
                                Marlitt, Eugenie

                              Das Heideprinzechen

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                                Eugenie Marlitt

                              Das Heideprinzechen

                                       1

Er ist ein einsamer Wanderbursch, der kleine Flu, er luft durch die stille
Heide. Seine schwach klingenden Wellchen kennen nicht das tolle Jauchzen
thaleinwrts strzender Wasser; sie trollen sich gemchlich ber
widerstandslose, flach gewaschene Kiesel, zwischen seichten, mit Weiden und
Erlen bestandenen Borden. Das Gebsch aber verschrnkt seine Zweige so
undurchdringlich, als drfe nicht einmal der Himmel droben wissen, da die
kleine Ader voll rieselnden Lebens in der verrufenen Heide klopfe. Und das ist
so recht im Sinn vieler bser Zungen, die drauen in der Welt diese weiten
Flchen germanischen Tieflandes verlstern.
    Lieber, sieh dir einmal das vielgeschmhte Proletarierweib, die Heide, im
Hochsommer an! Freilich, sie hebt die Stirne nicht bis ber die Wolken, das
Diadem des Alpenglhens oder einen Kranz von Rhododendren suchst du vergebens; -
sie trgt nicht einmal die Steinkrone des Niedergebirges; auch schmiegt sich
nicht der breite funkelnde Stahlgrtel eines gewaltigen Wasserstromes unter
ihren Busen; aber die Erika blht; ihre lila- und rotgemischten Glockenkelche
werfen ber die sanften Biegungen des Riesenleibes einen farbenprchtigen, mit
Myriaden gelbbestubter Bienen durchstickten Knigsmantel - und der hat einen
kstlichen Saum.
    Weit drben schwillt die humusarme, sandige Flche, die allerdings nur fr
das gengsame Heidekraut einen Nahrungsquell hat, zur migen Anhhe empor; in
dem Boden steckt Kraft und Mark; der lange dunkle Streifen, mit welchem er die
rotflimmernde Ebene pltzlich abschneidet, ist Wald, tiefer majesttischer
Laubwald, wie er seinesgleichen sucht. Stundenlang schreitest du durch die
dmmernden Sulenreihen, die der verachtete Heideboden gen Himmel treibt. In dem
Gest, hoch ber deinem Haupte, nisten Finken und Drosseln, und aus dem Dickicht
ugt das fliehende Wild scheu nach dir herber. Und wenn endlich der Hochwald in
niedriges Kieferngestrpp ausluft und dein Fu zgert, auf die Waldbeeren zu
treten, die hier, wie vom Himmel niedergeschttet, in Scharlach und blulicher
Schwrze den Abhang frben, whrend von der Bodensenkung drauen liebliches
Wiesengrn und das blasse Gold reifender Getreidefelder heraufschimmern - wenn
aus dem mitten drin liegenden Dorf, das seine urgemtlichen Wohnhuser um den
ziegelbedeckten Kirchturm schart, menschliches Leben und Treiben und das Gebrll
stattlichen Hornviehs herberschallt, dann denkst du wohl lchelnd der
trostlosen, gottverlassenen Sandwste, wie sie in den Bchern steht.
    Das Flchen freilich, mit welchem diese Niederschrift beginnt, durchmit
eine der drftigsten, menschenleersten Strecken. Es luft lange parallel mit der
Waldlinie am Horizonte, und erst nach reiflichem Ueberlegen macht es eine
selbstndige Schwenkung nach ihr hinber. Bei aller Sanftmut nagt und whlt es
doch am weichen Uferboden, und einmal sogar gelingt es ihm, ein Miniaturbecken
zu bilden, in welchem die langsam rinnenden Wasser scheinbar rasten. Hier wei
man nicht, wo die Luft aufhrt und das Wasser beginnt, so klar abgezeichnet
liegen die weien Kiesel drunten, und so wenig bewegt schwimmt das Nixenhaar
darber hin. Das kleine Rund treibt die Erlenbsche auseinander, eine
lichtbedrftige Birke hat sich um einen Schritt hinausgeflchtet und steht da
wie ein holdes Sagenkind, dem die Sommerlfte unaufhrlich blinkende
Silberstcke aus den Locken schtteln.
    Es war in den letzten Tagen des Juni.
    In dem khlen Wasser des kleinen Beckens standen ein Paar brauner
Mdchenfe. Zwei ebenso sonnverbrannte Hnde zogen das schwarze grobwollene
Rckchen fest und vorsichtig um die Kniee, whrend sich der Oberkrper neugierig
vornber bog. Schmale, mit weien Linnen bedeckte Schultern und ein junges,
braun angehauchtes Gesicht - in der That, es war wenig und winzig genug, was der
Flu zurckwarf; immerhin - den zwei Augen im Wasser war es sehr gleichgltig,
ob das Gesicht, in welchem sie saen, griechische Regelmigkeit oder den
Hunnentypus zeigte. Hier auf dem einsamsten Fleck der Heide gab es keinen
Mastab fr weibliche Schnheit, keine Anregung zum Vergleich; nur da alles,
was im unverflschten Tageslicht natrlich und altgewohnt erschien, aus dem
Wasserspiegel so fremd heraufsah, das machte ihn verlockend.
    Drauen im Sonnenschein, im sausenden Heidewind flatterte das ziemlich kurz
verschnittene Lockenhaar lustig um Stirn und Nacken - hier unten wurde es zu
schwer niederhngenden Rabenflgeln, unter denen hervor die kleinen, roten
Glasperlen der Halskette wie dunkelglhendes Blut tropften, und das grobe derbe
Leinenhemd gar leuchtete geschmeidig und seidenweich, als schwimme eine einzige
groe, schneeweie Glockenblume drunten im Wasser - es verwandelte sich eben
alles wie in der allerschnsten, alten Zaubergeschichte.
    Meist fllte ein Stck dunkler Himmelsblue die Bresche der Bsche, das gab
der Wasserflche eine harte Stahlfarbe und dem Mdchenbilde einen eintnigen
Hintergrund. In diesem Augenblick jedoch liefen pltzlich glhende Dunstgebilde
ber den Spiegel - es war unglaublich, aber trotz allem dem quollen sie
unmittelbar aus den Haarspitzen des Lockenkopfes. Das kmpfte durcheinander und
glhte immer hher auf, als solle allmhlich die ganze Welt von Purpur triefen.
Nur das heimliche Dster um die Wurzeln des Buschwerks vertiefte sich zur
finsteren Hhle, aus der einzelne Zweige wie schwarze Stalaktitenzacken in das
schwimmende Feuer hineinragten - eine neue, blitzschnelle Wendung der alten
Zaubergeschichte. Aber sie erzeugte einen heillosen Schrecken. Nahm doch selbst
der Schatten, den das vorgeneigte Mdchen warf, Brunnentiefe an, aus der herauf
zwei bergroe, entsetzte Augen glitzerten.
    Die braunen Fe gehrten zu keiner Heldenseele; mit einem wilden Satze
sprang sie an das Ufer - welch eine lcherliche Flucht! Drauen ber der Heide
entzndete sich der Abendhimmel in roten Flammen, eine feurige, sanft
zerflieende Wolke zog ber die Bresche hin, das war der gespenstige Nimbus -
und die Augen? Hatte wohl die Welt solch einen Hasenfu wie mich gesehen? Solch
ein kindisches Ding, das vor seinen eigenen Augen davonlief?
    Zunchst schmte ich mich vor mir selber und dann vor meinen zwei besten
Freunden, die Zeugen gewesen waren.
    Meine gute Mieke zwar hatte sich weiter nicht stren lassen - sie war der
weniger intelligente Teil. Die schnste schwarzbunte Kuh, die je ber die
Heideflchen gelaufen, stand sie breitspurig unter der Birke und ri und zupfte
schwelgend an dem Grase, das der feuchte Uferboden in einem dnnen Streifen
emportrieb. Sie hob den langen, schmalen Kopf, kaute mit unverkennbarem Appetit
weiter an den fetten Halmen, die ihr zu beiden Seiten des Maules niederhingen,
und sah nur einen Moment dummverwundert nach mir hin.
    Spitz dagegen, der sich faul und schlfrig unter das khle Gebsch geduckt
hatte, nahm die Sache tragischer. Er fuhr wie besessen in die Hhe und bellte in
das zurckklatschende Wasser hinein, als sei mir der bse Feind auf den Fersen.
    Er war nicht zu beschwichtigen; die Stimme sprang ihm ber vor Alteration
und Kampfeswut - und das war urkomisch. Lachend sprang ich in das Wasser zurck
und sekundierte ihm, indem ich mit beiden Fen den lgnerischen Spiegel in
hochaufspritzende Atome zerstampfte.
    Es war aber auch noch ein dritter Zeuge hinzugetreten, den weder ich noch
Spitz bemerkt hatten.
    Nu, was macht denn mein Prinzechen da? fragte er in jenen knurrenden,
halbzerrissenen Tnen, wie sie aus einem Munde kommen, dem die unzertrennliche
Tabakspfeife wie festgemauert zwischen den Zhnen sitzt.
    Ach, du bist's, Heinz? - Vor dem schmte ich mich nicht, er lief selber
wie ein Hase vor allem, was nicht ganz geheuer. Freilich, das glaubte keiner,
der dies alte, gewaltige Menschenkind sah.
    Da stand er, Heinz, der Imker1, auf Sohlen, so massiv und wuchtig, da sie
den Erdboden schttern machten. Sein Scheitel rhrt an Aeste, die fr mich
himmelhoch hingen, und der breite Rcken verschlo den Ausblick nach der Heide
so vollkommen, als habe sich pltzlich eine Granitwand zwischen die Auenwelt
und meine kleine Person geschoben.
    Dieser Riese gab Fersengeld vor dem ersten besten weien Laken im dmmernden
Zwielicht - und das machte mir Vergngen. Ich erzhlte ihm so lange
haarstrubende Sagen und Spukgeschichten, bis mich selber eine Gnsehaut
berlief, und ich allen Mut verlor, auch nur in den nchsten dunklen Winkel zu
sehen - wir frchteten uns prchtig um die Wette.
    Ich zertrete ein Paar Augen, Heinz, sagte ich und stampfte noch einmal
fest auf, so da die sprhenden Wassertropfen an seinem mifarbenen Drellrock
hngen blieben. Du, da drin ist's nicht richtig -
    Ei beileibe - am hellen Tage?
    Ach, was fragt denn die Wasserfrau nach dem hellen Tage, wenn sie bse
ist! - Mit einer wahren Wonne sah ich, wie er halb unglubig, halb mitrauisch
nach dem rotgefrbten Wasser schielte. - Wie, du glaubst es nicht, Heinz? ...
Ei, da wollt' ich doch, sie htte dich so angesehen, so schlimm -
    Jetzt war er berwunden. Er zog die Tabakspfeife aus dem Munde, spuckte
heftig aus und richtete in einem lcherlichen Gemisch von Triumph und Besorgnis
die zerkaute Pfeifenspitze gegen mich.
    Was hab' ich immer gesagt, he? rief er. Ich thu's aber auch nicht wieder
- nein, ich thu' es ganz gewi nicht wieder! ... Meinetwegen knnen die Dinger
haufenweise da drin liegen, ich rhre sie nicht wieder an - beileibe nicht! -
    Da hatte ich ja etwas Schnes angerichtet mit meiner Neckerei.
    Der kleine Flu, der Wanderbursch, der so einsam durch die Heide lief, war
reicher, als so mancher stolze Strom, der an Palsten und Menschengewhl
vorberrauschte - er hatte Perlen in der Tasche; allerdings in nur geringer
Anzahl und bei weitem nicht brillant genug, um ein Knigsdiadem oder auch nur
einen eleganten Ring zu schmcken. Aber was verstand ich davon! Ich liebte die
kleinen mattglnzenden Dinger, die so rund und beweglich ber meine Handflche
liefen. Stundenlang watete ich durch das Wasser und suchte nach Muscheln; ich
brachte sie Heinz, der sich auf das Oeffnen der Schalen verstand - wie er das
machte, war sein Geheimnis. Nun aber kndigte er mir kurz und bndig den Dienst,
weil er sich steif und fest einbildete, die Wasserfrau werde uns als Spitzbuben
den Proze machen.
    He, Heinz, es war ja nur ein dummer Spa! sagte ich kleinlaut. Lasse dir
doch nichts weis machen! - Ich bog mich ber das Wasser, das bereits anfing,
sich wieder zu gltten. Da sieh selber - was guckt da herauf? ... Nichts,
weiter gar nichts, als meine zwei eigenen schauderhaften Augen ... Warum sie nur
so unmenschlich weit offen sind, Heinz! Bei Frulein Streit war es nicht so
schlimm und bei Ilse auch nicht.
    Nein, bei Ilse auch nicht, gab Heinz zu. Aber Ilse hat scharfe Augen,
Prinzechen, scharfe!
    Er hatte mir anfnglich mit seiner furchtbaren Faust gedroht, allerdings
unter einem gutmtigen Schmunzeln - Heinz konnte nicht bse werden - bei seiner
letzten unleugbar weisen und schlagenden Bemerkung aber kniff er wichtig die
Lippen zusammen, zog die borstigen Augenbrauen bis unter den Hut und fuhr sich
in die Haarbschel, die strohgelb und drr von den Schlfen starrten - sie
knisterten frmlich in der heien Abendsonne.
    Darauf blies er eine mchtige Rauchwolke vor sich hin, zum Entsetzen der
spielenden Mckenschwrme, die sich eiligst aus dem Staube machten; auch daheim
die Ilse mit den scharfen Augen behauptete stets emprt, das sei ein Kraut zum
Umbringen - nur ich hielt stand, und wenn ich hundert Jahre erreichen sollte,
der belberufene Duft wird mich zu allen Zeiten sofort in die warme dunkle
Ofenecke versetzen, mit dem ganzen Wonnegefhl des heimischen Geborgenseins
neben Heinz auf der Holzbank kauernd, whrend drauen der heulende Schneesturm
ber die weite Heideflche braust und ganze Batterien Eissplitter gegen die
Fensterlden tosen.
    Ich sprang zu ihm an das Ufer, und da kam auch gerade Mieke heran und rupfte
zutraulich an einigen Quecken, die halbzertreten unter Heinzens Schuhen
hervorguckten.
    Je, - wie sieht denn die aus? lachte er auf.
    O, ich bitte mir's aus, da wird nicht gelacht! schalt ich.
    Mieke hatte sich prchtig herausstaffiert. Zwischen den weitabstehenden
Hrnern hing ihr eine Guirlande von strahlendgelben Ringelrosen und Birkenlaub -
ich fand, sie trge diesen Schmuck so majesttisch und ungezwungen, als sei er
mit ihr auf die Welt gekommen - eine Kette aus den dicken Stengelrhren der
Hundeblume umschlo ihren Hals, und selbst an der Schwanzspitze baumelte ein
Heidestruchen; es kollerte lustig ber den tonnenfrmigen Leib herab, sobald
Mieke den Wedel hob und nach den Stechmcken auf ihrem Rcken schlug.
    Sie sieht sehr feierlich aus - aber das verstehst du nicht, sagte ich.
Nun pa auf und rate, Heinz: Mieke hat sich geputzt, und auf dem Dierkhofe ist
heute Kuchen gebacken worden - also was ist los?
    Aber da hatte ich an seine allerschwchste Seite appelliert; raten war nicht
Freund Heinzens Sache. In solchen Momenten stand er hilfsbedrftig und bnglich
vor mir, wie ein zweijhriges Kind - auch in diese Situation brachte ich ihn um
alles gern.
    Schlaukopf, du willst mir nur nicht gratulieren! lachte ich. Aber das
wird dir nicht geschenkt! ... Lieber, allerbester Heinz, heute ist mein
Geburtstag!
    Da flog es wie Freude und Rhrung ber das gute, dicke Gesicht; er hielt mir
die ungeschlachte Hand hin, in die ich herzlich einschlug.
    Und wie alt ist denn meine Prinzessin geworden? fragte er mit konsequenter
Umgehung jedweder Glckwunschrede.
    Ich lachte ihn aus. Weit du das wieder nicht? ... Merk auf: Was folgt auf
sechzehn?
    Siebzehn - was? Siebzehn Jahre? ... Ist nicht wahr - solch ein kleines
Kind! - Ist ja nicht wahr! - Er hob protestierend beide Hnde.
    Dieser tiefe Unglaube emprte mich. Allein mein alter Freund, der es sich
bis zu seinem zwanzigsten Jahre hatte angelegen sein lassen, mit der
himmelstrmenden Tanne um die Wette zu wachsen, er war nicht so ganz im Unrecht
... Seit bereits drei Jahren reichte mein Ohr genau so hoch, da es Heinzens
starkes Herz pulsieren hren konnte - nicht um eine Linie hher war es in dieser
langen Zeit gerckt. Ich war und blieb ein kleines Wesen, das sich gezwungen
sah, auf Kinderfen durch das Leben zu huschen; und das nahm mir, nach Heinzens
Begriffen von einem normalen Menschenkind, offenbar auch die Berechtigung, mit
jedem Jahre lter zu werden.
    Trotz allem dem zankte ich ihn tchtig aus; aber diesmal half er sich als
Politikus - er wechselte das Thema. Statt aller Antwort zeigte er mit dem Daumen
ber die Schulter zurck und sagte schmunzelnd: Da drben gibt's einen
Extra-Geburtstagsspa, Prinzechen - sie graben den alten Knig aus!
    Mit einem Sprunge stand ich auerhalb des Gebsches.
    Ich mute beide Hnde schtzend ber die Augen halten, so berwltigend
flimmerten und brannten die roten Abendgluten. Drben hinter der fernen
Waldlinie schossen sie spieartig durch dnne Dunst- und Wolkenschichten - dort
umritten die alten Recken der Vorzeit die weite Heide und rhrten mit den
funkelnden Speeren an den Himmel.
    Noch blhte die Erika nicht - glatt, wie ber einen Tisch, breitete sich die
grnlichbraune Pflanzendecke hin; nur fnfmal hob und senkte sie sich in jher
Anschwellung ber fnf Hnenbetten, ber ein groes und vier kleinere. Sie
deckten Riesenleiber, wie der Volksmund sagte, ein verschollenes Geschlecht,
unter dessen Schritt einst die Erde seufzte, und das mit mchtiger Faust
Felsblcke wie Kiesel umwarf. Auf dem Rcken des groen Hgels hatte sich
Wacholdergebsch eingenistet, und an den Flanken herab stand gelbblhender
Ginster. Ob ein Vogel das Samenkorn hierhergetragen, oder ob Menschenhand die
einsame alte Fhre gepflanzt hatte, genug, sie stand da, seitwrts auf dem Grat
des Hgels, dnn benadelt und windzerzaust, und im Wachstum unterdrckt durch
die Schneelasten des Winters; aber doch stolz als einziger, unbeschtzter Baum
inmitten der weiten Ebene, der mit jedem Sturm um sein Leben ringen mute.
    Da liegt der alte Knig begraben; denn der Baum steht da, und es blhen
gelbe Blumen - das haben die anderen nicht, sagte ich als Kind zu Heinz, wenn
wir auf dem Hgel saen. Und ich wute, da, wo der Baum stand, lag das gewaltige
Knigshaupt mit dem Goldreifen ber der Stirne, und der lange, lange Weibart
fiel auf die Purpurdecke, die sie ber seine Glieder gebreitet hatten. Die
tiefste Einsamkeit webte um das schlafende Geheimnis, aber die Vgel, die vom
Walde herberkamen und auf dem Wipfel der Fhre rasteten, die um Ginster und
Heide taumelnden, blauglnzenden Schmetterlinge und die summenden Bienen, sie
alle waren meine Mitwisser. Und still atmend, die Hnde unter dem Kopf
verschrnkt, lag ich im Gebsch und sah die Ameisen in die Erdlcher schlpfen
und wieder hervorkommen - sie wuten noch mehr als wir anderen, sie hatten alles
drin gesehen und waren wohl gar ber die Purpurdecke gelaufen. Ich beneidete sie
und fhlte heftige Sehnsucht nach den verborgenen Wundern.
    Bis zu dieser Stunde war der groe Hgel mein Garten, mein Wald, mein
unbestrittenes Eigentum gewesen. Der Dierkhof, meine Heimat, lag
mutterseelenallein in der Heide; ein selten betretener Weg, der sie mit der
Auenwelt verband, lief vom Walde her und lie die Hnengrber weit abseits
liegen - nie, solange ich denken konnte, war ein fremder Menschenfu in ihr
Bereich getreten ... Nun stand auf einmal dort ein Trupp unbekannter Leute; sie
rissen groe Erdbrocken aus dem Leibe des Hgels. Ich sah die hochgeschwungene
Hacke - wie ein feiner, schwarzer Strich hob sie sich vom flammenden Himmel ab,
und so oft sie niedersank, war es mir, als schneide sie in das lebendige Fleisch
eines geliebten Krpers.
    Ohne Besinnen lief ich querfeldein, erfllt von unsglichem Mitleiden, aber
auch getrieben von dem brennenden Verlangen, zu sehen, was dort an das
Tageslicht treten wrde. Spitz lief klffend neben mir her, und als ich atemlos
an Ort und Stelle Halt machte, da trabte auch Heinz in seinem
Siebenmeilenschritt heran.
    Jetzt erst berkam mich das Gefhl der Scheu, jener kindische Schrecken, den
mir ein fremdes Gesicht stets einflte. Ich wich zurck und griff beklommen
nach Heinzens Rockzipfel - das gab mir wenigstens einigermaen das Bewutsein
von Halt und Schutz.

                                       2


Am Hgel standen drei Herren in schweigender Erwartung, whrend mehrere Arbeiter
gruben und schaufelten. Auf den greulichen Lrm hin, den Spitz machte, wandten
sich die Fremden einen Augenblick nach uns um, und einer, anscheinend der
jngste unter ihnen, hob den Stock gegen das Tier, als es Miene machte, ihm
nher zu kommen. Dann lie er seine Augen kalt musternd ber Heinz und mich
hingleiten und kehrte uns wieder den Rcken.
    Es war unter der Fhre eingeschlagen worden. Das herausgerissene
Ginstergebsch lag weithin zerstreut; da, wo es gestanden, klaffte eine weite
Oeffnung, und oben aus dem Bruch, aus dem elenden Gemisch von Lehm und
gelblichem Sande, hingen dicke Wurzeln, Auslufer der Fhre herab - sie zeigten
das weie Fleisch, die Hacke hatte sie unbarmherzig zerschnitten.
    Da wren wir auf dem Stein, sagte einer der Herren, als die Werkzeuge
klirrend aufschlugen.
    Man rumte die letzten Erdschollen hinweg, und es wurde ein mchtiger, roher
Felsblock sichtbar.
    Die Herren traten seitwrts, indes die Arbeiter sich anschickten, den Stein
wegzuwlzen. Heinz aber rckte gespannt nher; die Mnner machten ihm die Sache
offenbar nicht praktisch und handlich genug. Das rechte Bein weit vorgestreckt,
hob und senkte er in stillschweigender Mitwirkung die geballten Fuste, und die
Tabakspfeife feierte mittlerweile auch nicht - ich sah pltzlich die Kpfe der
Fremden nur noch durch einen blulichen Nebel. Das aber machte einen Effekt,
einen Effekt, den Ilse htte sehen mssen.
    Der junge Herr, hinter welchem mein guter Freund stand, fuhr herum, als habe
er unversehens einen Schlag erhalten. Er ma den unglcklichen Raucher mit einem
langen, vernichtenden Blicke und fuhr voll Abscheu mit seinem seidenen
Taschentuch durch die Luft, um die Rauchwolken zu zerstreuen.
    Heinz nahm wortlos das Corpus delicti aus dem Munde und lie es schlaff an
der Seite niedersinken - er war ber die Maen verblfft. Einen solchen Eindruck
hatte sein Tabak doch noch nicht gemacht. Mich aber hatte das Benehmen des
Fremden tief erschreckt und eingeschchtert; ich schmte mich und hob eben den
Fu, um das Weite zu suchen, als der Stein aus dem Gefge wich und unter dumpfem
Gepolter einige Schritte vorwrts gerollt wurde.
    Das fesselte mich sofort wieder an den Boden.
    Im ersten Augenblick konnte ich nichts sehen, denn die Herren umdrngten die
Oeffnung; aber ich wollte auch pltzlich gar nicht mehr. Das Blut stieg mir
bengstigend nach den Schlfen, und unwillkrlich wandte ich die Augen weg, denn
ich meinte, jetzt msse etwas Ueberwltigendes kommen.
    Potztausend - das wr's? rief Heinz mit dem Ausdruck berwltigender
Ueberraschung.
    Ich sah hinber - und da war es mir fr einen Moment, als seien alle Farben
und Lichter der Heide erloschen, als falteten alle blauglnzenden Schmetterlinge
die Flgel und snken zusammen - und die funkelnden Speere am Horizont, wo waren
sie hin? Dort ging nur noch die Sonne unter ... Im Hgel lag nicht der greise
Knig mit dem lang herabflieenden Silberbart, die Riesenglieder unter die
Purpurdecke gebettet - eine dunkle, leere Hhle ghnte mich an.
    Die Fremden schienen dies Ergebnis ganz in der Ordnung zu finden. Einer, der
eine Brille trug und auf dem Rcken eine lange Blechbchse hngen hatte, kroch
in die Oeffnung, und der junge Herr folgte ihm, whrend der dritte, ein groer,
schlanker Mann, die innere Flche des fortgewlzten Granitblockes untersuchte.
Sein Gesicht konnte ich nicht sehen, er wandte mir den Rcken; aber ich hielt
ihn fr alt; denn er hatte langsame Bewegungen und der schmale Streifen kurz
verschnittenen Haares, der unter dem braunen Hut hervorsah, war entschieden
grau.
    Der Stein ist bearbeitet, sagte er, indem seine Hand leicht ber die
Flche glitt.
    Die anderen Trger auch! rief eine Stimme aus dem Hgel. Und welch einen
riesigen Deckstein haben wir ber uns! Ein wahres Prachtstck von einem
erratischen Block!
    Der junge Herr erschien wieder in der Oeffnung. Er mute sich tief bcken,
und dabei entfiel ihm der Hut. Bis dahin hatte ich wenige Mnner gesehen - auer
Heinz, dem alten Pfarrer des nchsten, ziemlich zwei Stunden entfernten Dorfes
und einigen dort ansssigen grobknochigen und wortkargen Hofbesitzern war mir
nur hier und da ein schmutziger Besenbinderjunge ber den Weg gelaufen. Ich
hatte mithin keine Gelegenheit gehabt, mich mit dem Begriff von Mnnerschnheit
zu beschftigen. Aber auf dem Dierkhofe hing ein Bild Karls des Groen; an das
mute ich denken, als die unbedeckte Stirne dort aus der schwarzen Hhle
auftauchte; wie ein breiter, weier, fleckenloser Schild glnzte sie unter den
aufbumenden kastanienfarbenen Haarmassen, die mit einem energischen Emporwerfen
des Kopfes zurckgeschttelt wurden.
    Der junge Mann hielt ein groes Thongef von gelblichgrauer Farbe in den
Hnden.
    Vorsicht, Herr Claudius! mahnte der Herr mit der Brille, der ihm folgte
und selbst verschiedene fremdartige Gertschaften in der Linken trug. Im ersten
Augenblick sind diese Urnen sehr zerbrechlich; sie erhrten aber schnell an der
Luft -
    Dazu kam es nicht. In demselben Moment, wo die Urne auf den Granitblock
gestellt wurde, zerbarst sie; eine Wolke von Asche stiebte auf und halb
verkohlte menschliche Gebeine flogen und rollten nach allen Seiten hin.
    Der Brillentrger stie einen Laut des Bedauerns aus. Er ergriff mit der
zart zugespitzten Rechten behutsam eine der Scherben, schob die Brille auf die
Stirne und besah die Thonmasse an dem frischen Bruch.
    Ah bah, der Schaden ist nicht gro, Herr Professor! sagte der junge Mann.
Da drin stehen noch mindestens sechs Stck, und die Dinger gleichen sich wie
ein Ei dem anderen.
    Der Professor verzog das Gesicht, als habe er Essig geschluckt.
    Ei, ei, das klingt ja recht - laienhaft! meinte er scharf.
    Der andere lachte auf, und das war ein wunderschnes Lachen. Es klang hell
und bermtig und doch so wohlthuend beherrscht. Er schien es brigens sofort zu
bereuen, sein Gesicht wurde sehr ernst.
    Ich bin ja auch nur ein Laie, wenn auch ein passionierter, entschuldigte
er sich. Deshalb mssen Sie schon Gnade fr Recht ergehen lassen, wenn der
Neuling hier und da die strengen Zgel der Wissenschaft verliert und ein wenig
querfeldein galoppiert ... Mir lag hauptschlich daran, mich ber den inneren
Bau dieser Grabdenkmler zu informieren, und - ah, wie prchtig! unterbrach er
sich und nahm eins der seltsamen Gerte, die der Professor mittlerweile auf dem
Steine ausgebreitet hatte.
    Der gelehrte Herr hrte augenscheinlich die Entschuldigung des jungen Mannes
gar nicht. In tiefes, man htte sagen knnen peinliches Nachdenken versunken,
hielt er einen kleinen Gegenstand prfend bald gegen das Licht, bald dicht unter
die Augen.
    Hm, hm, eine Art Filigranarbeit von Silber! Hm, hm, murmelte er vor sich
hin.
    Silber in einem vorgeschichtlichen germanischen Grabhgel, Herr Professor?
fragte der junge Mann nicht ohne spttische Betonung. Sehen Sie hier dies
kstliche Bronzestck! Es war ein Dolch oder ein Messer, was er ergriffen
hatte. Er hob und senkte wie zum raschen Sto die Waffe, dann wog er sie
lchelnd auf den Fingerspitzen. Einer Germanenfaust htte dies zierliche Ding
da sicher nicht gengt - sie htte es im ersten Augenblick zerdrckt, sagte er.
Und ebensowenig hat sie den zarten Silberschmuck geschaffen, den Sie da in der
Hand halten, Herr Professor ... Schlielich behlt Doktor von Sassen doch recht,
wenn er diese sogenannten Hnengrber als Begrbnissttten phnizischer Anfhrer
bezeichnet.
    Doktor von Sassen! Wie mich's durchfuhr bei diesem Namen! Hatte der
Sprecher dort nicht mit dem Finger auf mich gezeigt? Und richteten sich nicht
sofort aller Augen auf meine arme, kleine erschrockene Person? ... Alle diese
Augen! Ich htte mich in die Erde verkriechen mgen! ... Ach, welcher Kindskopf
war und blieb ich doch! Man kmmerte sich so wenig um mich, wie vorher auch -
ich wollte aufatmen; aber o weh, an ihn hatte ich nicht gedacht! Dort stand er,
Monsieur Heinz, der Pfiffikus, nickte mir mit beraus schlauer Miene zu und
schrie hinter der hohlen Hand: He, Prinzechen, die Leute sprechen von -
    Still, Heinz! fuhr ich ihn an - zum erstenmal in meinem Leben, und zum
erstenmal auch trat ich heftig mit dem Fue auf.
    Er sah mich einen Moment wie versteinert an, dann wandte er scheu die Augen
nach der anderen Seite. Die Arbeiter aber waren aufmerksam geworden; sie
schienen jetzt erst zu finden, da der Gegenstand da hinter ihnen nicht ein
Dornbusch oder dergleichen, sondern ein kleines furchtsames Mdchen war. Sie
starrten mich mit einer Art von lchelnder Neugier unverwandt an: ich wre am
liebsten auf und davon gelaufen; allein es hielt mich etwas unwiderstehlich
fest, und ich war damals der unumstlichen Ueberzeugung, es sei einzig und
allein der Wunsch, noch etwas ber den Trger jenes Namens zu hren.
    Zudem beruhigte es mich, da die fremden Herren Heinzens Bemerkung nicht
gehrt hatten. Mit den phnizischen Anfhrern waren zwei zndende Funken in
die Seele des Professors gefallen. Offenbar ein Gegner dieser Hypothese,
verfocht er seinen Standpunkt in leidenschaftlich heftiger Rede, welcher der
junge Mann mit pflichtschuldiger Aufmerksamkeit folgte.
    Der Herr im braunen Hut dagegen beteiligte sich weniger an den gelehrten
Auseinandersetzungen. Ruhigen Schrittes wandelte er auf und ab. Er sah lange in
das aufgebrochene Hnengrab; spter bestieg er den Hgel und bersah die weite
Ebene.
    Inzwischen war die lodernde Abendrte erblat und sank am Horizont in
tiefvioletten Tinten zusammen; nur an dem langen dnnen Wolkenstreifen, der sich
wie ein druender Arm ber die entweihte Totensttte reckte, lief noch ein
rtlicher Hauch hin. Der falsche Flitter eines vergnglichen Schauspiels
verflog, und droben breitete sich wieder der ernste Himmel in verdunkeltem Blau.
Nun trat auch die bleiche Mondsichel, dieser scheinbare Nebelfleck, den das
allgemeine Glutmeer vllig verschlungen hatte, wieder hervor und fing an, sich
schwach golden zu frben.
    Der Herr auf dem Hgel zog seine Uhr hervor.
    Es ist Zeit zum Aufbruch! rief er hinab. Wir brauchen eine volle Stunde,
ehe wir den Wagen erreichen!
    Ja, Onkel, leider Gottes eine starkgemessene Stunde! antwortete der junge
Mann. Ich wollte, wir htten dies verwnschte Heidegestrpp bereits hinter
uns, sagte er mit einem Blick auf seine feinbekleideten Fe mimutig zu dem
Professor, der seine Rede unter einem nachdrcklichen Eh, wir werden ja sehen!
eiligst geschlossen hatte. Mssen wir wirklich auf dem heillos schlechten Wege
wieder zurck?
    Ich wei keinen besseren! versetzte achselzuckend der Gelehrte.
    Der andere lie seine Augen finster ber die weite Flche hingleiten.

Es ist so still, die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle -

recitierte er mit spttischem Pathos. Ich begreife nicht, wie man die Heide
besingen kann. Mir wrde der poetische Gedanke im Gehirn, das schildernde Wort
im Munde erstarren ... Ist es Ihnen wirklich Ernst mit Ihrer Vorliebe fr diese
furchtbare Einde, Herr Professor? Ich bitte Sie, dann zeigen Sie mir etwas
anderes, als Heide und abermals Heide, dieses entsetzliche braune Gespenst!
Hren Sie auch nur einen Ton aus einer Vogelkehle? Und wohin verkriecht sich das
menschliche Leben und Treiben, das doch durchaus existieren soll? Steckt es
unter der Erde? ... Ich kann mir nicht helfen, Ihre Heide ist das ausgestoene
Kind Gottes in brauner Kutte!
    Der Professor sagte kein Wort. Er schob nur den jungen Mann um einige
Schritte seitwrts, dahin, wo die Lehne des Hgels rasch abfiel, fate ihn an
den Schultern und lie ihn ber den Hgel hinweg nach Sden sehen.
    Dort lag der Dierkhof. Sein festes schweres Dach, mit der Heidegarnitur
unter jeder Ziegelreihe, hob sich stattlich inmitten vier mchtiger Eichen.
Krftige Rauchwolken, an brodelnde Tpfe auf dem wohlbesetzten Herd erinnernd,
wirbelten durch die Aeste und zerflossen in der weichen Sommerluft, hoch ber
der schwarzweien Frau Strchin, die, die nackten Beine im Reisernest,
nachdenklich den roten Schnabel ber die helle Brust hngen lie. Es war noch
hell genug, da man das tiefe Grn der sorgfltig gepflegten Rieselwiesen und
ein schwaches Glimmen hinter der Garteneinhegung erkennen konnte - es sah aus,
als sei dort ein Widerschein des farbensprhenden Abendhimmels liegen geblieben
- das waren Ilses Lieblinge, die dickkpfigen orangegelben Ringelblumen ... Und
da trabte eben auch Mieke, jedenfalls sehr satt und sehr gelangweilt, auf eigene
Faust heimwrts. Sie blieb einen Augenblick dumm und faul vor dem gastlich
offenen, hochgewlbten Hausthor stehen und besann sich, ob sie hineingehen solle
- dies prchtige Tier vervollstndigte das Bild lndlicher Wohlhabenheit.
    Sieht das aus, als ob schwachsinnige Troglodyten dort hausten? fragte
lchelnd der Professor. Und kommen Sie in einem Monat wieder, wenn die Heide
blht, wenn sie purpurn flimmert und schimmert! Dann ist sie mrchenhaft! Noch
spter aber trieft sie von flssigem Gold, von dem Golde des Honigs - und was
wollen Sie? Das ausgestoene Kind Gottes schmckt sich wie ein Knigstchterlein
- viele der kleinen dunklen Heidebche, wie Sie dort drben einen sehen, haben
Perlen.
    Ja, Milliarden Wasserperlen, die ins Meer flieen! lachte der junge Herr.
    Der Professor schttelte ungeduldig den Kopf. Ich hatte ihn auf einmal
herzlich lieb, den Mann, trotz seines vertrockneten Gesichts, seiner vielen
Fremdwrter und der hlichen, rasselnden Blechbchse auf dem Rcken. Er
verteidigte ja meine Heide, er hatte mit wenigen Worten den ganzen Zauber und
Segen, den sie atmete, zur Geltung gebracht. Der junge Sptter mit dem
verchtlich lchelnden Munde aber, der mir mit jedem seiner Worte auf das Herz
trat, er mute beschmt werden. Ich wei noch heute nicht, woher ich den Mut
nahm, aber ich stand pltzlich an seiner Seite und hielt ihm schweigend die Hand
hin, in der fnf Perlen lagen.
    Mir war, als sei ich auf glhende Kohlen getreten; ich fhlte, wie mir die
Lippen zitterten vor Scheu und Angst, und meine Augen hingen fest am Boden. Es
wurde dunkel um mich her, man umringte mich; der Herr, der inzwischen vom Hgel
niedergestiegen war, die Arbeiter, alle kamen heran, und neben mir sah ich
Heinzens riesenhafte Schuhe.
    Na, nun sehen Sie mal, Herr Claudius, das Kind da will Sie berfhren! ...
Brav, mein Tchterchen! rief berrascht und vergngt lachend der Professor.
    Der junge Herr sagte kein Wort. Vielleicht war er erstaunt ber die
Dreistigkeit, mit der sich das Kind der Heide im groben Leinenhemd und kurzen
Wollrckchen neben ihn stellte. Langsam, ich meinte, mit Widerwillen griff er
herber - und jetzt erschrak ich erst recht bis ins Herz und schmte mich. Unter
diesen elfenbeinweien schlanken Fingern mit den mattglnzenden Ngeln erschien
meine sonnenverbrannte Hand vllig kaffernbraun; sie zuckte unwillkrlich
zurck, und um ein Haar htte ich die Perlen verschttet.
    Wahrhaftig, sie sind noch nicht durchbohrt! rief er und lie zwei der
winzigen Kgelchen ber seine Handflchen rollen.
    Form und Farbe lassen freilich viel zu wnschen brig - sie sind sehr grau
und unregelmig, entschuldigte der Professor. Es sind eben kleine
Barockperlen ohne sonderlichen Wert; aber sie bleiben immerhin eine interessante
Erscheinung.
    Ich mchte sie gern behalten, sagte der junge Mann; das klang wie eine
hfliche Bitte.
    Nehmen Sie, antwortete ich kurz, ohne aufzusehen; ich meinte, man msse in
jedem Wort mein Hasenherz klopfen hren.
    Er las behutsam die brigen Perlen von meiner Hand auf, und jetzt sah ich,
wie der Herr im braunen Hut, der vor mir stand, ein glnzendes Gewebe, in
welchem es leise klirrte, aus der Tasche zog.
    Hier, mein Kind, sagte er und legte mir fnf groe, runde, hellglnzende
Stcke in die Hand.
    Zu ihm schlug ich die Augen auf. Ich sah eine breite Hutkrempe, die das
halbe Gesicht verdeckte, dann kam eine groe blaue Brille, von der ein
leichenhafter Schein auf die Wangen fiel.
    Was ist das? fragte ich, bei aller Befangenheit doch ergtzt durch das
Geflimmer und die Form der fremdartigen Dinger.
    Was das ist? wiederholte der Herr erstaunt. Wissen Sie denn nicht, was
Geld ist, kleines Mdchen? Haben Sie noch keinen Thaler gesehen?
    Nein, Herr, das wei sie nicht, antwortete Heinz mit vterlicher Autoritt
fr mich. Die alte Frau leidet kein Geld im Hause; was sie findet, wirft sie
ohne Gnade in den Flu.
    Wie? ... Und wer ist denn diese seltsame alte Frau? fragten die drei
Herren fast zugleich
    Nu, dem Prinzechen seine Gromutter.
    Der junge Mann lachte laut auf. Diesem Prinzechen? fragte er und zeigte
auf mich.
    Ich lie die Silberstcke auf den Boden hinrollen und entfloh ... Bser,
bser Heinz! ... Aber warum hatte ich ihm auch die Geschichte von der beraus
zarten und feinen Prinzessin auf dem Erbsen-Prfstein erzhlt, und warum hatte
ich's gelitten, da er mich seitdem Prinzechen titulierte, weil er sich
einbildete, es gbe nichts Kleineres und Feineres, als das leichtfige
Menschenkind, das an seiner Seite die Heide durchstreifte!
    Ich lief wie gehetzt heimwrts. Das Spottgelchter des jungen Mannes jagte
mich, und ich hatte das dunkle Gefhl, als wrde es mir nicht mehr in den Ohren
klingen, wenn ich meinen Kopf unter das Dach des Dierkhofes stecken knnte.
    Unter dem Hausthor stand Ilse und schaute offenbar nach mir aus; denn Mieke
war ja allein heimgekommen. Meine Blicke klammerten sich schon von ferne
frmlich an die Gestalt, die in harten, eckigen Umrissen aus dem Dmmerdunkel
der hinter ihr sich lang hinstreckenden Tenne hervortrat ... Wie hatte ich den
blonden Kopf dort so lieb! Er war genau so strohgelb, wie Heinzens ausgedrrte
Schlfenhaare, und die Scheitellinie entlang strebte stets eine eigensinnig
krause Wolke aufwrts. Ilse hatte auch dieselbe scharfkantige Nase wie ihr
Bruder, und das gesunde frische Blut, das ihr die Backenknochen schn rot
lackierte; aber die Augen, die scharfen Augen, die Bruder Heinz so ngstlich
respektierte, sie waren anders, und als ich nher herankam, gefielen sie mir
nicht.
    Bist du toll geworden, Leonore? rief sie mir in ihrer gewohnten knappen
Krze zu - sie war bse, so bse, wie sie bei ihrem auerordentlich festen
inneren Gleichgewicht berhaupt werden konnte -, denn sie nannte mich beim
Namen, und das geschah nur, wenn sie zrnte. Dann schwieg sie und zeigte nur
streng auf den Fleck, wo ich stand. Mein Blick glitt hinab, und da sah ich
allerdings etwas, das auch mir uerst fatal war, nmlich meine nackten Fe.
    Ach, Ilse, Schuhe und Strmpfe liegen noch am Flu! sagte ich
niedergeschlagen.
    Unverstand! ... Gleich holen!
    Sie schwenkte um und schritt nach dem Herd zurck, der, zwar nach moderner
Art als Sparherd eingerichtet, doch seine altgewohnte Stelle im echt
niederschsischen Hause, nmlich am hintersten Ende der Dresch- oder Viehdiele,
siegreich behauptete. Ilse hatte Speck auf dem Feuer, er prasselte und duftete
krftig herber, und in dem brodelnden Kartoffeltopf stiegen die groen
Wasserblasen auf.
    Das Abendbrot war nahezu fertig, ich mute eilen, wenn ich rechtzeitig
zurck sein wollte. Allein aus dem Hausthor trat ich nicht um die Welt wieder.
Verlie ich das Haus durch eine der rckwrts gelegenen Thren, dann war ich
gedeckt durch den Dierkhos selbst und konnte den Flu erreichen, ohne da die
drben am Hgel mich bemerkten.

                                       3


Ich schritt nach der Seitenthr, die zwischen der Dreschdiele und den
Wohnungsrumen ins Freie, in den sogenannten Baumhof, fhrte. Allein Ilse
vertrat mir den Weg und hob abmahnend den Zeigefinger.
    Da hinaus kannst du nicht, da steht die Gromutter! sagte sie mit
unterdrckter Stimme.
    Die Thr stand offen, und ich sah, wie meine Gromutter den Arm des
Pumpbrunnens in rasender Geschwindigkeit auf und nieder schleuderte - ein
Schauspiel, das mich sonst nicht befremdete, ich hatte es tglich vor Augen.
    Meine Gromutter war eine groe, starkbeleibte Frau, mit einem Gesicht, das
von den Scheitelhaaren an bis auf den breiten Hals hinab zu allen Zeiten eine
gleichmig brennende Rte berlief. Diese Frbung der ohnehin starken und
auffallend gebildeten Zge ber der wuchtigen Gestalt mit den weitausholenden
Schritten und den energischen, kraftvollen Armbewegungen machte sie zu einer
wilden, furchtbaren Erscheinung, und wenn ich sie mir jetzt noch vergegenwrtige
in jenen Augenblicken, wo sie unversehens an mir vorberscho, und ich hre
wieder das Kreischen und Schttern der Dielen unter ihren Fen und fhle ein
Wehen, als sei ein Windsto vorbeigebraust, dann mu ich, trotz ihrer schwarzen
Augen und der streng orientalischen Profillinie, doch an jene gewaltigen
Cimbernweiber denken, die, das Tierfell um den Leib geschlagen und die Streitaxt
in der Hand, sich mitten in den wogenden Kampf der Mnner warfen.
    Sie hielt den Kopf unter den dicken Wasserstrahl; er scho ihr ber das
Gesicht und an den auerordentlich starken, grauen Zpfen herab, die in den
Brunnentrog hingen. Das that sie immer, auch im eisstarrenden Winter; es schien
ihr diese Erfrischung so unentbehrlich wie die Lebensluft zu sein. Heute aber
befremdete mich ihre Gesichtsfarbe mehr als je; selbst unter dem kalt
niederstrmenden Wasser spielte sie in ein tiefes, bengstigendes Braunrot
hinber, und als die gewaltige Frau, die Arme weit ausgebreitet, den Kopf
schttelnd in den Nacken warf und in dem wohligen Gefhl der Erquickung mit
weitgeffnetem Munde einigemal krftig ausatmete, da hoben sich die Lippen
blulich dunkel von den groen, weien Zhnen.
    Ich sah Ilse an; sie blickte wie selbstvergessen hinber, und ihre
hartblauen strengen Augen schmolzen in dem Ausdruck tiefster Bekmmernis und
Trauer.
    Was ist mit der Gromutter? fragte ich beklommen.
    Nichts - es ist schwl heute, antwortete sie kurz. Es war ihr sichtlich
fatal, auf dem schmerzvollen Blick ertappt worden zu sein.
    Gibt's denn kein Mittel gegen diesen furchtbaren Blutandrang nach dem
Kopfe, Ilse?
    Sie nimmt nichts, - das weit du ... Gestern abend hat sie mir das Fubad
vor die Fe geschttet ... Jetzt geh, Kind, und hole deine Sachen.
    Damit schritt sie nach dem Herd, und ich verlie pflichtschuldigst das Haus
durch eine zweite Seitenthr. Ich sprang nach dem Flusse, der kaum dreiig
Schritte hinter dem Dierkhof hinlief, und versuchte, durch das Ufergebsch zu
schlpfen. Das war nicht so leicht in dem engen Geflecht, das unberhrt von
Menschenhand wachsen durfte, wie es Lust hatte. Aber ich wand mich unverdrossen
weiter, denn die zhen Weiden, wenn sie auch nach mir zurckschlugen und meine
nackten Fe schmerzend rieben, schtzten mich doch vollkommen vor den fremden
Blicken, und nachdem ich bereits eine bedeutende Strecke zurckgelegt hatte,
segnete ich diesen Schutz doppelt; denn schrg b er die Heide her kamen die
Herren, Heinz voran, und schritten direkt auf den Flu zu. Noch hoffte ich, vor
ihnen die kleine Bucht zu erreichen, wo ich meine Fubekleidung abgelegt hatte,
allein ich kam bei aller Anstrengung nicht so rasch vorwrts, als die Fremden,
und kauerte mich resigniert, ziemlich nahe am Ziele, im Gebsch an den Boden
nieder.
    Was sie hierher fhrte, konnte ich mir denken: Heinz zeigte ihnen den
schmalen, neben dem Ufergebsch hinlaufenden Grasstreifen. Da ging sich's
freilich anders, als im sprden starren Heidekraut, der Weg war samtweich, wie
geschaffen fr verwhnte Fe. Die Herren kamen dicht an mir vorber, ich hrte
das Knistern ihrer Tritte, und leise wurden die Zweige gestreift, die auch
meinen Arm berhrten. An der Birke blieben sie stehen.
    Aha, hier hat das Heideprinzechen Toilette gemacht! rief der junge Herr.
Mir stockte der Atem. Ich bog mich vor und sah, wie er einen der Schuhe vom
Boden aufnahm. Nun wute ich, bei aller Unberhrtheit von Welt und Leben,
dennoch recht gut, wie ein zarter Frauenschuh aussehen mute. Ich hatte im
Mrchen von silbergestickten Pantffelchen, von kleinen, roten Schuhen gelesen,
und das Papier, auf welchem diese reizvollen Zaubergeschichten standen, erschien
mir noch viel zu dick und grob als Sohle dieser therischen Kunstgebilde aus
Samt und Seide. Das Unfrmchen aber, das der Fremde dort lachend in die Hhe
hielt, war vom strksten Kalbleder - o Ilse, dir wre Holz noch nicht derb und
haltbar genug fr meine unruhigen Fe gewesen!
    Heute morgen hatten die Schuhe vor meinem Bette gestanden, nagelneu und
begleitet von zwei steifen Strmpfen, die Ilse selbst aus Heidschnuckenwolle
gesponnen und gestrickt hatte - ihr stolzes Geburtstagsgeschenk fr mich. Ich
war glcklich, und Ilse hatte sehr zufrieden mit dem Kopfe genickt, denn der
Schuhmacher hatte in liebender Frsorge ein wohlgeordnetes Bataillon
blitzblanker Nagelkpfe ber die fingerdicken Sohlen hinmarschieren lassen -
jetzt funkelten diese gepriesenen Reihen frmlich feindselig zu mir herber.
    Je - ber das Kindchen! Hat richtig die Schuhe stehen lassen! - Ganz neue
Schuhe! rief Heinz kopfschttelnd. Na, na, ich mchte Ilse hren! setzte er
ngstlich besorgt hinzu.
    Wem gehrt denn das Kind, das wir am Hgel gesehen haben? fragte der alte
Herr im braunen Hute mit seiner weichen Stimme.
    Es gehrt auf den Dierkhof, Herr.
    Nun ja - aber wie heit es?
    Heinz schob den Hut auf die linke Seite und kraute sich hinter dem Ohr. Ich
sah sie kommen, seine schlaue Antwort - er erinnerte sich offenbar jenes
entsetzlichen Augenblicks, wo ich mit dem Fue gestampft hatte, und - o, Heinz
wute sich zu helfen!
    Je nun, Herr, Ilse ruft sie Kind und ich sage -
    Desgleichen Prinzechen, ergnzte der junge Herr in demselben
gravittischen Ton wie mein pfiffiger Freund. Wie vorhin das Fundstck aus dem
Hnenbett, so wog er jetzt das kleine Scheusal von einem Schuh auf der Hand;
diesmal jedoch mit jener schwerflligen Armbewegung, die etwas Gewichtiges
ironisiert.
    Ah, die Damen der Heide belieben mit Nachdruck aufzutreten! sagte er zu
dem Herrn im braunen Hute. Charlotte mte dieses feenleichte Prachtstckchen
sehen, Onkel! ... Ich htte gute Lust, es ihr mitzubringen -
    Keine Possen, Dagobert! unterbrach ihn der Angeredete streng; Heinz aber
schrie fast auf.
    Ei, beileibe nicht, Herr ... O je - was wrde Ilse sagen! - ganz neue
Schuhe!
    Brr - diese Ilse scheint mir der Drache zu sein, der das barfige
Prinzechen bewacht! - - Voil! lachte der junge Mann und lie den Schuh auf
den Boden fallen. Darauf schlug er die Hnde gegeneinander, um die etwaigen
Staubreste von seinen Handschuhen zu entfernen.
    Sie grten Heinz und schritten weiter, whrend mein alter Freund die
Unglcksschuhe eifrig in seine weiten Rocktaschen packte. Er lie ihnen auch die
Strmpfe folgen, die er kopfschttelnd eben noch auf einem Zweige entdeckte;
dann trabte er eiligst nach dem Dierkhofe.
    Ich verharrte noch eine kurze Zeit in meinem Versteck und horchte auf die
Schritte der Fremden, die sich bald auf dem weichen Rasen verloren. Ich war sehr
aufgeregt; damals wute ich die Empfindung nicht zu bezeichnen, die mir den Hals
zuschnrte und mich mit verhaltenen Thrnen ringen lie, und der ich mich
nichtsdestoweniger mit einer Art von leidenschaftlicher Genugthuung erst recht
hingab - es war Groll, rachschtiger Groll! ... Wie einfltig! hatte ich bei
Heinzens diplomatischer Antwort zwischen den Zhnen gemurmelt - jetzt konnte er
getrost sagen, da Doktor von Sassen mein Vater sei; aber nein, er hatte
gesprochen wie der weise Salomo, und ich war ihm gram, ich war bitterbse auf
ihn.
    Ich verlie das Gebsch. Von dem Dierkhof stiegen keine Rauchwolken mehr
auf; Ilse hatte lngst die Kartoffeln in die Schssel geschttet; auf meinem
Teller lagen sicher die schnsten, abgeschlt und goldgelb, und daneben stand
ein Becher voll ser Milch - Ilse verzog mich, wenn auch mit dem
allerstrengsten Gesicht ... Und jetzt wartete sie jedenfalls auf mich; aber heim
ging ich noch nicht; ich mute erst sehen, in welchem Zustande die Fremden den
armen zerstrten Hgel zurckgelassen hatten.
    Der Hgel sah besser aus, als ich erwartet hatte. Der Block war wieder in
seine alte Stelle eingefgt worden, auch die zertrmmerte Erdschicht hatte man
darber hingeworfen, und die Scherben der Urne waren verschwunden. Nur das
herausgerissene Gestruch lag verschmachtend umher; ber die schmale Sandble
am Fue des Hgels breitete sich noch ein bleicher Hauch der verstreuten
Menschenasche, und unter einem Ginsterzweige halb versteckt lag ein feines,
schwarzgebranntes Knchelchen, fr immer getrennt von den anderen, die man
jedenfalls dem Grabe zurckgegeben hatte.
    Ich nahm es behutsam auf - der junge Herr hatte recht, es waren keine Riesen
gewesen, die der Hgel deckte. Das zarte Gebild in meiner Hand mochte ein
Fingerglied sein, einst vielleicht von rosigem Fleisch umhllt, schlank gebaut,
von so weier atlasglatter Haut bedeckt, wie die Hand, die ich heute gesehen,
geliebt und bewundert und von kstlichem Metall schmeichelnd umschlossen, und an
einer einzigen seiner Bewegungen hatte vielleicht das Wohl und Wehe vieler
anderen Menschenkinder gehangen. Ich stieg auf den Hgel und grub es unter die
Fhre ein. Der gute, alte Baum reckte beschirmend seine ppigen Zweige darber
hin - wer wute, ob er heute nicht selbst den Todesstreich empfangen hatte!
    Den Arm um seinen Stamm legend, sah ich da hinber, wo der kleine Flu sich
nach dem Walde zu krmmte ... Wie seltsam war es, da sich Menschen dort
bewegten! Menschen auf der feierlich stillen, eintnig braunen Flche, ber der
hchstens der Raubvogel in schwindelnder Hhe seine Kreise zog, um pltzlich
lautlos wieder zu verschwinden - mir war, als mten die Dahinschreitenden
Fustapfen fr immer hinterlassen.
    Sie eilten in die Welt zurck - in die Welt! ... Ich war ja auch schon dort
gewesen. Fr mich hatte sie freilich nur in einer groen dunklen Hinterstube und
einem feuchten Grtchen zwischen vier himmelhohen Husern bestanden, und aus dem
Menschengewimmel, das man auch die Welt nennt, waren mir nur wenige Gesichter
nahe getreten. In jener Hinterstube hatte ich meine drei ersten Lebensjahre
verbracht ... Graublonde, drftige Lckchen schwebten um das eine Gesicht, das
am festesten in meiner Erinnerung haftete - ich htte den grnlichblassen
Schimmer der schmachtenden Augen, das plumpe Stumpfnschen und den grauen,
leblosen Teint noch malen knnen. Das war Frulein Streit, meine Erzieherin,
gewesen. Ein anderes Gesicht flog nur wie ein bleicher Schein an dem dunklen
Hintergrund dieser frhesten Erinnerungen auf - ich hatte es zu selten gesehen,
aber wenn ich spter Seide knistern hrte, da tauchte es wie ein Schemen ohne
eigentliche Umrisse vor mir empor, und ich hrte eine gergerte Stimme sagen:
Kind, du machst mich nervs! Zrnen und nervs sein war dadurch fr mich
identisch geworden. Diese seidenrauschende Gestalt, die nur durch die
Hinterstube huschte und hchstens einmal eine weiche, heie Hand auf meinen
Scheitel legte, nannte Frulein Streit gndige Frau, und ich mute Mama sagen.
    Dann wachte ich einmal auf - nicht mehr in der dunklen Hinterstube. Ich sa
auf dem Arme eines groen Mannes, dem gelbe Haare an den Schlfen standen und
der mich mit einem H, h, h - ausgeschlafen? anlachte. Neben ihm ging
Frulein Streit im schwarzen Hut und Schleier; die dicken Thrnen liefen ihr
ber das Gesicht, und ich sah, wie sie leise die Hnde rang ... Ganz nahe vor
uns lag das Haus mit dem Storchennest und den vier Eichen, und als ich in das
erhitzte Gesicht des Mannes sah und mich erschrocken zurckbumte, um aus voller
Kehle zu schreien, da rief er: Kommt, Puttchen! und aus dem Hausthor rannte
eine Schar bunter Hhner auf ihn zu.
    Dort stand auch die Frau mit dem roten Gesicht; sie streckte Frulein Streit
die Hand entgegen und kte mich weinend, worber ich heftig erschrak; aber das
war schnell wieder vergessen. Im Hofraum tollte ein Kalb herum, es sprang plump
auf alle vier Fe und blieb lcherlich breitspurig und blkend vor dem Manne
stehen. Droben auf dem Dache klapperte der Storch, und Ilse - die Ilse mit den
scharfen Augen - hielt mir ein kleines Tier hin, auf dessen seidenweiches Fell
ich zaghaft meine Hand legte - es war ein miauendes junges Ktzchen ... Und
berall lag Sonne, goldener, glnzender Sonnenschein, und die Bltter an den
Bumen plapperten und rieselten ohne Ende im wrzigen Heidewind. Ich jubelte und
kreischte auf vor Lust, whrend Frulein Streit unter herzbrechendem Schluchzen
ber die Schwelle des Hauses schwankte.
    So hielt ich auf Heinzens Arm meinen Einzug auf Dierkhof, und von diesem
Augenblicke an begann erst mein Leben - ich war ber Nacht ein glckliches Kind
geworden, whrend die Menschen mich beweinten ... Hussa! ging es auf Heinzens
Rcken Tag fr Tag im lustigen Trabe ber die Heide hin! Und da stand auf dem
allereinsamsten Flecke eine kleine Lehmhtte mit einem niedrigen Strohdach; der
groe Heinz mute sich tief bcken, wenn er unter die Thr trat. Aber drinnen
war es wohnlich. Tisch und Stuhl blinkten schneewei, und hinter den zwei groen
Schrankthren an der tiefen Wand lagen federnstrotzende Betten im sauberen
buntgewrfelten Ueberzug. Heinz und Ilse waren Besenbinderkinder gewesen. Der
alte Besenbinder hatte mit seinen beiden eigenen Hnden die Htte gebaut, die
zwei Kinder waren darin geboren, und an einem anderen Orte wollte Heinz auch
nicht sterben. Im Juli fuhr er das Bienenvolk der umliegenden Hfe in die Heide
und behielt sie unter Aufsicht, sonst arbeitete er wchentlich einige Tage als
Knecht auf dem Dierkhofe.
    In der Lehmhtte war ich so schnell heimisch geworden, wie im Hause meiner
Gromutter. Ich half Heinz seine Buchweizengrtze essen und war dabei, wenn er
Streuheide fr den Dierkhof hieb und einfuhr. Er hob mich hoch ber den Kopf
nach den alten pensionierten Bienenkrben, die an den Balken der Tenne hingen
und von dem Hhnervolk als Nester benutzt wurden, und ich reichte unter Jubeln
und Jauchzen die schnen glatten, weien Eier der neben ihm stehenden Ilse
herab.
    Frulein Streit sa whrenddem in der groen Wohnstube und stickte den
ganzen Tag und weinte dazu. Damals mag wohl die alte traute Stube recht
lcherlich ausgesehen haben; denn ihre Wnde waren nur wei gestrichen, hinter
dem Ofen lief die braune, abgenutzte Holzbank hin, und die Tische standen grob
und ungeschlacht umher. Aber Frulein Streit zu Ehren hatte die Gromutter ein
gepolstertes Sofa aus der Stadt kommen lassen, und Ilse hatte blau und wei
gestreifte Vorhnge aufgesteckt. Frulein Streit zog diese Vorhnge meist zu und
klagte, sie frchte sich vor der endlosen, totenstillen Heide, wenn die Sonne so
darber hinbrenne, und wenn der Mond schien, da frchtete sie sich auch ... In
meinem fnften Jahre begann sie, mich zu unterrichten; da brachte Ilse ihre
Arbeit herein und hrte auch zu. Sie war, fnfzehn Jahre alt, in die Stadt, in
den Dienst meiner Gromutter gekommen, und die hatte sie ein wenig im Lesen und
Schreiben unterrichten lassen - trotzdem fing die alte Ilse noch einmal mit mir
an. Oft, wenn ich abends, mde getollt und gelaufen, mich auf ihrem Scho
zusammenschmiegte und meinen Kopf an ihre Brust lehnte, da kam auch Heinz heran,
natrlich mit der kalten Pfeife, und Frulein Streit wurde lebendig; ihre
schmalen Wangen rteten sich, und die blonden Lckchen flogen und flatterten
alteriert um das Gesicht. Dann erzhlte sie von dem Leben und Treiben in meinem
elterlichen Hause, und dabei wurde es mir allmhlich klar in meinem Kopfe. Ich
erfuhr, da mein Vater ein berhmter Mann sei, und meine verstorbene Mutter war
eine Gelehrte und Dichterin gewesen. Viele berhmte und vornehme Leute waren in
dem Hause aus und ein gegangen, und wenn Frulein Streit seufzend erzhlte: Ich
hatte ein weies Kleid an und rosa Bnder in den Haaren, es war Leseabend bei
der gndigen Frau, da dmmerten auch allerlei unliebsame Erinnerungen in meiner
Kinderseele auf. Ich hrte wieder das aufregende Trippeln und Hin-und Hergehen
vor der Thr meiner Hinterstube - meine Abendmilch wurde mir eiskalt gereicht,
und wenn ich aus dem ersten Schlaf auffuhr, da war ich mutterseelenallein in dem
weiten, unheimlichen Zimmer. Ich frchtete mich und schrie auf, und dann kam
Frulein Streit in ihrem weien Kleide wie ein Gespenst hereingeflogen, schalt
mich, steckte mir ein Bonbon in den Mund, deckte mich zu bis ber die Nase und
schlpfte wieder hinaus.
    Auerdem berhrten mich die himmlischen Erinnerungen meiner Erzieherin
sehr wenig; ich schlief meist darber ein und erwachte erst wieder, wenn ich
unbarmherzig an den Haaren gezogen wurde. Mit derselben Konsequenz, wie die
graublonden Lckchen, wurden auch meine langen, schwarzen Haare allabendlich
aufgewickelt, und dann mute ich fr meinen fernen Vater beten, auf dessen
Gesicht ich mich bei aller Anstrengung nicht besinnen konnte.
    So vergingen einige Jahre und Frulein Streit wurde von Tag zu Tag unruhiger
und weinte immer herzbrechender. Sie stand auch wohl drauen im Baumhof,
breitete ihre Arme weit aus und rief mit zrtlich dnner Stimme gen Himmel:

Eilende Wolken! Segler der Lfte!
Wer mit euch wanderte, mit euch schiffte! -

und als ihr eines Tages ein Zahn ausfiel - er polterte bei Tische auf ihren
Teller nieder und war zu meiner starren Verwunderung kein leibhaftiger, sondern
ein eingesetzter Zahn - da wusch sie ihre Hnde und packte schleunigst den
Koffer.
    Ich bin es mir selbst schuldig, gute Ilse - man hat hier so gar keine
Aussichten! verabschiedete sie sich von Ilse, whrend Thrnenstrme ihr
ltliches Gesicht berrieselten.
    Gar keine Aussicht in der weiten, weiten Heide! Ich war wie versteinert bei
dieser Anschuldigung meiner vergtterten Heimat. Heinz fuhr den Koffer bis ins
nchste Dorf, und ich ging auch ein Stck Weges mit. Nach dem Abschied blieb ich
stehen und sah der Fortziehenden nach, bis ihr wehendes Kleid weit, weit drben
im Walde verschwand. Nun nahm ich den Hut vom Kopfe und warf ihn hoch in die
blaue Luft, dann streifte ich das enge, drckende Jckchen ab, ohne welches
Frulein Streit mich nie ins Freie entlassen hatte ... Ei, wie wonnig der laue
Wind ber Nacken und Arme hinstrich! ... So kam ich heim. Da hatte Ilse schon
das gepolsterte Sofa in die anstoende Kammer geschoben und der Schonung wegen
mit Decken berhangen, und die blau und wei gestreiften Vorhnge faltete sie
eben fein suberlich zusammen, um sie im Kasten aufzuheben.
    Ilse, abschneiden! sagte ich und hielt meine langen unbequemen Locken hin.
Und sie schnitt hindurch mit kreischender Schere, da es eine Lust war. Die
Lockenwickel flogen ins Feuer, das Jckchen paradierte im Schranke, und ich ging
von da an in Rock und Mieder wie Ilse.
    Das glitt mir alles durch die Seele, whrend ich unter der Fhre stand und
unverwandten Auges die drei forteilenden Gestalten verfolgte. Es dmmerte
bereits, ich konnte sie kaum noch von dem dunklen Buschwerk unterscheiden; auch
waren sie schon so weit entfernt, da ich ihr Weiterschreiten nicht mehr
bemerkte; aber ich wute ja, da sie sich ebenso sputeten, wie einst Frulein
Streit, die miachtete Heide mglichst schnell im Rcken zu haben ... Was htte
der junge Herr wohl gesagt der Thatsache gegenber, da die alte Frau mit dem
roten Gesicht auf dem Dierkhof einst eine volkreiche Stadt verlassen hatte und
in die Heide gegangen war, um nie wieder zurckzukehren! Frulein Streit meinte
freilich immer, meine Gromutter sei tiefsinnig, und frchtete sich unsglich
vor ihrem scheuen Blick; fr mich aber war das wunderliche Wesen der alten Frau
bis zu diesem Augenblick unzertrennlich von ihrer ganzen Erscheinung gewesen,
und wenn es sich spter verschrft und verstrkt hatte, so war es ebenso leise
und allmhlich geschehen, wie ich in die Hhe wuchs - ich hatte immer gemeint,
so seien eben alle Gromtter. Wie kam es doch, da ich jetzt nachdenklich wurde
ber Dinge, die mir bisher als selbstverstndlich gegolten hatten? Das malose
Erstaunen der Fremden ber die seltsame alte Frau, die kein Geld im Hause
litt, hatte mich aufmerksam gemacht ... Und war es nicht auch seltsam, da
meine Gromutter im Lauf der Jahre vllig verstummte? Da sie jeder Begegnung
mit ihren Hausgenossen auswich und mir einen furchtbar strafenden Blick zuwarf,
wenn ich ja einmal ihren Weg kreuzte? Da sie nie auch nur einen Bissen aus
fremder Hand a? ... Die Eier, von denen sie hauptschlich lebte, nahm sie
eigenhndig aus den Nestern; sie molk die Kuh selbst, damit keine andere Hand
das Milchgef berhre, kein fremder Atem ber den Trank hinstreiche, den sie
geno, und Fleisch und Brot rhrte sie nie an ... Nur im ersten Jahr hatte sie
mich hier und da geliebkost - spter schien sie ganz vergessen zu haben, wer ich
sei.
    Mein Vater schickte keine neue Erzieherin, fr meine Gromutter existierte
ich nicht, und der weit abseits wohnende Dorfschullehrer war kein Hexenmeister.
Das sei zu schlimm fr mich, meinte Ilse. - Sie schickte mich nicht in die
Schule und setzte sich abends selbst auf den Lehrstuhl - es wurde ihr sauer
genug. Sie las mir meist einzelne Kapitel aus der Bibel vor, aber stets mit
gedmpfter Stimme, und es entging mir nicht, da sie sich fter jh unterbrach
und ngstlich gespannt nach dem Zimmer meiner Gromutter hinhorchte. Ich wurde
auch vom alten Pfarrer des Kirchspiels konfirmiert; denn ich hatte bei Ilse
entsetzlich viel auswendig gelernt; damals stahl sie sich frmlich mit mir aus
dem Dierkhof, whrend Heinz daheim Wache hielt, und ich kniete in einer kleinen
Dorfkirche und legte mein Glaubensbekenntnis ab, ohne da meine Gromutter eine
Ahnung davon hatte.
    So war ich aufgewachsen, wild und lustig wie die unberhrten Weiden drben
am Flu, und wie ich so dastand unter der Fhre, barfig, im kurzen groben
Rock, und der Abendwind blies in mein flatterndes Haar, da lachte ich, lachte
laut ber den jungen Herrn, der so sorgsam den weichen Rasenweg fr seine feinen
Sohlen aussuchte und schtzendes Leder ber die weien Hnde zog - und das war
meine Rache.
    Mochten sie doch diese unabsehbaren, flachen Strecken eine furchtbare Einde
nennen; fr mich waren sie beseelt vom Geiste der Heimat und von einer ganzen
Armee luftiger Gestalten, als da sind Feen, Wasser- und Luftgeister, aber auch -
Gespenster; ja Gespenster! Ich war schon ein wenig zusammengefahren bei meinem
eigenen Lachen - hatte es doch so wunderlich ber die dmmernde Heide
hingeklungen, so fremd, als sei es gar nicht von mir selbst, sondern von der
einfachen Mondsichel hergekommen, die sich am unermelichen Gewlbe droben
ebenso verlor, wie meine kleinwinzige Person inmitten der ungeheuren,
schweigenden Ebene. Schwarz stand der Wald am Horizont, er trennte mit einem
scharfen Strich unerbittlich Himmel und Heide; und im Osten, da, wo am Tage ein
feiner, grner Streifen verlockend leuchtete, ballten sich weiliche Dnste.
Dort lag der Torfsumpf voll tiefer Wasserlachen und bestanden mit Binsen und
sprdem Riedgras; die kleinen stehenden Gewsser tief drinnen aber umsumte
Schilf, und die weie Seerose lag bleich auf dem dunklen Spiegel - ich meinte
immer, das seien keine Blumen, sondern traurige Menschengesichter. Jetzt
schwebten sie aufwrts, und die weien Schleier und Gewnder quollen nach und
blhten sich und flossen herein auf das trockene Heideland, ber das einst, in
uralten Zeiten, grne, rauschende Meereswogen hingerollt waren, wie heute der
gute, alte gelehrte Herr mit der Blechbchse auf dem Rcken gesagt hatte. Vor
den wehklagenden, in den Sumpf zurckgedrngten Wassergeistern frchtete ich
mich nicht - aber da unten zu meinen Fen war heute Menschenasche verschttet
worden; frevelnde Hnde hatten den Grabhgel aufgebrochen und die Ruhe der Toten
gestrt ... An der anderen Seite neben dem Fhrenstamm lag das Knchelchen
eingescharrt - wie, hob es sich nicht schon als Finger aus der Erde, wieder fest
eingefgt in die weie Hand? Wuchs es nicht immer hher, da dicht neben mir, bis
er dastand, der Phnizier, finster und druend, mit der breiten, weien Stirn
Karls des Groen und der Goldkrone in dem zurckbumenden kastanienfarbenen
Haar? ... Kalte Schauer berliefen mich, mit stockendem Atem stand ich starr und
steif und sah nicht rechts, noch links; ich hatte nicht einmal den Mut, den Arm
vom Fhrenstamm zu lsen, und doch erwartete ich jeden Augenblick mit leise
gestrubtem Haar, den kalten Finger auf dem nackten, warmen Fleisch zu fhlen -
und da legte sich pltzlich eine Hand schwer auf meine Schulter. Ich stie einen
gellenden Schrei aus.
    Leonore, was machst du fr Streiche! schalt Ilse. Sie stand hinter mir und
hielt mich mit festen Armen - ich glaube, ich wre sonst wie leblos den Hgel
hinabgerollt.
    Ach, Ilse, der Phnizier - stammelte ich.
    Was? fragte sie gedehnt. Sie schob mich von sich und sah mir mitrauisch
besorgt in die Augen - sie hatte ja heute schon einmal gefragt, ob ich toll
geworden sei. Ihr Gesichtsausdruck brachte mich sofort zu mir selbst - ich mute
laut auflachen und warf mich an ihre Brust; da war ich geborgen vor allen
Gespenstern und auch vor dem fremden Gesicht, das, obschon lngst in der
Dmmerung verschwunden, sich doch sogar dem Geist des Phniziers aufgedrngt
hatte.
    Hat's wieder einmal gespukt? fragte Ilse. Und nun gar unter Gottes freiem
Himmel! ... Ja, du und Heinz, ihr seid mir ein Paar Helden!
    Die gute Ilse - unter dem dunklen Dach des uralten Dierkhofes war auch sie
nicht sicher vor allerlei unheimlichen Begegnungen, und wenn sie auch mutig und
beherzt auf alles losging, so wute sie doch der haarstrubenden, verbrieften
und womglich amtlich besttigten Dinge genug, vor denen der Verstand der
Verstndigen absolut still sein mute.
    Sie nahm meine Rechte in ihre harte khle Hand und fhrte mich den Hgel
hinab.

                                       4


Der Raum, der im niederschsischen Hause sich zwischen der Tenne und den
Wohnrumen hinzieht, und in welchem sich der Kchenherd befindet, heit der
Fleet. Auf dem Dierkhof erhob er sich noch nach uralter Sitte um einige Zoll
ber den lehmgestampften Boden der Tenne, sonst aber trennte ihn weder eine
Wand, noch ein niedriger Bretterverschlag von der letzteren; man konnte somit
von dieser Stelle aus die lange Dreschdiele bis zum Hausthor und die sich zu
beiden Seiten hinziehenden Viehstnde bequem bersehen. Auf den Fleet mndeten
ein Fenster und zwei Thren der Wohnrume; er war mit kleinen Steinplatten
sauber belegt, hatte, wie schon erwhnt, zu beiden Seiten Thren, die ins Freie
fhrten, und war fr mich der gemtlichste Platz im ganzen Hause. Dort stand
auch, nicht weit vom Herde, zur Sommerzeit der Etisch.
    Als ich mit Ilse eintrat, brannte schon die Lampe auf dem Tische, sie verlor
sich in dem weiten, dunkel angerauchten Raum wie ein kleiner Funken. Durch das
offene Hausthor fiel noch das fahle Dmmerlicht von drauen auf die vorderen
Viehstnde; sie waren leer, auf dem Dierkhofe wurde nur so viel Oekonomie
betrieben, als zu unserem eigenen Lebensbedarf ntig. Nahe dem Fleet aber, mit
der Stirne nach der Tenne zu, lag Mieke wiederkuend und hielt mir die Hrner
hin - zur Nachttoilette schien ihr die baumelnde Guirlande doch nicht
wnschenswert.
    Ilse warf einen Blick auf das feierlich geputzte Tier, dann wandte sie den
Kopf weg und schlug mich leicht auf die Schulter - ich durfte ja beileibe nicht
wissen, da sie ber meinen ewigen Unsinn gar auch noch lache.
    Man hatte bereits ohne mich Abendtafel gehalten. An einem mchtigen Berg von
Kartoffelschalen sah ich, wo Heinz gehaust hatte. Ilse schob diesmal ohne
Strafpredigt die kalt gewordenen Kartoffeln von meinem Teller und legte mir
dafr ein paar heie, weichgekochte Eier hin. Drauen im Baumhof hrte ich Heinz
hantieren, und Ilse lief auch emsig auf und ab; sie hatte noch alle Hnde voll
zu thun. Das war nun freilich nicht der gnstigste Moment; trotz alledem fuhr
mir die Frage heraus, die mir auf den Lippen geschwebt hatte:
    Ilse, wie heit das Haus, wo mein Vater jetzt wohnt?
    Sie wollte gerade an mir vorber in den Baumhof gehen.
    Willst du ihm schreiben? fragte sie, berrascht stehen bleibend.
    Ich lachte laut auf. Ich? Einen Brief schreiben? Ach, Ilse, wie lcherlich
das klingt! ... Nein, nein, ich will nur wissen, wie die Leute heien, bei denen
mein Vater wohnt!
    Mu es auf der Stelle sein?
    Ich wagte nicht ja zu sagen; aber vielleicht las Ilse die brennende
Ungeduld auf meinem Gesicht. Sie ging schweigend in die Wohnstube und schob mir
gleich darauf ein Kstchen hin.
    Da, suche dir die Adresse selber - ich hab' sie nicht im Kopfe. Aber
verliere mir nichts und stbere nicht zu viel herum!
    Sie ging hinaus. Wie sauber und pnktlich geordnet lag die sprliche
schriftliche Verbindung zwischen dem Dierkhof und der Auenwelt in dem kleinen
Viereck! ... Da war das dnne, verschwindend kleine Pckchen, das die Briefe
meines Vaters umschlo: sie trugen samt und sonders Ilses Adresse, enthielten
stets nur wenige hfliche Zeilen, einen Gru an die Gromutter und an mich, und
eine bestimmt verneinende Antwort auf Ilses hier und da wiederkehrende Bitten,
mich, der Schule wegen, vom Dierkhof hinwegzunehmen. Was an Schriftstcken von
drauen herkam, ging durch Ilses Hand und wurde von ihr unter Seufzen und groen
Mhen mit steifen Schriftzgen und lakonischer Krze erledigt. Ich kmmerte mich
nie darum; denn so flink ich im Lesen war, und so heihungrig ich immer wieder
die mir von Frulein Streit massenhaft hinterlassenen Kinderbcher auch jetzt
noch verschlang, so blutsauer wurde mir das Schreiben, und so verhat war es
mir.
    Unter dem Pckchen mit meines Vaters Briefen lag auch ein Schreiben, von
welchem ich wute, da es ganz vor kurzem eingelaufen war. An Frau Rtin von
Sassen. Hannover stand in schlanker, graziser Schrift auf dem Kouvert; eine
andere plumpe Hand hatte den Namen des dem Dierkhof zunchst gelegenen Dorfes
hinzugefgt. Der Brief war an meine Gromutter - der einzige, der, solange ich
denken konnte, unter dieser Adresse in unser Haus gekommen war. Als Heinz ihn
vor einigen Wochen mitbrachte und Ilse bergab, da glitten meine Augen flchtig
ber die Aufschrift, und ich ging gleichgltig hinweg, ohne den Inhalt wissen zu
wollen: die Welt auerhalb der Heide, und was von ihr herberkam, hatte fr mich
nicht die geringste Anziehungskraft. Heute war das pltzlich anders; das
aufgebrochene Siegel reizte mich, einen Blick auf das Blatt drinnen zu werfen;
allein ich wagte es doch nicht ohne Ilses Erlaubnis und legte den Brief
einstweilen auf die Tischecke.
    Die gewnschte Adresse meines Vaters war schnell gefunden. Als ich sein
letztes Schreiben mit hastiger Hand auseinanderschlug, da stand dicht unter
seinem Namen: Firma Claudius Nr. 64 in K. Ein jher Stich durchfuhr mich, und
ich fhlte, wie es mir flammenhei ber das Gesicht hinlief, als ich den Namen
schwarz auf wei vor mir sah, den der Professor heute wiederholt ausgesprochen
hatte. Wie prchtig verstand ich auf einmal die flchtigen, kraus durcheinander
wimmelnden Schriftzge meines Vaters zu lesen. Der Name sprang mir frmlich in
die Augen ... Ich kannte den Inhalt des Briefes, Ilse hatte ihn mir mitgeteilt,
und doch fing ich jetzt an, die Zeilen noch einmal zu studieren. Ach, da war
wieder einmal die ganze Oede und Trockenheit, welche die Briefe meines Vaters
kennzeichnete! Er fragte nicht: Was macht mein Kind? Ist es gesund und denkt es
an mich? ... In diesem Augenblick fhlte ich zum erstenmal, wenn auch noch
dunkel, da mein Vater ein schweres Unrecht an mir begehe.
    Die nichtssagenden Zeilen schlossen mit dem Satze: Der Brief aus Neapel
wird nicht beantwortet, und da er meiner Mutter nie zu Gesicht kommen darf,
versteht sich von selbst. Damit war offenbar das Schreiben gemeint, das neben
mir auf dem Tisch lag; es trug das Postzeichen Neapel und war mir nun doppelt
interessant.
    Das dnne Blttchen in meiner Hand aber faltete ich mimutig und enttuscht
zusammen - nichts ber den neuen Aufenthaltsort meines Vaters, kein Wort ber
seine Beziehungen zu denen, die Claudius hieen - ich sprang auf und warf den
Brief in den Kasten. Ei, was kmmerten mich die fremden Leute! Da sann und
grbelte ich ber Menschen und Verhltnisse, die mich nichts, aber auch ganz und
gar nichts angingen, und drauen brach die Nacht herein, und Heinz polterte und
rumorte immer noch im Hofe herum. Sonst, wenn er ber Feierabend noch einmal zu
hantieren anfing, da klopfte ich ihn auf die Finger, hing mich an seinen Arm und
schleppte ihn herein auf den Fleet, auf den massiven ungepolsterten Holzstuhl,
seinen unbestrittenen Platz. Dann reichte ich ihm einen brennenden Kienspan, und
gleich darauf wirbelten die Rauchwolken um sein selig schmunzelndes Gesicht.
Ilse brachte ihr Nhzeug, ich aber las mit unvermindertem Enthusiasmus immer
wieder die Erzhlungen vor, die ich halb auswendig wute. War es khl oder gar
strmisch, regnerisch drauen, dann wurde das Feuer im Herd neu geschrt, und
Ilse go einen heien Thee auf. Wonnig war es dann auf dem geschtzten Fleet,
unter dem Dach zu sitzen, auf das der pltschernde Regen unermdlich
niedertrommelte; dazu der Glutschein vom Herde her und die trauliche Stille in
dem weiten, von langen Streifen der Tabakswolken durchzogenen Raum der
dmmernden Tenne. Dann und wann klirrte leise die Kette an Miekes Hals, hoch
oben auf den Querstangen rhrte sich schlaftrunken eines der Hhner, oder Spitz
dehnte sich behaglich seufzend vor dem warmen Herde - alles, was ich liebte,
geborgen inmitten der festen vier Wnde!
    Da war es still in meiner Seele; ich hatte keinen Wunsch, kein Verlangen!
Mein junges Herz war nur voll von Zrtlichkeit fr die beiden, zwischen denen
ich sa ... Nun drngten sich auf einmal fremde Gesichter von drauen herein,
und ich errtete hei vor mir selber, indem ich daran dachte, was heute unter
ihrem pltzlichen Einflusse aus mir geworden war. Da half kein Leugnen - statt
zu dem alten Freunde zu halten, den der vornehme junge Herr mit so verchtlichen
Blicken gemessen, hatte ich mich feigerweise seiner geschmt; ich war malos
heftig geworden, hatte mit dem Fue gestampft ihm gegenber, der mir allezeit
mit der grenzenlosesten Geduld und Nachsicht begegnete, und ihn einfltig dafr
gescholten, da er seinen einfachen Kopf anstrengte, um genau nach meinem Wunsch
und Willen zu antworten ... Und warum that ich das? Weil mir auf einmal der
glorreiche Einfall kam, mit meinem berhmten Vater prunken zu wollen, mit dem
Vater, fr den ich nicht existierte, whrend ich auf Heinzens Armen gro
geworden war.
    Ich mute abbitten, reumtig abbitten, und zwar auf der Stelle, und der
Entschlu wurde mir leicht gemacht, denn in demselben Augenblick ging die Thr
nach dem Baumhof auf, und Heinz trat, gefolgt von Spitz, auf den Fleet.
    Ich flog auf ihn zu und legte meine Hnde auf seine breite Brust - hher kam
ich nicht.
    Heinz, du bist furchtbar bse auf mich, gelt?
    Ei, beileibe, davon mte ich doch auch was wissen, Prinzechen! brummte
er neben der Pfeife heraus. Er stand verlegen und unbeholfen wie eine Mauer vor
mir und rhrte kein Glied.
    Du weit es auch, Heinz, sagte ich. Geh, zanke mich tchtig aus ... Ich
bin bodenlos ungezogen gewesen! ... Gelt, das httest du nie von mir gedacht? -
mit dem Fue zu stampfen -
    Ach, das war ja nur ein Spchen -
    Ein Spchen? Glaub doch das nicht! Es war Ernst, nichtswrdiger Ernst! ...
Sei du nur nicht so gut mit mir, Heinz - ich verdiene es nicht, und Strafe mu
sein ... Kindisch bin ich und heftig und ein erbrmliches, undankbares Ding -
    Ei ja - und was nicht noch alles!
    Ein Hasenfu, Heinz! ... Ja, siehst du, das war's eben, was mich so auer
Rand und Band brachte. Da stand ich wie hingeschneit am Hgel, und alle die
Kpfe wren doch ganz gewi nach mir herumgefahren, wenn du gesagt httest -
    Hab' nichts gesagt! H, h, h! Nicht ein Wrtchen! - Er stippte bedeutsam
den Zeigefinger gegen die Stirn. - Ja, so schlau ist man auch - die htten
lange fragen knnen! - Mit einer schwerflligen Bewegung griff er in die
Brusttasche seines Rockes. Aber das unmenschlich viele Geld, das da nur so auf
den Boden hinkollerte, das haben die Leute nicht wieder genommen, durchaus
nicht! ... Ich hab's auflesen mssen - und da ist's, Prinzechen!
    Er zhlte die blanken Thaler in langer Reihe auf seine Rechte. Seine kleinen
Augen glitzerten und funkelten und huschten liebugelnd darber hin.
    Fnf Silberstcke - fr jede Perle eins! So war es gemeint gewesen. Das
Hier, mein Kind! des alten Herrn hatte so selbstverstndlich geklungen, als
seien die Dinger da von mir verlangt worden, und ich hatte die Perlen doch
hinschenken wollen. Das verdro mich jetzt erst ber die Maen.
    Ich will sie nicht, Heinz! grollte ich und stie nach seiner Hand.
    Das Geld rollte abermals hinab ... Was war das fr ein entsetzliches
Gerusch, als die schweren Metallstcke klingend und klirrend auf das harte
Steinpflaster niederschmetterten! ... Ich hatte es noch nie, und der Dierkhof
wohl seit vielen Jahren nicht mehr gehrt.
    Unwillkrlich fuhr ich herum, und mein Blick zuckte scheu ber das Fenster,
das nach dem Fleet mndete. Hinter den halbblinden Scheiben hing ein dicker,
farbenbunter Plschteppich, den, solange ich denken konnte, nie eine Hand von
drinnen gehoben hatte - jetzt wurde er zurckgeschleudert, und die Augen meiner
Gromutter funkelten heraus.
    Das war ein Anblick, der dem Beherztesten Grauen einflen konnte. Zitternd
bckte ich mich, um das Geld zu sammeln; aber da flog auch schon die neben dem
Fenster befindliche Thr auf - wie ein Windsto brauste es heran - ich wurde an
der Schulter gepackt und auf die Tenne hinabgestoen.
    Nicht anrhren! gellte es mir in die Ohren. Welch einen erschtternden
Klang hatte doch die Stimme, die seit langen Jahren fr mich verstummt war! Ich
schlug entsetzt die Augen auf.
    Da stand die gewaltige Frau und schttelte grimmig die Faust nach Heinz hin.
Du - zischte es drohend von ihren Lippen.
    Gut sein, gndige Frau, gut sein! stotterte er bittend. Ich trage ja
gleich, jetzt auf der Stelle, das ganze dumme Lumpenzeug 'nber in den Flu! Er
zitterte wie Espenlaub - ich sah zum erstenmal, da diese unverwstlich frische
Gesichtsfarbe bis in die Lippen erbleichen konnte.
    Sie wandte ihm mit einer heftigen Bewegung den Rcken. Die langen grauen
Flechten peitschten ihre Hften, und ich erwartete unter stockenden Pulsen, da
sie sich wieder auf mich strzen werde. Da stie ihr Fu an eines der
Geldstcke; sie fuhr zurck, als habe sie auf eine Schlange getreten. - Nun kam
ein Schauspiel, das ich nie, nie vergessen kann. Kichernd schleuderte sie das
Geldstck mit der Fuspitze fort, da es weithin flog und rasselnd auf die
Steine niederschlug, dann ein zweites, ein drittes, und so schritt sie auf dem
Fleet hin und her - ich mute an das grausame Spiel der Katze mit der Maus
denken ... Und wie grauenhaft wechselte das Mienenspiel auf dem rot berflammten
Gesicht! Man sah, sie stie das Geld voll Ingrimm und Abscheu von sich, und
doch, sobald es wirbelnd niederfiel, lauschte sie vorgestreckten Halses mit
unverkennbarer Lust, ja mit einer Art von Begierde, dem hellen Silberklang, bis
die letzte leiseste Schwingung erloschen war.
    Ich rhrte mich nicht von der Stelle und wagte kaum zu atmen; Spitz, der
sonst so rauflustige Spitz, schlich mit eingeklemmtem Schwanz vom Herde weg und
drckte sich dicht neben Heinz, der regungslos, wie festgemauert auf seinem
Platze verharrte, nur seine todesngstlichen Augen huschten einigemal nach mir
herber ... Ach! Ilse - wo blieb sie nur? ... Sie war die einzige, die Macht
ber meine Gromutter hatte. Hrte sie denn den Lrm gar nicht, der so
unheimlich und nervenerschtternd gegen die alten Balken des Dierkhofes schlug?
    Das Klingen und Springen der Silberstcke dauerte fort. Die alte Frau schien
nicht mehr zu wissen, da zwei Menschen wie Bildsulen in ihrer Nhe standen.
Sie rannte immer leidenschaftlicher auf und ab und flsterte und gestikulierte
nach etwas Unsichtbarem hin ... Da auf einmal fuhr es wie ein Ruck durch ihre
Glieder; sie kam eben am Etisch vorber und blieb frmlich versteinert stehen,
whrend die Augen minutenlang seitwrts auf die Tischdecke niederstierten - da
lag der unglckselige Brief, der nach dem ausdrcklichen Befehl meines Vaters
ihr nie zu Gesicht kommen sollte.
    An Frau Rtin von Sassen! unterbrach sie endlich das tdliche Schweigen
und strich sich tiefaufseufzend mit der Hand ber die Stirne. Frau Rtin von
Sassen! Das war ich - ich!
    Ich kmpfte mit mir selber, ob ich hinzuspringen und ihr den Brief entreien
solle, auf den sie eben die Hand legte. Aber was war ich schwaches,
zerbrechliches Geschpf unter den Hnden dieser Frau! Sie htte mich ohne
weiteres zurckgeschleudert und den Besitz des verhngnisvollen Papieres erst
recht behauptet. Ich machte Heinz die beredtesten Zeichen - er sah mich vllig
verstndnislos an, und da geschah auch schon das Gefrchtete - meine Gromutter
zog den Brief aus dem Kouvert.
    La mal sehen! sagte sie, indem sie langsam das Blatt entfaltete.
    Sie las nicht, ihr Blick fiel nur auf die Unterschrift - - was mute es wohl
fr ein Name sein, der eine solche Wirkung haben konnte? ... Mit einem
Wutgeschrei zermalmte die alte Frau sofort den Brief zwischen den Fingern.
Deine Christine! lachte sie gellend auf, schleuderte den gestaltlosen
Papierklumpen weit in die Tenne hinein und lief mit einer wildabwehrenden
Bewegung in ihr Zimmer zurck - gleich darauf kreischte drinnen der
vorgeschobene Riegel.
    Ilse, die eben mit einem Korb voll Torfstcken aus dem Hofe kam, blieb
erstaunt auf der Schwelle stehen.
    War das nicht die Gromutter? fragte sie halb erschrocken, halb unglubig.
Die Thr, die da eben krachend zuschlug, wurde ja nie benutzt - Schlo und
Riegel muten lngst eingerostet sein.
    Mir schlugen die Zhne wie im Fieber zusammen; aber ich fhlte mich doch
gleichsam erlst und erzhlte ihr flsternd und atemlos den Vorgang. Ich sah
wohl, wie sie zusammenschrak und sich verfrbte; aber Ilse htte nicht Ilse sein
mssen - sie sagte kein Wort, stellte den Korb neben den Herd und fing an, die
Torfstcke auszupacken und symmetrisch aufeinander zu legen; nur als Heinz
herantrat, hob sie den Kopf - sein heiliger Respekt vor den scharfen Augen war
sehr begrndet, sie hefteten sich vernichtend auf sein schreckerflltes Gesicht.
    Bist ja ein Mordkerl, Heinz! sagte sie. Hab' jahrelang gesorgt, da nicht
einmal Groschengeld auf den Dierkhof gekommen ist, und jetzt macht solch ein
Politikus das nette Kunststckchen und wirft mir eine ganze Hand voll
Silberthaler auf die Steine! ... Ei je, die Vierzig auf dem Rcken und keine
Ueberlegung!
    Mir traten die Thrnen in die Augen. Trotz meiner wahrheitsgetreuen
Schilderung und meiner Selbstanklage bekam Heinz die Schelte, und er lie alles
geduldig ber sich ergehen, er widersprach mit keinem Wort. Ich schlug meine
Arme um ihn und drckte das Gesicht in den Aermel seines alten Drellrockes.
    Ja, trste ihn nur, deinen Heinz! - Das hlt eben immer wie die Kletten
zusammen! sagte Ilse; aber schon war alle Schrfe aus Blick und Ton
verschwunden.
    Sie nahm die Lampe vom Tisch und schritt die Tenne hinab, um den
Papierknuel zu suchen, aber so viel sie auch umherleuchten mochte, er fand sich
nicht.
    Bis dahin hatte ich in dem Zimmer meiner Gromutter nur selten eine
Lebensuerung gehrt, vielleicht nur nicht beachtet; ich mied ja auch
instinktmig die nchste Umgebung desselben; jetzt drang das Murmeln einer
leidenschaftlich erregten, rauhen Stimme, von Sthnen und tiefem Aufseufzen
unterbrochen, durch das teppichverhangene Fenster.
    Sie betet, flsterte Heinz mir zu.
    Aber dies Gebet wurde nicht knieend verrichtet. Sie ging mit so wuchtigen
Schritten drinnen auf und ab, da der Teppich hinter den Glasscheiben leise
schwankte und der Boden hier drauen unter unseren Fen nachschtterte.
    Gebt Licht herein! schrie sie pltzlich angstvoll auf.
    Licht? wiederholte Ilse. Ich habe ja die Lampen hineingestellt. Sie lief
nach dem engen Gang, der, an der stlichen tiefen Seite der Wohnrume
hinlaufend, nach dem Garten mndete, und in welchem sich die Hauptthr des
Zimmers befand.
    Nicht lange darauf kam sie scheinbar beruhigt zurck. Drauen aber rasselte
fast in demselben Augenblick der Pumpbrunnen, und man hrte den Wasserstrahl
zischend in den Trog strzen.
    Es ist ihr schwarz vor den Augen geworden, antwortete Ilse kurz auf meine
ngstliche Frage. Das wird wieder einmal eine schne Nacht werden! murmelte
sie sorgenvoll vor sich hin, whrend sie das Geschirr vom Etisch wegrumte und
das Kstchen mit den Papieren in das Wohnzimmer zurcktrug.
    Also hatte sie fter schlimme Nchte mit meiner Gromutter zu berstehen!
Das war eine unheimliche Neuigkeit fr mich; mein gesunder, glcklicher Schlaf
hatte mich nie ahnen lassen, da nchtlicherweile irgend etwas im Hause vorgehe.
Nun erinnerte ich mich freilich, da ich Ilse schon gar oft des Morgens
niedergeschlagen und erschpft gefunden hatte; aber da waren stets ihre
Kopfschmerzen, an denen sie hufig litt, schuld gewesen.
    Ich verschrnkte die Arme auf dem Tisch und legte den Kopf darauf; mir war
so bang und beklommen zu Mute, als msse mit der Nacht drauen auch Schlimmes
ber den Dierkhof hereinbrechen. Fast mechanisch horchte ich auf Heinzens
Schritte, der noch einmal die Runde um das Haus machte; er vermied wohlweislich
den Baumhof, denn wenn auch der Schwengel des Pumpbrunnens augenblicklich ruhte,
so hielt sich doch meine Gromutter jedenfalls noch dort auf. Da, wo die
Umhegung des Baumhofes als scharfe Ecke in die Heide hineinschnitt, stand sie
oft stundenlang und starrte in die unermeliche Weite hinaus.
    Geh in dein Bett, Kind, du bist mde! sagte Ilse und strich mir mit der
Hand ber den Scheitel.
    Ich war bis dahin, kraft meiner glcklichen Unbefangenheit, das
indolenteste, eigenntzigste Geschpf der Welt gewesen - das fhlte ich tief in
diesem Augenblick.
    Nein, ich gehe nicht schlafen, sagte ich und versuchte einen festen Ton
anzuschlagen. Ilse, ich bin heute siebzehn Jahre alt geworden, und nun gro und
stark genug - ich lasse mich nicht mehr ins Bett schicken, whrend dir die
Gromutter so schwer zu schaffen macht!
    Ich war aufgesprungen und stellte mich neben sie hin.
    So, das htte mir gefehlt, da du mir auch noch im Wege herumstndest!
entgegnete sie trocken; sie sah seitwrts auf mich nieder. Hm, ja, nun wei ich
doch auch, wie ein groes und starkes Frauenzimmer aussieht! Es reicht mit dem
Kopf gerade ber den Etisch und piept in die Welt hinein wie ein Kchlein, das
eben aus dem Ei gekrochen ist -
    Ilse, solch ein armseliges Ding bin ich doch nicht! unterbrach ich sie
emprt, aber auch kleinlaut - sie bertrieb ja nie.
    Uebrigens wei ich gar nicht, was du willst! fuhr sie unbeirrt fort.
Lcherlich! die Gromutter steht ruhig drauen im Baumhof und wird in einer
Stunde so fest schlafen, wie wir alle. Aber das will ich dir sagen, es regt sie
stets auf, wenn sie das Licht zu lange auf dem Fleet brennen sieht.
    Sie nahm ohne weiteres die Lampe vom Tisch - und aus und vorbei war es mit
meiner heroischen Anwandelung; den htte ich sehen wollen, der auf Ilses letztes
Wort, auf ihre energische Kopfwendung hin noch etwas zu erwidern versucht htte.
    Ich rief Heinz, der eben das Hausthor schlo, gute Nacht zu und folgte ihr
pflichtschuldigst nach der Eckstube, in welcher wir beide schliefen.

                                       5


Es war dumpf und hei in der Stube. Ilse hatte bereits die Holzlden in die zwei
Eckfenster eingesetzt; und htte sie ber Vorhnge zu gebieten gehabt, sie wren
sicher auch undurchdringlich bereinander gezogen gewesen.
    Hier, du Leichtsinn, sind deine neuen Schuhe! sagte sie und zeigte unter
den Stuhl, der neben meinem Bett stand. Wre Heinz nicht gewesen, da stnden
sie noch drauen, und das Gewitter wsche sie heute nacht in den Flu.
    Ich fhlte, wie meine Wangen hei wurden beim Anblick der zwei
ngelbeschlagenen, hlichen Unglckskameraden. Zudem fiel das Lampenlicht grell
auf den alten, verrucherten Kupferstich, der an der Wand hing und Karl den
Groen vorstellte. Das Bild heftete seine groen Augen unverwandt auf mich - ich
wandte ihm den Rcken und stie die Schuhe unvermerkt mit dem Fu tief unter den
Stuhl; ich mochte sie nicht mehr sehen, ich wollte nie mehr an die Fremden
erinnert sein, mit deren Erscheinen eine ganze Reihe von Unannehmlichkeiten und
neuen peinvollen Empfindungen in mein einsames, harmloses Leben hereingebrochen
war.
    Ilse verlie das Zimmer nicht eher, als bis sie mich im Bett wute. Allein
mit einem aufgeregt klopfenden Herzen voll schlimmer Ahnungen schlft auch die
Jugend nicht ein. Ich schlpfte wieder in meine Kleider, hob den Laden aus dem
westlichen Eckfenster, das in den Baumhof sah, und setzte mich dicht neben
dasselbe auf das Fuende meines Bettes. Das fast greifbare Dunkel im Zimmer
lichtete sich, und ich wurde ruhiger, wenigstens verlor sich die leidige
Gespensterfurcht sofort.
    Geruschlos klinkte ich das Fenster auf. Ein niedriger Ebereschenbaum
drauen an der Wand, der in ihrem Schutz, zur Wonne der Vgel, sich alljhrlich
ppig mit seinen roten Beerendolden behing, schob seine uersten Zweigspitzen
ber die Scheiben. Hinter dem grnen Gespinst sa ich geborgen und konnte doch
ber Garten und Wiesen hinweg in die dmmernde Welt hineinsehen. Ilse hatte
vorhin von einem drohenden Gewitter gesprochen; aber nie hatte sich der
Sternenhimmel makelloser ber die Heide hingebreitet! Die kstliche laue
Nachtluft wehte mich an mit kaum fhlbarem Atem, nicht das kleinste Blttchen an
den Bumen hob sich vor ihm, um hinauszuflstern in die herrschende Todesstille
- fr mich war sie trotzdem belebt; freilich nicht mehr durch die Geisterritte
der Riesenrosse, die den greisen Hnenknig und sein Gefolge ber das Heideland
trugen - den gold- und purpurstrotzenden Traum hatte heute die unbarmherzige
Hacke grndlich zerstrt - aber ich wute ja, in jedem Erikastengel trieb und
quoll es empor und formte in zarten Umrissen Millionen und aber Millionen
Bltenkpfchen, die in kurzem hervorkommen sollten, um sich im Sonnenlicht die
blassen Bckchen purpurn frben zu lassen. Und heute war ich droben im hchsten
Eichengipfel gewesen und hatte im alten Elsternest vier Eier gezhlt - da drin
trieb und dehnte es sich auch und frug im emsigen Wachsen nicht, ob es Tag oder
Nacht sei, bis das Schnbelchen an die Schale pochte und Raum und Licht schaffte
fr zwei neue kluge Aeuglein ... Ich wute auch, da jetzt weit drben aus dem
Waldsaum leisen Trittes die Rehe kamen und wohlig die Heideluft schlrften, die,
auch ber den Dierkhof hinstreichend, Wiesen- und Kruterdfte mitbrachte.
    Meine Pulse waren allmhlich ruhiger geworden. Unbewut hatte ich in die
glatte, friedliche Bahn meines gewohnten Denkens eingelenkt und die Interessen
wieder aufgenommen, die meine anspruchslose Seele bisher vollkommen ausgefllt.
    Im Hause war es still geblieben, so still, da ich Miekes Kette durch die
Wand hatte klirren hren. Ilse hatte recht gehabt mit ihrer Versicherung und
konnte nun jeden Augenblick mit dem Licht in die Schlafstube treten. - Hei, wie
rasch mich der Gedanke auf die Fe brachte! Ich wre sicher binnen zwei Minuten
in dem hochaufgetrmten Federbett rettungslos versunken gewesen, htte nicht
pltzlich das Zuwerfen einer fernen Thr alle Balken und Pfosten des Dierkhofes
erzittern gemacht.
    Ich war eben im Begriff, das Fenster zu schlieen, da kam es lautatmend um
die Ecke, dicht am Fenster hin, so da der gewaltige grauhaarige Kopf meiner
Gromutter in erschreckender Nhe an mir vorberfuhr.
    Es brennt, da - da! sthnte sie im Vorberlaufen und hielt beide Hnde auf
die Stirne gepret.
    Ich wagte nicht, mich hinauszubiegen und ihr nachzusehen, hrte aber, wie
sie gleich darauf stehen blieb, und ihre weitausgestreckten Arme kamen in das
Bereich meiner Blicke.
    Denn das Feuer ist angegangen durch meinen Zorn, sprach sie mit erhobener
Stimme in feierlich beschwrendem Pathos, und wird brennen bis in die unterste
Hlle, und wird verzehren das Land mit seinem Gewchs, und wird anznden die
Grundfeste der Berge!
    Langsam schritt sie unter den Eichen hin und trat in die Ecke des Baumhofes.
Sie stand mir nicht allzu fern, und es war hell genug, ich konnte sie deutlich
sehen - bildete doch der Himmel mit seinem Goldgefunkel einzig und allein den
Hintergrund fr die krftigen Umrisse der Gestalt. Sie hatte das Obergewand
abgeworfen, die weiten Hemdrmel hingen von den Schultern und schimmerten wei
herber, und den Rcken hinab fielen halbaufgeflochten in vereinzelten Strhnen
die langen Zpfe.
    Was sie hinaussprach in die lautlos schweigende Heide - ich verstand es
nicht; es war mir, als hrte ich alle die Fremdwrter des alten Professors hier
in einem Flu, aber mit eigentmlich singender Betonung ... Pltzlich ri das
Gemurmel in einem halberstickten Schrei ab; meine Gromutter fuhr herum, und die
ruhelosen Fe begannen abermals, in verdoppeltem Geschwindschritt, die
Wanderung. Ich meinte, sie wolle auf den Brunnen zustrmen - da lief sie
blindlings gegen eine der Eichen, taumelte zurck, nahm nochmals einen Anlauf
und brach zusammen, pltzlich, gewaltsam, wie niedergerissen durch unsichtbare
Hnde.
    Ilse, Ilse! schrie ich auf. Aber da stand sie schon und versuchte unter
Heinzens Beistand die Gestrzte aufzurichten. Die beiden hatten jedenfalls von
der Baumhofthr aus meine Gromutter bewacht und beobachtet. Ich sprang zum
Fenster hinaus.
    Sie ist tot! flsterte Heinz, als ich zu ihnen trat. Er lie mutlos den
gewaltigen Krper zurcksinken, der in seiner Leblosigkeit jedenfalls furchtbar
schwer war.
    Sei still! gebot Ilse mit erstickter Stimme. Auf, brauche deine Krfte -
vorwrts! Und sie fate meine Gromutter unter den Armen und nahm sie mit
bermenschlicher Kraft vom Boden auf, whrend Heinz die Fe hob.
    Nie werde ich den erschtternden Anblick vergessen, als sie keuchend ber
den Fleet schritten, und die grauen Haarstrhnen der Leblosen ber die
Steinfliesen hinschleiften, auf denen vor kaum einer Stunde noch die Geldstcke
unter krftigen Fusten umhergeflogen waren.
    Ich lief voraus und ffnete die Thr im Zimmer meiner Gromutter; aber ich
mute erst noch eine hohe spanische Wand, die im Halbkreis den Eingang
umstellte, zurckschieben, ehe ich in das Zimmer selbst eintreten konnte; der
Einblick war den profanen Augen Vorbergehender somit vollkommen verwehrt. Ich
hatte diesen Raum nie betreten drfen, selbst als kleines Kind nicht. Bei aller
Seelenangst und Gemtserschtterung war mir doch in diesem Augenblicke zu Mute,
als she ich mit zurckschreckenden Augen in eine neue Welt, aber in eine
unsglich dstere. Ich habe denselben Eindruck nur einmal noch empfangen, als
ich eintrat in eine uralte dmmerdunkle Kirche voll halberblindeter Pracht,
voller Marterbilder und erfllt mit jenem unbeschreiblichen Gemisch von kalter
eingeschlossener Kirchenluft und erstickenden Weihrauchdften.
    Meine Gromutter wurde auf ein Bett niedergelassen, das in der einen Ecke
stand; es hatte Vorhnge, altmodische, steifseidene grne Vorhnge, in die feine
Goldblmchen eingewirkt waren. Wie das knisterte und rieselte, als sie
zurckgeschlagen wurden, und wie schreckenerregend das bluliche Gesicht mit den
geschlossenen Augen unter dem harten dunklen Grn hervorsah!
    Heinz hatte sich geirrt, meine Gromutter war nicht tot. Schweratmend lag
sie da; sie rhrte kein Glied, aber als Ilse in so weichflehenden Tnen, wie ich
sie nie von ihr gehrt, ihren Namen nannte, da ffnete sie fr einen Moment die
Lider und sah sie verstndnisvoll an. Ilse schob ihr Kissen und Polster unter
den Rcken und gab ihr eine sitzende Stellung im Bett; das that ihr sichtlich
gut, das leise unheimliche Gerusch, das ihre Atemzge begleitete, minderte
sich.
    Whrenddem hatte Heinz bereits den Dierkhof verlassen, um einen Arzt zu
holen. Er mute in das nchste Dorf laufen und von da nach dem eine Stunde Wegs
entfernten greren Orte einen Wagen schicken, der den Doktor nach dem Dierkhof
brachte; so konnten drei bis vier Stunden vergehen, ehe rztlicher Beistand kam.
    Mein Versuch, Ilse behilflich zu sein, wurde zurckgewiesen. Sie schob
schweigend, mit einem besorglichen Blick auf die Kranke, meine Hnde weg,
gestattete mir aber, dazubleiben.
    Ich kauerte mich, halbverdeckt durch den Vorhang, zu Fen des Bettes auf
eine kleine gepolsterte Bank nieder und sah beklommen in das fremdartige Zimmer
hinein. Es war das grte im Hause und von einer saalartigen Weite; vielleicht
hatte meine Gromutter eine Wand durchschlagen lassen, um den befremdend groen
Raum zu gewinnen. An den Wnden hingen mit eingewobenen Gestalten bedeckte
wollene Tapeten. Mein Blick kehrte immer wieder zurck auf einen lebensgroen
Kinderkrper mit einem schnen Gesicht voll Trauer und sanftmtiger Duldung - es
war der junge, auf einen Holzsto festgebundene Isaak. Die Tapeten waren uralt
und von den Motten zerfressen, so da der nervigen Gestalt Abrahams ein Auge und
die hochgehobene, opferbereite Hand fehlten ... Wie eine Versammlung mrrisch
schweigender Greise, in steifer Ordnung, reihten sich Sthle mit himmelhohen
Lehnen und groblumigen, samtenen Polsterbezgen an den Wnden hin. Ich habe
erst spterhin diese aus den kostbarsten Hlzern geschnitzten, schwarzbraunen
Sulenlehnen zu wrdigen gelernt; bei ihrem ersten Erblicken jedoch stierten
mich die aus Band- und Laubgewinden hervorlauschenden Tierkpfe und fabelhaften
Gebilde, die auch an all den umherstehenden Spinden und Schreinen wiederkehrten,
druend und sinnverwirrend an.
    Die dunklen Farben und die tiefen Ecken allberall sogen das Licht der zwei
Lampen, die hell auf den Tischen brannten, gierig ein. Dunkel war der Teppich,
auf dem meine Fe ruhten und der sich ber den ganzen Boden hinbreitete, und
fast schwarz der erdrckend niedrige Holzplafond. Nur das nackte Fleisch der
Tapetenbilder, im Laufe der Zeit bis ins Leichenhafte erblichen, leuchtete da
und dort wie ein aufgesetzter Lichtpunkt und ein einziger heller Gegenstand von
mildem Glanze schwebte wie die vershnende weie Taube in das Dster herein - es
war ein vielarmiger, mit weien Wachskerzen besteckter Silberleuchter, der am
Deckenbalken hing.
    Es schien im Verlauf der bangen Stunde, die ich bereits am Bette verharrte,
besser mit der Kranken zu werden. Sie sah sich mit weitoffenen Augen um, trank
etwas frisches Wasser, und pltzlich kehrte ihr auch die Sprache zurck.
    Was ist mit mir? fragte sie langsam in gebrochenen, total vernderten
Tnen.
    Ilse bog sich, ohne zu antworten, ber sie - ich glaube, der Jammer nahm ihr
die Stimme - und strich ihr lind und liebkosend die Haare aus der Stirne.
    Meine alte Ilse! murmelte sie. Sie machte eine Anstrengung, sich zu
erheben, es ging nicht - mit einem sonderbar starren, forschenden Blick
streiften ihre Augen langsam an dem linken Arm nieder.
    Tot! seufzte sie und lie den Kopf in das Kissen zurcksinken.
    Der Ausruf flte mir kaltes Entsetzen ein. Ich machte eine unwillkrliche
Bewegung, das Polsterbnkchen rckte weiter und die Vorhnge rauschten.
    Wer ist noch im Zimmer? fragte meine Gromutter aufhorchend.
    Das Kind, gndige Frau - Leonore, antwortete Ilse zgernd.
    Dem Wilibald sein Kind - ja wohl, ich kenne es - es springt mit den kleinen
nackten Fen durch die Heide und singt drben am Hgel - ich kann das Singen
nicht hren, Ilse!
    Das wute ich wohl; nie hatte auf dem Dierkhofe ein singender Laut ber
meine Lippen kommen drfen - ach, und ich sang so gern! Mir war, als fliege
meine Seele auf den Tnen, die mir die Brust weiteten, in die Ferne hinaus. Da
sang ich denn in Heinzens Lehmhtte, da die flaschengrnen Fensterlein
zitterten, oder drben auf dem Hgel; aber ich hatte nie gemeint, da das die
Gromutter auf dem Dierkhof hren knne.
    Ich war aufgestanden und trat ihr zitternd um einen Schritt nher.
    Klein wie ihre Mutter, murmelte sie vor sich hin, und hat die groen
Augen und ein kaltes, enges Herz - ihr ist ja auch das Wasser ber der Stirne
ausgegossen worden.
    Nein, Gromutter, sagte ich ruhig, ich habe kein kaltes Herz!
    Sie sah mich so erstaunt an, als habe sie bis dahin gemeint, das kleine
Wesen knne nur singen und nicht sprechen, am allerwenigsten aber sie selbst
anreden. Ilse zog sich hinter den Vorhang zurck und winkte mir angstvoll, zu
schweigen; sie mochte durch mein unerwartetes Hervortreten einen Anla zu neuer
Geistesstrung bei der Kranken frchten. Aber meine Gromutter blieb vollkommen
ruhig: ihre Augen hafteten unverwandt auf meinem Gesicht. Diese Augen, vor denen
ich mich immer so entsetzlich gefrchtet, wenn sie im Vorberlaufen unstt und
irr ber mich hinflackerten, waren sehr schn; ber ihren dunklen Glanz breitete
sich freilich ein unheimlicher Schleier, aber es lag Seele darin, bewutes
Denken.
    Komm einmal her zu mir! unterbrach sie das minutenlange Schweigen.
    Ich trat dicht an das Bett.
    Weit du, was es heit, jemand lieb haben? fragte sie, und ihre
gebrochene, tonlose Stimme nahm einen innigen Klang an.
    Ja, Gromutter, das wei ich! Ich habe Ilse so lieb, so lieb, da ich's
nicht sagen kann - und Heinz auch.
    Um ihre Lippen zuckte ein leises Beben, und sie schob unter unsglicher Mhe
ihre auf der Decke liegende Rechte nach mir hin.
    Frchtest du dich vor mir? fragte sie.
    Nein - nicht mehr! wollte ich hinzusetzen, aber ich verschluckte die zwei
letzten Worte und bog mich zu ihr hin.
    Nun, so gib mir deine Hand und ksse mich auf die Stirne!
    Ich that, wie sie geheien, und seltsam, in dem Augenblick, wo meine Lippen
das gefrchtete Gesicht berhrten und meine Hand von den groen, kalten Fingern
umschlossen und sanft gedrckt wurde, zog ein neues, sseliges Gefhl in meine
Brust ein. Ich wute auf einmal, da ich an diesen Platz gehrte, ich fhlte das
geheimnisvolle Band des Blutes zwischen Gromutter und Enkelin, und hingerissen
durch dieses pltzliche Erkennen setzte ich mich auf den Bettrand und schob
sanft meinen Arm unter ihren Kopf.
    Ein beglcktes Lcheln glitt durch die groen, starken Zge; sie legte sich
in meinem Arm zurecht, wie ein mdes Kind, das einschlafen will.
    Fleisch von meinem Fleisch, Blut von meinem Blut - ach! flsterte sie und
schlo die Augen.
    Ilse aber stand hinter dem Vorhang des Bettes; sie vergrub ihr Gesicht in
den Hnden und weinte bitterlich.
    Es trat wieder Totenstille ein. Sie wurde nur unterbrochen durch das leise
Aufsthnen der Kranken und ihre schweren, unregelmigen Atemzge, und durch das
unausgesetzte leise Schnurren in dem hohen hlzernen Standgehuse der alten Uhr,
deren groes blinkendes Zifferblatt gespenstisch herberstarrte, und die zu
jeder Pendelschwingung weit und langsam aushob wie eine kranke Brust zum
Atemholen.
    So war abermals eine lange, bange Zeit verstrichen; es hatte bereits Eins
geschlagen. Da wurde drauen das Hausthor geffnet, und Heinz schritt in
Begleitung eines anderen Mannes durch die Tenne; er brachte also, wider
Erwarten, den Arzt gleich mit.
    Ilse atmete sichtlich auf und winkte mir, ihm am Bett Platz zu machen; ich
zog vorsichtig meinen steifgewordenen Arm an mich und lie das Haupt der Kranken
behutsam in die Kissen sinken. Sie schien weiter zu schlummern; sie gab auch
kein Zeichen, da sie es hre, als die Zimmerthr leise geffnet wurde und die
Mnner eintraten.
    Da stand auf einmal der alte Pfarrer des nchsten Dorfes im vollen Ornat
inmitten des Zimmers, whrend Heinz, den Hut in der Hand, ehrfurchtsvoll im
Hintergrunde verblieb ... Sie sah feierlich ergreifend aus, die ehrwrdige
Gestalt des Geistlichen im schwarzen Talar, das Gebetbuch in den Hnden haltend.
Ilse aber fuhr empor, als she sie ein Gespenst; sie strzte zurckwinkend auf
ihn zu, allein es war zu spt - in demselben Moment, als fhle sie den Blick des
Eingetretenen, schlug meine Gromutter auch die Augen auf.
    Ich wich zurck, so sehr entsetzte mich die furchtbare Verwandlung in den
Zgen, die sich eben noch so friedsam geglttet hatten.
    Was will der Schwarzrock? sthnte sie.
    Ihnen Trost bringen, so Sie dessen bedrfen, versetzte der alte Mann mild,
ohne sich durch die rauhe Anrede beirren zu lassen.
    Trost? ... Ich habe ihn bereits gefunden am unschuldigen Kindesherzen, in
der Liebe, die sich dahingibt, ohne zu fragen: Wie glaubst du, und was gibst du
mir dafr? ... Leonore, mein gutes Kind, wo bist du?
    Mir zitterte das Herz bei diesen sehnschtigen Tnen. Ich trat rasch an das
Kopfende des Bettes, so da sie mich sehen konnte.
    Trost knnt ihr mir nicht bringen, die ihr mich hinausgestoen habt in die
grauenhafte Wste, wo mir der Sonnenbrand das Gehirn ausgedrrt hat! fuhr sie
zu dem Geistlichen gewendet fort. Nicht einen Tropfen khler Labung habt ihr
mir gereicht auf dem Wege, der nun, wie ihr predigt, enden soll in der Hlle!
... Ihr Unduldsamen, ihr rhmt euch, in Demut vor Gott zu wandeln, und haltet
doch jederzeit den Stein in der Hand, ihn auf euren Nchsten zu werfen, und
vermesset euch, entehrendes Totengericht zu halten am Grabe der Hingeschiedenen,
die bereits vor ihrem Richter stehen! ... Ihr falschen Propheten, ihr rhmt euch
zu dem Gott der Gte, des unendlichen Erbarmens zu beten, und macht ihn zum
Lenker mrderischer Schlachten, zu einem grimmigen und eifrigen Gott, wie das
Volk der Hebrer auch, das ihr das verfluchte nennt! ... Vollkommen preist ihr
ihn und gebt ihm doch alle Gebrechen eurer sndhaften Menschennatur, eure
Rachsucht, eure Herrschbegierde, eure kalte Grausamkeit ... Euer Mittler hat
euch eine Palme in die Hand gedrckt, ihr aber macht sie zur Geiel -
    Der Geistliche hob die Hand, als wollte er sie unterbrechen, aber sie fuhr
heftiger fort:
    Und mit dieser Geiel habt ihr mich geschlagen und hinausgehetzt aus eurem
Himmel, da ihr schwurt: Dein Vater, der Jude, der dir das Leben gegeben, deine
Mutter, die Jdin, die dich genhrt, sie sind verflucht bis in alle Ewigkeit!
... Mann, mein Vater war der Weisesten einer. Er hat gesammelt und
aufgespeichert in seinem Geiste unermeliches Wissen - und das sollte nutzlos
verkommen in der Hlle, und dem geistig Beschrnkten, der nie gedacht und nur
geglaubt, wrde mhelos das Himmelreich, wo doch dem Forschenden erst recht
verheien ist Wahrheit und Klarheit? ... Und mein Vater, fuhr sie fort, hat
gebrochen dem Hungrigen sein Brot und dahingegeben, da die Linke nicht wute,
was die Rechte that. Er hat verabscheut die Snde der Lge, des Geizes und des
Hochmuts und hat verziehen seinen Beleidigern und nie gercht, was sie ihm
angethan - er hat Gott, seinen Herrn, geliebt von ganzem Herzen, von ganzer
Seele und von ganzem Gemte, und soll doch schmachten in der Hlle bis in alle
Ewigkeit, weil das Wasser nicht ber seinem Haupt ausgegossen ist? ... Wohl,
wohl, so will ich dahin gehen, wo er ist - ich gebe euch eure Taufe zurck!
Behaltet euren Himmel - ihr verkauft ihn teuer genug, ihr Tyrannen im schwarzen
Rock!
    Mit dem tiefsten Erbarmen in seinen milden Zgen trat ihr der alte Pfarrer
nher; aber da war keine Vershnung mehr mglich.
    Lassen Sie das - ich bin fertig! sagte sie schneidend und kehrte das
Gesicht nach der Wand.

