
                             Spielhagen, Friedrich

                                Hammer und Ambo

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                              Friedrich Spielhagen

                                Hammer und Ambo

                                  Erster Theil

                                Erstes Capitel.

Wir standen in der tiefen Nische an einem offenen Fenster unseres
Classenzimmers. In dem klsterlich stillen Schulhof lrmten die Spatzen, und
einzelne Strahlen der Sptsommersonne glitten an den altersgrauen Mauern herab
auf das grasumsponnene Pflaster; aus dem hohen, sonnelosen, mit der
abgestandenen Luft einer ganzen Schulwoche erfllten Zimmer tnte das Summen der
leisen Zwiegesprche unserer Mitschler, die, auer uns, bereits smmtlich auf
ihren Pltzen ber ihren Sophokles gebeugt saen und des Kommens des Alten
harrten, das jeden Augenblick erfolgen konnte, denn das akademische Viertel war
bereits verflossen.
    Im schlimmsten Falle brennst Du durch, sagte ich, als jetzt die Thr
aufging und er hereintrat.
    Er - der Professor Doctor Lederer, Director des Gymnasiums und zugleich
Ordinarius unserer Prima - in dem Schler-Rothwelsch der Alte genannt - war
eigentlich nicht gerade alt, sondern ein Mann in der zweiten Hlfte der
Vierziger, dessen kleiner, bereits ergrauender Kopf auf einer steifen
schneeweien Halsbinde ruhte, und dessen sehr langer und wunderbar drrer Leib
Jahr aus Jahr ein, Sommer und Winter in einen Rock von feinstem glnzend
schwarzen Tuch geknpft war. Seine schlanken, uerst sorgfltig gepflegten
Hnde mit den langen, spitzigen Fingern waren, wenn sie sich - was hufiger
vorkam - dicht vor meinen Augen in nervser Erregung hin- und herbewegten, stets
der Gegenstand meiner bewundernden Aufmerksamkeit gewesen - ein paar Mal war ich
der Versuchung kaum entgangen, pltzlich zuzufassen und dies Kunstwerk von einer
Hand in einer meiner groben braunen Fuste zu zerquetschen.
    Professor Lederer legte den Weg von der Thr bis zum Katheder stets in zwlf
gleichmigen, unendlich wrdevollen Schritten zurck, Haupt und Augen ein wenig
gesenkt, mit der strengen Miene concentrirtesten Nachdenkens, anzuschauen wie
ein Opferpriester, der auf den Altar zuschreitet, oder auch wie Csar, der in
den Senat geht, auf jeden Fall wie ein Wesen, das, weit entrckt der modernen
plebejischen Sphre, Tag fr Tag in dem Lichte der Sonne Homer's wandelt und
sich dieses wunderbaren Factums vollkommen bewut ist. Deshalb war es auch nicht
wohlgethan, den classischen Mann auf diesem kurzen Wege aufzuhalten; eine
abwehrende Handbewegung war in den meisten Fllen die ganze Antwort; aber der
sanguinische Arthur war so sicher, mit seinem Gesuche nicht abgewiesen zu
werden, da es ihm auf eine Chance mehr gegen ihn nicht eben ankam. So vertrat
er denn dem Professor den Weg und brachte seine Bitte vor, von den Stunden des
heutigen Tages - es war ein Sonnabend - dispensirt zu werden.
    Nimmermehr! sagte der Professor.
    Behufs einer Vergngungsfahrt, sprach Arthur weiter, durch den grollenden
Ton des gestrengen Mannes keineswegs eingeschchtert - er war sehr schwer
einzuschchtern, mein Freund Arthur - behufs einer Vergngungsfahrt auf dem
Dampfschiffe meines Onkels zur Exploration der Austernbnke, die mein Onkel vor
zwei Jahren angelegt hat, wissen Sie, Herr Professor, ich habe auch ein Gesuch
meines Vaters! - Und Arthur producirte das betreffende Blatt.
    Nimmermehr! wiederholte der Professor. Sein bleiches Gesicht war vor Zorn
ein wenig gerthet; seine weie Hand, von der er bereits den schwarzen Handschuh
abgestreift hatte, war in einer oratorischen Geste gegen Arthur erhoben; seine
blauen Augen hatten eine tiefere Frbung angenommen, wie Meerwasser, wenn ein
Wolkenschatten darber hinzieht.
    Nimmermehr! rief er zum dritten Male; schritt an Arthur vorber nach dem
Katheder; erklrte, nachdem er stumm die weien Hnde gefaltet, da er zu
aufgeregt sei, um beten zu knnen, und nun kam eine gestotterte Philippika - der
wrdige Mann stotterte stets, wenn er aufgeregt war - gegen die Pest der Jugend:
die Weltlust und Vergngungssucht, der gerade Diejenigen, auf welchen der Geist
Apollos und der Pallas Athene am wenigsten ruhe, am meisten verfallen seien. Er
sei ein milder und humaner Mann und wohl des Dichterwortes eingedenk, da man
zur rechten Zeit, am rechten Ort den strengen Ernst fahren lassen, ja
gelegentlich zechen und mit den Fen im Tanz den Boden stampfen drfe - aber
dann msse die Ursache der Wirkung angemessen sein; - ein Virgil msse uns aus
der Fremde heimkehren, eine Kleopatra durch ihren freiwillig unfreiwilligen Tod
das Gemeinwohl von einer drohenden Gefahr erlst haben. Wie aber knne jemand,
der notorisch zu den schlechtesten Schlern gehre, ja unbedingt der
schlechteste sein wrde, wenn ihm nicht Einer, der nach dieser Richtung
unerreichbar sei - hier suchten des Professors blde Augen mich - den Rang
ablaufe, - wie knne ein Solcher nach einem Kranze greifen, welcher nur die vom
Schweie des Fleies rieselnde Stirn khlen drfe! Sei er - der Redner - zu
streng? er glaube nicht, obgleich niemand es inniger wnschen knne, als er,
niemand sich inniger freuen wrde, als er, wenn jetzt der hart Gescholtene den
Beweis seiner Schuldlosigkeit sofort antrte und den herrlichen Chor der
Antigone, welcher das Thema unserer heutigen Vorlesung sei, ohne Ansto
bersetzte. Von Zehren, beginnen Sie!
    Der arme Arthur! Ich sehe noch heute, nach so viel Jahren, sein schnes,
damals schon etwas verlebtes Gesicht, welches sich vergeblich Mhe gab, das
aristokratisch gleichgltige Lcheln auf den seinen Lippen festzuhalten, als er
jetzt das Buch aufnahm und ein paar Verse des griechischen Textes nicht eben
gelufig las. Whrend dieser kurzen Lectre verschwand das verchtliche Lcheln
mehr und mehr und ein Blick hlfesuchender Verlegenheit aus den langgeschlitztes
Augen irrte herab zu seinem Nachbar und Pylades. Lieber Himmel, wie konnte ich
ihm helfen! und wer wute besser als er, da ich ihm nicht wrde helfen knnen!
So geschah das Unabnderliche. Er machte aus einem Strahl des Helios einen
Schild des Aeolus und brachte noch vieles Aehnliche, Unerhrt-Ungehrige vor.
Die Anderen feierten ihr besseres Wissen durch Salven von Gelchter, und selbst
die classischen Zge des Professors erhellte ein grimmiges Lcheln des Triumphes
ber den in den Staub getretenen Gegner.
    Die Hunde! murmelte Arthur mit bleichen Lippen, als er sich, nachdem das
peinliche Verhr ein paar Minuten gedauert, wieder setzte. Weshalb hast Du mir
nicht zugesagt?
    Es blieb mir keine Zeit, eine so thrichte Frage zu beantworten, denn jetzt
kam die Reihe an mich. Aber ich hatte keine Lust, mich, meinen Mitschlern zum
Spa, der gelehrten Folter zu unterwerfen, sondern erklrte, da ich noch
weniger vorbereitet sei, als mein Freund, und da ich durch dieses Bekenntni
dem Zeugni, welches mir der Herr Professor vorhin ja selbst ausgestellt htte,
zu entsprechen hoffe.
    Ich begleitete diese Worte mit einem drohenden Blick gegen die Andern, der
ihr Gelchter alsbald verstummen machte; und auch der Professor, sei es, da er
weit genug gegangen zu sein glaubte, sei es, da er meine freche Rede einer
Erwiderung fr unwrdig hielt, wandte sich mit einem Achselzucken ab und strafte
uns, whrend er gegen die Andern ungemein liebenswrdig war und die gelehrtesten
Witze zum Besten gab, den noch brigen Theil der Stunde hindurch mit stiller
Verachtung.
    Die Thr hatte sich hinter ihm geschlossen. Arthur stand vor der ersten Bank
und rief: Ihr habt Euch einmal wieder erbrmlich benommen; aber mir fllt es
nicht ein, hier zu bleiben Der Alte kommt heute nicht wieder; wenn die Andern
nach mir fragen, sagt nur: ich wre krank.
    Und dasselbe gilt fr mich! rief ich, neben Arthur tretend und ihm einen
Arm auf die Schulter legend. Ich gehe mit. Ein Lump, der seinen Freund
verlt!
    Einen Augenblick spter hatten wir uns zwlf Fu hoch aus dem Fenster auf
den Schulhof hinabgleiten lassen und standen nun zwischen zwei Mauerpfeilern,
eng aneinander gedrckt, damit uns der Professor, wenn er aus dem Schulgebude
in seine Wohnung ging, nicht erblicke, den weitern Plan berlegend.
    Es gab zwei Mglichkeiten, von dem rings eingeschlossenen Hinterhof, auf dem
wir uns jetzt befanden, in's Freie zu gelangen: durch die langen, winkeligen
Kreuzgnge des Gymnasiums - eines uralten Benedictiner-Klosters - auf die
Strae, oder durch die Wohnung des Professors, die mit einer Ecke den Hof
begrenzte, direct auf die Promenade, zu welcher die lngst demolirten Stadtwlle
umgeschaffen waren und die fast das ganze Stdtchen umkreiste. Der erste Weg war
gefhrlich, denn es geschah hufig, da ein oder das andere Lehrerpaar noch
lange nach dem officiellen Anfang der Lection in den khlen Gngen plaudernd
auf- und abpromenirte - und wir hatten keine Minute zu verlieren; der zweite war
noch viel gefhrlicher, denn er fhrte direct durch die Hhle des Lwen; aber er
war der bei weitem krzere und jeden Augenblick praktikabel; wir entschieden uns
deshalb fr denselben.
    An der Mauer, dicht unter den Fenstern unserer Klasse, in welcher die zweite
Lection bereits begonnen hatte, hinschleichend, kamen wir bis zu der schmalen
Pforte, die auf den kleinen Hof der Professorwohnung fhrte. Hier war Alles
still; durch die offen stehende Hinterthr konnten wir auf den weiten, mit
Steinfliesen gepflasterten Flur des Hauses sehen, wo der Professor, der eben
zurckgekommen war, sich mit seinem jngsten Shnchen, einem hbschen
schwarzkpfigen dreijhrigen Buben, haschte, indem er mit seltsam langen
Schritten hinter demselben herlief und dabei vorsichtig in die weien Hnde
klatschte. Das Kind lachte und jauchzte und einmal kam es sogar auf den Hof
gelaufen, gerade auf unsern Versteck, der aus einem Haufen Klobenholz bestand,
zu: noch ein paar Schrittchen der kleinen Beine und wir waren entdeckt.
    Ich habe hernach oft daran gedacht, wie an diesen paar Schrittchen im Grunde
nicht weniger als mein ganzes Leben gehangen hat. Kam das Kind bis zu uns, so
konnten wir nur hinter dem Holzsto - an welchem man brigens vom Schulgebude
zur Directorwohnung vorber mute - hervortreten, als zwei Schler, die sich zu
ihrem Lehrer begeben, ihn wegen des Aergers, den sie ihm bereitet haben, um
Verzeihung zu bitten. Wenigstens gestand mir Arthur, da ihm, als das Kind auf
uns zugekommen, blitzschnell dieser Gedanke durch den Kopf gefahren sei. Dann
htte es noch eine Strafpredigt gegeben, aber in milderm Tone - denn der
Professor war im Grunde seines Herzens ein guter Mann, der das Beste wollte; -
wir wren in die Klasse zurckgekehrt, htten schlimmstenfalls den Mitschlern
gegenber unsern Entweichungsplan fr einen schlechten Scherz ausgegeben und -
ja ich wei selbst nicht, was dann geschehen wre, sicher nicht das, was
wirklich geschah.
    Aber die trippelnden Beinchen kamen nicht bis zu uns; der mit langen
Schritten hinterher eilende Vater erhaschte das Kind und hob es, in
berstrmender Vaterfreude, hoch in die Hhe, da die dunkeln Locken des
Bbchens in der Sonne blitzten - dann trug er es kosend zum Hause zurck, in
dessen Thr die Frau Professorin im Schmuck auf Papilloten gewickelter Locken
und einer weien Kchenschrze erschien; dann verschwanden Vater, Mutter und
Kind - die offen gebliebene Thr zeigte auf einen leeren Hausflur - jetzt, oder
nie war es Zeit.
    Mit jenem hochklopfenden Herzen, das nur in der Brust eines Schlers Raum
hat, der einen dummen Streich macht, schlichen wir bis zur Thr, ber den
sonntglich stillen Flur, wo in den schrgen Sonnenstreifen, welche durch die
gothischen Fenster fielen, die bunten Staub-Atome tanzten. Die Glocke der
Hausthr gab, als wir dieselbe langsam ffneten, einen schrillen Warnungsruf,
aber schon winkten uns die breitkronigen Bume der Wallpromenade; eine halbe
Minute spter waren wir zwischen den dichten Gebschen der Anlagen verschwunden
und eilten mit groen Schritten, die manchmal in einen kurzen Trab fielen, dem
Hafen zu.
    Was wirst Du Deinem Vater sagen? fragte ich.
    Gar nichts, denn er wird nicht fragen, erwiederte Arthur; oder wenn er
fragt: da ich frei bekommen habe; was sonst? Es wird famos werden; ich werde
mich famos amsiren.
    Wir eilten eine Weile schweigend nebeneinander her. Zum ersten Male fiel mir
ein, da ich doch eigentlich um nichts und wieder nichts aus der Schule gelaufen
sei. Wenn Arthur hernach ein paar Tage Carcer trafen, so hatte er sich doch
wenigstens famos amsirt; und die Sache hatte also fr ihn gewissermaen einen
Sinn. Ueberdies waren seine Eltern sehr nachsichtig - er riskirte mit einem
Worte so gut wie nichts. Ich dagegen lief die Gefahr der Entdeckung und der
Strafe ohne alle Entschdigung, und mein strenger, alter Vater verstand
berhaupt keinen Scherz, in solchen Dingen am wenigsten. Ich hatte wieder
einmal, wie schon so oft, fr einen Andern die sen Kastanien aus dem Feuer
holen helfen. Indessen was that's! Hier bei dem eiligen Lauf unter den wehenden
Bumen war es jedenfalls besser als in der dumpfigen Klasse, und fr mich, wie
ich damals gesinnt war, trug jeder dumme, bermthige Streich seine Belohnung in
sich selbst. Ich empfand es deshalb als eine besondere Gromuth meines sonst
sehr egoistischen Freundes, als dieser pltzlich sagte: Hre, Georg, Du
solltest mitkommen. Der Onkel hat mir noch speciell aufgetragen, so viel Freunde
als mglich mitzubringen. Ich sage Dir: es wird famos werden. Elise Kohl und
Emilie Heckepfennig sind auch dabei. Ich will Dir ausnahmsweise Emilie lassen.
Und dann die Austern und der Champagner und die Ananas-Bowle - Du solltest
wirklich mitkommen.
    Und mein Vater? sagte ich; aber ich sagte es nur, denn mein Entschlu, von
der Partie zu sein, stand bereits fest. Emilie Heckepfennig - Emilie mit ihrem
Stumpfnschen und ihren lachenden Augen, die mich immer ganz besonders
auszeichnete und mir neulich beim Pfnderspiel einen herzhaften Ku gegeben, zu
dem sie gar nicht verpflichtet war, und die mir Arthur, der Fant, ausnahmsweise
lassen wollte! Ich mute mit, jetzt mute ich es; mochte daraus kommen, was
wollte.
    Meinst Du, da ich so erscheinen kann? fragte ich, stehen bleibend, mit
einem Blick auf meinen Anzug, der einfach und sauber - ich hielt darauf - aber
keineswegs gesellschaftlich war.
    Warum denn nicht, erwiederte Arthur; was ist daran gelegen! Und brigens
haben wir keine Minute zu verlieren.
    Arthur, der in seinen besten Kleidern war, hatte mich nicht angesehen und
seinen Schritt nicht gemigt. Wir hatten in der That keine Minute zu verlieren,
denn, als wir jetzt durch ein paar enge Gchen zum Hafen gelangten, tnte uns
die Signalglocke des Dampfers entgegen, der an der Landungsbrcke zur Abfahrt
bereit lag. Die vierschrtige Gestalt des Kapitns stand auf dem Radkasten. Wir
drngten uns eilig durch die dichte Schaar der Gaffer auf der Brcke und
strzten ber das Laufbret, als man es eben auf das Schiff ziehen wollte und die
Rder ihre erste Umdrehung machten, mitten hinein in die auf dem Deck
versammelte bunte Gesellschaft.

                                Zweites Capitel.


Wie Du mich erschreckt hast! sagte Frau von Zehren, indem sie ihren Sohn bei
beiden Hnden ergriff; - wir hielten schon das Unmgliche fr mglich und
glaubten, Professor Lederer habe Dir die Erlaubni verweigert. Siehst Du wohl,
Zehren, da ich recht hatte?
    Nun, mir ist es ja auch recht, erwiederte der Steuerrath; die jungen
Damen waren schon trostlos ber Dein Ausbleiben, Arthur; oder habe ich zu viel
gesagt, Frulein Emilie, Frulein Elise? - Und der Steuerrath wandte sich mit
einer galanten Handbewegung an die Mdchen, die kichernd ihre breitgernderten
dunkeln Strohhte gegeneinander neigten. - Nun aber mut Du den Onkel
begren, fuhr er leiser fort; - wo ist denn der Onkel? und er lie seine
Augen ber die auf dem Deck herumschwrmende Gesellschaft schweifen.
    Der Commerzienrath Streber kam eben dahergeschossen. Seine kleinen
hellblauen Augen blitzten rgerlich unter den grauen buschigen Brauen hervor;
den langen Schirm seiner unmodischen Mtze hatte er aus der kahlen Stirn
geschoben; der linke Aermel seines weiten blauen Fracks mit den goldenen Knpfen
war ihm halb von der Schulter gerutscht; seine in gelben Nankinghosen steckenden
Beinchen hatten es sehr eilig.
    Wo hat denn der verdammte Johann die -
    Erlauben Sie, werther Herr Schwager, da Ihnen mein Arthur -
    Ist gut! rief der Commerzienrath, ohne den Prsentirten anzusehen; - aha!
da ist der Schlingel! - und er scho unaufhaltsam weiter, auf seinen Bedienten
zu, der eben mit einem Prsentirbret voll Glser aus der Kajtenthr auftauchte.
    Der Steuerrath und die Steuerrthin tauschten untereinander ein paar Blicke
aus, in welchen der alte Grobian oder etwas derart ziemlich deutlich zu lesen
war. Arthur hatte sich zu den jungen Mdchen gewandt und etwas gesagt, was jene
veranlate, hell aufzulachen und mit ihren Sonnenschirmen nach ihm zu schlagen;
ich, um den sich niemand kmmerte, wandte mich ab und suchte das stillere
Vorderdeck auf, wo ich auf einer Rolle Schiffstaue Platz nahm und, den Rcken
gegen die Ankerwinde gelehnt, in den hellen Morgen und auf das helle Meer
hinauszublicken begann.
    Denn das Schiff hatte unterdessen den Hafen verlassen und fuhr lngst der
Kste linker Hand dahin, auf welcher die rothen Dcher der Schifferhuschen
durch Busch und Baum blickten, whrend auf dem schmalen weien Strande hier und
da einzelne Gestalten sichtbar wurden, Schiffer oder auch Badegste, die nach
dem vorberbrausenden Dampfer schauten. Rechter Hand trat das flache Ufer immer
mehr zurck; vor uns - aber in weiterer Ferne - glnzten die Kreide-Felsen der
Nachbarinsel herber ber die blaue Meeresflche, die jetzt, unter einem
lebhafteren Wind, sich zu kruseln begann, whrend unzhlbare Scharen von
Seevgeln bald vor dem daherbrausenden Schiff in den Wind flogen, bald, die
klugen Kpfchen drehend, auf den bewegten Wassern tanzten und mit ihrem
eintnigen Geschrei die Luft erfllten.
    Es war ein heller kstlicher Morgen; ich sah es wohl, aber fhlte es nicht
recht. Meine Stimmung war sonderbar trb. Sie wrde ausgezeichnet gewesen sein,
wre des Herrn Commerzienrath Pinguin, der mit einer Schwerflligkeit, die
seinem Namen entsprach, durch das Wasser sich arbeitete, ein schnes, schnelles
Schiff gewesen, nach China bestimmt oder Buenos-Ayres oder sonst ein paar
tausend Meilen weit weg, und ich als Passagier, mit einem groen Beutel voll
Gold, ja meinetwegen selbst als Matrose an seinem Bord, mit der Gewiheit, nun
und niemals wieder die verhaten Thrme meiner Vaterstadt zu schauen, die da
eben auf dem blendenden Morgenhimmel mit dem sonnedurchleuchteten Morgendunst
verflossen. Aber jetzt! - was war es nur, was mich so melancholisch machte? Das
Bewutsein meines Ungehorsams, die Furcht der, nach menschlicher Berechnung,
unausbleiblichen unangenehmen Folgen? Gewi nicht! Das Aeuerste konnte doch nur
sein, da mich mein strenger Vater aus dem Hause jagte, wie er es schon oft
genug zu thun gedroht, und diese Mglichkeit sah ich als eine Befreiung von
einem Joch an, das mir mit jedem Tage unertrglicher duchte, und begrte sie
deshalb, als sie sich jetzt im Geiste darbot, mit einem Lcheln grimmiger
Zufriedenheit. Nein, das war es nicht!
    Was aber sonst?
    Ja, mein Gott, wer will denn aus der Schule gelaufen sein mit einem Eifer
als glte es, das Hchste zu erringen, und hernach, in einer frhlichen
Gesellschaft, auf dem Deck eines Dampfers, abseits auf einer Taurolle sitzen,
ohne da irgend jemand der Herren oder Damen ihn im geringsten beachtet, ja
selbst ohne die Aussicht, der Diener mit den Kaviarbrdchen und dem Portwein
wrde endlich auch einmal zu ihm kommen. Diese letztere Vernachlssigung
beleidigte mich, ehrlich gestanden, fr den Augenblick am schmerzlichsten. Mein
Appetit war, wie das bei einem neunzehnjhrigen Burschen von meiner
Krperbeschaffenheit nicht anders sein konnte, immer ausgezeichnet und jetzt
durch den scharfen Lauf von der Schule zum Hafen und durch den frischen Seewind
ungewhnlich gereizt.
    Ich stand in einer Anwandlung von Ungeduld auf, aber setzte mich alsbald
wieder. Nein, Arthur mute kommen und mich zur Gesellschaft fhren; es war,
nachdem ich ihm den Gefallen gethan hatte, mit ihm wegzulaufen, das Geringste,
was er mir schuldig war. Als ob er mir noch jemals bezahlt htte, was er mir
schuldig war! Wie viel Angelruthen, Kanarienvgel, Muscheln, Thonpfeifen, Messer
hatte er mir abgekauft, das heit abgeschmeichelt und abgetrotzt, ohne jemals
den ausbedungenen Preis zu entrichten! Ja, wie oft hatte er mir mein baares Geld
abgeborgt, sobald es nur irgend der Mhe werth schien, wozu manchmal nicht mehr
als zwei und ein halber Silbergroschen gehrten!
    Sonderbar, da ich gerade jetzt in dieser hellen Morgenstunde diese dunkle
Rechnung aufsummiren mute! Es war gewi das erste Mal seit dem Beginn unserer
Freundschaft, die doch mindestens schon von unserm sechsten Jahre an datirte.
Denn ich hatte den schnen schlanken Knaben immer geliebt, der so langes
goldglnzendes Haar und so weiche braune Augen hatte und weil der Sammt von
seiner Sonntagsjacke sich immer so glatt anfhlte. Ich hatte ihn geliebt, wie
ein groem vierschrtiger Kettenhund ein zartes Windspiel lieben mag, das er mit
einem Druck seiner Kinnbacken zermalmen kann: und so liebte ich ihn noch gewi
in diesem Augenblick, whrend er mit den Mdchen schkerte und als ein petit
matre, der er war, sich plaudernd, lachend durch die Gesellschaft bewegte.
    Ich wurde ganz traurig, als ich das von meinem Platz, der eigentlich ein
Versteck war, beobachtete, - ganz traurig und ganz muthlos; - ich mute wohl
sehr hungrig sein.
    Wir hatten jetzt die weit in das Meer sich streckende Landzunge, in welche
der westliche Strand auslief, und die wir umfahren muten, erreicht. Auf der
uersten flachen Spitze, von der Reihe der Dnenhuser durch einen weiten
Zwischenraum getrennt, und vom Meere rings umfluthet, stand, von einer alten
halbverdorrten Eiche berragt, noch eine Htte, an die sich fr mich viel
kstliche Erinnerungen knpften. Der alte Schmied Pinnow wohnte da, meines
Freundes Klaus Pinnow Vater. Schmied Pinnow war fr meine Knabenjahre
unzweifelhaft die merkwrdigste Persnlichkeit gewesen. Er besa vier alte
doppellufige, verrostete Percussionsgewehre und eine lange einlufige
Vogelflinte mit Pfannenschlo, die er an jagdlustige Badegste verlieh und
gelegentlich an uns Jungen, wenn wir gut bei Kasse waren, denn Schmied Pinnow
that nicht leicht etwas um Gottes willen; auerdem hatte er ein groes
Segelboot, ebenfalls nur zur Benutzung der Badegste, wenigstens in den letzten
Jahren, wo er halb blind geworden war und grere Fahrten nicht wohl unternehmen
konnte. Ehemals sollte er freilich ganz andere Fahrten von weniger harmloser
Natur gemacht haben; und die Steuerofficianten, meines Vaters Collegen - mein
Vater war seit einiger Zeit zum Rendanten avancirt - schttelten die Kpfe, wenn
sie auf Schmied Pinnows Vergangenheit zu sprechen kamen. Indessen, was ging uns
Jungen das an! Was ging es mich vor allen an, der ich den vier verrosteten
Jagdgewehren und der Vogelflinte und des alten Pinnows altem Boot die schnsten
Stunden meines Lebens verdankte und an Klaus Pinnow den besten Kameraden von der
Welt gehabt hatte. Gehabt! Denn seit den letzten vier Jahren, wo Klaus bei
Schlosser Wangerow in der Lehre und spter in Arbeit gewesen, hatte ich ihn
selten nur noch gesehen und seit einem halben Jahre gar nicht wieder.
    Aber eben jetzt dachte ich an ihn, als wir an seines Vaters Htte
vorberfuhren und auf dem Sande neben dem auf den Strand gezogenen Boot eine
Gestalt stand, - zwerghaft klein in Folge der groen Entfernung, - in der meine
scharfen Augen aber dennoch Christel Mwe erkannten, Klaus' Pflegeschwester,
welche die nun auch lngst verstorbene Frau des alten Pinnow vor sechzehn Jahren
nach einer Sturmnacht zwischen Kisten und Planken eines gescheiterten Schiffes
am Strande fand und der Alte in einer Anwandlung von Gromuth, wie die Einen -
um sich ein Ansehen vor den Leuten zu geben, wie die Andern sagten, in sein Haus
aufgenommen hatte. Das Schiff war ein hollndisches gewesen; so viel hatte man
aus den Trmmern gesehen, sonst war nie etwas ber Namen und Eigenthmer bekannt
geworden - infolge vielleicht der Lssigkeit, mit der man von seiten der
Behrden die Nachforschungen angestellt - den kleinen Findling aber hatte man
Christine oder Christel Mwe genannt, weil das wilde Geschrei der in der Luft
kreisenden Mwen Frau Pinnow an die Stelle, wo es lag, gelockt hatte.
    Ein Gerusch in meiner unmittelbaren Nhe lie mich schnell den Kopf nach
der Seite wenden. Zwei Schritte von mir wurde eine Luke in dem Verdeck des
Schiffes geffnet, und aus der Luke hob sich, mit den Fen auf der Leiter
stehen bleibend, ein Mensch, so weit, da er eben ber die niedrige
Schiffswandung blicken konnte. Das kurze starre Haar, das breite Gesicht, der
nackte muskulse Hals, die bis zum Grtel fast offene Brust, das einst rothbunt
gewesene Hemd, die einst grau gewesenen Beinkleider - Alles war mit einer
dichten Schicht schwarzen Kohlenstaubes bedeckt, und da der Mann die ohnehin
sehr schmalen Augen beinahe zugekniffen hatte, um schrfer in die Weite blicken
zu knnen, so wre an ihm Alles schwarz gewesen, htte er nicht in diesem Moment
den ungeheuren Mund zu einem frhlichen Grinsen verzogen und zwei Reihen Zhne
gezeigt, die an glnzender Weie nicht bertroffen werden konnten. Und jetzt hob
er sich noch ein paar Zoll hher, winkte mit der groen leeren schwarzen Hand
zum Gru hinber nach dem Strande, und jetzt erkannte ich den schwarzen
Gesellen.
    Klaus! sagte ich.
    Halloh! rief er, sichtbar zusammenschreckend, und richtete schnell die
schmalen Augen auf mich.
    Das war ja ein gewaltig zrtlicher Gru, Klaus!
    Klaus errthete unter seiner Rudecke und zeigte alle seine Zhne: Herr du
meines Lebens! rief er, Georg, wo kommst Du - wo kommen Sie hierher?
    Ja, und Du, Klaus!
    Ich bin ja schon seit Ostern hier, erwiederte er; - ich wollte immer
schon einmal herankommen und sehen, wie es Ihnen geht.
    Aber, nrrischer Kerl, weshalb nennst Du mich denn auf einmal Sie? fragte
ich.
    Na, Sie gehren doch nun auch zu der vornehmen Gesellschaft, sagte Klaus,
mit dem Daumen ber die Schulter nach dem Hinterdeck zeigend.
    Ich wollte, ich wre unten bei Dir und Du knntest mir ein tchtiges
Butterbrod geben, sagte ich. Hole der Teufel die vornehme Gesellschaft!
    Klaus sah mich erstaunt an.
    Ja, aber, sagte er; warum -
    Warum ich hier bin? unterbrach ich ihn; - weil ich ein Narr, ein Esel
bin, Klaus.
    Ach nein! sagte Klaus.
    Glaub es mir, Klaus, ein vollkommener Esel. Ich wollte, ich htte lauter so
gute Freunde, wie Du, Klaus. - Und mein Blick irrte zu dem treulosen Arthur
hinber, der mit dem Sonnenschirm der treulosen Emilie zwischen den Gsten
herumstolzirte, whrend sie sich seinen kleinen Strohhut kokett auf die Locken
gesetzt hatte.
    Ich mu wieder hinunter, sagte Klaus, freundlich grinsend, adjs! und er
stieg die Leiter hinab.
    War das ein Schornsteinfeger? fragte eine helle Stimme hinter mir.
    Ich wandte mich schnell um, indem ich mich zugleich von meinem Sitz erhob.
Da stand ein zierliches Dmchen von zehn Jahren in weiem Kleidchen mit
kornblumblauen Bndern an den Achseln und kornblumblaue Bnder flatterten von
ihrem Strohhtchen und die groen kornblumblauen Augen starrten neugierig auf
die Luke, durch die mein schwarzer Freund verschwunden war, und blickte dann
fragend zu mir empor.
    In demselben Moment wurde die Luke wieder gehoben; Klaus schaute heraus:
Soll ich Ihnen wirklich ein Butterbrod -
    O Gott! schrie die Kleine. Hinter mir klappte die Luke ber dem
blitzschnell untertauchenden Freunde.
    O Gott, rief die Kleine nochmals. - Wie ich erschrocken bin!
    Worber, ma chre? fragte eine andere Stimme. Die Stimme war sehr dnn,
und die Dame, der sie gehrte, und die eben um das Kajtenhaus herumtrat, war
ebenfalls sehr dnn, ungefhr so, wie das fadenscheinige Seidenkleid, couleur
changeante, das ihre Gestalt umflatterte, oder die rthlichen Locken, die von
beiden Seiten ihres blassen Gesichts herabfielen.
    Diese Dame war Frulein Amalie Duff und die mit den kornblumblauen Augen und
Bndern war ihre Zglingin, Hermine Weber, des Commerzienraths einziges Kind.
Ich kannte natrlich beide, wie ich denn so ziemlich wohl smmtliche Bewohner
unserer kleinen Stadt, sobald sie nur erst aus den Windeln heraus waren, kannte
und htte auch wohl von ihnen gekannt sein knnen, denn ich war ein paar Mal mit
Arthur in dem groen Garten des Commerzienraths vor dem Thore gewesen und hatte
vor vierzehn Tagen sogar die Ehre gehabt, die kleine Hermine eine halbe Stunde
lang schaukeln zu drfen in der groen hlzernen Schaukel, von der man, wenn man
sie recht hoch schleuderte, einen Blick zwischen die Bume weg auf's Meer hatte.
Ueberdies stammte Frulein Duff aus demselben kleinen schsischen Stdtchen,
welches auch der Geburtsort meiner Eltern war, und sie hatte, als sie vor
einigen Monaten in unserer Stadt erschien, Empfehlungen und Gre aus der Heimat
gebracht, welche leider fr meine gute Mutter, die schon seit fnfzehn Jahren in
der Erde ruhte, zu spt kamen. Auch hatte Frulein Duff mich schon wiederholt -
auch an jenem Schaukelnachmittage - ihrer belehrenden Unterhaltung gewrdigt,
aber sie war sehr kurzsichtig, und so konnte ich es ihr denn nicht weiter
verbeln, da sie jetzt die goldene Lorgnette vor die blassen Augen nahm und mit
jener Verbeugung, die man in der Tanzstunde, glaube ich, grand compliment nennt,
fragte: Ich habe die Ehre?
    Ich nannte meinen Namen.
    O ciel! rief Frulein Duff, mon jeune compatriote! Ich bitte tausendmal
um Verzeihung! meine Kurzsichtigkeit! - Wie befindet sich Ihr wrdiger Herr
Vater? Wie befindet sich Ihre liebe Frau Mutter? - Himmel, wie verwirrt ich bin!
sie weilt ja nicht mehr unter den Lebenden! verzeihen Sie! aber Ihr pltzliches
Erscheinen in diesem stillen Winkel der Welt hat mich ganz fassungslos gemacht.
Was ich sagen wollte - man verlangt dort drben sehr nach Ihnen. Wie haben Sie
sich so versteckt halten knnen; man sucht Sie berall -
    Und doch wre ich leicht genug zu finden gewesen, sagte ich, vermuthlich
mit einiger Bitterkeit, welche dem leisen Ohr Frulein Duffs nicht entging.
    Ach ja, sagt sie mit einem verstndnivollen Blick der blassen Augen, und
indem sie einen Schritt nher trat: Wer sich der Einsamkeit ergiebt ... das ist
eine ewige Wahrheit. Am Golde hngt, nach Golde drngt ... Nicht so wild, ma
chre! Das gruliche Thier wird dir die Kleider zerreien!
    Diese letzten Worte galten der kleinen Hermine, welche mit einem
allerliebsten Wachtelhndchen, das bellend herangesprungen kam, auf den glatten
Dielen des Verdecks Haschen zu spielen begann.
    Sie sind ein sinniges Gemth, fuhr die Gouvernante fort, indem sie sich
wieder zu mir wandte; ich sehe es an dem schmerzlichen Zug, der um Ihren Mund
grollt. Die lauten Freuden widern Sie an; das Toben und Schreien ist Ihnen ein
verhater Klang; aber wir Armen mssen uns in das Unvermeidliche schicken, ich
wenigstens mu es. Wrde ich sonst hier sein? auf diesem schwankenden Kahn, wo
ich Todesangst ausstehe? Und zu welchem Zweck? einem kannibalischen Mahle
beizuwohnen! unschuldige Austern, die man dem mtterlichen Schooe der heiligen
Salzfluth entreit, um sie lebend zu verschlingen! Ist das ein Schauspiel, das
man einem Kinde bieten darf? und Frulein Duff schttelte sorgenvoll ihre
dnnen Locken.
    Es fragt sich noch sehr, ob wir welche finden, sagte ich hhnisch.
    Meinen Sie? auch die anderen Herren bestreiten es. Der Salzgehalt der
Ostsee ist zu gering. Zwar sollen die Rmer in Swasserseen bei Neapel - aber
wie darf ich einem jungen Gelehrten wie Ihnen mein bescheidenes Wissen
aufdrngen wollen! Der gute Commerzienrath! Ja, ja: verachte nur Vernunft und
Wissenschaft! Aber da kommt er selbst! Kein Wort von dem, was wir gesprochen,
mein junger Freund! ich bitte!
    Mir blieb keine Zeit, die blasse Dame meiner Verschwiegenheit zu versichern,
denn beinahe die ganze Gesellschaft, an der Spitze der Commerzienrath, der die
dicke Frau Justizrath Heckepfennig am Arm fhrte, kam jetzt auf das Vorderdeck
geschwrmt, einen Dreimaster besser zu sehen, der mit vollen Segeln auf uns
zurauschte. Im nchsten Augenblick war ich mitten in dem Schwarm, und das Eis,
in welchem ich so zu sagen festgesessen hatte, war gebrochen. Arthur, dessen
feines Gesicht von dem reichlich genossenen Wein bereits lebhaft gerthet war,
schlug mich auf die Schulter und fragte, wo zum Kukuk ich denn gesteckt htte?
Die treulose Emilie reichte mir die Hand und lispelte: Haben Sie mich denn ganz
vergessen? und sank, als jetzt, zum Salut des vorber rauschenden Oceanriesen
an Bord unseres Dampfers die Bller gelst wurden, mit einem kleinen Schrei in
meine Arme. Der Dreimaster, der eben von Westindien zurckkam, gehrte zu des
Commerzienraths Flotte. Man hatte gewut da er heute einlaufen wrde, und dem
Commerzienrath war es keineswegs unlieb, seine Gste auf der Fahrt nach seinen
Austerbnken an dem stolzesten seiner Schiffe vorberfhren zu knnen. Er stand
auf dem Radkasten, das Sprachrohr am Munde, aus Leibeskrften etwas schreiend,
was in dem allgemeinen Hurrah hinber und herber und dem Krachen der
Bllerschsse unmglich von dem bronzefarbenen Kapitain drben verstanden werden
konnte, der denn auch zum Zeichen, da er nichts verstanden habe, die breiten
Achseln zuckte. Aber was kam darauf an! Es war doch ein glorioses Schauspiel,
und der Commerzienrath mit dem Sprachrohr auf dem Radkasten die Hauptperson in
demselben. Das war ihm genug, und als er jetzt, nachdem der Albatros auf
breiten Schwingen vorbergerauscht war und die plumpen Beine des Pinguin
wieder zu schaufeln begannen, von seinem Piedestal herunterstieg, die
Glckwnsche der Gesellschaft in Empfang zu nehmen, glitzerten seine Aeuglein so
hell, zuckten die Flgel seiner langen Nase so vergnglich, strich er sich so
behaglich das spitze Buchelchen und sein lautes Lachen klang wie das Krhen
eines Hahns, der sich in dem angenehmen Bewutsein blht, der Erste auf dem
Dngerhof zu sein.
    Das brige Geflgel erkannte diesen Vorzug auf das bereitwilligste an: man
schnatterte, piepte, gluckste Beifall; man duckte sich, man kratzfelte.
Niemand mehr als Arthurs Vater, der Steuerrath, der sich bestndig an der Seite
des Gefeierten hielt und ihm mit seiner glatten Stimme Schmeicheleien sagte, die
Jener, als etwas, das sich von selbst verstand, und woran er, besonders von
dieser Seite, gewhnt war, mit einer Gleichgltigkeit aufnahm, die fr die
meisten Anderen etwas Beleidigendes gehabt haben wrde. Auch mochte wohl der
Steuerrath nicht gerade angenehm durch das Benehmen seines reichen Schwagers
berhrt sein, obgleich er ein viel zu gewandter Mann war, um, was auch immer in
solchen Augenblicken sein Herz bedrcken mochte, merken zu lassen. Nicht ganz so
gut gelang diese Selbstkasteiung seiner Gemahlin, die, als geborene Barone
Kippenreiter und als leibliche Schwester der verstorbenen Frau Commerzienrath,
ohne Zweifel Anspruch auf respectvolle Behandlung hatte und ein Recht,
unzufrieden zu sein, wenn ihr diese versagt wurde. Sie suchte sich fr die
Zurcksetzung durch ein mglichst herablassendes Benehmen gegen die brigen
Damen, die Frau Brgermeister Koch, die Frau Justizrath Heckepfennig, die Frau
Bauinspector Strombach und wer denn noch sonst von der weiblichen Elite unseres
Stdtchens anwesend war, zu entschdigen, indessen konnte diese Genugthuung
nicht die Wolke von ihrer aristokratischen Stirn verscheuchen, mit wie
krampfhafter Freundlichkeit auch die dnnen Lippen ber den langen, gelben
Zhnen auf- und niederzuckten.
    Ich hatte kaum angefangen, mich in der Gesellschaft heimisch zu fhlen - und
wie bald geschah das! - als mein gewhnlicher, kecker und zum Theil wilder
Uebermuth sein Recht verlangte und sich in hundert Streichen Luft machte, die
vielleicht nicht immer vom besten Geschmack waren, aber gewi niemals aus einem
schlechten Herzen kamen, und in denen ich mich um so unbefangener gehen lie,
als ich die Lacher stets auf meiner Seite hatte. Lieber Himmel! ich knnte jetzt
noch vor Scham errthen, wenn ich denke, welche schalen Reden ich meinem
bescheidenen Auditorium fr Witze verkaufte, wie arm an Erfindung und plump in
der Darstellung die Scenen waren, die ich vorzufhren liebte und fr die ich in
der ganzen Stadt eines groen Rufes geno (ein Verliebter, der seiner Schnen
ein Stndchen bringen will und dabei fortwhrend von bellenden Hunden, miauenden
Katzen, keifenden Nachbarinnen, schadenfrohen Passanten gestrt und zuletzt vom
Wchter arretirt wird, war meine Glanzrolle); wie tactlos und unsinnig die
Reden, die ich ber Tisch hielt und mit wie vielen Glsern Wein ich mich fr
diese tactlosen und unsinnigen Reden zu belohnen fr gut fand!
    Ach! dieses Mittagsmahl auf dem mit Zelttuch berspannten Deck des in dem
spiegelglatten Meer vor Anker ruhenden Dampfers! es war fr mich die letzte
wirkliche Lustbarkeit auf lange, lange Jahre hinaus; ich wei es nicht, ob sie
darum so hell in meiner Erinnerung geblieben ist, oder ob es die Jugend war, die
mir in den Adern brauste, oder der Wein, der in den Krystallglsern funkelte,
oder der Sonnenschein, der so glanzvoll auf dem weiten Meere lag, oder die
balsamische Luft, welche ber die ungeheure Flche so leise herangeschwingt kam,
da sie die glhenden Wangen der Mdchen nicht zu khlen vermochte. - Es war
wohl eben Alles zusammen: Jugend, Sonnenschein, Meeresathem, goldener Wein,
rothe Mdchenwangen, ach! und die Austern, die bsen Austern, die zwei Jahre
Zeit gehabt hatten, sich zu vermehren wie der Sand des Meeres und die der
Meeressand und die Meeresstrmung bis auf wenige leere Schalen vergraben und
fortgesplt hatte! Welch' ein unerschpfliches Thema waren diese leeren Schalen,
die mitten auf der Tafel in einer prachtvollen Schssel als humoristisches
Schaugericht prangten! wie versuchte Jeder seinen Witz daran! und wie gnnte man
es heimlich dem Millionr, da sein trotziger Eigensinn doch endlich einmal eine
Lection bekommen, da er mit allen seinen Millionen der Natur nicht abringen
konnte, was sie nicht zu gewhren entschlossen war!
    Aber man mute es dem alten Kauz lassen: er machte zu dem bsen Spiel die
beste Miene von der Welt, und als jetzt, nachdem er in launiger Rede sein
Unglck beklagt, pltzlich lautes Geschrei auf dem Vorderdeck entstand und die
Matrosen groe Austerfsser herbeischleppten, die sie eben gefangen zu haben
behaupteten, da war des Jubels kein Ende und der Lebehochs auf den splendiden
Wirth, der zum andern Mal bewiesen, da seine Schlauheit und Umsicht denn doch
noch grer waren, als sein Trotz und sein Eigensinn.
    Ich wei nicht, wie lange das glnzende Mahl fr die Herren noch whrte,
whrend die Damen auf dem Verdeck promenirten; jedenfalls noch sehr lange, viel
zu lange fr uns junge Burschen. Man erzhlte sich die bedenklichsten
Geschichten - in denen besonders der Commerzienrath stark war - man lachte
berlaut, man schrie; ich mute Lieder singen, die mit Jubel aufgenommen wurden,
und ich war nicht wenig stolz, als mein krftiger Ba selbst die Damen wieder an
die Tafel lockte; ich that mein Bestes, in einem unisonen, von dem gesammten
Herren- und Damenpersonal ausgefhrten Vortrage von: Ich wei nicht, was soll
es bedeuten eine zweite Stimme (in Terzen) durchzufhren und verwandte whrend
dessen kein Auge von Frulein Emilie - eine Aufmerksamkeit, welche die
Freundinnen der jungen Dame natrlich zu kichern und sich gegenseitig anzustoen
zwang und Arthur so in Eifersucht versetzte, da er mich spter, als wir, die
Cigarren im Munde, auf dem Vorderdeck promenirten, nothwendig zur Rede stellen
mute.
    Es war unterdessen Abend geworden; ich erinnere mich, da, als ich den
Wortwechsel mit Arthur hatte, auf der Kste der Insel, der wir uns auf unserer
Heimfahrt einmal ziemlich genhert hatten, eine vom Schein der untergehenden
Sonne getroffene Ruine erglnzte, die malerisch von dem hohen, steilabfallenden
Vorgebirge aufragte. Der Anblick dieser Ruine gab unserem Streit, der schon
ziemlich lebhaft geworden war, eine peinliche Wendung. Jener Thurm war nmlich
das einzige Ueberbleibsel der uralten Zehrenburg, der Stammburg von Arthurs
Familie, die in frheren Zeiten auf der Insel reich begtert gewesen war. Arthur
deutete mit pathetischer Geberde auf die rothen Steine und verlangte von mir,
da ich, Angesichts der Burg seiner Ahnen, auf immer und ewig Emilie
Heckepfennig abschwren solle. Ein Brgerlicher, wie ich, habe immer vor einem
Adeligen zurckzustehen. Ich behauptete, da in der Liebe von Brgerlich und
Adelig nicht die Rede sei, und da ich mich nun und nimmer zu einem Schwur
verstehen knne, der mich und das Mdchen ungleich machen wrde. - Sclave,
sagte Arthur, so belohnst Du mich fr die Herablassung, mit der ich mir Deinen
Umgang so lange schon habe gefallen lassen? - Ich lachte berlaut; mein Lachen
entflammte den trunkenen Zorn Arthurs auf's Hchste. - Mein Vater ist der
Steuerrath von Zehren, rief er, Dein Vater ist ein elender Subalternbeamter.
- La unsere Vter aus dem Spiel, Arthur, sagte ich; Du weit, ich verstehe
in Beziehung auf meinen Vater keinen Spa. - Dein Vater ... - Noch einmal,
Arthur, la meinen Vater aus dem Spiel! Mein Vater ist mindestens so viel werth,
als der Deine. Und wenn Du jetzt noch ein Wort gegen meinen Vater sagst, so
fliegst Du ber Bord! und ich schttelte meine Fuste vor Arthurs Gesicht.
    Was giebt es hier? fragte der Steuerrath, der pltzlich herantrat. - Wie,
junger Mensch, ist dies die Achtung, die Sie meinem Sohn, die Sie mir schuldig
sind? Es scheint, da Sie dem unpassenden Betragen, dessen Sie sich whrend des
ganzen Tages befleiigt haben, jetzt die Krone aufsetzen wollen. Mein Sohn hat
Sie zum letzten Male mitgenommen.
    Mitgenommen? rief ich, mitgenommen! Weggelaufen sind wir, Einer wie der
Andere. Mitgenommen! Mitgefangen, mitgehangen! - und ich brach in ein
schallendes Gelchter aus, das den mir soeben gemachten Vorwurf des unpassenden
Betragens leider vollauf besttigte.
    Wie? sagte der Steuerrath, Arthur, was heit das?
    Aber Arthur war nicht im Stande, eine verstndliche Antwort zu geben. Er
lallte, ich wei nicht was und taumelte mit erhobener Hand auf mich zu. Der
Vater ergriff ihn am Arm und fhrte ihn fort, indem er leise und heftig auf ihn
einsprach und mir im Abgehen noch einen wthenden Blick zuwarf.
    Diese Scene hatte das Blut, das so schon feurig genug durch meine Adern
brauste, vollends in Flammen gesetzt. Das Nchste, dessen ich mich noch
erinnere, war, da ich den Commerzienrath - ich wei nicht mehr, wie ich zu der
Ehre gekommen - am Arm fhrte und ihm in leidenschaftlichen Worten das
himmelschreiende Unrecht klagte, das ich so eben von meinem besten Freunde
erlitten habe, fr den ich Gut und Blut zu opfern jederzeit bereit sei. Der
Commerzienrath wollte sich todt lachen. - Gut und Blut! rief er, ja, das
knnen sie brauchen! denn das Gut! - der Commerzienrath zog die Schultern in
die Hhe und blies die Backen auf: - und das Blut! hier stie er mich mit dem
Elnbogen in die Seite; - das Blut! Vollblut, capitales Blut, das versteht sich!
habe ja selbst eine gehabt; - eine Kippenreiter! Barone Kippenreiter! mein
Hermann mindestens Halbblut. Da springt sie hin - ist es nicht ein Engel?
Schade, da es kein Junge geworden ist; nenne sie deshalb immer Hermann.
Hermann, Hermann!
    Die Kleine kam gesprungen; sie hatte ein rothes Tuch umgebunden, das ihr der
Vater, nachdem er sie gekt, noch fester um die zarten Schultern zog.
    Ist es nicht ein Engel? ein Stolz? - fuhr er fort, indem er wieder meinen
Arm nahm. - Sie soll auch einen Grafen zum Mann haben, nicht so einen
ausgehungerten Adeligen, wie mein Schwager, der Steuerrath, oder so einen, wie
sein Bruder auf Zehrendorf, der Saufaus, oder wie der andere, der Duckmuser,
der Zuchthausdirector in Dingsda! Nein, einen wirklichen Grafen, einen Kerl, der
seine sechs Fu hoch ist, so wie Sie! ja, so wie Du, mein Junge!
    Der kleine Commerzienrath suchte mir seine beiden kurzen plumpen Hnde auf
die Schultern zu legen und blickte mit weinseligen Augen gerhrt zu mir auf. -
Du bist ein kapitaler Kerl, ein Prachtkerl. Schade, da Du so ein armer Teufel
bist, Du solltest mein Schwiegersohn werden; aber ich mu dich Du nennen; kannst
mich auch Du nennen, Bruderherz! - und der wrdige Mann schluchzte an meiner
Brust und rief nach Champagner, vermuthlich, um den eben geschlossenen
Bruderbund nach alter Weise mit einem solennen Trunk zu besiegeln.
    Ich bezweifle, da dies geschehen ist, wenigstens erinnere ich mich dieser
Ceremonie nicht mehr, die sich doch wohl meinem Gedchtni eingeprgt haben
wrde. Dagegen wei ich, da ich kurz nach dieser Scene mit einer vollen Flasche
in dem Maschinenraum gewesen bin, um mit meinem Freunde Klaus anzustoen und ihn
zu versichern, da er der beste, treueste Kerl von der Welt sei und da ich ihn
zum Oberheizer in der Hlle machen wolle, sobald ich einmal dorthin gelangt, was
gar nicht mehr lange dauern werde; denn mit meinem Vater msse es heute Abend
noch eine Entscheidung geben, obgleich ich mich fr ihn jeden Augenblick in
Stcke zerreien lassen wrde, und das mge lieber jetzt gleich geschehen, und
wenn der groe schwarze Kerl nicht aufhre, mit dem langen eisernen Arm auf und
nieder zu fahren, wrde ich meinen Kopf darunter stecken, und dann werde es wohl
mit Georg Hartwig aus sein.
    Wie der gute Klaus mir dieses selbstmrderische Vorhaben ausgeredet und wie
er mich die steile Leiter wieder hinaufgeschafft hat, wei ich nicht; doch mu
es irgendwie geschehen sein; denn als wir in den Hafen einliefen, war ich wieder
auf Deck und sah die Maste der vor Anker liegenden Schiffe an uns vorbergleiten
und zwischen die Raaen und Spieren hindurch die Sterne tanzen, und der Halbmond
stand auf dem spitzen Thurm der St. Nikolaikirche und fiel dann mit einem Male
herunter, und ich wre auch beinahe gefallen, denn der Pinguin streifte eben
ziemlich hart die vorspringenden Balken der Schiffbrcke, auf welcher wieder
eine schwarze Menschenmenge stand, die aber nicht Hurrah schrie, wie heute
Morgen, sondern - wie mir vorkam - auffallend still war, und als ich durch sie
hindurch drngte, mich - so schien es - mit wunderlich ernsten Gesichtern
anstarrte, so da mir zu Muthe wurde, als sei irgend ein Unglck geschehen, oder
es werde demnchst eines geschehen, und ich selbst htte irgendwie das Unglck
zu Wege gebracht.
    Ich stand vor dem kleinen Hause meines Vaters in dem schmalen Hafengchen.
In der Stube zur Hausthr linker Hand schimmerte Licht durch die geschlossenen
Lden; mein Vater war also schon zu Hause - er pflegte um diese Zeit einen
einsamen Spaziergang um den Stadtwall zu machen. - War es denn schon so spt? -
Ich zog die Uhr hervor - und suchte bei dem schwachen Schimmer des Mondes -
Laternen brannten an Mondscheinnchten in Uselin nicht - zu sehen, welche Zeit
es sei. Es war nicht mglich. Pah! sagte ich, es kommt auf eins heraus! - und
ich ergriff entschlossen den Messingdrcker der Hausthr. Er fhlte sich an wie
Eis so kalt in meiner fieberheien Hand.

                                Drittes Capitel.


Als ich die Hausthr hinter mir schlo, trat Riekchen, die seit dem Tode der
Mutter dem Vater die Wirthschaft fhrte, schnell aus dem Zimmerchen rechter
Hand. Bei dem Schein des Oellmpchens auf dem weigescheuerten Flurtisch sah
ich, da die gute Alte die Hnde zusammenschlug und mich mit weit aufgerissenen,
entsetzten Augen anstarrte. - Ist dem Vater etwas passirt? sagte ich, indem ich
mich an dem Kchentisch fest hielt. Die im Vergleich mit drauen etwas dumpfe
Luft des Flures und der Schrecken ber Riekchens Angstmiene versetzte mir den
Athem und dann strmte mir das Blut so heftig nach dem Kopfe: die Gegenstnde im
Flur schienen sich mir im Kreise zu drehen. - Ach, Du Unglckskind, was hast Du
angerichtet, wimmerte Riekchen. Um Gottes willen, was ist's? rief ich laut,
die Alte bei der Hand fassend.
    Hier ffnete mein Vater die Thr seines Zimmers und erschien auf der
Schwelle, beinahe den ganzen Rahmen ausfllend, denn die Thr war schmal und
niedrig und mein Vater ein starker, groer Mann.
    Gott sei Dank! murmelte ich.
    Ich empfand in diesem Augenblicke nichts, als das freudige Gefhl der
Befreiung von der Angst, die mir noch eben die Kehle zugeschnrt hatte; im
nchsten freilich schon hatte diese natrliche Regung einer ganz anderen Platz
gemacht und wir starrten uns an wie zwei Gegner, die pltzlich
aufeinandertreffen, nachdem der Eine schon lange des Andern geharrt hat, und der
Andere, so gut es gehen will, sich zu der Entscheidung aufrafft, von der er
wei, da sie unvermeidlich ist.
    Komm herein, sagte mein Vater, indem er aus der Thr zurcktrat.
    Ich folgte seinem Ruf. Es sauste mir in den Ohren, aber mein Schritt war
fest, und wenn mein Herz wild an die Rippen schlug, so war es nicht vor Angst.
    Als ich eingetreten war, erhob sich eine lange, schwarze Gestalt, die auf
dem mit Haartuch berzogenen Arbeitsstuhl meines Vaters gesessen hatte - mein
Vater duldete kein Sopha in seinem Hause - es war der Professor Lederer. Ich
stand in der Nhe der Thr; mein Vater weiter rechts am Ofen, der Professor vor
dem Arbeitstisch und vor der Lampe, so da sein Schatten dunkel ber die
geweite Zimmerdecke und ber mich fiel. Keiner regte sich und Keiner sprach:
der Professor wollte dem Vater das erste Wort lassen, mein Vater war zu
aufgeregt, um sprechen zu knnen; so verging wohl eine halbe Minute, die mir
eine Ewigkeit dnkte und whrend welcher ich jedenfalls Zeit hatte, mir den
Gedanken zum klarsten Bewutsein zu bringen, da, wenn der Professor nicht
sofort das Zimmer und das Haus verlie, jede Mglichkeit einer Verstndigung
zwischen meinem Vater und mir abgeschnitten war.
    Verirrter junger Mann, sagte der Professor.
    Lassen Sie mich mit meinem Vater allein, Herr Professor, sagte ich.
    Der Professor sah mich an, wie Jemand, der seinen Ohren nicht traut. - Ein
Schuldiger, ein Verbrecher - das war ich in den Augen des Schulmannes - der dem
Richter in die Rede zu fallen, in diesem Tone, mit einer solchen Zumuthung in
die Rede zu fallen wagt, - es war unmglich.
    Junger Mann, fing er noch einmal an, aber sein Ton war nicht mehr so
sicher wie das erste Mal.
    Ich sage Ihnen, lassen Sie uns allein, rief ich mit starker Stimme, indem
ich eine Bewegung nach dem Professor machte.
    Er ist von Sinnen, sagte der Professor, indem er, rckwrts schreitend, an
den Tisch stie.
    Bursche, rief mein Vater, der rasch vorgetreten war, als wollte er den
Professor vor einem Angriff schtzen.
    Wenn ich von Sinnen bin, sagte ich, meine glhenden Augen bald auf den
Professor, bald auf meinen Vater richtend, so thten Sie doppelt wohl daran,
uns allein zu lassen.
    Der Professor sah sich nach seinem Hut um, der hinter ihm auf dem Tisch
stand.
    Nein, bleiben Sie, bleiben Sie! rief mein Vater mit vor Leidenschaft
bebender Stimme. - Soll dieser freche Bube wieder einmal seinen bsen Willen
durchsetzen? Ich habe nur zu lange eine strafbare Nachsicht gebt; es ist Zeit,
endlich andere Saiten aufzuziehen.
    Mein Vater fing an, im Zimmer hin- und herzugehen, wie er immer that, wenn
er sehr aufgeregt war. - Ja, andere Saiten aufzuziehen, fuhr er fort; - dies
geht nicht lnger; ich habe gethan, was ich konnte; ich brauche mir nichts
vorzuwerfen; aber ich will nicht eines ungerathenen Buben wegen zum Gesptt der
Leute werden. Wenn er nicht thun will, was seine verdammte Pflicht und
Schuldigkeit ist, so habe ich auch keine Pflicht und keine Schuldigkeit gegen
ihn mehr zu erfllen; so mag er sehen, wie er ohne mich durch die Welt kommt.
    Er hatte mich nicht ein einziges Mal angesehen, whrend er diese Worte, die
der Zorn oft unterbrach, hervorstie. Ich sah spter einmal ein Gemlde, das
jenen alten Rmer darstellte, wie er sich die Hand auf den glhenden Kohlen
abschwlen lt und mit einem unendlich schmerzhaften Blick seitwrts auf die
Erde starrt. Ich mute dabei an meinen Vater in dieser verhngnivollen Stunde
denken.
    Ihr Herr Vater hat recht, hob hier zum dritten Male der Professor an, der
es fr seine Pflicht hielt, an dem Eisen, das auf dem Ambo lag, mit schmieden
zu helfen; - wann hat es einen Vater gegeben, der mehr fr seine Kinder gethan
htte, als dieser treffliche Mann, dessen Ehrenhaftigkeit, Flei und Biederkeit
sprchwrtlich sind, den jede Brgertugend schmckt und der nun durch Ihre
Schuld des schnsten, kostbarsten Schmuckes eines Brgers entbehren soll, das
ist: eines wohlgerathenen Sohnes, der ihm eine Sttze sei in seinem wankenden
Alter. Ist es nicht genug, da diesen trefflichen Mann das unabwendbare
Schicksal so hart getroffen, da er so frh die theure Gattin, einen Sohn in der
Blthe der Jahre verlieren mute? Soll ihm nun auch noch der letzte geraubt
werden, der Benjamin seines Alters? soll seine treue Sorge, sein Gebet bei Tag
und Nacht -
    Mein Vater war ein strenger Mann, aber nichts weniger als fromm im Sinn der
Kirche; die Unwahrheit war ihm ein Gruel, und da er Tag und Nacht gebetet
haben solle, das war eine Unwahrheit; berdies war er von tiefster, fast
krankhafter Bescheidenheit und das Lob des Professors dnkte ihm berschwnglich
und unpassend.
    Lassen Sie es gut sein, Herr Professor, unterbrach er den beredten
Gelehrten mit rauher Stimme; - ich sage noch einmal: ich habe meine Pflicht
gethan, damit basta! und er soll seine thun, und damit basta! Ich will weiter
nichts von ihm, nichts, gar nichts, nicht so viel - und mein Vater strich dabei
die Handflchen bereinander - das aber will ich, und will er's nicht, nun -
    Mein Vater hatte sich von Neuem in einen Zorn hineingesprochen, der um so
heller aufflammte, je ruhiger meine Haltung war. Seltsam! htte ich mich auf
Bitten und Flehen gelegt, ich bin berzeugt, mein Vater wrde mich verachtet
haben; aber weil ich that, was er, wre er in meiner Lage gewesen, ganz gewi
auch gethan haben wrde; weil ich trotzig und stumm war, hate er mich in diesem
Augenblicke, wie man das hat, was sich uns in den Weg stellt, ber das wir fort
mssen und das wir dennoch nicht mit dem Fu verchtlich bei Seite stoen
knnen.
    Sie haben sich ein schweres Vergehen zu Schulden kommen lassen, Georg
Hartwig, declamirte der Professor weiter; - Sie haben sich ohne die Erlaubni
Ihrer Lehrer aus dem Gymnasium entfernt. Ich will nicht sprechen von der
grenzenlosen Miachtung, mit welcher Sie wiederum, wie schon so oft in anderer
Weise, die Ihnen gebotene kostbare Gelegenheit, sich zu unterrichten, von sich
gewiesen haben; ich will nur sprechen von der schlimmen moralischen Schuld des
Ungehorsams, der frechen Auflehnung gegen das Gebot, dem bsen Beispiel, das Sie
durch dies schndliche Betragen Ihren Mitschlern geben. Wenn Arthur von Zehrens
leichter Sinn sich endlich in entschiedenen Leichtsinn umgewandelt hat, so ist
das die bse Frucht dieses Beispiels, denn nimmermehr wrde jener bethrte
Jngling gewagt haben, was er heute gewagt hat. -
    Hier brach ich, der ich den bethrten Jngling besser kannte, in ein kurzes,
hhnisches Gelchter aus, welches den Professor vollstndig aus der Fassung
brachte. Er griff nach seinem Hut und wollte sich, unverstndliche Worte
murmelnd, die vermuthlich seine Ueberzeugung, da ich rettungslos verloren sei,
ausdrcken sollten, entfernen. Mein Vater vertrat ihm den Weg.
    Noch einen Augenblick, Herr Professor, sagte er; und dann sich zu mir
wendend: Du wirst jetzt sofort Deinen Lehrer wegen dieser neuen Frechheit um
Verzeihung bitten; sofort!
    Nein, sagte ich.
    Sofort! donnerte mein Vater.
    Nein, sagte ich noch einmal.
    Willst Du, oder nicht?
    Er stand vor mir, vor Zorn am ganzen Leibe bebend. Sein immer etwas
gelbliches Gesicht war aschfarben, auf seiner Stirn lag eine Ader wie ein Ast,
seine Augen blitzten. Er hatte die letzten Worte in einem heiseren, zischenden
Ton gesprochen.
    Nein, sagte ich.
    Mein Vater hob den Arm zu einem Schlage, aber er schlug mich nicht; der Arm
senkte sich langsam, und die ausgestreckte Hand deutete nach der Thr: Hinaus,
sagte er langsam und fest: aus meinem Hause, fr immer!
    Ich sah ihm starr in die Augen; ich wollte etwas erwiedern; vielleicht:
Vergieb mir, vergieb Du mir, Dich will ich um Verzeihung bitten! - aber das Herz
lag mir wie ein Stein in der Brust, meine Zhne waren wie von einem Schraubstock
zusammengepret; ich konnte sie nicht auseinanderbringen; ich konnte kein Wort
hervorbringen; ich ging stumm nach der Thr.
    Der Professor eilte mir nach und ergriff mich beim Arm, gewi in der besten
Absicht; aber ich sah in ihm nur den, der schuld war, da es so gekommen; ich
stie ihn unsanft auf die Seite, schlug die Thr hinter mir zu, rannte an der
alten Dienerin vorber - sie mochte gehorcht haben, die gute Seele, und stand
jetzt, die Hnde ringend, ein Bild trostlosen Jammers da - zum Hause hinaus auf
die Gasse.

                                Viertes Capitel.


Ich lief, wie ein Unsinniger, ein paar Schritte; mit einem Male wankten meine
Kniee, die mondbeschienenen Dcher, die hier und da erleuchteten Fenster - alles
tanzte in wildem Wirbel um mich her; dann wurde es mir schwarz vor den Augen,
der schwere Rausch, den ich von dem Schiff mitgebracht und den ich whrend der
frchterlichen Scene, von der ich kam, durch die gewaltsamste Spannung des
Willens uerlich beherrscht hatte, stieg mir wieder zu Kopf; ich lehnte mich an
die Mauer, mich vor dem Fallen zu bewahren.
    So mag ich ein oder ein paar Minuten in halber Ohnmacht gestanden haben, als
mich die Stimmen von ein paar Mgden, die aus dem benachbarten Brunnen Wasser
holen kamen, wieder zur Besinnung brachten. Ich raffte mich auf und wankte die
Gasse hinab. Aber bald trug meine starke Natur den Sieg davon; mein Schritt
wurde fester; ich fing an zu berlegen, was nun aus mir werden, wohin ich vor
Allem jetzt mich wenden solle. Ein Unterkommen in einem Gasthause zu suchen,
daran dachte ich nicht; ich hatte noch nie unter einem andern Dache, als dem
meines vterlichen Hauses geschlafen; berdies bestand meine ganze Baarschaft
aus noch nicht einem Thaler - - mein Vater hielt mich sehr knapp im Taschengeld
- und ich hatte eine unbestimmte Vorstellung davon, da ich mit dieser Summe
sehr lange werde reichen mssen. Htte ich mich heute nicht in Hader und Streit
von Arthur getrennt, so wrde ich vielleicht den aufgesucht haben, so aber
konnte ich nicht in seinem Hause als Bittender erscheinen; berdies schlief er
vermuthlich jetzt seinen Rausch aus, und seine Eltern waren mir nie sehr
wohlgesinnt gewesen. - Der Commerzienrath? er hatte mich heute umarmt und Du und
Bruder genannt; er wrde mich gewi mit Freuden empfangen, mir ein prachtvolles
Schlafzimmer anweisen lassen, mit einem groen Himmelbett. -
    Aber whrend ich mir die glnzende Aufnahme im Hause des Commerzienraths
weiter ausmalte, eilte ich bestndig in der entgegengesetzten Richtung vorwrts
nach der Hafenvorstadt zu. Ich kam an ein paar Kneipen vorber, aus denen wster
Matrosengesang erschallte. Wenn ich eintrte und mich unter die Zechenden
mischte und morgen als Matrose in die weite Welt ginge wie mein Bruder Fritz?
Das wre Rache an meinem Vater! Zwei Shne zu verlieren - auf dieselbe Weise! -
und dann auf der See umzukommen und auf dem Meeresgrunde zu liegen, wo meines
Bruders Gebeine nun schon lange lagen! - Pfui, Georg' sagte ich laut, pfui,
der arme alte Mann!
    Wenn ich auf der Stelle umkehrte? Der Professor hatte das Haus gewi schon
wieder verlassen. Vater war allein in seiner Stube; ich wollte zu ihm treten und
sagen: Schlag mich jetzt! ich will mich nicht wehren, ich will nicht mit der
Wimper zucken.
    Aber ich kehrte nicht um, ich stand nicht einmal einen Augenblick still;
schon lag die Stadt hinter mir, und ich befand mich in der breiten Allee der
Vorstadt, wo rechts und links die um diese Jahreszeit zum grten Theil von den
Badegsten eingenommenen Schifferhuschen lagen. Hier und da schimmerten sie
hell durch die dunkeln Bume; vor einzelnen sa, in den Lauben und Grtchen vor
den Thren, um eine Lampe, die in einer Glasglocke brannte, eine muntere Gruppe;
Gesang und Lachen ertnte und frhliche Kinderstimmen, denn der Abend war
herrlich: kaum da ein Lftchen durch die dichten Wipfel der hohen Bume
rauschte, die sich ber mir wlbten; in dem Grase und in den Bschen zu meinen
Fen spielten Leuchtkferchen.
    Der feuchtwarme Athem, den das nahe Meer herberhauchte, that dem
Dahinstrmenden so wohl; drauen, wenn ich aus den Husern heraus war, mute es
krftiger wehen, und auf einmal fiel mir Schmied Pinnows Htte ein. Das war's!
da mute ich ein Unterkommen finden! Der Alte sollte mir ein Bett geben, oder
wenn kein Bett, so doch ein Lager in der Schmiede, oder den Lehnstuhl der Alten;
- die Alte konnte doch nicht Tag und Nacht in dem Lehnstuhle hocken! Schade, da
der Klaus nicht mehr zu Hause war! aber so war doch die hbsche Christel da.
Christel war immer ein Liebling von mir gewesen; ich hatte sogar eine Zeit lang
ernstlich fr sie geschwrmt und sie hatte mich mindestens ebenso oft zu der
Htte gezogen als des Alten vier Doppelgewehre und die lange Vogelflinte
zusammengenommen, oder die Kalteschale, die er des Sommers an segel- und
jagdlustige Badegste, oder der Glhwein, den er des Winters an die
Schlittschuhlufer verkaufte, die sich am Strande tummelten!
    Wunderbarer Leichtsinn der Jugend! oder mu ich mich besonders deswegen
anklagen? - aber ich hatte in diesem Augenblicke das Unheil, das ich
angerichtet: den Kummer meines Vaters, meine bedenkliche Lage, Alles vergessen,
oder, wenn nicht vergessen, so war es doch nur der dunkle Hintergrund, von dem
sich das Bild der bauflligen Htte mit dem flackernden Schmiedefeuer und
besonders die hbsche Gestalt der geschftig hin- und hereilenden Christel gar
hell und lustig abhob. Was Schule! was vterliches Regiment und die andere
Sclaverei! Wenn ich sonst um diese Zeit noch drauen war, fing ich an zu
berlegen, wie kommst du hinein, ohne da der Vater, der pnktlich um halb Zehn
zu Bett geht, es hrt; jetzt hatte mich der Vater selbst zum Hause
hinausgetrieben, ich brauchte nicht die Stiefel auf dem Vorplatz auszuziehen und
leise, leise die knarrende Treppe zu meiner Schlafkammer hinaufzutasten; ich war
ein freier Mann und konnte thun und lassen, was mir gefiel!
    Die Allee und die Vorstadt lagen hinter mir, ich schritt den wohlbekannten
Weg ber das wellige Vorland dahin, links eine schmale Wiese, rechts ein
Kartoffelfeld, ein einzelner Baum hier und da, der dunkel an dem lichten
Nachthimmel stand und hben und drben das Meer, dessen Rauschen, je weiter ich
kam und je schmaler die Landzunge wurde, ich deutlicher und deutlicher hrte,
besonders deutlich nach Westen, wo die offene See lag und von woher in diesem
Augenblicke der Wind wehte. Ich merkte jetzt zum ersten Male, da ich ohne Mtze
war. Ich hatte sie verloren oder auf dem Flurtisch neben dem Lmpchen liegen
lassen; desto besser, so brauchte ich sie nicht in der Hand zu tragen und der
Meerwind konnte frei um meine heien Schlfen, in meinen wehenden Haaren
spielen.
    Ein paar wilde Schwne zogen hoch ber mir dahin; ich konnte sie nicht
sehen, aber ich hrte ihr eigenthmlich klagendes Geschrei; nur ein paar Tne,
die wunderbar durch den stillen Abend klangen. Glck zu! rief ich hinauf!
Glck zu, ihr meine guten Gesellen!
    Eine selige, aus Wehmuth und Lust gemischte Stimmung, wie ich sie nie
gekannt, berkam mich. Ich htte mich an die schwarze Erde werfen und weinen,
ich htte die Arme zum nchtlichen Himmel breiten und jauchzen mgen. Ich wute
damals nicht, was mich so bermchtig durchzuckte. Jetzt wei ich es wohl: es
war das wohlige Gefhl, das den Fisch durchzittern mu, wenn er blitzschnell
durch sein heimisches Element schiet, den Vogel, wenn er sich durch die Lfte
schwingt, das Reh, wenn es ber die Waldwiese fliegt; - die Wonne, die den
Menschen durchbebt, wenn er sich in voller Jugendkraft eins fhlt mit der
Allmutter Natur, die aus den Elementen, aus denen sie selbst besteht, ihn schuf,
damit sie Freude habe an sich selbst. Die Ahnung dieser Wonne, die Sehnsucht,
diese Wonne zu empfinden, ist es, die den Menschen hinaustreibt aus der Enge der
Verhltnisse, in denen er geboren, in die weite Welt, auf das Meer, in die
Wste, auf die Gipfel der Alpen, berall hin, wo die Luft frei weht, wo der
Himmel gro auf ihn herniederblickt, wo es gilt, sein Leben einzusetzen, um es
zu gewinnen.
    Soll dieser nachtrgliche Gedanke den frevelhaften Trotz entschuldigen, mit
welchem ich mich eben erst gegen meinen Vater vergangen? und den ungeheuren
Leichtsinn, der mich Va banque spielen lie mit meiner Zukunft? Gewi nicht. Ich
will nichts entschuldigen, nichts beschnigen; ich will einfach berichten, was
mit mir, was in mir vorgegangen bei dieser und bei andern Gelegenheiten, und
nur, wo es mir nthig scheint, eine Erklrung versuchen. Fr die Moral mag die
Geschichte selber sorgen, und nur dies will ich zum Trost bedenklicher Gemther
schon jetzt hinzufgen, da, wenn mein Frevelmuth, wie es wohl unzweifelhaft
ist, eine Strafe verdiente, diese Strafe mich bald genug, und in nicht allzu
milder Form, ereilt hat.
    Aber, wie gesagt, fr den Augenblick war die Grauengestalt mit dem lahmen
Fu noch zu weit zurck, als da ihre Schrecken mich htten umwittern knnen;
dafr tauchten eben, als ich mit verdoppelter Schnelle ber die Haide weiter
schritt, zwei andere Gestalten vor mir auf, die nichts Gespenstiges hatten und
auch nichts Gespenstiges thaten, denn sie standen, sich innig umschlungen
haltend, wie zusammengewachsen da, und fuhren mit einem leisen Schreckensruf,
der sich den Lippen des Mdchens entrang, auseinander, als ich urpltzlich, bei
einer scharfen Wendung des Weges um einen Hgel herum, unmittelbar vor ihnen
stand. Das Mdchen bckte sich nach einem groen Korbe, welchen sie, da sie ihre
beiden Arme anderweitig brauchte, neben sich gestellt hatte, und der Mann lie
ein Ehem! ertnen, welches so laut und so verlegen nur aus einer sehr
unschuldigen Brust kommen konnte.
    Guten Abend, sagte ich, ich hoffe -
    Herr meines Lebens, sind Sie es wirklich? sagte der Mann. - Christel,
sieh doch nur, er ist es ja! und Klaus hielt Christel Mwe, welche die Flucht
ergreifen wollte, am Kleide zurck.
    Ich dachte, er wre es; stammelte Christel, deren Gemth selbst durch die
Entdeckung, da es ein guter Freund war, von dem sie sich hatten berraschen
lassen, nicht ganz beruhigt schien.
    Obgleich das Verhltnis, welches offenbar zwischen Klaus und Christel
obwaltete, einer Erklrung nicht gerade bedurfte, so war doch auch ich
einigermaen verwundert. Ich hatte, so lange Klaus noch bei seinem Vater war -
und aus dieser Zeit stammte unsere beiderseitige Freundschaft - niemals bemerkt,
da in dem Herzen des guten Burschen sich mehr als brderliche Zuneigung zu
seiner hbschen Pflegeschwester regte; aber freilich war das schon vier Jahre
her, Klaus, als er zu Schlosser Wangerow kam, erst sechszehn Jahre alt, und
mglicherweise hatte gerade die zeitweilige Trennung die Liebe geweckt, welche
ohne dieselbe ruhig weitergeschlafen htte, vielleicht niemals von selbst
aufgewacht wre. Dies besttigten denn auch die Liebenden, indem sie, whrend
wir langsam auf die Schmiede zuschritten, manchmal auch wohl, wenn die
Geschichte an einen besonders interessanten Knotenpunkt kam, auf ein paar
Minuten stehen blieben. Einer dieser Punkte - und gewissermaen der einzig
bedenkliche - war die in jeder Weise mit derben und derbsten Worten
ausgesprochene Abneigung und Feindseligkeit des alten Pinnow gegen das
Verhltni. Klaus sagte es nicht, aber ich mute es nach Allem, was ich hrte,
fr nicht unmglich halten, da der Alte selbst ein Auge auf sein hbsches
Pflegekind geworfen habe: wenigstens schien es uns kaum begreiflich, weshalb er,
ohne da ihm der gute Bursch, wie dieser hoch und heilig versicherte und ich ihm
auf's Wort glaubte, auch nur die geringste Veranlassung gegeben, mit jedem Jahr
und mit jedem Tage fast mrrischer und hlicher gegen ihn geworden sei und ihm
zuletzt gar das Haus verboten, nachdem er schon lange ber das Hin- und
Hergelaufe und die sndhafte Zeitverschwendung gebrummt und gepoltert. Deshalb
seien sie - die Liebenden - nun gezwungen, heimlich zusammenzukommen, was leider
seine groen Schwierigkeiten habe, da der Alte unendlich wachsam und vorsichtig
sei und zum Beispiel lieber den taubstummen Lehrburschen Jakob in die Stadt
schicke, um die nthigen Einkufe zu machen, trotzdem derselbe Alles schlecht
und unordentlich besorg und auch heute Christel nicht geschickt haben wrde,
wenn er nicht angenommen, da Klaus noch zu spt auf dem Dampfschiffe
beschftigt sei, um abkommen zu knnen.
    Da ich dem braven Klaus, mit dem ich zu Wasser und zu Lande unzhlige
Jugendstreiche ausgefhrt hatte, von Herzen gut und der rothwangigen, sanft
redenden Christel Mwe nichts weniger als abgeneigt war, fhlte ich die
lebhafteste Sympathie mit ihnen, und, so unwahrscheinlich es klingen mag, ihrer
Liebe Leid und Lust und der wo mglich glckliche Fortgang ihrer Liebe lag mir
in diesem Augenblicke viel mehr am Herzen als mein eigenes Schicksal. Ich dachte
erst eigentlich wieder an mich, als jetzt, nachdem wir abermals eine Hgelwelle
berstiegen, die Schmiede, aus deren niederem Fenster der rothe Schein des
Essefeuers glhte, dicht vor uns lag und Klaus fragte, ob wir nicht umkehren
wollten. Nun erst erfuhr er, da es kein abendlicher Spaziergang sei, der mich
so weit aus der Stadt auf die Haide gefhrt, und da ich seinen Vater um
Herberge fr ein, vielleicht fr mehrere Tage anzusprechen beabsichtige.
Zugleich theilte ich ihm in den krzesten Worten den Grund mit, der mich zu
einem so ungewhnlichen Schritte zwnge.
    Klaus schien ber meine Mittheilungen sehr bestrzt; er fate mich bei der
Hand und fragte, mich etwas auf die Seite fhrend, in leisem Ton, dem man die
innere Unruhe anhrte, ob ich mir auch wohl berlegt habe, was ich thue? Mein
Vater habe es gewi nicht so bs gemeint und werde mir sicher verzeihen, wenn
ich sogleich umkehrte. Er selbst wolle gern mich anmelden und den ersten Sturm
ber sich ergehen lassen.
    Aber, Klaus, alter Junge, sagte ich, es geht Dir ja selbst nicht besser,
als mir. Wir sind Leidensgefhrten; Dir hat Dein Vater das Haus verboten, gerade
wie mir mein Vater das seine. Was ist das fr ein Unterschied?
    Der, sagte Klaus, da ich nichts gethan habe, weshalb mir mein Vater
zrnen knnte, whrend Sie selbst sagen, Sie htten - nehmen Sie's mir nicht
bel - heute wieder einmal einen dummen Streich gemacht.
    Ich entgegnete, dem mge nun sein, wie ihm wolle, zurck knne ich nicht
mehr. Was ich spter thun werde, wisse ich nicht. Wir knnten ja morgen weiter
darber sprechen; ich wrde auf das Dampfschiff kommen, es sei leicht mglich,
da ich seine Dienste nthig htte.
    Klaus, der mich entschlossen sah und von jeher gewohnt war, sich meinen
Anordnungen zu fgen, drckte mir nochmals die Hand und sagte: Nun denn, auf
morgen!
    Sein gutes Herz war so voll von dem, was er eben gehrt, da er weggegangen
sein wrde, ohne sich von Christel zu verabschieden, wenn ich ihn nicht lachend
auf eine so strfliche Vergelichkeit aufmerksam gemacht htte. Aber den Ku,
den ich ihm gnnte, bekam er nicht; Christel sagte: ich wre recht schlecht, und
so trennten wir uns, indem Klaus wieder den Weg nach der Stadt einschlug, in
dessen Dunkel er bald verschwand, whrend ich mich mit Christel nach der
Schmiede wandte, durch deren Fenster jetzt das Feuer heller als vorhin
aufglhte.
    Wie kommt es, da der Alte noch so spt arbeitet? fragte ich das Mdchen.
    Das kommt so, erwiederte sie.
    Ich that noch mehrere Fragen, auf welche ich nicht minder einsilbige
Antworten erhielt. Christel und ich waren frher immer die besten Freunde
gewesen, und ich kannte sie als das munterste, lachlustigste Geschpf. Es blieb
mir also nur die Annahme, da sie mir meinen Scherz von vorhin ernstlich
belgenommen habe. Da, wenn die Leidenschaftlichkeit mich nicht berwltigte, es
gar nicht in meiner Natur lag, irgend Jemand wissentlich zu krnken, am
wenigsten ein armes Mdchen, dem ich noch dazu herzlich gewogen war, so fiel es
mir durchaus nicht schwer, die Kleine aufrichtig um Verzeihung zu bitten, wenn
ich sie eben in der besten Absicht von der Welt, nmlich, sie nicht durch meine
Schuld um den Abschiedsku von ihrem Geliebten kommen zu lassen, beleidigt habe.
Christel antwortete nicht, und ich wollte eben meinen Arm um ihre rundliche
Taille legen, meiner Bitte um Verzeihung etwas mehr Nachdruck zu geben, als das
Mdchen zu weinen anfing und in ngstlichem Tone sagte: ich drfe nicht mit zu
ihm gehen, und es wrde auch ganz vergebens sein, denn er werde mich doch nicht
aufnehmen.
    Diese Erklrung, diese Warnung htten manchen Andern gewi stutzig gemacht.
Die Schmiede lag so einsam, der Leumund des alten Schmiedes war nichts weniger
als gut, und ich war in Rubergeschichten belesen genug, um mich an die
bezglichen romantischen Situationen zu erinnern, in welchen das Rubermdchen
den verirrten Helden vor den brigen Mitgliedern ihrer ehrenwerthen Familie
warnt und ihm nebenbei in eben so discreter als verstndlicher Weise ihre Liebe
zu erkennen giebt. Aber einmal war mein Gemth damals, und ist es noch jetzt,
jenen bangen Regungen so gut wie unzugnglich, welchen phantasiereiche Menschen
so leicht unterworfen sind, sodann, wenn der Alte einmal auf seinen Sohn
eiferschtig war - und ich nahm dies als feststehend an - weshalb sollte er es
gegen mich nicht ebenfalls sein? und drittens fuhr in diesem Augenblicke ein
kleiner Kter mit wildem Geklff nach meinen Beinen; zugleich erschien eine
breite Gestalt in der offenen Thr der Schmiede, und die wohlbekannte Stimme des
alten Pinnow rief in tiefstem Basse: Werda?
    Ich bin's, gut Freund, Georg Hartwig, sagte ich, indem ich die klffende
Bestie mit der Spitze meines Fues in die Bsche schleuderte.
    Christel mute den Alten, whrend sie sich an ihm vorbei in's Haus drngte,
bereits mit meinem Wunsche bekannt gemacht haben, denn er sagte, whrend er,
ohne sich zu regen, in der Thr stehen blieb: Ich kann Ihnen kein Nachtquartier
geben, mein Haus ist keine Herberge.
    Das wei ich, Pinnow, erwiederte ich, an ihn herantretend und ihm die Hand
bietend; aber ich dachte, Sie wren mein Freund.
    Der Alte hatte meine Hand nicht genommen; er brummte etwas, das ich nicht
verstand.
    Nach Hause gehe ich nicht wieder, fuhr ich fort, darauf knnen Sie sich
verlassen. Wenn Sie also nicht wollen, da ich mich da in die Bsche lege und um
die Wette mit Ihrem Spitz den Mond anheule, so lassen Sie mich hinein und machen
Sie mir ein Glas Grog, wissen Sie, halb und halb; und trinken Sie selber eins
oder auch zwei, das wird Ihnen gut thun und Sie auf bessere Gedanken bringen.
    Ich hatte bei diesen Worten dem ungastlichen Schmied die rechte Hand auf die
Schulter gelegt und ihn, zum Zeichen meiner wohlwollenden Gesinnung, derb
geschttelt.
    Ich glaube, Sie wollen einen alten Mann zu seinem eigenen Hause
hinauswerfen, rief er zornig, und ich fhlte meinerseits zwei Hnde, deren
Breite und Eisenhrte, in Anbetracht, da sie einem alten Mann gehrten,
bewundernswerth waren, auf meinen Schultern. Mein Blut, das die khlere
Nachtluft noch keineswegs zu dem wnschenswerthen Grad abgekhlt hatte, brauchte
nicht erst in Wallung zu gerathen, berdies war die Gelegenheit, eine Probe
meiner vielbewunderten Strke abzulegen, gar zu gnstig; so packte ich denn
meinen Gegner, ri ihn mit einem Ruck von der Schwelle, auf der er noch immer
stand, und schleuderte ihn ein paar Schritte seitwrts. Es war gar nicht meine
Absicht gewesen, mir den Eintritt in sein Haus zu erzwingen, aber der Schmied,
der dies frchtete und meine Absicht um jeden Preis verhindern wollte, warf sich
mit einem Ungestm auf mich, da ich meine ganze Kraft aufbieten mute, den
Wthenden zu bewltigen. Ich hatte schon manchen harten Strau durchgefochten
und war noch immer als Sieger daraus hervorgegangen, aber einem so ebenbrtigen
Gegner war ich noch nie begegnet. Dazu kam, da ich aus einem Rest von Piett
vor dem alten Mann, der in Schifferweise mit gewaltigen Boxerschlgen auf mich
eindrang, ihn nicht, obgleich ich es gekonnt htte, mit derselben Mnze bezahlen
wollte, sondern mich begngte, ihm die Arme an den Leib zu drcken. Endlich
fhlte ich, da ich ihn wrde bewltigen knnen, mit einem blitzschnellen Griff
fate ich ihn ein paar Zoll tiefer, hob ihn vom Boden, und in der nchsten
Secunde htte er der Lnge nach den Sand gemessen, als ein schallendes Gelchter
aus unmittelbarster Nhe ertnte. Ich lie meinen Gegner los, der sich kaum frei
fhlte, als er sich abermals auf mich warf. Da ich auf diesen neuen Angriff
nicht vorbereitet war, verlor ich das Gleichgewicht, strauchelte, strzte, mein
Gegner ber mich. Ich fhlte seine Eisenhnde an meiner Kehle, als pltzlich das
Gelchter verstummte. Pfui, Alter, rief eine sonore Stimme, das hat er nicht
um Dich verdient! - und ein paar Arme, die fr den Augenblick noch stark genug
sein konnten, rissen den Schmied von mir ab; ich sprang auf die Fe und stand
meinem Retter - so mu ich ihn nennen, denn ich wei nicht, was ohne ihn aus mir
geworden wre - gegenber.

                                Fnftes Capitel.


Es war, soweit ich bei dem schwachen Lichte des Mondes erkennen konnte, der sich
eben hinter Wolken versteckte, ein hochgewachsener Mann von schlankem Wuchs und
so raschen Bewegungen, da ich ihn fr einen jungen oder doch jngeren Mann
hielt, bis pltzlich bei einer Wendung, die er machte, der Flackerschein des
Herdfeuers durch die offene Thr auf ihn fiel und ich einen alten Herrn von tief
verwitterten Zgen vor mir zu sehen glaubte. Und als er mich jetzt, mich bei der
Hand haltend, durch die Thr in die Schmiede zog, die eben von einem hellen
rothen Lichte erfllt war, erschien er mir weder jung noch alt oder vielmehr
beides zu gleicher Zeit.
    Freilich war der Moment fr physiognomische Untersuchungen nicht gerade
gnstig. Der Fremde besah mich mit groen Augen, die zwischen den krausen Falten
und Fltchen, die sie umgaben, schier unheimlich hervorblitzten, von Kopf bis zu
Fen und fate nach meinen Schultern und Armen, wie ein Sportsman ein Pferd
besieht, oder befhlt, das eine Strecke, zu der andere Pferde fnf Minuten
brauchen, in der Hlfte der Zeit durchmessen hat. Dann drehte er sich auf den
Hacken um und brach in ein tolles Gelchter aus, als jetzt der Schmied dem
taubstummen Lehrjungen Jakob, welcher whrend der ganzen Zeit, unbekmmert um
Alles, was um ihn vorgegangen war, den Blasebalg bearbeitet hatte, einen Sto
versetzte, welcher den Jungen sich ein paar Mal, wie ein Kreisel, um sich selbst
drehen machte.
    Bravo, bravo, rief der Fremde, der sa! Das geht besser als mit dem
Andern; wie, Pinnow?
    Der Andere kann froh sein, da er so davongekommen ist, brummte der
Schmied, indem er ein rothglhendes Stck Eisen aus den Kohlen zog.
    Ich bin jeden Augenblick bereit, von vorne anzufangen, Pinnow, rief ich
und freute mich, da die lachenden Augen des Fremden mir Beifall winkten,
whrend er mit verstelltem Ernst rief: Schmen Sie sich, junger Mensch! schmen
Sie sich! - ein schwacher, alter Mann! das ist eine rechte Kunst!
    Der Schmied hatte den schweren Hammer ergriffen und fhrte auf das glhende
Eisenstck Streiche, da die Funken sprhten und die Fenster klirrten.
    Der Fremde hielt sich die Ohren zu: Um Himmels willen, rief er, hrt auf,
Mann, mit dem wsten Lrm! das mag der Teufel aushalten! Denkt Ihr denn, da ich
Eure plebejischen Ohren habe! hrt auf! sage ich, oder -
    Er hatte dem Schmied einen Sto gegeben, wie dieser vorhin seinem
Lehrjungen; aber der Schmied stand fester als jener; und jetzt hob er den Hammer
mit einem wilden Blick; es sah aus, als wolle er mit dem nchsten Streich dem
Fremden den Kopf zerschmettern.
    Seid Ihr toll geworden, sagte dieser, den Wthenden mit seinen groen
Augen ansehend. - Dann, als der Andere langsam den Hammer sinken lie, fuhr er
leise zu sprechen fort, und der Schmied antwortete mit einem dumpfen Knurren,
aus welchem ich meinen Namen heraus zu hren glaubte.
    Mag sein, antwortete der Fremde, aber er ist einmal hier und soll hier
bleiben.
    Verzeihen Sie, sagte ich, ich habe durchaus nicht die Absicht, mich
aufzudrngen; ich wrde keinen Schritt hier hereingethan haben, wenn -
    Nun fngt Der wieder an, rief der Fremde rgerlich lachend; - werdet Ihr
endlich vernnftig werden! Ich will Ruhe und Frieden, und vor Allem will ich zu
Abend essen, und Sie sollen mir Gesellschaft leisten. Halloh, Christel! Wo
steckt das Mdchen! - und Ihr, Pinnow, bindet Euer Schurzfell ab und kommt auch
herein!
    Mit diesen Worten ffnete er die niedrige Thr, welche rechts von dem Herde
aus der Schmiede in das Wohnzimmer fhrte. Ich war oft genug dort gewesen, wie
ich denn berhaupt die Einrichtung des Hauses wohl kannte. Das Wohnzimmer war
ein ziemlich groes Gemach, das aber nur halb so hoch war, wie die Schmiede, da
ber demselben die Schlafrume lagen, zu denen eine steile leiterartige Treppe
aus einer Ecke des Gemachs durch eine Oeffnung in der Decke hinauffhrte. Dann
war noch eine Thr mit ein paar Stufen. Man gelangte durch dieselbe in eine
kleine Abseite, wo des Schmieds Mutter schlief, eine steinalte Frau, die jetzt
noch in ihrem gewhnlichen Winkel, dicht neben dem von auen geheizten Ofen, in
ihrem Lehnstuhle hockte. In der Mitte stand ein schwerer eichener Tisch; auf dem
Tisch der groe Korb, den Christel aus der Stadt gebracht hatte. Christel kramte
an einem Schrank in der Tiefe des Zimmers.
    Nun, Christel, rief der Fremde, indem er mit einem Licht in den Korb
leuchtete, - was hast Du eingeheimst? Das sieht ja gut aus. Spute Dich! ich
habe einen Wolfshunger. Und Sie auch, nicht wahr? Sie stehen in dem glcklichen
Alter, in welchem man immer Hunger hat. Kommen Sie hierher, in's Fenster. Setzen
Sie sich!
    Er drckte mich in einen der zwei Sessel, die in dem Fenster standen, nahm
selbst auf dem andern Platz und fuhr in etwas leiserem Ton fort, indem er nach
Christel blickte, die jetzt mit geruschloser Eile den Tisch zu decken begann:
Ein hbsches Mdchen, etwas zu blond vielleicht, sie ist eine Hollnderin; aber
das pat hierher; ist doch die Alte, die da in ihrem Lehnstuhl nickt, wie ein
Bild von Terburg! Dazu der Pinnow mit seinem Bulldoggengesicht und der
Robbengestalt, und der Jakob mit seinen Karpfenaugen! - Aber das gefllt mir;
ich verabsume selten, wenn ich, wie diesmal, ohne meinen Wagen in der Stadt
gewesen bin, hier vorzusprechen, und lasse mich dann von Pinnow hinberfahren,
um so lieber, als ich von hier aus bei gnstigem Winde in einer halben Stunde
drben sein kann, whrend ich auf der Stadtfhre selten unter einer Stunde
wegkomme und dann noch eben so lange bis auf mein Gut habe.
    Der Fremde hatte dies Alles in einer angenehmen, verbindlichen Weise gesagt,
die mir hchlichst gefiel; dabei strich er sich wiederholt mit der linken Hand
ber den Vollbart, der ihm bis auf die Brust herabreichte, und dann blitzte
manchmal ein Diamantring an seinem Finger. Ich begann einen groen Respect vor
dem fremden Herrn zu bekommen und htte gar zu gern gewut, wer er sei, wagte
aber nicht darnach zu fragen.
    Welch abscheuliche Luft hier im Zimmer ist, fuhr er pltzlich auf; zum
Ohnmchtig werden! - und er wollte das Fenster, an welchem wir saen, ffnen;
wandte sich aber wieder um und sagte: Ja so! Die Alte knnte sich erklten.
Christel! kannst Du die Alte nicht zu Bett bringen?
    Gleich, Herr! sagte Christel, die eben mit dem Decken des Tisches fertig
geworden war.
    Sie trat an die Alte heran und schrie ihr in's Ohr: Gromutter, Ihr mt zu
Bett!
    Die Alte schien dazu keine rechte Lust zu haben, denn sie schttelte heftig
den Kopf, lie sich aber endlich von dem Mdchen aus ihrer hockenden Lage
aufrichten und schlich, auf den Arm desselben gesttzt, durch das Zimmer. An den
Stufen angelangt, die zur Abseite fhrten, blickte Christel sich um; ich sprang
hinzu und hob die Alte die Stufen hinauf, whrend Christel die Thr ffnete,
hinter der sie dann mit ihrer Brde verschwand.
    Brav, junger Mann, sagte der Fremde, als ich zu ihm zurckkehrte; - man
mu stets hflich gegen Damen sein. Und nun wollen wir das Fenster ffnen.
    Er that es. Die Nachtluft strmte herein. Es war dunkler geworden; der Mond
hatte sich hinter schwerem Gewlk, das von Westen heraufzog, versteckt; von dem
nur wenige Schritte entfernten Meer kam ein lautes Brausen und Rauschen der auf
dem Strand zerschellenden Wellen; ein paar Regentropfen fielen mir in's Gesicht.
    Der Fremde blickte aufmerksam hinaus. - Wir werden bald abfahren mssen,
hrte ich ihn murmeln. Dann sich zu mir wendend: Aber jetzt wollen wir essen;
ich sterbe fast vor Hunger. Wenn Pinnow lieber brummen als essen will, mag er
es. Kommen Sie!
    Er schritt zum Tisch, an welchem er sich niederlie, indem er mich mit einer
Handbewegung einlud, an seiner Seite Platz zu nehmen. Ich hatte den Tag ber
sehr viel weniger gegessen als getrunken, und meine krftige Natur, welche den
Rausch lngst berwunden hatte, verlangte gebieterisch nach Erquickung. So
folgte ich der Aufforderung meines Wirthes gar gern, und der Inhalt des Korbes,
den Christel vorhin ausgepackt hatte, war wohl im Stande, auch einen
verwhnteren Gaumen zu reizen. Da war Caviar, gerucherter Lachs, Schinken,
frische Wurst, Pickles; auch an Wein fehlte es nicht. Zwei Flaschen Rothwein mit
einer feinen Etikette standen bereits auf dem Tisch, aus dem Korbe schaute noch
der weie Kopf einer Flasche Champagner.
    Das sieht nicht bel aus, sagte der Fremde, indem er mir und sich
einschnkte, sich bald von diesem, bald von jenem nehmend, mich auffordernd, ein
Gleiches zu thun, und zwischendurch allerlei in seiner angenehmen Weise
plaudernd. Ohne da er direct gefragt htte, waren wir doch, ich wei nicht wie,
auf meine Angelegenheiten zu sprechen gekommen, und wir hatten die erste Flasche
noch nicht geleert, als ich ihm, zutraulich und mittheilsam wie ich war, bereits
so ziemlich die kurze Geschichte meines allerdings nicht langen und nicht eben
inhaltreichen Lebens erzhlt hatte. Etwas mehr Zeit erforderte die Relation der
Ereignisse des heutigen, fr mich so verhngnivollen Tages. In dem Eifer des
Erzhlens hatte ich, ohne darauf zu achten, wieder mehrere Glser Wein
getrunken; der Druck, der auf meiner Seele gelegen hatte, war alsbald gewichen:
meine alte, gute Laune brach wieder durch, um so mehr, als die Begegnung mit dem
geheimnivollen Fremden unter so eigenthmlichen Umstnden meiner Abenteuerlust
die kstlichste Nahrung bot. Ich schilderte die Flucht aus der Schule, ich
copirte den Professor Lederer in Stimme und Redeweise; ich war unendlich
satirisch, als ich ein Bild von dem Commerzienrath entwarf, und ich frchte, da
ich mit der Faust auf den Tisch schlug, als ich auf meines Freundes Arthur
schndliche Undankbarkeit und die hochmthige Parteilichkeit des Steuerraths zu
reden kam. Dann gerieth meine geschwtzige Zunge in's Stocken; das
melancholische Halblicht in meines Vaters Arbeitsstube breitete sich ber mein
verdstertes Gemth, ich schlug tragische Tne an, ich schwur, da ich nun und
nimmer, und sollte ich barfu, wie ich schon barhaupt sei, zum Nordcap pilgern
und mein Brod vor den Thren erbetteln, oder, da Betteln nicht meine Strke sei,
darber zum Ruber werden - da ich nun und nimmer zu meinem Vater zurckkehren
werde, nachdem er mich einmal zu seinem Hause hinausgetrieben. Hier sei die
Grenze dessen, was ich von meinem Vater zu leiden mich fr verpflichtet halte;
der Schuldbrief der Natur sei zerrissen, das stehe bei mir fest, wie die Sterne
am Himmel, und wenn Jemand darber lache, so thue er das auf seine eigene
Gefahr.
    Damit sprang ich vom Tisch auf und stie das Glas, aus dem ich getrunken, so
heftig auf, da es zerbrach. Der Fremde war nmlich, nachdem er mich whrend
meiner Erzhlung schon wiederholt durch seine Heiterkeit bald ermuthigt, bald
eingeschchtert hatte, bei meinen letzten Worten, die wohl sehr pathetisch
herausgekommen sein mochten, in ein schallendes Gelchter, das kein Ende nehmen
wollte, gefallen.
    Sie sind gut zu mir gewesen, rief ich; ich wrde ohne Ihre
Dazwischenkunft schwerlich unterlegen sein; aber gleichviel! Sie haben mir im
rechten Augenblicke Hlfe geleistet, und jetzt haben Sie mich bewirthet mit
Speise und Trank - so mgen Sie lachen, so viel Sie wollen; aber ich fr meinen
Theil will es nicht lnger mit anhren. Leben Sie wohl!
    Ich suchte mit den Augen nach meiner Mtze, fuhr mir, da ich mich besann,
da ich keine hatte, durch mein dichtes lockiges Haar und strzte nach der Thr,
als mir der Fremde, der mittlerweile sich auch erhoben hatte, nacheilte, mich am
Arm ergriff und in jenem freundlich-ernsten Tone, der mir vorhin so sehr
gefallen hatte, sagte: Junger Mann, ich bitte Sie um Verzeihung; und nun kommen
Sie und setzen Sie sich wieder; mein Wort als Edelmann, ich werde Ihre Gefhle
respectiren, wenn Sie dieselben auch in einer etwas sonderbaren Weise uern
sollten.
    In seinen dunkeln Augen zuckte es, und um die Augen in dem Labyrinth von
Fltchen zuckte es ebenfalls. - Sie treiben Ihren Scherz mit mir, sagte ich.
    Mein Wort als Edelmann, nein! Im Gegentheil, Sie gefallen mir ganz
ausnehmend, und ich wollte Sie schon ein paar Mal whrend Ihrer Erzhlung
unterbrechen, mir eine Gunst von Ihnen zu erbitten. Kommen Sie auf einige Zeit
zu mir! Ob Sie sich nun mit Ihrem Vater wieder ausshnen, wie ich hoffe, oder ob
Sie es nicht thun, wie Sie glauben - immer mssen Sie vor Allem erst einmal ein
Dach ber dem Kopfe haben, und hier knnen Sie doch unmglich bleiben, wo man
Sie offenbar nicht will. Mir fr meinen Theil erweisen Sie, wie gesagt, eine
Gunst, wenn Sie meine Einladung annehmen. Ich kann Ihnen nicht viel bieten, aber
- schlagen Sie ein! So! nun wollen wir in Champagner auf gute Kameradschaft
anstoen.
    Ich hatte dem liebenswrdigen Geheimnivollen schon lngst verziehen und
konnte ihm in dem schumenden Wein von Herzen Bescheid thun. Wir hatten unter
Lachen und Scherzen im Nu die Flasche geleert, als der Schmied hereintrat. Er
hatte sein Schurzfell abgebunden, eine Schifferjacke angezogen und ein dickes
Tuch um den muskulsen Hals gewunden. Es fiel mir heute Abend zum ersten Male
auf, da er die groe blaue Brille nicht trug, ohne die ich ihn in den letzten
Jahren, wo er kurzsichtig geworden zu sein behauptete, nie gesehen; ja es war
mir, als htte er dieselbe schon vorhin whrend des Kampfes und auch spter
nicht getragen. Doch konnte ich mich irren; auch hatte ich keine Zeit ber den
sonderbaren Gegenstand nachzudenken, denn meine Aufmerksamkeit wurde alsbald von
einem halblaut gefhrten Gesprch zwischen dem Schmied und meinem Unbekannten in
Anspruch genommen.
    Ist es Zeit? fragte der Fremde.
    Ja, antwortete der Schmied.
    Der Wind ist gut?
    Ja.
    Alles in Ordnung?
    Bis auf den Anker, den Sie mich nicht haben fertig machen lassen.
    Es wird auch so gehen.
    Aber schlecht.
    Der Fremde stand nachdenklich da; sein schnes Gesicht sah mit einem Male
wieder zwanzig Jahre lter aus; er strich sich den Bart, und ich bemerkte, da
er mich aus den Augenwinkeln fixirte. Pltzlich ergriff er den Schmied am Arm
und fhrte ihn zur Thr hinaus, die er hinter sich schlo. Drauen hrte ich sie
sprechen, doch konnte ich nichts verstehen; der Fremde sprach in gedmpftem Ton,
und des Schmieds mrrische Stimme war immer schwer verstndlich. Dann aber wurde
das Gesprch laut und, wie es schien, heftig und immer heftiger, besonders von
Seiten des Schmieds. -
    Ich will es! rief der Fremde. - Und ich sage nein! grollte der Schmied.
- Es ist meine Sache. - Und meine Sache ebenso gut.
    Die Stimmen sanken wieder; bald darauf hrte ich die Auenthr knarren. Sie
hatten die Schmiede verlassen; ich sah sie von dem offenen Fenster aus, an
welches ich getreten war, nach dem kleinen Schuppen gehen, der hart am Strande
lag und bei dem das Boot Pinnow's auf den Sand gezogen zu werden pflegte. In dem
Schatten des Schuppens verschwanden sie; dann hrte ich eine Kette klirren und
ein Knirschen im Sande; man machte das Boot flott; dann war Alles wieder still;
nur das Brausen des Meeres erschallte strker und mischte sich mit dem Rauschen
des Windes in den Blttern der alten Eiche, die ihre halbverdorrten Aeste ber
die Schmiede breitete.
    Ein Gerusch im Zimmer machte, da ich mich schnell umwandte. Es war
Christel; sie stand dicht hinter mir, mit gespannten Blicken, wie ich es eben
gethan, durch das Fenster in die Dunkelheit starrend.
    Nun, Christel! sagte ich.
    Sie legte den Finger auf den Mund.
    St! flsterte sie.
    Sie winkte mir vom Fenster zurck, bis mitten in's Zimmer; verwundert mehr
als erschrocken folgte ich ihr.
    Was hast Du, Christel?
    Fahren Sie nicht mit! Thuen Sie es ja nicht! Und gehen Sie auch von hier
fort, sogleich. Sie drfen hier nicht bleiben.
    Ja, aber Mdchen, warum denn nicht? Und - ja - wer ist der Herr?
    Ich darf es nicht sagen; ich darf seinen Namen nicht nennen. Wenn Sie
mitfahren, werden Sie's ja so wie so zu wissen bekommen; aber fahren Sie nicht
mit!
    Was sollten sie mir thun, Christel?
    Thun? Sie werden Ihnen nichts thun. Aber gehen Sie nicht mit!
    Von drauen ertnte ein Gerusch; Christel wandte sich von mir weg und fing
an, den Tisch abzurumen, whrend die Stimmen der Beiden, die von dem Strande
herankamen, deutlicher wurden.
    Ich wei nicht, was Andere, wren sie in meiner Lage gewesen, gethan haben
wrden; ich kann nur sagen, da die Warnung des Mdchens auf mich gerade das
Gegentheil der beabsichtigten Wirkung hervorbrachte. Zwar erinnere ich mich
wohl, da mein Herz lebhafter schlug, und da mein Blick mit einer gewissen Hast
ber die vier doppellufigen Jagdgewehre und die lange Vogelflinte streifte, die
auf ihrer gewhnlichen Stelle in einer Reihe an der Wand hingen; aber mein
Verlangen, das Abenteuer zu bestehen, war jetzt erst recht erwacht. Ich fhlte
mich so vollauf jeder Gefahr, die an mich herantreten konnte, gewachsen, und da
man gegen mich persnlich nichts Bses im Schilde fhrte, hatte ja Christel
selbst zugegeben. Ueberdies - und ich glaube, dieser Umstand birgt vorzugsweise
die Erklrung fr mein Verhalten an diesem Abend, - der Fremde, wer es auch sein
mochte, hatte es mir frmlich mit seinem halb ernsten, halb bermtigen, halb
teilnehmenden, halb spttischen, fr mich ganz unergrndlichen Wesen angethan.
In spteren Jahren, wenn ich von dem sagenhaften Rattenfnger von Hameln hrte,
dem die liebe Jugend folgen mute, sie mochte wollen oder nicht, habe ich wohl
an jene Nacht und an jenen Mann gedacht.
    Er war jetzt ebenfalls mit einer groben, weiten Schifferjacke bekleidet, die
Tuchmtze, die er vorhin getragen, hatte er mit einem niedrigen Wachstuchhut
vertauscht. Pinnow ffnete einen Wandschrank und langte eine eben solche Jacke
nebst Hut hervor, die der Fremde mich anzulegen bat. - Es wird kalt werden,
sagte er, und Ihr Anzug drfte Ihnen wenig Schutz gewhren, wenn wir auch
hoffentlich nicht lange unterwegs sind. So, das steht Ihnen prchtig; nun wollen
mir machen, da wir fortkommen.
    Der Schmied war an Christel herangetreten und hatte ihr ein paar Worte
zugeraunt; Christel erwiederte nichts; sie hatte mir, nachdem die Mnner
eingetreten waren, den Rcken gewandt und blickte sich auch jetzt nicht um, als
ich ihr gute Nacht wnschte.
    Kommen Sie! sagte der Fremde.
    Wir gingen durch die Schmiede, in welcher das Feuer auf dem Herd gelscht
war, und traten hinaus in die wehende Nacht. Als ich mich nach ein paar
Schritten umwandte, war auch das Licht in der Wohnstube erloschen; dunkel lag
das Haus da in der Dunkelheit, und in den drren Zweigen der alten Eiche chzte
und sthnte es.
    Vom Strande her rauschte es laut; der Wind hatte sich noch strker
aufgemacht; der Mond war untergegangen; kein Stern schien durch die treibenden
Wolken, die eben jetzt von einer fahlen Helligkeit durchzuckt wurden, welcher
ein dumpfhallender Donner folgte.
    Wir gelangten zum Boot, das schon halb in's Wasser gezogen war. Ich mute
einsteigen, whrend Pinnow, der Fremde und der taubstumme Jakob, der pltzlich
aus dem Dunkel aufgetaucht war und, so viel ich sehen konnte, jetzt ebenfalls in
Schifferkleidung und in Wasserstiefeln war, das Fahrzeug vollends flott machten.
Ein paar Minuten spter glitten wir schon durch die Wasser, die um den Kiel
aufsiedeten, der Fremde stand am Steuer, das er hernach, als Pinnow und Jakob
die Segel aufgehit hatten, an den Ersteren abtrat. Er setzte sich zu mir.
    Nun, wie gefllt Ihnen das? sagte er.
    Ausgezeichnet, erwiederte ich; aber ich glaube, Pinnow, Sie knnten noch
ein Reff einbinden; wir tragen zu viel Segel und da drben - ich deutete nach
Westen - sieht es bs aus.
    Sie scheinen kein Neuling, sagte der Fremde. Pinnow sagte nichts,
commandirte aber alsbald: Focksegel dal (herab), indem er zugleich das Steuer
herumdrckte und das Fahrzeug vor den Wind brachte. Es war die hchste Zeit
gewesen; denn auch jetzt noch wurde das groe Boot von der pltzlich
heranstrmenden Boi so auf die Seite gedrckt, da ich einen Augenblick glaubte,
es werde kentern. Doch richtete es sich wieder auf. Fock und Klver wurden ganz
hereingenommen, das Hauptsegel nur zur halben Hhe wieder aufgehit, und so
schossen wir durch die Wellen, ber deren schumende Kmme das fahle Licht der
Blitze zitterte, die sich jetzt in immer krzeren Pausen folgten, whrend die
Donner lauter und lauter zu brllen begannen.
    Indessen legte sich das Unwetter so schnell, als es heraufgezogen war; schon
begannen einzelne Sterne wieder durch die Wolken zu blicken, ich kam von dem
Vordertheil des Bootes, wo ich Jakob beim Ausschpfen des Splwassers geholfen
hatte, wieder nach dem Hintertheil und setzte mich zu dem Unbekannten, der mir
mit der Hand ber die Jacke strich.
    Sie sind durch und durch na, sagte er.
    Wie wir alle wohl, erwiederte ich.
    Aber Sie sind es nicht gewohnt.
    Dafr bin ich neunzehn Jahre.
    Nicht lter?
    Keine zwei Monate.
    Sie sind ein ganzer Mann.
    Das kurze Wort machte mich so stolz, wie mich noch keine lngste
Strafpredigt des Professor Lederer oder eines andern meiner Lehrer gedemthigt
hatte. Es gbe wohl wenig, was ich zu thun und auszufhren nicht im Stande
gewesen wre, htte es der Unbekannte von mir gefordert; aber er verlangte
keinen Pact mit der Hlle oder dergleichen, sondern nur, da ich mich in dem
Boot niederlegen und mich mit einem Stck Segeltuch zudecken lassen solle, denn
die Fahrt werde, da der Wind umgesprungen, doch lnger dauern; ich knne jetzt
nichts mehr helfen, und der Schlaf ist ein warmer Mantel, wie Sancho Pansa
sagt, meinte der Unbekannte.
    Ich protestirte und behauptete, ich knne drei Tage und drei Nchte
hintereinander wachen; aber ich that ihm doch den Willen und hatte mich kaum auf
dem Boden des Bootes ausgestreckt, als der Schlaf, den ich so fern geglaubt,
bleischwer auf mich sank.
    Wie lange ich geschlafen habe, kann ich nicht sagen. Ich erwachte, als das
Boot knirschend auf den Sand des Ufers stie. Der Unbekannte half mir empor,
doch wei ich mich kaum zu erinnern, wie ich aus dem Boote gekommen bin, so
verschlafen war ich. Ueberdies war es noch dunkle Nacht, ich sah nur eben das
Aufschumen der Wellen an einem lang hin sich streckenden flachen Strande, von
dem man aber alsbald zu einem hheren Ufer aufstieg. Als ich ganz zu mir kam,
war das Boot bereits wieder in See gestochen; mein Unbekannter und ich schritten
unter Bumen aufwrts. Er hielt mich an der Hand und machte mich auf die
Unebenheiten des Weges, wo er jeden Stein und jede Baumwurzel zu kennen schien,
mit freundlichen Scherzen aufmerksam. Dann gelangten wir auf die Uferhhe; vor
uns lag eine freiere Strecke, die aber etwas weiterhin von einer dunkeln Masse
begrenzt wurde, in der ich in dem ersten Dmmergran des Morgens die Huser eines
Gehftes erkannte, dahinten ein Park oder Wald mit gewaltigen Bumen.
    Da wren wir, sagte der Unbekannte, als wir, ber das stille Gehft
schreitend, vor einem groen, dunkeln Gebude standen.
    Wo wren wir? fragte ich.
    Bei mir zu Hause, erwiederte er lachend, indem er auf dem Flur Licht zu
machen sich bemhte.
    Und wo wre das? fragte ich weiter - ich wute selbst nicht, wo ich
pltzlich die Khnheit hernahm.
    Das Schwefelhlzchen blitzte auf; er entzndete ein bereit stehendes Licht;
der Schein fiel hell in sein von dem langen, zerzausten Bart umstarrtes Gesicht,
auf dem Regen und Sprhwasser jedes Fltchen zu einer Falte und jede Falte zu
einer Furche vertieft hatte. Er sah mich gro mit den groen, tief in die Hhlen
gesunkenen Augen an.
    Auf Zehrendorf, sagte er, bei Malte von Zehren, den sie den Wilden
nennen. Es ist Ihnen doch nicht leid, da Sie mir gefolgt sind?
    Nein, bei Gott, sagte ich.

