich will wieder beherzt sein um
Ihretwillen.
    Der Doktor hatte in diesen Wochen wenig darauf geachtet, da auch in der
Stadt eine fieberhafte Erwartung in die Menschen gekommen war. Endlich durfte er
zu seiner Kranken von einer neuen groen Hoffnung reden. Zwischen Napoleon und
Ruland war der Krieg unvermeidlich geworden, fr Preuen der Tag der Erhebung
nahe gerckt. Und er berichtete, wie sich's in der Kreisstadt und auf dem Lande
wieder heimlich rhre, und wie es nur eines kniglichen Wortes bedrfe, um die
Armee von vielen Tausenden zum Verzweiflungskampf zu bewaffnen.
    Als das Mdchen ihm mit leuchtenden Augen zuhrte, fuhr er heiter fort: Ich
habe bis jetzt gehorsam nach Ihrem Willen getan und meine Liebe still vor aller
Welt geborgen. Jener Brief aus fernem Lande aber veranlat mich, das lange
Schweigen zu brechen, und ich erflehe von Ihnen, Geliebte, die Erlaubnis, bei
den Eltern um Ihre Hand zu bitten.
    Da aber schlug Henriette die Hnde vor das Angesicht und rief in heiem
Schmerz: Das war die Angst, welche mich krank gemacht hat. Wenn Sie bei den
Eltern um mich anhalten, so verliere ich alles, was mir noch den Mut gibt zu
leben; denn ich mte auf Ihre Werbung mit Nein antworten. Sie brach in
Schluchzen aus. Er mhte sich, erschreckt durch den Anfall, sie mit zrtlichen
Worten zu beruhigen, aber auch als sie aufgehrt hatte zu weinen, sa sie in
sich gekehrt auf ihrem Lager. Unablssig qult mich der Gedanke, rief sie
endlich, wie unglcklich Sie durch Ihre Neigung zu mir geworden sind. Ihnen
vergehen die Jahre im einsamen Haushalt, und die Abhngigkeit von dem Belieben
eines Fremden ist Ihrer unwrdig.
    Sie wird es nicht sein, antwortete bittend der Doktor, wenn Sie mir
sagen, weshalb sie ntig ist.
    Aber Henriette schttelte das Haupt und weinte von neuem.
    Wieder mhte er sich, sie zu trsten und sprach leise zu ihr von seiner
Liebe und seinem Vertrauen, bis sie ihm schwermtig die Hand hinhielt. Wollen
Sie mich noch ertragen, wie ich bin, so bitte ich Sie: Lassen Sie es zwischen
uns bleiben, wie es bisher war. Und als er ihr dies versprach, neigte sich das
Mdchen ber seine Hand und kte sie.
    Er aber fuhr in strmischer Bewegung heimwrts. Was war der Grund ihrer
Angst und was schlo ihr den Mund? War es zu hoch gespanntes Pflichtgefhl
gegenber einer nichtigen Verlobung, oder war es geheime Sorge, da er selbst
mit dem Fremden in tdlichen Streit geraten knne? Was es auch war, gegen den
Franzosen sammelte sich in seinem ehrlichen Gemt ein bitterer Ha, und der
letzte Trost, den er fand, war der, da auch fr ihr und sein Geschick die
Entscheidung kommen werde durch den bevorstehenden Krieg.
    Als mit der fortschreitenden Genesung seine Besuche seltener wurden und
endlich ganz aufhrten, da sagte die Mutter verwundert zum Senior: Der Doktor
hat doch so vielen Anteil an dem Mdchen gezeigt und die weite Reise so oft
gemacht, da es mir manchmal auffllig war, und jetzt lt er sich nicht mehr
blicken.
    Ich frchte, er hat im Grunde etwas gegen uns, antwortete der Pfarrer
gedrckt.
    Aber das erlsende Wort, welches die Waffen in die Hnde des zornigen Volkes
drcken sollte, wurde nicht vernommen, zum dritten Male war die Hoffnung auf
Erhebung und auf Rache vergeblich gewesen. Zu der alten Schmach kam eine neue,
die grte, greulichste. Als Bundesgenosse des hhnenden Tyrannen mute das
preuische Volk gezwungen seine Shne in den neuen Krieg senden. Jetzt erst
zahlten Knig und Staat die schwerste Bue fr die Snde, da sie vor der groen
Niederlage zehn Jahre lang preuisches Land und treue Herzen ausgetauscht und
weggegeben hatten wie eine Ware, und da sie ihre Grenzsteine herausgerissen und
eingesetzt nach dem Gefallen des fremden Kaisers. Damals war der alte Stolz und
die Ehre, welche die Ahnen um den Thron gesammelt, verloren worden, und darum
zwang jetzt ein bermchtiger das gedemtigte Volk, in Sklavenketten hinter ihm
herzuziehen als ein Teil seines reisigen Trosses. Sobald dieser furchtbare Zwang
dem Volke deutlich wurde, da schwand auch wackeren Mnnern das Zutrauen zu dem
Willen und der Kraft der Fhrer, an welche sie sich in den Jahren gehalten. Die
Heftigsten dachten daran, sich von ihrem Vaterlande loszusagen, die Besonnenen
trugen finster und schweigend ein unerhrtes Geschick. Und einer von ihnen,
welcher den Schmerz wie eine brennende Wunde fhlte, schrieb an seine Geliebte:
Jetzt habe ich nichts mehr, was mir dies Dasein wert macht, als den Gedanken an
Sie, Henriette. Ich wei, da dieses Reich des Antichrists nicht dauern kann,
und ich wei, da wir seiner ledig werden mssen, so wahr eine gttliche
Vernunft ber dem Leben der Vlker und der Menschen waltet; aber ich vermag aus
dem Abgrund, in den sie uns wirft, den Weg zur Rettung nicht zu ersphen, und
ich fhle mich in meinem Volke so schwach und der Ehre bar, da ich auf den
letzten Anspruch Unglcklicher verzichte, auf das Mitleid anderer Nationen mit
unserem Geschick.
    Doch whrend die Klugen und Scharfsinnigen verzweifeln wollten, hatte eine
hhere Gewalt, welche das Schicksal der Menschen und der Vlker mit furchtbarer
Genauigkeit abwgt nach ihren Gedanken und Werken, bereits dem Tyrannen den Pfad
gewiesen, auf dem er verderben sollte, unerhrt, abenteuerlich, wie sein Leben
gewesen war. Die Geister der Zerstrung arbeiteten geschftig in ihm selbst. Da
er schlecht war und ein Bsewicht im Purpur, das wuten Millionen, aber whrend
auch seine Gegner in ihm noch den starken berlegenen Geist bewunderten, war er
in der Tat bereits ein berckter Trumer, dem Wahngebilde das Hirn betubten.
Einst hatten ihn phantastische Ideen seiner Jugend zu den Sanddnen der
Pyramiden gefhrt, die grnen Fluren am Nil sollten damals eine Station werden
fr seinen Alexanderzug nach Osten, weit ber Syrien hinaus ins unermeliche
Blaue. Seitdem hatte er unter schwachen Dynastien und verrotteten Staatswesen
aufgerumt und bei dieser Arbeit eines Totengrbers alles eingebt, was die
Seele des Mannes festigt gegen unsinnige Einflle. Die Menschen und Vlker waren
ihm geworden wie Brettsteine, die er hin und her setzte. Achtung vor
menschlicher Tugend, vor Leben und Glck der Nationen war ihm verloren, und
verloren war ihm zugleich die Fhigkeit, sich selbst zu beschrnken, Zeit und
Raum abzuwgen und eigene und fremde Kraft verstndig zu berechnen. Und in dem
verwsteten Geist erhob sich aufs neue der Unsinn aus seiner Leutnantszeit; den
Blick nach Osten gewandt, trumte er wieder sich und sein Heer ber Steppen und
Strme hinaus Tausende von Meilen bis an die Fluten des Ganges und darber ins
unermeliche Leere. Mancher aus seiner Umgebung erschrak, wenn er einmal wie ein
Trunkener von seinen Plnen sprach, keiner wute, wie sehr der Wurm in ihm
bereits das Mark des Lebens zerfressen hatte. Die Klugen wuten es nicht, aber
der einfltige Sinn des Volkes ahnte, da unsichtbare Gewalten gegen ihn
geschftig waren.
    Henriette stand auf dem Ringwall und blickte hinaus nach der fernen
Heerstrae, auf der sich die Kolonnenzge bewegten. Seitwrts bei den Dornen
arbeitete der alte Christian emsig mit Haue und Schaufel, hieb in die Erde und
rodete das Gestrpp. Was tut Ihr dort, Schfer? fragte das Mdchen. Der Alte
trocknete sich mit dem rmel die Stirn. Es mu alles heraus, sagte er, seine
Zeit ist gekommen. Denn jedem auf Erden ist der Tag bestimmt, wo es hinweg mu;
dem Dornholz hier und den Menschen dort.
    Es will kein Ende nehmen mit dem Heereszuge und dem reisigen Fuhrwerk,
klagte Henriette, seit acht Tagen fhrt es dahin von frh bis zur Nacht,
zahllos sind die Menschen, Tiere und Wagen; es ist, als ob ein ganzes Volk
auswandert in ein anderes Land.
    Der Schfer trat zu ihr. Je mehr ihrer hinziehen, um so besser. Die dort
oben in der Luft ziehen auch mit.
    Was wollt Ihr damit sagen, Christian?
    Haben Sie jemals so viele Krhen und Raben gesehen? fragte der Alte, und
er hatte recht, in ungeheuren Schwrmen flogen und schrien die dunklen Vgel.
    Sie finden Futter an toten Pferden und Abfllen, wo die Soldaten lagern.
Der Schfer schttelte, seiner berlegenheit bewut, den Kopf, dann sagte er
leise: Haben Sie heut nacht nichts gemerkt? Das Schwedenvolk, das hier herum
und auf dem Kirchhofe liegt, ist aus der Erde gestiegen, einer nach dem andern,
alle in grauen Mnteln, und die Gesellschaft breitete sich aus ber die Felder
und wlzte sich in der Luft nach derselben Richtung, in der diese fahren. Reiter
und Fuvolk ziehen unten und die Grauen und ihre Vgel fliegen oben, und die
oben sind mchtiger.
    Nachdem der wilde Schwall vorbergerauscht war, kam Brbel nach der Pfarre
mit geringem Lebensmut. Unser Hof ist leer, klagte sie; es war eine
schreckliche Woche, jeden Tag und jede Nacht rohes Volk im Hause, und das wste
Lrmen und Fordern in fremden Sprachen, nichts war ihnen gut genug, und wenn
einmal ein Offizier sich unser erbarmte und die Leute schalt, so verhhnten sie
ihn und drohten. Ein Alter unter ihnen, der mit der deutschen Sprache umzugehen
wute, sagte meinem Manne: Trage auf, Bauer, was du hast; wir wollen's genieen,
weil wir leben, denn wir ziehen zu Grabe. An einem Abend, wo die ganze Stube
voll war, hatten sie geschrien und getrunken, da uns Angst wurde, und mit einem
Male fing ein junger Bursche an laut zu weinen, redete auf franzsisch zu den
anderen und alle wurden still und lieen die Kpfe hngen. Die ganze Zeit ber
haben wir, Karl und ich, die Nacht auf der Ofenbank gesessen, ich legte mich an
die Schulter des Mannes, wenn mir die Augen zufielen, die Kleinen hatte ich in
der Wiege vor mir. Wie sollten wir dieses Jahr durchmachen?
    Dein Karl soll mit dem Wagen kommen; was die Pfarre entbehren kann,
erhaltet ihr vor andern, ich will's beim Vater ausmachen.
    Auch in der Kreisstadt gab es bedchtige Mnner, welche eine groe
Entscheidung voraussahen. Ich frage gern in schweren Zeiten meinen Schuster um
Rat, sagte der Einnehmer zu seinem Freunde, er ist kein groer Redner, aber er
sieht die Dinge mit einem Mutterwitz an, den mancher Klgere nicht hat.
Schuster Schilling pochte lustig am Leder herum, als sein Kunde ihn begrte:
Nun, Meister, was wird aus diesem Kriegszuge des Kaisers herauskommen?
    Schilling schttelte lange den Kopf und sagte gewichtig: Der Mann ist
niemals als Schustergeselle bei den Moskowitern gewesen, wie ich damals von
Sdpreuen aus, sonst wrde er jetzt nicht zu ihnen gehen. Wie weit, glauben
Sie, wird seinen Leuten auf dem langen Wege das Schuhwerk vorhalten? - Es ist
alles zerrissen, bevor er zu den eigentlichen Moskows kommt, und wer soll dort
fr so vieles Volk neue Stiefeln machen? Das Land ist zu gro und mit zu wenig
Menschheit besetzt, und es fehlt dort auch an anderem. Von Birkenrinde knnen
sie nicht leben.
    Die Stiefel lt er aus Ihrem Laden holen, Meister, und die Speckseiten aus
dem Rauchfange unserer Bauern, alles wird ihm ins Russische nachgeschafft.
Schilling lchelte: Dann mte er sein Heer zurckfhren und sich alles selber
holen, sonst wird das wenigste bis zu ihm durchdringen; die Russen knnen das
durchaus nicht leiden. Nmlich die Russen sind gutmtig, aber sie haben diese
Eigenschaft: Ist einer artig, so sind sie grob und nehmen ihm mit Gewalt, was er
hat; und ist einer grob, so sind sie ins Gesicht artig und mausen ihm das Seine
hinter seinem Rcken. Nehmen tun sie in jedem Falle. Jetzt geht Bonaparte
grimmig gegen sie vor; folglich werden sie sich zurckziehen und ber alles
hinter seinem Rcken herfallen, und er wird mit dem einen Arm nach vorn und mit
dem andern nach hinten hauen mssen. Diese Art Prgelei hlt niemand auf die
Lnge aus.
    Gut Meister. Was aber soll mit uns werden? Wir sind seine Verbndeten
geworden.
    Das ist mir ganz recht, erklrte der Schuster, wir halten uns hbsch
zurck und immer mehr zurck, lassen ihn vorwrts und machen hinter der groen
Ratte die Falle zu.
    Meister, rief der Einnehmer, wenn Sie mir nicht fr mein Schuhwerk
unentbehrlich wren, wrde ich Sie unserm Knig zum Minister empfehlen.
    Ich habe nie groen Ehrgeiz gehabt, sagte der Meister bescheiden.
    Der Sommer kam und der Herbst, der Handwerker nhte und pochte in seiner
Werkstatt, und der Landmann tengelte seine Sense, um die Brotfrucht
einzubringen. Der Brger hielt zuweilen in der Arbeit an und lauschte, und der
Mher lie die Sense sinken und sah hinauf in die Luft, als ob von dort etwas
Neues heranziehe. Gedanken und Trume der Leute irrten umher in weiter Ferne,
und heimliche Erwartung schrfte jedem Auge und Ohr.
    Die Frhstcksstube war lange verdet gewesen, jetzt traten die Herren
wieder ein; sie saen aber nicht wie sonst am Tische, sondern standen und gingen
auf und ab, whrend sie von den neuen Siegen des Kaisers erzhlten. Da sagte
einst im Sptherbst der jdische Weinwirt geheimnisvoll zum Einnehmer: Einer
von unsern Leuten ist aus Warschau zugereist, dort hat er sichere Nachricht
erhalten von der groen Armee; das groe Heer ist klein geworden, an den
Landstraen liegen berall tote Pferde und umgeworfene Karren, alle Stdte sind
angefllt mit Kranken und Sterbenden, niemand will sie mehr begraben; alles, was
der Kaiser ber seine Siege schreiben lt, ist erlogen.
    Seitdem folgte eine Botschaft der andern, von einer endlosen Heerreise in
Wsteneien, von Siegen, die so mrderisch waren wie Niederlagen, von Hunger,
Elend und Untergang. Die Kunde klang zuerst undeutlich aus der Ferne wie
Weheschrei eines Nachtvogels. Aber als der Wintersturm ber die kahlen Felder
fegte und die letzten Bltter von den Bumen ri, wurde der Schicksalsruf lauter
und lauter, bis er wie Posaunenschall in die Ohren drang. Mancher wackere
Stdter, der whrend des Sommers gedrckt seines Weges gegangen war, hob jetzt
trotzig das Haupt, und die, welche einst bei der Freikompanie gewesen waren,
griffen nach dem Gewehr, das lange verstubt im Winkel gestanden, und prften
die Schlagfeder. Die Zeit war nicht danach, da sich die Leute ohne Not neue
Ware kauften, aber Schuster Schilling hatte groe Kundschaft, und seine
Werkstatt wurde der Unterhaltung wegen von vielen besucht, denn er hatte zuerst
alles vorausgesagt. Eine Freude, wilde, grimmige Freude, wie die Leute niemals
gefhlt, brach in Gebrde und Worten heraus. Als Beblow erfuhr, da die Flucht
der Franzosen begonnen, stie er seinen Stahl dem gefllten Rinde bis an den
Griff in den Leib, sprang in den Laden und fiel seiner Frau vor allen Leuten um
den Hals; wo Bekannte zusammenstieen, schttelten sie einander die Hnde,
lachten und weinten in einem Atem.
    Drauen heulte der Wind, kalter Regen wandelte den gefallenen Schnee in
mifarbigen Schlamm und machte das Verweilen auf der Strae unbehaglich. Die
Brger saen mit ihren Hausgenossen nahe am Ofen. Doch sooft drauen ein Karren
rasselte, wenn der Sturm Dachziegel herunterwarf oder ein starker Tritt auf dem
Pflaster erklang, liefen die Leute an die Fenster; um jeden Wagen, um jeden
Reiter, der mit seinem Pferde anhielt, sammelte sich im Augenblick ein
neugieriger Haufe, dann gab es kurze Zeit ein Gewhl, niemand wute warum, bis
jung und alt sich wieder in den Husern verlor. Als der Einnehmer in sein
Amtslokal ging, fand er vor der Posthalterei einen gedrngten Haufen; da dies
nicht die Stunde war, wo die ordentliche Post erschien, und da Herr Khler jeder
Sache auf den Grund ging, so trat er nher und schritt durch den Kreis, welcher
einen Schlitten umgab. In dem Schlitten saen zwei Mnner, in groe Pelze
gehllt. Der Posthalter kam eilig heraus und reichte dem Postillon Papiere, und
als der Einnehmer ihn fragend ansah, sagte er leise: Es ist ein franzsischer
Herzog, durch Stafette angekndigt, er hat's eilig, weiterzukommen. Da stellte
sich Herr Khler zurecht, um diesen Herzog zu betrachten. Von den beiden Mnnern
sa der grere aufrecht und blickte finster um sich. Du bist der Herzog
nicht, sagte sich der Beobachter, dann also der andere. Der Kleinere sa mde
zurckgelehnt in seinem Pelze verborgen.
    Endlich gelang es dem Einnehmer, bei einer ungeduldigen Bewegung des
Verhllten den Kopf zu sehen; er erkannte in dem trben Tageslicht ein fahles,
gelbliches Angesicht und fing einen harten Blick aus stechenden Augen auf, so
da er unwillkrlich einen Schritt zurcktrat. Der Postillon schwang sich auf
seinen Sitz und hob die Lederpeitsche, da griff Herr Khler entschlossen in
seine Brusttasche, zog den Hut, trat mit tiefer Verneigung an den Schlitten und
legte etwas auf die Decke. Die Peitsche knallte, und der Einnehmer schritt,
immer noch mit entbltem Haupt, nach rckwrts, whrend die Pferde anzogen;
dann setzte er seinen Hut gemtlich auf und schritt zu seinen Tabellen. Als er
zur Mittagsstunde mit dem Doktor ber den Markt kam, trat der Brgermeister zu
ihm. Dies Buch ist auf der Gasse gefunden worden, der Ratsdiener sagt, da Sie
es dem Fremden heut frh berreicht haben.
    Ha, in der Tat! rief Herr Khler und betrachtete mitleidig den Band,
welcher durch den Schlamm des Weges traurig verdorben war, es ist das meinige.
Ich will Ihnen sagen, wie die Sache zusammenhngt. Dieser Fremde, der heut
morgen als Flchtling hier durchkam, war der Kaiser Napoleon. Ich wollte ihm
etwas Lektre auf den Weg geben, aber der undankbare Kerl versteht Gutes nicht
zu schtzen, und er wies das Buch; es war von seinem Lieblingsdichter und hatte
den Titel: Katzenbergers Badereise.