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Leise, wie er gekommen, verlie der Geistliche das Zimmer. Unwillkrlich folgte
ich ihm. So gewi mich das Gebaren meiner Gromutter berzeugt hatte, da einst
schwere Missethat an ihr verbt worden sei, so schmerzlich leid that mir der
alte Mann, der in der Kirche seine Hand segnend auf meine Stirne gelegt hatte.
Er war mild und gut, er gehrte nicht zu denen, die die unglckliche Tochter des
Juden in die Nacht des Wahnsinns getrieben; er war willig und unverdrossen durch
die Nacht geschr ten, der liebevolle Greis, um einer Kranken die Trstungen der
Kirche zu bringen.
    Herr Pfarrer, sagte Ilse drauen auf dem Fleet zu ihm, ihr drfen Sie das
nicht zurechnen, sie hat sich taufen lassen, und der's gethan hat, war gut und
christlich wie Sie, und sie hat ehrlich zu Christo gehalten ... Da ist aber
einer gekommen - er mag's verantworten - und hat geeifert und hat des
Verfluchens und Verdammens kein Ende gewut. Ja, da war das viele Unglck in der
Familie immer und immer nur ein Strafgericht des Herrn! Und das hat ihr den
Verstand genommen - er mag's verantworten!
    Ich rechte nicht mit ihr, entgegnete er sanft. Wei ich doch leider zu
gut, da falscher Eifer im Weinberg des Herrn viel edle Frucht zerstrt! ... Die
Frau hat viel gelitten - Gott wird barmherzig sein! Mich schmerzt nur, da ich
nicht trsten durfte, wo ich es freudigen Herzens gekonnt htte. Aber es
widerstrebt mir, mit dem unerbetenen Beistand der Kirche auf eine Seele
einzustrmen, die ohnehin im schweren Kampfe mit der Hlle. Er strich
liebkosend mit der Hand ber meinen Scheitel. Gehe hinein zu ihr, sie wird dich
vermissen! ... Ich wollte, ich knnte allen Trost unseres Glaubens auf deine
Lippen legen, auf da der gengstigten Seele der wahre Friede werde.
    Ich kehrte sofort in das Zimmer zurck, whrend er ein Glas Wasser trank und
dann, ohne zu rasten, den Dierkhof verlie.
    Wo ist das Kind? hrte ich die Kranke schon drauen im Gange wiederholt
fragen.
    Da bin ich, Gromutter! rief ich eintretend und flog auf das Bett zu. Sie
war ganz allein. Heinz, den wir bei ihr zurckgelassen, war fortgegangen, ich
vermutete, aus Furcht vor Ilse, da er eigenmchtig den Geistlichen mitgebracht
hatte.
    Ach ja, da bist du, mein kleines schwarzbraunes Tubchen! sagte sie
zrtlich und seufzte erleichtert auf. Ich meinte schon, du seiest mir nun auch
abgewandt und mit ihm hinweggegangen in Ha und Verachtung.
    Ich protestierte. So darfst du nicht denken, Gromutter! rief ich lebhaft.
Er hat mich zu dir geschickt und ist unsglich gut, und ich - ich wei gar
nicht einmal, wie es ist, wenn man hat und verachtet.
    Das heit, du liebst die ganze Welt, sagte sie schwach lchelnd.
    Ach ja, das habe ich dir ja gesagt! Ilse und Heinz, und Spitz und Mieke,
und die gute, alte Fhre drben auf dem Hgel und den blauen Himmel -
    Ich verstummte pltzlich und schmte mich - es war ja nicht wahr, was ich da
sagte; diese volle hingebende, friedsame Liebe fr die ganze Welt besa ich gar
nicht mehr! Gerade heute war ich ein zorniges, ungebrdiges Geschpf gewesen -
sollte ich ihr das sagen?
    Ich sa wieder auf dem Bettrand, und sie hielt in ihrer Rechten meine Hand;
die Finger umschlossen sie so fest, als sollte sie nie, nie wieder losgelassen
werden - dabei sanken ihr langsam die Lider ber die Augen. Sie hatte vorhin so
kraftvoll und energisch gesprochen, und ich war so ber alle Begriffe
unerfahren, da ich bei diesem Anblick nicht im entferntesten mehr an
Erschpfung dachte; aber nun legte ich auch meine Linke liebkosend um ihr
Handgelenk; ich wute recht gut, da da der Lebensstrom in regelmigem Takt
unaufhrlich klopfen mute - zu meiner tiefsten Bestrzung wurde mir allmhlich
klar, da es unheimlich still unter dieser kalten Hand blieb; nur selten, nach
langen, herzbeklemmenden Pausen, schlug es einmal kurz und hart an meine
Fingerspitzen.
    Wir sind wie der Thon in der Hand des Tpfers, flsterte sie pltzlich.
Was sind wir, was ist unser Leben, alle unsere Herrlichkeit? Sie sthnte auf.
Aber du bist unser Vater, und wir sind deine Kinder, erbarme dich unser, wie
sich ein Vater seiner Kinder erbarmt -
    Sie schwieg wieder; mich aber berfiel eine unbeschreibliche Angst, ich
htte alles darum gegeben, diese geschlossenen Augen offen zu sehen, und legte
leise meine Lippen auf ihre Stirne. Sie fuhr empor, sah mich aber liebevoll und
zrtlich an.
    Geh, rufe mir Ilse! sagte sie schwach.
    Ich sprang auf, und in demselben Augenblick rasselte zu meiner
unaussprechlichen Erleichterung ein Wagen ber das Pflaster des Hofes. Gleich
darauf trat Ilse in Begleitung eines Herrn in das Zimmer.
    Der Herr Doktor ist da, gndige Frau! sagte sie und lie den Arzt an das
Bett treten.
    Das Gesicht meiner Gromutter zeigte sofort wieder einen festen, gespannten
Ausdruck. Sie schob dem Arzt die Rechte hin, um sich den Puls untersuchen zu
lassen, und sah ihn aufmerksam an.
    Wieviel Zeit geben Sie mir noch? fragte sie kurz und bestimmt.
    Er schwieg einen Moment betroffen und vermied es, ihrem Blick zu begegnen.
    Wir wollen einen Versuch machen - sagte er zgernd.
    Nein, nein, bemhen Sie sich nicht! unterbrach sie ihn. Sie sah mit einem
schattenhaften Lcheln an der linken Krperseite nieder. Das ist bereits dem
Staub verfallen! sagte sie kalt. Wieviel Zeit geben Sie mir noch? wiederholte
sie unabweisbar nachdrcklich mit geschrfter Stimme.
    Nun denn - eine Stunde.
    Mir strzte ein Thrnenstrom aus den Augen, und Ilse flchtete an ein
Fenster und prete das Gesicht gegen die Scheiben. Nur meine Gromutter blieb
vollkommen ruhig. Ihre Augen hefteten sich auf den Silberleuchter an der Decke.
    Znde an, Ilse! gebot sie, und whrend diese auf einen Stuhl stieg und
Flmmchen um Flmmchen unter ihren Hnden aufflackerten, wandte sich die Kranke
zu dem Arzt.
    Ich danke Ihnen, da Sie gekommen sind, sagte sie, und mchte Sie noch um
einen letzten Liebesdienst bitten - wrden Sie die Gte haben,
niederzuschreiben, was ich diktieren werde?
    Von Herzen gern, gndige Frau; aber falls es sich um einen letzten Willen
handeln sollte, so mu ich darauf aufmerksam machen, da er ungltig sein wird
ohne gerichtliche -
    Ich wei das, unterbrach sie ihn. Allein dazu verbleibt keine Zeit.
Meinem Sohn wird und mu mein letzter Wille auch in dieser Form gengen.
    Ilse brachte Schreibgert, und meine Gromutter diktierte.
    Ich vermache Ilse Wichel den Dierkhof mit seinen vollen Einrichtungen und
Liegenschaften ...
    Nein, nein - schrie Ilse angstvoll und erschrocken auf, das leide ich
nicht!
    Meine Gromutter warf ihr einen strengen, zurechtweisenden Blick zu und
sprach unbeirrt weiter: ... als einen Beweis meiner Dankbarkeit fr ihre
unbegrenzte Hingebung und Aufopferung ... Ich vermache ferner meiner Enkelin,
Leonore von Sassen, was ich an Staatspapieren noch besitze, und darf niemand,
wer es auch sei, ein Recht daran erheben.
    Ilse war emporgefahren und sah erstaunt nach ihr hinber. Die Kranke deutete
auf einen Schrank. Da drin mu ein Blechkasten stehen ... Nimm ihn heraus,
Ilse; ich habe vllig vergessen, wie viel er enthlt.
    Ilse ffnete den Schrank und stellte einen niedrigen Blechkasten auf den
Tisch. Ein verrostetes Schlsselchen steckte in dem Vorlegeschlo.
    Es mag wohl lange, lange her sein, da ich ihn nicht berhrt habe,
murmelte die Kranke und hob matt die Rechte nach der Stirne. Es ist finster in
mir gewesen - ich wei es ... Welches Jahr schreiben wir?
    Das Jahr 1861, entgegnete der Arzt.
    Ach, da mag manches dadrin verfallen und wertlos geworden sein! klagte
sie, whrend er den Deckel zurckschlug. Auf den Wunsch der Kranken berzhlte
er die Papiere, die den Kasten bis an den Rand fllten.
    Neuntausend Thaler, berichtete er.
    Neuntausend Thaler! wiederholte meine Gromutter befriedigt. Sie gengen,
um die Not abzuwehren ... Es mu auch noch eine kleine Schachtel in dem Kasten
liegen.
    Ich sah, wie Ilse den Kopf schttelte ber diese pltzliche Geistesklarheit,
die so leicht da anknpfte, wo vor vielen Jahren der glatte Faden des
ungetrbten Denkens abgerissen war. Der Arzt nahm eine unscheinbare
Holzschachtel aus dem Kasten - sie enthielt eine Perlenschnur.
    Der letzte Rest der Jakobsohnschen Herrlichkeit! flsterte die Kranke
wehmtig vor sich hin. Ilse, lege die Schnur um den kleinen braunen Hals dort!
... Sie gehrt zu deinem Gesicht, mein Kind! sagte sie zu mir, whrend ich
leise in mich zusammenschauerte unter der khlen, schmeichelnden Berhrung. Du
hast die Augen deiner Mutter, aber die Jakobsohnschen Zge ... Das Band hat viel
Familienglck und schne friedliche Zeiten voll Glanz gesehen; aber es ist auch
mitgeflchtet vor dem Scheiterhaufen und anderen grausamen Martern der
christlichen Unduldsamkeit! Sie rang nach Atem. Nun will ich unterschreiben!
stie sie nach einer Pause der Erschpfung sichtlich bengstigt hervor.
    Der Doktor legte das Papier auf die Bettdecke und drckte die Feder in die
steife Hand ... Sie war unsglich mhselig, diese letzte irdische Handlung; aber
der Name, Klothilde von Sassen, geborene Jakobsohn, stand schlielich doch in
ziemlich festen groen Zgen unter dem Dokument, das auch der Arzt als Zeuge
mittels einiger Worte unterschrieb.
    Weine nicht, mein Tubchen! trstete sie mich. Komme noch einmal her zu
mir!
    Ich warf mich sprachlos am Bett nieder und kte ihre Hand. Sie trug mir
Gre an meinen Vater auf und richtete ihre groen verschleierten Augen von
meinem Gesichte hinweg fest und sprechend auf Ilse.
    Das Kind darf nicht verkommen in der einsamen Heide! sagte sie bedeutsam.
    Nein, gndige Frau, dafr lassen Sie mich sorgen! versetzte die Angeredete
in ihrer gewohnten knappen Krze, obgleich ihr die Lippen schmerzlich zuckten
und helle Thrnen an ihren Wimpern hingen.
    Noch einmal glitt die kalte matte Hand liebkosend ber mein Kinn, dann schob
mich meine Gromutter sanft, aber doch in jener ngstlichen Hast, die mit jeder
Sekunde geizt, von sich und sah starr nach einem der Fenster mit einem so
seltsam ausdrucksvollen Blick, als wolle die Seele bereits mit ihm hinausfliegen
in das All.
    Christine, ich verzeihe! rief sie zweimal angestrengt in die Lfte, in die
weite Ferne hinaus ... Sie war fertig, gerstet. Sichtlich beruhigt rckte sie
den Kopf in die Kissen zurecht, wandte den Blick nach oben und begann feierlich
inbrnstig, wenn auch mit erlschender Stimme: Hre, Israel, unser Herr, unser
Gott ist ein Einziger und Einiger! ... Gepriesen sei der Name seiner
Herrlichkeit - die Stimme erstarb in einem geflsterten Hauch; sie neigte sanft
und langsam das Haupt seitwrts.
    In Ewigkeit, Amen! vollendete der Arzt an Stelle des Mundes, der fr immer
verstummt war.
    Er drckte ihr mit sanfter Hand die Lider ber die Augen.

                                       7


Ich ging hinaus. Das erste tiefe Weh war ber mich gekommen. Wie versteinert
stand ich vor jenem unerbittlichen Vorbei-fr-immer, das uns angesichts des
ausgelschten Lebens so vllig unglaublich erscheint.
    Mit der ganzen enthusiastischen Zrtlichkeit, die so leicht aus dem
jugendlichen bervollen Gemt hervorquillt, hatte ich mich an die neugeschenkte
Gromutter gehangen. Ich durfte das unaussprechlich se Gefhl kosten, welches
mir sagte, die Hingebung meines kleinen Herzens werde hei gewnscht - und nun
marterte mich der Gedanke, da ich nicht genug gegeben, da ich meiner
Gromutter bei weitem nicht berzeugend genug ausgesprochen habe, wie sehr ich
sie lieben wolle. Es war mir Bedrfnis gewesen, ihr zu versichern, da ich sie
auf den Hnden tragen werde, wenn sie erst wieder gesund sei - statt dessen
hatte ich sorglos die ganze kostbare Zeit verstreichen lassen und
kindischerweise von meiner Liebe fr die ganze Welt gesprochen ... Das hatte sie
gewi am wenigsten hren wollen, sie, der man drauen in der Welt so furchtbar
wehe gethan ... Und nun war sie gestorben, und ich konnte ihr dies alles nicht
mehr sagen ... Zu spt! Unsere ganze Ohnmacht und Hilflosigkeit liegt in dem
niederschmetternden Wort!
    Ich trat durch die Baumhofthr ins Freie. Ein krftiger Luftstrom, noch mit
den Spuren der Nachtfeuchte im Atem, strich ber die Heide her. Er blies dem
Torfsumpf die groe federweie Schlafhaube ab und verdnnte sie zum zarten
Spitzenvorhang, hinter welchem das Sonnenfeuer aufzuglhen begann. Rotgolden
frbten sich die rauschenden Eichenwipfel, und das kleine Giebelfenster des
Dierkhofes fing an zu blinken.
    Wie trunken schwankten die Grashalme unter dem funkelnden Tau; aber
aufgerichtet hatten sich alle wieder, ber die meine Gromutter heute nacht zum
letztenmal hingeschritten war. Die Fenster des Sterbezimmers, die ich nie anders
als halbverhllt gekannt hatte, standen weit offen. Ich schwang mich auf die
Brstung und sah hinein. Das Zimmer war leer. Die Vorhnge, jetzt im schrg
einfallenden Morgenlicht smaragdfarben schimmernd, waren nach der Wand
zurckgeschlagen und lieen die Lfte ber das Bett hinstreichen ... Die
mchtige Gestalt, der das Blut so hei und ungestm in den Adern gekreist hatte,
dort lag sie hingestreckt unter dem weien verhllenden Tuche, nur kenntlich an
der prchtigen grauen Flechte, die hervorgeschlpft war und ber den Bettrand
hinabhing.
    Eine aufgescheuchte Brummfliege zog summend an mir vorber, und auf dem
Silberleuchter an der Decke zngelten die gelben Flammen der Wachskerzen im
Luftzuge unruhig hin und her. Das war alles, was sich regte in dem weiten
Zimmer, selbst die Uhr stand still.
    Dagegen erscholl nun das erwachende Leben aus dem Vorderhofe herber. Die
Hhne krhten; Spitz fuhr klffend unter die krakelnden und aufschreienden
Hhner, und Mieke verlangte dumpfbrllend nach der Hand, die ihr das strotzende
Euter entleerte. Ueber das Dach her kam die Hauskatze; sie sprang geruschlos in
das Gras des Baumhofes und schlich mit grnfunkelnden Augen unter den
Ebereschenbaum, auf welchem ein kleiner Vogel sorglos zwitscherte. Ich bog eben
um die Ecke und scheuchte sie fort. Und droben im Reisernest auf dem Dache wurde
unter eifrigem Geklapper Toilette gemacht, dann rauschte das Storchenpaar hoch
ber meinem Haupte hin zum Frhstck nach dem Sumpfe - alles wie sonst! Nur vor
dem Hause schreckte mich Fremdes und Ungewohntes zurck - ein Pferd wieherte in
die frische Morgenluft hinaus, und an der niedrigen Umzunung des Hofes stand
mit rckwrts verschrnkten Armen der Doktor und schaute ber die mit Tau und
Sonnengold frmlich berschttete Heide hin.
    Die kleine verstaubte Chaise, die ihn gebracht hatte, stand angeschirrt vor
dem Hausthor, und drin auf der Flur sah ich Ilse stehen, fest und stramm wie
immer. Sie hatte den Etisch sauber gedeckt, Tassen und Butterbrot auf der
weien Serviette geordnet und kochte Kaffee fr den Arzt.
    Ich trat aufgeregt zu ihr.
    Ilse, wie kannst du das nur? Wie ist dir das mglich in einem solchen
Augenblick? rief ich zornig vorwurfsvoll.
    Sollen andere dursten und hungern, weil ich Schmerz habe? fragte sie
scharf und strafend. Hast heute nacht deine Gromutter sterben sehen und hast
doch nicht von ihr gelernt, da man in den schlimmsten Stunden den Kopf oben
behalten soll!
    Tief beschmt legte ich meine Arme um ihren Hals; denn das Gesicht, das sich
mir erst jetzt voll zugewendet, schien wie erstarrt im Jammer, und das urgesunde
Rot war bis auf den letzten Schein weggelscht von den Wangen. Und doch rhrten
sich die Hnde nach wie vor, und nicht die kleinste Pflicht durfte versumt
werden.
    Der Doktor kam herein und der Knecht, der ihn gefahren, auch; ich ging ihnen
aus dem Wege und trat wieder vor das Haus.
    Die Enten des Dierkhofes, smtliche Schnbel nach der Heide hinaus
gerichtet, standen am geschlossenen Gatterthore der Einfriedigung; sie warteten
sehnschtig auf den Augenblick, wo es geffnet wurde und sie hinausrennen und
sich kopfber in den Flu strzen durften. Nur eine balgte sich noch mit einem
weien, zerflatternden Klumpen im Hofe herum - da war ja der Brief, den meine
Gromutter heute nacht vom Fleet aus fortgeschleudert, und welchen Ilse nachher
so emsig gesucht hatte! Er war bis vor das offene Hausthor geflogen. Ich ffnete
den Enten das Gatter und nahm den befreiten Papierknuel auf; er sah bel
zugerichtet aus; das schmutzige Wagenrad war ber ihn hingegangen, und der
Entenschnabel hatte ihn halb zerfleischt.
    Auf das Bnkchen unter dem Ebereschenbaum flchtend, machte ich mich daran,
das Papier auf dem Knie zu gltten und die auseinanderfallenden Stcke
zusammenzufgen. Es fehlte viel, zudem war die Handschrift eine sehr flchtige;
unter groer Mhe entzifferte ich folgende Stellen:
    Ich habe Dich nie belstigt, weil ich es Dir gegenber fr Ehrensache
hielt, den eigenmchtig eingeschlagenen Weg auch selbstndig zu gehen ... Die
Verlorene hat alles gethan, damit kein Schatten ihrer Laufbahn auf Dich
zurckfalle - nie ist mein eigentlicher Familienname gegen andere ber meine
Lippen gekommen, nie habe ich durch irgendwelche Erkundigungen nach Dir und
meiner ehemaligen Heimat den Verdacht erregt, als sei ich mit den Sassens
verwandt - es htte sie wahrlich nicht geschndet; denn - denke, wie Du willst -
ich sage es dennoch mit Stolz, man hat mich einstimmig das Wunder, den
glnzendsten Stern unserer Zeit genannt ... Hier war ein Stck Papier
abgerissen, es fehlte - aber auf der anderen Seite des Bogens las ich weiter:
Nun ist ein schweres Unglck ber mich hereingebrochen - wohin soll ich gehen,
wenn nicht zu Dir? ... Ich habe meine Stimme verloren, meine kostbare Stimme!
Die Aerzte sagen, eine Badekur in Deutschland knne sie mir zurckgeben. Aber
ich stehe da mit leeren Hnden; durch die gewissenlose Verwaltung anderer ist
mein Vermgen bis auf den letzten Groschen verloren gegangen ... Auf den Knieen
liege ich vor Dir, die Du im Wohlleben schwimmst, die Du nie erfahren hast, was
Not, grimme Not ist - ich knnte Dir viel erzhlen von schlaflosen, qualvollen
Nchten ... Vergi nur einmal, nur auf eine Stunde, da ich unfolgsam war, und
gib mir die Mittel, mich zu retten! Was sind einige hundert Thaler fr Dich,
die - ber das Folgende lief die breite schwarze Spur des Wagenrades, die
ohnehin blassen Schriftzge waren total zerkratzt und verwischt. Auf einem
herabhngenden Fetzen des zweiten Blattes stand noch ziemlich lesbar die Adresse
der Schreiberin, und auf einem anderen die zwei Worte, die gengt hatten, meine
Gromutter in schumende Wut zu versetzen, die Unterschrift Deine Christine.
    Wer war Christine? Dieses Wunder, der glnzendste Stern unserer Zeit? ...
    Die Stelle Auf den Knieen liege ich vor Dir! machte auf mein einfaches,
unverbildetes Gemt einen ungeheuer dramatischen Eindruck. Ich sah sofort das
schlankste Ritterfrulein aus einem meiner Bilderbcher in die Kniee sinken und
die weien Hnde flehend erheben ... Und die Stimme hatte sie verloren, ihre
kostbare Stimme! ... Meine Hnde fuhren unwillkrlich nach dem Halse - wie mute
das entsetzlich sein, wenn man mit voller Brust aushob, um die Tne
hinausklingen zu lassen, und die Kehle versagte und blieb stumm!
    Weder Frulein Streit, noch Ilse hatten je auch nur mit einer Silbe jener
Verlorenen gedacht, und doch mute sie meiner Gromutter sehr nahe gestanden
haben, denn sie war ihr letzter Gedanke gewesen. Jetzt erst erschtterte mich
das feierliche Christine, ich verzeihe! in tiefinnerster Seele; unwillkrlich
mute ich an den verlorenen Sohn denken, der im tiefsten, stillsten
Herzenswinkel des Vaters doch das geliebte Kind geblieben war.
    Ich steckte die Briefreste in meine Tasche und ging hinein auf den Fleet.
Eben rollte die Chaise aus dem Gartenthor und bog, bedenklich schwankend, in den
nach links fhrenden schauderhaften Heideweg ein, und von der entgegengesetzten
Seite her kam Heinz auf den Dierkhof zugetrabt. In diesem Augenblick erst fiel
es mir auf, da er ja stundenlang verschwunden gewesen war. Ich trat neben Ilse,
die den Doktor bis an das Hausthor begleitet hatte und auf der Schwelle stehen
geblieben war ... Es wollte mir scheinen, als kme Freund Heinz sehr unsicher
daher; er machte sich erst noch in vllig unntzer Weise mit dem Gatter zu
schaffen, ehe er es unternahm, auf uns zuzuschreiten - das wurde ihm offenbar
blutsauer. Beim Anblick unserer verweinten Gesichter blieb er verwirrt stehen.
    Nu, was hat er denn gemeint? fragte er verlegen stockend, indem er mit dem
Daumen ber die Schulter zurck nach dem wegfahrenden Doktor zeigte.
    Mein Gott, Heinz, du weit es nicht? rief ich, aber Ilse unterbrach mich
mit barscher Stimme.
    Wo warst du? fragte sie kurz und bndig den Bruder.
    Bei mir zu Hause, antwortete er trotzig.
    Heinz trotzig! Ich traute meinen Augen und Ohren nicht; aber da stand er
trotz allem dem, der ewig Nachgebende, und schpfte offenbar Mut aus seinem
eigenen widersetzlichen Ton, denn nun verstieg er sich auch noch zu der
unglaublichen Khnheit, Ilses feindlich scharfen Blick zu parieren.
    So - was war denn nachts um Eins so ntig bei dir zu Hause? Hast wohl
deinen Vogel fttern mssen! sagte sie schneidend.
    Er sah ngstlich und unsicher auf. O je - nachts um Eins den Vogel fttern
- wie werd' ich denn so dumm sein! Zwischen meine vier Wnde hab' ich mich
gesetzt, platzte er heraus, die hat mein Vater mit seinen ehrlichen Hnden
gebaut, und ein frommer Spruch steht ber der Thr ... Wie werd' ich denn auf
dem Dierkhof bleiben, wenn eine Judenseele geradeswegs in die Hlle fhrt! ...
Ilse, wenn das mein Vater wte, da du bei einer Judenfrau gedient hast!
    Heinz, wenn das mein Vater wte, da du bei einem Christen gedient hast,
wo du halb verhungert und erfroren bist, und der dir alle Tage mit Ohrfeigen und
Stockprgeln gedroht hat! parodierte sie ihn zornig. Das ist mir ja eine ganz
neue Weisheit, die du da auskramst, und die hast du von da drben! Sie zeigte
nach der Richtung eines groen Dorfes hinter dem Walde, wo Heinz in frheren
Jahren als Knecht gedient hatte.
    Ja, hast recht, von dort her hab' ich's! versetzte er trotzig wie vorher
und nickte verstockt mit steifem Nacken. Die Juden sind verflucht bis in alle
Ewigkeit, weil sie den Heiland gekreuzigt haben. Mein Herr hat's gesagt, und das
war ein Reicher und ein Hofbesitzer, und der Pfarrer hat's von der Kanzel
gepredigt, und der mu es noch besser wissen - dafr war er der Pfarrer!
    Ilse sah dem Sprecher scharf ins Auge. Jetzt pa auf! setzte sie kurz und
resolut hinzu und trat ihm mit aufgehobenem Zeigefinger so nahe, da er
ngstlich zurckwich. Es ist ein fr allemal nicht wahr, da der Heiland von
unserem Herrgott bis in alle Ewigkeit gercht sein will! Wenn er das zuliee,
nachher wr's aber auch aus und vorbei mit meinem Glauben, denn er hat uns
geboten Segnet, die euch fluchen, und tht's selber nicht! ... Wenn ich Christi
Leidensgeschichte lese, da hab' ich freilich allemal einen Heidenzorn auf die
Juden, die dazumal gelebt haben ... Wie werd' ich denn so ein Unmensch sein und
meinen Zorn an Leuten auslassen, die bis auf den heutigen Tag als unschuldige
Kinder auf die Welt kommen und von ihren Eltern in der alten Lehre aufgezogen
werden! ... He, Musje Heinz, wie gefiele dir denn das, wenn irgend ein Mensch
mir etwas zuleide thte und ich wollte seine Kinder dafr schlagen?
    Das ist lauter Studiertes! sagte Heinz kleinlaut, das hast du alles von
der alten Frau gelernt -
    Das hab' ich nicht gelernt, wie die Bibelsprche in der Schule; das hat mir
mein Gewissen und, sie deutete auf ihre Stirne, der gesunde Menschenverstand
gesagt ... Gesprochen hab' ich freilich im Anfang viel mit meiner armen Frau,
und es hat ein Wort das andere gegeben, und ich hab' sie manchmal beruhigt, wenn
die Leute im schwarzen Rock Unheil angerichtet hatten ... Die Juden haben den
Heiland einmal gekreuzigt; aber solche, wie der Herr Pfarrer dort drben, sie
zeigte abermals nach dem Dorfe hinter dem Walde, die kreuzigen ihn alle Tage -
Feuer und Schwert und Verfluchen und bse Worte, die machen das Reich Christi
gar nicht fein, und ist es den Leuten nicht zu verdenken, wenn sie nicht hinein
wollen! ... Da hast du meine Meinung, und nun sage ich noch zu dir selber: Pfui,
schme dich in dein Herz hinein, du undankbarer Mensch! Hast lange Jahre das
Brot auf dem Dierkhof gegessen - und ich meine, es ist dir recht gut bekommen,
das Judenbrot - und nun lssest du die alte Frau in ihrer Sterbestunde allein -
geh heim, und lies das Kapitel vom barmherzigen Samariter!
    Sie wandte sich um und ging in das Haus hinein.
    Recht hatte sie, vollkommen recht! Bei jedem Worte wurde es mir so leicht,
als htte ich selber gesprochen und meiner Erbitterung Luft gemacht. Ich war
tief emprt, und doch dauerte mich der arme Snder, wie er ganz zerknirscht, mit
niedergeschlagenen Augen an der Schwelle stehen blieb und sich nicht in das Haus
hineintraute ... Wie war es nur mglich? Dieser Mensch mit der kinderweichen
Seele, der kein Tier leiden sehen konnte, er zeigte pltzlich eine dunkle Stelle
in seinem Gemt, eine unbegreifliche Hrte und Erbarmungslosigkeit, und glaubte
sich dazu auch noch vllig berechtigt, ja frmlich autorisiert gerade - als
Christ!
    Heinz, du hast einen sehr schlechten Streich gemacht! schalt ich in hartem
Ton.
    Ach, Prinzechen, wem soll man's denn nur recht machen? seufzte er auf,
und Thrnen funkelten in seinen Augen. Todsnde gegen den lieben Gott soll's
sein, wenn man dem Pfarrer nicht gehorcht, und nun meint Ilse, ich sei ein
schlechter Kerl, weil ich ihm folge.
    Ilse trifft immer das Richtige - das httest du doch wahrhaftig wissen
sollen, sagte ich. Die Strenge, die ich mir vorhin erlaubt, gelang mir nicht
mehr. So unreif ich auch noch im Denken war, das sah ich doch ein, die
Grausamkeit wurzelte auch nicht mit einem Fserchen in seiner Seele selbst, sie
war ihm systematisch eingeimpft worden - abscheulich!
    Meine Augen schweiften unwillkrlich ber den Himmel - mir graute nicht mehr
vor dem vielen Licht, das nun gekommen war; es flo wie milder Balsam in mein
gepretes Herz, und ich begriff zum erstenmal, nachdem ich heute abend dem Tod
in die dsteren Augen gesehen, die Wunderverkndigung des Auferstehens.
    Ich nahm Heinzens Rechte zwischen meine Hnde. Hier im Hofe kannst du doch
nicht stehen bleiben, sagte ich. Komme nur mit herein - Ilse wird schon wieder
gut werden; und meine liebe, arme Gromutter - die hat dir lngst verziehen; sie
ist im Himmel!
    Wei es Gott, wie leid mir die alte Frau thut! murmelte er und lie sich
wie ein Kind auf den Fleet fhren.
    Drauen im Baumhof stand Ilse, sie hatte den Eimer unter den Brunnen
gestellt und hob eben den Schwengel; beim ersten Aufkreischen desselben lie sie
ihn mit kreideweiem Gesicht wieder sinken.
    O, Herr Jesus, ich kann das nicht mehr hren! sthnte sie auf.
    Sie kam herein, sank auf einen Stuhl nieder und verhllte die Augen mit
ihrer Schrze. Aber das dauerte keine zwei Minuten.
    Was fr ein albern Ding bin ich doch! sagte sie unwirsch, richtete sich
straff empor und strich die Schrze ber den Knieen glatt. Mchte wohl gar die
Frau wieder da am Brunnen stehen sehen, wo sie immer ihren Kopf gekhlt hat, und
sollte doch Gott danken, da sie drin still liegt und erlst ist von dem vielen
Jammer.
    Ilse, war Christine an dem vielen Jammer schuld? fragte ich schchtern.
    Sie sah mich scharf an. Ach so, sagte sie nach kurzem Besinnen, du hast's
ja heute nacht mit angehrt - nun, da magst du's wissen, sie hat so viel Jammer
ber deine Gromutter gebracht, wie es eben nur eine ungeratene Tochter kann.
    Ach, mein Vater hat eine Schwester? rief ich berrascht.
    Eine Stiefschwester, Kind ... Deine Gromutter war zuerst an einen Juden
verheiratet, der ist jung verstorben - die Christine hat dazumal noch in den
Windeln gelegen. Nach zwei Jahren hat die Gromutter sich und das Kind taufen
lassen und ist Frau Rtin von Sassen geworden - nun weit du alles -
    Nein, Ilse, noch nicht alles - was hat die Christine verbrochen?
    Sie ist heimlich entwischt und unter die Komdianten gegangen -
    Ist das so schlimm?
    Das Durchbrennen freilich - das solltest du doch selber wissen - was aber
die Komdianten betrifft, da kenne ich keinen einzigen und kann nicht sagen, ob
sie schlimm oder recht sind. - Bist du nun fertig?
    Ilse, sei nicht bse, sagte ich zgernd, aber eines mchte ich dir noch
sagen - diese Christine ist doch sehr unglcklich, sie hat ihre Stimme
verloren.
    So - du hast den Brief gefunden und ihn gelesen, Leonore? fragte sie in
ihrem eisigsten Tone.
    Ich nickte stumm mit dem Kopfe.
    Und du schmst dich nicht? schalt sie. Mir machst du Vorwrfe, weil ich
in den schweren Stunden meine Pflicht und Schuldigkeit thue, und in dem gleichen
Moment guckst du in fremde Briefe, die dich auf der Gotteswelt nichts angehen! -
Das ist so gut wie Diebstahl - weit du das? ... Uebrigens glaube ich kein Wort
von dem ganzen geschriebenen Zeug; und damit gib dich zufrieden!
    Nein, das kann ich nicht! ... Sie dauert mich! Wirst du ihr wirklich nichts
schicken? ... Ach, Ilse, ich bitte dich -
    Nicht einen Pfennig! ... Die hat mehr als ihr Erbteil vorweg genommen in
der Nacht, wo sie heimlich aus dem Hause gegangen ist - das hat auch in dem
armen Kopf da drinnen gewhlt -
    Meine Gromutter hat ihr verziehen, Ilse -
    Ich mte das erst lernen! Das kann wohl eine Mutter, noch dazu, wenn sie
schon fast nicht mehr auf der Erde ist; aber unsereinem, der das Elend jahrelang
mit angesehen und redlich mitgetragen hat, dem wird's schon saurer ... Gelt,
nimmst alles fr bare Mnze, was in dem Briefe steht? ... Ja, ja, auf den Knieen
kmmt sie gerutscht, aber nicht etwa, weil sie Verzeihung will - Gott bewahre! -
ohne die hat sie lange Jahre drauen gelebt, und ist es recht gut gegangen -
Geld will sie! ... Das liebe Geld! Darum ist's freilich der Mhe wert, auf die
Kniee zu fallen!
    Wie tief mute ihr dies alles gehen, da sie so heftig und bitter und so
anhaltend sprach, die schweigsame Ilse.
    Kannst bei der Gelegenheit auch erfahren, weshalb deine Gromutter das
Geldgeklapper nicht hren konnte, fuhr sie, tief Atem schpfend, fort. Es kann
dir nicht schaden, wenn du erfhrst, wie viel Unglck oft an solchen leidigen
Thalern hngt, wie du sie gestern zum erstenmal in deinem Leben gesehen hast ...
Deine Gromutter ist die reichste Frau in Hannover gewesen - ihr erster Mann hat
ihr volle Kisten und Kasten hinterlassen ... Nachher bei der zweiten Heirat -
sie mochte den Mann eben zu gut leiden - da hat sie die grten Opfer gebracht,
ihren Glauben hat sie hingegeben; den durfte sie ja nicht mitbringen - mit dem
jdischen Geld nimmt man's nicht so genau. Es hat auch gar nicht lange gedauert,
da ist's ihr klar geworden, da es dem zweiten nicht im geringsten um ihre Liebe
zu thun gewesen ist - ihre Kapitalien aber sind mit der Zeit nur so nach allen
vier Winden verflogen - der hat's verstanden!
    Das war mein Grovater, Ilse?
    Das prchtige Karminrot erschien pltzlich in seiner ganzen frheren Glut
auf Ilses Backenknochen.
    Siehst du, da lssest du einem keine Ruhe und fragst das Blaue vom Himmel
herunter, und nachher kommen solche Dinge zum Vorschein! schalt sie rgerlich
und stand auf. Aber das sage ich dir, mit der Christine kmmst du mir nicht
wieder - die ist tot fr mich, das merke dir, Kind ... Brauchst auch gar nicht
mehr an die Verlogene zu denken - das sind Dinge, die nicht in deinen jungen
Kopf passen!
    Sie schob Heinz, der sich demtig und schweigend auf einen Stuhl gesetzt
hatte, eine Tasse hin und schenkte ihm Kaffee ein; aber einen Blick erhielt er
noch nicht. Dann ging sie wieder hinaus an den Brunnen. Ich sah, wie sie die
Zhne zusammenbi, als sie den Schwengel hob, aber das mute ja sein! Der
Wasserstrom scho unermdlich nieder, bis der Eimer gefllt war.
    Nein, und wenn Ilse auch immer das Richtige traf, darin konnte ich ihr doch
nicht folgen. Denken mute ich an die unglckliche Sngerin! Sie war ja meine
Tante! Meine Tante! Das klang s und wohlthuend, aber doch viel zu gesetzt fr
das reizende Gebild, das mir vorschwebte ... Und doch - sie war lter als mein
Vater, lter als zweiundvierzig Jahre - hu, wie entsetzlich alt! ... Aber das
half doch alles nichts, meine Phantasie blieb geschftig, die interessante
Gestalt auszuschmcken - sie war ja eine Sngerin ...
    Ich flchtete mit meinem bervollen Herzen hinber auf den einsamen Hgel
und starrte mit schmerzenden Augen in den schnen blauen Himmel ... Ob sie mich
wohl sah, meine liebe Gromutter, wie ich traurig dasa? Sie war ganz gewi
nicht bse, da ich an Christine dachte - sie hatte ihr ja verziehen! ...

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Vier Wochen waren seit dem Tode meiner Gromutter verstrichen. Ich war dabei,
als man sie auf dem Gottesacker des nchsten Dorfes in die Erde bettete. Der
gute, alte Pfarrer betete so inbrnstig um Frieden fr die Hingeschiedene, als
lge sein liebstes Beichtkind zu seinen Fen, und Heinz schien auch vergessen
zu haben, da die wenigen Bretter da unten eine getaufte, und dem Christentum
dennoch wieder abgewendete Jdin umschlossen - er weinte bitterlich ... Nun
blhten schon die bunten Sommerblumen auf dem neuen Hgel; sie stiegen leicht
und zwanglos aus dem dunklen Erdreich, wie liebliche Traumgebilde der drunten
Schlafenden, und nickten hellugig in die sonnige Welt hinein.
    Der einsame Dierkhof hatte just seine schnste Zeit; er lag mitten in einem
pfirsichfarbenen Bett - die Heide fing an zu blhen, und die Bienenschwrme, die
bis dahin auf den goldenen Rbsamenfeldern und in der Buchweizenblte geschwelgt
hatten, breiteten sich nun wonnetrunken ber den unabsehbaren, honigtriefenden
Flchen aus ... Nun summte sie wieder bestrickend und einlullend um das traute
Dach, die uralte eintnige Heidemelodie! Aus den Lften taumelten meine
Lieblinge, die blauen Schmetterlinge, so massenhaft nieder, als sei der
strahlende Sommerhimmel droben in Stckchen zerflattert; ber die Sandblen
schlpften goldflimmernde Laufkfer, und an den Wiesen- und Gartenblumen hingen
Perlmuttervgel, der prchtige Admiral und das Pfauenauge.
    Sonst war ich den Schmetterlingen nachgelaufen, hatte sie eingefangen, mich
ergtzt an dem wunderbaren Farbenspiel der Flgel, und sie dann wieder
davonfliegen lassen - so hatte ich oft halbe Tage lang die Heide durchschwrmt;
das war jetzt anders geworden. Ich hielt mich viel im Zimmer meiner Gromutter
auf, das mit seinen altertmlichen, aus dem Judenhause stammenden Mbeln einen
geheimnisvollen Reiz auf mich ausbte. Es lag und stand da alles an seinem alten
Platze, nicht ein Gert war verrckt worden, die groe Uhr wurde wieder
pnktlich aufgezogen, und damit nichts fehle, was den Glauben erwecken konnte,
die Verstorbene walte noch in dem Raume, hatte Ilse die niedergebrannten Kerzen
auf dem Silberleuchter durch neue ersetzt.
    Sie schlo mir auch da und dort eine Truhe oder einen Spind auf; die Fcher
waren meist leer - meine Gromutter hatte bei ihrer Flucht aus der Welt allen
Ballast von sich geworfen. Dafr war mir aber auch jedes beschriebene
Papierblttchen, jeder zerstubende Blumenrest ein interessanter Fund.
    In einem Schranke hingen auch noch verschiedene Kleidungsstcke, die meine
Gromutter aber nie in der Heide getragen hatte. Eines Tages nahm Ilse ein
schwarzes, wollenes Kleid aus dem Schranke, zertrennte es und fing an,
zuzuschneiden - sie hatte in der Stadt schneidern gelernt, und das war ihr Stolz
... Ich war sehr erschrocken, als sie mich aufforderte, zur Anprobe in das Werk
ihrer Hnde zu schlpfen - das Ding sah aus wie ein Kra.
    Ilse, nur das nicht! protestierte ich schaudernd und zerrte ngstlich an
dem pressenden Halsausschnitt, der mir dicht an der Kehle sa, und mein Ellbogen
gab sich insgeheim alle Mhe, die enge, drckende Aermelnaht zu zersprengen.
    Ei was - wirst dich schon dran gewhnen! sagte sie kaltbltig und
schneiderte weiter.
    Wir saen im Baumhof unter den Eichen, wohin ich einen Tisch und Sthle
getragen hatte. Drauen ber der Ebene brtete die flimmernde
Nachmittagssonnenhitze; aber hier war es schattig, khl und still; nur die
Bienen summten, und droben im Nest schrieen die jungen Elstern. Ich hatte den
bergroen, runden, braunen Strohhut unter den Hnden, den mir Ilse vor etwa
fnf Sommern aus der Stadt hatte kommen lassen, und trennte auf ihr Gehei das
Rosaband herunter, das die Wonne meiner Augen gewesen war.
    Da kam Heinz aus dem nchsten Dorfe zurck und legte einen Brief vor Ilse
hin.
    Mein Vater hatte auf die ihm telegraphisch mitgeteilte Nachricht vom Ableben
meiner Gromutter hin geschrieben und sein Nichterscheinen bei der Beerdigung
mit ernstlichem Kranksein entschuldigt. Seitdem war die Korrespondenz zwischen
ihm und Ilse eine ziemlich lebhafte geworden; um was es sich handelte, wute ich
nicht, ich bekam keine Zeile zu sehen; aber so viel war mir bekannt, da
zwischen Ilses letztem Schreiben und der Antwort meines Vaters, die sie da eben
vor meinen Augen berlas, kaum fnf Tage lagen.
    Nichts da! sagte sie und steckte den Brief in die Tasche. Uebermorgen
reisen wir - dabei bleibt's!
    Hut und Schere fielen mir aus den Hnden.
    Reisen wir! wiederholte ich mit stockendem Atem. Du willst mit Heinz
fort? ... Ihr wollt mich mutterseelenallein auf dem Dierkhofe lassen?
    O je, da wr' er gut aufgehoben, der arme Dierkhof! rief sie und zum
erstenmal wieder seit dem Tode meiner Gromutter flog ein schwaches Lcheln ber
ihre Zge. Nrrisches Ding, du sollst fort!
    Ich stand auf und warf meinen Stuhl so heftig zurck, da er polternd
hintenber fiel.
    Ich? - wohin denn? stie ich hervor.
    In die Stadt, lautete die lakonische Antwort.
    Das ganze sonnige Heideland drauen und die urkrftigen, rauschenden Eichen
ber mir versanken - die entsetzliche, dunkle Hinterstube umfing mich, und ich
sah in das feuchte, karge Grtchen inmitten der vier grn angelaufenen
Huserwnde.
    Und was soll ich in der Stadt? prete ich heraus.
    Lernen!
    Ich gehe nicht mit, Ilse, darauf kannst du dich verlassen! erklrte ich
entschieden, whrend ich mit den bitteren, heien Thrnen rang. Mache mit mir,
was du willst - aber du sollst sehen, ich klammere mich in der letzten Stunde
drauen am Hausthorpfosten an ... Ob du das Herz hast, mich fortzuschleppen?
Ich schttelte Heinz, der wie eine Bildsule mit offenem Munde dastand,
verzweiflungsvoll am Aermel. Hrst du denn nicht - fort soll ich! ... Wirst du
das leiden, Heinz?
    Ist's denn wirklich wahr, Ilse? fragte er beklommen und faltete die
ungeschlachten Hnde ineinander.
    Nun sehe mir einer die zwei Kinder hier an - thun sie doch wirklich, als
sollte der Kleinen der Hals abgeschnitten werden! schalt sie, aber ich sah
recht gut, da ihr gar nicht wohl zu Mute war bei meiner ausbrechenden
Heftigkeit. Meinst du denn, es kann das ganze Leben lang so fortgehen, Heinz,
da das Kind wie ein Heide den ganzen lieben Tag ber drauen herumtobt und mir
abends barfu, mit Schuhen und Strmpfen in der Hand, heimkommt? ... Sie kann
nichts und versteht nichts und luft fort wie eine wilde Katze, wenn ihr ein
fremdes Gesicht ber den Weg geht! ... Wo soll's endlich hinaus ... Das ist
immer mein stiller Kummer gewesen, und ich hab' manchmal vor Angst nicht
einschlafen knnen; aber solange die Gromutter lebte, konnte ich nicht fort -
das ist vorbei, und nun halten mich keine zehn Pferde mehr! Sei vernnftig, mein
Kind! sagte sie zu mir und zog mich wie ein kleines Kind auf ihre Kniee. Ich
bringe dich zu deinem Vater - nur zwei Jahre bleibe drauen und lerne was
Rechtes, und wenn es dir durchaus nicht gefallen will, da kommst du wieder heim
auf den Dierkhof, und nachher bleiben wir zusammen, gelt?
    Zwei Jahre! Das war ja eine ganze Ewigkeit! ... Zweimal sollte die Heide
blhen, sollten die Strche fortziehen und wiederkommen, und ich war nicht auf
dem Dierkhof; ich steckte zwischen vier dumpfen Wnden und knebelte am verhaten
Strickstrumpf, oder mute wohl gar Schreibbungen halten und neue Bibelsprche
auswendig lernen! ... Ich schauderte und schttelte mich, und jede Fiber in mir
sthlte sich zu Aufruhr und energischem Widerstand.
    Ilse, da lasse mich nur gleich drben auf dem Gottesacker einscharren!
sagte ich trotzig. In die entsetzliche Hinterstube bringst du mich nicht -
    Dummes Zeug! unterbrach sie mich. Glaubst du denn, dein Vater kann sie im
Koffer mitnehmen? ... Er ist ja fortgezogen, und vieles ist anders geworden -
nun wohnt er ja in K.
    Husch, da war der braune Lockenkopf mit der blendend weien Stirne wieder
und sah mich mit spttischen Augen an - er kam immer so unversehens und
erschreckte mich jedesmal so heftig, da mir das Blut hei nach den Schlfen
scho!
    Mein Vater will mich ja nicht! sagte ich und steckte das Gesicht in Ilses
Halstuch.
    Das wollen wir sehen! versetzte sie mit einem schlecht unterdrckten
Seufzer; aber sie warf herausfordernd den Kopf zurck und schob mich von sich.
    Mu es wirklich sein? ... Ach Ilse -
    Es mu sein, Kind! ... Und nun sei still und mache mir das Leben nicht
schwer! Denke an deine Gromutter - die hat's auch so gewollt!
    Sie nhte mit verdoppeltem Eifer den zweiten Aermel in das schwarze Kleid;
Heinz aber schob die kaltgewordene Pfeife in die Tasche und schlich fort. Gegen
Abend sah ich ihn drben auf dem groen Hnenbett sitzen; er hatte die Arme um
die Kniee gelegt und sah unverwandt hinaus ins Weite ... Ich lief hinber und
setzte mich zu ihm, und nun flossen die Thrnen unaufhaltsam, die sich in Ilses
strenger Gegenwart nicht hervorgewagt hatten. Ein so tiefes Trennungsweh hatte
das blaue Stck Himmel ber uns wohl lange nicht gesehen!
    Am anderen Tage sah die Wohnstube schrecklich aus. Eine groe hlzerne Truhe
stand auf den Dielen, und Ilse packte ein.
    Da sieh her! sagte sie und hielt mir ein Paket grober, buntgewrfelter
Bettberzge hin. Ist das nicht eine wahre Pracht! ... Ja, da ist Kern drin!
... Das Spinnwebenzeug, in dem die Gromutter schlief, ist mir von jeher ein
Greuel gewesen!
    Sie schob einen Sto auerordentlich feinen, mit Stickerei besetzten
Leinenzeugs verchtlich auf die Seite. Die neuen Ueberzge bekommst du mit; die
habe ich nach und nach fr den Haushalt angeschafft, seit wir auf dem Dierkhof
sind - halte sie ordentlich!
    Auch ein ganzes Regiment jener steifen, unfrmlichen Strmpfe aus
Heidschnuckenwolle wanderte in den Koffer und fllte einen betrchtlichen Raum.
Ilse hatte jahrelang betrchtliche Vorrte fr mich aufgespeichert, die nun
drauen in der Welt Staat machen sollten ... Dann wurden kolossale strotzende
Federbetten zu einem Ballen geknetet und in Sackzeug eingenht - ein riesiges
Frachtstck!
    Mir verursachten alle diese Vorbereitungen entsetzliches Herzweh, und doch
gab es Augenblicke, wo meine junge Seele pltzlich schwoll, wo es ber sie kam
wie ein frohes Ahnen, eine schne Hoffnung; aber das erschien und erlosch wie
der Blitz, und - seltsame Gedankenverbindung - mein Blick huschte jedesmal scheu
und prfend ber meine Schuhe hin. Sie waren jetzt recht hbsch ausgetreten und
gewhrten meinen Fen in liberalster Weise Spielraum. Ich trat so stark auf,
als ich vermochte, und suchte mein ngstliches Herz mit der unumstlichen
Gewiheit zu beruhigen, da die Ngel doch bei weitem nicht mehr so entsetzlich
klapperten wie vor vier Wochen. Aber das half nicht immer, und so verstieg ich
mich denn einmal in meiner Bedrngnis zu der schchternen Bitte, Ilse mchte mir
unterwegs ein Paar neue Schuhe kaufen. Aber da kam ich schn an. Sie zog mir
einen Schuh aus und hielt ihn gegen das Licht.
    Solche Nhte und solche Sohlen, die kann man suchen! sagte sie. Das sind
Schuhe, in denen du noch nach zwei Jahren zum Tanze gehen kannst! ... Brauchst
keine neuen!
    Damit war die Sache erledigt.
    Und er kam wirklich, der Morgen, da ich meinen geliebten Dierkhof verlassen
sollte ... Frh vor vier Uhr lief ich schon durch die tautriefende Heide. Ich
winkte mit ausgebreiteten Armen ber die Millionen bltenbeschwerter
Erikastengel hin und nach dem qualmenden Torfsumpf hinber, und schttelte die
gute, alte Fhre im Abschiedsschmerz so heftig, da die letzten drren Nadeln
vom vergangenen Winter auf mein flatterndes Haar herabrieselten ... Spitz war
mitgelaufen und bellte und freute sich wie nrrisch - er hielt alle meine
heftigen Bewegungen fr eitel Spa und Kurzweil, die ich ihm machen wolle. Ich
flocht einen bunten Kranz und legte ihn auf Miekes Hrner, die schlaftrunken
aufblinzelte und zu bequem war, um mir auch nur mit einem leisen Brummen zu
danken oder adieu zu sagen.
    Dann zog mir Ilse das neue, schwarze Kleid an und band eine schneeweie,
breite und faltenreiche Batistkrause aus dem Wschespind der Gromutter um
meinen Hals - mein schwarzbrauner Kopf lag darauf wie eine abgefallene Haselnu
auf einem kleinen Schneepolster. Darber wlbte sich der umfangreiche braune
Strohhut, den Ilse mit einem schwarzen Band besteckt hatte. Ich mag wohl eine
merkwrdige Reiseerscheinung gewesen sein, hnlich wie die kleinen Waldpilze mit
den groen Hutdeckeln, die ich immer so lcherlich fand.
    Nach dem Kaffee, den ich unter Thrnenstrmen hinabgeschluckt hatte, brachte
Ilse eine Schachtel und nahm feierlich, mit spitzen Fingern einen violetten
Tafthut heraus.
    Das war mein Kirchenhut in Hannover, sagte sie, vor den Spiegel tretend,
und setzte sich das wunderliche Seidenhaus vorsichtig auf den Scheitel. In der
Stadt darf man nicht ohne Hut ausgehen - es ist nun einmal so!
    Ich sah scheu zu ihr auf. Der Begriff Mode existierte natrlicherweise
nicht fr mich. Ich hatte keine Ahnung davon, da es jenseits der Heide eine
Macht gab, welcher sich der Mensch widerstandslos unterwirft, und von der er
seine uere Erscheinung in Formen treten und kneten lt, wie sie gerade Lust
und Laune hat. Deshalb wurde auch mein Respekt vor dem schnabelfrmigen Gebude
selbst nicht im geringsten geschmlert; aber es hatte whrend der
zwanzigjhrigen Rast in der Hutschachtel offenbar stark an Glanz und Nance
eingebt. Ilse schien das nicht zu finden. Sie zupfte die mifarbenen Pensees
ber ihrer krausen, gelben Haarwolke zurecht, warf die offen herabhngenden
Bindebnder in den Nacken zurck, schlug ein groes schwarzes Wolltuch um die
Schultern, und fort ging es.
    Heinz und ein Bauernknecht aus dem nchsten Dorfe fuhren das Gepck. Sanft,
aber unwiderstehlich schob mich Ilse aus dem Hausthor, auf dessen Schwelle meine
Fe wie festgezaubert standen. Ich hrte hinter mir den Hausschlssel umdrehen,
dann scheuchte Ilse scheltend die Hhner und Enten zurck, die uns durchaus ins
Freie begleiten wollten; sie schrieen und krakeelten durcheinander, und
dazwischen hinein brllte die eingeschlossene Mieke von der Tenne her ... Auch
das Gatterthor wurde hinter mir zugeschlagen und verrammelt, und nun wanderte
ich hinaus aus dem Paradies meiner Kindheit auf demselben Wege, den einst
Frulein Streit gegangen war ...
    Wie ich von Heinz fortgekommen bin, kann ich nicht sagen. Ueber den ganzen
sonnigen Abschiedsmorgen breitet sich mir heute noch ein Thrnenflor. Ich wei
nur, da ich das gute, alte, weinende Menschenkind mit beiden Armen umschlungen
und der schauderhaft breiten und steifen Hutkrempe zum Trotz mein Gesicht tief
in seinen alten Drellrock eingewhlt habe, und da er, umringt von gaffenden
Bauernjungen, sein blaugewrfeltes Taschentuch vor die Augen hielt, whrend ich
im Dorfe die Kalesche bestieg, in der wir fortrumpeln sollten nach der weit
entfernten ersten Poststation.

                                       9


Es war zur Mittagszeit, als wir erschpft und mit steifgewordenen Gliedern auf
dem Bahnhofe in K. anlangten, nachdem wir schon den halben vorigen Tag und die
ganze Nacht auf der Eisenbahn gefahren waren. Die neuen Eindrcke, denen ich
berall begegnet war, hatten mich nahezu berwltigt. Nun hing die Sonne
senkrecht ber unserem Scheitel, und es schien, als wolle sie uns und den
schnaubenden Zug und die groe Husermasse der vor uns liegenden Stadt insgesamt
zu Pulver verbrennen.
    Zu Herrn Doktor von Sassen! sagte Ilse gebieterisch zu den zwei Mnnern,
die unsere Habseligkeiten auf einen kleinen Wagen luden.
    Kenne ich nicht! versetzte der eine.
    Ilse nannte die Hausnummer.
    Ah, das groe Smereigeschft - Firma Claudius? ... Wohl, wohl! sagte er
ehrerbietig, und der Wagen rollte fort.
    Eine erstickende Staubwolke empfing uns auf der Promenade, die sich zwischen
der Stadt und dem Bahnhof hinzog, und auf den weiten Rasenpltzen ringsum und
den kleinen hbschen Kastanien ber unseren Huptern lag es schwer und grau, als
habe es Asche geschneit ... Hier flog doch wenigstens noch ein Luftzug auf; aber
in den Straen, die wir nun durchwandern muten, herrschte bleierne, mephitisch
dumpfe Schwle. Dann und wann ffnete sich eine der engen Gassen, und wie eine
eintnige, sonnenflimmernde Scheibe breitete sich ein weiter Platz drauen hin -
mir war, als mten dort die erhitzten Pflastersteine dampfen oder helle Funken
zurcksprhen ... Ach, die rotblhende Ebene daheim mit dem erquickenden
Heideduft und den khlen, rauschenden Eichen um den Dierkhof!
    Das ist zum Sterben schrecklich, Ilse! sthnte ich, whrend sie meine Hand
ergriff und mich hastig auf das Trottoir zog - eine Equipage raste um die Ecke.
    Bis dahin waren uns nur wenige vorbereilende Menschen begegnet; die
Mittagsglut machte die Straen still und einsam. Nun aber scholl Trommeln und
Pfeifen fern herber.
    Die Wachtparade! sagte Ilse aufhorchend mit einem wohlgeflligen Lcheln -
alte, fnfundzwanzigjhrige hannversche Erinnerungen mochten wohl in ihr
auftauchen.
    Der Lrm kam rasch nher und pltzlich flutete ein Menschenschwall in die
Strae herein.
    Hu - guckt mal die an! Die hat hundert Jahre im Kleiderschrank gehangen!
schrie ein Junge und stellte sich vor Ilse hin. Er legte seine zwei Fuste auf
dem Kopf bereinander, um die Hutform anzudeuten, und schnitt eine Grimasse.
Alles lachte und schrie durcheinander, und selbst unsere zwei Lasttrger
schmunzelten.
    Gassenjungen! sagte Ilse verchtlich und hob steif den Kopf, whrend wir
zu meiner Beruhigung gerade in eine stille Seitenstrae einbogen. In Hannover
sind die Leute doch manierlicher - da ist mir so was nie passiert!
    Jeder Nerv zitterte in mir, und die tiefste Niedergeschlagenheit berkam
mich - Ilse, meine heilig respektierte Ilse war verhhnt worden! ... Ich drckte
ihre Rechte, die mich bis dahin geschtzt und geleitet, leise trstend und
liebkosend an meine Wange und lie meine mden, heien Fe mechanisch weiter
wandern
    Der Wachtparadenlrm hinter uns erlosch allmhlich, und endlich hielten die
Mnner in einer abgelegenen, totenstillen, aber mit vornehmen Husern besetzten
Strae ... Wir standen vor einem dstern Steinbau. Smtliche Fenster im
Erdgescho waren vergittert, und zu der hochgelegenen Hausthr fhrten Stufen
mit einem schnen Eisengelnder. Das alte Haus mit seiner breiten, massiven
Nordform mochte wohl imposant sein; ich aber entsetzte mich vor den
Fenstergittern, vor den geschwrzten Mauersteinen, auf die kein Sonnenschein
fiel, und die reichgeschnitzte und verschnrkelte schwere Bohlenthr mit dem
ungeheuren blitzenden Messingdrcker starrte mich an wie ein dunkles,
unheimliches Rtsel.
    Siehst du, Ilse, da ich recht hatte mit der Hinterstube? rief ich
verzweiflungsvoll. Wir wollen umkehren!
    Abwarten! sagte sie und zog mich die Stufen hinauf. Die Lasttrger nahmen
das Gepck auf die Schultern und traten hinter uns. Ilse klingelte. Gleich
darauf wurde die Thr langsam zurckgeschlagen, und ein alter Mann lie uns
eintreten. Eine ungewhnlich hohe und weite Hausflur nahm uns auf. Wir standen
auf einer glnzend polierten Steinmosaik - von Stein waren die breiten,
gewundenen Treppen im Hintergrund und die zwei mchtigen Trger inmitten der
Flur, die sich droben an der Decke in khne Bogen spalteten. Diese Steinmassen
hauchten eine kstliche Khle aus, aber ber sie hin breitete sich auch tiefer
Schatten, ein kirchenartiges Dmmerlicht, das nicht einmal die ber den Treppen
hereinfallenden Sonnengluten zu durchstrmen vermochten.
    Firma Claudius? fragte Ilse.
    Der Mann nickte steif, indem er mit sichtbarem Unwillen zurcktrat, um den
beladenen Mnnern Raum zu geben.
    Wohnt hier Herr Doktor von Sassen?
    Nein, hier nicht! versetzte er rasch und trat nun mit vorgestreckten Armen
den Leuten in den Weg. Herr von Sassen wohnt in der Karolinenlust - da mssen
Sie drauen rechts um die Straenecke biegen -
    O Herr Jesus, wir sollen wieder hinaus in die entsetzliche Hitze? klagte
Ilse mit einem Seitenblick auf mich.
    Thut mir leid, sagte der Alte ungerhrt und achselzuckend; aber durch
dieses Haus geht der Weg einmal nicht - und ihr solltet doch wahrhaftig wissen,
da fr dergleichen Dinge, fr solch einen Huckepack, drben in der Seitenstrae
das Thor ist! fuhr er die Leute an und zeigte auf die Effekten.
    In dem Augenblicke, wo er scheltend die Stimme erhob, fing auch im
Hintergrund der Halle ein Hund an, zornig mitzuklffen. Dort fhrten Stufen zu
einer Thr hinab. Auf diesen Stufen stand eine alte Dame in schwarzseidenem
Kleide und buntbebndertem Hubchen und wischte einem zierlichen Pinscher, der
jedenfalls eben von drauen hereingekommen war, mit einem Tuche sorgsam die
kleinen Pfoten ab.
    Lassen Sie doch die Leute durchgehen, Erdmann! rief sie freundlich
herber.
    Aber, Frulein Fliedner, sehen Sie doch nur den Staub! protestierte er so
ngstlich, als htten wir die ganze Asche des Vesuvs auf unseren Kleidern und
Schuhen und knnten damit seinen sauber polierten Fuboden verschtten. Und
wenn nun gar Herr Claudius in der Hinterstube ist und die Leute ber den Hof
gehen sieht, da kann es etwas geben, Frulein Fliedner!
    Ich schicke Drte nachher gleich mit dem Besen herunter, und was die
Schelte betrifft, so nehme ich sie auf mich, beschwichtigte sie ihn. Uebrigens
ist Herr Claudius auf keinen Fall in der Hinterstube - binnen fnf Minuten will
er ja nach Dorotheenthal fahren.
    Sie ffnete eigenhndig die Thr nach dem Hofe und winkte uns, durch die
Halle zu kommen. Ein leises, schelmisches Lcheln huschte ber ihr feines
Gesicht, als Ilse an ihr vorberschritt und den betrmten Kopf dankend neigte;
aber sie wandte sich rasch ab und stieg, den knurrenden Hund auf dem Arm, die
Stufen wieder hinauf.
    Ein vernnftiges Frauenzimmer, sagte Ilse befriedigt vor sich hin, als die
Thr rasselnd hinter uns zugefallen war.
    Das Wort Hof hatte mich frmlich elektrisiert - ich sah sofort das ganze
Geflgel des Dierkhofes frhlich aufflattern; aber davon war nichts zu sehen in
dem groen kahlen Viereck, das wir betraten. Es wurde durch das Vorderhaus, zwei
daranstoende lange Seitenflgel und eine im Hintergrund hinlaufende Mauer
gebildet. Den linken Flgel durchbrach ein groes weit offenes Thor, in welches
die Huser der benachbarten Straen hereinsahen. Hohe Ste neuer Kisten trmten
sich auf dem reingepflegten Pflaster, und die vllige Abwesenheit von Gardinen
oder sonstigem Schmuck an den Fenstern der Hintergebude lie dieselben als das
Geschftslokal der Firma Claudius erkennen.
    Eben, als wir in den Hof traten, zog ein Kutscher ein Paar feurige Pferde
aus dem Stalle und fhrte sie nach einem hbschen hellausgeschlagenen Wagen, der
vor der Remise stand.
    Unsere Lasttrger schritten schnurstracks auf eine inmitten der Mauer
gelegene Thr zu, und wir folgten ihnen.
    Wohin wollen denn die Leute? rief uns pltzlich eine Stimme in ziemlich
kurzem Tone nach.
    Ich zog meinen Hut noch tiefer in die Augen und htete mich, den Kopf zu
wenden - ich erkannte sofort die Stimme des alten Herrn im braunen Hut wieder,
wenn sie auch jetzt nicht so weich klang, wie vor vier Wochen in der Heide ...
Er war also doch in der Hinterstube, und jetzt gab es etwas, wie der Alte in
der Hausflur gesagt hatte ... Die zwei Mnner blieben auch sofort wie auf
militrisches Kommando stehen und wagten nicht, den Fu weiter zu setzen. Nur
Ilse wandte sich resolut um.
    Wir wollen zu Herrn von Sassen - ist's erlaubt, hier durchzugehen? fragte
sie hflich.
    Es erfolgte keine Antwort; aber der Herr hatte jedenfalls mit der Hand
zustimmend gewinkt, denn Ilse ffnete ohne weiteres die Thr und lie die
Lasttrger eintreten ... Diesmal mute sie mich genau so, wie gestern morgen auf
dem Dierkhof, ber die Schwelle schieben, denn ich stand wie versteinert ...
Mein an das gleichfrmige Graubraun und das ununterbrochene Bltenrot der Heide
gewhntes Auge flog im ersten Augenblick vllig verstndnislos ber das
Farbenmeer hin, das den weiten Plan da vor mir frmlich bergo. Es war mir
unmglich, zu denken, da diese tausendfarbig gemischten oder auch in scharf
abgegrenzten Nancen hinflieenden breiten Strme Blumen nichts als dicht
aneinandergedrngte vielgestaltige Blumenkronen und Dolden sein knnten ...
Jetzt erst begriff ich, wie menschliche Phantasie die Wunder der Mrchenwelt
hatte ersinnen mgen - wie eine ungeahnte einsame Zauberinsel schwamm dieses
kstliche Blumenfeld inmitten der neuen Welt, die mir bis zu diesem Augenblicke
so hlich und graubestaubt erschienen war.
    Neben meinen Fen streckte sich ein Beet voll lilablauer Heliotropen hin;
ihr starker Vanillenduft hing schwer in den Lften und versetzte mich in eine
Art von Rausch ... Vergessen waren die stauberfllten heien Straen und die
widerwrtigen Reiseeindrcke, vergessen der greuliche Wachtparadenlrm, die
hhnenden Gassenjungen und das Grauen vor der Hinterstube! Mein Hut sa nicht
mehr wie festgemauert auf dem Kopfe - ich warf ihn hoch in die Luft.
    Ach, Ilse, ich mchte mich gleich mitten in die Blumen hineinwerfen, da
sie ber mich zusammenschlgen, jubelte ich auf.
    Ja, du wrst's imstande, meinte sie trocken, fand es aber doch geraten,
mich am Rockzipfel festzunehmen.
    Das ununterbrochene Bienengesurr und das Rauschen eines fernen Gewssers
ausgenommen, war es sehr still und einsam in dem Garten. Die Vgel hatten sich
verstummend in das khle Gebsch zurckgezogen, und die Menschen hielten
Mittagsrast. Nur ein ltlicher Mann, dem Arbeitskostm nach ein Grtner, trat
aus einem Gewchshaus, als wir vorberkamen, und zeigte den Trgern den nchsten
Weg nach der Karolinenlust. Ilse dankte ihm.
    Schon recht, Madamchen! sagte er mit einer eigentmlich sanften,
gelassenen Stimme.
    Das war zu viel fr die grundehrliche Ilse.
    Sie mssen nicht denken, weil ich vielleicht einen hbschen Hut aufhabe,
da ich eine Dame sein will - ich bin aus der Heide, und mein Vater war ein
Besenbinder, sagte sie und ging weiter.
    Wir kamen an einen Flu, ber welchen eine zierlich geschwungene Eisenbrcke
fhrte. Er schnitt das ungeheure Blumenparterre ab; das jenseitige Ufer war mit
dichtem Gebsch bestanden, und wo es auseinanderri, da sah man in das labende,
grne Dster unter dichtgescharten Baumgruppen hinein, auf sorgsam geschorene
Rasenflchen und helle Kieswege.
    Ich schrak zusammen und floh pltzlich hinter Ilse, als wir die Brcke
berschritten hatten - ein Lachen scholl herber, jenes harmonische Lachen, das
ich vor vier Wochen am Hgel gehrt hatte, und von welchem ich wute, da ich es
nie bis an das Ende meiner Tage vergessen wrde ... Trotzdem flchtete ich, denn
wo das Lachen, da waren ja auch die spttischen Augen, vor denen ich mich
entsetzlich frchtete. Ilses breite, knochige Gestalt verdeckte meine kleine
Person vollkommen; so rckten wir vorwrts durch dunkelschattige Alleen und
viele Boskette - laute Ausrufe, Gelchter und plaudernde Mdchenstimmen drangen
immer deutlicher bis zu uns, und pltzlich sahen wir bunte Reifen ber dem
Kiesrund wirbeln, auf das wir eben heraustraten.
    Einer der Reifen verirrte sich und flog in ein Boskett. Eine junge
zartgebaute Dame und ein schlanker Mann in hellem Sommeranzug verfolgten ihn mit
hochgehobenen Armen und Stcken und drangen tief in das Gebsch ein, wo er
verschwunden - der schlanke Mann war der junge Herr Claudius, und das Mdchen,
das neben ihm hergelaufen mit den feinbeschuhten, flchtigen Fchen und dem
offen wehenden, blonden Haar, erschien mir mit ihrem silberhellen Gelchter ganz
unausstehlich, obgleich ich ihr Gesicht nicht einmal gesehen hatte ... Mir war
seltsam zu Mute; ich grollte und wute nicht weshalb, und atmete doch frei und
erleichtert auf, weil ich nun vorberschlpfen konnte, ohne dem jungen Herrn
begegnen zu mssen.
    Ich lugte neben Ilse hervor und sah noch mehr junge Damen umherstehen, eine
aber berragte sie alle, eine hohe, starkgegliederte Gestalt in weiem Kleide,
ber das sie ein feuerfarbenes, mit Gold gesticktes Jckchen geworfen hatte ...
Sie hatte etwas Khnes in ihren Bewegungen und doch auch wieder jene stolze
Leichtfertigkeit, die aus Kraftbewutsein und groer innerer Sicherheit
hervorgeht.
    Alle guten Geister! rief sie in komischem Entsetzen und schlug die Hnde
zusammen, als Ilse, den Trgern voran, in ihren Gesichtskreis trat; dann brach
sie rcksichtslos in ein mutwilliges Gelchter aus.
    Ilse wandte sich verstndnisvoll um und sah nach dem Bettenfrachtstck
zurck, das ja so herausfordernd und lcherlich ber dem Kopf des Trgers
schaukelte.
    Im Nu waren wir von den smtlichen Damen umringt.
    O Herr Jesus, Leonore, was zerrst du mich denn immer und hngst mir am
Rocke wie ein kleines Kind! schalt Ilse unwillig; sie schttelte mich ab und
zog mich mit einem energischen Ruck an ihre Seite.
    Wie schmte ich mich! In einer Hand hielt ich den Hut und in der anderen die
groe, weite Halskrause, die sich, Gott wei wie, von meinem Halse losgemacht
hatte ... Htte ich am Pranger stehen mssen, mein scheues Gefhl wrde sich
nicht mehr gekrmmt und gewunden haben, als jetzt unter allen diesen fremden,
neugierigen Mdchenaugen.
    Ach, eine kleine Zigeunerin! riefen zwei Stimmen auf einmal, als ich
befangen den Kopf hob und die Augen aufschlug.
    Ei, warum nicht gar auch - ein Zigeunermdchen! sagte Ilse tief beleidigt.
Es ist dem Herrn von Sassen sein leiblich Kind -
    Wie, die Mumie hat auch Kinder? unterbrach sie die groe junge Dame
berrascht, und um ihre roten Lippen zuckte es fortgesetzt in verhaltenem
Mutwillen. Die anderen aber zogen sich ein wenig zurck und sahen mich auf
einmal mit ganz anderen, ich mchte sagen, freundlich ehrerbietigen Blicken an.
    In diesem Moment kam auch der junge Herr ber den freien Platz her. Ich sah
auf meine Schuhe, die ihre plumpen Spitzen keck ber den hellen Kies
hinstreckten, und unwillkrlich zog und zerrte ich an meinem schwarzen Rock, um
ihn, wenn auch nur um einen halben Zoll, zu verlngern.
    Der Herr warf den Reifen im Weiterschreiten hoch in die Luft und fing ihn
stets mit einer sehr gewandten grazisen Bewegung wieder auf, soviel Mhe sich
auch die junge Dame neben ihm geben mochte, das hbsche bunte Ding mit ihren
weien Hnden zu haschen ... Da fiel sein Blick auf mich - er stutzte und kniff
die groen braunen Augen prfend zusammen; dann kam er spornstreichs auf mich
zu.
    Was der Tausend - das ist ja das Heideprinzechen! rief er erstaunt.
    Wer? fragte die hochgewachsene junge Dame mit groen Augen.
    Ei, du weit es ja, Charlotte - das Heideprinzechen! Ich habe dir doch von
dem kleinen barfigen Wesen erzhlt, das wie eine Eidechse durch die Heide
schlpfte - freilich eine Eidechse mit einem Prinzessinnenkrnchen! Er lachte
auf. Wie in aller Welt kommt die kleine Perlenverkuferin hierher?
    Die Rcksichtslosigkeit, mit der er in meiner Gegenwart mich kritisierte,
und das unverhohlene Erstaunen des stolzen jungen Herrn ber meine Anwesenheit
in seinem Garten schlugen den letzten Rest meines Selbstbewutseins zu Boden;
aber die Bezeichnung Perlenverkuferin machte mir auch das Blut sieden.
    Es ist nicht wahr! stie ich heraus. Ich habe Ihnen die Perlen nicht
verkauft - Sie wissen doch, da ich Ihre Thaler in den Sand geworfen habe!
    Charlotte lchelte und trat mit aufstrahlenden Augen rasch auf mich zu.
    Ach wie reizend - sie ist stolz, die Kleine! rief sie. Sie bog sich herab
und strich mir mit ihrer groen schlanken Hand ber das Haar, aber ungefhr so,
wie man ein nettes Bologneserhndchen streichelt. Was meinst du zu der
merkwrdigen Neuigkeit, Dagobert? sagte sie zu dem jungen Herrn. Die Mumie hat
Familie - das niedliche Ding da ist dem Doktor von Sassen sein Tchterchen -
    Unmglich! fuhr er in maloser Ueberraschung zurck.
    Na, was ist denn dabei so schrecklich zu verwundern? versetzte Ilse
trocken. Meinen Sie denn, weil die Kleine nicht auch solch eine Schabracke um
hat - sie zeigte auf Charlottens elegantes Jckchen - da darf sie nicht
vornehmer Leute Kind sein?
    Die junge Dame lachte wie ein Kobold - die schneidige Zurechtweisung schien
sie hchlich zu amsieren.
    Aber wie siehst du auch aus, Leonore! schalt Ilse. Es fehlt nur noch, da
du Schuhe und Strmpfe ausziehst! Sie legte mir die Krause um den Hals, fuhr
mit beiden Hnden glttend ber meinen Scheitel und band den Hut darber. Ich
sah ngstlich auf die umstehenden Damen; neben ihnen war ich mir der
Lcherlichkeit meiner ueren Erscheinung pltzlich sehr wohl bewut - jetzt
lachten sie gewi; aber keine verzog eine Miene, sie sahen im Gegenteil so
ernsthaft zu, als ob eine wirkliche Prinzessin da vor ihnen Toilette mache. Nur
um Charlottens Mund zuckte ein unbezwinglicher Lachreiz.
    Armes Opfer! sagte sie in tiefen Tnen des Erbarmens. Aber wie ist's
denn, bleibt Heideprinzechen bei dem Papa? setzte sie lebhaft hinzu.
    Versteht sich! entgegnete Ilse kategorisch. Bei wem denn sonst? ... Nun
mchte ich aber bitten, uns vorbeizulassen - wir haben mde Fe ... Ist das
dort endlich die Karolinenlust, oder wie das Ding heien mag? fragte sie und
zeigte auf einen mattweien Streifen, der durch die Hecken und Baumkronen
herberdmmerte.
    Ich werde Sie fhren, erbot sich der junge Herr sehr geschmeidig und
hflich - er war vollstndig umgewandelt; selbst seine Augen, die vorher mit
unverkennbarem Ergtzen immer wieder ber Ilses unselige Kopfbedeckung
hingehuscht waren, erlaubten sich nicht einen einzigen spttischen Blick mehr.
    Mir schwoll das Herz. Was fr ein Mann mute mein Vater sein, da schon sein
Name allein hinreichte, Ilse und mir sofort Geltung und Achtung bei anderen zu
verschaffen!
    Die Damen blieben grend zurck, und wir schritten in Begleitung des jungen
Herrn schrg ber das Kiesrund, in das Taxusgebsch hinein.

                                       10


Es war nur ein kurzer Weg durch grne, heimliche Dmmerung; aber ich ging ihn
mit heftig pochendem Herzen. Ilse schritt tapfer voraus und wandte sich nicht um
- kaum aber waren die hellen Mdchengestalten hinter dem Dickicht verschwunden,
als sich der junge Herr rasch zu mir niederbog und mir tief und schelmisch in
die unbewachten Augen sah.
    Zrnt mir Heideprinzechen noch? fragte er mit unterdrckter Stimme.
    Ich schttelte den Kopf - seltsam, da ein paar halbgeflsterte Worte einen
bis ins tiefste Herz hinein erschauern machen konnten ...
    Da lag sie pltzlich vor uns, die Karolinenlust! ... Es wrde mich nicht im
entferntesten befremdet haben, wenn dort aus einem der hohen Fenster Frau Holle
genickt und mich aufgefordert htte, ihr Federbett aufzuschtteln und ihre Sle
zu fegen ... Ein Zauber hielt mich bereits gefangen, und das Haus vor uns war
durchaus nicht geeignet, ihn zu lsen und mich zu ernchtern ... Was wute ich
damals von Renaissance- und Barockstil! Das Feenhafte des Anblickes wurde mir
nicht verkmmert durch die Kenntnis strenger Kunstregeln. Ich sah nur
schngeschwungene Linien, weich und biegsam, als seien sie aus Wachs und nicht
aus Stein, in die Lfte steigen. Ich sah Sulen, Pilaster und Gesimse reizend
verknpft durch verschwenderisch hingestreute Frucht- und Blumenschnre, und
zwischen ihnen die funkelnden, breiten Spiegelscheiben der Fenster - ein
Rokokoschlchen, so verschnrkelt und ppig geschmckt, wie es nur je der
Zopfstil des vorigen Jahrhunderts ersonnen. Sein Spiegelbild dmmerte noch
einmal auf in dem silberklaren Gewsser, das, umfangen von einem durchbrochenen
Steingelnder, zu seinen Fen lag. Der Teich und fcherartig hingebreitete, mit
weien Steinbildern und steifen Taxuspyramiden geschmckte Rasenflchen fllten
das ziemlich enge Parterre, das ein breiter Weg ringartig flankierte; aber ber
seinen Kies breitete sich bereits wieder tiefer Baumschatten. - Wie eine Perle
in grne Wogen versunken, lag das Schlchen heimlich geborgen inmitten der
Waldbume, die im Hintergrunde hoch bergauf stiegen. Noch im Gebsch huschte uns
ein Silberfasan fast ber die Fe, und vor dem Portal, im khlen Schatten des
Hauses, schritt ein Pfau und entfaltete sein edelsteinflimmerndes Gefieder,
whrend ein aschgrauer Kranich auf einem Bein unbeweglich neben dem Teiche stand
und trumerisch den nackten, roten Hinterkopf nach vorn sinken lie - er kam
gravittisch auf uns zu, fing an zu tanzen und machte die lcherlichsten
Verbeugungen, als sei er der Zeremonienmeister des Schlosses - Wunder ber
Wunder fr meine unverwhnten Augen!
    In einer offenen Halle des Erdgeschosses hatten die Trger unser Gepck
niedergelegt; sie wurden ausbezahlt, dann stiegen wir eine Treppe hinauf. Wir
schritten in der Bel-Etage an hohen Thren vorber, die seltsamerweise mit
handgroen, verstaubten Gerichtssiegeln beklebt waren - breite, weie
Papierstreifen legten sich ber den Schlu der Thorflgel, wie ein Schweigen
gebietender Finger auf ein Paar Lippen ...
    Erst im zweiten Stock machten wir Halt. Der junge Herr ffnete eine Thr,
und wir traten ein, whrend er sich mit einer freundlichen Verbeugung zurckzog
und die Thr hinter uns geruschlos wieder schlo.
    Mich berfiel pltzlich eine tdliche Angst. Ich hatte daheim ganz richtig
herausgefhlt, da mein Vater mich nicht wolle, da ich fr ihn eine Last sei,
die er am liebsten fr immer in der Heide wissen mchte; und die Verwunderung
ber meine Existenz, die mir hier berall entgegentrat, besttigte mir, da er
sein Kind nie auch nur mit einer Silbe erwhnt habe ... Und nun stand ich doch
in seinem Zimmer, zudringlich ber die Maen, und sah mit erschreckten Augen in
die Welt, in welcher er lebte und wirkte ... Wie fremd und unfalich erschien
mir alles, was ich sah! Die Wnde des weiten Saales, in welchen wir eingetreten,
waren von unten bis hinauf zur Decke mit Bchern bedeckt, mit so vielen
Bchern, wie Erikastengel auf der Heide standen meinte ich. Es blieb nur Raum
fr vier, mit grnen Wollgardinen behangene Fenster und zwei Thren. Die Thr
linker Hand war weit zurckgeschlagen - ein zweiter Saal that sich auf, ein Saal
mit Oberlicht. Durch eine weite und tiefe Kuppel inmitten des Plafonds strmten
die Sonnengluten blendend herein auf hingestreckte, weie Menschenglieder, auf
eine drohend emporgereckte, keulenschwingende Menschengestalt, aber auch ber
liebliche Frauenbilder in faltenreichen, weich niedersinkenden Gewndern.
    In einer der Fensternischen des Bchersaales stand ein Schreibtisch; vor
demselben sa ein Herr und schrieb. Er hatte unser Eintreten nicht bemerkt, denn
whrend wir noch einen Augenblick regungslos an der Schwelle verharrten, hrten
wir das unausgesetzte Kritzeln seiner Feder - es verursachte mir Nervenfrsteln
... Ich wei nicht, war es die Seltsamkeit und Neuheit der Umgebung, oder
dasselbe Gefhl, das mich packte - die Furcht vor meinem Vater - genug, Ilse,
die stets schlagfertige rckhaltslos thatkrftige Ilse zgerte einen Moment;
dann aber nahm sie entschlossen meine Hand und fhrte mich nach dem Fenster.
    Schnen guten Tag, Herr Doktor, da wren wir! sagte sie - mir war, als
schlge diese sonore, aber doch ein wenig bebende Stimme mit einem wahren
Donnerton erweckend an die stillen Wnde.
    Mein Vater fuhr aus den rings aufgehuften Papiersten empor und starrte
uns an; dann schnellte er wie elektrisiert in die Hhe.
    Ilse! rief er in unverkennbarem Schrecken.
    Ja, die Ilse, Herr Doktor! sagte sie ruhig. Und das ist Leonore, Ihr
einziges Kind, das seinen Vater seit vierzehn Jahren nicht gesehen hat ... Das
ist lange her, Herr Doktor, und wr's kein Wunder, wenn Sie aneinander
vorbergingen, ohne sich zu kennen.
    Er schwieg und strich sich wiederholt ber die Stirne, als koste es ihm die
grte Mhe, sich zu sammeln und unser Hiersein zu begreifen. Mit weicher Hand
schob er mir den Hut zurck und sah mir in die Augen, und ich sagte mir,
innerlich ein wenig zurckschreckend, da es wohl selten ein so mageres
eingesunkenes Gesicht geben knne, als das meines Vaters; aber er hatte die
schnen Augen meiner Gromutter.
    Also du bist Leonore? sagte er sehr sanft und kte mich auf die Stirne.
Klein ist sie, Ilse, ich glaube, sie ist kleiner, als meine Frau war - er
seufzte auf. Wie alt ist das Kind?
    Siebzehn Jahre, Herr Doktor; ich habe es Ihnen ja schon zweimal
geschrieben.
    Ach so! sagte er und strich sich wieder ber die Stirne; dann schlang er
seine Finger ineinander und lie sie in den Gelenken knacken - er war das Bild
eines Menschen, den man pltzlich aus einem tiefen Traume gerissen und in die
grelle Wirklichkeit gestellt hat.
    Du bist mde, mein Kind, verzeihe, da ich dich so lange stehen lie!
sagte er in ausgesucht hflichem Tone zu mir, nachdem er einmal rasch auf und ab
gegangen war. Inmitten des Saales stand ein schwerflliger, mit Bchern und
Papieren bedeckter Tisch; mein Vater schob uns zwei der Lehnsthle hin, die den
Tisch umkreisten.
    Vorsicht, liebe Ilse, ich bitte Sie instndigst! rief er angstvoll, als
sie im Niedersetzen arglos ihren Strickkorb auf ein aufgeschlagenes Papierheft
stellte. Seine mageren Hnde zitterten beim behutsamen Aufnehmen des Krbchens,
und ein zrtliches Mutterauge kann die Zge des erkrankten Lieblings nicht
ngstlicher prfen, als mein Vater das scheinbar uralte Papier, nachdem er es
von der ungewohnten Berhrung befreit hatte.
    Ich sah Ilse an; sie verzog keine Miene; jedenfalls kannte sie diese
Eigentmlichkeit meines Vaters schon.
    Komm, ruhe ein wenig aus! sagte er, als er bemerkte, da ich zgerte, mich
zu setzen. Dann wollen wir in das Hotel gehen -
    Ins Hotel, Herr Doktor? fragte Ilse gelassen. Was soll denn das Kind im
Gasthaus? ... Das wrde Ihnen einen schnen Thaler Geld kosten zwei Jahre lang
-
    Mein Vater taumelte frmlich zurck. Zwei Jahre? Was reden Sie da, Ilse?
    Ich rede nur, was ich Ihnen zehn Jahre lang in jedem Briefe geschrieben
habe - wir sind da mit Sack und Pack! ... Ich leide es ein fr allemal nicht
mehr, da das Kind in der Heide verwildert! Sehen Sie sich Leonore an! Sie kann
kaum lesen; und schreiben - da Gott erbarm - Sie sollten nur mal die Krakelfe
sehen! ... Auf die Bume kann sie klettern und in die Nester gucken, aber eine
ordentliche Naht nhen oder eine Ferse in einen Strumpf stricken, das kann sie
nicht - hab's ihr mit dem besten Willen nicht beibringen knnen, und vor einem
fremden Menschengesicht luft sie wie vor einer Mrdergrube und bringt's nicht
fertig, auch nur guten Tag zu sagen ... Und das ist dem Herrn von Sassen sein
einzig Kind! ... Ihre Frau mte sich in der Erde umdrehen, wenn sie das wte!
    Es fiel meinem Vater nicht ein, auf dieses schmeichelhafte Signalement hin
meine kleine Persnlichkeit zu mustern.
    Mein Gott, das mag ja alles vollkommen wahr und richtig sein! rief er und
fuhr sich mit beiden Hnden verzweiflungsvoll in die Haare. Aber ich bitte Sie,
Ilse, was soll denn ich mit dem Kinde anfangen?
    Bis dahin hatte ich den Wortwechsel regungslos und schweigend mit angehrt;
aber nun erhob ich mich.
    Ach, wie schrecklich ist dies alles! rief ich, und meine Stimme zitterte
vor Angst und Schmerz. Vater, sei ruhig; ich will dir ganz gewi nicht wieder
unter die Augen kommen! Ich gehe auf der Stelle wieder, und wenn es sein mu,
laufe ich zu Fu in die Heide zurck. Dort ist ja Heinz, der freut sich ganz
gewi, wenn ich wiederkomme ... Und ich will nun auch fleiig werden, Vater;
darauf kannst du dich verlassen - ich will nhen und stricken ... Du sollst
sehen, ich werde dir nie, nie wieder zur Last fallen ...!
    Sei still, Kind, sagte Ilse, indem sie sich mit berstrmenden Augen rasch
erhob.
    Aber schon hielten mich zwei Arme umschlungen - ich ruhte am Herzen meines
Vaters. Er nahm mir den Hut ab, warf ihn auf den Fuboden und drckte sanft
meinen Kopf an seine Brust.
    Nein, nein, mein Kind, mein armes, kleines Lorchen, so war das nicht
gemeint! trstete er mich bewegt. Seltsam - es war, als htten ihn erst meine
Worte zu sich selbst und zur vollen Erkenntnis der ganzen Lage gebracht. Nun
gerade sollst du bei mir bleiben ... Ilse, hat das Kind nicht ganz die Stimme
meiner Frau? Klingt sie nicht genau so erquickend silberhell? ... Bei mir
bleiben soll sie, in die Heide darf sie nicht wieder zurck, das steht fest! ...
Aber, liebe Ilse, wie fngt man die Sache an? ... Hier ist ja nicht einmal mein
Heim; ich bin selbst Gast in diesem Hause auf unbestimmte Zeit ... Ja, wie fngt
man das an?
    Dafr lassen Sie mich sorgen, Herr Doktor, versetzte Ilse resolut - sie
war wieder vollkommen in ihrem Fahrwasser. Ich kann getrost eine Woche vom
Dierkhof fortbleiben, wenn mir auch der Heinz unterdessen ein paar Dummheiten
macht ... Ich will schon alles einrichten ... Und das Kind kommt auch nicht mit
leeren Hnden.
    Sie zog ein Papier aus ihrem Strickkorb und reichte es meinem Vater hin; es
war das Testament meiner Gromutter.
    Ich hob den Kopf von seiner Brust und brachte ihm die letzten Gre der
Heimgegangenen.
    Sie ist nicht im Wahnsinn gestorben, meine arme Mutter? fragte er.
    Nein, sagte Ilse. Sie war so bei Verstande wie in ihren gesndesten Tagen
und hat ihr Haus erst noch bestellt, ehe sie aus der Welt gegangen ist ... Lesen
Sie das nur. Das Gericht war zwar nicht dabei, aber sie hat gemeint, Sie wrden
ihren letzten Willen auch so respektieren -
    Das versteht sich von selbst.
    Er schlug das Papier auseinander und berflog die ersten Zeilen. Das freut
mich fr Sie, liebe Ilse, sagte er. Der Dierkhof gehrt Ihnen von Rechts
wegen.
    Meinen Sie wirklich, Herr Doktor? ... Je nun, wenn ich an Ihrer Stelle
wre, ich dchte nur: Aha, da hat die Ilse nur bei der alten Frau ausgehalten,
um sich den hbschen Hof zu erschleichen!
    Das fllt mir nicht ein -
    Aber mir ... Ich nehme den Dierkhof nicht; der gehrt mit Ihrer Erlaubnis
der Kleinen. Sie mu eine Zuflucht haben, ein eigen Stckchen Erdboden, das ihr
bleibt, wenn's ihr in der Welt nicht gefllt ... Wenn ich auf dem Dierkhof
bleiben kann und Sie leiden's, da ich ihn in Ordnung halten darf bis an mein
Ende, so ist das vollauf genug. Ich htte das Papier ja auf der Stelle
zerrissen, als meine arme Frau die Augen zugethan hatte; aber ich durfte ja
nicht, weil noch mehr daraufstand.
    Mein Vater las weiter. Wie, es war doch noch Vermgen da? rief er auf das
hchste berrascht. Sie haben mir stets geschrieben, meine Mutter lebe einzig
und allein von ihrer Pension und dem geringen Ertrag des Dierkhofes.
    Ist auch die reine Wahrheit gewesen, Herr Doktor ... Im Anfang sind noch
ein paarmal Extragelder eingelaufen, aber ich verstehe ja von dergleichen Sachen
so viel wie nichts, und als die gndige Frau aufgehrt hat, ihre Briefe selbst
zu schreiben, da ist auch nicht ein Groschen mehr eingegangen. Der Doktor hat
mir's erst auseinandergesetzt, da man die kleinen bedruckten Papiere
abschneiden und hingeben mu, und dafr bekommt man den Zins.
    Haben Sie die Papiere mitgebracht?
    Ja, sagte sie auf einmal sehr verlegen und zgernd. Aber, Herr Doktor,
das will ich Ihnen gleich sagen, setzte sie sofort resolut hinzu, die drfen
nicht so auf die Art ausgegeben werden - sie winkte bedeutungsvoll mit dem Kopf
nach dem anstoenden Saal - wie die groen Geldpakete, die Ihnen die gndige
Frau immer von Hannover aus geschickt hat.
    Die tiefeingefallenen Wangen meines Vaters rteten sich, und sein Blick
hatte etwas so Unsicheres, als sei er auf einem Unrecht ertappt worden.
    Nein, nein! versicherte er lebhaft. Machen Sie sich keine Sorge - das
Geld gehrt Leonore.
    Und Sie werden es ganz sicher aufheben? Und pnktlich jedes Vierteljahr -
    Nein, Ilse, nur das nicht! unterbrach er sie ganz entsetzt. Mit
Geldsachen kann ich mich unmglich befassen! Mein Beruf nimmt mich so
ausschlielich in Anspruch -
    Ach, darum grmen Sie sich nicht, da wird sich auch schon Rat finden, Herr
Doktor! beschwichtigte sie ihn - es entging mir nicht, da sie wie befreit
aufatmete. Aber wie ist's denn nun? In der groen Stube da knnen wir doch wohl
nicht bleiben? ... Ich sehe keine Kommode, keinen Schrank -
    Ich werde Sie gleich hinunterfhren in meine Wohnung - nur einen Augenblick
Geduld, einen kleinen Augenblick, ich will nur mein Manuskript einschlieen.
    Er ging an seinen Tisch und kramte mit gedankenvoll gesenktem Kopf in den
Papieren. Dabei strich er sich wiederholt ber die Stirne, dann ber den sehr
dnnen, bereits ergrauten Kinnbart und lie sich schlielich langsam in den
Lehnstuhl niedersinken. Pltzlich ergriff er die Feder und fing an zu kritzeln.
    Ilse war einstweilen in den Nebensaal eingetreten, und ich ging ihr nach ...
Wie sich unsere zwei Gestalten inmitten des Antikenkabinetts ausgenommen haben
mgen, kann ich mir jetzt recht gut denken, und mit welchen Augen ich die
Kunstschtze, fr die ich selbstverstndlich keinen Namen wute, damals
angesehen, wei ich auch noch. Sie standen und lagen noch durcheinander und
harrten der ordnenden Hand, das sah man. Aus Kisten, zwischen Heu und Stroh
hervor, leuchtete Marmor; pompejanische Bronzen lagen auf den Tischen und antike
Terrakotten - halbzerbrochene Thonornamente mit Farbenspuren, die ich keines
Blickes wrdigte - auf dem Fuboden. Es war berhaupt des Zerbrochenen und
Zerbrckelnden viel - ber eine geschlossene Kiste hingestreckt lag sogar eine
weibliche Gestalt ohne Hnde und Fe - was wute ich von einem Torso!
    Sollte man denn meinen, da es menschenmglich ist! murmelte Ilse
indigniert, fast grimmig. In solchem zerbrochenen Kram steckt beinahe das halbe
Jakobsohnsche Vermgen.
    Das war auch mir unbegreiflich; aber ich blieb doch pltzlich gefesselt
stehen, und unbewut dmmerte die Ahnung von den Wundern und der berwltigenden
Macht der Kunst in mir auf. An einen Baumstamm zurckgelehnt lag ein Knabe; den
linken Arm gehoben um einen abgebrochenen Schling des Stammes schlingend,
zeigten seine Glieder das weiche, ungezwungene Sichgehenlassen im beginnenden
sen Schlaf. Ich sah einen Augenblick unbeweglich in das schne Gesicht; von
den leichtgeffneten Lippen suselte der Atem, die halb zugesunkenen Lider
bebten im Kampfe mit dem Schlummer, und in das frei schwebende, magere, aber
muskulse linke Hndchen trat schwer das Blut und lie die feinen Adern
anschwellen unter der gelblichen Haut - darin pulsierte Leben, unheimliche
Bewegung - ich fuhr zurck.
    Wirst dich doch nicht frchten, Kind! sagte Ilse. Schauerlich genug ist's
freilich! ... Aber nun sieh nur einer deinen Vater an! Ich glaube gar, er hat
rein vergessen, da wir da sind.
    In diesem Augenblick wurde drben an die Thr geklopft; mein Vater hrte es
nicht, er schrieb weiter. Auf ein abermaliges Klopfen rief Ilse krftig
herein! Genau so wie bei unserem Kommen fuhr er empor und starrte fassungslos
auf den Lakai in reicher Livree, der eingetreten war und sich dem Schreibtisch
respektvoll nherte.
    Seine Hoheit der Herzog lassen herzlich gren und Herrn von Sassen auf
heute nachmittag fnf Uhr zu einer Besprechung in das gelbe Zimmer bitten,
sagte er mit einem tiefen Bckling.
    Ah so, so! - Stehe jederzeit zu Befehl! entgegnete mein Vater, indem er
sich mit beiden Hnden durch die Haare fuhr.
    Der Diener glitt lautlos wieder hinaus.
    Wir sind auch noch da, Herr Doktor! rief Ilse von der Schwelle aus, als er
Miene machte, sich wieder zu setzen.
    Ich mute innerlich auflachen; aber ich hatte auch das Gefhl, als lse sich
ein Druck von meiner Brust - ich fing an, meinen Vater zu verstehen. Er hatte
seine Mutter und mich nicht vergessen aus Herzensklte und Hrte - er lebte nur
in einer anderen Welt. Seiner Liebe war ich sicher, wenn nicht die Ferne
zwischen uns trat, wenn ich bei ihm blieb ... Jetzt galt es vor allem, die
ngstliche Scheu zu berwinden und nicht mehr vor der eigenen Stimme
zurckzubeben.
    Vater, sagte ich so beherzt, wie nur je mein Vorbild Ilse, und deutete auf
das schlafende Kind, whrend er, in fast lcherlicher Verlegenheit die Hnde
reibend, unsicheren Schrittes auf uns zukam, gelt, du lachst mich nicht aus?
Ich meine, das Kind da mte aufwachen, oder sein Hndchen von dem Ast nehmen;
das Blut steht ja drin.
    Ich dich auslachen, mein kleines Lorchen, weil du sofort meine Perle, mein
Kleinod herausgefunden hast? rief er sichtlich erfreut. Er streichelte den
gelblichen Marmor noch zrtlicher als vorhin meine Wange. Ja, sieh dir's nur
recht an, Kind! Es ist eine herrliche That, es nhert sich der Meisterschaft
Gottes selbst! ... Es existiert nur einmal in der Welt, nur hier, hier! ...
Welch ein Fund! ... Gott mag wissen, wie der Krmer dazu gekommen ist! ... In
diesem Hause stecken unermeliche Schtze, und wo habe ich sie gefunden, wo
gerade dieses unschtzbare Stck erst vorgestern ans Tageslicht gezogen? Drunten
im Souterrain, aus dunklen Ecken und Verschlgen, wo sie mindestens vierzig
Jahre in Kisten verpackt und vergessen gestanden haben - ein nie zu
entschuldigender Raub an der Wissenschaft! ... O, diese Krmerseelen!
    Das alles klang freilich nicht, als sprche er zu mir, dem Kind der Heide,
das einen blden Blick in das Reich der Kunst und Wissenschaft warf; allein
seine Redeweise war mir doch viel verstndlicher, als die des
Fremdwrter-Professors am Hgel, und der unerwartete Fund im Krmerhause
erhielt pltzlich denselben Reiz fr mich, wie die Geheimnisse des Hnenbettes.
    Ilse sah mich von der Seite an, als wollte sie sagen: So jetzt fngt die
auch noch an; aber sie verschluckte jede Nebenbemerkung und schritt wie immer
schnurstracks auf ihr Ziel los. Sie zeigte auf ihre dickbestaubten Schuhe.
    Das Leder brennt mir an den Fen, sagte sie, und wenn ich ein Glas
frisches Wasser htte, da wr' ich froh, Herr Doktor.
    Er lchelte, verschlo seinen Schreibtisch und fhrte uns hinab in das
Erdgescho. Wir sahen vorbergehend durch eine offene Thr in ein Zimmer; da
stand ein hbsches Stubenmdchen in weier Latzschrze und wischte die Mbel ab.
    Frulein Fliedner hat zwei Zimmer aufschlieen lassen fr das gndige
Frulein von Sassen, sagte sie ehrerbietig zu meinem Vater - ich lachte ihr ins
Gesicht, das gndige Frulein von Sassen war erst gegen Morgen noch beim
Abschiednehmen barfu durch die Heide gelaufen. - Der Herr ist zwar nach
Dorotheenthal gefahren, fuhr sie fort, und Frulein Fliedner wei nicht, wie
er es einzurichten wnscht, wenn er zurckkommt; aber sie erlaubt sich vorlufig
wenigstens fr das Allerntigste zu sorgen. Ich habe auch noch zwei Bestecke
auflegen mssen und gleich zwei Portionen Essen mehr aus dem Hotel mitgebracht.
    Mein Vater dankte ihr und ffnete uns sein sehr elegantes Wohnzimmer.
    Soll ich erzhlen, wie sich nun sofort das Wunder des erwachenden weiblichen
Instinkts an dem wilden und verwilderten Kinde vollzog? Jenes Wunder, das
urpltzlich tausend zarte Fhlfden aus der Mdchenseele springen lt, sobald
zrtliche Pflichten an sie herantreten! ... Meine oft so greulich ungeschickt
gescholtenen Hnde schlten Kartoffeln und legten sie, wenn auch noch scheu und
zaghaft, bei Tische auf den Teller des Vaters; ich sprang auf und zog die
Jalousie vor das Fenster, als ein Sonnenstrahl um die Ecke kam und belstigend
ber seine Stirne glitt, und als er nach einer Stunde wieder in seine geliebte
Bibliothek ging, da rief ich ihm nach, er mge nicht vergessen, da er um fnf
Uhr zum Herzog gehen msse, und fragte an, ob ich vielleicht hinaufkommen und
ihn erinnern drfe.
    Er wandte sich strahlenden Auges an der Thr um.
    Ich danke Ihnen, Ilse, rief er herber. Sie haben mir mit meinem Kinde
die glckliche Zeit wiedergebracht, wo ich meine kleine Frau um mich hatte! ...
Lorchen, punkt fnf Uhr kommst du hinauf! Ich bin manchmal ein klein wenig
zerstreut, und es ist fatalerweise schon fter vorgekommen, da ich die
Einladung rein vergessen habe.
    Er ging hinaus.
    Die Sache macht sich, sagte Ilse sehr zufrieden und streifte die Aermel
ihrer Jacke ber die Ellbogen.

