
                              Franois, Louise von

                           Die letzte Reckenburgerin

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                              Louise von Franois

                           Die letzte Reckenburgerin

                                   Einfhrung

Es war etwa zwei Jahre nach der Schlacht von Waterloo, als in einem
niederlndischen Grenzstdtchen armen Eltern eine Tochter geboren wurde. Die
kleine, fremde Stadt ist nicht der Schauplatz unserer Geschichte, und die
kleinen, fremden Leute sind nicht deren Helden. Das alltgliche Ereignis aber
sollte gleichsam den Angelpunkt bilden, um welchen dieselbe rckwrts und
vorwrts sich bewegen wird. Denn wre jenes Kindlein nicht geboren, oder wre es
nicht in der Fremde und in Drftigkeit geboren worden, so wrde die weite Welt
von unserer wirklichen Heldin schwerlich etwas Nheres erfahren, und wir wrden
ihr nicht deren Geheimnisse zu offenbaren haben.
    Der Vater des Kindes war noch jung, vielleicht kaum grojhrig. Dazu ein
Mann von aufflliger, sagen wir ritterlicher Kraft und Schne der Gestalt,
wenngleich das sturmvolle Leben des Feldlagers in den frhverwsteten, narbigen
Zgen zu lesen stand, und wenngleich der Verlust eines Armes ihn zum Krppel
machte. Er war als unbrtiger Forstlehrling der Schar des Braunschweig-ls in
Sachsen zugelaufen, hatte die heldenmtigen Fahrten und Taten dieses Korps unter
britischer Fahne auf der Halbinsel wie spter in den Niederlanden geteilt, bis
er, bei la Haye sainte schwer verwundet und eines Gliedes beraubt, als
Wachtmeister verabschiedet worden war. Prinz Gustel hatten die Kameraden der
Legion den stattlichen, flotten Sachsen tituliert; er selber nannte sich
bescheidentlich August Mller.
    Die Mutter mochte leicht eine Mandel Jahre mehr zhlen als ihr Gespons, und
es liegt, zu unserer Befriedigung, uns nicht ob, ber die vergangenen Tage der
schwarzen Lisette gewissenhaft Buch zu fhren. Genug, da sie als
Marketenderin, zuletzt bei der Legion, gedient, da sie ihren August nach seiner
Verwundung getreulich verpflegt hat, da sie sein rechtmiges Weib geworden und
jetzt emsig bemht ist, den armseligen Haushalt durch langentwhnte Handarbeit
zu fristen.
    Die spte Wiege schien eine unberechnete Gertschaft in ihrem Mahlschatz
gewesen zu sein. Jedenfalls hatte die Kampfesstunde, welche einem Menschen das
Leben gibt, das wetterbraune, hartgliederige Weib schwerer mitgenommen als
zwanzig Kampfesjahre, in welchen sie Tausende das ihre verenden sah. Die Finger
zitterten und der Schwei tropfte von ihrer Stirn, als sie jetzt, bei
eintretender Dmmerung, die feinen Lederzwickelchen noch aneinanderpate, die
sich, sobald der Morgen graute, in zierliche Handschuhe verwandeln sollten. Sie
seufzte, wenn sie von Zeit zu Zeit einen schchternen Blick auf das schwchliche
Wesen fallen lie, das seit drei Tagen, fast ohne zu erwachen, an ihrer Seite
kaum merkbar atmete.
    Noch weit unbehaglicher indessen schien dem jungen Invaliden dieser
husliche Zustand vorzukommen. Er schritt in der halbdunklen, niedrigen Kammer
auf und ab gleich einem eingefangenen Hirsch, der sich das Geweih abzustoen
frchtet, ri dann, schwer atmend, das Fensterschchen auf und schlug es
unwirsch wieder zu, als er die Frau ngstlich das Kind gegen den Luftzug
bedecken sah. Endlich aber rannte er, ein Donnerwetter brummend, aus der Tr,
durch welche wir ihn nach einer Weile, eine Weinflasche in der Hand und in
gemtlicherer Laune, zurckkehren sehen.
    Leg das Zeug beiseite und tu einen Zug, Lisette! rief er der Wchnerin
entgegen. Du bists gewhnt, und es tut dir not, armes Weib.
    Frau Lisette schttelte bedenklich den Kopf, seufzte und fragte mit tiefer,
zurzeit merkbar angegriffener Stimme: Und die Zahlung, August? Wieder
geknchelt gestern nacht? Wieder gekrtelt? Mann, Mann!
    Ei! seit wann hltst du denn Kncheln und Krteln fr eine Snde, altes
Haus! entgegnete lachend der Invalide. Trink und schneide kein Gesicht! Kann
ich Holz hacken mit meinem Stumpf? Soll ich die Orgel umhngen und vor den Tren
dudeln, he? Schmhlich genug, da eine, die so tapfer dem Kalbsfell gefolgt ist,
elende Ziegenfellchen zusammenstoppeln mu. Aber la das Gesthn! Greinen, wenn
man unterm Kanonendonner gelacht! Einen Schluck und herzhaft dreingeschaut wie
sonst. Es kann ja nicht ewig Frieden bleiben. Wie lange wirds dauern, ist der
Napoleon retour, und dann - -
    Er verstand den klglichen Blick, mit welchem die Marketenderin seine Rede
unterbrach, fuhr aber nach kurzem Besinnen in munterster Laune also fort: Man
braucht nur einen Arm, um dreinzuhaun, Lisette. Ich habe ihrer mit der Linken
losfeuern sehen, und mir ist die Rechte geblieben, die Mannesfaust. Nur erst den
Napoleon retour, das Zelt aufgeschlagen, ein Pferd unter den Leib, und Stumpf
und Kindsbett - bah! wer denkt noch an die? Pack die Lappalien zusammen und la
uns eins schwatzen. Sei wieder meine alte, brave, lustige Schwarze!
    Du hast recht, August; la uns eins schwatzen, versetzte die Frau nach
einer Pause mit einem herzhaften Entschlu, indem sie erst ihr Nhzeug sorgsam
verpackte, dann die Flasche entkorkte, einschenkte und nach einem krftigen Zug
das Glas dem Invaliden reichte. - Bleib einmal heut abend bei mir zu Hause,
Mann. Wir wollen uns Geschichten erzhlen, wie sonst im Zelt. Aber keine von den
alten, keine, die wir an den Fingern ableiern knnen, du wie ich.
    Der Invalid lachte. Kurios, just von den Schnurren, die einer an den
Fingern ableiern kann, hrt und schwatzt er am liebsten, meinte er.
    Nun freilich, freilich, August, so fr alle Tage. Nur heut einmal zum Spa
ein Extrastck. Ein noch lteres, Mann. Etwas von vor unserer Fahnenzeit. Ich
meine, etwas von der Heimat und den Angehrigen, die wir -
    Sie machte eine Pause, in der sie einen ihrer Kehle fremdartigen Ton
hinunterprete. Dann, nach einem Blick auf das Kind, der etwa wie armer,
verlassener Wurm! auszulegen war, fuhr sie fort:
    Freilich, bei mir ists eine Weile her. Die Eltern waren tot, Geschwister
hatte ich keine, und die Gevattern und Muhmen, wenn sie allenfalls noch lebten,
ich wrde sie schwerlich wiedererkennen, oder richtiger ausgedrckt, sie wrden
die Lisette nicht wiedererkennen wollen, die - - Aber du, August, du bist ein
junges Blut gegen mich. Wie lange ist es denn her? Keine zehn Jahre.
    Anno neun, Lisette. Netto acht Jahre. Es war, wie der Herzog -
    Ich wei das vom Herzog, Freund. Acht Jahre! In der Zeit wird ein Mensch
nicht vergessen, und ein Mann wird nur mit Ehren darauf angesehen. Kehrtest du
heute heim, deine Leute wrden dich mit Vergngen aufnehmen, August.
    Freund August lachte aus vollem Halse. Meine Leute? fragte er, der
Frster etwa, dem ich aus dem Garne gelaufen bin?
    Nun, wenn der Frster just auch nicht, so doch die, welche dich vor ihm in
Versorgung hatten.
    Der Waisenvater, meinst du? Der gute Mann war alt; er wird lange tot sein,
Lisette.
    Aber dein leiblicher Vater, Mann!
    Ei, wie dumm, kluge Lisette! Nachdem ich eben erst des Waisenvaters
erwhnt. Einen leiblichen habe ich nicht gekannt.
    Oder deine Mutter - -
    Ich wei von keiner Mutter, Frau.
    Von keiner Mutter? Aber eine Waisenanstalt ist doch kein Findelhaus. Du
hattest deine Jahre, mut dich auf etwas vorher besinnen knnen.
    Vorher? Nun ja, auf die alte Muhme im Walde.
    Eine Muhme! Wie hie sie, Mann?
    Sie hie Justine!
    Und weiter?
    Weiter wei ichs nicht.
    Aber du mut doch einen Vater gehabt haben. Was war er, wo lebte er,
August?
    Wei ich alles nicht, altes Fragezeichen.
    Die Frau lie sich durch diesen Ehrentitel nicht irremachen. Besitzest du
denn gar nichts Schriftliches? forschte sie nach einigem Besinnen weiter.
Nicht deinen Taufschein, den Totenschein der Eltern und dergleichen?
    Hast du deine Kirchenzeugnisse eingeholt, als du bei Nacht und Nebel deiner
Dienstherrschaft von dannen ranntest? gegenfragte spottend der Mann, setzte
aber, da er wieder einen Seufzer zu hren glaubte, gutmtig hinzu: Na, nimms
nicht bel, Lisette. Etwas Schriftliches mchtest du? Ja, da wre allenfalls der
Schein, mit dem mich der Propst aus dem Kloster entlassen hat.
    Auch im Kloster bist du gewesen? Unter Mnchen, August? Wohl gar ein
Katholischer?
    Lieber gar, altes Haus! Die sind nicht Mode im Leipziger Kreis. Die Anstalt
hie nur das Kloster und der Direktor der Propst von ppstlichen Zeiten her. Der
alte Zettel hat sich erhalten, wei selber kaum wie. Sooft ich ihn wegwerfen
wollte, sah ich den guten, blassen Mann und seine Trnen, als er mir ihn gab.
Wir hatten ihn Vater genannt, und er war uns wie ein Vater gewesen. Da steckt
ich den Wisch denn immer wieder ein.
    Zeige mir den Schein, August, bat die Frau, indem sie sich hastig daran
machte, Feuer zu schlagen und die Lampe auf dem Tisch vor ihrem Bette
anzuznden. Als sie damit zustande gekommen, entfaltete sie das Papier, das der
Invalid aus seiner Brusttasche hervorgesucht hatte und dessen pulvergeschwrzte,
blutige Spuren ein beredtes Zeugnis seiner Jnglingsjahre waren.

                            Psalm 146, Vers neun.
                 Der Herr behtet die Fremdlinge und Waisen.

August Mller. Eingesegnet und unserer Pflegesttte entlassen am 4. April 1807.

Kloster Laurentii,
                                                                Ludwig Nordheim.

Kreis Leipzig.
                                                            Propst und Direktor.

Frau Lisette hatte diesen knappen Inhalt kopfschttelnd vor sich hingemurmelt.
Kein Geburtsdatum, sagte sie nach einer nachdenklichen Pause; nicht Name,
Stand und Wohnort der Eltern! War das Kloster eines fr eheliche Kinder,
August?
    Fr Soldatenwaisen, antwortete stolz der Mann. Nur als Lckenber dann
und wann ein Brgerjunge.
    Und du erinnerst dich auch entfernt keines Pflegers oder Vormunds, keiner
Ortsbehrde, die dich in die Anstalt gebracht htte?
    Hingebracht? Ei freilich, hingebracht hat mich Frulein Hardine.
    Die Marketenderin zuckte neubelebt auf.
    Frulein Hardine! rief sie. Mann, wer war Frulein Hardine.
    Ein Frauenzimmer, gro und schwarz wie du, Lisette, versetzte, von dem
Eifer seiner Frau belustigt, der Invalid.
    Wenn die alte Beckern recht hat, meine Frau oder Frulein Mama.
    Und die alte Beckern, wer war die?
    Die Waschfrau der Anstalt und eine Klatsche.
    Frulein Hardine! Ein Frulein, keine Mamsell! Eine Adlige sonach.
    Kann sein. Ihr Vater war ein kurfrstlicher Major.
    Sein Name -?
    Hab ihn niemals nennen hren; vielleicht auch vergessen. Die Tochter hie
bei allen schlechtweg Frulein Hardine.
    Frau Lisette sa eine Weile in stillen Gedanken, dann rckte sie hervor mit
einem kriegslistigen Plan.
    Gib mir die Pfeife, da ich sie dir stopfe, Gustel, sagte sie munter; und
da noch ein Glas, das den Kopf aufrumt. Nun aber erzhle mir einmal hbsch im
Zusammenhange alles, was du aus deinen Kinderjahren behalten hast. So wenig es
sein mag - man kann immer nicht wissen - - und von etwas mu doch einmal
geplaudert sein, gelt?
    Ein trockner Text fr den Liebhaber der Lagergeschichten, trotz Pfeife und
Flasche, die ihn mundrecht machen sollten Indessen er hatte gehrt, da man
einem Weibe im Kindbett zu Willen reden msse, und er war im Grunde ein
gutmtiger Gesell. So legte er denn die Hand bers Herz, und whrend die Frau
ihre Ziegenfellchen wieder aufnahm, erzhlte er, indem er paffend den engen Raum
auf und nieder schritt - mit Auslassung etwelcher Kraftausdrcke, die einer
zarten Leserin erspart werden mgen -, wrtlich wie folgt:
    Wie gesagt: wann, wo, von wem ich geboren worden, wei ich nicht. Soweit
ich zurckzuschauen vermag, sehe ich eine alte Frau, die ich Muhme nannte und
die mich keine Not leiden lie. In einer Stadt oder in einem Dorfe war es nicht,
denn ich habe keine Huser weiter bemerkt, mit Ausnahme des kleinen, darin die
Muhme wohnte. Spielkameraden hatte ich auch nicht, abgerechnet die Karnickel und
Eichkatzen im Walde, der hinter dem Hause lag. Mit denen aber bin ich um die
Wette gehetzt und geklettert den lieben langen Tag. Und das war mir recht. Die
Muhme wrde ich vielleicht wiedererkennen, vielleicht auch nicht. Das Haus aber
knnte ich noch malen. Es sprang aus einem Dickicht hervor; Tannen, so hoch, wie
ich keine wieder gesehen, und am Giebel war aus Stein ein Hundekopf angebracht
und darber eine Krone von Gold.
    Die Muhme hie Justine. So nannte sie wenigstens das Frauenzimmer, das sie
wohl Tag fr Tag besuchte Vom Schlosse her, wie die Muhme sagte: ich habe aber
niemals ein Schlo gesehen. Dieses Frauenzimmer war Frulein Hardine. Ob sie
jung oder alt gewesen ist, kann ich so eigentlich nicht sagen, auch nicht, ob
sie es gut oder bse mit mir gemeint. Ich glaube aber, gut zu jener Zeit.
Gemacht habe ich mir niemals etwas aus ihr. Gemerkt aber, zum Wiedererkennen
gemerkt htte ich sie mir, glaub ich, nach schon jener Zeit. Es war etwas an
ihr, das sich nicht vergit. Was, das kann ich wieder einmal nicht sagen.
    Eines Tages sa ich eingesperrt mit Frulein Hardine in einem engen Kasten,
der sich fortbewegte. Item in einer Kutsche. Von Anfang machte ich groe Augen,
da ich die Bume am Wege so hurtig an mir vorberrennen sah. Ich sehe sie noch
rennen, Lisette. Bald aber kriegte ich das Ding satt, tobte, schrie und wrde
ber den Kutschenschlag gesprungen und in meinen Wald zurckgelaufen sein, wenn
Frulein Hardine mich nicht an den Ohrlappen festgehalten und so lange
dareingekniffen htte, bis ich endlich vom Heulen mde ward, mich auf die Bank
streckte und in Schlaf verfiel. Ich wachte wohl wieder auf und erhob den vorigen
Rumor. Frulein Hardine kriegte mich aber immer wieder bei den Ohren, ich
schlief immer wieder ein und kann daher nicht sagen, ob die Fahrt stunden-,
tage-, wochenlang gedauert hat, oder wie ich im brigen an mein Ziel gekommen
bin.
    Von der Zeit ab war ich im Waisenkloster, und schlecht gegangen ist es mir
darin beileibe nicht. Der alte Propst war eine Seele von einem Mann; in Wahrheit
ein Waisenvater und mir, wie es schien, ganz absonderlich zugetan. Zu essen gabs
reichlich und Fuchtel lange nicht genug fr uns wilde Brut. Aber ich hatte kein
Sitzefleisch; mich zogs zurck in den Wald. Ein paarmal nahm ich auch Reiaus,
wurde natrlich aber wieder eingefangen, und mag man aus diesem Grunde mich auch
spterhin niemals, wie manche von den greren Jungen, in die Stadt gelassen
haben, wenn es daselbst eine Extrabesorgung galt.
    Aber Frulein Hardine? fiel ungeduldig die Zuhrerin ein, als hier der
Erzhler eine Pause machte.
    Nun, Frulein Hardine, fuhr dieser fort, Frulein Hardine, die kam denn
auch wohl dann und wann auf Besuch zu unserm Propst, schnitt aber regelmig ein
essigsaures Gesicht, sooft ich ihr vorgefhrt ward, rsonierte, weil ich nichts
lernen wollte, und schimpfte mich einen Wildling oder dergleichen. Einmal hat
sie mir in der Bosheit auch eine ganz gehrige Backpfeife appliziert.
    Frau Lisette fuhr auf wie elektrisiert. - Eine Backpfeife! rief sie mit
dem Ausdruck hchster Befriedigung; eine Backpfeife, August -
    Ganz gewi nicht unverdient, Lisette!
    Gezchtigt mit eigener Hand! Und das soll nicht seine Mutter gewesen sein!
    So? Du httest also eher deinen eigenen Wurm als einen fremden
durchgewichst?
    Die arme Mutter nahm bei dieser Gewissensfrage ziemlich kleinlaut ihr
Nhzeug wieder auf. - Ein adliges Frulein und unter den Augen der geistlichen
Obrigkeit, sie mu doch ein Recht dazu besessen haben, murmelte sie wohl noch,
wurde aber nicht mehr gehrt, denn ihr Gespons hatte den Faden bereits wieder
aufgegriffen.
    So viel steht fest, Lisette, erklrte er, htte Frulein Hardine mich
lebtags mit Streichelfingerchen angefat, ich knnte sie vergessen haben. Nun
sie sich ttlich an mir vergriffen hat, leibt und lebt sie vor meinen Augen, und
wrde ich hundert Jahre.
    Ich war auf diese Weise ein stmmiger Bursche geworden; kopfhoch grer als
smtliche Kameraden, und in mir rumorte anjetzo nur noch ein einziges Gelst.
Nicht mehr: In den Wald! wie frherhin. Nein: Ein Pferd unter den Leib und unter
die Soldaten! Ich hatte in meinem Leben die ersten Truppen gesehen. Preuen und
Landeskinder waren an dem Kloster vorbergezogen. Nmlich whrend der
Mobilmachung von Anno fnf, wo sie dem sterreicher zu Hilfe wollten. Der
sterreicher wurde in der Klemme gelassen, und meine Preuen zogen wieder ab.
Aber nchsten Herbst kamen sie retour. Rektamente dem Napoleon auf den Pelz, der
bereits auf dem Wege sei, wie es hie. Da prickelte es mir freilich vom Kopf bis
zur Zeh! Ich hatte aber doch so viel Einsehen, da sie einen halbwchsigen,
verlaufenen Waisenjungen bei der Armee nicht nehmen wrden. Einstweilen spielte
ich daher nur Soldat, und es war eine Lust, wie ich die Jungens zusammenwalkte.
Ich war der grte und darum von Rechts wegen unser Kurfrst, den ich mir immer
nur wie einen Schlagetot vorstellen konnte. Die meisten, aber kleinsten, waren
Franzosen und ein Knirps ihr Napoleon. Nun, ich habe ihn geblut, wie vor zwei
Jahren den richtigen Napoleon der alte Marschall Vorwrts und unser iron duke.
    Aber Frulein Hardine? fragte von neuem die erwartungsvolle Hrerin, und
der Exwachtmeister antwortete: Nur Geduld, gleich ist sie wieder da!
    Es war am 14. Oktober - solch ein Elendsdatum vergit sich nicht, Lisette! -
Wir standen zum Morgenbrot im Kreuzgange aufgestellt, als der Propst zu uns trat
mit Hut und Stock, zitternd ber den ganzen Leib und wei wie eine Wand. Das
erste Blut ist geflossen, sagte er mit bebender Stimme, teures Blut, Heldenblut!
Ihr seid Soldatenshne, meine Kinder. Eilt in den Wald, pflckt das letzte
Eichenlaub und bindet einen Kranz auf das Grab eines tapferen Herrn, der, allen
voran, im Kampfe fr das Vaterland gefallen ist. Darauf, an mich herantretend,
setzte er leise hinzu: Es ist der Vater von Frulein Hardine, den man gestern
als Leiche in ihr Haus gebracht hat. Dort erwarte ich dich, August, mit dem
Kranze. Die Waschfrau Becker (sie versah nmlich nebenbei den Botendienst nach
der Stadt) begleitet dich und zeigt dir das Haus. Damit ging er. Wir Jungen
rannten in den Wald. Ich war zu oberst auf den Bumen und warf die Zweige herab,
die unten um einen Fareif gebunden wurden. Es war ein Stck, da eine Kuh sich
daran htte satt fressen knnen, Lisette. Kaum eine Stunde, und ich trabte neben
der alten Beckern auf dem Wege nach der Stadt.
    Wenn die Botenfrau sowieso nach der Stadt ging, fiel hier Frau Lisette,
hchlichst gespannt, dem Redner ins Wort, warum mutest du sie begleiten,
August? du den Kranz zu Frulein Hardine tragen? von allen just du? Mann, Mann,
das war eine Finte!
    Du kommst auf die Sprnge der alten Klosterklatsche Lisette, versetzte der
Invalid, der allmhlich Feuer und Flamme ber seiner Erzhlung geworden war.
Aber hre nur weiter. Auf dem Wege hatte ich meinen Heidenrger mit dem dummen
Weib. Es wre im Oberlande eine Schlacht geschlagen worden, behauptete sie, die
nmliche, in welcher Frulein Hardines Vater gefallen sei, und der Franzose
htte obtiniert. Das konnte und wollte ich nicht glauben. Ich schimpfte die Alte
ein Schandmaul, und wrde sie handgreiflich zur Ruhe gebracht haben, wenn, na,
wenn sie nicht eben ein Weib und obendrein ein altes Weib gewesen wre. Die aber
blieb baumfest bei ihrem Satz und in der Angst vor dem grausamen Bohnebart. Sie
zitterte wie ein drres Laub, sooft ihr der Name ber die Lippen lief. Es war
nicht anders, als ob der Bohnebart expre ins Land gekommen sei, um der alten
Beckern auf den Leib zu gehen.
    So in Gift und Galle kamen wir in die Stadt. Ich hatte noch nie eine gesehen
und mir eine Stadt weit anders vorgestellt. Nur hoch oben das groe Schlo, wie
es allmhlich aus dem Nebel hervortrat, das gefiel mir. Da mchte ich wohnen,
sagte ich, und die Beckern schmunzelte geheimnisvoll: Nu, wer wei, Gustel, ob
du nicht noch eines Tages in einem Prinzenschlosse logieren tust. Der Bohnebart
ist auch nur ein armer Junge gewesen wie du und am Ende ein Kaiser geworden. -
Und so ein Knirps! sagte ich verchtlich.
    Bei den Worten kamen wir auf den Markt. Die Alte wies auf ein Haus und
sprach: Da wohnen die Majors. Das Haus, wiewohl ich es nur das eine Mal und
seitdem viel tausend andere gesehen habe, das Haus knnte ich noch malen. Es
glich einem Mops, dem einer eine Zipfelmtze aufgebunden hat. Die Beckern setzte
sich neben dem Torweg auf eine Bank, allwo sie mich zurckerwarten wollte, und
ich ging mit meinem Kranze hinein.
    Im Torwege kam mir auch schon der Propst entgegen, nahm mich bei der Hand
und fhrte mich in eine Stube auf die rechte Seite. Die Fenster waren zugehngt,
und ich mute mich erst an das Dmmerlicht gewhnen. Ich unterschied aber doch
irgendein menschliches Wesen, das mit ausgebreiteten Armen nahe der Tr
gestanden hatte und, auf einen Wink des Propstes, hastig in die Hlle - so heit
bei uns zulande der tiefe Ofenwinkel - huschte. Ich spitzte die Ohren. Mir war,
als htte ich einen chzen oder schluchzen gehrt.
    Frulein Hardine! rief Frau Lisette in atemloser Spannung. Der Erzhler
aber entgegnete:
    Behte! Frulein Hardine war keine von der Art, die chzt und schluchzt.
Die stand aufrecht und ernsthaft, schwarz vom Kopf zur Zeh, in der Kammer vor
der Leiche des Majors, zu welcher der Propst mich unverweilt fhrte. Es war der
erste Tote, den ich zu sehen kriegte, und ich kann dir gar nicht beschreiben,
Lisette, wie er mir gefiel. So hatte mir noch nie ein Lebender gefallen. Er
ruhte wie im Schlafe, die Rechte ingrimmig geballt; sie mochten ihr den Sbel,
der neben der hohen Ungarmtze an seiner Seite lag, mit Gewalt entrissen haben.
Und dann das Ordensband, der blaue Husarenpelz mit silbernen Schnren und dem
kleinen Brandmal, durch welches die Kugel in das Herz gedrungen war. Ich
betastete Stck fr Stck. Ich konnte mich nicht satt sehen, bohrte mit dem
Finger nach der Wunde, ob die Kugel noch zu spren sei; ich drckte eine kalte
Hand nach der anderen und wrde nicht von der Stelle gewichen sein, wenn mich
der Propst nicht mit Gewalt in die Stube zurckgezogen htte.
    Dort hielt er mir nun eine feierliche Rede, von der ich aber nichts weiter
gehrt oder gemerkt habe, als da er den Mann selig pries, der als ein Held fr
das Vaterland gestorben sei. - Ich will auch fr das Vaterland sterben! platzte
ich heraus, und bei den Worten trat Frulein Hardine, die, ohne da ichs
gemerkt, am Fenster Platz genommen hatte, rasch auf mich zu und drckte mir die
Hand, als ob sie sagen wollte: - brav, Junge, bleibe bei diesem Satz! -
Gesprochen aber hat sie an diesem Morgen kein Sterbenswort, und ich habe auch
nicht weiter auf sie achtgegeben, sondern unverwendet nach der Hlle gestarrt.
Denn whrend meiner Rede war von dorther ein Schrei gedrungen, der mir durchs
Herz ging wie ein Brand. Ich konnte aber nichts weiter unterscheiden als eine
kleine, weie, in sich gekrmmte Gestalt, die ihren Kopf hinter einem
Schnupftuch verborgen hielt. Auch trat jetzt der Propst von ungefhr zwischen
mich und die Hlle, so da ich nur noch des guten Mannes schwarzen Rock und
weie Percke erblickte, wenn ich hinter den Ofen zu lugen suchte.
    Du bist nun fast ein Erwachsener, August, so setzte der Propst, zu mir
gewendet, seine Ansprache fort. Kommende Ostern wirst du konfirmiert und mut
dich fr einen Lebensberuf entscheiden. Was willst du werden, mein Sohn? -
Soldat! rief ich ohne Besinnen. Und wieder drang es, aber diesmal wie ein
Wimmern, aus der Hlle.
    Es wird die Mutter von Frulein Hardine gewesen sein, rief in atemloser
Spannung Frau Lisette. Der Erzhler aber entgegnete:
    Ob Frulein Hardine dazumal noch eine Mutter gehabt hat, wei ich nicht.
Das aber wei ich, da es nicht die Stimme einer alten Frau gewesen ist, die da
hinter dem Ofen jammerte. Weit eher die eines kleinen, bekmmerten Kindes. Aber
hre nur weiter, Lisette.
    Du bist zum Soldaten noch zu jung, August, sagte der Propst. Auch mu das
Schicksal unseres Vaterlandes erst entschieden sein. Mchtest du fr den
Napoleon kmpfen, wie die Deutschen drauen im Reich? - Nein! antwortete ich,
aber berall gegen ihn. - Und zum zweitenmal drckte mir Frulein Hardine stumm
die Hand.
    Die Zeit kann kommen, mein Sohn, versetzte der Propst. Fr den Augenblick
gilt es zu warten. Erhalten wir Frieden und bleibt alles beim alten, darfst du
nimmer an den Soldaten denken, du bist nicht von dem Stande, um Offizier zu
werden, und als Gemeiner ertrgst dus nicht bei deiner Sinnesart. Die laufen
noch Spieruten. Mchtest du dich peitschen lassen, August? Ich ballte statt
aller Antwort nur die Faust. Der Propst fuhr fort:
    Du hast dich immer in den Wald zurckgesehnt. Wie wrs mit einem Jgersmann,
mein Sohn? - Nun gut, wenn nicht Soldat, so will ich Jger werden und schieen
lernen, sagte ich.
    Was der Propst noch weiter in mich hineingepredigt hat, wei ich nicht. Ich
dachte an den toten Major und blinzelte nach dem jammernden Kinde in der Hlle.
Da war ich denn quasi verdutzt und wute gar nicht, wie mir geschah, als ich
mich pltzlich beim Arme gefat und nach der Tr geschoben fhlte. Vom Propste
nmlich. Schon hat er die Tr aufgeklinkt und ich stehe auf der Schwelle, da
hre ich etwas hinter mir, als wenn ein Vogel flattert. Rasch wende ich mich um
und sehe - ja was denn nun eigentlich? Es war ja nur ein einziger Blick und
einer aus dem hellen Flur in das halbdunkle Zimmer. Ich sehe also mit
ausgespreizten Armen eine Gestalt, klein und fein wie ein Kind, von schneeweiem
Angesicht und hellgelbem Gelock, gegen die groe, schwarze Hardine, die hinter
ihr stand, sich abhebend wie am Himmel ein weies, goldgerndertes Wlkchen,
wenn die Nacht schon hereingebrochen ist. Mir schwamm es vor den Augen, als
htte ich einen Schwindel. Da stie mich der Propst ber die Schwelle, die Tr
fiel in die Angel und ich hrte von drinnen nur noch einen schrillen Schrei.
    In der nchsten Minute stand ich vor der Tr neben meiner Alten. Unter
freiem Himmel war der Schwindel gleich wie weggeblasen, ich sah und hrte wieder
munter wie sonst und kam schier auf den Gedanken, da die Geschichte - nicht die
vom toten Major, aber die von dem Wolkenkinde - nur ein Spuk gewesen sei.
    Auf der Gasse war es whrend der Stunde lebendig geworden. Gleich einem
aufgescheuchten Bienenschwarm hastete und summte die Menschheit auf und nieder,
und mein altes Weib war voll wie ein Schwamm von all den Geschichten, die sie
auf der Trbank eingesaugt hatte. Die Geschichten waren wahr, Gott seis geklagt.
Die alliierte Armee hatte sich auf zwei Punkten berrumpeln lassen und zwei
hundsfttische Schlachten wurden in den nmlichen Stunden geschlagen. Aber sie
wurden just erst geschlagen. Die Stadt lag drei Meilen vom nchsten Kampfplatze
entfernt: wie konnte das Volk den erbrmlichen Ausgang so dreist behaupten?
Witterung sagten sie, wie die vom lieben Vieh vor dem Sturm. Aber warum hatte
ich die Witterung nicht? Warum hast du, Lisette, niemals gezittert bei einem
ersten Kanonenschlag? Weil du ein Mann warst, Lisette, und jene Mnner alte
Weiber wie die Beckern, Memmen, die nichts Besseres verdient haben als die
Fuchtel des Napoleon so lange, bis am Ende auch bei ihnen die Berserkerwut zum
Ausbruch gekommen ist.
    Auf Schritt und Tritt guckte mein altes Weibsstck sich um, ob ihr der
grausame Bohnebart nicht bereits auf den Hacken s. Bei aller Angst jedoch
schwamm die Neugier nach dem, was ich bei den Majors erlebt, obenauf, und wir
waren noch nicht aus dem Tore, da hatte sie mich ausgepret wie eine Zitrone und
zu jedem Tropfen ihren Senf gerhrt. Ich wollte nur eines wissen: wer das kleine
Mdchen gewesen sei, dessen letzter Schrei mir noch immer in den Ohren gellte.
Aber just dieses eine wute die alte Weisheit nicht. - Eine Bekanntschaft aus
der Stadt - so meinte sie, denn Anverwandte htten die Majors hierzulande keine.
- Aber warum seufzte und weinte sie denn so jmmerlich? forschte ich weiter und
brachte damit meine Alte wieder in das richtige Fahrwasser.
    Wer heult und schreit denn anjetzo nicht, Gustel? sagte sie. - Wer sieht im
Geiste nicht einen von den Seinigen totgeschossen oder zum Krppel gehauen, oder
in Gefangenschaft oder auf der Flucht. Den Bohnebart mit seiner
Kopfabschneidemaschine noch gar nicht eingerechnet. Ja, das sind wilde Zeiten
wie unter dem Schwedenknig oder dem alten Fritz. Pa auf, Gustel, wenn wir
heimkommen, ob uns der Franzose da nicht schon entgegenrckt, und das Kloster
ist ein Aschenhaufen, und Lehrer und Jungen sind ber alle Berge wie eine Herde,
in die der Wolf geraten ist. Und darum, Gustel, darum will ich dir noch in
dieser Stunde offenbaren, was ich in der nchsten vielleicht nicht mehr zu
offenbaren imstande bin. Etwas, auf das noch kein Mensch verfallen ist, als die
alte Beckern ganz allein. Wenn es aber einstmals vor aller Welt ans Tageslicht
gekommen sein wird, dann sollst du denken: die alte Beckern hat mirs prophezeit,
und dich hbsch dankbar erweisen an der armen, alten Frau; nmlich insofern sie
vor dem grausamen Bohnebart ihr bichen elendes Leben davongetragen hat. -
    Sie guckte sich nach dieser Rede scheu nach allen vier Weltgegenden um, hob
sich auf die Zehenspitzen und wisperte, ihren Mund an mein Ohr gelegt:
    August, hast du dir niemals Gedanken darber gemacht, was Frulein Hardine
eigentlich mit dir zu schaffen hat? Ich schttelte lachend den Kopf.
    Und dir schwant auch gar nicht, wer der Mann gewesen ist, vor dessen
Leichnam man dich heute gefhrt? - Ein Major, sagte ich. - Ein Major, nun
freilich, versetzte die Alte rgerlich. - Ein Major fr Seine Kurfrstliche
Gnaden; ich meine aber, was er fr dich, August, gewesen ist? - ich schttelte
wiederum den Kopf.
    Nun, so vernimm es denn, August, - sagte die alte Beckern feierlich wie die
Hexe im Alten Testament: - der Mann ist dein Grovater gewesen, denn Frulein
Hardine ist deine Mutter. -
    Die Wahrheit zu sagen, ich war dazumal in derlei Historien wie ein
ungeschorenes Lamm. Das einsame Waisenhaus fhrte mit Fug seinen Klostertitel;
Angehrige, die wir besuchten, hatte keiner von uns, und alles, was eine Schrze
trug, wenn es nicht lahm und grau war wie die Beckern, wurde von der Anstalt
ferngehalten wie ein Zunder. Die Lehrer waren unverheiratete Anfnger, warm aus
dem Seminar, der Propst ein Witmann. So merkten wir denn nichts von
Kchengetrtsch und Klatsch, und ich argwohnte durchaus nicht, welch ein
gefhrlicher Leumund ber Frulein Hardine mir ins Ohr getrufelt ward. Ich
wrde mir jedoch jede andere als sie lieber als Mutter ausgebeten haben, htte
ich mich jemals nach Vater oder Mutter gesehnt. Ich sehnte mich aber in die
Freiheit, in den Wald, oder in die Welt und weiter nach nichts. Indessen einen
Grovater, der auf dem Schlachtfelde geblieben war, htte ich mir schon gefallen
lassen und ihm zuliebe allenfalls auch die gestrenge Hardine als Frulein Mama
in den Kauf genommen. Darum spitzte ich wohl einen Augenblick die Ohren.
    Aber der Major war ein vornehmer Herr und ich hie schlechtweg Mller. Der
Propst hatte mir kaum vor einer Stunde gesagt, da ich um meines Standes willen
es nur bis zum Gemeinen bringen knne. Das fiel mir zur rechten Zeit wieder ein,
und ohne mich viel darum zu grmen, erklrte ich der alten Hexe, welch ein Wind
es mit ihrer Prophezeiung sei.
    Die aber blieb bockssteif bei ihrem Satze und wurde noch obendrein rabiat. -
Was fr ein blitzdummer Junge du bist, Gustel, eiferte sie, indem sie beide Arme
in die Hften stemmte. Als ob ein Edelreis nicht auch wilde Schlinge treiben
knne! Als ob man ein Kind, wenn man seinem Ursprunge nicht auf die Spur kommen
lassen will, nicht blo als einen Mller oder meinetwegen als eine Beckern und
dergleichen in das Register einzutragen brauchte! Notabene: insofern der Pastor
mit einem unter einer Decke steckt. Was aber, frage ich, was ist unser Herr
Propst? Ein alter guter Freund von Frulein Hardine. Wer hat dich heimlich bei
Nacht und Nebel in das Waisenkloster eingeschmuggelt, wer, frage ich? Frulein
Hardine. Bist du ein Soldatensohn wie die anderen? Wei einer berhaupt, wer
dein Vater gewesen ist? Siehst du aus wie von gemeinem Gezcht? Wie ein Junker,
August, wie ein Prinz siehst du aus. -
    Wahrlich, ja wahrlichen Gott, wie ein Prinz! unterbrach Frau Lisette den
Erzhler, eine stolze Rte ber dem abgezehrten Gesicht. Der Prinz hieest du,
Prinz Gustel in der ganzen Legion! -
    Prinz Gustel schmunzelte nicht unempfindlich bei dieser schmeichelhaften
Erinnerung, hielt aber den Faden seiner Mitteilung getreulich fest.
    Wer hat dir eine halbe Freistelle ausgewirkt? fragte die Alte weiter. Eine
Mutter etwa, die Witwe ist? ein Vormund, ein Rat oder Amt? Gott bewahre,
Frulein Hardine. Wer bringt dem Propst netto alle sechs Monate die Unkosten fr
deinen Unterhalt? Wer besucht dich im Kloster? Wer setzt dir den Kopf zurecht?
Niemand anderes als Frulein Hardine. Und nun noch zu guter Letzt: Was braucht
der tote Major einen Kranz aus dem Waisenkloster, wenns nicht einer von seinem
Blute war, der ihm die letzte Ehre antun sollte? Was brauchte der Propst dir im
Leichenhause eine Standpredigt zu halten, wenn du nicht quasi zur Familie
gehrtest? Wer den Zusammenhang nicht mit Hnden greift, nun der kann sagen, er
hat keinen Grips. Frulein Hardine ist deine Mutter, das steht so fest, wie das
Amen im Evangelium.
    Die Alte machte eine Pause, weil sie doch einmal verpusten und ausspucken
mute. Ich sagte kein Wort, denn im Grunde war mir die Sache einerlei. Nach
einer Weile fing die Beckern mit frischer Lunge wieder an: Ich will mit meinem
Satze nichts Unreputierliches von Frulein Hardine behaupten, August. Aus so
einer honetten Familie, und so eine Erbschaft vor Augen, beileibe nicht,
beileibe nicht! Denn zurzeit ist Frulein Hardine freilich so arm wie eine
Kirchenmaus; aber das alte schwarze Spukeding, ihre Muhme, kann doch nicht ewig
in ihrem Goldturme Schtze graben. Und wenn sie sich zehnmal dem Leibhaftigen
verschrieben hat, unser Herrgott hlt ihm Widerpart, und ber hundert Jahre hats
der rgste Geizkragen noch nicht gebracht. Dann aber gibts keine zweite im
Kurfrstentum wie unser Frulein Hardine. Nichts Unreputierliches, Gustelchen,
ums Himmels willen nichts dergleichen! Aber eine Heimlichkeit steckt dahinter;
darauf nehme ich Gift. So eine Prinzenheirat etwa, die der Frau nicht die
Mannesehre und den Kindern nicht den Vatersnamen gibt, wie die alte geizige
Schlofrau ihrer Zeit auch eine eingegangen hat; oder so etwas dergleichen, was
unsereiner nicht versteht. Warum schlgt Frulein Hardine die schnsten
Bewerbungen aus? Wird eine freiwillig eine alte Jungfer, die an jedem Finger
einen Freier haben knnte? Warum, frage ich, als weil sie in der Stille schon
einen hat, der mit ihr auf die Grafenerbschaft lauert. La sie aber nur erst
sicher in ihrem Goldturme sitzen, dann wird der versteckte Prinz schon zum
Vorschein kommen. Und dann wirst du ein Junker, August, und ein reicher
Millionr, und dann denke an die alte, arme Beckern, die dir zuerst ein
Lichtchen angesteckt hat.
    Der Erzhler schwieg. - Weiter, weiter, Mann! rief Frau Lisette in
atemloser Spannung. Weiter, weiter! -
    Weiter - nichts! versetzte lachend der Invalid. Die Geschichte ist aus.
    Aus?
    Rein aus, sage ich dir. Wir waren unter dem Gekltsch vor der Klosterpforte
angelangt. Ich drehte meiner Alten eine Nase, denn das Haus war nicht in einen
Aschenhaufen umgewandelt, und die Herde nicht ber alle Berge entflohen. Nun
aber die Angst, als das Weibsstck sah, wie ich seine Weisheit aufgenommen
hatte. Sie zitterte wie ein nasser Pudelhund, und ihre Zhne - nein, die
klapperten nicht, denn sie hatte keinen Zahn - aber das Kinn wackelte ihr und:
Um Gottes, Jesus willen, Gustelchen, reinen Mund! jammerte sie, bringe eine
alte, arme Witfrau nicht um ihr hartes Stckchen Brot.
    Ich lachte aus vollem Halse und rannte in das Tor, hinter welchem die
Kameraden sich lustig wie alle Tage tummelten. In aller Eile lieferte ich ihnen
eine Schlacht von entgegengesetzter Fasson, wie die, welche in den nmlichen
Stunden zu Ende ging. Aber Spuk und Schwatz des Morgens waren wie weggeblasen.
    Im nchsten Frhjahr brachte mich der Propst zu dem Frster, dem ich zwei
Jahre spter aus dem Garne lief, als der Herzog in unserer Nhe kampierte.
Frulein Hardine aber habe ich mit keinem Auge wieder gesehen, habe auch keine
Silbe wieder von ihr gehrt, und heute zum erstenmal, glaub ich, wieder an sie
gedacht.
    Die arme Marketenderin war durch diesen jhen Abschlu bitterlich
enttuscht. Sie nahm schweigend die Arbeit wieder zur Hand, die im Eifer des
Zuhrens in ihren Scho gesunken war, und stichelte eine lange Weile mit
fieberhafter Hast, bis sie ber einen neuen Plan im klaren und des jovialen
Tones wieder Herr geworden war, in dem sie ihren Eheliebsten zu einer ferneren
Bereitwilligkeit zu stimmen gedachte.
    Ich danke dir, August, sagte sie endlich, indem sie ihm die Hand reichte.
Du verstehst zu erzhlen. Und ein Anhalt bliebe deine Geschichte immer fr
unseren armen, kleinen Wurm, wenn ich eines Tages nicht mehr fr ihn sorgen
knnte: ich meine, wenn eines Tages unversehens der Napoleon retourgekommen
wre! Und darum, Freund, la uns das Ding gleich heute zu einem Ende bringen. Du
bist ein perfekter Schreiber, hast manchen Rapport gefhrt, und die Feder zu
regieren, so gut wie den Sbel, brauchts ja nur eine Hand. Mach also ein
Schriftstck aus der Sache, warm, wie sie dir im Gedchtnis aufgewacht ist. Das
und der Waisenhausschein werden die Familienpapiere sein, die Prinz Gustel
seiner Prinzessin zurcklt, wenns einmal schnell mit uns von dannen geht.
    Sie hatte whrend dieser Rede ein paar von den Bogen, in welchen sie ihr
Handschuhleder eingewickelt erhielt, sorgfltig geglttet, auch das Schreibzeug
hervorgekramt, das ihr zum Abfassen ihrer Rechnungen diente. Nachdem sie die
Feder gespitzt und die Tinte umgerhrt, begann sie die Pfeife des Mannes frisch
zu stopfen, verga auch nicht, das Glas mit dem Reste der Flasche zu fllen.
    Freund August brummte und zeterte zwar sein gehrig Teil, fgte sich
schlielich aber doch in die wunderliche Laune der Wchnerin. Was solch ein
Wurm fr Schererei macht! sagte er, indem er sich an den Arbeitstisch seiner
Frau niedersetzte.
    Bald flog die Feder in freien, krftigen Zgen ber das Papier und schwarz
auf wei bildete sich die Erzhlung, die wir mit den nmlichen Worten aus seinem
Munde vernommen haben.
    Mitternacht war vorber, als er das letzte Blatt seiner Frau ins Bett
reichte. Sie hauchte es trocken mit dem heien Atem ihrer Brust, barg es samt
dem Einsegnungsscheine in dem untersten Fache ihres Nhkastens und lschte die
Lampe. August, sagte sie darauf, whrend der Mann seine Kleider auszog und
sich auf die Strohschtte zu Fen des Bettes niederwarf, August, wir wollen
unsere Kleine Hardine taufen lassen.
    Lisette wre mir lieber gewesen, erwiderte ghnend der Herr Papa. Aber
meinethalben auch Hardine.
    Und das kleine Mdchen wurde Hardine getauft.

Jahre vergingen, ohne da Frulein Hardines zwischen dem Invalidenpaar wieder
Erwhnung geschah. Fast sechs Jahre, in welchen die kleine Namenstrgerin der
unbekannten Dame mhselig auf die Fchen kam, und aus welchen ihr keine
Erinnerung geblieben ist, als da sie niemals hungerte und oftmals fror.
    Der Wachtmeister der Legion wartete zwar nicht mehr auf den rckkehrenden
Napoleon, denn der schlief beruhigt und beruhigend in seinem Inselgrabe, aber er
wartete noch immer auf irgendeinen anderen respektablen Feind, gegen welchen
eine brave Soldatenfaust den Sbel wieder zcken drfe. Freilich erwartete er
ihn selten an dem schwachlodernden huslichen Herdfeuer, das seit dem Einrcken
der Wiege nicht an Behagen fr ihn gewonnen hatte. Er hielt sich zu den lustigen
Pltzen, die ihm das Marketenderzelt in Erinnerung riefen; da wo Karten und
Wrfel fallen, wo der Schoppen kreist und ein frischer Soldatenschwank nicht
selten die Zeche bezahlt.
    In der engen, dumpfen Dachkammer daheim aber sa seufzend und stichelnd die
alternde Marketenderin, ohne sich Rast zu gnnen zu einem Liebesblick in
schwerer Mhe und Sorge fr ihr Kind. Von Woche zu Woche wurden ihre Wangen
hohler, die Finger zitternder, der Atem krzer, aber sie seufzte und stichelte
noch immer den ganzen Tag und die halbe Nacht.
    Endlich jedoch kam die Stunde, in welcher alles Sticheln und Seufzen ein
Ende hat, und es war eine Sterbekammer, in die der sorglose Zecher aus dem
Schenkhause gerufen wurde. August Mller hatte in seinen jungen Tagen Tausende
von Mnnern, aber noch nie eine Frau sterben sehen; er hatte niemals daran
gedacht, da der Tod ein Geschft auch fr Weiber sei, selber fr so tapfere
Weiber, wie seine Lisette eines gewesen war. Nun tobte und schrie er vor dem
ungeahnten Bilde, zerraufte sein Haar und zerschlug sich die Brust.
    Die brave Marketenderin aber verstand sich auf den dsteren Gesellen, den
sie unter den Mnnern kennen gelernt. Sie hatte ihn langsam heranschleichen
sehen und blickte ihm unerschrocken ins Angesicht, als er jetzt hart an ihrer
Seite stand. Ob es ihr wehe tat, von dem Wesen zu scheiden, das die Natur erst
so spt an ihr Herz gelegt? Es schien nicht so. Die Pflicht fr seine Erhaltung
jedoch erfllte sie bis zum letzten Atemhauche.
    Sei kein Narr, August, sagte sie zu dem Manne, der sich fassungslos an der
Bettseite niedergeworfen hatte. - Einmal mu doch ein Ende sein. Setz dich hier
auf den Rand; merke auf und tu, was ich dir sagen werde.
    Sie legte bei diesen Worten die treulich verwahrten Familienpapiere in des
Mannes Hand und fuhr darauf in klarer, eindringlicher Rede also fort:
    Hte diese Bltter als das einzige Erbteil, das du deinem Kinde zu
hinterlassen hast. Ich habe diese sechs Jahre Tag und Nacht darber nachgedacht,
und nun sterbe ich in der Gewiheit, da Frulein Hardine deine Mutter gewesen
ist. Fr dich selber tu oder la, was du willst. Du bist ein Mann. Aber suche
sie auf und bring ihr das Kind, das du nicht versorgen kannst. Verkaufe meinen
Hausrat; der Erls schafft das Reisegeld. Fr unser Trauattest und der Kleinen
Taufzeugnis habe ich gesorgt. Vergi aber nicht meinen Totenschein. La dann im
Kloster dein Einsegnungszeugnis bescheinigen; erforsche in der Stadt Frulein
Hardines Vaternamen und was aus ihr geworden ist. Lebt sie noch - im Reichtum
oder arm wie einst -, sie mu eine alte Frau jetzt sein und wird sich der Snde
schmen, ihr Blut zu verstoen. Ist sie gestorben, finden sich wohl Angehrige.
Vielleicht, da auch der Propst noch bei Wege ist oder der Frster. Kurzum du
bist in deiner Heimat und dein Kind mu und wird einen Anhalt finden, insofern
du deine Schuldigkeit tust. La es aber bald sein, Mann, denn es geht jach mit
dir abwrts auf dem Wege, den du eingeschlagen. Das Kind zu Frulein Hardine!
Gib mir die Hand darauf, August, die Manneshand, die das Schwert gefhrt.
    Er reichte ihr schluchzend die Hand, die sie herzhaft drckte. Mutter -
Hardine! lallte sie noch, legte sich dann auf die Seite, zog das Kopftuch ber
die Augen und verschied.
    Der Invalid - um unserm frheren Gleichnisse treu zu bleiben -, der Invalid
bumte sich wie ein angeschossener Hirsch. Er fhlte seine alten Wunden heftiger
brennen als zu der Zeit, da die schwarze Lisette sie auf dem Schlachtfelde
verbunden hatte; wich keinen Schritt aus der dunklen Kammer, solange dieselbe
die Leiche barg.
    Nun aber deckte sie die Erde. Er hatte ihr nicht gebhrendlich mit Sang und
Klang die letzte Ehre erweisen knnen; aber er war es gewohnt, einen braven
Kameraden mit einem Trauermarsche zu Grabe zu geleiten und mit einer lustigen
Weise heimzukehren. Am Abend sa er in dem Weinhause, aus welchem man ihn vor
drei Tagen in die Sterbekammer abberufen hatte. Der Schoppen kreiste, die Wrfel
rollten wie sonst. Das Weib, die Mutter Lisette waren verschwunden, und bald nur
die lustige Marketenderin noch eine stehende Figur in den Bildern, die sich
unter dem Banner des schwarzen wie des eisernen Herzogs vor seinen Augen
entrollten.
    Und wieder gingen Jahre dahin, aus welchen die kleine Hardine keine
Erinnerung bewahrte, als da sie oftmals hungerte und immer fror. Ein bldes,
zitterndes, trbseliges Geschpf, schlich sie am Morgen aus der kalten, immer
leerer werdenden Kammer, hockte einsam und stumm vor der Tr, bis eine
mitleidige Nachbarin ihr einen Bissen reichte oder sie in ihr durchwrmtes
Zimmer fhrte. Den Vater sah sie fast nie. Wenn er spt in der Nacht heimkehrte,
schlief sie schon, und wenn er frh am Morgen wieder aufbrach, schlief sie noch.
Es ging jach abwrts mit dem Manne, wie seine sterbende Frau es vorausgesagt:
aus dem Weinhause in die Branntweinkneipe, aus dem Kreise kannegieender Brger
unter ein Publikum roher Gesellen. Seine lockigen Haare wurden struppig,
blutrote Flecken brannten auf den gedunsenen Wangen; die Adern schwollen neben
den Narben der Stirn und ein wstes Feuer brannte aus den groen blauen Augen,
wenn er nach dem Pferde schrie, da er tummeln, nach dem Sbel, mit dem er den
noch immer erwarteten Feind niederhauen wollte. Das alte Soldatenblut rumorte
noch wie einst, aber Prinz Gustel war untergegangen und das Vaterherz hatte noch
niemals pulsiert. Der Handschlag, den er seinem sterbenden Weibe gegeben, war so
gut wie vergessen.
    Zu seinem Glck kam der Tag, wo das letzte Stck Hausrat, das letzte Kissen
von Frau Lisettes Brautschatz, abgepfndet waren, wo der Hauswirt die Miete, der
Schenkwirt die Zeche nicht lnger stunden wollten, wo dem unheimischen Manne und
seinem Kinde der Schub ber die Landesgrenze drohte. Die Not heischte einen
Entschlu und die Not gab auch die Kraft, ihn zu vollbringen.
    Es war wieder einmal eine Zeit, in welcher ein Schrei der Rache gegen einen
Erbfeind den Weltteil durchdrang: die Zeit der Griechenerhebung, der schon
mancher tapfere Fremdling sich zum Opfer gebracht, wenngleich noch keine
christliche Regierung ihr ihren Beistand geliehen hatte. Auch in dem Arme
unseres Veteranen zuckte das Schwert von Viktoria und Waterloo. Komm, Hardine!
sagte er an einem Frhlingsmorgen 1825, ich will dich zu Frulein Hardine
bringen und dann wider den Trken ziehen! Und an der Hand sein Kind, in der
Tasche dessen Familienpapiere, und sonst nicht viel mehr, so schritt er aus
dem Tore der kleinen niederlndischen Stadt.
    Freilich der Weg war weit aus dem Maas- in das Elbgebiet; der Beutel war
leer, Atem wie Kraft nur noch gering. Die alten Nachbarn und Zechbrder
schttelten die Kpfe und meinten, da dieser Wandersmann weder im Kampfe gegen
Ali-Pascha, noch selber in der Heimat, sondern da er auf der Landstrae enden
werde. Auch gingen Monate dahin, bevor er seinem Ziele nher rckte. Aber es war
Sommerszeit, die Strae fhrte durch reiche vaterlndische Gaue, und das
Ehrenkreuz, der pulvergeschwrzte, kugeldurchlcherte Mantel, der verstmmelte
Arm von Waterloo waren warme Frsprecher des armen Invaliden und seines blassen
Kindes. Es fand sich so mancher Fuhrmann oder Schiffer, der die beiden fr einen
Gotteslohn eine Strecke befrderte, mancher Wirt, der die Herberge nicht
anrechnete, und manche Hand, die ungebeten einen Zehrpfennig oder Wanderbissen
reichte. Mute dann auch wohl einmal unter freiem Himmel genchtigt werden, so
war das eine alte Gewohnheit fr den Soldaten der Legion; die Nacht war kurz und
er erwachte krftiger, als seit Jahren in der dumpfen Kammer nach einem wsten
Zechgelag.
    Alles in allem: die Zeit dieser Wanderung war nicht die bseste in August
Mllers Leben. Er htte lnger, ja er htte sein Lebtag wandern mgen, wenn
nicht der Zug gegen die Trken ihn doch noch mchtiger gelockt. Fr seine kleine
Begleiterin aber, sooft sie in ihren Lumpen unter einem Regengu
zusammenschauerte oder mit wunden Fchen, stumm, wie immer, am Wege
niederhockte, fr sie hatte er einen Zaubernamen gefunden, dessen Klang ihr
immer wieder frische Kraft verlieh. Frulein Hardine! lautete der Name.
Vorwrts zu Frulein Hardine! oder Bald sind wir bei Frulein Hardine!
brauchte der Vater nur zu sagen, und die Kleine schleppte sich weiter, bis sich
eine Herberge aufgetan. Frulein Hardine war das einzige Wort, das sie whrend
der langen Reise gemerkt oder leise nachgelallt hat. Vielleicht, da in dem
kleinen Herzen ein Echo mtterlicher Seufzer und Trstungen lebendig geworden
war.
    Man sagt: ein brechendes Auge sieht klar, und gewi liegt etwas Ergreifendes
in der Zuversicht, die, sei's fr diesseits, sei's fr jenseits, auf einem
Sterbebett verkndet wird. Auch August Mller war einen Augenblick von dem
Glauben geblendet worden, in den sich seine Frau jahrelang hineingegrbelt und
dessen sie sich in ihrer letzten Sorgenstunde getrstet hatte. Im Grunde des
Herzens aber hatte er, wie frherhin, so auch jetzt, Frulein Hardines niemals
als einer Blutsverwandten gedacht und den Weg zur Heimat keineswegs mit dem
Anspruch von Sohnesrechten angetreten. Er hoffte fr sein mutterloses Kind auf
eine Versorgung durch die Frau, die aus irgendeinem Grunde seine eigene
verwaiste Kindheit berwacht hatte. War sie im Laufe der Zeit zu Glanz und Flle
gelangt - eine Vorstellung, die sich seiner heiteren Gemtsart gar leicht
einschmeichelte -, wollte sie ihn noch auerdem mit einem Pferde und einer
blanken Uniform fr seinen Trkenzug ausstatten, desto froher sein Habdank. So
viel oder so wenig hatte er im Sinn, wenn er seinem ermatteten Kinde zurief:
Wir gehen zu Frulein Hardine!
    Es war hoher Sommer geworden, als er eines Morgens in einem wohlangebauten
Tale vor einem einsamen, alten Gebude haltmachte und mit dem Freudenrufe: Das
Kloster! durch die geffnete Pforte rannte. Er drang in den Hof, in den
Kreuzgang, in den Garten, in das Schulhaus, in die Propstei; er erkannte jeden
Winkel: den Spielplatz, auf welchem die Knaben heute wie damals sich tummelten;
den Brunnen, in welchem sie heute wie damals ihre Becher fllten; das
Zinngeschirr, das heute wie damals die Tafeln des Znakels bedeckte; den
Holzschuppen, in welchem heute wie damals Unruhstifter seiner Gattung ihre
Strafe verbten. Nur von den Menschen, welche, alt und jung, den aufgeregten
Fremdling neugierig umringten, von den Menschen kannte er keinen. Er fragte nach
Ludwig Nordheim, dem Propst und Direktor; er war tot und vergessen viele Jahre
schon. Er fragte nach der alten Beckern. Niemand hatte je von einer alten
Beckern gehrt. Keiner erinnerte sich eines der ehemaligen Lehrer und
Mitschler, deren Namen er zu nennen wute. Die preuische Herrschaft, die
diesen Landesteil berkommen, hatte fremde, der Gegend unkundige Leute in die
alten Rume gefhrt. Er htte sich schmen mssen, Frulein Hardines nur zu
erwhnen.
    Enttuscht wollte er seinen Stab weitersetzen, als ihm das Attest einfiel,
dessen Beglaubigung nachzusuchen er seiner Lisette gelobt hatte. Kluge Lisette!
Namen, Datum, Wahlspruch und Handschrift stimmten mit denen des Schulregisters
berein; der neue Direktor konnte getrost sein Fiat daruntersetzen, und der
rmliche Landstreicher hatte in dem polizeistrengen Staate immerhin eine
Legitimation gewonnen, die ihm die Wanderschaft erleichterte. Nun durfte es aber
auch an einer gastlichen Bewirtung nicht fehlen, da ja Narben und Ehrenkreuz des
vormaligen Zglings einem Erziehungshause fr Soldatenwaisen wohl zum Ruhme
gereichten. Die grauen, stillen Klostermauern hallten wider von khnen Streichen
und lustigen Schwnken, von abenteuerlichen Zgen ber Land und Meer, von dem
schwarzen Herzog und der schwarzen Lisette. Die Frau Direktorin tischte auf, was
Kche und Keller vermochten; der Herr Direktor sammelte unter Beamten und
Lehrern zum Besten des invaliden Helden. Erquickt, beschenkt, froh wie ein Knig
schied August Mller aus den Mauern, zwischen denen er zwanzig Jahre frher so
widerwillig stillgesessen hatte.
    Er schlug nun den Weg nach der Stadt ein, und die Sonne senkte sich, als er
ber den Husern im Tal das Schlo im Abendgolde leuchten sah. Jetzt bog er aus
der langen, schmalen Gasse auf den Markt und sein erster Blick fiel auf das
Haus, das unverndert auf niederem Gestell eine turmhohe Dachhaube trgt. Der
Mops mit der Zipfelmtze! Hier, hier, schreit er seiner Kleinen zu, hier
wohnt Frulein Hardine!
    Er strmt in die Torfahrt und in die Tr zur Rechten. Das Zimmer ist in eine
Schneiderwerkstatt umgewandelt; der tiefe Hllenwinkel - des Mannes erster
Blick! -, er ist mit dem riesigen Kachelofen verschwunden. Auf dem Platze in der
Kammer, wo damals der Sarg des Majors gestanden, steht heute eine Wiege.
Angstvolle Gebrden und zornige Scheltworte begren den Eindringling, den man
fr einen Betrunkenen oder Tollen hlt.
    Indessen waren auch die Nachbarn, die vor den Tren Dmmerstunde feierten,
auf des Fremden seltsames Gebaren aufmerksam geworden! Der Lrm lockte spielende
Kinder, Mgde vom Brunnen herbei, eine dichte Gruppe bildete sich vor dem Tore.
Die Frauen nherten sich dem abgezehrten Mdchen, das sich ermattet neben
demselben niedergekauert hatte. - Wie heit du, Kleine? fragte eine Nachbarin.
- Hardine, lispelte das Kind mit schwacher Stimme. - Ist der Mann dein
Vater? - Das Kind nickte. - Wie heit er? - Das Kind schttelte das Kpfchen.
- Was will er? Wen sucht er in diesem Hause? - Frulein Hardine!
    Frulein Hardine! Die Nachbarn steckten bei dem Namen die Kpfe zusammen.
Als aber nun auch der Vater, gefolgt von der Schneiderfamilie, von Gesellen und
Lehrlingen, aus dem Hause zurckkehrte und immer den nmlichen Namen
wiederholte, da entstand ein Rumor, ein Gewirr von Kreuz- und Querfragen, das
endlich in der Krze zu folgendem Abschlu fhrte:
    Die lteren unter den Brgern des Stdtchens hatten in der Tat ein Frulein,
das Hardine hie, gekannt, das einzige, das jemals unter ihnen diesen Namen
getragen. Frulein Hardine war in diesem Hause geboren und erzogen; die Leiche
ihres Vaters, der als Major in dem Gefechte bei Saalfeld geblieben, war auf dem
stdtischen Kirchhofe begraben, und die Tochter hatte ihm ein Monument errichten
lassen, das die Stadt zu ihren vornehmsten Sehenswrdigkeiten zhlte. Der Name
Frulein Hardines hatte berhaupt einen stolzen Klang in ihrer Vaterstadt. Der
Magistrat ging damit um, ihr einen Ehrenbrgerbrief zu votieren, fr welche
Auszeichnung man sich denn ganz unverhohlen auf ein testamentarisches Legat
zugunsten einer stdtischen Stiftung Rechnung machte, denn die vielgepriesene
Dame, die reichste Grundbesitzerin der Provinz, ermangelte jeglichen
berechtigten Erbens und stand in den Jahren, wo man sein Haus zu bestellen
pflegt. Da hingegen Frulein Hardine jemals ein fremdes Kind - von einem
eigenen war natrlich nicht die Rede - in einem Waisenhause versorgt haben
sollte, wollte zu den von ihr gang und gben Erinnerungen und Vorstellungen
nicht im entferntesten passen. Frulein Hardine stand in dem Rufe einer groen
und klugen Dame, aber nicht in dem einer Samariterin.
    August Mllers Erinnerungen sprachen indessen allzu deutlich fr einen
immerhin mglichen Fall, auch empfahlen die kriegerischen Narben und
Dekorationen den ehemaligen Schtzling ihrer Landsmnnin, und so war man denn
allseitig bereit, ihm eine gastliche Herberge in ihrer Vaterstadt zu gewhren.
Die kleine Hardine, reichlich bekstigt und reinlich ausstaffiert, schlief so
sanft wie noch nie auf der ganzen Reise in dem Bettchen, das ihr die
Schneidersfrau neben der Wiege in der Kammer aufgeschlagen hatte. Vater Mller
aber dacht gar nicht an ein Bett; er durchzechte die kurze Sommernacht an der
Tafel des Schlokellerwirts nebenan und belohnte das freihaltende Publikum mit
dem kstlichen Humor seiner spanischen Erinnerungen und der Erwartungen seines
Trkenzuges. Ein so tapferer Landsmann, der sich so weit in der Welt
umhergetrieben hatte und noch ferner umherzutreiben gedachte, ein Krppel, der,
seinem Elend zum Trotz, so lustig zu erzhlen verstand, er durfte aber nicht
ohne einen anstndigen Zehrpfennig in das Gebiet der auserkorenen Ehrenbrgerin
entlassen werden. Und so endete der Rasttag in Frulein Hardines Vaterstadt als
ein Freuden- und Erntetag fr den ehemaligen Waisenknaben, der dieses Fruleins
Schutz genossen hatte.
    Den Himmel voller Geigen und mit reichlich gefllter Tasche holte er am
andern Morgen sein kleines Mdchen aus dem Nachbarhause ab, drckte den vor den
Tren harrenden Brgern zu Dank und Abschied die Hand und - besann sich erst
jetzt, da er vergessen hatte, nach Namen und Wohnort der Dame zu fragen, deren
Wohltat er genossen haben und von neuem beanspruchen wollte! Mglich, da er
beide gestern in seinem Freudenrausche berhrte; so oder so jedoch gleichviel!
Er kannte den Namen von Reckenburg nicht, er wute kein Wort von dem
Stammsitze der Familie, der reichsten Herrschaft, dem Stolze der Provinz! Wer
vermchte das verdrieliche Staunen unserer freigebigen Brger zu beschreiben!
War der Mann mit dem ehrlichen Soldatengesicht, mit seinen Orden und Narben,
seinen Fahrten und Schwnken, mit der Berufung auf Frulein Hardine ein
tollkpfiger Abenteurer, ein Betrger, der ihre Leichtglubigkeit benutzt hatte,
um seinen Sckel zu fllen? Es whrte Wochen, bevor unsere Brgerschaft ber den
rgerlichen Streich zur Ruhe kam; nur aber um von einem Erstaunen in das andere
zu fallen und ihr Ehrendiplom vorderhand zu sistieren.
    Whrenddessen wanderte der Wachtmeister Mller wohlgemut seines Weges. Sie
hie das Frulein von Reckenburg, sie wohnte kaum zwlf Meilen fern auf Schlo
Reckenburg, und jedes Kind wute ihm den Weg nach Schlo Reckenburg anzugeben.
Er konnte auf diesem Wege seine Zehrung bezahlen; er hatte Weile, zechend zu
rasten, wo ihm beliebte, und ihm beliebte, mancherorten zechend zu rasten. So
whrte es denn eine Woche, ehe er den Strom erreichte, an dessen jenseitigem
Ufer das Reckenburger Gebiet beginnen sollte.
    Je nher er nun aber seinem Ziele rckte, um so anziehender wurde die
Auskunft, die er ber die Schlodame von Reckenburg erhielt. Es waren natrlich
nur kleine Leute, die er in den Herbergen oder als gelegentliche Weggenossen
befragen konnte: Pchter, Frster, Viehhndler und dergleichen, einmtig aber
sprachen sie von dem Frulein mit dem tiefsten Respekt. Und zwar sprachen sie
von ihr nicht nur wie von einer steinreichen Frau, sondern wie von dem klgsten
und resolutesten Manne, dessen landwirtschaftliche Einrichtungen weit und breit
der Gegend zum Muster dienten. Ebenso einstimmig waren aber auch die
Bedenklichkeiten ber die Zukunft der groen Besitzung nach dem Tode der Dame.
Manche bedauerten die alleinstehende Matrone, andere beneideten im voraus die
lachenden Erben.
    Unser Invalid, des Landes wie des Landbaues unkundig, verstand natrlich
nichts von den Einzelheiten dieser Mitteilungen. Aber seltsam! Je lnger er von
der Flle des Reckenburgischen Erbes reden hrte, desto tiefer schmeichelten
sich Hoffnungen und Wnsche in sein Gemt, die ihm bis dahin vllig ferngelegen
hatten. In Armut und Heimatlosigkeit waren die Mutmaungen erst der alten
Klosterklatsche, spter seiner eigenen Frau von ihm verlacht worden. Jetzt auf
der Wanderung in einer friedlichen, gedeihlichen Landschaft, ein paar Taler in
der Tasche, jederzeit etwas Warmes im Magen und den Krug gefllt fr seinen
Durst, kurz und gut, in einem behaglichen Zustande, wie er ihn kaum jemals
gekannt, jetzt berlie er sich willig dem Zweifel, ob die beiden Weiber, ob
namentlich seine kluge Lisette in der Hellsicht des Sterbebetts sein Verhltnis
zu Frulein Hardine doch am Ende nicht richtiger erkannt haben mchten als einst
der einfltige Knabe und spter der leichtsinnige Mann. Er berlas jetzt zu
wiederholten Malen seine aufgeschriebenen Erinnerungen, er lie auch wohl Fremde
einen Einblick tun, ohne zu bedenken, welches Keimkorn von Verdchtigungen er
damit ausstreue. Allerdings glaubte er auch heute noch nicht mit Zuversicht an
sein Sohnesrecht, aber er begehrte nach diesem Recht, und vom Begehren bis zum
Beanspruchen, man wei es ja, ist ein Katzensprung. Die Freistatt fr sein Kind
und selber die Equipage fr seinen Trkenzug gengten ihm schon nicht mehr; vor
allem aber gengte ihm nicht mehr, dieselben als eine Wohltat zu erbetteln. Mit
jeder zurckgelegten Meile wuchs sein luftiges Prinzenschlo in die Hhe, und
wenn seine Kleine mde ward, entschlpfte ihm mehr als einmal der Zuruf: Bald
sind wir bei deiner Gromutter, Hardine!
    Es war an einem heiteren Augustmorgen, als er den ersten Grenzpfahl mit der
Aufschrift: Flur Reckenburg erreichte. Die Landschaft unterschied sich in
keiner Weise von der, welche er seit mehreren Tagen durchschritten hatte; auch
gehrte unser erwartungsvoller Fremdling nichts weniger als zu den die Kultur
beobachtenden Wandersleuten. Trotzdem kam es ihm vor, als wandle er in einem
neuen Land. War es der Schimmer der Heimat, der ihn blendete? Oder standen die
Wiesen wirklich so viel saftiger, die Felder so viel reicher bebaut? Wuchsen die
Waldbume so viel geradstmmiger? Trugen die Obstbume so viel ppigere Frucht?
Wie ebenmig waren alle Kreuz- und Querwege chaussiert, wie zweckmig gefhrt
und bezeichnet! Auf denen stockte keine Kanone und strmte es wie bei
Quatrebras! rief der alte Soldat. Wie mute er des hirsch- und holzgerechten
Weidmannes, seines Lehrherrn, gedenken, als er die stattlichen Dambcke, das
krftige Edelwild in den uralten Tannenforsten, ber die Umhegungen lugen sah,
whrend hier und dort um den Trinkquell die Tiere lagerten und die Klber sie
lustig umsprangen. Ja, hier ist gut sein! rief der arme Landstreicher aus.
Schau dich doch um, dummes Kind. Alles das gehrt deiner Gromutter Hardine!
    Weniger ansprechend indessen als das Land dnkten ihm die Leute in der
Reckenburger Flur. Es war Erntezeit und ein reges Leben auf den Feldern. Da sah
er denn einen Menschenschlag, nicht gro und stattlich, wie Prinz Gustel in
seiner eigenen Erinnerung stand, aber gesund und hartsehnig, knapp und reinlich
gekleidet, scharf bei der Arbeit und karg im Genu. Das war ein Schaffen ohne
Rast; jeder fr sich und dabei doch einer frdernd in des andern Hand. Dabei
kein Wort, kein umschweifender Blick, kein Lachen und Schkern zwischen Burschen
und Dirnen, whrend die Mahden geschnitten, die Garben gebunden und verladen
wurden. In einem Ameisenhaufen konnte es nicht stummer und emsiger vor sich
gehen. Selber die, welche Mittag haltend am Straengraben saen, verzehrten die
schwarzen Brotschnitte und leerten ihren Krug Dnnbiers schweigend und hastiger,
als anderwrts Bauern es zu tun pflegen. Keiner lud den wandernden Krppel und
sein mdes Kind zu Rast und Labe, kaum da sie seinen Gru erwiderten; als er
aber gar nach Schlo Reckenburg und nach Frulein Hardine fragte, da starrten
sie, ohne Auskunft zu geben, das armselige Paar mit schier verchtlichen Blicken
an, als wollten sie sagen: Was wollt ihr faules, verlaufenes Gesindel in der
fleiigen, gesegneten Reckenburger Flur und bei unserem reichen, stolzen
Frulein Hardine?
    Der Nach Schlo Reckenburg bezeichnete Weg hatte die Wanderer in
mannigfaltigem Wechsel stundenlang durch Wald, Wiesen, Feld und endlich wieder
in ein Forstrevier gefhrt mit noch stattlicherem Bestande und mit parkartiger
verschlungenen Pfaden als die frheren. Auch hier herrschte ein geschftiges
Treiben. Viel kleinere Kinder als die kleine Hardine sammelten die letzten
blauen und die ersten roten Heidelbeeren des Sommers, alte Mtterchen kamen und
gingen mit Kruter- oder Reisigbndeln, mit Krben duftender Pilze. Von der
Wiege bis zum Grabe schien alles im Reckenburgischen zu arbeiten. Aber die
Kinder arbeiteten stumm, wie vorhin die Erwachsenen, und die Greise ebenfalls
stumm, wie neben ihnen die Kinder; auch sie starrten verblfft dem fuwandernden
Paare nach, whrend eine gleichzeitige militrische Kavalkade und mehrere
vornehme Equipagen, welche in rascher Folge an ihnen vorbersausten, ihre
Aufmerksamkeit nicht bemerkbar erregten. Vergeblich fragte der Invalid, was
diese glnzende Auffahrt geputzter Damen und Herren zu bedeuten habe? Sie
zuckten schweigend die Achseln und bckten sich, um emsig weiterzusammeln. Ein
kurioses Vlkchen, meine Reckenburger! sagte August Mller, aber ich werde ihm
Mores lehren!
    Der tiefschattige Waldweg ffnete sich eben wieder nach dem freien Felde,
als der Wanderer durch eine Gruppe uralter Weimutskiefern gefesselt ward. Er
blickte lange die schlanken Schfte bis in die schwarzgrnen Wipfel hinan, die
wie eine Laube ineinander verwachsen waren. Bah! Bume sind Bume! sagte er
endlich, indem er sich mit Gewalt losri und ins Freie hinaustrat.
    Er hatte bisher noch kein Dorf wahrgenommen, nur in der Ferne zerstreut
einzelne Gehfte, die er fr Meiereien, Mhlen oder Ziegelscheunen hielt. Ihn
plagte der Durst. Irgendwo mute doch eine Schenke zu finden sein. So hielt er
denn Umschau am Ausgang vor dem Waldesrande. Zur Linken desselben setzte die
Strae nach dem Schlosse in einer breiten Lindenallee sich fort; geradeaus
streckte sich ein Flucht von Gemsefeldern. Jetzt wendete er sich zur Rechten
und stand wie vom Blitze getroffen, als er hart vor dem Kieferndickicht ein
kleines Haus von altvterischer Bauart gewahr wurde. Er starrt hinauf zu dem
Giebel, an welchem ein grflich gekrnter Doggenkopf in Steinarbeit prangt,
atemlos umgeht er das Huschen nach den drei freiliegenden Seiten, schlgt sich
mit der geballten Faust vor die Stirn und strzt endlich mit dem Schrei: Muhme,
Muhme Justine! durch die geffnete Tr.
    Aber es war nicht die alte Muhme, es war eine junge Familie, die er in dem
netten Zimmer zur Mittagsmahlzeit versammelt fand. Der Tisch stand blitzblank
gedeckt, obgleich nur mit Buttermilch und einem Grtzbrei besetzt. Herr August
htte keinen Appetit auf die Kost versprt, wenn man ihn zum Niedersetzen
eingeladen htte.
    Indessen man lud ihn nicht ein; im Gegenteil, man erhob sich und drngte ihn
ganz unmerklich wieder zur Tr hinaus. Sichtlich mit Widerwillen gab man den
Bescheid, da das vormalige grfliche Meutewrterhaus jetzt die Wohnung des
Schfereiaufsehers sei. Mit mitrauischen Blicken wurde dann die Tr
abgeschlossen und der Weg nach der Schferei, einem neuen Anbau, von der
gesamten Familie angetreten.
    Nur ein eisgrauer Grovater war zurckgeblieben, um im Sonnenschein auf der
Bank vor der Tr die steifen Glieder zu wrmen. Bei ihm verhielt sich unser
Invalid, noch einmal Aufschlu ber Muhme Justine und Frulein Hardine
erbittend. Und sei es nun, da zu des Alten Zeit in Reckenburg weniger
gearbeitet und mehr geschwtzt worden war, sei es, nach Greisenart, da der
Aufruf einer in jungen Tagen gekannten Gestalt des Alten Gedchtnis und seine
Zunge lste, von ihm erhielt August Mller eine Mitteilung, welche gleichsam den
Kettenschlu seiner Erinnerungen und Hoffnungen bilden sollte.
    Frau Mller, oder vertraulicherweise Muhme Justine, war in Begleitung des
blutjungen Fruleins Hardine, dessen Amme oder Kindsmagd sie gewesen, nach
Reckenburg gekommen und dort von der alten schwarzen Grfin zurckgehalten
worden; die einzige in der Gemeinde, welche die Grfin jemals in ihrem Goldturme
mit Augen gesehen hat. Fr gewhnlich aber hat sie in dem leerstehenden
Hundehaus gewohnt und das Geschft einer Wehmutter im Dorfe betrieben. Als die
Muhme vor vielen, vielen Jahren gestorben ist, hat das Frulein ein Kreuz ber
ihr Grab setzen lassen, worauf mit goldenen Lettern die Inschrift: Der
treuesten Dienerin zu lesen steht. Ob Muhme Justine jemals ein Ziehkind
gehalten habe, dessen wute sich der alte Mann allerdings nicht zu erinnern,
vielleicht, da es whrend seiner Soldatenzeit in der Rheinkampagne geschehen
war.
    Aber Muhme Justine hatte ein solches Kind gehalten; August Mller wute sich
dessen nur allzu wohl zu erinnern, und das Kirchenregister mute darber
Auskunft geben, wo, wann und von wem das Kind geboren worden war. Mit groen
Schritten, seiner Tochter halbwegs voran, eilte er nach der Pfarre.
    Das Pfarrhaus, neuen stattlichen Ansehens, lag zu Fen der Kirche, die auf
leiser Anhhe das Dorf berragte. Rckwrts, auf dem stlichen Abhange des
Kirchhgels, senkte sich der Friedhof ab, whrend die Schule der Pfarrwohnung
gegenber am Eingang der Dorfstrae errichtet war: neu, reinlich und rumlich
wie die gesamte Anlage. Dem atemlosen Manne, der jetzt von der Waldseite
daherrannte, fehlte freilich jeder teilnehmende Blick fr alles, was ihm
solchergestalt segenverkndend entgegentrat.
    Er war im Begriffe, die Tr zu ffnen, als ein halbwchsiger Knabe im bunten
Gymnasiastenkppchen ihm aus derselben entgegenkam. Zum erstenmal auf
Reckenburger Grund ein offenes, frhliches Gesicht, das auf den ersten Blick das
Herz des Wanderers gewann.
    Sein Vater, so antwortete der Schler auf August Mllers Frage nach dem
Herrn Pfarrer, befinde sich auf dem Schlosse, wo heute, am 3. August, der
Geburtstag des Knigs von dem Frulein durch ein Festmahl gefeiert werde.
    Er - der Schler - sei gleichfalls auf dem Wege dorthin. Nicht als Gast -
wie er lachend hinzufgte -, denn solche Ehre widerfahre ihm noch nicht - nur um
sich die schnen Wagen und Pferde der Schlogste ein wenig anzusehen. Habe das
Anliegen Eile, sei er bereit, seinen Vater herbeizurufen.
    Der Invalide brachte nunmehr in polternder Hast das Begehren nach seinem
Taufschein zu Gehr, indem er zu seiner Empfehlung sich auf das Zeugnis der
beiden Klosterprpste berief, das er schon auf dem Wege aus seiner Brieftasche
genommen hatte.
    Ludwig Nordheim, sagte der Schler, nachdem er das Blatt berblickt hatte.
- Der Name und die Handschrift meines Grovaters!
    Ihres Grovaters! - rief August Mller auf das angenehmste berrascht.
Junger Herr - Sie heien -
    Ich heie Ludwig Nordheim, wie er, antwortete treuherzig der Knabe. - Die
Nordheims sind ein stndiges Geschlecht in der Pfarre von Reckenburg. Erst mein
Grovater, des Fruleins alter Freund, dann mein Vater, auch wieder ihr Freund,
und ginge es nach dessen Willen, wrde ich einmal der dritte. Mir aber, so
plauderte er frhlich weiter, mir ist die Kanzel zu eng. Ich mchte Landwirt
werden, wie unser Frulein Hardine. Vorher freilich, sagt sie, soll ich
studieren.
    Ein Wirbel war whrend dieser Rede in des Invaliden Kopfe aufgestiegen. Er
stand einen Augenblick wie geblendet von dem Lichte dieser neuen Aufklrung.
Verstand ich Sie recht, sagte er darauf, des Knaben Hand ergreifend und heftig
drckend, verstand ich Sie recht, junger Herr, so war Ihr Grovater, ehe er
Klosterpropst ward, Pfarrer hier, hier in Reckenburg. Knnen Sie mir sagen, in
welchen Jahren?
    Nicht genau, wann er eingetreten ist, aber eine lange, lange Zeit, bevor er
gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in das Kloster berufen wurde.
    Jedenfalls also Anfang der neunziger Jahre, in denen ich geboren sein mu.
Er, er hat mich ohne Zweifel getauft, seine Hand meinen Namen in das
Kirchenregister eingetragen. Darum, darum hat er mich vor allen anderen
liebgehabt. Lassen Sie Ihren Vater in Frieden auf dem Schlosse, mein lieber
junger Herr. Ein rascher Blick in das Kirchenbuch, und die Sache ist abgemacht.
    Es tut mir leid, diesen Wunsch, selber wenn ich drfte, nicht erfllen zu
knnen, versetzte der Gymnasiast. Es existieren keine Register aus jener Zeit.
Die Bcher sind mit abgebrannt, als Anno 97, glaub ich, der Blitz in die
Sakristei geschlagen und auch die alte Kirche zum groen Teil zerstrt hat. Die
Sie hier oben sehen, ist neu errichtet durch Frulein Hardine, wie denn alles in
unserem Reckenburg neu geworden ist durch sie: die Flur, das Dorf und selber das
Menschengeschlecht. Das himmlische Feuer aber mute vom Himmel kommen, sagt mein
Vater, da auch in den Registern keiner mehr an die alte, bse, zuchtlose Zeit
erinnert werde. Aber wissen Sie was, guter Mann, fuhr er nach einigem Besinnen
fort, warten Sie, bis gegen Abend die Gste das Schlo verlassen haben werden,
und fragen Sie dann nach bei Frulein Hardine selbst. Sie ist in den neunziger
Jahren schon hufig als Gast bei der alten Grfin gewesen, und sie, die nichts
vergit, erinnert sich gewi noch jedes Kindes, das in dieser Zeit im Dorfe
geboren worden ist, zumal wenn Ihre alte Muhme dasselbe aufgezogen hat.
    Nach diesen Worten sprang der Knabe munter voran, da er eben ein elegantes
Viergespann in die Dorfstrae einbiegen sah. August Mller folgte ihm mit
stolzen Schritten und gehobenen Hauptes. Die Enthllungen im Wald- und
Pfarrhause hatten das, was vor einer Stunde nur noch Verlangen gewesen, zur
Gewiheit gesteigert. Was bedurfte er eines Zeugnisses schwarz auf wei, wo der
Zusammenhang so untrglich mit Hnden zu greifen war?
    In einem abgelegenen Waldhause wird ein Knabe geboren. Er wird aufgezogen
von der Gemeindepflegerin, welche dieses Haus bewohnt und welche die treueste
Dienerin seiner Mutter gewesen ist. Der Ortspfarrer, der Mutter vertrauter
Freund, tauft den Knaben und trgt ihn unter dem Namen der Dienerin in das
Kirchenregister ein. Ohne Zweifel ist er es auch gewesen, der vorher schon die
Ehe der Dame heimlich eingesegnet hat, die Ehe mit irgendeinem, gleichviel, ob
zu hoch oder zu niedrig stehenden beliebigen Quidam. Unter den Schutz dieses
bewhrten geistlichen Freundes, der indessen an die Spitze einer anstndigen
Versorgungsanstalt aufgerckt ist, stellt spter die Mutter ihren Knaben. Sie
fhrt ihn persnlich ihm zu, ganz im geheimen. Noch ist sie arm und abhngig,
sie darf ihn nicht ffentlich anerkennen; aber sie berwacht ihn im stillen, sie
sorgt fr ihn, straft ihn, sie sucht einen tapferen Soldatensinn in ihm zu
erwecken; sie bringt ihn in einem selbstgewhlten Berufe unter, und als sie
endlich, zu Flle und Freiheit gelangt, ihn vor der Welt anerkennen darf - ist
der Knabe spurlos verschwunden, verschollen sein Name viele, viele Jahre lang.
Die Mutter aber bleibt einsam zurck, sie harrt seiner Heimkehr, sie hlt ihm
das Erbe offen, das ihm rechtmig zusteht, erweitert es zu einem frstlichen
Besitz. Und er, er ist dieser glckliche Knabe, er der Sohn der letzten
Reckenburgerin, er der Erbe der reichen Reckenburg!
    So der Roman, welchen unser heibltiger Kumpan sich im Fluge auferbaute.
Die Daten, die etwa mit seiner Rechnung nicht stimmen mochten, die mancherlei
Lcken, die Widersprche in dem Charakter der mtterlichen Heldin, die
problematische Rolle des beliebigen Quidam, mit alledem beunruhigte er seine
Phantasie nicht. Wenngleich noch nchtern, fhlte er sich wie berauscht. Htte
er eine wohlkonditionierte Uniform auf seinem Leibe gewut, wrde er
spornstreichs nach dem Schlosse aufgebrochen und ohne Scheu vor Frulein Hardine
und ihre vornehme Tafelrunde getreten sein. Mutter! wrde er ihr zugerufen
haben, Mutter, dein Sohn ist heimgekehrt, und sieh, dies Kind hier ist seine
Tochter, die dir zur Erinnerung den Namen Hardine trgt!
    Aber leider in ihrem gegenwrtigen Aufzuge konnten die Erben der Reckenburg
sich nicht im Kreise ihrer knftigen Standesgenossen prsentieren. Man mute ein
Wirtshaus suchen und die abendliche Einsamkeit erwarten.
    So nahm denn unser Glcklicher die Kleine, die ihm ermattet nachgeschlichen
kam, wieder an die Hand und schritt forschend die breite, lange Dorfstrae
entlang. Aber seltsam! wie die Gehfte ihm hben und drben entgegentraten, alle
neu, schweigsam, sauber und so nchtern solide, da deuchte ihm, als ob aus
jeglichem Fenster die Augen der gestrengen Hardine auf ihn niederschauten, so
wie sie einst den unbndigen Waisenknaben angeschaut; es summte wie Wildling!
vor seinem Ohr und er fuhr mit der Hand nach seiner glhenden Backe, wie damals,
als er ihren zchtigenden Streich auf derselben gefhlt hatte. Ihn berkam eine
Anwandlung zweifelnder Schwche; ohne eine herzstrkende Labe htte er jetzt
nicht vor der handfesten Dame erscheinen mgen. Und hinwiederum seltsam! in dem
langgereihten Dorfe schien nirgends eine Sttte fr solche Labe aufzufinden.
Haben denn die Leute unter Frulein Hardines Regiment keinen Durst? fragte er
verdrielich. Oder saufen sie nur Wasser wie das liebe Vieh?
    Endlich im allerletzten Hause, da fand er, was er suchte, wenn auch durch
kein Schild oder Schenkenzeichen, keine Kegelbahn, Laube oder Tanzlinde
einladend angekndigt. Nein, das war nicht der Platz, wo ein Zgling des Biwaks
das wandernde Marketenderzelt vergit, wo Karten und Wrfel fallen und der
Schoppen unter zechenden Kumpanen kreist. Ebensowenig war es eine Herberge, die
dem mden Bettler, dem irrenden Landstreicher Labsal und Obdach bot. Es war ein
ruhiges, nchternes Gehft wie alle anderen des Dorfes, nur die Equipagen der
Schlogste und eine betrete Dienerschaft vor dem Tore deutete an, da
wohlbestelltes Volk und Getier gegen sofortige Bezahlung hier gelegentlich eine
Raststunde halten durften.
    So wenig anheimelnd der Platz, unser Veteran warf sich in die Brust, setzte
sich auf eine Bank vor der Tr und forderte Wein. Aber die Zornesader auf seiner
narbigen Stirne schwoll, als der Wirt, ohne sich von der Stelle zu rhren, ihn
von oben bis unten mit einem nichts weniger als bewillkommnenden Blicke ma. Was
Wunder, wenn in dem Bruder Habenichts heute Prinz Gustels splendide
Soldatennatur wieder aufgewacht war! Er wiederholte barsch seine Forderung,
indem er mit der Miene eines Krsus sein letztes Talerstck auf den Tisch warf.
    Vergebliche Herausforderung! Ein Achselzucken des Wirts war die einzige
Antwort; das goldhelle Wrtchen Wein schien ein fremdartiger Klang in der
Schenke von Reckenburg.
    Indessen hatte die auswrtige Dienerschaft den seltsamen Wandersmann, der in
Lumpen ging und mit Talern um sich warf, aufs Korn genommen. Man nherte sich,
man gab gefllig Bescheid, und hatte unser Freund vor einer Stunde sich dreist
an die Magnatentafel des Grafenschlosses getrumt, so sa er jetzt wohlgemut im
Kreise ihres galonierten Lakaientums. Kmmel und Gerstensaft lsten die Zunge so
gut wie der versagte Rebensaft. Er plauderte von alten kriegerischen
Erinnerungen, aber er plauderte noch lebhafter von den lteren friedlichen
Erinnerungen, welche die Wanderung durch die Reckenburger Flur in ihm
wachgerufen hatte, und er fhlte sich ermutigt, als auch andere kluge Leute
einen Vers daraus zu bilden wuten, der auf den seinen reimte. Halb im Ernst,
halb im Spott wurde sein Angriffsplan untersttzt; die Krge klappten zusammen
in einem Frischauf zu glcklichem Erfolg.
    Hin und wieder ging auch ein Einheimischer, der zu Hause Mittag gehalten
hatte, an dem Schenkenplatze vorber; volle Erntewagen schwankten in das Dorf
und kehrten leer wieder nach den Feldern zurck. So seltene Gste die Bauern und
Knechte von Reckenburg an diesem Platze sein mochten, die Musterung der fremden
Gespanne war wohl ausnahmsweise einen Krug Dnnbiers wert, und es verbreitete
sich daher auch unter ihnen die wunderbare Mr von dem Reckenburger Kinde, das
pltzlich als Herrenerbe eingesprungen war. Kopfschttelnd und schweigend, wie
sie der Mr gelauscht, entfernten sich die Einheimischen; einer nach dem
anderen; auch die betrete Tafelrunde brach auf, um die Geschirre fr die
Heimfahrt zu rsten; ehe aber der Abend sich senkte, war das lang bewahrte
Geheimnis Frulein Hardines weit ber die Reckenburger Flur in das Land
hinausgestreut.
    Der sich am sptesten erhob, war der jetzt doppelt berauschte Erbe. Er
bezahlte das letzte Glas mit seinem letzten Groschen, ri seine Kleine, die in
einem sonnigen Winkel eingeschlummert war, in die Hhe und rief barsch: Wach
auf, Schlafmtze! Jetzt gehts zu deiner Gromutter Hardine!
    Zu meiner Gromutter Hardine! lallte das Kind wie in einem fortgesetzten
Traum.
    So wanderten sie Hand in Hand voran. Die Fe des Invaliden schwankten und
seine Brust keuchte beklemmt. Warum eigentlich? Ohne eine merkliche Spur hatte
er hufig das Doppelte zu sich genommen. Freilich der Tag war hei gewesen, die
Wanderung weit und die Aufregung gewaltig. Es whrte eine Weile, bevor er das
Gittertor erreichte, auf welchem ein vergoldetes Doppelwappen im letzten
Sonnenschein funkelte. Im Hintergrund einer langen breiten Rsterallee
prsentierte sich das Schlo auf erhhter Terrasse; zu beiden Seiten der Avenue
dehnte sich bis zum Waldessaume der Garten, linealgerecht durch hohe
Buchenhecken abgeteilt. Goldgelbe Pfade schlngelten sich zwischen den
vielgestaltigen Schnrkelbeeten, auf denen hinter einem Einfa von Buchs und
bunten Perlenringeln zwar keine Blumen, aber kunstvoll dressierte Baumfiguren in
die Hhe wuchsen. Weie Marmorbilder, deren Struktur sich gar nicht bel mit den
Pflanzungen dieses Ziergartens vertrug, ragten lngs der Heckenwnde,
umschichtig mit gar verwunderlichen Ungeheuern, die aus weitgeffnetem Rachen
ein spindeldnnes Wasserfdchen sprhen lieen. Die kleine Hardine klammerte
sich zitternd an den Vater, sooft sie eine dieser Kunstgestalten lugen sah; dem
Vater aber, der in fremden Landen an mancher verwandten Anlage vorbergekommen
sein mochte, ohne sie zu beachten, dem Vater erschien sie hier in seiner
Erbheimat schier zur Beunruhigung groartig und imponierend.
    Als er sich dem Schlosse nherte, sah er die reichgeputzte und uniformierte
Gesellschaft die Terrasse herabsteigen, um sich lustwandelnd im Garten zu
zerstreuen. Zum erstenmal schmte sich der Wachtmeister der Legion des
geschwrzten, zerfetzten Mantels von Waterloo. Er bog aus der groen Allee nach
den Heckenwegen ein und gelangte so unbemerkt in einen der Laubengnge von
vergoldetem Gitterwerk, welche zu beiden Seiten die Terrasse hinanfhrten. In
diesem halbdunklen Versteck wollte er warten, bis die heranrollenden Equipagen
die letzten Gste entfhrt haben wrden, und dann frischen Muts vor Frulein
Hardine treten.
    So langsam er voranschritt, das Zittern seiner Glieder, die Beklemmung des
Atems nahmen zu. Es kochte etwas in seiner Brust, als ob eine der alten Wunden
sich geffnet habe. Er schlug mit der Faust gegen das hmmernde Herz und mute
eine Lehne suchen, als er jetzt am Ausgang des Berceau nach dem Schlosse
blickte, dessen hohe Fenster und Spiegeltren nach der Terrasse geffnet
standen. Alte, goldbordierte Diener, noch gepudert, gingen gravittisch hin und
wieder, auf silbernen Platten den Kaffee servierend; andere rumten das
funkelnde Gert und die leckeren Reste von der Tafel im groen Speisesaale des
Parterre. Wie die Adern des armen Vagabunden schwollen, wie fieberisch seine
Augen leuchteten vor diesem nie geschauten Bilde der Flle und der Pracht!
    Nach und nach hatte sich die Terrasse von Gsten und Dienern geleert. Nur
noch ein einziges Paar schritt langsam von der entgegengesetzten Seite her der
Laube zu, in welcher der Invalid atemlos lauschte. Ein stattlicher Herr in hoher
Beamtenuniform, einen Stern auf derselben; an seiner Seite mit majesttischem
Anstand eine Dame von gleicher Gre wie er selbst und auf der Brust den Orden,
welcher fr die Patriotinnen des Befreiungskrieges so sinnvoll gestiftet worden
war. Reiches Geschmeide funkelte unter der Spitzenumhllung des gegen die Mode
der Zeit faltigen, schleppenden Gewandes, und die Strahlen der sinkenden Sonne
spiegelten sich in einem Diadem ber dem vollen, schwarzen Haar. Der Herr sprach
mit Eifer, ernst und gedankenvoll hrte die Dame zu.
    In der Nhe des Laubenganges stand sie still. Sie schien eine Antwort zu
suchen, legte den Arm auf eine Vase, in welcher eine Aloe ein verkmmertes
Uralter fristete, und wendete bei dieser Bewegung das volle Gesicht dem
heimlichen Lauscher zu.
    Alle Vorstze der Zurckhaltung, alle beklemmende Scheu waren jhlings
verschwunden. Frulein Hardine! schrie er auf. Sie ist es! ja, das ist
Frulein Hardine! Er strzte aus der Laube und mit ausgestreckter Hand der Dame
entgegen.