                                  Der Verlobte


Immer noch fiel der Schnee in groen Flocken, aber die weie Decke, welche sich
ber die Straen der Stadt breitete, war trgerisch, denn wo ein Futritt oder
ein Schlitten eindrckte, fllte sich die Spur mit schlammigem Wasser. Durch
Schnee und Regen klangen dumpfer als sonst die Sonntagsglocken, da kam ein
plumper Bauernschlitten, mit grauer Leinwand berdeckt, von zwei abgetriebenen
polnischen Gulen gezogen, durch das Stadttor. Ein alter Mann mit langem grauen
Schurrbart und einer polnischen Mtze trieb als Kutscher die elenden Pferde und
sah wild zur Seite, als der Stadtsoldat herantrat und sein Halt! Wer da? rief;
denn wegen des durchziehenden franzsischen Volkes hatte die Stadt auch fr den
Tag eine Torwache bestellt.
    Der Kutscher antwortete etwas in fremder Sprache, wovon die Wache nur
L'Empereur verstand.
    Die Geschichte mit dem Lamperr ist zu Ende, sagte der Stadtsoldat
unwillig, mit euch macht man jetzt wenig Federlesens. Die Hintergasse hinein
zum Spital, dort meldet euch!
    Ein kurzer Befehl kam aus dem Fuhrwerk, der Kutscher peitschte die Mhren
und fuhr geradeaus dem Markte zu. Der Torwchter sah ihm entrstet nach: Das
Volk will noch nicht parieren, brummte er und setzte sich wieder in sein
Schilderhaus, auf dem Markte werden sie euch schon anhalten. Der Schlitten
fuhr beim Gasthofe vor, der Hausknecht stand in der Tr, er rhrte sich nicht,
dem Kutscher zu helfen. Fahrt fort, ihr findet hier kein Unterkommen. Da rief
aus der Leinwand die Stimme eines Mannes: Ich lasse die Frau Wirtin ersuchen,
sich herzubemhen. Nach einer Weile kam die Wirtin langsam heran, aber sie
schlug vor dem Schlitten die krftigen Arme bereinander, gerstet, den Fremden
abzuweisen. Die Leinwand ffnete sich, in dem Schlitten lag, auf Futterscken,
in Decken gehllt, ein Mann in franzsischer Uniform, deren verschossene
Goldstickerei schlieen lie, da der Kranke ein vornehmer Offizier war.
    Ein alter Bekannter bittet um ein Quartier, Frau Wirtin; ich habe vor
einigen Jahren bei Ihnen gewohnt. Die Wirtin starrte in das Gesicht. Das ist
ja der fremde Kapitn, der unsere Reiter aussperrte. Mein Gott, wie sehen Sie
aus?
    Weisen Sie mich nicht ab, denn ich bin krank.
    Ich darf Sie nicht nehmen, sagte die Frau mit erwachender Teilnahme; die
Kranken mssen alle ins Hospital.
    Ich brauche nur einige Tage Ruhe, um mich zu erholen, und werde Ihnen
dankbar sein.
    Ich mu Sie aber sogleich anmelden beim Magistrat und auch bei dem Herrn
Doktor.
    Das ist mir recht, ich bitte um den Besuch des Arztes, sagte der Franzose.
Er wurde mit Hilfe seines Begleiters und des Hausknechts aus dem Schlitten
gehoben und die Treppe hinaufgefhrt. Da die Wirtin ihn einmal aufgenommen
hatte, gedachte sie freundlicher ihrer Pflicht und fragte, was er begehre:
Wrme in das Zimmer und etwas Warmes zu trinken.
    Das fordern sie alle, sagte die Wirtin im Herausgehen, er ist sehr
verndert, aber noch immer ein schner Mann. Wie prchtig sah er damals aus, als
er mit der Pistole jedermann niederscho. Der Fremde legte erschpft den Kopf
in die Kissen. Eine Stunde darauf ffnete der alte Begleiter leise die Tr. Der
Doktor hatte die Botschaft erhalten, da ein franzsischer Oberst seine Hilfe
begehre; als er vor das Bett des Fremden trat, der sich in unruhigem
Halbschlummer hin und her warf, fuhr er zurck und sein Antlitz wurde so
blutlos, wie das des Kranken. Vor ihm lag der Feind seines Lebens, der ihm und
einer anderen seit Jahren Glck und Frieden verstrt hatte; hilflos lag er vor
ihm, er sah, wie der Arzt sieht, den Beginn einer schweren Krankheit, und er
sollte ihn heilen. Wie er so unbeweglich stand, richtete sich der Franzose halb
auf und starrte ihn mit groen Augen an: Ich bin krank, mein Vater, murmelte
er leise in deutscher Sprache; doch gleich darauf fuhr er franzsisch fort: Sie
sind es, Herr Doktor? Solches Wiederfinden haben wir beide nicht gewnscht. Aber
Sie sehen, ich halte mein Wort und komme zurck, damit Sie mich weiter in die
Kur nehmen. Machen Sie mich schnell gesund, Herr, denn mein Kaiser braucht
mich. Der Doktor setzte sich zum Bett und tat die Fragen an den Kranken selbst
und an den alten Franzosen, welcher an der Tr stand, dann verordnete er, was
zunchst ntig war, und sagte gehalten: Ich werde mir vor allem Mhe geben,
durchzusetzen, da Sie im Gasthofe bleiben, das Hospital ist leider berfllt,
und den Kranken wird es schwer, sich dort zu erholen. Ich bringe sogleich
Bescheid.
    Kein Hospital, rief der Fremde heftig, auch in dem Gasthofe denke ich
nicht zu bleiben; ich habe hier in der Nhe eine Familie auf dem Lande, in
welcher ich meine Genesung abwarten will, dort hoffe ich bessere Pflege zu
finden.
    Als der Arzt wiederkam, war die Krankheit zum Ausbruch gekommen. Der Fremde
warf sich in wilden Phantasien umher. Der Doktor lauschte auf die tollen Reden
in franzsischer und deutscher Sprache, und er hrte mit Schrecken, wie die
Bilder von Gefechten und die Todesangst vor einem kalten Strom, in dem der
Kranke neben seinem Pferd treiben mute, mit anderen Gedanken wechselten, von
einem Pfarrhause, das er suchte und nicht finden konnte. Er sah auf die Hand des
Liegenden, der Ring mit dem Vergimeinnicht steckte daran. Als er das Bett
verlie, nahm er den alten Begleiter beiseite und sagte: Ich will bewirken, da
Sie hierbleiben und die Pflege Ihres Herrn bernehmen drfen. Der Franzose
dankte mit trnenden Augen. Ich werde dafr sorgen, da Sie selbst gut
verpflegt werden, damit Sie in diesem Dienste aushalten knnen, und ich werde
Ihnen, wenn die Krankheit sich steigert, noch einen Mann zur Hilfe beiordnen;
dafr geben Sie mir Ihr Wort, da Sie dem Kranken mit Festigkeit widerstehen,
wenn er in lichten Augenblicken den Willen ausspricht, Bekannte zu sehen, die er
in dieser Gegend hat, und da Sie, wenn er es noch so dringend verlangen sollte,
ohne mein Wissen keine Nachricht nach auswrts abgehen lassen. Die Krankheit
droht mit Ansteckung, und ich kann es nicht verantworten, andere der Gefahr
auszusetzen. Der Alte versprach alles.
    Als der Doktor nach Hause kam, warf er sich in den Sessel und schlug die
Hnde vor das Gesicht. Von den bitteren Pflichten seines Berufes sollte ihm
keine erspart bleiben; nach jener Krankheit der Geliebten die Todesgefahr des
Mannes, der sich zwischen ihn und sein Glck gedrngt hatte. Es war ein schwerer
Fall; wenn er sich zurckzog und dem fr die Fremden bestellten Chirurgus die
Behandlung berlie, wer konnte ihn tadeln? Wenn der Fremde ein Opfer der
Krankheit wurde, wie tausend andere, so war die Geliebte frei! Dieser Gedanke
wirbelte ihm durch das Hirn, aber nicht lange. Er erhob sich, trat an das
Fenster und sah hinaus zu den grauen Schneewolken: Das ist mein Kriegsdienst,
sagte er bitter, er bringt nicht nur das Leben in Gefahr, auch die Seele. Und
er legte die heie Stirn an die kalten Scheiben, dann ma er mit festem Schritt
sein Zimmer. Sie mu es wissen, sagte er laut, und von neuem berkam ihn die
Angst, und wie sehr er sich in seinen Gedanken wehrte, auch ein anderes Gefhl,
das mit Eifersucht nahe verwandt war. Wer konnte sagen, ob ihr nicht als Pflicht
erschien, dem Kranken zur Pflege herbeizueilen? Durfte er das hindern? Nein!
rief er laut. Sie hat das Recht, zu fordern, da ich ihr jetzt vertraue, wo fr
uns beide die Zeit der Prfung kommt. Und er schrieb ihr, auch von seinem
innern Kampf, er gelobte ihr, alles fr den Kranken zu tun, was er vermge, und
flehte, da sie sich und die Eltern jetzt keiner Gefahr aussetze. Erst als er
auf diesen Brief die kurze Antwort erhielt: Ich werde tun, mein Freund, was Sie
fr recht halten, wurde er ein wenig getrstet.
    Die Krankheit stieg; es vergingen Tage, wo der Doktor selbst nicht an die
Genesung glaubte. Er kam und ging, sa halbe Stunden bei dem Bett und lauschte
auf die Atemzge eines Lebens, das ihn elend machen sollte, wenn er es erhielt.
Dann kam ein Tag, wo der alte Husar mit Trnen der Dankbarkeit seine Hand
ergriff und erstaunt war, da der gute Doktor die Hand so heftig zurckzog.
Endlich durfte er dem Kranken sagen: Die grte Gefahr ist beseitigt, jetzt
kommt alles darauf an, da Sie Krfte gewinnen.
    Sie haben redlich an mir gehandelt, mein Herr, sagte der Franzose, ich
wei recht gut, da Sie das berwindung gekostet hat. Ich sah zuweilen, wie Ihr
Auge auf mich gerichtet war; Sie sind Patriot und hassen in mir den Feind Ihres
Vaterlandes.
    Ich habe gegen Sie meine Pflicht getan wie gegen jedermann, antwortete der
Doktor, und ich denke, Sie werden auch nach Ihrer Genesung mir dies Zeugnis
geben.
    Ich habe Ihre Sorge und die der guten Wirtin lange in Anspruch genommen;
mein treuer Diener sagt mir, da ich Wochen hier gelegen. Ist es fr andere
nicht mehr gefhrlich, in meine Nhe zu kommen, so wnschte ich wohl, da einer
Familie, die ich in dieser Landschaft kenne, Nachricht von meinem Hiersein
gegeben wird.
    Wenn Sie diese Rcksicht auf die Gesundheit anderer nehmen, antwortete der
Doktor, so mu ich Sie bitten, noch einige Tage zu warten.
    Ich bin geduldig geworden, seufzte der Franzose und sank mde in die
Kissen zurck.
    Als aber der Doktor das nchste Mal eintrat, begann der Kranke wieder: Sie
sollen wissen, da ich eine Braut hier in der Nhe habe.
    Sie haben davon in Ihren Phantasien gesprochen.
    Wohl mglich, nickte der Franzose. Es war eine wunderliche Affre, mein
Herr. Ich hatte Gelegenheit, einen guten alten Mann und seine Tochter aus den
Hnden von Marodeuren zu befreien; die Marodeure waren Ihre deutschen
Landsleute, keine Franzosen. Ich war eine Zeitlang allein unter trunkenen
Wilden, und um die Situation zugunsten der Gefhrdeten zu wenden, sagte ich zu
den Schuften, da die junge Dame meine Braut sei; und da ich nicht fr eine
Unwahrheit verantwortlich werden wollte, so verlobte ich mich zur Stelle mit
ihr.
    Waren das Frulein und der Vater damit einverstanden? fragte der Doktor
mit rauher Stimme.
    Die schne Henriette war ziemlich bewutlos, als die Ringe gewechselt
wurden, das ist wahr; der Vater hatte nichts einzuwenden. Sie schweigen, mein
Herr, Sie halten die Sache fr den bermtigen Scherz eines jungen Offiziers,
der ich damals war? Ich habe nichts dawider, wenn ein bedchtiger Deutscher den
schnellen Entschlu verurteilt. Doch da Sie als Arzt auch gern beobachten, was
in der Seele vorgeht, so will ich zu meiner Rechtfertigung Ihnen im Vertrauen
zweierlei sagen. Zuerst natrlich, da das Mdchen sehr schn war und da die
rhrende Hilflosigkeit, in der sie am Boden lag, mir die ganze Seele bewegte,
und ich versichere Sie, es sind seitdem Jahre vergangen, aber ich sehe die holde
Gestalt noch oft in dieser Weise vor mir. Warum schweigen Sie, mein Herr? Hren
Sie noch etwas. Als ich in die Stube sprang und mich umsah, die Schufte
zurckwarf und die gebrochene Gestalt an der Hand hielt, da Doktor, war mir
pltzlich zumute, als htte ich das alles schon einmal erlebt und gewollt, und
als mte ich sie mir verloben, um ihr Leben vor rgerem zu bewahren. Und ich
tat es wie etwas, das sich von selbst versteht. - brigens hat das Abenteuer zu
meinem Glck geholfen, soweit jemand von Glck sprechen kann, der vor Ihnen
liegt wie ich. Der Bruder des Kaisers, der damals in Ihrer Hauptstadt befahl,
erfuhr davon, fand die Geschichte plaisant und sandte mich in guter Absicht mit
Briefen zum Kaiser. Auch diesem mu durch seine Umgebung oder den Prinzen der
Vorfall bekannt geworden sein, und er war aus irgendeinem Grunde nicht
unzufrieden, vielleicht weil ein Franzose sich darin weniger gewaltttig
darstellte als die Deutschen, und erwies mir seitdem bei jeder Gelegenheit
persnliche Gnade. Er behielt mich in seiner Nhe, dann wurde ich nach Italien
und Spanien geschickt und schnell befrdert. Der Kaiser vergit nichts. Als vor
dem Ausmarsch nach Ruland mein Regiment bei ihm vorberzog, rief er mich heran
und fragte mit einer wahrhaft liebenswrdigen Freundlichkeit: Oberst, wie geht
es Ihrer deutschen Frau? Und als ich antwortete: Meine Braut lebt noch in ihrer
Heimat bei den Eltern, setzte er hinzu: Der Brutigam war in der Fremde. Ich
hoffe, wenn diese weite Promenade beendet ist, werden Sie der Kaiserin die
Generalin Dessalle vorstellen.
    Der Doktor bezwang die innere Emprung. Haben Sie nie daran gedacht, sagte
er bitter, da Ihr pltzlicher Einfall das Lebensglck eines Mdchens, welches
Ihnen doch fremd war, zerstren konnte? Der Franzose erhob sich in seinem Bett
und sah den Arzt gro an: Mein Herr, ich will die Dame zur Oberstin Dessalle
machen.
    Wenn aber sie selbst diese Ehre nicht zu wrdigen wei?
    Der Kranke legte sich wieder zurck und lchelte. Ihr Vater hat mir in der
Tat in den letzten Jahren so etwas in einem Briefe angedeutet, den ich in
Spanien erhielt, und wie er schrieb, auch meinen Ring zurckgeschickt. Der Ring
lag brigens nicht in dem Briefe. Ich mute antworten, da ich diese
Aufkndigung eines zarten Verhltnisses fr allzu streng halte, den Ring meiner
Braut bewahren und vorlufig meine Rechte gegen jedermann behaupten werde, bis
ich Gelegenheit erhalte, von ihr selbst Erhrung zu erbitten. Ich nahm an, da
dies in kurzem mglich sein werde, und ahnte nicht, da ich mich als Kranker ihr
vorstellen wrde.
    Der Doktor stand auf. Whrend er aber nach Haltung rang, um dem Egoismus des
Fremden ruhig entgegenzutreten, sah er, da ein Kranker vor ihm lag, dessen Arzt
er war. Und er begngte sich zu sagen: In einigen Tagen darf die Familie
benachrichtigt werden, dann werden Sie auch meinen Beistand entbehren knnen.
    Nachdem er das Zimmer verlassen hatte, sagte der Franzose zu seinem
Begleiter: Dieser Mann ist mein Feind, und wir sind hier nicht in guten
Hnden.
    Ach, Herr Oberst, wenn Sie wten, wie er um Sie gesorgt hat; oft kam er
noch in der Nacht und sa mit gefalteten Hnden an dem Bett, ihm verdanken wir,
da Sie alles berstanden haben.
    Einerlei! rief der Kranke; ich will fort, alle Leute hier hassen uns. In
dem Pfarrhause finden wir bessere Gesinnung.
    Der Doktor schrieb sogleich an den Senior, teilte die Krankheit und den
Wunsch des Obersten mit, ersuchte um Entscheidung und verbarg dem Pastor nicht,
da zwar die Gefahr der Ansteckung bei ntiger Vorsicht geschwunden sei, da
aber der Aufenthalt des Obersten in der Pfarre der Familie doch vielleicht
nachteilig sein knne.
    Der Brief, welchen Brbel zugleich mit einem andern an Henriette
berbrachte, erregte im Pfarrhause groe Bestrzung. Der Vater fhlte die
Verpflichtung der Familie, aber auch, da das Einlagern des kranken Franzosen in
dieser Zeit eine schwere Sache sei; auch die Mutter hatte alten Hoffnungen
beinahe entsagt, sie frchtete die Ansteckung und Belstigung, die Tochter
entschied: Wenn er zu uns will, und wre er ein Pestkranker, wir drften es ihm
nicht verweigern; hat er sein Leben fr uns aufs Spiel gesetzt, so ist jetzt der
Tag gekommen, wo wir es fr ihn wagen mssen. Danken wir dem Himmel, da er dies
so gefgt hat, die Last der Verpflichtung uns leichter zu machen. Brbel aber
schlug, als sie mit Henriette allein war, die Hnde zusammen. Wie kannst du das
tun, den, welchen die Leute fr deinen Brutigam halten, ins Haus nehmen,
whrend du einen andern lieber hast? Was soll dieser dazu sagen?
    Ja, Brbel, rief Henriette, gerade des andern wegen. Die beste Stube soll
der Franzose haben und Pflege wie ein Bruder, das ist sein Recht.
    Das ist nicht recht und wird nicht gut, entschied Brbel kopfschttelnd
und ging nach Hause, zum ersten Male unzufrieden mit ihrer Freundin.
    Der Senior kam mit seinem Wagen nach der Stadt, den Kranken abzuholen. Er
suchte zuerst den Doktor auf. Wir drfen uns dem Wunsche des Obersten nicht
entziehen nach allem, was vorhergegangen ist, auch meine Tochter ist der
Meinung. Wrde Ihre Begleitung nicht vorteilhaft sein? fragte er furchtsam.
Wir haben zwar gar keinen Anspruch darauf, ein so groes Opfer zu verlangen.
    Hat Ihr Frulein Tochter den Wunsch ausgesprochen?
    Es fiel mir auf dem Wege ein, sagte der Senior, damit Sie an Ort und
Stelle anordnen knnten, wie der Kranke gehalten werden soll.
    Dafr ist meine Begleitung nicht ntig, versetzte der Doktor finster,
sagen Sie Frulein Henriette, da ich, sobald sie meine Anwesenheit wnscht, zu
jeder Stunde bereit bin. In den ersten Tagen bedarf der Kranke Schonung, auch
aufregende Gesprche sind soviel als mglich zu vermeiden.
    Henriette ging den Tag ber geschftig durch das Haus, sie lie sich nicht
nehmen, das Zimmer fr den Obersten und ein kleines daneben fr den alten
Franzosen selbst einzurichten, und trug aus dem einfachen Hausrat alles
zusammen, was irgendwie zur Bequemlichkeit eines werten Gastes dienen konnte.
Die Mutter sah verwundert zu. Ob sie insgeheim noch daran denkt, da er sie zur
Frau haben will? Und sie fragte: Willst du die blhende Hyazinthe nicht auf
den Tisch stellen?
    Henriette verneinte: Sie riecht zu stark in der Krankenstube.
    Wie der Abend kam, zndete sie in allen bewohnten Zimmern Lichter an, hing
auch im Flur die groe Laterne auf, so da das Haus mit vielen leuchtenden Augen
in die Finsternis hineinblickte. Dann setzte sie sich still hin, die Hnde im
Scho gefaltet, und wartete.
    Der Wagen fuhr vor, die Mutter eilte neugierig in den Flur, dort den Gast zu
begren. Henriette blieb wie ein Bild von Stein sitzen; es war derselbe Sessel,
an dem sie damals auf dem Boden gelegen hatte, und dieselbe Stelle, auf welcher
er ihr den Ring angesteckt. Da trat der Franzose ein, gesttzt auf den alten
Husaren; langsam erhob sie sich und verneigte sich wie gegen einen vornehmen
Fremden. Auch der Franzose stand einen Augenblick festgebannt, die Augen flogen
wie einst durch das Zimmer und hafteten auf dem tiefernsten Antlitz der Jungfrau
vor ihm. Haben Sie Nachsicht mit einem Kranken, begann er in gemessenem Tone,
wenn er nach langem Aufenthalt unter Menschen, die ihm feindselig waren, alte
Bekannte aufsucht, bei denen er menschliches Mitgefhl fr sich erhofft.
    Mein Vater und ich verdanken dem Oberst, da wir heute hier stehen, Sie zu
begren; wenn der Aufenthalt in unserem Hause fr Ihre Genesung irgend von
Nutzen sein kann, so sind Sie uns als Gast willkommen. Er verbeugte sich
schweigend, sprach einige Worte zum Senior und der Hausfrau und bat dann, ihm zu
gestatten, da er auf sein Zimmer gehe. Dorthin geleiteten ihn die Eltern. Der
Empfang war berstanden, Henriette war zufrieden, da er ihr diesen leicht
gemacht hatte, und bat still um Kraft, die nchsten Wochen zu ertragen.
    Als der Oberst sich mit Hilfe des Alten auf dem Lager zurechtgerckt hatte,
begann er trotz seiner Mdigkeit in guter Laune: Nun, Vater, wie gefllt dir
die Braut und das Hochzeitshaus?
    Mademoiselle ist schn und entschlossen, sie ist die Herrin im Hause; da
sie dem Herrn Obersten ergeben ist, mchte ich nicht behaupten.
    Aus dem Vater habe ich herausgehrt, da sie wenigstens keinen Freiwerber
hat. Aber die guten Leute hier fhlen sich im Grunde auch belstigt durch unsere
Gegenwart, und es kann wohl sein, da sie bald Landesfeinde in uns sehen. Es tut
nichts. Seit den traurigen Nchten im russischen Schlitten und in dem
widerwrtigen Gasthofe kommt mir dies Bett vor, als stnde es im Elternhause -
er streckte dem Diener die Hand entgegen -, ruhe auch du, mein Alter, dir tut
es nicht weniger not als mir, und fr die Zukunft vertrauen wir unserm alten
Glck.
    Am andern Morgen wurde der Gast spt sichtbar. Henriette traf ihn im Zimmer
des Vaters, er grte sie artig und sprach sie an mit der gewhnlichen
Aufmerksamkeit, welche ein Mann von Selbstgefhl der Tochter des Hauses zu
widmen hat; dann redete er zum Vater weiter von den Beschwerden des letzten
Feldzuges, ruhig und gehalten, nur einmal wurde er lebhafter, als er seinen
Diener erwhnte. Meinem Alten verdanke ich, da ich nicht im Schnee
zurckgeblieben bin. Ich war gestrzt und lag betubt, da wute er mir ein
Gespann zu verschaffen - er hatte es nicht ohne Kampf mit anderen armen Teufeln
gewonnen -, lud mich darauf und war durch viele de Meilen mein Fuhrmann.
    Er ist von Ihrem Regiment? fragte der Senior.
    Er war Wachtmeister, als ich eins hatte; es ist dahin, hochwrdiger Herr.
Der Alte aber und ich gehren noch in anderer Weise zusammen. Er ist mein
Pflegevater, und wenn ihn diese Eigenschaft bei Ihnen irgendwie empfehlen kann,
so bitte ich herzlich, lassen Sie es ihm zugute kommen. Das versprach der
Senior bereitwillig und fragte, ob er ihn an den Tisch ziehen sollte.
    Das wrde er auf keinen Fall annehmen sagte der Oberst, berlassen Sie
ihm selbst, sich unterzubringen; er versteht gut, heimisch zu werden.
    Das ist er schon, versicherte der Senior, und nicht von heut. Er findet
auch die alte Magd wieder, die er frher mit seinem Franzsisch unterhalten
hat.
    Der Oberst war aufgestanden und betrachtete die Bilder an der Wand; dem
Senior war erfreulich, da sein Gast die Erinnerungen an Doktor Luther so
angelegentlich ins Auge fate.
    Ich bin Protestant, sagte der Oberst, sich umwendend, und ich bin der
Sohn eines Pfarrers. Mein Vater war ein strenger und trbsinniger Mann, der
seinen wilden Knaben oft mit Hrte behandelte. Dem Sohne wurde das Vaterhaus
verleidet, und da er einst mit sechzehn Jahren wegen eines kleinen Vergehens
schwere Zchtigung erlitten hatte, entlief er in dem kindischen Gedanken, sich
allein durch die Welt zu schlagen, am liebsten als Soldat. Er gesellte sich zu
dem Tro eines Regiments, das in den Krieg zog, es ging ihm elend, was ganz in
der Ordnung war; bei einer Retirade wurde er durch den Schlag, den ihm ein
Betrunkener versetzte, von dem Karren geworfen, auf den er hungernd und
erschpft gekrochen war. Wie er so verloren am Wege lag, fand ihn ein
Unteroffizier von den leichten Reitern. Der Reiter nahm den Knaben mit sich und
gewann ihn lieb wie einen Sohn, er wandte auf ihn, was er konnte, und bat fr
ihn bei seinen Vorgesetzten. Der Knabe wurde in eine Militrschule aufgenommen
und trat in das Regiment, in welchem sein Pflegevater stand. Seitdem hat der
Alte ihn behtet und fr ihn gesorgt, mehr als fr sich selbst. Sein Pflegekind
ist Oberst geworden, und er ist immer noch Wachtmeister. Ich hoffe, wir beide
bleiben beieinander, solange wir leben.
    Als er so sprach, sah er auf seine Hand. Ihr Ring steckte daran. Da stand
sie auf und verlie das Gemach.
    In solcher Weise fhrten sich die beiden Fremden im Hause des Seniors ein.
Der Oberst war fast den ganzen Tag auf seinem Zimmer, nur des Mittags und eine
Stunde nach Tische erschien er in der Familie, er verstand aber, sich in dieser
Zeit die gute Meinung der Eltern zu gewinnen. Da er bekannt hatte, da er
Protestant war, so wagte der Senior zuweilen einen kleinen Ausflug in Doktor
Luthers Leben und Schriften; bei solchen Spaziergngen bewies der Gast eine
bezaubernde Bereitwilligkeit, mitzugehen, die nicht nur durch den Wunsch, zu
gefallen, veranlat wurde. Offenbar war ihm selbst diese Art der Unterhaltung
angenehm, weil sie ihn an die eigene Knabenzeit erinnerte oder weil ihm solche
liebevolle Hingabe an lngst vergangene Zustnde etwas Neues war. Das Herz der
Mutter gewann er ganz und gar. Er war demtig dankbar fr jede Freundlichkeit,
die er von ihr empfing; er wollte nicht leiden, da sie ihm etwas zutrug, und
zeigte sich trotz seiner Schwche stets beflissen, ihr ein Aufstehen und einige
Schritte Weges zu ersparen. Henriette fragte sich: Ist dies die Artigkeit eines
gewandten Mannes oder ist es Gutherzigkeit? Bis er einmal, als die Frau Pastorin
dagegen protestierte, da er ihr ein Glas Wasser herbeiholte, angelegentlich
bat: Erlauben Sie mir das; ich habe durch meine Schuld zu frh das Glck
verloren, meiner Mutter die Pflichten des Sohnes zu erfllen, und mir ist jetzt
zumute, als knnte ich hier das Versumte nachholen.
    Aber auch Henriette vermochte die kalte Frmlichkeit nicht zu behaupten, die
sie in den ersten Tagen gegen ihn gezeigt hatte. Wenn er in anmutiger
Nachlssigkeit ber Wildes und Gefhrliches sprach, das er erlebt hatte, oder
wenn er kleine drollige Geschichten erzhlte, was er gut verstand, und dabei
einmal unbefangen wie ein Kind lachte, so mute sie sich selbst zugeben, da er
in solchen Augenblicken wahrhaft liebenswrdig war. Sie selbst behandelte er mit
gleichfrmiger Artigkeit, ohne sie durch auffallende Zuvorkommenheit scheu zu
machen, aber in dieser leichten und sicheren Weise lag etwas, was ihr Angst
machte; er betrachtete sie im Grunde immer als ihm angehrig, und sie kam sich
vor wie ein gefangener Vogel, der aus dem Bauer in eine gerumige Stube versetzt
ist, feste Wnde umgeben ihn doch von allen Seiten.
    Doch ganz unverndert blieb sein Wesen ihr gegenber auch nicht; sie merkte,
da sie ihm gefiel, aber sie ahnte nicht, wie sehr. Wenn sie kam und ging,
folgte ihr ein bewundernder Blick; wenn sie gesprochen hatte, sa er lauschend,
als klnge ihre Rede in seiner Seele nach; wenn er, durch Vater oder Mutter
veranlat, etwas erzhlte und lebhaft wurde, wandte er sich unwillkrlich an
sie, als ob nur sie vorhanden sei. Nach einer rauhen Woche voll Sturm und Regen
schien die Sonne warm an die Scheiben, da ging er zum erstenmal hinaus in den
Garten, und wie er wieder in das Zimmer trat, berreichte er ihr ein
Schneeglckchen und sagte dabei: Erlauben Sie, da ich den Raub von den Beeten
an die Herrin zurckgebe. Es ist ein guter Name, den die Blume im Deutschen hat;
wenn das Glckchen gelutet hat, stellt sich nach und nach die ganze Gemeinde
auf den Beeten ein. Lassen Sie mich hoffen, da auch mir nach dem ersten
winterlichen Gru hier eine wrmere Neigung erblhe. Henriette hatte keine
andere Antwort als eine stumme Verneigung, aber in ihrem Zimmer schritt sie
unruhig auf und nieder. Was hatte sie auf sich genommen? So durfte das nicht
fortgehen, die Not wurde grer, als sie je gewesen; von den Eltern hatte sie
keine Hilfe zu erwarten, sie selbst mute dem Fremden jede Hoffnung benehmen.
Aber ihr bangte vor der Stunde.
    Whrend sich in dem Pfarrhause ein stiller Kampf vorbereitete, fuhr drauen
in Stadt und Land der Frhlingssturm durch die Seelen. Der Knig war in die
Provinz gekommen, das Volk rstete zum Kampf.
    Der Senior hatte in seinem Zartgefhl zum Gast nie ber das Groe
gesprochen, was drauen in der Welt vorging; Besuch von Bekannten hatte sich
nicht eingestellt, und die Familie lebte so allein, als wre mit dem Pfarrdorf
auch die ganze Umgegend in eine Wstenei verwandelt. Der Senior wunderte sich
zuletzt darber und sagte zur Tochter: Auch keiner von den Amtsbrdern lt
sich sehen.
    Weil der Franzose bei uns wohnt, antwortete Henriette traurig. Das Haus
ist den Nachbarn verleidet.
    Von seiner Krankheit ist doch Ansteckung nicht mehr zu befrchten, sagte
der Vater, und wenn die Leute mit dem Obersten bekannt wren, wrden sie ber
den freundlichen Mann anders urteilen.
    Sooft die Zeitung in die Pfarre kam, bat der Oberst darum und brachte sie
schweigend zurck. Es stand wenig darin, er las doch daraus, da er in Gefahr
sei, Kriegsgefangener zu werden. Das sagte ihm auch sein Begleiter. Als am
Sonntag die Glocken luteten, trat ich in den Garten, mir das Bauernvolk hier zu
betrachten. Da drngten sie sich an die Mauer, und viele sprangen hinauf, sahen
mich tckisch an, schrien und ballten die Fuste. Die Luft ist schwl, mein
Oberst; es wird Zeit, da wir davonreiten.
    Warte ab; ich habe hier einen wilden Vogel gefunden, den ich mir zhmen
will fr unser Haus.
    Wo ist Ihr Haus, mein Oberst? Das Zelt ist es und der blaue Himmel. Der
Kaiser braucht uns.
    Gut, mein Vater, ich denke daran. Zrne mir nicht, wenn ich auch einmal um
ein friedliches Glck sorge. Mir ist es noch nie so gut geworden, und ich knnte
den ganzen Tag bei dem Mdchen sitzen, ihr die Maulwrfe wegfangen und die
Giekanne tragen.
    Wahren Sie sich nur, mein Oberst, da Ihnen die Demoiselle Grtnerin nicht
das kalte Wasser ins Gesicht giet. Sie hat kein gutes Herz fr uns Franzosen.
    Meinst du, Alter? Ich bewahre, woran ich festhalte.
    Henriette trug dem Vater ihre Wochenrechnung vor. Der Oberst macht es dir
doch schwer, die Wirtschaft zu fhren, sagte der Senior bedenklich, wenn nur
nicht der tgliche Wein wre fr ihn und auch fr den Alten, das letztere ist
doch wohl nicht ntig.
    Du weit, wie lieb ihm sein Begleiter ist, antwortete die Tochter.
    Das ist schon recht, aber wo das Geld hernehmen?
    Der Wein ist zu Ende, ich setze heut die letzte Flasche auf. Der Knecht mu
nach der Stadt, neuen holen.
    Meine Kasse ist leer, sagte der Senior gutlaunig, zog eine Schublade auf
und untersuchte vergeblich.
    Meine Sparbchse auch, antwortete Henriette. Die drei Dukaten Patengeld
sind drauf gegangen.
    Was aber tun? berlegte der Vater. Er sah die Tochter zweifelhaft an.
Dort in der Ecke liegen immer noch die Geldrollen; jetzt, meine ich, drfen wir
ohne Bedenken etwas davon nehmen, es ist ja zu seiner Bequemlichkeit.
    Nein, mein Vater, bat Henriette, die Summe gehrt nicht uns und nicht
ihm, und wir drfen uns daran nicht vergreifen.
    So schaffe Rat, sagte der Senior ein wenig rgerlich. Henriette strich ihm
bittend an die Schulter. Von dem Silberzeug brauchen wir nur ein halbes
Dutzend, die Hlfte ist unntz, und im Notfall knnen wir die schwere Kelle auch
entbehren. Ich fahre selbst nach der Stadt und kaufe Zinn.
    Lieber Gott, klagte der Pastor, man soll ja sein Herz nicht an Dinge
hngen, welche Motten und Rost fressen, aber dies war die Ausstattung, als ich
deine Mutter heiratete. Diese Stcke sind mit uns alt geworden. Wie wird deine
Mutter das ertragen?
    Sie sitzt in der Kammer und weint, sie hat aber nichts dawider. Ich will es
geschickt machen, denn der Oberst darf nichts davon merken.
    Das versteht sich, besttigte der Vater.
    Der Wagen des Landrats fuhr vor. Als er eintrat, wollte Henriette sich
entfernen.
    Mich fhrt nichts Geschftliches her, begann der Landrat, sie aufhaltend;
es ist eigentlich nur eine Bitte, die ich an den Herrn Senior zu richten habe.
Am nchsten Sonntage soll der Aufruf des Knigs An mein Volk von den Kanzeln
verkndet und eine patriotische Mahnung daran gefgt werden. Als alter Bekannter
erlaube ich mir den Vorschlag, da Sie an diesem Tage einer groen Aufregung
einem andern Amtsbruder den Gottesdienst und die Verkndigung bertragen.
    Weshalb, Herr Landrat? fragte der Pastor betroffen.
    Ein vornehmer Franzose weilt als Gast in Ihrem Hause, erwiderte der
Beamte. Ich wei, da er von unserer Regierung nicht als Gefangener betrachtet
wird, und ich kann mir denken, da Bande zarter Verpflichtung Sie veranlassen,
ihm in Ihrem Hause eine Freisttte zu geben. Aber ich meine, es wird Ihnen
selbst unter diesen Umstnden peinlich sein, von Ihrer Kanzel der Begeisterung
und dem tiefen Ha, welcher in unserer Bevlkerung gegen die Franzosen lebt,
wirksamen Ausdruck zu geben.
    Herr Landrat, versetzte der Senior mit zitternder Stimme, unser Erlser
hat geboten: Liebet eure Feinde. Ha vermag ich nicht in meine Seele zu bringen,
noch weniger von der Kanzel zu predigen. Aber ich bin ein Preue und meinem
Knige treu ergeben, und wenn Krieg fr die Rettung des Vaterlandes notwendig
geworden ist, so werde ich in meinem Amte meine Pflicht tun wie jeder andere
Amtsbruder.
    Nicht ohne Verlegenheit widersprach der Landrat: Auch wenn Sie selbst das
Wnschenswerte mit warmen Worten sagen knnen, so, besorge ich, wrde die
Wirkung auf Ihre Gemeinde nicht die richtige sein. Es wre wohl mglich, da in
diesen Tagen leidenschaftlicher Erregung durch die Heftigkeit einzelner
Mitglieder der Gemeinde ein Miton in die heilige Feier kme, der Sie selbst am
tiefsten verletzen wrde.
    Der Senior setzte sich in seinen Stuhl und faltete die Hnde. Gott, mein
Herr, hast du mich vor sieben Jahren darum aus den Hnden der Mrder errettet,
damit ich diese Demtigung erlebe?
    Die Tochter beugte sich ber ihn: Trage auch diese Prfung, geliebter
Vater. Sie griff in den Schreibtisch, hob die Geldrollen heraus und legte sie
vor dem Landrat auf den Tisch. Diese Summe haben Sie vor Jahren meinem Vater im
Auftrage einer fremden Regierung berbracht, sie ist unberhrt geblieben, wie
sie damals war. Der Vater hob sie auf bis zu dem Tage, wo er sie hingeben knnte
fr einen patriotischen Zweck. Jetzt wird zu freiwilligen Gaben fr Ausrstung
des Heeres aufgefordert werden; ich bitte Sie, als unsern Beitrag dies
hinzunehmen. Andere mgen mehr geben, es ist das letzte Geld, welches der Vater
im Hause hat.
    Ich darf Ihre Gabe nicht ablehnen, sagte der Landrat, selbst bewegt durch
den Schmerz des Vaters und der Tochter. Ich hoffe, sie wird den falschen
Argwohn tilgen, der sich gegen Sie erhoben hat. - Noch habe ich fr Ihren Gast
dies amtliche Schreiben abzugeben.
    Als der Senior seine Fassung so weit wiedergewonnen hatte, da er dem
Obersten den Brief zu berreichen vermochte, brach dieser schnell das groe
Siegel auf und bemerkte vor Freude ber den Inhalt nichts von der
Niedergeschlagenheit des Hausherrn. Er fand einen Freipa der Militrbehrde zur
Reise nach Frankreich mit einer kurzen Zuschrift des Grafen Gtz, in welcher
gesagt war, da der humane Beistand, welchen der Oberst in dem letzten Kriege
preuischen Untertanen mit eigener Gefahr geleistet habe, die Veranlassung
geworden sei, ihn wahrend seiner gegenwrtigen Krankheit mit seinem Begleiter
nicht als Kriegsgefangenen zu behandeln. Der Oberst wies verwundert das
Schreiben dem Senior. Wem verdanke ich diese Gunst? Aber der Senior wute es
nicht.
    Da mein treuer Sergeant mit angefhrt ist, mu Ihre Regierung genau mit dem
Sachverhltnis bekannt sein.
    Wir haben Sie beim Landrat angemeldet, suchte der Pastor zu entschuldigen,
Aber es gelang doch nicht, dem Gast die Verlegenheit der Familie ganz zu
verbergen; was die Herrenstube verschwieg, kam in der Kche heraus. Zwischen dem
alten Franzosen und der Dienstmagd Susanne bestand ein gutes Einvernehmen. Der
Sergeant half ihr, soweit seiner Wrde geziemte, bei der Kchenarbeit, war immer
gengsam und gutlaunig. Und es blieb ein stilles Verhltnis, denn keines
verstand viel von der Rede des andern, der Franzose aber etwas mehr als Susanne,
da er auf seinen Kriegsfahrten allerlei fremde Worte erbeutet hatte. Wie nun am
Nachmittage das Frulein in die Stadt gefahren war und Susanne betrbt am Herde
sa und die Augen mit der Schrze wischte, fragte der Sergeant unruhig in seinem
gebrochenen Deutsch: Demoiselle Susanne, weshalb sind Sie heut traurig? Da kam
etwas von einer silbernen Kelle und dem Weine heraus, was der Alte verstand. Als
am Abend der Oberst seinem Vertrauten erzhlte, da ein Freipa fr sie beide
angelangt sei, sagte der Alte feierlich: Es ist Zeit fr Sie, mein Oberst, den
Pa zu gebrauchen, die Rcksicht auf diese armen Leute hier zwingt dazu; und er
berichtete seinem Herrn das Geheimnis der Kche. Der Oberst war betroffen, aber
die Nachricht machte ihm mehr Freude als Sorge. Solche Opfer brachte man nur
einem Gaste, den man sehr wert hielt, und Henriette selbst machte den Weg, um
ihm das Behagen des Mittagstisches zu erhalten! - so da er dem Alten sagte Du
weit, mein Vater, da die Oberstin Dessalle in keinen drftigen Haushalt tritt
und da es unsere Sache sein soll, ihr, was sie jetzt hingibt, tausendfach zu
ersetzen. Der Alte schttelte schweigend den Kopf.
    Am nchsten Morgen ging der Oberst im Garten auf und ab, als Henriette aus
dem Hause kam. Sie wich der Begegnung nicht aus, sondern erwartete, gehoben
durch den Willen, eine Entscheidung herbeizufhren, seine Anrede. Ich frchte,
schon zu lange Ihre Gastfreundschaft in Anspruch genommen zu haben; lassen Sie
als Entschuldigung gelten, da es mir sehr schwer wird, von hier zu scheiden. Es
war mein Los, unablssig im Getmmel des Krieges herumgeworfen zu werden. Die
gleichfrmige Ttigkeit Ihres Haushaltes, der Frieden hier und die gute
Gesinnung gegen alle Welt sind fr mich ein neues Glck, und mir ist, als wrde
man hier zufriedener und besser.
    Sie sind in der Genesung, antwortete Henriette, und dies Gefhl macht
weich und zufrieden.
    Es ist noch etwas mehr, mein Frulein, es ist Ihre Nhe - er lud sie mit
einer Handbewegung ein, auf der Bank Platz zu nehmen. Dort hatte ein anderer
neben ihr gesessen, sie ging vorber und fhrte zu der Sommerlaube. Noch fehlte
den Ruten des Geiblattes das grne Laub, und die Strahlen der ersten
Frhlingssonne fielen grell auf den Erdboben. Ich bin Ihnen eine Erklrung
schuldig, begann der Oberst, da ich dem Wunsch Ihres Vaters, der mir in
fernem Lande zukam, nicht entsprochen habe. Ihr Ring, den ich an meinem Finger
trage, ist fr mich bedeutungsvoll geworden, ich betrachte ihn mit einer Art
Aberglauben und sorge, mein gutes Glck wird von mir scheiden, wenn ich ihn
verliere. Das Ereignis, welches ihn an meine Hand brachte, hat mir zwar Feinde
geschafft, aber auch Gunst und Befrderung, es gab Veranlassung, da der Kaiser
selbst mir persnlichen Anteil zuwandte, und ich wei, da er auch meine
Beziehungen zu Ihnen kennt.
    Das klang selbstschtig, und Henriette antwortete kalt: Fr andere hat jene
Stunde nicht so gnstige Folgen gehabt, mein Herr.
    Ich stelle meinen Talisman in schlechtes Licht, fuhr der Oberst fort,
wenn ich an ihm nur rhme, da er Gunst und Gnade gebracht hat. Ich verdanke
ihm viel Besseres. Der Gedanke daran, da er mich in eine geheime Verbindung mit
Ihnen gesetzt hat, ist mir zuweilen in Stunden der Versuchung ein Schutz
gewesen; oft dachte ich in der Fremde, wo ich Gefahr und Jammer sah, an die Not
Ihres Hauses und an die Hilflosigkeit, in welcher ich Sie, holde Henriette, und
Ihre Eltern fand, und wenn mir hier und da gelang, ein gutes Werk zu tun, so bin
ich Ihnen dafr zu Dank verpflichtet. In einem spanischen Dorfe waren
franzsische Soldaten grausam ermordet worden; meine Leute hatten einen
Einwohner ergriffen und an den Baum gebunden, um ihn zu fsilieren. Sein Weib
warf sich vor mir nieder und umfate meine Knie. Ich war in Emprung, gerade wie
meine Reiter, und ich wollte sie wegstoen, da prete sie mir in der Angst die
Hand zusammen, und ich fhlte den Druck des Ringes. In dem Augenblick sah ich
Sie vor mir am Boden und band den Spanier los, nicht ohne eigene
Unbequemlichkeiten, denn meine wtenden Reiter wollten sich das Shnopfer nicht
entreien lassen. Und wie jenen Schelm, so hat der Ring auch manches Heimwesen
der Feinde vor der Zerstrung geschtzt und vielleicht auch manches junge Weib
vor dem Verderben. Ich sage das nicht, um mich Ihnen als einen hochherzigen Mann
darzustellen; ich bin ein wilder Reiter, und ich frchte, das lange Liegen im
Felde hat in mir verdorben, was der Mensch in friedlichen Verhltnissen leichter
bewahrt. Es war nicht mein Verdienst, sondern das Ihre, wenn ich in diesen
Jahren eines unaufhrlichen Blutvergieens gern daran dachte, da es auf Erden
ein Glck gibt, das ich entbehren mu:
    Weib, Kind, geordnetes Hauswesen und das redliche Leben eines honetten
Mannes, der seine Pflicht erfllen kann, ohne tglich anderen wehe zu tun. Je
lnger mich mein Schicksal aus einem Feldzuge in den andern fhrte, um so
lebendiger wurde der Traum und um so heier die Sehnsucht nach einem stillen
Glck an Ihrer Seite. Wenn ich mde sa am flackernden Feuer, vor meinen Augen
das Gewhl des Biwaks, in meinem Ohr das Sthnen der Verwundeten, da klang es in
mir wie das Gelut dieser Kirche und wie eine fromme Mahnung, da auch mir eine
andere und bessere Zukunft bereitet sei. Seine Rede war lebhafter geworden, er
sprach das letzte in groer Bewegung.
    Henriette sah scheu nach ihm hinber. Es war die Sehnsucht nach Erlsung
von einem schrecklichen Berufe, was Sie beschftigte, Herr Oberst, aber es war
nicht das fremde Mdchen, das Sie nur einmal gesehen.
    Vielleicht war es frher so, antwortete der Franzose; jetzt ist es mehr.
Seit ich hier verweile und das Glck habe, Sie tglich zu sehen, die Sicherheit
zu sehen, mit der Sie sich in Ihrem Kreise bewegen, und den Stolz, mit dem Sie
meiner Werbung begegnen, seitdem fhle ich mit jedem Tage mich fester in Ihren
Banden. Ich wei jetzt, da ich ein glcklicher Mann wre, wenn Sie sich
entschlieen knnten, mich mit Zuneigung zu betrachten. Henriette stand auf.
Aus der Phantasie ist eine Leidenschaft geworden, holde Henriette, fuhr er
heftig fort, und der Gedanke ist mir unertrglich, da ich Sie verlieren
sollte.
    Und wenn alles wahr ist, was Sie sagen, rief Henriette, haben Sie in
diesen Jahren nie daran gedacht, wie das Mdchen unterdes gelebt hat, dem Sie im
Spiele Ihrer Gedanken eine Neigung zuwandten? Durch Zwang haben Sie mich an sich
gebunden, nach meinen Gefhlen aber nicht gefragt; seitdem habe ich lange Jahre
die bittere Demtigung getragen, wie eine willenlose Sklavin an einen fremden
Mann gekettet zu sein. Hassen kann ich Sie nicht, denn Sie haben in Ihrem wilden
Mute mich und meinen Vater geschtzt, die Neigung aber, welche Sie fordern,
finde ich nicht in meiner Seele, und die Frau des Obersten Dessalle kann ich
niemals werden.
    Der Oberst stand auf. Ich verstehe, sagte er, Sie sind eine Deutsche, und
wie hier im Lande die Stimmung ist, sehen Sie in mir den Franzosen. Sie werden
mir das Zeugnis nicht versagen, da ich die Gefhle einer deutschen Frau whrend
meiner Anwesenheit gewrdigt habe. Aber die feindliche Spannung, welche jetzt
zwei Nationen gegeneinander bewaffnet, wird nicht dauern, in wenig Monaten ist
der Zwist zwischen meinem Kaiser und Ihrem Knige entschieden. Schnell wechselt
auch bei den Regierungen Genossenschaft und Abneigung. Zrnen Sie mir deshalb
nicht, schne Henriette, wenn ich Ihnen erklre, da ich Sie wegen Krieg und
Frieden der Vlker nicht aufzugeben vermag. Hatte ich Sie vorschnell mit mir
verbunden, so bin ich seitdem lter geworden und habe den Wert dieses Erwerbes
erkannt, und ich bin entschlossen, alles zu wagen, um Sie mir fr die Dauer
meines Lebens zu gewinnen.
    Henriettens Gestalt hob sich hher, die mdchenhafte Scheu war abgetan: Sie
rhmen die Rcksicht, die Sie mir bewiesen haben, Herr Oberst; und doch wollen
Sie zu dem alten Zwang einen neuen fgen; und die Genugtuung, die Sie mir geben
wollen, soll die sein, da Sie mich auf eine Zukunft verweisen, wo Ihre Werbung
mir besser gefallen msse. Meinen Sie, da solche Selbstsucht Ihnen das Herz
eines Weibes gewinnen kann? Sie handeln nicht edel an mir und nicht, wie ein
Mann von Ehre gegen ein Weib handelt, zu dem er eben erst von seiner Liebe
gesprochen.
    Henriette! rief der Oberst unwillig.
    Sie fuhr sich ber die Stirn. Nein, verzeihen Sie mir, das ist die Sprache
nicht, die mir gegen meinen Retter geziemt; nur bitten darf ich und Sie an das
erinnern, was Sie mir von Ihrer freundlichen Gesinnung gegen mich gesagt. Bin
ich Ihnen etwas wert und hat Ihnen jemals der Gedanke an mich wohlgetan, so
flehe ich, da Sie jetzt nicht auf einem Anspruch bestehen, der mich jeden Tag
unglcklich macht, weil er mich demtigt und meine Zukunft in schwarzes Dunkel
hllt. Geben Sie mir meinen Ring zurck. Einmal haben Sie mich zu Ihren Fen
gesehen; ist es eine Befriedigung fr Sie, so will ich wiederum vor Ihnen
niederfallen und die Knie meines Retters umfassen, damit Sie die Fessel lsen,
durch die ich an Sie gekettet bin. Sie beugte sich in ihrer Leidenschaft
abwrts. Bestrzt wehrte ihr der Oberst. Sie lieben einen anderen, mein
Frulein! rief er.
    Henriette richtete sich auf. Vielleicht, sagte sie tonlos.
    Jetzt begreife ich Ihren Widerstand, Mademoiselle, versetzte der Franzose
bitter. Aber vergessen Sie nicht, da der Ring, welcher Sie zu meiner Verlobten
gemacht hat, auch mir noch andere Trume als die eines idyllischen Stillebens an
Ihrer Seite wachruft. Jener Bayer, der in der Ecke Ihres Hofes liegenblieb, war
nicht der einzige. Noch zweimal habe ich seitdem mit Kameraden des Toten ein
hnliches Zusammentreffen gehabt; es hngen fr mich auch finstere Erinnerungen
an dem Reif, die mein Leben belasten. Ich habe blutigen Preis fr ihn bezahlt,
und ich ersehne auch deshalb die Nhe der geliebten Gattin, damit sie mir mit
ihrer weichen Hand dstere Gedanken von der Stirne scheuche. Zrnen Sie also dem
Egoismus des Mannes nicht zu sehr, wenn er fortfhrt, gegen jeden anderen sein
Anrecht auf Sie zu verteidigen.
    Er wandte sich dem Hause zu; Henriette lehnte an dem Pfosten der Laube und
starrte vor sich hin.
    Sie war den Tag ber fr den Gast nicht sichtbar; die Eltern entschuldigten
ihre Abwesenheit mit Unplichkeit. Am Abend erklrte diesen der Oberst, da er
gentigt sei, morgen abzureisen, und bat um den Wagen bis zur Poststation. Da
der nchste Tag ein Sonntag war, sagte der Senior mit vielem aufrichtigen
Bedauern ber die Abreise, der Wagen stehe sogleich nach dem Gottesdienst zu
seiner Verfgung.
    Als die Glocken luteten, bereitete sich Henriette nach einer schlaflosen
Nacht, zur Kirche zu gehen. Wie sie aus dem Garten auf den Friedhof kam, standen
die Dorfleute in dichten Haufen, aber sie boten dem Pfarrkinde nicht wie sonst
freundlichen Gru, sondern wendeten sich scheu zur Seite. Von allen gemieden wie
eine Unreine, schritt sie in das Gotteshaus zu ihrem Sitz.
    Der fremde Geistliche predigte ber die Pflichten gegen das Vaterland. Nach
der Predigt las er den Aufruf des Knigs an sein Volk von der Kanzel vor und
sagte mit bewegter Stimme: An euch ergeht heut der Ruf, verlat Pflug und Hof,
verlat Eltern und Kinder, Weib und Braut. Hier im Tempel des Herrn, vor
versammelter Gemeinde, gebt Zeugnis, da ihr Mnner seid, bereit zum Kampf und,
wenn der Herr gebeut, zum Tode fr die Freiheit eures Vaterlandes, damit ihr und
eure Angehrigen nicht im Elend der Knechtschaft dahinlebt unter der Geiel des
bsen Feindes. Da ich heut an dieser heiligen Sttte zu euch rede, habe ich das
Recht, als erster meinen eigenen Namen zu nennen; ich bin bereit, mit Bibel und
mit Waffen hinauszuziehen in den Krieg, und wer tun will wie ich, der erhebe
sich und nenne im Hause Gottes vor den Ohren der Nachbarn und Anverwandten laut
seinen Namen! Da entstand tiefe Stille, da man das Rauschen eines Blattes
durch die ganze Kirche hren konnte. Ein junger Mann stand auf und rief seinen
Namen, und ein Gemurmel, welches klang wie ein leises Gebet, ging durch die
Gemeinde. Denn dieser erste war der einzige Sohn einer armen Witwe. Wieder
schallte ein Name, und wieder summte der leise Ton andchtiger Freude durch den
Raum; dieser war ein prchtiger Bursch, voran bei allen Freuden der Jugend und
ein Liebling der Mdchen. Ein neuer Name, und lauter rauschte es unter den
Hrern; der sich jetzt darbot, war verheiratet, und sein junges Weib sa auch in
der Kirche mit bleichem Antlitz, die Augen nach dem Kreuz auf dem Altar
gerichtet, und neben ihr sa ein kleiner Knabe. Neue Namen erklangen schneller
nacheinander und zu zweien. Als sich eine ganze Reihe gemeldet hatte, hrte
Henriette eine Stimme, die ihr alles Blut zum Herzen drngte, denn neben ihr
schallte laut durch den Raum der Name: Ernst Knig. Sie sah an ihrer Seite den
Geliebten stehen und blickte mit einer heiligen Freude zu ihm auf. Er wandelte
ihr den Tag der Demtigung in einen Tag der Ehren, denn um ihretwillen war er in
die fremde Gemeinde gekommen, damit auch sie heut ein Recht erhalte, das
Liebste, was sie hatte, zum Opfer zu bringen.
    Als die Rufe verhallt waren, stieg der Geistliche von der Kanzel, schritt
zum Altar und forderte die Freiwilligen auf, heranzutreten, damit er mit ihnen
bete. Sie kamen herzu, jeder begleitet von seinen Angehrigen; neben dem armen
Burschen ging die weinende Mutter und neben dem Ehemann seine Frau, und der Mann
hielt seine Hand auf dem Kopf des Kindes. Da erhob sich auch Henriette und trat
neben dem Geliebten zum Altar, alle knieten nieder, der Prediger betete und
erteilte ihnen den Segen. Es war einfacher Gottesdienst, ohne Pracht der Worte
im Dmmerlicht der alten Dorfkirche; und wie in dieser einen in vielen hundert
anderen.
    Langsam schritten die Leute aus der Kirche und sammelten sich auf dem
Friedhofe um die Mnner, welche am Altar eingesegnet waren. Als der Doktor neben
der Pfarrtochter herauskam, drngten die Bauern mit achtungsvollem Gru an beide
heran, denn auch in den Drfern dieser Gemeinde wuten viele, da der Doktor
seit Jahren ein Fhrer der stillen Arbeit fr das Vaterland gewesen war, und es
freute sie, da er in ihrer Kirche Zeugnis abgelegt hatte. Neben Henriette aber
ging auf der anderen Seite das Brbel, welches wute, wie der Gespielin heut
zumute war, und vor den Leuten seine Freundschaft beweisen wollte.
    An der Haustr stand der Oberst, zur Abreise gerstet; er erwartete
Henriette, um sie noch einmal zu sprechen. Als sie vom Friedhofe her an der
Seite eines anderen herankam, beide mit verklrtem Antlitz, so feierlich, da
man ihnen ein gemeinsames Glck ansah, da zog sich das Angesicht des Franzosen
drohend zusammen, und mit schnellen Schritten auf den Doktor zutretend, begann
er: Mein Herr, jetzt verstehe ich den Widerstand meiner Verlobten und die
Abneigung, mit der Sie selbst Ihren Beruf ausbten, whrend ich krank war. War
ich Ihnen bis heut Dank schuldig, so vermag ich von dieser Stunde in Ihnen nur
den Todfeind zu sehen, der zwischen mir und einem Weibe steht, welches ich als
meine knftige Gattin betrachte.
    Der Doktor entgegnete ruhig: Ich komme von einer Stelle, wo ich mein Leben
einem greren Kampfe geweiht habe, als der Streit mit einem persnlichen Feinde
ist, und in meiner Seele ist zu dieser Stunde kein Raum fr Ha und Rachsucht.
Da die Ansprche aber, welche Sie an die Hand dieses Fruleins erheben, nichtig
sind, und da Sie unehrenhaft und ruchlos handeln, wenn Sie dieselben gegen den
Willen des Fruleins geltend machen wollen, davon werde ich Sie zu berzeugen
suchen, sobald wir beide frei sind von der Pflicht, welche uns jetzt zwei
feindlichen Heeren zufhrt.
    Es ist genug, sagte der Oberst, nachlssig an seinen Pallasch rhrend, und
sich zu Henriette wendend, fuhr er fort: Mein Schicksal will es, Frulein, da
ich wie ein irrender Reiter den Weg zu Ihrer Gunst durch Abenteuer erkmpfen
soll; der Kampfpreis wird dadurch fr mich um so wertvoller. Leben Sie wohl,
schne Henriette, ich halte fest an meinem Traum. Er hob den Finger, welcher
ihren Reif trug, verneigte sich tief vor ihr und trat in das Haus zurck.
    Im nchsten Augenblick rollte der Wagen zum Hofe hinaus; die Jungfrau aber
legte ihre Hand in die des Geliebten: Ich habe ihm gesagt, da ich niemals sein
Weib werde. Seit ich heut am Altar neben Ihnen stand, frchte ich ihn nicht
mehr, auch fr Sie nicht mehr, mein Freund.
    Bei einem spteren Besuch sagte Brbel zu Henriette: Als die beiden mit
Worten gegeneinander kmpften, berkam mich ein Graulen. Unser Hiesiger war
grer, und der Fremde dunkler und geschmeidiger, aber in Angesicht und Gebrde
war einer dem andern hnlich.
    Henriette antwortete nicht, aber sie blickte so traurig und erschrocken auf
die Vertraute, da Brbel dachte: Sie wei es auch, und sie hat deshalb vor dem
Fremden heimliche Angst gehabt.