                                       11


Neben den Wohnrumen meines Vaters lag das Zimmer, welches Frulein Fliedner mir
vorlufig angewiesen, und an dieses stie ein Schlafkabinett; es bildete die
sdwestliche Ecke des Hauses und hatte zwei Fenster, an denen schwere, wenn auch
etwas verblichene, gelbe Damastgardinen hingen. Es enthielt ein Bett mit
gelbseidener Steppdecke und schwellenden, eben in frischduftendes Leinen
gesteckten Polstern, einen eleganten, gelb drapierten Toilettentisch, und an der
tiefen Wand stand ein schmaler, auf Schnrkelfen ruhender und mit farbigen
Hlzern ausgelegter Schrank.
    Das Bett ist unntz, sagte Ilse, indem sie mit kraftvollen Armen unser in
Sackleinen genhtes riesiges Frachtstck ber die Schwelle zog. Betten haben
wir selber, und was fr welche! Sie rumte die feinen Polster aus der
Bettstelle, wobei sie mit verchtlicher Miene die leichten Dunen auf ihren
Hnden wog. Aber ist das nicht ein Ungeschick! rief sie pltzlich und bersah
mit in die Seite gestemmten Armen das kleine Zimmer. So wie das Bett steht,
liegst du zur Hlfte unter dem zugigen Fenster, und da an der schnen,
geschtzten Wand steht der einfltige Schrank. He, fa ein wenig an, Kind - der
mu fort!
    Wir schoben den Schrank auf die Seite. Ilse schlug die Hnde ber dem Kopf
zusammen. Da Gott erbarm, Seide an den Fenstern, und hinter den Schrnken
fingerdicke Spinnweben und ein Staub, da man nicht durchsehen kann - das ist
mir die rechte Wirtschaft!
    Ich mute an die Kisten denken, die vierzig Jahre vergessen drunten im
Dunkel gestanden hatten; so lange war wohl auch das nach allen Seiten
hinflchtende Spinnengeschlecht hinter dem Schranke nicht gestrt worden. Auer
den altersschwarzen Staubzotteln und den langbeinigen Ungeheuern kam aber auch
noch eine kleine, kaum wahrnehmbare Tapetenthr zum Vorschein. Ilse ffnete sie
ohne weiteres; in einem sehr engen Raum lief eine kaum zwei Fu breite, steile
Treppe in das obere Stockwerk empor.
    Hat also seine Grnde, da der Schrank dasteht, sagte Ilse, indem sie die
Thr wieder schlo. Er mu wieder an seinen Ort!
    Sie ging hinaus, um irgendwo Besen und Kehrichtschaufel zu suchen.
    Leise ffnete ich die kleine Thr wieder ... Wer wohnte da oben? Vielleicht
die schne Charlotte? ... Es war durchaus nicht mein Wille, neugierig zu sein
oder wohl gar zu lauschen, ei behte - das konnte ja Ilse fr den Tod nicht
leiden. Aber ehe ich mich dessen selbst versah, standen meine eigenmchtigen
Fe auf der untersten Stufe; ich reckte den Kopf nach Krften aufwrts, trat
auf die uersten Zehenspitzen und sah und horchte gespannt in das Dunkel
hinein, das den engen Raum fllte. Kein Laut drang von oben her ... Ach, wie es
mir in den Fen zuckte, weiter zu schlpfen! Ilse wrde sich schn gewundert
haben - ich war wirklich wibegierig wie eine Elster ... Dunkel war's freilich
um mich her und vor Gespenstern frchtete ich mich auch: aber hinter mir drang
ja das frhliche Tageslicht herein, und in der unumstlichen Gewiheit, da
Charlotte ber mir wohne, stieg ich Stufe um Stufe hinauf - in die Nhe der
kraftvollen, lustigen jungen Dame traute sich gewi kein Gespenst ... Pltzlich
rauschte rechts, in gleicher Hhe mit meinen Augen, ein matter Lichtstreifen
auf, eine Spalte zwischen der Schwelle und einer Thr, die mit der drunten
entdeckten korrespondierte ... Vielleicht sa Charlotte drinnen am Fenster, und
ich konnte unbemerkt einen Blick auf das schne Gesicht, auf den prachtvoll
verschlungenen Haarknoten am Hinterkopf werfen. Lautlos, wie ich meinte, ffnete
ich die Thr - o weh, es entstand ein abscheulicher Spektakel, ein starkes
Knistern und Rieseln, und die Unglcksthr knarrte, als sei sie seit Jahrzehnten
nicht eingelt worden! Meine Hand fuhr vom Drcker nieder, und im jhen
Zusammenfahren wre ich um ein Haar in die Treppe hineingefallen. Die Thr fiel
langsam in das Zimmer zurck - es war niemand drin - ein schwarzseidener
Frauenmantel hatte zum Teil ber der Thrfuge gehangen und das Rauschen
verursacht.
    Mir war, als fle das Morgenrot, das erste, blasse, dem ich oft in der
Heide entgegengejubelt, ber die Wnde - sie waren mit rosenroten Gazefalten
berzogen. Rosenbouquets lagen verstreut, wohin das Auge sah, auf dem weichen,
graugrundigen Futeppich, den kleinen lehnenlosen gestickten Sthlen und auf den
niedergelassenen Rouleaus - da waren es freilich nur noch Rosengespenster, die
Sonne hatte sie vllig ausgesogen. In der Nhe des einen Fensters stand ein
Ankleidetisch voll Silbergert, auer ihm und den Sthlen waren keine Mbel da
...
    Ich trat behutsam ein ... Puh, da war auch seit lange nicht gefegt worden!
Schne Wirtschaft das! wrde Ilse wieder gesagt haben ... Fhlte sich
Charlotte wirklich wohl in der dicken, staubigen Luft? ... Ein Flgel der Thr
zu meiner Linken war zurckgeschlagen und mein Blick fiel auf zwei nebeneinander
stehende Betten unter einem dunkelvioletten Baldachin. Neben dem einen Bett
stand auf einfachem Gestell eine Korbwanne voll kleiner Polster, ber die ein
grner Schleier hingeworfen lag ... Seltsam, wer mochte hier wohnen? ... Stille,
tiefe, geisterhafte Stille herrschte in dem verdunkelten Zimmer; hier hingen
nicht nur die Rouleaus, sondern auch die zugezogenen Gardinen vor den Fenstern,
und alles sah so unbenutzt aus ... Ah, nun wute ich's! Die Familie, die hier
wohnte, war verreist! ... Einen Augenblick schlug mir doch mein im ganzen noch
sehr ungeschultes Gewissen - meine kleine, naseweise Person gehrte nicht
hierher ... Ach was! Ich nahm ja den Leuten nicht eine Stecknadel von ihren
Herrlichkeiten, ich rhrte sie mit keiner Fingerspitze an, und zum Ueberflu -
damit ja kein Wollhrchen in den Teppichen niedergeknickt werde - schlpfte ich
aus meinen ngelbeschlagenen Schuhen und ging in Strmpfen.
    Es war wonnig, in dieses wildfremde Hauswesen voll niegesehener Pracht
verstohlen zu gucken! ... Ich war richtig bei Frau Holle, in ihrem Schlchen
voll Samt und Seide und Gold und Silber. Staub genug gab es auszufegen, und
Betten zum Aufschtteln waren auch da ... Ich ging mutterseelenallein durch ihre
Zimmer und Sle - mutterseelenallein! Wenn eine der riesigen Spinnweben in den
Ecken zu Boden gefallen wre, ich htte es hren knnen. Das wre etwas fr
Heinz gewesen - hei, der wre gelaufen! Aber ich frchtete mich nicht, nicht im
geringsten! Und wenn sie nun wirklich im nchsten Zimmer sa, die Frau Holle in
hoher Dormeuse mit langen Zhnen und wackelndem Kopfe - keck wre ich auf sie
zugeschritten und htte ihr meinen Knicks gemacht, dazu brauchte es doch
wahrhaftig keinen bermigen Mut - nein, dazu nicht, aber - ich schrie
pltzlich auf, da es gellend von den Wnden zurckkam und schlug die Hnde vor
das Gesicht, ich hatte die Thr aufgestoen. Ich war nicht allein, aber auch
Frau Holle sa nicht drin - ein kleines schwarzes Wesen trat mir aus der
gegenberliegenden Thr entgegen.
    Wie vor vier Wochen auf dem Hgel, neben dem vermeintlichen Phnizier, stand
ich da, frmlich zur Salzsule erstarrt; allein diesmal war es hauptschlich die
Scham, die mir Hnde und Fe fesselte; die Rume waren nicht unbewohnt. Wie
sollte ich mich entschuldigen der Fremden gegenber, die jetzt sicher ungesumt
auf mich zukam? Ich erwartete sie unter heftigem Herzklopfen; ich meinte, jetzt
msse sie mir die Hnde vom Gesicht nehmen und mich zur Rede stellen; allein es
blieb totenstill, keine Sohle huschte ber die Dielen und die Thr drben wurde
auch nicht wieder zugemacht - mit einem entschlossenen Ruck machte ich der
verzweifelten Situation ein Ende, ich sah auf. Die Schwarze stand noch immer
drben auf der Schwelle und lie ein Paar brauner Hnde langsam vom Gesicht
niedersinken, dann warf sie ein wildes, dunkles Haargewoge in den Nacken zurck
- ei, das that ich ja eben auch! ... Jetzt lachte ich, lachte aus vollem Halse
... war ich wirklich das Scheuslchen da drben? Das mute ich mir nher
ansehen.
    Das Zimmer hatte lauter Spiegelwnde; bis hinauf zur Decke lief das Glas -
das mochte sich schn wundern ber die seltsame Erscheinung, die es von allen
Seiten zurckwarf! ... Also das war das Heideprinzechen, das man heute den
jungen Damen als scheue Eidechse mit einem Prinzessinnenkrnchen auf der Stirne
vorgestellt hatte! ... O Ilse, schrecklich waren die gerhmten
Heidschnuckenstrmpfe, in denen meine Fe steckten! Und drunten im Koffer
hatten die fleiigen, vorsorglichen Hnde ein ganzes Regiment dieser
Unverwstlichen aufgestapelt, die ich alle gesund verbrauchen und zerreien
sollte - welch eine dauerhafte Gesundheit, welch langes Leben gehrte dazu! ...
Und mein Vater hatte wirklich dieses kleine Monstrum an sein Herz gezogen und
wollte es bei sich behalten als das gndige Frulein von Sassen? ... Er hatte
nicht gesehen, wie lcherlich die kleinen, heigerteten Ohren aus der dicken
weien Mullkrause fuhren, um gleich darauf wieder unrettbar zu versinken? ... Es
war ihm nicht aufgefallen, wie sinnreich Ilse eines der eingewobenen
Riesenbouquets im schwarzen Kleide, die an der majesttischen Gestalt meiner
Gromutter jedenfalls sehr imposant ausgesehen, gerade ber meine schmale Brust
wie ein Wappenschild hinzubreiten gewut hatte? Ich schttelte meine Locken und
lachte wie nrrisch, und trat in den Saal, der sich vor mir aufthat.
    Er durchma die ganze Tiefe des Hauses und hatte an der Sd- und Nordfront
je drei ungeheure, dicht nebeneinander gestellte Glasthren, die ins Freie
fhrten. Sie waren mit blauer Seide drapiert; die Farbe hatte sich nur an der
nrdlichen Seite erhalten, nach Sden hin war sie zu einem schmutzigen Grauwei
erblichen ... Hier strmte es wie frischer Lebensatem von allen Wnden. Kleine,
schwebende, pausbckige Kinder hielten Medaillons in den Hnden und lachten mich
schelmisch an, und vom Plafond schtteten herrliche Frauengestalten einen ganzen
Blumenregen nieder. Goldene Ornamente ragten in die Malereien hinein und
umrahmten sie in vielgestaltigen Schnrkeln und Arabesken. Die Mbel waren von
glnzendem Wei, mit vergoldeten Rndern umsumt, und ber die Polster hin
breitete sich blaue Seide.
    Es war ein Prunksaal, aber er wurde offenbar benutzt wie ein gemtliches
Familienzimmer. In trauliche Gruppen zwanglos zusammengeschoben fllten die
Mbel alle vier Ecken, und in der mittleren Thr der Nordfront stand ein groer
Schreibtisch. Er war bedeckt mit Porzellanfiguren und allerhand zierlichen
Dingen, deren Gebrauch ich nicht kannte ... Ich sah auch ein silbernes
Schreibzeug stehen, ein kunstvolles Blttergeflecht, auf welchem Tintenfa und
Streubchse als Rosenkelche lagen - auf eines der breiten Bltter war ein Wappen
mit darber prangender Krone graviert ... Und vor dem Schreibzeug lagen
wappengeschmckte Briefbogen. Eine zarte, flchtige Frauenhand hatte offenbar
eine Feder probiert; unzhligemal quer und gerade stand da: Sidonie, Prinzessin
von K. - und dazwischen hin liefen die Namen Claudius und Lothar.
    Ich fuhr zurck. Wie, sollten das wohl gar frstliche Gemcher sein! ...
Eine Prinzessin sa an diesem Tisch und schrieb mit dem zierlichen goldenen
Federhalter, der so nachlssig hingeworfen neben dem Briefbogen lag? ... Ihre
feinen Fe glitten ber den glnzend polierten Fuboden, den jetzt meine groen
Wollstrmpfe rieben, und aus den Glasthren sah ein zartes, vornehmes
Frauengesicht! ... Eine ngstliche Scheu berkam mich - ich griff nicht mehr auf
den Drcker der nchsten Thr, mit zaghaftem Finger bewegte ich den Schieber am
Schlsselloch und lie einen scheuen Blick durch dasselbe huschen - drauen lief
die schngeschwungene Treppe empor, die ich heute in des jungen Herrn und Ilses
Begleitung hinaufgestiegen war ... Ah - ich stand hinter einer der Thren,
welche die groen Siegel auf ihrer Flche trugen! So sicher also hatte die
Prinzessin bis zu ihrer Rckkehr die Wohnrume vor jedem Eindringlinge zu
schtzen gesucht - sie hatte sogar Siegel davor legen lassen. Und auch das hatte
nicht einmal gengt; ich stand ja drin und lie meine neugierigen Augen ber
alles hinschweifen, was doch kein fremder Blick berhren sollte. Das ist so gut
wie Diebstahl, hatte Ilse gesagt, als sie entdeckte, da ich einen fremden
Brief gelesen ... War mein Verweilen hier nicht ganz genau so, als lse ich
unbefugt ein fremdes Geheimnis, als htte ich die Siegel drauen auf der Thr
erbrochen? Ich versuchte, gegen mich selbst eine strenge Miene anzunehmen; aber
ich konnte nicht halb so gut schelten wie Ilse, und tief gingen mir die
Gewissensbisse gar nicht - ich fand es im Gegenteil erst recht schauerlich s,
da die Siegel auf den Thren klebten, und da kein lebendes Wesen, vielleicht
eine naseweise Fliege ausgenommen, die durch irgend ein Schlsselloch schlpfte,
hier umherhuschen konnte, nur ich, ich allein!
    Und nun mute ich auch einmal probieren, wie es wohl der schnen Prinzessin
zu Mute sei, wenn sie durch die Glasthren hinausshe. Ich schob eine der
Draperien ein wenig zurck - wie ein kleines, trautes, in die Lfte
hineinragendes Kabinett ohne Dach und Decke schlo sich drauen der Balkon an
die Thren an - ich hatte ja noch nie einen Balkon gesehen - wie mute es wonnig
sein, hoch ber der Erde schnurstracks aus den heien Zimmern ins Freie treten
zu knnen!
    Drunten breitete sich der Teich hin; der dunkelblaue Nachmittagshimmel
fllte eintnig den unbeweglichen Wasserspiegel, in dessen Mitte groteske
Sandsteinfiguren wie auf einer blauen Samtdecke ruhten. Der duftig grne
Rasenfcher, die schlanken Steinbilder im vollen Goldglanz der Sonne, die hellen
Kiesstreifen, die Rasen und Teich scharf trennten und tief in die Boskette
hineinschnitten, das alles war sehr hbsch - wren nur nicht die dicken, grnen
Vorhnge gewesen, die es so erstickend eng umschlossen, diese Baummassen, ber
die der Blick nicht hinauskonnte, die den Atem beklemmten und dort drben auf
dem Berge womglich in den Himmel zu klettern suchten ... Wurde der schnen
Prinzessin nicht bange, da eines Tages alle diese Wipfel nher rcken und
rauschen und sie und das Schlchen wie grne Meereswogen verschlingen knnten?
... Da war sie doch viel heimischer, meine liebe, weite, glatte Heide mit dem
harten krftigen Luftstrom, der ber sie hinstreichen konnte, soviel er mochte!
    Vielleicht sah man drauen auf dem Balkon durch irgend eine Baumlcke in das
Land hinaus! Ich war leichtsinnig und keck genug, den Schlssel umzudrehen und
die Thr um Spannweite zu ffnen; die schwle Sommerluft drang herein und trug
kstliche Dfte aus dem Blumengarten herber - den Kopf konnte man wohl auch
einen Augenblick hinausstecken - Himmel, da trat Ilse mit raschen krftigen
Schritten aus dem gegenberliegenden Gebsch und schulterte einen langen
Stielbesen! Ich schlug die Thr zu, rannte wie besessen durch die Zimmer, fuhr
in meine Schuhe und schlpfte die Treppe hinab. Ich hatte eben die Tapetenthr
geschlossen und mich mglichst harmlos auf einen Stuhl geworfen, als Ilse
eintrat.
    Hab' doch gar bis nach vorn in den Hof laufen mssen um den Besen da!
sagte sie. Das Haus hier ist ja rein wie verzaubert - verschlossene Thren, wo
man hinguckt, und nirgends eine Menschenseele! ... Und meine liebe Not hab' ich
auch gehabt - wollte mir doch das Stubenmdchen den Besen nicht geben, aus
lauter Ehrfurcht ... das hat mich aber in den Harnisch gebracht! ... Der infame
Kirchenhut - ich mchte ihn am liebsten gar nicht wieder aufsetzen!
    Sie kehrte sorgsam jedes Staubwlkchen von der Thr, drehte den Schlssel
zweimal um und schob den Schrank an seine alte Stelle. Dann trennte sie das
Sackleinen auf und trmte die ungeheuren Federbetten in der reichverzierten
Bettstelle bereinander ... Ei, wie unverschmt der rot und wei gewrfelte
Ueberzug neben dem gelben Seidendamast sich blhte, und wie schchtern und
winzig das verchtlich hingeworfene feine Leinenzeug zusammensank neben meinem
Betttuch, an welchem ich in ziemlicher Entfernung die Fden zhlen konnte!
    Aber Ilse bersah mit geschmeichelter Miene das Werk ihrer Hnde - es war
derb und haltbar, dagegen lie sich nichts einwenden.
    Morgen frh gehen wir in das Vorderhaus, sagte sie zu mir, indem sie eine
frische, weie Halskrause aus dem Koffer nahm und auf den Toilettentisch legte.
Nach dem, was dein Vater heute sagte, scheinen es sehr vernnftige Leute zu
sein.
    Ich besann mich vergeblich auf diesen Ausspruch: mein Vater hatte nur
indigniert von den vernachlssigten Kisten gesprochen und die vernnftigen
Leute Krmerseelen genannt.
    Vielleicht kann ich mit dem Herrn selbst ber dich sprechen, warf sie hin.
    Um Gottes willen nicht, Ilse! schrie ich auf. Ich laufe auf der Stelle
auf und davon, und du siehst mich nie, nie wieder!
    Sie sah mich gro an. 's ist wohl nicht richtig? fragte sie und legte den
Zeigefinger bezeichnend an die Stirne.
    Denke, was du willst, aber ich leide es nicht, da du auch nur ein Wort mit
dem jungen Herrn ber mich sprichst -
    Ei, wer denkt denn an den jungen Laffen? An das gedrechselte Mannsbild, das
mit Reifen spielt? ... Das htte mir gefehlt!
    Ich fhlte, wie mein Gesicht aufglhte - Entrstung, Schmerz und Scham
durchfuhren mein Inneres wie schneidende Messer ... Nein, Ilse war doch auch
manchmal zu rcksichtslos, hart und grob!
    Ich meine den Herrn, der uns gestern im Hofe nachrief! fuhr sie unbeirrt
fort.
    Ach, der, sagte ich; mit dem sprich meinetwegen, so viel du willst - der
ist alt, uralt!
    So - das sind wirklich die Leute, die vor vier Wochen in der Heide waren?
    Ich nickte mit dem Kopfe.
    Und der Alte hat dir die Unglcksthaler gegeben?
    Ja, Ilse!
    Ich trat an das Fenster und sah hinaus. Ich war im Begriff, mich sehr
lcherlich zu machen - die Thrnen traten mir in die Augen. Ilse wute freilich,
da ich auch weinte, wenn sie Heinz zu nahe trat; aber das war doch ganz etwas
anderes, den hatte ich lieb von Kindesbeinen an - aber was kmmerte mich der
wildfremde junge Mann? Was in aller Welt ging es mich an, wenn ihn Ilse einen
Laffen, ein gedrechseltes Mannsbild nannte? ... Es war die reine Lcherlichkeit
- und die Verunglimpfung erzrnte mich trotzdem noch viel mehr und noch ganz
anders, als wenn Ilse meinem guten, alten Heinz rauh den Text las.

                                       12


Als ich am anderen Morgen aufwachte, war mir sehr wunderlich zu Mute. Ich sah
zunchst die wohlbekannten Wrfel auf meiner Bettdecke vor mir und lag genau so
tief zwischen Federbergen versunken, wie auf dem Dierkhof. Das Reifenspiel auf
dem Kiesrund, der Empfang bei meinem Vater, die zerbrochenen Marmorbilder und
meine Wanderung durch Frau Holles Zimmer und Sle, das alles flog nur traum- und
nebelhaft durch meinen Kopf, dagegen meinte ich jeden Augenblick, die Hhne
drauen mten anfangen zu krhen; ich hrte die Kaffeemhle vom Fleet her
rasseln, und wunderte mich, da Spitz noch nicht tppisch auf mein Bett sprang,
um guten Morgen zu sagen. Ich fuhr aus den Federn empor ... Ach nein, durch
die dicken Holzlden der groen Eckkammer flo das Morgenlicht nicht so gold
geld, auf den ausgehhlten Dielen lag kein farbenbunter Teppich, und von den
weigetnchten Wnden herber schimmerten keine Blumengewinde und Goldleisten -
dort hing nur das verrucherte, ernsthafte Bild Karls des Groen, das liebe,
alte Bild ... Und still, totenstill war es auch um mich her ... Man hatte mich
nicht in eine dunkle Hinterstube gesteckt, im Gegenteil, Glanz und Schnheit und
Blumenduft umgab und umwehte mich, wohin ich sah - desto schlimmer! Ich pate ja
gar nicht in alle die schnen und seltsamen Dinge hinein! Gestern im
Spiegelzimmer hatte ich mich ausgeschttet vor Lachen ber mich selber, wie
mute ich nun gar fremden Augen erscheinen? ... Da war es doch wohl besser, ich
lernte in einer einsamen Hinterstube neue Bibelsprche und knebelte am
Strickstrumpf, bis die unerbittlichen zwei Leidensjahre herum waren. Ich
schttelte mich und steckte den Kopf tief in die Kissen - das war doch mein
Dierkhofbett, da drin war ich noch zu Hause. Das sah ebenso urkomisch aus
inmitten der seidenen Vorhnge und Wandmalereien, wie das sonnverbrannte Kind
der Heide.
    Gestern hatten mich die neuen Eindrcke berrumpelt; ich war wie von einem
Rausch befangen schlafen gegangen; nun war das helle, klare Morgenlicht da und
der frisch ausgeschlafene Geist ernchtert, und ich war wieder die scheue
Eidechse, die sich vor den Menschenaugen in eine dunkle Hhle zu flchten
suchte.
    Wie ein Trster zwitscherte und sang auf einmal ein kleiner Vogel in meine
niederschlagenden Erwgungen hinein. Er sa jedenfalls drauen auf dem
Fenstersims, und ich meinte in schmerzlicher Freude, er kme aus der Heide,
direkt vom Ebereschenbaum an der Dierkhofwand her ... Die tiefe Morgenstille
wurde zu meiner groen Ueberraschung aber auch noch auf andere Weise
unterbrochen. Hinter der Wand, an welcher der Schrank stand, sang pltzlich eine
tiefe, klangvolle Mnnerstimme in langgehaltenen Tnen den Vers eines
Kirchenliedes. Zugleich wurde die Thr nach meinem Vorzimmer aufgemacht; Ilse
trat lauschend auf die Schwelle. Sie nickte mir schweigend guten Morgen zu und
blieb mit gefalteten Hnden stehen.
    Ein frommer Mann, sagte sie erbaut, als der Vers zu Ende war, und trat an
mein Bett. Da wohnen ja auer deinem Vater doch noch Leute in dem Hause - und
was fr Leute! ... Ist mir doch gestern das ganze Haus so heidnisch und verhext
vorgekommen -
    Sie schwieg, denn die Stimme begann einen zweiten Vers - das liebliche
Tirilieren drauen auf dem Sims war lngst verstummt; die starke Menschenstimme
hatte den kleinen, schchternen Snger verscheucht.
    So, nun stehe auf, Kind! sagte Ilse, nachdem sie auch dem zweiten Vers
andchtig gelauscht hatte. Die Nachbarschaft da drben ist mir lieber, als wenn
ich einen Schatz gefunden htte. Das war eine schne Morgenandacht! ... Nun
geht's ans Tagewerk!
    Damit zog sie die Rouleaus in die Hhe und ging hinaus.
    Ich sprang aus dem Bett. Drauen sprhten und tanzten goldene Funken aus dem
Wasserspiegel; die Bume und Bsche troffen von farbenglitzerndem Tau, und ber
die Rasenflchen hin liefen Pfauen und Goldfasane.
    Whrend ich mich ankleidete, sang die nachbarliche Stimme unermdlich
weiter.
    Je - kriegt denn der's bezahlt? fuhr Ilse mit einer Falte des Unmuts
zwischen den weiblonden Brauen ganz erstaunt herein, als nach dem sechsten Vers
auch der siebente begann. Unserm Herrgott mu ja Zeit und Weile lang werden bei
dem Ansingen! ... Dazu hat er doch wahrlich die schne kostbare Morgenluft nicht
gemacht!
    Sie war freilich schon thtig gewesen. Sie hatte sich eine Kche
aufschlieen lassen und, trotz aller Anerbietungen des Stubenmdchens, das
Frhstck selbst bereitet - Ilse konnte absolut keinen fremden Kaffee trinken.
Die Stube war bereits gefegt, das Bett fortgerumt, das sie sich auf dem Sofa
zurechtgemacht, und auf dem Tisch stand schn geordnet ein von Frulein Fliedner
gesandtes Kaffeegeschirr.
    Ich klopfte mit schchternem Finger an die Thr meines Vaters.
    Komm nur herein, kleines Lorchen! rief es drinnen ... Gott sei Dank, er
wute noch, da ich da war, ich mute mich nicht aufs neue vorstellen! Er zog
mich an der Hand ber die Schwelle, kte mich auf die Stirne und entschuldigte
sich, da er uns gestern so allein gelassen, aber er habe bis nach elf Uhr beim
Herzog bleiben mssen. Ilse teilte ihm mit, da sie sich nachher bei Frulein
Fliedner Rats erholen wolle, was nun mit mir zu beginnen sei, und damit war er
vollkommen einverstanden. Frulein Fliedner sei eine sehr wrdige, achtungswerte
Dame, es wrde ihm lieb sein, wenn sie sich seines Tchterchens annehmen wolle;
spter werde er ihr selbst seinen Besuch machen und sie darum bitten. Heute aber
knne er unmglich, er stecke tief in dringenden Arbeiten und msse mit jeder
Minute geizen.
    Er war bei weitem nicht so zerstreut wie droben in der Bibliothek an seinem
Schreibtisch, und wenn er mich auch ein paarmal mit dem Namen meiner
verstorbenen Mutter anredete und sich angelegentlichst erkundigte, wie alt ich
sei - ich fhlte doch aus allem heraus, da er sich mit dem Gedanken, sein Kind
bei sich zu haben, vollkommen vertraut gemacht hatte - das ermutigte mich
wieder. Er behielt fortwhrend meine Hand in der seinen, und ich durfte ihn bis
an die Treppe begleiten, denn er war gewohnt, seinen Kaffee im Bibliothekzimmer
zu trinken.
    In der Halle ging ein stattlicher alter Herr an uns vorber. Er hatte
schneeweies Haar und ein schneeweies Halstuch unter dem Kinn, und sein
schwarzer Anzug glnzte wie Atlas in dem hereinfallenden Morgensonnenstrahl. Er
zog zwar tief den Hut, aber mit sehr steifer, gemessener Haltung, und seine
hellblauen Augen glitten frmlich feindselig hochmtig an der nachlssigen
Erscheinung meines Vaters hin.
    Wer ist das? fragte ich leise, als er rasch, aber mit auerordentlich viel
Wrde drauen den Teich umschritt; bei seinem unvermuteten Erscheinen war es mir
wie ein jher Stich durch das Herz gefahren.
    Der alte Buchhalter der Firma Claudius, sagte mein Vater. Er ist dein
Nachbar - hast du ihn vorhin nicht singen hren? Ein sarkastisches Lcheln flog
um seine feinen Lippen, whrend er einen Blick auf den eifrigen Morgensnger
zurckwarf, der eben im gegenberliegenden Gebsch verschwand.
    Zwei Stunden spter ging ich denselben Weg an Ilses Seite, den Weg nach dem
Vorderhaus. Ilse trug den Blechkasten mit den Wertpapieren meiner Gromutter
unter ihrem schwarzen Umschlagetuch; sie hatte ihre Reisetoilette noch durch ein
Paar dunkler baumwollener Handschuhe vervollstndigt und sah ganz feierlich aus.
    Heute war das Kiesrund leer; dafr herrschte desto regeres Leben im
Blumengarten. Der Schubkarren kreischte im Sand der Wege, zwischen den Beeten
wandelten Leute in der Arbeitsbluse, Blume um Blume in Bouquets einfgend, und
aus Rosenhecken, hinter Spalieren tauchten Mnnerkpfe empor, die uns erstaunt
nachsahen.
    Als wir in die Nhe des groen Gewchshauses kamen, trat der alte Buchhalter
aus der Thr. Er war ohne Hut; von dem ehrwrdigen, bltenweien Scheitel ging
ein frmliches Leuchten aus. Er sprach mit dem jungen Herrn, der, wie es schien
zum Ausgehen gerstet, neben ihm herschritt. Sie bemerkten uns nicht, obgleich
wir, kurz nach ihnen, in den breiten Weg einbogen, der direkt nach der Thr in
der Hofmauer lief.
    Sie sind Brausekpfe - Sie und Ihre Schwester - Ihr Flug geht hoch, sagte
der alte Buchhalter.
    Verdenken Sie uns das?
    Und das Nest, in dem Sie flgge geworden sind, pat nicht mehr - ich wei
es lngst! fuhr der silberhaarige Herr fort, ohne den Einwurf zu beantworten.
Er hatte auch beim Sprechen eine tiefe angenehme Stimme, nur war seine
Sprechweise so eigentmlich breit und betonend, als halte er selbst jedes seiner
Worte fr goldschwer.
    Das will ich nicht gerade sagen, entgegnete der andere achselzuckend;
aber es brauchte so manches nicht zu sein, was Charlotte und mich demtigt, was
sich uns in der Gesellschaft, und hauptschlich mir bei meiner Karriere wie ein
Bleigewicht anhngt ... Wenn sich der Onkel nur einmal entschlieen knnte,
diese Krambude aufzugeben!
    Er holte mit seinem feinen Spazierstock weit aus und kpfte eine prachtvolle
feuerfarbene Nelke, die in den Weg hereinnickte, mit einem so wuchtigen Hieb,
da der Kelch weithin in den Kies flog ... Ich stie einen leisen Schrei aus und
fuhr unwillkrlich mit beiden Hnden nach dem Halse, als sei mir der grausame
Hieb selbst durch das Genick gegangen.
    Die Sprechenden fuhren herum. Mein erschrockenes Gesicht, noch mehr aber
wohl meine Bewegung lockten ein spttisches Lcheln auf das Gesicht des jungen
Herrn.
    Ah, Heideprinzechen kann auch sentimental sein? rief er und nahm den Hut
verbindlich grend von seinen kastanienbraunen Locken. Nun bin ich sicher ein
Vandale, ein Barbar, und Gott wei, was alles, und bin verurteilt fr ewige
Zeiten, fuhr er mit einem lchelnden Seitenblick auf mich fort. Es bleibt mir
nichts anderes brig, als die Blume sofort wieder zu Ehren zu bringen.
    Er hob die Nelke auf und steckte sie in sein Knopfloch.
    Das macht das arme Ding auch nicht wieder ganz und heil, sagte Ilse
trocken im Vorbergehen.
    Er lachte auf.
    Heien Sie nicht Ilse? fragte er schelmisch.
    Aufzuwarten, ja - Ilse Wichel, wenn's erlaubt ist, entgegnete sie, sich
nach ihm umdrehend - das klang scharf, als habe sie Pfeffer und Salz auf der
Zunge; wie aber wrde ihre Antwort erst ausgefallen sein, htte sie gewut, da
er in der Heide an den Namen Ilse das Bild eines - Drachen geknpft hatte!
    Wo sie brigens den Mut hernahm, so selbstndig fest und gleichmtig in die
braunen Augen zu sehen, als gehrten sie zu dem ersten besten Besenbinderjungen,
den sie mit irgend einer Vermahnung und einem Stck Brot vom Dierkhof
fortschickte, das war mir ganz unfalich.
    Ja, Ilse war tapfer wie ein Soldat, mit der konnte sich keine messen, keine
in der ganzen Welt, ich aber am allerwenigsten, denn mein Hasenherz schlug so
heftig, da ich meinte, der Herr Buchhalter she es und betrachte mich deshalb
so scharf von Kopf bis zu Fen.
    Ich glaubte, der junge Mann wollte seinem Begleiter sagen, wer ich sei;
allein Ilse hielt nicht stand; sie nickte mit dem Kopfe und wandte sich um, und
ich machte selbstverstndlich die Schwenkung mit.
    Die Herren gingen langsam hinter uns her. Ein Wagen kommt drauen um die
Ecke! sagte der junge Herr pltzlich stehen bleibend. Ja, ja, es sind die
Rappen! Onkel Erich kommt von Dorotheenthal zurck!
    Sie beschleunigten ihre Schritte und traten noch vor uns in den Hof, wo eben
durch das Thor der hbsche hellausgeschlagene Wagen hereinbrauste. Der alte Herr
mit dem braunen Hut und der blauen Brille sa drin. Er sah gerade so aus, wie in
der Heide, nur sprang er mit weit mehr Leichtigkeit ber den Tritt herab, als
ich nach seinen sonst so gemessenen, jedenfalls vom Alter bedingten Bewegungen
vermutet htte.
    Guten Morgen, lieber Onkel! sagte der junge Mann, und: Bist du da, Onkel
Erich? rief Charlottens Stimme aus einem Fenster herab.
    Der alte Herr winkte grend hinauf und reichte seinem Neffen und dem
Buchhalter die Hand. Wir gingen eben vorber, wurden aber nicht beachtet; denn
mit dem Wagen zugleich war auch ein stattlicher, krftiger Mensch mit einem
Felleisen auf dem Rcken in den Hof getreten und hielt in diesem Augenblick
seinen abgezogenen Hut bittend hin.
    Ich sah, wie der junge Herr sofort seine Brse zog und ein groes
Silberstck in den Hut werfen wollte; allein der Onkel schob die freigebige Hand
zurck.
    Was fr ein Handwerk? fragte er den Bittenden.
    Bin ein Schreiner -
    Habt Ihr hier in der Stadt Arbeit gesucht?
    Ja wohl, gndiger Herr, - und wie! Hab' aber keine gefunden, partout nicht,
und wr' mir doch jede recht, wei es Gott! - Ich hab' das Wandern dicksatt!
    So, so - dann kommt einstweilen zu mir; ich habe Arbeit fr Euch - er
zeigte auf die Kistenste ringsum - und bezahle gut.
    Der Mensch kraute sich verlegen in seinem wirren Haar. Nun ja, ist mir
recht, Herr - will aber erst noch einmal in die Herberge gehen - sagte er
stockend.
    So geht! sagte kurz der alte Herr und wandte sich weg.
    Tausend noch einmal, der hat Haare auf den Zhnen! meinte Ilse bewundernd,
whrend wir die Stufen in der Hausflur hinaufstiegen; ich aber war emprt. Der
Bettler sah erbrmlich zerlumpt und zerrissen aus, und wie rauh und kurz war er
angelassen worden! War es nicht an sich schon schrecklich, bitten zu mssen -
mir hatte das Herz weh gethan, als der stattliche Mann so demtig gebckt vor
dem stolzen Reichen stehen mute! ... Da war der junge Herr doch viel
barmherziger und edler gewesen; ohne zu fragen, hatte er sein Almosen
hingereicht ... Wenn der Schreiner nicht wiederkam, so verdachte ich ihm das
nicht einen Augenblick - wer mochte sich denn von den hlichen, blauen
Brillenglsern anfunkeln lassen?
    Charlotte hatte uns jedenfalls durch den Hof gehen sehen. Sie kam die Treppe
herab und begrte uns in der Hausflur. Ich konnte den Blick nicht von ihr
wegwenden. Ein Spitzenhubchen, klar und durchsichtig wie Spinnweben, hing
nachlssig hingeworfen auf dem dunkelglnzenden Scheitel und legte sich
verklrend um das schne, wenn auch fr ein junges, weibliches Gesicht etwas zu
groe und volle Oval der Wangen. In lockeren Falten flo ein helles Morgenkleid
um die hochaufgebaute Gestalt; nur ein schmaler Grtel bezeichnete in
weitgeschwungenen Konturen die durchaus nicht beengte, krftig gebaute Taille.
    Will Heideprinzechen zu mir? fragte sie freundlich und ergriff ohne
weiteres meine Hand.
    Nachher auch zu Ihnen, Frulein; aber erst mssen wir Frulein Fliedner
sprechen, sagte Ilse. Auch ihre Augen hingen wohlgefllig an der schnen
Erscheinung - ja, das Groe und Starke, davor hatte sie doch auch Respekt;
jedenfalls schmckte sie solch einen groen Kopf auf breiten Schultern auch
stets mit ihrem eigenen starken Willen aus ... Ich selber kam mir neben den zwei
stmmigen Frauengestalten so verkrzt, so grenzenlos unwichtig vor, wie etwa
eine zwischen zwei Eichen hingewehte Flaumfeder.
    Charlotte schttelte bei Ilses unverblmter Antwort lachend den Kopf und
ffnete eine Thr ... Gott sei Dank, die Dame, die sich bei unserem Eintreten in
einer der tiefen Fensternischen erhob, sie war wenigstens nicht so gro wie
meine zwei Flgelmnner! Frulein Fliedner sah in ihrem seidenen Kleide und
weien Hubchen und mit der feinen goldenen Uhrkette am Grtel wieder ebenso
appetitlich und zart, so vornehm aus wie gestern morgen in der Hausflur und kam
uns mit einem freundlichen Lcheln entgegen.
    Ich versank sofort neben Ilse in den dicken, kattunberzogenen Federkissen
eines altfrnkischen Sofas, whrend Charlotte sich in einen Lehnstuhl warf, den
klffenden Pinscher, der eben ein Stck aus meinem kostbaren Kleide zu reien
gesucht hatte, ohne Umstnde am Genick auf ihren Scho zerrte und ihm eine
Strafpredigt hielt.
    Ilse schilderte ohne lange Prliminarien in den knappesten Umrissen mein
bisheriges Leben. Mein Kopf voll Unsinn, meine braunen Hnde, die nicht stricken
wollten, und der unzhmbare Trieb, barfu zu laufen, das waren die
schauderhaften Grundzge des Portrts, welche die zweijhrige Bildungszeit
verwischen sollte ... Ich sa lammstill dabei und sah in den gegenberstehenden
Glasschrank nach der groen hlichen Porzellanfigur drinnen, die zu Ilses
kerniger Rede mit ernsthaftem Gesichte ein schweigendes Ja, ja, das mu anders
werden! unermdlich nickte. Dann zhlte ich die unendlichen Schlsselreihen an
der Wand - Himmel, diese schreckliche Menge groer und kleiner Schlssel hatte
Frulein Fliedner auch in ihrem kleinen zierlichen Kopf und mute wissen, was
jeder verschlo! Mir wurde angst und bange vor dem Hause, das so unzhligemal
hinter Schlo und Riegel lag - ach, mein lieber lustiger Dierkhof mit seinem
allereinzigen Hausschlssel, der oft nachts nicht einmal umgedreht wurde!
    Gern, herzlich gern will ich das kleine Frulein von Sassen unter meine
Flgel nehmen, sagte die alte Dame, als Ilse geendet und dabei den Blechkasten
mit den Papieren auf den Tisch gestellt hatte. Aber es mu dabei manches,
vorzglich die Geldangelegenheit, in ernste Erwgung gezogen werden. Ich bin der
unmageblichen Meinung, da Sie auch Herrn Claudius um seinen Rat bitten -
    Um Gottes willen nur heute nicht, liebe Fliedner! unterbrach sie Charlotte
lebhaft. Onkel Erich hat seine Arbeitsmarotte schlimmer als je - er htte eben
um ein Haar einen unglcklichen Handwerksburschen gepret, der war aber so
schlau, zu entwischen ... Er ist imstande und steckt das arme Ding da 'nber in
die Hinterstube und lt es sein lebenlang Totenkrnze aus getrockneten Blumen
binden!
    Ich sah ihr starr vor Schrecken ins Gesicht.
    Ja, ja, sehen Sie mich nur an, Kleine! sagte sie und betrachtete ihre
groen, weien, schngepflegten Finger. Fr diese zehn unglcklichen Geschpfe
hier zittere ich bestndig, da sie eines schnen Tages konfisziert und in der
Hinterstube angestellt werden!
    Nun, Sie drfen sich doch wahrhaftig nicht beklagen, Charlotte, meinte
Frulein Fliedner bei aller Milde doch ein wenig scharf.
    Ilse machte ein bedenklich langes Gesicht. Bei aller scheinbar
rcksichtslosen Strenge hatte sie mich doch viel zu lieb, als da sie den
Gedanken, mich unglcklich in der fremden Stadt zurckzulassen, ertragen htte
... Ja, sie malte meine Unwissenheit und Ungeschicklichkeit in den schwrzesten
Farben; aber sie mute sich auch sagen, da sie selbst viel Schuld trug - sie
hatte nie die Kraft gefunden, mich zur Arbeit zu zwingen und meinen Hang zum
ungebundenen Umherschweifen zu unterdrcken.
    Seien Sie ganz ruhig, versetzte Frulein Fliedner lchelnd zu ihr.
Frulein Claudius liebt es manchmal, in Uebertreibungen zu sprechen. Der Herr
ist streng, aber nicht taktlos; Sie knnen getrost mit ihm reden.
    Nun, wenn Sie meinen, entgegnete Ilse sichtlich erleichtert. Ich wei
nicht warum, aber ich habe Vertrauen zu dem Mann. Was er fr ein Gesicht hat,
wei ich freilich nicht - er stand drauen im Hofe mit dem Rcken nach mir zu -
aber die Kleine hat ihn vor vier Wochen in der Heide gesehen und sagt, er sei
ein alter, uralter Herr, und da mu er doch Erfahrungen haben und die Welt
kennen.
    Charlotte fuhr mit beiden Armen in die Luft und schttelte sich vor Lachen.
    Onkel Erich wird sich bei Ihnen bedanken, durchlauchtigstes
Heideprinzechen! rief sie, und auch Frulein Fliedner sah mich schalkhaft an.
    Nehmen Sie nur Ihren Kasten und kommen Sie mit! sagte sie zu Ilse. Sie
warf eine Mantille ber die Schultern, zupfte die weien Manschetten am
Handgelenk zurecht und fuhr mit beiden Hnden ber den tadellos glatten,
graumelierten Scheitel.
    Da mu ich auch dabei sein! rief Charlotte aufspringend und warf den
Pinscher in seinen Polsterkorb.
    Im Morgenanzug? fragte Frulein Fliedner mit groen Augen.
    Ach was, ist er denn nicht schn und frisch? rief Charlotte leichthin,
indem sie sich vor dem Spiegel das Spitzenhubchen tiefer in die Stirne zog.
    Die alte Dame zuckte die Achseln und lie uns wieder hinaustreten in die
dmmernde Hausflur. Sie ffnete geruschlos eine am entgegengesetzten Ende der
Halle liegende Thr.

                                       13


Ich wre am liebsten gleich auf der Schwelle umgekehrt und in den Hof gelaufen,
um mich zu berzeugen, da drauen die Julisonne wirklich noch am wolkenlosen
Morgenhimmel brenne ... Ach, wie dster und kalt war es hinter diesen
vergitterten Fenstern! Von der gegenberliegenden Straenseite leuchtete
freilich eine helle Hausfront herein, allein diese hartgrelle Flche lie die
Schatten, die um die steingewlbte Decke und die braunen Ledertapeten webten,
nur um so greifbarer dunkel erscheinen. Mit jedem Atemzug schluckte die Lunge
eine dumpfe, dicke Luft, in der alle Blumen der Welt gestorben und eingetrocknet
zu sein schienen.
    An einer langen Tafel stand der alte Buchhalter. Er hatte graue
Leinwandrmel ber seine Arme gezogen und whlte sortierend in einem Haufen
kleiner Papierpakete; um ihn her waren mehrere Leute beschftigt.
    Guten Tag, Herr Eckhof! sagte Charlotte und reichte ihm im Vorbergehen in
burschikoser Weise, wie etwa ein Student dem anderen, die Hand. Er grte
freundlich zurck - vor Frulein Fliedner dagegen neigte er sich genau so steif
und gefroren wie vor meinem Vater.
    Wir durchschritten das groe, saalartige Zimmer und traten in einen
daranstoenden Raum. Es war nur der Herr anwesend, obgleich mehrere Schreibpulte
die Fensterwand entlang standen.
    Der Herr sa so, da er das ganze Zimmer und auch die Thr bersehen konnte,
durch die wir eintraten. Bei unserem Erscheinen hob er den Kopf; dann stand er
auf, ein wenig frappiert, wie es schien, und verlie den Fenstertritt, auf
welchem sein Schreibtisch stand ... Er hatte ein schmales, edles, etwas blasses
Gesicht.
    Charlotte eilte, uns voraus, auf ihn zu.
    In der Morgenhaube, Charlotte? fragte er, und ein groes, blaues, feuriges
Augenpaar heftete sich befremdet auf das Gesicht der jungen Dame. Das lebhafte
Rot ihrer Wangen frbte sich tiefer und lief bis unter das Stirnhaar hinauf.
    Ach Onkel, du bist ja allein, sagte sie bittend, und lie ihre Augen noch
einmal flink durch das Zimmer schweifen. Nimm es diesmal nicht so streng mit
den Hausregeln - ich mu dabei sein, wenn du eine interessante Bekanntschaft
machst.
    Ich hatte mich lngst hinter Ilse geflchtet.
    Das ist der Herr nicht, der mir die Thaler gegeben hat, flsterte ich
ngstlich.
    Charlottens scharfes Ohr hatte die Worte aufgefangen.
    Onkel, sagte sie, wie ein Kobold in sich hineinlachend, vor vier Wochen
hat dich eine junge Dame in der Lneburger Heide gesehen und will nun zu dem
alten, uralten Herrn Claudius -
    Ach, das ist ja schlielich ganz egal, ob es der Herr ist oder nicht, den
die Kleine gesehen hat, fiel Ilse resolut ein. Ich will mit Herrn Claudius
sprechen, und der sind Sie doch?
    Er neigte mit dem schwachen Anflug eines Lchelns um seine Lippen den Kopf.
    Und nun begann Ilse abermals ihren Bericht. Sie mute ihn eingelernt haben,
wie der Pfarrer seine Predigt! denn er schnurrte und rollte ohne Unterbrechung
genau in der Reihenfolge herab, wie Frulein Fliedner gegenber.
    Whrenddem steckte ich hinter den Damen und betrachtete mir den Herrn
genauer. Er hatte die schlanke, feingebaute Gestalt des alten Herrn im braunen
Hut und auch seine Stimme; aber das war ja unmglich dessen Kopf. Ueber der
jugendlich glatten Stirne lag ein Streifen dicker, aschblonder Haarwellen und
Ringel, die allerdings im schrgeinfallenden Licht einen intensiven Silberschein
annahmen. Auffallend erschienen unter diesem mattglnzenden Haar die dunklen
Brauen. Fest und khn die blauen Augen berwlbend, gaben sie dem blassen,
vornehmen, wenn auch nicht gerade schngebildeten Gesicht einen Zug von Kraft
... Ich sah, wie sich allmhlich eine kleine Falte zwischen ihnen vertiefte -
Ilses Vortrag mifiel ihm offenbar, er hatte nicht die mindeste Lust, sich mit
der Sache zu befassen; hier und da warf er einen Seitenblick auf den neben ihm
liegenden, aufgeschlagenen Folianten; man sah, es war ihm fatal, gestrt worden
zu sein, wenn er sich auch hflicherweise Mhe gab, eine aufmerksame Haltung zu
zeigen.
    Ich kann Ihnen nur raten, sagte er khl, als Ilse eine Pause machte, um
Atem zu schpfen, die junge Dame so bald wie mglich in einem Institut
unterzubringen -
    Nein, Onkel! unterbrach ihn Charlotte. Es wre grausam, das junge, scheue
Geschpfchen, das bis jetzt die ungebundenste Freiheit genossen hat, in diese
Maschinen, diese Schablonen zu pressen! Das Leben im Institut ist schrecklich!
    Es ist schrecklich, Charlotte? wiederholte er tief betroffen. Und du hast
beinahe dein ganzes bisheriges Leben im Institut verbracht! ... Warum hast du
nie gesprochen?
    Sie zuckte die Achseln. Was htte mir denn meine Klage gentzt? klang es
ziemlich bitter von ihren Lippen.
    Er sah sie streng und durchdringend an, sagte aber kein Wort mehr. In diesem
Augenblick wurde die Thr aufgemacht; der alte Buchhalter trat ein, und ihm
folgte ein hochgewachsener, sehr schner, junger Mann. Der letztere erschrak
sichtlich ber die Anwesenheit der Damen und wollte sich wieder zurckziehen.
    Kommen Sie nur herein! rief Herr Claudius. Seine Augenbrauen falteten sich
ein wenig; er zog seine Uhr und hielt sie dem Eingetretenen hin.
    Es ist sehr spt, Herr Helldorf, sagte er kalt.
    Charlotte hatte den Gru des jungen Mannes mit einem vornehm gleichgltigen
Kopfnicken erwidert; bei den Worten ihres Onkels aber wurde sie feuerrot, und
ein Zornblick streifte dessen Gesicht.
    Verzeihen Sie, Herr Claudius; ein Kind meines Bruders erkrankte vor einigen
Stunden sehr heftig, entschuldigte sich der junge Mann mit leichtbebender
Stimme und nahm Platz an seinem Schreibpult.
    Das thut mir leid - ist Gefahr vorhanden?
    Gott sei Dank, sie ist vorber!
    Herr Claudius wandte sich wieder zu Ilse. Ich wei in der That nicht, wie
ich mich in der Angelegenheit ntzlich machen kann, sagte er. Herrn von Sassen
darf man doch bei seinem Beruf und seiner ganzen Lebensweise unmglich zumuten,
den Bildungsgang eines - wie Sie selbst sagen - ziemlich verwilderten jungen
Mdchens zu leiten -
    Das mchte ich schon gern bernehmen! fiel Frulein Fliedner ein.
    Und ich auch, sagte Charlotte rasch.
    Es handelt sich hauptschlich um die Verwaltung des kleinen
gromtterlichen Vermgens, das Frulein von Sassen zugefallen ist, setzte die
alte Dame hinzu.
    Nun, das, sollte ich meinen, knnte doch ihr Vater in die Hand nehmen.
    Er will absolut nicht, sagte Ilse rasch. Und das ist mir auch gar sehr
lieb, von wegen - sie schwieg einen Augenblick wie verlegen um die passende
Form - na, von wegen der zerbrochenen Steinbilder und Scherben, die er immer
kauft, fgte sie rasch entschlossen hinzu.
    Sie stellte den Blechkasten auf einen Tisch und schlo ihn auf. Herr
Claudius griff hinein und durchlief die Dokumente.
    Es sind viel verfallene Koupons dabei; aber die Papiere sind gut, sagte er
und legte sie wieder in den Kasten. Also ich soll das Geld verwalten ... Wollen
Sie, da die Zinsen zu dem Kapital geschlagen werden?
    Ach ja, sparen Sie, soviel wie mglich! versetzte Ilse. Aber freilich,
der Herr Doktor ist gar sehr vergessen, und da wird es wohl gut sein, wenn die
Kleine manchmal selbst ein paar Groschen in die Hand bekommt, damit sie sich
helfen kann.
    Wo ist die junge Dame?
    Aber so lassen Sie sich doch auch einmal sehen! sagte Charlotte zu mir.
Ehe ich mich dessen versah, hatte sie mir den Hut vom Kopf genommen, strich mir
mit den Hnden glttend ber das wilde Haar und schob mich an den Schultern hin,
so ungefhr, wie ein Kind, das seine eingelernten Geburtstagsverse hersagen
soll. Diesmal trat ich vollkommen unbefangen hin. Vor dem Mann mit der
trockenen, ruhigen Geschftsmiene fhlte ich nicht die mindeste Scheu - ich sah
so arglos zu ihm auf, wie ich den alten Herrn in der Heide angesehen hatte. Ich
glaube, ich htte den Mut gefunden, ihm entschieden zu widersprechen, wenn er
von seinen Totenkrnzen aus getrockneten Blumen angefangen.
    In dem Moment, wo sich unsere Augen begegneten, sah ich auch das
Wiedererkennen in den seinen - er war doch der Herr mit der blauen Brille.
    Ach sieh da! Das seltsame, kleine Mdchen, das noch nie Geld gesehen
hatte! sagte er berrascht.
    Ja, Onkel, das Heideprinzechen, wie Dagobert sagt - die kleine, freie
Heidelerche, die euch euer Geld vor die Fe geworfen hat und sich nicht so ohne
weiteres in den Vogelbauer stecken lt! rief Charlotte lachend. Nun, Kleine,
machen Sie doch Ihre Reverenz vor dem alten Herrn!
    Es lief fein rtlich ber das Gesicht des Herrn Claudius hin.
    Keine Possen, Charlotte! sagte er so ernst und streng, wie er Dagobert in
der unglckseligen Schuhaffaire zurechtgewiesen hatte.
    Sind Sie damit einverstanden, da das Geld in meine Hnde niedergelegt
wird? fragte er mich freundlich.
    Es erschien mir so wunderlich, zum erstenmal in meinem Leben ernstlich ber
einen Besitz verfgen zu sollen, da ich lachen mute. Gehrt es mir denn
wirklich? fragte ich.
    I nun freilich - wem denn sonst? sagte Ilse rgerlich.
    Es gehrt mir so, wie meine Hand da, oder meine Augen - ich kann eben damit
thun, was ich will? fragte ich beharrlich, aber auch fast atemlos vor Spannung
weiter.
    Nein, so unumschrnkt drfen Sie augenblicklich noch nicht darber
verfgen, sagte Herr Claudius - er hatte wieder den milden, weichen Ton, wie in
der Heide. Sie sind noch viel zu jung ... Wenn ich die Papiere, behufs der
Verwaltung, bernehme, dann mssen Sie mir auch ber jede Summe, die Sie von mir
einfordern, Rechenschaft ablegen.
    Ach, dann ist's nichts, sagte ich niedergeschlagen und traurig.
    Haben Sie einen speziellen Wunsch? Er bog sich nieder und sah mich fragend
an.
    Ja, Herr Claudius, aber ich will ihn lieber nicht sagen - Sie erfllen ihn
doch nicht.
    So - hm, woraus schlieen Sie denn das? fragte er gelassen.
    Weil ich vorhin gesehen habe, da Sie den armen Handwerksburschen ohne
Almosen fortschickten, antwortete ich mutig.
    Ach so, Sie wollen jemand untersttzen. Er blieb vllig unbewegt, mein
indirekter Vorwurf hatte ihm nicht den mindesten Eindruck gemacht.
    Aber was fllt denn der Kleinen ein? rief Ilse ganz erstaunt. Wen willst
du denn untersttzen, Kind? Du kennst ja auf der Gotteswelt niemand!
    Ilse, du weit es, sagte ich bittend. Du weit recht gut, wer jetzt in
Not ist und vielleicht jede Stunde zhlt, bis Geld aus Hannover kommt -
    Hre, Leonore, wenn du mir damit kommst, da hat alles ein Ende, unterbrach
sie mich. Sie war so zornig, wie ich sie noch nie gesehen. Ein fr allemal,
nicht ein Groschen wird hingegeben!
    Nun, dann behaltet euer Geld! rief ich heftig, whrend die
hervorquellenden Thrnen meine Augen verdunkelten. Ich nehme aber auch nie
einen Groschen davon - niemals, darauf kannst du dich verlassen, Ilse! ...
Lieber will ich in der Hinterstube Totenkrnze und Bouquets fr Herrn Claudius
binden!
    Er sah mich an. Wer hat Ihnen denn schon von dieser Hinterstube erzhlt?
    Meine Augen huschten unwillkrlich zu Charlotte hinber. Sie errtete und
lachte.
    Charlotte hat gescherzt, Herr Claudius! sagte Frulein Fliedner mild
entschuldigend. Als mir die Thrnen hervorbrachen, hatte die alte Dame sofort
ihren Arm um meine Schultern gelegt und mich an sich herangezogen. Ilse dagegen
erbitterte mein kindisches Wesen immer mehr. Sie legte ihre groe,
hartgearbeitete Hand schwer und drhnend auf den Deckel des Blechkastens, als
solle er damit gefeit und verschlossen werden fr jeden unbefugten Eingriff.
    Herr Claudius, leiden Sie es ja niemals, da Leonore Geld fortschickt!
warnte sie dringend. Ich sage Ihnen, thut sie es einmal, nachher ist auch schon
ihr bichen Ererbtes so gut wie verloren! ... Ich kann Ihnen das nicht
auseinandersetzen, - es ist eben eine schlimme Familiengeschichte, die begraben
bleiben mu ... o Herr Jesus, da einen solch ein junger Mund auch zwingt, so
etwas vor anderen auszukramen! ... Kurz und gut, es handelt sich um eine
Verwandte, die Schande auf Schande ber das Haus gebracht hat, die ausgestoen
ist -
    Kennen Sie diese Anverwandte? fragte Herr Claudius, sich an mich wendend.
    Nein - ich habe sie nie gesehen und wei erst seit vier Wochen, da sie
lebt -
    Sie bittet um eine Untersttzung?
    Ja, in einem Briefe an meine tote Gromutter.... Aber niemand will ihr
etwas geben ... Sie ist unter die Komdianten gegangen, sagte Ilse, und ist eine
Sngerin -
    Ein heies Errten scho ber das Gesicht des Mannes - er schlug den
Folianten neben sich zu.
    Aber sie hat ihre Stimme verloren, ihre wunderschne Stimme! fuhr ich fort
und suchte angstvoll und bittend seine Augen - er wandte sie weg. Wie
schrecklich mu es sein, wenn man singen will, und die Tne versagen! ... Ilse,
du bist doch so gut, wie kannst du es nur ber das Herz bringen, nicht zu
helfen, wenn jemand in Not ist!
    Wieviel betrgt die Summe, die Sie verlangen? schnitt Herr Claudius mit
seiner ruhig milden Stimme meine leidenschaftlichen Bitten ab.
    Einige hundert Thaler, versetzte ich mutig.
    Ilse schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen.
    Sie haben offenbar keinen Begriff, wie viel Geld das ist, sagte er.
    Ich schttelte den Kopf. Mag es doch sein, soviel es will. Ich gebe es
freudig hin - wenn sie nur ihre Stimme wieder bekommt!
    Ja, das glaube ich! lachte Ilse ingrimmig auf. Solch ein Kindskopf
handelt eben ins Tageslicht hinein und fragt viel danach, was daraus folgt!
    Ich will Ihnen das Geld geben, sagte Herr Claudius zu mir.
    Ilse schrie frmlich auf.
    Seien Sie doch ruhig. Ich werde Sorge tragen, da Frulein von Sassen kein
Verlust daraus erwchst - ich stehe dafr ein! Er griff in eine neben dem
Schreibtisch stehende Kassette und legte mir vier Banknoten hin. Dann warf er
mit flchtiger Feder einige Worte auf einen Briefbogen. Haben Sie die Gte,
diese Quittung zu unterschreiben. Er reichte mir seine Feder hin.
    Das mu Ilse thun, - ich schreibe zu schlecht, sagte ich unbefangen.
    Ein verstohlenes Lcheln huschte durch seine Zge.
    Das wre nicht geschftsmig, sagte er. Wenn ich Ihnen das Kapital gebe,
dann gengt die Unterschrift der Frau Ilse nicht ... Ihren Namen werden Sie doch
schreiben knnen? -
    O ja; aber Sie werden sehen, es sind schauderhafte Krakelfe.
    Ich stieg auf die Estrade, setzte mich auf den gepolsterten Drehstuhl, den
er mir zurecht schob, und sah vergngt auf Frulein Fliedner und Charlotte
herunter, die beide lachten. Wie lcherlich mochte aber auch die schmchtige
Mdchengestalt mit der unfrmlichen Ratsherrnkrause und den wilden Locken
aussehen auf dem ehrwrdigen Kontorstuhl, vor dem dicken, ernsthaften Folianten,
ber den sie kaum ihre kleine Nase zu erheben vermochte! ... Ich lachte mit, und
wie leicht kam mir das vom Herzen! Ich war ja so glcklich, da ich das Geld fr
meine Tante erkmpft hatte.
    Herr Claudius sttzte seinen Arm auf den Schreibtisch, so da seine Gestalt
mich vllig von den anderen schied. Ich ergriff die Feder und begann ein L zu
malen.
    Das geht aber nicht, sagte ich und hielt inne, als ich bemerkte, da er
mich ansah. Auf meine Hnde drfen Sie nicht sehen.
    So, ist das verboten? Darf man fragen, weshalb?
    Ei, sehen Sie das nicht selber? Weil sie so braun und abscheulich sind,
sagte ich unumwunden und ein wenig gergert darber, da er mich zwang, es auch
noch selbst auszusprechen.
    Er bog lchelnd den Kopf weg, und ich begann eifrig weiter zu schreiben - es
gehrten doch aber auch gar zu viel Buchstaben zu dem Namen!
    Da ging die Thr auf und der junge Herr trat eilig herein. Die feuerfarbene
Nelke sprhte zu mir herber wie ein Glutball - ich lie die Feder fallen und
legte die Hand ber die Augen; mir war, als drehe sich die ganze Welt vor mir im
Kreise.
    Onkel, rief er hastig, ich bin mit dem Grafen Zell einig ber den Preis -
nur fnf Louisdor mehr, als du angenommen ... Ist dir's recht? Und willst du
Darling nicht einmal ansehen? Ich habe ihn in den Hof bringen lassen.
    Herr Helldorf hat dich gegrt, Dagobert, sagte Herr Claudius statt aller
Antwort und zeigte auf den jungen Kommis.
    Dagobert neigte den Kopf flchtig dankend hinber und trat, sichtlich
erstaunt und ergtzt ber meine Situation am Schreibtisch, nher heran.
    Himmel, Dagobert, eine sentimentale Nelke im Knopfloch? rief Charlotte und
schlug in die Hnde. Wie kommt denn die zu der Ehre?
    Dagobert lchelte verstndnisvoll und schalkhaft zu mir hinber. Ilse fing
den Blick auf, der allen auffallen mute.
    Ach, thun Sie doch nicht, als wenn Ihnen die Kleine da oben die Blume
geschenkt htte! sagte sie trocken. Er hat das arme Ding mit seinem Stock vor
unseren Augen gekpft und lt es nun auch noch in seinem Knopfloch elend
umkommen, wandte sie sich erklrend zum allgemeinen Ergtzen an die
Umstehenden.
    Der junge Herr zuckte, in das Gelchter einstimmend, die Achseln.
    Aber wie ist's denn nun, Onkel Erich, darf ich dich bitten? Willst du nicht
mitkommen? fragte er, indem er die Sache auf sich beruhen lie.
    Geduld - erst mu ein Geldgeschft erledigt werden, sagte Herr Claudius.
Nun? wandte er sich wieder zu mir und nahm seine frhere Stellung ein.
    Die Feder lag noch auf der Quittung; ich hatte jetzt beide Hnde ber das
Gesicht gelegt, denn ich fhlte, da es glhendrot sein msse.
    Ich kann nicht, flsterte ich.
    Gehe hinaus, Dagobert, damit kein Unfug im Hofe geschieht, gebot er. Ich
komme in wenigen Augenblicken.
    Der junge Herr verlie das Zimmer.
    So, nun schreiben Sie, sagte Herr Claudius beschwichtigend zu mir und
heftete seine blauen Augen durchdringend, aber freundlich auf meine heien
Wangen.
    Ich vollendete die letzten Zge und schob ihm das Blatt hin. Zugleich griff
ich nach seiner Hand; es geschah zum erstenmal in meinem Leben einem Fremden
gegenber. Ich danke Ihnen! sagte ich aus vollem Herzen.
    Wofr denn? fragte er in gtigem Tone zurck, Hand und Dank ablehnend.
Wir sind einfach in Geschftsverbindung getreten, und dafr dankt man nicht.
    Ich stieg vom Fenstertritt herunter und legte meine Arme um Ilses Hals - ihr
finsteres Gesicht ngstigte mich ber die Maen. Ilse, sei gut, bat ich. Das
mute sein. Siehst du, nun kann ich auch wieder ruhig einschlafen.
    Ja, ja, die Ilse ist nun auf die Seite geschoben und hat nichts mehr zu
sagen, versetzte sie, aber sie wies mich nicht zurck. Also das mute sein.
Nun meinetwegen - ich wasche meine Hnde ... In der Heide konntest du vor einem
fremden Gesicht nicht drei zhlen und nun auf einmal, wo es gilt, deinen Kopf
durchzusetzen, und wo du merkst, da du andere auf deiner Seite hast, da kannst
du schwatzen und lrmen wie eine Elster und hast Backen so hei wie die
Bratpfel ... Zum Segen fllt dir die Geschichte nicht aus - denk an mich - dann
kommst du mir aber nicht mit Klagen!
    Sie lste meine Arme von ihrem Halse, nahm meine Hand in ihre Rechte und
wollte das Zimmer verlassen.
    Halt! rief Herr Claudius, der sich unterdessen an seinen Schreibtisch
gesetzt hatte und die Feder ber das Papier fliegen lie, wollen Sie Frulein
von Sassens Vermgen ohne alle Bescheinigung in meinen Hnden lassen?
    Jetzt wurden Ilses Wangen hei wie die Bratpfel. Sie schmte sich, so alle
Vorsicht aus den Augen gesetzt zu haben, sie, die Besonnene, die den Kopf stets
oben behielt.
    Da ist nur Ihr gutes Gesicht schuld, Herr Claudius - - bei jedem anderen
htte ich ganz gewi nicht vergessen, mir eine Bescheinigung auszubitten,
entschuldigte sie sich verlegen und nahm das Papier in Empfang, whrend ich die
Banknoten, die ohne Herrn Claudius' Erinnern auch auf dem Tische liegen
geblieben wren, in die Tasche schob - der strenge Geschftsmann mochte einen
schnen Begriff von der Gesellschaft aus der Heide bekommen.
    Gott, diese unausstehliche Pedanterie! rief Charlotte in der Hausflur.
Als ob nicht die ganze Welt wte, da sich die Firma Claudius mit solch
lumpigen paar tausend Thalern nie die Finger beschmutzen wrde! ... Aber da mu
jeder Pfennig und jedes Samenkorn verbrieft und besiegelt werden!
    Ordnung mu sein - vielleicht lernen Sie das doch noch einmal einsehen,
sagte Frulein Fliedner und fuhr sich mit dem Taschentuch ber die Mantille, die
im vorderen Zimmer einen leichten Staubstreifen mitgenommen hatte.
    Die junge Dame warf den Kopf zurck. Jetzt wollen wir Darling ansehen,
sagte sie statt jeder Antwort und sprang die Stufen zur Hofthr hinab.

                                       14


Der Hof war leer. Dagegen lagen beide Flgel der Gartenthr weit
zurckgeschlagen an der Mauer, und aus dem Garten herber scholl ein wstes
Geschrei und Toben, als ob Menschen und Tiere wild durcheinander liefen.
    Herr Claudius war uns nachgekommen. Er horchte einen Augenblick befremdet,
dann eilte er uns voraus in den Garten.
    Mir schlug das Herz vor Angst und Mitleid bei dem, was ich durch die offene
Thr sah ... Ein scheugewordenes Pferd raste durch den Blumengarten. Wie ein
Blitz fuhr das schlanke, rehhnliche Tier, dessen spiegelnden Rcken- und
Weichenflchen die Sonne alle Nancen der reinsten Goldfarbe entlockte, ber den
weiten, farbenbunten Plan und spottete mhneschttelnd und in wilder
Freiheitsfreude aufwiehernd aller der Hnde und Fe, die es verfolgten. Mit
einer wahren Wollust zerstampften die Hufe ein weites Levkojenfeld, dann flogen
sie schmetternd in die Scheiben des groen Glashauses. Hoch aufbumend und
zurckschaudernd vor dem Geklirr, stand der Goldfuchs einen Moment wie in Erz
gegossen auf den Hinterhufen, aber auch nur einen Augenblick - pfeilschnell
wandte er sich und strmte weiter gegen ein Spalier, das, betropft von tausend
prchtigen Purpurrosen, sofort zusammenbrach.
    Alle Gartenarbeiter, die im Hause beschftigten Leute und selbst die zwei
Herren aus dem Kontor, die jedenfalls den Lrm drinnen gehrt, rannten im Verein
mit Dagobert und einem betreten Jockey auf und ab, und jetzt flog auch
Charlotte, die bis dahin mit flammenden Augen neben mir gestanden, in den Garten
hinein.
    Wie aus der Erde gewachsen, stand pltzlich die hohe, krftige Gestalt im
hellen wehenden Kleide inmitten des Weges, auf welchem das Tier in blinder
Raserei herantoste - es fuhr schnaubend vor der befremdlichen Erscheinung
zurck; aber mit einer einzigen gewandten und raschen Bewegung hatten die zwei
schlanken, kraftvollen Damenhnde den Zgel erfat und hielten ihn eisern fest,
und das khne Mdchen lie sich um einige Schritte weit fortschleifen, bis sich
von allen Seiten die rettenden Hnde herberstreckten und das ungebrdige Tier
festhielten.
    Charlotte, du bist ein Prachtmdel! rief Dagobert, noch atemlos, aber
stolz und jubelnd, und kte seine Schwester ohne weiteres auf die Stirne. Neben
ihr stand der junge Mann aus dem Kontor - bleich wie ein Gespenst, mit
versagenden Blicken - er war der erste, der ihr zu Hilfe gekommen ... Ich sah
Charlottens Auge sein Gesicht streifen - sie wurde dunkelrot; aber auch sofort
wandte sie sich leichthin mit einer so gleichgltigen Bewegung ab, als schwebe
ihr ein geringschtzendes Ah bah! auf den Lippen.
    Alle bewunderten einstimmig ihre Kraft und Khnheit, ich selbst htte ihr
die kraftvollen Hnde kssen mgen - nur Herr Claudius hatte kein Wort fr sie.
    Wer hat beide Flgel der Gartenthr aufgemacht? fragte er streng und trat
mitten unter die Leute, die sofort ehrerbietig auseinanderstoben.
    Ich wollte die Blumen auf den Tischen bei Bankier Tressel erneuern und
hatte zwei Leute mit der groen Trage bei mir, und da muten beide Flgel der
Thr aufgemacht werden, sagte der Grtner mit der sanften Stimme, der uns
gestern morgen im Garten den Weg gezeigt. Vor den groen Oleanderbumen auf der
Trage mag sich wohl auch das Pferd gescheut haben.
    Herr Claudius schwieg. Er sagte weder ein tadelndes Wort zu Dagobert, der
das fremde Pferd in den Geschftshof gebracht, noch schalt er den Jockey dafr,
da er dasselbe nicht besser gehtet. Auch ber die Zerstrung im Garten fiel
nicht eine Bemerkung von seinen Lippen. Er betrachtete den schweitriefenden
Goldfuchs aufmerksam. Es war ein schnes Tier, aber in der Art und Weise, wie es
den Kopf gesenkt hielt und ihn dann unversehens zurckwarf, lag etwas
Tckisches.
    Unterdes hatte sich Dagobert auf den Rcken des Pferdes geschwungen, und
pltzlich flogen Ro und Reiter wieder in den weiten Hof zurck ... Das war nun
freilich ein herrlicher Anblick. Nach kurzer leidenschaftlicher Gegenwehr fgte
sich das Tier seinem Herrn und Meister und gehorchte scheinbar dessen leisestem
Winke.
    Wie verschwanden alle die Mnner, die umhergestanden, selbst der auffallend
schne junge Helldorf nicht ausgenommen, vor dem Tankred dort mit dem
kastanienbraunen Gelock! ... Nur an dem jhen Aufschieen einer hellen
Purpurrte ber die Wangen des Reiters hin sah man, da das Pferd insgeheim
Widerstand leiste, die elastische Gestalt des ersteren lie keine erhhte
Kraftanstrengung merken.
    Onkel, rief er herber, verzeihe Darling seine Unart um seiner herrlichen
Eigenschaften willen! ... Ist er nicht prchtig? Sieh ihn dir an! Mit seinem
zierlich elastischen Bau, dem kleinen Kpfchen auf dem schlanken Halse, fein wie
eine grazise Dame, hat er Mut und Feuer wie ein Held ... Onkel, sein Besitz
macht mich zu glcklich!
    Das thut mir sehr leid, Dagobert; denn ich kaufe ihn nicht ... Der Herr
Graf mag ihn selbst reiten! sagte Herr Claudius bedauerlich, aber sehr fest,
und ging, den angerichteten Schaden zu besehen.
    Mit einem Satz sprang Dagobert von dem Tier herab und reichte dem malizis
lchelnden Jockey den Zgel hin. Ich lasse den Grafen gren und werde weiter
mit ihm sprechen, sagte er mit fliegendem Atem.
    Der Mensch ritt fort, und die Umstehenden zerstreuten sich schleunigst, um
auf ihre Posten zurckzukehren.
    Charlotte hing sich an den Arm ihres Bruders und sah ihm zrtlich in das
heigertete Gesicht. Sie zog ihn ber die Schwelle in den Garten, wo auch
bereits Frulein Fliedner und Ilse eingetreten waren und rasch nach dem
zertrmmerten Gewchshaus zuschritten. Mich hatte man total vergessen. Ich ging
hinter den Geschwistern her, die den Weg nach der Brcke einschlugen.
    Nicht wahr, da stand ich nun wieder einmal da wie ein gemaregelter
Schulbube? stie Dagobert zwischen den Zhnen hervor - seine Stimme klang
halberstickt, als schnrten ihm Groll und Grimm die Kehle zu. Mich emprt
nichts mehr, als diese scheinheilige Ruhe bei allem! ... Er kauft das Tier aus
zweierlei Grnden nicht - einmal, weil es ihn durch seine Unart um ein paar
Bouquetgroschen und einige Samentten gebracht hat, und dann will sein
Spiebrgerhochmut mit dem aristokratischen Verkufer nichts zu thun haben;
lieber lt er sich von dem ersten besten Juden betrgen ... Aber davon
verlautet beileibe kein Wort! Er schweigt, thut, als bemerke er den Schaden gar
nicht, und rcht sich einfach durch unmotiviertes Zurckweisen ... Und dieses
pltzliche Herauskehren kavalierer Manieren und Kenntnisse! Lcherlich! Er, der
nie auf einem anderen Rcken, als dem seines einbeinigen Kontorstuhles gesessen
hat, er gibt sich pltzlich das Ansehen eines Sachverstndigen, mustert mit
Kennermiene ein Pferd -
    Du, damit sei nicht so vorschnell, unterbrach ihn Charlotte. Ich habe im
Gegenteil den Onkel sehr im Verdacht, da er einst, vorzglich in Paris, das
kavaliere Leben und Treiben mitgemacht hat, nicht aus Passion - Passionen hat er
nicht, die eine fr die Arbeit ausgenommen - aber vielleicht nur der Mode
willen, was wei ich! Sie zuckte die Achseln und sah zurck nach dem
Rosenspalier, das eben unter Herrn Claudius' Anleitung wieder aufgerichtet
wurde.
    Gegen diesen eisernen Schild der Klte und Berechnung vermgen wir beide
nichts! fuhr sie hinberdeutend fort. Da heit es, die Zhne zusammenbeien,
die Hand auf das heie, unruhige Herz pressen und abwarten, bis ein erlsender
Stern ber uns aufgeht.
    Sie hatte mich beim Umdrehen bemerkt und reichte mir unbefangen die Hand
hin, um mich zu fhren. Dagobert dagegen fuhr vor meiner kleinen Person
erschrocken zurck, es war ihm sichtlich fatal, einen Zeugen hinter sich gehabt
zu haben ... Htte er nur gewut, wie es in diesem Augenblick in mir aussah!
Meine Finger umklammerten die Banknoten in der Tasche - ich htte sie am
liebsten dem Manne da drben an der Rosenhecke hingeworfen, wie in der Heide
seine Thaler; diesem Eisblock, der bei uerer milder Freundlichkeit und
scheinbarer Gte die zwei jungen, herrlichen Wesen tyrannisierte und sie seine
Macht fhlen lie ... Hatten sie denn gar niemand weiter auf der Welt, als
diesen alten, hartherzigen Onkel? ... Ich war ihre enthusiastische Verbndete,
ohne da sie es ahnten.
    Dagobert trennte sich an der Brcke von uns; er ging in die Stadt. Wie gut
und edel mute er sein! Bei allem inneren Groll ging er doch erst noch hinber
zu dem Onkel und verabschiedete sich von ihm, als sei nichts vorgefallen.
    Charlotte schritt langsam neben mir her und sagte, sie wolle sich ein Buch
in der Bibliothek holen.
    Kommen Sie her, Kleine, sagte sie, ihren Arm um meine Schultern legend; -
sie zog mich im Weiterschreiten eng an sich heran, so da ich die starken,
heftig pochenden Schlge ihres Herzens fhlen konnte. Ich mag Sie gern. Sie
haben Charakter und ein mutiges Herz in Ihrem Liliputkrperchen ... Es gehrt
schon Mut dazu, in Onkel Erichs Augen zu sehen und etwas von ihm zu verlangen.
    Haben Sie denn keinen Vater oder wenigstens eine Gromutter? fragte ich,
mich an sie anschmiegend, und sah schchtern empor in ihr schnes Gesicht, das
noch das Geprge der Aufregung trug. Mir fiel in diesem Moment ein, da ich
selbst bei meiner geisteskranken Gromutter ein glckliches Kind hatte sein
drfen.
    Sie sah lchelnd auf mich nieder. Nein, Prinzechen, auch keine Gromutter,
die mir neuntausend Thaler hinterlassen knnte - o Gott, wie wollte ich da den
Staub von meinen Fen schtteln! ... Wir sind sehr frh Waisen geworden. Mein
Vater ist Anno 44 am Isly in Marokko gefallen - er war franzsischer Offizier.
Als er Frankreich verlassen hat, lag ich noch in den Windeln - ich wei nicht
einmal, wie er ausgesehen -
    Vielleicht wie Herr Claudius - er war doch wohl sein Bruder?
    Sie blieb stehen, zog ihren Arm zurck und schlug auflachend die Hnde
zusammen.
    O, Kind Gottes, Sie sind doch kstlich naiv! ... Ein Claudius in
franzsischen Diensten! ... Ein Sohn aus dem urrespektablen, urdeutschen Hause
der Samentten! ... Na, das wrde seinen ehrwrdigen, steifen Zopf schn
geschttelt haben! ... Nein, nein, in uns ist nicht ein Atom dieses biederen
deutschen Krmerelements! Dagobert und ich, wir sind Franzosen durch und durch,
Franzosen mit Leib und Seele! ... Gott sei Dank, wir haben auch nicht einen
Tropfen dieses Fischblutes in unseren Adern! ... Adoptivkinder sind wir - Onkel
Erich hat uns angenommen, Gott mag wissen, weshalb - aus mitleidig gerhrtem
Herzen ganz gewi nicht! ... Das klingt vielleicht abscheulich gerade aus meinem
Munde; aber ich kann es nun einmal nicht glauben!
    Sie umschlang mich wieder und ging langsamen Schrittes weiter.
    Diese Aufnahme in sein Haus wre an und fr sich ja ganz edel und
lobenswert, und ich wrde gewi nicht die letzte sein, die ihm dafr dankte,
fuhr sie fort; wenn sich nur nicht gerade auch hier wieder der krasseste
Despotismus so sichtbar zeigte. Er hat uns seinen Namen oktroyiert - whrend wir
Mericourt heien, mssen wir uns Claudius nennen, Claudius schreiben ...
Claudius, was fr ein schrecklicher, bockbeinig steifer, spiebrgerlicher Name!
... Wenn er den das deutsche Ohr bestechenden Namen Mericourt einigermaen
aufwiegen wollte, dann mte er wenigstens das von vor sich haben ... Wir haben
durchaus keine Ursache, fr diesen unfreiwilligen Umtausch dankbar zu sein! Er
hngt uns die Krmerfirma an die Stirne und ist ganz besonders hinderlich bei
Dagoberts Karriere als Soldat.
    Er ist ein Soldat? rief ich erstaunt. Frulein Streit hatte oft genug
ausfhrlich beschreibend von dem zweifarbigen Tuch mit den blanken Knpfen
erzhlt, das einst auch im Hause meines Vaters Zutritt gehabt hatte.
    Nun, wundert Sie das so sehr? ... Ach so, Sie haben ihn ja noch nicht im
Lieutenantsrock gesehen! Aber ich sollte meinen, man erkenne auch im Zivil
sofort den Offizier in ihm. Er liegt in Z. in Garnison und ist auf
mehrmonatlichen Urlaub hier ... Ich bin stolz auf Dagobert. Wir harmonieren
zusammen und ergnzen uns gegenseitig, wie selten ein paar Geschwister. Wir
lieben uns vielleicht um deswillen noch mehr, als wir lange, lange getrennt
gewesen sind. Ich habe von meinem dritten Lebensjahre an bis vor zwei Jahren im
Institut gesteckt, und er zuerst in einer Professorenfamilie und dann im
Kadettenhause.
    Wir traten heraus auf das Parterre vor der Karolinenlust.
    Komm, Hans, komm! rief Charlotte. Der Kranich, der eben wieder am Teiche
Posten stand, rannte auf sie zu wie ein feuriger Anbeter; von verschiedenen
Seiten strzten Pfauen und Perlhhner herbei, und hier und da blinkte auch ein
Fasanengefieder auf, aber es schlpfte sofort wieder in das Gebsch zurck -
meine Anwesenheit verscheuchte die scheuen Tiere.
    Nun sehen Sie nur diese unverdiente Liebe von allen Seiten! lachte
Charlotte. Die ist wirklich mhelos erworben; ich fttere die Tiere nie und
schmeichle ihnen nicht, und doch verfolgen sie mich auf Tritt und Schritt,
sobald sie meine Stimme hren. Ist das nicht seltsam?
    Ich fand es ganz und gar nicht seltsam. Lief ich doch selber schon wie ein
von ihr verwhntes, aber darum auch enthusiastisch treues Hndchen neben ihr
her. Ich war noch viel zu unerfahren und urteilslos, um die Macht ihrer
Persnlichkeit auf einzelne Eigenschaften zurckfhren zu knnen. Jedenfalls war
es hauptschlich die unglaubliche Sicherheit und Kraft in ihrer
Gesamterscheinung und in jedem ihrer mit fester, klangvoller Stimme gesprochenen
Worte, was mir imponierte und mich so bestrickte, da ich sie selbst und alles,
was sie sagte, bereits wie ein geoffenbartes Evangelium hinnahm - da sie auch
irren und unrecht haben knne, wre mir nicht eingefallen.
    Wo sind denn die Leute hingereist, die da drin wohnen? fragte ich und
zeigte auf die versiegelten Thren, als wir in der Karolinenlust die Bel-Etage
durchschritten.
    Charlotte sah mich gro und zweifelhaft an, als sei es nicht ganz richtig
bei mir; dann lachte sie laut auf. Versiegelt man denn bei Ihnen zu Lande die
Thren, wenn man verreist? Hat etwa auch Frau Ilse den Dierkhof versiegelt? ...
Ha, ha, ha! Wo die Leute hingereist sind? ... In den Himmel, Kleine!
    Ich erschrak heftig. Sie sind gestorben?
    Nicht sie, sondern er! ... Ein lediger junger Herr hat die Bel-Etage
bewohnt, Lothar, Onkel Erichs lterer und einziger Bruder - ein prachtvoller
Offizier. Sie werden ein sehr schn gemaltes Oelbild kennen lernen, es hngt im
Vorderhause, im Salon -
    Und er ist tot?
    Tot, Kindchen, wirklich, unwiderruflich tot ... Er ist am Schlagflu
gestorben, wie die offizielle Todesanzeige besagt - ganz insgeheim aber hat er
sich eine Kugel durch den Kopf gejagt. Die Welt bringt seinen Tod mit einer
Prinzessin des herzoglichen Hauses in Verbindung -
    Heit diese Prinzessin Sidonie? fuhr es mir heraus.
    Ei, der kleine Wildling aus der Heide hat auch genealogische Kenntnisse?
... Hie, mssen Sie brigens sagen, denn Prinzessin Sidonie ist auch lngst
gestorben - einige Tage vor dem Tode des schnen Offiziers ... Das ist eine
lngst verschollene Welt, ber die niemand etwas Bestimmtes wei, ich aber am
allerwenigsten. Ich wei eben nur, da die Siegel da kleben und nach der letzten
Verfgung des ehemaligen Bewohners dran bleiben sollen, bis - na, bis an das
Ende aller Tage - will's Gott! ... Hineingucken mchte ich schon einmal - so
ganz verstohlen. Aber da ist ja alles verrammelt und verbarrikadiert fr die
Ewigkeit, und Onkel Erich wacht wie ein Argus ber den Siegeln.
    Himmel, wenn der unerbittliche Mann mit dem durchdringenden Blick je
erfahren sollte, da die Fremde bereits hinter den Siegeln umhergehuscht war!
Ein Zittern durchlief meine Glieder, und ich prete die Lippen fest aufeinander
- da mir um Gottes willen nur nie das unselige Geheimnis entschlpfte! ... Kaum
in die Welt eingetreten, hatte ich schon etwas vor ihr zu verbergen, ich, deren
Gedanken und Plaudereien bis dahin so zwanglos, so frank und frei
herausgeflattert waren, wie meine wilden Locken im Heidewinde.
    Unterdes war auch Ilse, hinter uns her, die Treppe heraufgekommen und schalt
mich, da ich ihr durchgebrannt sei, derweil sie sich das Unheil im
Gewchshause angesehen.
    Das ist ja eine schne Geschichte, die das greuliche Tier angerichtet hat!
sagte sie ganz entrstet. Zwei von den groen teuren Glasscheiben sind total
zerschlagen, und einen groen Baum hat es mit dem einen Tritt auch umgeworfen -
die schnen roten Blumen liegen wie hingeschneit an der Erde herum ... Und da
ist der Mann muschenstill und sagt kein Wort - das htte mir passieren sollen!
    Onkel Erich hat Kamelien genug, sagte Charlotte leichthin und spttisch,
die paar abgeknickten Blten zhlen nicht! ... Uebrigens glauben Sie ja nicht,
da auch nur eine einzige unbezahlt bleibt; die werden auf Draht gesteckt und
kommen in die Bouquets, die auf heute abend zu einem Brgerball massenhaft
bestellt sind. Bei uns kommt nichts um - darauf knnen Sie sich verlassen.
    Sie ffnete die Thr des Bibliothekzimmers, ich aber drngte mich neben ihr
hinein und lief nach der Fensterecke, wo mein Vater arbeitete. Nein, sie durfte
es nicht sehen, wie er so lcherlich auffuhr von seiner Schreiberei und so hilf-
und verstndnislos in die Welt hineinsah! Sie durfte nicht lachen, ich litt es
nicht!
    Vater, wir sind wieder da, sagte ich und legte meinen Arm um seinen Hals;
so konnte er nicht emporfahren, und er that es auch gar nicht, er schlug nur die
Augen auf und sah lchelnd in mein vorgeneigtes Gesicht. Ich war berglcklich -
er kannte bereits meine Stimme, und ich hatte Macht ber ihn.
    So, kleiner Schalk, so berrumpelst du mich? scherzte er und klopfte meine
Wange. Wenn du aber ganz so werden willst wie deine liebe Mama, dann darfst du
nur ganz, ganz leise die Hand auf meine Stirne legen, oder nur eine Blume auf
mein Manuskript fallen lassen und mut husch wieder drauen sein, ehe ich mich
nur besinnen kann, wer es gewesen.
    Mir gab es jedesmal einen schmerzenden Stich durchs Herz, wenn er meine
Mutter, die er ber alles geliebt haben mute, in der Weise erwhnte - fr ihn
hatte sie tausend zartsinnige Aufmerksamkeiten gehabt, aber ihr einsames Kind
hatte nicht fr sie existiert.
    Jetzt sah mein Vater auch Charlotte. Er sprang auf und verbeugte sich.
    Ich habe Ihnen Ihr Tchterchen mitgebracht, sagte sie. Herr Doktor, Sie
mssen schon erlauben, da auch die Unwissenschaftlichen im Vorderhause ein
wenig herummeieln und bilden drfen an der kleinen wilden Hummel aus der
Heide.
    Er dankte ihr herzlich fr ihr Anerbieten und gab ihr unumschrnkte
Vollmacht. Dabei rieb er sich pltzlich besinnend die Stirne. Da fllt mir eben
ein - ach ja, ich bin manchmal ein wenig vergelich - ich habe ja gestern auch
auf einige Augenblicke die Prinzessin Margarete gesprochen; ich erwhnte
beilufig deine Ankunft, mein Kind, und sie sprach lebhaft den Wunsch aus, dich
nchste Woche zu sehen. Sie hat deine Mama gekannt, als sie noch Hofdame am Hofe
zu L. war. -
    Sie Glckliche! rief Charlotte. Einen altadeligen Namen, einen
hochberhmten Vater und eine Mutter, die Hofdame gewesen ist - wahrhaftig, die
Gtter haben ihr Fllhorn ber Sie ausgeschttet! Und das erscheint Ihnen wohl
gar nicht einmal wnschenswert?
    Nein - ich frchte mich vor der Prinzessin, versetzte ich scheu und
ngstlich und drckte mich neben Ilse.
    Frchte dich nicht, Lorchen; du wirst sie sofort liebgewinnen, trstete
mich mein Vater; Charlotte aber zog die prchtigen, schngeschwungenen Brauen
zusammen.
    Heideblmchen, seien Sie nicht kindisch! schalt sie. Die Prinzessin ist
sehr liebenswrdig. Sie ist die Schwester der Prinzessin Sidonie, von der wir
eben noch gesprochen haben, und die Tante des jungen Herzogs. Sie macht die
Honneurs an seinem Hofe, denn er ist noch nicht verheiratet, und soll ganz
besonders lieb und gut gegen die kleinen, schchternen, und - nehmen Sie mir's
nicht bel - ein wenig albernen jungen Mdchen sein, die sich vor der ersten
Vorstellung bei Hofe frchten ... Also beruhigen Sie sich, Kleine!
    Sie drehte mich an den Schultern hin und her.
    Wollen Sie der Prinzessin Ihr Tchterlein so vorstellen? fragte sie meinen
Vater und zeigte mit einem wahren Koboldlcheln ihre perlmutterweien Zhne.
    Er sah sie unsicher und verstndnislos an.
    Nun, ich meine in diesem vorsndflutlichen Kostm?
    Hren Sie mal, Frulein, fiel Ilse scharf ein, in dem Kleide da hat meine
arme Frau um den gndigen Herrn getrauert. Dazumal war sie auch noch stolz und
vornehm, und das Kleid ist ihr gut genug gewesen, und da wird es ja wohl der
Frau Prinzessin auch nicht schaden, wenn sie die Kleine drin ansieht.
    Charlotte lachte ihr ins Gesicht. Vor wie viel Jahren war das, gute Frau
Ilse?
    Jetzt ging auch meinem Vater ein Licht auf. Er strich sich mit der Hand ber
die Stirne. Hm, darum handelt sich's? ... Ja, ja, Sie haben recht, Frulein
Claudius, so ist Lorchen nicht ganz prsentabel. Ich erinnere mich - meine
verstorbene Frau hatte einen exquisiten Geschmack und ist ja auch spter noch
viel mit mir zu Hofe gegangen. Liebe Ilse, drunten im Erdgescho, unter meinen
Effekten mssen noch zwei Koffer voll Toilettengegenstnde sein - nach dem
schmerzlichen Ereignis hat sie die damalige Wirtschafterin gepackt -
    Da Gott erbarm, das sind jetzt ber die vierzehn Jahre her! rief Ilse,
die Hnde zusammenschlagend. Und das alles ist nicht einmal aufgemacht und
gelftet worden!
    Er schttelte den Kopf.
    Ach, Sie arme Kreatur! jubelte Charlotte frmlich auf und schlang den Arm
um mich. Da mu ich retten, sonst hat die Residenz ein Gaudium, wie noch nie!
... Ich werde fr alles sorgen, Herr Doktor!
    So - und wer bezahlt's denn? fragte Ilse trocken.
    Mein Vater machte ein sehr verdutztes Gesicht und sah seltsam ngstlich
drein - er schlang die Finger ineinander und lie sie in den Gelenken krachen.
    Charlotte bemerkte das sehr wohl. Ich spreche sofort mit dem Onkel, sagte
sie.
    Der kann der Kleinen auch kein anderes Geld geben, als ihr selber gehrt,
fiel Ilse beharrlich ein, und da haben wir ja gleich die Bescherung; da fliegt
das bichen Vermgen fr Lappen und Firlefanz in alle vier Winde, ehe wir es uns
versehen.
    Nun meinetwegen, behalten Sie Ihr Geld in der Tasche! rief Charlotte
rgerlich. Ich gebe ihr meine neueste Toilette, die der Schneider erst gestern
gebracht hat ... In dem Aufzug lasse ich die Kleine nicht an den Hof - dazu habe
ich sie schon viel zu lieb.
    Ich neigte den Kopf seitwrts und kte verstohlen die volle, weie Hand,
die meine Schulter umschlo. Ilse sah diese Bewegung; sie schttelte den Kopf,
und ein niegesehener, wehmtig bitterer Zug stahl sich in ihr Gesicht. Ich
glaube, sie bereute heute schon zum zweitenmal tief, mich in das Haus der
vernnftigen Leute gebracht zu haben.
    Noch hatte sie brigens keinen Grund zur Besorgnis; noch mischte sich in das
Dankgefhl, mit welchem ich Charlottens Hand kte, nicht eine Spur von
befriedigter Eitelkeit. Ich dachte nicht im entferntesten daran, da ich ohne
die dicke Mullkrause, von der mich Charlotte khn befreite, schner aussehen
knne - mein braunes Gesicht wurde wohl auch ber einem so zarten Spitzenkragen,
wie die junge Dame ihn trug, nicht um einen Schein weier, und die kleinen
Ohren, die sich bei dem leisesten inneren Angstgefhl stets so hei rteten,
fuhren sicher ebenso lcherlich daraus empor wie aus den weien Mullwogen. Aber
auch das erwog ich nicht einmal in diesem Augenblick - ich dankte einzig und
allein fr die Liebe, die mir entgegengebracht wurde.
    Charlotte verabschiedete sich von meinem Vater, ohne das gewnschte Buch
mitzunehmen; meine Vorstellung bei Hofe schien hinter der festen weien Stirne
einen wahren Wirbel von Gedanken erregt zu haben. Sie versicherte mir drunten in
der Halle nochmals, fr alles Sorge tragen zu wollen, ermahnte mich noch einmal
ernstlich, meine vllig unmotivierte Scheu und Aengstlichkeit zu besiegen, und
eilte in das Vorderhaus zurck.
    Du ziehst die geborgten Sachen natrlich nicht an, sagte Ilse zu mir,
whrend Charlotte jenseits des Teiches im Boskett verschwand. Deine selige
Gromutter mte sich ja in der Erde umdrehen . . O Herr Jesus, nun mu ich auch
gar noch selbst Herrn Claudius bitten, da er das Geld fr den Firlefanz
'rausgibt! ... ... Sie werden eine schne Putzdocke aus dir machen in dem Hause
da vorn!
    Als wir in das Wohnzimmer traten, wo das Stubenmdchen eben den Tisch
deckte, kam uns auch der alte, freundliche Grtner entgegen und sagte mir, da
er im Auftrage des Herrn Claudius in meinem Zimmer einen Blumentisch aufgestellt
habe.
    Mit Mhe suchte ich ein paar steife Worte des Dankes zusammen - ich wollte
ja die Blumen des Herrn Claudius gar nicht haben; mochte er sie doch lieber
verkaufen, der engherzige Zahlenonkel! ... Ich ging auch durchaus nicht hinein,
um sie anzusehen. Aber nachmittags, in einer der heiesten und drangvollsten
Stunden meines ganzen bisherigen Lebens, sa ich doch neben ihnen; denn sie
beschatteten halb und halb meinen Schreibtisch ... Meinen Schreibtisch! Welche
Ironie lag darin, mir einen Tisch hinzustellen, auf welchem ausschlielich
geschrieben werden sollte! ... Und nun sa ich doch dran und schwitzte vor
Seelenangst und Mhe; denn ich sollte und mute einen Brief schreiben - den
ersten in meinem Leben. Ilse war unerbittlich gewesen. Siehe du nun auch, wie
du mit der eingerhrten Geschichte fertig wirst; nicht einen Finger rhre ich
darum! hatte sie mitleidslos und entschieden erklrt und mich mit meiner
Riesenaufgabe allein gelassen.
    Liebe Tante! Ich habe Deinen Brief gelesen. Es thut mir in der Seele weh,
da Du Deine schne Stimme verloren hast, und da meine liebe Gromutter
gestorben ist, so schicke ich Dir das Geld, besagten die
durcheinanderquirlenden schwarzen Buchstaben auf dem weien Papier, das vor mir
lag. Der Anfang war glcklich gefunden, und ich schlug die Augen auf nach
weiterer Eingebung von auen.
    Ein kstlicher Duft strmte mir zu; ja, da stand der Blumentisch;
prachtvolle, blagelbe Theerosen hingen schwer herber und - o Himmel - um alle
diese hochstrebenden, bltenbeschneiten Rosen-, Azaleen-und Kamelienbume legte
sich drunten ringsum ein Kranz von blhenden Heidebschen! Das hatte der alte
Grtner doch zu sinnig ausgedacht! ... Ich warf die Feder hin und griff mit
beiden Hnden in die Bltenrispen ... Da stieg es auf, das bienenumsummte Dach
mit der Heidegarnitur unter jeder Ziegelreihe, und von den Eichenwipfeln
schrieen die Elstern in den stillen Baumhof hinab. Die alte Fhre trug die ganze
Last der glhenden Nachmittagssonne auf ihren struppigen Zweigen, und in dem
rot- und lilafarbenen Heideteppich blinkten die gelben Ginsterblten wie
eingestickte Goldsternchen ... Blaue Schmetterlinge! Ich lief ihnen nach bis
unter die Birke, in das dicke Erlen- und Weidengebsch hinein, und, husch,
fuhren meine nackten, heien Fe in den kstlich khlen, dunklen Heideflu! ...
Ich schrak empor und zog die Hnde zurck und tunkte aufs neue tief und zornig
die Feder in das tckische Schwarz, das die Menschen zu meiner Qual erfunden.
    Aber nun weiter! Ich wohne mit meinem Vater bei Herrn Claudius in K., wenn
Du mir vielleicht schreiben und mir sagen willst, ob Du das Geld richtig durch
die Post bekommen hast. - Punktum! Das war ganz gut so, aber ob sie es lesen
konnte? Ilse sagte immer, man knne keinen Sinn in meiner Schreiberei finden,
weil die Buchstaben gar so falsch nebeneinander stnden. - Ach, da fing
drauen der Kranich an zu tanzen, und eine Schar Perlhhner flchtete scheu
hinter die steinerne Teicheinfassung - Dagobert trat drben aus dem Boskett; er
hieb im raschen Weiterschreiten mit seinem schlanken Stckchen durch die Luft
und schritt stracks auf die Karolinenlust zu ... Ich duckte mich ganz
erschrocken nieder, denn er sah unverwandt nach dem Fenster, an welchem ich sa.
Nein, nein, er kam nicht herein - es wre doch zu einfltig gewesen, wenn ich
meinem ersten, blitzschnellen und angstvollen Gedanken gehorcht und die Thr
verriegelt htte! ... er ging hinauf in das Bibliothekzimmer; ich hrte noch
seinen verhallenden Tritt droben auf der letzten Stufe der Steintreppe ... Gott,
was alles geschah doch in der Welt und wie viel gab es zu sehen und zu erleben,
und doch gab es Menschen, die den ganzen Tag schrieben und sich ber das starre,
leblose Papier bckten, wie zum Beispiel Herr Claudius ber seinen groen
Folianten im Vorderhause! ...
    Nun noch die Unterschrift: Deine Nichte Leonore von Sassen, und
schlielich die Adresse, die ich mhsam, Buchstaben um Buchstaben, von dem
zerknitterten Brieffragment meiner Tante kopierte ... Gott sei Dank! Das war der
erste, aber auch gewi der letzte Brief, den ich geschrieben - ich wollte es nie
wieder thun! Da lag die Feder wieder auf dem altfrnkischen Tintenfa, wo ich
sie vorgefunden - ich gnnte ihr von Herzen die ewige Ruhe einer
Dahingeschiedenen.
    Ilse mute, wohl oder bel, die fnf Siegel auf das Kouvert drcken; dann
trug sie den Brief zornig, mit spitzen Fingern, als brenne er, aber doch
eigenhndig auf die Post - fremden Hnden mochte sie um alle Welt das viele Geld
nicht anvertrauen.
    Dieses mein armseliges Schriftstck und seine Folgen lassen mich stets an
einen kleinen unschuldigen Vogel denken, der unbewut das Samenkorn eines
schlimmen, berwuchernden Unkrautes in ein knstlich angelegtes Blumenbeet
trgt.

                                       15


Die Firma Claudius war sehr alt. Sie hatte schon geblht und einen bedeutenden
Ruf gehabt, als der Tulpenschwindel von Holland aus durch die Welt lief, in der
ersten Hlfte des siebzehnten Jahrhunderts, wo fr drei Zwiebeln des Semper
Augustus die unserem Jahrhundert vllig unbegreifliche Summe von dreiigtausend
Gulden gezahlt wurde. Aus jener Zeit hauptschlich stammte das groe Vermgen
der Claudius. Sie hatten sich dieses Zweiges der Blumenindustrie bemchtigt und
die kostbarsten Tulpenexemplare erzielt. Man erzhlte sich, viele der
berhmtesten Spezies seien aus den geschickten deutschen Hnden der Claudius
hervorgegangen, man habe sie in Holland um fabelhafte Preise angekauft,
adoptiert und unter hollndischem Stempel in den Handel geschickt ... Je mehr
aber die Reichtmer des Handlungshauses sich angehuft, desto ehrbarer,
einfacher und zurckhaltender gegen die Welt und ihre Freuden waren die
verschiedenen Chefs der Firma geworden. Sie hatten die strengste brgerliche
Einfachheit und Schlichtheit aufrecht erhalten, und durch eine ganze Reihe von
Testamenten und letztwilligen Verfgungen lief - fr die jedesmaligen Nachfolger
- eine ernste Mahnung zur Zucht und Ehrbarkeit und zum Fernhalten von jedwedem
Luxus unter Androhung der Enterbung im Fall des Ungehorsams.
    So kam es, da die uere Physiognomie des dunklen, steinernen Hauses in der
abgelegenen Mauerstrae nie eine verschnernde Restauration erfahren hatte ...
Sie muten alle darin wohnen, wie sie nacheinander folgten, und das
Geschftslokal, die groe steingewlbte Stube mit den braunen Ledertapeten sah
heute noch genau so aus, wie dazumal, wo in ihr jene kostbaren Zwiebeln verpackt
wurden, aus denen, vor den entzckten Augen der fieberhaft erregten
Tulpenfanatiker, die despotisch herrschende Blumenknigin in neuem Farbenspiel
emporsteigen sollte.
    Die alten Herren, die mit einer Hand zarte Blumengestalten pflegten und mit
der anderen eiserne Ketten und Panzer um ihr nachfolgendes Geschlecht zu grten
suchten, htten doch am besten wissen sollen, da Abart oder Variett bei ihrem
Durchbruch nicht nach dem Gngelband der Gesetze fragt, und wenn sie weise
gewesen wren, htten sie diese Blumenerfahrung auch zu gunsten der
Menschennatur gelten lassen.
    Eberhard Claudius, ein geistig offenbar sehr bedeutender Mensch, hatte unter
den beengenden Traditionen des Hauses jedenfalls schwer leiden mssen, aber er
hatte sich zu helfen gewut. Wie man sich erzhlte, war seine schne, vornehme
und leidenschaftlich geliebte Frau in den dsteren Rumen des Vorderhauses
schwermtig geworden ... Da waren - ohne da die Welt es ahnte - eines Tages
fremde Arbeiter gekommen, hatten unter Anleitung eines franzsischen Baumeisters
inmitten des umfangreichen Waldreviers, das durch weite Mauern umgrenzt zu dem
Grundbesitz der Firma gehrte, eine Anzahl uralter, geschonter Bume ausgerodet,
und allmhlich war im beschtzenden Walddickicht ein heiteres Schlchen voll
Sonnenlicht und schwellender Seidenpolster, voll flatternder Liebesgtter und
deckenhoher Spiegel, welche die Schnheit der angebeteten Frau glanzvoll
zurckwarfen, in die Lfte gestiegen. Und an dem Tage, wo die bleiche Blume zum
erstenmal den mrchenschnell hervorgezauberten Teich umschritt, und in der
weiten sonnigen Halle dem zrtlich besorgten Mann aufjauchzend um den Hals
gefallen war, hatte er das Schlchen ihr zu Ehren Karolinenlust getauft.
    Eberhard Claudius war auch der Begrnder des Antikenkabinetts und der
reichhaltigen Bibliothek und Handschriftensammlung gewesen. Er hatte Italien und
Frankreich durchreist und mit seltenem Kennerblick Schtze der Kunst und
Wissenschaft aufgefunden und eingeheimst, die aber auf deutschem Boden, in den
Rumen der Karolinenlust ebenso verborgen hausten, wie die schne, neu
aufblhende Frau.
    Nach ihm war Konrad, sein Sohn, Chef des Hauses geworden und in die alten
Geleise zurckgekehrt. Er hatte mit puritanischer Strenge die alten Hausregeln
auch im Innern wieder aufgerichtet, hatte die Karolinenlust, als ein gegen den
Geist der Vorfahren verstoendes Werk des raffiniertesten Luxus- und Weltsinnes,
samt ihren Schtzen unter Schlo und Riegel gelegt, und die Variett war erst
wieder in seinem Enkel, Lothar Claudius, zum Durchbruch gekommen.
    Dieser hatte sich entschieden geweigert, Vertreter der Firma zu werden, als
er und sein jngerer Bruder Erich sehr frh beide Eltern verloren. Sein feuriges
Temperament entschied sich fr die militrische Karriere. Er avancierte schnell,
wurde geadelt und Adjutant und bevorzugter Liebling des Landesfrsten. Nun wurde
die Karolinenlust wieder aufgeschlossen. Sie eignete sich vortrefflich zum
Wohnsitz fr den hochaufstrebenden, sich abzweigenden Ast des alten
Handelsgeschlechts, und, wie um gegen jegliche fernere Gemeinschaft mit dem
Vorderhause zu protestieren, wurde pltzlich sogar am Brckenkopf auf Seite der
Karolinenlust eine festverschlossene Thr angebracht.
    Da residierte nun, umgeben von einer wahren Waldeinsamkeit, der schne,
junge Offizier, whrend im Vorderhause der Buchhalter Eckhof das Geschft
verwaltete, bis der in einem Knabeninstitut erzogene Erich Claudius von seinen
Reisen zurckkehrte und, den alten Traditionen getreu, mit eiserner Ausdauer und
Arbeitskraft sein Erbe antrat.
    Fr das Antikenkabinett hatte der verstorbene, flotte, gefeierte Offizier so
wenig Verstndnis gehabt wie seine Vorgnger. Die Kisten und Kasten im
Souterrain waren nicht berhrt worden seit langen Jahren, bis pltzlich der
junge Herzog an das Ruder kam und eine wahre Leidenschaft fr Archologie an den
Tag legte. Mein Vater, eine der grten Autoritten, wurde nach K. berufen, und
nun wuchsen die Antiquittenliebhaber wie Pilze aus der Erde. - Seine Hoheit
htte Hchstseine Residenz mit ihnen pflastern knnen. Die Ballgesprche bei
Hofe wimmelten von griechischen, rmischen und etruskischen Altertmern, und
schwerwiegende Wrter, wie Numismatik, Glyptik und Epigraphik, perlten nur so
von den rosigen Lippen der grazisen Tnzerinnen.
    Die Nachricht von dem neuen Umschwung bei Hofe hatte Dagobert in das stille
Geschftshaus der Mauerstrae gebracht. Frulein Fliedner, die noch bei
Lebzeiten der letztverstorbenen Frau Claudius, Lothars und Erichs Mutter, als
Sttze derselben, in das Haus gekommen und seitdem, kraft testamentlicher
Verfgung, in ihrer Stellung als Kastellanin und Verwalterin verblieben war,
wute manches Halbverschollene aus der Familie zu erzhlen, und so erinnerte sie
sich auch der eingesargten Antiken. Dagobert hatte meinen Vater davon in
Kenntnis zu setzen gewut. Der letztere erzhlte spter wiederholt, da er einen
Augenblick zweifelhaft lchelnd vor dem haus mit der strengen, ehrbar
brgerlichen Physiognomie gestanden habe: aber er war doch eingetreten, um die
Erlaubnis, behufs einer Nachforschung, von dem Besitzer zu erbitten. Herr
Claudius hatte sie erteilt, wenn auch dem Anschein nach nicht besonders gern.
    Am frhen Morgen war mein Vater in das Souterrain der Karolinenlust
hinabgestiegen und den ganzen Tag nicht wieder zum Vorschein gekommen; er hatte
weder gegessen, noch getrunken, er war wie toll vor Aufregung gewesen - eine
ungeheure Fundgrube fr die Wissenschaft hatte sich vor ihm aufgethan ... Herr
Claudius gestattete das Auspacken und Aufstellen der Kunstschtze und rumte
meinem Vater die Wohnung im Erdgescho und die unumschrnkte Benutzung der
Bibliothek ein.
    Dies alles erfuhr ich freilich nicht in den ersten Tagen meines Aufenthaltes
in K. Ich war da berhaupt wenig geneigt, mich zu orientieren; denn, nachdem
sich die Flut der ersten Eindrcke einigermaen gelegt, da kam das Heimweh nach
der Heide mit aller Macht ber mich ... Ilse war zwar noch da; sie hatte sich
einige Tage Urlaub zugegeben, um einmal grndlich Ordnung in der
Junggesellenwirtschaft meines Vaters zu machen, und wohl auch, damit sie mich
erst in dem neuen Boden ein wenig einwurzeln she. Allein das beschwichtigte
mein unruhiges Herz nicht; ich wute ja doch, da sie schlielich gehen und mich
zurcklassen wrde, und der Gedanke brachte mich stets in eine unbeschreibliche
Aufregung.
    Im Vorderhause war man unsglich gut gegen mich, aber ich hate das dunkle,
kalte Haus und betrat es nur gezwungen an Frulein Fliedners oder Charlottens
Hand. Zu einem Besuch aus eigenem Antrieb konnte ich mich nie entschlieen.
Dagegen zog es mich immer mehr in die Nhe meines Vaters. Auf seine zarte
Zurechtweisung hin strte ich ihn freilich nicht mehr in der krftigen Art und
Weise wie neulich, wo ich unversehens meinen Arm um seinen Hals gelegt hatte -
ich wagte es nicht einmal, wie meine Mutter, eine Blume auf sein Manuskript zu
werfen; aber seit ich Mut gefat, stand jeden Morgen eine Vase voll frischer
Waldblumen auf seinem Schreibtisch, und im unhrbaren Vorberhuschen lie ich
meine Hand scheu und leise ber sein halbergrautes Haar hingleiten. Ich war gern
in der Bibliothek, noch lieber aber in dem Saal mit dem zerbrochenen Zeug, wie
Ilse beharrlich sagte. Alle diese stummen Gesichter gewannen allmhlich Macht
ber mich und lieen mich manchmal sogar auf Augenblicke vergessen, da droben
im Norden die weite Heide lag, nach der meine ganze Seele fieberte.
    Aber ich wurde dort auch sehr oft verscheucht. Dagobert, der eine wahre
Leidenschaft fr Altertumskunde an den Tag legte und sich stolz den Famulus
meines Vaters nannte, verweilte halbe Tage lang in Bibliothek und
Antikenkabinett. Sobald ich ihn in die Bibliothek treten hrte, entfloh ich
durch die entgegengesetzte Thr, rannte ber Hals und Kopf die Treppe hinab, und
dieser kindischen Angst und Scheu gengte oft nicht einmal der weite Raum
zwischen Mansarde und Erdgescho - ich lief und lief, bis ich mich atemlos im
Walde wiederfand.
    Dieses Stck Wald war kstlich in seiner scheinbaren Urwchsigkeit. Die
alten Herren Claudius hatten es angekauft und mit Mauern umzogen, nicht zur
Nutzbarmachung fr das Geschft, sondern einzig und allein zu dem Zweck, da sie
ihren sonntglichen Erholungsspaziergang, ungestrt und unbehelligt durch fremde
Gesichter, auf eigenem Grund und Boden ausfhren konnten - der einzige Luxus,
den sie sich gestattet ... Die heie Sehnsucht nach dem schrankenlos weiten
Himmel der Heide machte mich anfnglich eiskalt und verstndnislos fr die
Waldschnheit. Meine Blicke richteten sich nie aufwrts - ein grner Himmel, wie
schrecklich! - Desto zrtlicher aber hingen sie an den hellen Blten, die mit
scheuen, wilden Aeuglein aus Moos und Blattwerk und schattenfeuchtem Steingerll
hervorguckten - sie kamen mir so weltverschlagen und furchtsam vor, wie ich
selber.
    So sorglos ich die Heide stets durchstreift hatte, so wenig Mut fand ich,
tiefer in die anscheinende Wildnis einzudringen. Ich beschrnkte mich auf die
nahe Umgebung des Hauses, und mein liebster Aufenthalt wre sicher das
Ufergebsch des Flusses geworden, denn da drinnen war es doch genau so wie
daheim; allein ich wurde schon am zweiten Tag meines Aufenthaltes in K. daraus
vertrieben. Als Ilse den Brief auf die Post trug, begleitete ich sie bis an die
Brcke. Unter dem zierlich geschwungenen eisernen Bogen hin flo das farblos
klare Wasser so leise und lieblich murmelnd, wie der traute Heideflu hinter dem
Dierkhof. Ich schlpfte in das Gebsch - es waren Erlen und Weiden, und von
drauen dmmerten weiglnzende Birkenstmme herein. Perlmuscheln lagen nicht
auf dem Grund, wohl aber die kleinen glattgewaschenen Kiesel, und das seichte
Ufer war mit Laichkrutern und weiblhenden Ranunkeln ausgekleidet. Ein
zackiger, leuchtend blauer Fleck zitterte auf den Rieselwellchen - der
hereinlauschende Sommerhimmel - alles, alles wie in dem kleinen Becken daheim;
ich warf die Fubekleidung ab, und bald flo die blaugefrbte Flut um die Fe,
die freilich zu meinem Verdru in den wenigen Tagen strenger Inhaftierung schon
weier geworden waren. Es fiel mir wie Ketten von Leib und Seele und flo mit
den Wellen dahin. Vor Vergngen und Wonne lachte ich in mich hinein und stampfte
wiederholt und bermtig das Wasser, so da die blauen Tropfen hochauf
spritzten. Da knisterte es im Gebsch. - Spitz war ja so oft vom Dierkhof
gekommen, hatte mich gesucht und war zu mir ins Wasser gesprungen. Er brach dann
gewhnlich quer durch das Buschwerk, und jetzt fhlte ich mich so ganz in die
Umgebung der Heimat versetzt, da ich bei jenem Knistern den lieben tppischen
Gefhrten zu hren glaubte. Laut rief ich seinen Namen - ach, ich hatte mich
schn blamiert mit meiner Illusion - es kam selbstverstndlich kein Spitz; an
der Stelle aber, wo ich das Gerusch gehrt hatte, bewegten sich die
Weidenzweige durcheinander, und ein hellbekleideter Mnnerarm zog sich hastig
zurck.
    Mit einem Satze flchtete ich an das Ufer; ich htte weinen mgen vor
Aerger. Gleich in den ersten Stunden der bildenden zwei Jahre war ich rckfllig
geworden; Dagobert hatte die Eidechse bereits wieder barfu gesehen - nun wurde
gelacht und gespottet im Vorderhause ... Aber er war ja dunkel gekleidet
gewesen, als ich ihn vor kaum einer Stunde zu meinem Vater hatte gehen sehen,
und dann - hatte nicht ein heller Blitz aus dem Gebsch herbergezuckt? Das
Blitzen hatte ich heute schon einmal gesehen, und zwar am Kontorschreibtisch, es
kam von dem Ring an Herrn Claudius' Hand ... Ich atmete erleichtert auf - ach
ja, es war nur Herr Claudius gewesen! Er hatte jedenfalls das unvernnftige
Stampfen im Wasser gehrt und war besorgt gekommen, um nachzusehen, wer ihm denn
einen Weidenzweig von seinem Eigentum abknicke und die hbschen Kiesel in seinem
Flu aufstre. Er konnte ruhig sein, der gestrenge Herr - ich that es gewi
nicht wieder.
    Nun waren wir fnf Tage in K., und es war Sonntag geworden. Auf dem Dierkhof
hatten wir das ferne Turmglckchen nur wie unterbrochenes Wimmern gehrt - wie
fuhr ich zusammen, als pltzlich ein tiefes, prachtvolles Glockengelute durch
die Lfte brauste! ...
    Ilse machte sich auf den Weg zur Kirche, und whrend sie, begleitet von den
Glockentnen, feierlich den Teich umschritt, blieb ich in der Halle stehen und
sah ihr nach ... Da kam auch der alte Buchhalter aus seinem Zimmer; er hatte das
Gesangbuch unter dem Arm und zog im Weitergehen einen lilafarbenen, neuen, engen
Handschuh ber die Hand - der alte Herr leuchtete frmlich in Sauberkeit und
Eleganz.
    Als er in meine Nhe kam, blieb er stehen. Er grte nicht; sein spiegelnder
hoher Hut sa wie festgenagelt auf dem Kopfe; dafr aber ma er mich mit einem
langen Strafblick von Kopf bis zu Fen. Ich zitterte und frchtete mich, und in
dem Augenblicke, wo er die Lippen ffnete, um mich anzureden, floh ich hinaus in
den Wald.
    Der Schreckliche - ob er mir wohl nachkam? ... Ich blieb atemlos stehen und
sah scheu ber die Schulter zurck. Der Weg, den ich gekommen, fiel hinter mir
frmlich in das Dickicht hinein - ich war, ohne es zu wissen, ziemlich steil
bergan gelaufen. Es blieb lautlos still drunten - der fromme Mann hatte
jedenfalls seinen Weg in die Kirche fortgesetzt ... Vor mir mndete der enge
Pfad auf eine Wiese; an den gefiederten Grsern hing noch Tau, und rings am
Waldsaum lagen die dicken Purpurkpfchen der Erdbeeren wie hingest; es kam wohl
niemand hier herauf, sie zu pflcken. Sie wrzten die Luft, die golden flimmerte
- ich meinte, die Glockentne noch in ihr nachzittern zu sehen. Langhaarige
Fichten standen umher, an ihren rissigen Stmmen nieder flossen goldgelbe
Harzthrnen, und durch die trauerdunklen Wipfel zog leichtes Summen.
    Hier wehte ein in der Welt verschollener, geheimnisvoller Geist - es war so
verschwiegen still wie drunten hinter den Siegeln ... Ueber den betauten
Rasenfleck war wohl auch die Prinzessin geschritten, und die harzduftenden,
schaukelnden Fichtenzweige hatten ihren Scheitel gestreift ... Im Walde
knisterte es leise, wie ein wei- und rotbraungeflecktes Etwas wandelte drinnen,
und dann breitete sich pltzlich ein schaufelfrmiges Geweih majesttisch
zwischen den Stmmen; das zierliche Wild war zahm und sanft; die Tiere kamen
ber die Wiese her und sahen mich mit stillen Augen furchtlos an - sie hatten
vielleicht auch der schnen Prinzessin das Futter aus der Hand genommen ... Was
fr thrichte Gedanken! Ich wute ja nun, da keine Prinzessin, sondern ein
lediger junger Herr in den Zimmern gewohnt hatte, und er war tot - er hatte sich
den schnen Kopf zerschmettert. Wie schrecklich! ... Ob das die ernsthaften
alten Fichtenbume mit den niederhngenden dunklen Wimpern wohl wuten?
    Ich schritt weiter ... Wie lange meine Entdeckungsreise auf diesem neuen
Terrain angedauert, wute ich nicht. Es waren wohl Stunden vergangen, seit ich
bergauf und bergnieder trollte. Ich war vllig im unklaren, wo ich mich befand;
allein ich fhlte keine Furcht, die reine keusche Waldluft hatte sie
mitgenommen.... Den Berg hatte ich hinter mir, ich war wieder in der Tiefe, aber
wo? ... Die Wege liefen kreuz und quer, und ich wute nicht, welchen ich
betreten sollte - da hrte ich pltzlich durch das Dickicht zu meiner Linken
eine Menschenstimme. Ich erkannte sie sofort. Es war die Stimme des freundlichen
alten Grtners, der mit den sanftesten Schmeicheltnen ein unablssig
schreiendes Kind zu beschwichtigen suchte. Ich ging dem Schalle nach und stand
auf einmal vor einer Mauer; hinter ihr war es hell - sie schlo den Wald ab. Um
alles gern mochte ich den kleinen Schreihals sehen; aber an der Mauer empor
konnte ich nicht; sie war hoch und spiegelglatt. Dagegen verstand ich mich ja
auf das Baumklettern wie eine Eichkatze, war es doch eine meiner liebsten
Gewohnheiten, wie das Fubad im klaren Wasserspiegel, und nach wenigen
Augenblicken sa ich hoch droben im Wipfel einer Ulme.
    Ich sah hinaus in die Weite, sah ein groes Stck Himmel. Zu meiner Rechten
breitete sich die betrmte Stadt hin, flankiert von prchtigen Promenaden; dann
kam der Flu, derselbe, der auch die Claudiussche Besitzung durchschnitt.... Ich
war ganz nahe bei der Karolinenlust gewesen, ohne es zu wissen, denn das Wasser
lief keine zweihundert Schritte vorber; eine breite steinerne Brcke wlbte
sich darber hin, diesseits des Flusses, weithin, bis hinauf an den Saum des
Waldes verstreut, lagen elegante Landhuser inmitten reizender Gartenanlagen. Zu
meiner Linken, so nahe, da ich jeden Gegenstand im oberen Stockwerk bequem
bersehen konnte, stand ein hbsches kleines Schweizerhaus. Das Fleckchen Grund
und Boden, auf welchem es lag, war eng begrenzt. Vor der Hauptfassade breitete
sich ein schmaler Blumengarten hin, und rckwrts ber einem engen Rasengrund
wlbte eine prachtvolle Rokastanie ihre undurchdringlich befiederten Aeste -
sie war der einzige Baum der ganzen kleinen Besitzung, die nur eine breite
Fahrstrae von der Claudiusschen Waldmauer trennte.
    Der alte Grtner Schfer ging unter dem schattenwerfenden Balkon des Hauses
auf und ab. Er hatte einen rosenfarbenen Kattunmantel um die Schultern
geschlagen, trug den kleinen schreienden Bsewicht so kunstgerecht wie die
gewiegteste Kindermuhme und sang ihm in sichtlicher Todesangst alle bekannten
Kinderlieder vor. Auf dem Rasenfleck hinter dem Hause spielte ein kleines
Mdchen von vielleicht vier Jahren. Es hatte ein weies Kleidchen an, und lange,
flachsgelbe Locken fielen ber den Rcken bis fast auf den Grtel herab. Die
Kleine hatte sich glckselig, mit ganzer Seele in ihr Spiel vertieft. Sie raufte
mit beiden Hndchen Grashalme aus und lud sie auf ein Korbwgelchen. Eine
Zeitlang lie sie sich in ihrem Eifer durch das Kindergeschrei nicht stren;
aber endlich ging sie in den Vordergarten, pflckte eine halbverwelkte Levkoje
ab und reichte sie dem ungezogenen Brderchen hinauf.
    Du sollst ja keine Blumen abreien, Gretchen - Papa hat's verboten! rief
eine Mnnerstimme vom Balkon hinab.
    Die sdliche Ecke des Balkons war so ppig von wildem Wein umsponnen, da
nicht ein Sonnenstrahl in die Laube und auf den gedeckten Etisch inmitten
derselben fallen konnte. Der junge Helldorf, der im Kontor des Herrn Claudius
arbeitete, bog sich unter dem Weinlaub hervor; ich hatte ihn bis dahin nicht
bemerkt. Er hielt ein Buch in der Hand, und wenn er auch die Mahnung im
strafenden Tone hinabrief, so flog doch beim Anblick des auf den Zehen stehenden
Geschpfchens ein zrtliches Lcheln um seinen Mund.
    Da kam ber die Brcke her ein Herr, der eine Dame am Arme fhrte. Sie
blieben einen Augenblick aufhorchend stehen; dann entschlpfte die Dame ihrem
Begleiter und lief voraus, auf das ungeduldige Kind zu. Sie war jedenfalls in
der Kirche gewesen, denn sie legte eilig ein Gesangbuch auf den nchsten
Gartentisch und reichte nach dem Knaben, der bei dem Klang ihrer Stimme sofort
verstummt war und nun lallend mit Hnden und Fen ihr entgegenstrampelte - in
berstrmender Mutterzrtlichkeit bedeckte sie das kleine dicke Kerlchen mit
Kssen. Dann schlang sie den linken Arm um das Tchterchen und zog es an sich.
Sie war sehr zart, die kleine Frau, man htte meinen knnen, der feine Arm
zerbrche unter dem dicken Jungen. Sie nahm den Strohhut ab, an dessen blauen
Bndern das Kind mit tppischen Hndchen zerrte, und ich sah ein wunderfeines,
lilienweies Gesichtchen unter einer Flle so hellblonder Haare, wie sie ber
Gretchens Rcken hinab hingen.
    Mittlerweile war auch der im Stich gelassene Herr Gemahl nachgekommen und in
den Garten eingetreten. Er sah dem jungen Helldorf sehr hnlich, die schnen
Mnner waren offenbar Brder. Mit beiden Armen nahm er sein Tchterchen und warf
es in die Luft; das weie Kleid blhte sich wie ein Sommerwlkchen; die goldenen
Locken wogten und flatterten im Luftzug, und das Kind jauchzte zum Balkon
hinauf: Onkel Max, siehst du mich?
    Ich war wie berauscht: ich hatte zum erstenmal das reinste Familienglck vor
Augen. Herzinniges Behagen an dem schnen Bild und eine tiefe Sehnsucht, fr die
ich keinen Namen wute, mischten sich mit Wehmut in meiner Seele. Mich hatte nie
eine Mutter leidenschaftlich an ihr Herz gedrckt; ich hatte nie erfahren, wie
das glckliche Bbchen dort, da ein einziger Laut von zrtlichen Mutterlippen
alles vermeintliche Leid sofort zu stillen vermag. Aber ich hatte auch mit
heimlicher Lust gesehen, wie die junge Frau ihre Kinder herzte - die
Beneidenswerte! Wie s mute es sein, wenn solch ein Kinderrmchen sich
verlangend ausstreckte und alles Heil, alle Beruhigung ausschlielich von der
Mutter erwartete!
    Gretchen ging wieder zu ihrem Heuwagen und setzte plaudernd ihr Spiel fort,
whrend die anderen in das Haus traten. Leise glitt ich von der Ulme herab und
schritt suchend die Mauer entlang; und da stand ich richtig vor einer Thr, die
ins Freie fhrte. Es steckte sogar ein Schlssel im Schlo; er war freilich mit
einer dicken Rostschicht berzogen und wurde augenscheinlich nie berhrt. Aber
mein Verlangen, das kleine Mdchen zu sprechen, machte mich krftig und gewandt;
nach langer Anstrengung wankte der Schlssel unter meinen Hnden, er fuhr herum
und die Thr that sich kreischend auf.