So haben wir denn das, was wir zu Anfang ein Geheimnis genannt, nebelartig aus
losen Erinnerungen, gleichsam aus dem Hauche eines Namens aufsteigen und sich in
vorlauten, eigenntzigen Deutungen immer dichter und dichter herandrngen sehen,
bis es als eine drohende Wetterwolke ber dem Haupte Frulein Hardines hing.
ber dem Haupte einer Frau, die wir als die Schpferin unseres heimatlichen
Wohlstandes verehrten, die in ihre mit mnnlicher Kraft und Ausdauer gegrndete
junge Kolonie den Wahrspruch ihres Hauses: In Recht und Ehren eingepflanzt und
sie vor jeder entsittlichenden Berhrung gehtet hatte, einem Spiegel gleich,
den der leiseste Moderhauch trbt.
    Und wir Reckenburger Leute hatten sie gekannt fast noch als ein Kind; ihr
Leben lag vor uns durchsichtig und eben wie ein Kristall. Da war kein Schatten,
keine Lcke, ja nicht einmal eine gemtliche Regung, welche eine Heimlichkeit
htte ahnen lassen. Der Wechsel unserer beiden letzten Herrinnen, der
gespenstischen Urgreisin im Goldturme, mit deren Beschwrung wohl heute noch die
Mtter ihre Kinder zur Ruhe scheuchen, und der im fnfzigsten Jahre noch frisch
und krftig, fast wie im fnfzehnten, ausschauenden und schaffenden Hardine
glich dem des Tages mit der Nacht.
    So stand sie vor hoch und gering ehrenreich und ehrenrein wie keine zweite;
so stand sie im Kreise der Notabeln ihrer Gegend, an der Seite des Mannes, der
fr ihren einzigen Vertrauten galt, und den man neuerdings vielfach den
Erkorenen fr ihr freies Erbe nannte, als ein landstreichender Bettler, der
erste seiner Art, der ihr Gehege zu betreten wagte, sich zu einer Bezichtigung,
zu einer Anforderung an sie erdreistete, vor welcher das niedrigste Weib in
Scham und Zorn entbrannt sein wrde.
    Die Unterredung mit dem Grafen, ihrem Begleiter, schien ihre Aufmerksamkeit
so sehr in Anspruch genommen zu haben, da sie das Nahen der beiden Fremdlinge
nicht frher bemerkte, bis August Mller dicht zu ihren Fen ihren Namen rief.
In seinem verwilderten Zustande, mit allen Anzeichen des Trunkenbolds, war der
erste Eindruck der des Widerwillens und der Entrstung. Fort! befahl sie,
indem sie einen Diener herbeiwinkte, den Eindringling zurckzutreiben.
    Fort? rief der Invalid, bis jetzt noch aufgerumten Humors; fort weisen
Sie mich, Frulein Hardine? Sie erkennen mich wohl nicht, und ich erkannte Sie
doch auf den ersten Blick, wenngleich Sie vor zwanzig Jahren noch keine Krone
getragen haben.
    Er war whrend dieser Worte die Stufen hinangestiegen und fate nun dreist
nach der Dame Hand. Unbillig wehrte sie mit beiden Armen den Zudringlichen ab,
whrend mehrere Diener herbeisprangen, die Gste aus dem Garten sich nach der
Terrasse drngten und der Graf eine Bewegung machte, den wsten Gesellen die
Treppe hinabzuwerfen. War es nun infolge des Rausches, der vorigen Schwche oder
blo der krftigen Abwehr der Reckenburgerin, genug, der Mann taumelte und
strzte die Stufen hinab, eine Blutspur zeigte sich am Boden, der verwitterte
Mantel entfiel ihm, das militrische Ehrenzeichen, der Stumpf des Armes wurden
sichtbar; Frulein Hardine erbleichte.
    Die leichte Verletzung hatte den Berauschten pltzlich ernchtert. Er
richtete sich rasch in die Hhe und stand einen Moment in drohendem Trotz mit
geballter Faust der Dame Aug in Auge. Dann lie er den Arm sinken und sprach mit
einem Stolz, der sich seltsam gegen die vorige Roheit abhob: Es ist nicht das
erste Mal, Frulein Hardine, da Sie Ihre Hand gegen mich erhoben haben; aber
Gott sei mein Zeuge, es ist das letzte Mal, Sie werden August Mller nicht
wiedersehen. Ich htte es mir ja denken knnen, da einer, dessen Dasein in
einem Waisenhause verborgen worden ist, nun, da das Elend ihn treibt, fr sein
mutterloses Kind eine Freistatt zu suchen, von der Schwelle Ihres stolzen Hauses
wie ein Verbrecher verjagt werden wrde.
    Die Blicke der sprachlosen Dame fielen whrend dieser Schmhrede auf das
Kind, das hinter dem Vater drein bis dicht in ihre Nhe geschlichen und jetzt
von einer Gruppe mitleidiger oder neugieriger Gste umringt worden war. Wie
heit du? fragte eine Dame. Hardine, murmelte die Kleine. Es folgte noch eine
weitere Examination, auf welche sie mit stumpfsinniger Gleichgltigkeit den Kopf
schttelte. Endlich: Was wollt ihr, wen sucht ihr hier?
    Meine Gromutter Hardine, sagte das Kind.
    Auch das hrte das stolze Frulein mit an; sie sah die verblfften Mienen
der hohen Gesellschaft und - sie schwieg. Sie schien wie erstarrt oder in ferne
Erinnerungen verloren.
    Schweig, Hardine! herrschte jetzt der Invalid seine Tochter an, indem er
sie mit Gewalt aus der Gruppe zog. Schweig und komm! Gott ist ein Vater der
Waisen. Es wird anderwrts barmherzigere Seelen geben.
    Damit wendete er sich zum Gehen. Nach ein paar Schritten aber sah man einen
bleifarbenen Schatten ber seine Zge fliegen. Er schauderte und klammerte sich
zitternd an das Laubengitter. Auf einen Wink des Fruleins eilte der Prediger
ihm zu Hilfe; sein Sohn, der uns schon bekannte Gymnasiast, sprang zwischen den
Hecken hervor und nahm die kleine Hardine an seine Hand. Auch der Graf folgte
ihnen in merklicher Bestrzung. Sie verschwanden im Laubengang. Frulein Hardine
aber wendete sich mit verstrten Mienen, ohne ihre Gste zu beachten, ihrem
Schlosse zu.
    Wie mchten wir nun aber bei diesem Betragen der stets so gehaltenen,
selbstbewuten Dame die Stimmung der verlassenen Gesellschaft zu beschreiben
wagen? Ein Teil, und sicherlich der klgste, bestieg ohne Abschied die bereits
vorgefahrenen Wagen. Andere entbldeten sich nicht, in der eigenen Umhegung der
Festgeberin den am Nachmittag in der Schenke gesammelten Erluterungen ihrer
Dienerschaft Gehr zu geben. Der Rest schlenderte in den Gartenwegen auf und ab,
ein Wiedererscheinen der Dame oder die Lsung des Rtsels erwartend.
    Nach kurzer Zeit kehrte Ludwig Nordheim atemlos zurck, um den
Kreisphysikus, der sich unter den Gsten befand, zu dem in der Schenke pltzlich
erkrankten Fremdling zu holen. Spter kam der Prediger mit dem Grafen, der
letztere mit dem Ausdruck der strksten Emprung. Der Suferwahnsinn ist bei
dem Vagabunden ausgebrochen, antwortete er auf die Fragen der ihn umringenden
Bekannten. Der Prediger zuckte schweigend die Achseln. Beide begaben sich nach
dem Schlosse.
    Wenige Minuten spter eilte von dorther ein Diener nach der Schenke; bald
darauf folgte ihm der Prediger. Man erfuhr, da das Frulein die sorgfltigste
Pflege fr den Kranken befohlen habe, auch dessen bersiedelung nach dem
Schlosse wnsche, falls der Arzt dieselbe fr zulssig halte. Noch hatte man
nicht dazu kommen knnen, sein Erstaunen ber diese Weisung auszusprechen, als
der Graf aus dem Portale trat, leichenbla, in heftigster Aufregung an der
Unterlippe nagend. Ohne ein aufklrendes Wort zu gewhren, bestieg er den
bereithaltenden Wagen und jagte von dannen.
    Auch den letzten Gsten schien jetzt der Aufbruch geboten. Kaum eine Stunde
nach der aufregenden Begegnung war es in der Umhegung der Reckenburg so still
wie alle Tage. Am anderen Morgen jedoch kehrten etliche der gestrigen Gste -
wohlzumerken der Graf nicht unter ihnen - zurck, um aus reinstem Wohlwollen,
wie sich von selbst versteht, Erkundigungen ber das Befinden der Dame und des
rtselhaften Fremden einzuziehen. Der letztere lag noch in der Schenke, schwer
krank, aber nicht am Suferwahnsinn, sondern an einer Lungenentzndung, wie der
Doktor erklrte. Frulein Hardine war verreist. Sie, die Stetige in ihrem
Revier, die man nie, auer zu einer Visite in der Nachbarschaft, und immer nur
in der sagenhaften goldenen Kutsche und dem schier unsterblichen Schimmelzug,
zwei gepuderte Heiducken auf dem Trittbrett - smtlich Erbstcke der schwarzen
Grfin -, sich aus der Reckenburger Flur hatte entfernen sehen, sie war diese
Nacht ohne Dienerschaft im leichten Jagdwagen bis zur nchsten Station und von
da mit Kurierpferden weitergefahren. Trotz der emsigsten Nachforschungen hat
niemand erfahren knnen, wohin oder zu welchem Zweck. Als sie nach zwei Tagen
auf dieselbe heimliche Weise zurckkehrte, war ihr erster Gang in die Schenke an
das Krankenbett August Mllers.
    So befremdend dieses Gebaren war, es lag im Grunde noch nichts darin, was
ein so makelloses Ansehen, wie Frulein Hardines, htte trben drfen. Sie gab
durch dasselbe zu, da August Mllers Erinnerungen richtig waren, aber den
Schlu, den eine begehrliche Natur daraus gezogen hatte, er konnte, nein, er
mute ein irriger sein. Frulein Hardine hatte niemals fr eine Samariterin
gelten wollen, und wir wissen es schon, sie galt auch nicht dafr. Aber wre es
selber fr Frulein Hardine etwas Unnatrliches gewesen, eine hilflose Waise in
einer ffentlichen Anstalt zu versorgen und zu berwachen? Oder wre, selber fr
Frulein Hardine, eine mitleidige, vielleicht vorwurfsvolle Erschtterung so
schwer zu begreifen, wenn ein Schtzling aus der Jugendzeit ihr im Alter
pltzlich als eine untergegangene Kreatur gegenbertritt? Sie brauchte nur einen
Namen zu nennen, nur die Herkunft des Waisenknaben zu erklren, und der Sturm im
Wasserglase legte sich.
    Aber Frulein Hardine nannte diesen Namen, gab diese Erklrung nicht. Die
guten Freunde schmachteten nach dem Labsal eines Wortes - aus reinster Sorge fr
Ruf und Ruhe der edlen Dame, wie sich wiederum von selbst versteht -, und sie
gewhrte dieses Labsal nicht. Frwahr, Frulein Hardine war keine mitleidige
Natur, nicht einmal gegen sich selbst. Weder jetzt noch spter hat sie der
verhngnisvollen Begegnung am Knigsfeste gegen irgendeinen Menschen erwhnt.
    Nach vielen Jahren jedoch und fr einen bestimmten Zweck, richtiger, fr
eine bestimmte Person, hat sie ihren Lebenslauf niedergeschrieben und darin ihr
Geheimnis, wie sie es selbst genannt, enthllt. Sie hat es sichtlich mit Lust
und Liebe, sogar in heiterer Anordnung getan, und mchten wir uns nicht irren,
wenn wir bei Verffentlichung dieser Bekenntnisse auf den Anteil auch eines
weiteren Kreises als den ihrer einstigen Lebensgenossen zu rechnen wagen. Denn
ist es auch ein etwas altvterisches Charakter-und Sittenbild, das wir vor dem
Leser entrollen, aus seinen Zgen spricht eine Wahrheit, die keiner Zeit und
Mode unterworfen ist. Ja, Gottes Wege sind wunderbar, auch die zu den Herzen der
Menschen!

                                 Mein Geheimnis



                                 Erstes Kapitel

                             Die Rose und ihr Blatt

Die Reichtmer der Reckenburg lagen meiner Wiege so fern wie die Goldminen von
Peru, und die letzten der weien freiherrlichen Linie waren nicht die
begehrlichen Abenteurer, die um schnden Mammons willen sich in das Bereich der
schwarzen Huptlingin ihres Stammes gewagt haben wrden. Sie hatten seit
Generationen eine Zuflucht gefunden, welche die adelige Armut ehrenvoll deckte,
und sich unter der Fahne wohl und zufrieden gefhlt. - Keiner jedoch wohler und
zufriedener als der Allerletzte in ihrer Reihe, der schon als Leutnant ein
Bschen gefreit hatte, auch von den Weien, arm und ahnenrein wie er selbst.
    Eberhard und Adelheid von Reckenburg waren geschwisterlich nebeneinander
aufgewachsen, und ich zweifle, da in irgendeinem Stadium ihrer Bekanntschaft
das groe Wort Liebe zwischen ihnen gewechselt worden sei. Groe Worte sowenig
wie kleine Zrtlichkeiten waren Reckenburgscher Habitus; aus welcher Bemerkung
indessen keineswegs gefolgert werden soll, da die Leute nicht tief im
Herzensgrunde einander angehangen htten. Ich wte im Gegenteil mir kaum einen
glcklicheren Ehebund vorzustellen als den, in welchem Eberhard und Adelheid
sich lnger als dreiig Jahre in einmtigem Pulsschlag ergnzten und trugen. Er:
gro, rot, robust; wie er sich selber nannte: ein Ursachse, den ein neckischer
Kobold unter die leichte Reiterei gewrfelt hatte. Sie: klein, fein, bla und
behende. Er: gutmtig, sorglos, gelassen, bereit, die Dinge, sobald sie ihm zu
ernsthast wurden, mit einem Scherzwort abzufertigen. Sie: bedachtsam, klug,
praktisch und darum, zu allseitiger Befriedigung, der Souffleur und heimliche
Maschinist der huslichen Bhne. Beide: Ehren-und Edelleute vom Scheitel zur
Zeh. Da Heldin und Schreiberin dieser Geschichte, das einzige Kind des
glcklichen Paares, krperlich nach der Struktur des Vaters, geistig mehr nach
der Mutter geschlagen ist, wird aus ihrem Lebensbaue zu ersehen sein.
    Ich erhielt den Namen Eberhardine, wie einst der Vater schon den seinigen
erhalten hatte, zu Ehren des grflichen Familienoberhauptes. Beide Generationen
per procura und ohne da Verleiher und Empfnger sich jemals mit Augen gesehen
htten. Da der hohen Patin hinwiederum aber ihr Name durch die kurfrstliche
Eberhardine eingebunden worden war, durch jene Hohenzollerin, welche ihrem
starken August und der polnischen Knigskrone zum Trotz ihre Tugend und
protestantische Treue zu behaupten wute, so bin ich der unmageblichen Meinung,
da eine Ader dieser auslndischen Zhigkeit, per procura des Taufregisters,
sich auf die schsische Patenfolge in weiblicher Linie vererbt haben mag. Das
kniglich-kurfrstliche Namenserbe hingegen wurde fr einen Leutnantshaushalt zu
groartig befunden. Der Papa strich die ungeschlachte Bestie am Anfang, und
auch die Tochter hat sich, ex officio, spterhin gern mit der Hardine begngt,
wenngleich sie der Sanktion des Kalenders entbehrte.
    Das junge Ehepaar hatte seinen Haushalt gegrndet - notabene: in der
Teuerungsnot der siebenziger Jahre - mit einer Monatsgage von zwlf Talern und
einem Lehnstamm ungefhr des nmlichen Betrages. So weit jedoch meine eigenen
Erinnerungen reichen, fhrte der Vater die Schwadron, ein Posten, der fr
manchen seinesgleichen die Revenuen eines Rittergutes abwarf und von just nicht
Ehrschtigen den Majorsepauletten vorgezogen ward. Da der Rittmeister von
Reckenburg aber ein Mann war, der nicht mit Zopfbndern zu knausern verstand und
jeden Hufbeschlag fr eine Gewissenssache hielt, so htete sich seine
Hausehre, das wirtschaftliche Budget nach Mastab der Charge zu erhhen. Bei
aller Verwaltungsweisheit brachte sie sich indessen wenig auf einen grnen
Zweig, wenn schon ein ruinierendes Zelt- und Wandervogelleben das des Soldaten
in jenen kurfrstlichen Zeiten nicht genannt werden kann.
    Der Vater stand whrend seines langen Fahnendienstes bei dem nmlichen
Regiment und mit demselben in der nmlichen Garnison. Wir hatten in unserem
Landstdtchen heimatlich Wurzel geschlagen und achteten es als Gewinn fr die
husliche Gemchlichkeit, da ein Nebenzweig des Kurhauses, der bisher im Orte
residiert hatte, seit kurzem erloschen war, obligatorische Standespflichten nach
obenhin unseren Tageslauf sonach nicht regulierten.
    Dahingegen erfreuten wir uns mancher glanzvollen Erinnerung an jene
herzogliche Zeit. Auf der Hhe ragte, wenn auch unbewohnt, das reich
ausgestattete Schlo, dessen Terrassen, Weinberge und Grten sich bis in die
Brgerhfe hinabzogen und angenehme Erholungspltze boten. Wir besaen noch eine
verwitwete Frau Hofmarschallin, einen pensionierten Hofjunker, einen
Titular-Hofjgermeister, Hofschneider, Hofprediger und eine Hofkellerei. Die
letztere sogar in unmittelbarer Nachbarschaft. Ein Fabinder, namens Mller,
hatte sie samt der Schankgerechtigkeit in und auer dem Schlopavillon
erpachtet, und so konnten wir uns in Haus und Garten an den Bacchanalien unserer
Mitbrger ergtzen oder ber sie entrsten, je nach Stimmung und Gelegenheit.
    Auch das Haus, in welchem meine Eltern vom Traualtar bis zum Grabesrande
geheimst haben, rhmte sich eines frstlichen Ursprungs. Ein weiland Herzog
hatte es fr seinen Leibbader, vulgo Barbier, anlegen lassen, war aber des Todes
verblichen, bevor er ber den Unterstock hinausgelangte. Der Posten eines
Leibbaders wurde von dem neuen Hofhalte und die Beletage von dem Bauplane
gestrichen. Der Dachstuhl senkte sich unmittelbar auf das Erdgescho, wurde
aber, nach Bedrfnis spterer Geschlechter, Stockwerk um Stockwerk erhht, bis
schlielich die Haube dreimal so hoch war wie das Gestell.
    Wie freut es mich heute, meine Freunde, Euch just in diese naturwchsige
Heimsttte einfhren zu knnen. Denn nichts erfrischt so die Eintnigkeit des
Alters wie eine Kuriositt aus unserer frhesten Zeit. Der Mops mit der
Zipfelmtze steht vor meinen Augen gleich einem lebendigen Geschpf; was aber
wrde ich Euch aus einer glatten, residenzlichen Zimmerflucht zu beschreiben
haben?
    Man nannte das Haus die Baderei oder auch die Faberei, denn es war samt der
Kunst des Erbauers in dessen Nachkommenschaft fortgeerbt, und Faber, so hie
jener vom Hofstaat gestrichene Leibbarbier, an dessen allerhchstes Amt noch das
Pfrtchen erinnerte, das von unserer Gartenterrasse auf das Schloplateau
fhrte.
    Dieses Haus nebst Pertinenzien war nun gegen dreiig Laubtaler Jahresmiete
der Familie von Reckenburg so gut wie ein selbstherrliches Bereich. Meister
Faber, ein Witmann, rastete wenig daheim. Seine Scherstube, im bewohnbaren
oberen Dachgescho, grenzte an das Zimmerchen, das mir von frh ab privatim
eingerumt worden war, und die drei anlockenden Messingbecken klapperten im
Winde und funkelten im Sonnenschein zwischen der uns trennenden Fensterwand. In
den Kammern ber unseren Huptern nchtigte Reckenburgs Dienerschaft: will sagen
die Magd und der Soldatenbursche, der ein fr allemal Purzel hie. Hher
hinauf trmten sich Vorrats-und Futterspeicher, Trockenboden, Rauchkammer und so
weiter und so weiter.
    Nun aber der frstliche Grundbau im Parterre. De plein pied aus der
Torfahrt, welche die Hlfte einnahm, trat man in das gerumige, gelb getnchte
Familienzimmer; aus diesem in die Schlaf- und vertrauliche Ratskammer des
ehelichen Konsortiums. Hinter beiden lagen die Kche und das Bureau der
Schwadron. Das waren die freiherrlichen Appartements!
    Zwischen dem Raum und seiner Fllung aber welche stilvolle Harmonie! Das
hochbeinige Kanapee mit dem blaugewrfelten Leinenbezug, eigenhndig von Frau
Adelheid gesponnen, die dito Gardinen, der groe eichene Ausziehtisch und der
lederne Ohrenstuhl, in welchem der Hausherr sein Mittagsschlfchen hielt, das
mtterliche Spinnrad und die roh gezimmerte Htsche; in der Hlle, hinter dem
Ungeheuer von grnen Kacheln, der Waschtisch, an welchem die Familie nach dem
Essen sich die Hnde splte, darber, als Draperie, die selbstgesponnene,
blitzblanke Quehle - Kinder, seht sie mit Ehren an, die alten Stcke in
Reckenburgs neuem Turm: es waren gute Menschen, welche sich zwischen ihnen
glcklich fhlten!
    Und nun das Kleinzeug der Haushaltung: das braune Kaffeegeschirr und das
Tafelservice von Zinn; die Messingleuchter mit der tiefschnuppigen
Unschlittkerze, die kupferne Feuerkieke, welche Ehren-Purzel seiner gndigen
Frau Sonntags auf dem Kirchgange nachtrug; - Euch, Menschen von heute, dnken
diese Gertschaften wohl wie Rudera aus einem Hnengrabe; aber fragt einen
ergrauten Junggesellen, eine arme alte Jungfer, die fr kein Tndelwerk in einer
Kinderstube zu sorgen haben, fragt sie, wie es tut, wenn solch rcklaufendes
Fdchen aus dem Netze ihrer Gewohnheiten gerissen wird?
    Was wrden jedoch diese einfachen Umgebungen bedeuten ohne die gelassene
Grandezza, mit welcher die Bewohner sich in denselben bewegten? Nichts fr
ungut, meine jungen Freunde, aber das Bewutsein reinen Bluts verlieh einen
Duktus, welchen die Matadore der Comptoirs und Bureaus grtenteils noch
erlernen mssen, und welchen die der zweiunddreiig Quartiere erst verlernten,
wenn die Manier des Hflingslebens sie beleckt hatte. Bei Eberhard und Adelheid
von Reckenburg mgt Ihr in die Schule gehen, wollt Ihr gehobenen Hauptes und
ohne Schwanken, wie jeder brave Mensch es soll, vor hoch und gering im Takte
schreiten.
    Wenn die Freifrau von Reckenburg sich nach der Post begab, um ein
durchreisendes Mitglied ihres Frstenhauses zu begren, in der nmlichen Robe,
in welcher sie als blutjunges Frulein demselben hohen Haupte prsentiert worden
war, so schritt sie, beugte sich und redete, bei aller Ehrfurcht, selber wie
eine Kurfrstin, denn sie wute ihre Ahnenreihe so alt und rein wie die des
Hauses Wettin. Wenn die Gemahlin des vielschrpfenden Herrn Amtmanns oder die
des reichsalarierten Oberforstmeisters in eigener Karosse, Kammerdiener oder
Jger auf dem Trittbrett, zur Visite vorfuhren, so ging sie denselben in ihrer
getnchten Wohnstube, mit der Quehle im Ofenwinkel, eher einen Schritt weniger
entgegen und machte ihre Reverenz eher eine Linie weniger tief, als jene Damen
es taten, sobald sie in deren Prunkzimmern zur Gegenvisite empfangen ward, denn
die reiche Amtmnnin war gar nicht und die andere von neuerem Adel als die
Freifrau von Reckenburg. Die Freifrau von Reckenburg erwiderte ohne Beschmung
die genuwechselnden Gelage der Honoratiores alle Jahre nur ein einziges Mal mit
einem Schlchen Kaffee, stark mit Mohrrben versetzt, und der Rittmeister von
Reckenburg stngelte die Bohnen seines Gartenbeets, unbekmmert, ob die Gste
des Nachbar Kellerwirts des huslichen Treibens Zeuge waren. Der Rittmeister von
Reckenburg, die kurze Tonpfeife im Mund und vor sich den irdenen Deckelkrug
selbstgefllten Dnnbiers, wenn er an langen Winterabenden die pfelschnitzel
auf Fden reihte, welche sein Frauenzimmer geschlt hatte, lie sich durch
eine Meldung oder einen spten Besuch so wenig beirren, als wenn er seine
Husaren im Parademarsch einem Generalissimus vorfhrte. Tut desgleichen mit der
nmlichen Manier, und die zweiunddreiig oder gar vierundsechzig Quartiere der
Reckenburger werden ein Sparren oder eine Seifenblase geworden sein.
    Zu meiner Zeit und in unserem Landstdtchen mit den Reliquien des
erloschenen Herzogszweigs waren sie aber weder ein Sparren noch eine
Seifenblase, sondern ein zuverlssiges Postamt, auf welchem man, auch in den
Bewegungen nach unten hin, heute sich wohlgemut eine patriarchalische Mischung
gestatten durfte und morgen ohne rgernis eine kastische Grenze zog. Nicht dem
wohlhbigsten Kaufmann oder Gewerbtreibenden wrde es eingefallen sein, sich in
die adlige Soziett zu drngen, welche sich Donnerstags nachmittags in des
Kellermeisters erpachtetem Schlogarten versammelte. Nicht die freudenarmste und
tchterreichste adlige Witib wrde in der brgerlichen Gesellschaft, die sich
Montags unter den nmlichen Lauben ergtzte, eine frohe Stunde oder gar einen
Freier fr ihre Frulein gesucht haben. Die brgerlichen Honoratioren: Beamte,
Prediger, rzte, gehrten zwar beiden Reunionen an, ohne jedoch eine Kette
zwischen ihnen zu bilden und ohne von den Donnerstglern anders als
unvermeidliche Fllung betrachtet zu werden. Geschmack und Bildung waren
wesentlich die nmlichen, und so konnte das Unterhaltungsmaterial Donnerstags
wie Montags auch nur das nmliche sein. Die Herren kegelten, kannegieerten,
spielten - meist mit deutschen - Karten und schlrften des Kellermeisters saures
Landgewchs; das schne Geschlecht strickte, tunkte selbstgebackenes Kuchenwerk
in einen dnnen Milchkaffee und glossierte; die Montgler ber die Donnerstgler
und vice versa. An Winterabenden wurde von der Jugend im Pavillon Pfnder
gespielt und gelegentlich getanzt.
    Dahingegen saen wir in der Dmmerstunde aller brigen Tage nicht
abgesondert in unseren Grten hinter dem Haus, sondern nachbarlich beieinander
auf der Bank vor der Straentr. Die Mnner, brgerlich und adlig, Militr und
Zivil, spazierten schmauchend auf und nieder, die Frauen plauderten hinber und
herber, riefen die Vorbergehenden an, rckten zusammen, prften ihr
gegenseitiges Gespinst oder Gestrick und lieen eine die andere von ihrem
Abendbrot kosten, wobei denn nicht verhehlt werden soll, da wir und
unseresgleichen die saftigeren Bissen gekostet haben mgen. Auch gab es keine
Schlachtschssel, kein Festgebck, keine Wein- und Obsternte bei dem Nachbar
Kellermeister hben und dem Nachbar Tuchmacher drben, da die gndige Frau
Rittmeisterin nicht honoris causa ein Prbchen zum Schmecken erhalten htte. Die
gndige Frau Rittmeisterin bedankte sich durch einen schnen Empfehl, rhmte
auch gelegentlich die wohlschmeckende Darbietung, da sie dieselbe aber von
ihrer eigenen Schlachtschssel oder von ihrem eigenen Christwecken erwidert
htte, wte ich nicht zu berichten.
    Unter derlei Anschauungen war ich in die Jahre gekommen, in welchen die
Pflicht fr einen standesmigen Unterricht ernsthaft in Betracht gezogen werden
mute. Da eine Franzsin, will sagen Gouvernante, mit der konomie des Hauses
sich nicht vertragen haben wrde, hatte die frsorgliche Mama bereits von der
Wiege ab in dem Hauptstcke einer guten Edukation vorgebaut: sie sprach stets
nur Franzsisch mit mir und lehrte mich in der Folge auch die Grammatik, die sie
korrekter innehatte als die der Muttersprache. Fr das, was auerdem zu lehren
brigblieb, wurde in meinem achten Jahre ein Hofmeister engagiert, brhwarm vom
Seminar, sanft und zrtlich wie sein Name: Christlieb Taube. Sieben Jahre lang
hat dieser Musterjngling sich buchstblich ausgerungen, um der ihm anvertrauten
Schlerin auch nicht ein Trpfchen des krzlich eingesaugten edlen Stoffes
vorzuenthalten; er hat nebenbei im Bureau der Schwadron - zu seiner bung -
manche Korrektur und manchen Rechnungsplan ausgefhrt, in welchen Obliegenheiten
der Rittmeister von Reckenburg sich nicht immer als ein Held ohne Fehl erwies;
er hat - zu seiner Unterhaltung - den Hausgarten in seine Pflege genommen und
auf der Terrasse eine Weinhtte angelegt, auch eigenhndig die weien Wnde
seines Kmmerchens, zwischen dem der Magd und des Burschen Purzel, mit Gewinden
von Rosen und Vergimeinnicht ausgemalt; er hat demnach Nutzen gestiftet und
Schaden verhtet, wie so leicht kein zweiter fr fnfundzwanzig Laubtaler Salr.
Er hat mir spterhin einen Beweis der rhrendsten Freundestreue gegeben und bei
alledem noch krzlich in seinem letzten Briefe die Schler- mehr denn
Lehrerjahre in diesem humanen Edelhause als die glckseligsten in seinem
glckseligen Leben gerhmt. Dank und Ehre daher meinem glckseligen Hofmeister
Christlieb Taube!
    Da die Einseligkeit in der Schulstube von der Mama nicht fr schicklich und
von dem Papa fr allzu langweilig erklrt worden war, hatte sich die Wahl einer
Studiengenossin in Nachbar Kellermeisters Drtchen, schon bisher meiner
ausschlielichen Spielkameradin, von selbst ergeben. Es war dies auch eine von
den erlaubten Herablassungen zu den unteren Stnden, da ja selbst an
Frstenhfen ein Prgelkind gang und gbe ist; eine Herablassung, die in
unserem Falle sich aber auch in gemtlicher Richtung empfahl. Denn die Kleine
war eine Waise von Mutterseite und der Vater Schenkwirt, ein arger Hter fr
dieses Kind.
    Ja, fr dieses Kind. Da ich es Euch vor die Augen zaubern knnte, warm, wie
es nach einem halben Jahrhundert noch vor dem meinigen lebt! So, wie es damals
war, und so, wie es kaum merklich hineinwuchs in jedes folgende Stufenjahr: als
Jungfrau, als Weib, als Matrone, das holdselige Kind Dorothee!
    Aber wer beschreibt jener Sonntagsgeschpfe eines, deren Wiege, wie die
Redeweise luft, die Liebesgttin samt allen drei Huldinnen umstanden hat? Und
wenn ich den Pinsel statt der Feder zu fhren verstnde, so shet Ihr vielleicht
die feine, wie aus Wachs bossierte Gestalt, die leise gerundete Wellenlinie der
Glieder; Ihr shet ber dem Rosenknspchen des Haupts den goldigen Flor, der wie
ein Schleier bis zu den Knien niederwallte, shet die Grbchen in Wangen und
Kinn. Aber shet Ihr auch die Purpurwoge unter der bltenweien, blaugederten
Haut? Das schillernde Farbenspiel des Auges, wenn es, ein durchsichtiger
Kristall, in dieser Sekunde sich lachend oder forschend in die Hhe schlug, und
in der nchsten, dunkel beschattet, sich demtig zu Boden senkte? Shet Ihr das
liebliche Neigen und Biegen, den raschen bergang von flchtiger Weisheit zu
Scherz und Tndelei? Hrtet Ihr das silberhelle Stimmchen die Tonleiter auf und
nieder hpfen, das herzige Gelchter gleich dem Locken des Pirols am sonnigen
Maientag?
    Doch was hilft es mir, in dieser Blumensprache von Anno dazumal
fortzufahren? Ihr werdet das Reizende in unserer kleinen Dorl aus seiner
Wirkung auf andere verstehen lernen, die einzige Manier, in der das Reizende
berhaupt geschildert und verstanden werden kann. Zu allernchst in seiner
Wirkung auf mich selbst.
    In jenen Kindheitstagen, ei nun, so wie sie da dachte ich mir die Engelchen
unter Gott-Vaters Baldachin, und die pausbckigen Trompetenblser in unserer
alten Postille dnkten mich gar grobschlchtige, himmlische Gesellen neben
meiner zierlichen, irdischen kleinen Dorl. Von Jahr zu Jahr aber wuchs der
Zauber, welchen die Menschenschne allezeit ber mich ausgebt hat - vielleicht
weil ich ehrlicherweise sie in meinem Spiegel recht grndlich vermite. Das
Mdchen wurde meine Augenweide, das Wohlgefallen steigerte sich zum Wohlwollen,
und ich wrde Euch wahrscheinlich von einer schwesterlichen Jugendfreundschaft
zu erzhlen haben, wenn - ja wenn - -
    Wir hatten, fast von der Wiege ab, Stunde fr Stunde miteinander gelebt; wir
waren gleichen Alters, gleichmig gebildet, beide arm; sie war schn, und ich
war es nicht; - aber sie war eines Fabinders Tochter und ich eine Freiin von
Reckenburg; es lag eine Kluft zwischen uns, fr welche ich das Ma gleichsam mit
der Muttermilch eingesogen hatte. Ich durfte ihre Vertraulichkeit empfangen,
nicht erwidern, und trotz ihres Liebreizes oder just wegen ihres Liebreizes, der
mir jeden weniger reizenden Umgang verleidete, war und blieb ich ein
herzenseinsames Ding.
    Die Rose und das Blatt, das sie schtzend umgibt, so hatte - wie er meinte
schmeichelhaft fr das Blatt - der ehrliche Taube uns in seinem Neujahrscarmen
besungen, und das Stck grasgrnen Raschs, mit welchem die Frau Mutter einen
recht vorteilhaften Jahrmarktshandel gemacht hatte, da es fr meine ganze
Kinderzeit als Bekleidungsstoff ausreichte, ihm ohne Zweifel als Vorwurf fr den
zweiten Teil seiner Metapher gedient. Kehren wir denn mit derselben in die
Schulstube Christlieb Taubes zurck: Die Rose und ihr Blatt.
    Es wrde Vermessenheit sein, zu behaupten, da es niemals eine eifrigere und
aufmerksamere Schlerin gegeben habe, als Kellermeisters kleine bewegliche Dorl.
Ganz gewi aber keine, mit welcher auch ein hitzkpfigerer Informator wie
Christlieb Taube so bereitwillig Geduld gehegt haben wrde wie er. Ohne
Vermessenheit hingegen lt sich behaupten, da es selten eine Schlerin gegeben
haben wird, so lernbegierig und beharrlich, wie die groe, ruhige Hardine von
Reckenburg, ebenso selten aber auch eine, die selber ein Taubenblut dann und
wann in Verzweiflung bringen konnte. Jungfer Grundtext nannte sie der Herr
Papa, wenn er gelegentlich Zeuge ward der unermdlichen Wie? und Wo? und Wann?
und Warum?, mit welchen sie den ihr zu Gebote stehenden Wissensborn bis auf die
Grundneige auspumpte.
    Lerne was, kannst du was, heits! Ei nun, am Ende ihrer siebenjhrigen
Studienzeit konnte Schlerin Nummer eins, in geziemender Bescheidenheit sei es
vermeldet, mit deutlicher Handschrift richtig Deutsch schreiben, auch die vier
Spezies ohne Fehl im Kopfe wie auf der Tafel rechnen. Sie konnte die Stammtafel
des Hauses Wettin und die Reihe der deutschen Kaiser bis auf Leopolds II., seit
kurzem regierende Majestt, insonderheit aber Doktor Martin Luthers groen und
kleinen Katechismus am Schnrchen hersagen. Mglich, da sie zu jener Zeit auch
schon gewut, die Erde drehe sich; wenngleich mir dieser Kasus eher unter
diejenigen zu gehren scheint, von welchen der Informator seufzend eingestand:
Das kann man so eigentlich nicht sagen, und erleichtert aufatmete, wenn sein
freiherrlicher Patron lachend hinzusetzte: Ist auch sehr tricht, danach zu
fragen.
    Zum schwersten Kummer aber gereichte es unserem gewissenhaften Christlieb
Taube, da es bei alledem eine Ader und just eine Hauptader in seinem Borne gab,
die er ohne erschpfenden Ergu in sich selber verschlieen mute. Der
freiherrliche Besitzstand erstreckte sich nicht auf ein Klavier, und da die
Jungfer Grundtext ein hartes Ohr und eine ungefge Kehle zu beklagen hatte, eine
Kunstfertigkeit ohne Talent aber keine obligatorische Forderung der damaligen
Erziehungsmethode war, so mute die edle Musika von dem Lehrplane gestrichen
werden. Nur die blichen Kirchenlieder wurden nach dem Klange der
hofmeisterlichen Geige eingebt, und auer der Lektionsstunden fr das
Lerchenstimmchen der Schlerin Nummer zwei noch eine und die andere weltliche
Weise beigefgt.
    Nach diesen mannigfaltigen Leistungen gab es allerdings noch ein letztes
kategorisches Soll und Mu einer standesmigen Edukation, fr welches die
Seminarbildung eine Lcke lie und die emeritierte Herzogsresidenz keine
zulssige Aushilfe bot. Indessen, wie fr das franzmnnische Alpha, so fr das
choreographische Omega fand sich im Schoe der Familie ein wrdiger Dilettant.
Hatte der Rittmeister von Reckenburg sich nicht der Ausbildung im Dresdener
Kadettenkorps erfreut, der edelsten Pflegesttte jener ritterlichen Kunst,
welche dem ungelecktesten Bren Anstand, Konduite und gesellige
Unwiderstehlichkeit verleiht? War er nicht als ein Musterschler derselben
gepriesen und hatte als Vortnzer der Donnerstags-Gesellschaft sie con amore
praktiziert, bis die zunehmende Korpulenz ihm den Ballsaal einigermaen
verleidete? In huslicher Bequemlichkeit hingegen, ohne pressende Montur und
Eskarpins, konnten die Regeln der rhythmischen Bewegung zum Segen eines
aufblhenden Geschlechts noch mit Behagen entwickelt werden, und so sehen wir
denn das vieldienliche Reckenburgsche Familienzimmer endlich auch noch in einen
Tempel Terpsichores umgewandelt.
    Dreimal wchentlich whrend dreier Wintersemester wurde der schwere
Speisetisch in den Torweg geschoben, erklang das Orchester, die Geige Christlieb
Taubes aus der Fensternische, sa die Freifrau, als kritische Ballmutter, hinter
dem Spinnrocken in dem Ofenwinkel. Der Herr Rittmeister aber in weichen
Filzsocken und flanellgefttertem Schlafrock von gelblichem Kattun, den
faustdicken Zopf wie ein Perpendikel im Nacken hin und wieder hpfend, stand
seiner Tochter Hardine und deren Partnerin gegenber, um sie gewissenhaft die
ganze hohe Schule seiner Lieblingskunst durchlaufen zu lassen: von Positionen
und Portebras, durch alle Wendungen und Senkungen der Menuett, durch Chasss und
Entrechats der Anglaise, bis zum heiteren Rundtanz mit dem geflligen Dreischlag
der Hacken.
    Allein manches wird der Erinnerung zum Gold, was in Gegenwart Blei gednkt.
Heute schaue ich auf jene Tanzabende zurck als auf die lustvollsten meiner
Kinderzeit; damals erduldete ich sie wie ein qulendes Verhngnis. Die
vterliche Instruktorenrolle beleidigte mein Gefhl der Reckenburgschen Wrde,
und die ererbten Reckenburgschen Gliedmaen zeigten sich wenig geschickt fr das
gelenkige Spiel.
    Meine Mittnzerin hingegen, o welche leichte Erscheinung, welche helle
unerschpfliche Lust! Rosig berhaucht bis unter den goldigen Lockenscheitel,
halbgeffnet das Mndchen, so kreiselte sie sich wie in ihrem Element, lachend
und jauchzend, die echte, rechte, leibhafte Dorl, schwebte gleich einer Libelle
im Schaltanz, der Krone der Kunst, den Raum auf und nieder, jetzt den Kopf
hinter dem Nesselstreifen verbergend, dann pltzlich schelmisch hinter seinen
Falten hervorlugend, sich hebend und neigend und biegend, eine flssige Welle
vom Scheitel zur Zeh. Der Musikant in der Fensternische seufzte zwischen den
zrtlichen Weisen, die er seiner Geige entlockte; die Partnerin in grnem Rasch
hatte Strapaze und Ingrimm vergessen und der Lehrmeister klatschte Beifall mit
knstlerischem Entzcken.
    Die wird Furore machen! rief er eines Abends, als das Dreiblatt der
Familie wieder allein beieinander war.
    Furore, wo? fragte die Kunstrichterin mit jenem Ton, den ihr Eheherr die
Weisheit Salomonis zu nennen pflegte. Denkst du sie im Corps de ballet
unterzubringen, Eberhard?
    Schade, schade! seufzte der Papa. Frau Adelheid aber fuhr fort:
    Der Ballsaal ist der Jungfer Mllerin verschlossen, und fr das Publikum
des Tanzbodens wrde weniger gut besser sein, meine ich.
    Schade, schade! seufzte der Vater zum zweitenmal.
    Davon abgesehen, Eberhard, den Geist der Menuett hat sie nicht gefat,
konnte sie vermge ihrer Extraktion nicht fassen. Wie sie den Rock in die Hhe
zieht, als wrs ein Tndelschrzchen im Schferspiel! Heit dieser Knicks eine
Reverenz? Da mu ich unsere Tochter loben. Ohne eine Muskel des Oberkrpers zu
bewegen, senken sich die Knie bis zum Boden hinab und heben sich wieder peu 
peu. Ohne sich in die Robe zu verwickeln, ohne Fehltritt schreitet sie
rckwrts, wrdevoll, wie sie vorwrts geschritten ist. Correctement der
Anstand, mit welchem eine Reckenburg ihrer Souvernin Hand und Schleppe kt!
    Nun freilich, freilich, unsere Dine, unsere gute, brave Ehrenhardine!
besttigte der Papa, indem er mich herzlich auf die Backen klopfte. Dann aber
seufzte er zum drittenmal: Schade, schade um die kleine Dorl!
    Ich hatte diese Ergieung nur so bei Wege aufgeschnappt und wute, da ich
bei derlei Angelegenheiten zu schweigen hatte. Die mtterliche Weisheit aber war
auf fruchtbarem Boden aufgegangen. Der armen, kleinen Dorl war das Entree zu
jedem Platze, auf dem sie geglnzt haben wrde, versagt; Eberhardine von
Reckenburg geziemte eine Empore, auf welcher sie den Hchsten der Erde ihre
Huldigung darbieten durfte.
    Wir standen im fnfzehnten Jahre. Wir waren gebildet, die eine ihrem Stande
gem, die andere weit ber denselben hinaus; wir parlierten franzsisch und
tanzten Gavotte, wir hatten unseren eigenen Hofmeister gehabt und wuten unseren
Katechismus ohne Fehl; wir waren reif, um unter die Zahl der erwachsenen
Menschen und Christen aufgenommen zu werden. Und so knieten wir denn auch am
Palmsonntag 1790 nebeneinander vor dem Altar, zur Erneuerung unseres
Taufgelbdes und zum ersten Genusse des heiligen Kelchs.
    Erste Abendmahlsgenossen! Ein Bekenntnis fr zwei aus einem Munde; die
priesterliche Hand gleichzeitig segnend auf beider Haupt: ein gemeinsamer
Wahrspruch fr beider Leben: das gibt, das gab zu meiner Zeit mindestens ein
Band. Und gewi, ich fhlte dieses Band fest und stark wie eine Pflicht. Die
warmherzige Dorothee aber, die htte in jenen Tagen freudig ihr Leben fr mich
hingegeben.
    Und wenn das ganze Leben auch nicht, so doch ein gutes Stck Fllung in
einem Mdchenleben brannte das liebe Nrrchen mir bei dieser feierlichen
Gelegenheit als Opfer darzubringen. Sie hatte von ihrer Patin einen schweren,
schwarzen Stoff als Abendmahlskleid verehrt erhalten, whrend fr mich nur das
zurecht gestutzt worden war, das schon der Mama bei ihrer Einsegnung gedient.
Ich im abgetragenen, angestickten Habit, sie nagelneu von Kopf zu Fu; die
Kleine verging fast vor Scham bei dieser Vorstellung und ruhte nicht, bis sie
einen Ausgleich erklgelt hatte. Schenken durfte sie mir das wertvolle Angebinde
nicht, denn wie htte solch ein hohes Glck sich fr sie geschickt! Aber sie
wollte ihr altes schwarzes Sergekleid anlegen, um mir ranggem zur Seite zu
stehen. Sie wollte es durchaus, kehrte wieder und immer wieder mit ihrer
demtigen Bitte zurck. Selbstverstndlich vergebens. Ich trug eine
Perlenschnur, welche die Mutter als eigenes Patengeschenk auf mich vererbte.
Aber es htte dieses Kleinods nicht bedurft. Eberhardine von Reckenburg wrde
sich nicht beschmt gefhlt haben, auch wenn sie selber in Zindel und Dorothee
Mllerin in Brokat einhergeschritten wre.
    Der rauschende Gros de Tours strte brigens, zu meiner gerechten
Entrstung, die andchtige Sammlung meiner Abendmahlsschwester; sie strich mit
der Hand darber hin und schmunzelte bei dem scharfen, knisternden Gerusch, sie
stie mich whrend des Liedes an und blinzelte zu mir hinauf, um mir die Blicke
bemerklich zu machen, welche die Versammlung auf sie richtete. Die liebe
Unschuld dachte ihr stolzes Gewand fr das Aufsehen, das ihre Schnheit erregte,
verantwortlich machen zu mssen. Ich selber hingegen war, jene Entrstung
abgerechnet, mit ungestrter Ernsthaftigkeit bei der wichtigen Feier, und der
Bibelvers, der uns als Geleitspruch frs Leben erteilt ward, hat der Jungfer
Grundtext tiefste Gedanken nachhaltig angeregt. Denn es war einer von denen, die
gar leichtverstndlich klingen und doch selten von uns Weltkindern richtig
verstanden werden: Welche der Geist Gottes treibt, die werden Gottes Kinder
heien.
    Ja, welches war denn nun aber der Geist, der uns in das Vaterreich treiben
soll? War es der, welcher ber den Wassern schwebt, der Geist des Schaffens und
Frderns, des Umbildens der natrlichen Krfte, der den versunkenen Garten Eden
auf Erden wiederherzustellen strebt? Oder war es der, welcher auf den
Gesetztafeln verzeichnet steht, der Geist der Ehrfurcht, des Rechtes und der
Treue? Von beiden diesen Geistern wrde ich mich willig aus dem Diesseit in das
Jenseit haben treiben lassen.
    Allein man hatte mich auch noch von einem dritten Geiste gelehrt, von einem,
der jenen beiden ersten oft schnurstracks zuwiderzutreiben schien. Von dem
Geiste, der die Sorge fr den anderen Tag verdammt, der dem ehebrecherischen
Weibe vergibt und dem Beleidiger die Wange reicht. Der Geist stimmte nicht zu
meinem natrlichen Willen, und das siebenfache Selig, das der Erlser ber die
erneute Menschheit ausgesprochen hat, es war meinem Herzen ein leerer Schall.
Sollte, konnte dieser unverstndliche Geist der Geist der Kindschaft sein?
    In derlei Grbeleien ber den geheimnisvollen Wahrspruch ging ich nach dem
Frhgottesdienst am Ostermorgen in unserem Garten auf und nieder. Ich achtete
nicht des goldenen Sonnenlichtes, nicht der erwachenden Vogelstimmen und
schwellenden Frhlingsblten: ich fhlte nicht die Auferstehungslust um mich
her. Da hrte ich hinter mir Dorothees leichten Schritt; ich wendete mich rasch
und fragte mit Ernst, welche Deutung sie unserem Einsegnungsspruche gegeben
habe.
    Sie schlug die groen Augen verwundert zu mir auf und dann dunkelerrtend zu
Boden. Sie hatte den Spruch berhrt oder vergessen und nicht ein einziges Mal
auf ihrem Konfirmationszeugnis nachgelesen. Ich schluckte meinen Unwillen
hinunter, zitierte den Spruch und fragte dann: Was nennst du, von Gottes Geist
getrieben sein, Dorothee?
    Da sann sie denn einen einzigen Augenblick nach, erbleichte dann ebenso jh,
wie sie vorhin errtet war, hob sich auf die Zehenspitzen und flsterte mir ins
Ohr: Gut sein, gut sein, Hardine!
    Im nchsten Moment aber sprang sie laut jubelnd nach einem Beet, auf welchem
sie die ersten Veilchen entdeckt hatte, pflckte sie, flocht ein paar grne
Sprossen dazwischen und befestigte das Struchen an meinem Busentuch. Dann
schlpfte sie vogelleicht durch eine Lcke des Zauns, der unsere Grten trennte,
warf mir noch lchelnd eine Kuhand zu und flog nach dem Haus.
    Gut sein! hatte sie gesagt und eine innerste Stimme mir zugerufen, da die
Kindeseinfalt das Richtige getroffen habe. In Wahrheit aber war mir das alte
Rtsel nur durch ein neues Rtsel gelst. Hie gut sein: handeln nach Gesetz und
Sitte, wie ich es verstand? Oder hie es: empfinden in jenem seligsprechenden
Sinne, den ich nicht verstand?
    Ich brachte mich endlich mit Gewalt ber den zweifelhaften Spruch zur Ruhe,
und es war dies das erste Mal, da ich eine Entsagung gebt habe, die ich mir im
spteren Leben zum Gesetz stellte. Ich handelte nach meinem natrlichen Willen,
mit welchem meine Erziehung, treu dem Wahrspruch unseres Hauses, in Einklang
stand, und ich zweifelte nicht, da es gut war, wenn ich in Recht und Ehren
handelte.
    Spt erst, in dem Alter, wo andere graue Haare tragen, ist jener zweite
Wahlspruch fr das Leben in meiner Seele wieder aufgeklungen und durch eine
unscheinbare Fgung der Schall des Rtsels mir zu einem Sinn geworden. Wohl bin
ich heute noch keine von denen, die der Heiland schon hienieden selig preist.
Wenn wir aber eines Tages jenseit anfangen sollten, da, wo wir diesseit
aufgehrt, so getrste ich mich der Hoffnung, dem Vaterreiche um eine Wegstunde
nher gerckt zu sein.

                                Zweites Kapitel



                                  Mosj Per-s

Unser Verhltnis nderte sich natrlich, seitdem wir nicht mehr Kinder hieen.
Dorothee trat in das vterliche Schenkgeschft, ich wurde als erwachsene Dame
bei den Honoratioren von Stadt und Umgegend eingefhrt, empfing deren
Gegenvisite, besuchte dann und wann eine Kaffeegesellschaft und regelmig die
Donnerstagsfeste im herzoglichen Pavillon. Einen zusagenden Umgang unter
gleichalterigen Standesgenossinnen fand ich nicht, vermite ihn aber auch nicht.
    Dorothee betrat des Reckenburgsche Familienzimmer nur noch, wenn sie sich
eine Bitte oder einen Vorwand ausgeklgelt hatte; die Duzkameradschaft hrte
auf, - will sagen fr die Dorl. Ich blieb bei dem Du und der Dorothee; sie
nannte mich Sie und Frulein, wie alle anderen ihresgleichen, nur da ihr das
gndige gndig erlassen ward. Sie herzte und streichelte mich auch nicht mehr
wie sonst, sondern machte ihren Knicks, und lief das Herzchen ihr ber, dann
kte sie meine Hand.
    Vllig strten die neuen Formen den alten Umgang indessen nicht, und ganz
und gar nicht das Verhltnis der Rose zu ihrem Blatt. Es verging kein Tag, da
die Kleine nicht einmal durch die Heckenlcke geschlpft oder in meinem
Dachstbchen eingekehrt wre. Ich blieb ihre Vertraute bei jeglicher Freude,
ihre Raterin in jeglicher Not; ja ich sah die letztere schrfer und fhlte sie
bnglicher als die Kleine selbst.
    Ihr Vater hatte das nhrende Handwerk an den Nagel gehngt und war auf dem
herkmmlichen Schenkenwege hart beim Trunkenbold angelangt. Es stand bel um den
Mann; die Pachtung der herzoglichen Keller wurde ihm nach abgelaufenem Termine
voraussichtlich entzogen; seine Zukunft war der Spittel.
    Diese Verirrungen waren es indessen nicht, welche die sorglose Dorl
berschaut oder gewrdigt haben sollte. Ihr tglicher Verdru war das
Schenkentreiben, fr welches der Vater ihre Aushilfe forderte. Die schne
Kellnerin lachte die Gste an, und die Gste wurden nicht gewhlt. Da gab es
denn Scherz- und Nachreden, die dem natrlich feinen Sinn des Kindes und dem
Tone, an den es sich in Reckenburgs Familienzimmer gewhnt hatte, unleidlich
widerstanden.
    Mein Vater sah seinen Liebling in drohender Gefahr. Das Kind ist zu schn
fr eine Schenkjungfer, hrte ich ihn eines Tages in der vertraulichen Rats-und
Schlafkammer der Mutter klagen. Viel zu schn und zu apart fr ihren Stand. Sie
wei nicht mehr, wo aus noch ein. Adelheid, Adelheid, die kleine Dorl geht uns
zugrunde.
    Du rechnest ohne den Faber, Eberhard, entgegnete die Mutter mit bewuter
Unfehlbarkeit. Allerdings mten wir uns anklagen, das Mdchen seinem
natrlichen Terrain entrckt zu haben, htten wir nicht seit Jahren diesen
Abschlu vorausgesetzt. Der Mensch strebt hoch und das Gelingen steht ihm an der
Stirn geschrieben; er goutiert Dorothees feinere Lebensart, kennt ihre miliche
Lage so gut wie wir selbst und wird, verla dich darauf, Eberhard, nun, da der
Tod seines Vaters ihn unabhngig gemacht, mit der Hochzeit nicht lange zgern.
    Gott gebs, Gott gebs! versetzte der Vater, indem er sich freudig die Hnde
rieb.
    Mir aber stockte whrend dieser Rede der Atem, und jetzt beim Schlusse war
mir, als ob ich gegen das hoffnungsvolle Gott gebs laut protestieren msse.
Warum eigentlich? Ich wute, da wir mit dem Einsegnungstage heiratsfhig
geworden waren, und die fnfzehnjhrige Dorothee wre nicht das erste Kind
gewesen, das ich warm vom ersten Abendmahlstische zum Traualtare htte schreiten
und glcklich werden sehen. Warum summte es denn vor meinen Ohren gleich
Unkenruf: Gott verhts!
    Wie sie so einer nach dem anderen in die Reihe meiner Bekenntnisse treten,
die wenigen Menschen, mit welchen ich im Leben wirklich gelebt! Der Faber, der
Siegmund Faber! Wenn spter so oft der Name dieses Mannes mit Dank und
Bewunderung vor mir genannt worden ist, neulich noch, meine Freunde, als Ihr
mich fragtet, ob ich mich seiner als eines Heimatsgenossen erinnere? Da ahntet
Ihr nicht, keiner hat es jemals geahnt, da dieser Mann mein frhester
Bekannter, mein Wandnachbar, der erste Mensch und fast der einzige gewesen ist,
der mir zu denken gegeben hat, und da zwischen diesem Mann und mich sich ein
Verhngnis gedrngt hatte, ein Geheimnis, das ich lange Jahre ein Verbrechen
nannte.
    Siegmund Faber war das einzige Kind unseres Hauswirts, des Barbiers, und
mtterlicherseits von seiner ersten Stunde ab verwaist. Da er ungefhr sechs
Jahre mehr zhlte als ich, htte er zur Zeit meiner frhesten Erinnerungen noch
auf der Schulbank sitzen mssen.
    Aber Siegmund Faber hatte lngst etwas Klgeres erwhlt, als auf der
Schulbank hin und her zu rutschen. Sobald er sich rasch und sicher die Elemente
angeeignet, htete er sich, den Kursus alljhrlich mit einer Schar von Neulingen
von vorn anzufangen, und der einsichtige alte Rektor war weit entfernt, ihn
darob zu schelten. Der Faber geht seinen eigenen Weg, sagte er, der Faber ist
ein Mensch fr sich. Vater Faber aber, der die Kunst des Schersacks fr die
angenehmste der Welt und es fr zuverlssiger hielt, seine Sparpfennige in Feld-
und Wiesenparzellen statt in Humaniora fr seinen Sprling anzulegen, Vater
Faber hatte sich die Argumente des weisen Schulregenten zunutze gemacht. Wurde
er, wie oftmals geschah, angegangen, den aufflligen Knaben einer hheren
Lehranstalt zu bergeben, so lautete seine Antwort unvernderlich: Mein Munde
geht seinen eigenen Weg, mein Munde ist ein Mensch fr sich.
    Der Mensch fr sich wurde demnach unter der Faberschen Kundschaft die gang
und gbe Bezeichnung des kleinen Schersackserben. Papa Reckenburg aber, der so
leicht keinen, den er gern hatte - einzig und allein seine Hausehre
ausgenommen -, ohne einen harmlosen Spitznamen entwischen lie, konnte sich
nicht versagen, den Menschen fr sich ein wenig fremdlndisch umzumodeln.
Mosj Per-s hie der Haussohn innerhalb der alten Baderei.
    Und hier wie dort mit Fug und Recht. Siegmund Faber war ein Original; das
heit, er war einer von jenen Seltenen, der unbeirrt seiner Eigenart eine Strae
durch den Haufen bricht. Denn fr eine herrschende Leidenschaft rstete ihn die
Natur mit dem herrschenden Willen, und nach dem inneren Gehalte modelte sich
kennzeichnend die Form.
    Denkt Euch ein Mnnchen, kaum Soldatenma, wie der Rittmeister von
Reckenburg versichert. Gleichwohl, kurios! blickt Ihr zu ihm empor. Ihm gehts
wie seinem Haus: es wchst erst ber der Schulterhhe. In seinem Nacken mssen
wohl etliche Wirbel mehr, als die Regel ist, zu zhlen sein, Drehwirbel, welche
die sprende Beweglichkeit nach allen Seiten vermitteln. Noch lnger als der
Hals ragt der Kopf, nach hinten steif abfallend, die Stirn gewaltig und edel
geformt. Unter dieser hohen, breiten Stirn streckt sich eine lange, breite Nase,
die Hhlen weit geffnet, die Flgel zitternd, und unter dieser richtigen Spr-
und Schnffelnase dehnt sich der breite, dnne Mund, festgeschlossen wie ein
Gedankenstrich. An den Seiten aber ragen zwei ungeheure Ohren, die sich -
schttelt immerhin die Kpfe! - in fortwhrender Spannung wie die eines Hasen
hin und her bewegen.
    Es ist kein Adonis, den ich Euch zeichne, gelt? Nun aber blickt in seine
Augen. Eine bestimmbare Couleur werdet Ihr nicht unterscheiden, so tief liegen
sie hinter den vorspringenden Stirnknochen eingesenkt, und mit so rastlosem
Flimmer schweifen sie von einer Richtung nach der anderen. Haben sie aber den
gewitterten Gegenstand aufgesprt, dann bohren sie sich ihm hartnckig bannend
bis in das Mark. Ihr wrdet ihrer Forschung nicht entschlpfen und Euch ihrem
Gehei nicht widersetzen drfen.
    Kurz und gut: patent ein Doktorenschdel und eine Doktorenphysiognomie!
Denkt sie Euch nun von der gleichmigen Rte eines gesunden Blutes und
unlschbaren Eifers durchdrungen; denkt Euch die Glieder klein und fein wie
Damenglieder, aber von einer ehernen Muskulatur; die Hnde durch instinktives
Greifen, Dehnen, Spannen zu einem Federwerk ausgebildet; denkt Euch den Mann
jederzeit wie aus dem Ei geschlt, kein Fltchen in dem blendenden Jabot, kein
Stubchen in dem unvernderlich hechtgrauen Habit, kein Hrchen sich strubend
aus dem mageren, schwarzgebnderten Zopf, keine Bartstoppelchen am Kinn - ob
versagt von der mtterlichen Natur oder getilgt durch die vterliche Kunst, wage
ich nicht zu unterscheiden -, und ihr habt einen ungefhren Abri unseres
Menschen fr sich.
    Er schien niemals in Eile und war immer in Bewegung. Kaum jemals habe ich
ihn sitzen sehen, und fnf Stunden nchtlicher Rast gengten ihm schon in der
schlafbedrftigen Knabenzeit. Noch nach Mitternacht bemerkte ich den Reflex
seiner Lampe auf den blanken Becken zwischen unserem Fensterstock, und bei
Tagesgrauen hrte ich ihn schon wieder mit leisen Katzentritten die Treppe
hinunterschleichen und das Haus verlassen. Da er Nahrung zu sich nahm, mu wohl
vorausgesetzt werden, gesehen habe ich es niemals. Vielleicht im Gehen aus der
Tasche oder stehenden Fues beim Nachbar Kellermeister, der auch seinen Vater
bekstigte. Keinesfalls regelmig, und dessen knnt Ihr versichert sein, da
dieser Mensch fr sich nicht einmal in seinem Leben mit Behagen ein Mahl
gehalten oder einen Schoppen geleert haben wird. Er rauchte nicht, er schnupfte
nicht wie seinesgleichen von der Ekel berwindenden Zunft; er kannte kein Spiel,
keinen Tanz, kein Steckenpferd, keine jugendliche Plauderei; er hatte keinen
Freund. Seine Rede war rasch, kurz, ein wenig durch die Fistel; mit mglichster
Sparnis der Pronomina, hinter jedem Satze ein Punktum. Preuisch nannten wir
diesen unliebsamen Duktus, wiewohl Mosj Per-s bis dahin ihn schwerlich aus
eines Preuen Munde vernommen hatte. Er kam der Gegenrede zuvor und schnitt den
Widerspruch barsch ab. Dennoch reizte er nicht, verletzte nicht. Sein
Selbstbewutsein imponierte, weil er nur ber Gegenstnde sprach, die er
bemeistert hatte. Selber der Freifrau von Reckenburg kam es nicht bei, ihn Er
wie seinen Vater und anders als Herr zu nennen, wenngleich er selber mit
Titulaturen geizig und merklich beflissen war, durch keinerlei Zuvorkommenheit
an die Manieren des Scherbeckens zu erinnern.
    Ich habe den erwachsenen Per-s geschildert. Aber so, wie ich ihn
geschildert, zeigte sich schon der kleine Bube, als er mit Vater Faber auf
Praxis ging, dessen Instrumententasche trug oder beim Schrpfen und Aderlassen
ihm das Becken hielt. Nebenbei aber operierte er damals schon selbstndig. Er
konnte keine Warze sehen, er drehte sie ab, keine Balggeschwulst, er drckte sie
ein. Die Krhenaugen verschwanden schmerzlos unter seinen Messerchen. Hatte
einer eine Blutung, auf den ersten Blick erkannte er die Stelle, wo die Ader
ldiert war, und die kleinen Finger preten sich so eisern auf die Wunde, bis
dieselbe sich wieder schlo. Er zog seinen Schulkameraden die kranken Zhne aus
und erkaufte mit seinen Sparpfennigen manchen, der noch heil war, zu gleicher
bildenden Operation. Bald hatte er den Vater in allen hheren Zweigen seiner
Kunst berholt. Ein jeder wollte lind und behende von Faber junior bedient sein,
und Faber senior berlie ihm denn auch willig Lanzette und Zange, sich selber
mit dem Schermesser und der Aufsicht ber seine Wiesen und cker begngend.
    In der freien Zeit, welche dem unermdlichen Knaben neben Bchern und Praxis
noch hinreichend blieb, sa er im Laboratorium des Apothekers, machte Studien im
Schlachthause oder in dem des Abdeckers, der nebenbei, wie viele seines
Zeichens, fr einen Geheimknstler galt. Bei keiner Leichenschau, keiner
Obduktion fehlte Siegmund Faber. Als er aber endlich auch dem Namen nach der
Schulbank entlassen war, da blieb er hufig tage-, ja wochenlang aus dem Hause
verschwunden, und htte Vater Faber nach den Wegen eines Menschen, der seinen
eigenen geht, geforscht, in den klinischen Instituten und anatomischen
Kabinetten unserer beiden Nachbaruniversitten, ja selber in denen des ferneren
Jena wrde er ihn aufgefunden haben. Professoren und Sektoren, von dem seltsamen
Eifer des jungen Autodidakten angezogen, nahmen ihn willig in ihr Gefolge auf
und gaben mancherlei Anleitung, die zu weiteren Forschungen fhrte. Im
Gymnasiastenalter war Siegmund Faber bereits eine bekannte Persnlichkeit und
hatte eine Art von Ruf meilenweit in der Runde.
    Es wurde daher kein Bedenken getragen, ihn als Gehilfen unseres
Regimentsfeldschers eintreten zu lassen. Man fragte jener Zeit im rztlichen
Militrdienst wenig, was einer wute oder nicht wute, sondern begngte sich mit
dem, was er konnte, oder auch ebenfalls nicht konnte. Da aber Siegmund Faber
ohne Zweifel etwas konnte, so galt es fr ausgemacht, da ihm der Posten des
alten Feldschers zugesprochen werden wrde, als dieser endlich zu der
berzeugung gelangt war, da er, wenn er berhaupt jemals etwas gekonnt, zurzeit
jedenfalls nichts mehr konnte. Whrend dieses Interims starb Vater Faber; sein
Sohn war volljhrig, das heit einundzwanzig Jahr, ein vermgender, unabhngiger
Mann. Und das war der Zeitpunkt, in welchem meine Eltern die Rettung der kleinen
Dorl von ihm erwarteten.
    Denn in solchen Widersprchen - oder Ausgleichungen? - gefllt sich die
Natur: dieser Mensch, der keinen Sinn zu haben schien, als fr die leiblichen
Abirrungen der Kreatur, kein Bedrfnis, als deren Herstellung, keine
Leidenschaft, als den Ehrgeiz des Meisterwerdens in seiner Kunst, derselbe
Mensch fhlte sich, als ob seine Organe der Erholung bedrften, mit einem ebenso
frhen ausschlielichen Verlangen einem Wesen zugetrieben, dem heilsten und
schnsten, das sich in seinem Gesichtskreise ersphen lie. Dieses Wesen war
seine kleine Nachbarin Dorothee.
    Schon als Wiegenkind soll er sie mit Entzcken betrachtet, er, der Ruhelose,
oft stundenlang in ihrem Anblick verweilt haben; spterhin wurde sie nicht seine
Gespielin, aber das einzige Spielwerk, das er jemals gehegt. Er brachte ihr
Nschereien, Blumen, allerlei Putz und Tand; er nannte sie sein Drtchen, sein
Kind, seine Braut, sprach von ihr als von seiner einstigen Frau mit derselben
Zuversicht wie von dem groen Doktor, zu dem er es bringen werde. Und seltsam!
Keiner lachte ber den kleinen ernsthaften Mann.
    Wieder spter sahen wir ihn sich zu einem Schutzherrn ber die reifende
Jungfrau erheben. Er htete sie mit einer Art von Eigentumsrecht: wie ein Blitz
rachschtigen Grimms zuckte es in seinen forschenden Augen bei jedem
Beifallszeichen eines Fremden, die Fuste ballten sich bei einer unziemlichen
Neckerei ber die hbsche Kellnerin; gewi, er htte den Beleidiger morden
knnen, der ihm seine Blume entweihte. Da dieser Mensch eine Seele habe neben
dem stolzen, spekulativen Geist, eine zrtliche, bedrftige Seele, das
offenbarte sich ausschlielich in seinem Verhalten gegen das Kind, von welchem
er, wie von seiner Kunst, aus eigener Machtvollkommenheit Besitz ergriffen
hatte.
    Mit Genugtuung sah demnach Mosj Per-s sein kleines Anwesen (zwischen den
Gnsefchen allemal Papa Reckenburgscher Humor!) unserem Familienkreise
eingereiht. Hier war sie geborgen, hier schulte sie sich fr eine
gesellschaftliche Stellung, die er a priori fr sich selbst in Anspruch nahm.
Er, der so selten lchelte, strahlte vor Entzcken, wenn er an den geschilderten
Tanzabenden den zierlichen Schmetterling auf und nieder schweben sah, oder das
silberne Stimmchen fix und fertig in einer Mundart plappern hrte, die er selber
nicht verstand.
    Das Verlangen nach seinem Augentrost fhrte ihn daher auch fter, als es
wohl sonst geschehen sein wrde, in das Reckenburgsche Familienzimmer, und wurde
er auf diese Weise Drtchens Kameradin eine Art von Kamerad.
    Sie begreifen das, Frulein Hardine, pflegte er zu sagen, wenn er mich -
und mich allein - zur Vertrauten neuer Wahrnehmungen und Folgerungen in seiner
jugendlichen Praxis oder des Zweckes und Zieles seiner Ausflge machte. Die
Gedanken der Jungfer Grundtext wurden durch diese Aphorismen in Bahnen gelenkt,
welche der ehrliche Christlieb Taube nicht zu erffnen verstand. Und so war es
der Sohn und Gehilfe eines Barbiers, der mir in meinem gefhrlichen Alter die
Langeweile der Intelligenz verscheuchte, dem jugendlichen Verlangen Salz und
Wrze bot. Nicht ihm zu gefallen, aber ihn zu verstehen, strengte ich mich an.
Mosj Per-s war der Mensch, der mich im fnfzehnten Jahre mehr als ein spterer
im Leben, wie man es nennt, interessiert hat.
    Die leiseste Andeutung seines Berufs stockte hingegen, sobald sein Drtchen
in unsere Nhe trat, und zwar nicht darum, weil er sie vielleicht einmal bei der
bloen Erwhnung von Blut und Wunden hatte erbleichen oder sich die Ohren
verstopfen sehen, sondern einfach, weil er seinen Beruf in ihrer Nhe verga,
weil sein Pulsschlag einen anderen Takt annahm, und die Strebenslast von ihm
wich unter dem Behagen einer Herzensweide.
    Und Dorothee? werdet Ihr fragen. Ahnte das leichtbltige Kind das Bedeuten
einer solchen Natur, wrdigte sie den besonderen Platz, den sie in derselben
eingenommen hatte? Rief sie mit dem erfahrenen Freunde: Gott gebs! oder mit
der unerfahrenen Freundin: Gott verhts!
    Nun seht und hrt sie selbst in der Stunde, welche ber ihr Leben entschied.
    Es mochte einen oder den anderen Tag nach jenem elterlichen Gesprche sein,
das mich noch immer beschftigte. Es war Anfang Juli und unser junger Wirt wohl
schon eine Woche lang abwesend auf einer seiner wissenschaftlichen Exkursionen.
Er hatte sich seit kurzem beritten gemacht und der sachverstndige Rittmeister
gesagt: Ein Teufelskerl, dieser Mosj Per-s! Hat niemals ein Pferd, auer etwa
auf dem Schindanger, unter dem Leibe gehabt, aber er reitet wie ein Daus!
    Die Eltern dinierten bei einem benachbarten Gutsbesitzer; ich war allein zu
Haus und am Nachmittag im Garten beschftigt, ein Bohnengericht fr den
morgenden Tisch zu pflcken. Eben hatte ich in der Weinlaube auf der Terrasse
das saure Werk der Schnitzelei begonnen, als Drtchen, lachend ber das ganze
Gesicht, durch die Heckenlcke herbeiflackerte.
    Nein, Frulein Hardine, rief sie schon von weitem, nein, gibt es einen
kurioseren Kunden als diesen Mosj Per-s!
    Ist Herr Faber zurck? fragte ich.
    Die Dorl nickte. Eben hat er sein Pferd bei uns eingestellt. Ich stehe mit
dem Vater unter der Tr. Gibt er mir wohl die Hand wie sonst? Behte. Er macht
mir einen Diener, so - sie bckte sich rasch und tief im Hftgelenk, als ob ein
Taschenmesser zusammenklappt - und schickt mich dann ohne Umstnde fort, weil
er mit dem Herrn Vater unter vier Augen zu sprechen habe. Dabei nennt er mich
nicht etwa du und Drtchen wie bisher, sondern ganz feierlich Sie und Jungfrau
Dorothee.
    Ich finde es nur schicklich, Dorothee, versetzte ich weise, wenn ein
junger Mann derlei Vertraulichkeiten aufgibt einem Mdchen gegenber, das sich
jeden Tag verheiraten kann.
    Verheiraten! rief die Dorl seelenvergngt. Ei, mit wem denn wohl,
Frulein Hardine?
    Nun, vielleicht eben mit dem Siegmund Faber.
    Die Kleine blickte enttuscht. Mit dem? schmollte sie, mit dem? Ach warum
nicht gar. Der denkt an Krppel und Leichen, aber nicht an eine Frau.
    Meine Eltern wnschen und hoffen das Gegenteil, Dorothee. Sie nennen diese
Heirat deine Rettung, dein Glck.
    Sie wurde bla, ihre Augen fllten sich mit Trnen. Aber ich frchte mich
vor ihm! lispelte sie bebend.
    Hast du die Auslegung des sechsten Gebots in unseren Abendmahlsstunden
vergessen? fragte ich in der lehrhaften Manier, die mir meiner kleinen Dorl,
und zum Glck nur dieser gegenber, zur anderen Natur geworden war. Ihren Gott
im Himmel und ihren Mann auf Erden soll das Weib frchten, lieben und ihm
vertrauen.
    Dorothee sah mich mit ihren groen, himmelblauen Augen an, wie damals am
Ostermorgen, als sie mir mit einem Worte den Sinn des Apostelspruchs erklrt
hatte. Ihn frchten, sagte sie leise, nicht, sich vor ihm frchten. Frchten
Sie sich vor Gott, Frulein Hardine?
    Aber warum frchtest du dich vor dem Faber? Er ist ein auergewhnlicher
Mensch, anders als alle anderen - -
    Eben darum, unterbrach sie mich lebhaft. Ich will keinen Menschen fr
sich; ich will einen Mann wie alle anderen Leute; einen wie ich selber bin, nur
um vieles klger und besser.
    Das Kind hatte wieder einmal das Rechte getroffen. Damals zwar schttelte
ich den Kopf. Zehn Jahre spter war ich zu der nmlichen Weisheit gelangt.
Menschen fr sich geben nicht Menschen zu zweien. Ehe und Haus vertragen keine
Originale.
    Nein, nein, Frulein Hardine, wiederholte Dorothee. Er denkt nicht an
mich, und Gott sei gedankt dafr, denn mir graut vor ihm.
    Die Sache war damit abgetan und mein heimlicher Protest gegen den
elterlichen Plan erklrt. Dorothee liebte ihn nicht, und Siegmund Faber war zu
gut fr eine Frau, die ihn nicht lieben konnte.
    Ich lud meine kleine Nachbarin ein, den Nachmittag bei mir zuzubringen; wir
setzten uns in die Laube, und bald fielen unter den runden Fingerchen die
Bohnenschnitzel flink und zierlich in die Schssel auf ihrem Scho. Sie
plauderte und lachte ber meine ungeschickten Hnenpflocken; der drohende
Bewerber war vergessen.
    Eine Stunde mochte so vergangen sein, als ein hastiger Schritt auf der
Terrassentreppe uns den ungewohntesten Gartenbesucher verkndete. Im nchsten
Moment stand Siegmund Faber uns gegenber; er trug seinen Sonntagsstaat und
verbeugte sich rasch und tief, so wie die Kleine ihm vorhin nachgefft hatte.
Das lustige Lachen erstarb auf ihren Lippen, sie wurde rot bis unter das
Busentuch, blickte in die Schssel und schnitzelte mit Fieberhast.
    Um so gespannter sah ich zu dem jungen Manne hinber. Die gewaltigste
Aufregung war auf der sonst so ruhigen Stirn zu lesen, die rote Farbe von seinem
Gesicht gewichen, das Herz hmmerte sichtbar unter dem silbergestickten Gilet
und die Hnde krampften sich zusammen, um ein Zittern zu verbergen. So mochte er
ausschauen, wenn er zu einer Operation auf Leben und Tod den Entschlu gefat
hatte.
    Doch zgerte er nicht, seinen Besuch zu erklren. Die Unterredung, um
welche ich bitte, geschieht im Einverstndnis mit Ihrem Vater, Jungfrau
Dorothee, stie er hervor.
    Der Hauswirt war Herr in seinem Revier, und Vater Kellermeister hatte das
Recht, ein Tete-a-tete mit meiner Besucherin zu bewilligen; wie flehentlich
dieselbe mich daher anblicken mochte, ich erhob mich, um die Laube zu verlassen.
Faber aber trat mir in den Weg, fate nach meiner Hand und sprach: Sie
verpflichten mich, wenn Sie bleiben, Frulein Hardine.
    So nahm ich denn meinen Platz wieder ein und deutete fr Faber auf eine Bank
uns gegenber. Er setzte sich nicht, hob aber nach einem tiefen Atemzuge, zu mir
gewendet, unverweilt seine Rede an:
    Sie kennen das Ziel, das ich mir gesetzt habe, Frulein Hardine. Die Jahre
herkmmlichen Studiums sind versumt. Ich mu es auf praktischem Wege zu
erreichen suchen. Und ich werde es erreichen. Aber nicht in meiner
kleinbrgerlichen Heimat, auch nicht im Friedensstande unseres schsischen
Vaterlandes. Ich erfreue mich gtiger Empfehlungen. Meine Vorkehrungen sind
getroffen. Ich gehe nach Preuen. In wenigen Wochen vielleicht stehe ich auf
einem Felde, wo Wunden geschlagen werden und Wunden geheilt werden mssen.
    Ihr wit, wir schrieben Anno 90, und in Preuen herrschte seit
siebenundzwanzig Jahren so gut wie Frieden. Allerdings hatte ich meinen Vater
mit seinen Kameraden von einer Verhedderung zwischen dem Kaiser und dem Knig
in Sachen des Grotrken diskurieren hren; keiner aber wurde aus diesem
Wirrwarr klug, und keiner dachte an Ernst in einem weitab gelegenen Gebiet, wo
man fr den Preuen nichts Verdauliches zu schlucken sah. Siegmund Faber konnte
daher wohl die verwunderte Miene bemerken, mit welcher ich seine Witterung von
Blut und Leichen beantwortete.
    Knig Friedrich Wilhelm, so fuhr er ohne Aufenthalt fort, ist zu der
Armee nach Schlesien abgegangen. Dort treffe ich auch das Regiment Weimar, an
dessen durchlauchtigen Chef ich von Jena aus rekommandiert bin. Wetter, welche
sich trmen, wie die in Ost und West, klren sich nicht. Verzge sichs heuer, um
so gnstiger fr mich. Ich htte in bedeutender Umgebung ein Jahr der
Vorbereitung gewonnen. bermorgen bin ich auf dem Wege nach Berlin.
    Der Redner machte eine Pause und ich hrte ein frhliches Aufatmen an meiner
Seite. Dorothee hatte das Messer fallen lassen und blinzelte schelmisch zu mir
in die Hh. Es war ja alles ganz anders gekommen, als ich prophezeit. Mosj
Per-s ging in den Krieg, um ein tchtiger Doktor zu werden; er dachte nicht an
sein Drtchen und an einen huslichen Herd.
    Aber Mosj Per-s hatte nur wieder einmal schwer Atem geschpft; er war noch
lange nicht zu Ende. Eine Blutwoge drang ihm zu Kopf, um ebenso jach wieder zu
sinken; er setzte sich, denn seine Knie zitterten. Was mochte diese gefate
Natur so bnglich bewegen?
    Er wendete sich jetzt zu meiner Nachbarin, und seine Stimme vibrierte so
seelenvoll, da ich sie kaum fr die seinige halten konnte. Ich wei nicht,
Jungfrau Dorothee, ob auch Sie das Streben gekannt haben, das mich, neben jenem
ersten, seit Jahren erfllt hat. Sie lchelten wie ber ein Scherzwort, wenn ich
Sie die Meine nannte. Aber es war keine Knabenlaune, Dorothee. Es ist mir heute
nicht heiligerer Ernst, als in jener frheren Stunde, seit ich mich auf mein
Selbst zu besinnen wei. Sie sind noch sehr jung, Dorothee, und ich htte das
bindende Wort verzgern mgen. Aber mich drngt die Zeit, deren Sie bedrfen.
Ich habe das Ja Ihres Vaters; wollen Sie das Ihre gewhren, wollen Sie die Meine
werden, Dorothee?
    Bei allem Vertrauen zu dem Manne war mir nach der kriegerischen Vorrede
diese pltzliche Werbung doch ein bichen zu bunt. Heiraten, ein halbes Kind
heiraten, wenn einer im Begriff steht, ein Schlachtfeld oder als dessen
Vorstudium ein chirurgisches Institut zu betreten! Ich fing an der gesunden
Vernunft eines Menschen fr sich zu verzweifeln an und rstete mich, als quasi
Patronin meiner kleinen Dorl, die sich zitternd wie Maienlaub an mich klammerte,
zu einer herzhaften Abfertigung.
    Der wunderliche Heiratskandidat schnitt indessen, noch ehe ich zu Worte kam,
meinen Protest mit einem hastigen Nachtrage ab. Es liegt auf der Hand, fuhr er
fort, da ich die Erfllung meiner Wnsche nicht heute oder morgen erwarten
darf. Es knnen, ja es mssen Jahre vergehen, Jahre harten Ringens, vielleicht
ein Jahrzehnt. Haben Sie das Herz, Dorothee, diese Jahre zu harren in Treuen und
Ehren als meine anverlobte Braut? Sind Sie meiner, sind Sie Ihrer selber gewi
zu solchem Verspruch? Niemals sehen Sie mich wieder, sollte ich dem Lauf nach
dem Ziele unterliegen. Aber ich werde nicht unterliegen. Und wenn ich, frh oder
spt, zurckkehre, vor meinem Gewissen und der Welt als ein fertiger Mann,
wollen Sie dann die Meine werden? Ich habe bis heute nach keinem Menschen
begehrt als nach Ihnen allein, wollen Sie, da ich auch fernerhin Ihrer
begehren, da ich auch in Zukunft Sie lieben darf, Dorothee?
    Des Mannes Wallung hatte mich ergriffen. Das Wagnis seines Anerbietens
entsprach recht grndlich meinem fnfzehnjhrigen Puls. Mit Triumph wrde ich -
natrlich vorausgesetzt, da ich Dorothee Mllerin und nicht Hardine von
Reckenburg geheien htte - mit Triumph wrde ich in Siegmund Fabers Hand
eingeschlagen und gesagt haben: Brich dir einen Weg, suche dein Ziel. Ein Mann
wie du ist es wert, da ein Weib seiner harrt, jahrelang, jahrzehntelang, wie
Gott es fgt!
    Aber die wirkliche Dorothee, die keine Mutter hatte und keinen Vaterschutz,
die von Verfhrung und Gemeinheit umgeben war, die so ratlos und hilfeflehend zu
mir in die Hhe blickte, unfhig, nein zu sagen, und noch unfhiger, ja: aber
meine schne, frohlebige, arme, kleine Dorl?
    Noch einmal wollte ich in ihrem Namen das Wort ergreifen, und noch einmal
schnitt Siegmund Faber mir es ab. Ich wei, da ich Ungewhnliches verlange,
fuhr er in viel sicherer Stimmung fort als zuvor, und ich fhle, was Sie mir
entgegenhalten wollen, Frulein Hardine. Aber trauen Sie mir nicht zu, da ich
die Jungfrau, die ich liebe, in ihrer haltlosen Lage zurcklasse, da ich meine
Braut vom Schenktische zum Altar zu fhren gewillt sein kann. Ich gehe den Weg
des Mannes, den Weg der Tat. Mir wird es ein leichtes sein, der Geliebten das
Gefhl dieser Stunde treu bis zum Ziele zu bewahren. Sie aber, Dorothee, soll
ich das Opfer ihres Jugendrechtes annehmen, so mu sie dem Mann ihrer Zukunft
das Recht eines Versorgers auch in der Gegenwart zugestehen. Gern she ich sie
als Schtzling der gebildeten Familie einer greren Stadt eingereiht. Aber ihr
Vater lebt, und die Kindespflicht besteht, solange das Weib nicht dem Manne
folgt. berdies wrde sie in jedem fremden Kreise sich unvermeidlich als
Abhngige fhlen, und ich will, da sie frei und ledig sei, schalte und walte
nach Frauenart. Mge sie denn ihren Vater pflegen, ihm beistehen, soweit er
persnlich ihrer bedarf, ohne in das Getriebe seiner Wirtschaft einzugreifen.
Ich habe seinen Handschlag, da er keine derartige Forderung an meine Braut
stellen wird. Alle Vorkehrungen sind getroffen. Sagen Sie ja, Dorothee, so
treten Sie morgenden Tages durch gerichtliche Schenkung in den Besitz smtlicher
Liegenschaften, die mein Vater mir hinterlassen hat. Sie bleiben bis zur
Volljhrigkeit deren Nutznieerin ohne jegliche Bevormundung, und da sie
krzlich in Pacht gegeben worden sind, ohne irgendwelche Belstigung. Kehre ich
bis dahin nicht zurck, erlangen Sie freies Verfgungsrecht. Es ist kein Opfer,
das ich Ihnen bringe, es ist eine Last, von der Sie mich befreien, mein liebes
Kind. Mir bleibt fr den Beginn mehr als ich bedarf, und bald werde ich sicher
auf eigenen Fen stehen. Sie bersiedeln in mein Vaterhaus, statten es aus nach
ihrer zierlichen Art. Geschftig als Herrin im eigenen Revier, in dem Zimmer, wo
meine Wiege gestanden hat, wo ich so lange in Hoffnung glcklich war, sehe ich
Sie zum voraus als die Meine, sehe ich Sie mit Vertrauen auch fernerhin unter
den Augen der hochverehrten Familie, in der Sie aufgewachsen sind, unter Ihren
Augen, Frulein Hardine, die Sie der Verlobten Siegmund Fabers Rat und Anteil
nicht versagen werden.
    Ich hatte whrend der letzten Erklrung nicht aufgeschaut, weil ich mich des
feuchten Nebels ber meinen Augen schmte. Nun, wo der Sprecher mit einem Aufruf
an meine Freundschaft schlo, blickte ich in ehrlicher Zustimmung zu ihm
hinber, dann aber angstvoll gespannt auf die Kleine, die sich so pltzlich ber
die unerwartetste Lebenswendung entscheiden sollte. Was wrde sie vorbringen,
wie sich herauswinden, sie, die vor kaum einer Stunde erklrt hatte: Mir graut
vor dem Mann! die aufatmete wie erlst, als er von seinem Abschied, vielleicht
auf Nimmerwiedersehen, sprach?
    Und nun? O meiner kleinen, beweglichen Dorl! O des wunderhaften Wechsels in
einem Mdchenherzen! Wie der See, der grau und trbe unter einem Nebelhimmel
gestanden hat, wenn pltzlich ein Sonnenstrahl den Dunstkreis durchbricht, so
klar und himmelblau strahlte das Augenpaar; freudenrot waren die Bckchen
berhaucht. Ein Kind unter dem Lichterbaum! Braut heien und dabei frei sein;
reich sein, schalten und walten im eigenen Haus, sich schmcken und tndeln
drfen - all diese Herzenslust - und nicht ein Fnkchen mehr las ich mit einem
Blick in diesen lchelnden Zgen. In meinem Herzen brannte es wie eine Scham.
    Ob Siegmund Faber diesen jachen Zauber aus tieferen Grnden gedeutet hat?
Ich glaube es nicht. Er kannte sie ja als ein Kind, liebte sie als ein Kind. Er
traute ja eben der frohen Unschuld einer Kinderseele, dem Bande, das die
Dankbarkeit webt, der Treue der Pflicht in einem unentweihten Gemt. Und er
fhlte sich der Mann, das Herz des Weibes zu erobern, sobald er es als Eigentum
in Anspruch nehmen durfte.
    Wie dem auch sei: Siegmund Faber blickte jetzt nicht mehr beklommen, sondern
froh und getrost wie seine kleine Dorl. Er streckte die Hand zu ihr hinber und
fragte lchelnd: Nun, liebe Dorothee?
    Sie legte ihre Rechte in die seine und neigte das Kpfchen zu einem
glckseligen Ja.
    Sagen Sie Amen, Frulein Hardine, als Zeugin und Brgin unseres
Verspruches, rief der junge Brutigam, sich zu mir wendend.
    Ich sagte nicht Amen, aber ich drckte Siegmund Faber die Hand und umarmte -
schweren Herzens, Gott wei! - seine strahlende Braut.
    Auch Siegmund Faber - da es an keiner Verlobungsfrmlichkeit fehle -
hauchte einen Ku auf Dorothees Stirn, so zagend jedoch, als ob er sich frchte,
einen gefhrlichen Sinn in dem Kinde - oder in sich selber? - zu erwecken. Dann
aber, wieder ernst und feierlich wie beim Beginn der seltsamen Szene, streifte
er zwei einfache Goldreifen von seiner Hand, steckte den einen an seinen eigenen
Ringfinger, den anderen an den seiner Braut und sprach:
    Die Trauringe meiner Eltern! Wenn ich eines Tages, diesen Reif am Finger,
Ihnen gegenbertreten werde, Dorothee, dann wissen Sie, ohne Wort, da ich in
Treuen und Ehren mein Ziel erreichte. Und wenn ich den anderen dann an Ihrer
Hand gewahre, dann wei ich, ohne Wort, da ich in Treuen und Ehren mein Weib
zum Altare fhren darf.
    Der Wagen der Eltern fuhr in diesem Augenblick vor. Langsam schritt ich
meinem Hause, rasch und frhlich, Arm in Arm, schritten die beiden anderen dem
des Brautvaters zu.
    Ein kaum brtiger Jngling, ein Feldschergehilfe, der abenteuerlich ins
Blaue zieht und sein Erbteil verschenkt, um sich damit das Herz eines unflggen
Mdchens zu erkaufen; eine Verlobung wie aus der Pistole geschossen; ein zweites
halbflgges Mdchen als Zeugin und Brgin des wunderlichen Bundes aufgerufen: -
meine Freunde, wie ich dieses Bild aus der Erinnerung fast eines halben
Jahrhunderts hervorgekramt habe, da mag es wohl recht tricht, vielleicht
lppisch vor Euren Augen stehen. Ich sage Euch aber: httet Ihr den Siegmund
Faber gekannt, Ihr wrdet meine ernsthafte Bewegung nicht belchelt haben. Und
nicht die unerfahrene Tochter allein, auch die erfahrenen Eltern sahen kein
Kinderspiel in Siegmund Fabers rascher Tat.
    Ein Sonntagskind, unsere kleine Dorl! rief froh gerhrt der Papa. Ein
Sonntagskind, dem das Glck wie im Traume in das Schrzchen fllt. Und ein
Tausendsassa, dieser Mosj Per-s, so sein Vgelchen an einer goldenen Kette
festzulegen!
    Die bedachtsame Mama aber, die wohl schwerlich ohne einen Anflug
mtterlichen Neids die kleine Schenkendirne wohlhbig und frher Braut werden
sah als ihre Hardine, sie erklrte nicht minder: Kein Advokat htte es schlauer
auszutfteln gewut als dieser junge Pfiffikus. Wohl oder bel: das Fideikommi
bis zur Volljhrigkeit, das heit, bis ber die gefahrvolle Jugend hinaus, bannt
den Flatterling, und am Traualtare erhlt der gromtige Verschenker sein
Eigentum zurck.
    Der gerichtliche Akt ward genau nach der Angabe am anderen Tage vollzogen,
und mit dem Morgengrauen des bernchsten war der wunderliche Brutigam hoch zu
Rosse auf und davon. Der letzte Heimatsgru ward nach Frulein Hardines
Dachfenster hinaufgewinkt und von dort aus erwidert.
    Hattest du Herrn Faber schon gestern abend Lebewohl gesagt? fragte ich
Dorothee, als sie bald darauf in meine Kammer trat.
    Ach nein, Frulein Hardine, stammelte sie verlegen, ich wollte es heute
frh, aber - ich habe es verschlafen.
    So war denn selber eine Anstandszhre beim Abschied unserem glcklichen
Brutchen erspart worden.
    Wie flink ging es nun aber noch selbigen Tages an ein Scharwerken und
Rumen! Das Unterste wurde zu oberst gekehrt in dem Zimmer, vor dessen Fenster
noch im Winter Meister Fabers Scherbecken gefunkelt hatten; getncht,
gescheuert, das alte Mobiliar blank auflackiert und frisch bezogen. Bald stand,
schneewei verhllt, ein zierliches Himmelbett auf der Stelle, wo Siegmund Faber
sich auf hartem Strohsack eine kurze Nachtruhe gegnnt hatte. In der Ecke, die
seine ungehobelten Bcherbretter gefllt, prangte ein Schrnkchen mit Puppen und
Tndelwerk aus der Kinderzeit der kleinen Dorl; luftige Gardinen, Blumen, immer
frisch gepflckt, schmckten den Fensterplatz; im grnberankten Kfig schnbelte
sich ein Zeisigpaar. Keine Brgerstochter hatte ein zierlicheres Stbchen
aufzuweisen, und wie kahl und wie drftig erschien nebenan Frulein Hardines
nchterne Mdchenkammer!
    Die kleine Wirtin aber, im kurzen Rckchen und flittergestickten
Hackenschuhen, flatterte frhlich treppauf, treppab. In der einen Tasche
bauschte sich die Tte mit dem Kandis und Zuckerbrot, welche die Nscherin
niemals ausgehen lie; in der anderen klapperte das Beutelchen, aus welchem
jedem Bettelkinde ein Pfennig oder Kreuzer zugeworfen ward. So gings hinber in
die Kellerei, wo zu Nutz und Frommen der Wirtschaft eine handfeste Magd
vorgesetzt worden war; dann durch die Heckenlcke in den Garten; hinauf in die
Brautlaube; ein Husch in die Nachbarschaft; ein Guck in Frulein Hardines
Kammer; ein Knicks und Handku in Reckenburgs Familienzimmer, lchelnd und
tnzelnd und trllernd vom Morgen zur Nacht: die echte, rechte, unermdliche,
kleine Dorl.