                                    Ins Feld


Whrend von der ungeheuren Sturmflut des Jahres nur einzelne Wellen nach dem
einsamen Pfarrhofe schlugen, brach in der Kreisstadt der Strom durch beide Tore,
er rauschte auf dem Markte und auf den Gassen und drang in alle Huser und
Herzen.
    Zuerst kamen die flchtigen berreste des groen Heeres: einzeln und in
Haufen schlichen sie durch das Tor, halb verhungert und halb erfroren, entblt
und in Lumpen, auch das Schuhwerk gerade so, wie ihnen prophezeit war; zerstrte
Leben, die dem Untergange verfallen waren, selbst nach ihrer Rettung aus der
Faust der Feinde. In dem Entsetzen ber das schreckliche Gottesgericht schwand
der Ha, womit der Brger sie kommen sah.
    Nicht lange, und russische Reiter folgten. Da die ersten mit ihren langen
Brten, auf kleinen, struppigen Pferden, zum Ringe ritten, geriet die Stadt vor
Freude auer sich. Alles lief herzu und umdrngte die Wilden, die Kinder faten
sie an den Beinen, und die Frauen streichelten ihre Pferde. Nur zwei Verbndete,
der Einnehmer und sein geheimer Ratgeber, betrachteten die neuen Freunde
ruhiger; der Verehrer deutscher Poesie brummte: Die einen gingen, die andern
kamen, dasselbe Ding mit neuem Namen, und Schilling sagte zu seinen Leuten:
Wenn ihr ihnen die Hnde schttelt, so haltet die Arme steif, damit sie euch
nicht zu nahe auf den Leib rcken, denn die Moskowiter tragen Unzhliges an
sich, was kriecht und springt. Als nun vollends die Baschkiren einrckten,
spitze Filzmtzen ber den bartlosen gelben Gesichtern und schrggeschlitzten
Augen, bewaffnet mit Flitzbgen und Pfeilen, um den Bonaparte wie einen Sperling
vom Baume zu schieen, da staunten die Stdter in heller Bewunderung die
fremdartige Kriegsmacht an und kamen sich selbst vor wie Prinzen in einem bunten
Mrchen, whrend das Heidenvolk auf ihrem Ringe groe Feuer anzndete und Stroh
breitete, um darauf zu lagern.
    Unterdes lief aus der Hauptstadt eine Botschaft nam der andern herzu, welche
die Landsleute noch nher anging; seit ihr Knig zu ihnen gekommen war,
erkannten sie, da der Tag da war. Sechs Jahre hatten sie auf diese Zeit
geharrt, und immer war ihr Hoffen getuscht worden; als jetzt endlich der
Kriegsruf in ihr Ohr schmetterte, war es keine berraschung; sie wuten bereits,
was sie zu tun hatten, und rsteten feierlich und still zum Aufbruch. Nur hier
und da quoll es aus den bervollen Herzen auffllig hervor. Der alte Trommler
der Brgerschtzen, welcher seit einem Menschenalter bei den Festen der Stadt
mit seinen Schlgen wirbelte, wurde von diesem Geist der Zeit ergriffen; seine
Nachbarn hrten in Stunden, wo sie der Ruhe pflogen, ganz in der Nhe den
Sturmmarsch drhnen, und wenn sie auf die Gasse liefen, war nichts zu sehen, bis
sie endlich in das Fenster des Alten hineinlugten. Da ging der Nachbar auf
seinen Dielen in die Runde, hatte die Trommel umgehngt und schlug nach
Leibeskrften, sich selbst zur Befriedigung.
    Steinmetz war seines Dienstes auf dem Ratsturme lngst enthoben und nur noch
Anfhrer der Stadtmusik, aber er bewahrte dem Turme, dessen Uhr er aufzog, eine
innige Zuneigung. Als der knigliche Aufruf bekannt wurde, ging er, ohne jemand
zu fragen, mit seiner Musik in der Mittagsstunde auf den Turmkranz und blies
dort zwischen Himmel und Erde eine ganze Stunde lang. Was er blies, waren alles
Chorle.
    Die Jugend der Strae jedoch, welche seit dem Eintritt der Kosaken mit
Heldenmut singend und pfeifend auf den Gassen umherschwrmte, hatte sich als
Feld fr ihre kriegerische Ttigkeit den Platz vor dem Hause des
Kommissionsrates ausgewhlt. Dort veranstaltete sie jeden Abend unerfreuliche
Stndchen, und es ntzte nichts, da der Beunruhigte die Ratsdiener und
Stadtsoldaten zu Hilfe rief, denn die behenden Musiker verschwanden, sobald die
bewaffnete Macht sich nherte, und waren nach dem Abzug derselben wieder da, so
da der Kommissionsrat endlich mit seiner Familie zu einem Bekannten auf das
Land zog. Jetzt ist auch mein Zopf gercht, sagte der Einnehmer.
    Es war natrlich, da die alte Kriegskraft der Stadt, welche ins Zivil
versetzt war, am meisten von der Bewegung ergriffen wurde. Major von Henner lie
seine alte Uniform aus dem untersten Grunde seiner Truhe heraufholen und setzte
die Stadt in Verwunderung, als er fortan nur in einem seltsamen blauen Rock aus
der Zeit des Alten Fritz sichtbar wurde. Auch in der Finsternis machte ihn schon
auf mehrere Schritte ein starker Lavendelgeruch kenntlich, welcher die Uniform
durch zwanzig Jahre gegen die Motten verteidigt hatte. Nun konnte zwar der Major
die neumodischen Rstungen nicht billigen und verbarg auch seine Kritik durchaus
nicht, aber er neigte sich doch allmhlich einer milderen Auffassung zu, seit er
von der Kommission des Kreises ersucht worden war, als Ehrenmitglied an dem
Ausrstungsgeschft teilzunehmen, und arbeitete mit dem Feuer eines Jnglings an
der Sache.
    Vollends der Hauptmann war im Nu ein anderer geworden. Jahrelang hatte er
mit der Welt und seinem Schicksal gegrollt, jetzt schritt er hochaufgerichtet
unter den Brgern in neuer Uniform einher, grte freundlich und empfing
achtungsvollen Gegengru, denn er war zum Fhrer einer Landwehrkompanie ernannt.
Es ist wahr, eine andere wre ihm lieber gewesen. Dennoch war der Abend, an
welchem er sein Patent empfing, der glcklichste seines freudenarmen Lebens. Er
trat, ohne Worte zu machen, vor das Bild seines Vaters und sah es mit starren
Augen an, bis die Schwester herzukam und ihn umarmte; da brach der finstere Mann
in die Worte aus: Ich htte mich in dieser Zeit erschossen, wenn du nicht mein
Trost gewesen wrst, und hielt das kleine Frulein fest, als wre sie der Fels
im Meere und er ein Schiffbrchiger.
    Als am Sonntage nach dem Gottesdienst die Freiwilligen aufgefordert wurden
und viele Augen den Doktor vergebens suchten, erhob sich der Brgermeister vor
der Gemeinde und verkndete: Der Name, den wir alle zuerst erwarten, wird heute
in einem anderen Gotteshause unserer Gegend gerufen; ich bin ermchtigt, dies zu
erklren. Den nchsten Tag aber war der Doktor zur Stelle und sammelte aufs
neue seine Mannschaft. Nicht jeder, der sich vor Jahren verpflichtet hatte,
vermochte zu kommen, dafr fanden sich jngere ein. Auch die gute Ordnung und
Einheit, mit welcher frher der Graf die Rstungen geleitet hatte, war nicht zu
behaupten, es ging in der Hauptstadt tumultuarisch und eigenmchtig zu, und die
Freiwilligen meldeten sich zu verschiedenem Dienst. Endlich durfte auch dem
regelmigen Heere und einer Landwehr, welche neu errichtet werden sollte, nicht
zu viele Kraft entgehen. Darum verteilte sich die Kompanie des Doktors in
verschiedene Truppenteile; er selbst aber wurde von den Vertretern des Kreises
festgehalten und in ihren Rat gezogen. Denn das ganze Geschft der Rstung und
der Lieferung wurde durch drei kluge Mnner geleitet, und diese waren: der
Kammerherr als Stellvertreter des Landrats, unser Brgermeister und Krause,
Vertreter der Bauernschaft.
    Fast noch eifriger als die Mnner sorgten die Frauen. Auch sie bildeten
einen Ausschu, Vorsitzende wurde natrlich die Bellerwitz, und die Ttigste
Minchen Buskow. Die Kammerherrin kam jetzt alle Wochen in ihrer Kutsche zur
Stadt, und Minchen eilte unermdlich von Haus zu Haus und erbat Decken, Wsche,
altes Linnen und was irgend sonst durch Frauenhnde bei Aufstellung eines Heeres
vorgesorgt werden konnte. Wer weiblich war oder sonst kleine geschickte Hnde
hatte, nhte Hemden, schnitt Binden und zerzupfte die Fden alter Leinwand.
Ganze Bollwerke von Scharpie wurden hergestellt, und es ist Grund zu der
Annahme, da der groe und grausame Krieg nicht imstande war, sie aufzubrauchen.
    Nachdem die Freiwilligen berufen waren, wurde in den Kirchen von Stadt und
Land zu Beitrgen fr das Vaterland aufgefordert. Das Volk war verarmt, ach, wie
sehr! Die ungeheuren Forderungen des Feindes hatten Hab und Gut verzehrt, ein
Mijahr fast ohne Ernte war gerade erst berstanden, zuletzt hatten die
Heerhaufen, welche nach Ruland zogen, wie Heuschreckenschwrme vertilgt, was
etwa noch in Scheune und Stall zu finden war. Dennoch brachten die Leute eifrig
herzu, was sie in ihrer Armut entbehren konnten.
    Dabei fand auch der gute Senior die Vershnung mit seiner Gemeinde. Denn der
Landrat hatte in den Drfern, die zur Kirche gehrten, anschlagen lassen, da er
am nchsten Sonntage nach dem Gottesdienst selbst den Aufruf vortragen werde.
Die Kirche war wieder so voll, da man die Tren nicht schlieen konnte, der
Senior hielt in groer Bewegung seine Predigt und setzte sich dann, nichts
Weiteres ahnend, in den Stuhl neben der Sakristei. Da trat der Landrat, ein
starker Mann, der seine Stimme gewaltig erheben konnte, auf den freien Platz vor
dem Altar und las den Aufruf so schn, da er gebieterisch in jedes Ohr klang.
Als er die Stellen genannt hatte, wo man die Gaben abliefern konnte, darunter
auch das Pfarrhaus, fgte er hinzu: Die erste Gabe hat unser hochwrdiger Herr
Senior selbst in meine Hnde gelegt. Und er erzhlte, da die Franzosen nach
den groen Verlusten und der Leibesgefahr, die der Pastor im vorigen Kriege
erlitten, diesem eine Summe zurckerstattet htten; er aber habe das Geld nicht
berhrt, auch nicht in Zeiten bitterer Not, sondern fr diesen Tag verwahrt. Der
Redner hob die Rollen in die Hhe. So hat er sie vor Jahren erhalten, und
unerbrochen gibt er sie zurck. Hierauf nannte er die Summe, welche fr die
Ohren der Zuhrer sehr gro klang. Da sa der Senior, whrend ihn seine ganze
Gemeinde zufrieden oder mit stiller Reue ansah, unbeweglich, obgleich er im
Innern mchtig erregt war; er blickte hinauf zum Balkendach der alten Kirche,
und ihm kam vor, als ob die Engel dort oben ihren himmlischen Gesang anstimmten:
Ehre dem Herrn und Friede hienieden, Friede auch zwischen dem Pastor und seiner
lieben Gemeinde.
    In der Kreisstadt aber wurde bei der Aufforderung zu freiwilligen Gaben
bekanntgemacht, da der Einnehmer Hauptperson fr die Annahme sein sollte. Da
er es wurde, verstand sich fr die Brger fast von selbst. Denn schon vor
einigen Jahren war er der Mann des allgemeinen Vertrauens geworden, damals, als
jedermann, der etwas Silberzeug im Hause hatte, eine Steuer vom Lot bezahlen
mute, wofr den einzelnen Stcken ein Stempel aufgedrckt wurde. Die Enkel
mgen solches Silber liebevoll bewahren zur Erinnerung an die harte Not ihrer
Voreltern. - Damals hatte mancher seinen stillen Schatz von sechs Kaffeelffeln
kleinmtig und mivergngt herzugetragen, Herr Khler war aber sehr freundlich
gewesen, vorab gegen die kleinen Leute, hatte alles verzeichnet, gepackt,
versendet und genau zurckgegeben. Nur Hutzel, den groen Hausbesitzer, hatte er
streng behandelt, weil dieser nichts brachte als einen Zettel, auf dem er die
Zuckerzange und anderes aufgeschrieben hatte und sich entschieden weigerte, die
Wertstcke selbst aus dem Versteck ans Tageslicht zu bringen. Aber der Einnehmer
hatte ihn doch gezwungen; seitdem grollte der Mann mit Herrn Khler. Deshalb war
dieser verwundert, als Hutzel jetzt unter den ersten erschien und eine groe
Geldrolle auf den Tisch legte. Lassen Sie nachzhlen. Und als er seine
Quittung erhalten hatte, fragte er: Es kommt doch in die Zeitung? Ich bitte zu
bemerken: Hausbesitzer und Kirchenvorsteher. So kamen sie alle, jeder in seiner
Weise, manche, die kein Geld hatten, boten Getreide, und ein Stadtbauer wickelte
aus seinem Tuch eine ungeheure Wurst. Sie ist geruchert und hlt sich, sagte
er, um sie dem Vaterlande annehmbar zu machen, denn Geld ist nicht vorhanden.
    Wir wollen versuchen, ob wir sie zu Gelde machen knnen, versetzte der
Einnehmer dankend.
    Leider darf nicht verschwiegen werden, da diese Annahme freiwilliger Gaben
Veranlassung zu einer Entfremdung zwischen Herrn Khler und Minchen von Buskow
wurde. Schon als das Frulein in sein Amtslokal trat, wurde der Einnehmer
unzufrieden. Denn er hatte ber diesem Geschft allmhlich eine gewisse
nchterne und kritische Ruhe erhalten und dachte bei sich: Die htte auch zu
Hause bleiben knnen. Sie aber legte ein kleines Papier auf den Tisch und sagte
bittend: Es sind die Trauringe von Vater und Mutter; wir lesen in der Zeitung,
da auch Ringe angenommen werden.
    Gewi߫, entgegnete Herr Khler verbindlich, sie werden nach dem Goldwert
geschtzt und eingeschmolzen. Will jemand solche Andenken zum Taxwert
zurckkaufen, so steht es ihm frei.
    Das vermag ich aber nicht, sagte das Frulein, die Ringe zum Abschiede
liebevoll betrachtend.
    Monatliche Gehaltsabzge, der ganze Betrag auf zwlf Monate verteilt, Sie
haben wegen Ihres Gehaltes Kredit, die Stadtkasse legt es aus, Sie behalten
dieses Andenken an Ihre lieben Eltern und haben es doch gegeben. Er stellte das
so berlegen dar, da Minchen gar nicht zu widersprechen wagte. Der Einnehmer
nahm also Goldwaage und Probierstein, taxierte die Ringe, versprach, die Summe
aus der Stadtkasse zu erheben, die monatlichen Abzge von ihrem Gehalt zu
veranlassen und ihr alsdann die Ringe wieder zu bermachen. Er besorgte dies mit
Hilfe des Kmmerers und schickte sie mit einem Schreiben desselben zurck.
    Doch als das Frulein die Wertstcke wieder in der Hand hielt, fiel ihr ein,
da sie ja doch die Ringe htte geben wollen und da die Sache nicht in der
Ordnung sei. Nun frchtete sie aber das Mifallen des Herrn Einnehmers zu
erregen, wenn sie die Gabe noch einmal brchte; deswegen verschwor sie sich mit
Frau Beblow und beredete diese, in den ersten Nachmittagsstunden, wo Herr Khler
nicht im Lokal war, sondern nur sein vertrauter Schreiber, die Reife als Gabe
von einem Unbekannten abzugeben. Das konnte nicht auffallen, weil auch andere
ihre Trauringe hintrugen. Sie Sache war schlau erdacht, aber zum Unglck hatte
der vereidete Schreiber, der auch als Freiwilliger ausrcken wollte, gerade in
seinen Angelegenheiten zu tun, Herr Khler war selbst zur Stelle, und Frau
Beblow fiel in seine Hnde. Er hrte mit Verachtung ihre Ausrede, da diese Gabe
von einem Unbekannten komme, denn er hatte die Ringe sofort wiedererkannt, und
indem er brummte: Sie ist leichtsinnig, und es ist ihr nicht zu helfen, gab er
mrrisch die Quittung. Als nun Frau Beblow zurckkam und den unglcklichen
Verkauf berichtete, wurde Minchen sehr darber bekmmert, da der Einnehmer sie
fr eine leichtsinnige Person hielt und da er ihr seine gute Meinung entzogen
htte. Wenn sie seitdem Herrn Khler begegnete, kam ihr vor, als ob dieser mit
geringerer Artigkeit grte, und sie dankte ihm scheu und befangen. Das merkte
wieder der Einnehmer, und so gerieten die beiden ohne Worte allmhlich in ein
sehr gespanntes Verhltnis; die Gre wurden immer krzer, und weil keines recht
wute, warum, so war auch gar keine Verstndigung mglich. Das Frulein empfand
das tief. Ihr Leben im Hause war ohnedies einsam geworden, denn ihr Bruder hatte
sie verlassen, um seine Kompanie zu bernehmen, und wenn sie des Abends allein
in ihrem Dachstbchen sa, grmte sie sich bitterlich ber die schlechte Meinung
und dachte nach, wie sie die Feindseligkeit wohl besiegen knnte.
    Nun war der Einnehmer auf Ansuchen des Magistrats Ehrenvorstand ihrer Schule
geworden; er wurde jeden Monat dort sichtbar, gab seinen guten Rat, ermahnte und
lobte die Kinder. Da fiel ihr ein, ob sie ihm nicht durch diese eine Bitte
vortragen knnte, von seinem Zorn abzulassen. Sie whlte dazu ein kleines
Mdchen, dessen Vater als Landwehrmann mitziehen sollte, und brachte dem Kinde
einen Vers bei, den sie sich selbst ausgedacht hatte. Als nun der Einnehmer zu
seiner Zeit wieder erschien und die Arbeiten der Kinder besah, welche diesmal
smtlich fr das Vaterland verfertigt wurden, verweilte er auch vor der Kleinen,
die sein Liebling war, zog eine Tte Pfeffernsse aus der Tasche und riet ihr,
davon zu nehmen und den Rest unparteiisch unter ihre Gespielinnen zu verteilen.
Da stand das Kind feierlich auf und sagte mit hellem Stimmchen seinen Spruch:

Wir bitten zu dem lieben Gott
Fr dein Wohlergehen,
Habe Nachsicht auch mit uns,
Wenn wir was versehen.