                                       16


Ich lief ber den Fahrweg und trat an das Staket. Gretchen sah mich mit groen
Augen an; sie verlie schleunigst ihr Wgelchen und kam auf mich zu.
    Hast du aufgemacht? fragte sie mich und deutete nach der offenen Thr
hinter mir. Darfst du denn das, du Kleine?
    Ich bejahte lachend.
    Aber hre, dein Garten ist nicht hbsch, sagte sie, das Nschen
verchtlich emporziehend - sie nickte nach dem grnen Dster hin, das sich
hinter der Thr aufthat. Hast ja nicht eine einzige Blume drin! ... Da guck mal
unseren an - Herr Schfer hat viele, viele - ach, wohl hunderttausend Blumen!
    Ja, aber du darfst keine abreien.
    Nein, abreien nicht, versetzte sie niedergeschlagen und steckte den
kleinen, spitzen Zeigefinger in den Mund.
    Aber ich wei viele blaue Glockenblumen und niedliche weie - die darfst du
nehmen, und Erdbeeren kannst du pflcken, deinen ganzen groen Heuwagen voll!
    Sie zog sofort den Wagen hinter sich her, kam herber zu mir und legte ihre
Hand vertrauensvoll in die meine; wie ein Vgelchen so weich und warm schmiegte
sie sich zwischen meine Finger. Ich war glcklich ber meine neue Bekanntschaft;
es fiel mir nicht ein, die eigenmchtig geffnete Thr wieder zu schlieen, sie
blieb weit offen hinter uns, whrend wir in das Gebsch eindrangen. Da gab es
freilich Erdbeeren und Glockenblumen, als htten sie droben die Baumkronen von
sich abgeschttelt. Die Kleine schlug die Hnde zusammen und fing an zu rupfen
und zu zupfen, wie wenn es gelte, den halben Waldboden des Herrn Claudius nach
Hause zu schleppen.
    Ach Gott, diese Menge Erdbeeren! seufzte sie glcklich auf und pflckte
und mhte sich, da ihr die hellen Schweiperlchen auf die Stirne traten. Dabei
aber summte sie doch ein Liedchen vor sich hin.
    Ich kann auch singen, Gretchen, sagte ich.
    So schne Lieder wie ich? Das glaub' ich nicht - Onkel Max hat sie mich
gelehrt - na, da sing doch einmal!
    Mein musikalisches Gehr mute sich frhe entwickelt haben, denn all den
kleinen Singsang, den ich kannte, hatte mir Frulein Streit noch in der
Hinterstube eingelernt. Ich liebte ber alles die Taubertschen Kinderlieder und
begann jetzt Der Bauer hat ein Taubenhaus - zu singen. Ich hatte mich auf eine
Steinbank gesetzt und bei den ersten Tnen verlie Gretchen ihren Heuwagen,
legte die Arme auf meine Kniee und sah mir aufhorchend und atemlos in das
Gesicht.
    Es war seltsam - ich erschrak vor meiner eigenen Stimme. In der Heide war
sie schwach verklungen, die Lfte hatten sie nach allen Himmelsrichtungen hin
versprengt und verweht; hier aber fingen die engzusammengezogenen grnen
Kulissen der Waldbume den Klang auf; er tnte so voll und glockenartig, so ganz
anders beseelt aus, da ich meinte, ich sei das gar nicht selber.
    Es ist ein lustiges Liedchen, das von dem Bauer und seinen Tauben, die ihm
davonfliegen. Gretchen lachte aus vollem Halse und schlug in die Hnde vor
Vergngen nach dem ersten Vers. Fngt er die Tauben wieder? Geht denn das
Liedchen nicht weiter? fragte sie.
    Ich begann abermals; aber pltzlich erstarb mir der Ton auf den Lippen. Ich
konnte von meinem Steinsitz aus ziemlich tief in das Gebsch einen Weg
verfolgen, der nach der Karolinenlust mndete. Wenn ein Windhauch hier und da
Bltterschichten lftete, sah ich die Fenster des Hauses aufblinken ... Auf
diesem Wege her kam der alte Buchhalter - ich mute an die weigekrnte
Hagelwolke denken, wenn sie der Sturm ber die Heide hintrug, so finsterdruend
erschien das Gesicht unter dem unbedeckten, silberglnzenden Haar, und so
beschleunigt und berraschend schritt die mchtige Gestalt auf mich zu.
    Gretchen folgte der Richtung meiner Augen - ihr Gesicht frbte sich
purpurrot; mit einem Freudenruf flog sie auf den alten Herrn zu und schlang ihre
Arme um seine Kniee.
    Gropapa! rief sie mit zurckgeworfenem Kpfchen zrtlich zu ihm hinauf.
    Er stand wie zu Stein erstarrt und sah auf das Kind nieder; er hielt beide
Arme vorgestreckt, wie jemand, der sich im arglosen Weiterschreiten pltzlich
vor einer ungeahnten Tiefe sieht und entsetzt zurckweicht, und in dieser
Stellung verharrte er regungslos; es war, als frchte er, seine Hnde knnten im
Niedersinken eines der hellen Goldhaare auf dem Kpfchen berhren.
    Gelt, du bist mein Gropapa? ... Luise hat's gesagt -
    Wer ist Luise? fragte er mit tonloser Stimme - mir klang es, als wollte er
mit dieser Frage nherliegende Errterungen abwehren.
    Aber Gropapa - unsere Luise! - Sie hat meinen kleinen Bruder getragen, wie
er noch im Wickel lag. Aber nun ist sie fort. Wir knnen kein Kindermdchen
halten, sagt die Mama, es kommt viel, viel zu teuer ...
    Jetzt lief ein Zucken durch das versteinerte Gesicht und die Hnde sanken
tiefer.
    Wie heiest du denn? fragte er.
    Ach, das weit du nicht einmal, Gropapa? ... Und Herrn Schfer sein Karo
wei es, und unsere Miezekatze auch! ... Gretchen hei' ich. Aber ich habe noch
mehr Namen - wunderhbsche Namen - ich will sie dir alle einmal hersagen. Anna,
Marie, Helene, Margarete Helldorf heie ich!
    Sie fate bei der feierlichen Aufzhlung jedesmal einen ihrer kleinen
Finger. Es lag ein unbeschreiblicher Zauber in der Stimme und dem ganzen Wesen
des unschuldigen Geschpfchens, und der alte Mann vermochte sich ihm bei aller
Anstrengung nicht zu entziehen - ich sah pltzlich seine beringte Hand auf dem
blonden Scheitel liegen; er bog sich nieder - wollte er wirklich das holde
Gesichtchen kssen? ... Vielleicht, wenn ihm Zeit verblieben wre, das kleine
Wesen in seine Arme zu nehmen und Herz an Herzen zu fhlen, da es zu ihm gehre
durch das Blut, das diese jungen Pulse pochen machte - vielleicht wre das ein
Augenblick geworden, zu welchem die Engel im Himmel gelchelt htten. Aber in
das Gute und Vershnende, das sich gestalten will, greift oft eine dunkle Hand
herber und stt heimtckisch die Seelen selber, die sich in besserer
Erkenntnis nhern sollten, strend in die feinen Webefden.
    Ich wute nicht, warum ich so heftig erschrak, als ich das helle
Frauengewand in der Richtung der Mauerthr durch das Gebsch flattern sah. Es
kam in fliegender Eile nher, und pltzlich stand die junge Frau aus dem
Schweizerhuschen nur wenige Schritte von der Gruppe entfernt - sie stie einen
Schrei aus und schlug die Hnde vor das Gesicht.
    Der alte Herr schreckte empor - nie werde ich den Ausdruck von eisigem Hohn
vergessen, in welchem das tiefbewegte, schne Mnnergesicht sofort wieder
erstarrte.
    Ach, sieh da! Die Komdie ist vortrefflich gelungen! ... Man wei ja seine
Kinder recht gut zu verwenden und abzurichten! Er stie das Kind von sich, da
es taumelte.
    Die Frau fuhr zu und fing es in ihren Armen auf. Vater, sagte sie und hob
warnend den Zeigefinger, und ein fast aberwitziges Lcheln zog die Oberlippe von
den Zhnen zurck, mir hast du alles anthun drfen, mich darfst du mit Fen
treten - ich leide es willig; aber mein Kind darfst du mir nicht mit deiner
harten Hand berhren - das wagst du nicht wieder!
    Sie nahm die Kleine, von deren blagewordenen Lippen kein Laut mehr kam, auf
ihren Arm.
    Ich wei nicht, wer das Kind hierher gebracht hat - fuhr sie fort.
    Ich! sagte ich vortretend mit bebender Stimme. Verzeihen Sie mir!
    Bei aller heftigen Aufregung wandte sie doch augenblicklich das Gesicht mit
einem milden, wenn auch sofort wieder verfliegenden Ausdruck nach mir hin.
    Ich wollte die Kleine in das Haus holen, sagte sie weiter zu dem alten
Mann - mir kam es vor, als sei pltzlich jeder Muskel dieser durchsichtig zarten
Gestalt sthlern geworden; - sie war fort und die Mauerthr stand offen. In
namenloser Angst bin ich hereingeflogen, um dem Augenblick vorzubeugen, wo dein
Blick auf das Kind fallen knnte - ich bin zu spt gekommen ... Vater, ich habe
mich nach furchtbaren Kmpfen endlich darein ergeben, von dir die herzlose,
undankbare, die verlorene Tochter genannt zu werden; ich bin ohnmchtig deinen
Angriffen gegenber, zu denen die fromme Welt Ja und Amen sagt. Aber als Mutter
darfst du mich nicht antasten! ... Ich sollte mein Kleinod, mein Heiligtum -
sie prete das Kind in leidenschaftlicher Inbrunst an sich - dieses se,
selige Kinderherz in Verfolgung selbstschtiger Zwecke zu einer Komdie
abrichten? Das ist eine Schmhung, die ich nicht ertrage, die ich zurckweise,
und fr die du mir dereinst bei Gott Rechenschaft schuldig bist!
    Sie wandte sich und ging.
    Ich meinte, er msse der schwerbeleidigten Frau nachspringen und sie
vershnend in seine Arme schlieen; allein er war offenbar einer jener
schrankenlos eitlen Menschen, die es fr unmglich halten, je im Unrecht zu sein
- kommt ihnen ja einmal das dunkle Gefhl, da sie geirrt, dann reizt sie die
Beschmung erst recht zu Trotz und Hrte.
    Er sandte der Davoneilenden einen tief erbitterten Blick nach und trat mir
pltzlich mit zorngertetem Gesicht so nahe, da ich in das dornige Gestruch
hinter mir zurckweichen mute.
    Sie da, wie knnen Sie sich denn unterfangen, auf fremdem Grund und Boden
eine festverschlossene Thr ohne alle Befugnis zu ffnen? fuhr er mich an - aus
diesen Tnen brach ein Groll hervor, der unverkennbar lange Zeit hindurch
heimlich genhrt worden war.
    Ich stand da wie gelhmt vor Bestrzung, ich konnte weder Hand noch Fu
rhren ... O Gott, und nun bekam dieser Entsetzliche auch noch einen
Helfershelfer! - Dicht neben mir stand pltzlich, wie aus der Erde gehoben, Herr
Claudius; er mute aus dem Dickicht getreten sein. Ich sah zu ihm empor; er
hatte die schreckliche blaue Brille vor den Augen und sah dadurch noch viel
blsser aus, als neulich im Kontor ... Der verzieh es mir sicher niemals, da
ich unerlaubterweise seine Gartenthr geffnet und Fremde hereingebracht hatte
... Jetzt hielten diese zwei unerbittlich strengen und hartherzigen Krmer
Gericht ber mich, und ich konnte nicht entfliehen - ich stand ihnen wehrlos
gegenber ... Ob ich nicht doch einen Versuch machte, Ilse oder meinen Vater
herbeizurufen?
    Herr Claudius, sagte der Buchhalter, merkwrdigerweise sehr frappiert
durch das unerwartete Hervortreten des Besitzers selbst, in herabgestimmtem Ton,
Sie sehen mich in groer Aufregung. Ich kam auf meinem gewhnlichen
Sonntagsspaziergang hierher, da -
    Ich habe den Vorfall in seinem ganzen Verlaufe hinter dem Gebsch mit
angesehen, unterbrach ihn Herr Claudius ruhig.
    Desto besser - dann werden Sie mir auch zugeben, da ich Grund genug hatte,
ungehalten zu sein. Erstens einmal wird ohne unser Vorwissen eine weitentfernte
Hinterthr, die wir nicht berwachen knnen, geffnet -
    Das ist allerdings unstatthaft, Herr Eckhof ... Aber Sie haben in Ihrem
Eifer vergessen, da Frulein von Sassen die Tochter meines Gastes ist und nicht
in solcher Art und Weise, wie Sie sich eben noch erlaubt, zur Rede gestellt
werden darf.
    Ich sah erstaunt auf und suchte nach den Augen unter der Brille - es kam
ganz anders, als ich erwartet hatte. Der Buchhalter aber trat so betroffen
zurck, als hre er zum erstenmal in seinem Leben eine solche Antwort aus diesem
Munde. Er zog die weien Brauen grollend zusammen, und ein hmischer Zug
entstellte den unteren Teil seines Gesichts.
    Frulein von Sassen? wiederholte er spttisch. Wo soll ich da den Adel
respektieren? ... Doch nicht etwa in dieser lcherlich herausstaffierten
Kindergestalt?
    Es ist mir nicht eingefallen, den adeligen Namen zu betonen, versetzte
Herr Claudius leicht errtend. Ich habe einfach auf die Rcksicht hingewiesen,
die Sie jedem Gast meines Hauses, ohne Unterschied, schuldig sind.
    Nun, nun, Sie werden schon noch erleben, welchen Segen die Gastfreundschaft
gerade in diesem Falle ber Ihr ehrliches Dach bringen wird! ... Ich habe
gewehrt und gebeten genug - es hat alles nichts genutzt! Die heidnischen Bilder
sind wieder ans Tageslicht gezerrt worden, und droben in der Karolinenlust sitzt
einer, der keinen Gott kennt und die alten Gtzen wieder aufrichtet. Und der das
Zepter in der Hand hat, der junge Gottlose auf dem Frstenthron, der seinem Volk
in Zucht und Ehrbarkeit und Gottesfurcht vorangehen und sein Land zu einer Htte
voll des Lobens und Betens machen sollte, er hilft das neue Kalb aufrichten. Es
ist ein Geschrei zu Sodom und Gomorrha, das ist gro, und ihre Snden sind fast
schwer ... Der Herr ist langmtig, aber die Stunde wird kommen, da Feuer und
Schwefel vom Himmel regnen!
    Herr Claudius lie schweigend, aber in sichtlich tiefer Betroffenheit den
fanatischen Eiferer gewhren. Der alte Mann sprach offenbar aus vollster
Ueberzeugung; aber vielleicht hatte er dieselbe seinem Chef gegenber noch nie
so drastisch laut werden lassen, als in diesem Augenblick der heftigsten
Erregung.
    Der Herr hat mich gewrdigt, zu sehen und zu hren, wo die Unglubigen mit
Blindheit und Taubheit geschlagen sind, fuhr er fort. Er hob den Arm und
deutete wie ein Seher nach der Karolinenlust hinber. Das Haus dort ist in
Snden erbaut und zu allen Zeiten ein Pfuhl des Lasters geblieben; und die dort
gefehlt haben gegen die Gebote des Herrn, knnen den Frieden nicht finden - sie
wandeln umher und wehklagen und weissagen Unglck dem Hause, das die
Sabbatschnder aufgenommen hat -
    Herr Claudius hob unterbrechend die Hand.
    Habe ich ihn nicht gehrt, den markerschtternden Schrei in den Slen, vor
denen die Siegel liegen? fuhr der Alte unbeirrt mit erhhter Stimme fort. Habe
ich nicht gesehen, wie die Ampel in meiner Zimmerdecke geschwankt hat unter den
Tritten des Unheimlichen, der ruhelos droben gewandert ist? ... Ich wei es, sie
sind aufgestanden aus ihren Grbern; sie sind verdammt, um ihrer Snde willen in
die Welt zurckzukehren und die Blinden zu warnen ... Herr Claudius, an dem
Tage, wo dieses junge Geschpf - er zeigte auf mich - die Karolinenlust
betreten hat, ist es lebendig geworden droben in den vermauerten und
versiegelten Slen!
    Groer Gott, der Mann hatte mich belauscht! Whrend ich unverantwortlich
leichtsinnig in der streng gehteten Verlassenschaft eines Toten herumgestbert,
hatten die scharfen blauen Augen drunten an der Ampel gehangen und an ihren
Schwingungen jeden meiner Schritte gesehen; der alte Mann hatte den Schrei
gehrt, den ich vor meinem Spiegelbild ausgestoen, und benutzte nun in seinem
finstern Wahn den Vorfall, den Hausbesitzer gegen meinen Vater und mich zu
hetzen.
    Unwillkrlich suchte mein Blick das Gesicht des Herrn Claudius - es war mir
zugewendet; allein die funkelnden blauen Glser bedeckten so vollkommen seine
Augen, da es sich unmglich bestimmen lie, welchen Eindruck die Worte des
Buchhalters auf ihn machten. Er war mir nur um einen Schritt nher getreten;
vielleicht hatte der Schrecken mein Gesicht entfrbt, und er frchtete eine
nervse Schwche meinerseits; als er aber sah, da mir die Fe nicht treulos
wurden, wandte er sich wieder zu meinem finsteren Verfolger.
    Sie besttigen schlagend, da uns die Orthodoxie schlielich dem krassesten
Aberglauben wieder zufhren mu! sagte er - Entrstung und Bedauern mischten
sich in seiner sonst so gleichmtigen Stimme. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie
leid es mir thut, Sie diesem entsetzlichen Mystizismus verfallen zu sehen, Herr
Eckhof! Man hat mich bereits darauf aufmerksam gemacht, aber ich habe es nicht
glauben wollen ... Das Recht, Ihre Ansichten zu meistern, steht mir
selbstverstndlich nicht im entferntesten zu - ich habe Sie nur zu bitten,
dieselben im Geschft sowohl, als auch meinen Anordnungen im Hause gegenber
vollstndig aus dem Spiel zu lassen.
    Werde nicht verfehlen, Herr Claudius, entgegnete der Buchhalter - in
seiner auffallend betonten Unterwrfigkeit lag viel versteckte Malice. Aber Sie
werden mir erlauben, an dieser Stelle auch eine Bitte auszusprechen ... Ich
bewohne nun die Karolinenlust seit langen Jahren, und es hat mir stets als
Vorzug gegolten, da ich hier den heiligen Sonntag streng nach des Herrn Gebot
in ehrfrchtiger Stille und ungestrter innerer Einkehr feiern durfte. Ich bitte
Sie hiermit dringend, anzuordnen, da die Sonntagsfeier knftighin nicht durch
solch unstatthaftes Geschrei, solchen leichtfertigen Singsang, wie er vorhin den
ganzen Garten alarmiert hat, unterbrochen werde - ich glaube, so viel Rcksicht
verdiene ich alter Mann schon. -
    Wieder wandten sich die blauen Glser nach mir hin; ich erwartete eine
strenge Zurechtweisung und Verhaltungsmaregeln fr die Zukunft - aber nichts
von alledem!
    Ich habe kein Geschrei gehrt, versetzte Herr Claudius sehr gelassen.
Aber eine Szene habe ich mit ansehen mssen, die mein Gefhl verletzt hat ...
Dieses junge Mdchen - er neigte den Kopf nach mir hin - hat mit seinem
unschuldigen Kinderliedchen nicht gegen das Gebot des Herrn gefehlt; aber, Herr
Eckhof, Sie kamen eben aus der Kirche - Sie sind, wie Sie mir heute deutlich
beweisen, einer jener unfehlbaren Christen, die jede ihrer Handlungen auf ein
Gesetz Gottes zurckzufhren wissen - wie war es Ihnen mglich, den Tag des
Herrn durch Hrte und Unvershnlichkeit Ihrem Kinde gegenber zu beflecken?
    Ein bser Blick zuckte unter den weien Brauen hervor nach dem Sprecher.
    Ich habe keine Kinder mehr, Herr Claudius, das wissen Sie doch am
allerbesten, sagte er, das Sie so scharf zuspitzend, als solle es tiefe
Wunden schlagen.
    Er verbeugte sich und ging mit raschen Schritten den Weg zurck, den er
gekommen. Ich hatte deutlich gefhlt, da Herr Claudius mittels des einen so
charakteristisch betonten Wrtchens verletzt und geschlagen werden sollte, und
sah ihn an - der Dolch sa.

                                       17


Es mute dem Buchhalter gelungen sein, Herrn Claudius auf das tiefste zu
verletzen. Nach einem blitzhnlichen Aufzucken blieb dessen schlanke Gestalt in
starrer Ueberraschung stehen und sah dem Dahinschreitenden nach, bis er im
Gebsch verschwunden war.
    Ich wollte diesen Augenblick benutzen, um fortzuschlpfen, allein bei dem
leisen Gerusch, das meine Bewegung verursachte, wandte sich Herr Claudius nach
mir um.
    Bleiben Sie noch! sagte er und streckte den Arm zurckhaltend gegen mich.
Der alte Mann war in groer Aufregung; ich mchte nicht, da Sie ihm in diesem
Augenblicke noch einmal begegneten.
    Er sprach so freundlich und gelassen wie immer ... Sollte ich in diesem
Moment des Alleinseins ihm beichten, wie es sich mit dem Spuk in der Bel-Etage
der Karolinenlust verhielt? ... Nein, ich hatte kein Vertrauen zu ihm, ich
fhlte mich bis in mein warm schlagendes Herz hinein erkltet in seiner Nhe. So
rckhaltlos meine ganze Seele Charlotte zugeflogen war, so wenig sympathisierte
ich mit diesem Manne der kalten Berechnung - sein eigentmlich gehaltenes Thun
und Wesen, das weder bei sich selbst, noch bei den anderen ein Zuviel zulie,
stie mich entschieden zurck. Er hatte zwar eben noch im Sinne der christlichen
Liebe gesprochen - bei jedem anderen wrde ich die Worte auf innere Herzenswrme
zurckgefhrt haben, von seinen Lippen klangen sie mir nur als die Rge eines
leidenschaftslosen, klaren Verstandesmenschen. Er hatte mich in Schutz genommen;
allein so kindisch und urteilslos ich auch war, ich sagte mir doch, da das nur
geschehen sei, um die Uebergriffe seines Untergebenen abzuwehren ... Ich war
eine viel zu beeiferte und enthusiastische Schlerin Charlottens, um nicht bei
jeder Begegnung mit diesem Manne ihres Urteils ber ihn eingedenk zu sein.
    Jetzt gehorchte ich ihm aber und wartete geduldig, bis wir die drhnenden
Schritte des Buchhalters nicht mehr hren wrden. Mechanisch schob ich den Sand
des Weges mit den Fuspitzen zusammen - der plumpe Schuh in seiner ganzen
Hlichkeit kam zum Vorschein; das alterierte mich gar nicht - es war ja nur
Herr Claudius, der neben mir stand, und dessen Blick darauf fiel.
    Ich will gehen und die Thr wieder schlieen, unterbrach ich das momentane
Schweigen; mir fiel pltzlich ein, da sie ja noch weit offen stand ... Ich
wollte ihn um Verzeihung bitten, aber ich brachte es nicht ber die Lippen.
    So kommen Sie, sagte er. Ich begreife nicht, wie Sie mit Ihren kleinen
Hnden das alte, seit Jahren verrostete Schlo haben ffnen knnen.
    Das Kind - sagte ich und mute bei dem Gedanken an das liebliche kleine
Geschpf lcheln - ich wollte durchaus das Kind nahe sehen, und die Leute, die
so glcklich beisammen sind. Ich habe nie gewut, wie es ist, wenn die Eltern
ihre kleinen Kinder so sehr lieb haben.
    Wie ist es Ihnen denn mglich gewesen, in das fremde Familienleben
hineinzusehen?
    Ich deutete unbefangen nach dem Wipfel der Ulme, unter der wir eben
hinschritten. Da droben hab' ich gesessen.
    Er lchelte verstohlen, und trotz der Brille sah ich, da seine Augen an
meiner linken Seite niederglitten; unwillkrlich folgte ihnen mein Blick - o
weh! die rachschtige Ulme hatte mir ein weitklaffendes und so regelrechtes
Dreieck auf meinen schwarzen Staatsrock gezeichnet, als habe sie das Winkelma
dazu genommen.
    Ich fhlte, da ich feuerrot wurde, und wenn es auch nur Herr Claudius war,
ich schmte mich doch.
    O Gott - Ilse! mehr brachte ich nicht heraus.
    Seien Sie ruhig, Frau Ilse darf nicht schelten, das leiden wir nicht!
sagte er freundlich, aber auch in so protegierendem Tone, als sprche er zu dem
kleinen Gretchen. Und das verdro mich - so kinderklein und hilfsbedrftig war
ich doch wahrhaftig nicht ... In diesem Augenblick fiel es mir so recht auf, wie
ganz anders doch Dagobert war. Er behandelte mich, besonders seit er wute, da
ich bei Hofe vorgestellt werden sollte, als vllig erwachsene Dame. Frau Ilse
hat brigens bereits fr Ersatz gesorgt, sagte er weiter. Sie hat mir gestern
eine Summe Geldes abverlangt zu einer Hoftoilette fr Sie ... Bei dieser
Gelegenheit mu ich Sie aber auf etwas aufmerksam machen. Solange die Frau
dableibt, mag sie dergleichen Angelegenheiten in den Hnden behalten; spter
jedoch werde ich Sie bitten mssen, sich direkt an mich zu wenden.
    Mu das sein? fragte ich, ohne meinen Verdru zu verbergen.
    Ja, das mu sein, Frulein von Sassen - es ist der Ordnung wegen.
    Nun, da hat meine liebe Gromutter doch recht gehabt, wenn sie das Geld
nicht leiden konnte ... Gott, was fr Umstnde, wenn solch ein paar Thaler von
einer Hand in die andere gehen!
    Er sah mich lchelnd von der Seite an. Ich werde Ihnen die Sache so leicht
wie mglich machen, sagte er gtig.
    Aber ich mu doch um jeden Groschen in Ihr dunkles Zimmer kommen?
    Das freilich ... Ist Ihnen denn dies Zimmer so schrecklich? -
    Das ganze Vorderhaus ist ja so kalt und grabesdunkel ... wie es nur
Charlotte und Frulein Fliedner drin aushalten? ... Ich strbe vor Angst und
Beklemmung! - Ich legte unwillkrlich beide Hnde auf die Brust.
    Das schlimme alte Haus - es hat schon einmal ein Frauenleben gefhrdet!
meinte er schwach lchelnd. Und nun ist es wohl auch schuld, da es Ihnen bei
uns nicht gefllt!
    O, den Blumengarten hab' ich sehr lieb! versetzte ich rasch, ohne seine
Frage direkt zu beantworten. Er kommt mir vor wie ein ganzes Buch voll Wunder-
und Zaubergeschichten! Ich mu manchmal die Augen rasch schlieen und Hnde und
Fe festhalten, sonst - wrfe ich mich unversehens mitten in solch ein
Blumenbeet hinein!
    Das thun Sie doch, sagte er in seiner freundlichen Gelassenheit.
    Ich sah ihn berrascht an. Na, da wrden Sie doch schn schelten, fuhr es
mir heraus. Wie viel Bouquetgroschen gingen Ihnen da verloren! ... O Gott, und
wie viel Samentten!
    Er wandte sich ab, schlo die Thr zu, vor der wir standen, und zog den
Schlssel aus dem Schlo.
    Diese Bouquetgroschen-Weisheit haben Sie wohl aus demselben Munde, der
Ihnen bereits von der Hinterstube erzhlt hat? fragte er, nachdem er den
Schlssel in die Tasche gesteckt hatte.
    Ich schwieg - Dagoberts Namen konnte ich unmglich aussprechen; von ihm
hatte ich ja diese Weisheit, wie es Herr Claudius mit einem ganz leisen Anflug
von Bitterkeit nannte. Er drang nicht weiter in mich.
    Aber die Karolinenlust und der Wald, gefallen sie Ihnen denn gar nicht?
fragte er.
    Es ist ganz schn hier -
    Allein lange nicht so schn, wie in der Heide - nicht wahr?
    Das wei ich nicht - aber - ich habe heftige Sehnsucht nach dem Dierkhof!
Ich leide oft schrecklich und ngstige mich, da ich mir die Stirne an den
vielen Bumen einstoen knnte. Die Klage trat mir fast unwillkrlich auf die
Lippen ... Das hatte mich noch niemand im Hause gefragt; sie setzten ohne
Zweifel alle voraus, da der Tausch ein berwiegend vorteilhafter fr mich sei.
    Armes Kind! sagte er, - nein, nein, das war keine Teilnahme! - Die Natur
hatte ihm nur eine so weiche Stimme gegeben.
    Wir betraten eben das Parterre seitwrts der Karolinenlust. Da stand der
alte Erdmann, der neulich Ilse und mir den Eintritt in das Vorderhaus verwehrt
hatte. Er hielt eine Mulde im linken Arm und streute unermdlich Futter fr das
Geflgel auf den Kies. Herr Claudius schritt rasch auf ihn zu und hielt die
Rechte zurck, die eben wieder einen Krnerregen hinwerfen wollte.
    Sie fttern viel zu verschwenderisch, Erdmann, sagte er. Gehen Sie da
hinein in den Busch, berall keimen die Krner, die die Tiere mit dem besten
Willen nicht bewltigen knnen; ich habe es eben mit groem Mifallen bemerkt.
- Er griff in die Mulde und lie die Krner durch seine schlanken Finger laufen.
Das ist ja der reine Weizen - Erdmann, da mu ich schelten! Sie wissen, da mir
eine solche achtlose Verschwendung ein Greuel ist. Bei uns kommt das Getreide
nutzlos um, und manches arme Kind sehnt sich vergebens nach einer Semmel.
    Eine frmliche Erbitterung berkam mich - wie doch dieser Mann seinen Geiz
zu beschnigen verstand! Er schalt nicht, weil ihm in dem verschwenderisch
hingeworfenen Weizen ein paar Groschen verloren gingen. Gott bewahre! Die Semmel
wurde beklagt, die fr ein hungriges Kind mglicherweise htte gebacken werden
knnen.
    Der alte Erdmann entschuldigte sich damit, da auch nicht ein Krnchen
Gerste mehr im Hause gewesen sei. Er zog wie ein schuldbeladener Snder den Kopf
zwischen die Schultern und suchte eiligst das rettende Boskett zu gewinnen ...
Hu, diese abscheulichen blauen Glser, wie sie ihm nachfunkelten. Ich mochte sie
aber auch gar nicht mehr ansehen. Ich wandte das Gesicht weg; meine Hnde
griffen in das nchste Gebsch und zupften und zausten an den Blttern und
streuten sie achtlos ber den Kies hin.
    Was hat Ihnen denn der arme Schokoladenstrauch gethan? fragte Herrn
Claudius' Stimme neben mir wieder so sanft und gleichmtig, als sei sie es gar
nicht gewesen, die eben noch gescholten. Denken Sie einmal, wenn nun doch in
den mutwillig und nutzlos abgerissenen Blttern ein klein wenig von dem Heimweh
lebte, das Sie qult -
    Ich bckte mich, las schleunigst die Bltter vom Boden auf, schichtete sie
bereinander und legte sie auf den khlen Rasen, dicht neben den Hauptstamm des
Strauches, indem ich einen dickbelaubten Zweig ber sie hinbog. Nun sterben sie
doch wenigstens in der Heimat, sagte ich und sah wider Willen in die
Brillenglser hinein.
    Werden Sie es hier aushalten knnen? fragte er.
    Ich mu wohl - ich soll ja gebildet werden, und dazu gehren zwei Jahre -
ich faltete unwillkrlich die Hnde - zwei lange Jahre! ... Aber es hilft
nichts, ich wei nun selbst, da ich lernen mu - ich bin doch zu entsetzlich
unwissend in der Heide geblieben! ... Das kleine Gretchen da drben wei ja mehr
als ich!
    Er lachte leise auf. Ntig ist Ihnen diese Lehr-und Leidenszeit freilich,
wenn ich bedenke, wie sauer es Ihrer kleinen Hand wird, den eigenen Namen zu
schreiben, sagte er. In zwei Jahren knnen Sie viel lernen; aber Ihr Vater und
vielleicht auch andere werden wnschen, da Sie manches nicht in Ihre junge
Seele aufnehmen, was die Welt, und vor allem das Leben in einer Residenz, lehrt
und verlangt ... Frau Ilse hat mich gestern ersucht, Ihr Thun und Treiben zu
berwachen.
    Ein jher Schreck durchfuhr mich - das litt ich nicht. Dagegen wehrte ich
mich aus Leibeskrften! Freiwillig begab ich mich ganz gewi nicht in das
unertrgliche Joch, unter dem Dagobert und Charlotte schmachteten! Seltsam aber
war es doch, da ich nicht den Mut fand, ihm diesen meinen festen Entschlu
ungescheut in das Gesicht zu sagen.
    Ich wei nicht, was Ilse einfllt - das hat ja Frulein Fliedner lngst
bernommen und Charlotte auch, sagte ich zgernd. Und Charlotte habe ich so
sehr lieb, ihr werde ich ganz gewi gehorchen.
    Das soll eben vermieden werden, versetzte er ernst. In Frulein Fliedners
Hnden sind Sie gut aufgehoben. Charlotte dagegen hat noch viel zu viel mit sich
selbst zu thun, als da sie die Verantwortlichkeit fr Ihren Bildungsgang
bernehmen drfte ... Wenn ich ihren unumschrnkten Einflu auf ein unerfahrenes
Gemt zulassen sollte, dann mte sie in allen Stcken ein Vorbild sein knnen -
davon ist sie jedoch weit entfernt ... Charlotte ist im Grunde eine edle Natur,
aber sie hat Schlacken in ihrer Seele - ich wei es, ich werde oft genug warnend
und verbietend zwischen Sie beide treten mssen.
    Htte je ein Funken von Sympathie fr diesen Mann in mir gelebt, bei seinem
letzten, so rcksichtslos unumwundenen Ausspruch wre er erloschen. Er rchte
sich in diesem Augenblick bitter fr Charlottens Plauderei hinsichtlich der
Hinterstube - ich wute es wohl - das war wieder einmal die hinterlistige Art
und Weise der Revanche, die Dagobert so tief erbitterte. ... Und zu allem gab
mich Ilse diesem steifen, eingerosteten Zahlenmenschen ohne weiteres in die
Hnde. Er steckte mich zwischen vier Wnde, lie mich lernen, sprach von den mir
am meisten verhaten Schreibbungen, und in alles, was ich that, guckten die
verabscheuten Brillenglser. Er sprach schon vom Verbieten und betonte vor allem
meine schlechte Handschrift, die sich bessern msse. Wenn er geflissentlich mein
ganzes Wesen zu Widersetzlichkeit und Aufruhr reizen wollte, so konnte er kein
wirksameres Mittel ersinnen, als diese verhaten Schreibbungen, die er mir frs
erste zudiktierte. Es regte sich auf einmal etwas von der heimtckischen
Schlauheit der Katze in mir.
    Sie werden mich recht viel schreiben lassen, nicht wahr? fragte ich ganz
ruhig und scheinbar unterwrfig.
    Und dazu haben Sie keine Lust, sagte er, statt aller Antwort -
abscheulich! Er las mir die Gedanken vom Gesicht.
    Nein, dazu habe ich nicht die mindeste Lust! besttigte ich zornig.
Stecken Sie mich hinauf in die Bibliothek und lassen Sie mich lesen, und wenn
ich monatelang keinen Atemzug frische Luft schpfen und kein grnes Blatt sehen
darf - meinetwegen, ich will's ertragen, ich thue es, aber schreiben! Nein! ...
Es ist schrecklich, immer auf das weie Papier zu sehen und eine krumme und
gerade Linie nach der anderen hinzumalen, und unterdessen spukt und quirlt es
durcheinander im Kopfe und vor den Augen, und die Fe finden keine Ruhe unter
dem Tische - dann kmmt es mir siedend hei herauf und klopft in den Schlfen,
und ich springe auf und mu laufen, soweit mich meine Fe tragen!
    Er lchelte auf mich nieder. Ich kann mir denken, da sich Ihre ganze Natur
gegen das rein Mechanische strubt, sagte er. Sie wissen ja noch nicht, da
die Feder ein beseeltes und beschwingtes Wesen in unserer Hand wird, da sie
alles das, was Ihnen im Kopfe spukt und durcheinander quirlt, ausstrmen kann -
wer sollte Sie auch darauf hingeleitet haben! ... Aber fragen Sie doch Ihren
Vater - er hat mit der Feder in der Hand der Wissenschaft unberechenbar gentzt,
er wird ohne sie nicht leben wollen.
    Nun, dann will ich Ihnen auch sagen, da ich sie gerade deshalb nicht
ausstehen kann, grollte ich. Gibt es denn etwas Schneres als den blauen
Himmel droben und die kstliche Luft und den ganzen feierlichen Sonntagmorgen?
Und da sitzt nun mein armer, lieber Vater da oben hinter den dicken grnen
Wollvorhngen, in der Bcherluft, die nach Leder-und Moderpapier riecht und
schwer von Staub ist, und schreibt sich die Finger fast herunter, und hat
darber lngst vergessen, wie schn die Welt ist ... Und wenn ich dann
hineintrete, da fhrt er empor und mu sich erst besinnen, da ich sein Kind bin
... Meine Mutter hat auch immer geschrieben - sie hat mich nie in ihre Arme
genommen und mich niemals getrstet, wenn ich geweint habe - und so will ich
nicht werden, durchaus nicht!
    Wir waren whrenddem in die Halle getreten und standen vor dem Korridor, in
den die Thr meines Zimmers mndete. Herr Claudius nahm die Brille ab und
steckte sie in die Tasche ... Und wenn es auch nur Herr Claudius war und ich ihn
nicht leiden konnte, auffallend schne Augen hatte er doch - es ging mir genau
so mit ihnen, wie mit dem wolkenlosen Mittagshimmel; er sieht sanft und harmlos
mild aus, und wenn man fest hineinsehen will, da senken sich die Lider tief vor
dem Sonnenfeuer, das ihn durchglht.
    Jetzt schwieg ich beklommen - die Brillenglser waren mein Bollwerk gewesen;
mit ihnen floh mein Mut und verkroch sich in den allerentferntesten Winkel
meiner Seele. Da kreischte drauen der Kies unter Menschentritten, die sich dem
Hause nherten.
    Na, das nehmen Sie mir aber nicht bel, Frulein! hrte ich Ilse schon von
ferne sagen. Das ist mir ja eine greuliche Mode! ... So 'ne junge hbsche Dame
und raucht wie ein Schornstein!
    Ach, Sie haben nur Angst, da Ihnen der Tabaksrauch die brillanten Pensees
auf Ihrem Hute verderben knnte, Frau Ilse! lachte Charlotte.
    Dummes Zeug - fllt mir nicht ein! Aber das sage ich Ihnen, wenn ich mir
dchte, da das Kind je solch ein Papier zwischen seine kleinen Zhne steckte -
ich packte auf der Stelle mit ihm ein -
    Sie verstummte; denn sie war auf die Schwelle getreten und stand vor uns.
Charlotte, die neben ihr erschien, hatte eine Papierzigarre zwischen den
kirschroten Lippen, und ihr lachendes Gesicht verschwand hinter einer dicken
Rauchwolke, die sie, jedenfalls Ilse zum Trotz, krftig ausgestoen hatte. Bei
Herrn Claudius' Anblick fuhr sie aber doch sichtlich frappiert zurck; sie wurde
feuerrot und nahm schleunigst die Zigarre aus dem Munde. Ihr Anblick reizte mich
zum Lachen, und die Leichtigkeit und Grazie, mit der sie die Zigarre handhabte,
machte sie mir nur um so interessanter.
    Herr Claudius schien sie gar nicht zu bemerken.
    Sie haben recht - leiden Sie das nicht, Frau Ilse! sagte er gelassen.
Ihrem Hute wird der Tabaksrauch nicht schaden; aber den milden keuschen Glanz
der Weiblichkeit berzieht er mit einem hlichen Ru.
    Charlotte schleuderte mit einer heftigen Bewegung die Zigarre hinber in den
Teich.
    Hast du die Einladungen besorgt, Charlotte? fragte er so ruhig, als she
er die Leidenschaft nicht, die ihr aus den Fingern zuckte und aus den Augen
flammte.
    Noch nicht - Erdmann wird sie gegen Abend forttragen -
    Dann vergi nicht, Helldorf eine Karte zu schicken.
    Helldorf, Onkel? fragte sie stockend, als traue sie ihren Ohren nicht;
eine hohe Glut berflog ihre Wangen.
    Ja, er soll morgen mit uns essen - hast du etwas einzuwenden gegen meine
Anordnung?
    Das weniger - aber neu ist sie mir, versetzte sie zgernd.
    Er zuckte leicht die Achseln, zog den Hut hflich vor uns und stieg die
Treppe hinauf; er ging nicht in das Bibliothekzimmer - ich hrte, wie er droben
eine Thr aufschlo.
    Steht denn die Welt pltzlich auf dem Kopfe? fragte Charlotte, die
bewegungslos, mit niedergesunkenen Armen stehen geblieben war und den Schritten
des Hinaufsteigenden gelauscht hatte, bis das Zufallen der Thr herunterklang.
Na, gnade Gott, das wird eine allerliebste Geschichte geben! ... Ich will Hans
heien, wenn uns Eckhof morgen die Suppe nicht versalzt!
    I, was hat sich denn der alte Buchhalter um die Kche zu bekmmern! rief
Ilse rgerlich - der unermdliche Morgen- und Abendsnger hatte es bei ihr
grndlich verdorben.
    Liebe Frau Ilse, lachte Charlotte, ich will Ihnen einmal etwas sagen ...
An dem Geschftshimmel der Firma Claudius kreist eine Nebensonne, und das ist
Herr Eckhof. Onkel Erich thut freilich, was er will; allein er respektiert den
hochweisen Rat und die Wnsche des Herrn Buchhalters in einer Weise, da die
bescheidene Nebensonne thatschlich regiert ... Nun ist Eckhof Helldorfs
Todfeind, ob mit Recht oder Unrecht, das wei ich nicht, geht mich auch auf der
Gotteswelt nichts an und ist mir schlielich sehr egal, denn ich kenne den -
Menschen nicht, rein gar nicht! Ich wei nur, da Helldorf bis zu dieser Stunde
mit keinem Fu die Gesellschaftsrume im Hause Claudius betreten hat, und zwar
aus dem einfachen Grunde, weil es Herr Eckhof nicht wnscht ... Morgen nun soll
er pltzlich an einem Diner teilnehmen, das Onkel Erich zwei angesehenen
amerikanischen Geschftsfreunden gibt - Eckhof wird wten und mit
Trakttchenschwung das Gericht des Herrn herabbeschwren - denn das ist eine
Auszeichnung fr Helldorf, wie sie der Onkel sonst nur hochehrwrdigen Glatzen
oder weltberhmten Firmen gnnt ... Ich sage Ihnen ja, die Welt steht auf dem
Kopfe, und es soll mich gar nicht wundern, wenn die steinernen Mnner dort, sie
zeigte nach der Gruppe inmitten des Teiches, aufstehen, ihre Reverenz machen
und uns versichern, da wir schne Mdchen sind!
    Ich mute lachen und auch Ilse schmunzelte wider Willen.
    Was thut denn Herr Claudius im oberen Stockwerk? fragte ich - es wollte
mir durchaus nicht in den Kopf, ja, ich rgerte mich darber, da der Krmer,
wie ihn mein Vater nannte, das Reich der Wissenschaft betrat.
    Er kramt jedenfalls zwischen seinen Fernrohren ... Haben Sie denn die zwei
Auswchse auf der Karolinenlust noch nicht gesehen? Der eine bildet die Kuppel
im Antikenkabinett, und den anderen hat sich der Onkel zur Sternwarte
eingerichtet ... Nicht wahr, das sieht aus, als htte er auch hhere Interessen?
Glauben Sie's um Gottes willen nicht - die Beschftigung luft ganz auf eines
hinaus, er zhlt droben am Himmel die blanken Goldstcke, wie die Thaler auf dem
groen Kontor-Zahltisch.
    Sie griff in die Tasche und zog ein kleines, schmales Paket hervor. Und
nun, weshalb ich gekommen bin. Hier sind die Strmpfe - ein Dutzend - die ich
fr Sie aus R. verschrieben habe - sie sind eben eingetroffen und morgen bringt
auch die Schneiderin den Anzug.
    Lassen Sie sich doch nicht anfhren, Frulein; das ist doch sein Lebtag
kein Dutzend! rief Ilse und wog das Pckchen auf ihrer breiten Hand; es hatte
genau den Umfang wie ein einziges Paar der berhmten Heidschnuckenstrmpfe. Sie
schlug das umhllende Papier zurck, ein wunderfeines, zartes Spitzengewebe
quoll heraus.
    So - na, das ist ja recht schn! sagte sie grimmig. Da kann die Kleine
auch in K. halb barfu laufen ... Das sind mir ja recht vornehme Dinger, die
kommen nie auf die Waschleine - nach dem ersten Spaziergang fliegen sie in die
Lumpenkiste ... O weh, meiner armen Frau ihr Geld!
    Sie schritt spornstreichs nach dem Wohnzimmer.
    Lassen Sie sich nicht irre machen, Kleine, sagte Charlotte in ihrem
bestimmtesten Ton. Ich trage jahraus, jahrein keine anderen, und wenn zehnmal
Frulein Fliedner ber diese sogenannte Verschwendung ihre kleine Nase rmpft
... Ich habe nun einmal eine empfindlich feine Pariser Haut, und Sie mssen
Ihrer Stellung Rechnung tragen, und damit basta!
    Sie huschte fort, und ich ging mit etwas ngstlichem Herzen Ilse nach. Sie
hatte Hut und Gesangbuch abgelegt und stand eben mit dunkelgertetem Gesicht vor
dem Blumentisch in meinem Zimmer. Er sah schlecht und vernachlssigt aus. Ich
hatte die Blumen von vornherein mit ungnstigen Augen angesehen und bego sie
nicht, obgleich mir Ilse streng dieses Geschft zugewiesen hatte. Jetzt hingen
die prachtvollen Blten verschmachtend die Kelche nieder.
    Ilse sagte kein Wort und zeigte nur mit dem Finger auf mein Werk, und da kam
der Widerspruchsgeist und Trotz ber mich.
    Ei, was geht mich denn der Tisch an? sagte ich grollend. Ich sehe gar
nicht ein, weshalb ich mich mit den Blumen abqulen soll. Ich habe sie gar nicht
von Herrn Claudius verlangt - weshalb stellt er sie denn durchaus in mein
Zimmer! Nun mag er sie auch pflegen lassen!
    So ist's recht - es wird ja immer schner! sagte sie mit tonloser Stimme.
Spitzen an den Fen und ein undankbares Herz. Leonore, auf den Dierkhof kommst
du nicht wieder zurck, und - ich will dich auch gar nicht haben!
    Ich schrie laut auf und warf mich an ihre Brust - ihre Stimme hatte mir wie
ein Dolch das Herz zerschnitten.
    Tubchen hat dich die Gromutter genannt, fuhr sie unerbittlich fort; ein
schnes Tubchen! ... Wenn sie's nur gewut htte, was in dir steckt, da wrde
sie dich wohl -
    Teufel genannt haben, ergnzte ich zornig und tief erbittert gegen mich
selbst. Ja, ja, Ilse, das bin ich - ich habe ein bses schwarzes Herz; aber ich
hab's ja gar nicht gewut, und nun berrumpelt es mich immer.

                                       18


Am anderen Morgen sagte mir mein Vater, da mich die Prinzessin Margarete abends
um sechs Uhr zu sehen wnsche. Zum Ueberflu kam auch noch ein Lakai, um mir
selbst die Stunde meines Erscheinens anzuzeigen, da die Prinzessin dem
Gedchtnis meines Vaters offenbar nicht traute. Er war aber auch seit gestern
viel zerstreuter und in sich gekehrter als bisher. In den Nachmittagsstunden war
ein sehr elegant gekleideter Herr mit einem Kstchen unter dem Arme in die
Bibliothek hinaufgestiegen und sehr lange droben geblieben, und als dann spter
mein Vater zu dem Herzog ging, da verga er vllig, mir adieu zu sagen. Ich
hrte seine Schritte und lief hinaus in die Halle, und da sah ich, da eine
fieberhafte Rte auf seinen Wangen lag; er hatte einen seltsam funkelnden Blick,
und in dem zerflatternden Haar muten die Hnde unablssig gewhlt haben.
    Nun saen wir mittags bei Tische. Ich konnte nur wenig essen; mir war
beklommen und ngstlich zu Mute - ich frchtete mich entsetzlich vor der
Prinzessin, die ich mir nicht anders als im goldbrokatenen Kleide, mit der
steinfunkelnden Krone auf dem Kopfe denken konnte. Zudem befremdete mich das
Wesen meines Vaters. Er rhrte keinen Bissen an; unermdlich drehte er
Brotkgelchen zwischen den Fingern, wobei er in das Leere starrte. Er rang
offenbar mit sich selbst, etwas auszusprechen; sein Blick streifte dann und wann
forschend Ilses Gesicht, die, arglos, mit gutem Appetit a und dabei wiederholt
versicherte, da es doch in der ganzen Welt nicht so mehlreiche Kartoffeln gebe
wie auf dem Dierkhof, weil da sandiger Boden sei.
    Liebe Ilse, ich mchte Sie um etwas bitten, hob pltzlich mein Vater an -
das klang so kurz und gepret, als kmen die Worte nur infolge eines gewaltsamen
innern Ruckes ber seine Lippen.
    Sie sah von ihrem Teller auf.
    Nicht wahr, Sie haben die Wertpapiere, den letzten Nachla meiner
verstorbenen Mutter, mitgebracht?
    Ja, Herr Doktor, sagte sie aufhorchend und legte die Gabel hin.
    Er griff in die Brusttasche und zog behutsam einen in Papier gewickelten
Gegenstand hervor; seine Hnde zitterten und die Augen leuchteten auf, als er
die seidenweiche Hlle auseinanderschlug - eine prachtvolle, sehr groe
Denkmnze lag darin.
    Sehen Sie sich das an, Ilse - was sagen Sie dazu?
    Was Schnes ist's, meinte sie und wiegte mit beiflliger Miene den Kopf.
    Und denken Sie sich, das ist spottbillig zu haben. Fr dreitausend Thaler
kann ich einen Mnzenschatz bekommen, der unter Brdern mindestens zwlftausend
Thaler wert ist. - Sein sonst so sanftes, stilles Gesicht hatte etwas
Verzcktes angenommen. - Es ist der erste glckliche Zufall in meinem Leben;
bis jetzt habe ich alles sehr schwer, oft mit unsagbaren Opfern erringen mssen
- und gerade in diesem Augenblick steht mir kein greres Kapital zur Verfgung
... Liebe Ilse, Sie wrden mich zu lebenslnglichem Danke verpflichten, wenn Sie
mir von dem Ihnen anvertrauten Gelde dreitausend Thaler in die Hnde geben
wollten. Leonore ist nicht im mindesten gefhrdet, denn ich gebe Ihnen mein
Wort, da das Wertobjekt wenigstens dreimal so viel in sich enthlt, als der
dafr gezahlte Preis betrgt.
    Ja, ja, das mag schon sein; aber wie ist's denn, gilt denn das auch?
fragte sie und tippte mit dem Finger auf die Mnze, was meinem Vater eine Art
von Nervenzucken verursachte.
    Wie verstehen Sie das? fragte er langsam.
    Je nun, ich meine so, da es der Kaufmann nimmt, wenn man bezahlen will.
    Mein Vater prallte zurck, als habe sie ihn gestochen.
    Nein, Ilse, sagte er nach einer Pause niedergeschlagen; da machen Sie
sich eine falsche Vorstellung. Ausgeben kann man diese Art von Geld nicht - man
kann es nur wieder verkaufen.
    So - da bleiben also die dreitausend Thaler im Kasten liegen und sind nur
da zum Ansehen, nicht um ein Haar anders, als das zerbrochene Zeug droben in dem
groen Saale auch? ... Davon aber kann sich das Kind nicht satt essen und keinen
Schuh an die Fe kaufen ... Herr Doktor, ich habe Ihnen gleich gesagt, da das
Geld nicht angerhrt wird! Wenn ich in Hannover so Pckchen um Pckchen mit den
fnf Siegeln, die ich zuletzt nicht mehr ausstehen konnte, auf die Post trug und
schlielich ein brummiges Gesicht machte, da sagte meine arme Frau allemal:
Ilse, das verstehst du nicht! Mein Sohn ist ein berhmter Mann, und das gehrt
dazu. - Und ich bin auch so stockdumm geblieben, Herr Doktor, und hab's in
meinem Leben nicht begriffen, warum meine gndige Frau so arm werden mute,
warum sie das schne alte Silberzeug von den Jakobsohns und die Ringe und
Armbnder und Ketten verkaufen mute, weil Sie ein berhmter Mann sind - sehen
Sie, und noch weniger will mir's in den Kopf, da nun auch das Kind sein bichen
Ererbtes hergeben soll. Nehmen Sie mir's nicht bel, Herr Doktor, aber es ist
mir immer gewesen, als fiele das unmenschlich viele Geld in ein groes,
grundloses Loch, denn man sieht und hrt nichts wieder davon, wenn es einmal
geschluckt ist ... Es kann ja sein, da es in Ihrem Geschft steckt, und da es
spter einmal, wenn es verkauft wird -
    Mein Vater fuhr in die Hhe - alles konnte er ertragen und hinnehmen, nur
den Gedanken nicht, da sich je eine fremde Hand an seine Sammlungen legen
wrde. Er streckte Ilse entrstet und unterbrechend beide Hnde entgegen. Sie
verstummte fr einen Augenblick, dann aber fuhr sie unerschrocken fort: Ich
habe brigens auch gar keine Macht mehr ber das Geld - es liegt im Vorderhause
im Geldschrank - Sie wollten es ja nicht annehmen, Herr Doktor - und da hab'
ich's Herrn Claudius gegeben. Der ist aber nicht der Mann, der mit sich spaen
lt, der heute nimmt und morgen wieder herausgibt, wie andere gerade wollen.
    Mein Vater schlug, ohne noch ein Wort zu verlieren, das Papier wieder um das
Goldstck und steckte es in die Tasche. Seine Verstimmung und wortlose
Niedergeschlagenheit gingen mir tief zu Herzen - allein da war nichts zu machen.
In Ilses ganzem Wesen lag die tiefste Genugthuung darber, da sie das Geld in
Sicherheit gebracht hatte. Ich frchtete mich vor den harten, hellen Augen und
wagte auch nicht ein Wort der Frsprache, als mein Vater wieder in die
Bibliothek gegangen war.
    In der vierten Nachmittagsstunde trat das hbsche Stubenmdchen, das bei
Charlotte auch den Dienst der Jungfer versah, in mein Zimmer. Sie hatte eine
kleine verdeckte Korbwanne im Arm, und als sie das verhllende Tuch lftete, da
bauschten mir weie mit kleinen schwarzen Blttern beste Gazewogen entgegen.
    Frulein Claudius schickt mich - ich soll Anprobe halten, sagte sie und
kramte den Korb aus. Whrenddem versicherte sie Ilse, da es heute ein Tag zum
Davonlaufen im Vorderhause sei.
    Denken Sie sich, sagte sie, wir haben Herrendiner. Alles ist auf den
Beinen und luft und rennt - da befiehlt auf einmal in aller Frhe Herr Claudius
- werden Sie's wohl glauben? - da die Schreibstube nach dem Hofe zu verlegt
werden soll, und zwar sofort - unsere smtlichen Mnner wollten auf den Kpfen
stehen! Ich bitte Sie, die Schreibstube, in der alle Claudius weit ber hundert
Jahre gearbeitet haben! Und keiner hat gewagt, auch nur einen Schrank anders zu
stellen, und nun auf einmal werden alle die brckeligen, morschen Sachen
behutsam aus der alten dunklen Stube in eine sonnenhelle getragen - die werden
sich schn wundern! ... Und grne Vorhnge hat der Tapezierer sofort aufstecken
mssen, weil es gar zu hell ist und Herr Claudius mit seinen schwachen Augen das
Licht nicht vertragen kann ... Darauf mache sich einer einen Vers - niemand im
Hause kann's; aber der alte Erdmann geht ganz bla herum und meint, das deute
aus den Untergang der Welt.
    Ich hrte nur mit halbem Ohr hin - was kmmerte mich denn die Schreibstube
des Herrn Claudius? ... Meine Augen verschlangen die Wunderdinge, die sich unter
den Hnden der Sprecherin entfalteten. Auch Ilse verfolgte jeden Gegenstand mit
prfenden Blicken, und ihre Finger zogen und zupften zu meinem Schrecken an dem
leichten Stoff des Kleides, inwieweit er wohl haltbar sei; als aber die Zofe
schlielich ein Paar wunderkleiner schwarzer Atlasstiefelchen mit spitzen
Fingern vom Boden des Korbs aufnahm und mir lchelnd vor die Augen hielt, da
verlie sie, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer.
    Ich war doch schrecklich verhrtet - dieses Hinausgehen machte mir nicht den
geringsten Kummer, im Gegenteil, ein Stein fiel mir vom Herzen, als Ilses
hrener Rockzipfel hinter der Thr verschwand. Rechts und links polterten die
gediegenen Schpfungen des Heideschusters auf die Dielen - Ilse hatte recht, in
den Spitzen und dem Atlas war es genau so, als sei ich wieder barfu, als
flsse die Heideluft schmeichelnd um meine Fe. Dann tauchte mich die Jungfer
in die Gazewolke und steckte hier und da eine schwarze Taftschleife auf - Duft,
wohin ich sah! Er flo um die Arme und Schultern und von der Taille bis auf die
Zehenspitzen nieder - und da drin sollte ich stecken? Ich? ... Ach, das war ja
gar nicht zum Aushalten, das war wirklich zum Davonlaufen! ... Halt, halt!
schrie die Zofe, noch die Schleife auf die linke Achsel! So knnen Sie sich
doch vor niemand sehen lassen!
    Aber dafr hatte ich keine Ohren. Ich lief bereits durch die Halle, dann
ber die Brcke und durch den Blumengarten, und um mich her wogte und wallte es,
als habe mich eine weie Sommerwolke aufgenommen.
    Heute graute mir nicht vor dem Vorderhause. Ich rannte die gewundene
Steintreppe hinauf nach Charlottens Zimmer. In dem dunklen Korridor stand
freilich der alte Erdmann, steif wie aus Holz geschnitzt, und hielt eine
Serviette in der Hand - er ri die Augen weit auf vor Erstaunen, und es kam mir
vor, als griffe er nach meinem Kleid, um mich zurckzuhalten, als ich an ihm
vorberflatterte - ei, was ging mich denn der alte Isegrim an? ... Ich strmte
ohne weiteres in das Zimmer hinein.
    Seine Fenster gingen nach Hof und Garten hinaus, und wenn auch durch dunkle
Tapeten und schwere braune Damastgardinen abscheulich verdstert, war es doch
das freundlichste im ganzen Hause. Ein prachtvoller Flgel stand an der Wand mir
gegenber; Charlotte sa davor, und ihre Hnde lagen auf den Tasten, als wolle
sie eben beginnen, zu spielen. Nicht weit von ihr sa Frulein Fliedner im
perlgrauen Seidenkleid und duftigen Blondenhubchen - weiter sah ich nichts.
    Ach, Frulein Charlotte, rief ich, sehen Sie mich doch nur an! ... Was
sagen Sie denn nur? - Ich fate eine der abstehenden Aermelbauschen. - Ist's
nicht, als htte ich Flgel, wirkliche Flgel? ... Ach, und die Schuhe - nein,
die Schuhe mssen Sie sich ansehen! - Ich hob leicht den Saum des Kleides und
lie den Atlas im Licht spiegeln. Nun geht's nicht mehr trab, trab, wie in
meinen schrecklichen Ngelschuhen! ... Passen Sie auf, ob Sie auch nur einen
Laut hren, wenn ich ber die Dielen gehe. - Mit festem Schritt, wie ein
Soldat, marschierte ich auf sie zu. - Nicht wahr, nun bin ich nicht mehr die
lcherlich herausstaffierte Kindergestalt, wie Herr Eckhof sagt?
    Nein, Heideprinzechen, nein! rief sie. Wer htte denn gedacht, da in
der schwarzen Puppe solch ein Schmetterling stecke?
    Sie lachte, lachte, da sie sich die Seiten halten mute, und auch Frulein
Fliedner hielt sich ihr Taschentuch vor den Mund und sah mit lchelnden Augen
neben mir hin - ich meinte nach der Wand.
    Haben Sie sich denn schon im Spiegel gesehen? fragte Charlotte.
    Ei bewahre - so viel Zeit blieb mir nicht; ist auch gar nicht ntig. Ich
sehe ja das Kleid und die Schuhe so auch, da brauche ich doch nicht erst den
Spiegel dazu!
    Na, aber ansehen mssen Sie sich doch einmal, kicherte sie und zeigte nach
dem deckenhohen Spiegel, der den Raum zwischen den zwei Fenstern einnahm. Arglos
lief ich hin und sah in das Glas - ich stie einen Schrei aus und steckte den
Kopf tief in die verschrnkten Arme - o Gott, nicht mit dem leisesten Gedanken
hatte ich an die Herrengesellschaft im Vorderhause gedacht, und nun stand ich
mitten drin. Hinter mir, dem Spiegel genau gegenber, fhrte eine Thr in die
Gesellschaftsrume des Hauses - ich hatte sie bisher nur geschlossen gesehen -
jetzt waren beide Flgel zurckgeschlagen, und auf der Schwelle stand Dagobert;
seine braunen Augen begegneten lchelnd den meinen. Ein roter Kragen leuchtete
unter seinem Kinn, und auf der Brust und an den Schultern blitzte Gold - er war
in Uniform. Hinter ihm aber tauchten noch andere lachende Mnnergesichter auf,
und in einem Eckdiwan, neben einem alten Herrn, sa Herr Claudius ... Das alles
hatte ich mit einem einzigen Blick erfat.
    Ich zitterte am ganzen Krper, und in meine Augen traten Thrnen der Scham
und des Aergers. Da legten sich ein Paar weiche, khle Hnde auf meine Arme und
zogen sie vom Gesicht. Herr Claudius war aufgesprungen und stand vor mir.
    Sie haben sich erschreckt, Frulein von Sassen, sagte er. Es war ein
bler Scherz von Charlotte, den sie Ihnen abzubitten hat. Er fhrte mich zu
einem Fauteuil und drckte mich sanft in die Polster.
    Ich meine, du knntest deinen Vortrag nun beginnen, wandte er sich an
Charlotte.
    Gleich, lieber Onkel! Sie flog auf mich zu, sank auf die Kniee und fate
meine Hand. Geruhen Euer Durchlaucht, mir armen Snderin zu verzeihen, bat sie
schelmisch. Ich thue hiermit Abbitte; aber nur vor Ihnen, Heideprinzechen -
von allen anderen beanspruche ich Dank dafr, da ich eine Augenweide verlngert
habe.
    Ich mute lachen, obgleich mir noch die Thrnen an den Wimpern hingen ...
Wie sie es nur fertig brachte, so vor aller Augen auf die Kniee zu fallen - das
erschien mir ganz besonders bewundernswrdig - ich wre am liebsten in ein
Museloch gekrochen. Sie fuhr mir mit beiden Hnden liebkosend durch die Locken,
dann erhob sie sich und setzte sich wieder an den Flgel.
    Sie spielte fertig, aber mit zu groem Kraftaufwand; das Instrument drhnte
unter ihren Hnden, und es wre mir lieber gewesen, wenn all das Rauschen und
Tosen in der weiten Heide htte verklingen knnen - hier kam es
nervenerschtternd von den Wnden zurck. Aber ich war der Musik von Herzen
dankbar; sie hatte die Aufmerksamkeit der Anwesenden von mir abgelenkt, und
nachdem ich eine Zeitlang, tief im Fauteuil wie in einem schtzenden Hafen
gebettet, regungslos verharrt hatte, wagte ich auch einmal, die Augen
aufzuschlagen.
    Das erste, was ich sah, war der alte Buchhalter; er sa in der
Fensternische, von dem Vorhang halb verdeckt - Charlotte hatte recht gehabt, er
war wtend. - Gestern hatte seine Entrstung einen ziemlich grandiosen Stil
angenommen - wie eine Art Prophet war er anzusehen gewesen, und das beschwrende
Pathos in seiner Stimme und Haltung hatte mich eingeschchtert und mit Furcht
erfllt. In diesem Augenblick aber war er nur ein tiefgergerter Mann, der mit
Mhe seinen Groll hinunterwrgte - die Linke, an der kostbare Steine funkelten,
lag festgeballt auf dem Fenstersims; das mir halb zugewendete, klassisch edle
Profil war entstellt durch grollend herabgesenkte Mundwinkel, und die ganze
Gesellschaft schien seine Gnade verwirkt zu haben, denn er wandte ihr den Rcken
... Der Gegenstand seines Hasses, der junge Helldorf, lehnte an der Thr, durch
die ich gekommen. Er war vielleicht der aufmerksamste und dankbarste Zuhrer,
denn er stand unbeweglich, und seine Augen hingen wie festgezaubert an der
Spielerin - er mochte anderer Meinung sein, als Herr Claudius, der bei jeder
Steigerung, die unter den kraftvollen Hnden erdrhnte, finster die Brauen
zusammenzog und mibilligend den Kopf schttelte - also auch hier spielte er
sich auf den Sachverstndigen, der - Krmer!
    Ich fhlte pltzlich eine leichte Erschtterung des Fauteuils und sah
seitwrts. Dagobert stand neben mir; er hatte den Ellenbogen vertraulich auf die
Lehne meines Stuhles gelegt. Bei meinem Anblick sah er mir tief in die
erschrockenen Augen, bog sich ohne weiteres nieder, und gedeckt durch rauschende
Akkorde, flsterte er mir in das Ohr: Sie gehen heute noch zu der Prinzessin?
    Ich neigte den Kopf.
    Dann denken Sie auch ein klein wenig an mich in dem Paradies, das Sie
betreten werden - ich bitte darum!
    Es kam eine Art von Schwindel ber mich. Diese flsternden Laute, die weich
und innig baten, bten eine unbeschreibliche Wirkung auf mein Inneres. Ich
sollte ihm, der mir in der Heide so spttisch und unnahbar gegenber gestanden,
eine Gunst gewhren, ihm, dem Tankred, der in seiner Schnheit und
Offizierswrde wie ein Knig unter all den Krmern stand? - Das Blut strmte mir
nach den Schlfen, und ohne zu antworten senkte ich den Kopf tief auf die Brust
- ich war stolz und glcklich, aber das brauchten ja die anderen nicht zu sehen.
    Nach Beendigung des Musikstckes und den blichen Danksagungen fr den Genu
brachen die Gste auf. Auch Helldorf griff nach seinem Hut. Herr Claudius gab
ihm einen Wink, und ich hrte, wie er leise zu dem jungen Mann sagte: Bleiben
Sie noch, ich mchte Sie auch einmal singen hren, man spricht viel von Ihrem
Bariton.
    Whrend des allgemeinen Aufbruchs schlpfte ich in das anstoende Zimmer;
vielleicht konnte ich von dort aus eine Thr erreichen, durch die ich in den
Korridor gelangte. Meine ganze Situation, das unvermutete Hereinplatzen in die
Gesellschaft war doch zu lcherlich gewesen; ich frchtete Charlottens Spott,
wenn wir allein sein wrden, und ging ihr fr heute lieber ganz aus dem Wege.
    An das Zimmer, durch das ich huschte, stie ein groer Salon, in welchem
gespeist worden war. Eine offene Thr fhrte nach dem Korridor, wo noch der alte
Erdmann wie eine Schildwache auf und ab ging ... Welch ein Reichtum von
Silbergeschirr bedeckte die Tafel inmitten des Zimmers und die Nebentische! Mein
Blick streifte im Vorbeigehen darber hin, dann aber blieb er auf der einen
Seitenwand hngen, und ich konnte nicht weiter ...
    Das war der prachtvolle Offizier, wie Charlotte ihn genannt hatte, der aus
dem geschnitzten schweren Rahmen niedersah! - Ein schner, stolzer Mann, mit dem
Lcheln der Lebenslust und Siegesgewiheit auf den schwellenden Lippen! ... Und
die weie Hand, die sich so krftig und doch mit so viel ungezwungener Grazie
auf die Tischplatte sttzte, sie hatte wirklich die Waffe gehoben und mit einem
einzigen Druck diese strahlend heitere Stirne zerstrt? ... Hatte er die grause
That in der Karolinenlust verbt? War mein Fu vielleicht ber die Schwelle
geschritten, wo der Mann mit dem zerschmetterten Kopf gelegen? ... Wie oft hatte
mir Heinz gruselnd versichert, da die Selbstmrder nachts umgehen mten und
keinen Frieden fnden! ... Und wenn es nun wirklich um Mitternacht durch die
versiegelten Sle schlich und die schmale, dunkle Treppe herabkam und den
Schrank neben meinem Bett lautlos auf die Seite rckte? - Fast htte ich
aufgeschrieen vor Entsetzen - ich wandte das Gesicht weg von dem Bild, das mich
mit lebendig funkelnden Augen anstarrte - da trat Herr Claudius mit suchenden
Blicken in das Zimmer. Alle Scheu und Vorsicht vergessend, deutete ich zurck
auf die gefrchtete Gestalt.
    Ist das Unglck in der Karolinenlust geschehen? fuhr es mir heraus.
    Er wich mit rotberstrmtem Gesicht zurck, und seine Augen schossen Blitze.
    Kind, an was rhren Sie da! sagte er finster. Ich werde diese unberufenen
Zungen denn doch bitten mssen, sich ein wenig zu menagieren! Er schwieg einen
Augenblick und heftete sein Auge auf das Gesicht des Bruders. Nein, sagte er
dann milder, es ist nicht in der Karolinenlust geschehen - ngstigt Sie der
Gedanke?
    Ich - ich frchte mich vor den Gespenstern und Heinz auch, und Ilse, die
sagt's nur nicht!
    Ein ernstes Lcheln schwebte um seine Lippen. Ich sehe bisweilen auch
Gespenster, die ich frchte, und in diesem Augenblick mehr als je, sagte er -
ich wute nicht, ob er im Scherz oder Ernst sprach - Sie gehen heute noch an
den Hof?
    Ich mute innerlich lachen, er stellte dieselbe Frage wie Dagobert.
    Ja, versetzte ich, und ich werde mich sputen mssen, um sechs Uhr sollen
wir im Schlosse sein.
    Ich wollte rasch ber die Schwelle schreiten, er hielt mich mit sanfter Hand
zurck.
    Denken Sie an sich, damit Sie sich in der Hofluft nicht selbst verlieren!
warnte er mit einer eigentmlichen Betonung und hob den Zeigefinger. Es war
seltsam, fast, und zwar zum erstenmal, wre mir diese Stimme zu Herzen gegangen
- ah, bah, das riet mir der Mann, der auch immer nur an sich dachte! Wie ganz
anders hatte Dagobert gebeten! ...
    Ich schttelte den Kopf, lief hinaus und sprang die Treppe hinab ... Ein
Glck aber war's, da Ilse mein widerwilliges Kopfschtteln nicht sah - o, die
Moralpredigt, die es da abermals gegeben!

                                       19


In meinem Zimmer fand ich die Zofe noch vor. Sie bemchtigte sich meiner,
steckte die fehlende Schleife fest und setzte mir ein rundes, weies
Strohhtchen auf die Locken.
    Ich warf einen Blick in den Spiegel und fand pltzlich, da mein nie
beachtetes Haar, das mir stets eine unliebsame Last gewesen, doch eigentlich in
prchtigen, glnzend schwarzen Ringeln ber den Nacken hinabwoge, und da es
vorzglich schn von den milchweien Bndern des Hutes absteche. Ilse mit ihren
scharfen Augen ertappte mich sofort auf dieser allerersten Selbstbeugelung; das
harte Gesicht mit den karmesinroten Backenknochen erschien auf einmal mit einem
bitterbsen Ausdruck ber meinem geschmckten Kopf im Spiegel.
    Nun ist wohl auch schon der Spiegelnarr fertig? schalt sie. Das ist sein
Lebtag kein ehrbares Frauenzimmer, das sich neugierig beguckt, ob ihm auch die
Nase schn im Gesicht stehe ... Snde ist's, weit du das? ... Wenn meine arme
Frau der Christine beizeiten den Spiegel weggenommen htte, da wre auch vieles
anders gekommen ... Zuhngen werd' ich das Glas, ehe ich fortgehe, da du's
weit!
    Das brauchte sie nicht. Da es Snde sei, konnte ich nicht einsehen; denn
die Nase und die ganze Gestalt hatte mir ja der liebe Gott gegeben; aber eine
Lcherlichkeit war's, mit sich selbst zu liebugeln; ich errtete vor meinen
eigenen Augen und schmte mich, als htte ich etwas Dummes gesagt.
    Das Stubenmdchen entfernte sich mit einem mitleidig lchelnden Blick auf
mich, der der Text so scharf gelesen wurde, und ich ging hinauf in die
Bibliothek, um meinen Vater abzuholen.
    Schon drauen vor der Thr hrte ich ihn mit raschen Schritten hin und her
gehen und laut sprechen. Ich meinte, es sei jemand bei ihm, und ffnete leise
die Thr, - er war allein, aber in nicht zu verkennender Aufregung. Unablssig
durchma er das weite Zimmer und fuhr sich mit beiden Hnden durch die Haare.
Manchmal blieb er stehen, nahm die Goldmnze, die er heute Ilse gezeigt, vom
Tische auf, besah sie, als wolle er das mattblinkende Metall mit seinem Blicke
durchdringen, und legte sie tief aufseufzend wieder nieder. Dann schlug er mit
seinen fleischlosen Kncheln so hart auf die Tischplatte, da sie erdrhnte, und
die Wanderung begann von neuem. Mich bemerkte er nicht, obwohl ich schon einige
Minuten im Zimmer stand.
    Vater, was hast du? fragte ich endlich schchtern.
    Er fuhr herum. Im ersten Augenblick erkannte er mich nicht in dem neuen
Kostm, ich lachte und lief auf ihn zu. Sein verdstertes, sehr erhitztes
Gesicht erheiterte sich, ein wohlwollendes Lcheln, das mich tief beglckte,
flog wie ein Sonnenstrahl darber hin.
    Ei, sieh da, Lorchen! ... Was bist du fr ein hbsches kleines Mdchen!
rief er. Er erfate meine beiden Hnde und betrachtete mich von Kopf bis zu
Fen ... Wie unsglich dankbar schlug ihm mein Herz entgegen! Inmitten seiner
wissenschaftlichen Sorgen und Kmmernisse hatte er doch Augen fr meine kleine
Person.
    Wollen wir noch nicht gehen, Vater? fragte ich, nahm allen meinen Mut
zusammen, strich ihm das Haar glatt und zog die verschobene Atlaskrawatte unter
seinem Kinn zurecht. Die Prinzessin wartet vielleicht - o, wie mein Herz klopft
vor Angst!
    Ich erwarte erst noch einen Herrn, den ich zum Herzog fhren will, sagte
er kurz, ohne meinen letzten Ausruf zu beachten - weg war die heitere Stimmung!
Er entzog sich meinen ordnenden Hnden, fing wieder an zu wandern, und nach zwei
Sekunden starrten die glattgestrichenen Haare zu meinem Leidwesen nach allen
vier Winden.
    Willst du mir denn nicht sagen, was dich so sehr bekmmert? fragte ich
bittend.
    Er schritt gerade mit rckwrts verschrnkten Armen an mir vorber.
    O, mein Kind, das kann ich dir nicht sagen! ... Ich wte gar nicht, wie
ich es anfangen sollte, mich dir verstndlich zu machen! - War es doch heute
mittag eine wahre Riesenaufgabe Ilse gegenber! rief er fast ungeduldig nach
mir zurck und ging weiter.
    Ich lie mich nicht so ohne weiteres abfertigen. Es ist wahr, ich bin
entsetzlich dumm in der Heide geblieben! sagte ich aufrichtig. Aber wer wei,
vielleicht verstehe ich dich doch besser, als du denkst - probier's einmal!
    Er lchelte halb verdrossen und unlustig, nahm aber doch die Mnze auf und
hielt sie mir hin.
    Nun, da sieh her! ... Das ist ein wunderseltenes Stck - ein sogenanntes
Medaillon ... Es ist in meiner Sammlung nicht vertreten, weil ich bis zur Stunde
seiner nicht habhaft werden konnte. Mit strahlenden Blicken hielt er es gegen
das Licht. Kstlich! - Es hat seine Stempelblume fast unberhrt erhalten! ...
Der Herr, den ich erwarte, verkauft diese Medaillen, lauter unschtzbare
Exemplare - verstehst du mich, mein Kind?
    Die Ausdrcke nicht, Vater; aber was du schlielich willst, wei ich ganz
genau - du mchtest die Goldstcke um alles nicht wieder aus der Hand lassen -
    Kind, ich gbe freudig Jahre von meinem Leben darum, wenn ich sie kaufen
knnte! unterbrach er mich schwrmerisch. Aber ich bin leider auer stande -
binnen einer Stunde wird der Herzog die auserlesensten Stcke fr sein
Medaillenkabinett erworben haben - und ich -
    Er verstummte; denn der Herr mit seinem Kstchen unter dem Arm, der gestern
schon in der Bibliothek gewesen war, trat herein. Ich sah, wie mein Vater
erblate.
    Nun, wie ist's, Herr von Sassen? fragte der Herr im Eintreten.
    Ich - mu davon absehen -
    Vater, sagte ich rasch, ich verschaffe dir, was du brauchst!
    Du, mein kleines Mdchen? ... Wie wolltest du denn das anfangen?
    Das lasse meine Sorge sein! Aber die Mnze mu ich haben, damit ich mich
auf sie berufen kann! ... Ei, wie ich pltzlich resolut und praktisch wurde!
Ich war ganz stolz auf mich selbst - das htte Ilse sehen sollen!
    Mein Vater lchelte unglubig, aber es war doch ein Strohhalm, an den er
sich noch fr einen Augenblick anklammern konnte. Er sah den Herrn fragend an;
derselbe neigte zustimmend den Kopf, wickelte die Mnze in das Papier und
bergab sie mir. Ich umschlo sie in der Tasche krampfhaft mit meiner Hand, denn
ich wute ja, da sie unschtzbar sei, und lief nach dem Vorderhause.
    Wie wollte ich Herrn Claudius bitten, mir dreitausend Thaler von meinem
Gelde zu geben! Wie wollte ich ihm den Kummer meines Vaters in beweglichen
Worten vorstellen! Wenn er nicht durch und durch von Stein war, da muten ihn
doch die Bitten der Tochter rhren, die ihren Vater um alles gern glcklich
sehen wollte ... Freilich hatte mich noch nie eine so unsgliche Scheu vor ihm
erfat, als gerade in diesem Augenblick, wo ich, in mich hineinfrstelnd, als
Bittende die khle dunkle Hausflur wieder betrat, die ich kaum erst im
offenkundigen und bermtigen Widerspruch verlassen ... Aber vorwrts! Es mute
ja sein! Ich hatte meinen Vater schon viel zu lieb, um ihm nicht jedes Opfer zu
bringen, selbst das, vor der kalten Geschftsmiene des Herrn Claudius geduldig
auszuharren ... Ach was! Hatte er mir doch auch die vierhundert Thaler fr meine
Tante gegeben - weshalb sollte er mir da die dreitausend verweigern? Ich
unterschrieb eben einfach wieder, und damit war die Sache abgemacht.
    Erdmann und das Stubenmdchen trugen eben eine Korbwanne voll Egeschirr die
Treppe hinab, als ich hinaufstieg. Noch stand die Thr des Speisesalons weit
offen. War Herr Claudius noch in Charlottens Zimmer, so konnte ich mich ihm
vielleicht durch die offene Thr bemerklich machen, ohne da die anderen es
sahen, denn Zeugen mochte ich nicht haben bei meiner Bitte.
    Ich wollte eben das nchste Zimmer betreten, da schlugen zwei prachtvolle
Menschenstimmen an mein Ohr - wie festgewurzelt blieb ich stehen, obgleich mir
der Boden unter den Fen brannte und die Angst um jede verlorene Minute mein
Herz heftig klopfen machte.

O sh' ich auf der Heide dort
Im Sturme dich!
Mit meinem Mantel vor dem Sturm
Beschtzt' ich dich -

sangen Charlotte und Helldorf. Ich sah schrg durch die Thrffnung die zwei
prchtigen Gestalten nebeneinander stehen, whrend Dagobert am Flgel sa und
den Gesang begleitete.
    O, meine Heide im Sturm, im Frhlingssturm! Wenn er ber den Dierkhof
hinfuhr, die trotzigen, alten Eckpfeiler wegzustoen und die Fensterscheiben
einzudrcken versuchte, wenn er den Eichen die vorjhrige, ehrwrdig
vertrocknete Bltterpercke abri und sie in tausend Atome zerpflckte, wenn
Ilse vorsorglich alle Thren schlo und die Hhner aus dem weiten unbeschtzten
Hof auf ihre Querstangen in der Tenne flchteten, da lief ich hinaus vor die
Umzunung und schrie das vorberbrausende Heer in den Lften an ... Es war ja
kein Sturm, wie der im Winter! Es waren tausend und abertausend Stimmen, die
ausgeschlafen hatten und nun ineinander jubilierten! Da brauste das Wasser drin,
das sich vom Eis erlst hatte, da rauschte der Wald hinein, in dem das
aufquellende Leben strmisch pulsierte, da klang schon jedes Blumenglckchen
mit, das sich aus der braunen Hlle schlen sollte ... Und ich lie mich von
seinen Hnden greifen und forttragen - Ruck um Ruck ging es ber die Heide hin,
taumelnd wie ein fortgewirbeltes Eichenblatt, bis ich auf dem Hgel stand und
halb erschrocken, halb aufjauchzend meine Arme um die Fhre schlang. Wir
zitterten und schwankten beide, die alte Fhre und mein kleiner Krper, aber sie
rasselte lustig mit ihren Nadeln, und ich lachte hinauf in die groen, dicken
Wolken, die mit zuckenden Gliedern hilflos weiterstrmen muten. Er ri und
zerrte an meinem Rckchen, und das Haar zerpeitschte mir das Gesicht - aber ich
brauchte keinen Mantel, der mich beschtzte - es war etwas von Stahl und Eisen
in meinen gescholtenen Kinderhnden und -fen; ich kmpfte mich tapfer wieder
heim und schalt Spitz, der sich unterdessen faul seinen Pelz in der sicheren
Ofenecke gewrmt hatte.

Und km' mit seinem Sturme je
Dir Unglck nah -

sangen die drinnen, und die Stimmen stiegen aufwrts, wie der Sturm auffliegt
und im vollen Ausbrausen gipfelt. Ich war wie berauscht von den Tnen; allein
ich durfte mich dem Zauber nicht lnger hingeben - fort mit dem Heimweh und
seinen schmerzlich sen Trumen! ... Ich sah meinen Vater aufgeregt in der
Bibliothek hin und her laufen, und das trieb mich sofort ber die Schwelle.
    Da sa seitwrts, tief in die Ecke des Zimmers gedrckt, Herr Claudius, ganz
allein. Er hatte den Ellbogen auf die Seitenlehne des Fauteuils gesttzt und
vergrub Stirne und Augen tief in der Hand. Das dicke blonde Lockengeringel fiel
ber die weien Finger - ich wich beklommen zurck, selbst der matte
Silberschein der Haare wirkte erkltend und ernchternd auf mich; ich konnte
mich pltzlich auf kein Wort meiner heroischen schnausgedachten Anrede mehr
besinnen; angesichts seiner Persnlichkeit fhlte ich nur das eine, da er mich
zurckweisen wrde, sehr hflich und mit gtevoller Stimme, allein so fest und
bestimmt, da jedes fernere Wort zur Zudringlichkeit wurde ... Und wenn er auch
jetzt dasa, wie der Welt entrckt, wie tief versunken in den erschtternden
Gesang - in seinem Kopfe kreisten doch nur Zahlen, und ich wute es, sobald ich
ihm die Dreitausend nannte, da lchelte er leise und sagte wieder: Sie haben
offenbar keinen Begriff, wie viel Geld das ist!
    Trotz alledem stand ich pltzlich neben ihm; wie ich die wenigen Schritte
Weges berwunden, wute ich selbst kaum. Ich bog mich zu ihm hin und nannte
halblaut seinen Namen ... Himmel, ich hatte ihn ja nicht erschrecken wollen,
meine Stimme hatte so schwach und verzagt geklungen, und doch fuhr er in die
Hhe, als habe die Posaune des Weltgerichts sein Ohr getroffen. Er sprang auf
und lchelte - ich wute wohl warum - wie konnte man auch ber solch ein kleines
Geschpf erschrecken, das wie ein winziger Zaunknig lautlos herangehpft war!
...
    Bse war er nicht, das sah ich, und doch brachte ich kein Wort ber die
Lippen. Htte er doch nur die schreckliche Brille vor den Augen gehabt und die
breite Hutkrempe ber der Stirne - er sah auf einmal gar so jung aus seinen
feurig blauen Augen ... Ich kam mir entsetzlich einfltig vor, und ihm fiel es
nicht ein, mich aus meiner unbeholfenen Verlegenheit zu ziehen - er schwieg,
whrend sie drinnen sangen:

Dann wr' mein Herz dein Zufluchtsort,
Gern teilt' ich's ja.

Wollten Sie mich sprechen? fragte er endlich halblaut, als die Snger
schwiegen.
    Ja, Herr Claudius, aber nicht hier.
    Er trat sogleich mit mir in den anstoenden Salon und schlo beide Thren.
    Die Augen unverwandt auf ein glnzend poliertes Carreau in dem getfelten
Fuboden gerichtet, trug ich mein Anliegen vor, und es ging; ich fand die Worte
und Ausdrcke wieder, die ich mir ausgedacht! Ich schilderte ihm, wie heftig
mein Vater den Besitz der Mnzen wnsche, da er nicht essen knne vor
Aufregung; ich versicherte ihm, da ich es durchaus nicht ertragen knne, ihn
leiden zu sehen - durchaus nicht, und deshalb Rat schaffen und die Dreitausend
haben msse, um jeden Preis - dann sah ich zu ihm auf.
    Er sah wieder genau so aus, als stnde er drunten im Schreibzimmer neben
seinen dicken Folianten - das Bild des ruhigen Anhrens, der khlsten
Ueberlegung und Vorsicht.
    Ist das Ihr eigener Gedanke, oder hat Herr von Sassen zuerst den Wunsch
ausgesprochen, ein Kapital aus Ihrem Vermgen zu entnehmen? fragte er - wie
stach dieser gehaltene Ton hlich ab von meiner warmen Beredsamkeit, und wie
reizte er mich! ... Aber in die klarblickenden Augen hinein konnte ich doch
weder geradezu lgen, noch eine Bemntelung erfinden, wozu ich allerdings einen
Augenblick die grte Lust versprte.
    Mein Vater hatte heute mittag den Wunsch gegen Ilse ausgesprochen,
versetzte ich zgernd.
    Und sie hat sich geweigert?
    Ich bejahte niedergeschlagen - ich wute es, die Sache war bereits verloren.
    Haben Sie sich nicht selbst gesagt, Frulein von Sassen, da ich Ihnen die
Summe dann noch viel weniger geben darf und werde?
    Vergessen war der Vorsatz, mich auf demtiges Bitten zu verlegen und in
Geduld auszuharren gegenber dieser kaufmnnischen Berechnung und Gelassenheit!
... Ich fhlte, wie meine Wangen hei wurden, mein bses Herz berrumpelte
mich.
    Freilich habe ich mir das selbst gesagt, antwortete ich rasch, mit
fliegendem Atem, - ich zeigte auf die Thrschwelle. Da hab' ich eben noch
gestanden und mich vor Grauen geschttelt ... Aber ich habe meinen Vater lieb
und wollte ihm das schwere Opfer bringen.
    Er sagte nicht ein Wort, als ich fr einen Moment verstummte - er war
wirklich durch und durch von Stein, alle meine Vorstellungen waren wirkungslos
abgeprallt - und da sollte man nicht zornig werden? ... In meinen Fen zuckte
es fast unwiderstehlich, den Boden zu stampfen - ich wandte ihm heftig den
Rcken und rief in ausbrechendem Groll ber die Schulter zurck: Ich will das
Geld nun gar nicht! Lcherlich, da ich um das, was mir meine liebe Gromutter
doch geschenkt hat, bei Fremden betteln soll? ... Aber das thue ich nicht, ganz
gewi nicht! ... Ich werde Sie nie, nie wieder um etwas bitten, und wenn es mir
zehnmal gehrt, und ich das Recht habe, darber zu verfgen -
    Nicht ber einen Pfennig haben Sie in diesem Augenblick zu verfgen! fiel
er ein, ohne alle Heftigkeit, aber mit groem Ernst und Nachdruck. Und das will
ich Ihnen sagen, wenn Sie das wilde Kind in der Heide in so ungebrdiger Weise
herauskehren, dann erreichen Sie bei mir nie etwas ... Mgen Sie immerhin auf
die Bume klettern und durch den Flu laufen, darin sollen Ihnen die Flgel
nicht beschnitten werden - aber aus der Seele will ich das wilde Element
scheiden.
    Also er umklammerte mich richtig mit seinen eisernen Fingern und lie mich
nicht eher wieder frei, als die zwei Leidensjahre um waren! ... Gott, was fr
ein klgliches Zerrbild wollte er aus mir machen!
    Wenn ich's leide, sagte ich und warf den Kopf zurck. Heinz hatte einmal
einen Raben gefangen, und als er ihm die Flgel beschneiden wollte, da bi ihm
der Vogel den Finger blutig -
    Und so tapfer wollen Sie sich auch wehren, kleine Heidelerche? fragte er
und sah lchelnd auf seine schlanken Finger herab. Der bse Rabe hat eben nicht
einsehen knnen, da ihn Heinz zu seinem trauten Hausgenossen machen wollte ...
Aber nun wollen wir weiter ber die Geldangelegenheit reden. Mit Ihrem Vermgen
darf ich so wenig willkrlich schalten und walten, wie Sie selbst; dagegen bin
ich sehr gern bereit, Herrn von Sassen die ntige Summe aus eigenen Mitteln
vorzustrecken ... Sagten Sie nicht, der Verkufer sei augenblicklich bei Ihrem
Vater?
    Beschmt griff ich in die Tasche und reichte ihm das Medaillon hin.
    Ach, eine Kaisermnze aus der Zeit der Antonine! Ein schnes Exemplar!
rief er. Er trat an das Fenster und betrachtete sie eine lange Zeit scharf
prfend von allen Seiten - wieder einmal, als ob er wirklich auch davon etwas
verstnde.
    Kommen Sie, sagte er und ffnete das anstoende Zimmer zur rechten Hand.
Es hatte schwerseidene Draperien an den Wnden und war ebenso dster, wie alle
in dieser endlos langen Flucht liegenden. Einem der Fenster nahe stand ein
Schrank von dunklem Schnitzwerk mit schweren, fein ziselierten Silberbeschlgen.
    Herr Claudius schlo das wunderliche, altmodische Gert auf und zog einen
Kasten heraus - da lagen ganze Reihen solcher Medaillen, von denen mein Vater
gesagt, da sie wunderselten seien, wohlgeordnet auf dunklem Samtgrunde. Er nahm
eine derselben auf, legte sie auf seine Handflche neben die von mir gebrachte,
verglich beide noch einmal prfend und hielt sie mir hin. Sie glichen sich, wie
ein Ei dem anderen, nur sah die aus dem Kasten genommene bedeutend abgegriffener
aus.
    Diese ist schner, sagte ich und zeigte auf die Mnze, die mein Vater so
hei ersehnte.
    Ja, das glaube ich Ihnen, versetzte er. Mir aber gefllt sie nicht.
    In diesem Augenblick wurde die nach dem Speisesalon fhrende Thr
aufgemacht, und als wir beide uns umwandten, sahen wir Dagobert auf der Schwelle
stehen. Herr Claudius faltete mimutig die Brauen, allein der junge Mann lie
sich dadurch nicht verscheuchen; er trat nher, und seine braunen Augen irrten
erstaunt ber die Mnzenreihen hin.
    Himmel, welche Pracht! rief er berrascht. Onkel, bist du denn Sammler?
    Ein wenig, wie du siehst.
    Und davon wei die Welt kein Wort!
    Ist es denn ntig, da die Welt meine kleinen Passionen kennt? - Wie stolz
gelassen klang das!
    Nun, wenn auch das nicht, versetzte Dagobert; aber in einer Zeit, wo fast
die ganze Residenz sich mit wahrhaft fieberndem Interesse der Altertumskunde
zuwendet, ist diese Passivitt geradezu unbegreiflich.
    Meinst du? ... Ich will dir sagen, da ich selten an etwas Genu finde, das
gerade als Modeartikel auf dem groen Markt liegt und von Unberufenen zu ganz
anderen Zwecken ausgebeutet wird, als sie die Wissenschaft verfolgt ... Auch bin
ich sehr auf meiner Hut mit meinen kleinen Neigungen, ich bringe sie durchaus
nicht in Konkurrenz - sie wachsen uns unter fremdem Einflu ber den Kopf, und
einer solchen ausgebildeten Leidenschaft ist dann nichts unerreichbar, sie rhrt
an das Heiligste und nimmt die Mittel vom Altar, wenn es sein mu.
    Nun, vor der Snde schtzen dich denn doch die Ersparnisse deiner Ahnen,
Onkel! lachte Dagobert. Er schttelte den Kopf. Unglaublich! Du interessierst
dich fr Altertmer und lssest eine kostbare Antikensammlung so und so viel
Jahre im Keller verschimmeln, ohne sie zu berhren.
    Herr Claudius zuckte leichthin die Achseln. Vielleicht urteiltest du
anders, wenn dir das Testament meines Grovaters zu Gesicht kme. Nach seinem
Wunsch sollten die Antiken begraben bleiben fr alle Zeiten.
    Ach so - da kann ja Herr von Sassen stolz sein - er hat mit seinen Bitten
die unsinnigen Traditionen des Hauses ber den Haufen geworfen -
    Er weniger, als meine schlieliche Ueberzeugung, da weder meinem
Grovater, noch mir das Recht zusteht, Kunstschtze der Welt zu nehmen und sie
fr immer verschwinden zu lassen, lautete die sehr ruhige Antwort.
    Ich stand wie auf Nadeln bei diesem Gesprch - die kostbare Zeit verrann. Zu
meiner Beruhigung trat Dagobert an das Fenster und sah einer Equipage nach, die
vorberrollte; Herr Claudius aber legte das Medaillon in den Kasten, schob ihn
zu und gab mir die Mnze zurck.
    Es thut mir herzlich leid, da ich mein gegebenes Wort zurcknehmen mu,
sagte er zu mir. Allein beim Ankauf dieser Art Mnzen mchte ich nicht
behilflich sein - das Medaillon in Ihrer Hand ist unecht.
    Dagobert fuhr herum.
    Wer will denn die Mnzen kaufen? fragte er.
    Herr von Sassen.
    Wie, Onkel, er findet die Mnzen preiswrdig, und du willst ihn
korrigieren? ... Verzeihe, das fuhr mir so heraus - es war nicht hflich!
setzte er augenblicklich entschuldigend hinzu.
    Herr Claudius lchelte leise. Du hast eben nur meine Ansicht dokumentiert,
nach welcher der Laie sehr wohl thut, mit seiner Weisheit still zu Hause zu
bleiben. Einer Autoritt gegenber wird sein Urteil stets eine Unbescheidenheit
sein.
    Er schlo den Schrank, und ich verlie, ohne noch ein Wort zu verlieren,
aber auch mit steifem Nacken, das Zimmer. Dagobert trat mit mir zugleich ber
die Schwelle der Salonthr.
    Unverschmt! murmelte er zwischen den Zhnen, doch so, da ich's hren
konnte, und schritt wieder nach dem Zimmer seiner Schwester, whrend ich scheu
und schweigend davonrannte.
    Ja, eine Unverschmtheit war es, meinem weltberhmten Vater gegenber! ...
Ich lief wie gejagt durch die Grten und strmte in groer Aufregung die Treppe
der Karolinenlust hinauf.
    Nun? fragte mein Vater in atemloser Spannung, als ich eintrat.
    Herr Claudius behauptet, die Mnze sei unecht! rapportierte ich mit
erstickender Stimme.
    Der fremde Herr brach in ein unauslschliches Gelchter aus - er schien sich
gar nicht wieder beruhigen zu knnen. Mein Vater dagegen zuckte verchtlich die
Achseln. Krmerweisheit! stie er hervor. Mit solchen Leuten mu man sich
eben nicht einlassen.
    Er griff nach seinem Hut, stlpte ihn auf das wirre Haar und reichte mir den
Arm. Gehen wir, sagte er resigniert.