                                Drittes Kapitel



                          Die schwarze Reckenburgerin

Ich hatte brigens nur kurze Zeit das glckselige Treiben unserer neuen
Hauswirtin zu beobachten, denn auch mein eigenes Leben sollte in jenen
Sommerwochen einen unvorhergesehenen Wechsel erfahren.
    Ich habe schon zu Anfang der alten Grfin als meines Vaters und meiner
eigenen Patin erwhnt und hinzugefgt, da keines von beiden sich jemals einer
zeitgemen Pflicht- und Gunstbezeigung von seiten ihrer hohen Namensverleiherin
zu erfreuen, sich einer solchen indes auch nicht von ihr versehen hatte. Anders
vielleicht, wenn der letzte Sprling des alten Stammes ein mnnlicher gewesen
wre. Aber ein Mdchen, die Tochter eines verarmten Seitenzweigs, wie htte die
schwarze Huptlingin in ihrer frstlichen Hoheit sich einer erinnern sollen,
mit welcher der Name voraussichtlich in Dunkelheit erlosch? Wer auch immer die
Erben der wunderlichen Greisin sein mochten, der bescheidene Rittmeister von
Reckenburg und sein drftig erzogenes Frulein, wir wuten es, waren es nicht.
    Gro, ber allen Ausdruck gro war daher das Wunder, als im Laufe des
Sptsommers ein eigenhndiges Schreiben der Grfin, das erste seiner Art, die
weie Vetternsippe beehrte. Das Schreiben lautete, aus dem Franzsischen
bersetzt:
    Wenn die Freifrau und der Freiherr von Reckenburg geneigt sein sollten,
ihre Tochter Eberhardine der Grfin von Reckenburg als Gast whrend des nchsten
Winters zu berlassen, so wird die grfliche Equipage die junge Dame - (Datum
und Stationsort waren genau bezeichnet) - zur Befrderung nach Schlo Reckenburg
erwarten.
    So wenig einladend diese Einladung gestellt war, und so schwer den Eltern
das wenn auch nur zeitweise berlassen des einzigen, kaum erwachsenen Kindes in
vllig unbekannte Hand vorkommen mochte, die Mglichkeit einer Ablehnung ist gar
nicht in Betracht gezogen worden. Die Grfin aber - nun, sie war eben die reiche
Grfin von Reckenburg und nahe dem achtzigsten Jahre. Das Frulein von
Reckenburg war aber ein blutarmes Ding, wenig begehrenswert fr einen
Freiersmann und, verlor es den Vater, schutzlos der Welt gegenberstehend.
Mancher mtterliche Sorgenseufzer mochte in dieser Aussicht innerhalb der
vertraulichen Ratskammer laut geworden sein. Eine Aussteuer, ein Legat von dem
berflusse der einzigen Verwandtin, die heute zum erstenmal eine Art von Anteil
bekundete, konnte nun allen Sorgen und Seufzern ein Ende machen.
    Der Vater antwortete daher zustimmend, wenn auch in wrdigster Haltung.
Gunst und Vertrauen wurden erwiesen, mehr als empfangen; nicht die glnzender
gestellte Verwandtin, die zu einem Wunsche berechtigte Patin war es, der man
Folge leistete.
    Lngeres Bedenken erregte die Art der Befrderung. Das blutjunge Frulein
konnte nicht allein und nicht in der gelben Postkutsche reisen; der Vater, wie
er es am schicklichsten gefunden haben wrde, nicht die Begleitung bernehmen,
da der Termin der Einladung mit dem einer kurfrstlichen Revue zusammenfiel, die
Mutter aber krnkelte seit einiger Zeit, und der Arzt hatte ihr das Fahren
strengstens untersagt.
    Die Verlegenheit wurde indessen bestens gelst, da Muhme Justine sich
freiwillig als Duenna und Reiseschutz erbot. Denn wenn auch hundert Meilen
zurckzulegen gewesen wren, statt zwlf, und zwanzig Nachtquartiere zu halten,
statt zwei, keinem Menschen auf der Welt wrde die Mutter ihr Kind so
zuversichtlich bergeben haben als unserer Muhme Justine.
    Muhme Justine, Du Treueste der Treuen, so trittst Du denn auf dieser Reise
zum erstenmal in den Rahmen meiner Geschichte, da Du doch schon beim ersten
Schritt der Lebensreise gebhrentlich httest Erwhnung finden mssen. Du hast
mich auf deinen Hnden an das Licht getragen, hast mich geschaukelt, als die
Mutterarme noch zu schwach waren fr das Hnenkind, und niemals ist ein
Pflegling mit zrtlicheren Blicken gehtet worden als die letzte Reckenburgerin
von ihrer Muhme Justine.
    Muhme Justine war als Witwe eines Wachtmeisters in den elterlichen Dienst
getreten und hatte ihn, lediglich mit Aushilfe des Soldatenburschen, verwaltet,
auch da die Pflege der Neugeborenen sie zum Range einer Muhme erhob. Alle
Pflichten und Knste dieser ehrwrdigen Zunft hatte sie gebt und keine ihrer
befreienden Befugnisse beansprucht. Erst als ihr Dinchen der Zucht einer
Kinderfrau entwachsen war, vertauschte sie ihr lastvolles Amt mit dem wenigstens
eintrglicheren einer Wickelmutter, ohne aber auch dann sich aus dem
Gesichtskreise ihres Pflegekindes zu entfernen, denn sie teilte mit der neuen
Magd das Kmmerchen zwischen den Gemchern des Hofmeisters und Ehren-Purzels.
    Sie hatte kein eigenes Kind gehabt und stand allein in der weiten Welt; so
wurde die kleine Hardine ihr ein und alles, und Gott verzeihs der groen
Hardine, wenn die Liebe, die sie nicht in gleichem Mae erwidern konnte, sie
spterhin manchmal wie eine Last bedrckt hat. Die kleine Hardine war ihr
Augapfel, ihr Lebenszweck, ihre Hoffnung, ihr Stolz. Sie sah sie prophetisch
unter den Groen der Erde, sie dereinst als Englein mit goldenem Flgelpaar vor
Gottes Thron. Der brigen Menschheit mag sie wohl dann und wann ein wenig bissig
und neidisch und haberisch vorgekommen sein; aber bissig und neidisch und
haberisch nur fr die Rechte und Vorrechte ihres Frulein Hardine; fr ihr
Frulein Hardine sann sie und spann sie, sparte und darbte sie; Frulein Hardine
ist die Erbin der paar hundert Taler geworden, die sie kreuzerweis
zusammengescharrt hatte.
    Muhme Justine war fromm und bibelfest; aber die gttlichen Verheiungen
gengten ihr nicht, wo es das Erdenlos ihres Herzblatts galt. Die
geheimnisvollsten Wahrnehmungen muten fr sie ausgedeutet, dunkle Orakel
befragt werden, und das Schlubild smtlicher Gesichte zeigte immer nur Glck
und wieder Glck. Schon der Tauftag, der dritte des Lebens, war segenverheiend
gewesen: Tuflingin hatte, whrend ihr das Mtzchen gelst ward, dreimal krftig
geniest: item, sie war ein Weltwunder von Geist und Gaben; sie hatte unter dem
Trufeln des Taufwassers unbndig gestrampelt und gebrllt: item, ihrer harrten
der Erde Schtze und Gter. Seit dieser Weihestunde stand fr Muhme Justine die
grfliche Erbschaft fest wie ein Evangelium, und es verging selten ein Tag, da
sie fr ihr Goldkind nicht irgend etwas Herrliches in ihren Trumen oder Karten
ausgespht hatte. Ein Glcksbrief war angekndigt, wochenlang bevor die
Einladung der Grfin die Insassen der Baderei so hoch berraschte.
    Nur in einem einzigen Punkte wollten die geheimnisvollen Orakel
seltsamerweise niemals mit den Herzenswnschen meiner alten Muhme stimmen. Sooft
die hochwichtige Frage nach dem Zuknftigen erhoben ward, zeigte die Seherin
sich kopfhngerisch und kleinlaut, an ihr Frulein aber erging die
deutungsschwere Mahnung: sich vor Schindern und Schabern in acht zu nehmen.
Auf einen Obsieg des Herzknigs schien die Muhme nach manchen leidvollen Proben
verzichtet zu haben; aber selber die vielverheiendste Konstellation des
Grnknigs wurde im letzten Augenblicke jederzeit von einem ausverschmten
Schellenunter gekreuzt.
    Wer war nun aber dieser unvermeidliche Schellenunter, der die Nachtruhe
meiner alten Muhme so grausam strte? Eine Zeitlang hatte sie ein gar bses Auge
auf den wortkargen, hochfahrenden Wirtssohn gerichtet; seit dessen pltzlicher
Entfernung aber und dem vernderten Glckszustande seiner Braut waren die
Gedanken in eine andere Bahn gedrngt worden. Der verhngnisvolle Schellenunter
brauchte nicht notwendig eine Mannesperson zu sein; ja weit natrlicher war es
ein Frauenzimmer, und dieses Frauenzimmer kein anderes als - unsere neue Wirtin
Dorothee.
    Muhme Justine war zwar keine leibliche, aber doch eine Namensbase der
kleinen Dorl. Beide nannten sich Mllerin; da aber Muhme Justine ein Gemt
hegte, stolzer noch als das der Reckenburgs, hatte sie die Bevorzugung der
kleinen Plebejerin von Haus aus mit unholden Blicken angesehen. Gab es denn
kein adeliges Kind Dinchen zur Gesellschaft? brummte sie anfangs, und
spterhin: Mute es denn eine sein von einer besseren Couleur, wenn auch lange
nicht so nobel und durabel wie Frulein Hardine? Die Schenkung und der
blinkende Verlobungsring konnten natrlich keine humanere Auffassung bewirken;
seit sich aber gar der bedrohliche Schellenunter unter dem Lrvchen der
Schenkentrine enthllte, htte - abgesehen von den gesteigerten
Erbschaftsaussichten in Reckenburg - der Muhme gar nichts Erwnschteres als
meine zeitweise Entfernung von Hause widerfahren knnen.
    Kaum hrte sie daher von den elterlichen Reisesorgen, so erklrte sie, da
sie sich die Begleitung nicht nehmen und ihrem Frulein kein Hrchen auf dem
Wege krmmen lassen werde. Man traf seine Abrede, und unter allerlei Zurstung
gingen die Wochen im Fluge dahin.
    An Dorothees Geburtstag, dem 29. September, langte die erste Sendung des
fernen Brutigams an: Brief und Schchtelchen. Sie ffnete das letztere hastig
und jubelte hellauf bei dem Anblick der kostbaren Granatgehnge, die ihr als
Angebinde verehrt wurden.
    Und was schreibt er? fragte ich, nachdem sie vor dem Spiegel den groen
Schmuck den kleinen Ohren eingehenkelt hatte. Sie berflog den Brief und reichte
ihn mir mit den Worten: Es steht nicht viel darin.
    Und es stand allerdings nicht viel darin. Herkmmliche Glckwnsche und eine
ziemlich altmodische Redensart von ewiger Liebe und Treue und so weiter. Sie
schien dem Schreiber nicht eben flott von Herzen gegangen zu sein. Eine
Nachschrift brachte die Notiz, da er alsobald von Berlin zur kniglichen Armee
nach Schlesien dirigiert und dort, nach Wunsch, dem Regiment Weimar zugeteilt
worden sei. Da die hohen Potentaten seitdem Vershnung geschlossen, sei die
kriegerische Aussicht zunchst verschoben; Schreiber aber habe in dem
chirurgischen Institute zu Breslau frderliche Beschftigung gefunden, eine
Gunst, welche er nicht allein der gndigen Verwendung seines durchlauchtigen
Chefs zu verdanken habe, sondern mehr noch der eines erhabenen Geistesfrsten,
bei welchem eine Empfehlung von Jena ihn eingefhrt, und mit dem er eine ber
alle Maen interessante Unterredung ber die in das chirurgische Gebiet
einschlgigsten Lehren gepflogen.
    (Notabene: Jungfer Grundtext, welche die Stammtafel der schsischen Frsten
am Schnrchen herzusagen wute, von einem Geistesfrsten aber noch nie eine
Silbe gehrt hatte, zerbrach sich vergeblich den Kopf ber Natur und Namen des
Erwhnten.)
    Nach in Blde bevorstehendem Rckmarsch hoffe er, wieder durch Verwendung
jenes auerordentlichen Herrn, einen lngeren Urlaub zu erhalten und denselben
in der Universittsstadt Gttingen, als in der Nhe seines im Harz
garnisonierenden Regiments, zu verbringen. Bis das Zeitwesen sich unvermeidlich
wieder kriegerisch gestaltet haben werde, erfreue Schreiber sich sonach der
frdersamsten Ttigkeit.
    Hast du Herrn Faber geantwortet? fragte ich am Tage vor meiner Abreise
Dorothee, die errtend das Kpfchen schttelte.
    So tu es heute noch, mahnte ich.
    Wenn ich nur wte, was! sagte sie klglich, setzte sich aber gehorsam
nieder und begann ziemlich flink mit dem Dank fr die wunderschnen Ohrgehnge.
Nun jedoch stockte der Flu. Sie kaute an der Feder, seufzte und rieb sich die
Stirn, auf welcher die hellen Angsttropfen perlten. Helfen Sie mir ein bichen,
Frulein Hardine, bettelte sie endlich.
    Das tat ich nun freilich nicht. Im Gegenteil, ich entfernte mich, hoffend,
da es in der Einsamkeit besser gelingen werde. Aber der Nachmittag verlief ber
dem sauren Werk und am Abend erst wurde das Blatt zur Durchsicht in meine Hand
gelegt. Frulein Hardine sagt dies, Frulein Hardine tut das, so lautete es
Satz fr Satz. Aus dem eigenen Herzen und Leben kein Wort. Der wunderlichste
erste Liebesbrief einer Braut! Indessen die Kleine dankte Gott, da er fertig
war, siegelte rasch mit einem Sechser und trug das Schriftstck eilig selbst
nach der Post.
    Der Abschiedsmorgen brach an. Eine Reise, und wre es nur auf zwlf Meilen,
eine erste Reise zumal, galt uns Kleinstdtern Anno 90 noch fr einen halben
Tod. Man schien sich so unerreichbar, wenn man sich nicht mehr mit Hnden
greifen konnte, man mochte gestorben und verdorben sein, ehe nur ein Hilferuf zu
dem Verlassenen gedrungen war.
    Wir saen bei Kerzenlicht um den Frhstckstisch; keiner berhrte einen
Bissen, keiner redete ein Wort. Mama und ich, wir schluckten unsere Trnen
tapfer hinunter, der ehrliche Vater aber lie sie frank und frei laufen, und die
kleine Dorl schluchzte laut. Der Tag begann zu dmmern, die einspnnige Chaise
fuhr vor; der eisenbeschlagene Seehundskoffer wurde aufgebunden, Kisten und
Kober, mit Mundvorrten gefllt, trmten sich, als ging es rund um die Welt. Vor
den Tren lugten die Nachbarn in Pantoffeln und Nachtmtzen; Mgde, die
Wasserbtten auf dem Rcken oder den Semmelkorb am Arm, Kinder, die den Betten
im Schlafkittelchen entsprungen waren, drngten sich vor unserem Tor. Alle
wollten Rittmeisters Frulein, das zu einer uralten, steinreichen Erbtante auf
die Reise ging, in die Kutsche steigen sehen.
    Endlich erschien auch Muhme Justine mit aller Wrde einer Duenna, in
blendendweier Flgelhaube und der Festschrze von grasgrnem Taft. Schon sa
ich im Wagen und hatte sie den Fu auf den Tritt gesetzt, als die Betglocke
anschlug. An keinem Morgen, Mittag oder Abend hrte die Muhme die feierlichen
drei Schlge, ohne zu einem Vaterunser auf die Knie zu sinken. Nur auf der
Strae begngte sie sich mit der dreimaligen Verbeugung, durch welche wir im
Gotteshause dem Namen unseres Herrn und Heilandes Verehrung zollten. An dem
heutigen wichtigen Tage aber beugte Muhme Justine auf offenem Markte ihre alten
Knie. Der Vater nahm die weie Zipfelmtze vom Haupte und aus dem Munde die
Tonpfeife, der er bis dahin krampfhafte Wolken entlockt hatte; die Mutter,
Dorothee und ich falteten die Hnde zu einem stummen Gebet. Unseren Ausgang
segne Gott, unseren Eingang gleichermaen! rief die Muhme laut, indem sie sich
von den Knien erhob. Sie kletterte in die Chaise und setzte sich geziementlich
auf den Rcksitz, ihrem Frulein gegenber. Der Vater schlo den Schlag. Noch
ein Glckauf! und dahin rumpelten wir auf dem holperigen Pflaster in eine
neue, unberechenbare Welt.
    Dank der resoluten Reisemarschallin ging die dreitgige Fahrt ohne Hindernis
vonstatten. Auf der letzten Station harrte verabredetermaen das Spukeding von
Reckenburgs goldener Kutsche mit dem unsterblichen Schimmelzug und der
gleicherweise unsterblichen Lakaienschaft.
    Ihr habt, meine Freunde, mich vor Jahren noch in dem schweren bronzierten
Glaskasten dann und wann einen Ausflug machen sehen. Ich tat es, wie ich manches
ererbte Unbequeme tat und erhielt - aus Bequemlichkeit. Es war einmal da, es
gengte mir. Ich tat es aber auch mit der Absicht, das bse Ding allmhlich
seines gespenstischen Nimbus zu entkleiden. In diesem alten Gehuse hatte die
Grfin ihren Einzug in Reckenburg gehalten, in ihm war sie in der ersten Zeit
ihrer Herrschaft hinter von auen her verhllenden Gardinen bei ihren
Flurbesichtigungen vermutet worden. In ihm folgte ich, als einzige Leidtragende,
ihrem Leichenzuge. Da die Schimmel und Heiducken von 1750 und 1806 nicht die
nmlichen waren, sondern nur von mglichst hnlichem Kaliber und nur mit dem
silberbeschlagenen Geschirr und der silberstrotzenden Livree ihrer sehr
sterblichen Vorgnger behngt, brauche ich Euch nicht zu versichern.
    Und wie mit der Unsterblichkeit der Schimmel und Heiducken, und wie mit der
alten schwarzen Reckenburgerin selbst, wird es auch mit allen ihren brigen
Seltsamkeiten eine sehr natrliche Bewandtnis gehabt haben. Der Mensch, welcher
sich aus Neigung oder Fgung dem Tagestreiben entzieht, verfllt eben dem
Vergessen oder dem Mrchensinn seiner Lebensgenossen.
    Nun ja, sie hat in fast einem halben Jahrhundert ihre unzugngliche,
dmmerige Klause nicht verlassen; aber das geschah, weil das Sonnenlicht ihre
Augen blendete, und weil ein schlecht geheilter Knochenbruch ihr jede Bewegung
empfindlich machte. Ja sie hat die Nchte ohne Schlummer in ihrem Stuhle
aufrecht gesessen; aber nur, weil asthmatische Beschwerden ihr erst am Morgen
ein paar Ruhestunden gnnten. Ja sie hat sich lange Jahre fast ausschlielich
von Grtzbrei und Eicheltrank genhrt; aber nur, weil der Magen keine krftigere
Kost mehr duldete. Nicht unerklrlicherweise trotz ihrer Dit, sondern
erklrlicherweise wegen ihrer Dit hat sie sich das Dasein ber das gewhnliche
Menschenma hinaus gefristet. Je einfacher wir, freiwillig oder gezwungen,
unsere Funktionen beschrnken, um so zher wird ja das Leben. Menschen mit
mangelnden Sinnen dauern gemeinhin lnger als die mit vlligen Sinnen. Geizige,
das heit Menschen mit verknchertem Herzen, werden fast immer uralt.
    Und so mge denn auch eingestanden sein, da die seltsame Grnderin und
Erhalterin der Reckenburg mit solch einem verkncherten Herzen in die Grube
gefahren ist. Wie sie aber von einem reichen Eingange zu diesem armseligen
Ausgang gelangen konnte, das erklre Euch ein Blick ber ihren Lebenslauf, der
sich auch vor meinen Augen erst nach ihrem Tode aus einer vorgefundenen
Korrespondenz im Zusammenhange enthllt hat.
    Eberhardine von Reckenburg hatte von ihrem Vater nichts als die Trmmer
seiner Stammburg in einem sumpfigen, verrufenen Waldwinkel berkommen.
Mtterlicherseits aber war sie eine Erbtochter. In der Wiege verwaist,
verdreifachte sich ihr Vermgen unter einer gewissenhaften Vormundschaft, da die
Kurfrstin, ihre Patin, sie innerhalb ihrer eigenen Hofhaltung erziehen und
spter als Hoffrulein in ihren Dienst treten lie. Bei ihrer
Mndigkeitserklrung sah sie sich in einem Besitzstand, der ihrerzeit ein
frstlicher genannt ward.
    Klug und ehrgeizig von Natur, besa sie den Sinn, diesen Wert nach seinem
Abstande von dem groenteils verarmten Hflingsadel zu ermessen. Sie galt fr
schn, und sie galt sich selbst dafr; aber sie sah manche ihresgleichen sich
und anderen mit noch grerem Rechte dafr gelten, und nach einem Karneval oder
zweien, verdrngt, vergessen, von der Bhne verschwinden, sobald nicht eine
andere Macht der Schnheit eine dauernde Unterlage gab. Da von der Tugend als
solcher Unterlage zu August des Starken Zeiten keine Rede war, braucht nicht
errtert zu werden, aber auch der Adel gewhrte sie nicht, denn die reinste
Ahnenprobe fhrte eine abgeblhte Schne bestenfalls in ein Fruleinstift. Nur
eine Goldtonne war ein zuverlssiges Piedestal. Zwischen Fest und Spiel,
inmitten der gewissenlosen Herrschaft eines Brhl und seiner tollen Nacheiferer,
gab es am Hofe von Sachsen ein junges Mdchen, das mit heimlichem Hohn die
Schnre seines Beutels fest in den Hnden hielt und mit der nchternen
Berechnung eines Mannes seinen Schatz zu mehren verstand. Mochten die
Kartenhuser um sie her zusammenstrzen, sie stand sicher, sie durfte steigen.
    Tag fr Tag meldete sich ein Bewerber um die Hand der reichsten Partie des
Landes. Keiner gengte ihrem hochstrebenden Sinn. Sie war dreiig Jahre alt
geworden und whlte noch immer. Der Rechte wird kommen! sagte sie sich, wenn
sie ihr Kontobuch zugeklappt und ein beredtes Schnpflsterchen auf die
geschminkte Wange geheftet hatte, um ihrer Herrin - jetzt der Nachfolgerin der
brandenburgischen Eberhardine - zu einem Feste des unerschpflich
erfinderischen, allgewaltigen Ministers zu folgen.
    Und der Rechte kam noch zur rechten Zeit, bevor die letzte Jugendblte
gewelkt war. Was wit Ihr, meine Freunde, unter den ungezhlten, lnderlosen
Frstenshnen des heiligen rmischen Reichs deutscher Nation von einem Prinzen
Christian? Und was braucht Ihr von ihm zu wissen, als da er ein schner Mann
und nach den Begriffen seiner Zeit und Zone ein Genie gewesen ist: ein Genie,
das heit ein durchlauchtiger Libertin nach dem Schlage des Marchal de Saxe -
nur da er sich auf kein Fontenoy und Rocour zu berufen hatte -, da er an den
verwandten Hof von Sachsen zurckkehrte, sei es, um nach allerlei abenteuernden
Fahrten sich eine Ruhepause zu gnnen, sei es, um nach erschpftem Erbteil sich
neue Quellen aufzuschlieen. Die frstliche Sippe war der wiederholten
Schrpfungen berdrssig; das Suchen nach einer ebenbrtigen Erbin erwies sich
als verlorene Mhe. Brhl glaubte daher einen Meisterzug zu tun, indem er die
Blicke des unbequemen Schtzlings auf das immerhin noch ansehnliche und im
Ehrenpunkte untadelige Frei- und Hoffrulein von Reckenburg als eine der besten
Partien in deutschen Landen lenkte.
    Ob das vorsichtige Frulein dem verfhrerischen Coqueluche der Damenwelt
widerstanden haben wrde, wenn er einfach ihresgleichen gewesen wre, sei
dahingestellt. Aber er war ein Prinz, berechtigt, um eine Kaisertochter zu
werben, und diesem Zauber widerstand sie nicht. Ihr Kinder eines anderen
Jahrhunderts habt keinen Mastab mehr fr eine Anschauung, welche auch den
letzten Anhngsel eines Thrones hoch ber alle menschlichen Ordnungen erhob und
den Gesalbten des Herrn der Pflicht selber gegen die ewigen Gesetzestafeln
entband; fr eine Anschauung, welche einen verirrten Tropfen kniglichen Blutes
von hherem Adel achtete, als den, welcher in den Kreuzzgen erobert worden war.
Nach einer Erttung ohnegleichen whrend der verheerenden dreiig Jahre hatte
die Zeit ber unserm Vaterlande gleichsam stillgestanden und das Skulum der
uersten Verdumpfung des Brgertums, des tiefsten Verfalls der Ritterschaft war
noch nicht abgelaufen. Erst des preuischen Friedrich Schwert und Zepter hat die
Uhr fr eine neue Zeitrechnung aufgezogen.
    Der Prinz von Geblt hatte dem reichen und ahnenreichen Frulein kein
ebenbrtiges Bndnis anzubieten; sie durfte nicht seinen Namen fhren; ihre
Kinder - htte er etwas zu sukzedieren gehabt - wrden nicht sukzessionsfhig
gewesen sein. Aber die Stellung einer frstlichen Gemahlin auch nur zur linken
Hand bot der zur Reichsgrfin von Reckenburg Erhobenen noch immer den ersten
Rang nach den reichsunmittelbaren Geschlechtern; der Ehrgeiz sah kein erreichbar
hheres Ziel, und so wurde die ursprnglichste Leidenschaft zu einem
magnetischen Strom, der eine unstillbare Glut in dem so lange kalten Herzen
entzndete. Die Hnde, welche ein frstlicher Gemahl mit galanter Inbrunst
kte, wie htten sie fortan die Schnre des Sckels ngstlich zusammenhalten
mgen? Hoffart, die Herrin, hatte ihr Ziel erreicht; Klugheit, die Magd, wurde
des Dienstes entlassen.
    Bald war die Haushaltung in der Hauptstadt mit rangentsprechendem Glanze
eingerichtet. Das junge Paar zhlte zu dem Anhange der regierenden
Kurfrstin-Knigin und mit ihr zu den Feinden des allgewaltigen Favoriten. Am
Hasse entzndete sich die Rivalitt, und es war vielleicht der einzige
Wermutstropfen in Eberhardines Honigbecher, da sie ihren angebeteten Prinzen es
nicht einem Emporkmmling gleichtun lassen konnte, der sich Hunderte von Lakaien
und eine eigene Leibgarde hielt, der, wie Friedrich der Groe sagt, in Europa
die meisten Pretiosen, Spitzen, Pantoffel und so weiter besa, und mit den
Narreteidingen eines verschmitzten Sklaven die trge Sultanslaune seines
sogenannten Herrn bis an den Rand des Abgrundes gngelte.
    War nun der Abstich schon empfindlich whrend der residenzlichen Winterzeit,
um wie viel mehr, wenn der Sommer kam mit seinen lndlichen Festen, der Herbst
mit der einzigen kniglichen Passion, der Jagd. Da verging wohl kein Jahr, da
nicht der schpferische Minister in einem eigenen neuen, aus dem Boden
gestampften Prachtbau seinem Herrn ein Feenspiel oder eine Sauhetze bereitet
htte. Der Parven zhlte seine Lustschlsser und Jagdgebiete nach Dutzenden;
der Prinz von Geblt erfreute sich keiner Handbreit eigenen Landes und auch das
Vermgen seiner Gemahlin war nicht in Grundbesitz angelegt.
    In dieser Verlegenheit gedachte man der alten, verwsteten Reckenburg, und
da romantische Naturschnheit so wenig wie fruchtbringende Bodenkultur in der
Berechnung lag, fand man die erwnschteste Gelegenheit: in der Nhe eines
schiffbaren Stromes ein Waldrevier mit einem Wildbestand, dessen die
verzweifelnden Bauern trotz gewaltsamster Selbsthilfe auf ihren kargen
Feldstcken sich nicht erwehren konnten. Man feierte zum voraus im Geiste die
Gondelfahrten, Hetz- und Treibjagden, die auf diesem ltesten Reckenburgschen
Grunde arrangiert werden sollten, sobald an Stelle der eingescherten
Burgtrmmer ein Neubau, stolzer als alle Schpfungen Brhls, sich erhoben haben
wrde.
    Allerdings erforderte dieser Neubau Jahre; Jahre deren sommerliche Hlfte in
Ermangelung einer standesmigen Residenz auf Reisen verbracht werden mute.
Welche Verlockung nun aber, sich in den kunstfertigsten Lndern Europas mit den
Erzeugnissen des Luxus und der Mode fr die heimatliche Einrichtung zu versehen!
    Endlich stand der heiersehnte Palast aufgerichtet; der letzte Marmorsims,
das letzte Getfel waren eingefgt; Stukkatur und Schnitzwerk, Gobelin und
Brokat, vor allem das grflich gekrnte frstlich-freiherrliche Allianzwappen
nicht gespart. Der junge Heckenwuchs des Lustgartens sprote; Faunen und
Amoretten sprudelten einen Willkommenstrahl; Keller und Speicher waren zum
berma gefllt; eine Reihe von Festen sollte den Einzug des hohen Paares
verherrlichen.
    Da, in der letzten Stunde, enthllte sich der Abgrund, in welchem mit der
Flle des Sckels die Treue des Geliebten versunken war. Ein Zufall lftete den
Schleier. Ob aber in Wahrheit der Taumel der Lust die scharfblickende Frau so
lange verblendet hatte? Ob sie nicht freiwillig die Augen geschlossen, solange
ein Tropfen in ihrem Freudenkelche brigblieb? Ich glaube das letztere. Sie
wrde mit diesem Manne, sie wrde fr ihn gedarbt, ja sie wrde seine Untreue
geduldet haben, wenn er an ihre Seite zu bannen gewesen wre. Aber die goldenen
Ketten, mit welchen die alternde Schne den verwhnten Lstling gefesselt hatte,
sie sah sie geschmolzen. Kein Jahr mehr dieses schrankenlose Treiben, und sie
war eine verlassene Bettlerin. So willigte sie denn in eine Scheidung als den
einzigen Weg, nicht etwa den bisherigen Glanz, sondern einfach ihre
Existenzmittel zu retten. Der flottlebige Herr jubelte ber eine Freiheit, die
ihm gestattete, seine Wnschelrute nach einem neuen Glcksborn auszuwerfen.
    Whrend er nun in Italien und Ruland, den beiden Pflegesttten prinzlicher
wie plebejischer Abenteurer jener Zeit, das unstete Treiben seiner Jugendjahre
erneuerte, heute Soldat und morgen Seladon, gestaltete die Grfin ihren ferneren
Lebenslauf um so stetiger. Sie zhlte mehr als vierzig Jahre, war nicht mehr
schn und, nach ihrem Mastabe, arm. Was Wunder, da ihr die Welt verleidet, ja
da sie ihr verhat geworden war. So bezog sie denn das Erbe ihrer Vter mit dem
Entschlusse, den alten Grund zu einer Fundgrube fr die erschpfte Schatzkammer
umzuarbeiten.
    Nach auen hin mute der berkommene Rang behauptet werden, der gewohnte
Glanz gehtet, die gehate Welt, und mehr als sie der noch immer geliebte Freund
ber den wirklichen Mangel getuscht werden. Er sollte fhlen, welche
Befriedigungen er so leichtfertig aufgegeben hatte. Daher die Marotte, die sie
von einem soliden Harpagon unterschied, allen und jeden Besitz, den sie beim
Einzug in ihren Neubau vorgefunden hatte, zu erhalten und beim Verbrauch zu
ergnzen, auch wenn er ihrem persnlichen Leben berflssig geworden war und,
statt Zinsen zu tragen, Opfer forderte. Kein Menschenauge, am wenigsten das der
Grfin, erfreute sich des weitlufigen Ziergartens rings um das Schlo, aber
Hecken und Pyramiden wurden regelrecht verschnitten, Pfade und Schnrkelbeete
suberlich gepflegt, Statuen und Ornamente von ihren Beschdigungen durch Wetter
und Zeit geheilt. Man feierte keine Festgelage, empfing keinen Gastfreund auf
Reckenburg, aber die Flle des Tafelgerts, alle der zwecklosen Kostbarkeiten,
die, veruert, in jener klammen Zeit ein nicht gering zu schtzendes,
zinstragendes Kapital abgeworfen haben wrde, sie blieben, nur durch
periodisches Reinigen vor Rost und Staub geschtzt, unverrckt an ihrer Stelle.
Ja selbst die massenhaften Vorrte in Speicher und Keller wurden schleunigst
ergnzt, sobald ein Bruchteil davon in Gebrauch genommen worden, gleichviel, ob
der Rest verhrtete, vergilbte, bei der genauesten Aufsicht nicht vor Wurm und
Moder zu schtzen war. Daher schreibt sich die Unsterblichkeit des nie mehr
benutzten Schimmelzugs, die der prunkvollen Lakaienschaft. Die Rache der
seltsamen Erhaltungsknstlerin hie reich werden und reich scheinen, bis sie es
geworden. Der angeborene kluge Sinn des Sammelns und Vermehrens, durch eine
bermchtige Leidenschaft zeitweise verdrngt, trat wieder in seine Rechte.
    Es war die Arbeit eines Kolonisten im Hinterwalde, welche ein einsames, in
der Atmosphre eines ppigen Hofes gealtertes Weib unternahm. Niemand ahnte, wie
erschpft ihre Mittel und wie geboten von Anfang ihre persnlichen
Einschrnkungen waren. Niemand hat daher auch in vollem Umfange die Klugheit,
Kraft und Ausdauer gewrdigt, mit welcher sie ihr Werk ins Leben setzte.
    Man freut sich heute der Kultur einer Gegend, die vor hundert Jahren ein
bruchiger Waldwinkel war, und mit Scham hre ich mich hufig als deren
Schpferin gerhmt. Ich bin aber nur auf die Schultern meiner Vorarbeiterin
getreten; die Grundlegung, die unsgliche Schwierigkeit der Urbarmachung ist ihr
Verdienst. Sie hat die Smpfe ausgetrocknet und die Kanle gegraben, Forsten
reguliert, bequeme Transportwege, umfngliche Wirtschaftsbauten angelegt, auf
verschlemmten ckern neue Kulturen erffnet, sie hat den umfnglichen
Deichverband hergestellt, durch welchen unsere Flur gegen die hufigen
bertretungen des Stromes geschtzt wird. Sie hatte die Mhe, ich Lohn und Dank,
weil sie mich sicher genug gestellt hatte, um ber das eigene Gebiet hinaus zu
reformieren; sie erntete Spott und Grauen, ich den Segen, welcher von der
Einzelarbeit auf die Gesamtheit, von der Gesamtarbeit auf den einzelnen
zurckwirkt, jenen ersten Segen alles Schaffens, gro oder gering, der auch mir,
dem einsamen Weibe, zu einem erfllten Dasein verholfen hat.
    Kaum hatte die unerschrockene Pionierin sich aus dem Grbsten
herausgewunden, kaum trieben ihre Saaten die erste Frucht, als der Krieg
ausbrach, welcher auf wenige Gegenden unseres Vaterlandes hrter gedrckt hat
als auf diese. Was ich den einzigen Sommer von 1813 hindurch erduldet habe, das
erduldete diese Frau sieben Jahre. Wo ich aus dem Vollen schpfen durfte, sah
sie den besten Teil ihrer Anlagen zerstrt, und in einem Alter, wo andere sich
zur Ruhe neigen, fing sie unverdrossen ihr Werk von neuem an.
    Und welchen Mut, welche Entschlossenheit hat die alleinstehende Matrone
gegenber der Ungebhr der Armeen von Freund und Feind an den Tag gelegt; wie
beherzt hat sie sich der Scharen der Marodeure und des einheimischen
Raubgesindels, das noch lange nach dem Friedensschlusse sich in unseren Wldern
eingenistet hatte, zu erwehren gewut. Es ist buchstblich wahr, da die
schwarze Reckenburgerin, ein geladenes Pistol in der Hand, ihre beiden riesigen
Heiducken bewaffnet hinter sich, die Schwelle ihres Hauses gegen diesen wsten
Zudrang verteidigte.
    Diese Heldentat kann als Keimsaat des abenteuerlichen Spukwesens betrachtet
werden, das allmhlich ber die wunderliche Grfin in Schwang geriet. Die
gespenstische Gestalt wuchs, als die leibhaftige Gestalt, da wo sie bisher
wenigstens gemutmat worden war - das heit whrend ihrer Flurbesichtigung in
der verhllten goldenen Kutsche - pltzlich verschwand. Von der Zeit ab sah sie
unser Volk im spanischen Habit, Tag wie Nacht, die Schtze ihrer Klause mit
Drachenaugen hten und mit feurigen Waffen verteidigen. Unermeliche Schtze, je
hher die Ziffer gegriffen, desto einleuchtender fr das hungernde, lungernde
Gesindel, das nur nach Hellern und Kreuzern zu rechnen verstand und niemals
einen Heller oder Kreuzer aus der Hand der zhen Alten besehen hatte.
    Ob die Grfin von diesem fabelhaften Nimbus um ihre Person jemals Kunde
erhalten hat, wei ich nicht. Ohne Zweifel aber wrde er ihr, anstatt
widerwrtig, willkommen erschienen sein als sicherstellende Schicht gegen eine
beschwerliche oder bedrohliche Welt. Sie hat mit richtigem Blick den stlichen
Erkerbau des Schlosses zu ihrer Schlaf- und Schatzkammer ausersehen, weil er,
von auen unzugnglich, auch von innen die grtmgliche Sicherheit bot.
Handwerker, aus weiter Ferne verschrieben, hatten in die tiefsten Nischen
feuerfeste Schrnke mit kunstvollen Schlssern eingefgt. Nur durch eine
maskierte Schranktr stand der Goldturm mit dem Zimmer der alten, vertrauten
Kammerfrau und durch dieses mit dem Korridor in Verbindung, auf welchem die
beiden abwechselnd Wache haltenden Heiducken die Befehlsvermittler zwischen Turm
und Wirtschaft wurden, whrend die Gebieterin hinter Schlo und Riegel ihr
Kredit und Debet buchte oder Dokumente und Barschaften in den geheimen
Eisenschrnken barg. Sie krnkelte; die Arbeitskraft minderte und die
Arbeitslast mehrte sich. Bald war kein Fortkommen mehr von der gewichtigen
Sttte; denn wenn auch nicht in dem Wundermae des Volksglaubens, die
wohldurchdachten Anlagen trugen nach dem Frieden hundertfltigen Gewinn.
    Sie hatte whrend des Krieges den grten Teil ihrer Juwelen in England
veruern lassen, da dieses Opfer einstigen Schimmers bei ihrer Lebensweise am
wenigsten in die Augen sprang. Der Erls davon, meine Freunde, das war der
Grundstock ihrer vermeintlichen Wunderschtze! Ein bescheidener Sparpfennig, der
aber zu einem Heckpfennig wurde in einer Zeit, wo der Bodenwert auf ein Minimum
herabgedrckt war, wo Gemeinden und einzelne um einen Spottpreis das Besitztum
verschleuderten, fr dessen Bestellung Menschenhnde und Saatkrner mangelten.
Binnen eines Jahrzehntes hatte sich das Areal der Reckenburg verdoppelt, binnen
eines zweiten vervierfacht. Konnte das Kapital auch nur ratenweise abgetragen
werden, schon eine regelmige Verzinsung galt in jener goldarmen Zeit als eine
vielgesuchte Gunst.
    Und wie auch in anderer Weise das allgemeine Elend dem Gedeihen des
einzelnen in die Hand arbeitete, das zeigt unter anderem die Hungersnot der
siebenziger Jahre, wo der Scheffel Roggen auf zwanzig Taler stieg. Kalkuliert,
wie da die strotzenden Speicher der Reckenburg - in Staat und Volk die
Wirtschaftsmaxime einer schwer beweglichen Zeit - sich leeren und die entleerten
Geldtruhen sich strotzend fllen muten. Wo Tauben nisten, flattern Tauben zu!
    Die ersten hunderttausend Taler kosten Schwei. Wem aber die nchsten
neunmalhunderttausend Schwei kosten, ist ein Tropf!
    Als die Millionrin der Reckenburg in ihrem letzten Stadium, mit funkelnden
Augen, mir dieses Gestndnis ablegte, da war sie in Wahrheit die verkncherte
Mumie, deren Herz nur noch in der Wacht ber ihre Schtze schlug. Zu der Zeit
aber, als sie diese Schtze mhsam erarbeitete, und selber zu der noch, als sie
mich zuerst in die Geheimnisse ihres Goldturms einweihte, da war sie die herz-
und geistlose Mumie nicht, denn damals schaffte, darbte, sammelte sie fr einen
Zweck; richtiger: sie schaffte, darbte, sammelte fr eine Person.
    Und das ist der Grund, aus welchem ich vor Euren Augen, meine Freunde,
zwischen den beiden letzten Reckenburgerinnen - lngst nicht so genau, wie mich
verlangt - die Bilanz gezogen habe. Ihr solltet wissen, was die Frau tat, die
Eure Heimat urbar machte; was die Frau war, welche in keinem Menschenherzen,
auer dem meinen, eine Spur und in der zhen Vorstellung des Volkes das Bild
eines goldgierigen Dmons hinterlassen hat. Ihr solltet diese Frau in einem
guten Lichte sehen, und in welchem besseren htte ich sie glcklich liebenden
Menschen zeigen knnen, als in dem der unwandelbaren Treue gegen den treulosen
Mann, in jenem heimlichen Feuer, welches der Sporn ihres Treibens und Whlens
geworden war.
    Sie hatte alle frheren Verbindungen harsch abgebrochen und nur mit einem
alten Freunde, der am Hofe von Sachsen eine vertrauliche Stellung einnahm, eine
Korrespondenz unterhalten, um von dem Schicksale des Unsteten jederzeit in
Kenntnis zu sein. Sie wute daher, da er schwelgte und schweifte, whrend sie
sich keine Raststunde gnnte, im Eifer das wieder aufzurichten, was er zerstrt
hatte. Sie wute, da er ein verschuldeter rmling geblieben, whrend sie zum
zweitenmal die reiche Reckenburgerin geworden war. Htte er aber, wenn auch nur
als Begehrender, sich dem Hause genaht, dessen Ansehen sie so peinlich bewahrte,
sie wrde, nach dem Triumph dieser Genugtuung, ihn mit Entzcken als Herrn
willkommen geheien, wrde ihm noch einmal die Schlssel ihrer Schatzkammer
berantwortet und ihr Werk von vorn begonnen haben, um ihm, auch nach ihrem
Abscheiden, eine frstliche Herrschaft zu sichern.
    Viele Jahre lang hatte die Hoffnung seiner Heimkehr sie bei ihrer einsamen
Arbeit getragen, und sie war eine runzlige Matrone geworden, ehe sich dieselbe
erfllte. Endlich wute sie ihn im Vaterlande - und die nchste Kunde, die sie
ber ihn erhielt, war die seiner Vermhlung mit einer Ebenbrtigen! An der
Grenze des Alters folgte er, so schien es, einer Wallung wahrhaftigen Gefhls,
denn die junge Prinzessin war so arm wie er selbst.
    Die Kraft, welche so vielen Gefahren und Anstrengungen widerstanden hatte,
brach bei diesem unberechneten Schlage zusammen. Ihre Kammerfrau fand die Grfin
bewutlos am Boden liegend, den verhngnisvollen Brief in der Hand. Ein
Hftbruch, den sie sich bei diesem Falle zugezogen hatte, machte sie fr den
Rest des Lebens zum Krppel.
    Dennoch, nach langer, qualvoller Niederlage, war ihr erster, klarer Gedanke
wieder an den ungetreuen Mann. Ja alle ihre Hoffnungen lebten kaum nach
Jahresfrist wieder auf bei der fast gleichzeitigen Kunde von seiner Vaterschaft
und Verwitwung. Nun mute er ja kommen, seinem mutterlosen Sohne eine Heimat und
eine Erbsttte bei ihr aufzusuchen.
    Es war die letzte Hoffnung, die ihr der Geliebte tuschen sollte. Der
nchste Brief brachte die Botschaft seines abermaligen Entfliehens, der
bernchste die seines Todes. Unter den Fahnen Katharinas, seiner Gnnerin, war
er in dem Krimfeldzuge von Einundsiebenzig geblieben.
    Die Grfin legte Trauerkleider an und niemals wieder ab. Sie war und blieb
die Witwe eines Frsten. Sie schaffte, darbte und sammelte nach wie vor. Von der
Flamme, die ihr Leben durchleuchtet hatte, war noch ein Abglanz zurckgeblieben;
sie schaffte, darbte und sammelte fr ein armes, ungekanntes, fr ein
verlassenes Menschenkind.
    Was sagt Ihr jetzt, meine Freunde, zu der gespenstischen Alten auf
Reckenburg?

                                Viertes Kapitel



                                  Der Erbprinz

Von dieser langen Liebes- und Leidensgeschichte wute ich natrlich kein
Sterbenswort, als ich mich stolz und wohlgemut in die goldene Karosse schwang,
um vor das Angesicht der hohen Reprsentantin meiner Familie, der Witwe eines
durchlauchtigen Herrn, gefhrt zu werden. Vor mir auf hohem Throne ragte Muhme
Justines Flgelhaube neben der Allongenpercke des uralten Rosselenkers. Der
riesige Heiduck klammerte sich an die ellenlangen Goldquasten ber dem
Trittbrett hinter mir, und dahin rollte das stolze Gefhrt auf der einsamen
Strae von Reckenburg.
    Sie fhrte in gleichmiger Ebene durch dichten Nadelwald, dann und wann das
Stromufer berhrend. Ich war in einem Frucht- und Laubholztale aufgewachsen,
zwischen dessen felsigen Abfllen ein kleiner Flu sich anmutig wand, und die
weniger romantische Region, in welcher ich mich seit zwei Tagen bewegte, hatte
mich weidlich gelangweilt. Jetzt aber, in der goldenen Kutsche, heimelte sie
mich an wie die interessanteste auf dem Erdenrund; der ruhige, breite
Wasserspiegel imponierte mir, und ich schlrfte mit Behagen den wrzigen
Tannenduft, den ich bisher durchaus nicht gesprt hatte. Es war ja
Reckenburgscher Stammgrund, dem das Arom entstrmte!
    Nach einer Stunde etwa nherten wir uns der Lichtung, die fr den neuen
Herrensitz geschlagen worden war. Die Htten des Dorfes blieben zum Glck vom
Walde verhllt, denn ihre Armseligkeit wrde mein stolzes Wohlgefhl um einige
Grade abgekhlt haben. Es temperierte sich bereits, als wir, nahe dem
Eingangsgitter, auf eine Gruppe zerlumpter, verkmmerter Gestalten stieen, die
zu mir gleich einem Meerwunder in die Hhe starrten. Ich hielt sie fr Bettler,
die ich von jeher als Faulenzer verachtet und mit Widerwillen gemieden hatte.
Muhme Justine belehrte mich indessen anderen Tags, da es die Bauern und Frner
des Dorfes gewesen seien, welche das seit einem Menschenalter nicht mehr
geschaute Bse Ding der goldenen Kutsche herbeigelockt hatte.
    Der Riese sprang vom Trittbrett, das wappenprangende Tor zu ffnen und
alsobald wieder zu verschlieen. Vor meinen Augen dehnte sich die breite Avenue
inmitten des sauber gehegten, reichgefllten Gartens. Im Hintergrunde ragte das
Schlo, dessen rtliche Bekleidung die untergehende Sonne mit einem Goldschimmer
bergo. Die weien Marmorsimse, die hohen Spiegelfenster, die mit Statuen und
Vasen gezierte Terrasse, auf deren Rampe wir anhielten, die Sulen des groen
Portals, alles das verfehlte seine Wirkung nicht. Ich begriff whrend dieser
Auffahrt die Gleichgltigkeit der Eignerin dieses frstlichen Besitztums gegen
ihre bescheidene Sippe in der Baderei. Aus welchem Begreifen indessen nicht
gefolgert werden soll, da ich etwa gedrckt oder eingeschchtert meiner vom
Glcke reichlicher gesegneten Verwandtin entgegenging. Auch ich war eine
Reckenburg, und niemals, denn als geladener Gast, wrde ich diese stolze
Schwelle betreten haben.
    Von meinem Heiducken geleitet, bestieg ich die breite Marmortreppe. Jede
Tr, die ich passierte, wurde sorgfltig wie hinter einer Gefangenen verriegelt.
Ich trat in das lange Vestibl, auf welches die Zimmerflucht mndete. Die
goldgerahmten Trumeaus zwischen den Fensternischen, die mythologischen Reliefs
und Fresken an der gegenberliegenden Wand - Ihr geht mit einem gndigen Lcheln
an diesen Kunstgebilden vorber, hochweise Zglinge eines anderen Geschmacks,
die Einfalt von damals aber, glaubt nur, da sie Augen machte!
    Am Ende des Ganges stand, wachehaltend, der Heiduck du jour, meinem
bisherigen Begleitsmann hnlich wie ein Zwillingsbruder. Schweigend wie jener -
alles schwieg, alles war grabesstill in dem Zauberpalast - ffnete er die letzte
Tr. Ich betrat ein Vorzimmer, das den einzigen Eingang zu dem vielberufenen
Turmbau bildete (der stlichen Rotonde, wie es damals hie). Zur Rechten des
Vorzimmers lag der Speisesaal. Diese drei Piecen, das Appartement Ihrer
Hochgrflichen Gnaden, waren die einzigen, welche jemals in dem weitlufigen
Frontbau bewohnt worden waren. Smtliche Wirtschaftsrume befanden sich im
westlichen Flgel.
    Der Leibwchter hatte mit dem goldenen Knopf seines Stockes dreimal laut an
die Turmtr geklopft und sich auf seinen Posten zurckgezogen. Ich war allein
und nicht ngstlich, nur neugierig, was weiter ber mich verfgt werden wrde.
Ich legte ab, setzte mich in die tiefe Fensternische und schaute ber den Garten
hinweg in die dsteren Fhrenwipfel, zwischen welchen das Abendrot verglomm.
Inmitten der wunderlichen Baum- und Steinfaxen zu meinen Fen stiegen und
schwebten die Oktobernebel phantastisch auf und nieder; es war der erste und ich
glaube auch letzte Mrchenschauer meines Lebens, der mich im Dmmerlicht dieses
dunkel boisierten, totenstillen Wartezimmers berrieselte.
    Eine halbe Stunde mochte auf diese Weise vergangen sein, ich war des
Antichambrierens und der romantischen Schauer herzlich mde geworden; da hrte
ich das Zurckschieben eines Riegels, das Drhnen eines Krckstocks, endlich ein
pfeifendes Keuchen auf der Schwelle des Turmgemachs. Meine hohe Gastfreundin war
eingetreten.
    Die Eltern, wenn sie berhaupt um die landlufigen Vorstellungen ber ihre
einzige Verwandtin Nheres gewut, hatten mir dieselben wohlweislich
vorenthalten. Meine Instruktion lautete einfach: einer hochbetagten, daher
wunderlichen, mglicherweise stolzen und ein wenig konomischen Wrdentrgerin
mit Ehrerbietung zu begegnen.
    Da berlief mich denn nun freilich eine Gnsehaut bei dem Anblick, der sich
nach und nach mir gegenber als eine Menschengestalt entwickelte. O du weiser
Prediger des Vergnglichen, ja was ist der Mensch in seiner Herrlichkeit!
Eberhardine von Reckenburg, einst an dem schnheitskundigsten Hofe von
Deutschland als Schnheitsgttin gefeiert, und heute wie ein Sprenkel
zusammengekrmmt, mhsam am Krckstocke keuchend, bebend vor innerlichem Frost,
wie ein Laub im Novembersturm, das kaum noch handgroe Gesicht in tausend kleine
Fltchen eingeschrumpft, gleich einem vergilbten Pergament aus der Klosterzeit!
    Und dennoch! Alles, was jemals unter der anmutsvollen Hlle gelebt hatte,
das lebte noch heute unter der runzligen Haut, und die schwarzen Augen funkelten
noch heute so mutig, scharf und klug, so heimlich passioniert, wie sie in den
Tagen des starken August gefunkelt haben mgen. Ein einziger Blitz dieser
durchdringenden Augen, und der heimlichste Winkel, die verborgenste Falte in des
armen Patenkindes Seele waren blogelegt, insofern nmlich Winkel und Falten in
besagter Seele blozulegen gewesen wren.
    Die kleine, unheimliche Gestalt war schwarz gekleidet vom Kopf bis zur Zehe,
nach einer Fasson, die wir auf Maskenbllen einen Domino nennen. ber einem
schleppenden Untergewande hing ein kurzer, faltiger Mantel, unter dem Kinn mit
einer dichten Krause geschlossen. ber der Witwenhaube thronte ein runder Hut
mit wallendem Federschmuck. Ich habe die Grfin spterhin, selbst in den
vertraulichsten Situationen, niemals ohne ihren spanischen Hut und Mantel, wie
auch niemals ohne Handschuhe gesehen und ihre Mode praktisch gefunden. Sie war
warm und bequem und verlieh ihr in ihren eigenen Augen eine Wrde, die
Schlafrock und Kapuze gestrt haben wrden. Beim ersten Eindruck aber, im
Dmmerlicht des geisterstillen Palastes, wird man mir ein gelindes Gruseln nicht
belnehmen.
    Indessen war ich nicht dauernd auf apprehensive Stimmungen angelegt; bevor
die Grfin sich in ihrem Lehnstuhle verschnauft, hatte ich meine natrliche
Fassung wiedergewonnen. Ich schritt herzhaft auf sie zu, und Handku wie
Reverenz gelangen in dem korrekten Stile, der einer Reckenburgerin frstlichem
Ansehen gegenber als Vorschrift galt.
    Die Grfin hatte, nach einsamer und etwas harthriger Leute Art, die
Gewohnheit angenommen, Eindrcke oder Einflle vor sich selber laut werden zu
lassen, und dankte ich diesen unbewuten Plaudereien in der Folge manche
Enthllung, die sie mir bewut nicht gemacht haben wrde. Bei ihren heutigen
Glossen aber war es ihr jedenfalls mehr als gleichgltig, ob ich sie auffing
oder nicht.
    Grobschlchtig, aber frisches Blut! sagte sie nach einem musternden Blick,
mit dem Kopfe nickend. Eine Weie! Wir Schwarzen von jeher feiner und schn. -
Leidliche Turnre. - Wo hast du tanzen gelernt? fragte sie darauf, zu mir
gewendet.
    Bei meinem Vater, gndige Grfin, antwortete ich.
    Glosse der Grfin: Schsischer Kadett. Gute Schule!
    Zweite Frage: Verstehst du Franzsisch?
    Meine Mutter hat immer Franzsisch mit mir gesprochen, gndige Grfin
    Rezitiere ein paar Stze. Gleichgltig, was.
    Mir fiel just nichts anderes ein als meine letzte Gedchtnisbung; eine
Fabel, den Segen schildernd, der den Nachkommen aus der Arbeit der Greise
erwchst. Unbekmmert um das A propos oder Mal  propos dieser Wahl, deklamierte
ich meinen octognaire plantant frisch von der Leber weg von A bis Z.
    Ingnuit absolue! glossierte denn auch die Grfin mit einer
Lippenbewegung, die wohl ein Lcheln bedeuten sollte. L'accent passablement pur
! setzte sie darauf, den Kopf neigend, hinzu. Die Mutter als Frulein viel in
Dresden zu Hof. Verstndige Erziehung! - Wir werden Franzsisch miteinander
reden, Eberhardine!
    Wie Sie befehlen, gndige Grfin.
    Du magst mich Tante nennen, sagte die Grfin.
    Whrend ich, zum Dank fr diese Huld, ma tante zum zweitenmal die Hand
kte, meldete der diensttuende Heiduck: Madame la comtesse est servie!
    Ein zweites Kuvert fr meine Nichte, Jacques! befahl die Grfin.
    Eberhard und Adelheid, o weise Erziehungsauguren! Ohne den sauren Schwei
deiner Tanzabende, mein braver Vater, ohne deine Sprachmhen, kluge Mutter,
wrde die letzte Reckenburgerin Gott wei in welchem Winkel des Stammsitzes
ihrer Ahnen eine Abspeisung gefunden haben, und wie hchlich durfte sie nun mit
ihrem Entree zufrieden sein!
    So folgte ich denn um die Stunde, wo wir daheim unser Vesper zu verzehren
pflegten, meiner neuen Tante zum Souper in den Speisesaal. Seine Ausstattung
entsprach dem Prunke des brigen Schlosses. Es brannte ein silberner Kandelaber,
dessen braungelbe Wachskerzen die fast fnfzigjhrigen Vorrte anzeigten. Das
Tafelservice, wenn auch ein wenig verbraucht, bekundete den gediegenen Ursprung;
dem geringsten Stcke war gleichsam der Stempel des Hauses: das Doppelwappen mit
der obligaten Grafenkrone, eingeprgt. Allerdings perlte in den venezianischen
Glsern nur reiner Reckenburger Born, und das japanische Porzellan besah nichts
Edleres als rote Reckenburger Grtze. Als Nachkost wurde auf silberner Platte
der alten Dame eine Schale ihres Eicheltrankes, der jungen ein Apfel
prsentiert. Keine Sorge indessen, Kinder! Ich hatte whrend der Reise aus dem
heimischen Proviantkober wacker vorgelegt und bin auch spterhin auf Reckenburg
allezeit satt geworden, trotz meines damals wie heute noch krftigen Appetits.
Wenn aber, was der Himmel verhte! der Eurige im Alter einmal schwach werden
sollte, so kann ich Euch mit gutem Grund Grtzbrei und Eicheltrank als brave
Erhaltungsmittel empfehlen.
    In Parenthese sei mir an dieser Stelle noch eine zweite Bemerkung gestattet:
Wenn kein Mitglied des grflichen Haus- und Hofstaates jemals freiwillig seinen
Dienst verlassen hat, wenn derselbe stets pnktlich und schweigsam im Sinne der
Herrschaft verrichtet ward und gleich dieser die Mehrzahl ein Uralter bei
demselben erreichte, so ziehe ich unserer Spinnstubenromantik von einer
Verhexung der Zunge und Eingeweide die nchterne Auslegung vor, da besagtem
Personal durch Kost wie Lohn auskmmlich Magen und Mund gestopft worden sei.
    Das Souper war schweigsam verzehrt worden und in wenigen Minuten abgetan.
Whrend ich der Grfin in das Vorzimmer folgte, bemerkte ich, wie der Riese
Jacques in gewissenhafter Eile die Kerzen des Kandelabers lschte. Die Grfin
entlie mich mit den Worten: Morgen mittag auf Wiedersehen. Vertreibe dir die
Zeit, wie du kannst. Das Vorzimmer steht dir offen und ist immer geheizt.
    Ich kte die dargebotene Hand und ging knicksend nach der Tr.
    Du bedarfst keiner Toilettenhilfe, nicht wahr? rief die alte Dame mir noch
nach. Ich verneinte. Halte dich vor Schlafengehen nicht auf, verriegle die Tr
und lsche das Licht alsobald.
    Damit tastete sie sich nach ihrer Klause, deren inneren Trriegel ich noch
klirren hrte. Dann geleitete mich Monsieur Jacques, nachdem er auch das
Vorzimmer verschlossen hatte, den Korridor entlang bis zu Reckenburgs neuem
Turm, die westliche Rotonde jener Zeit. Er stand durch eine Wendeltreppe mit
den Wirtschaftsrumen in Verbindung, und das mir geffnete Zimmer war das
einzige im Frontbau, das ursprnglich zu einem Domestikenraum eingerichtet
schien. Denn die Wnde waren nur getncht, der Fuboden roh gedielt, ein Ofen
fehlte, und es enthielt als Ausstaffierung nichts als einen Tisch, einen Stuhl,
einen Kleiderschrank, das notdrftigste Waschgert und ein Bett, welches
keineswegs Daunen und seidene Polster schwellten. Gegen meine heimische
Dachkammer war der Abstich nicht allzu gro: aber freilich an das lachende
Mdchenstbchen der kleinen Dorl durfte ich nicht denken.
    Ich war an strengen Gehorsam gewhnt; habe auch jederzeit, wo ich nicht
befehlen durfte, gern gehorcht. Ich warf also meine Kleider ab, lschte das
Talglicht, das mein Fhrer zurckgelassen hatte, und schlief, ohne durch eine
Spuk- oder auch nur Traumgestalt behelligt zu werden, meine sieben Stunden so
ungestrt, wie ich sie mein Lebtag immer geschlafen habe und noch heute schlafe.
    Wer aber mit den Hhnern zu Bett geht, mu mit den Hhnern erwachen. Noch
bei Sternenschein war ich munter und bei Tagesgrauen in den Kleidern. Was sollte
ich vornehmen? Auf meine Bitte ffnete der Leibwchter im Vestibl mir die Tr
der Seitentreppe und ich stieg hinunter in den Garten. Bald schweifte ich
darber hinaus in Wald und Flur und sah zum erstenmal unter freiem Himmel die
Sonne aufgehen, klar und glanzvoll wie ein Gottesauge.
    Methodisches Spazierengehen war weder ein Bedrfnis noch eine Modesache
meiner Zeit, und wrde mir heute noch eine gar leidige Erholung dnken. Aber so
ungebunden schweifen durch Land und Volk, beobachten die stille Arbeit der
Natur, wenn auch die letzte vor der winterlichen Rast, die umbildende der
Menschen, Kraft und Widerstand hier wie dort - und das alles auf einem
altberkommenen, heimatlichen Grunde -, es war ein groer Sinn, der mir an
diesem ersten Morgen in der Flur von Reckenburg aufgegangen ist, ein
ursprnglicher, starker Sinn, der mich lebenslang beglcken sollte.
    Da gewahrte ich denn zum erstenmal die Bewirtschaftung in einem bedeutenden
Dominium; sah, wie das Holz gefllt und die Flen nach dem Strome geschleift
wurden, sah Kohlen brennen und Torf stechen, die letzten Reste des Grummets, die
Sptfrchte der Felder einheimsen. Ich sah die cker fr die Wintersaat neu
bestellen, die der Stallhaft entlassenen Herden Wiesen und Brachen abweiden, sah
des Wildes freies, frhliches Treiben im umhegten Revier.
    Ich unterhielt mich mit Hirten, Arbeitern und Aufsehern ber einschlgiges
Gebiet; schlo mit dem alten, verstndigen Oberfrster Waldkameradschaft und
machte mich auch den brigen Beamten bekannt. Das frische, junge Blut, welches
den Namen Reckenburg trug und so urpltzlich mit seiner Neugier aus dem
schweigsamen Schlosse in die Auenwelt drang, wurde mit freundlichem Vertrauen
aufgenommen: und freilich nicht am ersten Tage, aber mit der Zeit schwand auch
den armen Drflern die Furcht, da diese lebenskrftige Jugend unter dem
Grabeshauche des gefeiten Schlosses versteinern werde.
    Reichere Ernte hatte ich keine Stunde in Christlieb Taubes Schulstube
gehalten, heimischer mich keine Stunde in der alten Baderei gefhlt, als bei
dieser ersten Wanderung durch die Reckenburger Flur, und wie ich gegen Mittag
nach dem Schlosse zurckkehrte, da war es gleich wieder eine gute Botschaft, mit
welcher Muhme Justine mir entgegentrat. Hochgrfliche Gnaden waren in der Nacht
von einem bsen Gebreste heimgesucht worden, und da die Gliedmaen Hochdero
Kammerfrau sich fr die vorschriftsmigen Manipulationen zu steif und zitterig
erwiesen, waren die der kunstfertigen Reiseduenna zu Hilfe gezogen worden.
Meister Fabers Schlerin hatte denn auch im Setzen von Schrpfkpfen und
anderweitigen weniger schicklich auszusprechenden Ableitungen zum erstenmal in
einem Grafenschlosse eine glnzende Probe abgelegt und hohe Patientin -
schneller denn je von ihrer Bedrngnis erlst - der Helferin den Antrag
gestellt, gegen standesmiges Salr den Winter auf Reckenburg zuzubringen. -
Die treue Seele opferte ohne Bedenken diesem zweifelhaften Anerbieten ihre
sichere heimische Kundschaft. Ihre Augen funkelten. Sie fhlte sich als
Mittelsperson, um ihre stolzesten Traumgesichte zu verwirklichen. Denn unter
solcherlei Prozeduren kommt ein Mensch zur Rson und wird weich wie Wachs.
    So sollte es mir denn auch an einem gemtlichen Austausch nicht fehlen, und
noch ein anderer wesentlicher Vorteil stellte sich bald genug heraus. Das der
wichtigen Leibwrterin im Seitenbau angewiesene Zimmer grenzte an das meine; es
wurde erleuchtet und geheizt; ich konnte mich in demselben, nach Absperrung der
grflichen Zone, noch ein paar Stunden ad libitum beschftigen und brauchte
nicht mehr mit den Hhnern zu Bett zu gehen.
    Das Men des Diners beschrnkte sich keineswegs auf die abendliche Grtze.
Heute zum Beispiel gab es, nach einer trefflichen Brhe, ein Hhnchen, das bis
auf einen geringen Brustbissen auf meinen Anteil fiel. Zum Nachtisch pfel, fr
die Grfin gebraten, fr mich roh. Es wurde auch Wein aufgestellt. Die alte Dame
vertrug aber keine Spirituosen, und von der jungen setzte man voraus, da sie
sie nicht vertrug. Die Flaschen wurden daher unentkorkt abgetragen, um am
anderen Tage unentkorkt wieder aufgetragen zu werden, und es ist immerhin
mglich, da es die nmlichen gewesen sind, welche auf der ersten und letzten
grflichen Tafel ihre Rolle spielten.
    Auch die Zeit des Mahles wurde nicht so knapp gemessen wie die beim Souper;
vielleicht weil es keine Wachskerzen zu lschen galt. Wir saen wohl noch ein
Stndchen uns beim Eichelkaffee gegenber; und ich machte mit der Schilderung
meines Flurganges einen guten Effekt.
    Du hast scharfe Reckenburger Augen, sagte die Grfin. Halte sie offen und
berichte mir ehrlich, was du bemerkst.
    Mit diesen Worten war das Amt meiner Zukunft eingeleitet: scharf zusehen und
ehrlich Bericht erstatten; dazu im Verlauf die mndliche Vermittelung der
Anordnungen und Ausfhrungen zwischen Turm und Flur, das ist der Inhalt meiner
langen landwirtschaftlichen Lehrzeit auf Reckenburg.
    Indessen, so fuhr die Grfin nach einer Pause fort, die Zeit fr das
Freie wird krzer; und manche husliche Stunde mchte dir einsam vorkommen,
Eberhardine. Trste dich damit, da die Heimat dir mindestens nichts
Schicklicheres geboten haben wrde. Fr die Saison in Dresden sind deine Eltern
zu arm, und die geselligen Allren einer kleinen Stadt wrden dich nur
verstimmen. Besser einsam sein, als falsch placiert. Im brigen mchte ich dir
selber unter jener bescheidenen Soziett einen Sukze nicht verbrgen, und
welchen Genu gewhrt die Gesellschaft mit Ausnahme des Sukze? - Liest du gern,
Eberhardine?
    Ich bekannte, da ich noch gar nichts gelesen, mir die Freiheit zum Lesen
aber lngst gewnscht habe.
    So benutze die Schlobibliothek, versetzte die Grfin. Sie enthlt das
Lesenswerte bis um die Mitte des Jahrhunderts. Ich selbst habe nicht den Sinn
mehr fr Lektre, auch nicht die Zeit. Schone die Einbnde und stelle die Bcher
regelmig wieder an ihren Platz. Die Ordnung darf nicht gestrt werden. Der
Katalog macht die Auswahl leicht. Stt du auf Romane: dir schaden sie nicht. Au
contraire! Verlangst du Neueres oder Deutsches, so wende dich an den Prediger.
Persnlich kenne ich ihn nicht, nach seinen Eingaben jedoch scheint er - ein
wenig Phantast - aber ein instruierter Mann. Suche ihn auf, halte dich an ihn.
In dir ist kein Boden fr philanthropische Phantasmen; zur Betrachtung haben sie
immerhin ihren Wert.
    So war es denn auch noch ein zweiter Lebensborn, der sich in Reckenburg fr
mich erschlo, wenn mir auch nicht die natrliche Befriedigung des ersten aus
ihm entgegenquoll.
    In der Bibliothek fand ich - auer genealogischen und heraldischen
Sammlungen, die ich unberhrt lie, und Italienern, die ich nicht verstand -
zwar lediglich Franzosen, aber das, was eine groe Nation in ihrer grten
Epoche hervorgebracht hat, wrde schon hingereicht haben, eine junge, durstige
Seele fr lange Zeit zu stillen. Und dazu trat nun noch von vornherein der
Pfarrer mit seinen geliebten jungen Deutschen. Am Sonntagmorgen hrte ich ihn
predigen, und am Nachmittag klopfte ich an seine Tr.
    Ich war ein Kind an Lebenserfahrung und aus einem hrteren Stoffe geformt
als er. Gleichwohl brachte ich schon aus dieser ersten Begegnung in Amt und Haus
das bedrckende Vorgefhl einer verfehlten Existenz. Je lnger ich ihn aber im
Dienste einer leiblich und geistig verwilderten Gemeinde kennen lernte, den
milden, sinnvollen Menschen und Christen, dessen Grundneigung auf ein edles Ma
und harmonische Bildungen gestellt war, unverstanden, ungeliebt, die
liebenswerteste und liebevollste Natur, um so lebhafter fhlte ich in seiner
Nhe buchstblich ein krperliches Weh, und so viel ich persnlich an ihm
verlor, ich fand keine Ruhe, bis ich ihn an einen Platz gestellt wute, wo seine
Lehre und sein Vorbild in empfnglicheren Gemtern znden durften.
    Und nun zhlt zu des Priesters verhallendem Wort die jammervoll leere Hand
des Menschenfreundes. Einer, der nur geben, immer geben, unberechnet htte geben
mgen, und der sich mit einer bettelarmen Gemeinde um magere Zinshhne und karge
Beichtgroschen streiten mute, wenn er nur das Drftigste zu geben haben wollte.
Zhlt dazu endlich den Mangel eines huslichen Herdes: die geliebte Gattin tot,
den einzigen Sohn ferne auf eigenen, rauhen Wegen. Wahrlich, der Mann htte
versiechen mssen wie in der Wste ein Quell, wenn nicht in unserer
jungaufstrebenden Literatur sich eine Welt fr seine freudige Beschaulichkeit
erffnet htte. Mit dem Blicke des Humanisten und des Menschenfreundes folgte er
auch den wildwuchernden Trieben jener Zeit, und sein Herz schlug in hchster
Beseligung, wenn er etwas dauernd Edles fr sein der veredelnden Schnheit so
bedrftiges Volk entdeckt hatte; am reinsten aber strahlte seine Freude, sobald
er sie, seis auch nur einen schwachen Widerstrahl, erwecken sah.
    Er empfing daher das anklopfende Kind wie einen Sendling Gottes, denn bis zu
einem gewissen Grade fand er in ihm Aufmerksamkeit und Verstndnis fr seine
Welt. Jeden Nachmittag von diesem ersten ab kehrte ich in seiner Klause ein;
jeden Abend fhrte er mich zurck bis an die Schwelle jener anderen Klause, in
welcher eine Eremitin entgegengesetzten Schlags ihre Weisheit vernehmen lie,
und seine Hoffnung wurde nicht mde, wenn auch die Lehren des alten Weltkindes
eindringlicher als die des platonischen Jngers in beider Zgling hafteten.
    So war ich denn in doppelter Weise in die hohe Schule der Reckenburg
eingefhrt, und wenige Studiosi werden sich rhmen drfen, so selten ein
unkluges oder verbrauchtes Wort von ihren Meistern gehrt zu haben. Am lautesten
und erweckendsten aber sprach mir die Dritte in dem bildenden Bunde: die Natur?
- nein, mit dem stolzen Namen nenne ich sie nicht, aber meine von Tage zu Tage
inniger vertraute, altvterliche Flur. In ihr wute ich mich auszufinden, in ihr
kannte ich Weg und Steg, sie wurde die Welt, in der auch ich eines Tages zur
Eremitin werden sollte. Die ursprngliche Neigung trieb mich nicht in den
Gesellschafts- und nicht in den Bchersaal, sie trieb mich in einen Winkel
heimischer Erde, in dem ich mir eine Werkstatt grnden durfte.
    Indessen machte ich Fortschritte, und meine kluge Tante war nicht sprde,
dieselben zu verwerten. Bald sah ich mich von der akademischen Lernfreiheit in
Kontor und Schreibstube abgelenkt. Ich sagte bereits, da ich gleich in den
ersten Tagen zum Dolmetscher ihrer mndlichen Befehle berufen ward. Die knappe,
przise Art, mit welcher Meldung und Gegenmeldung ausgerichtet wurden, nicht
minder die Schwche, welche hufig genug die Feder aus der Hand der
unermdlichen Greisin sinken lie, erweckten den Versuch auch im schriftlichen
Gebiet. Bald vollzog ich unter ihrem Diktat die Anweisungen und Antworten an
Beamte, Gerichtshalter, Behrden und so weiter; mit rascher, deutlicher
Handschrift wurde in wenigen Minuten expediert, womit die zitternden Finger sich
tagelang abgeqult htten, und nach wenigen glcklich gelsten Stilproben sah
ich mich zum selbstndigen Sekretr der Reckenburg aufgerckt.
    Noch aber lag das Heiligtum des geheimnisvollen Kassabuchs unenthllt auch
vor meinen Blicken, und just fr dieses Alpha und Omega ihres Tageslaufs
bedurfte die glckliche Sammlerin am dringendsten eines zuverlssigen
Disponenten, so da am Ende auch aus dieser Not eine Tugend gemacht werden
mute.
    Ich will Euch, meine Freunde, nicht des breiteren mit meiner Reckenburger
Lehrzeit beschftigen, zumal ich in meiner Darstellung weit ber die Gegenwart
hinausgegriffen habe. Alles in allem: Ich wurde im Laufe der Jahre die rechte
Hand der Grfin in ihrem weitlufigen Geschftsverkehr, sie erzog sich in mir
einen Verwalter. Tglich arbeitete ich einige Stunden unter ihren Augen in dem
verrufenen Turmgemach, und so geschah es, da nach innen wie auen ich, und ich
allein, den Wert eines Besitztums kennen lernte, welches eines Tages anzutreten
ich weder ein Recht noch eine Aussicht hatte.
    Denn so fest ich mit der Zeit in das Vertrauen der Greisin hineinwuchs,
darber konnte ich mich nicht tuschen, da nur ihr Verstand, nicht das Gemt
sich der Verwandtin zuneigte, die sie immer nher an sich zog. Sie half ihr
arbeiten, weiter nichts. Nur eines Menschen Schicksal kmmerte sie noch auf
Erden, nur im Hinblick auf einen Menschen ruhte die rastlose Seele aus.
    Ich aber mit dem natrlich sprden Herzen, wie htte ich mich einem Wesen
anschlieen sollen, das mir so wenig entgegentrug? Ich schtzte die Grfin nach
einem anderen Mastabe, als die Welt es tat; ich bildete mich in wesentlichen
Punkten an ihrer Erfahrung, aber selber eine dankbare Empfindung ward nicht
herausgefordert, denn ich leistete ihr mehr als sie gewhrte, und ich leistete
es ohne Eigennutz. Geliebt habe ich die einzige Verwandtin so wenig, wie sie
mich. Zwischen dem alten Idealisten im Pfarrhause und der alten Realistin im
Turm entwickelte sich die Jungfrau als ein herzensarmes Ding, so, ja mehr noch,
wie vordem das Kind in der Schulstube Christlieb Taubes neben der kleinen,
reizenden Dorl.
    Als die vorausbestimmte Zeit meiner Heimreise heranrckte, machte die Grfin
mir und den Eltern den Vorschlag meiner Rckkehr im nchsten Winter. Sie sprach
ihn aus in weniger herablassender Form als die der ersten Einladung, aber doch
nur als eine Gunst, keineswegs als einen Wunsch. Wie du einmal bist, sagte
sie, ist es gut fr dich, der kleinstdtischen Beschrnkung deines Vaterhauses
zeitweise entrckt zu werden und dich in einer greren Lebensordnung bewegen zu
lernen.
    Verlockender war die Einladung, welche an die wiederholentlich bewhrte
Leibpflegerin, Madame Mllerin, erging. Sie sollte zwar whrend des Sommers,
der guten grflichen Saison, mich in die Heimat zurckbegleiten, zum Herbst aber
mit mir wiederkehren und sich dauernd in Reckenburg niederlassen. Ein fixes
Gehalt fr den Dienst im Schlosse wurde bewilligt, und zu freierer Bewegung in
ihrer Kunst - den im Dorfe erledigten Posten einer Wehmutter eingeschlossen -
das Waldhuschen eingerumt, das ursprnglich fr den frstlichen Hundewrter
errichtet worden war, da aber der Frst mit seiner Meute ausgeblieben, nicht als
unvernderliches Erhaltungsinventar betrachtet zu werden brauchte. Ein Grtchen,
ein Stck Ackerland, freier Holzbedarf boten nicht minder lockenden Vorteil, und
so sehen wir denn im folgenden Herbst Muhme Justine zur Zufriedenheit
eingerichtet und als Helferin bei jeglicher Leibesnot in Schlo und Umgegend
hochgeehrt. Die Trnke, welche sie aus selbstgesammelten Krutern zu brauen
verstand, halfen gegen Fieber und Verschlag, und halfen sie einmal nicht, so
hatte der liebe Himmel es eben anders beschert, und die des Doktors wrden noch
weniger geholfen haben. Mit den Apothekern der Umgegend wurde ein lebhaftes
Drogengeschft unterhalten; so fleiig die Hnde sich rhrten, sie langten kaum
aus, den vielseitigen Ansprchen zu gengen. Die Alte im Grafenschlo und die
Alte im Hundehaus wetteiferten in jener Zeit in der Kunst des Aufsammelns und
Sparens. Mir aber, dem Glckskinde, wenn mir aller Traumkunst zum Trotz die
Millionen der reichen Tante entschlpfen sollten, die Hunderte der armen Muhme
wrden mir nicht entgangen sein.
    Als ich wenige Tage vor meiner Heimreise von meiner Morgenwanderung in das
Schlo zurckkehrte - da ich es eingestehe, beklommenen Herzens, weil ich die
Saaten, die ich legen und sprieen sah, nicht auch reifen und ernten sehen
sollte -, berraschte mich ein lebhaftes Treiben, ein ungewohntes Gebrodel wie
von Braten und Backwerk in den Wirtschaftsrumen. Ein Stckfa wurde aus dem
Keller in die Gesindestube getragen, Frauen und Kinder der Beamten gingen
beladen mit Weinflaschen und Kuchenkrben nach ihren Behausungen zurck; lange
Tafeln fr die Tagelhner des Gutes standen gedeckt und reich besetzt. Ich
fragte nach der Ursache dieser verwunderlichen Gastlichkeit, und mnniglich
wurde mir geantwortet, da heute der Festtag der Reckenburg gefeiert werde.
Wessen Festtag? Der Kalender nannte keinen; der Einzugstag der Grfin fiel in
den hohen Sommer: ihr Wiegenfest wurde mit Stillschweigen bergangen, da sie es
nicht liebte, an ihr Alter erinnert zu werden. Der gefeierte Gegenstand war ein
Geheimnis, wie so vieles auf der Reckenburg.
    Auch die herrschaftliche Tafel ward reich serviert, Wein nicht nur
aufgesetzt, sondern auch getrunken. Beide Heiducken versahen den Dienst. Die
Grfin trug einen neuen Sammetmantel und eine stolze Strauenfeder auf ihrem
spanischen Hut; ein schier verchtlicher Blick streifte mein tgliches Kleid -
(noch immer von dem grasgrnen, unverwstlichen Rasch). Als der Braten gereicht
ward, lie sie ihr Glas mit Champagner fllen, stie mit mir an und sagte
feierlich: Auf sein Wohl!
    Auf wessen Wohl? fragte ich verwundert.
    Ein zweiter, mehr als verchtlicher Blick wurde mir zugeschleudert. Was
besagten meine Studien in der Bibliothek, wenn ich Stammbume, genealogische
Tabellen und Urkunden so wenig gewrdigt hatte, um ber das wichtigste Datum der
Reckenburg noch in Zweifel zu sein?
    Der 20. April, Prinz Augusts Geburtstag, sagte sie scharf, nachdem sie ihr
Glas auf einen Zug geleert hatte, und da sie aus meinen Mienen sehen mochte, da
sie das Rtsel mit einem neuen Rtsel gelst, setzte sie hinzu: Der Sohn meines
hochseligen Gemahls und der Letzte seines durchlauchtigen Hauses. Gott erhalt
ihn!
    Zum erstenmal hatte die Grfin den Namen ihres Gemahls vor mir genannt, und
zum erstenmal dmmerte mir die Ahnung, welchen Erben sie sich erkoren,
vielleicht schon ernannt haben mochte.
    Als ich der Mutter spter von dem Festtage der Reckenburg erzhlte, sagte
sie: Ich habe niemals daran gezweifelt, da die Grfin nur zu des Prinzen
Gunsten unsere Reckenburg so herrschaftlich erweitert hat.
    Fr den Mosj Sausewind? versetzte lachend der Vater; nun, wei Gott,
saurer als seinem Herrn Papa wird sie ihm das Durchbringen nicht werden sehen!
    Nicht bei ihren Lebzeiten und jedenfalls nur als Fideikommi; das aber sei
gewi, Eberhard, die Grfin lt ihre Herrschaft nur in frstlichen Hnden.