                               Sechstes Capitel.


Als ich am nchsten Tage erwachte, dauerte es lange, bis ich mich nur
einigermaen in meine Situation finden konnte. Mein Schlaf war gegen Morgen von
schweren Trumen gengstigt worden, und diese Trume warfen noch ihre dunkeln
Schatten ber meine Seele. Ich glaubte noch die Stimme meines Vaters zu hren,
und jetzt erinnerte ich mich auch, was es gewesen war. Ich war vor meinem Vater
geflohen, bis ich an einen glatten Teich kam, in welchen ich mich hineinwarf, um
meinem Verfolger schwimmend zu entgehen. Aber der glatte Teich hatte sich
pltzlich in ein wildbewegtes Meer verwandelt, von dessen Wellen ich bald zum
Himmel geschleudert, bald in den Abgrund gerissen wurde. Eine frchterliche
Angst kam ber mich; ich wollte rufen: Vater, rette! aber ich vermochte es
nicht, und mein Vater sah mich nicht, trotzdem er immer auf Armeslnge, wie es
schien, an. Ufer hin und herlief, die Hnde rang und nach seinem Sohn jammerte,
der sich ertrnkt habe.
    Ich strich mir mehrmals mit der Hand ber die Stirn, um das entsetzliche
Bild zu verscheuchen, und schlug entschlossen die Augen auf, mich in dem Zimmer
umzusehen, in welches mich mein Wirth gestern Nacht selbst gefhrt hatte. In dem
groen kahlen Gemach herrschte ein Halbdunkel, so da ich anfangs meinte, es sei
noch sehr frh am Tage; aber meine Uhr war auf neun stehen geblieben, und ich
berzeugte mich bald, da die grne Dmmerung durch Bume hervorgebracht wurde,
die ihr dichtes Gezweig unmittelbar gegen die Fenster drckten. Eben stahl sich
ein dnner Strahl durch eine Oeffnung und streifte die Wand mir gegenber, auf
welcher sonderbare Figuren gemalt schienen, bis ich, genauer hinsehend,
bemerkte, da die dunkle Tapete sich von dem helleren Untergrunde hier und da
abgelst hatte und in Fetzen herabhing, die als phantastische Kleider grotesker
Gestalten gelten mochten.
    Ueberhaupt sah es in dem Raum so unwirklich wie mglich aus. Von der Decke
war der Stuck an einzelnen Stellen herabgefallen; man hatte es nicht fr nthig
erachtet, die weien Trmmer von der Diele zu entfernen, die einst getfelt
gewesen war, jetzt aber nach allen Richtungen auseinanderklaffte. Die ganze
Einrichtung bestand aus einem groen Himmelbett, dessen Vorhnge aus gnzlich
verschossenem grnen Damast bestanden; zwei ebenfalls mit einst grn gewesenem
Damast berzogenen Lehnsthlen, von denen nur der eine seine vier Beine hatte,
whrend der andere in so viel Jahren auf dreien zu stehen noch immer nicht
gelernt zu haben schien und sich mde gegen die Wand lehnte; auerdem war ein
Waschtisch da aus wei angestrichenem Tannenholz, welcher von dem drber
hangenden groen ovalen Spiegel in reichem alterthmlichen Rococo-Rahmen hchst
wunderlich abstach, obgleich allerdings auch an diesem Prachtstck die
Vergoldung mittlerweile braun geworden war.
    Ich stellte diese Beobachtungen an, als ich meine Kleider anlegte, die
whrend der Stunden, die ich geschlafen, den wnschenswerthen Grad von
Trockenheit noch keineswegs erlangt hatten. Indessen war dies eine
Unbequemlichkeit, mit der ich es leicht nahm; aber mir ging der Gedanke durch
den Kopf, wie es morgen und in Zukunft mit meiner Toilette werden sollte? Woran
sich dann die naheliegende Betrachtung schlo: Und was soll nun berhaupt aus
dir werden?
    Die Beantwortung dieser Frage mute ihre eigenthmlichen Schwierigkeiten
haben, wenigstens kam ich nicht gerade weit damit; auch meinte ich, es werde
verstndig sein, bevor ich mich entschiede, was ja berdies so sehr groe Eile
nicht habe - meines gtigen Wirthes Rath einzuholen. Sonderbar! Ich hatte bis zu
diesem Tage den Rath Derer, welche doch wohl vorzugsweise berufen und in der
Lage waren, mir mit ihrer besseren Einsicht zu Hlfe zu kommen, stets in den
Wind geschlagen, hatte stets behauptet: Ich wisse allein, was ich zu thun habe;
und jetzt sah ich mit einer Art von glubiger Zuversicht zu einem Manne auf, den
ich eben erst, und das unter gewi nicht Vertrauen einflenden Verhltnissen
kennen gelernt hatte, und dessen Name berdies verrufen war weit und breit.
Vielleicht lag darin gerade fr mich die grte Anziehungskraft. Der Wilde
Zehren war in der Phantasie des Knaben gleich hinter Rinaldo Rinaldini und Karl
Moor gekommen, und ich hatte meinen Freund Arthur, der die abenteuerlichsten
Geschichten von ihm zu erzhlen wute, glhend um einen solchen Onkel beneidet.
In den letzten Jahren war weniger von ihm gesprochen worden; ich hatte den
Steuerrath einmal - es war im Ressourcegarten - in meines Vaters und einiger
anderer Herren Gegenwart Gott danken hren, da der tolle Christ nun doch
endlich auch vernnftig geworden sei und die Familie von der bestndigen Angst,
es werde einmal ein bses Ende mit ihm nehmen, sich erlst halten drfe. Bei
derselben Gelegenheit war auch von einer Tochter des Wilden die Rede gewesen;
und die Herren hatten die Kpfe zusammengesteckt, und der Justizrath
Heckepfennig hatte die Achseln gezuckt. Spter erzhlte mir Arthur, seine
Cousine sei einmal mit einem jungen Hauslehrer davon gelaufen, aber nicht weit
gekommen, da der Onkel den Flchtlingen nachgeritten sei und sie noch vor der
Fhre eingeholt habe. Uebrigens solle sie sehr schn sein, und da thue es ihm um
so mehr leid, da der Vater und der Onkel sich so schlecht stnden; denn dadurch
sei es gekommen, da er Konstanze (ich erinnerte mich des Namens) als Kind
einmal und dann nie wieder gesehen habe.
    An dies Alles, und was sich sonst daran reihte, dachte ich, whrend ich
meine einfache Toilette vor dem halb erblindeten Spiegel mit dem braungewordenen
Rococorahmen beendete und im Interesse der schnen Cousine meines Freundes die
langsame Entwickelung des Brtchens, das seit einiger Zeit meine Oberlippe zu
schmcken begann, verwnschte. Ich ergriff den Seemannshut, den ich seit gestern
Abend getragen, und verlie das Zimmer, Herrn von Zehren aufzusuchen.
    Doch zeigte sich bald, da dieser selbstverstndliche Wunsch nicht eben so
einfach in's Werk zu richten war. Das Zimmer, aus welchem ich kam, hatte
glcklicherweise nur zwei Thren gehabt; das, in welches ich trat, hatte aber
bereits drei, von denen ich allerdings, wenn ich nicht wieder in mein
Schlafgemach zurckkehren wollte, nur zwischen zweien die Wahl hatte. Es schien,
da ich nicht die rechte getroffen; denn ich kam auf einen schmalen Corridor,
welcher sein uerst sprliches Licht durch eine verschlossene und mit einem
Vorhang verhangene Fensterthr erhielt. Eine andere, zu der ich mich hintastete,
ffnete sich in einen Saal von den stattlichsten Dimensionen, dessen drei
Fenster auf einen groen parkartigen Garten gingen. Aus diesem Saal gelangte ich
in ein groes, zweifenstriges Gemach, das nach dem Hofe heraus lag, und aus
diesem glcklich wieder in dasjenige zurck, welches sich neben meinem
Schlafgemach befand, und von welchem ich ausgegangen war. Ich mute sehr lachen;
aber das Gelchter schallte so fremdartig-hohl, da ich pltzlich wieder still
wurde. Und es war kein Wunder, wenn mein Lachen in diesen Rumen befremdend
klang. Sie sahen nicht aus, als ob sie in letzterer Zeit allzu viel Tne der Art
vernommen htten, wie lustig es auch frher in denselben mochte zugegangen sein.
Denn auch dieser Raum war, wie mein Schlafgemach, so gut wie kahl, mit eben
solchen zerfetzten Tapeten, zerbrckelnder Decke, wurmstichigen, halb
zertrmmerten Mbeln, die einst ein frstliches Gemach geziert haben wrden.
    Und so war es in den brigen Rumen, durch die ich gewandert war, und die
ich jetzt bedchtiger als das erste Mal durchschritt. Ueberall dasselbe Bild der
Verwstung und Verdung; berall stumme, wehmthige Zeugen dahingeschwundenen
Glanzes: hier und da an den Wnden lebensgroe Portraits, die gespenstergleich
in den dunkeln Hintergrund, aus welchem sie einst hervorgeglnzt hatten,
zurckzuweichen schienen; zerbrochene Marmorkamine, in welchen eine dicke Staub-
und Aschendecke auf halbverbrannten Scheiten lag; in einem Raum ungeheuere
Haufen von Bchern in alten, ehrwrdigen Einbnden von Schweinsleder, unter
welche, als ich mich nherte, ein paar Ratten huschten; in einem andern, sonst
ganz leeren, eine Guitarre mit zerrissenen Saiten und die Scheide eines
Galanteriedegens mit breitem seidenen Bandelier, das einst blau gewesen war.
Ueberall Schutt und Staub und Spinngewebe, berall vergilbte oder zerbrochene
Fensterscheiben, durch welche die Vgel Stroh und Unrath hereingetragen hatten
(an einem Stuckfries klebten sogar ein paar jetzt verlassene Schwalbennester);
berall eine dumpfe, modrige Atmosphre, da ich hoch aufathmete, als mich ein
glcklicher Zufall, nachdem ich mindestens noch ein halbes Dutzend Gemcher
durchwandert, auf einen weiten Flur gelangen lie, von welchem eine breite
Treppe aus Eichenholz mit alterthmlichen Schnitzereien nach unten fhrte.
    Auch dieses Treppenhaus, das einstmals mit seinen gemalten Fenstern und den
dunkeln Panelen, die beinahe bis an die Stuckdecke reichten, mit seinen
Hirschgeweihen, alten Gewaffen und Standarten ungemein stattlich und vornehm
gewesen sein mute, bot jetzt nur noch ein trauriges Bild von Verwstung und
Verdung, und langsam, ganz verwundert und gewissermaen betubt von Allem, was
ich gesehen und noch sah, stieg ich die Treppe hinab. Mehr als eine Stufe
knarrte und knackte, whrend mein Fu sie betrat, und als ich zufllig die Hand
auf das breite Gelnder legte, fhlte das Holz sich sonderbar weich an; aber es
war nur der in Jahr und Tag aufgehufte Staub, zu dessen Reich, wie es schien,
auch die alte Treppe gehrte.
    Ich wute wohl, da ich heute Nacht, als mein Wirth selbst mich in mein
Schlafgemach leitete, den Weg, den ich eben gekommen, nicht gegangen war. Es
fhrte, wie ich spter erfuhr, aus einem Nebenflur eine steile Treppe direct zu
jenem dunkeln Corridor, der an mein Schlafgemach stie. Auf dem groen untern
Hausflur, in welchem ich jetzt stand, war ich also noch nicht gewesen, und da
ich nicht erst voraussichtlich vergebens an ein halbes Dutzend Thren pochen
mochte, die groe Hausthr aber, der Treppe gegenber, wie ich mich berzeugte,
verschlossen war, schritt ich einen langen schmalen Gang hinab, an dessen Ende
ich eine Thr offen stehen sah, und kam in einen kleinen Hof. Die niedrigen
Gebude, welche denselben umgaben, mochten frher zu Kchen- und andern
huslichen Zwecken gedient haben, jetzt standen sie smmtlich leer und blickten
mit ihren scheibenlosen Fensterhhlen und zertrmmerten Ziegeldchern gar
klglich zu dem kahlen, verwitterten Hauptgebude empor, wie ein Haufen
halbverhungerter Hunde zu ihrem Herrn, der selber nichts zu essen hat.
    Ich war just kein Kind mehr und nichts weniger als zart organisirt und eine
leichte Beute phantastischer Stimmungen, aber ich gestehe, da mir zwischen
diesen Huserleichen, aus denen die Seele offenbar lngst entflohen war, ganz
wunderlich zu Muthe wurde. Bis jetzt war ich auch noch nicht auf die kleinste
Spur thtigen Menschenlebens gestoen. Wie das hier lag und stand, ein
Tummelplatz fr Eulen und Spatzen, Ratten und Muse, mute es seit Jahren
gelegen und gestanden haben. In dem von der bsesten aller Hexen verzauberten
Schlosse konnte es nicht anders aussehen, und ich glaube nicht, da ich mich
bermig erschrocken haben wrde, wenn aus dem groen Kessel der Leute- oder
Waschkche, in die ich einen Blick warf, die Unholdin selbst mit struppigen
Haaren sich erhoben und auf einem Besenstiel, an welchem es auch nicht fehlte,
zum weiten Schornstein hinausgefahren wre.
    Die Waschkche hatte einen Ausgang auf einen von verwilderten Hecken
umgebenen und von einem halbverschtteten Graben, ber den eine verwitterte
Planke fhrte, durchschnittenen kleinen Platz, der, wie man aus den Topfscherben
und Knochen sah, einst fr die Kchenabflle reservirt gewesen war. Aber ber
die Schutthaufen war Gras gewachsen, und in dem Graben huschten ein paar wilde
Kaninchen in ihre Lcher. Sie hatten allerdings von einer Zeit gehrt, da Wasser
in dem Graben gewesen und in dem Graben Ratten gehaust, es sollte aber undenkbar
lange her sein, und das Ganze war vielleicht eine theologische Erfindung.
    Von dieser Schdelsttte durch die Hecke in den Garten zu gelangen, hielt
nicht schwer. Ich hatte ein Gerusch vernommen, das von einem Menschen herrhren
mute, und als ich in der Richtung, aus welcher der Schall kam, weiter ging, sah
ich einen alten Mann, der eine Karre mit dnnen Holzlatten belud, welche er aus
einem hohen Staket mit einem Beile heraushieb. Das Staket hatte offenbar frher
als Einzunung eines Thierparkes gedient; auf der Wiese in dem ellenhohen Grase
lagen die Trmmer von ein paar Wildhtten, die der Wind umgeworfen; die Hirsche,
welche sich dort ihr Futter aus den Raufen gezogen und das stolze Geweih hier
gegen die Gitter gedrckt hatten, waren vermuthlich in die Kche gewandert,
weshalb sollte das Gitter nicht denselben Weg gehen?
    So meinte auch der alte verhuzzelte Mann, den ich bei dieser seltsamen
Arbeit traf. Als er auf das Gut gekommen - es war noch bei Lebzeiten des seligen
Herrn - seien vierzig Stck Wild in dem Park gewesen; aber anno neun, als die
Franzosen auf der Insel gelandet wren und arg in dem Schlosse gehaust htten,
seien ber die Hlfte totgeschossen worden; die andern seien ausgebrochen und
nicht wieder eingefangen, zum Theil aber spter auf Jagden in den benachbarten
Waldungen des Frsten Prora erlegt.
    Damit machte sich der alte Mann wieder an seine Arbeit; ich versuchte
vergebens, ihn noch weiter in ein Gesprch zu ziehen. Sein Mittheilungsbedrfni
schien befriedigt, nur mit Mhe brachte ich noch heraus, da der Herr zu einer
Jagd gefahren sei und schwerlich vor Abend zurckkommen werde, wenn er berhaupt
zurckkomme. - Und das Frulein? - Wird wohl da oben sein, sagte der Alte,
wies mit dem Stiel seiner Axt in den Park hinein, schob sich den Riemen seiner
Karre ber die altersgekrmmten Schultern und karrte langsam auf dem
grasbersponnenen Wege dem Schlosse zu.
    Ich blickte ihm nach, bis er hinter den Bschen verschwand; dann hrte ich
noch das Quieken seiner Karre, und dann war Alles wieder still.
    Lautlos still, gerade wie in dem verdeten Schlosse. Aber hier hatte die
Stille nichts Peinliches; hier blaute doch der Himmel, an dem auch nicht das
kleinste Wlkchen zu sehen war; hier schien doch die Morgensonne glnzend herab
aus dem blauen Himmel und malte die Schatten der ehrwrdigen Bume auf die
weiten Wiesen und glitzerte in den Regentropfen, die noch von dem Gewitter der
Nacht in den Bschen hingen. Und dann schauerte manchmal ein Lftchen vorber,
und ein paar regenschwere Zweige beugten sich, und die langen Grashalme auf den
Wiesen nickten.
    Das war wunderschn. Ich athmete voll die khle, balsamische Luft; wieder
empfand ich das Entzcken, das ich gestern Abend empfunden, als die wilden
Schwne hoch ber mir durch den Aether rauschten. Wie oft, wie oft in sptern
Tagen habe ich an jenen Abend, an diesen Morgen gedacht und mir gesagt, da ich
da, trotz alledem, trotz der Thorheit und des Leichtsinns und des Frevelmuthes,
glcklich, unendlich glcklich gewesen bin - ein kurzlebiges, verrterisches
Glck, ich wei es wohl, aber doch ein Glck - ein Paradies, in welchem wir
nicht weilen knnen, aus welchem das rauhe Leben und die Natur selbst uns
vertreiben - und doch ein Paradies!
    Langsam weiter schlendernd drang ich tiefer in die grne Wildni, denn eine
Wildni war's. Kaum da hier und da manchmal vor wucherndem Kraut und
wildwachsendem Buschwerk der Weg zu erkennen war, den einstmals die Schleppen
schner Damen gestreift haben, oder die Fchen anmuthiger Kinder an der Hand
der Wrterin dahingetrippelt sein mochten. Das Terrain wurde hgelig, der Park
war zu Ende, ber mir wlbten sich die mchtigen Kronen uralter Buchen. Dann
ging es wieder hgelab, der Wald that sich auseinander, und ich stand am Rande
eines mig groen, runden Weihers, in dessen schwarzem Wasser sich die fast
berall bis an seinen Rand herandrngenden Riesenbume spiegelten.
    Ein paar Schritte von mir, an einer etwas erhhten Stelle des Ufers, an dem
Fue eines vielhundertjhrigen Baumes, war eine niedrige Moosbank angebracht;
auf der Bank lag ein Buch und ein Handschuh. Ich blickte mich nach allen Seiten
um und lauschte nach allen Seiten; es blieb todt und still, nur die rothen
Sonnenstrahlen spielten durch das grne Gezweig und manchmal wehte ein Blatt
herab auf das schwarze Wasser des Weihers.
    Ich konnte der Neugier nicht widerstehen; ich nherte mich der Bank und nahm
das Buch. Es war Eichendorffs: Aus dem Leben eines Taugenichts. Ich hatte noch
nie etwas von Eichendorff gehrt, geschweige denn gelesen. Ueber den Titel mute
ich lachen; es war, als ob mich Jemand beim Namen gerufen; aber ich hatte damals
kein besonderes Interesse fr Bcher; so legte ich es aufgeschlagen, wie ich es
gefunden, wieder hin und griff nach dem Handschuh, nicht, ohne mich vorher noch
einmal umgeblickt zu haben, ob nicht etwa doch die Eigenthmerin Zeuge meiner
Dreistigkeit sein knne.
    Denn dieser Handschuh gehrte der schnen Cousine Arthurs; wem sonst sollte
er gehren? Der Schlu war sehr einfach, wie denn auch die Thatsache, da eine
junge Dame einen Handschuh auf ihrem Ruheplatze hatte liegen lassen, fr den
Verstand des Verstndigen nichts besonders Merkwrdiges gehabt haben wrde. Aber
mit dem Verstand von jungen neunzehnjhrigen Leuten meines Schlages kann man
nicht viel Wesens machen; wenigstens mu ich bekennen, da, als ich das leichte
zierliche Ding so in der Hand hielt, und ein feiner lieblicher Duft daraus zu
mir aufstieg, mein Herz auf eine ganz unverstndige Weise anfing zu schlagen.
Und doch hatte ich Emilie Heckepfennig schon unzhlige Fensterparaden gemacht
und sogar einmal vier Wochen lang ein Band, das sie mir beim Tanze geschenkt,
auf dem Herzen getragen. Das Band hatte nicht die Kraft gehabt, wie dieser
Handschuh; es mute ein Zauber im Spiele sein.
    Ich lie mich auf die Moosbank gleiten und versank in Trumereien, whrend
ich den Handschuh bald auf den Sitz neben mich legte und bald wieder ergriff,
ihn mit immer gesteigerter Aufmerksamkeit zu betrachten, als wre er der
Schlssel zu dem Geheimni meines Lebens.
    So mag ich wohl eine Viertelstunde lang gesessen haben, als ich pltzlich,
zusammenschreckend, aufhorchte. Wie vom Himmel her kam ein Klingen und Singen,
erst leise, dann lauter, und endlich vernahm ich deutlich eine weiche
Frauenstimme und die schwirrenden Tne einer Guitarre. Die Stimme sang eine
Strophe, die der Anfang oder der Refrain eines Liedes sein mochte:

Am Tage die Sonne,
Wohl hat sie mich gerne ...

    Am Tage die Sonne klang es noch einmal, aber schon ganz aus der Nhe, und
jetzt sah ich auch die Sngerin, welche mir die dicken Stmme der Buchen bis
dahin verborgen hatten.
    Sie kam einen Pfad herab, der ziemlich steil zwischen den Bumen aufwrts
fhrte, und wie sie jetzt an einer Stelle, auf welche durch das Bltterdach ein
helles Sonnenlicht fiel, stehen blieb und sinnend nach oben blickte, hat sich
mir ihr Bild eingeprgt, wohl fr immer; denn heute nach so vielen Jahren sehe
ich sie, wie ich sie damals sah.
    Wie ich sie damals sah: ein reizendes, tief brnettes Mdchen, die das
wundervollste Ebenma der Glieder kleiner erscheinen lie, als sie in
Wirklichkeit war, und fr deren fremdartige, ich mchte sagen, zigeunerhafte
Erscheinung ein phantastischer Anzug von dunkelgrnem, mit goldenen Litzen
besetzten Sammt die passendste Tracht schien.
    Sie trug an einem rothen Bande eine kleine Guitarre, ber deren Saiten ihre
Finger glitten, wie ber sie selbst die sonnigen Lichter durch die leise
wehenden Zweige.
    Arme Konstanze! Kind der Sonne! Weshalb, wenn sie dich so gerne hatte,
tdtete dich die Mutter nicht mit diesem ihrem Strahl, da ich dir ein Grab
htte graben knnen in dieser Waldeinsamkeit, fern von der Welt, nach der dein
Herz so hei verlangte, dein armes, thrichtes Herz!
    Ich stand, im Anschauen verloren, regungslos, selbst als sie jetzt mit einem
tiefen Seufzer aus ihrem Traum erwachte und ihre Augen, whrend sie den Pfad
herabkam, mich trafen. Ich bemerkte, da sie leicht zusammenfuhr, wie Jemand,
der einen Menschen findet, wo er nur einen Baumstamm vermuthen konnte, aber die
Regung war ganz momentan; dann sah ich, da sie mich unter den gesenkten Wimpern
hervor betrachtete, und da ein nur zu schnell verschwindendes Lcheln um ihre
Lippen spielte; den Ausdruck einer an Betubung grenzenden Bewunderung in meinem
Gesicht mochte ein schnes, sich ihrer Schnheit bewutes Mdchen wohl kaum ohne
Lcheln ansehen knnen.
    Ob sie oder ich zuerst gesprochen, wei ich nicht mehr, auch ist mir von
dieser ganzen ersten Unterredung nichts erinnerlich, nur der Klang ihrer
weichen, etwas tiefen Stimme, die mir wie lieblichste Musik war. Dann mssen wir
zusammen aus dem Waldesgrunde heraufgestiegen sein auf die Uferhhe, und der
Wind, der vom Meere heraufwehte, mu mir die Besinnung wieder gegeben haben,
denn ich sehe das stille blaue Meer im Morgensonnenschein sich grenzenlos vor
uns ausdehnen, und den weien Schaumstreifen zwischen den Steinen des Strandes
wohl hundert Fu unter uns, und ein paar groe Mven, die sich hin- und
herschwingen und dann auf das Wasser senken, wo sie wie Sterne blinken; und ich
sehe das Haidekraut des Felsplateau in dem leisen Winde nicken und hre ein
Seufzen und Raunen um die scharfen Uferkanten, und zwischendurch hre ich
Konstanzens Stimme:
    Meine Mutter ist eine Spanierin gewesen, so schn wie der Tag, und mein
Vater hat sie entfhrt, als er dorthin kam, einen Freund zu besuchen, den er in
Paris kennen gelernt hatte; der Freund war meiner Mutter Bruder und hat meinen
Vater sehr geliebt, aber doch hat er's nicht gewollt, da sie sich heiratheten,
denn er ist ein strengglubiger Katholik gewesen, und mein Vater hat nicht
katholisch werden wollen, sondern ber alle Religionen nur gelacht und
gespottet. Da sind sie heimlich geflohen, und der Spanier ist ihnen nachgesetzt
und hat sie eingeholt mitten auf der Haide in der Nacht, und da ist es zu
scharfen Worten gekommen und sie haben zu den Degen gegriffen, und mein Vater
hat den Bruder seiner Geliebten erstochen. Sie aber hat es viel spter erfahren,
denn sie ist ohnmchtig gewesen whrend des Kampfes, und mein Vater hat sie
glauben machen knnen, er habe sich von dem Schwager in Freundschaft getrennt.
Dann sind sie nach langer Irrfahrt hierher gekommen; aber meine Mutter hat sich
immerdar nach ihrer Heimath gesehnt und immer gesagt, es sei ihr so schwer um's
Herz, als ob sie einen Mord auf der Seele habe. Endlich hat sie's doch durch
einen Zufall erfahren, wie ihr Bruder gestorben, den sie unendlich geliebt hat,
und ist tiefsinnig geworden und immer umher gegangen Tag und Nacht und hat
Jeden, der ihr begegnet ist, gefragt, wo doch der Weg nach Spanien gehe? Da hat
sie mein Vater einschlieen mssen, aber das hat sie nicht geduldet, sondern ist
ganz rasend geworden und hat sich das Leben nehmen wollen, bis man sie wieder
freigelassen und sie wieder Jeden gefragt hat: wo geht der Weg nach Spanien? Und
eines Morgens hat sie sich in den Weiher gestrzt, von dem wir herkamen, und als
man sie herauszog, ist sie todt gewesen. Ich war damals drei Jahre alt und wei
nicht mehr, wie sie ausgesehen hat, aber die Leute sagen, sie sei noch schner
gewesen als ich.
    Ich meinte, das sei nicht mglich, und hatte das, weil ich whrend dessen an
die arme Frau dachte, die sich in dem dunklen Wasser des Weihers ertrnkte, so
ernsthaft gesagt, da Konstanze wieder lchelte und sagte: ich sei gewi der
beste Mensch von der Welt und mir knne man Alles sagen, was einem so durch den
Kopf gehe und ber die Zunge laufe; das sei gar lieb. Dafr solle ich auch immer
bei ihr bleiben und ihr treuer Georg sein und alle Drachen der Welt fr sie todt
schlagen. Ob ich das wolle? - Ich sagte, das wolle ich ganz gewi.
    Wieder spielte ein Lcheln um ihre rothen Lippen:
    Sie sehen ganz danach aus! Aber wie kommen Sie eigentlich zu uns, und was
will der Vater mit Ihnen? Er hat mir Sie heute morgen, als er wegfuhr, so auf
die Seele gebunden; er pflegt gerade nicht sehr zrtlich um das Wohl anderer
Menschen besorgt zu sein; Sie mssen hoch in seiner Gunst stehen. Und wie kommt
es, da Sie einen Schifferhut tragen und noch dazu einen recht hlichen? Ich
denke, Sie sagten, Sie kmen von der Schule? Und giebt es denn so groe Schler?
Das habe ich gar nicht gewut. Wie alt sind Sie eigentlich?
    So plauderte das Mdchen, oder eigentlich war es kein Plaudern, denn sie
blieb immer ernsthaft dabei, und es war mir oft, als ob sie, whrend sie sprach,
an etwas ganz Anderes denke, wenigstens richteten sich ihre dunkeln Augen nur
selten und dann immer mit einem Blick auf mich, als wre ich kein lebendiger
Mensch, sondern ein Bild, und oft fragte sie eine zweite Frage, ohne eine
Antwort auf die erste abzuwarten.
    Mir war das gerade recht; ich konnte so wenigstens den Muth gewinnen, sie
wieder und wieder anzusehen und endlich kaum noch ein Auge von ihr zu verwenden.
Sie werden noch da hinabstrzen, sagte sie, indem sie mir, als wir am Rande
des steilen Ufers hingingen, leise mit dem Finger den Elnbogen berhrte. - Es
scheint, Sie sind nicht schwindelig.
    Nein, sagte ich.
    Lassen Sie uns da hinaufgehen, sagte sie.
    Beinahe auf der Hhe des immer noch ansteigenden Vorgebirges lagen, von
Buschwerk umgeben, die Ruinen einer Burg. Nur ein gewaltiger, mit Epheu fast
gnzlich berwucherter runder Thurm hatte den Strmen der Zeit und des Meeres
getrotzt. Es waren dies die Ruinen der Zehrenburg, auf die gestern Arthur, als
wir auf dem Dampfschiff daran vorberfuhren, gedeutet; es war derselbe Thurm,
bei dem ich Emilie Heckepfennig zu seinen Gunsten abschwren sollte. Ich hatte
mich dessen gestern geweigert; was war mir heute Emilie Heckepfennig?
    Das schne Mdchen hatte sich auf einen moosbewachsenen Stein gesetzt und
schaute unverwandt in die Ferne; ich stand dicht bei ihr, an den alten Thurm
gelehnt, und schaute unverwandt in ihr Angesicht.
    Das Alles hat einst uns gehrt, sagte sie, indem sie langsam mit der Hand
die Linie des Horizontes nachzeichnete; und dies blieb von der ganzen
Herrlichkeit.
    Sie hatte sich schnell erhoben und begann einen schmalen Pfad, der sich
durch den Ginster und das Haidekraut von der Hhe nach den Wldern zog, hinab zu
steigen. Ich folgte ihr. Wir kamen in den Buchenwald und wieder zu dem Weiher
zurck, wo ihre Guitarre und das Buch noch auf der Rasenbank lagen. Ich war sehr
stolz, als sie mir beides zu tragen gab und dabei sagte, da sie die Guitarre
noch Niemand anvertraut habe; dieselbe stamme von ihrer Mutter; nun aber solle
ich diesen ihren grten Schatz bestndig tragen und sie wolle mich spielen und
singen lehren, wenn ich bei ihnen bliebe, oder wrde ich nicht bei ihnen
bleiben?
    Ich sagte, ich wte es nicht, ich hoffte es, und der Gedanke, jetzt wieder
fort zu gehen, fiel mir schwer auf die Seele.
    Wir waren bei dem Schlosse angelangt.
    Geben Sie mir die Guitarre, sagte sie; das Buch knnen Sie behalten; ich
kenne es auswendig. Haben Sie denn schon gefrhstckt? Nein? Sie Aermster, Sie
armer Georg; da ist es gut, da uns kein Drache begegnet ist. Sie mssen sich ja
kaum auf den Fen halten knnen.
    Eine Seitenthr, die ich frher nicht bemerkt hatte, fhrte in den von Vater
und Tochter bewohnten Theil des Erdgeschosses. Konstanze rief eine alte
Dienerin, der sie auftrug, mir ein Frhstck zu bereiten, whrend sie selbst
sich auf ihr Zimmer begab, nachdem sie mir mit jenem schwermthigen, schnell
verschwindenden Lcheln - das ich nun schon fter auf ihren schnen vollen
Lippen gesehen hatte - die Hand gereicht.

                               Siebentes Capitel.


Das Frhstck, welches mir die hliche, schweigsame Alte, welche von Konstanzen
Pahlen genannt worden war, nach einer halben Stunde auftrug, htte wohl in
krzerer Zeit hergestellt werden knnen, denn es bestand nur aus Schwarzbrod,
Butter und Kse und einer Flasche Cognac. Der Cognac war vortrefflich, das
Uebrige lie viel zu wnschen, das Brod war sauer und stellenweise schimmelig,
die Butter ranzig und der Kse hart wie ein Stein, aber was fragt ein junger
Mensch von neunzehn Jahren danach, der seit zwlf Stunden nichts gegessen und
getrunken hat, und dessen thrichtes Herz von einer ersten Leidenschaft zittert!
So meinte ich denn nie ein herrlicheres Mahl gehalten zu haben und dankte der
unliebenswrdigen Alten bestens fr ihre Bemhungen. Pahlen schien nicht zu
wissen, was sie aus mir machen solle; sie blickte mich ein paar Mal mit einem
mrrisch forschenden Blick von der Seite an und begngte sich, auf die Fragen,
die ich an sie richtete, mit einigen brummenden Lauten zu antworten, die ich
nehmen konnte, wie ich wollte.
    Das Zimmer, in dem ich mich befand - es war dasselbe, in welches ich gestern
bei der Ankunft von Herrn von Zehren zuerst gefhrt war - durfte man im
Vergleich mit den verlassenen Rumen des obern Stockes wohnlich nennen, wenn der
Teppich unter dem Tisch auch mehrfach zerfetzt war, die geschnitzten
Eichensthle zum Theil nicht mehr fest auf ihren Beinen standen und ein groes
altertmliches Bffet in der Ecke entschieden bessere Tage gesehen hatte. Die
Fenster gingen auf den Hof, auf welchen ich jetzt, nachdem ich meine Mahlzeit
beendet, zum ersten Male einen Blick warf. Der Hof war sehe weit, die Scheunen
und Stlle, die ihn einschlossen, von den grten Dimensionen, wie sie nur auf
den bedeutendsten Gtern zu finden sind; um so auffallender war die Stille, die
hier herrschte. Mitten in dem Raume stand ein steinernes Taubenhaus, aber kein
Flgel schwirrte durch die Luft; es htte denn der einer eilig
vorberschieenden Schwalbe sein mssen. Da war ein Ententeich ohne Enten, eine
Dngersttte, auf welcher, so viel ich sehen konnte, auch nicht ein Huhn
scharrte, nur ein Pfau sa auf dem zerbrochenen Staket; und auch sonst war der
Hof wie ausgestorben. Da war kein reges Treiben geschftiger Menschen, kein
Brllen von Khen, kein Wiehern von Pferden; Alles todt und still, nur der Pfau
auf dem Staket lie manchmal sein mitnendes Geschrei erschallen und in den
Zweigen der alten Linden, die vor dem Hause standen, lrmten die Spatzen.
    Da Konstanze mich bis auf weiteres entlassen zu haben schien und Pahlen
auf meine Frage nach dem Mittagessen geantwortet hatte, ob ich nun auch noch zu
Mittag essen wolle? so durfte ich annehmen, da ich auf Stunden mir selbst
berlassen sein werde. Ich trat auf den Hof hinaus und sah nun, da der Theil
des Schlosses, aus dem ich kam, ein dem Hauptgebude in gleicher Linie
angebautes Nebenhaus war, welches frher als Wirthschafterwohnung gedient haben
mochte. An dem Schlosse waren in dem untern Stockwerk die Lden geschlossen und
mit breiten eisernen Leisten verwahrt - ein Umstand, der gerade nicht dazu
beitrug, dem alten Bau ein freundlicheres Ansehen zu geben. Da die Wohnung des
Wirthschafters schon lange berflssig geworden sei, bewies der Hof zur Genge.
In der That gab es hier nichts mehr zu wirthschaften. Die Gebude, welche von
weitem noch ein ertrgliches Aussehen gehabt hatten, erwiesen sich, sobald man
nher trat, als baufllige Ruinen. Die Strohdcher waren eingesunken und mit
dickem Moos bewachsen; der Putz berall heruntergeregnet, das Lehmfachwerk
schadhaft, zum Theil herausgefallen, die Thore hingen schief in den verrosteten
Angeln, fehlten auch wohl gnzlich. Ein Pferdestall, in den ich hineinblickte,
war ursprnglich wohl fr vierzig Pferde gebaut worden, jetzt standen in einer
Ecke vier alte abgetriebene Thiere, die, als ich mich sehen lie, hungerig
wieherten. Als ich wieder auf den Hof trat, schwankte ein schlecht geladenes,
von vier andern abgetriebenen Pferden gezogenes Fuder Korn ber das holperige
Pflaster und verschwand in dem weitghnenden dunkeln Thor einer der riesigen
Scheunen wie ein Sarg in einem Grabgewlbe.
    Ich schlenderte weiter und kam in die Felder, vorber an ein paar
verfallenen Kathen, wo halbnackte Kinder im Sande spielten und ein paar eher wie
Banditen als Tagelhner aussehende Kerle lungerten und mich mit halb frechen,
halb scheuen Blicken verwundert anstierten. Die Sonne schien hell genug, aber
sie sah wenig, was ihr htte Freude machen knnen: wstes Land, das hier und da
von Streifen durchschnitten wurde, wo zwischen dnn aufgegangenem Hafer Wlder
von blauen Cyanen und rothem Mohn im Winde nickten, etwas verbrannter Weizen,
ein paar Morgen, wo der Roggen - spt genug fr die Jahreszeit - noch in wsten
Hocken stand und eben ein zweites Fuder von ein paar Leuten geladen wurde, die
dasselbe banditenmige Aussehen hatten, wie die Kerle vor den Kathen, und mich
mit denselben verwundert scheuen Augen anstarrten, ohne meinen Gru zu
erwiedern. In einiger Ferne blickten durch Bume und Buschwerk die Dcher eines
andern Gehftes, zu welchem wohl die besser cultivirten Aecker, bei welchen ich
jetzt angelangt war, gehrten. Noch weiter rechts erhob sich ber einem grern
Complex von Husern der kahle, weie Thurm einer Kirche. Aber ich mochte meine
Expedition nicht weiter ausdehnen; es zog mich nach dem Park zurck, den ich auf
einem Umwege - ich wollte das Schlo und die mrrische Pahlen vermeiden - von
einer andern Seite erreichte.
    Ich hatte gehofft, hier Konstanze wieder zu begegnen, aber vergebens
lungerte ich wohl ber eine Stunde zwischen den Bschen unter den Bumen herum
und sphte aus der Ferne nach dem Schlo, bis ich nachgerade jeden zerbrochenen
Ziegel auf dem Dache und jede der nicht wenigen Stellen kannte, wo der Regen so
vieler Jahre den Kalk herabgeschlagen und das Mauerwerk blogelegt hatte.
Niemand lie sich sehen, kein Gerusch lie sich vernehmen, Alles todt und
still, whrend auf den erblindeten Fensterscheiben die Nachmittagssonne
glitzerte oder die Schatten der weien Wolken langsam darber hinzogen.
    Das Herz wurde mir schwer in der Brust inmitten dieser sonnigen trostlosen
Oede. Ich fhlte frmlich, wie sich die Stille, einem unsichtbaren Zaubernetze
gleich, immer dichter um mich legte, da ich mich nicht zu regen, kaum noch zu
athmen wagte. Statt des sorglosen Uebermuthes, der sonst die Grundstimmung
meiner Seele war, bemchtigte sich meiner eine tiefe Traurigkeit. Wie kam ich
hierher? Was sollte ich hier? Was wollte ich hier, wo sich Niemand um mich
kmmerte? War nicht Alles, was ich seit gestern Abend erlebt, ein wunderlicher
Traum? und hatte ich nicht das schne Mdchen mit ihren dunkeln Augen und ihrem
sonderbaren Lcheln auch nur getrumt?
    Es ergriff mich ordentlich wie Heimweh. Ich sah im Geist die Stadt mit den
engen winkeligen Gassen zwischen den ernsthaften Giebelhusern; ich sah mein
kleines Zimmer, in welches ich um diese Zeit aus der Schule zurckgekommen sein
wrde, die leidigen Bcher auf den Tisch zu werfen und dann zu meinem Freund
Arthur zu strmen, der gewi eine Ruderpartie in dem Hafen arrangirt hatte. Ich
sah meinen Vater an dem Fenster seines Bureau in dem Steueramtsgebude sitzen
und drckte mich dicht an der Wand vorbei, nicht von ihm bemerkt zu werden. Wie
mochte der Vater mein Weglaufen aufgenommen haben? Hatte er sich gengstigt?
Gewi hatte er's, denn er liebte mich, trotzdem wir so schlecht mit einander
standen! Was wrde er thun, wenn er erfhre - und erfahren mute er's doch
einmal - da ich bei dem wilden Zehren sei? Wrde er mich hier lassen? Wrde er
verlangen, da ich zurckkehre? Vielleicht selbst kommen, mich zu holen?
    Ich blickte mich scheu um, als mir dieser Gedanke kam. Es wre abscheulich,
zurck zu mssen in die dumpfige Schule, mich wieder vom Professor Lederer
ausschelten lassen zu mssen, wie einen kleinen Buben; von hier fort zu mssen;
Frulein von Zehren - Konstanze - nicht wieder sehen zu sollen! Nein und
abermals nein! Mein Vater hatte mich aus dem Hause gejagt; er mochte die Folgen
tragen. Lieber, als zu ihm zurck, wollte ich Bandit und Schmuggler -
    Ich wei nicht, wie das letztere Wort auf meine Lippen gekommen war, aber
ich erinnere mich, und habe spter oft daran denken mssen, - da, als ich es
so, ohne irgend eine feste Vorstellung damit zu verbinden, ganz nur als
heroische Phrase, vor mich hinmurmelte, ich mich pltzlich umwandte, als habe es
Jemand ganz laut in meiner unmittelbaren Nhe gesagt, und in demselben Momente
stellten sich meine Erlebnisse der vergangenen Nacht und was ich eben noch
gesehen und beobachtet, in einen bestimmten Zusammenhang - gerade so, wie wenn
man durch ein Fernrohr sieht, Himmel und Erde trb durcheinander schwanken und
pltzlich, sobald wir den richtigen Punkt erreicht, ein bis in alle Einzelheiten
helles Bild vor uns steht. Wie hatte ich so blind, so gedankenlos sein knnen!
Herr von Zehren drben bei Pinnow, das wunderliche Verhltni, das zwischen dem
Edelmann und dem Schmied offenbar obwaltete, die Warnungen Christels, das
Benehmen Pinnows mir gegenber, die nchtliche Fahrt im wildesten Gewittersturm!
Und dazu dies verwahrloste Haus, dieser ruinenhafte Hof, diese verdeten Felder,
dieser verwilderte Park! Die einsame Lage des Hofes auf dem weit in das Meer
sich streckenden Vorgebirge! Wute ich doch aus unzhligen Unterhaltungen meines
Vaters mit seinen Collegen vom Steueramt, wie eifrig der Schmuggel auf unsern
Gewssern hinber und herber getrieben wurde, welch ein schwunghaftes Geschft
es war, und wie viel Einer dabei verdienen knne, der sich darauf eingerichtet
htte, gelegentlich sein Leben zu riskiren! Gewi! gewi! - es war so, es mute
so sein!
    Du bist verrckt, sagte ich zu mir, als ich zu dieser Schlufolgerung
gekommen; - vollstndig verrckt! Ein Edelmann wie Herr von Zehren! Das ist fr
das gemeine Volk! Der alte Pinnow! ja, das wre mglich, aber ein Herr von
Zehren! - pfui!
    Ich versuchte mit aller Kraft einen Argwohn zu verbannen, der mir in der
That ganz unertrglich war; und es zeigte sich hier einmal wieder, da wir Alle,
so frei wir uns dnken, und so weit wir uns vielleicht innerlich befreit haben,
doch immer in unseren Empfindungen, wenn nicht in unseren Gedanken, mit oft
unmerklichen, deshalb aber nicht weniger festen Banden an die Eindrcke unserer
Kindheit und ersten Jugend geknpft sind. Wre mein Vater ein Knig und ich sein
Kronprinz gewesen, wrde ich vermuthlich in der Person eines Revolutionrs die
Verkrperung des Bsen gesehen haben; oder in der eines weggelaufenen Sklaven,
wre ich zufllig von einem Plantagenbesitzer abgestammt, - so aber, da ich
einen pedantisch rechtlichen Steuerofficianten zum Vater hatte, haftete nach
meinen Begriffen an dem Gewerbe eines Schmugglers der abscheulichste Makel.
Zugleich aber - und das wird Niemand verwunderlich finden, der ber die
sonderbare Doppelstellung des Teufels in der christlichen Mythologie ernstlicher
nachgedacht hat - war dieses dunkle Hllenthor, um welches die Phantasie des
Knaben so oft in scheuer Ferne herumgeschlichen war, von einem dmonischen
Zauber umwittert. Und wie htte das anders sein knnen, wenn ich von den
Entbehrungen hrte, welche die unheimlichen Menschen oft mit solcher
Standhaftigkeit erduldeten, von der Schlauheit, mit der sie die grte
Wachsamkeit der Beamten zu tuschen wuten, von der Khnheit, mit der sie nicht
selten der augenscheinlichsten Gefahr die Stirn boten! Davon htte der Knabe
nichts erfahren mssen, und doch waren dergleichen Geschichten nur zu viele in
unserer Stadt bekannt, und, was das Schlimmste war, ich hatte die besten,
schauerlichsten aus dem Munde des eigenen Vaters gehrt, immer mit einem Zusatz
tiefster sittlicher Entrstung natrlich, aber dies Gegengift war sicherlich
nicht im Stande gewesen, das Gift gnzlich zu paralysiren. Hatten doch einmal
Arthur und ich vor einem Schulexamen, bei dem wir schlecht zu bestehen sicher
sein konnten, die Frage, ob wir, falls wir durchfielen, Schmuggler werden
wollten, in tagelange, ernste Berathung gezogen, und uns mit dieser Vorstellung
gegenseitig bange gemacht! Das war vier Jahre her, aber, wenn mittlerweile auch
der Ueberschwang der knabenhaften Gefhle auf ein verstndigeres Ma
zurckgefhrt war - der Gedanke, in die Hnde eines Schmugglers gefallen zu
sein, hatte auch noch in diesem Augenblicke Macht genug ber mich, um mein Herz
heftig schlagen zu machen.
    Du bist toll, du bist verrckt! ein solcher Mann, es ist nicht mglich!
wiederholte ich immer wieder, whrend ich, da ich keinen andern kannte,
denselben Weg, welchen ich heute Morgen gegangen war, durch den Park in den Wald
dahineilte, bis ich wieder vor der Moosbank an dem Weiher stand.
    Das stille Wasser blickte schwrzlich zu mir empor. Ich dachte der
unglcklichen Frau, die sich da ertrnkt, weil sie den Weg nach Spanien nicht
finden konnte, und wie es doch so sonderbar und gewissermaen unheimlich sei,
da die Tochter der Unglcklichen sich gerade diesen Ort zum Ruheplatz
auserkoren. Hinter der Moosbank lag der zweite Handschuh - wir hatten heute
Morgen vergeblich danach gesucht. Ich kte ihn wiederholt mit wonnigem Schauder
und steckte ihn zu mir. Dann verlie ich schnell den Platz und ging hinaus auf
die Uferhhe, an den Ruinen vorbei bis an die uerste Spitze, welche zugleich
die hchste Hhe des Vorgebirges war. Ich trat an den Rand und schaute lange
hinab. Der Wind hatte sich lebhaft aufgemacht; der Schaumstreifen zwischen den
groen Steinen und zahllosen Kieseln des Vorstrandes war breiter geworden,
manchmal blinkte auf der blauen Weite der weie Kamm einer sich berschlagenden
Welle. Nach Sdwest lag das Festland; ich htte die Thrme meiner Vaterstadt
sehen mssen, wenn nicht eine Uferhhe, die jetzt im Nachmittagssonnenschein
stahlblau aus dem Meere aufstieg, sich dazwischen geschoben htte. Und das
blieb von der ganzen Herrlichkeit! sagte ich mit Konstanze's Worten, als mein
Blick, indem ich mich umwandte, auf die Burgruinen fiel.
    Ich ging und legte mich mitten zwischen die Trmmer in das schwellende Moos.
Kein Platz, der geeigneter zum Trumen gewesen wre! Himmel, so viel man wollte,
und ber den Rand des Uferplateau weg ein mchtiges Stck des Meeres, und der
nickende Ginster rings um mich her! Am Himmel die weien Wolken, auf dem Meere
ein blinkendes Segel, in dem Ginster der flsternde Wind! So mig zu liegen und
zu trumen! trumen von ser Liebe, die dem Miggang hold ist, den holdesten
Traum! voll Kampf natrlich und Gefahren mancherlei, wie es sich fr das Herz
eines Neunzehnjhrigen schickt! Ja, bei Gott! so sollte es sein! Ich wollte ihr
Retter werden! auf meinen Armen wollte ich sie tragen aus diesem verdeten
Schlosse, das der Holden, Schnen ja das traurigste Gefngni sein mute;
erretten wollte ich sie von diesem schrecklichen Vater, und diese Trmmer mute
ich wieder aufrichten zu dem herrlichsten Palast, um, wenn der Bau vollendet und
die ragenden Zinnen im Abendroth leuchteten, sie hineinzufhren und demthig vor
ihr niederknieend also zu sprechen: Dies ist Dein, nun lebe glcklich! mich
siehst Du nimmer wieder!
    So, whrend die Sonne sich zum Horizont neigte und die weien Wolken des
Mittags mit abendlichem Purpur malte, wanderten meine Gedanken. Was sollten sie
sonst? Was kann ein junger Mensch, der aus der Schule gelaufen ist und keinen
Thaler in der Tasche und einen geborgten Hut auf dem Kopfe und kaum hat, wo er
sein Haupt hinlege - was kann er anders thun, als Schlsser in die Luft bauen?

                                Achtes Capitel.


Als ich durch eine kleine Pforte in der Parkmauer auf den Hof trat, wurden dort
eben die Pferde von einem leichten Wagen abgeschirrt. Reben dem Wagen stand ein
Mann im Jagdcostm, die Flinte ber die Schulter gehngt; es war Herr von
Zehren.
    Ich hatte mir, ich wei nicht welche diplomatische Haltung ausgedacht, die
ich meinem Wirth gegenber zur Schau tragen wollte; aber da ich mein Leben lang
ein schlechter Schauspieler gewesen bin und berdies so wenig Zeit gehabt hatte,
mir die neue Rolle einzustudiren, brachte mich das freundliche Lcheln und der
herzliche Hndedruck, mit dem mich Herr von Zehren empfing, ohne weiteres aus
dem Text. Auch ich lchelte; ich erwiederte den Hndedruck mit einer
Lebhaftigkeit, als htte ich den ganzen Tag nur auf den Moment geharrt, meinen
Freund und Beschtzer wieder zu sehen; ich war mit einem Worte ganz in der
Gewalt des Zaubers, den der seltsame Mann vom ersten Augenblicke an auf mein
junges, unerfahrenes Herz ausgebt hatte.
    Aber auch der Verstand eines Verstndigern htte sich wohl von dieser
bezaubernden Liebenswrdigkeit fangen lassen. Schon das Aeuere des Mannes hatte
fr mich etwas Bestrickendes, und wie er jetzt, lachend und scherzend, den
heitersten Ausdruck auf dem von der Sonne eines Jagdtages ordentlich verjngten
Gesicht, dastand und, sich das runde Htchen abnehmend, mit der Hand das
weichlockige, hier und da bereits ergrauende Haar aus der feinen Stirn und dann
wieder den vollen braunen Bart strich, glaubte ich nie einen schnern Mann
gesehen zu haben.
    Ich stand heute Morgen vor Ihrem Bett, scherzte er; aber Sie schliefen so
fest, ich hatte nicht den Muth, Sie zu wecken. Freilich, wenn ich gewut htte,
da Sie mit der Flinte so gut umzugehen verstehen, wie mit dem Ruder oder der
Segelleine - und das htte ich, ohne Salomo zu sein, wissen knnen, denn
Fischefangen und Vogelstellen und noch einiges Andere, das gehrt zusammen, wie
hinter dem Ofen sitzen und schlafen. Aber das lt sich nachholen; wir haben,
Gott sei Dank, fr mehr als einen Tag zu schieen. Und nun kommen Sie herein,
und plaudern Sie mit mir, whrend man uns das Abendbrod zurecht macht.
    Das Wohnzimmer des Herrn von Zehren lag in der Fronte des Hauses hinter dem
Speisezimmer; neben dem Wohnzimmer war sein Schlafgemach.
    Er zog sich dort um und sprach mit mir durch die offene Thr, whrend er mit
den Waschschsseln klapperte, so da ich Mhe hatte zu hren, was er sprach.
Aber ich verstand so viel, da er noch heute Morgen an seinen Bruder, den
Steuerrath, geschrieben habe, er mge meinen Vater von meinem augenblicklichen
Aufenthalt benachrichtigen. Mein Vater werde gewi unter den obwaltenden
Verhltnissen damit einverstanden sein, da ich, bis meine Angelegenheit
geordnet, in dem Hause eines Freundes Zuflucht gefunden. In solchem Falle
erspare eine momentane Trennung oft eine fr immer. Und wenn auch, nun dann -
hier tauchte der Kopf des Sprechenden in das Waschwasser - und brigens mge ich
lieber gegen Niemand erwhnen, wo er und ich uns getroffen. Wir knnten uns ja
gestern Abend auf der Fhre begegnet sein, als ich im Begriff gestanden, mich
nach der Insel bersetzen zu lassen. Weshalb solle ein junger Mensch, den der
Vater aus dem Hause getrieben, nicht laufen so weit der Himmel blau ist, und
unterwegs einen Herren finden, der einen Platz auf seinem Wagen frei hat und den
jungen Menschen fragt, ob er nicht mit ihm fahren wolle? Das sei ja Alles so
einfach und natrlich. Und so habe er auch heute Morgen an seinen Bruder
geschrieben. Dem alten Pinnow habe er noch gestern Abend Bescheid gesagt. Und
brigens gehe das Wo und Wie ja eigentlich Keinen etwas an - Herr von Zehren
sprach in seinem Kleiderschrank hinein, und ich verstand nur das Wort:
Ungelegenheiten.
    Mir war eine groe Last vom Herzen genommen. Der Traum des Morgens, an den
ich den ganzen Tag nicht gedacht, war mir mit der Abenddmmerung wieder in die
Erinnerung gekommen. Zum ersten Mal hatte mich der Gedanke erschreckt, mein
Vater knne glauben, ich habe mir ein Leides gethan; aber nur fr einen
Augenblick; die Jugend hlt es fr so unwahrscheinlich, da Andere die Dinge
ernster nehmen als sie selbst! - aber so viel war mir doch klar geworden, ich
werde meinem Vater Nachricht geben mssen. Was aber dann? Dann drngte sich
irgendwie das alte Elend, dem ich kaum entronnen, wieder herzu; auf jeden Fall
war meines Bleibens hier nicht lnger. Nun sah ich pltzlich einen Ausweg aus
diesem Labyrinth. Der Steuerrath, das wute ich, war, als sein unmittelbar
Vorgesetzter, fr meinen loyalen, diensteifrigen Vater eine Art von hherm
Wesen, das auf Erden nur noch vier andere Wesen ber sich hatte: nmlich den
Herrn Provinzialsteuerdirector, den Herrn Generalsteuerdirector, des
Handelsministers Excellenz, hinter welchem dann unmittelbar Se. Majestt der
Knig kam, der aber freilich wieder ein Wesen eigener und anderer Art war,
selbst von einer Excellenz durch eine weltweite Kluft getrennt. Wenn also Herr
von Zehren mich bei sich behalten und der Steuerrath dies Project bei meinem
Vater befrworten wollte - aber wrde er das wollen? Der Steuerrath hatte mich
nie besonders gern gemocht und gestern Abend hatte ich ihn noch dazu schwer
beleidigt. Ich uerte diesen meinen Zweifel gegen Herrn von Zehren. Dafr
lassen Sie mich nur sorgen, erwiederte er, indem er, sich die frisch
gewaschenen Hnde reibend, aus seinem Schlafgemach trat.
    Nun, und wie haben Sie den Tag hingebracht? fuhr er fort, sich in einen
Lehnstuhl werfend und die Beine von sich streckend. - Haben Sie meine Tochter
gesehen? - Ja? - Da knnen Sie von Glck sagen; ich sehe sie manchmal Tage lang
nicht. Und zu essen haben Sie bekommen? aber schlecht, ich wollte darauf wetten;
man it bei mir schlecht, wenn ich zu Hause bin, aber erbrmlich, wenn ich nicht
zu Hause bin. Mondschein und Beefsteak - das pat nun nicht zusammen; wenn ich
einmal gut essen will, mu ich's auswrts thun - gestern Abend - beim alten
Pinnow - he? - war das nicht kstlich? romantisch? Bruder Tuck und der schwarze
Ritter und Sie als Deschidado der Enterbte. Solche kleinen Abenteuer liebe ich
nun ber Alles!
    Und er streckte sich so behaglich in seinem Lehnstuhl und lachte so frei,
da ich ihm innerlich meinen Verdacht abbat und mich einen ganz einfltigen,
albernen Menschen nannte, weil mir ein solcher Gedanke je habe in den Sinn
kommen knnen.
    Der seltsame Mann plauderte weiter, fragte mich auch viel ber meinen Vater,
ber meine Familie, ber meine Vergangenheit - aber Alles in so freundlich
theilnehmendem Ton, da man es nicht leicht bel nehmen konnte. Er schien an
meinen Antworten groes Gefallen zu finden; auch wurde ich nicht wieder bse,
als er, wie gestern Abend, ber einige meiner Aeuerungen in ein lautes
Gelchter ausbrach. Er beschwichtigte meine Empfindlichkeit dann immer gleich
wieder mit einem gtigen Wort; ich hatte durchaus das Gefhl, da der Mann es
gut mit mir meine, und noch heute bin ich berzeugt, da er vom ersten
Augenblick an eine herzliche Zuneigung zu mir gefat hatte, und da, wenn es
eine Laune war, was sich ihn eines jungen, hlfsbedrftigen Menschen annehmen
hie, diese Laune zu denen gehrte, deren nur von Natur gromthige Herzen fhig
sind.
    Aber wo bleibt denn das Essen? rief er, indem er ungeduldig aufsprang und
in das Speisezimmer blickte. Ah! da bist Du ja, Konstanze!
    Er ging; ich hrte ihn durch die nur halb geschlossene Thr mit seiner
Tochter leise sprechen; mir schlug das Herz, ich wute nicht, weshalb.
    Nun, warum kommen Sie nicht, rief er aus dem Speisezimmer. Ich trat ein;
neben dem Tisch, der meinem unverwhnten Auge reich gedeckt schien, stand
Konstanze. Das Licht der Hngelampe fiel von oben herab auf sie. War es die
andere Beleuchtung, war es die andere Frisur - sie hatte jetzt das Haar nach
oben gekmmt, so da es wie eine dunkle Krone, durch die sich ein blaues Band
flocht, auf ihrem schnen Haupte ruhte - war es die andere Tracht - ein
sommerliches, ganz einfaches, knapp anliegendes Kleid, dessen sehr tiefen,
keilfrmigen Ausschnitt ein weiter, nach Art eines Tuches umgebundener
Spitzenkragen kaum verhllte - war es das Alles zusammen und dazu der vernderte
Ausdruck ihres reizenden Gesichtes, das jetzt etwas unbeschreiblich Kindliches
hatte - aber ich erkannte sie kaum wieder; ich htte glauben knnen, heute
Morgen die um mehrere Jahre ltere, feurige Schwester dieses holden,
jungfrulichen Wesens gesehen zu haben.
    Zweite Hlfte des vorigen Jahrhunderts, sagte Herr von Zehren, Lotte?
wie? Es fehlen nur noch ein paar Schleifen, und vielleicht der Werther - sonst
superb!
    Ueber Konstanze's Gesicht flog ein Schatten und ihre Augenbrauen zuckten.
Ich hatte die Anspielung nicht recht verstanden, dennoch fhlte ich mich
peinlich berhrt. Konstanze erschien mir so schn; wie konnte man, wenn man sie
ansah, etwas Anderes sagen, als da sie schn sei?
    Ich htte es ihr so gern gesagt, aber ich hatte kaum den Muth, sie
anzublicken, geschweige, sie anzureden, und sie ihrerseits war einsilbig und
theilnahmlos; die Speisen berhrte sie nur eben; ich erinnere mich noch jetzt
nicht, da ich sie jemals htte essen sehen. Ueberhaupt war die Mahlzeit, die
aus Fisch und aus Rebhhnern bestand, welche der Wilde heute auf der Jagd
geschossen hatte, eigentlich fr diesen allein, der einen mchtigen
Waidmannshunger entwickelte. Dazu trank er bermig von dem vortrefflichen
Rothwein und forderte mich wiederholt auf, ihm Bescheid zu thun, wie er denn
seine oft von Geist sprhende Unterhaltung fast ausschlielich an mich wandte.
Ich war durch ein solches Flackerfeuer wie geblendet, und da ich Vieles nur
halb, Manches gar nicht verstand, so war die Folge, da ich einige Male an der
unrechten Stelle lachte, was dann wieder eine spottende Heiterkeit meines
Wirthes hervorrief. Eins aber verstand ich im Laufe dieser nicht eben langen
Mahlzeit sehr wohl: das gespannte, um nicht zu sagen, feindliche Verhltni,
welches zwischen Vater und Tochter walten mute. Dergleichen fhlt sich bald
heraus, zumal wenn man, wie ich, so gut vorbereitet war, die Bedeutung der
scheinbaren Gleichgltigkeit in einer hastig hingeworfenen Frage zu verstehen
und der unnthig langen Pause, bis die Antwort erfolgt, und des gereizten Tones,
in welchem dieselbe endlich gegeben wird! Wie lange war es denn her, da mein
Vater und ich uns so gegenber gesessen hatten und ich Gott in der Stille meines
Herzens dankte, wenn das peinliche Beisammensein durch einen glcklichen Zufall
frher, als zu erwarten war, aufgehoben wurde! Hier htte ich mich nun
unbetheiligt fhlen drfen, wre ich nicht bereits in die Tochter verliebt
gewesen, wie es, glaube ich, nur eben ein so junger kopfloser Bursch sein kann,
das heit ber alle Maen, und htte mich nicht der Vater mit seinem Geist und
seiner Liebenswrdigkeit vollstndig beherrscht. So aber wurde mein Herz, wie es
zwiefach getheilt war, zwiefach zerrissen, und wenn ich ein paar Stunden vorher
den heroischen Entschlu gefat hatte, die schne, unglckliche Tochter vor dem
entsetzlichen Vater zu beschtzen, so war ich jetzt felsenfest berzeugt, da
mir die erhabene Mission geworden, diese beiden herrlichen Menschen mit einem
festen Liebesbande wieder aneinander zu knpfen. Da es mir besser angestanden
htte, vor der Thr eines gewissen kleinen Hauses in der Hafengasse in Uselin zu
kehren, wo ein alter Mann wohnte, den ich so schwer gekrnkt - daran dachte
meine Seele nicht.
    Aber hoch athmete ich auf, als jetzt ein Wagen schnell ber das holperige
Pflaster des Hofes gerollt kam und vor der Thr still hielt. Es war der von
Herrn von Zehren angekndigte Besuch zweier Gutsnachbarn und Jagdgenossen.
Konstanze hatte sich sofort erhoben und war, trotz des Vaters in fast
befehlendem Tone ausgesprochenem Wunsch: Ich bitte, da Du bleibst! im
Begriff, das Zimmer zu verlassen, als die Herren eintraten. Der Eine war ein
groer, breitschulteriger, blonder, junger Mann mit einem hbschen, regelmigen
Gesicht, aus dem ein paar runde, vorstehende, blaue Augen mit einer Art von
gutmthiger Verwunderung in die Welt starrten; mein Wirth stellte ihn mir als
Herrn Hans von Trantow vor. Der Andere, eine kleine drollige Persnlichkeit,
dessen Kopf mit der zurckfliegenden Stirn und dem fast fehlenden Hinterhaupt so
winzig war, da fr das kurzgeschorene, starre, braune Haar kaum eine Hand breit
blieb und dem die aufgeworfene Stumpfnase und der groe, mit groen weien
Zhnen reichlich ausgestattete, stets offene Mund eine mehr als flchtige
Aehnlichkeit mit einer Bulldogge gab - hie Herr Joachim von Granow. Er war
Offizier gewesen und hatte sich, nachdem ihm eine bedeutende Erbschaft
zugefallen, erst vor wenigen Monaten in der Gegend angekauft.
    Konstanze hatte nothgedrungen bleiben mssen, denn der kleine Herr von
Granow war sofort mit einem, wie es schien, unerschpflichen Redeschwall auf sie
eingedrungen, und der groe Herr von Trantow so nahe bei der offenen Thr
unbeweglich stehen geblieben, da man nicht wohl an ihm vorbei konnte. Ich hatte
vom ersten Moment an ein feindschaftliches Gefhl gegen die Beiden, gegen den
Kleinen, weil er es wagte, so nahe an das schne Mdchen heranzutreten und so
viel zu sprechen; gegen den Groen, der freilich nicht sprach, dafr aber sie
immerfort mit seinen glsernen Augen anstarrte, was mir noch viel beleidigender
schien.
    Wir haben heute eine schlechte Jagd gehabt, mein gndiges Frulein, schrie
der Kleine mit qukender Stimme; aber vorgestern beim Grafen Griebenow war es
ganz ungewhnlich famos. Wo ein Volk aufging, ich stand mitten drin; drei
Doubletten an einem Tage, das will etwas sagen. Aber auch diese Eifersucht!
dieser Neid! Sie haben mich fast in Stcke gerissen. Der Frst war ganz auer
sich. Sie sind des Teufels, Granow, sagte er einmal ber das andere. Ein junger
Mensch mu Glck haben, sagte ich. Ich bin jnger als Sie, sagte er. Durchlaucht
brauchen kein Glck zu haben, sagte ich. Warum nicht? sagte er. Ein Frst von
Prora-Wiek zu sein, ist Glck genug, sagte ich. War das nicht famos?
    Und Herr von Granow schttelte sich vor Lachen und zog seinen kleinen Kopf
so tief zwischen die runden Schultern, da er so gut wie keinen Kopf mehr hatte.
    Der junge Frst war auch da? sagte Konstanze.
    Es war das erste Wort, das sie auf das Geschwtz des kleinen Mannes
erwiederte. Vielleicht war es deshalb, da ich der ich theilnahmlos dabei
gestanden - Herr von Zehren war in sein Zimmer gegangen, Herr von Trantow hatte
seinen Posten an der Thr noch nicht verlassen, pltzlich aufhorchte.
    Ja, das wissen Sie nicht? rief der Kleine. Aber freilich, Ihr Herr Vater
kommt ja nicht auf die Griebenowschen Jagden; aber ich meinte, Trantow htte es
Ihnen erzhlt.
    Herr von Trantow und ich pflegen uns nicht au courant unserer Erlebnisse zu
erhalten, antwortete Konstanze.
    O, wahrhaftig, sagte Herr von Granow, ist es mglich? Ja, was ich sagen
wollte: der junge Frst war da; er wird sich ja mit der jngsten Comtesse
Griebenow verloben, sagt man. Unterdessen hat er auf Rossow Quartier genommen -
dem einzigen seiner Gter in hiesiger Gegend, wissen Sie, das eine Art von
herrschaftlichem Hause hat und berdies ganz nahe bei Griebenow liegt.
Vortreffliche Gelegenheit, wenn ein Frst berhaupt eine Gelegenheit braucht.
Die ist aber nur fr uns arme Teufel. Ha ha ha!
    Und des Kleinen Kopf verschwand wieder zwischen den runden Schultern.
    Ich hatte nahe genug bei den Sprechenden gestanden, um jedes ihrer Worte
hren und jede ihrer Mienen beobachten zu knnen, und ich hatte deutlich
bemerkt, da, als Herr von Granow des jungen Frsten Erwhnung that, Konstanze,
die halb abgekehrt mit einer gleichgltig-verdrielichen Miene dastand, sich
pltzlich umwandte und ihre Augen fest auf den Sprechenden heftete, whrend ein
dunkles Roth ber ihre Wangen flog. Ich hatte spter Veranlassung genug, mich
dieses Umstandes zu erinnern, ber den zu rthseln mir vorlufig keine Zeit
blieb, denn Herr von Zehren kam jetzt mit den Cigarren, die er holen gegangen
war, zurck, und Konstanze entfernte sich sehr schnell, nachdem sie Herrn von
Granow die Fingerspitzen, mir die Hand mit anscheinend groer Herzlichkeit
gereicht und fr Herrn von Trantow, der noch immer stumm und unbeweglich an der
Thr stand, nur ein vornehmes, kaum merkliches Nicken des Kopfes gehabt hatte.
    Herr von Trantow strich sich mit der breiten Hand ber die Stirn, als die
Thr sich hinter der schnen Gestalt geschlossen hatte, und richtete dann seine
groen starren Augen auf mich, whrend er langsam auf mich zuschritt. Ich
erwiederte den Blick, in welchem ich eine finstere Drohung zu lesen glaubte,
mglichst trotzig, und war auf Alles gefat, als jetzt der Riese vor mir stehen
blieb, die starren Augen fest auf mich geheftet.
    Das ist der junge Freund, von dem ich Ihnen erzhlt habe, Hans, sagte Herr
von Zehren, der herantrat. Glauben Sie, da Sie mit ihm fertig werden?
    Hans von Trantow zuckte die Achseln.
    Ich habe nmlich mit Hans gewettet, da Sie strker sind, als er, fuhr
unser Wirth fort; er gilt in der ganzen Gegend fr den strksten Mann; ich
hielt es fr meine Schuldigkeit, ihn auf einen so formidabeln Concurrenten
aufmerksam zu machen.
    Aber nicht heute Abend, sagte Hans, indem er mir die Hand reichte. Es war
gerade, wie wenn eine groe Dogge, vor der wir nicht ganz sicher sind, ob sie
nicht beien wird, sich pltzlich vor uns hinsetzt und uns die mchtige Tatze
auf den Schoo legt. Ich schlug unbedenklich ein.
    Heute Abend! rief Herr von Zehren; das fehlte noch! Mein junger Freund
wird hoffentlich recht lange bei mir bleiben; er will Oeconom werden und wo
knnte er schneller zum Ziele kommen, als auf meiner Musterwirtschaft!
    Und der Wilde lachte; von Granow rief: das sei sehr gut! der schweigsame
Hans sagte nichts, und ich stand verlegen da. Herr von Zehren hatte in der
Unterredung vorhin kein Wort davon gesagt, da ich als Lehrling bei ihm bleiben
solle. Weshalb hatte er es nicht gethan? Es war doch ein ausgezeichneter
Gedanke, der alle Schwierigkeiten meiner Stellung auf einmal hob; - und was
seine Musterwirthschaft betraf, weshalb sollte es mir nicht gelingen, das
ironisch gemeinte Wort zur Wahrheit zu machen? Ja, hier hatte ich eine neue
Mission, die aber Hand in Hand mit jener ersten ging; den Vater mit der Tochter
ausshnen, das verkommene Gut wieder emporbringen, die Burg ihrer Vter wieder
aufrichten, mit einem Wort, der gute Geist, der Schutzgeist des Hauses, der
Familie sein!
    Das Alles ging mir durch den Kopf, whrend sich die Herren an den Spieltisch
setzten, und mich verfolgten diese Gedanken, nachdem ich, unter dem Vorwand,
noch etwas frische Luft schpfen zu wollen, das Zimmer und das Haus verlassen,
und im Park zwischen den dunkeln Bschen auf den mir nun schon bekannten Wegen
umherschweifte. Der Mond war noch nicht aufgegangen, doch verkndete eine
hellere Stelle am stlichen Horizont sein Nahen. Die Sterne flimmerten in dem
von der durchwrmten Erde aufsteigenden Luftstrom. In den Bschen, in den Bumen
rauschte und raunte es und im Dickicht schrie ein Kuzchen, sonst war Alles
dunkel und still, nur aus einem Fenster des Erdgeschosses dmmerte ein Licht und
die leisen Tne einer Guitarre irrten von dort zu mir herber. Mein Herz begann
heftig zu schlagen, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und schritt mit
verhaltenem Athem und durch jedes kleinste Gerusch, das mein Fu auf dem Boden
machte, erschreckt, nher und nher, bis ich an die steinerne Balustrade kam,
welche die breite, niedrige Terrasse umgab. Ich sah jetzt, da das Licht aus
einer weitgeffneten Fensterthr kam, durch welche ich einen Blick in ein
matterhelltes Gemach hatte. An den beiden Fenstern rechts und links waren die
dichten Vorhnge herabgelassen. Von da, wo ich stand, konnte man die Bewohnerin
nicht sehen, und ich berlegte eben mit pochendem Herzen, ob ich es wagen drfe,
noch weiter vorzudringen, als sie pltzlich in der Thr erschien. Jetzt mute
ich bleiben, wollte ich mich nicht verrathen. Ich hielt den Athem an und drckte
mich dicht gegen eine groe Steinvase, neben der ich stand.
    Ihre Finger glitten ber die Saiten der Guitarre, bald diesen Ton, bald
jenen anschlagend, dann ein paar unsichere Accorde, als ob sie nach einer
Melodie suche. Zuletzt wurden die Accorde fester und sie sang:

Am Tage die Sonne
Wohl hat sie mich gerne,
Ich aber, ich liebe
Die nchtigen Sterne.

Die nchtigen Sterne
Aus endlosen Rumen,
Sie kommen und blinken
Und lassen mich trumen.

Sie lassen mich trumen
Und machen mich weinen
Um den Lieben, den Holden
Den Schlimmen, den Einen.

Den Schlimmen, den Einen,
Den ich mir erkoren,
An den ich die Seele,
Die arme, verloren.

    Die letzten Worte hatte sie mit unsicherer Stimme gesungen; jetzt lehnte sie
ihr Haupt gegen den Thrpfosten, und ich hrte sie weinen und schluchzen. Meine
Erregung war zu gro, als da ich die Vorsicht, welche meine Stellung
erforderte, htte beobachten knnen. Ein Stein lste sich von dem verwitterten
Rande der Terrasse und rollte hinab. Konstanze zuckte empor und fragte mit
unsicherer Stimme: Wer ist da? Ich hielt es fr gefhrlich, noch lnger den
Lauscher zu spielen, und trat auf sie zu, indem ich meinen Namen nannte.
    Ach, Sie sind es! sagte sie.
    Ja, sagte ich, ich bitte um Verzeihung. Ich hrte Sie spielen, das hat
mich herangelockt; ich wei, es war sehr unschicklich; bitte, verzeihen Sie
mir.
    Ich stand jetzt neben ihr, das Licht aus dem Zimmer fiel hell auf ihr
Gesicht und ihre dunkeln, zu mir erhobenen Augen.
    Sie Guter, sagte sie mit weicher Stimme; - oder meinen Sie es nicht gut
mit mir?
    Ich vermochte nicht zu antworten, aber sie wute mein Schweigen wohl zu
deuten.
    Ja, sagte sie, Sie sind mein treuer Knappe; mein treuer Georg. Wenn ich
sagte: heute Nacht bewachst Du diese Terrasse, bis der Morgen graut - nicht
wahr, Sie wrden es thun?
    Ja, sagte ich.
    Sie lchelte zu mir auf. - Ach, wie das lieb ist, ein Wesen auf Erden sich
treu zu wissen. Wie lieb das ist!
    Sie reichte mir die Hand, die ich in meiner zitternden Hand festhielt.
    Aber ich verlange nichts derart von Ihnen, sagte sie; nur Eines: da Sie
uns recht lange Gesellschaft leisten und recht oft mit mir spazieren gehen.
Versprechen Sie mir's! Ja! das ist so lieb! Und nun gehen Sie! Gute Nacht!
    Sie zog mit leisem Druck ihre Hand aus der meinen und ging in ihr Zimmer
zurck. Als ich ein paar Schritte gemacht hatte, hrte ich die Fensterthr
schlieen.
    Unter einem der groen Bume des Parkes stand ich und blickte nach dem Hause
zurck. Der Mond war ber den Waldrand gestiegen, das groe Gebude hob sich
heller aus dem Dunkel; hier und da flimmerte auf einem der Fenster des oberen
Stockes ein ungewisser Schimmer. Das Licht in Konstanze's Gemach kam zu mir
herber mit jenem magischen Schein, der uns so nur einmal wohl im Leben
leuchtet.
    Die Wiese vor mir hatte in tiefem Schatten gelegen; eben irrten die ersten
Strahlen des Mondes darber hin, und da glaubte ich eine Gestalt zu sehen, die
von der andern Seite herankommend, sich langsam auf Konstanze's Fenster zu
bewegte. Das war an sich unverfnglich genug; es mochte ein Arbeiter sein, der
aus dem Dorfe kam und den Richtweg durch den Park eingeschlagen hatte; aber ein
treuer Knappe hat die Pflicht, sich in solchem Falle Gewiheit zu verschaffen,
und so schritt ich denn, ohne mich zu besinnen, quer ber die Wiese auf die
Gestalt zu. Unglcklicherweise trat mein Fu auf einen drren Ast; es gab ein
lautes Gerusch. In demselben Moment blieb der Mann stehen und eilte mit
leichten, schnellen Schritten in der Richtung, aus der er gekommen, zurck. Der
Vorsprung, den er hatte, war nur gering, aber das dichte Gehlz, welches die
Wiese nach jener Seite einrahmte, und die Grenze des Parkes bildete, war auch
nahe, und so erreichte er dasselbe wenige Minuten vor mir. Ich hrte ihn
deutlich durch die Zweige brechen, aber wie sehr ich auch vorwrts strebte, ich
konnte ihn nicht erreichen; ich glaubte schon, da mich mein Ohr in eine falsche
Richtung gelockt habe, als ein lautes Poltern und Krachen nicht weit von mir
mich berzeugte, da ich auf der rechten Fhrte war. Jenes Poltern konnte nur
entstanden sein, indem sich der Mann ber das morsche Bretterstaket schwang, das
den Park nach dieser Seite einschlo und das ich selbst heute bereits zweimal
passirt hatte. Jetzt konnte er mir nicht mehr entgehen; jenseits war eine weite
Brache und ich hatte noch Niemand gekannt, den ich im Lauf nicht berholt htte.
Aber in dem Augenblicke, wo auch ich die Planke erreichte, ertnte Hufschlag und
aufblickend sah ich einen Reiter ber den ebenen Plan, den jetzt der Mond hell
genug erleuchtete, jagen. Das Pferd mute ein vorzglicher Renner sein. Die Hufe
schlugen so leicht auf und die Sprnge waren von so mchtiger Weite, da in
weniger als einer halben Minute Ro und Reiter meinen Blicken entschwunden
waren; eine zweite halbe Minute hrte ich noch den Hufschlag, dann war auch der
verklungen, und ich htte glauben knnen, das Ganze getrumt zu haben, wenn mein
vor Aufregung und von dem eiligen Lauf klopfendes Herz und meine
dornengeritzten, schmerzenden Hnde mich nicht eines Andern belehrt htten.
    Wer war der freche Eindringling? Ein gewhnlicher Dieb sicher nicht; - wohl
ohne Zweifel Jemand, den das Licht aus Konstanze's Fenster herangelockt hatte,
vielleicht heute nicht zum ersten Male; er schien den Weg schon fter im Dunkeln
zurckgelegt zu haben.
    An einen begnstigten Liebhaber glaubte ich nicht; eine solche Annahme wrde
mir als die schndeste Versndigung an dem herrlichen Mdchen erschienen sein,
das mit ihren trumerischen Augen wahrlich nicht einer glcklich Liebenden
glich. Ihr schwermthiges Lied und ihr Weinen - das Alles deutete vielmehr auf
eine unglckliche Liebe. Also doch auf Liebe? Ach, ich wollte ja nichts fr
mich! Wie konnte ich wagen, die Augen zu ihr zu erheben! Ich konnte nur fr sie
leben oder sterben, und einem Frechen, der es wagte, unter dem Schutz der Nacht
und des Dunkels in dies Heiligthum zu dringen, bei nchster Gelegenheit das
Genick brechen.
    Dieser Vorsatz hob in etwas wieder meine gedrckte Stimmung, aber freilich:
die Seligkeit von vorhin war unwiederbringlich verschwunden. Ich fhlte mich
aufgeregt und beunruhigt, als ich in das Zimmer zu den Spielern zurckkehrte.
    Man hatte mit Whist angefangen; und war jetzt beim Faro. Der Wilde hielt die
Bank; er mute sehr bedeutend gewonnen haben. In einem Teller vor ihm lag eine
Menge Silbergeld, aus dem hier und da ein Goldstck hervorblickte; dieser Teller
stand in einem zweiten, welcher mit zerknitterten Tresorscheinen angefllt war.
Diese beiden Gste hatten ihr baares Geld schon verloren; denn sie wechselten
sich hufig gegen Bons, die zu den Tresorscheinen in den zweiten Teller
wanderten, grere und kleinere Summen ein, welche eine entschiedene Neigung
zeigten, zu der Quelle, aus der sie geflossen waren, zurckzukehren. Herr von
Trantow schien sein Unglck mit groer Fassung zu tragen. Sein gutes, hbsches
Gesicht war so leidenschaftslos ruhig wie vorher, nur da es vielleicht ein paar
Tne tiefer gerthet war und die groen blauen Augen noch etwas starrer
blickten. Doch konnte das ebenso gut die Wirkung des Weines sein, von dem man
bereits mindestens ein halbes Dutzend Flaschen geleert hatte. Herrn von Granow's
Nerven waren gegen die Pfeil' und Schleudern eines bsen Geschicks weniger
unempfindlich. Er hob sich bald in seinem Stuhl, bald lie er sich wieder
zurcksinken; er wetterte und fluchte bald laut, bald leise, und befand sich
offenbar in der belsten Laune, zum heimlichen Ergtzen, wie mir duchte, des
Herrn von Zehren, dem die Lust aus den braunen Augen blitzte, wenn er mit
hflich-bedauernden Worten wieder einmal das Geld des Kleinen einzustreichen
gezwungen war.
    Ich hatte mich eben zu den Spielern gesetzt, die Chance des Spiels, das mir
aus schchternen Schlerversuchen hinreichend bekannt war, besser zu beobachten,
als mir Herr von Zehren mit den Worten: Sie mssen auch spielen, einen Haufen
Banknoten, den er gerade gewonnen hatte, zuschob.
    Verzeihen Sie, stotterte ich -
    Machen Sie doch keine Umstnde, sagte er, warum wollen Sie noch erst auf
Ihr Zimmer gehen, sich Geld zu holen! hier ist genug.
    Er wute, da meine ganze Baarschaft aus noch nicht einem Thaler bestand;
ich hatte es ihm gestern Abend gesagt. Ich errthete deshalb ber und ber, aber
ich hatte nicht den Muth, der gromthigen Lge meines gtigen Wirthes zu
widersprechen; ich rckte mit der Miene eines Mannes, der kein Spielverderber
sein will, nher heran und fing an zu pointiren.
    Vorsichtig im Anfang und mit kleinen Einstzen, wie es sich fr mich
schickte, und mit dem festen Entschlu, ganz ruhig zu bleiben; aber es dauerte
nicht lange, als sich in meinem Hirn und Herzen ein unheimliches Fieber
entzndete. Mein Herz pochte in schnellen und schnellern Schlgen, mein Athem
flog, meine Stirn und meine Augen brannten; ich strzte, whrend die Karte
geschlagen wurde, Glas auf Glas hinunter, meine verdorrende Zunge zu netzen; ich
strich mit bebender Hand meinen Gewinn ein. Und dabei gewann ich fast
unaufhrlich; wenn einmal eine Karte gegen mich schlug, brachte mir die folgende
das Dreifache und Fnffache. Ich glaubte, das Herz msse mir springen, als das
Geld vor mir zu einer Summe anwuchs, wie ich sie noch nie beisammen gesehen
hatte - zwei- bis dreihundert Thaler, wie ich es heimlich berschlug.
    Nun kam ein Stillstand; ich gewann nicht mehr, verlor aber auch nicht; dann
fing ich an, erst langsam, dann schneller und schneller zu verlieren. Es lief
mir kalt durch die Adern, wie einer der groen Scheine nach dem andern wieder
von mir wanderte, aber ich hatte vorhin das Betragen des Herrn von Granow zu
widerwrtig gefunden, um in denselben Fehler zu verfallen. Ich verlor, wie ich
Hans von Trantow verlieren sah, ohne eine Miene zu verziehen, worber ich denn
von Herrn von Zehren mit ermuthigenden Worten belobt wurde. Schon war meine
Baarschaft bis auf die Hlfte zusammengeschmolzen, als Hans von Trantow ghnend
erklrte, er sei zu mde, um noch weiter spielen zu knnen; Herr von Granow
sagte, es sei noch gar nicht spt, aber die herabgebrannten Lichter und die
groe Pendule an der Wand, die auf halb drei wies, waren entschieden anderer
Meinung. Die beiden Herren zndeten sich frische Cigarren an und bestiegen den
schon lange wartenden Wagen, nachdem eine Jagdpartie, an der ich auch
theilnehmen sollte, auf morgen verabredet war.
    Wir kehrten in das von Weindunst und Tabackrauch angefllte Zimmer zurck,
wo der alte Christian, fr den der Unterschied von Tag und Nacht nicht zu
existiren schien, mit Aufrumen beschftigt war. Herr von Zehren stie das
Fenster auf und blickte hinaus. Ich trat zu ihm; er legte mir die Hand auf die
Schulter und sagte: Wie schn die Sterne leuchten und wie balsamisch die
Nachtluft ist! Und da - er wies mit der Hand in das Zimmer - wie hlich, wie
ekelhaft - und wie schlecht das riecht! Warum kann man nicht beim Sternenschein
Faro spielen und dazu den Duft von Levkojen und Reseda rauchen? Und warum mu
nach jeder lustigen Nacht die Reue in Gestalt eines alten Mannes kommen und
kopfschttelnd die geleerten Flaschen zhlen und die Asche zusammenkehren? Das
ist so dumm! aber man darf sich keine grauen Haare darber wachsen lassen, die
kommen von selbst. Und nun zu Bett, zu Bett! Ich sehe, Sie haben noch
hunderterlei auf dem Herzen, aber morgen ist auch noch ein Tag und wenn nicht -
desto besser. Gute Nacht! schlafen Sie wohl!
    Aber es dauerte lange, bis der Wunsch meines Wirthes an mir in Erfllung
ging. Ein wahrer Hexensabbath von schnen und hlichen Spukgestalten tanzte vor
meinen in fieberhaftem Halbschlaf geschlossenen Augen den wildesten Reigen:
Konstanze, ihr Vater, seine Spielgesellen, die dunkle Gestalt in dem Park, und
dazwischen mein Vater und Professor Lederer und Schmied Pinnow - und Alle
wollten sie von mir gerettet sein aus einer oder der anderen Gefahr - Professor
Lederer von zwei dicken Lexicis, die aber eigentlich zwei groe Austern waren,
welche die Schalen gegen den drrem Gelehrten aufsperrten, whrend der
Commerzienrath im Hintergrunde stand und sich todt lachen wollte; und das wirrte
und raste durcheinander und liebkoste und drohte, und entzckte und ngstigte
mich, bis endlich, als die Morgendmmerung schon ihr bleiches Licht auf die
zerfetzten Tapeten meines Gemaches warf, ein bleischwerer Schlaf die
Spukgestalten bannte.

                                Neuntes Capitel.