                                       20


Im Geschwindschritt ging es durch die Grten; mein Vater wute schon nach
wenigen Augenblicken nicht mehr, da ein ngstlich trippelndes kleines Mdchen
an seinem Arme hing und auf den Zehenspitzen wie eine fortgewirbelte
Schneeflocke neben ihm herflog. Er sprach unausgesetzt mit dem fremden Herrn, zu
meinem Verdru genau so unverstndlich und in Fremdwrtern herumwhlend wie der
alte Professor in der Heide.
    Als wir quer den Hof durchschritten, scholl Helldorfs prachtvolle Stimme
herab; er sang allein. Mein Vater hemmte berrascht fr einen Moment seinen
Sturmschritt. Bis dahin hatte ich mich nie weiter in dem Hofe zu orientieren
gesucht, er war mir zu kahl und nchtern. Jetzt aber, wo wir uns direkt nach dem
Ausgangsthor wandten, das den linken Seitenflgel durchbrach, glitten meine
Augen ber das vor mir liegende Erdgescho des Hintergebudes. An vier Fenstern,
die sich nebeneinander reihten, war je ein Flgel halb geffnet; eine ganze
Schar junger Mdchen sa drinnen; die Brustwehr war sehr niedrig und lie
ununterbrochen geschftige, flinke Hnde sehen; an dem mir zunchstliegenden
Fenster hielt eben eine Arbeiterin einen halbvollendeten Myrtenkranz prfend von
sich, ehe sie den nchsten Zweig einband.
    Das war also die Hinterstube, mit welcher mir Charlotte schon am zweiten
Tage meines Aufenthaltes einen heillosen Schrecken eingejagt hatte. Sie erschien
mir durchaus nicht finster und abschreckend; Licht und Luft hatte sie vollauf,
und die Mdchen sahen sehr sauber und wohlgekleidet aus. Alle diese blonden und
dunklen Kpfe lauschten dem Gesange, keine Lippe regte sich ... Da sah ich, wie
pltzlich ein jhes Aufschrecken durch die ganze Gesellschaft zuckte, smtliche
Stirnen senkten sich tief auf die Arbeit, und das Mdchen mit dem Myrtenkranz
schob leise und unmerklich mit dem Ellbogen den Fensterflgel zu, whrend sich
ihr errtetes Gesicht nach der Tiefe des Zimmers drehte ... Eine Thr fiel
drinnen heftig in das Schlo und gleich darauf hrte man den alten Buchhalter
schelten.
    Welch ein Zugwind! rief er - seine sonore Stimme scholl um so krftiger
hinaus in den Hof, als der Gesang droben fr einen Augenblick schwieg - ach so,
man hat die Fenster geffnet und horcht auf die Verlockung des Satans und legt
dabei die Hnde in den Scho! ... Ihr thrichten Jungfrauen, bei euch wird es
heien: Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht ... Es ist besser hren
das Schelten des Weisen, denn hren den Gesang des Narren.
    Whrend des letzten Bibelspruchs schlug er klirrend ein Fenster um das
andere zu und rttelte an ihnen, auf da auch nicht der kleinste Spalt fr die
eindringenden Tne der Weltlust verblieb. Er sah uns vorbergehen; aber seine
Augen glitten stolz und abweisend an uns hin - er grte nicht.
    Mein Vater schttelte ironisch lchelnd den Kopf.
    Das ist auch so ein diktatorisches Ppstlein, sagte er zu dem Fremden,
einer jener Beschrnkten, die sich zum Skandal breit machen drfen mit ihrem
leeren Kopf, weil die Reaktion den Gedanken verfemt ... Mit welch staunendem
Hohne wohl die nchsten Jahrhunderte auf diese entstellenden und zrtlich
gehtschelten Sonnenflecke unserer Zeit zurckblicken werden!
    Wie dauerten mich die armen jungen Geschpfe in der Hinterstube! Ihnen waren
auch die Flgel grausam verschnitten worden; in ihrer Seele hatten sie freilich
keine Spur des wilden Elementes mehr; dafr waren sie aber auch Gefangene ohne
allen Willen. Sie duckten muschenstill die Kpfe, und lieen es geschehen, da
man ihnen auch noch die frische Luft entzog, weil sie verbotene Klnge zu ihnen
getragen hatte ... Und der unheimliche Morgensnger war es, der ihnen die Flgel
stutzen und sie bewachen mute ... O Herr Claudius, ich machte Ihnen ganz gewi
mehr Mhe! Ich konnte laufen wie ein Hase, und wenn ich hier nirgends ein
rettendes Dach fand, unter das ich den Kopf stecken konnte, da ging es eines
schnen Tages wieder dahin zurck, wo ich hergekommen ... Es mute ja nicht
gerade der Dierkhof sein, wo Ilse mich scheltend empfing - ich schlpfte in die
kleine Lehmhtte mit den flaschengrnen Fensterlein, da a ich mit Heinz
Buchweizengrtze und flog lachend mit meinen unbeschnittenen Flgeln ber die
Heide hin ...
    Wir hatten das Haus in der Mauerstrae verlassen, und nun ging ich ja doch
durch die hliche, stauberfllte Stadt, die ich nie wiedersehen wollte. Sie
erschien mir nicht mehr so schrecklich, als da die sengende Mittagshitze ber
ihr brtete. Es hatte sich aber auch manches verndert - meine Augen begegneten
nicht einem einzigen spttischen Blicke. Frauen gingen an uns vorber, die mir
wohlwollend und so freundlich forschend unter den Hut sahen, als mache es ihnen
Freude, zu wissen, was fr ein Gesicht auf dem kleinen trippelnden Menschenkinde
im nagelneuen Galakleide se ... Was mir aber pltzlich einen ganz besonderen
Halt, ja eine Art inneren Schwunges gab, infolgedessen ich meinen Kopf um einige
Linien hher zu recken suchte, das war die Art und Weise, wie mein Vater gegrt
wurde. Der eilig dahinrennende Mann mit der nachlssigen Haltung und dem
wirrflatternden Haare war eine nichts weniger als imposante Erscheinung, und
doch neigten sich Offiziere und elegant gekleidete Herren tief und respektvoll
vor ihm, und vornehme Damen, die in prchtigen Equipagen vorberrollten, grten
ihn, lebhaft mit der Hand winkend, als sei er ihr bevorzugter Freund ... Dieser
groe Respekt galt einzig und allein dem berhmten Manne, der so ungeheuer viel
Wissen in seinem Kopfe hatte - alle beugten sich vor ihm, nur der Krmer in
der Mauerstrae nicht - der wute ja alles besser ...
    Grollend dachte ich an die Szene vor dem Mnzenschranke, und was mich am
meisten rgerte, das war der Eindruck, den ich selbst dabei empfangen ... Hatte
der Mann doch wirklich dagestanden, als sei er mit einer berlegenen Macht
ausgerstet, als ruhe jedes seiner Worte auf so solidem Grunde wie sein altes
Krmerhaus, und - abscheulich - selbst der glnzende Offizier bei all seiner
Eleganz und Schnheit war doch neben dem Manne im simplen schwarzen Rocke fr
einen Augenblick vllig in den Schatten getreten ... Welch eine Entpuppung! Das
war der alte, stille Herr, der mir am Hnengrab so vllig unwichtig
vorgekommen, den ich gar nicht beachtet hatte ...
    Wir muten lange wandern, ehe wir das herzogliche Schlo erreichten. Ein
Lakai eilte voraus, um uns zu melden, und whrend der Mnzenverkufer in einem
Vorzimmer wartend zurckblieb, fhrte mich mein Vater durch Zimmer und Sle. Er
fuhr sich noch einmal mit den Fingern durch das Haar, dann schob er mich leise
ber die Schwelle der Thr, die der heraustretende Lakai weit zurckschlug.
    Da war ja der groe Moment gekommen, gegen den sich das ungeschulte Kind der
Heide im wohlbegrndeten Instinkt erfolglos gestrubt hatte - ich debtierte
ber die Maen klglich. Charlotte hatte mir gezeigt, wie ich mich verneigen
msse - du lieber Gott, da machte ja Spitz seine kleinen Knste besser, die ihm
Heinz eingelernt hatte! Meine quecksilbernen Sohlen blieben bleischwer an dem
Fleck hngen, wohin mich mein Vater geschoben. Ich sah unter tiefgesenkten
Lidern hervor nur ein Stck spiegelnden Parketts zu meinen Fen und hrte das
leise Rieseln eines seidenen Gewandes und sagte mir unter aufquellenden und
wieder verschluckten Thrnen des Grimmes gegen mich selbst, da ich plump und
einfltig dastehe, wie ein grobzugehauenes Gtzenbild ... Da schlugen die
lieblichen Laute einer sanften, glockenreinen Frauenstimme an mein Ohr - die
Prinzessin begrte meinen Vater - und fast zugleich berhrte ein zarter Finger
mein Kinn und hob mein gesenktes Gesicht empor. Nun sah ich auf, und keine
steinfunkelnde Krone blendete meine scheuen Augen - ich sah wundervolle, dicke,
braune Locken ein zartrosiges Gesicht umwogen, und ein Paar glnzende Augen, so
blau wie meine Lieblinge, die Heideschmetterlinge, lchelten auf mich nieder.
Ich wute, da die Prinzessin nicht mehr jung sein konnte, sie war ja die Tante
des regierenden Herzogs und eine Jugendgenossin meiner Mutter, und deshalb
meinte ich, die hohe, schlanke Dame mit dem samtenen Teint und den jugendlich
weichen Linien des Profils sei gar nicht die Prinzessin Margarete. Mein Vater
belehrte mich eines anderen.
    Hoheit berzeugen sich nun selbst, wie recht ich hatte, unumschrnkte
Nachsicht zu erbitten, sagte er - ein verhaltenes Lachen klang in seiner Stimme
mit; mein schchternes Gnseblmchen hngt ratlos den Kopf -
    Das wollen wir bald ndern, versetzte die Prinzessin lchelnd. Ich
verstehe mich auf den Verkehr mit solchen kleinen ngstlichen Mdchen ... Gehen
Sie jetzt, lieber Doktor, der Herzog erwartet Sie. Auf Wiedersehen beim Thee!
    Mein Vater verlie das Zimmer, und ich stand nun, auf mich selbst
angewiesen, inmitten der verfnglichen Atmosphre des Hofes, auf seinem heien
Boden. Jetzt sah ich auch, da die Prinzessin nicht allein war. Um einige
Schritte hinter ihr stand ein hbsches junges Mdchen - die Prinzessin nannte
vorstellend unsere Namen, und so erfuhr ich, da die Dame ein Hoffrulein sei
und Konstanze von Wildenspring heie. Ehe ich mich dessen versah, hatten mir die
flinken Hnde des Hoffruleins Hut und Mantille abgenommen, und ich sa der
Prinzessin gegenber, whrend sich die junge Dame in der Nhe hinter einem
Fenstervorhang niederlie und eine Stickerei aufnahm.
    Wie prchtig verstand es die frstliche Frau, die Seele des kleinen
ngstlichen Mdchens aus dem Bann der Verzagtheit zu erlsen! Sie erzhlte mir
von dem fteren Zusammensein mit meiner Mutter an dem engbefreundeten L.schen
Hofe, was das fr eine glckliche, lustige Zeit gewesen sei, wie viel Talent und
Wissen meine Mutter besessen, und was fr wunderhbsche Verse sie gemacht habe.
Dabei zeigte sie mir ein in roten Maroquin gebundenes, dickes Buch - es enthielt
Gedichte und ein Drama der Verstorbenen und war kurz vor ihrem Tode erschienen.
Manchem anderen jungen Mdchen in meiner Lage wrde es vielleicht als ein groes
Glck gegolten haben, bei seinem ersten Auftreten am Hofe solch einen gnstigen
Hintergrund zu finden - ich empfand nichts dergleichen - mit einer Art von
schmerzlicher Scheu sah ich auf das Buch; die Gebilde da drin waren ja schuld,
da meiner ersten Kindheit das Sonnenlicht der mtterlichen Liebe gefehlt hatte.
Whrend die Dichterin in den lichten, luftigen Vorderzimmern die Gestalten ihrer
Phantasie liebevoll gehegt und gepflegt, hatte die Seele ihres Kindes zwischen
vier dumpfen Wnden hungern und darben mssen.
    Vielleicht kam der Prinzessin eine Ahnung von diesem Vorgang in meinem
Innern. - Ich hatte ihr ja gesagt, da ich mich mit dem besten Willen auf das
Gesicht meiner Mutter nicht besinnen knne. Unbemerkt lenkte sie das Gesprch
auf meinen eigenen Lebensgang - da verga ich den letzten Rest von Befangenheit.
Ich erzhlte und lie Heinz und Ilse und Mieke und die lustig schreienden
Elstern im Eichenwipfel wohlgemut durch das gefeite Prinzessinnenzimmer
spazieren; auch die alte, einsame Fhre rasselte mit ihren Nadeln darein, und
aus dem Torfsumpf stiegen die Wassergeister und schleppten die weien Gewnder
mit schwernassem Saum ber die nachtstille Heide. Ich lie auch den Schneesturm
um das chzende Dach des Dierkhofs brausen und sa neben Heinz auf der Ofenbank,
whrend die bratenden Aepfel in der Rhre zischten und spritzten ...
    Manchmal fuhr das hbsche Hoffruleingesicht wie erschrocken unter der
Gardine hervor und starrte mich mit spttischem Erstaunen an; allein das beirrte
mich nicht - die groen Augen der Prinzessin strahlten ja immer heller auf und
ruhten voll Innigkeit auf mir, sie hrte genau so aufmerksam, ich mchte sagen,
atemlos zu, wie Heinz und Ilse, wenn ich auf dem Fleet die Mrchenwunder vorlas.
    Und von den Eidechsen, den Bienen und Ameisen erzhlte ich - sie waren ja
meine Spielgefhrten gewesen, und ich kannte ihren Haushalt, ihr ganzes Thun und
Treiben so vollkommen, wie die Hausordnung auf dem Dierkhof. Ich gestand, da
ich alle Tiere, selbst die kleinsten und hlichsten, lieb gehabt, weil ja Odem
in ihnen gewesen und mit dem schwachen Gerusch ihrer Stimmen und Bewegungen ein
Hauch vom Leben durch die tiefe Heideeinsamkeit gegangen sei ... Ich wei nicht
mehr, wie es kam, aber pltzlich reihte sich auch das groe Hnenbett meiner
Schilderung an - ich sa auf seinem Rcken, zwischen den gelben Ginsterblten,
und sang, die Arme um die Kniee gelegt, in die unermeliche Weite hinaus.
    Die Prinzessin griff auf einmal nach meinen Hnden, zog mich zu sich hinber
und kte mich auf die Stirne.
    Ich mchte wohl wissen, wie die einsame Mdchenstimme in der Heide
geklungen hat, sagte sie.
    Wohl schauerte ich in mich zusammen vor Schreck und Scheu bei dem Gedanken,
da meine Stimme an diese vier Wnde schlagen sollte; aber es war auch eine Art
von Verzauberung ber mich gekommen - hatte ich mich doch schon berwunden und
einen Teil meines Kinderlebens ausgekramt. Ich nahm all meinen Mut zusammen und
sang ein kleines Lied.
    Einmal, mitten im Singen, fuhr ich zusammen - die grauen Hoffruleinaugen
glommen und schillerten so wunderlich unter dem Seidenbehang hervor; ich mute
unwillkrlich an die Hauskatze des Dierkhofs denken, wie sie den armen
zwitschernden Vogel auf dem Ebereschenbaum grnfunkelnden Auges anstierte - ei,
was lag mir denn an dem Mifallen der kleinen Dame! Ich sang ja nicht fr sie,
deshalb sollte meine Stimme ganz gewi nicht zittern - ich lie sie voller
anschwellen und sang mutig zu Ende.
    Schon whrend meiner Mitteilungen hatten zwei Lakaien geruschlos einen
vollstndig arrangierten Theetisch in das Zimmer getragen, und eben, als mein
letzter Ton verhallt war, trat ein Herr in schwarzem Frack ein. Er verbeugte
sich tief, dann schnellte er empor und schlug mit unleugbarer Grazie
applaudierend in die lederbekleideten Hnde.
    Wundervoll, Hoheit! Bei Gott, magnifique! rief er mit Ekstase, indem er
strmisch, wenn auch mit vllig lautlosen Schritten auf die Prinzessin zukam.
Aber welche Grausamkeit gegen uns alle, Hoheit! fgte er in vorwurfsvollem
Tone hinzu und lie die grazis geschwungenen Arme sinken - die ganze ltliche
Erscheinung nahm die kindischen Mienen und Manieren eines schmollenden jungen
Mdchens an - seit Jahren bitten wir auf den Knieen um einen einzigen Ton aus
dieser Nachtigallenkehle - vergebens! ... Wie ein Dieb, ein unglckseliger
Verbannter mu man drauen auf der Schwelle stehen, wenn man einmal wieder den
langentbehrten Genu haben will ... Wie, eine kranke, eine ruinierte Stimme soll
das sein? Dieser Schmelz, diese Glockenflle - Hoheit!
    Er schlug die Augen gen Himmel und berhrte Daumen und Zeigefinger kssend
mit den Lippen ... Ich war ganz bestrzt. Diese Menschenspezies war mir so
vllig neu, wie ein Bewohner von Otahaiti. Nur die ziemlich tiefe Stimme und
zwei am Kinn sorgfltig gescheitelte Bartstreifen erregten mein Bedenken, sonst
htte ich darauf geschworen, es sei eine Hofdame im Frack.
    Mein bester Herr von Wismar, sagte die Prinzessin mit unterdrcktem
Lachen, in frheren Zeiten habe ich mich allerdings zuweilen der Snde schuldig
gemacht, mit einer sehr schwachen und sehr mittelmigen Singstimme meine
Umgebung zu langweilen - daran sollten Sie mich doch nicht erinnern, ich habe es
ja zu shnen gesucht, indem ich beizeiten aufgehrt ... Uebrigens sehe ich mit
groer Befriedigung, da meine musikalischen Missethaten glcklich vergessen
sind, denn unser edler Kammerherr lt meinen tiefen Alt frischweg zum
glockenhellen Sopran, den armen Hnfling zur Nachtigall avancieren - Sidonie hat
schn gesungen - ich niemals!
    Der edle Kammerherr stand sehr verdutzt da. Das lange Gesicht war mir zu
ergtzlich - ich kicherte in mich hinein, wie ich ja auch immer gethan hatte,
wenn Heinz verblfft vor einer ungeahnten Wendung stand.
    Frulein von Wildenspring hatte sich bei den letzten Worten der Prinzessin
rasch erhoben. Sie warf einen bitterbsen Blick auf mein vergngtes Gesicht und
huschte hinter den Theetisch.
    Aber Hoheit, der Vergleich hinkt denn doch gar zu sehr! schmollte sie
herber, whrend sie sich mit der silbernen Theekanne zu schaffen machte. Mag
auch Herr von Wismar hinsichtlich der Stimmlage irren, wundervoll gesungen haben
Hoheit doch - die Grfin Fernau wird noch Feuer und Flamme, wenn sie darauf zu
reden kommt!
    O weh, ist das Ihr einziger Gewhrsmann, Konstanze? lachte die Prinzessin.
Die gute Fernau ist seit fnfundzwanzig Jahren stocktaub!
    Aber Papa und Mama schwrmen ja auch noch, versetzte das Hoffrulein
beharrlich, schlug aber doch die Augen nieder vor dem sarkastischen
Gesichtsausdruck, mit welchem sie von ihrer Gebieterin gemustert wurde.
    Bitte, wenden Sie Ihre Augen und Komplimente rechts, Herr von Wismar,
sagte die Prinzessin und winkte mit der Hand nach mir hin - da sitzt die
Nachtigall.
    Der Herr fuhr herum. Er hatte mich bis dahin nicht gesehen, weil eine Gruppe
riesiger Blattpflanzen meine kleine Person fast ganz verdeckte. Die Prinzessin
nannte meinen Namen - ich erhob mich bei dem tiefen Bckling des Hofherrn,
lachte ihm ins Gesicht und machte einen Knix, so tief und gelungen, da
Charlotte das Herz im Leibe gelacht haben wrde. Der Kobold des Mutwillens, der
seit dem Tode meiner Gromutter in meiner Seele fest geschlafen hatte, regte
sich wieder und gab mir die Leichtigkeit der Bewegungen zurck.
    Herr von Wismar sagte mir flugs verschiedene Komplimente, in denen das
simple Gnseblmchen meines Vaters zur Rosenknospe, zum Elfenwesen erhoben
wurde, und schalt auf den lieben Doktor, da er bisher dem Hofe meine
beglckende Gegenwart entzogen und mich allzulange im Pensionat gelassen habe.
    In welchem Institut sind Sie denn erzogen, meine Gndigste? fragte er
schlielich.
    In einem Heidedorfe, Herr von Wismar! rief Frulein von Wildenspring mit
einem kinderunschuldigen Lcheln herber.
    Der Kammerherr stutzte; allein ein Blick auf das nach mir hinlchelnde
Gesicht der Prinzessin gab ihm sein inneres Gleichgewicht zurck. Ach, daher
die kstliche Maifrische in dieser Stimme ... Die Landluft, ja, die Landluft!
... Hoheit, das wre eine Acquisition fr unsere Hofkonzerte! ... So keusch, so
vllig unberhrt -
    Welche Idee, Herr von Wismar? unterbrach ihn das Hoffrulein. Frulein
von Sassen kann doch unmglich mit unserer ausgezeichneten Primadonna vom
Hoftheater rivalisieren wollen - da sollte sie mir leid thun!
    Sehen Sie nach Ihrem Thee, Konstanze, ich frchte, er wird bitter! sagte
die Prinzessin. Uebrigens mgen Sie sich beruhigen, ich acceptiere den
Vorschlag durchaus nicht; seltene Gste behtet man wie seinen Augapfel, und den
erquickenden Heideduft, der auf einmal aus dem fernen Heidedorfe in unsere
schwlen Kreise dringt, will ich fr mich allein behalten.
    Frulein von Wildenspring schwieg. Sie schwenkte ihre Theekanne und
schttete den ersten unbrauchbaren Aufgu so jh und strmisch in den silbernen
Splnapf, da die braunen Tropfen auf das weie Damasttuch sprhten.
    Und Sie wohnen nun mit dem Papa im Claudiusschen Hause? fragte mich der
Kammerherr hastig, indem er den stolz zurechtweisenden Blick auffing, mit
welchem die Prinzessin ihre ungeschickte Hofdame ma - Herr von Wismar schien
eine Art Blitzableiter am Hofe zu sein.
    Wir wohnen in der Karolinenlust, antwortete ich.
    Ah, in den Rumen des armen Lothar! rief er in bedauerlichem Ton nach der
Prinzessin hin.
    Ei bewahre, korrigierte ich eifrig, da drin doch nicht! Die sind ja
versiegelt.
    Ich sah, wie ein helles Rot bis unter das lockige Stirnhaar der Prinzessin
lief. Sie hatte mit beiden Hnden die berhngende Bltendolde einer Hortensie
erfangen, die neben ihr im Blumentisch stand, und drckte tiefatmend den unteren
Teil des Gesichts hinein.
    Noch immer versiegelt? Aus welchem Grunde? fragte sie nach einer
augenblicklichen Pause den Kammerherrn. Ist nicht sein Bruder der einzige
Erbe?
    Herr von Wismar zuckte die Achseln. Er versicherte, durchaus nichts Nheres
zu wissen; das seien verschollene Dinge, und der Name Claudius werde ja erst
hier und da am Hofe wieder genannt, seit Herr von Sassen den Antikenfund in dem
alten Kaufmannshause gemacht habe.
    Die Siegel sollen an den Thren bleiben bis in alle Ewigkeit, sagte ich
schchtern - ich war meiner Lauschersnden sehr wohl eingedenk und schmte mich;
aber trotz alledem wollte ich die Prinzessin nicht ohne Auskunft lassen. Der
Tote hat es so gewollt; Herr Claudius leidet deshalb nie, da solch ein Siegel
angerhrt wird, er ist ja so streng, so furchtbar streng!
    Ei, das klingt ja fast, als ob Sie sich vor ihm frchteten, meine kleine
Gndige! lachte der Kammerherr.
    Ich mich frchten? O nein! protestierte ich voll Aerger. Ich frchte mich
gar nicht, nicht im geringsten mehr ... Aber ich kann ihn nicht leiden! fuhr es
mir heraus.
    Wie, bereits so entschiedene Antipathien in dem Gemt, das in der Heide
alles geliebt, was Odem hat? rief lchelnd die Prinzessin. Ach, gehen Sie
doch, ich kann mir gar nicht denken, da es Ihnen mit dieser Abneigung gar so
ernst ist! setzte sie hinzu. Sie wandte den Kopf halb zur Seite, und ein
schelmischer Blick streifte mich.
    Sie glaubte mir nicht - wie mich das verdro! Der ganze Groll von vorhin
berkam mich wieder.
    O, den Mann hat niemand lieb, niemand in der ganzen Welt, und das versteht
sich von selbst! rief ich lebhaft. Er liebt ja nur zwei Dinge, die Arbeit -
sagt Charlotte - und sein groes dickes Zahlenbuch ... Blumen hat er, so
unermelich viel Blumen, da er sich und sein hliches Haus in der Mauerstrae
drin vergraben knnte, aber in dem Zimmer, wo er von frh bis spt steckt und
arbeitet, duldet er nicht ein grnes Blttchen neben sich ... Mit der Uhr in der
Hand schilt er seine Leute, wenn sie einen Augenblick zu spt in das
abscheuliche Unkennest kommen, und nachts betrachtet er sich die Sterne am
Himmel nur, weil er sie auch so zhlen kann, wie die Thaler auf seinem Tische.
Er ist geizig und gibt nie einem Armen ein Almosen -
    Halt, mein Kind, unterbrach mich die Prinzessin, das mu ich widerlegen!
Die Armen unserer Stadt haben keinen besseren Freund, wenn er auch vielleicht in
etwas bizarrer Weise gibt und wirkt, und konsequent seine Unterschrift auf
Kollektenlisten und dergleichen verweigert.
    Ich schwieg einen Augenblick betroffen. Aber er ist hartherzig und kalt wie
ein Eiszapfen gegen - gegen Charlotte, sagte ich dann rasch, und alles will er
besser wissen, als andere.
    Ein hbsches Sndenregister! lachte der Kammerherr. Uebrigens hat der
Mann vor kurzem gezeigt, da er wirklich manchmal etwas besser versteht, als
andere, wandte er sich an die Prinzessin. Unser schlauer Graf Zell ist endlich
auch einmal zu unser aller Genugthuung grndlich dpiert worden; sein Darling,
den er von seiner letzten Reise mitgebracht hat, ist ein Prachtstck an
Schnheit und Eleganz, aber eine heimtckische Bestie. Manche behaupten, es sei
ein Zirkuspferd, es hat so absonderliche Gewohnheiten. Zell mochte es gar zu
gern wieder los sein; in unserem Kreise hat natrlicherweise keiner angebissen,
aber man war in Rcksicht auf Zell diskret, um andere nicht kopfscheu zu machen
... Der junge Lieutenant Claudius war denn auch Feuer und Flamme, einige gute
Freunde Zells hatten ihm die Acquisition sehr plausibel gemacht, der Herr Onkel
aber hat Darling angesehen und - gedankt, sehr zum Besten des jungen Mannes,
denn vor einer Stunde hat das Tier den Sohn des Bankiers Tressel, der es gekauft
und ein ganz respektabler Reiter sein soll, abgeworfen und ihn obendrein mit
seinen Hufen bel zugerichtet.
    Das mu ich sagen, Herr von Wismar, diese sogenannte Diskretion in Ihrem
Kreise verdriet mich sehr, und Graf Zell mag sich in acht nehmen bei seinem
nchsten Erscheinen am Hofe! rief die Prinzessin, aus ihren groen glnzenden
Augen schlug eine Flamme der Entrstung. Wird der Sturz schlimme Folgen haben?
    Ich glaube kaum, stotterte der Kammerherr. Hoheit mgen sich aber
beruhigen und bedenken, wer der Reiter war, fgte er nach einem leichten Husten
lchelnd hinzu; das ist robustes Blut und eine ganz andere Knochenmasse, das
ist nicht leicht umzubringen; mit ein paar Schrammen und blauen Flecken wird die
Sache abgemacht sein.
    Sie sprachen vorhin von einer Charlotte in Claudius' Hause, sagte Herr von
Wismar, der wohl fhlen mochte, da er zu weit gegangen sei, dann zu mir. Ist
sie das imposant schne junge Mdchen -
    Nicht wahr, Charlotte ist schn? unterbrach ich ihn glckselig - ich
verzieh ihm sofort sein ganzes kindisches Thun und Wesen um dieser einen
Bezeichnung willen.
    Fr meinen Geschmack ein wenig zu kolossal, zu emanzipiert und
herausfordernd, ich bin ihr einigemal im Frauenverein begegnet, sagte die
Prinzessin mehr nach dem Kammerherrn hin. Die Bedeutung des emanzipiert
verstand ich nicht, ich hrte den Tadel mehr aus dem Ton der Dame, und der
schmerzte und krnkte mich tief. Ein seltsames Verhltnis in dem Hause! fuhr
sie fort. Wie mag Claudius dazu gekommen sein, die Kinder eines Franzosen zu
adoptieren?
    Herr von Wismar zog, abermals auskunftslos, die Schultern in die Hhe.
    Und dabei sind die Betreffenden nichts weniger als dankbar fr diese
Adoption, rief Frulein von Wildenspring herber. Diese Charlotte wehrte sich
stets zornig gegen den Namen Claudius, auf ihren Schulheften stand Mericourt,
und die Pensionrinnen waren boshaft genug, sie so oft wie mglich mit jenem
verhaten Namen zu nennen, nur um ihre funkelnden Augen zu sehen.
    Ah, Sie kennen das junge Mdchen nher, Konstanze? fragte die Prinzessin.
    Soweit sich eben zusammengewrfelte Pensionrinnen verschiedenen Standes
kennen, Hoheit, entgegnete das Hoffrulein mit einem gleichgltigen
Achselzucken, das mir das Blut wallen machte. Wir waren zwei Jahre lang in ein
und demselben Dresdener Institut ... Sie hat bei ihrer Hierherkunft diese
notgedrungene Bekanntschaft zu erneuern gesucht und mir sofort einen Besuch
gemacht -
    Nun? forschte die Prinzessin, als die junge Dame einen Augenblick zgerte.
    Papa wnschte den Umgang durchaus nicht fr mich, ich bin deshalb einfach
vorgefahren und habe eine Karte abgegeben -
    Sie verstummte pltzlich, wandte sich seitwrts und machte eine tiefe, sehr
grazise Verbeugung. Ein hbscher junger Herr mit einem sehr ernsten Gesicht
trat in Begleitung meines Vaters und zweier anderer Herren durch die Seitenthr,
es war der Herzog.
    Die Prinzessin begrte ihn warm und herzlich wie eine Mutter; dann stellte
sie mich ihm vor. Ich bedurfte keines besonderen Aufwandes von Mut mehr, um zu
Serenissimus aufzusehen und seine freundlichen Fragen ruhig zu beantworten; ich
war rasch sicherer geworden auf dem heiklen Boden, und das Gnseblmchen
mochte wohl um vieles zuversichtlicher den Kopf heben, denn mein Vater sah mich
ganz erstaunt an und fuhr mir pltzlich liebkosend mit der Hand ber das Haar.
    Er hatte wieder ein sehr echauffiertes Gesicht. Mit einem frmlichen Ha sah
ich nach den Goldmnzen, von denen nun auch der Herzog einige vor seine Tante
hinlegte. Er sagte ihr, da ihm dieser Mnzenschatz eine bedeutende Summe koste;
nun sei aber auch das altberhmte herzoglich K.sche Medaillenkabinett eines der
vollstndigsten, denn es habe durch den heutigen Ankauf Exemplare erhalten, die
fr manchen Liebhaber so sagenhaft seien, wie der Nibelungenhort ...
    Ich sah, wie fast unausgesetzt ein nervses Zucken durch die Zge meines
Vaters lief, er dauerte mich unbeschreiblich. Ich konnte mir recht gut denken,
welche Qual es ihm verursachen msse, zu sehen, wie die heigewnschten Schtze
unter allgemeiner Bewunderung von Hand zu Hand gingen, als das rechtmig
erworbene Eigentum eines anderen ... Die Bitterkeit gegen den, der ihn in seiner
Krmerweisheit zu dieser Entsagung verurteilt, machte abermals meine ganze
Seele rebellisch und lie mich alle Zurckhaltung vergessen.
    Sehen Sie, sagte ich halblaut zu der Prinzessin, welche eben die prchtige
Kaisermnze entzckt betrachtete, das hat Herr Claudius auch besser wissen
wollen, er behauptet, das Medaillon da sei unecht!
    Der Herzog fuhr herum, und sein durchbohrender Blick heftete sich zu meinem
Schrecken halb berrascht, halb zrnend auf mein Gesicht.
    Mein Vater aber lachte und strich mir mit der Hand wiederholt das Haar von
der Stirne zurck. Sieh da, mein kleiner Diplomat! rief er. Ein Glck, da
der Papa sattelfest ist, der schlaue Plaudermund da knnte ihm sonst schwer zu
schaffen machen! Lcherlich! sagte er achselzuckend zu Herrn von Wismar - der
einzige, der sein Gesicht in bedenkliche Falten zu legen suchte, obgleich dieser
geckenhafte Mensch sicher nicht das mindeste Verstndnis fr die Sache hatte -
der Mann versteht von Numismatik ungefhr so viel, wie ich von der Tulpenzucht
... Zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen aber sagen, da der Verkufer der Mnzen
heute noch, mit verschiedenen Empfehlungsbriefen von mir in der Tasche, K.
verlt: er geht an Hfe und Universitten unter der Aegide meines Namens;
gengt Ihnen diese Brgschaft fr die von mir befrwortete neueste Acquisition
Seiner Hoheit?
    Herr von Wismar lchelte verlegen und versicherte, da ihm ein Zweifel auch
nicht mit dem leisesten Gedanken gekommen sei.
    Ein wahrer Sturm gegen den Dilettantismus erhob sich nun unter den
Anwesenden, und niemand war erboster als Frulein von Wildenspring, die kaum
noch mit der zuversichtlichsten Miene gelehrte Brocken in das Gesprch
eingestreut hatte.
    Die Dilettanten sind und bleiben die Plage des Fachmannes, sagte mein
Vater. Ueber Claudius den Aelteren habe ich mich zwar bisher durchaus nicht zu
beklagen gehabt - er ist streng zurckhaltend, vermeidet meine Begegnung auf
seinem eigenen Grund und Boden geflissentlich und lt mich mit seinen
Kunstschtzen schalten und walten, wie ich Lust habe - dagegen macht mir hufig
mein sogenannter Famulus das Leben recht schwer.
    Ah, der schmucke Lieutenant? lachte einer der Herren.
    Er benippt die Wissenschaft, wie der Schmetterling einen Blumenkelch, fuhr
mein Vater mit einem besttigenden Kopfnicken fort. Appelliert man nur im
entferntesten an sein Nachdenken, husch, ist er auf und davon! ... Fr ihn ist
die vom Hofe ausgehende Vorliebe fr die Altertumskunde gleichbedeutend mit
jenen rasch wechselnden Modethorheiten, die ihn heute einen kleinen goldenen
Sattel, morgen einen Maikfer als Berlocken tragen lassen ... Vor kurzer Zeit
begleitete er seinen Onkel auf einer Geschftsreise im Norden. Auf seine
dringenden Bitten gab ich ihm eine Empfehlung an Professor Hart in Hannover, der
denn auch so freundlich gewesen ist, die Herren nach einer Gruppe von
Hnengrbern in der Heide zu begleiten und eines derselben ffnen zu lassen ...
Gott, wie sahen die Fundstcke aus, die der Herr Lieutenant in meine Hnde
niederlegte! Verbogen und in Stcken zerbrochen, weil er sie in ein und dieselbe
Kiste mit Mineralien zusammengesteckt habe, die ihm Professor Hart fr einen
Kollegen mitgegeben, entschuldigte er sich - das Herz hat sich mir umgewendet!
    Wie wenig ahnte mein Vater, da sich in diesem Moment auch mir das Herz
umwendete, da ich einen unbeschreiblichen Groll empfand gegen die, unter denen
ich sa! ... Man lachte und spttelte, und niemand fiel es ein, den Abwesenden
in Schutz zu nehmen. Herrn Claudius hatte die Prinzessin sofort verteidigt, als
ich in meiner Beschuldigung zu weit gegangen war; selbst Herr von Wismar hatte
zu seinen Gunsten gesprochen - nur fr Charlotte und Dagobert fiel kein
freundliches Wort - die armen Geschwister! ...
    Die Prinzessin unterbrach das allgemeine Gesprch pltzlich mit der an
meinen Vater gerichteten Frage, bis zu welchem Zeitpunkte die Aufstellung der
Antiken in der Karolinenlust beendet sein werde; sie interessiere sich lebhaft
fr die ans Tageslicht gezogenen Kunstschtze und habe sich vorgenommen, den
Herzog bei seinem ersten Besuche zu begleiten.
    Ich habe dabei auch noch einen stillen Nebengedanken, sagte sie. Ich
mchte mir einmal gar zu gern das Claudiussche Etablissement ansehen - die
Glashuser mit ihren Palmen sind ja weit berhmt ... Direkt hinzugehen habe ich
Anstand genommen - der Mann hat einen unertrglichen Brgerstolz; da ist, wie
ich frchte, das Terrain sehr schwierig -
    Und die entschieden pietistische Frbung, welche das Etablissement seit
einiger Zeit an der Stirn trgt und die Eurer Hoheit so unsglich zuwider ist?
fragte Frulein von Wildenspring lauernd - man sah, das frstliche Vorhaben,
jenes Haus zu betreten, war ihr sehr fatal.
    Ebendeshalb soll die Besichtigung der Kunstschtze Hauptzweck sein - ich
werde im Vorbergehen den Garten besehen und brauche dabei weder den Hochmut
noch die pietistische Tendenz des Besitzers in den Kauf zu nehmen.
    Das Hoffrulein reichte ihrer Gebieterin schweigend eine Tasse Thee und nahm
dann scheinbar unterwrfig ihre Stickerei wieder auf. Den brigen Teil des
Abends fllte eine lebhafte Debatte ber die Kunst der Alten aus, und die
Hofherren, die ber den Dilettantismus so grausam den Stab gebrochen, sprachen
so sicher und zuversichtlich, so enthusiastisch mit, als seien sie smtlich
solch berhmte Gelehrte wie mein Vater, und als sei das Studium der Archologie
dasjenige, was einzig und allein ihre Zeit und Seelenkrfte in Anspruch nehme.
Ich htte ihnen auch unbedingt geglaubt, wren nicht die sarkastischen Blicke
gewesen, die der Herzog hufig mit meinem Vater wechselte.
    Bei unserem Weggange lie die Prinzessin einen Foulard kommen und legte ihn
mir um den Hals. Es sei khl geworden, sagte sie, und ihre liebe kleine
Heidelerche drfe nicht heiser werden. Meinem Vater versicherte sie, da sie
mich sehr oft bei sich sehen und unter ihren ganz besonderen Schutz nehmen
werde; dann kte sie mich auf die Stirne, und wir verlieen das Schlo.

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Ein Gewitter war inzwischen ber die Stadt hingezogen. Khlumflo die Luft meine
Schlfen, und der durchfeuchtete Kies des Schloplatzes glnzte und funkelte im
Lichte der Gaskronen. Eine Hofequipage brachte uns nach Hause; sie fuhr donnernd
in den Claudiusschen Geschftshof ein, und ein Gefhl von kindischem Hochmut
machte mir das Herz schwellen, als ich neben dem demtig am geffneten Schlage
verharrenden frstlichen Lakai auf das Pflaster herabsprang, das mir vor wenigen
Tagen ein halb und halb verweigerter Weg gewesen war. Meine Augen suchten
Charlottens Zimmer, ich wnschte lebhaft, von dort aus gesehen zu werden; aber
das ganze Vorderhaus war dunkel, mit Ausnahme der Treppenhausfenster. Eine
prchtige, aber uraltmodische Lampenglocke hing hoch droben inmitten der
Hausflur und beleuchtete in nchster Nhe die grauen, krftig geschwungenen
Steinbogen der Decke, welche am Tage dem Blicke unerreichbar erschienen.
    In einem der ungeheuren Glashuser, von denen auch die Prinzessin heute
abend gesprochen, brannte Licht - zwei groe Kugellampen glhten purpurn in die
Nacht hinein. Whrend wir den Hauptweg entlang schritten, hrte ich hastige
Tritte vom Glashaus herkommen - - es flatterte hell durch das nchste
Rosengebsch, und pltzlich stand Charlotte vor uns.
    Ich habe Sie kommen hren, sagte sie mit gedmpfter Stimme und fliegendem
Atem. Bitte, berlassen Sie mir das Prinzechen noch fr eine halbe Stunde,
Herr von Sassen - es ist eine so kstliche Nacht - ich bringe Ihnen die Kleine
unversehrt nach der Karolinenlust.
    Mein Vater sagte mir gute Nacht und versprach, Ilse von meinem Verbleiben zu
unterrichten. Er ging, whrend Charlotte den Arm um meine Schultern legte und
mich fest an sich drckte.
    Es hilft Ihnen nichts, Kindchen, Sie mssen ein wenig Blitzableiter sein,
sagte sie halblaut und hastig zu mir. Dort drben, sie zeigte nach dem
Glashaus, sind zwei harte Kpfe aneinander geraten ... Onkel Erich bringt so
wunderselten den Abend mit uns zu, da der gute Eckhof sich allmhlich daran
gewhnt hat, die erste Geige an unserem Theetisch zu spielen. Heute nun
prsidiert der Onkel selbst zu unser aller Erstaunen; aber kaum sind wir vor den
ersten fallenden Regentropfen aus der Laube in das Glashaus geflchtet, als auch
Eckhof in unbegreiflicher Albernheit und Taktlosigkeit anfngt, dem Onkel
bittere Vorwrfe ber Helldorfs Anwesenheit beim heutigen Diner zu machen - er
hat in ein furchtbares Wespennest gestochen!
    Sie verstummte und blieb horchend einen Augenblick stehen; Eckhofs starke
Stimme drhnte herber.
    Schaden kann es dem Alten freilich nicht, wenn seinen Muckerumtrieben im
Geschft und Haus ein wenig gesteuert wird, sagte sie, man hrte ihr den Aerger
an; er ist zu sicher geworden und treibt es arg, das ist ganz richtig! Nur vor
Onkel Erichs Forum durfte die Sache nicht kommen - er mordet den alten Mann mit
seinen unerbittlichen Augen, mit seiner Klte und Gelassenheit, die jedes Wort
zu einem schneidenden Messer machen. Etwas beschleunigt schritt sie weiter.
Gott mag wissen, was den eigentlichen Ansto zu diesem pltzlichen
Aufeinanderplatzen gegeben hat! Jahrelang ist Onkel Erich wie mit verbundenen
Augen neben dem Muckergeist im Hause hingegangen - Eckhof hat sich gehtet, ihm
gegenber je in sein unausstehliches biblisches Pathos zu verfallen; in diesem
Augenblick aber, in seiner grimmigen Aufregung strmt ihm unwillkrlich die
Salbung von den Lippen - es ist kaum zum Anhren! Mich widert es an, aus einem
Mnnermunde solch unmndiges Gewsch zu hren; andrerseits bin ich doch dem
Alten Dank schuldig; er hlt zu Dagobert und mir, und das verpflichtet mich, das
Strafgericht mglichst schnell abzukrzen ... Kommen Sie, Ihr Erscheinen wird
der Szene sofort ein Ende machen!
    Je mehr ich mich dem Glashause nherte - es war nicht das von Darling
verwstete - desto traumhafter wurde mir zu Sinne; ich hrte kaum noch, was
Charlotte flsterte, und lie mich mechanisch von ihr weiterschieben ... Das
Warmhaus lag weit abseits vom Hauptweg - ich hatte bisher nur die ungeheuren
Glaswnde herberfunkeln sehen und war nie in seine Nhe gekommen. Damals lagen
mir selbstverstndlich Geographie und Botanik weltenfern - ich verstand nicht,
da die fremdartigen Gebilde dort ein zwischen Glas eingefangenes Stck
Tropenwelt inmitten deutscher Vegetation seien, und hatte fr beide nur die
Bezeichnung: Wunder und Wirklichkeit ...
    Da standen aber auch weder Kbel, noch Blumentpfe, wie im vorderen
Treibhause. Unmittelbar aus dem Boden stiegen Palmen so hoch und krftig hinauf,
als wollten sie den schtzenden Glashimmel sprengen. Ueber braunes Felsgestein
herab sprangen Wasser - sie zerstubten an den Zacken in sprhende Funken und
machten die riesigen, in die feinsten Federchen zerschnittenen Wedel prchtiger
Farnkruter unaufhrlich erzittern. Kakteen krochen ber das Gestein und
streckten ihre abenteuerlichen Formen plump unbehilflich von sich; aber aus
ihrem grnen Fleisch tropften spannenlange Purpurglocken und selbst drin, im
fernsten Dmmerdunkel der wunderlich gezackten und verschrnkten Pflanzenarme
leuchtete es gelb und wei auf, wie hingestreute, matte Lichtreflexe.
    Ich sah zu Charlotte empor und meinte, sie msse in demselben Rausch
befangen sein und weiter wandeln, wie das aufgeregte, unerfahrene Menschenkind
an ihrem Arm - ich bedachte nicht, da das alles ja auch zu der Krambude
gehrte, die sie und Dagobert so grndlich haten und verachteten ... Sie hatte
ihr funkelndes Auge unverwandt aus einen Punkt gerichtet, auf das Gesicht des
Herrn Claudius. Er stand im vollen Lampenlicht neben einer Palme - genau so
schlank und hoch aufgerichtet, wie ihr feingepanzerter Stamm ... Es war nicht
wahr - er hatte in diesem Moment keine tdliche Klte in den unerbittlichen
Augen. Sein Gesicht war belebt und gertet vor innerer Erregung, wenn auch die
ber der Brust ineinandergeschlungenen Arme ihm den Anschein von Ruhe und
Unbeweglichkeit gaben.
    Seltsam genug erschien der eilig hereingeschobene Theetisch inmitten der
fremdartigen Umgebung. Dagobert sa daran - er war noch in Uniform; all das
Blitzen und Leuchten auf Brust und Schultern harmonierte ganz anders mit der
farbenglnzenden Pracht der tropischen Blten, als die ungeschmckte Gestalt des
Onkels ... Mit dem Rcken nach Herrn Claudius gewendet, und in sichtlicher
Verlegenheit einen Theelffel auf dem Zeigefinger balancierend, sah er aus, als
ob er sich vor einem ber ihn hinrollenden Gewitter unwillkrlich niederducke.
Er schien sich mit keinem Wort an den unliebsamen Errterungen zu beteiligen, so
wenig wie Frulein Fliedner, die so fieberhaft schnell strickte, als wenn es
gelte, eine Kinderbewahranstalt mit neuen Strmpfen schleunigst zu versorgen.
    Damit richten Sie bei mir nichts aus, Herr Eckhof, sagte Herr Claudius zu
dem Buchhalter, der sich, beide Hnde auf eine Stuhllehne gesttzt, in ziemlich
weiter Entfernung von seinem zrnenden Chef hielt, trotz alledem aber doch den
Kopf herausfordernd in den Nacken warf - er hatte ja eben gesprochen, gesprochen
mit seiner tnenden Stimme, in dem breit markierenden Tone, der schlagen mute.
- Gotteslsterung, Unglaube, Gottesleugner - diese Lieblingsschlagwrter Ihrer
Partei darf man allerdings in ihrer Wirkung nicht unterschtzen, fuhr Herr
Claudius fort. Mit ihnen hauptschlich vollziehen Sie die unglaubliche
Thatsache im neunzehnten Jahrhundert, da sich ein groer Teil der aufgeklrten
Menschheit einer Schar engherziger Fanatiker uerlich unterwirft - viele,
selbst Leute von Geist, scheuen immer noch einen gewissen Einflu dieses, wenn
auch sehr abgenutzten Anathemas auf die groen Massen und schweigen lieber,
gegen ihre bessere Ueberzeugung - und das gibt dem Thronsessel Ihrer Partei noch
fr eine Spanne Zeit thnerne Fe.
    Der Stuhl unter den Hnden des Buchhalters schtterte und schwankte, Herr
Claudius lie sich jedoch durch das Gerusch nicht beirren.
    Ich bin ein Verehrer des Christentums - verstehen Sie mich recht - nicht
der Kirche, fuhr er fort. Ich habe auf Grund meiner eigenen Ueberzeugung
deshalb auch an der Verfgung aller meiner Vorgnger festgehalten, nach welcher
ein frommer Sinn unter den Arbeitern der Firma gepflegt werden soll - nie aber
werde ich dulden, da mein Haus zu einem Brutnest religiser Verirrungen gemacht
wird ... Ein Handlungshaus, das die Fden seiner Beziehungen ber die Meere
hinberwirft und sie im trkischen, im chinesischen, in jedwedem Boden wurzeln
lt, und die finstere Orthodoxie, die Unfehlbarkeit im Glauben, die sich in ihr
fest zugekittetes Schneckenhaus verkriecht - eine widersinnigere Verschmelzung
gibt es nicht! ... Mssen unsere jungen Handlungsreisenden, die Sie so beflissen
sind, orthodox zu erziehen, nicht entsetzlich heucheln, wenn sie mit denen, die
sie als von Gott verworfene Andersglubige verachten, in freundlichen
Geschftsverkehr treten sollen? ... Ich kann es mir selbst nicht verzeihen, da
der finstere Geist unbemerkt so lange neben mir herwandeln durfte, da meine
Leute leiden muten -
    Ich habe niemand gezwungen! fuhr der Buchhalter auf.
    Allerdings nicht mit der Knute in der Hand, Herr Eckhof - wohl aber mittels
Ihrer Stellung zu den Leuten ... Ich wei, da zum Beispiel unser jngster
Kommis, ein mittelloser Mensch, der von seinem Gehalt eine verwitwete Mutter zu
untersttzen hat, weit ber seine Krfte zu Ihrer Missionskasse beisteuert, von
deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte. Unsere smtlichen Arbeiter und
Arbeiterinnen lassen sich geduldig allwchentlich einen Beitrag zu der genannten
Kasse von Ihnen abziehen, weil sie - nicht anders drfen, weil sie der Meinung
sind, da Sie alles bei mir vermgen und ihnen schaden knnten ... Bedenken Sie
denn nicht, da diese Leute ihren Glauben ohnehin teuer genug bezahlen mssen?
Tritt nicht die Geistlichkeit bei jedem ihrer wichtigeren Lebensmomente mit der
offenen Hand an sie heran? Ihre Taufe, die Schlieung der Ehe, die Feier ihrer
Vershnung mit Gott, selbst den letzten Schritt, den sie aus der Welt thun, das
alles versteuern sie der Kirche mit ihrer Hnde Erwerb - und deshalb fort mit
der Missionskasse aus meinem Hause! Fort mit den Trakttchen, die ich gestern
massenhaft in den Tischksten der Arbeitsstuben gefunden habe, und die mit ihrem
bldsinnigen Kinderlallen unsere wrdige Sprache verderben und lediglich an eine
mittelalterlich rohe Anschauungsweise appellieren!
    Diese ganze zerschmetternde Verurteilung wurde in nichts weniger als
leidenschaftlichem Ton gesprochen - kaum da eine erhhte Rte in die Wangen des
Sprechenden trat und er hier und da einmal ruhig zurckweisend die Hand gegen
seinen Buchhalter ausstreckte.
    Charlotte war wie festgewurzelt stehen geblieben - sie schien vergessen zu
haben, da sie mich geholt, um der Sache sofort ein Ende zu machen. Er spricht
gut, murmelte sie. Ich htte ihm das nicht zugetraut - er ist sonst so
indolent und kargt mit jedem Worte ... Wahrhaftig, Eckhof ist einfltig genug,
den Handschuh abermals aufzunehmen und sich eine neue Schlappe zu holen! stie
sie zornig heraus und heftete ihre flammenden Augen so durchbohrend auf den
Buchhalter, als wolle sie die Glaswand sprengen. Er hatte seinen bisherigen
Platz verlassen und war Herrn Claudius um einige Schritte nher getreten.
    Verachten Sie immerhin das bldsinnige Kinderlallen, Herr Claudius, sagte
er - die volltnende Stimme konnte Messerschrfe annehmen - mich und tausend
andere echt christliche Gemter erquickt und strkt es ... Der Herr will ja, da
wir in Einfalt wandeln sollen, in kindlicher Einfalt, und deshalb finden wir
doch wohl eher Gnade vor seinen Augen, als wenn wir die Werke der unsterblichen
Herren Schiller und Goethe lesen, die die wrdige Sprache natrlicherweise nicht
verderben ... Wenn Sie meine redlichen Bestrebungen zur Ehre meines Herrn und
Gottes in Ihrem Hause nicht dulden wollen, so mu ich mich selbstverstndlich in
Demut fgen ... Ich habe nur gemeint, es knne dem Hause in der Mauerstrae
nicht schaden, wenn recht, recht viel in ihm gebetet wrde - es ist so manches
geschehen, was zu Gott im Himmel schreit und geshnt sein will -
    Sie machen mir diesen indirekten Vorwurf in Zeit von wenig Tagen bereits
zum zweitenmal, unterbrach ihn Herr Claudius ruhig. Ich respektiere Ihre Jahre
und Ihre Verdienste um das Geschft und will deshalb eine Handlungsweise nicht
nher bezeichnen, die es nicht verschmht, alte Wunden aufzureien und sie im
Kampfe um die entschwindende Macht als Verbndete heraufzubeschwren - ich
berlasse es Ihrem eigenen Urteil, ob das edel ist ... Was ich in meiner
Jugendthorheit und Leidenschaft verbt, nehme ich allein auf meine Schultern -
ich habe leider eine neue Schuld dazu gelegt, sofern ich Sie in dem Bedrfnis,
Ihnen einigermaen den Sohn zu ersetzen, allzu unumschrnkt in Haus und Geschft
und mit mir selbst habe schalten und walten lassen ... Es wre ein schreiendes
Unrecht, wollte ich alle Menschen, die von mir abhngig sind, auch nur um einen
Tag lnger mein Vergehen mitben lassen - ich will ihre Gebete nicht, die doch
nur erprete, vllig wirkungslose sind!
    Was hat er gethan? flsterte ich Charlotte zu.
    Er hat den einzigen Sohn Eckhofs erschossen.
    Ich ri mich entsetzt von ihr los und unterdrckte mit Mhe einen Aufschrei.
    Gott, seien Sie doch nicht gar zu kindisch! fuhr Charlotte mich ungeduldig
an und zog mich mit einer einzigen krftigen Bewegung wieder in ihr Bereich. Es
war ein ehrliches Duell, in welchem Eckhofs Sohn fiel, und sicher der
interessanteste Moment in Onkel Erichs ganzer spiebrgerlichen Existenz ...
Aber gehen wir hinein! Die Verhandlungen haben den Siedepunkt erreicht.
    Ohne weiteres schritt sie mit mir die Glasfront entlang und schob mich ber
die Schwelle der Seitenthr. Ich trat auf feinen Kies; Schlangenwege wandten
sich durch dunkelndes Gebsch, zwischen Felsengruppen hin und durchschnitten
hier und da den zartesten Samtrasen. Je mehr sich das Gitter der Zweige und
Bltter verdnnte, das uns von dem Lampenschein und der Szene trennte, desto
bnglicher wurde mir zu Mute ... So stand ich doch noch ganz und gar nicht zu
den Bewohnern des Vorderhauses, da ich zur spten Nachtzeit mitten in
Errterungen hineinplatzte, die nicht fr fremde Ohren geeignet waren ... Wie,
wenn der Herr des Hauses darber ergrimmte? ... ... Ich wute nicht, wie es kam,
aber ich konnte auf einmal nicht mehr so obenhin denken: Ei, es ist ja nur Herr
Claudius! - Ich zitterte vor ihm.
    Charlotte hatte ihren Arm um mich gelegt, und als ich im ersten Impuls,
schleunigst das Weite zu suchen, zurckwich, da wurde meine Taille unbarmherzig
zusammengepret - es ging im Sturmschritt vorwrts, und pltzlich standen wir,
wie vom Himmel gefallen, vor der erstaunten Gesellschaft.
    Ich habe das Prinzechen im Garten aufgelesen, sagte Charlotte rasch und
schnitt dem Buchhalter einen Redesatz von den Lippen. Liebste Fliedner, sehen
Sie sich das Kind an, ob es nicht ganz anders aussieht? Es hat Hofthee getrunken
und ist im Hofwagen heimgefahren, ganz  la Aschenbrdel - zeigen Sie her, Kind,
ob nicht eines Ihrer Atlasstiefelchen auf der Schlotreppe sitzen geblieben
ist!
    Bei aller Beklommenheit lachte ich doch und setzte mich auf den Stuhl, den
mir Dagobert brachte ... Charlotte hatte recht gehabt: verstummt, abgeschnitten
war der Streit, als habe er nie stattgefunden, und als ich die Augen hob, da sah
ich den Buchhalter in dem Dunkel verschwinden, durch das wir eben gekommen ...
Herr Claudius stand noch neben der Palme - scheu forschend streifte ihn mein
Blick - hatte er nicht ein Mal auf der Stirne? Er hatte ja einen Menschen
gettet! - Ich sah nur die ernsten, blauen Augen auf mich niederleuchten und zog
erschrocken den Kopf zwischen die Schultern.
    Frulein Fliedner atmete auf; sie war sichtlich froh ber mein Kommen und
drckte mir zrtlich die Hand.
    Erzhlen, Kindchen! drngte sie mich, whrend sie mir den Hut abnahm und
die zerdrckten Aermelpuffen zurechtzupfte. Wie war's bei Hofe?
    Ich schmiegte mich tief in den Korbsessel - einer der riesigen
Farnkrautwedel, im Lampenlicht smaragdgrn schimmernd, schwankte nahe ber
meiner Stirne, und andere kamen seitwrts herber und berhrten khl und
schmeichelnd meine nackten Schultern. Ich sa da, wie unter einem schtzenden
Baldachin und fhlte mich geborgen. Zudem zog sich Herr Claudius zurck; aber er
verlie das Glashaus nicht - man hrte ihn leise und unablssig hinter den
Felsen-und Pflanzengruppen auf und ab gehen.
    Mein Mut wuchs wieder, und ich erzhlte, anfangs stockend, dann mich selbst
darber amsierend, von meinem glorreichen Debt - wie mir die so wohl
vorbereitete Verbeugung in den Gliedern stecken geblieben sei; von dem Vortrag
des Kinderliedchens und meinem Stck Lebensgeschichte, das ich der Prinzessin
treuherzig mitgeteilt.
    Charlotte unterbrach mich alle Augenblicke mit einem schallenden Gelchter;
auch Frulein Fliedner kicherte in sich hinein und klopfte mir schmeichelnd die
Wangen; nur Dagobert lachte nicht mit; er sah mich genau mit demselben
staunenden Schrecken an, wie die grauen Hoffruleinaugen, und als ich
schlielich, weil mir zu hei wurde, den Foulard auf den Tisch warf und dabei
sagte, da er der Prinzessin gehre, da nahm er das Tuch in unverkennbarer
Ehrfurcht auf und hing es mit vorsichtigen Hnden ber seine Stuhllehne, und das
rgerte und verdro mich ber die Maen.
    Halt! rief Charlotte auf einmal und streckte die Hand gegen mich aus, als
ich in meinen Mitteilungen fortfahren wollte. Nun sagen Sie selbst, Frulein
Fliedner, ob das Prinzechen, trotz seiner dunkelblauen Augen, nicht weit eher
eine jener interessanten Tchter Israels sein knnte, wie sie die Bibel
schildert, als der Spro eines alten, echt deutschen Adelsgeschlechts! ... So
wie der wildlockige Kopf da unter dem Farnkraut auftaucht - bitte, Prinzechen,
lassen Sie Ihre Hand noch einen Augenblick beschattend ber der Stirne schweben
- erinnert er mich lebhaft an Paul Delaroches junge Jdin, wie sie im Uferschilf
den ausgesetzten kleinen Moses verstohlen bewacht.
    Meine Gromutter war ja auch eine Jdin, sagte ich unbefangen.
    Die regelmigen Schritte im Hintergrund des Glashauses stockten pltzlich,
und auch am Theetisch blieb es einen Augenblick totenstill. Ich sa so, da ich
durch die Glasscheiben einen Teil des Gartens bersehen konnte. Der Mond war
heraufgekommen; aber er stand noch hinter einem Wolkengebirge, dessen zackige
Auslufer er silbern besumte. Ueber dem weiten Plan webte ein falbes,
unbestimmtes Licht, das die Linien der Gegenstnde gespenstisch verzerrte - das
weie Lilienfeld, wenn auch tief im Hintergrunde und zum Teil unter den
Fluuferbumen liegend, schien den sprlichen Mondenglanz in sich allein
aufzufangen - es leuchtete hell zu mir herber, und ich mute wieder, gleich
vorhin unter kalten Schauern und Herzweh, an meine arme Gromutter denken, wie
sie unter den Eichen hingestreckt lag ... Es wurde alles wieder wach in mir, was
ich in jenen grauenhaften Nachtstunden erfahren und gelitten. Die wenigen, stets
furchterregenden Berhrungspunkte zwischen der geistesgestrten Frau und mir,
lange Jahre hindurch, dann das pltzliche Hervorbrechen der gromtterlichen
Liebe in der Sterbestunde, meine Angst bei der Wahrnehmung, da der Tod wirklich
an das eben gewonnene Herz herantrete, das alles stieg berwltigend vor mir
auf, und so, wie es kam, sprach ich's aus. Ich berhrte auch den furchtbaren
Auftritt zwischen meiner Gromutter und dem alten Pfarrer - wie sie den
geistlichen Beistand zurckgewiesen und als Jdin gestorben sei, und wie mild
vershnlich der Pfarrer dabei gewesen. - Da pltzlich, whrend alle in tiefer
Stille zuhrten, kreischte der Kies unter heftigen, starken Schritten, und der
Buchhalter, den ich lngst daheim in der Karolinenlust whnte, stand vor mir.
    Der Mann war ein Schwachkopf! schalt er mit frmlich donnernder Stimme.
Er durfte nicht von dem Bett weichen, bis er die widerspenstige Seele wieder in
seiner Hand hatte. Er mute sie zwingen, umzukehren - der Priester hat Mittel
genug, die Abtrnnigen aufzurtteln, wenn sie frechen Mutes der Hlle zutaumeln
wollen -
    Ich sprang auf. Der Gedanke, da eine Stimme, wie diese, rcksichtslos in
den Todeskampf eines Menschen hineinstrmen und die Qualen der ringenden Seele
verlngern drfe, regte mich furchtbar auf.
    O, das htte er nicht wagen drfen! Wir htten es nicht geduldet, Ilse und
ich - ganz gewi nicht! ... Ich leide es auch jetzt nicht, da Sie nur noch ein
Wort ber meine arme Gromutter sagen! rief ich.
    Frulein Fliedner hatte sich rasch erhoben - sie legte beschwichtigend beide
Arme um mich und sah nach der Felsengruppe hinber; dort klangen die Schritte
wieder - sie nherten sich rasch dem Theetisch.
    Haben Sie das alles auch der Prinzessin erzhlt, Frulein von Sassen?
fragte Dagobert schnell - er schob mit dieser Frage weiteren Errterungen einen
Riegel vor und bewirkte, da die Schritte augenblicklich verstummten.
    Ich schttelte schweigend den Kopf.
    Nun dann - wenn ich Ihnen raten darf - schweigen Sie auch knftig darber.
    Aber aus welchem Grunde denn? fragte Frulein Fliedner.
    Das knnen Sie sich doch denken, liebste Fliedner, versetzte er
achselzuckend, fast unwillig. Es ist bekannt genug, da der Herzog den Juden
nicht hold ist, weil ihn sein ehemaliger Hofagent, Hirschfeld, fabelhaft
beschwindelt hat und schlielich durchgebrannt ist. Weiter - und das ist die
Hauptsache - gilt der Name von Sassen am Hofe als ein seit Jahrhunderten vllig
unbefleckter. Fr Seine Hoheit gibt allerdings die Gelehrsamkeit des Herrn von
Sassen den Ausschlag - anders dagegen ist's mit der Umgebung - ihr imponiert
sicher nur das hohe Alter und die Reinheit des Stammbaumes; solch eine kleine
Ausplauderei seitens der jungen Dame knnte mithin der brillanten Aufnahme des
Herrn Doktors, wie auch ihrer eigenen, einen empfindlichen Sto versetzen, und
das wird sie sicher nicht wollen.
    Ich schwieg, weil mir die ganze Rede nicht klar war; ich begriff durchaus
nicht, wie es meinem Vater schaden knne, da seine Mutter eine Jdin gewesen,
denn mir fehlte ja der Begriff von jener sogenannten Weltordnung beinahe
vollstndig. Es war aber auch gar nicht der geeignete Moment, darber
nachzudenken - noch zitterte ich in der Nachwirkung des Schreckens, den mir das
pltzliche Hervortreten des gefrchteten alten Mannes verursacht hatte. Und er
stand ja noch mit verschrnkten Armen mir gegenber, und seine Augen glhten
unter den weien Brauen hervor, als wollten sie mich verbrennen. Ich empfand zum
erstenmal in meinem Leben, da ich gehat wurde - eine Erfahrung, die eine junge
Seele so schwer begreift; - die Luft, die ich mit meinem Feinde zugleich atmete,
drohte mich zu ersticken; der Aufenthalt im Glashause wurde mir unertrglich.
    Ich will heimgehen - Ilse wartet, sagte ich - mit einer energischen
Bewegung befreite ich mich aus Frulein Fliedners Armen und griff nach meinem
Hute, whrend meine Augen mit fieberndem Verlangen in den khlen, weiten Garten
hinausstrebten.
    Na, da kommen Sie, meinte Charlotte aufstehend. Ei, der Tausend, ich sehe
an Ihrem Blick, da wir Sie nicht halten drfen! - Sie wren imstande und
zerschlgen uns die Scheiben, wie der wilde Darling -
    Darling hat heute abend seinen Herrn abgeworfen und mit den Hufen
zerschlagen, sagte ich.
    Dagobert fuhr empor. Wie, Arthur Tressel? Den famosen Reiter? Unmglich!
rief er.
    Ah bah, ein schner Reiter das! Der Mensch htte auch weiser gethan, daheim
auf seinem Kontorstuhl sitzen zu bleiben, warf Charlotte mit scheinbarem
Phlegma hin; aber unter ihren verchtlich zugekniffenen Lidern hervor flammte
ein Blick voll Aerger - er glitt verstohlen durch den Hintergrund des
Glashauses. Hat er sich wehe gethan, der arme Junge?
    Herr von Wismar sagte zu der Prinzessin, das sei robustes Blut und eine
ganz andere Knochenmasse - das sei nicht leicht umzubringen.
    Vom Felsen herber klang ein leises Auflachen - ich glaube, der pltzliche
unterirdische Sto eines Erdbebens htte keine grere Wirkung auf die
Geschwister ben knnen, als meine achtlos gegebene Antwort und jenes schnell
verklingende, kaum hrbare Auflachen. Was hatte ich armes, erschrockenes
Geschpf denn verbrochen, da Dagoberts Augen mich so zornig ansprhten? ... Es
sah aus, als wollte Charlotte im ersten jhen Aufbrausen einen Zornruf hinter
die Felsengruppe schleudern, aber sie berwand sich und schwieg, whrend sie den
Kopf stolz zurckwarf.
    Kommen Sie, Kleine - geben Sie Frulein Fliedner ein Patschhndchen und
sagen ihr gute Nacht - es wird Zeit, da man Sie zu Bett bringt! sagte sie zu
mir.
    In jedem anderen Moment wrde diese Aufforderung meine siebenzehnjhrige
Wrde tief gekrnkt haben - diesmal jedoch verzieh ich Charlotte sofort; denn
der Mund, der sich zum Humor zwang, erschien vllig farblos - das stolze Mdchen
war tief verletzt worden, das sah ich wohl, wenn ich auch nicht begriff, durch
was.
    Sie durchschritt anscheinend ruhig und schweigsam an meiner Seite das
Glashaus und den vorderen Teil des Gartens; kaum aber hatten wir die Brcke
hinter uns, als sie stehen blieb und unter einem tiefen, schweren Aufatmen beide
Hnde auf die Brust prete.
    Haben Sie gehrt, wie er lachte? fragte sie mit ausbrechendem Grimm.
    Es war Herr Claudius?
    Ja, Kind! ... Wenn Sie erst lnger mit uns zusammengelebt haben, dann
werden Sie wissen, da dieser groe, berlegene Geist nie laut lacht, es sei
denn ber die Schwchen der Menschheit, wie vor wenig Augenblicken ... Kleine!
mit dem Auskramen dessen, was Sie bei Hofe hren und erleben, mssen Sie in
Anwesenheit des Onkels knftig vorsichtiger sein.
    Ich war emprt. Man hatte mich gezwungen, zu erzhlen, und ich war in der
That, fr meine wenig geschulte, offene Natur, sehr vorsichtig gewesen; nicht
ein Wort von dem, was man bei Hofe ber Dagobert gesprochen, war ber meine
Lippen gekommen.
    Warum zanken Sie denn? fragte ich trotzig. Soll ich nicht einmal sagen,
da man den gestrzten Reiter am Hofe fr stark und krftig hlt?
    O sancta simplicitas! rief Charlotte spttisch auflachend. Arthur Tressel
ist zart und zierlich - ein Brschchen von Marzipan ... Die Bezeichnung des
geistvollen Herrn von Wismar gilt dem gesamten biderben Brgerstand. Ein
Kavalier htte seine feinen, ganz besonders konstruierten Rippen bei dem Sturz
jedenfalls zerbrochen und seine edle Seele in den Himmel zurckgehaucht; das
robuste Brgerblut aber hat viel zu viel von der groben, derben Erde in sich, es
bleibt an ihr kleben und thut sich nicht so leicht weh.
    Sie lachte abermals auf, ging hastigen Schrittes weiter und trat mit mir
heraus auf das Parterre der Karolinenlust.
    Der Mond stand jetzt vollstndig entschleiert ber dem Schlchen. Auf der
verschwiegenen, dem Waldesdunkel abgerungenen Oase wirkte das hereinfallende
weie Licht ebenso berauschend auf meine Nerven, wie der starke Blumenduft im
Vordergarten. Er lie die steinerne Diana drben unter der Blutbuchengruppe so
lebendig erschreckend hervortreten, da man meinte, der lauernde Pfeil auf dem
gespannten Bogen msse pltzlich die Lfte durchschwirren - es flo um die
Blumen- und Fruchtfestons der Mauern, ber die starren Augen und
festgeschlossenen Lippen der lasttragenden Karyatiden und schwamm auf dem
Spiegel des Teiches, auf den ungeheuren Glasflchen der Fenster. Ich konnte jede
einzelne Falte der verblichenen Seidendraperien hinter den Balkonglasthren
erkennen - jetzt lief der Mond mit silbernen Sohlen durch die geheimnisvollen
Zimmer; - da schwankte die Ampel drunten an der Decke des grimmigen Fanatikers
freilich nicht.
    Der da oben htte mich und meinen Bruder verstanden, sagte Charlotte und
zeigte nach der Bel-Etage. Er hat den Staub und Schmutz der Krmersippe mit
starker Hand abgeworfen und ist keck hinaufgestiegen in die Sphre, die ihm
einzig und allein den Lebensatem geben konnte. Sie sah unverwandt auf die
glitzernden Scheiben und zuckte die Achseln. Er ist freilich mit
zerschmettertem Kopf herabgestrzt - aber was thut's? Er hat doch die hochmtige
Kaste gezwungen, ihn anzuerkennen; er ist ihresgleichen geworden und hat seinen
glnzenden Weg ber den Boden gemacht, den sie mit rasender Eifersucht als den
ihrigen reklamieren. Es ist schlielich vllig gleichbedeutend, ob dieser Weg
durch zehn oder fnfzig Jahre hindurchgelaufen ist. Ich strbe gern jung, wenn
ich nur zwlf Monate Leben auf der Hhe damit erkaufen knnte! ... Ich habe es
durchgekostet, was es heit, seine halbe Jugend mit stolz ehrgeizigem Herzen und
einem verpnten, plebejischen Namen unter nasermpfenden, adeligen
Pensionrinnen zu verbringen - ich will nicht immer unten stehen - ich will
nicht!
    Sie fuhr mit der geballten Hand energisch durch die Luft und schritt unter
fliegenden Atemzgen rasch auf und ab.
    Onkel Erich kennt die verborgene Glut in meinem Herzen - Dagobert denkt und
fhlt und leidet genau so, wie ich - sagte sie stehen bleibend weiter - und
mit dem ganzen Spiebrgerhochmut seines Standes sucht er sie zu ersticken ...
Wir sollen die Sttze unserer Wrde in uns selbst suchen, nicht in ueren
Zuflligkeiten, sagt der groe Philosoph - lcherlich! Das stachelt mich erst
recht auf; ich fhle mich an einen Marterpfahl gebunden, ich knirsche in den
Zaum und verwnsche die Bosheit des Schicksals, die junge Adler in ein
Krhennest getragen hat! ... Woher diese unbesiegbaren Empfindungen? fragte
sie, langsam weiterschreitend. Sie sind da, solange ich atme, sie mssen in dem
Blut begrndet sein, das mich durchstrmt ... Es ist keine Chimre, das Wort von
dem aristokratischen Bewutsein - es mgen sich wohl Fden fortspinnen von
Geschlecht zu Geschlecht, die uns unbewut mit vergangener Gre zusammen
knpfen, wenn sie auch uerlich nicht mehr wahrnehmbar sind, wie bei uns
Geschwistern zum Beispiel, ber deren eigentlicher Abkunft tdliches Schweigen,
undurchdringliches Dunkel liegen -
    Diese leidenschaftlich herausgestoenen Klagen erloschen pltzlich mit den
letzten Worten in einer Art von Stammeln - in der Mndung des einen
Boskettweges, an der wir eben vorberkamen, stand Herr Claudius und sah das
aufgeregte Mdchen mit ruhigen, ernsten Augen an.
    Einmal soll dieses Dunkel gelftet werden, Charlotte, ich verspreche es
dir, sagte er so gelassen, als sei der heftige Ausbruch an ihn direkt gerichtet
gewesen und er antwortete einfach darauf. Aber dann erst sollst du die Wahrheit
erfahren, wenn du sie ertragen kannst, wenn das Leben und ich - er zeigte
gebieterisch auf sich selbst - dich vernnftiger gemacht haben werden ... Jetzt
gehe vor in das Haus, Drte mag dir ein Glas Zuckerwasser einrhren ... Und noch
eines: Ich verbiete dir hiermit streng fr die Zukunft derartige
Mondscheinpromenaden in Frulein von Sassens Gesellschaft; der Grenwahn ist
ansteckend, du wirst mich verstehen.
    Seltsam, das Mdchen mit dem starken Geist fand nicht ein Wort der
Erwiderung; die Ueberraschung mochte sie wohl fr einen Augenblick gelhmt und
widerstandslos gemacht haben. Den Kopf trotzig zurckwerfend, prete sie meine
Hand so heftig, da ich htte aufschreien mgen, schleuderte sie dann ungestm
von sich und rauschte in das Boskett hinein.
    Ich war mit ihm allein - Angst und Beklommenheit berschlichen mein Herz;
aber ich wollte ihm nicht zeigen, da ich mich frchte - nun gerade nicht! Der
starke Goliath hatte einen Augenblick den Kopf verloren und sich in die Flucht
schlagen lassen - da hielt sich der kleine David tapferer! ... Ich schritt, fr
meine flinken Fe viel zu langsam, nach der Karolinenlust, und er ging
schweigend neben mir her ... Die Halle war stark beleuchtet; auch in dem
Korridor, der hinter meinem Zimmer hinlief, brannten auf Herrn Claudius Befehl
allabendlich zwei Lampen. Vor diesem Korridor, auf dessen Stufen ich schon
meinen Fu setzte, blieb er stehen.
    Sie sind heute nachmittag im Groll von mir gegangen, sagte er. Geben Sie
mir eine Hand, ich mchte doch lieber nicht so schlimme Erfahrungen machen, wie
Heinz mit dem bsen Raben.
    Er streckte die Hand hin. Durch ein rubinrotes Glas in der Korridorthr warf
das Lampenlicht einen rotflssigen Schein ber die weien Finger, und von dem
Brillantring zuckten grelle Blitze auf - ich schauderte.
    Sie ist voll Blut! schrie ich entsetzt auf und stie nach der Hand.
    Er wich zurck und sah mich an - bis an mein Ende werde ich den vergehenden
Blick nicht vergessen, der den meinen traf - noch nie hatte mich ein
Menschenauge so angesehen, nie ... Er wandte sich und verlie, ohne da auch nur
ein Laut ber seine Lippen gekommen wre, das Haus.
    Ich fuhr unwillkrlich mit der Hand nach dem Herzen, als htte ich den
Dolchstich zurckempfangen - wie das schmerzte! Es war Reue, tiefe Reue! ... Ich
strmte die Stufen hinab, ins Freie hinaus - ich wollte ihm die Hand geben, die
er verlangt hatte, und ihn bitten, nicht bse zu sein. Aber der Kiesplatz war
leer; ich hrte auch keine Schritte sich entfernen - Herr Claudius mute den
weichen Waldboden betreten haben.
    Tief niedergeschlagen trat ich endlich bei Ilse ein. Ihre stets wachen und
hellen Augen bemerkten sofort, da Tropfen an meinen Wimpern hingen, und ich
sagte ihr, daran sei nur das abscheuliche blutrote Glas der Korridorthre
schuld, fr die es auch besser gewesen wre, wenn Darling sie zertreten, statt
der Scheiben im Glashause.

                                       22


Auf diesen Abend folgten mehrere Tage voll Sorge, die ich zum erstenmal in
meinem Leben durchmachen mute - die Sorge um einen kranken Vater. Er litt an so
entsetzlichen Kopfschmerzen, da er drei Tage lang nicht in seine geliebte
Bibliothek hinaufsteigen konnte ... Die wilde Hummel, die bei sonnigem Wetter
nicht eine halbe Stunde lang in der Dierkhofstube ausgehalten hatte, sa jetzt
von frh bis spt im verdunkelten Zimmer lautlos zu Fen des Leidenden und
lauschte ngstlich auf jede Bewegung, jeden Laut seines Mundes. Die Sehnsucht
nach dem glnzenden Augusthimmel drauen trat auch nicht einmal an mich heran;
es flogen ja auch Sonnenblicke durch das dunkle Zimmer, und das war, wenn ich
mich auf den Bettrand setzen und abwechselnd eine meiner khlen Hnde auf die
glhende Stirne des Kranken legen durfte, wenn er schwachlchelnd Ilse
zuflsterte, er habe es gar nicht geahnt, welch ein Segen es sei, ein Kind zu
haben; seit dem Tode meiner Mutter sei er bei der jedesmaligen Wiederkehr seines
alten Uebels - er litt periodisch an diesen Gehirnschmerzen - stets doppelt
verlassen und krank gewesen, weil er keine pflegende Hand, kein Auge voll
zrtlicher Besorgnis um sich gehabt habe; er beklage nunmehr jedes Jahr der
Trennung zwischen Vater und Tochter in bitterer Reue als einen groen Verlust.
    Der Leibarzt des Herzogs besuchte meinen Vater sehr oft. Vom Hofe kam
tglich zweimal ein Lakai, um sich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen
und Erfrischungen zu bringen, und Ilse hatte alle Hnde voll zu thun, um die
besorgten Nachfragen aus allen Teilen der Residenz zu beantworten. Auch im
Vorderhause zeigte man groe Teilnahme. Frulein Fliedner kam jeden Morgen
selbst, um nachzusehen, und stellte alle dienstbaren Geister des Hauses zu
unserer Verfgung ... Charlotte war auch einmal abends auf eine halbe Stunde bei
mir, um die Kleine in ihrer Trbseligkeit ein wenig zu trsten. Mir schien es
aber, als bedrfe sie der Erheiterung von auen her weit mehr als ich. Es lag
etwas wie ein finsteres Brten ber den starken, dunklen Brauen, und die
stolznachlssige Sicherheit in ihren Gebrden hatte einer nervsen Beweglichkeit
Platz gemacht. Das Zusammentreffen mit ihrem Onkel am Boskett erwhnte sie mit
keinem Wort; dagegen erzhlte sie mir, da es augenblicklich gewitterhaft schwl
im Vorderhause sei. Herr Claudius fhrte seinen Entschlu, Haus und Geschft von
dem eingeschlichenen Muckertum zu subern, mit uerster Konsequenz durch. Er
habe die bereits eingezahlten Missionsbeitrge der Arbeiter gromtig in den
Hnden des Buchhalters belassen, die gleiche Summe aus eigenen Mitteln aber als
Fond in eine von ihm neugestiftete Kasse niedergelegt, welche den Zweck habe,
die Realschulbildung fr die Arbeitershne zu ermglichen und die
Ausstattungskosten fr die Tchter der Aermeren zu erleichtern. Die Trakttchen
seien korbweise fortgeschafft worden, und dem jungen Kommis, der aus
Liebedienerei weit ber seine Krfte der Missionskasse beigesteuert und sich mit
groem Erfolg der Augenverdrehung beflissen habe, sei eine eklatante Rge und
die Androhung zu teil geworden, da ein Rckfall in die widerwrtige Heuchelei
seine sofortige Entlassung zur Folge haben werde; der Buchhalter gehe natrlich
mit einem in Grimm erstarrten Gesicht herum - das wute ich bereits; durch den
Spalt einer Jalousie hatte ich ihn mehrmals in Begleitung der Geschwister den
Teich umschreiten sehen. Das Band zwischen diesen drei Menschen schien durch die
neuen Ereignisse ein noch engeres geworden zu sein - dafr sprachen die
gemeinsamen Spaziergnge im Walde.
    So oft Charlotte Herrn Claudius erwhnt, fhlte ich zwar noch einen leisen
Stich durch mein Inneres gehen; allein die Qual der Reue und des Selbstvorwurfs
hatte bedeutend nachgelassen, seit ich mir entrstet sagte, da die Krankheit
meines Vaters ihren Grund in der Aufregung wegen des vereitelten Mnzenankaufs
habe - die ausgezeichnete haarscharfe Logik meines siebenzehnjhrigen
Mdchenkopfes erkannte schlielich dem hartherzigen Verweigerer der Mittel die
ganze Schuld zu, und - da waren wir quitt!
    Nun aber waren die schlimmen Tage vorber. Die Fenster des Krankenzimmers
standen weit offen, Luft und Sonne zogen wieder ein, und Ilse fegte und stubte
ab, als sei die ganze Streubchse der Wste drin ausgeschttet worden. Ich hatte
meinen Vater zum erstenmal wieder in die Bibliothek begleitet, ihm droben den
Nachmittagskaffee auf der Maschine gekocht, die grnen Wollvorhnge halb
zugezogen, wie er's liebte, und um seine Fe eine wattierte Decke geschlagen.
Ich wute ihn versorgt und still glcklich in der Wiederaufnahme seiner
Arbeiten, und flog nun wie ein Pfeil hinaus in den Garten. Jetzt wute ich den
kstlichen Waldboden, das labende Dster unter den tausendfach verschlungenen
Aesten bereits besser zu schtzen. Die Sonne hing als greller Glutball ber dem
Garten - es sah aus, als wolle sie gierig das ganze blaue Wasser des Teiches
austrinken - matt und trge lag dieses in seinem Steinring.
    Ich schlug den Weg ein, den ich seit Sonntag nicht wieder betreten hatte,
und drang in das Dickicht - richtig, da stand Gretchens Korbwagen noch mit den
halb zerschmolzenen, halb verdorrten Erdbeeren - niemand hatte ihn
zurckverlangt - mglich, da der alte Grtner Schfer ihn gesucht und nicht
gefunden hatte ... Wie dauerte mich das arme Kind, das jedenfalls nach seinem
verlorenen Spielzeug jammerte! Die Eltern waren ja arm, so arm, da die Mutter
das Blut der Arbeit an den Hnden hatte - sie konnten der Kleinen den Verlust
vielleicht nicht ersetzen.
    Obgleich mir Herr Claudius neulich, wenn auch ohne ein Wort der
Zurechtweisung, so doch sehr ausdrucksvoll fr alle Zeit den Ausgang verlegt,
indem er vor meinen Augen den Schlssel abgezogen und in die Tasche gesteckt
hatte, lief ich doch nach der Gartenthr - siehe da, ein neues Schlo blinkte
mir entgegen, ein festes, starkes Schlo ohne Schlssel; auch die Bnder und
Riegel waren neu - tausend noch einmal, man mute gehrigen Respekt vor der
gewaltthtigen Mdchenhand haben, da man die Thr dergestalt in Eisen gelegt
hatte!
    Ich kletterte auf die Ulme; das war heute ein ziemlich saures Stck Arbeit.
Ich hatte die sogenannten Spitzen an den Fen und war damit in die Heideschuhe
geschlpft - um eine ganze Welt waren sie mir zu weit und machten alle
Augenblicke Anstalt, mich treulos zu verlassen und hinunter ins Dickicht zu
fliegen.
    Endlich sa ich glcklich droben im Wipfel der Ulme. Auf dem Balkon des
Schweizerhuschens, von dem wilden Wein khl beschattet, stand ein Kinderwagen -
- Hermnnchen lag drin auf weiem Kissen, sehr faul und jedenfalls sehr satt.
Neben ihm stand Gretchen und bi herzhaft in ein groes Butterbrot, dazwischen
hinein mit dem Brderlein plaudernd; drin im Zimmer aber sah ich die Mama, wie
sie bgelte und alle Augenblicke mit erhitztem Gesicht in die Thr trat, um nach
den Kinderchen zu sehen.
    Wer htte gedacht, da durch das liebliche, sanfte Frauenantlitz dort solch
ein Sturm gehen knne, wie ich ihn am Sonntagmorgen gesehen! In diesem Moment
war davon auch nicht die geringste Spur mehr in den lchelnden Zgen zu finden,
so wenig wie Gretchen ber ihren verlorenen Wagen jammerte. Aber das Kind sollte
ihn wieder haben, und zwar sofort; ich wollte ihn mit frischgepflckten
Erdbeeren und Waldblumen fllen und den alten Grtner Schfer bitten, ihn nach
Hause zu tragen. Ich verlie den Wipfel und glitt von Ast zu Ast hinab - da
kamen Menschen von der Karolinenlust her; sie muten mir schon sehr nahe sein -
erschrocken fuhr ich zusammen vor der Stimme des Buchhalters, die zu mir
heraufscholl, als stehe er bereits unten zu Fen der Ulme. Den hchsten Wipfel
erreichte ich nicht mehr, ohne da das Gerusch des erschwerten Kletterns
hinabgedrungen wre. Still hoffend, da das Ungewitter rasch vorberziehen
werde, schlang ich meine Arme um den Baumstamm, denn ich sa auf einem sehr
dnnen schwanken Ast, und lauschte mit klopfendem Herzen hinab.
    Was ich zuerst durch das Blttergewebe sah, war Charlottens purpurfarbene
Samtschleife, die sie meist ber der Stirne trug - wo Charlotte, da war auch
Dagobert; die Geschwister flchteten wieder einmal aus dem gewitterschwlen
Vorderhause in den Wald; sie waren unglcklich und bedurften des Trostes; aber
es berhrte mich trotzdem peinlich, da sie in ihrer Bedrngnis zu dem
unheimlichen alten Manne hielten.
    Die Wandelnden bogen in den Weg ein, der sehr nahe an meinem Versteck
hinlief. Eckhof dmpfte seine Stimme auffallend; seine breit betonende Redeweise
lie mich jedoch jedes seiner Worte klar und deutlich verstehen. Er hielt den
Hut in der Hand; sein bltenweier Scheitel leuchtete hell auf, sonst aber
erschien der schne alte Kopf gleichsam verdunkelt. - Der grimmige, verbissene
Ausdruck zeichnete zahllose Falten und Fltchen in das sonst blanke, man mchte
sagen, auch von innen heraus eitel gepflegte Gesicht.
    Schweigen Sie um Gottes willen mit Ihren Trstungen! rief er
stehenbleibend nichts weniger als hflich. Die Folgen sind unberechenbar! Das
knnen Sie beide nicht beurteilen, die Sie nicht wissen, welch einen ungeheuren
Schritt vorwrts wir dadurch gethan hatten, da das Haus Claudius mit seinen
vielen Seelen in unsere Reihen eingetreten war - das hat imponiert und der
Kirche manchen Schwachen und Schwankenden wieder zugefhrt ... Und nun wird der
mhsame Aufbau mit einem solchen Eklat, einer solchen Rcksichtslosigkeit
niedergerissen ... Welche unselige Verblendung, den Gtzen der Neuzeit, die
unselige sogenannte Bildung an die Stelle zu setzen, da der Herr bereits wieder
geherrscht hat in seiner alten Macht und Strenge!
    Der Onkel schlgt sich selbst ins Gesicht mit seiner Marotte, sagte
Dagobert kalt. Die Mchtigen und Besitzenden haben keinen besseren Verbndeten,
als die Kirche gegen den Schwall derer, die frech an dem Bestehenden rtteln ...
Htte ich Macht und Geld in den Hnden, dann wre Ihre Partei um einen eifrigen
Frderer reicher - ich begreife meine Zeit und gehre zu denen, die dem tollen
Kreisel, den sie Fortschritt nennen, ein Bein stellen.
    In Bezug auf die Kirche denkt Frulein Charlotte anders, sagte Eckhof, und
sein glhendes Auge heftete sich durchdringend und streng auf das junge Mdchen.
    Ja, darin gehen unsere Ansichten auseinander, versetzte sie aufrichtig.
Htte ich Geld in den Hnden, dann wrde es mir vor allem das Mittel sein, das
beschmende, erniedrigende Dunkel zu lften, das die Vergangenheit unserer
Familie deckt - ich will die Brosamen nicht lnger essen, die mir zugeworfen
werden, weil ich deutlich wei und fhle, da es meiner unwrdig ist, da ich
mich ihrer vielleicht spter einmal schmen mu! ... Ich werde von nun an
zusammenraffen und sparen -
    Frulein Charlotte sparen? warf Eckhof sarkastisch unglubig ein.
    Ich sage Ihnen, fuhr sie heftig auf, ich werde in Sack und Asche gehen,
um nur die Mittel zu einer Forschungsreise nach Paris zu erzwingen -
    Wie, wenn Sie nun nicht so weit zu gehen htten, um das Dunkel zu lften
...?
    Jedes dieser Worte fiel schwer wie tnendes Erz in mein Ohr, auf meine
Nerven. Der Mann, der sie langsam und gewichtig ausgesprochen, stand pltzlich
da, als habe er sich mit einem einzigen entscheidenden Schlag von einem schweren
inneren Zerwrfnis losgerungen. Kommen Sie, sagte er kurz und gebieterisch zu
der jungen Dame, die ihm sprachlos und mechanisch folgte. Er setzte sich auf die
Bank, auf der ich am Sonntag gesessen und gesungen hatte, und die meinem
Versteck schrg gegenberstand.
    O weh, in welche entsetzliche Lage war ich geraten! In Todesangst hielt ich
halb schwebend den Ulmenstamm umschlungen - ich frchtete, durch meine Schwere
den dnnen Ast unter mir abzuknicken; dazu machten sich die unseligen Schuhe das
Vergngen, an meinen baumelnden Fen allmhlich, aber mit unerschtterlicher
Konsequenz hinabzurutschen, und ich hatte keine Gewalt ber sie - Gott im
Himmel, wenn solch ein kleines Ungetm hinabpolterte, welches Gaudium fr
Dagobert, und welche prchtige Gelegenheit fr meinen Feind, mir eine donnernde
Strafpredigt zu halten!
    Ich will Ihnen eine Geschichte erzhlen, sagte der Buchhalter zu den
Geschwistern, die sich neben ihn gesetzt hatten. Aber hren Sie vorerst eine
unumwundene Erklrung ... Das, was ich Ihnen mitteilen werde, erfahren Sie nicht
auf Grund meiner Anhnglichkeit fr Sie - es wre eine Lge, wollte ich das
sagen ... Ich spreche auch nicht aus Rachsucht - Ich will vergelten, spricht der
Herr! ... Sie sehen in diesem Augenblick nicht den Menschen Eckhof in mir,
sondern den Streiter des Herrn, dem keine Wahl bleibt, wenn er zwischen die
irdischen Interessen der Menschen - und sei es der eigenen Familie, des eigenen
Fleisches und Blutes - und das Heil der Kirche gestellt wird!
    Und dieser blinde Fanatismus war es in der That, der Eckhof beseelte - es
war ihm frchterlich Ernst mit dem, was er sagte. Man mute dieses dstere
Glimmen in den Augen sehen, die sich einen Moment hoben, um ber dem Laubdach
den Himmel zu suchen.
    Sie haben mir wiederholt versichert, da Sie im Besitz von Vermgen und
einem klingenden Namen sofort einer der Unsrigen sein wrden - sagte er zu
Dagobert.
    Ich wiederhole das hiermit feierlich - ich knnte ja beides unter keinen
besseren Schutz stellen - Tausende sollten mir nicht zu viel sein -
    Eckhof neigte das Haupt. Der Herr wird sie als Shne ansehen fr so viel
verborgene Snden und endlich seine strafende Hand nehmen von den armen Seelen,
die noch ruhelos wandern mssen, sagte er pathetisch. Es war aller Laster
Anfang, da der Kaufmannssohn den Standpunkt verachtete, auf den ihn der Herr
durch die Geburt gestellt hatte, und nach dem Degen griff ... Er war schn von
Gestalt und verstand sich auf die feinen Knste, die der Menschen Herzen
verlocken, und da gab ihm der Herzog den Adel und lie ihn nicht mehr von seiner
Seite ... Es wurde damals ein lockeres Leben gefhrt, da droben, von wo Zucht
und Ehrbarkeit und Gottesfurcht als eine Leuchte ber die Lnder ausgehen
sollten. Der Herzog war lustig und die Frau Herzogin, seine Gemahlin, auch, und
seine jungen Schwestern, die Prinzessinnen Sidonie und Margarete, waren zu
vergleichen der Tochter des Herodes. Sie hatten viel Willen, denn der Herzog
liebte sie zrtlich - sie konnten alles von ihm erbitten, nur nicht die
Einwilligung zu einer Miheirat, denn er war stolz auf sein frstliches Blut ...
Die schnen Schwestern verreisten und kamen zurck, wie es ihnen gefiel -
Prinzessin Margarete war mehr am Hofe zu L., als daheim; ihre ltere Schwester
aber hatte eine groe Vorliebe fr die Schweiz und fr Paris ... Sie verreiste
oft auf zwei, drei Monate und noch lnger - natrlicherweise im strengsten
Inkognito und unter dem Schutz ihrer alten, sehr respektablen Hofdame und eines
ebenso bejahrten Kavaliers - die guten Leute sind lngst tot.
    Er schwieg einen Augenblick und strich sich mit der Hand ber das Kinn, und
ich sa in stiller Verzweiflung auf meinem Ast; meine Fusohlen krampften sich
zusammen, um die Schuhe festzuhalten, und das Blut trat mir heftig klopfend in
die Schlfe, denn ich wagte nicht einmal tief Atem zu schpfen. Und dieser Mann
erzhlte so breit wie mglich - es war kein Ende abzusehen.
    Seltsam aber war's, fuhr er endlich fort, da stets, so oft die
Prinzessin Sidonie nach der Schweiz abreiste, eine schne junge Dame in der
Karolinenlust erschien. Sie hatte genau so schwarze Locken, genau den schlanken
Wuchs wie die Prinzessin, und sah ihr berhaupt zum Verwechseln hnlich ... In
solchen Zeiten war dann die Brcke nach dem Vordergarten womglich noch fester
verschlossen als sonst, und am Fluufer hin, auf seiten der Karolinenlust, lief
ein festes Staket, das natrlicherweise nach Lothars Tode sofort hat fallen
mssen ... Nur eine Seele des Vorderhauses geno die Gnade, die Brcke
ungehindert passieren zu drfen, Frulein Fliedner. Sie hatte sogar einen
eigenen Schlssel dazu, den sie meist zur Abendzeit, selbst in der spten Nacht
benutzte ... Wenn Sie mich fragen, woher ich das alles wei, so kann ich Ihnen
weiter nichts sagen, als: meine selige Frau hat mir's erzhlt. Sie war zwar nie
und nimmer bei dieser dunklen Geschichte beteiligt - zu ihrer Ehre sei es gesagt
- aber Frauenohren und Augen sind fein und scharf, und wenn die weibliche
Wibegierde einmal angeregt ist, dann fragt sie nicht viel nach nassen Fen,
die der Flu macht, und findet wohl auch eine Stelle zum Durchschlpfen -
    Schau, schau, die gute Frau hat auch gelauscht! dachte ich zu meiner
groen Befriedigung und verga sogar fr einen Moment meine gefhrliche
Situation.
    Das ist ein Leben gewesen wie in einem Turteltaubennest. Eine herrliche
Frauenstimme hat die schnsten Lieder gesungen, und im Mondenschein, in spter,
stiller Nacht hat man droben auf der Waldwiese die Epauletten des Herrn
Offiziers blitzen sehen und die schlanke, weie Frau hat an seinem Arm gehangen
... Einmal abends aber ist Frulein Fliedner hastig, ohne alle Vorsicht ber die
Brcke gelaufen - in der Karolinenlust sind die Lichter hinter den Fenstern hin
und wieder gehuscht - und um Mitternacht hat man Kindergeschrei gehrt.
    Charlotte fuhr in die Hhe, mit geffneten Lippen, als rnge sie nach Atem -
ihre funkelnden Augen ruhten verzehrend auf dem Gesicht des Sprechenden.
    Mehrere Jahre hintereinander hat man die Anwesenheit der Dame in der
Karolinenlust von Zeit zu Zeit beobachtet - die Szene, die ich zuletzt erzhlt,
hat sich spter noch einmal wiederholt - sagte Eckhof weiter - dann starb die
lustige, leichtlebige Prinzessin Sidonie pltzlich im Bade am Schlagflu, und
der schne Lothar jagte sich drei Tage darauf in Wien, wo er sich gerade mit dem
Herzog befand, eine Kugel durch den Kopf ... Herr Claudius kam einige Tage nach
dem schrecklichen Vorfall hierher; er hatte auf seinen Reisen Wien besucht und
Lothar dort getroffen. Die beiden Brder, die sich so selten gesehen, waren sich
whrend dieses Zusammenseins sehr nahe getreten - ich habe das aus Erichs
eigenem Munde ... Als ich zum erstenmal eingehend mit ihm sprechen durfte, da
konnte ich nicht umhin, die Vorgnge in der Karolinenlust zu berhren. Er sah
mich stolz und finster an und sagte, auf die Brieftasche Lothars zeigend: Da
drin sind die Dokumente; mein Bruder hat mit seiner Frau in rechtmiger Ehe
gelebt! ... Tags darauf lie er auf Wunsch des Verstorbenen die Herren vom
Gericht kommen. Ich stand mit ihnen drauen im Korridor, whrend er noch einmal
hineinging in die Rume, die sein Bruder bewohnt hatte. Ich sah, wie er die
Brieftasche in einen Schreibtisch des groen Saales niederlegte und einschlo -
dann machte er die Runde durch alle Zimmer, in die wir nicht eintreten durften,
schlo die Thren und rttelte an den Fenstern, und drei Minuten spter lagen
die Gerichtssiegel auf den Thren ... Die beiden Kinder, die in der
Karolinenlust geboren wurden, sind -
    Still, still - kein Wort weiter! Sprechen Sie es nicht aus! schrie
Charlotte emporspringend auf. Wissen Sie denn nicht, da ich wahnsinnig werde,
da ich sterben mu, wenn ich diese Wundergeschichte - und sei es auch nur fr
eine Stunde - glaubte und mir dann sagen lassen mte: Es ist nicht wahr - es
ist eitel Hirngespinst einer lngst verstorbenen Frau!
    Sie prete beide Hnde an die Schlfen und rannte auf und ab.
    Ruhig Blut und den Kopf oben behalten! ermahnte Eckhof, indem er aufstand
und den Arm des jungen Mdchens ergriff. Ich frage nur das eine: wenn nicht
Lothars und der Prinzessin Kinder, wer sind Sie dann?
    O Himmel, Charlotte die Tochter einer Prinzessin! Um ein Haar wre ich von
meinem Sitz herabgefallen ... Nun war ja alles gut, alles! ... Wie untrglich
hatte das frstliche Blut in ihren Adern gesprochen! ... Ich htte laut
aufjubeln mgen, wre nur nicht die entsetzliche Tortur an meinen Fen gewesen,
und htte ich nicht gerade jetzt den letzten Rest meiner Muskelkraft aufbieten
mssen, um mich atemlos still zu verhalten - wie wre es mir ergangen, wenn der
grimmige Alte mich nun, nach seinen Gestndnissen, auf meinem unfreiwilligen
Lauscherposten entdeckt htte!
    Wie sollte Herr Claudius dazu kommen, die Kinder wildfremder Leute, einer
fremden Nationalitt, erziehen zu lassen und sie sogar zu adoptieren? fuhr er
fort. Sehen Sie, das Erbteil seines Bruders, Ihren rechtmigen Besitz will er
Ihnen nicht entziehen - dazu ist er zu gerecht - ja er geht noch weiter, er
sichert Ihnen auch sein Vermgen, indem er nicht heiratet. Pekunir glnzend
versorgen wird er Sie - wenn auch erst nach seinem Tode, bis dahin lenkt er Sie
am Gngelband - aber Ihren wahren Namen wird er Ihnen vorenthalten fr immer,
weil er nicht will, da das aufgepfropfte adelige Reis fortleben soll - ich
kenne ihn genau - er hat den unbeugsamen stolzen Brgerkopf der Claudius! Doch
jetzt beruhigen Sie sich endlich einmal, schlo Eckhof ungeduldig, und suchen
Sie Ihre frhesten Erinnerungen zusammen.
    Ich wei nichts - nichts! stammelte Charlotte und legte die Hand auf die
Stirne - die starke Mdchenseele brach zusammen unter der Wucht des Glckes.
    Charlotte, nimm dich zusammen! rief Dagobert nun auch - er war anscheinend
viel ruhiger als seine Schwester, aber es kam mir pltzlich vor, als sei er noch
gewachsen, so stolz hatte er sich aufgerichtet, auf seinem dunkelgerteten
Gesicht lag ein Ausdruck, der mich einschchterte. Sie mag allerdings nur sehr
wenige, unklare Erinnerungen haben, denn sie war ja sehr klein, als unsere
Lebenslage sich nderte - wei ich doch auch nicht viel mehr, sagte er zu dem
Buchhalter. Wir haben unsere erste Kindheit nicht in Paris selbst, sondern auf
einer kleinen Besitzung in der Nhe der Stadt, bei Madame Godin, verlebt - das
wissen Sie bereits ... Ich erinnere mich wohl, da mein Papa mich auf seinen
Knieen hat reiten lassen, aber, und wenn man mich ttete, ich knnte nicht
sagen, wie er ausgesehen hat. Ich wei nur, da seine Erscheinung blitzend,
funkelnd war - es ist uns ja gesagt worden, er sei Offizier gewesen ... Die Mama
habe ich sehr selten gesehen - am deutlichsten haftet ein Nachmittag in meiner
Erinnerung. Mama kam mit Onkel Erich und noch einem Herrn herausgefahren; es
wurde Kaffee im Gartensalon getrunken, und Onkel Erich jagte mich ber den
Rasen, warf mich hoch in die Luft und trug Charlotte stundenlang auf dem Arm ...
Er war ganz anders, als jetzt; er hatte ein frisches, schngertetes Gesicht und
sehr rasche muntere Bewegungen - lter als zwanzig Jahre kann er wohl damals
nicht gewesen sein?
    Er war einundzwanzig Jahre alt, besttigte der Buchhalter mit einem
verfinsterten Gesicht, als er Paris fr immer verlie.
    Die Mama setzte sich an den Flgel, fuhr Dagobert fort, und alle riefen
bittend: Die Tarantella, die Tarantella! Und da sang sie, da die Wnde
zitterten, und alles war wie toll, und ich mit. Madame Godin mute mir nachher
das Lied mit ihrem schwachen, alten Stimmchen oft vorsingen, wenn sie mich artig
und folgsam haben wollte, und nie werde ich das Gi la luna  in mezzo al mare,
mamma mia si salter! vergessen! ... Auf das Gesicht der Mama kann ich mich mit
dem besten Willen nicht mehr besinnen - fr mich spielte, den Gesang
ausgenommen, Onkel Erich an jenem Nachmittage die Hauptrolle. Sie knnten mir
alle mglichen Frauenportrts zeigen, ich fnde meine Mutter nicht heraus ...
Ich wei nur noch, da sie sehr gro und schlank war, und da lange, schwarze
Locken ber ihre Brust herabfielen - vielleicht htte ich auch das vergessen,
wre ich nicht gerade dieser Locken wegen von Mama gescholten worden, ich hatte
sie bei meiner ungestmen Liebkosung sehr derangiert ... Nach diesem Besuch kam
Onkel Erich sehr oft allein; er verwhnte und verzog uns - ganz das Gegenteil
von heute - dann blieb er lange weg, bis er eines Tages kam und mich von
Charlotte und Madame Godin trennte ... Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.
    Es gengt vollkommen, sagte Eckhof. Herr Claudius mag schon frher in das
Geheimnis eingeweiht gewesen sein und seine Frau Schwgerin zu Neffen und Nichte
begleitet haben ... Die Prinzessin ging ja fast immer nach Paris, wenn der
Herzog mit seinem Adjutanten verreiste.
    Er schob seinen Arm unter den des jungen Offiziers. Jetzt heit es
vorsichtig forschen und handeln, wenn wir unser gemeinsames Ziel erreichen
wollen, sagte er langsam mit Dagobert in den Wald hineinwandelnd. Von der
Fliedner, die allein um alles wei, erfahren Sie natrlicherweise niemals ein
Sterbenswort - eher liee sie wohl Holz auf sich spalten! ... Nicht wahr, wie
unschuldig und harmlos sie thun kann, die - alte Katze? ... Die Hofdame, der
Reisemarschall und der Leibarzt, der damals auch in der Karolinenlust aus und
ein ging, alle sind sie tot -
    Und Madame Godin auch - seit langen Jahren, setzte Dagobert tonlos hinzu.
    Nur Mut, die brauchen wir nicht! Wir werden schon Mittel und Wege finden,
sagte Eckhof resolut - der Mann war whrend seiner Mitteilung vllig aus seinem
biblischen Redeton gefallen. - Aber wie gesagt, alle Hast mu streng vermieden
werden, und sollten Jahre darber hingehen.
    Sie schritten weiter - Charlotte folgte ihnen nicht. Als sie sich allein
sah, warf sie pltzlich die Arme hoch in die Luft und stie mit zitternder Brust
ein eigentmliches Lachen aus. Ich wute nicht, waren es die unartikulierten
Laute einer ausbrechenden, unbeschreiblichen Glckseligkeit, oder - des
Wahnsinns. Genau so hatte ich meine Gromutter am Brunnen stehen sehen ...
Erschrocken bog ich mich hinab - patsch, lag einer meiner Schuhe drunten im
Dickicht - das kleine, benagelte Ungeheuer rasselte mit einer Vehemenz durch die
Bsche, als sei es von einer Pistole abgeschossen. Charlotte stie einen
halberstickten Schrei aus.
    Still, um Gottes willen! flsterte ich, vom Stamm niedergleitend, und lief
auf sie zu.
    Unglckskind, Sie haben gehorcht? stieen ihre Lippen unter meiner Hand
hervor - sie schttelte diese Hand mit einer zornigen Gebrde von sich und ma
mich mit entrsteten Blicken.
    Gehorcht! wiederholte ich tief beleidigt. Kann ich's denn ndern, wenn
ich auf dem Baume sitze, und Sie gehen drunten spazieren? ... Kann ich denn
schreien: Kommen Sie ja nicht hier vorber, wenn Sie sich ein Geheimnis zu sagen
haben, denn ich sitze da und will mich um keinen Preis vor dem alten Manne sehen
lassen, der mich stets so zornig anschnaubt? ... Und warum soll ich denn durch
aus ein Unglckskind sein? Glcklich bin ich, so glcklich und vergngt, da
ich's nicht aussprechen kann, Frulein Charlotte! ... Nun ist ja alles gut! Nun
drfen Sie stolz sein! Denken Sie doch nur, die Prinzessin Margarete ist ja Ihre
Tante!
    Gott im Himmel, wollen Sie mich denn zu Tode martern? schrie sie auf und
schttelte mich so gewaltig an der Schulter, da ich wie eine Flaumfeder hin und
her flog. Dann lie sie mich pltzlich los und ging wie vorhin mit starken
Schritten auf und ab.
    Glauben Sie nichts - ich glaube auch kein Wort! sagte sie nach einer
langen Weile scheinbar ruhiger, wenn auch ihre Brust wogte und der Atem flog.
Der Alte dort ist kindisch geworden - sein Muckergehirn hat vor Zeiten schwer
getrumt, und nun meint er, eine lngst verstorbene Frau habe ihm das Mrchen
erzhlt ... Einen leisen Anflug von Wahrscheinlichkeit erhlt die Sache nur
durch unsere Adoption von seiten des Onkels - niemand hat bisher begriffen,
weshalb er sich unser angenommen, und ich fge in meinem Herzen stets
nachdrcklich hinzu: Aus Barmherzigkeit ganz gewi nicht! ... Mich knnte nur
eine Wanderung durch die Bel-Etage der Karolinenlust berzeugen, inwieweit die
Erzhlung des Alten auf Thatsachen beruht. Es ist mir unmglich, zu denken, da
die stolze Prinzessin - einen stark ausgeprgten Frstenstolz hat unser ganzes
herzogliches Haus - heimlich vermhlt in der Karolinenlust gelebt haben soll ...
Ich will darauf schwren, wenn man heute die Siegel von den Thren lsen drfte,
man fnde nichts, nichts, als eine elegante Junggesellenwirtschaft, das Heim
eines alleinlebenden jungen Herrn! -
    Schwren Sie nicht, Frulein Charlotte! unterbrach ich sie flsternd - mir
war zu Mute, als sei ich berauscht, als wirble mir das Gehirn durcheinander. -
In den Zimmern hngt ein seidener Frauenmantel, und auf dem Schreibtisch liegen
Briefbogen, und Sidonie, Prinzessin von K. steht drauf - das mu sie selbst
geschrieben haben, so fein schreibt mein Vater nicht und Herr Claudius auch
nicht - ich glaube, so schreibt nur eine Frau.
    Sie starrte mich an. Sie sind drin gewesen? ... Hinter den Siegeln?
    Ja, ich bin drin gewesen, versetzte ich rasch, wenn auch mit
niedergeschlagenen Augen. Ich wei einen Weg, und ich will Sie hinauffhren in
die Zimmer, aber erst - wenn Ilse fort ist.
    In dem Augenblick, wo ich den Namen Ilse aussprach, berkam mich ein
unaussprechliches Angstgefhl. Mir war, als stnde sie neben mir mit warnend
gehobenem Zeigefinger, und als htte ich Bses gethan, das nie, nie wieder
auszulschen sei ... Es trstete und beruhigte mich auch durchaus nicht, da
Charlotte mich pltzlich mit ausbrechendem Jubel leidenschaftlich in ihre Arme
schlo und an ihr Herz drckte - hatte ich nicht meine gute alte Ilse fr sie
hingegeben? ...