                                Fnftes Kapitel



                                  Der Kehraus

Der regelmige Briefwechsel zwischen den Eltern und mir war nichts weniger als
kommunikativer Natur gewesen. In herkmmlichen Redensarten wurden gute Lehren
gegen Versicherungen des Gehorsams ausgetauscht und das gegenseitige
Wohlbefinden wnschend und lobend erwhnt. Vertrauliche Plaudereien schwarz auf
wei wrden gegen die Wrde des Verhltnisses verstoen haben. Da gab es denn
mndlich mancherlei zu berichten und zu berichtigen, was die ersten Tage des
Wiederzusammenlebens fllte. Bald aber sollte ich inne werden, wie richtig mich
meine alte Reckenburgerin erkannt. Ich hatte mich in der einsamen Freiheit ihres
Hauses dem kleinstdtischen Wohnstubentreiben der Heimat bereits entfremdet.
    Auch zwischen der alleruntertnigsten Magd, Dorothee Mllerin, und der
treugesinnten Eberhardine von Reckenburg war ein glckwnschender
Neujahrsgru, wie aus dem Komplimentierbuche geschnitten, gewechselt worden.
Jetzt fand ich meine kleine Kameradin in ihrem behaglichen Mdchenstbchen und
brutlichen Witwenstande unverndert wieder. Man merkte kaum, da sie in dem
Halbjahre vollkommen zur Jungfrau erblht war, so rund und kindlich waren Formen
und Ausdruck geblieben. Sie putzte sich zierlicher als alle anderen
Brgerstchter, pflegte Blumen und Vgel, stickte Flitterschuhe und
Tellermtzendeckel, mit deren Erls sie das Budget fr ihr Tndelwerk erhhte;
sie backte wohlschmeckende Kringel und Brezelchen, welche in der Weinstube ihres
Vaters guten Absatz fanden, und hatte sich zur Ausfllung der bei alledem
reichlichen Zeit auf die Lektre geworfen. Mit glhenden Wangen sah ich sie die
verwogenen Ritter- und slichen Liebesgeschichten der Leihbibliothek
verschlingen, hrte auch, da sie sich im Laufe des Winters fleiig der Musik
gewidmet habe. Der zrtliche Christlieb Taube kam allsonntglich zu einer Stunde
im Gitarrenspiel von seinem unfernen Schuldorfe in die Stadt, und zweifle ich
nicht, da diese Stunde ihm die angenehmste der Woche gewesen sei. Da
zwitscherte denn die Dorl mit ihrem Lerchenstimmchen die Arien, welche der
modischen Lektre entsprachen: vom khnsten aller Ruber, den der Ku seiner
Rosa weckt, oder von dem Robert, den Elise an ihr klopfendes Herz ruft.
    Jungfer Ehrenhardine schttelte gar weise den Kopf. Denn wenn auch die
Kleine diese Bedenklichkeiten mit der kindlichen Unschuld las und sang, ohne es
zu wissen, tat sie es aus Langeweile, der recht eigentlichen Mutter weiblicher
Schuld. Sie bewunderte meine Gelassenheit bei der Nachricht, da ein Trauerfall
in der landesherrlichen Sippe laute Lustbarkeiten fr die
Donnerstagsgesellschaft whrend des Sommers verbiete. Ich mchte Sie nur ein
einziges Mal tanzen sehen, Frulein Hardine, sagte sie seufzend, oder nur ein
einziges Mal selber wieder tanzen, wie sonst mit dem gndigen Herrn Papa.
    Der Faber hatte zum Weihnachtsangebinde eine schne Granatschnur geschickt
und als Gegengeschenk eine Perltasche fr sein Verbandzeug erhalten. Einen
Tabaksbeutel htte ich viel lieber gestrickt, meinte die Dorl. Aber er raucht
ja nicht; er kennt ja kein Vergngen, als seine grlichen Messer und Zangen.
Im brigen studierte und praktizierte Siegmund Faber unverdrossen weiter,
rechnete auch ebenso unverdrossen auf das blutige bungsfeld eines Operateurs.
    Es wird eine Weile whren, ehe wir zueinander kommen, sagte lachend die
Dorl, aber ich kanns ja abwarten.
    Das Kind hlt sich musterhaft, versicherte mein Vater und die Mutter
konnte dem Lobe nicht widersprechen. Muhme Justine aber bemerkte kopfwiegend:
Man soll den Jungfernkranz nicht rhmen, bis man ihm die Hochzeitsmtze
berstlpt.
    Die zweite Trennung vom Hause war allerseits kein halber Tod, nachdem die
erste so ungefhrlich abgelaufen. Auch von dem zweiten Reckenburger Aufenthalt
wrde nichts Neues zu berichten sein. Als er sich zum Ende neigte, machte mir
die Grfin den Antrag, auch den Sommer hindurch und fr alle Zeit bei ihr zu
bleiben. Ich sagte rundweg nein. Denn wohl mutete das ttige Treiben auf
Reckenburg mich freudiger an als die stille Beschrnkung des Elternhauses,
nimmermehr aber wrde ich mein Heimatsrecht und meine Heimatspflicht in
demselben freiwillig aufgegeben haben. Der Grfin hingegen, obgleich sie mich
ungern entbehrte, mu ich nachrhmen, da mein Freimut sie nicht verletzte, ja
da diese rcksichtslose Ehrlichkeit es war, der ich die raschen Fortschritte in
ihrem Vertrauen zu danken hatte. Ich ging schon in dieser Zeit unangemeldet bei
ihr aus und ein, und der Riegel wurde nicht mehr vorgeschoben, wenn sie mich im
Vorzimmer wute.
    Wie bedeutend diese Fortschritte waren, sollte ich jedoch erst am Vorabend
meiner zweiten Heimreise, der heuer mit dem solennen Prinzenfeste zusammenfiel,
gewahr werden. Die Grfin war den Tag ber so guter Laune, wie ich sie noch
niemals gesehen hatte. Sie erhielt eine ihrer geheimnisvollen Dresdener
Korrespondenzen, die sie lchelnd las und wieder las. Ich bemerkte, da sie ein
Miniaturbild mit Wohlgefallen betrachtete und dann sorgfltig verschlo. Schn
- schn - wie er! hrte ich sie murmeln, und dann ein andermal: Jung Blut hat
Mut! Ja als ich nach der blichen Mittagsruhe bei ihr eintrat, kam ich auf den
strflichen Gedanken, Hochgrfliche Gnaden haben sich im festlichen Champagner
einen Spitz getrunken. Sie sa mit halbgeschlossenen Augen im Lehnstuhl und
trllerte ganz munter ein Liebesliedchen, als dessen Dichterin die schne Aurora
von Knigsmark genannt worden ist:

Die Liebe zndet Herzen durch der Augen Kerzen,
Im Anfang ists ein Scherzen, dann folget Pein.

Der Eindruck war mir widerlich; ich machte ein Gerusch und die Alte bemerkte
mich. Noch murmelte sie:

Sie zwingt den Mut, sie dringt ins Blut,

dann schlug sie das Hauptbuch auf und wir rechneten noch eine Stunde
miteinander, um die laufenden Geschfte vor der Reise abzuschlieen.
    Nach dem Souper folgte ich ihr zum Abschied in ihr Kabinett. Du bist
siebzehn Jahr alt, Eberhardine, sagte sie, und es knnte sich auch in deiner
kleinen Stadt eine Gelegenheit finden, bei welcher eine standesmige Toilette
geboten ist. Ich habe dir eine solche bestimmt, die fr mich angeschafft, aber
nicht benutzt wurde. Sie wird sich fr dich zweckentsprechend arrangieren
lassen. Du findest den Karton in deinem Zimmer. ffne ihn erst, wenn du heim
kommst, da der Stoff sich nicht unntig zerdrcke.
    Ich kte die Hand mit aufrichtigem Dank. Immerhin war es ja ein Akt des
Heroismus, sich von einem in Reckenburg eingefhrten Gegenstande zu trennen.
Heimlich aber mute ich darber lcheln, da der Anzug einer angehenden Matrone
fast ein halbes Jahrhundert spter fr ein junges Mdchen arrangiert werden
sollte, das sie um mehr als Kopfeshhe berragte.
    Die Grfin fuhr fort: Du bist weder schn noch passioniert genug,
Eberhardine, um jugendliche Wallungen zu entznden. Deines Herzens bin ich
sicher. Hte dich aber vor einer vernunftsmigen Versorgung nach dem Zuschnitt
deines elterlichen Lebens. Ich sehe Hheres fr dich voraus. Deine Turnre ist
jetzt comme il faut; Geist und Krper zeigen die Kraft, welcher die Stammtter
groer Geschlechter bedrfen. Ich wiederhole es: du bist nicht bestimmt, Neigung
zu wecken und zu befriedigen, du bist bestimmt, Achtung und Vertrauen zu
fesseln, nachdem die Leidenschaft ausgeschumt. Nicht heute oder morgen
allerdings; aber du zhlst erst siebzehn und ich wurde dreiig Jahre, bevor ich
mein Ziel erreichte. Auch du wirst es erreichen. Prge dir die Wappen ein, die
ber der Reckenburg vereinigt stehen, und bleibe fest darin, da sie sich zum
zweitenmal vereinigen sollen, dauernd vereinigen mssen. Halte dich brav,
Eberhardine. Au revoir!
    Das also wars! Das der heimliche Plan der alten Huptlingin, als sie die
Letzte ihres Stammes zur Prfung unter ihre Augen lud; das das Zeugnis, da sie
ihre Probe bestanden hatte: das frstlich-freiherrliche Wappen mit der obligaten
Grafenkrone in Permanenz ber der Reckenburg! Die letzte Reckenburgerin und der
Letzte eines erlauchten Frstenhauses die Grnder eines neuen, reichbegterten
Geschlechts!
    Ei nun, es war eine Greisenschrulle, wrdig der eisenfesten Erhalterin; aber
eine gar anmutende Schrulle auch fr einen jugendlich Reckenburgschen Puls. Und
wenn es zuviel behauptet wre, da der schne prinzliche Zuknftige ihr im
Traume erschienen sei: ein paar Stunden gewohnter Nachtruhe hat er seiner Braut
in spe wahrhaftig gekostet.
    Mein heuriger Reisebegleiter war der Prediger, der sich durch kleine
literarische Arbeiten ein paar freie Freudentage erkauft hatte. Es galt einen
Besuch bei seinem in Leipzig studierenden Sohne; es galt nebenbei einen Blick in
den neuesten Mekatalog und in die antiquarischen Schtze der Metropole
deutscher Bcherwelt. Mein frohmtiger Freund hoffte, diese Mefahrten
halbjhrlich erneuern zu knnen, und wir verabredeten zum voraus die gemeinsame
Rckreise im Herbst.
    Ohne Zweifel wrde mir nun dieses zweitgige Beieinander mit dem lieben,
lehrsamen Herrn die ersprielichsten Dienste geleistet haben, wenn zwischen den
neuen spanischen Helden unseres Schiller und die metrischen Fehden von
Lichtenberg kontra Vo nicht immer von neuem der zudringliche prinzliche
Strenfried gefahren wre. Die alte Reckenburgerin hatte wohl recht: ihre
erkorene Nachfolgerin war nicht eben entzndlicher Imagination, und die
Warnungstafel mit dem spten ehelichen Korrektiv war auch nicht zum berflu
aufgestellt; bei alledem aber blieb es ein feuergefhrliches Spielwerk, das sie
siebzehnjhrigen Sinnen anvertraut hatte. Sooft Dame Weisheit den Verfhrer aus
dem Felde schlug, lispelnd und lchelnd gaukelte er sich immer wieder ein.
Chassez le naturel, il retourne au galop!
    Ich wute von dem jungen Herrn nichts, als da mein Papa ihn einen Sausewind
genannt hatte, und da die Andeutungen der Grfin diesem Epitheton just nicht
widersprachen. Die Begierde, ein Mehreres ber ihn zu erfahren, prickelte mich
bis in die Zungenspitze. Ich machte endlich kurzen Proze und platzte mit der
Frage: was von dem Stiefsohne meiner Tante zu halten sei? mitten unter die
idyllische Gesellschaft im ehrwrdigen Pfarrhause von Grnau.
    Der ehrwrdige Pfarrherr von Reckenburg stutzte. Er kannte den Prinzen
natrlich nicht; er kannte ja nicht einmal die Grfin und war weit davon
entfernt, in dem Sohne des Ungetreuen seinen dermaleinstigen Patron zu vermuten.
Angeregt durch einen Zeitungsartikel, hatte daher nur ein Zufall ihm vor kurzem
flchtige Kunde ber ihn zugetragen.
    Der junge, schne Prinz - einen Antinous nannte ihn das Gercht -,
leichtlebig, zu galanten Abenteuern geneigt und mit seinen knappen Finanzen
rgerlich verwickelt, hatte lngst schon ber die methodischen Anforderungen des
kurfrstlichen Hofes, dem er sich als Verwandter, Mndel und Militr
untergeordnet sah, Verdru und Langeweile zur Schau getragen, und ein Heisporn
in den Kauf, war er bei dem lssigen Ausgang der Monarchenversammlung zu
Pillnitz whrend des verflossenen Herbstes in offene Emprung ausgebrochen. Er
entwich heimlich von Dresden, um an dem Hoflager des Kurfrsten Klemens in
Koblenz eine anregendere Kameraderie zu suchen. Hier in das frivole Treiben der
Emigrierten bedenklich verflochten, hatte er sich kopfber in eine Schuldenlast
gestrzt, welche weder die Verwandtschaft von Kursachsen noch von Kurtrier zu
honorieren geneigt war. Vor kurzem sollte er nun summarischen Befehl zur
unverweilten Rckkehr nach Dresden erhalten haben, und hoffte man, auf diese
Weise bei dem sich vorbereitenden Kreuzzuge gegen den frnkischen Jakobinismus
vor einer kompromittierenden Teilnahme des frstlichen Parteigngers
sichergestellt zu sein.
    Es hat sich, so schlo der Prediger sein Referat, es hat sich nach
anderthalbhundertjhrigem Schlummer im deutschen Walde ein treibender Sturm
erhoben. Oben in den Wipfeln rauschts und brausts, whrend das Wurzelland, ein
breiter, dumpfer Weideplatz, noch der umarbeitenden Pflugschar harrt. In der
Gelehrtenwelt, in Kunst und Poesie, allerorten sehen wir einzelne Spitzen,
unverstanden oder falsch verstanden, die Menge berragen. Auch in unseren
ungezhlten Dynastengeschlechtern tut sich dieses jache, ungleichartige Drngen
kund. Wie viele sind ihrer nicht, die einen genialischen Sprossen getrieben
haben? Sehen sich diese Sprlinge nun als Erben eines Thrones, wie Friedrich,
wie Joseph, oder auf anderem Gebiete, wie der edle Weimaraner, so werfen sie
sich auf zu Bahnbrechern einer neuen Ordnung, um je nach Krften, Verhltnissen
und Temperament in ihrem Streben zu siegen oder unterzugehen, immerhin aber
einen Keim zu legen, welcher der Zukunft Frchte tragen wird. Sind es
Nebenschlinge, wie dieser Prinz, jngere Shne ohne Land und Macht, aber in
frstlicher Blendung, in frstlicher Absonderung aufgewachsen, so sehen wir sie
nur allzu hufig als taube Blten vom Mutterbaume ab- und dem Gesetze verfallen,
welches jede Kraft, die nicht Tat wird, zum Wahne werden lt. Abenteurer und
Tollkpfe, Lstlinge und Sonderlinge, Dilettanten und Pfuscher, Freigeister und
Geisterseher, rtteln sie fr sich selbst an den Schranken, welche Sitte und
Herkommen bis heute geheiligt haben, ohne fr die Freiheit und Wohlfahrt der
anderen eine einzige zu durchbrechen. Hher hinauf knnen sie nicht; in die
Breite und Tiefe wollen sie nicht, oder drfen sie nicht. Sie bleiben eben
Prinzen, das heit Exzeptionen, denen kein anderes Feld des Ruhmes und der
Tatkraft angewiesen ist als das blutige Leichenfeld, das auch zur Stunde, und
Gott wei bis zu welcher Stunde, unser kaum erwachtes Vaterland von neuem zu
erstarren droht.
    Das waren nun freilich Belehrungen, welche die Reckenburger Schimre ihres
blendenden Zaubers entkleiden durften, und als ich, von Leipzig ab allein, in
meiner bescheidenen Zurckgelegenheit heimwrts gerttelt ward, da zerstoben
denn auch die bunten Seifenblasen vor dem nchternen, geschulten Blick. Wrde,
so fragte ich mich, der tollmtige, ritterliche Antinous um schndes Geld und
Gut sich der Verbindung mit einem unschnen, unstandesmigen Frulein, das er
nicht einmal kannte, unterwerfen? Wrde die alte Reckenburgerin auf diese
Verbindung bestehen, dem Sohne eines Mannes gegenber, der ihr Stolz und ihre
Lust, der offen und geheim der Regulator ihres Lebens gewesen war? Endlich aber,
wenn sie auf die Bedingung bestand, wenn er der Not sich unterwarf, wrde das
unschne, unbekannte Frulein sich bedingungsweise einem Manne in den Kauf geben
lassen, der sie mit widerwilligem Gemte empfing? Nein, dreimal nein! Nicht um
den Besitz eines frstlichen Antinous, nicht um den Besitz der Reckenburg und
aller Herrschaften der Welt. Nimmermehr!
    Mit diesem herzhaften Strich durch alle gaukelnden Hirngespinste, und mit
dem Vorsatz, mich durch keine Andeutung der matrimonialen Schrullen auf der
Reckenburg lcherlich zu machen, betrat ich mein Elternhaus. Bei alledem wird
mir eine rckfllige Schwachheit zu verzeihen sein, als gleich nach der ersten
Begrung der gute Papa mir mit der Frage entgegenfuhr: Wute die alte Gndige
schon, meine Dine, da ihr Erbprinz hiesigen Orts auf Strafkommando versetzt
worden ist?
    In Wahrheit, mir schwindelte. - Prinz August hier - hier? - stammelte ich.
    Noch nicht, versetzte die Mama nach einem Ruspern, das allemal eine
gelinde Rge fr den Gemahl bedeutete. Noch nicht. Doch darf er jede Stunde
erwartet werden. Er ist als Major dem Regimente aggregiert worden, mithin Papas
unmittelbarer Vorgesetzter, wie manche wissen wollen, um seine etwas
brouillierten Verhltnisse in der kleinen Garnison wiederherzustellen. Ich fr
mein Teil bin der Ansicht, da man ihm ein selbstndiges Kommando zugedacht, und
da man unsern Ort gewhlt hat, weil das wohleingerichtete Schlo ein
standesmiges Logement gewhrt.
    Bis zum Donnerstag ist er jedenfalls einpassiert, setzte der Vater hinzu.
Die Gesellschaft arrangiert ihm zu Ehren ein Picknick, einen bal champtre.
    Einen Empfang, Eberhard, verbesserte die Mutter.
    Meinetwegen einen Empfang, fuhr der Vater heiter fort. Auf alle Flle
werden die Damen an dem Tage seine Bekanntschaft machen, und endlich einmal wird
eine frohe Stunde auch fr unsere arme, brave Dine gekommen sein.
    Wir werden uns nun unverzglich mit deiner Toilette zu beschftigen haben,
hob die Mutter an, wurde aber durch die Meldung eines Damenbesuchs in der
hochwichtigen Picknickangelegenheit unterbrochen. Ich war noch im Reisekleid und
durfte mich in mein Zimmer zurckziehen.
    Sollte ich denn ber den verwnschten Prinzen nimmermehr zur Ruhe kommen?
Kaum ist das Traumbild verscheucht, steht er leibhaftig vor mir aufgepflanzt.
Hatte die Grfin um diese Begegnung gewut, ihre Plne darauf gegrndet? War es
ein Glcksfall von denen, welche die Seherin der Familie in Karten und
Kaffeesatz vorausgeschaut? Waren die Reckenburgschen Bedingungen wohl schon dem
armen, bedrngten jungen Herrn insinuiert?
    Nun, auch mit einem leibhaftigen Strenfried lt sich fertig werden, und
schneller hufig als mit einem Hirngespinst, wenn nur das Rstzeug des Stolzes
scharf geschliffen ist. Ich war mit dem meinigen fertig, ehe noch unten die
groe Konferenz abgelaufen war.
    Ein leichter Schritt auf der Treppe brachte mich vollends in das natrliche
Geleis zurck. Es war Dorothee, die mich nicht vor dem morgenden Tage erwartet
hatte und von einem Ausgang zurckkehrte. Jetzt erst legte ich die Reisekleider
ab, ffnete dann, meine Nachbarin zu berraschen, leise die Tr und stand eine
Weile unbemerkt auf ihrer Schwelle.
    Die rege, behende kleine Dorl sa am Fenster, das Kpfchen in die Hand
gesttzt, sie, die ich immer nur lachen und plaudern gehrt, sie - seufzte; sie
schien mir bleicher, als da ich sie verlassen hatte, das Auge weiter, fragender
geffnet und von einem blulichen Schatten umringt. Die Blumen auf dem
Fensterbrett hingen durstig die Kpfe, die Zeisige im Bauer flatterten unruhig
nach Futter. Ihre frhliche Pflegerin hatte sie versumt.
    Sobald sie jedoch meiner ansichtig ward, da go sich der gewohnte blhende
Lebenshauch ber die liebliche Gestalt. Sie strzte mit einem Freudenschrei an
meine Brust. Hardine! jubelte sie, Frulein Hardine, o nun ist alles wieder
gut!
    Was ist gut? fragte ich, indem ich mich zu ihr setzte und ihre Hand fate.
Hast du Kummer, Dorothee? Sie schttelte den Kopf. Oder Sorge? um den Faber
etwa?
    Um den Faber? ach was wei ich von dem? Der schneidet Krppel und Leichen
und bald zieht er in den Krieg. Um mich kmmert er sich nicht so viel. Sie
schnippte lachend mit der Hand.
    Schreibt er dir denn nicht?
    Alle Jahr zweimal, zum Geburtstag und zum Heiligen Christ.
    Und du?
    Was soll ich ihm schreiben? Ich erlebe ja nichts. Ich bedanke mich fr sein
Angebinde, schicke ihm auch eins und damit gut.
    Aber was fehlt dir denn, liebe Dorothee?
    Was mir fehlt? Ich glaube nichts. Ein wenig Freude vielleicht. Aber ich
wei es nicht. Sie haben ja auch keine Freude, Frulein Hardine.
    Du beschftigst dich nicht gengend, Kind, mahnte ich.
    Mit was soll ich mich denn beschftigen? versetzte sie, ich tue, was ich
kann.
    Ich mute schweigen. In der Tat, was sollte sie tun in ihrer brutlichen
Freiheit und Beschrnkung? Undeutlich ahnte ich auch, da Arbeit nicht das
Mittel sein wrde, um dieses Dasein auszufllen.
    Aber was mchtest du denn, Liebe? fragte ich nach einer Pause.
    Ich mchte leben! rief sie mit jenem unbeschreiblichen Impuls, mit welchem
sie damals im Garten: Gut sein, Hardine, heit Gottes Kind sein! gerufen
hatte.
    Und wie sie damals in rascher Wandlung sich auf die ersten Veilchen strzte,
um die Freundin mit ihnen zu schmcken, so strzte sie sich heute auf deren
Hnde, drckte sie an ihr Herz und frohlockte: O aber nun habe ich Sie wieder,
Frulein Hardine, nun bin ich nicht mehr allein, nun bin ich vergngt und
glcklich wie sonst!
    Gleichwohl verlie ich sie mit dem Vorgefhl nahender Schmerzen. Drtchen
sieht nicht mehr so frisch aus wie im Herbst, sagte ich, als ich zu den Eltern
zurckkehrte, und der Vater entgegnete:
    Kein Wunder! Sie langweilt sich, die arme kleine Dorl. Schn wie ein Bild,
siebzehn Jahre und immer das nmliche, freudlose Einerlei!
    Hat unsere Tochter etwa mehr Freude von ihrer Jugend, Eberhard? fragte die
Mutter scharf.
    Der Vater streichelte meine Backen, und ich sah es wie einen Nebel ber
seine Augen fliegen. Unsere Dine, unsere brave, gute Dine! sagte er bekmmert.
Verdammtes altes Hexennest! Gings nach mir - - Er vollendete den Satz nicht,
denn Frau Adelheid hatte ein warnendes Ruspern hren lassen. Nach einer Pause
aber fuhr er, sich vergngt die Hnde reibend, fort: Nun gottlob, nchsten
Donnerstag kommt ja die Gelegenheit, wo Jungfer Eberhardine auch einmal das
Kittelchen schwenken darf, wie es ihrer Jugend gebhrt!
    Am anderen Tage war unsere kleine Wirtin wieder die alte, muntere Dorl und
Feuer und Flamme bei der groen Toilettenangelegenheit. Der Karton der Grfin
wurde geffnet, und wir musterten mit wohlgeflligen Blicken eine Robe - kein
Zweifel, da es die fr die Einzugstafel in Reckenburg bestimmte gewesen ist -
nun, eine Robe, die vor fnfzig Jahren vor einer glnzenden Hofgesellschaft
Parade machen, die aber heute noch in unserer kleinen Exresidenz hinlnglich
modisch und berreich erscheinen durfte. Ein meergrner Damast, mit leichten
Silberfden durchwoben, rmel und Ausschnitt mit einem Spitzenhauche garniert.
Die Mama wiegte den Kopf mit dem Ausdruck hchster Befriedigung.
    Der Rock ist zu kurz, meinte sie, kann aber durch den entbehrlichen
Manteau verlngert, auch die Corsage palich dadurch hergestellt werden. Feinere
Applikation sah ich nie. Ihr Kaffeegelb hebt den brnetten Teint, zumal bei
gepuderter Frisur und echten Perlen im Toupet. Eine frstliche Toilette, liebe
Tochter!
    Ich pflichtete dem bei. Die Dorl aber zog ein Mulchen wie ein schmollendes
Kind. Beileibe nicht Puder, Frulein Hardine! raunte sie mir ins Ohr. Keine
Pariserin trgt noch Puder und Toupet. Und um Gottes willen nicht diese
standfeste Robe mit der quittengelben Garnitur! Sie nehmen sich ja aus wie Ihre
Gromutter, Frulein Hardine. Ein Kleid von weiem Nessel, rote Schleifen und
eine frische Rose - meine Stcke blhen herrlich! -, eine Rose im gekruselten
schwarzen Haar, so mchte ich Sie sehen auf Ihrem ersten Ball!
    Der Tausend, ich war auch einmal siebzehn Jahr! Im weien Kleide, eine Rose
in den Locken, auf dem ersten Ball, zum erstenmal unter den Augen von - Kinder,
das Herz zitterte mir im Leibe vor heller Lust.
    Aber nur einen Augenblick, denn die Mama, welche dem ungewohnten, halblauten
Widerspruch mit sichtlichem Mifallen gelauscht hatte, versetzte: Es ist kein
Ball, mindestens nicht seinem ersten Zwecke nach. Es ist ein Cercle, eine
Prsentation. Mgen die Amtmannsjungfern in Schferrckchen einen Prinzen von
Geblt umtnzeln: wir sind nicht des Schlags, der den Braten von einem
Kompottellerchen geniet. Was aber den Puder anbelangt: haben die Jakobinerinnen
in Paris ihn abgelegt, der beste Grund fr uns, ihn beizubehalten.
    Fahre wohl, du leichter Nesseltraum! Noblesse oblige.
    Die letzte Reckenburgerin hat ihren Puder so lange wie eine und nie im Leben
Rosen getragen.
    Der Donnerstagmorgen brach an und noch herrschte in der Gesellschaft die
bnglichste Spannung. War der Prinz ber Nacht angelangt? War ers immer noch
nicht? Was sollte bei dem weichen Wetter aus Amtmanns Truthahn, was aus dem
wilden Schweinskopf der Frau Oberforstmeisterin werden? Durfte die Freifrau von
Reckenburg den Teig zum Spritzgebackenen einrhren?
    Sie durfte ihn einrhren! Der Papa war es, der atemlos die frohe Botschaft
brachte; der herzensgute Papa, der mit Freuden den sauren Posten eines matre de
plaisir und Vortnzers wieder bernommen hatte, heute, wo es galt, seinem
prinzlichen Kommandeur einen wrdigen Empfang und seiner Tochter ein erstes
Jugendfest zu bereiten. Der Prinz war in der Nacht angelangt und hatte die
Einladung des Komitees huldreichst akzeptiert. Ein Mann wie ein Bild! sagte
der Vater, she ihn deine Gndige, meine Dine, sie bezahlte mit Zuckerlecken
seine Schulden.
    Nun hie es alle Hnde rhren. Schon frh um neun erschien der Friseur. Kaum
war der kunstvolle Turmbau mit erster Kraft und Laune vollendet, stellte auch
schon Drtchen sich ein, um die Taille zu schnren und die Points vor dem Busen
festzuheften. O das hat ja noch Zeit! sagte ich abwehrend.
    Ich mu mich doch aber auch anziehen, Frulein Hardine, entgegnete die
Kleine und noch frher oben sein als Sie.
    Du? fragte ich verwundert.
    Ich helfe dem Vater nur ein wenig; der arme Mann wei nicht, wo ihm der
Kopf steht, Frulein Hardine.
    Dawider konnte nun im Grunde nichts eingewendet werden. Ich lie mich daher
zur Wespe zusammenpressen und sa viele Stunden beklemmt und mit noch rterem
Angesicht denn sonst im vterlichen Lehnstuhl. Die Mama huschte zwischen
Backofen und Toilettentisch hin und wieder; der Papa hatte Not, sich in die alte
Galamontur zu zwngen. Zwischen Stck und Stck probierte er ein Entrechat, um
die Glieder fr die groe Abendaufgabe gelenk zu machen. An ein Mittagbrot
dachte von der gesamten Donnerstagsgesellschaft heute schwerlich ein Mensch.
    Endlich, endlich schlug es vier. Die amtmnnliche Karosse rollte vorber,
und die Familie Reckenburg schlpfte durch das Pfrtchen des seligen
Leibbarbiers auf die Schloterrasse und in den Pavillon. Sie war die erste auf
dem Platz. Einem Prinzen von Geblt darf man nicht nur, man mu ihm zuvorkommen.
    Das Wetter war sommermild; Bume und Strucher blhten. Man htte Ende April
keinen gnstigeren Nachmittag treffen knnen, wenn es auf eine fte champtre
abgesehen gewesen wre. Da es aber auf die Prsentation eines Frstensohnes
abgesehen war, hatte man sich anstandshalber fr das herzogliche Lusthaus
entschieden, wie Mutter Reckenburg fr die Robe von drap d'argent. Das Lusthaus
bestand allerdings nur aus einem einzigen Saal, war aber fr den heutigen
komplizierten Zweck mit Hilfe einer Draperie in zwei Hlften geteilt worden. Die
vordere diente zum Empfang und darauffolgendem Tanz, die hintere passierte als
Speisesaal. Die vorausgesendeten Gerichte gewhrten eine verlockende Dekoration
wie auch, gemischt mit den vom Garten hereindringenden Frhlingsdften, einen
gar wrzigen Parfm. Unter der Draperie, zwischen beiden Abteilungen, stand
Meister Mllers Bfett, und seine behbige Gestalt lehnte in der Tr, die zur
Seite in Kche und Keller fhrte. Dorothee verhielt sich natrlich hinter der
Szene.
    In diesem Raume, der brigens sein frstliches Ansehen leidlich bewahrt
hatte, harrte die vollzhlig versammelte Gesellschaft eine Stunde lang, zwei
Stunden, noch lnger auf den Ersehnten, der - nicht kam. Keiner setzte sich,
keiner hatte die Geduld, ein Gesprch fortzufhren. Aller Blicke hingen gespannt
an der geffneten Tr. Es war so stumm in dem gefllten Saale, da man die Vgel
drauen zwitschern hrte. Auf der Tribne hielt die Regimentsmusik standhaft die
Trompeten am Munde, um den Bewillkommnungstusch nicht zu versumen. Unter dem
Eingange stand im Prallsonnenscheine, chapeau bas, das Komitee, an seiner Spitze
mit zum Tubus gehhlter Hand der Rittmeister von Reckenburg. Alles lauschte,
lugte, lauerte - kein Prinz kam.
    Absichtliche Unpnktlichkeit von seiten eines kurschsischen Blutsverwandten
konnte nicht angenommen werden; es mute ein Miverstndnis obwalten oder ein
Unfall eingetreten sein. Nach langer Deliberation setzte sich der Chef des
Komitees zu einer untertnigen Anfrage in Bewegung, und hat die Familie dieses
Chefs spterhin vertraulich in Erfahrung gebracht, da es mit der unannehmbaren
frstlichen Unhflichkeit doch nicht so ganz ohne gewesen sei. Als der
Abgesandte vor dem hohen Gaste erschien, lag derselbe gemchlich im Schlafrock
auf der Causeuse ausgestreckt, eine lange Trkenpfeife im Munde und den
Hamburger Korrespondenten in der Hand. Schon? fragte er ghnend. Sind die
Schnen ihrer Reize so sicher, um sie bei Sonnenschein preiszugeben? Doch
verhie er sein Erscheinen, sobald Zeitung und Toilette vollendet sein wrden.
    Es dmmerte bereits, als der Abgesandte mit dieser Botschaft zurckkehrte.
Flugs wurden die Fensterlden geschlossen, die Kronleuchter angezndet. Die
Gesellschaft rangierte sich in zwei Heckenwnde, zwischen denen der erlauchte
Gast seinen Durchgang nehmen sollte. Obenan die Gemahlinnen des Adels, dann die
brgerlichen; nunmehr die Frulein, neben ihnen die Demoiselles und endlich die
Herren in gleicher Rangordnung.
    Noch dauerte es eine gute Weile, ehe der lange gehegte Tusch und gleich
darauf die vorstellende Stimme des matre de plaisir am oberen Ende erschallten.
Ich hatte mich nicht umgeblickt und mein Haupt in stolzester Haltung
aufgerichtet, um das schlagende Herz vor mir selber Lgen zu strafen. Erst als
ich meinen Vater den Namen: Freifrulein Eberhardine von Reckenburg nennen
hrte, und whrend ich mich zu der bewhrten Menuettsenkung niederlie, hob ich
das Auge, so ruhig ich vermochte, zu dem Vorberstreifenden empor.
    Ich war auf einen schnen Mann vorbereitet; der aber, meine Freunde, welcher
meinem Blick begegnete, er war nicht nur der schnste Mann, den ich bis dahin
gesehen - denn das wrde nicht viel bedeuten -, aber es war und blieb, ich wei
keinen bezeichnenderen Ausdruck als: der anmutvollste Jngling, den das Leben
mir vorgefhrt hat. Hatte er in seine Jugend gestrmt, das uere wenigstens
trug von diesen Strmen keine Spur, nicht die schlanke, geschmeidige Gestalt,
nicht die rosige Farbe von fast mdchenhafter Transparenz, nicht die Zge,
welche vielleicht zu weich und fein erschienen sein wrden ohne das groe,
schwarzblaue Auge, das mit khnem Feuer das Antlitz beherrschte. Dazu das
lichtblonde Brtchen ber der heiter gekruselten Oberlippe, die ppige
Lockenwelle, welche dem steifen Zopfband widerstrebte, und endlich jene sichere
Lssigkeit in Tracht und Haltung, die nur denen natrlich ist, deren
Herablassung als Huld betrachtet wird. Mein biederer Vater in seiner Zwangsjacke
und standfesten Wrde spielte in meinen Augen eine rgerlich komische Figur
neben diesem Liebling der Grazien im bequemen, halbgeffneten Kollett.
    Es war der erste Blick, mit dem ich diesen vollen Eindruck erfate, und ich
begriff whrend dieses ersten Blicks die Erinnerungslust meiner achtzigjhrigen
Reckenburgerin, wenn der Sohn ihres Ungetreuen seinem Vater hnlich sah: aber
seltsam - sollte es ein Ahnen der Zukunft gewesen sein? -, whrend dieses
ersten, kurzen Blickes surrte es vor meinen Ohren wie die Totenklage des
Hadrian, die mir der Prediger neulich so beweglich geschildert hatte, denn ein
Schnerer als dieser Antinous konnte das kaiserliche Knstlerauge nicht erquickt
haben.
    Als der Vater meinen Namen nannte, stutzte der Prinz, der noch eben,
nachlssig mit dem Spitzentuche grend, an meiner Nachbarin vorbergeglitten
war. Er pausierte einen Moment, ein vertrauliches Lcheln auf den Lippen, so,
als ob er einem alten Bekannten begegnet sei; dann ging er weiter, vorstellend
und sich neigend, die Reihe entlang.
    Die Polonse hob an. Der Prinz fhrte meine Mutter durch den Saal, bei
weitem zu kurz und kunstlos fr die Mode der Zeit. Jetzt entstand eine Pause;
die Growrdentrgerinnen erwarteten gespannt eine Nherung des gefeierten
Gastes und zuckten unverhohlen die Achseln, als sie ihn, nachdem er bereits der
verwitweten Exzellenz vom Hofmarschallamt die Gattin seines Rittmeisters
vorgezogen hatte, jetzt raschen Schrittes sich deren Tochter zuwenden sahen.
    Sie kommen von Reckenburg, Gndigste? so redete er mich mit dem vorigen
vertraulichen Lcheln an. Wie geht es meiner Exmama? Unsterblich, so sagt man -
-
    Unentkrftet mindestens, Durchlaucht, und unermdet, antwortete ich.
    Auch unersttlich, gelt, und unerbittlich ber ihren lydischen Schtzen!
Nun, auch Krsus hat ja endlich seinen Solon gefunden. Wollen Sie nicht Ihre
Weisheit geltend machen, Gndigste, um wenigstens einen armen Schuldner von
seiner Sklavenkette zu befreien?
    Ich kann nicht sagen, da diese kameradschaftliche Einfhrung besonders nach
meinem Geschmack gewesen wre. Aber ich merkte kaum auf den Sinn der
leichtfertigen Plauderei; ich lauschte nur dem musikalischen Klang, der
biegsamen, impulsiven Melodie der Stimme, die gleich einem Zauber das Herz
umspann.
    Das Orchester hob whrend der letzten Worte die Weise eines Wiener Walzers
an, und ich las in den neidischen Blicken meiner Mitschwestern, da man den
Prinzen fr meinen Partner hielt. Der brave Vortnzer strzte sich heldenmtig
auf die beleidigte Frau Amtmnnin, um sie fr diese neue Bevorzugung seiner
Familie nach Leibeskrften zu entschdigen. Auch ich erwartete, da mich der
Prinz in die Reihe fhren werde, und ich erwartete es mit zitternder Lust. Da er
aber keine Miene machte, sich vom Platze zu rhren, lie ich mich ruhig in einer
Sofaecke nieder.
    Sie tanzen nicht? sagte der Prinz, indem er sich an meine Seite setzte.
Desto besser. So plaudern wir und machen unsere Glossen.
    Die Paare drehten und wiegten sich an uns vorber; keines entging dem
prinzlichen Spott. Nicht eine Physiognomie! nicht eine frische Natur! rief er
endlich verdrossen. Und alles das rhmt sich, nach Gott-Vaters Ebenbilde
geschaffen zu sein. Wie haben Sie es fertiggebracht, Frulein von Reckenburg,
inmitten dieser Larven, unter diesen platten, toten Herkmmlichkeiten Sie selbst
zu bleiben?
    Ich bin zum erstenmal in Gesellschaft, konnte ich zu antworten mich nicht
enthalten. Aber ich tat es mit leidlichem Humor, denn ich sa einem Spiegel
gegenber und begriff, wie viele Sommer er der meergrnen Brokattrgerin
zusprechen mochte.
    Oder wie werden Sie es fertigbringen? verbesserte er sich.
    Nun, auch Durchlaucht werden es ja fertigbringen mssen, sagte ich
lchelnd.
    Ich? Nein, beim Zeus, ich wahrlich nicht! rief er aus. Man hat mich hier
an die Kette gelegt. Aber whnt mein wrdiger Vormund von Sachsen, da der erste
Kanonenschu am Rhein diese Kette nicht sprengen wird? Endlich, endlich ist es
ja so weit! O der Schmach, da Franz von sterreich nach vterlichem Exempel
zgern konnte, bis sein unglcklicher Ohm unter der Tortur seiner jakobinischen
Hscher ihm seine Horden entgegentreibt! Schmach, ewige Schmach, da dieser,
unser baldiger Kaiser, heute noch sich windet und krmmt wie ein Aal. Aber
gottlob! Knig Friedrich Wilhelm ist Feuer und Flamme, jenen Hschern die
Daumschrauben anzusetzen. Stelle er sich an die Spitze der Armee, rufe er sein
Vorwrts, und wenigstens wir, das heit die Legion deutscher Frsten ohne Land,
werden nicht sumen, um unter Friedrichs Banner dem Erben des heiligen Ludwig
seine knigliche Freiheit zurckzuerobern.
    Auf diese Weise zwischen Scherz und Pathos plauderte mein junger Held unter
dem Rauschen des Wiener Walzers harmlos seine Zukunftsplne aus. Ich wute ja,
wie kriegerisch sein Sinn gestellt sei. Nur da er damit umgehe, in preuische
Dienste zu desertieren, mute mich wundernehmen. Und so entbldete ich mich denn
auch nicht, ihn daran zu erinnern, da eine Schwenkung just in dieses Lager
wenig Anklang in schsischen Herzen finden werde.
    Habe ich eine eigene Armee ins Feld zu fhren? versetzte er lachend. Oder
soll ich darauf warten, bis das heilige rmische Reich deutscher Nation sich auf
seine Pflicht - bah! nur auf seine Notwehr besonnen hat? Bis am Ende auch der
oberschsische Kreis sein Fhnlein aufgeboten? O! nur die Subsidien Ihrer
Reckenburg, Gndigste, setzte er mit einem schelmischen Augenblinzeln hinzu,
nur die Subsidien Ihrer Reckenburg, und ich lege den ersten Lorbeerkranz zu
Ihren Fen, den ich, wie mein braver Vetter von Weimar, als preuischer Soldat
errungen haben werde.
    Der Tanz ging whrend dieser Tirade zu Ende, und ich erhob mich, um mich vor
den rgerlichen Blicken der Gesellschaft unter die Flgel meiner Mutter
zurckzuziehen. Der Prinz folgte mir. Das erste Menuett wurde eben angestimmt.
    Sie scheinen eine Virtuosin in der Kunst, sich mit Anstand zu ennuyieren,
sagte er, wollen Sie mir Stmper in derselben noch diesen Tanz hindurch als
guter Kamerad zur Seite stehen?
    Freilich wre ich lieber im Rundtanz als flotte Partnerin in seinen Armen
durch den Saal gewirbelt; aber auch nur als guter Kamerad eine Viertelstunde
lnger ihm vis-a-vis dnkte mich eine Herzenslust. Als wir nach vollbrachter
Tour am Ende der Kolonne anlangten, seufzte mein Chapeau so herzbeweglich, da
ich die Ungalanterie mit einem Lcheln zu beantworten vermochte. Auch er lachte.
Diese feierliche Strapaze nennt der Deutsche Vergngen, rief er aus. Beim
Zeus! mit Wollust reichte ich meinen Herrn Jakobinern die Hand zu einer
ehrlichen Carmagnole!
    Ich erlaubte mir zu bemerken, da ein lustiger deutscher Lndler vielleicht
dieselben Dienste leisten werde, und da Durchlaucht ihn nur zu befehlen
brauche, um sich fr die Strapaze einer Anstandspflicht zu entschdigen.
    Zum Lustigsein gehren mindestens zwei, erwiderte er, indem er die Blicke
spttisch ber unsere stolze Gesellschaft schweifen lie. Jhlings aber stockte
er. Himmel, wer ist das? rief er mit Entzcken; wer ist das?
    Mir war, als ob ich den Blitz in einer Pulvermine znden she, denn meine
Augen waren den seinigen gefolgt. Wren sie aber auch pltzlich mit Blindheit
geschlagen worden, wessen Anblick htte denn eine so jhe Bezauberung wirken
knnen als der meiner eigenen, einzigen Schnen, als - Dorothees?
    Die Tanzmusik hatte sie aus ihrem Versteck hervorgelockt. Sie stand einen
Schritt vor dem Bfett, mit leuchtenden Augen, verlangend wie ein Kind, das die
ersehnte Frucht unerreichbar am Baume hngen sieht. Die leibhaftige Eva! Die
Arme waren leise gehoben, der Krper vorgeneigt, in der Hand hielt sie ein
Krbchen, mit Blumen umwunden und gefllt mit dem Zuckerbrot, das sie so
zierlich zu formen verstand. Der lichtblaue Saum des weien Nesselrocks reichte
knapp bis zum Knchel; die Fchen in den flitternden Kinderschuhen trippelten
den Takt der Musik; das goldene Gelock wogte unter dem blauen Bande, das es lose
zusammenhielt, und der Rosenstrau, den sie fr mich gezogen hatte, bebte unter
den raschen Schlgen des Herzens. So reizend wie in diesem Augenblick sah ich
die reizende Dorl niemals vor und niemals nach der Zeit.
    Als ihr Auge dem unseren begegnete, schlug sie es dunkel errtend zu Boden
und entschlpfte durch die Seitentr.
    Wer ist diese Hebe? wiederholte der Prinz.
    Die Tochter des Schenkwirts, antwortete ich, verbeugte mich und setzte
mich neben meine Mutter.
    Es folgten verschiedene Tnze, die ich in den Armen dieses und jenes
jugendlichen Springinsfelds abhaspelte, so seufzend wie vorhin mein Prinz die
Anstandsstrapaze des Menuetts. Er selber tanzte nicht wieder. Unbekmmert, wie
im Wirtshaus, sa er neben dem Bfett in einem Kreise von Offizieren, mit denen
er tapferlich zechte. Aber nicht etwa von Meister Mllers landwchsigem Produkt,
auch nicht von den edelsten Sorten, welche die festgebende Gesellschaft zu
liefern vermocht hatte; nein, schumenden Cliquot, den er, als Scherflein zum
Picknick, aus seinem eigenen Keller holen lie.
    So hufte er Beleidigung auf Beleidigung. Mit jedem springenden Pfropfen
aber suchten seine Augen flammender nach der lieblichen Schenkin, die, sooft
eine neue Tanzweise anhob, wie von Hons Horn gelockt, in der Tr erschien, bis
unter den Vorhang schlpfte und mit Sehnsucht die wirbelnden Paare verfolgte.
Da whrend dieser Wanderung ihre Blicke manches Mal den suchenden am Zechtische
begegneten, da sie dem zrnenden Mienenspiel Jungfer Ehrenhardines gar behende
auszuweichen verstanden, das erscheint Jungfer Ehrenhardine heute freilich
verzeihlicher, als es ihr Anno 92 erschienen ist.
    Endlich verkndete ein Trompetensto das Souper. Nun mute das frevelhafte
Intermezzo doch ein Ende nehmen! Die Gesellschaft verfgte sich in das zweite
Kompartiment, allwo an kleinen Tischen rings um die Mitteltafel das schne
Geschlecht von den Kavalieren bedient werden sollte. Innerhalb jeder dieser
Gruppen war mit List und Gewalt ein Platz offen gehalten worden, in der
Hoffnung, da der gefeierte Gast ihn zu dem seinigen erkiesen werde.
    Aber die schon so vielfltig herausgeforderte Entrstung schwoll zur
Emprung, als der schnde junge Herr keine der heimlich Erwartenden befriedigte
und alle enttuschte, indem er einfach inmitten seiner Zechgesellschaft
sitzenblieb; als er von keinem der mit so viel Kunst und Aufwand hergestellten
Leckerbissen auch nur kostete, sondern sich mit einem Kringelchen begngte,
welches Hebe Dorl, auf einen Wink Meister Mllers, ihm in ihrem Blumenkrbchen
prsentierte.
    Wie ich die Errtende mit einer unbeschreiblichen Neigung vor ihn treten
sah, wie er aufsprang, sein Glas gegen sie hob und es in einem Zuge bis auf die
Nagelprobe leerte - Freunde, der Bissen im Munde stockte mir, der Tropfen, mit
dem ich ihn hinuntersplen wollte, brannte mich wie Gift; aber es war ein Bild,
vor welchem selber das zornsprhende Naturkind die Lust eines Knstlerauges
begreifen mute.
    Programmgem sollte das Fest mit dem Souper zu Ende gehen. Alles rstete
sich zum Aufbruch. Unser bisher so lssiger Held jedoch fuhr pltzlich in die
Hhe und forderte mit lauter Stimme den Kehraus. So stark der Unwille gewesen,
die Gromut gegen einen Gast von Geblt war strker. Lag doch an sich auch fr
die Donnerstagsgesellschaft nichts Ungebhrliches in der Auffhrung eines
gewohnten Schlutanzes, dessen buerische Weise und buntscheckiger Wechsel nach
dem Souper erst den rechten Humor zur Geltung brachten. Alt und jung reihte sich
zu Paaren, nur der Festordner stand noch auf der Lauer, um, nach dem sein hoher
Chef sich entschieden, aus der berzahl der Schnen die Wrdigste als Anfhrerin
zu erkren.
    Jetzt aber, da Prinz Sansfasson der verehelichten Gruppe gleichgltig den
Rcken kehrt, schiet der Ordner auf die Frau Amtmnnin zu, bietet ihr
begtigend die Hand und ist im Begriffe, mit ihr an die Spitze der Kolonne zu
treten, als - o wehe, dreimal wehe unserer adligen Reunion! - er den Prinzen an
den Schenktisch strzen und Kellermeisters kleine Dorl in die Reihe ziehen
sieht.
    Ein Donnerschlag htte nicht vernichtender znden knnen. Einen Augenblick
stand alles starr und stumm, dann helle Revolution! Die Frau Amtmnnin kehrte
mit einem kopfnickenden Bedanke mich wiederum; smtliche Frauen und Frulein
von Adel traten aus der Reihe und eilten nach der Tr, hinter deren Sulen
verborgen sie den unberechenbaren Ausgang erwarteten.
    Glauben Seine Durchlaucht zu einer Kirme geladen zu sein? hrte ich
hinter mir die von dannen rauschende verwitwete Exzellenz vom Hofmarschallamte
hhnen.
    Ich mit einem blutjungen Junkerchen, das ich auf dem Prsentierteller htte
schwenken knnen, hatte von der flchtigen adligen Spitze den bergang zu dem
bis jetzt standfesten brgerlichen Gefolge gebildet. Dachte ich daran, dem von
oben herab gegebenen Signale der Desertion zu folgen? Doch wohl nicht. Denn
warum sonst vermied ich den ratgebenden mtterlichen Blick? Meine Augen hingen
an dem anstigen Paare, das jetzt in der entstandenen Leere an meine Seite
trat. Ich sah Dorothees flehende Angst und Lust, sah des Prinzen vertraulichen
Wink, der zu sagen schien: Du bist keine Nrrin, du bleibst! Kurzum ich blieb.
Die Bourgeoisie folgte meinem Exempel und der Tanz hob an.
    Das war freilich ein anderes Treiben als die Strapaze, welche der Deutsche
sonsthin Vergngen nennt! Wie rasch und lustig die Gefge wechselten, die Paare
sich verschlangen und ineinanderschoben! Wie die rosige Hebe im Arme des
Gtterjnglings den Saal durchkreiselte, wenn jede Tour beim Schlusse in eine
Galoppade berging! Wie nun in den Wirbel der Glieder auch der der Kehlen sich
mischte, der prinzliche Vortnzer unter Hndeklatschen und jauchzendem Chorus
die alte Sangesmr von dem Grovater, der die Gromutter nahm, intonierte, und
endlich nichts Altes und Neues mehr brigblieb als - der Ku!
    Zeitlich, sittlich, meine Freunde! Wir schrieben zweiundneunzig, und ein
Kchen im Tanze dnkte uns dazumal beileibe nicht ein Raub. Manchmal wurde
gleich die Polonse mit ihm eingeleitet, oder man verlegte es in eine Tour des
Englischen; keinesfalls fehlte es im biederen vaterlndischen Grovater, und
nicht etwa blo beim Mannschieen oder auf der Kirme. Meine Mitschwestern von
der Montagsgesellschaft waren es gewohnt, die Bckchen ihrem Partner
darzureichen und nach dem Partner jedem anderen, mit dem die Verschiebung sie
zusammenfhrte. So ein halbes Hundert Mulchen in einer Tour - es war kein
berauschendes Gewrz, aber es wrzte doch.
    Unsere vornehme Reunion, mit den Reminiszenzen des weiland Herzogshofs, war
allerdings zu nobel konstituiert, um derlei naturalistische Ausschweifungen zu
vertragen. Nun aber an ihrem stolzesten Tage einen Prinzen von Geblt die Lippen
auf einer Schenkdirne Lippen drcken zu sehen, und wie drcken - so sonder Kunst
und Methode! -, sie hat sich von diesem schauderhaften Anblick niemals erholt;
es war der Todesstreich, der sie getroffen.
    Er kt ihren Mund, umschlingt sie, pret sie an seine Brust und jagt mit
ihr durch den Saal. Im rasenden Tempo lst sich die blaue Schleife aus ihrem
Haar; er reit sie an sich und birgt sie an seinem Herzen. Das goldene Gelock
wallt und weht im Wirbel bis zu den Knien hinab. Die Ordnung ist zerstrt.
Singend, jauchzend, atemlos strmen die Paare wirr durcheinander hinter dem
ersten drein. Ganz zuletzt auch Jungfer Ehrenhardine nach einem zchtigen
Handku ihres Junkerchens.
    Da jhlings - halt! Der Festordner hat Trompeten und Pauken das
Schweigesignal zugewinkt. Noch sehe ich, wie Dorothee, gleich einem gescheuchten
Reh, durch die Seitentr verschwindet, wie der Prinz ein schumendes Glas
hinunterstrzt. Dann wirft mir die Mutter die eigene Saloppe ber den Kopf. Wirr
und jh drngt alles nach dem Ausgang.
    Und so in einem bacchantischen Taumel, mit einem haarstrubenden rgernis
endete das Prinzenfest der adeligen Donnerstagsgesellschaft Anno 92, dem groen
Jahre der Revolution. Ich habe ihm ein langes Kapitel in meiner Lebensgeschichte
gewidmet: es war ja das einzige Mal, da ich beinahe Rosen getragen htte.

                                Sechstes Kapitel



                                 Die Brautlaube

Ein hchst verdrielicher Eklat! so unterbrach die Mutter unser allseitiges
Schweigen, nachdem des Leibbaders Pfrtchen sich hinter uns geschlossen hatte.
Nach Lage der Dinge aber, Eberhard, mu ich sagen, da unsere Tochter sich
taktvoll benommen hat.
    Brav, recht brav, meine Dine! sagte der Vater, als ob ihm ein Stein vom
Herzen fiele. Die Kleine wurde mit Gewalt in den Tanz gezogen; sie war Dines
Gespielin, ist unsere Hauswirtin, und hat der Faber sie erst geheiratet, so
gehrt sie in die Gesellschaft, so gut wie -
    Deine Grnde gelten nicht, Eberhard, unterbrach ihn die Mama. Das Mdchen
hat sich auf das unschicklichste betragen. Als Fabers Braut mute sie zu Hause
bleiben, oder als des Schenkwirts Tochter sich in Kche und Keller halten. Der
schferlichen Toilette noch gar nicht einmal zu gedenken. Unsere Tochter jedoch
stand einmal in der Reihe, und eine Reckenburg wird auf jedem Platze ihre
Haltung zu behaupten wissen, zumal wenn eine Amtmannsfrau, die aus einer Mhle
stammt, ihr beim Rckzug das Prvenire spielt.
    Ich erwiderte kein Wort, kte den Eltern die Hand und eilte in meine
Kammer. Ich dachte nicht daran, mich auszukleiden und niederzulegen. Unbeweglich
sa ich auf dem Bettrand, ich wei nicht, wie lange. Mir war, als wre ich von
einem hohen Turm gefallen, und krause Phantome wirbelten in dem erschtterten
Hirn. Ich hrte einen leisen Schritt an der Tr: ich rhrte mich nicht; ich
sprte einen heien Atem an meiner Wange, ich blickte nicht auf, aber meine Hand
zuckte, die Frevlerin von mir zu stoen, die zu meinen Fen niederkniete und
ihren Kopf in meinem Schoe barg. Sind Sie mir bse, Frulein Hardine?
flsterte sie mit ihrem kindlichsten Klang.
    Ob ich ihr bse war! Der Atem stockte mir und das Blut siedete im Grimm
gegen die treu- und schamlose Schenkendirne. Ich wendete das Gesicht von ihr ab
und starrte geradeaus in den Spiegel, der auf meinem Nachttische stand. Und
dieser Spiegelblick lste den Bann. Denn was heit denn gerecht sein, als
richtig sehen? Ich aber sah in dem engen Rahmen das Freifrulein von Reckenburg
in seinem hohen Toupet und steifen Brokat, die mannshohe Gestalt mit dem
hochgerteten Gesicht, zu der die weltkundige Grfin gesagt hatte: Du
entzndest kein junges Herz. In ihrem Schoe aber lag, von seinem goldenen
Lockenschleier umhllt, ein Kind mit allen Reizen des Weibes, mit pulsierender
Glut und auf der Stirn den Stempel: Dir wird kein junges Herz widerstehen.
    Nach langer Pause und einem tiefen Atemzuge senkte ich den Blick von dem
Spiegelbilde hinab in den Scho. Gut sein, gut sein! flsterte die Zauberin,
und ihre Lippen brannten auf meiner Hand, hei von dem Leben, das eines anderen
Atem dem Busen eingehaucht hatte.
    Du hast dich hinreien lassen, Dorothee, sagte ich, indem ich sie in die
Hhe zog und mich erhob. Wenn es dir aber leid ist -
    Leid? rief sie, erbebend unter dem Schauer des ersten, kaum geahnten
Glcks. Leid? O nimmermehr leid! Und wenn ich darber sterben sollte, Hardine!
    Sie floh aus der Tr. Und ich? Gelt, ich lag wie auf Rosen gebettet und
schlummerte in Gottes Frieden nach gromtiger Heldinnen und schner Seelen Art?
Ich sage Euch aber, auf Nesseln und Dornen habe ich mich gewlzt, wie siedendes
Blei hat es in meinem Herzen gewhlt, und wenn eines gebetet hat in dieser
Nacht, so war es das selig frevelnde, nicht das entsagende Menschenkind.
    Die Familie von Reckenburg konnte es allseitig nur gutheien, da ihre
beschmte Hauswirtin sich in den nchsten Tagen ihrer Begegnung entzog, da sie
auch den lauernden Blicken und Stichelreden der Nachbarschaft aus dem Wege ging
und nur von der Gartenseite in die vterliche Wohnung schlpfte. Selber Frau
Adelheid hielt das Kind, das unter ihren Augen erwachsen war, zu hoch, um
nachhaltige Wirkungen einer bermtigen Laune zu befrchten, und die
kleinstdtische Klatscherei stachelte diese stolze Geringschtzung der Gefahr.
    Im brigen hatten wir genug zu tun, uns der eigenen Haut zu wehren; denn
wenn die brgerlichen Bolzen sich nach dem Dachstbchen richteten, vor welchem
die Faberschen Scherbecken geglnzt hatten, die giftigen Pfeile der
Gesellschaft zielten auf das untere Gescho, dessen Insassen, betrt von
frstlicher Gunst, der gerechtfertigten Emprung Trotz geboten und erst dadurch
den Skandal unheilbar gemacht hatten.
    Selbstverstndlich, da unter diesen Zutrgereien die freiherrliche Familie
ihren Nacken hher und stolzer denn jemals trug. Verhehlt aber soll nicht
werden, da eine Migrne, welche die Hausfrau die Woche hindurch an das Bett
fesselte, in heimlichen Gallenaffektionen ihren Grund gehabt haben mag.
    Solchergestalt wandelten Vater und Tochter am Sonntagmorgen allein zur
Kirche, und hier war es, wo sie die schne Frevlerin zum erstenmal nach jenem
heillosen Abend wiedersahen. Sie sa unserer adligen Empore gegenber im Schiff
dicht unter der Kanzel, und schon whrend des Liedes konnten uns die neugierigen
Blicke nicht entgehen, welche in der unteren Gemeinde zwischen ihrem Platz und
dem hohen Herzogsstuhle, hinter dessen Gittern der Prinz - leider mit Unrecht -
vermutet ward, auf und nieder flogen.
    Wie mute nun aber das Behagen dieser Aufregung wachsen, als jetzt der
wrdige Hofprediger die Kanzel bestieg und ber das bekannte Thema: Gebet Gott
und Csar, die Pflichten gegen Altar und Thron, die der Fgsamkeit gegen die
geheiligte Ordnung der Stnde und das Schauerbild sndiger Frei- und
Gleichmacherei seiner Gemeinde krftiglich zu Gemte fhrte.
    Dem einsamen, harthrigen alten Herrn war ohne Zweifel kein Wort ber die
groe lokale Tagesfrage zu Ohren gekommen. Er hatte seine Predigt schon anfangs
der Woche ausgearbeitet, im lodernden Zorn ber die Rebellen in Paris, welche
den frommen, unglckseligen Knig zur Kriegserklrung gegen das verwandte
sterreich, seinen einzigen Hoffnungsanker, gezwungen hatten. Wenn etwa das
wohlstudierte Redestck durch augenblickliche Eingebung eine persnliche
Schrfung erhalten hat, so knnte hchstens der junge Frstensohn dafr
verantwortlich gemacht werden, dessen Herz es zu ergtzen bestimmt gewesen war,
und der in solch gottloser Zeit sich schnde der Pflicht gegen des Himmels
Heiligtum entzog. Des bescheidenen Beichtkindes zu seinen Fen gedachte der
feurige Redner in dieser Stunde nicht, vorher und nachher aber mit vterlicher
Liebe.
    Unsere solide Brgerschaft dahingegen, wie ferne lag es ihr, einen
Rckschlag von Dumouriez' Ultimatum auf ihrer Kanzel vorauszusetzen! War sie
eine Jakobinerhorde, die eines geistlichen Ordnungsrufs bedurfte? Gab man ohne
Murren nicht Gott, was Gottes, und dem Kurfrsten, was des Kurfrsten war,
vorausgesetzt, da die Steuer sich nicht allzu hoch belief? Hatte einer in der
Gemeinde von Freiheit und Gleichheit auch nur getrumt?
    Ja, eine war unter ihnen, eine einzige, die, vom Teufel der Hoffart und
Eitelkeit verblendet, ihrem von Gott gesetzten Kreise den Rcken gekehrt hatte,
seitdem sie ber Nacht wie ein Glckspilz zur Braut und Nutznieerin eines
hochfliegenden Patrons emporgeschossen war; die sich in die Reihen des Adels
gedrngt, in die allerhchste Nhe geschlichen, in leichtfertigem Putz, mit
anlockenden Gebrden den frstlichen Sinn betrt und ein rgernis
heraufbeschworen hatte, dermaen, da eine seit Herzogs Zeiten bestehende
hochadlige Soziett dadurch gesprengt und eine Rge von der Kanzel herab zur
Christenpflicht geworden war. Es fehlte nicht viel, man deutete mit Fingern auf
die arme kleine Dorl, die mit niedergeschlagenen Augen und Trnen auf den
Wangen, jetzt rot wie Scharlach, dann kreidewei, hinter ihrem Betpult zitterte.
    Als der Gottesdienst vorber war, traf ich sie halb vernichtet an einen
Pfeiler gedrckt unter dem Gedrnge der Kirchenpforte. bereinstimmender denn
jemals von ihrer Morgenandacht erregt, stnderten und plauderten die Patrizier
der Emporen und die Plebejer des Schiffs vor dem Ausgange. Keiner wechselte ein
Wort, einen Gru wie sonst mit der hbschen Jungfer Augentrost, keiner machte
ihr Platz, man gaffte sie an, bekrittelte ihren Staat und kehrte ihr spottend
den Rcken. Freundlicher, als ich es ohne dieses christliche Schauspiel getan
haben wrde, redete ich sie an, nahm sie unter den Arm und fhrte sie - mir
machte man Platz - an der Frau Amtmnnin vorber, die eben in ihre stolze
Karosse stieg. Auf dem Markte hielt just die Wachtparade ihren Aufzug, und der
gottlose Frstensohn, gleichmtig flanierend, entsendete uns einen huldvollen
Gru.
    So schritten die Beneideten und Verlsterten der Baderei, durch den
Kriegsbeschlu der Nationalversammlung in Paris aufs neue solidarisch verbunden,
Arm in Arm ihrem Heimwesen zu, spazierten auch noch ein Viertelstndchen im
Garten, um sich unter Gottes freiem Himmel von der angreifenden Morgenandacht zu
erholen: die Rose und ihr Blatt, wie einst! Ich bestrkte Dorothee in dem
Vorsatz, bis der Sturm sich beschwichtigt habe, sich mglichst zurckzuziehen,
und riet ihr sogar, statt des Hauptgottesdienstes eine Zeitlang die stillen
Frhmetten zu besuchen. Sie dankte mir zwischen Lcheln und Trnen, kte meine
Hand und sagte: Frulein Hardine, Sie sind in Wahrheit eine groe Dame.
    Nun, was einer von sich selber hlt, das hrt er gar gern von anderen
besttigt, wenn sie im brigen ihm auch nicht als Autoritten gelten.
    Als wir in das Haus zurckkehrten, trat der Prinz von der Straenseite
herein. Dorothee floh dunkel errtend die Treppe hinan; ich fhrte den Besucher
in das Familienzimmer und verplauderte, da die Mutter krank und der Vater noch
auf der Parade war, ein Stndchen mit ihm Tete-a-tete. Sie haben ein braves
Herz, sagte er, indem er mir die Hand reichte, lassen Sie uns Freunde sein,
Frulein von Reckenburg.
    Er besprach darauf, geordneter als neulich abend, seine kriegerischen Plne.
Es war ihm Ernst mit dem preuischen Dienst und er hoffte auf baldiges Gelingen.
Der Herzog von Weimar hatte die Anbahnung nach beiden Seiten bernommen, auch
den Wunsch ausgesprochen, ihn einem eigenen preuischen Regimente aggregiert zu
sehen. Unter dem nchsten Befehle eines schsischen Verwandten, so meinte er,
werde die unliebsame Uniform der kurfrstlichen Tutel ertrglich werden, und was
knnte man im Grunde auch Besseres wnschen, als den unbequemen Schtzling in
den Kampf ziehen zu sehen fr den bedrngten kniglichen Sohn einer schsischen
Frstentochter? Vllig unbefangen sprach er auch ber seine pekuniren
Verlegenheiten und hoffte deren Abwickelung durch die nmliche vermittelnde
Hand.
    Der Prinz kehrte seit diesem Tage hufig in dem Reckenburgschen
Familienzimmer ein, ohne an der Quehle in der Hlle ein rgernis zu nehmen. Er
begegnete uns wie Altbekannten oder gar Verwandten, vertraute uns den Gang
seiner geheimen Unterhandlungen; wir wuten um Zweck und Erfolg seiner hufigen
Ausflge, wir hegten und bargen sein Schicksal wie das eines Angehrigen. Alle
brigen Kleinstdter hingegen lie er mit souverner Verachtung beiseite liegen,
und auf unsere schne Hauswirtin stie er unter unseren Augen nicht ein einziges
Mal. Sie waltete still fr sich in ihrem Dachgescho, wir selber sahen sie nur
gelegentlich an uns vorberstreifen. Die Eltern lobten diesen bescheidenen Takt,
und auch nach auen hin verflchtigte sich das Gedchtnis jener einzigen
Ausschreitung rascher, als man htte erwarten sollen. Des wrdigen Hofpredigers
aufklrenden Lehren ber Ursache und Wirkung sei dabei in Dank und Ehren
gedacht.
    Wie es nun geschehen konnte, das, meine Freunde, was ihr lange schon geahnt
haben werdet, wie es in diesen Sommerwochen sich vollbracht hat, so tief
verhllt, da nicht damals, noch spter ein argwhnischer Blick die Heimlichkeit
ausgesprt - ich wei es nicht. Und wenn ich es wte: ich habe euch die
Offenbarung meines eigenen Geheimnisses verheien, nicht die der anderen Herzen.
    Mein Geheimnis in diesen Sommerwochen aber war, da ich - ich ganz allein
das der anderen - geahnt? - nein, da ich es gewut habe. Ich sah nichts, ich
hrte nichts, ich sprte nicht nach, berechnete nicht die verfhrerische Gunst
der Gelegenheit. Aber ich atmete die Wahrheit gleichsam in der Luft; ich fhlte
es fast als Notwendigkeit, da ein glckgewohnter Sinn wie der seine und ein
nach Glck schmachtender wie der ihre zusammentreffen muten, da sie sich
liebten und ihre Liebe genossen.
    Ich fhlte, ich wute es - und ich wehrte der Snde nicht. Sooft die
Warnung: Denk an Siegmund Faber oder die Mahnung: Sie ist einem Ehrenmanne
zur Treue verlobt, auf meinen Lippen schwebte, ich unterdrckte das Wort, denn
seine Quelle war nicht rein. Es war nicht Dorotheens Pflicht, nicht die Ehre
Siegmund Fabers, nicht das starke Gefhl fr Recht und Sitte, es war dies alles
wenigstens nicht allein und nicht zuerst, es war das eigene gekrnkte Verlangen,
das meinen Argwohn stachelte. Vllig unbefangen, ganz ohne Eigensucht und
Eifersucht, wrde ich, die Unerfahrene, der Reinheit einer Schwesterseele
vertraut haben, wie Vater und Mutter, die Erfahrenen, derselben vertrauten. Ich
fhlte mich nicht unschuldig, fhlte es mit Scham, und Scham und Stolz banden
meine Zunge, und so wurde ich mitschuldig.
    Freilich auch ein Posaunenschall wrde die Berauschten nicht aus ihrem
ersten Taumel geweckt haben. Und warum dachte Siegmund Faber nicht selbst daran,
seine einsame Braut an ihre Pflicht zu mahnen? Warum schrieb er nicht? Warum
kehrte er nicht, und wre es auf eine Stunde, vor dem Aufbruch ins Feld zu ihr
zurck? Warum traute er in sorglosem Wissens- und Tatendrange blindlings einem
Wort, das nur berraschung dem unerfahrenen Kinde abgelockt hatte? einem
herkmmlichen Gesetze der Treue, zu welchem das Herz nicht ja gesagt? Hatte der
Mann ber dem Zergliedern der Nerven und Bnder des Leibes den Nerv und das Band
der Seele zu prfen versumt? Oder hatte er deren Schwachheit an dem Mae seiner
eigenen Schwachheit erkannt und das Wagnis der Treue von vornherein als Torheit
aufgegeben? Alle diese Entschuldigungen habe ich mir jetzt und spter oft genug
wiederholt, und - sie haben mich niemals entschuldigt.
    Indessen nicht meine apprehensive Stimmung allein, auch uerliche
Merkzeichen wurden fr mich zum Verrter. Wer beschreibt den geheimnisvollen
Schimmer ber dem Leben und Weben eines Glcklichen? Wer beschriebe ihn zumal
ber dem Leben und Weben einer so freudigen Natur wie Dorothees? Ich sah den
Rckstrahl ihres erfllten Gemts, und zwar am deutlichsten daran, da ich sie
selber nur noch so selten sah. Wir waren ausgeshnt, sie hatte keinen Grund,
mich zu meiden. Sie mied mich auch nicht, aber sie suchte mich nicht, sie
bedurfte meiner nicht wie sonst. Sie, die vor wenigen Wochen mir
entgegenjauchzte: Nun, da Sie da sind, ist alles, alles gut! sie hatte einen
anderen, der mich verdrngte. Aus dem Kinde, der Jungfrau war ein Weib geworden.
    Deutlicher aber noch sprach die heimliche Wandlung aus der Stimmung des
Prinzen. Seine persnlichen Angelegenheiten hatten sich ber Erwarten gut
gestaltet, indem der gutherzige Friedrich August ihn zwar nicht aus seinen
Diensten entlassen, aber ihm die Teilnahme am Feldzug unter preuischer Fahne
bewilligt, auch seinen Glubigern gegenber gromtig Brgschaft bernommen
hatte. Er, der im vorigen Jahre in das wste Emigrantenlager desertierte, der
vor kurzem noch so zornig ber das Zgern der Verbndeten aufbrauste: jetzt war
er frei, warum ging er nicht? Er, der die Vernichtung des frnkischen Gesindels
fr ein Parademanver, den Einzug in Paris fr eine Promenade und die
Herstellung des souvernen Thrones fr ein Kinderspiel erklrte, er hatte jetzt
tausend Bedenken, welche das geflissentliche Zaudern in seinen Augen
bemntelten. Der Zwiespalt der verbndeten Kabinette, der im eigenen preuischen
Lager, die Wahl des Braunschweigers statt des Knigs zum Oberfeldherrn, die
unfertige Rstung, die Versptung fr einen Sommerfeldzug - alles Bedenken,
welche die Folgezeit nur gar zu schmerzlich gerechtfertigt hat! Diesem feurigen
Jnglingsmute aber war sie angeknstelt und eingeklgelt, weil es eine Macht
gab, die ihn zurckhielt, ebenso stark wie die, welche ihn vorwrts trieb.
    Ich teilte die Auffassung meiner Lebensgenossen ber die Natur dieses
Krieges. Ich hielt es fr eine gerechte, ja heilige Sache, die Wohlfahrt,
vielleicht die Existenz des eigenen Volkes aufs Spiel zu setzen, um einem
fremden Knig seine Krone zu retten. Ich zweifelte auch nicht an einem raschen
Siege der sieggewohnten preuischen Armee, und es war mir eine genugtuende
Vorstellung, die Tochter Maria Theresias durch den Erben Friedrichs wieder in
ihre Rechte eingefhrt zu sehen. Ich verhehlte mir berdies nicht, da die
Mannesschule fr meinen jungen Freund allein das Schlachtfeld sei, und da der
Konflikt, welcher uns alle bedrohlich umspann, nur durch sein Scheiden eine
Lsung fnde. Ich billigte daher des Prinzen kriegerischen Entschlu,
untersttzte ihn ihm gegenber, und dennoch, dennoch atmete ich auf wie erlst,
wenn er wieder einen neuen Grund des Hinhaltens und Verweilens aufgefunden
hatte.
    Das Regiment Weimar, dem er zugeteilt war, brach auf ohne ihn. Kunktator
Braunschweig wird sich nicht bereilen, so hie es, ich erreiche den Rhein
frher als er. Dann wieder sollte das Marionettenspiel der Kaiserkrnung in
Frankfurt vorbergelassen werden, und endlich selber, als der Knig nach der
Begegnung mit Franz II. sich nach Mainz begab, sah er noch hinlnglich Weile,
bis jener sich mit der Armee jenseits des Rheins vereint haben werde. Mein Vater
schttelte den Kopf zu dieser pltzlichen Lssigkeit. Da sieht mans, so meinte
er, welch ein eigen Ding es fr einen Sachsen ist, und wre es zum stolzesten
Fluge, sich unter die preuischen Adlerfnge zu bequemen.
    Ich schwieg, denn ich verstand den Kampf zwischen Epos und Roman in diesem
jungen Herzen, fhlte ihn tief im eigenen. Dorothee war vllig sorglos. Einmal
fragte sie mich ngstlich, ob die schsische Armee auch mit in den Krieg ziehe?
Und als ich die Frage verneinte, lchelte sie seelenvergngt. Ein Siegmund
Faber, welcher der Gefahr tglich nher entgegenrckte, schien fr sie nicht auf
der Welt zu sein.
    Es war am Nachmittage des 2. August, da der Prinz, strmisch aufgeregt, bei
uns eintrat; er brachte Braunschweigs Manifest aus dem Hauptquartiere Koblenz.
All seine Begeisterung war wieder angefacht; er bat dem bewhrten Feldherrn
seine Zweifel ab. Der Himmel sei gepriesen, so rief er, des Knigs
ritterlicher Geist hat ber die schnde Eigensucht gesiegt. Das ist der Tenor,
der die entfesselte Bestie in den Kfig zurcktreibt. Nun rasch nur geharnischte
Taten auf das geharnischte Wort, und am Tage des heiligen Ludwig setzen wir
seine gefhrdete Krone frisch erglnzend auf des Enkels Haupt.
    Er weilte nur wenige Minuten, umarmte den Vater, drckte uns Frauen die Hand
und strmte von dannen. Er hatte nicht Lebewohl gesagt, aber wir wuten, da es
ein Abschied war - vielleicht frs Leben. -
    Bis tief in den Abend hinein saen wir schweigend beieinander. Ob die Eltern
ahnten, was sich in mir bewegte? Ob sie heimliche Hoffnungen gehegt hatten, mehr
als ich selbst? Zu wiederholten Malen begegnete ich ihren sorgenvoll auf mich
gerichteten Blicken.
    Als ich die Treppe zu meiner Kammer hinaufstieg, erinnerte ich mich einer,
welche diese Trennung unvorbereiteter und niederschlagender treffen mute als
mich selbst. Ich klinkte an Dorothees Tr, fand sie aber verschlossen. Sie
pflegte frherhin niemals so spt in ihres Vaters Hause zu weilen, und entfernte
sich niemals am Abend zu einem anderen Besuche. Wo mochte sie sein?
    Ich war nicht ruhig genug, dieser Frage nachzuhngen. Es mute aufgerumt
werden im inneren Revier, und so sa ich denn lange, es mochten Stunden sein,
unbeweglich in meiner Kammer.
    Monate lagen hinter mir, bei aller Entsagung die reichsten meines Lebens.
Was von losen Hoffnungen und Trumen nicht zu bannen gewesen war, jetzt mute es
verschwinden, verschwinden mit dem, welcher die Einbildung angefacht,
verschwinden fr alle Zeit. Es war ein Mann, rasch zum Lieben und Wiederlieben,
nicht einer, der nach dem Aufbrausen der Leidenschaft Ruhe ertrgt und gewhrt.
Fort denn mit den Schimren der Reckenburg, fort auf Nimmerwiederkehr.
    Ich wollte das, wollte es ernsthaft, und ohne Erfolg war meine Anstrengung
selber in diesen ersten Stunden nicht. Ich sah zwei von uns richtig gestellt
wieder auf den Platz, von welchem sich ihre Wnsche einen Moment verirrt hatten:
den Prinzen im Kampfe gegen die Feinde altgeheiligter Ordnung; mich in der
Werkstatt von Reckenburg. Schwer war es allein, das zum Leben erwachte Kind in
seiner brutlichen Witwenkammer still wieder einzurichten.
    Aber wo blieb Dorothee? Hatte ich ihren leisen Schritt berhrt? Ein Wort
der Aufklrung und des Trostes sollte nicht bis morgen verzgert werden. Trnen
rinnen am stillsten in der Nacht, und Kinder schlummern sanft, nachdem sie sich
ausgeweint haben. So klinkte ich denn noch einmal an der Tr und fand sie noch
immer verschlossen. Sie mochte wohl frh zur Ruhe gegangen sein und von innen
verriegelt haben.
    Es war eine stillschwle Hochsommernacht; der Mond schien von der
Gartenseite hell durch die geffnete Bodenluke. Ich bog mich hinaus und atmete
in einem tiefen Zuge den Duft, der von den Nelkenbeeten in die Hhe stieg. Mir
gegenber ragte das Schlo; ein Nachtlicht flackerte im Zimmer des Eckturms, in
welchem mein junger Held zum letztenmal ruhte oder sich zur Abreise rstete. Es
wurde mir schwer, mich von dem Flmmchen loszureien, nur zgernd senkte sich
der Blick hinab auf die Terrasse, welche der Mond fast mit Tagesklarheit
beleuchtete.
    In diesem Augenblicke - war es ein Phantom des aufgeregten Blutes, war es
Wirklichkeit? - sah ich zwei Gestalten aus der Laube gleiten, aus der Brautlaube
Siegmund Fabers. Sie schmiegten sich aneinander; fein und hell das Weib an die
Seite des Mannes, dessen dunkle Umhllung sie halb umfing. Es war ein einziger
Blick, aber nein, nicht eine Tuschung, und was ich auch immer geahnt - bis zu
diesem Abgrunde hatte die Einbildung sich nicht verirrt.
    Mir schwindelte, ich schwankte und klammerte mich an die Brstung der Luke.
Als ich zagend den Blick wieder in die Hhe schlug, sah ich eine dunkle Gestalt
durch das Pfrtchen verschwinden, unten aber wurde die Haustr leise geffnet.
    Ich floh in meine Kammer, deren Schlo ich nicht mehr zuzudrcken wagte.
Schon hrte ich Schritte auf der Treppe und htte um die Welt nicht meine Nhe
verraten mgen. Aber vielleicht, da es eine erste nchtliche Begegnung gewesen
war, eine erste und letzte zum ewigen Lebewohl.
    Atemlos lauschte ich an der Spalte der Tr. Nein! dieser elastische,
hpfende Schritt, dieses freie, volle Hauchen der Brust, sie sprachen nicht von
Scheiden und Meiden. So schwebt, so atmet nur der Glckliche. Sie tnzelte ber
Rosen und sah die Snde nicht, die sie umrauschte, nicht den Tod, der im
Hintergrunde lauerte.
    Und nun sa ich oben in der Laube. Fragt mich nicht, was mich
hinaufgetrieben hatte, oder wieviel Stunden es mich dort gebannt. Ich hatte kein
Ma fr die Zeit, hatte keine bewute Vorstellung. Alles lag mir in Dumpfheit
und Nebel.
    Der erste Schimmer dmmerte im Osten; zu meinen Fen sah ich einen blauen
Streifen. Dorothees Haarband vom Frhlingsfeste, murmelte ich, hob es auf und
wickelte es mechanisch um einen Finger.
    Dann wieder hrte ich das Pfrtchen gehen und hastige Mnnertritte. Ich
rhrte mich nicht. Sie kamen nher und nher. Hardine! rief es am Eingang der
Laube. Ich sa noch immer wie gelhmt.
    Er war im Reisekleid und schattenbleich. Doch blickte er mir fest ins Auge
und nahm ruhig das Band aus meiner Hand. Hatte er das gesucht; ein erstes
Andenken und ein letztes? Hatte er von oben mich in der Laube erkannt?
    Sie wissen alles, sagte er, und das ist gut. Nun scheide ich ruhig. Kehre
ich zurck, ich schwre es bei Gott! wird sie die Meine. Bleibe ich, dann hat
sie nur Sie, Hardine - aber Sie! -
    Das Rollen eines Wagens auf dem Plateau drang durch die Stille. Er warf noch
einen Blick nach der Luke, an welcher ich in der Nacht gelauscht hatte. Eine
Trne glitt ber seine Wange und tropfte auf meine Hand, die er in der seinen
gefat hielt. Schtze das arglose Kind, schtze mein Weib, mein geliebtes Weib.
Schtze es fr mich, um meinetwillen, Schwester Hardine! flsterte er, drckte
mich an seine Brust - und ich war wieder allein.
    Wenige Minuten und ein Posthorn schmetterte. Der letzte Laut verlor sich
nach Westen hin. Gen Morgen stieg die Sonne in die Hhe: heute nicht wie damals
in Reckenburg mir ein Gottesauge: ein leuchtender Ball, der ber Verzweiflung
und Wonne, Verrat und Liebe mechanisch dahingleitet, klar und seelenlos.
    Auf dem Platze, wo ich sa, hatte vor zwei Jahren ein Freund um die
Gespielin meiner Kindheit geworben und mich als Brgin fr die Treue seines
verlobten Weibes angerufen. Auf dem nmlichen Platze, der den Treuspruch gehrt,
war die Treue gebrochen worden und hatte heute ein anderer Freund, der heimlich
die Lust meiner eigenen Seele war, mir das treulose Weib als Schwester an das
Herz gelegt.
    Es gibt Verhngnisse, die gesetzmig aus unserem Sein erwachsen und doch
jeder gesetzmigen Lsung zu spotten scheinen. Das Rad des Schicksals rollt
hinweg ber unseren Stmperwillen und in der entscheidenden Stunde ist es nicht
die Leuchte aller Tage, es ist ein Funken aus unerforschten Tiefen, der - sei es
zur Zerstrung, sei es zur Erfllung - uns die Richtung gibt.
    Und einem solchen Verhngnis gegenber wurde ich in dieser Stunde gestellt.