Wenn nach den einstimmigen Berichten von Reisenden, welche die Tour gemacht, der
Weg zur Hlle mit guten Vorstzen gepflastert ist, so bin ich berzeugt, da
einige Quadratruthen davon meine Arbeit sind und da ich diese Arbeit zum
grten Theil in den ersten vierzehn Tagen meines Aufenthaltes auf Zehrendorf
gethan habe. Es konnte aber auch nicht leicht ein Terrain geben, auf welchem
Alles, was man zu jener leichten und angenehmen Handtierung braucht, in so
reichem Mae vorhanden gewesen wre. Wo man ging und stand, wohin man den Blick
wandte - berall lag das Material bereit am Wege, und ich war zu jung, zu
unerfahren und - ich darf es wohl sagen - von zu gutem Herzen, als da ich nicht
mit beiden Hnden htte zugreifen sollen. Welcher unsglichen Thorheit ich mich
schuldig machte, als ich daran ging, die aus den Fugen gegangene Welt, in der
ich mich jetzt bewegte, wieder einzurenken, nachdem ich noch eben erst bewiesen,
da ich mich in die vollstndig geordnete, aus der ich stammte, in keiner Weise
htte fgen knnen und wollen - dieser Gedanke ist mir erst viel spter
gekommen. Vorlufig war ich von meiner erhabenen Mission auf das Innigste
berzeugt und segnete meinen Stern, der mich aus der schnden Sklaverei der
Schule und des vterlichen Hauses, wo ich verkmmerte, aus den drckenden Banden
philisterhafter Verhltnisse, die den freien Flgelschlag meiner heroischen
Seele hemmten, so herrlich herausgefhrt in diese Wstenfreiheit, die keine
Grenzen zu haben schien und hinter der doch das Kanaan liegen mute, wo die
Milch der Freundschaft und der Honig der Liebe flo, und das zu erobern ich
heldenhaft entschlossen war. Zwar der Brief, welcher an einem der nchsten Tage
von meinem Vater an Herrn von Zehren - nebst einer groen Kiste mit Sachen -
eintraf, hatte mich einen Augenblick stutzig gemacht. Der Brief hatte nur wenige
Zeilen enthalten, des Inhalts, da er (mein Vater), berzeugt von der
Unmglichkeit, mich auf seinem Wege zum Guten zu fhren, wohl und bel mich mir
selbst habe berlassen mssen, und da er nur noch wnschen knne, es mge mein
Ungehorsam und mein Trotz nicht zu schwer an mir heimgesucht werden. Herr von
Zehren hatte mich den Brief lesen lassen und, als er meine nachdenkliche Miene
wahrnahm, gesagt: Wollen Sie zurck? - Dann aber gleich hinzugefgt: Thuen
Sie es nicht. Das ist nichts fr Sie. Der alte Herr hat Sie zu einem
Arbeitspferd machen wollen. Dazu taugen Sie nicht, so gro und stark Sie sind.
Sie sind ein Jagdpferd, fr das kein Graben zu breit, keine Hecke zu hoch ist.
Kommen Sie, ich habe hinten in der Koppel ein Volk von vierundzwanzig gesehen.
Das wollen wir vor Tisch noch vornehmen.
    Ich war es zufrieden; ich fand, da mein Vater mich zu bald aufgegeben
hatte, da er wohl noch einen Versuch htte machen knnen, mich zu halten, und
da er sich des Rechtes begeben habe, mir nun noch mit einer himmlischen Strafe
zu drohen. Dennoch war es mir unheimlich, als Herr von Zehren eine Stunde
spter, als er seine Pfropfen verschossen hatte, den Brief meines Vaters aus der
Tasche nahm und mit dem Scherzwort, da Noth kein Gebot kenne, ihn in vier
Stcke ri und in die beiden Lufe seiner Flinte stampfte. Ich wei, ich hatte
die Empfindung, es werde, es msse ein Unglck geben. Aber die Flinte sprang
nicht, die Hhner kamen regelrecht herunter, und von dem Briefe war nichts brig
als ein glimmendes Stckchen Papier, das zwischen die trockenen Stoppeln
gefallen war und auf das Herr von Zehren, als er die Hhner in die Tasche schob,
seinen Fu setzte.
    Wenn ich aber noch gezweifelt htte, ob ich recht gethan, mich auf die
eigenen Fe zu stellen, wie ich es nannte, so war ein Brief Arthur's, welcher
bald darauf eintraf, nur zu geeignet, mich in meinem Wahn von der endlich
errungenen Freiheit zu bestrken.
    Du bist doch immer der glckliche Hans, schrieb Arthur, Du lufst aus der
Schule und man lt Dich laufen, als ob sich das so von selbst verstnde,
whrend man mich wieder einfngt, wie einen weggelaufenen Sklaven, mich drei
Tage lang ins Loch steckt, mir jede Stunde meine Schande vorwirft und mir das
Leben in jeder Beziehung blutsauer macht. Selbst mein Papa stellt sich an, als
ob ich Gott wei was verbrochen htte, und nur die Mama ist vernnftig und sagt,
ich solle mir das nicht zu Herzen nehmen; und der Papa msse auch nur so thun,
sonst setzte mich Lederer nicht nach Ober-Prima, und die Geschichte dauerte noch
lnger. Es ist wirklich eine Schande, da ich, blos weil der Onkel
Commerzienrath es will, das Abiturientenexamen machen mu, whrend Albert von
Zitzewitz, der auch nicht lter ist als ich, es auf der Cadettenschule jetzt
schon zum Fhnrich gebracht hat. Was habe ich von dem Commerzienrath? Papa sagt,
er knne mich whrend meiner Lieutenantsjahre ohne die vom Onkel erwarteten
Zuschsse nicht erhalten, und das mag auch wohl so sein, denn es wird mit jedem
Tage schlimmer bei uns, und der Papa war ganz auer sich, als er gestern
sechszehn Thaler fr meine Handschuhrechnung bezahlen sollte. Wenn mir die Mama
nicht noch manchmal darber hlfe, ginge es gar nicht mehr, aber sie hat auch
nichts und hat mir gestern gesagt, da sie nicht wte, wie es zu Neujahr werden
solle, wenn alle die Rechnungen einlaufen. Du knntest mir wirklich aus der
Verlegenheit helfen; Papa sagt, Onkel Malte sehe das Geld nicht an, wenn er mal
welches habe, und wer den rechten Moment trfe, knne so viel bekommen, wie er
wolle. Du Glcklicher bist ja doch nun bestndig um ihn und da knntest Du doch,
einem alten Freund zu Liebe, den rechten Moment abpassen und ein gutes Wort fr
mich einlegen; oder noch besser, Du sagst, Du habest noch einige alte Schulden,
die Du gern bezahlen mchtest, ob er Dir nicht so ein Thaler fnfzig oder
hundert leihen wolle, und Du schickst es mir, da Du es doch nicht brauchst.
Hierher kommst Du ja auf keinen Fall zurck, denn, wie sie hier ber Dich
sprechen, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Lederer betet jetzt immer fnf
Minuten lnger fr das verirrte Lamm (womit er Dich alten Snder meint); der
Justizrath Heckepfennig soll gesagt haben: wenn es je einen Menschen auf dem
Gesicht gestanden habe, da er in den Schuhen sterben werde, so seist Du es; in
Emiliens Krnzchen haben sie beschlossen, die Bltter, auf denen Du Dich
verewigt, aus ihren Stammbchern zu reien, und beim Onkel Commerzienrath hat es
vorgestern Deinethalben eine ordentliche Scene gegeben. Der Onkel hat ber Tisch
gesagt, Du mtest verzweifelt lange Schritte machen, wenn Du dem (dabei hat er
eine Handbewegung gemacht) entlaufen wolltest, worauf Hermine schrecklich zu
weinen angefangen und Frulein Duff gesagt hat, es sei lsterlich, in Gegenwart
eines Kindes solche Reden zu fhren. Du siehst also: Du hast in der Damenwelt
noch ein paar mchtige Freunde, wie Du denn von jeher auf dieser Seite ein
unverantwortliches Glck gehabt hast und noch hast. Mach' meine schne Cousine
nur nicht unglcklich, Du Teufelskerl!
    P.S. Der Papa sagte mir einmal, da Konstanze von einer alten spanischen
Tante jhrlich eine kleine Summe ausgezahlt erhalte, die sie gewi nicht
brauche; vielleicht wre von ihr Geld zu haben, Du knntest wenigstens einmal
hinhorchen.
    Ich hatte auf diesen Brief hin, der mir eine so bequeme Gelegenheit bot,
feurige Kohlen auf das Haupt meines noch immer geliebten Freundes zu sammeln,
sofort beschlossen, ihn mit einem Theil meines Gewinnes vom ersten Spielabend
aus der Verlegenheit zu reien, aber auch dieser Vorsatz - von dem ich
allerdings kaum behaupten mchte, da er in irgend einem Sinne ein guter gewesen
- sollte nicht zur Ausfhrung kommen. Am Abend desselben Tages nmlich, als auf
dem Gute Hans von Trantow's der Wilde seinen Spielgenossen Revanche gab, verlor
ich nicht nur das unter so vielem Herzklopfen gewonnene Geld unter demselben
Herzklopfen bis auf den letzten Thaler, sondern noch eine ziemlich bedeutende
Summe, die mir mein gtiger Wirth, der wiederum der Gewinner war, aufdrang.
Dieses Unglck, das ich, wenn ich einen Gran klger gewesen, htte voraussehen
knnen, traf mich als ein harter Schlag. Ich war, trotz allen Leichtsinns, in
meinen kleinen Geldangelegenheiten immer von der scrupulsesten
Gewissenhaftigkeit gewesen; hatte die unbedeutenden Schulden, die ich etwa
gemacht, stets so bald als mglich und mit willigem Herzen bezahlt, ich fhlte
mich deshalb, als wir nach der Unglcksnacht in der Morgendmmerung nach Hause
fuhren, so unglcklich wie noch nie in meinem Leben. Wie sollte ich je im Stande
sein, eine solche Summe abzutragen, noch dazu, da ich entschlossen war, nie
wieder eine Karte in die Hand zu nehmen? Wie sollte ich heute im hellen
Tageslicht dem Mann an meiner Seite in's Gesicht zu sehen wagen, ihm, dem ich
mich schon ohnedies so tief verpflichtet fhlte? Herr von Zehren, der in der
glcklichsten Stimmung war, lachte laut, als ich ihm, wie er in mich drang,
meine Noth beichtete. - Mein lieber Georg, sagte er - er nannte mich bereits
immer nur bei meinem Vornamen -, nehmen Sie mir es nicht bel, aber Sie sind
nicht recht gescheit. Wie, Mann, denken Sie denn wirklich, da ich Sie nur einen
Augenblick fr das, was Sie auf meinen Wunsch thun, verantwortlich machen
knnte? Wer Unmndigen Geld leiht, thut es bekanntlich auf seine Gefahr und Sie
erinnern sich doch wohl noch, da ich Ihnen das Geld aufdrang. Weshalb? Nun, zum
Teufel, weil es mir Vergngen macht, Ihr ehrliches, erhitztes Gesicht beim Spiel
mir gegenber zu sehen und es mit Granow's Galgenphysiognomie oder mit Trantow's
verschlafener Miene zu vergleichen. Und wenn ein junger Mensch, der mein lieber
Gast ist, mir zu Liebe mit mir auf die Jagd und mit mir zum Farotische geht, und
er keine Flinte und kein Geld hat, so ist es doch nur selbstverstndlich und
recht und billig, da ich ihm meinen Gewehrschrank und meine Brse zur
Disposition stelle. Und nun hren Sie auf, von der Bagatelle zu sprechen, und
geben Sie mir eine Cigarre, oder haben wir keine mehr?
    Ich bot ihm seine Cigarrentasche, die er meiner Obhut anvertraut, und
murmelte, da seine Gte mich zu Boden drcke, und da mein einziger Trost sei,
es werde sich mir doch noch eine Mglichkeit bieten, wie ich ihm so oder so
meine Schuld abtragen knne. - Er lachte wieder und sagte, ich sei so stolz wie
Lucifer, aber das mge er wohl leiden, und was die Mglichkeit betreffe, mich
gegen ihn abzufinden, so sei er ein Mann, in dessen Leben die Zuflle und die
Glcksflle und die Unflle und alle mglichen Flle eine so groe Rolle
spielten, da es mit einem Wunder zugehen mte, wenn nicht unter andern leider
auch der von mir herbeigesehnte Fall eintrte. Bis dahin wollten wir die Sache
in der Schwebe lassen. So suchte er meine Gewissensbisse wegzuscherzen, aber es
war ihm nur zum Theil gelungen, und ich schlief an diesem Morgen ein und
erwachte ein paar Stunden spter mit dem Vorsatz, ernstlich an die Ausfhrung
eines andern Vorsatzes zu gehen, nmlich, in meiner Eigenschaft als Lehrling
mich der verlassenen Wirtschaft anzunehmen, es in krzester Frist zu einer
vollkommenen Einsicht in konomische Dinge zu bringen, mit Hlfe dieser Einsicht
und eines rastlosen Fleies und mit Aufbieten aller meiner Krfte das verwstete
Gut, ebenfalls in krzester Frist, sagen wir in ein bis zwei Jahren, zu einem
Paradies zu machen und so meinen gtigen Wirth der Notwendigkeit zu berheben,
das Geld, welches ihm seine Aecker nicht abwarfen, am Spieltisch zu gewinnen.
    Von Stund an legte ich ein Interesse fr den spukhaften Pferdestall, das bis
auf wenige jmmerliche Exemplare der Rinderspecies ausgestorbene Viehhaus und
fr ein paar Dutzend melancholischer Schafe an den Tag, da Herr von Zehren, der
ein ungemein scharfes Auge fr das Komische hatte, gar nicht aus dem Lachen
herauskam, bis sich ein Vorfall ereignete, der ihn veranlat, ein ernstes Wort
zu sprechen, und mir meine konomischen Studien einigermaen verleidete.
    Jener alte Mann, den ich am ersten Tage im Park getroffen hatte, und der
eigentlich Christian Haltermann hie, von Allen aber nur der alte Christian
genannt wurde, war in seiner Eigenschaft als Unterverwalter (oder Statthalter,
wie man in jener Gegend sagt) in Ermangelung eines Herrn, der sich um etwas
kmmerte, und eines Oberverwalters, der nicht vorhanden war, die kmmerliche
Seele der kmmerlichen Wirtschaft. Was etwa noch angeordnet wurde, ging von ihm
aus, aber es bedurfte gerade keines besonderen Scharfblickes, um zu sehen, da
von den banditenmig aussehenden Kerlen, welche die Rolle von Arbeitern
spielten, jeder that, was ihm beliebte. Wenn der alte Mann, wie ich es ein paar
Mal beobachtet hatte, in einen hilflosen Zorn gerieth, und mehr zu seiner
Erleichterung als in der Hoffnung, etwas damit auszurichten, in einem sonderbar
kreischenden, papageienartigen Tone schalt und keifte, lachten sie ihm in sein
verschrumpftes Gesicht und gingen ihres Weges, verhhnten ihn wohl gar ganz
offen. Dabei zeichnete sich besonders ein gewisser Johann Swart, genannt der
lange Jochen aus, ein baumhoher breitschulteriger Kerl mit affenlangen Armen,
dessen Physiognomie dem Justizrath Heckepfennig vielleicht doch noch weniger
gefallen htte als die meinige, und von dessen unberwindlicher Strke die
Andern unheimliche Dinge erzhlten.
    Diesen Menschen traf ich eines Morgens wieder einmal im Streit mit dem
Alten. Der Gegenstand war ein Kornfuder, das der Alte abgeladen haben und der
Andere nicht abladen wollte, die Scene der mit zertretenem Stroh bedeckte Platz
vor dem Scheunenthor, die Zuschauerschaft ein halbes Dutzend anderer Kerle, die
offenbar auf der Seite des Langen standen und jedes gemeine Witzwort desselben
mit wieherndem Gelchter begrten.
    Ich hatte den Auftritt schon von weitem beobachtet und so kam es, da, als
ich eilig herantrat, mein Blut bereits vor Zorn kochte. Ein paar der Lacher
unsanft beiseite stoend, trat ich vor den langen Jochen hin und fragte ihn, ob
er jetzt dem Befehl des alten Christian Folge leisten wolle oder nicht. Jochen
antwortete mit einem groben Lachen und einem gemeinen Wort. Im nchsten
Augenblick wlzten wir uns Beide auf dem zertretenen Stroh, im folgenden kniete
ich auf dem Besiegten und machte ihm die Unannehmlichkeit seiner Situation so
handgreiflich, da er zuerst laut um Hlfe und, als er sah, da die Andern starr
vor Schreck standen und er rettungslos in meiner Hand war, klglich um Gnade
schrie.
    Ich hatte eben den halb Erwrgten und jmmerlich Zerblueten losgelassen,
als Herr von Zehren, der wieder seinerseits die Scene aus dem Fenster seines
Zimmers beobachtet hatte, eilends herzukam. Er sagte dem Langen, es sei ihm ganz
recht geschehen, und er solle es sich fr die Zukunft merken, schalt auch die
Andern, aber, wie es mir schien, keineswegs mit dem gehrigen Nachdruck, fate
mich dann unter den Arm, fhrte mich eine Strecke schweigend fort und sagte, als
wir auerhalb des Gehrkreises der Leute waren: Es ist ganz gut, Georg, wenn
die Kerle wissen, wie stark Sie sind; aber ich mchte nicht, da Sie sie mir
durch wiederholte Exercitien derart verwhnten. Ich sah ihn gro an.
    Ja, fuhr er fort, sie wollen sonst bei tausend anderen Gelegenheiten
dieselben Prgel haben und zu dieser Herculesarbeit mchten selbst Ihre starken
Arme nicht ausreichen.
    Lassen wir es darauf ankommen, sagte ich.
    Nein, lassen wir es nicht darauf ankommen, sagte er.
    Aber darber geht die Wirtschaft zu Grunde, rief ich, dessen Blut noch
immer in hohen Wogen ging. Herr von Zehren zuckte die Achseln und sagte: Da hat
sie nicht mehr allzu weit, gnnen wir ihr doch die paar Schritte! Kurz, Georg,
die Parole heit: es bleibt Alles beim Alten! und was die Leute betrifft: es
sind keine Bienen an Arbeitsamkeit, aber das haben sie mit den Bienen gemein,
da sie leicht stechen, wenn sie gereizt werden. Seien Sie deshalb in Zukunft
ein wenig vorsichtiger als vorhin!
    Er hatte das lchelnd gesagt, aber ich hrte sehr wohl heraus, da es ihm
mit dem, was er sagte, vollkommener Ernst sei, und ich also das Paradies, mit
dessen Plan ich mich trug, ungeschaffen lassen msse. Ein Paradies, in welchem
jene banditenmigen Strolche ungestraft herumlungern konnten, war ein zu
greller Widerspruch, als da er selbst meinen unerfahrenen Augen nicht htte
einleuchten sollen.
    Ich kann nicht sagen, da es mir sehr schmerzlich gewesen wre, auf meine
Schpferrolle zu verzichten. Hatte ich mich doch hauptschlich in dieselbe
hinein getrumt, weil ich hoffte, so die Schuld der Dankbarkeit gegen meinen
Wirth abtragen zu knnen. Wenn er in dieser Mnze nicht bezahlt sein wollte, so
war dies schlielich nicht mir anzurechnen, und wenn er mir tagtglich
wiederholte, da er von mir nichts weiter wolle, als mich selbst, da meine
Gesellschaft ihm ber Alles angenehm sei, - wie htte ich Versicherungen, die
mir so schmeichelhaft waren, nicht glauben, wie htte ich den Lockungen eines
Lebens, das meinen Neigungen so vollkommen entsprach, widerstehen knnen?
    Fischefangen und Vogelstellen! - es knpft sich eine ominse Warnung daran,
deren Richtigkeit zu erproben ich spter verzweifelt ernste Veranlassung und
bedenklich viel Zeit haben sollte; aber noch heute mag ich den Zauber nicht
schelten, der auf jenen vom Sprichwort gezeichneten Beschftigungen liegt. Man
kann die Fische nicht fangen, ohne dabei in die Wellen zu blicken, und den
Vgeln nicht nachstellen, ohne in den Himmel zu sphen, und die wandernden
Wellen und die ziehenden Wolken - die haben's uns angethan, die hatten mir's
angethan, von frhester Jugend an! Wie oft hatte ich als Knabe einen Umweg aus
der Schule gemacht, um ein halbes Stndchen am Hafen auf der uersten Spitze
der Mole mit der Mappe unter dem Arm zu sitzen und mich einlullen zu lassen von
dem leisen Pltschern zu meinen Fen! wie oft am Fenster in meinem Dachstbchen
und ber die leidigen Bcher weg in den blauen Aether gestarrt, wo vielleicht
des Nachbars weie Tauben ihre himmlischen Kreise zogen! Und immer hatte ich
mich gesehnt, mich nur einmal so recht satt hren zu knnen am Wellenrauschen,
nur einmal so recht satt sehen zu knnen am Wolkenziehen! Dann war wohl, als ich
lter wurde und den Kreis meiner Streifereien weiter ausdehnen konnte, manche
glckliche Stunde fr mich gekommen: manche Ruderfahrt, manches wilde Spiel in
dem benachbarten Wald, manche ungeschickte Jagd auf Strandvgel mit einem von
Pinnow's verrosteten Gewehren - aber es waren doch immer nur Stunden gewesen,
die der bermthigen Kraft des Knabenjnglings bei weitem nicht gengten, und
die noch dazu mit so viel Stuben- und Schularrest, so viel Sorge. Noth, Aerger,
Zorn erkauft werden muten!
    Nun hatte ich - zum ersten Male im Leben - vollauf, wonach ich mich, so
lange ich lebte, gesehnt: Wald und Wiese, die Felder und den Strand, ein
unermeliches Terrain, und Zeit, in diesem Revier herumzuschweifen, vom ersten
Morgenstrahl bis zum Abendroth, in die Nacht hinein - unermeliche Zeit, und
einen Gefhrten dazu, wie ihn sich ein Jngling, der den Ehrgeiz hatte, es in
den bewuten brotlosen, verderblichen Knsten mglichst weit zu bringen, nicht
passender wnschen konnte. Des Wilden Auge und Hand waren vielleicht nicht
mehr so sicher, wie sie es vor zehn, zwanzig Jahren gewesen, dennoch war er noch
immer ein trefflicher Schtz und ein Meister in Allem, was die Jgerei betraf.
Niemand wute besser als er, wo man das Wild zu suchen habe, Niemand hatte so
gut dressirte Hunde und wute sie so gut zu fhren, Niemand die Zuflligkeiten
der Jagd so geschickt auszubeuten; Niemand, vor Allem, war ein besserer Kamerad.
Wenn sein Feuereifer whrend der Jagd Alle mit sich fortri, so konnte keiner
das far niente des Rendezvous am khlen Waldessaume oder in dem dnnen Schatten
von ein paar Bumen am Rande eines Grabens mitten in den Feldern so behaglich
auskosten, und die mde Gesellschaft mit allerlei Scherz und Spott und
meisterhaft erzhlten Geschichten kstlicher unterhalten. Am liebenswrdigsten
freilich erschien er mir immer, so oft ich mit ihm allein durch das Revier
schweifte. Wenn er auf den greren Jagden sein herrschschtiges Wesen weder
verleugnen konnte noch wollte, und ihn die greren Erfolge eines Andern mit
einem Neid erfllten, der sich in bittern Sarkasmen Luft machte, so war von dem
Allen in meiner Gesellschaft keine Spur. Er lehrte mich alle Kunstgriffe und
Auskunftsmittel, an denen er so reich war, und war entzckt, als er an mir einen
so gelehrigen Schler fand, ja lachte jedesmal herzlich, wenn ich mir erlaubte,
ihm ein Huhn wegzuschieen, auf das er fr sich gerechnet hatte.
    Und dann sein Geplauder, dem ich mit immer neuem Entzcken zuhrte! Es war
die seltsamste Mischung von kstlich erzhlten Anekdoten aus seinem
abenteuerreichen Leben und beiender Satire gegen die Menschheit, besonders
gegen die schnere Hlfte derselben. Die Frauen hatten im Leben des Wilden eine
groe und verhngnivolle Rolle gespielt. Wie so viele Menschen von heftigen
Leidenschaften und glhender Sinnlichkeit, hatte er wohl nie nach wahrer Liebe
gesucht und machte jetzt den Frauen ein Verbrechen daraus, da er dieselbe nie
gefunden; auch bei jenem unglcklichen Mdchen nicht, das er unter so
schauerlichen Umstnden aus seiner Heimath entfhrte, und das ihm nichts
mitbrachte als den Fluch seiner Eltern, eine nur zu schnell verblhende
Schnheit und einen gnzlich ungebildeten, vielleicht bildungsunfhigen,
bigotten Geist, der den Keim des Wahnsinns schon in sich trug. Da er, der
damals bereits Vierzigjhrige, der viel Umgetriebene, viel Erfahrene, sich
einzig und allein die Schuld zuzumessen hatte, sich alles Unheil und Unglck,
welches aus einer so frevelhaften, sinnlosen Verbindung hervorgegangen war,
selbst zuschreiben mute - das einzusehen, anzuerkennen, fiel ihm aber natrlich
nicht ein. Er war der Mann, an dem viel mehr gesndigt war, als er sndigte; er
war das Opfer seiner Gromuth; er war um sein Lebensglck betrogen worden! Wie
htte ein Mann huslich sein knnen, der sich nicht wohl gefhlt hatte in seinem
Hause? sich an Ruhe gewhnen knnen an der Seite einer Frau, die der Irrwahn und
der Aberglaube Tag und Nacht ruhelos umgetrieben? - Ja, ja, mein lieber Georg,
ich habe mich mit groen Planen getragen, nachdem ich grere ad acta gelegt;
ich wollte das noch aus der Franzosenzeit verwstete Schlo wieder herrichten in
seinem altem Glanz, ich wollte alle Gter wieder erwerben, die einst den Zehrens
gehrt - aber es sollte nicht sein, sollte nicht sein in den Jahren, als ich
noch frisch und hoffnungsreich war, und Sie wollen mich alten verwilderten
Menschen jetzt zum sparsamen Hauswirth bekehren - Sie junger hoffnungsgrner
Springinsfeld? Da springt er hin in's Feld! Das kommt vom Schwtzen. Nein,
schieen Sie nicht mehr; es ist zu weit. Hierher Diana, altes Mdchen! Du wirst
doch nicht in deinen ehrbaren Jahren so leichtsinnig sein; schme dich! Ja, was
ich sagen wollte, Georg, hten Sie sich vor den Weibern! sie sind mein Unglck
gewesen, sie sind aller Menschen Unglck. Nehmen Sie meine Brder! Da ist der
Steuerrath, den Sie kennen! Der Mensch war dazu prdestinirt, eine gute Carrire
zu machen, denn er ist in die glnzenden Dinge dieser Welt verliebt, wie eine
diebische Elster, dabei schlau wie ein Fuchs, glatt wie ein Aal, und, als ein
Mensch ohne Leidenschaften, anspruchslos fr seine Person, also billig zu
erhalten. Er mute, wenn er durchaus heirathen wollte, zu einer Zeit, wo er noch
keine Ansprche machen konnte, ein einfaches Mdchen heirathen, das sich mit ihm
durchdrckte. Statt dessen lt sich der pfenniglose Referendar von einer
Barone Kippenreiter einfangen, der ltesten von zwei zurckgebliebenen Tchtern
eines ich glaube vom Knige von Schweden baronisirten Armeelieferanten, welcher
das Vermgen, um dessentwillen er geadelt war, bis auf den letzten Heller wieder
verspeculirt und sich schlielich eine Kugel durch den Kopf gejagt hatte. Nun
hat er das Elend. Eine Barone Kippenreiter will nicht umsonst ihre Briefe mit
einem zwanzig Jahre alten Wappen siegeln und den reichsten Mann der Provinz zum
Schwager haben. Hat es ein so decidirter Plebejer zu solchem Ansehen und bis zum
Commerzienrath bringen knnen, mu ihr Mann, der aus der ltesten Familie der
Provinz stammt, mindestens als Minister sterben. Nun wre vielleicht das
geschmeidige anspruchslose Fchslein in den Hhnerstall gelangt, das Fchslein
aber, das sich in einen vor Hunger und Schulden heulenden, stellenjgerischen
Wolf verwandeln mu, wird mit Stockschlgen, Steinwrfen und Futritten
abgewiesen. Nchstens wird man ihn pensioniren, um ihn nur ein fr alle mal los
zu sein. - Da ist mein jngster Bruder Ernst. Das ist ein Genie, also, wie alle
wahren Genies: bescheiden, gromthig  la Don Quixote, voll philantropischer
Schrullen, malos unpraktisch und kindisch hlflos. Er mute eine resolute Frau
haben, die Ordnung in seine geniale Confusion brachte und den Ehrgeiz hatte, aus
ihm etwas Rechtes zu machen. Hatte er doch das Zeug dazu; es brauchte ja nur
zugeschnitten zu werden! Was thut er? Er verliebt sich als Premierlieutenant von
zwanzig Jahren, denn er hatte sich, als ein halber Knabe fast, in den
Freiheitskriegen brillant geschlagen, kam mit Orden bedeckt zurck, man war auf
ihn aufmerksam geworden, und eine groe Bahn stand ihm offen - was wollte ich
sagen? ja, er verliebt sich in eine Waise, die Tochter, glaube ich, eines Malers
oder dergleichen, der als Freiwilliger in seinem Bataillon den Feldzug
mitgemacht und sterbend sie ihm auf seine gutmthige Seele gebunden hatte; er
heirathet sie - und adieu Generalstab, Avancement! Man giebt dem Herrn
Lieutenant, der durchaus eine Mesalliance eingehen will, den Abschied mit dem
Titel eines Hauptmanns, macht ihn zum Gefngnidirector, und da sitzt er nun
seit fnfundzwanzig Jahren in Dingsda mit einer halb blinden Frau, einer Schaar
von Kindern, vor der Zeit alt und grau, ein jmmerlicher Invalide; - und das
Alles einem kleinen dummen Gnschen zu Liebe, dem jeder beliebige Gevatter
Schneider oder Handschuhmacher eben auch recht gewesen wre. O die Weiber, die
Weiber! Lieber Georg, hten Sie sich vor den Weibern!
    Hatte der Wilde, wenn er solche Reden gegen mich fhrte, dabei eine
bestimmte Absicht? Ich glaube nicht. Ich war jetzt so viel mit ihm zusammen, wir
brachen oft so frh auf, waren des Mittags so selten zu Hause, kehrten in der
Nacht meistens so spt heim - ich sah infolge dessen Konstanze so wenig und fast
stets in seiner Gegenwart, wo ich mich durch die bestndigen Feindseligkeiten
zwischen Vater und Tochter so eingeschchtert und befangen fhlte, da ich die
Augen kaum zu dem schnen Mdchen aufzuschlagen wagte - er konnte unmglich
wissen, wie sehr ich das schne Mdchen bewunderte, wie ich es mit jedem Male
reizender fand, wie mein Herz klopfte, so oft ich auch nur das Rauschen ihres
Kleides hrte.
    Und dann war noch ein anderer Grund, der ihn nach dieser Seite hin sicher
machte. So gern er mich in seiner Weise hatte, mit welcher aufrichtigen
Bewunderung ihn meine Gelehrigkeit in Allem, was sich auf den Sport bezog,
erfllte, und meine ungewhnliche Krperkraft, die ich vor ihm zu entfalten
liebte - er betrachtete mich doch wohl kaum als ein Wesen seiner Art. Verarmt,
wie er war, seit vielen Jahren eine problematische Existenz fhrend, konnte er
doch nicht vergessen und verga es nie, da er von einem uralt adligen
Geschlecht abstammte, welches die Obmacht ber die Insel hatte, als von den
Frsten von Prora-Wiek noch nicht die Rede war, und die spter mchtige
Hansestadt Uselin, meine Vaterstadt, noch aus Fischerhtten bestand. Ich bin
berzeugt, da er - wie ein depossedirter Knig - innerlich nie auf die Macht
und den Reichthum, den seine Ahnen einst besessen, verzichtet hatte, da der
Frst von Prora-Wiek, die Herren von Trantow und Granow und ein paar Dutzend
andere adelige und unadelige Herren, die ringsumher auf Gtern saen, die frher
den Zehrens gehrt, in den sogenannten Besitz dieser Gter nur durch, ich wei
nicht welche tlpelhafte Laune des Zufalls, jedenfalls auf keinen Rechtstitel
hin, den er anerkannte, gekommen waren, und da er, wo er auch jagte, auf seinen
Jagdgrnden jagte. Dieser mystische Cultus einer Herrlichkeit, die nicht mehr
vorhanden war, die sich sogar in ihr Gegentheil verwandelt hatte, als deren
Trger er sich aber betrachtete, gab seinen Augen den stolzen Blick, seinem
Wesen die Anmuth, seiner Sprache die Verbindlichkeit, wie man es wohl bei
regierenden Frsten findet, deren politische Ohnmacht so gro und deren
Legitimitt so unanfechtbar ist, da sie es sich erlauben drfen, vollkommen
liebenswrdig zu sein.
    Herr von Zehren schwrmte fr das Erstgeburtsrecht und fand es
unverantwortlich, da jngere Brder den Adel, den sie nicht zu reprsentiren im
Stande seien, weiter fhren drften. - Ich habe nichts gegen einen Steuerrath,
selbst nichts gegen einen Gefngnidirector, sagte er; nur mssen die Leute
Mller oder Schultze und nicht Zehren heien. - Gegen den Hof-, Beamten- und
Militradel hegte er die tiefste Verachtung - das seien alles nur Bedienten mit
und ohne Livree; auch unterschied er scharf zwischen dem alten und echten und
dem neugebackenen Adel, zu welchem erstern beispielsweise die Trantows gehrten,
die ihren Stammbaum in ununterbrochener Folge bis in die Mitte des vierzehnten
Jahrhunderts zurckfhren knnten, whrend Herr von Granow einen Schfer zum
Urgrovater, einen kleinen Pchter zum Grovater und einen Gutsbesitzer, der
sich habe adeln lassen, zum Vater habe. - Und der Mensch thut manchmal, als ob
er meinesgleichen wre! Die Ehre, sein schndes Geld an mich verlieren zu
drfen, scheint ihm in seinen albernen Kopf gestiegen zu sein; ich glaube,
nchstens wird er kommen und fragen, ob ich nicht der Schwiegervater eines
Schferjungen werden wolle. Nun, Gott sei Dank, in der Beziehung wenigstens kann
ich mich auf Konstanze verlassen; sie wrde lieber in's Wasser springen, als
solchen kleinen aufgeblasenen Molch heirathen. - Da sie gegen den armen Hans so
sprde thut, ist freilich dumm. Trantow ist immer noch ein ertrgliches
pis-aller. Hans von Trantow darf sich unter einen Glaskasten setzen, und Niemand
wird einen Tadel an ihm finden. Sie lachen, Sie Grnspecht! Sie meinen, er habe
das Pulver nicht erfunden, und wenn er es noch lange so forttreibe, werde er
sich sein bischen Verstand vollends weggetrunken haben? Pah! Das Erstere
qualificirt ihn nur zu einem guten Ehemann, und was das Letztere betrifft, so
wei ich mit Bestimmtheit: es ist die pure Verzweiflung, die ihn mit seinen
starren Augen so tief in's Glas sehen lt. Der arme Teufel! er thut einem
wahrlich von Herzen leid, aber das thut einem schlielich Jeder, der sich mit
den Weibern einlt. Hten Sie sich vor den Weibern, Georg, hten Sie sich vor
den Weibern!
    Konnte der Mann, der solche Gesinnungen hatte, und der mit mir so sprach,
eine Ahnung von meinen Empfindungen haben? Unmglich! Ich war ihm ein junger
Mensch, der ihm ber den Weg gelaufen, den er aus langer Weile angerufen hatte,
und den er nun so weiter neben sich herlaufen lie und mit dem er sich
unterhielt, weil er nicht gern allein war und weil er zu plaudern liebte. Und
durfte ich mich denn beklagen? durfte ich grere Ansprche machen? War ich
etwas Anderes und wollte ich etwas Anderes sein als Einer in meines Ritters
Gefolge, wenn ich auch zur Zeit der Einzige war? und der sich ber nichts mehr
betrbte als darber, da er nicht auch zu gleicher Zeit seines Ritters schnem
Tchterlein dieselben ehrfurchtsvollen Knappendienste aus treuer Seele weihen
durfte!

                                Zehntes Capitel.


Seit jenem unvergessenen Gange an ihrer Seite durch den Wald nach der
Strandruine war ich nicht wieder lngere Zeit mit Konstanze allein gewesen Ich
hatte sie nur des Mittags und, wenn wir von der Jagd zurckgekommen waren, an
der Abendtafel gesprochen, das heit in Gegenwart ihres Vaters und meistens auch
der Herren von Trantow und von Granow, unsern Jagd- und Spielgesellen. Sie hatte
dann immer kaum die schnen Augen von dem unberhrten Teller erhoben, whrend
Hans von Trantow sie in alter Weise anstarrte, der kleine von Granow sich durch
ihre kalte Schweigsamkeit in seinem Redeflu nicht stren lie und Herr von
Zehren, der in Gegenwart seiner Tochter immer sonderbar gereizt war, mehr als
einen seiner scharf gefiederten sarkastischen Pfeile auf sie abscho. Fr mich
waren das immer sehr trbe, bittere Stunden, um so bitterer, als ich mich bei
all meiner Opferwilligkeit und Hilfsbereitschaft so hilflos fhlte und, was das
Schlimmste war, zu bemerken glaubte, da sie mich von der Abneigung, welche sie
offenbar gegen die Freunde ihres Vaters hegte, nicht mehr ausschlo. Nicht mehr!
denn in den ersten Tagen war es anders gewesen. In den ersten Tagen hatte sie
stets fr mich einen schnellen freundlichen Blick, ein gelegentlich geflstertes
Wort, einen herzlichen, wenn auch flchtigen Druck der Hand gehabt. Das war
jetzt Alles vorbei. Sie sprach nicht mehr mit mir, sie sah mich nicht mehr an,
oder, wenn es ja geschah, mit einer Miene, die halb zornig und halb verchtlich
war und mir jedesmal in's Herz schnitt. Und wenn ich wirklich kurzsichtig genug
gewesen wre, mich ber die Bedeutung dieser Blicke zu tuschen, so sollte bald
ein Wort der alten Pahlen den letzten Zweifel nach dieser Seite zerstren.
    Ich war nmlich auf den Einfall gekommen, mir statt des Zimmers in der Front
des Schlosses, welches ich whrend der ersten Tage bewohnt hatte, eines der
vielen leerstehenden nach dem Parke zu erbitten, in welches ich nach und nach
von dem mancherlei, zum Theil noch immer kostbaren Gerth, das in den
verwsteten Rumen des oberen Stockes herumlag und herumstand, ein seltsames
Ameublement zusammentrug.
    Herr von Zehren hatte sehr gelacht, als er mich eines Tages zum Essen holen
wollte, dessen Stunde ich in meinem Eifer versumt, und mich in voller Arbeit
fand, meine wurmstichigen und vergilbten Schtze zu arrangiren.
    Buntscheckig genug sieht es allerdings aus, rief er, aber fr einen
Alterthmler wre das Germpel vielleicht nicht ohne Interesse; wahrhaftig, es
ist wie ein Capitel aus einem Scott'schen Roman! Da, in dem Lehnstuhl knnte Mr.
Dryasdust selbst gesessen haben; den mssen Sie hierher stellen, wenn der Kerl
nicht umpurzelt, sobald Sie ihn von der Wand nehmen. So, noch etwas weiter an's
Fenster! Ist das nicht ein Prachtmbel? Es stammt aus meines Urgrovaters Malte
Zeit. Er war Gesandter am Hofe August des Starken - der einzige, meines Wissens,
der, als Erstgeborner, je im Staatsdienst gestanden hat. Er brachte von Dresden
die schnen Vasen mit, von denen dort noch eine Scherbe steht, und eine
ausgesprochene Vorliebe fr Mohren, Papageien und Frauenzimmer. Doch de mortuis
-! Wahrhaftig, es sitzt sich noch immer gut in dem alten Ungethm und welch
herrlicher Blick gerade von dieser Stelle aus in den Park! Ich werde Sie oft
besuchen. Das ist ja wirklich ganz charmant!
    In der That kam er in den folgenden Tagen, wo ein strmender Regen uns in
dem Hause festhielt, ein paar mal, seine Cigarre zu rauchen und mit mir zu
plaudern; aber als das Wetter sich wieder aufklrte, dachte er nicht mehr daran
und ich htete mich wohl, ihn wieder an mein Museum zu erinnern. Hatte ich es
doch nur eingerichtet, um Konstanze nher zu sein und den Park beobachten zu
knnen, in dessen verwilderten Wegen sie so gerne umherschweifte. Auch ein Stck
von der Terrasse, die sich vor ihrem Fenster hinzog, konnte ich sehen, leider
nur den uersten Rand, da der Anbau, in welchem sie wohnte, fast um die Breite
der Terrasse hinter dem Hauptgebude zurcklag. Aber es war doch immer etwas:
das schwache Licht, das des Abends auf der Balustrade lag, kam aus ihrem Zimmer,
und ein oder das anderemal sah ich die undeutlichen Umrisse ihrer Gestalt, wie
sie auf der Terrasse hin und wieder ging, oder, sich auf das Steingelnder
sttzend, in den Park hinaussah, ber welchen die Nacht ihren dunklen Schleier
breitete. Und wenn ich sie nicht sah, hrte ich doch ihr Spiel und ihre Lieder,
unter denen mir keines lieber war als jenes, welches ich an dem ersten Abende
gehrt und von dem ich jetzt jedes Wort kannte:

Am Tage die Sonne,
Wohl hat sie mich gerne,
Ich aber, ich liebe
Die nchtigen Sterne.

    Ach, ich mute sie auch wohl sehr lieben, die nchtigen Sterne, denn oft und
oft, wenn der matte Schein von der Balustrade lngst verschwunden und der
Gesang, der mich entzckte, lngst verklungen war, sa ich noch immer in dem
offenen Fenster, blickte zu den Sternen hinauf, die oben im stillen Glanze einer
Septembernacht funkelten, und lauschte auf die feierliche Musik des Windes in
den uralten Wipfeln des Parks.
    Indessen, dieses holde Glck, das mir wohl nur junge Herzen, oder solche,
die sich jung erhalten haben, nachfhlen knnen, sollte, wie gesagt, nur von
kurzer Dauer sein. Der jhe Wechsel, welcher in Konstanzens Betragen gegen mich
stattgefunden hatte, ri mich aus allen meinen Himmeln, und ich zermarterte mein
armes Gehirn, den Grund ausfindig zu machen, der mir die Ungnade der Herrin
zugezogen haben knnte. Aber wie ich auch sann und sann, ich fand ihn nicht, und
so beschlo ich endlich - trotzdem mein Herz mich davor warnte - mich an
Pahlen zu wenden, die, wenn irgend Jemand, im Stande sein mute, mir das
Rthsel zu lsen, welches so schwer auf meinem thrichten jungen Herzen lastete.
    Die hliche Alte war neuerdings etwas zutraulicher geworden. Ich hatte bald
herausgebracht, da sie unendlich geldgierig war, und es nicht verschmht, ihr
unter diesem und jenem Vorwand einen oder ein paar von den Thalern, die ich
gewonnen - natrlich hatte ich auch den Vorsatz, nicht wieder spielen zu wollen,
bald genug aufgegeben - in die braunen, runzeligen Hnde gleiten zu lassen. Der
Silberregen hatte ihr starres Herz erweicht; sie brummte und knurrte nicht mehr,
wenn ich mir erlaubte, sie anzureden, und brachte mir ein paarmal sogar selbst
den Kaffee auf's Zimmer. Als ich meinte, da die Zhmung hinreichend
vorgeschritten war, wagte ich, worauf es mir allein ankam, sie nach ihrer jungen
Herrin zu fragen. Sie warf mir einen ihrer argwhnischen Blicke zu und verzog
endlich, nachdem ich schchtern die Frage wiederholt, ihr altes hliches
Gesicht zu einem widerwrtigen Grinsen, ber dessen Meinung ich vollstndig im
Dunkeln geblieben sein wrde, wenn sie nicht die Zuvorkommenheit gehabt htte,
es mir alsbald in Worte zu bersetzen. Mit Speck fngt man Muse, junger Herr,
aber das lassen Sie sich nur vergehen, die alte Pahlen ist Ihnen zu schlau.
    Was sollte ich mir vergehen lassen?
    Ich fragte, da ich nicht im Stande war, eine zutreffende Antwort zu finden,
die Alte am nchsten Tage.
    Thuen Sie doch nur nicht, als ob Sie es nicht wten, erwiederte Sie mit
einer Art von Respect, welchen ihr meine unschuldige Miene, in der sie natrlich
einen Triumph der Verstellungskunst sah, eingeflt hatte; fr die paar Thaler
verrathe ich mein gndiges Frulein nicht. Es hat mir schon leid genug gethan,
da ich Ihnen diese Stube habe einrumen helfen, und sie hat sich bitter genug
darber beklagt.
    Aber mein Gott, rief ich, ich will ja gern wieder in mein frheres Zimmer
ziehen, wenn es das Frulein wnscht. Freilich, ich htte es nicht gedacht, da
es ihr so unangenehm sein wrde, wenn ich sie so doch ein oder das andere mal
mehr zu sehen bekomme. Ich htte es nicht gedacht.
    Und weiter htten Sie nichts gewollt? sagte die Alte.
    Ich antwortete nicht; in meiner Verzweiflung, das angebetete Mdchen, Gott
wei wie sehr gegen meinen Willen! gekrnkt zu haben, und doch auch wieder froh,
endlich zu wissen, wodurch ich sie gekrnkt hatte, lief ich wie ein junger Thor,
der ich war, in dem groen Zimmer auf und ab und rief:
    Ich will heute noch aus diesem Zimmer fort; ich will hier keine Nacht mehr
schlafen; sagen Sie Ihrem Frulein das, und sagen Sie ihr, ich wrde in dieser
Stunde ganz von hier gehen, nur da ich nicht wei, was ich Herrn von Zehren
sagen soll.
    Und ich warf mich, auf die Gefahr, mit dem wurmstichigen Mbel
zusammenzubrechen, in den groen Lehnstuhl und starrte verzweiflungsvoll vor
mich hin.
    Der Ton meiner Stimme, der Ausdruck meiner Miene, meine Worte selbst mochten
die Alte von meiner Aufrichtigkeit berzeugt haben.
    Ja, ja, sagte sie, was wollten Sie ihm auch sagen? Er wrde Sie gewi
nicht fortlassen, obgleich ich nicht wei, was er eigentlich mit Ihnen vorhat.
Bleiben Sie nur hier; ich werde mit meinem gndigen Frulein sprechen.
    Thun Sie das, liebste, beste Frau Pahlen, rief ich aufspringend und die
Alte bei einer ihrer knchernen Hnde ergreifend. Sprechen Sie mit ihr, sagen
Sie ihr - ich wurde roth, ich stammelte ich wei nicht welche Albernheiten, und
beschwor die Alte, nur noch einmal mit ihrer jungen Herrin zu sprechen.
    Die Alte, die mich immerfort mit einem sonderbaren, stechenden Blick
beobachtet hatte, blieb ein paar Momente nachdenklich, dann sagte sie kurz, sie
wolle sehen, was sich thun lasse und ging.
    Ich blieb in der grten Verwirrung. Die Gewiheit, da die abscheuliche
Alte mein Geheimni durchschaut habe, war mir sehr peinlich; dann aber trstete
ich mich mit dem Gedanken, da, wenn sie wirklich, woran ich nicht zweifeln
konnte die Vertraute Konstanzens war, ich mich gewi nicht schmen drfe, sie
auch zu meinem Vertrauten gemacht zu haben; und schlielich, geschehen war nun
einmal geschehen, und wenn Konstanze erst erfahren haben wrde - ja, was
erfahren haben wrde? da ich sie liebe, da ich bereit sei, Alles fr sie zu
thun und zu leiden, so wrde sie mir gewi verzeihen, was ich gethan? Ja, mein
Gott, was hatte ich denn gethan? Wie mochte sie, die mir in den ersten Tagen so
freundlich entgegengekommen war, die mich im Scherz, der ganz wie Ernst aussah,
zu ihrem Dienste erkoren, - wie mochte sie durch etwas beleidigt sein, worin sie
doch im schlimmsten Falle nur ein Zeichen meiner Liebe, meiner Bewunderung
erblicken konnte?
    So verschlangen sich unter meinen ungebten Hnden die Fden meiner
Herzensangelegenheit immer mehr zu einem unentwirrbaren Knuel, und mit dem
heftigsten Herzklopfen betrat ich eine Stunde spter das Speisezimmer, wo heute
auer unsern gewhnlichen Gsten noch drei oder vier andere sich eingefunden
hatten. Man wartete nur auf das Erscheinen des Fruleins, um sich zu Tische zu
setzen. Nach Tische sollte noch eine kleine Jagd gemacht werden.
    Konstanze stellte wie gewhnlich die Ungeduld ihres Vaters auf eine harte
Probe. Endlich erschien sie.
    Ich wei nicht, durch welchen Zufall ich, der ich sonst stets, wenn Gste da
waren, meinen Platz an dem untersten Ende des Tisches hatte, diesmal neben ihr
zu sitzen kam. Gewi hatte ich das nicht beabsichtigt; ich wrde mich in der
Stimmung, in welcher ich war, lieber jeder Gefahr ausgesetzt haben, als da ich
mich freiwillig in die unmittelbare Nhe meiner schnen Feindin begeben htte.
Auch wagte ich kaum die Augen aufzuschlagen, whrend mir das Herz in der Brust
hmmerte und ich in grenzenloser Verwirrung meinen Teller mit Speisen fllte,
trotzdem ich an jedem Bissen zu ersticken frchtete. Wie freudig war ich deshalb
erschrocken, als Konstanze, nachdem sie ein paar Minuten in gewohnter Weise
still da gesessen, mich pltzlich mit leiser freundlicher Stimme fragte, ob ich
wohl Zeit htte, auch ihr ein Glas Wein einzuschnken. - Warum haben Sie es mir
nicht gesagt, meine Gndigste? rief Herr von Granow, der an ihrer andern Seite
sa. - Ich bin gern auf meine eigene Weise bedient, erwiederte Konstanze,
indem sie dem kleinen Herrn beinahe den Rcken wandte und mit mir zu sprechen
fortfuhr. Ich antwortete, so gut ich vermochte, und weil sie fortwhrend leise
sprach, that ich es auch und beugte mich zu ihr, um besser hren zu knnen; und
weil ich ihr dabei in die dunkeln Augen sehen mute, verga ich, was sie gefragt
hatte, oder antwortete verkehrt, und darber lachte sie, und weil ich sie lachen
sah, lachte ich auch, und das Alles zusammen gab die reizendste kleine
vertrauliche Conversation, obgleich wir ber die gleichgltigsten Dinge von der
Welt sprachen. Alles Andere und alle Andern waren fr mich verschwunden. Nur
einmal sah ich, da Hans von Trantow, der uns gegenber sa, mich mit weit
aufgerissenen Augen anstarrte, aber ich achtete nicht darauf; des guten Hans
Augen pflegten diesen Ausdruck zu haben.
    Dann hob - viel zu bald fr mich - Herr von Zehren die Tafel auf. Vor dem
Hause harrten barfige, barhuptige Jungen mit Kiepen auf den Rcken; die Hunde
bellten und sprangen an den Jgern empor, die an ihrem Jagdzeug nestelten und
die Gewehre luden; Konstanze war, was sie nie zuvor gethan, mit herausgetreten
und rief mir zu, als wir im Begriffe waren, fortzugehen: Ich darf Ihnen nicht
Glck wnschen und Unglck mag ich Ihnen nicht wnschen. Dann winkte sie mir
freundlich mit der Hand, nachdem sie ein Compliment gemacht, in welches sich die
Andern theilen mochten und trat in das Haus.
    Wohin gehen wir heute?, fragte ich Herrn von Zehren, indem ich an seine
Seite kam.
    Es ist ber Tisch lange genug darber geredet worden; Sie scheinen sehr
zerstreut gewesen zu sein.
    Es war das erste mal, da er in einem unfreundlichen Ton zu mir gesprochen
hatte; meine Miene mochte wohl die Bestrzung, die ich darber empfand,
ausdrcken, denn er sagte alsbald: Nun, es war nicht so bs gemeint, und Sie
knnen ja auch im Grunde nichts dafr.
    Wir waren an ein Stoppelfeld gekommen und die Jagd nahm ihren Anfang. Herr
von Zehren hatte mich auf den linken Flgel postirt, whrend er selbst auf den
rechten ging; so war ich von ihm getrennt, und kam auch whrend der Dauer der
Jagd nicht wieder an seine Seite. Auch das war noch nie geschehen; er hatte mich
sonst immer bei sich behalten und seine Freude daran gehabt, wenn wir Beide mehr
schossen, als manchmal die Uebrigen zusammen. Heute scho ich schlecht genug;
die Glckseligkeit, welche Constanze mir durch ihre unerwartete Gte bereitet
hatte, war mir durch Herrn von Zehren's Unfreundlichkeit bitter vergllt worden.
Ich grbelte, whrend die Hhner, die mein Caro aufstie - Herr von Zehren hatte
mir einen seiner besten Hunde geschenkt - von mir unbeschdigt davon schwirrten,
ber das unselige Verhltnis zwischen Vater und Tochter, und da ich meine Liebe
zu jener nicht zeigen konnte, ohne diesen zu erzrnen, und umgekehrt, und was
dabei aus meinem Lieblingsvorsatz, Vater und Tochter miteinander zu vershnen,
werden solle.
    In diese traurigen Betrachtungen war ich ganz versunken, als sich Herr von
Granow zu mir gesellte. Es dmmerte bereits, die eigentliche Jagd war vorber;
nur dann und wann ertnte noch auf der weiten, hier und da mit Bschen besetzten
Haide der durch die Entfernung gedmpfte Knall eines Gewehres; man hielt keine
Ordnung mehr, und es dauerte nicht lange, als ich mit dem kleinen Manne, nachdem
wir eine Hgelwelle ber stiegen, mich allein befand.
    Was haben Sie mit dem Alten gehabt, fragte Herr von Granow, indem er sein
Gewehr ber die Schulter hing und ganz nahe an meine Seite kam.
    Was sollte ich gehabt haben? fragte ich zurck.
    Nun, sagte der Kleine, es war mir so, und nicht blos mir. Die Andern
haben es auch bemerkt. Ich kann Sie versichern, da er ber Tisch ein paar mal
ein Gesicht machte, als wollte er Sie fressen.
    Ich habe ihm nichts zu Leide gethan, sagte ich.
    Glaub's wohl, fuhr der Kleine fort; und heute Nachmittag hat er ja wohl
kaum ein Wort mit Ihnen gesprochen.
    Ich schwieg, da ich nicht wute, was ich sagen sollte.
    Ja, ja, sagte der Andere - aber laufen Sie doch nicht so, da kann ja kein
Mensch mitkommen, und wir haben nichts zu versumen. Sie sind da in einer
schlimmen Lage!
    Weshalb? sagte ich.
    Wissen Sie es wirklich nicht?
    Nein.
    Herr von Granow war von seiner Klugheit so fest berzeugt, da es ihm gar
nicht einfiel, meine Unwissenheit knne mglicherweise nur vorgeschtzt sein, um
ihn zum Reden zu vermgen.
    Ja, ja, sagte er, Sie sind noch jung, da hrt und sieht man Manches
nicht, was unser Einer, der die Welt kennt, schon beim ersten Blick weg hat. Der
Alte und das gndige Frulein leben wie Hund und Katze; nun wahrhaftig, wenn man
es so recht bedenkt, hat Keines groe Ursache, das Andere zu lieben. Sie fhrt
ein jmmerliches Leben durch seine Schuld; er mchte sie gern los sein, aber wer
soll sie ihm abnehmen? Ich habe mir die Sache nach allen Seiten berlegt, aber
es geht nicht, es geht wirklich nicht.
    Ich wute, als ich meinen Begleiter so sprechen hrte, nicht, ob ich ihn zur
Strafe fr seine Unverschmtheit zu Boden schlagen oder ob ich laut auflachen
sollte. Ich blickte ihn von der Seite an; der kleine Mann mit seinen stampfenden
Beinchen, das alberne, von der Anstrengung der Jagd hoch gerthete Gesicht mit
dem halb offenstehenden Munde - ich mute lachen, und ich lachte, lachte aus
voller Kehle.
    Ich wei nicht, worber Sie lachen, sagte er mehr verwundert als
rgerlich. Es kann Ihnen unmglich die kleine Scene, die sie heute Mittag Ihnen
und uns Allen gespielt hat, so zu sagen, zu Kopf gestiegen sein? Und gerade das
war es, worber ich Sie gern aufklren mchte.
    Was meinen Sie? fragte ich.
    Meine Lustigkeit war vorbei: ich war pltzlich wieder ganz ernsthaft
geworden. Eine Scene, die sie mir gespielt hatte? - Was meinen Sie? fragte ich
noch einmal, dringender als zuvor.
    Herr von Granow, der sich ein paar Schritte von mir entfernt hatte, stampfte
wieder heran und sagte in vertraulichem Ton:
    Im Grunde kann ich es Ihnen nicht bel nehmen. Lieber Gott, Sie sind noch
so jung, und ich wei manchmal selbst nicht, woran ich mit dem Mdchen bin. Aber
soviel ist mir klar: aus purem schieren Trotz gegen ihren Vater - und vielleicht
auch ein Bischen aus Berechnung, um sich kostbar zu machen, vielleicht auch,
weil sie denkt: es hilft ja doch nichts - aber doch hauptschlich aus schierem
Trotz und Eigensinn, hat sie diese Prinzessinnenmiene angenommen und thut, als
ob ich und die Andern fr sie nicht auf der Welt seien. Wenn sie nun pltzlich
mit Ihnen zu koketteren anfngt - in meiner, ich wollte sagen - in unser Aller
Gegenwart, so hat das freilich nicht viel auf sich - denn das ist ja nur so ein
kleiner Scherz, den sie sich mit Ihnen erlaubt, und der weiter keine
Consequenzen hat - aber rgern mu es den Alten doch, und hat ihn gergert. Sie
haben es, wie gesagt, nicht bemerkt, aber ich kann Sie versichern: er hat sich
auf die Unterlippe gebissen und sich den Bart gestrichen, wie er immer nur thut,
wenn ihm etwas contre coeur geht.
    Der kleine Mann hatte keine Ahnung, welchen Sturm er in meiner Brust erregt
hatte; er hielt mein Schweigen fr Zustimmung und Anerkennung seiner hheren
Weisheit und fuhr, glcklich, ber so interessante Dinge sprechen zu knnen und
einen aufmerksamen Zuhrer zu haben, fort:
    Lieber Himmel, ich glaube, da ihm das ganze Benehmen des Fruleins ein
Strich durch die Rechnung ist. Wissen Sie, wie viel ich whrend der sechs
Monate, die ich hier bin, schon an ihn verloren habe? Ueber achthundert Thaler!
Und Trantow beinahe das Doppelte, und die Andern klagen auch ihr bitteres Leid.
Er hat einen fabelhaften Treffer gehabt; freilich: es geht nicht immer so, aber,
wenn er ja einmal verliert, mu man ihm seinen Wein und seinen Cognac abnehmen,
und welche Preise er da berechnet, knnen Sie sich denken. Nun, und etwas will
man doch auch fr sein gutes Geld haben; einem so schnen Mdchen zu Liebe lt
man schon ein paar hundert springen und sieht dem Alten nicht so genau auf die
Finger. Und frher ist das auch Alles anders gewesen. Frher hat sie mitgespielt
und mit den Herren Cigarren geraucht, und ist mit auf die Jagd gegangen und
spazieren geritten - die wildesten Pferde am liebsten. Es soll ein Heidenleben
gewesen sein, sagt Sylow, und der mu es wissen. Aber seit diesem Sommer, seit
der Geschichte mit dem Frsten ...
    Was ist das fr eine Geschichte? fragte ich. Meine ganze Seele war in dem
brennenden Verlangen, Alles zu hren, was Herr von Granow zu sagen wute. Ich
hatte keine Empfindung mehr fr die Schmhungen, mit denen dieser Mensch meinen
gtigen Wirth, das angebetete Mdchen berhufte, oder, wenn ich sie hatte, so
sagte ich mir, da die Abrechnung erst spter erfolgen knne, da ich vorderhand
erst einmal Alles, Alles hren msse.
    Das wissen Sie auch nicht? sagte er eifrig; aber allerdings, wer sollte
es Ihnen erzhlt haben! Trantow ist so stumm wie ein Fisch, und die Andern
wissen nicht, woran sie mit Ihnen sind. Ich halte Sie fr einen ehrlichen Kerl
und glaube nicht, da Sie ein Spion sind oder mit dem Alten unter einer Decke
stecken, - sein Gesicht heute Mittag war zu wunderlich. Nicht wahr, Sie erzhlen
ihm nicht wieder, was ich hier mit Ihnen spreche?
    Nein, nein, sagte ich.
    Nun also, die Geschichte ist die. In diesem Sommer war der Alte mit ihr in
D ... . In einem Bade nimmt man es nicht so genau; man konnte vor aller Welt mit
ihm verkehren, wenn man den Muth dazu hatte. Der junge Frst Prora war auch da;
er hatte seinen Aerzten wei gemacht, er sei krank und msse Seebder nehmen, so
hatten sie ihn mit seinem Erzieher dahin geschickt. Der alte Frst war in der
Residenz, gerade wie jetzt wieder, und der junge machte sich die Freiheit gut zu
nutze. Ich hatte mich eben hier angekauft und mir alsbald einen schndlichen
Rheumatismus auf diesen abscheulichen Mooren geholt, und so war ich auch auf
eine Woche oder so dort und habe etwas davon zu sehen bekommen, das Meiste habe
ich mir allerdings erzhlen lassen mssen. Es wurde natrlich scharf gespielt,
am schrfsten in Privatgesellschaften; denn im Spielsaal ist nur ein miger
Satz erlaubt. Der Frst war bestndig in des Alten Gesellschaft, die Einen
sagten, um zu spielen, die Andern, um dem Frulein den Hof zu machen; es werden
wohl beide Theile recht gehabt haben. Ich habe sie wenigstens oft genug des
Abends im Parkgarten zusammen sitzen und spazieren gehen sehen, und da sie es
an Aufmunterung nicht hat fehlen lassen, kann ich auch bezeugen. Nun hatte der
Alte viel Unglck und soll an den Frsten zwanzigtausend Thaler verloren haben,
die er in zwei Tagen zu zahlen hatte. Wo sollte er das Geld hernehmen? Da, sagen
sie, habe er dem Frsten seine Tochter dafr angeboten, Andere sagen, er habe
fnfzigtausend, noch Andere, er habe hunderttausend gefordert. Nun, fr Jemand,
der das Geld hatte, war es vielleicht nicht zu viel; leider aber hatte der junge
Frst das Geld nicht. Es fehlen noch zwei Jahre, bis er majorenn ist, und dann
bekommt er, wenn der alte Frst noch lebt, auch erst das Vermgen seiner
verstorbenen Frau Mutter in die Hnde, von welchem dann schwerlich noch viel
vorhanden sein wird. Kurz: der Handel zog sich in die Lnge und eines schnen
Tages kam der alte Frst, dem die Sache hinterbracht war, spornstreichs aus der
Residenz, wusch dem Jungen den Kopf und bot Zehren eine namhafte Summe, wenn er,
bis der junge Frst verheirathet sei, mit Konstanze in's Ausland ging. Nun
mchte das Alles sich noch arrangirt haben, - denn im Grunde kam es Zehren doch
nur darauf an, einen guten Coup zu machen -, wenn der Frst und Zehren
persnlich aus dem Spiele geblieben wren. Aber Zehren, der, wenn es ihm gerade
einfllt, hochmthig sein kann, wie der Satan, hat darauf bestanden, mit dem
Frsten selbst verhandeln zu wollen, und nun war natrlich der Scandal fertig.
Es soll eine entsetzliche Scene gegeben haben und man hat den Frsten fr todt
in sein Hotel getragen. Was geschehen ist, wei Niemand. So viel ist aber gewi:
die verstorbene Frau Frstin, die eine geborene Grfin Sylow war - ich habe die
Geschichte von dem jungen Sylow, der ja mit der grflichen Linie verwandt ist -,
hat Herrn von Zehren, als er ein junger Mann und mit dem Frsten zusammen in der
Residenz war und die Hofblle besuchte, geliebt und den Frsten nur geheirathet,
weil sie mute. Der Frst hat es schon damals gewut oder es nachher erfahren,
und sie sollen ja auch schrecklich unglcklich miteinander gelebt haben. Auf
diese alten Geschichten werden sie bei jener Unterredung zu sprechen gekommen
sein; ein Wort hat das andere gegeben, wie denn das so zu gehen pflegt, Zehren
ist wie rasend, wenn er in Zorn gerth, der Frst wird auch kein Blatt vor den
Mund genommen haben - kurz; die Sache war aus, rund aus. Zehren reiste ab, der
Frst ebenfalls ein paar Tage spter, mit ein paar blauen Flecken am Halse, die
von Zehren's Fingern herrhren sollten.
    Und der junge Frst?
    Was fragt der danach? Dem sind alle hbschen Mdchen gleich; er versteht
es, sich das Leben angenehm zu machen; das wei Gott. Mich soll nur wundern, ob
er diesmal fest hlt. Er ist nun schon ber drei Wochen auf Rossow. Uebrigens
wrde mir der Aufenthalt in dieser Gegend ein bischen unheimlich sein nach
Allem, was vorgefallen. Ich mchte fr mein Leben nicht mit Herrn von Zehren
zusammentreffen, wenn ich wte, da ihn mein Vater tdtlich beleidigt hat.
    Wie sieht er aus?
    O, er ist ein hbscher Bursch, sehr schlank und elegant und liebenswrdig;
ich kann mir schon denken, da Frulein von Zehren es ihrem Vater keinen Dank
wei, sie um diese Partie gebracht zu haben; denn ich will zu ihrer Ehre
annehmen, da sie nicht recht wei, wie es bei dem ganzen Trdel zugegangen ist.
Andere sagen freilich, sie wisse es sehr gut und sei mit dem bewuten
Arrangement vollkommen einverstanden gewesen.
    Ich hatte dieser Erzhlung meines Begleiters mit einer Spannung zugehrt,
als ob von dem Ausgang mein Leben abhnge. Also der war es! der junge Frst von
Prora, an den sie die Seele, die arme, verloren! Jetzt erinnerte ich mich, wie
sie errthet war, als an jenem ersten Abend Herr von Granow des Frsten
Erwhnung that, und zugleich kam mir die dunkle Gestalt wieder in Erinnerung,
welche damals vor mir aus dem Park geflohen war. Htte ich ihn doch nur in meine
Hnde bekommen!
    Ich sthnte laut vor Zorn und Schmerz.
    Sie sind mde, sagte der kleine Herr, und dazu haben wir uns, wie ich
sehe, grndlich verlaufen. Wir mten uns jetzt rechts halten, aber da ist eine
gar bse Stelle im Moor, und bei der Dmmerung, frchte ich, finden wir uns
nicht durch. Lassen Sie uns lieber einen Umweg machen. Wei der Himmel, wie
wenig ihr groen Leute aushalten knnt; da war ein Herr von Westentaschen in
meinem Regiment, ein Kerl, beinahe noch grer als Sie, nur vielleicht ein
bischen schmaler in den Schultern. Westen, sagte ich zu ihm einmal, ich parire
mit ihnen, ich laufe ... . Aber, mein Gott, was ist das?
    Es war ein Mann, der pltzlich aus einer Einsenkung des Terrains, in welcher
wir ihn bei der tiefen Dmmerung, die ber der Haide lag, nicht bemerkt hatten,
vielleicht auch nicht hatten bemerken knnen, ungefhr zwanzig Schritte von uns
auftauchte und alsbald wieder verschwand.
    Lassen Sie uns nher gehen, sagte ich.
    Um Gottes willen nicht, flsterte der kleine Herr, indem er mich an der
Jagdtasche festhielt.
    Dem Manne ist vielleicht ein Unglck passirt, sagte ich.
    Gott bewahre! sagte der Kleine, aber uns knnte eines passiren, wenn wir
ihm nicht aus dem Wege bleiben. Ich bitte Sie, kommen Sie!
    Herr von Granow war so dringend und zog mich so eifrig von der Stelle, da
ich ihm den Willen that; aber ich konnte mich nicht enthalten, nach einer kurzen
Zeit stehen zu bleiben und mich umzusehen, als hinter uns ein leiser Pfiff
ertnte. Der Mann schritt ber die Haide davon; gleich darauf tauchte an
derselben Stelle ein zweiter auf, der dem ersten folgte, dann ein dritter und
vierter - ich zhlte acht. Sie hatten smmtlich groe Packen auf dem Rcken,
gingen aber nichtsdestoweniger sehr schnell und genau Distance haltend. In
wenigen Minuten waren ihre dunkeln Gestalten verschwunden, als htte sie der
schwarze Moorboden, ber den sie schritten, verschlungen.
    Herr von Granow athmete tief auf. - Sehen Sie, sagte er, da ich recht
hatte! Verdammte Kerle, das luft wie Ratten ber Stellen, wo jeder andere
ehrliche Christenmensch versinkt. Ich wette, es waren welche von Zehren's
Leuten.
    Wie meinen Sie? fragte ich.
    Nun, mein Gott, fuhr er fort; ein wenig paschen wir hier herum ja Alle,
oder ziehen wenigstens unsern Vortheil davon. Ich habe mich selbst in der kurzen
Zeit schon berzeugt, da es nicht anders geht, und da einem die Kerle das Haus
ber dem Kopf und den Hof an allen vier Ecken anznden wrden, wollte man nicht
durch die Finger sehen oder ihnen nicht auf alle Weise Vorschub leisten. Erst
vorgestern, als ich an meiner Gartenmauer stehe, kommt ein Kerl ber die Wiese
her und sagt, ich msse ihn verstecken; ein Gensdarm sei hinter ihm her. Nun,
auf Ehre, ich habe ihn in den Backofen kriechen lassen, weil kein anderer
Versteck in der Nhe war, und habe selbst eine Schtte Stroh vor die Thr
geworfen, und als fnf Minuten spter der Gensdarm kam, gesagt, ich htte den
Kerl nach dem Walde laufen sehen. Auf Ehre, ich habe mich geschmt, aber was
soll man thun? Und so wollte ich auch nichts gegen Ihren Alten sagen, wenn er es
nur nicht zu toll machte. Er treibt es zu arg, sage ich Ihnen, er treibt es zu
arg; es mu ein schlechtes Ende nehmen; darber herrscht nur Eine Stimme.
    Aber, sagte ich, und gab mir die grte Mhe, so ruhig zu sprechen als
mglich, ich bin doch nun beinahe schon drei Wochen hier, und auf Ehre - ich
hatte diese Redensart jetzt zu oft gehrt, um sie nicht gelegentlich anwenden zu
knnen - es soll noch immer das Geringste geschehen, was den Ruf, in welchem,
wie ich zu meinem Schrecken hre, Herr von Zehren selbst bei seinen Freunden
steht, irgend besttigt. Ja, ich will es Ihnen gestehen: mir selbst sind in den
ersten Tagen, ich wei nicht mehr warum, hnliche Gedanken gekommen; aber ich
habe ihm lngst in meinem Herzen einen so schndlichen Verdacht abgebeten.
    
    Verdacht, sagte der Kleine, immer eifriger sprechend und dabei immer
kleinere und raschere Schritte machend, wer spricht von Verdacht? Die Sache ist
so gewi wie Amen in der Kirche. Wenn Sie nichts gemerkt haben - was mich
brigens Wunder nimmt, aber Ihr Wort in Ehren! - so kommt das, weil das Wetter
noch zu gut war. Uebrigens, so ganz stockt der Handel auch nicht, wie Sie eben
selbst gesehen haben. Wei Gott, es kann Einem ganz wunderlich dabei werden,
wenn man bedenkt, da man so mitten drin sitzt. Und ich habe ihm erst am
Donnerstag eine Partie Rothwein und Cognac abnehmen mssen, und Trantow ein paar
Tage vorher ebenso viel, und Sylow, der es aber, glaube ich, mit Einem theilt,
noch mehr.
    Und weshalb sollte Herr von Zehren nicht von seinen Vorrthen an gute
Freunde abgeben? sagte ich hartnckig.
    Von seinen Vorrthen? rief Herr von Granow. Ja, ja, es soll vom vorigen
Herbst viel brig geblieben sein; er soll noch so viel in seinen Kellern haben,
um die halbe Insel damit versorgen zu knnen. Das liegt ihm schwer auf der
Tasche; denn er mu den Schmugglerkapitnen baar zahlen, und der Absatz nach
Uselin ist, wie ich hre, sehr schlecht gewesen. Man soll dort in jngster Zeit
verteufelt scheu geworden sein. Seitdem so Viele in das Handwerk pfuschen, traut
Keiner mehr recht dem Andern. Frher sind es nur, hre ich, ein paar respectable
Firmen gewesen. Aber das mssen Sie ja Alles viel besser wissen als ich. Ihr
Vater ist ja wohl selbst Steuerbeamter?
    Ja, sagte ich, und um so mehr mte ich mich wundern, da ich Herrn von
Zehrens Namen unter so manchen andern niemals habe nennen hren, im Falle Ihr
Verdacht wirklich begrndet wre.
    Aber so sprechen Sie doch nicht immer von Verdacht, schrie der Kleine ganz
rgerlich. Es ist da wie berall: man hngt die kleinen Diebe und lt die
groen laufen. Die Herren vom Amt wissen auch, was sie thun; ein paar Thaler
oder Louisd'or zur rechten Zeit halten schon eine Zeit lang vor, und wenn einer
gar, wie der Alte, einen Steuerrath zum Bruder hat, wird der Herr Steueraufseher
nicht so unhflich sein, des Herrn Steuerraths Bruder abzufassen.
    Das ist eine Beleidigung, Herr von Granow, rief ich wthend; ich habe
Ihnen schon gesagt, da mein eigener Vater Steuerbeamter ist.
    Nun, nun, sagte Herr von Granow, ich denke, Sie leben mit Ihrem Vater
auch nicht auf dem besten Fu. Und wenn Ihr Vater Sie weggejagt hat, so -
    So geht das Niemand etwas an, rief ich, als Herrn von Zehren, der mich in
sein Haus genommen hat und gut und freundlich zu mir gewesen ist die ganze Zeit.
Hat mein Vater mich fortgeschickt oder meinetwegen: fortgejagt, so habe ich ihm
Ursache genug dazu gegeben, aber das hat mit seiner Ehrenhaftigkeit nichts zu
thun, und den schlage ich todt wie einen Hund, der meinem Vater die Ehre
abschneiden will.
    Da Herr von Granow nicht wute und nicht wissen konnte, wie tausendfltig er
durch Alles, was er gesagt, mein Herz zerrissen hatte, mute ihm meine Wuth, die
nur nach einer Gelegenheit gesucht hatte, um loszubrechen, unbegreiflich und
schrecklich sein. Ein junger, ihm wahrscheinlich immer und jetzt doppelt
verdchtiger Mensch, von dessen Krperkraft er mehr als eine erstaunliche Probe
gesehen hatte, und der mit dieser Stimme von Todtschlagen sprach - dazu die de
Haide, auf der jetzt fast vollkommene Nacht lag, - der kleine Mann murmelte
unverstndliche Worte, indem er sich mglichst weit von mir entfernte und dann,
vermuthlich aus Furcht vor meiner geladenen Flinte, wieder herankam und ganz
demthig erklrte, da er keineswegs die Absicht gehabt habe, mich zu
beleidigen, da es ja auch ganz undenkbar sei, ein ehrenwerther Steuerbeamter,
wie mein Vater, habe seinen Sohn wissentlich zu einem notorischen Schmuggler
gethan; da auf der andern Seite der Verdacht, ich sei ein Spion im Dienste der
Behrden, mit meinem ehrlichen Gesicht und meinem sonstigen loyalen Wesen
gnzlich unvereinbar und vollkommen lcherlich sei; da er brigens ja auch
herzlich gern zugebe, Alles, was man gegen Herrn von Zehren vorbringe, sei
vollkommen aus der Luft gegriffen - die Leute schwatzten ja so vieles, nur, um
zu schwatzen; und er, der sich erst so kurze Zeit in der Gegend aufhalte, knne
am wenigsten wissen, was daran sei; und da er es sich schlielich als eine Ehre
anrechnen werde und sich herzlich freue, mich als Gast auf seinem Hofe, dessen
Lichter eben vor uns aufblitzten, und wo die Andern mittlerweile lngst
angekommen sein mten, zu begren und eine Flasche Wein mit mir zu trinken.
    Ich vernahm kaum, was der Mann sagte; in meiner Seele strmte es zu
gewaltig. Ich erwiederte nur kurz, es sei gut, und ich glaube nicht, da er es
bse gemeint habe. Dann bat ich ihn, mich bei Herrn von Zehren zu entschuldigen,
und schritt ber die Haide davon, in der Richtung des nun nahen, mir
wohlbekannten Weges, der von Melchow, dem Granow'schen Gut, nach Zehrendorf
fhrte.

                                Elftes Capitel.


Der nchste Morgen war so glorreich, da er auch wohl ein noch schwerer
verdstertes Herz als das meinige htte aufhellen knnen. Ueberdies war ich,
mde wie ich war, so schnell entschlummert, nachdem ich kaum mein junges,
sorgenvolles Haupt auf's Kissen gelegt, und hatte so fest geschlafen, ich mute
mich ordentlich erst darauf besinnen, was mich denn gestern Abend nur so auer
mir gebracht hatte. Nach und nach fiel es mir freilich wieder ein, und da wurde
mir die Stirn hei, das weite Zimmer zu eng, es litt mich nicht mehr zwischen
den Wnden, ich hatte, wie immer in meinen Nthen, das Gefhl, da drauen unter
dem blauen Himmel Alles besser werden msse, und ich eilte die steile
Hintertreppe hinab in den Park.
    Nun irrte ich unter den im Morgenwinde leise wehenden Zweigen der hohen
Bume, zwischen den sonnebeglnzten Bschen auf den wildverwachsenen Wegen, bald
zum Himmel schauend, bald mit verschrnkten Armen dster auf den Boden starrend,
zwischendurch einem Vogel lauschend, der unaufhrlich sein monotones kleines
Herbstlied zirpte, oder eine Raupe beobachtend, die an einem klafterlangen Faden
von einem Zweige herabhngend hin und her schaukelte, und versuchte, jene fr
einen jungen Menschen so beraus schwierige Aufgabe zu lsen, versuchte, mir
meine Situation klar zu machen.
    Ich hatte gestern Herrn von Granow die Wahrheit gesagt: es hatte sich,
seitdem ich auf dem Gute war, nichts ereignet, was jenen Verdacht besttigt
htte? Ich war ja kaum von seiner Seite gekommen whrend dieser ganzen Zeit!
Keine fremden Leute waren auf dem Hofe erschienen, keine verdchtigen
Zusammenknfte hatten stattgefunden; es waren keine Waaren eingeliefert und
auer jenen paar Fssern Wein an die Nachbarn meines Wissens auch keine
ausgeliefert worden. Die Leute, die zum Gute gehrten, sahen allerdings aus, als
ob sie zu jedem andern Geschft mehr aufgelegt seien, als zu einer ehrlichen
Hantierung, und besonders mein langer geprgelter Freund Jochen hatte unmglich
ein reines Gewissen; aber die Kathenleute rings herum auf den andern Gtern, in
der Nhe des Strandes, waren smmtlich zum Theil verkommenes, zum Theil
verwegenes, seerubermig aussehendes Gesindel, wie denn auch gar viele Fischer
und Schiffer gewesen und gelegentlich noch waren. Da aber die Bande, der wir
gestern begegnet, nicht aus unsern Leuten bestanden hatte, davon glaubte ich
mich berzeugt zu haben, als ich bei den Tagelhnerwohnungen vorber kam und
Jochen nebst ein paar Andern wie gewhnlich vor den Thren sitzen sah.
    Und dann! zugegeben: Herr von Zehren war in Wirklichkeit, wozu ihn der bse
Leumund machte; nun, so trieb er es am Ende nicht schlimmer, als die Andern
auch. Ein wenig paschten sie Alle - das hatte ich aus Granow's Munde; und wenn
alle diese adeligen Herren sich nicht genirten, ihre Keller mit Wein zu fllen,
von dem sie wuten, da er geschmuggelt war, - der Hehler war so gut wie der
Stehler, und Herr von Zehren nur vielleicht hier, wie berall und immer, der
khnere Mann, der den Muth hatte, zu thun, was die Andern gern gethan htten.
    Und endlich! ich war ihm zum tiefsten Dank verpflichtet! Sollte ich auf
einen Verdacht hin, auf die Klatschereien eines Schwtzers hin, ihn verlassen,
der immer so gtig, so freundlich zu mir gewesen? der mir seinen besten Hund und
seine beste Flinte, nein! - seinen zweitbesten Hund und seine zweitbeste Flinte
geschenkt, dessen Brse, dessen Cigarrenkiste (ach! und welche kstlichen
Cigarren fhrte er - ich hatte nie geglaubt, da es solche Cigarren gebe!) mir
alle Zeit offen gestanden! Nein und abermals nein! Und wenn er wirklich ein
Schmuggler, ein Schmugler von Profession wre! - aber wie konnte ich erfahren,
da er einer war!
    Doch am einfachsten, wenn ich mich an ihn selbst wandte; ich hatte ein Recht
dazu. Man zweifelte in der Gesellschaft an meiner Ehrenhaftigkeit; man wute
nicht, was man aus mir machen sollte: das konnte ich mir nicht gefallen lassen.
Herr von Zehren konnte nicht verlangen, da ich mich seinetwegen dem
schmhlichen Verdachte aussetzte, entweder ein Spion oder sein Helfershelfer zu
sein. Aber wenn er dann sagte: so gehen Sie! ich halte Sie nicht!
    Ich setzte mich an dem Rande des Parkwaldes auf die steinerne Bank, welche
dort unter einem breitastigen Ahorn angebracht war, und starrte, den Ellnbogen
auf den halb umgesunkenen Tisch stemmend und meine Stirn in die Hand legend,
nach dem Schlosse, das seinen Schatten weit hinein ber die in der Morgensonne
goldig schimmernde Wiese warf.
    Wie hatte ich das alte verfallene Haus doch so lieb gewonnen! Wie gut kannte
ich jeden der hohen Schornsteine! jeden Grasbschel, der aus dem altersgrauen,
moosberwucherten Ziegeldache wuchs! die drei Balkone, - zwei kleinere
freischwebende rechts und links und in der Mitte den groen, zu welchem aus dem
obern Saal die Glasthren fhrten, und der auf den plumpen Sulen mit den
seltsam verschnrkelten Capitlen ruhte! Wie kannte ich jedes der zahlreichen
Fenster mit den verwitterten, verwaschenen Holzjalousien, die nie geschlossen
wurden, von denen die meisten auch nicht mehr geschlossen werden konnten! Einige
hingen nur noch in einer Angel, und die am dritten Fenster von rechts klappte in
der Nacht immer, wenn der Wind von Westen kam - ich hatte sie schon oft
befestigen wollen und es immer wieder vergessen. Dort die zwei Fenster an der
Ecke links waren mein Zimmer, mein poetisches Zimmer mit den kstlichen alten
Meubeln, die mir noch immer so sehr imponirten, da ich mir zwischen ihnen wie
ein junger Knigssohn vorkam. Welche glcklichen Stunden hatte ich in der kurzen
Zeit schon in dem Zimmer verlebt! Des Morgens in der Frhe, wenn ich mich, froh
der in Aussicht stehenden Jagd, trllernd ankleidete und meine Patronen in
Ordnung brachte, des Abends spt, wenn ich mit meinem Freunde nach Hause
gekommen war, erhitzt vom Spiel und Wein und lustigem Geschwtz, und mich dann
hinauslehnte, eine Cigarre dampfend und zwischendurch die khle Nachtluft mit
vollen Zgen einsaugend, whrend der Gedanken gar viele durch meine Seele
gingen, nrrische und sentimentale Gedanken, die sich schlielich alle auf das
schne Mdchen bezogen, das da unter mir in dem Zimmer hinter der Terrasse nun
wohl schon seit mancher Stunde schlummerte.
    Was hatte der abscheuliche Mensch gestern von ihr gesagt? Ich wagte die
Lsterungen kaum in Gedanken zu wiederholen; ich begriff nicht, wie ich es nur
hatte anhren knnen, oder wie ich ihn mit heiler Haut hatte davon kommen
lassen, nachdem ich es gehrt, nachdem er mein Heiligenbild so entweiht! Der
elende, erbrmliche Mensch! der dnkelhafte, aufgeblasene, neidische kleine
Molch! Freilich! es war ein groes Verbrechen, da sie von einem solchen
Liebhaber nichts wissen wollte! da sie von den andern Krautjunkern nichts
wissen wollte! Und dafr schmhten sie sie nun; behaupteten, sie habe sich
verkaufen lassen wollen, sie, die Edle, Reine, Schne, fr die ein Knigsthron
noch zu niedrig gewesen wre. Oder gab es einen Kopf, wrdiger eines Diadems?
Gab es eine Gestalt, die mehr verdiente, von einem Purpurmantel umwallt zu
werden! Mein Gott! ich verlangte ja nichts fr mich! ich war es ja zufrieden,
wenn ich an den Saum ihres Kleides rhren durfte! Aber die Andern sollten sie
ebenso ehren wie ich; Keiner, und wenn er ein Frst, und wenn er ein Knig wre,
sollte wagen, sich, ohne da sie es erlaubt, ihr zu nahen. Wenn sie mich doch
nur, wie sie es an jenem Abend scherzend gesagt, Wache halten lassen wollte auf
ihrer Schwelle!
    So demthigte ich mein volles, junges Herz, das vor Sehnsucht und Verlangen
schier zersprungen wre. Und ich that es aus innigster Ueberzeugung, in
felsenfestem Glauben an die Hoheit und Reinheit der so hei Geliebten. Ich darf
es sagen: es war kein Blutstropfen in mir, der nicht ihr gehrte; ich wrde mein
Leben geopfert haben, ihr zu dienen, htte sie es von mir verlangt, htte sie
mich fr die treue Seele genommen, die ich war; htte sie offen mit mir
gesprochen. War es das Vorgefhl der kurzen Spanne Zeit, die ich mich noch in
diesem treuen, ungebrochenen Glauben an ein unverletzlich Heiliges in der
Menschenbrust wiegen sollte, was mich jetzt den Kopf tiefer auf die Hnde beugen
und so heie Thrnen vergieen lie?
    Ich richtete mich schnell empor; denn ich glaubte dicht hinter mir ein
Rauschen gehrt zu haben, und ich hatte mich nicht getuscht. Aus den Bschen
hervor, zwischen denen der Weg weiter in den Buchwald fhrte, trat Konstanze.
Hatte sie mich hier sitzen sehen? Ich sprang in groer Verwirrung von meiner
Bank auf und stand vor ihr, ohne da ich Zeit gehabt htte, die Spur der Thrnen
von meinen brennenden Wangen zu verwischen.
    Guter Georg, sagte sie, indem sie mir die Hand mit mildem Lcheln
entgegenstreckte, nicht wahr, Sie meinen es gut mit mir?
    Ich murmelte etwas, das als Antwort gelten sollte.
    Lassen Sie mich ein wenig hier bei Ihnen Platz nehmen, sagte sie, ich fhle
mich etwas ermdet; ich bin schon so lange auf. Wissen Sie, wo ich gewesen bin?
Im Walde bei dem Weiher und hernach oben auf der Ruine. Wissen Sie, da wir
nicht wieder zusammen dort gewesen sind? Ich habe heute Morgen daran gedacht,
und wie schade es ist. Es ist so schn auf der Uferhhe, und es wandert sich mit
Ihnen so gut. Warum kommen Sie nie, mich abzuholen? Wissen Sie noch, was Sie mir
versprachen: Sie wollten mein treuer Georg sein und alle Drachen auf meinem Wege
tdten. Wie viel haben Sie schon todt?
    Sie blickte unter den langen Wimpern hervor mich mit den braunen Augen an,
deren Tiefe fr mich unergrndlich war, in meine Augen, die ich in Verwirrung
senkte. Warum antworten Sie nicht? sagte sie. Hat es Ihnen mein Vater
verboten?
    Nein, erwiederte ich, aber ich wei nicht, ob Sie meiner spotten. Sie
sind die ganze letzte Zeit so wenig gtig zu mir gewesen; ich habe mir zuletzt
nicht mehr getraut, Sie anzureden, kaum Sie anzusehen.
    Und Sie ahnen nicht, weshalb ich in letzter Zeit weniger freundlich gegen
Sie gewesen bin?
    Nein, sagte ich, und setzte dann kleinlaut hinzu: es mte denn sein,
weil ich so viel von Ihrem Vater halte; aber wie kann ich das anders?
    Eine Wolke zog ber ihre Stirn. Und wenn es deshalb wre, sagte sie,
knnten Sie es mir verdenken? Mein Vater liebt mich nicht; er hat mir schon zu
viele Beweise davon gegeben. Wie kann mich Jemand lieben, der so viel von meinem
Vater hlt - sie sprach die letzteren Worte in bitterm Ton - der ihm
vielleicht jede Sylbe wieder erzhlt, die ich sage, und so zu den
Geschichtentrgern und Geberdesphern, mit denen ich bereits umgeben bin, einen
neuen zugesellt, einen um so gefhrlicheren, als ich von ihm alles Andere eher
erwartet htte, als verrathen zu werden.
    Verrathen, und verrathen von mir, rief ich erschrocken.
    Verrathen, ja, sagte sie, leiser, schneller, leidenschaftlicher sprechend.
Ich wei, da der alte Christian, der Tag und Nacht herumstreicht, mich wie
eine Gefangene bewacht; ich bin keineswegs sicher, ob Pahlen, die mir
Ergebenheit zeigt, mich nicht fr eine Hand voll Thaler verkauft. Ja, verrathen
bin ich, verrathen von allen Seiten, ob von Ihnen - ich will um Ihrer guten
blauen Augen willen annehmen, da ich mich geirrt habe, obgleich ich wahrlich
triftigen Grund htte, Sie zu beargwhnen.
    Ich war auer mir, Konstanze so sprechen zu hren; ich bat sie, ich beschwor
sie, mir zu sagen, was sie gegen mich habe, welcher abscheuliche Schein gegen
mich sprche; denn da es nur ein Schein sei, wolle ich ihr beweisen. Sie solle
mir Alles sagen, sie msse mir Alles sagen.
    Nun denn, sagte sie, ist es Schein oder Wahrheit, da Sie gleich an dem
ersten Abend Ihres Hierseins auf Befehl meines Vaters, der Sie jedenfalls zu dem
Zweck mitgebracht hat, Wache gestanden haben unter meinem Fenster, whrend Sie
mir weismachen wollten, mein Spiel habe Sie herbeigelockt?
    Ich erschrak heftig ber diese letzten Worte, die sie mit einem finstern,
lauernden Blick begleitet hatte, der noch deutlicher sprach als die Worte. Also
war jene dunkle Gestalt doch um ihretwillen dagewesen und war seitdem wieder
dagewesen; denn wie htte sie sonst von der Begegnung unterrichtet sein knnen?
    Sie brauchen es nicht mehr einzugestehen, sagte Konstanze im bittern Ton,
Sie haben noch nicht ausreichend gelernt, sich zu verstellen. Und ich
gutmthige Thrin glaubte, Sie wren mein treuer Georg!
    Ich war nahe daran, vor Zorn und Schmerz zu weinen.
    Um Gottes willen, rief ich, verdammen Sie mich nicht, ohne mich gehrt zu
haben. Ich bin in den Park gegangen ohne eine bestimmte Absicht, ohne eine
Ahnung, da ich - ihm, da ich Jemand begegnen wrde. Htte ich gewut, da der
Mann, den ich von dieser Stelle dort aus dem Bosket auftauchen sah, nicht ohne
Ihre Erlaubni kam, ich wrde ihm nicht in den Weg getreten sein, wrde ihn
ruhig dahin haben gehen lassen, wo man ihn, wie es scheint, erwartete.
    Wer sagt Ihnen, da er nicht ohne meine Erlaubni kam, da er erwartet
wurde? fragte Konstanze nicht ohne Heftigkeit.
    Sie selbst; erwiederte ich schnell, der Umstand, da Sie von etwas
wissen, was doch nur er und ich wissen knnten.
    Konstanze blickte mich an und lchelte flchtig. - Ei, sagte sie, wie
geschickt wir zu combiniren verstehen; wer htte uns das zugetraut! Aber Sie
irren sich. Ich wei es von ihm, gewi; und doch hatte ich ihn nicht erwartet
und doch hatte ich ihm keine Erlaubni gegeben. Ja, noch mehr, ich schwre
Ihnen: ich hatte keine Ahnung, da er mir so nahe war. Und jetzt? fragt mich Ihr
Blick. Jetzt ist er mir so fern wie je. Er hat mir auf einem Wege, der nichts
zur Sache thut, geschrieben, da er in der That an jenem Abend versucht habe,
mich zu sehen, mir eine Mittheilung zu machen, von der er nicht wnschte, da
ich sie durch einen Andern erfhre; ich habe ihm auf demselben Wege geantwortet,
da ich es nun doch bereits durch einen Andern erfahren habe und da ich ihn um
seiner und um meiner Ruhe willen bitte, keinen Versuch zu machen, sich mir zu
nhern. Dies ist Alles und wird fr immer Alles sein. Ich habe nicht die
Gewohnheit, von denen, welche mich lieben, zu verlangen, da sie mir ihre
Zukunft, ihre Existenz zum Opfer bringen. Und das wre hier der Fall. Jener Mann
kann ohne Einwilligung seines Vaters keine Verbindung eingehen, und mein Vater
hat dafr gesorgt, da diese Einwilligung nie erfolgt. Er ist erst frei nach
seines Vaters Tode. Darber knnen Jahre vergehen. Er soll mir nicht einmal
diese Jahre zum Opfer bringen.
    Und er nimmt das Alles an, rief ich emprt; er entsagt nicht lieber
seinem Titel und seinem Erbe, als da er auf Sie verzichtet? Er lt sich nicht
eher in Stcke zerreien, als da er Ihnen entsagte? Und dieser Mensch besitzt
Millionen und nennt sich ein Frst!
    So wissen Sie, wer er war? sagte Konstanze, indem sie, wie es schien,
heftig erschrak; und dann setzte sie mit Bitterkeit hinzu: Aber freilich, wie
sollten Sie nicht! Sie sind ja der Vertraute meines Vaters, dem Sie jedenfalls
das Abenteuer sogleich pflichtschuldigst berichtet haben.
    Ich habe gegen Niemand jenes Vorfalls Erwhnung gethan, rief ich, ebenso
wenig, wie Herr von Zehren jemals den Namen des Frsten in meinem Beisein ber
die Lippen gebracht hat.
    Bedarf es denn des Namens? sagte Konstanze. Man kann ja wohl auch, ohne
Namen zu nennen, sehr deutlich sein. Aber, was er Ihnen auch gesagt haben mag,
das hat er Ihnen gewi nicht gesagt, da Carlo und ich uns verlobt hatten, da
die Verbindung einzig und allein durch seine Schuld nicht zu Stande gekommen
ist, da er mein Glck rcksichtslos geopfert hat, um einer hochmthigen Laune
willen, um sich an dem Vater meines Verlobten auf unsere Kosten rchen zu
knnen; und da er, weit entfernt, mir fr die glnzende Zukunft, um die er mich
betrog, eine auch nur ertrgliche Gegenwart zu bieten, das Leben mir tglich und
stndlich zu einer Qual macht. Er hat meine Mutter getdtet, er wird mich auch
tdten.
    Um Gottes willen, sprechen Sie nicht so, rief ich.
    Dies Leben ist kein Leben, ist schon Tod, schlimmer als der Tod; murmelte
sie, indem sie den Kopf auf die Platte des Tisches sinken lie.
    So lieben Sie ihn immer noch, der Sie verrathen hat, sagte ich.
    Nein, erwiederte sie, indem sie sich aufrichtete, nein! ich sagte Ihnen
schon: so ist es und so mu es fr immer bleiben. Ich habe frei und ganz
verzichtet. Ich bin zu stolz, mein Herz - das ist Alles, was ich habe -
hinzugeben, wo man mir nicht sein Alles giebt. Und, Georg, kann man mehr geben,
als sein Herz!
    Ich wollte erwiedern: Dann haben Sie mein Alles, Konstanze; aber ich
konnte keinen Laut ber die zuckenden Lippen bringen, konnte sie nur ansehen mit
einem Blicke, in welchem gewi mein ganzes Herz lag - das volle, thrichte, von
guter, nrrischer, treuer Liebe berflieende Herz eines Neunzehnjhrigen.
    So drckte sie denn meine Hand und sagte: Guter Georg. Ja, ja, ich will,
ich mu es glauben, da Sie es gut meinen. Und nun, da wir uns ausgesprochen
haben und wieder gute Freunde sind, lassen Sie uns nach dem Hause gehen, wo
meine alte Pahlen mich mit dem Frhstck erwartet.
    Sie war auf einmal wieder in den Ton gefallen, mit welchem sie die
Unterredung begonnen hatte, und in demselben Tone fuhr sie fort: Gehen Sie
heute auf die Jagd? Gehen Sie gern auf die Jagd? Ich bin frher auch wohl einmal
mit gewesen, aber das ist lange, undenklich lange her. Ich soll frher eine gute
Reiterin gewesen sein und glaube, ich knnte nicht mehr im Sattel sitzen. Ich
habe Alles verlernt, besonders, wie man es anfngt lustig zu sein. Sind Sie
immer lustig, Georg? Ich hre Sie manchmal des Morgens so prchtige, muntere
Lieder singen; Sie haben eine schne Stimme. Sie sollten mich Ihre Lieder
lehren; ich wei nur traurige Lieder.
    Wie reizend ich dies Geplauder fand! Aber wie mich in der letzten Zeit ihre
Ungnade stumm und scheu gemacht hatte, so bte jetzt die unerwartete Gte, mit
der sie mich berschttete, dieselbe Wirkung aus. Ich ging mit einem halb
verlegenen, halb glcklichen Lcheln neben ihr her um den groen Wiesenplatz
herum nach dem Hause zu, wo wir uns, an ihrer Terrasse angelangt, trennten,
nachdem sie mir nochmals die Hand gedrckt hatte.
    Mit drei Stzen sprang ich die steile Treppe hinauf, ffnete mit Ungestm
die Thr zu meinem Zimmer und blieb einigermaen erschrocken auf der Schwelle
stehen, als ich Herrn von Zehren in dem groen Lehnstuhl am Fenster sitzend
fand.
    Er wandte den Kopf halb um und sagte: Sie haben mich lange warten lassen,
ich sitze hier schon eine gute Stunde.
    Das war nicht eben beruhigend fr mich; von dem Lehnstuhl aus sah man ber
die Parkwiese weg gerade auf die Bank unter dem Ahornbaum: wenn Herr von Zehren
schon eine Stunde hier sa, so hatte er mit seinen scharfen Augen jedenfalls
viel mehr gesehen, als mir irgend lieb war. Ich erwiederte daher seinen Gru in
groer Verlegenheit, die wahrlich nicht geringer wurde, als er, mit einer Geste
nach der Bank hin, sagte: Maria Stuart, Georg? wie? grausamer Kerkermeister Sir
Paulet mit dem groen Schlsselbund? schwrmerischer Mortimer: das Leben ist ein
Moment, der Tod ist auch nur einer? he? treuloser Lord Lester, der die bequeme
Gewohnheit hat, zu Schiff nach Frankreich zu sein, sobald es um Kopf und Kragen
geht!
    Er schnellte die Asche von seiner Cigarre und fing dann auf einmal, mich
anblickend, mit einem jener blitzschnellen Uebergnge seiner Laune, die ich an
ihm nun schon gewohnt war, laut zu lachen an und sagte:
    Nein, lieber Georg, Sie mssen mir kein so grimmiges Gesicht machen. Ich
meine es wahrlich gut mit Ihnen, und, wie ich Ihnen schon gestern sagte, Sie
knnen nichts dafr, und ich bitte Sie aufrichtig um Verzeihung, da ich Sie
auch nur einen Augenblick habe entgelten lassen, woran Sie doch wahrlich
unschuldig genug sind. Sie mu Komdie spielen, sie hat es von Kindesbeinen an
gethan, sie kann es nicht lassen. Ich habe wirklich manchmal schon gefrchtet,
da sie es von ihrer unglcklichen Mutter hat. Es hat schon Mancher darunter
gelitten, ich nicht zum wenigsten; aber Ihnen mchte ich es gern ersparen; ich
habe Sie oft genug indirect gewarnt und thue es jetzt direct. Was wollen Sie?
    Ich war bei den letzten Worten des Herrn von Zehren in dem Zimmer
umhergelaufen und ergriff jetzt meinen Hut, der an der Thr hing. - Was wollen
Sie? rief er noch einmal indem er aufsprang und mich beim Arm ergriff.
    Fort! stammelte ich, whrend sich meine Augen mit Thrnen fllten, die ich
vergebens zurckzuhalten suchte, fort von hier! Ich kann es nicht ertragen, so
von Frulein Konstanze sprechen zu hren.
    Und dann wre das eine so gnstige Gelegenheit, auch von mir fortzukommen?
sagte Herr von Zehren, indem er seine groen dunklen Augen mit einem
durchdringenden Blick auf mich heftete; nicht?
    Ja, sagte ich, indem ich all meinen Muth zusammennahm, auch von Ihnen.
    So gehen Sie! sagte er.
    Ich schwankte nach der Thr und tastete - denn meine Augen waren von Thrnen
geblendet - nach dem Drcker.
    Georg, rief der Wilde, Georg!
    Der Ton schnitt mir in's Herz; ich kehrte um; ich ergriff und drckte seine
beiden Hnde und rief: Nein, ich kann nicht! Sie sind so gut gegen mich
gewesen; ich kann nicht freiwillig von Ihnen gehen.
    Herr von Zehren fhrte mich sanft zu dem groen Stuhl und schritt, whrend
ich meine Stirn in die Hnde drckte, mehrmals in dem Zimmer auf und ab. Dann
blieb er vor mir stehen.
    Was hat Ihnen gestern Granow gesagt? Hat er mich bei Ihnen verklatscht, wie
er Sie bei mir verklatscht hat? Sie vor mir gewarnt, wie mich vor Ihnen? Nein,
antworten Sie mir nicht; ich mag es nicht wissen; es ist so gut, als wre ich
zugegen gewesen und htte Alles gehrt. Man wei ja, wie doppelzngige alte
Weiber schwatzen!
    So ist es nicht wahr? rief ich aufspringend. Ach, gewi, gewi, es ist
nicht wahr; ich habe es nie geglaubt, ich habe es auch dem Elenden gestern nicht
geglaubt - nicht einen Augenblick.
    Und nur noch eben erst! sagte Herr von Zehren, indem er wieder seinen
durchdringenden Blick auf mich wandte. Aber ich schlug diesmal nicht die Augen
nieder, ich erwiederte seinen Blick und sagte leise und fest:
    Ich werde es nicht glauben, bis ich es aus Ihrem eigenen Munde hre.
    Und wenn ich nun Ja sage? Was dann?
    Dann will ich Sie bitten, so viel ich nur vermag: thun Sie es nicht, thun
Sie es nicht mehr! Es kann nicht gut enden, und es ist mir grlich, zu denken,
da es schlecht enden knnte.
    Sie meinen, sagte der Wilde, indem ein finsteres Lcheln ber sein Gesicht
zuckte, es wrde sich nicht hbsch ausnehmen, wenn in den Zeitungen zu lesen
wre: Heute wurde Malte von Zehren auf Zehrendorf zu zwanzig Jahren Zuchthaus
verurtheilt und zur Verbung seiner Strafe nach der Anstalt in Dingsda
abgefhrt, deren Director bekanntlich der Bruder des Verurteilten ist? Nun, es
wre nicht das erste Mal, da ein Zehren im Thurm se!
    Er lachte laut auf und fuhr dann mit Heftigkeit zu sprechen fort, indem er
bald im Zimmer auf- und abging, bald vor mir stehen blieb:
    Ja, ja, nicht das erste Mal. In meiner Jugendzeit - es mag jetzt dreiig
Jahre oder drber her sein - da stand in Ihrem verfluchten Nest auf einem wsten
Platz zwischen der Stadtmauer und dem Wall ein alter halbverfaulter Galgen und
an den Galgen waren ein paar verrostete Eisenschilde genagelt, auf denen
halbverwischte Namen standen, und einer dieser Namen hie: Malte von Zehren, und
das Schild trug die Jahreszahl 1436, und an der Zahl habe ich es erkannt und in
einer Nacht mit meinem Jugendfreunde Hans von Trantow, unsers Hans' Vater,
abgebrochen und dann den Galgen umgehauen und ihn ber den Wall in den
Stadtgraben geworfen. Wissen Sie, wie der Name meines Ahns dahin gekommen? Er
hatte in Fehde gelegen mit den Pfefferscken, und sie hatten geschworen, ihn an
den Galgen zu henken, wenn sie ihn fingen. Und, obschon er es wute, und da sie
ihm keinen Pardon geben wrden, hat er sich zur Faschingszeit verkleidet in die
Stadt geschlichen, einem hbschen Brgermdchen zu Liebe, die dem Ritter hold
war, wie er ihr. Sie sehen, lieber Georg, die Weiber - sie sind an allem Unglck
schuld. Und haben ihn auch richtig gefangen des Morgens in der Frhe, als er vom
Liebchen schlich, und haben ihn in den Thurm geworfen, und am folgenden Tage hat
er sollen gehenkt werden zum Gaudium der guten Spiebrger. Aber ein Page, der
ihn begleitete und der entwischte, hat's Hans von Trantow hinterbracht, und der
Hans hat zwanzig Knechte satteln lassen und hat sie ber die ganze Insel
geschickt, zu allen Vettern und Sippen, und ist selbst herumgeritten, und in der
Nacht sind sie auf zwanzig Khnen bergesetzt und in die Stadt gebrochen, ihrer
zweihundert, und haben meinen Ahn herausgehauen aus dem Thurm, die guten
Gesellen, und das Nest an vier Ecken angezndet, da es gebrannt hat lichterloh,
und dafr haben sie denn, weil sie den Malte von Zehren selbst nicht mehr
hatten, wenigstens seinen Namen an den Galgen geschlagen.
    Was aber war die Ursach' der Fehde gewesen? Der Zoll auf dem Sund, den die
Herren von Zehren jahrhundertelang erhoben hatten und den die Pfefferscke fr
sich beanspruchten. Mit welchem Recht? Ich frage Sie, mit welchem Recht? Als das
Krmernest noch aus Htten bestand, in denen armselige Fischer wohnten, haben
die Zehren oben auf der Hhe schon gewohnt als Herren und Gebieter, erst in
wallumgebenem Blockhaus, wie man es in der ltesten Zeit hatte, dann in einem
Schlo von Stein mit Thrmen und Zinnen; und so weit der Blick von oben ber die
Wlder und Buchten in die Insel reicht, hat kein Heerd in Haus oder Htte
geraucht, an dem sich nicht Vasallen und Hrige des Schlosses gewrmt htten,
und so weit der Blick von oben in's Meer reicht, hat kein Segel sich geblht und
kein Wimpel geflattert, das dem Schlosse nicht Tribut entrichtet htte. Glauben
Sie, junger Mann, so etwas vergit sich? Glauben Sie, ich knnte je lernen, mich
unter einem Gesetz mit dem Gesindel zu fhlen, das vor meinen Ahnherren im
Staube kroch? oder einen Herrn ber mir anzuerkennen? Von Gottes Gnaden? Was da!
was waren diese von Gottes Gnaden vor vier-, fnfhundert Jahren? Ich knnte
sitzen, wo sie sitzen, mit demselben Fug und Recht, und mein Wappenschild
prangte anstatt des ihren auf jedem Thore, auf jeder Wache, und in meinem Namen
erhbe man Zoll und Steuer. Und jetzt! Tod und Teufel! Jetzt sitze ich hier als
Herr von Habenichts in diesem Steinkasten, der mir nchstens ber dem Kopf
zusammenfallen wird, und kein Fu breit Boden, auf den ich trete, ja nicht so
viel, als an meinen Stiefeln hangen bleibt, gehrt noch mir. Da, er trat an das
offene Fenster und deutete mit vor Erregung zitternder Hand hinaus, Sie haben
mich gefragt, weshalb ich das nicht zu Gelde mache, es mten doch Tausende und
Tausende in dem Walde stecken. Ich habe gesagt, ich knne es nicht ber's Herz
bringen, die alten Bume umhauen zu lassen - nun, das ist wahr, ich knnte es
nicht, und da sie nicht umgehauen werden, so lange ich lebe, das ist auch noch
das einzige Recht, das ich an ihnen habe. Kein Baum gehrt mir mehr und kein
Bumchen, nicht so viel, um mir einen Sarg daraus zimmern zu lassen, - jeder
Zoll davon gehrt dem Pickelhring, Euerm Krsus, der sich Commerzienrath nennen
lt und nicht umsonst Streber heit. Ich sehe den Stockfisch noch, wie er sein
schiefes Maul verzog, als er mir das Sndengeld auf den Tisch gezhlt hatte und
den Contract in die Tasche schob. Er dachte: es wird nicht lange vorhalten und
hernach schiet er sich eine Kugel vor den Kopf. Nun, vorgehalten hat es nicht,
und zu dem Andern kann ja auch noch Rath werden. Aber ich wei nicht, welcher
Plauderteufel heute Morgen in mich gefahren ist; ich glaube, der Umgang mit dem
Waschweib, dem Granow, wirkt ansteckend; oder ist es, weil ich nachholen mu,
was ich gestern Abend versumt habe? Wahrhaftig, Georg, ich habe Sie sehr
vermit. Trantow, der gute Kerl, hat mich nach Haus gefahren aus purem Mitleid,
weil er mir ansah, wie schwer es mir wurde, meine letzte Cigarre allein zu
rauchen. Und dann hat es mich ein Heidengeld gekostet, da Sie nicht an meiner
Seite waren. Es ist mir gestern schlecht ergangen, Georg, verzweifelt schlecht;
sie haben mich alten Habicht gerupft, da die Federn nur so flogen; aber heute
Abend wollen wir es ihnen heimzahlen; wir sind bei Trantow, da habe ich noch
immer Glck gehabt; aber Sie drfen nicht von meiner Seite. Und nun trinken Sie
Ihren Kaffee und kommen Sie in einer halben Stunde herunter; ich habe ein paar
Briefe zu schreiben; der Herr Steuerrath wollen mal wieder aus einer seiner
tausend und einen Verlegenheit gerissen sein; ich kann ihm aber diesmal nicht
helfen, wenigstens heute nicht; er mu schon noch warten. Also in einer halben
Stunde; hernach wollen wir an den Strand. Ich fhle mich heute etwas fieberhaft,
die Seeluft wird mir gut thun.
    Er ging und lie mich in der seltsamsten Stimmung zurck. Ich hatte die
Empfindung, da er mir Alles gesagt, und wenn ich es recht bedachte, waren es
doch nur dieselben Reden gewesen, wie er sie hnlich schon oft gegen mich
gefhrt; ich hatte das Gefhl, als habe ich mich ihm mit Leib und Seele
verschrieben, und doch hatte er mir kein Versprechen abgenommen. Gerade aber das
war es wohl, weshalb ich mich mehr als je zu dem seltsamen Manne hingezogen
fhlte. Wenn er gromthig genug war, mich nicht auf sein Schiff nehmen zu
wollen, das er dem Untergange entgegentreiben sah, durfte ich ruhig am sichern
Ufer stehen bleiben und ihn mit den Wellen kmpfen und von den Wellen
verschlingen sehen?
    Meine jugendliche Phantasie erfate mit Begierde die romantische Geschichte
von jenem Ritter, der mit meiner Vaterstadt in Fehde gelegen. Ich wnschte, ich
wre dabei gewesen; ich trumte mich in die Rolle des Pagen, der sich mit Gefahr
seines Lebens durchgeschlagen, dem geliebten Herrn Hlfe und Rettung zu bringen.
Sollte ich geringer denken, weniger khn handeln als jener Knabe? Und waren wir
nicht in derselben Lage fast? War mein Ritter nicht bis auf's Aeuerste
gebracht? Hatten ihm die Pfefferscke nicht sein Alles genommen? Ihm nichts
gelassen von dem Erbe seiner Vter, ihm, dem kniglichen Mann? Wie sie
dagestanden, die schlanke, edle Gestalt mit den blitzenden Augen und dem
Herzeleid in dem bleichen, tiefgefurchten Antlitz, das der volle Bart umwogte!
Der sollte seine Tochter haben verkaufen wollen? Der! Und ein Mensch, wie der
Commerzienrath, sollte einst hier Herr sein an des Ritters Statt? Der Mensch mit
dem glattrasirten Fuchsgesicht, den zwinkernden Diebesaugen und den plumpen
gierigen Fingern! Er, der mir selber schon den Galgen prophezeit hatte? Ja, sie
hatten mir nicht besser mitgespielt als meinem Ritter. Sie hatten mich aus der
Stadt getrieben, und Gott sei Dank, da sie's gethan, da ich sie hassen konnte,
die ich immer verachtet hatte!
    So erhitzte sich mein thrichter Kopf mehr und mehr. Die Lust an Abenteuern,
das innige Behagen an dem zgellosen Leben, das ich Freiheit nannte, eine
ungeheure Verwirrung der Begriffe von Recht und Pflicht, Dankbarkeit,
Jugendbermuth, eine erste leidenschaftliche Liebe - Alles, Alles bannte mich in
diesen Kreis, der mir eine Welt war, die mich ganz erfllte, - meine Welt; zog
mich mit unwiderstehlicher Gewalt zu diesem Manne, der mir als das vollkommene
Ideal eines Ritters und Helden erschien, zu dem schnen Mdchen, in dem ich
meine khnsten Phantasien so weit bertroffen sah. Und da sie, die ich doch mit
gleicher Liebe umfate, sich feindlich gegenberstanden, trug nur dazu bei, in
mir das Gefhl einer getrumten Unentbehrlichkeit zu verstrken. Sie waren noch
eben, jedes in seiner Weise, gleich gtig zu mir gewesen, hatten mir dasselbe
Vertrauen gezeigt - die Erfllung meines glhendsten Wunsches, sie beide
vershnt zu sehen, war mir noch nie so nahe erschienen, als an diesem Morgen, wo
ich in meinem Zimmer umherirrte und am Fenster zu dem blauen Himmel
hinaufstarrte, an dem groe weie Wolken unbeweglich standen, und hinab auf den
Park, dessen majesttische Baumgruppen und breiten Wiesengrnde vom herrlichsten
Sonnenlicht zauberisch berstrahlt waren.
    Wie htte ich ahnen knnen, da jene weien Wolken sich so bald zu einem
finstern Trauermantel auseinander rollen und die Sonne verhllen wrden! da ich
mein Paradies in diesem Zauberglanz zum letzten Male erschaut hatte!

                               Zwlftes Capitel.