Du kannst hbsch singen, kleiner Vogel, sagte Herr Khler erfreut. Ersuche
unser liebes Frulein, da sie dir den Vers aufschreibt, und bringe ihn mir nach
Hause. Er selbst sah Minchen so zufrieden an, da sie erkannte, sein Unwille
sei geschwunden. Denn die Musen haben in ihrer himmlischen Gte jedem Menschen
die Begabung zugeteilt, da ihm Verse, welche zu seiner Ehre gedichtet sind,
ausnehmend gut gefallen. Deshalb hielt auch der Einnehmer daheim den Zettel mit
dem Reime nachdenkend in den Hnden und sagte: Es ist merkwrdig, sie hat doch
Poesie.
    Durch das Ersatzgeschft in seinem Kreise aufgehalten, konnte der Doktor
erst spter als die Kameraden aufbrechen. Vorher traf er noch einmal bei den
Vertrauten im Marktflecken mit Henriette zusammen. Dies Wiedersehen, das letzte
vor einer langen Trennung, war dem Anscheine nach ruhiger als ein frheres; sie
waren in so begeisterter Stimmung, da Schmerz und Angst nicht aufkamen. Erst
als er beim Abschiede die Geliebte in die Arme schlo, brach die mchtige
Bewegung in beiden hervor, er warf sich auf die Knie, und sie hielt die Hand
ber seinem Haupt, den trnenlosen Blick nach oben gerichtet.
    In der Hauptstadt suchte er zuerst den Grafen Gtzen auf. Er wurde in ein
Krankenzimmer gefhrt. Das ist mein Schicksal, begann der Graf traurig, mir
ist nicht bestimmt, mit meinen Landsleuten ins Feld zu ziehen. Der Wassertropfen
verrinnt in der groen Strmung. In vergeblicher Mhe und in Sorge, die
unablssig am Herzen nagte, ist die Lebenskraft geschwunden. Ich brauche jetzt
die Philosophie, welche Sie mir einst empfahlen; aber das Bewutsein, da man
frher einmal seine Pflicht getan, ist ein schlechter Trost in dieser Zeit, wo
so unermelich viel zu tun wre.
    Ihnen aber bleibt ein anderer Trost, entgegnete der Doktor. Wenn der
Hrnerklang der schlesischen Freiwilligen zu Ihren Fenstern heraufschallt, und
sooft Sie in der Zeitung lesen, da unsere Bataillone vor dem Feinde sich brav
gehalten, sollen Sie die Freude empfinden, wie wir Schlesier Ihnen mehr als
jedem anderen verdanken, da wir teilhaben an den Ehren dieses Jahres. Sie waren
es, und Sie fast allein, der in unserem mutlosen Elend whrend der Jahre groer
Demtigungen uns eine mannhafte Gesinnung und das Vertrauen zu der Zukunft
unseres Staates gegeben hat. Wie mir, so haben Sie tausend anderen die Waffen in
die Hand gelegt, die wir endlich gebrauchen drfen. An Sie haben wir uns bisher
gehalten, jetzt ist es an uns, Ihrem Beispiel nachzueifern und unserem Meister
Ehre zu machen.
    Darum also tragen auch Sie die Bchse? fragte der Graf mit melancholischem
Lcheln, und abbrechend sagte er: Freund Helwig ist zum Major ernannt; es ist
im Werke, ihn als Fhrer eines Streifkorps mit dem halben Regiment in den Rcken
des Feindes zu senden.
    Er hat sich bereits wacker getummelt, Sie werden ihn in der Lausitz finden
und Mhe haben, zu ihm durchzudringen.
    Es war am Ende des Mai, als der Doktor zu Pferde, in Uniform und mit den
Waffen eines reitenden Jgers, in Kottbus eintraf, wo das Streifkorps Ruhetag
hielt. Der erste Bekannte, dem er auf dem Marktplatze begegnete, war Hans,
welcher sich die Erlaubnis ausgewirkt hatte, zu der Schwadron des Majors
berzugehen. Hans lief in voller Freude auf den Einreitenden zu und fhrte ihn
nach dem Gasthofe, wo die Offiziere lustig zusammensaen, unter ihnen der Pole,
welcher die zweite Schwadron kommandierte. Die Freunde sprangen auf, als der
neue Freiwillige in das Zimmer trat. Es gab herzliche Umarmungen und viele
Fragen.
    Wie durch Zauberkunst sah sich der Doktor pltzlich als Genosse streifender
Husaren. Die ersten Wochen wurde ihm der Dienst sauer; die Vorbungen, welche er
daheim in den letzten Jahren nach Anweisung eines Husarenunteroffiziers gemacht
hatte, halfen ihm wenig, aber er war krftig und unermdlich und fand bei
Offizieren und Mannschaft so bereitwillige Nachhilfe, da er sich manchmal gegen
allzu groe Schonung, die man ihm gewhren wollte, struben mute. Da kurz nach
seinem Eintritt ein Waffenstillstand geschlossen wurde, so erhielt er mit
anderen Rekruten Frist zu notdrftiger Ausbildung. Nach dem Stillstand aber
gewann auch er vollgemessenen Anteil an den Freuden und Gefahren des
Reiterlebens. Zwar das ersehnte freie Schweifen im Rcken des Feindes vermochte
der Major lange nicht durchzusetzen, denn sein General Blow, ein methodischer
Herr, machte nicht viel aus dem Parteigngerdienst und hielt seine Leute lieber
fest unter eigenem Kommando. Dadurch wurde dem Doktor Gelegenheit, nach den
siegreichen Kmpfen zum Schutz der Residenz in die Scharen der fliehenden Feinde
einzuhauen, bis die Nacht dem Reitergefecht ein Ende machte. Seitdem gab es fast
jeden Tag kleinere Zusammenste mit dem Feinde, selten kamen die Husaren ohne
Gefangene und Siegeszeichen in ihre Quartiere. Aber erst Anfang Oktober gelang
es dem Streifkorps, sich von dem Vorpostendienst bei der Nordarmee zu befreien.
Wie ein junger Jagdfalk, der lange mit dem groen Steinadler in einem Kfig
zusammengeschlossen war, flog der Major, den Banden entlassen und froh, sich
frei die Beute zu jagen, ber die Elbe in das Gebiet, welches noch von der
franzsischen Armee beherrscht wurde. Seine Schwadronen warfen sich auf die
Verbindungen des Feindes, fingen die Kuriere ab, verwirrten Kolonnenzge,
strten die Zufuhren, griffen kleinere Heerhaufen ohne Rcksicht auf die
bermacht an und belstigten unablssig den Gegner.
    Als in dieser Zeit der waghalsigen Streife das Korps die Festung Erfurt,
welche noch in franzsischen Hnden war, umschwrmte, um die ausgesandten
Detachements, die aus der Umgegend Fourage eintrieben, zu hindern, erhielt
Witowski Befehl, mit seiner Schwadron die groe thringische Heerstrae zu
beobachten und nach einem Fange auszusehen. Der Pole war darber hchlich
erfreut, denn wie der Fhrer des Korps gegenber seinem General, so wollte auch
er gern gegen seinen Freund Helwig die Unabhngigkeit behaupten. Vor dem
Abmarsch kam er zum Doktor: Bruder, reit einmal mit mir.
    Gern, sagte dieser, wenn der Major es gestattet.
    Als die Erlaubnis erteilt war, zog die Schwadron unter hellem Gesange
sdwrts.
    Der Pole war ein erfahrener Parteignger, er hatte sich mit gutem Grunde
selbst einen Kater genannt, denn unerschpflich in kleinen Listen, wute er sich
so gewandt zu schmiegen und zu drcken, da er den Feinden unsichtbar blieb, bis
fr ihn der Augenblick des Ansprungs kam. Diesmal fhrte er mit besonderem
Behagen die Schwadron, welche zum Teil mit Piken bewaffnet war, und eine Anzahl
Jger zwischen feindlichen Besatzungen hindurch bis in die Nhe der Heerstrae.
    Etwa eine Meile nordwrts der Strae lag einsam ein groes Vorwerk, dahinter
ein Gehlz mit einer Lichtung. Dorthin rckte er mit seinem Kommando und
erzhlte seinem Vertrauten, dem Doktor: Einer von meinen Husaren ist ein
Verwandter des Gutsbesitzers; ihn habe ich verkleidet vorausgeschickt, und ich
finde hier gute Kundschaft. Bis zur Dmmerung kamen und gingen Boten. In der
Dunkelheit brach er auf und fhrte seine Schwadron in die Nhe eines Dorfes an
der Strae. Dort hat sich auf dem Marsch eine halbe Batterie eingelegt, wollen
sie herausholen. Er umstellte das Dorf und postierte Jger an die Landstrae
nach beiden Richtungen. Bricht ein Fahrzeug heraus, so schiet zuerst die
Pferde nieder, - dann rckte er auf einem Seitenweg von den Feldern gegen das
Dorf. Es gelang, die sorglosen Wachen am Eingange zu bewltigen, ohne da ein
Schu fiel; die Schwadron drang in den Ort und fand die Geschtze und Wagen an
einem freien Platz aufgefahren. Ein Teil der Mannschaft sa ab und durchsuchte
die Gehfte, Tumult, Geschrei und Schsse unterbrachen die nchtliche Stille, in
wenig mehr als einer Stunde war die Mehrzahl der feindlichen Artilleristen und
die Bedeckungsmannschaften niedergehauen oder gefangen, nur wenige entkamen in
das Feld oder bargen sich im Versteck. Die Fahrknechte wurden gezwungen,
anzuspannen, und beim ersten Morgengrauen fhrte der Rittmeister die Gefangenen
und die halbe Batterie als Beute aus dem Dorfe. Vergngt strich er seinen
dunklen Schnurrbart. Gern mchte ich die Kanonen verstecken und abliefern,
sagte er, damit die Mannschaft ihre Dukaten verdient. Die Feldwege sind von den
Erntewagen festgefahren, und die Feinde sollen Mhe haben, uns zu finden. Er
brachte seinen Fang glcklich zu dem Vorwerk. Dort befahl er zu fttern und
abzukochen. Jetzt la uns ausruhen, Bruder, denn wir haben noch etwas vor.
    Mancher ist entkommen, versetzte der Doktor, auch aus meinem Gehft sind
einige Mann ber den Gartenzaun gesprungen wir schossen ihnen vergeblich nach.
    Wir haben die Offiziere, dort sitzen sie verwundet auf dem Protzkasten, die
Mannschaft aber, wenn sie auf dem Marsch berfallen wird, hat immer den Brauch,
da sie den Weg zurckluft, den sie schon gemacht hat, und nicht nach vorwrts.
Die Flchtigen haben weit zu laufen, von dort hinten droht uns heut noch keine
Gefahr, die Gefangenen schicke ich sofort auf unsere Garnison zu. Er gab einem
Offizier den Befehl, mit einer Bedeckung und den Gefangenen aufzubrechen, wies
ihm leise eine Sandgrube als Versteck an, wo er sie unterbringen sollte, und
machte ihm ein bedeutsames Zeichen mit der Pistole: Wenn einer trotzige Miene
macht, geben Sie ihm sogleich einen Freipa zum Teufel, damit die andern in
Furcht bleiben. Doch der Artillerist, wenn er die Geschtze verloren hat, ist
geduldiger. Warum lassen Sie den Feuerwerker zurck, Leutnant? fragte er, auf
einen Franzosen deutend, der in der Nhe stand.
    Verwundet! meldete sich der Mann finster in franzsischer Sprache, Ound
geschlagen ins Kreuz - und setzte sich schwerfllig auf einen Holzklotz.
    Dann hinein mit ihm ins Haus! gebot der Pole gutmtig, als er das Blut am
Kopfe des Feindes sah. Dort ist Lazarett und Chirurgus.
    Am Nachmittage rckte der Rittmeister von neuem aus. Auf anderen Wegen
weiter gegen Osten kam die Schwadron wieder der Heerstrae nahe. Der Pole teilte
sie und stellte die Beritte im Schutze eines Holzes verdeckt auf, er selbst
winkte seinen Freund zu sich, stieg ab, kroch auf einen kahlen Hgel und
beobachtete liegend mit seinem Fernglase nach beiden Richtungen die Strae. Aus
einem polnischen Landsmann, der unter den Gefangenen war, habe ich
herausgebracht, erzhlte er, als der Doktor an seiner Seite lag, da vornehme
franzsische Generle zurck sind, welche mit ihren Wagen und Bedeckung zum Heer
des Kaisers reisen. Ist es auch unsicher, vielleicht kommen sie uns noch in den
Weg. Wohl eine Stunde lagen sie sphend auf der Hhe. Endlich rief er mit
heller Freude: Dort kommen sie; es sind Reiter, und sie sind gewarnt, denn sie
marschieren vorsichtig. Wir packen sie von vorn, die andern im Rcken.
    Als die Husaren zur Attacke aufritten und die feindlichen Reiter sichtbar
wurden, hob sich der Freiwillige im Sattel, schrie den Namen Dessalle und
setzte, alles vergessend, den andern voran auf die Heerstrae, seinem Feinde
entgegen. Sooft er bis dahin mit den Franzosen zusammengestoen war, bei jedem
berfall, und wenn er nach einem Treffen hinter dem fliehenden Gegner herjagte,
immer hatte er erwartet, die Gestalt seines Nebenbuhlers im Anritt gegen sich zu
finden. Er wute, da er ihm im Felde begegnen wrde; jetzt hatte er ihn vor
sich und die Stunde der Entscheidung war da. Ein wilder Kampfzorn berkam den
bedchtigen Mann, und Leib und Seele unter der Herrschaft pltzlich auflodernder
Leidenschaft, rief er zum zweitenmal den Namen des Franzosen. Gellend klang ein
Gegenruf, und beide rannten aneinander. Die grere Gewandtheit des Obersten
vermochte dem rasenden Anfall des Deutschen nur mit Mhe zu begegnen, denn
blitzschnell und mit bermenschlicher Kraft fielen die Hiebe gegen ihn. Neben
sich hrte der Freiwillige den Ruf des Polen, doch er schrie: Mein ist er!,
als wollte er den Beistand anderer abhalten. Von der andern Seite aber jagte
Hans herzu mit der Lanze, die er einem Verwundeten entrissen hatte; der Franzose
bumte sein Pferd, den Sto zu parieren, das Ro berschlug sich, und der Reiter
lag betubt unter ihm am Boden. Da neigte sich der Freiwillige auf seinem Pferde
ber ihn und ein Strahl wilden Triumphes fiel auf den Gestrzten, gleich darauf
schlug er sich im Getmmel mit anderen feindlichen Reitern herum.
    Die Hlfte der franzsischen Bedeckung entrann in schneller Flucht, der Rest
wurde niedergemacht oder gefangen. Als Hans zum Sammeln blies und der Doktor an
der Stelle vorberkam, auf welcher er mit dem Franzosen zusammengestoen war,
sa der alte Wachtmeister am Boden und sttzte den Krper des Ohnmchtigen. Der
Pole aber lachte seinen Freiwilligen an und wies auf die Koppel von
Beutepferden, welche durch seine Husaren zusammengetrieben wurde: Es sind gute
Pferde darunter.
    Der Oberst wurde auf einen Wagen gelegt, den ein Husar aus dem nahen Dorfe
herbeiholte, und die Schwadron zog mit Pferden und Gefangenen wieder dem Gehfte
zu, in welchem der Rittmeister sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Als die
frhlichen Sieger ankamen, fanden sie dort alles, wie sie es verlassen, nur die
Husaren, die zur Bewachung zurckgeblieben waren, erhielten scharfen Verweis,
weil sie der Versuchung nicht widerstanden hatten, sich gesellig mit einem
starken Trunk zu vergngen, und weil das Verhr ergab, da die franzsischen
Artilleristen die Branntweinflaschen aus ihren Protzksten selbst herzugetragen
und wie gute Kameraden an dem Trunk teilgenommen hatten. Die Verwundeten wurden
wieder im Hause auf Betten und Streu untergebracht, der Oberst auf das Lager
gelegt, welches in einer Kammer neben der Wohnstube stand, und der alte Sergeant
zu seiner Bedienung bestimmt.
    Der Oberst ist ein wilder Teufel, sagte der Pole zum Doktor, und finster
wie die Nacht, auf hfliche Anrede hat er keine Antwort gegeben; ich traue ihm
nicht. Er untersuchte selbst die Kammer, beim Bett war nur ein kleines Fenster,
so enge, da sich auch ein Gesunder nicht hindurchzuschwingen vermochte; er
befahl, die Kammertr auszuheben, und postierte einen Husaren in die Wohnstube,
damit der Franzose allein wre und doch auffllige Bewegungen seiner Wache nicht
verbergen knnte. Der Doktor rief den Alten heraus und sagte ihm, da er bereit
sei, das Bein zu untersuchen, wenn der Verwundete es wnsche. Doch als der
Diener dem Obersten dies leise mitteilte, antwortete dieser nur durch eine
abwehrende Bewegung des Abscheus, und der Chirurgus des Streifkorps wurde in die
Kammer geschickt; er meldete einen Beinbruch, der nicht gefhrlich sei, und tat
sein Bestes, den Fu zu schienen. Der Kranke lag still, und der Sergeant ging ab
und zu.
    Drauen im Hofe und Garten tummelten sich lustig die Husaren, bereiteten
ihre Mahlzeit, rauchten und schwatzten. Hinter den Gebuden des Hofes standen
die erbeuteten Geschtze und Wagen, bewacht von freiwilligen Jgern; in einer
Abteilung der Scheune lagerten die Offiziere und einige Freiwillige, auch sie
gehoben durch den gelungenen Fang. Es wurde dunkel, und Hans lie bereits durch
die Burschen der Offiziere die Streu auf der Tenne breiten zum Nachtlager fr
die Herren. Da stellte sich der alte Franzose nahe zum Bett des Obersten und
begann leise: Ich bringe eine Meldung, Herr Oberst. Dieser wandte ihm das
dstere Antlitz zu. Der Feuerwerker hat heut, whrend die feindlichen Husaren
von seinen Leuten unterhalten wurden, heimlich ein Fa Sprengpulver in die
Scheune gegenber geschafft und unter Erbsenstroh versteckt. Vom Fa hat er die
Zndschnur gelegt und lngs dem Stall mit Stroh bedeckt bis an dieses Haus
gezogen. Er ist Savoyarde und fhlt Rachsucht, weil ihn die Husaren verwundet
und durch Schlge bel zugerichtet haben. In der Nacht, wenn die Scheune mit
Feinden gefllt ist, will er sprengen, er hofft, die Wache zu betrgen. Das
Pulverfa steht neben dem Lager der Offiziere, die Stoppine luft hinter dem
Haus herum bis zu der Kammer nebenan, wo der Savoyarde wegen seiner Wunde
einquartiert ist. Ich sagte ihm, er drfe es nicht tun ohne Ihre Genehmigung.
Sobald der Herr Oberst an die Wand pocht, zndet er an. In den Augen des
Obersten flammte ein grelles Licht auf, als er fragte: Wo liegt der Arzt aus
jener Stadt?
    Bei den Offizieren in der Scheune.
    Warum hat es der Tropf nicht getan, ohne Meldung davon zu machen? murmelte
der Oberst.
    Mein Oberst, der Doktor hat Ihr Leben gerettet, versetzte der Alte.
    Er hat mir gestohlen, was das Glck meiner Zukunft werden soll; er hat sich
eingedrngt zwischen mich und eine andere, einer von uns beiden mu von dannen.
    Wenn das sein mu߫, fuhr der Alte fort, so pflegt mein Oberst das Pulver
in der Pistole zu gebrauchen, aber nicht im Fa.
    Im Kriege trifft der Tod mit jeder Waffe.
    Aber Oberst Dessalle gebraucht nicht jede.
    Sie haben Ihre Meldung getan, Wachtmeister; ich werde das Zeichen geben.
Der Alte rckte sich steif zusammen und salutierte militrisch.
    Die Sonne war untergegangen, und das Abenddunkel erfllte die Rume des
Hauses. Der Rittmeister kam in die Wohnstube und befahl Licht zu bringen; da der
helle Schein auch die anderen Offiziere herbeizog, rief der Pole in den Hof
hinaus: Komm zu uns, Bruder Doktor, es ist Wein hier aus Franken. Der
Freiwillige erschien und sa mit den andern am Tisch nieder.
    Der Rittmeister trug ein Glas zu dem Diener. Trink, alter Vater, da dein
Herr nicht kann, und sei lustig; heut mir und morgen dir, so heit es bei uns
Husaren. Der Alte dankte und stellte das Glas unberhrt neben sich. Dieses
Glas aber bringe ich dir, Bruder Doktor, fuhr der Rittmeister fort, heut bist
du als mein Freiwilliger geritten, und ich habe mich ber dich gefreut. Bei uns
Polen ist eine Rede: Jedermann schlgt nach seinem Grovater - ich denke, deiner
war auch Soldat.
    Nur eine Stunde seines Lebens, antwortete der Doktor lachend. Er war
ungewhnlich hoch gewachsen, deshalb wollte ihn der Vater Friedrichs des Groen
in sein Potsdamer Regiment stecken und hatte ihn schon einkleiden lassen. Doch
besann der Knig sich anders und gab ihm eine Pfarre. Der Grovater hielt sich
noch im hohen Greisenalter gerade aufgerichtet wie ein Gardist, ich habe eine
dunkle Erinnerung an ihn und an sein schnes weies Haar, wie er mir einst die
Hand auf den Kopf legte.
    Mir hat niemand den Kopf gesegnet, sagte der Rittmeister ernster, als er
sonst zu sein pflegte. Den Grovater hieben die Konfderierten mit ihren Sbeln
zu Tode, und den Vater erschossen die Franzosen, whrend er in sterreichischen
Diensten stand, beide habe ich nicht gekannt. Da zog meine Mutter ins
Preuische, als ich noch ganz winzig war. Dort sah ich als kleines Kindel zuerst
einen Husaren und sagte meiner Mutter sogleich, ich wollte auch einer werden.
Solange ich denken kann, habe ich kein anderes Vaterhaus als das Regiment, und
keinen andern Segen auf dem Kopf, als den Segen, welchen der Herrgott einem
ehrlichen Husaren gibt. Er stie das Glas auf den Tisch. Schenke den Rest ein,
Bruder, morgen reiten wir, bevor die Sonne aufgeht, und jetzt pascholl nach
unserem Nachtquartier in der Scheune.
    Die Preuen verlieen die Stube, es wurde allmhlich still, auch drauen
verhallte der Lrm. Der Sergeant stellte sich an das Bett des Obersten und
beugte sich ber ihn, der Kranke schlief. Erstaunt lauschte der andere auf die
Atemzge und harrte lngere Zeit, es regte sich nichts. Kopfschttelnd nahm er
das Wassergef und ging in den Hof.
    Als um diese Zeit der Doktor noch einmal aus der Scheune zum Brunnen kam,
sah er in der Finsternis an der Seite eine Gestalt am Boden kauern. Als er
herantrat, erkannte er den alten Franzosen. Was tun Sie hier, mein Braver?
fragte er verwundert. Der Alte erhob sich.
    Ich habe eine Kugel fr mich gefunden, entgegnete er grend und schritt
dem Hause zu. In der Kammer neigte er sich wieder ber das Angesicht seines
Obersten. Dieser lag unverndert. Der Sergeant sa neben dem Lager nieder, griff
nach dem Glase, das ihm der Preue dargeboten hatte, und trank es aus.
    Alles war still, die Sterne stiegen zur Hhe und gingen nieder, die erste
Morgenrte stieg herauf. Hans trat aus der Scheune und blies Reveille, auch der
Oberst erhob sich in seinem Bett. Ich werde mich zu Arrest und Kriegsgericht
melden sobald der Herr Oberst den Sbel wieder hat, sagte der Sergeant finster.
    Was meinst du, Alter?
    Ich habe gestern abend gegen Befehl die Zndschnur durchschnitten und die
Leitung unterbrochen.
    Ich wei es, mein Vater; ich wute, da du es tun wrdest, als du
hinausgingst, denn ich schlief nicht.
    Mit demselben strengen Ernst meldete der Sergeant weiter:
    Ebenso habe ich gestern gegen den Befehl dem Feuerwerker gemeldet, da der
Herr Oberst oder ich ihm knftig einmal einen Schu durch das Hirn jagen wrden,
wenn er sich untersteht, ohne mndlichen Befehl des Herrn Obersten die Stoppine
anzuznden.
    Es ist gut, versetzte der Oberst und streckte ihm die Hand hin. Komm,
mein Vater, setze dich zu mir; mir bleibt auf Erden niemand als du. Er sank auf
sein Lager zurck. So blieben beide schweigend, bis der Pole, zum Aufbruch
bereit, in die Kammer kam.
    Die alte Rechnung ist noch nicht ganz ausgeglichen, obgleich wir einander
gehauen haben, begann der Pole; auch ich bin gewohnt, Ehrenschulden zu
bezahlen. Sie haben mir damals meine Husaren freigelassen. Wollen Sie mir Parole
geben fr sich und Ihren Begleiter, da Sie in diesem Feldzuge nicht mehr gegen
uns dienen, so gebrauche ich das Recht, welches ich als Kommandeur eines
Streifkorps habe, und lasse Sie sogleich frei abreisen, wohin Sie wollen.
    Es ist dafr gesorgt, da mir die Parole nicht schwer wird, entgegnete der
Oberst, nach seinem Fu weisend, und gab das Gelbnis. Der Rittmeister rief in
den Hof und bergab dem Alten Pallasch und Sbel.
    Da wir Artigkeiten austauschen, begann jetzt der Franzose nicht ohne
Selbstberwindung, so lassen Sie sich als meinen Dank mitteilen, da in der
Scheune neben Ihrem Nachtlager ein Fa Pulver steht; die Leitung, welche dazu
bestimmt war, Sie auffliegen zu machen, hat mein Sergeant gestern abend
unterbrochen, um Sie vor einer lstigen Strung Ihrer Ruhe zu bewahren. Wenn Sie
diese Tat, die er ohne Befehl, nur als Soldat von Ehre getan, fr dankenswert
halten, so knnen Sie ihn dadurch verbinden, da Sie von einer Untersuchung
gegen den Anstifter absehen, damit die Redlichkeit meines Alten gegen den Feind
nicht einem seiner Kameraden den Hals kostet.
    Ich wei Ihnen nicht besser zu danken, Wachtmeister, versetzte der
Rittmeister, als da ich den Kerl zur Stelle loslasse, da ich eine solche
Bremse nicht mit mir fortnehmen will.
    Noch um eine Gunst wage ich zu bitten, fuhr der Oberst fort: ich mchte
so schnell als mglich diesen Ort verlassen, ohne sonst jemanden zu sehen, und
ersuche Sie um einen Wagen fr mich und meinen Begleiter.
    Der Beamte des Vorwerks soll sogleich anspannen, entgegnete der Pole.
Stoen wir wieder zusammen, so tue ich nicht den ersten Hieb.
    Auch ich nicht, sagte der Franzose. Beide grten einander mit der Hand
und schieden.
    Als der Doktor kurz darauf in die Stube trat, war Oberst Dessalle mit seinem
Vertrauten verschwunden. Wohin ist er gereist? fragte der Doktor den
Rittmeister.
    Sdwrts nach der nchsten Stadt, versetzte der Pole. Er wird uns das
Geschft nicht stren; wir wechseln die Strae. Die Geschtze mu ich aber
sprengen. Das Pulver dazu steht neben unserer Schlafstelle.
    Oberst Dessalle war verschwunden. Der Doktor hatte im Winter und whrend des
nchsten Feldzuges im Frhjahr oft Gelegenheit, bei franzsischen Offizieren
nach ihm zu fragen. Viele kannten ihn, und mancher gab Nachricht ber ihn bis zu
dem Tage seiner Gefangenschaft; wo er seitdem geblieben, wute niemand zu sagen.

                                  Zum Frieden


Die Freiwilligen sind fort, die Mannschaft der Linie ist ausgehoben, auch die
Landwehr hat Weib und Kind verlassen und ist in das Feld gerckt, und der
Kreisstadt fehlt die junge Kraft, welche sich im ersten Frhjahr zornig gegen
den Feind erhob. Aber wehrlos ist die Brgerschaft nicht, denn die gesamte
mannhafte Bevlkerung schreitet in Waffen von der Art, wie sie einst von den
alten Hnen getragen wurden, und exerziert drauen auf dem Anger. Jeder trgt
eine Pike, die Waffe ist schwer, ihre Eisenspitze lang und scharf, der Schaft
ein starker Pfahl, und es ist kein Kinderspiel, sie zu fhren, mit ihr
auszufallen, in gerader Richtung vorwrtszustoen oder sie gar in der Luft zu
schwenken, um den feindlichen Sbel, den der Pikenmann in Gedanken vor sich
sieht, zur Seite zu schleudern, da er weit ber den Anger bis dahin fliegt, wo
die Gnse der Vorstdter friedlich den kurzen Rasen berupfen. Wer aber Herr ber
solche Waffe geworden ist, der bekommt eine feste Zuneigung zu ihr und Vertrauen
zu seiner eigenen kriegerischen Tchtigkeit. Man kann sich denken, da Beblow
den gesamten Landsturm der Stadt befehligt, sowohl die leichte Kompanie seiner
Brgerschtzen, die mit ihren Stutzen den Feind aus der Ferne vernichten, als
auch die eigentlichen Strmer, welche dem Feinde, wenn er doch noch
stehenbleibt, dicht auf den Leib rcken und mit Kraft in diesen hineinstoen.
Und wenn der riesige Hauptmann vor seinem Bataillon hinauszieht, des Beispiels
wegen selbst mit einem Spie bewaffnet, der einem Hebebaume gleicht, so erhlt
der Brger bei seinem Anblick einen Lwenmut; hinter ihm drein marschieren sie
alle, die noch feste Glieder haben, Schilling fhrt einen Zug und Hutzel einen
anderen, und dieser lt sich auf den Rat seiner Hausfrau den Schnurrbart
stehen. Die Stadt ist in ein Heerlager verwandelt, nur der Herr Einnehmer hlt
sich zurck. Doch auch er sieht vom Stadtwall bewundernd den bungen zu.
    Bald kommen die Tage, wo der Provinz eine starke Heeresmacht ntig wre,
denn noch einmal dringt der bse Kaiser in das Land, auch die Kreisstadt ist in
Gefahr, von den Franzosen besetzt zu werden. Beblow mit einem Dutzend Kameraden
wre imstande, als lebendige Dornhecke das Stadttor den Franzosen zu
verschlieen, jedoch die Mehrzahl seiner Mitbrger erhebt verstndigen Einwand,
und mancher birgt whrend dieser Tage die Pike auf dem Oberboden. Sobald aber
der Feind den Rcken wendet, sind sie alle wieder auf dem Anger versammelt und
fallen trotzig hinter ihm aus. Und einer von ihnen, welcher nicht arm an klugen
Gedanken ist, stemmt seine Pike auf den Boden, sieht bewundernd zu dem Eisen der
Spitze auf und sagt zu Herrn Khler: Es ist die beste Waffe der Welt. Aber sie
verlangt einen ruhigen Feind.
    Sie haben recht, entgegnet der Einnehmer, dies ist fr uns Brger die
beste von allen Waffen, denn wenn Sie sich tglich eine Stunde wie Helden damit
gemht haben, so sind Sie daran gemahnt, da das Vaterland jetzt von jedem das
uerste fordert, arbeiten die brige Zeit unverdrossen in der Werkstatt fr
Lieferungen ohne Ende, bei denen die Bezahlung ausbleibt, und essen ohne Murren
das schwarze Brot, welches uns jetzt gebacken wird. Ohne die Pike wrde der arme
Brger die schwere Zeit nicht ertragen.
    In jenen Tagen, wo das feindliche Heer noch einmal in das Land flutete,
bestand der Senior darauf, sein liebes Kind vor der Gefahr in einer Stadt zu
bewahren. Da schrieb Henriette an Minchen Buskow, kam zur Kreisstadt und zog zu
dem Frulein in das leere Dachstbchen. Der Aufenthalt Henriettens verlngerte
sich bis zum Herbst, und das Pfarrkind wurde eine wertvolle Gehilfin in der
Schule und bei den Sammlungen fr das Vaterland. Am Nachmittag fand man beide
auf dem Stadtwall, neben ihnen schritten der Einnehmer und der junge Doktor, und
sooft die vier sich recht eifrig unterhielten, war die Rede fast immer von
solchen, die drauen im Felde lagen. Henriette hatte die Freude, die Nachrichten
von Siegen, welche schnell aufeinander folgten, und andere stille Botschaften,
welche durch die Feldpost kamen, gemeinsam mit den Vertrauten des geliebten
Mannes zu genieen. Und wenn die wackeren Mdchen des Abends zusammen in der
Dachwohnung fr die drauen arbeiteten, dann war auch Minchen berglcklich, da
sie der neuen Freundin als Wirtin gegenbersa; denn dieses Amt hatte sie in
ihrem Leben noch niemals gehabt, und sie fhlte sich stolz, wenn sie vor dem
erfahrenen Gast auch ihre Tchtigkeit in der Wirtschaft beweisen konnte. Da die
Frau Pastorin durch regelmige Sendungen aus Hof und Kche dafr sorgte, da
die Einquartierung der Stdterin nicht beschwerlich wurde, so lebten die Mdchen
miteinander in behaglichem kleinen Haushalt wie zwei Vgel auf einem
Fruchtbaume.
    Die groe Schlacht bei Leipzig war geschlagen, die Brger dankten dem lieben
Gott in der Kirche dafr und stellten am Abende Lichter an die Fenster. Eine
fromme Freude erhob das ganze Volk, nicht reich an Worten, aber so gewaltig, da
in ihr alle Sorge um die unsichere Zukunft des Vaterlandes und alle Erinnerung
an die gehuften Leiden der vergangenen Jahre untergingen.
    Als die Straen wieder frei wurden und die Post regelmig Briefe vom Heere
befrderte, da erhielt Henriette an einem dsteren Tage des Novembers zwei
Briefe; den ersten von dem Geliebten, worin er ihr sein Zusammentreffen mit dem
Franzosen berichtete, und den zweiten von ihrem Vater, Einlage war ein an sie
adressiertes Billett von einer Hand, die sie wohl kannte und die ihr jetzt ein
Grausen verursachte. Sie ri das Schreiben auf, ihr Ring mit dem Vergimeinnicht
lag darin, und der Brief enthielt in franzsischer Sprache nur die Worte: Leben
Sie wohl fr immer, schne Henriette!
    Da glitt sie von ihrem Stuhle auf die Knie und hob die Arme gen Himmel:
Vater des Erbarmens, ich danke dir. Dann eilte sie zum Tisch, schrieb in einen
Brief die Worte: Ich habe den Ring, Geliebter, ich bin frei, und legte die
Zeilen des Franzosen ein.
    Am nchsten Tage nahm Henriette von Minchen Abschied, um nach Hause
zurckzukehren. Daheim fiel sie den Eltern um den Hals und bekannte ihnen in der
ersten Stunde, wie lieb sie den Doktor habe; als die Mutter zrtlich klagte: Du
bses Kind, wie lange hast du uns das verborgen - antwortete Henriette leise:
Vater und Mutter hatten die Verlobung mit dem Franzosen anerkannt, wie durfte
die Tochter sie zu Mitwissern einer stillen Liebe machen, solange der andere
ihren Ring trug?
    Noch war die Zeit des Harrens nicht vorber, aber es waren Monate froher
Erwartung, welche den Schritt beflgelt und die Wange rtet; Henriette flog
wieder geschftig durch Haus und Hof, und wie der Senior zum erstenmal aus der
Kche, wo die Tochter mit Susanne verhandelte, das sorglose Lachen hrte,
welches er durch viele Jahre nicht vernommen, da blickte er auf von Luthers
Buch, von dem babylonischen Gefngnis der Kirche und lchelte ebenfalls. Des
Abends sa er vergngt in seinem Lehnstuhl, whrend die Tochter auf dem alten
Klavier seine Lieder vorsang, vom Knaben mit dem Rslein und ein neueres, von
einem verwundeten Krieger, der die Leute bittet, ihn vom Wagen zu heben.
    Die nchste Freude bereitete ein Brief an den Vater, worin der Doktor um
Henriettens Hand warb. Der Senior antwortete umgehend mit bewegtem Gemte.
    Es wurde wieder Winter, und die weien Flocken tanzten nicht nur drauen in
Garten und Feld, auch in der groen Vorratsstube des Pfarrhauses, denn die Frau
Pastorin schttete die Flaumfedern in Betten, welche zur Ausstattung fr ihre
Tochter bestimmt waren, und Henriette sa am Schreibtisch und schrieb lange,
glckliche Briefe an ihren Brutigam. Sie hatte seinetwegen ein gutes Vertrauen,
er war nicht mehr den Gefahren des Feldes ausgesetzt, sondern nur denen seines
Berufes. Denn er hatte von seinem Major Urlaub erhalten und war in den groen
Lazaretten ttig, welche bei Mainz fr die Verwundeten errichtet wurden.
    Als aber die Frhlingssonne schien und wieder die ersten Schneeglckchen
blhten, da flog die Nachricht von neuen Siegen in Frankreich durch das Land,
vom Sturz des Kaisers, vom Einmarsch in Paris und dem lang ersehnten Frieden.
Susanne fegte das Haus, und die glckliche Braut wand mit Brbels Hilfe
Fichtenkrnze und hing sie ber die Tren. Der Doktor hatte ihr geschrieben,
wann er kommen wrde, und sie stand auf der alten Schanze und blickte
stundenlang hinaus nach dem Wege. Weit hinten auf der Strae zog etwas Dunkles
heran, nher und nher, sie konnte den Lauf der Pferde erkennen, endlich eine
Mnnergestalt, sie sah, wie der Geliebte die Hand nach dem Pfarrhause erhob, und
ersphte die Zge seines Antlitzes. Heftiger pochte ihr Herz, sie flog ihm
entgegen und hielt ihn lachend und weinend in ihren Armen.
    Hand in Hand gingen sie miteinander dem Hause zu; die Seligkeit dieser
Stunde war so gro, da sie beiden die Lippen schlo, und doch zitterte in
leisem Nachklang das Weh vergangener Zeit in ihren Seelen nach. Als sie in die
Nhe des Ringwalls kamen, sah der Doktor die Dornen der alten Wustung ausgerodet
und den ansehnlichen Platz, der dadurch gewonnen war, mit jungen Obstbumen
bepflanzt; ein Karren und Werkzeug lehnten an dem Brunnenrand. Du kommst gerade
zurecht, den Geist des Brunnens zum letzten Male zu schauen. Der Vater hat
durchgesetzt, da der Quell verschttet wird, damit der Aberglaube aufhre.
Harre einen Augenblick, Geliebter, ich will etwas versenken. Sie eilte in das
Haus und brachte den Goldreif mit dem Vergimeinnicht. Der leichte Ring hat uns
beiden das Leben schwer gemacht, ich kann ihn nicht ansehen, ohne traurig zu
werden. Sie beugten sich ber die Brstung und sahen in die tiefe gemauerte
Rhre hinab, Henriette hob die Hand und warf den Ring hinunter. An dem Aufschlag
und den helleren Kreisen auf der Oberflche erkannten sie das Wasser in der
schwarzen Tiefe. Es soll nichts mehr hineinstrzen, rief das Mdchen und zog
ihn mit sich fort.
    Jetzt fhre ich, sagte der Doktor, wir suchen den vierblttrigen Klee.
    Ich suche das Glck nicht mehr, ich halte es fest an der Hand. Sie stiegen
hinab in den Kessel des Ringwalles, und als sie da unten standen, war es gerade
wie vor Jahren; rings um sie die hohe Brustwehr, ber ihnen der Himmel wie eine
blaue Glocke. Hier fing's an, sagte er und kte sie, sie aber legte sich
still an seine Brust, umschlang seinen Hals mit den Armen, und wie er sich zu
ihr beugte, fhlte er ihre Trnen an seiner Wange.
    Acht Jahre seit der ersten Begegnung, acht Jahre treuer Liebe und bitteren
Leides! In dem harmlosen frohen Sinn der Jugend schlossen sich die Herzen
gegeneinander auf, jetzt war es ein geprfter Mann und ein gereiftes Weib,
welche sich miteinander verbanden. Unter unablssiger Entsagung war ihre erste
blhende Jugend vergangen. Und nicht ihnen allein, ihrem ganzen Geschlecht war
dieser Zeitraum ein banges, trauriges, des Harren gewesen, viele, die einander
liebgehabt wie diese beiden, hatten sich in der harten Not und in dem
freudelosen Sehnen nach besseren Tagen nicht gefreit, und vielen war der beste
Trost gewesen, da sie miteinander vereinigt werden sollten, wenn ber ihr
Heimatland die Sonne glcklicher Tage aufgehe. Nicht jeder, der so gehofft,
schaute den Tag, mancher lag still in blutgetrnkter Erde. Und wenn die Enkel
derer, die den Frieden erlebten, von dieser Zeit lesen in Bchern und Briefen
der Vorfahren, so fhlen sie noch heut den Schmerz in sich nachzucken wie damals
die Lebenden.
    In der alten Dorfkirche vor dem Altare, an welchem Henriette schon einmal
neben dem Geliebten gestanden hatte, wurden beide verbunden, Minchen war
Brautjungfer, der Einnehmer und der junge Doktor fhrten die Braut, und dahinter
schritten Brbel und Liesel mit ihren Mnnern. Als die Neuvermhlten aus der
Kirche kamen, lag das helle Sonnenlicht ber der Erde, die Finken schlugen, und
die kleinen Zaunknige zwitscherten in den Zweigen und suchten eine Stelle, wo
sie ihr Nest bauen konnten.
    Dem Einnehmer verursachte der neue Haushalt, welchen der Freund einrichtete,
geheime Gedanken, die er jedermann verschwieg.
    Als aber auch den Frauen, welche sich in der Zeit der Erhebung um das
Vaterland verdient gemacht, durch ein Ordenszeichen ehrenvolle Anerkennung
zuteil wurde, und als die Kammerherrin den Orden erhielt, wurde Herr Khler sehr
unwillig und sagte: Was als Hexe am Blocksberg herumquirlt, das wird
vorgezogen, an das arme Minchen aber hat keiner gedacht! Er nahm die Brste,
glttete seinen Hut noch sorgfltiger als sonst, ging nachdenkend auf und ab,
brstete wieder und brummte dazu: Jetzt mu ein Ende gemacht werden. Endlich
setzte er den Hut entschlossen auf und wandelte in seinem besten Rocke nach dem
Stadtwall, wo er zu dieser Stunde gewhnlich dem Frulein begegnete, wenn sie
aus ihrer Schule heimging. Er grte artig und fragte, ob sie Nachricht von
ihrem verwundeten Bruder habe.
    Er hat geschrieben, aber er frchtet, Invalide zu bleiben; es ist sehr
traurig, Herr Einnehmer.
    Er hat als braver Soldat seine Gesundheit hingegeben, um dem Vaterland zu
dienen, trstete Herr Khler. Das ist der beste Ruhm, den er gewinnen konnte.
Der Staat wird jetzt fr ihn sorgen, er wird Postmeister oder Salzfaktor. Sie
aber, liebes Frulein, was denken Sie zu tun?
    Wenn er mich brauchen kann, gehe ich zu ihm, sagte Minchen, die Wohnung
hier wird mir zu gro.
    So tauschen Sie mit einer andern, riet der Einnehmer. Bitte, setzen Sie
sich auf diese neue Bank, die der Magistrat endlich nach vielen Mahnungen fr
mde Spaziergnger hingestellt hat. Sagen Sie mir einmal aufrichtig: Was halten
Sie von mir?
    Nur Gutes, Herr Einnehmer, rief Minchen, freundlich zu ihm aufsehend, ich
denke, wir kennen einander.
    Ein wenig, sagte Herr Khler, aber ich wei recht wohl, da ich in der
Stadt fr einen kratzbrstigen und unbequemen Mann gelte, mit dem nicht gut
Kirschen essen ist.
    Dumme Leute! rief das Frulein eifrig, Sie mssen sich nichts daraus
machen.
    Ich tu's auch nicht, versetzte der Einnehmer, wenn Sie es nicht glauben.
Was aber halten Sie von meinem Alter? Mitteljahre, nher an fnfzig als an
dreiig? Minchen sah ihn gro an. Und wie gefllt Ihnen mein ueres? Denn
zuletzt ist es einer Frau nicht zu verdenken, wenn sie einen hbschen Ehemann
lieber hat als einen hlichen. Minchens Wangen rteten sich, sie schlug die
Augen nieder und zupfte ein wenig an ihrem Kleide. Kurz und gut! fuhr Herr
Khler fort, gefalle ich Ihnen? Das Frulein sah ihn nicht an, aber sie nickte
unmerklich mit dem Kopfe.
    Nun, da haben wir's, rief der Einnehmer siegreich und setzte sich neben
sie. Knnten Sie sich also entschlieen, meine Frau zu werden? Minchen
antwortete nicht, aber ihre kleine Hand zitterte. Bekmmern Sie sich nur
nicht, bat er besorgt, es ist ja kein Mu, es ist nur Ihr freier Wille. Wenn
Sie mir so gut sind, da Sie mich heiraten knnen, brauchen Sie nur Ja zu sagen;
das Nein wrde der Freundschaft nicht schaden.
    Da nickte das Frulein wieder ein wenig und sprach leise: Ich kann's, Herr
Einnehmer. Und sie schlug die Augen auf und sah ihn so warm und treuherzig an,
da dem festen Manne vor Freuden das Herz hpfte; er drckte ihre Hand fest in
die seine.
    Zu allem brigen, rief er, ist der Stadtwall nicht ntig; kommen Sie,
Herzensminchen, hngen Sie sich aber an meinen Arm, wir gehen sogleich zu Ihrer
Wirtin, denn diese Frau soll Zeuge sein von unserer Verlobung. Sie gingen
miteinander durch das Tor.
    Das Sonnenlicht lag auf den Straen, die Wnde der Huser glnzten lustig in
Gelb, Rosa und Wei, die Leute grten, die Hndlein wedelten; und der Einnehmer
schritt stolz, seine Gefhrtin am Arm, und nahm, jedermann zulchelnd, mit der
freien Hand den Hut ab.
    Als sie zu dem Hause kamen, bat der Einnehmer Frau Beblow, ihn und das
Frulein in die Dachwohnung zu begleiten. Erstaunt ber das festliche Aussehen
der beiden folgte die Hausfrau. Oben begann Herr Khler vor dem Pastellbilde
eine Rede: Verehrte Frau! Der Bruder dieses Fruleins ist abwesend und ebenso
mein Freund, der Doktor, den ich heut gern an meiner Seite htte, da sind Sie
uns die Nchste. Sie haben seit Jahren Ihrer Mieterin eine Teilnahme und ein so
freundliches Herz bewiesen, da ich Sie immer mit aufrichtiger Hochachtung und
Dankbarkeit betrachtet habe. Heut wnschen wir beide, Minchen und ich,
miteinander verlobt zu werden, und wir bitten, da Sie das bernehmen und uns
die Ringe anstecken.
    Lieber Herr Einnehmer! rief die berraschte Frau Beblow und schlug vor
Freude die Hnde zusammen.
    Herr Khler griff in seine Westentasche. Hierin, geliebtes Minchen, sind
die Trauringe Ihrer lieben Eltern. Ich habe sie nach Ihrem Willen damals zur
Hauptstadt gesandt und dort vor dem Einschmelzen zurckgekauft; ich schlage vor,
da dies unsere Verlobungsringe werden. Nehmen Sie die Ringe, Frau Beblow, und
vertreten Sie heut die Stelle einer Anverwandten bei mir und meiner lieben
Braut.
    Als die erste Bewegung, an welcher Frau Beblow sich stark beteiligte,
berwunden war, begann Minchen kleinlaut: Aber Herr Einnehmer -
    Du und du, rief dieser lustig, einmal mu das doch anfangen. Das
Frulein aber fuhr traurig fort: Wo ist Minchens Ausstattung? - und stellte
mit einem Zucken der Hand den Hausrat der Stube vor.
    Die Wsche liegt bereits im Schranke, Frau Einnehmerin, antwortete der
glckliche Brutigam: Du hast die ganzen Jahre daran genht, ohne es zu
wissen.
    Als der Friede verkndet ward, rstete sich die Stadt noch einmal zu einer
groen Festfeier. Alles, was nur menschenmglich ist, wurde ausgesonnen, um die
Freude zu erweisen. Der Trommler schlug in der Morgendmmerung Wirbel, Steinmetz
blies vom Turme, und die Brgerschtzen bildeten Spalier, in welchem die
Schulkinder mit Krnzen auf dem Haupt, der Magistrat und die Stadtverordneten
zum Gotteshaus schritten. Der Gottesdienst war sehr feierlich mit Musik vom
Orgelchor und mit Posaunen, und sobald die Predigt begann, scho der Zieler auf
dem Kirchhofe mit den Bllern, bis diese so hei wurden, da sie nichts mehr
vertrugen. Sooft die Schsse zwischen die Predigt krachten, fuhren die Frauen
zusammen, aber jedermann wute, da am Ende eines solchen Krieges auch der
Triumph gewaltig sein mute. Nach der Kirche gab es ein groes Festessen fr
alle Sehaften mit vielen Gesundheiten. Das war notwendig, es war heimische
Sitte, es war seit der Urzeit so gehalten worden. Sobald eine allgemeine Freude
den Stdtern die Seele erhob, fhlten sie als ehrliche Deutsche auch die
Verpflichtung, dem armen Gesellen, ihrem Leibe, etwas Gutes anzutun. Abends
folgte die Illumination; alles war erleuchtet, selbst der Kranz des
Rathausturmes, jedes Fenster wenigstens mit vier Lichtern, niemand wollte in der
Stube bleiben, um auf die Gardinen acht zu geben, alle trieben auf der Strae
umher und freuten sich ber ihre Lichter und ber die der Nachbarn. Sogar
Transparente kamen zum Vorschein. Ein sehr geschtzter Brger, der krzlich
Ratsmann geworden war, hatte ein schnes Gemlde an seiner Haustr befestigt;
darauf ein groer Stiefel, ber welchem ein Engel schwebte, mit der
Unterschrift: Feste Stiefel, reines Herz, so marschiert man himmelwrts. Er
selbst stand vor seiner Tr und sah mit Genu auf das Werk, und als ein alter
Kunde ihn begrte, sagte er gewichtig: Ich wollte diesmal nichts von Knig und
Vaterland, denn daran denkt man alle Tage, sondern ich wollte auf das hindeuten,
was uns auch im Frieden am meisten nottut. Nachdem aber die Lichter ausgelscht
waren, ging alle Welt zu Tanze. Auch das war damals so, und es darf nicht
geleugnet werden: Wenn die Leute sich recht froh fhlten, fingen sie an zu
tanzen. Den groen Ball im Gasthofe erffnete der Landrat mit der jungen Frau
Brgermeisterin, die noch verschmt ihre neue Wrde ertrug. Darauf folgte der
Herr Brgermeister mit Frau Beblow. Und wer kam als Dritter? Seht doch, der Herr
Einnehmer! - und mit wem tanzte er? Mit Minchen von Buskow, seiner lieben Braut,
sehr zierlich und zart. Darber freuten sich die Leute am meisten. Hinterdrein
tanzte alles, jung und alt! Schilling mit einem neuen roten Sacktuch, das ihm
aus der Tasche guckte. Hauptperson aber und Ordner des Festes war der junge
Doktor, ein lieber Mann, der aus Freundschaft fr seinen Vetter immer herbeikam,
wenn er gebraucht wurde, und nie unntze Worte machte, sondern still im
Hintergrunde auf und ab ging; er galt aber bei allen Leuten fr gescheit und
tchtig, wurde auch spter Geheimer Medizinalrat, war aber kein Knig, sondern
hie mit Namen Brger. Heut tanzte er mit vielen jungen Damen, aber am liebsten
mit einem schlanken Frulein, das einen Lilienkranz im Haare trug wie eine
Feenknigin, es war die Schwester des Gutsbesitzers, welcher als Kamerad des
Vetters vor Jahren heimlich gerstet hatte.
    Gerade als die Festfreude ihren Gipfel erreichte, ffnete sich die
Flgeltr, und Doktor Knig mit seiner jungen Frau kamen herzu. Sie erschienen
spt, denn sie hatten nach Henriettens Wunsch am Morgen die Feier in der
Dorfkirche begangen. Als die beiden die Schwelle des Saals berschritten, trat
der Brgermeister in die Mitte und winkte, Steinmetz blies Tusch, und die ganze
Gesellschaft rief dem jungen Ehepaar das Hoch entgegen.
    Freuet euch und tanzt, Meister Beblow und Ackerwirt Krause, denn ihr mit
Hunderttausenden euresgleichen habt den bsen Feind geschlagen und das Vaterland
aus der Erniedrigung emporgehoben. Die beste Kraft der Nation ist in diesen
Jahren der Niederlage und Erhebung bei euch, den kleinen Leuten, nicht bei den
Regierenden, deren Stolz und Wille als allzu schwach erfunden ist, und nicht bei
den Hoch- und Feingebildeten, deren Leuchte unsicher umherflackert und die auch
nach dem Frieden noch nicht wissen, wo das Vaterland anfngt und aufhrt. Eure
einfltige Treue, ihr Unberhmten, die Fuste der Shne, die ihr in das Feld
sandtet, eure stille alltgliche Arbeit in der Werkstatt und auf dem Acker, von
der ihr dem Staate abgabt, da euch selbst wenig brigblieb, das vor allem schuf
die Rettung fr unseren Staat. Und wenn die spteren Geschlechter einst auf eure
Zeit zurckschauen, werden sie, was gesund und gro war, am reichlichsten in den
engen Stadthusern und in den Dorfhtten finden, in denen ihr gelebt habt.