                               Siebentes Kapitel



                               Der Tag von Valmy

Unsere Frhstcksstunde schlug. So lange hatte ich in fruchtlosem Whlen in der
Laube gesessen. Nun stieg ich hinunter. Die Eltern wuten bereits um die Abreise
des Prinzen. Das langgehegte Geheimnis hatte sich wie ein Lauffeuer durch die
Stadt verbreitet.
    Er ist auf guten Wegen; Gott geleit ihn! rief der Vater und drckte meine
Hand. Die Mutter aber sagte: Du siehst bla und erkltet aus, liebe Tochter.
Geh und ruhe ein paar Stunden.
    Aber ich durfte nicht ruhen; ich mute Dorothee vorbereiten, die der Kraft
und des Mutes mehr bedrfen wrde als ich selbst. Ich kam zu spt. Schon auf der
Treppe vernahm ich ihr angstvolles Sthnen. Aus blauem Himmel hatte sie der
Blitz getroffen.
    Sie lag am Boden in ihren Tageskleidern. Die Arme, quer ber dem Bette
ausgestreckt, zuckten konvulsivisch, die Augen starrten nach der Tr, ohne da
sie die Eintretende bemerkten. Fort, fort! war der einzige Laut, der sich der
hastig arbeitenden Brust entrang.
    Ich hob sie auf das Bett und setzte mich an ihre Seite. Der Krampf whrte
eine Weile; endlich bemerkte sie mich und winkte leidenschaftlich, da ich mich
entferne.
    Du bist krank, Dorothee, sagte ich. Ich werde den Arzt rufen lassen.
    Das Wort brachte sie auer sich. Nein, nein! schrie sie auf. Keinen Arzt!
Ich bin gesund. Oh, nur allein, ganz allein!
    Ich zog die Bettvorhnge zusammen und tat, als ob ich mich entferne, setzte
mich aber verborgen in den Hintergrund. Allmhlich wurde sie ruhiger; ein
Trnenstrom machte ihr Luft; ich hrte sie schluchzen, endlich nur noch leise
wimmern und seufzen.
    Nach einer Stunde etwa richtete sie sich auf, strich den verschobenen Anzug
zurecht, trocknete ihre Augen und blickte sich scheu im Zimmer rundum. Als sie
meiner gewahr ward, berflog sie von neuem ein Schauder. Gehen Sie, Frulein
Hardine, flehte sie. Um Gottes Barmherzigkeit willen, lassen Sie mich allein!
    Ich entfernte mich nun wirklich; aber von Zeit zu Zeit warf ich einen Blick
in das Nachbarzimmer. Dorothee sa weinend und hnderingend auf ihrem Bett. Sie
sprach kein Wort, aber sie war gesund.
    Wochen gingen hin in mechanischem Tageslauf. Langsam brachten die Zeitungen,
rascher von Zeit zu Zeit ein durchreisender Kurier Kunde ber den zgernden
Vormarsch der verbndeten Armeen. Am Tage des heiligen Ludwig, an welchem unser
junger Held den Triumphzug nach Paris zu beschlieen gehofft hatte, standen die
ersehnten Retter noch diesseit der Ardennen und der Enkel des heiligen Ludwig
war ein Gefangener des Tempel.
    Dennoch verzagten wir nicht. Verdun hatte sich wie Longwy bergeben, und
wenn von da ab wochenlang alle Nachrichten ausblieben, hielten wir uns an die
Zuversicht, da das bis dahin immer siegreiche Heer sich an einen verchtlichen
Feind in seiner Flanke nicht gekehrt, in Eilmrschen die Marne berschritten
und, wenn auch spter als wir gehofft, doch sicher zur Stunde bereits dem
gefangenen Monarchen in seiner Hauptstadt die Freiheit wiedergegeben haben
werde.
    Unbegreiflich hingegen und wahrhaft bengstigend war uns das Schweigen
unserer heimatlichen Freunde bei der Armee, denn wenn wir auch bei dem
aufgeregten Prinzen keine mitteilsame Stimmung voraussetzten, so hatte doch ein
junger Regimentskamerad, der jenem als Adjutant beigegeben und meinem Vater
vertraulich zugetan war, fleiige Nachricht versprochen und nun nahezu zwei
Monate kein Wort von sich hren lassen. Auch Faber, dem durch seltsame Fgung
die Freunde auf fremdem Boden, unter fremder Fahne in demselben Regimentsverband
begegnen muten, auch Faber sendete keinen Trost in dieser bnglichen Zeit.
    Ich habe ein besseres Fiduzit zu diesem Mosj Per-s gehegt, sagte mein
Vater rgerlich. Da ich auch nicht daran gedacht habe, dem Prinzen einen
Denkzettel an ihn mit auf den Weg zu geben. Die arme, kleine Dorl ist wie
verwandelt, seitdem es nun ernstlich zum Klappen gekommen ist. Sie grmt sich
und schmt sich, so vergessen zu sein in ihrer Angst und Not.
    Ja freilich grmte und schmte sie sich, die unglckliche Dorothee, wenn
auch aus anderer Bewegung, als ihr alter Freund voraussetzte. Sie mied uns in
sichtbarer Seelenangst, sa mit vorgezogenem Riegel in ihrer Stube und huschte
im Garten scheu und stumm an uns vorber. Redeten wir sie an, und war es das
Gleichgltigste, so antwortete sie verworren und ausweichend. Ich sah, sie
zitterte vor einer Errterung, die auch ich von Tage zu Tage verschob. Warum? Da
sie doch unausbleiblich und jedenfalls vor meiner Abreise nach Reckenburg
stattfinden mute. Ja warum scheut man sich denn, einen Knoten zu durchhauen,
warum rechnet man auf das Unwahrscheinlichste, das eine Lsung bewirken knnte?
Ich zum Exempel rechnete auf eine Erffnung und vielleicht Verstndigung
zwischen dem Prinzen und Faber, die mich der Pein einer Mittlerrolle berhob.
    Endlich, endlich kam der langersehnte Brief vom Adjutanten. Der Prinz hatte
seine Verzgerung befohlen, um die Freunde, eines kleinen Unfalls halber, nicht
ohne Not zu beunruhigen. Er war, indem er dem die Tete bildenden Regimente
Weimar nacheilte, beim berschreiten der Grenze auf ein preuisches Reiterpikett
gestoen, hatte sich ihm angeschlossen und mit ihm eine rekognoszierende, weit
berlegene feindliche Jgerabteilung attackiert. Nach hartnckigem Kampfe war
sie niedergehauen und gefangen worden. Dem Prinzen aber, der auch nicht einen
Flchtigen entkommen lassen wollte, strzte whrend der Verfolgung auf dem vom
Regen durchweichten Boden das Pferd. Er trug eine Verstauchung davon, die sich
bei mangelnder Pflege entzndete und ihn wochenlang in einer armseligen
Bauernhtte festhielt.
    Wie er knirschte, so sagte der Korrespondent, wie er wetterte,
zurckbleiben zu mssen, whrend die Armee die Ardennenfestungen in ihre Hand
bekam - nun, Ihr knnt es Euch denken, Ihr kennt ihn ja! Wie er aber schumte
whrend des unbegreiflichen achttgigen Halts vor den schwachbesetzten
Argonnenpssen - nein, das knnt Ihr Euch nicht denken, trotzdem Ihr ihn kennt!
Wre das Kommando doch in des Knigs Hand! Gottlob jedoch, sein ritterlicher
Sinn hat ber die alte Schulweisheit gesiegt, und unser leichtes Glck bei
Croix-aux-bois und Grandpr, wo diese Freiheitshelden Reiaus nahmen wie die
Hasen, wird auch unserem Serenissimus Kunktator eine Fackel aufgesteckt haben,
welche den Weg nach Paris beleuchten soll. Die Armee ist in vollem Marsche nach
Chlons. Zieht Dumouriez, dieser Schwtzer par excellence, sich zurck: gut.
Einen solchen Feind in der Flanke frchten wir nicht. Gelingt ihm die
Vereinigung mit Kellermann, der ihm von Metz zu Hilfe kommen soll: desto besser.
Wir werden das Gesindel dann mit einem Schlage los. Das beste aber ist, da
unser Prinz, heil und wohlgemut, morgen aufbrechen wird, um sein Regiment
einzuholen. Am Abend denken wir Menehould - fluchwrdigen Andenkens! - zu
erreichen.
    Das Ungestm unseres Prinzen sprach aus jedem Wort dieses Berichts. Ein
Postskriptum enthllte hingegen die weit nchternere Auffassung seines
Begleiters. Weg und Wetter waren abscheulich; es fehlte an jeder geregelten
Verpflegung; epidemische Krankheiten dezimierten die Armee; was aber am tiefsten
berraschte: die Stimmung der Bevlkerung war dem kniglichen Befreiungszuge
keineswegs so geneigt, wie nach den Schilderungen der Emigranten alle Welt
vorausgesetzt hatte. Einige diplomatische Andeutungen ber den Doppelsinn der
Heerfhrung bildeten den Schlu.
    Wir schlugen uns den nachhinkenden Boten aus den Gedanken und hielten uns an
den guten Glauben und an die gute Kunde von unserem Helden, wobei wir denn
freilich die Gefahren jedes Augenblicks vergaen, welche die Spanne zwischen
Sendung und Empfang solcher Kunde fllen.
    Der Brief, welcher am 19. September geschrieben, erreichte uns am 28. Auf
den folgenden Tag, Michaelis, fiel Dorothees Geburtsfest. Ich suchte schon frh
am Morgen bei ihr einzudringen. Die beruhigende Nachricht ber den Prinzen,
hoffte ich, werde eine nicht lnger aufzuschiebende Aussprache ermutigend
einleiten. Aber wiederum ein vergeblicher Versuch. Sie war schon vor dem
Frhstck hinber zum Vater entschlpft und kehrte whrend des ganzen Morgens
nicht zurck.
    Am Nachmittag saen wir im Familienzimmer um den Kaffeetisch, auf welchem
ein Festkuchen, umgeben von einem bunten Asternkranze, prangte. Achtzehn
Jahreslichtchen, und in der Mitte das dicke Lebenslicht, sollten rasch
angezndet werden, sobald es Ehren-Purzel, der an der Treppe aufgestellt war,
gelungen, das Geburtstagskind abzufangen. Ich hatte das Miliche dieser
alljhrlichen kleinen Festlichkeit heuer wohl empfunden, wute aber keinen
Vorwand, den guten Willen der Eltern zu verhindern. Wir warteten vergebens.
Dorothee kam nicht. Auch hatte die Frankfurter Post keinen Brief des bisher
wenigstens zweimal im Jahre regelfesten Brutigams gebracht. Papa schimpfte
recht lsterlich auf seinen rcksichtslosen Mosj Per-s.
    Es dmmerte bereits, als ein Stafettensignal sich von Westen her vernehmen
lie: Bei jedem Klange aus dieser Richtung sammelten sich Offiziere wie Brger
vor dem Posthause, um irgendeine wahre oder unwahre Nachricht zu erhaschen,
welche die Kuriere auf den Stationen ausstreuten. Der Vater eilte hinaus, und
auch uns Frauen lie es keine Ruhe, wir traten unter die Haustr, seine Rckkehr
erwartend.
    Die Stafette sprengte auf der Leipziger Strae weiter. Der Vater kam zurck.
Ein Zusammensto soll stattgesunden haben, rief er uns kopfschttelnd
entgegen; unfern von St. Menehould ein unerhrtes Kanonenfeuer vernommen worden
sein. Wer aber obtinierte? - und ob wirklich beim Abgange der Post am anderen
Tage die Armeen sich in unverrckter Stellung gegenbergestanden? Reime sichs,
wer kann - ich -
    Er bemerkte bei diesen Worten Dorothee, welche sich leise von der
Gartenseite herbeigeschlichen hatte und in atemloser Spannung seiner Rede
lauschte. Lachend reichte er ihr einen Brief, welchen er dem Kurier abgenommen
hatte: Ein Tausendsassa, liebe Dorl, wie er die Gelegenheiten wahrzunehmen
wei!
    Dorothee ri den Brief an sich und floh die Treppe hinan. Der Vater hielt
noch einen zweiten Brief in der Hand. Vom Adjutanten, sagte er, nachdem wir in
das Wohnzimmer getreten waren. Er wird uns, denk ich, das Rtsel lsen.
    Ich zndete in der Hast das Lebenslicht auf dem Geburtstagskuchen an, meine
Finger zuckten vor Ungeduld, bis der Vater methodisch den Brief entsiegelt
hatte. Kaum aber, da er die Augen hineingeworfen, sah ich ihn auf dem Stuhle
zurcksinken, das Blatt seiner Hand entfallen. Tot, tot! sthnte er, wie
vernichtet.
    Wer ist tot? kreischte die Mutter. Sie hob das Blatt vom Boden auf. Ein
Blick auf das erste Wort; ein zweiter der tiefsten Angst zu mir herber. Ich lag
nicht in Ohnmacht oder Krmpfen; ich stand steif wie eine Kerze. Sie legte es
beruhigt in meine Hand. Es war flchtig mit Bleistift geschrieben und datierte
vom 21. September.
    Unser herrlicher Prinz ist tot! Das Opfer eines Kampfes, fr den ich keine
Bezeichnung habe. Mitten in der Nacht waren wir aufgebrochen. Der Weg war
heillos, aber die Kundschaft, da der Knig gestern den Vormarsch und den
Angriff der feindlichen Armee befohlen habe, gab dem Prinzen Flgel. Wir hetzten
unsere wechselnden Pferde fast zu Tode. Um sieben Uhr hrten wir den ersten
Kanonenschlag. Die Gegend lag im dicksten Nebel. Das Feuer wuchs von Minute zu
Minute. Der Boden drhnte. Der Prinz glhte buchstblich im Fieber: die
Schlacht, die heiersehnte Schlacht! Alle rckstehenden Truppenteile, die wir
passierten, zeigten die zuversichtlichste Stimmung, ja ausgelassene Heiterkeit.
Unser Regiment stand bei der Avantgarde, mit welcher Hohenlohe den Angriff
erhoben hatte. Wir jagten vorwrts. Mittag war vorber; der Nebel hatte sich
gesenkt. Jetzt erkannten wir die feindliche Aufstellung auf den Hhen von Valmy.
Eine gnstige Position; der Feind uns um ein Dritteil berlegen. Aber welch ein
Feind! Bodenlos soll die Verwirrung gewesen sein, als Hohenlohe den linken
Flgel, das heit Kellermann, angriff, und Dumouriez auf dem rechten zu fern
war, um ihm beizuspringen. Der Sieg schien mit Hnden zu greifen, und - wir
setzten die Attacke aus! Wir schossen hinber, der Feind herber, ohne
begreifbaren Zweck und Erfolg. Vierzigtausend Kanonenschlge sollen in diesem
Feuerwerk verpufft worden sein.
    Der Prinz schumte vor Wut, als er jenseits der Strae von Menehould seinem
Regiment auf dem Rckzug begegnete. Fluch und Verwnschungen jagten sich auf
seinen Lippen, Purpurrte und Totenblsse auf seinem Gesicht. Laut und
ffentlich sprach er aus, da Hohenlohe dem unseligen Rckzugsbefehle trotzen
msse, sprengte tollkhn die Anhhe hinab und jenseits wieder hinauf bis zu der
Stellung, welche die Vortruppen am Morgen innegehabt hatten. Er glaubte einen
Angriff von dieser Seite noch jetzt mit Sicherheit ausfhrbar. Er kann nichts
anderes gedacht haben als eine Rekognoszierung bei dem verwegenen Ritt. Die
Kugeln sausten um seinen Kopf. Ich sprengte ihm nach, dem tdlichen Beginnen
Einhalt zu tun. Mehrere Offiziere des Regiments folgten mir. Dicht ihm an den
Hacken, sahen wir ihn taumeln, vom Pferde sinken. Noch fing ich ihn in meinen
Armen auf. Unter einem Kugelhagel trugen wir ihn nach dem Vorwerk la Lune, dem
Standquartier unseres hohen Chefs. Er war ins Herz getroffen und in wenigen
Minuten eine - Leiche.
    Und dieses herrliche Opfer shnt kein Sieg, shnt nicht einmal das
Bewutsein der gengten Ehre. Der Feind steht uns heute wie gestern hoch
gegenber. Wir greifen auch heute nicht an, und selber die Geschtze schweigen.
Man munkelt von Unterhandlungen, von Rckzug. Mir ist nichts unglaublich nach
dem gestrigen Puff. Kann aber, wird ein Knig von Preuen sich dieser Schmach
unterwerfen? Die Offiziere schreien Zeter ber den Braunschweiger. Mit
abgewandten Gesichtern schleichen sie aneinander vorber, sie, die gestern so
stolz und sicher wie zur Parade ausgezogen waren! Weinen habe ich ihrer sehen
vor Zorn und Scham. Wren Sie ein Preue wie ich, sagte mir ein alter Major,
htten Sie noch unter Friedrichs Fahne gedient, Sie beneideten Ihren gefallenen
Prinzen.
    Was soll ich weiter sagen? uerlich hielt ich stand. Lautlos legte ich den
Brief in des Vaters Hand zurck. Er schluchzte wie ein Kind und die Trnen
rieselten ber seine Wangen in den ergrauenden Bart. Die Mutter sa lange Zeit
still mit gefalteten Hnden. Endlich erhob sie sich. Wir alle bedrfen der
Sammlung. Geh zur Ruhe, liebe Tochter, sagte sie, indem sie mich auf die Stirn
kte.
    Der Vater fhrte mich bis zur Tr, prete meine beiden Hnde und sprach:
Gott mu es am besten wissen, mein gutes Kind.
    Gott mu es am besten wissen! Wie oft habe ich in ruhigeren Stunden dieses
Wortes gedacht, das so alltglich verhallt, und doch das einzige ist, dessen wir
uns in unbegreiflichen Schickungen getrsten. Diese lebensgierige Natur, ohne
Halt in der Auenwelt, zgellos in der inneren, wrde sie sich behauptet haben
whrend der zwanzig. Jahre des Verfalls, welche der Spiegelfechterei von Valmy
folgten, bis zur tiefsten Schmach und hart an die Grenze der Vernichtung? Wrde
sie ihre Kraft zusammengehalten haben fr die bende Mannestat? Oder nach
welcher Richtung hin sie verschleudert und sich selbst verloren? Gott hat es am
besten gewut, mein braver Vater!
    In dieser Stunde freilich, da war dein Trostspruch mir ein leerer Schall,
und ich hrte nur das eine hoffnungslose: tot, dahin, was meiner Augen Licht und
meiner Seele Stolz gewesen. Aller Halt war gebrochen, sobald ich - endlich
allein! - die Treppe erreicht hatte. Ich lie mich auf die Stufen niedersinken,
der Leuchter entglitt meiner Hand. So lag ich, ich wei nicht, wie lange; das
Leben dnkte mich eine Nacht, undurchdringlich wie die, welche mich umfing.
    Endlich raffte ich mich auf und tastete mich nach meiner Tr. Da sah ich
einen hellen Streifen durch die Spalte der Nebenstube fallen, und Trin, die ich
gewesen! sah mich aus der de des Grabes schon wieder inmitten der bewegenden
Flut. Denn ich erinnerte mich an eine, der wahrhaftiger als mir des Lebens
Leuchte erloschen war.
    Es war die Todespost, die ihr der alte Freund als eine Freudenpost gereicht
hatte, und tdlich schien der Streich, der sie so jach getroffen. Sie lag kalt
und steif am Boden ausgestreckt; in der krampfhaft geballten Hand den Brief
Siegmund Fabers. Die tiefe Schnuppe des Lichtes zeigte, wie lange sie in dieser
Erstarrung hingebracht hatte, und wohl ahnete mir das jammervolle Dasein, zu
welchem ich sie erwecken sollte.
    Eine dunkle Stimme warnte mich, die Eltern oder Diener um Beistand
herbeizurufen. Ich trug sie auf ihr Bett, lste die Kleider, und - -
    Und was empfand die keusche, achtzehnjhrige Ehrenhardine vor der
Enthllung, die sie nicht vermutet hatte und doch mit Blitzesschrfe verstand?
Erbarmen, Emprung, Ha? Schrie sie Wehe ber die Snderin? Nichts von alledem
ist ihr bewut; aber heute noch fhlt sie den Schauer, der sie in jenem
Augenblicke berrieselte, den Schauer neuerwachenden Lebens nach dem gellenden
Todesschrei. Nein, er war nicht tot, nicht vllig tot: eine Spur von ihm lebte,
und ich beneidete, ja ich beneidete das glckselige Weib, dem seine Liebe sie
eingeprgt hatte!
    Ich ffnete das Fenster, benetzte die Erstarrte mit Klnischem Wasser,
hauchte meinen Atem auf ihre Lippen; in Todesangst fhlte ich ihren Puls und
htte aufschreien mgen vor Entzcken, als ich den ersten matten Schlag sprte.
Endlich schlug sie die Augen auf und schaute wirr umher, wie beim Erwachen aus
einem entsetzlichen Traum. Jetzt fiel ihr Blick auf mich, und es war ein
markerschtternder Schrei, der das rckkehrende Bewutsein verkndete. Gleich
einer Wahnsinnigen sprang sie aus dem Bett, wand sich am Boden mit entbltem
Busen und zerrauftem Haar. Tte mich, tte mich, Hardine! kreischte das
verzweifelnde Weib.
    Aber die bse Stunde verrann. Ein erwrmendes Feuer prasselte im Ofen, die
Lampe brannte ruhig auf dem Tisch. Dorothee lag eingehllt im Bett; ihre Trnen
rieselten ber die bleichen Wangen, und: Retten Sie mich, retten Sie mich,
Frulein Hardine! wimmerte eine Kinderstimme in mein Ohr.
    Und die ermatteten Lider fielen zu; die Brust hob sich in gleichmigen
Atemzgen; sie schlummerte ein. Auch ich wollte Ruhe suchen. Da bemerkte ich den
Brief, den ich vorhin ihrer Hand entwunden hatte, und den zu lesen ich ein Recht
zu haben glaubte. Mein erster Blick fiel auf die folgende Nachschrift:
    Gestern hatte ich ein Erlebnis, das mich seltsam bewegte und das den Anteil
Ihrer verehrten Hausgenossen erwecken wird. Seien Sie mit der Kundmachung
vorsichtig, liebe Dorothee. Ich befand mich bei den Vorposten unseres Regiments,
als ich im Namen meines durchlauchtigen Chefs zu schleuniger Hilfeleistung
entboten ward. Ein hoher Anverwandter seines Hauses, als Volontr erst vor einer
Viertelstunde bei der Truppe eingetroffen, war whrend eines khnen
Erkundigungsrittes schwer verwundet und in ein unfernes Vorwerk gerettet worden.
Ich hatte das unglckliche Begebnis mit angesehen und war bereits auf dem Wege
zu helfen. Gottlob, da ist Faber! riefen der Herr Herzog mir entgegen. Bei dem
Namen Faber schlug der Verwundete das schon brechende Auge in die Hhe. Eine
Lebenshoffnung mochte in ihm erwachen. Faber, lallte er, Faber! Er tastete nach
meiner Hand und drckte sie mit letzter Kraft an seine Brust: ein eisiger
Schauder berrieselte ihn, der Todesschwei tropfte von seiner Stirn.
Barmherzigkeit, Faber, Barmherzigkeit! hauchte er noch und sank in meine Arme -
entseelt.
    Wie eigen war mir zumute, als ich die Uniform meines alten Regiments lste
und in Erinnerung der Heimat doppelt begierig htte helfen mgen, wo doch alle
Hilfe vergeblich war. Der Prinz war nicht verwundet, wie wir angenommen hatten,
nur von der Kugel gestreift, und ein Blutgef des Herzens durch die
Erschtterung oder den ungestmen Ritt oder den Sturz vom Pferde ldiert.
Niemals sah ich einen vollkommeneren mnnlichen Krper. Auf seinem Herzen fand
ich ein Band, gehllt in ein Blatt, das unter wohlbekannten Zgen einen
verehrten Namen trug. Ich gestatte mir keinerlei Deutung. Aber mit Allerhchster
Genehmigung lege ich diese Reliquie, vielleicht als ein trostreiches Angedenken,
in der Freundin Hand, das einzige Angebinde, das ich Ihnen heute zu bieten habe,
teure Dorothee.
    Und nun wickelte ich wieder das blaue Haarband vom Frhlingsfeste um meine
Finger, und ich betrachtete das Blatt, welches nichts als den Namen Hardine von
Reckenburg trug, die abgerissene Unterschrift eines meiner wenigen Briefe an
Dorothee, und von dem, welchem das Blatt bei irgendwelchem Anla zugespielt
worden war, vielleicht niemals bemerkt. Aber war es nicht eine seltsame Fgung,
da Siegmund Faber es sein mute, welcher das Andenken von der Brust des Mannes
nahm, der sein Lebensglck vernichtet hatte, und da er es, als das
Liebeszeichen einer anderen, in die Hand seiner treulosen Verlobten zurcklegte?
    Ich aber, wie htte es in jenen Stunden ohne Einflu auf mich bleiben
knnen, da ber dem brechenden Herzen Name und Schriftzge der Freundin geruht,
welche er Schwester genannt hatte, als er mit seinem Abschiedsworte das geliebte
Weib ihrem Schutze anvertraute? Wie htte ich mich in jenen Stunden anklagen
mgen, weil das Vermchtnis des toten Freundes strker in mir sprach, als die
Pflicht gegen den lebendigen?
    Ich ging in meine Kammer und warf mich unentkleidet aufs Bett. Dorothee
schlief: ich fand keine Ruh! Die Ereignisse dieser Sonnenwende verschlangen sich
wie greifbare Erscheinungen vor dem halbbetubten Sinn, von jenem Festtage an,
wo ich die alte Reckenburgerin das Liebeslied der Knigsmark trllern hrte, bis
zu dem Schmerzensbilde, das Siegmund Faber enthllt hatte. Ich trumte mit
offenen Augen, und es whrte wohl eine lange Weile, ehe ich zwischen den
Phantomen der Erinnerung die leibhaftige Gestalt unterschied, welche bei
dmmerndem Morgen vor meinem Lager kniete mit gesenktem Kopf, die Arme ber der
Brust gekreuzt gleich einer Verbrecherin.
    
    Wollen Sie mich retten, Frulein Hardine? flsterte sie nach einer langen
Stille.
    Eine neue lange Stille folgte, und statt der Antwort nur die Gegenfrage:
Was denkst du zu tun, Dorothee?
    Denken - ich? versetzte sie, indem sie traurig den Kopf schttelte. Ich
will tun, was Sie sagen, Frulein Hardine.
    Nicht, was ich sage, was Siegmund Faber sagt, entgegnete ich.
    Sie aber rief mit einem Schauder: Der - der? Was hab ich mit dem noch zu
schaffen? Doch verstand sie meinen vorwurfsvollen Blick, denn sie setzte hastig
hinzu: Ich werde ihm das Seine zurckgeben und mein Brot mit meiner Hnde
Arbeit verdienen.
    In anderer Stimmung wrde ich beim Anblick dieser zartgeschonten Hnde den
ausgesprochenen Entschlu belchelt haben. In der gegenwrtigen sagte ich nur:
So schreibe ihm heute noch, Dorothee, bekenne ihm die Wahrheit und empfange
dein Schicksal aus seiner Hand.
    Sie fuhr in die Hhe mit einer Heftigkeit, die ich niemals an ihr gekannt
hatte. Ihm schreiben, und heute noch! rief sie. Ihm alles sagen, ihm, ihm!
Nein, das verlangen Sie nicht, nur das eine nicht, Frulein Hardine, das kann
ich nicht.
    Nun denn, so will ich es tun an deiner Statt, sagte ich.
    Wrde ein Brief ihn treffen, Frulein Hardine? entgegnete sie. Es sind
zehn Tage, da er schrieb, eine ebenso lange Zeit mte vergehen - - und lebt er
denn noch? Und wo? Und wie?
    Sie hatte recht. Wo stand die Armee in dieser Stunde? Vorwrts in
Feindesland? rckwrts am Rhein? Ein eintreffender Brief konnte bei so
unsicheren Zeitluften ein Wunder genannt werden. Und durfte ich ein solches
Geheimnis der Verschleuderung und einer fremden Entdeckung preisgeben? Nein. Wir
muten weitere Nachrichten von oder ber Faber erwarten.
    Wohlan, Dorothee, sagte ich nach einer Pause und ergriff ihre Hand, wenn
denn zur Stunde nicht vor ihm, so vor der Welt zeige entschlossen, da euer Bund
sich gelst. Kehre in deines Vaters Haus zurck; nimm die Demtigung auf dich
als Shne der Schuld; setze Pflicht gegen Pflicht. -
    Es war wie ein Todesurteil, das sie vernommen hatte. Ein Fieberfrost
durchschttelte ihren Leib, sie sank von neuem auf die Knie.
    Mu es sein? hauchte sie kaum vernehmlich.
    Ja, es mu sein, Dorothee.
    Jetzt, gleich jetzt, vor der Zeit: O, Frulein Hardine, mir ist, als ob ich
sterben werde nach der Zeit. Ach so gerne sterben! Sparen Sie es meinem alten
Vater, lassen Sie ihn nicht mit Schanden in die Grube fahren.
    Sie mochte wohl merken, da das Mitleid mit dem alten, trunkenen Schwachkopf
gar wenig auf mich wirkte, denn sie fuhr hastig mit bebender Stimme fort: Und
er - er, den ich nicht nennen kann, soll sein Name verlstert werden in einem
Atem mit dem der verworfenen Kreatur? In der Stunde, wo die Trnen noch warm um
ihn flieen, wo sein armer Leib noch nicht die Ruhe bei seinen Vtern gefunden
hat?
    Es war eine Zauberin, dieses Kind Dorothee, wie es im rechten Augenblick
immer das Wirksame zu treffen wute! Nein, das Geheimnis war zur Hlfte nicht zu
wahren, und die Anklage gegen den Verfhrer durfte sich nicht in die Totenklage
um unseren Helden mischen. Vor meinen Eltern, die ihn geliebt hatten, vor den
Kameraden, die ihn bewunderten, ja selber vor den gering geachteten
Heimatsbrgern Dorothees mute der Letzte seines Stammes ohne Makel in der Gruft
seiner Ahnen ruhen.
    So sei es denn, Dorothee, ich will dein Geheimnis wahren und schtzen, bis
Siegmund Faber ber dein zuknftiges Los entschieden haben wird.
    Mit diesem Gelbnis endete die erschtternde Unterredung.
    So schwer der Entschlu, so rasch und leicht war der Plan. Dorothee
begleitete mich nach Reckenburg; alles Weitere enthllte sich in dem stillen
Waldhause Muhme Justines. Und wie der Plan, so rasch und leicht war auch die
Ausfhrung. Vater Kellermeister hatte keine Stimme; meine Eltern aber gnnten
den beiden bekmmerten Gespielinnen ein trstendes Beieinandersein. Kaum eine
Woche spter befanden sie sich, von Leipzig ab in Begleitung des Predigers, auf
dem Wege nach Reckenburg.
    Dorothee war dem alten Freunde keine Fremde; ich hatte ihm oft von meiner
reizenden Mitschlerin erzhlt. Jetzt fhrte ich sie ihm vor als eine Besucherin
Muhme Justines, also ohne buchstbliche Lge. Wie denn berhaupt, wenn Lgen
oder Tuschen nur heit: Unwahres sagen, nicht auch Wahres verheimlichen, ich in
diesem ganzen Verhltnisse keiner Lge oder Tuschung schuldig zu werden
brauchte. Freilich mochte das stilltrauernde Weib, wie es sich scheu und leise
weinend in die Wagenecke schmiegte, wenig zu dem Bilde stimmen, das ich von
meiner frohen, beweglichen kleinen Dorl entworfen hatte. Sein Auge weilte mit
Wehmut auf dem bleichen, gesenkten Gesicht. Gewi, er ahnte die Wahrheit. Der
geistliche Herr aber war einer von denen, welche dem bekmmerten Snder die Hand
entgegenstrecken.
    Wie oft hatte ich blutjunges Ding mich mit Entrstung von unseres
Seelsorgers milder Lehre und Praxis, gegenber einer zuchtlosen Gemeinde,
abgewendet. So erinnerte ich mich im besonderen einer Predigt ber das
ehebrecherische Weib, deren Text und Auslegung ich beim Diner meiner alten
Grfin wiederholte. Der Herr Pastor knnte derlei bedenkliche Themata
vermeiden; aber was kmmert das uns? hatte sie gesagt, und ich ihr - bis auf
den Nachsatz - redlich beigepflichtet. Das war am Sonntag vor meiner Abreise,
und heute fhrte ich selber solch ein recht-und ehrvergessenes Weib als meinen
Schtzling in seine Gemeinde; ich, die mein Leben so sicher auf den Wahrspruch
meines Hauses gegrndet glaubte.
    Baue keiner auf seine Maximen, wenn er nicht, wie Jungfer Ehrenhardine,
eines Tages mit schamroten Wangen einem fertigen Menschen gegenbersitzen will.
Das, meine Freunde, ist die Moral der Geschichte von der Rose und ihrem Blatt.

                                 Achtes Kapitel



                            Muhme Justines Pflegling

Auf der letzten Station blieb Dorothee zurck. Der geistliche Herr und ich
rollten in Reckenburgs goldener Kutsche unserem Ziele entgegen.
    Die Grfin schlummerte, als ich auf dem Schlosse anlangte. Ein bser Zufall,
dessen Anla ich nur zu gut erriet, hatte ihre Krfte hrter denn jemals
mitgenommen.
    Es war die von neuem bewhrte Leibwrterin, welche mir die Auskunft gab, und
so konnte denn das, was mir zunchst am Herzen lag, gleich in der ersten Stunde
seine Erledigung finden. Verschwiegenheit und Zustimmung waren mir zum voraus
verbrgt, schon weil ich es war, die sie erbat. Im brigen brachte die Pflege
ein Stck Geld und die demtigende Abhngigkeit der Jungfer Obenaus einen
erquickenden Kitzel. Von schweren, sittlichen Bedenken konnte bei einer Helferin
ihres Zeichens fglich nicht die Rede sein.
    Wir wurden daher ohne Markten handelseinig:
    Die Muhme holte am andern Tage ihre Schutzbefohlene aus der Stadt ab, nahm
sie in Kost und Pflege und lie sie, wenn einer nach ihr fragen sollte -
unwahrscheinlicherweise, da Bauern nicht wie Stadtbrger wissenschaftlicher
Komplexion sind -, fr eine Angehrige, die krzlich Witwe geworden war,
gelten. Vor allem anderen bernahm sie die Auseinandersetzung mit dem Prediger,
dem die unbedingte Wahrheit gesagt werden mute. Da unser bereinkommen
gewissenhaft und mit dem besten Gelingen durchgefhrt worden ist, sei zum voraus
berichtet.
    Nicht ohne Bewegung ging ich nun dem Wiedersehen der Grfin entgegen. Mir,
der Jugendlichen, war ja nur ein Traum entwichen, ein flchtiges Glck, das ich
erst seit unserer Trennung hatte kennen lernen. Ihr, der Urgreisin, war der Bau
eines langen Lebens in Trmmer gestrzt. Ich mute auf eine tiefe Wirkung
vorbereitet sein.
    Was ich aber gewahren sollte, das war die Verwstung eines sengenden
Strahls, und Gott wei, unter welchen Qualen ich lange Jahre hindurch in meiner
stillen Reckenburger Flur gegen sein nachzehrendes Feuer gerungen habe. Schon
bei diesem ersten Wiedersehen fand ich die Gestalt zusammengesunkener - die
Bewegungen hilfloser, die Rede knapper; eine Spur innerlichen Lebens nur noch in
dem kalten, stahlscharfen Blicke der Gier. Die Herrschaft war ausgestorben, und
die Magd, die sich frhe und zhe in ihrem Dienste ausgebildet hatte, die
Alleingebieterin in dem verdeten Hause.
    Jetzt, das heit seit der Stunde, in welcher die Todesbotschaft von Valmy
sie erreicht hatte, jetzt war sie und wurde von Tag zu Tag mehr die schwarze
Reckenburgerin, zu welcher die Volksphantasie die einsame Erhalterin seit einem
Vierteljahrhundert ausgearbeitet hatte. Jetzt glich sie den dmonischen
Mrchenwesen, die Metalle hegen und hten, lediglich um ihres Glanzes willen;
die der Kupferheller schmerzt, welcher dem eigenen Bedrfnis geopfert werden
mu. Ich sage Euch, wie ein Herkules habe ich um die Erhaltung der
nutzbringendsten Anlagen gekmpft, und es war am Ende nur die achtzigjhrige
Gewhnung, welche das Getriebe mechanisch und methodisch zusammenhielt.
    Die Korrespondenz mit Dresden verstummte; der einzige Festtag auf Reckenburg
fiel aus, und niemals wieder hat der Name des erkorenen und verlorenen Erben der
Greisin Lippen berhrt. Sie dachte nicht mehr an Sterben und Vererben.
Existierte aus frherer Zeit eine letztwillige Verfgung, und zu wessen Gunsten?
Niemand wute es. Die Testatorin aber wrde keinen Federstrich getan haben, um
sie zu widerrufen oder umzundern. Ein Mensch war ihr so gleichgltig wie der
andere; sie kannte keine Pflicht. Sie wollte leben, nur leben. Die Ewigkeit
wrde ihr nicht zu lang gedeucht haben, allein, neben ihrem funkelnden Schatz.
Kam es aber eines Tages zum Ende, nun, wenn dann die Erde unter ihrem Goldturm
sich geffnet htte, es wrde ihr das rechte, das willkommenste Ende gewesen
sein.
    Vierzehn Jahre noch, die letzten der Jugend, sind mir hingegangen in
Abhngigkeit von dieser Mumie mit dem einen berlebenden Sinn; und sicherlich
nicht ohne haftende Spur. Wohl waren die Anlagen, die wir weibliche nennen, von
Haus aus nur schwchlich in mir organisiert; die Stunden in dem Goldturm der
Reckenburg aber, wenn auch nur wenige jeden Tag und durch Arbeit gefllt, sie
haben in mir die letzte Fhigkeit unterdrckt, einem huslichen Wesen die
anheimelnde Spur, eine Physiognomie einzuprgen, wie das bescheidene Erdgescho
der Baderei sie doch so beglckend getragen hat. Die Nachwirkung jener Stunden
hat auch den westlichen Turm der Reckenburg zu einer Klause werden lassen, und
wenn ich, ihnen zum Trotz, die Grundrichtung meiner Natur durchgefhrt habe, so
danke ich es der Werkstatt unter Gottes freiem Himmel, die mir rings um ihn
erschlossen blieb.
    Ihr seid noch zu jung, meine Freunde, seid, gottlob! zu beglckt durch Euer
wechselseitiges Selbst, um zu ermessen, wie solch eine Werkstatt unter freiem
Himmel einem Menschen zur Welt, ja zum Schicksal werden kann. Aber macht einen
alten Bauersmann gesprchig, und Ihr werdet ber seine Erlebnisse auf der armen
Hufe staunen.
    Nun jedoch eine Schpfung, wie die der Reckenburg, so mhsam umgewandelt, so
weithin angewachsen, so fruchtbringend schon heute, so segenverheiend fr eine
kommende, freiere Zeit, da wird jeder Findling des Feldes zu einem
weiterfrdernden Mittel, die kmmerlichste Pflanzung zu einem beseelten Wesen.
Wir sehen die Ernte in dem aufgehenden Halm und in der absterbenden Stoppel die
Befruchtung fr eine neue Saat. Uns schmerzt jeder Baum, dessen Alter der Axt
verfllt, und wir freuen uns jedes jung aufstrebenden Keims; wir fhren fremde
Kolonisten in die beschrnkte Gesellschaft, die unserer Scholle von alters her
entspro, unsere Kenntnis wchst, die Erfahrung wird bunter mit jeder Frbung
und Form.
    Und wie befreunden wir uns mit der tierischen Kreatur; wie forschen wir nach
ihren Trieben, Sitten und Gesetzen, lernen ihre Lebensart verbessern und ihre
Gaben immer reichlicher verwerten! Seht Eure Herden Tag fr Tag auf ihrer Trift,
und Ihr unterscheidet an jedem einfrmigen Schaf oder Rind ein Gesicht und ein
Geschick.
    Endlich aber, ganz zuletzt, die menschlichen Genossen in dieser
abgeschiedenen, kleinen Welt. Es ist kein Paradiesesgarten, meine Freunde.
Gleichgltiger als an der weidenden Herde geht der Fremdling an den stumpfen,
entarteten Gestalten vorber, schtzt sie niedriger als das Wild des Waldes in
seiner unverkmmerten Schne und dem ungebrochenen Instinkt. Aber Schritt fr
Schritt schwinden Ekel und Langeweile, wchst der aufmerkende Trieb. Allmhlich
werden sie uns vertraut, die platten Gesichter, denen wir jede Stunde begegnen,
deren mhseliges Tagewerk wir verfolgen von der Wiege bis zum Grabe. Wir
schtteln die rauhe Hand, die mit uns arbeitet an der Umbildung unserer
heimatlichen Scholle, dringen aus dem allgemeinen in das persnliche Leben
zurck, forschen nach der Spur des gttlichen Ebenbildes in unserem
Mitgeschaffenen, streben, sie ihm selber kenntlich zu machen und ihn hher zu
frdern in der Reihe der Wesen, die einen Schpfer ahnen und bekennen.
    Solch eine kleine Welt war mir untergeordnet, mir zunchst, ja mir allein.
Sie hatte ich zu schtzen vor dem Verfall, welchem eine wahnsinnige Leidenschaft
sie preisgab; sie der Zukunft zu erhalten, gleichviel, ob dieselbe mir oder
einem Fremden zugute kam; und je schwieriger der Ringkampf um die Mittel, desto
tiefer wurzelte die Neigung, desto hartnckiger der Widerstand. Diese
uneigenntzige Liebe ist mein Verdienst um Reckenburg, weit mehr als die freie,
beglckende Wirksamkeit in einer spteren Zeit.
    Auf diesem meinem Arbeitsfelde ertrug ich denn auch leichter, als ich nach
der traurigen Episode des Herbstes htte ahnen sollen, den Schicksalswinter von
dreiundneunzig mit seinem tzenden Hohn. Als die Kunde des einundzwanzigsten
Januar kannibalisch schreckend bis in unseren stillen Waldwinkel drang, da pries
ich meinen jungen Helden selig, der in der letzten Hoffnungsstunde geendet
hatte, whrend seine Kampfgenossen wie von einer Narrenfahrt zurckirrten und
den kniglichen Mrtyrer, zu dessen Erlsung sie den Kreuzzug erhoben hatten,
unter dem Henkerbeile fallen sehen muten.
    Auch Dorothee hatte sich so friedlich eingelebt, als es in ihrer Lage
mglich war. Der Herbst brachte noch heitere Tage, die in das Freie lockten; die
Wunde verharschte in der Stille lndlicher Natur; die Schande drckte sie nicht,
da sie keinem begegnete, der sie ihr vorgeworfen htte, und an die Snde - wenn
sie die Snde berhaupt jemals gefhlt - wurde sie um so weniger erinnert, da
heuer auch der bliche Weihnachtsbrief Siegmund Fabers ausblieb.
    Kehrte ich bei meinen Wanderungen durch den auch im Winter belebten Wald in
dem einsamen Muhmenhause ein, so fand ich Dorothee flink und zierlich mit einer
Handarbeit beschftigt, wie sie die Sorge fr ein junges Leben ntig werden
lt. Die Kinderlaune wachte in ihr auf, sie tndelte mit dem kleinen Gemch wie
zu der Zeit, wo sie unter meinen verwunderten Blicken ihre Puppen ausstaffierte.
Wie reizend! rief sie dann wohl aus, indem sie ein Mtzchen, mit bunten
Glasperlen durchstrickt, auf ihren Fingern wiegte; wenn da erst so ein
Engelskpfchen daruntersteckt! Ach wie freue ich mich. Ich habe Kinder immer so
liebgehabt, Frulein Hardine.
    An einem der ersten Frhlingstage, mit Strchen und Drosseln um die Wette,
fand ich das neue Erdenkind in dem Muhmenhause eingeflogen. Zu frh, wie die
bewhrte Pflegerin versicherte, wenngleich das Mnnchen ein gar stattliches
Ansehen trug und die junge Mutter sich heil und frisch fhlte wie ein Fisch im
Wasser. Freudentrnen trufelten auf das Kind in ihrem Scho. So schn, so
wunderschn! rief sie entzckt. Ach wie habe ich es lieb, wie bin ich
glcklich, Frulein Hardine! Niemals, niemals knnte ich mich von dem kleinen
Engel trennen. Bei welcher Entzckung Ehren-Justine freilich eine gar hmische
Grimasse zog und mir beim Hinausgehen zuraunte: Das wre der erste Wildling,
der eine dauerhafte Mutterliebe gensse! Was nicht im Ehebett geboren worden
ist, das verfliegt wie Spreu.
    Indessen wute sie, immer unter der Rubrik zu frh, schon anderen Tages
eine husliche Nottaufe einzurichten, bei welcher sie und ich Gevatterinnen
wurden. Der Knabe erhielt den Vaternamen August und ist unter dem seiner
mtterlichen Familie gesetzmig durch den Prediger in das Kirchenregister
eingetragen worden. Niemand wrde leichtlich diesen Namen in den Annalen unseres
wsten Walddrfchens gesucht und aufgefunden haben. Als aber etliche Jahre
spter der Blitz die Kirchenbcher in der Sakristei vernichtete, da gab es nur
noch ein einziges Dokument ber August Mllers Geburt, und Ihr werdet es an
einer anderen Stelle diesen Blttern beigeheftet finden.
    Solange Dorothee Bett und Zimmer htete und ihren Knaben an ihrer Seite
liegen sah, hegte sie kein Verlangen, als so lange als mglich in Reckenburg zu
weilen und sich spterhin irgendwo huslich mit ihm einzurichten. Was kmmern
mich die Leute! entgegnete sie lchelnd den Einwnden der Muhme; ich habe ja
mein Kind! Die Muhme aber blieb brummend bei ihrem Satz: Schnickschnack Kind!
Selber noch ein Kind! Die braucht einen Mann und nicht ein Kind!
    Ich schalt darber heimlich und laut mit meiner alten Getreuen, zumal als
sie auch nach Dorothees Herstellung die Pflege des Knaben ausschlielich in
ihrer Hand behielt und ihre Hintergedanken bei dieser Diktatur wenig verhllte.
Mglich allerdings, da das halbschrige Lamm, die Drte, fr des krftigen
Knaben Ernhrung sich zu zart erwies, und sehr wahrscheinlich, da ihre von
jeher unliebsame Gegenwart der Alten auf die Dauer lstig fiel. Ganz gewi aber
war, da der unvershnliche Schellenunter von neuem seine Streiche spielte. Sie
ahnte ja nicht, da er im verwichenen Sommer die Orakelweisheit bereits wahr
gemacht hatte. Er lauerte noch immer, und jetzt doppelt bedrohlich, unter der
Kappe der anrchigen Dirne, zu deren Patronin ihr Frulein sich erhoben hatte,
und so ruhte sie denn auch nicht, bis sie die Gefhrliche auerhalb des
Weichbildes sah, das sie, seitdem sie selbst sich darin niedergelassen hatte,
fr ihres Fruleins eigentliche Heimat hielt.
    Dorothee aber, wie sie die Ernhrung ihres Kindes einer Ziege und seine
Wartung einem despotischen Willen berlassen mute, wie sie mig in dem
drftigen Waldhause unter dem schnden Gebaren ihrer Wirtin gebannt sa, da
merkte ich gar wohl, da das Herz sich im stillen nach der Freiheit und dem
Behagen des eigenen Heimwesens zu sehnen begann. Sie langweilte sich, sie wurde
unruhig. Was soll aus mir werden? seufzte sie und klagte: Ich bin doch recht
unglcklich, Frulein Hardine.
    Ich hatte in diesem Jahre den gewohnten Reisetermin vorbergehen lassen,
weil die Stimmung der Grfin und die mit dem Frhling wachsende Ttigkeit eine
ununterbrochene Vermittelung zwischen Turm und Flur notwendig machten. Zwischen
Saat- und Erntezeit gedachte ich auf etliche Wochen heimzureisen und hatte mich
zum voraus fr eine Postfahrt entschlossen. Zhlte ich auch erst achtzehn Jahre,
so fhlte ich mich seit den Erfahrungen des vorigen Sommes selbstndig genug, um
getrosten Mutes eine Reise um die Welt ohne Begleitung anzutreten.
    Schon im Mai wurde ich indessen durch einen aufregenden Zwischenfall in die
Heimat zurckgerufen. Des Vaters Regiment gehrte zu dem Kontingent, das der
Kurfrst zu dem Reichskriege gegen Frankreich gestellt hatte; der Vater selbst
aber war bei den Depots zurckgeblieben, und wir alle, obgleich gewi keine
weichlichen Naturen, fhlten uns dessen froh. Was durfte nach den Erlebnissen
des vorigen Herbstes von diesem Feldzuge erwartet werden? Wer hoffte denn noch
auf eine rechtzeitige Rettung der unglcklichen Knigin und ihrer Kinder,
nachdem man den Knig geruhig hatte morden lassen? Fr das bedrohte Knigtum und
den bedrohten Knig eines fremden Landes wrden wir mit religiser Freudigkeit
unsere Teuersten sich haben opfern sehen - wir, sage ich, meine Freunde, und
meine damit durchaus nicht blo uns Frauen, sondern, mit etwaiger Ausnahme des
Predigers, alle Mnner, stattliche, brave Mnner, des mir zugnglichen Kreises
-, aber was kmmerte es uns viel, da deutsches Recht verhhnt, da deutsches
Land jenseit und selber diesseit des Rheins gebrandschatzt, verheert und dauernd
in Besitz genommen wurde? Erst zwanzig Jahre spter, nach einer ungeheuren
Umwlzung der Gemter, haben wir den Wert vaterlndischer Erde auch auerhalb
unseres heimatlichen Gaues schtzen lernen, und dadurch erst, nicht durch die
Bezwingung eines Eroberers, der frher oder spter seinem Despotenwahnsinn zum
Opfer gefallen sein wrde, durch diese Schtzung erst sind die Befreiungskriege
zu einem bleibend hochherrlichen Segen fr unser Volk geworden.
    Bei dieser Gleichgltigkeit gegen den Kampfeszweck traf es mich wie ein
Unglcksschlag, als mein Vater pltzlich seinem dreiigjhrigen Friedensdienste
entrckt und mit Majorsbefrderung zu der Armee vor Mainz befohlen wurde.
    Sobald ich diese Nachricht erhalten hatte, bereitete ich meine Abreise fr
den nchsten Morgen vor, und es blieben mir nur wenige flchtige Minuten zum
Abschied in dem Muhmenhause. Peinlich, trotz aller Aufregung, empfand ich die
Notwendigkeit, Dorothee in der Heimat als krank zurckgeblieben auffhren und
auf diese Weise mich der ersten buchstblichen Lge in meinem Leben schuldig
machen zu mssen.
    Sie sollte mir indessen erspart werden, denn zu meinem unaussprechlichen
Staunen fand ich, als ich am Morgen vor dem Posthause eintraf, meine
Schutzbefohlene, zur Rckreise gerstet, meiner harrend - allein, ohne ihr Kind.
Es lt mir keine Ruhe, ich mu dem lieben, gndigen Papa zum Abschiede noch
einmal die Hand kssen. Solch ein gtiger, herzlicher Vater von Kindesbeinen an
auch fr mich, Frulein Hardine! schluchzte sie und setzte dann hastig, mit
niedergeschlagenen Augen, hinzu: Der Kleine ist ja versorgt; die Muhme versteht
es ja weit besser als ich, Frulein Hardine, und zum Herbst nehmen Sie mich
wieder mit zurck.
    In unverhohlener Entrstung wendete ich mich ab. Fhlte ich doch das
innerliche Behagen, mit dem sie eine Beschnigung ergriff, um von ihrem Posten
zu desertieren. Sie scheute das verrterische, lngere Fernsein von der Heimat,
sie sehnte sich nach huslicher Gemchlichkeit, und gab ihr neugeborenes Kind
einer Fremden preis, indem sie sich im eigenen Herzen mit der dankbaren
Erinnerung an einen fernstehenden Mann entschuldigte. Ich wrdigte sie keiner
Erwiderung, und wir mgen whrend unserer Fahrt kaum zwanzig Worte miteinander
gewechselt haben. Sie seufzte und bebte wie auf der Hinreise: mich rhrte es
nicht; sie sah bleich aus und die Augen waren von Trnen verschwollen: zum
ersten und einzigen Male fand ich sie hlich. Die Versndigung an Pflicht und
Ehre hatte mich ihr nicht entfremdet; die Schwche des Herzens machte einen Ri
durch unser Leben. Ich habe mich zwar ihrem Einflu auch spterhin nicht vllig
entziehen knnen, wenn ich ihren Liebreiz vor Augen sah; war ich aber fern, da
dachte ich ihrer mit der Geringschtzung Muhme Justines. Ich war ihre Freundin
nicht mehr; das letzte Jugendband hatte sich gelst, und ich zhlte kaum
achtzehn Jahre.
    Der Trennungskampf von dem Vater war hrter, als ich ihn vorausgefhlt
hatte. Die grausigen Bilder des vorjhrigen Rckzugs, deren Einzelheiten mir
erst in der Heimat deutlich wurden, lieen ein Nimmerwiedersehen ahnen. Meine
arme Mutter erlag fast der Anstrengung, sich als standhafte Soldatenfrau zu
behaupten. Sie lchelte ber den Trostspruch des ehrlichen Purzel - des letzten
Purzel im Reckenburgschen Dienst -: Nur guten Mut, gndige Frau. Ich sorge
schon. Es passiert ihm nichts; und passiert ihm doch was, dann komme ich gleich
und melde Post. Sie lchelte und bedachte das kleinste Bedrfnis, das einem
Verwundeten oder Kranken dienen kann. Aber ihre zarte Gesundheit hat sich von
den Schmerzen und Sorgen der Trennungsjahre nicht wieder erholt.
    Am Vorabend des Abmarsches ging ich zu Dorothee, die sich in ihrem
Mdchenstbchen ganz wohlig wieder eingenistet hatte, und hob ohne Umschweif an:
Ich sehe ein, Dorothee, da du zu einem freiwilligen Bekenntnis niemals das
Herz haben wirst. Gestatte mir daher, dein Geheimnis meinem Vater anzuvertrauen.
Die schsische Armee steht mit der preuischen vereint in dem Lager vor Mainz.
Siegmund Faber wird dort leicht aufzufinden, der Vater aber der zuverlssigste
Vermittler und dir der mildeste Anwalt sein.
    Sie war bei diesen Worten wie vom Donner gerhrt, und es dauerte eine Weile,
bevor sie der kindlichen Beredsamkeit Herr geworden war, mit welcher sie meine
Rechtsgrundstze schon einmal aus dem Felde geschlagen hatte. Tun Sie es nicht,
Frulein Hardine! rief sie auer sich. Um Gottes Barmherzigkeit willen, tun
Sie es nicht! Vor der ganzen Welt, vor meinem eigenen Vater sogar eine
verworfene, ehrlose Kreatur, nur nicht vor den Augen des arglosen, gtigen
Herrn! und wrde er es der gndigen Frau Mutter verbergen knnen, verbergen
wollen? Wie sollte ich vor ihr bestehen und fortan unter einem Dache mit ihr
leben? Sie ist so streng, so stolz. Auch Sie wrden von ihr zu leiden haben,
Frulein Hardine, Sie erst recht. Und wei es erst einer, wirds ein Lauffeuer.
Ich habe es ja nicht anders verdient, ich mte es hinnehmen. Aber auch Sie
bekrittelt zu sehen, Sie, die Sie mir ein Engel gewesen sind, von den eigenen
lieben Eltern getadelt, ich ertrg es nicht. - Und warum das alles? fuhr sie
nach einer Pause fort, whrend welcher ich diesen unbeachteten Gesichtspunkt hin
und her erwogen hatte.
    Der Vater, wie ich ihn kannte, wrde in der Tat ein erstes eheliches
Geheimnis kaum ber die Nacht und sicherlich nicht ber den ersten Brief hinaus
bewahrt haben. Sollte ich zu dem Herzeleid der armen Mutter noch diese neue
Prfung fgen? Das freundliche Verhltnis zu unserer Hauswirtin wurde gestrt,
das Vertrauen in die Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit der einzigen Tochter im
Grunde erschttert. Auch der nachsichtigere Vater wrde den mtterlichen
Auffassungen nicht widerstanden und bekmmerten Herzens von seinem pflichtlosen
Kinde, vielleicht frs Leben, geschieden sein.
    Und wozu uns allen diese Verwirrung? fuhr Dorothee, durch meine sichtliche
Bewegung ermutigt, fort. Lebt er denn noch? Er hat den ganzen Winter nicht
geschrieben.
    Briefe erreichen in solchen Zeitluften selten ihr Ziel, versetzte ich;
die Nachricht seines Todes aber wrden wir erhalten haben.
    Und wenn er lebt, entgegnete Dorothee, in welchem entfernten Lazarett, in
welcher neuen Stellung? Es ist ja ein so weitlufiger Kriegsplatz; Gott wei, ob
der Herr Vater jemals mit ihm zusammentrifft. Begegnet er ihm aber, und wei ich
erst den Ort, wohin ich mich zu richten habe, dann will ich ihm alles bekennen;
ja, Frulein Hardine, ich versprech es Ihnen, alles bekennen, und wie er es
verordnet, so soll es geschehen. Nur stellen Sie keinen anderen zwischen mich
und ihn.
    So war denn Frulein Ehrenhardine wieder einmal die Besiegte der kleinen
Dorl. Der Vater reiste ohne unser Geheimnis ab. Ja in der Furcht einer
Entdeckung wagte ich nur ganz schchtern die Bitte, sich doch nach dem Faber
umzutun und ausfhrlich ber ihn zu berichten.
    Dicke Trnen hingen dem guten Manne in den Augen, als er beim Abschied es
noch mit einem Scherzworte versuchte: Sage der lieben Dorl, meine Dine, da ich
ihren Mosj Per-s ganz gehrig ins Gebet nehmen werde.
    Und wirklich enthielt der erste vterliche Brief aus dem Lager vor Castel,
in welchem die Sachsen mit einem Teil der Preuen vereinigt standen, einen
ausfhrlichen Bericht ber den seit dem Tage von Valmy Verschollenen. Er hatte
alle Fhrnisse einer pestilenzialischen Krankenpflege glcklich berdauert und
stand, zum Regimentsarzt befrdert, bei dem Belagerungskorps. Der Ruf seiner
Unermdlichkeit, Unerschrockenheit und seines groen Geschicks war durch das
ganze Lager verbreitet; hoch und gering schtzte des noch so jungen Mannes
bedeutenden Beruf. Die Genossen der alten Baderei waren bald aufeinandergestoen
und die heimischen Verhltnisse weidlich hin und her besprochen worden. Ob dem
kleinen Musterbrutchen nicht ein wenig die Ohren geklungen haben sollten?
    Ihr mt euch, so schlo der vterliche Bericht, unter dem Herrn Doktor
Faber nun beileibe nicht mehr den steifen Feldschergehilfen vorstellen, der sich
quasi immer einen Spiegel vorhielt, um ja keine angestammte Badereimanier
durchschlpfen zu lassen. Er ist degagiert wie einer, seitdem Generale und
Prinzen so gut wie der gemeine Stckknecht unter seinen Messern und Zangen
stillhalten mssen. Auch gemtlicher, aufgeknpfter ist er geworden,
nichtsdestoweniger aber doch noch immer der alte Per-s, der alles anders anfat
wie andere Leute, und besieht mans bei Licht, allemal recht. Als ich ihn auf das
Risiko hinwies, dem jungen, einsamen Brutchen das eingegangene Verhltnis so
selten in Erinnerung zu bringen, da versicherte er zwar, um die Weihnachtszeit
sein regelmiges Carmen entsendet zu haben, und weil er es versichert, mu der
Brief verloren gegangen sein. - Indessen, - so setzte er hinzu - indessen wozu
dieses leere Stroh?
    Der Allerweltsdoktor wurde bei diesen Worten zu einer Konsultation bei einem
schwer erkrankten General auf das linke Ufer abberufen. Ich hatte ihn gebeten,
sich um ein paar in einem Vorpostengefecht Blessierte von unseren Husaren zu
bemhen, und erhielt schon am andern Tage schriftlich eine beruhigende Kunde. Am
Schlu derselben kam er denn auch auf die Herzensangelegenheit zurck, in der
wir gestern unterbrochen waren. Ich schneide die betreffende Stelle zum Frommen
meiner lieben Jungfer Grundtext aus seinem Brief und lege sie dem meinigen bei.
    ber das Risiko, wie Sie es mit Recht nennen, mein Herr Major, ber die
Gefahr hinweg hilft kein mahnendes Wort. Und Beruhigung - wer schpfte die auf
hundert Meilen Distanz? Bevor ein Brief seinen Ort erreicht, hat die Szene
gewechselt, und der, ber dessen Wohlergehen man sich freut, modert vielleicht
im Grabe. In beiden Fllen hilft nur Vertrauen auf einen guten Stern, oder von
Haus aus Resignation in Bausch und Bogen. Briefe sind fr Mige oder fr
Gleichstrebende. Soll ich mein liebes Kind mit militrischen Evolutionen und
diplomatischen Schachzgen unterhalten? oder soll ich ihm mit meiner rztlichen
Widerwart eine Gnsehaut erregen? Und Liebesschwre, Liebesseufzer etwa? Ist es
nicht der Superlativ aller Albernheit, das Heimlichste, Unsagbarste der
Menschenbrust, in einen Gemeinplatz umgesetzt, schwarz auf wei durch die Welt
zu jagen? Wie eingeschnrt sind die Kritzelfchen meiner kleinen Dorothee! Wie
kann ich die Stunden zhlen, in denen sie an ihrer Feder gekaut hat! Wo sind
ihre Blumen und Vgel, ihr kindliches Tndelwerk? Wo ist eine Spur von dem, was
in ihr und um sie wirklich lebt und webt? Da lobe ich mir das Tschchen und
Beutelchen, die sie gestrickt. Sie sind mir stndlich zu Dienst, und sehe ich
sie, so sehe ich auch die flinken Fingerchen in ihrem Bereich. Das sind Taten,
weibliche Liebestaten, mein Herr Major, und da ich sie nicht mit solchen aus
meiner Praxis erwidern kann, tue ich wohl, mich meiner zrtlichen Treue nicht zu
rhmen.
    Sie versichern mich, hochgeehrter Freund, der stillen Geduld des herrlichen
Kindes, und ich kann Ihnen nicht aussprechen, wie es mich beglckt, mein
schlerhaftes Experiment also gerechtfertigt zu sehen, ein Experiment, vor dem
ich mich bei reiferer Erfahrung gehtet haben wrde. Ich fhlte mich als Mann
und sah in ihr das Kind, den einen vielleicht zu frh und das andere vielleicht
zu lange. Im Grunde aber sah ich gem der Natur und gem der Vernunft. Denn
wem, frage ich, mchte eine derartige Enthaltsamkeit ins Blaue hinein zugemutet
werden, als dem Manne, der gewohnt ist, vor sich selber Schildwach zu stehen,
oder dem Kinde, das, ohne zu trumen, im umfriedigten Nestchen schlummert, bis
der vorbestimmte Erwecker es zur Freiheit ruft? Nun wohlan, mein Herr Major, der
Mann wird Farbe halten. Das Weltwesen, das ich ahnete, als ich dieses Bndnis
schlo, hat sich um zwei Jahre verzgert, und der Himmel wei, wann und wo das
Wirrsal enden wird. berdauere ich es aber, und wre ich verschlagen worden bis
ans Ende der Welt, so werde ich meinem anverlobten Weibe den vterlichen
Trauring unentweiht vor Augen fhren, und sehe ich den meiner Mutter an ihrer
Hand, werd ich den Knabenglauben segnen, der sich bewhrte, wo so mancher
Mannesglauben zuschanden ward.
    Die experimentierende Resignation, welche meine arglose Mutter nicht
vorsichtig zurckhielt, war Wasser auf die Mhle der bekenntnisscheuen Snderin.
Der seltsame Mensch verlangte ja gar keine Aufklrung, und bis er persnlich
kam, dieselbe einzuholen - wenn er berhaupt wiederkam, ach, was konnte da nicht
alles verndert sein! Ich aber wurde es mde, ein Miverhltnis zu demonstrieren
in die leere Luft. Schmte sie sich nicht, als Braut eines Mannes zu gelten, den
sie verraten hatte, scheute sie sich nicht, mit seinem Treugut sich selber und
dem Kinde eines anderen das Leben leicht zu machen: warum sollte ich mich dessen
schmen und scheuen? War sie meine Schwester, meinesgleichen? Torheit ber
Torheit, der leichtfertigen Schenkentochter eine honette Gesinnung zuzutrauen!
Kehrte Siegmund Faber zurck, dann lag es mir ob, mich, nicht sie, vor einem
wahrhaftigen Ehrenmanne zu entschuldigen.
    Zu Dorothees Gunsten, und um vorderhand mit ihrem philosophischen Liebhaber
abzuschlieen, sei indessen vorausgemeldet, da ein spterer vterlicher Brief
von einem rtselhaften Verschwinden des Doktor Faber berichtete. Whrend des
Angriffs auf die feindlichen Lager bei Pirmasens, Ende September, war er in
seiner beherzten, rastlosen Ttigkeit noch vielfach bewundert worden - seitdem
spurlos aller Augen entrckt. Anfangs glaubte man ihn, im Gefolge des Knigs,
der ihn persnlich hatte schtzen lernen, auf das vor kurzem so schmhlich
erworbene polnische Gebiet verpflanzt. Da diese Meinung aber sich als Irrtum
erwies, sahen die einen ihn verwundet in Feindes Hand, die anderen ihn von
erbitterten Gebirgsbauern abgefangen. Die Mehrzahl hielt ihn fr geblieben,
wenngleich sein Leichnam von den das Terrain innehaltenden Siegern nicht
aufgefunden werden konnte. Alle aber beklagten die Lcke, welche durch des immer
bereiten Helfers Fehlen entstanden war. Auch als mein Vater nach drei Jahren,
wohlbehalten und mit dem Verdienstorden belohnt, aber kopfhngerisch wie alle
Teilnehmer dieser unfruchtbaren Kampagne, zurckkehrte, wute er keine Spur von
dem Verschollenen anzudeuten. Bald war er unter seinen Heimatsbrgern ein toter,
vergessener Mann, und niemand wrde es seiner brutlichen Witwe verargt haben,
htte sie, zugunsten eines anderen, ber ihre begehrenswerte Person und das
Anwesen der alten Faberei verfgen wollen.
    Ich hatte in unserer bnglichen Stimmung meine Mutter whrend des Feldzugs
nicht verlassen wollen und nur auf beider Eltern dringende Vorstellung mich zu
der Rckreise nach Reckenburg entschlossen. Bei des Vaters ausgesetzter Lage
und unserer Mittellosigkeit, so sagte die Mutter, ist die Grfin dein und auch
mein letzter Anhalt. Verscherze ihn uns nicht, liebe Tochter. Dort kannst du
wirken, mir ntzest du nichts. Ich bin nicht krank, und stiee mir etwas zu,
habe ich da nicht das liebe Kind Dorothee?
    Das liebe Kind Dorothee! Sie mir an einem Sorgenstuhle, an einem
Krankenbette vorzustellen, mit ihrer freundlichen, leise geschftigen Art -
wahrlich, es konnte mir nichts Beruhigenderes widerfahren, als da sie im Ernst
gar nicht mehr an die Rckkehr in das einsame Waldhaus dachte, und da eine
abzehrende Krankheit ihres Vaters ihr die Selbsttuschung einer nher liegenden
Pflicht gestattete. Halten Sie Ihre Augen ber meinem Liebling, Frulein
Hardine! flsterte sie beim Abschied in mein Ohr; ich werde der gndigen Frau
Mutter helfen und dienen an Ihrer Statt.
    So schieden wir, und als gegen die Weihnachtszeit jene erste Kunde von
Fabers Verschwinden eintraf, stand ich schon lngst wieder auf meinem
Reckenburger Posten und Dorothee sa - zu meiner innerlichsten Befriedigung! -
ruhig daheim in ihrer Mdchenstube. Dort fand ich sie, wenn ich in den nchsten
Jahren - immer nur auf etliche Sommerwochen - in der Heimat einkehrte,
unverndert dieselbe, fleiig bemht, durch zierliche Stickereien ihre Einknfte
zu verbessern, auf da es ihrem Knaben an keiner Pflege, keiner Zierat gebrechen
mge. Hatte sie am Abend Mtzendeckel und Flitterschuhe beiseitegelegt, dann
zeichnete sie kleine Kinderkpfe oder schnitzelte sie als Silhouetten aus
schwarzem Papier, legte sie zwischen die Bltter ihres Gesangbuches und kte
sie als Gleichnisse ihres schnen Knaben. Sie fertigte ihm Rckchen und
Wmschen, drehte Blumen aus den hellen Locken, die ich ihm jedes Jahr fr sie
abschneiden mute, verflocht sie mit einem Goldfdchen ihres eigenen Haares,
auch wohl mit einem anderen, das sie einem teuren Erinnerungszeichen entwand,
und nannte sie ihre Sonnenblumen. Sie herzte jedes fremde Kind, sie jubelte vor
Lust und weinte vor Weh, wenn sie des eigenen gedachte - aber wiedergesehen hat
sie den Pflegling Muhme Justines nicht. Auch als ihr Vater schlafen gegangen,
als der meine heimgekehrt war, als sie, ledig jeder Pflicht, auf eigenen Fen
stand; da sie, und nicht eine Fremde, zur Hterin ihres Kindes berufen sei,
daran dachte sie nicht.
    Ich aber rttelte nicht mit Gewalt diese Pflicht in ihrem Gemte wach. Denn
der Wuchs eines Menschen, wie der eines Baumes - ich hatte es allmhlich
begriffen -, er lt sich in die Breite und allenfalls in die Hhe treiben; aber
tiefer graben, bis zum nhrenden Quell, lassen sich seine Wurzeln nicht. Wie die
Natur uns gepflanzt hat, so mssen wir einander hegen - oder meiden. Im brigen
sagte ich mir auch, da der vaterlose Knabe sich unter der rauhen Hand der
Fremden natrlicher entwickeln werde als unter der tndelnden der Mutter. Und
endlich hielt ich die eigenen Augen nicht auf ihn gerichtet?
    Wie ich als Kind nicht mit Puppen gespielt hatte, so war ich auch spterhin
nicht das, was man kinderlieb nennt. Dieser Knabe aber wuchs mir nahe ans Herz.
Wenn ich auf dem Wege durchs Dorf die blde, plumpe flachsstrhnige Bauernbrut
zwischen Hhnern und Ferkeln auf ihren Dngerhaufen hatte hocken sehen und nun
vom Walde her die biegsame, kleine Gestalt in ihrem zierlichen Rckchen mir
entgegensprang, da lachte ich wohl vor Lust, aber ich fragte mich auch mit
Wehmut, ob nicht der Vater, an welchen mein Prinzchen so lebhaft erinnerte, sich
in die natrlichen Schranken des Lebens gefgt haben wrde, htte er dieses
Liebeskind zur Fhrung an seiner Hand gefhlt?
    Wie frh und sicher er die Fchen bewegen lernte, wie ausgelassen er sich
im Walde tummelte, mit den Hasen Wettlauf hielt, hellen Klangs die Vogelstimmen
nachahmte, lange ehe er unsere menschliche Sprache zu reden verstand. Wie
trotzig lachend er sich das Eichhrnchen zum Muster nahm, bis zum Wipfel der
knorrigen Steineiche hinankletterte, whrend die alte Muhme mit ohnmchtiger
Angst am Fue drohend die Fuste ballte! - So wurde dem Kinde der Natur die
Natur eine frhe Bildnerin; frhe aber auch drngte das Bedrfnis sich auf, es
einer strengeren Regel und dem Gesetze eines mnnlichen Willens zu unterstellen.
Als der Knabe im fnften Jahre stand, erklrte die Muhme, den Wildling nicht
ber den nchsten Winter hinaus bndigen zu knnen, noch zu wollen.
    Denn nichts Kurioseres und fr mich nichts rgerlicheres, als der Zwiespalt
der alten Seele gegenber ihrem Ziehekind! Sie hatte ein Wohlgefallen an dem
neckischen kleinen Patron, ja ein Herz fr ihn; sobald sie ihn aber in meiner
Nhe sah, berfiel sie eine so unwirsche Laune, da, htten noch Bren und Wlfe
in unserem Walde gehaust, sie ihn unter die Bren und Wlfe in den Wald gejagt
haben wrde. Es kommt Ihnen nichts Gutes durch den Wildling, wurde sie nicht
mde, mir vorzuhalten. Das landlufige Sprichwort von dem besudelnden Pech
stimmte mit dem Geist, welcher geheimnisvoll aus einem Kartenspiel warnt, in
dieser Mahnung zusammen, und, alte treue Justine, knntest du doch spren, da
vierzig Jahre spter die Errterung der Frage, ob deinem Frulein Gutes von dem
Wildling gekommen ist? die Schlubetrachtung ihres Lebens bilden wird.
    Da half kein Zureden, der Junge mute fort, fort aus Reckenburg; und eine
Erwgung anderer Art gab diesem Entschlusse Nachdruck auch fr mich. Unser
treuer Freund, der Prediger, hatte uns krzlich verlassen, um als Vorsteher des
Laurentiusklosters eine freiere, seinem vterlichen Sinne angemessenere Stellung
einzunehmen. Der Dienst in der Gemeinde wurde whrend der Vakanz wechselnd von
Nachbarpredigern versehen, die sich um rtliche Verhltnisse wenig bekmmerten.
Wenn aber kommenden Sommer der neugewhlte Seelsorger sich bekannt machte,
konnte ihm das Auffllige unseres Schtzlings schwerlich entgehen. War auch die
Beglaubigung des Kirchenbuches zugrunde gegangen, dem Geistlichen durfte auf
Befragen die Wahrheit nicht verhehlt werden; ein Mensch mehr wute um Dorothees
so ngstlich gewahrtes Geheimnis; neugierige Sprversuche, Fraubasereien,
irgendein unberechenbarer Zufall leiteten auf die richtige Fhrte, und der
immerhin interessante Zusammenhang drang ber unseren stillen Waldwinkel hinaus
in der Leute Mund. -
    Alles dies fhrte ich Dorothee zu Gemte, sobald ich fr etliche
Herbstwochen im Elternhause eingekehrt war. Ich fand sie in nachdenklicher
Stimmung, vorbereitet durch den Prediger, wie Seine Hochwrden, der nunmehrige
Propst und Direktor, hier zum letztenmal genannt werden soll.
    Niemals hatte Dorothee seit ihrem Unglck sich in jugendliche Kreise
gemischt, niemals mit einem Blick oder Wort die Huldigungen der Brgershne,
wenn sie ihr zufllig begegneten, ermuntert und so die Bewerbungen, an denen es
ihr nicht gefehlt haben wrde, von vornherein abgeschnitten. Niemals aber auch
hatte sie gegen mich den Namen des Einziggeliebten genannt. Dennoch, sooft ich
sie in der Einsamkeit berraschte, sprte ich an ihrem Wesen, an den in sich
gekehrten oder sehnschtig schweifenden Blicken, da der kurze Sommerrausch des
Glcks nicht erloschen sei und jedes nchterne Nachspiel dmpfe.

Und immer, immer sah sie doch an jeder Wand ein Bildnis noch
Von einem Menschen, der verschwand und ihr als Kind das Herz entwand.

Um so mehr war ich daher berrascht, als sie jetzt auf meine Frage: was sie ber
die Zukunft ihres Sohnes beschlossen habe? mit niedergeschlagenen Augen
antwortete: Wenn ich den Taube heiratete, Frulein Hardine?
    Unsern Hofmeister? Bewirbt er sich denn um dich?
    Er hat mich seit meiner Kinderzeit liebgehabt und es mir vor wenigen Tagen
gestanden.
    Und du?
    Sie schttelte die Locken mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Wehmut
und stolzer Erinnerung. Lieben, ich? rief sie mit einem Schauder. O niemals,
niemals wieder! Aber, setzte sie nach einer Pause gelassen hinzu, aber ich
wrde friedlich mit ihm leben, und er wrde meinem Knaben ein guter Vater sein.
    So dchtest du, ihm dein Geheimnis zu bekennen, Dorothee?
    Wie sollte ich nicht, Frulein Hardine? Ich nhme ihn ja nur, um das Kind
zu versorgen. Nur um des Kindes willen.
    Auch schon ehe er dein Mann geworden ist, es ihm bekennen?
    Wenn Sie es fr Pflicht halten, auch schon zuvor.
    Und du glaubst, da er dennoch dein Mann werden wrde?
    Ich glaube es, Frulein Hardine.
    Ich schwieg eine Weile. Dorothee sa mir im Fenster gegenber, die Hnde
ber der Brust gekreuzt. Unwillkrlich fiel mein Blick auf den Verlobungsring,
den sie noch immer am Finger trug. Sie bemerkte den Blick und sagte errtend,
indem sie sich vergeblich bemhte, den Reif abzustreifen: Er ist mir ins
Fleisch gewachsen.
    Es war im achten Jahre, seit Siegmund Faber von hinnen gegangen, im fnften
seines spurlosen Verschwindens; niemand zweifelte an seinem Tode. Lebte er aber
selbst - und eine innerliche Stimme sagte mir immerfort: er lebt! -, lebte er
und kehrte er zurck: dieser Mann konnte nimmermehr dieses Weibes Gatte werden.
Welch mildere Tuschung aber htte sich fr ihn finden lassen, als die lange
Getreue endlich einem natrlichen Berufe gefolgt zu sehen. Ich wute demnach
nichts Stichhaltiges einzuwenden, insofern sich wirklich ein Mann fand, der
seine Ehre nicht durch die bewute Unehre seiner Frau beleidigt fand.
    Doch beschlossen wir, den Fall unserem treuen Gewissensrate vorzulegen, und
machten uns auf den Weg nach dem Kloster.
    Ich spreche Ihnen, mein Kind, so lie der Propst sich vernehmen, die
Berechtigung zur Freiheit nicht ab, und ich fr mein Teil wrde den Mann nicht
tadeln, der dem geliebten Weibe einen Fehltritt vergibt und mit ihr vereint sich
bemht, dessen Wirkungen auf andere in Segen zu verwandeln. Ich habe aber Grund
zu glauben, da unser hohes Konsistorium diese Auffassung nicht teilt. Die
Gegenwart des Knaben brchte voraussichtlich Ihr Geheimnis ans Licht, Ihr Mann
wrde aus seinem Lehramte scheiden mssen, dem einzigen, zu dem er gebildet und
berufen ist.
    Wir wrden still auf dem Lande leben, und - ich bin nicht unbemittelt,
Hochwrden, stammelte Dorothee, den Purpur der Scham auf den Wangen.
    Hinreichend fr Sie und allenfalls fr Ihr Kind. Aber fr eine zweite,
vielleicht zahlreiche Familie? Und gesetzt den wenn auch unwahrscheinlichen Fall
der Heimkehr Doktor Fabers: er wrde seine Schenkung nicht zurcknehmen und er
drfte es nicht. Aber mte es eine Natur wie die unseres Taube nicht zu Boden
drcken, seine und der Seinigen Existenz von dem Treugute des Getuschten
abhngig zu sehen? Indessen, selbst diese beiden mglichen Zwischenflle
ungerechnet - kennen Sie das Leben eines Lehrers auf dem Lande, liebe Dorothee?
    Es hatte diese Besprechung auf dem Rckwege vom Kloster stattgefunden.
Unmerklich aber waren wir von unserem Begleiter seitwrts durch ein Nachbardorf
gefhrt worden und standen bei den letzten Worten vor einem Huschen, dessen
Bestimmung ein vieltniger stockernder Chorus mit obligaten Donnerschlgen des
Vorbeters verkndigte. Ein Schulhaus, und keines von den bescheidensten seiner
Zeit, denn von den Schden des Siebenjhrigen Krieges ausgeheilt, stand es auch
jetzt noch unversehrt unter Dach und Fach.
    Dessenungeachtet, wir konnten es nicht leugnen, fr ein idyllisches
Stilleben war die Wohnstube, in welche wir vorberstreifend blickten, doch ein
wenig dumpf und kahl. Die kleine Dorl htte mit der Hand an die Decke reichen
knnen. Die Fensterscheiben glichen Schiefertafeln, welche im Schulgebrauche
blind geworden waren, und in dem Kachelofen brodelte, nicht eben sinnerquickend,
das Runkelfutter fr die Kuh. Wir setzten unsere Umschau fort und weilten in der
Musterung der hartkpfigen kleinen Menschenherde und ihres kahlkpfigen treuen
Hirten.
    Keine Frage: das Lehramt hat seine Poesie. Schwerlich aber wrde sie in
unseren Augen zu kurz gekommen sein, htte ein leiser Anflug der kindlichen
Pausbacken auf dem hehren Antlitz ihres Hters reflektiert; auch ein Ersatzstck
fr das, was eines Tages schwarzer Manchester auf seinem Leibe geheien, wrde
von uns nicht als strfliche Eitelkeit verlstert worden sein. Aufrichtige
Bewunderung hingegen zollten wir im Weiterschreiten der musivischen Kunst,
welche auf der Hauswsche ber dem Gartenzaun entwickelt war.
    Diese Kunstleistung mochte unseren Fhrer verlocken, nach der Bekanntschaft
mit dem Schulregenten uns auch die der Hausregentin inmitten ihrer privaten
kleinen Herde zugute kommen zu lassen. Und wiederum ein Chorus mit obligaten
Donnerschlgen lockte uns ber den Hof auf ein Ackerstck, das sich den stolzen
Namen Garten beigelegt hatte. Hier stand sie, die Heldin unseres Idylls! Eine
klassische Gestalt, hoch geschrzt, die Schritte nicht durch zwngendes
Schuhwerk gehemmt, das gestrige Haar durch keine Spiegelkunst verschnrkelt. Die
fremden Eindringlinge strten sie nicht in ihrem Geschft. Mit antiker Kraft und
Ruhe hackte sie die Erdpfel auf, welche eine nachwchsige Schar in die Hhe
buddelte. Das beilufig ausgerodete Unkraut lieferte einen Leckerbissen fr die
umkreisende Ziege samt ihren Zickelchen, die mit lustigen Sprngen ihre Wollust
an den Tag legten. Das kleine zweibeinige Publikum spendete dem vierbeinigen
Beifall, die Arbeit stockte, und die Vorarbeiterin entfaltete die Macht ihrer
Lungen und Gliedmaen, um sie wieder in Gang zu bringen.
    Jetzt aber griff ein tragischer Zwischenfall in das lndliche Bild. Unter
der Hoftr lehnte die lteste Tochter, zugleich Kindsmagd der Familie und noch
nicht nach mtterlichem Exempel stoisch geschult. Beim Begaffen der fremden
Gste entglitt das Wickelkind ihrem Arm und fiel - zum Glck in den Schlamm vor
dem Schweinekoben. Mit erhobenen Hnden strzte die Mutter zu Hilfe und Rache
herbei; die lteste Tochter heulte, das Wickelkind schrie, die Sue grunzten,
die Zickelchen meckerten, im Stalle brllte die Kuh. Die Buben balgten sich um
die Beute einer gelben Rbe; die Heldenmutter tachtelte nach rechts und links;
aufgescheucht durch die Gefahr, welche sein Teuerstes bedrohte, zeigte sich mit
einem Weheruf, und umschwrmt von seiner tobenden Schar, die hehre Gestalt in
weiland Manchester; wir aber, die wir diesen Sturm im Stilleben angestiftet
hatten, entschlpften leise ber den Ackerrain.
    Ein respektables Weib! Fr ihren Beruf ein Musterbild! sagte nach einer
langen Stille lchelnd der menschenkundige Freund. Dorothee ging schweigend mit
gesenktem Kopf - und von einer Bewerbung Christlieb Taubes ist fortan nicht die
Rede gewesen.
    Meine nahende Abreise drngte endlich zu einer Entscheidung ber die Zukunft
des Knaben, und da war es denn der Propst, welcher das seiner Aufsicht
unterstellte Kloster in Vorschlag brachte. Von seiner ursprnglichen Bestimmung
fr Soldatenwaisen hoffte er eine Ausnahme zu erwirken, wenn gelegentlich einer
Visitation des hohen Kurators der Anstalt ein Teil des Geheimnisses, die
vterliche Abstammung, vorsichtig angedeutet ward.
    Dorothee weinte vor Freuden in der Aussicht, ihren Knaben bald unter den
Augen des gtigen Beschtzers und in ihrer eigenen Nhe zu wissen, ohne sich
selber einer schmachvollen Enthllung preiszugeben. Sie bedeckte ihres
Wohltters Hnde mit Kssen und Trnen, rief Gottes Segen auf ihn herab und
stellte zum voraus den Betrag ihrer Hausrente fr den Aufwand eines
Halbpensionrs zu seiner Verfgung.
    Mir hingegen bumte sich die Seele bei der Vorstellung, das Liebeskind des
Frsten, dem das Erbe der Reckenburg zugefallen sein wrde, in eine Armenanstalt
eingeschmuggelt und fr eine subalterne Lebensstellung herangebildet zu sehen.
Was hatte ich doch Schicklicheres zu raten und zu bieten? Das Kloster war
wohlberufen, wie die Mehrzahl unserer zu Schulzwecken skularisierten
schsischen Abteien, war doch reich dotiert und stand unter der trefflichen
Obhut des einzigen Menschen, der sich mit vterlicher Teilnahme zu dem Knaben
gezogen fhlte. Mute ich nicht schlielich eine hhere Fgung in diesem Wechsel
der Verhltnisse verehren?
    So trat ich denn die Rckreise nach Reckenburg an, mit dem Versprechen, im
nchsten Frhjahr den Zgling Muhme Justines persnlich dem Waisenkloster
zuzufhren.