Die Zuversicht, mit welcher Herr von Zehren dem Abend entgegengesehen, der den
schweren Verlust des vorigen Tages mindestens wieder gut machen sollte, hatte
ihn doch betrogen. Vielleicht da ein Vorfall, der sich unmittelbar vorher
ereignete, ihm die Kaltbltigkeit geraubt hatte, welcher er an diesem Abend mehr
als je bedurfte. Als wir uns nmlich von dem Strande herauf, wo wir zwischen den
Dnen ein paar wilde Kaninchen geschossen hatten, ber die Haide schreitend,
Trantowitz nherten, war pltzlich auf der Landstrae, in die wir eben einbogen,
eine Cavalcade, aus mehreren Herren und Damen bestehend, denen ein paar
Livreebediente folgten, an uns vorbergesprengt. Ich wei nicht, wie es kam,
aber ich hatte von Allen deutlich nur einen jungen schlanken Mann bemerkt, der
ein wundervolles englisches Pferd ritt, und der sein blasses, mit den Erstlingen
eines Schnurrbartes verziertes Gesicht in dem Augenblick, als er an mir
vorbeikam, lachend zu einer jungen Dame hinbog, die ihr Pferd mit einem Hieb zu
rascherm Laufe antrieb. Ich hatte der Schaar noch ein paar Momente nachgeblickt,
und als ich mich mit der Frage: Wer war das? an Herrn von Zehren wenden
wollte, erschrak ich ber seinen Anblick. Wir hatten nur noch eben heiter
miteinander geplaudert; jetzt lag in seinen Mienen ein finsterer Zorn, und als
wollte er den Enteilenden einen Schu nachsenden, hatte er das Gewehr von der
Schulter gerissen und halb im Anschlage. Dann warf er es wieder ber die
Schulter und ging ein paar Schritte schweigend an meiner Seite, bis er pltzlich
in wthendste Schmhungen ausbrach, wie ich sie von ihm, der doch gelegentlich
heftig genug werden konnte, noch nie gehrt. Der Hund, rief er, er wagt es,
bis hierher zu kommen, auf meines Freundes Trantow Grund und Boden! Und ich
stehe ruhig da und jage ihm nicht eine Ladung Schrot in seinen verdammten Leib!
Wissen Sie, Georg, wer das war! Der Bube, der einst Herr sein wird auf hundert
Gtern, die alle von Rechts wegen mir gehren, dessen Vorfahren die Vasallen
meiner Ahnen gewesen sind, und dessen schurkischer Vater zu mir gekommen ist,
mir auf meinem eigenen Zimmer zu sagen: er wnsche seinen Sohn standesgem zu
vermhlen und er hoffe, wir wrden uns abfinden lassen. Ich habe ihm die
verdammte Kehle zugeschnrt und htte ihn erwrgt, wren sie nicht dazu
gekommen. Sehen Sie, Georg, die Geschichte hat in mir gewhlt, unaufhrlich,
seitdem ich wute, da der Bube sich wieder hier in der Nhe herumtrieb. Und nun
wissen Sie auch, weshalb wir, Konstanze und ich, auf einem so schlechten Fu
miteinander stehen. Gott wei, in welchen Phantasien sie sich wieder einmal
wiegt, und mich macht es rasend, zu sehen, da sie ihre Gedanken noch immer an
den Sohn des Schurken hngt, der mich so schmhlig beleidigt hat, wie nur ein
Mann einen Mann beleidigen kann; der mein Wappenschild beschimpft hat und der
mit mir auf Tod und Leben kmpfen mte, wenn -
    Er unterbrach sich und ging, mit den Zhnen an der Unterlippe nagend,
schweigend neben mir her. Dabei strauchelte er, des schlechten, ungleichmigen
Weges nicht achtend, ein paar Mal; das gab ihm, zusammen mit dem Ausdruck seines
Gesichtes, dessen Runzeln, sobald er in Leidenschaft gerieth, tief einsanken,
den Anschein eines alten, gebrochenen Mannes, der sich in ohnmchtigem Zorn
verzehrt. Nie vorher war er mir so bemitleidenswerth, so hilfsbedrftig
erschienen, und nie vorher hatte ich ihn so bemitleidet, htte ich ihm so gern
geholfen. Zugleich sagte ich mir, da eine so gnstige Gelegenheit, das
Miverstndni aufzuklren, welches offenbar in Beziehung auf ihr beiderseitiges
Verhltni zum Frsten zwischen Vater und Tochter obwaltete, nicht so leicht
wiederkehren wrde. So fate ich mir denn ein Herz und fragte:
    Wei Frulein Konstanze, wie sehr man Sie beleidigt hat?
    Wie so? Was meinen Sie? fragte Herr von Zehren zurck.
    Ich erzhlte ihm, was ich am Morgen mit Konstanze gesprochen, wie sie keine
Ahnung davon zu haben scheine, welchen Frevel man an ihr begangen, wie sie mir
im Gegentheil ausdrcklich gesagt habe, da sie mit dem Frsten verlobt gewesen,
da die bereits beschlossene Verbindung durch Herrn von Zehren's Schuld nicht zu
Stande gekommen sei, da sie aber nichtsdestoweniger frei und ganz auf jeden
Gedanken der Mglichkeit einer Verbindung zwischen ihr und dem Frsten
verzichtet habe. Nur die Frechheit, mit der er es gewagt, sich ihr wieder nhern
zu wollen, die Correspondenz, welche zwischen ihnen stattgefunden, verschwieg
ich, weil ich fhlte, da dieser Umstand den Zorn des Herrn von Zehren wieder
wach rufen und ihn gegen alle Vernunftsgrnde taub machen wrde.
    Und auch so schon hatte ich vergebens gesprochen. Er hatte mir mit allen
Zeichen der Ungeduld zugehrt und rief jetzt, als ich, vor Eifer athemlos,
schwieg: Sagt sie das? Was sie nicht Alles sagt! Und das noch jetzt, nachdem
ich ihr nicht einmal, nachdem ich ihr hundertmal erzhlt habe, was man von mir
gewollt hat, wie man meine Ehre, meinen Namen in den Koth getreten hat! Wird sie
nicht nchstens behaupten, der Kaiser von China habe um sie geworben und ich sei
Schuld, da sie nicht Kaiserin von China sei! Warum nicht? Turandot ist eine so
schne Rolle, wie Maria Stuart. Machen Sie sich darauf gefat, sie nchstens in
chinesischem Costm zu sehen!
    Es war leicht genug, zu hren, wie wenig scherzhaft dem Manne bei diesen
Worten zu Muthe war, und ich wagte nicht, ein so peinliches Thema lnger
festzuhalten. Ueberdies kamen wir in wenigen Minuten auf Trantowitz an, wo uns
Hans auf der Schwelle mit seinem gutmthigen Lcheln begrte und in sein
Wohnzimmer (neben seinem Schlafzimmer das einzige bewohnbare Gemach des ganzen
groen Hauses) fhrte, in welchem die brigen Gste schon versammelt waren.
    Der Abend verlief wie schon so viele. Vor der Mahlzeit wurde gespielt und
nach der Mahlzeit, bei der man der Flasche beraus eifrig zusprach, wurde das
Spiel fortgesetzt. Ich hatte mir vorgenommen, nicht zu spielen, und konnte
diesen Vorsatz um so leichter durchfhren, als Alle, mit Ausnahme unseres
Wirthes vielleicht, den nichts aus seiner Ruhe bringen konnte, von dem
ungewhnlich hohen Spiel gnzlich in Anspruch genommen waren und Niemand Zeit
hatte, sich um mich zu bekmmern.
    So sa ich denn, etwas von dem Tische entfernt, in der Vertiefung des
Fensters und beobachtete die Gesellschaft, deren Treiben mir heute, als ich
nicht selbst daran Theil nahm, unheimlich genug erschien. Die stieren Augen in
den erhitzten Gesichtern; die nur von den monotonen, immer wiederkehrenden
Phrasen des Bankiers, oder von einem kurzen heiseren Lachen, oder zwischen den
Zhnen gemurmelten Fluch der Spieler unterbrochene Stille; die Gier, mit der man
den Wein flaschenweise hinuntergo; das ganze Bild eingehllt in eine graue
Tabakswolke, die mit jeder Minute dichter wurde - es war kein erfreulicher
Anblick und allerlei seltsame wirre, peinliche Gedanken wlzten sich durch
meinen ermdeten Kopf, whrend ich so dasa und mechanisch die Chancen des
Spiels verfolgte und zwischendurch auf das Sausen und Brausen des Nachtwindes
hrte, der die alten Pappeln vor dem Hause schttelte und einzelne Regentropfen
an die Fenster trieb. Dann fuhr ich aus meinem Halbschlummer jh empor von einem
wilden Lrmen, der pltzlich das Gemach durchtobte. Die Spieler waren von ihren
Sitzen aufgesprungen und schrieen mit wilden Mienen und drohenden Geberden
aufeinander ein; aber so schnell, wie er entstanden, legte sich der Tumult; sie
saen wieder stumm ber ihre Karten gebeugt und ich horchte abermals auf das
Rauschen des Windes in den Pappeln und das Klatschen des Regens gegen die
Scheiben, bis ich vollends einschlief.
    Eine Hand, die sich auf meine Schulter legte, erweckte mich. Es war Herr von
Zehren. Der erste Blick in sein bleiches Gesicht, aus dem unheimlich die groen
Augen glnzten, sagte mir, da er abermals verloren habe, und er besttigte es,
als wir durch die dunkle, sausende Nacht den kurzen Weg nach Zehrendorf
zurckschritten. Es ist vorbei mit mir, sagte er, mein altes Glck verlt
mich; ich sollte mir je eher je lieber eine Kugel vor den Kopf schieen. Acht
Tage freilich habe ich noch; Sylow, der ein guter Kerl ist, hat mir so lange
Frist gegeben; in acht Tagen lt es sich vielleicht arrangiren; nur da
bermorgen der Wechsel fllig ist und mein Herr Bruder natrlich nicht zahlen
kann. Indessen man mu sehen, man mu sehen.
    Er hatte mehr mit sich selbst als mit mir gesprochen. Ein paar Mal blieb er
stehen, blickte zu den tief herabhangenden Wolken empor, durch welche jetzt von
Zeit zu Zeit ein schwacher Schimmer des eben aufgegangenen Mondes fiel, schritt
dann wieder weiter und murmelte durch die Zhne: Aber ich wute es, wute es,
als ich den Schurken sah; es mute mir Unglck bringen; sein verfluchtes
Geschlecht hat mir noch immer Unglck gebracht. Und nun sehen mssen, wie sie
den Schaum schlrfen von dem Becher des Lebens, whrend uns die bittere Hefe
bleibt. Und sich nicht rchen knnen! ihnen nicht an's Leben knnen!
    Wir waren, schon nahe beim Hofe, zu einem Gehlz gelangt, das eigentlich nur
eine weit vorspringende Ecke des groen Waldes war, aber bereits zu dem Park
gerechnet wurde. Der Weg theilte sich hier; ein breiterer fhrte an dem Rande
hin, ein schmalerer, der eigentlich nur ein Fupfad war, quer durch den Camp.
Der letztere war der krzere, aber auch unbequemere und dunklere, und Herr von
Zehren, der in der schlechten Stimmung, in welcher er sich befand, schon ein
paar mal ber die Dunkelheit und den bsen Weg gemurrt hatte, schlug vor, nicht,
wie wir gewhnlich thaten, durch den Wald zu gehen.
    Ich wte gern, ob der Platz-Hirsch, den wir vorgestern gesprt haben,
wieder im Sderholz schreit, sagte ich; man kann es von hier nicht hren, aber
drinnen mu man es hren knnen.
    So gehen Sie durch, sagte er, aber halten Sie sich nicht zu lange auf.
    Ich hoffe, noch vor Ihnen auf der andern Seite zu sein.
    Es war nicht so finster im Walde, als ich gefrchtet hatte; manchmal schien
der Mond sogar ziemlich hell durch die jagenden Wolken. Ich machte mir Vorwrfe,
da ich Herrn von Zehren in einer solchen Stunde allein gelassen hatte, und
wollte umkehren; dennoch schritt ich, von meiner Jagdleidenschaft getrieben,
langsam und vorsichtig weiter, blieb auch manchmal stehen, mit verhaltenem Athem
in den Wald hineinlauschend, ob ich den Hirsch nicht hren wrde! Einmal glaubte
ich, das dumpfe Gebrll vernommen zu haben; aber ich war meiner Sache nicht
gewi und auf jeden Fall mute es sehr fern sein und auf einer andern Stelle,
als wir den Hirsch um diese Stunde vermutheten. Vielleicht war es ein anderer.
Ich htte es gern herausgebracht und stand wieder still und lauschte. Pltzlich
lie sich hinter mir auf dem Wege, den ich gekommen, ein Gerusch vernehmen, wie
von Pferdehufen. Mein Herz stand still und begann dann heftig zu schlagen. Wer
konnte der nchtliche Reiter sein, auf einem Wege, der ganz abseits von der
groen zu dem Gutshofe fhrenden Strae lag?
    Der im Anfang dumpfe Hufschlag war lauter geworden und hatte dann pltzlich
aufgehrt. Statt dessen vernahm ich jetzt ganz deutlich den Schritt eines
Menschen, der durch den Wald daher kam, auf die Stelle zu, wo ich, etwas abseits
vom Wege und in dem tiefen Schatten von ein paar hohen Bumen, stand. Es konnte
Niemand anders sein, als er; mein Herz, das mir in der Brust hmmerte, als
wollte es alle Bande sprengen, schrie mir zu, da es Niemand anders sein knne;
ich ri das Gewehr von der Schulter, wie heute Abend Herr von Zehren nach dem
Gewehr gegriffen beim Anblick des Verhaten. Dann aber warf ich es, wie er es
gethan, wieder ber die Schulter, so da ich beide Arme frei hatte. Was brauchte
ich dem Brschchen gegenber, als meine beiden Arme!
    Und da sah ich ihn vor mir, ganz deutlich, denn der Mond trat eben ber den
Rand einer schwarzen Wolke und go durch die Wipfel ein helles Licht gerade auf
die Stelle, ber die er schritt: dieselbe schlanke Gestalt, sogar noch in
demselben Reitanzug: niedriger Hut, enganliegender pelzbesetzter Rock und hohe
bis zur Hlfte der Schenkel reichende Stiefel von geschmeidigem Leder - ein
Sprung, ein Griff, und er war in meinen Hnden.
    Der Schrecken mute ihn fr den Augenblick betubt haben, denn er hatte
weder einen Schrei ausgestoen, noch kaum eine Bewegung gemacht. Aber es war
eben auch nur fr einen Augenblick gewesen; dann versuchte er mit einer
urpltzlichen Anstrengung, die weit ber das Ma der Kraft, die ich ihm
zugetraut hatte, hinausging, sich von mir loszureien. So mag ein Leopard in dem
Netz, in das ihn der Jger verstrickt hat, sich herumwerfen, sich
emporschnellen, mit den Pranken schlagen, sich zusammenziehen und wieder
emporschnellen. Der Kampf dauerte wohl eine Minute, whrend dessen von beiden
Seiten kein Wort gesprochen, kein Laut hrbar wurde, als nur ein gelegentliches
Sthnen und ein zischender Athemzug. Zuletzt wurden seine Anstrengungen matter
und matter, sein Athem ging schneller und schneller, und endlich keuchte er, in
sich zusammensinkend: Lassen Sie mich los!
    Sobald nicht!
    In meiner Brusttasche steckt ein Portefeuille mit ein paar hundert Thalern;
Sie sollen sie haben, aber lassen Sie mich los!
    Nicht fr eine Million, sagte ich, indem ich ihn, dessen Kraft vollkommen
erschpft war, in die Kniee drckte.
    Was wollen Sie? wollen Sie mich morden? keuchte er.
    Ich will Ihnen nur eine Lection geben, sagte ich, und griff nach der
Reitpeitsche, die ihm, whrend wir rangen, entfallen war und deren silbernen
Griff ich eben jetzt neben mir blinken sah.
    Um Gotteswillen, thun Sie mir das nicht an, flehte er, die Hand, in
welcher ich die Reitpeitsche gefat hatte, krampfhaft festhaltend; tdten Sie
mich auf der Stelle; ich will mich nicht rhren; ich will nicht einen Laut von
mir geben; aber schlagen Sie mich nicht!
    Ein solches Verlangen in diesem Ton konnte nicht verfehlen, auf ein Herz wie
das meine einen tiefen Eindruck zu machen. Ich sah in meinem Gegner nicht mehr
den Erbfeind des wilden Zehren, den Liebhaber seiner Tochter - ich sah nur noch
einen Knaben in ihm, der in meiner Gewalt war und der lieber sterben wollte, als
eine schimpfliche Behandlung dulden. Unwillkrlich lie meine Faust, die ihn an
der Brust gepackt hielt, los, ja, ich glaube, ich half ihm wieder auf die Fe.
    Er fhlte sich kaum frei, als er schnell ein paar Schritte von mir wegtrat
und in einem Ton, dessen Leichtigkeit seltsam mit der furchtbaren Angst
contrastirte, die er nur noch eben empfunden hatte, sagte:
    Wenn Sie ein Edelmann wren, mten Sie mir Satisfaction geben, da Sie
keiner sind, sage ich Ihnen: nehmen Sie sich in Acht, ich mchte nicht immer wie
heute ohne Waffen sein.
    Er berhrte den Rand seines Hutes, drehte sich auf den Hacken um und schritt
den Weg zurck.
    Ich stand wie angewurzelt und blickte der schlanken Gestalt nach, die eben
im Schatten der Nacht und des Waldes verschwand. Ich wute, da ich ihn mit ein
paar Stzen wieder einholen konnte, aber ich sprte nicht die mindeste Regung,
es zu thun. Der junge Frst hatte den jungen Plebejer richtig taxirt. Ich htte
mir eben so gern die Hand abgehackt, als sie wiederum nach dem ausgestreckt, den
ich nun einmal in meiner Weise begnadigt hatte. Und dann dachte ich an Granow's
Wort, da er nicht, wenn er der Frst wre, Herrn von Zehren begegnen mchte,
und wie um ein Haar diese Begegnung nun doch stattgefunden htte, in einem
Augenblick, wo es offenbar dem Wilden eine Lust gewesen wre, das Blut seines
Feindes zu vergieen und das seinige dazu. Und jetzt hrte ich ein leises
Wiehern und dann Hufschlag.
    Gott sei Dank, sagte ich tiefaufathmend, es ist besser so! - und eine Lehre
wird's ihm doch wohl sein.
    Ich dachte jetzt nicht mehr an den Hirsch; ich hrte kaum hin, als er gar
nicht weit von mir, links im Walde, zu brllen begann; ich eilte im Trab weiter,
die verlorene Zeit einzubringen, in schwerer Sorge, ob Herr von Zehren den
Reiter ebenfalls gehrt, denn von dem, was sonst im Walde geschehen, konnte er
nichts vernommen haben.
    Aber ich hatte unnthiger Weise gesorgt. Der Wilde war zu tief in seine
Unglcksgedanken versunken, als da seine Sinne so scharf htten sein knnen,
wie sonst wohl. Er fragte mich nicht einmal nach dem Hirsch; und ich war froh,
da ich nicht zu sprechen brauchte. So gingen wir schweigend neben einander hin,
bis wir den Hof erreichten.
    Auf dem Hausflur empfing uns der alte Christian, der nie Schlafende. Es
seien Briefe angekommen mit einem Expre, er habe sie dem Herrn auf den
Schreibtisch gelegt.
    Kommen Sie mit herein, sagte Herr von Zehren, whrend ich sehe, was es
giebt.
    Wir traten ein. Der ist fr Sie, und auch der; sagte Herr von Zehren,
indem er mir von den Briefen, die auf dem Tische lagen, zwei reichte.
    Der erste Brief war von meinem Freunde Arthur und lautete:
    Du hast mir das Geld nicht geschickt um das ich Dich neulich bat; aber
freilich, wenn wir nur selbst was haben, mgen die Freunde zusehen, wie sie
fertig werden. Heute schreibe ich Dir brigens nur, um den Onkel durch Dich zu
bitten, da er dem Papa doch helfe. Es mu wohl sehr schlecht mit uns stehen,
denn als heute der Kaufmann G. - Du weit schon - dem ich fnfundzwanzig
abgeborgt, sich beim Papa meldete, habe ich gar keine Schelte bekommen. Dafr
heult die Mama den ganzen Tag, ich wollte, ich wre, wo der Pfeffer wchst.
    P.S. So eben kommt der Papa vom Onkel Commerzienrath zurck mit einem sehr
langen Gesicht. Es ist klar, da der Philister nichts herausrcken will; ich
sage Dir, Onkel Malte mu helfen; es geht sonst schlimm.
    Der zweite Brief war von meinem Vater.
    Mein Sohn! Du hast mich, indem Du mir den kindlichen Gehorsam
aufkndigtest, gezwungen, meine Hand von Dir zu ziehen. Ich habe mir geschworen,
sie Dir nicht eher wieder zu reichen, als bis Du, Dein Unrecht eingestehend,
mich selbst darum bittest, und ich werde diesen Schwur halten. Ich habe Dir auch
in der Wahl, die Du fr Dich getroffen, keinerlei Hindernisse in den Weg gelegt,
habe Dir die volle Freiheit gelassen, die Du von jeher beansprucht hast, und bin
entschlossen, es auch fernerhin zu thun. Nun aber kann mich das nicht abhalten,
von Herzen zu wnschen, es mge Dir auf dem selbstgewhlten Wege gut gehen, wie
sehr ich auch daran zweifle; und kann mich auch nicht abhalten, Dich zu warnen,
wo Warnung nthig scheint. Dies aber ist jetzt der Fall. Es sind mir ber Herrn
von Zehren Dinge zu Ohren gekommen, von denen ich zu Gott hoffe, da sie auf
einem Irrthum beruhen, die aber derart sind, da ich nur mit Schrecken meinen
Sohn, wenn er sich auch von mir losgesagt hat, in dem Hause eines Mannes wei,
den ein solcher Verdacht, und wre er auch flschlich, trifft. Um was es sich
handelt, bin ich Dir zu sagen nicht im Stande, da mir die betreffenden
Mittheilungen auf amtlichem Wege zugegangen sind. Ich wei wohl, da Du, trotz
Deines Ungehorsams, eine schlechte Handlung niemals thun wrdest, und da Du
also, sollten auch jene Muthmaungen, was Gott verhte, auf Wahrheit beruhen, so
weit sicher bist; dennoch bitte ich Dich, so Dir an meiner Ruhe noch etwas
liegt, das Haus des Herrn von Zehren sofort zu verlassen, indem ich, was kaum
nthig ist, hinzufge, da ich fr den gehorsamen Sohn sein werde, was ich ihm
immer war, sein strenger aber gerechter Vater.
    Ich hatte diesen Brief zweimal durchgelesen und sa, unfhig, einen
bestimmten Gedanken zu fassen, noch immer auf das Blatt starrend, da, als mich
Herrn von Zehrens: Nun, Georg, was haben Sie denn da? aufschreckte. Ich
reichte ihm die beiden Briefe. Er las sie und legte sie auf den Tisch, ging im
Zimmer auf und ab, blieb dann vor mir stehen und sagte: Was wollen Sie thun?
    Die Gelegenheit ist gnstig, fuhr er fort, als ich mit der Antwort
zgerte. Ich habe einen Brief von dem Steuerrath, der mich noch in dieser
Stunde nach der Stadt zu reisen zwingt. Ich nehme Sie mit; jetzt ist es zwlf
Uhr, in drei Stunden sind wir drben; Sie klingeln den alten Herrn heraus,
knnen dann noch ein paar Stunden in der Dachkammer, von der Sie mir so oft
erzhlt haben, schlafen, werden morgen frh Gott danken, da Sie den Wilden los
sind, und - wieder in die Schule gehen.
    Er hatte die letzten Worte mit einem leichten Hohne gesagt, der die
empfindlichste Seite im Herzen eines jungen Menschen, den falschen Stolz, jh
berhrte.
    Ich will mit Ihnen gehen, wohin es sei! rief ich, indem ich aufsprang. Ich
habe es Ihnen schon heute morgen gesagt und ich wiederhole es jetzt. Sagen Sie
mir, was ich thun soll.
    Herr von Zehren schritt in dem Zimmer auf und nieder, dann blieb er vor mir
stehen und sagte mit bewegter Stimme:
    Bleiben Sie hier! meinetwegen nur noch ein paar Tage, bis ich wieder zurck
bin. Sie leisten mir einen Dienst damit.
    Ich sah ihn fragend an.
    Wenn Sie jetzt zurckkehren, heute zurckkehren, fuhr er fort, so wrde
das nur dazu beitragen, die Gerchte zu besttigen, von denen Ihr Vater
schreibt. Die Ratten verlassen das Haus, wrden die Leute sagen, und mit Recht.
Und gerade jetzt liegt mir daran, da die Leute nichts sagen, da mglichst
wenig ber mich gesprochen wird. Verstehen Sie, Georg?
    Nein, sagte ich; warum gerade jetzt?
    Ich sah ihn starr an, er versuchte, den Blick auszuhalten, und es dauerte
einige Zeit, bis er, leise und langsam sprechend, antwortete:
    Fragen Sie nicht weiter, Georg, vielleicht wrde ich es Ihnen sagen, wenn
Sie mir helfen knnten; vielleicht, vielleicht auch nicht. Es geht die Rede, ich
nutze die Menschen aus und werfe sie weg, wenn ich mit ihnen fertig bin. Mag
sein, ich wte auch nicht, da die Meisten besser behandelt zu werden
verdienen. Mit Ihnen mchte ich es nicht so machen; denn ich habe Sie lieb. -
Und so, gehen Sie zu Bette und lassen Sie den Wilden weiter spielen. Vielleicht
sprengt er diesmal die Bank, und dann, verspreche ich Ihnen, soll es das letzte
mal gewesen sein.
    In diesem Augenblicke fuhr der Wagen vor; ich hatte, whrend ich den Brief
meines Vaters las, nicht gehrt, da der alte Christian den Befehl erhalten
hatte, das Anspannen zu bestellen. Herr von Zehren kramte in seinen Papieren,
steckte einige zu sich und schlo andere in den Schrank. Dann lie er sich von
Christian seinen Jagdpelz anhelfen, setzte die Mtze auf, trat auf mich zu und
bot mir die Hand.
    Ich hatte in halber Erstarrung allem mechanisch zugesehen.
    Und ich kann nichts fr Sie thun? sagte ich jetzt.
    Nein, erwiederte er; oder doch nur dadurch, da Sie ruhig hier bleiben,
bis ich zurck bin. Ihre Hand ist eiskalt; gehen Sie zu Bett!
    Ich begleitete ihn hinaus. Vor der Thr hielt der Jagdwagen; auf dem ersten
Sitz sa auer dem Knecht, der das Amt des Kutschers zu versehen pflegte, der
lange Jochen.
    Der Wagen wird mich nur bis zur Fhre bringen und dann wieder
zurckkehren, sagte Herr von Zehren.
    Und Jochen? flsterte ich.
    Begleitet mich.
    Nehmen Sie mich statt seiner, sagte ich dringend.
    Es geht nicht, erwiederte er, schon mit einem Fue auf dem Tritt.
    Ich beschwre Sie, sagte ich, indem ich ihn an der Hand festhielt.
    Es geht nicht, erwiederte er, wir haben keine Minute zu verlieren. Gute
Nacht! fort!
    Der Wagen rollte davon; die Hunde heulten und bellten; dann wurde es wieder
still. Der alte Christian humpelte mit seiner Laterne ber den Hof und
verschwand in einem der Nebengebude; ich stand allein vor dem Hause unter den
sausenden Bumen. Ein heftiger Regengu entlud sich; ich schauderte zusammen und
trat in das Haus zurck, dessen Thr ich sorgfltig verschlo.
    In Herrn von Zehren's Zimmer war das Licht brennen geblieben; ich ging, es
mir zu holen und zugleich meine Briefe, die dort noch auf dem Tische lagen.
Indem ich sie zu mir nahm, erblickte ich auf dem Boden ein Papier. Ich hob es
auf, zu sehen, was es sei. Auf dem Blatte standen nur wenige Worte, die ich
durchlesen hatte, ehe ich wute, was ich that, oder was ich las. Die Worte
lauteten ungefhr so: Ich bin verloren, wenn Du mich nicht rettest. G. will die
Wechsel nicht prolongiren, St. ist unerbittlich; Wechselarrest und Cassation
sind unvermeidlich. Ich gebe mich in Deine Hand, Du hast mich zu lange ber
Wasser gehalten, um mich jetzt ertrinken zu lassen. Auch ist der Augenblick
mglichst gnstig fr die bewute Partie. Ich kann und werde dafr sorgen, da
uns Keiner in die Karten sieht. Aber was geschehen soll, mu auf der Stelle
geschehen. Ich habe das Spiel nicht immer in meiner Hand. Komm' sofort, ich
beschwre Dich bei dem, was Dir das Heiligste ist: Bei unserm alten Namen!
Verbrenne dies sofort!
    Das Blatt war nicht unterschrieben, aber ich kannte die Handschrift wohl;
ich hatte sie oft genug in den Acten auf meines Vaters Arbeitstisch gesehen; ja
ich htte die Unterschrift unter diesen Brief setzen knnen, hatte ich sie doch
oft genug mit sammt dem prahlerischen Schnrkel nachzuahmen versucht!
    Der Brief mute Herrn von Zehren vorhin entglitten sein, als er ihn mit den
andern in die Tasche stecken wollte.
    Ich hatte eben noch einmal hineingeblickt und noch einmal den wunderlichen
Inhalt zu entrthseln versucht, als das Licht, das schon tief im Sockel gebrannt
hatte, zu verlschen drohte. - Verbrenne dies sofort!
    Als ob mir eine Stimme von auen, der ich gehorchen mute, diese letzten
Worte des Briefes zugerufen htte, hielt ich das Blatt in die erlschende
Flamme. Das leichte Blatt loderte auf, in demselben Augenblicke verlosch auch
das Licht - noch ein paar eilende Feuerpnktchen zu meinen Fen - dann war
greifbare Finsterni um mich her.
    Ich tastete aus dem Zimmer heraus durch das Speisezimmer auf den Flur, die
schmale Treppe hinauf in mein Gemach und warf mich, nachdem ich vergeblich nach
den Zndhlzchen getastet, angekleidet auf mein Bett.
    Aber vergebens, da ich, mich auf meinem Lager wlzend, den Schlaf suchte.
Jeden Augenblick schreckte ich voll Entsetzen empor, weil meine aufgeregten
Sinne eine Menschenstimme, die um Hlfe rief, einen Schritt, der sich eilends
nahte, zu vernehmen glaubten. Dann zermarterte ich wieder mein Gehirn, wie ich
sie retten knnte, die geliebten Beiden, von dem Verderben, das meine Ahnung mir
als nahe bevorstehend zeigte, das die Elemente schon als gegenwrtig mir in's
Ohr zu donnern schienen, und fluchte meiner Unentschlossenheit, meiner
Rathlosigkeit.
    Es war eine grauenhafte Nacht.
    Ein frchterliches Unwetter hatte sich aufgemacht, der Sturm raste um den
alten Bau, da er in seinen Grundfesten erbebte. Die Ziegel polterten vom Dache,
die verrosteten Windfahnen kreischten, die Jalousien klapperten und die dritte
von rechts machte wahnsinnige Versuche, heute von der letzten Angel, an der sie
schon seit Jahren hing, endlich auch loszukommen; die Kuzchen in den
Mauerlchern schrieen jmmerlich und die Hunde winselten, whrend Gu auf Gu
gegen die Fenster klatschte.
    Es war, als ob das alte Herrenhaus von Zehrendorf wte, was seinen
Bewohnern bevorstand, was ihm selbst bevorstand.

                              Dreizehntes Capitel.


Meine erste Empfindung, als ich spt erwachte, war ein Dankgefhl, da es Tag
war, meine zweite, da ich mich des Grauens schmte, mit welchem mich die
Schrecken der Nacht erfllt hatten. Schon als kleiner Knabe hatte ich einem
Gegner das Aergste zu sagen geglaubt, wenn ich ihn einen Feigling nannte, und
heute Morgen war ich in der Lage, mir dieses Aergste selbst nachsagen zu mssen.
Aber das kommt davon, sprach ich bei mir selbst, whrend ich mich umkleidete,
wenn man den Dingen nicht in's Gesicht sieht und den Menschen nicht die Wahrheit
sagt. Weshalb habe ich Herrn von Zehren nicht ganz einfach gesagt: ich wei, was
du vorhast; so htte er mich mitgenommen und ich brauchte hier nicht still zu
sitzen wie ein Kind, das man im Zimmer lt, wenn's regnet.
    Ich ffnete ein Fenster und schaute mit dstern Blicken hinaus. Es war kein
lieblicher Anblick. Der Wind, der von Westen kam, wlzte sprhende graue
Dunstmassen durch die gewaltigen Bume, die ihre Wipfel wie in wahnsinnigem
Schmerz hinber- und herberbogen, und ber die weite Wiese, an deren langen
wogenden Grsern ich mich so oft entzckt hatte, und die heute wie ein fauler
Sumpf aussah. Eine Schaar Krhen spazierte darauf herum und schwang sich
krchzend in die strmische Luft, von der sie dann hin- und hergeschleudert
wurden. In dem Augenblicke schlug der Wind den einen Flgel der Jalousie so
heftig zu, da die morschen Sparren mir um den Kopf flogen. Ich ri zornig, was
noch brig geblieben war, aus den Angeln und warf es hinab. Vor dir wenigstens
werde ich heute Nacht Ruhe haben, sagte ich, indem ich das Fenster wieder
schlo, und nun sollen die andern auch daran. Ich verlie mein Zimmer und
machte die Runde durch das obere Stockwerk. In der Bibliothek, wo die
Bcherhaufen auf der Diele lagen, sprangen ein Dutzend Ratten, als ich die Thr
ffnete, eilig von den Fensterbrettern herunter und huschten in ihre
Schlupfwinkel. Durch ein paar vom Wind zerbrochene Scheiben hatte es
hereingeregnet, und die schwarzen Gesellen hatten sich die willkommene,
langentbehrte Labung zu Nutze gemacht. Nun, ihr habt ja das Haus noch nicht
verlassen, murmelte ich, mich der Worte des Herrn von Zehren erinnernd; soll
ich feiger sein als ihr, feiges Gesindel?
    Ich stieg ber die Bcherhaufen bis zur nchsten Thr und irrte weiter durch
die den Rume, hier die Jalousien schlieend, wo es sich noch bewerkstelligen
lie, dort allzu schadhafte aus den Angeln nehmend und hinabwerfend. Die vor dem
dritten Fenster, auf welche ich es besonders abgesehen, hatte ihrem qualvollen
Dasein schon in der Nacht selbst ein Ende gemacht.
    Auf dem Rckwege durch die unheimlichen Rume gelangte ich in das groe
Treppenhaus, in welchem es heute bei dem lichtlosen Licht, das durch die
sonneverbrannten, auswendig vom Regen berflossenen, inwendig mit Spinnweben und
Staub bedeckten Fenster fiel, gespenstiger als je aussah. Die verrostete
Ritterrstung, welche in einiger Hhe an der Wand befestigt war, htte man ohne
groen Aufwand von Phantasie fr einen Erhngten nehmen knnen. Ich fragte mich,
ob das wohl die Rstung jenes Malte von Zehren sei, dessen Name die ehrsamen
Brger meiner Vaterstadt, da sie ihn selbst nicht hatten, an den Galgen
geschlagen?
    Ich wei nicht mehr, was mich veranlate, die Treppe hinabzusteigen und in
den schmalen Corridoren des untern Stockwerks weiter umher zu irren. Mein
Schritt hallte schauerlich dumpf in den den Gngen, und die kahlen Wnde
hauchten einen feuchtkalten Grabesathem aus, der meiner von der furchtbaren
Nacht fieberheien Haut doppelt fhlbar war. Vielleicht wollte ich mich
abstrafen fr die Angst der Nacht und mir beweisen, da ich ein Kind gewesen.
Dennoch blieb ich, nicht ohne eine Regung von Schauder, stehen, als sich
pltzlich dicht neben mir an einer Stelle, die ich frher wiederholt passirt
war, ohne eine Thr bemerkt zu haben, eine Oeffnung in der Mauer zeigte, durch
die man in eine ghnende Tiefe blickte, aus der ein schwaches Licht
heraufdmmerte. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich auch, in dem Halbdunkel des
Corridors eben noch erkennbar, die paar ersten Stufen einer wie es schien sehr
schmalen und steilen Treppe. Ich begann, auf die Gefahr hin, mir den Hals zu
brechen, ohne mich nur einen Augenblick zu besinnen, langsam hinabzusteigen,
indem ich rechts und links an der Mauer vorsichtig weiter tastete, und ich
kehrte selbst dann nicht um, als der schwache Lichtschein unter mir pltzlich
erlosch. Doch tauchte derselbe wieder auf, als ich nach ein paar Stufen auf dem
Boden des Kellers anlangte. Es war nicht mehr der unbestimmte Schein, sondern
ein wirkliches Licht, das sich in einiger Entfernung vor mir hinbewegte und in
einer Laterne zu brennen schien, mit der ein Mann in dem Keller herumleuchtete.
Da ich schneller ging als der Mann, dessen schlrfende Schritte die meinen
vermuthlich bertnten, hatte ich ihn bald erreicht, und legte jetzt dem alten
Christian - denn er war es - die Hand auf die Schulter. Er blieb mit einem
dumpfen Schrei stehen, glcklicherweise ohne die Laterne fallen zu lassen, und
blickte mit seinem blassen verschrumpften Gesicht entsetzt zu mir auf.
    Was thun Sie hier, Christian? fragte ich.
    Er starrte mich noch immer sprachlos an. - Sie brauchen sich vor mir nicht
zu frchten, fuhr ich fort. Sie wissen, da ich Ihr Freund bin.
    Es ist nicht um mich, erwiederte der Alte endlich. Ich darf hier
Niemanden mit hinabnehmen; er wrde mich todt schlagen.
    Sie haben mich nicht mit hinabgenommen, sagte ich.
    Christian, dem der Schreck in seine schwachen Glieder gefahren war, setzte
sich auf eine Kiste, die in der Nhe stand und stellte die Laterne neben sich.
Ich konnte nicht unterlassen, mich, whrend der alte Mann wieder zu sich zu
kommen suchte, in dem Keller umzusehen. Es war ein weiter, niedriger Raum,
dessen gewlbte Decke hier und da von starken Pfeilern getragen wurde, und
dessen uerste Enden im Dunkel verdmmerten. An einem solchen Pfeiler nicht
weit von uns unter einer groen Laterne war ein Pult angebracht und ein groes
dickes Buch lag auf dem Pult, wie die Strazze in einem kaufmnnischen Geschft.
Dicht daneben waren Theekisten mit chinesischen Malereien - offenbar
Originalkisten - zu einem Berge aufgethrmt; und wohin ich auch blickte standen
und lagen groe Kisten und Fsser, mit einer gewissen Ordnung aufgebaut; es
mute manches Jahr gewhrt haben, bis alle diese Fsser geleert, alle diese
Kisten ausgerumt waren; mancher Thaler mute dabei gewonnen und verloren, und -
manches Menschenleben dabei auf's Spiel gesetzt und vielleicht auch verloren
worden sein. Verging doch damals kein Jahr, ohne da der Schmuggel in dieser
Gegend zu Wasser und zu Lande mehr als ein Menschenleben kostete! und wie
manches noch, dessen Verlust nie bekannt wurde, weil die Verwandten von Peter,
auf den die Zollwacht im Walde geschossen hatte und der sich, tdtlich
verwundet, noch bis zu seiner Htte schleppte, oder von Clas, der auf der
eiligen Flucht im Moore versunken war - weil sage ich, die Verwandten und
Freunde der Unglcklichen es rathsamer fanden, von diesen Verlusten mglichst
wenig Wesens zu machen.
    Dies und anderes derart hatte ich oft von meinem Vater und den Collegen
meines Vaters gehrt; und daran mute ich denken, als ich mich jetzt umsah und
der matte Schein aus der Laterne des alten Mannes dem Keller das Ansehen eines
weiten Grabgewlbes gab, in welchem morsche Srge, die ihre Dienste gethan,
bereinander gethrmt waren, und weiter hinten, wo zwischen den Pfeilern
undurchdringliches Dunkel lag, vielleicht frische Grber den Modergeruch
ausathmeten, der den Raum erfllte.
    Das also war das Fundament des Hauses derer von Zehren! Ueber diesem
Grabgewlbe hauste die hochadelige Familie! Von diesem Moder lebte sie! Da
mochten freilich die Felder brach liegen und die Scheunen zerfallen! Hier war
die Saat und die Ernte - eine bse Saat, Alles in Allem, die wohl kaum etwas
Anderes als eine bse Ernte bringen konnte.
    Ich will nicht behaupten, da genau diese Gedanken, genau in dieser Ordnung
durch meine Seele gingen, whrend ich neben dem alten Manne stand und meine
Blicke durch den Keller schweiften; ich wei nur noch, da jenes Gefhl des
Abscheus vor dem Gewerbe, in dessen geheime Werksttte ich nun gedrungen war,
wieder in seiner ganzen Kraft ber mich kam, diesmal aber mit der ganz
bestimmten Empfindung, da ich dazu gehre, da ich ein Wissender, und da es
sehr thricht und gewissermaen beleidigend von dem alten Mann sei, vor mir ein
Geheimni aus Dingen und Verhltnissen machen zu wollen, die ich so gut kannte
und durchschaute.
    Nun, Christian, sagte ich, indem ich mich zum Beweis meiner vollkommenen
Seelenruhe dem Alten gegenber setzte und an seiner Laterne meine Cigarre
anzndete, was werden wir diesmal bekommen?
    Thee oder Seide, brummte der Alte; wr's Wein oder Cognac oder Salz,
htte er die Wagen bestellt.
    Ja wohl, dann htte er die Wagen bestellt, wiederholte ich, als etwas, das
sich von selbst verstand. - Und wann erwarten Sie ihn zurck? Er sagte mir
heute Nacht, er knne es nicht genau bestimmen.
    Wird wohl bis morgen whren; ich will aber immer die groe Thr aufmachen;
man kann nicht wissen.
    Freilich, man kann nicht wissen, sagte ich. Der Alte war aufgestanden und
hatte die Laterne zur Hand genommen. Ich erhob mich ebenfalls.
    Wir gingen weiter und kamen in einen andern Raum, der von Weindunst erfllt
war, und wo Fsser ber Fssern lagen, an denen der Alte in die Hhe leuchtete.
    Das liegt noch Alles seit dem vorigen Jahre, sagte er.
    Ja, sagte ich, die Worte Granow's wiederholend; der Handel geht jetzt
schlecht; die Leute in Uselin sind scheu geworden, seitdem sich so Viele
hineinmischen.
    Der Alte, der die Schweigsamkeit selbst war, antwortete nicht; aber es
schien, da ich meine Absicht, ihn vertraulich zu machen, erreicht hatte. Er
nickte und brummte, um seine Zustimmung auszudrcken, whrend er langsamen
Schrittes weiter schlrfte.
    Der Keller schien kein Ende nehmen zu wollen. Ich sollte Respect vor der
Ausdehnung des tages- und lichtscheuen Geschftes bekommen, das hier seine
modrige Wohnung aufgeschlagen! Endlich setzte der Alte die Laterne auf den
Boden; vor uns lag eine breite Treppe, ber welcher eine Vorrichtung von starken
Bohlen, wie man sich derselben zum Herablassen von Fssern und schweren Kisten
bedient, angebracht war. Die Treppe war oben mit einer breiten, starken, mit
Eisen beschlagenen Thr, die mit kolossalen Riegeln versehen war, geschlossen.
Der Alte schob die Riegel zurck; ich half ihm dabei.
    So, sagte er, nun knnen sie kommen, wann sie wollen.
    Wann sie wollen, wiederholte ich.
    Wir schritten den Weg, den wir gekommen, schweigend zurck und erstiegen die
steile Treppe des Eingangs. Auf den Druck einer Feder, die der Alte in Bewegung
setzte, schob sich eine Thr ber die Mauerffnung, die sich so knstlich
einfgte und mit der Wand von so gleicher schmutziggrauer Farbe war, da sie nur
von dem Eingeweihten entdeckt oder gar geffnet werden konnte.
    Der Alte lschte die Laterne und ging vor mir her den langen, schmalen
Corridor zu Ende, wo wir uns in dem verfallenen Nebenhofe trennten. Er trat
durch eine kleine Pforte auf den Haupthof; ich lie ihn sich entfernen und
blickte mich scheu und aufmerksam um, ob Niemand mich beobachte. Es beobachtete
mich Niemand, es htte denn die Krhe sein mssen, welche auf einem der
niedrigen Dcher sa, und, den Kopf auf die Seite neigend, zu mir herabschaute.
Der kleine Hof hatte schon im Sonnenschein kmmerlich genug ausgesehen, heute
aber im Regen sah er unsglich elend aus. Die Gebude drckten sich aneinander,
als ob sie sich vor dem Wind und der Nsse, so gut es gehen wollte, zu schtzen
versuchten und doch jeden Augenblick Gefahr liefen, in vollstndiger Erschpfung
zusammenzustrzen. Wer sollte hier den Eingang in den geheimen Keller suchen?
Und doch mute derselbe sich hier befinden. Ich hatte mir die Richtung und
Ausdehnung des unterirdischen Raumes genau gemerkt. Ich wollte Alles wissen,
nachdem ich einmal so viel wute; ich wollte nicht lnger ber das, was um mich
her vorging, im Dunkeln sein.
    Und meine Vermuthung besttigte sich. In der alten grulichen Leutekche,
aus der ein weites Thor auf den eingehegten Platz mit den Kchenabfllen fhrte,
entdeckte ich unter einem, wie ich jetzt sah, knstlich aufgethrmten Haufen von
alten Fssern, Brettern und halbverfaultem Stroh die Fallthr, von der der Alte
vorhin im Keller die Riegel zurckgeschoben hatte. Hier von auen war dieselbe
mit einer gewaltigen Eisenstange und einem Schlo verwahrt, zu welchem Herr von
Zehren jedenfalls den Schlssel bei sich fhrte. Ich deckte das Germpel wieder
darber und schlich davon, scheu wie ein Dieb, denn wohl hat das Sprichwort
recht: der Hehler ist so gut wie der Stehler, nicht blos vor dem Gesetze,
sondern noch viel mehr vor seinem eigenen Gewissen.
    Ich wandte mich in den Park und irrte in den nassen Gngen umher. Es
rieselte noch strker als vorhin; aber der Nebel hatte sich etwas gehoben und
wlzte sich in schweren grauen Massen ber die Wipfel der Bume. Ich stand an
dem Steintisch unter dem Ahorn, dessen breites Gest mir einigen Schutz gewhrte
und starrte immerfort nach dem groen melancholischen Hause, das mir heute,
nachdem es mir sein Geheimni erschlossen, ein ganz anderes zu sein schien. Ob
sie wohl wute, was ich jetzt wute? Unmglich! es war ein Gedanke, der nicht
auszudenken war, da sie das wissen sollte. Aber sie mute es erfahren, so
schnell als mglich; nein, nicht erfahren! Aber fort mute sie von hier, wo das
Verderben auf sie lauerte. Fort! wohin? zu wem? mit wem? Welch ein elender,
jmmerlicher Mensch war ich, da ich ihr nichts zu bieten hatte, als dies Herz,
das fr sie schlug, als diese Arme, die stark genug waren, sie wie ein Kind
davon zu tragen, und mit denen ich doch nichts anfangen konnte, als sie in
ohnmchtiger Verzweiflung zum Regenhimmel emporstrecken oder rath- und thatlos
ber der Brust verschrnken! Nein, nein, mochte mit mir werden, was da wollte!
aber sie mute, mute gerettet werden! Mochte ihr Vater mich zum Opfer nehmen,
aber sie, sie sollte frei ausgehen!
    Da kam Jemand von der Terrasse her - es war die alte Pahlen. Sie schien mich
zu suchen, denn sie winkte mir schon von weitem mit den knchernen Hnden,
whrend ihr graues Haar unter der schmutzigen Haube im Winde flog, da sie fr
jeden Andern anzusehen gewesen wre, wie die Hexe, die das Hexenwetter
zusammenbraute. Mir aber war sie eine willkommene Erscheinung. Von wem sollte
sie kommen, als von ihr! Ich lief ihr entgegen und lie sie ihre Botschaft kaum
zu Ende bringen; wenige Augenblicke spter trat ich hochklopfenden Herzens durch
die Fensterthr in Konstanzens Gemach.
    Es war das erste und es sollte auch das letzte mal sein, da ich es betrat,
und ich wte kaum zu sagen, wie es in demselben aussah. Ich habe nur noch eine
sehr dunkle Erinnerung an groe Blattgewchse, einen geffneten altertmlichen
Flgel, auf Tischen, Sthlen umhergestreute Musikalien, Bcher,
Garderobengegenstnde, ein paar Portraitbilder an den Wnden, und da der
Fuboden in seiner ganzen Ausdehnung mit einem Teppich bedeckt war. Dieser
letztere Umstand hat sich mir als besonders merkwrdig eingeprgt. Teppiche
durch das ganze Zimmer waren zu jener Zeit eine groe Seltenheit; besonders in
der guten Stadt Uselin. Ich hatte nur durch Hrensagen von einem solchen Luxus
Kunde, und so wute ich denn auch jetzt kaum, wohin ich meine Fe setzen
sollte, obgleich der Teppich, glaube ich, sehr fadenscheinig und hier und da
sogar zerrissen und durchlchert war.
    Doch das sind, wie gesagt, sehr dunkle Erinnerungen, von denen sich hell und
unvergelich das Bild Konstanzens abhebt. Sie sa auf einem Divan in der Nhe
des Fensters und lie bei meinem Eintritt ein Buch in den Schoo sinken, indem
sie mir zugleich mit ihrem eigenthmlich melancholisch anmuthigen Lcheln die
Hand entgegenstreckte.
    Sie sind nicht bs, da ich Sie habe rufen lassen, sagte sie, indem sie
mir einen Wink gab, an ihrer Seite Platz zu nehmen, und mich dadurch in keine
geringe Verlegenheit setzte; denn der Divan war sehr niedrig und meine Stiefel
nicht so sauber, wie es fr einen jungen Menschen, der zum ersten mal von der
angebeteten Dame seines Herzens in einem Teppichgemache empfangen wird,
wnschenswerth ist; - ich wollte Sie um etwas bitten; Pahlen, Du kannst gehen,
ich habe mit Herrn Georg allein zu sprechen.
    Die widerwrtige Alte blickte mich mitrauisch an, zgerte und entfernte
sich erst, nachdem Konstanze ihren Befehl in scharfem Tone wiederholt hatte.
    Sehen Sie, das ist es! das ist es, weshalb ich Sie rufen lie, Georg,
sagte Konstanze, mit einer Handbewegung nach der Thr, durch welche die Alte
verschwunden war. Ich wei es ja, wie gut Sie sind und wie treu Sie es mit mir
meinen: seit gestern wei ich es wieder, wenn ich auch wirklich schwach genug
war, Sie eine Zeit lang fr nicht besser zu halten als die Andern; aber diese
Andern! Sie wissen es nicht, knnen es nicht wissen, und sollen es auch nicht
wissen. Solche Schtze mu man geheim halten; sie sind zu kostbar fr die
schnde Welt. Meinen Sie nicht auch?
    Da ich keine Ahnung hatte, worber das angebetete Mdchen meine Meinung
verlangte, begngte ich mich, sie mit einem ehrfurchtsvoll fragenden Blicke
anzusehen. Sie senkte die Wimpern und fuhr mit einer etwas weniger sichern
Stimme fort: Mein Vater ist, wie ich hre, verreist; wissen Sie wohin, und auf
wie lange? Aber wenn er es Ihnen auch gesagt htte, es bliebe sich gleich; mein
Vater hat nicht die Gewohnheit, sich an dergleichen zu binden; er will drei
Wochen ausbleiben und ist in drei Tagen wieder da; er will in drei Tagen zurck
sein, und ich erwarte ihn nach drei Wochen noch vergeblich. Er wird auch diesmal
keine Ausnahme von der Regel machen, und wir mssen, mag er nun lange oder kurze
Zeit von hier entfernt bleiben, uns darauf einrichten. Es ist keine Freude, in
dem den unwirthlichen Hause allein zu sein, zumal wenn es so strmt und wthet
wie heute Nacht; es ist so lieb, Jemand in seiner Nhe zu wissen, auf dessen
Treue und starken Arm - Sie sollen ja so sehr stark sein, Georg! - man sich alle
Zeit verlassen kann; aber es mu eben sein; Sie knnen mir das nachfhlen,
Georg?
    Diesmal wute ich, was ich nachfhlen sollte; ich sollte fort von hier, ich
sollte sie allein lassen - sie jetzt allein lassen, in dem Augenblick, wo ich
mich vergeblich abgeqult, einen Grund ausfindig zu machen, wie ich sie von hier
entfernen knnte; in dem Augenblick, wo meine, von der bsen Nacht und den
Erlebnissen des Morgens noch immer zitternden Nerven mir sagten, da ein Unglck
ber dies Haus und seine Bewohner hereindrohe! Ich wute nicht, was ich sagen,
wie ich es sagen knne, und blickte Konstanze in hlfloser Verlegenheit an.
    Sie denken, es sei sehr unfreundlich, sehr ungastlich von mir, sagte sie
nach einer Pause, in welcher sie vergeblich auf eine Antwort gewartet haben
mochte; es wrde freundlicher und gastlicher gewesen sein, wenn ich selbst so
lange fortginge, eine Freundin zu besuchen; und ich gebe Ihnen zu, ein anderes
Mdchen wrde das thun; aber ich Aermste habe keine Freundin. Mein Vater hat
auch nach der Seite fr mich gesorgt. Kam, so lange Sie hier sind, je eine Dame
in unser Haus? Hrten Sie mich je von einer Freundin, von einer Bekannten
sprechen? Konstanze von Zehren geht nur mit Mnnern um; ich habe diesen Ruf, ich
wei es; aber Gott wei, wie sehr ohne meine Schuld! Wollen Sie, mein guter,
mein treuer Georg, da mein Ruf noch schlechter wird, als er schon ist? Oder
glauben Sie auch mit den Andern, mein Ruf knne nicht noch schlechter werden?
Nein, bleiben Sie sitzen! Warum sollen Freunde, wie wir, nicht ruhig ber solche
Dinge sprechen, ruhig berlegen, was in einem solchen Falle zu thun ist! Nun
habe ich mir gedacht: Sie haben Freunde. Da ist Herr von Granow, der Ihnen ja
frmlich den Hof macht; da ist Herr von Trantow, unser guter Nachbar, der sich
so freuen wrde, Sie ein paar Tage bei sich zu sehen. Und Sie sind dann ganz in
meiner Nhe; ich kann Sie rufen lassen, wann ich will, und Sie wissen ja, da
ich mich, sobald ich eines Freundes bedarf, an Niemand wenden wrde, als den
einzigen Freund, den ich habe.
    Sie reichte mir mit bezauberndem Lcheln die Hand, als wollte sie sagen,
nicht wahr, die Sache ist abgemacht?
    Ihr Lcheln, die Berhrung ihrer lieben Hand, machten die Verwirrung, in die
mich jedes ihrer Worte mehr verstrickt hatte, vollkommen; aber ich raffte mich
mit einer verzweifelten Anstrengung auf und stotterte:
    Sie werden mich fr einen Zudringlichen, fr ich wei nicht was halten, da
ich Sie so lange ber eine Sache habe sprechen lassen, die ich bei Ihrem ersten
Worte htte verstehen mssen und auch verstanden habe; aber ich kann Ihnen nicht
sagen, wie schwer es mir wird, gerade jetzt von hier zu gehen; gerade jetzt Sie
zu verlassen. Herr von Zehren hat mich ausdrcklich aufgefordert, bis zu seiner
Rckkehr, die brigens in wenigen Tagen, vielleicht morgen schon, erfolgen wird,
hier zu bleiben, ihn hier zu erwarten. Er hat das gewi, wenn er es auch nicht
ausgesprochen hat, in der besten Absicht gethan, - um Ihrethalben, damit Sie
Jemand in Ihrer Nhe htten, damit Sie nicht allein in dem den Hause wren,
damit -
    Ich wute nicht, wie ich weiter sprechen sollte. Konstanzens Blick richtete
sich mit einem so sonderbaren Ausdruck auf mich, und mein Talent zum Lgen war
von jeher erbrmlich gewesen.
    Mein Vater hat frher diese zarte Rcksicht nicht beobachtet, sagte sie.
Vielleicht denkt er, da ich, je lter ich werde, einer Aufsicht um so mehr
bedarf. Sie wissen, was ich meine; oder sollten Sie unser Gesprch von gestern
schon vergessen haben?
    Ich habe es nicht vergessen, rief ich, indem ich mich in meiner Aufregung
schnell von dem Divan erhob: ich will nicht wieder in die Lage kommen, von
Ihnen beargwohnt zu werden; ich gehe und gehe fr immer, wenn Sie es denn so
wollen; aber Andere, die Ihrer gewi nicht wrdiger sind, sollen es nicht besser
haben als ich; und wenn sie es dennoch wagen, sich in Ihre Nhe zu drngen, und
hier heranzuschleichen, wie ein Fuchs um den Taubenschlag, so thun sie es auf
ihre eigene Gefahr; ich werde nicht wieder so rcksichtsvoll sein wie heute
Nacht.
    Was wagen Sie? Von wem sprechen Sie? Wen meinen Sie? rief Konstanze, die
bei meinen letzten Worten ebenfalls aufgesprungen war. Ihr Gesicht war bleich
geworden, ihre Zge trugen einen ganz andern Ausdruck.
    Von wem ich spreche? sagte ich, von dem, der an jenem Abend, wissen Sie,
wo ich vor Ihrem Fenster Wache stand, vor mir davonlief wie ein Feigling, und
der sich heute Nacht, als ich mit Ihrem Herrn Vater von Trantowitz kam und
allein durch das Wldchen ging, unter die Bume drckte, und den ich aus Mitleid
geschont habe, weil ich wute, Herr von Zehren wrde ihn todtschieen wie einen
Hund, wenn ich ihn in seine Hnde gegeben htte, den Elenden, den Erbrmlichen!
Er mag sich hten, da ich ihm nicht noch einmal in der Nacht begegne, ja und
auch am Tage; er wrde sehen, wie wenig ich mich an seine Frstlichkeit kehre!
    Konstanze hatte sich abgewandt, whrend ich so meine Verzweiflung, fr immer
von dem geliebten Mdchen getrennt zu werden, zornig austobte. Pltzlich zeigte
sie mir wieder ihr bleiches Gesicht, aus welchem die unergrndlichen Augen
sonderbar leuchteten, und rief, indem sie die Hnde wie bittend erhob:
    Da ich das von Ihnen hren mu, - von Ihnen! Was kann ich dafr, da jenen
Mann - im Falle Sie sich nicht getuscht haben, was ja doch auch mglich wre -
sein bses Gewissen ruhelos umtreibt. Schlimm genug fr ihn, wenn es so ist;
aber was geht das mich an? Und wie kann mir daraus eine Gefahr erwachsen? Und
wenn er jetzt und hier, oder es sei, wann es sei und wo es sei, vor mich
hintrte, was knnte ich, was wrde ich ihm sagen als: du und ich, wir haben in
alle Ewigkeit nichts mehr miteinander zu schaffen! Ich dachte, Georg, Sie wten
das Alles, ohne da ich es Ihnen sagte; wie kann ich mich wundern, von den
Andern verkannt zu werden, wenn auch Sie mich so falsch, so grausam falsch
beurtheilen.
    Sie setzte sich auf den Divan und drckte ihr Gesicht in beide Hnde. Ich
war ganz auer mir; ich schlug mich vor die Stirn wie ein Verzweifelter, ich
lief im Zimmer auf und ab, und strzte endlich, als ich sie noch immer so sitzen
und ihren schnen Busen sich krampfhaft heben und senken sah, zu ihren Fen.
    Guter, lieber Georg, sagte sie, indem sie mir beide Hnde auf die
Schultern legte, ich wei es ja, da Sie mich lieben, und ich habe Sie ja auch
so lieb!
    Ich schluchzte laut auf; ich verbarg mein Gesicht in ihrem Schoo: ich kte
ihre Kleider, ihre Hnde.
    Stehen Sie auf, Georg, flsterte sie, ich hre Pahlen kommen.
    Ich sprang empor. Wirklich ffnete sich langsam die Thr - die, wie ich
glaube, nie ganz geschlossen gewesen war -, und die hliche Alte schaute herein
und fragte, ob man sie gerufen habe.
    Man hatte sie gerufen, man hatte gemeint, da Herr Georg vielleicht noch
Wnsche habe, der alsbald auf ein paar Tage zu Herrn von Trantow auf Besuch
wolle. - Leben Sie wohl, sagte sie, indem sie sich zu mir wandte, auf ein
paar Tage also, leben Sie wohl! Und dann ihr Gesicht dem meinigen nhernd und
mir mit ihren Lippen einen Ku schickend, heimlich und leise: leb wohl,
Geliebter!
    Ich stand drauen; der Regen, der wieder zu fallen begonnen hatte, schlug
mir in's glhende Gesicht; ich fhlte es nicht; Regen und Sturm, jagende Wolken
und sausende Bume, wie war das Alles so herrlich! War es mglich, da die Welt
so schn war! War es mglich, da man so glcklich sein konnte! War es mglich,
da sie mich liebte!
    Auf meinem Zimmer angelangt, lie ich mein wahnsinniges Entzcken in tausend
tollen Streichen aus. Ich tanzte, ich sprang, ich warf mich in den Lehnstuhl und
kte inbrnstiglich den Handschuh, den ich einst am Weiher gefunden und wie ein
Heiligthum bewahrt hatte; und weinte und sprang wieder auf und lachte und tanzte
wieder, und besann mich endlich, da ich die Jagdtasche bereits mit Allem, was
ich fr ein paar Tage brauchte, vollgepackt hatte, und da sie erwarten durfte,
ich werde jetzt ihrem Befehle pnktlich Folge leisten. Ja, jetzt mute ich fort;
jetzt wollte ich fort! fort, fort!
    Und ich warf mein Gewehr ber die Schulter, rief meinem Caro, der
schnarchend unter dem Tische lag und verlie das Zimmer und das Schlo.

                              Vierzehntes Capitel.


Auf dem Wege nach Trantowitz unter den zischelnden Weiden hinschreitend, war
ich, in meiner Aufregung kaum sehend, wo ich ging, mehr als einmal in Gefahr,
von dem schlpferigen Pfade in den tiefen Graben zu gleiten, in welchem heute
das Regenwasser gurgelte. Mehr als einmal blieb ich stehen, nach dem Hofe
zurckzusehen, wo sie weilte. Caro, der verdrossen hinter mir hertrottete, blieb
dann auch stehen und sah mich an. Ich erzhlte ihm, da sie mich liebe, da wir
glcklich werden wrden, da Alles gut werden wrde, da er, wenn ich erst ein
groer Herr sei, auch ein herrliches Leben fhren werde, da ich ihn bis an sein
Ende treulich pflegen wolle. Caro gab durch leises Schweifwedeln zu erkennen,
wie er von meinen guten Absichten vollkommen berzeugt und bis zu einem gewissen
Grade gerhrt sei; aber seine braunen Augen blickten sehr melancholisch, als
knne er sich an einem so trben Tage keine rechte Vorstellung von einer heitern
Zukunft machen. - Du bist ein dummes Thier, Caro, sagte ich, ein gutes dummes
Thier, und weit den Kukuk, was mir begegnet ist. Caro machte eine verzweifelte
Anstrengung, die Sache von ihrer heitersten Seite zu nehmen, indem er heftiger
als zuvor mit dem Schweife wedelte und seine weien Zhne zeigte, sprang dann
aber pltzlich - zum Beweise, da sein sonst so wohl dressirtes, nur auf die
Jagd gerichtetes Gemth heute vollstndig haltlos war - mit wthendem Gebell auf
einen Mann zu, der eben um eine Weidenpflanzung, die sich links am Wege hinzog,
auf mich zukam.
    Es war ein Mann, der halb wie ein Schiffer und halb wie ein stdtischer
Handwerker gekleidet war, und dessen harmloses breites Gesicht, als er mich
erblickte, so freundlich lachte, da Caro das Unpassende seines Benehmens sofort
einsah und mit hngenden Ohren beschmt zu mir zurckkam, whrend ich, da ich
den Mann mittlerweile auch erkannt hatte, mit ausgestreckter Hand auf ihn
zuschritt.
    Wie, zum Teufel, Klaus, kommst Du hierher?
    Ja, das sagen Sie wohl, erwiederte Klaus, indem er mit seiner breiten
harten Hand krftig einschlug und dabei, wie vorhin Caro, zwei Reihen Zhne
zeigte, die an Weie mit denen des Hundes wetteiferten.
    Und Du wolltest zu mir? fragte ich weiter.
    Ja, natrlich wollte ich zu Ihnen, sagte Klaus, ich bin vor einer Stunde
auf dem Kutter gekommen; Christel ist auch mit. Die alte Gromutter ist ja todt
- wir haben sie gestern Morgen begraben. Gott hab' sie selig; sie war eine gute
alte Frau, wenn sie auch zuletzt ein bischen stumpf geworden war und der armen
Christel viel Mhe gemacht hat. Na, das ist nun auch vorbei und - ja, was ich
sagen wollte - da ist denn der Vater so gut gewesen, mich heute selbst
herzufahren, und Christel ist auch mit, mir in Zanowitz Abschied nehmen zu
helfen von Tante Julchen, wissen Sie, Vaters Schwester. Mein Vater ist ja auch
aus Zanowitz.
    Ja, ja, sagte ich.
    Sie sind schon ein paar mal dagewesen, fuhr Klaus fort, Tante Julchen hat
Sie immer gesehen, aber Sie haben nie hingeblickt; nun, Sie werden ja sich auch
der Frau nicht mehr erinnern; sie war frher wohl manchmal drben bei dem Vater.
Und dann sind Sie ja nun auch ein so groer Herr geworden! Und Klaus lie
bewundernde Blicke ber mein Jagdzeug, ber meine hohen Stiefeln und ber Caro
schweifen, der sich den Anschein gab, auf dieses Gesprch nicht zu hren und mit
gehobenen Ohren in den Graben starrte, als habe er sein Lebtag nie eine
Wassermaus in ihr Loch schlpfen sehen.
    Lassen wir das gut sein, Klaus, sagte ich, den Riemen meines Gewehrs hher
auf die Schultern rckend: und Du willst Abschied nehmen? Wo willst Du denn
hin?
    Ich habe einen Platz als Schlosser in der Maschinenbauanstalt des Herrn
Commerzienraths in Berlin erhalten, sagte Klaus. Herr Schulz, der
Maschinenmeister auf dem Pinguin, wissen Sie, hat mich sehr empfohlen; ich
hoffe, seiner Empfehlung keine Schande zu machen.
    Das wirst Du gewi nicht, sagte ich in freundlich aufmunterndem
Beschtzerton, indem ich nicht ohne einige Verlegenheit berlegte, was ich nun
mit Klaus eigentlich anfangen sollte, der mich zu besuchen gekommen war, und mit
dem ich doch nicht hier auf der offenen Landstrae unter der regentriefenden
Weide stehen bleiben konnte. Was wrde der gute Junge fr Augen gemacht haben,
wenn ich ihn in mein poetisches Zimmer htte fhren knnen! Aber das war nun
nicht mglich. Die Situation fing an, mir peinlich zu werden, und es fiel mir
ordentlich wie ein Stein vom Herzen, als Klaus, meine Hnde ergreifend, sagte:
Na, und nun leben Sie denn auch recht wohl; ich mu wieder nach Zanowitz; Karl
Peters, der Korn fr den Herrn Commerzienrath geladen hat, segelt in einer
halben Stunde und will mich mitnehmen. Ich wre gern noch ein wenig lnger mit
ihnen zusammen gewesen, aber Sie haben gewi etwas anderes vor, und so will ich
Sie denn nicht lnger aufhalten.
    Ich habe gar nichts vor, Klaus, sagte ich, und wenn es Dir recht ist,
begleite ich Dich nach Zanowitz und sage bei der Gelegenheit Christel guten Tag.
Wann ist denn die Hochzeit, Klaus?
    Klaus schttelte den Kopf, als wir jetzt nebeneinander weiter schritten.
Das sieht schlimm aus, sagte er; wir wren noch zu jung, meint der Alte,
obgleich das Sprichwort sagt: jung gefreit hat Niemand gereut. Meinen Sie nicht
auch?
    Allerdings meine ich das, rief ich mit einem Eifer, der Klaus hchlichst
erfreute, ich bin, so viel ich wei, zwei Jahre jnger als Du, aber das kann
ich Dir sagen: auf der Stelle wrde ich heirathen, auf der Stelle; aber es kommt
auf die Verhltnisse an, Klaus, auf die Verhltnisse!
    Ja, freilich, seufzte Klaus, ich knnte sie ja wohl jetzt ernhren, denn
ich werde in Accord arbeiten, und da kann man schon was vor sich bringen, wenn
man sich dazu hlt, und Christel wrde die Hnde auch nicht in den Schoo legen;
aber was hilft das Alles, wenn der Alte nicht will! Er ist nun doch einmal
Vormund von der Christel und sie verdankt ihm ja auch eigentlich Alles, selbst
das Leben, denn sie wrde am Strande elend umgekommen sein, das arme Wurm, htte
der Vater die Mutter nicht an den Strand geschickt, das Treibholz zu sammeln,
und da hat die Mutter sie ja gefunden, wissen Sie, und mitgenommen. So was will
denn doch bedacht sein, und wenn er auch nicht gar gut gegen sie ist, und ich
nicht wei, warum er mich alle diese Jahre so schlecht behandelt hat, so steht
doch geschrieben: Du sollst Vater und Mutter ehren. Nun habe ich schon lange
keine Mutter mehr, so mu ich den Vater doppelt ehren. Meinen Sie nicht auch?
    Ich blieb diesmal die Antwort schuldig. In der Tasche meines Rockes stak der
Brief meines Vaters, in welchem er mir befahl, Herrn von Zehren sofort zu
verlassen und zu ihm zurckzukehren. Ich hatte dem Befehl nicht Folge geleistet;
ich durfte nicht fort, bis Herr von Zehren zurckkam, und konnte ich jetzt fort,
jetzt! Ich warf einen Blick nach dem Schlo zurck, das noch immer aus seinen
dstern Baumgruppen dster zu uns ber die Haide, durch die wir jetzt wanderten,
herber schaute, und seufzte tief.
    Klaus kam von der andern Seite des vom Regen durchweichten Sandwegs an meine
Seite und sagte, trotzdem, so weit das Auge reichte, kein Mensch auer uns auf
der Haide zu sehen war, in geheimnivoll leisem Ton:
    Ich bitte um Entschuldigung; ich habe Ihnen gewi nicht weh thun wollen.
    Das glaube ich dir, Klaus, sagte ich.
    Denn sehen Sie, sagte Klaus, ich wei ja wohl, da Sie mit Ihrem Vater
auch nicht gut stehen; aber der Herr Rendant ist ja ein so braver Mann, der
gewi keinem Menschen bel will, am wenigsten seinem eignen Sohn; und was die
Leute von Ihnen sagen, da Sie hier so wild leben und - und - das glaube ich
auch nicht. Ich kenne Sie besser.
    Sagen das die Leute von mir? fragte ich hhnisch; wer denn zum Beispiel?
    Klaus nahm die Mtze ab und kraute sich in dem schlichten Haar.
    Das ist schwer zu sagen, erwiederte er verlegen. Wenn ich es ehrlich
sagen soll: eigentlich Alle, mit Ausnahme natrlich von meiner Christel, die
treu zu Ihnen hlt; aber sonst lassen sie ja wohl kein gutes Haar an Ihnen.
    Nur heraus damit, rief ich, ich mache mir den Teufel daraus; also heraus
damit.
    Ich kann es nicht sagen, erwiederte Klaus.
    Es dauerte lange, bis ich den treuen Jungen zum Sprechen brachte. Es war ihm
schrecklich, eingestehen zu mssen, da man mich in meiner Vaterstadt, wo Jeder
Jeden kannte und Jeder an Jedes Schicksal den grten, wenn auch nicht immer
liebevollsten Antheil nahm, ganz allgemein fr einen verlorenen Menschen halte.
Die Heizer auf dem Pinguin sprachen davon, und die pensionirten Schiffskapitne,
wenn sie auf dem Hafendamm, ber die Brstung gelehnt, nachdenklich den
Tabakssaft in's Wasser spritzten, sprachen auch davon. Wohin Klaus, den man als
meinen guten Freund kannte, gekommen war, berall hatte man ihn gefragt, ob er
nicht wisse, was aus dem schlechten Menschen, dem Georg Hartwig, geworden sei,
der sich ja wohl in der verrufensten Gegend der Insel auf adeligen Gtern
umhertreibe als Spamacher fr betrunkene Edelleute, mit denen er das wsteste
Leben fhre? der an einem Abend mehr Geld verspiele, als sein armer Vater das
ganze Jahr hindurch einnehme, und Gott mge wissen, wie er zu dem Gelde komme!
Das Schlimmste aber war Eines, was Klaus nur mit dem nochmaligen ausdrcklichen
Vorbehalt erwhnte, da er kein Wort davon glaube. Klaus war gestern Abend, um
sich zu verabschieden, bei dem Justizrath Heckepfennig gewesen, der Christels
Pathe war und in dessen Haus Klaus von jeher manchmal kam. Die Familie hatte
eben beim Thee gesessen; Elise Kohl, Emiliens Busenfreundin, war auch dagewesen,
und man hatte Klaus der Ehre gewrdigt, ihm eine Tasse Thee anzubieten, nachdem
er gesagt, da er am nchsten Tage nach Zanowitz komme und mich aufzusuchen
gedenke. Der Justizrath hatte ihm dringend gerathen, dies ja nicht zu thun, da
seine lngst feststehende Meinung: ich werde in den Schuhen sterben, neuerdings
eine Besttigung erhalten habe, ber die er sich nicht auslassen knne. Dann
htten die Mdchen sich ber mich zu Gericht gesetzt und gemeint, sie knnten
alles Andere verzeihen; aber da ich der Liebhaber von Frulein von Zehren
geworden sei, wrden sie mir nicht vergeben. Sie htten es von Arthur gehrt,
der es doch wissen msse, und Arthur habe solche Dinge von seiner Cousine
erzhlt, da ein ordentliches Mdchen sie kaum htte mit anhren knnen, und die
wieder zu erzhlen ganz unmglich sei.
    Klaus war erschrocken ber die Wirkung, welche dieser Bericht auf mich
machte. Vergebens, da er wieder und immer wieder erklrte, er glaube ja kein
Wort von alledem, und er habe das auch den Mdchen gleich gesagt. Ich schwur,
da ich mich fr nun und immer von dem treulosen, verrterischen Freunde lossage
und da ich mich frher oder spter auf das grausamste an ihm rchen wrde. Ich
stie die schrecklichsten Drohungen und Verwnschungen aus. Nie wrde ich
freiwillig wieder einen Fu in meine Vaterstadt setzen, ja vom Erdboden wrde
ich sie vertilgen, wenn es in meiner Macht stnde! Ich htte mir bis jetzt noch
immer Gewissensbisse gemacht, ob ich nicht doch vielleicht bereilt gehandelt
habe, als ich um einer so geringfgigen Veranlassung willen meinen Vater
verlie; aber jetzt knne mein Vater mir hundertmal befehlen, ich solle
zurckkehren, ich wrde es nicht thun. Und was Herrn von Zehren und Frulein von
Zehren betreffe, so sei mir ein Haar auf ihrem Haupte mehr werth als ganz
Uselin, und ich sei bereit, fr Beide auf der Stelle in diesen meinen
Wasserstiefeln hier zu sterben, und die Stiefel mge der Teufel dem Justizrath
Heckepfennig hinterher um den struppigen Kopf schlagen.
    Der gute Klaus wurde ganz still und betreten, als er mich so lsterlich
fluchen hrte. Es mochte ihm wohl der Gedanke kommen, da es mit dem Heil meiner
Seele denn doch schlechter stehe, als er angenommen. Er sprach das zwar nicht
aus, aber er sagte in seiner einfachen Weise, da ihm der Ungehorsam gegen
meinen Vater sehr bedenklich sei; ich wisse ja, wie viel er selbst immer von mir
gehalten habe, trotz der Reden der Leute, und wie er stets geneigt gewesen und
noch geneigt sei, mir in Allem recht zu geben; hier aber wre ich doch gewi im
Unrecht, und wenn mein Vater mir wirklich befohlen habe, zu ihm zurckzukehren,
so knne er gar nicht absehen, wie ich diesem Befehle nicht Folge leisten
sollte; und er wolle mir nur gestehen, da ihm mein Ungehorsam gegen meinen
Vater immer im Kopfe herumgegangen, und da er jetzt ruhiger abreisen werde,
nachdem er mir das gesagt habe.
    Ich antwortete nicht, und Klaus wagte nicht, ein Gesprch, das mir so
unangenehm schien, fortzusetzen. Er ging still neben mir her, von Zeit zu Zeit
einen traurigen Blick auf mich werfend, hnlich wie Caro, der an meiner andern
Seite trottete und die Ohren hngen lie; denn der Regen fiel wieder strker,
und Caro konnte immer weniger begreifen, was das zwecklose Umherlaufen auf dem
nassen Dnensande eigentlich zu bedeuten habe.
    So kamen wir nach Zanowitz, dessen elende Lehmhtten, die einen hier, die
andern da, zwischen den auf- und absteigenden Sanddnen zerstreut lagen, als
spielten sie mit einander Versteckens. Zwischen die Dnen hindurch schaute das
offene Meer herein. Das war mir immer ein lieber Anblick gewesen, wenn die Sonne
hell herab schien auf den weien Sand und die blauen Wasser, und die weien
Mven sich lustig ber den blauen Wassern schwangen. Aber heute sah der Sand
grau aus und grau der Himmel, und grau das Meer, das in schweren Wogen
herangerollt kam. Ja selbst die Mven, die kreischend ber der Brandung
flatterten, sahen grau aus. Es war ein trbseliges Bild, ganz in der Farbe der
Stimmung, in welche mich das Gesprch mit Klaus versetzt hatte.
    Ich sehe, Peters macht schon klar, sagte Klaus, auf eins der grern
Fahrzeuge deutend, die etwas vom Strande entfernt vor ihren Ackern auf den
Wellen tanzten; ich denke, wir gehen gleich hinunter; sie werden unten auf mich
warten.
    So gingen wir denn zum Strande hinab, wo man eben im Begriffe war, eins von
den vielen kleinern Booten, die man auf den Sand gezogen hatte, wieder in's
Wasser zu schieben. Ein Haufen von Menschen stand dabei, unter ihnen der alte
Pinnow, Christel und Klaus' Tante Julchen, eine wohlhbige Fischerwittwe, deren
ich mich von frher her wohl noch erinnerte.
    Dem armen Klaus wurde kaum eine Minute zum Abschiednehmen vergnnt. Schiffer
Peters, der das Korn, das er fr Rechnung des Commerzienrathes geladen hatte,
noch heute in Uselin abliefern mute, fluchte ber die verdammte Trdelei;
Pinnow brummte: der Faselhans werde nicht gescheidt werden, Christel verwandte
die rotgeweinten Augen nicht von ihrem Klaus, den sie nun in so langer Zeit
nicht wiedersehen sollte, Tante Julchen wischte sich die Thrnen und die
Regentropfen mit ihrer Schrze von dem guten dicken Gesicht, und der taubstumme
Lehrjunge Jakob, der auch dabei stand, starrte fortwhrend seinen Meister an,
als erblickte er dessen rothe Nase und blaue Brille heute zum ersten mal. Klaus
sah sehr verwirrt und sehr unglcklich aus; aber er sagte kein Wort, whrend er,
ein Bndel, das ihm Christel gegeben hatte, in der Linken haltend, die Rechte
Allen der Reihe nach reichte, und dann in das Boot sprang und einen von den
beiden Riemen ergriff. Ein paar Fischer stiegen in's Wasser und schoben; das
Boot wurde flott; die Riemen wurden eingesetzt und die Nuschale tanzte auf den
Wellen hin nach der Jacht, auf der man schon das Hauptsegel halbmasthoch
aufgezogen hatte.
    Als ich mich wieder umwandte, verschwand Christel eben mit der dicken Tante
zwischen den ersten Husern. Das arme Ding wollte gewi die so mhsam
zurckgehaltenen Thrnen in der Stille ausweinen, und ich glaubte ihr einen
Gefallen zu thun, wenn ich wenigstens ihren Vater noch eine Weile am Strande
aufhielt. Aber Herr Pinnow hatte gar keine Eile fortzukommen. Die blaue Brille
ber den Augen, die, wie ich wute, so scharf sehen konnten, blickte er in die
schumenden Wellen und tauschte mit den Schiffern und Fischern von Zanowitz jene
Bemerkungen aus, welche am Strande zurckbleibende Seeratten einem absegelnden
Fahrzeuge nachzuschicken pflegen.
    Es waren keine vertrauenerweckende Gesichter, die starkknochigen, magern,
wettergefurchten, sonnegebrunten Gesichter der Mnner von Zanowitz mit den
hellblauen zwinkernden Augen; aber ich sagte mir doch, whrend ich so dabei
stand und sie mir der Reihe nach betrachtete, da meines alten Freundes Gesicht
das am wenigsten vertrauenerweckende von allen war. Der bse grausame Zug um
seinen breiten Mund mit den dicken, festgeschlossenen und selbst, wenn er
sprach, sich kaum bewegenden Lippen, war mir frher noch nie so aufgefallen;
vielleicht sah ich ihn heute mit andern Augen an als sonst. In der That hatte
sich seit gestern Abend der Verdacht, der mir schon wiederholt gekommen war: der
alte Pinnow sei in die gefhrlichen Unternehmungen Herrn von Zehren's tief
verwickelt, auf's neue geregt; ja ich hatte fast mit Bestimmtheit angenommen, er
werde auch an der Expedition, die jetzt im Werke war, thtigen Antheil nehmen,
und war deshalb sehr erstaunt gewesen, als ich von Klaus hrte, da sein Vater
selbst ihn und Christel hierher gefahren habe. Indessen, wie auch immerhin sein
Verhltni zu Herrn von Zehren war - diesmal war er nicht betheiligt, und das
gewhrte mir ordentlich eine Erleichterung.
    Uebrigens schien der Schmied unsern Streit an jenem Abend nicht vergessen zu
haben. Er that bestndig, als ob er mich nicht she, oder kehrte mir gar den
breiten Rcken zu, whrend er den Andern erzhlte, was er heute Morgen fr eine
rasche Fahrt gemacht, und da er sich fr sein Theil nicht hinaus gewagt haben
wrde bei dem Wetter - und seinen schwachen Augen, die mit jedem Tage schwcher
wrden, - htte der Klaus nicht so gar groe Eile gehabt. Aber die Christel
wolle er, wenn es heute Abend noch eben so stark wehen sollte, doch lieber nicht
wieder mitnehmen: sie knne ja bei seiner Schwester bleiben; dafr wolle er
einen oder den andern tchtigen Burschen von hier an Bord nehmen zur Aushlfe,
denn auf den Jakob, den dummen Bengel, knne er sich doch nicht recht verlassen.
    Die tabakkauenden Mnner von Zanowitz hrten zu, und sagten Ja, oder sagten
auch nichts, und dachten sich ihr Theil.
    Der Aufenthalt auf dem Strande, wo uns der Regen und Gischt fortwhrend in's
Gesicht trieb, war unbehaglich genug. So wandte ich mich denn von der Gruppe weg
und ging das Ufer hinauf. Ich wute, wo das Huschen von Tante Julchen lag: ich
wollte dort vorbergehen und versuchen, ob ich Christel nicht wenigstens ein
paar freundliche Worte sagen knne. Aber, als ob er meine Absicht ahne und zu
verhindern gedenke, kam Pinnow in Begleitung von ein paar andern
Galgenphysiognomien hinter mir her; so gab ich denn meinen Vorsatz fr heute auf
und schritt quer durch das Dorf die Dnen hinauf, in der Absicht, von dort ber
die Haide nach Trantowitz zu gehen.
    Ich hatte eben die hchste Dne, die man ihres besonders glnzenden Sandes
wegen die weie nannte, und von der aus man weit hinauf und hinab den Strand
berblicken konnte, erstiegen, als ich pltzlich meinen Namen rufen hrte. Ich
wandte mich um und sah eine weibliche Gestalt, die dicht unter dem scharfen
Rande der Dne, aber auf der dem Dorfe und Meere abgewandten Seite, in einer
Vertiefung kauerte und mir lebhaft winkte. Zu meinem nicht geringen Erstaunen
erkannte ich Christel. Schnell ging ich die Schritte, die ich schon abwrts
gethan hatte, zurck. Sie zog mich, als ich vor ihr stehen blieb, in die
Vertiefung hinein, indem sie mir mehr mit Geberden als mit Worten bedeutete, da
ich ganz still sitzen und auch den Hund festhalten solle.
    Was hast Du, Christel? fragte ich.
    Es ist keine Zeit zu verlieren, erwiederte sie, ich mu es in zwei
Minuten gesagt haben. Heute Nacht um drei Uhr ist Herr von Zehren zu ihm
gekommen; sie dachten, ich schlief, aber ich schlief nicht, weil ich um die
Gromutter weinte, und habe Alles gehrt. Diesen Abend wird eine
mecklenburgische Jacht hier kreuzen, die Seide geladen hat; Herr von Zehren ist
mit Extrapost nach R. gefahren, um dem Kapitain, der dort liegt und blos darauf
wartet, zu sagen, da er absegelt; er selbst kommt auf der Jacht mit. Dann
berlegten sie, wie sie die Waare von der Jacht abbringen knnten, und er hat
sich erboten, weil die Luft rein sei, es selbst mit seinem Boote zu thun,
whrend die Waaren sonst immer hier in Zanowitz geborgen worden sind und er die
fr Uselin bestimmten dann erst spter und gelegentlich von Zehrendorf abgeholt
hat. Als Herr von Zehren meinte, es werde auffallen, wenn er ohne besondere
Grnde, noch dazu bei so schlechtem Wetter, aussegle, sagte er, Klaus habe
gewnscht, ehe er fortginge, die Tante noch zu sehen; da wolle er ihn
herberfahren, und damit gar Niemand Verdacht schpfen knne, wolle er mich
mitnehmen. Dann haben sie den Jochen Swart hereingerufen, der unterdessen in der
Werkstatt gewesen ist, und Herr von Zehren hat ihm befohlen, sogleich ber die
Fhre nach hier zurckzukehren und fr den Abend zwlf der sichersten Leute von
Zehrendorf und Zanowitz bereit zu halten, die mit an Bord gehen sollen - als
Trger, wissen Sie. Der Jochen ist gegangen, und nach einer Viertelstunde ist
der Jochen wieder gekommen. Das hat mich schon gewundert; denn Herr von Zehren
hatte ihm ausdrcklich und wiederholt gesagt, keine Minute zu verlieren, sondern
sogleich aufzubrechen; aber er mute ihm schon vorher ein Zeichen gemacht oder
sich sonst mit ihm verstndigt haben. Nun haben sie die Kpfe zusammengesteckt
und so leise gesprochen, da ich es nicht verstehen konnte; aber es mute was
Schlimmes sein, denn er ist ein paar Mal leise aufgestanden und hat an meiner
Thr gehorcht, ob ich mich nicht rhre. Dann ist er weggegangen und Jochen ist
sitzen geblieben. Das hat wohl eine Stunde gedauert, und es fing schon an zu
dmmern, als ich ihn wiederkommen hrte mit einem Dritten und der war der
Steuerrevisor Blanck. Er hatte keine Uniform an, aber ich habe ihn deutlich
erkannt, auch an der Stimme. Nun haben die drei miteinander geflstert, sind
aber bald zusammen fortgegangen. Gegen sechs ist er allein wiedergekommen und
hat an meine Thr gepocht; denn ich hatte nicht gewagt, hervorzukommen, und hat
gesagt, ob ich denn heute gar nicht aufstehen wolle? Der Klaus werde gleich da
sein und wir wollten zusammen hierher fahren und ich solle ein bischen Zeug
mitnehmen; denn vielleicht lasse er mich hier bei der Tante.
    Whrend Christel so erzhlte, und dabei jedes er, das ihn bezeichnete,
so scharf hervorhob, da ich trotz der Schnelligkeit, mit welcher sie sprach,
Alles nur zu wohl begriff, hatte sie ein paar mal vorsichtig den Kopf ber den
Dnenrand gehoben, zu sehen, ob Jemand komme.
    Ich wute nicht, was ich thun sollte; fuhr sie fort; dem Klaus konnte ich
es nicht sagen; denn er ist wie ein Kind und wei von nichts und soll nichts
wissen, und ich danke Gott, da er nun fort ist. Ich habe ihm zugeredet, Sie
aufzusuchen, denn ich dachte, Sie kmen vielleicht mit und das ist ja nun auch
geschehen, und ich wollte es Ihnen, wenn es mglich war, sagen, ob Sie
vielleicht Rath wten. Herr von Zehren ist immer so gut zu mir gewesen und hat
noch das letzte mal gesagt, er wolle fr den Klaus und mich sorgen, und vor ihm
solle ich mich nur nicht frchten; denn er wisse recht gut und er habe es ihm
auch gesagt, wenn er mir etwas zu Leide thte, wrde er ihn todtschieen. Und
seitdem hat er mich auch zufrieden gelassen, aber auf den Herrn von Zehren hat
er so grulich geflucht und da er es ihm schon eintrnken wolle, und nun will
er ihn an den Galgen bringen.
    Christel wollte anfangen zu weinen, aber sie wischte die Thrnen resolut mit
dem Rcken der Hand ab und sagte: Ich kann nicht mehr thun; sehen Sie zu, ob
Sie weiter helfen knnen und ngstigen Sie sich nicht um mich, wenn er auch
erfhrt, da ich es gewesen bin.
    Ein tiefe Rthe flammte in ihrem Gesichte auf, aber das muthige Mdchen war
entschlossen, Alles zu sagen, und so sagte sie:
    Ich habe schon mit der Tante gesprochen, die Tante will mich bei sich
behalten, und sie hat einen groen Anhang hier, da er nicht wagen wird, gegen
sie aufzutreten. Und nun mu ich zurck; laufen Sie schnell die Dne hinab, da
unten kann man Sie nicht mehr sehen, und adjs!
    Ich drckte Christel die Hand und sprang die Dne hinab, an die sich andere
niedrigere, wild durcheinander geworfene, zum Theil mit Strandgras und Ginster
berlaufene, anreihten, zwischen denen ich vor dem Auge eines Sphers ziemlich
sicher war. Dennoch schlich ich gebckt weiter und richtete mich nicht eher
wieder auf, als bis ich nach ein paar hundert Schritten auf der Haide war, wo
ich mich doch nicht lnger verbergen konnte. Als ich nach der weien Dne
zurckblickte, sah ich Christel nicht mehr; sie hatte offenbar einen gnstigen
Augenblick benutzt, um sich ungesehen in das Dorf zurckzuschleichen.

                              Fnfzehntes Capitel.


Caro hatte, whrend ich den schmalen Pfad ber die Haide nach Trantowitz lief,
keine Veranlassung, mit dem Benehmen seines Herrn zufriedener zu sein als zuvor.
Ich sprach nicht mit ihm, wie sonst; ich hatte kein Auge fr die paar
unglcklichen Hasen, die er, um sich die tdtliche Langeweile zu vertreiben, aus
ihrem nassen Lager aufstie, oder fr die Mvenschwrme, die sich vor dem
Unwetter auf dem Meere hierher zurckgezogen hatten, wo es freilich auch noch
Wasser genug gab. Ich lief in einer Eile, als hnge Tod und Leben davon ab, ob
ich Trantowitz fnf Minuten frher oder spter erreichte, und doch war es nur zu
gewi, da Hans, wenn ich ihn in's Vertrauen zog, ebenso rathlos sein wrde, wie
ich. Aber Hans von Trantow war ein guter Mensch und Herrn von Zehren, das wute
ich, von Herzen ergeben. Und er liebte ja auch Konstanze; um Konstanzens willen,
selbst wenn er sonst keinen Grund gehabt htte, mute er mir helfen, Konstanzens
Vater zu retten, wenn Rettung noch mglich war!
    So strmte ich dahin. Unter meinen Tritten spritzte das Wasser aus dem
nassen Boden, in dem ich manchmal bis ber die Knchel versank, der Regen schlug
mir in's Gesicht und die Mven kreischten, whrend sie, die spitzen Schnbel
nach unten gekehrt, ber mir flatterten.
    Von Zanowitz nach Trantowitz war es eine halbe Stunde, die mir wie eine
Ewigkeit vorkam. Endlich erreichte ich den Hof, der selbst im Sonnenschein kahl
und de und heute im Regenwetter abscheulich aussah. Vor dem einstckigen
Wohnhause mit den acht himmelhohen Pappeln, deren schlanke Wipfel der Regensturm
zerzauste, hielt Granow's Jagdwagen bespannt. Der widerwrtige Mensch war also
da; aber gleichviel; ich mute Hans allein sprechen, und sollte ich Herrn von
Granow vorher zur Thr hinauswerfen.
    Die Herren saen, als ich eintrat, beim Frhstck; ein paar leere Flaschen,
die auf dem Tisch standen, bewiesen, da sie bereits einige Zeit dabei gesessen
hatten. Granow verfrbte sich bei meinem Anblick. Ich mochte mit meinem
erhitzten, aufgeregten Gesicht, meinen vom Regen durchnten Kleidern und den
bis oben hinauf von Dnensand und Moorschlamm bedeckten Jagdstiefeln bedenklich
genug aussehen, und der kleine Mann hatte mir gegenber nicht das beste
Gewissen. Trantow langte, ohne sich zu erheben, bei meinem Eintritt nach einem
Stuhl, der in der Nhe stand, rckte denselben an den Tisch, und nickte, indem
er mir die Hand reichte, nach den Flaschen und Schsseln. Sein gutes Gesicht war
bereits sehr roth und seine groen blauen Augen ein wenig glsern; offenbar
kamen die leeren Flaschen zum grten Theil auf seine Rechnung.
    Sie sind doch nicht auf der Jagd gewesen bei dem grulichen Wetter? fragte
Herr von Granow, der pltzlich sehr freundlich geworden war und mir verbindlich
Brod, Butter und Schinken zuschob, welchem Allen ich, trotz meiner Sorgen,
eifrig zusprach; denn ich war vollkommen ausgehungert und die dumpfe Luft des
Zimmers hatte mir fast eine Ohnmacht zu Wege gebracht. Wir sitzen hier schon
seit zwei Stunden, und berlegen, wie wir den Tag hinbringen sollen. Ich habe
ein kleines Jeu vorgeschlagen, aber Hans will nicht spielen; er sagt, er wolle
berhaupt nicht wieder spielen. Er sagt: das Spiel sei ein Laster.
    Das ist es auch, brummte Hans.
    Nmlich nur, wenn er gewinnt, sagte Granow und lachte ber seinen Witz.
Er findet es lasterhaft, andern Leuten das Geld abzunehmen, das sie vielleicht
nothwendig brauchen; er selbst braucht kein Geld, nicht wahr, Hans?
    Wte nicht wozu. sagte Hans.
    Da hren Sie es selbst; er wei nicht wozu. Er mu heirathen, das ist die
Sache; dann wird er wissen, wozu er das Geld braucht. Wir haben noch eben
darber gesprochen.
    Das Roth auf des guten Hans Gesicht dunkelte noch ein wenig nach und er warf
einen scheuen Blick auf mich; es schien mir, da ich in dem Gesprche der Herren
eine Rolle gespielt hatte.
    Es wird ihm nicht so leicht wie Ihnen, der Sie nur anzuklopfen brauchen,
sagte ich.
    Sie meinen? fragte der kleine Herr mit einiger Unruhe.
    Ich meine, Sie htten das vorgestern Abend mir selbst gesagt, erwiederte
ich. Sie nannten ja auch wohl Namen; aber es geht nicht, es geht wirklich
nicht, obgleich Herr von Granow sich die Sache nach allen Seiten berlegt hat.
    Ich hatte die letzten Worte, indem ich mich zu Hans wandte, in ironischem
Tone gesprochen. Hans, dessen Kopf niemals besonders hell war, konnte an diesem
dunkeln Tage kein Licht in meine Rede bringen, aber Herr von Granow hatte mich
nur zu gut verstanden.
    Man sollte einen Scherz nicht ernster nehmen, als er gemeint ist, sagte
er, indem er sich mit zitternder Hand ein Glas Wein einschenkte.
    Oder vielmehr, man sollte mit gewissen Dingen berhaupt keinen Scherz
treiben, erwiederte ich, indem ich seinem Beispiel folgte.
    Ich bin alt genug, um ohne Ihre Belehrungen fertig werden zu knnen, sagte
der Kleine mit einem klglichen Versuch, mich einzuschchtern.
    Und haben doch nicht gelernt, Ihre Zunge im Zaume zu halten, erwiederte
ich, ihm starr in's Gesicht sehend.
    Es scheint, Sie wollen mich beleidigen, junger Mensch, schrie er, indem er
das Glas, an dem er genippt, heftig auf den Tisch stie.
    Soll ich Ihnen das vielleicht dadurch noch deutlicher machen, da ich Ihnen
dies Glas an den Kopf werfe?
    Aber Ihr Herren! sagte Hans.
    Genug, rief der Kleine, indem er seinen Stuhl zurckstie und aufsprang; -
ich will nicht lnger in dieser Weise beleidigt sein; ich will Satisfaction
haben, wenn dieser Herr satisfactionsfhig ist.
    Mein Vater ist ein ehrenwerther Steuerbeamter, sagte ich, mein Grovater
war Prediger, mein Urgrovater ebenfalls - der Ihrige ist ja wohl Schfer
gewesen?
    Wir sprechen uns wieder; kreischte der Kleine, indem er zum Zimmer
hinausstrmte und die Thr hinter sich zuschlug. Einen Moment spter hrten wir
seinen Wagen eilig ber das Pflaster des Hofes davon rollen.
    Nun aber, was bedeutet dies? fragte Hans, der sich whrend der ganzen
Scene nicht in seinem Stuhle geregt hatte.
    Ich brach in ein wildes Gelchter aus.
    Das bedeutet, rief ich, da Herr von Granow ein Lump ist, der die
Frechheit gehabt hat, ber eine Dame, die wir Beide verehren, in einer Weise zu
lstern, fr die er noch ganz etwas Anderes verdient htte, und auerdem habe
ich ihn weg haben wollen; ich mu Sie sprechen; Sie mssen mir helfen; Sie
mssen ihm helfen -
    Ich wute nicht, wie ich beginnen sollte, und lief, durch die eben gehabte
Scene doppelt aufgeregt, wie ein Wahnsinniger, in dem Zimmer auf und ab.
    Trinken Sie eine halbe Flasche auf einmal, sagte Hans nachdenklich, das
ist ein Universalmittel, das macht einen klaren Kopf.
    Aber ich kam auch ohne des guten Hans Universalmittel wieder so weit zur
Ruhe, um ihm mittheilen zu knnen, was mir schier das Herz abdrckte. Ich
erzhlte ihm Alles von Anfang an: meinen ursprnglichen Verdacht gegen Herrn von
Zehren, der vollkommen eingeschlafen sei, bis ihn Granow's Schwatzhaftigkeit
wieder geweckt habe; dann Herrn von Zehren's halbes Zugestndni gestern Abend
und die Umstnde seiner Abreise, wobei ich nur den Brief des Steuerraths, der
doch eigentlich nicht mein Geheimni war, verschwieg; sodann die
Keller-Expedition von heute morgen, endlich Christel's Mittheilung. Ich sagte
zuletzt: Herr von Trantow, ich wei nicht, wie Sie ber seine Handlungsweise
denken, aber ich wei, da Sie ihn lieb haben, und da Sie, fgte ich errthend
hinzu, Konstanze, Frulein von Zehren, verehren. Helfen Sie mir, wenn Sie
knnen; ich bin entschlossen, Alles daran zu setzen, ihn nicht in die Schlinge
fallen zu lassen, die man ihm offenbar gelegt hat.
    Hans von Trantow war whrend meiner Erzhlung die Cigarre ausgegangen, ohne
da er einen Versuch gemacht hatte, dieselbe wieder in Brand zu setzen - ein
Beweis der gespannten Aufmerksamkeit, mit der er meinem Bericht gefolgt war.
Jetzt, als ich zu Ende, reichte er mir ber den Tisch herber seine groe Hand
und wollte etwas sagen, bemerkte aber, da unsere Glser leer waren; so schenkte
er dieselben wieder voll, zndete sich dann die Cigarre an, lehnte sich in
seinen Stuhl zurck und hllte sich in eine graue Wolke.
    Ich kann es nicht ausdenken, fuhr ich, durch Hans schweigende Theilnahme
angefeuert, fort, da sie ihn fangen; denn ich bin berzeugt: er wird sich
nicht gutwillig ergeben, er wird sich zur Wehr setzen.
    Hans nickte, um anzudeuten, da er darber nicht den geringsten Zweifel
habe.
    Und dann zu denken, da sie ihm den Proce machen, da sie ihn in's
Gefngni werfen! Herr von Trantow, sollen wir das zulassen, wenn wir es hindern
knnen? Er hat mir noch gestern eine Geschichte erzhlt, wie einer seiner Ahnen,
der auch Malte hie, von einem der Ihren, der sich Hans nannte, wie Sie,
herausgeholt und herausgehauen ist, als sie ihn in Uselin gefangen hatten, auf
eine Botschaft hin, die dem Hans von Trantow ein treuer Junge von einem Knappen
brachte. Nun, das stimmt Alles heute, wie damals. Ich bin der treue Knappe, und
Sie und ich, wir wollen ihn heraushauen, da es nur so eine Art hat.
    Ja, das wollen wir! rief Hans, indem er mit seiner schweren Faust auf den
Tisch schlug, da die Flaschen und Glser tanzten. Wir wollen den Thurm in die
Luft sprengen, wenn sie ihn einsperren.
    So weit drfen wir es nicht kommen lassen, sagte ich, trotz meiner Sorgen
unwillkrlich ber Hans' gutmthig-blinden Eifer lchelnd. Wir mssen ihn
vorher benachrichtigen; wir mssen vorher an ihn kommen; wir mssen den ganzen
Plan, den man auf Pinnow's und Jochen's schurkische Verrtherei gebaut hat,
zerstren. Aber wie? nur wie?
    Ja, wie? sagte Hans, indem er sich nachdenklich die Stirn rieb.
    Wir - oder vielmehr ich, denn Hans begngte sich, den eifrigen Zuhrer zu
machen und mir fortwhrend einzuschenken, vermuthlich, um meiner Erfindungskraft
zu Hlfe zu kommen - entwarfen hundert Plane, von denen der eine immer weniger
ausfhrbar war, als der andere, bis ich zuletzt auf den folgenden verfiel, der
sich denn, wie brigens die andern auch, der vollsten Zustimmung des guten Hans
erfreute.
    Wenn man die Absicht hatte, Herrn von Zehren auf frischer That zu ergreifen
- und wie konnte ich nach Christel's Mittheilung daran zweifeln? - so war die
grte Wahrscheinlichkeit, da man ihm, wie das in diesen Affairen immer die
Praxis war, einen Hinterhalt gelegt hatte. Dieser Hinterhalt konnte nur auf
einem Wege liegen, in den man ihn geflissentlich lockte, oder den er nothwendig
kommen mute. Ueber den erstern Fall war selbstverstndlich nichts vorher
auszumachen; fr den letztern Fall war mit ziemlicher Bestimmtheit anzunehmen,
da der Hinterhalt in unmittelbarer Nhe des Hofes lag. In jedem Falle mute man
suchen, so frh wie mglich zu ihm zu gelangen. Hier aber gab es nur ein Mittel.
Man mute mit Pinnow zugleich aussegeln, das heit, man mute sich, da der Alte
so bedenkliche Passagiere gutwillig gewi nicht mitnehmen wrde, die Mitfahrt
erzwingen. Wie das in's Werk zu richten sei, konnte nur dem Zufall berlassen
bleiben; die Hauptsache war, da wir zur rechten Zeit in Zanowitz waren. Vor
Einbruch der Dunkelheit segelte Pinnow jedenfalls nicht, denn die
Schmuggler-Jacht wrde ohne Zweifel erst unter dem Schutze der Dunkelheit, und
zwar dann so nahe als mglich, herankommen. Waren wir erst einmal an Bord, mute
sich das Weitere finden.
    Dann wurde ein zweite Frage errtert. Da es so oder so ohne Gewalt nicht
abgehen wrde, daran zweifelte weder Hans noch ich. Mit Gewehren war im Dunkeln
nichts zu machen, noch weniger mit Hirschfngern oder Jagdmessern gegenber
Pinnow und seinen Gesellen, die alle Messer fhrten und Messer jedenfalls besser
zu gebrauchen wuten als wir. Es muten also Pistolen sein.
    Hans hatte ein Paar; ein Paar reichte nicht; in Herrn von Zehrens Zimmer
hing ein anderes. Sie muten herbeigeschafft werden. Ueber Konstanzens Verbot,
das Haus vor der Rckkehr des Vaters nicht wieder zu betreten, setzte ich mich
leicht weg; hier standen hhere Interessen auf dem Spiel; hier handelte es sich
um Tod und Leben. Ja, es fragte sich, ob es nicht wohlgerathen wre, Frulein
von Zehren wenigstens einen Wink zu geben; doch nahmen wir davon Abstand, weil
sie schlielich uns nicht helfen konnte und sich also nutzlos ngstigen wrde.
Dagegen schien es rathsam, den alten Christian, auf den man sich wohl jedenfalls
verlassen durfte, in's Vertrauen zu ziehen. Wir konnten mit ihm ein Zeichen
verabreden: ein Licht in einem der Giebelfenster, oder etwas derart, wodurch er
uns, im Falle wir unangefochten bis nach Zehrendorf gelangten, schon von weitem
benachrichtigen konnte, ob auf dem Hofe und um den Hof herum die Luft rein sei
oder nicht.
    Es war zwei Uhr geworden, als wir in unsern Beratungen so weit gekommen
waren; bis zur Dmmerung hatten wir mindestens noch drei Stunden, whrend derer
wir uns in Geduld fassen muten, - eine schwere Aufgabe fr mich, in dessen
Adern das Fieber der Ungeduld brannte. Hans machte den liebenswrdigsten Wirth.
Er holte seine besten Cigarren und seinen besten Wein; er war gesprchig, wie
ich ihn noch nie gesehen; die Aussicht auf ein Abenteuer so ernster Natur, wie
es uns bevorstand, schien ihn wohlthtig aus seiner gewhnlichen Lethargie
aufgerttelt zu haben. Er erzhlte die unendlich einfache Geschichte seines
Lebens: wie er seine Eltern frh verloren, wie man ihn in die
Provinzial-Hauptstadt in Pension gegeben, damit er das Gymnasium besuchen knne,
auf welchem er es im siebzehnten Jahre glcklich bis zur Unterquarta brachte.
Dann war er Oekonom geworden, hatte, als er mndig wurde, sein Erbgut
bernommen, und da lebte er nun sechs Jahre - er stand jetzt in seinem
dreiigsten - still und harmlos, sein Gescho nur auf des Waldes (und des
Feldes) Thiere richtend, sein Korn bauend, seine Schafe scheerend, seine Cigarre
rauchend, seinen Wein trinkend und sein Spiel spielend. Es gab nur eine Romantik
in diesem prosaischen Leben, das war seine Liebe fr Konstanze. Konstanze sehen,
sie lieben und immer weiter lieben, trotzdem er sich ber die Hoffnungslosigkeit
seiner Leidenschaft lngst vollkommen klar war, und diese hoffnungslose
Leidenschaft, so gut es gehen wollte, im Wein ertrnken - das war des armen
Jungen Schicksal. Er nahm es mit vollkommener Seelenruhe hin, berzeugt, wie er
war, da er nicht der Mann sei, sich sein Schicksal selbst zu machen, so wenig,
wie er sich seine Schularbeiten jemals hatte selbst machen knnen. Weshalb oder
fr wen sollte er sich in mhseliger Arbeit qulen? Fr sich selbst? Er hatte
fr den Augenblick, was er brauchte, und eine Zukunft gab es fr ihn nicht. Er
war der Letzte seines Stammes, nicht einmal Verwandte hatte er. Wenn er starb,
fiel sein Gut als erledigtes Lehen an die Krone. Mochte die Krone zusehen, was
sie mit den verwitterten Scheunen und Viehstllen, mit dem zusammenbrechenden
Herrenhause anfing! Er lie verwittern, was verwittern, zusammenbrechen, was
zusammenbrechen wollte. Er brauchte nur ein Zimmer, und in diesem einen Zimmer
saen wir jetzt, whrend Hans in seiner eintnigen Weise so erzhlte und der
Regen die melancholische Begleitung zu dem traurigen Text an die niedrigen
Fenster schlug.
    Fr mich hatte eine Unterhaltung, durch welche Konstanzens Name, auch wenn
er nicht genannt wurde, fortwhrend hindurchklang, einen sonderbar peinlichen
Reiz. Obgleich Hans das schne Mdchen nicht mit einer Sylbe anklagte, ging doch
aus Allem hervor, da sie seine schchternen Bewerbungen anfnglich begnstigt
hatte und erst nach der Begegnung mit dem Frsten Prora diesen Sommer im Bade
eine Vernderung in ihrem Benehmen eingetreten war. Und Hans war offenbar nicht
der Einzige gewesen, der sich ohne Unbescheidenheit Hoffnung auf ihre Hand hatte
machen drfen. Karl von Sylow, Fritz von Zarrentin, mit einem Worte, fast jeder
aus der Schaar der jungen Edelleute, die den Umgang Herrn von Zehren's bildeten,
hatte sich frher oder spter, mit grerem oder geringerem Recht, fr den
Begnstigten halten knnen. Selbst Granow, obgleich er von Anfang an das
Stichblatt der Witze seiner Genossen gewesen war, durfte sich rhmen, in den
ersten Monaten seines Aufenthaltes von dem schnen Mdchen ausgezeichnet worden
zu sein; ja Hans schien noch jetzt Granow's Fall fr keineswegs verzweifelt zu
halten; denn der kleine Mann sei sehr reich, und sie wird nur einen sehr Reichen
heirathen, sagte Hans und schenkte sich mit einem tiefen Athemzuge sein Glas
wieder voll.
    Ich war bei Hans' letzten Worten aufgesprungen und hatte das Fenster
aufgerissen. Mir war, als ob ich ersticken msse, als ob die niedrige
Zimmerdecke mit den tiefeingebogenen, freiliegenden Balken jeden Augenblick ber
mir zusammenbrechen msse.
    Regnet es noch? fragte Hans.
    Es regnete im Augenblicke nicht, dafr kam aber vom Meere her einer jener
Nebel, deren schon im Laufe des Tages mehrere vorbergezogen waren.
    Richtiges Schmugglerwetter, sagte Hans, der Alte sollte sich schmen, an
einem solchen Tage seine Freunde herauszujagen. Aber das hilft nun nicht. Wollen
wir nicht noch eine Flasche trinken? Es wird heute Nacht verdammt kalt werden.
    Ich meinte, wir htten schon berreichlich getrunken, und da es wohl Zeit
sei, aufzubrechen.
    Dann will ich mich zurecht machen, sagte Hans, stand auf und ging in seine
Schlafstube, wo ich ihn eine Zeit lang zwischen seinen Wasserstiefeln poltern
hrte.
    Ich hatte immer geglaubt, da ich einer Gefahr gegenber hinreichend
kaltbltig sei; aber in Hans hatte ich doch meinen Meister gefunden. Whrend er
drinnen rumorte, hrte ich ihn durch die halb offene Thr: Steh' ich in
finsterer Mitternacht so behaglich pfeifen, als ob es zur Hasenjagd ginge, als
ob wir nicht im Begriff wren, unser Leben auf's Spiel zu setzen. Freilich,
sagte ich zu mir, er liebt hoffnungslos und Herr von Zehren ist ihm eben nur ein
Freund und Nachbar und Standesgenosse, dem gegen die verhate Polizei
beizustehen er fr seine Schuldigkeit hlt. - Da Hans, indem er sich fr eine
Sache schlagen wollte, die ihn im Grunde nichts anging, viel mehr that, als ich,
zum wenigsten viel uneigenntziger handelte, bedachte ich nicht.
    Und da trat er nun aus seiner Kammer, wenn nicht wie der wildeste der wilden
Krieger, so doch anzuschauen wie Einer, den man sich gern zum Gefhrten bei
einem Abenteuer whlt, das einen starken und muthigen Mann erfordert. Seine
langen Beine staken in mchtigen Stiefeln; ber sein knapp anliegendes seidenes
Wamms hatte er einen etwas lngeren wollenen Ueberwurf gezogen, den er auf
Winterjagden tragen mochte und den man mit einem Grtel um die Hften
zusammennehmen oder auch frei herunterfallen lassen konnte. Er hatte jetzt das
letztere gethan und dafr den Grtel um das Wamms geschnallt, um so die
Pistolen, die er in den Grtel gesteckt hatte, zu verbergen. Mit gutmthigem
Lachen zeigte er mir seine Ausrstung und fragte, ob ich nicht auch so einen
Ueberwurf wolle, es hnge noch einer nebenan. Ich hllte mich in das praktische
Kleidungsstck. - Wir sehen aus wie zwei Brder, sagte Hans, und in der That,
da wir von derselben Krperlnge und Breite der Schultern und jetzt nun auch
fast gleich angezogen waren, htte man uns wohl fr zwei Brder halten knnen. -
Wenn's nicht zu viel sind, wollen wir schon mit ihnen fertig werden, meinte
Hans.
    So ein halbes Dutzend auf Jeden, sagte ich und lachte; aber es war mir
nichts weniger als lcherlich zu Muthe, als wir die Thr hinter uns schlossen,
und Caro, den wir zurckgelassen hatten, in ein klgliches Winseln und Heulen
ausbrach. Armer Caro! er hatte heute Morgen nur zu recht gehabt, wenn er mich
mit seiner trbseligen Miene erinnerte, da man den Tag nicht vor dem Abend
loben solle!

                             Sechszehntes Capitel.