                                Schlu der Ahnen

                                    Im Hause

Seit zwlf Jahren ist Frieden. Das junge Geschlecht, welches jetzt vor den
Husern mit Bohnen spielt und den Papierdrachen auf die Stadtfelder trgt, ist
in der Mehrzahl erst nach dem Kriege geboren, und wenn die Eltern von den
Baschkiren auf dem Marktplatze erzhlen und von ihrem Heeresdienst mit der
schweren Pike, so klingt dies den Kleinen wie die Geschichte von den sieben
Zwergen, bei denen Schneewittchen wohnte, oder wie die Sage vom kleinen
Dumling, der zwischen den Waffen des Menschenfressers durchkroch. Sie stlpen
sich papierne Tten statt der Filzmtzen ber das blonde Haar, tragen Hufchen
Stroh aus den Hfen auf die Strae und setzen sich darauf. Aber auch den Eltern
ist die Zeit rasch zur Sage geworden, mancher hat kleine Abenteuer, in denen er
seine Tapferkeit bewiesen, so oft erzhlt, da er selbst daran glaubt, und wenn
die Brger von den groen Erinnerungen reden, die jeder der lteren im Herzen
trgt, so gedenken sie mit Ehrfurcht des Knigs, der unter so groem Leidwesen
die schweren Jahre durchgekmpft hat, sie freuen sich ber den alten Blcher,
der den Franzosen so verderblich geworden ist; von ihrem eigenen Hunger und
ihren Entbehrungen sprechen sie selten. Alle aber, die damals im Felde gefochten
haben und jetzt in friedlicher Ttigkeit unter den anderen wohnen, werden mit
groer Achtung betrachtet, und sooft einer von diesen den Angewhnungen des
Feldes zu sehr nachgibt, ein Glas ber den Durst trinkt und einen Gegner mit
starken Fusten angreift, wird ihm dies lieber nachgesehen als anderen.
    Seit zwlf Jahren ist Friede, aber man merkt nicht, da die Stadt zugenommen
hat. Die Brger nhren sich sparsam und arbeiten nach der Vter Weise mit Hammer
und Webstuhl, doch wenige haben gewagt, ein neues Haus zu bauen oder ihr
Geschft zu erweitern, und die Dampfmaschine, die vor langen Jahren ein
unternehmender Mann aufstellen wollte, ist noch nicht errichtet. Die
Frhstckstube ist eingegangen, und niemand denkt daran, im Winter ein Fa
Austern kommen zu lassen; die Honoratioren leben still dahin in ihren Familien.
Wer aus der Stadt in die Landschaft reist, der findet auch dort geringe Spuren
von zunehmendem Wohlstand; viele der adligen Gutsherren leben in Geldnot, jedes
Jahr fallen Rittergter in die Hand der Gerichte, und der Regen trieft durch die
Lcher der leeren Scheunen und Stlle. Die ltesten Leute erinnern sich recht
gut daran, da am Anfange des Jahrhunderts eine weit bessere Zeit gewesen war,
aber Alte und Junge haben sich an das knappe Wesen gewhnt; sie sind darum keine
Kopfhnger, nur singen sie ihre Lieder nicht vierstimmig in hellem Chor, sondern
einzeln vor sich hin. Die Brger erkennen aber auch, da bei ihnen nicht alles
beim alten bleibt; neue Laternen werden aufgehngt, die an Ketten ber der Gasse
schweben, eine neue, stattliche Schule wird gebaut, ein schlammiger Teich vor
dem Stadttore in Wiesengrund verwandelt, und gerade jetzt besteht unser Herr
Brgermeister darauf, die vorspringenden Dachrinnen abzuschaffen, welche ihr
Wasser auf die Strae schtten, und er wird seinen Willen durchsetzen,
ungeachtet die Hausbesitzer krftig widersprechen. Unter allen Husern ist die
Apotheke am merkwrdigsten geworden, denn der ganze Unterstock wird von auen
mit lfarbe gestrichen, welche weit ber den Markt riecht.
    Die kleine Trompete der Post blies wie sonst durch die Gassen, und die Post
brachte jetzt tglich eine Zeitung; es stand aber wenig darin, nur was der
Polizei genehm war. Dort weit unten hatte sich der Grieche erhoben, und die
allgemeine Stimmung der Stadt war gegen den Trken, bei den Mnnern wegen seiner
Grausamkeit und bei den Frauen wegen seiner schlechten huslichen Gewohnheiten;
von den brigen fremdlndischen Nationen betrachtete der Brger den Franzosen
noch immer mit groem Mitrauen, den Englnder mit Vorliebe. Der Russe galt
allerdings fr einen Bundesgenossen, doch konnte er bei nherer Bekanntschaft
wegen allzu groer Unsauberkeit und Bestechlichkeit nicht geschtzt werden.
Diese alle aber lebten drauen in der Fremde. Aus der Hauptstadt ihrer Provinz
und aus der groen Residenz des Knigs wuten die Zureisenden wenig Wichtiges zu
berichten; und die Kreisstadt, die Provinz und der ganze Staat waren wie
Dornrschens Burg mit einer unsichtbaren Hecke umzogen, hinter welcher alles
laute Leben erstarrt schien. Doch geruschlos arbeitete in dem Banne die Kraft
des Volkes, und es mag einmal die Stunde kommen, wo sie sich mht, die Hecke zu
zerreien.
    Eins der schnsten Huser am Markte, Parterre und Oberstock mit groen
Fenstern, gehrte dem Doktor Knig; er hatte es damals gekauft, als er
heiratete. Und wenn die Stdter von dem Hause sprachen, sagten sie: Dort wohnt
das Glck. Es war ein stilles Glck, werkttige treue Liebe und festes Vertrauen
ohne das Bedrfnis vieler Worte, dort wie berall unter den guten Menschen jener
Zeit. Dem Hausherrn vergingen die Tage wieder in angestrengter Ttigkeit; sein
junger Vetter war in eine benachbarte Kreisstadt gezogen, hatte das Frulein mit
den Lilien geheiratet und gewann Ruf und Ansehen. Der Doktor aber wollte die
groe Praxis auf dem Lande, welche ihm zufiel, nicht einschrnken, weil ihm dort
viele von frher her wert waren. Wenn er jetzt des Abends ermdet nach Hause
fuhr, freute er sich den ganzen Weg ber auf den Gru seiner Hausfrau und auf
den Augenblick, wo sie ihm aus dem Brenpelz helfen und beim einfachen
Abendessen gegenbersitzen wrde. War er einmal gegen Abend zu Hause, dann holte
er wohl seine Flte hervor, auf der er in jungen Jahren tchtig gewesen war, und
blies, whrend der Mond das Fensterkreuz in der dunklen Stube abmalte und sein
liebes Weib an seiner Seite sa und andchtig zuhrte; zuletzt legte er die
Flte weg und zog die Geliebte an sein Herz. Henriette hatte sich ausgedacht,
wie hbsch es wre, wenn sie ihn auf der Gitarre begleiten knnte; in der Stille
hatte sie sich ein Instrument geschafft, nur wenige Stunden bei dem Organisten
genommen und in Abwesenheit des Gatten fleiig gebt. An seinem Geburtstage trug
sie ihm die Flte herbei, und da er ein wenig geblasen hatte, klangen leise die
Akkorde ihrer Gitarre hinein. Dem Gatten wurden die Augen feucht, und er kte
ihr die Hand; sie aber errtete ber die ungewohnte Artigkeit und sah noch am
nchsten Tage heimlich auf die Stelle, an welcher der Ku gehaftet hatte.
    Der Doktor htte ihr alltglich die Hand kssen knnen, denn es war eine
gesegnete Hand; was sie im Hause anfate, geriet; das Backwerk, welches sie
ihrem Herrn zuliebe unternahm, die Blumen, die sie in den kleinen Hausgarten
pflanzte, und die Dienstmdchen, welche sie in die Lehre nahm.
    Doch alles Gute war nur ein Vorspiel gewesen, als die Zeit kam, wo ein
kleines Bett neben dem ihren stand und ein holdes Abbild des geliebten Mannes
darin lag.
    So hast du einst ausgesehen, sagte sie stolz zu dem Gatten, als dein
Vater neben dir sa, deine Hndchen zusammenlegte und nicht mde wurde, dich zu
betrachten; du machst es mit dem Kleinen ebenso. Siehe, sein Haar wird
brunlich, und man merkt, da sich's kruseln wird. Der kleine Engel liegt still
auf der Seite, er hat, wie vormals du selbst, die Fustchen geballt, die kleinen
Fe hinaufgezogen. Schlummre, mein Kind, du hast den besten Schutz, denn das
Auge deines Vaters ist ber dir und wird dich behten, damit du fest und redlich
wirst wie er.
    Etwas aber schwebte in der Zeit, wo Mutter und Kind der Pflege bedurften,
behend und geruschlos wie eine Elfe oder Sylphe durch das Haus; immer hilfreich
und zu jeder Stunde bei der Hand und dies war Tante Minchen. Seit der Kleine
erschienen war, hatte sie diesen Verwandtennamen angenommen; ihr mute die Kunst
angeboren sein, kleine Weltbrger zu waschen, zu wickeln, umherzutragen und mit
zrtlichem Gesange in Schlaf zu lullen. Sie wurde der erste Pate, der Graf und
Brbel die andern, und sie gab den Rat, das Kind Viktor zu nennen zur Erinnerung
an vergangenen Kampf und Sieg. Wte ich nicht ziemlich genau, da ich die
Mutter bin, sagte Henriette dankbar, so mte ich dich dafr halten. Sieh hin,
er verzieht das Mulchen und will ber dich lachen.
    Viktor wuchs heran, als ein krftiger Knabe mit einem runden Kopf, groen
blauen Augen und einem so sonnigen Ausdruck in seinen Mienen, da er schon auf
den Armen der Wrterin von den Vorbergehenden angeredet und geliebkost wurde.
Es war wohl die stille Freudigkeit der Eltern, was seiner Erscheinung den
lichten Glanz gab, und die Gunst der Stadt und der tgliche Verkehr mit
freundlichen Nachbarn verliehen ihm dazu eine frohe Sicherheit und ein keckes
Selbstvertrauen, welches sein ernster Vater nicht gehabt hatte. Kurz
entschlossen bewegte sich der Knabe unter seinen Genossen, alle kleinen Buben
der Stadt kommandierte er, obschon er der jngste war, sooft er auf der Strae
mit ihnen zusammentraf. Aber auch mit Erwachsenen hielt er gute Freundschaft.
Einer der besten Freunde war Hans, der Trompeter, der nach dem Kriege sein
Mdchen geheiratet hatte, jetzt als erster Ratsdiener die Polizeigewalt der
Stadt darstellte und durch energisches Schwenken seines spanischen Rohres an
Markttagen ein gefrchteter Mann geworden war. Auch Hans fhlte eine zrtliche
Neigung zu dem Kleinen; wenn er ihn auf der Strae traf, hob er ihn auf und
kte ihn mit seinem groen Schnurrbart, nicht zur Freude der Mutter. Viktor
begleitete dafr den Diener gern auf Geschftswegen, und als der Doktor einst
die Strae herabkam, sah er, wie Hans mit gehobenem Rohr ein stark betrunkenes
Buerlein auf die Wache fhrte und wie sein kleiner Sohn, zum Ergtzen der
Leute, ebenfalls mit einem gehobenen Stock hinter dem Bauer herlief und dabei
die Zickzackwege desselben getreulich mitmachte. Und es wurde schwer, den
Kleinen zu ernster Wohlanstndigkeit zu ziehen, denn er war zwar gutherzig, aber
bermtig, und ahmte gern alles Lcherliche nach. So hatte der Kammerherr die
Gewohnheit, zu schnupfen, dann hielt er die Dose dicht unter seine Nase, welche
nicht klein war, zog die Schultern in die Hhe und beugte den Kopf vor, whrend
er mit Genu die Prise nahm. In dem Familienschatz des Doktors aber befand sich
eine silberne Dose, welche als teures Erbstck aufbewahrt wurde, weil die
berlieferung meldete, da sie dem Grovater von Friedrich dem Groen geschenkt
sei, und die Sage hatte vieles fr sich, da die Dose nur klein und keineswegs
kostbar war. Als nun einst der Kammerherr den Doktor besuchte, sah dieser, da
der Herr mitten im Geschft des Schnupfens anhielt und den stieren Blick in die
Stubenecke richtete. Dort sa der kleine Viktor, in der Hand die silberne
Familiendose, welche er heimlich aus dem offenen Schreibtisch des Vaters geholt
hatte, und stellte in respektwidriger Weise die auffllige Gebrde des fremden
Herrn so lcherlich dar, da der Vater, trotz dem Frevel des Sohnes, Mhe hatte,
ernsthaft zu bleiben.
    Auch die Unternehmungslust des Kleinen machte den Eltern Sorge. Unweit der
Stadtmauer stand als berrest einer vergangenen Burg ein alter viereckiger Turm
mit schadhafter Treppe und ohne Dach, in den Ritzen wuchs Gestruch, dessen
Samen die Vgel hingetragen hatten. Fr den Turm hatte Viktor eine Vorliebe, er
fhrte seine Gespielen gern dahin, einen Helm von Pappe auf dem Haupt und eine
Fahne in der Hand. Als einst zur Mittagszeit der Kleine nicht aufzufinden war
und der Vater in die Haustre trat, kamen ihm Leute entgegengelaufen und wiesen
bestrzt nach dem Ende der Strae, wo das alte Gemuer ragte. Der Vater eilte
dorthin und sah den Knaben auf schwindelnder Hhe in einer Fensterffnung
sitzen. Das Kind hatte den Turm offen gefunden, war die schlechte Treppe
hinaufgeklettert und vermochte den Rckweg nicht zu finden. Whrend Hans unter
Lebensgefahr im Innern emporstieg, stand der Vater mit bebendem Herzen drauen
und starrte nach der Hhe in dem Gedanken, sein Kind aufzufangen, wenn es
herabstrze. Wie er endlich den Geretteten in seinen Armen hielt, wollte er ihn
nicht loslassen und trug ihn der ahnungslosen Mutter zu. Lange nachher gestand
er dieser: Seit jenem Tage sehe ich oft im Traume den Turm, die schwarze Mauer,
die offene Tr, das Gestruch, welches zwischen den Steinen herauswchst, und in
der Fensterffnung mein weinendes Kind, und das Entsetzen schttelt mir die
Glieder wie damals.
    Viktor war vier Jahre alt, als seine Schwester Katharina geboren wurde. Auch
er wurde von der Aufregung im Hause angesteckt und sah staunend auf das kleine
eingewickelte Ding, welches in seiner Wiege lag; zuweilen streichelte er ihr die
runden Wangen, endlich erhob er sogar den Anspruch, sie auf seinen Armen zu
tragen. Seit sie in der Stube umherlief, lie er sich ihre Nhe gefallen in dem
Wechsel von Herzlichkeit und ruhiger Nichtachtung, womit Knaben ihre jngeren
Geschwister zu behandeln pflegen.
    Kthe geno als zweites Kind den Vorteil, da die Liebe der Eltern ruhiger,
die Pflege sicherer war. Sie wird sich leichter ziehen als Viktor, sagte die
Mutter behaglich. Freilich, dem Erstgeborenen hatten Schmerz und Freude,
Begeisterung und Entzcken der Eltern strkeren Abdruck ihres eigenen Gemtes
eingeprgt, dafr fand Kthe auer ihnen auch eine Kinderseele, durch welche sie
in das Leben eingefhrt wurde. Oft lief sie auf den Bruder zu, sah ihn liebevoll
an und umarmte ihn, und er lie sich das lchelnd gefallen. Das erste, was die
Kleine sprach, waren Worte, die sie dem Bruder abgelauscht hatte. Noch viel
spter, da sie bis zu den Stricknadeln herangewachsen war, strickte sie als
erstes Kunstwerk einen Strumpf fr Viktor, und da sie endlich in die Geheimnisse
des Kreuzstichs eingeweiht wurde, unternahm sie als erste Arbeit einen Gurt fr
den Bruder. So war natrlich, da ihre Gedanken viel bei ihm verweilten.
    Das Haus des Doktors war ein gastliches Haus, nur geladene Gesellschaft
bewegte sich selten darin, denn solche war damals umstndlich und feierlich. Die
liebsten Gste waren die guten Freunde aus der Stadt, welche am Abend ungeladen
zum Lichten kamen; ihnen wurde vorgesetzt, was im Hause war: Punsch, pfel und
Nsse. Auerdem erschienen die Universittsfreunde und Kriegskameraden des
Hausherrn, welche hier und da in der Umgegend wohnten. Dann saen die Mnner bei
einem Glase Ungarwein bis in die Nacht zusammen und wurden nicht mde, von
vergangener Zeit zu reden. Viktor war an solchen Abenden gar nicht von der
Fubank wegzubringen, die er neben den Vater gerckt hatte, auch er hrte mit
glnzenden Augen zu, wenn die Herren von den Fahrten nach Lauchstdt erzhlten,
wohin sie aus der Universittsstadt zu Pferde und zu Fu gezogen waren, oder von
ihren Erlebnissen und Gefahren im Felde.
    Aber die treuesten Hausfreunde, der Einnehmer und seine Frau, blieben nach
einigen Jahren aus. Herr Khler hatte bis zur Hhe seines Lebens in kleinen
Verhltnissen seine Pflicht getan, jetzt auf einmal gewann der Staat ein
besonderes Zutrauen zu seiner Tchtigkeit; er wurde ganz auer der Reihe nach
der Residenz in einen groen Wirkungskreis berufen. Dies war der erste Verlust,
der das glckliche Haus traf, allen wurde der Abschied bitterlich schwer, am
schwersten fr Tante Minchen die Trennung von den Kindern, welche bis zuletzt an
ihrem Halse hingen.
    Zu den Besuchern, welche von auswrts kamen, gehrten die Bellerwitze. Sie
waren alte Bekannte auch der Hausfrau, und weil im Kriege gewissermaen die
Verbrderung aller Stnde stattgefunden hatte und seitdem jedermann alten
Vorurteilen entsagte, geschah es, da die groe Kutsche gern vor dem Hause
anhielt und da die Damen dasselbe Absteigequartier benutzten, wenn sie in der
Stadt zu tun hatten. Einst im Winter, als die Herrschaften vom Lande in ihrem
Krnzchen einen groen Maskenball veranstalteten, wurde ausgemacht, da die
Kammerherrin sich bei der Frau Doktorin dazu ankleiden sollte. Sie erschien als
trkische Sultanin mit Turban, auf welchem ein groer Federbusch von gesponnenem
Glase ragte, in weiten Atlashosen und einem langen seidenen Sultansmantel und
hatte sich ausgedacht, da sie an einer Kette, deren Glieder von blankem Blech
verfertigt waren, einen Sklaven hinter sich herfhren wollte. Nicht jedermann
war zu dieser Rolle bereit, endlich fand sich ein kleiner Referendar, der sich
seinerseits mit schwarzer Larve verkappte. Viktor wurde in das Ankleidezimmer
gefhrt, um die Masken auch zu sehen. Es war das erstemal, da er jemand in
prchtiger Verkleidung erblickte, er setzte sich still in die Ecke, starrte auf
die groartige Gestalt und war durch keine Liebkosungen der Sultanin aus seinem
Winkel herauszulocken. Als Henriette spter zu dem Gatten sagte: Was hat doch
das Kind? Er ist sonst dreist und zutraulich gegen alle Welt, nur nicht gegen
diese Familie, - da antwortete der Doktor lachend: Woher er das hat, kann
niemand sagen. Er kennt aber diese Leute so gut wie wir. Das ist der Scharfsinn
der Kinder, und als er den Kleinen fragte, wie ihm die Frau gefallen habe,
sagte der Knabe eifrig: Sie soll niemanden an der Kette fhren.
    Auch spter wollte es nicht gelingen, ihn in ein gutes Verhltnis zu den
Insassen der groen Kutsche zu bringen. Die Kammerherrin hatte ihrem Gemahl kurz
nach Viktors Geburt eine Tochter geschenkt, die kleine Valerie war als Nestling
in kinderreichem Hause der Liebling der Eltern, und ihre Mama hatte schon oft
die artige Bitte ausgesprochen, da Viktor doch die Eltern bei einem Besuch
begleiten mge. Deshalb nahm der Doktor den siebenjhrigen Knaben bei einer
Geschftsreise nach dem Gute mit. Auf dem Wege befand sich Viktor in rosiger
Stimmung, denn mit dem Vater zu fahren war sein Stolz. Da sie aber auf der Rampe
des Schlosses hielten und der Diener die steinerne Treppe hinauffhrte,
verstummte das Kind, und wie er unter die jungen Damen kam, stand er steif und
schweigsam; der Vater berlie ihn der weiblichen Beredsamkeit, welche auch
unter den jngeren Gliedern der Familie nicht unbedeutend war, und besorgte
seine Angelegenheiten. Als er den Knaben wieder abholen wollte, erhielt er von
den Frulein den Bescheid, Viktor htte nicht bei ihnen aushalten wollen und sei
mit dem Diener in den Hof gegangen. Dort fand ihn der Vater beim Pferdestall
sitzen. Auf dem Heimwege mahnte er den Sohn an seine Verpflichtung, mit der
Kleinen zu spielen, und bekam die unwillige Antwort: Sie berhmten sich zu sehr
bei ihrem Spielzeug und bei einer groen Decke mit Blumen, die in ihrer guten
Stube auf dem Boden liegt, und ich sagte ihnen, da sie Gnse sind.
    Viktor ging in die Schule. Der Diakonus, ein Freund des Doktors, hatte sich
erboten, den Knaben in Privatstunde zu nehmen. Auch in dieser Schule wurde Kthe
nach den ersten Jahren seine Genossin; er half ihr, schwere Worte lesen, und
lehrte sie die Bedeutung der Zahlen, und wenn die beiden runden Kindergesichter
sich ber die Schiefertafel beugten, strahlte von ihnen ein heller Schein in die
Herzen der Eltern. In dem Privatunterricht wuchsen die Kinder heran, Kthe las
kleine Geschichten im Bilderbuch, und Viktor lernte mit elf Jahren ber den
unregelmigen Zeitwrtern der lateinischen Grammatik.
    Als er einst seine Mappe nach Hause trug, sah er vor dem Gasthofe einen
groen Packwagen abladen. Auer vielen Kisten und Koffern auch ungeheure Rollen,
und um das Gepck trieben sich fremde Mnner umher mit gelockten Haaren und
einer auffllig bleichen Gesichtsfarbe. In der Mitte der Bewegung stand ein
breitschultriger Herr, der ein buntes Tuch lose um den Hals geknpft hatte und
den Hut verwegen auf einem Ohr trug. Er befahl mit khnen Bewegungen des Armes
und mit einer Stimme, welche gewaltig ber den Markt schallte. Die
herzugelaufenen Leute sagten einander, da dies Komdianten seien und der groe
Mann in der Mitte der Herr Direktor. Viktor fhlte die Aufregung mehr als alle
anderen, vieles, was er aus den Erzhlungen des Vaters erlauscht hatte, die
Begeisterung, mit welcher dieser oft vom Theater gesprochen, das wurde pltzlich
in seiner Seele lebendig wie Ahnen eines neuen Glckes. Beim Mittagessen war
wieder von den angekommenen Schauspielern die Rede. Auch die Eltern waren in
heiterer Erwartung. Damals, als sie einander zuerst liebgewannen, hatten sie
ihre Erinnerungen an genossene Auffhrungen ausgetauscht. Seitdem war beiden nur
selten einmal ein Besuch des Theaters mglich gewesen, und jetzt kam es so nahe
an ihre Tre. Sie durften auch hoffen, in ihren frohen Erwartungen nicht
getuscht zu werden. Denn die Gesellschaft hatte einen guten Ruf, und die
Vorstellungen der besseren Wanderbhnen hatten damals einen hheren Wert als
wohl spter; waren auch die Stcke zum grten Teil schwach, das Spiel war
keineswegs verchtlich. Von diesem Tage begann fr Viktor eine Entfaltung der
eigenen Gestaltungskraft, welche fast in allen Kinderseelen durch das erste
Eindringen der dramatischen Kunst bewirkt wird. Schon zur ersten Vorstellung
wurde er, trotz der Bedenken der Mutter, mitgenommen. In dem groen Saal des
Gasthauses war die Bhne aufgeschlagen, davor die Bretterbank, auf welcher
Steinmetz mit seinen Gehilfen den musikalischen Teil des Genusses zu besorgen
hatte. Als der Vorhang aufging, starrte Viktor in einem Schauer von Ehrfurcht
und Erwartung nach der fremden Frau, welche aus dem schn gemalten grnen Wald
heraustrat, in einem weien Gewande und einer hochgepufften Frisur, wie sie
damals bei Frauen und Gttinnen modisch war. Und als sie sich verneigte und
erklrte, da sie eine Muse sei und ihre Gesellschaft der Gunst des Publikums
empfehle, empfahl sie auch sich selbst bei dem brigen Publikum und bei Viktor.
Sie war so schn und edel, da die hochnasigen Mdel im Schlosse des Kammerherrn
sich mit ihr gar nicht vergleichen konnten. Das Stck aber war Kthchen von
Heilbronn. Wetter von Strahl, ganz in eine silberne Rstung gehllt, die
schwarze Feme, das wunderschne Kthchen, vor allem der gute treue Knappe. Und
als in der Mitte des Stckes der Burgbrand kam und mit polizeilicher Erlaubnis
im Hintergrund auer dem Transparent ein Schwrmer zuckte - Hans stand in den
Kulissen neben zwei Eimern mit Wasser -, da drckte sich der Knabe in seinem
Entzcken zwischen Vater und Mutter hinein und hielt sich mit den Armen an
beiden fest. Mit Besorgnis sah die Mutter nach der Heimkehr die glhenden
Wangen, und da das Kind keinen Schlaf finden konnte. Aber am Morgen war er
wieder munter und spielte Feme mit einem alten Tuche.
    Als er das nchste Mal in die Komdie mitgenommen wurde, war dort alles
lustig, man gab Das Donauweibchen; es wurde auch gesungen, die Nixen
schwenkten hinter einem Damm von bemalter Leinwand ihre Schleier, der Ritter
erschien und sein dicker Knappe, Kaspar Larifari, welcher sich unglaublich
lcherlich gebrdete. Aber als Viktor gerade am lustigsten war, erlebte er
etwas, was er sobald nicht vergessen sollte; denn auf einmal erschien vor dem
Kaspar ein kleines Nixenkind, ein Mdchen von etwa acht bis neun Jahren, mit
rosigem Gesicht und rabenschwarzen Locken, sie drehte sich vor dem Manne im
Kreise und sang dazu. So schn war das Mdchen, und wie ein Glckchen klang ihre
Stimme durch den Raum, da die Zuschauer vor Freude in die Hnde klatschten.
Viktor wandte kein Auge von ihr, und als der Akt zu Ende war, lief er von seinem
Platze zu den Musikern. Dort war seitwrts von der Bank, an dem gemalten Portal
der Bhne, ein kleiner Vorhang, hinter welchem zuweilen Mitglieder der
Gesellschaft verschwanden. Von bermchtiger Gewalt getrieben, glitt Viktor
hinter den Vorhang, stieg eine kleine Treppe hinauf und stand in den Kulissen.
Dort sa in dem schmalen Raume zwischen Leinwand und Stricken das schne Mdchen
auf einem Schemel; die Hndchen im Scho gefaltet, sah es vor sich hin. Viktor
stand in Ehrfurcht vor ihr, unbeweglich wie sie, und hielt den Apfel in der
Hand, welchen ihm die Mutter zur Erquickung eingesteckt hatte. Endlich legte er
den Apfel leise in ihren Scho, die Kleine sah erstaunt auf, und die Kinder
blickten einander mit groen Augen an. Da tnte ein Glckchen, das Mdchen fuhr
auf und und er sprang die Stufen hinab und drckte sich unter die Zuschauer,
welche an der Seite standen und seinen Einbruch in das Heiligtum den Augen der
Eltern verborgen hatten. Seitdem studierte Viktor die Theaterzettel und bat,
sooft die kleine Tina auftrat, da er mitgenommen werde. Aber er strich auch,
wenn er sich frei machen konnte, bei Tage um den Saal des Gasthofs. Als einmal
die Kleine neben der Mutter auf der Strae vorberkam, stand er wie ein Bild aus
Stein, in freudigem Schreck ber die Begegnung. Und als das Mdchen zu seiner
Mutter sprach - er wute recht gut, da von seinem Apfel die Rede war -, wurde
er vor Erregung rot und vermochte die Mtze erst zu ziehen, als es zu spt war.
Doch des Abends wagte er durch den Ritz an der Seite zu gucken, und da er die
Kleine nach ihrem Spiele sah, ihr zuzurufen: Das war schn. Sie lachte ihn an.
Damit war das Eis gebrochen. Als Vertrauter des Stadtmusikus gewann er in seinem
Drange, dicht an der Bhne zu sein, einen Platz auf der Bank des Musikanten, und
die Eltern, deren Sthle in der Nhe waren, hatten nichts dawider. Dort sa er
an der Ecke neben dem Schlitz am Portale, schlpfte hinter die Gardine und
teilte mit der Kleinen, was er Gutes in der Tasche hatte. Auch traf es sich, da
zuweilen der Kopf eines Mdchens hinter dem Vorhang heraussah und eine kleine
Hand sich gegen ihn ausstreckte. Ja, einmal, als ihre Rolle zeitig zu Ende ging,
kam sie in ihrem Mntelchen heraus und setzte sich neben ihn auf die Bank. Er
legte seine Nsse in ihre Hand, hielt die Hand mit den Nssen fest und war sehr
glcklich.
    Aber auf dies heitere Verhltnis fiel durch Viktors Schuld ein dunkler
Schatten. Es wurde ein gefhlvolles Ritterstck gegeben, und die Mutter der
Kleinen spielte die Heldin, welcher ihre Kinder von einem mchtigen Bsewicht
geraubt werden sollten. Als nun die verzweifelnde Mutter wie eine Lwin gegen
das Gitter des Kerkers losfuhr, wurde die Aufregung Viktors bermchtig, und in
dem Bestreben, sich von einem schmerzlichen Eindruck zu befreien, hob er das
dnne Stckchen des Vaters, das er leider in der Hand hielt, und tippte damit an
eine Pyramide von Hten, welche die stehenden Zuschauer mibruchlich an der
Ecke des Podiums aufzustellen pflegten. Die Hte kollerten und wlzten sich bis
nahe vor die Fe der Heldin, das Publikum lachte, kaum konnte die Szene zu Ende
gespielt werden. Viktor erschrak ber diese Folge seiner Missetat; auch war das
Schwenken des Stockes nicht ganz unbemerkt geblieben, sogar hinter den Kulissen
hatten sie es gesehen, und die Eltern erfuhren davon. Als das Theater zu Ende
war, ging die Kleine an Viktor vorber, ohne ihn anzusehen, und er fhlte jetzt
tiefe Reue, die er hinter stillem Trotz verbarg. Obwohl nicht bse Absicht,
sondern nur Ungeschick angenommen wurde, bestand der Vater doch darauf, da der
Sohn bei der Knstlerin Abbitte tun solle. Dies hielt er um so mehr fr
Schuldigkeit, weil die Eltern der kleinen Tina von den Brgern als ordentliche
Leute gerhmt wurden, sie lebten still in einfachem Haushalt und machten keine
Schulden, deshalb wurden die Heldenrollen, welche sie spielten, gern ihrem
Charakter zugute gerechnet.
    Viktor ging neben dem Doktor stumm zu der Wohnung der Schauspieler, das Herz
war ihm sehr beklommen und das Weinen nahe. Vor den Fremden entschuldigte zuerst
der Vater die Untat, Viktor aber, der die kleine Tina hinter der Mutter stehen
sah, vermochte mit niedergeschlagenen Augen nur die Worte herauszubringen:
Seien Sie mir nicht bse. Der gekrnkte Knstlerstolz der Schauspielerin wurde
durch natrliche Gutherzigkeit und durch die Rcksicht auf den angesehenen Arzt
berwunden. Sie reichte dem Knaben die Hand, der Heldenvater rckte dem Doktor
einen Stuhl hin, und Viktor wurde aufgefordert, mit der Kleinen zu spielen. Er
fhlte wieder tiefe Beschmung, als das Mdchen leise sagte: Vater meinte auch,
es sei nicht gern geschehen. Whrend die Eltern verstndige Worte tauschten,
saen die Kinder zusammen vor einem alten Jckchen von roter Seide, auf welches
Tina fr eine knftige Pagenrolle silberne Tressen nhte, und ber ihnen hing an
der Wand die glnzende Blechrstung, ein Hauptstck des Garderobenschatzes,
welches der Knstler nur in den grten Heldenrollen gebrauchte. Die
prachtvollen Gewnder an der Wand und die vornehme Weise, in welcher die Fremden
auf ihren Sthlen saen und mit verbindlichem Lcheln die Unterhaltung machten,
bezauberten den Knaben. Auch der Vater war mit dem Besuch zufrieden und lud beim
Abschiede die kleine Tina in sein Haus ein.
    Seitdem sahen sich die Kinder einigemal bei ihren Eltern. Als das Mdchen in
das Haus am Markte kam und das ganze Spielzeug zur Genge betrachtet war, htte
Viktor gar zu gern gehabt, wenn sie mit ihm Kaspar Larifari gespielt htte, sie
aber weigerte sich und fragte nach seinem Brummkreisel, von dem er einiges
erzhlt. Zuletzt gestand sie ihm vertraulich, da sie vor allem gern einen
Drachen wrde steigen lassen. Da konnte er helfen, und am nchsten Tage zogen
beide mit dem Papierdrachen auf das Feld, er hielt den Drachen, sie die Schnur,
und als der Drache in der Hhe immer kleiner wurde, sah sie glckselig zu dem
Steigenden hinauf. So hoch mchte ich mit dir fliegen, sagte sie, immer
weiter. Aber zuletzt fallen wir herunter, versetzte der klgere Viktor.
    Als endlich der Tag der Trennung kam, trug Viktor der Kleinen ein Halsband
zu, das ihm die Mutter auf seine Bitte gekauft; sie aber schenkte ihm einen
Schal von bunter Wolle, den sie selbst fr ihn gestrickt hatte. Beim Abschied
fiel er ihr um den Hals und kte sie recht herzlich, sie hielt ihn fest
umschlungen. Die Mutter hatte vorher die Befrchtung ausgesprochen, da der Sohn
sich ungebrdig stellen und sehr weinen wrde. Zur Verwunderung der Eltern war
das nicht der Fall, er ging still neben dem Vater nach Haus, ohne sich
umzusehen, und erzhlte am Abend der Mutter mit glnzenden Augen die Geschichte
von dem Kampfe der drei Horatier, die er in der Schule gehrt. Er war nicht
traurig, sondern gehoben durch die Szene des Abschiedes und durch den ersten
Ku, den er freiwillig einem fremden Mdchen gegeben. Es war eine unschuldige
Kinderneigung, aber es war die erste Liebe eines reich begabten, frh
entwickelten Knaben. Ob es ihm einst zum Heil oder zum Unglck gereichen sollte,
da er als Kind die Hingabe und die Zrtlichkeit einer solchen Leidenschaft
durchlebt hatte? Er selbst sprach selten von seiner kleinen Freundin, aber er
dachte frhlich an sie wie an Weihnachten, und der Diakonus rhmte in der
nchsten Zeit den aufgeweckten Geist des Knaben und die schnellen Fortschritte.
    Bald darauf verkndeten die Zeitungen, da drauen in der Welt sich ein
unruhiges Getmmel erhob, man las von Straenkampf und Barrikaden bei den
Franzosen, auch die Polen rhrten sich heftig, im Lande wurde getrommelt,
Soldaten marschierten und besetzten die Grenze. Die Herren saen lnger im
Gesprch bei einem Glase Wein, Hans fhrte einen Leinweber auf die Wache, weil
dieser im Rausch auf der Gasse nach Menschenrechten geschrien und dem
Brgermeister einen Stein gegen die Haustr geworfen hatte. Auch die Kinder
wurden von der Unruhe ergriffen. Viktor schritt als Kommandant vor einer Bande
Schulknaben, und da er vom Vater wute, da man fernes Gerusch von Pferdehufen
und das Rollen der Kriegswagen erlauschen knne, wenn man das Ohr an die Erde
halte, so zwang er seine Kompanie, sich in der Dmmerung auf das Straenpflaster
zu legen, um dort das Anrcken unbekannter Feinde zu vernehmen. Bei Kindern und
Groen legte sich allmhlich die Bewegung. Dennoch merkte man, da sich allerlei
Neues an die Stadt heranzog: eine Schnellpost, eine Chaussee, und die Leute
sprachen viel von Eisenbahnen, auf denen man fahren knne.
    Auch fr die Glcklichen im Doktorhause brachten diese Jahre groe
Vernderungen. Zuerst starb der gute Senior, hoch an Jahren, aufrichtig
betrauert von seiner Gemeinde, und die Frau Pastorin zog in weite Entfernung zu
einem Sohne, der ebenfalls Geistlicher auf dem Lande war. Whrend Henriette noch
unter diesem Verluste litt, traf sie ein anderer. Viktor mute das Elternhaus
verlassen, um ein Gymnasium zu beziehen. Der Wechsel war so gnstig als mglich,
die Entfernung betrug nur wenige Meilen, und der Haushalt, in welchen er
versetzt wurde, war der des jungen Doktors. Die Aufregung und Betubung des
Aufbruchs barg dem Knaben den Schmerz, welcher ihm bevorstand; die Eltern
empfanden den Verlust schon lange vorher. Sie begleiteten den Sohn in die
benachbarte Stadt. Als die Trennungsstunde kam und der Wagen vorfuhr, der die
Eltern in die Heimat zurckbringen sollte, da warf sich Viktor schluchzend ihnen
um den Hals und klammerte sich zuletzt krampfhaft am Vater an. Und er blickte
dem rollenden Wagen nach in einem herzzerreienden Weh, dem ersten groen seines
Lebens. Auch die Eltern saen im Wagen sprachlos und hielten einander bei der
Hand, bis die Mutter das eigene Leid ber dem stummen Schmerz des Gatten verga
und ihr Haupt auf seine Schultern legte, um ihn leise zu mahnen, da er nicht
allein geblieben sei; da sagte der Gatte in tiefer Bewegung: Jetzt wei ich,
wie einem armen Vater zumute ist, der sich von seinem Kinde scheidet. Es ist ein
Teil des eigenen Lebens, den man von sich tut. Auch fr dich, Geliebte, endet
der blhende Sommer, in dem wir so selig waren. In Frieden und Freude des Hauses
drngt sich Entbehrung und Sorge; das hchste Glck bereitet dem bittersten Leid
nur die Wege. Das ist Menschenlos!