                                Neuntes Kapitel



                                  Die Hochzeit

Des Knaben Versteck im Waisenhause war ebenso nach der Muhme Sinn, als mein
Plan, ihn persnlich dahin zu spedieren, demselben widerstrebte. Sie sprte
pltzlich ein unbezwingliches Verlangen, ihre Gegend einmal wiederzusehen, und
welchen Grund htte ich gehabt, ihre Reisebegleitung abzulehnen?
    Der Tag unseres Eintreffens war den Eltern bereits angekndigt, als ein
heftiger Zufall der Grfin einen Aufschub veranlate. Die zhe Natur hielt
stand, wie schon so oft vorher und oft nachher. Die bewhrte Leibpflegerin aber
konnte nicht umhin, mit dem Rstzeug ihrer Instrumente den verhngnisvollen
Posten zu hten und ihr Erbfrulein zwlf Meilen weit ohne Beistand den Tcken
des unverwstlichen Schellenunters preiszugeben. Der Ehre jedoch, in Reckenburgs
goldener Kutsche seiner fernerweitigen Reisegelegenheit entgegengeschaukelt zu
werden, wute sie den kleinen Plebejer zu entziehen. Sie karrte ihn bei Nacht
und Nebel in einem Handwgelchen bis zu der Station, nachdem sie ihm, wie ich
stark vermute, ein Mohnsftchen einfiltriert hatte. Ihr letztes Wort, als sie
den Schlafenden neben mich in den Einspnner hob, war die Warnung, mich beileibe
nicht mit dem Kinde der Heimlichkeit vertraulich einzulassen.
    Wie nun der kleine Waldmensch beim Erwachen in dem engen Gehuse ungebrdig
tobte, das werden Euch August Mllers beigeheftete Erinnerungen anschaulich
vorfhren. Auch gegen die bndigen Prozeduren soll kein Widerspruch erhoben
werden. Jedenfalls whlte er fr uns beide das bequemste Teil, indem er die
langweilige Fahrt fast ohne Unterbrechung verschlief.
    Der letzte Brief seines knftigen Pflegevaters datierte von einem
thringischen Gebirgsdorfe, in welchem er der Einfhrung seines Sohnes in dessen
erstes Pfarramt beigewohnt und gleichzeitig die Freude gehabt hatte, dem
betrbten Liebhaber, unserem Taube, eine heitere Lebensstellung auszumitteln.
Ein Lehrer-und Organistenamt in einer kleinen, wohlgesitteten Gemeinde, Haus und
Grtchen durch den Gutsgarten anheimelnd eingerichtet, und die Kinder dieses
Patrons ihm zur Pflege in der gttlichen Musika unterstellt, alles das in
romantischer Berg- und Waldeinsamkeit; welch ein besseres Los htte er sich
wnschen knnen oder wir fr ihn?
    Da ich den Propst die seltene Reiseerholung so lange wie mglich wollte
genieen lassen, hatte ich ihm unser versptetes Eintreffen post restante nach
Jena gemeldet, glaubte ihn daher frhestens gestern heimgekehrt, und war
erstaunt, ihn in meinem gewohnten Leipziger Nachtquartier, der goldenen Laute,
vorzufinden. Ich fragte ihn lachend, welch fernerweitige Einfhrung ihn so eilig
wieder in entgegengesetzter Richtung auf die Fe gebracht habe?
    Die Einfhrung dieses Knaben in seine neue Heimat, antwortete er ernst,
indem er den Schlafenden von seinen Armen auf das Bett in meinem Zimmer
niederlie.
    Ich witterte so etwas von einer Anwandlung Muhme Justines in dem geistlichen
Herrn, entgegnete daher verstimmt, da ich auch ohne sein Bemhen den kleinen
Mnch im Kloster Laurentii glcklich abgeliefert haben wrde.
    Er schwieg; doch konnte mir eine gewisse bngliche Unruhe an dem gelassenen
Manne nicht entgehen, und als er auf meine Frage: ob er etwas auf dem Herzen
habe? seufzend den Kopf senkte, rief ich: Ich bitte: keine Vorbereitungen,
Freund; meine Eltern - -
    Sind gesund und wohlgemut in Erwartung der geliebten Tochter, antwortete
er.
    Und Dorothee? drngte ich weiter, da mir die Bekmmernis auffiel, mit
welcher sein Blick auf dem Knaben ruhte. Ist Dorothee krank?
    Nicht krank, nur -
    Nur?
    Verheiratet, oder so gut wie verheiratet.
    Mit Christlieb Taube, also doch!
    Nicht mit Christlieb Taube, aber mit -
    Mit -?
    Mit Siegmund Faber!
    Mit Siegmund Faber! Das war denn nun freilich eine Neuigkeit, die mir das
Blut im Herzen stocken machte. Ich hatte ja niemals weder an seinem Leben noch
an seiner Heimkehr gezweifelt; aber so unvorbereitet, so rasch am Ziel - ich
fiel wie vernichtet in einen Stuhl.
    Sahen Sie ihn? fragte ich nach einer langen Pause.
    Nicht ihn selbst, versetzte er.
    So sahen Sie Dorothee?
    Auch nicht.
    Von wem erfuhren Sie denn aber - -
    Von Ihrem Herrn Vater, Frulein Hardine.
    Wann, wann, wann - -
    Gestern nachmittag, als ich kaum von der Reise heimgekehrt war.
    Und wissen Sie, glauben Sie, da Dorothee ihm die Wahrheit bekannte?
    Ich wei es nicht. Aber Sie, meine junge Freundin, die Sie sie besser
kennen als ich - glauben Sies?
    Nein! sagte ich entschieden, und auch er schttelte den Kopf. Und dennoch
verheiratet, wirklich verheiratet? fragte ich.
    Das letzte Aufgebot sollte heute, Sonntag, stattfinden. Wenn die Trauung
vielleicht bis morgen verschoben worden ist, so geschah es in Erwartung Ihres
Eintreffens, Frulein Hardine.
    Heute morgen erst, und Sie erfuhren es gestern, Mann! schrie ich auf,
indem ich entrstet seinen Arm schttelte. Sie hatten Zeit, warum schritten Sie
nicht ein?
    Weil dieses Einschreiten nicht begehrt worden ist, antwortete er ruhig,
und weil es, unbegehrt, in so spter Stunde zwecklos oder gefahrvoll gewesen
sein wrde.
    Es wird, so Gott will, noch zu dieser Stunde nicht zwecklos sein und die
hchste Gefahr abwenden, nicht herbeifhren, sagte ich und strzte aus der Tr.
    Nachdem ich den Wirt beauftragt hatte, mir augenblicklich Extrapost zu
bestellen, kehrte ich zu dem Propst zurck, der nachdenklich neben dem
schlafenden Knaben sa und dessen Hand in der seinen hielt. Ich rannte
ungeduldig im Zimmer auf und nieder. Nie im Leben hatte ich mich in hnlicher
Aufregung gefhlt. Jede Minute des Wartens deuchte mir eine Ewigkeit, ich htte
mir Flgel anheften und von dannen fliegen mgen.
    Beruhigen Sie sich, liebes Kind, mahnte endlich der Freund. Sie erreichen
Ihr Haus noch in dieser Nacht. Einige Minuten frher oder spter - allemal frh
genug oder zu spt.
    So erzhlen Sie, rief ich, und der alte Herr hob mit absichtlicher Breite
also an:
    Da ich Ihren Brief in Jena vorgefunden, verweilte ich dort noch ein paar
Tage in heiterster Stimmung, unter literarischen Anregungen, mit deren
Schilderei ich Sie heute verschone, Frulein Hardine. Erst gestern bei grauendem
Tage trat ich die Postfahrt nach meiner Anstalt an. Mein gutes Glck gewhrte
mir einen wissenschaftlich und weltmnnisch gebildeten Reisebegleiter, der sich
mir, wenn auch nicht dem Namen nach, als eine rztliche Notabilitt Berlins
dokumentierte.
    Das Gesprch, wie das heuzutage kaum anders mehr mglich ist, sprang von
unseren beiderseitigen friedlichen Neigungen bald genug hinber auf das
wildbewegte Zeitwesen, auf die phnomenalen Entwickelungen, welche dasselbe
gleichsam aus dem Staube in die Hhe wirbelt, um sie ebenso jach wieder in Staub
und Kot zurckzuschleudern; und wie htte da der jugendliche Feldherrngenius
unerwhnt bleiben sollen, der sich, zur Stunde kaum noch geheimnisvoll, zu einem
Zuge rstet, um ber Meer und Land den letzten unbezwungenen Feind des
republikanischen Frankreich in der Grundfeste seiner weltgebietenden Macht zu
erschttern.
    Ich habe, so erzhlte im Verlaufe der preuische Herr, ber den General
Bonaparte die interessantesten Aufschlsse erhalten durch einen Augenzeugen
seiner vorjhrigen italienischen Gloria. Dieser Augenzeuge, mit dem ich krzlich
meine kleine Erholungsreise antrat, ist ein Mann meines Fachs, der seit etlichen
Wochen unser nach Kuriositten so lsternes Berliner Vlkchen in ein wahrhaftes
Fieber versetzt, und, wennschon mir ein gefhrlicher Rival, in der Tat verdient,
als merkwrdiges Beispiel aufgefhrt zu werden, wie eine superiore Natur das
rohe, blutige Treiben der Gegenwart als Bildungsstoff fr einen eng begrenzten,
friedfertigen Beruf mit Geschick und Glck zu verwerten vermag.
    Denken Sie sich, mein Herr, einen blutjungen schsischen Barbier, lediglich
als Autodidakt in einer mhsam aufgesuchten Praxis geschult, der in Preuens
kriegerischen Rstungen einen gnstigen Spielraum fr sein Streben ahnt und
durch die glcklichsten Begegnungen findet. Die heillosen Feldzge von 92 und 93
geben Gelegenheit, sein Talent und seinen Eifer in ein helles Licht zu setzen.
Er, der keiner Fakultt immatrikuliert gewesen ist, kein Examen absolviert hat,
geht aus den verpesteten Lazaretten jener Tage als Regimentsarzt hervor;
hochgestellte Herren verdanken ihm Hilfe und Heilung, man erffnet ihm
weittragende Aussichten auch in friedlichen Zeiten. Whrend des Angriffs auf das
Lager von Neuhornbach, wo er im Gefolge des verwegen vordringenden Knigs sich
allzu weit vorgewagt und ber dem Verbande eines feindlichen Schwerverwundeten
aufgehalten hat, gert er in franzsische Hand. Er wird nach Paris gebracht,
sein guter Stern will, da es eine einem Konventsmitgliede verwandte
einflureiche Persnlichkeit ist, die ihm das Leben verdankt; sie erwirkt ihm
die Freiheit, sich in Instituten und Spitlern umzutun. Die groe, wildbewegte
Hauptstadt, die zahlreichen Opfer der Schlachtfelder, ja nicht zum geringsten
die der Henkerbhne werden eine Vorlage fr den energischen Trieb. Selber
inmitten dieser tumultuarischen Welt fllt hin und wieder ein beachtender Blick
auf den rastlos forschenden Fremden.
    Der Friede von Basel fhrte die ausgewechselten Gefangenen in ihr Vaterland
zurck. Auch unser Doktor hatte die Freiheit, zu gehen. Aber er blieb. Was
wollen Sie, sagte er mir, der Arzt, als solcher, unterscheidet nicht Heimische
und Fremde, nicht Freund und Feind. Er unterscheidet nur Gesunde und Kranke,
Gebrechliche und Heile als Material und sucht, solange er lernt, das gnstigste
Terrain fr seine Kunst und Pflicht. Freiwillig begleitete er die italienische
Armee nach Italien; der junge deutsche Doktor tritt in den Horizont des Helden
von Lodi und Arcole. Ein Jahr lang verweilt er, geteilt zwischen Leistung und
Studium, in dem dem Arzte hochwichtigen Bologna, beobachtet an Kranken und
Verwundeten den steigernden oder mildernden Einflu eines sdlichen Himmels, und
kehrt, nachdem der Friede von Campo Formio den Kontinent zur Not beruhigt hat,
nach allen Seiten bereichert, aus dem republikanisierten Italien nach Paris
zurck.
    Hier wurden ihm glnzende Anerbietungen gemacht, der rtselhaften
Meeresfahrt seine Dienste zu leihen, in welcher wir gegenwrtig den verwegenen
Korsen mit der gegen England bestimmten Armee befangen sehen. Aber, so sagte
jetzt unser Mann, ich war kein Abenteurer. Ich hatte mir in der Fremde
angeeignet, was meiner Heimat dienen konnte und, ich frchte, nur allzubald, in
schwerer Stunde dienen wird. Ich durfte zurckkehren. So erscheint er vor etwa
Monatsfrist in unserem ihm vllig fremden Berlin. Ein Csar der Messer und
Zangen, kommt er, sieht und siegt. Das Gercht, rasch und geheimnisvoll wie der
Wind, schnellt ihn zu einem Wundermann in die Hhe. Kriegerische Kameraden, aus
den Rheinfeldzgen zu Dank und Anerkennung verpflichtet, bewillkommen ihn mit
festlichen Ehren; die friedlichen Kollegen spitzen die Ohren bei der Mr von dem
Champion ihrer Kunst, der, um Studien zu machen, freiwillig seinen Kopf in des
Lwen Rachen gesteckt hat; der junge Knig, sich seiner aufopfernden Bemhungen
whrend der Seuchenzeit nach dem Feldzuge in der Kampagne erinnernd, empfngt
ihn und wnscht seine Erfahrungen an der neubegrndeten Pepiniere verwertet zu
sehen; die Menge drngt sich um den Zeugen der revolutionren Greuel und
Verwogenheiten, mit deren Schilderei zur Zeit Ehren-Haude und Spener ihre Haare
struben gemacht hat. Kaum zu Atem gekommen, ist er in aller Munde; die
Fachgenossen lauschen seinen genialen Aphorismen; die Laien, bevor sie erprobt,
was der Mann kann, begngen sich mit dem, was er erlebt; bis die Neugierde
verflogen, ist die Klientel begrndet. Kurz und gut, niemals hat ein junger,
ehrgeiziger Praktikant seine Bahn unter gnstigeren Auspizien angetreten. Wir
Alten werden die Segel streichen mssen, denn freilich unsere Kathederweisheit
sieht sich von seiner khnen Methode himmelweit berflgelt.
    Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, Frulein Hardine, fuhr der Propst nach
kurzer Pause fort, wessen Bild whrend der Erzhlung handgreiflich vor mir
aufgestiegen, und da es eine mige Frage war, die ich nach dem Namen ihres
Helden stellte. In der Antwort: Doktor, neuerdings Geheimrat Faber, berraschte
mich hchstens der Titel.
    Wir hatten uns der Stelle genhert, bei welcher der Weg nach der Anstalt
abzweigt. Verstand ich Sie recht, mein Herr, fragte ich, nachdem ich Abschied
genommen, den Fremden, verstand ich Sie recht, so hat Doktor Faber Sie krzlich
auf der Reise in diese Gegend begleitet? Sie werden meine Neugier entschuldigen,
wenn ich Ihnen sage, da ich einem lange Verschollenen in seiner Heimat zu
begegnen hoffe. - Ihre Hoffnung drfte sich erfllen, Verehrtester, antwortete
der Begleiter. Wir reisten bis Halle miteinander; dort verweilte ich, whrend er
ohne Aufenthalt auf der Merseburger Strae weiterfuhr. In
Familienangelegenheiten, wie er sagte. - Und wann geschah das? fragte ich noch
einmal. Gestern, Freitag, vor acht Tagen, versetzte der Fremde und der Postwagen
rollte von dannen.
    An dem nmlichen Tage hatte ich meine Fahrt nach Thringen angetreten; seit
lnger als einer Woche konnte demnach die Entscheidung unter Ihrem heimischen
Dache, Frulein Hardine, gefallen sein. Durfte ich hoffen, da diese
Entscheidung meinem erwarteten Pflegling einen Vater gegeben habe? Mute ich
frchten, da sie ihm auch noch die Mutter geraubt? In der lebhaftesten Spannung
legte ich den Weg zur Anstalt zurck.
    Kaum dort angekommen, berichtete meine alte, Sie wissen, kurzsichtige
Haushlterin, da am Tage nach meiner Abreise, bei kaum grauendem Morgen, ein
verhlltes, stdtisch gekleidetes Frauenzimmer nach mir gefragt und, als es
meine Entfernung vernommen, gebeten habe, ihr Anliegen schriftlich hinterlassen
zu drfen. Ich fand das Blatt ohne Unterschrift, aber versiegelt, auf meinem
Schreibtische und las die wenigen Worte: Sobald Sie zurckkehren, Hochwrden,
bitte, lassen Sie mich es wissen. Aber um Gottes willen! kommen Sie nicht zu
mir, auch nicht zu der gndigen Herrschaft, bevor Sie mich benachrichtigt haben.
    Sie wnschte demnach eine Unterredung, ohne Zweifel, um ihres Kindes Zukunft
festzustellen, und sie frchtete eine absichtliche oder zufllige Enthllung.
Ich wute jetzt, wie die Entscheidung gefallen war.
    Sie wuten es! so unterbrach ich zum erstenmal den Erzhler, und Sie
eilten nicht, gegen ein drohendes Unheil einzuschreiten?
    Der Freund erwiderte: Ich war, trotz des Verbots, eben im Begriffe, an Ort
und Stelle die Lage der Dinge einzusehen, als ein Besuch Ihres Herrn Vaters,
Frulein Hardine, mich dieser Erkundigung berhob. Er hoffte, eine Nachricht aus
Reckenburg, die Ihr versptetes Eintreffen erklrte, bei mir vorzufinden, und da
ich ihm diese Aufklrung geben konnte, bat ich ihn, nicht in Sorgen zu sein,
wenn das ersehnte Wiedersehen sich noch um etliche Tage verzgern sollte.
    Ich komme auch keineswegs aus Sorge, im Gegenteil, in heller Freude, Freund,
versetzte der gtige Herr. Ich mchte meine Dine nur gern bei einem -
Familienfeste darf ich wohl sagen - unter uns sehen, als Brautjungfer unserer
kleinen Dorl und des - - raten Sie, Propst, und des - -
    Und des Geheimrat Faber, ergnzte ich, erzhlte in der Krze, auf welche
Weise ich von des Mannes Heimkehr unterrichtet worden war, und bat um eine
Darstellung des Eindrucks, den die so lange getrennten Verlobten aufeinander
gemacht haben, und wie die Sache so rasch zum letzten Abschlusse gefhrt werden
konnte.
    Ich werde mir nun erlauben, diese Darstellung mglichst exakt mit Ihres
Herrn Vaters eigenen Worten zu geben, die Schlufolgerung aber Ihnen selbst
berlassen, Frulein Hardine.
    - Am Freitagabend sitzen wir still beieinander. Meine Frau spinnt, ich
rauche. Da hren wir das Haustor unter einem kurzen, knackenden Druck sich
ffnen und wieder schlieen, hren einen raschen, elastischen Schritt im Flur,
drei klopfende Schlge wie mit einem Hmmerchen an der Stubentr. Der Druck, der
Schritt, das Klopfen sind uns alte Bekannte. Mir entfllt die Pfeife, Adelheid
der Faden; Faber! rufen wir aus einem Munde, und mit dem Namen steht auch schon
der Mann uns gegenber. Nicht mehr der Feldscher von Anno 90, auch nicht mehr
blo der Doktor aus den Schanzen vor Mainz; ein kapitaler Mann, ein gemachter
Mann auf den ersten Blick: aber auf den ersten Blick auch noch leibhaftig der
alte Mosj Per-s. -
    - Er schttelte mir die Hand und kte die meiner Frau mit dem Air eines
jener armen Marquis, deren Kpfe er zu Dutzenden hat rollen sehen. Denken Sie,
Propst, der Sohn und Gehilfe meines alten Barbiers! Aber das Gute mu ja
freilich der Anblick jenes Plebsregiments hervorbringen, da ein honetter Mensch
sich zu guten Manieren bequemen lernt.
    - Ich komme als Hochzeiter, mein Herr Major, sagte er, indem er auf den
vterlichen Trauring an seinem Finger wies. Ein wenig spt, werden Sie sagen, -
aber der Mann hat Farbe gehalten!
    - Oho! versetzte ich lachend, das Kindchen erst recht!
    - Meine Frau hat sich unterdessen von ihrem Staunen erholt und in Positur
gesetzt. Zunchst, hob sie an, Herr - Doktor, nicht wahr? Er antwortete lchelnd
mit einer Verbeugung: Fr meine ltesten Freunde Siegmund Faber, wie ehedem,
Mosj Per-s, wie es Ihnen beliebt. Im brigen: Geheimrat Faber, praktischer
Arzt in Berlin. -
    - Zunchst also, Herr Geheimrat, sagte Adelheid, indem sie sich
gleicherweise verneigte, die Versicherung, da Demoiselle Mller in ungestrtem
Wohlbefinden und in geduldiger Treue unter unseren Augen Ihrer Heimkehr gewartet
hat.
    - Wie eine Nonne auf den himmlischen Brutigam, fiel ich ein. Adelheid
rusperte sich, und Sie wissen schon, Propst, wenn Adelheid sich ruspert, das
heit allemal: Mal apropos, Eberhard! Indessen mchte es doch gut sein, fuhr sie
fort, das liebe Kind auf Ihr berraschendes Erscheinen vorzubereiten.
    - Sie wollte sich entfernen. Da erwiesen sich aber der Herr Geheimrat wieder
einmal recht grndlich als der alte Per-s. Nach dieser hochbeglckenden
Versicherung, meinte er, erbitte er sich die Gunst, die gndige Frau begleiten
und in einem unmittelbaren Eindrucke die Entscheidung ber seine Herzenswnsche
empfangen zu drfen. Er zndete whrend dieser Rede ohne Umstnde den
Wachsstock, der auf dem Tische stand, an und setzte es auf diese Weise durch,
als Vorleuchter zuerst das Zimmer seiner Braut zu betreten. -
    - Die arme, kleine Dorl sa wie jeden Abend einsam bei ihrer Spielerei. Sie
hatte kleine Kinderkpfe ausgeschnitten und war vor Langerweile eingenickt. Die
Arme lagen ausgestreckt ber dem Tische und der Kopf war auf sie herabgesunken.
Als die Tr jetzt rasch geffnet wurde, hob sie ihn, wie aus einem Traume
erwachend, in die Hhe. Ich kann dir, sagte Adelheid, denn ich war natrlich
unten zurckgeblieben, ich kann dir das Entzcken nicht beschreiben, Eberhard,
das sich bei diesem Bilde in Fabers Augen malte. Die zierliche Einrichtung
seines alten Zimmers, der Kleinen unvernderte Schnheit, ihre kindlich stille
Beschftigung und den goldenen Reif am Ringfinger, alles das hatte er mit einem
einzigen Blicke erfat. Es bedurfte keines Wortes, er wute, was er zu wissen
brauchte.
    - Jetzt hatte aber auch Dorothee ihn bemerkt. Sie schrie auf wie ein Kind,
das eine Biene gestochen hat, wurde kreidewei und bedeckte das Gesicht mit
beiden Hnden. -
    - Ich habe Sie erschreckt, meine teure Dorothee, sagte Faber, indem er auf
sie zueilte, ihre linke Hand von den Augen zog und einen Ku gegen den
Ringfinger drckte. - Aber dieser Augenblick der berraschung ist mir Ersatz fr
die langen Jahre des Entsagens. Mein ganzes Leben wird ein Dank sein fr das
Glck, da Sie ihn mir gewhrten. -
    - Indessen dies zweite Experiment, - Sie wissen, Propst, er nannte schon
seine Verlobung ein Experiment, - nun, diese berrumpelung erwies sich denn doch
schier zu stark fr unsere arme, kleine Dorl. Es berlief sie ein Schauder, ihre
Glieder flogen, Fieberglut verjagte die tdliche Blsse auf ihrem Gesicht. Sie
sind unwohl, Dorothee! rief Faber ngstlich, fhrte sie auf das Kanapee, setzte
sich auf einen Stuhl an ihrer Seite und fate ihre Hand, nicht wie ein
Liebhaber, sagte Adelheid, sondern wie der Arzt, welcher die Pulsschlge zhlt.
Sie schttelte das Kpfchen, raffte sich zusammen, erholte sich allmhlich, und
als Faber nach einer Weile fragte, ob sie sich krftig genug fhle, seine
Gegenwart zu ertragen, antwortete sie mit einem Nicken. -
    - Das Ziel, das ich mir gesetzt hatte, ist erreicht, sagte Faber darauf,
spter als ich gehofft, aber sicher und ehrenvoll. Eine ausfllende Ttigkeit
wartet meiner in Berlin, eine sorglose Huslichkeit steht mir, - Ihnen, liebe
Dorothee, - dort bereitet. Freilich ist meine Zeit gemessen. Aber was bedrfen
wir auch noch der Zeit? In einer Woche, denke ich, werden wir vereint der neuen
Heimat entgegenziehen.
    - Da sie alles so glcklich im Gange sah, hielt Adelheid, die bisher
unbemerkt im Hintergrunde gestanden hatte, es an der Zeit, sich zu entfernen.
Erst bei dieser Bewegung wurde die Kleine ihrer ansichtig. Sie fuhr in die Hhe,
strzte auf meine Frau zu mit einem, wie diese behauptet, geradezu irrsinnigen
Blick und den Worten, den ersten, die sie sprach: Hardine, Hardine! wann kommt
Frulein Hardine? - Wir erwarten sie bis Mitte nchster Woche, liebe Dorothee, -
beruhigte sie Adelheid und lie die Brautleute allein.
    - Unten angekommen, sagte sie zu mir: Das arme Mdchen ist ber die Maen
bestrzt, Eberhard. Mehr als ein Kopfnicken und Schtteln wird ihr auch im
Tete-a-tete nicht abzuschmeicheln sein. Was Wunder aber auch? Der Mann ist ihr
in acht Jahren ein Fremder geworden; ja, als Mann betrachtet, ihr auch vorher
nur ein Fremder gewesen. Nun ber Hals und Kopf: Wiedersehen, Hochzeit, Abreise,
eine gnzlich neue Welt, und alles das ohne die getreue Beraterin, unsere
Tochter Hardine.
    - Ich bin der Ansicht, Propst: nichts hilft einem Menschen gemtlicher ber
eine verlegene Situation hinweg, als im Kreise guter Freunde eine heitere
Tafelei, und Adelheid und ich waren daher auch auf der Stelle einig, das Beste,
was Kche und Keller boten, eilig zu einem Bewillkommungsschmause aufzutischen.
Kaum da ein Stndchen vergangen war, stieg ich die Treppe hinauf, die Gste zu
unserem Extempore einzuladen. Ich machte der Braut, die noch immer die Sprache
nicht wiedergefunden zu haben schien, meine Gratulation und dem glckstrahlenden
Brutigam noch einmal mein Kompliment. Bald saen wir alle vier behaglich um den
Tisch; das erste Flschchen wurde entkorkt, und niemals habe ich ein freudigeres
Lebehoch als das auf unsere beiden Getreuen erschallen lassen.
    - Nun mute aber auch endlich unser Gast mit der Sprache herausrcken und
die Fahrten und Fhrnisse zum besten geben, unter welchen der Gefangene von
Pirmasens sich so glcklich bis zum Kniglich Preuischen Geheimen Medizinalrat
durchgewunden hat. Propst, der Mann versteht zu erzhlen; simpel, anschaulich,
mit Bescheidenheit, und doch nicht ohne das geziemende Selbstgefhl.
    - Da gab es denn einen kuriosen Wechsel von Bewunderung und Grauen, wenn man
den einsamen Fremdling mit seinen Messern und Zangen so gelassen dahinschreiten
sah, heute unter den Blitzen des Fallbeils, morgen unter dem Donner der Kanonen;
vorbei an Menschen, die gestern Gold waren und heute Staub sind, und an solchen,
die gestern als Staub bersehen und morgen als Gold vergttert werden. Was solch
eine Revolution zu sagen hat, das ist mir wahrlich erst durch meinen Mosj
Per-s recht klar geworden, Propst! Die Nacht hindurch wrden Adelheid und ich
mit gespanntem Ohr gelauscht haben.
    - Aber freilich, ein anderes sind ein paar im Grunde doch fremde alte Leute,
und ein anderes eine junge, bngliche Braut. Die arme kleine Dorl sa stumm und
bla, Hnde und Blicke im Scho, und berhrte keinen Bissen noch Tropfen.
Eigentlich kam es mir vor, als htte sie von all den Mordgeschichten und
Geschften nicht ein Sterbenswort gehrt und an ganz was anderes dabei gedacht.
Der Erzhler aber dankte ihr dieses angstvolle Erstarren im Rckblick auf die
Gefahren, die er fern von ihr durchlebt hatte. Er drckte ihr die Hand und
schwenkte geschickt in ein Gebiet, in welchem das schwchlichste Frauenzimmer
sich allezeit erholt. Die revolutionren Damenmoden wurden aufs Tapet gebracht;
das gesellige Treiben, erst in Paris, dann in Berlin; Namen wurden genannt, als
die von Gnnern und Freunden, bei deren Klange dem vormaligen Schenkjngferchen
wohl das Herz im Leibe lachen konnte; und als endlich gar der eigene Hausstand
an die Reihe kam, als einer Beletage Unter den Linden, der Bedienten, Wagen und
Pferde wie selbstverstndlicher Dinge Erwhnung geschah, Freund, da htten Sie
sehen sollen, wie unser Brutchen auftaute! Wie die Ohrchen sich spitzten, die
ugelchen blitzten, die blassen Wangen immer rosiger sich frbten. Die kleine
Dorl sah sich schon als Frau Geheimrtin, wohl gar als gndige Frau, in
Tituskopf und Tunika, wiegte sich auf seidenen Polstern zwischen Pendlen und
Vasen, whrend drauen Generale und Grafen antichambrierten in Erwartung des
gefeierten Herrn Gemahls. Jetzt wagte sie es, die Augen zu ihm aufzuschlagen;
sie nickte ihm lchelnd zu und lie die bisher so widerwillige Hand ohne
Struben in der seinen. Ja, Weiberchen, Weiberchen, Evas Tchter, die ihr alle
seid!
    - Das Herdfeuer lodert in Erwartung der Hausfrau - - so schlo der
geschickte Mann seine Schilderei, - und auch die Hausfrau wird ja, wills Gott,
nur auf Tage noch dem freundlichen Heimwesen fehlen. Wir sind beide verwaist,
auch Sie, liebe Dorothee, majorenn; die erforderlichen Zeugnisse knnen im Orte
bezogen werden. bermorgen darf das erste Aufgebot stattfinden, und zweifle ich
nicht, da uns alle weiteren Observanzen erlassen werden, wenn ich in Leipzig,
wo ich morgen einige alte Freunde und Gnner aufzusuchen gedenke, mich beim
Konsistorium darum bemhe. Jedenfalls wird bis zum bernchsten Sonntag alles
erledigt und dann auch die Zeugin unserer Verlobung gegenwrtig sein, Frulein
Hardine, die ich so gern auch als Zeugin unserer stillen Hochzeitsfeier begren
mchte.
    - Adelheid hat recht, Propst; es ist merkwrdig, wie die kleine Dorl an
unserer Dine hngt. Ein anderer als Mosj Per-s wrde sich solch ein
Freundschaftsregiment verbitten! Aber der: Schrzenangelegenheiten - bah! Ja
wrs ein Mann, der ihm ins Gehege kme, dann gnade Gott!
    - Die Kleine hatte seinem Plane mit aller Gelassenheit zugehrt; bei dem
Namen Hardine aber fuhr sie erschrocken in die Hhe; wei Gott, sie zitterte und
wurde jhlings wieder bla wie eine Wand. Hardine! flsterte sie. Wann kommt
Frulein Hardine? - Sie soll zur Hochzeit nicht fehlen, Herzenskind, rief ich
ihr ermunternd zu. - Morgen schreibe ich ihr, und in sptestens acht Tagen ist
sie da.
    - Dorothee sa auf ihrem Stuhle zurckgesunken und regte sich nicht. Der
Brutigam leerte das letzte Glas auf das Wohl unserer guten Tochter. Auch die
Braut mute anstoen und nippen, aber sie tat es mit einem Schtteln, als ob ihr
der Tod bers Grab gelaufen sei. Wir alle sahen, wie sehr das liebe Kind der
Ruhe bedrfe. Meine Frau hob die Tafel auf; der Gast empfahl sich, um im Gasthof
ein Nachtquartier zu suchen. Unser Fest war zu Ende.
    - Lieber Herr Major, sagte die gutmtige Dorl, als ich sie die Treppe
hinauffhrte, bitte, schreiben Sie Frulein Hardine nicht. Es mchte ihr
ungelegen sein. Sie kommt ja ohnedies. Oder wir warten, bis sie kommt.
    - Nun, ich habe auch nicht geschrieben, da am andern Morgen ein Brief ihre
Ankunft bis sptestens Donnerstag meldete. Und nun ist sie doch nicht gekommen
und kommt am Ende auch gar nicht mehr zu rechter Zeit.
    Ihr Herr Vater, Frulein Hardine, hatte sich bei den letzten Worten erhoben,
um den Heimweg anzutreten. Ich begleitete ihn und bat, da er seine Mitteilung
fortsetzen mge.
    - Was soll ich weiter berichten, sagte er. Es ist alles gekommen, wie unser
Doktor es ausgeklgelt hatte. Am Sonntag sind sie zum erstenmal von der Kanzel
gefallen. Morgen geschiehts zum zweiten- und drittenmal vereinigt. Am
Nachmittag, oder sptestens Montag frh, eine stille Trauung auf dem Lande, als
Zeugen nur Adelheid, ich und, wenn sie noch eintrifft, versteht sich, unsere
Tochter. Da sie nur kme! Die Kleine verzehrt sich buchstblich ber dieser
fixen Idee. Bei jedem Wagen, der die Strae heraufrollt, strzt sie ans Fenster
und schaut hinaus. Hardine, Frulein Hardine! sind fast die einzigen Worte, die
ihre Lippen berhren. Vorgestern, wo wir sie mit Bestimmtheit erwarteten, habe
ich selber mich ber die kleine Torheit gergert. Sie ist in diesen acht Tagen
abgemagert zum Skelett; der Verlobungsring, der ihr so drall am Finger sa,
rollt bei der geringsten Hantierung in ihren Scho. Sogar an den Brautputz denkt
sie nicht. Es wird doch nichts daraus! murmelte sie, als Adelheid neulich davon
anfing. Hysterie, Propst, nennt man ja wohl diese Launen bei dem Frauenvolk?
Gottlob, unsere Dine hat von dem Unwesen keine Spur.
    Und zeigt der Brutigam keine Art von Beunruhigung ber diesen jedenfalls
verwunderlichen Herzenszustand? wagte ich zu uern; ein Zweifel, welchen der
ritterliche Herr Major aber nahezu als eine Ehrenkrnkung zurckwies. - Wie
meinen Sie das, Propst? rief er unwillig. Hat der Mann nicht Adelheids und mein
eigenes Zeugnis fr des Mdchens untadeliges Verhalten? Wrde ohne dasselbe
unsere Tochter ihre Freundin sein? Rhmt nicht die ganze Stadt ihre geradezu
scheue Zurckhaltung seit jenem heillosen Donnerstagabend, an dessen
Ausgelassenheit das arme Kind wahrlich geringere Schuld als wir anderen samt und
sonders getragen hat? Da sie bis jetzt keine bermige Passion fr den Herrn
Brutigam empfindet, darber wird er selber am besten im reinen sein, er ist
kein Apollo, unser Mosj Per-s! Aber nur erst unter die Haube und an den
eigenen Herd. Einer, wie der Faber, fhlt sich Mannes genug, um ein
Frauenherzchen in Beschlag zu nehmen. Klug wie er ist, schont er die bngliche
Laune einer kurzen bergangszeit; zeigt sich der Kleinen nur in flchtigen
Besuchen, liebreich, ohne Zrtlichkeit, mit offener Hand und im Nimbus eines
gefeierten Namens. Alles drngt sich um den merkwrdigen Heimatsfreund. Die
Kunde seiner Rckkehr hat sich wie ein Lauffeuer in der Gegend verbreitet.
Meilenweit ziehen sie einher, alte und neue Schden von dem Wunderdoktor heilen
zu lassen. Im Fluge sind etliche schwere Operationen absolviert worden. Nun soll
aber auch den alten Bekanntschaften ein Gru und Lebewohl gebracht werden, bis
zum Schinder herab, den er seinen ersten Professor nennt. Kurz und gut: ein
Tourbillon hat sich um den Mann erhoben, und er bewegt sich nach allen Seiten
mit Takt und comme il faut. Nicht zum geringsten auch gegen uns. Das alte
vterliche Haus, seine Treuburg, wie er es nennt, bleibt unserer Verfgung, der
Mietzins Frulein Hardine zu Armenzwecken berlassen. Kein Stck wird in
Drtchens brutlichem Zimmer verrckt, kein Gepck mit auf die Reise genommen.
In ihren Hochzeitskleidern, leicht wie Sommervgel, fliegen sie in das bereitete
Nest, wo dann alles neu und nie gesehen das junge Weibchen umfngt und
erfrischt. -
    Wir hatten whrend dieser letzten Rede die Stadt und Ihre Wohnung, Frulein
Hardine, erreicht. Die Frau Mutter sa am Spinnrad vor der Tr. - Die Post von
Leipzig ist herein, und wieder ohne unsere Tochter, Eberhard! sagte sie. - Die
Grfin ist krank geworden, versetzte der Gemahl, der Propst hat Nachricht. Aber
was sagt unsere Dorl, Adelheid? - Nun, da so ziemlich die letzte Hoffnung
geschwunden ist, scheint sie sich ihre kindische Sehnsucht aus dem Sinn schlagen
zu wollen. Sieh dich um, Eberhard; an allen Fenstern und Tren ein gaffendes
Gesicht. Eben ist Dorothee am Arme ihres Brutigams um die Ecke gebogen, zum
erstenmal, da sie seit seiner Heimkehr das Haus verlt. Sie wollen den Grbern
der Eltern Lebewohl sagen. Eine noble, delikate Natur, dieser Faber; Sie htten
ihn kennen lernen sollen, Herr Propst. Auch meiner Tochter htte ich sein
Wiedersehen gewnscht. Doch mag ich der morgenden Trauung nicht lnger
widersprechen. Dorothee kommt ohne Abschied leichter zur Ruhe, und langte
Hardine morgen abend noch an, was knnte ihr an der bloen Brautfhrerrolle
gelegen sein?
    Der Propst schwieg; seine Erzhlung schien zu Ende. Und warteten Sie,
fragte ich heftig, Dorotheens Rckkunft und ihren Entschlu nicht ab?
    Nein, antwortete er mit Ruhe. Ich bat Ihre Frau Mutter, ihr meine
Heimkehr von der Reise mitzuteilen, und ging in meine Anstalt zurck. Als nach
dem Morgengottesdienst, wie ich kaum anders erwartet hatte, eine Botschaft an
mich nicht ergangen war, benutzte ich die Post nach Leipzig, um meinen
Schtzling in Empfang zu nehmen.
    Die Postchaise fuhr in diesem Augenblicke vor. Ich hatte meine Reisekleider
gar nicht abgelegt und das Gepck bereits wieder hinunterschaffen lassen. Als
ich jetzt den Knaben wecken und mit ihm voraneilen wollte, trat mir der Propst
entgegen. Ich halte es fr besser, sagte er, mit dem Kleinen hier zu
bernachten und erst morgen -
    Der Junge wird im Wagen so gut wie hier im Bette schlafen, unterbrach ich
ihn gereizt. Rasch voran! Er sann einen Moment und folgte mir dann, den
schlummernden Knaben auf dem Arme.
    Des Freundes mitteilsame Breite hatte meine Aufregung nur gesteigert.
Sicherlich nicht ohne seine Absicht; die Grung sollte vor den aktuellen
Eindrcken verbrausen. Zum ersten und gottlob einzigen Male im Leben fhlte ich
mich in einem Zustande von - dreist heraus! -, in einem Zustande von Wut; von
Wut zunchst gegen mich selbst. Ich htte mir das Haar ausraufen oder die
Wagenfenster zerschlagen, ich htte schreien oder wie ein wildes Ro mir die
Adern zerbeien mgen, um dem kochenden Blute ein Ventil zu ffnen. Ich, ich
hatte dieses strafwrdige Ereignis verschuldet; ich die Snde gedeckt, die
Untreue verheimlicht; getuscht die arglosen Eltern, auf deren guten Glauben hin
ein Ehrenmann in seinem Allerheiligsten betrogen war, voraussichtlich zur Stunde
schon. Ich, ich hatte die stolze Zuversicht der eigenen Seele fr alle Zeit
zerstrt.
    In solcher Stimmung gibt es keine grere Erleichterung, als einen Teil
seiner Last auf einen anderen abzuwlzen, und so wendete ich mich denn, sobald
das Gefhrt auf die weniger holpernde Landstrae eingelenkt hatte, gegen den
Begleiter, dessen milde Gelassenheit mich emprte.
    Wenn wir zu spt kommen, Propst, sagte ich, wenn die Trauung vollzogen
ist, so haben Sie eine schwere Verantwortung auf sich geladen. Sie, der Sie den
Frevel hindern konnten und in bequemer Scheu vor der Anklage es unterlieen.
    Darf der Beichtstuhl zur Anklagebank werden, Frulein Hardine? entgegnete
er, und war ich nicht in der Lage des Beichtigers, der ein anvertrautes
Geheimnis zu bewahren hatte?
    Sie hatten das Geheimnis nicht von einem Beichtkinde, nicht zuerst
wenigstens von einem Beichtkinde empfangen. brigens sprechen Sie mit dieser
Auffassung sich selbst das Urteil. Dem Manne, dem Freunde mochte Zartgefhl die
Zunge binden; dem Seelsorger war es Pflicht, ein Verbrechen seines Beichtkindes
zu verhten.
    Und was tun, Frulein Hardine?
    Raten, warnen, bedruen; fr die erste christliche und menschliche Tugend,
die Wahrhaftigkeit, das matte Gewissen zum Leben rtteln.
    Und haben Sie, meine mutige junge Freundin, nicht geraten, nicht gewarnt,
nicht das Gewissen zur Wahrhaftigkeit aufgerttelt, Sie, die vor allen Menschen
die strkste Macht ber dieses Kind gebt haben, und in der Zeit von dessen
Gleichgltigkeit, ja mehr als solcher, gegen den Mann, dem es Wahrheit
schuldete? Und mit welchem Erfolg? Heute aber in der letzten Stunde, am Vorabend
der Trauung, wo alles Sinnen und Trachten des beweglichen Herzens nur gegen die
Gefahr eines Widerspruchs gerichtet ist -
    Htten Sie im uersten Falle das uerste Mittel nicht scheuen drfen.
    Der Freund fate nach einer kleinen Stille sanft meine Hand und sprach:
Fordern Sie, mein liebes Kind, von einem alten Manne nicht eine Tat, die das
Ma seiner Anlagen berschreitet und fr die er, mirt sie, sich und anderen
kein Heilmittel zu bieten hat. Und wenn das uerste nun zum uersten gefhrt
htte? Wenn das schwache Geschpf - eben weil es schwach ist, Frulein Hardine -
gebrandmarkt vor der Welt und vor dem Manne, den im Augenblick all sein Begehren
gefangen nimmt, in tdliche Krankheit, in Wahnsinn verfallen wre? Wenn es
verzweifelnd Hand an sich gelegt -
    Nun wohlan! rief ich leidenschaftlich, ich, ist es noch Zeit, werde
diesen Gefahren trotzen, werde, und wre es vor dem Altar, den Einspruch der
Wahrheit vernehmen lassen. Ich bin aus den Schranken meiner natrlichen Anlagen,
meiner Erziehung, der Denkweise meiner Vter, der Gesetzmigkeit meines
Charakters herausgetreten, indem ich die Unehre duldete und das Unrecht
beschnigte. In Recht und Ehren, um jeden Preis, werde ich diese Irrung zu
shnen wissen.
    Sie werden es, meine Freundin, entgegnete der geistliche Herr mit
Bedeutung. Sie werden jene Irrung shnen, frh oder spt, wenn auch mit anderen
Faktoren als denen, die heute Ihr Gemt beherrschen. Also irren heit leben, und
in den heimlichen Trieben, die unsere Menschenlogik hhnen, keimt unsere
Entwickelung. Der Regengu, der unsere Saaten niederschlgt, durchsickert die
harte Bodenschicht und sammelt sich zum Quell, welcher das Wurzelland
befruchtet. Das ist die Logik der Natur. Und darum lassen Sie mir den Glauben,
da das, was heute Ihr Gewissen niederschlgt, dereinst als ein Jungbrunnen Ihr
Gemt erquicken wird. Ich bin ein alter Mann. Meine Aufgabe ist, diesem Kinde,
das zur Stunde vielleicht auch die Mutter verloren hat, so weit meine Kraft noch
reicht, den Vater zu ersetzen.
    Der alte Mann schwieg. Wenn Ihr aber glaubt, da sein Gleichnis vom
Wasserborn - Feuer und Flamme wie ich war - meinen Zorn gelscht haben sollte,
nun, so irrt Ihr Euch. l hatte es in den Brand gegossen. Ich kehrte dem
gefhlvollen Schwchling den Rcken, der, ohne sich zu rhren, das Haus seines
Nachbars einschern sieht und derweile gemtlich die Bausteine fr eine Htte
der Zukunft zusammentrgt.
    Wir sprachen bis zur Zwischenstation kein weiteres Wort. Der Propst sa mir
still gegenber, den Kopf des schlafenden Knaben auf seinem Scho. In mir jagten
sich die Gedanken. Was geschehen sollte, kam ich noch zur rechten Zeit, was aus
mir werden, kam ich zu spt - ich wute es nicht.
    Aus diesem Tumult weckte mich eine Bewegung meines Begleiters, der whrend
des Pferdewechsels sich zum Aussteigen rstete, um den Seitenweg nach seiner
Anstalt mit dem Knaben einzuschlagen. Ich merkte die Absicht und sagte hhnend:
Sie schlucken Elefanten und seihen Mcken, guter Freund! Worauf er lchelnd
antwortete: Wohl mir, wenn ich den giftigen Stich einer Mcke von Ihnen
abwehren knnte, Frulein Hardine.
    Die Reizung fehlte mir nur noch. Ich denke, Herr Propst, brauste ich auf,
Name und Ruf des Frulein von Reckenburg - -
    Der beste Name und Ruf, unterbrach er mich, der Frieden des edelsten
Menschen knnen getrbt werden, wenn eine Kette von Zuflligkeiten sich
trichter oder bslicher Auffassung in die Hnde spielt. Zwingt ihre Ehe
Dorothee Mller, diesen Knaben zu verleugnen, so hat er erweislich weder Vater
noch Mutter. Er ist in Reckenburg unter den Augen Ihrer vertrauten Dienerin
aufgewachsen, durch Sie der Erziehung eines alten Freundes bergeben worden.
Ihre Person wird es sein, an welche seine Erinnerungen, vielleicht seine
Erwartungen sich heften, zumal wenn eines Tages ein Umschlag in Ihren ueren
Verhltnissen die Blicke eines greren Kreises auf Sie lenken sollte. Ihre
einzigen rechtfertigenden Zeugen, Justine und ich, sind Greise; die
Kirchenregister vernichtet und die Verwickelungen des Schicksals unberechenbar.
Ich mu es daher als eine Fgung der Vorsehung betrachten, da mindestens ein
unumstliches Dokument ber August Mllers Abstammung gerettet worden ist. Kurz
vor meinem Abgange von Reckenburg und dem Brande der Kirche nahm ich eine
Abschrift des Taufzeugnisses, um es, ohne die Aufmerksamkeit eines Dritten zu
erregen, der Mutter des Knaben zu gelegentlicher Verwendung anheimzugeben.
Gedankenlosigkeit verzgerte den ursprnglichen Zweck, und so lege ich es jetzt,
statt in die der Mutter, in Ihre Hand, Frulein Hardine. Weisen Sie es nicht
zurck; verwahren Sie es aus Rcksicht fr einen treuen Freund, so viel derselbe
heute in Ihrer Schtzung verloren haben mag.
    Um weitere verdrieliche Errterungen abzuschneiden, nahm ich das Attest;
bei ruhigerem Blute sah ich in seiner Erhaltung eine Pflicht, wenn nicht fr
mich selbst, so doch fr den verwaisten Knaben, und ich erwhnte bereits, da
Ihr es dieser Handschrift beigefgt finden werdet.
    Nach diesem Zugestndnisse mute nun aber der geistliche Herr sich darein
ergeben, von mir nach seiner Anstalt geleitet zu werden. Die Klosterglocke
schlug Mitternacht, als ich ihn, seinen Pflegling im Arm, hinter der Pforte
verschwinden sah.
    Eine halbe Stunde spter schmetterte das Posthorn vor der alten Baderei. Das
Haus, das ganze Stdtchen lagen im Dunkel; alles schlief, und es whrte mir eine
Ewigkeit, bis die Torfahrt geffnet ward und mein Vater in Schlafrock und
Nachtmtze unter ihr erschien. Dorothee! schrie ich ihm entgegen, indem ich
mich mit beiden Hnden an seine Schultern klammerte.
    Du kommst post festum, arme Dine, antwortete der Papa mit kleinlautem
Scherz, die Frau Geheimrtin lassen sich gehorsamst empfehlen!
    Und nun fragt mich nicht, wie ich an das Bett meiner Mutter und ber den
ersten Austausch hinweggekommen bin. Auch nicht, wie lange ich ihr gegenbersa
und in halber Betubung die Schluszene unseres huslichen Dramas gleich einem
Nebelbilde an mir vorbergleiten sah. Erst bei fterer Wiederholung in den
nchsten Tagen prgte sie sich mir ein mit der Schrfe eines persnlichen
Erlebnisses.
    Die Verlobten waren von ihrem abendlichen Abschiedsgange heimgekehrt mit dem
Beschlu, die Trauung am anderen Mittag in der verabredeten Weise stattfinden zu
lassen. Vater und Mutter hatten nicht widersprochen. Den Gru ihres alten
Freundes im Kloster empfing die Braut mit einem Trnenstrom, der sie zu
erleichtern schien.
    Als am Sonntagmorgen der Gottesdienst sich seinem Ende nherte, stieg die
Mutter in Dorothees Stube hinauf, ihr kleines Angebinde zu berreichen. Es war
eine Silhouette und Locke ihrer Tochter, die sie einem perlenumrahmten Medaillon
hatte einfgen lassen.
    Sie fand die Braut fertig gekleidet in ihrem Abendmahlsanzuge, Brust und
Arme mit einer Garnierung weier Klosterspitzen, einem Geschenke Fabers,
umschlossen. Das dunkle Bild am schwarzen Bande als einziger Schmuck hob das
Trauerartige der Erscheinung noch mehr hervor. In diesem dsteren Rahmen aber,
in der Bltenweie des Angesichts, die Augen gesenkt, die Hnde wie zu demtigem
Flehen ber der Brust gefaltet und die Morgensonne die weiche Lockenwelle
bergoldend: die Mutter gestand, da sie unter dem Rosenschimmer des Kindes
niemals diese ideale Schnheit geahnt, und da sie, gebannt im Anschauen, einen
Augenblick auf der Schwelle geweilt habe.
    Aber nur einen Augenblick. Im nchsten durchflog ein Schrecken die Glieder
der armen Hochzeitsmutter und ein entsetztes Herrgott! entschlpfte ihren
Lippen. Eine Braut, Siegmund Fabers Braut, der Schtzling einer Reckenburg - und
ohne jungfrulichen Kranz! Keiner hatte fr das unerlliche Symbol gesorgt, das
bis zum letzten von der Hand der Brautfhrerin erwartet worden war. Und wie nun
in dieser bereile, bei sonntgig geschlossenen Lden, es beschaffen?
    Dorothee hatte den Aufschrei vernommen, sie sieht die mtterliche Unruhe.
Gleichzeitig hrt sie das Rollen eines Wagens immer nher und nher die Strae
herauf. Jetzt hlt er vor der Tr. Hardine! kreischt sie, Barmherzigkeit,
Hardine! und strzt auf ihre Knie.
    Aber es ist nicht die ersehnte Kranzjungfer, es sind die Hochzeitskutschen,
welche vor dem Hause vorfahren. Rasche Tritte eilen die Treppe herauf. Brutigam
und Hochzeitsvater treten ein, eben als die zitternde Braut sich vom Boden
erhebt.
    Allein der Kranz, der Kranz! Alles blickt bestrzt - alle, mit Ausnahme der
totenstarren Braut. Der glckliche Hochzeiter ist der erste, sich zu fassen. Es
mu ja nicht eben Myrte sein, sagte er lchelnd. Im ganzen Sden whlt man
beliebige weie Blten, gemischt mit irgendeinem anderen zarten Grn. Er
berblickt das Zimmer, das gestern noch einem Garten geglichen hatte. Smtliche
Tpfe jedoch sind heute in der Frhe hinaus zum Schmucke der elterlichen Grber
getragen worden; nur in einem Wasserglase sieht er ein paar Zweige, die er
achtlos ergreift und der Geliebten reicht. Die Mutter unterdrckt einen
Schauder; mit einem herzzerreienden Lcheln flicht sich Dorothee dieselben in
ihr goldenes Haar: es ist ein Strau Rosmarin, auf eben jenen Grbern gestern
zum Andenken von der Tochter Hand gepflckt.
    In dem nmlichen Augenblick aber bringt triumphierend der gute Papa, der in
seinem Eifer in den Garten gelaufen ist, eine Handvoll weier Tausendschn, an
denen noch der Morgentau perlt. Sie werden zwischen die Zweige gewunden, und so
mit Frhlingsblumen und Grabesgrn ist der brutliche Schmuck vollendet.
Siegmund Faber legt einen kostbaren trkischen Schal um die Schultern seiner
Verlobten, er fhrt sie zum Wagen, die Eltern folgen in einem zweiten. Unter den
Gren und Winken ihrer Mitbrger, die eben dem Gotteshause entstrmen, fhrt
das schnste Kind der Stadt aus seiner dunklen Heimat in den blendenden Glanz
der Welt.
    Nach einer Stunde hielten die Wagen vor einer Kirche seitab des ersten
Dorfes auf der Strae nach Berlin. Die Bewohner saen beim Mittagessen, niemand
auer dem Pfarrer und Kster harrte in dem kleinen, den Gotteshause. Faber
hatte aus Schonung fr seine Braut um eine kurze, stille Feier gebeten, und so
beschrnkte sich dieselbe nahezu auf die alte strenge lutherische Formel und den
Segensspruch. Ohne Sang und Orgelklang waren die Verlobten binnen weniger
Minuten Mann und Weib. Als die Ringe von neuem gewechselt wurden, die sie acht
Jahre lang getragen hatten, glitt der der Braut von der schlaff herabhngenden
Hand. Faber fing ihn auf und steckte ihn an ihren Finger, den er von da ab fest
zwischen den seinigen gepret hielt. Sein Ja schallte laut und freudig durch den
Raum. Dorothees Lippen bewegten sich nicht.
    Schweigend fhrte Siegmund Faber seine junge Frau bis an die
Kirchhofspforte, winkte den Wagen herbei und eilte zu geschftlichen Abmachungen
in die Sakristei zurck. Die Eltern nahmen Abschied von dem Kinde, das sie neben
dem eigenen von der Wiege ab gehegt hatten.
    Gottes Segen ber Sie, teure Dorothee, auch im Namen unserer guten, fernen
Hardine, sagte der Vater, nachdem er seinen Liebling umarmt hatte, und ging
dann rasch dem glcklichen Gatten nach, um seine Trnen zu verbergen.
    Bei dem Namen Hardine war es wie eine Sinnestuschung, wie ein Wahn, der das
junge Weib berckte. Unter konvulsivischem Zucken strzte sie zu Boden und
umklammerte der Mutter Knie.
    Barmherzigkeit, Hardine! schrie sie, Barmherzigkeit! Ich wollte ja nicht
- aber ich mute! Ich wollte ja reden - aber ich konnte nicht. - Das Kind, das
arme Waisenkind! Barmherzigkeit, Hardine - Barmherzigkeit - um des Toten
willen.
    Die letzten Worte wurden kaum noch verstndlich gelallt. Sie taumelte mit
gebrochenen Augen rckwrts ber ein frisch geschaufeltes Grab. Faber strzte
herbei und trug die Bewutlose in den Wagen. Eine Minute spter rollten sie auf
der Strae zur neuen Heimat voran.

                                Zehntes Kapitel



                                      1806

Das Geheimnis ist enthllt. Ihr wit jetzt, meine Freunde, wer August Mllers
Mutter gewesen ist und welches Verhltnis mir die Lippen band, als die Welt mich
dafr genommen hat. Was weiter nach auen hin an mir und durch mich geschehen
ist, liegt zutage, die Geschichte drfte zu Ende sein.
    Weil aber jede Geschichte eine Pointe haben soll, das heit: weil jedes
Schicksal nicht nach auen, sondern nach innen hin gipfelt, und weil, ist nur
einmal der erste Strich getan, es ein besonderes Vergngen gewhrt, den Grundri
seines Lebensbaues vor lieben Menschen zu entfalten, so will ich den meinigen
weiterfhren von Stock zu Stock, bis zu der Spitze, die sich vor Euch enthllen
wird, nachdem Ihr den Richtspruch vernommen habt.
    Die Schwche, mit welcher ich jahrelang Dorothees Heimlichkeit geduldet und
gewahrt, hatte mein Gewissen frei gelassen. Nun aber, da eine untilgbare Schuld
gegen einen anderen daraus erwachsen war, drckte sie mich wie ein Alp. Es gab
jetzt einen Menschen, dessen ehrenwehrten Namen ich nicht hren konnte, ohne zu
erbleichen; einen, vor dem ich in der Erinnerung die Blicke niederschlug, den
ich belgen oder in seinem innersten Heiligtum vernichten mute, wenn er mir
unter die Augen getreten wre mit der Frage: Handeltest du rechtschaffen und
ehrenhaft gegen den Vertrauenden? Die Dmonen des Lebens: Unruhe, Zweifel,
Furcht und Scham, sie, die ich mehr gefrchtet hatte als Verlassenheit und
Armut, jetzt lernte ich sie kennen. Der Stolz der Unschuld war vernichtet, alle
Sicherheit des Gefhls gebrochen, seitdem die Nachgiebigkeit gegen ein Gefhl
mich so weit von meinem Grundwesen vertrieben hatte.
    Von Dorothee hrte ich nichts. Ich hatte nicht erwartet, da sie mir
schriebe, und wrde ihr nicht geantwortet haben. Ob sie mit dem Propst in
Verbindung geblieben, mochte ich nicht wissen, bezweifelte es aber. Wir waren
fertig miteinander.
    Auch zu dem Propst hatte mein Verhltnis sich abgeschwcht, seitdem seine
Schlaffheit, wie ich es schalt, mir eine Gewissensschuld aufgebrdet. Ich suchte
ihn auf, sooft ich im Elternhause verweilte, unterhielt eine Art Zusammenhang
zwischen ihm und seiner alten Gemeinde, folgte nicht ganz ohne Anteil seinen
Bestrebungen in der Gegenwart; von unserem gemeinsamen Geheimnis aber war
niemals die Rede.
    Niemals jedoch, sooft ich ihn besuchte, unterlie er es, mir seinen
besonderen Schtzling vorzufhren und meine frhere Teilnahme fr ihn wieder
anzuregen, denn - und das war wohl der hlichste Umschlag meiner Stimmung -,
denn der Knabe, an dem ich mit so viel Wohlgefallen gehangen hatte, und der sich
gleichmig schn und kraftvoll entwickelte, war seit jener Mitternacht, wo ich
ihn hinter der Klosterpforte verschwinden sah, meinem Herzen ein Greuel. Ich
erblickte in ihm nicht mehr das Ebenbild seines Vaters, der die Lust und das
Leid meines kurzen Lenzes, nicht mehr das Schmerzenskind seiner Mutter, die
meine einzige Gespielin gewesen war; er erinnerte mich nur noch an den Mann, der
durch meine Mitschuld um das Glck betrogen wurde, das Pfand einer reinen Liebe
an sein Herz zu drcken. Ungerecht, wie ich war - auch gegen mich selbst -,
grollte ich des Knaben strmischer, schwer zu zhmender Natur; er wurde mir zum
Wildling Muhme Justines, zu dem verlorenen Kinde der Snde, und vergeblich
suchte der alte Freund aufzuklren und zu entschuldigen. Er lgt niemals, und
er ist beherzt vor allen anderen, sagte der Freund; ich aber sagte: Er ist
eine Range vor allen anderen, und wenn August Mller zwanzig Jahre spter
erzhlt hat, da das Bild Frulein Hardines sich ihm durch eine drastische
Manipulation eingeprgt habe, so erinnere ich mich dieser Tatsache
wahrscheinlich nur darum nicht, weil mir nicht einmal, sondern hundertmal zu
solchem Korrektiv die Hnde zuckten.
    Alles war mir verleidet, alles vergllt, zumeist der Aufenthalt im
Elternhause. Denn das Haus war die Sttte des Verrats, der mich mein
Selbstgefhl gekostet hatte, und vor den ehrlichen Augen der Eltern, die nur
durch meine Schuld Mitschuldige an demselben geworden waren, konnte ich nicht
bestehen. Ich langweilte mich in dem ohne mich ausgefllten huslichen Getriebe,
und der gesellschaftlichen Plattheit hatte ich mich in dem freien lndlichen
Wesen meiner Reckenburg bis zum Widerwillen entwhnt. Denn die Natur, auch in
ihrer einfachsten Form, spricht immer neu und geistvoll zu einem, der nicht blo
eine beschauliche, sondern eine wirkende Stellung in ihrem Bereiche eingenommen
hat.
    Der Besuch in der Heimat verkrzte sich daher von Jahr zu Jahr; in den
letzten bis auf wenige Tage. Meine Gegenwart in Reckenburg wurde immer
unentbehrlicher; freilich auch immer undankbarer und gebundener. Alles stockte,
allem drohte der Verfall unter der wahnsinnigen Goldsucht der Greisin. Die
bewhrten Diener und Gehilfen versagten ihren Dienst; ich mute kmpfen um jeden
Taler, den ich aus den Ertrgen den gierigen Hnden vorenthielt, ja ich mute
zur Tuschung, zum offenbaren Betrug meine Zuflucht nehmen: heimlich Korn
verkaufen, um die Arbeiter zu bezahlen, da die cker nicht brach liegen
blieben; heimlich Holz fllen lassen, um die Forstwrter zu besolden, da das
berhandnehmende Wild nicht Saaten und Schonungen vernichte.
    Wenn ich diese dmonische Selbstzerstrung, die Entartung der trefflichsten
Anlagen vor Augen sah, oder die von Geschlecht zu Geschlecht wachsende
Verwilderung der Gemeinde, welche seit jenem Brande selber des schtzenden
Daches ber dem Gotteshause entbehrte, wenn ich ihre Reden erhaschte von dem
Beelzebub, dem das Gespenst im Goldturm seine Seele verschrieben habe, Reden,
vor deren Logik die Gegenrede verhallte wie leerer Wind, da fragte ich mich
oftmals mit hhnendem Grimm, warum nicht in jedem Tollhaus eine Station fr
Geiznarren errichtet sei? Und noch fter kmpfte ich mit der Versuchung, eine
gerichtliche Kuratel fr meine unzurechnungsfhige Verwandtin zu beantragen.
    Aber ich kmpfte sie nieder. Die Frau, die so kraftvoll gelebt hatte, um so
kmmerlich zu versiechen, stand in ihrem zehnten Jahrzehnt, und nicht auf das
Zeugnis hin der Letzten, die ihren Namen trug, sollte sie in den Registern ihres
Landes als eine Trin verzeichnet stehen. Noch war ich stark genug, gegen die
Verwstung standzuhalten, bis ein zgernder Naturlauf die Verwalterin zur Herrin
ihres heimatlichen Grundes machen oder sie fr immer von demselben vertreiben
mute.
    Jahr um Jahr schlich dahin in diesem Zustande uerlicher und innerlicher
Latenz, wie der Arzt ein lhmendes, lastendes Siechtum nennt, und der Krise
harrt, die seinen Patienten, sei es im Tode, sei es zu einem verjngten Leben,
befreit.
    Und dieses heimlich lauernde Elend versprte das einsame Mdchen in dem
Waldwinkel von Reckenburg, mehr noch als an sich selber, an dem gesamten Wesen
seiner vaterlndischen Zeit. Mit dem geschrften Sinn eines unbeschftigten
Gemts sah es, ber die eigene Leere hinaus, die schwankenden Bewegungen von
Schwche zu Schuld, sah die Kraft seines Volkes, hier berschraubt, dort
versumpfend, einer Katastrophe entgegenschleichen, die es zerreien oder
aufrtteln mute zu einer erneuernden Tat.
    Ich wei, was Ihr sagen wollt, meine Freunde, oder mindestens, was Ihr sagen
drftet: seis um das lauernde Siechtum der deutschen Welt, wenngleich du auch
darin vielleicht die nachtrgliche Erfahrung oder etwa den Kontrast deines rohen
Reckenburger Vlkchens mit dem zarten Literaturfreunde im Kloster als Zeichen
der Zeit deinem Sprsinne zugute geschrieben hast. Nun seis darum. Was aber das
Pathos deiner persnlichen Latenz betrifft, Frulein Ehrenhardine, das war wohl
schwerlich ein anderer als der unbehagliche Zustand jedweden Jngferchens, das
allmhlich aus den Zwanzigern in die Dreiig hinberschreitet. Warum heiratest
du nicht? Du warst nicht schn und lieblich, wie wir dir glauben wollen; aber du
warst tchtig und respektabel, und was mehr bedeutet, du warst voraussichtlich
die Erbin des grnen Rckleins deiner Reckenburger Flur. So ein Rcklein aber
ist kleidsam auch ohne Venusgrtel. Fehlte es dir an Freiern oder spieltest du
die Amazone?
    Keines von beiden, meine jungen Querulanten. Frulein Ehrenhardine war
sattsam ernchtert, um auch sonder Sehnsucht und Neigung eine verstndige,
anstndige Heirat fr ein besseres Korrektiv ihres Siechtums zu halten, als
selber den Heimfall ihrer Reckenburg. Was aber die Schar ihrer Freiwerber
anbelangt, oho! eine vterliche Schwadron htte sie mit ihren Kavalieren fllen
knnen. Alt und jung, bekannt und unbekannt, von fern und nah meldeten sie sich,
durchdrungen von den Reizen und Tugenden der letzten Reckenburgerin. Sobald
diese Letzte aber wahrheitsgem Reize und Tugenden als das einzige verbriefte
Kunkellehn der Reckenburgs in Erwgung stellte, da sah sie jenen Zustand der
Latenz sich pltzlich auch ber die flott avancierte Ritterschaft verbreiten.
Mnniglich dmpfte sich die Leidenschaft zu einem rhythmischen Tempo gleich dem
der Menuett in der choreographischen Schule Eberhards von Reckenburg: Cavaliers
 droite,  gauche, en arrire! nicht einen ganzen Pas, kaum einen halben, und
jederzeit mit tiefer Reverenz und grazisem Portebras, - doch so langatmig, wie
das Leben in dem Goldturme der Reckenburg.
    Als aber - um vorderhand mit dem matrimonialen Kapitel abzuschlieen -, als
aber jenes langatmige Leben endlich dennoch ausatmete und die Reize und Tugenden
der letzten Reckenburgerin in dem grnen Rcklein ihrer Heimat strahlten, da
wute sie Besseres zu tun, als die Ble eines harrenden Ritters unter seinen
Falter zu verbergen. En arrire cavaliers! hie es nun ihrerseits; en arrire au
galop!
    Und das Herz hat ihr nicht geklopft bei dieser Freierscheuche. Denn zu ihrem
Glck oder Unglck hatte sie frh nach groen Maen messen gelernt, und ein
verfhrerischer Antinous, ein Charakter wie Mosj Per-s zhlten nicht zu ihrer
spteren Klientel.
    Die Herbstereignisse von 1806 trieben mich eilends und voraussichtlich fr
lngere Zeit in das Elternhaus zurck. Der Kurfrst hatte sich in letzter Stunde
fr den Krieg entschieden, und mein alter Vater mute zum zweitenmal unter
preuischem Banner zu Felde ziehen.
    Die Mutter, deren Gesundheit sich seit jenen Trennungsjahren nicht wieder
erholt hatte, brach bei diesem zweiten Abschied ohne Widerstand zusammen. Heute
ahnte sie den Todesstreich, den sie damals nur gefrchtet hatte, und als der
ehrliche Purzel seinen alten Trostspruch wiederholte: Gndige Frau, es passiert
ihm nichts, und wenn ihm doch was passiert, da komme ich gleich und melde Post,
da versuchte sie kein Lcheln, und ihr starres Auge sagte: Ich wei, da du
kommst.
    Ich teilte diese apprehensive Stimmung nicht. Die Kampagnen Napoleons waren
nicht von der Dauer der Rheinfeldzge; die gegenwrtige spielte sich
voraussichtlich in unserer Nhe ab, und warum sollte man von vornherein an
Gottes Schutz verzweifeln, wenn man denselben schon einmal mit so viel Dank
empfunden hatte? Ich hoffte, den teuren Mann wiederzusehen, bald wiederzusehen.
    Desto unbezwinglicher war mein dsteres Vorgefhl des allgemeinen Loses. Wie
einsame Hirten oder Jger Wolken- und Sternenlauf verstehen lernen, so, ich
sagte es schon, hatte in meiner geistigen Vereinzelung ich mich gewhnt, die
Blicke aufmerksam auf den umzogenen Horizont unseres Zeitwesens zu richten, und
es waren drohende Wetter, die ich aufsteigen sah. Nun kam ich heim. Unser
Stdtchen glich einem preuischen Feldlager. Der grte Teil der Armee, von der
ich Bruchstcke schon whrend der vorjhrigen Mobilmachung hatte kennen lernen,
zog durch unsere Straen, dem unfernen Hauptquartier entgegen. Mit natrlichem
Scharfblick fr alles Praktische und als Soldatenkind mit manchen militrischen
Bedrfnisfragen vertraut, muten mir whrend dieser Eindrcke Bedenken
aufsteigen, welche die Folgezeit nur allzu deutlich gerechtfertigt hat.
    Mehr aber als diese aktuellen Anschauungen war es eine nachschleichende
Erinnerung, welche sich unheilweissagend zwischen den bunten Wechsel drngte.
Ich sah und hrte die cavalire Laune unter den Epigonen aus Friedrichs
Heldenschule, die einzige Stimmung, welche ffentlich zur Schau getragen ward
und welche die weniger heibltigen schsischen Bundesgenossen hufig genug
verletzte; - nun, man konnte sie belcheln. Ich wechselte, in flchtigem
Begegnen, ein Wort mit dem heldenmtigen Prinzen, der mich, wenn auch mit
genialischerem Geprge, so lebhaft an den Betrauerten von Valmy erinnerte; ich
verneigte mich vor der Huldgestalt der Knigin und las die stolze siegerische
Zuversicht in dem schnsten Frauenauge: - nun, jenes Wort und dieser Blick
htten das Vertrauen beleben drfen.
    Aber ich sah auch an der Spitze der Armee wieder den halbschlssigen
Feldherrn von Zweiundneunzig, wo Friedrichs Ruhmesfahne sich zu senken begann;
heute ein Greis, von Greisen umgeben, und gegenber nicht einer Rotte von
Sansculotten, sondern einer siegestrunkenen Armee unter einem Kaiser Napoleon.
Und jener Autoritt der Erinnerung sah ich wieder einen Knig von Preuen
freiwillig unterstellt, einen nchternen, schchternen Herrn, in dessen ernsten
Augen - von allen allein! - ein Spren der Katastrophe zu lesen war, ein Ahnen
aller Leiden der Zeit, die er zu spt verstehen lernte.
    Die Armee hatte sich seit fast zwei Wochen westwrts den Flu entlang
gezogen. In der Stadt war keine Besatzung zurckgeblieben, eine bngliche Stille
dem lauten Treiben gefolgt: die Stille vor dem Sturm. Von Stunde zu Stunde
erwartete man die Nachricht eines Zusammenstoes, niemand aber ahnte, wo der
gefrchtete Sieger von Austerlitz, der nach der letzten Kunde, Anfang Oktober,
in Wrzburg angekommen war, diesen Zusammensto suchen oder ihm begegnen werde.
Auch die Armee ahnte es nicht, wie uns ein erster Brief des Vaters angedeutet
hatte.
    Die letzte Nachricht ber ihn brachte uns der Propst, dessen Sohn in seinem
thringischen Pfarrhause den Freund seines Vaters gastlich beherbergt und ihn
wohlbehalten und wohlgemut gefunden hatte. Der Hauptteil der Sachsen stand bei
dem Hohenloheschen stlichen Flgelkorps; unser Reiterregiment an der oberen
Saale bei den Vorposten, welche Prinz Louis Ferdinand fhrte. Noch war jedermann
im Dunkel, ob das Korps dem Feinde entgegen auf das rechte Fluufer rcken, oder
ob es sich nher an die Hauptarmee bei Erfurt ziehen werde. Dieser Brief,
datiert vom 8. Oktober, erreichte uns erst am Nachmittage des 11. Die Mutter
hrte den beruhigenden Inhalt ohne Glauben und fast ohne Anteil. Sie sa in sich
versunken in einem zehrenden Fieber. Mich durchzuckte ein Ahnen, da auch ohne
vernichtenden Schlag sie diese Prfungszeit nicht berdauern werde.
    Am anderen Morgen durchliefen beunruhigende Gerchte die Stadt, Gerchte,
wie sie in solchen Tagen in der Luft zu schwirren scheinen: keiner sucht und
erfhrt ihren Herd. Ich las sie in den Mienen der Vorberstrzenden, fing sie
auf aus ihren halben Worten, wenn ich auf einen Augenblick die Mutter zu
verlassen und auf die Strae zu treten wagte. Reisende wollten schon gestern
franzsischen Truppenzgen begegnet sein, die sich auf dem rechten Ufer
saalwrts bewegten: man sah die verbndete Stellung umgangen, sah in ihrem
Rcken den Feind sich im Kurfrstentum festsetzen; man glaubte sich keine Stunde
mehr sicher, dachte ans Bergen seiner Habseligkeiten, an Verproviantierung, an
Flucht.
    Die Aufregung wuchs, als gegen Mittag die Sage von mehreren fr die
Verbndeten unglcklichen Vorpostengefechten, die schon am 9. stattgefunden und
die Kavallerie hart mitgenommen haben sollten, verlautete; sie stieg zum
hchsten, als einige Stunden spter - wie? durch wen? ja, Gott wei es! die
unheilvollste Kunde von Mund zu Mund lief. Eine Schlacht - so hie es - hatte
stattgefunden, der Feind den bergang auf das linke Ufer gegen den preuischen
Prinzen und demnach auch gegen unser stdtisches Regiment erzwungen. Die
Verluste wurden ungeheuer genannt, unter ihnen sogar der Name des heldenmtigen
Prinzen.
    In dieser Spannung des Lauerns und Horchens neigte sich der Tag. Die
Frankfurter Post traf ein, zwei Stafetten folgten sich rasch auf den Straen
nach Halle und Leipzig. Immer dichter wurden die Gruppen vor dem Posthause uns
gegenber, immer angstvoller die Gebrden; mir war, als ob aller Blicke nach
unserem Hause gerichtet seien. Ich ertrug es nicht lnger.
    Die Mutter sa unbewegt auf dem Schlafstuhle am Fenster; sie blickte starr
auf das Gedrnge, aber sie fragte nach nichts. Ich lie sie unter Obhut der
Magd. Es dunkelte bereits. Ich lief hinber nach der Post; es waren kaum hundert
Schritte, in wenigen Minuten konnte ich zurck sein.
    Und in wenigen Minuten war ich zurck, die Botschaft im Herzen, die, ich
wute es, dem einzigen geliebten Wesen, das mir auf Erden geblieben war, wie ein
Todesurteil klingen mute. Der teure Mann war dahin! gefallen an der Spitze
seines Regiments whrend jenes letzten unglcklichen Reitersturmes, der auch dem
frstlichen Fhrer zum Verhngnis werden sollte. Wie starrte ich, wie grauste
mir, als ich die Schwelle berschritt, die, so lange ich denken konnte, zu einer
Sttte beglckten Friedens gefhrt hatte. Es waren nur wenige Minuten - und ich
fand sie in eine Sterbekammer umgewandelt.
    In ihrem Stuhle am Fenster, da, wie ich sie verlassen hatte, lehnte die
unglckliche Frau mit schlaffen Gliedern und gebrochenem Blick, einer Leiche
gleich. Zu ihren Fen lag hnderingend die Magd, und vor ihr, noch atemlos
keuchend, laut schluchzend, mit Blut und Kot bespritzt, den Arm in der Schlinge,
stand der Schreckensbote, der mir zuvorgekommen war.
    Der ehrliche Purzel hatte Wort gehalten. Als von allen Seiten die Feinde
immer dichter und dichter schwollen, als ringsum die Freunde zu wanken begannen,
jetzt auch, nach einem letzten mutigen Angriff, die Schwadronen seines eigenen
Regiments auseinanderstoben; als er den Prinzen, der sie vorgefhrt hatte, sein
Pferd wenden und im nmlichen Augenblicke auch seinen Herrn zu Boden strzen
sah: da hatte er keinen Gedanken mehr, als ihn zu retten, und da er ihn tot
fand, rettungslos tot, ihn seitab in einem Busche zu bergen, dann aber
kehrtzumachen, der arme Wicht, von dannen zu jagen, als sein Pferd
zusammenbricht, zu laufen, atemlos, fast Tag und Nacht, bis er sein Haus
erreicht und seine Frau, der er Post versprochen hat; der erste Flchtling,
welcher die Kunde des ahnungsschweren Vorspiels von Jena in die Heimat trug.
    Das mrderische Wort war nicht ber seine Lippen gekommen; ein erster,
einziger Blick auf die eintretende Gestalt hatte das kranke, weissagende Herz
gebrochen. Ohne Zgern wurden die Mittel angewendet, die bei schlagartigen
Lhmungen geboten sind; sie fristeten das leibliche Leben auf unberechenbare
Zeit, das der Seele war tot und blieb es. Die unglckliche Frau hat keinen Laut
mehr vernehmen lassen und, ich hoffe es, keinen unserer Schmerzenslaute mehr
vernommen.
    Das ist der whlendste Schmerz, welchen eine gleich groe Sorge im Banne
hlt. Die lange Nacht hindurch sa ich und zhlte mechanisch die matten Schlge
des Pulses, der jeden Augenblick erlschen konnte. Mit grauendem Tage drngten
sich Teilnehmende und Neugierige herbei; ich sah und hrte sie kaum. Ich sa
starr und stumm.
    Aus diesem betubten Zustande sollte ich erlst werden durch eine
Freundestat, die wie keine andere, vorher und spterhin, mein Herz gerhrt hat.
Was es heit, Treue zu ernten, wo die Vter Liebe gest, ich htte es in diesen
Tagen lernen knnen. Und doch habe ich zwanzig Jahre nach ihnen hingelebt, ohne
ein gleiches Samenkorn auszustreuen. Freilich hatte ich keinen Erben, dem es
Frucht getragen haben wrde.
    Es war um die Mittagsstunde, als ich einen Wagen in unsere Torfahrt lenken
hrte, - hrte, ohne es zu beachten. Ein Wink des alten Soldaten rief mich von
dem Bette der Mutter; er zitterte und weinte wie ein Kind, und der, vor welchen
er mich fhrte, zitterte und weinte wie er. Frulein Hardine, stammelte
Christlieb Taube, ich bringe Ihnen, was von dem gtigsten Menschen, der auf
Erden gelebt hat, zu retten war.
    Seinen Leichnam. Er hatte ihn in dem bergenden Gebsche entdeckt, als er mit
seinem Prediger, des Propstes Sohn, das nahe Kampffeld nach Verwundeten
durchsuchte, hatte ihn darauf im eilig aus rohen Brettern gezimmerten Sarge
zwischen die letzten Eichenbltter des Jahres gebettet, im Gotteshause
priesterlich einsegnen lassen und ganz allein im leichten Korbwgelchen, Tag und
Nacht fast ohne Aufenthalt, ihn als letzten Trost den Menschen zugefhrt, die er
seine Wohltter nannte.
    Und da lag er nun, der Mann mit dem braven Herzen, wie ich ihn so oft im
Leben hatte schlummern sehen; das gute, krftige Gesicht durch keinen Zug der
Qual entstellt. Noch hielt er den Sbel fest in der geballten Faust, und nur
eine kleine durchbrannte ffnung im Kollett bezeichnete die Stelle, wo die Kugel
in das Herz gedrungen war. So starb er einen raschen, rhmlichen Reitertod, im
Bewutsein eines gerechten Kampfes, vor den Tagen der Schmach, die jahrelang auf
seinem Stande und Vaterlande lasten sollten, und deren endliche Shne zu teilen
seinem Alter wohl kaum gegnnt gewesen wre. Mein teurer Vater, Gott hat es am
besten gewut, auch fr dich!
    Niemals im Leben habe ich so geweint, so die Wohltat der Trnen empfunden,
als vor diesem Todesbilde. Als ich den Kopf von seinem Herzen erhob und die Hand
des treuen Freundes drckte, der still betend am Fuende des Sarges auf seinen
Knien lag, da fhlte ich den alten Mut und die gewohnten Krfte wieder in mir
aufgelebt. Es war, als ob ein Sonnenstrahl sich durch bleiernen Winternebel
kmpft; nur eine Sekunde lang; bald umfngt uns wieder der nchtliche Schatten.
Aber wir haben uns des unvergnglichen Lichtes dort oben erinnert.
    Eine pltzliche Hoffnung durchzuckte mich. Ob der Anblick des geliebten
Mannes nicht den erlahmten Sinn der Mutter wecken sollte? Der herbeigerufene
Arzt zeigte kein Bedenken gegen den gewagten Versuch, aber auch keine Hoffnung
auf sein Gelingen. So wurde denn der Sarg in das Zimmer getragen und an Stelle
des Sofas, wo der Geschiedene so oft der Ruhe gepflogen, niedergelassen. Der
Mantel bedeckte die steifen Glieder, der Kopf lag geneigt wie im friedlichen
Schlummer.
    Auf meinen Armen trug ich die Kranke wie ein hilfloses Kind aus der Kammer
und gab ihr dem Sarge gegenber einen Platz. Mit welcher Spannung ich in ihren
Zgen forschte! Ach die starren Blicke richteten sich wohl mechanisch auf des
Toten Gesicht, aber kein Zucken verriet eine Freude oder einen Schmerz, nicht
das leiseste Zeichen, da sie ihn erkannte, da sie ihn nur sah! Das Herz war
tot, vielleicht schon jenseits bei ihm; nur das Blut wallte noch in der
entseelten Maschine. Wie lange Zeit, ob Stunden, ob Jahre! Der Arzt zuckte
schweigend die Achseln, als mein trostloser Blick ihm diese Frage stellte.
    Wir richteten nun die Kranke in meinem Dachzimmer ein, um die unteren Rume
fr den Toten frei und still zu halten. Peinvolle Verabredungen wegen der
Bestattung muten getroffen werden. Der alte Soldat hatte keinen Kameraden am
Ort, der ihm das Ehrengeleit zu seiner Ruhesttte geben konnte, der letzte
Reckenburg keinen Sohn, keinen Blutsverwandten, welcher die erste Handvoll Erde
auf seinen Hgel rollen lie. Seine Tochter aber sollte ihm auf dem letzten
Gange nicht fehlen. Da dieser Gang mglichst still und unbemerkt geschhe,
whlte ich eine abendliche Stunde, und traf der gute Taube in diesem Sinne die
erforderlichen Vorkehrungen. Er selber grub bis in die Nacht hinein mit dem
ehrlichen Diener das Grab, fr welches sich ein Raum neben der Faberschen
Erbsttte gefunden hatte. Die alten Hausgenossen sollten auch unter der Erde
beieinanderbleiben.
    Erst nachdem dieser wehmtige Freundschaftsdienst beendet war, machte sich
Taube auf den Weg, dem Freunde im Kloster die Trauerbotschaft zu bringen, bei
ihm zu nchtigen und dann am Morgen sein altes Schuldorf wiederzusehen. Sobald
er am Abend von der Begrbnisfeier zurckkehren wrde, sollte dann die Heimfahrt
angetreten werden, Freund Purzel ihn begleiten.
    Der arme Schelm war, nachdem er den ersten Schrecken berwunden hatte, halb
und halb zu der reumtigen Erkenntnis seiner Fahnenflucht gelangt. Ich bin
nicht ausgerissen, Frulein Hardine, sagte er schluchzend, blo versprengt.
Und meine Wunde ist auch nicht zum Sterben, wie ich dachte, blo ein Ritz. Nur
meinen Herrn Major zur Ruhe, dann suche ich das Regiment und lasse mich
totschieen wie er.
    Taube hatte whrend der Herfahrt erkundet, da die Vortruppen von Saalfeld
sich nordwrts auf das Gros des Hohenloheschen Korps zurckgezogen und mit
diesem Stellung bei Jena genommen hatten. Dort war demnach das Regiment
aufzufinden. Mehrfltigen Aussagen nach hielten jedoch die Feinde bereits den
Saalpa bei Ksen besetzt, und so mute man sich zu einem Umwege durch das
Unstruttal entschlieen. Welches unselige Verhngnis unserer Armee drohte, wenn
jene feindliche Umgehung sich bewahrheitete, durch welche grbliche Irrungen sie
mglich geworden war, daran sollten wir nur zu bald jammervoll gemahnt merden;
in jenen ersten Stunden persnlichen Schmerzes fehlte uns der Vorausblick in die
allgemeine Lage.
    Christlieb Taube hatte den Weg zum Kloster angetreten, die Magd, nach der
Unruhe der verwichenen Nacht, frh ihr Bett gesucht; Purzel hielt Wache, das
heit, der arme, bermdete Mensch schlief selbst wie ein Toter neben dem Sarge
seines lieben Herrn. Im Hause herrschte Leichenstille. Ich sa allein am Bette
der Mutter, ob minuten- oder stundenlang, ich wei es nicht. Das Bewutsein der
Verwaisung war in dieser stillen Einsamkeit zum erstenmal deutlich in mir
aufgetaucht. Der Verwaisung! Denn das Herz, das unempfindlich neben mir
pulsierte, war ja nicht das einer Mutter mehr, und keiner ermit die digkeit
dieses Bewutseins, als der, welchem, wie mir, mit dem zurckleitenden Faden das
einzige Band des Gemts zerreit. Ich war dreiig Jahre alt, ohne Geschwister,
ohne Hoffnung auf ein kommendes Geschlecht, die Letzte meines Bluts und Namens,
vor mir, neben mir, hinter mir alles leer - - ja in Wahrheit, ich war eine
Waise.
    Und dann, ich war arm; wie auch die Zukunft sich gestalten mochte, im
Augenblick bitterlich arm. Fr meine eigene Person wrde ich darin kaum ein
Lebenshemmnis gefunden haben. Ich hatte meinen Posten auf Reckenburg, und mute
ich eines Tages von ihm weichen, so gehe ich als Kolonistin in einen Hinterwald
Amerikas, hatte ich mehr als einmal lachend dem Propste geantwortet, wenn er in
mich drang, die Grfin an ihre Pflichten gegen mich zu erinnern. In meiner
gegenwrtigen Stimmung wrde ich leicht aus dem Scherze Ernst gemacht,
jedenfalls in einer greren lndlichen Verwaltung meinen Platz gefunden haben.
Im Hinblick auf die Mutter, die ich in ihrer langsamen Agonie nicht verlassen
konnte, wurde die Armut zu einer drckenden Sorge.
    Die Vernderung meiner Lage war indessen zu neu und erschtternd, als da
ich sie mit klaren Gedanken htte durchdringen mgen. Nur whlend und brtend
schlichen die Vorstellungen an meiner Seele vorbei. Die Lampe glimmte dunkel
umschirmt; das Krankenzimmer mute khl erhalten werden; mich frstelte, wie es
auch den Krftigsten nach groen Aufregungen in einem Sterbehause frstelt. Seit
zwei Tagen hatte ich keinen Augenblick geruht, und so berfiel mich jener
bleierne Druck, welcher zwischen Schlaf und Wachen die Mitte hlt, und in
welchem wir uns vergeblich zu besinnen suchen, ob die wechselnden Erscheinungen
wirklich vor offenen Augen oder ob sie im Traum an uns vorberziehen.
    In diesem Zustande war es mir pltzlich, als spre ich das Streifen eines
lebenden Wesens; ich sah eine verhllte Gestalt sich ber das Krankenbett
beugen, lange in das Gesicht der Mutter blicken und endlich zwischen ihr und mir
zu Boden gleiten. Dieses Gerusch, diese Berhrung scheuchten den Alp. Es war
kein Traum: diese rtselhafte Erscheinung lag zu meinen Fen. Ich sprang auf,
ergriff die Lampe und leuchtete in ihr Gesicht - Dorothee! Dorothee im Krampfe
erstarrt, eiseskalt, stieren, glasigen Auges, die Zhne knirschend
zusammengepret, die Hnde in der Gegend des Herzens in das Kleid gekrallt, -
das nmliche Schreckensbild, das die Mutter am Hochzeitstage verlassen hatte.
    Alle Nebel des Geistes waren bei dem erschtternden Anblick geschwunden, das
eigene Schicksal fast vergessen. Ich trug sie nach dem Sofa, ffnete das
Fenster, flte ihr von den belebenden Tropfen ein, welche fr die Mutter bereit
standen. Sie schien das Bewutsein nicht verloren zu haben, und es whrte nur
wenige Minuten, bis die steifen Muskeln sich zu strecken, die Glieder sich zu
erwrmen begannen. Der Puls wurde fhlbar, nur aus den Augen wich erst langsam
der starre Ausdruck der Qual.
    Sie war noch immer schn; dieselbe biegsame, jugendliche Gestalt, dieselbe
Durchsichtigkeit der Haut in dem gerundeten Kinderangesicht. Die geschonten
Hnde, Haartracht und Kleidung, alles was ich sah, zeugten von Eleganz und
Behagen; alles was ich krzlich whrend der preuischen Besatzung ber ihre
gesellschaftliche Stellung gehrt hatte, sprach von Sicherheit und Ehren: sie
war ein geliebtes, ein glckliches Weib, und wie verlassen, wie elend hatte ich
vor wenigen Minuten vor mir selber gestanden.
    Und dennoch, - denn wer beschriebe jenen heimlichen Zug von Zwang, der
gleich einem eisernen Stirnband die Unglcklichsten unter uns kennzeichnet? Oder
gbe es einen wehe tuenderen Ausdruck, als den der Angst in einem Kinderauge? -
und dennoch tnte eine Stimme aus meinem Innersten heraus: dieses schne,
gesegnete Weib ist elender, gottverlassener als du!
    Und als htte diese Stimme ein Echo erweckt, so flsterten jetzt die
bleichen Lippen: Hardine, ich bin elender als du!
    Der Krampf war gelst; sie atmete und bewegte sich frei; aber sie sprang
nicht in die Hhe wie sonst; sie errtete nicht, senkte und hob nicht die Lider,
schmiegte sich nicht an meine Knie, an meinen Arm, reichte mir nicht einmal die
Hand. Sie lie das mde Auge in dem meinen ruhen und erhob sich langsam, wie in
gewohnter peinvoller Zurckhaltung.
    Ebenso ruhig lie sie sich darauf, meinem stummen Winke folgend, wieder
nieder, und nachdem ich neben ihr Platz genommen hatte, erklrte sie, ohne meine
Aufforderung abzuwarten, ihr berraschendes Erscheinen. Sie tat es mit klaren,
knappen Worten, wie man berichtet, nicht wie man erzhlt. Ihr Laut war reiner,
der Ausdruck reifer geworden, aber der silberne Lerchenklang der Stimme drang
wie durch einen Flor.
    Faber, so sagte sie, befand sich seit Wochen im Gefolge des Knigs bei
der Armee. Ich konnte ohne Entdeckung, und wenn entdeckt, ohne Aufsehen, eine
Reise in die Heimat wagen, wegen der Zukunft des Knaben Verabredungen treffen,
vielleicht ihn sehen. Von der letzten Station ab ging ich zu Fue nach der
Anstalt. Es war Abend geworden. Der Propst verweigerte es, mich heute noch, kurz
vor Schlafengehen, einen Blick auf den Knaben werfen zu lassen. Es werde
auffallen, Ahnungen, Erinnerungen, Entdeckungen wecken. Der Knabe drfte nicht
an eine Mutter denken, die ihm weder einen Vater nennen noch ihn in ein
Elternhaus fhren knne.
    Ich mute mich seinem Willen fgen, fuhr sie nach einer Pause mit fast
eisiger Starrheit fort. Niemals htte ich das Herz, mich vor meinem Gatten als
seine Mutter zu bekennen.
    Und was frchten Sie, wenn Sie es tten? fragte ich. Sie stutzte, nein,
ich glaube, sie seufzte leise bei dem Sie, das ich unwillkrlich gebrauchte.
Doch schien sie rasch ber unser verndertes Verhltnis klar geworden und
antwortete mit dem Ausdruck reinster Wahrheit: Nichts fr mich. Wenn er mich
verstiee, ich wrde ihm meine Bettlerfreiheit danken; wenn er mich ttete, ich
wrde ihn fr die Erlsung segnen. Sie ahnen es nicht, Frulein von Reckenburg,
was es heit, die Natur verleugnet haben. Aber was ich frchte, fragen Sie? Ich
kann es deutlich nicht sagen. Ein unbestimmtes, vielleicht falsches Vorgefhl
des Hasses, - der Rache, - da er den Vater nicht mehr erreichen kann, gegen den
unschuldigen Knaben, der Feindseligkeit auch gegen - gegen - -
    Gegen die Schuldgenossen, ergnzte ich.
    Sie neigte den Kopf. Er ist ein gerechter, ein argloser Mann, und gtig, o
viel zu gtig gegen mich, fuhr sie fort, aber denke ich daran, so blinkt es
mir vor den Augen wie ein gezckter Dolch. Er wrde es niemals vergeben, und dem
Schuldlosen vielleicht weniger als mir, die er sich zu lieben gewhnt hat. Alles
das mag Selbsttuschung sein; auch die Scheu, das tzende Gift in eine
vertrauende Seele zu gieen. Kann eine sich selber kennen, deren ganzes Leben
eine Lge ist? So sage ich denn einfach, ich habe nicht den Mut, die Wahrheit zu
bekennen. Und dann: ich habe nicht mehr die Kraft, es zu tun. Sooft ich reden
will, berfllt mich der Krampf, dessen Zeugin Sie vorhin waren. Wollte ich
schreiben, die Hand wrde mir erstarren. Es ist keine Krankheit; es wird mich
nicht tten; ich werde alt dabei werden, oder - oder - Sie deutete auf die
Stirn mit einem Ausdruck, der mich schaudern machte.
    Haben Sie Kinder? fragte ich nach einer langen Stille.
    Sie schttelte den Kopf. Gott ist gerecht, sagte sie nach einer langen
Pause. Nein, er ist barmherzig. Ich wrde keinem Kinde eine Mutter sein
knnen.
    Und Ihr Gemahl?
    Vermit sie nicht, oder zeigt mir nicht, da er sie vermit. Er ist sehr,
sehr schonend gegen mich - und noch immer so besonders, setzte sie hinzu, indem
zum erstenmal etwas, das einem Lcheln glich, ber ihre Zge lief. Du bist mein
Kind, Dorothee, hat er mir mehr als einmal gesagt. Kein Arzt wnscht einem
geliebten Weibe das Martyrium und die Sorgen der Mutterschaft. Er sieht der
Qualen genug auer seinem Hause.
    Und haben Sie seine Liebe erwidern lernen? fragte ich nach einer neuen
Stille. Sie sah mich einen Moment gro an, als ob sie ber eine wahrhaftige
Antwort nachdenke. Dann sprach sie: Ich glaube, da ich meine kindische Scheu
berwunden und ihn liebgewonnen haben wrde, wre ich sein eigen geworden,
damals, als ich keine Ursache hatte, ihn zu frchten. Heute aber, wo ich sie
habe - lieben? - o nicht einmal wie einen Wohltter, einen Bruder, einen Freund.
Im Sklavendienst der Snde erstirbt das Gemt.
    Und auch diesen Mangel fhlt er nicht?
    Nicht, da ich es jemals gesprt htte. Meine khle Zurckhaltung pat zu
dem Traumbilde, das er sich von mir geschaffen hat. Ich glaube, da meine
ursprngliche Natur ihm lstig geworden sein wrde. Entweder, Frulein von
Reckenburg, ist die Liebe ein Rtsel mit vielen Auslegungen, oder dieser Mann
ahnet nicht, was lieben ist.
    Wir saen nach diesen Worten eine Weile schweigend nebeneinander, dann fuhr
sie in der Mitteilung fort, die meine Frage unterbrochen hatte. Der Propst
beredete mich, die Nacht in der Stadt in meinem alten Zimmer zu verbringen. Dort
wollte er mir am Morgen den Knaben unter irgendeinem Vorwande zufhren. Er
begleitete mich nur bis ans Stadttor, da ich in seiner Gesellschaft nicht
gesehen und vielleicht erkannt werden sollte. Weder er noch ich ahnten ja das
Schicksal, das dieses Haus betroffen hat. Ich sah Licht im unteren Zimmer und
fand die Haustr unverschlossen. Ich htte mich still hinaufschleichen mgen.
Aber konnte ich unbemerkt bleiben? So trat ich ein. Der alte Soldat schlief im
Stuhle neben dem verhllten Lager und erwachte nicht. Ich hob das Tuch und sah
in das tote Antlitz des Mannes, den ich mehr als meinen eigenen Vater geliebt
hatte. Ich stieg die Treppe hinan und beugte mich noch einmal ber eine, die ich
verehrt und die der Tod bereits erfat hat. Nun wollte ich mich ungesehen aus
dem Hause entfernen, Ihnen meinen Anblick ersparen, heute und immerdar. Der
Krampf berfiel mich. Vergeben Sie mir, Frulein von Reckenburg.
    Ich kann es nicht mit Worten aussprechen, wie dieser Ausdruck dumpfer
Resignation mir durch die Seele schnitt. Was mute das bewegliche Kind gekmpft
haben, um so seiner Impulse Herr zu werden, und was gelitten! Ich zog ihren Kopf
an mein Herz, drckte ihre Hand und sprach: Der Tote hat dich liebgehabt wie
sein eigenes Kind - la die bsen Erinnerungen zwischen uns gelscht sein,
Dorothee.
    Ein Hauch, so rosig wie in ihrer glcklichsten Zeit, flog ber das bis dahin
schattenbleiche Gesicht. Sie beugte sich ber meine Hnde und warme Trnen
rieselten auf sie herab. Die Wanduhr schlug eben Mitternacht. O, Frulein
Hardine! rief sie, wenn das Ihr Ernst ist - und Sie haben ja niemals ein Wort
gegeben, das Sie nicht wahr gemacht - o so bettigen Sie es auch heute, diese
Nacht vielleicht zum letzten Mal, da wir im Leben beieinander sind. Ruhen Sie
und lassen Sie mich wachen bei der teuren Frau, noch einmal sie pflegen wie
sonst. Sie brauchen Kraft fr den morgenden Tag, und ich, knnte ich in seiner
Erwartung ruhen? Gnnen Sie mir die Wohltat dieses Vertrauens, Frulein
Hardine!
    Ja, wache bei meiner Mutter, Dorothee, antwortete ich ohne Besinnen, ich
will in deinem Bette drben schlafen.
    Wie auf ein Zauberwort war sie pltzlich wieder die alte Dorl, kte meine
Hand, fragte nach der rztlichen Vorschrift, richtete geschftig alles fr die
Nachtpflege ein, zndete dann Licht an und leuchtete mir hinber in ihre
Mdchenstube.
    Unter der Tr stockte ihr Fu; sie sah den Raum sauber in Ordnung gehalten,
unverndert, wie sie ihn verlassen hatte. Im Fenster breitete sich ein Strauch
von Rosmarin, den die Mutter aus einem jener Hochzeitszweige aufgezogen hatte.
    Sie brach in einen Trnenstrom aus und barg das Gesicht hinter ihren Hnden.
O da ich niemals, niemals diese Schwelle berschritten htte! schluchzte sie.
Bald aber war sie wieder ruhig und gefat, ordnete mein Bett, half mir beim
Auskleiden, mischte mir ein Glas Zuckerwasser, alles mit ihrer leise schwebenden
Art, kte dann noch einmal meine Hand und ging hinber zur Mutter.
    Ich aber, als htte das liebliche Geschpf mir einen Beruhigungstrank
eingeflt, schlief ungestrt bis zum grauenden Morgen. Als ich das
Krankenzimmer betrat, stand Dorothee am Fenster in einem weien Morgenkleide aus
ihrer Mdchenzeit, da sie durch die bunten Farben ihres Reiseanzuges nicht allzu
grell gegen unsere Trauer abstechen wollte. Der reiche Haarschleier war der
Zeitmode zum Opfer gefallen; die kurzen Lckchen ringelten sich natrlich um den
feinen Kopf. Sie stand hinter der Gardine und starrte mit flammenden Augen und
eine Fieberglut auf den Wangen hinaus nach dem Knaben, den sie nicht mehr ihren
Knaben zu nennen wagte.
    Wie sie aber auch starren mochte, der dichte Morgennebel - der Nebel des 14.
Oktober! - wehrte jede Umschau. Sie sprach keinen Laut; ein leises Zittern
durchflog die Gestalt, ber welche die Leidenschaft der Erwartung den
lebensvollen Hauch erster Jugend ergossen hatte.
    Endlich hrte sie Schritte auf der Treppe und ich folgte ihr bis unter die
Tr. Aber es war der Prediger allein, der die Schluchzende in seinen Armen
aufgefangen hatte. Mein Pflegesohn folgt mir in kurzem, sagte er. Diese erste
Stunde gehre unseren trauernden Freunden, liebe Dorothee.
    Damit trat er in das Krankenzimmer; auch einer jener stillgetreuen
Balsamspender fr die verwundeten Herzen, auch ein lange entfremdeter,
wiedergefundener Freund.
    Er wurde uns allen ein Rater und Ordner an diesem unruhvollen Tage; zumeist
aber hatte Dorothee, die in ihrer Erregung hufig die vom Freunde gebotene
Vorsicht verga, ihm ihr gelungenes Inkognito zu danken. Christlieb Taube war
bis zum Abend ber Land, der alte Diener in Begrbnisangelegenheiten frh aus
dem Hause entfernt, die Torfahrt fr Besucher und Neugierige verschlossen
worden. Der Magd durfte vertraut werden, sie war als Auswrtige mit der
Vergangenheit des Hauses unbekannt und hatte in ihrer blden Ehrlichkeit von den
fremden Leidtragenden in dem Trauerhause kaum Notiz genommen.
    Die Freunde hatten unserem Toten Lebewohl gesagt und mich allein an seinem
Sarge in der Kammer zurckgelassen. Ein Gerusch unter der Tr weckte mich aus
meiner Versunkenheit; es war der Prediger, der seinen Pflegling vor die Leiche
fhrte, um der verborgenen Mutter seinen Anblick zu gewhren und zugleich seine
Aufmerksamkeit von der heftig Erregten abzulenken. Wenn er darber hinaus etwa
einen vom Soldatenhandwerk abschreckenden Eindruck bezweckte, so brachte sein
Plan, nach mancher weislichen Plne Art, die entgegengesetzte Wirkung hervor; er
hatte nur die Begierde, das Soldatenblut, in dem Knaben geweckt.
    August Mllers Jugenderinnerungen haben Euch, meine Freunde, ein
anschauliches Bild der nachfolgenden Szene gegeben. Lat mich nur eins
hinzufgen. Als der Knabe so frisch und frhlich rief: Ich mchte auch fr das
Vaterland sterben! und jener markerschtternde Schrei sich dem Mutterherzen
entrang, da fhlte ich meinen ungerechten Groll gegen den Wildling schwinden,
ich sah in ihm wieder den Sohn des Freundes, der die Betrungen der Jugend durch
ein ritterliches Ende geshnt hatte. Und so sollten denn diese schweren
Prfungstage nach allen Seiten hin zu einem friedlichen Abschlu fhren.
    Ich werde ihn niemals wiedersehen, niemals! Mit diesem Aufschrei war die
unglckliche Mutter zusammengebrochen, als die Tr sich hinter ihrem Kinde
schlo. Der gestrige Krampf hatte sie berfallen. Wir trugen sie in ihr Zimmer
hinauf, und an dem Herzen, unter den Trnen des alten Freundes erwachte sie
wieder zum Leben. Gott ist der Vater der Fremdlinge und Waisen, flsterte sie,
das glserne Auge auf ihn gerichtet, und du bist Gottes Priester auf Erden.
    Nach diesen Worten entfernte ich mich, die beiden zu einer langen
Unterredung ber des Knaben Zukunft beieinander lassend. Eine ansehnliche Summe
fr Lehrgeld und erste Einrichtung des knftigen Forsteleven ist seinem alten
Beschtzer bei dieser Gelegenheit eingehndigt worden. Mit mir sprach Dorothee
bis zum Abschied keine Silbe mehr; sie hielt sich ausschlielich im
Krankenzimmer und folgte demtig des Freundes Winken. Das eiserne Band, von dem
sie sich fr etliche Stunden befreit, drckte schon wieder auf ihre Stirn. Sie
hatte sich von neuem unter die Wucht ihres Verhngnisses gebeugt, und htte ich
heute noch von ihr fordern drfen: zerbrich es oder fliehe ihm?
    Whrend dieser Vorgnge hatten sich die ersten dumpfen Gerchte ber die
ungeheure Katastrophe dieses Tages in der Stadt verbreitet. Bauern, welche von
den entfernteren westlichen Drfern zum stdtischen Markte kamen, wollten seit
dem Morgengrauen unausgesetztes Kanonenfeuer vernommen haben; Leipziger
Kaufleute, die, von Frankfurt zurckkehrend, in Naumburg bernachtet hatten,
sprachen mit Bestimmtheit von der gelungenen Umgehung Davousts und einem
blutigen Zusammensto mit der Hauptarmee, der man gestern auf dem Marsche von
Weimar nach Eckartsberga begegnet war. Man nannte sogar schon das Dorf
Hassenhausen als den Punkt, wo der Kampf um den Saalpa entbrannt war. Wer von
unseren Brgern ein Fuhrwerk oder ein Pferd auftreiben konnte, wagte sich eine
Strecke in abendlicher Richtung voran, um die Wahrheit dieser Angaben und ihrer
Folgen zu erkunden.
    Wieder wogte es unruhig auf dem Markte durcheinander; aber nicht ein Auge
von den vielen blickte hoffnungsvoll, nicht eine Stimme redete beherzt. Das
tragische Vorspiel von Saalfeld hatte die dstersten Ahnungen verbreitet.
    Keiner aber fhlte diese Vorahnungen drckender als die, welche in dem Hause
der Trauer um das Opfer von Saalfeld den Tag des 14. Oktober in schweigendem
Brten dahinschleichen sahen, und wer mchte die wehevollen Stimmungen
erschpfend schildern, die binnen weniger Stunden sich unter dem einen Dach
begegnet waren? Trauerspiel schob sich in Trauerspiel; das persnliche in das
allgemeine, das vergangene in das zuknftige. Ein jeder fhlte im besonderen
einen Kummer, eine Sorge, eine Angst und Qual; jeder einzelne teilte die des
anderen, und ber allen schwebte das Schicksal des Vaterlandes wie eine drohende
Wolke.
    So brach der Abend herein, und das Grabgeleit setzte sich in Bewegung.
Obgleich ich es still, ohne fremde Zeugen gewnscht, hatte ich es nicht hindern
knnen und wollen, da die Brgerschaft fast ohne Ausnahme, Fackeln tragend, den
Zug erffnete. Ehrten sie doch den Tapferen, der fr das Vaterland gefallen war,
betrauerten sie doch einen alten, werten, langjhrigen Heimatsfreund.
    Hinter dem Sarge ging nur ich mit dem Propst, gefolgt von Christlieb Taube
und dem alten Diener. Und so senkten wir den teuren Mann zur Ruhe, alle in
Trnen, alle in dsterer Beklemmung in der verhngnisvollen Stunde, wo die
gleichzeitig in zwei Schlachten vernichteten Armeen, keine der anderen Schicksal
ahnend, in wilder Flucht aufeinanderstieen.
    Die erste und noch unklare Kunde der Niederlage bei Hassenhausen - erst
spterhin nannte man sie Auerstedt - traf uns, als wir von unserem Trauergange
heimkehrten. Christlieb Taube mit seinem Versprengten beschleunigte daraufhin
seine Abreise in der schon gestern angenommenen Richtung ber Freyburg. Auch
Dorothee wurde von dem Propste bestimmt, mit der Nachtpost die Rckreise
anzutreten, denn wer htte dafr brgen mgen, da nicht morgen schon ein wilder
Tro von Freund und Feind die Gegend berflutete? So folgte dem ersten ewigen
Abschied nun eine Trennung nach der anderen, und keine wohl ohne das Vorgefhl
des Nimmerwiedersehens.
    Der ehemalige Lehrer und Bewerber ahnte nicht, da er mit der Gattin
Siegmund Fabers unter einem Dach geweilt hatte. Das treue Herz ist schwer zur
Ruhe gekommen, beirren wir es nicht von neuem, hatte der gemeinsame alte Freund
gemahnt, und Dorothee sich verborgen gehalten, bis das Wgelchen von dannen
rollte. Ich aber sollte Zeuge sein, da das treue Herz noch keineswegs zur Ruhe
gekommen war. Ich traf den guten Menschen, nachdem er uns Lebewohl gesagt hatte,
seine Trnen trocknend, auf der Schwelle von Dorothees Mdchenstube. Die
vergit keiner, der ihr einmal angehangen hat, sagte er mit gebrochener Stimme.
Ein elegisches kleines Zwischenspiel inmitten so vieler Schreckensbilder!
    Dorothee hatte ihre Reisekleider angelegt, und ich hielt ihre Hand zum
letzten Lebewohl. Es war fr uns beide ein Tag des Schweigens gewesen; jetzt
bedrckte etwas ihr Herz, fr das sie sichtlich um den Ausdruck kmpfte. Darf
ich reden? fragte sie endlich mit niedergeschlagenen Augen, und als ich die
Frage herzlich bejahte, sagte sie hastig:
    Sie werden eines Tages reich sein, sehr reich, Frulein Hardine - bald
vielleicht. - Aber fr den Augenblick - bei der Verwirrung im Lande - wenn Sie
vielleicht - vielleicht - -
    Ich schttelte ablehnend den Kopf.
    Sie sollen das Darlehn nicht von mir annehmen, Frulein Hardine, Sie wrden
es nicht, ich wei es. Aber - von ihm. Er erwirbt so viel und achtet es so
wenig. Er braucht so wenig. Sie wrden ihn glcklich machen, Frulein Hardine.
    Nein, Dorothee, - rief ich bereilt - nein. Von dir drfte ich ein
Darlehn annehmen, eine Untersttzung, wenn ich ihrer bedrfte. Von ihm -
nimmermehr! -
    Ich sah sie erbleichen und bereute die bse Mahnung, die mir unwillkrlich
entschlpft war. Ich zog sie an mein Herz, kte sie zum ersten Mal im Leben,
und wir trennten uns ohne weiteres Wort. Wenige Minuten spter hrte ich den
Postwagen vorberrollen. Bei der allgemeinen Verwirrung hatte niemand in der
verhllten, schweigsamen Reisenden die vielbeneidete einstige Mitbrgerin
erkannt. Ihr flchtiger Heimatsbesuch ist ein Geheimnis geblieben.
    Auch der Propst konnte in dieser drangvollen Zeit seine Anstalt nicht lnger
ohne Obhut lassen. Nach den zwei unruhvollsten Tagen meines Lebens sa ich um
Mitternacht wieder allein in dem totenstillen Krankenzimmer.
    Wie nun in der nchsten Zeit das allgemeine Unheil, weit ber alles Vorahnen
hinaus, zutage trat; wie die berstolzen Sieger von der Stadt Besitz nahmen, die
Landestruppen halb und halb als franzsische Verbndete zurckkehrten; wie die
gefangenen Preuen, verhhnt, des Notdrftigsten bar, in Kirchen und Schuppen
gepfercht lagen, das stattliche Schlo, in ein verpestendes Lazarett verwandelt,
von Freunden und Feinden ausgeplndert ward; wie aller Mut, alle Kraft, aller
gute Wille daniederlag; wie alles staunend, geblendet, verwundert sich um den
unberwindlichen Kaiser drngte, als er an dem sieben Jahre spter fr ihn so
verhngnisvollen 18. Oktober durch unser Stdtchen gen Leipzig jagte; wie ein
jeder nur noch Heil von der Gnade des Gottgesandten erwartete - von diesen
Eindrcken des Grauens und Ekels lat mich schweigen. Sie haben die Erinnerung
durchwhlt, jahrelang nachdem das persnliche Herzeleid sich in Frieden gelst
hatte.
    Zur Stunde freilich dmpften die persnlichen Nte den Anteil an dem
allgemeinen Geschick. Jenes feindliche Gefolge, das so hufig einem groen
Schmerze nachhinkt und nach kleiner Tyrannen Art sich so hmisch an dem
verachtenden Stolze rcht: die Sorge um das gemeine Dasein, die Unruhe um das
tgliche Brot, schlummerlose Nchte an einem Siechenbett, Scham ber die
erlahmende Kraft, demtigendes Hoffen auf fremde Hilfe, Zweifel, und wie sie
ferner noch heien mgen, die marksaugenden, kleinen - groen Erdenherren -, sie
stiegen an meinem Horizonte auf. Flchtig allerdings, nicht zu einem
erschpfenden Ringkampfe der Krfte, vielleicht nur darum, da ich sie kennen
lerne, von Angesicht zu Angesicht kennen und anderer Notwehr wrdigen lerne,
sobald ich eines Tages strker als viele gegen sie gerstet sein wrde. Ich
lernte sie kennen; aber die Lehre habe ich bis nahe an das Greisenalter nicht
beherzigt.
    Das hilflose Hinsiechen meiner armen Mutter konnte sich jahrelang fristen:
Unsere kleinen Ersparnisse reichten aber kaum auf Monate aus. Der bescheidene
Gnadengehalt der Witwe, wenn er in diesen Zeiten berhaupt gewhrt werden
konnte, wrde unsere migsten Bedrfnisse nicht gedeckt, Arbeit von meiner
ungebten Hand schwerlich einen Abnehmer gefunden haben. Die Kranke htte, nach
des Arztes Ausspruch, ohne Gefahr nach Reckenburg bersiedelt werden drfen;
aber nicht einmal einer Antwort wrdigte uns die Grfin auf meine Anzeige des
erlittenen Verlustes, auf des Propstes wiederholte Darstellung unserer Lage. Mit
Recht hob dieser frsorgliche Freund hervor, da auch alle Aussichten fr die
Zukunft mir entschlpfen wrden, wenn ein anderer den von mir verlassenen
Verwaltungsposten einnehmen und sich geschickt auf demselben behaupten sollte,
und wieviel bedeutender, wieviel mchtiger lockend, als ich mir bis dahin
eingestanden hatte, stellten diese Aussichten sich jetzt mir dar. Alles in
allem: ich sah keine Flucht aus meiner Bedrngnis, und das Pfrtchen, das sich
mir endlich erschlo, das Pfrtchen, welches heute, von dem Immergrn der Treue
bekrnzt, leuchtender vor der Erinnerung steht, als das Portal zu dem Goldturme
der Reckenburg: damals war es eng und drckend fr den stolz gewhnten Sinn.
    Das Asyl, welches die reiche Verwandtin in ihrem leerstehenden Palaste
verweigerte, die arme Dienerin erffnete es in ihrer drftigen Htte. Muhme
Justine erbot sich, ihre einstige Herrin aufzunehmen und zu verpflegen, whrend
die Tochter in das Amt zurcktrat, das ihrer Gegenwart so dringend bedurfte. Die
treue Seele drngte flehentlich zu schleunigem Aufbruch, sie schilderte ihren
kleinen Notpfennig als eine unerschpfliche Hilfsquelle.
    Und ich zgerte nicht, die dargereichte Hand zu ergreifen. In Eile wurde der
Umzug eingeleitet. Die bersiedelung der Kranken sollte noch vor dem Christfeste
stattfinden.
    Gott aber hatte es gndiger beschlossen. Er ersparte mir die Scham, meine
Mutter von fremder Hand gepflegt zu sehen, und er gnnte ihr eine Ruhestatt an
der Seite des Mannes, den sie so lange und so beglckend geliebt hatte. Wenige
Morgen vor dem zur Reise bestimmten fand ich sie sanft hinbergeschlummert, und
so schlo mein heimatliches Leben mit einem zweiten Grabgeleit.
    Aber nicht mit dem letzten dieses groen Zerstrungsjahres. Als ich frh am
Weihnachtstage auf Reckenburg eintraf, lag die Grfin in hoffnungsloser Qual.
Sie zerri sich Gewand und Haar, krallte sich mit Todesangst an den Leib der
Wrterinnen, schrie um Hilfe, um Luft und Licht.
    Ich ffnete die Fenster. Ein klares Sonnengold strahlte von der weien
Winterdecke zurck, ein erfrischender Strom drang in das lange verhllte,
luftlose Gewlbe; die Christglocken luteten auf dem Turme, der unversehrt das
geborstene Gotteshaus berragte. Der Kampf der Greisin beschwichtigte sich, ihr
Atem wurde ruhig und frei. Hell und scharf wie allezeit richtete sie den Blick -
aber nicht auf die Geldtruhe neben ihrem Stuhl, sie richtete ihn auf mich,
reckte die Hand nach mir zu einem krftigen Druck und rief mit fast jugendlichem
Klang:
    In Recht und Ehren!
    Es war ihr Sterbewort, und ich hatte seinen Sinn verstanden. In der letzten
Stunde des Jahres 1806 senkten wir die sagenhafte Greisin zur Ruhe, und das
Regiment der letzten Reckenburgerin begann.