Es war vier Uhr, als wir aufbrachen, trotzdem aber lag es schon wie Dmmerung
auf den Stoppelfeldern, ber die wir jetzt, einem Fusteig folgend, nach
Zehrendorf schritten. Von Himmel und Wolken konnte man heute nicht sprechen, da
die ganze Atmosphre mit trbem Wasserdunst angefllt war, durch welchen jeder
Gegenstand ein sonderbar fremdes, unheimliches Ansehen erhielt. Wir schritten
rasch neben und manchmal hintereinander her, denn der Fupfad war sehr schmal
und in Folge des unendlichen Regens sehr schlpfrig. Eben sprachen wir darber,
was wir Konstanze sagen wollten, im Falle wir ihr doch gegen unsern Wunsch
begegnen sollten, als wir zu gleicher Zeit auf der mit Weiden besetzten
Landstrae, welche sich in der Entfernung von vielleicht hundert Schritten neben
uns hinzog, eine vom Schlosse kommende, mit zwei Pferden bespannte Kutsche in so
groer Eile dahinjagen sahen, da sie in weniger als einer halben Minute im
Nebel verschwunden war, und wir nur noch den dumpfen Hufschlag der flchtigen
Pferde und das Rollen des Wagens auf dem hckerigen Fahrdamm hrten. Hans und
ich sahen uns erstaunt an.
    Wer kann das sein? fragte Hans.
    Es ist der Steuerrath, sagte ich.
    Wie soll der hierher kommen? fragte Hans.
    Ich antwortete nicht; ich konnte doch Hans nicht von dem Briefe erzhlen,
welcher die directe oder indirecte Mitschuld des Steuerraths bewies, und wie
wahrscheinlich es sei, da der Mann versucht haben werde, den Bruder zu warnen,
nachdem, so oder so, die Sache zu Tage gekommen. Welche Nachricht aber hatte er
gebracht? Konnte sie noch dem unglcklichen Mann, auf welchen der Verrath
lauerte, zugute kommen?
    Lassen Sie uns eilen, was wir knnen, rief ich, indem ich, ohne Hans'
Antwort abzuwarten, voranstrmte, und Hans, der ein trefflicher Lufer war, mir
auf dem Fue folgte.
    In wenigen Minuten hatten wir das Thor erreicht, das von dieser Seite auf
den Hof fhrte. Vor dem Thore war eine steinerne Bank angebracht, fr Leute, die
auf das Aufschlieen des Thores warten muten, und auf dieser Bank sa oder
vielmehr lag der alte Christian, dem aus einer frischen Wunde auf der Stirn das
Blut ber das bleiche, runzelige Gesicht flo. Eben, als wir herankamen, wachte
er aus einer halben Ohnmacht auf und starrte uns mit verwirrten Blicken an. Wir
richteten ihn in die Hhe; Hans schpfte aus einer Regenlache in der Nhe Wasser
in die hohle Hand und go es dem Alten ber das Gesicht. Die Wunde war nicht
tief und schien von einem Schlage mit einem stumpfen Werkzeug herzurhren.
    Was ist geschehen, Christian? hatte ich schon ein halbes Dutzend mal
gefragt, ehe der arme alte Mensch so weit wieder zu sich kam, um mit schwacher
Stimme antworten zu knnen:
    Was soll geschehen sein? Weg ist sie! und er hat mich mit dem
Peitschenstiel ber's Gesicht geschlagen, als ich ihm das Thor zusperren
wollte.
    Ich hatte genug gehrt. Wie ein Raubthier, dem sein Junges gestohlen ist,
sprang ich fort nach dem Hause. Die Thren standen auf: die Hausthr, die zum
Speisezimmer, die zu Herrn von Zehren's Zimmer. Ich strzte hinein, da ich
drinnen hmmern und rumoren hrte. Vor dem Secretr Herrn von Zehrens kniete die
alte Pahlen und arbeitete, whrend sie dabei wthend schalt, mit einem
Kchenbeil und Stemmeisen an dem Schlosse. Sie hatte mein Kommen nicht gehrt;
ich ri sie mit einem Griff in die Hhe, sie fuhr zurck und stierte mich mit
Blicken an, die von ohnmchtiger Wuth funkelten. Das graue Haar hing ihr in
Zotteln unter der schmutzigen Haube hervor, in der Rechten hielt sie noch das
Beil. Das scheuliche Weib, dessen grundbse Natur jetzt offen hervortrat,
gewhrte einen entsetzlichen Anblick, aber ich war nicht in der Stimmung, mich
durch einen Anblick, und wre er noch entsetzlicher gewesen, einschchtern zu
lassen.
    Wo ist sie hin? donnerte ich sie an. Sie mssen es wissen, denn Sie haben
ihr weggeholfen!
    Ja, das hab' ich, schrie die Hexe, das hab' ich, und Gott soll mich
verdammen, da ich es habe! Das undankbare, nichtswrdige Geschpf hat mir
versprochen, mich mitzunehmen, und lt mich mit Schimpf und Schanden hier in
der Ruberhhle, aber sie wird's ja noch an sich erleben, wenn er sie auf die
Strae wirft, die -
    Weib, noch ein Wort und ich schlage Dich zu Boden! rief ich, indem ich
drohend die Faust erhob.
    Die Alte brach in ein kreischendes Gelchter aus. Nun fngt der auch noch
an, rief sie, dem haben sie eine schne Nase gedreht! der dumme Junge! glaubt,
er sei der Hahn im Korbe, whrend der Andere Nacht fr Nacht bei ihr gewesen
ist! Lt sich auch noch wegschicken, damit der Andere in der Kutsche kommen und
die saubere Mamsell holen kann! Und wieder kreischte die Alte in wahnsinnigem
Gelchter auf.
    Dem sei nun wie ihm wolle, sagte ich, indem ich mich, dem grulichen Weibe
gegenber, zwang, den rasenden Jammer, der mein Herz schwellen machte,
niederzukmpfen. Ihnen ist auf jeden Fall recht geschehen, und wenn ich Sie
nicht als eine Diebin, die Sie sind, vom Hofe herunter hetzen soll, so machen
Sie im Augenblick, da Sie fortkommen.
    Ei, sieh doch, kreischte das Weib, die Arme in die Seite stemmend, wie
der hier das groe Wort fhrt? Eine Diebin? so! ich will blos mein Geld; ich
habe seit einem halben Jahre keinen Lohn bekommen von der Bettlerbagage, von der
Schmugglerbande!
    Sie hatte von mir in den zwei Monaten meines Aufenthalts auf Zehrendorf mehr
bekommen, als ganz gewi ihr Jahreslohn betrug, und ich hatte selbst gesehen,
wie Herr von Zehren ihr noch vor wenigen Tagen ihren Lohn ausgezahlt und ein
groes Trinkgeld dazu gegeben hatte.
    Hinaus, rief ich, hinaus und herunter vom Hof, im Augenblick!
    Die Alte fate nach dem Beil, aber sie wute recht gut, da ich nicht so
leicht in Furcht zu setzen war. So wich sie denn vor mir zurck, zu dem Zimmer
und zu dem Hause hinaus, indem sie dabei fortwhrend in den hchsten Tnen die
entsetzlichsten Schimpfreden und wildesten Drohungen gegen Herrn von Zehren,
gegen Konstanze und mich ausstie. Ich machte selbst das groe Hofthor hinter
ihr zu und wandte mich dann zu Hans, der eben aus dem Leutehause heraus kam,
wohin er den alten Christian gebracht hatte.
    Hans war ganz bla und sah mich nicht an, als er an mich herantrat. Er hatte
von Christian genug erfahren, da er mich nicht um die nheren Details von
Konstanzens Entfhrung zu befragen brauchte; und er mochte mich nicht sehen
lassen, wie hart ihn der Schlag getroffen, der ihm sein Gtterbild in den Koth
schleuderte, der ihm seine einzige Illusion, den letzten Schimmer von Poesie in
seinem armen Leben so grausam zerstrte. Ich ergriff und drckte seine Hand.
    Was nun? fragte ich.
    Wenn ich ihm nachjagte und ihm den Schdel einschlge, sagte Hans.
    Vortrefflich, erwiederte ich, mit einem Gelchter, das mir nicht von
Herzen kam, falls er sie gewaltsam entfhrt htte; aber da sie sich sehr
gutwillig hat entfhren lassen ... Kommen Sie! die Sache ist wahrlich nicht
werth, da wir auch nur einen Augenblick weiter daran denken.
    Sie haben sie nicht sechs Jahre lang geliebt, sagte der arme Hans.
    Dann satteln Sie sich Herrn von Zehren's Braunen und reiten Sie ihm nach,
sagte ich; aber entscheiden mssen wir uns.
    Hans stand unschlssig da: Ich htte Ihnen bei Gott gerne geholfen, sagte
er.
    Reiten Sie ihm nach und zchtigen Sie den Buben, wenn Ihnen so zu Muthe
ist! rief ich, mir soll es recht sein. Nur mu gleich geschehen was geschehen
soll.
    Dann will ich's thun, sagte Hans und ging mit langen Schritten nach dem
Pferdestall, wo, wie er wute, Herrn von Zehren's Reitpferd stand, ein
starkknochiges Jagdpferd, das seine besten Jahre hinter sich hatte und in
jngster Zeit, wo Herr von Zehren wenig mehr ritt, sehr vernachlssigt wurde.
    Es war auf dem Hofe ein junger halbwchsiger Bursche, der allerlei Arbeit
verrichtete und von den Anderen sehr gehudelt wurde. Der kam jetzt zu mir heran
und sagte, der Jochen sei vor einer Stunde dagewesen und habe sich den Karl, der
in dem Futterraume Hcksel geschnitten, und den Hanne, der in der Leutestube
gesessen, geholt; so habe er Karl's Arbeit bernehmen mssen. Von dem, was
unterdessen vorgefallen, hatte er hinten in seinem dunkeln Futterraume nichts
gesehen und gehrt.
    Dem sehr einfltigen, halb bldsinnigen Menschen eine Rolle zu ertheilen,
wie sie Christian hatte bernehmen sollen, wre Thorheit gewesen; aber da er ein
guter Junge war, konnte ich ihm immerhin die Sorge fr den Alten und die
Bewachung des Hofes anvertrauen. Er sollte von Zeit zu Zeit mit dem Hunde, den
ich von der Kette lie, die Runde machen und unter keiner Bedingung die alte
Hexe, die ich soeben vom Hofe gejagt und von der ich mir das Schlimmste versah,
wieder hereinlassen. Fritz versprach, meinen Befehlen genau Folge zu leisten.
Dann lief ich in das Haus und steckte Herrn von Zehren's Pistolen, die geladen
an der Wand hingen, zu mir.
    Als ich wieder auf den Hof kam, sah ich eben noch Hans aus dem Thor
galoppiren. Eine tolle Eifersucht erfate mich. Weshalb durfte ich nicht an
seiner Stelle sein? Die gefate Ruhe, die Gleichgiltigkeit, die ich eben zur
Schau getragen - es war Alles nur Heuchelei gewesen - ich hatte nur das eine
Verlangen: mich rchen zu knnen an ihm, an ihr; aber ich mute es dem Hans
berlassen; er hatte sie sechs Jahre geliebt!
    So tobte es in mir, whrend ich im schnellsten Schritt durch die Felder,
ber die Wiese, zuletzt ber die Haide nach Zanowitz eilte. Wie sehr ich mich
auch bemhte, meine Gedanken auf das zu richten, was mir zunchst oblag, immer
wieder schweiften sie zu dem zurck, was eben geschehen war, obgleich ganz
vergeblich. Es lag wie ein schwerer Alp auf mir. Ich erinnere mich, da ich
einmal stillstand und laut aufschrie zu dem grauen Nebelhimmel. Erst als ich die
Dnen erreichte, kam mir mit der Nothwendigkeit, jetzt einen bestimmten Plan zu
fassen, die Besinnung wieder.
    Das Wetter hatte sich unterdessen etwas aufgeklrt, der Wind war
umgesprungen; es regnete nicht mehr und der Nebel hatte sich gehoben; es war
jetzt, obgleich die Sonne bereits untergegangen sein mute, heller, als eine
Stunde zuvor. Von der Hhe der Dnen auf Zanowitz hinabblickend, sah ich den
hellen Himmel in scharfer Linie von dem dunkeln Meere sich abheben, das noch
immer, obgleich nicht mehr mit der Heftigkeit von heute Morgen, seine Wogen
heranwlzte. Die greren Fahrzeuge auf der Rhede konnte ich nur noch mit Mhe
erkennen, aber die Reihe der auf den Strand gezogenen Boote sah ich deutlich,
ebenso wie die Jolle, die eben herangerudert kam auf eine kleine Gruppe von
Mnnern zu, die dort stand. Wenn dies die Letzten von Pinnow's Gesellschaft
waren, so htte ich keine Minute spter kommen drfen. Mglich war es freilich
auch, da die dunkeln Gestalten bereits Zollbeamte waren; doch htte ich mir
sagen knnen, da die Wahrscheinlichkeit nicht gro sei. Zanowitz steckte voll
von Schmugglern; eine offenbare Verrtherei durfte Pinnow kaum wagen. Nicht da
man versucht haben wrde, eine von ihm geleitete Expedition der Steuerbeamten
gewaltsam zu verhindern; aber er wre von Stund' an, sobald er offen handelnd
auftrat, der Rache der Schmuggler verfallen und seines Lebens keinen Augenblick
mehr sicher gewesen. Wie also auch der Verrath gesponnen sein mochte, die
Verrther hatten jedenfalls dafr gesorgt, da ihr Spiel fr alle Andern
vollstndig verdeckt war.
    Das zu berlegen hatte ich freilich keine Zeit. Ich berlegte eben gar
nicht, sondern sprang die Dnen hinab. Als ich mich der Gruppe nherte, lste
sich ein Mann von derselben ab und kam auf mich zu. Er hatte sich den Kragen
seiner Jacke so weit als mglich in die Hhe und den breiten Rand seines
Sdwesters so tief als mglich in die Stirn gezogen; dennoch erkannte ich ihn
sofort.
    Guten Abend, Pinnow, sagte ich.
    Er antwortete nicht.
    Es ist gut, da ich Sie treffe, fuhr ich fort, ich hrte heute Morgen von
Ihnen, Sie wrden mglicherweise noch heute Abend nach Uselin segeln; ich wollte
Sie bitten, mich mitzunehmen.
    Pinnow antwortete nicht.
    Sie werden mich schon mitnehmen mssen, sagte ich weiter, ich habe mich
schon vollstndig auf die Fahrt vorbereitet. Sehen Sie, und ich schlug meinen
Ueberwurf zurck und zog eine der Pistolen halb aus dem Grtel, sie sind scharf
geladen.
    Pinnow antwortete nicht.
    Wollen Sie vielleicht gleich einmal an sich selbst probiren, ob sie geladen
sind? fragte ich weiter, indem ich die Pistole ganz hervorzog und den Hahn
spannte.
    Kommen Sie, sagte Pinnow.
    Ich setzte den Hahn in Ruh, steckte die Pistole wieder in den Grtel und
hielt mich einen Schritt rechts ein wenig hinter Pinnow. Ich sagte zu ihm:
    Glauben Sie nicht, da Sie bei den Leuten da Schutz finden; ich bleibe an
Ihrer Seite, und beim ersten Worte, mit welchem Sie dieselben gegen mich
aufhetzen, sind Sie ein todter Mann. Wie viel haben Sie schon an Bord?
    Zehn Mann, brummte Pinnow. Uebrigens wei ich nicht, was Sie von mir
wollen; machen Sie die Sache mit oder machen Sie sie nicht mit; mir ist den
Teufel daran gelegen.
    Das werden wir sehen, sagte ich.
    Wir traten jetzt zu der Gruppe, die aus meinem langen Freunde Jochen, Karl
und Hanne, unsern Knechten und aus dem taubstummen Jakob bestand, der die Jolle
herber gerudert hatte.
    Er will mit, sagte Pinnow lakonisch, indem er selbst Hand anlegte, die
Jolle tiefer in's Wasser zu schieben.
    Dem Jochen glaubte ich die Bestrzung ber meine Dazwischenkunft auf dem
brutalen Gesichte lesen zu knnen. Er suchte in den Augen seines Spiegesellen
eine Erklrung des Rthsels, aber Pinnow war nur mit der Jolle beschftigt. Die
beiden Andern standen bei Seite. Sie wuten offenbar nicht, was dies Alles zu
bedeuten hatte.
    Es werden nur vier fest, sagte Pinnow.
    Und das reicht auch vollkommen aus, sagte ich. Ihr, Karl und Hanne, geht
nach Hause und haltet Euch da ganz ruhig, hrt Ihr?
    Ich kann auch nach Hause gehen, sagte Jochen trotzig.
    Einen Schritt von der Stelle, schrie ich, ihm die Pistole vor das Gesicht
haltend, und Du hast zum letzten mal auf Deinen Beinen gestanden. Marsch
hinein!
    Jochen Swart gehorchte.
    Jetzt Sie, Pinnow!
    Pinnow that, wie ihm geheien. Ich folgte.
    Wir hatten wohl zwanzig Minuten zu rudern, bis wir an dem Kutter ankamen,
denn die Brandung war stark, und der Kutter hatte wegen seines Tiefgangs
ziemlich weit drauen vor Anker gehen mssen. Dieser Umstand vereitelte einen
Plan, den ich noch in der letzten Minute gefat, nmlich: die ganze Bande wieder
an's Land zu setzen und mit Pinnow und Jochen allein zur Jacht zu fahren. Ich
sah, da ber dem Hin-und Herrudern im besten Falle eine Stunde vergehen wrde,
und mir lag Alles daran, so frh als mglich mit Herrn von Zehren
zusammenzukommen. Was konnte nicht Alles in einer Stunde geschehen?
    Wir langten am Kutter an, der auf den Wellen vor seiner Ankerkette tanzte,
wie ein Pferd, das ungeduldig ist, fortzukommen, im Geschirr steigt. Wir gingen
lngsseit, ich sprang an Bord, mitten zwischen die schwarzen Gestalten hinein.
    Guten Abend, Leute! sagte ich. Ich will auch dabei sein. Die Meisten von
Euch werden mich kennen. Sie wissen, da ich ein guter Freund von Herrn von
Zehren bin; brigens brgen Pinnow und Jochen Swart fr mich.
    Ich glaube, es htte dieser Brgschaft, die brigens von den Genannten durch
ihr Schweigen gegeben wurde, nicht einmal bedurft. Ich war wiederholt mit Herrn
von Zehren (auch den Tag vorher) in Zanowitz gewesen und hatte wohl mit jedem
der Leute einmal gesprochen. Mein intimes Verhltni zu Herrn von Zehren war
ihnen wohlbekannt; so schienen sie denn auch nichts Besonderes darin zu finden,
da ich an einer Expedition theilnehmen wollte, die fr Rechnung ihres und
gewissermaen meines Patrons ausgefhrt wurde. Es antwortete mir Keiner - wie
denn diese Leute nie ein Wort verlieren - aber sie machten mir willig Platz.
Meine Annahme, da Pinnow und Jochen Swart die einzigen Verrther seien, war
besttigt. Vorlufig waren sie also in jeder Beziehung in meiner Hand. Wenn ich
den Leuten mittheilte, was ich wute, so flogen vermuthlich die sauberen
Spiegesellen ber Bord. Die Leute von Zanowitz verstanden in diesen Dingen
keinen Spa.
    Ich sagte das zu Pinnow, indem ich mich zu ihm an's Steuer stellte.
    Thun Sie, was Sie wollen, brummte er, whrend er ein Stck Kautabak in den
breiten Mund steckte.
    Obgleich Christels Angaben so bestimmt gewesen waren, machte die
unverwstliche Ruhe des Mannes jetzt, wo er wute, da sein Leben jeden
Augenblick auf dem Spiele stand, mich doch stutzig. Hatte Christel sich in ihrer
Aufregung getuscht, verhrt? War ich ohne Noth in die Gesellschaft dieser
unheimlichen Gesellen gerathen, die bei Nacht und Nebel ihr gefahrvolles Gewerbe
trieben?
    Unterdessen stampfte der Kutter, der ein ausgezeichnetes Fahrzeug war, in
die Wellen. Der Himmel hatte sich mehr und mehr aufgeklrt; es war immer noch so
viel Licht, da man auf zwei-, dreihundert Schritte mit einiger Deutlichkeit vor
sich sehen konnte. Doch war es bitter kalt, und das Splwasser, das oft in
ganzen Massen auf den Kutter strzte, trug gerade nicht dazu bei, die Situation
angenehmer zu machen. Das immerhin doch kleine Fahrzeug war von den vierzehn
Menschen, die es an Bord hatte, dicht besetzt. Wohin man blickte, lag oder
kauerte eine dunkle Gestalt. Pinnow sa am Steuer. Indem ich mich fortwhrend in
seiner unmittelbaren Nhe hielt und ihn also ganz genau beobachten konnte, wurde
ich mit jeder Minute zweifelhafter, ob nicht Alles auf ein Miverstndni
hinauslaufe. Da sa der breitschulterige Mann, und keine Muskel in seinem
Gesichte regte sich, nur da er von Zeit zu Zeit mit einer langsamen Bewegung
der unteren Kinnlade den Tabak aus einer Backe in die andere schob, whrend er
die scharfen Augen bald ber die Segel, bald ber das Meer schweifen lie. Wenn
er, was, da wir kreuzen muten, alle Augenblicke geschah, Re! commandirte und
wir uns bckten, den Segelbaum ber uns weglaufen zu lassen, klang seine Stimme
so gleichmig fest, einmal wie das andere. War es mglich, da ein Verrther
eine so sichere Hand, ein so scharfes Auge hatte und so ruhig Tabak kaute?
    Wie lange, glauben Sie, werden wir noch zu fahren haben, bis wir auf die
Jacht treffen? fragte ich.
    Es kann jeden Augenblick sein, brummte Pinnow; vielleicht auch treffen
wir sie gar nicht.
    Das heit?
    Das heit, wenn sich ein Steuerboot hat blicken lassen, werden sie gemacht
haben, da sie in See kommen.
    Und wie lange werden Sie sie suchen?
    Ein Stunde; so ist es verabredet.
    Zwischen Ihnen und Herrn von Zehren oder zwischen Ihnen und dem
Steuer-Revisor Blanck?
    Pinnow spritzte den Tabaksaft ber Bord und brummte: Zum letzten mal sag'
ich Ihnen, da ich nicht wei, was Sie wollen. Wenn Ihnen, wie es scheint, die
dumme Dirne, die Christel, aufgebunden hat, da ich den Angeber gemacht habe, so
knnte sie es wohl eher selbst gethan haben. Es sollte mir leid thun, wenn sie
ihren alten Pflegevater an's Messer geliefert htte, um ihn los zu sein; aber
wozu ist eine so dumme Dirne nicht im Stande?
    Diese Worte, die der Schmied in seiner groben Weise vor sich hingebrummt
hatte, trafen mich seltsam. Hatte ich doch nur noch vor einer Stunde eine Probe
davon gehabt, wozu ein verliebtes Mdchen, das seinen Willen durchsetzen will,
im Stande ist. Und Pinnow war nur Christels Pflegevater! Sollte sie sich ein
glaubhaftes Mrchen ausgedacht haben, Herrn von Zehren und mich auf den Alten zu
hetzen? Sollte sie den Verrath, den sie dem Alten zuschob, selbst begangen,
selbst die Denunciation bei der Steuerbehrde gemacht haben, um ihn, den sie -
aus guten Grnden - los sein wollte, auf diese Weise los zu werden? Und hatte
ihr nur in der letzten Stunde das Gewissen geschlagen, indem sie bedachte, da
sie auch Herrn von Zehren, dem sie Dank schuldig war, mit in's Verderben strzen
wrde? War ihre Beichte nur ein Versuch gewesen, Herrn von Zehren durch mich zu
retten?
    Ich gebe zu, da eine Minute ruhigen Nachdenkens hingereicht htte, mich von
der vollkommenen Unwahrscheinlichkeit dieser Annahme zu berzeugen; aber wie
htte mir in der Situation und in der Stimmung, in der ich mich befand, eine
solche Minute werden knnen!
    Eine wilde Lustigkeit berkam mich. Ich lachte laut. War es denn nicht zum
Lachen, da von uns beiden Verbndeten Hans hinter dem saubern Paar her
galoppirte, auf der grundlosen Landstrae im Nebelgeriefel, ohne den Schatten
eines vernnftigen Grundes fr seinen Parforce-Ritt? und war es nicht zum
Lachen, da ich mit einem Eifer und einer Blindheit ohnegleichen seit dem Morgen
bis jetzt durch Sturm und Regen unter tausend Aengsten am Narrenseil gelaufen
war, dessen anderes Ende zwei Mdchenhnde festhielten, von denen ich, zum Dank
dafr, die eine inbrnstiglich gekt und die andere wenigstens herzlich
gedrckt hatte! Wahrlich, besser wr's gewesen, er und ich wren sitzen
geblieben hinter der Flasche in der warmen Stube! - Aber es soll das letzte mal
sein, da ich so blind wieder in die Schlinge gehe! Das letzte mal!
    Sehen Sie, sagte Pinnow, indem er mir die Schulter berhrte und in
demselben Augenblick in einem eigenthmlich langgezogenen, vorsichtig gedmpften
Tone Re! commandirte.
    Ein mittelgroes, schmuck getakeltes Boot segelte ein paar hundert Schritte
vor uns. Ich erkannte beinahe auf den ersten Blick eines der Steuerboote, der
Blitz genannt. Ich war zu oft selbst darauf gefahren; ich hatte es zu oft in
allen mglichen Segelstellungen gezeichnet, als da ich mich htte tuschen
knnen.
    Das ist der Blitz, rief ich.
    Der Blitz hatte in demselben Momente fast, in welchem der Kutter umlegte,
ebenfalls seinen Curs verndert und kam hinter uns her.
    Boot ohoi! schallte es jetzt durch ein Sprachrohr ber die siedenden,
klatschenden Wellen.
    Mein Blut stockte, meine Hand lag am Pistolenkolben. Drehte Pinnow jetzt
bei, so war sein Verrath bewiesen.
    Boot ohoi! schallte es wieder herber.
    Holt den Fock an! commandirte Pinnow.
    Ich athmete auf. Pinnow's Commando hie so viel als: Sauve qui peut!
    Boot ohoi! erschallte es zum dritten mal, und fast in demselben Moment
blitzte es auf dem Steuerboot auf und ein durch die Entfernung und das Rauschen
der Wellen gedmpfter Knall schlug an mein Ohr.
    Klverreff aus! commandirte Pinnow.
    Meine Hand lie die Pistole los. Es war kein Zweifel mehr, da Pinnow Alles
daran setzte, dem verfolgenden Boote zu entrinnen. In meinem tiefsten Herzen
frohlockte es; der Mann an meiner Seite, den ich frher so gern gehabt hatte,
obgleich er es nicht um mich verdiente, war kein Verrther! Was wrde ich gethan
haben, htte ich gewut, da dies Alles ein sorgfltig abgekartetes Spiel war;
da der kaltbltige alte Schurke sich durch meine plumpe Einmischung in der
Ausfhrung des einmal festgestellten Planes nicht im mindesten stren lie; da
dies Zusammentreffen mit dem Zollboot verabredet war, um dasselbe auf die Spur
zu bringen? da Verfolgung und Flucht nur fingirt waren, um vor den anderen
Schmugglern den Verrath zu maskiren? da die drei oder vier blinden Schsse, die
jetzt auf dem Zollboot abgefeuert wurden, denselben Zweck hatten? Was wrde ich
gethan haben, htte ich es gewut! Wohl mir, da ich es nicht wute, so klebt
doch wenigstens nicht das Blut eines Menschen an meiner Hand!
    Der Kutter scho jetzt unter der Last seiner Segel, die den Leebord auf das
Niveau des Wassers drckte, prachtvoll dahin; der Blitz blieb zurck, er wute
warum; es dauerte nicht lange, so war er unsern Blicken entschwunden.
    In die bis dahin stumme, fast regungslose Mannschaft des Kutters war etwas
von Leben gekommen. Sie hoben die Kpfe, und Einer theilte dem Andern seine
Ansicht ber den Zwischenfall mit, der brigens nicht zu den ungewhnlichen
gehrte. Jeder von diesen Leuten war irgend einmal in allzu genaue Berhrung mit
den Zollwchtern gekommen. Die Freiheit, vielleicht das Leben eines Jeden hatte
irgend einmal an einem Faden gehangen. So war die Aufregung nicht gerade gro,
scheinbar bei Niemand geringer als bei Schmied Pinnow. Er sa am Steuer gerade
so wie vorher, nach den Segeln oder scharf in die Dmmerung hineinblickend,
tabakkauend und sonst keine Miene verziehend. Er sprach kein Wort mit mir, als
verlohne es sich fr einen alten Praktiker nicht der Mhe, mit einem so jungen
Menschen ber Dinge zu sprechen, die er doch nicht verstand. In meiner Kehle
entstand eine Trockenheit, die mich ein paar Mal zu husten zwang; zugleich
knpfte ich den Ueberwurf fester ber meine Pistolen.
    Da tauchte wieder eine dunkle Masse aus dem Abenddunst, und diesmal war es
die lange gesuchte Jacht, ein mittelgroes Fahrzeug mit nur einem Segel, aber
einem Volldeck. In wenigen Minuten lagen wir lngsseit, und alsbald wurden auch
schon die bereitgehaltenen Waarenballen von dem Deck der Jacht herabgelangt und
von der Mannschaft unseres Kutters, die jetzt schnell genug sein konnte, in
Empfang genommen. Es ging Alles wunderbar still zu, kaum da dann und wann
einmal ein unterdrckter Ruf oder ein halblaut mit rauher Stimme gegebener
Befehl des Kapitns hrbar wurde.
    Ich war einer der Ersten an Bord der Jacht gewesen; aber vergeblich hatte
ich mich nach Herrn von Zehren umgeschaut. Schon glaubte ich mich von der Angst,
ihn hier zu sehen, erlst, als er pltzlich aus der Luke, die in den Kajtenraum
fhrte, auftauchte. Sein erster Blick fiel auf mich; er kam auf mich zu,
taumelnd, ich glaubte, infolge des Schwankens des Schiffes.
    Nun, zum Teufel, wo kommen Sie hierher? rief er mit heiserer Stimme; aber
ich hatte keine Zeit, ihm eine ausfhrliche Antwort zu geben. Der Kutter hatte
seine Fracht eingenommen, der Kapitn der Jacht trat heran und sagte: Machen
Sie, da Sie fortkommen! Er hatte eben erfahren, da ein Zollboot unterwegs
sei, und keine Lust, sein Schiff und die brige Ladung zu riskiren. Machen Sie,
da Sie fortkommen, wiederholte er noch einmal in grobem Ton.
    Also morgen Abend um dieselbe Zeit, sagte Herr von Zehren.
    Ja, das wollen wir sehen, sagte der Kapitn und sprang nach dem Steuer,
denn die Jacht, die schon vom Anker frei war und das Hauptsegel bereits
aufgezogen hatte, begann sich in den Wind zu drehen.
    Eine Scene der Verwirrung folgte. Das ohne alle Rcksicht auf den nebenher
schwimmenden Kutter ausgefhrte Manver des greren Fahrzeuges hatte das
kleinere fast zum Kentern gebracht. Laute Fluche hinber und herber, - ein
Knirschen, Knacken, - auf die Gefahr in die See zu strzen, ein Sprung vom Deck
der Jacht in den Kutters, und wir trieben ab, whrend die Jacht bereits im Wind
lag und im nchsten Moment mit vollen Segeln davonscho.
    Das Alles war so schnell vor sich gegangen, dazu das Gewirr der vielen
Menschen auf dem kleinen Fahrzeuge, whrend die Segel wieder gestellt und die
Waaren in dem verdeckten Vorderraum sicher beigestaut wurden, so gro, da es
einige Zeit dauerte, bis ich nur an Herrn von Zehren's Seite kam.
    Er fluchte noch immer auf den Schuft von einem Kapitn, auf den Feigling,
der vor einem lumpigen Zollboot, das er in Grund und Boden segeln knne,
ausreie. Dazwischen fragte er wieder: Wo kommen Sie her?
    Ich war in Verlegenheit, wie ich diese Frage beantworten sollte. Mein
Verdacht gegen Pinnow war beinahe gnzlich verschwunden, und Pinnow sa dicht
neben uns am Steuer und hatte die laut gesprochene Frage gehrt. Ich begngte
mich daher, zu sagen:
    Ich frchtete, es knne Ihnen ein Unglck zustoen, und da wollte ich dabei
sein.
    Unglck? schrie er; Dummheit, Feigheit, das ist das Unglck! Der Teufel
soll die dummen, feigen Gesellen holen!
    Er setzte sich zu Pinnow und sprach leise mit ihm. Dann wandte er sich
wieder zu mir; Sie haben zwei von den Leuten nach Hause geschickt, das htten
Sie auch bleiben lassen knnen. Ich brauchte die Leute nothwendig; jeder Buckel
ist in diesem Augenblick seine tausend Thaler werth; oder wollten Sie selbst
einen Packen tragen?
    Er hatte das in einem rgerlich-bittern Tone gesagt, der mein Blut kochen
machte. Wenn ich unberlegt gehandelt hatte, so hatte ich es gut gemeint; fr
meine Treue noch ausgescholten zu werden, in Gegenwart Pinnow's - das war zu
viel! Ich hatte eine heftige Antwort auf der Zunge, aber ich schluckte meinen
Zorn hinunter und ging nach vorn.
    Er rief mich nicht zurck, er kam nicht zu mir, mir ein freundlich Wort zu
sagen, wie er es noch immer gethan, so oft er mich in seiner Heftigkeit gekrnkt
hatte Dafr schalt er jetzt in einem kreischenden Tone ein paar Leute aus, ich
konnte nicht verstehen, weshalb; aber dieser kreischende Ton, den ich nie an ihm
gehrt, sagte mir, was ich gleich, als ich ihn zuerst sah, gefrchtet: er war
betrunken.
    Ein abscheuliches Gefhl des Ekels und des Grams berkam mich. Um dieses
Mannes willen, der dort wie ein Rasender sich geberdete, hatte ich gethan, was
ich gethan hatte; um seinetwillen war ich hier in dieser wsten Bande als
Theilnehmer an einem Verbrechen, das schon dem Knaben als das abscheulichste
erschienen war; um seinetwillen wre ich beinahe zum Mrder geworden. Und hier
in der Tasche hatte ich noch den Brief meines Vaters, in welchem mich der alte
Mann gewarnt, in welchem er mir befohlen hatte, wenn mir noch etwas an seiner
Ruhe lge, alsbald zu ihm zurckzukehren.
    Ich fate nach dem Brief und berhrte die Pistolen, die ich im Grtel trug.
Ich fhlte ein sonderbares Verlangen, mich hier auf der Stelle, inmitten dieser
Schmugglerbande, vor den Augen ihres betrunkenen Kapitns, zu erschieen. Und
dann dachte ich wieder an den braven Hans, der fr eine Sache, die um kein Haar
besser war, seine Haut zu Markte trug. Und doch, murmelte ich, kann er Gott
danken, da er dies nicht mit zu machen braucht!
    Boot ohoi! schallte es wieder, wie vorhin, und wieder scho der Blitz
pltzlich aus der Dmmerung auftauchend, an uns vorber, und ein paar Schsse
krachten.
    Dies war das Signal zu einer Jagd, die wohl eine Stunde whrte, und whrend
welcher der Kutter, indem er dem Verfolger in unzhligen khnen Wendungen
entfliehen zu wollen schien, sich nur immer mehr der Stelle der Kste nherte,
ber welche sich Pinnow und die Steuerbeamten geeinigt hatten, ungefhr eine
halbe Meile oberhalb Zanowitz, wo die Tiefe des Wassers erlaubte, bis beinahe
unmittelbar an den Strand heranzukommen. Man gelangte von dort nach Zehrendorf
entweder auf einem Wege an dem Strand entlang ber Zanowitz und von dort ber
die Haide, oder unmittelbar ber die Haide, wo man aber, von dieser Seite
kommend, zu Anfang ein groes und berchtigtes Moor auf Schleichwegen, die nur
den Schmugglern bekannt waren, zu passiren hatte. Es war zehn gegen eins zu
wetten, da, wenn Herr von Zehren an der Stelle, zu welcher man den Kutter
scheinbar getrieben hatte, landete, er den Weg ber das Moor und nicht den am
Strande whlen wrde.
    Ich hatte, whrend das Zollboot auf den Kutter Jagd machte, mich nicht von
der Stelle gerhrt, fest entschlossen, komme, was da wolle, keinen activen Theil
mehr an der Affaire zu nehmen. Herr von Zehren hatte mir diese passive Rolle
leicht gemacht; er hatte, so oft er auch in meine unmittelbarste Nhe gekommen
war, mich nicht beachtet. Sein Rausch schien in der letzten Stunde der Aufregung
noch zugenommen zu haben; ja er kam mir wie rasend vor. Er verlangte, Pinnow
solle das Zollboot in den Grund segeln; er erwiederte das Feuer des
Steuerofficianten aus einer von Pinnows alten Flinten, die er in der Kajte
entdeckt hatte, obgleich der Blitz sich wohlweislich in einer Entfernung
hielt, wo selbst eine weittragende Bchse unwirksam geworden wre; und als der
Kutter, nachdem er eine weite Strecke in die See gefahren war, den Verfolger
hinter sich lie, um dann, zurcksegelnd, den Strand unbelstigt zu erreichen,
sprang er sofort ber Bord in das seichte Wasser, und die Leute muten seinem
Beispiel folgen, indem jedem von den Zurckbleibenden einer der schweren Packen,
die schon zu dem Zweck vorbereitet waren, auf die Schulter gelegt wurde. Es
waren ihrer elf Trger, da Pinnow den Bootsknecht, welchen er von Zanowitz
mitgenommen, auch noch hergegeben hatte, erklrend, da er mit dem taubstummen
Jakob jetzt allein zurecht kommen knne; so war der eine der zwei Mnner, die
ich von Zanowitz nach Hause geschickt hatte, ersetzt. Aber da war noch ein
zwlfter Packen, der auf dem Decke liegen blieb, und, da Keiner auer mir ihn zu
tragen da war, liegen geblieben sein wrde, wenn ich ihn mir nicht auf die
Schulter gehoben htte, nachdem ich ihn zuvor an den Rand des Schiffes geschoben
und dann in die Brandung gesprungen war, die mir bis ber's Knie reichte. Herr
von Zehren sollte, wenn ich ihn heute Nacht verlie, nicht sagen knnen, da ich
ihn um den zwlften Theil seines mit so viel Mhe, so viel Sorge, mit dem Preise
der Freiheit und des Lebens so vieler Menschen, mit dem Preise endlich seiner
eigenen Ehre erkauften Gewinnstes gebracht habe.
    Ein rohes Lachen schallte hinter mir her, als ich den Kutter verlie. Das
Lachen kam von Pinnow; er wute, weshalb er lachte. Der Kutter war, nachdem er
seine Last abgesetzt, von selbst wieder flott geworden. Als ich den Strand
erreichte und mich umwandte, trieb er langsam vom Lande ab. Er hatte seinen
schndlichen Dienst gethan.
    Sonderbar! in dem Augenblicke zuckte es durch meine Seele: und er ist doch
ein Verrther! Ich wei nicht, ob das rohe Lachen meinen Argwohn wieder
wachgerufen hatte, oder wie es kam, aber ich sagte zu mir selbst, whrend ich
mich, als der Letzte der Reihe, die von Jochen Swart und Herrn von Zehren
gefhrt wurde, anschlo: jetzt mu es sich entscheiden!

                              Siebzehntes Capitel.


Wir hatten die Dnen berstiegen und schritten auf der andern Seite ber
sandig-de Strecken dahin, der Eine immer in den Fustapfen des Andern. Kein
Wort wurde gesprochen; es hatte Jeder mit sich selbst genug zu thun, Jeder an
seinem Packen schwer genug zu tragen, ich vielleicht am schwersten, trotzdem mir
an Krperkraft von all' den Mnnern hchstens Jochen Swart gleichkam; aber in
diesen Dingen ist die Gewohnheit beinahe Alles. Und dann trug ich auer meiner
Last, die leicht einen Centner wiegen mochte, noch eine ganz andere, welche die
Andern nicht trugen, und die viel schwerer drckte; die Last der Schmach, da
meines Vaters Sohn diesen Ballen Seide schleppte, um den man das Zollamt betrog,
schleppen mute, wenn er den Mann, dessen Brod er seit zwei Monaten gegessen,
nicht um das Seine bringen wollte. Und dann dachte ich, da ich heute Morgen,
selig wie ein Gott, von Zehrendorf ausgegangen war, und da ich jetzt
zurckkehren wrde, betrogen von der Tochter, beschimpft von dem Vater, besudelt
von dem Schmutz des schnden Gewerbes, zu dem ich mich hergegeben, und da dies
das Ende von der ertrumten Herrlichkeit, von der angebeteten Freiheit war! Es
sollte noch nicht das Ende sein!
    Und rastlos weiter ging es; der nasse Sand knirschte unter den Fen der
Eilenden, und jetzt kam ein Wort von der Spitze des Zuges, das halblaut weiter
und weiter gegeben wurde, bis es zu mir kam, der ich es nicht weiter geben
konnte: Halt!
    Wir waren an dem Rande des Moors angelangt. Es war an dieser Seite nur eine
schmale Stelle, die berhaupt passirbar war; dann kam trockenes Terrain, eine
Art von Insel, indem sich die Smpfe von beiden Seiten herumzogen, um auf der
entgegengesetzten, vielleicht zweitausend Schritte entfernten Seite wieder
zusammenzustoen, wo es dann abermals nur eine schmale Furt gab, die ein mit
einer Centnerlast beladener Mann, ohne einzusinken, berschreiten konnte; dann
folgte die Haide, die sich zwischen den Feldern von Trantowitz und Zehrendorf
auf der einen und den Dnen von Zanowitz auf der andern Seite erstreckte, und
ber die ich heute schon dreimal geschritten war.
    Die Stelle, wo wir Halt machten, war genau dieselbe, an welcher ich drei
Abende vorher mit Herrn von Granow gestanden. Ich erkannte sie an den zwei
verkrppelten Weiden, die an der Vertiefung wuchsen, aus der damals die
Schleichhndler aufgetaucht waren. Diese Vertiefung blieb uns etwas links
liegen, vielleicht fnfzig Schritte entfernt; ich wrde bei der groen
Dunkelheit, die jetzt herrschte, die Bume nicht haben erkennen knnen, wenn mir
die eigenthmliche Kraft meiner Augen, selbst im Dunkeln noch immer bis zu einem
gewissen Grade deutlich zu sehen, nicht zu Hlfe gekommen wre. Um der
Dunkelheit willen muten die Leute, damit sie nicht von dem schmalen Pfade
abkmen, nahe aufschlieen, und das war der Grund, weshalb man fr einen Moment
Halt gemacht hatte.
    Aber auch nur fr einen Moment, dann ging es weiter in das Moor hinein auf
der schmalen Furt; rechts und links blinkte hier und da zwischen den Binsen, die
im Nachtwinde nickten, ein schwacher Schimmer von dem Sumpfwasser auf, das in
groen Lachen zu Tage stand, und selbst der Boden, auf den wir traten, gerieth
in eine sonderbar schwankende Bewegung, als wir im Trabe darber hin eilten.
    Die Furt war passirt; die Leute gingen wieder langsamer; pltzlich schlug
ein Ton an mein Ohr, wie von dem Knacken eines Hahnes am Gewehr. Der Ton war
hinter mir gewesen, das hatte ich deutlich gehrt; ich wute auch, da Niemand
von unserer Schaar ein Gewehr fhrte. Ich stand unwillkrlich still und horchte,
und abermals hrte ich denselben Ton, und zugleich sah ich genau an der Stelle,
die wir eben passirt, zwischen den Binsen eine Gestalt auftauchen, der gleich
darauf eine zweite und dritte folgte. Ohne daran zu denken, die Centnerlast auf
meinem Rcken abzuwerfen, ja ohne sie auch nur zu fhlen, lief ich mit
Blitzesschnelle die Reihe vor mir entlang und berhrte Herrn von Zehren, der mit
Jochen voraufschritt, an der Schulter.
    Wir werden verfolgt!
    Albernes Zeug!
    Halt! steht! schrie jetzt eine krftige Stimme hinter uns.
    Vorwrts! rief Herr von Zehren.
    Halt! halt, steht! und mindestens ein halbes Dutzend Gewehre knatterten
auf einmal los, und die Kugeln pfiffen uns ber die Kpfe.
    Im Nu war unsere ganze Schaar auseinandergestoben, wie es die Weise der
Pascher ist, sobald sie ernstlich verfolgt werden, und sie, wie diesmal,
Widerstand zu leisten nicht vorbereitet oder gewillt sind. Nach allen Seiten,
nur nicht nach der, von welcher die Verfolger kamen, sah ich die schlauen
Gesellen, die wohl smmtlich ihre Packen weggeworfen hatten, davonhuschen; Einer
oder der Andere mochte wohl auf allen Vieren kriechend zu entkommen suchen; in
der nchsten Secunde waren Herr von Zehren und ich allein.
    Hinter uns klapperten die eisernen Ladestcke in den Lufen. Mau lud die
abgeschossenen Gewehre. Das gab einen kleinen Aufenthalt.
    Herr von Zehren und ich waren stehen geblieben. Wie viel sind es? fragte
er leise.
    Ich kann es nicht unterscheiden, antwortete ich ebenso, mir scheint, es
kommen immer mehr herber; es mgen jetzt leicht ein Dutzend sein.
    Sie werden sich nicht weiter wagen bei der Dunkelheit, sagte er.
    Sie kommen schon, sagte ich dringend.
    Halt, wer da! erscholl es von unsern Verfolgern, von denen wir wohl kaum
hundert Schritte entfernt waren (doch lie sich die Distanz schwer taxiren), und
wieder pfiffen ein paar Kugeln ber unsere Kpfe.
    Ich bitte Sie! sagte ich, indem ich Herrn von Zehren am Arme ergriff.
    Er lie sich ein paar Schritte frmlich weiterschleppen. Mit einem Mal, wie
wenn er aus einem Traume erwachte, ganz mit seiner alten Stimme und in seiner
alten Weise sagte er:
    Wie zum Teufel kommen denn Sie dazu? Fort damit! und er stie mir
gewaltsam den Packen von dem Rcken.
    Ich habe ihn den ganzen Weg getragen, murmelte ich.
    Schndlich! murmelte er, schndlich, aber das kommt davon! Armer Junge,
armer Junge!
    Der Rausch, den er sich getrunken, das Gefhl seiner Schmach so weit als
mglich zu betuben, war verflogen; ich merkte es wohl. Er war wieder, der er in
seinen guten Stunden sein konnte, und sogleich kehrte auch bei mir die alte
Liebe zurck.
    Lassen Sie uns eilen! sagte ich, seine kalte Hand ergreifend, es ist bei
Gott die hchste Zeit!
    Sie werden sich nicht weiter hinaufwagen, erwiederte er, wenn sie auch
einen Fhrer bei sich haben; es kann Einer nicht Alle fhren. Aber Verrath ist
im Spiel. Sagten Sie mir nicht vorhin schon davon?
    Ja, und Pinnow und Jochen Swart sind die Verrther.
    Jochen hat gerade zu diesem Wege gerathen.
    Um so mehr.
    Und der Hallunke hat sich zuerst davon gemacht!
    Er hatte Eile, zu seinen Freunden zu kommen.
    So sprachen wir in kurzen, abgerissenen Worten, whrend wir ber den ebenen
Plan eilten, auf dem das Dunkel, welches jetzt wieder besonders dicht war, den
einzigen, freilich auch ausreichenden Schutz vor den Verfolgern gewhrte. Es
begann leise zu regnen; man konnte im eigentlichsten Sinne kaum noch die Hand
vor den Augen unterscheiden. Von denen hinter uns war nichts mehr zu sehen und
zu hren.
    Die dummen Teufel sind zu spt gekommen, sagte Herr von Zehren; sie haben
uns offenbar vor der Furt abfassen wollen. Htten unsere Hallunken nicht gleich
Reiaus genommen, wrden wir jetzt in aller Gemchlichkeit weiter ziehen.
    Nach Zehrendorf knnen wir doch nicht zurck, sagte ich.
    Weshalb nicht?
    Wenn Jochen Swart, wie ich beschwren mchte, uns verrathen hat, wrde man
sicher Haussuchung auf Zehrendorf halten.
    Das sollten sie nur thun, rief der Wilde; ich wollte sie mit blutigen
Kpfen heimschicken! Nein, nein, das wagen sie nicht, oder sie htten es schon
gewagt! Auf Zehrendorf sind wir so sicher wie in Abrahams Schoo.
    Gerade als er diese Worte sprach, zuckte es pltzlich in der Richtung vor
uns auf, wie ein schwacher Blitz. Aber ich hatte noch nicht Zeit gehabt, mir von
dem, was ich gesehen, eine klare Vorstellung zu machen, als es wieder
aufblitzte, strker diesmal und nicht wieder verschwindend - eine Helligkeit,
die mit jedem Augenblicke an Strke zunahm und mit jedem Augenblicke, einen
rothen Streifen ber den andern legend, an dem schwarzen Nachthimmel emporstieg.
    Trantowitz brennt, rief Herr von Zehren.
    Es war nicht Trantowitz; es konnte nicht Trantowitz sein, das weiter links
und tiefer lag. Dort gab es auch die mchtigen Bume nicht, deren Kuppen ich
jetzt in dem Scheine, der bald gelb, bald rthlich, aber immer heller und immer
heller aufleuchtete, deutlich unterschied.
    Zum Henker, es ist mein Hof, rief Herr von Zehren, indem er unwillkrlich
vorwrts strzte. Aber nur ein paar Schritte, dann blieb er stehen und lachte.
Er lachte laut, es war ein grliches Gelchter.
    Das ist lustig, rief er, nun brennt auch noch das Germpel ab! das heit
denn doch den alten Bau grndlich ausruchern!
    Es klang fast, als glaube er, da auch dies von seinen Verfolgern
ausgegangen sei. Mir aber fielen die Drohungen schwer auf die Seele, welche die
alten Pahlen ausgestoen hatte, als ich sie vom Hofe trieb. Ich erinnerte mich,
da etwas vom rothen Hahn auf's Dach setzen dabei gewesen war.
    Aber wie auch das Feuer entstanden sein mochte, welches da drben vom alten
Herrenhause aufloderte, es konnte fr den Herrn des Hauses in keinem
verhngnivollern Moment ausgebrochen sein. Obgleich wir noch eine Viertelmeile
entfernt waren, leuchteten die Flammen, die jetzt hoch ber die Riesenbume des
Parkes emporschlugen, bereits bis zu uns, und indem die ungeheuere Helligkeit
von den schwarzen Wolken, die jetzt in Purpur zu glhen begannen, aufgefangen
und zurckgeworfen wurde, verbreitete sich bald eine unheimliche Dmmerung ber
die ganze Gegend. Ich konnte Herrn von Zehren's Gesicht deutlich kennen; es war
oder erschien mir todtenbleich.
    Um Gottes willen, lassen Sie uns eilen, da wir von hier fortkommen, rief
ich.
    Die Jagd wird gleich beginnen, sagte er.
    Und die Jagd hatte bereits begonnen. Der Trupp, der die Eingangsfurt besetzt
und wohl ursprnglich keinen andern Auftrag gehabt hatte, als uns den Rckweg
abzuschneiden, machte von der Mglichkeit, weiter vorzudringen, die ihm der
sonderbarste Zufall bot, den besten Gebrauch. Indem sie sich zu einer Art von
Tirailleurkette ausbreiteten, ohne sich inde den Smpfen rechts und links
allzusehr zu nhern, und rasch vorwrts gingen, trieben sie die Pascher, die
ber die weite Flche nach der Ausgangsfurt geschlichen waren, zum Theil auch
wohl an den Boden gedrckt oder in irgend einer Vertiefung kauernd, abgewartet
haben mochten, ob sie weiter verfolgt werden wrden, vor sich her, aus ihrem
Lager empor. Bald zuckte es hier und da in der rothen Dmmerung auf; Schsse
knatterten und berall sah ich die Gestalten der Fliehenden und der Verfolger
durch die Dmmerung huschen; wilde Rufe: Halt, Kerl! steh! und ein lautes
Halloh und Lachen wenn sie wieder einen gefangen hatten.
    Mir stockte das Blut in den Adern, und dann strmte es mir wild zum Herzen.
So niedergehetzt zu werden, niedergeschossen zu werden, wie Hasen auf einer
Klapperjagd!
    Und keine Waffe! knirschte Herr von Zehren.
    Hier! rief ich, die Pistolen aus dem Grtel reiend, und ihm eine in die
Hand drckend.
    Geladen?
    Ja!
    Nun denn, en avant!
    Wir waren im schnellen Lauf fast bis zur Ausgangsfurt gelangt, die durch
eine verdorrte Eiche und ein paar Haselbsche dem Kundigen kenntlich war, als
ich ber die Bsche herber Flintenlufe blinken sah. Was ich gefrchtet, war
eingetroffen; auch die Ausgangsfurt war besetzt.
    Ich kenne noch eine andere Stelle, raunte mir Herr von Zehren zu;
vielleicht trgt sie uns, wo nicht -
    Ich lie ihn nicht ausreden. Weiter, weiter! rief ich.
    Wir wendeten uns rechts an den Binsen hin, die den Rand des Sumpfes
bezeichneten. Aber bereits hatte man uns erkannt. Man rief: Halt! und scho
nach uns, es kamen auch Einige hinter uns hergelaufen.
    Hier mu es sein! sagte Herr von Zehren, indem er, die hohen Binsen
auseinanderbiegend, zwischen denselben verschwand; ich folgte ihm auf dem Fue.
    Wir drckten uns langsam, vorsichtig weiter mit gekrmmten Rcken. Es war
ein verzweifeltes Stck. Mehr als einmal sank ich knietief in den schwarzen
Moorgrund; ich war entschlossen, wenn ich stecken bleiben sollte, mir im letzten
Augenblicke das Gehirn zu zerschmettern.
    Es geht, sagte Herr von Zehren leise ber die Schulter zu mir; da
Schlimmste haben wir hinter uns; ich kenne es genau; ich war noch im Frhjahr
hier auf dem Schnepfenstrich; Jochen, der Schurke, war dabei. So, nun sind wir
durch.
    Er hob sich aus den Binsen heraus und in demselben Momente sprangen drei
Mnner, die sich in dem Augenblicke, als wir auf die Zollwache stieen, von den
Uebrigen abgesondert und seit wenigen Minuten vielleicht zwlf Schritte von der
Furt auf der Lauer gelegen haben muten, auf uns ein. Der erste war der lange
Jochen Swart.
    Hund, knirschte Herr von Zehren. Er hob die Pistole, und der lange Jochen
fiel vornber, um nicht wieder aufzustehen.
    Ich hatte fast in demselben Momente Feuer gegeben. Einer der zwei andern
Mnner wankte und sank schreiend in die Kniee. Der dritte scho sein Gewehr ab
und lief, was er konnte, an dem Rand des Sumpfes zurck, von wo er hergekommen
war. Der Verwundete richtete sich auf und hinkte immer noch schreiend, aber mit
verhltnimig groer Geschwindigkeit davon.
    Herr von Zehren war an Jochen Swart herangetreten. Ich sprang hinzu; ich
fate den Mann an beiden Schultern in der Absicht, ihn, der mit dem Gesicht auf
dem Boden lag, aufzurichten. Als ich ihn ein wenig hob, fiel der Kopf schwer
vornber. Es durchrieselte mich kalt. Mein Gott, er ist todt, rief ich. -
    Er hat es nicht anders gewollt, sagte Herr von Zehren.
    Der Leib des todten Mannes entglitt meinen Hnden; ich richtete mich, an
allen Gliedern zitternd, auf; mein Kopf war wie wirbelig; was war denn
geschehen? Da stand ein Mensch, die abgeschossene Pistole in der schlaff
herunterhngenden Rechten haltend; da lag ein anderer Mensch auf dem Boden, wie
ein Baumstamm, und ein rthliches Licht, wie aus dem Thor einer Hlle, streifte
ber den Menschen, der regungslos aufrecht stand, und ber den andern, der
regungslos auf dem Boden lag; in der Luft schwebte Pulverdampf und in den Binsen
des Sumpfes zischelte es wie von tausend Schlangen.
    Aber wie fest sich auch das Grauenbild und die schaudervolle Empfindung, mit
der ich es betrachtete, meiner Erinnerung eingeprgt haben mgen - der Zustand
starren Entsetzens kann doch nur einen Moment gedauert haben. Dann, wei ich,
versank Alles in dem einen Gedanken: Rette ihn; er darf nicht in ihre Hnde
fallen! Ich glaube, ich wre im Stande gewesen, den Unglcklichen, htte er sich
gestrubt, auf meinen Armen davonzutragen, wie eine Lwin ihr Junges, wenn die
Jger hinter ihr her sind, im Rachen davon trgt; aber er strubte sich nicht.
Ich wei jetzt, da er nicht floh, sein Leben zu retten; ich wei jetzt, er wre
keinen Schritt von der Stelle gewichen, htte er gewut, da ich den Lederbeutel
mit der Munition zu den Pistolen in meiner Tasche trug; aber so wute er nicht
anders, als da er ohne Waffen sei, und lebend wollte er den Hschern nicht in
die Hnde fallen.

                              Achtzehntes Capitel.


An den ueren Rand des Sumpfes, wo wir uns jetzt befanden, lehnte sich ein
Bruch, aus welchem zwischen mehr oder weniger versumpften, mit langem Riedgras
berwucherten tiefern Stellen dichte Gruppen von Erlen, Haseln und Weiden
inselgleich hervorragten. Fr einen Andern, der nicht wie Herr von Zehren jeden
Fu breit dieses schwierigen Terrains kannte, wre es unmglich gewesen, sich
hier einen Weg zu suchen; aber der alte Jger, der jetzt zum Fuchs geworden war,
welchem die Hunde auf der Fhrte folgten, irrte auch nicht einen Augenblick,
weder ber die einzuschlagende Richtung, noch ber den pfadlosen Pfad, der uns
durch diese Wildni fhrte. Ich habe nachmals nie begreifen knnen, wie ein Mann
in seinen Jahren, abgehetzt, wie er bereits war, und dazu verwundet - wie er mir
spter sagte - im Stande gewesen ist, so ungeheure Schwierigkeiten zu
berwinden, an denen fast meine Jugendkraft erlahmte; und so oft ich spter ein
altes Rassepferd gesehen habe, das, zu Schanden geritten und gefahren, dennoch,
sobald ihm das edle Blut erregt ist, durch sein Feuer, seine Kraft und Ausdauer
die jugendlichen Concurrenten beschmt, habe ich immer an den wilden Zehren in
dieser Schreckensnacht denken mssen. Er brach durch fast undurchdringliches
Gestrpp, als wren es Kornhren gewesen; er setzte wie ein Hirsch ber die
breitesten Grben und hielt nicht eher inne in dem tollen Lauf, als bis wir aus
dem Bruch heraus in die Dnen kamen.
    Hier verschnauften wir und hielten kurzen Rath, wohin wir uns jetzt wenden
sollten. Rechts von uns lag Zanowitz. Htten wir es ungehindert erreichen
knnen, so wrde uns gewi einer oder der andere unserer Freunde ber das Meer
zu retten versucht haben, im schlimmsten Falle war ich Seemann genug, ein
Segelboot allein regieren zu knnen; aber es war nur zu wahrscheinlich, da das
Stranddorf und seine Umgebung mittlerweile bereits von den Soldaten besetzt war,
um die dorthin Entrinnenden aufzufangen. Zu versuchen, ber die Haide zwischen
Zehrendorf und Trantowitz in das platte Land zu einem der Freunde des Herrn von
Zehren zu gelangen, wre jetzt, wo von dem immer noch zunehmenden Brande der
ganze Himmel gerthet war und zumal die Haide in Tagesklarheit getaucht sein
mute, offenbarer Wahnsinn gewesen. So blieb uns nur die Eine Mglichkeit: uns
am Strande links zu halten, bis zum Vorgebirge, dort, in der Gegend der Ruine,
das Kreideufer zu erklettern, um von hier aus in den Buchenwald des Parkes zu
gelangen, der nur der letzte Auslufer eines fast zwei Meilen langen, sich an
der Kste hinziehenden Forstes war.
    Wenn ich nur bis dahin komme, sagte Herr von Zehren; mein Arm fngt an,
mich sehr zu schmerzen.
    Jetzt erst erfuhr ich, da er am Oberarme verwundet war. Er hatte es selbst
im Anfang nicht gewut, dann geglaubt, er habe sich an einen spitzigen Ast
gestoen, bis jetzt die zunehmenden Schmerzen unter dem stockenden Blut uns
eines Andern belehrten. Ich bat ihn, mich nachsehen zu lassen; er sagte, wir
htten zu dergleichen keine Zeit, und ich mute mich damit begngen, ihm sein
Taschentuch so fest ich konnte um den Arm zu binden, womit freilich nicht viel
geholfen war.
    Hier zwischen den Dnen war es auch, wo mir zum ersten mal einfiel, da ich
noch Munition in der Tasche habe, und wo ich auf Herrn von Zehren's Gehei die
Pistolen wieder lud. Mich durchzuckte es seltsam, als er mir die seinige reicht
und ich das nakalte Eisen berhrte Aber es war kein Blut, obgleich es in dem
rothen Dmmerlicht so schien; es war nur die Feuchtigkeit aus der regenschweren
Luft.
    Wir traten aus den Dnen heraus auf den Strand, um auf dem harten Sande
schneller fortkommen zu knnen. Die Helligkeit war jetzt, wo vermuthlich der
ganze Hof brannte, so gro, da selbst ber das Meer von dem Wiederschein der
rothangestrahlten Wolken ein mattes Purpurlicht ausgegossen war. Ja, auch die
hohen, steilen Kreideufer, unter denen wir etwas spter dahin schritten,
blickten in geisterhaft hellem Schein auf uns herab. Es lag etwas sonderbar
Unheimliches darin, trotz der bedeutenden Entfernung, in welcher wir uns von der
Brandsttte befanden, trotzdem Berg und Wald dazwischen lag, trotzdem wir
unmittelbar unter dem Schutze der mehr als hundert Fu hohen steilen Uferwand
dahinschritten, immer noch von dem Lichte getroffen zu werden, als htte, was
geschehen, die Erde dem Himmel und der Himmel dem Meere gesagt, und Erde, Himmel
und Meer riefen uns zu: Fr Euch gibt es kein Entrinnen!
    Den unglcklichen Mann an meiner Seite mute dieselbe Empfindung
beherrschen; er sagte ein paar mal, als wir die Schlucht hinaufkletterten, in
welcher vom Strande nach der Uferhhe zwischen dichtem Gebsch ein steiler Pfad
emporfhrte: Gott sei Dank, hier wenigstens ist es dunkel.
    Er hatte whrend des Aufkommens wieder ber seinen Arm geklagt, der ihm
heftige Schmerzen verursache, und zuletzt kaum noch weiter gekonnt, trotzdem ich
ihn sttzte, so viel ich vermochte. Ich hoffte, da, wenn wir nur erst oben
angelangt wren und er sich ein wenig erholt htte, seine Kraft, von der er noch
eben so ungeheuere Proben gegeben, wiederkehren wrde; aber in dem Augenblicke,
als wir die Hhe des Plateau erreichten, brach er in meinen Armen zusammen. Zwar
raffte er sich sofort wieder auf und erklrte, es sei nur eine momentane
Schwche gewesen und der Anfall vorber; dennoch konnte er sich kaum auf den
Fen halten, und ich war froh, als ich ihn endlich bis zur Ruine gefhrt hatte,
wo eine halb verschttete kellerartige Vertiefung zwischen dem Mauerwerk
wenigstens einen Schutz vor dem Ostwinde gewhrte, der scharf und kalt ber den
ebenen Rcken des Vorgebirges strich.
    Hier bat ich ihn, sich niederzusetzen, bis ich im Stande gewesen sein wrde,
aus der Schlucht, wo in der Hlfte der Hhe ein ziemlich reichlicher Quell zum
Meere flo und wo wir bereits beim Heraufsteigen einen kurzen Halt gemacht
hatten, abermals Wasser zu holen, nach welchem er ein brennendes Verlangen
uerte. Glcklicherweise hatte ich am Morgen, um mich gegen den Regen zu
schtzen, den wachsberzogenen Schifferhut, mit dem ich nach Zehrendorf gekommen
war, und den ich seitdem, da er Konstanze so entschieden mifiel, nicht wieder
getragen hatte, aufgesetzt. Der Hut mute mir jetzt als Wassereimer dienen, und
ich war glcklich, als es mir, obwohl nicht ohne einige Mhe, gelang, ihn bis an
den Rand zu fllen. So schnell ich, ohne die kostbare Beute zu verschtten,
konnte, eilte ich zurck, das Herz schwer von Sorge um den Mann, zu welchem in
dem Mae, als das Unglck ber ihn mit so frchterlichen Schlgen hereinbrach,
mich mein Herz gewaltiger als je zuvor zog. Was sollte aus ihm werden, wenn er
nicht bald wieder im Stande war, die Flucht fortzusetzen? Nach dem, was am
Sumpfesrande geschehen, wrde man sicher alles aufbieten, unser habhaft zu
werden, und da man ber eine hinreichende Anzahl von Leuten verfgen konnte,
war nur zu gewi. Die zweite Furt war mit Militr besetzt gewesen; ich hatte es
deutlich gesehen. Wie lange konnte es dauern, bis sie auch bis hierher kamen?
Wollten wir entrinnen, muten wir, bevor der Morgen kam, mindestens ein paar
Meilen von hier entfernt sein, und ich dachte mit Schaudern an sein zweimaliges
Zusammenbrechen in meinen Armen und an die wirren Worte, in denen er mich um
Wasser gebeten hatte: das nicht brennen drfe, das ja nicht brennen drfe.
Vielleicht erholte er sich, nachdem er getrunken; ich hatte einen so festen
Glauben an die Unverwstlichkeit seiner Kraft!
    So suchte ich mir selbst Muth einzusprechen, als ich mich vorsichtig-eilig
mit dem Wasser im Hute der Ruine nahete und, aus Furcht zu straucheln, kaum
einen Blick nach der Richtung zu werfen wagte, von der die Flammen ber den
Buchenwald zu uns heraufleuchteten. Schon ans einiger Entfernung glaubte ich
Herrn von Zehren's Stimme zu hren, die meinen Namen rief, dann ertnte ein
gelles Lachen, und wie ich voller Entsetzen herzusprang, sah ich den
Unglcklichen in dem Eingange der Mauerhhle stehen, das Gesicht dem Feuer
zugewendet, indem er heftig mit dem gesunden Arme gesticulirte und bald
Verwnschungen ausstie, bald gell auflachte, oder nach Wasser rief, das nicht
brennen drfe. Ich schleppte ihn wieder tiefer zwischen das Mauerwerk, und es
gelang mir, ihm aus dem Haidekraut, das dort oben reichlich wuchs, und ber das
ich dann meinen Rock deckte, eine Art Lager zurecht zu machen; endlich trank er
auch, als er aus einer kurzen Ohnmacht, in die er gefallen, zu sich kam,
reichlich von dem Wasser. Er dankte mir mit einer Stimme, deren weicher Ton
wunderlich gegen das gelle Kreischen von vorhin abstach und mich sehr rhrte.
    Es war mir, sagte er, als httest Du mich auch verlassen und ich mte
hier elend verenden, wie ein waidwunder Hirsch. Es ist doch seltsam, da der
letzte Zehren, der den Namen zu tragen verdient, hier von der uralten Burg
seiner Vter, die in Trmmern liegt, sehen mu, wie das Haus, das sptere
Geschlechter gebaut haben, in Flammen aufgeht. Wie mag das Feuer nur ausgekommen
sein? Was denken Sie? Ich habe Dich berhaupt so viel zu fragen (er nannte mich
Sie und Du durcheinander); aber mir ist so wunderlich zu Muthe, es gehen mir so
seltsame Dinge durch den Kopf, so war mir noch nie, und dabei schmerzt mich der
Arm mehr als billig. Ich glaube, es ist aus mit dem wilden Zehren, ganz aus,
ganz aus! La mich hier liegen, Georg, und ruhig verenden. Wie lange wird es
dauern, dann frit das Feuer sich in dem unterirdischen Gang bis hierher durch
und die alte Zehrenburg fliegt in den Mond!
    So spielte in seinem berreizten Gehirn Vernunft mit dem Wahnsinne ein
schauerliches Spiel. Bald sprach er zusammenhngend und klar ber das, was wir
zu thun haben wrden, sobald er sich nur erst einigermaen erholt htte; dann
sah er pltzlich Jochen Swart vor sich auf dem Boden liegen, und dann war es
wieder nicht Jochen, sondern Alfonso, der Bruder seiner entfhrten Geliebten,
dem er das Schwert durch's Herz gestoen. Aber - ich habe spter, wenn ich ber
den Charakter des seltsamen Mannes nachsann, oft genug daran gedacht - diese
grausigen Erinnerungen des Fieberkranken waren keineswegs von Worten begleitet,
die irgendwie die Reue des Mannes ber seine Thaten auch nur angedeutet htten.
Im Gegentheil, es war ihnen recht geschehen und Jedem sollte es so geschehen,
der gegen ihn aufzutreten wagte. Wenn sie ihm das Haus angezndet hatten, so
sollten auf Meilen in der Runde alle Schlsser und Drfer brennen! Er wolle doch
sehen, ob er seine Vasallen nicht abstrafen knne, wie es ihm recht dnke, wenn
sie sich so freventlich gegen ihn vergangen! Zchtigen wolle er sie, bis sie um
Gnade heulten! - Diese und hnliche Aeuerungen eines Selbstgefhls, welches die
Gluth des Fiebers, das in seinen Adern brannte, bis zum Wahnsinn gesteigert
hatte, stachen schauerlich ab von dem grenzenlosen Elend unserer Lage. Whrend
er durch Drfer, die sein Zorn in Flammen auflodern lie, zu jagen glaubte,
wurden seine Glieder von Fieberfrost geschttelt und seine Zhne klappten hrbar
auf einander. Auch mich hatte die Klte, welche jetzt, wo es auf den Morgen
ging, immer empfindlicher wurde, bis in's Mark getroffen, und dabei, so oft der
Unglckliche, dessen Kopf auf meinem Schoo ruhte, nur einen Augenblick zu rasen
aufhrte, sank mein eigener Kopf vornber oder seitwrts gegen das kalte
Mauerwerk, an dem ich lehnte, und mit immer qualvollerer Anstrengung kmpfte ich
gegen die Mdigkeit, die mit bleierner Schwere auf mir lag. Was sollte aus uns
werden, wenn mich die Kraft verlie? Ja, was sollte auch jetzt nur aus uns
werden? Denn so konnte es nicht bleiben; ich mute frchten, da er mir unter
den Hnden starb, wenn ich keine Hlfe herbeischaffte. Und doch, wie sollte ich
Hlfe schaffen, ohne ihn preiszugeben, ohne ihn unsern Verfolgern auszuliefern?
Und wie konnte ich ihn berhaupt verlassen, der sich jetzt das Haupt an der
Mauer zerschellen, jetzt das Meer austrinken wollte, den Durst zu lschen, der
ihn verzehrte!
    Ich hatte whrend der Nacht den Weg zur Quelle noch mehrmals gemacht; Herr
von Zehren war mir, wenn ich zurckkam, immer sehr dankbar gewesen, wie er denn
berhaupt, je nher die Nacht dem Morgen kam, ruhiger geworden war, so da ich
mich schon der Hoffnung hingab, wir wrden trotz alledem bald aufbrechen knnen.
Endlich mute ich doch, von der ungeheuren Ermattung berwltigt, eingeschlafen
sein und lngere Zeit geschlafen haben, denn als ich vor der Berhrung einer
Hand, die sich auf meine Schulter legte, emporfuhr, dmmerte bereits das
Zwielicht in die Mauerhhle. Herr von Zehren stand vor mir; ich blickte ihn mit
Entsetzen an. Jetzt erst sah ich, was er in der Schreckensnacht gelitten hatte.
Sein sonst so frisches, braunes Gesicht erdfahl, die groen glnzenden Augen
tief in die Hhlen gesunken und wie gebrochen, der volle Bart zerzaust, die
Lippen bleich, die Kleider zerrissen und mit Schmutz und Blut besudelt - es war
nicht mehr der Mann, den ich gekannt, es war das Gespenst dieses Mannes, ein
schauerliches Gespenst.
    Und jetzt zuckte um seine bleichen Lippen ein seltsames Lcheln, in dem doch
noch eine Spur der alten Liebenswrdigkeit war, wie ein Etwas von der einstigen
Heiterkeit in dem Klange der Stimme, mit der er sagte: Es thut mir leid, armer
Junge, da ich Dich wecken mute, aber es ist die hchste Zeit.
    Ich sprang auf die Fe und zog mir den Rock an, den er mir sorgsam ber die
Schulter gedeckt hatte.
    Das heit, es ist Zeit fr Dich, sagte er.
    Wie das? fragte ich erschrocken.
    Ich wrde nicht weit kommen, fuhr er mit dsterm Lcheln fort: ich habe
eben eine kleine Probe gemacht; aber es ist unmglich.
    Und er setzte sich auf einen Mauervorsprung und sttzte den Kopf in seine
rechte Hand.
    So bleibe ich auch, sagte ich.
    Man wird uns bald genug hier oben aufgefunden haben.
    Um so mehr werde ich bleiben.
    Er hob den Kopf.
    Du bist ein gromthiger Narr, sagte er mit melancholischem Lcheln,
einer von denen, die ihr Leben lang Ambo bleiben. Was in aller Welt htte ich
davon, da sie Dich mit mir fingen? und weshalb wolltest Du Dich fangen lassen?
weshalb wolltest Du die Partie verloren geben? Bist Du auf nichts reducirt, auf
weniger als nichts? Bist Du ein alter angeschossener Fuchs, den man zum Bau
hinausgebrannt hat und dem die Hunde auf der Fhrte sind? Mach', da Du
fortkommst, und la mich nicht so lange bitten, denn das Sprechen wird mir
schwer. Leb' wohl!
    Er reichte mir eine eiskalte Hand, die ich festhielt, indem ich mit Thrnen
in den Augen rief:
    Wie knnen Sie das von mir verlangen? Ich wre der erbrmlichste Schuft,
wenn ich Sie so verlassen knnte; mag geschehen was will, ich bleibe.
    Ich will, da Du gehst - ich befehle es Dir!
    Das knnen Sie nicht; Sie mssen selbst fhlen, da Sie das nicht knnen.
Sie knnen mir nicht befehlen, mich mit Schande zu bedecken.
    Nun denn, sagte er, so will ich Dir gestehen: es ist ein Zufall, da ich
nicht fort kann; aber wenn ich auch im Stande wre, zu fliehen, ich wollte es
nicht und will es nicht. Ich will nicht, da man Steckbriefe hinter mir her
schreibt wie hinter einem Vagabunden, da man mich durch's Land hetzt wie einen
gemeinen Verbrecher. Ich will sie hier erwarten, hier, wo meine Vorfahren so
manchen Angriff der Krmer zurckgeschlagen haben; ich will mich wehren bis
auf's Aeuerste; sie sollen mich nicht lebendig von diesem Platze bringen. Ich
wei nicht, was ich thte, wenn ich ganz allein stnde. Wahrscheinlich wre dann
dies Alles nicht geschehen. Ich habe die Dummheit, meinem Bruder aus der Noth
helfen zu wollen, theuer bezahlt. Und dann habe ich eine Tochter; ich liebe sie
nicht, so wenig, wie sie mich; aber gerade deshalb soll sie mir nicht nachsagen
knnen, ihr Vater sei ein Feigling gewesen, der nicht zur rechten Zeit zu
sterben wute.
    Denken Sie nicht an Ihre Tochter! rief ich auer mir. Sie hat das Band
zerrissen, durch das Sie sich noch mit ihr verbunden whnen. Und ich erzhlte
ihm in kurzen, fliegenden Worten Konstanzens Flucht.
    Es war meine Absicht gewesen, koste es, was es wolle, ihm jeden Vorwand zu
entreien, den er anfhren konnte, um nicht das zu thun, was er fr eines
Zehren's unwrdig hielt. Es war gewi sehr unberlegt, ihm dies in diesem
Augenblicke zu sagen; aber meine Menschenkenntni die heute noch nicht eben gro
ist, war damals sehr gering; auch war mein Kopf zerrttet von dem Graus der
letzten sechsunddreiig Stunden und der Angst um den unglcklichen Mann, der da
vor mir sa.
    Und ich schien meine Absicht erreicht zu haben. Er stand auf, als ich meine
kurze Erzhlung beendigte, und sagte ruhig: Steht es so mit mir? Bin ich ein
Landstreicher und ist meine Tochter eine Dirne - eine Dirne, die sich just dem
Manne an den Hals geworfen hat, dessen Hand sie nicht berhren kann, ohne mich
zu entehren - nun denn, so darf ich ja wohl auch thun, was andere Leute an
meiner Stelle thten! Aber vorher hole mir noch einen Trunk, Georg! Er wird mich
erquicken, und ich darf nicht sobald wieder zusammenbrechen. Geh!
    Ich ergriff den Hut, froh, da ich ihn endlich berredet. Als ich schon ein
paar Schritte gemacht hatte, rief er mich nochmals zurck.
    Sei nicht bse, Georg, sagte er, da ich Dir so viel Mhe mache - habe
Dank fr Alles!
    Wie mgen Sie nur so reden, sagte ich. Treten Sie aus dem kalten Zugwind;
ich bin in fnf Minuten wieder hier.
    Ich sprang davon. Es war keine Zeit zu verlieren; schon legte sich im Osten
ein heller Streifen ber den andern; die Sonne mute in einer halben Stunde
aufgehen. Ich hatte gehofft, um diese Zeit Meilen von hier im tiefsten Walde zu
sein.
    Die Quelle in der Schlucht war bald erreicht; doch es kostete mir Mhe, den
Hut zu fllen; ich hatte in der Nacht das Erdreich zertreten, Steine waren
herabgerollt und hatten den Mund der Quelle verstopft. Als ich mich bckte, das
Hinderni wegzurumen, drang ein dumpfer Knall zu meinem Ohr. Ich stutzte und
fhlte unwillkrlich nach der Pistole, die noch in meinem Grtel stak. Die
andere war bei ihm zurckgeblieben! War es mglich? konnte es sein? Er hatte
mich weggeschickt!
    Ich war nicht im Stande, abzuwarten, bis das Wasser wieder flo: ich mute
zurck. Wie ein gehetzter Hirsch setzte ich die Schlucht hinauf, lief ber das
Plateau zur Ruine.
    Es war geschehen.
    Auf derselben Stelle, wo ich ihn zuletzt gesehen, wo ich ihm zuletzt die
Hand gedrckt, hatte er sich erschossen. Der Pulverdampf schwebte noch in der
Mauerschlucht. Die Pistole lag neben ihm; sein Kopf war seitwrts an die Mauer
gesunken. Er athmete nicht mehr - er war todt. Der wilde Zehren wute, wo ein
Schu treffen mu, wenn er tdlich sein soll.

                              Neunzehntes Capitel.


Ich sa noch immer in starrem Schmerz, keines Gedankens mchtig, dem Todten
gegenber, als die ersten Strahlen der Sonne, die zitternd in ihrem Glanze, sich
aus dem Meere erhob, sein bleiches Antlitz streiften. Ein Schauer durchrieselte
mich; ich richtete mich schnell auf und stand, an allen Gliedern bebend, da.
Dann eilte ich, so schnell mich meine wankenden Fe tragen wollten, den Pfad
entlang, der von der Ruine abwrts nach dem Walde fhrte. Ich knnte heute nicht
mehr sagen, was eigentlich meine Absicht war. Wollte ich einfach von dem Orte
des Schreckens, aus der Nhe des Todten, der mit seinen verglasten Augen in die
aufgehende Sonne blickte, fliehen? wollte ich um Hlfe rufen? wollte ich den
Fluchtplan, den ich fr uns Beide entworfen hatte, jetzt fr mich allein
ausfhren, mich retten? - ich wei es nicht mehr.
    So gelangte ich in den Parkwald bis zum Weiher, dessen Wasser zwischen den
gelben Blttern, die der Sturm des gestrigen Tages von den Riesenbumen geweht
hatte, schwrzlich zu mir heraufblickte. In diesem Wasser hatte sich das Weib
des Mannes ertrnkt, der sie einst aus ihrer fernen Heimath ber die Leiche
ihres Bruders hinweg entfhrt hatte, und der jetzt dort oben todt zwischen den
Ruinen seiner Ahnenburg lag. Die Tochter dieser Beiden hatte sich einem Wstling
in die Arme geworfen, nachdem sie ihren Vater verrathen, nachdem sie mit mir ein
schndliches Spiel getrieben! Das Alles trat, wie in einem einzigen
schaudervollen Bilde, welches sich mir in dem schwrzlichen Spiegel des Wassers
gezeigt, vor meine Seele. Als htte ein unbarmherziger Gott mir den Schleier von
dem Pandmonium fortgezogen, das meinem blden Auge ein Paradies erschienen, so
sah ich mit einem Male die letzten zwei Monate meines Lebens, wie sie wirklich
waren. Ich empfand einen namenlosen Schauder, ich glaube weniger ber mich
selbst, als ber die Welt, in der dies Alles geschehen, in der man dies Alles
erleben konnte. Wenn es wahr ist, da beinahe jeder Mensch ein oder das andere
Mal in seinem Leben von schadenfrohen Dmonen an den Rand des Wahnsinns gelockt
und gerissen wird, so war jener Moment fr mich gekommen. Ich fhlte ein
unwiderstehliches Verlangen, mich in das schwarze Wasser, das der Sage nach
unergrndlich sein sollte, zu strzen, und ich wei nicht, was geschehen wre,
htte ich nicht in diesem Augenblicke Stimmen von Mnnern gehrt, die den Weg
herabkamen, der vom Weiher aufwrts in den Park fhrte. Der Trieb der
Selbsterhaltung, der denn doch in einem neunzehnjhrigen Jngling sich nicht so
leicht zum Schweigen bringen lt, regte sich allmchtig. Ich wollte nicht in
die Hnde derer fallen, vor denen ich seit gestern Abend mit so unerhrten
Anstrengungen geflohen war. In wenigen Stzen war ich den Wall, der den Weiher
rings umgab, hinauf, ber den Wall hinber und lag dann still, vergraben in
Busch und modernden Blttern, die Kommenden erst an mir vorber zu lassen, bevor
ich meine Flucht fortsetzte. Zwei Minuten spter waren sie an der Stelle, die
ich soeben verlassen. Sie standen, da sich der Weg nach der Ruine abzweigte,
still und rathschlagten. Dies mu der Weg sein, sagte der eine. Es ist ja
kein anderer da, Dummkopf! sagte ein Zweiter. Vorwrts, vorwrts! sagte eine
barsche dritte Stimme, die einem Unteroffizier gehren mochte, der Lieutenant
ist sonst vom Strande aus frher oben als wir. Vorwrts!
    Die Patrouille stieg den Weg zur Ruine hinauf, ich hob vorsichtig den Kopf
und sah sie zwischen den Bumen verschwinden. Als ich sie weit genug entfernt
glaubte, richtete ich mich vollends auf und schlug mich tiefer in den Wald. Die
Todesgedanken waren mir vergangen, ich hatte nur das eine Verlangen, mich zu
retten; und die fast wunderbare Weise, in welcher ich eben einem Verderben, das
unabwendbar schien, entkommen war, hatte mich mit neuer Hoffnung erfllt, wie
einen Spieler, der den ganzen Abend hindurch verloren, der erste glckliche
Wurf.
    Wenn wir Knaben in dem Tannenwldchen meiner Vaterstadt Ruber und
Gensdarmen tragdirten, hatte ich es immer einzurichten gewut, da ich zur
Partei der Ruber kam, und die Ruber hatten mich regelmig zum Hauptmanne
gemacht. In dieser meiner Ruberhauptmanns-Eigenschaft hatte ich mich stets so
bewhrt, da zuletzt Niemand mehr Gensdarm sein wollte. Wessen ich mich damals
im lustigen Spiel so oft gerhmt, da Niemand mich fangen knne, wenn ich mich
nicht fangen lassen wolle, ich konnte es jetzt in bitterm, blutigen Ernst
bewhren. Unglcklicherweise fehlte mir heute, wo es meine Freiheit und mein
Leben galt, das Beste: die frische, unverwstliche Kraft, die ich zu meinen
knabenhaften Heldenthaten mitgebracht hatte, und die jetzt durch die furchtbaren
Gemthserschtterungen und die ungeheuere physische Anstrengung der letzten Tage
nahezu gebrochen war. Dazu gesellte sich bald ein nagender Hunger und ein
brennender Durst. Mich immerfort im dichtesten Forst haltend, traf ich auf keine
Quelle, auf keinen Graben. Der lockere Waldboden hatte den Regen des gestrigen
Tages lngst wieder eingesogen, und die geringe Feuchtigkeit, die ich von den
drren Blttern leckte, vermehrte nur meine Qual.
    Meine Absicht war gewesen, den Forst, der sich fast zwei Meilen weit am
Strande hinzog, in seiner ganzen Lnge zu durchmessen, um so viel Raum als
mglich zwischen mich und meine Verfolger zu bringen, bevor ich den Versuch
machte, hier- oder dorthin, wie es der Zufall eben gestatten wollte, von der
Insel zu entkommen. Ich hatte die zwei Meilen sptestens bis zum Mittag
zurcklegen zu knnen geglaubt, aber ich mute mich bald berzeugen, da in dem
Zustande, in welchem ich mich befand, und der sich von Minute zu Minute
verschlimmerte, daran nicht zu denken sei. Auch hatte ich mir keine rechte
Vorstellung gemacht von den Hindernissen, die ich zu berwinden haben wrde. Ich
war oft genug in meinem Leben querwaldein gegangen, aber dann war es nur immer
auf krzere Strecken gewesen, und es war nie darauf angekommen, eine ganz
bestimmte Richtung inne zu halten und dabei jede Mglichkeit, gesehen zu werden,
ngstlich zu vermeiden. Hier aber mute ich, wollte ich nicht einen groen Umweg
machen, durch Dickichte brechen, die kaum fr einen Hirsch passirbar waren, oder
wieder gerade einen Umweg machen, der mich weit aus der Richtung brachte, um
eine Lichtung zu umgehen, die mir keinen Schutz bot. Dann hatte ich, in Laub und
Strauchwerk vergraben, still zu liegen, bis ich mich berzeugt hatte, ob das
Gerusch, das ich vernommen, wirklich von menschlichen Stimmen herrhre, und zu
warten, bis wieder alles still geworden war; dann kam ich ber mehr als einen
der den Forst quer durchschneidenden Wege, wo doppelte Vorsicht geboten schien,
und dabei nahmen meine Krfte reiend ab, und ich sah voll Schrecken dem Moment
entgegen, wo ich zusammenbrechen wrde, um vielleicht nicht wieder aufzustehen.
Und dann dort zu liegen, todt, mit starren, verglasten Augen, wie ich es eben
gesehen, - und ihn hatten sie doch wenigstens jetzt schon gefunden und
hinabgetragen, und, so oder so, muten sie ihn also auch begraben; aber wie
lange konnte ich hier liegen im tiefsten Forst, bis ich gefunden wurde, es htte
denn von den Fchsen sein mssen! Es war kein trstlicher Gedanke, von den
Fchsen gefressen zu werden!
    Aber weshalb floh ich berhaupt? Was hatte ich gethan, das man so arg
bestrafen durfte? Und konnte man mir Aergeres anthun, als die Qualen, die ich
jetzt erduldete? Was da! Hier war ein Weg, der mich in einer halben Stunde aus
dem Walde brachte! Mglich, da ich dann sofort auf ein paar Gensdarmen stie!
Um so besser, so war das Stck aus.
    Und ich ging wirklich eine Strecke auf dem Waldwege dahin, aber pltzlich
blieb ich wieder stehen. Der Vater, was wird er sagen, wenn sie dich zwischen
sich durch die Stadt fhren und die Gassenjungen hinterher lrmen? Nein, nein,
das kannst du ihm nicht anthun, das nicht, viel lieber sich von den Fchsen
fressen lassen!
    Ich wendete mich wieder in den Wald, aber immer qualvoller wurde der Kampf,
den ich mit meiner Erschpfung zu kmpfen hatte. Meine Kniee wankten, der kalte
Schwei rieselte mir von der Stirn; mehr als einmal mute ich mich an einen Baum
lehnen, weil es mir schwarz vor den Augen wurde und ich ohnmchtig zu werden
frchtete. So schleppte ich mich wohl noch eine halbe Stunde weiter - es mute
nach meiner Berechnung gegen zwei Uhr nachmittags sein - da war es vorbei An dem
Rande einer kleinen Lichtung, zu der ich eben gelangte, stand eine niedrige, aus
Baumzweigen und Strohmatten leicht zusammengestellte, bereits halb wieder
zusammengesunkene Htte, fast wie eine Hundehtte anzusehen, die sich Holzfller
oder Wilddiebe errichtet haben mochten. Ich kroch hinein, nestelte mich in das
Stroh und das Laub, mit welchem der Boden der Htte fuhoch bedeckt und das
glcklicherweise noch einigermaen trocken war, und fiel sofort in einen Schlaf,
der seinem Zwillingsbruder Tod so hnlich wie mglich war.
    Als ich erwachte, war es vollkommen dunkel, und es dauerte lange, bis ich
mich besinnen konnte, wo ich mich befand und was mit mir geschehen war. Endlich
kam ich zum Bewutsein meiner schaudervollen Lage. Ich kroch mit groer Mhe aus
der Htte, denn meine Glieder waren wie zerschlagen, und die ersten Schritte
verursachten mir die empfindlichsten Schmerzen. Indessen gab sich das bald. Der
Schlaf hatte mich doch erquickt, nur der Hunger, der mich erweckt hatte, war
jetzt so grimmig, da ich beschlo, denselben auf jeden Fall zu stillen, um so
mehr, als ich fhlte, da, wenn dies nicht geschah, ich nothwendig in aller
Krze wieder zusammenbrechen mte. Aber wie sollte ich es anfangen? Endlich
fiel ich auf einen Ausweg den mir nur die Verzweiflung eingeben konnte. Ich
wollte mich links durch den Wald schlagen, bis ich auf freies Terrain gelangte,
was nach meiner Berechnung in einer Stunde etwa der Fall sein mute. Dann wollte
ich in das erste beste Gehft gehen und mir mit Gte oder Gewalt verschaffen,
wessen ich bedurfte, den ersten Hunger zu stillen, vielleicht auch Proviant fr
den nchsten Tag.
    Der Zufall schien die Ausfhrung dieses Planes begnstigen zu wollen. Nach
wenigen Minuten kam ich auf eine Schneise, die ich verfolgte, obgleich sie nicht
ganz in der gewnschten Richtung lief. Wie gro aber war mein Erstaunen und mein
Schrecken, als ich in viel krzerer Frist, als ich gehofft, aus dem Walde trat
und im Lichte der Sterne eine Gegend sah, ber die ich mich wohl nicht tuschen
konnte. Das da rechts am Waldessaume waren die Eigenkthner von Herrn von
Granow's Gut Melchow; dort, eingehllt in stattliche Bume, lag der Herrenhof,
und auf einer kleinen Anhhe ragte der weie Kirchthurm der erst krzlich
erbauten Dorfkirche. Weiter links, tiefer in der Ebene, lag Trantowitz, und noch
mehr links, wieder hher, hatte Zehrendorf gelegen; ja, als ob ich keinen
Augenblick im Zweifel darber bleiben sollte, da ich in die alte bekannte
Gegend zurckgekehrt, leuchtete eben jetzt von der Stelle, wo der Hof gestanden,
aus der ungeheuren Ruinenmasse die Flamme wieder auf, so hell, da der
Kirchthurm von Melchow in rosiges Licht getaucht wurde. Doch mute das Feuer
nicht mehr viel Nahrung finden, oder man hatte sich im Laufe des Tages mit
Lschmitteln wohl versehen, denn die Flammen sanken alsbald wieder zusammen, das
helle Licht verschwand, es blieb nur so viel, wie von einem Haufen
Kartoffelstroh ausgeht, das die Knaben auf freiem Felde angezndet haben.
    So hatte ich mich also mit Aufbietung aller meiner Krfte den ganzen Tag im
Kreise herumbewegt und war jetzt beim Einbruch der Nacht ungefhr da, von wo ich
heute beim Anbruch des Tages ausgegangen. Das war nicht trstlich, aber es war
lcherlich, und ich lachte, vielleicht nicht sehr laut und sehr behaglich, aber
ich lachte doch, und in demselben Augenblicke fiel mir ein, ob es nicht ein
guter Genius gewesen, der mich trotz meines Gegenwillens hierher zurckgefhrt?
Wo hatte ich bessere Freunde als gerade hier, in Trantowitz zum Beispiel, wo
mich Jedermann auf dem Hofe und im Dorfe kannte, wo ich an jede Thr anklopfen
und sicher sein konnte, Hlfe und Untersttzung zu finden? Ueberdies hatte mich
der Umstand, da ich den ganzen Tag keinem Menschen begegnet war, einigermaen
sicher gemacht, da die Verfolgung am Ende nicht so ernstlich betrieben werde,
und schlielich, - ich war am Verhungern und hatte keine Wahl.
    So schritt ich denn, fast ohne Vorsicht, ber die Felder nach Trantowitz,
zum ersten Male, seitdem wir uns getrennt, ernstlich an den guten Hans denkend
und was wohl aus ihm geworden sein mchte? Hatte er die Flchtlinge eingeholt?
Hatte es eine Scene gegeben, wie in jener Nacht, als der Wilde von dem Bruder
seiner Geliebten verfolgt und eingeholt wurde und ihre Degen sich kreuzten im
trgerischen Licht der spanischen Sterne? war um die Tochter Blut geflossen, wie
um die Mutter? war Hans einer so schlechten Sache zum Opfer gefallen? war er
Sieger geblieben? und dann? waren die Hscher hinter ihm her, wie hinter mir?
hatte man ihn vielleicht auf frischer That ergriffen? sa er vielleicht schon
hinter Schlo und Riegel?
    Mir wurde sehr traurig zu Muthe, als ich daran dachte, Hans hinter Schlo
und Riegel - das war ein melancholisches Bild; man konnte sich ebenso gut einen
Eisbren als Heizer auf einem Dampfschiffe denken.
    Unwillkrlich hatte ich mich dem Hofe mehr genhert, als ich nthig hatte,
um in's Dorf zu kommen. Vom Felde fhrte ein Weg ber einen trockenen Graben in
die ein paar Morgen groe Wildni von Kartoffel- und Kohlfeldern, Salatbeeten,
Stachelbeerhecken und verkrppelten Obstbumen, welche Hans in seltsamer
Verblendung consequent seinen Garten nannte und sehr werth hielt, weil er hier
im Winter die meisten Hasen aus dem Fenster seines Schlafzimmers scho. Auf dies
in der ganzen Gegend berhmte Schlafzimmerfenster richteten sich unwillkrlich
meine Blicke, und wie gro war mein Erstaunen, als ich aus demselben einen
schwachen Lichtschein kommen sah. Das Fenster war geffnet; das Licht brannte,
wie ich, nher tretend, bemerkte, in dem Wohnzimmer, dessen Thr zum
Schlafzimmer nur angelehnt war. Ich lauschte und hrte das Klappern von Messer
und Gabel. Sollte Hans wieder zu Hause sein? Ich konnte der Versuchung nicht
wiederstehen, stieg durch das Fenster in das Schlafzimmer, ffnete die nur
angelehnte Thr und da sa der Hans, wie ich ihn gestern hatte sitzen sehen,
hinter ein paar Flaschen und einem riesigen Schinken, von dem er jetzt die
groen blauen Augen erhob, um den so pltzlich Eintretenden mit mehr
verwundertem als erschrockenem Blicke anzustarren.
    Guten Abend, Herr von Trantow, sagte ich.
    Ich wollte noch mehr sagen, wollte ihm sagen, wie ich hierher gekommen sei;
aber unwillkrlich griff ich mit zitternden Hnden zuerst nach der kaum
angeschnkten Flasche, die ich, ohne abzusetzten, leerte. Hans nickte, als
meinte er: das ist recht, das ist ein Universalmittel. Dann stand er, ohne ein
Wort zu sprechen, auf, ging hinaus und schlo die Lden der beiden Fenster; kam
wieder herein, verriegelte die Thr, setzte sich mir schweigend gegenber,
zndete sich eine Cigarre an und schien ruhig abwarten zu wollen, bis ich meinen
Wolfshunger gestillt haben wrde, um reden zu knnen.
    Wenn Sie mir unterdessen erzhlten, wie es Ihnen ergangen ist! sagte ich,
ohne von meinem Teller aufzublicken.
    Hans hatte nicht viel zu erzhlen und sagte das Wenige in den mglichst
wenigen Worten. Er war eine halbe Meile oder so auf der Landstrae nach Fhrdorf
- der einzigen, welche die Flchtlinge mglicherweise hatten einschlagen knnen
- fortgaloppirt, als er merkte, da das Pferd, welches bis dahin gutwillig genug
seinen erzwungenen Dienst geleistet, nicht mehr recht aus der Stelle konnte.
Nach einer weiteren Viertelmeile, die er schon langsamer geritten war, hatte er
sich von der Unmglichkeit, weiter zu kommen, berzeugt. Der Weg war sehr
schlecht, sagte Hans; ich bin ein schwerer Reiter und das arme Vieh hatte
wahrscheinlich seit vierundzwanzig Stunden nicht zu fressen und zu saufen
gekriegt. So war er denn abgestiegen, hatte das Pferd am Zgel genommen und es
geduldig Schritt fr Schritt auf dem directesten Wege nach Trantowitz gefhrt,
wo er bei Einbruch der Nacht wohlbehalten ankam. Bis ich meinen Wodan gesattelt
htte und bis nach Fhrdorf gekommen wre, sagte Hans, waren sie lngst ber
alle Berge, und dann - ich bin es so gewohnt, da ich nie dazu gelange, zu thun,
was andere Leute gewi an meiner Stelle gethan htten, und -
    Der gute Hans leerte sein Glas, schnkte es sich wieder voll, lehnte sich in
seinen Stuhl zurck und hllte sich in eine blaue Tabakswolke.
    Armer Hans! er hatte es ehrlich gemeint - auch mit dem Schdeleinschlagen
unsers glcklichen Nebenbuhlers. Was konnte er dafr, da er bei dieser
Gelegenheit wieder einmal, wie schon so oft - wie immer in seinem Leben - auf
einen trgen Gaul gerieth? er konnte das Thier doch nicht um einer Sache willen,
die es gar nichts anging, zu Schanden reiten!
    Dann, gegen acht Uhr, als er hier in seinem Zimmer sa, hatte er den
Feuerschein gesehen. Er hatte nun doch den Wodan gesattelt und war
hinbergeritten, an der Spitze seiner Wagen. Auch von den andern Gtern waren
sie mit Wagen und Spritzen gekommen; aber es war nichts mehr zu retten gewesen;
die alte Pahlen, der es gewi nicht schwer geworden war, die Wachsamkeit des
dummen Pferdejungen zu tuschen, hatte ihr Werk zu gut gethan; der Hof hatte an
allen Ecken zugleich gebrannt. Ich bin nach Haus geritten, sagte Hans; und
habe mich zu Bett gelegt, und heute morgen bin ich wieder aufgewacht; ich wei
nicht warum. Ich wre lieber nicht wieder aufgewacht.
    Armer Hans!
    Heute Morgen hatte er erst von seinen Leuten erfahren, was sich ereignet:
wie gestern Abend die Steuerleute mit Hlfe einer halben Compagnie Soldaten eine
Jagd auf die Schmuggler gemacht, und wie sie vier oder fnf erwischt htten, die
nun alle gehngt werden sollten. Und ein Soldat sei in dem Sumpfe ertrunken, ein
Steuerbeamter sei verwundet und der Jochen Swart wre todtgeschossen. Herrn von
Zehren aber htten sie heute morgens oben auf der Burg auch todt gefunden. Der
knne froh sein, da er es nicht berlebt. Denn gehngt wrden sie ihn ja doch
haben, wie sie den Georg Hartwig, des Steuer-Rendanten Sohn aus Uselin, der ja
wohl der Hauptmann von den Schmugglern gewesen sei, hngen wrden, wenn sie ihn
nur erst htten.
    Hans schnkte mir mein Glas wieder voll und forderte mich mit seiner
ausdrucksvollsten Miene auf, es sofort zu leeren, als knnte ich ihm dadurch am
sichersten die trstliche Gewiheit verschaffen, da sie mich vorlufig noch
nicht gehngt htten.
    Nun mute ich erzhlen. Hans hrte schweigsam rauchend zu; aber als ich
schilderte, wie der Wilde gestorben und wie ich ihn zuletzt gesehen - todt, das
bleiche Antlitz der aufgehenden Sonne zugewandt, deren erster Strahl in seine
starren gebrochenen Augen fiel - da seufzte Hans tief auf und bewegte seinen
groen Kopf langsam hin und her und that einen tiefen, tiefen Trunk.
    Und was rathen Sie mir, was ich thun soll, sagte ich endlich.
    Ja, das sagen Sie einmal! erwiederte Hans.
    Da meine Angelegenheit sehr schlimm stand, leuchtete selbst Hans ein. Ich
hatte Pinnow mit der Pistole in der Hand gezwungen, mich mitzunehmen; ich hatte
den directesten, thtigsten Antheil an dem Zuge genommen; ich hatte auf die
Zllner geschossen; ich hatte endlich Herrn von Zehren auf seiner verzweifelten
Flucht begleitet. Dieses Alles waren in den Augen des Gesetzes jedenfalls keine
sehr verdienstlichen Handlungen, und je weniger ich hinterher mit dem Gesetze in
Berhrung kam, um so besser wrde es offenbar fr mich sein.
    Und doch, sagte ich, wre dies mein geringster Kummer; aber mein Vater
wrde die Schande, einen Sohn im Zuchthause zu haben, nicht berleben, und
deshalb will ich laufen, so weit der Himmel blau ist.
    Hans nickte Beifall und schien nur ungewi darber, wie weit das wohl
ungefhr sein mchte.
    Wenn ich nach Amerika ginge?
    Hans mute nothwendig auf einen so glnzenden Einfall, der alle
Schwierigkeiten der Situation mit Einem Schlage beseitigte, mit mir anstoen.
    Indessen fand sich, da die glnzendsten Einflle, sobald es an die
Ausfhrung geht, auch ihre Schattenseiten haben knnen. Die Geldfrage glaubte
Hans dadurch erledigt, da er an sein unverschlossenes, vermuthlich auch
unverschliebares Pult ging, einen Kasten herauszog und den Inhalt desselben vor
uns auf den Tisch ausschttete. Es waren vier- bis fnfhundert Thaler in Gold,
Silber und Tresorscheinen, untermischt mit Einladungen zu Jagden, quittirten und
unquittirten Rechnungen, Cottillon-Orden (aus einer frhern Zeit vermuthlich),
Wollproben, verstreuten Zndhtchen und einigen Dutzend Rehposten, die auf die
Dielen rollten und Caro aufweckten, der unter dem Sopha geschlafen hatte, und
jetzt, sich dehnend und streckend, hervorkroch, da er annahm, da Rehposten so
oder so in sein Departement gehrten.
    Hans erklrte, da er, soviel ihm bekannt, augenblicklich nicht mehr im
Hause habe, da er aber, wenn es nicht reiche, in seinen Rcken nachsehen wolle,
wo er von Zeit zu Zeit in dem Unterfutter schon ganz bedeutende Summen gefunden
habe.
    Ich war von Hans' Gte sehr gerhrt; aber, angenommen auch, da ich von
derselben Gebrauch machen wollte, wie sollte die Flucht bewerkstelligt werden?
Hans hatte sich von seinen Leuten sagen lassen - und es erschien ja nur zu
wahrscheinlich - da man berall nach mir suche. Wie sollte ich, ohne angehalten
zu werden, nach Hamburg oder Bremen oder irgend einem andern Ort gelangen, von
dem aus ich mich nach Amerika htte einschiffen knnen - zumal in den ersten
Tagen, wo man voraussichtlich noch ganz besonders wachsam sein wrde?
    Nach langem Hin- und Herberlegen verfiel Hans auf folgenden Plan, zu dem er
jedenfalls aus seinem braven Herzen die Inspiration erhalten hatte. Ich sollte
vor der Hand bei ihm versteckt bleiben, bis sich die erste Hitze der Verfolgung
gelegt haben wrde. Dann wollten wir zusammen die Reise wagen, ich als sein
Kutscher oder Bedienter verkleidet. Nun handelte es sich nur noch um den Pa,
ohne den, wie ich wute, Niemand an Bord eines Schiffes gelassen wurde. Aber
auch hier wute der erfindungsreiche Hans Rath. Ein gewisser Herr Schulz, der
bei ihm Inspector gewesen, hatte in diesem Frhjahre auswandern wollen und sich
die nthigen Papiere verschafft, war aber, bevor er sein Vorhaben ausfhren
konnte, gestorben. Die Papiere hatte Hans an sich genommen, und wir fanden sie
nach einigem Suchen. Nun stellte sich zwar heraus, da der europamde Inspector
nicht neunzehn, sondern vierzig Jahre alt gewesen, auch nicht, wie ich, sechs
Fu ohne die Schuhe, vielmehr nur vier und einen halben gemessen hatte, auerdem
durch starke Pockennarben gekennzeichnet war; indessen, meinte Hans, so genau
wrde man wohl nicht hinsehen und ein Hundertthalerschein die kleinen
Abweichungen des Signalements im Passe gewi verdecken.
    Es war zwei Uhr, als wir diesen geistreichen Plan fertig hatten und zu
gleicher Zeit Hans die Augen vor Mdigkeit zufielen. Da er durchaus wollte, da
ich in seinem Bette schlafe, so mute ich ihm wohl das Sopha in der Stube
lassen, auf das er sich kaum hingestreckt hatte, als er auch schon zu schnarchen
begann. Ich deckte ihn mit seinem Mantel zu und begab mich in die Kammer, wo
ich, so mde ich war, erst von den einfachen Waschapparaten, die ich dort
vorfand, den entsprechenden und sehr nthigen Gebrauch machte. Dann legte ich
mich, nachdem ich mich wieder angekleidet, auf Hans' Bett.
    Ich schlief ruhig ein paar Stunden, und als ich beim ersten Morgengrauen
erwachte, stand ein Entschlu, mit dem ich mich schon hingelegt, klar vor meiner
Seele. Ich wollte fort; der gute Hans sollte durch mich nicht in ernstere
Ungelegenheiten kommen. Je lnger ich bei ihm verweilte, um so grer wurde die
Wahrscheinlichkeit, da seine Helfershelferschaft, die jetzt doch aller
Wahrscheinlichkeit nach verborgen blieb, an den Tag kam und dann um so schlimmer
ausgelegt wurde. Auerdem setzte ich in der That nur geringes Vertrauen in den
Pa des vier und einen halben Fu hohen verstorbenen Inspectors, und schlielich
war ich - als ein junger, nicht ungromthiger Mann - ganz erfllt von der
Ueberzeugung, da es meine Pflicht sei, die Folgen meiner Handlungen, so weit es
in meiner Macht stand, allein auf mich zu nehmen.
    So erhob ich mich denn leise von meinem Lager, schrieb einen Zettel an Hans,
in welchem ich ihm fr alle seine Gte dankte, und da ich meine Jagdtasche mit
den Resten des Abendbrodes angefllt habe, steckte den Zettel in den Hals einer
Weinflasche auf dem Tische, in der gewi gerechtfertigten Annahme, da Hans ihn
da schwerlich bersehen wrde, nickte dem braven Jungen, der noch in derselben
Situation auf dem Sopha lag, in welcher er vor ein paar Stunden eingeschlafen
war, Lebewohl zu, streichelte Caro, der sich an mich drngte, und bedeutete ihm,
da ich ihn nicht mitnehmen knne, ergriff meine Flinte und stieg zu demselben
Fenster hinaus, in welchem ich gestern Abend eingestiegen war.

                              Zwanzigstes Capitel.