                             Vandalen und Thringer


Wieder vergingen acht Jahre und Viktor wurde Student. Er war ein reichbegabter
Schler, sein frhliches Naturell erwarb ihm Zuneigung der Lehrer und
Mitschler, und ein behendes Selbstvertrauen, das ihm eigen war, verminderte nur
selten seinen Flei, denn von dem redlichen Pflichtgefhl der Eltern war doch
viel auf ihn bergegangen. Der Doktor folgte der Entwicklung seines Sohnes mit
stillem Wohlgefallen. Er hat einen hochfliegenden Geist und den Mut, etwas zu
wagen, sagte er zu seiner Frau. Er soll sich erwerben, was seinem Vater nicht
zuteil wurde, freie Ttigkeit in einer Wissenschaft, und er soll die
Wissenschaft whlen nach seinem Gefallen. Oft, wenn ich ein gutes Buch las, habe
ich daran gedacht, da doch der edelste Beruf des Mannes ist, fr Lehre und
Bildung in weiten Kreisen ttig zu sein. Und als die Mutter bescheiden
einwendete: Ist solche Aufgabe nicht sehr schwer und der Erfolg ungewi, und
wie steht es dabei mit der Sicherheit des ueren Lebens? - da entgegnete der
Doktor hoffnungsvoll: Er ist einfach erzogen, an geringe Bedrfnisse gewhnt,
und ich erwarte, wenn seine Kraft als Schriftsteller fr hohe Leistungen nicht
ausreicht, da er verstehen wird, als gewissenhafter Lehrer seine Pflicht zu
tun.
    In diesem Sinne besprach der Vater mit dem Sohne die knftigen Studien. Weil
er der Meinung war, da im Anfange eine kleinere Studentenstadt fr Bildung des
Charakters vorteilhaft sein werde, riet er ihm die Universitt, an welche er
sich selbst mit Freude erinnerte.
    Dort sa jetzt Viktor am Fenster seiner Studierstube, die Sonnenstrahlen
fllten sein Zimmer mit Glanz, und aus dem Garten quoll der Blumenduft herauf;
zwischen das ferne Gerusch der Straen tnte das Gezwitscher der Vgel und das
Gesumm der Bienen, welche um die Blten des wilden Weines schwebten. In
gehobener Stimmung sa er und sann. Denn er war zuweilen Dichter, und er hatte
nichts dawider, wenn es die ganze Welt erfuhr, zur Zeit wute es nur seine
Familie. Heut dachte er an die Heimat und an die liebe Mutter. Der Segen, den
sie auf sein Haupt gelegt, und die Liebe, mit der sie ihn beim Abschiede ans
Herz gedrckt, erfllten ihm das Gemt, und ihm war, als mte alles, was ihn
bei der Erinnerung bewegte, die ganze Flle zrtlicher Gefhle in Wort und Vers
dahinstrmen. Wie starker Glockenton bebte es durch sein Inneres. Aber da er es
in Worte fassen wollte, wurde, was als Ton und Vers von seinen Lippen klang,
immer nur ein bekanntes Lied, das er bisweilen von der Mutter gehrt hatte, und
er mute sich darber wundern, da seine Seele von der alten Weise nicht lassen
wollte, die nicht einmal ganz pate und einen anderen Ausdruck gar nicht
begehrte als den Text von Lebewohl und Wiedersehen. Dazwischen hrte er drauen
Trommeln, und ihm fiel pltzlich ein, wie kunstvoll am Abend vorher sein
Leibbursch Roller auf einem leeren Tnnchen die Schlger gehandhabt hatte, und
welch ein prchtiger Gesell der Freund war mit seiner trocknen guten Laune. Er
lief zum Schreibtisch, und was er niederschrieb, war ein munteres Studentenlied,
in welchem kleine Abenteuer des Leibburschen nach bekannter Melodie gefeiert
wurden, nicht hochpoetisch, aber lustig. Als er die Worte durchlas, fiel ihm der
Abend ein, wo er mit dem Stock des Vaters die Hte auf die Bhne geworfen hatte,
und er fragte sich zweifelnd, ob solches Herausspringen aus der Sentimentalitt
fr einen Lyriker geziemend und eine gute Vorbedeutung sei.
    Als Schlesier trug Viktor das Korpsband der Vandalen, eines tapferen und
ruhmreichen Stammes, bei dem er viele Landsleute fand, und obwohl er seine Zeit
nicht ausschlielich den Fehden und Trinkgelagen der Genossenschaft widmete,
wurde er doch als ein ansehnlicher Mann, welcher mit Feder und Schlger Bescheid
wute und in dem Ruf diplomatischer Weisheit stand, mit der Zeit zum Konsenior
gewhlt. Dies Ehrenamt war nicht mhelos, denn obwohl die verschiedenen Korps in
der Regel gegen die Burschenschaft und die Wilden zusammenhielten, hegten sie
doch auch gegeneinander starken Argwohn, und es gab Grenzstreitigkeiten wegen
der Fchse und der Zugewanderten. Am hufigsten zwischen Vandalen und
Thringern. Diese Nation, die zahlreichste von allen, war lange nichts als eine
Verbindung von lockerem Zusammenhalt gewesen, hatte sich aber vor einiger Zeit
zu einem Korps emporgeschwungen und litt gerade damals an einem unleidlichen
Dnkel. Unter ihren Starken waren mehrere Adelige, welche greren Aufwand und
vornehme Neuerungen einfhrten. Ihr erster Huptling, ein Herr von Henner, war
ein langer, hagerer Gesell, als Schlger gefrchtet und wegen seines Hochmuts
bel beleumundet. Ihn konnte Viktor durchaus nicht leiden, schon darum nicht,
weil er Neffe eines verstorbenen uralten Majors aus der Kreisstadt war, von dem
Viktor als Knabe einen scharfen Verweis erhalten hatte, als er einst mit seiner
Kompanie auf dem Stadtwall die Wege verengte. Doch hatte die gemessene
Hflichkeit des Thringers seither einen feindlichen Zusammensto verhindert.
    Nun wollte der Zufall, da Thringer und Vandalen zugleich den Entschlu
faten, ein Knigreich zu errichten, und da sie zur Festfeier dieselbe Woche
bestimmten. Da dies der Gste und des Lokals wegen nicht pate und den Vandalen
viel an dem gewhlten Tage lag, der ihr Stiftungsfest war, so wurde beschlossen,
deshalb mit den Rivalen in freundliche Verhandlung zu treten, und Viktor ward
mit dem Auftrage betraut. Er begab sich also eines Abends nach dem
unterirdischen Gewlbe, in welchem die Thringer ihren Trank in Humpen und
Stangen zu heben pflegten. Verwundert blickten die Helden aus rtlichen
Gesichtern auf den fremden Gast und das Vandalenband ber seiner Brust; doch
wurde er von dem Fuchsmajor, der die Pflichten des Marschalls zu erfllen hatte,
achtungsvoll empfangen, zu dem Huptling geleitet und neben diesem
niedergesetzt. Whrend die wilde Jugend der Thringer sang und Bierkonvente
berief, verhandelten die beiden Wrdentrger leise miteinander. Doch leider fand
das gute Wort des Vandalen bei dem stolzen Thringer keine gute Statt, gleich im
Anfang nicht, als Viktor, seinem Auftrage gem, ihn selbst als Gast einlud.
Denn Henner antwortete, da er nicht zusagen knne, bevor die Genossen ihr
Einverstndnis erklrt htten. Als sich vollends herausstellte, da seinem Volke
eine Verlegung des Tages zugemutet wurde, verweigerte er mit trocknen Worten
jedes Eingehen auf solchen Wunsch. Durch die ungefllige Art des Gesellen wurde
Viktor gereizt, doch gedachte er, da er nicht in eigenen Sachen, sondern im
Interesse seiner Nation zu sprechen hatte, und wahrte seine Wrde. Auch als
Henner die widerwrtige Angelegenheit eines Fuchses zur Sprache brachte, den die
Vandalen den Thringern entfhrt haben sollten, behielt der Gesandte seine
Haltung. Da die Verhandlungen ins Stocken gerieten und er den aufsteigenden
Unwillen bewltigen wollte, sprach er von anderm, erzhlte allerlei, und weil er
sehr kunstvoll gemalte Pfeifenkpfe in der Nhe sah, so rhmte er die Arbeit und
fragte nach dem Maler. Da hielt ihm Henner nachlssig das Bild seines
Pfeifenkopfes hin, einen Schild in Blau und Silber geteilt, darin schwarze
Vgel, und nannte den Maler.
    Viktor lobte das Werk und sagte ruhig: Mir gefllt nicht der neue Brauch,
Wappen auf Burschenpfeifen zu tragen.
    Manchem mifllt, was er nicht hat, htte er's, so wrde er es wert
halten, antwortete Henner kalt. Jedes Land hat seinen eigenen Brauch. Unter
euch Schlesiern macht jeder Schuljunge Verse; ich hre, bei euch kauft man ein
Leichengedicht zu vier Groschen, und bei Hochzeiten tun's eure Poeten umsonst
fr Essen und Trinken.
    Dies war eine bsartige Anspielung auf die Begabung, welche auch Viktor
nicht versagt war. Denn es war bekannt, da die Vandalen einige Lieder von ihm
auf ihren Bnken zu singen liebten. Der Gast merkte, da der andere Hndel
suchte und da ein Kampfgesprch beginnen mute, dessen Ausgang beide kannten.
Er antwortete also mit kaltem Stolze: Ich gebe dir mit besserem Grunde deine
Worte zurck, da mancher verlacht, was er wert halten wrde, wenn er's htte.
Haben die Schlesier allzuviel Verse, so ihr Thringer zuviel groe Herren. Du
bist, wie ich hre, aus dem Lande, in dem der Maikfer ber sieben Frstentmer
fliegt.
    Ich stamme aus Westpreuen, versetzte Henner stolz, aber meine Familie
ist erst dorthin ausgewandert, sie sa in Thringen, bevor es ein Preuen gab.
Wir sind die Henner aus dem Hause Ingersleben.
    Als Viktor diesen Unsinn hrte, verlor er die Geduld. Im Augenblicke fiel
ihm vieles ein, was ihn schon als Knaben an den Bellerwitzen und andern gergert
hatte, die Blechkette und die Ruhmredigkeit. Er erhob sich und verhehlte nicht
lnger die bedeutsamen Worte, welche dem Betroffenen das Gegenteil von
mnnlicher Klugheit zur Last legen, denn er sagte verchtlich: Aus dem Hause
Ingersleben? Du bist ein dummer Junge. Henner blieb kaltbltig sitzen und hob
gegen einen Vertrauten, welcher neben ihm sa, nur einen Finger in die Hhe,
worauf dieser aufsprang und den scheidenden Gast, welcher kampfmutig ber den
Haufen der Thringer sah, im Namen Henners auf einen Gang mit kleinen Mtzen
forderte. Viktor nickte und beobachtete, da den Thringern erst jetzt der
Zusammensto der Groen auffiel und da sie zahlreich von den Bnken fuhren, um
dem Fremden mit gleicher Schmhung zu bezahlen, aber durch eine neue
Handbewegung ihres Seniors zurckgehalten wurden. Nur zwei der besten Recken
tauschten mit ihm noch Scheltworte und Forderung, und Viktor schied aus dem
Heerlager der Feinde mit der Aussicht auf drei Geschfte, bei denen fr die
Beteiligten der Hingang auf eigenen Beinen sicherer war als die Heimkehr.
    Als Viktor am anderen Morgen frher als sonst erwachte, war ihm in dem
nchternen Grau des Tages das Gemt doch etwas beschwert; er hatte bis dahin mit
Glck und Kunst hnliche Zusammenste berwunden und geno den Ruf, scharfe
Hiebe auszuteilen. Diesmal aber stand dreimaliger Mnnerkampf mit den besten
Schlgern der Universitt in Aussicht, und zwar in der gefhrlichsten
Kampfweise, und er beobachtete an sich selbst mit Befriedigung, da er in dem
Kolleg einer langen philosophischen Errterung zu folgen vermochte, obgleich ihm
die Sekunden und Quarten zuweilen den Faden zerschnitten. Natrlich zog der
Zwist sein ganzes Volk in Mitleidenschaft, die Vandalen waren emprt, die
Thringer gereizt, und wo Kmpfer aus beiden Stmmen zusammenstieen, wurden
wilde Worte und Forderungen getauscht.
    Der Morgen des Kampfes brach an. Noch vor Aufgang der Sonne schritt Viktor
mit seinen Genossen durch die dmmerigen Straen einem abgelegenen Gartensaal an
der Grenze der Stadt zu, alle schweigsam und mit festem Tritt. Von einem Baum am
Wege schlug ein Fink und begleitete die Wanderer eine Strecke, Viktor winkte mit
der Hand dem Vogel zu, und der Gru des Kleinen machte ihm das Herz leicht. Er
fand an der Kampfsttte die Gegner bereits versammelt, dazu eine Anzahl
aufgeregter Fchse, welche schon vor Tagesanbruch die Waffen geschleppt hatten
und als Spher das Haus gegen feindliche Gewalttaten bewachen sollten. Die
Vorbereitungen waren kurz, wenige Worte wurden gewechselt, auch die Sekundanten
hatten nicht viel zu tun: ein Strang ber die Pulsadern des rechten Armes
gebunden, die leichten Tuchmtzen dem Unparteiischen vorgezeigt, die Aufstellung
gemessen, dann traten die Sekundanten tiefatmend zurck, der Unparteiische rief
sein Gebunden - los und Stahl klang an Stahl. Mit Freude sahen die Vandalen,
wie gewaltig der Streit wurde, die Kraft des langen Henner war grer, aber
seine gefrchteten steilen Quarten sausten unschdlich, bis endlich ein
verhngnisvolles Atempo dem Kampf ein Ende machte, die Wange Henners klaffte
weit aufgeschlitzt, und von der Schulter Viktors strmte das Blut zur Brust, die
Sekundanten sprangen ein, und trotz dem Widerspruch der Kmpfenden wurde der
Streit fr ausgetragen erklrt. Mit stillem Triumph geleiteten die Vandalen
ihren Mann nach Hause. Henner mute im Wagen nach seiner Wohnung befrdert
werden.
    Es war ein rhmlicher Kampf gewesen und lange haftete die Erinnerung daran,
denn er wurde fr beide Genossenschaften verhngnisvoll. Der Behrde flog eine
Kunde zu, und da der Zufall wollte, da gerade aus der Residenz eine der
periodischen Mahnungen zur Abstellung unerlaubter Verbindungen eingetroffen war,
mit scharfen Bemerkungen ber seither gewhrte Nachsicht, so mute der Senat,
der eine Zeitlang beide Augen zugedrckt hatte, sich ungern entschlieen, eine
groe Untersuchung eintreten zu lassen. Nun hatten die Thringer am meisten mit
Nachtwchtern und Pedellen zu tun gehabt und wurden deshalb zum Objekt des
gesetzlichen Zornes auserwhlt. Aber auch die Vandalen gingen nicht leer aus.
Die Untersuchung ward bis zum Ende des Halbjahres hingezogen, und Viktor erhielt
die Andeutung, da er die Universitt verlassen msse; Henner aber, der bler
angeschrieben war, wurde erst festgesetzt und dann mit Entschiedenheit
weggewiesen. Die Entfernung der beiden Helden wurde fr ihre Nationen
verderblich, zwar die Vandalen erhielten sich, aber die Thringer verloren die
Kraft des Widerstandes, sie gerieten kurz darauf mit den Franken in rgerliche
Hndel und verschwanden fr lngere Zeit aus den Akten des Senats und der
Geschichte.
    Als Viktor nach einer Abwesenheit von anderthalb Jahren in die Heimat kam,
fuhr ihm der Vater allein bis zur nchsten Post entgegen. Ich komme dich
abzuholen, sagte er nach der ersten Begrung, weil ich wei, da du mir
allerlei zu erzhlen hast, was man am besten in der ersten Stunde des
Wiedersehens abmacht, damit das Herz frei werde. Setze dich zu mir in den Wagen
und denke, da ich dein ltester Freund bin und da ich auch einmal jung war.
Da legte der Sohn ein offenes Bekenntnis ab ber manches, was er als Musensohn
zuwenig und als Vandale zuviel getan, und er fand einen nachsichtigen Richter.
Zuletzt sagte der Vater: Ich hoffe, du hast in dieser Zeit fr dich erworben,
was ein Mann unter allen Umstnden im Leben braucht, und das lustige
Burschentreiben wird fr dich abgeschlossen sein. Von jetzt bist du ein Mann,
der fleiig fr seine wissenschaftliche Bildung zu arbeiten hat, und dafr
schlage ich dir die groe Universitt in der Residenz vor. So gelangten beide
im besten Einvernehmen nach Hause.
    Als der verbannte Huptling der Vandalen zwischen Mutter und Schwester in
das Wohnzimmer trat, fand er dort eine hochaufgeschossene junge Dame, die ihr
Haupt stolz auf einem vollen Nacken trug und ihr blondes Haar, unbekmmert um
die Mode, in langen Locken um den Kopf hngen lie. Whrend er sie staunend
betrachtete, rief Kthe: Kennst du sie nicht? Es ist die Valerie, meine liebste
Freundin.
    Kein Zweifel, es war die jngste Bellerwitzin. Viktor grte frmlich, das
Frulein dankte ebenso; er erkannte jetzt in dem Antlitz der Jungfrau die Zge
des Kindes, und doch sah sie fremdartig aus. Sie war unleugbar hbsch, die
Stimme klangvoll, und wie sie von Kthchen nach der Nebenstube gezogen wurde und
das Gelchter der Mdchen herberklang, mute er sich bekennen, da auch ihr
Lachen wohltnend war. Dennoch wunderte ihn der Besuch und er fragte die Mutter:
Wie kommt die hierher?
    Sie ist auf einige Monate zu uns gezogen, um mit Kthchen Unterricht im
Klavier zu nehmen, wozu hier gute Gelegenheit geboten ist. Sie ist redlich und
hat Charakter.
    Das letztere war nicht unmglich, aber Viktor war nicht der Mann, seine
Ansichten im Handumdrehen aufzugeben, und das Verhltnis zwischen beiden blieb
whrend seiner ganzen Anwesenheit sehr khl. Das Frulein sprach in Viktors
Gegenwart wenig, und er wandte seine Rede an sie nur dann, wenn die
Schicklichkeit es durchaus gebot.
    Einst klagte Kthe: Seit der Kinderzeit bin ich in unserem Stadtwalde nur
so weit gekommen, als die gebahnten Wege fhren; ich mchte auch einmal drauen
die Heide sehen. Da riet Viktor, am nchsten Morgen frh aufzubrechen und einen
Ausflug in die Wildnis zu unternehmen. Es war ein klarer Herbsttag, als die drei
sich aufmachten; im Schiehause genossen sie das Frhstck und zogen von dort
mit beflgeltem Schritt in den Wald hinein. Nachdem die Mdchen Waldblumen
gesammelt und zartem Naturgefhl Genge getan hatten, ergaben auch sie sich der
Frhlichkeit; sie lachten und sangen, und Viktor erzhlte in bermutiger Laune
drollige Geschichten. So kamen sie aus dem lichten Laubholz in den groen
Kiefernwald und an jungen Schlgen vorber, bis die gebahnten Wege aufhrten.
Vor ihnen lag eine weite Heideflche, auf der sich nur einzelne Stmme erhoben.
Der Boden war mit Moos gepolstert, und an dem Heidekraut hingen die verblichenen
Blten.
    Das ist eine wundervolle Wildnis, rief das entzckte Kthchen. Merkt auf,
wir begegnen Zigeunern.
    Nur die Richtung nicht verlieren, mahnte Viktor.
    Wir sind dort herausgekommen, wo die beiden Birken nebeneinander stehen,
sagte Valerie zurckweisend, ich will den Weg schon finden.
    Du bist ja sehr klug, dachte Viktor.
    Wie sie weiter gingen, senkte sich der Boden, zwischen dem Heidekraut
wuchsen Grser, von einem nahen Quell schlngelte sich der dnne Wasserfaden
durch die Ebene; der Wald ging allmhlich in Wiesengrund ber, auf dem eine
groe Rinderherde weidete. Kthe blieb stehen, sah der Herde zu und bewunderte
den tiefen Klang der Glocken und die lustigen Sprnge des Jungviehs. Als ein
feindseliges Gebrumm nher kam, und Viktor sah, da der Leitstier der Herde
herantrottete, suchte er mit den Augen den Hirten, winkte und rief ihn herzu.
Dabei hatte er sich einige Schritte von den Mdchen entfernt, der Stier aber,
erzrnt ber das Eindringen Fremder in seine Waldeinsamkeit, kam brummend und
mit gesenkten Hrnern auf die Mdchen zu. Kthe stie einen hellen Schrei aus
und suchte zu entfliehen; da brach Valerie schnell einen Weidenzweig ab und
stellte sich schtzend vor sie; doch der Wilde, gereizt durch den Widerstand des
Feindes, trabte schnaufend nher. Jetzt sprang Viktor herbei, ri den roten
Schal, den Valerie trug, von ihren Schultern, ballte ihn zusammen und warf ihn
seitwrts dem zornigen Tier entgegen; er selbst stellte sich als erster vor die
Mdchen. Der Stier fuhr wtend auf das rote Zeug los und bohrte mit den Hrnern
hinein. Unterdes lief mit Geschrei der Hirt heran, schlug und ermahnte den
Meister seiner Herde und trieb ihn endlich wieder den Khen zu. Viktor holte das
gemihandelte Tuch und gab es an Valerie, welche die zitternde Gespielin in den
Armen hielt. Ich erbitte Ihre Verzeihung, bat er, aber ich wute im
Augenblick nichts Klgeres zu tun.
    Dem Schal hat es wenig geschadet, entgegnete Valerie ruhig, und ich
glaube, Sie haben uns vor groer Gefahr bewahrt - sie drehte das Tuch und
schlug es wieder um den Nacken. - Sei tapfer, Kthchen, bat Viktor die
Schwester; nimm meinen Arm, wir suchen, nachdem der Feind entwichen ist, den
Heimweg durch die Birken.
    Als Kthe unter den Scherzreden ihrer Begleiter neuen Lebensmut gewonnen
hatte, sagte sie, unzufrieden mit sich selbst: Ich war die Furchtsame, du aber,
Valerie, standest wie eine Heldin vor mir.
    Das brauchst du nicht zu loben, antwortete Valerie, ich bin vom Lande und
gewhnt, bei der Herde vorbeizugehen. Httest du so oft das Gebrumm des Stieres
gehrt, wrdest du dich auch nicht frchten. Deinem Bruder aber wollen wir beide
danken.
    Wir haben Den Dritten abschlagen gespielt, versetzte Viktor lachend, und
der Stier war der Geschlagene.
    Aber auch dies kleine Abenteuer brachte zu Kthchens Betrbnis keine
freundliche Annherung zwischen dem Bruder und der Freundin zuwege. Charakter
mag sie haben, sagte Viktor, und hbsch ist sie ohne Zweifel, aber den steifen
Federbusch von gesponnenem Glase trgt sie auch.
    Als er am Ende der Ferien zusammenpackte, sah Kthe von ihrem Nhtisch auf,
an dem sie noch etwas fr seine Ausrstung zurechtmachte, und bat: Schreibe mir
manchmal von dem, was du denkst und arbeitest, du weit nicht, Viktor, wie lieb
mir jede Zeile ist, welche ich von dir erhalte. Nimm dich auch ein wenig meiner
Bildung an und rate mir, was ich lesen und lernen soll. Viktor sah in die
feuchten Augen der Flehenden, und ihm kam auf einmal zum Bewutsein, welch einen
Schatz von hingebender Liebe er in dem Herzen der Schwester besa; er zog sie an
sich, und sie besprachen einen regelmigen Briefwechsel.
    In der Residenz begann fr den Jngling eine neue Lehrzeit. Einst hatte ihm
der Direktor seines Gymnasiums geraten: Da Sie mehr begehren als die Abrichtung
fr ein Brotstudium, so treiben Sie vor allem die Wissenschaft, welche allein
Ihnen Methode geben kann; Philologie ist die einzige sichere Grundlage,
gleichviel, ob Sie spter Jurist, Geschichtsschreiber oder Philosoph werden.
Diesem Rat hatte der Student bisher ein wenig gefolgt, freilich ohne rechten
Ernst; jetzt aber setzte er seine Kraft daran. Er erhielt Zutritt zum Seminar
und blieb noch fast drei glckliche Jahre auf der Universitt. Was er in dieser
Zeit der Schwester schrieb, war zumeist ein Widerklang der edlen Stimmungen,
welche ihm die Kunst gab, das Theater, die Konzerte, die Museen. Fast
berwltigend drang der Zauber des vielen Schnen, das er jetzt mhelos genieen
konnte, in sein Gemt. Auch er verfate ein Theaterstck und begann ein zweites,
schrieb beide sauber ab und sandte sie dem Vater nach Hause, aber zu seinem
Glck nirgendwo anders hin.
    Die besten Freunde, die er in der Residenz besa, waren Onkel und Tante
Khler. Unser Herr Einnehmer arbeitete als Geheimrat im Ministerium. Er stand
jetzt in hohen Jahren, hatte eben sein Jubilum gefeiert, war aber rstig und
lebensfroh wie frher und hatte die gute Laune und Originalitt seiner Gedanken
in der groen Stadt, welche so gern Kristalle zu runden Kieselsteinen
abschleift, nicht verloren. In dem kinderlosen Haushalt wurde Tante Minchen
immer noch von dem bewundernden Blick des Gatten verfolgt, der die Elfenknste
zu erforschen suchte, durch welche sie von Morgen bis Abend Behagen um sich
verbreitete. Herr Khler schritt stolzer und ritterlicher einher, wenn er seine
Gattin durch die Straen fhrte; er kam selten aus seinem Bro nach Hause, ohne
ihr etwas mitzubringen: einen Veilchenstrau, eine schne Frucht, ein Werk des
Kuchenbckers. Bei ihnen verkehrte Viktor wie ein Sohn, und die Abende, welche
er allein mit ihnen verlebte, bildeten in ihm vielleicht ebensoviel als die
akademischen Vorlesungen. Denn Herr Khler fand bald einen Genu darin, seine
geheimen Gedanken ber Regierung und Weltlauf in die Seele seines jungen
Freundes zu senken. Was sonst nur in trockenen Scherzreden mit Laune oder
Bitterkeit zutage kam, das klang bei dem Glase Rheinwein - den er jetzt
ausschlielich trank - voll und eindringlich in das Ohr des Jnglings. Von dem
Verkehr der Vlker, den Bedrfnissen und der Verwaltung des Staates erhielt
dieser bessere Kenntnis, als mancher junge Arbeiter des Ministeriums erwirbt.
    Endlich schrieb Viktor seine Doktordissertation, sehr gelehrt, ber etwas
von Aristoteles, was die Gesetze der schnen Kunst anging. Als der junge Doktor
die Bogen im Prachtbande dem Vater bersandte, legte dieser das Buch in den
Scho der Mutter und sagte freudig: Was der Vater sich ersehnte, wird beim
Sohne zur Tat. In besonderem Verschlu hatte der Doktor alles gesammelt, was
ihm von Arbeiten seines Knaben zugnglich wurde, zarte Gedichte und Trinklieder,
die Theaterstcke und Arbeiten des Seminars; wenn er allein war, holte er seine
Bltter zuweilen heraus, sah sie der Reihe nach durch, und dabei war ihm zumute,
als ob er selbst dies alles gedacht und erfunden htte.
    Als Kthe dem Bruder von der Aufnahme seiner Dissertation schrieb, kam
natrlich auch mancherlei ber ihre Freundin zutage, und da Valerie beim
letzten Besuche den Vater so lange gebeten hatte, bis er ihr die Hauptsachen der
Abhandlung deutlich gemacht. Die Katharsis des Aristoteles? brummte Viktor
feindselig, was will die davon wissen? Verstehen wir's doch selber kaum. In
einer Nachschrift der Schwester tauchte sogar der lange Huptling der Thringer
auf, denn Viktor las die Worte: Richard Henner ist jetzt als Referendarius zum
Besuch auf dem Schlosse des Kammerherrn; die Narbe, die er dir verdankt, steht
ihm brigens nicht schlecht. Sie wei auch den Vornamen, dachte Viktor wieder,
Valerie kann ihn ja heiraten - und er warf den Brief unwillig auf den Tisch.
    Darauf schrieb der junge Doktor in der Residenz sein erstes greres Buch,
wieder gelehrt und sthetisch ber gewisse stille Gesetze, nach denen der
Dichter Form und Inhalt seiner Werke erfindet. Als nach einem Jahre dieses Werk
erschien, wurde es von der Kritik wohlwollend aufgenommen, hier und da gerhmt.
Auch Herr Khler war damit zufrieden, schrieb glckwnschend dem Vater und legte
einige Rezensionen bei; zu Viktor aber sagte er: Morgen kommst du zum
Mittagessen, junger Lessing, es ist niemand geladen, die Tante hat dir zu Ehren
etwas Gutes in die Kche besorgt. Es war ein frohes Mahl, die Herbstsonne
schien durch das Kristall der Glser und malte kleine goldene Bilder an das
weie Tischtuch, auf dem Kuchen in der Mitte war in Zuckergu der Vers zu lesen:

Zum Dank fr goldne Worte
Empfange, Kind, die Torte.

Das ist Poesie der Sylphe, erklrte Herr Khler, brachte die Gesundheit
Viktors aus und war sehr lustig. Nach dem Essen trat Viktor mit der Tante in die
Stube des Hausherrn, wo dieser, ein Buch in der Hand, seine kurze Siesta zu
halten pflegte; Minchen sah ber dem Sofa auf das Bild des Alten Fritz und sagte
zum Gaste: Wenn er sich nur entschlieen wollte, den schwarzen Flor abzunehmen.
Ich habe den Flor so eng zusammengedreht, als mglich ist; aber es macht doch
traurig, wenn man hinsieht.
    Habe ich ihn nach der Schlacht bei Leipzig nicht abgenommen, so ist jetzt
vollends kein Grund dazu, antwortete Herr Khler. Die Zeit von 1806 kommt noch
einmal wieder, mein Sohn, wir sind auf dem besten Wege. Damals lrmten die
Waffen der Franzosen vor dem Bilde des alten Knigs, jetzt tun es moderne
franzsische Gedanken, gute und schlimme, mit denen wir in unserer feigen
Schwche nicht fertig werden. Der Trauerflor wird an dem Tage abgenommen, an
welchem bei uns die groe Knechtung und Flschung der ffentlichen Meinung
aufhrt, das will sagen die Zensur. Erst wenn das gedruckte Wort frei wird, kann
unser Volk zu einem gesunden Gedeihen kommen. Das Bild ist brigens einmal fr
dich bestimmt, Viktor, ich habe es der Tante schon gesagt. Er ging zu seinem
Bcherschrank und holte einen Band heraus: Komm du hervor, alter Freund, sagte
er und wies seinem Gaste den beschdigten Einband. Ihn hat einst Napoleon
rgerlich in den Schnee geworfen. Jetzt geht, ihr Lieben, damit ich mich
behaglich ausstrecke; in einer halben Stunde bin ich bei euch.
    Die halbe Stunde verging. Da er nicht kam, trat Tante Minchen bei ihm ein;
Viktor vernahm einen Schrei und eilte nach. Die Tante kniete auf dem Fuboden,
ber den Gatten gebeugt - Herr Khler war entschlafen und erwachte nicht wieder.
Ohne Krankheit, im vollen Genu des huslichen Glckes, war er geschieden, und
Katzenbergers Badereise war heruntergefallen und lag neben ihm auf dem
Fuboden.