                                 Elftes Kapitel



                              Die neue Herrschaft

Wandelt durch Reckenburg, wenn Ihr in der Chronik meiner nchsten zwanzig Jahre
blttern wollt. Jahre, in denen das, was hinter ihnen lag, unmerklich in
nebelhafte Erinnerung verschwamm, und mit deren Beginn ich mich gewhnte, die
Geschichte meines eigenen Lebens zu datieren.
    Es war eine Zeit lediglich der Arbeit, aber einer Arbeit, die alle
Bedingungen des Gelingens und darum der Befriedigung in sich trug. Denn zu einem
langgehegten, der natrlichen Neigung entsprungenen Plane gesellte sich ein
beharrlicher Wille und das Gebot ber die durchfhrenden Mittel.
    Die Reichtmer meiner Erblasserin waren nicht unermelich, wie sie die
Volksfabel sich ausgemalt hat; sie hatten seit Jahren nahezu als totes Kapital
gelegen. Aber sie waren fr einen bedeutenden Zweck mehr als ausreichend, wenn
die Persnlichkeit in Betracht gezogen wird, die unumschrnkt mit ihnen schalten
und walten durfte.
    Das Eigentum an sich hatte wenig Reiz oder Wert fr mich, denn wenn just
auch Eicheltrank und Grtzbrei meiner Vorgngerin mir weder genutzt noch
geschmeckt haben wrde, so war mir nach Anlage und Erziehung Einfachheit doch
ein Bedrfnis, weit mehr als ein Gebot. Meine Werkstatt war meine Flur, und der
bisher innegehaltene Erkerbau, ein klein wenig wohnlicher eingerichtet und
ausstaffiert mit dem altheimischen Gert, bot hinlnglich Gela fr die Stunden
der Ruhe. Ich hegte keine sthetischen Liebhabereien, keine geselligen
Neigungen, welche das Zeitwesen mir ohnehin verleidet haben wrde; ich war ohne
beanspruchenden Familienzusammenhang, und frei von jener gemtlichen
Liberalitt, die, weil sie nicht nein zu sagen vermag, die reichsten Mittel
der Kreuz und Quer zersplittert. Summa Summarum: Natur und Schicksal hatten mir
die Beschrnkung leicht gemacht, welche jedes bildende Streben heischt.
    Was aber solchem Streben erst die Befugnis gibt: Ort und Stunde, auch sie
waren mindestens nicht ungnstig fr das meine. Inmitten welterschtternder
Ereignisse blieben mir volle sechs Friedensjahre fr einen grndlichen Unterbau.
Das Gut lag seitab der groen Heerstraen, und fehlte es auch nicht an
Durchzgen, Lieferungen und Aushebungen, trug man seine Lasten auch mit saurem
Gesicht, weil sie sich Freunde nannten, die man als Feinde hate; mein Bauplan
wrde unter dem so hart um den Rest seiner Selbstndigkeit ringenden
Nachbarstaate nicht gediehen sein, wie unter dem ruhigen Vasallentum des
unseren. Ihr kennt diesen Plan: es galt die reiche Kultur eines herrschaftlichen
Grundbesitzes auszudehnen ber einen armen Gemeindeverband.
    Wenn nun Kanle und schtzende Deiche, bequeme Fahrstraen, entsumpfte
Brche und wohlregulierte Forsten sich auch ber die drfliche Flur
verbreiteten; wenn zu allgemeinen Zwecken Bauholz gefllt, Ziegelfen errichtet
wurden, Lasten von Bruchsteinen stromauf- und -abwrts landeten; wenn Schul- und
Gotteshaus aus dem Ruin erstanden, und endlich an Stelle der wsten,
ekelerregenden Httentrmmer reinliche Dorfschaften sich ausbreiteten, die ich
unter dem Gemeinnamen Reckenburg zusammenfasse: so war alles das, was
scheinbar als Resultat gefllig in die Augen springt, doch nur das Mittel zum
Zweck und ein bequemes Mittel fr eine freie, volle Hand. Der Zweck meiner
Aufgabe und ihre Schwierigkeit, die hieen: ein erneuertes Menschengeschlecht
inmitten der erneuerten Flur; eine krftige, arbeits- und ordnungstchtige
Bauernschaft in der Gemeinde von Reckenburg. - Majestt Fritz in Pommerellen,
so nannte mich neckend mein guter Propst in seinen ermunternden Briefen; und in
der Tat war es solch ein hungerndes, lungerndes pommerellsches Vlkchen, ber
das ich das Regiment usurpierte. Ja usurpierte; denn nicht mehr die
Erbuntertnigkeit, nur die Not und der anlockende Zauber des Eigentums machte
sie zu meinen Sklaven. Die fruchtbringenden Liegenschaften auch der freien
Bauern waren in Zeiten der Drangsal an die Herrschaft verschleudert worden, kaum
mehr als drftige Fetzen Heide- und Bruchlandes in den Hnden von Wilddieben,
Schmugglern und fronpflichtigen faulen Tagelhnern zurckgeblieben. Just aber
auf diesem Grundstck des bels beruhte meine Zuversicht der Heilung. Denn in
den ppigsten Landschaften entartet und auf dem kmmerlichsten Boden frdert
sich die Kultur. Der Acker, der lange Zeit l und Zuckerfrchte getragen hat,
sinkt, ausgesogen, zu einem Haferfelde herab; ein Forst, welchen vor einem
Jahrhundert ein Windbruch verwstete, steht, bei Flei und Geduld, nach wieder
einem Jahrhundert in einen Nadelwald und endlich in einen Laubwald umgewandelt.
Und wie die Erde, so der Erdenherr. Nicht auf dem Lotterbette, sei es des
Elends, sei es der Wollust, aufrecht, im Schweie seines Angesichts bildet sich
der Mensch.
    Diese Fibelweisheit prgte ich in das Gemt meiner Kolonie nicht mit dem
verpuffenden Wort des Missionars, sondern als Mnzmeister mit dem handlichen
Stempel, den ich in dem Goldturm der schwarzen Grfin vorgefunden hatte. Wer
seine drftige Scholle nach meinen Erfahrungen bearbeitete, seinen Viehstand
genau nach denselben verpflegte, erhielt aus herrschaftlichen Bestnden
Werkzeug, Saatkorn und junge Zucht, erhielt sie wiederholt in Zeiten des
Miwachses oder der Seuche. Niemals jedoch ohne die Bedingung allmhlicher
Zurckerstattung nach Jahren des Gedeihens. Wer seines Bodens am frhesten oder
fleiigsten Herr geworden war, der erhielt von dem Gutsareal, das sich whrend
der kriegerischen Unsicherheit ohne schwere Opfer noch immer erweitern lie,
zugelegt. Niemals jedoch ohne die Bedingung einer migen, aber regelmigen
Rente, welche den Tilgungsfonds in sich schlo. Ungehemmte Arbeitskraft und
unbeschrnkte Arbeitszeit waren die einzigen Rechte, welche den bisher zu
Fronden und Diensten Verpflichteten sonder Klausula berlassen wurden.
    Bei diesen Erweiterungen war nun von Haus aus darauf Bedacht genommen
worden, da die Grundstcke eines Besitzers beieinander und seinem Gehft so nah
als mglich lagen. Das Dominium durfte behufs dieser Ausgleichung nicht geschont
werden. Ohne Streitigkeiten oder Sporteln vollzog sich dieser wesentlichste
Wohlstandsproze fr den kleinen Grundbesitz lediglich durch meinen
Schiedsspruch und allerdings durch meine Opfer. Wer aber nicht opfern will, soll
nicht reformieren wollen.
    Alles wurde auf Leistung und Gegenleistung gegrndet; nicht das
geringfgigste Erzeugnis verschenkt, nicht die unwesentlichste Verpflichtung
erlassen, nicht die herkmmlichste Eigentumsverletzung geduldet. Selber fr die
Beeren, welche die Kinder in den Gutsforsten pflckten, fr Reisholz und
Stoppeln, welche die Mtterchen sammelten, mute ein Tribut erlegt werden.
Freilich brachte die Schlofrau als Zwischenhndlerin ihn bei dem Ankauf zu
hchsten Marktpreisen in Anschlag, und trieb auf diese Weise ein bewutes Spiel,
indem sie mit der einen Hand gab, was sie mit der anderen gefordert hatte; aber
sie sparte den Leuten Zeit, zerstreute sie nicht durch Handel und Wandel,
strkte den Rechtssinn, der durch kleine bertretungen am sichersten untergraben
wird, und ein Ehrgefhl, das mit dem Begriffe des Verdienstes anfngt und mit
dem der Duldung endet.
    In hnlicher Weise wurde auch der Neubau der Drfer nach einem voraus
entworfenen Plane allmhlich zustande gebracht.
    Der bisherige Besitzer, der sein hinflliges Gehft an die mir gelegene
Stelle verrckte, der neue Ansiedler, der es nach meinem Muster aufrichtete, ein
jeder, der sich verpflichtete, sein Anwesen nach einer strengen Polizeiordnung
reinlich und zweckmig zu erhalten, sie empfingen den Bauplatz, das Material
und eine Untersttzung der Arbeitskrfte whrend der Anlage unentgeltlich,
spter gegen Zins und ratenweise Abzahlung, und zwar ohne da auch hier bis zur
letztgltigen Regulation eine Feder oder ein Schuld- und Grundbuch in Bewegung
gesetzt worden wren. Der einfache Handschlag gengte, und die Unerbittlichkeit,
mit welcher ich bei jeder hinterhltigen Bauernlist die Aushilfe zurckzog,
verbrgte mir die Treue meiner Kontrahenten, bis Ordnung und Redlichkeit zur
eingewhnten Sitte in Reckenburg geworden waren. Da in Bausch und Bogen der
Schlosckel kaum ein schlechteres Geschft gemacht haben wrde, htte ich von
Haus aus gesagt: Hinz, hier schenke ich dir eine Hufe, oder Kunz, da hast du
eine von meinen Wiesen, da die Freude des Empfngers und Gebers gegen die
Unruhe des Schuldners und die Wachsamkeit des Glubigers vertauscht wurden, das
ward nicht in Rechnung gezogen und durfte es nicht werden. Nicht die Blume der
Gemtlichkeit, den Baum des Rechtes und der Ehre galt es zu pflanzen in der
Reckenburger Flur.
    Zuletzt, doch nicht zum letzten sei nun auch der Gehilfen gedacht, die mir
bei dieser Pflanzung so wacker in die Hand gearbeitet haben. Ich mu es als
einen Glcksfall preisen, da kurz nach Antritt meines Regiments der damalige
Pfarrer, ein deutscher Biedermann und Familienvater, die bequeme Stelle eines
stdtischen Nachmittagspredigers dem rauhen Posten auf Reckenburg vorzog. Ein
Stndchen Kirchenruhe war den rhrigen Stadtbrgern zu gnnen. Der Mann kam auf
den rechten Platz, und ich fand fr den meinen den rechten Mann. Ohne die
Gemeinde ihrer Verpflichtungen gnzlich zu entbinden, ward die Stelle von seiten
des Dominiums auskmmlich verbessert, und Ludwig Nordheim, der Zweite, trat auf
meine Einladung in dieselbe.
    Seiner Anlage und meiner spteren Entwickelung gem konnte der Sohn mir
nicht ein Freund werden, wie der Vater es gewesen war; aber der rstige Mann war
mir ein Amtsgenosse, mehr als jener es htte werden knnen. Hatte der Vater sich
abgemht, durch mildes Reden und Tun das Himmelreich unter uns auszubreiten, so
sparte der Sohn kein Donnerwort, um uns die Hlle hei zu machen. Jener
scheiterte, dieser wirkte; denn wir zhlten zurzeit mehr Hllen-als
Himmelreichskandidaten in der Reckenburger Flur. - Desgleichen fand sich fr die
Zucht unserer noch unflggen Brut ein Meister, der neben dem Bakel auch Axt und
Pflugschar instruktiv zu handhaben verstand. Ich hatte anfangs mit Sehnsucht an
meinen getreuen Christlieb Taube gedacht, sparte ihm aber schlielich die
Opferung auf einem verlorenen Posten. Er lebt noch heute zwischen seinen Bergen,
pflegt seinen Rosenflor und spielt die Orgel zu Gottes Ehr'! Ohne eigenes Weib
und Kind, ist er wie ein Vater geliebt von den Geschlechtern, die er
herangebildet hat. Der rmste und der Reichste unter denen, mit welchen ich jung
gewesen bin. Der Glcklichste! Wiedergesehen habe ich ihn nicht.
    Einen anderen Getreuen dahingegen, den letzten Purzel, durfte ich noch
jahrelang unter meinen Augen hegen. Seine Werbezeit war abgedient und ihm graute
vor einem Heldentum unter dem Banner des Siegers von Jena, den er, zwar nicht
als Patriot, aber als Diener seines geopferten Herrn ingrimmig hate. Mit
Behagen fgte er sich daher in die Rolle, die unter dem Anstandstitel Heiduck
auf Reckenburg fortgefhrt ward, und hat seinen Zopf mit Ehren zu Grabe
getragen. Viele Jahre vor ihm schied die Treueste der Treuen. Ihr Erdenziel war
erreicht, als sie das Kind ihres Herzens auf dem Gipfel ihrer Trume angelangt
sah und in dieser stolzen Region keinen kreuzenden Schellenunter mehr zu
parieren hatte.
    Der schwerste Verlust war der meines einzigen Freundes, des Propstes.
Wiedergesehen habe ich auch ihn nicht. Sein Krnkeln und mein Schaffen bannten
jeden auf seinem Platze. Sein letzter Brief fiel in den Sommer 1809 und enthielt
die Kunde von dem Verschwinden August Mllers aus dem Frsterhause. Die Sorge um
den vterlich geliebten Schtzling mag den lange siechen Krper aufgerieben
haben.
    Ich teilte diese Sorge nicht. Der soldatische Instinkt des Knaben wrde auf
die Dauer doch nicht zu bndigen gewesen sein; und wessen bedurfte unsere Zeit
so sehr, als dieses verwegenen Soldatentriebes? Hatte er in dem vorzeitigen
Rachezug ein vorzeitiges Ende gefunden - nun wohlan! der Boden, dem die Freiheit
entsprieen soll, mu ja, so heit es, mit Mrtyrerblut gedngt werden; und wie
htte ich nicht eine genugtuende Fgung darin erkennen sollen, da der Sohn
meines Helden von Valmy unter dem Sohne des Feldherrn von Valmy voranstrmte, um
die Schmach zu tilgen, die mit dem Tage von Valmy begann!
    Als August Mller mir eines Tages pltzlich wieder gegenbertrat, hatte ich
ihn viele, viele Jahre lang so gut wie vergessen. Ob Dorothee von seinem
Entweichen unter die schwarze Schar gewut oder ob sie dasselbe blo geahnt hat,
habe ich niemals ermittelt. Seit ich am Begrbnistage meines Vaters von ihr
Abschied genommen, gehrte auch sie mir zu den Begrabenen. Es tat mir wohl, von
ihr in Frieden geschieden zu sein: aber wie einst im Unfrieden, so fhlte ich
auch jetzt: wir waren fertig miteinander. Kaum da dann und wann der immer
weiter sich verbreitende Ruf ihres Gatten mich an die einzige Jugendgespielin
erinnerte. Bei wenig mehr als dreiig Jahren stand ich gemtlich so einsam wie
wohl selten ein Weib. Ein stark gewurzelter Baum inmitten einer Schonung von
niederem Gehlz.
    Whrend meines fritzischen Schaffens blieb ich nun aber eine teilnehmende
Beobachterin des staatlichen Lebens, dessen Katastrophe mit meinem eigenen neuen
Leben zusammengefallen war. Niemals habe ich an seiner Wiederaufrichtung
gezweifelt. Denn ich erfuhr es in meiner Flur: das Wetter, das reife Ernten
knickt, befruchtet eine Frhlingssaat. In diesem Preuen aber rang ein
unverbrauchtes, hart gepflanztes Menschenvolk.
    Durch den Grafen, unseren Nachbar, damals auf jenseitigem Gebiet, trat ich
auch in eine Art von Verbindung mit den Patrioten, welche in Preuen und
sterreich heimlich ihre Fden spannen, und warum soll ich es verschweigen, da
manche von den Mitteln, die mir ja ausreichend zu Gebote standen, den hchsten
Zwecken zugeflossen sind? Als aber endlich der heilige Kampf sich erhoben hatte,
mit welchem Festesjubel wurden da zum erstenmal die Prunkgemcher der Reckenburg
geffnet zu einer Pflegesttte fr die Verwundeten, deren Grotaten den mir
erreichbaren Bezirk erfllten. Ja, ja, meine Freunde, die Helden Blows und
Yorks haben mit den altgrflichen Vorrten im Keller und Speicher reinen Tisch
gemacht. Und so rhmte ich mich denn auch, als eine der wenigen meiner
heimatlichen Standesgenossen, von der ersten Stunde an mit offenem Visier auf
die Seite des befreienden Vorvolks getreten zu sein, rhme mich, da niemand
freudiger als ich sich einem Staate unterordnete, der sich beherzt zu Recht und
Ehren wieder durchgekmpft hatte. Denn wer so emsig wie ich an seiner Heimat
baut, der trachtet danach, sie unter der Hut eines starken Vaterlandes zu
bergen.
    Nun aber galt es, mancherlei Verwstungen auszuheilen, welche der Kriegstro
in meinem Bereich zurckgelassen hatte. Es galt nicht minder, mich selbst und
die Meinen in die straffe, mancherlei harte Leistungen heischende neue Ordnung
einzugewhnen. Dann folgten die Hungerjahre von 1816 und 1817, welche die
Vorrte des Speichers und Sckels reichlich in Anspruch nahmen. Endlich aber
trat eine Pause ein, in welcher das Geschaffene nur eben erhalten oder mig
ber seine Grenzen hinausgefhrt zu werden brauchte. Ein ruhiger berblick war
gestattet.
    Da sah ich das Werk denn aufgerichtet, mit welchem mein Dasein gleichsam zu
einem Wesen verwachsen war; sah die fruchtbringende Flur und den Baum des
Rechtes und der Ehre Wurzel schlagend in einem neuen Geschlecht. Mit Zuversicht
blickte ich auf den Keimstock der Gemeinde, die sich heute rhmt, seit fast
einem Menschenalter keinen Proze gefhrt und keinen Frevel gebt zu haben,
keinen Spieler und Trunkenbold, kein Mdchen zu kennen, das ohne Kranz zum
Altare getreten wre; eine Gemeinde, die ihre Rekruten ohne Murren stellt, ihre
Waisen ohne Beihilfe innerhalb der Familie zur Arbeit erzieht; keiner Witwe,
keinem Greise den Altenteil verkmmert.
    Und ich sage ja und Amen zu diesem Ruhm. In der Tat, es war eine ehrsame und
rechtschaffene, aber es war auch eine freude- und liebelose Kolonie.
    Freude- und liebelos wie die, welche sie gegrndet hatte. Denn - was ist da
zu vertuschen? - das, was Ihr ein Herz nennt, meine Freunde, das war fr nichts
bei meiner Tat. Ich hatte einen Stoff bearbeitet, wie jeder berufene Handwerker
- oder sei es Knstler - den seinen; ich hatte meine Krfte an einer und fr
eine Gesamtheit entfaltet - ich wrde sie, und das dnkt mich das Kennzeichen
der Liebe -, ich wrde sie um keines einzelnen willen beschrnkt haben. Mein
Puls schlug nicht hher, noch matter bei dem Schicksale eines einzigen von
denen, die ich die Meinen nannte; ich trug die Neugeborenen zum Taufstein,
geleitete die Brute zum Altar, die Toten zur Gruft; aber ich empfand wenig mehr
dabei, als wenn ich meine Bume pflanzen und fllen oder meine cker befruchten
sah fr einen neuen Trieb. Indem ich eine Bauernschaft zu bilden strebte, hatte
sich in mir der echte, rechte Bauernsinn ausgebildet, der den Menschen als ein
Produkt der Scholle nimmt, der Scholle, die ihn nhrt, und die er wieder nhrt.
    Das Werkzeug klapperte und auch die Kirchenglocken luteten, wie sich
gebhrt: Sang und Klang aber schwiegen in der Reckenburger Flur. Wir tanzten
nicht unter dem Maienbaum, wir jubelten nicht bei Hochzeit und Kindelbier. Kein
Weihnachtslicht mahnte uns an die frohe Botschaft der Gotteserscheinung in einem
hilflosen Kinde. Bursche und Dirne freiten nicht nach Neigung und Lust, sondern
nach Vernunft und elterlichem Willen; der Bettler schlug einen Bogen um die
Reckenburg, denn er sah keinen Brosamen von des Reichen Tische fallen, und
arbeite wie wir, so wirst du dich wohl befinden wie wir, ein jeder sorge fr
das Seine, schallte es ihm von der ungastlichen Scholle entgegen. In der Tat:
wir waren eine sehr ehrsame, aber eine sehr lieblose Kolonie!
    Die unbestimmte Empfindung von etwas Fehlendem in meinem Werk und Leben
dmmerte mir zum erstenmal in jener Pause, wo ich mich des Gelingens htte
freuen sollen. Ich sprte keine Abspannung, aber eine Art unruhiger Langeweile,
und es kamen Stunden, wo ich mir sagte, da, wenn ich noch einmal zu leben
anfangen sollte, ich nicht als Arbeitsbiene wieder anfangen mchte. Ich htte
Zerstreuungen suchen knnen, knstlerische Liebhabereien pflegen, und Gott wei,
was sonst noch alles reiche Leute knnen. Aber ich kannte mich hinlnglich, um
zu wissen, da das, was mir fehlte, nicht von auen in mich getragen, da es aus
dem Innern herauswachsen msse. Was es aber war, das in mir nach einer
Vollendung rang, dafr fand ich die Lsung nicht.
    Meiner Art gem tastete ich bei diesen Untersuchungen nicht nach dem Mond,
sondern fate die Sache, wo sie zunchst auch wesentlich lag. Ich nherte mich
den Fnfzigern, und hatte ich bei Zwanzigern mich auch nicht rstiger gefhlt,
ich wute, die strksten Fden sind es, die am raschesten reien, und wenn der
meine einmal jhlings ri, was wurde dann aus dem Gewande meiner Reckenburg, das
mit meinem Leibe schier verwachsen war, oder was wollte ich, da aus ihm werde?
    Zwar sah ich manches stolze Segel geblht und manche Notflagge aufgehit, um
in den schtzenden Hafen einzulaufen. Aber wie in den Tagen meiner Freierhetze,
verdro es mich auch heute, einer nimmersatten Begierde oder einem schamlosen
Bedrfnis frnen zu sollen. Ich verlangte freie Wahl, und kein Zug der
Vergangenheit, kein gegenwrtiges Interesse leitete mich auf eine Spur.
    Auch Plne anderer Art stiegen in mir auf. Wie wrs mit der Grndung eines
Asyls fr invalide Krieger oder deren Waisen, fr das es, leider Gottes! zurzeit
nicht an Anwrtern gebrach? Oder mit einem Fruleinstift, fr das es, leider
Gottes! keiner Zeit an Anwrterinnen gebrechen wird? Aber kennt Ihr einen alten
Bauer - und ich war solch ein Stck alten Bauers -, der seine Hufe nicht lieber
dem Unbedrftigsten seinesgleichen als dem bedrftigsten Gemeinwesen
verschreiben wrde? Mir widerstand eine fiskalische oder kommunale
Schablonenverwaltung meiner Flur, ich mochte sie mir nur denken unter dem
Geprge einer Individualitt, wie zuerst die Grfin und spter ich selber es ihr
aufgedrckt hatten, ich forderte fr den Wandel der Zeiten einen persnlichen
Erben, und begann als Matrone zu beklagen, da ich in der Jugend nicht den
ersten besten Krautjunker geheiratet und mir auf dem natrlichsten Wege die Qual
der Wahl abgeschnitten hatte.
    Was meine uerliche Stellung anbelangt, so war ich seit dem Frieden nicht
durchaus mehr die Einsiedlerin des neuen Turms. Man wute in dem materiell
erschpften Staate eine besitzende Hand, in der neu erworbenen Provinz eine
aufrichtige Anhngerin zu schtzen; man suchte meinen Rat bei lndlichen
Einrichtungen, kurz und gut: von oben herab wie von unten herauf erwies man mir
allerlei Ehren, und so bildete sich unwillkrlich ein Verkehr, nicht wie er
zwischen Mann und Weib oder gar Weib und Weib, sondern wie er zwischen Mann und
Mann gang und gbe ist; mich aber wrde es gewundert haben, wenn dem anders
gewesen wre.
    Von Zeit zu Zeit fhlte ich mich nun auch veranlat, durch ein Gastgebot dem
Ansehen meiner Reckenburg gerecht zu werden; da gaben denn die gezopften
Einrichtungen - Heiducken, goldene Kutsche samt Schimmelgespann und tutti quanti
-, gab ihre Harmonie mit der ererbten Ausstattung dem Rufe der Besitzerin ein
starkes Relief. Man zitierte die Reckenburgerin als Aristokratin reinsten
Wassers, und man tat es mit Recht.
    Je mehr und mehr empfand ich indessen diese obligatorischen Schaustellungen
als einen Vorschub der heimlich eingenisteten Langeweile. Das Herz war hier am
wenigsten bei der Sache, und das Verlangen, dem Gebude, das ich aufgefhrt
hatte, gleichsam einen Turm aufzusetzen, qulte mich niemals beunruhigender, als
nach solcher Unterbrechung des einfachen Tageslaufs. Htte ich nur einig werden
knnen ber das Wo und Wie!
    Wie beim Abschied von der Jugend in den Zeiten der Abhngigkeit, so schlich
in denen der schrankenlosen Freiheit Jahr um Jahr vorber, in welchem nur der
Mechanismus eingelebter Ordnungen mich aufrechthielt, und ich war fnfzig
geworden, als sich mir berraschend ein Ausblick ffnete, dem ich in jungen
Tagen gewi nicht den Rcken gekehrt haben wrde.
    Ich habe weiter oben flchtig des Grafen, unseres Nachbars, erwhnt. Ihr
kennt und verehrt ihn, meine Freunde; ich brauche daher nicht mehr ber ihn zu
sagen, als da ein bedeutender geschftlicher Verkehr sich zwischen uns erhalten
hatte, und da er schon damals das Vertrauen des Staates und der Stnde geno,
wie kein zweiter unserer provinziellen Ritterschaft, deren Ehrenmter und
einflureichste Stellungen denn auch auf seine Person bertragen werden. Und auf
keinen mit grerem Recht. Er war und ist ein Beamter von dem Schlage, der sich
in den preuischen Annalen einen klassischen Namen erworben hat, ein Mann von so
unermdlicher und uneigenntziger Ttigkeit fr das Allgemeine, da seine
privaten Angelegenheiten, vor allen die Verwaltung seines bedeutenden Majorats,
merklich den krzeren dabei zogen.
    Ich schtzte den Mann nach seinem Verdienst, seine Gemahlin aber gehrte zu
den wenigen Weibern, deren Umgang mir nicht beschwerlich fiel. Denn ich hatte
auch darin einen mnnlichen Geschmack, da nur die frauenhaftesten Eigenschaften
der Frauen mir zu Herzen gingen. Einer Amtsverwalterin wie Jungfer Ehrenhardine
wrde ich auf einer wsten Insel, glaub ich, zehn Schritt ferngeblieben sein;
das Kind Dorothee hatte selbst als Snderin den Reiz fr mich nicht eingebt.
Die Grfin aber war eine schmiegsam zrtliche Seele, das Weib in Gottes Namen,
wie es im Buche steht, und sicherlich wrde ich die Sprlinge dieses
anziehenden Paares, drei noch unbrtige Junkerchen, fr das Erbe der Reckenburg
in nchsten Betracht gezogen haben, htte ich sie etwas weniger flott und
bermtig heranwachsen sehen. Wohl sagte ich mir entschuldigend, da bei der
zerstreuenden Ttigkeit des Vaters und der gelassenen Umfriedung der Mutter dem
jungschumenden Blute der Zgel gefehlt habe; unter allen Umstnden aber mute
die Zeit einer reiferen Entwickelung abgewartet werden.
    Vor Jahr und Tag nun war der Graf Witwer geworden. Er hatte die Frau sehr
geliebt, sich sehr beglckt durch sie gefhlt und nach ihrem Tode allen
geselligen Verkehr, auch den mit mir, abgebrochen. Es schien, als ob er seine
Trauer mit ins Grab nehmen wolle, und nichts htte mich - auch abgesehen von
meinem halben Jahrhundert - mehr berraschen knnen, als ihn eines Tages bei mir
eintreten zu sehen und ohne Prliminarien einen Heiratsantrag von ihm zu
vernehmen.
    Der Mann war bei gesunden Sinnen und ernsthaft wie ein Kato, heute mehr denn
je. Mich verdro diese dreiste Begehrlichkeit, wie sie mich von keinem anderen
verdrossen haben wrde. Ich zhle fnfzig Jahre, Graf, sagte ich trocken.
    Ich auch, versetzte ebenso trocken der Graf.
    Das heit: als Mann ein Vierteljahrhundert weniger, entgegnete ich, und er
darauf:
    Unter den herkmmlichen Voraussetzungen einer Ehe allerdings.
    Seine merkwrdige Offenherzigkeit begann mich zu belustigen. Ich lachte hell
auf; desto ernsthafter blieb mein Bewerber.
    Wollen Sie nur den Gatten, nicht auch den Vater in Anschlag bringen?
fragte er. Ich habe Shne - -
    Die eher Frauen als eine Mutter brauchen wrden, unterbrach ich ihn.
Warum sagen Sie nicht einfach: Adoptieren Sie meine Jungen und machen Sie sie
zu Ihren Erben?
    Einfach, weil diese Einsetzung meinen Wnschen nicht dienen oder nur zur
Hlfte dienen wrde, antwortete der Graf gelassen. Ich bin gewi der erste,
das Ansehen zu wrdigen, das meinen Nachkommen aus dem Namen und Erbe der
Reckenburg erwachsen wrde; aber nher als der Glanz der Zukunft liegt mir das
Bedrfnis der Gegenwart. Sie trauen mir den Takt zu, Gndigste, da ich diesem
Bedrfnis nicht eine gefhlvolle Einkleidung geben werde. Das Leben meines
Herzens ist abgetan, und die Eitelkeit, das des Ihrigen zu erwecken, liegt mir
fern. Aber Freunde knnen wir einander sein; Rater und Helfer Sie mir, wie ich
Ihnen: ein offenbares Bedrfnis uns gegenseitig befriedigen.
    Sie, Frulein von Reckenburg, stehen vor einem wohlgelungenen Werke, dessen
mechanische Erhaltung Ihnen nicht gengt. Sie sind keine beschauliche Natur,
bedrfen von Stunde zu Stunde der selbsterrungenen Erfolge. Sie sehen sich
allein und suchen unter Fremden nach einem, der einen ehrwrdigen Namen und eine
bedeutende Bestimmung von Geschlecht zu Geschlecht tragen wrde. Nun, eine neue
organisatorische Wirksamkeit und einen Abschlu fr die Zukunft, das ist es, was
ich Ihnen zu bieten habe, indem ich Ihnen sage: Ziehen Sie sich selber aus
reinem, krftigem Stamm die Sprossen, die Sie dem absterbenden Baume der
Reckenburg animpfen wollen.
    Ich dahingegen - nun, Sie kennen mich, Sie wissen, was ich im allgemeinen
Gebiete leiste und im eigensten versume. Das Leben auf meinen Gtern stagniert,
und das meiner Shne treibt wilde Schlinge. Ich sehe es mit der Unruhe des
Vaters und Stammhalters, sehe es - und vermag es nicht zu ndern, nicht die
weiter tragenden Entwrfe, den Ehrgeiz, wenn Sie so wollen, zu beschrnken. Ich
bin nicht der erste Mann, der sein Haus gegen seinen Beruf zurcksetzt; jeder
Staatsdiener greren Stiles tut es, mu es tun. Lassen Sie mich hinzufgen, da
ich mich im Augenblicke dringender denn je in diesem Zwiespalt der Pflichten
befangen sehe. Das Oberprsidium der Provinz, das mir angetragen worden ist -
als Durchgangsposten zu einem hheren, ich wei es -, wrde mich dauernd aus
dieser Gegend entfernen; aufrichtiger: es wird mich entfernen, denn ich kenne
zum voraus meine schlieliche Entscheidung, und die Frage ist nur, ob ich mit
leichtem oder schwerem Herzen scheiden soll.
    Er machte eine Pause. Auch ich schwieg. Dann fuhr er fort:
    Legen wir unsere Hnde ineinander, Verehrteste. Es ist ein Vertrauen, wie
es Ihnen nicht reiner geboten werden kann. Sie fgen zu der unbeschrnkten
Verwaltung Ihres Besitztums die des meinigen nach freiem Ermessen. Die Aufgabe
ist nicht zu gro fr Sie. Sie werden, wie dem Vater die Statthalterin und
Gehilfin, so den Shnen die leitende Freundin, der sie so dringend bedrfen. Wie
keine zweite sind Sie die Frau, welche Knaben den Vater zu ergnzen und
allenfalls zu ersetzen vermag. Sie sind streng und wachsam, und Sie werden
gerecht sein, weil Sie die Anlagen des Mannes nach den eigenen messen drfen.
Mein ltester Sohn wrde die Militrschule verlassen und sich unter Ihrem
erweckenden Einflu zum Landwirt und Majoratserben ausbilden. Sie wrden fr die
jngeren die Lebensstellung ausfindig machen, welche, bei beschrnkteren ueren
Mitteln, ihren Anlagen entspricht, und wenn es dem Vater, mit beruhigtem
Gewissen, gelingt, seine Bestrebungen fr das Vaterland durchzufhren, so wird
das Gute, das er wirkt und geniet, in dem Buche Ihrer Segnungen verzeichnet
stehen.
    Nun, da sah ich einen Turmplan fr mein Haus! Da hatte ich ja einen
Familienzusammenhang bei ungestrter Freiheit fr mich selbst, eine Ttigkeit,
der gem, an welcher sich meine Krfte erprobt hatten, und eine zweite in den
Kauf, an der sich neue Krfte erproben konnten, erproben wrden, wie ich mir
zutrauen durfte. Denn wenn ich auch schwerlich die Sttze gewesen wre, an
welcher ein schwchliches Pflnzlein sich in die Hhe rankt, zu rauh fr eine
Tchtermutter vielleicht; Zucht und Schnitt verwilderter Schlinge, die hatte
ich an meiner Bauernschaft ben gelernt und htte sie wohl auch an einer
feineren Rasse bewhren lernen. Der Mann hatte recht; ich war eine Vormnderin,
eine Stiefmutter fr Knaben. Warum zgerte ich denn noch, warum sagte ich denn
nicht ja und Amen zu dem guten Wort.
    War die einsame Gewhnung denn so mchtig in der Eremitin des neuen Turms?
Achtete sie die Welt so hoch, deren drastischen Humor eine Altjungfernheirat zu
erwecken pflegt? Oder gab sie der Flsterstimme Gehr, die in ihrem Innersten
warnte: Es ist nicht, was du brauchst. Du wirst fertig damit, aber du wirst
nicht fertig mit dir selbst! Sprte sie einen heimlichen, noch unverstandenen
Protest gegen eine neue mnnliche Aufgabe, whrend das Weib nach seinem
verkmmerten Rechte drngte?
    Ich forderte Zeit zur berlegung, und es vergingen Wochen, in denen ich den
Grafen nicht wiedersah. Wochen der Unentschlossenheit, wie ich sie niemals
erfahren hatte. Endlich aber konnte eine Entscheidung nicht lnger verzgert
werden.
    Denn es nahte der Geburtstag des Knigs, an welchem nach einer zehnjhrigen
Regel das grte Gastgebot auf der Reckenburg erlassen wurde.
    Der gesamte Pomp des reichen Hauses entfaltete sich bei dieser Gelegenheit,
selbst die altgrflichen Juwelen der Ahnen muten fr die festlichen Stunden den
Glanz ihrer Erbin erhhen. Selbstverstndlich, da der Graf zu den Geladenen
gehrte. Ich erwartete die Erneuerung seines Antrages. Die Vernunft hatte
gesiegt: ich war entschlossen, ja zu sagen.
    Sooft der 3. August in dieser Weise auf Reckenburg schon verherrlicht
worden, es war mir nicht ein einziges Mal eingefallen, da vor ferner, ferner
Zeit im Morgengrauen dieses Tages ich einen ewigen Abschied genommen und das
Traumbild meiner Jugend hatte schwinden sehen. Heute, im fnfzigsten Jahre,
sollte der dritte August nun mein Verlobungstag werden.

                                Zwlftes Kapitel



                                Mutter und Sohn

Das war ein saures Mahl, mein Freund! Bei dem Toast, den ich auf Seine Majestt
den Knig ausbrachte, blieb ich stecken; jede Redensart, die ich anstandshalber
wechselte, verfing sich in meiner Kehle mit dem Ja, das ich nicht auszusprechen
vermochte und doch nicht unausgesprochen lassen wollte. Ein Glck, da man an
die Feste auf der Reckenburg keinen Anspruch als den der vornehmen Langeweile zu
stellen gewohnt war.
    Nach der Tafel zerstreute sich die Gesellschaft im Garten. Ich war allein
mit dem Grafen auf der Terrasse geblieben. Er hatte mir schon vor dem Essen
gesagt, da seine Ernennung eingetroffen, eine Entscheidung demnach nicht lnger
zu verzgern sei. Ich hatte den letzten Kampf bestanden, ein einleitendes Wort
tapfer herausgepret, und eben wollte ich meine Hand in die seine legen, als ich
eine bierbassige Stimme zu meinen Fen den Namen Hardine rufen hrte.
    Ihr seid, wenn auch in frher Jugend, Zeugen der nun folgenden Szene
gewesen, meine Freunde, habt sie ohne Zweifel spterhin manchmal rekapitulieren
hren. Ich brauche Euch also nur ber die Vorgnge in meinem Innern, die eine so
verdchtigende Wirkung hervorbrachten, aufzuklren.
    Im entscheidenden Momente unterbrochen, blickte ich auf und gewahrte einen
jungen, rstigen Mann, die Glut des Trunkenbolds auf dem Gesicht; zu jeder Zeit
mir die widerwrtigste Begegnung, bei dieser Gelegenheit aber doppelt ein
Greuel. Unter wsten, mir kaum verstndlichen Reden stieg er die Stufen heran,
ein Fuseldunst quoll mir entgegen: mit der Hand, die ich eben zu einem Verlbnis
ausgestreckt hatte, wehrte ich den dreisten Gesellen von mir ab. Er taumelte,
strzte, und eine Blutspur am Boden trieb mich an, ihn genauer ins Auge zu
fassen. Jetzt erst bemerkte ich die verwitterte Uniform, das kriegerische
Zeichen des Legionrs, den verkrppelten Arm; ich starrte in die narbigen Zge,
und eine erschtternde Ahnung berkam mich.
    Wie er nun aber pltzlich ernchtert, mir mit geballter Faust und drohendem
Trotze gegenbertrat, da weckte das stolze Zurckwerfen des Kopfes, der zornig
flammende Blick des blauen Auges in meiner Erinnerung ein lange schlummerndes
Bild; seltsamerweise aber nicht zuerst das des Sohnes, der sich einen Tod auf
dem Schlachtfelde gewnscht, sondern das des Vaters, der ihn so frh auf
demselben gefunden hatte. Prinz August, nicht August Mller, war pltzlich vor
mir lebendig geworden. Die Vision whrte nur einen Augenblick. Bei den ersten
Worten von Vater und Kind hatte ich mir ihre seltsame Begriffsverwirrung
erklrt; durfte ich aber, konnte ich vor dieser gaffenden Gesellschaft den
Irrtum lsen? Ehe ich noch einen Entschlu gefat, hatte sich der Mann zum Gehen
gewendet; ich sah einen aschfarbigen Schatten ber seine Zge fliegen, ihn sich
zitternd an das Laubengitter klammern; ich winkte dem Prediger, ihn zu
untersttzen, auch der Graf eilte ihm nach in merklicher Verblffung, bald waren
sie in dem Laubengange verschwunden.
    Ich war nicht in der Stimmung, mich mit meinen Gsten in Erluterungen
einzulassen; wir beknicksten uns wohl noch spter im Schlosse, und entfernten
sie sich ohne Abschied: desto besser. Da einer von ihnen im Ernst an die
Bezichtigungen des Fremden glauben knne, kam mir nicht in den Sinn. Ich suchte
die Stille meines Zimmers.
    In Wahrheit, ich fhlte mich tief bewegt. War doch, wie durch einen Zauber,
ein lange vergangenes, vergessenes Leben vor mir aufgerttelt, in dem
Augenblicke, wo ich ber den Rest desselben zu verfgen im Begriffe stand! Dazu
der verwahrloste Zustand des Mannes und seines Kindes, die Tuschung, der er
sich hingegeben und deren Berechtigung sein und mein alter Freund mir warnend
vorausgekndigt hatte. So sollte ich diesem Freunde nach einem Menschenalter
doch noch seine vielverspottete Frsorge danken lernen.
    Whrend ich nach August Mllers Taufzeugnis in meinen Papieren kramte,
zweifelte ich nicht an meinem Recht, den betrten Mann ber seine Herkunft
aufzuklren. Ich zeigte ihm, so meinte ich, das Attest, verschwieg den Namen des
Vaters, wie das fernere Schicksal der Mutter, und wenn ich fr ein schickliches
Unterkommen von Vater wie Tochter Sorge trug und ihre Zukunft sicherstellte, war
der Handel abgemacht.
    Eben hatte ich nach langem Suchen das Zeugnis gefunden, als der Prediger mit
dem Grafen bei mir eintrat. Der letztere in einer Aufregung, die mich an dem
gehaltenen Manne unangenehm befremdete. Er liegt im Wirtshause und simuliert
eine Krankheit, rief er mir hastig entgegen.
    Er ist krank, Herr Graf, widersprach der Prediger, das Fieber schttelt
ihn. -
    Ein Katzenjammer, wenn nicht das Delirium des Trunkenbolds! entgegnete der
Graf. Ein Glck, da ich heute noch Landrat des Kreises heie und ihm seine
Papiere abnehmen durfte. Lesen Sie, Frulein von Reckenburg!
    Er bergab mir bei diesen Worten jene mehrerwhnten schriftlichen
Kindheitserinnerungen August Mllers, und erging sich, whrend ich die Bltter
berflog, mit zornigen Worten ber das Wirrsal von Verleumdungen, welche sich
seit dem Morgen in der Gemeinde verbreitet hatten und ber Nacht in der Umgegend
verbreiten muten. Ich werde, so schlo er, den Vagabunden unverweilt in das
stdtische Krankenhaus und nach seiner Herstellung mittels Zwangspasses ber die
Grenze transportieren lassen. Der krzeste Weg, das Gerede abzuschneiden. Der
Mensch ist verrckt oder ein Betrger erster Sorte.
    Er ist keines von beiden, versetzte ich ruhig, indem ich die Handschrift
nebst den beiliegenden Attesten in meinem Schreibtische verschlo. August
Mllers Erinnerungen sind richtig, und der Schlu, den er irrtmlich daraus
gezogen hat, mag durch sein Elend entschuldigt werden. Er ist ein Eingeborener
von Reckenburg, und wir haben die Pflicht, ihn innerhalb der Gemeinde zu
verpflegen. -
    Ich klingelte bei diesen Worten und befahl dem eintretenden Diener, den
Hausarzt aufzusuchen und den Kranken im Wirtshause anstndig versorgen zu
lassen.
    Eine Gnade, die Ihnen bittere Frchte tragen wird, sagte der Graf, wie
mich dnkte, mit Hohn. Die erste ihrer Art, auf die man sich in Reckenburg wird
berufen knnen.
    Die erste Wohltat an einem Fremdling in Reckenburg! Die Lehre, so wenig sie
in diesem Sinne gemeint war, wrde schneidend gewesen sein, htte ich auf den
Ruhm einer barmherzigen Schwester berhaupt etwas gegeben, oder htte ich
wenigstens sie bei ruhigem Blute aufgefat. Aber des Grafen Verstimmung hatte
mich angesteckt. Ich trug in mir einen wunden Fleck, dessen Berhrung ich einst
meinem ersten Freunde schwer vergeben hatte, und die ich meinem letzten Freunde
nimmer vergeben haben wrde. Um drohenden, weiterfhrenden Auslassungen
wenigstens den Zeugen zu ersparen, bat ich den Prediger, mit dem Doktor
Rcksprache zu nehmen und, falls er die Verpflegung des Kranken im Wirtshause
nicht gengend fnde, seine bersiedelung nach dem Schlosse anzuordnen.
    Sobald ich mit dem Grafen allein war, sagte ich: Wollen Sie mir, Graf, die
bitteren Frchte nicht etwas nher bezeichnen, die mir, nach Ihrem Dafrhalten,
aus der Verpflegung eines Fremden erwachsen sollen? -
    Ja, aber welches Fremden? rief der Graf achselzuckend. Nach seiner
ffentlichen Anklage und dem Zugestndnis, welches Sie eben gemacht - -
    Sie meinen das Zugestndnis, ein verwaistes Kind in einer Anstalt
untergebracht zu haben? fragte ich.
    Haben Sie ein Zeugnis ber den Ursprung dieses Kindes aufzuweisen? fragte
der Graf dagegen.
    Ich denke, mein Wort gengt, entgegnete ich, indem ich den Taufschein, den
ich noch in der Hand hielt, zerknitterte.
    So sprechen Sie dieses Wort. Nennen Sie den Namen der Eltern, der in dem
Anstaltszeugnis so geflissentlich verschwiegen scheint.
    Und wenn ich ihn ebenso geflissentlich auch fernerhin verschweigen wollte?
    So wrden Sie vor sich selber den Unglimpf eines bis heute makellosen Rufes
zu vertreten haben.
    Bis dahin hatte ich meine Standhaftigkeit behauptet; nun hielt ich mich
nicht lnger. Sie sprechen damit aus, da ich ein eigenes Kind - -
    Nicht von mir ist die Rede, unterbrach mich der Graf, jetzt so ruhig, als
ich das Gegenteil war. Die Welt urteilt nach dem Schein, und mir als Beamten
und Ihrem Freunde steht es zu, diesem bsen Schein entgegenzutreten. Darum frage
ich Sie noch einmal: knnen, wollen Sie mir ein Zeugnis ber den Ursprung dieses
Mannes geben?
    Nein! sagte ich. Ob ich es nicht geben kann, oder es nicht geben will,
gleichviel. Ich bedarf keiner Freunde, die ein fremdes Zeugnis fr meine
Ehrenhaftigkeit ntig halten; und von dem Beamten, der das Recht meines
Heimatsgenossen nicht gelten lassen will, erwarte ich, da er den Gast meines
Hauses respektieren werde.
    Damit verlie ich ihn. Ich wute, da ich die offene Tr meines
Hochzeitssaales zugeschlagen hatte, und fhlte es wie einen Stein von meiner
Seele fallen.
    Bei alledem bebte ich vor innerer Entrstung. Dorothee lebte, und ich hatte
kein Recht, ihr Geheimnis preiszugeben. Htte sie selber aber dieses Geheimnis
zu meiner Rechtfertigung enthllen wollen, ich wrde das Wort auf ihren Lippen
zurckgehalten haben. Die Leidenschaft hatte meine Auffassung pltzlich geklrt:
nicht ich, die Mutter hatte ber das Schicksal ihres Sohnes zu entscheiden.
    Noch in der Nacht reiste ich mit den Kurierpferden nach Berlin. Ich reiste
ohne Dienerschaft, weil mir, ebenso um der Menschen willen, denen ich zueilte,
wie fr meine eigene Person, ein Ausspionieren und Ausdeuten meiner Schritte
widerstand.
    Bei einbrechendem Abend erreichte ich mein Ziel und begab mich, ohne erst
ein Hotel zu suchen, vom Posthause zu Fue nach der Faberschen Wohnung, die mir
jedes Kind zu bezeichnen wute. Gelang es mir, Dorothee noch diesen Abend ohne
Zeugen zu sprechen, so war meine Aufgabe erledigt, und ich reiste unerkannt noch
in der Nacht nach Reckenburg zurck. Der Zustand des Kranken beunruhigte mich.
Der Arzt, den ich vor meiner Abreise gesprochen und der einer bersiedelung nach
dem Schlosse widerraten, hatte ihn fr eine Lungenentzndung erklrt, Folge
schlecht geheilter Brustwunden, und bei der Gewhnung an starke Getrnke doppelt
bedrohlich. Auch ahnte ich, nach langem Stillstand, wieder so eine Art Krisis in
meinem Leben, die ich jedenfalls auf meinem Posten erwarten wollte.
    Wenn man solch eine Lebensgeschichte durchblttert, in welcher blo die
Hauptaktionen Schlag auf Schlag in hinlnglicher Breite geschildert werden,
whrend man die dazwischenliegende Ausfllung, die still umwandelnde Arbeit der
Zeit nur oberflchlich streift, da denkt man sich leicht die Personen
unverndert in dem innerlichen Verhltnis, in welchem sie bei der letzten Szene
zueinander gestanden haben. Und so knntet auch Ihr, junge lebhafte Menschen,
wohl whnen, da ich den alten Bekannten mit den alten, leidenschaftlichen
Empfindungen oder mit dem Herzklopfen der Schuld entgegenging. Aber
siebenundzwanzig Jahre waren vergangen, seit ich Dorotheens Heirat erfuhr, wie
manches Menschenleben spinnt sich in diesem Zeitraume ab, von der Wiege bis zum
Grabe! Und wenn ich in demselben auch keiner hervortretenden gemtlichen
Wendepunkte zu erwhnen hatte: eine gnzlich vernderte Lebensstellung, eine
groe, stark empfundene Weltepoche, Nachdenken und umfassende Ttigkeit hatten
mich zu einer anderen, die Menschen von einst mir zu Fremden gemacht. Ich wrde
heute Siegmund Faber ohne Verlegenheit gegenbergetreten sein und ihm
erforderlichenfalls Rede gestanden, mit Dorotheen aber die Lage der Dinge
gelassen, unter Bercksichtigung ihrer Natur und Stellung, besprochen haben. Ja,
wie ich so im Abenddunkel die Flucht der Straen entlang schritt, da kam mir
wiederholt der Zweifel, ob meine erste Entscheidung ber das Schicksal ihres
Sohnes nicht die richtige gewesen sei: ob der Totgewhnte nicht ein Toter fr
sie htte bleiben sollen?
    Indessen der Affekt hatte mich einmal zu dieser Erweckung des Mutterherzens
getrieben, und wir sind ja so leicht geneigt, hinter derlei persnlichen
Eingebungen eine ahnungsvolle Fgung vorauszusetzen. Jedenfalls konnte die
Stimmung fr meine Botschaft geprft und eine fernere Maregel mir berlassen
bleiben.
    Als ich mich dem Faberschen Hause nherte, fand ich das Straenpflaster mit
Stroh belegt, und bemerkte, da die Vorbergehenden gruppenweise zusammentraten
oder mit Neugier nach dem matterleuchteten ersten Stockwerk deuteten. Auch
einige unzusammenhngende Bemerkungen fing ich im Vorbergehen auf. Hier aus
diesem Fenster! - Der Mann kam dazu, der arme Mann!
    Die Haustr war unverschlossen, die Treppe leer, aber dicht mit Teppichen
belegt; alles still. Erst am Ausgange derselben harrte ein zurechtweisender
Diener, und im Korridor lie sich ein leises, geschftiges, ngstliches Treiben
beobachten.
    Sie ist krank und nicht zu sprechen, lautete die Antwort auf meine Bitte,
der Frau Geheimrtin gemeldet zu werden.
    Auch nicht fr eine durchreisende alte Bekannte?
    Fr niemand.
    Auch morgen nicht?
    Auch morgen nicht, beschied der Diener, erbot sich aber, mich dem
Geheimrat zu melden.
    Ich schwankte einen Augenblick. Der Zweck meiner Reise war verfehlt, doch
htte ich gerne ber den Zustand der Kranken nhere Auskunft gehabt, die mir die
sichtlich aufgeregte Dienerschaft nicht geben konnte oder wollte. Ich entschied
mich indessen, den Herrn so spt am Tage nicht stren, hingegen morgen noch
einmal vorfragen zu wollen, gab meine Karte ab und war im Begriff, mich zu
entfernen, als ein Trvorhang mir gegenber auseinandergeschlagen ward und
Siegmund Faber mit rascher Bewegung mir entgegentrat.
    Fnfunddreiig Jahre hatte ich ihn nicht gesehen, und ein fremdartiger
Ausdruck von Pein und Weh war seinen Zgen aufgeprgt; dennoch wrde ich, auch
an jedem anderen Orte, ihn auf den ersten Blick erkannt haben. Und auch seine
ausgestreckte Hand deutete an, da er ohne Besinnen in der Matrone, die ihm
unerwartet gegenberstand, das fnfzehnjhrige Mdchen wiedergefunden hatte. Der
Lauf der Zeit hatte in ihm wie mir keine entfremdenden Spuren zurckgelassen;
wir waren, wie man es nennt, organisch alt geworden; ein Vorrecht derer, die nur
schwach mit dem Herzen leben.
    Ich folgte seinem stummen Winke in das eigene Zimmer. Eine jammervolle
Stunde, Frulein Hardine, in der Sie mein Haus zum erstenmal betreten! sagte
er, indem er meine Hand mit tiefer Bewegung drckte.
    Hoffen Sie noch, Faber? fragte ich, zum voraus hoffnungslos.
    Er aber antwortete: Hoffen? Ja, ich hoffe, aber nicht auf das Leben. Und
als ich leise das Wort Hirnfieber nannte, da sagte er: Wenn dem so wre, Sie
wrden mich weniger ratlos finden. Nein, kein Fieber - -
    Ich schnitt seine Erklrung mit einer hastigen Bewegung ab; der Schauder in
seinem Blicke hatte meine Ahnung besttigt. Ich gedachte der Stunde, wo Dorothee
mir diesen Ausgang angedeutet hatte. Wir standen eine Weile schweigend und
lauschten auf die markerschtternden Tne, die aus dem Nebenzimmer drangen.
Stre ich Sie? fragte ich endlich.
    Leider nein! antwortete er. Nach auen fehlt mir die Ruhe, und da, wo ich
Tag und Nacht nicht weichen mchte, darf ich nur ein verstohlener Zeuge sein.
Die Unglckliche, so scheint es, sieht in mir nur den Arzt, vor dem sie sich
allezeit gescheut, nicht den trostlosen Gatten, dem sie bis zum uersten ihre
Qual liebreich verheimlicht hat.
    Und wann trat dieses uerste ein? fragte ich weiter.
    Das uerste erst gestern, versetzte er. Seiner Natur nach ist es ein
heimtckischer, schleichender Zustand, der vielleicht schon vor unserer
Vereinigung begonnen hat. Alles in allem: ein Rtsel.
    Ich schwieg mit gesenktem Blick. Ich allein htte ihm ja den Schlssel zu
diesem Rtsel reichen knnen.
    Er lud mich darauf zum Niedersitzen ein, nahm an meiner Seite Platz und
schilderte mir jenen erstarrenden Krampf, der seit dem Hochzeitstage von Zeit zu
Zeit das blhende Geschpf berfallen habe. Bisweilen, sagte er, konnte ich
die Krise stundenlang voraussehen. Sie war beklemmt, unruhig, trat wiederholt
mit ber der Brust gekreuzten Hnden auf mich zu, eine Gebrde, durch welche sie
schon als Kind eine Bitte so unwiderstehlich auszudrcken verstand, sie sah mit
einem herzzerreienden Blicke zu mir in die Hhe, vermochte nicht zu reden und
kmpfte so fort, bis sie erstarrt, mit stockendem Puls, aber vlligem
Bewutsein, zu Boden sank. Da der Zustand jedoch nur selten eintrat, rasch
vorberging und keine gesundheitliche Strung hinterlie, nahm ich ihn als eine
jener unverfnglichen nervsen Affektionen, denen Frauen in kaum berechenbarer
Weise unterworfen sind. Ich suchte seinen Grund in der jahrelangen Spannung des
Brautstandes, in dem dann allzu pltzlichen Wechsel aller Lebensverhltnisse,
unter denen sie nur allmhlich in Ruhe und Stille heimisch werden knne. Ich
schonte sie, schonte sie vielleicht zu sehr. Ich verfiel in den Irrtum vieler
rzte, die das krperliche Leben ihrer Angehrigen nach den bedenklichen
Erfahrungen ihres Berufes und das seelische nach ihren eigenen Bedrfnissen
beurteilen. Weil mir nach einem abspannenden Tagewerk eine Pause des Ausruhens
Wohltat war; weil ich nichts verlangte, als das holdselige Geschpf, still und
vergoldend gleich einem Sonnenstrahl, die Schatten meines Berufslebens streifen
zu sehen: in meinem selbstschtigen Behagen bersah ich ihr unausgeflltes
Einerlei, verga den Widerspruch mit ihrer ursprnglich bewegsamen Natur, verga
ihn um so leichter, als sie selber niemals klagte, nach nichts verlangte, immer
versicherte, wohl zu sein, und keine Spur des Hinwelkens ihre Worte Lgen
strafte. Sie war und blieb ein blhendes, liebliches Kind, Frulein Hardine, ein
Engel der Demut; Dorothee, meine Gottesgabe, mein Sonnenstrahl!
    Der Mann verbarg das Gesicht hinter seinen Hnden, ich hrte ein
krampfhaftes Schluchzen: lange vermochte er nicht weiter zu reden, und als er
endlich von neuem begann, geschah es mehr zu sich selbst als zu mir. Die
unterdrckte Natur rcht sich allemal - allemal! - wenn ich sie htte reisen
lassen - ihr Zerstreuung und Umgang gesucht - Licht und Luft um sie geschaffen
in der weiten Einde der Stadt: nichts, nichts habe ich fr sie getan; mich an
ihrem Anblick erquickt, Egoist, der ich war, und nun so grausam bestraft!
    Eine neue Pause folgte. Nachdem er sich gesammelt hatte, fuhr er rasch,
gleichsam geschftsmig fort: Unter den erschtternden Ereignissen des
Herbstes 1806 hatte ihr Leiden sich gesteigert. Als ich bei meiner Rckkehr von
der Armee unerwartet bei ihr eintrat, umfing ich minutenlang eine Leiche. Der
Zustand kehrte seitdem fter wieder, dauerte lnger, man mchte sagen, er wuchs
mit den Qualen und Enttuschungen des Vaterlandes. Im Sommer 1809, als Schlag um
Schlag das Scheitern Schills und Braunschweigs, die Niederlage sterreichs
bekannt wurden, schien er seinen Hhepunkt erreicht zu haben. Dann trat eine
Pause ein; die Stille der Resignation, um unter den Opfern der Erhebungszeit von
neuem aufzuwachen. Ich war der Armee gefolgt und hrte spter erst von anderen -
niemals von ihr selbst -, da sie sich den Frauenvereinen angeschlossen hatte,
die nach den mrkischen Schlachten sich des Dienstes in unseren Spitlern
unterzogen. Armes, zrtliches Kind, das niemals einen Blutstropfen sehen, von
einer Wunde nur reden hren konnte! Tag fr Tag trat sie den Gang durch die
Leidenssttten an, ging von Bett zu Bett, starrte angstvoll in jedes
Krankenangesicht, als ob sie einen suche, der nicht zu finden, einen retten
wollte, der nicht zu retten war, und brach dann am Ausgange vernichtet zusammen,
um anderen Tages den qualvollen Weg von neuem anzutreten.
    Selbstverstndlich wrde ich, wenn zur Stelle, diese zwecklose Folter
gehindert haben. Als ich aber nach Jahr und Tag aus Frankreich heimkehrte, fand
ich die Spitler geleert und Dorothee fast unverndert die alte. Erst whrend
der Tage von Ligny und Waterloo - ich befand mich wieder bei der Blcherschen
Armee - soll eine kurze Katastrophe eingetreten sein, die mich auf die heutige
htte vorbereiten knnen. Ich war nicht Zeuge derselben, und trstete mich
wiederum, da die eindrucksfhige Kindernatur, die Idiosynkrasie gegen alles,
was Tod und Leiden heit, diese gewaltsame Erschtterung hervorgerufen habe. Ihr
gegenwrtiger Zustand, ohne jeglichen Anla von auen her, spricht jenem Troste
Hohn. Ich stehe wie ein Narr vor diesem Rtsel der Natur.
    Sie drfen denken, Frulein Hardine, da da, wo mein ganzes Lebensglck auf
dem Spiele stand, ich dem eigenen Urteil nicht allein vertraute. Ich habe den
Rat meiner anerkanntesten Kollegen in Nhe und Ferne eingeholt. Einmal aber
strubte sich Dorothee mit einer Heftigkeit, die ihrem sonstigen Wesen vllig
fremd war und ihren Zustand steigerte, gegen jede rztliche Behandlung; dann
aber wute auch kein einziger eine zweckmig scheinende Methode vorzuschlagen.
Sie selbst erklrte sich fr gesund, und sie schien es zu sein. Ich mute mich
allerseits mit dem Vorwurf hypochondrischer ngstlichkeit abfertigen lassen.
Hchstens da man das Postulat der Kinderlosigkeit als die Ursache momentaner
krperlicher oder gemtlicher Strungen zu Markte brachte. Ich bin aber zu sehr
Arzt, um ein Freund derartiger Postulate zu sein. Unsere Kunst ist eine der
Exemtionen. Dorothee war zu zart fr ein Martyrium, dem meine Mutter erlag, als
sie mir das Leben gab, und lassen Sie mich hinzufgen, Frulein Hardine,
Dorothee war zu sehr Kind fr die Kinderzucht, bei welcher der Vater ihr so
wenig eine Sttze zu sein vermochte. Sie erkannte das auch wohl selbst. Niemals
hatte sie eine mtterliche Sehnsucht angedeutet; ja ich sah sie von einem
Schauder befallen, als wir auf einer unserer seltenen gemeinsamen Wanderungen
durch die Stadt einer Schar tobender Waisenknaben begegneten. Als ich ihr nach
1806 - nicht zu meiner, nur zu ihrer eigenen Ausfllung - den Vorschlag machte,
eine Soldatenwaise zu adoptieren, da war ein Krampfanfall ihre Antwort, und
nachdem die Sprache wieder zurckgekehrt war, sagte sie nichts als mit der
flehendsten Gebrde: Bitte, bitte - nein!
    Man gewhnt sich an solchen Zustand, Frulein Hardine. Mein Berufsleben
wurde immer absorbierender. Ich war hufig auf Reisen, und wenn in Berlin, oft
nur minutenweise in meinem Hause anwesend. Da bemerkte ich es denn kaum, da sie
von Jahr zu Jahr stiller und in sich gekehrter ward, ja da wohl Tage vergingen,
ohne da ich einen Laut von ihren Lippen vernahm. Das Alter macht naturgem
schweigsam, und was htten wir im Grunde uns auch mitzuteilen gehabt? Sie
erlebte zuwenig und ich zuviel, aber doch nicht das, was zu huslichem Austausch
sich eignete. Die bengstigenden Zuflle hrten allmhlich auf, ich fhlte mich
beruhigt - bis, ja, es mgen jetzt drei Monate sein -
    Da konnte ich mir denn nicht lnger verbergen, da die stumme Apathie in
eine seltsame Aufregung umgeschlagen war. Sie ging den ganzen Tag im Zimmer auf
und ab und sa die Nchte mit offenen Augen in ihrem Bette, oder ich traf sie
wohl auch nachts leise auf und nieder wandelnd. Mahnte ich sie zur Ruhe, so
gehorchte sie ohne Widerspruch, legte sich und stellte sich schlafend. Sobald
ich aber in meine Kammer zurckgekehrt war und sie sich unbeobachtet glaubte,
richtete sie sich auf und begann ihre Wandelgnge von neuem. Sie schlummerte
nicht, sie fragte nach nichts und antwortete nur mit stummen, aber deutlichen
Gebrden; sie nahm nur gezwungen die notdrftigste Nahrung. O da das arme Hirn
in dieser Zersetzung sich leise erschpft htte, aber seit gestern - -
    Seit gestern? drngte ich gespannt.
    Seit gestern - -
    Ein schriller Schrei aus dem Nebenzimmer unterbrach ihn. Er sprang auf und
lauschte hinter dem Vorhang an der sacht geffneten Tr. Wer fat es, Frulein
Hardine, sagte er darauf, als es drinnen wieder still geworden war, wer
ertrgt es, die friedfertigste Kreatur enden zu sehen unter den Qualen einer
Mrderin, sie mit Gewalt vom uersten abhalten zu mssen, - - o Gott, Gott!
gestern in der Dmmerstunde ein unbewachter Moment, und - sie wrde - -
    Der Mann konnte nicht weiter; auch ich stand erschttert bis ins Mark. Seit
Monden, wo der Sohn, eine Mutter suchend, das Land durchwanderte, und gestern,
gestern, da er im Wahn seine Hand nach einer anderen ausstreckte, - - darf man
an solche Sympathien glauben, an eine elektrische Strmung des verwandten
Blutes?
    Drfte ich sie sehen? fragte ich nach einer langen Stille den
unglcklichen Mann.
    Sie wrde Sie nicht erkennen, schwerlich bemerken. Aber Sie, wie sollten
Sie diesen Eindruck ertragen? Frulein Hardine - sie rast!
    Fhren Sie mich zu ihr, sagte ich voranschreitend. Unter der Tr hielt ich
an. Eine Frage noch: ist es eine formlose Beklemmung, oder - -
    Es ist ein fixiertes Wahnbild, versetzte Faber flsternd, das
sinnloseste, - - oder sollte dennoch eine unterdrckte mtterliche Sehnsucht - -
sollte ich zum zweitenmal genarrt - -? Doch genug der fruchtlosen Grbeleien.
Sie qult sich mit der verzweifelten Idee, eine Kindesmrderin zu sein. Nicht
aber eines eigenen, neugeborenen Kindes, wie es ein hufiger Wahn irrsinniger
Frauen ist; nein, ber einen Knaben tobt sie, einen Waisenknaben, den sie, sie
selber totgeschossen haben will. Auf Viertelstunden tritt wohl eine Pause ein;
dann formt sie aus Kissen und Tchern einen Knuel, pret ihn an ihr Herz und
liebkost ihn wie eine Mutter ihr Kind; bald aber zerreit sie mit der Kraft der
Raserei den Balg in Stcken, schleudert ihn von sich, schreit auf, sieht sich -
oder wen? - in einer teuflischen Umgebung, die sie die Schwarzen nennt, und kann
nur mit Zwangsmitteln zurckgehalten werden, eine gewaltsame Befreiung aus
dieser Seelenqual zu suchen. Und dennoch, dennoch, sollten Sie es glauben,
Frulein Hardine? das engelhafte Gemt hat sich auch in diesem uersten nicht
bemeistern lassen. Vor dem trostlosen Gatten mchte sie ihre Folter auch jetzt
noch verheimlichen. Still, still! flstert sie, sooft ich mich nahe. Da aber die
Angst strker ist als der Wille, wird sie immer unruhiger, windet sich, bumt
sich, sthnt, bis ich mich entferne und sie wie erlst aufatmet, um bald von
neuem von dem gemordeten Knaben und den Schwarzen verfolgt zu werden.
    Wir traten in das Krankenzimmer. Es war tageshell erleuchtet, denn die
bedrohenden Gespenster wuchsen in der Dunkelheit. Zwei baumstarke Wrterinnen
versahen den Dienst. Dorothee sa im Bett in unbezhmbarer Unruhe. Mit der einen
Hand stie sie eine kalmierende Arznei zurck, mit der anderen ri sie die
Eisblase ab, die man auf dem Kopfe festzuhalten suchte. Das einst goldige Haar
hing wie eine Silberwelle, von geschmolzenen Eistropfen berperlt, an den
Schlfen herab, das Antlitz glich einer schneeigen Blte, und die erweiterten
Augen flogen in ruhelosem Flimmer auf und nieder. Das unglckselige Weib, im
fnfzigsten Jahre, in den Banden des Wahnsinns, an der Pforte des Grabes, war
noch immer schn; ja mich dnkte, ich htte es niemals schner gesehen als in
diesem Aufruhr der heimlichsten Natur.
    Ich bedeutete die Wrterinnen, ihr fruchtloses Bemhen aufzugeben; sie zogen
sich zurck und ich setzte mich auf einen Stuhl am Bette. Der Mann lauschte
verborgen im Hintergrunde, kein Atemzug ging durch den Raum.
    Eine lange Weile bemerkte sie mich nicht; sie hatte eine ihrer ruhigen
Minuten; geschftig bndelte sie die Eisblase, die sie sich vom Kopf gerissen,
in ein Tuch und prete sie an ihr Herz. Hu, hu, wie kalt! murmelte sie
schaudernd, wie kalt!
    Ich trat dicht an sie heran, ergriff ihre beiden Hnde und senkte meine
Augen fest in die ihren. Kennst du mich noch, Dorothee? fragte ich.
    Und wunderbar! Kaum da sie meine Stimme vernommen und nur einen Moment
forschend zu mir aufgeblickt hatte, rief sie: Hardine, Frulein Hardine!
    Der lauschende Mann konnte einen Laut der berraschung nicht zurckhalten.
Dorothee horchte gespannt. Still, still! flsterte sie, indem sie das Bndel
unter ihrer Decke verbarg. Als aber alles wieder ruhig geworden war, zog sie es
von neuem hervor, drckte meine Hand darauf und sagte: Fhlen Sie, Frulein
Hardine, wie kalt! Es ist tot, hu, so kalt, so kalt, das arme Kind, tot!
    Es ist kein Kind, Dorothee, sagte ich, es ist ein kalter Stein, der lange
auf deinem Herzen gelegen hat. Ich will ihn von dir nehmen. Siehst du, nun ist
er fort, nun wird dir leichter werden, Dorothee.
    Sie lie es willig geschehen, da ich das Bndel von ihr nahm; aber sie
wimmerte immerzu: Tot, tot, das arme Kind tot! Einen Augenblick schwankte ich
noch; dann wagte ich es, dem Lauscher zum Trotz, auf alle Gefahr. Ich drckte
die Hand der jammernden Mutter an mein Herz und sprach mit erhobener Stimme:
Das Kind ist nicht tot, Dorothee. Gott ist ein Vater der Waisen, der Knabe
lebt!
    Er lebt, er lebt! schrie sie auf. Wer sagt, da er lebt? Wer hat es
gesehen, da er lebt?
    Hardine sagt es, versetzte ich, Hardine hat ihn gesehen. Der Knabe lebt!
    Er lebt, er lebt! rief sie. Hardine sagt es, Hardine lgt nicht, niemals!
Hardine hat ihn gesehen. Er lebt! Wo, wo? Fhre mich zu ihm, Hardine!
    Ja, ich will dich zu ihm fhren, Dorothee. Ich will dich mit mir nehmen
nach Reckenburg. Weit du noch? nach Reckenburg, Dorothee. -
    Eine Minute lang sa sie sinnend, rieb sich die Stirn und murmelte:
Reckenburg! Reckenburg! Endlich hatte sie es gefunden. In Reckenburg, ja, in
Reckenburg, da wars. Nicht im Waisenhause, nicht bei den Schwarzen. In
Reckenburg lebte er. Frulein Hardine hat ihn gesehen. Frulein Hardine nimmt
mich mit nach Reckenburg; Frulein Hardine hlt Wort! Sie klatschte in die
Hnde wie ein Kind. Nach Reckenburg! jubelte sie, kommen Sie, Frulein
Hardine.
    Ich bringe dich nach Reckenburg, sagte ich; aber nicht heute; erst mut
du gesund werden, liebe Dorothee.
    Ich bin gesund, ganz gesund, versicherte sie, indem sie Anstalt machte,
das Bett zu verlassen.
    Ich konnte sie nur mit Mhe darin zurckhalten. Du bist krank, Dorothee,
sagte ich bestimmt; du wirst aber bald gesund werden, wenn du mir folgst. Nimm
diese Tropfen; lege dich ruhig hin, drcke die Augen zu und schlafe aus. Dann
gehst du mit mir nach Reckenburg.
    Ich will Ihnen folgen, Frulein Hardine, sagte sie und nahm ohne Struben
den Trank, dem sie sich bisher so gewaltsam widersetzt hatte. Pltzlich wurde
sie aber wieder unruhig, sphte ngstlich im Zimmer umher und flsterte mir ins
Ohr: Er, er! Wenn er nun kommt? Wenn er es nun merkt? Er lt mich nicht fort,
Frulein Hardine.
    Sei ruhig, ich wache bei dir, entgegnete ich laut. Und er wird dich mit
mir gehen lassen, denn er liebt dich, Dorothee.
    Frulein Hardine wacht bei mir, lispelte sie schon mit schlfrigen Augen,
lie sich darauf, gehorsam wie ein Kind, das durchnte Haar von mir abtrocknen,
warm einhllen und betten. Ihre beiden Hnde ruhten in den meinen; sie blickte
noch einigemal in die Hhe, als sie mich aber ruhig auf dem Bettrande sitzen und
meine Augen wachsam auf sich gerichtet sah, schlummerte sie sanft atmend ein.
    Nach einer Weile erhob ich mich leise und trat zu dem, welcher diesem
Auftritte unbemerkt gelauscht hatte. Trnen, vielleicht die ersten des bewuten
Lebens, rannen ber seine Wangen. Er drckte meine beiden Hnde an sein Herz.
Die Wohltat einer ersten friedlichen Stunde! sagte er. Welch ein Zauber liegt
doch in den frhesten Erinnerungen, in den Menschen, welchen wir am frhesten
vertrauten. O des Selbstschtigen, Verblendeten, der nur nach dem Pendelschlag
der Stunde gerechnet hat! Wenn ich sie vor Jahren Ihnen zugefhrt htte, vor
Monaten noch - -
    Und wenn es noch jetzt nicht zu spt wre, mein Freund? fragte ich.
    Er aber schttelte den Kopf und antwortete: Es ist zu spt.
    Ich versprach ihm darauf, die Nacht bei Dorothee zu wachen, und bat ihn, fr
einige Stunden die Ruhe zu suchen, deren er so dringend bedrfe.
    Auch ich werde Ihnen folgen, sagte er und ging nach einem wehmtigen Blick
auf die Schlummernde in sein Zimmer. Von Viertelstunde zu Viertelstunde erschien
er indessen lauschend unter der Tr, bis er endlich mit dem Entschlusse,
schlafen zu wollen, in ein paar Stunden ungestrter Ruhe die erschpften Krfte
wiederfand.
    Ich sa allein bei der Kranken, ihre Hnde in den meinen, und Gott wei! in
welchem Aufruhr der Gedanken! Was fr eine Ironie in dem beglckenden Wahne des
getuschten Mannes? Was fr eine Strafe in dem grlichen Wahne der tuschenden
Frau! Aber sie lag so still, sie atmete so gleichmig leise; sollte es wirklich
zu spt sein, Wahrheit und Frieden an Stelle der Irrung walten zu lassen?
    Nein, ich hoffte noch, hoffte noch, als ich mich beim grauenden Morgen
erhob, um die Lampen zu lschen und die Fensterbehnge zurckzuziehen. Als ich
aber nach wenigen Minuten auf meinen Platz zurckkehrte, da gewahrte ich jene
pltzliche, unbeschreibliche Wandlung, welche jede Hoffnung vernichtet.
    Ich htte Siegmund Faber herbeirufen mgen zum letzten Lebewohl. Aber
Dorothee schlug jetzt die Augen zu mir auf, nicht mehr im Flimmer des Wahns,
nein, die fragenden Kinderaugen aus ihrer schuldlosen Zeit. Sie tastete nach
meiner Hand und flsterte in mein Ohr: Glaubst du, da Gott barmherzig ist,
Hardine?
    Ich glaube es, Dorothee, antwortete ich bestimmt.
    Auch gegen eine, die nicht mehr Vater zu ihm sagen darf?
    Gegen jedes schwache, irrende Geschpf, das sich nach seiner Vaterliebe
sehnt.
    Und er lebt, hast du gesagt, er lebt?
    Er lebt, und ich werde meine Augen ber ihn halten und ihm sagen, da im
Vaterreiche eine liebende Mutter seiner Heimkehr harrt.
    Kaum hatte ich diese Worte gesprochen und Dorothee mit letzter Lebenskraft
ihre Lippen auf meine Hand gedrckt, als Siegmund Faber in das Zimmer trat und
mit einem herzdurchdringenden Schrei an dem Sterbebette niederstrzte. Sie
schlug das brechende Auge noch einmal zu ihm auf, ein letztes Beben erschtterte
den halberstarrten Leib. Faber! rchelte sie. Barmherzigkeit, Faber! Herr,
mein Heiland, Barmherzigkeit!
    Und alles war zu Ende.
    Ich entfernte mich unbemerkt. Als ich aber nach etlichen Stunden
wiederkehrte, um Abschied von dem Freunde zu nehmen, da fand ich ihn noch auf
der nmlichen Stelle, umklammernd die tote Gestalt, die er bis zum letzten sein
Kind und nicht einmal sein Weib genannt hatte. Doch fate er sich, sobald er
mich bemerkte, und begleitete mich aus dem Sterbezimmer, nachdem ich mit einem
langem Blicke von dem auch im Tode noch schnsten Weibe Abschied genommen hatte.
    Solange ich lebe, Frulein Hardine, sagte er werde ich Ihnen diese sanfte
Erlsungsstunde danken. Sie war meine Lebensfreude, mein ganzes Glck!
    Ich trennte mich von Siegmund Faber mit dem heiligen Vorsatz, die Erinnerung
an seinen Sonnenstrahl rein zu erhalten vor jedem trbenden Hauch.
    Meine Seele war erfllt von dem Schauerbilde einer beleidigten und sich
rchenden Natur, aber auch - ich sehe deine Trnen flieen, mein Kind! -, aber
auch von einem Vershnungsglauben, wie ich ihn niemals strker an einem
Sterbebette empfunden habe. Sie hatte den Frevel gegen Gottes ewige Ordnung
erkannt und mit allen Qualen eines armen Menschenherzens hienieden gebt; der
Wahn war dem Leben voraus geflchtet, mit dem Flehen, in dem sie geschieden ist,
wird sie jenseit begonnen haben und Vater sagen drfen, den wiedergefundenen
Sohn an ihrer Hand.
    In dieser Stimmung nahm ich es als eine trostreiche Erfllung, da ich bei
meiner Heimkehr nach Reckenburg alsobald an ein zweites Sterbebett berufen ward,
zu einem Scheiden, so klar und gefat, wie das tapfere Herz es sich dereinst,
wenn auch in mchtigerer Umgebung, gewnscht hatte.
    Frulein Hardine, rief mir August Mller entgegen, Sie sind nicht meine
Mutter, ich wei es jetzt, denn der Tod macht hell. Vergeben Sie mir die Unehre,
welche meine Torheit ber Sie verbreitet hat.
    Du suchtest eine Mutter und irrtest in gutem Glauben. Du hast mich nicht
beleidigt, August, versetzte ich aufrichtig, indem ich ihm die Hand reichte.
    Er drckte sie krftig, lag eine Weile in Nachdenken versunken und sagte
dann: Eins noch, Frulein Hardine: jene weie Frau mit dem gelben Haar, die ich
bei der Leiche Ihres Vaters sah, ist sie -?
    Sie war deine Mutter, August. Sie ist dir in Liebe vorangegangen. Ich aber
werde an ihrer Statt fr deine Tochter Sorge tragen.