Speise und Trank und Schlaf hatten mir die alte Kraft vollauf wiedergegeben, und
so konnte ich meine Rolle in dem Ruber- und Gensdarmenspiel mit besserm
Erfolge, als am ersten Tage in den folgenden Tagen fortsetzen.
    Diese Tage, es waren ihrer drei oder vier, bilden eine seltsame Episode in
der Geschichte meines Lebens, so da mir manchmal ist, als htte ich sie gar
nicht selbst erlebt, sondern htte davon gelesen in einem Mrchenbuche. Ja, wie
ein Mrchen ist mir nach so vielen Jahren - dreiig sind es jetzt - die
Erinnerung dieser Tage, wie ein Mrchen von dem bsen Knaben, der sich im Walde
verirrte und dem dort allerlei sehr Schlimmes begegnete, und der doch auch
wieder so viel blaue Himmelsluft athmen, und so viel goldenen Sonnenschein
trinken, und sich so vogelfrei ber die schne Erde bewegen konnte, da man, wer
wei wie viele Stationen auf der Pappelchaussee seines rangirten Daseins darum
geben wrde, knnte man so mrchenhaftes Leid und Glck einmal oder einmal
wieder an sich selbst erfahren.
    Als ob der Himmel selbst es gndig mit dem bsen Knaben meinte, der, was er
immer gefehlt haben mochte, es in seines jugendlichen Sinnes Thorheit gefehlt
hatte, und vielleicht, Alles in Allem, so gar bs nicht war, sendete er ihm fr
seine abenteuerliche Flucht ein paar der allerschnsten Sptherbsttage. Die
Regenstrme der letzten Zeit hatten die Luft durchsichtig klar gemacht, da die
fernste Ferne wie nchste Nhe erschien. Dazu strmte ein machtvolles und doch
unendlich mildes Sonnenlicht von dem wolkenlosen Himmel und drang in die
tiefsten Tiefen des Waldes, von dessen Riesenbumen die gelben Bltter still
herabschwebten zu den andern, die hier und da schon hoch den Boden bedeckten.
Kein Laut in der sonnigen Wildni, als dann und wann aus dem Gebsche das
melancholische Zirpen einer Goldammer oder das heisere weitschallende Krchzen
einer Krhe, welcher das Gewehr, das der junge Mann da unten trug, verdchtig
sein mochte; oder der durch die Entfernung abgedmpfte Schrei von Kranichen,
die, unbekmmert um das irdische Treiben, in unermelicher Hhe ihren stolzen
Flug gen Sden zogen.
    Dann lag ich wieder im Herzen des Waldes auf einem nach allen Seiten
abfallenden Hgel, der leicht ein Hnengrab sein mochte, und schaute zu, wie
unter mir zwischen den gewaltigen Steinen Ehren-Reinecke aus seinem Malepartus
kroch und es sich in der Frhmorgensonne behaglich machte, whrend ein paar
Schritte weiter die halberwachsenen Jungen in ansgelassenster Lustigkeit sich
jagten und ber einander kollerten; oder ich sah im Abendschein ein Rudel
Hochwild ber die Lichtung ziehen, den Platzhirsch zuletzt, stolz aufgerichteten
Hauptes, das er nur zuweilen senkte, ein Kraut abzurupfen, die Khe ruhig vor
ihm her send.
    Dann wieder stand ich auf jher Uferhhe hart am Rande der trotzigen
Kreidefelsen und blickte sehnschtig hinaus auf das blaue Meer, an dessen
fernstem Horizont ein Wlkchen die Stelle zeigte, wo der Dampfer, den ich seit
einer Stunde beobachtet hatte, verschwunden war, whrend auf mittlerer Hhe die
Segel von ein paar Fischerbooten blinkten. Das Wlkchen war verschwunden, die
weien Segel wurden kleiner, und ich wendete mich seufzend in den Wald zurck,
kaum noch hoffend, da es mir gelingen werde, von der Insel wegzukommen.
    Schon ein paar Mal hatte ich den Versuch gemacht. Einmal in einem kleinen
Fischerdorf, das in einem Einschnitte der Kreidekste in der Tiefe einer
schmalen Bucht lag und das Bild der Abgeschiedenheit und Vereinsamung war. Aber
die Mnner waren mit den seetchtigen Booten smmtlich auf dem Fischfange; nur
ein uralter Mann und ein paar halbwchsige Buben waren auer den Weibern und
Kindern da. Wenn der Fang gut war, konnten zwei Tage vergehen, bis die Mnner
zurckkamen, und da den Herrn einer so weit fahren wrde, glaube er nicht. So
sagte mir der alte Mann, und ein paar rothaarige Kinder standen dabei und
glotzten mich mit aufgesperrten Mulern an und eine alte Frau kam herzu und
besttigte die Aussage des alten Mannes, whrend die Sonne in's Meer tauchte und
ein khler Wind die Schlucht hinab zum Meere blies, dessen Wasser zu dunkeln
begannen.
    Es war der zweite Tag meiner Wanderschaft. Die erste Nacht hatte ich in
einer verlassenen Schferhrde zugebracht; ich dachte, ich knne einmal wieder
unter Dach schlafen, und die wrdige Matrone, der ich mein Anliegen vortrug,
rumte mir bereitwillig das Kmmerchen ihres Sohnes ein, der vor drei Jahren
ausgesegelt war und noch nichts wieder von sich hatte hren lassen. Ich htte in
diesem von aller Welt abgeschiedenen Winkel vielleicht tagelang, ohne entdeckt
zu werden, zubringen knnen; aber die Nothwendigkeit, erst einmal von der Insel
fortzukommen, war zu gebieterisch, und so brach ich in der Frhe des nchsten
Morgens wieder auf, mein Heil anderwrts zu versuchen.
    Ich that es in einem grern Fischerdorf. Es waren Boote genug da und Leute
genug, aber Keiner wollte mich fahren, trotzdem ich fr die kurze Fahrt von
wenigen Meilen (weiter war es nicht bis zur mecklenburgischen Kste, wo ich mich
fr verhltnimig sicher halten durfte) zehn Thaler, die Hlfte meiner
Baarschaft bot. Ob sie wuten, wer ich war - wie wohl mglich - oder ob ihnen
der junge, verwildert aussehende Mensch mit der Flinte auf dem Rcken, der
durchaus auf fremdes Gebiet verlangte, verdchtig vorkam; ob sie nur, da ich es
doch einmal so eilig hatte und es mir an Geld nicht zu fehlen schien, durch
Zaudern und Hinhalten ein hheres Fahrlohn erpressen wollten - ich wei es
nicht. Als aber eine Stunde mit Hin- und Herreden vergangen war und Karl
Bollmann sich bereit erklrte, wenn Johann Peters sein Boot hergeben wollte, der
wiederum erbtig war, die Fahrt mitzumachen, aber nur auf Karl Bollmann's Boot,
und Christian Riekmann, der mit den Hnden in den Hosentaschen dabei stand,
meinte, er wolle mich schon mit seinem Jungen fahren, aber nicht unter dreiig
Thalern, und sie dann Alle die Kpfe zusammensteckten und nach und nach die
ganze Einwohnerschaft - Weiber und Kinder eingeschlossen - herbeikam, schien es
mir gerathener, das Resultat dieser Verhandlungen nicht abzuwarten, sondern
wendete mich kurz ab und schlug mich mit langen Schritten in die Dnen. Ein
halbes Dutzend kam hinter mir her - ich zeigte ihnen von weitem meine Flinte und
da blieben sie zurck, als weise Mnner bedenkend, da weit davon gut vor dem
Schu ist.
    An diesem Tage erhielt ich auch den Beweis dafr, da man mich ernstlich
verfolgte, woran ich freilich nie gezweifelt hatte.
    Es war nmlich schon gegen Abend, als ich, eine Strecke freien Landes, die
ich zu durchschreiten hatte, vom Saume des Waldes aus recognoscirend, auf der
Landstrae zwei Gensdarmen zu Pferde sah, die lngere Zeit mit einem Schfer
sprachen, welcher seine Heerde auf der Haide zwischen der Landstrae und dem
Walde trieb. Ich bemerkte, da sie wiederholt nach dem Walde deuteten, doch
mute ihnen der Schfer wohl befriedigende Auskunft gegeben haben, denn sie
ritten nach einiger Zeit in der entgegengesetzten Richtung weiter und
verschwanden bald in einer Senkung des Terrains. Als ich sie weit genug entfernt
glaubte, kam ich aus meinem Verstecke heraus und gesellte mich zu dem Schfer,
der an einem langen schwarzen Strumpfe strickte, und dessen einfltiges Gesicht
mir ausreichende Gewhr der Sicherheit bot. Er erzhlte mir auf mein Befragen,
da die Gensdarmen hinter Einem her wren, der ja wohl Einen todtgeschlagen
habe. Es solle ein groer, junger Mensch sein, und ein sehr schlimmer Mensch,
aber die Gensdarmen htten gesagt, sie kriegten ihn doch noch.
    Die ppige Phantasie des Strmpfestrickenden hatte vermuthlich in der kurzen
Zeit zwischen dem Verschwinden der Gensdarmen und meinem Erscheinen Mue genug
gehabt, sich das Bild des Verfolgten mglichst frchterlich auszumalen.
Jedenfalls erkannte er mich in Wirklichkeit nicht; er nahm mich ohne Bedenken,
fr was ich mich gab: einen Jgersmann, der auf einem der benachbarten Gter zu
Besuch sei und, der Gegend unkundig, sich verirrt habe. Er gab mir ber die Wege
genaue Auskunft, bedankte sich fr das Trinkgeld, das ich ihm in die Hand
drckte, und lie vor Verwunderung seinen Strickstrumpf fallen, als ich, anstatt
den von ihm gewiesenen Weg zu gehen, ber die Haide in den Wald zurckkehrte.
    Die Nhe der Gensdarmen hatte mich doch stutzig gemacht und ich hatte
beschlossen, diese Nacht im Walde zuzubringen. Es war eine bse Nacht. So warm
es am Tage gewesen, so kalt wurde es jetzt, nachdem die Sonne untergegangen, und
immer klter und klter, je weiter die Nacht vorschritt. Vergebens, da ich mich
futief in die feuchtdrren Bltter vergrub - vergebens, da ich durch Hin- und
Hergehen mich zu erwrmen suchte. Die dichten Nebel, die von der Erde
aufstiegen, durchnten meine Kleider und durchklteten mich bis in's Mark.
Entsetzlich langsam schlich die lange, lange Nacht dahin; ich glaubte, es wrde
nie wieder Tag werden. Und zu diesem physischen, kaum ertrglichen Leiden der
Klte, der ich mich nicht erwehren, des Hungers, den ich nicht stillen, der
Mdigkeit, der ich nicht nachgeben konnte, gesellte sich die Erinnerung dessen,
was ich jngst durchlebt, je lnger die Nacht dauerte, und je wilder das Fieber
in meinen Adern wthete, in immer grauenhafteren Bildern. Whrend ich, halb todt
vor Mattigkeit, auf einer freieren Stelle unter den hohen Bumen im
Nebelgeriesel auf und ab schwankte, sah ich mich wieder an Herrn von Zehren's
Seite auf dem Moor und Jochen Swart lag todt zu unsern Fen, und die Flammen
des brennenden Hofes leuchteten grausig ber uns hin, aber viel heller als es in
Wirklichkeit der Fall gewesen war, so hell, da mir war, als brenne der Wald
rings um mich her und als irrte ich in hllischen Feuern, obgleich meine Glieder
vor Klte zitterten und meine Zhne in immer schnellerem Tempo
aufeinanderklappten. Dann sa Herr von Zehren vor mir, wie ich ihn zuletzt hatte
sitzen sehen, mit gebrochenen Augen, in welche die aufgehende Sonne schien, und
dann war es wieder nicht Herr von Zehren, sondern mein Vater, oder der Professor
Lederer, oder andere Gestalten; aber alle waren sie todt, und die Sonne schien
ihnen in die gebrochenen Augen. Dann wurde ich mir wieder meines Zustandes voll
bewut: da es finstere Nacht um mich her war, da mich sehr fror, da ich
fieberte und da ich auf die Gefahr hin, entdeckt zu werden, mich entschlieen
msse, ein wirkliches Feuer zu entfachen, anstatt des grlichen, unheimlichen,
das ich fortwhrend in meinen Fieber-Hallucinationen sah, gerade wie ein auf
heier Landstrae Verdurstender das Rauschen schattiger Bume und das Pltschern
von Quellen zu hren glaubt.
    Ich trug fr den Fall, der jetzt eintrat, ein groes Stck Zunder, das ich
aus einem hohlen Baume gebrochen, in der Jagdtasche. Mit Hlfe desselben gelang
es mir, nach einiger Zeit einen Sto halbwegs trockenen Holzes in Brand zu
setzen, und ich kann das Wonnegefhl nicht beschreiben, das mich durchbebte, als
endlich die Flamme hoch emporschlug. Vor ihrem ehrlichen Schein huschten die
Fiebergeister in die Finsterni zurck, die sie geboren hatte; vor ihrer
kstlichen Wrme floh die Eisklte aus meinen Adern; ich schleppte neues und
neues Material herbei, ich konnte mich des Anblickes der glnzenden Flammen, des
schwlenden Rauches, der davonstiebenden Funken nicht ersttigen. Dann setzte
ich mich an meinen Waldesheerd und dachte darber nach, was ich thun knne, mich
aus dieser Lage zu bringen, die, wie ich wohl sah, auf die Dauer unertrglich
war. Endlich glaubte ich, es gefunden zu haben. Ich mute den Versuch machen,
ber einen der Orte, von denen aus eine regelmige Verbindung mit dem Festlande
statt fand und die ich bis jetzt aus guten Grnden geflissentlich vermieden
halte, zu entkommen, und zwar verkleidet, da man mich sonst jedenfalls sofort
erkannt haben wrde. Die Schwierigkeit war, einen passenden Anzug zu erhalten
und auch hier kam mir ein glcklicher Gedanke. Ich hatte in der Kammer des
Matrosen, in welcher ich die letzte Nacht zugebracht, einen vollstndigen
Fischeranzug hangen sehen; vielleicht verkaufte mir den die freundliche Alte.
War ich in dieser Verkleidung erst einmal von der Insel, so sollte es mir doch,
meinte ich, gelingen, in einem nchtlichen Marsche bis zur mecklenburgischen
Grenze zu kommen. Dann mute der Zufall weiter helfen.
    Ich fhrte diesen Entschlu aus, sobald der Morgen graute, und traf,
obgleich ich mich bereits ein bis zwei Meilen von dem einsamen Fischerdorfe
entfernt hatte, kurz nachdem die Sonne aufgegangen, dort wieder ein. Die brave
Alte wollte von keinem Kauf wissen: ich brauche die Sachen, und das sei genug;
vielleicht helfe ein anderer Mensch dafr ihrem Sohne, wenn er noch lebe, im
fernen Lande aus einer Gefahr - und dabei liefen ihr die Thrnen ber die alten,
runzeligen Wangen. Meine Sachen und die Flinte - die Pistole hatte ich bei Hans
gelassen - wolle sie mir aufheben; ich knne sie jeden Augenblick haben, wenn
ich wieder in die Gegend komme. Wofr mich die gute Alte genommen haben mag? Ich
wei es nicht. Ich denke, fr einen Menschen, der so aussah, als ob er in Noth
sei, der behauptete, da ihm nur auf diese Weise geholfen werden knne, und dem
sie deshalb half, wie er es wnschte. Die brave Seele! Ich bin spter
glcklicherweise im Stande gewesen, ihr ihre Gutthat einigermaen zu vergelten,
wenn eine Gutthat berhaupt vergolten werden kann.
    Ich machte mich alsbald wieder auf den Weg, der diesmal unter mancherlei
Fhrlichkeiten quer durch die Insel fhrte, zu einem Punkte, wo ich den Abend
erwarten wollte, um mich nach Fhrdorf zu begeben, das ich in einer Stunde
erreichen konnte. Ich hatte nmlich im Vertrauen auf meinen Matrosenanzug, der
mir vortrefflich pate, und, wie ich glaubte, mir ein ganz anderes Aussehen gab,
die directeste Ueberfahrt nach Uselin gewhlt. Freilich mute ich so meine
Vaterstadt passiren; aber vielleicht suchte man mich hier gerade am wenigsten,
und dann - gestehe ich es nur! - es bedurfte zu jener Zeit gar wenig, um in mir
den alten Uebermuth zu entfachen, der mir in meinem jungen Leben schon so
manchen bsen Streich gespielt hatte. Ich malte es mir mit einem grimmigen
Behagen aus, wie ich nchtens durch die stillen Straen meiner Vaterstadt
wandern wrde, und berlegte schon, ob ich nicht an die Rathhausthr den alten
Spruch von den Nrnbergern und meinen Namen dazu schreiben solle. Dennoch wagte
ich mich nicht vor Anbruch der Nacht nach Fhrdorf.
    Ich hatte das fllige Boot verpat; das nchste und letzte an diesem Tage
segelte erst in einer halben Stunde. Da ich durch das Fenster gesehen hatte, da
das sehr gerumige Schnkzimmer des hart am Ufer gelegenen Gasthofes so gut wie
leer war und ich mich nothwendig fr den Marsch der Nacht strken mute, trat
ich ein, setzte mich, mit dem Gesicht nach der Wand, an den entferntesten Tisch
und bestellte bei dem Schnkmdchen ein Abendbrod.
    Das Mdchen ging, die Bestellung auszurichten. Auf dem Tische neben dem
Lichte, das die Kleine angezndet, lag eine mit Bierflecken arg besudelte Nummer
des Useliner Wochenblattes vom vorigen Tage - ein anderes, reinlicheres Exemplar
derselben Nummer liegt neben dem Blatte, auf welches ich dies schreibe. Ich nahm
es zur Hand, mein erster Blick fiel auf folgenden Artikel:

                                  Publicandum.

    Der der gewerbsmigen Treibung der Contrebande, der thatschlichen
Widersetzlichkeit gegen Officianten des Staates, sowie des Mordes dringend
verdchtige, zur Zeit flchtige, ehemalige Schler des Gymnasiums in Uselin,
Friedrich Wilhelm Georg Hartwig, hat sich noch immer, trotz aller von Seiten der
Behrden angewandten Mhe, der Verhaftung zu entziehen gewut. Da es durchaus im
Interesse des Publikums liegt, da dieser nach allen Inzichten gefhrliche
Mensch zur Haft, resp. Verbung der Strafe gebracht werde, ergeht an dasselbe
die Aufforderung, seinerseits zu diesem Endzwecke beizutragen, indem Jeder, der
ber den Aufenthalt etc. des p.p. Hartwig eine Aussage zu machen hat, solche
unverweilt zur Kenntni des Unterfertigten bringt. Auerdem ersuchen wir
wiederholt und ergebenst smmtliche Behrden des In- und Auslandes, auf den p.p.
Hartwig (Signalement weiter unten) strengstens zu vigiliren, denselben im
Betretungsfalle zu arretiren und an uns auf unsere Kosten remittiren zu wollen,
unter Zusicherung dienstwilligster Reciprocitt im gegebenen Falle.
    Uselin, 2. November 1833.
                                                             Das Bezirksgericht.
                                                            (gez.) Heckepfennig.

    Das beigefgte Signalement will ich nicht ausschreiben; der Leser wrde aus
demselben nicht viel mehr erfahren, als da ich mich zu jener Zeit dunkelblonden
- Brandfuchs hatten mich die Jungen in der Schule genannt, wenn sie mich
rgern wollten - und gelockten Haares erfreute, sechs Fu ohne Schuhe ma und,
als ein wohlgebildetes Menschenkind keine besonderen Kennzeichen hatte,
wenigstens nicht in den Augen des Herrn Justizraths Heckepfennig.
    Uebrigens habe ich auch in jener fr mich verhngnivollen Stunde die
actenmige Schilderung meiner Person schwerlich gelesen; ich hatte genug an dem
mitgetheilten Publicandum. Als mir gestern Abend der Schfer sagte: der Mann,
den die Gensdarmen verfolgten, solle einen andern erschlagen haben, hatte ich
das nicht einen Augenblick fr baare Mnze genommen. Der Mensch sah so einfltig
aus, und wer wei, dachte ich, was die Herren Gensdarmen ihm aufgebunden haben
mgen, um sich wichtig und ihm bange zu machen! Aber hier stand es mit groen,
deutlichen Lettern auf dem Lschpapier des Useliner Wochenblattes, das, da sehr
selten andere Zeitungen in meine Hnde gekommen waren, fr meinen unkritischen
Jugendsinn von jeher mit einer gewissen magistralen Autoritt, ich mchte sagen,
mit dem Stempel der Unfehlbarkeit bekleidet gewesen war. - Des Mordes
verdchtig! War es mglich? galt ich als der Mrder von Jochen Swart? ich! der
ich Gott gedankt hatte, als ich den Menschen, auf den ich scho, sehr eilig
davonhinken sah! ich, dessen einziger Trost es in all' diesen letzten
Leidenstagen gewesen war, da trotz alledem kein Menschenleben auf meinem
Gewissen laste! Und hier schrieb man in alle Welt hinaus, da ich ein
Todtschlger, ein Mrder sei!
    Das Schnkmdchen brachte das bestellte Essen und ermahnte mich, glaube ich,
keine Zeit zu verlieren, da das Fhrboot bald absegeln werde. Ich hrte kaum
das, was sie sagte; ich lie das Essen unberhrt und starrte noch immer in das
Blatt, dessen erste Seite ich, als das Mdchen herantrat, schnell umgeschlagen
hatte, als knnte mein Name, der da gedruckt war, mich verrathen. Aber da auf
der zweiten Seite stand er abermals in einem Artikel, unter der Rubrik:
Stdtische Angelegenheiten.
    Der Artikel lautete so:
    Gestern Abend hatte sich auf eine bisher noch unaufgeklrte Weise das
Gercht in der Stadt verbreitet, da Georg Hartwig, dessen Name jetzt in Aller
Munde ist, sich in das Haus seines Vaters geflchtet habe und sich dort
verborgen halte. Eine ungeheure Menschenmenge, die leicht aus hundert und mehr
Kpfen bestehen mochte, versammelte sich in Folge dessen in der Ufergasse und
verlangte strmisch, da ihr der jugendliche Verbrecher ausgeliefert werde.
Vergebens, da der unglckliche Vater von der Schwelle seines Hauses
versicherte, da sein Sohn nicht in seinem Hause, und da er nicht der Mann sei,
dem Gesetze Hindernisse in den Weg zu legen. Auch die energischen Bemhungen
unserer braven Stadtdiener Luz und Bolljahn erwiesen sich als erfolglos; erst
der beredten Ansprache unseres wrdigen Herrn Brgermeisters, der auf die erste
Nachricht des Tumultes sofort herbeigeeilt war, gelang es, die immer noch
anwachsende Menge zu zerstreuen. - Wir knnen nicht unterlassen, unsere
Mitbrger auf das Thrichte und gewissermaen Frevelhafte eines solchen
Beginnens dringend aufmerksam zu machen, wie willig wir auch einrumen, da die
in Frage stehende Angelegenheit, welche leider immer bedeutendere Dimensionen
anzunehmen scheint, ganz dazu angethan ist, die Gemther aufzuregen. Aber wir
wenden uns an die Verstndigen, d.h. die weitaus grere Mehrzahl unserer
Mitbrger, und fragen sie: drfen wir nicht in unsere Behrde das vollste
Vertrauen setzen? drfen wir nicht berzeugt sein, da unser Wohl in ihren
Hnden besser aufgehoben ist, als in unseren eigenen Hnden? Und was den
gestrigen Fall anbetrifft, so appelliren wir noch besonders an das Zartgefhl
der Gutgesinnten. Mgen sie bedenken, da der Vater des unglcklichen Georg
Hartwig einer der ehrenwerthesten Mnner unserer Stadt ist. Er wre, wie er
selbst versichert hat und wie wir unsererseits fest berzeugt sind, der Letzte,
welcher den Lauf der Gerechtigkeit aufhalten wrde. Mitbrger! Ehren wir dieses
Wort! ehren wir den Mann, der es gesprochen! Mitbrger! lasset uns gerecht sein,
aber nicht grausam! und vor Allem lasset uns zusehen, da der Ruf der Ordnung
und des gesetzmigen Sinnes, dessen sich unsere gute alte Stadt so lange mit
Recht erfreut hat, nicht durch unsere Schuld verloren gehe!
    Das mir wohlbekannte Signal, welches die Passagiere zum Fhrboot rief,
ertnte von der Landungsbrcke her, zugleich trat das Mdchen wieder herein und
bedeutete mich, da ich mich beeilen msse.
    Aber Sie haben ja keinen Bissen gegessen! rief sie und starrte mich
verwundert und erschrocken an; ich mochte wohl sehr bla und verstrt aussehen.
    Ich murmelte irgend eine Erwiederung, legte einen Thaler auf den Tisch und
verlie eilends das Zimmer.
    Das Fhrboot war trotz der spten Stunde voll von Passagieren; in dem
mittleren Raume standen zwei gesattelte Pferde, die nur Gensdarmen gehren
konnten, und ich entdeckte auch bald ihre Reiter. Es waren dieselben, die ich
gestern gesehen hatte, wie ich aus den Gesprchen hrte, die sie mit ihren
Nachbarn, ein paar Bauern, fhrten. Sie schimpften darber, da man sie
zurckbeordert, denn sie seien berzeugt, da sie den Halunken gefangen haben
wrden, der ganz gewi noch irgendwo auf der Insel versteckt sei, trotzdem sie
dieselbe nebst noch zwei berittenen Kameraden und vier Kameraden zu Fu nach
allen Richtungen durchsucht htten. Nun wrden sich die Andern die Gratification
verdienen, whrend sie helfen sollten, die Ruhe in der Stadt aufrecht zu
erhalten, was sie gar nichts angehe, denn dazu seien ja der Bolljahn und der Luz
da.
    Ich sa dicht in ihrer Nhe und konnte Alles mit anhren, und dachte, welche
Freude ich den braven Leuten machen knnte, wenn ich pltzlich aufstnde und
sagte: hier ist der Halunke.
    Aber ich konnte ihnen die Freude nicht machen; was zu thun ich entschlossen
war, mute aus einem freiem Antriebe geschehen. So hielt ich mich still, und den
weisen Dienern des Gesetzes kam es nicht in den Sinn, da der junge Matrose, der
scheinbar so eifrig zuhrte, der war, den sie suchten.
    Der Wind war gnstig und die Fahrt schnell, nach einer Stunde legte das Boot
an der Fhrbrcke in dem Hafen an. Die Pferde stampften, die Gensdarmen
fluchten, die Passagiere drngten sich aus dem Fahrzeug und gingen mit ihren
Bndeln die Brcke hinauf.
    Oben auf dem Quai stand der dicke Peter Hinrich, der Wirth der
Matrosenkneipe gleich am Thor, und fragte mich, ob ich nicht bei ihm Quartier
nehmen wolle? Ich sagte, es wre schon anderwrts Quartier fr mich bereit.
    So schritt ich durch das verfallene Hafenthor, das nie geschlossen wurde,
und kam in die Hafengasse. Als ich zu dem kleinen Hause gelangte, blieb ich
einen Augenblick stehen. Es war dunkel und still in dem Hause und es war dunkel
und still auf der Strae: aber vorgestern war es hier belebt genug gewesen, und
dort auf der Schwelle hatte ein Mann gestanden und gesagt, da man sich sehr in
ihm irre, wenn man glaube, er knne oder werde dem Gesetze ein Hinderni in den
Weg legen. Er sollte nicht noch einmal in den Verdacht kommen, da er seinen
Sohn in seinem Hause versteckt halte; er sollte sehen, da diesem Sohne doch
noch etwas an seinem eigenen guten Namen, wenn nicht an dem seines Vaters
gelegen sei; da er den Muth habe, einzustehen fr das, was er gethan.
    Die Vermahnung des Wochenblattes an das Publikum war nicht vergeblich
gewesen; die kleine Stadt war wie ausgestorben; die energischen Mnner Luz und
Bolljahn htten beim besten Willen nichts zu thun gefunden. Mein Schritt hallte
laut in den den Gassen, die mir heute sonderbar eng und winkelig erschienen;
hier und da war noch Licht in den Fenstern; man ging sehr frh zu Bett in
Uselin, und der Magistrat konnte deshalb auch die Straenlaternen frhzeitig
auslschen, besonders wenn, wie jetzt, schon das erste Viertel des Mondes ber
das Dach der alten Nikolaikirche durch treibende Wolken melancholisch auf den
stillen Marktplatz herniederblickte.
    Ich stand auf dem Marktplatz vor dem Hause des Herrn Justizraths
Heckepfennig. Es war der stattlichsten eines. Wie oft war ich hier, wenn ich des
Mittags aus der Schule kam, vorbergegangen, und hatte einen
sehnschtig-respectvollen Blick nach dem letzten Fenster links in der oberen
Etage geworfen, wo Emilie hinter einer Vase mit Goldfischen zu sitzen pflegte,
und zufllig immer, wenn ich vorberging - ein kleiner, halbblinder
Fensterspiegel spielte den treuen Vermittler - nach irgend etwas auf dem Markte
sehen mute! Heute blickte ich wieder nach dem Fenster, aber mit sehr anderen
Empfindungen. Es war Licht in dem Zimmer - dem Wohnzimmer der Familie. Der
Justizrath pflegte dort seine Abendpfeife zu rauchen. Es stand zu vermuthen, da
sie ihm ber dem Besuch, der ihm bevorstand, ausgehen werde.
    Die Hausthren in Uselin pflegten, bevor die Bewohner zu Bett gingen, nicht
verschlossen zu werden; aber sei es, da die von den Stadtdienern Luz und
Bolljahn mit so opferfreudigem Muthe bekmpften Unruhen der letzten Tage eine
grere Vorsicht rthlich erscheinen lieen, sei es, da der Justizrath in
seiner doppelten Eigenschaft als reicher Mann und als Mann des Gesetzes auch in
diesem Punkte auf strengere Ordnung hielt - sein Haus war verschlossen, und es
dauerte einige Zeit, bis auf mein wiederholtes Klingeln eine weibliche Stimme,
nicht ohne eine gewisse Zaghaftigkeit im Ausdruck, durch das Schlsselloch Wer
ist da? fragte. Meine Antwort: Jemand, der den Herrn Justizrath dringend zu
sprechen wnscht, schien der weiblichen Thrhterin, die brigens niemand
anders sein konnte, als das hbsche Hausmdchen Jette, keine vollstndige
Beruhigung zu gewhren. Es entstand ein Flstern, aus welchem ich schlo, da
Jette auch noch Male, die Kchin, mitgebracht hatte, dann ein Kichern, und dann
der Bescheid, da man es dem Herrn sagen wolle.
    Ich patrouillirte in meiner Ungeduld vor dem Hause auf und ab, als in dem
Wohnzimmer oben ein Fenster geffnet wurde, und der Herr Justizrath in Person,
den Kopf ein ganz klein wenig heraussteckend, die Frage seines Hausmdchens
wiederholte, und von mir dieselbe Antwort empfing.
    In Sachen? fragte der vorsichtige Mann.
    Ich komme von der Insel, antwortete ich auf gut Glck.
    Aha! sagte er und schlo das Fenster.
    Der Justizrath hatte schon seit mehreren Tagen nichts gethan, als Leute
verhrt, die ihm ber die groe Angelegenheit Auskunft geben sollten. Ein
Schiffer und Fischer, der, von der Insel kommend, ihn des Abends zehn Uhr
dringend zu sprechen wnschte, konnte nur in einer Eigenschaft und zu einem
Zwecke kommen: eine wichtige Angabe zu machen, die vielleicht ein - in der That
sehr nthiges - Licht in das Dunkel der rthselhaften Affaire warf. Ich fr mein
Theil glaubte, da der Herr Justizrath mich an der Stimme erkannt habe und da
sein Ausruf so viel heien solle, als: bist du endlich da! Ich sollte alsbald
erfahren, wie sehr ich mich getuscht hatte.
    Die Hausthr wurde aufgeschlossen; ich trat schnell herein. Kaum aber hatte
der Schein des Lichtes, das Jette in der erhobenen Rechten hielt, mein Gesicht
gestreift, als sie laut aufschrie, das Licht mit sammt dem Leuchter fallen lie
und eilig davonlief, whrend die Kchin, wenigstens was das Kreischen und
Weglaufen anbetraf, dem Beispiele ihrer Genossin folgte. Die Kchin, welche eine
bereits ltere Person war, htte wohl verstndiger sein knnen; indessen, sie
kannte mich eben nur von Ansehen und hatte in letzterer Zeit jedenfalls die
schrecklichsten Dinge von mir gehrt; so will ich sie nicht weiter tadeln. Das
Benehmen der hbschen Jette aber war unverzeihlich. Ich war um ihrer Herrin und
vielleicht auch um ihrer selbst willen immer sehr liebenswrdig gegen sie
gewesen; sie hatte das stets im vollstem Mae anerkannt, mich, wo und wann ich
ihr begegnete, schelmisch angelchelt, und, so oft ich in das Haus gekommen war,
jederzeit mit dem allerfreundlichsten Knix begrt, und heute - doch ich hatte
heute an Anderes zu denken als an die Undankbarkeit eines Stubenmdchens. So
schritt ich denn durch den dunkeln Hausflur, erstieg die mir wohlbekannte Treppe
und klopfte an die Thr von des Justizraths Arbeitszimmer, welches neben dem
Wohnzimmer lag, und wohin sich der Justizrath, um den spten Besuch zu
empfangen, mittlerweile gewi schon begeben hatte.
    Herein! sagte der Justizrath.
    Ich folgte dem Rufe.
    Und da stand der Justizrath, wie ich ihn zu sehen erwartet hatte: die
weitschichtige, groe Gestalt in den weiten, grogeblmten Schlafrock gehllt,
die lange Pfeife in der Hand, und blickte, die schmale, niedrige, von kurzem,
dichten Haar umstarrte Stirn in gewichtige Falten legend, aus den kleinen,
dummen Augen neugierig auf den Eintretenden.
    Nun, was bringen Sie mir, mein Lieber? fragte der Justizrath.
    Mich selbst, erwiederte ich mit leisem, aber festen Ton, indem ich nahe an
ihn herantrat.
    Meine Befrchtung, da dem Mann ber meinem Besuch die Pfeife ausgehen
wrde, erfllte sich insofern, als er dieselbe einfach fallen lie, und, ohne
ein Wort zu erwiedern, die Sche des grogeblmten Schlafrocks mit beiden
Hnden ergreifend, Rettung in dem Familienzimmer nebenan suchte.
    Da stand ich nun neben der zerbrochenen Pfeife und trat die glhende Asche
aus, die auf den kleine Teppich vor dem Arbeitstisch gefallen war, an welchem
der Justizrath gestanden hatte. In dieser gewi nicht verbrecherischen
Beschftigung wurde ich durch einen Ruf aufgeschreckt, der nebenan aus dem
geffneten Fenster auf den Markt nach dem Wchter erschallte. Es war die Stimme
des Justizraths, aber dieselbe klang sehr heiser und klglich, als ob den Rufer
Jemand an der Kehle halte.
    Ich trat an die Thr zum Familienzimmer und klopfte.
    Herr Justizrath!
    Keine Antwort.
    Frau Justizrath!
    Alles still.
    Frulein Emilie!
    Eine Pause, und dann ein ngstliches Stimmchen, das ich so oft hatte lachen
hren, mit dem ich auf Wasser- und anderen Fahrten so manches Duett gesungen
hatte.
    Was wollen Sie?
    Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, Frulein Emilie, da, wenn er noch einmal nach
dem Wchter ruft, und wenn er sich nicht alsbald hierher in sein Arbeitszimmer
bemht, ich weggehe und nicht wiederkomme.
    Ich hatte das in einem bestimmten, aber sehr hflichen Tone gesagt, der denn
doch seine Wirkung nicht verfehlen mochte. Ein leises Zwie- oder vielmehr
Dreigesprch lie sich in der Nhe der Thr vernehmen. Die Frauen schienen den
Gatten und Vater zu beschwren, da er sein kostbares Leben nicht in eine so
offenbare Gefahr bringe, whrend der Gatte und Vater die gemeinschaftliche
Furcht durch heroische Sentenzen, wie: aber es ist meine Pflicht! oder: es kann
mich mein Amt kosten! zu beschwichtigen suchte.
    
    Endlich siegte die durch so wichtige Bedenken untersttzte Tugend. Ich
vernahm ein lautes Ruspern, die Thr wurde vorsichtig geffnet und an dem
grogeblmten Schlafrock vorbei hatte ich einen flchtigen Blick auf die Haube
der Frau Justizrthin und auf die Papilloten Frulein Emiliens, deren krause,
blonde Locken ich immer fr ein schnes Spiel der Natur gehalten hatte.
    Ach! zu den vielen groen Illusionen, die mir die letzten Tage zerstrt
hatten, mochte diese kleine gern mit in den Kauf gehen!
    Der Justizrath hatte zgernd die Thr hinter sich geschlossen und kam
zgernd ein paar Schritte nher, blieb dann stehen, und versuchte mich fest in's
Auge zu fassen, was ihm nach einiger Mhe beinahe gelang.
    Junger Mann, sagte er, Sie sind allein?
    Wie Sie sehen, Herr Justizrath.
    Und ohne Waffen?
    Ohne Waffen.
    Ohne alle Waffen?
    Ohne alle Waffen.
    Ich knpfte meine Matrosenjacke auf, den Inquirenten von der Wahrheit meiner
Aussage zu berzeugen. Der Justizrath schpfte sichtlich Athem.
    Und Sie sind gekommen?
    Mich dem Gerichte zu stellen.
    Warum haben Sie das nicht sogleich gesagt?
    Ich wte nicht, da Sie mir dazu Zeit gelassen htten.
    Der Justizrath warf einen verlegenen Blick auf die zerbrochene Pfeife am
Boden, rusperte sich und schien nicht recht zu wissen, was er in einem so
auerordentlichen Falle zu thun habe.
    Es entstand eine Pause.
    Die Damen nebenan muten vermuthen, da ich diese Pause dazu benutze, dem
Gatten und Vater die Kehle abzuschneiden; wenigstens wurde in diesem Augenblicke
die Thr aufgerissen, die Frau Justizrthin im Nachtkamisol und flatternder
Nachthaube kam hereingestrzt unmittelbar auf den grogeblmten Schlafrock zu,
den sie mit allen Merkmalen tdtlicher Angst umklammerte, whrend Emilie, die
dem Nachtkamisol auf dem Fue gefolgt war, sich zu mir wandte, und mit
theatralischer Geberde beide Hnde abwehrend bis zur Hhe ihrer Papilloten
erhob.
    Heckepfennig, er will Dich umbringen! schluchzte das Nachtkamisol.
    Schonen Sie meinen alten Vater, seufzten die Papilloten.
    Und jetzt ffnete sich auch die Thr nach dem Flur. Jette und Male wollten,
auf die Gefahr hin, mit ihrer Herrschaft zu sterben, wenigstens sehen, was oben
passirte, und erschienen laut jammernd auf der Schwelle. Das Nachtkamisol brach
bei ihrem Anblick in ein hysterisches Weinen aus, und die Papilloten schwankten
nach dem Sopha, in der augenscheinlichen Absicht, dort in Ohnmacht zu fallen.
    Hier nun bewies der Justizrath zum andern male, da groe Charaktere in
groen Augenblicken gro zu handeln vermgen. Er lste mit sanfter Gewalt den
grogeblmten Schlafrock aus der Umarmung des Kamisols und sagte mit einer
Stimme, die den Entschlu verkndete, das Aeuerste zu thun und zu wagen:
Jette, hole mir meinen Rock!
    Dies war das Signal zu einer Scene unbeschreiblicher Verwirrung, aus der
nach fnf Minuten das Opfer seiner Pflichttreue als Sieger mit Rock und Hut und
Stock hervorging - ein erhabener Anblick, der nur dadurch einigermaen
beeintrchtigt wurde, da die Fe des Helden noch immer mit gestickten
Pantoffeln bekleidet waren, und er selbst dieses Umstandes nicht frher gewahr
wurde, als bis es zu spt war, nmlich erst, als wir unten auf dem Pflaster des
Marktes standen.
    Lassen Sie es gut sein, Herr Justizrath, sagte ich, als er im Begriff war,
umzukehren. Sie kommen am Ende nicht wieder, und es sind ja nur ein paar
Schritte.
    In der That war das kleine alte Rathhaus an der andern Seite des keineswegs
weiten Platzes gelegen; und das Pflaster war vollkommen trocken, so da das
Opfer der Pflichttreue nicht einmal einen Schnupfen zu befrchten hatte.
    Herr Justizrath, sagte ich, whrend wir ber den Marktplatz schritten;
nicht wahr, Sie werden meinem Vater bezeugen, da ich mich freiwillig, ohne
irgend eine Nthigung gestellt habe; ich will dann auch gegen Niemand ein Wort
von der zerbrochenen Pfeife sagen.
    Ich habe viel thrichte und unberlegte Worte in meinem Leben gesprochen,
wenige, die unberlegter und thrichter gewesen wren. Indem ich gerade auf den
Punkt losging, der mir, ich mchte sagen, der einzig wichtige in dem ganzen
Angelegenheit gewesen war, nmlich: meinem Vater, der mich verleugnet hatte,
Trotz zu bieten, verga ich ganz, da ich dabei so derb als mglich auf ein Paar
gestickte Pantoffeln trat, die mir diese Beleidigung nie vergeben wrden und in
Wahrheit nie vergeben haben. Wer wei, welche ganz andere Wendung mein Proze
genommen, wenn ich, anstatt jener unverzeihlichen Dummheit, ein Lied vom braven
Manne angestimmt htte, der sich zwar vor einem mglichen, ja wahrscheinlichen
Ueberfalle zu schtzen wisse, dann aber seine Pflicht thue, entstehe daraus, was
da wolle.
    Was wute ich, junger, glubiger Thor, der ich war, von solchen Feinheiten!
    Und so gelangten wir in die offene Halle des Rathhauses, wo bei Tage eine
alte Kuchenfrau in einem ausgesgten Fasse vor einem Tische sa, dessen nicht
immer reines Laken (auf welchem die Kuchen, die Rosinensemmeln und Bonbons
lagen) von dem durch die Halle streichenden Wind bestndig hin- und hergeweht
wurde. Der Tisch war jetzt ohne Decke und gewhrte einen sehr trostlosen Anblick
- als wenn die alte Mutter Mller und nicht blos sie, sondern alle Kuchen,
Rosinensemmeln und Bonbons der Welt fr immer und immer gestorben wren. Eine
seltsame Wehmuth ergriff mich; zum ersten und letzten mal an diesem Abend regte
sich in mir der Gedanke, ob ich nicht doch besser thte, das Weite zu suchen.
Wer sollte mich halten? Der Pantoffelheld an meiner Seite wahrhaftig nicht; der
alte Nachtwchter Rterbusch, der vor dem Wachlocal in der Rathhaushalle im
trben Schein einer an der gewlbten Decke hin- und herschaukelnden Laterne auf-
und abschlrfte, eben so wenig. Aber ich dachte an meinen Vater, und ob ihm
nicht doch das Gewissen schlagen wrde, wenn er morgen hrte, da ich im
Gefngni se - und ich stand ruhig dabei und hrte, wie der Nachtwchter
Rterbusch dem Herrn Justizrath Heckepfennig auseinandersetzte, da sich die
Sache sehr schwer wrde verwerkstelligen lassen, sintemalen infolge der in den
letzten Tagen vorgenommenen Verhaftungen die ganze Custodie bis auf den letzten
Platz gefllt sei.
    Die Custodie war ein ominser Anbau des Rathhauses, der seine Fronte nach
einer sehr schmalen Nebengasse hatte, in welcher die Schritte immer sonderbar
hallten. Kein Useliner ging, wenn er es vermeiden konnte, durch diese hallende
Gasse; denn in jenem ominsen Anbau des Rathhauses gab es keine Thr, dafr aber
eine Reihe kleiner viereckiger, mit Eisenstben vergitterter und zum Ueberflu
mit Holzblenden halbverdeckter Fenster, hinter denen sich hier und da einmal ein
bleiches Armesndergesicht zeigte.
    Eine Viertelstunde, nachdem die Unterredung zwischen Herrn Justizrath
Heckepfennig und Herrn Nachtwchter Rterbusch zu einem befriedigenden Ende
gekommen war, sa ich hinter einem dieser vergitterten Fenster.

                           Einundzwanzigstes Capitel.


Das Rathhausgchen meiner Vaterstadt, in welchem die Tritte der Passanten so
dumpf hallten, hatte, selbst in der Erinnerung der ltesten Krhe auf dem
benachbarten Thurme der Nicolaikirche, nie der anziehende Zauber des
Schauerlichen so sehr umwittert, als in den letzten beiden Monaten dieses und in
den ersten zwei des folgenden Jahres. Auch wollte man die Bemerkung gemacht
haben, da in dem Gchen der Schnee noch nie so hoch gelegen habe und da es
noch in keinem Jahre so frh dunkel geworden sei. Ja, Mutter Mller, die
Kuchenfrau in der Rathhaushalle, die ihren Kram sonst mit dem Glockenschlage
fnf zusammenpackte, that es jetzt regelmig schon um ein halb fnf, weil sie
behauptete, es wehe sie nach Dunkelwerden immer wie eitel Leichengeruch an, und
das Laken auf ihrem Tische flattere so hin und her, da es unmglich mit rechten
Dingen zugehen knne. Dagegen versicherte Vater Rterbusch, der Nachtwchter: er
habe weder auf seinem Stand in der Halle, noch in dem Gchen etwas Besonderes
bemerkt, nicht einmal zwischen zwlf und ein Uhr, wo es doch von Amts wegen
spuken drfe, geschweige denn zu andern Stunden. Indessen war man mehr geneigt,
der alten Kuchenfrau, als dem noch lteren Nachtwchter zu glauben, da die
Erstere, wenn sie auch je zuweilen einnicke, doch im Ganzen mehr wache als
schlafe, whrend von dem Letztern die Stammgste des Rathskellers, welche
nchtens an seinem Posten vorber muten, einstimmig das Gegentheil aussagten.
Die Stammgste des Rathskellers krnkten durch solche Rede das gute Herz von
Vater Rterbusch tief und bitter, widerlegten ihn aber nicht. Denn sehen Sie,
sagte Vater Rterbusch, zum Exempel schlft ein vereidigter Nachtwchter
berhaupt niemalen, sondern stellt sich zum Exempel schlafend, um gewisse Herren
nicht in Verlegenheit zu setzen, die sich vor mir altem Manne ob ihres
lderlichen Lebenswandels schmen mten. Posito bin ich bereit, meine Aussagen
auf meinen Diensteid zu nehmen, und das knnen die Herren nicht. Denn wenn auch
manche von ihnen, zum Exempel der Rathszimmermeister Karl Bobbin, bereits
zwanzig Jahre lang allabendlich, perspective allnchtlich, denselben Weg kommen,
perspective gehen, so ist eine Gewohnheit doch kein Amt: ich zum Exempel habe
noch nie gehrt, da die Stammgste des Rathskellers vereidigt wren oder
wrden, und habe doch schon letzte Ostern mein fnfzigjhriges Jubilum gefeiert
und bin mit Karl Bobbin seinem Vater, der zum Exempel auch schon nichts getaugt
hat, zusammen in die Schule gegangen.
    Dem sei nun wie ihm wolle; darber herrschte whrend der Wintermonate von
dreiunddreiig auf vierunddreiig in Uselin nur Eine Meinung, da, wenn es im
Rathhausgchen nicht geheuer sei, sich, wie die Dinge nun einmal lagen, kein
Mensch darber wundern knne.
    Die Dinge aber lagen schlimm und fr Niemand schlimmer als fr mich, der
ich, wie von Jedermann zugegeben wurde, weitaus die Hauptperson in dem groen
Contrebande-Prozesse war, zu dem sich - Dank dem inquisitorischen Genie des
Untersuchungsrichters, Justizrath Heckepfennig - eine in meinen Augen so
unendlich einfache Sache mittlerweile entwickelt hatte.
    Als ob es nur im allermindesten darauf angekommen wre, wie die Sache in
meinen Augen aussah! Als ob es sich irgend der Mhe verlohnt htte, zu
untersuchen, was ich denn eigentlich gewollt! Aber nein! Ich will dem Justizrath
Heckepfennig und dem Correferenten, Justizrath Bostelmann vom Obergericht, nicht
unrecht thun! Sie kmmerten sich wohl sehr eifrig darum, nur da sie leider die
Wahrheit nie finden wollten, wo sie lag und wo ich sie dieselbe suchen lie.
Weshalb war ich von meinem Vater fortgegangen? Weil er mir die Thr gewiesen! -
Ein schner Grund! Zornige oder erzrnte Vter weisen ihren Shnen oft die
Thr, ohne da es den Shnen einfllt, in die weite Welt zu laufen. Da steckte
ohne Zweifel mehr dahinter. Man wollte vielleicht fortgeschickt sein? - Ich
gebe das gewissermaen zu. - Sie geben es vielleicht unbedingt zu? - Ich
gebe es unbedingt zu! - Sehr gut! Herr Actuar, notiren Sie geflligst die
Aussage des Inquisiten, der unbedingt zugiebt, er habe von seinem Vater
fortgeschickt sein wollen. - Und wo und wann haben Sie die Bekanntschaft des
Herrn von Zehren gemacht, die erste Bekanntschaft? - An dem Abend bei Schmied
Pinnow. - Hatten Sie ihn nie zuvor gesehen? - Nicht da ich wte. - Auch
nicht bei Schmied Pinnow? Derselbe behauptet, Herr von Zehren sei so oft des
Abends bei ihm gewesen und Sie ebenfalls, da es mit einem Wunder zugehen mte,
wenn Sie sich nicht vorher schon einmal getroffen htten. - Das lgt Pinnow
und er wei sehr gut, da er lgt. - Sie bleiben also dabei, da Ihr
Zusammentreffen mit Herrn von Zehren ein rein zuflliges war? - Allerdings. -
Wie viel Geld hatten Sie bei sich, als Sie Ihren Vater verlieen? -
Fnfundzwanzig Silbergroschen, wenn mir recht erinnerlich ist. - Und hatten
Sie irgend eine Aussicht, ein dauerndes Unterkommen zu finden? - Nein. - Sie
hatten keine derartige Aussicht, hatten fnfundzwanzig Silbergroschen im Besitz,
legten es darauf an, da Ihr Vater Sie fortschickte, und behaupten noch, da Sie
an dem bewuten Abende mit dem Manne, bei dem Sie sofort Aufnahme fanden, bei
dem Sie bis zur Katastrophe geblieben sind, zufllig zusammentrafen? Sie sind
scharfsinnig genug, einzusehen, wie unwahrscheinlich dies ist, und ich frage Sie
deshalb zum letzten male, ob Sie auf die Gefahr hin, Ihre Glaubwrdigkeit schwer
zu verdchtigen, obige Behauptung aufrecht zu erhalten versuchen? - Ja.
    Justizrath Heckepfennig warf Herrn Actuarius Unterwasser einen Blick zu, als
wollte er sagen: Begreifen Sie diese Unverschmtheit? Herr Actuarius Unterwasser
lchelte mitleidig und schttelte wehmthig den Kopf und rasselte mit der Feder
ber das Papier, als sei es fr ihn eine moralische Beruhigung, so
unbegreifliche Dinge wenigstens Schwarz auf Wei vor sich zu haben.
    So ging es durch, ich wei nicht wie viele Verhandlungen und Vernehmungen:
durch summarische Vernehmung, durch Hauptvernehmung, durch articulirte
Vernehmung. Sehr hufig wute ich gar nicht, um was es sich handelte und wozu
alle die langathmigen Fragen und die Kreuz- und Querfragen, in denen Justizrath
Heckepfennig seine Strke suchte, dienen sollten. Ich beschwerte mich darber
bitter bei meinem Vertheidiger, dem Assessor Perleberg, indem ich hinzufgte,
da ich den Herren doch Alles gesagt oder, wie sie sich auszudrcken beliebten,
gestanden habe.
    Verehrtester, sagte der Assessor, erstens ist es nicht wahr, da Sie
Alles gestanden haben - Sie haben zum Beispiel nicht sagen wollen, wer die
Person gewesen ist, mit welcher Sie der Kathenmann Semlow an dem betreffenden
Abend vier Uhr auf dem Fuwege nach Zehrendorf hat gehen sehen - und zweitens,
was heit Gestndni? Wir Criminalisten legen auf das Gestndni nur einen
untergeordneten Werth. Wie viele Verbrecher sind nicht zum Gestndni zu
bringen, und wie manches Gestndni ist falsch oder wird spter widerrufen! Der
eigentliche Zielpunkt des Inquirenten ist die Ausmittelung der Schuld. Bedenken
Sie doch, Verehrtester, Ihr ganzes sogenanntes Gestndni knnte ja Fiction
sein. Das ist Alles schon dagewesen; die criminalistischen Annalen -
    Es war zum Verzweifeln! Er ist spter eine groe Fackel und Leuchte der
Jurisprudenz geworden, mein Defensor, und er war auch gewi schon damals,
obgleich er noch nicht Professor, Geheimrath und ein weit berhmter Mann,
sondern ein obscurer Assessor am Obergerichte war, ein groer Gelehrter und sehr
scharfsinniger Kopf - eine Welt zu gelehrt und scharfsinnig fr mich armen
Teufel! Mit seinem Erstens und Zweitens htte er eine Jury von Engeln gegen die
Unschuld selbst einnehmen mssen, geschweige denn ein Collegium von Richtern,
die durch ihn auf den Gedanken kamen, da ein Mensch, der mit einem so
ungeheuren Aufwand von Scharfsinn und Gelehrsamkeit vertheidigt werden mute,
nothwendig ein groer Verbrecher war. Ich sehe ihn immer noch vor mir sitzen auf
der Kante des mit Bankeisen an der Wand befestigten Tisches in meiner
Gefngnizelle, mit den kurzen drren Beinen zappeln und mit den dnnen Aermchen
in der Luft umherfahren, wie eine Spinne, wenn sie eine Masche in ihrem Netze
verloren hat. Ach, es mochte wohl sehr schwer sein - zumal fr eine so
grundgelehrte Spinne - eine tlpische Brummfliege, die in ihrer Verblendung in
das Netz geflogen war und gar ungeberdig darin umhertobte, wissenschaftlich rein
herauszulsen! Bekam ich doch jetzt erst eine Ahnung davon, wie weitschichtig
die Maschen dieses Netzes und wie viele Fliegen auer mir in diese Maschen
verwickelt waren!
    Sehr leichtsinnige Fliegen, die unter der Maske hchst ehrbarer Brger und
respectabler Kaufleute meiner Vaterstadt und einiger Nachbarstdte seit Jahren
einen ausgebreiteten Handel mit eingeschmuggelten Waaren getrieben und das
wohllbliche Zollamt um Tausende und Abertausende betrogen hatten. Diese Sorte
Fliegen war uerst widerwrtig und schmutzig. Denn so wie eine mit einem Fue
das Netz berhrt hatte und das Entkommen schwierig schien, wurde sie sogleich
zur Verrtherin an ihren Mitfliegen und ruhte nicht, bis alle in dem Netze
festsaen.
    Dann gab es eine andere, viel ehrlichere Sorte, obgleich sie sich beiweitem
nicht so ehrbar zu geberden wute. Das waren meine guten Freunde, die
wettergeprften, tabakkauenden, schweigsamen Mnner von Zanowitz und den anderen
Fischerdrfern an der Kste. Sie hatten es in diesen Affairen nicht ganz so gut
gehabt wie die Herren hinter dem Ladentisch und in den Comptoirs. Sie hatten mit
Sturm und Wetter zu kmpfen gehabt, hatten wachen und lauern und hungern und
frieren und ihre Haut zu Markte tragen mssen um geringen Lohn, und Mancher von
ihnen gewi nur, sich selbst und Weib und Kindern das jmmerliche Dasein zu
fristen; aber, obgleich man ihrer Vier in der Schreckensnacht auf dem Moore
gefangen, konnte die Untersuchung nach dieser Seite nicht von der Stelle. Keiner
verrieth seinen Kameraden, Keiner wute, wer sein Nebenmann gewesen war. Die
Nacht war dunkel, und in der Nacht sind alle Katzen grau; es hatte Jeder genug
mit sich zu thun gehabt. Wenn Pinnow sagt, da Der und Jener auch dabei gewesen,
so wird er es ja auch wohl beschwren knnen. Umsonst, da der Herr Justizrath
die pfiffigsten Fragen stellte und schmeichelte und drohte - man mute ein paar
Dutzend Leute, die als dringend verdchtig eingezogen waren, entlassen und froh
sein, da man wenigstens die Vier hatte, die man auf frischer That ergriffen.
    Ja, es war eine eigene Sorte Fliegen, die sich da neben den andern in dem
Gesetzesnetz gefangen hatte, eine zhe, rauhe Sorte, sehr unbequem gewi fr die
Hter der Fleischtpfe einer geordneten Staatseinrichtung, aber doch ehrlich in
ihrer Weise und kein Geschmei in moralischem Sinne wie jene ersten.
    Diese beiden Sorten nun hatten sich schon seit langer Zeit in die Hnde
gearbeitet, aber ohne rechtes System und deshalb auch ohne rechten Erfolg, bis
vor ungefhr vier Jahren das Geschft einen pltzlich groartigen Aufschwung
nahm. Es war nmlich Jemand, der sich bis dahin, wie alle Gutsbesitzer lngs der
Kste, seinen Wein, seinen Cognac, sein Salz, seinen Tabak von den Paschern in
kleinen Partien hatte liefern lassen, auf den Gedanken gekommen, da es an einer
Mittelsperson zwischen den Lieferanten und ihren Abnehmern fehle - einer
Mittelsperson, die gleichsam einen Speicher oder Packhof fr die Contrebande
errichtete und so den Lieferanten die Mglichkeit gewhrte, grere Partien auf
einmal abzusetzen, und den Abnehmern, die Waare nach Bedrfni und zu gelegener
Stunde einzuholen.
    Diesen sehr gesunden national-konomischen Gedanken, den die Noth erzeugt
und die Abenteuerlust des Mannes freudig empfangen, hatte er mit der Khnheit,
der Umsicht, der Energie, die ihn in so hohem Grade auszeichneten, in's Werk
gesetzt. Die einsame Lage seines Gutes auf dem lang hin sich streckenden
Vorgebirge - auf der einen Seite die offene See, auf der andern Seite das
Binnenwasser - war fr seine Zwecke wie gemacht. Wenn es sich frher um
Bootsladungen gehandelt hatte, wurden jetzt ganze Schiffsladungen auf einmal
oder an ein paar Abenden hinter einander gelscht, in den Kellern seines
Schlosses geborgen und nach und nach an die Abnehmer - die Gutsbesitzer der
Nachbarschaft, die Kaufleute in den Landstdtchen der Insel, in den Hafenstdten
des Festlandes - weitergegeben. Und hier war es vor Allem Schmied Pinnow, in
dessen Hnden sich der zweite Theil des Geschftes befand. Schmied Pinnow war
als Schmuggler lngst bekannt, mehr als einmal in Untersuchung gewesen,
wiederholt bestraft worden, als er pltzlich in Gefahr gerieth, zu erblinden,
eine groe blaue Brille tragen mute und hchstens noch bei sehr schnem Wetter
und mit Hilfe seines taubstummen Lehrburschen die Badegste von Uselin auf
seinem Kutter eine Stunde oder so spazieren fahren konnte. Dieses Unglck hatte
den braven Mann zur selben Zeit getroffen, als der groe Schmuggler-Capitn von
der Insel, den man auf einen so ausgezeichneten Helfershelfer aufmerksam
gemacht, eines Nachts in seiner Strandhtte erschien und ihn gewissermaen in
Sold und Pflicht nahm. Von da an hatten die Beiden zusammen gearbeitet und der
Schmied im Laufe der vier Jahre so viel Geld verdient, da er nun und nimmermehr
seinen Chef verrathen haben wrde, wenn die Eifersucht dem alten Snder nicht
einen dummen Streich gespielt htte. Wenn Sie das Mdchen nicht zufrieden
lassen, schiee ich Sie ber den Haufen, wie einen Hund, hatte der Wilde
gesagt, und Schmied Pinnow war nicht der Mann, eine solche Drohung, von der er
nur zu gut wute, wie ernst sie gemeint war, ruhig hinzunehmen.
    Und von dieser Stunde an verbreitete sich, man wute nicht, woher es kam,
das Gercht in der Stadt, besonders in den Bureaux des Steueramtes, da der
wilde Zehren auf Zehrendorf die Seele des ganzen Schmuggelhandels sei, der
Meilen hinauf und hinab die Kste entlang so uerst schwunghaft betrieben
wurde. Man wollte dem Gercht keinen Glauben schenken. Freilich war der wilde
Zehren ein Mann, mit dem man in Uselin die Kinder in's Bett jagte; freilich
wute man oder wollte man von ihm Dinge wissen, die man sich kaum heimlich in's
Ohr zu flstern wagte: da er seinen Schwager erstochen, da er seine Frau
entsetzlich behandelt und dann im See im Walde ertrnkt habe und dergleichen
mehr; aber das waren Dinge, wie sie dem wilden Zehren wohl passiren konnten,
whrend der Schmuggel - nein, es war unmglich! ein Mann vom ltesten Adel und
dessen Bruder noch dazu der erste Steuerbeamte des Regierungsbezirkes war!
    Dies war die allgemeine Meinung. Zwischendurch lieen sich einzelne Stimmen,
allerdings nur sehr leise, vernehmen, die da meinten: wie verschieden die beiden
Brder auch sonst an Gesinnung, Lebensstellung, ja selbst in ihrer ueren
Erscheinung seien, darin hnelten sie einander doch, da jeder von ihnen mehr
Schulden habe, als er bezahlen knne, und hnliche Ursachen knnten ja auch wohl
hnliche Wirkungen hervorbringen. Wenn die Unternehmungen des Wilden alle die
Jahre hindurch von so auerordentlichem Glcke begleitet gewesen seien, so sei
der Grund vielleicht der, da die Steuer-Officianten freilich nicht wten, wo
und wann der Wilde sein Wesen treibe, der Wilde dagegen desto besser
unterrichtet wre, wo und wann er den Steuer-Officianten nicht begegnen wrde.
    Diese Fr und Wider htten noch lange in der Stille debattirt werden knnen,
wenn ein unglcklicher Zufall dem Verrath Pinnow's nicht in der sonderbarsten
Weise zu Hilfe gekommen wre. In derselben Nacht nmlich, als Pinnow mit Hilfe
Jochen Swart's, den lediglich sein schlechtes Herz zum Verrther an seinem Herrn
werden lie, bei dem Steuer-Revisor Braun die Anzeige machte, war der
Provinzial-Steuerdirector aus der Hauptstadt der Provinz in Uselin angekommen.
Der Steuer-Revisor, welcher zur Partei derer gehrte, die ihrem Chef mitrauten,
begab sich nicht zu diesem, der die Denunciation jedenfalls unschdlich gemacht
htte, sondern sofort zum Steuerdirector, welcher alsbald mit grter Energie
seine Dispositionen traf, einen groen Schlag gegen die Schmuggler zu fhren,
einen Schlag, der nur zu gut traf.
    War der Steuerrath schuldig? Directe Beweise lagen nicht vor. Der Steuerrath
hatte stets gesagt, da er lngst allen persnlichen Verkehr mit seinem Bruder
aufgegeben habe, da dessen Thun und Treiben - obgleich er sich za sehr gebessert
- dennoch immer dazu angethan sei, einen loyalen Beamten, wie ihn, zu
compromittiren. In der That war der Wilde whrend der letzten Jahre nie bei
seinem Bruder, ja nicht einmal in der Stadt, gesehen worden. Hatte
nichtsdestoweniger ein persnlicher Verkehr stattgefunden, so waren jedenfalls
die Zusammenknfte so heimlich wie mglich gewesen. Etwaige Briefe des Bruders
hatte der Steuerrath ohne Zweifel sofort vernichtet, und wenn der Wilde nicht
ebenso vorsichtig gewesen war, so war er jetzt todt, sein Schlo bis auf den
Grund abgebrannt - wer oder was konnte gegen den Steuerrath zeugen?
    Ich war der Einzige, der es gekonnt htte. Ich erinnerte mich sehr wohl der
Ausdrcke, in welchen Herr von Zehren stets ber den Bruder gesprochen; ich
wute, da er die letzte Expedition hauptschlich im Interesse des Bruders
unternommen hatte; ich hatte in jenem Briefe den Beweis seiner Schuld in Hnden
gehabt und - vernichtet.
    Es schien, als ob man etwas derart vermuthete. Pltzlich tauchte in den
Verhren, die man mit mir anstellte, der Name des Steuerraths auf; ich wurde
auf's schrfste dahin inquirirt, was ich von dem Verhltnisse des Herrn von
Zehren zu seinem Bruder wisse. Ich sagte und blieb dabei, da ich nichts wisse.
    Verehrtester, sagte der Assessor Perleberg, weshalb wollen Sie den Mann
schonen? Erstens verdient er nicht, geschont zu werden, denn er ist ein
schlechtes Subject, man mag ihn nehmen von welcher Seite man will; zweitens
verschlimmern Sie Ihre Lage in irreparabler Weise. Ich sage es Ihnen vorher: Sie
kommen nicht unter fnf Jahren weg; denn erstens -
    Um Gotteswillen, lassen Sie mich in Ruhe! schrie ich.
    Sie werden von Tag zu Tag weniger traitabel, sagte der Assessor Perleberg.
    Und darin hatte er vollkommen Recht, aber es wrde auch ein Wunder gewesen
sein, wenn es anders gewesen wre.
    Ich sa nun schon beinahe ein halbes Jahr in einem eisenvergitterten,
halbdunklen Gemache, das ich mit fnf Schritten der Lnge und vier Schritten der
Breite nach durchmessen konnte. Das war schlimm fr einen jungen Menschen
meinesgleichen; schlimmer, viel schlimmer aber waren die Qualen, die mein Gemth
zu erdulden hatte. Das Vertrauen zu den Menschen, das bisher mein Herz erfllt -
es war dahin. Wenn ich frher durch sie dahingewandelt wie der Adam des
Paradieses auf alten Bildern durch die Reihen der Geschpfe, so waren meine
Augen jetzt aufgethan und ich sah, da es sich mit Tigern, Schlangen und
Krokodilen nicht hausen lie. Ja, wie Tiger, Schlangen und Krokodile waren sie
gewesen, grausam, falsch und heuchlerisch! Da Keiner mich in meinem Gefngni
besuchte, konnte ich freilich nur Herrn Justizrath Heckepfennig auf Rechnung
setzen, der es fr unumgnglich nthig hielt, einem so hochgefhrlichen
Verbrecher jede Communication mit der Auenwelt gnzlich zu verbieten; aber da
Menschen, denen ich nichts gethan, denen ich hchstens einmal in meiner
tppischen Weise, ohne die mindeste bse Absicht, zu nahe getreten war, es sich
angelegen sein lieen, den Gefallenen noch tiefer in den Staub zu treten - das
konnte ich nicht verzeihen. Zehn Zeugen waren vorgefordert, mir ein
Sittenzeugni auszustellen, und von diesen Zehn hatte nur der Eine, den ich
unbedingt am meisten gekrnkt und beleidigt - Professor Lederer - - ein
schchternes Wort der Entschuldigung und Frbitte einflieen lassen. Alle
Anderen - Hausfreunde meines Vaters, Nachbarn, Vter von Shnen, die meine
Freunde gewesen waren - Alle konnten sie nicht Worte finden, um zu sagen, welch
ein bser Bube ich Zeit meines Lebens gewesen. Und, groer Gott, was hatte ich
ihnen gethan? Ich hatte dem Einen vielleicht Holzspne in die Tabakspfeife
gestopft, dem Andern vielleicht ein paar Tauben weggefangen, die Shne des
Dritten vielleicht mit blutigen Nasen nach Hause geschickt! Und deshalb,
deshalb!
    Ich konnte es nicht begreifen, aber, was ich davon begriff, erfllte mich
mit unsglicher Bitterkeit, die sich einmal sogar in heien Thrnen Luft machte,
und dies Einemal war, als ich von meinem Vertheidiger erfuhr, da Arthur - mein
einst so sehr geliebter Arthur - ber sein Verhltni zu mir befragt, ausgesagt
hatte, da ich schon seit Jahren davon gesprochen, Schmuggler werden zu wollen,
und ihn sogar selbst zum Schmuggler zu machen ersucht habe, da ich mit Schmied
Pinnow von jeher in dem intimsten Verkehr gestanden, und da, wenn man ihn
frage: ob er mich der bezichtigten Verbrechen fr fhig halte, er unbedingt mit
Ja antworten msse.
    Das bricht Ihnen den Hals, sagte Assessor Perleberg, Sie kommen nicht
unter sieben Jahren weg, denn erstens -
    Ich wischte mir die Thrnen, die mir stromweis ber die Wangen gelaufen
waren, weg, lachte gell auf, verfiel dann in eine an Raserei grenzende Wuth, die
schlielich in gnzliche Apathie berging. Ich hatte nur noch eine Art von
Interesse fr die Sperlinge, die ich daran gewhnt hatte, jeden Morgen zu kommen
und mein Gefngnibrod mit mir zu theilen. Alles Andere war mir gleichgiltig.
Ich hrte, ohne etwas Besonderes dabei zu empfinden, da Konstanze von ihrem
frstlichen Liebhaber, der den Bitten und Drohungen seines Vaters nachgegeben,
bereits wieder verlassen worden; da Hans von Trantow krzlich von seinem Gute
verschwunden sei, ohne da eine Menschenseele wisse, wo er geblieben, so da man
vermuthen msse, er sei im Walde oder im Moore verunglckt; ich hrte, da der
alte Christian sich ber die Flucht seines Fruleins, ber den Tod seines Herrn,
ber die Zerstrung des alten Schlosses nicht habe beruhigen knnen, und da man
ihn eines Morgens auf der Brandsttte, von der man ihn gar nicht habe wegbringen
knnen, todt gefunden; die Pahlen dagegen aus dem Kreisgefngnisse in B., wohin
man sie gefhrt, ausgebrochen sei. Ich hrte dies Alles gleichgltig an, und mit
derselben gleichgltigen Miene vernahm ich mein Urtheil. Assessor Perleberg
hatte erstens und zweitens Recht behalten. Ich war zu sieben Jahren Gefngni
verurtheilt, abzusitzen in dem Zuchthause zu S.
    Sie knnen sich gratuliren, sagte der Assessor Perleberg; ich htte Sie
zu zehn Jahren und zum Zuchthause verurtheilt; denn erstens -
    Sicher war es ein Zeichen jugendlichen Leichtsinns, da ich fr die gelehrte
und gewi auch sehr belehrende Auseinandersetzung meines Vertheidigers wiederum
- und noch dazu zum letztenmale! - keine Ohren hatte. Aber ich dachte wirklich
an etwas Anderes. Ich dachte: was wohl der wilde Zehren thun wrde, wenn er noch
lebte und erfhre, da sie seinen treuen Knappen in ein Gefngni gesperrt und
seinen eigenen Bruder ber ihn zum Hter gesetzt htten?

                          Zweiundzwanzigstes Capitel.


Es war an einem Abende im Mai, als der von zwei Gensdarmen zu Pferde begleitete
Wagen, in welchem ich transportirt wurde, sich meinem Bestimmungsorte nherte.
Links von der mit krppelhaften Obstbumen besetzten Landstrae sah ich viele
Leute an der neuen Chaussee arbeiten, welche meine Vaterstadt mit der Hauptstadt
des Regierungsbezirkes verbinden sollte; rechts breitete sich welliges
Wiesenland aus bis zur See, von der ein breiter, dunkelblauer Streifen
herbergrte. Jenseits des Wassers stiegen in sanfter Linie grnende Felder von
dem niedrigen Sandufer aufwrts zu miger, von Wald gekrnter Hhe. Es war die
Insel, die hier der Kste des Festlandes viel nher trat, als bei meiner
Vaterstadt, und die ich jetzt zum erstenmale wiedersah. Vor mir, aber wohl noch
eine halbe Meile entfernt, ragten ein paar Thrme mchtig ber den Hgelrcken,
den wir eben langsam hinauffuhren.
    Mir war wunderlich zu Muthe. Ich hatte bisher den ganzen Weg nach nichts
durch die Ritzen des kleinen Planwagens ausgeschaut, als nach einer Gelegenheit
zur Flucht. Aber wie entschlossen ich auch war, jede noch so geringe sofort zu
bentzen, es hatte sich nicht die geringste geboten. Die zwei Gensdarmen, von
denen der eine schon auf der Insel auf mich vergeblich Jagd gemacht, waren, ohne
kaum ein Wort mit einander zu sprechen, rechts und links neben dem Wagen
hergeritten, die schnauzbrtigen Gesichter fortwhrend geradeaus ber die Ohren
ihrer Pferde auf den Weg oder seitwrts auf den Wagen gerichtet. Es war gar kein
Zweifel, da die Kolben ihrer Carabiner bei dem ersten Fluchtversuche des
Gefangenen sofort mit ihren Schnauzbrten in Berhrung gekommen sein wrden. Mit
zwei wohlbewaffneten, wohlberittenen, zum Aeuersten entschlossenen Mnnern aber
anzubinden, htte nicht die Freiheit, htte den Tod suchen heien.
    Und auch sonst war keine von den Mglichkeiten eingetreten, die sich meine
Phantasie ausgemalt hatte. Wir waren keine Brcke passirt, ber deren Gelnder
ich dreiig Fu hinab in einen reienden Flu htte springen, wir waren ber
keinen von Menschen wimmelnden Marktplatz gekommen, wo ich mich htte in einen
Volkshaufen strzen und an der Hand eines unbekannten Menschenfreundes entrinnen
knnen. Nichts der Art war geschehen; wir hatten im Schritt oder kurzem Trabe
die paar Meilen lange Strecke ohne einen Aufenthalt, ohne einen Zwischenfall
irgend einer Art zurckgelegt, und dort vor mir ragten die Thrme, in deren
Schatten mein Gefngni lag!
    Dennoch konnte ich in dieser entscheidenden Stunde nicht zornig und
ingrimmig sein, wie ich es die ganze Zeit in der Untersuchungshaft gewesen war.
Die paar Stunden in freier Luft hatten mir unsglich wohl gethan. Vorhin hatte
es eine zeitlang geregnet; ich hatte meine Hnde hinausgestreckt, um die Tropfen
zu fhlen; ich hatte den frischen Hauch, der durch den Wagen strich, mit
Entzcken eingesogen. Jetzt war die Sonne wieder hervorgekommen und warf, kurz
vor dem Untergehen, rthliche Streifen ber die grnenden Saaten, ber die
schimmernden Wiesen. In den Bumen an der Wegseite zwitscherten und sangen die
Vgel; vor uns, gen Osten, auf dunklem Gewlk, stand ein glnzender Regenbogen,
mit dem einen Fue auf dem Festlande, mit dem andern auf der Insel. Es war so
gar nichts von Ha und Zorn in dieser ruhigen, sanften Natur - im Gegentheile,
ein so lieblicher Friede, eine so milde Schne - und ich, der ich mich von
Kindesbeinen Eines gefhlt mit der Natur, konnte mein Herz der sen Lockung
nicht verschlieen. Es sang mit den Vgeln, es schwebte auf den feuchten
Schwingen des sanften Windes segnend ber die Wiesen, ber die Felder; es
schimmerte trostverheiend aus dem farbigen Bogen, der sich von der Erde in den
Himmel und von dem Himmel wieder zur Erde spannte. Ich war das Alles: Vogelsang
und Windeswehen und Regenbogenpracht, und in dem Gefhle, da ich es war und
dennoch hier im Gefangenen-Wagen als ein Gefangener sa, berkam mich ein
seltsam Mitleid mit mir selbst, wie ich es nie zuvor empfunden. Ich verbarg mein
Gesicht in den Hnden und weinte und schluchzte vor Glck und Jammer, vor Lust
und Schmerz.
    Die Sonne war untergegangen und das Gewlk im Westen und Osten glhte in den
wunderbarsten Farben, als der Wagen ber die Brcken durch die Thore der Festung
rollte, ein paar ziemlich schmale und sehr schlecht gepflasterte Straen
hinaufrumpelte und endlich vor einer Thorfahrt an einer hohen kahlen Mauer still
hielt. Die Thorflgel thaten sich langsam auseinander, der Wagen setzte sich
wieder in Bewegung und fuhr quer ber einen weiten, von hohen, kahlen Mauern und
groen unheimlichen Gebuden ringsum eingeschlossenen Hof zum Portale des
grten und unheimlichsten und hielt dort still; ich war da angelangt, wo ich
sieben Jahre bleiben sollte, weil ich meinen Freund und Beschtzer vor den
Folgen eines Verbrechens hatte bewahren wollen, das ich selbst verabscheute.
    Sieben Jahre! Ich war entschlossen, da es nicht so lange dauere. Zwar der
Graf von Monte-Christo schlummerte zu jener Zeit noch in dem erfindungsreichen
Haupte seines Verfassers, und ich wute also noch nichts von den Wunderthaten
des Gefangenen auf Castell If; aber die Aventuren des Baron von Trenck hatte ich
gelesen, und wie man es mglich mache, ellendicke Mauern zu durchbrechen und
riesige Festungswlle zu unterminiren. Was ihm gelang, konnte mir, mute mir
auch gelingen.
    So war denn mein Erstes, da ich meine Zelle, als sich kaum die Thr hinter
dem brummigen Aufseher geschlossen, so genau untersuchte, wie es eben das
geringe noch vorhandene Tageslicht erlauben wollte. Wenn alle Gefangenen so gut
untergebracht waren, gab es unter ihnen gewi manche, die als freie Leute
schlechter gewohnt hatten. Allerdings waren die Wnde des eben nicht groen
Gemaches einfach wei; aber so war auch meine Dachkammer im vterlichen Hause
gewesen. Dann war da eine eiserne Bettstelle mit einem, wie es schien, sehr
guten Bette, eine Waschkommode, an dem einzigen Fenster ein groer Tisch mit
einem verschliebaren Kasten, ein paar hlzerne Sthle und - was mich Wunder
nahm - ein altertmlicher, mit Leder berzogener, sehr groer, bequemer
Lehnstuhl, der mich auf das Lebhafteste an den in meiner Stube auf Schlo
Zehrendorf erinnerte.
    Nun ja, ich war ja wieder bei einem Zehren zu Gaste, wenn es diesmal auch
blos ein Zuchthaus-Director war. Ich sollte die Zehren nun einmal aus meinem
Leben nicht los werden. Sie hatten mir wenig Glck gebracht, und der ehrwrdige
Glanz, der frher fr mich auf dem Namen gelegen, war mittlerweile sehr
verblichen. Der Steuerrath, in welchem der Knabe die Verkrperung hchster
irdischer Autoritt gesehen, was war er in den Augen des Gefangenen anders als
ein Gleiner und Lgner, der das schlimme Loos von Leuten, die besser waren als
er, zehnfach und hundertfach verdient hatte. Und der hier, welcher, aus solcher
Familie entsprossen, sich zu einem solchen Amte hatte hergeben knnen - er mute
ja noch schlimmer als der Gleiner und Lgner sein. Aber ich wollte ihn meine
ganze Verachtung fhlen lassen, sobald ich mit ihm zusammentraf; ich wollte ihm
sagen, da er, wenn er schon einmal Kerkermeister sei, wenigstens nicht den
Namen seines edlen Bruders fhren sollte, der lieber gestorben war von eigene
Hand, als da er in die Gewalt derer fiel, die ihn hierher gebracht haben
wrden, hinter diese dreifach verriegelte Thr, hinter dieses mit zolldicken
Eisenstangen vergitterte Fenster.
    Das Fenster war bei weitem nicht so hoch angebracht, als die in der
Custodie, und ich warf einen neugierig forschenden Blick durch die Eisenstangen.
Die Aussicht htte schlimmer sein knnen. Zwar hemmte eine hohe und ganz kahle
Mauer nach links den Blick vollstndig, dafr aber sah man nach rechts auf einen
mit Bumen bepflanzten Hof, auf welchem in nicht groer Entfernung ein
zweistckiges Haus mir seinen mit Weinspalieren bekleideten Giebel zuwendete.
Hinter dem Hause schien ein Garten zu liegen; wenigstens schimmerten blhende
Obstbume herber. Das sah sehr friedlich und lieblich aus in dem matten Lichte
des Frhjahrsabends, und das schrille Zirpen der Schwalben, die vor meinem
Fenster schaarenweise hinber- und herberschossen, htte mich vergessen machen
knnen, da ich in einem Gefngnisse mich befand, wre ich durch die scharfe
Kante einer der Eisenstangen des Gitters, an die ich meine Stirn gelegt, nicht
allzu schneidend daran erinnert worden.
    Ich fate mit beiden Hnden hinein und rttelte aus Leibeskrften. Die sechs
Monate Gefangenschaft hatten die Kraft meiner Muskeln noch nicht zu brechen
vermocht. Ich fhlte es wohl; mir war, als mte ich das ganze Gitter mit einem
Ruck herausreien knnen. Aber vorsichtig! vorsichtig! Es war ja nicht das
Gitter allein, welches mich zum Gefangenen machte. Und wre das Fenster
unvergittert gewesen - es lag mindestens dreiig Fu ber dem Steinpflaster des
Hofes. Und wenn ich drunten war, so gab es jedenfalls andere und wieder andere
Hindernisse zu berwinden, und ein miglckter Fluchtversuch mute meine Lage
unberechenbar verschlimmern.
    Ich hrte ein Gerusch auf dem Gange. Tritte nherten sich und kamen bis an
meine Thr. Ich sprang von dem Fenster zurck und stand mitten in dem Gemach,
als jetzt drauen Schlssel klapperten, die Thr sich aufthat und an dem
Aufseher vorber die hohe Gestalt eines Mannes hereintrat, hinter der sich die
Thr alsbald wieder schlo. Der, welcher eingetreten, blieb einen Augenblick an
der Schwelle stehen und kam dann mit einem eigenthmlich leisen Schritte auf
mich zu. Von den Abendwolken fiel noch ein schwaches rosiges Licht in mein
Gemach; in diesem rosigen Lichte sehe ich den Mann immer, wenn ich an ihn denke
- und wie oft, wie oft denke ich an ihn! mit welchem stets gleichen Gefhle
innigster Dankbarkeit und Liebe!
    Da, ber dem Tische, an welchem ich dies schreibe, hngt sein Portrt, von
lieber Hand gemalt. Es ist von sprechender Aehnlichkeit; es knnte mir jeden
Zug, den ich etwa vergessen, in's Gedchtni rufen; aber ich habe keinen
vergessen. Und wenn ich die Augen schlsse, so wrde er vor mir stehen, wie er
an jenem Abende vor mir stand, umflossen von dem rosigen Licht, und nicht minder
deutlich wrde ich seine Stimme hren, deren sanften, tiefen Klang ich da zum
ersten Male vernahm und deren erstes Wort ein Wort des Mitleids und Erbarmens
war:
    Armer junger Mann!
    Wie tief mute die Gefngniluft mein Herz vergiftet haben, da mich dies
Wort und der Ton, in welchem es gesprochen, nicht rhrten. Ach! es gehrt zu
meinen schmerzlichsten Erinnerungen, da dies mglich war, da ich die Hand des
edelsten Menschen so schnde zurckstoen, da ich das beste Herz geflissentlich
verwunden konnte! Aber da ich keinen Roman, sondern die Geschichte meines Lebens
schreibe, die keinen Werth htte, wenn sie nicht ganz treu und ehrlich wre,
darf ich auch dies nicht verschweigen. Und dann habe ich oft gedacht, ob ich ihn
wohl so htte lieben knnen, wenn ich weniger trotzig gegen ihn gewesen wre,
wenn ich ihm keine solche Gelegenheit gegeben htte, die Flle seiner Gte und
Liebe ber mich auszuschtten. Aber das ist wohl kaum richtig gedacht. Es giebt
Steine von einem so hohen Werth, von einem so hellen Glanze, da sie einer
dunklen Folie nicht bedrfen.
    Armer junger Mann! sagte er noch einmal und hob die weie, durchsichtige
Hand und lie sie wieder sinken, als ich, anstatt sie zu ergreifen und
ehrfurchtsvoll an meine Lippen zu drcken, wie ich es gethan haben wrde, htte
ich ihn damals schon gekannt, meine Arme ber der Brust verschrnkte und, ich
glaube, einen Schritt zurcktrat.
    Ja, sagte er, und seine Stimme klang wo mglich noch milder als zuvor, es
ist sehr hart, sehr grausam das Loos, welches Sie getroffen hat fr ein
Verbrechen, das, was es auch immer vor dem Richter ist, der nach dem starren
Buchstaben seines Gesetzbuches richten mu, in den Augen Anderer einen so
schlimmen Namen gewi nicht verdient, am wenigsten in den meinen. Ich bin der
Bruder des Mannes, dessen Schuld Sie ben mssen.
    Er schien eine Antwort von mir zu erwarten oder wenigstens ein Wort der
Erwiederung, das ich ihm nicht gnnte. Ich wollte meinem Kerkermeister nicht den
Gefallen thun, ihm bei dem Versuche zu helfen, sich in einem anderen Lichte zu
zeigen, als in welchem ich ihn sah.
    Es ist ein eigener Zufall, fuhr er nach einer kleinen Pause immer in
derselben stillen, sanften Weise fort, da der eine Bruder an Ihnen
gewissermaen shnen soll, was der andere an Ihnen gesndigt hat - ein Zufall,
fr den ich dankbar bin und den ich im rechten Sinne aufzufassen glaube, wenn
ich - doch darber werden wir uns ein anderes Mal aussprechen. Heute liegt der
trbe Schatten des ersten schlimmen Eindrucks, den dieser Ort auf ein Gemth,
wie das Ihre, nothwendig machen mu, zu schwer auf Ihnen; ich wrde, und wenn
ich mit Engelszungen redete, vergeblich nach einem Eingange zu Ihrem Herzen
suchen, das Zorn und Ha verschlossen halten. Ich bin nur gekommen, eine Pflicht
zu erfllen, die mir mein Amt und, ich darf wohl sagen, mein Herz vorschreibt.
Und auch dies ist meine Pflicht, und Sie drfen mir also frei antworten, ohne
frchten zu mssen, da Sie Ihrem Stolze etwas vergeben; haben Sie Wnsche, die
zu erfllen in meiner Macht steht?
    Nein, sagte ich mit Ironie, denn einen Jagdtag auf den Haiden von
Zehrendorf knnten Sie mir doch wohl nicht gestatten.
    Ein schwermthiges Lcheln spielte um die feinen Lippen des
Zuchthaus-Directors.
    Ich habe gehrt, sagte er, da Sie mit meinem unglcklichen Bruder viel
auf der Jagd und selbst ein ausgezeichneter Jger gewesen sind. Die Jgernatur
ist eine eigene Natur. Ich glaube sie zu kennen, denn ich bin auch wohl eine.
Aber auf den Hfen des Gefngnisses und selbst in den Grten giebt es nichts zu
jagen. Urlaub habe ich selten und bentze ihn noch seltener; ich habe nach
dieser Seite vor meinen Gefangenen wenig voraus und will auch nichts voraus
haben. Da wre ich nun bel daran, wenn zu der alten Leidenschaft die alte Kraft
noch reichte; und so ist es denn fast ein Glck fr mich, da sie mich 1813 in
der Schlacht bei Leipzig in die Lunge geschossen haben und mir die weitesten und
reichsten amerikanischen Jagdgrnde nichts mehr helfen knnten. Ich habe seitdem
gelernt, auf einem engeren Felde in meiner Weise thtig zu sein. Meine liebste
Erholung ist an der Drehbank. Es ist eine leichte Arbeit und doch wird sie dem
Invaliden jetzt manchmal schon schwer. Wahrscheinlich werde ich in kurzer Zeit
auch darauf verzichten und mir noch eine bescheidenere Handtierung whlen
mssen. Nur gnzlich mchte ich nicht zur Unthtigkeit verurtheilt werden. Sie
wissen es jetzt noch nicht, aber Sie werden es noch lernen, wie ein groer Segen
fr den Gefangenen eine mechanische Beschftigung ist, die seine schweifenden
Gedanken auf ein Naheliegendes, leicht Erreichbares, unter seinen Augen, unter
seinen Hnden Fertigwerdendes bannt und seine stockenden Sfte in heilsame
Circulation bringt. Und nun will ich Sie verlassen. Ich habe noch ein paar
Besuche und meinen allabendlichen Rundgang durch die Anstalt zu machen. Und noch
Eines: der alte Mann, der Sie bedienen wird, ist trotz seiner rauhen Manieren
ein grundguter Mensch, den ich seit vielen Jahren kenne und der mir im Leben die
wichtigsten Dienste geleistet hat. Sie knnen ihm unbedingt vertrauen. Schlafen
Sie wohl und trumen Sie von der Freiheit, die Ihnen hoffentlich frher werden
wird, als Sie glauben.
    Er nickte freundlich mit dem Kopfe und verlie mit dem leisen, langsamen
Schritt, in welchem er hereingekommen war, das Zimmer. Ich blickte ihm mit
starren Augen nach und strich mit der Hand ber die Stirn; es war mir, als ob es
pltzlich dunkel geworden wre in dem stillen Gemach.
    Ich stand noch auf demselben Fleck, unfhig, einen bestimmten Gedanken zu
fassen, ja kaum mich zu regen, als die Thr sich abermals ffnete und der alte
Schlieer, der mich vorhin in Empfang genommen, mit einem brennenden Lichte
hereintrat, das er auf den Tisch setzte. Dann wieder bis zur Thr gehend, nahm
er dort einer weiblichen Person, die nur eben sichtbar wurde, ein Prsentirbrett
ab, auf welchem ein treffliches Abendbrot bereitet war.
    Auch an einer Flasche Wein fehlte es nicht. Er deckte eine Ecke des groen
eichenen Tisches mit einer schneeweien Serviette, stellte und legte Alles
suberlich und ordentlich zurecht, trat einen Schritt zurck, warf erst einen
wohlgeflligen Blick auf sein Werk, dann einen, der bs genug aussah, auf mich
und sagte mit einer Stimme, die auffallend dem tiefen Knurren glich, das aus der
breiten Brust einer mchtigen Dogge aufsteigt: Will man es sich nun schmecken
lassen!
    Es scheint, da dies fr mich sein soll! sagte ich in gleichgiltigem Tone.
    Wte nicht, fr wen sonst, knurrte der Alte.
    Der Braten auf dem Teller duftete sehr verfhrerisch; ich hatte seit einem
halben Jahre keinen Tropfen Wein getrunken, und, was die Hauptsache war, gegen
den groben Schlieer fhlte ich nicht die Erbitterung, wie gegen den sanft
sprechenden, hflichen Director; aber ich war entschlossen, an diesem Orte und
von diesen Menschen keine Wohlthaten anzunehmen.
    
    Ich verdanke dies der Gte des Herrn Directors? sagte ich, indem ich vom
Tische zurcktrat.
    Dies und noch Mehreres, sagte der Alte.
    Zum Beispiel? sagte ich.
    Zum Beispiel, da man hier die beste Zelle bekommen hat mit der Aussicht
auf den Wirthschaftshof, anstatt eine nach dem Gefngnihofe, in den weder Sonne
noch Mond scheint.
    Verdanke ich ihm, sagte ich, vielleicht sonst noch etwas?
    Und da man seinen schnen Stadtanzug tragen darf, anstatt eines Anzuges
aus ungebleichtem Drillich, der auch sehr gut kleidet.
    Verdanke ich ihm, sagte ich, sonst noch etwas?
    Und da man den Wachtmeister Smilch zum Aufseher bekommen hat.
    Mit dem ich die Ehre habe?
    Mit dem man die Ehre hat.
    Sehr verbunden.
    Viel Ursach'.
    Ich blickte auf, mir den Mann genauer anzusehen, dessen Gegenwart fr mich
so ehrenvoll und verbindlich sein sollte. Es war ein Mann in Mittelgre, mit
einem unverhltnimig groen Oberkrper, der die Fnfzig wohl schon weit
berschritten hatte, aber noch auffallend fest auf seinen kurzen und, wie ich
jetzt sah, stark nach auen gebogenen Beinen zu stehen schien. An den breiten
Schultern hingen ein Paar sehr lange Arme mit groen, braunen, behaarten Hnden,
die gewi noch krftig genug zufassen konnten. Aus seinem von tausend Falten und
Fltchen durchfurchten Gesicht, das vor Jahren einmal schn gewesen sein mochte,
blickten unter buschigen grauen Brauen ein paar helle freundliche Augen, die
sich vergeblich Mhe gaben, wild und grausam dreinzuschauen. Ein kurzes,
krauses, graues Haar umstand noch dicht genug die braune Stirn und ein
mchtiger, grauschwarzer Schnurrbart hing unter einer groen Adlernase bis weit
ber das energische Kinn herab. Der Wachtmeister Smilch ist mir lange Jahre
ein treuer Freund gewesen; er hat mir in schweren Stunden unschtzbare Dienste
geleistet, er hat meine beiden ltesten Buben noch reiten gelehrt und als wir
ihn vor fnf Jahren zu seiner letzten Ruhe trugen, haben wir Alle um ihn von
Herzen geweint; aber in diesem Augenblicke berlegte ich, einen wie groen
Widerstand er mir wohl in einem Falle, den ich fr wahrscheinlich hielt, wrde
entgegensetzen knnen, und da es mir leid thun sollte, wenn ich dem alten Kauz,
der so kstlich grob war, an's Leben mte.
    Wenn man den Wachtmeister Smilch nun genug angesehen hat, wrde man gut
thun, sich an das Abendbrot zu machen, das durch Stehen nicht besser wird,
sagte er.
    Fr mich kann es noch lange stehen, erwiederte ich. Ich habe keinen
Appetit auf des Herrn Directors Braten und Rothwein.
    Das htte man gleich sagen knnen, meinte Herr Smilch, indem er anfing
die Sachen wieder auf das Prsentirbrett zu stellen.
    Ich wei den Kukuk, was hier der Brauch ist, sagte ich trotzig.
    Hier ist sonst der Brauch, da man erst gearbeitet haben mu, wenn man
essen will.
    Das ist nicht wahr, sagte ich. Ich bin kein Arbeitshusler und kein
Zuchthusler, ich bin zu sieben Jahren Gefngni verurtheilt und htte
eigentlich auf die Festung kommen mssen, wohin anstndige Leute gehren.
    Womit man sich meint, sagte Herr Smilch.
    Womit man sich meint, sagte ich.
    Und doch irrt man sich, erwiederte Herr Smilch, der mittlerweile
vollstndig abgerumt hatte. Im Gefngni mu man arbeiten, wenn man keinen
Vater oder sonst Jemanden hat, der fr den Unterhalt aufkommt. Man hat freilich
einen Vater und durch seinen Vater zehn Silbergroschen tglich.
    Herr Smilch! rief ich, indem ich dicht vor den Alten trat, ich nehme
an, da Sie mir die Wahrheit sagen, und da gebe ich Ihnen mein Wort: lieber will
ich verhungern wie eine Ratte im Loch, ehe ich von meinem Vater einen Pfennig
nehme.
    Man wird morgen anderer Meinung sein.
    In alle Ewigkeit nicht.
    Dann wird man eben arbeiten mssen.
    Das wird sich finden.
    Jawohl, das wird sich finden.
    Smilch ging, blieb aber an der Thr stehen und sagte, ber den Rcken
gewendet:
    Man will also die gewhnliche Kost, die Jeder bei seiner Ankunft hier
erhlt?
    Man will gar nichts, sagte ich, indem ich an das Fenster trat.
    Also auch kein Licht, denn das ist ebenfalls extra.
    Ich antwortete nicht. Ich hrte wie der Alte an den Tisch ging, das Licht
nahm, es auf den Prsentirteller stellte und nach der Thr schritt. Dort blieb
er stehen, vermuthlich um abzuwarten, ob ich mich nicht noch eines Anderen
besinnen wrde. Ich regte mich nicht. Der Alte hustete, ich rhrte mich nicht.
Im nchsten Augenblick war ich im Dunkeln - allein.
    So ist's recht, murmelte ich, geht zum Teufel ihr Alle mit eurer
Freundlichkeit und Grobheit; ich brauche den Einen so wenig wie den andern; ich
will Keinem verpflichtet sein, Keinem! Keinem!
    Ich lachte laut und dann griff ich wieder in die Eisenstangen des
Fenstergitters und rttelte daran und lief hin und her durch das fast dunkle
Gemach wie ein wildes Thier. Mein Blut kochte, meine Pulse schlugen, meine
Schlfen hmmerten, ich glaubte, ich msse wahnsinnig werden. Endlich warf ich
mich angekleidet auf das Bett und lag da, den Ellnbogen aufgestemmt, in dumpfer
Verzweiflung, brtend ber mein Loos, das mir nie so entsetzlich erschienen war;
mich in wilden Ha hineinredend gegen die Menschen, die mir dies angethan
hatten: gegen meine Richter, gegen meinen Vertheidiger, gegen meinen Vater,
gegen alle Welt, mich in dem Entschlu bestrkend, nicht von meinem Trotz zu
lassen, Keinem ein bittendes Wort zu gnnen, Keinem dankbar sein zu wollen und
vor Allem mir die Freiheit zu verschaffen, es koste was es wolle.
    So lag ich da - lange Stunden. Endlich schlief ich ein und trumte von
blhenden Wiesen, ber welche bunte Schmetterlinge flogen, die ich haschen
wollte und nicht haschen konnte, weil, wenn ich sie berhrte, sie zu rothen
Rosen wurden. Und die rothen Rosen, als ich sie brechen wollte, fingen an zu
leuchten und zu klingen und stiegen klingend und leuchtend hinauf in den Himmel,
von wo sie als blhende Mdchengesichter auf mich herablchelten. Das war so
lieblich und so drollig, da ich mich in toller Lustigkeit auf der Wiese
herumwarf. Aber als ich erwachte, lachte ich nicht. Als ich erwachte, stand
Smilch vor meinem Bette und sagte: Man wird nun doch arbeiten mssen.

                          Dreiundzwanzigstes Capitel.


Seit vierzehn Tagen arbeitete ich: die schwerste Arbeit, die es fr den
Augenblick im Bereiche des Arbeits-, Zucht- und Gefangenhauses gab. Ich hatte
das keineswegs nthig, weder nach dem Buchstaben des Gesetzes, welches nur
vorschrieb, da die Gefangenen ihren Fhigkeiten gem zu beschftigen seien,
noch auf Befehl des Directors, der mir im Gegentheil die Art meiner Arbeit
vollkommen freigestellt hatte. Ja, noch mehr: er hatte mir angeboten, ob ich
gewisse Listen aufstellen und Rechnungen anfertigen wolle, die gerade in dem
Bureau der Anstalt verlangt wurden und zu denen ich das Material auf meine Zelle
erhalten solle. Zu meiner Erholung wrde ich in dem groen Garten der Anstalt,
der gerade jetzt erweitert wurde, vollauf Gelegenheit zu angenehmer und gesunder
Beschftigung finden.
    Ich hatte erwiedert, da ich - und hier hatte ich allerdings die Wahrheit
gesagt - von jeher ein schlechter Rechner gewesen und da ich von der Grtnerei
nichts verstnde. Ich wnschte, wenn ich doch einmal einen Wunsch uern drfte,
eine schwere, eine ganz schwere Arbeit. Der Herr Director habe ja selbst schon
angedeutet, da fr einen Menschen von meiner Constitution eine derartige Arbeit
die passende sei. Ich habe es allerdings im ersten Augenblicke verneint, aber
mir die Sache reiflicher berlegt und gefunden, da der Herr Director vollkommen
recht habe. Ja, ich msse gestehen, da ich ein unwiderstehliches Verlangen
empfinde, Holz zu spalten, Steine zu zerschlagen, groe Lasten zu bewltigen.
    Auch hier hatte ich nicht gelogen. Mein starker Krper litt wirklich schwer
unter der erzwungenen Unthtigkeit. Aber es waren noch ganz andere Grnde, die
mich bestimmten. Wie, mir selbst kaum bewut, die Rcksicht auf meinen Vater fr
mein Thun und Lassen bestimmend war, wie ich aus Trotz gegen ihn von ihm
geflohen, wie ich aus Trotz gegen ihn mich selbst dem Gerichte gestellt hatte,
so war es wiederum Trotz, was mich jetzt die Untersttzung, die er mir zugesagt,
zurckweisen und die grbste Arbeit wnschenswerth erscheinen lie. Er sollte
nicht nur nicht sagen knnen, da ich, selbst im Gefngnisse, ihm zur Last
falle; er sollte erfahren, da sein Sohn es nicht besser habe als ein
Verbrecher, der ich ja doch in seinen Augen war!
    Und ebensowenig wollte ich, da der sanft redende Director sagen knnte:
Ich habe bei dem jungen Menschen, der ja doch guter Leute Kind ist, Gnade fr
Recht ergehen lassen.
    Und schlielich: eine grobe Arbeit, wenn man mir sie gab, und die doch wohl
jedenfalls im Freien vorgenommen wurde, mute mir bessere Chancen zur Ausfhrung
des Planes gewhren, ber dem ich jetzt Tag und Nacht brtete, des Planes, mit
List oder Gewalt, oder mit List und Gewalt mir meine Freiheit zu verschaffen.
    Nun wre freilich die mir angebotene Beschftigung im Gefngnigarten
vielleicht diesem Zwecke frderlicher gewesen. Es lie sich annehmen, da die
Aufsicht dort eine ziemlich lssige sein wrde, besonders fr mich, den der
Director aus diesem oder jenem Grunde so augenscheinlich begnstigen zu wollen
schien; aber hier regte sich in mir ein Gefhl, das fr Jemanden in meiner Lage
allerdings etwas sonderbar erscheinen mag und dessen ich mich vielleicht doch
nicht zu schmen hatte.
    Ich wollte ein Vertrauen, welches man in mich setzte, nicht mibrauchen. Ich
hatte das wissentlich in meinem Leben nicht gethan, ich wollte es jetzt nicht
lernen, auch als Gefangener nicht, auch um den Preis der so hei ersehnten
Freiheit nicht. Lie man mich, wie ich es wnschte, als Zuchthusler mit den
Zuchthuslern arbeiten, so wrde man mich auch wohl jedenfalls wie einen
Zuchthusler behandeln, und that man es nicht, nun, um so schlimmer fr sie, die
mich nicht fr das genommen hatten, als fr was ich mich gab; um so besser fr
mich, der ich keine Schonung beansprucht hatte und nun auch Niemand und nichts
zu schonen brauchte.
    Diese Gedanken gingen durch meinen Kopf, als ich an dem nchsten Tage wieder
vor dem Director stand - diesmal unten in seinem amtlichen Arbeitszimmer - und
ihm meine Bitte vortrug.
    Er blickte mich mit seinen groen milden Augen prfend an und erwiederte:
    Wer immer gezwungen in diese Anstalt kommt, ist ein Unglcklicher, der als
solcher von vornherein meines Mitleids gewi sein kann. Wenn mir Ihr Schicksal
noch ganz besonders nahegeht, so ist das so begreiflich, da es einer Erklrung
kaum bedarf. Sie haben die Theilnahme, mit der ich Ihnen entgegengekommen bin,
abgelehnt, ohne mich zu beleidigen Nach dem, was ich von Ihnen wei, nach der
Haltung, die Sie whrend Ihres Prozesses behauptet haben, mute ich das fast
erwarten. Ob Sie recht daran thun, die Untersttzung, die Ihnen Ihr Herr Vater
gewhren will, zurckzuweisen, mchte ich bezweifeln, schon deshalb, weil Sie
sich demselben dadurch noch mehr entfremden und weil man, selbst im besten Falle
seinem Vater so viel schuldig ist, da man auch eine Demthigung von ihm und vor
ihm auf sich nehmen darf. Doch mu ich dies Ihrem eigenen Gefhle berlassen.
Wollen Sie sich nun durchaus in die Lage eines unbemittelten Gefangenen bringen,
der fr seinen Unterhalt arbeiten mu, so hatte ich Ihnen, wie Sie wissen, eine
andere, Ihren Fhigkeiten, Ihren Kenntnissen passendere Beschftigung zugedacht.
Sie sagen, eine schwere, eine ganz schwere Arbeit sei Ihnen Bedrfni. Es mag
sein. Sie sind ein ganz ungewhnlich krftiger Mann - ein Herkules im Vergleich
mit mir armen Invaliden - und die eingeschlossene Luft eines Gefngnisses ist
Gift fr Ihre Constitution. Nicht blos fr Ihren Krper, auch fr Ihre Seele.
Sie sind durch die lange Untersuchungshaft, die ber alle Gebhr streng gewesen
zu sein scheint, auf's tiefste verbittert. Sie werden, ich bin es berzeugt,
wieder der groherzige, gutmthige, brave Mensch werden, der Sie von Haus aus
waren, der Sie in meinen Augen noch sind, wenn Sie erst einmal die breite Brust
in freier Luft haben lften knnen und die stockenden Sfte bei schwerer Arbeit
wieder munter kreisen. Auch brauchen Sie vielleicht fr die Leidenschaften, die
in Ihnen whlen, ein mchtiges Gegengewicht. So bin ich denn, Alles in Allem,
gern geneigt, Ihrem Wunsche zu willfahren; Smilch soll Ihnen Ihren Posten
anweisen. Ich sage Ihnen aber vorher: es ist Strflingsarbeit und Sie werden in
sehr schlechte Gesellschaft kommen; um so eher werden Sie sich darauf besinnen,
da Sie ein guter Mensch sind.
    Er winkte mir freundlich mit Hand und Augen und ich war entlassen. Mir
waren, ich wei nicht wie, die Thrnen in die Augen gekommen, als ich mich von
ihm nach der Thr wendete, aber ich zerdrckte sie zwischen den Wimpern und
sagte bei mir: das ist Alles sehr schn, aber ich will nicht gut sein - ich will
frei sein.
    In der uersten Ecke der Ringmauer der Anstalt, auf einem etwas erhhten
Platze wurde ein neues Krankenhaus erbaut. Anschlag, Plne, Zeichnungen, Alles
war von dem Director, der ein vollkommener Baumeister war, selbst gefertigt. Die
Arbeit, vor Allem die erste grobe, sollte von den Zuchthuslern gethan werden.
Man war dabei, das Fundament auszuheben. Es war eine sehr schwere Arbeit. Auf
dem Platze hatte ehemals ein alter Thurm der Stadtmauer gestanden, dessen durch
die Jahrhunderte zu Schutt zerriebene und durch die Verwitterung wieder zu einer
compacten Masse zusammengewachsene Trmmer mit der Spitzaxt losgebrochen werden
muten, bis man auf die Grundmauern kam, die man zum Theil noch fr das neue
Gebude verwerthen zu knnen hoffte.
    Bei dieser Arbeit waren ungefhr zwanzig Leute beschftigt. Die Oberaufsicht
fhrte der Wachtmeister Smilch, der, da ich zur Zeit der einzige Gefangene der
Anstalt und jetzt hier auf dem Platze war, nichts Besonderes zu thun hatte; fr
die Zuchthusler waren noch zwei Aufseher vorhanden.
    Von diesen, welche meist jngere, jedenfalls krftige, zu solcher Arbeit
taugliche Mnner waren, sahen - in meinen ungebten Augen wenigstens - die
Meisten aus, wie andere Leute auch aussehen wrden, wenn man sie in einen
Drillichanzug steckte, sie unter der Aufsicht von zwei handfesten Wchtern
arbeiten liee und ihnen verbte, zu rauchen, zu pfeifen, zu singen und leise
untereinander zu sprechen. Das letztere fiel mir erst auf, als Smilch Einem
oder dem Anderen, der mit seinem Nachbar eine private und vertrauliche
Conversation anzuknpfen versuchte, in sehr bestimmtem Tone die Weisung gab:
Man hat hier keine Geheimnisse vor einander: man kann hier Alles laut sagen;
man kann es auch fr sich behalten.
    Besonders an einen der Zuchthusler erging diese Mahnung wiederholt, mit dem
Zusatze, da er alle Ursache habe, sich in Acht zu nehmen.
    Es war dies ein Kerl von herkulischem Krperbau, der Einzige, der wirklich
das hatte, was man eine Galgen-Physiognomie zu nennen pflegt, und der sein
kostbares Leben auch nur dem Umstande verdankte, da eine Mordthat, deren er
dringend verdchtig gewesen, in den Augen seiner gelehrten Richter nicht
hinreichend hatte bewiesen werden knnen. Er hie Caspar - seinen sonstigen
rhmlichen Namen habe ich vergessen - die Gefhrten nannten ihn Katzen-Caspar,
weil er das Geheimni verstehen sollte, im Dunkeln zu sehen wie am lichten Tage
und trotz seiner gewaltigen Schultern durch Lcher kriechen zu knnen, durch die
sonst nur eine Katze schlpfen mochte.
    An diesem, mit so vortrefflichen Gaben ausgestatteten und in so ntzlichen
Knsten bewanderten Menschen hatte ich vom ersten Tage an eine Eroberung
gemacht. Whrend die Andern mich mit mitrauischen Blicken von der Seite
ansahen, mich sichtlich mieden und nie ein Wort an mich richteten, suchte der
Katzen-Caspar, so oft es sich irgend machen lie, in meine Nhe zu kommen,
winkte mir verstohlen mit den Augen, sah dann nach den Aufsehern hinber und gab
mir auf alle Weise zu verstehen, da er mit mir in intimere Beziehungen zu
treten, vor Allem natrlich zu sprechen wnsche.
    Ich kann nicht anders sagen, als da ich ein geheimes Grauen vor dem Kerl
empfand, den freilich das tief in die niedrige Stirn gewachsene Haar, ein Paar
bse, giftige Augen und ein groer thierischer Mund deutlich genug zeichneten
und vor dem sich wohl Jeder gehtet haben wrde, auch wenn er nicht gewut
htte, da schnde vergossenes Blut an diesen plumpen Hnden klebte. Aber ich
berwand das Grauen, denn ich sagte mir, da dieser Mensch die Entschlossenheit
zu einem Wagni habe, und Verschlagenheit und Kraft genug, das Beschlossene
auszufhren. So suchte ich denn auch meinerseits wieder in seine Nhe zu kommen,
und das war mir - am vierzehnten Tage, seitdem ich auf dem Platze arbeitete -
kaum gelungen, als ich die Entdeckung machte, da der Katzen-Caspar auer den
anderen mir bereits durch Hrensagen bekannten Knsten noch eine besa, die, wie
ich mich berzeugt habe und wie sich Jeder, der den Versuch anstellt, berzeugen
kann, auch gelernt sein will. Diese Kunst bestand nmlich darin, da er, mit zum
Munde erhobener Hand, die Miene eines Ghnenden tuschend nachahmend, whrend er
den Mund ffnete und schlo, mit Hlfe von Zunge und Zhnen gehauchte Laute zu
bilden verstand, die, wenn man genau hinhrte, sich, man wute selbst kaum wie,
zu Worten formten. So hrte ich zu meiner nicht geringen Ueberraschung aus dem
natrlichsten Ghnen von der Welt deutlich heraus: Der groe Stein! helft mir!
    Was das zu bedeuten hatte, erfuhr ich wenige Minuten spter.
    Es waren gerade in den letzten Tagen Steine zum Fundament angefahren worden;
ein besonders groer war durch die Ungeschicklichkeit der Leute vom Wagen herab
in die Fundamentgrube gerollt; es schien unmglich, den Colo ohne besondere
Vorrichtungen von dem Platze, auf welchen er keineswegs gehrte,
hinauszuschaffen.
    Wachtmeister Smilch fluchte sehr ber die verhenkerte Dummheit. Das gbe
nun wieder ein paar Stunden ganz berflssige, nutzlose Arbeit. Katzen-Caspar,
nachdem er mir die geheimnivollen Worte hatte zukommen lassen, erhob pltzlich
sehr laut seine Stimme, die so leise zu sprechen verstand, und sagte:
    Was ist denn das Groes, Herr Smilch? den bringe ich ganz allein wieder
herauf.
    Wenn es mit dem groen Maule gethan wre, brummte Herr Smilch.
    Die Anderen lachten. Katzen-Caspar sagte, sie wren Maulaffen, und es sei
eine rechte Kunst, ber einen ehrlichen Kerl Witze zu machen und zu lachen, der
nicht zeigen drfe, was er knne.
    Katzen-Caspar kannte seinen Mann. Des ehrlichen Wachtmeisters Gesicht wurde
roth, er strich seinen langen Schnurrbart und rief: Erstens raisonnire man
nicht, und zweitens wird man jetzt zeigen, was man kann.
    Katzen-Caspar lie sich die Erlaubni nicht zum andern Male geben. Eine
mchtige Stange ergreifend, sprang er in den Graben hinab.
    Der Stein lag an dem mit Brettern bedeckten Wege, auf welchem der unten
losgebrochene Schutt heraufgekarrt wurde. Eine Riese htte ihn also mittelst
eines Hebebaumes nach und nach heraufwuchten knnen; Katzen-Caspar bewies, da
er wenigstens mehr als gewhnliche Kraft besa.
    Die Stange unter den Stein schiebend, brachte er denselben so weit in
Bewegung, da nur noch wenig zu einem einmaligen Umschwung fehlte. Es war
wirklich eine so erstaunliche Leistung, da die Leute Hurrah schrieen, und
selbst das Interesse des Wachtmeisters und der beiden anderen Aufseher
hchlichst erregt war. Pltzlich aber schien dem Katzen-Caspar die Kraft
auszugehen; er sah aus, als ob er jeden Augenblick von dem wieder
zurckstrebenden Stein gegen die Erdwand gequetscht werden knnte.
    Einer mu noch her, schrie er.
    Ich dachte nicht daran, da das Ganze eine Kriegslist des schlauen Menschen
war. Einen zweiten Hebebaum ergreifend, und ohne die Erlaubni des Wachtmeisters
abzuwarten, sprang ich mit Einem Satze hinab, schob den Hebebaum unter den
Stein, stammte die Schulter mit aller Macht dagegen; der Stein schlug nach der
andern Seite.
    Hurrah! schrieen die Leute.
    Langsam, Kamerad! sagte Katzen-Caspar, als ich an seiner Seite mich an dem
Steine abmhte, langsam, sonst sind wir zu bald oben.
    Er brauchte jetzt nicht zu ghnen, die Aufregung unter den Leuten und
Aufsehern war zu gro, als da die Arbeitsordnung nicht fr die Zeit htte
suspendirt sein sollen; auch befanden wir uns mindestens zwlf Fu tiefer; man
sah von oben nur unsere Rcken. Katzen-Caspar wute diese Gelegenheit trefflich
auszubeuten. Whrend wir Schulter an Schulter den Stein hinaufwuchteten,
wechselte er mit denen oben unfeine Witze und zwischendurch sprach er zu mir
schnell in abgerissenen Stzen: Wollt Ihr mithalten, Kamerad? so gut kommt es
uns nicht wieder - es gehren aber mindestens zwei Kerle dazu, so wie Ihr und
ich - es sind noch ihrer zehn - aber zwei mssen anfangen - Keiner hat auer mir
den Muth - und nun hoffentlich Ihr - morgen ist der letzte Tag - durch die
Pforte ber die Brcke, ber den Wall an den Auenhafen, an den Strand - folgt
mir nur - will Euch schon durchbringen - wer uns in den Weg tritt, den schlagen
wir todt - den schuftigen Smilch zu allererst. - Wenn Ihr uns verrathet -
    Man arbeite und schwatze nicht! rief der Wachtmeister.
    Ich kann nicht mehr! sagte der Katzen-Caspar, den Hebebaum zur Erde
werfend.
    Er hatte seinen Zweck erreicht; es lag ihm nichts daran, seine Kraft zu
vergeuden.
    Man komme herauf! commandirte der Wachtmeister, sehr zufrieden, da er
schlielich doch Recht und doppelt Recht behalten hatte, da die zwei strksten
Mnner der Brigade nicht hatten vollbringen knnen, was der Katzen-Caspar sich
allein vermessen.
    