                                       23


Ilses Thtigkeit war in den folgenden Tagen mehr als je in Anspruch genommen.
Sie hatte unter den Effekten meines Vaters noch zwei festverschlossene Kisten
voll Hauswsche gefunden, die auch seit dem Tode meiner Mutter nicht wieder an
das Tageslicht gekommen war. Da fielen scharfe Worte ber den wunderlichen Mann
droben, der den zerbrochenen Kram wie Zuckerzeug auspacke und die schnsten
Tisch- und Betttcher vermodern lasse. Ihre Zge wurden allerdings wieder hell,
als sich unter ihren rhrigen Hnden und mit Hilfe der bleichenden Sonne das
tiefe Gelb der langen Haft in fleckenlose Weie verwandelte; aber gerade deshalb
achtete sie auch weniger auf mich; es fiel ihr nicht auf, da ich mich oft in
ausbrechender Zrtlichkeit an ihren Hals warf, um durch Liebkosungen das
verrterische Wenn Ilse fort ist wieder gut zu machen.
    Aber auch noch andere Skrupel beunruhigten mich. Ich dachte
selbstverstndlich nicht daran, da es gefhrlich fr mich selbst werden knne,
in dieser geheimnisvollen Geschichte mitzuwirken - dazu war ich bei weitem nicht
weltklug genug; ich hatte nur pltzlich ein dunkles Gefhl von Schuld dem Mann
im Vorderhause gegenber, der ahnungslos an seinem Schreibtisch sa, whrend
alle insgeheim Front gegen ihn machten. Er war schuldig, das unterlag auch nicht
dem leisesten Zweifel - er betrog die zwei hochstrebenden Geschwister um ihren
edlen Namen; ich wnschte glhend, da ihnen so schnell wie mglich zu ihrem
Recht verholfen werde; aber da unter dem Deckmantel des tiefsten Schweigens auf
seinem eigenen Grund und Boden gegen ihn gearbeitet wurde, da der verrterische
Buchhalter und die Geschwister nach wie vor Auge in Auge mit ihm verkehrten und
an seinem Tische aen, da mein Vater in der Karolinenlust wie in seinem eigenen
Heim fort und fort schaltete und waltete, whrend sein Kind feindselig gegen den
Besitzer wirkte, dies alles war mir peinlich bis in die tiefste Seele hinein.
    Sie haben uns gestern belauscht, sagte Dagobert am anderen Morgen mit
finster gerunzelten Brauen zu mir, als ich, erschreckt durch seine unvermutete
Anwesenheit in der Halle, rasch an ihm vorberlaufen wollte. Er schien auf mich
gewartet zu haben! Ueber Nacht war aus dem geschmeidigen Famulus ein gebietender
Herr geworden, er sah genau wieder so hochmtig und berlegen aus, wie am Hgel
in der Heide - und das verdro mich; allein diese braunen stolzblickenden Augen
hatten so viel Gewalt ber mich, da auch nicht eines der gereizten Worte, die
ich ihm sagen wollte, ber meine Lippen kam.
    Charlottens Mitteilung hat mir einen tdlichen Schrecken eingejagt, fuhr
er fort; ich bin berzeugt, heute noch erzhlen sich die Spatzen auf den
Dchern unser kostbares Geheimnis, denn Sie sind viel zu jung, viel zu
unerfahren, um begreifen zu knnen, um was es sich hier handelt. Ein einziges
unbesonnenes Wort aus Ihrem Munde wird unseren schlauen Feind stutzig machen und
alle unsere Bemhungen fr immer vereiteln.
    Ich werde aber das Wort nicht sagen, stie ich zornig heraus. Wir werden
ja sehen, wer am besten schweigen kann.
    Damit lief ich die Treppe hinauf und flchtete in das Bibliothekzimmer. Nun
lag auch auf meinen Lippen ein Siegel - ich wollte eher sterben, als mir auch
nur einen Laut entreien lassen.
    Dagoberts barscher Krze gegenber war ich trotzig, Charlotte dagegen flte
mir Scheu und Bangen ein. Stundenlang stand sie, die Arme untergeschlagen,
bewegungslos drben im Boskett und starrte mit verzehrenden Blicken nach den
verhllten Fenstern der Bel-Etage. Sie erschien mir viel blsser als sonst, und
wenn sie meiner habhaft werden konnte, dann prete sie mich in ihre Arme und
flsterte mit heiem Atem: Wann endlich geht Frau Ilse? Ich esse und schlafe
nicht - ich gehe an dieser Marter zu Grunde!
    Aus diesen Bedrngnissen rettete ich mich meist zu meinem Vater. Er legte
eben die letzte Hand an die Aufstellung der Antiken, denn die Prinzessin hatte
nunmehr ihren Besuch fr die allernchste Zeit in Aussicht gestellt. Ich mute
ihm behilflich sein, und wenn ich jetzt anfing, die unscheinbarsten Thon- und
Marmorfragmente genau so subtil und zrtlich, wie er selbst, anzufassen, so
hatte das seinen Grund in den Mitteilungen, die er whrend der gemeinsamen
Arbeit einstreute. Ich sah, wenn auch immer noch mit bldem Blick, ber den
zerbrochenen Kram den unsterblichen Geist schweben, der vor Jahrtausenden im
Menschengehirn gekreist und nun mit jeder Form, mit jedem Farbenrest den Ring
bezeichnete, den der gewaltige Stamm der Menschenentwickelung in jeder neuen
Phase angesetzt.
    So kam ein schwerer, ein entsetzlich gefrchteter Tag heran - er streute das
brennende Gold der unverschleierten Sonne ber die Waldwipfel und sah mit
wunderblauem Auge aus dem See. Wie hate ich von neuem diesen See, die
leuchtenden, hhnisch zu mir herberstarrenden Statuen, die Baummassen, denen
der nahende Herbst bereits zartgelbe Lichter aufsetzte! Ich starrte mit
pochendem Herzen hinaus - die Farbenpracht brach sich in meinen funkelnden
Thrnen.
    Geweint wird nicht, absolut nicht, Kind, sagte Ilse und strich mir mit
ihrer harten Hand ber die Augen. Sie hatte den Reiseberrock an; auf dem Tische
lag der Kirchenhut, und nicht weit von mir stand das Kistchen mit ihren wenigen
Effekten, in welches sie eben den letzten Nagel eingeschlagen hatte. Sie war
bereits droben bei meinem Vater gewesen, um sich zu verabschieden; ich durfte
sie nicht begleiten; aber drunten auf dem Treppenabsatz hrte ich, wie sie in
beschwrenden Tnen nochmals ihr sorgenschweres Herz ausschttete. Sie kam mit
dunkelglhenden Backen wieder heraus; die Erregung hielt sie jedoch nicht ab,
den Rckweg mit dem Staubtuch in der Hand anzutreten - mit jedem Schritt abwrts
polierte sie eine der Marmorstufen; denn die Prinzessin sollte ja binnen einer
Stunde kommen, und da mute doch alles blitzblank sein.
    Nun brachte sie die Schachtel mit den Perlen, die mir meine Gromutter
geschenkt hatte.
    Da, Kind, sagte sie, whrend sie mir die Schnur um den entblten Nacken
legte, die Prinzessin kann's wissen, da du nicht gar zu arm zu deinem Vater
gekommen bist - ich wei, was fr ein Heidengeld in solchen Dingern steckt,
hab's manchmal mit ansehen mssen, wenn meine arme Frau Stck fr Stck aus der
Jakobsohnschen Erbschaft verkauft hat.
    Der Hut wurde hastig aufgesetzt, das groe Wolltuch von der Schulter herab
verhllend ber das Kistchen gezogen, das sie unter den linken Arm genommen
hatte - dann schritt sie mit mir, ohne sich noch einmal umzusehen, nach dem
Vorderhause. Ich hielt ihre Rechte und drckte sie an meine Brust und ging
willenlos nebenher. Nur in der Hausflur fuhr ich zurck; denn Ilse ging nicht in
Frulein Fliedners Zimmer - auf ihr Befragen zeigte ihr der alte Erdmann die
sogenannte neue Schreibstube des Herrn.
    Bist du kindisch bis zum letzten Augenblick? schalt sie barsch, whrend
sie ihre Kiste niederstellte und dann ohne weiteres die bezeichnete Thr
ffnete.
    Grollend trat ich auf die Schwelle des grndmmernden Eckzimmers. Ich hatte
Herrn Claudius nicht wieder gesehen seit jenem Abende, wo ich ihn gekrnkt - ich
wre ihm ja auch am liebsten fr immer aus dem Wege gegangen; nun aber wurde ich
gezwungen, ihm gegenberzutreten, und da that ich's denn auch so herausfordernd
wie mglich - er hatte ja viel Schuld auf dem Gewissen, nicht ich, nein, ich
ganz gewi nicht!
    Er sa an einem der sdlichen Fenster und schrieb. Als er uns unter die Thr
treten sah, zog er an einer Schnur; die grnen Vorhnge neben ihm flogen
auseinander, und durch das duftige Gitter drauen stehender Bsche leuchteten
die bunten Felder des Blumengartens herein. Er stand auf und reichte Ilse die
Hand. Ich hatte gemeint, nach dem Blick, den er mir neulich zugeworfen, mten
seine Augen ganz anders aussehen, aber sie richteten sich so gro und ernst auf
mein Gesicht, wie bei unserer ersten Begegnung an seinem Schreibtische - sie
schchterten mich ein.
    Herr Claudius, nun wird's Ernst, sagte Ilse, und das Trennungsweh, das sie
bisher standhaft unterdrckt, brach aus allen Tnen. Ich mu endlich heim, wenn
mir nicht der Dierkhof aus den Fugen gehen soll ... Gott wei, wie schwer mir
das Herz ist; aber Sie sind mein Trost, Sie wissen, was Sie mir versprochen
haben, und - da ist Leonore!
    Ehe ich mich dessen versah, hatte sie meine Hand gefat und wollte sie in
seine Rechte legen. Er wandte das Gesicht weg und griff nach einem Buche, das er
in der Hand behielt - ich verstand ihn sofort - ich hatte ja neulich vor seiner
Berhrung geschaudert.
    Wachen will ich unermdlich, Frau Ilse, sagte er mit der gewohnten
Gelassenheit; aber ob ich mir schlielich die Macht erkmpfen werde, auch zu
leiten und selbst einzuwirken, das mssen wir einstweilen dahingestellt sein
lassen -
    Herr Claudius, Sie meinen doch nicht, da es dem Kinde an dem ntigen
Respekt fehlen wird? unterbrach ihn Ilse. Leonore wei nun schon, da der Herr
Doktor bei seinen Geschften nicht viel an sie denken kann, da ein anderer da
sein mu, der wie ein Vater fr sie sorgt - ich sah, wie eine zarte Rte sein
ganzes Gesicht selbst ber die Stirne hinauf berflo -, bis sie wieder heim
kann auf den Dierkhof ... Ich sag's ja, Sie sind mein Trost in der schweren
Stunde, und wenn Sie auch Leonore die Hand nicht gegeben haben - je nun, Sie
sind ein ernsthafter, strenger Mann, und sie ist ja noch das pure Kind im Thun
und Wesen -
    Das liegt doch wohl anders, als Sie denken, fiel er ihr in das Wort ...
Welche Qual! Nun griff auch noch Ilse ahnungslos mit harter Hand in die Wunde,
die ich ihm zugefgt. Das ganze Reuegefhl berkam mich wieder - noch in diesem
Augenblick konnte ich wieder gut machen, was ich verbrochen - nein, ich durfte
nicht mehr, ich wre dann ebenso falsch gewesen, wie der verabscheute alte
Buchhalter, der seinen Herrn verraten hatte und doch scheinbar auf gutem Fue
mit ihm blieb.
    Trost braucht wohl vor allen Dingen Ihre Schutzbefohlene, Frau Ilse, fuhr
er fort - seine Augen hingen, mir zur Pein, unverwandt an meinem Gesicht. Sie
ist so bla, ich frchte, Abscheu und Angst vor dem engen Bannkreis, der ihre
Stirne bedroht, werden nun doppelt ber sie kommen. Er nahm einen neuen
Schlssel von der Wand und legte ihn auf den Schreibtisch vor mich hin. Ich
wei, wo Sie das Trennungsweh am ersten berwinden werden, Frulein von Sassen,
sagte er. Ich habe das Schlo an der Gartenthr neu herrichten lassen - der
Schlssel gehrt Ihnen; Sie knnen nun ungestrt die Familie Helldorf besuchen
und mit Ihrem kleinen Liebling verkehren, so oft Sie wollen.
    Ilse sah sehr verwundert drein; allein es blieb keine Zeit zu nheren
Errterungen. Drauen ber das Pflaster des Hofes rasselte ein Wagen.
    Frau Ilse, Sie mssen fort, sagte Herr Claudius, indem er nach einem
Fenster schritt und die Vorhnge auseinanderzog. Vor der Hofthr stand eine
Equipage, der alte Erdmann hob eben Ilses Kiste hinein.
    I was, in dem Wagen soll ich doch nicht fahren? rief sie erschrocken.
    Warum nicht? ... Ich meine, der Abschied vollzieht sich rascher, als wenn
Sie zu Fue das Haus verlassen.
    Na, denn in Gottes Namen ... Da, Kind, vergi den Schlssel nicht - sie
schob mir ihn in die Tasche -; ich wei zwar nicht, was es fr ein Bewenden
damit hat; aber Herr Claudius gibt ihn dir, und da lasse ich ihn unbesehen in
deinen Hnden.
    Sie schttelte ihm herzhaft die Hand und ging. Drauen in der Hausflur
standen wartend Frulein Fliedner und Charlotte. Ich konnte den funkelnden
Blick, das strahlende Lcheln des jungen Mdchens nicht ertragen und lehnte
schluchzend das Gesicht an Ilses Brust. Die Starke rang heftig mit dem Weinen,
ich hrte ihren mhsamen Atem; einen Augenblick umschlossen mich ihre Arme
krampfhaft. Wie durch einen Schleier sah ich drben zwischen den grnen
Vorhngen Herrn Claudius stehen; er winkte Ilse verstohlen zu, die Qual
abzukrzen; sie brauchte es nicht - ich that es selbst. Die Hnde auf die
Schlfen gepret, floh ich durch den Hof in den Garten hinein, und erst, als ich
ber die Brcke lief, hrte ich fern den Wagen durch den Thorweg brausen.
    Ich schlug die Lden vor meine Fenster, verriegelte die Thren und warf mich
in die Sofaecke, wo Ilse zuletzt gesessen. So lag ich stundenlang in dumpfem
Schmerz ...
    Die Prinzessin Margarete kam; mein Vater begrte sie in der Halle - ich
hrte, wie Herr von Wismar und das Hoffrulein den Kranich scheltend fortjagten,
der jedenfalls der Durchlauchtigsten Dame mit seinen Reverenzen zu nahe gekommen
war ... In der Bel-Etage verstummten die Schritte der Hinaufsteigenden, die
Prinzessin verharrte wahrscheinlich vor den geheimnisvollen Siegeln - eine
entsetzliche Beklemmung schnrte mir die Brust zusammen, Ilse war ja nun fort
und der Augenblick nahe, mit welchem ich mich anheischig gemacht hatte, die
untrglichen Beweise zu den Mitteilungen des Buchhalters zu bringen - ich griff
in die Tasche und schleuderte den Schlssel, als senge er mir die Finger, weit
in das Zimmer hinein ... Man vertraute mir, wo ich hinterging. Seltsam, der Mann
im Vorderhause stand an meiner Seite, wohin ich mich auch wenden mochte,
zartvorsorglich, ernst und still, aber unabweisbar ... Und ich wollte doch keine
Gemeinschaft mit ihm, ich hielt zu den anderen, unverbrchlich zu den anderen;
eines Tages mute er das erfahren - zu seinem Schaden. Ich whlte das Gesicht
noch tiefer in die Polster, in diesem Augenblick that mir selbst der feine
Streifen Sonnenlicht wehe, der durch den Laden drang.
    Die Prinzessin kam wieder herab, und mein Vater klopfte an meine Thr, er
wollte mich holen. Ich rhrte mich nicht und war froh, als ich alle das Haus
verlassen hrte; aber nicht lange nachher kam Charlotte durch den Korridor
gelaufen; sie rttelte ungestm an dem Thrschlo und rief gebieterisch meinen
Namen. Schner und herrlicher als je und in der brillantesten Toilette stand sie
drauen, als ich die Thr ffnete.
    Schnell, schnell, Kind, die Prinzessin will Sie sehen! rief Charlotte
ungeduldig. Sie sind nicht bei Trost, sich einzuschlieen und in eine wahrhaft
gyptische Finsternis zu vergraben, und das alles, weil Sie eine hausbackene
Moralpredigerin losgeworden sind ... Gehen Sie doch mit Ihrer Sentimentalitt!
    Sie fuhr mir mit den Fingern durch das Haar und zupfte mein arg zerdrcktes
Kleid zurecht, und der Arm, der sich um meine Taille legte, dirigierte so
krftig, da ich mich sehr rasch auf dem Wege nach dem Vorderhause befand.
    Ich war mit Dagobert zufllig im Garten, als die Prinzessin nach den
Treibhusern ging, erzhlte sie in fast nachlssiger Weise - bei all meiner
Naivitt und meinem unbedingten Glauben an alles, was sie sagte, sah ich doch
ein wenig zweifelhaft an der ausgesuchten Eleganz nieder, in welche sie sich
zufllig gehllt hatte - und was sagen Sie dazu, Ihr zerstreuter Papa, der
mich sonst schlechterdings nicht vom alten Erdmann zu unterscheiden vermag, hat
es unternommen, uns vorzustellen, und denken Sie sich, es ging wirklich ganz
vortrefflich, er hat mich nicht einmal mit Dagobert verwechselt!
    Das war wieder der alte, bermtige Ton, der mich durch seine berlegene
Sicherheit stets einschchterte.
    Onkel Erich ist auch zwischen die Hofgesellschaft geraten -
natrlicherweise sehr gegen seine Absicht, fuhr sie fort; er lie gerade an
der Felsenpartie im groen Warmhause etwas ndern, als die Prinzessin mit uns
eintrat. Ich bin berzeugt, er verwnscht bereits in tiefster Seele die
Lokalbltter unserer guten Residenz, die morgen den Besuch Ihrer Hoheit im
Claudiusschen Etablissement des langen und breiten bringen werden - aber davon
merkt man selbstverstndlich nichts; er hat sich mit aller Ruhe und Gelassenheit
seiner Brgertugenden umgrtet und sieht aus, als beehre er die hohe
Gesellschaft ... Lcherlich, ich glaube gar, das imponiert der Prinzessin - sie
hat womglich an jedem Blmchen gerochen und ist nun nach dem Vorderhause
gegangen, um das gesamte Etablissement pflichtschuldigst und grndlichst zu
begucken - die grliche Hinterstube zum Beispiel ... Brr - na, das ist
Geschmackssache!
    Wir betraten gerade die Hausflur, als die Prinzessin die Hinterstube
verlie. Sie ging an Herrn Claudius' Seite und hielt ein prachtvolles Bouquet in
der Hand.
    Wo hat Heideprinzechen gesteckt? fragte sie und drohte mir lchelnd mit
dem Finger ... Ach, Charlotte hatte bereits Gelegenheit gefunden, sie mit dem
mir oktroyierten Titel bekannt zu machen.
    In einem stockfinsteren Zimmer, Hoheit, antwortete die junge Dame an
meiner Stelle. Die Kleine ist traurig, weil sie sich heute von ihrer alten Magd
trennen mute.
    Ich mchte dich doch bitten, Frau Ilse anders zu bezeichnen, Charlotte,
sagte Herr Claudius. Sie hat Frulein von Sassen an Liebe und treuer Sorge
jahrelang die Mutter zu ersetzen gesucht.
    Nun dann verdient sie auch, da Sie sich die Augen so rot geweint haben,
sagte die Prinzessin liebreich zu mir und kte mich auf die Stirne.
    Frulein Fliedner kam in diesem Augenblick mit einem rasselnden
Schlsselbund feierlich die Treppe herunter und meldete unter einer tiefen
Verbeugung, da alles aufgeschlossen sei. Das altertmliche Kaufmannshaus
interessierte die Prinzessin lebhaft, sie wnschte, auch die obere Etage zu
sehen, nachdem ihr Herr Claudius gesagt hatte, da die Einrichtung zum grten
Teil seit langen Jahren unangetastet geblieben sei ... Und jetzt trat auch mein
Vater mit Herrn von Wismar und der Hofdame lachend aus Frulein Fliedners
Zimmer; sie hatten sich den mit Raritten vollgestopften Glasschrank angesehen.
    Meine Augen folgten unwillkrlich Herrn Claudius, als er neben der
frstlichen Frau langsam die Treppe hinaufstieg. Charlotte hatte recht - in
seiner stolzen Zurckhaltung und Wrde sah der Krmer aus, als beehre er die
hohen Gste, und mir war es pltzlich, wie wenn dieser Nimbus ungesuchter Hoheit
auch ber das alte finstere Haus seiner Vter fle, ber die gewaltigen
Steinwlbungen, von denen jedes Wort, jeder Schritt majesttisch widerhallte,
und die breite, massive Treppe mit dem wuchtigen, und doch so fein geschwungenen
und gemeielten Gelnder.
    Es waren freilich altbrgerlicher Geschmack und kaufmnnischer praktischer
Sinn gewesen, welche die Einrichtung der oberen Zimmer ausgewhlt und fr alle
Zeiten angeschafft hatten. Himmelweit entfernt von der sinnlich heiteren
Pracht, welche die Karolinenlust charakterisierte, strotzten sie von innerem
Reichtum. Da sah man keine hochaufspringenden Polster unter gleienden, ppig
weichen Atlasbezgen; aus den kostbarsten Holzarten geschnitzt, aber ungrazis,
eckig und geradlinig, wie der starre Nacken derer, die einst hier gehaust,
standen die Gertschaften umher, und von den Wnden blickten statt der
Schelmenaugen nackter, blumenwerfender Genien hchstens hier und da ein tief
nachgedunkeltes Christusbild, oder eine sittige deutsche Frau von Holbein, mit
gesenktem Blick und wundervoll gemaltem klaren Stirnschleier; aber es leuchteten
auch die unvertilgbaren Farben echter Gobelins und das unverflschte Gold
gepreter Ledertapeten, und die Fenster umstarrte Brokat in steifer, dsterer
Pracht.
    Der strenge Geist echt deutschen Brgertums, den die Wnde hier gleichsam
gefangen hielten, mochte die Prinzessin wohl wunderlich genug anmuten. Sie trat
durch die offene Thr des ersten Salons und ergriff mit beiden Hnden einen
silbernen Humpen, ein riesiges, monstrses Gebild, das auf einem Eichentisch
inmitten des Zimmers funkelte. Lachend versuchte sie ihn an die Lippen zu
fhren, - in diesem Augenblick stand Herr Claudius mit einem raschen Schritt
neben ihr und erfing das schwere Gef - es war ihren Hnden entglitten; sie
aber starrte, zu Wachs erblichen, auf das Bild des schnen Lothar.
    Mein Gott, mein Gott! stammelte sie und legte die Hand ber die Augen.
    Wenn etwas uns rasch die Besonnenheit in peinlichen Momenten zurckgibt, so
ist es der plumpe Ausdruck geheuchelter Besorgnis anderer ... Frulein von
Wildenspring strzte auf ihre Herrin zu und machte Anstalten, sie zu
untersttzen. Die Prinzessin raffte sich auf und wies sie mit einer stolzen
Bewegung zurck.
    Was fllt Ihnen ein, Konstanze? sagte sie mit leise zitternder Stimme.
Bin ich denn so nervenschwach, da Sie mir eine Ohnmacht zutrauen? Und darf man
nicht bewegt sein, wenn man eine lngst abgeschiedene Gestalt pltzlich in
erschreckender Lebendigkeit vor sich sieht? ... Im Glashaus mu mein Flakon
liegen geblieben sein, es wre mir lieb, wenn Sie es holen wollten.
    Das Hoffrulein und Herr von Wismar verschwanden sofort im Korridor.
Dagobert und Charlotte zogen sich in eine Fensternische hinter die
undurchdringlichen Vorhnge zurck, und mein Vater stand bereits im Nebenzimmer
und betrachtete ein geschnitztes Kruzifix. Das Zimmer war fr einen Moment
scheinbar leer geworden. Tief aufatmend trat die Prinzessin vor das Bild - nach
einer Pause des lautlosesten Schweigens winkte sie Herrn Claudius neben sich.
    Hat Claudius das Bild fr Sie malen lassen? fragte sie mit fliegendem
Atem.
    Nein, Hoheit!
    Dann wissen Sie auch nicht, wer es einst besessen hat?
    Es ist der einzige Gegenstand, den ich aus der ehemaligen Wohnung meines
Bruders an mich genommen habe.
    Ah, die Wohnung in der Karolinenlust, atmete sie erleichtert auf; also
aus seinen eigenen Zimmern ... Wer mag es gemalt haben? Das ist nicht der Pinsel
unseres alten, pedantischen Hofmalers Krause - der war niemals fhig, so
berwltigend die Seele in das Auge zu legen.
    Sie schwieg einen Moment und prete das Taschentuch an die Lippen.
    Es kann nicht lange vor seinem - Heimgang gemalt sein, fuhr sie in
vibrierenden Tnen fort. Dies Silbersternchen, das da zwischen seinen anderen
Orden hervorsieht, hat meine Schwester Sidonie zwei Jahre vor ihrem Tode auf
einer Landpartie in bermtiger Laune gestiftet - es trug die Devise Treu und
verschwiegen und hatte selbstverstndlich fr die Dekorierten keinen anderen
Wert, als die Erinnerung an einen froh verlebten Augenblick.
    Abermals Totenstille, die nur ein schwaches Rauschen der Seidenvorhnge
unterbrach.
    Seltsam, fuhr die Prinzessin pltzlich empor, Claudius trug nie Ringe,
man sagte ihm nach, aus Eitelkeit, damit die unvergleichlich schne Form seiner
Hand nicht beeintrchtigt werde, und da - da sehen Sie doch den Streifen am
Goldfinger der linken Hand ... ich habe diese Hand genau gekannt, ich habe sie
oft gesehen, aber bis zu jenem unseligen Augenblick stets ohne diesen
eigentmlichen - einfachen Reifen - was soll er hier? Er sieht aus wie - ein
Trauring.
    Herr Claudius antwortete mit keinem Laut - seine feinen Lippen, die sich
stets fest aneinanderschlossen, wie man dies hufig bei tief nachdenkenden
Naturen findet, bildeten eine noch schrfere Linie als sonst; ob er wohl, gleich
mir, Charlottens Augen bemerkte, die frmlich glhend an seinem Gesicht hingen?
    Mein Gott, wohin versteigt sich meine Phantasie! sagte die Prinzessin nach
einer kurzen Pause mit einem melancholischen Lcheln. Er war ja nicht einmal
verlobt - nein, nie, die ganze Welt wei das ... Gleichwohl, sagen Sie mir
aufrichtig, hat wirklich niemand das Bild nach seinem Tode reklamiert?
    Hoheit, es existiert niemand auer mir, der irgend welchen Anspruch auf
Lothars Nachla htte.
    Was war das? ... Die Antwort war so vollkommen unbefangen und trug so
unverkennbar das Geprge strenger Wahrhaftigkeit, da ein Zweifel undenkbar
schien. Charlotte fuhr mit bleichem Gesicht und allen Zeichen eines tdlichen
Schreckens unter der Gardine hervor - sie hatte offenbar denselben Eindruck
empfangen wie ich. Nur Dagobert ma seinen Onkel mit einem langen verchtlichen
Blick, und ein hhnisches Lcheln kruselte seine Lippen - er war seiner Sache
gewi, er war der unumstlichen Ueberzeugung, da der Mann dort gelogen ...
Welcher von beiden war im Unrecht? Noch wnschte ich den Geschwistern den Sieg;
aber ich meinte auch, nie in meinem Leben einem Menschen wieder glauben zu
knnen, wenn es sich besttigte, da ein Mann wie Herr Claudius sich zu einer
gemeinen Lge herabgelassen habe.
    Die zwei Abgesandten kamen achselzuckend und unverrichteter Sache aus dem
Glashause zurck, und das Flakon fand sich schlielich in der Tasche der
Prinzessin, die pltzlich ihre ganze imponierende Ruhe wiedergefunden hatte. Nur
auf ihren Wangen, die sonst wie von einem zartrosigen Flaum berhaucht schienen,
war ein tiefer Purpur liegen geblieben.
    Frulein von Wildenspring versicherte ngstlich, der Himmel hnge voll
schwarzer Gewitterwolken, eine Aussage, die auch durch die sich auffallend
verdichtenden Schatten in den Zimmern besttigt wurde. Gleichwohl setzte sich
die Prinzessin und nahm von den kstlichen Frchten, die ihr Frulein Fliedner
in einer silbernen Schale bot. Die Anwesenden gruppierten sich um sie her, nur
mein Vater fehlte; weit drben in einem der letzten Zimmer wanderte er forschend
und betastend von Mbel zu Mbel - er schien total vergessen zu haben, mit wem
er hierher gekommen, und man lie ihn lchelnd gewhren.
    Mir war so beklommen und unheimlich zu Mute, als msse der ganze Plafond mit
seinem schweren Stuck in den schwlen Salon hereinbrechen, oder auch als knne
sich jeden Augenblick das Unglaubliche ereignen, da der schne Lothar aus
seinem Rahmen mitten in die Gesellschaft herabsteige. Wie furchtbar sprechend
seine Augen niedersahen, und wie warm und lebendurchstrmt die unvergleichlich
schne Hand, die den schmucklosen, verhngnisvollen Reif trug, sich von dem
dunklen Samt des Hintergrundes hob!
    Vielleicht las die Prinzessin diese bengstigenden Gedanken auf meinem
Gesicht; sie winkte mir.
    Mein Kind, Sie drfen nicht so traurig sein, sagte sie mild und weich,
whrend ich, eingeschchtert durch die auf mich gerichteten Augen aller, rasch
und unwillkrlich vor ihr hinkniete - ich hatte das ja auch oft bei Ilse gethan.
Sie legte die Hand auf meinen Scheitel und bog mir den Kopf in den Nacken.
Heideprinzechen! Wie hbsch das klingt! ... Aber Sie sind doch eigentlich kein
Kind der nordischen Heide mit Ihrem braunen Gesichtchen und der kleinen,
orientalisch gebogenen Nase, mit den dunklen, widerspenstig wilden Locken und
dem scheuen Trotz in Ihren Zgen und Bewegungen - weit eher solch eine kleine
Prinzessin der ungarischen Steppe, der am Abend die geraubten Schtze vor die
Fchen geschttet werden, die sich mit kstlichen Perlen aus dem Orient behngt
- ach, sehen Sie, wie recht ich habe? lchelte sie und erfate die
Perlenschnur, die mir tief ber die Brust herabgefallen war; einen Augenblick
lie sie dieselbe berrascht durch ihre Finger rollen. Aber das sind ja
wirklich und wahrhaftig die schnsten Perlen, die Sie da tragen! rief sie
bewundernd. Sind sie Ihr Eigentum, und von wem haben Sie diese Schnur
auserlesener Stcke?
    Von meiner Gromutter.
    Von der Mutter Ihres Vaters? ... Ach ja, wenn ich nicht irre, war sie eine
Geborene von Olderode, aus dem uralten, reichen Freiherrngeschlecht - nicht
wahr, mein Kind?
    Eine Bewegung ber dem Haupte der Prinzessin machte mich rasch aufblicken -
da stand Dagobert mit gehobenem Zeigefinger, und sein Blick traf magnetisch und
durchbohrend den meinen ... Nichts sagen! warnte mich die ganze ausdrucksvolle
Gebrde. Wie ein Traum flog es in meiner Seele auf, da er mich schon einmal
gewarnt hatte; aber ich fand in diesem hlichsten Moment meines Lebens weder
Zeit noch Klarheit, an das Warum zu denken. Einzig und allein von dem Blick
beherrscht und in eine unbeschreibliche Verwirrung versetzt, stammelte ich: Ich
wei es nicht!
    Was hatte ich gethan? Mit dem letzten herausgestoenen Worte wich der
Zauber, und ich entsetzte mich vor meiner eigenen lgenhaften Stimme ... Wie,
ich hatte eben vor all diesen Ohren erklrt, ich wisse nicht, ob meine
Gromutter aus dem uralten, reichen Freiherrngeschlechte der Olderode stamme?
Lge, Lge! Ich wute es so genau wie die zehn Gebote Gottes, da sie eine
geborene Jakobsohn gewesen war - ich hatte sie als Jdin sterben sehen und war
ihr letzter Trost gewesen ... Zu welchem Zwecke diese entschiedene Verleugnung
der Wahrheit? Noch heute mu ich sagen: ich wute es nicht! Ich hatte fast
mechanisch unter fremdem Einflusse gesprochen und fhlte nur unter tiefem
Jammer, da ich mich zeitlebens dieses Augenblicks schmen msse ... Und wenn
auch alle, so wie eben Dagobert, mir Beifall zugenickt htten - was half es?
Einer richtete mich doch streng - er sah mich mit unverhohlener Bestrzung an,
wandte sich ab und ging hinaus, und das war Herr Claudius.
    Ich rang mit mir, aber ich fand nicht den Mut, durch sofortige Offenheit den
Fehler zu shnen. Scham und die Furcht, mich lcherlich zu machen, verschlossen
mir die Lippen; auch wurde das momentane Schweigen, das meiner Antwort folgte,
rasch abgeschnitten - der erste Sto des Gewittersturmes fuhr jh durch die
Strae und warf in erstickendem Wirbel drre Halme und Bltter und die graue
Staubschicht des sonnenheien Pflasters gegen die Fenster. Noch einmal zerschlug
er die schwarze Wetterwand droben, ein intensiv gelber Strahl brach herein - er
funkelte blendend auf den Glasscheiben der gegenberliegenden Huser und warf
fahle Reflexe schwankend ber die dunklen Gertschaften und Wnde des dmmernden
Salons.
    Die Prinzessin erhob sich, whrend alle anderen erschreckt an die Fenster
eilten; auch mein Vater fuhr aus seinen interessanten Untersuchungen empor und
kam schleunigst herber. In meiner stillen Verzweiflung sah und hrte ich alles,
was um mich her vorging, wie im Traume. Ich sah Herrn Claudius wieder eintreten,
hoch und fest und vllig unbewegt in den Linien seines Gesichts; aber ich wute
gerade in diesem Augenblicke erst, weshalb ihn die Prinzessin so unverwandt
ansah, wenn er zu ihr sprach - er hatte dann genau das Licht in seinen Augen,
wie das Bild dort, das Licht, welches sie die Seele nannte, und das der alte
pedantische Hofmaler nicht zu malen vermochte ... Sie legte die Hand auf seinen
Arm und lie sich die Treppe hinabfhren; mechanisch nachfolgend, kam ich an
Frulein Fliedner vorber, ihr milder Blick hatte etwas Khles, Fremdes, als er
mich traf - ach ja, sie hatte ja auch neulich im Glashause Dagoberts Warnung mit
angehrt und sah nun das schwarze Siegel der Lge auf meiner Stirne - ich bi
die Zhne auf die Unterlippe und schritt ber die Schwelle ... Die seidenen
Schleppen der Damen rauschten die Treppe hinab, und dazwischen hinein klang die
lieblich schmeichelnde Stimme der Prinzessin - mir schien es, als habe sie noch
nie in so weichen, herzlichen Tnen gesprochen ... Sie wolle noch einmal in das
interessante Patrizierhaus kommen, versicherte sie Herrn Claudius - Frulein
von Wildenspring und der Kammerherr steckten die Kpfe zusammen, und dann nahm
die impertinente Hofdame ihre Schleppe auf und warf mitrauische Blicke auf die
Treppenstufen, und Herr von Wismar fuhr fchelnd mit seinem Taschentuch durch
die Luft, genau so wie Dagobert am Hgel gethan hatte - eine Demonstration gegen
den frstlichen Beschlu, wie sie sich drastischer nicht denken lie. Charlotte
ging hinter ihnen; ich sah von der Seite, wie ihr Gesicht aufglhte und die
scharfgeschwungene Linie ihres Mundes sich in sprachloser Erbitterung verzerrte
- auch das berhrte mich augenblicklich nicht; aber jetzt fuhr ich empor aus der
Betubung, die mich gefangen hielt.
    Bravo! flsterte es neben mir. Heideprinzechen hat sich tapfer gehalten
- nun bin ich ruhig in betreff des Geheimnisses! Und Dagobert neigte sich so
nahe und vertraulich zu mir, da ich den Hauch seines Mundes fhlte ... Wre mir
pltzlich ein heimtckischer, schmerzender Schlag versetzt worden, es htte mich
nicht mehr aufbringen knnen als dieses Flstern. Ich fhlte Groll gegen die
braunen Augensterne, die mich anlachten - sie hatten mich zu der unbesonnenen
Handlung hingerissen, und das Wehen des Atems, das lau meine Wange berhrte,
reizte und beleidigte mich - das war der Mann nicht mehr, fr den ich jeder
Anfeindung gegenber mutig in die Schranken treten wollte - er war falsch, der
schne Tankred, und seine bewunderten kastanienfarbenen Locken waren Schlangen,
die sich vor der Stirne niederringelten - meiner nicht mchtig, stie ich mit
der Hand nach ihm, dann lief ich wie toll die Treppe hinab und hing mich an den
Arm meines Vaters, der neben der Prinzessin eben die letzte Stufe verlie.
    Nun, nun, mein Kind, wir sind nicht in der Heide! verwies er mir lchelnd
das Ungestm. Das Hflingspaar war entsetzt zur Seite geprallt, als ich
vorberbrauste, und auch die Prinzessin wandte erstaunt den Kopf nach dem
auffallenden Gerusch.
    Schelten Sie mir die kleine wilde Hummel nicht, Doktor, wehrte sie gtig.
Seien wir froh, da ihr heiteres Naturell so rasch wieder durchbricht und den
Abschiedsschmerz berwindet.
    Es war zum Verzweifeln - nun galt meine Emprung auch noch fr kindischen
Uebermut, und Herr Claudius meinte es auch - er sah ber meine kleine Person
hinweg, sie schien fr ihn nicht mehr zu existieren - recht so, die Strafe hatte
ich ja verdient ...

                                       24


Ein heier Brodem schlug von drauen herein in die Hausflur - es war, als habe
sich der Blumenatem der Grten zu einer trgen, unbeweglichen Masse verdichtet.
Noch war kein Schlag gefallen, kein erlsender Regentropfen netzte die lechzende
Erde; aber auf den Steinplatten des Hofes kruselten sich kleine Spne und
verstreute Papierschnitzel in verhngnisvollem Reigen, und die Pappeln drben am
Flu strubten ihre glatten Wipfel - der Sturm holte tief aus, um von neuem
hervorzustrzen.
    Die Prinzessin bestieg eiligst ihren aus der Seitenstrae hereinrollenden
Wagen, und mein Vater, der zum Herzog beordert war, begleitete sie. Herrn
Claudius reichte sie noch einmal die Hand heraus, Charlotte und Dagobert dagegen
wurde ein freundlich vornehmes Kopfnicken zu teil, fr welches sie sich dankend
tief zur Erde neigten. Meine kleine Person wurde in der Hast und Eile bersehen,
- und es war ganz gut so, ich wandte allen den Rcken, schritt ber den Hof und
ffnete die Gartenthr. Ich hatte Mhe, mich auf den Fen zu halten - der Sturm
brach los und raste ber den weiten Plan. Grimmig fiel er mich an und ri mir
die Thr aus der Hand; alle meine Kraft aufbietend, erfing ich sie wieder und
warf sie hinter mir krachend in das Schlo - sie durfte ja nie offen bleiben
nach den streng gehandhabten Hausregeln.
    Nun vorwrts! Ich taumelte, nach Atem ringend, einige Schritte weiter und
hatte das Gefhl, als sei ich pltzlich mitten in wogende Wasser geschleudert
... Wie es lebendig flieend ber die Erde hinlief, das bunte Meer der Blumen!
wie es zerwhlt zusammensank und auf Momente das fahle Grn der Stengel und
Unterbltter zeigte, um dann wieder aufzuschwellen in farbenfunkelnder Pracht!
Und wie sie toll und wild wurden, die schlanken, vornehmen italienischen
Pappeln, wie sie sich bogen und wanden im rasenden Tanz mit dem Sturm und tosend
einstimmten in sein Gebrll!
    Ich hatte pltzlich keinen Boden mehr unter den Fen - zunchst flog ich
mitten in das Heliotropenbeet, dann prallte ich gegen die Hofmauer zurck. Mit
hochgehobenen Armen an die unebenen Steine mich anklammernd, drckte ich meinen
Kopf gegen sie und lie nun ausatmend die Wucht des Unwetters ber mich ergehen.
Scheu sah ich unter den Haarmassen hervor, die mir um das Gesicht flogen, denn
die Thr nicht weit von mir fuhr prasselnd auf, und Herr Claudius trat heraus -
er wandte suchend den Kopf nach allen Richtungen - da sah er mich.
    Ah, hierher hat Sie der Sturm verschlagen? rief er. Sofort stand er
schtzend vor mir - nicht eines meiner Haare hob sich mehr im Winde.
    Wahrhaftig, wie ein unglckliches Schwlbchen, das der Sturm aus dem Neste
gestoen hat! lachte Dagobert, der ihm folgte und sich wankend am Thrpfosten
festhielt.
    Ich lie rasch meine Arme von der Wand niedersinken und wandte das Gesicht
weg - das war das Lachen, das mich in der Heide unter das Dach des Dierkhofes
gejagt hatte.
    Kommen Sie in das Vorderhaus zurck; Sie erreichen die Karolinenlust nicht
mehr, sagte Herr Claudius sanft zu mir.
    Ich schttelte den Kopf.
    Nun, dann will ich mit Ihnen gehen - unbeschtzt knnen Sie sich unmglich
auf Ihren kleinen Fen erhalten.
    Mit meinem Mantel vor dem Sturm - beschtz' ich dich! klang es durch meine
aufgeregte Mdchenseele - nein, ich wollte nicht! mochten sie doch beide gehen;
den dort mit der Falschheit hinter der Stirne verabscheute ich, und vor dem, der
so geduldig und sanft zu mir sprach, fhlte ich tiefe Scham und Furcht.
    Ich brauche keinen Mantel, der mich beschtzt - ich will mich allein
durchkmpfen, sagte ich gepret und sah zu ihm auf - aber durch funkelnde,
zitternde Thrnen, die sich bei aller Anstrengung nicht niederschlucken lieen.
Meine Zhne schlugen wie im Frost zusammen.
    Herr Claudius sah mich an, whrend Dagobert abermals auflachte; eine
unerklrliche Bewegung ging durch seine Zge. Sie sind krank, sagte er, sich
zu mir herabbckend, leiser. Ich darf Sie nun erst recht nicht allein lassen.
Seien Sie gut und gehen Sie mit mir.
    Diese nicht zu erschpfende Geduld und Nachsicht mit dem kleinen unwrdigen
Geschpf, das er verachten mute, und das bei alledem sich auch noch tr tzig
verhielt, brachen meinen Widerstand; zudem migte sich das Toben in den Lften
fr einen Moment, ich konnte mich recht gut allein auf den Fen halten und
verlie meinen Platz.
    Noch stand Dagobert an der Thr. Jedenfalls hatten die wenigen Worte, die
Herr Claudius leise zu mir gesprochen, und meine pltzliche Bereitwilligkeit,
mitzugehen, sein Mitrauen geweckt - er legte bedeutsam den Finger auf den Mund
und hob in finsterer Drohung schttelnd die Rechte. Dann trat er in den Hof
zurck und schlug die Thr zu ... Unntige Mahnung! Ueber meine Lippen kam kein
Wort - erst gelogen und dann verraten - Herr Claudius htte mich selbst
verabscheuen mssen, und wenn ihm auch meine Mitteilungen unberechenbar ntzten
... Aber ich mute zugleich tief niedergeschlagen an Heinzens schauerliche
Erzhlungen von verkauften Seelen denken - ich war auch so eine arme Seele, die
ngstlich hin und her flatterte und doch nicht weiter konnte.
    Das vordere Glashaus erreichten wir im Sturmschritt; nicht einmal war ich
gentigt, mich unter den unmittelbaren Schutz meines Begleiters zu flchten -
mit hochaufgeblhten Kleidern, aber immer mit den Fuspitzen auf dem Boden flog
ich neben ihm her ... Da fuhr schauerlich lang anhaltend, und als suche es
unruhig einen Ausweg, ein glnzend rosenfarbenes Licht ber die rauschende
Pappelwand hin, beinahe zugleich krachte ein betubender Schlag durch die Lfte,
und klatschend und trommelnd flogen die ersten Regentropfen gegen die Glaswnde
des Hauses ... Wir traten schleunigst in die Thr, mitten unter die
hochstrebenden, fremdartigen Pflanzengebilde hinein, die, fr den tobenden Kampf
unerreichbar, still und unbewegt dreinsahen. Ich blickte seitwrts an meinem
schweigenden Begleiter empor - so isoliert stand auch er inmitten des
Menschentumultes - geschah das wirklich, weil er dstere Geheimnisse in der
Brust verschlieen mute? ...
    Er hatte meinen Blick aufgefangen und sah mir prfend in das Gesicht. Die
rasche Bewegung hat Ihre Lippen wieder gefrbt - ist Ihnen besser? fragte er.
    Ich bin nicht krank - erwiderte ich seitwrts blickend.
    Aber tief erregt und in den Nerven erschttert, ergnzte er. Kein Wunder,
es ist das Klimafieber - die junge Seele tritt nie ungestraft aus der stillen,
versuchungslosen Einsamkeit in die laute Welt.
    Ich verstand ihn recht gut - wie mild beurteilte er mein Vergehen! Gestern
noch htte ich denken mssen: Weil er selbst die Welt belgt - jetzt konnte
ich das nicht mehr!
    Ich mchte Ihnen so gern diesen Uebergang erleichtern, fuhr er fort.
Vorhin, droben im Salon, habe ich mir selbst sagen mssen, da ich das nur
kann, wenn ich Sie schleunigst fortbringe aus meinem Hause; aber ich bin ja
nicht unfehlbar in meinem Urteil, ich kann auch schwer irren bezglich der
Hnde, in die ich Ihr Wohl und Wehe lege -
    Ich gehe auch nicht, unterbrach ich ihn. Glauben Sie denn, ich htte auch
nur eine Stunde nach der Abschiedsqual hier ausgehalten? Zu Fue wre ich Ilse
nachgelaufen, bis in die Heide, wenn ich nicht - bei meinem Vater bleiben mte
... Aber ich wei recht gut, da das Kind zum Vater gehrt; und er braucht mich
- so kindisch und unwissend ich auch bin, er hat sich doch schon an mich
gewhnt.
    Er sah mich berrascht an. Sie haben mehr Kraft des Willens, als ich
glaubte - es gehrt schon viel dazu, ein in freier Ungebundenheit entwickeltes
Naturell unter die Pflicht zu zwingen ... Gut denn, auch ich finde den Gedanken
unausfhrbar; er kam mir ja auch nur in einem bsen Augenblick voll
niederschlagender Eindrcke, in dem Augenblick, wo ich Sie straucheln sah ...
    Bei diesen Worten wandte er seine Augen weg und brachte eine fest gegen die
Scheiben gedrckte prchtige exotische Bltenglocke so vorsichtig in eine andere
Lage, als flle diese Beschftigung seine ganze Seele aus. Er schien nicht sehen
zu wollen, wie ich die Hnde vor das Gesicht schlug, um die Glut der Beschmung
zu verbergen.
    Sie haben kein Vertrauen zu mir, das heit, es ist systematisch in Ihnen
zerstrt worden, denn Ihr Gemt hat sicher auch nicht das geringste Mitrauen
gegen Welt und Menschen mit hierhergebracht, sagte er mit tiefem Ernst weiter.
Ich habe es schwer Ihnen gegenber - die sehr undankbare Rolle des getreuen
Eckart ist mir zugefallen, der die Menschen unermdlich vor der schnen Snde
warnt und dafr schwerlich - geliebt wird ... Aber das soll mich nicht abhalten,
mit dieser Stunde mein Amt anzutreten. Vielleicht wenn sich Ihr Ausblick in das
Weltgetriebe erweitert hat, vielleicht dann werden Sie einsehen, da meine Hand
eine treumeinende, so eine Art Elternhand gewesen ist, die sich schtzend um die
Tischecken legt, damit sich das Kind die Stirne nicht wund stoe - und diese
Erkenntnis soll mir gengen ... Zhlen Sie doch nicht gar zu emsig die
Sandkrner da zu Ihren Fen! unterbrach er sich pltzlich selbst. Wollen Sie
nicht einmal aufsehen? Ich mchte wissen, was Sie denken.
    Ich denke, Sie werden mir den Verkehr mit Charlotte verbieten, versetzte
ich rasch und hob den Kopf.
    Nicht ganz - unter meinen Augen oder in Frulein Fliedners Gegenwart sollen
Sie mit ihr verkehren, so oft Sie wollen. Aber ich bitte Sie ernstlich, das
Alleinsein mit ihr zu vermeiden. Sie hat, wie ich Ihnen schon gesagt habe, den
Kopf voll ungesunder Anschauungen, und ich darf es nicht leiden, da Sie durch
derartige Hirngespinste angesteckt werden ... Wie rasch gerade die unbefangene
reine Menschenseele einem solchen Einflusse verfllt, das habe ich heute mit
ansehen mssen.... Geben Sie mir das Versprechen, da Sie mir folgen wollen! Er
verga sich und streckte mir die Hand hin.
    Ich kann das nicht! stie ich heraus, whrend er erbleichend und in jhem
Schrecken die Hand zurckzog. Mir wird hei und angst hier in der schwlen,
eingeschlossenen Blumenluft - und wirklich schlug mir das Herz zum Zerspringen.
Sehen Sie, der Regen lt nach - ich habe ja Baumschutz bis zur Karolinenlust -
erlauben Sie, da ich hinausgehe!
    Mit diesen Worten stand ich schon drauen und strmte am Flusse hin; das
Unwetter raste strker als je; im Nu war ich von Wasserstrmen berschttet. Ich
hielt schtzend die Hand ber die Augen, sonst wre ich blindlings gegen die
Bume oder in den Flu gerannt, und lief, bis ich atemlos die Halle der
Karolinenlust erreichte ... Gott sei Dank, da ich diese gelassene Stimme nicht
mehr hrte, die mich trotz alledem berhrte, als klopfe ein warmes, bewegtes
Herz hindurch!
    Ich warf meine durchnte Musselinhlle ab, schlpfte in mein verhhntes
schwarzes Kleid und stie die Lden auf. Ich war mutterseelenallein in dem
weiten Hause; nur drauen schrie und krakeelte das Geflgel durcheinander, das
vor dem rasch hereinbrechenden Gewitter in die Halle retiriert war ... In einer
Fensternische kauernd, lste ich mit scheuen Fingern die Perlen von meinem
Halse. Entsetzlich lebendig tauchten die halbgebrochenen Augen meiner Gromutter
vor mir auf, und ich hrte ihre schwachrchelnde Stimme wieder sagen: Ilse,
lege die Schnur um den kleinen braunen Hals dort, und dann zu mir: Sie gehrt
zu deinem Gesicht, mein Kind, du hast die Augen deiner Mutter, aber die
Jakobsohnschen Zge - der Name, den ich angeblich heute nicht gewut hatte, er
war mir sogar in das Gesicht geschrieben - ein verlogeneres, treuloseres
Geschpf als mich gab es wohl nicht in der ganzen weiten Welt! ... Auf welchem
Wege war ich? Wie oft schon in den wenigen Wochen hatte ich mich hinreien
lassen, unrecht und kopflos zu handeln! Aber nun wollte ich gut werden - voll
Inbrunst drckte ich die Perlen an meine Lippen - wollte nie wieder blind in den
Tag hinein handeln, ohne zu fragen: Wem thust du wehe damit?
    Drauen tobten Sturm und Regen ungeschwcht weiter - es schien, als kmpften
zwei Gewitter zugleich in den Lften ... Da sah ich auf einmal zu meinem
Schrecken Gestalten drben aus dem Boskett treten und auf das Haus zulaufen - es
waren die beiden Geschwister.
    Da, Kind, so mu man sich durchkmpfen, wenn man die Spur seines Glckes
sucht! sagte Charlotte atemlos im Eintreten. Sie schleuderte einen in Stcke
zerbrochenen Schirm in eine der Zimmerecken und auf das Sofa ihren
wassertriefenden Shawl; darauf fuhr sie sich mit dem Taschentuch abtrocknend
ber Gesicht und Scheitel.
    Endlich! rief sie. Wie haben wir auf der Folter gestanden, solange Onkel
Erich im Garten war und wir nicht vorberkonnten! ... Jetzt sitzt er in seiner
Schreibstube und Eckhof auch, dem wir, auf Ihren Wunsch hin, nicht gesagt haben,
da Sie unsere Vertraute sind - Ihr Papa ist im Schlo, glcklicher konnte
sich's nicht fgen - wir sind Herren des Terrains. Vorwrts denn!
    Jetzt? rief ich, mich schttelnd. Es mu zum Frchten schrecklich droben
sein!
    Dagobert brach in ein lautes Gelchter aus; Charlotte aber wurde dunkelrot
im Gesicht und stampfte zornig mit dem Fue auf.
    Gott im Himmel, seien Sie doch nicht solch ein Hasenfu! schalt sie in
ausbrechender Heftigkeit. Ich sterbe vor Ungeduld, und Sie kommen mir mit
solchen Faseleien! ... Bilden Sie sich denn wirklich ein, ich ginge noch einmal
fgsam und geduldig zu Bette, nachdem ich auf den Weggang Ihrer fatalen, nicht
fortzubringenden Ilse gehofft und geharrt habe, wie die Juden auf den Erlser?
Ja, ich liee auch nur den Abend herankommen, ohne da ich mich von den
furchtbaren Zweifeln befreit htte, die der Onkel heute mit seiner Erklrung in
meine Seele geschleudert hat? - An meinem eigenen Herzschlag mte ich
ersticken! ... Dazu geht Dagobert bermorgen in seine Garnison zurck - er mu
sich erst noch berzeugen. Nicht eine Minute Frist geben wir Ihnen. Halten Sie
Ihr Versprechen! Vorwrts, vorwrts, Kind!
    Sie ergriff mich an den Schultern und schttelte mich. Bis dahin hatte ich
dieses urkrftige energische Mdchen scheu geliebt und bewundert, jetzt
frchtete ich mich vor ihr, und die Art und Weise, wie sie von Ilse sprach,
emprte mich; aber ich war still, ich hatte ja selbst den Kopf in diese Schlinge
gesteckt und konnte nicht mehr zurck. Schweigend ffnete ich die Thr meines
Schlafzimmers und zeigte nach dem Schranke.
    Wegrcken? fragte Charlotte, mich sofort verstehend.
    Ich bejahte, und in demselben Augenblick schon hatten die Geschwister das
Mbel erfat und seitwrts geschoben - die Tapetenthr wurde sichtbar ...
Charlotte schlo auf und trat auf die Treppe. Einen Moment blieb sie stehen und
prete tieferbleichend beide Hnde auf das Herz, als msse sie in der That an
den heien Blutstrmen ersticken, die es pochen machten - dann flog sie hinauf,
Dagobert und ich folgten.
    Ich hatte recht gehabt - es war schauerlich hier oben. Gerade um diese Ecke
tobte der Sturm, als wolle er sie wegstoen und die hier eingeschlossenen
Erinnerungen und Ueberbleibsel geheimnisvoller Begebenheit in alle Lfte
verstreuen. Hinter den schattenhaften Rosenumrissen der Rouleaus klirrten die
Scheiben und schossen unermdlich die brausenden und verdunkelnden Wasserstrme
nieder; selbst der verklrende Schein der rosenfarbenen Gazedraperie wurde von
dem hereinbrechenden Dunkel aufgesogen.
    Die Thr ffnen, eintreten und den ber der Fuge hngenden Frauenmantel
ergreifen, war fr Charlotte eins, sie nahm ihn vom Nagel und breitete ihn aus.
    Es ist ein Domino, den ebensogut ein Herr wie eine Dame getragen haben
kann, sagte sie tonlos und lie das Kleidungsstck auf den Teppich fallen ...
Achselzuckend trat sie an den Ankleidetisch und berflog in ngstlicher
Musterung das Silbergert. Pomade und Poudre de Riz, und hier verschiedene
Flakons mit Schnheitswassern! warf sie hin, den dicken Staub wegblasend. Wie
es auf der Toilette eines schnen, jungen, von der Damenwelt angebeteten
Offiziers aussieht, wissen wir, gelt, Dagobert? Der schne Lothar war eitel
trotz einer Dame - wenn Sie keine besseren Beweise bringen, Kind, dann steht es
schlimm! sagte sie ber die Schulter zurck in anscheinender Ruhe zu mir; aber
ich sah etwas in ihren Augen glimmen, was mich doch wieder mit einer Art von
Mitleiden erfllte - es war Todesangst und die tiefste Entmutigung.
    Da stie sie pltzlich einen zitternden Schrei aus, einen jubelnden
Aufschrei, der mir durch Mark und Bein ging. Sie breitete die Arme aus, strmte
durch die offene Thr des Nebenzimmers und warf sich ber die Korbwanne, die
neben dem einen Bett unter dem violetten Baldachin stand.
    Unsere Wiege, Dagobert, unsere Wiege - o mein Gott, mein Gott! stammelte
sie, whrend ihr Bruder an eines der Fenster sprang und die dunklen Vorhnge
zurckschlug. Fahl und ungewi fiel das Tageslicht auf die kleinen vergilbten
Polster, in die Charlotte ihr Gesicht vergraben hatte.
    Es ist wahr, alles wahr, bis aufs Jota! murmelte sie, sich erhebend. Ich
segne die Frau im Grabe, die gelauscht hat! ... Dagobert, hier hat unsere
frstliche Mutter unseren ersten Schrei gehrt! Unsere frstliche Mutter, die
stolze Tochter der Herzge von K., wie das berauschend klingt, und wie sie in
den Staub sinken werden, die Aristokratentchter, die ber das Adoptivkind des
Kaufmanns die Nase rmpften! ... Gott im Himmel, mich erdrckt das Glck!
unterbrach sie sich aufschreiend und prete die Stirne zwischen die Hnde. Er
hat recht gehabt, unser grausamer Feind, der im Krmerhause, als er mir neulich
sagte, ich msse die Wahrheit erst ertragen lernen! - Ich bin geblendet!
    Meinetwegen denn, sagte Dagobert trocken und rgerlich, indem er den
Vorhang wieder ber das Fenster fallen lie. Tobe dich aus! ... Aber dann
mchte ich doch ein wenig an deine Vernunft appellieren, diese
Ueberschwenglichkeit ist mir geradezu unverstndlich ... Fr mich bedurfte es
solcher Beweise nicht mehr, Eckhofs Mitteilung hat mir vollkommen gengt, und
auch sie war nur der Sonnenstrahl, der das nher beleuchtete, was wir bereits in
unserer Brust, in unserem Blute besaen.
    Charlotte breitete zrtlich den grnen Schleier wieder ber das kleine Bett.
    Danke Gott fr diese Seelenruhe! sagte sie gefater. Mein skeptischer
Kopf hat mir schwer zu schaffen gemacht whrend der letzten Tage ... O, Sie
liebe Unschuld, lachte sie mich spttisch an, Sie faseln mir von Schriftproben
einer Damenhand und von Frauenmnteln, die sich als sehr zweifelhafter Gattung
erweisen, und dieses Zimmer mit seinen Details entgeht Ihrem blden Auge! ...
Sind Sie denn wirklich so entsetzlich - harmlos? ... Mit einem einzigen Wort
konnten Sie mir die Marter der letzten Zeit ersparen!
    Ich hrte kaum auf diese sarkastisch hhnende Stimme. Beklommen mute ich an
Eckhofs pathetisch hingeschleuderte Worte von dem Lebendigwerden in den
versiegelten Slen denken. In diesem Augenblick wurde alles aufgerttelt und
unter dem deckenden Staube hervorgezogen, was an dem Geheimnis zweier lngst
erloschener Menschenleben teilgenommen hatte ... Wie ngstlich war dieses
Geheimnis gehtet worden! Selbst die Schwester der Prinzessin war ahnungslos
daneben hingegangen - wer wute denn, ob die Zwei nicht hei gewnscht hatten,
auch ber den Tod hinaus den Schleier festzuhalten? ... Nun lagen sie im Grabe,
das schne Prinzessinnengesicht und der Mann mit dem blutigen Mal auf der
Stirne, und konnten fremden Augen und Hnden nicht wehren - oder durften sie
zurckkehren und warnen, wie der finstere Fanatiker gemeint hatte? Schauerlich
lebendig war es ja geworden, da, wo ich nur den lautlosen Sonnenstrahl hatte
spielen und weben sehen. Ja, drauen schmetterte freilich der Gewittersturm
gegen die Mauern; aber hier zog es in leisem Sthnen verhauchend droben an der
Decke hin. Langsam blhten sich die losen Gardinen auf und rieselten wie
weitgebauschte Frauenkleider ber die Dielen, hier und da einen bleichen
Lichtflecken hindurchlassend, der unruhig die violetten Bettvorhnge betupfte
und gespenstig durch die grauen Schatten der tiefen Ecken fuhr - gespenstig wie
die arme Seele, die zwischen Himmel und Erde wandeln mu ... Und im Saale fing
sich der Sturm brllend im Kamin; er stubte die letzten Aschenreste vom Rost
auf den Parkettboden herein und versuchte die klirrenden und chzenden
Glasthren aufzustoen, um mit seinen regentriefenden Hnden den heiteren
Gtterspuk von Plafond und Wnden fr immer wegzulschen.
    Es war vermessen, inmitten dieses Aufruhrs den sorgfltig gehteten Nachla
toter Menschen verstohlenerweise aufzuwhlen - ich dachte es zitternd und mit
angstvoll klopfendem Herzen; aber ich schwieg - was vermochte meine schwache
Stimme gegen die Leidenschaft und - jetzt fand ich das rechte Wort fr
Charlottens rasendes Gebaren - gegen diese Gier nach hoher Lebensstellung und
Auszeichnung?
    Die beiden standen vor dem Schreibtisch, den ich neulich so streng
respektiert, da ich kaum den Atem darber hatte hinstreifen lassen - jetzt
waren mit Gedankenschnelle alle darauf befindlichen Gegenstnde durcheinander
geworfen.
    Hier Mamas Wappen auf Petschaft, Schreibzeug und Briefbogen! sagte
Charlotte - noch zitterte ihre Stimme; aber in ihrer Haltung war die stolze Ruhe
und Sicherheit zurckgekehrt. Und da verschiedene alte Briefhlsen. - Sie zog
die Kouverts unter einem Briefbeschwerer hervor. - An Ihro Hoheit die
Prinzessin Sidonie von K., Luzern, las sie. Da sieh, Dagobert, diese Briefe
sind smtlich in der Schweiz gewesen, sie tragen alle Postzeichen. Jedenfalls
war eine Vertraute an Mamas Stelle stets auf der Reise, hatte die Briefe in
Empfang genommen und in die geheimnisvolle Karolinenlust geschickt.
    Dagobert antwortete nicht. Er rttelte an dem Schlo des Tisches - der
Schlssel fehlte; nach Eckhofs Aussage aber enthielt ja dieser Kasten, der
frmlich festgemauert in seinen Fugen sa, Lothars Brieftasche mit den
Dokumenten. Achselzuckend, mit finsterer Stirne wandte sich Dagobert ab, trat,
den Vorhang zurckschiebend, in eine der Glasthren und sah hinaus in das
Wetter, whrend Charlotte die Kouverts achtlos auf den Tisch warf und an das
entgegengesetzte Ende des Saales schritt. Da stand ein Flgel - ich hatte ihn
neulich bei meiner eiligen Flucht nicht bemerkt. Charlotte schlo ihn sofort auf
und griff ohne weiteres in die Tasten, die vielleicht nie wieder hatten berhrt
werden sollen - sie wenigstens wehrten sich, sie hatten ja Stimmen; in
entsetzlicher Dissonanz, von dem Klirren gesprungener Saiten begleitet,
schrillten die Tne so nervenerschtternd gegen die Wnde, da selbst die starke
Charlotte zurckfuhr und entsetzt den Deckel zuschlug. Sie war erschrocken; aber
von jener herzbeklemmenden Scheu, jenem Gefhl ngstlicher Piett, mit denen ich
allen diesen leblosen Gegenstnden eine Art von empfindlicher Seele andichtete,
schien nicht eine Spur in ihr zu leben. Sie griff nach den Notenheften, die auf
dem Flgel lagen, und whlte zwischen ihnen, bis sie abermals aufschrie und
pltzlich mit halb unterdrckter, aber dennoch jubelnder Stimme Gi la luna in
mezzo al mare in den Saal hinein sang.
    Dagobert, da ist's, was Mama in Madame Godins Salon gesungen hat, da ist's
- hier, hier! unterbrach sie sich und schwenkte das Notenheft in der Luft. Ich
hrte nicht, da ihr Bruder antwortete und wandte mich um. Er stand mit dem
Rcken gegen uns und bckte sich ber den Schreibtisch. Mit einigen raschen
Schritten stand ich an seiner Seite.
    Das drfen Sie nicht! sagte ich - ich erschrak vor meiner eigenen Stimme,
so tonlos und bebend klang sie; trotzdem sah ich ihm mutig in das Gesicht.
    Ei, was darf ich denn nicht? fragte er spttisch, lie aber doch die Hand
sinken, in welcher er irgend ein Instrument hielt.
    Das Schlo erbrechen, versetzte ich fester. Ich bin schuld, da Sie hier
sind hinter den Siegeln, ich habe Sie dazu verleitet; es ist ein groes Unrecht,
ich sehe das sehr wohl ein ... Mehr aber darf nun auch nicht geschehen, ich
leide es nicht! brauste ich auf, als ich sah, da er trotzdem die Hand wieder
hob.
    Wirklich? lachte er. Das war seltsam - seine Augen irrten ber mich hin
und entzndeten sich in einem Feuer, wie ich sie nie gesehen. Wie wollen Sie
denn das anfangen, Sie zerbrechliches, quecksilbernes Geschpfchen? fragte er
spottend und steckte rasch das Instrument in das Schlo - ich hrte es darinnen
knistern und knacken. Angstvoll, aber auch zornig ergriff ich mit beiden Hnden
seinen Arm und suchte ihn zurckzuziehen - da fhlte ich in demselben
Augenblicke meine Taille umschlungen und heftig gepret, und Dagobert flsterte
mir in das Ohr: Kleine wilde Katze, berhren Sie mich nicht und sehen Sie mich
nicht so an - es ist gefhrlich fr Sie! Ihre berauschenden Augen haben mir's
schon in der ersten Stunde angethan! Gerade Ihre wilde Bosheit reizt mich, und
wenn Sie wieder nach mir schlagen, wie heute auf der Treppe, dann ist's erst
recht um Sie geschehen - reizende, geschmeidige Eidechse!
    Ich schrie auf, und er lie mich los.
    Was treibst du denn fr Possen, Dagobert? schalt Charlotte herbeieilend.
Das Kind lt du mir in Ruhe - ich bitte mir's aus! Das ist nichts fr eure
Lieutenantslaunen ... Lenore steht unter meinem Schutz und damit basta! ...
Uebrigens hat sie recht, die kleine Unschuld! Was wir hier verschlossen finden,
drfen wir nicht gewaltsam ffnen ... Was ntzen uns auch die Papiere, wenn wir
dabei sagen mten, da wir sie nach Spitzbubenart unter den Gerichtssiegeln
hervorgeholt haben? ... Sie liegen einstweilen gut aufgehoben, bis sie eines
Tages mit Eklat an das Licht treten werden. Selbst fr Onkel Erich sind sie
unerreichbar geworden durch die Siegel, die er auf die Thren hat klecksen
lassen. Und wir brauchen nicht mehr hineinzusehen - so gewi ich atme, so gewi
wei ich nun, da wir hier geboren sind, da wir in dem Hause unserer Eltern,
auf unserem eigenen, ererbten Grund und Boden stehen! sagte sie feierlich.
Hrst du? Der Sturm sagt Amen dazu!
    Ja, das war ein Sto, der den Boden unter unseren Fen zittern machte, der
die Glasthr, die ich neulich im Schrecken nur zugeworfen und nicht geschlossen
hatte, schmetternd aufstie und im Nu den Schreibtisch mit Wasserfluten
berschttete.
    Ha, ha, er sagt Amen dazu und will uns zeigen, wie wir's machen mssen!
lachte Dagobert und schlo die Thr wieder. Er fat diesen inhaltsvollen
Schreibtisch nicht mit Handschuhen an, wie du siehst - da heit es Gewalt wider
Gewalt! ... Wenn es nach deinem und Eckhofs Sinn gehen soll, dann mu ich bei
Onkel Erich um jeden Groschen betteln und Vorwrfe ber meine Schulden hren,
bis ich graue Haare habe, und du wirst in der verhaten Abhngigkeit eine alte
Jungfer!
    Die werde ich so wie so, sagte sie, whrend eine leichte Blsse ihr
Gesicht berlief. Ich wrde mich nie anders als standesgem verheiraten -
diese Hofgecken sind mir aber in den Tod zuwider ... Ich will auch nicht lieben,
ich will nicht! ... Ich habe ein ganz anderes Ziel - Aebtissin in einem
Damenstift will ich werden - da kommt manche unter mein Zepter, die mich
getreten hat - sie mgen sich hten! ... Uebrigens begreife ich dich nicht,
Dagobert, sagte sie nach einem tiefen Atemholen weiter. Wir haben doch lngst
ausgemacht, da die Sache erst im Januar, wenn du hierher versetzt bist, zum
Austrag kommen darf, da wir unterdes schweigen und so viel wie mglich Material
sammeln wollen. Es wird mir schwer genug werden, allein hier auszuharren -
kostet es mich doch jetzt schon die grte Ueberwindung, dem Onkel in die Augen
zu sehen und nicht sagen zu drfen: Betrger, der du bist! - mit der Fliedner
verkehren zu mssen, die das friedfertigste und harmloseste Gesicht macht und
uns systematisch bestehlen hilft - die boshafte Katze! Und ich habe sie wirklich
gern gehabt! ... Es geht fast ber meine Krfte, aber es hilft nichts, es mu
sein! Eckhof hat recht, wenn er uns unausgesetzt die mglichste Ruhe und
Vorsicht predigt.
    Sie wischte mit ihrem Taschentuch die Nsse vom Tisch und drckte den
aufgerttelten Kasten wieder fest in seine Fugen.
    Was sie nun trieben und erforschten, ich beteiligte mich nicht mehr daran.
Ich hatte mich zwischen die Glasthr und den Schreibtisch geflchtet und stand
da als Schildwache ... Ich meinte, das Zittern des Bodens unter mir daure fort,
aber es war in meinen Fen. Nie in meinem ganzen Leben war mir so entsetzlich
zu Mute gewesen, als in dem Augenblick, wo es sich urpltzlich wie lebendige
Klammern um mich gelegt hatte. Wre ich in einen dunklen Abgrund gestoen
worden, ich htte mich nicht mehr frchten knnen, als vor diesem heien
Flstern einer halberstickten Stimme, das ich zum Teil gar nicht verstand, und
das mir doch das Blut in Wangen und Schlfe trieb ... Am liebsten htte ich
alles hinter mir gelassen und wre gelaufen, soweit mich meine Fe tragen
konnten; allein die Furcht, da der Schreibtisch schlielich doch noch erbrochen
werden knne, hielt mich fest.
    Stundenlang mute ich auf meinem Posten ausharren. Mehrere Zimmer, die
hinter den von mir entdeckten lagen, und deren letzteres auch in den Saal
mndete, wurden durchsucht ... Mittlerweile lie das Sturmgeheul drauen nach;
das Trommeln auf den Steinplatten des Balkons verwandelte sich in ein sanfteres
Pltschern, und durch die blassen Seidenvorhnge der Glasthren brach ein
hellerer Schein, der die Schelmengesichter an den Wnden lustig wieder aufleben
lie.
    Das ist unser Wappen, Kleine, sehen Sie sich's an, sagte Charlotte,
endlich wieder heraustretend, zu mir. Sie hielt mir einen Siegelring mit einem
geschnittenen Stein hin. Papa hat zwar nie Ringe getragen, wie heute Ihre
Hoheit versicherte, trotz alledem existiert dieser und ist augenscheinlich oft
als Petschaft benutzt worden - er lag auf Papas Schreibzeug; ich nehme ihn mit,
als das einzige, was ich mir vorlufig aneigne. Sie lie den Ring in ihre
Tasche gleiten.
    Ich war erlst. Wir gingen hinab, und der Schrank wurde wieder an seine
Stelle gerckt.
    Als die wohlberechtigten Erben des Freiherrn Lothar von Claudius, als die
Seitensprossen des herzoglichen Hauses waren die Geschwister wieder aus dem
dunklen Treppenschacht hervorgegangen, den Charlotte noch unter den Qualen
banger Zweifel betreten hatte. Sonnenklar lag die Lsung des Rtsels da - auch
fr mich - wie war es Herrn Claudius mglich gewesen, mit reiner Stirne und so
fester Stimme die Wahrheit zu verleugnen? ... Und trotzdem, mochte die Sache
liegen, wie sie wollte - er hatte doch nicht gelogen! ...

                                       25


Charlotte griff nach ihrem Shawl; aber sie lie ihn erschreckt wieder sinken,
lief an das Fenster und ri es auf.
    Was gibt's, Herr Eckhof? rief sie hinaus.
    Der alte Buchhalter rannte quer ber den Kiesplatz nach dem Hause. Er war
ohne Hut und sein sonst so beherrschtes Gesicht sah verstrt aus - er war
augenscheinlich tief alteriert.
    In Dorotheenthal ist ein Wolkenbruch niedergefallen! rief er atemlos
herber. Mindestens vierzigtausend Thaler Verlust fr die Firma Claudius! Alles
ersuft und verwstet, was wir seit Jahren drauen mhsam angelegt und gepflegt
haben! ... Hren Sie den Notschu? ... Auch Menschen sind in Gefahr!
    Dorotheenthal war eine Besitzung der Claudius, ein altertmliches, einst
adeliges Herrenhaus, das, samt einem Dorf, sehr tief auf ziemlich enger
Thalsohle lag. Die Firma sttzte ihren Betrieb weit mehr noch auf die Lndereien
in Dorotheenthal, als auf die Grten zu K. Die Holzsmereien waren ganz auf
diesen Distrikt verwiesen, und besonders hatten kostbare Koniferenexemplare
Dorotheenthal eine Art Ruf verschafft. Die einzelnen Blumengattungen waren hier
ackerweise vertreten, und Ananas-, Orchideen- und Kaktushuser umkreisten in
bedeutender Anzahl das Schlchen. Einige kleine Seen und ein ziemlich reiender
Flu, der das Thal durchschnitt, erleichterten den kolossalen Betrieb ungemein;
aber in diesem Augenblick war das hilfreiche Element zum teuflischen Feind
geworden - die Seen waren bergetreten, und der Flu hatte sich, einen Damm
durchsprengend, mit ihnen vereint, wie Eckhof noch herberrief, ehe er in der
Halle verschwand.
    Welch ein Unglck! rief Charlotte mit totenblassem Gesicht und schlug die
Hnde zusammen.
    Ah bah - was brauchst du da zu erschrecken? sagte Dagobert achselzuckend.
Was sind vierzigtausend Thaler fr Onkel Erich? Er kann's verschmerzen und
schlielich, was geht's uns an? Das ist seine Sache - unser Erbteil schmlert es
um keinen Pfennig! ... Er wird freilich saure Gesichter machen, und die
Wegzehrung, die er mir bermorgen mitgeben wird, mag schmal genug ausfallen ...
Na, meinetwegen - ich habe mir's ja auch gefallen lassen mssen, wenn der Kram
in Ordnung war.
    Die letzten Worte hrten wir kaum noch. Charlotte lief hinaus, und ich mit
ihr ... Menschen waren in Gefahr? Wie das bengstigend klang! Ich wollte mehr
wissen - ich hielt es nicht aus allein in der Karolinenlust, Charlotte hatte mir
ihren Arm gereicht, und so rannten wir, unausgesetzt bestubt vom Regen, ber
den schumenden Flu, durch die schwimmenden und triefenden Grten nach dem
Vorderhause.
    Hier und da lief uns ein Grtnergehilfe mit erschrecktem Gesicht ber den
Weg, und schon von ferne hrten wir ber die Hofmauer her den Lrm durcheinander
rufender und klagender Stimmen. Beinahe das ganze Arbeiterpersonal war im Hofe
versammelt, als wir eintraten, und vor der Hausthr hielt Herrn Claudius'
Equipage ... Er selbst trat eben, in einen Regenmantel gehllt und den Hut in
der Hand, heraus auf die Thrschwelle ... Es war, als gehe von seinem vollkommen
ruhigen Gesicht eine beschwichtigende Kraft aus - das Lrmen verstummte sofort.
Er erteilte einige Befehle; nicht die mindeste Hast oder Ueberstrzung
beeintrchtigte seine langsam edlen Bewegungen - man sah, der blonde Kopf dort
mit dem ernsten Ausdruck behauptete die Herrschaft in allen Lagen des Lebens.
    Bei unserem Erscheinen traten die Leute zurck und lieen uns vorber; ich
hing noch an Charlottens Arm. Da sah uns Herr Claudius ber den Hof kommen -
schien es doch fast, als erschrecke er; wie ein Blitz fuhr ein Ausdruck des
Zorns ber seine unbedeckte Stirne; er zog die Brauen zusammen, und unter ihnen
hervor traf mich ein langer, finster strafender Blick ... Ich schlug die Augen
nieder und zog meinen Arm aus dem meiner Begleiterin.
    Onkel Erich, das ist ein schwerer Schlag! rief Charlotte, whrend sie zu
ihm auf die Schwelle trat.
    Ja, sagte er einfach, ohne jede weitere Bemerkung. Dann wandte er sich in
die Hausflur zurck, wo Frulein Fliedner stand.
    Liebe Fliedner, sorgen Sie dafr, da Frulein von Sassen sofort in
trockene Kleider kommt - ich mache Sie verantwortlich dafr! befahl er in
seiner gewohnten gelassenen Weise und zeigte auf meine beschmutzten, klglich
zerweichten Atlasstiefeln und mein regennasses Kleid ... In das Gesicht sah er
mir nicht mehr.
    Er bestieg rasch den Wagen und ergriff die Zgel.
    Nimm mich mit nach Dorotheenthal, Onkel! rief Dagobert, der eben in
Begleitung des nunmehr mit Hut und Mantel versehenen Buchhalters aus dem Garten
trat.
    Es ist kein Platz, wie du siehst, versetzte Herr Claudius kurz und deutete
auf mehrere Arbeiter zurck, die mit angsterfllten Mienen nach Eckhof
einstiegen - sie waren aus Dorotheenthal.
    Der Wagen brauste hinaus, und Frulein Fliedner ergriff meine Hand und
fhrte mich in ihr Zimmer. Charlotte kam nach.
    Sie sind aber auch na wie ein gebadetes Ktzchen! sagte sie zu mir,
whrend Frulein Fliedner trockene Kleider herbeitrug. - Merkwrdig, da der
Onkel in diesem Moment, wo seine Schacherseele Tausende verliert, Augen dafr
hatte!
    Daran knnen Sie eben sehen, da er keine Schacherseele ist, versetzte
Frulein Fliedner. Ihr mildes Gesicht war noch bla vom Schrecken, und jetzt
glitt auch ein bitterer, herber Zug um ihren Mund. Ich habe Sie schon oft
gebeten, Charlotte, dergleichen harte und ungerechte Bezeichnungen vor meinen
Ohren nicht laut werden zu lassen - ich kann das wirklich nicht ertragen.
    So - aber Sie schweigen und finden es ganz in der Ordnung, wenn der Onkel
mir in Ihrem Beisein den Text liest und in seiner grausam kalten Ruhe durchaus
nicht glimpflich mit mir verfhrt! rief sie heftig. Wenn er noch ein ehrwrdig
alter Mann wre, dann ertrge sich's leichter - aber mein Stolz bumt sich auf
gegen diesen Mann mit den Feueraugen, der vor meinem Bruder und mir weniger die
Erfahrungen der Jahre als die uere Macht voraus hat. - Er mihandelt uns!
    Das ist nicht wahr, sagte Frulein Fliedner entschieden. Er wehrt nur den
Neigungen, die er nicht dulden darf ... Wenn Sie freilich eigenmchtig und
rcksichtslos handeln, dann mssen Sie sich auch eine Zurechtweisung gefallen
lassen, Charlotte ... Es hat heute wieder etwas gegeben, was Sie vermeiden
konnten. Whrend Herr Claudius mit der Prinzessin im Glashause war, hat unser
Haustischler an smtlichen Fenstern Ihrer Wohnung Ma genommen - Sie htten
Jalousien bestellt, sagte er -
    Nun ja - ich habe lange genug die Sonne geduldig auf meine unglckliche
Haut scheinen lassen, unterbrach sie Charlotte trotzig. An die Sonnenseite
gehrten Lden -
    Ganz recht; aber es war nicht mehr als billig, da Sie Herrn Claudius darum
befragten - es ist sein Haus und sein Geld, ber welches Sie dabei verfgen.
    Gott im Himmel, einmal wird doch die Zeit kommen, wo ich diese Ketten nicht
mehr werde klirren hren! rief Charlotte in ausbrechender Leidenschaft.
    Wer wei, ob sie Ihnen dann nicht eines Tages wieder wnschenswert
erscheinen, sagte Frulein Fliedner sehr gelassen.
    Meinen Sie, liebe, gute Fliedner? - Der lchelnde Hohn in der Stimme der
jungen Dame klang mir geradezu frchterlich. Eine niederschlagende
Prophezeiung! ... Trotzdem bin ich so khn, zu hoffen, ja ganz gewi zu
erwarten, da es die Vorsehung denn doch ein klein wenig besser mit mir im Sinne
hat.
    Sie schritt nach der Thr.
    Wollen Sie nicht den Thee bei mir trinken? fragte Frulein Fliedner so
freundlich und friedfertig, als sei nicht ein bitteres Wort gefallen. Ich werde
ihn sogleich besorgen - ich bin ja fr Frulein von Sassens Gesundheit
verantwortlich gemacht und mu der mglichen Erkltung vorbeugen.
    Ich danke! sagte Charlotte in der offenen Thr mit kaltem Tone ber die
Schulter zurck. Ich will mit meinem Bruder allein sein ... Schicken Sie mir
die Theemaschine hinauf, aber die kleine silberne, wenn ich bitten darf - ich
mag nicht mehr aus Messing trinken, und wenn es Drte auch noch so goldblank
putzt ... Adieu, Prinzechen!
    Sie lie die Thr ins Schlo fallen und eilte mit drhnenden Schritten die
Treppe hinauf. Fast unmittelbar darauf rauschten grelle Klavierakkorde durch das
stillgewordene Haus.
    Die alte Dame schrak sichtlich zusammen. Mein Gott, wie rcksichtslos!
murmelte sie vor sich hin. Mir fllt jeder Ton wie ein Schlag auf mein
gengstigtes Herz.
    Ich will gehen und sie bitten, aufzuhren! sagte ich, nach der Thr
springend.
    Nein, nein, das thun Sie nicht! hielt sie mich ngstlich zurck. Das ist
nun einmal so ihre Gewohnheit, wenn sie sich im Groll zurckzieht, und wir
lassen sie darin auch stets gewhren. Aber heute, gerade in diesen Stunden voll
Angst und Sorgenqual - - was mgen die Leute im Hause davon denken! Sie gilt
ohnehin fr viel herzloser, als sie ist, setzte sie bekmmert hinzu.
    Sie drckte mich in die Federkissen des Sofas und begann den Theetisch
herzurichten. Zu jeder anderen Zeit wre es sicher urgemtlich in dem
altfrnkischen Zimmer der alten Dame gewesen. Die Theemaschine sang; drauen
durch die menschenleere Strae strich seufzend der Wind, und der Regen schlug in
gleichmigem Tempo gegen die Scheiben. Befriedigt nickte das stilllchelnde
Gesicht des Pagoden hinter dem Glas in das leise dmmernde Zimmer herein, und
der kleine jhzornige Pinscher lag faul, in sichtlichem Wohlbehagen des
Geborgenseins, auf dem Polster ... Aber Frulein Fliedner strich die
Butterbrtchen mit zitternden Hnden - ich sah es wohl - und Drte, die alte
Kchin, die einen Teller voll Gebck hereinbrachte, fragte unter beklommenem
Aufseufzen: Wie mag's denn drauen stehen, Frulein Fliedner?
    Mir schlug das Herz in einer unerklrlichen Angst. Ich empfand einen
brennenden Schmerz, wenn ich daran dachte, da Herr Claudius gerade jetzt
zrnend von mir gegangen war - und ich mute, zu meiner Qual, unausgesetzt daran
denken ... Wie kindischeigensinnig und widerspruchsvoll mute ich ihm erschienen
sein, als ich an Charlottens Arm daher gekommen war! ... Trotzdem hatte er
Besorgnis um mich gezeigt - Besorgnis fr mich kleines unbedeutendes Wesen in
einem Moment, wo ein schweres Migeschick ber ihn hereinbrach! ... Leise
schlugen mir die Zhne zusammen, und unter Nervenschauern drckte ich mich
tiefer in die weiche Sofaecke ... Auf Frulein Fliedners dringende Bitten
schluckte ich eine Tasse heien Thees hinunter - die alte Dame selbst geno
nichts - still sa sie neben mir.
    Ist Herr Claudius auch in Gefahr da drauen? rang es sich endlich von
meinen Lippen.
    Sie zuckte die Achseln. Ich frchte es - gefhrlich mag's schon sein -
Wassersnot ist fast schlimmer als Feuersgefahr, und Herr Claudius ist nicht der
Mann, der in solchen Augenblicken an sich selbst denkt - aber er steht in Gottes
Hand, mein Kind!
    Das erleichterte mein Herz gar nicht ... Wie oft hatte ich von Menschen
gelesen, die ertrunken waren - unschuldige Menschen, die nichts verbrochen
hatten - und er sollte ja einen Mord auf dem Gewissen haben! ... Stand der
Mrder auch in Gottes Hand? Das Angstgefhl, unter welchem ich litt, trieb mich
unwillkrlich, das auszusprechen.
    Er ist ja schuld an dem Tode eines Menschen, sagte ich gepret, ohne
aufzusehen.
    Die alte Dame fuhr zurck, und zum erstenmal sah ich ihre sanften Augen im
Ausdruck tiefster Emprung auflodern.
    Abscheulich - wer hat Ihnen das schon gesagt? Und in einer solchen
schonungslosen Weise? rief sie erregt. Sie stand auf und trat fr einige
Sekunden in eines der Fenster; dann setzte sie sich wieder zu mir und nahm meine
beiden Hnde in die ihrigen.
    Wissen Sie auch Nheres darber? fragte sie ruhiger.
    Ich schttelte den Kopf.
    Nun, dann mag sich Ihre junge, in Welt und Leben so unerfahrene Seele
allerdings ein grauenhaftes Bild machen - ich kann mir das lebhaft denken -
armer Erich! ... Es ist freilich die dunkelste Stelle in seinem Leben; aber,
mein Kind, er war damals ein junger Mann von kaum einundzwanzig Jahren, ein
leidenschaftlich und enthusiastisch empfindender Mann... Er hat eine Frau lieb
gehabt, so lieb - nun das mag ich Ihnen nicht des breitern schildern. Weiter
besa er einen Freund, dem er sein ganzes Vertrauen geschenkt, und fr welchen
er sich vielfach aufgeopfert hatte ... Eines Tages nun mu sich der Ahnungslose
berzeugen, da die Frau und der Freund ihn betrgen, da sie beide treulos sind
... Es ist zu einer heftigen Szene gekommen, und es sind Worte gefallen, die,
wie es die abscheuliche Sitte unter Mnnern verlangt, nur durch Blut geshnt
werden konnten. - Sie haben sich duelliert, der verrterischen Frau wegen; der
Freund -
    Der junge Eckhof? warf ich hastig dazwischen.
    Ja, der Sohn des Buchhalters - er hat einen Schu in die Schulter bekommen,
und Herr Claudius ist ziemlich schwer am Kopfe verwundet worden - seine
Augenschwche stammt aus jener Zeit ... Die Wunde Eckhofs ist an sich nicht
gefhrlich gewesen; aber seine bereits sehr zerrttete und geschwchte
Konstitution hat ihn im Stiche gelassen - nach mehrwchentlichem Krankenlager
hat er sterben mssen, trotz aller Bemhungen der ausgezeichnetsten Aerzte.
    Und die Frau, die Frau? unterbrach ich sie.
    Ja, die Frau, mein liebes Kind, die hatte Paris lngst verlassen, als Herr
Claudius von seinem Schmerzenslager aufstand; sie war mit einem Englnder
abgereist.
    Sie war schuld an seinem Leiden und ist nicht gekommen, abzubitten und ihn
zu pflegen?
    Mein kleines Mdchen, sie war eine Dame vom Theater - sie hat dieses
Blutopfer als eine Huldigung ihrer gefhrlichen Schnheit hingenommen und sich
durchaus nicht verpflichtet gefhlt, abzubitten, noch weniger aber die Wunde mit
ihren verwhnten Hnden zu heilen ... Damals, kurze Zeit nach seiner Genesung,
kam Herr Claudius hierher - sein Bruder war - gestorben und hatte so manche
Anordnung in die Hnde seines Erben niedergelegt ... Nach langer Trennung sah
ich ihn zum erstenmal wieder - ich habe nie in meinem ganzen Leben einen
Menschen so furchtbar leiden sehen, als diese junge, aus allen Fugen gerissene
Mnnerseele.
    Er hatte Gewissensbisse?
    Das weniger - er konnte die Frau nicht vergessen ... Wie wahnsinnig lief er
stundenlang durch die Grten, oder raste mit den Hnden ber die Tasten -
    Der ernsthafte, ruhige Herr Claudius? fragte ich atemlos vor
Ueberraschung.
    Das war er eben damals nicht ... Er suchte Ruhe und Beschwichtigung in der
Musik, und wie spielte er! Ich begreife sehr wohl, da ihm Charlottens Trommeln
oft geradezu zur Qual wird ... Er hielt nicht lange hier aus. Ein Jahr noch
reiste er ziellos durch die Welt, dann kam er zurck, vllig umgewandelt, und
nahm als der ernste, strenge, schweigsame Mann, als den Sie ihn kennen, das
Geschft in die Hand ... Ich habe ihn nie wieder eine Taste berhren sehen, ich
habe nie wieder ein leidenschaftliches Wort von ihm gehrt, eine heftige
Bewegung an ihm bemerkt. Er hatte anders berwunden, als sein Bruder, der an
seinem Seelenschmerz zu Grunde gegangen war - sein starker Geist hat ihn das
richtige Beschwichtigungsmittel, die Arbeit, finden lassen. Und so ist er das
geworden, was er heute noch ist, ein Arbeiter im strengsten Sinne des Wortes,
ein stahlharter Charakter, der in Ordnung und Thtigkeit den Gesundbrunnen fr
die Menschenseele sieht und sie berall angewendet wissen will.
    Frulein Fliedner hatte mit einer Lebhaftigkeit gesprochen, wie ich sie an
der zwar immer anmutig liebenswrdigen, aber auch stets sehr zurckhaltenden
alten Dame noch nicht gesehen - sie hatte sich offenbar hinreien lassen. Und
ich sa an ihrer Seite und sah mit zurckgehaltenem Atem in eine ungekannte Welt
- ein Wunder war sie fr mich, die leidenschaftliche Liebe des Mannes zum Weibe!
Meine geliebtesten Zaubergeschichten erblaten und verloren ihren Glanz und Reiz
neben dieser Erzhlung aus der Wirklichkeit ... Und der Mann, der die treulose
Frau nicht vergessen konnte, den der Schmerz um ihren Verlust wie wahnsinnig
durch die Grten gejagt hatte, es war Herr Claudius gewesen - er konnte sich
wirklich etwas so tief zu Herzen nehmen? ...
    Liebt er wohl die Frau noch immer? unterbrach ich mit leiser Stimme das
pltzlich eingetretene tiefe Schweigen.
    Mein Kind, darauf kann ich Ihnen nicht antworten, sagte lchelnd die alte
Dame. Meinen Sie wirklich, es wisse irgend ein Mensch, was in Herrn Claudius'
Innerstem vorgeht? ... Sie kennen ja sein Gesicht und Wesen und nennen es selbst
ernsthaft und ruhig - seine Seele ist fr alle ein zugeschlagenes Buch ...
Uebrigens kann ich mir kaum die Mglichkeit denken; er mu ja die Frau
verachten.
    Es war dunkel geworden. Frulein Fliedner hatte vorhin ein Fenster geffnet,
weil es schwl im Zimmer war; der pltschernde Regen hatte aufgehrt. In der
abgelegenen Mauerstrae war es still, aber fern, von den frequenten Pltzen, dem
Knotenpunkt der Stadt her, drang in an- und abschwellendem Summen das Getse des
lebendigsten Menschenverkehrs. An der gegenberliegenden Straenseite hpften
die Gaslichter eines nach dem anderen auf - sie spiegelten sich in den trben
Regenlachen des Pflasters und zeigten, wie schwarz und druend der Himmel noch
ber der Stadt hnge ... Auch in das Zimmer herein, wo wir lautlos schweigend
nebeneinander saen, fiel ihr schwacher Schein, und ich bat Frulein Fliedner,
keine Lampe anzuznden, es sei hell genug - ich frchtete mich, in das Gesicht
der alten Dame zu sehen, weil ich wute, da es angstvoll und tiefbesorgt
aussehen msse.
    Da kamen schallende Schritte das Trottoir entlang, und im Vorbergehen,
unter dem offenen Fenster, sagte eine hastig erzhlende Stimme: Eine gelhmte
Frau, die sich nicht hat retten knnen, ist ertrunken! ... Es soll schrecklich
drauen sein!
    Wir fuhren empor, und Frulein Fliedner begann rastlos im Zimmer auf und ab
zu gehen ... Nun erscholl auch lebhaftes Sprechen in der Hausflur. Noch keine
Nachricht aus dem Dorotheenthal? hrten wir Charlotte ber das Treppengelnder
herabrufen, als Frulein Fliedner die Thr ffnete.
    Von unseren Leuten ist noch keiner zurck, antwortete der alte Erdmann. Er
stand inmitten der dienstbaren Geister des Hauses, und seine rauhe Stimme
zitterte. Aber andere erzhlen, es sei zu schlimm drauen, fuhr er fort, und
unser Herr ist der erste Mann beim Retten - da Gott erbarm, er fragt viel
danach, ob solch eine Nuschale umkippt! ... Dafr sind doch auch andere Leute
da! ... Der Herzog soll auch drauen sein.
    Wie, Seine Hoheit selbst? rief Dagobert herab.
    Erdmann bejahte. Die Thr droben wurde zugeschlagen; aber gleich darauf kam
der Herr Lieutenant die Treppe herab - er lie sich sein Pferd vorfhren und
jagte davon - der schne Tankred - wie erbrmlich erschien er mir jetzt!
    Ich kauerte mich wieder in die Sofaecke, whrend Frulein Fliedner tief
aufseufzend in die Fensternische trat ... Ich mute an das Wasser denken, wie es
wtend ber die Erde hin tobte und die Menschen erstickte, die sich nicht retten
konnten! Es mute schrecklich sein, in dem trben tosenden Wasser umzukommen!
Aber Herr Claudius fragte viel danach, ob die Nuschale umkippte, wie der alte
Erdmann sagte; er hatte die Welt und die Menschen und das eigene Leben wohl
nicht mehr lieb, und er hatte auch recht. Die Frau, die er nicht vergessen
konnte, war falsch gewesen, und die Geschwister und der alte Buchhalter waren es
auch, und ich, fr die er so viele Gte zeigte, ich hatte vor wenig Stunden
erdrckende Beweise gegen ihn und sein Handeln an das Tageslicht gebracht ...
Nur Frulein Fliedner hielt zu ihm - ich sah mit einer Art von Neid nach der
kleinen zierlichen Gestalt hinber, die regungslos am Fenster verharrte; sie
hatte ein gutes Gewissen, sie hatte ihm nie etwas zuleide gethan, sie brauchte
sich mit keinem Vorwurf zu qulen, wenn - die Wasser ber den edlen blonden Kopf
hinweggingen. Fast htte ich aufgeschrieen bei dieser Vorstellung, aber ich bi
die Zhne zusammen und begann von neuem angstvoll auf jeden Schritt, jedes ferne
Rderrollen zu horchen.
    So verrann Stunde um Stunde. Mein Vater war auch noch nicht heimgekommen -
auf Frulein Fliedners Befehl hatte Erdmann in der Karolinenlust nachsehen
mssen ... Ganz beschwichtigt hatte sich der Lrm der aufgeregten Stadt noch
nicht, aber es war stiller geworden - Mitternacht kam heran ... Da bog ein Wagen
in die Mauerstrae ein - mit einem leisen Aufschreien, einem Gemisch von Angst
und Freude, fuhr die alte Dame empor, und ich flog durch die Hausflur und ri
die Hofthr auf. Ein fast greifbares Dunkel lag ber der Erde, aber ich lief
blindlings hinein, dem daherbrausenden Wagen entgegen.
    Sind Sie es selbst, Herr Claudius? rief ich mit bebender Stimme ber das
Rdergerassel hinweg.
    Ja, scholl es vom Kutschersitz herab.
    Gott sei Dank! ... Ich drckte die Hnde auf die Brust - ich glaube, mein
angsterlstes Herz msse sie im Aufatmen zersprengen.
    Nun kamen auch von allen Seiten die Leute des Hauses gestrzt und umringten
den Wagen. Herr Claudius stieg herab.
    Steht's wirklich so schlimm, Herr Claudius? fragte der alte Erdmann.
Wirklich vierzigtausend Thaler Verlust, wie Schfer sagt?
    Der Schaden ist grer - es ist alles verwstet; wir mssen in
Dorotheenthal ganz von vorn anfangen. Mich schmerzen nur meine jungen Koniferen
- nicht eine steht mehr, sagte er bewegt. Nun, das lt sich wohl alles mit
der Zeit ersetzen; aber hier - er brach ab und ffnete den Wagenschlag.
    Er half jemand sogleich ber den Tritt herab. Das Licht mehrerer
herbeigebrachten Lampen quoll jetzt durch die Hofthr und fiel auf ein junges
Mdchen, das, halb in Herrn Claudius' Armen hngend, auf das Pflaster glitt. Ein
krampfhaftes Schluchzen erschtterte die zarte, tief vornbergebeugte Gestalt,
und das unbedeckte Haar hing unordentlich und aufgelst um ein schnes, aber in
verzweifeltem Schmerz verzogenes Gesicht.
    Ihre Mutter ist ertrunken, flsterten die Leute, die mitgekommen waren.
    Herr Claudius schlang seinen Arm fester um ihre Taille und fhrte sie die
Stufen hinauf. Er strich im Dunkeln dicht an mir vorber - seine Kleider waren
schwerna.
    Auf der obersten Stufe stand Frulein Fliedner und streckte ihm die Hnde
entgegen; was er ihr sagte, konnte ich nicht verstehen - eine pltzliche Scheu
und ein unerklrliches Wehegefhl hatten mich von den Menschen fort, tiefer in
den Hof hinein gescheucht - aber ich sah, wie die alte Dame sanft den Arm der
Weinenden in den ihren legte und sie hinwegfhrte. Herr Claudius verweilte noch
einen Augenblick droben in der Flur und sprach mit Charlotte. Es entging mir
nicht, da er dabei suchend umherblickte - hatte er doch vorhin meine Stimme
erkannt und wollte sich nun berzeugen, ob ich, der er zrnte, es wirklich
gewesen sei? ... Was fr thrichte Gedanken! Er hatte jetzt Wichtigeres zu
denken - wie viel Unglck hatte er heute mit ansehen mssen, und was fr schwere
Aufgaben lagen nun auf seinen Schultern! ... Und hatte er nicht eben ein
tiefgebeugtes, verwaistes Mdchen in sein Haus eingefhrt - eingefhrt mit
zrtlicher Sorgfalt und tiefem Mitgefhl? Sie war nicht so undankbar wie ich;
sie stie die Hand nicht zurck, die sie sttzen wollte - vertrauensvoll hatte
sie sich dem Arm hingegeben, der sie umschlang ... Und da sollte er sich noch
des tolltrotzigen Menschenkindes aus der Heide erinnern? ... Ganz gewi nicht.
    Er kam die Stufen wieder herab, blieb in der Hofthr stehen und sah
angestrengt in das Dunkel hinaus. Unterdes war auch ein Herr aus dem Wagen
gestiegen, der zu ihm trat - ich erkannte meinen Vater. Verwundert sah ich, wie
er Herrn Claudius, dem miachteten Krmer, in herzlichster Weise die Hand bot
und sich unter warmen Dankesworten von ihm verabschiedete. Im Garten schlpfte
ich neben ihm hin und hing mich an seinen Arm. Er war sehr berrascht und konnte
sich nur schwer in die Thatsache finden, sein kleines Mdchen zu so spter
Nachtzeit noch im Freien auflesen zu mssen. Er hatte den Herzog nach
Dorotheenthal begleitet und dann, der Krze wegen, die Rckfahrt in Herrn
Claudius' Wagen angenommen. Whrend wir nach der Karolinenlust schritten,
erzhlte er und sprach auch von Herrn Claudius.
    Was fr ein Mann! rief er stehenbleibend. Der Herzog ist entzckt von
dieser Ruhe und Kaltbltigkeit, von der stillen Wrde, mit der er sein
Migeschick hinnimmt ... Ich habe den Mann fr ein lebendiges Rechenexempel
gehalten - das mu ich ihm abbitten!
    Ja, was fr ein Mann! ... Nun, das lt sich wohl alles mit der Zeit
ersetzen, aber hier - mit diesen wenigen einfachen Worten hatte er seine
enormen pekuniren Verluste dem Unglck des jungen Mdchens gegenber abgewogen.
Und das war der Zahlenonkel, der eiskalte Geldmensch? ... Nein, der Arbeiter im
strengsten Sinne des Wortes, der aber nicht lediglich um des Erwerbs willen
wirkte, sondern weil er in Ordnung und Thtigkeit den Gesundbrunnen seiner
Seele sah ... Ach, jetzt verstand ich ihn schon besser! ...
    In dieser Nacht ging ich nicht mehr zu Bett. Ich setzte mich in die
Fensterecke und wartete auf das Morgenlicht. - Mit dem Tage, der so bla hinter
den Bumen aufglomm, wollte ich ein neues Leben anfangen.

                                       26


Am Nachmittag nahm ich den mir anvertrauten Gartenschlssel und ging hinber in
das Schweizerhuschen. Ich wute, da Gretchens Vater Lehrer an der hheren
Tchterschule zu K. war - er sollte mir helfen, ein anderes Menschenkind zu
werden. Es bedurfte keiner langen Vorstellung in der Familie. Frau Helldorf
erkannte mich sofort wieder - wie ich spter erfuhr, hatte auch der Grtner
Schfer bereits viel von dem wilden, sonderbaren, so pltzlich hereingeschneiten
Kind des gelehrten Herrn erzhlt - und Gretchen flog mir um den Hals. Der
Vorfall im Garten, den ich verschuldet, wurde mit keiner Silbe erwhnt.
    Wollen Sie mir Unterricht geben? fragte ich den Oberlehrer Helldorf, der
vor einem ungeheuren Paket Schulheften korrigierend sa. Ich will lernen, so
viel lernen, wie nur in meinen Kopf hineinzubringen ist! Ich bin schon ein sehr
altes Mdchen und kann nicht einmal ordentlich schreiben. Er lchelte, und
seine reizende kleine Frau auch, und wir machten einen festen Kontrakt, nach
welchem ich wie ein Kind in der Familie im Schweizerhuschen aus und ein gehen
und tglich mindestens drei feste Unterrichtsstunden erhalten sollte. Diesen
Kontrakt teilte ich Frulein Fliedner mit; sie erklrte sich damit vollkommen
einverstanden und bernahm es auf meine Bitten, die Geldangelegenheiten dabei zu
besorgen; so brauchte ich doch nicht in Herrn Claudius' Schreibzimmer zu gehen.
    Ich lernte von da an unermdlich. Freilich flog die Feder anfangs oft genug
unter den Tisch, und ich rannte mit heiem Kopf und thrnengefllten Augen in
den Wald hinein, - aber ich kehrte auch aufseufzend wieder um, nahm den kleinen,
sthlernen Tyrannen langsam vom Boden auf und malte weiter, bis das Nachmalen
allmhlich aufhrte, und die festen hbschen Zge, flink ber das Papier
hinlaufend, der Ausdruck lebendiger Gedanken wurden - da fiel es mir wie
Schuppen von den Augen! ... Ich kam zur Freude meines Lehrers unglaublich
schnell vorwrts, und nun dehnte sich der anfangs auf wenig Fcher beschrnkte
Unterricht auch auf die Musik aus. Hier kam mir meine natrliche Begabung sehr
zu statten, und bald stand ich am Klavier neben dem jungen Helldorf und sang
Duette mit ihm.
    Dieser Verkehr im Schweizerhuschen, den mein Vater billigte, und welchen
Herr Claudius und Frulein Fliedner offen protegierten, wurde von anderer Seite
mit grimmigen und scheelen Augen angesehen. Eckhof war wtend, und Charlotte in
einer mir unbegreiflichen Weise indigniert und hmisch. Ich erfuhr nun auch
Nheres ber den Konflikt zwischen dem alten Buchhalter und seiner Tochter.
Helldorf hatte Theologie studiert und sich schon als Student mit Anna Eckhof
verlobt. Der alte Mystiker war damit einverstanden gewesen, hatte aber die
Bedingung gestellt, da der junge Mann nach vollendeten Studien als Missionr -
und zwar als ein auf smtliche lutherische Bekenntnisschriften streng
verpflichteter Missionr - mit seiner Frau nach Ostindien gehen solle. Die
Klausel war dem Brutigam allmhlich drckend geworden, er verwahrte sich
schlielich energisch dagegen und demaskierte sich als entschiedener Feind alles
pietistischen Wesens und der frommen Phrase. Zudem erklrte der Arzt die
Konstitution des jungen Mdchens fr viel zu zart, als da ihr das aufregende,
an Entbehrungen reiche Leben einer Missionrfrau zugemutet werden drfe. Den
Alten hatte das vllig unberhrt gelassen - fanatisch genug hatte er gemeint,
der Herr werde ihr schon die Kraft durch seine Gnade geben, und wenn nicht, dann
gehe sie ja ein zu ihm als echte, rechte Streiterin der heiligen Kirche ... Er
hatte sie verstoen, als Helldorf fest bei seiner Weigerung geblieben war, und
sie nicht von dem Manne ihres Herzens lassen wollte ...
    Den Groll des alten Mannes ber die pltzlich durchbrochene Scheidewand
zwischen dem verfemten Nachbarhaus und dem bisher von ihm beherrschten Grund und
Boden begriff ich deshalb vollkommen; was aber bewog Charlotte, meinen Umgang
mit der Lehrerfamilie anzufeinden? ... Zornig sagte sie mir wiederholt ins
Gesicht, sie begreife nicht, wie Herr Claudius in meine achtlosen Kinderhnde
den Schlssel zu einer Thr legen knne, an welcher der ffentliche Fahrweg
vorberlaufe - eines schnen Tages werde ja wohl alles Bettelvolk den Garten
berschwemmen. Sie behauptete, ich sei unleidlich hochmtig geworden, seit mir
die Gelehrsamkeit mit dem Nrnberger Trichter beigebracht werde; von dem
reizend natrlichen Heideprinzechen finde sich keine Spur mehr, und meine
Locken ordne ich pltzlich mit einem Schick, der auf eine bedeutende Portion
Koketterie schlieen lasse. Noch grimmiger und verbissener aber wurde sie, als
der Musikunterricht begann. Ich traf sie oft hinter der Gartenmauer, wenn ich
nach dem Schlu der Stunde rasch eintrat; mit sprhenden Augen, aber dennoch mit
fast verletzend nachlssiger Weise meinte sie stets, der kleine Vogel erfreue
sich ja einer recht lauten Kehle - sie habe so im Vorbergehen einige Tne
aufgefangen; als mich aber eines Sonntagnachmittags mein Mitsnger, der junge
Helldorf, bis an die Gartenthr begleitet hatte, da fuhr sie drinnen aus dem
Gebsch auf mich zu und stie ein unauslschliches Gelchter aus, das sie dann
und wann mit einem hhnischen: Darf man gratulieren, Frulein von Sassen?
unterbrach.
    Ich lie sie gewhren, weil ich in Wirklichkeit ihr Wesen nicht verstand. Im
brigen beherrschte sie sich hinsichtlich des schwebenden Geheimnisses weit
mehr, als ich erwartet hatte. Nur in zwei Dingen trat der erhhte Stolz schrfer
zu Tage - in dem Umstand, da sie zu Frulein Fliedners Verdru bei Tisch nie
anders mehr als in starrer Seide erschien, und in ihrer Verachtung des
brgerlichen Elementes. Am meisten mute das der junge Helldorf fhlen, den Herr
Claudius immer mehr in sein Haus zog. Sie behandelte ihn mit einer Klte und
Schroffheit, die mich oft erbitterte, um so mehr, als sich allmhlich ein
schnes, rein geschwisterliches Verhltnis zwischen ihm und mir feststellte. Zu
meiner Genugthuung bot er der verletzenden Behandlung stolz die Stirne - er
ignorierte die hochmtige Dame vllig ... Ich konnte das sehr oft beobachten,
weil auch ich an den kleinen Theezirkeln im Hause Claudius teilnahm, und zwar
stets in Begleitung meines Vaters. Zwischen ihm und Herrn Claudius bestand ein
ziemlich lebhafter Verkehr. Herr Claudius kam sehr viel, was er frher nicht
gethan, in die Bibliothek, und mein Vater ging oft abends hinber in das zur
Sternwarte eingerichtete Zimmer. An den Theeabenden saen sie stets zusammen -
sie schienen sich sehr gut zu verstehen; nur berhrten sie nie, so oft ich auch
hinlauschen mochte, die Mnzangelegenheit ... Meine Stellung zu Herrn Claudius
aber wurde trotz dieses Verkehrs keine andere. Ich zog mich im Gegenteil
strenger und ngstlicher als je von ihm zurck - das Geheimnis, um welches ich
wute, stand zwischen uns. Im Januar, mit Dagoberts Rckkehr, sollte ja die
Angelegenheit zum Austrag kommen - war ich bis dahin freundlich oder auch nur
scheinbar harmlos ihm gegenber, wie falsch stand ich dann da, wenn ihm die
Augen aufgingen! ... Und noch etwas scheuchte mich aus seiner Nhe. Oft, wenn
ich im Gesprch mit anderen pltzlich aufsah, da berraschte ich seinen Blick,
wie er in einer Art von schmerzlicher Versunkenheit an mir hing; ich wute wohl
warum - er sah immer wieder die Lge, die meine junge Stirne befleckte. Das
jagte mir das Blut in das Gesicht und stachelte aufs neue den hlichen Trotz
des Unrechts in mir auf ... Er nahm mein abweisendes Verhalten hin als etwas,
das er nie anders erwartet habe. Mit keinem Worte betonte er die
Vormundschaftsrechte, die ihm Ilse eingerumt, obgleich ich wute, da er nach
wie vor ber meinem Thun und Treiben wachte und sich insgeheim sogar mit meinem
selbstgewhlten Lehrer in Verbindung gesetzt hatte - er hielt das Versprechen,
das er Ilse gegeben, unverbrchlich, so drckend und lstig es ihm auch mit der
Zeit werden mochte. Mich berkam oft eine jhe Angst, wenn ich ihn mit seinem
milden Ernst in so unantastbarer Haltung unter seinen Gsten sitzen und das in
der Luft schwebende Geheimnis ber seinem Haupte drohen sah - wie wird er wohl
hervorgehen aus all den Enthllungen?
    So waren drei Monate vergangen. Mit Stolz sah ich auf die festen, schlanken
Zge meiner Handschrift, denen ich nun auch Seele einzuhauchen wute. Stand ich
doch bereits in Briefwechsel, und zwar in einem geheimen, mit meiner Tante
Christine. Sie hatte mir fr die Uebersendung des Geldes in fast
berschwenglicher Weise gedankt und mir angezeigt, da sie sich nach Dresden in
rztliche Behandlung begeben und die sichere Hoffnung habe, ihre Stimme wieder
zu bekommen. Ihren Versicherungen nach war ich ihre Retterin, ihr Schutzengel
und das einzige Wesen, das noch Mitleid mit einer armen, schwergeprften Frau
habe - sie sprach wiederholt den heien Wunsch aus, mich nur einmal in ihre Arme
schlieen zu drfen. Diese Korrespondenz erschtterte mich dergestalt, da ich
eines Tages meinem Vater gegenber schchtern die unglckliche Tante erwhnte.
Er fuhr empor und verbat sich das fr alle Zeiten, wobei er entrstet sagte, er
begreife Ilse nicht, da sie dieses dunkle Stck Familiengeschichte vor meinen
Ohren habe laut werden lassen ... Ihre immer hufiger werdenden Briefe
ngstigten mich darauf hin nicht wenig, allein ich konnte es doch nicht ber das
Herz bringen, sie zu ignorieren.
    Aber auch noch andere Sorgen brachen in mein Leben herein. Ich, die ich bis
vor wenigen Monaten nicht gewut hatte, was Geld war, ich rechnete jetzt
ngstlich mit jedem Groschen, denn - er fehlte hufig. Ich hatte freudig und
nicht ohne Geschick unser kleines Hauswesen bernommen; ich richtete jeden Abend
einen hbschen, kleinen Theetisch in der Bibliothek her, eine Annehmlichkeit,
die mein Vater lngst nicht mehr gekannt hatte; aber da das schlielich auch
bezahlt werden msse, begriff ich nicht eher, als bis mir das Stubenmdchen
einen langen Zettel voll Auslagen vorlegte.
    Geld? schreckte mein Vater aus seinen Papieren auf, als ich ihm ahnungslos
den Zettel brachte. Mein Kind, ich begreife nicht - wofr denn? Er fuhr
suchend in die Westentasche und in die Seitentaschen des Rockes. - Ich habe
keines, Lorchen! erklrte er achselzuckend mit einer hilflosen Angstgebrde.
Wie ist mir denn - habe ich nicht das Abonnement im Hotel erst vor kurzem
gezahlt?
    Ja, Vater! Aber das sind Auslagen fr Abendbrot - lotterte ich betroffen.
    Ach so! Er zerwhlte mit beiden Hnden das Haar. Ja, mein Kind, das ist
mir etwas ganz Neues - ich habe das nie gebraucht ... Da, da - sagte er und
stie nach einem aus grauem Papier hervorguckenden Stckchen Zucker, das auf
seinem Schreibtisch lag - das ist auerordentlich nahrhaft und gesund.
    Ach, wie erschrak ich, und wie gingen mir pltzlich die Augen weit auf!
    Mein Vater hatte eine bedeutende Einnahme; aber er versagte sich das
Ntigste um seiner Sammlungen willen. Daher dieses zum Entsetzen abgemagerte
Gesicht, das bereits unter meiner und Ilses kurzer Pflege ein auffallend
gesnderes Aussehen bekommen hatte. Wenn ich auch wollte, um seiner selbst
willen durfte ich auf diese Zuckerdit nicht eingehen. Aber mir fehlte aller
Mut, ihm gegenber aufzutreten, nicht einmal zu bitten wagte ich, wenn ich nun
sehen mute, da er Hunderte von Thalern fr vergilbte Handschriften oder eine
alte Majolikavase hingab und nicht einen Pfennig in der Tasche behielt. Sein
sanftes, liebreiches Wesen, seine fast kindliche Glckseligkeit, mit der er mir
die acquirierten Schtze zeigte, und mein eigener hoher Respekt vor seinem Beruf
und Wissen verschlossen mir den Mund.
    Ich suchte den kleinen Geldbeutel hervor, den mir Ilse fr den Notfall im
Koffer zurckgelassen, und den ich bis dahin miachtet hatte. Sein Inhalt
reichte fr einige Zeit; aber nun, mit dem letzten Groschen kam die qulende
Sorge. Ilse durfte ich nicht mit einer derartigen Bitte kommen, und Herrn
Claudius auch nicht; ich mute ihm ja stets mitteilen, in welcher Weise ich das
meinem Vermgen entnommene Geld verwenden wollte. Jetzt, wo ich anfing, Menschen
und Verhltnisse klarer zu beurteilen, jetzt erinnerte ich mich auch, da er das
Sammeln, sobald es zur Leidenschaft wurde, streng verwarf - ich verstand jenen
Ausspruch, solch ein Sammler nehme die Mittel vom Altar, nunmehr vollkommen und
durfte nicht erwarten, da er auf mein Verlangen einging. Aber ber das, was ich
selbst verdiente, hatte er kein Recht; ich brauchte ihm nicht einmal zu sagen,
zu welchem Zweck ich den Erls verwendete - wie ein Blitzstrahl kam mir der
rettende Gedanke . .
    Schon am zweiten Tage nach dem Unglck in Dorotheenthal hatte ich das junge
Mdchen, dessen Mutter ertrunken war, am Fenster eines der Hinterzimmer sitzen
sehen - das schne, bleiche Gesicht tief vornber gebckt, hatte sie so emsig
gearbeitet, da es mir unmglich gewesen war, auch nur einen Blick von ihr zu
erhaschen.
    Was thut sie denn? hatte ich Frulein Fliedner gefragt.
    Sie hat um Beschftigung gebeten, weil sie meint, nur auf diese Weise Herr
ihrer Schmerzen zu werden. Sie schreibt die Blumennamen auf die Samentten - ihr
Vater war Lehrer in Dorotheenthal - sie schreibt sehr schn.
    Das fiel mir wieder ein, als Emma, das Stubenmdchen, mir eines Tages
abermals ein Papier voller Zahlen vorlegte - ich hatte nicht ber einen Pfennig
mehr zu verfgen und bat sie stockend um einige Tage Frist. Sichtlich erstaunt
und betroffen verlie sie das Zimmer, und ich ging abends um die sechste Stunde
mit klopfendem Herzen in das Vorderhaus ... Es war Theeabend bei Herrn Claudius
- mein Vater war auch eingeladen, aber vorlufig verweilte er noch im Schlo, um
die Prinzessin Margarete zu begren, die heute nach fast dreimonatlicher
Abwesenheit in die Residenz zurckkehrte.
    In Frulein Fliedners Zimmer legte ich Mantel und Kapuze ab.
    Kindchen, sagte die alte Dame ein klein wenig verlegen und zog meinen Kopf
an ihre Brust, wenn es einmal in Ihrer Kasse nicht stimmen sollte - nicht wahr,
dann kommen Sie zu mir?
    Ich erschrak - Emma hatte geplaudert; aber nun wollte ich erst recht nicht
meine Verlegenheit eingestehen - ich schmte mich im Namen meines Vaters. Was
half es mir auch, wenn sie mir Geld lieh? Es mute doch zurckgezahlt werden ...
Ich dankte ihr herzlich und ging ziemlich festen Schrittes nach dem Kontor - zum
erstenmal, seit Ilse fort war.
    Schon drauen hrte ich Herrn Claudius auf und ab gehen. Als ich die Thr
ffnete, wandte er sich nach dem Gerusch um und blieb mit auf den Rcken
gelegten Hnden stehen. Nur ber seinem Schreibtisch brannte eine mit grnem
Schirm versehene Lampe, alle anderen Tische waren dunkel - die Herren hatten
bereits die Schreibstube verlassen.
    Ein Schauer durchfuhr mich - der hohe, schlanke Mann da hatte eben noch
auffallend hastigen Schrittes das einsame, halbdunkle Zimmer durchmessen - mehr
als je mute ich der Zeit denken, wo ihn ein leidenschaftlicher Schmerz ruhelos
durch die Grten gehetzt hatte. Mein Erscheinen im Kontor schien ihn sehr zu
befremden - wie unwillkrlich griff er nach dem Lampenschirm und hob ihn, so da
der volle Lichtschein auf meine schchtern an der Thr verharrende kleine Person
fiel. Mir war so peinlich zu Mute, als sei ich pltzlich an den Pranger
gestellt; aber ich nahm alle Energie zusammen, schritt auf ihn zu und legte
unter einer ziemlich miglckten, leichten Verbeugung ein Papier vor ihm auf den
Schreibtisch.
    Wollen Sie die Gte haben und die Handschrift prfen? sagte ich mit
niedergeschlagenen Augen.
    Er nahm das Papier auf.
    Hbsche, charaktervolle Zge - sie stehen fest und trotzig, ich mchte
sagen, geharnischt da und entbehren dennoch nicht der Grazie, sagte er - mit
einem halben Lcheln wandte er mir das Gesicht zu. Man sollte meinen, der
Schreiber habe einen eisernen Handschuh angezogen, um eine zrtlich weiche,
kleine Hand zu maskieren.
    Also hbsch sind sie - ob aber auch brauchbar? - Ich wre froh! sagte ich
gepret.
    Ach so, es geht Sie nher an, als ich dachte - Sie haben das selbst
geschrieben?
    Ja.
    Und was verstehen Sie unter brauchbar? - Gengt es Ihnen nicht, da Sie
pltzlich so hbsch und - man sieht es der Schrift an - so flink und flieend zu
schreiben vermgen?
    O nein, noch lange nicht! versetzte ich hastig. Ich will so schreiben
knnen, da - da man mir Arbeit anvertraut. - Jetzt war es heraus, und ich
wurde mutig. Ich wei, Sie lassen auch durch Frauenhnde die Blumennamen auf
die Samentten schreiben - wollen Sie es einmal mit mir versuchen? ... Ich werde
mir die grte Mhe geben und genau nach Vorschrift arbeiten. - Ich sah zu ihm
auf, senkte aber auch den Blick sofort wieder - seine blauen Augen hingen so
feurig und doch wieder in einer Art von Mitleid schmelzend an meinem Gesicht -
sie waren so glutvoll beredt, als gehrten sie gar nicht zu der brigen ruhig
wrdevollen Erscheinung.
    Sie wollen fr Geld arbeiten? fragte er dennoch sehr gelassen, fast
geschftsmig. Ist Ihnen denn nicht eingefallen, da Sie das nicht brauchen?
Sie haben ja Vermgen ... Sagen Sie mir, wieviel Sie wnschen, und zu welchem
Zweck. - Er legte die Hand auf die eiserne Kiste, die neben ihm stand.
    Nein, das will ich nicht! rief ich heftig. Lassen Sie das Geld nur liegen
fr sptere Zeiten. Meine liebe Gromutter sagte, es genge, um die Not
abzuwehren, und in Not bin ich noch nicht - Gott bewahre!
    Er lie seine Hand von dem Kasten niedersinken - ich wei nicht, weshalb mir
bei seinem eigentmlichen Lcheln der Gedanke kam, er wisse auch bereits um
Emmas Plauderei. Das schlug mich sehr nieder, es bestrkte mich auch zugleich in
meinem Entschlu.
    Sie haben offenbar eine falsche Vorstellung von der Arbeit, der Sie sich
unterziehen wollen, versetzte er. Ich wei es, nach fnf Minuten werden die
Wangen hei werden, werden die Gedanken hinter der Stirne und die Fe unter dem
Tisch gegen das verhate Schreiben rebellieren -
    Das ist jetzt anders, unterbrach ich ihn kleinlaut und beschmt - er
citierte meine eigenen kindischen Worte, mit denen ich ihm ehemals meinen
Abscheu gegen das Schreiben geschildert hatte. Schwer genug ist mir's geworden,
das ist wahr, ich leugne es gar nicht, aber ich habe mich berwunden.
    Wirklich? - Das fatale Lcheln flog wieder um seine Lippen. Sie haben
also die Heidegewohnheiten vollstndig abgeworfen? Sie verabscheuen das
Baumklettern und begreifen nicht mehr, wie Sie einst durch den Flu laufen
konnten?
    O nein, so gebildet bin ich noch lange nicht! fuhr es mir wider Willen
heraus. Ich kann mir berhaupt nicht denken, da je eine Zeit kme, wo ich ohne
Sehnsucht das Rauschen der Bume und das lustige Wasserrieseln hren knnte -
aber ich werde die Sehnsucht so beherrschen lernen, wie ich mit
zusammengebissenen Zhnen diese Zge - ich zeigte auf das Papier - gegen meine
Neigung erzwungen habe.
    Er wandte sich ab und sah an dem grnen Fenstervorhang empor, als wolle er
die Webefden zhlen. Dann nahm er eine kleine Papierhlse und hielt sie mir
hin. In schngeschwungenen krftigen Linien stand darauf: Rosa Damascena.
    Denken Sie sich, Sie mten die Aufschrift vierhundertmal wiederholen,
sagte er nachdrcklich.
    Gut, Sie sollen sehen, da ich's kann! ... Es ist ja ein Blumenname, und
wenn ich das Wort Rose tausendmal schreiben mte, ich wrde mir immer ihren
kstlichen Duft dabei einbilden - ein Rosenkelch ist fr mich ein Wunder, ich
habe ihn immer fr das Knigsschlchen der Kfer gehalten - das ist auch noch
so eine von meinen Heidegewohnheiten - wollen Sie mir nun die Arbeit
anvertrauen?
    Er schwieg, und jetzt fiel es mir schwer auf das Herz, da er alle diese
Schwierigkeiten nur erhebe, um mir nicht direkt sagen zu mssen, da er mein
Geschreibsel nicht brauchen knne. Tief gedemtigt dachte ich an Luise, die
Lehrerwaise - sie war ja noch im Hause, und ihre fleiigen, geschickten Hnde
wurden sehr gerhmt; sie machte die Sache jedenfalls ungleich besser, und es war
vermessen von mir, mich ihr gleichzustellen. Ach, wie bitter bereute ich, in die
Schreibstube gegangen zu sein! ... Nicht ohne eine heftige Aufwallung des alten
Trotzes nahm ich meine Probeschrift und steckte sie in die Tasche.
    Ich fhle, da ich unbescheiden gewesen bin und eine zu hohe Meinung von
meinen Leistungen gehabt habe, sagte ich mit fliegendem Atem. Jetzt, wo ich
diese schne, grazise Schrift sehe - ich deutete nach der Papierhlse - jetzt
bin ich beschmt -
    Hastig schritt ich nach der Thr, aber da stand er auch schon neben mir.
    Gehen Sie nicht so von mir, sagte er in seinen weichsten Tnen. Ich
handle thricht! Sie geben mir den ersten Beweis eines schwach aufkeimenden
Vertrauens, und ich widerspreche Ihnen. - Aber ich kann nicht zugeben, da Sie
sich einer Marter unterziehen, die Ihrer ganzen Natur zuwiderluft - Sie haben
mir selbst gesagt, da Sie das rein Mechanische mit zusammengebissenen Zhnen
vollbringen ... Ich will ferner nicht, da Ihre reine Hand, die bis jetzt das
Geld mit seinem anklebenden Fluch kaum berhrt, sich um den Groschen mht - das
siebzehnjhrige Menschenwunder, das noch nie Geld gesehen, glauben Sie, es wre
damals so flchtig an mir vorbergegangen, wie vielleicht eine neue Gegend, eine
fremdartige Nationaltracht oder dergleichen? ... Ich habe Ihnen gleich zu Anfang
erklrt, da das berwuchernde wildtrotzige Element in Ihrer Natur gezgelt
werden msse - das Ungebrdige entstellt in meinen Augen das Weib, und mgen es
Tausende als wilde Grazie preisen - aber Ihre Individualitt darf dabei nicht
angetastet werden.
    Nun, das Zgeln bernehme ich ja, indem ich arbeiten, fest und angestrengt
arbeiten will, versetzte ich hartnckig. Ich wei es, andere suchen die
Heilung auch in der Arbeit - Sie selbst sind ja thtig von frh bis spt und
verlangen von Ihrer Umgebung streng das Gleiche.
    Er lchelte.
    Ich verlange von jedem mit Recht die angestrengte Thtigkeit in seinem
Berufe ... Aber meinen Sie denn, ich sei ein so eingefleischter Arbeiter, da
ich urteilslos alles in eine und dieselbe Form knete? ... Einen, der mit grober
Sge die berflssigen Aeste vom Baume schneidet, lasse ich ruhig schalten und
walten; allein ich kann sehr schelten, wenn er mir mit rohem Finger eine feine
Blte berhrt und den keuschen Samt von den Blttern streift ... Ich mchte wohl
das widerspenstige Zurckwerfen dieses kleinen Lockenkopfes gemildert sehen,
aber nur durch die errungene geistige Ueberlegenheit, niemals unter dem
lhmenden Joch der mechanischen Arbeit.
    Ich stand auf dem Punkt, die Aussicht auf den einzig mglichen Erwerb zu
verlieren, weil ich es nicht ber mich gewinnen konnte, den geschftsmigen Ton
wieder anzuschlagen, der ihn selbst treulos verlassen hatte. Alles, was er
sagte, klang so verhalten und gedmpft, als frchte er, jede lautere Hebung der
Stimme knne eine innere Glut zum Brand schren, ihn zur Heftigkeit fortreien.
- War denn ein Wort gefallen, das die Erinnerung an die treulose Frau geweckt
hatte? ... Bewegt durch ein unerklrlich heftiges Weh- und Mitgefhl fr den
einst so schwer Gekrnkten, griff ich zu dem einzigen Mittel, das mir blieb - zu
der Bitte. Ich sprach und bat in warmen Tnen, vor denen ich selbst erschrak.
    Ein Aufstrahlen flog wie Sonnenschein ber sein Gesicht.
    Nun denn, Sie sollen haben, was Sie wnschen! sagte er wie nach kurzem
Ueberlegen mit vibrierender Stimme. Ich begreife jetzt, weshalb selbst die
strenge, rauhe Frau Ilse so wenig mit dem Heideprinzechen auszurichten vermocht
hat! ... Nein, nein, so rasch sind wir nicht fertig! rief er, als ich nach
einigen Dankesworten das Zimmer verlassen wollte. - Es ist nicht mehr als
billig, da auch ich mir nun etwas erbitten darf, nicht wahr? ... Erschrecken
Sie nicht, Sie sollen mir keine Hand geben - wie bitter und beschmend klang
diese Beschwichtigung fr mich! - Ich will Sie nur bitten, eine Frage
aufrichtig zu beantworten.
    Ich kehrte zurck und sah zu ihm auf.
    Habe ich mich nicht getuscht - war es wirklich Ihre Stimme, die mich
anrief, als ich in der Unglcksnacht von Dorotheenthal zurckkehrte?
    Ich fhlte, wie mir ein brennendes Rot ber das Gesicht lief; aber ohne
Zgern versetzte ich: Ja, ich bin es gewesen - ich hatte Angst - ich
verstummte, denn die Thr ging auf, und der alte Erdmann trat ein ... Mit dem
Ausdrucke des tiefsten Verdrusses zeigte Herr Claudius auf ein Paket Briefe, die
nach der Post getragen werden sollten. Der alte Mann hatte bereits ein Schreiben
in der Hand, das er auf den Tisch legte, whrend er seine Umhngetasche mit den
Geschftsbriefen fllte.
    Von Frulein Charlotte, sagte er, als er bemerkte, da der Blick seines
Herrn mit sichtlichem Befremden an dem kleinen Siegel des mitgebrachten
Schreibens haftete.
    Der Brief wird erst morgen frh abgehen, Erdmann, sagte Herr Claudius kurz
und nahm ihn an sich.
    Whrenddem hatte ich die Thr erreicht, und ehe er mich noch einmal anrufen
konnte, stand ich mit heftig klopfenden Pulsen in der Hausflur. Ich atmete tief
auf - der brbeiige Alte war im glcklichen Moment eingetreten; um ein Haar
htte ich mich hinreien lassen, Herrn Claudius zu bekennen, was ich an jenem
Abend um ihn gelitten ... Was war das nur? Ich verlor allen Boden unter den
Fen; der alte Herr mit der blauen Brille - wie ein Phantom war diese
anfngliche Vorstellung in alle Lfte verflogen, und von allem, was mir beim
Eintritt in die neue Welt einen tiefen Eindruck gemacht, kam nichts mehr auf
neben der imponierenden Erscheinung des Krmers.