                         Einschaltung des Herausgebers


Ja, unser tapferer Invalid ist tot! Drei Tage, nachdem er hoffnungstrunken das
Waldhaus Muhme Justines wiedererkannte, ist er dahin, und wohl ihm! rufen wir
ihm nach. Wir htten ihm den Todesstreich von einem Trkensbel gegnnt; aber
zehn Friedensjahre hatten sein Lebensmark aufgezehrt. Nun starb er rasch, wie er
gelebt, gut gepflegt auf heimischem Grund, und sein brechender Blick fiel auf
das verwaiste Kind, welches Frulein Hardine zum Schutz in ihre Reckenburg
fhrte. August Mller endete glcklicher, als seine brave Lisette auf dem
Sterbebett geahnt hatte. Wohl ihm!
    Und wieder drei Tage spter sehen wir Frulein Hardine als einzige
Leidtragende seinem Sarge folgen zu der Ruhesttte, die ihm an der Seite der
treuesten Dienerin bereitet worden war. Es war dies eine letzte Ehre, welche
die Herrin jedem ihrer Gemeindeglieder erwies, und wir, die wir ihre
Bekenntnisse gelesen haben, wissen, welchen Erinnerungen sie durch dieselbe in
diesem besonderen Falle gerecht ward, die Zeitgenossen aber, welche die Wahrheit
erst aus diesen Blttern erfahren werden, die schrien im Chor: Einem Fremden,
einem bettelnden Tagedieb! dem, der die schwerste Bezichtigung gegen sie
verbreitet hat?
    So war es denn Frulein Hardine selbst, die, schweigend und handelnd, dieser
Bezichtigung Vorschub leistete, in einer Weise, da ihr goldheller Namen dauernd
dadurch geschwrzt werden sollte. Wir wollen uns nicht dabei aufhalten, wie dem
starren Erstaunen die kleinlichsten Sprversuche folgten, wie der verbissene
Neid triumphierte, Entrstung, ja Emprung gegen die langjhrige Heuchelei laut
und ffentlich zur Schau getragen ward. Das Haus, zu welchem der Eintritt als
hohe Gunstbezeigung erstrebt worden war, sah sich scheu gemieden, gleich einem,
in welchem ein ansteckendes Fieber ausgebrochen ist; der stolze Bau des Rechtes
und der Ehre schien in seinem Fundament erschttert; keine Hand regte sich, ihn
zu sttzen, seitdem selber der Graf die Beziehungen zur Reckenburg und alle
Zukunftsaussichten aufgab und, schweigend zwar, eben darum aber sprechend genug
fr die gespannten Lauscher, auf seinen neuen hohen Verwaltungsposten eilte.
    Wer htte nicht in hnlicher Weise eine wankende Autoritt verlassen sehen?
Gleichwohl wrde der geruschvolle Eifer bei dieser Katastrophe nicht
hinlnglich zu erklren sein, wenn der Zeitpunkt derselben auer acht gelassen
wrde. Der bermigen Anstrengung aller Lebenskrfte in Not und Kampf waren
zehn Jahre einer apathischen Stille nachgeschlichen; in beschrnktem Kreise
wiederherstellend und aufbauend, folgte jeder einem tiefen Ruhebedrfnis. Aller
Abzug in weitere Gebiete war unterdrckt, die staatsbrgerlichen Interessen
schwiegen, selbst unsere jngsten groen Erinnerungen schienen wie mit dem
Schwamme ausgelscht. Mit dem patriarchalischen Behagen verbreitete sich
patriarchalische Kleinsucht und Fraubaserei. Ein weniger bemerkenswertes
Ereignis als der Sturz von Frulein Hardines Ehrenkrone wrde in einer solchen
Epoche als eine Haupt- und Staatsaktion verhandelt worden sein, weit mehr als
der Sturz von Knigskronen in einer anderen.
    Ob Frulein Hardine diesen Sturz bemerkte? Ob sie ihn einer Beachtung
wrdigte? Kein Zeichen deutete es an. Sie bewegte sich nach wie vor
zuversichtlich in ihrem Tagewerk, und scheute sich nicht, das angezweifelte
Wesen, das sie demselben eingefgt hatte, immer dichter in ihre Nhe zu ziehen.
Unter allen Umstnden tat sie keinen entgegenkommenden Schritt, der eine
vershnliche Stimmung eher als jener hochmtige Gleichsinn angebahnt haben
wrde. Wir aber, die sie die Ihren nannte, wir Reckenburger Leute, ei nun, wir
kmmerten uns nicht um Klatsch und Matsch. Wir glaubtens nicht und wir
bezweifeltens nicht. Wie Frulein Hardine es uns gelehrt, sorgte ein jeder fr
das Seine.
    Indessen: das heftigste Unwetter verzieht, und auch die Windsbraut um
Reckenburg legte sich; nicht ganz so jhlings, wie sie herangebraust war, aber
hbsch sacht und gemtlich nach deutscher Strme Art. Die Hand, die eine
Reckenburg zu verschenken hat, behauptet ihre Anziehung; die
Standesgenossenschaft besann sich auf ihre alten Hoffnungen, auch die
brgerliche Klientel auf gelegentliche Bercksichtigung. Bald ersehnte jedermann
nur einen Anla, um ffentlich zu verleugnen, was heimlich von keinem bezweifelt
ward. Dieser Anla aber lie nicht lange auf sich warten, und es war die Stelle,
von welcher man im lieben Vaterlande alle Hilfe beanspruchte, zu der man sich
selber nicht entschlieen konnte, die allerhchste, der man auch die Rettung von
Frulein Hardines Ehrenkrone zu verdanken hatte. Das Frulein erhielt das Diplom
einer Ehrenchanoinesse des vornehmsten Damenstiftes der Monarchie, und damit die
Prrogative einer verheirateten Frau. Sie machte von dieser Sonderstellung
keinen Gebrauch, nannte sich und lie sich nennen Frulein von Reckenburg. Man
erzhlte sich auch, da sie eine grfliche Erhebung ihres Wappenschildes
dankbarlichst ausgeschlagen habe. Sie schien sich darauf zu steifen, als
Freifrulein in die Grube zu fahren. Die knigliche Gunstbezeigung wurde jedoch
zum Signal, die Verunglimpfung zu bezweifeln oder gromtig zu decken.
    Ein tapferer Veteran der Befreiungskriege, von pltzlichem Fieberwahnsinn
befallen, hatte auf Reckenburg eine Pflegestatt und ein ehrenvolles Grab, seine
hilflose Waise hochherzige Versorgung gefunden. Wehe dem, der Jahr und Tag nach
dem verhngnisvollen Knigsfeste eine andere Version ber die groe Katastrophe
htte laut werden lassen! Frulein Hardine feierte weder heuer noch jemals
spter den 3. August mit einem patriotischen Mahl; htte sie ihn aber gefeiert,
sie wrde kein geladenes Haupt an ihrer Tafel vermit haben.
    Indessen die Gste stellten sich auch ungeladen wieder ein. Visiten,
Ratsuchende, Huldigende, Hoffende meldeten sich, das Lcheln der Unschuld auf
den Lippen, so als ob sie nimmer gewichen, und wurden empfangen, so als ob sie
nimmer vermit worden wren. Scheiden und Meiden schien auf beiden Seiten
vergessen; das alte Fahrgleis zur Reckenburg war wiederhergestellt, nur da die
Blicke sich je mehr und mehr zwischen der groen und der an ihrer Seite
heranwachsenden kleinen Hardine teilten.
    Denn wie staunten die ersten Besucher, in der verwahrlosten Landstreicherin
schon nach Jahresfrist ein Kind wiederzufinden, gesund und lieblich, wie man je
eines gesehen. Frwahr, Frulein Hardine hatte eine glckliche Hand. Auch ihr
trbseliger Schtzling war gediehen in der Luft des neuen Turms und auf den
Flurwegen, wo sie der Herrin tgliche Begleiterin geworden. Die Nachbarschaft
erwartete in Blde den Akt einer Adoption, dem die Adelsbesttigung nicht fehlen
werde. Man zhlte zum voraus die Reihe der ritterlichen Jnglinge, die ohne
Scheu das Erbe der Reckenburg aus der Hand der Marketenderinnentochter empfangen
wrden. Und diese Reihe war lang.
    Aber nichts von dem Erwarteten geschah. Frulein Hardine tat keinen Schritt,
um die kleine Plebejerin zu ihrem eigenen Range zu erheben. Sie machte nicht
einmal ihr Testament. Ihre Pflegebefohlene blieb nach wie vor Hardine Mller.
    Auch wurde sie keineswegs herangebildet, wie es einer Erbin von Reckenburg
geziemt haben wrde: keiner vornehmen Kostanstalt, keinem gelehrten Hofmeister,
keinen fremdlndischen Gouvernanten bergeben. Der erste Lehrer des Kindes,
Pastor Nordheim, blieb auch der letzte, und von allen Kunstfertigkeiten der Mode
war es spterhin nur die Musik, welche ein tchtiger Meister der Nachbarstadt in
dem talentvollen Mdchen pflegte. Im brigen fgte sich dasselbe bald in das
Getriebe des inneren Haushaltes, und schien sich in demselben mit gleicher
Neigung zu bewegen, wie ihre Beschtzerin in der ueren Verwaltung
    Diese Erziehung deutete allerdings nicht auf hochfliegende Plne fr das
geheimnisvolle Waisenkind. Wer htte jedoch behaupten mgen, da Frulein
Hardine, welche in so vielen Stcken gegen den Strom zu steuern wagte, einer
eigenen Tochter oder Enkelin eine vielseitigere Bildung bewilligt haben wrde?
Da das Ma des eigenen Wissens und Knnens ihr nicht das Gengende schien, um
einen groen Besitz und ein bedeutendes Amt zu verwalten?
    Zu diesen wohl gerechtfertigten Zweifeln gesellte sich die Wahrnehmung eines
allmhlichen Umwandelns des Reckenburgschen Lebenszuschnittes nach der
huslichen Seite hin. - Der Verlauf war natrlich und folgerecht fr eine, die
nichts halb tat, wie unser Frulein Hardine. Denn ein Mensch zieht den andern
nach sich und keiner mehrere als ein Kind. Die kleine Waise bedurfte der
Wartung, des Unterrichts und Umgangs; sie bedurfte des Raumes zur Pflege, zum
Spiel, zur Aufnahme nachbarlicher Genossinnen und deren erwachsener Sippschaft,
die nicht sprde auf sich warten lie. Ein freundliches Gela mute mit den
Tndeleien einer Kinder-, spter einer Mdchenstube ausgefllt, Gastzimmer und
wohnliche Versammlungsrume muten eingerichtet werden. Der neue Turm war zu eng
und einfach fr mehr als eine; die anstoenden Sle waren zu weit und prunkvoll
fr weniger als eine Galaversammlung. Da gab es denn Abteilungen und
Zwischenwnde; wrmende fen traten an die Seite der unzulnglichen
Marmorkamine; weiche Teppiche bedeckten die kltende Mosaik des Bodens; bequeme
Polstermbel nahmen die Stelle der harten, goldverzierten Sessel ein, duftende
Blumengruppen die der modernden Potpourris und wackelnden Chinesen auf den
Konsolen. Musik und Gesang ertnten in dem lange stillen Palast, und ein modern
geflliges Gert bedeckte statt der barocken Silber-und Porzellangefe die
wohlbesetzte Tafel.
    Und wie das Haus so die Gartenpracht. Die gesamte tote Gtterwelt, vor
welcher die kleine Hardine sich gefrchtet hatte, fiel ohne Gnade; die drei- und
viereckigen lebendigen Gestalten, ber welche sie gelacht, als man sie Bume
nannte, machten unbeschnittenen Strauch- und Baumgruppen Platz; die steifen
Hecken, die glasgesumten Schnrkelbeete, welche den Tummelplatz der Kinderwelt
beengten, verschwanden und weite Rasenpltze rundeten sich an ihrer Stelle zu
beiden Seiten der stattlichen Avenue. Junge Mdchen lieben Blumen, und so
entfaltete sich weiterhin bis zum Waldesrande ein ppiger Flor; rings um den
Gutshof aber dehnten sich Gemse- und Obstpflanzungen, Glashuser und
Winterbeete, denn das gastliche Haus bedurfte der Leckerbissen, welche die
einsame Herrin vordem nicht vermit hatte. Anmutige Sitzpltze luden allerorten
zur Ruhe ein, eine einzige groe Fontne inmitten der Terrasse spendete khlend
die Wassermenge, welche die Ungetme des Lustgartens in zahllosen Fdchen
ausgetrpfelt hatten, und die Singvgel des Waldes flatterten bis an den Rand
des Bassins, wo freundliche Kinderhnde ihnen Futter streuten. Alles in allem:
unsere Reckenburg, ohne ihren herrschaftlichen Ursprung zu verleugnen, hat sich
in ein Heimwesen mit zeitgemem, brgerlichem Behagen umgewandelt, und wie
htte fortan ein Bedrftiger ohne Labe und Pflege von ihrer Schwelle gewiesen
werden sollen, wenn die kleine Hardine fr ihn bitte, bitte sprach?
Gutgeartete Kinder geben ja so gern, und die kleine Hardine war ein gutgeartetes
Kind. Als in den ersten dreiiger Jahren die Cholera rings im Lande viele Opfer
forderte und mit einem ihrer Katzensprnge nur unsere Reckenburg verschonte, da
errichtete das Frulein ein stattliches Waisenhaus, und an dem Einsegnungstage
ihrer Pflegetochter wurden fnfzig vater- und mutterlose Mdchen darin
eingefhrt.
    So ist die kleine Hardine nun ein erwachsenes Dmchen geworden; und ein
wechselnder Verkehr mit Stadt und Land hat sich angebahnt und ausgedehnt auch
ber Kreise, die sonst nicht zu der Tafelrunde der Reckenburg gezhlt worden
waren; innerhalb dieser Kreise werden bei dem seit den Julitagen angeregteren
Zeitwesen denn auch wohl Stimmungen laut geworden sein, welchen die groe
Hardine in frheren Tagen schwerlich Gehr geschenkt haben drfte. Kurzum wohin
wir blicken, da ist seit dem Eintritt des kleinen Bettlerkindes in der
vertrauten Umhegung allmhlich das Alte neu, das Verlebte jung geworden. Und so
sehen wir denn auch nicht mehr die goldene Kutsche mit dem altersschwachen
Schimmelzug, sondern ein leichtes Gefhrt mit raschem Zweigespann die Herrschaft
und ihre Gste zueinander fhren, und nicht mehr die gepuderten Heiducken,
sondern ein flinkes, jugendliches Vlkchen versieht den Dienst in dem erneuten
Haus. Die periodischen Galafeste haben aufgehrt, aber im Schlo wie im Dorf
singt und springt die Jugend unter dem Maienbaum und Erntekranz; die Schenke
streckt einladend ihren Arm in die Luft, die Kegel rollen, die Krge klappen,
wenn auch mit Ma; wir sind noch immer eine ehrbare Kolonie, aber doch andere
Leute geworden wie jene, die den wandernden Invaliden mit Wunderaugen
betrachteten und die stattliche Festkavalkade keines Blinzelns wrdigten. Es
herbergte sich gut auch bei den Bauern von Reckenburg; droben aber in den
herrschaftlichen Gemchern lockte ein allempfundener Zauber die Gste herbei,
denn die alte Dame lchelte gtig, und die junge war schn.
    Indessen sie hie noch immer schlechthin Hardine Mller, sie nahm eine
Stellung ein, die sich ebensowohl fr die bevorzugte Gesellschafterin wie fr
die Verwandtin eines groen Hauses geschickt haben wrde. Ausbildung und
Beschftigungsweise htten sie fr das Familienleben brgerlicher Kreise
geeignet gemacht, Anstand und uere Form mchte ein hochwohlgeborener Weltmann
nicht unter seiner Wrde gefunden haben. Und eben weil sie so verschiedenen
gerecht schien, sah die Hoffnung jedes Besonderen sich eingeschrnkt. Die
Brgerlichen schreckten die Ansprche der aristokratischen Pflegemutter; die
Aristokraten schreckte die plebejische Herkunft ohne verbriefte
Zukunftsaussicht. Eine Zeitlang glaubte man an eine Verbindung mit dem ltesten
Sohne des Grafen, einem hbschen, flotten Kavalier. Der junge Herr besann sich
aber anders, er whlte eine, die Gott wei wie viele Ahnen, und nicht, wie die
kleine Hardine, zwar zehn Sperlinge auf dem Dach, aber einen sicher in der Hand
hatte. Es war das zweifelhafte Erbe der Reckenburg, welches von zwei Seiten die
Bewerber zurckhielt, und so mssen wir leider die Tatsache konstatieren, da
die liebliche, vielbewunderte kleine Hardine in ihrem zwanzigsten Jahre sich
noch keines Heiratsantrages rhmen durfte.
    Alle diese Freierzweifel fanden jedoch eine berraschende Lsung, als just
in den Hochsommertagen, wo vor zwlf Jahren die Waise des Invaliden an dem Herde
der Reckenburg heimisch geworden war, Frulein Hardine die Verlobung ihrer
Pflegetochter bekanntmachte. Der Auserkorene war ihr erster Kindheitsgenosse,
der uns bekannte freundliche Gymnasiast, der aber nicht das geistliche Erbamt
auf Reckenburg bernommen, sondern nach dem Tode seines Vaters vor ein paar
Jahren die juristische Laufbahn mit der konomischen unter Frulein Hardines
Augen vertauscht hatte und jetzt als deren Gehilfe die Reckenburg verwaltete.
    Manche heimliche Hoffnung wurde durch diese Verbindung zerstrt, manche neu
belebt. Man nahm sie als einen Akt der Verleugnung, wo man einen der Adoption
gefrchtet hatte. Nun und nimmermehr konnte dieses Prototyp einer Edelfrau den
Stammsitz ihrer Vter, das Erbe, welches deren Namen in die Zukunft leitet, auf
die Familie eines Mannes bertragen, der als Bediensteter in ihrem Lohn und Brot
stand. Wer reines Blut in seinen Adern fhlte, brachte ein Hoch aus auf die alte
Reckenburgerin.
    In wenigen Wochen waren Ludwig Nordheim und Hardine Mller ein Paar. Die
unruhige Spannung aber steigerte sich, als schon am Tage nach der Hochzeit sich
die Neuigkeit verbreitete, da das Frulein von Reckenburg ein Testament
bergeben habe. Sie hatte es ohne notariellen Beistand abgefat, Siegelung und
jedwede gerichtliche Einmischung in die zur Zeit ihres Todes bestehende
Verwaltung untersagt, bis nach dreiigtgiger Frist die Erffnung stattgefunden
haben werde. Mit dieser letzten Klausel mochte es allerdings Weile haben. Die
Testatorin war an Geist wie Krper kerngesund, kein Haar auf ihrem Haupte
ergraut, der stolze Nacken nicht um eine Linie gekrmmt. Sie zhlte sechzig
Jahre, vielleicht auch mehr, aber sie schien auf ein Jahrhundert angelegt.
    Manche unserer heimischen Zeitgenossen werden sich daher des allseitigen
Staunens, ja Erstarrens erinnern - dem Herausgeber zittert heute noch die Hand,
nun er bei diesem Wendepunkte angelangt ist -, als am 21. September 1837 sich
die Kunde von dem Tode der letzten Reckenburgerin gleich einem Lauffeuer ber
die Landschaft verbreitete. So fern sie irgendeinem gemtlichen Zusammenhange
auer ihrer Flur gestanden, die Blicke und Gedanken von hoch und gering hatten
sich Geschlechter hindurch mit einem allzu lebhaften und mannigfaltigen
Interesse auf die beiden ungewhnlichen Schloherrinnen geheftet, um sich nicht
wie von einem persnlichen Schicksale betroffen zu fhlen, als jetzt die Stelle,
die sie eingenommen, pltzlich verdet war. Wer sollte diese Stelle fortan
fllen? Einzelne wie Korporationen forschten ngstlich nach dem leisesten Faden,
welcher zu der bewhrten Segensquelle leiten konnte. Jedweder sah sich zu einer
Hoffnung berechtigt, um so mehr, als keiner zu einem Anspruch berechtigt war und
nur Glck oder Gunst ihm ein groes Los in die Hand spielen konnte.
    Aber es waren nicht diese Glcksjger allein. Ein umfnglicher
Gemeindeverband hatte eine Oberherrin verloren, die sich sein Gedeihen zur
Aufgabe eines langen Lebens gesetzt, eine groe Zahl Beamteter die gerechteste
Gebieterin, auch die Armut eine milde Versorgerin, seitdem durch die Hand eines
Bettlerkindes die Tugend der Barmherzigkeit eine Sitte auf Reckenburg geworden
war, und es ist nicht zuviel gesagt, da Tausende mit beklommener Brust der
Stunde entgegensahen, die ber die Wahl des Erben von Reckenburg entscheiden
sollte.
    Keiner aber empfand diese Beklemmung tiefer als das junge Paar, dessen
sorgloses Glck durch den jhen Tod einer Wohltterin so dunkel getrbt worden
war. Erst seit dieser Stunde fhlten Ludwig und Hardine voll und ganz das
Bedeuten ihrer frheren Verwaisung, fhlten sie das Bangen der Heimatlosigkeit.
Ein warmes, weiches Nest hatte sie bis heute geborgen; wo aber sollte die Htte
ihrer Zukunft stehen?
    Und es war nicht nur die zweifelhafte Zukunft, nicht nur der Kummer der
Gegenwart, es war auch das Geheimnis der Vergangenheit, welches die Herzen der
armen Kinder so ngstlich zusammenzog. Sie allein von den vielen, welche der
letztgltigen Entscheidung ber ihre Heimat mit Spannung entgegensahen, sie
allein wuten, da gleichzeitig das Rtsel sich lsen sollte, welches der Waise
des Invaliden eine Freistatt in derselben erffnet hatte.
    Als an jenem unglckseligen Morgen die jungen Gatten frohen Mutes zum
gewohnten Frhgru in das Zimmer ihrer mtterlichen Freundin traten, fanden sie
dieselbe nicht wie alle Tage fr ihren Geschftsbetrieb gerstet. Das Bett war
unberhrt, sie selber aber sa im Nachtkleide zurckgesunken in dem Lehnstuhle,
der schon in ihrem Vaterhause gestanden hatte. Auf dem Schreibtische vor ihr lag
die alte Erbbibel aufgeschlagen bei dem achten Kapitel des Rmerbriefes, und die
Worte des vierzehnten Verses: Denn welche der Geist Gottes treibt, die werden
Gottes Kinder heien, waren sichtbarlich frisch unterstrichen. Neben der Bibel
aber fanden sie ein Manuskript, dessen Aufschrift mit den gewohnten krftigen
Handzgen lautete:
    Mein Geheimnis. Ohne Zeugen zu lesen von Ludwig und Hardine Nordheim am
Abend vor der Erffnung meines letzten Willens.
    Erst spt in der Nacht schien das Siegel auf diese Mitteilung gedrckt
worden zu sein, denn die Lackstange wie das Reckenburgsche Wappen zeigten Spuren
des krzlichen Gebrauchs, und die einzige Kerze, welche dem scharfen Auge und
der schlichten Gewhnung der Matrone noch immer gengte, war tief herabgebrannt.
Noch hatte sie die Flamme sorglich gelscht, dann mit gefalteten Hnden, im
Rckblick oder Aufblick, mochte sie noch eine Weile geruht haben und so
entschlummert sein. Nicht, wie die Kinder beim ersten Eindruck hofften, um
wiederum zu erwachen, nein, eingeschlummert fr immer. Ein Herzschlag hatte sie
gettet. Kein Zeichen von Kampf oder Krampf entstellte die ruhigen Zge, ein
leises Lcheln umspielte die Lippen, und auf den Wangen war der letzte rtliche
Hauch noch nicht entflohen. Das tote Antlitz sah sich schner an als einst das
lebende. Noch zeigte es das milde Entzcken des Heimganges, jenen Adel der
letzten Stunde, welcher den Schmerz der berlebenden zu ewigem Troste verklrt.
Die letzte Reckenburgerin war geschieden vor dem Hinsiechen einer Kraft, im
bewuten Frieden mit Gott, mit seiner Welt und mit sich selbst.
    Heute aber lief die Monatsfrist zu Ende, die sie bis zur Enthllung ihres
langbewahrten Geheimnisses anberaumt hatte. Die Sonne des Oktobertages neigte
sich, und wir empfinden den feierlichen Ernst, mit welchem wir die jungen
Gatten, in tiefe Trauerkleider gehllt, die Terrasse hinabsteigen und schweigend
den Ulmengang bis zum Waldesrande verfolgen sehen.
    Eine langgehegte Neigung des Herzens hatte Ludwig und Hardine
zusammengefhrt, und die Liebe, sagt man ja, whlt blind. Aber auch der
scharfprfende Blick ihrer Beschtzerin wrde kaum zwei Menschen gefunden haben,
welche wie diese beiden zur gegenseitigen Ergnzung geschaffen schienen.
    So klaren Auges, von so kraftvoller Struktur und Frbung, wie die des jungen
Mannes, so hoch aufgerichtet wie ihn, wrden wir uns einen leiblichen Sprossen
des Reckenburger Stammes haben vorstellen knnen. So sicher seiner selbst und
rasch zur Tat mute der Gehilfe sein, welchen Frulein Hardine sich in ihrem
Amte erwhlt hatte. Der frohmtige Gymnasiast, der schon bei der ersten
Begegnung das Herz des wandernden Invaliden gewonnen hatte, war ein ganzer Mann
geworden und ein guter Mann.
    Hardine aber, wie sie sich jetzt so dicht an den einzigen Beschtzer
schmiegt, dessen Schulter der weiche, goldglnzende Scheitel kaum erreicht,
jeder Blick des groen, feucht schimmernden Auges eine Frage, jede Biegung der
anmutigen Glieder, jede Blutwelle unter der durchsichtigen Haut der Ausdruck
eines liebebedrftigen Gemts, so gleicht sie der jungen Birke, deren Laub im
leisesten Hauche zittert, und deren zarter Schaft zusammenknicken wrde, wenn
Sturm und Wetter sich nicht an dem hochragenden Wipfel des schtzenden
Eichenbaumes brechen sollten.
    Es war einer von den seltenen Tagen, deren Sonnengold und Farbenspiel wir so
dankbar als letzte Gunst des Jahres genieen. Ludwig und Hardine erstiegen einen
Hgel, der, zwischen Garten und Forst, meilenweit ber die Fluaue einen
Ausblick bietet. Die Herbstspinne hatte die Stoppeln der Felder mit einem
silbernen Netze verhllt, die Zeitlose einen Violenschimmer ber die noch immer
saftgrnen Wiesen gebreitet. Leise drangen die Glocken der abweidenden Herden
herauf; die Sptlingsdfte der Reseda mischten sich mit der Wrze des Waldes,
der in allen Schattierungen des absterbenden Laubes und der immergrnen Nadeln
die Landschaft umrahmt. Breit und ruhig wallte der Strom, ein Spiegel reinster
Himmelsblue, bis er fern im Westen im Glanze der sinkenden Sonne verschwand;
gegen Morgen aber stand die feine Sichel des Mondes gleich einem Diadem ber dem
schwrzlichen Tannenforst, und aus dem Grunde stiegen schon jene weien
Dunstschleier in die Hhe, welche an die Ahnungen unsrer Seele erinnern, wenn
Sang und Duft der Jugend erloschen sind.
    Keine Jahresfrbung steigert die einfachen Formen unserer Landschaft zur
Schnheit, wie die des Herbstes, und, war es zum Lebewohl, war es zu einem
heimatlichen Glckauf, da sie heute ihren blendendsten Schmelz entfaltet hatte?
    Ludwig und Hardine hatten eine Weile schweigend das reichgesttigte Bild
berschaut. Jetzt unterbrach der junge Mann die Stille; er fate der Gattin Hand
und sprach mit einem Lcheln und herzerschlieenden Klang der Stimme: Ja, es
ist eine liebe Heimat, und es mte kstlich sein, sich aus eigenem Vermgen in
ihr ein Brgerrecht zu erwerben. Aber trockene deine Trnen, meine Hardine.
Gehren wir nicht eins dem anderen? Sind wir nicht durch sie zu froher Ttigkeit
gewhnt? Du wirst auch anderwrts glcklich sein, mein liebes, sanftes Weib!
    berall, Ludwig, berall mit dir! flsterte sie, indem sie den hellen Kopf
an seine Brust gleiten lie. Nach einer Pause aber setzte sie hinzu, und ein
Schauer berrieselte die schwanke Gestalt: Es ist ja nicht das, Ludwig, nicht
das allein - - Sie stockte, er aber sagte:
    Nein, es ist nicht das, und ich wei, was es ist, Hardine. Kein bangeres
Geheimnis als das des Blutes. Liegt uns die Zukunft verhllt, die Vergangenheit
wollen wir klar berblicken, wollen die Ahnen kennen, denen wir die Wohltat des
Daseins zu danken haben. Und darum -
    Darum! hauchte die junge Frau.
    Darum, fuhr jener fort mit einer stolzen Zuversicht, als glte es einen
Zweifel an der eigenen Ehre zurckzuweisen, darum sage ich: was auch die
nchste Zukunft enthllen mag, nun und nimmer einen Makel auf dem hehren Bilde
dieser Frau, die uns beiden eine Mutter geworden ist.
    Die Gattin beugte sich und kte des Mannes Hand zum Dank, da er ihr ein
frohes Bewutsein bekrftigt habe. Dennoch flossen ihre Trnen noch immer. Und
mein Vater, Ludwig, schluchzte sie, mein armer Vater -
    Dein Vater, versetzte Ludwig, klammerte sich im Schiffbruche des Lebens
an den Strohhalm einer Erinnerung, eines Wahns, um sich selber und sein
hilfloses Kind vor dem Versinken zu retten.
    Die junge Frau schluchzte krampfhaft. Ihr Mann kte sie auf die Stirn und
zog sie neben sich auf eine Bank, ber welche ein Ebereschenbaum seine schweren
Traubenzweige hngen lie.
    Fasse dich, mein Kind, sagte er. Uns bleibt noch eine Stunde. La uns die
Enthllungen, welche wir vermuten, durch unsere Erinnerungen vorbereiten.
Niemals wrde ich mir solch eine Aussprache selber mit meinem geliebten Weibe
gestattet haben, solange ihre Augen ber uns wachten. Ich fhlte ihre heimliche
Mibilligung. Heute aber, wo ihr eigener Wille das Geheimnis brechen wird, heute
frage ich dich, Hardine: hat sie je gegen dich der Vergangenheit erwhnt?
    Niemals, niemals, Ludwig, beteuerte die junge Frau.
    Und auch gegen mich nur mit einem einzigen ernsten, aber nicht enthllenden
Wort, sagte Nordheim, von der Erinnerung bewegt.
    An jenem glckseligen Morgen, wo sie meine langgehegten Wnsche zum
Ausdruck und zur Erfllung brachte, da fragte sie mich: Kennst du die Abstammung
des Kindes, Ludwig, dessen Schutz du von heute ab bernimmst? Und als ich die
Frage bejahte, fuhr sie fort: Sie ist in Ehren geboren; ihr Vater war ein
tapferer Soldat, dessen Wunden die spteren Verirrungen deckten. Sei auch du ein
tapferer Soldat und scheue nicht die Wunden in dem immerhin schweren Kampfe des
Lebens. Das ist das einzige Mal, da sie das Andenken August Mllers in mir
wachgerufen hat.
    Ludwig sprach eine lange Weile ber jene erste traurige Zeit. Das Gedchtnis
des lebhaften, neugierigen Schlers hatte manches erfat und erfahren, was dem
blden kleinen Mdchen entgangen oder entfallen war. Er scheute sich nicht, sie
an ihres Vaters verwahrlosten Zustand und selber an ihren eigenen zu erinnern,
wie sie, ein zitterndes, halbnacktes Vgelchen, fast stumpfsinnig von Entbehrung
und Elend, der Frau unter die Augen getreten sei, die ihren Abscheu vor jeder
Art von Verkommenheit bisher noch zu keines Menschen Gunsten verleugnet habe.
    Ich kann uns diesen Rckblick nicht ersparen, mein liebes Herz, sagte er,
auf da wir die Frau verstehen lernen und ihre Tat. Frage dich nun selber, ob
solch eine Erscheinung, mit dem unerhrtesten Anspruche sich zudrngend und sich
des schmhlichsten Unglimpfes nicht entbldend, ob sie die bisherige Natur, die
bisherigen Grundstze unserer Freundin erschttern, oder ob sie dieselben
schrfen mute?
    Weiterhin sprach er von den Folgen jener Begegnung. Erst in dieser Stunde
erfuhr Hardine, mit welchem Opfer die an Ehrerbietung gewhnte Matrone ihr
Geheimnis bewahrt habe, und beider Wesen beugte sich vor diesem schweigenden
Heldenmut, den die junge Frau mit dem ihr gelufigsten Worte Liebe nannte.
    Nein, so schlo aber Ludwig seine umsichtige Betrachtung, nein, es war
nicht, was du Liebe nennst, Hardine, nicht ein natrlicher Zug, welcher der
strengen Lebensregel dieser Frau und der von ihr hochgehaltenen Meinung der Welt
Trotz bieten hie. Und es war auch nicht der bernatrliche Trieb der Christin,
der Schmach und Verfolgung als eine Seligkeit auf sich nimmt.
    Und was denn, Ludwig? hauchte die junge Frau, was denn?
    Ein Geheimnis, wie sie es selber nennt, ein Geheimnis, das, wenn es sich
lst, uns lehren wird, da wir die Macht besitzen, auch gegen unsere Neigung das
Rechte zu tun. Gewissen heit sie, jene himmlische Macht, auf welche in erster
Ordnung alles Menschliche sich grndet. Diese Frau erfllte eine Pflicht. Sie
erfllte sie voll und ganz nach ihrer gro geschaffenen Natur. Und wenn im Laufe
der Zeit der rckwirkende Segen der Liebe ihrer Tugend entquoll, so sind wir
zweimal ihre Schuldigen geworden: zuerst um des Kampfes willen, welchen sie
bestand, und dann um des Sieges willen, welcher sie zu unserer Mutter machte.
    Ludwig Nordheim erhob sich nach diesen Worten, ergriff die Hand seiner
Gattin und fuhr nach einer Pause mit warmer Bewegung fort: Und darum, meine
Hardine, ehe wir das letzte Wort aus ihrem Munde vernehmen, lege deine Rechte in
die meine zu einem unverbrchlichen Entschlu. Was diese Frau uns enthllen oder
vorenthalten wird: wir wollen es verehren als die Offenbarung einer Mutter; was
sie uns heien oder verbieten wird, wir wollen ihm gehorchen als dem Gesetz
einer Mutter. Sollen wir arm und auf uns selbst gestellt in die Fremde ziehen,
wir zweifeln nicht; es war die Weisheit einer Mutter, welche den Stachel der Not
zu unserer Reife erkannte. Zeigt sie uns einen Pfad: wir wandeln ihn; erffnet
sie uns ein Amt: wir warten sein, stark durch den Rckblick auf sie. Endlich
aber, meine Hardine: wenn unter ihrer Hand ein Bild sich entschleiern sollte,
welches die Enkel verehren mchten, und vor welchem sie errtend die Augen
niederschlagen, so zhlen wir unser Geschlecht von dem Tage an, wo diese Frau
dem losgelsten Kinde eine Freistatt in ihrem Herzen erffnet hat; und wir
wollen unsere Hupter hoch tragen, gerade darum, denn die freie Liebe einer
Mutter hat sich zwischen uns und den nchtigen Schatten gestellt.
    Er schwieg. Die Gattin hatte ihre beiden Hnde in seine Rechte gelegt und er
hielt sie eine Weile mit krftigem Drucke umschlossen. Es war Abend geworden,
das letzte Rot verglht, der erste Stern am Horizonte aufgestiegen, die weien
Nebelgestalten der Aue drangen immer dichter und dichter zu den dunklen
Fhrenwipfeln empor. Noch einen Abschiedsblick in die Runde, dann wendeten
Ludwig und Hardine sich rasch und gingen schweigend, aber mit lebhafteren
Schritten, als sie gekommen, dem Schlosse zu. Ohne Aufenthalt betraten sie das
einfache Turmgemach, das noch unverrckt die Spuren des entschwundenen Lebens
trug.
    Frulein Hardine hatte im Laufe des Sommers einem namhaften Knstler zu dem
einzigen Bilde gesessen, welches von ihr existiert und welches jetzt, seiner
Bestimmung gem, in dem Ahnensaale der Reckenburg das letzte Feld einnimmt. Von
der kinderlosen Erbauerin war dieser Platz dem frstlichen Gemahle zugedacht, um
die Reihe mit einem Purpur abzuschlieen. Nun weilt der Beschauer sinnend vor
der schlichten Gestalt, welche der Knstler gut gemalt, aber besser noch
aufgefat hat.
    Wir haben eine lange Reihe hinter uns. Zu Anfang die nach Natur und Kunst
ziemlich grobschlchtigen, ritterlichen Damen und Herren in Schaube und Barett,
in Koller und Panzerhemd. Dann, zahlreich vertreten, der Kavalier und sein
Gespons, in Lockenpercke und Zopf, uniformiert und besternt, Puder, Toupet und
Schnpflsterchen, tanzmeisterliche Haltung und Hflingspas. Endlich die kleine
Figur der Grfin mit dem scharfen Vogelprofil, ein neunperliges Krnchen in der
hochgetrmten Frisur, wie sie vor den Ruinen der alten Burg den Bauplan des
neuen Schlosses in der beringten Hand entrollt.
    Die Spanne fast eines Jahrhunderts liegt zwischen diesem Bilde und dem,
welches die Reihe schliet. Und welches Jahrhunderts! Mit Siebenmeilenstiefeln
rennt die gewaltigste Umwlzung, welche die Weltgeschichte kennt, an unserem
Geiste vorber. Der Fu tut einen Schritt - und wir stehen vor der Gestalt
Frulein Hardines.
    Alle Frauen der Galerie und selber die Mehrzahl ihrer mnnlichen Vorgnger
berragend, ist sie in einer Waldeslichtung und im Vorwrtsschreiten
dargestellt, den Blick mit ruhiger Zuversicht in die Gegend gerichtet, von
welcher das Licht in die Szene fllt. Schlicht gescheiteltes Haar, ein
jagdgrnes Gewand, in der Hand einen Eichenzweig: so wie wir ihr tglich auf
ihren Flurgngen begegnet sind. Auf der Brust als einzigen Schmuck das
schwarzweie Ordenszeichen der Befreiungsjahre.
    Ist es auch nur der Lauf und Ablauf eines Geschlechts, die Gesamtheit
spiegelt sich uns in diesem Einzelbilde. Unser Herz war beklommen, nun schlgt
es getrost. Wir fhlen uns gemahnt an jene Menschheitspfeiler, welche, an die
Grenzen zweier Zeiten gestellt, aus der alten hinaus die Brcke in eine neue
schlagen, gemahnt durch das gute Bild von unserem Frulein Hardine.
    Dieses Bild war erst nach dem Tode der Dame von dem Maler abgeliefert und
von den Kindern mit einem Asternkranze umrahmt, fr die heutige Weihestunde ber
dem Lehnstuhle befestigt worden, auf welchem die Teure den letzten Atemzug
ausgehaucht hatte.
    Dem Bilde gegenber nahmen sie ihren Platz vor dem altvterlichen
Eichentische, auf welchem die Bibel bei dem achten Kapitel des Rmerbriefes
aufgeschlagen geblieben war. Hardine zndete die Kerzen an und legte ihre
zitternde Hand in die ihres Gatten.
    Nach einem tiefen Atemzuge lste er die Siegel des Schriftstckes, und ohne
Unterbrechung, als die eines liebreichen Blickes auf die still weinende Frau
oder auf das Bild in der Hh, las er den Inhalt, den wir dem Leser vorausgegeben
haben bis zu dem Tode des Invaliden.
    Das Geheimnis der Vergangenheit war enthllt, dem Geiste nach so, wie Ludwig
Nordheim es der Gattin vorausgekndigt hatte. Nur wenige Bltter blieben noch in
seiner Hand; er ahnte, da sie das Gesetz fr ihre Zukunft enthalten mten, und
nach einer langen, langen Pause las er den letzten Abschnitt von der Geschichte
der seltenen Frau.

                              Dreizehntes Kapitel



                                Der Jungbrunnen

Das Schlukapitel meiner Geschichte haben wir miteinander durchlebt, liebe
Hardine. Es wird Dir wenig erzhlen, dessen Du Dich nicht erinnertest, und soll
nur ein Fazit sein von dem, was wir uns gegenseitig schuldig geworden sind.
    Du glaubst, es sei eine warme Hand gewesen, welche die Waise von der Leiche
des Vaters unter ein heimisches Dach gefhrt hat. Wie oft habe ich mit Scham den
Dank Deiner Trnen auf dieser Hand empfunden! Mein Kind, es war ein sehr
frostiges Geleit, und es hat lange gewhrt, bis ich - Dich lieben etwa? - o
nein, bis ich Deinen Anblick nur ertragen lernte.
    Es war ein Moment in meinem Leben, in welchem die letzte matte Spur von dem,
was die Menschen Anzgliches fr mich gehabt hatten, zu erlschen drohte. Das
Schicksal, dessen Zeuge ich gewesen, hatte mich erschttert, nicht erweicht. Aus
Liebe war Dorothee zur Snderin geworden; aus Liebe der Mann, der sein ganzes
Leben auf sie gestellt hatte, ein Betrogener; in einem unbestimmten Drange der
berechtigtsten Empfindung August Mller zu einem Ehrenruber und Verleumder; und
ich selber, hatte ich nicht in der Jugend den sicheren Ankergrund meines Lebens
einer gefhlvollen Anwandlung preisgegeben, um im Matronenalter den Geifer der
Welt als gerechte Strafe dafr einzuernten? Das Herz macht uns zu Schwchlingen
und Toren! rief ich mit einer Bitterkeit, wie ich sie niemals gekannt hatte.
    Denn ich sprte den allseitigen Abfall von meiner Person um so tiefer, da
ich ihn nicht zu spren schien, und da ich mich bis zum letzten gegen seine
Mglichkeit gestrubt hatte. Keiner dieser Menschen, auch nicht der Graf, war
meinem Gemte ein Verlust; nicht erst an ihrer Schtzung hatte sich mein
Selbstgefhl entwickelt. Aber Ehre und Ehrerbietung, gleichen sie nicht der
Luft, die den Atem in der Brust unterhlt, den Atem, der um so strker ringt, je
schwcher der Pulsschlag des Herzens den inneren Kreislauf belebt? Alle diese
Menschen, auch das wute ich recht gut, fhrte ber kurz oder lang Eitelkeit und
Eigennutz mit dem Schein der Ehrerbietung zu mir zurck. Aber ich wute auch,
da das Grundwesen der Ehrerbietung fr alle Zeit vernichtet war. Und die Ehre
ist nicht selbstgengsam wie das Gewissen, sie lebt nur durch und in dem
Widerstrahl. Es ist ein einsames Feuer, das in dem Wartturme brennt, aber es
leuchtet dem Schiffer zu seinen Fen, und erlischt es, steht der Turm als ein
zweckloses Gehus. Wie solch ein ausgelschter Leuchtturm kam ich mir vor.
    Und was hatte ich als Entgelt dafr, da der Ehrenname der Reckenburg unter
Spott und Hohn verhallen sollte? Eine Aufgabe fr den tatkrftigen Sinn? Eine
Herzenslust, ja nur die Erinnerung daran - fr welche schon manche Ruf und Ruhe
in die Schanze geschlagen hat? Nun, die Versorgung eines Bettlerkindes war kein
Heldenstck fr die reiche Frau, die ohne Opfer Hunderten ein Gleiches htte
erweisen drfen; aber eine Herzensfreude war sie noch weniger als ein
Heldenstck.
    Wenn es noch ein Knabe gewesen wre! Ein frischer, frhlicher Gesell, wie
Ludwig Nordheim etwa, der sich zu einem tchtigen Arbeiter auf meinem Felde
heranziehen lie. Aber ein Mdchen! Was sollte mir und meiner Reckenburg solch
ein schwchliches, zerbrechliches Ding, das bestenfalls Stricknadel und
Kochlffel regieren lernte? Und ein verkmmertes, trbseliges Geschpf
obendrein, in dem kein Zug mich an das Paar erinnerte, das mir den Jugendsinn
der Schnheit erweckt und bisher allein befriedigt hatte. Grndete ich dem Kinde
eine brgerlich behagliche Existenz, fr welche ich es, nach seiner krperlichen
Erholung, in einer braven Predigerfamilie erziehen lie, so war mein gegebenes
Wort und damit meine Aufgabe gelst.
    Die Sorge fr diese krperliche Erholung hatte ich meiner Kammerfrau
bertragen, auf die ich mich verlassen durfte wie auf mich selbst. Denn gleiche
Herrn, gleiche Diener, das Axiom galt seit der Neubegrndung der Reckenburg.
Das Kind wurde gekleidet, genhrt, gebadet, gepflegt auf ein Titelchen nach der
Vorschrift des Medikus oder meinem eigenen Befehl mit der nmlichen Akkuratesse,
wie meine Wsche gebgelt oder meine Zimmer entstubt wurden; aber auch nicht
einen Funken ber den Diensteifer hinaus. Ich konnte dessen versichert sein,
ohne nachzuschauen. Indessen schaute ich nach, sooft ich vor und nach meinen
Flurwegen auch die Gesindestuben im Parterre revidierte. Es fehlte an keiner
Schuldigkeit, und das Kind war sichtlich gesund. Aber es hockte mde, mit
leeren, wsserigen Augen im Ofenwinkel oder in einer sonnigen Ecke auf der
Terrasse, sprach ungefragt kein Wort und legte gleichgltig das Spielzeug
beiseite, das man ihm in die Hand gegeben hatte. Das Kind ist idiot! sagte
ich, indem ich ihm den Rcken wendete.
    Monate waren in dieser Stimmung vergangen, die hlichsten, weil
hoffnungslosesten meines Lebens. An einem Novembermorgen erhielt ich das
knigliche Patent, das mich zur gndigen Frau erheben sollte. Ich erkannte die
gute Absicht, eine verpfuschte Sache wieder ins Schick zu bringen, schrieb meine
Danksagung und legte den huldreichen Akt zu den Akten.
    Spter als andere Tage trat ich aus diesem Anla meinen Flurgang an. Auf der
Terrassentreppe sa das Kind. Seine Augen, gewhnlich halbbedeckt und schlfrig
geradeaus gerichtet, waren heute gro zum Himmel aufgeschlagen, an welchem die
Sonne, noch hinter einem Nebelflor, um den Durchbruch kmpfte. Der Blick
frappierte mich; ich ging schweigend vorber, aber nach etlichen Schritten
kehrte ich um und fand das Kind noch in dem nmlichen Aufschauen, unbekmmert,
da der schwarze Neufundlnder, mein hufiger Begleiter, seine Bekanntschaft
suchte, indem er das Frhstckbrtchen aus den kleinen Hnden zu sich nahm.
    Ich konnte den Blick nicht loswerden. Es war zum ersten Male, da meine
Gedanken sich mit dem Kinde beschftigten. Ich krzte meinen Morgengang ab,
kehrte des nmlichen Weges zurck und stand still vor einem Bildchen, das, wre
ich ein Maler gewesen, ich augenblicklich skizziert haben wrde.
    Die Kleine sa noch auf derselben Stelle, und der groe schwarze Hund
geduldig neben ihr. Sie hatte die rmchen um seinen Hals geschlungen und den
Kopf in sein zottiges Fell gewhlt. Die Sonne, die jetzt klar und fast
sommerwarm niederschien, breitete einen Goldschimmer ber das lose, flatternde
Haar; ich bemerkte erst jetzt, da es sich anmutig kruselte, da auch die
steckenartigen Glieder sich gebleicht und gefllt hatten, und die Bckchen, die
im Augenblick ein leises Rot berhauchte, sich kindlich zu runden begannen. Ein
friedliches Behagen prgte sich aus ber der kleinen Gestalt. Bei meinem Nahen
hob sie die Augen zu mir auf, belebt und dunkelblau; sie lchelte zum ersten
Male unter meinem Dach - vielleicht zum ersten Male im Leben.
    Das Kind friert. Es braucht Wrme! sagte ich, und von dem Tage ab wohnte
und schlief es in meinem Erkerturm, der gegen die Mittags- und Abendsonne
gelegen und allein von der langen, glnzenden Zimmerflucht warm und allenfalls
wohnlich eingerichtet war.
    Nun a ich mit der Kleinen an einem Tisch, nun sah ich sie morgens und
abends in ihrem Bett, nun merkte ich auf die Entwickelung des zarten Keimes.
Lange freilich noch nicht mit der bewuten Liebe des Grtners, der ein Samenkorn
zum Pflnzchen auferzieht, aber doch mit einer Art von neugierigem Verlangen: ob
es wohl zur Blte kommen wird? Sie wurde tglich weier, runder, geflliger
anzusehen. Manchmal rief ich berrascht: die Dorl! Aber sie drehte sich nicht
wie die Dorl, lachte nicht, schwatzte nicht, spielte nicht wie sie, und der
groe schwarze Hund war ihr einziger, aber treuergebener Freund.
    Ich hatte mit dem Prediger einen Unterrichtsversuch verabredet, der nach
Neujahr mit dem schwchlichen Geiste angestellt werden sollte. Am Nachmittag des
Weihnachtsheiligabends kam er zu mir, die Kleine zur Christbescherung
einzuladen, die sein Sohn, als Feriengast, heimlich aufgebaut hatte. Im Schlosse
wurde nicht beschert; das Dienstpersonal erhielt sein ausbedungenes Geldgeschenk
und ein stehendes Festgericht. Im brigen glich der Freudenabend der
Christenheit allen anderen Abenden des Jahres.
    Der junge Herr Ludwig hatte den Vater begleitet und blieb bei dem Kinde,
whrend ich mit jenem in Gemeindeangelegenheiten noch einen Gang durchs Dorf
machte. Als wir zurckkehrten, sa der junge Herr im Fenster, durch welches die
Sonnenstrahlen schrg in das Zimmer fielen, und das Kind sa auf seinen Knien,
die Hndchen in den seinen, den Kopf an seine Brust gelehnt, und die Augen
leuchtend zu ihm aufgeschlagen; er hatte eben eine hbsche Legende vom
Christkindchen zu Ende gebracht. Mir war es niemals eingefallen, der Kleinen ein
Mrlein oder Stcklein zu erzhlen; wte auch wahrlich nicht, wie mir eins
htte einfallen knnen.
    Ich lie das vorrtige Spiel- und Naschwerk nach der Pfarre tragen und
begleitete, obgleich nicht mit eingeladen, das Kind hinunter. Solange ich meine
Winter regelmig auf Reckenburg verlebt, also seit sechsunddreiig Jahren,
hatte ich keine Christbescherung angesehen, und frwahr, es mu ein Zauber aus
dem lichterglnzenden Tannenbaum strahlen, ein Zauber, der eine heilige
Familienfreude weckt. Die zheste alte Jungfer wird zur Mutter, whrend sie die
Christlichter brennen sieht und die Wrze der Nadeln, mit der des Wachsstocks,
der Frchte und Sigkeiten gemischt, dies unvergleichliche Weihnachtsgedft,
ihr in die Nase steigt.
    Und wie feierlich spielte und sang nun Herr Ludwig am Klavier: Vom Himmel
hoch da komm ich her! Und wie knstlerisch hatte er seinen Lichterbaum
aufgeputzt, wie geheimnisvoll die Bescherung verteilt, wie lieblich das
Christkindchen in der Mooskrippe gebettet! Eine muntere Schar aus dem Schul-oder
Forsthause war als Festgenossenschaft eingezogen, und - wit ihrs noch? - wie
die kleine Hardine weit mit ihr Ringelrund um den Weihnachtstisch tanzte, wie
sie spielte, lachte und ihrem Meister nach O Tannenbaum, o Tannenbaum
zwitscherte, so frisch und frhlich wie der anderen keins? Als sie aber spt
abends an der groen Hardine Hand ber die im Mondlicht glitzernde Schneedecke
durch das totenstille Dorf in das totenstille Schlo zurckkehrte, da erzhlte
sie ihr Wort fr Wort die Geschichte vom Christkinde, die sie heute zum ersten
Male von freundlichen Lippen gehrt und im Bilde geschaut hatte, und in dem
alten Herzen regte sich zum ersten Male das Ahnen der Gotteserscheinung nicht
blo in dem einen gnadenreichen, aber in jedem hilflosen Menschenkinde.
    Die Kleine ist nicht idiot, sagte ich, als ich vor Schlafengehen sie mit
purpurnen Wangen und raschem, krftigem Atem in ihrem Bettchen liegen sah, aber
sie braucht Erregung und Freude.
    Trotz der Sabbatfeier stellte am ersten Festtage ein Lehrmeister auf Schlo
Reckenburg sich ein. Nordheim junior, als Substitut fr seinen vielbeschftigten
Herrn Papa. Und als der Substitut am Feste Epiphanias seine Wrde niederlegte,
da wute das Wunderkind zwlf Mrchenstcklein und smtliche Buchstaben wie auch
Grundzahlen am Schnrchen herzusagen. Der Fortschritt erlahmte ein wenig unter
der Methode des lteren Professors, regelmig aber whrend der festlichen
Ferienzeit rannte er mit Siebenmeilenstiefeln voran, namentlich in der
rhetorischen Kunst. Als das verhngnisvolle Knigsfest jhrig ward, da dachte
ich nicht mehr daran, die kleine Anwrterin des Kochlffels in einer braven
Predigerfamilie zu versorgen, sondern dankte Gott, da ich sie als Schatz des
neuen Turmes hten durfte.
    Nun aber ward es erstaunlich, welche nie gekannten Bedrfnisse ich dem
bescheidenen Kinde Tag fr Tag zu befriedigen fand, wie mit jeder Befriedigung
der Hunger nach neuen Bedrfnissen wuchs, und wie das nchterne, einfrmige
Leben allmhlich so bunt und mannigfaltig ward rings um mich her. Das Kind
brauchte Behagen und Freiheit, es brauchte Gespielen und Freunde, Blumen und
Vgel, Sang und Klang; es brauchte Almosen fr die Armen und Obdach fr die
Waisen, die es sich nachgelockt hat; alles in eins gefat: das Kind braucht
Liebe!
    Wenn wir das Leben bedeutender Menschen, wie es die Geschichte oder der
Dichter uns vorfhrt, berschauen, so finden wir in heien Jugendkmpfen, in
Lust und Leid ein aneignendes Streben, ein Drngen mit der eigenen vollen
Persnlichkeit in die der anderen hinein, bis denn am Ende, nach mancher
Verirrung, befriedigt oder entsagend, das Ich zur Ruhe kommt, die Heldenmigen
selbstvergessend fr eine Gesamtheit wirken, Denker und Dichter beschaulich das
Ganze wie das Einzelne an sich vorberziehen lassen.
    Aber nicht blo bei diesen Auserwhlten, auch im Alltagslauf zeigt sich wohl
eine beschrnktere, aber keine abweichende Entwickelungsart: Freude, Wnsche,
Sehnsucht, Anschlu in der Jugend, und im Alter Entsagen, Vereinsamen,
bescheidenes Zurckziehen in den Beruf, in den Mechanismus der Stunde, und bei
den Glcklichsten unter uns in die Religion.
    Mich hatten Natur und Schicksal den entgegengesetzten Weg gefhrt. Kaum den
Kinderschuhen entwachsen, trat ich ohne Tanz und Spiel, ohne Genossen, ohne
Streit, auer dem flchtigen mit einem Traumgespinst, ohne weitab fhrende
Irrung, in einen mnnlichen Beruf, in ein Wirken fr andere mehr als fr mich
selbst, und fhlte mich durch dieses Wirken beglckt bis in die Matronenjahre
hinein. Erst in dem Alter, wo andere weie Haare tragen, regte sich der
versumte Jugendsinn, regte sich ein unbestimmtes Bedrfen, das ber das
Schaffen hinaus mich einem natrlichen Zusammenhang verbnde.
    Und dieses spte, kaum verstandene Bedrfen, es wird gestillt wie durch ein
Wunder. Aus der gesamten reichen Welt, die mir die Auswahl bietet, ist es die
verlassenste, die armseligste Kreatur, ein Stein des Anstoes auf meinen Weg
geschleudert, die sich mir an das Herz schleicht, es umspinnt, es weckt, es
fllt bis auf die letzte Falte; die alle Ansprche verdrngt, alle Wnsche
berbietet, die, ohne es zu ahnen, die alte Umgebung verwandelt, die verlebte
Gewohnheit umbildet, die breite Flle der Gegenwart, junge Geschlechter,
natrliche Freuden und das Walten der Liebe an die Stelle der erstarrenden Regel
setzt.
    Meine liebe Hardine, wer ist dem andern mehr schuldig geworden, die hilflose
Waise, die in dem Hause der reichen alten Frau eine Kindesstelle fand, oder ist
es die reiche alte Frau, die durch das Bettlerkind Jugend, Liebe und Freude hat
kennen lernen, die durch dieses Kind eine beglckte Mutter und erst ein Weib
geworden ist?
    In einem einsamen Born, khl und durchsichtig wie ein Kristall, da ist
einmal ein Staubkorn gefallen, das Samenkorn einer Blte, die niemand blhen
sah. Lange, lange Jahre hat es auf dem Grunde geruht und pltzlich treibt es
verwandelt empor, und es trbt sich der klare Spiegel. Aber des Himmels Lichter
brechen sich farbig in der verdunkelten Flche; ein erster grner Keim drngt
ber sie hinaus, bald ragt ein Blatt in die Hhe, bald eine blaue Blume von
anlockendem Duft; es lebt und webt in dem einsamen Born, es ist Frhling in ihm
und ber ihm geworden, ringsumher Farbe und Wrze, Vogelsang und wrmender
Sonnenstrahl. Es klingt wie ein Mrchen, was dem alten Born geschah.
    Und darum, meine Kinder, nicht weil ein fremdes Schicksal der Entschleierung
harrte, - darum habe ich meine Geschichte ein Geheimnis genannt, und habe die
Logik der Natur verehrt als eine Hilfe der Gnade.
    Der kleinen Welt, welcher unsere Reckenburg ein gewohnter Zielpunkt geworden
war, konnte deren allmhliche Neuerung nicht entgehen, und mnniglich hat man in
dem Fremdling, der sie unbewut hervorlockte, die Erbin nicht nur des ber kurz
oder lang herrenlosen Besitzes, sondern auch des erlschenden Namens der
Reckenburg vorausgesetzt.
    Es ist mir aber niemals in den Sinn gekommen, dem alten Baume, der nach
Gottes Willen absterben sollte, dieses neue Reis aufzupfropfen. Ich habe einen
alten Adel als einen zuverlssigen Sttzpunkt geehrt; ich achte einen neuen Adel
gleich einer Seifenblase. Junge Geschlechter mgen nach haltbareren Basen
trachten. Nun und nimmer aber wrde ich mit dem Klange eines Namens eine
Tuschung verewigt haben, welche durch eine vorlaute Hoffnung geweckt, durch ein
halb pflichtmiges, halb trotziges Schweigen genhrt worden war. Die letzte
Reckenburgerin will auch nicht mit dem Scheine einer Unehrlichkeit in die Grube
steigen.
    Ebensowenig aber dachte ich daran, die Last eines groen Besitztums so
schwachen Schultern wie den Deinen aufzubrden. Ich war durchaus nicht gewillt,
mein Werk als eine Quelle des Behagens auch dem geliebtesten Menschen zuflieen
zu lassen. Es war ein Amt, ein Treugut, das ich bertrug, und Du bist ein Weib,
Hardine, dessen Kraft erwchst aus der Kraft des Herzens, dem es sich zu eigen
gibt. Das Kind braucht Liebe, sagte ich. Liebe es denn frei aus seinem Gemte
heraus, ohne bindende Pflichten als die, welche diesem Gemte entkeimen.
    Es geschah daher nicht geflissentlich, da ich die Zweifel ber Dein
zuknftiges Verhltnis zur Reckenburg unterhielt; nein, ich hegte diese Zweifel
selbst. Du warst geartet und erzogen, um Dich jedem Zusammenhange der gebildeten
Stnde einzufgen, und man durfte voraussetzen, da meiner Pflegetochter zu
einer sicheren Bewegung in diesem Zusammenhange die materielle Ausstattung nicht
gemangelt haben wrde. Einen reichen Mann oder einen armen - einen alten Namen
oder einen neuen - einen beschaulichen Charakter oder einen ttigen: das Herz
hatte freie Wahl, das Erbe der Reckenburg war unabhngig von derselben.
    Es soll indessen nicht verhehlt sein, da ein Zusammentreffen der beiden
Abschluakte meines Lebens, da namentlich eine Verbindung mit dem grflichen
Hause mir als Wunsch vor der Seele stand, und bleibe es dahingestellt, ob der
alte Namensklang nicht einen heimlichen Zauber bte. Es hlt gar schwer, mit
eingelebten geistigen Gewhnungen, Vorurteile genannt, tabula rasa zu machen,
und es ist auch gar nicht ntig, so mit Schaufel und Harke sein Stckchen
Lebensboden zu planieren; wenn nur in der entscheidenden Stunde das Urteil
stirnhoch ber dem Vorurteil und das Herz auf dem rechten Flecke steht.
    Heimlich also, es ist mglich, lockte der alte Namensklang, unter dem der
neue verschwinden sollte; laut aber, das ist gewi, sprach das Verlangen, eine
getuschte Erwartung nachtrglich in Erfllung zu bringen. Ich schtzte den
Grafen mehr als jemals in seinem erweiterten staatsmnnischen Wirkungskreise;
ich kannte ihn als den einzigen in meiner Umgebung, der, so rcksichtslos er
sich gegen einen bsen Schein gebrdet, nicht einen Augenblick an mir gezweifelt
hatte. Ich sah das Wohlgefallen des stattlichen jungen Kavaliers an meiner
Hardine, und wenn ihr Herz sich dem seinigen zuneigte, warum sollten die
Vorteile, welche die Eltern erstrebt hatten, am Ende nicht durch die Kinder zu
erreichen sein? Meine arglose Hardine, Du hast meine Wnsche und Bestrebungen in
dieser Richtung nicht bemerkt, und heute danke ich Gott, da Du sie nicht
bemerktest.
    Denn als es mir klar wurde, wie des Grafen Standessinn vielleicht schwach
genug war, um sich vor dem verbrieften Reckenburgschen Erbe in meines Kindes
Hand zu beugen, aber zu stark, um sonder Errten dieses Kind in ein Vaterhaus zu
fhren; als ich den jungen Herrn nur in seinen Schwchen als den Sohn seines
Vaters kennen lernte; endlich aber, als ich sah, wie Hardines Lippen bei der
unerwarteten Fahnenflucht lchelten, und wie sie gleich darauf den Blick vor
eines anderen Blick senkte, da fiel die letzte Binde vor meinen Augen, und
mindestens die eine Hlfte meines Abschluaktes war im stillen festgesetzt.
    Ludwig Nordheim, mein Heimatskind, war der Enkel meines milden Freundes und
der Sohn meines krftigen Mitarbeiters; ich hatte mit Vertrauen beider
Grundlagen sich schon im Knaben zu einer heiteren Harmonie vereinigen sehen und
gar wohl den Reiz eines ersten Mrchenerzhlers auch in einem anderen Herzen
gesprt. Aber sie waren Kinder dazumal, Jahre der Entfernung, der Entfremdung
vielleicht, darber hingegangen, und als er in die Heimat zurckkehrte, war es,
um Abschied zu nehmen von dem Grabe seines Vaters und, auf sich selbst gestellt,
sich einen Weg durchs Leben zu schlagen.
    Eine tchtige Kraft, einen frohen Willen, die treue Liebe zu der
heimatlichen Flur, und - jenes Errten meines Kindes, was brauchte ich mehr, um
ihn zu fragen, ob er der alternden Frau ein Gehilfe in ihrem Tagewerke werden
wolle? Und was braucht er mehr, um ja zu sagen und manchen frischen Trieb in das
sich verjngende Gehege einzupflanzen?
    Nun aber erst, in dem freudigen Zusammenspiel der Herzen, wurde es um mich
her so warm und lebendig, so bunt und neu. Die Gegenwart erschien mir so
lieblich; ich mochte an die Vernderungen der Zukunft gar nicht denken. Es hat
noch Zeit, sagte ich, zgerte von Tag zu Tage mit einem abschlieenden Plan,
und Gott wei, wie lange ich noch gezgert haben wrde, wenn nicht ein Strahl
von auen - oder nenne ichs von oben? - das behagliche Selbstvergessen
durchbrochen htte.
    Erinnerst Du Dich noch, Ludwig, des Nachmittags, es ist etwa sechs Wochen,
da Du zu mir tratest mit den Worten: Da bringt die Zeitung den Nekrolog des
berhmten Doktor Faber. Ich wute nicht, da er Ihr Landsmann gewesen ist, auch
Ihr Zeitgenosse knnte er noch gewesen sein. Haben Sie ihn gekannt, Frulein von
Reckenburg?
    Du wurdest im nmlichen Augenblick zu einem Geschft abgerufen, und das
ersparte mir eine Antwort, fr welche mir der Atem gestockt haben wrde. Der
erste und noch der einzige Jugendgenosse war vor mir dahingegangen!
    Ich nahm das Blatt zur Hand und berlas den Artikel. Er war gestorben nach
rascher Krankheit den dritten August. Der dritte August! Ihr wit, was dieser
Tag mir bedeutete. Darf man solche Schicksalsdaten glauben? Soll man sie als ein
verwirrendes Spiel des Zufalls von sich weisen? Entscheidets nach Eurem Gemt
aber - die Glocke schlgt eins - seltsam! -, es ist der zwanzigste September,
der Tag von Valmy, an dem ich diese Aufzeichnungen zu Ende bringe.
    Und weiter las ich: Der Mann, wie zwlf Jahre frher seine Gattin, war
geschieden ohne Erben, ohne verwandtschaftlichen oder nahe befreundeten
Zusammenhang. Kein ehrfrchtiges Gefhl wurde demnach verletzt, wenn ich Dir,
Hardine, und dem, welchen Du liebtest, jetzt sagte: Die Gattin dieses Mannes
war Deines Vaters Mutter.
    So hatte denn der Zauberer Tod die alten Gestalten noch einmal vor mir
wachgerttelt, und die ernsthafte vergangene Zeit drngte sich in meine heitere
Gegenwart hinein. Wunderbar aber, wie sich so Bild nach Bild im Zusammenhange
entrollte, da erschien mir auch das Deine, Hardine, pltzlich in einem neuen
Licht.
    Wohl war ich durch Deinen Anblick so manches Mal an die reizende Dorothee
erinnert worden. Ich sah ihren lockigen Goldscheitel auf Deinem Haupt, manchen
ihrer Zge, die fragenden Kinderaugen. Aber Deine Augen fragten nach etwas
anderem als die ihren, Deine Gestalt war grer, die Farbe matter und der stille
Ernst der Bewegung machte das hnelnde Bild zu einer besonderen Erscheinung.
Nein, es war nicht die Enkelin Dorothees, es war einfach das Kind, das sich in
das sehnende Herz genistet hatte.
    An jenem Abende nun sah ich in meinem Kinde - zwar auch nicht die Enkelin
Dorothees - aber zum ersten Male die Enkelin des Mannes, zu dessen Erbe die alte
Reckenburgerin den Stammsitz ihrer Vter neu geschaffen hatte, des Mannes, der,
htte er gelebt, der geliebten Mutter seines Sohnes in diesem Erbe eine Heimat
bereitet haben wrde. Mir war zu Sinn, als ob ich nur ein Treugut fr die
rechtmige Besitzerin verwaltet habe.
    Unter diesen alten Erinnerungen und neuen Vorstellungen schlief ich endlich
ein und - trumte.
    Ich bin in meinem Leben, weder wachend noch schlummernd, viel von
Traumgesichtern behelligt oder beseligt worden, und ich brauche Euch nicht zu
versichern, meine Kinder, da ich mich fr nichts weniger als eine Visionrin
halte. Ich war an jenem Abend bewegt wohl, doch ohne Aufregung, kerngesund
eingeschlafen, und kerngesund, wie noch in gegenwrtiger Stunde, wachte ich am
anderen Morgen auf, aber mit dem deutlichen Bewutsein eines Traumes.
    Welches Traumes? Mich deucht, ich htte ihn malen knnen, knnte ihn heute
noch malen, und doch war es etwas Unbeschreibliches, Unendliches, das man nur
fhlt, nicht sieht. Soll ich sagen: ein wogendes Meer? oder eine blendende
Wolke, die von einem Throne niederwallte und wie mit einem durchsichtigen
Schleier vier Gestalten berwob, die Hand in Hand auf ihren Knien lagen und ihre
Blicke in die Hhe richteten? Diese Gestalten aber, ich sah sie so deutlich, wie
ich sie je im Leben gesehen hatte, es waren Siegmund Faber, Dorothee, ihr Sohn
und ihres Sohnes Vater. Und eine fnfte trat zu ihnen, um zwischen dem letzten
und ersten die Kette zu schlieen, diese fnfte aber war ich selbst. Der
leuchtende Schleier berwallte auch mich, und es flsterte unter seiner Hlle
wie Luftgesusel: Denn welche der Geist Gottes treibt, die werden Gottes Kinder
heien.
    Unter diesem Geflster erwachte ich, und es whrte eine Weile, bis ich mich
besann, da nur die Fontne in der Morgenstille pltscherte, und da das
leuchtende Meer, das mich umwogte, die aufsteigende Sonne sei, welche die Nebel
der Aue bergoldete.
    Rasch erhob ich mich nun. Mein Puls schlug ruhig und krftig wie alle Tage,
wie diese Stunde noch. Aber es war etwas in mir lebendig geworden, das mich
unaufhaltsam vorwrtstrieb. Hatte ich bis heute gesagt: Es hat Zeit! heute
sagte ich: Es ist Zeit! Und ich wute ohne Besinnen, fr was es Zeit geworden
war.
    An jenem Morgen, Ludwig, nahm ich das lngst geahnte Wort von Deinen Lippen,
und am Abend begann ich diese Aufzeichnungen. An dem Tage aber, an welchem ich
das Kind meines Herzens fr Zeit und Ewigkeit Deiner Mannestreue bergeben
hatte, an diesem Tage schrieb ich mein Testament.
    Es wird dasselbe Euch erffnet werden, sei es in Wochen, sei es in Jahren,
an dem Morgen, nachdem Ihr diese Bltter gelesen habt, und Ihr werdet nur die
wenigen Worte darin finden: Die Erbin meiner gesamten Hinterlassenschaft ist
meine Pflegetochter Hardine Nordheim, geborene Mller.
    Ich lege das Erbe der Reckenburg in die Hand der Enkelin, wie meine
Vorfahrin es in die Hand des Ahnen gelegt haben wrde. Ich lege es in die Hand
der Gattin meines bewhrten Mitarbeiters. Ich lege es aber auch in die Hand des
Kindes, das in dem einsamen Weibe das Herz einer Mutter erweckte, und ich lege
es vor allem in die Hand der Waise, mit welcher der Geist der Liebe seinen
Einzug in meine Flur gehalten hat. Ich tue es ohne bedingende Klausel, denn ich
bin der Herzen meiner Kinder in ihrem Amte gewi.
    So sei denn dieses Vermchtnis die Krone ber dem Werke des abgestorbenen
Geschlechts. Sein Wahrspruch walte in dem jungen Stamm unter den umwandelnden
Strmungen der Zeit, und der Geist der Gottesgemeinschaft wirke und wachse zum
Segen von Kind auf Kindeskind.
    Mitternacht war vorber, als dieses Schluwort verhallte. Mit erhobenen
Hnden knieten Ludwig und Hardine vor dem Bilde der letzten Reckenburgerin zu
einem erneuerten heiligen Verspruch. Und bis heute sind sie ihrem Gelbnis treu
geblieben.