    Die Ordnung war wieder hergestellt, die Arbeit nahm ihren geregelten
Fortgang. Ich arbeitete fr zwei, die Aufregung zu verbergen, in welche mich die
Mittheilung des Raubmrders versetzt hatte. Sein Plan war mir von vornherein
ziemlich einleuchtend gewesen und wurde mir vollends klar, als ich eine
Gelegenheit benutzte, mich auf dem hchsten Punkte des Bauplatzes, von wo man
ber die Mauer sehen konnte, umzublicken. Unmittelbar an dem Bauplatze war ein
Thor in der Mauer, das whrend des Baues wiederholt benutzt worden war, und zu
welchem der Wachtmeister den Schlssel in der Tasche trug. Von dem Thore fhrte
eine kurze Brcke, die wiederum auf der Mitte eine mit spanischen Reitern
verwahrte Pforte trug, ber einen breiten Graben, der ehemals der Wallgraben der
Stadt gewesen war, wie unsere Gefngnimauer an dieser Stelle nur ein Theil der
alten Stadtmauer. Jenseit des Grabens war eine hohe Bastion, an deren Fue sich
die mit Wallnubumen besetzte Wallpromenade hinzog und auf der oben ein paar
Kanonen standen, ohne da ich jemals eine Schildwache dort bemerkt htte. Rechts
von der Bastion lag ein bedeutend niedrigerer Wall, ber den man von meinem
Standpunkte aus bequem wegsehen konnte. Jenseit des Walles sah ich die Wimpel
von Schiffen, es mute dies der Auenhafen sein, von welchem der Katzen-Caspar
gesprochen. Zwischen den Wimpeln schimmerte ein Stck blaues Meer; ja ich hatte
einen flchtigen Blick auf die Insel, deren niedrige Kreide-Ufer in der
Abendsonne erglnzten.
    Ich hatte genug gesehen und beeilte mich, herabzusteigen, um keinen Verdacht
zu erregen. Gleich darauf ertnte die Abendglocke. Die Arbeit war zu Ende; ich
trat in Begleitung des Wachtmeisters den mir nun wohlbekannten Weg an den Grten
entlang ber den Wirthschaftshof nach meiner Zelle an.
    Diese Nacht kam kein Schlaf in meine Augen. Ich berlegte fortwhrend in
meiner Seele die Mglichkeiten der Flucht. Da des Katzen-Caspar's Plan Hand und
Fu habe, davon war ich jetzt berzeugt, und nicht weniger, da ein so schlauer,
khner Geselle ganz der geeignete Mann sei, das Beschlossene durchzufhren. Das
Local konnte nicht gnstiger sein: ein hoher Wall, ein Auenhafen mit Booten,
Fahrzeugen aller Art, ein weiter menschenleerer Strand, und drben die Insel,
die ich schlimmstenfalls schwimmend zu erreichen sicher sein konnte. Und war ich
erst drben - ich wute jetzt, wie man von dort wieder fortkam, wie leicht es
war, fortzukommen. Noch waren meine Kleider bei der alten Frau im Stranddorf und
meine Flinte war da und meine Jagdtasche. Und Hans war da, der gute, edle Hans,
dessen treue Hlfe ich diesmal nicht verschmhen wrde! Dann lebe wohl
Untersuchungshaft und Gefngni, lebe wohl preisliches Richter-Collegium und
Vertheidigung, Zuchthaus-Director und Scherge! Ich war ein freier Mann und
konnte eurer spotten; und eurer, ihr guten Bewohner meiner Vaterstadt, die ihr
mir ein so schlechtes Zeugni ausgestellt! Und der Vater - nun ja, der Vater
mochte sehen, wie er sich mit seinem Gewissen abfand gegen den Sohn, den er
durch seine Hrte von sich gestoen, den er - und er allein - zum Verbrecher
gemacht hatte.
    Ich war es bis jetzt nicht gewesen; ich wute, ich wrde es jetzt werden; ja
ich fhlte mich schon als solcher. Oder machte die Gemeinschaft, die bloe
Berhrung eines Menschen, wie dieser Katzen-Caspar, nicht schon zum Verbrecher?
Und das war ja klar, da es ohne ein wirkliches, eigentliches Verbrechen, da es
ohne Mord und Todtschlag nicht abging. Der Wachtmeister hatte die Schlssel zu
dem Thore und zu der Brckenpforte in der Tasche; der Wachtmeister sah wahrlich
nicht aus wie Einer, der gutwillig nachgiebt und hergiebt, noch dazu in einem
solchen Falle. Dann waren noch die beiden anderen Aufseher da, die ebenfalls
keine Hasenherzen zu sein schienen. Die Drei wrden sich widersetzen, so lange
sie sich regen knnten. Sie muten zu Boden, und im ersten Anlauf, und womglich
so, da sie nicht wieder aufstanden; denn zur Verwirrung mute sich der
Schrecken gesellen, wenn die Flucht gelingen sollte!
    Ich richtete mich von meinem Lager auf, das Herz schlug mir wild gegen die
Rippen. Auf mich rechnete der Katzen-Caspar in erster Linie; er hatte vollkommen
recht: nur wenn Zwei zu gleicher Zeit losbrachen, war eine Mglichkeit des
Erfolges; ein Einzelner wrde ganz gewi keine Nachfolger finden, so mute also
einer der Aufseher, vielleicht der Wachtmeister selbst, durch meine Hand fallen.
    Durch meine Hand!
    Wie leicht war das gedacht, gesagt; aber wrde mir in dem Augenblicke der
That der Muth nicht fehlen? Es ist wahr, ich hatte auf den Zollwchter
geschossen, aber damals galt es nicht blos meine, es galt vor Allem meines
Beschtzers, meines Wohlthters, meines Freundes Freiheit, und wie hatte ich dem
Himmel aus der Tiefe meines Herzens gedankt, da meine Kugel ihr Ziel verfehlt.
Jetzt war nicht der bewunderte, ja ich mchte sagen, angebetete Mann mein
Genosse, sondern der Katzen-Caspar; jetzt handelte es sich nicht darum, in einem
Momente der Ueberraschung auf eine dunkle Gestalt, die sich pltzlich drohend in
den Weg stellt, eine Pistole abzudrcken; es war ein wohlberlegter Mord
auszufhren, es war ein relativ Wehrloser zu erschlagen mit einem Spaten, einer
Spitzaxt, einem Hebebaum, dem ersten besten gemeinen Werkzeug, das dem Mrder in
die Hand kam! Und schlielich, ich hatte mir alle Mhe gegeben, meinen Schlieer
zu hassen, ich hatte es nicht vermocht. Durch all' seine Grobheit klang so viel
echte Gte hindurch, da mir schon manchmal vorgekommen war, als habe er sich
nur, weil er wute, wie weich er war, in dieses stachelige Kleid gehllt. Und
wenn ich nicht auf dem besten Fue mit ihm stand, an wem lag es, als an mir, der
ich sein Entgegenkommen so schnde zurckgewiesen? Er hatte es mich nicht
entgelten lassen; er hatte sein rauhes, gewi ehrlich gemeintes Wohlwollen
keinen Augenblick verleugnet; er hatte mich, wenn ich von seiner sonderbaren
Ausdrucksweise absah, stets behandelt nicht wie ein Wchter seinen Gefangenen,
sondern, ich mchte sagen, wie ein alter treuer Diener, der sich Manches
herausnimmt und herausnehmen darf, seinen ihm anvertrauten jungen Herrn, der
nicht gut gethan hat und den er auf gute Manier zur Raison bringen soll. Und
manchmal whrend der Arbeit ruhten seine hellen blauen Augen mit einem so
sonderbaren Ausdruck auf mir, als sage er immerfort vor sich hin: Armer Junge,
armer Junge! und als htte er am liebsten seinen Zollstock aus der Hand gelegt
und statt dessen meine Spitzaxt ergriffen und fr mich die Arbeit gethan. Ja,
schon ein paar Mal hatte er, wenn wir zusammen zurckgingen, zu mir gesagt:
Nun, hat man es noch nicht bald satt? und dann wieder: Man sollte nicht ber
Gebhr eigensinnig sein und dem Herrn Rittmeister - der Wachtmeister nannte
seinen ehemaligen Officier nur im uersten Nothfalle Director - und sich
selbst das liebe Leben sauer machen. - Wie so dem Herrn Rittmeister? hatte
ich gefragt. - Man will es nicht verstehen, hatte der Alte geantwortet und
hatte dabei ganz melancholisch ausgesehen.
    Ich wollte es nicht verstehen! das war nur zu richtig. Aber, weil man sich
die Mhe giebt, etwas nicht verstehen zu wollen, versteht man es darum weniger?
    Welches immer der Grund oder die Grnde sein mochten, aus denen die
Theilnahme des Directors an mir und meinem Schicksale hervorgingen - konnte ich
mich dagegen verschlieen, da diese Theilnahme vorhanden, da sie in der
herzlichsten, gewinnendsten Weise an den Tag gelegt wurde? Noch klangen seine
Worte, noch klang der Ton, in welchem er sie gesprochen, in meinem Ohr, und
dieser Ton hatte mich so lebhaft an den Klang der Stimme des Mannes erinnert,
der nun einmal mein Held gewesen und noch war. Ja, je fter ich den Director sah
- und ich sah ihn jetzt fast tglich - um so mehr fiel mir die Aehnlichkeit auf,
die er mit seinem unglcklichen Bruder hatte. Es war dieselbe hohe Gestalt, nur
da Krankheit und angestrengteste Arbeit, vielleicht Kummer und Sorgen die
stolze Kraft gebrochen; es war dasselbe Gesicht, nur viel edler, viel milder;
dieselben groen dunklen Augen, nur da sie so viel ernster, schmerzensreicher
blickten. Und diese Augen hatten mich, wenn der Mund auch seitdem geschwiegen,
jedesmal so freundlich gegrt - und diese Augen blickten mich an in dieser
schrecklichen Nacht, in welcher ich mit dem Versucher rang; sie blickten mich an
sanft und traurig und fragten: Das knntest Du thun? Das auszudenken httest Du
das Herz? Das auszufhren die Hand?
    Aber ich will frei sein, ich mu frei sein, schrie es in mir. Was kmmert
mich der Wahnsinn eurer Gesetze! Habt ihr mich zur Verzweiflung gebracht, nun
wohl, so knnt ihr von mir auch nur die Thaten eines Verzweifelten erwarten. Aus
der Schule hierher - aus einem Gefngnisse in das andere! Ich habe die eine
Tyrannei abgeschttelt, weil sie mir unertrglich war; soll ich mir diese
gefallen lassen, die so viel schwerer auf mir lastet? Und ich sollte der Gewalt
nicht mit Gewalt begegnen drfen? Was wrde der wilde Zehren thun, wenn er noch
lebte und seinen Liebling - denn das war ich - im Kerker wte? Er wrde mich zu
befreien suchen, und sollte er das Gefngni und sollte er die ganze Stadt an
allen Ecken anznden, wie sie einst seinen Ahn aus dem Thurme holten, die guten
Gesellen! Was er thun und wagen wrde, ich werde es thun und wagen! Es kann mich
doch hchstens das Leben kosten, und da man sein Leben lassen mu, wenn es
nicht mehr werth ist, gelebt zu werden - - der Wilde hat es mich gelehrt!
    So whlte und tobte es in mir, als wre eine Hlle in meiner Brust
entfesselt. Noch heute, nach so vielen Jahren, heute, wo ich freudigen und, so
viel an mir ist, reinen Herzens jeder Sonne danke, die sich ber mir erhebt und
mir wiederum einen Tag ernster Arbeit und stillen Glckes im Kreise der Meinen
verspricht - noch heute bebt mir das Herz und zittert mir die Hand, mit der ich
diese Zeilen schreibe, die mir so lebhaft die Schrecken jener Nacht und jener
Zeit vergegenwrtigen, da der Jngling einen Ausweg aus dem Labyrinth suchte, in
welchem er trostlos - verzweifelt umherirrte.
    Und werfe doch keiner einen Stein auf ihn, da er so weit vom rechten Wege
abirren konnte! Wohl Dir, wer Du auch immer seist, dessen Stirn sich, indem Du
dies liest, in richterliche Falten zieht - wohl Dir, wenn eine glckliche
Mischung Deines Blutes Dich vor der blinden Wuth tobender Leidenschaften
schtzte, wenn eine weise Erziehung Dir frhzeitig einen klaren Blick in das
wirre Leben gab, den Weg Deines Lebens freundlich ebnete. Auch dann - und dann
gewi! danke Deinem guten Stern, der Dir dies Alles gndig gewhrte, und
auerdem vielleicht selbst die Mglichkeit einer groen Verirrung von Dir
fernhielt! Und wo gebe es eine solche Mglichkeit nicht? Sie ist schlielich
immer vorhanden. So bete denn aus frommem Herzen, da Du nicht in Versuchung
gefhrt werdest, da Dir keine Nacht komme, wie die, welche ich damals
durchlitten; eine Nacht, in welcher es dunkel ist um Dich her und in Dir selbst;
eine Nacht, an die Du noch nach dreiig Jahren schaudernd denkst!
    Der Morgen, der nach dieser Nacht in meine Zelle graute, fand mich mit
brennenden Schlfen, whrend kalte Fieberschauer mich schttelten. Ich mochte
wohl sehr verstrt und bleich aussehen, denn des Wachtmeisters erstes Wort, als
er mich erblickte, war: Man ist krank, man mu heute von der Arbeit bleiben.
    Ich war krank, ich fhlte es nur zu wohl; so war mir noch nie im Leben
gewesen. War dies ein Wink des Schicksals? Wollte es nicht zulassen, was ich
beschlossen? Wenn ich heute nicht zur Arbeit ging, kam das Complot nicht zum
Ausbruch. Der Katzen-Caspar rechnete auf mich, auf meine Kraft, auf meinen Muth,
auf meine Verwegenheit. Mein Beispiel, das Beispiel Eines, der gewissermaen
freiwillig unter ihnen war, von dem sie wuten und fhlten, da er nicht
ihresgleichen sei, mute berwltigend auf sie wirken, mute sie in strmischer
Wuth mit fortreien. Das hatte der Katzen-Caspar vollkommen begriffen; er konnte
und er wrde ohne mich nichts wagen.
    Man bleibe heute von der Arbeit, sagte der Wachtmeister noch einmal. Man
sieht ja hundeteufelmig jmmerlich aus. Man hat sich gestern bernommen; man
hat nicht sieben Sinne wie ein Br.
    Ich wute nicht, was der Wachtmeister mit den letzten geheimnivollen
Worten, die er oft anwendete, sagen wollte; aber seine Meinung konnte nur eine
freundliche sein, denn seine blauen Augen ruhten derweilen mit einem Ausdrucke
ernster Sorge auf mir.
    Nicht doch, sagte ich, ich hoffe, da mir drauen besser wird; ich kann
nur die Gefngniluft nicht vertragen.
    Vertrgt Keiner besonders, brummte der Wachtmeister.
    Und ich besonders schlecht, so schlecht, da ich groe Lust habe, nchstens
von hier fortzugehen.
    Ich blickte dem Alten starr in die Augen; ich wollte, er sollte in meinen
Augen lesen, was ich vorhatte. Aber er lchelte nur und meinte:
    Wrden nicht Viele hierbleiben, wenn Alle fortgingen, die Lust dazu htten;
man wrde selbst fortgehen.
    Warum thun Sie es nicht?
    Man ist mit dem Herrn Rittmeister nun zusammengewesen an die fnfundzwanzig
Jahre; man wird bei ihm bleiben, bis man mausetodt stirbt.
    Was Einem alle Tage passiren kann.
    Und wieder blickte ich dem Alten starr in's Gesicht. Diesmal fiel ihm der
Ausdruck meiner Zge doch auf.
    Man sieht ja drein wie ein Br mit sieben Sinnen; man sieht ja ganz
raubmrdergalgenmig drein, sagte er.
    Was man noch nicht ist, kann man ja noch werden, sagte ich. Wenn ich
Ihnen zum Beispiel hier die Kehle zuschnrte; ich bin dreimal so stark wie Sie.
    Man mache keine schlechten Witze, rief der Wachtmeister, man ist kein
Br, und ein alter Soldat ist kein Zahnstocher.
    Damit hatte der ehrliche Herr Smilch die Sache erledigt; wir gingen nach
dem Bauplatze, da ich durchaus nicht in meiner Zelle bleiben, noch weniger nach
dem Gefngni-Arzt geschickt haben wollte.
    Auf dem Wege mute ich einmal stehen bleiben, denn es wurde mir schwarz vor
den Augen und ich glaubte zu sterben. Derselbe Zustand wiederholte sich noch
mehrmals whrend des Tages, der ungewhnlich hei war. Im Uebrigen habe ich nur
eine wste, verworrene Erinnerung dieses entsetzlichen Tages. Ein wildes Fieber
wthete in meinen Adern; eine schwere Krankheit kam in frchterlicher Schnelle
heran, ja war schon zum Ausbruch gekommen. Doctor Snellius sagte mir spter und
hat es mir erst vor einigen Tagen, als er bei mir zu Tische war, ber der
Flasche wiederholt, da er es bis heute nicht begreifen knne, wie ein Mensch in
dem Zustande, in welchem ich mich nothwendig befunden haben mte, nicht nur
einen ganzen Tag lang sich auf den Fen halten, sondern eine schwere Arbeit
habe leisten knnen. Er meinte, es sei ihm der merk wrdigste Beweis, wie weit
es der bis zum Ueberma angespannte Willen contra naturam, gegen den Lauf der
Natur vermge. Freilich, fgte er mit einem Lcheln hinzu, indem er mir die
Schulter berhrte, es geht nur bei Schmieden, Schneider sterben daran.
    Was habe ich aber auch gelitten! Wenn mir ein hmischer Asmodeus einmal
einen recht bsen Streich spielen will, fhrt er mich im Traume an eine tiefe
Grube, in welche eine mitleidslose Sonne brennt, und drckt mir eine Spitzaxt in
die Hand, mit der ich wthende Streiche gegen eine felsenharte Erde fhre, nur
da die felsenharte Erde mein eigener Kopf ist und jeder Schlag mir in's Gehirn
dringt, und dann fllt er die Grube mit Teufeln in Menschengestalt, die ebenso
wie ich mit Spitzxten oder Spaten und Schaufeln oder einer Karre arbeiten, und
diese Teufel haben brutale, stumpfe Gesichter und bse Augen, die sie immerfort
auf mich gerichtet halten und mit denen sie mir zuwinken: sie wten Bescheid
und ich wrde das Teufelswerk schon vollbringen. Und unter ihnen taucht von Zeit
zu Zeit ein Kopf aus, der bsere Augen hat, als die anderen alle, und der Kopf
sperrt den grlichen Mund auf, und wie aus einem Hllenrachen ghnt es mich an:
Kurz vor Sonnenuntergang! Frisch Kamerad! ich Rollmann nehmen, Du Wachtmeister.
Schlag' Schdel ein!
    Weg du entsetzlicher Traum!
    Aber das Entsetzlichste ist noch brig.
    Es ist eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang; in einer halben Stunde wird
die Glocke ertnen, die Arbeit eingestellt werden. Nicht blos fr heute; die
Ausgrabung ist beendet, die Fundamentsteine sind herbeigeschafft. Morgen werden
ordentliche Maurer an die Arbeit gehen, Einzelne von den Zuchthuslern werden
noch helfen; Andere aber anderswo beschftigt werden; es ist der letzte Abend,
wo die Elf, deren Zwlfter ich sein soll, beisammen sind. Jetzt oder nie ist der
Augenblick gekommen und bereits ist das Signal gegeben.
    Es besteht darin, da der Katzen-Caspar mit seinem Nachbar einen Streit
beginnt, an dem sich nach und nach die Anderen betheiligen, whrend die
Aufseher, der Wachtmeister an der Spitze, die scheinbar Wthenden auseinander zu
bringen suchen und den auf so unerhrte Weise gegen die Ordnung Frevelnden mit
Wasser und Brod und Einzelhaft drohen. Aber Jene lassen sich nicht bedeuten,
kommen im Gegentheil von Worten zu Thtlichkeiten, indem sie dabei, einander
stoend und schlagend, in immer dichteren Knuel zusammendrngen und die
Aufseher in den Knuel zu verwickeln suchen.
    Das Vorspiel hat nur einige Minuten gedauert, und lnger darf es auch nicht
dauern, wenn der ungewhnliche Lrm in der stillen Anstalt nicht andere Aufseher
herbeirufen und so den ganzen Plan vereiteln soll.
    Hat man mich in den wsten Knuel hineingezogen? Habe ich mich selbst
hineingestrzt? - ich wei es selbst nicht; aber ich bin mitten drin. Helfe ich
den Aufsehern die Leute auseinanderhalten? suche ich nur die Verwirrung zu
vermehren? - ich wei es nicht, aber ich tobe lauter als Alle, ich schreie,
jauchze, ergreife ein paar im Nacken und schleudere sie auf den Boden, als wenn
es Puppen wren; ich bin wie wahnsinnig; ja, ich bin wahnsinnig, ohne es zu
wissen, ohne da ein Anderer es wei, es merkt, auch der Katzen-Caspar nicht,
der sich an mich herandrngt und mir laut zuruft: Jetzt Kamerad!
    In diesem verhngnivollen Augenblicke nhert sich, aus der Pforte des nahen
Gartens kommend, eilenden Schrittes die hohe Gestalt eines Mannes dem Orte des
Schreckens. Es ist der Director; ein junges Mdchen von vierzehn Jahren, deren
schlanken Wuchs ich schon fter durch das Gitter des Gartens bewundert, fat ihn
an der Hand und scheint ihn zurckhalten oder auch die uerste Gefahr mit ihm
theilen zu wollen. Ein paar Knaben von zehn, zwlf Jahren zeigen sich in der
Gartenpforte; sie rufen Hurrah! Sie haben wohl keine Ahnung von dem Ernste der
Situation.
    Und da ist der Mann, den Jeder hat kommen sehen, dicht vor uns. Er machte
die Linke sanft aus der Hand des jungen Mdchens los und drckt sie gegen die
kranke, von der Anstrengung des eiligen Laufes keuchende Brust. Die andere hat
er beschwichtigend erhoben, da er noch nicht zu reden vermag. Seine sonst so
bleichen Wangen sind von einer fieberhaften Rthe bergossen; seine groen
braunen Augen blitzen; sie mssen sprechen, da sein Mund es nicht vermag.
    Und die Tobenden, Wthenden haben diese Sprache verstanden. Sie haben seit
lnger oder krzer gelernt, in scheuer Ehrfurcht zu dem bleichen Manne
emporzusehen, der immer ernst und immer freundlich ist, auch wenn er strafen
mu, und den noch Keiner ungerecht hat strafen sehen. Sie sind auf Alles gefat;
darauf nicht, da ihnen im letzten Augenblicke dieser Mann entgegentreten wrde.
Sie fhlen, da ihr Spiel verloren ist, ja sie geben es verloren.
    Nur Einer nicht; Einer ist entschlossen, es dennoch zu gewinnen oder doch
sein Letztes auf eine blutige Karte zu setzen. Ja, vielleicht steht das Spiel
besser als je. Liegt jener Mann zu Boden, wer oder was knnte ihn, knnte die
Andern dann noch halten?
    Ein Geheul ausstoend, wie es so grlich aus eines wilden Thieres Brust
nimmer schallen kann, strzt er mit hochgeschwungener Spitzaxt auf den wenige
Schritte nur Entfernten zu. Das junge Mdchen wirft sich vor den Vater, den
Todesstreich aufzufangen. Aber ein Anderer, der besser im Stande ist, den
Herrlichen zu schtzen, ist schneller noch. Mit Einem Satze ist er zwischen
Jenem und dem Caspar und fllt dem Rasenden in den Arm. Zwar streift die
herabschmetternde Axt seinen eigenen Kopf; was ist das im Vergleiche zu den
Schmerzen, die ihm im Kopfe schon seit Stunden wthen?
    Hund, verfluchter! brllte der Katzen-Caspar, hast Du uns verrathen! und
abermals holte er mit der Axt aus. Er bringt sie kaum noch in die Hhe, da liegt
er bereits am Boden und auf seiner Brust kniet Einer, dessen Kraft der Wahnsinn
des Fiebers zum Ungeheuren angespannt hat, dem in diesem Augenblicke kein
einzelner Mensch zu widerstehen vermchte.
    Aber es ist auch nur ein Augenblick. Was er noch sieht, ist das grlich
verzerrte Gesicht des Katzen-Caspar. Dann versuchen andere Hnde seine Hnde von
dem Halberwrgten wegzureien und dann versinkt Alles um ihn her in tiefe,
schwere Nacht.

                          Vierundzwanzigstes Capitel.


In tiefe, schwere Nacht, die eine lange, lange Fortsetzung des entsetzlichen
Traumes ist, bis endlich dann und wann dmmernd Licht in diese Nacht fllt,
dmmernd-sanftes Licht, vor welchem die Grauengestalten verbleichen und
freundlicheren Platz machen. Die schweben wieder in tiefe Nacht, aber es ist
nicht mehr die alte, frchterliche; es ist ein ses Versinken in ein seliges
Nichts, und jedesmal, wenn ich wieder daraus hervortauche, sind die milden
Gestalten deutlicher, so da es mir manchmal schon gelingt, sie von einander zu
sondern, whrend sie anfnglich immer unmerklich in einander bergingen. Jetzt
wei ich bereits, da, wenn der lange, schwarzgraue Schnurrbart vor meinem
Gesichte auf und ab nickt, eine treue, gutmthige Dogge da ist, die immer aus
tiefer, breiter Brust knurrt, nur da ich die Dogge nie zu sehen bekomme und
manchmal meine, es sei der lange schwarzgraue Schnurrbart selbst, der so murre.
Wenn der Schnurrbart braun ist, hre ich eine sanfte Stimme, deren Klang mir
unendlich wohlthut, da ich immer lcheln mu, glcklich lcheln, whrend, wenn
ich die Dogge hre, ich laut lachen mchte, nur da ich nicht lachen kann, weil
ich keinen Krper habe, sondern eine Seifenblase bin, die aus der Bodenluke in
meinem Vaterhause herausschwebt in die sonnige Luft, bis sich zwei Brillenglser
in ihr spiegeln, die keinen Schnurrbart haben. Die Brillenglser machen mir viel
zu schaffen, denn, wenn sie auch niemals einen Schnurrbart haben, so sind sie
doch manchmal blau, und dann sind sie eine Frau; wenn sie aber wei sind, sind
sie ein Mann und haben eine qukende Stimme; aber die blauen Glser haben die
sanfteste Stimme, noch sanfter als der dunkle Schnurrbart. Ich kann es nicht
herausbekommen, wie das zugeht, und rthsle viel darber, bis ich wieder
einschlafe. Und als ich erwache, beugt sich Jemand ber mich, der einen braunen
Schnurrbart und braune Augen hat und gerade so aussieht wie Jemand, den ich
kenne, obgleich ich mich nicht besinnen kann, wo und wann ich ihn gesehen habe.
Aber es wird mir so wohl und wehe bei dem Anblicke des bekannten Unbekannten,
weil mir ist, als ob ich ihm Unendliches zu danken htte, obgleich ich gar nicht
wei was. Und dies Dankgefhl ist so lebhaft, da ich seine Hand, die er auf
meine Hnde gelegt hat, langsam, leise - denn ich habe wenig oder keine Kraft -
an die Lippen ziehe und die Augen schliee, aus denen selige Thrnen ber meine
Backen rollen. Ich will auch etwas sagen, aber ich kann es nicht, und will mich
darauf besinnen, und als ich die Augen wieder ffne, ist die Gestalt nicht mehr
da, sondern das Zimmer ist leer und von einer lichten Dmmerung gefllt, und ich
schaue mich verwundert in dem Zimmer um.
    Es ist ein mig groes, zweifenstriges Zimmer; an den Fenstern sind die
weien Gardinen herabgelassen und auf den Gardinen schwanken die Schatten von
Weinranken auf und nieder. Ich sehe lange dem reizenden Spiele zu; es ist ein
Bild meiner Gedanken, die ebenso hin- und herwiegen und einen Punkt festzuhalten
suchen, es aber nicht vermgen und immer wieder herber- und hinberziehen. Dann
blicke ich abermals in das Zimmer und jetzt finden meine Augen einen Ruhepunkt.
Es ist ein Bild, das an der einfarbigen, lichtgrauen Wand mir gerade gegenber
hngt: ein schnes junges Weib mit einem Knaben auf dem Arm. Sanft und mild
blicken die Augen der jungen Mutter, still und fast schwermthig, als snne sie
einem groen Geheimnisse nach, whrend die Augen des Knaben unter der
vorgewlbten Stirn ber seine Jahre ernst, fast trotzig und gro, als knnten
und wollten sie die ganze Welt umspannen, geradeaus in die Ferne, in die
Unendlichkeit blicken.
    Ich kann die Augen kaum von dem Bilde wenden. Meine Bewunderung ist sehr
rein und unbefangen; ich habe keine Ahnung von dem Original und wei nicht, da
dies eine ausgezeichnete Kreidezeichnung nach dem berhmtesten Bilde des
Meisters der Meister ist; ich wei nur, da ich so etwas Schnes in meinem Leben
noch nicht gesehen habe.
    Unter dem Bilde hngt eine kleine Etagere mit zwei Reihen sauber gebundener
Bcher. Unter der Etagere ist eine Commode, alterthmlich geschweift mit
messingenen Griffen. Auf der Commode liegen Zeichnen-Materialien und, zwischen
zwei kleinen, antiken Vasen aus Terracotta, steht ein Arbeitskrbchen, ber
dessen Rand ein Faden rother Wolle hngt.
    Zwischen Fenster und Commode, offenbar auf die Seite gerckt, sehe ich eine
Staffelei, auf der Staffelei ein umgekehrtes Reibrett; auf der anderen Seite
der Thr ein Pianino, dessen oberer Theil eine sonderbare leyerfrmige Gestalt
hat.
    Ich wei nicht, was mich pltzlich an Konstanze von Zehren denken lt,
vielleicht, da mich das leyerfrmige Instrument an ihre Guitarre erinnert hat.
Es mu wohl sein, denn sonst erinnert dies Zimmer in nichts an jenes
Konstanzens. So wunderlich wst es dort aussah, so sauber und freundlich ist
Alles hier; kein fadenscheiniger, zerrissener Teppich deckt die weien Dielen,
auf welchen sich die sonnebeschienenen Fenster abzeichnen, und abermals, aber
schwcher als auf den weien Gardinen die Schatten der Weinranken spielen. Nein,
ich bin nicht auf Schlo Zehren, im ganzen Schlosse war kein Gemach wie dieses,
so heiter, so rein; und Schlo Zehren, fllt mir ein, ist ja abgebrannt, bis auf
den Grund, haben sie gesagt; ich kann also nicht auf Schlo Zehren sein, aber wo
bin ich denn?
    Ich blicke das schne junge Weib auf dem Bilde an, als ob sie mir Antwort
geben knnte; aber ber dem Anblicke vergesse ich, was ich habe fragen wollen.
Ich habe nur das Gefhl, da es sich ruhig schlafen lasse, wenn solche Augen
ber Einem wachen, und wundere mich, da der schne Knabe den Kopf nicht an die
Schulter, an den Busen der Mutter sinken lt, die groen, trotzigen Augen
schliet und s schlft, ach so s.
    Der lange, se Schlaf hat mich wunderbar erquickt. Als ich erwache, richte
ich mich ohne weiteres in die Hhe, sttze mich auf den Ellenbogen und starre
Herrn Wachtmeister Smilch, der vor meinem Bette sitzt, verwundert in das
braune, furchendurchzogene Gesicht mit den blauen Augen, der groen Habichtsnase
und dem langen, schwarzgrauen Schnurrbart.
    Der Alte blickte mich seinerseits nicht minder verwundert an. Dann zuckt ein
freundliches Lcheln von dem Schnurrbart durch ein paar der allertiefsten
Furchen hinauf in die blauen Augen, wo es verweilt und gar lustig blinkt und
blitzt. Er legt drei Finger seiner rechten Hand an die Stirn und sagt: 
Serviteur!
    Das kommt so drollig heraus, da ich lachen mu. Ich kann jetzt lachen und
der Alte lacht ebenfalls und sagt: Gut geschlafen?
    Ja, sage ich, kstlich. Ich habe wohl lange geschlafen?
    Ein wenig, morgen werden es acht Wochen, erwiedert der Alte freundlich.
    Acht Wochen, wiederhole ich mechanisch, das ist sehr lange, und ich
streiche nachdenklich mit der Hand ber den Kopf.
    Der Kopf ist sonst mit sehr dichten, sehr krausen und trotzdem sehr weichen
(nebenbei etwas rthlichen) Locken bedeckt; jetzt fhle ich nur ganz kurze
Stacheln, wie bei einer Brste, die noch dazu mit der Zeit arge Lcken bekommen
hat.
    Das ist doch sonderbar, sage ich.
    Wird schon wieder wachsen, sagt der Wachtmeister trstend, haben mich
auch ritze-ratze-kahl geschoren, als ich dies da weg hatte - er zeigt auf eine
tiefe Narbe ber der rechten Schlfe, die in dem dichten, grauen Haar verluft,
und die ich jetzt zum ersten Male bemerke - ich habe doch wieder einen Schopf
bekommen wie ein Br -
    Mit sieben Sinnen, fge ich hinzu und mu durchaus ber meinen Witz
lachen. Es scheint, da ich einen Kinderkopf auf den breiten Schultern habe.
    Der Alte lacht auch sehr herzlich, wird aber pltzlich ganz ernsthaft und
sagt:
    Nun aber schweige man und schlafe wieder wie -
    Er beendet seine Lieblingsphrase nicht, augenscheinlich aus Besorgni, mich
zu neuer und fr meine Verhltnisse schdlicher Lustigkeit aufzuregen; aber ich
lache trotzdem und streife dabei den Aermel meines Hemdes auf, der mir
ungewhnlich weit vorkommt.
    Der Aermel ist nicht weiter als gewhnlich, aber mein Arm ist dnner, so
dnn, da ich ihn kaum fr den meinen halten kann.
    Wird schon wieder strker werden, sagte der Wachtmeister.
    Ich bin wohl sehr krank gewesen? fragte ich.
    I nun, meint der Wachtmeister; es war dicht vor dem Zapfenstreich; aber
ich habe immer gesagt: Unkraut vergeht nicht; und er reibt sich vergngt die
Hnde. Aber jetzt hat man genug geschwatzt, fgt er in befehlendem Tone hinzu.
Man hat strenge Ordre, sich, wenn man aufwachen sollte, auf keinen Disput
einzulassen und sogleich Meldung zu machen, was nunmehro geschehen soll.
    Der Wachtmeister will sich erheben; ich lege ihm die Hand auf eine seiner
braunen Hnde und bitte ihn, noch zu bleiben; ich fhle mich ganz krftig, das
Sprechen greife mich nicht im mindesten an, noch weniger das Hren, und ich
mchte gern hren, wie ich in diesen Zustand gekommen, in welchem ich mich
befinde; wer die Leute gewesen seien, die um mich gewesen, und deren Gestalten
ich durch den Nebel meiner Trume habe gleiten sehen? Ob nicht auch eine gute,
groe Dogge dagewesen sei, die mich beschtzt und dazu aus tiefer Brust geknurrt
habe?
    Der Alte sieht mich bedenklich an, als meine er, es sei doch noch nicht ganz
richtig unter dem borstigen, halbkahlen Schdel, und die hchste Zeit, da er
Rapport abstatte. Er legt meine Hnde auf die Bettdecke und sagt: So, so!
glttet das Kopfkissen und sagt wieder: So, so! und ich thue ihm den Gefallen
und schliee die Augen und hre, wie er leise aufsteht und sich auf den
Fuspitzen entfernt; aber die Thr hat sich kaum hinter ihm geschlossen, als ich
die Augen wieder ffne und resolut daran gehe, mir selbst die Fragen, die ich
dem Alten vorgelegt habe, zu beantworten.
    Und nach und nach - gerade wie aus einem Nebelmeer, auf das wir von einem
hohen Berge herabblicken, hie und da einzelne lichte Punkte auftauchen, ein
sonnebeschienenes Kornfeld, eine Htte, ein Stck Weges, ein kleiner See mit
grasigen Ufern und endlich die ganze Landschaft klar vor uns liegt, bis auf
wenige Stellen, ber welchen noch graue Streifen sich breiten, die langsamer als
die andern die Bergschluchten aufwrts ziehen - gerade so lste sich vor meinem
inneren Auge die Nacht der Vergessenheit, in welche fr mich meine jngste
Vergangenheit whrend meiner Krankheit versunken gewesen war. Ich erinnerte mich
wieder, da ich, und warum ich im Gefngnisse, da der alte Mann mit dem langen
Schnurrbart nicht mein guter Freund und Krankenwrter, sondern mein Schlieer
war; da ich mich mit dem Gedanken getragen hatte, ihn zu erschlagen, wenn es
sein mute, damit ich wieder frei wrde; und so an Alles, was geschehen war, bis
auf den letzten schrecklichen Tag, an diesen aber nur sehr verworren, sehr
dunkel, so verworren, so dunkel, wie diese Erinnerung bis auf heute in meiner
Seele geblieben ist. Dunkel und peinlich; aber seltsam - dieses peinliche Gefhl
wendete sich ausschlielich gegen mich selbst. Der Ha, die Erbitterung, der
Groll, die Verzweiflung, die Raserei der Leidenschaft - alle die Dmonen, die
vorher in meiner Seele gehaust, sie waren verscheucht, als htte sie ein Engel
mit flammendem Schwert - der Todesengel vielleicht, der ber mir geschwebt -
vertrieben. Selbst jener Rest von Pein lste sich auf in Dankbarkeit, da mir
das Entsetzlichste erspart worden, da ich auf meine abgemagerten Hnde blicken
konnte, ohne zu schaudern.
    Und wie ich, also sinnend, dalag, und mein Blick auf das schne, junge Weib
fiel, die ihren Knaben so sicher im treuen, starken Mutterarme hielt, falteten
sich unwillkrlich meine Hnde; ich dachte meiner eigenen, so frh, viel zu frh
fr mich verstorbenen Mutter, und wie wohl Alles anders gekommen wre, htte sie
immerdar schtzend mit ihrem Arm mich umfassen, htte ich in meinen jungen
Leiden und Zweifeln an ihrem Busen Schutz und Rath und Trost suchen und finden
knnen. Und auch meines Vaters dachte ich, der jetzt so einsam war, dessen
Hoffnungen ich so bitter getuscht, dessen Brgerstolz ich so tief verwundet,
und dachte seiner - zum ersten Male - ohne allen Groll, nur mit dem Gefhle
innigsten Mitleids mit dem armen, alten, verlassenen Manne!
    Aber er wird ja leben bleiben, sagte ich, und ich bin ja auch nicht
gestorben und werde leben und Alles wieder gut machen. Nein, nicht Alles, das
Verlorene lt sich nicht wieder gut machen, nur die Zukunft gehrt mir, selbst
im Gefngnisse!
    Im Gefngnisse! aber war das ein Gefngni, wo ich mich befand: dieses
freundliche Zimmer, dessen Fenster nur mit nickenden Weinranken vergittert war,
in welchem Alles auf ein friedlich-heiteres Stillleben der Bewohnerin deutete? -
    Der Bewohnerin! ich wei nicht, wie ich abermals auf diesen Einfall kam;
aber ich konnte mich nicht davon losmachen, und da hingen auch wieder die rothen
Wollfden aus dem Arbeitskrbchen. Was hat ein Arbeitskrbchen mit rothen
Wollfden in dem Zimmer eines Mannes zu thun?
    Ich sann und sann; ich konnte es nicht ergrnden; der Nebelstreifen rckte
nicht von der Stelle, ja schien sich auszubreiten zu einem dnnen Flor, der
allmlig wieder die ganze Landschaft verdecken wollte. Nun wohl, ich hatte sie
einmal gesehen und wute, da ich sie wiedersehen wrde, auch da ich die
Stimmen wieder hren wrde, die jetzt aus weiter, weiter Ferne an mein Ohr
schlugen und zwischen denen ich doch noch das dumpfe Knurren meiner treuen Dogge
und die sanfte Stimme unterschied, mit der die braunen Augen immer milden
Glanzes in meine Nacht geleuchtet hatten.
    Und als ich wiederum erwachte, war es wirklich Nacht oder doch so spt am
Abend, da das Nachtlicht in dem Astrallmpchen auf dem Tische bereits
angezndet war, und bei dem matten Scheine des Lmpchens sah ich Jemanden vor
meinem Bette sitzen, den ich nicht erkannte, da er den Kopf in die Hand sttzte.
Aber als ich mich regte und er den Kopf hob und mich fragte: Wie geht es Ihnen?
wute ich, wer es war. Die leise, sanfte Stimme klang immerfort in meinem Ohr;
ich wrde sie unter tausenden erkannt haben. Und jetzt, sonderbarerweise, ohne
da ich nur einen Augenblick nachzudenken brauchte, als htte es mir whrend
meines Schlafes Jemand ausfhrlich erzhlt, wute ich auch, da das Haus, in
welchem man mich seit acht Wochen wie ein Kind des Hauses gepflegt, das Haus
meines Directors, meines Kerkermeisters war, der heute gewi nicht zum ersten
Male an meinem Bette sa und wachte und der jetzt zu mir sprach, in so
liebevollem Tone, wie nur ein freundlicher Vater zu seinem Sohne sprechen kann.
    Er hatte, sich zu mir beugend, meine Hand ergriffen, indem er zu sprechen
fortfuhr - Worte, die ich nur halb hrte vor einer anderen Stimme, die laut und
immer lauter mit den Worten der Schrift in mir rief: Ich bin es nicht werth!
    Ich konnte die Stimme nicht zum Schweigen bringen; ich bin es nicht werth!
ich bin es nicht werth! rief es immer wieder, und endlich rief ich es laut: Ich
bin es nicht werth!
    Sie sind es, mein Freund, sagte die sanfte Stimme; ich wei, da Sie es
sind; auch wenn Sie selbst es nicht wissen sollten.
    Nein, nein, ich bin es nicht! sagte ich und das Herz schlug mir, als ich
es sagte. Sie ahnen nicht, wen Sie beschtzen, Sie ahnen nicht, wessen Hand Sie
in der Ihren halten.
    Und jetzt, jenem unwiderstehlichen Drange folgend, den ein in seinem Grunde
ehrliches Gemth antreibt, auf alle Flle eine Gte abzulehnen, die uns nicht
gebhrt, beichtete ich meine schwere Schuld: wie ich entschlossen gewesen, Alles
daran zu setzen, mich aus der Gefangenschaft zu befreien; wie ich die Annherung
des frchterlichen Menschen nicht provocirt, aber doch geduldet; wie ich um das
Complot gewut, um die Stunde, in welcher es losbrechen sollte, und wie ich
nicht wisse, weshalb mich der Muth zur Ausfhrung im letzten Augenblicke
verlassen, da ich meine Hand gegen die wendete, die ich freiwillig zu meinen
Genossen gemacht, und als deren Mitschuldigen ich mich folglich betrachten
mte.
    Der Director hatte mich ruhig sprechen lassen, nur da er meine Hand, so oft
ich ihm dieselbe im Verlaufe meiner Beichte entziehen wollte, jedesmal mit
sanftem Drucke festhielt. Jetzt, als ich zu Ende, sagte er - und noch heute,
nach so vielen Jahren, wenn ich in der Nacht erwache, glaube ich seine Stimme zu
hren:
    Lieber, junger Freund, nicht was uns unser Whnen, Wollen, Wnschen als
mglich, ja nothwendig erscheinen lt; nicht was wir glauben, thun zu sollen
oder zu knnen, selbst nicht, was wir zu thun beschlossen haben, macht uns zu
dem, was wir sind, sondern was wir in dem gegebenen Augenblicke wirklich thun.
Der Feigling whnt ein Held zu sein, bis ihn der Augenblick belehrt, da er ein
Feigling ist; der muthige Mann klgelt sich aus, er wolle sich nicht in Gefahr
begeben, und strzt sich, wenn der Ruf: Zu Hilfe! wirklich an sein Ohr schlgt,
kopfber in die Gefahr. Sie glaubten, Ihre Hand erheben zu knnen gegen einen
Wehrlosen, und als Sie einen Wehrlosen in Mrderhand sahen, standen Sie auf fr
den Wehrlosen gegen den Mrder. Und sagen Sie nicht, Sie htten nicht gewut,
was Sie gethan! Oder wenn Sie nicht wuten, was Sie thaten, so folgten Sie eben
dem unwiderstehlichen Triebe Ihrer Natur, waren Sie eben in diesem Augenblicke
erst recht - Sie selbst. Ich und die Meinen werden in Ihnen nun und immerdar den
sehen, der mir das Leben gerettet mit Gefahr des eigenen Lebens.
    Sie machen mich besser, unendlich viel besser, als ich in Wirklichkeit
bin, murmelte ich.
    Und thte ich das, erwiederte er mit freundlichem Lcheln, giebt es eine
hhere Wonne, als einen Menschen besser zu machen, als er ist? Aber Sie meinen,
ich nhme Sie fr besser, und auch das wrde ich mir gefallen lassen. Hat doch
selten Jemand so viel Gelegenheit als ich, zu erfahren, da der sicherste, oft
der einzige Weg, einen Menschen besser zu machen, der ist, ihn fr besser zu
nehmen. Wollte Gott, es wrde mir, dies Geheimni meines Handwerks anzuwenden,
in jedem Falle so leicht, wie bei Ihnen! Und kann ich wirklich dazu beitragen,
wie ich freudig hoffe, das edle Metall Ihrer Natur von den Schlacken zu
reinigen, mit denen sie vielleicht noch vermischt ist; kann ich helfen, Sie
selbst fr sich aufzuklren, Ihnen den Weg Ihres Lebens, den Sie dunkel vor sich
sehen, auf dem Sie sich verirrt glaubten, vielleicht verirrt haben, zu erhellen,
Sie mit Einem Worte zu dem zu machen, der Sie sein knnen und also sein mssen -
nun, so hiee das nur gerecht sein gegenber der Ungerechtigkeit, die Sie
hierher gebracht, und so knnte ich fr meinen Theil Ihnen den Dank abtragen,
den ich Ihnen schuldete, noch bevor Sie einen Fu in dies Haus setzten,
geschweige denn, bevor Sie meinen Kindern den Vater, es sei nun, wie lange es
sei, erhielten.
    Das milde Licht der Lampe fiel in sein schnes, blasses Antlitz, da es mit
sanftem Glanze aus dem Dunkel sternengleich auf mich herabzuleuchten schien, und
so kam seine sanfte Stimme zu meinem Ohr, wie eines guten Geistes Stimme, die in
der Stille der Nacht zu einer hilfs- und heilsbedrftigen Seele spricht. Ich lag
da, ohne mich zu regen, ohne ein Auge von ihm abzuwenden, hoffend, er werde
weiter sprechen, ihn leise bittend, er mge weiter sprechen.
    Es ist vielleicht egoistisch von mir, sagte er, wenn ich es thue, wenn
ich, wo Ihre Seele zu frischem Leben erwacht und geneigt ist, mit frommen
Kinderaugen in die wiedergewonnene neue Welt zu blicken, den Moment bentze, Sie
mich kennen und, wenn es sein kann, lieben zu lehren, wie ich selbst Sie kenne
und liebe; ich wiederhole, nicht seit heute. Ich kannte Sie, bevor Sie hierher
kamen. Sie sehen mich verwundert an, und doch ist die Sache so einfach wie
mglich. Ich habe meinen ltesten Bruder, trotzdem wir eigentlich nur unsere
Kinder- und Knabenjahre zusammen verlebt haben und dann getrennt wurden, um uns
niemals wieder recht zu gehren, ja in den letzten vierzehn Jahren nur wieder zu
sehen, sehr geliebt, denn er war, was auch immer die Welt und die Leidenschaften
spter aus ihm gemacht haben, der Anlage nach die schnste, edelmthigste,
tapferste Menschenseele, die je aus der Hand der Natur hervorgegangen ist. Sie
knnen sich denken, wie mich die Nachricht von seinem jhen Tode erschttert
hat, mit welcher schmerzlichen Begierde ich Alles in Erfahrung zu bringen
suchte, was sich auf seinen Tod und die Veranlassung seines Todes bezog; wie
eifrig ich eine Gelegenheit, die mir geboten wurde, benutzte, die Acten des
Processes zu studiren, der sich an den Namen und die Thaten meines unglcklichen
Bruders knpfte und in den auch Sie in so unglckseliger Weise verwickelt waren.
Aus diesen Acten habe ich Sie zuerst kennen gelernt. Ich bin oft in der Lage,
von solchen Acten Einsicht nehmen zu mssen, und habe mich lngst gewhnt, in
denselben zwischen den Zeilen zu lesen. Nie war diese Kunst mir nthiger als in
diesem Falle, denn niemals hat sich von aller psychologischen Einsicht
entblter Juristenverstand, oder vielmehr Unverstand rger versndigt, als an
Ihnen; niemals die Hand eines Sudlers aus einem leicht zu deutenden, tagklaren
Jnglingsantlitz eine abscheulichere, schwarz in schwarz gezeichnete Carricatur
gemacht. Fast von jedem Zuge, mit welchem die Anklage Sie ausstattete, glaubte
ich das Gegentheil behaupten zu mssen und beweisen zu knnen. Und wenn es nicht
mein Bruder, mein einst so hei geliebter Bruder gewesen wre, dessen Schuld Sie
ben sollten - wenn der ganze Proce mir so fremd gewesen wre, wie er mich aus
tausend Grnden anging und mich schmerzlich berhrte - ich wrde Ihre Sache zu
der meinen gemacht, ich wrde Sie zu retten versucht haben, wenn ich es gekonnt
htte. Ich konnte nichts fr Sie thun; ich konnte nur meinen ganzen Einflu
aufbieten und ich habe ihn aufgeboten, da Sie hierher kamen, anstatt nach N.,
wohin man Sie ursprnglich schicken wollte.
    Sie kamen. Ich sah Sie, wie ich Sie mir vorgestellt; ich fand Sie, wie ich
Sie mir gedacht. Was anders an Ihnen war, das war der Jngling nicht, der
wissentlich in dem Processe seine Sache verschlechtert, weil er hartnckig jede
Auskunft ber seine Mitschuldigen verweigert, dessen treuherzige Offenheit in
allen anderen Punkten jedes Herz, nur nicht das verschrumpfte eines
Actenmenschen, htte rhren mssen - das war ein Mensch, den man unter der Form
des Gesetzes mihandelt, dessen freie Seele die dumpfe Luft seines Kerkers
verdstert und der, um mit den Worten meines angebeteten Dichters zu reden: sich
Menschenha aus der Flle der Liebe trank. Es war Ihrer wrdig, da Sie keinen
Hehl aus diesem Hasse machten, da Sie, was Ihnen hier geboten wurde, und wonach
Andere mit beiden Hnden gierig gegriffen htten, stolz zurckwiesen. Lassen Sie
mich kurz sein. Die Krankheit, die in Ihnen schon lange brtete, der Sie mit
Ihrer seltenen kraftvollen Natur nur so lange widerstanden, kam zum Ausbruch.
Sie wollten in dem Wahnsinne Ihrer verstrten Sinne zeigen: Seht, das habt ihr
aus mir gemacht! und der Erfolg bewies, da Sie geblieben waren, der Sie sind.
Man trug Sie fr todt von dem Orte des Schreckens. Der schnell herbeigerufene
Arzt gab zwar Hoffnung, aber nur der sorgfltigsten Pflege werde es vielleicht
gelingen, Sie zu retten. Wo konnte Ihnen diese Pflege zu Theil werden als hier
bei mir? Wer konnte treuer ber Ihr Leben wachen als der, dem Sie es gerettet?
Was galt mir in solchem Falle die Vorschrift des Hauses, was das Gerede der
Leute? Wir trugen Sie in das erste Zimmer, das zufllig fr unseren Zweck das
beste war. Wir, das ist: mein Weib, meine Tochter, die lter ist als ihre Jahre,
der alte, treue Smilch, der Arzt, den Sie lieben werden, wie er es verdient, -
wir Alle haben - ich darf es sagen, denn es versteht sich von selbst - wacker
und treu gekmpft mit dem Tode, der Sie bedrohte, und die Frauen haben geweint
und die Mnner haben sich die Hnde geschttelt, als Ihre herrliche Natur
machtvoll den Feind zurckwarf, als der Arzt vor acht Tagen unter uns trat und
sagte: er ist gerettet. Und nun, lieber junger Freund, genug, vielleicht schon
zu viel fr heute. Wenn Sie aus unserer Unterredung den Eindruck empfangen und
in Ihren Schlaf mit hinbernehmen, da Sie unter Freunden sind, die Sie lieben,
so ist das Alles, was ich gewollt. Ich hre Smilch kommen; ich wollte ihn
heute Nacht ablsen, aber er behauptet, seinen Gefangenen nicht verlassen zu
drfen. Schlafen Sie sanft!
    Er strich mir leicht mit der Hand ber Stirn und Augen und schritt aus dem
Zimmer. Meine Seele war erfllt von seinen Worten. So hatte noch nie ein Mensch
mit mir gesprochen. War ich es wirklich? war meine verdsterte Seele in der
langen Krankheit entschwebt und hatte einem reineren, helleren Geiste Platz
gemacht? Gleichviel wie es war - es war kstlich, zu kstlich fast, als da es
bleiben konnte. Aber festhalten wollte ich es, so lange als mglich, wie man den
Nachklang einer sen Melodie festzuhalten sucht. Ich regte mich nicht, als ich
ein leises Gerusch im Zimmer vernahm, als mein treuer Wchter seine
Vorbereitungen fr die Nacht traf.
    Wie htte ich nicht sanft schlafen sollen, so reich gesegnet! wie htte ich
nicht ruhig schlafen sollen, so treu bewacht!

                          Fnfundzwanzigstes Capitel.


In dem schattigen Garten, der ausschlielich fr den Director und seine Familie
bestimmt ist, befindet sich in der uersten Ecke ein Gartenhuschen, das auf
der alten Stadtmauer steht und in der Familie den pompsen Namen Belvedere
fhrt, weil man aus den Fenstern einen reizenden Blick ber die Stadtwlle auf
ein groes Stck der Meerenge und auf ein noch greres der Insel haben wrde,
wenn man die Fenster ffnen knnte. Aber die Fenster sind sehr alt und sehr
morsch und verquollen; berdies sind sie sehr schmal, und die kleinen, in Blei
gefaten Scheiben sind von buntem Glase und haben einstmals, als sie noch der
integrirende Theil der Fenster einer benachbart gewesenen, lngst zerstrten
Capelle waren, jedenfalls ein bestimmtes Muster gehabt, das jetzt kaum noch zu
erkennen ist. Ueberhaupt ist das Huschen einigermaen in Verfall, da auch das
Holz, aus dem es gebaut ist, den Einflssen der Sonne, des Regens und des
Seewindes in den langen Jahren nicht ganz hat widerstehen knnen, und es wird
daher nur selten benutzt, viel seltener als der Platz vor dem Huschen, der so
recht eigentlich die Sommerwohnung der Familie ist, wo sie jede gute Stunde der
guten Jahreszeit verbringt.
    Der Platz verdient diesen Vorzug in vollstem Mae. Auf gleicher Hhe mit dem
Gartenhuschen und dem Rande der Stadtmauer, bedeutend hher also als der brige
Theil des Gartens, trifft ihn der erfrischende Hauch des nahen Meeres, whrend
durch das dichte Laub der alten Platanen, die ihn rings umgeben, nur selten ein
vereinzelter Strahl der Mittagssonne den Boden streift. Die Zwischenrume der
Baumstmme sind mit der grnen Wand einer lebendigen Hecke ausgefllt, die das
Trauliche, Lauschige des Platzes noch vermehrt und von der sich sechs Hermen aus
Sandstein vortrefflich abheben. Zwei runde Tische aus grn angestrichenem
Tannenholz rechts und links mit den nthigen Sthlen laden zum Trumen und
Arbeiten ein.
    Von den zwei Personen, die etwa vierzehn Tage, nachdem ich zum ersten Male
das Zimmer verlassen durfte, an einem schnen Augustabende hier saen, war die
eine mit dem Ersteren beschftigt - wenn Trumen eine Beschftigung genannt
werden kann - die andere arbeitete wirklich sehr eifrig. Der Trumer war ich
selbst, und eine leichte Decke, die trotz der Wrme des Tages ber meinen Knieen
lag, schien andeuten zu wollen, da ich mich noch in dem Stadium der
Reconvalescenz befand, wo Trumen erlaubt und Arbeiten verboten ist; die andere
war ein junges Mdchen von vierzehn Jahren und ihre Arbeit bestand darin, da
sie meinen Kopf  deux crayons in Lebensgre auf einem Reibrett zeichnete.
Dabei mute sie natrlich oft ihre Augen ber den Rand des Reibrettes zu mir
erheben, und wenn ich sagen soll, was der Gegenstand meiner Trume war, so mu
ich gestehen, da es eben diese Augen waren.
    Und wahrlich, man brauchte nicht eben zwanzig Jahre und Reconvalescent und
derjenige zu sein, auf welchen sich diese Augen oft mit jenem eigenthmlichen,
zugleich festen und zweifelnden, zugleich nach Auen und nach Innen gekehrten
Blick richteten, den der Knstler auf sein Modell heftet - man brauchte, sage
ich, weder das Eine, noch das Andere, geschweige denn alles Dreies auf einmal zu
sein, um von diesen Augen gefesselt zu werden. Sie waren gro und blau und tief,
von jener Tiefe, die eine Oberflche hat, auf welcher sich jede Regung des
Gemthes, jedes Licht, das darber hingleitet, jeder Schatten, der vorberzieht,
wiederspiegelt und doch noch immer ein Etwas bleibt, das unergrndlich ist.
Schon einmal - vor nicht sehr langer Zeit - hatte ich in Augen geschaut, die
unergrndlich waren - wenigstens fr mich - aber wie anders waren diese hier!
Ich fhlte wohl den Unterschied, ohne da ich damals im Stande gewesen wre, ihn
zu definiren. Ich wute nur, da diese Augen mich nicht verwirrten,
beunruhigten, heute entflammten, morgen in Eiswasser tauchten, sondern da ich
wieder und immer wieder hinein schauen konnte, wie man voll seliger Ruhe in den
Himmel schaut und kein Wunsch, kein Verlangen sich in uns regt, auer
vielleicht, da man Flgel haben mchte.
    Was diese groen, tiefen Augen des Mdchens noch grer und tiefer
erscheinen lie, war vielleicht der Umstand, da sie weitaus das Schnste in dem
Gesichte waren. Einige sagten: das einzige Schne; ich konnte mich nie zu dieser
Ansicht bekennen. Die Zge waren allerdings nicht regelmig und ganz gewi
nicht, was man frappant nennt, aber Unedles war nichts darin; im Gegentheil
Alles fein und eigen, und klug und sinnig, von sanften und doch bestimmten
Linien umschrieben. Fein und eigen und klug und sinnig - besonders der Mund, der
zu sprechen schien, selbst wenn die keuschen Lippen, wie es meist der Fall, fest
geschlossen waren. Und fr dies kluge, sinnige, etwas bleiche Gesicht bildeten
zwei dicke Flechten des reichsten, aschblonden Haares, die nach der Mode jener
Zeit in der Hhe der Schlfen ansetzten und unter den Ohren weg nach hinten
verliefen, einen kstlichen Rahmen. Der wunderschn geformte, feine Kopf war
meistens etwas nach vorn oder zur Seite geneigt. Diese Haltung, verbunden mit
dem gewhnlichen Ernst des Gesichtes, lieen das Mdchen um mehrere Jahre lter
erscheinen. Aber Arbeit und Sorgen verwischen bald den Schimmer der Jugend, und
sie, die fast noch Kind war, kannte die Arbeit nur schon zu gut, und in ihr
junges Leben hatte die Sorge nur schon zu dstere Schatten geworfen.
    In diesem Augenblicke aber zog ein Lcheln ber das ernste Gesicht. Sie
blickte ber den Rand des Reibrettes und sagte: Wenn Sie wollen, knnen Sie
aufstehen.
    Sind Sie fertig? erwiederte ich, indem ich sofort von der Erlaubni
Gebrauch machte und hinter ihren Stuhl trat. Aber Sie sind ja immer noch bei
den Augen. Wo nehmen Sie nur die Geduld her?
    Und Sie die Ungeduld? antwortetete sie, indem sie ruhig weiter zeichnete.
Sie machen es gerade wie unser kleiner Oskar. Wenn der eine Bohne gepflanzt
hat, grbt er sie nach fnf Minuten wieder aus und sieht zu, ob sie schon
gewachsen ist.
    Dafr ist er auch erst sieben Jahre.
    Also alt genug, um zu wissen, da die Bohnen nicht in so kurzer Zeit
wachsen knnen.
    Sie schelten immer auf Oskar, und doch ist er Ihr Liebling.
    Wer sagt das?
    Benno hat es mir gestern in aller Heimlichkeit vertraut. Ich sollte es
Ihnen aber nicht wieder sagen.
    Dann htten Sie es auch nicht thun sollen.
    Aber Recht hat er doch.
    Nein, er hat nicht recht; Oskar ist eben der Kleinste, und so mu ich mich
seiner am meisten annehmen; Benno und Kurt werden schon eher ohne mich fertig.
    Bis auf die Arbeiten, die Sie ihnen corrigiren.
    Nun, setzen Sie sich wieder.
    Aber sprechen darf ich doch?
    Gewi.
    Ich hatte mich wieder gesetzt, aber es vergingen mehrere Minuten, whrend
welcher ich stumm dem Arbeiten des Mdchens zusah. Ein Strahl der Abendsonne,
der sich durch das dichte Laub der groen Bume stahl, traf ihr Haupt und webte
um dasselbe eine Aureole.
    Frulein Paula, sagte ich.
    Paula, sagte sie, ohne aufzublicken.
    Also Paula.
    Was ist's?
    Ich mchte, ich htte eine Schwester gehabt, wie Sie.
    Sie haben ja eine Schwester.
    Sie ist so viel lter, als ich und hat sich nie sehr um mich bekmmert, und
jetzt wird sie vollends nichts mehr mit mir zu schaffen haben wollen.
    Wo sagten Sie, da sie lebt?
    An der polnischen Grenze. Sie ist an einen Steuerbeamten verheirathet -
seit zehn Jahren; sie hat viele Kinder.
    Da wird sie mit denen genug zu thun haben; Sie drfen ihr nicht bs sein.
    Ich bin ihr nicht bs, ich kenne sie kaum mehr, ich glaube, ich wrde an
ihr vorbergehen, wenn ich ihr auf der Strae begegnete.
    Das ist nicht gut; Geschwister mssen zusammenhalten. Wenn ich dchte, ich
begegnete Benno oder Kurt oder gar meinem kleinen Oskar nach zehn oder zwanzig
Jahren auf der Strae und sie kennten mich nicht mehr - ich wrde sehr
unglcklich sein.
    Sie werden Sie schon kennen, und wenn funfzig Jahre darber vergangen
wren.
    Dann wre ich eine alte Frau, aber so alt werde ich nicht.
    Weshalb nicht?
    Dann sind die Knaben lngst Mnner und der Vater und die Mutter sind
gestorben, was soll ich dann auf der Welt?
    Aber Sie werden doch heirathen?
    Nie, sagte sie.
    Das klang so ernsthaft, und die groen, blauen Augen, die sie ber das
Reibrett weg auf meine Stirne heftete, an welcher sie gerade zeichnete,
blickten so ernsthaft, da ich gar nicht lachen konnte, wozu ich einige Lust
versprt hatte.
    Warum? fragte ich.
    Bis die Knaben so sind, da sie meiner nicht mehr bedrfen, bin ich zu
alt.
    Aber Sie knnen ihnen doch nicht immer die Arbeiten corrigiren.
    Ich wei nicht, mir ist, als mte ich das immer.
    Auch wenn sie Latein und Griechisch lernen?
    Ich lerne jetzt schon Latein mit ihnen, warum sollte ich nicht auch
Griechisch lernen?
    Griechisch ist verzweifelt schwer; ich sage Ihnen, Paula, die
unregelmigen Verben - da kommt kein Mensch durch, auer etwa Gymnasiallehrer,
die ich aber meinerseits nie fr richtige Menschen gehalten habe.
    Das ist wieder so eine von Ihren Spttereien, die Sie Benno nicht hren
lassen drfen - er will Lehrer werden.
    Ich denke, das werde ich ihm noch ausreden.
    Thun Sie es nicht! Weshalb soll er nicht Lehrer werden, wenn er Lust und
Geschick dazu hat? Ich wei mir nichts Lieberes, als Jemanden etwas zu lehren,
wovon ich glaube, da es gut und fr ihn zu wissen ntzlich ist. Und dann ist es
auch ein schickliches Fach fr einen Knaben in Benno's Verhltnissen. Ich habe
mir sagen lassen, da, wenn Jemand keine groen Ansprche mache, er es darin
bald zu einer bescheidenen Existenz bringe. Der Vater ist anderer Ansicht; er
wnscht, Benno mchte Mediciner oder Naturforscher werden. Das soll ein
kostspieliges Studium sein, und wenn der Vater auch immer guten Muthes ist -
aber ich wei nicht, ob er es immer ist.
    Paula beugte den Kopf auf das Reibrett und zeichnete eifriger als je; nur
sah ich, da sie sich ein oder zweimal mit dem Tuche schnell ber die Augen
fuhr. Die Bewegung schnitt mir in's Herz, ich wute, welche Sorgen Paula - und
gewi nicht ohne Grund - um die Gesundheit ihres Vaters trug, den sie ber Alles
liebte.
    Frulein Paula, sagte ich.
    Sie corrigirte mich diesmal nicht, vielleicht hatte sie mich gar nicht
gehrt.
    Frulein Paula, sagte ich noch einmal, Sie mssen sich nicht solche trbe
Gedanken machen. Ihr Vater ist gewi nicht so krank, und dann glauben Sie gar
nicht, was die Zehrens fr eine Race sind. Der Steuerrath, sagte Herr von
Zehren, sei immer ein Schwchling gewesen, und kann sich trotzdem noch immer
neben Anderen, die fr krftige Mnner gelten, sehen lassen; aber Herr von
Zehren selbst - der war von Stahl, und sagte doch einmal, sein jngster Bruder
htte es mit Zweien so wie er aufgenommen. Und sehen Sie, so eine krftige
Natur, das ist Alles, sagt Doctor Snellius, und ich sage es auch.
    Freilich, wenn Sie es sagen -
    Paula blickte auf und ein melancholischer Lcheln spielte um ihren reizenden
Mund.
    Sie meinen so ein Jammerbild, wie ich hier sitze, drfe nicht von Kraft
sprechen?
    O nein, ich wei, wie stark Sie waren, ehe Sie krank wurden, und wie bald
Sie es wieder sein werden, wenn Sie sich ordentlich in Acht nehmen, was Sie
nicht immer thun - Sie sollen zum Beispiel nie ohne Decke sitzen, und da haben
Sie sie schon wieder fallen lassen; aber -
    Aber, sagte ich, indem ich gehorsam die Decke wieder ber die Kniee zog.
    Ich meine nur, es sei doch wohl nicht ganz richtig, da eine krftige Natur
Alles sei. Kurt ist gewi der krftigste von den Knaben und doch schreibt und
liest und rechnet Oskar so flieend wie Kurt, trotzdem Kurt neun Jahre und Oskar
erst sieben Jahre ist.
    Dafr ist auch Oskar Ihr Liebling.
    Das war nicht hbsch von Ihnen, sagte Paula.
    Sie sagte es so sanft und freundlich, ohne eine Spur von Bitterkeit, und
doch fhlte ich, wie mir das Blut in die Wangen scho. Mir war, als htte ich
ein wehrloses Kind geschlagen.
    Nein, es war nicht hbsch von mir, sagte ich eifrig, gar nicht hbsch; es
war recht hlich; ich wei selbst nicht, wie ich gegen Sie so hlich sein
kann; aber die fleiigen Knaben sind mir von jeher so oft als Muster vorgehalten
worden, und ich habe dann stets so viel bse Worte mit in den Kauf bekommen, da
mir das Blut zu Kopfe steigt, wenn ich dergleichen hre. Ich mu dann immer
daran denken, wie dumm ich selbst bin.
    Das ist auch nicht hbsch, da Sie sagen, Sie seien dumm.
    Nun denn, da ich so wenig wei, da ich so wenig gelernt habe!
    Dafr knnen doch aber nur Sie selbst - wenn es wirklich der Fall ist.
    Ja, es ist der Fall, entgegnete ich. Es ist schrecklich, wie wenig ich
wei. Von dem Griechischen ganz zu schweigen, von dem ich behaupte, da es zu
schwer und nur von den Lehrern erfunden ist, um uns zu qulen, so ist es mit
meinem Latein auch nicht weit her, und das ist wohl meine Schuld, denn ich habe
gesehen, da Arthur, der, glaube ich, auch nicht klger ist, als ich, ganz gut
damit zurechtkam, wenn er wollte. Ihre englischen Bcher, in denen Sie so viel
lesen, knnten fr mich Griechisch sein, und Franzsisch - ich wei wirklich
nicht, ob ich noch avoir und tre kann. Und gestern, als Benno nicht mit seinen
Exempeln zurecht kommen konnte und mich fragte, und ich ihm sagte: er msse
selbst fertig werden - ich will es Ihnen nur gestehen: ich hatte keine Ahnung,
wie er es anfangen msse, und als er hernach wirklich selbst fertig wurde, habe
ich mich im Stillen vor dem elfjhrigen Jungen geschmt - wie ich mich in meinem
Leben vor Doctor Busch, unserem Mathematiker, nicht geschmt habe, wenn er
einmal, wie allemal, unter meine Arbeiten: grundschlecht oder ganz ausgezeichnet
schlecht, oder sehr gut abgeschrieben oder sonst eine hnliche malicise Censur
setzte.
    Paula hatte mich, whrend ich so reumthig meine Snden beichtete, immerfort
mit groen Augen angesehen und manchmal mit dem Kopfe geschttelt, als traue sie
ihren Ohren nicht.
    Wenn das wirklich wahr ist -
    Warum sagen Sie immer Wenn! Paula? So wenig ich gelernt habe, so habe ich
doch wenigstens die Wahrheit zu sagen gelernt, und Ihnen knnte ich schon gar
nichts vorlgen.
    Das Mdchen errthete bis in die blonden Flechten hinauf.
    Verzeihen Sie mir, sagte sie, ich wollte Sie nicht krnken, obgleich ich
kaum glauben kann, da Sie so - da Sie Ihre Zeit auf der Schule so schlecht
angewendet haben; ich wollte nur sagen, Sie mssen das wieder gut machen; Sie
mssen das Alles recht schnell nachholen.
    Das ist leicht gesagt, Paula! Wie soll ich das anfangen? Benno wei mehr
Franzsisch und Geographie und Mathematik als ich und ist elf Jahre, und ich
werde im nchsten Monate zwanzig.
    Paula schob das Reibrett vor sich auf den Tisch und sttzte die Stirn in
die Hand, augenscheinlich, um besser ber einen so verzweifelten Fall
nachzudenken. Pltzlich hob sie den Kopf und sagte schnell und leise:
    Sie mssen es dem Vater sagen.
    Was soll ich ihm sagen?
    Alles, was Sie mir gesagt haben.
    Er wrde mir auch nicht helfen knnen.
    Ganz gewi, Sie glauben nicht, wie viel der Vater wei. Er wei Alles, er
versteht Alles.
    Ich glaube es gern, Paula; aber was ist damit geholfen? Er kann mir von
seinem Wissen nichts abgeben, wenn er auch gut genug wre, es zu wollen.
    Das kann er freilich nicht; Sie mssen eben selbst arbeiten; aber wie man
am besten arbeitet, wie man am schnellsten arbeitet, das kann er und das wird er
Ihnen sagen, wenn Sie ihn darum bitten. Wollen Sie?
    Freilich will ich, aber -
    Nein, nicht Aber! Ich will nicht Wenn! sagen, da drfen Sie auch nicht
Aber! sagen. Wollen Sie?
    Ja.
    Ich hatte das Ja, weil es mich einige Anstrengung kostete, laut und krftig
gesagt. Paula faltete die Hnde, neigte den Kopf gerade als ob sie betete, da
mir mein Ja gesegnet sein mge. Es war so still auf dem Platze; nur ein
Vgelchen zwitscherte und die rothen Abend-Sonnenstrahlen spielten durch die
Zweige. War es nur ein Ausflu der weichen Stimmung, die mir von meiner
Krankheit her noch anhaftete - aber mir wurde eigen zu Muthe. Es war mir, als
befnde ich mich in einem Tempel und htte eben ein feierliches Gelbde
abgelegt, durch das ich mit meiner Vergangenheit gebrochen und mich einem neuen
Leben, neuen Verpflichtungen geweiht htte. Und dabei blickte ich starr auf das
liebe Mdchen, das noch immer, das sinnige Haupt gebeugt, die Hnde gefaltet,
dasa - blickte so starr, da mir die Thrnen in die Augen kamen und der Platz
mit den hohen Bumen, durch deren Zweige die Sonnenstrahlen spielten, und das
junge Mdchen mit den gefalteten Hnden - da Tempel und Priesterin meinen
Blicken hinter einem Schleier verschwanden.
    Da ertnten aus dem Garten helle Stimmen; es waren Paula's Brder, die im
Hause ihre Schularbeiten gefertigt hatten und jetzt frohen Sinnes ihrem
Lieblingsplatz zueilten, wo sie die Schwester zu finden sicher waren. Paula
legte ihre Zeichnen-Materialien zusammen und war im Begriff, einen Bogen
Seidenpapier ber mein Conterfei zu breiten, als die Knaben in vollem Lauf den
Hgel herauf zu uns gerannt kamen.
    Ich bin der Erste! rief der kleine Oskar, indem er der Schwester strmisch
in die Arme flog.
    Weil wir Dich zuerst haben kommen lassen, sagte Kurt, sich mit der
Gewandtheit eines Equilibristen auf meine Kniee schwingend.
    Zeig' mal, Paula, sagte Benno, indem er Paula die Hand auf den Arm legte.
    Paula schlug das Papier wieder zurck; Benno blickte eifrig auf die
Zeichnung und erhob den Blick prfend zum Original; Kurt glitt eiligst von
meinen Knieen herab, sich das Werk der Schwester ebenfalls zu besehen; selbst
Oskar steckte seinen Lockenkopf unter der Schwester Arm hindurch, er wollte auch
wissen, um was es sich handelte. Es war eine reizende Gruppe: die drei kleinen
Knaben, wie sie, dicht um die Schwester zusammengedrngt, alle die glnzenden
Augen bald eifrig auf mich richteten, bald auf das Bild senkten.
    Das ist der Onkel Doctor! sagte Oskar.
    Paula lchelte und strich dem lieben Buben sanft mit der Hand ber die
blonden Locken.
    Du bist dumm, sagte Kurt, der hat ja eine Brille.
    Es wird gut, Paula, sagte Benno mit der Miene eines Kenners.
    Meinst Du? fragte Paula.
    Ja, sagte Benno, nur da er nicht so hbsch ist.
    Nun habt Ihr es gesehen, sagte Paula in entscheidendem Tone, da, Benno,
trag' es in das Belvedere.
    Ich will es tragen! sagte Kurt.
    Nein, ich! rief Oskar.
    Habt Ihr nicht gehrt, da ich es tragen soll? sagte Benno, Ihr seid zu
klein.
    Ja, Du bist der Groe! rief Kurt hhnisch.
    Still, Ihr! sagte Paula. Ihr sollt nicht immer darber streiten. Wer
lter ist, ist grer, dafr kann er nichts, und wer jnger ist, ist kleiner,
und kann auch nichts dafr.
    Nein, Paula! sagte Kurt, das ist nicht wahr; Georg ist jnger als Vater
und ist doch grer als Vater.
    Da kommt Vater, sagte Paula, und auch Mutter, und nun haltet Euch still.
    Der Director kam den Weg herauf; er fhrte seine Gattin am Arme, langsam,
wie es fr die fast Erblindete, deren Gesicht ein breiter grner Schirm
verdeckte, bequem war. Hinter ihnen, bald auf der rechten, bald auf der linken
Seite des Weges, den unbedeckten Kopf bald nach oben, bald nach unten wendend,
den Stock bald in der rechten und den Hut in der linken, bald den Stock in der
linken und den Hut in der rechten Hand tragend, kam eine kleine, untersetzte
Gestalt mit einem unfrmlichen groen Kopf, dessen gnzlich kahler Schdel in
der Abendsonne erglnzte.
    Es war Dr. Willibrod Snellius, Hausarzt und Hausfreund der Familie und
zugleich Gefngniarzt.
    Ich hatte mich erhoben und war den Ankommenden ein paar Schritte
entgegengegangen.
    Nun, wie befinden Sie sich? fragte der Director, mir die Hand reichend;
hat Ihnen der erste lngere Aufenthalt im Freien gut gethan?
    Wollen morgen frh wieder anfragen! hm, hm, hm!
    Doctor Snellius begleitete seine Aeuerungen gern mit einigen
eigenthmlichen Nasenlauten, die halb Brummen, halb Summen und immer genau eine
Octave tiefer waren, als seine Stimme, die sehr dnn war und eine ungemein hohe
Lage hatte. Diese seine Stimme - Fistelstimme nannte er sie - war dem Doctor,
der viel Geschmack hatte, ein Gruel. Mit den eine Octave tieferen Brummtnen
suchte er sich - nach seiner eigenen Aussage - davon zu berzeugen, da er
wirklich ein Mensch und kein Hahn sei, wofr er sich, falls er sich nur nach
seiner Stimme zu classificiren htte, nothwendig halten msse.
    Sie haben es ihm aber doch selbst verordnet, Doctor, sagte der Director.
    Wei ich deshalb, ob es ihm bekommen wird, hm, hm, hm! sagte Dr. Snellius.
Es war eine Medizin, wie andere auch. Wenn ich immer wte, wie meine Recepte
anschlgen, wrde ich als Baron Willibrod Snellius auf Snelliusburg sterben, hm,
hm, hm!
    Wenn man Sie hrt, sollte man glauben, Eure ganze Wissenschaft sei eitel
Lug, sagte Frau von Zehren, auf einem Stuhle, den ihr Paula zurechtgerckt
hatte, Platz nehmend.
    Sie haben am wenigsten Ursache, uns fr Hexenmeister zu halten, gndige
Frau!
    Eben weil ich Euch nicht dafr halte, verlange ich auch nichts von Euch,
was vielleicht unmglich ist.
    Frau von Zehren nahm den entstellenden Schirm ab und hob die mden Augen
dankbar zu den Kronen der Bume, die das noch immer starke Licht des Tages
freundlich dmpften. Wie schn muten diese Augen gewesen sein, als sie noch in
Glck und Jugend strahlten! Wie schn dieses Gesicht, ehe Krankheit die
lieblichen Zge verwstete und lange vor der Zeit - denn Frau von Zehren war
jetzt kaum vierzig Jahr alt - das lockige Haar grau frbte! Ja, die bleiche Dame
war noch schn - fr mich wenigstens, der ich, so kurze Zeit ich auch erst in
ihrer Nhe weilte, doch bereits erfahren, wie engelhaft gut sie war, wie sie
trotz der unendlichen Liebe, mit der sie an Gatte und Kindern hing, doch ihr
Herz offen gehalten und Mitleiden mit Allem hatte, was da litt.
    Wir werden nchstens den Besuch Ihres Freundes Arthur haben, sagte der
Director zu mir, mich etwas auf die Seite ziehend; aber freilich, Sie sagten
mir ja, da er sich nicht eben freundschaftlich gegen Sie benommen.
    Nein, sagte ich, ich htte sonst lgen mssen. Wie kommt er hierher?
    Er hat Ostern sein Examen gemacht und ist nun als Fhnrich zu unserem
Bataillon commandirt. Wir werden dann auch wohl seine Eltern bei uns sehen und
vermuthlich auch den Commerzienrath, wenn er sich herbeilt, seine Sache in
eigener Person zu fhren. Es handelt sich um die Nachlassenschaft meines
Bruders, soweit sie nicht dem Gerichte oder seinen Glubigern bereits verfallen
ist, unter denen, wie Sie wissen, der Commerzienrath die erste Stelle einnimmt.
Die Sache ist deshalb etwas schwierig, weil bei dem Schlobrande Alles, was etwa
an Papieren vorhanden gewesen, verloren gegangen ist. Dafr hat Konstanze aus
Neapel einen notariellen Verzicht auf die Hinterlassenschaft eingesendet, und so
restiren eigentlich nur mein Bruder und der Commerzienrath, denn ich fr meinen
Theil mchte am liebsten ganz aus dem Spiele bleiben; ja, ich kann sagen, da,
wenn man nicht das Unvermeidliche mit Wrde tragen mte, ich der Zusammenkunft
mit groem Widerwillen entgegensehen knnte. Was wird da nicht Alles aus dem
Grabe aufgewhlt werden? - Was willst Du, mein Kind?
    Oskar mute dem Vater einen unglcklichen Kfer zeigen, der ihm ber den Weg
gelaufen; ich blieb in dem Gartenhaus sitzen - in peinlichen Gedanken, wie sie
mir, seitdem ich vom Krankenbette erstanden, nie wieder gekommen waren. Arthur -
Konstanze! Arthur, der mich so schnde verleugnet, Konstanze, die mich so
schmhlich genasfhrt! Der Steuerrath, der Commerzienrath! - der Steuerrath, von
dem ich wute, da er der feige Helfershelfer seines tapferen Bruders gewesen;
der Commerzienrath, der mit dem Leichtsinne des Wilden gewuchert und sehr
wahrscheinlich den Fall desselben, wenn nicht allein veranlat, so doch - ich
war davon berzeugt - geflissentlich beschleunigt hatte! Welches Chaos von
Empfindungen, unter denen ich nur schon zu viel gelitten, regten diese Namen in
mir auf! wie hlich erschien mir meine Vergangenheit, in deren Geschichte diese
Namen, diese Menschen fr immer verflochten waren! Hlich, wie mir die Insel
drben erschien durch eine schmutzig-schwefelgelbe Scheibe des Fensters, an
welchem ich stand. Und nun, als ich mich seufzend umwendete, fiel mein Blick
durch die weit offenstehende Thr auf den Platz unter den Platanen, der von dem
reinen, schnen Abendlichte erfllt war, und auf die guten Menschen, die sich in
diesem Lichte hin und her bewegten. Der Director und der Doctor promenirten, der
Letztere bald links, bald rechts neben dem Ersteren, in eifrigem Gesprche auf
und ab; die beiden lteren Knaben spielten um die Kniee der Mutter, die, in
ihrem Lehnstuhle sitzend, mit ihnen lachte und scherzte; Paula hatte dem
Dienstmdchen die Sachen abgenommen und bereitete den Abendtisch, denn es
sollte, wie immer an schnen Tagen, im Freien gegessen werden. Wie zierlich sie
das that; wie geruschlos, damit die Herren nicht in ihrem Gesprche gestrt
wrden, damit das Klappern der Teller das krankhaft reizbare Ohr der Mutter
nicht beleidigte! Und wie sie dabei noch immer Zeit hatte, mit dem kleinen Oskar
zu plaudern, der sie auf Tritt und Schritt begleitete, und sich nach mir
umzusehen, ob ich auch nicht im Zuge stand! Ja, sie war schner als meine
dunkle, strmische Vergangenheit, die helle, friedliche Gegenwart; aber mir war,
als ob ein Schatten aus jener in diese fiele. Wenn Arthur hieherkam, wenn er,
wie voraussichtlich, als ein Mitglied der Familie in dieselbe aufgenommen wurde,
wenn er mit seiner glatten Zunge sich in das Vertrauen dieser harmlosen Menschen
hineinzulgen, mit seinen glatten Manieren sich in ihre Gunst zu schmeicheln
wute - wenn er, der schon als unreifer Knabe ein Mdchenjger gewesen war, es
wagte - und was wrde der Freche nicht wagen! - Paula in seiner bekannten Weise
den Hof zu machen - der Cousin der Cousine! - ich mute wohl noch sehr schwach
sein, denn ich zitterte bei diesem Gedanken vom Kopf bis zu den Fen und
erschrak heftig, als jetzt Jemand, den Gartengang heraufkommend, sich dem Platze
unter den Platanen nherte. Ich meinte, es mte schon der einst so heigeliebte
und jetzt so verhate Freund sein.
    Aber es war kein Porte-Epe-Fhnrich in dem Glanze seiner neuen Uniform,
sondern ein hagerer, schwarzgekleideter Herr, der eine sehr schmale weie
Halsbinde und einen flachen Hut mit sehr breiter Krmpe trug und dessen
schlichtes, dunkles, unmodisch langes Haar, als er jetzt den breitkrmpigen Hut,
hflich grend, abnahm, in der Mitte gescheitelt und hinter beide Ohren
zurckgekmmt war. Ich kannte den Herrn wohl; ich hatte ihn oft genug langsamen
Schrittes und gesenkten Hauptes ber die Gefngnihfe gehen, in diese oder jene
Thr eintreten und vielleicht spter - immer in derselben demthigen Haltung -
herauskommen sehen. Auch war mir das Glck seiner persnlichen Bekanntschaft
bereits zu Theil geworden, indem er eines Tages unvermuthet in meinem
Krankenzimmer erschien und von dem Heile meiner Seele zu sprechen anfing; und
ich wrde dies Glck noch fter gehabt haben, wenn Dr. Snellius, der dazu kam,
sich diese Concurrenz nicht verbeten htte, indem er andeutete, da es sich
vorlufig weniger um das Heil meiner Seele als um das meines Krpers handle, fr
welches so aufregende Gesprche nichts weniger als dienlich wren. Ja, diese
Meinungs-Differenz hatte vor der Thr meines Zimmers zu einem ziemlich lebhaften
Dispute gefhrt, bei der es, wie mir schien, zu recht rgerlichen Worten kam,
und es war deshalb gewi ein Beweis der vershnlichen Gesinnung des Herrn
Diaconus und Gefngnipredigers Ewald von Krossow, da er jetzt, nachdem er der
Familie Guten Abend gesagt, den Doctor ebenso zuvorkommend begrte und mir, den
er alsbald ausfindig gemacht hatte, sogar die Hand reichte.
    Wie geht es Ihnen, mein Lieber? fragte er mit seiner leisen Stimme. Aber
wie sollte es Ihnen anders als gut gehen, da ich Sie, trotzdem es bereits etwas
khl wird, noch hier drauen finde. Das soll kein Einspruch gegen Ihr besseres
Wissen sein, verehrter Herr Doctor! Ich wei gar wohl: Praesente medico nihil
nocet.
    Der Doctor kratzte mit dem rechten Fue wie ein Hahn, der sich zum Kampfe
rstet, und krhte in den hchsten Tnen. Da ist es Jammer und Schade, da, als
Adam den verhngnivollen Apfel a, kein Arzt zugegen war. Der Arme lebte
vielleicht heute noch. Hm, hm!
    Er stierte den Pastor durch seine Brillenglser wthend an, ob der Hieb
getroffen habe; der Pastor lchelte mild.
    Ei, ei, Herr Doctor, immerdar auf der Bank, wo die Sptter sitzen?
    Ich mu wohl bleiben, wo ich einmal bin; ich gehre nicht zu den Leuten,
die nie um einen guten Platz verlegen sind.
    Aber zu denen, die immer eine scharfe Antwort bereit haben.
    Scharf nur fr die butterweichen Seelen.
    Sie wissen, da ich ein Diener des Friedens bin.
    Sie knnen ja die Herrschaft wechseln.
    Und da es mein Amt ist, zu vergeben.
    Wenn Sie es von Gott haben, wird ja wohl auch der Verstand dazu nicht
vergessen sein.
    Herr Doctor!
    Herr von Krossow!
    Die Unterhaltung zwischen den beiden Herren war wohl kaum fr meine Ohren
bestimmt gewesen, wenigstens von dem Prediger nicht, der fortwhrend und selbst
noch das letzte: Herr Doctor! im leise abwehrenden Tone der beleidigten Unschuld
sprach und sich auch jetzt mit einem mitleidigen Achselzucken abwendete und zu
den Uebrigen trat.
    Der Streithahn von Doctor, dem sein Gegner so unversehens weggelaufen war,
blickte noch ein paar Momente starr vor sich, brach dann in ein heiser krhendes
Gelchter aus, schttelte die Arme wie ein paar Flgel und wendete sich zu mir,
als htte er die grte Lust, den unterbrochenen Kampf mit mir fortzusetzen.
    Sie thten auch gescheidter, sich auf Ihr Zimmer zu bemhen.
    Ich habe nur auf Ihre Ordre gewartet.
    Die Ihnen hiemit wird, und ich werde selbst fr pnktliche Ausfhrung Sorge
tragen.
    Er nahm meinen Arm und zog mich so schnell fort, da ich kaum Zeit behielt,
den Zurckbleibenden Gute Nacht zu sagen. Sein Zorn war noch nicht verraucht; er
schnaufte, er zischte, er schnalzte mit der Zunge und murmelte zwischendurch:
Lump, Lump, Lump!
    Sie scheinen keine groe Meinung von unserem Herrn Prediger zu haben?
sagte ich.
    Werden Sie nicht auch noch ironisch, junger Mensch! rief der Doctor, indem
er zu mir hinaufblickte. Hohe Meinung! hoher Unsinn! Wie kann man von dem Kerl
eine hohe Meinung haben!
    Und doch ist der Director immer freundlich gegen ihn.
    Weil er gegen Jedermann freundlich ist und nicht bedenkt, da dies gar kein
Mann und berhaupt kein Mensch, sondern eine Schlange ist, die auf dem Bauche
kriecht und Staub frit, und den Busen sticht, der dumm genug ist, das
kaltbltige Ungeheuer erwrmen zu wollen. Freundlich! ja wohl! das ist sehr
leicht, wenn man anderen ehrlichen Leuten dafr die Mhe berlt, desto grber
zu sein.
    Das ist ja keine groe Mhe fr Sie, Doctor.
    Junger Mensch, rgern Sie mich nicht! Ich sage Ihnen, die Sache ist gar
nicht spahaft, denn, wenn ich den Kerl nicht wegbeie, beit er ber kurz oder
lang uns Alle weg, seinen freundlichen Freund, den Director, zu allererst. Und
Ihnen hat er auch schon etwas eingebrockt.
    Mir?
    Ihnen, allerdings Ihnen, dem Director, mir - der Kerl schlgt gern drei
Fliegen mit einer Klappe.
    Aber so sagen Sie doch, Doctor, ich bitte Sie!
    Ich wrde es Ihnen sagen, auch wenn Sie mich nicht bten. Setzen Sie sich
da in den Lehnstuhl und machen Sie sich's bequem; es ist vermuthlich das letzte
Mal, da Sie darin sitzen.
    Wir waren in mein Zimmer gelangt; der Doctor drckte mich in den Lehnstuhl,
indem er selbst vor mir stehen blieb (bald auf dem einen, bald auf dem andern
Beine, selten auf beiden zu gleicher Zeit), und also sprach:
    Die Situation ist einfach, aber klar. Dem pietistischen,
hocharistokratischen, bettelarmen geistlichen Schluckspecht, der sich nur zum
Gefngniprediger hat machen lassen, den Glanz seiner christlichen Demuth
leuchten zu lassen vor den Leuten, sind der humanistische Director und der
materialistische Doctor ein Gruel. Humanitt ist so einem Gauch eine
demokratische Schwachheit und die Materie respectirt er nicht, auer, wenn er
sie essen kann. Wir fhrten mit dem verstorbenen Pastor Michaelis, noch Einem
aus der alten, guten, rationalistischen Schule, ein Leben wie im Paradiese; er
und Herr von Zehren, oder vielmehr Herr von Zehren und er - sie haben whrend
ihrer fast zwanzigjhrigen gemeinsamen Wirksamkeit die Anstalt zu dem gemacht,
was sie ist, das heit zu einer Musteranstalt in jedem Sinne des Wortes, und ich
habe die fnf Jahre, die ich hier bin, gethan, was ich konnte, mich in den Geist
dieser Mnner einzuleben, und ich glaube, da es mir so ziemlich gelungen ist.
Nun, seit dem halben Jahre, da Michaelis todt und diese pietistische Schlange
in unser Paradies geschlpft, ist der Friede zum Teufel; die Schlange kriecht in
alle Winkel, und wohin sie gekrochen, lt sie die Spur ihres schleimigen
Daseins. Die Beamten werden demoralisirt, die Strflinge aufgewiegelt. Ein
frmliches Complot, wie das, welches der Katzen-Caspar angestiftet hatte - Gott
sei Dank, da wir den Kerl los sind - er ist heute glcklich nach N.
transportirt, wohin man ihn gleich htte bringen sollen - wre frher unmglich
gewesen. Der Katzen-Caspar war ein Liebling des Herrn Predigers, der in ihm ein
unsauberes, aber kostbares Gef erblickte, dessen Reinigung ihm vorbehalten
sei, und den Hallunken aus der Einzelhaft losbettelte, zu welcher ihn der
Director vorsichtig verurtheilt hatte. So geht das fort: Gottesdienst publice,
Betstunden privatim, seelsorgerische Bemhungen privatissime! Der Judas
intriguirt gegen uns, wo und wie er kann, schmeichelt dem Director in's Gesicht,
steckt meine Grobheiten ein und denkt: Ich kriege euch schon, wie der Uhu, als
er die beiden Gimpel um die Ecke pfeifen hrte. Und er glaubt uns schon beim
Flgel zu haben! Sie wissen, der Regierungs-Prsident, der gerade so ein Mucker,
ist sein Onkel; Onkel und Neffe sind Hand und Handschuh. Der Prsident, des
Directors unmittelbarer Vorgesetzter, htte ihn schon lngst beseitigt, wenn der
Minister von Altenberg, eine der letzten Sulen aus der groen Zeit der Erhebung
und Herrn von Zehren's Freund und Gnner, ihn nicht hielte - freilich nur noch
mit schwacher Hand; denn Altenberg ist hoch bei Jahren und krank und kann jeden
Tag sterben. Unterdessen wirkt man, wie man kann, und sammelt Material, das
hoffentlich Wasser auf die Mhle der nchsten Excellenz ist. Und nun hren Sie:
Der Assessor Lerch, mein guter Freund, ist gestern bei dem Prsidenten. Lieber
Lerch, sagt der Prsident, Sie knnen mir wohl eine Relation ber diesen Fall
machen. Es ist wieder einmal eine Denunciation gegen den Director von Zehren. -
Wieder einmal, Herr Prsident? fragt Lerch. Leider, wieder einmal! ich lasse
das Meiste ungergt, wenn auch nicht unbeachtet; dieser Fall ist aber so
eclatant, da ich ihn in die Hand nehmen, respective Sr. Excellenz Bericht
erstatten mu. Denken Sie sich, lieber Lerch, da hat der gute von Zehren die
(wie soll ich gleich sagen?) Sottise begangen, den jungen Menschen, der aus dem
Contrebande-Proce in Uselin sich einen so traurigen Namen gemacht hat - und
nun kommt es: da der Director Sie nach der Katastrophe, aus der natrlich der
Denunciant die schnste Seide gesponnen, nicht in das alte, vom Schwamm
zerfressene Krankenhaus, in welchem Sie unfehlbar gestorben wren, sondern
hierher in seine Wohnung hat schaffen lassen; da er Sie hier behalten hat und
behlt, trotzdem Sie bereits seit drei Wochen in der Reconvalescenz sind; da er
mit Ihnen wie mit seines Gleichen verkehrt; da er Sie in seine Familie
eingefhrt, ja, da Sie so zu sagen ein Mitglied der Familie geworden. Was
brauche ich deutlicher zu sein? Hm, hm, hm!
    Der Doctor hatte sich in die hchsten Tne des hchsten Registers
hinaufgekrht und mute mindestens zwei Octaven tiefer brummen, um sich die
trstliche Gewiheit zu verschaffen, da er kein Hahn sei.
    Und Sie halten wirklich jenen Menschen fr den Denuncianten? rief ich,
indem ich, meinen Reconvalescenten-Zustand ganz vergessend, zornig aufsprang.
    Ich brauche nichts zu halten, denn ich wei es. Wrde ich sonst heute so
grob gewesen sein?
    Ich mute unwillkrlich lachen. Als ob Phylax einer besonderen Provocation
bedurft htte, um Lips Tullian in die Waden zu fahren! Aber die Sache hatte ja
auch ihre sehr ernste Seite. Der Gedanke, da Herr von Zehren, dem ich so
unendlichen Dank schuldig war, den ich so hoch verehrte, meinetwegen in noch
dazu so ernste Ungelegenheiten kommen knnte, war mir unertrglich.
    Rathen Sie, helfen Sie, Herr Doctor, bat ich dringend.
    Ja, rathen, helfen! - Nachdem ich immer gesagt, da Euch dies nicht so
hingehen werde! Indessen, das haben Sie richtig gerathen: geholfen mu werden.
Und zwar giebt es nur einen Ausweg. Wir mssen der Natter zuvorkommen, dann ist
ihr fr diesmal der Giftzahn ausgebrochen. Ich kenne unsern Director. Wenn er
eine Ahnung davon htte, da man Sie ihm nehmen will - er wrde sich eher die
Hand abhacken lassen, als Sie hergeben. Deshalb klagen Sie noch heute Abend ber
Kopfschmerzen und morgen Abend um dieselbe Zeit wieder. Ihr Zimmer liegt zu
ebener Erde; ein anderes ist fr den Augenblick nicht vacant. Intermittens -
Chinin - hhere, luftige Wohnung - bermorgen sitzen Sie wieder in Ihrer alten
Zelle - lassen Sie mich nur machen!
    Und ich lie den Doctor Willibrod Snellius machen, und zwei Tage spter
schlief ich wieder, wenn nicht hinter Schlo und Riegel, so doch hinter den
Eisengittern meiner alten Zelle.

                          Sechsundzwanzigstes Capitel.