                                       27


Ich huschte die Treppe hinauf nach den Gesellschaftsrumen. Drei
aneinanderstoende Zimmer - das Charlottens mit inbegriffen - waren stets
behaglich erwrmt und beleuchtet. Die Thren standen weit offen, und Herr
Claudius liebte es, im Gesprch dann und wann langsamen Schrittes die Rume zu
durchmessen. Der Kreis, der sich um den Theetisch versammelte, war ein sehr
enger. Einige bejahrte Herren, sogenannte Respektpersonen, und Freunde aus alten
Zeiten kamen ab und zu; mein Vater aber - sein Gnseblmchen
selbstverstndlich auch - und der junge Helldorf waren stehende Gste; auch
Luise, die junge Waise und schweigsame Stickerin, fand sich ein. Dagegen hatte
sich der Buchhalter ein fr allemal dispensieren lassen mit der Entschuldigung,
da er alt werde und an kalten und nebligen Abenden den Weg durch die Grten
scheue; in Wirklichkeit aber hatte er unverhohlen ausgesprochen, die
Physiognomie des Hauses Claudius sei eine so bedenkliche geworden, da er
wenigstens seine Hnde wasche und keinen Teil haben wolle an dem, was der
gegenwrtige Chef der Firma seinen Vorgngern gegenber dereinst verantworten
msse.
    Heute standen die Zimmer noch leer. Es war ein kalter Novemberabend; in den
feinen Regen, der sich, der Erde nahe, in widrige Dunst- und Nebelwolken
auflste, mischten sich die ersten vereinzelten Schneeflocken, und rauhe
Windste pfiffen durch die Gassen.
    Bei meinem Eintreten in den Salon hantierte Frulein Fliedner unter den
klirrenden Tassen des Theetisches. Sie war erregt, die alte Dame, denn das
Porzellan fuhr unter ihren Hnden ein wenig konfus durcheinander ... Charlotte
beobachtete sie mit einem malitisen Lcheln. Sie hatte sich in die Sofaecke
geworfen, halb versunken in die metallisch glitzernden Wogen einer mit Bauschen
und Volants berladenen grnen Seidenrobe. Ihre imposante Schnheit
interessierte mich aufs neue - die prchtigen Formen dehnten sich so behaglich
in den warmen, elastischen Polstern; dennoch frstelte ich unwillkrlich unter
der Einwirkung des Kontrastes zwischen dem drauen vorberfegenden rauhen
Novemberwinde und den entblten Schultern und Armen des ppigen Mdchens, die
nur eine Flut auerordentlich klarer Spitzen berrieselte.
    Ich bitte Sie ums Himmels willen, liebste Fliedner, seien Sie vorsichtig,
rief sie mit affektierter Aengstlichkeit, ohne ihre nachlssig bequeme Stellung
auch nur im mindesten zu verndern. Die selige Frau Claudius mte sich ja in
der Erde umdrehen, wenn sie wte, wie Sie mit ihren porzellanenen Erinnerungen
an frohe Wiegenfeste, Familienjubilen, und was alle diese kostbaren Inschriften
sonst noch verherrlichen mgen - in diesem Augenblicke umgehen ... Die Sache ist
nicht der Rede wert, zu was alterieren Sie sich denn? ... Kann ich etwas dafr,
da mir diese Luise antipathisch ist? Und bin ich schuld, da dieses
Thrnenweidengesicht stets aussieht, als wolle es Gott und alle Welt um
Verzeihung bitten, da es sich die Freiheit nimmt, berhaupt zu existieren? ...
Das Mdchen fhlt instinktmig, was ich ungezwungen ausspreche - sie gehrt
nicht in den Salon mit ihren Schulmeistermanieren. Es ist eine viel zu weit
getriebene Humanittsanwandlung des Onkels, ihr eine Stellung einzurumen, zu
der sie in keiner Weise berechtigt ist ... Du lieber Gott, ich bin auch kein
Unmensch - aber was recht ist! - Guten Abend, Prinzechen!
    Sie reichte mir die Hand und zog mich neben sich auf das Sofa. Da bleiben
Sie hbsch sitzen, Kind, und fahren nicht immer wie ein Irrwisch durch die
Zimmer! sagte sie gebieterisch. Sonst setzt mir der Onkel abermals eine
Nachbarin zur Seite, die mich mit ihrer ewigen Batiststickerei und dem groben
Stahlfingerhut an ihrer Hand zur Verzweiflung bringt.
    Einem dieser unertrglichen Uebel knnen Sie sehr leicht abhelfen, meinte
Frulein Fliedner gelassen. Geben Sie Luise einen Ihrer silbernen Fingerhte -
Sie benutzen sie ja doch nie -
    Wenigstens sehr selten, lachte Charlotte auf und lie ihre schlanken
weien Finger vor den Augen spielen. Ich wei auch warum ... Sehen Sie, beste
Fliedner, diese Ngel? ... Sie sind nicht besonders klein, aber hbsch rosig und
tadellos gebildet - auf jedem sitzt ein Adelsdiplom - glauben Sie nicht? Sie
zog in geistreich ausdrucksvoller Weise die Oberlippe scharf zurck und zeigte
impertinent lchelnd die ganze Reihe ihrer schnen Zhne.
    Nein, das glaube ich ganz entschieden nicht, versetzte Frulein Fliedner
erregt - das Rot des Aergers trat ihr in die Wangen. Die Natur gibt kein
solches Diplom mit, das gegen die Arbeit feit, und auch jenes geschriebene
Frstenwort, dem eine wahnwitzige Vorstellung eine hnliche Wandlungskraft wie
die des Abendmahls verleiht, und infolge deren ehrlich gesundes rotes Blut sich
pltzlich in ein verknsteltes blaues verndern soll - auch dieses Frstenwort
hat nicht die Macht, irgend ein Individuum von der Arbeit zu entbinden, zu der
das Menschengeschlecht berufen ist. Es wre schlimm und ein Widerspruch in
Gottes Schaffen und Walten selbst, wenn den Herrschern in Wahrheit das Recht
verliehen wre, die Faulenzer zu sanktionieren ... An eines aber mu ich Sie bei
dieser Gelegenheit erinnern, Charlotte - es ist bis jetzt nie ber meine Lippen
gekommen; aber Ihr Uebermut kennt keine Grenzen mehr, er wird von Stunde zu
Stunde unertrglicher, und so sage ich Ihnen denn: Vergessen Sie nicht, da Sie
ein Adoptivkind sind!
    Ach ja, solch ein armes Geschpf, das das Gnadenbrot it, nicht wahr, meine
liebe gute Fliedner? rief Charlotte - ihre funkelnden Augen fixierten hhnisch
das Gesicht der alten Dame. Ja, denken Sie sich nur, darber mache ich mir auch
nicht so viel Kummer - sie stippte Daumen und Zeigefinger gegeneinander - es
schmeckt mir ganz vortrefflich, weil ich mich durchaus nicht losmachen kann von
dem Gedanken, da es mir von Gott und Rechts wegen gehrt ... Uebrigens war es
ein wahres Wort, als ich heute Dagobert schrieb, da Sie die erste Geige am
Theetisch spielen, seit Eckhof in Ungnade gefallen ist. - Sie werden
impertinent, meine Gute!
    Sie verstummte und sah ber die alte Dame hinweg nach der offenen Thr, auf
deren Schwelle Herr Claudius geruschlos erschien. Nicht im mindesten verlegen,
erhob sie sich und begrte ihn ... Er trat, ihren Gru kurz erwidernd, an den
Tisch und hielt das Siegel des Briefes, den er im Schreibzimmer konfisziert
hatte, nahe an das Lampenlicht.
    Wie kommst du zu diesem Wappen, Charlotte? fragte er ruhig, wenn auch mit
bedeutender Schrfe im Ton.
    Sie erschrak - ich sah es an dem Zucken ihrer halbgeschlossenen Lider, unter
denen hervor sie mit gutgespieltem Gleichmut auf das Wappen hinblinzelte.
    Wie ich dazu komme, Onkel? wiederholte sie und zuckte in fast scherzhafter
Weise die Achseln. - Es thut mir leid - darber kann ich dir keine Auskunft
geben.
    Was soll das heien?
    War ich nicht deutlich genug, Onkel Erich? - Nun denn, ich bin
augenblicklich auer stande, dir zu sagen, wie dieses hbsche Petschaft in meine
Hnde kommt ... Ich habe auch so meine kleinen Geheimnisse, wie ja deren genug
im alten Claudiushause herumfliegen ... Gestohlen habe ich's nicht; ebensowenig
gekauft; es ist mir auch nicht geschenkt worden. - Sie ging in ihrer Khnheit
so weit, vor diesem tiefernsten Gesicht das verhngnisvolle Rtsel wie einen
Spielball in die Hand zu nehmen.
    Die geistreiche Lsung ist, da du es gefunden hast, wenn ich mir auch
nicht denken kann, wo, sagte er, augenscheinlich widrig berhrt durch die kecke
Art und Weise, mit ihm zu scherzen. Es fllt mir nicht ein, weiter in dich zu
dringen - behalte dein Geheimnis. Dagegen frage ich dich ernstlich: Wie kommst
du dazu, dieses Wappen zu fhren?
    Weil - nun, weil es mir gefllt!
    Ach so - das ist ja ein wunderbarer Begriff von Mein und Dein! ...
Freilich, dieses Wappen ist herrenloses Gut; auch fehlt mir persnlich der
Respekt vor dem angedichteten Nimbus solch eines kleinen Schildes - ich knnte
dir schlielich die kindische Freude lassen, ferner deine Briefe mit diesem
gekrnten Adlerflgel zu siegeln, wenn - du nicht Charlotte wrst; einem
notorischen Spieler aber, den man heilen will, gibt man keine Karten in die
Hnde ... Ich verbiete dir hiermit ein fr allemal, das gefundene Petschaft
ferner in Gebrauch zu nehmen!
    Onkel, ich frage dich, ob du in Wirklichkeit das Recht dazu hast! rief
Charlotte in unaufhaltsam hervorbrechender Leidenschaft.
    Ich zitterte vor Angst und Aufregung - sie stand auf dem Punkte, mit einem
einzigen Hiebe den Knoten zu durchhauen.
    Herr Claudius trat um einen Schritt zurck und ma sie mit einem stolz
erstaunten Blick.
    Du wagst es anzuzweifeln? - Er zrnte, und doch blieb er vollkommen
beherrscht in seiner ueren Haltung. In der Stunde, wo ihr - du und dein
Bruder - an meiner Hand Madame Godins Haus verlassen habt, ist mir dieses Recht
zugefallen. Ich habe dir den Namen Claudius gegeben, und kein Gericht der Welt
kann es mir verwehren, wenn ich darauf bestehe, da du ihn ohne alle
Verballhornisierung trgst ... Sollte wirklich der Augenblick gekommen sein, wo
ich bereuen mte, dieses hochgehaltene Kleinod meiner Vter als Schild ber
dein und Dagoberts Haupt gedeckt zu haben? ... Mein Bruder hat es geschdigt,
indem er dieses Unding - er zeigte auf das Siegel - daran knpfen lie; mit
meinem Willen soll es nie wieder aufleben! Ein spttisch berlegenes Lcheln
huschte durch Charlottens Zge; er sah es und runzelte finster die Brauen.
    Kindisch schwache und angekrnkelte Seele in einem so krftigen, gesunden
Krper! sagte er und lie seinen Blick ber die imposante Gestalt des jungen
Mdchens hinstreichen. Du klagst und schiltst ber den unnahbaren Hochmut des
Adels und strkst ihn doch, wie tausend andere schwachsinnige Geister auch,
durch die Gier, in seinen Kreisen zu verkehren, durch knechtische Unterwerfung,
wenn man dich nur duldet ... Ich gehre nicht zu jenen fanatischen Gegnern des
Adels, die ihn von seinem Piedestal stoen wollen - mag er doch da bleiben - ich
behaupte auch den Platz, auf dem ich stehe ... Die Bedeutung seiner Weltstellung
ist ohnehin eine andere geworden - wenn ich mich ihm nicht unterthnig mache,
dann bin ich's auch nicht. Seine eingebildete Strke wurzelt nur noch in eurer
Schwche - wo keine Anbetung, da ist auch keine Gtze.
    Charlotte warf sich wieder in die Sofaecke - ihre Wangen glhten; es kostete
ihr offenbar einen schweren Kampf, die Zunge zu zhmen.
    Mein Gott, was kann ich fr meine Natur? rief sie nicht ohne Hohn. Sei es
drum - ich kann mir eben nicht helfen, ich gehre nun einmal zu jenen
schwachsinnigen Geistern! Warum soll ich's leugnen - hinge dieser reizende
gekrnte Adlerflgel mit meinem wirklichen Familiennamen zusammen, ich wre
stolz - stolz ber die Maen!
    Nun, es ist dafr gesorgt, da die Bume nicht in den Himmel wachsen ...
Wehe denen, die mit dir verkehren mten, wenn dir wirklich dieser sogenannte
Vorzug der Geburt zufiele! Glcklicherweise berechtigt dich weder dein
Adoptivname noch der deiner eigentlichen Familie -
    Der meiner Familie? - Und wie lautet er, Onkel Erich? Sie erhob sich
unwillkrlich und heftete fest und durchdringend ihre glhenden Augen auf sein
Gesicht.
    Httest du ihn in der That vergessen, ihn, der dir tausendfach ser und
vornehmer klingt als der grobe, deutsche, brenhafte Name Claudius? ... Er
lautet - Mericourt. - Er sprach den Namen augenscheinlich mit Ueberwindung aus.
    Charlotte sank wieder in die Polster zurck und drckte das Taschentuch
gegen ihre Lippen.
    Ist Ihr Thee fertig, liebe Fliedner? wandte sich Herr Claudius an die alte
Dame, die gleich mir in atemloser Spannung dem gefhrlichen Gesprch gefolgt
war.
    Whrend er sich einen Fauteuil an den Tisch schob, go sie schleunigst Thee
ein; ihre kleinen, feinen Hnde waren ein wenig unsicher, als sie ihm die Tasse
hinreichte, und ein besorgter Blick streifte scheu seine verfinsterte Stirn -
die alte Frau sollte ja seine Mitschuldige sein, diese sanfte, liebreiche,
gtige alte Frau, die Mitwisserin einer fortgesetzten schwarzen Schuld -
nimmermehr! Herr Claudius hatte durch seinen letzten fest und sicher gegebenen
Bescheid die Angelegenheit wieder in das tiefste Dunkel gezogen - ihm glaubte
ich. Anders dachte Charlotte; ich sah es an ihrem Gesicht, ihre Ueberzeugung war
eine unumstliche. Wie eine Frstin sa sie neben mir und lie sich von
Frulein Fliedner bedienen, und der spttisch feine Zug, der ihre Mundwinkel
abwrts bog, galt dem Namen Mericourt ... Welch ein Widerspruch in dieser
hochmtigen Seele selbst! Einst hatte sie mit dem franzsischen Namen die
Voraussetzung, da das deutsche plebejische Blut der Claudius in ihren Adern
fliee, zornig und energisch abgewehrt, und nun verwarf sie ihn verchtlich wie
ein abgelegtes Kleid, auf die Enthllung hin, da sie in Wahrheit eine Claudius,
die leibliche Nichte des miachteten Krmers sei ... Ach, ich harmloses Kind der
Heide, ich begriff ja nicht, da ein Machtwort des Frsten, ein paar
Federstriche seiner Hand den alten Stamm des Krmerhauses bis in die Wurzel
gespalten und den abgetrennten Ast bis zur Unkenntlichkeit veredelt hatte!
    Luise trat ein, und gleich nach ihr Helldorf. Ich schpfte tief Atem, als
wehe mich ein erfrischendes Element an - diese beiden hatten ja keine Ahnung von
dem vulkanischen Boden, auf welchem der friedliche Theetisch stand; sie
unterbrachen in zwangloser Weise das dumpfe Schweigen, das seit Herrn Claudius
letztem Wort herrschte; auch hatte ich in Helldorfs Nhe stets das Gefhl des
Beschtztseins, einer trauten, heimischen Beziehung - war ich doch auch
allmhlich das zrtlich gehegte und gehtschelte Kind im Hause seines Bruders
geworden.
    Er reichte mir mit verstndnisvollem Lcheln und vorsichtigen Fingern eine
weie Papiertte hin - ich wute, was sie enthielt - eine kaum aufgebrochene
Theerose, die Frau Helldorf lange fr mich gepflegt, und von welcher sie mir am
Morgen gesagt hatte, sie werde sie mir noch an den Theetisch schicken, falls sie
im Laufe des Tages den Kelch ffnen sollte. Ich stie einen Freudenruf aus, als
ich das Papier auseinanderschlug - mattwei, tief im halberschlossenen,
strotzenden Kelch, blagelb angehaucht, schwankte die starkduftende Blte schwer
am Stengel ...
    O weh, nehmen Sie doch ein wenig Rcksicht auf mein Kleid, Luise! Sie
reien mir ja die Spitzen von den Volants! rief Charlotte in diesem Augenblick
heftig und zog die rauschenden Falten ihrer Robe an sich. Sie war sehr zornig;
aber ich konnte unmglich glauben, da es dem Kleide gelte - ein Ri in dem
kostbarsten Anzug war ihr stets sehr gleichgltig. Ich hatte gesehen, wie sie
das Dreieck, das ihr ein Dornbusch in ein prchtiges Spitzentuch gerissen,
eigenhndig erweiterte, weil es gar so lcherlich aussehe, und Fliedners
kleinen Pinscher hatte sie lachend an den Ohren gezupft dafr, da er so
reizend boshaft den Besatz eines neuen Kleides zerfetzt hatte.
    Luise fuhr erschrocken, mit todesngstlichen Augen empor und stammelte eine
Entschuldigung um die andere, obgleich sich der prophezeite Schaden nirgends
entdecken lie - man sah dem scheuen, gedrckten Geschpf die Furcht an, die ihr
die herrische junge Dame einflte ... Die Szene war peinlich und htte sicher
noch eine unangenehme Wendung fr Charlotte genommen, wre nicht Frulein
Fliedner ablenkend eingeschritten. Mit einem Blick auf Herrn Claudius' finster
gefaltene Brauen ergriff sie die Rose und steckte sie mir in die Locken.
    Sie sehen prchtig aus, kleine Orientalin! sagte sie, mich freundlich auf
die Wange klopfend.
    Charlotte lehnte sich in ihre Ecke zurck - tief, als schlafe sie, lagen die
breiten dunklen Wimpern auf ihren heiglhenden Wangen - sie wrdigte den
Schmuck in meinem Haar nicht eines Blickes.
    Trotz des hlichen Wetters fanden sich noch einige Gste aus der Stadt ein.
Ein lebhafter Wortwechsel entspann sich sofort, und Charlotte erwachte aus ihrer
scheinbaren Apathie - der Lockung, mit ihrer Konversationsgabe zu brillieren,
konnte sie nicht widerstehen. Heute sprhte ihr Geist frmlich Funken; ich hatte
sie noch nie so hinreiend beredt gesehen. Freilich klang ihr Spottgelchter oft
grell und unharmonisch dazwischen, und das fast bacchantisch wilde Zurckwerfen
und Emporschnellen der ppigen Gestalt, das ungezwungene Spiel der weien vollen
Schultern in dem die Bste nur lose umschlieenden Kleid lschten den letzten
Anhauch des Mdchenhaften von dem strahlenden Frauenbild - es war, als prickele
es ihr elektrisch in jeder Fiber, als flsse nicht Blut, sondern Feuer durch
ihre Adern ...
    Mit einem Gemisch von Grauen und Bewunderung hing mein Blick wie festgebannt
an ihr - da glitt langsam eine Hand vor meinen Augen nieder, als wolle sie mir
den Blick verwehren - es war Herr Claudius, der neben mir sa. Zugleich forderte
er Helldorf auf, ein Lied zu singen. Seine unverkennbare Absicht, durch den
Gesang des jungen Mannes den witzsprudelnden roten Mund dort fr einen Moment
wenigstens zum Schweigen zu bringen, miglckte; Charlotte sprach, wenn auch mit
etwas moderierter Stimme, weiter, als habe sie keine Ahnung davon, da drben am
Flgel Der Wanderer von Schubert in tiefergreifender Gewalt gesungen werde.
    Wenn du selbst keine Achtung vor der Musik hast, Charlotte, dann stre
wenigstens den Genu anderer nicht, unterbrach sie Herr Claudius pltzlich
streng und winkte, Schweigen gebietend, mit der Hand hinber.
    Sie fuhr zusammen und verstummte. Mit einer gleichgltig stolzen Bewegung
lie sie den Kopf auf die Sofalehne sinken, nahm eine der beiden dicken Locken
auf, die ihr ber den Busen herabhingen, und lie sie in nervs aufgeregtem
Spiel ber die zuckenden Finger rollen. Sie hob nicht einmal die Lider, als der
junge Mann wieder in das Zimmer trat und den begeisterten Dank der Anwesenden
empfing.
    Einer der Herren bat sie dennoch, ein Duett mit Helldorf zu singen.
    Nein, heute nicht - ich bin nicht aufgelegt, sagte sie in nachlssigem
Ton, ohne ihre Stellung zu verndern, ja, ohne auch nur die Augen aufzuschlagen.
    Ich sah, wie Helldorfs schnes Gesicht bis in die Lippen bleich wurde. Er
that mir unsglich leid - ich konnte es nicht ertragen, da ein Glied der mir so
liebgewordenen Familie beleidigt wurde. Mutig erhob ich mich.
    Ich will das Duett mit Ihnen singen, wenn Sie es wnschen, sagte ich zu
ihm - meine Stimme bebte freilich, denn mir selbst schien es, als thte ich
etwas Ungeheuerliches, etwas ganz Uebermenschliches.
    Und er wute das - er kannte meine Scheu vor fremden Zuhrern ... Mit einer
lebhaften Bewegung zog er meine Hand an seine Lippen; dann traten wir an den
Flgel.
    Ich glaube, ich habe nie in meinem Leben so gut und ausdrucksvoll gesungen
wie an jenem Abende. Eine mchtige, wenn auch noch unbegriffene Erregung lie
mich die Angst berwinden, die meine ersten Tne umschleierte ... Schon whrend
des Gesanges waren die Anwesenden geruschlos, eines nach dem anderen,
herbergekommen, und nach dem Schlu berschtteten sie uns mit Beifall; ich
ganz besonders wurde von den alten Herren als Lerche, Flte und Gott wei was
alles bis zum Himmel erhoben.
    Da kam auch Charlotte herbergerauscht. Sie strmte auf mich zu und legte
ihren Arm um meine Taille. Ich erschrak vor ihr - sie bog sich tief genug ber
mich, da ich die funkelnden Thrnen in ihren Augen sehen konnte; aber es waren
Thrnen des Zornes, die sie mit festzusammengepreten Lippen und schweratmender
Brust gewaltsam niederzuschlucken suchte. Htte ich damals nur entfernt
begriffen, welcher Art die Leidenschaft war, die sie so furchtbar aufregte, wie
leicht wre es mir geworden, sie zu beschwichtigen, und wie gern htte ich's
gethan! So aber berschlich mich ein unbeschreibliches Angstgefhl, und
unwillkrlich strebte ich, mich aus der Umschlingung loszuwinden.
    Nun sehe einer die kleine Heidelerche an! lachte sie auf. Mit einem
einzigen Griff knnte man dieses Vogelkrperchen zerdrcken, sie schnrte ihren
Arm so fest um meinen Leib, da mir der Atem stockte, und das schmettert, da
die Wnde zittern!
    Ehe ich mich dessen versah, hatte sie mich scheinbar kosend und htschelnd
aus dem Kreise der Umstehenden mehr in das Dunkel hineingezogen - sie fuhr mit
der Hand heftig ber den Scheitel, und pltzlich flog die Rose aus meinen Locken
weit in den anstoenden Salon hinein.
    Kleine, reizende Kokette, Sie haben Ihre Rolle glanzvoll durchgefhrt - wer
htte gedacht, da solch ein gefhrliches Element in dem Barfchen stecke!
raunte sie mir mit mhsam beherrschter Stimme zu. Wissen Sie auch, wie man es
mit den Gefeierten macht? rief sie lauter. Man hebt sie hoch ber den gemeinen
Menschentro ... Sehen Sie so, so, Sie - federleichtes Ding, Sie allerliebstes
Nichtschen!
    Ich schwebte pltzlich hoch droben in der Luft und htte den Stuck des
Plafonds mit den Hnden berhren knnen, denn das obere Stockwerk des
Vorderhauses war sehr niedrig. Auf den riesenstarken Mdchenarmen war ich
allerdings eine gen Himmel gewehte Flaumfeder, ein schwaches Geschpf mit
wehrlosen Kinderhndchen, ein Nichts; selbst ber meine Stimme hatte ich keine
Macht, Scham und Schrecken schnrten mir die Kehle zu - ich whnte mich in der
Gewalt einer Wahnwitzigen.
    Lachend flog sie mit mir durch die Zimmer, whrend ich unwillkrlich die
Augen schlo ... Da durchfuhr jh ein schmetternder Schlag meinen Kopf - wir
waren gegen den tiefniederhngenden schweren Bronzekronleuchter im letzten Salon
gerannt. Ich stie einen zitternden Schrei aus - die Anwesenden strzten auf uns
zu, whrend meine Trgerin mich erschrocken niedergleiten lie. Wie durch einen
Schleier sah ich nur noch, da Herrn Claudius' Arme mich auffingen - dann legte
sich ein rtselhaftes Dunkel ber mich.
    Wie lange diese Betubung angedauert, wei ich nicht - aber es kam mir vor,
als erwache ich allmhlich und zwar ganz in der Weise, wie ich als Kind oft auf
Ilses Scho aufgewacht war. Ich fhlte mich sanft umschlungen, und an meinem Ohr
hin strich dann und wann ein geflsterter Hauch, den ich nicht verstand, und der
mir doch genau so klang, wie Ilses scheu kosende Schmeichelnamen, die ich
eigentlich auch nicht hren sollte. Aber das Herz, an welches mein Kopf gedrckt
wurde, war ein heftig klopfendes - das war anders als bei Ilse ... Erschrocken
schlug ich die Augen auf und sah in ein vllig entfrbtes Gesicht, dessen
Ausdruck voll leidenschaftlicher Angst ich nie vergessen werde.
    Ich begriff pltzlich die Situation, in der ich mich befand, und bog
erglhend den Kopf weg, der bei der heftigen Bewegung zu schmerzen anfing.
Sofort zog sich der Arm von meinen Schultern zurck, und Herr Claudius, der
neben mir auf dem Sofa gesessen hatte, sprang auf.
    Ach mein liebes, ses Kindchen - Gott sei Dank, da sind ja Ihre groen
Augen wieder! rief Frulein Fliedner, die eben ein Leinenstck in einer
Porzellanschssel ausrang, mit bebender Stimme hinber.
    Ich griff nach meinem Kopf, er war verbunden, und an der linken Schlfe
nieder sickerte das khle Wasser des Umschlags. Schneller als ich selbst gedacht
htte, war ich Herr ber meine Nerven und die wunderbar ungekannte Empfindung,
die mich fr einen Augenblick so unbeschreiblich s und beseligend
durchschauert hatte ... Voll Angst dachte ich an Charlotte und das Strafgericht,
das ber sie ergehen wrde - ich mute so schnell wie mglich wieder heil und
gesund auf meinen Fen stehen.
    Was habe ich denn fr Streiche gemacht? fragte ich, mich energisch wieder
aufrichtend.
    Sie sind ein klein wenig in Ohnmacht gefallen, Herzchen, sagte Frulein
Fliedner, sichtlich erfreut ber meine Munterkeit.
    Wie, ein so schwaches Geschpf bin ich? ... Wenn Ilse das wte! Sie kann
die nervenschwachen Frauenzimmer nicht ausstehen ... Aber wir wollen das Tuch
wieder abnehmen, Frulein Fliedner - es ist wirklich nicht ntig - ich griff
danach. Ach meine Rose! rief ich unwillkrlich.
    Sie sollen sie wieder haben, sagte Herr Claudius niedergeschlagen - ich
sah, wie ein Seufzer seine Brust hob. Er ging in das anstoende Zimmer, wo die
Blume noch auf dem Boden lag, und nahm sie auf.
    Ich mu sie in Ehren halten, Frau Helldorf hat sie so lange fr mich
gepflegt - wir haben zusammen jedes Blttchen beobachtet und wachsen sehen,
sagte ich, zu ihm aufblickend, als er mir sie hinreichte.
    Diese wenigen Worte hatten eine seltsame Wirkung - mit ihnen verflog das
traurig finstere Geprge auf Herrn Claudius' Stirn bis auf die letzte Spur, und
dort rauschte die Gardine, und Charlotte, die sich offenbar in der ersten
Bestrzung in das schtzende Dunkel der Fensternische geflchtet hatte, trat
rasch hervor. Sie kam auf mich zugeflogen und warf sich auf die Kniee nieder.
    Prinzechen - flehte sie in weichen, halbgebrochenen Tnen und streckte
mir, um Verzeihung bittend, die Rechte hin.
    Herr Claudius trat zwischen uns. Ich zitterte - ich hatte ja noch nie diese
groen blauen Augen im unbezhmbaren Zorn auflodern sehen.
    Du berhrst sie mit keiner Fingerspitze! Nie wieder! Ich werde sie knftig
vor dir zu schtzen wissen! rief er heftig und stie ihre Hand zurck ... Wie
sie unerbittlich hart und grausam klingen konnte, diese ruhige, gelassene
Stimme!
    Frulein Fliedner fuhr entsetzt herum und sah angstvoll in sein Gesicht -
zum erstenmal seit langen Jahren wieder durchbrach die Leidenschaft, die bis auf
den letzten Funken erloschen schien, den Damm einer streng gebten,
beispiellosen Selbstbeherrschung ... Geruschlos drckte die alte Dame die Thre
zu - in Charlottens Zimmer waren ja noch die Herren anwesend.
    Ich bereue - bereue bitter jenen Moment, wo ich dich auf meinem Arm in eine
reinere Atmosphre zu retten meinte! fuhr er in gleicher Heftigkeit fort. Ich
habe Wasser mit Sieben geschpft - Art lt nicht von Art, und das wilde Blut in
deinen Adern -
    Sage lieber das stolze, Onkel! unterbrach sie ihn, sich vom Boden erhebend
- sie war bleich wie der Tod; dieser herausfordernd in den Nacken geworfene Kopf
schien frmlich versteinert in seiner hohnvollen Ruhe.
    Stolz? wiederholte er mit einem bitteren Lcheln. Sage mir, wie du diese
schne Zierde des Weibes zu zeigen gewohnt bist, und wann! Vielleicht in dieser
Stunde, wo du, bar aller Weiblichkeit und Wrde, eine zgellose Bacchantin
warst?
    Sie fuhr zurck, als habe er sie in das Gesicht geschlagen.
    Und was nennst du sonst stolz? fuhr er unerbittlich fort. Dein
ungerechtfertigtes Haschen nach Rang und Stellung? Deine Art und Weise, wie du
Menschen, die deiner Meinung nach tief unter dir stehen, wegwerfend und herzlos
behandelst ... Mit dieser Handlungsweise erbitterst du mich oft aufs tiefste,
und ohne es zu wissen, rttelst du bedenklich an dem morschen Boden unter deinen
Fen ... Hte dich.
    Vor was, Onkel Erich! unterbrach sie ihn kalt mit spttisch gesenkten
Mundwinkeln. Haben wir, mein Bruder und ich, nicht bereits alle Stadien der
Unterdrckung durchlaufen? Gibt es wirklich noch eine Saite auf unseren
allerdings hochgespannten Seelen, die du nicht mit harter Hand angegriffen und
als verkehrt, als unvereinbar mit dem praktischen - sage hausbackenen - Leben
verworfen httest? Suchst du nicht unsere Ideale zu zertreten, wo du kannst?
    Ja, als giftiges Gewrm, als Hirngespinste, die mit Moral und einem
wirklich erhabenen Aufflug des Menschengeistes nichts gemein haben ... Ihr in
tiefster Seele Unadeligen! Ihr habt nicht einmal Raum fr Dankbarkeit!
    Ich wrde dir danken fr das Brot, das ich gegessen habe - wenn ich nicht
mehr von dir zu fordern htte! - brauste sie auf.
    Um Gottes willen schweigen Sie, Charlotte! rief Frulein Fliedner mit
vllig entfrbtem Gesicht und erfate ihren Arm. Zornig schttelte sie die Dame
ab.
    Herr Claudius ma, starr vor Ueberraschung, die druend gehobene
Mdchengestalt von Kopf bis zu Fen. Und was forderst du? fragte er mit der
alten, vollkommenen Gelassenheit.
    Vor allem Licht ber meine Abkunft!
    Du willst die Wahrheit wissen?
    Ja, sagte sie. Ich brauche sie nicht zu frchten! stie sie in einer Art
von Triumph heraus.
    Er wandte ihr den Rcken und ging einmal im Zimmer auf und ab - es war so
totenstill, da ich meinte, man msse das Klopfen der strmisch aufgeregten
Pulse hren.
    Nein, jetzt nicht - jetzt nicht, wo du mich so tief gekrnkt und beleidigt
hast - es wre unedle Rache! sagte er endlich, vor ihr stehen bleibend. Er hob
den Arm und zeigte nach der Thre. Gehe - nie warst du weniger fhig, die
Wahrheit zu ertragen, als in diesem Augenblick!
    Ich wute es! lachte sie auf und rauschte hinaus in den Korridor.
    Frulein Fliedner legte mir schweigend mit zitternden Hnden einen frischen
Umschlag auf den Kopf; dann ging sie hinber, um nur einmal nach den Herren zu
sehen.
    Mir schlug das Herz - ich war allein mit Herrn Claudius. Er setzte sich
neben mich auf einen Stuhl.
    Das war eine wilde Szene, nicht geeignet fr diese erschrockenen Augen, die
ich doch um alles gern vor schlimmen Eindrcken behten mchte! sagte er mit
sicherer Stimme. Sie haben mich heftig gesehen - wie mir das leid ist! ... Das
schwache Vertrauen zu mir, das Sie mir heute gezeigt haben, ist nun wieder
spurlos verflogen - ich kann mir das denken.
    Ich schttelte den Kopf.
    Nicht? fragte er aufatmend und sein verschleierter Blick leuchtete. -
Eine Flamme zngelte mir nach dem Gehirn - ich kenne sie und habe sie stets
unter meinen Fu gezwungen; nur heute nicht, wo ich Ihren Aufschrei hrte und
das Blut ber Ihr blasses Gesichtchen rieseln sah. Er stand auf und durchma
das Zimmer, als berwltige ihn der Eindruck nochmals.
    Seine Augen schweiften ber die Zimmerdecke und den altmodischen
Kronleuchter.
    Das bse, alte Haus! sagte er stehen bleibend. Es webt ein schlimmer
Zauber um diese Wnde und Gertschaften ... Ich kann jetzt begreifen, weshalb
die Karolinenlust entstehen mute - ich verstehe den alten Eberhard Claudius ...
Meine schne Urgromutter ist in diesen Mauern vergangen wie eine Blume - jenen
schlichten, ruhigen Herzens gewhlten Hausfrauen, deren genug hier geschaltet
und gewaltet haben, sind sie eine stille, friedliche Heimat gewesen - einem
abgttisch geliebten Frauenleben aber ist das alte Haus stets gefhrlich
geworden.
    Mir ging die aufgeregte Stimme durch Mark und Bein. In diesen Tnen hatte er
gewi auch zu jener Treulosen gesprochen - wie war es mglich gewesen, da sie
ihn dennoch verlassen konnte? ...
    Ihr unschuldiges Kindergemt hat Sie instinktmig vor dem kalten, dunklen
Vorderhause zurckschaudern lassen, fuhr er fort, sich wieder zu mir setzend.
    Ja, das war im Anfang, unterbrach ich ihn lebhaft, wo ich aus der Heide
kam und jede unbekannte Mauer fr einen Kerker hielt - das war sehr kindisch ...
Auf dem Dierkhof ist's ja auch nicht hell - da gibt's alte, blinde Scheiben
genug, durch die die Sonne nur blinzelt, und in der Tenne ist's khl und
dmmerig, mag auch drauen die ganze flimmernde Sonnenglut ber der Heide liegen
... Nein, ich habe es jetzt lieb, das alte Vorderhaus, ich betrachte es mit ganz
anderen Augen, und seit ich ber Augsburg und die Fugger gelesen habe, ist mir's
immer, als mten die Frauen mit dem Stirnschleier aus ihrem Rahmen steigen und
mir in den Gngen und auf der breiten Steintreppe begegnen.
    Ach, das ist die Poesie, mit der sich das Heideprinzechen auch die de,
arme Heimat verklrt hat! ... Sie wrden mit ihr aushalten im alten
Kaufmannshause und sich nicht hinber in die Karolinenlust retten lassen?
    Nein - es ist mir trauter und heimischer hier ... War denn niemand im
Vorderhause, den die schne Urgromutter lieb hatte?
    Was hatte ich denn gesagt, da er zurckfuhr und mich wie versteinert ansah?
...
    Da ging die Thre auf und Frulein Fliedner trat mit dem herbeigeholten
Hausarzte ein; gleich darauf kam auch mein Vater. Er war anfnglich sehr
betroffen ber meinen Unfall; aber nach Aussage des Arztes war nicht der
mindeste Grund zur Besorgnis vorhanden. Eine meiner Locken fiel unter der
Schere, dann wurde ein kleiner Verband angelegt; nur durfte ich nicht mehr in
die Nachtluft hinaus. Zum erstenmal schlief ich, bewacht von Frulein Fliedner,
im Vorderhause; und durch meine leichten Fiebertrume ging eine kleine Gestalt;
sie trug den Stirnschleier, wie die Hausfrauen der alten Claudius, und schritt
durch die hallenden Gnge und die breite Steintreppe hinab; aber ihre Fe
berhrten die kalten Fliesen nicht, die ganzen Blumen des Gartens waren ja da
hingeschttet worden, und das kleine Wesen - ich wute es unter einem
unbeschreiblichen Glcksgefhl - war ich ...

                                       28


Am anderen Morgen, als ein bleicher, kalter Sonnenstrahl auf mein Bett fiel, da
zerstob freilich der wonnige Spuk nach allen vier Wnden. Ich schmte mich und
wute doch eigentlich nicht weshalb ... Frulein Fliedner protestierte
energisch; aber das half alles nichts - ich sprang aus dem Bett, kleidete mich
eiligst mit bebenden Hnden an und lief nach der Karolinenlust - ich floh aus
dem Vorderhause ... Allein dem scharfen Blick, unter dem ich mit einem Male
wehrlos zitterte, konnte ich doch nicht mehr entfliehen, und seltsam - Herr
Claudius, der bis dahin meinem abweisenden Benehmen eine ruhig ernste Stirn,
eine vllig reservierte Haltung entgegengestellt hatte, er wich nicht um
Haaresbreite mehr von dem Standpunkte zurck, auf welchem er an jenem Abend Fu
gefat ... Er hatte mich einmal sttzend umschlungen, und nun war es, als
geschhe das unsichtbar fort und fort, bis in alle Ewigkeit. Meine scheue Flucht
bei seinem Erblicken, meine konsequent gesenkten Augenlider, wenn er mit mir
sprach, mein Schweigen in seiner Nhe, das alles blieb ohne Wirkung - er sprach
unverndert in den warmen Tnen zu mir, die er einmal angeschlagen, und seine
strahlend heitere Stirn furchte sich nicht. Er hielt mich eisern fest, ohne mich
zu berhren, und den Ausspruch, da er mich zu beschtzen wissen werde, machte
er in jeder Beziehung wahr. Er war beinahe mehr in der Sternwarte als in seiner
Schreibstube; Theeabende gab es nicht mehr im Vorderhause - dafr sa Herr
Claudius oft an unserem kleinen Theetisch in der Bibliothek, und whrend der
Wintersturm drauen um die Ecken heulte und die herabgelassenen grnen
Wollvorhnge leise in das Zimmer hereinblies, hielt mein Vater vor seinen zwei
Theetischgenossen einen seiner weltberhmten Vortrge. Tief nachsinnend hrte
Herr Claudins zu; nur dann und wann fiel ein Einwurf von seinen Lippen - dann
fuhr der Redner betroffen zurck; denn es war neu und originell, was er da
hrte, und sttzte sich auf einen Wissensschatz, den er bei dem Krmer am
allerwenigsten vermutet hatte.
    Unser Uebereinkommen bezglich meiner schriftlichen Leistungen fr die Firma
war auch in Kraft getreten. Ich erhielt die Arbeit durch Frulein Fliedner und
lieferte sie in ihre Hnde wieder zurck und war sehr erstaunt, da man mit
Schreiben so unmenschlich viel Geld verdienen knne; denn die Sorgen traten nie
mehr an mich heran, und doch blieb mir immer noch ein kleiner Schatz zur
Verfgung.
    Welche Vernderung! Ich fhlte mich unrettbar umstrickt und festgebunden an
eine andere Seele, und doch beneidete ich den Vogel nicht mehr, der frei ber
die heimische Heide streifen durfte - ich htte aufjubeln und es allen Winden
erzhlen mgen, da ich gefangen sei, und meine Stirn mochte ich in der That an
den Bumen wund stoen, nur um noch einmal wonnig zu fhlen, wie die andere
Seele um mich leide. Um des einen willen verga ich mich und die ganze Welt und
auch die Thatsache, da ich zwei Snden auf dem Gewissen hatte - die der Lge
und der verschwiegenen Mitwissenschaft eines ihn so tief berhrenden
Geheimnisses. Wie fiel ich dann aus all meinen Himmeln, wenn Charlottens Stimme
mein Ohr traf, oder ihre gewaltige Erscheinung in meinen Gesichtskreis trat!
Zwar, sie hllte sich jetzt in eine stolze Zurckhaltung. Am Tag nach jenem
strmischen Abend war sie in mein Zimmer gekommen. - Ich will Sie nicht mit
meinen Fingerspitzen, ja nicht einmal mit dem Hauch meines Mundes berhren!
hatte sie mir von der Schwelle aus bitter zugerufen! - Ich will nur Frieden mit
Ihnen machen, Prinzechen! - Verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angethan! - Ich
war auf sie zugesprungen und hatte gerhrt ihre Hand ergriffen.
    Haben Sie gesehen, wie ich unseren Tyrannen gestern auf die Zinne fhrte?
... Er ist verloren! ... Ich gehe mit geschlossenem Munde und unterdrcktem
Herzschlag im Krmerhause herum - jeden Bissen, den ich esse, vergllt mir der
Ingrimm, die innere Emprung; aber ich halte aus - ich mu unseren kostbaren
Schatz im Schreibtisch hten, ich darf nicht gehen, ehe Dagobert kommt! ... O,
wie will ich aufjubeln, wenn ich endlich die Thre der Krambude fr immer hinter
mir zuschlagen und meinen Fu auf den Boden des Elternhauses setzen werde!
    Bei diesem leidenschaftlichen Ausbruch hatte ich scheu ihre Hand sinken
lassen und war zurckgetreten. Seit jenem Augenblick trafen wir uns selten
allein; nur wenn ich im Hofwagen von der Prinzessin zurckkehrte, da kam sie in
den Hof und begleitete mich durch den Garten, und ich mute ihr erzhlen und
berichten ... Kurz nach dem Besuch im Claudiushause war die frstliche Frau an
einem Nervenleiden schwer erkrankt und hatte K. behufs einer schleunigen Kur
verlassen mssen. Whrend ihrer Abwesenheit war ich selbstverstndlich nicht an
den Hof gekommen; nun aber mute ich allwchentlich zweimal erscheinen - das
waren die einzigen Momente, wo Herr Claudius mit kaltfinsterem Gesicht
umherging.
    So unter Glck und herzbeklemmender Angst, unter innerem Kampf und doch auch
wieder seligem Ausruhen war Woche um Woche verstrichen, und nun kamen die
letzten Tage des Januar, und mit ihnen Dagobert ... Ein tdlicher Schrecken
durchfuhr mich, als es hie, der Herr Lieutenant sei mit Sack und Pack
angekommen - so nahe, stieg der gefrchtete Moment tiefdunkel und riesengro vor
mir auf, ich mochte die Augen schlieen, um ihn nicht zu sehen; und doch sagte
ich mir, da ein rasch befreiender, schmerzhafter Schnitt dem Schweben zwischen
Frchten und Hoffen vorzuziehen sei. Mochte doch die Entscheidung fallen, wie
sie wollte, ich war dann meiner unseligen Mitwissenschaft ledig, ich durfte
sprechen und meinen Leichtsinn reuig bekennen.
    Das waren schwere Tage fr mich; denn auch noch eine andere Last bedrckte
meine Seele - mein Vater erschien mir pltzlich unheimlich verndert. Sein
ganzes Thun und Wesen erinnerte mich an die Zeit, wo es sich um den Ankauf der
Mnzen gehandelt hatte; er a nicht, und des Nachts hrte ich ihn ruhelos
umherwandern. Eine befremdliche Flut von Briefen aus allen Richtungen her
berschwemmte ihn, und mit jedem neuen, den er hastig erbrach, erhhte sich die
Fieberglut auf seinem eingefallenen Gesicht. Er schrieb anhaltend, aber nicht an
dem Manuskript, das den Fund in der Karolinenlust behandelte - es lag unberhrt
auf dem Schreibtisch ... Angestrengt lauschte ich auf das Gemurmel seiner
Selbstgesprche, unter denen er oft das Zimmer durchma; aber ich konnte kein
Wort verstehen, und zu fragen wagte ich nicht, um ihn nicht ungeduldig zu
machen.
    Nie werde ich die Stunden vergessen, in denen seine gewaltsam beherrschte
innere Unruhe endlich zum Durchbruch kam! Es war an einem jener trben, dunklen
Winternachmittage, die sich wie Blei ber die Erde und die Menschenseelen legen.
Mein Vater hatte sich nach Tische in sein Zimmer zurckgezogen und die eben
eingelaufenen Zeitungen mitgenommen. Schon nach wenigen Minuten hrte ich ihn
drinnen aufspringen; er schlug die Thre krachend zu und rannte hinauf in die
Bibliothek. Angstvoll ging ich ihm nach.
    Vater! rief ich bittend und umschlang ihn, als er, ohne mich zu bemerken,
an mir vorberstrich.
    Ich mute wohl sehr erschrocken aussehen; denn er fuhr mit beiden Hnden
durch die Haare und bemhte sich sichtlich, ruhig zu scheinen.
    Es ist nichts, Lorchen, sagte er gepret. Gehe nur wieder hinunter, mein
Kind ... Die Leute lgen! Sie gnnen deinem Vater den Ruhm nicht - sie wissen,
da sie ihm den Todessto versetzen, wenn sie ihm seine Autoritt antasten ...
Und nun kommen sie zu Haufen, und jeder hat einen Stein in der Hand ... Ja,
steinigt ihn, steinigt ihn! Er hat schon allzulange geleuchtet!
    Er schwieg pltzlich und sah ber meinen Kopf hinweg nach der Thre. Eine
Dame war geruschlos eingetreten, eine hohe Erscheinung in schwarzem Samtmantel
und breitem Hermelinkragen. Sie schlug einen weien Schleier zurck - Himmel,
welche Schnheit! Ich mute an Schneewittchen denken - Augen, schwarz wie
Ebenholz, die Stirn wei, und auf den Wangen lag eine sanfte Rosenglut.
    Mein Vater starrte sie befremdet an, whrend sie mit schwebenden Schritten
auf uns zukam. Ein feines Lcheln flog um ihren Mund, und schelmisch blinzelnd
streifte ihr Seitenblick meinen Vater - das sah reizend, fast kindlich
ungezwungen aus; und doch meinte ich, hinter den harmlosen Gebrden msse ein
ngstliches Herz klopfen, die kirschroten Lippen zuckten in nervser Aufregung.
    Er kennt mich nicht, sagte sie in wohllautenden Tnen, als mein Vater
konsequent schwieg. Ich werde ihn wohl an die Zeit erinnern mssen, wo wir im
Garten zu Hannover gespielt haben, wo die ltere Schwester willig als Pferdchen
umhergaloppierte und Wilibalds Peitsche zu fhlen bekam - weit du noch?
    Mein Vater wich zurck, als kmen aus dem Samtmantel der wunderschnen Frau
die Krallen eines Ungeheuers. Mit einem eisigen Blick ma er sie von Kopf bis zu
Fen - nie htte ich gedacht, da dieser stets so unsicher umherhastende Mann
ein so festes Geprge abweisender Hrte und Klte anzunehmen vermchte.
    Ich kann mir unmglich denken, da Christine Wolf, die allerdings einst im
Hause meines Vaters, des Herrn von Sassen, gelebt hat, in der That meine
Schwelle betritt, sagte er streng.
    Wilibald -
    Ich mu sehr bitten, unterbrach er sie und hob abwehrend die Hand, wir
haben nichts miteinander gemein! ... Wre es nur die Verirrte, die aus
unbesiegbarer Neigung zur Kunst heimlich das mtterliche Haus verlassen hat -
ich nhme sie sofort auf - mit der Diebin aber will ich nichts zu schaffen
haben.
    O mein Gott! Sie schlug die Hnde zusammen und sah schmerzhaft gen Himmel
- ich begriff nicht, wie er diesem Madonnenblick widerstehen konnte, wenn mich
auch das Wort Diebin wie ein elektrischer Schlag berhrt hatte. - Wilibald,
sei barmherzig! Richte nicht so streng diese eine Jugendsnde! flehte sie.
Konnte ich denn die heiersehnte Laufbahn mit leeren Hnden beginnen? Die
Mutter bewilligte mir keinen Pfennig, das weit du, und es war doch so wenig, so
geringfgig, was ich von der reichen Frau verlangte -
    Nur zwlftausend Thaler, die du aus ihrem festverschlossenen Sekretr
mitnahmst -
    Hatte ich nicht doch ein Recht darauf, Wilibald? ... Sage selbst.
    Auch auf die Brillanten unseres damaligen Gastes, der Baronin Hanke, welche
mit dir spurlos verschwanden, und die meine Mutter mit den grten Opfern
ersetzen mute, nur um unser Haus vor der ffentlichen Schande zu bewahren?
    Lge, Lge! schrie sie auf.
    Gehe hinaus, Lorchen - das ist nichts fr dich! sagte mein Vater zu mir
und fhrte mich nach der Thre.
    Nein, gehe nicht, mein ses Kind! Sei barmherzig und hilf mir ihn
berzeugen, da ich schuldlos bin! ... Ja, du bist Lenore! ... O ihr sen,
wonnigen Augen! Sie zog mich in ihre Arme und kte mich auf die Lider - der
weiche Samtmantel fiel ber mich her; ein kstlicher Veilchenduft entstrmte
ihrem Busen und berauschte mich frmlich.
    Mit harter Hand ri mich mein Vater von ihr los. Bethre mir mein
unschuldiges Kind nicht! rief er heftig und fhrte mich hinaus.
    Ich ging die Treppe hinab und kauerte mich auf der untersten Stufe wie
betubt nieder ... Das war also meine Tante Christine, der Schandfleck der
Familie, wie sie Ilse, der Stern, wie sie sich selbst genannt hatte! ... Ein
Stern war sie, diese hinreiend schne Frau! ... Alles, was ich an weiblicher
Lieblichkeit bis jetzt gesehen, es erblate neben dem Farbenreiz, dem
Jugendhauch auf dem Gesicht meiner Tante! ... Wie schwer und wuchtig lagen die
schwarzen Locken auf dem weien Hermelin! Wie glnzte diese ungefurchte Stirn,
von der feine Adern in zartem Blau sich ber die Schlfen herabringelten! Ach,
und diese kstlich schmeichelnde Stimme, sie war wieder da, die Kur hatte
geholfen! ... Die schlanken Hnde, die mich so weich und lind angefat und an
den Busen der bezaubernden Frau gezogen hatten - sie sollten gestohlen haben!
... Nein, nein, die Entrstung meiner Tante widerlegte diese Beschuldigung
vollstndig - sah ich doch Thrnen in ihren Augen blitzen!
    Mit klopfendem Herzen horchte ich auf den Wortwechsel droben in der
Bibliothek - ich konnte kein Wort erhaschen, und er dauerte auch nicht lange an.
Die Thre wurde geffnet - Gott mag dir vergeben! hrte ich meine Tante sagen,
dann rauschte ihre Schleppe die Treppe herab ... Ihre Schritte wurden immer
matter und langsamer - pltzlich legte sie die Hand ber die Augen und lehnte
sich an die Wand. Ich sprang die Stufen hinauf und fate ihre Rechte.
    Tante Christine! rief ich tief ergriffen.
    Sie lie die Hand langsam von den Augen sinken und sah mich mit einem
traurigen Lcheln an.
    Mein kleiner Engel, mein Augentrost, gelt, du glaubst nicht, da ich eine
Verbrecherin bin? sagte sie, mir sanft das Kinn streichelnd. Die bsen, bsen
Menschen, wie hetzen sie mich mit ihren Verleumdungen durch das Leben! ... Was
alles habe ich schon erdulden mssen! Und in welcher entsetzlichen Lage bin ich
nun, wo dein strenger Vater mich unerbittlich verstt! Kind, ich habe kein Dach
ber mir, keinen Pfhl, auf den ich nachts mein Haupt legen kann! Mit dem
letzten Groschen in der Tasche habe ich K. mhsam erreicht - ich wollte ja dich
sehen, dich, meine kleine Lenore! ... Gott im Himmel, nur fr einige Tage ein
Obdach, dann werde ich mir ja weiterhelfen!
    Das war eine peinliche Lage fr mich ... Ich htte ihr sofort mein eigenes
Bett eingerumt und auf dem Stroh geschlafen - so sehr umstrickte mich der
Zauber dieser Frau; aber gegen den Willen meines Vaters durfte ich sie doch
nicht im Hause behalten. Ich dachte an Frulein Fliedner - sie war so gut und
bereitwillig zu helfen, vielleicht wute sie Rat ... Ach, alle meine schnen
Vorstze, nach welchen ich stets zuerst berlegen und dann handeln wollte, wo
waren sie hin? ...
    Ohne ein Wort zu sagen, fhrte ich meine Tante die Treppe hinab und hinaus
ber den Kiesplatz - sie folgte mir lenksam wie ein Kind. Wir wollten eben in
das Boskett einbiegen, da traten uns die Geschwister entgegen - Charlotte in
weiglnzender Atlaskapuze und den violetten kostbaren Samtpelz um die Schultern
geschlagen - sie wollten offenbar promenieren.
    Ich hatte den Herrn Lieutenant noch nicht gesehen, denn ich war ihm
konsequent ausgewichen, so oft er auch tagsber die Karolinenlust aufsuchte. Nun
erschrak ich vor ihm bis in das innerste Herz und fuhr zurck. Aber auch er
schien berrascht - seine braunen Augen, vor denen ich mich seit jenem Auftritt
im Saal der Bel-Etage stets entsetzte, hingen mit einem seltsamen Aufblitzen an
meinem Gesicht. Ich that, als she ich die Hand nicht, die er mir lchelnd
hinreichte, und stellte Charlotte meiner Tante vor. Mit Befremden sah ich, da
eine heftige Bewegung blitzschnell durch die schnen Zge der unglcklichen Frau
lief - sie wollte sprechen, und doch kam kein Laut ber ihre Lippen.
    Charlotte neigte flchtig und vornehm den Kopf, whrend ein ziemlich
hochmtig musternder Blick die vor ihr stehende Erscheinung streifte.
    Frulein Fliedner wird Ihnen schwerlich raten knnen, sagte sie kalt zu
mir, als ich ihr mein Vorhaben mit einigen Worten andeutete. Und helfen noch
viel weniger - wir haben sehr wenig Platz im Vorderhause ... Wenn ich Ihnen
raten soll, so gehen Sie zu Ihren Freunden Helldorf - die haben doch gewi ein
Stbchen, wo Sie Ihre Frau Tante unterbringen knnen.
    Ich wandte mich emprt ab, und meine Tante lie hastig ihren Schleier ber
das Gesicht fallen.
    In dem Augenblick ging der Grtner Schfer grend an uns vorber. Das
Schweizerhuschen war sein Eigentum, und ich wute, da er die sogenannte
Putzstube seiner verstorbenen Frau fter an Fremde vermietete. Ich lief ihm nach
und fragte ihn - er war sofort bereit, meine Tante aufzunehmen, und bat sie,
gleich mitzukommen, es sei alles in schnster Ordnung.
    Ohne noch einen Blick auf die Geschwister zu werfen, ging sie neben dem
alten Manne her, der in seiner gutmtig sanften Weise zu ihr sprach und sie nach
der Thre fhrte, zu welcher ich den Schlssel hatte ... War es doch, als triebe
sie eine gewaltige innere Aufregung vorwrts - Schfer vermochte kaum Schritt
mit ihr zu halten, und ich blieb, trotz aller Bemhungen, eine ziemliche Strecke
hinter ihnen zurck.
    Um Gottes willen, schaffen Sie sich diese hereingeschneite Tante vom
Halse! raunte mir Charlotte zu. Mit der legen Sie keine Ehre ein - die
Schminke sitzt ihr ja fingerdick auf dem Gesicht! ... Und dieser imitierte
Theaterhermelin! Fi donc! ... Kind, Sie haben ja eine merkwrdige Verwandtschaft
- eine Gromutter, die eine geborene Jdin ist, und nun gar diese ber und ber
gefirnite Komdientante! ... Apropos, kommen Sie nicht zu spt heute Abend -
Onkel Erich lt es sich, wider Erwarten, ein tchtiges Stck Geld kosten - das
Glashaus wird brillant beleuchtet - mag es ihm gut bekommen!
    Sie lachte auf und ergriff den Arm Dagoberts, der meiner Tante forschend
nachsah.
    Ich wei nicht - ich mu der Frau schon einmal begegnet sein, sagte er und
legte die Hand nachsinnend an die Stirn. Gott mag wissen wo -
    Nun, das ist doch sehr leicht zu sagen - du wirst sie auf der Bhne gesehen
haben, meinte Charlotte und trieb ihn ungeduldig weiter.
    Tief erbittert sah ich ihnen nach ... Arme Tante! Ja, sie war eine
unglckliche, von den Menschen verfolgte Frau - nun sollte gar auch das einzige,
was sie noch besa, ihre Schnheit, eine - gemalte sein.
    Ich fand das Erkerstbchen, in welches uns Schfer fhrte, beraus hbsch
und gemtlich. In wenigen Minuten hatte der alte Mann Feuer im Ofen gemacht und
auf die Fenstersimse vollblhende Rosen- und Resedastcke gestellt.
    Eng und niedrig, sagte meine Tante und hob den Arm, als wolle sie an die
schneeweie Zimmerdecke greifen. Ich bin das nicht gewohnt, aber ich werde
schon aushalten - mit gutem Willen kann man alles, gelt, mein Engelchen!
    Sie warf Hut und Mantel ab und stand im knigsblauen Samtkleide vor mir. An
den Nhten und Ellenbogen war das Prachtgewand freilich verblichen und
abgeschabt, aber es umschlo einen tannenschlanken Wuchs; die kleine Schleppe
vervollstndigte den wahrhaft frstlichen Anstand der ganzen Erscheinung, und
aus dem tiefen, herzfrmigen Ausschnitt leuchtete Schneewittchens blendende
Brust ... Und welch ein Haar! Ueber der Stirn kruselten sich die blauschwarzen
Locken, sie fielen lang und voll ber Rcken und Brust hinab, und doch
umschlangen noch die reichsten Flechten den feinen Kopf - wie er diese
mrchenhafte Pracht ertrug, begriff ich nicht, noch weniger aber, da er sich
dabei so rasch und anmutig bewegte.
    Diese unverhohlene Bewunderung las sie jedenfalls auf meinem Gesicht.
    Nun, kleine Lenore, gefllt dir deine Tante? fragte sie schelmisch
lchelnd.
    Ach, du bist zu schn! rief ich enthusiastisch. Und so jung, so jung -
wie ist das nur mglich? Du bist doch drei Jahre lter als mein Vater!
    Nrrisches Ding, das schreit man nicht so in alle vier Winde hinaus! rief
sie gezwungen lachend und legte ihre zarte Hand auf meinen Mund.
    Ihre Augen fuhren suchend im Zimmer umher und blieben auf dem kleinen
Spiegel an der Fensterwand hngen.
    Ach, das geht aber nicht, nein - das geht wirklich nicht! fuhr sie ganz
erschrocken auf. In dieser Scherbe sieht man ja kaum die Nasenspitze! ... Wie
soll ich denn die Toilette machen? Ich bin doch keine Bauernfrau, Kind - ich bin
gewohnt, frstlich zu leben! ... Man fgt sich ja gern einmal, aber - das kann
ich nicht! ... Gelt, du verschaffst mir ein anderes anstndiges Glas, damit ich
wenigstens annhernd meine gewohnte Ordnung habe? ... Da drben in dem Schlosse,
wo du augenblicklich wohnst, gibt es gewi irgend einen berflssigen Trmeau
... Kindchen - im Vertrauen - jede Aufmerksamkeit, die du mir in diesem
vorbergehenden Moment des Gedrcktseins erzeigst, sie wird dir spter von einer
andern Seite tausendmal gedankt werden ... Lasse getrost herberschaffen, was
ich zur Bequemlichkeit ntig habe - ich werde es verantworten.
    Wie kann ich denn das, Tante? antwortete ich ganz verdutzt. Die Mbel in
unseren Zimmern gehren ja Herrn Claudius!
    Sie lchelte.
    Ich mchte nicht einen Stuhl anders stellen, als ich ihn gefunden habe,
fuhr ich ernstlich protestierend fort. Aus der Karolinenlust kann ich dir mit
dem besten Willen nichts verschaffen; aber vielleicht gibt dir Frau Helldorf,
was du brauchst - wir wollen hinaufgehen.
    Es schlug mich sehr nieder, als auch die kleine Frau meine schne, prchtig
geschmckte Protge mit einem sichtlich befremdeten Blicke empfing. Es half
nichts, da ihr meine Tante mit unwiderstehlich ser Stimme tausend Schnheiten
sagte und die beiden im Zimmer spielenden Kinder goldgelockte Engel nannte. Das
feine Gesicht meiner Freundin verlor nichts von seiner khlen, mitrauischen
Zurckhaltung, und als ich schlielich mit der Bitte um den Spiegel zgernd
herausrckte, da wurde sie steif wie eine Statue, nahm den ziemlich groen
Spiegel - ihren einzigen - von der Wand, bergab ihn der schnen Frau und sagte
mit unverkennbarem Spott: Ich kann mich auch so behelfen.
    Seien Sie vorsichtig, Lenore, ich bitte Sie dringend! Ich werde auch
wachen, flsterte sie mir auf dem Vorsaale zu, whrend das blaue Samtkleid im
Treppenhause verschwand.
    Sehr kleinlaut legte ich drunten meine kleine Brse auf den Tisch. Ich
erhielt dafr einen Ku und die Versicherung, da mir in jedenfalls kurzer Zeit
alle meine kleinen Opfer tausendfache Zinsen eintragen wrden. Dann aber
machte sich meine Tante emsig daran, den Spiegel so gnstig wie mglich zu
placieren, und ich kehrte mit doppelt schwerem Herzen in die Karolinenlust
zurck.

                                       29


Die Abenddmmerung brach leise herein, als ich wieder in die Bibliothek trat.
Mein Vater wanderte im Antikensaal unter all den stillen, bleichen Gestalten
umher und erwhnte die verstoene Schwester mit keinem Worte gegen mich - er
mochte denken, sie sei fort fr immer, werde seinen Weg nie wieder kreuzen, und
ich sollte den Auftritt so schnell wie mglich vergessen. Frierend zog ich den
Ueberwurf auf der Brust zusammen - es war bitterkalt in dem ungeheizten, weiten
Saal, und ein beginnendes feines Schneegestber umflog drauen die Glaskuppel.
    Du wirst dich hier erklten, Vater, sagte ich, und ergriff seine Hand -
sie glhte wie eine Kohle; ach, und wie brannten die Augen in den tiefen Hhlen!
    Erklten? ... Es ist wonnig hier - mir ist so wohl, als sei mir ein khler
Umschlag auf das Gehirn gelegt worden.
    Aber es ist schon spt - versetzte ich zgernd - und ein klein wenig
ordnen mut du deinen Anzug doch ... Du hast wohl vergessen, da die Prinzessin
heute kommt, um das groe Glashaus auch einmal in Gasbeleuchtung zu sehen?
    Ach mein Gott, was soll ich im Glashause? rief er ungeduldig. Wollt ihr
mich verrckt machen mit den vielen Lichtern und dem Blumenbrodem, der mir stets
die Gehirnnerven affiziert? ... Nichts, nichts! - Was geht mich die Prinzessin
an, was der Herzog!
    Mit seiner heftigen Armbewegung stie er unversehens eine reizende kleine
Statue von ihrem Postament - seltsam - er, der sonst die Antiken nur mit
zrtlich schmeichelnder Hand berhrte, er wandte kaum den Kopf nach dem
angerichteten Schaden hin und lie die mihandelte Gttergestalt achtlos liegen.
    Tief erschrocken suchte ich ihn zu beruhigen. Ganz wie du willst, Vater,
sagte ich. Ich werde sogleich in das Vorderhaus schicken und fr uns beide
absagen lassen -
    Nein, nein, du gehst auf jeden Fall, Lorchen! unterbrach er mich milder.
Ich wnsche es um der Prinzessin willen, die dich lieb hat, und mchte auch
gern heute abend allein sein.
    Er trat wieder in die Bibliothek und machte sich an seinem Schreibtische zu
schaffen. Ich schlo die Thren, schrte das Feuer im Ofen und arrangierte den
Theetisch; dann ging ich beklommenen Herzens hinunter und machte Toilette, das
heit, ich nahm zum erstenmale wieder die Perlen meiner Gromutter aus der
Schachtel und schlang die lange Schnur durch meine Locken. In fast mrchenhaftem
Glanze, aber auch weit auffallender und anspruchsvoller als am Halse, lagen die
feucht und blulich schimmernden Tropfen schwer in dem dunklen Haar - und das
wollte ich eben; wer wute, wann die Prinzessin einmal wieder in das
Claudiushaus kam! ...
    Es war spt geworden, als ich endlich ber die Brcke nach dem Glashause
schritt. Einen Augenblick blieb ich geblendet stehen. Leise berrieselten mich
die letzten Flocken der droben sich lichtenden und zerstubenden Wolken; unter
meinen Schritten kreischte der gefrorene futiefe Schnee, und wohin ich sah,
streckten sich mir die starren, weien Gespensterarme der schneebeladenen Bume
und Bsche entgegen - und dort breiteten sich prchtig gefiederte Palmenwipfel
in stolzer Grazie ber die Farren- und Kakteenwildnis und den grnen Federduft
kleiner freigelassener Rasenflchen, und dazwischen sprang und troff in
silbernen Strhnen die Kaskade. In dem Lichtbade der verborgenen Gasflammen
zerflo das Grn in tausendfache Nancen, vom phosphoreszierenden Maigrn an bis
zum dstern Tannendunkel herab - das Glashaus lag inmitten des mattdmmernden
Schneefeldes, wie eine Smaragdrosette auf weiem Samt.
    Ah, guten Abend, meine Kleine! rief die Prinzessin, als ich auf sie
zuschritt. Sie sa inmitten der Farrengruppe, auf derselben Stelle, wo ich eines
Abends von meiner Gromutter erzhlt hatte. Herr Claudius stand etwas seitwrts
hinter ihrem Stuhle und sprach mit ihr, whrend ihr Gefolge und die Geschwister
in zwanglosen Gruppen zu beiden Seiten Platz genommen hatten. Heideprinzechen,
wie nixenhaft kommen Sie daher! scherzte sie. Sollte man nicht meinen, die
Kaskade hier habe Sie pltzlich emporgehoben? ... Kind, Sie wissen wirklich
nicht, was fr einen kostbaren Schatz Sie da so harmlos und ungezwungen in Ihren
prchtig wilden Locken tragen!
    Ja, Hoheit, ich wei es - die Perlen sind der letzte Rest eines groen
Reichtums, versetzte ich und suchte mit Gewalt meiner Stimme einen ruhig
sonoren Klang zu geben. Meine arme Gromutter sagte, als sie mir auf ihren
Wunsch um den Hals gelegt wurden, da sie viel Familienglck gesehen htten, da
sie aber auch mit geflohen seien vor dem Scheiterhaufen und anderen Martern,
welche die christliche Unduldsamkeit ber die Juden verhngt hat - denn meine
liebe Gromutter war eine Jdin, Hoheit, eine geborene Jakobsohn aus Hannover.
    Ich hatte die letzten Worte scharfmarkierend mit lauter Stimme gesprochen
und sah dabei zu Herrn Claudius auf ... Was kmmerte es mich, da sich Herr von
Wismar verlegen rusperte und scheu nach der Prinzessin hinschielte, whrend
Frulein von Wildenspring eine triumphierende Geste machte, als wolle sie sagen:
Habe ich nicht recht gehabt, als meine hochadelige Nase das brgerliche Element
in diesem Geschpfe witterte? - Was lag mir daran, da der schne Tankred
grimmig seinen feinen Lippenbart drehte und mit einer verchtlichen Wendung
seines Kopfes Charlotten einige Worte zuflsterte? - Sah ich doch das jubelnde
Aufschrecken in Herrn Claudius' Gesicht - meinte ich doch, er wolle seine Hnde
zu mir herberstrecken und mich aus der erbrmlichen Gesellschaft an sein
starkes, stolzes Herz ziehen, weil ich die falsche Scham berwunden, weil ich
mutig die Verachtung der aristokratischen Kaste auf mich nahm, um seine Achtung
wieder zu gewinnen!
    Ach, sieh da, das ist ja eine sehr pikante Entdeckung! rief die Prinzessin
heiter und vllig unbefangen. Nun wei ich doch auch, wie mein Liebling zu
diesem echt orientalischen Profil kommt! ... Ja, ja, solch ein schwarzlockiges
Mdchen mit quecksilbernen Fen mag es wohl auch gewesen sein, das dem Herodes
den Kopf des Johannes abgeschmeichelt hat! ... Wenn Sie wieder zu mir kommen,
dann will ich mehr ber die interessante Gromutter wissen - hren Sie, mein
Kind? Sie zog mir die Perlenschnur tiefer in die Stirn und lie dann die Finger
sanft durch mein loses Haar gleiten. Ich habe sie herzlich lieb, diese kleine
Rebekka mit dem reinen Kindessinn und dem harmlos plaudernden Mund! setzte sie
mit herzlicher Innigkeit hinzu und kte mich.
    Ach, diesmal war meine Plauderei durchaus keine harmlose gewesen, das wute
er, dessen Blick nicht mehr von mir wich, am besten! ...
    Die Prinzessin zog mich auf ein Bnkchen zu ihren Fen, und da blieb ich
schweigend und zuhrend sitzen, bis Frulein Fliedner kam und meldete, da im
Vorderhause alles bereit sei. Die frstliche Frau hatte sich eine Tasse Thee im
alten interessanten Hause ausgebeten - eines rheumatischen Leidens wegen mochte
sie sich nicht allzulange in der feuchten, dunstigen Atmosphre des Warmhauses
aufhalten! Sie hllte sich in ihren Pelz, ergriff Herrn Claudius' Arm und
schritt der vermummten, lebhaft plaudernden Gesellschaft voraus durch den
beschneiten Garten. Es bedurfte der begleitenden Laternentrger nicht - die
Wolken am Himmel waren zerstoben, durch das drre Gest der Pappelwand flo es
hell herein und warf groteske silberne Lichter auf die Schneeflche - der Mond
ging auf.
    Ich lief noch einmal ber die Brcke zurck und sah hinauf nach den Fenstern
der Bibliothek. Die Vorhnge waren nicht zugezogen; auf dem Schreibtisch meines
Vaters brannte das ruhige Licht der Lampe und drben in der entgegengesetzten
dunklen Ecke des weiten Saales in der Nhe des Ofens, wo der Tisch mit dem
Abendbrot stand, spielte ein leichter, blulicher Schein auf und ab - es war die
Spiritusflamme unter der Theemaschine. Das sah gemtlich aus. Zum Ueberflu
schlpfte ich noch in das Haus, die Treppe hinauf und horchte an der Thre. Es
war still drinnen; mein Vater schrieb jedenfalls. Vllig beruhigt ging ich nach
dem Vorderhause.
    Heute mochten sich wohl die alten Hausgeister der Firma Claudius scheu und
grimmig in den dunkelsten Ecken verkriechen - das war ja ein Lichterglanz, wie
ihn einst die wohledlen Kaufherren sicher nicht einmal bei der Taufe eines
knftigen Chefs sich erlaubt hatten!
    Was ist mir denn das, Frulein Fliedner? Der Herr kann ja heute gar nicht
genug Licht kriegen! brummte der alte Erdmann verwundert und lehnte eben eine
Leiter an die Wand des oberen Korridors, als ich die Treppe herauf kam. Mu ich
doch gar auch noch die groen Lampen aus den Geschftslokalen hier herauf
hngen!
    Lassen Sie das doch, Erdmann, meinte die alte Dame, die aus dem ersten
Salon trat - eine wahre Lichtflut quoll mit ihr heraus. Ich bin glcklich, da
es endlich einmal hell wird im alten Claudiushause. Mit einem feinen,
schelmischen Lcheln fuhr sie mir ber das Haar und eilte in die Hausflur hinab.
    Dieses Lcheln trieb mir das Blut in die Wangen. Scheu lie ich die Hand von
dem Drcker der Salonthre niedersinken - ich meinte, in diesem Augenblick knne
ich mich unmglich von den zahllosen Kerzen des Kronleuchters da drin anstrahlen
lassen. Ich trat in Charlottens Zimmer. Es war leer; auf dem aufgeschlagenen
Flgel brannten zwei Lampen, und aus dem Salon, wo das Bild des schnen Lothar
hing, scholl das Klirren der Theetassen und lautes Sprechen herber. Noch stand
ich und berlegte, wie ich meinen Eintritt am wenigsten auffallend
bewerkstelligen knne, da rauschte es durch das Nebenzimmer, und Charlotte trat
in Begleitung ihres Bruders herein.
    Die Prinzessin will mich singen hren, sagte sie zu mir und whlte in den
Noten. Wie kommen Sie denn hierher, und wo haben Sie bis jetzt gesteckt,
Kleine? - Man vermit Sie drben.
    Ich war besorgt um meinen Vater und habe nach ihm gesehen - er war unwohl
-
    Unwohl! lachte Dagobert leise auf - er sa bereits am Flgel und
prludierte. Ja, ja, ein schlimmes, ein sehr bedenkliches Unwohlsein! Ich habe
vorhin im Klub diese interessante Neuigkeit erfahren - man sprach von nichts
anderem, und durch die Stadt geht es im Jubel wie ein Lauffeuer, da der
Archologieschwindel in den letzten Zgen liege ... Binnen kurzem werden wir
eine andere Mode haben, Charlotte! Gott sei Dank, da man dies griechische,
rmische und gyptische Kauderwelsch nicht mehr zu radebrechen braucht - es ist
einem sauer genug geworden! Er fuhr mit beiden Hnden ber die Tasten und
erging sich in den brillantesten Lufern, whrend mir der Herzschlag stockte vor
Bestrzung. - Und in dem Augenblick, wo Ihr Papa im Sattel wankt und bgellos
wird, erzhlen Sie auch noch mit kstlicher Naivett, da er schnurstracks von
den Juifs abstamme - das bricht ihm vollends das Genick!
    Ja, das war eine kleine Dummheit, nehmen Sie mir's nicht bel! schalt
Charlotte und legte ein Notenheft auf das Pult des Flgels. Ich verlange nicht,
da Sie geradezu lgen sollen, ich thue es ja auch nicht - aber in solchen
Fllen hlt man sich an die Mittelstrae - man schweigt.
    Dagobert begann die Introduktion und gleich darauf schlug Charlottens
mchtige Stimme gegen die Wnde.
    Was war geschehen? Es hatte alles so dunkel geklungen, was der schne
Tankred in nachlssig spttischem Ton gesprochen und mit allen mglichen Lufern
und Trillern auf dem Flgel begleitet hatte. Mit unsglicher Bitterkeit sah ich
nach dem Elenden hin, - Archologieschwindel hatte er das Wirken meines Vaters
genannt, er, der sich als unterwrfiger Famulus an ihn herangedrngt und ihm
oft genug beschwerlich gefallen war; wie manchmal hatte ich ihn ber den
zudringlichen, verstndnislosen Strer klagen hren! ... So viel begriff ich,
die Stellung meines Vaters bei Hofe war erschttert, und nun wandte sich die
feige Meute, die ihn einst umschmeichelt, klffend gegen den Strzenden.
    Die Prinzessin war noch nie so liebevoll und gtig gegen mich gewesen, als
an diesem Abend; und doch konnte ich mich augenblicklich nicht berwinden, ihr
wieder nahe zu kommen. Ich schlich in den anstoenden Salon und setzte mich in
eine dunkle Ecke, whrend Charlotte mit schmetternder Stimme weiter sang ... Von
meinem Platz aus konnte ich den Theetisch sehr gut bersehen. Die Prinzessin sa
ein wenig seitwrts unter Lothars Bild, jedenfalls nicht nach ihrem Wunsche,
denn ich sah, wie sie sich verstohlen bemhte, einen vollen Anblick des Portrts
zu gewinnen. Ihr Nachbar zur Linken war Herr Claudius. Ein einziger Blick auf
dieses edle, ruhige Gesicht besnftigte mein grollendes, gengstigtes Herz ...
Welch ein Sonnenglanz lag heute auf seiner Stirn! ... Der prachtvolle
Soldatenkopf mit dem Blick voll Seele ber ihm, vielleicht war er schner in den
Linien, berwltigender im feurigen Ausdruck - aber was hatte ihm all sein
herausfordernder Soldatenmut gentzt? Den Kampf mit dem Leben hatte er doch
nicht aufzunehmen vermocht - der frevelhafte Selbstzerstrer war untergegangen,
whrend der stillgelassene Mann dort das halbentrissene Steuer mit einem
krftigen Aufraffen wieder erfat und sich selbst gerettet hatte ...
    Sie haben eine schne Stimme, Frulein Claudius, sagte die Prinzessin, als
Charlotte nach beendigtem Gesang wieder an den Theetisch trat. Besonders in der
Mittellage erinnert sie mich lebhaft an den Mezzosopran meiner Schwester Sidonie
... Auch Ihr lebendig feuriger Vortrag mahnt mich an lngstvergangene Zeiten -
meine Schwester zog rauschende, wildoriginelle Weisen dem einfachen elegischen
Liede vor.
    Wenn Eure Hoheit gndigst erlauben wollen, dann mchte ich eine solche
wildoriginelle Weise singen, versetzte Charlotte rasch. Ich liebe die
Tarantella - sie berauscht mich ... Gi la luna -
    Ich mchte dich bitten, die Tarantella nicht zu singen, Charlotte,
unterbrach sie Herr Claudius ruhig ernst - seine Stimme bebte nicht, aber eine
tiefe Blsse bedeckte sein Gesicht, und die Brauen falteten sich finster und
drohend.
    Sie haben recht, Herr Claudius, sagte die Prinzessin lebhaft. Ich teile
Ihre Antipathie. Diese Tarantella grassierte frmlich zu meiner Zeit - sie war
das Paradepferd aller Sngerinnen von Fach, und auch Sidonie sang sie zu meinem
Verdru leidenschaftlich gern. Mir ist sie zu bacchantisch wild.
    Sie schob ihre Tasse zurck und erhob sich. Ich meine, wir gehen jetzt ein
wenig auf Entdeckungen aus, sagte sie lchelnd. Ich will mir einmal recht
grndlich diese wundervoll altertmliche Einrichtung ansehen - ist mir doch, als
lse ich in einem uralten Buche, so oft ich den Blick erhebe ... Herr von
Wismar, sehen Sie dort den prachtvollen Hirschkopf? - Sie deutete nach dem
letzten Zimmer der langen Flucht. - Das ist etwas fr Ihr Weidmannsherz!
    Der Kammerherr wirbelte davon und die Hofdame desgleichen - Ihre Hoheit
wollte ja allein sein ... In diesem Augenblick wandte Charlotte den Kopf, so da
ich ihr voll in das Gesicht sehen konnte; beim Anblick dieser gespannten Zge,
dieser flackernden Unruhe und Leidenschaft in den Augen, sagte ich mir sofort,
da das junge Mdchen an diesem Abend entschlossen auf ihr Ziel loszuschreiten
gedenke. Jetzt freilich folgte sie an der Seite ihres Bruders pflichtschuldigst
den zwei Hofschranzen nach dem von frstlichem Finger gebieterisch bezeichneten
Hirschkopf, whrend die Prinzessin allein in dem an den Salon stoenden kleinen
Zimmer zurckblieb und anscheinend mit groem Interesse die Leidensgeschichte
der Genoveva auf der farbenprchtigen alten Wolltapete betrachtete.
    Wissen Sie nicht, wo Frulein von Sassen geblieben ist? fragte Herr
Claudius hastig Frulein Fliedner, die eben in das Zimmer eintreten wollte, wo
ich mich aufhielt.
    Hier bin ich, Herr Claudius, sagte ich, mich erhebend.
    
    Ach, meine kleine Heldin! rief er und trat rasch auf mich zu, ohne zu
bercksichtigen, da anderen dieses ungewohnte Feuer in Stimme und Bewegungen
auffallen msse ... Frulein Fliedner zog sich sofort wieder in den Salon zurck
und machte sich am Theetisch zu schaffen.
    In die dunkelste Ecke haben Sie sich vergraben, heute, wo ich
Heideprinzechen mit allem Licht, das das alte Haus zu geben vermag,
berschtten mchte? sagte er mit gedmpfter Stimme. Wissen Sie auch, da ich
in diesen kstlichen Abendstunden eine Art Wiedergeburt feiere? ... Ich war noch
sehr jung, als ich mich selbst dazu verurteilte, in den bedchtigen Geleisen des
Alters zu wandeln. Rauh und unerbittlich habe ich die heraufspringenden Quellen
der Jugend in meinem Herzen niedergehalten - ich wollte nicht mehr jung sein ...
und nun, wo ich es in der That nicht mehr sein sollte, brechen sie unaufhaltsam
hervor und verlangen ihr Recht, ihr verjhrtes und verfallenes Recht! ... und
ich gebe mich ihnen willenlos hin - ich bin unaussprechlich glcklich, mich
wieder so jung zu fhlen, als htten dieses kstliche Kleinod in meiner Brust
weder die Jahre, noch schlimme Erfahrungen berhrt - ist das nicht thricht von
dem alten, uralten Mann, den Sie zuerst in der Heide gesehen haben?
    Ich senkte den Kopf auf die Brust, die sich unter fliegenden Atemzgen hob.
Die Sorge um meinen Vater, die Angst vor Charlottens Beginnen, die Menschen, die
sich um uns her bewegten, alles, alles versank vor den bebenden Tnen, die halb
geflstert an meinen Ohren hinstrichen ... Und er mit seinem scharfen Blick, er
mochte wohl wissen, was in mir vorging ...
    Leonore, sagte er, sich ber mich herabbeugend, wir wollen denken, wir
beide seien mutterseelenallein im alten Kaufhause und htten mit all denen - er
deutete in die Zimmer hinein - nichts zu schaffen ... Ich wei, wem Ihr mutiges
Bekenntnis heute abend galt - ich nehme die Wonne jenes Augenblicks fr mich
allein in Anspruch, gegen die ganze Welt, ja gegen Sie selbst, wenn Sie im alten
Trotz zu leugnen versuchen wollten! ... Unsere Seelen berhren sich, mgen Sie
auch, hart genug, mir wehren, die Hand in Wirklichkeit zu fassen, die mir einst
mein Geld trotzig vor die Fe geworfen hat.
    Mit wenigen raschen Schritten stand er drben am Flgel, und gleich darauf
klangen Harmonien an mein Ohr, die mich in eine Art von Taumel versetzten ...
Diese wundervollen Klnge gehrten mir, dem kleinen unbedeutenden Geschpf
allein - sie hatten nichts mit denen zu schaffen, deren Geplauder aus dem
letzten Zimmer fern herberscholl! ... Ja, hochauf sprangen die erlsten Quellen
der Jugend im Herzen des so schwer Gekrnkten, der eine kurze Zeit malos
aufschumender Leidenschaft durch Entsagung und vollstndige Resignation auf
Lebensglck und Lebensgenu hatte shnen wollen ... Und die Hnde, die nie
wieder eine Taste berhrt hatten, jetzt schlugen sie das Thema an, das die
geheimnisvoll vermittelnde Beziehung zwischen seinem gereiften starken Geist und
meiner schwachen, schwankenden Kinderseele aussprach:

O sh' ich auf der Heide dort
Im Sturme dich!
Mit meinem Mantel vor dem Sturm
Beschtzt' ich dich!

Gott im Himmel, ist das nicht Herr Claudius, der spielt? fuhr Frulein
Fliedner aus dem Salon herein und schlug bei Erblicken des am Flgel Sitzenden
in freudiger Bestrzung die Hnde zusammen.
    Ich ging an ihr vorber - ich konnte sie unmglich in mein Gesicht sehen
lassen. In eine der tiefen Fensternischen des Salons flchtete ich mich, hinter
die dicken seidenen Vorhnge, die ich bis auf einen schmalen Spalt zusammenzog -
mochten doch da meine Wangen glhen und meine Augen glckselig aussehen; niemand
kmmerte sich um mich, selbst Frulein Fliedner nicht mehr, die sich jetzt mit
gesenktem Kopf und auf dem Scho gefalteten Hnden in die dunkle Ecke gesetzt
hatte und regungslos dem Spiel lauschte.
    Einen Augenblick blieb es still im leeren Salon. Jeder Ton, auch der
schwchste, schwebte vom Flgel zu mir herber, und aus dem Zimmer mit dem
Hirschkopf klang dann und wann ein Auflachen oder ein lauter gesprochenes Wort
dazwischen.
    Da kam pltzlich die Prinzessin mit leisen Sohlen ber die Schwelle; ich
sah, wie sich ihre Brust gleichsam befreit hob unter der Gewiheit, endlich
allein zu sein. Sie nahm den verdunkelnden Schirm von der auf dem Theetisch
stehenden Kugellampe, so da auch dieses Licht voll auf Lothars Bild fiel. Noch
einmal lie sie ihren Blick rasch und mitrauisch durch den Salon und das
Nebenzimmer streifen, dann trat sie vor das Bild, zog ein Buch aus der Tasche
und warf in fliegender Hast mit dem Stift Linien auf das Papier - sie suchte
offenbar die Umrisse des schnen Mnnerkopfes, vielleicht auch nur die Augen
voll Seele, in diesem unbelauschten Moment zu erhaschen.
    Ich erschrak in meinem Versteck, denn ich sah pltzlich bestrzt in das Herz
der stolzen, frstlichen Frau und sagte mir selbst, da sie sicher Lebensjahre
darum geben wrde, wenn sie das Bild als ihr eigen von der Wand nehmen drfe ...
Niemand fhlte wohl in diesem Augenblick tiefer mit ihr, als ich, die
Glckliche, zu der die andere Seele eben in tiefergreifenden Melodien sprach!
... War es mir doch, als msse ich hervorspringen und ihr Buch und Stift aus der
Hand nehmen, um beides zu verbergen; denn sie hrte nicht, da nahende Schritte
durch die lange Flucht der Zimmer kamen; sie sah nicht auf, als Charlotte, einen
Seitenblick auf sie werfend, lautlos durch den Saal huschte und malos erstaunt
zurckfuhr, als sie in dem Spielenden am Flgel Herrn Claudius erkannte. Ehe ich
mich dessen selbst versah, hatte sie die Thre leise zugedrckt, so da die
Musik nur noch gedmpft herberklang - dann stand sie mit wenigen Schritten
hinter der Prinzessin.
    Dieses Gerusch lie endlich die hohe Zeichnerin aufsehen - purpurn scho
ihr die Rte des Erschreckens ber das ganze Gesicht; aber sie sammelte sich
unglaublich rasch, klappte das Buch zu und ma die Strerin ber die Schulter
mit einem indignierten, stolzen Blick.
    Hoheit, ich wei, da ich eine schwer zu entschuldigende Taktlosigkeit
begehe, sagte Charlotte - an dem starken zuversichtlichen Mdchen bebte jede
Fiber, ich hrte es an ihrer Stimme. - Es ist ein gnstiger Augenblick, den ich
khn erhasche, ohne die Erlaubnis zu haben, zu Euer Hoheit sprechen zu drfen;
aber ich wei mir nicht anders zu helfen! ... Wenn Hoheit mir auch zu jeder
Stunde eine Audienz im Schlosse gewhren wollten, ich wrde den Mut nicht
finden, das auszusprechen, was ich hier, unter dem Schutze dieser Augen - sie
zeigte nach Lothars Bild - getrost wage.
    Die Prinzessin wandte ihr im hchsten Erstaunen nun voll das Gesicht zu.
Und was haben Sie mir zu sagen?
    Charlotte sank in die Kniee, ergriff die Hand der frstlichen Frau und zog
sie an ihre Lippen. Hoheit, verhelfen Sie mir und meinem Bruder zu unserem
Rechte! flehte sie mit halberstickter Stimme. Wir werden um unseren wahren
Namen betrogen, wir mssen das Gnadenbrot essen, whrend wir vollgltige
Ansprche auf ein bedeutendes Vermgen haben und lngst auf eigenen Fen stehen
knnten ... In unsern Adern fliet stolzes, edles Blut und doch fesselt man uns
frmlich mit Ketten an dieses Krmerhaus und zwingt uns gewaltsam in brgerliche
Verhltnisse -
    Stehen Sie auf und sammeln Sie sich, Frulein Claudius, unterbrach sie die
Prinzessin - die hoheitsvolle, tiefernste Gebrde, mit der sie winkte, hatte
durchaus nichts Ermutigendes. Sagen Sie mir vor allem, wer betrgt Sie?
    Es will mir nicht ber die Lippen, denn es sieht aus wie schwarzer Undank
... Die Welt kennt uns nur als die Adoptivkinder eines gromtigen Mannes -
    Ich auch -
    Und doch ist er's, der uns beraubt! fiel Charlotte wie verzweifelt ein.
    Halt - ein Mann wie Herr Claudius raubt und betrgt nicht! Da glaube ich
weit eher an einen schweren Irrtum Ihrerseits!
    Ich htte hervorstrzen und die Kniee der Dame umfassen mgen fr diesen
Ausspruch.
    Charlotte hob den Kopf - man sah, sie raffte all ihren Mut zusammen. Mit
einer raschen Bewegung stie sie auch die Thr zu, durch welche ein lautes,
neckendes Gesprch zwischen der Hofdame und Dagobert herberscholl. - Hoheit,
es handelt sich hier nicht um Geld - das ist vorlufig vllig Nebensache, sagte
sie fest. Herr Claudius liebt den Besitz, aber ich selbst bin fest berzeugt,
da er streng jedweden unrechtlichen Erwerb von sich weist ... Dagegen werden
Hoheit mir zugeben, da schon mancher tchtige Charakter in leidenschaftlicher
Verfolgung einer Idee, einer hartnckig verblendeten Ansicht zuerst zum
Selbstbetrger und schlielich zum Verbrecher an anderen geworden ist!
    Sie prete die Hand auf die Brust und schpfte tief Atem, whrend drben die
wundervollen Melodien hochauf rauschten - er lie ahnungslos seine
strengverschlossene Seele zum erstenmale nach langen Jahren wieder in Tnen
ausstrmen, und hier wurde sein reiner Name an den Pranger gestellt - und ich
durfte ihn nicht einmal warnen, ich mute aushalten auf dieser Folter! Wie hate
ich in diesem Moment unbeschreiblicher Qualen die Anklgerin dort!
    Herr Claudius miachtet den Adel, ja, er hat ihn! fuhr sie fort. Er ist
selbstverstndlich zu einflulos, um an dem Bestehenden rtteln zu knnen; aber
wo es in seine Hand gelegt ist, das Erstarken der Aristokratie zu verhindern, da
thut er es aus allen Krften, ja, eben in diesem Punkte scheut er selbst den
Betrug nicht ... Hoheit, mit meinem Bruder tritt ein neues Adelsgeschlecht in
das Leben, und, ich sage es mit Stolz, eine neue, feste Sttze in das Fundament
der malos beneideten hohen Kaste; denn wir Geschwister sind durch und durch
aristokratisch gesinnt ... Aber gerade deshalb sollen wir nie erfahren, wer uns
das Leben gegeben hat. - Herr Claudius will das Wappenschild an dem alten
Krmernamen nicht dulden.
    Das Gesicht der Prinzessin wurde pltzlich wei wie Wachs. Sie hob hastig
unterbrechend die Hand und deutete nach Lothars Bild. Und weshalb wollten Sie
mir das alles gerade unter dem Schutze dieser Augen sagen? stie sie mit vllig
vernderter heiserer Stimme heraus.
    Weil es die Augen meines lieben Vaters sind - Hoheit, ich bin seine
Tochter!
    Die Prinzessin taumelte zurck und hielt sich an der Tischecke.
    Lge, abscheuliche Lge! ... Sagen Sie das nicht noch einmal! schrie sie
auf - wie entsetzlich vernderte sich das liebliche Gesicht, wie hart und eckig
hob sich der drohende Arm! - Ich dulde keinen Flecken auf seinem Namen! ...
Claudius war nie verheiratet, nie - das wei die ganze Welt! ... Er hat nicht
einmal geliebt, nie geliebt - o mein Gott, nur diesen einen Trost raube mir
nicht!
    Hoheit -
    Schweigen Sie! ... Wollen Sie wirklich behaupten, da er sich vergessen
habe, der stolze, unnahbare Mann? ... Und wenn - o Gott im Himmel, es ist ja
nicht wahr - aber wenn auch, mchten Sie in der That auf Rechte pochen, die Sie
einer augenblicklichen Verirrung, nicht aber der Liebe danken?
    Mit welch beiendem Hohne warfen die schmerzhaft zuckenden Lippen diese
Worte hin! ... Charlotte war sprachlos vor Bestrzung in sich zusammengesunken;
die Beleidigung aber traf sie wie ein Schlag in das Gesicht und gab ihr die
Fassung zurck.
    Er habe nie geliebt? fragte sie. Wissen Hoheit nicht, weshalb er
freiwillig in den Tod gegangen ist?
    Aus pltzlicher Schwermut - er war krank - fragen Sie alle, die ihn gekannt
haben, murmelte sie und legte die Hand ber die Augen.
    Ja, er war krank, er war wahnsinnig vor Verzweiflung ber den Tod -
    Ueber wessen Tod! Ha, ha, ha!
    Charlotte sank abermals auf den Boden und umfate mit hervorstrzenden
Thrnen namenloser Angst die Kniee der Prinzessin.
    Hoheit, ich beschwre Sie, hren Sie mich nur einen Augenblick ruhiger an!
flehte sie. Ich bin bereits zu weit gegangen, um zurckweichen zu knnen. Ich
mu die Wahrheit sagen, schon um meines Bruders willen, denn ich darf nicht
dulden, da Sie in dem Glauben beharren, wir seien illegitime Kinder ... Lothar
von Claudius war verheiratet - in geheimer, aber von der Kirche eingesegneter,
rechtmiger Ehe hat er in der Karolinenlust gelebt - da sind wir geboren.
    Und wer war die Glckliche, die er so hei geliebt hat, da er um
ihretwillen gestorben ist? fragte die Prinzessin mit unheimlicher Ruhe - wie
eine Statue von Marmor stand sie da, und die Worte zischten klanglos von ihren
Lippen.
    Ich finde nicht den Mut, ihren Namen auszusprechen, stammelte Charlotte
wie erschpft. Hoheit haben meine Mitteilungen zu ungndig aufgenommen - ich
darf nicht weitergehen! ... Der Mann da drben, sie deutete ber die Schulter
zurck nach ihrem Zimmer, darf vorlufig nicht erfahren, da ich um das
Geheimnis wei - haben wir doch ohnehin schon unsern Anker verloren, da Hoheit
sich von uns verfolgten und verlassenen Geschwistern abwenden ... Ich habe
vorhin bei jedem heftigen Wort, bei jedem Laut angstvoll gezittert und
gefrchtet, da sie dort hinber dringen wrden ... Ich wei es, Sie werden den
Namen nicht mit Ruhe anhren -
    Wer sagt ihnen denn das, Frulein Claudius? unterbrach sie die Prinzessin,
sich hoch aufrichtend - die letzten Worte Charlottens hatten gengt, den ganzen
Frstenstolz in ihr wach zu rufen. - Sie sind auf vllig falschem Wege, wenn
Sie meiner augenblicklichen Hast einen andern Grund, als den einer allerdings
malosen Ueberraschung zuschreiben ... Was geht es mich schlielich an, wer die
Frau gewesen ist? ... Ich wrde es Ihnen erlassen, den Namen zu nennen, wenn ich
nicht gerade beweisen mchte, da ich ihn sehr ruhig anhren kann; und somit
befehle ich Ihnen, Ihre Bekenntnisse mit dem Namen zu schlieen!
    Nun denn, ich gehorche, Hoheit! ... Die Frau war die Prinzessin Sidonie von
K. -
    Sie hatte sich vermessen, die stolze Frstin! Sie hatte gewhnt, sie knne
das verchtliche Lcheln auf den Lippen festhalten, das Blut gebieterisch in die
Wangen beschwren, wie auch der Name lauten mochte - und jetzt fiel er wie ein
Blitzstrahl auf ihr Haupt, und sie sank mit versagenden Blicken an die Wand
zurck und sthnte auf, als sei ihr ein Messer durch die Brust gestoen worden.
    Das ist wohl der grausamste Betrug, der je an einem Frauenherzen verbt
worden ist! hauchte sie. Pfui, pfui, wie schwarz und falsch!
    Charlotte wollte sie sttzen.
    Fort! Was wollen Sie? zrnte sie und stie die Hnde des jungen Mdchens
zurck. Ein Dmon mu Ihnen den teuflischen Gedanken eingegeben haben, mich,
gerade mich zu Ihrer Vertrauten zu machen! ... Gehen Sie! Ich gebe Ihnen Ihr
Geheimnis wieder in die Hnde - ich will nichts gehrt haben, nichts! Denn ich
kann und werde mich nie damit befassen, Ihnen zu Ihren sogenannten Rechten zu
verhelfen!
    Sie richtete sich empor, war aber gentigt, sich sofort wieder am Tisch
festzuhalten. Haben Sie die Gte, mein Gefolge herbeizurufen - mir ist sehr
bel! gebot sie mit erlschender Stimme.
    Verzeihung, Hoheit! rief Charlotte auer sich.
    Die Prinzessin zeigte wortlos und gebieterisch nach der Thr, whrend sie in
den nchsten Fauteuil sank. Charlotte flog ber die Schwelle, und sofort fllte
sich der Salon mit bestrzt herzueilenden Gestalten. Auch die Musik ri mit
einem schrillen Akkord ab - Herr Claudius kam herber.
    Ein altes Leiden hat mich pltzlich berrascht, sagte die Prinzessin matt
lchelnd zu ihm. Ich habe Herzkrampf. Wollen Sie mir Ihren Wagen leihen? Ich
kann unmglich warten, bis der meine kommt.
    Er eilte hinaus, und nach wenigen Minuten fhrte er die hohe Leidende die
Treppe hinab. Sie sttzte sich fest auf ihn; die Art und Weise aber, mit welcher
sie sich von ihm verabschiedete, bewies, da Charlottens Mitteilungen auch nicht
den allermindesten Einflu auf ihre Hochachtung fr ihn ausgebt hatten.