                            Knigin und Landmdchen


Viktor stand der Tante in den ersten Wochen des Schmerzes treu zur Seite, dann
reiste er nach der Heimat, die er einige Jahre nicht besucht hatte. Er fuhr
nicht mehr mit der Post, sondern auf der neugebauten Eisenbahn. Die Pfeife
gellte, der Vater begrte den Sohn auf einem Perron. Auch in der Stadt war
alles verwandelt: eine neue groe Strae zum Bahnhof war angelegt, ein mchtiges
Gebude, die neue Realschule, erhob sich zwischen den Rststangen. Der Ratsturm
hatte eine gotische Spitze, und ber die Vorstdte ragten mehrere
Dampfschornsteine. In der Stadt fand er neugebaute Huser und neue Menschen,
viele, die er als Kinder gekannt, grten ihn als Erwachsene. Die alten Huser
kamen ihm klein vor und die Gassen enge. Dort zur Seite stand das Haus des
Fleischers, ein groer Mann trat in die Tr mit faltigem Gesicht; es war nicht
der alte gute Riese, der den Knaben Viktor gern hereingerufen hatte, der war
lngst tot - es war sein Sohn, und auch dieser war alt geworden. Das Haus des
Schusters Schilling zeigte sich mchtig verndert; ein groes Ladenfenster war
ausgebrochen, und darin standen, keineswegs eingemauert, sondern heranlockend
hinter Glasscheiben, viele groe und kleine Stiefel. Der verstorbene Meister
arbeitete besser als sein Sohn, sagte der Doktor, dafr ist der Sohn ein
eifriger Politiker und Anfhrer der Unzufriedenen. Ein Bursche lief mit
bedrucktem Papier die Huser entlang. Er trgt das Tageblatt aus, wir haben
jetzt eine Druckerei und eine Zeitung, die unserem Brgermeister viel Kummer
verursacht, denn sie will alles besser haben, als es seither war. Vom Markte
kam Hans, der Ratsdiener, heran, schwenkte schon von weitem sein spanisches Rohr
und begrte den Ankmmling in heller Freude. Aber Hansens Schnurrbart war wei
geworden. Und wie Viktor sich zum Vater wandte, um ihm dies zu sagen, fiel ihm
pltzlich auf, da auch sein lieber Vater gealtert war, das Haar ergraut, das
Antlitz gefurcht, und ihn berkam eine so heftige Bewegung, da er kaum auf eine
Frage des Doktors antworten konnte. Nur die Mutter, da sie ihn aus ihren Armen
entlie, sah geradeso aus wie sonst, und sein Kthchen fand er als blhende
Jungfrau wieder. Nachdem die erste Bewegung vorber war und er den Eltern
gestand: Ich bin doch nur wenige Jahre entfernt gewesen, aber mir kommt alles
verwandelt vor - da entgegnete der Vater: Du selbst siehst anders als frher,
und hier hat sich vieles in wenigen Jahren gendert. Unsere Stadt ist jetzt
durch Eisenbande dem Weltverkehr angeschlossen, fast jede Stunde fliegt Neues
heran, mit der Einsamkeit schwindet auch das kleinstdtische Wesen; die gute
alte Stadt fhlt zu ihrem Heil und zu ihrem Schaden jeden Pulsschlag unseres
groen Staates und jede Bewegung fremder Nationen.
    In ruhigerem Gesprch wurden die Nachrichten ber Bekannte ausgetauscht.
Pate Brbel ist recht stark geworden, erzhlte die Mutter, und denke dir,
mein Liesel hat nahe Aussicht, Urgromutter zu werden; ihre Enkelin hat bereits
einen Freier.
    Wie geht's der Familie mit der groen Kutsche? fragte endlich Viktor die
Schwester.
    Gut, antwortete diese heiter. Der Kammerherr ist krnklich und geht
gebckt, die beiden ltesten Tchter sind verheiratet, und meine Freundin
Valerie kommt zum Jahrmarkt herein.
    Sie wird jetzt ihren Vetter Henner heiraten, sagte Viktor trotzig.
    Woher weit du das? fuhr Kthe auf.
    Ich denke mir's nur, versetzte der Bruder. Warum sollen die Huser
Bellerwitz und Ingersleben sich nicht miteinander verbinden?
    Kthchen schttelte den Kopf und sagte mit einem Anflug von Schelmerei: Ich
glaube, diesmal hat mein kluger Bruder sich geirrt.
    Der junge Henner hat an dem alten Erdwall in der Heimat deiner Mutter nach
heidnischen Altertmern graben lassen, erzhlte der Vater, er nimmt ein
ernstes Interesse an diesen berresten und hat einen groen Sammeltrieb. Ich
zeigte ihm alte Steinwaffen, die mir eure Mutter geschenkt hat, er erklrte
einige davon fr schne und seltene Stcke und meinte, die sogenannte
Schwedenschanze sei eine Opfersttte der Vandalen gewesen, die auch unter den
Slawen noch mit Scheu betrachtet wurde, und deshalb sei dort spter das
christliche Heiligtum errichtet worden. Mir hat das ruhige und sichere Wesen des
jungen Mannes recht wohl gefallen.
    Mit den lebenden Vandalen hat er sich herumgehauen, grollte Viktor. Es
mu etwas abgelebt und schattenhaft sein, um ihm zu gefallen. Er bemerkte, da
die Mutter nach diesem strengen Urteil zu Kthchen hinbersah und da dieses
errtete.
    Zum Jahrmarkt kam Valerie, und allerdings, trotz berechtigter Kritik, mute
Viktor sich selbst gestehen, da sie schn war, da sie sichere Haltung hatte,
und zuletzt auch, da ihr Anmut nicht fehlte. Wie sie hereintrat, die Eltern und
ihre Kthe begrte, und wie sie sich dann zu ihm wandte - vielleicht mit einem
zarten Errten, sicher mit Freude und Herzlichkeit -, vermochte auch er gegen
die Vertraute der Schwester seine frmliche Klte nicht zu bewahren. Die Mdchen
besorgten ihre Einkufe und setzten sich endlich mit Viktor auf die Bank, welche
als ein berrest alten Stadtbrauches vor dem Hause stand. Whrend sie von dort
die Trachten der Marktbesucher musterten und sich ber die Verkufer des
Kleinkrams belustigten, welche unermdlich die vorbergehenden Landleute durch
verbindliche Worte anzulocken suchten, schritt Hans vorber, feuriger als sonst
durch die Gensse und Geschfte des Markttages; er trieb ein gebundenes
Buerlein vor sich her, und da dieses ungern vorausging, so puffte und stie er
es mit seinem Rohr. Valerie stand auf. Wie darf sich der Diener unterstehen,
den Gebundenen zu schlagen? fragte sie emprt.
    Was hat der Mann getan? rief Viktor der Polizei zu.
    Gemaust! antwortete Hans hinber.
    Fragen Sie, was der Arme gestohlen hat, bat die gekrnkte Valerie.
    Wurst! entgegnete Hans im Amtseifer. Bei der Arretierung hat er um sich
geschlagen und war nicht zu bndigen, bis er geschnrt wurde.
    Wegen gewhnlicher Ewaren einen Menschen so zu behandeln, ist nicht
recht, fuhr Valerie hartnckig fort. Wie darf man sich wundern, da die armen
Hungrigen bitteren Ha haben gegen alle, welche in glcklicherer Lage sind.
    Wenn er Hunger hatte, konnte er den Verkufer bitten, sagte Kthchen.
    Dann htte er auch nichts erhalten, erwiderte Valerie.
    Bist du so? dachte Viktor, Eugen Sue bei Bellerwitz? Und er fragte sie
nicht ohne Bosheit nach dem Dichter, den sie am meisten begnstigte. Aber diese
Frage hatte auf beide junge Damen eine hnliche Wirkung, als wenn man bei zwei
Champagnerflaschen Draht und Schnur zerschneidet. Boz klang zugleich aus
beider Munde, und die Worte strmten ohne Ende heraus: Lob und Freude, Lachen
und Rhrung. Da nun Viktor denselben Dichter in hoher Ehre hielt, so beteiligte
er sich tapfer bei dem Ergu, und die drei vergaen den Lrm des Marktes und
fanden in ihrer Begeisterung kein Ende, bis die Sonne vllig unterging und unser
alter Freund, der Mond, die Bank mit seinen sanften Strahlen beschien, die aber
in der Kreisstadt weniger geschtzt wurden als vormals auf dem Lande. Dennoch
hatte dieser Abend Folgen. Denn Viktor behandelte seitdem das Frulein mit einer
Herzlichkeit, welche Kthchen beglckte.
    Nur wenige Wochen weilte er im Elternhause; ihn beschftigte schon wieder
eine Arbeit, zu welcher er eine groe Bibliothek nicht entbehren konnte. Er
besprach mit dem Vater, da er nach Beendigung dieses Werkes eine
Lehrerttigkeit an der Universitt oder an einer anderen greren Anstalt suchen
wollte.
    Durch dies zweite Buch begrndete Viktor seinen Ruf als Kunstschriftsteller.
Es war dicker als das erste, aber es war leichter zu verstehen; die Kritik
rhmte das Neue und Geistvolle, und der Buchhndler rhmte, da auch die Leser
das Werk begehrten. In den Kreisen der Residenz, welche Literatur und Kunst zum
Tee genossen, wurde Viktor ein gesuchter Mann, und im Ministerium war bereits
davon die Rede, ihn zur bernahme einer Professur einzuladen.
    Viktor hatte das Weihnachtsfest bei Freunden in der Nhe der Residenz
verlebt. Als er nach seiner Rckkehr in einer besuchten Konditorei von dem
Zeitungsblatt aufsah, fand er am nchsten Tisch zwei Damen, von denen die
jngere die Aufmerksamkeit der Umgebung auf sich zog. Sie war elegant, aber
einfach gekleidet und hatte in Haltung und Bewegung die Sicherheit einer Frau,
welche gewhnt ist, sich unter den Augen vieler zu behaupten. Ihr Gesicht war
von ihm abgewandt, whrend sie zu ihrer Begleiterin sprach, doch die halblauten
Worte kamen so rein und deutlich aus klangvollem Organ, da Viktor sogleich
merkte, sie msse von der dramatischen Kunst sein; wahrscheinlich die berhmte
Schauspielerin, deren Gastrollen seit einer Woche in den Familien, in welchen er
verkehrte, und von den Zeitungen eifrig besprochen wurden. Die Fremde neigte
sich nach seiner Seite, und er fiel ihr in die Augen; beide sahen einander
forschend an und standen gleichzeitig auf. Tina! rief er erstaunt und eilte
auf sie zu.
    Ich bin es, Vik, entgegnete sie freudig, und sie schttelten einander
treuherzig die Hnde.
    Gerade las ich von Ihnen, sagte Viktor. Sie haben einen anderen Namen als
damals in meiner Heimat.
    Ich fhre jetzt meinen wirklichen Namen, erklrte Tina. Mein Vater war
ein Schauspieler von Ruf, er starb bald nach meiner Geburt; mein Stiefvater
brachte mich auf die Bhne.
    Darum habe ich vergebens so oft in den Theaterzeitungen nach Ihnen gesucht
und stehe jetzt vor Ihnen wie jemand, dem ein verlorenes Gut wiedergegeben wird,
ber alle Erwartungen glnzender, als es vormals war.
    Gut! sagte Tina, erfreut ber die unverhohlene Bewunderung. Du bist artig
geblieben, Vik, und ich denke, auch ebenso redlich. Komm fort, die Fremden
brauchen meine Freude nicht zu sehen. Begleite mich zu einem Wagen, ich soll den
Winter ber auf Gastspiel hierbleiben und habe Besuche vor. Sobald du Zeit hast,
komm zu mir.
    Wie Viktor in ihre Wohnung kam und die Portiere von einem artigen
Kammermdchen zurckgeschlagen wurde, sprang Tina aus dem Sessel, eilte ihm
entgegen, fate ihn mit beiden Hnden am Kopf und kte ihn recht herzlich.
Mich freut's, Kamerad, da ich dich wieder habe, sagte sie vergngt; hier ist
dein Halsband - sie wies auf ihren Hals -, ich habe es sogleich aus meinem
Kram herausgesucht, um dir zu beweisen, da ich unsere Kinderfreundschaft in
Ehren halte. Du bist gro und hbsch geworden, das habe ich mir immer gedacht.
Komm, setze dich zu mir und erzhle vor allem von deinen lieben Eltern. Du
rauchst doch?
    In deiner Stube ungern, versetzte Viktor.
    Bah! rief Tina und klingelte; die Kerze und ein Kistchen Zigarren wurden
gebracht. Ich bin fr niemand zu Hause, gebot sie dem Mdchen. Viktor erzhlte
und antwortete auf ihre eifrigen Fragen.
    Es klopfte leise, die Jungfer wand sich durch die Portiere. Frst Alfons
ist drauen, sagte sie halblaut.
    Ich bin nicht zu sprechen, antwortete Tina ungeduldig.
    Was soll ich ihm sagen? fragte das Mdchen.
    Ein Schriftsteller ist bei mir.
    Er hat die Zigarre gerochen, sagte die kecke Wienerin beim Hinausgehen,
ich sah es ihm an. Tina lachte.
    Wer ist der Herr, den du aussperrst? fragte Viktor. Ein Anbeter,
erwiderte Tina mit guter Laune, eine Wiener Bekanntschaft; jetzt ist er hier,
und wie er versichert, meinetwegen. brigens ist er ein gutherziger Mann,
welcher mir wirkliche Freundlichkeit erwiesen hat. Wundere dich nicht, da ihm
die Zigarre auffiel, denn seinesgleichen darf hier nicht rauchen. - Ach, Vik,
wie glcklich warst du dein Leben lang. Mir ist es nicht so leicht geworden.
Zuerst starb der Stiefvater; du hast ihn wenig gekannt, aber er hat brav an mir
gehandelt und htte ein besseres Los verdient. Die Mutter zog mit mir bei den
Theatern umher und erlebte noch, da ihre Tochter Beifall fand; in Wien habe ich
sie auf dem Friedhof bestattet, seitdem mu ich mich allein durch die Welt
schlagen. Du ahnst nicht, was dies allein fr eine Schauspielerin bedeutet, ohne
Mutter, ohne Verwandte, ohne Freunde an fremdem Orte sich behaupten,
preisgegeben dem Urteil jedes Narren, schutzlos gegen Verleumdung, Unbill,
tdliche Krnkungen, tglich umlagert von Begehrlichen, Beifall und Ruf oft
abhngig von dem guten Willen eigenntziger und gemeiner Menschen. Sie war
aufgesprungen, und ihre Augen funkelten. Als sie aber die ernste Teilnahme ihres
Gastes bemerkte, brach sie ab: Nimm's nicht tragisch, Viktor, ich wollte nicht
klagen und tte zuletzt unrecht daran, denn ich habe auch gute Freunde gefunden.
Und die treuesten unter den alten Komdianten. Willst du die kleine Tina wieder
besuchen, so sollst du einen von unseren wackeren Alten bei mir finden. Sie
nannte den Namen eines Regisseurs.
    Ich kenne ihn wohl, versetzte Viktor, wir haben zuweilen bis in die Nacht
beieinander gesessen. Denn du mut wissen, da ich mich um das Theater kmmere,
weil es auch zu meinem Berufe gehrt.
    Du bist doch nicht Rezensent? fragte Tina besorgt.
    Nicht von denen, welche ber dich schreiben, antwortete Viktor. Als er von
ihr schied, war ihm just so zumute wie damals, wo er ihr den Apfel schenkte. Das
schwesterliche Zutrauen, mit welchem die berhmte Knstlerin, die zugleich ein
schnes Weib war, ihn behandelte, ja auch die freie studentische Weise des
Verkehrs waren beraus wohltuend. Mit Ungeduld erwartete er den Abend ihres
nchsten Auftretens. Am Morgen erhielt er einen Brief mit einem Theaterbillett:
Lieber Vik, schrieb sie mit schlechter Handschrift, wenn Du kannst, setze
Dich auf diesen Platz, es ist mir beim Spielen lieb, zu wissen, wo Du mich
siehst. Bist Du nach der Vorstellung frei, so komme zu mir, wir wollen
plaudern.
    Das erste Stck, welches Viktor als Knabe gesehen, Kthchen von Heilbronn,
wurde gegeben, und es erschien ihm wie ein Verhngnis, da dieselbe Poesie die
erneuerte Bekanntschaft verklren sollte. Er selbst war kein unerfahrener
Beurteiler und nicht durch Kunststcke und einzelne glnzende Momente des
Schauspielers zu bestechen. Whrend der ganzen Darstellung mhte er sich
redlich, das Urteil ber die Leistung nicht durch die Freundschaft fr die
Knstlerin beeinflussen zu lassen, doch er verlie das Haus mit beflgeltem
Schritt in dem erhebenden Gefhl, da er etwas Seltenes genossen hatte, sichere
Herrschaft ber die Kunstmittel; aber was ihn bezauberte, war das Innige,
Einfache ihres Spiels, berall echte und eigene Schpfung. Sie ist eine groe
Knstlerin, sagte er sich froh.
    Als er bei ihr eintrat, fand er sie in ihrem Schlafrckchen neben dem alten
Regisseur. Sie stand auf und betrachtete ihn fragend, fast ngstlich; er bot ihr
die Hand und dankte ihr von Herzen. Da wurde sie bermtig wie ein Ktzchen,
wirtschaftete um den Teekessel, holte die Zigarren und begann: Liebe Leute,
jetzt verwendet fnf Minuten auf mich und lobt mich, sosehr ihr knnt, denn ich
bin noch warm von der Arbeit, und seid ihr zufrieden, so ist mir an dem Urteil
der andern Menschen hier wenig gelegen.
    Was sie begehrte, taten die beiden mit klugen Worten. Als dabei schnell die
Hauptmomente der Rolle durchgegangen wurden, gab sie an, da sie an einigen
Stellen unsicher gewesen sei, ob sie dieselben so oder so fassen solle. Dies
errterten wieder die Herren miteinander und waren nicht berall derselben
Meinung, sie jedoch spielte von ihrem Sitz sogleich mit leichtem Anschlage jedem
seine Auffassung nach in so schnellem Verstndnis und aus dem vollen, so da man
erkannte, sie htte ebenso leicht nach den Wnschen des anderen gestalten
knnen.
    Wir vermgen Ihnen nichts beizubringen, sagte der alte Schauspieler, und
Sie haben zuletzt gegen uns das beste Recht, denn alles einzelne ist bei Ihnen
wie selbstverstndlich aus starker und genauer Empfindung des gesamten
Charakters hervorgegangen. Das ist Genie.
    Nein, mein hoher Herr, sagte sie, ich mu mir's auch berlegen und manche
Rolle oft durchlesen, bis der Augenblick kommt, wo ich's habe; manches wird mir
schwer, und anderes kann ich gar nicht leiden, zum Beispiel nicht die magere
Donna Diana mit ihren vielen Roben.
    So flog das Gesprch auf andere Stcke. Der Regisseur erzhlte aus seiner
reichen Erfahrung von der Art und Weise, wie verschiedene berhmte Knstler sich
mit ihren Aufgaben zurechtfanden; auch Tina verstand allerlei Lustiges ber
frhere Kollegen zu berichten, und Viktor vernahm mit Befriedigung, wie
gutherzig und anerkennend sie von anderen sprach. Die Zeit verrann drei frohen
Menschen, ohne da sie es merkten. Als die kleine Uhr zwlf schlug, sprang Tina
auf. Jetzt fort, ihr lieben Herren, Kthchen von Heilbronn, kaiserliche
Prinzessin von Schwaben, wird zu Bett gebracht. Gehen Sie voraus, Papa, und
warten Sie drauen, ich will meinem Kameraden schnell noch etwas sagen. Sie hob
sich zu Viktors Ohr und raunte ihm glcklich zu: Du bist ein grundgescheiter
Junge, und ich habe meine Freude an dir.
    Gute Nacht! sagte Viktor und wollte sie kssen, sie aber trat zurck und
sprach ernsthaft: Nein, Vik, das tue niemals. Doch gleich darauf schttelte
sie ihm wieder die Hand: Gute Nacht, du lieber Kerl!
    Seit diesem Abende kam es Viktor vor, als ob eine der Musen ihn aus dem
Gewhl des Marktes in die reine Luft ihres Gttersitzes entrckt und seine
Schlfen mit ihrem unverwelklichen Kranze geschmckt habe. Erst jetzt empfand er
die hinreiende Schnheit der Kunst, sie beflgelte ihm die Gedanken und adelte
sein Gefhl, und er schritt, die unsichtbaren Blten um das Haupt, in stillem
Glck bei anderen Menschen vorber. berall erhob sich ungeduldige Forderung,
und in der Menge arbeitete ein wildes Begehren, der Bau des Staates, der seit
den Freiheitskriegen neu gezimmert war, krachte in allen Fugen; jedermann klagte
und grollte, da es so nicht fortgehen knne, und der Zwist zwischen Regierung
und Volk wurde mit jeder Woche bedrohlicher. Sonst htte er mit Leidenschaft an
dem Streite teilgenommen, jetzt war er ihm fast gleichgltig. Was ihm so
bermchtig Gedanken und Phantasie in Anspruch nahm, das war in der Tat die edle
Freude am Genu des Schnen und das Bestreben, die geheimsten Gesetze des
Schaffens aus der schpferischen Arbeit einer Knstlerin zu erraten. Er war
durchaus nicht, was Tina einen Anbeter nannte; zwischen ihm und ihr bildete sich
ein reines, sonniges Verhltnis wie zwischen zwei Geschwistern, oft empfand er
freilich, wie schn sie war und wie hinreiend der Zauber ihrer Anmut, aber auch
in vertrauten Stunden, wo er allein neben ihr sa, war es, wie er sich
verstndig selbst sagte, nicht das Weib, sondern die Knstlerin, welcher er
huldigte. Wenn er eines ihrer Stcke fr sich durchgearbeitet hatte, dann bat er
sie wohl, ihm ihre Auffassung an den Hauptszenen deutlich zu machen. Gelehrt
sprechen konnte sie nicht ber das, was sie ausdrcken wollte, doch sie spielte
auf der Stelle vor mit so richtiger Andeutung durch Worte und Gebrde, da er
ein Bild ihres ganzen Kunstwerkes erhielt. Sie vertraute ihm alles an ohne jede
Eitelkeit, sie wies selbst auf die Schwchen ihrer Begabung hin und gestand ihm,
wo sie dieselben durch ihre Kunstmittel so gut als mglich verdeckt hatte, auch
wo ihr etwas im Innern gar nicht aufgegangen war und sie sich mit einer
dramatischen Phrase aus der Verlegenheit geholfen hatte. Bei solchen Stellen
konnte er in der Regel ihrem Verstndnis helfen, dann lauschte sie andchtig auf
seine Erklrung, und er beobachtete mit Entzcken, wie in ihrer Seele die innere
Arbeit begann, bis sie aufsprang und glckselig rief: Vik, ich hab's. Dann
spielte sie ihm die Stelle vor.
    Auch die Gesellschaft, welche sich des Abends bei ihr zusammenfand, stimmte
zu dem idealen Glck, welches Viktor in ihrer Nhe geno; auer dem alten
Regisseur kamen noch einige Herren und Damen von der Bhne, ein lebensfrohes
Vlkchen, leicht angeregt und immer geneigt, sich mitzuteilen. Mnner und Frauen
sprachen zuweilen in burschikoser Weise miteinander, dem letzten berrest alter
Theatersitte, aber dahinter merkte man dennoch eine ehrliche Achtung.
    In den Morgenstunden fand er bei seiner Freundin auch andere Besucher:
begeisterte Theaterfreunde, die den Schweif jeder berhmten Knstlerin bildeten,
und weniger harmlose Gste aus den Kreisen einer vornehmen und verdorbenen
Jugend, welche das schne Weib suchten. Unter den letzteren war ein
Gardeleutnant, als roher Wstling in der Stadt besonders bel beleumdet. Tina
sa an ihrem kleinen Schreibtisch, und Viktor bezeichnete in einer neuen Rolle
eine Stelle, ber die der Regisseur zu befragen war, als der Baron eintrat. Der
neue Gast warf sich nachlssig in die Dormeuse, streckte seine langen Beine ber
den Rand und begann in dem schnarrenden Tone, der damals unter der eleganten
Jugend der Residenz Mode war, das Spiel der Knstlerin in ihrer letzten Rolle zu
loben, in der wegwerfenden und gemeinen Weise, die fr eine Belobte krnkender
ist als eine Beleidigung, und er schlo: Taille und Bste famos, und der Chic
unglaublich. Es ist immer Rasse in Ihrem Spiel. Auf Ehre, schne Tina, ich war
ganz weg!
    Viktor, emprt durch die Roheit, sagte ber die Achsel: Sie htten
niemanden ein Leid zugefgt, wenn Sie auch heut weggeblieben wren. Da Sie aber
einmal hier sind, so nehmen Sie wenigstens die Beine vom Sofa.
    Der Baron streckte sich lnger aus und fragte, zu Tina gewandt: Wer ist der
Laffe?
    Er wird Ihnen seine Adresse zugehen lassen, antwortete Viktor in seinem
alten Vandalentrotz, aber er wird vorher das Frulein bitten, Sie in diesem
Zimmer allein zu lassen, wenn Sie sich nicht anstndig hinsetzen.
    Der Baron erhob sich mit einem Fluche und packte den Griff seines Sbels,
Tina warf sich erschrocken zwischen die Streitenden. Da ging die Portiere
auseinander, und der Frst trat herein, ein Veilchenbukett in der Hand. Er war
ein wohlhbiger Herr, etwa zehn Jahre lter als Viktor, mit einem breiten
Gesicht von verstndigem Ausdruck, ruhig und lssig in allen Bewegungen. Mit
einem Blick bersah er die Sachlage, wandte sich an Tina und berreichte, sich
verneigend, den Strau, indem er mit behaglichem Anklange an die sterreichische
Mundart sagte: Es sind die ersten Blumen dieses Frhlings, mein gndiges
Frulein. Die Natur begrt uns Menschen in diesem Jahre friedlicher als die
Menschen einander. Er wandte sich an den Leutnant: Ich bin erfreut, Sie einmal
hier zu sehen, Herr Baron, gestern habe ich im Klub vergebens nach Ihnen
gesucht; ich wollte mir die Ehre geben, Sie fr heut zu einem Brenschinken
einzuladen, der aus Ungarn angekommen ist. Und sich wieder vor Tina verneigend,
fuhr er fort: Das gndige Frulein wird verzeihen, wenn ich es hier tue. -
Wollen Sie die Gte haben, mich Herrn Professor Knig vorzustellen. Und da Tina
dies getan, begrte er diesen mit der gleichen Gemchlichkeit: Ich bin Ihnen
im Theater begegnet und habe schon oft die Gelegenheit herbeigewnscht, fr gute
Belehrung zu danken, welche durch Sie nicht mir allein, sondern auch anderen
zuteil geworden ist - ein schneller Blick streifte die Knstlerin. Tina setzte
sich, der Frst desgleichen, und die beiden Gegner konnten es unter dem Zwange
seiner unzerstrbaren Artigkeit nicht vermeiden, ebenfalls zu sitzen, der Baron
jetzt in anstndiger Verwendung seiner Beine. Und Viktor sah mit Vergngen, da
der ungezogene Leutnant in die bescheidene Rolle herabgedrckt war, welche der
Schakal in der Nhe des Lwen spielt; er schnarrte weniger und krmelte einige
Brosamen in die Unterhaltung, bis er sich endlich empfahl, in guter Haltung von
dem Frsten, nachlssig von der Knstlerin und von Viktor gar nicht. Bald darauf
brach auch der Frst auf, und der Professor hrte, da Tina dem Herrn halblaut
sagte: Sie kamen zu rechter Zeit, um eine hliche Szene zu beendigen. Der
Frst antwortete artig: Sie mssen Nachsicht mit uns Mnnern haben, wir sind
nicht immer imstande, unseren dramatischen Eifer an der rechten Stelle zu
bndigen. Als Viktor den Hut ergriff, hielt Tina ihm die Hand hin: O Viktor,
was hast du angerichtet! Der Frst erwartete ihn im Vorzimmer und bat, in
seinem Wagen Platz zu nehmen und zu befehlen, wohin er fahren wolle. Im Wagen
sagte er: Darf ich Sie bitten, mir anzuvertrauen, was jene Szene mit dem Baron
veranlat hatte? Viktor berichtete den Vorgang. Man ist hier zuweilen plump,
sagte der Frst. Halten Sie mich nicht fr zudringlich, wenn ich mir eine
zweite Frage gestatte: Welche Folgen kann nach Ihrer Ansicht diese Begegnung
haben?
    Vor allem doch eine Forderung von meiner Seite, antwortete Viktor.
    Der Frst nickte. In diesem Fall wrde ich mich geehrt fhlen, wenn Sie
mich zu Ihrem Sekundanten annehmen wollten. Viktor sah ihn dankbar an.
    Da ich aber auch verhindern mchte, da der Baron eine wehrlose Knstlerin
zum Gegenstande seines Grolles macht, so bitte ich Sie, mir erst morgen frh die
Mitteilungen zu gnnen, deren ich als Ihr Sekundant bedarf. Heut wnsche ich mit
Ihrem Gegner in dem Charakter eines Wirtes zu verhandeln.
    Am nchsten Morgen fuhr der Frst in frher Stunde bei Viktor vor. Ich
hatte noch Gelegenheit, begann er, mit Ihrem Gegner einige Ansichten ber den
gestrigen Zusammensto auszutauschen. Ich nehme an, da er nicht abgeneigt ist,
seinerseits Ihnen durch mich sein Bedauern ber das hingeworfene Schmhwort
auszusprechen, wenn Sie sich herablassen knnten, auch Ihrerseits ein Bedauern
ber nachdrckliche Worte, die Sie ihm gewidmet haben, vor einem seiner Freunde
zu erklren.
    Wie vermag ich das? entgegnete Viktor. Ich mte ihm das nchste Mal, wo
er in hnlicher Weise guter Sitte ermangelt, dasselbe sagen.
    Er wird sich vielleicht in Ihrer Gegenwart fortan mehr in acht nehmen.
    Er hat durch sein Benehmen nicht mich gekrnkt, Durchlaucht, sondern eine
Dame, sagte Viktor.
    An der wir beide Anteil nehmen, setzte der Frst verbindlich hinzu. Sie
bestehen also darauf, ihn zu fordern?
    Nach meiner Empfindung ist das gar nicht zu umgehen. Da Eure Durchlaucht
aber mir bei diesem Handel so wohlwollenden Anteil zugewandt haben, erlaube ich
mir die Frage, was Sie selbst in meiner Lage tun wrden?
    Fordern, versetzte der Frst gemtlich. Wenn Sie es nicht tten, wrde
ich es selbst tun. Und die Waffen?
    Da er im Begriff war, den Sbel gegen einen Waffenlosen zu ziehen, so
wnsche ich, ihm mit seiner eigenen Waffe zu dienen. Doch ist mir die Kugel auch
recht, ich nehme an, diese wird fr meinen Sekundanten bequemer sein.
    Ich war Rittmeister bei den Husaren, versetzte der Frst. Und die Zeit?
    Da ich ein freier Mann bin und er im Dienst, so bitte ich Sie, ihm dies zu
berlassen.
    Gut! erwiderte der Frst, ich hoffe, Ihnen in einigen Stunden Bescheid zu
sagen. Er besah noch das Bild einer Madonna, welches an der Wand hing, lie
sich von Viktor ein neues Sammelwerk zeigen, Stiche, nach italienischen
Gemlden, und schritt mit seiner angenehmen Ruhe die Treppe hinab.
    Im Laufe des Tages erhielt Viktor ein franzsisches Billett des Frsten:
Sbel angenommen, ich sorge fr alles und hole Sie morgen frh sieben Uhr ab.
    Nun hatte Viktor nicht ohne Grund Sbel vorgeschlagen; schon als Knabe hatte
er den Husarensbel des Vaters mit Bewunderung betrachtet, als Vandale oft mit
der schweren Waffe geschlagen und auch in den letzten Jahren beim Fechtmeister
der Universitt mit einigen Bekannten gebt. Er hatte bisweilen die Ahnung
gehabt, da er diese Kunst noch im Ernst brauchen werde. Jetzt empfand er einen
so heftigen Widerwillen gegen den ungezogenen Junker, da die Sorge fr das
eigene Leibeswohl davor gar nicht aufkommen wollte, und er fuhr am anderen
Morgen mit dem Frsten zur Sttte des Kampfes, gesammelt und entschlossen, sein
Bestes gegen den anderen zu tun.
    Sein Gegner erwies sich weit ungefhrlicher, als anzunehmen war; in der
Sorge, Kopf und Gesicht zu schtzen, schlug er viel zu wenig und erhielt nach
einigen Augenblicken einen wuchtigen Hieb in die Schulter, der ihn kampfunfhig
machte. Mit kaltem Gru trennten sich die Parteien, die Kameraden des Leutnants
konnten die Unzufriedenheit ber den Erfolg des Zivilisten nicht verbergen. Als
Viktor auf dem Rckwege dem Frsten dankte, sagte dieser: Wir alle haben
Ursache zu sorgen, da der Handel geheim bleibt. Ich wnsche es auch um des
Fruleins willen, welches die unschuldige Veranlassung geworden ist.
    Erst viel spter erfuhr Viktor, da er dem Frsten in dieser Affre zu
besonderem Dank verpflichtet war, denn dieser hatte, als er die Forderung
berbrachte, gegen einen ausschlieenden Standeshochmut kmpfen mssen, den er
erst durch die Andeutung niederschlug, da er den Streit auf sich zu nehmen
gezwungen sei, wenn dem Herrn, den er vertrete, die geforderte Genugtuung
verweigert werde.
    Viktor war der Ansicht, da der Frst ihm wirkliche Freundlichkeit bewiesen
habe, und erwartete deshalb fortan eine gewisse persnliche Annherung. Zu
seinem Verwundern war das nicht der Fall, der sterreicher behielt ihm gegenber
eine gleichmige, artige Khle, und sie sahen einander selten.
    Von dem Duell verlautete in der Stadt wenig, die Herren vom Klub hatten
keinen Grund zu besonderer Befriedigung, und die allgemeine Aufmerksamkeit war
auf anderes gerichtet. Der Schauspielerin verhehlte Viktor die Wahrheit und
sagte ihr auf unruhige Fragen nur: Die Sache ist mit Hilfe des Frsten
ausgeglichen.
    Aber fr Viktor selbst blieb der Streit nicht ohne Folgen. Es machte ihm in
der Stille Freude, da er etwas fr seine Freundin gewagt hatte, und er war
seitdem geneigt, sie zu betrachten, als ob sie ihm angehre. Er fing an, sich
mehr um ihr Tagesleben zu kmmern, fragte sie zuweilen nach ihrem Verkehr und
den Besuchen, die sie annahm; und da manche ihr huldigten, die ihm mifielen,
verhehlte er seine Mibilligung nicht. Tina sah ihn bei solcher Kritik mit
groen Augen an und, wie ihm vorkam, mit geheimer Sorge, doch antwortete sie
demtig und versuchte wohl auch, sich nach seinem Wunsche zu richten.
    Sie hatte ihn gebeten, eine neue Rolle mit ihr durchzugehen, er hielt das
Buch, soufflierte und las in ihren Szenen die Rollen der Gegenspieler; sie
spielte ihre Partie vor. Dabei gerieten beide in Knstlereifer, auch er
rezitierte lebendiger und nahm die Stellungen, welche der Moment verlangte. Als
nun eine Szene von starker dramatischer Bewegung kam, eine Erklrung zwischen
zwei Liebenden, welche nach dem Hinundherwogen der Leidenschaft einander in die
Arme fliegen, da sprang Tina im Charakter ihrer Rolle und in der Begeisterung
des Spieles auf ihn zu und warf sich ihm an die Brust; das Tuch war ihr von den
Schultern geglitten, er hielt das schne Weib und fhlte das Wogen warmer
Empfindung an seinem Herzen. Da schlo er sie fester an sich und drckte ihr
heie Ksse auf Hals und Schulter. Sie lag eine Weile hingebend in seinen Armen,
dann richtete sie sich langsam auf, und in ihrem Antlitz zuckte eine Bewegung
anderer Art, Trauer und Angst. Sie setzte sich kleinmtig in den Sessel und
sagte leise: Das httest du nicht tun sollen, Viktor.
    Tglich fhle ich mehr, wie schn du bist, rief der entflammte Kamerad. O
zrne nicht, da das Gefhl aufloderte und die Leidenschaft herausbrach, ich
wollte dich nicht krnken.
    Tina aber nickte schmerzlich mit dem Haupte: Ich wute, so wrde es kommen.
Wie war deine Freundschaft so schn! - und krftig sich zusammennehmend, rief
sie in verndertem Tone: Du dummer Viktor! Du willst doch nicht mein Anbeter
werden oder gar mein Liebhaber? Weit du, was das heit, mein Freund? Jetzt
gehorche ich dir; wenn du aber kssen willst, wie du eben tatest, mut du mir
gehorchen, du mut meine ble Laune aushalten, mut mir Veilchenbuketts zutragen
und dir gefallen lassen, da ich sie beiseitewerfe, wenn sie mir nach trkischem
Tabak riechen. Finde ich ein Armband hbsch oder ein Spitzenmuster, so mut du
schnell danach laufen und nach dem Preise nicht fragen; du mut deine Eifersucht
- ich sehe dir an, da du darin stark sein kannst - still hinunterdrcken und
gegen andere Mnner, denen ich einmal zulache, freundlich sein. Ich werde dich
qulen und du mich, du wirst unglcklich sein und wirst zuletzt nicht danach
fragen, wie mir zumute ist. Oh, sei kein Tor, Kamerad, und stre nicht den
Frieden, in welchem wir jetzt miteinander leben.
    Du weit nicht, rief Viktor widerspenstig, wie sehr ich unter dem Zauber
deines Wesens stehe. Das Kind, das ich einst geliebt, die Knstlerin und das
schne Weib vermag ich nicht mehr auseinanderzuhalten wie verschiedene Leben;
fr mich bist du immer die eine, nach der ich mich sehne und die ich begehre.
    Wieder sah sie traurig vor sich hin. Den besten Teil hattest du, sagte sie
leise, und willst ihn vertauschen mit etwas anderem, was fr uns beide ein
Unglck wird. - Arme Tina! Noch einmal war die Unschuld der Kinderzeit in dein
Leben zurckgekehrt, und du warst so selig darin. Die Trnen rollten ihr von
den Wangen.
    Sprich nicht so zu mir, Mdchen, versetzte Viktor erschttert durch diese
Klage. Traurig kann ich dich nicht sehen, und unglcklich sollst du durch mich
nicht werden; ich will mich in Zukunft besser behten. Wenn dir unsere
Kameradschaft als das grere Glck fr dein Leben erscheint, so will ich mich
zu beschrnken suchen auf den Teil deines Herzens, den du mir zuwenden kannst,
wie bitterlich schwer es mir auch werden mag.
    Sie sah ihn forschend an, und da er ihr die Hand bot, hielt sie diese fest
und neigte das Haupt.
    Nun ging es uerlich wieder wie vorher, aber die harmlose Zufriedenheit,
die Viktor gefhlt, war verschwunden. Unruhig beobachtete er seine
Jugendfreundin und machte sich Gedanken ber ihre Vergangenheit, ber die
Verhltnisse zu anderen Mnnern, die sie frher bereits gehabt oder die sie ihm
wahrscheinlich verbarg, und es half ihm wenig, da er sich selbst sagte, wie
tricht solche Eifersucht gegenber einer Knstlerin sei, welche aus engen
Verhltnissen sich mhsam emporgearbeitet hatte und allen Gefahren und
Verlockungen des Berufes und ungewhnlicher Erfolge ausgesetzt gewesen war.
Durch dies Grbeln und Zweifeln fielen zuweilen dunkle Schatten in den frohen
Schein, der um den Teetisch der Knstlerin glnzte, Tina merkte die ungleiche
Stimmung ihres Freundes, sie bewies ihm gegenber unverndertes Zutrauen und bei
Gelegenheit eine fast demtige Fgsamkeit in seinen Willen. Er hatte einst
nebenbei erwhnt, da ihr eines ihrer einfachen Hauskleider besonders gut stehe,
sie trug es seitdem immer, sobald sie seinen Besuch erwarten konnte; er hatte
gegen sie ein Buch gelobt, als er das nchste Mal kam, fand er es aufgeschlagen,
obgleich sie sonst wenig las; er hatte sein Wohlgefallen an einer ihrer
Kolleginnen geuert, er fand die junge Dame seitdem fter am Teetisch und
merkte, wie Tina sich bemhte, diesen Gast im Gesprch zur Geltung zu bringen.
    Als Viktor einst nach einem guten Knstlerabend neben dem alten Regisseur
heimwrts ging, begann dieser in seiner Freude ber die Schauspielerin: Da hat
unser Herrgott einmal etwas Gutes fr das deutsche Theater zurechtgemacht, aber
der Teufel wird es uns nicht gnnen und die Arbeit verderben.
    Was frchten Sie fr ihre Zukunft?
    Da sie doch einmal irgend jemanden heiratet, entgegnete der Schauspieler.
Das besondere Talent, welches sie besitzt, ist ihr vom Himmel nur unter
Bedingungen verliehen, wie der Jungfrau von Orleans ihre Strke. Einer
Schauspielerin wie dieser ist die Liebe, ja auch die Hingabe an den Geliebten
nicht verwehrt; aber dies mu ein Spiel bleiben, welches ein Ende nimmt. Fr
Haushalt und Ehepflicht, die mancher anderen Knstlerin zur Krftigung
gereichen, ist diese Natur nicht robust genug. Ich kenne sie seit Jahren.
    Da wagte der eiferschtige Viktor einzuwerfen: Sie hat doch sicher schon
manches nhere Verhltnis zu Mnnern durchgekmpft.
    Das knnte aus ihrem Spiele schlieen, auch wer es nicht wei߫, antwortete
der Alte, aber sie ist immer mit ihren Leidenschaften zu rechter Zeit fertig
geworden, und diese haben ihre physische und geistige Kraft nicht vermindert.
Ich will ihr gern alles nachsehen, nur soll sie sich fr keinen Mann opfern.
    Nach dieser Unterredung sah Viktor die Schauspielerin einige Tage nicht. Die
Kammerherrin war mit Valerie nach der Residenz gekommen, die Damen wohnten bei
Tante Minchen und nahmen seine Dienste sehr in Anspruch. Whrend ihrer
Anwesenheit uerten sie den Wunsch, die fremde Knstlerin in einer ihrer groen
Rollen zu sehen, und Viktor mute sie ins Theater begleiten. Ihm erschien dies
wunderlich. Er sa nicht an seinem gewhnlichen Platz, wo ihn Tina zu sehen
wnschte, und empfand es wie ein geheimes Unrecht gegen die Freundin, da er
ihrem Spiel neben Valerie zusehen sollte. Vielleicht tuschte er sich, doch ihm
kam vor, als ob die groen Augen Tinas von der Bhne unruhig und besorgt nach
ihm und seiner Nachbarin blickten, besonders als Valerie sich einmal zutraulich
nach ihm wandte und leise zu ihm sprach. Wie er einige Tage darauf die Gste
nach dem Bahnhof geleitet hatte, eilte er zur Wohnung der Schauspielerin. Es war
nicht die Stunde, wo er sonst zu kommen pflegte, und er fand Tina in Beratung
mit ihrer Gesellschafterin, die zu anderer Zeit in einer Hinterstube fr die
Garderobe der Knstlerin sorgte. Tina nickte ihm freundlich zu, doch war ihr
Blick umwlkt, als htte sie geweint. ber den Sesseln lagen Theaterroben, ein
Hermelinmantel und anderer Knigsstaat. Es ist meine Rstung fr die nchste
Vorstellung, du kommst in meine Schneiderstunde. Sie gab der Gehilfin die
ntigen Auftrge und sandte sie hinaus, dann trat sie vor Viktor und fragte
heftig: Wer war die junge Dame neben dir in der Loge?
    Mit einem Anflug von Befangenheit gab Viktor Auskunft und setzte hinzu: Es
ist die nchste Freundin meiner Schwester. Tina sah ihn durchdringend an. Sie
ist schn! sagte sie in herbem Tone, kehrte ihm den Rcken zu und setzte sich
in einen Sessel. Viktor erwartete schweigend, was kommen wrde. Nach einer Weile
begann Tina, immer noch abgewandt, mit leiser Stimme: Nimm den Shakespeare,
Viktor, und schlage mir im Romeo den zweiten Akt an von den Worten: Oh, wie sie
auf die Hand die Wange lehnt.
    Er nahm und las. Nach einigen Zeilen stand sie auf, wandte sich ihm zu und
spielte die Balkonszene so lieblich und innig und doch mit so stark
unterdrckter Leidenschaft in ihn hinein, da er in einem Schauer von Entzcken
und Schrecken die Empfindung hatte, als ob sich ihm das Haar auf dem Haupte
strube. Am Ende der Szene fuhr sie pltzlich fort: Hinab, du flammenhufiges
Gespann und warf sich bei den Worten: Nacht, gib mir meinen Romeo mit voller
Leidenschaft an seine Brust, der Schal glitt ihr von den Schultern, sie schlug
die Arme um seinen Hals und seufzte leise:
    Da hast du die Schulter, ksse mich! Das tat er. Sie aber entwand sich ihm
wieder, warf den Purpurmantel um ihren entblten Nacken und sprach, indem sie
mit hinreiender Zrtlichkeit den Arm gegen ihn ausstreckte: Geh, Lieber, heut
abend erwarte ich dich.
    Mit beflgeltem Schritt eilte Viktor durch die Straen nach seiner Wohnung;
ihm pochte das Herz, da er die Schlge fhlte. Er fand die Straen mit Menschen
gefllt, ein unruhiges Hinundherwogen, in den Haufen pfeifende Straenbuben, und
viele wilde Gestalten, die er so zahlreich in den belebten Stadtteilen nie
gesehen. Ihn aber dnkte alles wie Geschrei der Raben auf dem Baume, er sprang
in seiner Wohnung die Treppen hinauf, legte die Uhr auf den Tisch und schritt
auf und ab. Es wurde dunkel; aus der Ferne tnte ein Brausen herauf, dazwischen
einzelne Schreie, wie Gerusch der fernen Brandung und Gekrchze der Mven,
zuweilen wurde es auf Minuten still, dann erhob sich aufs neue das Getse und
Rauschen nher und drohender. Viktor sah wieder nach der Uhr. Unten drhnte der
regelmige Schritt marschierender Soldaten, Kommandorufe und der Anschlag der
Gewehre auf dem Pflaster. Aus der Ferne aber klang ein Drhnen und Rasseln wie
von Lastwagen - waren das Geschtze? Horch, ein scharfes Knattern - so klangen
Schsse! Da ergriff er seinen Hut und sprang hinaus auf die Strae. Die Strae
war leer wie in tiefer Nacht, die Tren geschlossen; er eilte an den Husern
entlang, um zu ihr durchzudringen, die in dieser Stunde ihn zitternd erwartete.
Der Weg war erhellt von einem rtlichen, unheimlichen Lichte. Wie er um die Ecke
bog, sah er den ganzen Himmel in heller roter Glut, feurige Lohe und schwarze
Ruwolken wlzten sich in wildem Tanze ber den Husern dahin. Ein Haufe von
Mnnern und Weibern quoll ihm entgegen, die Gesichter blutlos, in den Augen Wut
und Entsetzen; sie brllten: Mord! Heraus zur Hilfe! Viktor sprang heran -
auch ihm starrte das Blut in den Adern -, auf einem Rderkarren, den sie
vorwrtszogen, lag ein Mann in den Kleidern eines Arbeiters und ein
halbwchsiger Knabe, und beide waren gettet, das geronnene Blut klebte an
Haaren und Kleidern. Wieder rannte er weiter, zu dem Schrecken kam ein wtender
Zorn gegen die Bewaffneten, welche arme Leute niederschossen, und gegen eine
Regierung, die so Furchtbares, Wahnwitziges geboten hatte.
    Als er die nchste Strae erreichte, stand er in einem geschftigen Haufen
Arbeitender zwischen umgestrzten Wagen und ausgebrochenen Pflastersteinen, in
dem Dmmerlicht bewegten sich schweigend die dunklen Gestalten, fahl die
Gesichter und glanzlos die Augen, gleich gespenstigen Schatten, welche der Tod
aus seinem Reiche heraufgesandt hat. Eine heisere Stimme rief dem
Zornentflammten in das Ohr: Zur Hilfe dem Volke, wenn du ein Mann bist! - ein
Gewehr lag in Viktors Hand, er selbst stand hinter den Steinen und stierte nach
vorwrts, und ber ihm pfiffen die Kugeln, die aus einer Salve gegen ihn und
seine Umgebung heranflogen. In demselben Augenblick hrte Viktor von der Seite
einen franzsischen Anruf, und er hrte, wie der Mann, welcher an der Barrikade
gebot, einem Genossen in polnischer Sprache Befehle gab. Da schlug er den Kolben
des Gewehres, welches er in der Hand hielt, gegen die Pflastersteine, da der
Kolben in Stcke sprang und der Schu zwischen seinen Fingern hindurch an der
Schlfe vorbeikrachte, er selbst setzte mit einem Sprung ber die Barrikade in
die gesperrte Strae, dem rollenden Gewehrfeuer entgegen. Eine neue Salve!
Wieder hrte er das Pfeifen der Kugeln um sein Haupt, whrend er lngs der
Huser dahinlief; auch vor ihm war die Strae durch einen Steinwall gesperrt,
dort tobte der Kampf. Er sah sich um nach einem Obdach - alle Tren waren
verschlossen; doch er kannte die Gegend, auf seiner Straenseite lag ein
Weinkeller, den er oft besucht hatte, er sprang in den Schutz der Trbrstung
und pochte in der Art, wie vertraute Gste pflegten, wenn sie einmal am spten
Abend den Eintritt suchten. Nach einer Weile rasselte der Riegel, er warf sich
hinab, und der erschrockene Kfer schlo hinter ihm zu, er war gerettet.
    Die Schenkstube fand er leer, nur ein Gast sa still in der Ecke, den Kopf
auf den Arm gesttzt - es war Henner. Viktor war seinem alten Gegner seither
fter begegnet und hatte mit ihm zuweilen gleichgltige Reden ausgetauscht. Heut
trat er zu ihm und bot ihm die Hand, welche Henner ergriff und festhielt. So
saen die beiden nebeneinander, whrend drauen die Salven krachten und die
Fenster von dem Donner schwerer Geschtze klirrten.
    Oh, du mein armes Preuen, rief Viktor. Die Vormacht sollten wir sein fr
andere deutsche Stmme, und jetzt liegen wir am Boden in einem Siechtum, das uns
anderen verchtlich und den Feinden zur Beute macht.
    Was wrde Ihr Vater dazu sagen? fragte Henner ruhiger. Er gehrt zu den
wenigen Alten, die ber ihrem Schlachtruf: Mit Gott, fr Knig und Vaterland!
das Verstndnis fr den Jammer der neuen Zeit nicht verloren haben.
    Vielleicht wird er sagen, antwortete Viktor, da die Kanonen jetzt dem
Sohne dieselbe Lehre zu Ohren donnern, wie einst dem Vater. Die Stunde ist da,
wo der Preue die Sorge um sein eigenes Leben und seines Herzens Gelst
vergessen mu in der Todesnot seines Vaterlandes.
    Drauen tten sie einander, und wir sitzen mig hier, sagte Henner.
    Ich habe mein Gewehr an den Steinen zerschlagen, weil ein fremder Emissr
mir es in die Hand drckte, versetzte Viktor finster.
    Ist aber dieser wilde Aufstand eine Betrung unserer Arbeiter und
berlegtes Werk fremder Anstifter, sagte Henner, wie kommt es, da wir alle
davon ergriffen sind und kaum der Versuchung widerstehen, Pflastersteine
aufzureien? Wer trgt die Schuld, da ein redliches und loyales Volk, welches
durch so groe Erinnerungen mit seinem Frstenhause verbunden ist, einem solchen
pltzlichen Ausbruch seines Grimmes verfllt?
    Vielleicht sind Regenten und Regierte beide erkrankt, jeder in seiner
Weise, und uns allen tut Genesung not, erwiderte Viktor.
    Was aber vermag der einzelne fr solche Besserung zu tun?
    Zuerst sich selbst gesund zu machen, rief Viktor. Der Vater hat mir
erzhlt, wie ihm einst in der jammervollen Niederlage, als der Staat Friedrichs
des Groen zerbrach, der Ruf in die Seele drang, da auch er sich fr das
Vaterland hinzugeben habe. Er konnte in seinem Beruf als Arzt dienen und mit
seinem Sbel als Soldat. Ich bin nichts als Schriftsteller und habe die ersten
frischen Jahre meiner Ttigkeit auf Dinge verwandt, die mir in diesem Augenblick
so weichlich und ungesund erscheinen, da ich mich ihrer schme. Dies
Lippenfechten ber schne Attitden und ber die Geheimnisse einer sthetischen
Wirkung, und ob der Schauspieler das Bein so oder anders setzen soll. Pfui! -
unterdes schlich der Ha, die Verzweiflung, die Mordlust in die Seelen der
Menschen, neben denen ich tglich vorbeiging. Aus einer furchtbaren Betrung
erwache ich. Ihnen aber gelobe ich in dieser Stunde, Henner, ich tue ab von mir
jede andere literarische Ttigkeit und all mein ppiges Schwelgen im Lande der
Trume. Ich will eine Antwort suchen auf die Frage: Wie uns und unser geliebtes
Preuen retten? Der Vater hatte es besser, er sah den Weg vor sich.
    Damals tat es der Sbel, sagte Henner, jetzt vielleicht das gesprochene
und gedruckte Wort. Was Sie auch whlen mgen, lassen Sie mich teilhaben an
Ihrer Arbeit. Ich bin nicht reich, aber ich kann als unabhngiger Mann leben,
und ich denke, diese Freiheit von jeder dienstlichen Abhngigkeit wird jedem
ntig sein, welcher von heut ab fr die Erhebung seines Vaterlandes ttig sein
will.
    Es war drauen stiller geworden, nur einzelne Schsse und gellende Schreie
wurden gehrt. An die Tr des Kellers donnerten heftige Kolbenste. Viktor
sprang auf, ein Offizier mit einer Abteilung Soldaten drang in das Gewlbe,
ihnen allen lag in Antlitz und Gebrde das furchtbare Grausen, welches den
Menschen entstellt, wenn er andere gewaltsam vom Leben scheidet.
    Hierher hat er sich geflchtet, schrie der Offizier. Packt ihn - zeigen
Sie Ihre Hand! Viktors Hand war von Pulver geschwrzt. Nieder mit ihm!
    Henner sprang vor, warf sich zwischen die Wtenden und ihr Opfer und drckte
ein Bajonett zur Seite, der Stich ging durch Viktors Arm und Seite, das Blut
strmte herab. Er ist unbeteiligt wie ich, schrie Henner dem Leutnant
entgegen.
    Er hatte ein Gewehr in seiner Hand, sagte der Offizier grimmig. Dies ist
keine Zeit, Herr von Henner, um fr andere einzutreten.
    Er hat das Gewehr eines Emprers an den Steinen zerschlagen. Der Offizier
wandte sich ab und gebot: Vorwrts, durchsucht den Keller.
    Die beiden blieben allein, Viktor lie sich schwerfllig nieder. Das ist
auch eine Art von Katharsis, sagte er mit trbem Lcheln und legte den Arm auf
den Tisch. Henner eilte dem Offizier nach, und Viktor vernahm die kurzen Reden
einer aufgeregten Verhandlung; ihm war jetzt auf einmal so ruhig zumute, als
ginge das ganze wilde Treiben ihn wenig an; auch fhlte er den Schmerz der Wunde
nicht sehr. Der Leib war matt, aber der Geist war klar, und er dachte bei sich:
Der unntze Lrm wird aufhren, dann kommt eine friedliche Zeit, wo ich mit
Henner wieder zusammen bin. Darber wurde ihm der Kopf schwer und sank nach
vorwrts, aber er hrte deutlich Henners Stimme, als dieser sich ber ihn
neigte. Ich habe durchgesetzt, da wir nicht abgefhrt werden, wir mssen hier
aushalten, der Kampf dauert fort, und die Wege sind gesperrt. Wir helfen Ihnen
die Treppe hinauf in die Wohnung des Wirtes. Nebenan ist das Schild eines
Arztes, er soll Sie verbinden. Viktor sah ihn dankbar an. Er wurde auf einem
Stuhl in die oberen Zimmer getragen, der Arzt kam und untersuchte die Wunde; der
Stich war durch den Arm und an den Rippen vorbeigegangen, und die Verletzung
grerer Adern hatte den starken Blutverlust herbeigefhrt. Viktor legte den
Kopf mde auf das Lager, und Henner sa neben ihm.
    Erst gegen Mittag des nchsten Tages war der Verkehr so weit geffnet, da
Viktor in einem Tragstuhle nach seiner Wohnung geschafft werden konnte. Die
Trger kletterten ber die ffnungen zerrissener Barrikaden, und der Wunde sah
auf dem Wege die Spuren des klglichen Kampfes. Als in seiner Wohnung alles zur
Pflege eingerichtet war, rief er Henner an sein Bett und sprach ihm leise in das
Ohr. Sage ihr, ich bin in Blut getreten, als ich zu ihr ging. Wenn ich das
Leben behalte, so gehrt es nicht mehr ihr, sondern einer Pflicht, die noch
lter ist als meine Liebe zu ihr. Henner ergriff den Hut und entfernte sich.
    Als Henner zurckkam und seinen neuen Kameraden leidlich bei Krften fand,
fragte er: Darf ich dir bergeben, was mir anvertraut wurde? Viktor nickte,
und der andere legte ein Billett auf das Lager und ffnete das Siegel. Tina
schrieb: Lebe wohl fr immer, mein geliebter Viktor; ich reise morgen ab.
Gedenke in Freundschaft deines unglcklichen Kameraden!
    Was sagte dir die Schreiberin? fragte Viktor.
    Sie weinte, da sie mir den Brief gab, und vermochte nicht zu reden. Der
Frst war bei ihr.
    Lebe wohl, Tina! sagte Viktor vor sich hin, ich denke dein.
    Als er eine Woche spter nach wohlttigem Mittagsschlummer die Augen
aufschlug, glaubte er noch zu trumen, denn die Schwester stand neben seinem
Bette.
    Der Vater schickt mich der Tante zu Hilfe, sagte das gerhrte Kthchen
nach der ersten freudigen Begrung. Henner hat zuerst von deiner Verwundung
geschrieben, und seitdem jeden Tag von deiner Besserung.
    Ich habe lange seinen Wert verkannt, antwortete der Bruder, er ist mir in
schwerer Stunde ein treuer Freund geworden. Ihm verdanke ich, da ich nicht ein
Opfer jener Unglcksnacht wurde.
    Bei diesem Lobe des Freundes leuchteten Kthes Augen, und eine hohe Rte zog
ber ihr Antlitz, so da der Bruder sie forschend ansah; da beugte sie sich zu
ihm herab und drckte ihr Haupt an das seine. Bist du ihm gut? fragte er
leise. Er fhlte, da sie nickte. Und er dir. Ich glaube auch, sagte sie
fast unhrbar.
    Es ist noch jemand aus der Heimat hier, fuhr Kthe nach einer Weile
mutiger fort; darf sie hereinkommen? Sie wollte mich in diesen schrecklichen
Wochen nicht allein lassen, und sie wohnt auch bei der Tante.
    Valerie trat herein und setzte sich still auf den Stuhl an seinem Lager.
    Die Heilung ging nur langsam vonstatten. Sobald fr Viktor ein Umzug mglich
wurde, bestand die Tante darauf, da er bis zur vollstndigen Genesung zu ihr
ziehen sollte.
    Der Stich hat mir einen guten Dienst getan, sagte Viktor, er berhebt
mich jeden Tag der Notwendigkeit, diesen widerwrtigen Karneval der Gasse
anzusehen. Liebe Tante, geh an das Bild des Alten Fritz und entferne den
Trauerflor; die Presse ist frei, und Henner und ich werden Zeitungsschreiber.