                                       30


Ich benutzte die allgemeine Bestrzung und Verwirrung, hllte mich unbemerkt in
Mantel und Kapuze und verlie das Vorderhaus. Noch zitterten mir die Kniee, und
das Blut jagte mir fieberisch durch die Adern - die Szene war entsetzlich
gewesen! ... Die grenzenlose Unbesonnenheit, mit welcher ich mich mitten in die
geheimnisvollen Beziehungen des Claudiushauses gestellt hatte, rchte sich
grausam, in unerbittlicher Konsequenz. Glied um Glied der verhngnisvollen Kette
wurde an meinem Auge vorbergefhrt, und eine heimtckische Hand stie mich
stets mithandelnd und mitleidend in die verschiedenen Phasen der Entwickelung
hinein ... Ich hatte mit anhren mssen, wie er, fr den ich freudig mein
Herzblut hingegeben htte, nun in der That des notorischen Betruges angeklagt
wurde. Jedes Wort war fr mich ein Dolchstich gewesen und hatte mich mit heien
Rachegefhlen fr die leidenschaftliche Anklgerin erfllt; und doch hatte ich
mit geballten Hnden und berstrmenden Augen stillhalten mssen in meinem
Versteck. Ja, gerade in jenen Momenten war ich der Wucht vernichtender
Beschmung fast erlegen ... Hatte ich nicht auch einst bei Hofe vor dem
Angesicht der Prinzessin, genau so wie jetzt Charlotte, den ahnungslosen Mann
aus allen Krften zu verlstern gesucht? Hatte ich nicht damals grausamen Mutes
entschieden erklrt, da ich ihn nicht leiden knne? ... Und wenn ich ihm mein
Leben lang diente wie eine Magd, ich konnte nie shnen, was ich ihm angethan in
kindischer Verblendung! ... Und das trieb mich aus seinem Hause, hinaus in die
totenstillen Grten ... Htte ich doch so weiter wandern drfen auf den glatten,
beschneiten Wegen! Immer weiter, bis tief in die Heide hinein, wo Ilse und Heinz
jetzt friedlich neben dem groen Kachelofen saen. Htte ich mich auf das
Fubnkchen neben Spitzens zottigen Pelz setzen und wie sonst an den stillen,
trauten Winterabenden Ilses liebe, harte Hand auf meinem Scheitel fhlen drfen,
vielleicht wre Friede ber mich gekommen, Friede! Jetzt erst wute ich die
einstige kstliche Stille in und auer mir zu schtzen, seit mich der ungestme
Herzschlag ruhelos umhertrieb und mich bald in den Himmel hob, bald in den
Abgrund bitterer Reue und Selbstanklagen stie.
    Eine blendende Helle breitete sich jetzt ber die weiten Grten; wie aus
klingendem Silber geschnitten, schwebte die Mondscheibe scharf abgegrenzt am
kalt glsernen Himmel. Ich schritt ber die Brcke. Drunten lag schlangenhaft
gleiend der erstarrte Flu zwischen dem bltterlosen Ufergebsch, und im
Boskett stubte silbernes Geflimmer von den Zweigen. Die steinernen Titanen des
Teiches lagen nicht mehr auf blauer Samtdecke - ein riesiger Eisbrillant trug
sie in seiner Mitte, und sie hatten Schneeturbane ber den brtigen Gesichtern,
und das leichtgeschrzte Florgewand der frierenden Diana sumte dicker,
weiflockiger Winterpelz. Und alle Konturen des architektonischen Schmuckes auf
dem Rokokoschlchen hatte Frau Holle mit ihrem Federwei zart und weich
nachgemalt und auf dem Balkon vor den Glasthren ein hochschwellendes,
fleckenlos weies Polster niedergelegt ... Wie kindlich harmlos war meine erste
Vorstellung von dem Geheimnis der versiegelten Zimmer gewesen - ich hatte das
Mrchen drinnen wandeln sehen! Und nun waren es eine Handvoll Papiere, die da
spukten und von denen zwei schrankenlos ehrgeizige Menschen erwarteten, da sie
ihnen in der That das goldene Zauberthor ffnen sollten, aus welchem ihnen
mhelos die Schtze der Welt in den Scho fielen.
    Ich sah hinauf nach den Fenstern der Bibliothek. Die Lampe brannte noch auf
dem Schreibtische, aber ber den Plafond hin flog ein hastig auf- und
ablaufender Schatten - das war mein Vater - er schien unruhiger und aufgeregter
als je. Beklommen stieg ich die Treppe hinauf - die Bibliothek war verschlossen.
Zwischen die unaufhrlich das Zimmer durchmessenden Schritte klang dumpfes
Gemurmel, und hier und da schlug mein Vater mit kncherner Faust auf die
Tischplatte, da sie drhnte.
    Ich klopfte und bat ihn, zu ffnen.
    La mich in Ruhe! rief er rauh und heftig drinnen, ohne sich der Thr zu
nhern. Geflscht, sagt ihr? - Er stie ein gellendes Gelchter aus. - Kommt
her und beweist! ... Aber thut eure Stecken weg! ... Was schlagt ihr mich denn
auf den Kopf? ... O, mein Gehirn!
    Vater, Vater! rief ich angstvoll.
    Ich wiederholte meine Bitte, mich einzulassen.
    Gehe - qule mich nicht! rief er ungeduldig und wanderte wieder tiefer in
das Zimmer hinein.
    Ich mute gehorchen, wollte ich ihn nicht noch mehr reizen, und entfernte
mich fr den Augenblick. Drunten brannte ich die Lampe an und ging in sein
Zimmer, um fr die Nacht alles vorzurichten ... Da lagen die Zeitungen, die er
heute erhalten, auf dem Tische, aufeinandergeschichtet und scheinbar unberhrt,
nur eine hatte er, zu einem Klumpen zerknllt, auf den Boden geschleudert. Ich
entfaltete sie und sah alsbald einen bezeichnenden roten Strich neben einem
langen Artikel herablaufen. Wie ein Funke sprang mir der Name Sassen aus dem
Buchstabengetmmel entgegen und erfllte mich mit einem ahnungsvollen Schrecken.
Ich berflog den Anfang und verstand ihn nicht; er wimmelte von technischen
Ausdrcken. Aber nun kam es, und ich schlug niedergeschmettert die Hand vor die
vergehenden Augen. Da stand:
    Mit diesem Mnzenschwindel hat der Autorittsglaube abermals einen
empfindlichen Schlag erhalten - einer unserer ersten Namen ist fr alle Zeit
kompromittiert. Doktor von Sassen hat in unbegreiflicher Verblendung den
Flscher und seine Mnzen, von denen auch nicht eine echt ist, an alle Hfe und
Universitten empfohlen ... Allerdings sagt Professor Hart in Hannover, welcher
dem Betruge zuerst auf die Spur gekommen ist, die Flschung sei eine
meisterhafte -
    Professor Hart in Hannover. Das war der Fremdwrterprofessor am Hnengrab,
der Mann mit dem guten Gesicht und der rasselnden Blechbchse auf dem Rcken ...
Ich hatte ihn liebgewonnen, weil er in so gtiger Weise meine Heide verteidigte,
und nun war dieser fast kindlich milde Greis ein so gewappneter Gegner meines
Vaters und stie ihn aus dem Sattel, wie heute Dagobert sagte ... Und das waren
die Mnzen gewesen, zu deren Ankauf ich so ungebrdig mein Vermgen von Herrn
Claudius gefordert - und um seiner nur zu wohl begrndeten Weigerung willen
hatte ich ihn dann bei Hofe als anmaenden Besserwisser angeklagt ... Jetzt sah
ich ihn wieder vor seinem Mnzenschatz stehen, so weise und bescheiden, aber
auch so ruhig fest in seinem Urteile. Und weil es der Kenntnisreiche
verschmhte, sein Wissen prunkend auf dem groen Markte auszubreiten, so mute
er sich von Dagobert unverschmt schelten lassen, und ich hatte als dankbares
Echo dieses hliche Wort wiederholt ... Wie glnzend gerechtfertigt stand der
stolz schweigende Mann nun da! ... Gerade diese Mnzengeschichte fhrte den
Sturz meines Vaters bei Hofe herbei - das war's, was der charakterlose,
erbrmliche Dagobert mir heute abend in dunklen, spttischen Worten hingeworfen
hatte ... Armer Vater! Dieser eine Irrtum schleuderte ihn von seiner Hhe herab
unter die Fe seiner Feinde und Neider ... Das mochte freilich gengen, um den
armen Kopf des krnklich schwachen Mannes, der Tag und Nacht im Interesse der
Wissenschaft angestrengt arbeitete, zu verwirren.
    Wie ohnmchtig stand ich junges, unerfahrenes Geschpf seinem Migeschick
gegenber! Ich begriff sehr wohl, da dem Manne in solchen Stunden selbst die
geliebteste Stimme keinen Trost zu geben vermag - und was konnte ich ihm auch
sagen? ... Aber allein lassen durfte ich ihn nicht; er mute die stillwaltende
Liebe doppelt fhlen, ohne da sie ihm in Worten beschwerlich fiel.
    Eiligst verlie ich sein Zimmer, um hinaufzueilen und mit Bitten nicht
abzulassen, bis mir das Bibliothekzimmer geffnet wurde. Da blieb ich pltzlich
stehen und horchte - aus meiner Schlafstube drang ein Gerusch, als ob Mbel
gerckt wrden - ich ri die Thr auf; der Mondschein flutete mir blendend
entgegen, denn beide Fenster standen noch offen - in meiner Aufregung ber die
Ankunft der Tante hatte ich vergessen, sie zu schlieen und die Lden
vorzulegen. Mit einem Aufschrei prallte ich zurck - ein Mann hielt den
verhngnisvollen Schrank umklammert und schob ihn mit einem abermaligen Rucke
seitwrts, so da die Tapetenthr vollstndig freigelegt war. Er fuhr herum -
Dagoberts weie Stirn leuchtete mir entgegen, und seine Augen sprhten mich an.
Mittelst eines einzigen Sprunges kam er herber, schlug die Thr hinter mir zu
und zog mich tiefer in das Zimmer hinein.
    Seien Sie jetzt einmal vernnftig, und bedenken Sie, da mein und auch Ihr
Lebensglck von diesem einen Augenblicke abhngt! flsterte er. Charlotte hat
die Sache geradezu verrckt angefangen - sie hat der Prinzessin das Geheimnis
mitgeteilt und ist mit der Thr ins Haus gefallen. Das Allerschlimmste, das uns
passieren konnte, ist eine pltzlich wie vom Himmel fallende wahnwitzige Liebe
der alten Hoheit, die meinen Vater selbst im Grabe keiner andern gnnen will!
... Jetzt haben wir zwei Gegner zu bekmpfen, die sich mglicherweise heimlich
verbnden - solch einer verrckt gewordenen alten Jungfer traue der Teufel! ...
Wer brgt uns dafr, da nicht eines Nachts das Gerichtssiegel von einer der
Thren fllt? Das hat dann der Onkel nicht gethan - bewahre - die ganze Welt
wei, da er gerade die Siegel streng htet. Es kann ja zufllig abgestoen
worden sein; und wenn dann die Papiere aus dem Schreibtische verschwunden sind,
wer in der Welt erfhrt das je? ... Seien Sie kein Kind! ... Hier in der Thr
steckt der Schlssel, ich brauche ihn nur umzudrehen - es ist kein Einbruch,
wenn ich hinaufgehe und das in Sicherheit bringe, was mir von Rechts wegen
gehrt.
    Ich wei selbst nicht, wie es mir in jenem Augenblicke mglich geworden ist,
so blitzschnell und aalglatt hinter ihm wegzugleiten, mit einem einzigen Griff
den Schlssel aus der Tapetenthr zu reien und in meine Tasche zu stecken.
    Schlange, stie er zwischen den Zhnen hervor. Sie wollen sich teuer
verkaufen! Sie meinen, mit diesem Schlssel in der Tasche sind Sie noch
begehrenswerter fr mich!
    Damals verstand ich den Sinn dieser abscheulichen Worte nicht im
entferntesten; wie htte ich sonst den Elenden auch nur noch eines Wortes, eines
Blickes wrdigen knnen?
    Ich will Sie von einem Unrecht abhalten! sagte ich und lehnte mich
entschlossen mit dem Rcken gegen die Thr. Seien Sie offen und wahr gegen
Herrn Claudius; Sie werden damit weit eher zum Ziele kommen, als wenn Sie das
Schlo droben erbrechen ... Ich will mit Ihnen gehen - wir wollen ihm noch in
dieser Stunde alles sagen -
    Ich verstummte, denn seine Augen glitten in beleidigender Weise langsam
musternd ber mich hin, und ein spttisches Lcheln zuckte um seinen Mund.
Schn sind Sie, Barfchen! Die schlanke Eidechse mit dem Prinzessinnenkrnchen
ist in wenigen Monaten geradezu sirenenhaft geworden - wo aber ist die Eidechsen
klugheit geblieben? - Er lachte laut auf. - Eine reizende Situation, beim
Zeus! Wir treten in corpore vor das hehre Angesicht des Onkels, bringen ihm
unser kostbares Geheimnis auf dem Prsentierteller und ziehen mit langer Nase
wieder ab! - Er kam nher an mich heran, so da ich mich angstvoll und noch
fester als vorher gegen die Wand drckte. - Nun lassen Sie sich Eins sagen:
Noch halte ich an mich und berhre Sie nicht - das danken Sie meiner
grenzenlosen Schwche, meiner geheimen Abgtterei fr Sie! Ich will Sie
grundstzlich nicht reizen, denn ich wei, da Sie ein kleiner Teufel an Bosheit
sind - ich glaube, in solchen Augenblicken unbezhmbarer Widerspenstigkeit sind
Sie imstande, mir abzuleugnen, was ich Beglckter lngst wei! ...
    Was sollte das heien? Ich mochte ihm wohl ein sehr erstauntes Gesicht
zeigen, denn er lachte abermals. Ei, thun Sie doch nicht, als sei ich der Wolf
und Sie das Rotkppchen, das den Bsewicht mit groen, unschuldig fragenden
Augen verstndnislos ansieht! rief er. Die Situation ist mir allerdings mit
heute sehr erschwert worden - Ihre unbegreiflich geschwtzige kleine Zunge, die
ich in unserem beiderseitigen Interesse bereits geschult zu haben meinte, hat
den Makel des Judentums auf Ihre Abkunft geworfen; desgleichen hat sich Ihr Papa
bei Hofe unmglich gemacht, - allein meine Leidenschaft fr Sie berwindet
alles; auch meine ich, der Frstenmantel meiner Mutter vermag Vieles zuzudecken
- er berhrte mit seinen Lippen fast mein Ohr - und ich will den sehen, der
meine reizende, kleine Lenore -
    Jetzt hatte ich ihn begriffen - ach, wie hart und bitter wurde in diesem
Augenblick der blinde Enthusiasmus gestraft, mit welchem ich mich bedingungslos
den Geschwistern hingegeben! Auer mir, wandte ich mein Gesicht weg und hob
drohend den Ellenbogen ber den Kopf - ich glaube, ich habe in einer Art
Fechterstellung ihm gegenber gestanden.
    Ah, da ist er ja wieder, der Dmon! Wollen Sie nicht wieder nach mir
schlagen, wie? hhnte er zwischen den Zhnen hervor. Hten Sie sich! ... Ich
habe Ihnen schon einmal gesagt -
    Ich wei es wohl, da Sie mich mit einem einzigen Druck Ihrer Hnde
erwrgen knnen - thun Sie es doch! rief ich unerschrocken. Freiwillig gebe
ich den Schlssel nicht heraus! ... Sie sind ein Ehrloser! ... Ich bin das blde
Kind nicht mehr, das darin - ich zeigte auf seine im Mondschein funkelnden
Epauletten - lediglich einen Schmuck sieht - ich wei, da sie nur in Ehren
getragen werden drfen! Und da kmmt nun der stolze Offizier bei Nacht und Nebel
als Einbrecher und bedroht ein wehrloses Mdchen.
    Ah, die kleine Viper versucht zu stechen? knirschte er und schlug seine
Arme um mich; aber meine Geschmeidigkeit kam mir zu Hilfe - aufschreiend
entschlpfte ich ihm und stand mit einem Sprunge auf der Fensterbrstung.
    Um Gottes willen, was ist denn das? rief drauen der alte Schfer - er war
auf dem Weg nach Hause und kam jetzt ber das helle Schneefeld hergelaufen.
    Kommen Sie herein - ach, schnell, schnell! stammelte ich, zwischen einem
Thrnenausbruch und dem Jubel des Erlstseins schwankend.
    Mit einem Fluch sprang Dagobert durch das andere Eckenfenster, whrend der
alte Grtner die Hausfront entlang lief und gleich darauf eintrat.
    Was hat's denn gegeben? fragte er, sich erstaunt im Zimmer umsehend. Du
lieber Gott, Frulein, Sie sehen ja so erschrocken aus wie mein
Kanarienvgelchen, wenn die Katze in der Stube gewesen ist! ... Hat's vielleicht
rumort im alten Hause? Frchten Sie sich nicht - das sind nur die Muse,
Frulein. Gespenster gibt's nicht, und wenn die Leute zehnmal sagen, es sei
nicht richtig in der Karolinenlust.
    Ich lie den guten Alten, dessen Stimme mich so sanft zu beschwichtigen
suchte, in dem Wahn, da eine Art Phantom mich erschreckt habe, und bat ihn nur,
die Fensterlden so fest wie mglich zu verrammeln, dann schlo ich alle Thren
ab und ging hinauf in das Bibliothekzimmer ... Ich fhlte mich so kampfmde -
der letzte Rest der bedeutenden Dosis von Trotz und Widerstandsfhigkeit, mit
welcher ich der neuen Welt entgegengetreten, war erschpft - und ich war noch so
jung! ... War das ganze Menschenleben solch ein Kampf mit den unerbittlichen
Konsequenzen, die das eigene Irren heraufbeschworen? Und sollte meine bange,
gengstigte Mdchenseele nun fort und fort, auf ihr eigenes Ringen angewiesen,
hilf- und sttzelos in Nacht und Sturm auf- und niedertaumeln? ... Ich
schttelte mich vor Grauen - ich mute versinken in Angst und Not, wenn nicht
eine starke Hand nach mir herbergriff ... Mit meinem Mantel vor dem Sturm -
beschtzt' ich Dich! - Ach ja, geborgen sein! Wer doch mit lahmen Flgeln unter
die Hut des Strkeren flchten und dort ausatmen durfte! ... Wie hatte ich die
Kraft der Kinderhnde berschtzt, weil sie sich lustig durch den
Frhlingssturm der Heide hindurchgekmpft! Wie sanken sie schon jetzt ermattet
nieder und tasteten nach Halt und Sttze! ...
    Das Bibliothekzimmer war noch verschlossen, als ich hinaufkam, und soviel
ich auch klopfen und rtteln mochte, ich erhielt keine Antwort. Im ersten
Augenblick meinte ich, mein Vater sei fortgegangen - es war totenstill drinnen.
Aber nun hrte ich von fern herber ein dumpfes Gepolter, dem ein kicherndes
Auflachen folgte - der Lrm kam aus dem Antikensaal, dessen Thren jedenfalls
weit offen standen. Mir klang es, als wrden schwere, harte Massen
niedergeworfen, und das Lachen war ein so seltsam unheimliches, da sich mir
unter einem Angstschauer leise die Haare strubten ... Und jetzt flog ein
Gegenstand in die Bibliothek herein und zersprang auf dem Fuboden klirrend in
tausend Scherben. - ein wahres Triumphgeschrei folgte dem Geschmetter ... Ich
schlug mit den geballten Hnden auf die drhnende Thr und rief
verzweiflungsvoll unaufhrlich den Namen meines Vaters.
    Da ging jenseits des weiten Treppenhauses eine Thre auf, und Herr Claudius
trat aus seiner Sternwarte - fast tageshell flo das Mondlicht mit ihm heraus.
Ich eilte zu ihm hin und teilte ihm unter krampfhaftem Ringen mit den
hervorstrzenden Thrnen meine Seelenangst und Not mit. Whrend in der
Bibliothek auf meinen Lrm hin eine unheimliche, tiefe Stille eingetreten war,
erzhlte ich mit niedergeschlagenen Augen flsternd von der Mnzengeschichte.
    Ich wei es, unterbrach mich Herr Claudius ruhig.
    Der Kummer macht meinen Vater wahnsinnig - ach, wie leide ich um ihn! rief
ich. Er ist gebrandmarkt und hat ber Nacht seinen berhmten Namen verloren!
    Glauben Sie das nicht! Es wre traurig, wenn ein einziger Irrtum ein ganzes
Leben voll angestrengter Geistesarbeit aufheben sollte ... Herr von Sassen hat
ungeheure Verdienste um die Wissenschaft, die kann ihm niemand rauben, und
gerade deshalb suchen ihn die Mcken in einem Augenblick der Schwche um so
empfindlicher zu stechen ... Das geht vorber. Seien Sie ruhig, Lenore, und
weinen Sie nicht. Er hob unwillkrlich die Hand, als wolle er die meine
trstend fassen, aber sie ebenso rasch sinken lassend, trat er an die Thre der
Bibliothek und rttelte an dem Drcker.
    In demselben Moment schlug es drinnen krachend und fortrollend auf die
Dielen nieder.
    Du bist ja kein Agasias! schrie mein Vater - ach, ich erkannte diese
kreischende Stimme kaum wieder! - Sassen hat gelogen! Fragt nur den Hart in
Hannover, der wei es! ... Fort mit dir, du bist auch geflscht! - Man hrte,
wie er nach dem zu Boden geschmetterten Gegenstand stie.
    Ach, das ist der schlafende Knabe, sein Abgott, ber den er ganze Bnde
schreibt, um zu beweisen, da es ein Werk des Agasias ist! stie ich zitternd
heraus. Gott im Himmel, er zertrmmert die Antiken!
    Herr Claudius klopfte mit starkem Finger an die Thre.
    Wollen Sie mir nicht ffnen, Herr Doctor? rief er laut, aber mit vllig
beherrschter Stimme.
    Mein Vater stie ein gellendes Gelchter aus. Und es steht geschrieben -
ha, ha, ist alles Lge gewesen vom Anfang an! Wehre dich doch, wenn du von
Gottes Gnaden unsterblicher Geist bist! Siehst du, wie dich die gelben Flammen
fressen? ... Hei, da wirbelt sie hinauf an die Decke, die Lgenbrut des Geistes,
auf die der berhmte Mann stolz war! - Rauch, nichts als Rauch!
    Herr Claudius fuhr entsetzt zurck - aus dem Schlsselloch und den Thrfugen
quoll dicker Qualm und ein erstickender Geruch - wollene Stoffe brannten.
    Er verbrennt sein Manuskript, und das Feuer hat die Vorhnge ergriffen!
schrie ich auf. Ich brach in lautes Jammern aus und warf mich verzweiflungsvoll
gegen die Thre - ach, was vermochten meine armen, kleinen Hnde und Fe gegen
die dicken Bohlen, die sich nicht rhrten!
    Herr Claudius sprang in die Sternwarte zurck, und jetzt dachte ich auch an
die kleine, kaum sichtbare Tapetenthr in der Bibliothek; sie fhrte in einen
weiten, dunklen Raum voll Germpel, der das genannte Zimmer von der Sternwarte
trennte. Und wenn die Thre auch verschlossen war, zwei harte Futritte
gengten, um das leichte Brettergefge zu sprengen. Aber es bedurfte dessen
nicht einmal; rasches Laufen drinnen und ein zorniger Schrei meines Vaters
belehrten mich, da Herr Claudius, ohne Widerstand zu finden, eingedrungen sei.
Der Schlssel wurde umgedreht und die Thre aufgerissen. Welch ein Anblick! ...
Rauch und Qualm, und dazwischen hochaufschieende Flammenfratzen, von
knisterndem Funkenregen umstiebt, wogten um die traute Schreibecke meines
Vaters. An den sehr schweren, dicken Wollvorhngen fraen sich die gelben
Zungen nur langsam empor; desto lustiger und begehrlicher leckten sie bereits
ber die Ste alter Broschren hin, die ein zwischen den Fenstern stehendes
Regal sllten. Mein Vater schrie und gebrdete sich wie ein Rasender - er floh
vor Herrn Claudius, der ihn zu fassen und aus dem Zimmer zu ziehen suchte. Unter
den Fen der Laufenden knirschten und krachten unaufhrlich Scherben - der
Boden war bedeckt mit Trmmern kostbarer antiker Thongefe.
    Ich lief hinein.
    Zurck, Lenore! Hinaus! Denken Sie an Ihre feuerfangenden Kleider! rief
Herr Claudius angstvoll herber, indem er meinem Vater, der sich auflachend in
die Flammen zu werfen suchte, den Weg vertrat. Laufen Sie in das Vorderhaus um
Hilfe!
    Ich sah im Davoneilen, wie mein Vater, ber die am Boden liegende
Marmorfigur strauchelnd, niederfiel, von Herrn Claudius erfangen und, trotz
seiner wtenden Gegenwehr, auf kraftvollem Arm nach der Thre getragen wurde;
aber kaum hatte ich die Halle betreten, als ich hrte, wie die Ringenden droben
im unausgesetzten Kampfe die Treppe erreichten.
    Mrder, elender Mrder! schrie mein Vater, da die marmorbekleideten Wnde
gellten - dann erfolgte ein entsetzliches Gepolter.
    Wie ich mit meinen versagenden Fen die Bel-Etage wieder erreicht habe,
kann ich bis heute nicht sagen; ich wei nur, da mir war, als sei ich pltzlich
von einem Wirbel erfat und da hingeschleudert worden, wo ein dunkler Knuel
droben vor der untersten Treppenstufe lag.
    Herr Claudius stand bereits wieder auf seinen Fen; er hielt sich mit der
Hand am Treppengelnder fest und wandte mir sein vom Mond beschienenes Gesicht
zu - es war mit einer fahlen Blsse bedeckt.
    Wir sind unglcklich gefallen, sagte er, noch atemlos von der Anstrengung,
und deutete auf meinen Vater. Er ist bewutlos, und ich kann ihn nicht weiter
bringen. Arme, arme Lenore, Ihre Fe tragen Sie nicht, und doch mssen Sie mir
Hilfe holen ...
    Nun rannte ich durch die Grten - hinter mir schlugen die feurigen Zungen
aus den Fenstern der Bibliothek und schwarze, dick aufschwellende Rauchwolken
zogen ber die Baumwipfel hin, mir nach.
    Feuer in der Karolinenlust! schrie ich in die Hausflur hinein.
    Im Nu war das ganze Vorderhaus rebellisch. Allgemeines Entsetzen, als die
Herbeilaufenden in den Hof traten und ber der Pappelwand den rotglhenden Dampf
in das ruhige, stete Silberlicht des Himmels hineinlohen sahen. Wer Hnde hatte,
ergriff Kbel und Eimer und aus der Remise wurden zwei groe Handspritzen
gehoben. Man hatte auch in der Seitenstrae den Brand bemerkt; durch das Thor
strmte ein Menschenhaufe um den andern - in wenigen Minuten wimmelten die
Grten und der Platz vor der Karolinenlust von Rettenden, die das Eis auf Teich
und Flu einschlugen und Wasser in das brennende Stockwerk schleppten.
    Als ich zurckkehrte, lehnte Herr Claudius am Treppengelnder; mit seiner
Rechten drckte er den linken Arm gegen die Brust. Ich konnte nicht sprechen vor
Jammer und bog mich ber meinen Vater, dessen Kopf auf der untersten
Treppenstufe lag. - Herr Claudius hatte ihm seinen Shawl als Polster
untergeschoben. Die Augen waren geschlossen, und das eingefallene Gesicht sah so
blutleer und wchsern aus, da ich meinte, er sei tot - aufsthnend schlug ich
die Hnde vor das Gesicht.
    Er ist nur betubt, und soviel es mir mglich war, zu untersuchen, hat er
auch kein Glied gebrochen, sagte Herr Claudius - wie lernte ich diese ruhig
gelassene Stimme, um derentwillen ich ihn einst einen Eiszapfen gescholten, in
den Augenblicken unaussprechlicher Angst und Seelenqual schtzen! An ihr
richtete ich mich sofort auf.
    Hinunter in Herrn von Sassens Zimmer! gebot er den Leuten, die den
Gestrzten vom Boden aufnahmen. Es liegt weit ab - das Haus ist massiv und
Wasser und rettende Hnde sind genug da - bis dahin dringt die Feuersgefahr
nicht mehr!
    Ein Menschenstrom wogte an uns vorber, die Treppe hinauf.
    Und Sie? sagte ich zu Herrn Claudius, whrend wir seitwrts traten, und
die zwei Mnner, von Frulein Fliedner geleitet, meinen Vater nach unserer
Wohnung trugen. - Ich sehe es wohl, Sie haben Schmerz, Sie haben sich wehe
gethan! ... Ach, Herr Claudius, wie schwer mssen Sie dafr leiden, da Sie
meinen Vater und mich in Ihr Haus aufgenommen haben!
    Meinen Sie! - Ein fast sonniges Lcheln verdrngte fr einen Moment den
Zug des Leidens, der seine Brauen faltete. Ich rechne anders, als Sie denken,
Lenore. Ich kenne die weise Einrichtung sehr gut, nach welcher wir erst
verschiedene Stadien durchlaufen mssen, ehe wir in den Himmel eingehen drfen -
mit jedem kommen wir dem Ziele nher, und dafr sei er gesegnet.
    Er stieg in das brennende Stockwerk hinauf, und ich eilte zu meinem Vater.
Er lag still und unbeweglich auf seinem Bett; nur als eine Feuerspritze drben
donnernd ber die Brcke fuhr und unter heftigem Getse vor dem Hause hielt, hob
er die Lider und sah mit einem umschleierten, vllig verstndnislosen Blick
umher. Von diesem Augenblicke an flsterte er unaufhrlich vor sich hin, ganz
sanft und sacht. Frulein Fliedner legte ihm kalte Tcher um den Kopf, das
schien beruhigend auf ihn zu wirken. Hilfe und Beistand fehlten mir nicht. Auch
Frau Helldorf, die den Claudiusgarten seit jenem verhngnisvollen Sonntagmorgen
nicht wieder betreten, hatte die Angst und Scheu vor einer Begegnung mit ihrem
Vater berwunden und war zu mir herbergekommen.
    Ich sa neben dem Kranken und hielt seine glhende Hand in der meinen. Sein
gespenstisches Murmeln, das auch nicht fr einen Augenblick abri, der Anblick
seines Leidensgesichtes, von welchem jede Spur eines selbstndigen Denkens fr
immer weggewischt schien, dazu die folternde Angst um Herrn Claudius, den ich
droben in den brennenden Rumen wute - das alles versetzte mich in einen
Zustand stiller Verzweiflung.
    In der Zimmerecke brannte ein verdecktes Nachtlicht - tiefe Schatten webten
um das Krankenbett; desto heller breitete sich der Platz vor den Fenstern hin.
Ueber die versilberte Baumwand drben wogten wie flatternde Fahnen die Schatten
der Rauchwolken; zischend fuhr der funkelnde Wasserstrahl der Feuerspritze aus
dem Menschengewimmel hinauf - sie zerstoben und duckten nieder, um sich gleich
darauf zu meinem bangen Schrecken majesttisch wieder aufzublhen ... Habt
acht! scholl es fort und fort aus dem Gemurmel und Gebrause - gerettete
Gegenstnde, Vasen, Spiegel, Marmorfiguren wurden vorbergetragen und bei der
Diana niedergelegt - hohe Bcherste reckten sich an der Gttin empor, und die
umstehenden Polstermbel und glnzenden Tischplatten sahen wunderlich genug aus
in der schneefunkelnden Winterlandschaft.
    Allmhlich verdnnten sich die intensiv schwarzen Rauchstreifen
schleierartig vor meinem starr hinausgerichteten Blick - der Lrm, treppauf,
treppab, klang gedmpfter - es wurden keine geretteten Sachen mehr
vorbergetragen.
    Das Feuer ist nieder, sagte Frau Helldorf tief aufatmend, und ich vergrub
meine berstrmenden Augen in die Bettkissen.
    Charlotte kam herein. Ihr Kleidersaum schleppte zerfetzt am Boden hin, und
die schweren Zpfe hingen ihr unordentlich in den Nacken - sie hatte beim Retten
wie ein Mann geholfen.
    Das ist ja ein schner Abend fr uns, Prinzechen, sagte sie tonlos und
setzte sich neben mich erschpft auf ein Fubnkchen. Sie legte die Stirn auf
meine Kniee. Ach, mein armer Kopf! flsterte sie, whrend die beiden Damen fr
einen Moment in das Nebenzimmer gingen. Kind, wenn Sie wten, wie es in mir
aussieht! ... Glauben Sie wohl, da mir droben der verzweifelte Gedanke gekommen
ist, ob es nicht besser wre, der Feuerstrom packe meine Kleider und mich mit,
und die ganze Qual hier drinnen - sie prete die Hnde auf das Herz - nhme
pltzlich ein Ende! ... Und an den versiegelten Thren bin ich vorbergelaufen
und habe gemeint, es msse sich eine aufthun und meine Mutter die Arme
herausstrecken, um ihr unglckliches Kind aus dem vorbeibrausenden
Menschenschwarm hineinzuziehen ... Heute zum erstenmal kann ich's meinem Vater
nicht vergeben, da er uns so bedingungslos, so auf Treu und Glauben in die
Hnde seines Bruders geliefert hat! ... Und wenn er noch so furchtbar litt, er
durfte nicht sterben, er mute fr uns leben - er hat feig gehandelt!
    Drauen verlief sich allmhlich die Menschenmenge, es wurde stiller, und das
Zischen der Wasserstrahlen, die noch von Zeit zu Zeit hinaufgeschickt wurden,
drang schrfer an das Ohr. Und jetzt endlich kam auch der so heiersehnte Arzt.
Whrend er den Kranken untersuchte und schweigend beobachtete, klang drauen
eine gewaltige Stimme durch den hallenden Korridor und herein in das stille
Zimmer.
    Habe ich's nicht gewut, Herr Claudius, da dieses Hervorzerren der von
Ihren Vorfahren wohlweislich vergrabenen heidnischen Gtzenbilder dem Herrn ein
Greuel sein msse? fragte der alte Buchhalter in seinem breitesten
Prophetenton.
    Er ist unverbesserlich, der alte Fanatiker! murmelte Charlotte rgerlich.
    Habe ich nicht vorhergesagt, da das Feuer vom Himmel fallen wrde?
    Es ist nicht vom Himmel gefallen, Herr Eckhof, unterbrach ihn Herr
Claudius hrbar ungeduldig.
    Sie miverstehen das absichtlich, lieber Herr, sagte eine andere Stimme
sanft.
    Ach, das ist der Muckerdiakonus, der schlimmste Seelenhetzer der ganzen
Residenz - die beiden kommen eben aus der Andacht, man hrt es! Fr die ist das
Feuerunglck in der Karolinenlust das grte Gaudium, flsterte Charlotte.
    Bruder Eckhof wei sehr gut, da der Herr in unseren Zeiten seine Strafen
nicht mehr so direkt vom Himmel niederschickt, wie ehemals, fuhr die Stimme
fort. Aber sein Walten bleibt immer ein sichtbarliches - es kommt nur darauf
an, da wir es verstehen ... Ja, Herr Claudius, es schmerzt mich in der Seele,
da Sie so heimgesucht worden sind; aber ich kann nicht umhin, den Herrn zu
preisen, der in seiner unerschpflichen Gnade so deutlich zu Ihnen spricht ...
Er hat es in seiner Weisheit und Gerechtigkeit geschehen lassen, da die
heidnischen Greuel - ich habe eben gesehen, da diese sogenannten Wunderwerke
vom Rauch geschwrzt und zertrmmert drauen im Garten liegen - vertilgt wurden
-
    Er kam nicht zu Ende mit seinem Zelotensermon; denn Herr Claudius ffnete,
ohne noch ein Wort zu verlieren, die Thre meines Wohnzimmers, und ich hrte ihn
drben eintreten. Der Arzt ging zu ihm. Herr Claudius stand neben der Lampe, die
auf dem Tische brannte und sein Gesicht hell beleuchtete - er drckte noch in
der eigentmlichen Weise mit der Rechten den linken Arm gegen die Brust. Ich sah
von meinem dunklen Platz aus, wie sich seine Zge bei dem geflsterten Bericht
des Arztes sehr verdsterten.
    Sie leiden auch, Herr Claudius, hrte ich schlielich den Doktor lauter zu
ihm sagen.
    Ich habe mir den Arm verletzt, versetzte Herr Claudius ruhig, und werde
mich nachher im Vorderhause Ihren Hnden berliefern.
    Ist recht - und die Augen werden wir auch fr einige Zeit in ein dunkles
Verlie stecken mssen, wie ich bemerke, sagte der Doktor bedeutsam.
    Still, still - Sie wissen, das ist der Punkt, wo ich verwundbar bin, wo Sie
mir bange machen knnen!
    Mir stockten die Pulse - wenn er blind wurde? ... Ich meinte, so viel Jammer
und Elend sei noch nie ber ein Menschenherz hereingebrochen, wie heute ber das
meine.
    Charlotte erhob sich rasch und ging hinber. Fast zugleich wurde die Thre
meines Wohnzimmers aufgerissen, und hastige Mnnerschritte kamen herein.
    Herr Claudius, Herr Claudius! ... O, ber diese Verruchtheit! hrte ich
den alten Buchhalter sthnen. Er kam in das Bereich meiner Blicke - wie
weggewischt war alle Salbung, das breit wohlgefllige Geprge eines frommen
Wandels vor Gott und den Menschen aus diesem fassungslosen, verstrten Gesicht.
    Herr Claudius winkte ihm mit der Hand, seine Stimme zu migen, aber er war
viel zu aufgeregt, um diese Bewegung zu beachten.
    Mir, mir das! rief er grimmig, in tiefster Indignation. Herr Claudius,
ein Elender hat die allgemeine Verwirrung beim Brande benutzt, ist in meine
Wohnung eingebrochen und hat mir eine Kassette mit meinen geringen Ersparnissen
geraubt ... Ach, ich kann mich kaum auf den Fen halten! Ich bin dermaen
alteriert - geben Sie acht, das ist mein Tod!
    Das ist unchristlich und sndhaft gesprochen, verwies ihm der Diakonus
sanft den heftigen Ausspruch. Bedenken Sie, da es sich um irdischen Mammon
handelt ... Uebrigens ist ja die Mglichkeit nicht ausgeschlossen, da der
Verbrecher entdeckt wird und Sie wieder zu Ihrem Gelde kommen - und wenn nicht,
nun, dann heit es ja: Es ist leichter, da ein Kamel durch ein Nadelhr gehe,
denn da ein Reicher in das Reich Gottes komme. - Ich sah deutlich, wie er
dabei Herrn Claudius fixierte. - Ist das nicht ein kstlicher Trost fr den,
der durch den Verlust der irdischen Habe heimgesucht wird?
    Aber in der Kassette waren ja auch die tausend Thaler Missionsgelder, die
in diesen Tagen abgeschickt werden sollten! chzte verzweiflungsvoll der
Buchhalter und fuhr sich mit beiden Hnden an den sauber frisierten Kopf.
    Jetzt war die Reihe zu erschrecken an dem Herrn Diakonus.
    O, das ist freilich sehr, sehr fatal, lieber Herr Eckhof! rief er
bestrzt. Aber ich bitte Sie, wie konnten Sie auch diese Ihnen anvertrauten
Gelder so - verzeihen Sie - so unverantwortlich leichtsinnig verwahren? Sie
wissen doch, da an jedem Groschen das Seelenheil anderer hngt! ... Was sollen
wir nun anfangen? ... Das Geld mu in diesen Tagen abgeliefert werden. Unser
Verein gilt als ein Muster von Pnktlichkeit, er darf seinen Ruf um Ihretwillen
nicht einben - das werden Sie doch einsehen ... Es thut mir unsglich leid,
aber ich kann Ihnen mit dem besten Willen nicht helfen, Sie mssen das Geld zu
der festgesetzten Frist schaffen!
    O mein Gott, wie soll ich denn das ermglichen? Ich bin augenblicklich ein
Bettler! - Er hielt seine weien vollen Hnde gegen die Lampe. - Nicht einmal
ber meinen Brillantring, das kostbare Geschenk meines vormaligen Chefs, habe
ich zu verfgen, er lag auch in der Kassette - ich thue stets den eitlen,
weltlichen Schmuck von mir, wenn ich zur Andacht gehe. O du, mein Herr und Gott,
womit habe ich, dein getreuester Knecht, dieses Schicksal verdient!
    Der Diakonus trat ihm nher und legte trstend die Hand auf seinen Arm.
Nun, nun, verzweifeln Sie nicht, mein lieber Herr Eckhof ... Die Sache ist
allerdings ernst genug, und man kann sie nicht schwer genug auffassen; aber ich
will Ihnen sagen - wer, wie Sie, solch einen mchtigen Gnner hat, der darf
schon mutig sein ... Herr Claudius ist ein edler Mann, ein reicher Mann; fr ihn
ist es eine Kleinigkeit, Abhilfe in Ihrer Bedrngnis zu schaffen. Er riskiert ja
nichts dabei - er hat Sie und Ihren Gehalt in Hnden und kann sich leicht durch
Abzge bezahlt machen.
    Das werde ich mir denn doch sehr berlegen, Herr Diakonus, sagte Herr
Claudius ruhig. Einmal lasse ich mich grundstzlich auf derartige Abzge
niemals ein, und dann - Sie haben vorhin behauptet, der Allmchtige habe es in
seiner Weisheit und Gerechtigkeit geschehen lassen, da die schnsten Denkmler
des edlen von ihm erschaffenen Menschengeistes, die Blten einer herrlichen
Kultur, elend umgekommen sind - nun denn, ich will mich auch einmal auf den
Standpunkt der Glubigen stellen, will in Ihrer anmaenden und einseitigen Weise
das gttliche Walten auslegen und denken, der Herr habe es in seiner Weisheit
und Gerechtigkeit geschehen lassen, da das Geld abhanden gekommen ist, mit
welchem eine Heidenseele - tausend Thaler kostet ja wohl so ein zweifelhaft
Bekehrter? - in das Christentum hineingepret werden sollte - er habe ferner
Ihnen, Herr Eckhof, die Lehre geben wollen, wie die Kirche, der Sie selbst das
Heiligste, die Familie geopfert haben, in Geldsachen die unerbittlichste
Glubigerin ist.
    Er sah stolz und gelassen ber die Schulter nach dem kleinen Diakonus hin,
der giftig auf ihn zusprang. Wir mssen unerbittlich sein - es ist unsere
heilige Pflicht, eiferte er. Wo kme die Kirche hin, wenn wir nicht als treue
Wchter Zions sammelten und sparten und wirkten, solange es Tag ist ... Und je
saurer die Scherflein geworden, je mehr Schwei und Blut der Arbeit und Armut
daran hngen, desto wohlgeflliger sieht sie der Herr an ... Sie sind ja einer
der Unseren, Herr Eckhof, Sie wissen, welchen Gesetzen wir uns unterwerfen
mssen, und werden alles aufbieten, das Geld herbeizuschaffen ... Ich wasche
meine Hnde! Ich habe mehr als meine Schuldigkeit gethan - ich habe mich vor den
Unglubigen erniedrigt!
    Er schritt mit steifem Nacken der Thr zu.
    Da stand pltzlich Frau Helldorf neben ihrem in sich zusammengesunkenen
Vater.
    Vater, sagte sie mit bebender Stimme. Ich kann dir helfen. Du weit, ich
habe siebenhundert Thaler von der seligen Mutter, und das brige gibt mir gewi
mein Schwager, der sich ein kleines Kapital erspart hat.
    Eckhof fuhr herum, als seien diese lieblichen Tne niederschmetternd und
zermalmend, wie der Donner des jngsten Gerichts. Er sah wie versteinert in das
Gesicht seiner Tochter, dann aber stie er mit den Hnden nach ihr.
    Fort, fort mit dir! Ich will dein Geld nicht! schrie er auf und taumelte
dem Diakonus nach, zur Thr hinaus.
    
    Seien Sie ruhig, kleine Frau, trstete Herr Claudius die Weinende. Es
htte noch gefehlt, da Sie Ihr letztes Scherflein in diesen unersttlichen
Schlund wrfen! ... Ich war gezwungen, hart zu sein - dieser anmaenden Kaste
gegenber kann man nicht streng genug auftreten ... Aber fassen Sie Mut - es
soll noch alles gut werden.
    Whrend alle entrstet durcheinander sprachen, kam er herber in das
Krankenzimmer, wo ich im Halbdunkel neben dem Bett sa. Er bog sich lauschend
ber meinen Vater der, unberhrt von allem, was um ihn her vorging, fort und
fort eintnig murmelte.
    Er ist glcklich in seinen Phantasien, er ist im sonnigen Griechenland,
flsterte mir Herr Claudius nach einer Pause zu ... Er stand dicht neben mir -
da griff ich mit beiden Hnden rasch nach seiner Rechten und drckte sie an
meine Lippen - mein Vergehen, meine einstige Rauheit gegen ihn war geshnt.
    Er taumelte frmlich zurck - kein Wort kam ber seine Lippen; aber er legte
seine Hand auf meinen Scheitel, bog mir den Kopf in den Nacken und sah mir tief
und forschend in die Augen - ach, wie schwer lagen die Lider ber seinen
schnen, blauen Augensternen!
    Ist nun alles gut zwischen uns, Lenore? fragte er endlich in
halberstickten Lauten.
    Ich neigte lebhaft bejahend den Kopf, ohne daran zu denken, da ja noch das
finstere Geheimnis zwischen uns lag.

                                       31


Mehrere Tage lang schwebte mein Vater zwischen Leben und Tod. Jener Anfall von
Tobsucht, infolgedessen er den Brand in der Karolinenlust verursacht, war nicht,
wie ich gefrchtet, Wahnsinn, sondern der erste Paroxysmus einer nicht
beachteten, schon seit Tagen in ihm whlenden nervsen Krankheit gewesen. Die
Gefahr, die ber seinem Leben hing, konnte mir nicht verborgen bleiben, und so
sa ich Tag und Nacht an seinem Bett und meinte in der alten trotzigen Weise,
der Tod knne es gar nicht wagen, unter meinen stets wachen Augen den schwachen
Lebensfunken auszulschen ... Ob er sich vor der druenden Mdchenseele in der
That gefrchtet, ich wei es nicht - aber er ging vorber, und nach einer Woche
voll unaussprechlicher Angst erklrten die Aerzte den Kranken fr gerettet.
Auer Frau Helldorf stand mir noch eine tchtige Wrterin zur Seite, und der
Leibarzt des Herzogs, den Seine Hoheit selbst geschickt, blieb stundenlang in
der Karolinenlust und wachte ngstlich ber das kostbare Leben des berhmten
Gelehrten ... Es erwies sich nun auch als eine sehr irrige Voraussetzung in der
guten Residenz K., da die Mnzenaffaire meinen Vater bei Hofe notwendig strzen
msse - nie war der Herzog liebevoller und teilnehmender gewesen, als whrend
dieser schweren Zeit; tglich mehrere Male erschienen seine Boten, um sich nach
dem Ergehen des Kranken zu erkundigen, und mit ihnen stellte sich auch der mehr
oder minder betrete Lakaientro der pltzlich wieder niederduckenden Hofkoterie
ein.
    Im Vorderhause hatte man auch ein Krankenzimmer einrichten mssen - ein
dunkles, tief verhangenes ... Herr Claudius hatte sich bei dem verhngnisvollen
Sturz eine schmerzvolle Ausrenkung des Armes zugezogen, dazu kam eine heftige,
durch den erstickenden Rauch und die blendenden Flammen hervorgerufene
Augenentzndung, die anfnglich den Arzt das Schlimmste befrchten lie. Ich
litt unbeschreiblich, denn ich durfte ihn ja nicht sehen. Wenn mich aber die
Aerzte vom Krankenbett fort ins Freie hinaus scheuchten, um nur einmal
wenigstens frische Luft zu schpfen, dann lief ich in das Vorderhaus und ruhte
nicht, bis Frulein Fliedner herauskam und mir persnlich Bericht erstattete ...
Inmitten seiner schweren Leiden verga er doch die kleine Lenore nicht. Die
Fenstersimse und Blumentische in meinem Zimmer waren zu Veilchen-, Maiblumen-
und Hyacinthenbeeten geworden - ich fhlte mich stets beim Eintritt in
Frhlingsodem frmlich versinken. Der Leibarzt meinte, Heideprinzechen werde
nchstens den poetischen Tod durch Bltenduft sterben, und der alte Schfer
vertraute mir schmunzelnd, im Treibhause she es greulich leer aus, und der
Obergrtner schneide ein grimmiges Gesicht. Frau Helldorf, die Aerzte, die
Wartefrau, wer sich ein wenig von der Luft der Krankenstube erholen wollte, der
flchtete in das kstlich ausgeschmckte Zimmer; nur eine Person sah es mit
ungndigen Augen an, und das war meine Tante Christine.
    Solange mein Vater bewutlos dalag, kam sie tglich herber, mich zu
besuchen. Ich mu gestehen, da ich stets zitterte, wenn ich ihren leichten,
schwebenden Schritt hrte, ihr erstes Erscheinen am Krankenbett hatte mich tief
niedergeschmettert. Mit der grazisesten Wendung ihres schnen Kopfes hatte sie
mir bei Erblicken des verfallenen Leidensgesichtes rckhaltslos zugeflstert:
Kind, mache dich auf das Schlimmste gefat - er geht rasch seinem Ende
entgegen. - Seitdem frchtete ich sie; Groll und Verdru aber stiegen in mir
auf, als sie eines Tages in mein Zimmer kam.
    Gott, wie himmlisch! rief sie und schlug in ihre rosig weien Hnde.
Herz, du mut ber bedeutende Nadelgelder zu verfgen haben, da du dir einen
solchen auerordentlichen Luxus erlauben kannst!
    Ich habe die Blumen nicht gekauft - Herr Claudius hat das Zimmer
ausschmcken lassen, sagte ich beleidigt - ich, und Luxus treiben!
    Sie fuhr herum, und ich sah zum erstenmal, da diese prachtvollen,
sanftmtigen Augen Blicke, scharf wie Dolchspitzen, schieen konnten.
    Es ist dein Zimmer, Lenore? fragte sie in schneidendem Tone.
    Ich bejahte.
    Ach, Kindchen, dann ist es wohl ein Irrtum deinerseits! Nun, nun, das ist
sehr verzeihlich, du bist ja noch ein Kind! meinte sie darauf gutmtig lchelnd
und strich mir mit ihrem samtweichen Finger schkernd ber die Wange. Schau,
der alte Schfer ist solch ein Blumennarr - er wird dir das Stbchen so zum
Ersticken vollgepfropft haben - Schelm, mir scheint, du hast bei ihm einen Stein
im Brett! ... Ein Mann, wie Herr Claudius, so ernst, und so sehr in eine
unbeglckte Vergangenheit vertieft - ich wei das ja durch dich und Frau
Helldorf - kommt sicher nicht auf die Idee, solch ein kleines - na, nimm mir's
nicht bel, kleine Maus - ein wunderkleines Backfischchen mit dem Flor seiner
Treibhuser frmlich zu berschtten.
    Ich schwieg und schluckte meinen Groll hinunter. Ihre Behauptungen htten
mich sehr niederschlagen knnen, denn es war ja nicht zu leugnen, neben ihr, der
Junogestalt, war ich das unbedeutendste Geschpfchen, das sich denken lie -
aber die Blumen waren doch von Herrn Claudius, ich wute es genau, wenn ich auch
die beseligende Gewiheit tief im Herzen versteckte ... Meine Tante betrat das
Zimmer nicht wieder; sie versicherte, der einmalige kurze Aufenthalt in der
Treibhausluft habe ihr entsetzliche Kopfschmerzen verursacht ... Seltsam, da
es der schnen Frau mit der sanften Stimme und dem geschmeidigen Wesen nicht
gelingen wollte, sich im Schweizerhuschen einzuschmeicheln! Der alte Schfer
machte mir stets ein vorwurfsvolles Gesicht, wenn ich auf Tante Christine zu
sprechen kam, und meinte, sein schnes, sauberes Zimmer she zum Spektakel aus -
die Dame rhre kein Staubtuch an und scheine gar nicht zu wissen, wozu die Ngel
an den Wnden seien - sie lasse die Kleider auf dem Fuboden liegen; und Frau
Helldorf zrnte ernstlich, als sie eines Tages sah, wie ich meiner Tante Geld
gab.
    Sie versndigen sich frmlich, sagte sie, als wir allein waren; denn Sie
untersttzen geflissentlich die Faulheit und Verschwendung ... Drben stehen die
Tische voll Naschwerk aller Art - Die Frau sollte sich schmen, Austern und
marinierten Aal zu essen, Champagnerflaschen hinter dem Sopha stehen zu haben,
und das alles durch Sie bezahlen zu lassen! - das knnen Sie unmglich
durchsetzen! ... Mag sie doch mit Gesangsunterricht ihr Brot verdienen - ihre
Stimme ist ausgesungen, aber sie hat eine brillante Schule.
    Zu meiner eigenen Beruhigung konnte ich ihr versichern, da das jedenfalls
auch geschehen werde; Tante Christine habe wiederholt gesagt, da sie einen
festen Plan verfolge. Sie bedrfe zu der Ausfhrung aber eines mnnlichen Rates
und Beistandes und habe gehofft, beides bei meinem Vater zu finden; nun er sie
jedoch lieblos verstoen, wolle sie warten, bis Herr Claudius genesen sei - nach
allem, was sie von diesem Manne hre, sei er am ersten imstande, ihr fr einen
lngeren Aufenthalt in K. Rat und Untersttzung zu gewhren. Ich fand an der
Idee nichts auszusetzen und ward ein klein wenig unwillig, als Frau Helldorf mit
Kopfschtteln meinte, Herr Claudius werde sich schwerlich damit befassen, wenn
er einmal der Dame in das geschminkte Gesicht gesehen habe.
    Die kleine Frau war mir in der Leidenszeit unbeschreiblich lieb geworden.
Welches Opfer brachte sie, indem sie das Haus betrat, welches ihr
unvershnlicher Vater bewohnte! In vlliger Flucht kam sie stets atemlos und mit
klopfendem Herzen an - die Furcht vor einer abermaligen Begegnung jagte sie. Die
arme Verstoene liebte trotz alledem ihren Vater innig und war tief bekmmert,
als sie hrte, da er seine gesamte Habe verpfndet habe, um die Missionsgelder
herbeizuschaffen. Trotz aller Bemhungen war man dem Diebe nicht auf die Spur
gekommen ... Mir erschien der alte Buchhalter seltsam verndert; er grte mich
jetzt bei jeder Begegnung und hatte sich sogar einige Male herbeigelassen, nach
meinem kranken Vater zu fragen. Charlotte besttigte meine Wahrnehmung; sie
behauptete zornig, er gehe ihr und Dagobert aus dem Wege; der alte Schwachkopf
bereue entschieden, das Geheimnis seines Chefs verraten zu haben, und werde
schlielich - das sehe sie voraus - im entscheidenden Moment zu leugnen
versuchen ... Das leidenschaftliche Mdchen litt unsagbar. Die Prinzessin war
leidend, hielt sich seit jenem Abend fern von allem Gerusch des Hoflebens, und
das Haus in der Mauerstrae schien fr sie nicht mehr zu existieren. Was sollte
nun geschehen? Mein abermaliger Vorschlag, Herrn Claudius selbst alles zu sagen,
wurde auch von Charlotte mit Entrstung und der anzglichen Bemerkung
zurckgewiesen, der Blumenduft in meinem Zimmer umschmeichle und besteche mich.
Ich schwieg von da ab auf alle Klagen.
    Fnf Wochen waren seit dem Feuerunglck vergangen, und die furchtbare
Heimsuchung lag hinter mir. Mein Vater war lngst auer Bett; er erholte sich
auffallend rasch, war durch die Aerzte schonend von allen Vorgngen unterrichtet
worden, und hatte sich zur Verwunderung aller ziemlich schnell und leicht in die
betrbende Thatsache gefunden, da sein Manuskript Staub und Asche sei. Weit
schmerzlicher berhrte ihn die Nachricht, da eine Anzahl kostbarer Bcher und
Handschriften nicht habe gerettet werden knnen, da die prachtvollsten
Exemplare der antiken Thongefe vernichtet seien, und wie man mit dem besten
Willen das abgeschlagene Marmorhndchen des schlafenden Knaben nicht wieder
aufzufinden vermchte. Er vergo Thrnen des Schmerzes und konnte sich nur
schwer darber beruhigen, da er der Welt und Herrn Claudius diesen nie zu
ersetzenden Schaden zugefgt. Der Herzog besuchte ihn sehr oft; er wurde damit
unmerklich wieder in das Fahrwasser seines gewohnten Denkens und Wirkens
geleitet und hatte bereits zahllose Plne und Entwrfe im Kopfe ... Mir
begegnete er mit unbeschreiblicher Zrtlichkeit - das Unglck hatte Vater und
Tochter eng verbunden - er mochte mich nicht mehr missen: trotzdem versicherte
er mir oft und ernstlich, er werde mich mit Beginn des Frhjahrs auf vier Wochen
in die Heide schicken - ich sei zu bla geworden und msse mich erholen.
    Es war ein trber Mrznachmittag. Zum erstenmal wieder seit fnf Wochen
wollte ich in das Schweizerhuschen gehen; meine Tante hatte mir in einigen
Zeilen Vorwrfe gemacht, da ich sie, nachdem mein Vater doch genesen, so
konsequent vernachlssige. In der Halle strmte mir Charlotte entgegen. Ich
erschrak vor ihr - solch einen wilden Triumph und Jubel hatte ich noch nicht auf
einem Menschenantlitz gesehen. Sie ri ein Papier aus der Tasche und hielt es
mir unter die Augen.
    Da, Kind! keuchte sie atemlos. Endlich, endlich geht die Sonne ber mir
auf! ... Ah! - Sie breitete die Arme weit aus, als wolle sie die ganze Welt an
ihre Brust ziehen. Sehen Sie mich an, Kleine - So sieht das Glck aus! ...
Heute zum erstenmal darf ich sagen: Meine Tante, die Prinzessin! ... O, sie ist
doch gut, ja sie ist grenzenlos edel! So sich selbst berwinden kann eben doch
nur der Edelgeborene! ... Sie schreibt mir, sie will mich sehen und sprechen -
morgen soll ich mich bei ihr einfinden. Seien unsere Ansprche begrndet - ah,
ich mchte den sehen, der so frech wre, sie anzufechten! - dann werde alles
geschehen, uns in unsere Rechte einzusetzen! - sie habe bereits mit dem Herzog
darber gesprochen - hren Sie? mit dem Herzog, sie ergriff meinen Arm und
schttelte mich, wissen Sie auch, was das heien will? Wir werden als die
Kinder der Prinzessin Sidonie anerkannt werden und als Familienglieder in das
souverne Haus eintreten.
    Ein Schauer lief durch meinen Krper - die Entscheidung war da.
    Wollen Sie die Angelegenheit wirklich zur Sprache bringen, solange Herr
Claudius noch leidend ist? fragte ich mit unsicherer Stimme.
    Ah bah - er ist ja nicht mehr krank. Die dicksten Hllen sind von seinen
Fenstern gefallen; er trgt einen grnen Schirm und hlt sich heute zum
erstenmal in den ein klein wenig verhangenen Salons neben meinem Zimmer auf. Er
hat sich den Privatspa gemacht, Eckhof zu seinem Geburtstag in einem
allerliebsten kleinen Portemonnaie die tausend Thaler Missionsgelder zu
bescheren, damit er seine Habe wieder einlsen kann. Der Alte war dermaen
zerknirscht, da ich Todesangst hatte, er werde dem Onkel zu Fen fallen und
seine Ausplauderei uns gegenber beichten - zum Glck fand er vor Rhrung keine
Worte ... Uebrigens bin ich hart geworden, hart wie ein Kieselstein - ich habe
zu furchtbar gelitten in den letzten Wochen; auch von Dagobert mute ich von
frh bis spt die malosesten Vorwrfe ber das plumpe Anfassen der Sache hren
... Ich kenne keine Rcksicht mehr; und wenn in dieser Stunde noch der Onkel vor
die Schranken gefordert wrde - ich rhrte keinen Finger, es zu verhindern!
    Sie begleitete mich bis an die Gartenthr, dann sah ich sie wie einen Pfeil
bergauf in das bltterlose Dickicht hineinfliegen - das Glcksgefhl, das ihr
die Brust fast zersprengte, trieb sie auf den Berggipfel, von wo aus sie in die
schrankenlos weite Welt hineinjubeln konnte, und ich wre am liebsten umgekehrt
und htte mich in den dunkelsten Winkel der Karolinenlust verkrochen, um mein
unsgliches Bangen, meinen Schmerz um Herrn Claudius zu verbergen.
    Ich schlpfte vorlufig an Tante Christinens Zimmer vorber - zu meinem
Befremden scholl Hundegeklff heraus - und ging in das obere Stockwerk. In
Helldorfs Familienstube hatten sich stets meine strmisch klopfenden Pulse
gesnftigt ... Lauter Jubel empfing mich. Herr Helldorf streckte mir beide Hnde
entgegen, Gretchen umschlang meine Kniee, und der kleine Hermann sa auf dem
Fuboden und krhte und strampelte mit beiden Beinchen und wollte genommen sein.
Die kleine Frau aber nahm flugs die Kaffeemaschine aus dem Schrank, holte ein
ganz speziell fr mich aufbewahrtes Stck Kuchen herbei, und bald darauf saen
wir um den trauten Familientisch ... Dann und wann unterbrach eine khne
Koloratur - perlenreine Lufer und Triller - unsere Plauderei - Tante Christine
sang, oder trllerte vielmehr drunten; das klang wundervoll; so oft sie aber
einen Ton fest anschlug und aushielt, da that mir das Herz weh - die Stimme, die
einst wohl von hinreiendem Klang gewesen sein mochte, war total gebrochen.
    Die Frau da unten mu sobald wie mglich einen Wirkungskreis erhalten - sie
fhrt ein wahres Schlaraffenleben, sagte Herr Helldorf mit leichtem
Stirnrunzeln. Ihre Schule ist ganz vortrefflich, und ich habe mich erboten, ihr
Schlerinnen zu verschaffen - sie kann sehr viel Geld verdienen, wenn sie will.
Aber den Hochmutsblick, das hhnische Lcheln, mit welchem sie mir fr gtige
Protektion dankte, werde ich nie vergessen. Seitdem hat sie sich hier oben nicht
wieder blicken lassen.
    Blanche bellt - es kommt jemand, Mama, sagte Gretchen.
    Ja, Blanche - das ist auch ein neuer Bewohner im Schweizerhuschen, der
Ihnen vorgestellt werden wird, Lenore, meinte lchelnd Frau Helldorf. Die
Tante hat sich vorgestern einen reizenden kleinen Seidenpinscher gekauft -
Schfer ist auer sich, er will das boshafte Tier nicht dulden -
    Sie schwieg pltzlich und horchte - starke Mnnerschritte kamen die Treppe
herauf, schritten ber den Vorsaal und verharrten dann einen Augenblick. Frau
Helldorfs Gesicht war schneebleich geworden; sie stand da mit zurckgehaltenem
Atem, starr wie eine Statue, und als sei es ihr unmglich, auch nur einen Fu
nach der Thr zu bewegen, um sie zu ffnen. Da legte sich drauen eine Hand auf
den Drcker, die Thr that sich auf und ein hoher, stattlicher Mann trat zgernd
auf die Schwelle.
    Vater! schrie die junge Frau - es war ein Schrei, schwankend zwischen
herzzerreiendem Schluchzen und wonnevollem Jauchzen. Eckhof fing die Taumelnde
in seinen Armen auf und drckte sie an seine Brust.
    Ich bin hart gewesen, Anna - vergi es, sagte er mit schwankender Stimme.
    Sie hatte keine Antwort - sie vergrub nur immer tiefer das Gesicht an der
Brust, von der sie so lange verstoen gewesen ... Seinem Schwiegersohn reichte
der alte Mann wortlos die Rechte hin; Helldorf schlug feuchten Auges krftig ein
und hielt sie einen Augenblick fest.
    Ich will dir auch ein Hndchen geben, Gropapa, sagte Gretchen und reckte
sich auf den Zehen an der hohen Gestalt des Grovaters empor.
    Die se Kinderstimme machte die junge Frau endlich aufsehen. Sie sprang zu
ihrem Knaben, nahm ihn vom Boden auf und hielt ihn dem Gropapa hin. Ksse ihn,
Vater! sagte sie, immer noch zwischen Lachen und Weinen schwankend. Gretchen
kennst du, den Jungen aber noch nicht ... Denke nur, er hat die groen, blauen
Augen der seligen Mutter - o Vater! Sie schlang aufs neue den linken Arm um
seinen Hals.
    Hier hatte ich die Thr erreicht und schlpfte geruschlos hinaus. So
heimisch ich auch in der Familie Helldorf war, jetzt, wo sich die tiefe Kluft
schlo, die zwischen Vater und Tochter gelegen, jetzt gehrte ich nicht in den
kleinen Kreis - den Reuigen durfte in dieser Weihestunde kein fremder Blick
treffen. Aber in meiner Seele war es sonnig hell geworden - so hell, wie droben
im Stbchen der glcklichen Menschen, wo wunderbarerweise in dem Augenblick, als
ich hinausschlpfen wollte, ein einzelner blasser Abendsonnenstrahl vom trben
Mrzhimmel niedersank und ber die stumm dreinschauenden Familienbilder an der
Wand hinglitt, als sollten auch sie aufleben und mitfhlen die Wonne der
Vershnung ...
    Meine Tante lag auf dem Sofa, als ich in ihr Zimmer trat. Mit wtendem
Geklff fiel mich die kleine Furie Blanche an und grub die Zhne in meine
Kleider - ich gab ihr einen leichten Schlag auf den Kopf, worauf sie knurrend
auf den Scho ihrer Herrin flchtete.
    Ach nein, Lenore, schlagen darfst du meinen kleinen Liebling nicht! rief
mir Tante Christine halb bittend, halb schmollend zu. Siehst du, nun ist dir
Blanche gram, und du wirst Not und Mhe haben, ihr Herzchen wieder zu gewinnen.
    Ich meinte innerlich, da ich mir diese Not und Mhe sicher nie machen
wrde.
    Schau, ist's nicht ein reizendes Geschpf? - Sie strich mit zrtlicher
Hand dem in der That wunderhbschen Tierchen die langen seidenen Haarstrhne aus
den klugen Augen. Und denke dir, um einen Spottpreis bin ich dazu gekommen. Der
Mann, der es verkaufte, war in Not - vier Thaler habe ich dafr gegeben; ist das
nicht geradezu geschenkt?
    In meiner tiefen Betroffenheit brachte ich kein Wort ber die Lippen -
neulich hatte ich meine Kasse redlich mit Tante Christine geteilt - sie hatte
acht Thaler bekommen.
    Ich besa frher auch schon einmal solch einen Seidenpinscher - ein wahres
Prachtexemplar - er war ein Geschenk des Grafen Stettenheim und kostete mehr
Louisdor, als der Kleine hier Thaler ... Es lie sich kein schnerer Anblick
denken, als dieses blagelb glnzende Geschpfchen auf seinem blauseidenen
Kissen ... Das arme Ding ist schlielich an einem Rebhuhnflgel erstickt.
    Das alles plauderte sie mit lchelndem Munde. Noch vertieften sich die
schnsten Grbchen in ihren Wangen bei diesem Lcheln, und ich mute immer und
immer wieder auf die feinen, gleichmig geformten Zhnchen sehen, die
perlmutterwei zwischen den roten Lippen blinkten. Der Kopf der schnen Frau war
tadellos frisiert - ihr Anzug dagegen erschreckte mich frmlich. Ein
abgenutzter, violetter Schlafrock voller Flecken hing lose um die geschmeidigen
Glieder, und aus der Oeffnung ber der Brust und den Lchern am Ellenbogen kam
ungeniert ein Nachthemd von sehr zweifelhafter Weie. Mit dieser Toilette
harmonierte die ganze Umgebung. Mitten im Zimmer, auf den Dielen lag ein Paar
niedergetretener, unsauberer, weier Atlasschuhe, die jedenfalls zu
Schlafschuhen und zeitweise zu Blanches Spielzeug degradiert waren. Die ehemals
so glnzenden Platten der Tische und Kommoden deckte eine undurchdringliche
Staublage, und hinter dem Bettvorhang lagen Kissen und Kleidungsstcke
unordentlich durcheinander - dagegen war die Luft mit dem feinsten, lieblichsten
Veilchenparfm erfllt.
    Gelt, du findest meine Umgebung auch grenzenlos vernachlssigt? fragte
sie, meinen Blick auffangend. Ich habe dir drben bei meinen Besuchen nicht
auch noch vorklagen und das Herz schwer machen wollen - du trgst ohnehin Last
genug auf deinen kleinen Schultern. Aber nun darf ich dir's ja sagen, da ich
mich hier, zwischen diesen vier Pfhlen, namenlos unglcklich fhle ... Schfer
ist ein Erznarr - solch ein Mensch hat nicht die blasse Ahnung, was eine Frau
wie ich, so von Gott und aller Welt auf den Hnden getragen, verzogen und
verhtschelt, zu beanspruchen gewohnt ist. Statt mir, wie es sich bei jeder
Mietwohnung von selbst versteht, jeden Tag fr ein gereinigtes Zimmer zu sorgen,
verlangt er lcherlicherweise von mir, da ich seine Mbel abstube und den
Besen in die Hand nehme - da kann er warten!
    Sie griff in ein Porzellankrbchen voll Krachmandeln und Messinatrauben und
fing an, Mandeln aufzuknacken.
    Nimm dir doch auch, sagte sie zu mir, indem sie Blanche eine der sen
Beeren hinreichte. Es ist freilich wenig, womit ich dir aufwarten kann; allein
ein Schelm gibt mehr, als er hat ... Es wird auch einmal wieder besser, und dann
sollst du sehen, was fr reizende Diners ich arrangieren kann ... Apropos, um
wieder auf Schfer zu kommen! ... Der alte sanfte Scheinheilige kann auch recht
flegelhaft werden. Denke dir nur, als ich vorgestern Blanche kaufte und dem Mann
das Geld hinzhlte, mahnte er mich doch unverschmterweise und verlangte, ich
solle ihm erst die rckstndige Monatsmiete und seine Auslagen fr Feuerung und
Licht whrend meines Hierseins zahlen ... Gelt, das geht mich doch nichts an,
Herzchen? ... Du hast mich doch eingemietet.
    Mich berlief es siedendhei vor Angst - wo sollte das hinaus? Und wenn ich
von frh bis spt fr Herrn Claudius schrieb, den Unterhalt fr die Tante konnte
ich unmglich bestreiten ... Ilses Gesicht tauchte vor mir auf - wie oft hatte
ich die alte, treue Seele in meinem Innern hart und unerbittlich gescholten,
weil sie aus allen Krften eine Annherung zwischen Tante Christine und mir zu
verhindern suchte - jetzt steckte ich in der Klemme und bte.
    Tante, ich mu dir offen sagen, da meine Geldmittel sehr gering sind,
versetzte ich in groer Verlegenheit, aber dennoch unumwunden. Ich will ganz
aufrichtig gegen dich sein und dir etwas mitteilen, das mein Vater nicht wei -
das Wirtschaftsgeld verdiene ich fast allein durch Beschreiben der Samentten
fr Herrn Claudius.
    Zuerst sah sie mich starr und zweifelhaft an, dann brach sie in ein
unauslschliches Gelchter aus. Also so poetischer Art sind eure Beziehungen zu
einander? ... Das ist gottvoll! Und ich bin so kindisch gewesen, einen
Augenblick zu frchten - Na, Kleine, unterbrach sie sich selbst frhlich, das
hrt auf, wenn sich meine Lage eines Tages ndern wird, darauf kannst du dich
verlassen! Dann leide ich's nicht! ... Fi donc, wie hausbacken! ... Da solltest
du mal sehen, wie ich mich zu dem Manne stellen wrde! ... Abschreiben, das ist
ja freilich ein saurer Erwerb, und ich kann unmglich aus deiner Brse leben!
... Aber was anfangen? ... Kind, ich zhle die Stunden bis zu dem Moment, wo es
heien wird, dieser Herr Claudius sei genesen und endlich einmal zu sprechen!
    Er hat heute zum erstenmal das Krankenzimmer verlassen.
    Himmel! Und das sagst du mir jetzt erst? Sie fuhr aus ihrer halb liegenden
Stellung empor. Weit du nicht, da du mit jedem verlorenen Augenblicke mein
Lebensglck verzgerst? Habe ich dir nicht oft genug gesagt, wie ich diesem
Ehrenmanne meine Zukunft in die Hnde legen und von seinem Rat und Urteil mein
Wohl und Wehe abhngig machen will?
    Ich glaube, er wird dir auch nicht anders und nicht besser raten knnen als
Herr Helldorf, liebe Tante, sagte ich. Herr Claudius hlt sich sehr fern von
der Gesellschaft, whrend Helldorf als Lehrer in den ersten Familien Zutritt
hat. Er sagte mir vorhin selbst, du wrdest sehr viel Geld verdienen knnen,
wenn -
    Ich bitte, unterbrach sie mich eisigkalt, behalte deine Weisheit fr
dich! ... Es ist meine Sache, in welcher Art und Weise ich mir Bahn brechen
will, und ich mu dir offen gestehen, da mir durchaus nichts daran liegt, mit
den Leuten da oben in irgend eine Beziehung zu treten, geschweige denn, mir auch
nur die allergeringste Verbindlichkeit ihnen gegenber aufzuladen ... Das sind
solche spiebrgerliche Bekanntschaften, die einem spter wie Blei anhngen, und
- enfin, Kind, sie stehen der Sphre ewig fern, in der ich zu leben gewohnt bin!
... Und nun bitte ich dich wiederholt dringend, alles aufzubieten, um mir eine
Besprechung mit Herrn Claudius zu verschaffen.
    Ich stand auf, und sie glitt vom Sofa nieder und huschte in die Atlasschuhe,
bei welcher Gelegenheit ich sah, da ihre schlank gebauten Fe in
fleischfarbenen seidenen Strmpfen steckten.
    Ach, du kleine Maus da unten! lachte sie frhlich auf und strich, ihre
schlanke Gestalt hoch aufreckend, mit dem ausgestreckten Arme ber meinen
Scheitel hin. Wir standen gerade vor dem Spiegel, unwillkrlich sah ich in das
Glas - mein bronzefarbener Kreolenteint, wenn auch vollkommen fleckenlos und
jugendfrisch, stach dennoch unvorteilhaft ab von den Pfirsichwangen und der
glnzend weien Stirn meiner Tante; aber ich sah auch heute zum erstenmal den
widrigen Lack deutlich, der in einer dicken Lage das vierzigjhrige Gesicht dort
deckte. Ich schmte mich in ihre Seele hinein, wenn ich dachte, da Herrn
Claudius' scharfer, strenger Blick dieselbe Bemerkung machen knne; aber so oft
ich auch die Lippen ffnete, sie zu bitten, mit dem Taschentuch ein wenig
mildernd ber das Gesicht zu wischen, ich brachte dennoch kein Wort heraus, um
so weniger, als sie mich eben eine kleine brunliche Haselnu nannte und sich
ber diese samtene Zigeunerhaut hchlich verwunderte, da doch die Jakobsohns,
wie sie in Figura noch zeige, stets mit einem lilienweien Teint begnadet
gewesen seien.
    Ich entzog mich ihren streichelnden Hnden und verlie das Zimmer mit der
Versicherung, da ich direkt zu Frulein Fliedner gehen und mit ihr ber die zu
ermglichende Besprechung beraten wolle.
    Mit einem inbrnstigen Ku wurde ich entlassen.

                                       32


Meine liebe, kleine Lenore, das Allergescheiteste wre, mit Herrn Claudius
selbst zu verhandeln, unterbrach mich die alte Dame lchelnd, als ich mit
meiner Mission kaum zur Hlfte herausgerckt war.
    Ist er denn zu sprechen? fragte ich beklommen.
    Ei freilich, fr alle ... Gehen Sie nur hinauf in den ersten Salon, wo
Lothars Bild hngt - es sind heute schon viele droben gewesen - der Salon ist
vorlufig Geschftszimmer.
    Ich stieg hinauf. Vor der Thr aber verharrte ich einen Augenblick und
prete die Hnde auf das Herz - ich meinte, ich msse an dem strmischen Klopfen
ersticken. Dann trat ich leisen Schrittes ein. Das Zimmer war nicht so dunkel
verhangen, als ich geglaubt hatte. Die Fenster waren mit grnen Stoffen umhllt,
die einen sanften, wohlthuenden Schein verbreiteten. Herr Claudius sa mit dem
Rcken nach mir zu in einem Fauteuil und hatte den Kopf an die Lehne
zurckgelegt - ein grner Schirm bedeckte seine Augen ... Er schien nicht zu
bemerken, da jemand eingetreten war, oder meinte vielleicht, es sei Frulein
Fliedner, denn er vernderte seine Stellung nicht im geringsten.
    Ach, nun war ja mein tiefster, heiester Wunsch erfllt - - ich sah ihn
wieder!
    Sprechen konnte ich nicht - ich frchtete mich unsglich vor dem ersten Laut
meiner Stimme in dem stillen Zimmer. Fast unhrbar trat ich nher und ergriff
zaghaft seine linke Hand, die ber die Armlehne des Stuhles herabhing ... Noch
verharrte der blonde Kopf in seiner vollkommen ruhigen Lage, aber blitzschnell
kam auch die Rechte herber, und ich fhlte mich pltzlich gefangen.
    Ach, ich wei, wem die kleine, braune Hand gehrt, die da so furchtsam
zwischen meinen Fingern aufzuckt, wie ein ngstlich schlagendes Vogelherz, rief
er, ohne sich zu bewegen. Habe ich doch gehrt, wie es die Treppe heraufgehpft
kam, und aus den verschiedenen Tempi der Schritte klang es deutlich: Gehst du
hinein, oder nicht? Soll das Mitleid mit dem armen Gefangenen siegen oder der
alte Trotz, der wartet, bis er seinen Kerker verlt und zu mir kommt? -
    O Herr Claudius, unterbrach ich ihn, trotzig bin ich nicht gewesen!
    Jetzt wandte er mir rasch das Gesicht zu, ohne meine Hand loszulassen.
    Nein nein, Sie waren es auch nicht, Lenore, sagte er in verschleierten
Tnen, ich wei es ... Meine Umgebung ahnt nicht, weshalb ich gerade in der
Dmmerstunde so unduldsam gegen jegliches Gerusch war und die allertiefste
Stille gebieterisch forderte. Um diese Stunde hrte ich mit Geisterohren, oder
auch nur mit dem sehnschtigen Herzen - denn ich wute genau, wann die leichten
Mdchenfe die Karolinenlust verlieen, ich verfolgte jeden Schritt durch die
Grten und die Treppe herauf und wartete mit Inbrunst auf das halbgeflsterte:
Wie geht es ihm? Hat er viele Schmerzen? - Das klang nichts weniger als trotzig
... Und dann sah ich, wie die wilden Locken mit der wohlbekannten Bewegung von
der Stirn zurckgeschttelt wurden, und die groen, lieben, bsen Augen weit
anfgeschlagen an Frulein Fliedners berichtenden Lippen hingen.
    Ich verga alles, was zwischen uns lag, und gab mich der Macht des
Augenblickes widerstandslos hin.
    Ach, sie verstand mich nicht so gut, sagte ich rasch und unbedenklich.
Ich habe sehnlich gewnscht, sie mchte mich einmal, nur ein einziges Mal zu
Ihnen fhren. Ich wre ruhiger geworden, htte ich in Ihre armen Augen sehen
drfen, und Sie htten mir gesagt: Ich sehe Sie! ... Bitte, nur einmal heben Sie
den Schirm!
    Er sprang auf, nahm den Schirm ab und warf ihn auf den Tisch. Seine schlanke
Figur stand so hoch, elastisch und ungebeugt vor mir, wie immer.
    Nun denn, ich sehe Sie! versetzte er lchelnd. Ich sehe, wie die kleine
Lenore in den fnf langen Wochen nicht um eine Linie gewachsen ist und mir noch
immer mit dem lockigen Scheitel genau bis an das Herz reicht. Ich sehe eben, da
der Kopf noch immer so trotzig und emprt zurckgeworfen wird, wie ehedem -
freilich, was knnen Sie dazu, da die Natur auch einmal ein wunderkleines
Feenkind unter ihren Erschaffenen sehen wollte! Ich sehe ferner, da das braune
Gesichtchen bla geworden ist, bla von Schrecken, Kummer und Nachtwachen ...
Arme Lenore, wir haben viel gut zu machen - Ihr Vater und ich!
    Er ergriff meine Hand und wollte mich sanft an sich ziehen; das brachte mich
pltzlich zur Besinnung und berflutete mein Herz mit der ganzen Qual des bsen
Bewutseins.
    Ich ri mich los. Nein, rief ich, seien Sie nicht gut gegen mich - ich
habe es nicht um Sie verdient! ... Wenn Sie wten, was fr ein abscheuliches
Geschpf ich bin, wie hinterlistig, falsch und grausam ich sein kann, Sie
stieen mich aus Ihrem Hause -
    Lenore -
    Ich floh vor ihm nach der Thr. Nennen Sie mich nicht Lenore ... Ich will
tausendmal lieber hren, da Sie mich wild, trotzig und ungebrdig schelten, da
Sie mich als unweiblich streng verurteilen - nur sagen Sie nicht so weich und
gut meinen Namen! Ich habe Ihnen unsglich wehe gethan, Ihnen Bses zugefgt, wo
ich immer konnte. Ich habe Ihre Ehre angegriffen und mit Ihren Gegnern
Gemeinschaft gemacht - Sie werden mir nie verzeihen, nie! Ich wei das so genau,
da ich nicht einmal zu bitten wage!
    Tastend erfate ich das Thrschlo. Er stand sofort neben mir.
    Meinen Sie wirklich, ich liee Sie in diesem Zustand der heftigsten
Aufregung von mir gehen? Mit diesen bleichen, bebenden Lippen, die mir Angst
machen? sagte er und schob sanft meine Hand vom Schlo nieder. Bemhen Sie
sich, ruhiger zu werden, und hren Sie mich an ... Sie kamen als vllig
unberhrte und ungeschulte Natur hierher und sahen mit den unschuldigsten
Kinderaugen in die Welt. Ich klage mich schwer an, da ich damals nicht sofort
mein Haus von den bsen Elementen suberte, obwohl ich in der ersten Stunde
wute, da ein Wendepunkt in meinem Leben eintrete und alles anders werden msse
... Es ist wahr, Ihr so deutlich ausgesprochener Widerwille gegen mich lie mich
resignieren; ich war zu stolz, um immer wieder zu vergessen, und beschrnkte
mich auf die warnende Stimme - ich zgerte zu lange, das zu thun, was
unbarmherzig aussah und doch das Richtige war - fr Sie und Charlotte zusammen
war kein Raum in meinem Hause - sie mute weichen! ... Was nun auch geschehen
sein mag, was Sie mir auch gethan haben mgen in blder Verkennung der
Verhltnisse, es bedarf nicht einmal des verzeihenden Wortes - ich trage so viel
Schuld wie Sie ... Sie knnen mir berhaupt nur in einem Sinn wirklichen Schmerz
zufgen, das ist, wenn Sie sich - wie schon so oft geschehen - kalt und
abweisend von mir wenden - nein, nein, das kann ich nicht sehen! unterbrach er
sich selbst tief erregt, als ich in ein heftiges Weinen ausbrach. - Wenn Sie
denn durchaus weinen mssen, dann darf es fortan nur hier geschehen. Er zog
mich an sich heran und legte meinen Kopf an seine Brust. So - und nun beichten
Sie getrost - ich hefte meine Augen dort auf den Vorhang und hre mit
halbabgewendetem Ohr.
    Ich darf ja nicht sprechen, sagte ich leise. Wie froh wre ich, wenn ich
Ihnen alles sagen drfte! Aber die Zeit mu ja einmal kommen, und dann ... Eines
aber sollen Sie jetzt schon wissen, denn das habe ich allein verbt - ich habe
Sie bei Hofe verlstert, ich habe gesagt, Sie seien ein eiskalter Zahlenmensch,
ein Besserwisser -
    Ich bemerkte, wie er in sich hineinlachte. Ach, solch eine bitterbse Zunge
ist die kleine Lenore? sagte er.
    Aengstlich hob ich den Kopf und schob den Arm zurck, der mich umfat hielt.
Denken Sie ja nicht, da alles, was ich Ihnen angethan, auf kindisches
Geschwtz hinausluft! rief ich.
    Das denke ich ja auch gar nicht, beschwichtigte er, whrend noch immer ein
kstliches Lcheln um seine Lippen huschte. Ich will alle die schlimmen
Entdeckungen an mich herankommen lassen und geduldig abwarten - dann werde ich
Ihr Richter sein; beruhigt Sie das?
    Ich bejahte.
    Dann aber mssen Sie sich auch bedingungslos dem Spruch unterwerfen, den
ich flle.
    Tief aufatmend sagte ich: Das will ich gern.
    Und nun trocknete ich meine Thrnen und begann von meiner Tante zu sprechen.
    Ich habe schon durch Frulein Fliedner von dem seltsamen Gast gehrt, der
sich unter die Flgel der unbesonnenen kleinen Heidelerche geflchtet hat, fiel
er mir nach einer Weile in das Wort. Ist sie die Frau, der Sie das Geld
geschickt haben?
    Ja.
    Hm - das ist mir nicht lieb. Ich vertraue Frau Ilse unbedingt, und sie war
sehr schlimm auf diese Tante zu sprechen. Wie kommt die Dame auf die seltsame
Idee, gerade mich sehen zu wollen - was will sie von mir?
    Ihren Rat. O bitte, Herr Claudius, seien Sie gtig! Mein Vater hat sie
verstoen -
    Und trotzdem will sie mit ihm an einem und demselben Orte leben und sich
der steten Gefahr aussetzen, ihm zu begegnen, der sie verleugnet? - das gefllt
mir nicht! ... Aber ich mu sie wohl oder bel empfangen, da ich durchaus nicht
mehr gestatte, da Heideprinzechen Beziehungen hat, um die ich nicht genau
wei, und welche nicht vor meinem prfenden Auge bestehen knnen ... Frau - wie
heit sie?
    Christine Paccini.
    Also Frau Christine Paccini mag heute abend den Thee im Vorderhause trinken
... Gehen Sie jetzt sie holen! ... Nun, verdient meine Bereitwilligkeit nicht
einmal einen Hndedruck?
    Ich kehrte zu ihm zurck und legte meine Hand willig in die seine. Dann flog
ich zur Thre hinaus.
    Ich glaube, selbst ber die Heide, wo ich doch noch so unbeschwert von Leid
und Kummer war, wie die Vogelseele in der Luft, bin ich nie so beschwingt dahin
geflogen, wie in diesem Moment ber die Kieswege der Grten ... Ich wute ja
nun, da ich mich nicht mehr verirren konnte in der weiten Welt, weil er seine
Hand ber mich hielt, wohin ich auch gehen wollte. Kein Schrecknis durfte mir
mehr nahe kommen, denn ich flchtete an seine Brust und war geborgen. Wie war
ich scheu zurckgebebt, als er mich umfing, und welche selige Ruhe war dann ber
mich gekommen - so war es gewesen, wenn ich mich als Kind bis zum entsetzten
Aufschreien gefrchtet, und Ilses Arme sich geffnet hatten, um mich
beschwichtigend an das Herz zu nehmen.
    Als ich wieder bei Tante Christine eintrat, war sie gerade beschftigt, auf
einer kleinen Maschine Schokolade zu kochen. Blanche lief auf dem groen, runden
Tisch herum, beleckte die geriebene Schokolade und fra vom Kuchenteller ...
Himmel, wie flogen Blanche, Schokolade und Kuchen unter den schnen Hnden
meiner Tante durcheinander, als ich ihr sagte, da Herr Claudius sie bitten
lasse, den Thee im Vorderhause zu trinken! Jetzt sah ich erst, wie sie auf
diesen Moment gehofft und geharrt haben mute. Mit einem halb triumphierenden,
halb zerstreuten Lcheln zog sie unschlssig Kasten und Fcher der Mbel
nacheinander auf - ich erhielt einen Einblick in das entsetzliche Chaos von
verblichenen Blumen, Bndern und Flitterstickereien.
    Herzchen, ich mu selbstverstndlich erst Toilette machen und da kann ich
dich nicht brauchen - das Zimmer ist so eng - kannst ja einstweilen droben bei
Helldorfs bleiben, sagte sie hastig. Aber einen Gefallen mut du mir thun;
gehe zu Schfer - ich mag mit dem ungeschliffenen Menschen nicht mehr reden - er
hat prachtvolle gelbe Rosen am Stocke - lasse sie abschneiden und gib ihm dafr,
soviel er verlangt, und wenn es zwei Thaler wren - du bekommst es wieder,
vielleicht morgen schon ... So gehe doch! rief sie heftig und schob mich nach
der Thre, als ich sie erstaunt fragend ansah. Ich bin nun einmal gewohnt,
Blumen in der Hand zu haben, wenn ich als Gast eintrete.
    Schfer schenkte mir die Rosen, und ich trug sie ihr hinber. Dann ging ich
zu meinem Vater und holte mir die Erlaubnis, den Thee im Vorderhause trinken zu
drfen.
    Eine Stunde spter schritt ich mit Tante Christine durch die Grten. Bei
meiner Zurckkunft hatte ich sie bereits in Mantel und Kapuze, mit dem Schleier
vor dem Gesicht, gefunden. Es dmmerte schon stark, und ein feiner Regen begann
niederzustuben, als wir den Weg nach der Brcke einschlugen.
    Wohin gehen denn die Damen? fragte eine Stimme hinter uns. Es war
Charlotte, die jetzt erst vom Berge zurckkehrte.
    Ich will meine Tante im Vorderhause vorstellen, versetzte ich.
    Die junge Dame sagte kein Wort, und Tante Christine schwieg auch, und so
gingen wir still nebeneinander her - mir war auf einmal entsetzlich beklommen zu
Mute ... Da schritten sie vor mir ber die Brcke hin, die beiden Frauen -
seltsam, es sah fast gespenstisch aus, so gro war die Aehnlichkeit zwischen den
beiden Gestalten - beide hatten die gleich stolze, weltverachtende Wendung des
Kopfes, dieselbe breite Wlbung der Schultern, denselben Gang, und ich glaube,
in der Gre wich keine der andern auch nur um eine Linie - sie waren zum
Verwechseln hnlich, und doch stieen sie sich innerlich ab. Charlotte
wenigstens verhielt sich unnahbar.
    Bitte, legen Sie in meinem Zimmer ab, sagte sie droben im Korridor kalt zu
mir.
    Wir traten in das Zimmer, das bereits behaglich erwrmt und beleuchtet war.
Frulein Fliedner arrangierte den Theetisch und begrte uns sehr zurckhaltend.
    Wo ist Herr Claudius? fragte mich meine Tante leise - das erste Wort, das
von ihren Lippen fiel, seit wir das Schweizerhuschen verlassen.
    Ich zeigte schweigend nach der Salonthre.
    Ach Gott, ein Flgel! rief sie glckselig und strzte auf das Instrument
zu, dessen Deckel aufgeschlagen war. Wie schmerzlich lange habe ich diesen
Anblick entbehren mssen! O, erlauben Sie mir nur fr einen Augenblick, da ich
meine Hnde auf die Tasten lege! Bitte, bitte - ich werde glcklich sein wie ein
Kind, wenn ich, und seien es auch nur zwei Akkorde, greifen darf!
    Im Nu flogen Mantel und Kapuze auf den nchsten Stuhl, und zu meinem
unsglichen Erstaunen stand Tante Christine in vollstndiger Konzerttoilette da.
Ein schwerer, milchweier Atlas fiel in langer Schleppe auf den Teppich, und aus
dem Spitzengekrusel des tiefausgeschnittenen Kleides hob sich eine Bste, so
blendend, so marmorartig in Fleisch und Linien, wie das Antikenkabinett mit
seinen griechischen Gttergestalten kaum aufzuweisen hatte. Wie wogten die
langen Locken ber Busen und Nacken herab und wie trumerisch lagen die
hingestreuten, taufrischen, bleichen Rosen in dem tiefen Blauschwarz der
Haarmasse!
    Na, das ist doch stark! sagte Charlotte trocken und ungeniert. Meine Tante
aber sank auf den Klaviersessel, das Instrument erbrauste unter ihren Hnden und
gleich darauf schlug es mit nicht klangvoller, aber mchtiger Stimme und
dmonischem Ausdruck gegen die Wnde: Gia la luna in mezzo al mare -
    Da wurde die Salonthre aufgestoen, und Herr Claudius stand bleich wie ein
Geist auf der Schwelle - hinter ihm erschien Dagoberts erstauntes Gesicht.
    Diana! rief Herr Claudius im Ton eines unbeschreiblichen Entsetzens.
    Tante Christine flog auf ihn zu und sank in die Kniee. Verzeihung,
Claudius, Verzeihung! flehte sie und berhrte mit der Stirn fast den Teppich.
Dagobert, Charlotte, ihr, meine so lang und so schmerzlich entbehrten Kinder,
helft mir ihn bitten, da er mich wieder aufnimmt in alter Liebe!
    Charlotte stie einen Schrei der Entrstung aus. Komdie! stammelte sie.
Wer bezahlt Sie fr diese kstlich gespielte Rolle, Madame? fragte sie
schneidend. Dann fuhr sie auf mich hinein und schttelte mich grimmig am Arme.
Lenore, Sie haben uns verraten! schrie sie gellend auf.
    Herr Claudius stand sofort zwischen uns und stie sie zurck. Fhren Sie
Frulein von Sassen hinaus! gebot er Frulein Fliedner - wie tonlos und bebend
klang seine Stimme, wie bemhte er sich, Herr der furchtbarsten inneren
Aufregung zu werden!
    Frulein Fliedner legte den Arm um mich und fhrte mich in den Salon, wo
Lothars Bild hing - hinter uns wurde die Thre zugeschlagen ... Die alte Dame
zitterte wie Espenlaub am ganzen Krper, und eine Art Nervenfrost machte ihr die
Zhne zusammenschlagen.
    Sie haben uns da einen schlimmen Gast ins Haus gebracht, Lenore, hauchte
sie und horchte angstvoll hinber, von wo Tante Christinens Stimme in
wohllautenden Tnen fast ununterbrochen scholl. Sie konnten freilich nicht
wissen, da sie es ist, jene Falsche, Treulose, jene Diana, um die er so schwer
gelitten hat ... Gott mag verhten, da sie wieder Gewalt ber ihn gewinnt! Sie
ist noch immer von hinreiender Schnheit!
    Ich prete meinen Kopf zwischen die Hnde - mute nicht die ganze Welt ber
mir zusammenstrzen?
    Wie sie das schlau eingefdelt hat! fuhr Frulein Fliedner tief erbittert
fort. Wie sie alle Beteiligten berrumpelt mit der ersten, wie ein Blitz
hereinfahrenden Ueberraschung! ... Auf einmal erinnert sie sich zrtlich ihrer
schmerzlich entbehrten Kinder, die sie so schndlich verlassen hat -
    Ist sie wirklich Dagoberts und Charlottens Mutter? stie ich heraus.
    Kind, zweifeln Sie noch an allem, was Sie gehrt und gesehen haben?
    Ich habe geglaubt, sie seien seine - ich deutete nach Lothars Bild - und
der Prinzessin Kinder, sthnte ich.
    Sie fuhr zurck und starrte mich an. Ach, jetzt fange ich an, klar zu
sehen! rief sie. Das ist der Schlssel zu Charlottens unbegreiflichem Wesen
und Gebaren! Sie denkt ebenso wie Sie? Sie meint, sie sei in der Karolinenlust
geboren? Ist's nicht so? ... Nun, ich werde ja erfahren, wer das streng gehtete
Geheimnis gelftet und in so hirnverbrannter Weise ausgelegt hat. Einstweilen
sage ich Ihnen, da allerdings zwei Kinder in der Karolinenlust das Licht der
Welt erblickt haben - das eine starb nach wenigen Stunden, und das andere
halbjhrig an Zahnkrmpfen - zudem waren es zwei Knaben. Dagobert und Charlotte
sind die Kinder des Kapitn Mericourt, mit welchem Ihre Tante in Paris
verheiratet war, und der in Marocco gefallen ist ... Armes Kind, Ihr guter Engel
hatte Sie verlassen, als Sie dieses Weib unter Ihren Schutz nahmen - sie bringt
Unglck ber uns, ber uns alle!
    Ich vergrub mein Gesicht in den Hnden.
    Als Erich Zutritt in ihrem Hause fand, war sie bereits Witwe und Primadonna
an der Pariser groen Oper, fuhr die alte Dame fort. Sie ist mindestens sieben
Jahre lter als er; aber bei Frauen ihres Schlags kommt das nicht in Betracht.
Ihre Kinder hat sie fremden Hnden bergeben; sie sind bei einer Madame Godin
erzogen worden - Erich hat sie lieb gehabt, als seien sie die seinen, und
obgleich durch die Mutter tdlich beleidigt und verwundet, ist er doch so
gromtig gewesen, sich der Kleinen anzunehmen, als die ehr- und
pflichtvergessene Frau sie ohne alle Subsistenzmittel in der Pension
zurckgelassen hat ... Madame Godin ist bald darauf gestorben, und mir, der er
allein die Herkunft der Kinder anvertraut, hat er das strengste Stillschweigen
auferlegt - er wollte den Geschwistern den demtigenden Schmerz, eine entartete
Mutter zu haben, zeitlebens ersparen - sie danken ihm schlecht genug dafr!
    Sie rang leise die Hnde ineinander und ging auf und ab. Nur das nicht -
murmelte sie. Die Stimme da drben bestrickt mit einer wahrhaft dmonischen
Gewalt - ich hre es! Wie das schmeichelt und klagt und weich fleht - sie wirft
ihm neue Schlingen ber -
    Onkel, Onkel - ich leide furchtbar! ... O, ich elendes, ich undankbares
Geschpf! schrie Charlotte drben markerschtternd auf.
    Ich strzte zur Thr hinaus, die Treppe hinunter, durch die Grten ... Ich
war verstoen aus dem Paradiese durch eigene Schuld, durch eigene Schuld ...
Trotz Ilses energischer Abwehr und Warnung, gegen den entschiedenen Willen
meines Vaters hatte ich heimlich und versteckt den Verkehr mit dieser verfemten
Tante unterhalten. Ich hatte ihr durch meine Briefe den Aufenthalt ihrer Kinder
verraten und auf diese Weise dem Manne, den ich mit allen Krften meiner Seele
liebte, den bsen Dmon seiner Jugend wieder zugefhrt, dem er aufs neue
verfiel, und der ihm voraussichtlich das Leben vergiftete! ...
    In der Halle, wo das helle Lampenlicht auf mich fiel, hielt ich in meinem
rasenden Laufe inne - nein, in diesem Zustande durfte ich nicht vor meinen Vater
treten - Haar und Gesicht und Kleider troffen von Nsse von dem Mrzregen, der
drauen warm und lautlos niedersank; jeder Nerv bebte an mir, und die Wangen
brannten im Fieber. Ich ging in meine Schlafstube, kleidete mich um und trank
ein Glas kaltes Wasser. Ruhig, vollkommen ruhig mute ich sein, wenn ich
erlangen wollte, was ich fr meine einzige Rettung hielt.
    Mein Vater sa in seiner Stube, im bequemen Lehnstuhl, und las und schrieb
abwechselnd, und neben ihm stand die dampfende Theetasse. Er sah so munter und
wohlgemut aus, wie ich ihn selten vor seiner Krankheit gesehen, und das liebe,
alte, zerstreute Lcheln war auch wieder da. Im Wohnzimmer strich Frau Silber,
die Wrterin, Butterbrtchen fr ihn, regulierte nach dem Thermometer die
Zimmerwrme, und winkte mir freundlich, nicht zu hastig einzutreten - sie war
die verkrperte Frsorge selbst, in besseren Hnden konnte ich meinen Vater
nicht wissen.
    Ich setzte mich neben ihn auf ein Fubnkchen, doch so, da mein Gesicht
vllig im Dunkeln blieb. Er erzhlte mir freudig, der Leibarzt sei bei ihm
gewesen und habe ihm die Mitteilung gemacht, da er morgen zum erstenmal
ausfahren drfe, der Herzog werde ihn selbst im Wagen abholen - dann strich er
mir schmeichelnd ber den Scheitel und meinte, er freue sich, da der Thee im
Claudiushause nicht gar so lange gedauert habe und ich wieder bei ihm sei.
    Wie wird das aber werden, Vater, wenn ich auf vier Wochen in die Heide
gehe? fragte ich und bog mich noch tiefer in den Schatten zurck.
    Ich werde mich hineinfinden mssen, Lorchen, sagte er. Du mut fr eine
Zeit in deine eigentliche Heimatluft zurck, um dich zu strken - beide Aerzte
haben es mir zur Pflicht gemacht. Sobald es warm wird -
    Es ist warm drauen, kstlich mild, unterbrach ich ihn rasch. Denke dir,
mich jagt es frmlich in die Heide - mir ist, als wrde ich krank und knnte den
bsen Feind nur durch den frischen Heidewind abwehren ... Vater, wenn du mir
einmal die Erlaubnis gibst, warum denn nicht heute abend noch?
    Er sah mich erstaunt an.
    Das kommt dir tollkpfig vor, nicht wahr? sagte ich mit dem schwachen
Versuch zu lcheln. Aber es ist vernnftiger, als du denkst. Die weichste Luft
weht drauen; ich fahre mit dem Nachtzug, bin morgen abend auf meinem lieben,
lieben Dierkhof, trinke vier Wochen lang Milch und atme Heideluft, und bin
gesund wieder da, wenn es hier - schn wird, wenn die Bume blhen, und dann -
ist alles, alles gut - gelt, Vater? ... Ich kann ja auch vollkommen ruhig gehen
- Frau Silber bleibt bei dir, besser knntest du gar nicht aufgehoben sein -
bitte, Vater, gib mir die Erlaubnis!
    Was meinen Sie denn dazu, Frau Silber? rief er unschlssig hinber.
    I, lassen Sie Frulein Lorchen nur gehen, Herr Doktor! sagte die gute
Alte, breitspurig in die Thr tretend. Der Mensch soll nicht gegen seine Natur
sein, und wenn dem Frulein zu Mute ist, als wrde sie krank und knnte nur in
der Heide gesund werden, da sagen Sie um Gottes willen nichts dagegen ... In
einer Stunde geht der Nachtzug, packen Sie ein, Frulein, ich helfe Ihnen und
bringe Sie auf den Bahnhof.
    Auf flchtenden Fen verlie ich die Karolinenlust. Es war stockfinster,
und meine Begleiterin konnte nicht sehen, wie mir die Thrnen ber das Gesicht
strmten, wie ich hinberwinkte nach dem Glashause, in welchem ich einen
kstlichen Augenblick voll Glck erlebt hatte. Ich wollte nicht hinaufsehen an
den Fenstern des Vorderhauses, als wir durch den Hof gingen - ach, was vermochte
mein Wille gegen den Trennungsschmerz, der in mir tobte? Meine Augen hingen
verzehrend an der Lichtflut in Charlottens Zimmer - man hatte vergessen, die
Vorhnge zuzuziehen. Noch waren alle versammelt, man sah es an den lebhaft ber
die Zimmerdecke hinlaufenden wechselnden Schatten. Er verzieh ihr, der
Treulosen, um deren willen er einst nachts wie gehetzt die Grten durchmessen
hatte - er vershnte sich mit ihr - es war ja heute ein Tag der Vershnung -
whrend die unbesonnene kleine Heidelerche, von seinem Herzen weggescheucht,
davonflog, hinaus in die lichtlose Nacht.

                                       33


Das war ein Wiedersehen! ... Zu Fue wanderte ich vom letzten Dorfe nach dem
Dierkhofe - durch den totenstillen, laublosen Wald. Es dunkelte im Dickicht, und
raschelnde Bltter hingen sich an meinen Rocksaum - die hatten frisch droben im
Morgenwind geplappert, als ich in die Welt hinausgepilgert war, und jetzt
begleiteten sie mich als gefallene Gespenster mit eintnigem Flstern und
Rauschen ganze Strecken lang ... Und als ich hinaustrat in die unermeliche
Ebene, als in der Abenddmmerung seitwrts die Hnengrber auftauchten und fern
vom Dierkhof her ein Lichtlein funkelte und Spitzens wohlbekanntes Geklff halb
verloren herberscholl, da warf ich mich vor Schmerz aufweinend in das
winterdrre Heidegestrpp - ich kam unglcklich, gebrochen in die Heide zurck.
    Und nun wuchsen die vier Eichen immer hher vor mir auf - ich sah deutlich
den dunklen Punkt inmitten des einen Wipfels, das alte wohlbekannte Elsternest -
die jungen Vgel, die damals lustig in meinen Abschiedsjammer hineingeschrieen
hatten, sie waren lngst auf- und davongeflogen, und wohl nur das alte
angestammte Paar hockte als Turmwart des Dierkhofes droben und richtete die
scharfen, klugen Augen auf das einsame Menschenkind, das ber die Heide
dahergewandert kam. Tief in der dunklen Wlbung des Hausthors glhte schwach ein
Feuerkern, im Herde brannte der Torf, und das traute Dach, aus welchem der Rauch
in kerzengeraden gelblichen Streifen zum Abendhimmel aufstieg, sah aus, als
wchse es direkt aus dem Heideboden, so eingesunken, so klein geworden kam mir
der Dierkhof vor. Da sah ich Spitz wie toll ber den Hof rennen - in der Thr
der Umzunung blieb er wie atemlos, mit steifgespitzten Ohren, einen Augenblick
stehen; aber nun raste er auf mich zu - er sprang mir freudewinselnd bis hinauf
an das Gesicht, um mir die Wangen zu lecken - ich hatte Mhe, mich auf den Fen
zu halten.
    Was hat denn das Tier? Es ist ja wie nrrisch? rief Ilse und trat unter
das Hausthor ... Ach, diese Stimme! Ich lief ber den Hof und warf mich an die
Brust der groen Frau - da meinte ich ja endlich den Qualen entronnen zu sein,
die mich wie die Furien bis in die stillste, tiefste Heide hinein verfolgten ...
Sie schrie nicht auf und sagte auch kein Wort; aber die Arme umschlossen mich
fest - ich wurde gehtschelt und geliebkost wie in meiner Kindheit und wute
sofort, da sie sich unbeschreiblich gesehnt haben msse, und als wir auf den
Fleet traten, wo bereits Licht brannte, da sah ich auch, da sie blsser
geworden war.
    Aber vllig lie sich Ilse nie von ihrem Gefhl berrumpeln. Sie schob mich
pltzlich mit steif ausgestreckten Armen von sich. Lenore, du bist
durchgebrannt! sagte sie in jenem gefrchteten Tone, mit welchem sie mir einst
auch meine Kindersnden auf den Kopf schuld gegeben hatte.
    Bei allem inneren Weh mute ich lcheln. Ich setzte mich auf Heinzens
Holzstuhl und erzhlte ihr von dem Feuerunglck und der Krankheit meines Vaters,
wobei sie einmal ber das andere die Hnde ber dem Kopfe zusammenschlug. Das
hinderte sie jedoch nicht, das Feuer im Herd neu zu schren, den Wasserkessel
aufzusetzen und mich mit einem Butterbrot sehr gegen meinen Willen, Bissen um
Bissen, zu fttern.
    Ja, ja, das war freilich das Gescheiteste, meinte sie, als ich ihr
schlielich mitteilte, da die Aerzte mich auf den Dierkhof geschickt htten.
Dann verschwand sie im Innern des Hauses, um mich bald darauf vor ein himmelhoch
aufgetrmtes Bett zu fhren.
    So, Kind - nun gehst du zu Bett, und den Fliederthee bringe ich auch
gleich. Auf zwanzig Schritte sieht man dir's an, da du dich auf der Reise
erkltet hast - das ist ja das reine Fiebergesicht ... Und gesprochen wird nun
gar nichts mehr - morgen erzhlst du weiter.
    Auf mein entsetzliches Struben hin wurde mir der Fliederthee erlassen - ins
Bett aber wurde ich ohne Gnade gesteckt ... Da sah nun wieder das verrucherte
Bild Karls des Groen unverwandt auf mich nieder. Ich sprang auf, nahm es vom
Nagel und kehrte es gegen die Wand ... Wie hate ich dieses Gesicht! Wie viel
Leichtfertigkeit, Lug und Trug deckte die weie Stirn, die mich am Hnengrabe
frmlich geblendet! ... Sie hatte mir wie ein Licht in die dunkle Welt
hineingeleuchtet - diesem trgerischen Schein war ich damals halb unbewut
gefolgt, um seinetwillen hatte ich mich von der Heimat losgerissen; jetzt sah
ich klar in meine damaligen Empfindungen und verabscheute sie - sie hatten mich
blind gemacht und auf einen Weg voll Irrtmer gefhrt.
    Ich setzte mich wieder, wie in der Sterbenacht meiner Gromutter, auf das
Fuende des Bettes und sah hinaus in die unermeliche Weite. Nein - auch auf dem
Dierkhof fand ich keine Ruhe, und je tiefer und lautloser die Stille um mich
webte, desto furchtbarer schrie mein einsames Herz auf ... Jetzt begriff ich,
wie meine Gromutter stundenlang dort in der Baumhofecke hatte stehen und
unverwandt in die weite Welt hinausstarren knnen - die umschleierten Augen
hatten ein Wesen in der Nebelferne gesucht, die Verlorene, Entartete, die das
schwergekrnkte Mutterherz dennoch nicht vergessen konnte. Und fr mich breitete
sich der weite, von Millionen Goldflittern betupfte Nachthimmel auch nur ber
einen einzigen Punkt, ber das ferne, alte Kaufmannshaus.
    Drauen fuhr der Wind auf und machte die drren Zweige des Ebereschenbaumes
leise an die Scheiben klopfen; ich wich zurck und legte die Hand ber die Augen
- unter dem Fenster stand ja die Bank, auf welcher ich Tante Christinens Brief
zum erstenmal gelesen. Nun hatte ich sie in der That auf den Knieen liegen
sehen, die mrchenhafte Gestalt, schner als die schnsten Blumenleiber, die in
meinem Kinderbuche aus Lilien- und Rosenkelchen emporwuchsen. Und aus den weien
Atlaswogen hatten sich zwei zarte Arme ausgestreckt, um den einst tief
beleidigten Mann schmeichelnd wieder an das treulose Herz zu ziehen ... Ich
schlug mich unwillkrlich mit den geballten Hnden gegen die Brust - ich war
schwach und feig gewesen in jenem verhngnisvollen Augenblicke, ich durfte nicht
hinausgehen, meinen Kopf mute ich, wie wenige Stunden zuvor, fest an seine
Brust legen - er selbst hatte mir diesen Platz angewiesen, und ich wute, da es
in Zrtlichkeit geschehen war; ich hatte es an dem Klopfen seines Herzens, an
der leise zitternden Hand gefhlt, die, whrend ich gebeichtet, immer wieder
behutsam, aber zartschmeichelnd ber meine Locken hingeglitten war. Ich durfte
nicht dulden, da diese rosig weien Hnde ihn berhrten, dann wre vielleicht
der bse Zauber nicht ber ihn gekommen ...
    Jetzt war es wohl hell im Vorderhause, so hell, wie an jenem Theeabend, wo
die Prinzessin dagewesen ... Und er sa am Flgel - vergessen war die Zeit, wo
er um ihretwillen keine Taste mehr berhrt hatte; sie sang ihm ja jetzt die
berauschende dmonische Tarantella ... Und binnen wenigen Wochen schritt eine
neue Hausfrau durch die hallenden Gnge des Claudiushauses - nicht im klaren
Stirnschleier, wohl aber mit langer, seidenrauschender Schleppe, Blumen in das
Haar gestreut und ein Trllern auf den Lippen - und es wurde lebendig in den
stillen Gesellschaftszimmern, Gste flogen ein und aus, und Champagnerpfropfen
knallten, und niemand verdachte dem Manne seine Wahl, die Frau war ja noch von
hinreiender Schnheit ... Nun wurde er mein Onkel - ich sprang auf und rannte
auer mir auf und ab ... nein, ich war kein sanftes Engelsgemt, ich konnte
nicht mit heien Thrnen in den Augen lcheln, ich wehrte mich aufschreiend
gegen das Messer, das mir erbarmungslos immer wieder in der Brust umgewendet
wurde! ... Nach K. kehrte ich nicht wieder zurck; ich wollte meinen Vater
beschwren, einen andern Aufenthaltsort zu whlen - wie konnte ich je das Wort
Onkel ber meine Lippen bringen? Nie, nie!
    Das sanfte Klopfen drauen an den Scheiben verwandelte sich in ein heftiges
Peitschen und Schlagen - - der Frhlingssturm brauste ber die Heide hin ... Nun
hrte ich's wieder, das Knistern und Knacken der alten Balken, das Schnauben und
Pfauchen um die Ecken, und in den Eichenwipfeln das Gerassel der verdorrten
Bltter, die, lngst tot und modernd, sich doch noch unter gespensterhaftem
Rauschen an die lebendigen Aeste angstvoll anklammerten. Der alte Dierkhof
zitterte unter den wuchtigen Sten, droben in den Dachluken chzten die
morschen Holzlden, und die Fensterscheiben klirrten leise, als liee der Sturm
feine, klingende Silberketten durch seine Finger laufen.
    Ilse trat mit dem Hauslmpchen ein, um nach mir zu sehen.
    Hab mir's gedacht, da du nicht schlafen kannst, sagte sie, als sie mich
angekleidet auf dem Bett sitzen sah. Kind, du bist das alte Heidelied nicht
mehr gewohnt - freilich, dort in den Bergen, da duckt sich der Sturm zahm
nieder, er gefllt mir aber auch nicht halb so gut ... Gehe du nur wieder in
dein warmes Bett - er thut dir nichts!
    Freilich, der that mir nichts - vor ihm schtzte mich der traute Dierkhof
mit seinem Mantel! ...
    Nun war ich seit drei Tagen in der Heide und die Strme pfiffen und johlten
Tag und Nacht in einem Atem ber die weite Flche hin. Mieke, Spitz und das
Federvieh, alles tummelte sich in der Tenne und sah vom geborgenen Platz aus
durch das offene Hausthor den Unhold drauen vorbeijagen. Aber es wehte warm
herein, und ich meinte, dann und wann fliege schon ein feiner Blumenatem auf
seinen Schwingen mit. Heinz blieb auch auf dem Dierkhof. Ilse litt es nicht, da
er abends bei dem Gebrause in seine Htte zurckkehrte ... Ach, wie war alles
anders geworden! Ich las nicht mehr vor, wenn wir auf dem Fleet saen - die
Mrchen hatten keinen Reiz fr mich - und mit dem Erzhlen aus der Stadt wollte
es auch nicht gehen. So oft Ilse den Namen Claudius aussprach - und das geschah
zu meiner Verzweiflung nur zu oft - da fhlte ich meine Kehle zugeschnrt; ich
wute es, sprach ich nur den Namen selbst aus, da strzte der mhsam aufrecht
erhaltene Damm der Selbstbeherrschung unrettbar zusammen, und ich schrie, zum
Entsetzen der beiden treuen Seelen an meiner Seite, meinen Schmerz in alle vier
Winde hinaus. Heinz sah mich ohnehin stets scheu von der Seite an, er verstand
mich und meine Ausdrucksweise nicht mehr recht, und Ilse erzhlte mir lachend,
er habe gesagt, ich sei nun ein wirkliches Prinzechen geworden, so ganz
absonderlich, und er begriffe nicht, da Ilse nicht auch die Vorhnge an die
Fenster hnge und das vornehme Sofa in die Stube schbe, wie es doch bei
Frulein Streit gewesen sei.
    Am dritten Tage gegen Abend lie der Sturm nach; er blies zwar noch immer
gewaltig ber die Ebene hin; aber lnger litt es mich nicht mehr im Hause - ich
sprang hinaus in das Wogen und Tnen und lie mich hinber auf den Hgel tragen
... Ach ja, da stand sie noch mit festem Fu, die liebe alte Fhre, und als ich
sie mit beiden Armen umschlang, da streute sie rieselnd einen Nadelregen ber
mich her. Und die Ginsterbsche hakten sich an meine Kleider; aber die Stelle,
wo man im vorigen Jahr das Hnengrab aufgebrochen, lag kahl zu meinen Fen, und
kleine Sandbche rieselten von Zeit zu Zeit da hinab, wo auch die Menschenasche
verschttet war ... Ueber den Waldstreifen zuckten die flammenden Spiee der
Abendrte empor - morgen gab es abermals Sturm; war es doch, als wolle selbst
das Toben in den Lften eine Schranke zwischen mich und die Welt drauen ziehen
... Und dort wand sich der Flu hin, neben welchem die drei Herren damals eifrig
gestrebt hatten, die de Heide zu verlassen - da war die hohe, schlankmchtige
Gestalt des alten Herrn fest durch das Gestrpp geschritten, whrend die
verwhnten Fe des schnen Tankred fast ngstlich den samtweichen Rasenweg
innegehalten hatten.
    Jetzt war es todeseinsam da drben - nein - ich hielt die Hand ber die
Augen, um das Wunder in der menschenleeren Heide besser anstarren zu knnen.
Dort bewegte sich ein dunkles Etwas auf dem schmalen Sandweg, den Heinz mit dem
Namen Fahrstrae beehrte. Himmel, Ilse hatte ihre Drohung wahr gemacht und den
Doktor kommen lassen! Mein bleiches Gesicht, mein niedergeschlagenes Wesen
ngstigten sie ja unbeschreiblich. Der dunkle Punkt schwankte nher und nher;
das rote Abendlicht berflo ihn grell - es war richtig die alte Kutsche, in
welcher man den Arzt an das Sterbebett meiner Gromutter geholt hatte. Sie
machte eine Schwenkung - wie eine Silhouette hoben sich das krftig anziehende
Pferd und die Kalesche vom Himmel ab; ich sah die Wagenfenster aufblinken und
den stmmigen Bauernkutscher auf dem Bock sitzen ... Pltzlich hielt der Wagen
still, und ein Herr sprang heraus - und wenn die Gestalt dort vom blonden
Scheitel bis zur Zehe herab noch so streng verhllt gewesen wre, an dieser
einen Bewegung htte ich sie unter Tausenden heraus erkannt! ... Meine Pulse
stockten, ich bi die Zhne zusammen und starrte angstvoll auf die Wagenthr -
jetzt mute auch sie aussteigen, die schne Frau mit dem Samtmantel, den weien
Hermelin um die Schultern geschlagen - Onkel und Tante kamen, um die Entflohene
zurckzuholen - allein die Thr fiel zu, und der Wagen schwenkte um nach dem
Walde zurck. Herr Claudius aber schritt ber die Heide her, direkt auf den
Hgel zu; ein weiter Mantel flatterte von seinen Schultern, und die blauen
Brillenglser funkelten in der Abendsonne ... Ich lie die Fhre los, breitete
die Arme weit aus und wollte den Hgel hinabstrmen; aber ich lie sie sofort
wieder sinken - einen Onkel begrt man nicht leidenschaftlich - taumelnd im
Sturme umfing ich die Fhre wieder und drckte meine Stirn an die harte Rinde.
    Jetzt kamen die Schritte nher und nher - ich bewegte mich nicht, mir war
es, als sei ich an einen Marterpfahl gebunden und msse ausharren im lautlosen
Schmerz.
    Am Fue des Hgels blieb er stehen.
    Auch nicht um einen Schritt kommen Sie mir entgegen, Lenore? rief er
hinauf.
    Onkel, rang es sich von meinen Lippen.
    Mit wenigen Schritten stand er droben neben mir - ein Lcheln zuckte um
seinen Mund.
    Seltsames Mdchen, in welche ungeheuerliche Vorstellung haben Sie sich
verrannt! Glauben Sie wirklich, da ein gesetzter Onkel so sehnschtig und
angstvoll einer entflohenen kleinen Nichte nacheilen wrde?
    Er ergriff sanft meine beiden Hnde und zog mich den Hgel hinab. So, hier
fegt der Sturm ber uns weg ... Ich bin Ihr Onkel nicht - aber bei Ihrem Vater
bin ich gewesen und habe um andere Rechte gebeten; er hat mir freudig die
Erlaubnis gegeben, Sie heimzuholen - aber nicht in die Karolinenlust, Lenore;
wenn Sie sich entschlieen, mit mir zu gehen, dann gibt es fr uns beide nur
einen Weg ... Lenore, zwischen Ihnen und mir steht nur noch Ihr eigener Wille -
haben Sie noch keinen anderen Namen fr mich?
    Erich! jauchzte ich auf und schlang die Arme um seinen Hals.
    Bses Kind, sagte er, mich fest umschlieend. Was alles hast du mir
gethan! Nie werde ich die Stunde vergessen, in welcher Frulein Fliedner
erschrocken aus der Karolinenlust zurckkam und mir sagte, du seiest fort, fort
mit dem Nachtzug - ein verscheuchtes Heidevgelchen, einsam drauen in Nacht und
Fremde. Und wie trauerte ich, da du dir nicht einmal bewut warst, welchen
Schmerz du mir zufgtest! ... Lenore, wie war es dir mglich, zu denken, ich
knne eben mein heilig geliebtes Mdchen an das Herz ziehen, um es gleich darauf
um der hlich geschminkten Snde willen zu verstoen?
    Ich wand mich los.
    Sehen Sie mich doch nur an! rief ich und unterwarf mich halb lachend, halb
weinend einer Musterung seines Blickes. Neben Tante Christine bin ich doch das
armseligste Nichtschen, wie Charlotte mich immer nennt! ... Ich habe die Tante
zu Ihren Fen gesehen; sie hat um Verzeihung gebeten - ach, und in welchen
Tnen! Und ich wute, da Sie diese wunderschne Frau sehr lieb gehabt haben, so
lieb -
    Ein flammendes Rot stieg in sein Gesicht - ich hatte ihn noch nie so tief
errten sehen.
    Ich wei, da Frulein Fliedner geplaudert hat, sagte er. Sie klagt sich
auch an, deine Flucht veranlat zu haben, indem sie, wunderlich genug, der
Furcht Ausdruck gegeben hat, ich knne dem Zauber erliegen ... Meine Kleine, ich
gestatte dir absichtlich keinen Blick in jene Zeit, auf die jahrelange Reue
gefolgt ist - du sollst deine keuschen Kinderaugen behalten, sie sind meine
Erquickung, mein Stolz ... Ich habe mich schwer geirrt damals, am meisten in mir
selbst; ich habe das Aufflammen hlicher Leidenschaft fr jenes Sternenlicht
gehalten, das erst mit deinem Erscheinen ber meinem Leben aufgehen sollte ...
Bis zur uersten Konsequenz hat sich die Verirrung meiner Jugend gercht - bis
zu dieser Stunde habe ich leiden mssen; aber nun sei es auch genug der Shne -
ich verlange mein Recht!
    Er kte mich - dann schlug er schtzend seinen Mantel um mich. Du wirst
manches verndert finden, wenn wir heimkommen, mein Kind, sagte er nach einer
Pause mit gedmpfter Stimme. Die Mietwohnung im Erdgescho des
Schweizerhuschens ist leer - der Zugvogel ist wieder nach dem Sden geflogen -
    Aber sie war arm - was wird sie anfangen? fiel ich beklommen ein.
    Dafr ist gesorgt - sie ist ja deine Tante, Lenore.
    Und Charlotte?
    Sie hat eine furchtbare Lehre empfangen; aber ich habe mich nicht in ihr
geirrt - es ist trotz alledem ein tchtiger Kern in diesem Mdchen. Anfnglich
war sie tief erschttert an Leib und Seele - sie hat sich jedoch aufgerafft, und
jetzt bricht der wahre Stolz, die wirkliche Seelenwrde durch. Sie schmt sich
ihres Thuns und Treibens im Institut; sie hat wenig gelernt, trotz ihrer
Begabung und der ihr gebotenen reichen Ausbildungsmittel, weil sie stets
vorausgesetzt hat, sie sei zu Hherem geboren und brauche nicht zu arbeiten. Nun
geht sie abermals in ein Institut, um sich zur Gouvernante heranzubilden. Ich
bin diesem Entschlu durchaus nicht entgegen - durch geistige Thtigkeit wird
sie vollends genesen; brigens bleibt das Claudiushaus ihre Heimat ... Dagobert
aber will den Dienst quittieren und als Farmer nach Amerika gehen ... Die
Verblendung der Geschwister bezglich ihrer Abkunft und die schlieliche
Enthllung sind in der Stadt ruchbar geworden - wer geplaudert haben mag, man
wei es nicht - Dagoberts Stellung wird voraussichtlich eine unerquickliche
werden, deshalb geht er freiwillig ... Wenige Stunden vor meiner Abreise hierher
war ich bei der Prinzessin -
    Ich verbarg mein Gesicht an seiner Brust. Nun kommt das Strafgericht auch
ber mich! flsterte ich.
    Ja, ja, nun wei ich alles! besttigte er mit scheinbarer Strenge. Das
Heideprinzechen hat seine kleine, vorwitzige Nase schon am ersten Tag in das
Geheimnis von Karolinenlust gesteckt und dann wacker mitgeholfen bei der
Intrigue gegen den unglcklichen Mann im Vorderhause -
    Und er verzeiht mir nicht -
    Er lchelte auf mich nieder. Htte er dann wohl den roten Mund gekt, der
so heroisch schweigen kann?
    Wir traten hinter dem schtzenden Hgel hervor - der Sturm fiel uns an. O
sh' ich auf der Heide dort im Sturme dich! sang ich jauchzend aus voller Brust
in das Klingen und Sausen hinein. Es war ja wahr geworden, ich schritt, von
starkem Arm gehalten, an seiner Seite dahin, und seine Linke hielt sorgsam den
Mantel zusammen, den er mir um Haupt und Schultern geschlagen ... Und der Sturm
scho mit seinem Frhlingsatem an mir vorber und hhnte: Gefangen, gefangen!
Und ich lachte auf und schmiegte mich glckselig an den Mann, der mich fhrte -
mochten Sturm und Bienen und Schmetterlinge frei ber die Heide hinfliegen - ich
flog nicht mehr mit! ...
    Ilse sa auf dem Fleet und schlte Kartoffeln, und Heinz kam eben mit der
qualmenden Pfeife aus dem Baumhof, als wir in die Tenne traten ... Nie hatte ich
meine treue Pflegerin so konsterniert gesehen, als in dem Augenblick, wo Herr
Claudius mir den Mantelzipfel vom Haupt schob und ich sie anlachte. Das Messer
und die halbgeschlte Kartoffel fielen ihr aus den Hnden auf den Scho. Herr
Claudius! rief sie erstarrt. Bei dem Namen ri Heinz erschrocken die Pfeife aus
dem Munde und hielt sie auf dem Rcken.
    Gr Gott, Frau Ilse! sagte Herr Claudius. Sie haben einen kleinen
Deserteur beherbergt; - ich bin gekommen, ihn heimzuholen - mein ist er!
    Jetzt ging der Frau Ilse ein Licht auf. Sie sprang empor, Messer, Schalen
und Kartoffeln, alles rollte von der Schrze auf die Steinplatten. O herrje,
das war also die Krankheit? - Sie schlug die Hnde zusammen. - Da war freilich
Fliederthee das kontrre Mittel! ... Schn angefhrt hast du mich, Lenore, o
herrje! ... Und heiraten wollen Sie das Kind da, Herr Claudius? schalt sie
frmlich, whrend ihr die Thrnen der Rhrung ber die Wangen liefen. Sehen Sie
sich doch nur die kleinwinzigen Hnde an und das Gesichtchen, und die jungen,
jungen Augen -
    Herr Claudius errtete fein wie ein Mdchengesicht. Ich bin ihr recht,
meiner jungen Lenore, sagte er leise und ein wenig zgernd. Sie behauptet, den
alten, uralten Mann lieb zu haben.
    Ich schmiegte mich fester an ihn.
    I bewahre, Herr Claudius, so ist ja das gar nicht gemeint, protestierte
Ilse eifrig. Die mchte ich sehen, die da nicht auf der Stelle, mit Freuden, Ja
und Amen sagte! Aber, aber - die vielen Leute, die Sie kommandieren, wie sollen
denn die Respekt kriegen vor solch einem Weibchen, das Sie wie ein Kind auf dem
Arm im Hause herumtragen knnen!
    Er lachte leise auf. Respekt werden sie schon bekommen, wenn sie sehen, wie
das Weibchen den Chef des Hauses kommandiert ... Und nun, Frau Ilse, rsten Sie
sich - morgen reisen wir heim - die Braut darf nur in Ihrer Begleitung
zurckkehren.
    Ilse fuhr sich mit dem Schrzenzipfel ber die Augen. Aber der Dierkhof
unterdessen, Herr Claudius? Wenn Sie nur wten, wie ich ihn dazumal
wiedergefunden habe! sagte sie ein wenig scharf und anzglich.
    Heinz kratzte sich verlegen hinter dem Ohr und sah scheu nach der gestrengen
Schwester. Aber ich sprang auf ihn zu und schlang meinen Arm in den seinen.
Heinz, bser Heinz, gratulierst du mir nicht?
    Ach ja, Prinzechen; aber es dauert mich auch; da drauen ist's doch lange
- keine Heide!

                                     * * *

Diese Niederschrift habe ich zwei Jahre nach meinem Hochzeitstage begonnen. Die
Korbwanne stand neben meinem Schreibtisch, und zwischen dem Kissen atmete ein
junges Wesen - mein schner, blonder Erstgeborner. Fr dieses kleine Wunder, das
ich immer wieder anstaunen mute, wollte ich meine Erlebnisse niederschreiben
... Seitdem hat auch ein prchtiger, braungelockter Bursche mit der krftigsten
Jungenstimme in dem grnumschleierten Korb gelegen, und jetzt schlft Lenore,
das einzige Tchterchen des Claudiushauses, auf derselben Stelle - seit sieben
Jahren bin ich verheiratet. Ich sitze in Charlottens ehemaligem Zimmer. Die
dunklen Vorhnge sind verschwunden - es ist sonnig um mich her, Rosenbouquets,
gestickt und gemalt, liegen hingestreut auf Teppich, Mbeln und Wnden, und in
den Fensternischen duften frmliche Blumenhecken. Lenore schlummert, die
Fustchen an die Wange gedrckt - es ist so still, da ich die Fliegen summen
hre - nun endlich zum Schlu!
    Da wird die Thr aufgestoen, und sie kommen hereingestrmt, die zwei
Stammhalter des Claudiushauses.
    Aber Mama, du schreibst auch zu lange! ruft der Blonde vorwurfsvoll. Wir
wollen doch Sauermilch im Garten essen - Tante Fliedner ist schon in der Laube,
und den Gropapa haben wir auch geholt.
    Ich sehe ihm mit zitternder Lust in das Gesicht - er schiet piniengleich in
die Hhe; aber, o weh - wie wird es um die Autoritt stehen, wenn er der kleinen
Mutter ber den Kopf gewachsen ist? ... Der kleine Braune aber hebt sich auf die
Zehen, legt mir einen fingerdicken Strick und ein schwankes Weidengertchen quer
ber das Manuskript und bittet mit seiner tiefen, treuherzigen Stimme: Mama,
eine Peitsche machen!
    Geht nur einstweilen in den Garten, sagte ich, whrend meine Finger sich
abmhen, die fast unmgliche Peitsche herzustellen. Ich mu erst noch etwas von
Tante Charlotte schreiben.
    Von Paulchen auch? - Auf meine Bejahung laufen sie wieder hinaus, die
Treppe hinunter.
    Am Tag nach meiner Rckkehr aus der Heide verlie Charlotte das
Claudiushaus, um in ein Institut einzutreten; und kurze Zeit darauf ging der
junge Helldorf nach England - er hatte um Charlottens Hand gebeten und war
zurckgewiesen worden. Mir gestand sie schriftlich ein, sie habe ihn in ihrem
Hochmut zu schlecht behandelt, und nun sie von ihrer vermeintlichen Hhe
herabgestrzt sei, werde sie ihrer Neigung noch weniger Raum geben. Wir litten
nicht, da sie nach vollendeten Studien in fremde Abhngigkeit trat - sie kehrte
auf unsere Bitten in das Claudiushaus zurck - eine leidenschaftlich liebende
Tante fr unsere Kinder. Helldorfs Name kam nie ber ihre Lippen, obgleich sie,
wie wir auch, viel im Hause des Oberlehrers verkehrte. Da kam der Krieg im Jahre
66. Max Helldorf wurde einberufen und bei Kniggrtz schwer verwundet ... Eine
Stunde nachher, als der Oberlehrer schreckensbleich die Nachricht in unser Haus
gebracht hatte, trat Charlotte im Reiseanzug in mein Zimmer. Ich gehe als
Diakonissin, Lenore, sagte sie fest. Vertritt meine Handlungsweise beim Onkel
- ich kann nicht anders.
    Claudius war verreist - ich lie sie mit tausend Freuden ziehen. Nach vier
Wochen unterschrieb sie einen langen, glckatmenden Bericht als Charlotte
Helldorf. Der Feldgeistliche hatte den Genesenden und seine treue Pflegerin
eingesegnet ... Jetzt wohnt das junge Paar in Dorotheenthal - Helldorf ist
Prokurist der Firma Claudius geworden - und seit Paulchen die groen Augen
aufgeschlagen hat, begreift Charlotte nicht mehr, wie sich die Menschen, die
alle mit gleichem Rechte in die Welt treten, in Hochmtige und Miachtete
zerspalten knnen.
    Ach, jetzt hre ich feste Schritte die Treppe heraufkommen - die
Schreibstube ist geschlossen ... Ich schreibe weiter und thue, als hrte ich ihn
nicht kommen, den Mann, der mich mehr verzieht, als er verantworten kann. Ich
lache ihn stets aus, wenn er mich dann in seine Arme nimmt und ber meinen Kopf
hinweg wie entschuldigend zu meinem Vater sagt: Sie ist ja das lteste und
unbesonnenste von meinen Kindern. Und mein Vater nickt mit seinem zerstreuten
Lcheln dazu - er ist noch immer sehr zerstreut, mein guter Papa, aber er wird
von uns auf den Hnden getragen, und sein neuestes Werk macht Furore in der
Gelehrtenwelt. Vielleicht sind seine Enkel daran schuld - sie drfen in der
restaurierten Bibliothek rumoren, soviel sie Lust haben, und klettern auf seinen
Scho, whrend er schreibt. Seine Stellung bei Hofe ist angenehmer denn je, und
die Prinzessin kommt oft in das Claudiushaus; aber ber dem Lotharbild hngt ein
dunkler Vorhang, und die Tapetenthr in der Karolinenlust ist zugemauert worden.
    Jetzt ist der hohe, noch immer schlanke Mann leise eingetreten, er biegt
sich ber die Korbwanne und betrachtet sein schlafendes Tchterchen.
    Es ist erstaunlich, wie das Kind dir hnlich sieht, Lenore.
    Ich springe stolz auf; denn er sagt das mit einem entzckten Blick ... Fort
mit der Feder und dem Manuskript! Sie haben keine Farben fr den Sonnenblick des
Glckes ber der Stirn des Heideprinzechens.

                                    Funoten


1 Bienenzchter.