                            Das Geheimnis des Buches


Nach Viktors Genesung warben die neuen Freunde den Verleger, welcher in
Gemeinschaft mit ihnen eine neue Zeitschrift begrnden sollte. Durch
gleichgesinnte Mitarbeiter gefrdert, gewann ihr Blatt schnell Beistimmung und
Leser, und beide fhlten hohe Befriedigung, da sie das Beste, was sie wuten,
mit regelmigem Flu in die Seelen anderer hinberleiten konnten.
    Als nach einem Jahre das Blatt der Freunde fest begrndet war, gedachten sie
auch des eigenen Haushaltes und warben sich die Hausfrauen. An demselben Tage
wurden zwei glckliche Paare verbunden, Kthe verfiel unrettbar dem Hause
Ingersleben, und Viktor hob sein liebes Weib aus der Kutsche der Bellerwitze
sich in die Arme. Denn diese Familie hatte lngst allen Standesvorurteilen
entsagt; auerdem war, wie ein hochverehrter, leider verstorbener Mitbrger und
Ratmann zu sagen pflegte, gerade jetzt eine Konjunktion gekommen, wo derartige
Vorurteile nicht zeitgem waren. Und der letzte Winterreif, welcher etwa noch
an den Schilden ihres Stammbaumes hing, schwand dahin in der Elternfreude ber
das Glck des geliebten Kindes.
    Als der Doktor an einem hellen Sommertage in die Stube seiner Frau kam, fand
er diese in Betrachtung der Bilder an der Stubenwand; es waren die Erinnerungen
an Luther, welche einst in der Arbeitsstube des Seniors gehangen hatten,
darunter auf dem Ehrenplatze das erste Geschenk des Doktors. Die Farben sind
verblichen, sagte Henriette, aber sooft ich das Bild ansehe, fhle ich die
frohe Erwartung, in der ich damals auspackte.
    Fr uns beide ist die Zeit gekommen, sagte der Gatte, wo die Gedanken oft
die Vergangenheit suchen. Um die liebe Hausfrau ist es einsam geworden. Ich habe
zuweilen daran gedacht, da wir uns noch einmal in die Welt hinauswagen sollten.
Ist dir's recht, so besuchen wir die Kinder. Und als Henriette erfreut
zustimmte, fuhr er fort: Wir haben auch eine uere Veranlassung erhalten; eine
Verwandte meines Namens, die ich gar nicht persnlich gekannt habe, ist
unverheiratet und hochbejahrt im Frnkischen gestorben und hat mir ein Legat
hinterlassen. Sie hat zuletzt in einer kleinen Stadt bei Koburg gelebt. Wir
machen mit den Kindern einen Ausflug nach Thringen, Richard kann als Jurist an
Ort und Stelle zusehen, ob wir die Summe annehmen drfen, ohne andere Verwandte,
die vielleicht bedrftig sind, zu beeintrchtigen.
    Einige Wochen darauf betrat eine Gesellschaft Reisender den Hof der alten
Feste, welche sich mit ihrem doppelten Mauerringe ber dem grnen Talgrunde des
Itzbaches erhebt. Voran ein alter Herr mit grauem Haar, aber er schritt rstig
in gerader Haltung, und seine Augen blickten klar und heiter in die Runde; am
Arme fhrte er eine Matrone, welcher die Jahre einzelne Silberfden in das Haar
gezogen und die Gestalt vlliger gemacht hatten, doch auf ihren Wangen lag noch
etwas von dem rosigen Schimmer der Jugend. Um die beiden bewegten sich zwei
Mnner und zwei Frauen in blhendem Alter. Der Kastellan ffnete der
Gesellschaft die Rume, welche zu einem Museum eingerichtet waren. Sie
betrachteten die schngetfelten Zimmer, die Stube, an welcher der Name Luthers
haftet, die Rstkammer mit Wagen und Geschtzen und blieben zuletzt vor dem
Galionbild eines dnischen Kriegsschiffes stehen, welches der Landesherr von
seinem Kommando in Schleswig-Holstein mitgebracht hatte und das vor kurzem
aufgestellt war. Da sagte der Alte erfreut: Dies ist seit den Freiheitskriegen
das erste Siegeszeichen der Deutschen; der Kriegsdienst meiner Shne Viktor und
Richard wird mit der Feder geleistet, aber die Enkel werden bei neuen Siegen
helfen. Als die Gesellschaft das Innere der Burg betrachtet hatte, sa sie auf
der Plattform nieder und sah hinaus in die sonnige, lachende Landschaft, unten
zur Seite die Stadt mit einem reichen Kranz von Villen umgeben, gegenber die
belaubten Hgel, in der Tiefe die grnen Wiesen des Itzgrundes, und sdwrts in
blauer Ferne die Berggipfel des Mains.
    Ein anmutiges Stck Erde! rhmte der Vater. Man fhlt sich heimisch, als
htte man's immer geschaut. Die Werke der Natur und die Arbeit des Menschen
schicken sich hier gut zueinander.
    Das ist die rechte Stimmung, begann Henner, damit ich dir berreiche, was
ich aus der Hinterlassenschaft des verstorbenen Fruleins fr dich gerettet
habe. Er lie sich von dem Kastellan ein Buch reichen mit altem, verstoenem
Einband und legte es vor dem Doktor auf den Tisch.
    Der Doktor schlug neugierig das Buch auf. Auf dem ersten Vorsetzblatt stand
in krftigen Schriftzgen: Meinem gnstigen Freunde George Knig, Kaufherrn zu
Frankfurt am Main; darauf Verse aus dem Liede: Eine feste Burg, und als
Unterschrift: Martinus Luther aus der Feste Koburg im Reich der Wolken 1530. -
Da haben wir den Band, von dem ich dir manchmal erzhlte, sagte der Doktor zu
seiner Gattin. Hinter der Widmung waren mehrere Bltter fr eine kurze
Familienchronik benutzt. Die Besitzer des Buches hatten ihren Namen mit dem
Geburtsjahr und zuweilen auch Frau und Kinder eingetragen.
    Der Doktor blickte die Reihe herunter. Hier steht ein Kriegsmann, Bernhard
Knig, Fhnrich im Regiment Alt-Rosen, darunter seine Schwester Regine Knig,
verehelichte Hermann. Damals mu das Buch in die Familie Hermann gekommen sein,
erklrte er, weiterblickend, denn es sind einige dieses Namens eingetragen.
Hier aber, fuhr er mit neuem Interesse fort, steht wieder mein Grovater
Friedrich und sein Bruder August. Der Grovater hat also wahrscheinlich den Band
in die Familie zurckgebracht. Das ist mir ein teures Geschenk, Richard, und ich
bin dir von Herzen dankbar. Und hier kommt der lteste Sohn meines Groonkels
August, welcher Pfarrer im Frnkischen war. Dieser hatte das Unglck, in seinen
besten Jahren durch einen Sturz ins Wasser das Gehr zu verlieren und lebte
lngere Zeit als Privatmann mit Weib und Kind in Koburg. Daneben findet sich der
Name seiner Frau, einer Geborenen von Sahl aus dem Dorfe Friemar im Gothaischen.
Ich erinnere mich ganz gut auf sie, sie stammte aus einem reichen
Bauerngeschlecht, von den sogenannten Herren von Friemar. In dem Dorfe nmlich
bestanden aus alter Zeit freie Familien, welche ein adliges Wappenschild
fhrten. Er sah wieder in das Buch. Hier also folgen die Kinder des Pastors:
Beate Knig; dies ist die Kusine, aus deren Hinterlassenschaft Henner das Buch
erworben hat, und als letzter Name der ihres Bruders; dieser ist in frher
Jugend untergegangen - Er las und hielt an. Die Kinder, deren Augen an dem
wrdigen Antlitz hingen, sahen erstaunt die Vernderung in seinen Zgen.
Feierlich begann er wieder nach einer Weile, seine liebe Frau anblickend: Und
dieser letzte Name lautet August Knig, genannt Dessalle, - dahinter von der
Hand der Tante: - gefallen 1815 als franzsischer Oberst in der Schlacht bei
Belle-Alliance. - Der Doktor legte das Buch vor sich hin. Der Verstorbene
hatte den Namen seiner Mutter angenommen; er war ein Knig, und er war von
meinem Blut.
    Da er die Bewegung im Gesichte seiner Frau erkannte, fuhr er zu den Kindern
freundlich fort: Lat uns eine Weile allein, es sind alte Erinnerungen, die ich
mit eurer Mutter besprechen will. Die Kinder traten ehrerbietig beiseite, und
die Eltern saen nebeneinander; Henriette legte ihre Hand auf die des Gatten.
Er hatte Augenblicke, wo er aussah wie du. Schon damals, als er zuerst in
unsere Stube sprang. Da der Fremde mich immer an dich erinnerte, wenn er mir in
die Gedanken kam, das machte mich in der Stille so unglcklich. Als er spter in
unserem Hause weilte, erschien die hnlichkeit wieder, wenn er lebhaft erzhlte
oder lachte; und, Geliebter, mir war's, als mte ich mich deshalb vor ihm in
acht nehmen. Sie blickte den Gatten flehend an, als htte sie ihm etwas
abzubitten.
    Die hnlichkeit kann nur im Ausdruck gelegen haben; er sah ganz aus wie ein
Franzose und gefiel mir bei der ersten Begegnung beraus wohl.
    Aber wie ist es mglich, fragte Henriette, da er, der doch deinen Namen
wute, dich niemals als Verwandten begrt hat?
    Wer kann das sagen? Bei der ersten Begrung war ich ihm ein gleichgltiger
Fremder in einer Landschaft, wo er Anverwandte nicht erwartete, mit einem Namen,
der nicht selten ist. Auch mag ihm in seiner Stellung die ganze Verwandtschaft,
von der er wenig wute, leidig gewesen sein. Als ich ihn nach Jahren wiedersah,
hielt er mich fr seinen Feind, und er hatte nicht unrecht. Dennoch meine ich,
nach der letzten Begegnung im Felde mu er gewut haben, da ich sein Vetter
bin. Er brach damals so hastig auf. Wahrscheinlich ging er in jener Zeit zu
seiner Schwester und lebte dort verborgen, bis ihn sein Schicksal wieder unter
die Adler des Kaisers trieb.
    Darum stand er so oft vor den Bildern in der Stube des Vaters, besttigte
Henriette. Es war das Bild der Feste, welches er beschaute, denn immer flog
sein Blick nach der Wand. In Koburg wuchs er auf bis zu seiner Flucht. - Der
Doktor schlo das Buch: Kommt heran, Kinder, wir Alten haben die Sorgen um die
Vergangenheit abgetan.
    Ich aber noch nicht, rief Henner, und heut soll sogar Viktor mir folgen,
wenn er mich auch als einen Altertmler verhhnt. In diesem Hofe und an der
Stelle, wo wir jetzt behaglich sitzen, verkehrte vor dreihundertvierundzwanzig
Jahren einer eurer Vorfahren mit Luther. Das ist doch auch eine Erinnerung, die
sich sehen lassen kann. Durch dies Tor kam Herr Georg Knig heran. Ich behaupte,
er mu ein stattlicher Mann gewesen sein. Hier stand er und wartete, ob Doktor
Luther in seiner Zurckgezogenheit den Besuch annehmen werde, und diese
Holztreppe schritt der groe Reformator hinab und fragte euren Ahnherrn
wohlwollend nach seinem Begehr. Ist es nicht ein heiterer Gedanke,
widerspenstiger Viktor, da dies einst so war?
    Viktor sah nach dem alten Schlobau und der Treppe: Du sagst es, und das
Buch macht es wahrscheinlich. Unsere Phantasie mag mhelos, auch wo die
beglaubigte Kunde fehlt, noch weiter rckwrts in die Vergangenheit fliegen.
Vielleicht suchte schon fnfhundert und tausend Jahre frher ein Ahnherr hier an
derselben Sttte einen gnstigen Freund oder seine Heimat. Ich will dir, du
Verehrer aller Familienerinnerungen, sogar etwas anderes und Greres zugeben.
Vielleicht wirken die Taten und Leiden der Vorfahren noch in ganz anderer Weise
auf unsere Gedanken und Werke ein, als wir Lebenden begreifen. Aber es ist eine
weise Fgung der Weltordnung, da wir nicht wissen, wie weit wir selbst das
Leben vergangener Menschen fortsetzen, und da wir nur zuweilen erstaunt merken,
wie wir in unsern Kindern weiterleben. Vielleicht bin ich ein Stck von jenem
Manne, welcher einst an dieser Stelle von dem Reformator gesegnet wurde, und
vielleicht war ich es selbst in anderer Erscheinung, der schon auf diesem Berge
lagerte, lange bevor die ehrwrdige Feste gebaut wurde. Aber meine Valerie hatte
keiner von den alten Knaben, keiner sa meinem Henner am Arbeitstisch gegenber,
um liberale Artikel zu schreiben, und keiner sah wie wir von dieser Hhe hinab
in die Landschaft eines groen deutschen Volkes, welches ber der Arbeit ist,
das Haus seines Staates zu zimmern. Was wir uns selbst gewinnen an Freude und
Leid durch eigenes Wagen und eigene Werke, das ist doch immer der beste Inhalt
unseres Lebens, ihn schafft sich jeder Lebende neu. Und je lnger das Leben
einer Nation in den Jahrhunderten luft, um so geringer wird die zwingende
Macht, welche durch die Taten des Ahnen auf das Schicksal des Enkels ausgebt
wird, desto strker aber die Einwirkung des ganzen Volkes auf den einzelnen und
grer die Freiheit, mit welcher der Mann sich selbst Glck und Unglck zu
bereiten vermag. Dies aber ist das Hchste und Hoffnungsreichste in dem
geheimnisvollen Wirken der Volkskraft.

                                    Funoten


1 Erhre, gtiger Schpfer, unser Gebet und Flehen. - Gib, da durch
Enthaltsamkeit sein Sinn mig und nchtern werde.

2 Willst du trinken Wein, mut du schreiben Latein.

3 Hre, gtiger Schpfer, unser Gebet und Flehen.

4 Der Frosch quakt lieblich in den grnen Blttern.

5 Der Sauhirt schneidet Reiser.

6 Nicht der brllende Lwe, noch der brummende Ochs und nicht der meckernde
Bock, der mit den Hrnern stt, begeht soviel Unsinniges, als der Speere
verstechende Ritter, welcher seiner Herrin dient.