Hinter diesen Eisengittern stand ich am nchsten Morgen und schaute
melancholisch durch das offene Fenster. Seltsam, ich htte den Abend zuvor nicht
gedacht, da diese Gitter in mir noch eine unangenehme Empfindung hervorrufen
knnten, und doch war es der Fall. Sie mahnten mich ernst an das, was ich in den
letzten Wochen so gut wie vergessen hatte, mahnten mich daran, da ich trotz
alledem ein Gefangener war! Es bleibt beim Alten, hatte gestern der Director
gesagt, als ich mich von ihm verabschiedete, und Alle hatten sie gewetteifert,
den letzten Tag, den ich als Gast unter ihrem Dach weilte, zu einem
Familienfeste zu machen - aber, so oder so, es war doch nicht das Alte. Das
Frhstck hatte mir heute Morgen nicht geschmeckt wie die Tage vorher, wo ich es
unter den hohen Bumen des stillen Gartens in Gesellschaft von Frau von Zehren
und Paula eingenommen, und wenn ich auch, sobald ich wollte, in den Garten, der
freundlich zu mir heraufgrte, hinabgehen konnte - ich mute doch nach einer
gewissen Zeit hierher zurckkehren.
    Hierher!
    Ich sah mich in der Zelle um und bemerkte jetzt erst, wie sie sich bemht
hatten, mich vergessen zu machen, wo ich war. Da hing das Bild der Sixtinischen
Madonna mit dem Knaben, das mir whrend meiner Krankheit so lieb geworden war,
meinem Bette gegenber, gerade wie es in Paula's Zimmer gehangen hatte. Da
standen auf der Commode dieselben beiden Vasen aus Terracotta und in jeder ein
paar frische Rosen. Da war der Lehnstuhl - derselbe Stuhl, in welchem ich also
nicht, wie Doctor Snellius prophezeit, zum letzten Male gesessen hatte - und auf
der Lehne lag eine gehkelte Decke, an der ich gestern Abend noch Paula hatte
arbeiten sehen. Da hing dieselbe Etagere mit denselben schon eingebundenen
Bchern: Goethe's Faust, Schillers, Lessings Werke, deren Lectre mir Paula so
oft dringend empfohlen und in die ich doch kaum noch hineingesehen - ach! sie
hatten gethan, was sie konnten, mir mein Gefngni so behaglich, so freundlich
als mglich zu machen; aber bewies nicht gerade die Mhe, die sie sich gegeben,
da es ein Gefngni war, da die Episode meiner Scheinfreiheit abgeschlossen?
Jawohl, man war gut, unendlich gut gegen mich gewesen, unter der freundlich
lchelnden Maske der Samariter-Barmherzigkeit gegen einen Todtkranken, die man
beiseite legen mute, sobald ein Phariser des Weges kam und scheelen Blicks auf
das rhrende Schauspiel sah. Nein, nein! ich war und blieb ein Gefangener,
mochte man mir nun meine Ketten mit Rosen schmcken oder nicht!
    Da ich sie nicht hatte zerbrechen knnen! Zwar, wie ich es angefangen, war
es unmglich gewesen; aber wer hatte es mich so plump anfangen heien? Weshalb
war ich nicht fr mich geblieben, hatte ruhig der eigenen Kraft, der eigenen
Klugheit vertraut und irgend einem glcklichen Zufalle, der doch ber kurz oder
lang sich dargeboten haben wrde. Jetzt, nachdem es so gekommen, nachdem ich
diesen Menschen so viel Dank schuldig geworden, nachdem ich sie so lieb
gewonnen, war ich doppelt und dreifach ein Gefangener. Ich hatte fr das se
Linsengericht der Freundschaft und Liebe das heiligste, das erste,
unveruerliche Recht, das mit dem Menschen geboren wird, und das die Athemluft
seiner Seele ist - das Recht der Freiheit verkauft. Sieben Jahre, sieben lange,
lange Jahre!
    Ich schritt in meiner Zelle auf und ab. Zum ersten Male seit meiner
Krankheit fhlte ich wieder etwas von der alten Kraft; es war ein Bruchtheil
nur, aber doch genug, um mir auch einen Theil der alten schweifenden Laune, der
alten Unbndigkeit wiederzugeben. Wie mute es nun erst sein, wenn ich mich
wieder ganz fhlte, der ich war? Mute mich nicht dieser Zustand, wo mich nichts
halten sollte als ich mich selbst, rasend machen? Wre es nicht besser gewesen,
man htte mir die alte Sclaverei gelassen und den Traum, doch noch einmal die
Bande zerreien zu knnen, selbst wenn dieser Traum nie in Erfllung ging?
    Da ist ein junger Mensch, der uns zu sprechen wnscht, meldete der
Wachtmeister. Seit meiner Krankheit, wo wir so viel zusammen durchgemacht
hatten, sprach er manchmal in demselben Pluralis mit mir, dessen er alle
wrdigte, die sich seiner Meinung nach ein volles Anrecht an sein ehrliches Herz
erworben hatten, zum Beispiel der Director und smmtliche Mitglieder der Familie
des Directors, den Doctor einbegriffen.
    Was ist das fr ein Mensch? fragte ich, whrend ein freudiger Schrecken
mich durchzuckte. Ich hatte, ich wei nicht wie, diesen seltenen Besuch - so
lange ich gefangen sa, war es das erste Mal, da mich Jemand zu sprechen
verlangte - mit den Gedanken, die eben durch meine Seele gingen, in Verbindung
gebracht.
    Man sieht aus wie ein Schiffer, erwiederte der Wachtmeister, und sagt,
man habe Nachrichten von unserm verstorbenen Bruder.
    Dies klang uerst unwahrscheinlich. Mein Bruder Fritz war schon seit fnf
Jahren todt; er war in einer strmischen Nacht von der Fockmast-Raae ber Bord
gefallen und ertrunken. Das Schiff war spter wohlbehalten zurckgekehrt; es
schwebte kein Geheimni irgend einer Art ber meines Bruders Tod; wenn mir
Jemand jetzt Nachrichten von seinem Ende brachte, mute es damit eine andere
Bewandtni haben.
    Und darf ich ihn sprechen, Smilch? fragte ich in mglichst
gleichgiltigem Tone, whrend mir das Herz bis in den Hals schlug.
    Wir knnen sprechen, wen wir wollen.
    So lassen Sie ihn herein, Smilch, und hren Sie, lieber Smilch, wenn es
ein Schiffer ist, so trinkt er gewi gern einen Schluck; vielleicht knnten Sie
mir etwas der Art verschaffen?
    Welche berflssige Mhe sich und Anderen ein Mensch mit bsem Gewissen
macht! Ich mute nothwendig lgen, was mir immer sauer ankam, um den Alten los
zu werden, und der ehrliche Smilch, der nicht daran dachte, bei meiner
Zusammenkunft mit dem Unbekannten zugegen sein zu wollen, mute zwei Treppen
hinab in die Kche.
    Aber wir selbst drfen keinen Tropfen nicht trinken, sagte der Alte
verwarnend.
    Seien Sie unbesorgt!
    Er ging, nachdem er vorher die vierschrtige Gestalt eines mir gnzlich
unbekannten, schwarzbraunen Mannes in Schiffertracht zur Thr
hineincomplimentirt.
    Ich starrte den Fremden, dessen Aussehen und Benehmen, milde ausgedrckt,
hchst ungewhnlich waren, sprachlos an, erschrak aber ernstlich, als derselbe,
sobald sich die Thr hinter dem Wachtmeister geschlossen, ohne ein Wort zu
sprechen, aus seinem breitrandigen Hut einen eben solchen Hut herausschleuderte,
mit der Hast eines vollkommen Verrckten, aber auch mit der Gewandtheit eines
Circus-Clowns sich die Kleider vom Leibe zu reien begann, und alsbald - o
Wunder! - in genau derselben Tracht, die nun in ihren verschiedenen
Bestandtheilen zu seinen Fen lag, vor mir stand, whrend ein triumphirendes
Lcheln zwei Reihen der allerweiesten Zhne zeigte. -
    Klaus! rief ich in freudigem Erschrecken, Klaus!
    Das weie Gebi wurde bis zu den letzten Backenzhnen sichtbar. Er ergriff
meine ausgestreckten Hnde, erinnerte sich aber sogleich, da dergleichen
Freundschaftsbezeigungen nicht zur Rolle gehrten, und flsterte hastig: Nur
schnell hinein, es pat - eingelegte Falten, die von selbst aufgehen - nur
schnell, ehe er wiederkommt.
    Und Du, Klaus?
    Ich bleibe hier.
    Anstatt meiner?
    Ja.
    Aber man wrde das doch bestenfalls nach fnf Minuten entdecken.
    So haben Sie Zeit gehabt, herauszukommen und Herauskommen und Fortkommen
ist doch bei Ihnen Eins.
    Aber denkst Du, da sie Dir das so ungestraft hingehen lassen werden?
    Sie knnen mich doch hchstens anstatt Ihrer einsperren, und das sollte
nicht lange dauern. Mit den Schlssern wrde ich bald fertig, und hier - er
zeigte eine Uhrfedersge, die er aus seinem dichten Haare zog - damit feile ich
Ihnen das Gitter da in einer Viertelstunde durch.
    Klaus, das Alles kommt nicht aus Deinem Kopfe!
    Nein, aus Christel ihrem; aber ich bitte Sie, machen Sie schnell.
    Ich schleuderte den Schifferanzug, der noch immer auf der Erde lag, mit dem
Fue unter das Bett, denn ich hrte den Wachtmeister den Corridor heraufkommen.
Er klopfte an die Thr und reichte mir, als ich ffnete, eine Flasche Branntwein
und ein Glas.
    Aber nicht wahr, wir sind kein Br und trinken keinen Tropfen nicht?
    Klaus blickte hchst verwundert drein, als er den gefrchteten Aufseher sich
in einen so bescheidenen Aufwrter verwandeln sah.
    Ich schlo die Thr wieder, dann fiel ich dem guten Klaus um den Hals. Die
Thrnen standen mir in den Augen.
    Guter, lieber Klaus, rief ich, Du und Deine Christel, Ihr seid die besten
Menschen von der Welt; aber ich kann Euer gromthiges Opfer nicht annehmen,
wrde es unter keinen Umstnden und keiner Bedingung angenommen haben, und jetzt
ist vollends nicht die Rede davon. Ich knnte jeden Augenblick von hier fort,
wenn ich wollte; aber ich will nicht, Klaus, ich will nicht.
    Hier umarmte ich Klaus auf's neue und lie den Thrnen, die ich vorhin
zurckgehalten, freien Lauf. Es war mir, als wte ich jetzt zum ersten Male,
da ich ein Gefangener sei, jetzt, wo ich es ausgesprochen, da ich es sein
wolle, wo ich mich selbst dazu gemacht. Klaus, der natrlich keine Ahnung von
dem hatte, was in mir vorging, suchte mich noch immer, indem er ngstliche
Blicke nach der Thr warf, mit leisen Worten zu bereden, ihn anstatt meiner
sitzen zu lassen; er wette seinen Kopf dagegen, da er in vierundzwanzig Stunden
heraus sei.
    Klaus, Klaus! rief ich, indem ich ihn auf die dicken Wangen klopfte, Du
willst mich betrgen. Gestehe es, Du hast selbst nicht daran gedacht, so bald
loszukommen.
    Nun ja, erwiederte er sehr beschmt, aber meine Frau meinte -
    Deine Frau, Klaus, Deine Frau!
    Wir sind ja seit acht Wochen verheirathet.
    Ich drckte Klaus in den Lehnstuhl, setzte mich vor ihn und bat ihn, mir zu
erzhlen. Es sei die grte Wohlthat, die er mir erweisen knne, wenn er mir
sage, da es ihm gut gehe; mir gehe es auch keineswegs so schlecht, wie er sich
in seiner treuen Freundesseele vorgestellt habe, und dabei gab ich ihm in kurzen
Worten einen Abri meiner Abenteuer im Gefngnisse, meines Fluchtversuches,
meiner Krankheit, meiner Freundschaft mit dem Director und seiner Familie.
    Du siehst, schlo ich, ich bin in jeder Beziehung gut aufgehoben, und nun
mu ich durchaus wissen, wie es Dir, wie es Euch ergangen ist, und wie Ihr so
schnell Mann und Frau geworden seid. Zweiundzwanzig Jahre, Klaus, und schon
verheirathet! Wie weit wirst Du es noch bringen? Und Deine Christel hat Dich
weggelassen? Klaus, Klaus, das gefllt mir nicht.
    Ich lachte ihn an, und Klaus, der nun endlich doch begriffen hatte, da aus
der Entfhrung nichts werden knne, lachte auch, aber nicht aus freiem Herzen.
    Ja, das ist es eben, sagte er, was fr ein Gesicht wird sie machen, wenn
ich ohne Sie zurckkomme!
    Ohne Dich, Klaus! sagte ich, ich brauche es mir jetzt nicht mehr gefallen
zu lassen, da Du unsere alte Bruderschaft verleugnest; ich nehme sonst an, Du
wolltest mit einem Gefangenen nicht auf Du und Du stehen. Also, sie wird ein
Gesicht machen, wenn Du ohne mich zurckkommst?
    Ja, erwiederte Klaus, und was fr ein Gesicht! Wir sind so glcklich,
aber immer sagt Eines oder das Andere: und er mu sitzen! und dann war es vorbei
mit dem Glck, besonders weil Christel doch eigentlich schuld ist, da Sie - da
Du hier bist; denn wenn sie Dich an dem Morgen in Zanowitz -
    Klaus! unterbrach ich ihn, weit Du denn, da ich eine Zeit lang glaubte,
Deine Christel habe selbst die Anzeige gemacht, um von Deinem Vater
loszukommen?
    Nein, sagte Klaus, das hat sie, Gott sei Dank, nicht gethan, obgleich sie
mehr als Einmal ganz verzweifelt gewesen ist und sich das Leben hat nehmen
wollen.
    Er wischte sich mit der Hand ber die Stirn; es war ein trauriges Thema, das
ich da berhrt hatte. Wir saen uns ein paar Augenblicke schweigend gegenber,
endlich fing Klaus wieder an:
    Ein Gutes hat es freilich gehabt: er - Klaus hatte sich bereits seiner
Christel Ausdrucksweise angewhnt, die ihn nie bei Namen nannte - er mute
natrlich seine Vormundschaft Christels niederlegen, und, als ein Bescholtener,
hatte er auch, was mich anbetraf, nicht mehr viel dreinzureden. Tante Julchen in
Zanowitz, bei der Christel seit der Zeit geblieben ist, hat die Ausstattung
gemacht, und so htten wir leben knnen wie die Engel, wenn - und Klaus
schttelte mit einem wehmthigen Blicke auf mich seinen dicken Kopf.
    Und Du bist noch immer in Berlin, in des Commerzienrathes Maschinenfabrik?
fragte ich, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben.
    Nun natrlich! sagte er, ich bin sogar schon avancirt - zum Werkfhrer in
meiner Abtheilung.
    Und da verdienst Du tchtig Geld?
    Da wir gar nicht wissen, wo damit bleiben.
    Denn Christel ist eine excellente Haushlterin -
    Und wascht und plttet, da es in unserer ganzen Wohnung immerzu nach Seife
und Pltteisen riecht.
    Klaus zeigte seine Zhne; ich drckte ihm zum Zeichen meiner Theilnahme an
seinem Glcke die Hand, obgleich ich fr die von ihm bewunderten Gerche niemals
sehr eingenommen gewesen war; aber nur noch dringender als vorhin wnschte ich
jetzt zu wissen, wie dies glckliche junge Paar es ber das Herz gebracht hatte,
sein Glck so grausam auf's Spiel zu setzen.
    Ich sagte Dir ja schon, erwiederte Klaus, es war kein rechtes Glck. Wo
wir gingen und standen und, waren wir recht vergngt, am allermeisten, immer kam
uns der Gedanke: wenn er doch einmal dabei sein knnte! und heute vor vier
Wochen bei der Bierkaltschale - na, da ging es nicht lnger.
    Bei der Bierkaltschale? fragte ich verwundert.
    Weil Du Dir des Sommers immer Bierkaltschale in der Schmiede machen
lieest, wenn Du Dir einmal recht was zugute thun wolltest, weit Du noch?
Christel hat Dir so oft welche gemacht. Nun, als wir vor vier Wochen zum ersten
Male Kaltschale aen - sie haben in Berlin ein herrliches Bier dazu, noch viel
besser als unseres, das immer ein wenig bitter war - ja, und ich mir's schmecken
lasse, legt Christel pltzlich den Lffel hin, fngt an zu heulen und ich wei
gleich, was es giebt und fange auch an, und wir essen und heulen immerzu, und
als wir fertig sind, sagen wir aus einem Munde: So geht es nicht lnger! Nun,
und da haben wir denn die Kpfe zusammengesteckt -
    Wie an dem Abende, als ich Euch auf der Haide begegnete, he, Klaus?
    Und haben's endlich herausgebracht, fuhr Klaus fort, der ber meine
indiscrete Bemerkung roth geworden sein wrde, wenn das bei seiner Gesichtsfarbe
mglich gewesen wre, - das heit: Christel hat's herausgebracht; sie hatte
gerade so eine Geschichte gelesen, blos, da der Gefangene ein Knigssohn und
sein Befreier ein Ritter war, der sich in einen Priester verkleidet hatte; nun,
das ging nun schon nicht, aber Seemann, sagte Christel, das mte gehen, denn
hier im Arbeitshause se gewi manche Theerjacke, und es wrden also auch
welche zum Besuch kommen. Ueberdies, sagte Christel, wre in einem Hafenorte
Seemannstracht die beste Verkleidung. Kurz, wir bten es uns ein -
    Uebtet es Euch ein?
    Nun ja, es war gar nicht leicht; wir haben wohl eine Woche lang, wenn ich
Abends von der Arbeit kam, Probe gehabt, bis Christel zuletzt sagte, nun ginge
es zur Noth.
    Es ging famos, Klaus!
    Ja, aber was hat es nun geholfen? sagte Klaus mit einem wehmthigen Blicke
unter das Bett, und da ich mir die Ohren habe aufbohren lassen, um die Ringe
da hineinzubekommen? und da mir Christel jeden Morgen das Gesicht mit Speck
eingerieben hat -
    Mit Speck?
    Ich msse aussehen wie Einer, der von drben kommt, sagte Christel, und
da ist nichts besser als Speck und hernach die Gluth von einem Schmelzofen
drauf.
    Du siehst aus wie ein Mulatte, Klaus!
    Das sagte Christel auch; aber was hilft es nun, und wenn ich wie ein Neger
ausshe, da Du doch einmal nicht fortwillst!
    Das hilfst es, Klaus! rief ich, indem ich dem treuen Menschen von neuem um
den Hals fiel, da Du, da Ihr mir die glcklichste Stunde bereitet habt; ja,
Klaus, eine so glckliche Stunde, wie ich sie wahrhaftig nicht gehabt htte,
wre ich Deinem gromthigen Anerbieten gefolgt. Gott segne Euch, Klaus, fr
Eure Liebe, und wenn ich erst wieder frei und ein reicher Mann bin, dann will
ich's Euch wieder heimzahlen mit allen Zinsen. Und nun, Du guter Kerl, mut Du
fort; ich soll in dieser Stunde zum Director kommen. Und hrst Du, Klaus, Du
reisest gleich zurck, ohne Dich eine Minute lnger als nthig aufzuhalten, und
noch Eines, Klaus, wenn das Aelteste ein Junge wird -
    So heit er Georg, das haben wir schon lngst ausgemacht, sagte Klaus und
zeigte die letzten Backenzhne.
    Ich hatte Klaus zur Thr hinausgeschoben und ging noch in voller Aufregung
ber das eben Erlebte im Zimmer auf und ab, als mir pltzlich der Anzug wieder
einfiel, den ich vorhin unter das Bett geschoben, und den wir in der Aufregung
nachtrglich ganz und gar vergessen hatten. Ich zog ihn jetzt hervor und konnte
der Versuchung nicht widerstehen, die Jacke von grobem Tuch anzuprobiren. Es
war, wie Klaus gesagt. An den Aermeln, an dem Rcken, an den Schen waren Nhte
so geschickt eingelegt, da ich nur tchtig daran zu zupfen brauchte, so fielen
sie heraus, und obgleich ich einen Kopf grer und ein paar Zoll breiter in den
Schultern war als Klaus, sa mir das Kleidungsstck doch als wre es eigens fr
mich gemacht. Nicht anders war es mit der Weste, den Beinkleidern; es war Alles
so vollkommen, da ich es bequem ber meine Kleidung ziehen konnte, wozu
allerdings der Umstand, da ich jetzt so viel magerer als sonst, beitragen
mochte.
    Eben war ich mit der Maskerade fertig, da klopfte es an die Thr. Es konnte
nur der Wachtmeister, oder der Doctor sein, der um diese Zeit zu kommen pflegte.
Ich setzte mich an den Tisch mit dem Rcken nach der Thr zu und rief: Herein!
    Es war der Wachtmeister.
    Er steckte den Kopf herein und fing an: Wir mchten heute Morgen erst um
elf Uhr zum Herrn Rittmeister kommen, weil - unterbrach sich aber, da es ihm
sonderbar erscheinen mochte, da der fremde Seemann so still dasa und ich mich
nicht zeigte. Er kam ganz herein und fragte: Wo sind wir denn?
    Zum Teufel! antwortete ich, ohne mich umzuwenden, und das breite Platt,
mit welchem sich Klaus sehr geschickt introducirt hatte - auch das war ein Theil
seiner Rolle gewesen - so gut ich konnte, nachahmend.
    Man mache keine schlechten Witze, sagte der Alte.
    Und nun komm ich an die Reihe! rief ich, aufspringend und an dem
erschrockenen Wachtmeister vorber zur Thr hinauseilend, die ich zuschlug und
den Schlssel umdrehte.
    Da lag der lange Corridor vor mir, kein Mensch war zu sehen. Es war eine
Kleinigkeit, die Treppen hinab auf den Wirthschaftshof zu gelangen, von dem
Wirthschaftshof durch eine Seitenpforte, die, wie ich wute, um diese Zeit nie
verschlossen war, auf eine Nebengasse. Mich nach Klaus Herberge hinzufragen,
konnte nicht schwer halten; vielleicht war ich noch vor ihm da - in zehn Minuten
hatten wir die Stadt verlassen - und -
    Guten Morgen, Herr Smilch, wie befinden wir uns, fragte ich, die Thr
wieder ffnend.
    Der Wachtmeister stand noch auf derselben Stelle und hatte, wenn man aus
seinem ehrlichen, verblfften Gesichte schlieen durfte, bis jetzt keineswegs
begriffen, um was es sich handelte. Ich zog den breitrandigen Hut, machte ihm,
mit dem rechten Fu hinten ausschlagend, einen tiefen Bckling und sagte: Habe
die Ehre, mich wieder unter dero hochverehrliche Aufsicht zu stellen.
    Da soll man doch aber einen Zahnstocher fr ein Scheunenthor ansehen, rief
der Alte, dem endlich eine Ahnung des wahren Sachverhaltes aufdmmerte. Dieser
Schellfisch von einem braungerucherten Flunder! Sollte man da nicht gleich zu
einem Br mit sieben Sinnen werden!
    Still, rief ich, ich hre den Doctor kommen! Kein Wort, lieber Smilch,
und ich schob den Alten zur Thr hinaus, durch die gleich darauf Doctor Snellius
eilig, wie es seine Gewohnheit, mit dem Hute in der Hand eintrat.
    Er stutzte, blickte mich an, sah sich im Zimmer um, blickte mich wieder an
und ging, ohne ein Wort zu sagen, hinaus.
    Ich streifte im Nu die Seemannshlle ab, die ich unter das Bett schob und
rief zur Thr hinaus hinter ihm her in meiner natrlichen Stimme: Warum gehen
Sie denn wieder weg, Doctor?
    Er kehrte sofort um, kam in das Zimmer, setzte sich auf einen Stuhl mir
gegenber und starrte mich durch seine runden Brillenglser unverwandt an; mir
kam es vor, als ob er bla aussehe: ich frchtete, da ich den Scherz zu weit
getrieben und den cholerischen Mann ernstlich beleidigt habe.
    Doctor, begann ich -
    Es ist mir eben etwas sehr Seltsames passirt, unterbrach er mich, immer
mit demselben starren Blick.
    Was haben Sie, Doctor? fragte ich, bestrzt ber sein Aussehen und ber
den ungewhnlich sanften Ton, in welchem er sprach.
    Ich habe jetzt nichts, aber eben habe ich eine hchst merkwrdige
Hallucination gehabt.
    Was haben Sie gehabt?
    Eine Hallucination, eine vollkommen ausgebildete Hallucination. Denken Sie
sich, lieber Freund, als ich vorhin in Ihr Zimmer trete, sehe ich einen Matrosen
vor mir stehen, von ungefhr derselben Gre, wie Sie, vielleicht einen oder
anderthalb Zoll kleiner, aber ebenso breit in den Schultern; grobe
Seemannsjacke, graue Beinkleider, breiten Strohhut, wie ihn die Westindienfahrer
zu tragen pflegen, mit genau - nein: nicht genau, aber doch ungefhr Ihren
Zgen: - ich sah die Gestalt so deutlich, wie ich Sie hier jetzt sehe - sie
konnte nicht deutlicher sein! Die Tuschung war so vollkommen, da ich glaubte,
man habe Ihnen ein anderes Zimmer angewiesen, und hinausging, um Smilch, der
mir eben auf dem Corridor begegnet war, zu fragen: wie er darauf gekommen sei,
unser gesndestes Zimmer dem ersten besten neuen Ankmmling zu geben? Lcheln
Sie nicht, lieber Freund; die Sache ist nicht lcherlich, wenigstens nicht fr
mich. Es ist das erste Mal, da mir dergleichen begegnet ist, obgleich ich bei
meinen fortwhrenden Kopfcongestionen darauf wohl htte gefat sein knnen. Ich
wei, da ich am Gehirnschlage sterben werde, und wenn ich es nicht gewut
htte, so wte ich es jetzt.
    Er nahm die Uhr und fate nach seinem Puls: Wunderlich, mein Puls ist
vollkommen normal, und ich habe mich heute den ganzen Morgen ganz ausnahmsweise
wohl und heiter gefhlt.
    Lieber Doctor, sagte ich, wer wei, was Sie gesehen haben! Ihr gelehrten
Leute habt ja immer so seltsame Einflle; Gott wei, aus was fr einer Mcke Sie
da einen wissenschaftlichen Elephanten machen.
    Wissenschaftlicher Elephant ist gut, sagte der Doctor; man sollte einem
unwissenschaftlichen Mammuth wie Ihnen dergleichen Ausdrcke gar nicht zutrauen;
- sehr gut: aber im Uebrigen irren Sie. Das mag von Anderen gelten, nicht von
mir; ich beobachte zu kaltbltig, um ganz schlecht beobachten zu knnen. Ich
sagte Ihnen schon, mein Puls ist normal, durchaus normal, und smmtliche
Functionen sind in vollkommenster Ordnung; die Sache mu also einen tieferen
physiologischen Grund haben, der sich fr den Augenblick meiner Beobachtung
entzieht, denn das psychologische Motiv -
    Also ein psychologisches Motiv haben Sie wenigstens, sagte ich, der ich
die Unschicklichkeit beging, mich an den Scrupeln des gelehrten Freundes
hchlichst zu ergtzen.
    Allerdings, und ich will es Ihnen mittheilen, auf die Gefahr, Ihnen zu
Ihrem schadenfrohen Grinsen noch mehr Stoff zu geben. Ich habe nmlich die ganze
Nacht von Ihnen getrumt, Sie Mammuth, und zwar immer denselben Traum, wenn auch
in den verschiedensten Formen, nmlich, da Sie von hier ausbrachen oder
ausbrechen wollten, oder ausgebrochen waren, indem Sie sich bald an einem Strick
aus dem Fenster lieen, bald ber die Dcher kletterten, bald von der Mauer
sprangen, und was man denn einem Menschen von Ihren physischen und moralischen
Qualitten sonst noch fr halsbrechende Experimente zutraut, und zwar waren Sie
immer in anderer Kleidung, bald als Schornsteinfeger, bald als Maurer, bald als
Seiltnzer und so weiter. Nun fragte ich mich beim Erwachen, was dieser Traum zu
bedeuten habe, und ich sagte mir Folgendes: Der Georg Hartwig ist jetzt freilich
wieder in seinem Gefngnisse, aber der Ausnahmezustand, in dem er sich hier
befindet, und den du ihm in erster Linie von Herzen gnnst, dauert doch fort und
ebenso die Gefahr, die in diesem - geben wir es zu - ordnungs- und
reglementwidrigen Verhltnisse fr unsern edlen Freund, den Director, liegt;
denn, sagte ich mir, einem jeden Geschpfe ist nur in dem Elemente wohl, fr das
es geboren ist. Der Frosch springt von dem goldenen Stuhle in den heimischen
Sumpf und der Vogel entflieht, sobald er kann, und wenn du ihm das Gitter mit
Zucker versilberst. Knnte es diesem Menschen, der, wenn Einer, sich nach
Freiheit sehnen mu, nicht ebenso gehen? Knnte er nicht in einer schwachen
Stunde vergessen, welche Rcksichten er Herrn von Zehren schuldig ist vergessen,
da der Mann eigentlich seine Stellung gewissermaen um seinetwillen auf's Spiel
setzt, und in dieser schwachen, vergelichen Stunde davonlaufen? Und wissen Sie,
junges Mammuth, ich nahm mir vor, der ich auch einigen Antheil an Ihnen zu haben
glaube, ganz in aller Stille und Freundschaft, Sie um Ihr Wort zu bitten, da,
wenn Ihnen eine solche Stunde kommt, Sie nur an Ihre Ehre und an nichts Anderes
denken wollen. Sehen Sie, das nahm ich mir vor und diese Gedanken bewegte ich in
meiner Seele, als ich den Corridor heraufkam, und war unschlssig, weil ich
dachte: das Wort wird er sich bereits selbst gegeben haben, und folglich ist es
berflssig, da er es Dir noch giebt. Jetzt aber, nach dieser sonderbaren
Fortsetzung meines Traumes in die Wirklichkeit - fr mich nebenbei ein memento
mori - bitte ich Sie um Lebens und Sterbens willen, geben Sie mir Ihr Wort! Hm,
hm, hm!
    Ich hatte lngst aufgehrt zu lachen und reichte jetzt dem guten Doctor,
whrend er sich herabstimmte, gerhrt die Hand und sagte: Von ganzem Herzen
gebe ich es Ihnen, wenn es auch wahr ist, da ich es mir bereits selbst gegeben
habe, und das ist noch keine zehn Minuten her. Und was die Hallucination
anbetrifft, so beruhigen Sie sich darber, Doctor; hier liegt Ihr memento mori!
    Ich zog bei diesen Worten den Schifferanzug unter dem Bette hervor, fuhr
auch in die Jacke hinein und setzte den Hut auf, den Beweis noch zwingender zu
machen.
    Also Sie haben doch fortgewollt; sagte der Doctor, der als ein kluger Mann
die Hallucination schleunig fallen lie, um wenigstens den Traum zu retten.
    Nein, sagte ich, aber Andere haben mich versucht und ich habe mit ihnen
gerungen, und diesen Mantel haben sie mir zurckgelassen.
    Den Sie, erwiederte Dr. Snellius nachdenklich, als Opferspende an der
Tempelwand aufhngen knnen; denn, wenn ich auch nicht wei, wie dies geschehen
ist, so viel sehe ich: Sie sind einer groen Gefahr entgangen; und jetzt - jetzt
erst gehren Sie uns!

                         Siebenundzwanzigstes Capitel.


In der Anstalt galt das Wort, da man Allen etwas vorlgen knne, nur dem
Director nicht.
    Der Director von Zehren hatte eine Art, diejenigen, mit denen er sprach,
anzusehen, fr welche, glaube ich, nur eine eherne Stirne unempfindlich bleiben
konnte. Nicht, als ob man seinem Blicke die Absicht angemerkt htte, mglichst
viel und mglichst scharf zu sehen! Sein Auge hatte gar nichts Sprendes, gar
nichts Inquisitorisches; im Gegentheil, es war klar und gro wie eines Kindes
Auge, und gerade hierin lag seine fr die meisten Menschen unwiderstehliche
Kraft. Da er Jedem, mit dem er sprach, durchaus wohlwollte, da er fr sein Theil
nichts zu verheimlichen hatte, ruhte dies klare, groe, dunkle Auge so fest auf
Einem - mit dem Blicke der sonnenhaften Gtter gleichsam, die nicht mit der
Wimper zucken, wie der schwache, in Dmmerung und in Heimlichkeit aller Art
lebende Mensch.
    Und als er mich mit diesem Blicke nach dem Manne fragte, den er am Morgen zu
mir geschickt habe, da sagte ich ihm, wer der Mann gewesen sei und was er
gewollt. Und weiter sagte ich ihm, in welcher Stimmung mich der Mann getroffen
und wie nahe die Versuchung an mich herangetreten, da ich aber - auch ohne den
Beistand und die Hilfe des guten Doctors - die Versuchung besiegt habe, ich
glaubte sagen zu drfen - fr nun und immer.
    Der Director hatte meiner Erzhlung mit allen Zeichen lebhafter Theilnahme
zugehrt. Als ich zu Ende, drckte er mir die Hand, dann wendete er sich zu
seinem Arbeitstische und reichte mir ein Schreiben, welches, wie er mir sagte,
soeben eingetroffen sei und das er mich zu lesen bitte.
    Das Schreiben war eine in hflichen, aber sehr bestimmten Ausdrcken
abgefate Anfrage des Prsidenten, wie es sich betreffs einer gewissen, dem
Prsidium zugegangenen anonymen Denunciation verhalte? eventualiter wurde der
Director von Zehren aufgefordert, ein seine Stellung und Wrde so
compromittirendes Verhltni sofort aufzugeben und den betreffenden jungen
Menschen mit der Strenge zu behandeln, welche die Wrde des Gesetzes, die Wrde
der Richter, schlielich seine eigene Wrde erfordere.
    Sie wnschen zu wissen, sagte der Director, als ich das Blatt mit einem
fragenden Blick wieder hinlegte, wie ich mich nun zu verhalten gedenke? Gerade,
als ob ich dies hier nicht empfangen htte. Ich will nicht wissen, ob Doctor
Snellius, den die Freundschaft in meinen Angelegenheiten oft schrfer sehen lt
als mich selbst, eine kleine Comdie gespielt hat, als er Sie uns gestern so
Hals ber Kopf entfhrte, aber ich bin ihm oder dem Zufall dankbar, da es so
gekommen ist. Es wrde meinen Stolz doch verletzt haben, Sie, den ich so lieb
gewonnen, einer elenden Chicane opfern zu mssen. Man ist ja uerlich im Recht,
wenn man behauptet, da der Gefangene nicht der Hausgenosse des Directors sein
knne, und darin htte ich nachgeben mssen; aber ebenso entschlossen bin ich,
nicht weiter nachzugeben, keinen Schritt. Zu bestimmen, fr welche Art der
Arbeit ein Gefangener sich qualificire und wie er seine Erholungsstunden
zubringe, ist mein unbestreitbares Recht, von dem ich mir auch nicht eines
Strohhalmes Breite rauben lasse, das ich durch alle Instanzen verfechten werde,
und sollte ich bis an den Knig gehen. Schon deshalb ist es mir nicht leid, da
dies so gekommen ist, weil es uns Gelegenheit giebt, uns ber unser
gegenseitiges Verhltni, ber den Weg, den wir in Zukunft verfolgen mssen,
klar zu werden. Sind Sie geneigt, zu hren, wie ich darber denke, so wollen wir
in den Garten gehen. Meine Lunge will heute wieder einmal in der Zimmerluft
ihren Dienst nicht thun.
    Wir traten aus seinem Arbeitszimmer in den Garten. Ich hatte ihm meinen Arm
geboten - denn ich fhlte mich jetzt zu solchen Diensten ausreichend krftig -
und so wandelten wir schweigend zwischen den Beeten hin, von denen uns der warme
Mittagswind den Duft der Levkoyen und Reseden in balsamischen Wolken zufhrte,
bis uns auf dem Platze unter den Platanen labender Schatten empfing. Der
Director nahm auf einer der Bnke Platz, winkte mir, mich dicht an seine Seite
zu setzen, und nach einem dankbar stillen Blicke in die Khlung spendenden
Wipfel der ehrwrdigen Bume sprach er also:
    Die Strafe ist das Recht des Unrechtes, wenn man den Rechtslehrern, auf
deren Worte jetzt die Schler aller Orten schwren, glauben darf. Die Definition
empfiehlt sich durch ihre Einfachheit den Katheder-Logikern, aber ich glaube
nicht, da Christus sehr damit zufrieden gewesen wre. Er hat nicht gefunden,
da gesteinigt zu werden das Recht der Ehebrecherin sei, im Gegentheil, indem er
den, welcher sich ohne Schuld fhle, aufforderte, den ersten Stein auf das arme
Weib zu werfen, angedeutet, da unter der glatten, logischen Oberflche des
landesblichen Rechtes ein tieferer Grund liege, der sich allerdings nur dem
Auge offenbart, das sieht - ja, und dem Herzen, das fhlt. Einem solchen Auge,
einem solchen Herzen aber wird es bald klar, da jenes Unrecht, welches bestraft
werden soll, damit es zu seinem Rechte komme, wenn nicht immer, so doch fast
immer ein Unrecht aus zweiter, dritter, hundertster Hand ist, die Strafe deshalb
fast nie den trifft, der sie mglicher Weise verdient hat, und der gerechteste
Richter also im allerbesten Falle, er mag wollen oder nicht, dem blutigen
Legaten gleicht, der den Zehnten zum Tode fhren lt, nicht, weil er schuldiger
ist, als die anderen neun, sondern, weil er der Zehnte ist.
    Das aber wird, wie gesagt, nicht dem Katheder-Logiker offenbar, der
zufrieden lchelt, wenn er nur mit dem Satze der Identitt und dem vom
Widerspruche nicht in Conflict gerth; auch dem Richter nicht, dem der Fall in
seiner Vereinzelung, aus dem Zusammenhange herausgerissen, vorliegt, und der nun
urtheilen soll, wo er nicht einmal die Theile in seiner Hand hat, geschweige
denn den sichtbar unsichtbaren Faden, auf den die Theile mit Nothwendigkeit
gereiht sind. Sie beide gleichen dem Laien, der ein Gemlde nur nach der Wirkung
beurtheilt, nicht dem Kenner, der wei, wie es entstanden ist, welche Farben der
Maler auf der Palette hatte, wie er sie mischte, wie er den Pinsel fhrte,
welche Schwierigkeiten er berwinden mute und wie und wodurch er sie berwunden
hat, oder weshalb er sein Ziel nicht erreichte. Und wie die wahre Kritik nur die
schpferische ist, welche aus den Geheimnissen der Kunst heraus urtheilt, und
also auch nur der Knstler wahrhaft Kritik ben kann, so knnen die Handlungen
der Menschen auch nur von Menschen beurtheilt werden, von denen das Wort des
alten Weisen gilt, da ihnen nichts Menschliches fremd sei, weil sie der
Menschheit ganzen Jammer schaudernd an sich selbst und an ihren Mitbrdern
erfahren. Dazu aber gehrt, wie gesagt, ein fhlend Herz und ein sehend Auge und
dann das Dritte, ohne welches man auch mit fhlendem Herzen und sehendem Auge
nicht viel erfhrt, nmlich - Erfahrung, ich meine volle, reiche Gelegenheit,
Herz und Auge zu erproben und zu ben.
    Wer htte diese Gelegenheit mehr aus erster Hand als der Vorsteher einer
Anstalt, in welcher, nach den Worten des Philosophen, das Unrecht zu seinem
Recht kommen soll? der Director einer Strafanstalt? er und der Arzt der Anstalt,
wenn sie Freunde sind, wenn sie, von denselben Gesichtspunkten ausgehend, Hand
in Hand nach demselben Ziele streben? Sie und nur sie allein erfahren, was kein
noch so gewissenhafter Richter erfhrt, wie der Mensch, den die Menschheit fr
immer oder eine zeitlang ausgestoen, wurde, was er geworden ist; warum er, von
solchen Eltern geboren, in solchen Verhltnissen aufgewachsen, in einer solchen
kritischen Lage so und nicht anders handeln konnte. Dann aber, wenn der
Director, der nothwendig der Beichtiger des Verbrechers wird, die Geschichte
seines Lebens bis in die Einzelheiten erfahren, wenn der Arzt die
Leberkrankheit, an der der Mensch seit Jahren litt, constatirt hat, dann
sprechen Beide, wenn sie conferiren, nicht mehr von dem Rechte des Unrechtes,
das hier gebt werden soll, dann sprechen sie nur noch davon, ob dem Aermsten
noch zu helfen ist und wie ihm geholfen werden kann; dann sehen sie Beide in der
sogenannten Strafanstalt abwechselnd nur noch eine Besserungsanstalt und ein
Krankenhaus. Sind doch - und dies ist ein unendlich wichtiger Punkt, zu dessen
Erkenntni die Physiologie die Jurisprudenz noch einmal zwingen wird - sind doch
fast Alle, die hierher kommen, krank im gewhnlichen Sinne; fast Alle leiden sie
an mehr oder weniger schweren organischen Fehlern, fast das Gehirn Aller ist
unter dem Durchschnittsmaa des Gehirns, welches ein normaler Mensch zu einer
normalen Thtigkeit, zu einem Leben, das ihn nicht mit dem Gesetze in Conflict
bringen soll, braucht.
    Und wie knnte es anders sein? Fast ohne Ausnahme sind sie die Kinder der
Noth, des Elends, der moralischen und physischen Verkommenheit, die Parias der
Gesellschaft, welche in ihrem brutalen Egoismus an dem Unreinen mit
zusammengerafften Kleidern und germpften Nasen vorberstreift, und, sobald er
sich ihr in den Weg stellt, mit grausamer Gewalt ihn von sich stt! Recht des
Unrechts! Hochmuth des Phariserthums! Es wird die Zeit kommen, wo man diese
Erfindung der Philosophen mit jener der Theologen, da der Tod der Snde Sold
sei, auf eine Stufe stellt und Gott dankt, da man endlich aus der Nacht der
Unwissenheit aufgewacht ist, die solche Monstrositten erzeugte!
    Der Tag wird kommen, aber nicht so bald. Noch stecken wir tief in dem
Schlamm des Mittelalters; noch ist nicht abzusehen, wann diese Sndfluth von
Blut und Thrnen verlaufen sein wird. Wie weit auch der Blick einzelner
erleuchteter Kpfe hinein in die kommenden Jahrhunderte trgt - der Fortschritt
der Menschheit ist unendlich langsam. Wohin wir in unserer Zeit sehen - berall
die unschnen Reste einer Vergangenheit, die wir lngst berwunden glauben.
Unser Herrscherthum, unsere Adels-Institutionen, unsere religisen Verhltnisse,
unsere Beamtenwirthschaft, unsere Heereseinrichtungen, unsere Arbeiterzustnde -
berall das kaum versteckte, grundbarbarische Verhltni zwischen Herrn und
Sklaven, zwischen der dominirenden und der unterdrckten Kaste; berall die
bange Wahl, ob wir Hammer sein wollen oder Ambo. Was man uns lehrt, was wir
erfahren, was wir um uns her sehen, - Alles scheint zu beweisen, da es kein
Drittes giebt. Und doch ist eine tiefere Verkennung des wahren Verhltnisses
nicht denkbar, und doch giebt es nicht nur ein Drittes, sondern es giebt dieses
Dritte einzig und allein, oder vielmehr dieses scheinbar Dritte ist das wirklich
Einzige, das Urverhltni sowohl in der Natur als im Menschendasein, das ja auch
nur ein Stck Natur ist. Nicht Hammer oder Ambo - Hammer und Ambo mu es
heien, denn jedwedes Ding und jeder Mensch in jedem Augenblicke ist Beides zu
gleicher Zeit. Mit derselben Kraft, mit welcher der Hammer den Ambo schlgt,
schlgt der Ambo wieder den Hammer; unter demselben Winkel, unter welchem der
Ball die Wand trifft, schleudert die Wand den Ball zurck; genau so viel Stoff,
als die Pflanze aus den Elementen zieht, mu sie den Elementen wiedergeben - und
so in ewigem Gleichmaa durch alle Natur in allen Zeiten und Rumen. Wenn aber
die Natur unbewut dieses groe Gesetz der Wechselwirkung befolgt und eben
dadurch ein Kosmos und kein Chaos ist, so soll der Mensch, dessen Dasein unter
genau demselben Gesetze steht, sich dieses Gesetz zum Bewutsein bringen, mit
Bewutsein ihm nachzuleben streben, und sein Werth steigt und fllt in demselben
Maae, als dieses Bewutsein in ihm klar ist, als er mit klarem Bewutsein in
diesem Gesetze lebt. Denn obgleich das Gesetz dasselbe bleibt, ob der Mensch nun
darum wei oder nicht, so ist es doch fr den Menschen nicht dasselbe. Wo er
darum wei, wo er die Unzerreibarkeit, die Solidaritt der menschlichen
Interessen, die Unabwendbarkeit von Wirkung und Gegenwirkung erkannt hat, da
blhen Freiheit, Billigkeit, Gerechtigkeit, welches Alles nur andere Ausdrcke
fr jenes auf die menschlichen Verhltnisse angewandte Natur-Gesetz sind; wo er
nicht darum wei, wo er in seiner Blindheit whnt, ungestraft seinen Mitmenschen
ausntzen zu knnen, da wuchern Sklaverei und Tyrannei, Aberglaube und
Pffferei, Ha und Verachtung in giftiger Flle. Welcher natrliche Mensch
mchte nicht lieber Hammer als Ambo sein, so lange er glaubt, die freie Wahl
zwischen beiden zu haben? Aber welcher vernnftige Mensch wird nicht gern darauf
verzichten, nur Hammer sein zu wollen, nachdem er erkannt hat, da ihm das
Ambo-Sein nicht erspart wird und erspart werden kann, da jeder Streich, den er
giebt, auch seine Backe trifft, da, wie der Herr den Sklaven, so der Sklave den
Herrn corrumpirt, und da in politischen Dingen der Vormund zugleich mit dem
Bevormundeten verdummt. Mchte doch diese Erkenntni endlich einmal in das
deutsche Volksbewutsein bergehen, dem es so dringend noth thut!
    So dringend noth! Denn ich mu es aussprechen, da in diesem Augenblick,
kaum zwanzig Jahre nach unserem Befreiungskriege, jener Grundsatz alles
Menschendaseins vielleicht von keiner der Cultur-Nationen so grndlich und so
allgemein verkannt wird, als gerade von uns Deutschen, die wir uns so gern die
geistige Blthe der Nationen, das Volk der Denker, das wahrhaft humane Volk
nennen. Oder wo wrde mit unleidlicherer, schulmeisterlicher Pedanterie die
junge Menschenpflanze in eine zu frhe, zu strenge und vor allen Dingen
unglaublich bornirte Zucht genommen als gerade bei uns? Wo wrde ihr freier,
schner Wuchs systematischer verhindert und verkrppelt als gerade bei uns? Was
wir mit Hilfe der Schul- und Kirchenbnke, des Exercierstockes, des
Prokustesbettes der Examina, der vielsprossigen Leiter eines hierarchischen
Beamtenthums in dieser Beziehung freveln - es treibt den Einsichtigen unter uns
die Rthe der Scham auf die Stirn und die Gluth des Zornes in die Wangen; es ist
mit Recht das unerschpfliche Thema des Spottes fr unsere Nachbarn. Die Wuth,
zu befehlen, die sclavische Gier, sich befehlen zu lassen - das sind die beiden
Schlangen, die den deutschen Herkules umstrickt halten, die ihn zu einem Krppel
machen; sie sind es, die berall die freie Circulation der Sfte hemmen, hier
hypertrophische, dort atrophische Zustnde erzeugen, an denen der Krper des
Volkes grausam krankt; sie sind es, die, indem sie ihr Gift in die Adern des
Volkes spritzen, das Blut und das Mark des Volkes vergiften und die Race selbst
deterioriren; sie sind es endlich, denen wir verdanken, da unsere Zucht- und
Arbeitshuser die Zahl der Insassen nicht fassen. Denn es ist nicht bertrieben,
wenn ich behaupte, da neun Zehntel von Allen, die hierher kommen, niemals
hierher gekommen sein wrden, wenn man sie nicht mit Gewalt zum Ambo gemacht
htte, damit die Herren vom Hammer doch haben, woran sie ihr Mthchen khlen
knnen. So aber, indem man ihnen das natrliche Recht jedes Menschen, sich in
einer, seinen Krften und Fhigkeiten angepaten Weise den Lebensunterhalt zu
erarbeiten, mglichst erschwerte; indem man sie systematisch verhinderte,
gesunde, krftige, taugliche Glieder des Gemeinwesens zu sein, hat man sie
schlielich bis hieher, bis in's Arbeitshaus gebracht. Das Arbeitshaus ist im
Grunde weiter nichts als die letzte Consequenz unserer Zustnde, als das Exempel
unseres Lebens auf die einfachste Formel gebracht. Hier mssen sie eine ganz
bestimmte Arbeit in einer genau vorgeschriebenen Weise verrichten, aber wann
htte man sie jemals sich frank und frei ihre Arbeit whlen lassen? hier mssen
sie schweigen - aber wann htten sie denn frei sprechen drfen? hier mssen sie
dem niedrigsten Aufseher unbedingten Gehorsam leisten - aber haben sie nicht
immer, auch ohne Shakspeare gelesen zu haben, gewut, da man dem Hund im Amte
gehorcht? hier mssen sie gehen, stehen, liegen, schlafen, wachen, beten,
schaffen, miggehen auf Commando - aber sind sie zu dem Allen nicht trefflich
vorbereitet? sind sie nicht Alle mehr oder weniger geborene Arbeitshusler? Ach,
mir thut das Herz weh, wenn ich daran denke, und wie sollte ich nicht daran
denken, und besonders in diesem Augenblicke nicht daran denken, wo ich Sie hier
vor mir sehe, wo ich mich frage: wie kommt dieser Jngling mit dem Krper des
gewaltigsten Mannes und den treuen blauen Augen eines Kindes in dieses Asyl des
Verbrechens und des Lasters?
    Lieber junger Freund, wenn mir doch die Antwort darauf schwerer wrde! Wenn
es nicht doch dieselbe Formel wre, nach der ich auch die Gleichung Ihres Lebens
ausrechnen kann! Wenn ich doch nicht wte, da die Unnatur unserer Verhltnisse
wie ein giftiger Samum ist, der das Gras verdorren macht und auch die Eiche
entblttert!
    Ich habe versucht, mir aus dem, was ich bereits von Ihnen wute und was Sie
mir mit solcher Treuherzigkeit aus Ihrem frheren Leben, von Ihren
Familien-Verhltnissen, von Ihrer Umgebung, von dem Leben, den Gewohnheiten der
Brger Ihres Heimathsortes erzhlt haben, einen Hintergrund zu schaffen, auf den
ich mir Ihr Bild zeichnen knnte. Wie trostlos ist dieser Hintergrund! wie liegt
er so ganz in dem trben Lichte, in welchem ich unsere Zustnde im Allgemeinen
sehe! Ueberall Kleinlichkeit, Engherzigkeit, Beschrnktheit, Kleben am Alten,
Hergebrachten, schulmeisterliches Besserwissenwollen, pedantisches Hofmeistern;
berall abgezirkelte Wege, berall der freie Blick in's Leben durch thurmhohe
Mauern von Vorurtheilen verbaut! Sie haben mir gesagt, da Sie Ihren Vater
flehentlich gebeten haben, er mchte Sie zur See gehen lassen, und da er mit
Hartnckigkeit darauf bestanden habe, Sie sollten ein Gelehrter, zum wenigsten
ein Beamter werden. Es war gewi nicht, wie Sie sich selbst anklagen, der bloe
Hang des Migganges, die Sucht nach Abenteuern, was Sie wieder und immer wieder
den Wunsch aussprechen lie; und sicherlich hat Ihr Vater nicht wohlgethan, als
er, aus welchem Grunde immer, die Erfllung dieses Wunsches hartnckig
verweigerte. Er hatte bereits einen Sohn auf dem Meere verloren - nun wohl! Es
giebt noch ein anderes Meer: das eines thatenfrohen, krftigen Lebens in Handel
und Wandel, in Kunst und Handwerk. Das htte er Ihnen nicht verbieten sollen,
und doch war es dies Meer, auf das Sie wollten, und fr das Ihnen nur das
wirkliche Meer mit seinen Strmen, seinen Wogen das Abbild war, so da Sie das
Abbild mit dem Urbild verwechselten.
    Ihr Vater hat nicht wohlgethan, und doch drfen Sie mit ihm, dem von
huslichem Unglck Verdsterten, vor der Zeit Vereinsamten, durch des Sohnes
Widerspruch Gereizten, durch des Sohnes factischen Ungehorsam Beleidigten -
nicht mit ihm drfen wir rechten. Was aber sollen wir sagen von Ihren
pedantischen Lehrern, von denen kein einziger ein Verstndni fr einen Jngling
hatte, dessen Charakter die Offenheit selbst ist? was von den spiebrgerlichen
guten Freunden, die nichts konnten, als Zeter schreien ber den Frevler, der
ihre Shne zu tollen Streichen verleitete, und die es fr ein gottgeflliges
Werk hielten, Vater und Sohn noch mehr zu verhetzen? Ach, mein Freund, es ist
Ihnen ergangen, wie manchem anderen ehrlichen deutschen Jungen, der in so
verzweifelt ordentlichen brgerlichen Verhltnissen aufwchst, da er Gott
dankt, wenn er hinten im Westen von Amerika unter den Bumen des Urwaldes nichts
mehr von brgerlicher Ordnung sieht. Bis in den amerikanischen Urwald sind Sie
nun freilich nicht gekommen auf Ihrer Flucht aus der erdrckenden Enge Ihres
Vaterhauses, sondern leider nur bis in die Wlder der Zehrenburg, und das hat
das Maa Ihres Unglcks voll gemacht.
    Denn dort trafen Sie auf Einen, zu dem Sie sich mit unwiderstehlicher Kraft
hingezogen fhlen muten, da seine Natur mit der Ihrigen in vielen Punkten eine
wunderbare Aehnlichkeit hatte, der auch zum groen Theil an der Elendigkeit
unserer Verhltnisse zu Grunde gegangen war, und der nun eine knstliche Wste
um sich her geschaffen hatte, in der er sich nach Willkr, die er fr Freiheit
hielt, bewegen konnte. Eine Wste im eigentlichen und moralischen Sinne; denn
nach Allem, was Sie mir von seinen Aeuerungen berichtet, und die Folge
bewiesen, hatte er mit dem Vorurtheil auch das Urtheil, mit der Rcksicht auch
die Umsicht, mit der Bedenklichkeit auch das Nachdenken, mit den Fehlern des
deutschen Charakters auch die Tugenden des Deutschen und jedes sittlichen
Menschen ber Bord geworfen, und Alles, was ihm noch geblieben, war die
Abenteuerlust, und eine Art von phantastischer Gromuth, die aber auch - Sie
haben es erfahren - gelegentlich phantastischer sein konnte als gromthig.
    Wie dem aber auch sein mochte - er war ein Mann, der Ihnen schon dadurch
imponirte, weil er das genaue Gegentheil von allen Menschen war, die Ihnen bis
dahin auf Ihrem Lebenswege begegnet, und der noch genug von ritterlichen
Eigenschaften besa, da Sie, der Unerfahrene, wohl in ihm Ihr Ideal sehen
muten. Dazu die freie Luft auf den weiten Haiden, den stolzen Uferhhen, auf
dem unendlichen Strande! Htte sie Ihnen nicht zu Kopf steigen, nicht Ihr vom
Schulstaube umnebeltes Gehirn verwirren sollen?
    Aber diese Freiheit, diese Unabhngigkeit, dieses kraftvolle Leben - es war
Alles nur eine schne Spiegelung, die Fata morgana einer hesperischen Kste, die
versinken mute, und hinter der, als sie versank, ein Untersuchungsgefngni und
ein Arbeitshaus stand.
    Da Ihnen das Arbeitshaus ein Garten der Hesperiden werde - ich kann es
nicht machen, mein Freund, und wrde es nicht, wenn ich es knnte. Aber Eines
hoffe ich bewirken zu knnen: da Sie hier, wo die Mierziehung, die man an
Ihnen gebt hat, nicht weiter kann, hier, wo man Ihnen den letzten Rest der
verhaten Selbstndigkeit zu nehmen dachte - zu sich selbst kommen, sich ber
sich selbst, ber die Tendenz und das Maa Ihrer Krfte klar werden - da Sie im
Arbeitshaus arbeiten lernen.

                          Achtundzwanzigstes Capitel.


Ich will nicht behaupten, der treffliche Mann habe, was ich ihn in dem vorigen
Capitel sagen lasse, Alles in denselben Worten oder Alles an demselben Morgen
gesagt. Es ist leicht mglich, ja wahrscheinlich, da ich das Resultat der
Gesprche mehr als eines Morgens hier im Zusammenhang gegeben und da hier und
da ein Ausdruck, ein Bild, das mir gehrt, mit eingeflossen. Mehr aber
schwerlich; denn ich habe seine Philosophie, die auf meine drstende Seele sich
senkte, wie ein befruchtender Regen auf ein ausgedrrtes Feld, zu tief
eingesogen, und whrend ich seine Gedanken wiederzugeben suche, steht sein Bild
so lebendig in meiner Erinnerung, glaube ich den Ton seiner Stimme, ja seine
eigenen Worte zu hren!
    Und ich hatte um diese Zeit das Glck seiner Unterhaltung tglich, oft
stundenlang. Es war mir unmglich geworden, das Versprechen, welches ich Paula
gegeben, zu erfllen, denn ihr Vater htte nicht gewartet, bis ich ihn bat, mir
zu sagen, wie man am besten, wie man am schnellsten arbeite. Dennoch hatte ich
ihm das Gesprch, das ich mit Paula gehabt, mitgetheilt und er hatte dazu
gelchelt.
    Sie will Sie zu einem Gelehrten machen, sagte er, ich will Sie zu nichts
machen; ich will, da Sie werden, was Sie sein knnen, und um zu erfahren, was
Sie sein knnen, werden wir wohl ein wenig experimentiren mssen. Eins ist
gewi, Sie knnen ein tchtiger Handarbeiter sein - Sie haben es bewiesen, und
es ist mir ganz lieb, da Sie diesen kurzen Cursus durchgemacht. Der Knstler
sollte die letzten Griffe des Handwerks kennen, aus welchem seine Kunst
hervorgegangen ist, und auf welchem sie noch ruht; nicht nur, da er nur so im
Stande ist, nach dem Rechten zu sehen, und helfend, nachhelfend, unterweisend,
berall, wo es noth thut, einzugreifen; es ist so auch wirklich erst sein Werk,
das ihm ganz gehrt, wie dem Vater sein Kind, welches mit ihm nicht blos Geist
von einem Geiste, sondern auch Fleisch von einem Fleisch ist. Und wie viel
schrfer sieht das Auge, wo die Hand selbst thtig war. Da! das ist der Grundri
des neuen Krankenhauses; hier ist das Fundament, das Sie selbst mit haben
ausheben, zu dem Sie selbst die Steine mit haben herbeischaffen helfen. Diese
Mauer wird sich auf dem Fundament erheben; sie ist von der Hhe, von der Dicke;
Sie sind, auch ohne eine Berechnung anstellen zu knnen, berzeugt, da ein
solches Fundament eine solche Mauer tragen wird. Freut Sie nicht die
reinlich-saubere Zeichnung, in der ein Strichelchen die Arbeit einer Stunde,
vielleicht vieler Tage reprsentirt? Paula hat mir gesagt, da Sie ein scharfes
Augenma und eine sichere Hand haben. Ich brauche eine Copie dieser Plne.
Mchten Sie mir wohl eine anfertigen? Es ist eine Arbeit, wie sie fr einen
Reconvalescenten pat, und den Gebrauch des Zirkels, des Lineals und der
Reifeder kann ich Ihnen in fnf Minuten zeigen.
    Seit diesem Morgen arbeitete ich in dem Bureau des Directors, einfache Risse
copirend - eine Faade nachzeichnend, Anschlge mundirend - mit einer Lust, von
der ich nie geglaubt, da sie eines Menschen Seele whrend der Arbeit erfllen
knne. Aber wer hat auch jemals einen solchen Lehrer gehabt: so gtig, so weise,
so geduldig, so den Schler mit Vertrauen zu sich selbst erfllend! Und wie wohl
that mir sein Lob und wie bedurfte ich dieses Lobes - ich, der ich in der Schule
immer nur getadelt und gescholten war, der ich es als selbstverstndlich
angesehen, da meine Arbeiten schlechter waren als die aller Uebrigen? der ich
mir zuletzt selbst alle Fhigkeiten abgesprochen hatte? Mein neuer Lehrer lehrte
mich, da diese Fhigkeiten nur geschlummert und da ich sehr wohl begreifen
konnte, wovon ich einsah, da es begriffen zu werden verdiente. So hatte ich
vollstndig darauf resignirt, es in der Mathematik ber die ersten Anfangsgrnde
hinauszubringen, und erfuhr jetzt zu meinem grenzenlosen Erstaunen, da diese
ungeheuerlichen Formeln, diese verzwickten Figuren aus lauter einfachen
Begriffen, aus lauter simplen Vorstellungen zusammengesetzt waren mit einer
wunderbaren Folgerichtigkeit, die einzusehen mir durchaus nicht schwer wurde und
an der ich eine unaussprechliche Freude hatte.
    Es ist merkwrdig, sagte ich einmal, als ich in Zehrendorf war, glaubte
ich, es gebe auf Erden nichts Ergtzlicheres als eine Jagd auf weiter Haide an
einem sonnigen Herbstmorgen; jetzt finde ich, da eine schwierige Formel richtig
anzuwenden mehr Vergngen gewhrt als ein gutgezielter Schu, der ein armes
Rebhuhn aus der Luft herunterbringt.
    Im Grunde kommt es nur darauf an, erwiederte mein Lehrer, da wir unsere
Krfte, unsere Fhigkeiten in einer Weise, die unserer Natur genehm ist, spielen
lassen. Denn nur so erfahren wir, da wir sind, und schlielich strebt jede
Creatur in jedem Augenblicke nach weiter nichts. Knnen wir es so einrichten,
da unsere Thtigkeit, auer da sie uns unser Dasein beweist, auch Anderen
zugute kommt - und glcklicherweise sind wir Menschen fast immer in der Lage -
so ist es freilich um so besser. Wollte Gott, mein unglcklicher Bruder htte je
eine Ahnung von dieser Einsicht gehabt!
    Es konnte nicht ausbleiben, da wir, besonders in der ersten Zeit, wieder
und wieder auf den Wilden zu sprechen kamen.
    Er hie schon als Knabe so, erzhlte der Director; alle Welt nannte ihn
den Wilden, und es war kaum mglich, ihm einen anderen Namen zu geben. In dieser
feurigen Natur war ein unwiderstehlicher Drang, die reiche Kraft bis zum
Ueberma anzuspannen und das Aeuerste, ja das Unmgliche zu wagen und zu
versuchen. Welches unendliche Feld die Situation unseres vterlichen Gutes einem
solchen Knaben bot, Sie wissen es selbst. Auf ungezhmten Rossen von den steilen
Uferhhen herabzusetzen, in leckem Boot beim wildesten Gewittersturm auf's Meer
hinauszufahren, in tiefer Nacht ber die sumpfige Haide zu schweifen, in dem
Park die Wipfel der Riesenbuchen zu erklettern nach einem elenden Vogelnest,
oder in dem Weiher klaftertief nach dem Schatze zu tauchen, der in der
Schwedenzeit dort versenkt sein sollte - das waren seine Lieblingsspiele. Ich
wei nicht, wie oft er sich in Lebensgefahr befunden hat, und eigentlich befand
er sich in jedem Augenblick in Lebensgefahr, denn in jedem Augenblicke konnte
ihm der Einfall kommen, sein Leben auf's Spiel zu setzen. Einmal standen wir im
oberen Stock am Fenster und sahen, wie ein wildgewordener Stier einen Knecht
ber den Hof verfolgte. Malte sagte: Da mu ich dabei sein, sprang zwanzig Fu
hoch auf den Hof hinab, wie ein Anderer vom Stuhle aufsteht, und lief dem Stier
entgegen, der sich mittlerweile eines Anderen besonnen hatte und sich von dem
Uebermthigen mit einem schnell aufgerafften Stock wieder geduldig in die Hrde
treiben lie.
    Es war ein Zufall, der ihn bei dieser Gelegenheit sich nicht Arm und Beine
brechen und aufgespiet werden lie; aber da ihn dieser Zufall bestndig
begnstigte, gerieth er, wozu er nur schon zu sehr geneigt war, immer mehr in's
Malose.
    Indessen, der Zufall ist ein launischer Gott und lt unversehens auch seine
grten Gnstlinge im Stich. Ein weit schlimmerer Feind waren fr meinen Bruder
die Verhltnisse, in denen er aufwuchs, und die in der That nicht ungnstiger
sein konnten. Das Einzige, was man ihn gelehrt hatte, war, da die Zehrens das
lteste Geschlecht auf der Insel und er der Erstgeborne sei. Aus diesen beiden
Glaubensartikeln schuf er sich eine Religion und einen Cultus seiner mystischen
Bedeutung, der um so phantastischer ausfiel, je greller die fadenscheinige
Wirklichkeit mit seinen Einbildungen contrastirte.
    Unser Vater war ein Edelmann aus der zgellosen Schule und im verwilderten
Style des achtzehnten Jahrhunderts, der am wenigsten geeignete Mensch von der
Welt, einen hochsinnigen, bermthigen Knaben, wie mein ltester Bruder war, zu
leiten. Die Mutter hatte an Hfen gelebt und die bedeutendsten Gaben in dieser
ungesunden Sphre nutzlos zersplittert. Sie sehnte sich nach der verlornen
Herrlichkeit zurck; die Einsamkeit des Landlebens langweilte, die Rohheit ihrer
Umgebung beleidigte sie. Die Gatten lebten nicht glcklich; die Frau, die sich
von ihrem Manne nicht mehr geliebt wute, liebte auch bald ihre Kinder nicht
mehr, indem sie, ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahingestellt, in ihnen nur
die Ebenbilder des Vaters zu sehen glaubte. Der Vater seinerseits hatte eine Art
von Interesse nur fr den Erstgebornen; als eine reiche, kinderlose Tante den
zweiten, Arthur, zu sich zu nehmen wnschte, lie er es willig geschehen, ja,
ich glaube, er wre mich, den Jngsten, Nachgebornen, auch gern losgewesen, nur
da Niemand mich haben wollte. So wuchs ich auf, wie ich konnte und mochte; bald
hatte ich einen Erzieher und bald keinen; es bekmmerte sich Niemand um mich;
ich wre ganz verlassen gewesen, htte sich mein ltester Bruder nicht meiner in
seiner Weise angenommen.
    Er liebte den um zehn Jahre Jngeren mit leidenschaftlicher Liebe, mit einer
strmischen und, wie ich jetzt darber denke, rhrenden Zrtlichkeit. Ich war,
wie krftig ich mich auch spter entwickelte, ein schwchliches, krnkliches
Kind. Er, der Tollkhne, wehrte von mir auch den Schatten einer Gefahr ab; er
hegte und htete mich mehr als seinen Augapfel; er spielte mit mir, wenn ich
gesund war, halbe Tage lang; er wachte, wenn ich krank war, Tage und Nchte an
meinem Bette. Ich war der Einzige, der den Wilden mit einem Worte, mit einem
Blicke leiten konnte; aber was wollte schlielich ein solcher Einflu bedeuten?
Es war ein Faden, der ri, als der Zwanzigjhrige, nach einer noch mehr als
gewhnlich heftigen Scene mit dem Vater, das elterliche Haus Knall und Fall
verlie.
    Er wurde, wie die Phrase lautete, auf Reisen geschickt, aber die von
vornherein unzulngliche Untersttzung, die er von dem immer mehr verarmenden
Vater empfing, hrte in krzester Frist gnzlich auf; er mute leben, wie er
konnte, und da er auf eigene Kosten nicht leben konnte, lebte er auf Kosten
Anderer, wie so mancher adelige Abenteurer, heute ein Bettler, morgen im Golde
sich wlzend, heute der Kamerad von Spielern und Schwindlern, morgen der Genosse
von Frsten; berall, wohin er kam, mit seiner bezaubernden Persnlichkeit die
Herzen im Sturm erobernd, um sich nirgends fesseln zu lassen, um ruhelos von
einem Ende Europas zum anderen zu schweifen. Er war in England, Italien,
Spanien, Frankreich, dort am lngsten. In dem bunten Treiben der Seinestadt fand
er so recht sein Element, und er schwelgte in den Armen von franzsischen Damen,
deren Gatten und Brder sein Heimathsland mit Feuer und Schwert verwsteten.
    Wir hatten whrend fnf oder sechs Jahren nichts von ihm gehrt; die Mutter
war gestorben; man hatte nicht gewut, wohin ihm die Nachricht von ihrem Tode
senden; der Vater wankte, ein vor der Zeit gebrochener Mann, dem Tode entgegen;
die Verwstung unseres Gutes durch den Erbfeind, der auch bis zu uns gedrungen
war, lie ihn gleichgltig; er berauschte sich mit den franzsischen Officieren
an der letzten Flasche aus seinem Keller. Ich war nicht im Stande gewesen, das
Schimpfliche geduldig zu ertragen; ich forderte den franzsischen Obrist, einen
Gascogner, der an der Tafel meines Vaters, die Guitarre in der Hand, Spottlieder
auf die Deutschen sang. Er lie dem siebzehnjhrigen Jngling lachend den Degen
abnehmen - war ein Galanteriedegen mit blauem Bandelier, der als Zierrath an der
Wand hing und den ich in meiner Wuth ergriffen - und den kecken Burschen am
nchsten Morgen fsiliren zu lassen.
    In der Nacht erschien ein Retter, auf den ich am wenigsten gehofft hatte.
Der Wilde war auf die Nachricht von einer Schilderhebung im Vaterlande - es
hatten sich damals die ersten Freicorps zu formiren begonnen - aus den Armen
seiner Buhlerinnen, von den Parquets der Salons in Faubourg St. Germain
herbeigeeilt, und sein Weg hatte ihn in die Heimath gefhrt, wo gerade damals
der Kriegsbrand am wildesten flammte. Er konnte nicht zu dem Freicorps gelangen,
das hier in der Festung cernirt war, so wendete er sich nach der Insel in der
Absicht, dort einen Guerillakrieg gegen die Eindringlinge zu entfachen. Er kam
gerade zur rechten Zeit, seinen Bruder einem fast gewissen Tode zu entreien. Er
brach, von wenigen Getreuen, die er zusammengerafft hatte, begleitet, mit
unerhrter Khnheit in mein Gefngni und entfhrte mich.
    Von diesem Augenblicke an sind wir fnf Jahre lang zusammen gewesen und
haben erst als gemeine Freischrler, hernach als Officiere in demselben Regiment
Gefahr und Noth brderlich mit einander getheilt. Ich habe mich nicht schlecht
gehalten, aber der Name meines Bruders war bekannt in der ganzen Armee, und
wieder nannten sie ihn den Wilden, als gbe es fr einen solchen Mann keine
andere Bezeichnung. Unzhlig waren die Geschichten, die man sich von seiner
Bravour, von seiner Tollkhnheit erzhlte. Es war nur Eine Stimme darber, da
er den Tod suche, aber er dachte nicht an den Tod, denn er verachtete das Leben.
Er lachte, wenn er uns Andere von der Wiedergeburt unseres Vaterlandes schwrmen
hrte, und da wir die heimische Erde frei machen wollten von den fremden und
von den heimischen Tyrannen, um auf der freien Erde ein Reich der Brderlichkeit
und Gleichheit zu errichten. Aus der Zeit tnt mir auch das alte Wort vom Hammer
oder Ambo im Ohre, das er oft und gern im Munde fhrte, weil es, wie er sagte,
seine Philosophie in der einfachsten Formel darstellte. Brderlichkeit -
Gleichheit! spottete er. Geht mir doch mit solchen hohlen Phrasen! Dies ist
eine Welt der Herren und Knechte, der Starken und Schwachen. Ihr seid so lange
Ambo gewesen unter dem Riesenhammer Napoleon und mchtet nun einmal selbst
Hammer spielen. Seht zu, wie weit Ihr damit kommt. Ich frchte, nicht weit. Ihr
habt nur Talent zum Ambo.
    Warum bist Du gekommen, mit uns gegen Napoleon zu kmpfen? fragte ich.
    Weil ich mich in Paris langweilte, erwiederte er.
    Aber er that sich selbst Unrecht. Er war mehr als der blasirte Glcksritter,
fr den er sich gab; er hatte die Schtze eines Herzens, das reich war wie
Pluto's Schacht, in einem wsten Abenteurerleben vergeudet; aber es war ihm noch
ein Stck dieses Herzens geblieben, und in diesem Stcke lebte, wenn nicht die
echte Vaterlands- und Menschenliebe, so doch der Trotz, der es mit dem
Unterdrckten hlt und sich stolz gegen den Unterdrcker aufbumt, er mag nun
ein genialer Eroberer sein, oder ein geistloser Heimischer von Gottes Gnaden.
    Und als er nun, nachdem der Eroberer an den Felsen von Helena gekettet war,
sah, da die Helden so vieler Schlachten das alte gewohnte Joch wieder auf die
geduldigen Nacken nahmen; als er sah, da der ganze stolze Freiheitsstrom sich
klglich im Sande angestammter Unterthanentreue verlief, da zerbrach er seinen
Degen, den er glorreich durch zwanzig Schlachten getragen, und fluchte den
Herren und fluchte den Sklaven, und sagte, da nun wieder, wie vor dem Kriege,
die Erde seine Heimath sei, denn ein freigeborner Mensch knne in einem
sklavischen Jahrhundert keine andere Heimath haben.
    Ich wei es wohl; es war viel Ungesundes, Ueberspanntes in diesem
Raisonnement; aber es war doch auch ein gesunder Kern darin. Die Folge hat es
bewiesen; die unglaublich nchterne, geistes- und thatenarme, ideenlose, durch
und durch epigonenhafte Zeit, in der wir leben - sie hat seine Ahnung, seine
Prophezeiung vollauf besttigt.
    Und wieder irrte er, ein heimathloser Abenteurer, durch die Lnder, nur mit
dem Unterschiede, da er vorher in bermthiger Kraft mit den Menschen gespielt
hatte, die er jetzt kaltbltig ausbeutete, weil er sie verachtete. Ich habe mir
mit meinem Blute den Ablazettel kaufen wollen fr meine Vergangenheit; der
Zettel ist zurckgewiesen, was gilt mir jetzt die Gegenwart oder die Zukunft?
Wie oft habe ich an das Wort, das er mir in der Scheidestunde zurief, denken
mssen! Es ist mir immer der Schlssel zu diesem rthselhaften Charakter
gewesen.
    Und wieder hrte ich lange, lange nichts von ihm. Der Vater war gestorben;
das Gut war in Sequester; mein zweiter Bruder Arthur, den die Tante um seine
Erwartungen betrogen hatte, mhte sich im undankbaren Staatsdienst ab; ich, der
ich es mit der Wiedergeburt meines Volkes herzlich ernst meinte, und erkannt zu
haben glaubte, da man das Werk von vorn, das heit von unten auf anfangen
msse, hatte mir durch meinen Gnner Altenberg diese Stelle zu verschaffen
gewut und sa schon seit Jahren, ein Krppel, hier, noch immer an dem ABC
meines Metiers buchstabirend; Malte galt als verschollen. Da tauchte er
pltzlich wieder auf, noch dazu in Gesellschaft einer Frau, die dem Abenteurer,
nachdem sie lngere Zeit in der Fremde umhergeschweift, endlich auch in seine
Heimath gefolgt war. Er erklrte seine Absicht, das vterliche Gut zu
bernehmen; von meiner Seite wurde ihm jeder Vorschub geleistet, Arthur lie
sich mit einer Summe abfinden, von der er nebenbei jetzt bestreitet, da sie ihm
jemals ausgezahlt worden. Die Glubiger waren froh, nur irgend etwas zu
bekommen, und Einer von ihnen wenigstens trstete sich mit der Hoffnung - die
ihm auch nicht fehlgeschlagen ist - da aufgeschoben nicht aufgehoben und ihm
das Stammgut der Zehren unter dem neuen Herrn nicht weniger gewi sei, als unter
dem alten.
    Wir hatten uns bei seiner Zurckkunft nicht gesehen; ich konnte damals
gerade nicht wohl von hier fort; er seinerseits trug kein Verlangen, die alte
Freundschaft zu erneuern. Als wir uns getrennt hatten, war ich im Begriffe
gewesen, eine Verbindung einzugehen, in welcher der Erstgeborne eines uralten
Geschlechtes die strflichste Mesalliance sah; jetzt bekleidete ich ein Amt; und
ein Amt bekleiden, noch dazu ein Amt der Art, hie fr ihn, sich wegwerfen, das
angeborne Recht der Ritter vom Hammer mit Fen treten, sich zum gemeinen Ambo
machen. Da ich noch dazu die Abfindungssumme, die er mir angeboten, zurckwies,
hatte ihn auf das empfindlichste beleidigt. In seinen Augen hatte ich damit dem
Erstgebornen, dem Chef der Familie, den Gehorsam, die Vasallenschaft gekndigt.
Er konnte es mir nicht verzeihen, da ich seiner nicht mehr bedurfte; da ich
keine Schulden hatte, die zu bezahlen er sich selbst in Schulden strzen mute;
da ich mit Einem Worte nicht war wie mein Bruder Arthur, welcher ihm in diesem
Punkte viel willfhriger, ich frchte, nur zu willfhrig gewesen ist.
    Auf der andern Seite mute, was ich von ihm hrte - und er sorgte dafr, die
Zungen der Menschen ber ihn nicht zur Ruhe kommen zu lassen - mich in der
traurigen Gewiheit bestrken, da zwischen ihm und mir eine Kluft entstanden
war, ber welche selbst die innige Liebe, die ich noch immer fr ihn hatte,
nicht hinberreichte. Ich hrte von dem wsten Leben, das er in Gesellschaft des
durch den Krieg verarmten Adels seiner Nachbarschaft fhrte, von den Trink- und
Spielgelagen, von tollen Streichen, deren Anstifter er sei. Auch damals schon
ging ein dunkles Gercht, da er es sich zum Geschfte mache, den whrend der
Kriegsjahre in jener Gegend zur hchsten Blthe gediehenen, damals von der
Regierung begnstigten, jetzt freilich auf das schrfste verfolgten
Schmuggelhandel auf jede Weise zu untersttzen. Die schlimmste Nachrede freilich
bereitete ihm das traurige Verhltni, in welchem er mit der unglcklichen Frau
lebte, die er aus ihrer Heimath entfhrt hatte. Er sollte sie mihandeln, er
sollte sie in einem Keller eingesperrt halten; es sei unbegreiflich, da sich
die Behrden nicht in's Mittel legten.
    Ich konnte dieses Gerede nicht ertragen, von dem ich brigens kein Wort
glaubte - denn die Anschuldigungen standen in zu grellem Widerspruche mit dem im
Grunde so groen, so edelmthigen Charakter meines Bruders. Dennoch hielt mich
eine leicht erklrliche Scheu ab, mich in diese Angelegenheit zu mischen, als
ein Brief, den ich erhielt, meiner Unentschlossenheit ein Ende machte. Der Brief
war in einem schlechten Franzsisch geschrieben, und gleich die ersten Worte
belehrten mich, da die Unglckliche, die ihn geschrieben, wahnsinnig sein
msse. Ich hre, Sie wissen, wo der Weg nach Spanien geht, begann der Brief,
und mit den Worten: Ich beschwre Sie, mir zu sagen, wo der Weg nach Spanien
geht, schlo er. Ich reiste noch in derselben Stunde ab und sah nach langen
Jahren mein Vaterhaus und meinen Bruder wieder. Es war ein trauriges
Wiedersehen.
    Mein Vaterhaus eine Ruine, mein Bruder ein Schatten - nein - schlimmer! ein
Zerrbild von dem, was er gewesen! Ach, lieber Freund! Die Hammer-Theorie hatte
sich grausam gegen ihren eifrigsten Bekenner erwiesen. Wie hatte der plumpe
Ambo den feinen Hammer gehmmert; wie unedel war er in der gemeinen Welt, die
er so tief verachtete, geworden! Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, lt
Gthe den Geist der Lge sagen, so hab' ich Dich schon unbedingt. Und ich
sage: Verachte nur die Menschen, und Du sollst sehen, wie schnell Du den
Anderen, ja Dir selbst verchtlich wirst.
    Ich sagte ihm, weshalb ich gekommen; er fhrte mich schweigend in den Park,
deutete auf eine Frau, die dort in einem phantastischen Anzuge, Blumen und
Unkraut in den glnzend schwarzen, halb aufgelsten Haaren, in den Hnden eine
Guitarre, von der die Hlfte der Saiten zerrissen herabhing, die schwarzen Augen
bald verzckt zum Himmel erhebend, bald verzweiflungsvoll zur Erde senkend,
unter den Bumen, zwischen den Bschen umherirrte.
    Du siehst, es ist eine Lge, da ich sie eingeschlossen halte, sagte er.
Mancher Andere wrde es thun. Es ist nicht eben angenehm, den Leuten ein
solches Schauspiel geben zu mssen.
    So bring' sie in ihre Heimath zurck, sagte ich.
    Versuche es, erwiederte er, sie wrde aus dem Wagen springen, sie wrde
sich vom Schiff in's Meer strzen. Und brchtest Du sie gefesselt, mit Gewalt
dahin, was wrde ihr Loos sein? Man wrde sie in den Kerker eines Klosters
werfen und ihr mit Hunger und Schlgen den Teufel austreiben, der sie verfhrte,
ihr Herz an einen Ketzer zu hngen. Wenn ich sie auch nicht mehr liebe - so habe
ich sie doch einst geliebt, oder sie ist wenigstens mein gewesen; keines Pfaffen
schnde Hand soll berhren, was einst mein gewesen.
    Ich sagte ihm, wie schrecklich es sei, ihn so von seiner Gattin, der Mutter
seines Kindes sprechen zu hren.
    Wer sagt, da sie meine Gattin ist? erwiederte er.
    Ich blickte ihn verwundert und erschrocken an, er zuckte die Achseln.
    Das ist nun auch wieder nichts fr Deine verbrgerte Tugend, sagte er.
Ich wrde sie zur Frau von Zehren gemacht haben, trotzdem ihr Vater ein Hidalgo
von sehr zweifelhaftem Stammbaum ist, wre das Kind ein Knabe gewesen. Was soll
mir das Mdchen? Sie kann unser Geschlecht nicht fortpflanzen; so mag es denn
mit mir zu Grunde gehen.
    Es war ihm gleichgltig, ob oder wie sehr ich mich durch diese Rede
beleidigt fhlte, er hatte mich gar nicht beleidigen wollen; er betrachtete
einen Gefngni-Director, der eines armen Malers Tochter zur Gattin hatte,
wirklich nicht als einen Zehren.
    Ich bat ihn, mir das Kind zu geben, wenn es ihm doch so nichts sei; ich
wolle es mit meiner Paula, die eben damals geboren war, erziehen lassen; so
msse es moralisch und physisch untergehen, und es komme vielleicht doch die
Zeit, wo er sich nach einem Kinde, gleichviel ob Knabe oder Tochter, ob legitim
oder illegitim, sehne.
    Dann wre auch meine letzte Stunde gekommen, antwortete er, sich mit
Achselzucken von mir wendend.
    Was sollte ich unter diesen Umstnden thun? Ich war nicht da, mit meinem
Bruder zu jagen, oder ihn zu seinen Zechgelagen oder an den Spieltisch zu
begleiten, wozu er mich mit ironischer Hflichkeit aufforderte. Ich sprach mit
der armen Wahnsinnigen, die mich nicht verstand und keine Ahnung mehr davon
hatte, da sie an mich, wie an unzhlige Andere auch, deren Namen sie zufllig
erfahren, geschrieben; ich kte das bildschne Kind; schttelte dem alten
Christian, der immer sehr an mir gehangen hatte und der Einzige war, der sich
meiner erinnerte, die Hand und bat ihn, ber das arme verlassene Geschpf zu
wachen; strich noch einmal durch den Park und grte die Pltze meiner
Kinderspiele, sah noch einmal die Sonne untergehen ber dem Hause, wo meine
Wiege gestanden - und ging trauernd von dannen. So mte dem Baume zu Muthe
sein, der mit allen seinen Wurzeln aus der heimischen Erde gerissen ist. Aber
dem Himmel sei Dank, da der Mensch, den man aus seiner Heimath getrieben, sich
eine neue erwerben kann, da, wenn die Pforte des Paradieses unserer Kindheit
hinter uns abgeschlossen wird, sich vor uns eine andere Welt aufthut, die wir
freilich im Schweie unseres Angesichts erringen und erarbeiten mssen, die aber
deshalb auch wahr und wahrhaftig die unsere ist.

                          Neunundzwanzigstes Capitel.


Es war gewi nicht in der Absicht, mich anzufeuern - denn es bedurfte dessen
jetzt nicht mehr - wenn mein Lehrer in diesen Gesprchen immer wieder darauf
zurckkam, da die freie, die selbstgewollte, von der Liebe geweihte Arbeit
Aller fr Alle der Schlu der Weisheit, die eigentliche Bestimmung, das hchste
Gut des Menschen sei. Es war eben das letzte Resultat seiner praktischen
Philosophie, auf das mit Nothwendigkeit seine Betrachtungen hinausliefen,
mochten sie nun das Schicksal des Individuums oder der Gesammtheit zum
Gegenstand haben. Und da diese Gesprche fast immer in den Ruhepausen zwischen
der Arbeit gefhrt wurden, von der wir kamen, um wieder zu ihr zurckzukehren,
mochten sie als sinnige Arabesken fr das ernste und - wie ich jetzt daran denke
- rhrende Bild gelten, welches der rastlose, gedankenvolle Meister und der
fleiige, lernbegierige Schler in ihrer gemeinschaftlichen Thtigkeit darboten.
    Diese Thtigkeit war eine streng geregelte. Der Zufall wollte, da whrend
meiner Reconvalescenz ein alter Bureauschreiber, der schon lange gekrnkelt
hatte, gestorben war. Da es als ein von dem Director streng durchgefhrter
Grundsatz galt, da alle Arbeiten, die mit den in der Anstalt vorhandenen
Krften geleistet werden konnten, auch wirklich von denselben gethan wrden,
hatte er es trotz des Widerspruches des Prsidenten von Krossow durch
Immediat-Eingabe bei dem Knige, die sein Freund, der Minister von Altenberg,
befrwortet hatte, durchgesetzt, da kein Bureauschreiber wieder angestellt,
sondern dessen Arbeit, als eine besondere Vergnstigung mir bertragen wurde,
wie mir denn auch gewisse, auf den Mastab der brigen Gefangenarbeit reducirte
Emolumente dafr zuflieen sollten. Herr Diaconus von Krossow hatte mir zu
meiner Befrderung mit sauerser Miene gratulirt, aber Doctor Snellius hatte
laut gekrht vor Freude und in der Familie war das groe Ereigni als ein Fest
gefeiert worden. Mir selbst war durch dies Arrangement ein schwerer Stein vom
Herzen gefallen. Ich brauchte nun nicht mehr zu frchten, da dem edlen Manne,
der schon so viel fr mich gethan, aus seiner Gte zu mir sehr ernste
Ungelegenheiten erwachsen wrden. Hatte man doch schon in dem Kreise des
Prsidenten von Disciplinar-Untersuchung, Amtsentsetzung, mindestens
Pensionirung gesprochen! Nun, da mein Verhltni zu ihm einen officiellen
Charakter angenommen hatte, war die Sache beseitigt, und ich konnte leichten
Herzens durch das offene Fenster, an welchem mein Arbeitstisch stand, in den
lauschigen Garten blicken, wo ber den Blumen eifrige Bienen summten, in den
hohen Bumen die Vglein zwitscherten und sangen, und zwischen den Blumen unter
den Bumen Frau von Zehren an dem Arme der Tochter ihre Morgen-Promenade machte,
oder des Nachmittags nach der Schule die Knaben spielten oder an ihren Beeten
arbeiteten.
    Denn Jeder, auch Oskar hatte sein Beet, das er in Ordnung halten mute, und
mir war es eine immer neue Freude, die kleinen Mnner mit ihren Giekannen und
brigen Arbeitswerkzeugen zu sehen, die sie mit der Gewandtheit gelernter
Grtner handhabten. Und doch war die Freude, die ich bei dem reizenden Anblick
hatte, nicht ohne einen Beigeschmack von Wehmuth. Ich mute dabei immer an meine
eigene Jugend denken, und wie freudlos und fruchtlos sie im Vergleiche mit
dieser hier war, die sich in reicher Schnheit vor mir entfaltete. Wer hatte
mich gelehrt, meine jung-frischen Krfte so ntzlich zu verwenden? wer, in meine
Spiele selbst einen Sinn zu bringen? Ach: ich htte mich von den Brosamen nhren
knnen, die von diesem reichen Tische fielen! Hatte ich doch meine Mutter kaum
gekannt, und der tiefe, schwermthige Sinn meines von Natur ernsten und durch
den Verlust einer sehr geliebten Gattin noch mehr verdsterten Vaters war dem
lebhaften, bermthigen Knaben immer unbegreiflich und frchterlich gewesen. Wie
sehr, wie innig er mein Bestes gewollt hat, wie er nach seinem besten Wissen und
Gewissen bemht gewesen ist, mir ein guter Vater zu sein - ich ahnte es damals
schon und habe es spter wohl begriffen - aber er hatte die schwere Moseszunge,
mein braver Vater, und da war kein geflliger Aaron, der mir den Sinn seiner
strengen Gesetze gedeutet htte. Meine beiden Geschwister waren bedeutend lter
gewesen als ich. Ich war acht Jahre, als mein Bruder Fritz mit sechzehn Jahren
zur See ging, und zehn Jahre, als meine Schwester mit zwanzig Jahren heirathete.
Mein Bruder war ein leichtes, frisches Blut gewesen und hatte sich um mich so
wenig gekmmert, wie um irgend wen oder irgend etwas auf der Welt; meine
Schwester hatte den strengen Sinn des Vaters gehabt, aber ohne dessen
Innerlichkeit. Sie hatte mich, an dem sie Mutterstelle zu vertreten berufen war,
immer mit pedantischer Strenge, oft mit peinlicher Grausamkeit behandelt; ich
war vor ihr zu der alten Magd geflohen, mit der sie stets in Unfrieden lebte,
und die mir zum Lohne fr meine Anhnglichkeit Ruber- und Gespenstergeschichten
erzhlte; und als Sarah heirathete und mir mit einer Schluermahnung einen
Abschiedsku geben wollte, hatte ich ihr in Gegenwart meines Vaters, ihres
Gatten und der ganzen Hochzeitsgesellschaft gesagt, da ich weder ihre Lehren,
noch ihren Ku wolle, und da ich froh sei, in Zukunft nichts mehr von ihr zu
sehen und zu hren. Man hatte mir das als einen Beweis grauenhafter
Undankbarkeit ausgelegt, und der Justizrath Heckepfennig, der auch zugegen war,
hatte bei dieser Gelegenheit zum erstenmale seine wohlerwogene, durch die
sptere Erfahrung, wie es schien, nur zu sehr bewahrheitete Ueberzeugung
ausgesprochen, da ich in meinen Schuhen sterben werde.
    Nein, es konnte mir Niemand verargen, wenn mir, whrend ich durch das
Fenster meinen kleinen Freunden zuschaute, der Wunsch kam: wrest Du doch auch
so glcklich gewesen; httest Du auch einen so guten und zugleich so weisen
Vater, eine so sanfte, herzige Mutter, httest Du so muntere Spiel- und
Arbeitsgenossen und httest Du vor Allem eine solche Schwester gehabt!
    Eine solche Schwester!
    Im Anfange hatte sie mich immer an irgend ein Mrchen erinnert - ich konnte
mich aber nicht darauf besinnen, an welches. Sneewittchen war es nicht, denn
Sneewittchen war tausendmal schner gewesen als die schnste Knigin, und Paula
war nicht eigentlich schn; Rothkppchen konnte es auch nicht sein, denn
Rothkppchen war, wenn man es recht betrachtete, nur ein kleines, dummes Ding,
das seine gute, alte Gromutter nicht von einem bsen Wolf unterscheiden konnte,
und Paula war gro und schlank und war so klug! Aschenbrdel? Paula war so
sauber, da die Asche nicht htte an ihr haften knnen, und hatte keine Tauben
zur Verfgung, die ihr Erbsen lesen halfen - im Gegentheil! sie mute Alles
selbst thun, und that Alles selbst. Ich konnte es nicht herausbekommen und
meinte endlich, es knne keine bestimmte Gestalt sein, an die sie mich erinnere;
im Gegentheil! sie war wie der guten Feen eine, die man nicht kommen und nicht
gehen sieht, und von denen man nur aus dem Geschenke, das sie zurckgelassen,
wei, da sie dagewesen; oder, wie die lieben Geisterchen, die, whrend die
Mgde schlafen, die Stuben subern und Kche, Boden und Keller; und wenn die
Verschlafenen die Augen reiben, sehen sie, da schon Alles gethan ist und
besser, viel besser, als sie es htten thun knnen.
    Ja, sie mute eine Fee sein, die aus einem Ueberma von Gte gegen ihre
Schtzlinge auch noch die Gestalt eines schlanken, blauugigen, blonden Mdchens
angenommen hatte! Wie wre es sonst mglich gewesen, da sie vom frhen Morgen
bis in den spten Abend immer thtig war und niemals ermdet schien; da sie
berall war, wo man ihrer bedurfte, da sie fr Jeden ein williges Ohr hatte und
da nie der Schatten einer blen Laune ihr liebes Angesicht streifte, geschweige
denn ein bses Wort aus ihrem Munde kam. Zwar ernst sah sie wohl aus und sie
sprach auch fr gewhnlich nicht mehr, als eben nthig war, aber ihr Ernst hatte
nichts Schwerflliges, und ein oder zweimal hatte ich sie auch plaudern hren
mit halblauter, anmuthiger Stimme, so wie sie Feen haben mgen, wenn sie mit
Menschenzungen reden.
    Ich theilte meinem Freunde, dem Doctor Snellius, meine Entdeckung mit.
    Bleiben Sie mir mit solchem Unsinn vom Leibe, rief er. Fee! dummes Zeug.
Es ist immer der Lessing'sche eiserne Topf, der durchaus mit einer Zange von
Silber aus dem Feuer gezogen sein will. Was thut sie denn Auerordentliches? Sie
ist die Beschlieerin des Hauses, die Lehrerin der jngeren Geschwister, die
Freundin des Vaters, die Trsterin der Mutter, die Krankenwrterin Beider. Das
Alles sind alle guten Mdchen; dabei ist gar nichts Auergewhnliches; ist nur
eben in der Ordnung. Aber so ein phantastischer Kopf von zwanzig kann natrlich
die Dinge und die Menschen beileibe nicht so sehen, wie sie sind. Heirathen Sie
sie! Das ist das beste Mittel, zu erfahren, da die Engel mit den lngsten,
azurfarbenen Flgel immer noch - Frauen bleiben.
    Ich fuhr mir mit der Hand ber mein Haar, das jetzt in anerkennenswerther
Weise seine frhere Flle wieder anstrebte, und sagte nachdenklich: Ich Paula
heirathen? Nie! Ich wei nicht, wie der Mann sein mte, der werth wre, sie zu
heirathen; das aber wei ich, da ich es nicht bin. Was bin ich?
    Vorlufig sind Sie zu sieben Jahren Gefngni, in dem Zuchthause von S.
abzusitzen, verurtheilt und haben also jedenfalls noch ebenso lange Zeit, sich
zu berlegen, was Sie sein werden, wenn Sie herauskommen. Hoffentlich werden Sie
dann ein tchtiger Mann sein, und ich wte nicht, welches Mdchen, ja auch
welcher Seraph fr einen tchtigen Mann zu gut wre.
    Ich habe noch einen anderen Grund, Doctor, weshalb ich sie auch dann nicht
heirathen kann.
    Und der wre?
    Weil Sie sie bis dahin schon lngst werden geheirathet haben.
    Sie grinsendes, zhnefletschendes Mammuth! Denken Sie, da ein Mdchen wie
die eine apoplektische Billardkugel heirathen wird!
    Ob der gute Doctor sich ber den Widerspruch rgerte, welchen er sich zu
Schulden kommen lie, indem er so weit von sich wies, was er mir nur eben noch
so nahegelegt, oder welchen Grund es hatte - aber das Blut stieg ihm in seinen
kahlen Kopf, da er wirklich jenem merkwrdigen, von ihm citirten Gegenstande
auffallend hnlich sah, und dabei krhte er so ausnehmend hoch, da er nicht
einmal versuchte, sich herabzustimmen.
    Die Rede des Doctors ging mir ein paar Tage durch den Sinn: es leuchtete dem
Zwanzigjhrigen sehr ein, da ein tchtiger Mann fr jedes Mdchen gut genug
sei, und also nach dieser Seite hin kein Grund vorliege, weshalb ich nicht Paula
frher oder spter heirathen sollte. Dann aber, ich wute selbst nicht wie,
gewann die alte Ansicht doch wieder die Oberhand, und wenn ich sie mit ihrer
himmlischen Geduld schalten und walten sah, sagte ich mir: Es ist nicht wahr,
da alle Mdchen, selbst nicht einmal die sogenannten guten, sind wie Paula; und
es ist eine ganz alberne Behauptung von dem Doctor, da ich jemals ihrer werth
sein knnte!
    Die klarere Luft, die prchtigen Sonnenuntergnge, drre Bltter, die hie
und da von den Bumen wehten, verkndeten das abermalige Nahen des Herbstes. Es
war die Zeit, die ich vor einem Jahre auf Schlo Zehrendorf verlebt hatte; es
waren dieselben Zeichen der Natur, die ich damals so aufmerksam beobachtet
hatte, und sie erweckten in meiner Seele eine Flle von Erinnerungen. Ich hatte
diese Erinnerungen tief begraben geglaubt und fand jetzt, da sich nur eine
dnne Decke darber gebreitet, die jedes leise Wehen des schwermthigen
Herbstwindes zu lften im Stande war. Ja, manchmal schien es mir fast, als ob
die Wunden, die mir vor Jahresfrist geschlagen, wieder aufbrechen wollten. Ich
durchlebte noch einmal ganz jene Zeit, aber es war, wie wenn man sich wachend,
bei hellem Bewutsein, einen sehr lebhaften Traum vergegenwrtigt. Was uns im
Traume bei der partiellen Thtigkeit unserer Seelenkrfte, sehr natrlich, sehr
logisch erschien, sehen wir nun als wunderliches Phantasma, und was uns dort als
unbegreiflich ngstigte, wissen wir jetzt zu deuten, weil wir die Stellen,
welche die springende Traumphantasie leer gelassen, auszufllen im Stande sind.
Ich brauchte ja nur meine damalige Lage auf die jetzige zu zeichnen und das
traumhafte Zerrbild war fertig. Damals hatte ich mich frei gewhnt und war in
der That so eingesponnen gewesen in die traurigsten, widerwrtigsten
Verhltnisse wie eine Fliege in das Netz der Spinne; jetzt schlief ich
allnchtlich hinter eisernen Gittern und fhlte mich innerlich so beruhigt und
sicher, wie wenn man vom schwankenden Kahn den Fu auf das feste Land gesetzt
hat. Damals glaubte ich meine eigentlichste Bestimmung erreicht zu haben und sah
jetzt, da jenes Leben nur eine Fortsetzung und gewissermaen eine letzte
Consequenz des plan- und ziellosen Jugendtreibens gewesen war. Und in welchem
Lichte erschienen mir die Menschen, an deren Schicksal ich damals einen so
leidenschaftlichen Antheil genommen, wenn ich sie mit denen verglich, die ich
jetzt so herzlich lieben gelernt hatte: wenn ich den Wilden verglich mit
seinem milden, weisen Bruder? Und da ich nun einmal im Vergleichen war, so mute
es sich auch der riesenhafte, schwerfllige, verschlafene Hans von Trantow - wo
war er jetzt der gute Hans, wenn er nicht todt war? - der Hans mute sich
gefallen lassen, neben den kleinen, beweglichen, geistvollen Doctor Snellius
gestellt zu werden; selbst der alte verkommene Christian mute neben den
strammen Wachtmeister Smilch treten. Aber am allerlebhaftesten drngte sich
mir doch der Vergleich auf zwischen der schnen, phantastischen Konstanze und
Paula's schlichtem, keuschen Wesen.
    War doch ein grerer Gegensatz kaum denkbar! Vielleicht rief gerade deshalb
das Bild der Einen immer das der Andern hervor. Und dabei war ein sonderbarer
Umstand: ich empfand vor Paula, trotzdem sie so jung war, da sie fast noch
jenem Alter angehrte, fr welches unsere heutige Jugend, wenn ich recht
verstanden, einen Namen aus dem Kochbuche entlehnt hat, eine grere Ehrfurcht,
als ich je vor der um mehrere Jahre lteren, so sehr viel schneren Konstanze
empfunden. Zwar auch dieser gegenber hatte ich eine Scheu zu berwinden gehabt;
aber diese Scheu war ganz anderer Art gewesen, und schlielich hatte ich sie
doch berwunden, und ich war, als ich den letzten Morgen das Schlo verlie,
entschlossen gewesen, sie zu heirathen - trotz meiner neunzehn Jahre! Und was
mich nicht minder berraschte: ich konnte Konstanze, die mich so schnde
verrathen, die ich zu hassen glaubte, jetzt nicht gedenken, ohne den Wunsch zu
empfinden, ich mchte sie wiedersehen und ihr sagen knnen, wie sehr ich sie
geliebt und wie tief sie mich gekrnkt habe. Wo war sie jetzt? Sie hatte zuletzt
aus Paris geschrieben.
    War sie noch da und wie lebte sie? Da sie von ihrem Geliebten verlassen
sei, wute ich bereits; ich hatte, als ich es zuerst erfuhr, laut gelacht. Jetzt
lachte ich nicht mehr; ich dachte nicht ohne Gefhl tiefsten Mitleids an sie,
die man so ungeheuer beleidigt hatte, die vielleicht, ja wohl gewi, nun
schutzlos, heimathlos durch die Welt irrte, eine Abenteurerin, wie ihr Vater ein
Abenteurer gewesen war. Und doch konnte es ihr im gewhnlichen Sinne des Wortes
nicht schlecht gehen; sie hatte ja mit Stolz und Verachtung jeden Anspruch auf
die Erbschaft ihres Vaters zurckgewiesen. Wute sie jetzt, da ihr Vater es
verschmht hatte, ihre Mutter zu seiner Gattin zu erheben? Hatte sie es immer,
hatte sie es schon damals gewut? Und, wenn sie es gewut, reichte dieser
Umstand nicht hin, das feindliche Verhltni, in welchem sie zu ihrem Vater
gestanden, zu erklren? Konnte sie den Mann lieben, der ihre Mutter so
grenzenlos unglcklich gemacht? der ihr nie im guten Sinne Vater gewesen war,
der, wenn man der Aussage seiner Spielgesellen glauben wollte, ihre Schnheit
nur als Lockspeise bentzt hatte fr die dummen Fische, die sich in seinen
Netzen fangen sollten? Konnte man mit ihr, der von solchen Eltern Abstammenden,
in der Einsamkeit, in solcher Umgebung Aufgewachsenen, den plumpen
Zudringlichkeiten, den frechen Schmeicheleien roher Krautjunker vom zarten Alter
an Ausgelieferten - konnte man mit ihr so streng in's Gericht gehen, wenn sie
Pflichten verletzt hatte, deren Heiligkeit sie nie begriffen? wenn sie das Opfer
eines Wstlings geworden war, der mit all den Lockungen des Reichthums, des
hohen Ranges, mit dem ganzen Zauber der Jugend vor sie trat? Unglckliche
Konstanze! Dein Lied von dem Schlimmen, dem Einen, an den Du die Seele, die
arme, verloren - es war grausam prophetisch - der Eine war schlimm, sehr schlimm
gegen Dich gewesen! Und der Andere! Er hatte die Drachen tdten sollen, die auf
Deinen Wegen lauerten! Dein treuer Georg, Dein wackerer Knappe! Du hattest seine
Dienste verschmht, und es war auch wohl nur zu gerechtfertigt gewesen das
Mitrauen, das Du in die Kraft und Klugheit des Knappen setztest, der sich Dir
geweiht. Wrde er Dich je wiedersehen?
    Ich wute, da sie abgelehnt, sich an der bevorstehenden Familien-Conferenz
zu betheiligen. Dennoch, je nher der Termin heranrckte, desto fter kam mir
der Gedanke, sie knnte sich doch, unberechenbar wie sie war, eines Anderen
besinnen und pltzlich vor mir stehen, gerade so, wie mein Freund Arthur eines
Abends, als ich mit Paula vom Belvedere zurckkam, im ganzen Glanze seiner neuen
Fhnrichs-Uniform vor mir stand.

                              Dreiigstes Capitel.


Der Tag war regnerisch und unfreundlich gewesen und meine Stimmung trb wie der
Tag. Der Director hatte am Morgen einen Anfall von Blutsturz gehabt; ich war zum
erstenmale allein in dem Bureau und hatte oft von der Arbeit nach dem Platze
hinbergesehen, der heute leer war, und dann wieder aufgehorcht, wenn ein
leichter, schneller Schritt auf dem Gange vorberkam von dem Zimmer, wo der
Director lag, nach dem Kinderschlafzimmer, an das den kleinen Oscar schon seit
einer Woche ich wei nicht mehr welche Krankheit fesselte. Immer hatte ich
gehofft, der leichte, schnelle Schritt wrde an meiner Thr stehen bleiben; aber
die Fee hatte heute gar viel zu schaffen - und so mochte sie mich denn wohl
vergessen haben.
    Aber sie hatte mich nicht vergessen.
    Es war gegen Abend; ich hatte, da ich nichts mehr sehen konnte, meine Sachen
zusammengepackt und hing noch auf dem Drehstuhl, den Kopf in die Hand gesttzt,
als es leise an die Thr pochte. Ich ging und ffnete - es war Paula.
    Sie sind den ganzen Tag nicht aus dem Zimmer gekommen, sagte sie, der
Regen hat nachgelassen; ich habe eine halbe Stunde Zeit; wollen wir ein wenig in
den Garten?
    Wie geht es?
    Besser, viel besser!
    Sie sagte es, aber es klang nicht sehr trostverheiend; auch war sie
auffallend still, als wir neben einander den Weg hinauf nach dem Belvedere
schritten, und ich, so gut ich konnte, meine Sorge hinter muthigen Worten
versteckte. Der Kleine sei ja auer aller Gefahr, und es sei ja nicht das
erstemal, da der Director einen solchen Anfall gehabt habe, von dem er sich
immer bald wieder erholte. Das sei auch Doctor Snellius' Ansicht.
    Paula hatte, whrend ich so sprach, nicht einmal zu mir aufgeblickt, und als
wir jetzt das Gartenhuschen erreichten, trat sie sehr schnell hinein. Ich war
drauen stehen geblieben, um nach den Abendwolken zu sehen, die eben bei
Sonnenuntergang in wunderbar prchtigen Farben erglhten. Ich rief Paula zu,
sich das herrliche Schauspiel nicht entgehen zu lassen; sie antwortete nicht;
ich trat in die Thr; sie sa an dem Tisch, das Gesicht in die flachen Hnde
gedrckt und weinte.
    Paula, liebe Paula, sagte ich.
    Sie hob den Kopf und versuchte zu lcheln, aber es gelang ihr nicht; sie
drckte das Gesicht wieder in die Hnde und weinte laut, wie sie zuvor leise
geweint hatte.
    Ich hatte sie noch nie so gesehen, und gerade deshalb erschtterte mich der
ungewohnte, unerwartete Anblick umsomehr. In meiner tiefen Erregung wagte ich
zum erstenmal, ihr Haupt zu berhren, indem ich meine Hand ber ihr blondes Haar
gleiten lie und zu ihr sprach, wie man zu einem Kinde spricht, das man trsten
will. Und was war denn das fnfzehnjhrige Mdchen im Vergleiche zu mir, der ich
jetzt wieder in der Flle meiner wiedergewonnenen Kraft neben ihr stand, als ein
hilfloses Kind?
    Sie sind so gut, schluchzte sie, so gut! Ich wei nicht, weshalb ich
gerade heute Alles in einem so trben Lichte sehe. Vielleicht ist es, da ich es
so lange still getragen habe; vielleicht ist es auch nur der graue Tag - aber
ich kann mich heute nicht vor dem schrecklichen Gedanken retten. Und was soll
dann aus der Mutter, was soll aus unseren Buben werden?
    Sie schttelte traurig das Haupt und blickte mit von Thrnen verschleierten
Augen gerade vor sich hin.
    Es hatte wieder angefangen zu regnen, die strahlenden Farben auf den
schweren Wolken hatten sich in schmutziges Grau verwandelt; der Abendwind sauste
in den Bumen und die drren Bltter wirbelten in der Luft. Mir wurde unsglich
traurig zu Muthe - traurig und ingrimmig. War ich doch schon wieder einmal in
der elendesten aller Situationen; der Noth geliebter Menschen ohnmchtig zusehen
zu mssen! Mag sein, da Konstanze, da ihr Vater das Mitleid, das ich um sie
gefhlt, nicht verdient hatten; aber den Schmerz, das Leid um sie hatte ich doch
empfunden; und diese Menschen - das wute ich - sie verdienten, da man ihnen
jeden Blutstropfen weihte. Ach ich hatte wieder nichts als mein Blut, das ich
hingeben konnte! Sein Blut hingeben! es ist vielleicht das hchste und gewi das
letzte Opfer, das ein Mensch dem andern bringen kann; aber wie unzhligemale ist
dem Andern nicht damit gedient; wie oft ist es eine Mnze, die keinen Cours hat
auf dem Markte des Lebens! Eine Hand voll Thaler wrde Rettung bringen, ein
Stck Brod, eine wollene Decke - ein Nichts - nur da wir mit all' unserem Blute
gerade dies Nichts nicht herbeischaffen knnen.
    Und wie ich, in die Thr des Gartenhuschens gelehnt, bald auf das liebe,
weinende Mdchen, bald in die tropfenden Bume blickend, das Herz voll Wemuth
und Zorn, dastand, schwur ich mir, da ich trotz alledem mich dereinst noch zu
einer Stellung aufschwingen wolle, wo ich, auer dem guten Willen, auch die
Macht habe, denen, die ich liebte, zu helfen.
    Wie oft habe ich in meinem spteren Leben dieses Augenblickes denken mssen!
Was ich mir schwur - es schien so unmglich; was ich erreichen wollte - es lag
in so weiter Ferne - und doch, da ich heute stehe, wo ich stehe - ich danke es
zum grten Theile der Ueberzeugung, die in jenem Momente in meiner Seele
aufglhte. So sieht der Schiffbrchige, auf leckem Kahn mit den Wogen ringend,
nur auf einen Moment die rettende Kste; aber der Moment gengt, um ihm die
Richtung zu zeigen, nach der er steuern mu, dem Verderben zu entrinnen.
    Lassen Sie uns wieder hineingehen, sagte Paula.
    Wir gingen neben einander den Weg vom Belvedere zurck. Mir war das Herz so
voll, da ich nicht sprechen konnte; auch Paula war stumm. Ein Baumzweig hing in
den Weg, so tief, da er Paula's Kopf gestreift haben wrde; ich drckte ihn in
die Hhe und er schttelte seine Tropfen in einem Gu auf sie herab. Sie stie
einen leisen Schrei aus und lachte, als sie mich ber meine Ungeschicklichkeit
verlegen dastehen sah.
    Das war erquicklich, sagte sie.
    Es klang, als dankte sie mir, trotzdem ich sie wirklich erschreckt hatte.
Ich mute die Hand des lieben Mdchens ergreifen.
    Wie Sie gut sind, Paula! sagte ich.
    Und wie Sie schlecht sind, erwiederte sie, mit holdseligem Lcheln zu mir
aufblickend.
    Guten Abend! sagte eine helle Stimme in unserer unmittelbaren Nhe.
    Aus dem Heckengange, der rechtwinkelig auf den Weg stie, war er
hervorgetreten und stand jetzt vor uns in dem bunten Rocke, nach welchem er sich
schon jahrelang gesehnt, die Linke auf den Degengriff, drei Finger der
weibehandschuhten Rechten mit einer koketten Haltung an den Mtzenschirm
gelegt, mit den braunen Augen neugierig auf uns starrend, ein halb spttisches,
halb rgerliches Lcheln auf dem Gesichte, das in der trben Abendbeleuchtung
blasser und verlebter als je aussah.
    Ich bitte um die Erlaubni, mich vorstellen zu drfen, fuhr er - immer
noch die drei Finger am Mtzenschirm - fort: Arthur von Zehren,
Portepe-Fhnrich im Hundertundzwanzigsten. War bereits im Hause, erfuhr zu
meinem Bedauern, da der Onkel nicht ganz wohl ist; die Frau Tante unsichtbar;
wollte wenigstens nicht unterlassen, meine schne Cousine zu begren.
    Er hatte das Alles in einem schnarrenden, affectirten Ton gesagt und ohne
mich, der ich Paula's Hand lngst losgelassen, weiter anzusehen oder sonst von
meiner Gegenwart Notiz zu nehmen.
    Es thut mir leid, da Du es so schlecht getroffen hast, Cousin Arthur,
sagte Paula. Wir hatten Dich erst in der nchsten Woche erwartet.
    War auch anfnglich so bestimmt, erwiederte Arthur; aber mein Oberst, der
die Gte hat, sich speciell fr mich zu interessiren, hat die Ausfertigung
meines Patents beschleunigt, so da ich gestern schon abreisen und mich heute
Morgen hier melden konnte. Der Papa und die Mama lassen sich dem Onkel und der
Frau Tante bestens empfehlen; sie werden Anfangs nchster Woche kommen; hoffe,
da der Onkel dann wiederhergestellt ist. Neugierig, ihn zu sehen, soll ganz
unserem Grovater Malte gleichen, von dem ein Bild bei uns zu Hause in dem Salon
hngt. Wrde Dich brigens nicht erkannt haben, liebe Cousine; hast wenig von
dem Familiengesicht; dunkles Haar, braune Augen ist Zehren-Weise.
    Der Weg war nicht so breit, da Drei neben einander gehen konnten; so
schritten denn die Beiden vor mir, ich folgte in einiger Entfernung, doch nahe
genug, um jedes Wort hren zu knnen. Ich hatte in der letzten Zeit mit sehr
gemischten Empfindungen an meinen frher so heigeliebten Freund gedacht; aber,
wie er jetzt vor mir hertnzelte an der Seite des holden Kindes, das er mit
seinem faden Geschwtz betubte, und Du nannte und Cousine, und jetzt bei dem
letzten Worte, sei es zufllig, sei es absichtlich, mit dem Ellnbogen berhrte -
war meine Empfindung ganz ungemischt. Ich htte dem Herrn Fhnrich mit groer
Genugtuung das zierliche braune Kpfchen in dem rothen Kragen umgedreht.
    Wir waren an dem Hause angelangt. Ich will sehen, ob Du nicht wenigstens
die Mutter auf einen Augenblick sprechen kannst, sagte Paula; bitte, verweile
so lange hier; Du hast ja auch noch gar nicht Deinen alten Freund begrt.
    Paula eilte die Stufen hinauf; Arthur grte - drei Finger am Mtzenschirm -
hinter ihr her und blieb dann von mir abgewendet stehen. Pltzlich kehrte er
sich auf den Hacken zu mir um und sagte in seinem frechsten Ton; Ich will Dir
jetzt guten Tag sagen, aber ich bitte, zu bemerken, da wir uns vor anderen
Leuten nicht kennen; ich brauche Dir hoffentlich nicht auseinanderzusetzen,
warum.
    Arthur war einen Kopf kleiner als ich, und er mute deshalb zu mir
hinaufsehen, whrend er die schnden Worte zu mir sprach. Dieser Umstand war ihm
nicht gnstig; Grobheiten von Unten nach Oben sagen sich nicht besonders gut -
mir aber kam es lcherlich vor, da dieses Brschchen, welches ich mit einem
Sto ber den Haufen werfen konnte, sich so vor mir blhte, und ich lachte,
lachte laut.
    Eine zornige Rthe scho ber Arthur's bleiches Gesicht. Es scheint, Du
willst mich beleidigen, sagte er: glcklicherweise bin ich nicht in der Lage,
von einem Menschen Deinesgleichen beleidigt werden zu knnen. Ich habe schon
gehrt, wie man Dich hier verzieht; mein Onkel wird die Wahl haben zwischen mir
und Dir; hoffentlich wird ihm diese Wahl nicht schwer werden.
    Ich lachte nicht mehr. Ich hatte diesen Jungen geliebt mit mehr als
brderlicher Zrtlichkeit, ich hatte so zu sagen anbetend vor ihm auf den Knieen
gelegen; ich hatte ihm die treuesten Vasallendienste geleistet, war ihm
gutwillig in all seine dummen Streiche gefolgt, um, wie oft! die Strafe auf mich
zu nehmen! Ich hatte ihn vor jedem Feind und jeder Gefahr geschirmt und
geschtzt, hatte mit ihm getheilt, was ich besa - nur da er immer den greren
Theil bekam! - und jetzt, jetzt, wo ich im Unglcke war, und er im Sonnenschein
des Glckes einherstolzierte - jetzt konnte er so zu mir sprechen! Ich begriff
es kaum, aber was ich davon begriff, war mir unsglich ekelhaft. Ich sah ihn mit
einem Blicke an, vor dem jeder Andere die Augen niedergeschlagen htte; wendete
mich und ging. Ein hhnisches Lachen krhte hinter mir her.
    Lache Du nur, sagte ich bei mir, wer zuletzt lacht, lacht am besten.
    Aber indem ich ber Paulas Haltung bei dieser Begegnung nachdachte, fand
ich, da dieselbe wohl htte anders sein knnen. Mir duchte, Paula htte meine
Partei offener nehmen mssen. Wute sie doch, wie Arthur mich, sobald ich im
Unglck war, hatte fallen lassen; wie er fr seinen Kameraden im Gefngnisse
kein Trosteswort gehabt, ja, sich offen von mir losgesagt und mich angeschwrzt
und verleumdet hatte, wie die Anderen!
    Das war nicht recht - das war recht schlecht von dem Arthur! hatte sie
mehr als einmal gesagt; und nun - ich war sehr unzufrieden mit Paula.
    Ich sollte jetzt noch oft Gelegenheit haben, unzufrieden zu sein; ja es kam,
Alles in Allem, eine schlimme Zeit fr mich. Arthur hatte sich am folgenden Tage
wieder vorgestellt und war von dem Director, der ihn in seinem Krankenzimmer
empfing, und von der brigen Familie freundlich aufgenommen worden. Ich, der ich
von jeher so einsam dagestanden, hatte das Gefhl der Familie, den Respect vor
verwandtschaftlichen Verpflichtungen wenig in mir ausbilden knnen und vermochte
nicht zu begreifen, da die Zuflligkeit des gleichen Namens, der
gemeinschaftlichen Abstammung an und fr sich schon eine solche Bedeutung habe,
wie ihr hier augenscheinlich beigelegt wurde. Lieber Neffe, sagte der
Director; lieber Neffe, sagte Frau von Zehren; Cousin Arthur, sagte Paula;
Cousin Arthur, riefen die Knaben. Und freilich: Neffe Arthur, Cousin Arthur
war die Liebenswrdigkeit selbst. Er war ehrerbietig gegen den Onkel, aufmerksam
gegen die Tante, voll chevaleresker Hflichkeit gegen Paula, und Hand und
Handschuh mit den Knaben. Ich beobachtete Alles aus der Ferne. Der Director
mute noch immer das Zimmer hten und ich nahm das zum Vorwand, fleiiger als je
auf dem Bureau zu arbeiten, das ich so selten als mglich verlie, und wo ich
mich in meine Gefngnilisten und meine Zeichnungen vergrub, um nichts von dem,
was drauen vorging, zu sehen und zu hren.
    Leider sah und hrte ich trotzdem nur zu viel. Das Wetter hatte sich wieder
aufgeklrt, ein schner Sptherbst, wie er jener Gegend eigenthmlich ist, war
den ersten Strmen gefolgt. Die Knaben hatten Ferien, die Familie kam fast nicht
aus dem Garten und Cousin Arthur war bestndig von der Gesellschaft. Cousin
Arthur mute verzweifelt wenig zu thun haben; der Bataillon-Commandeur verdiente
die Festung dafr, da er seine Fhnriche so wild laufen lie!
    Ach, die Gefangenschaft hatte mich doch wohl nicht besser gemacht, wie ich
mir manchmal schmeichelte. Wann hatte sich frher jemals ein Gefhl des Neides,
der Migunst in meiner freien Seele geregt! Wann hatte ich meine Devise: Leben
und leben lassen verleugnet! Und jetzt knirschten meine Zhne vor Ingrimm, so
oft ich, den Blick erhebend, Arthur im Garten stehen und das kleine dunkle
Brtchen, das seine feine Oberlippe zu schmcken begann, streichen sah, oder
seine helle Stimme hrte. Ich gnnte ihm das dunkle Brtchen nicht - ich als
Gefangener durfte keinen Bart tragen, der meine wre im besten Falle von einem
starkrthlichen Blond gewesen - ich gnnte ihm die helle Stimme nicht - meine
Stimme war tief und, seitdem ich nicht mehr sang, sehr rauh geworden - ich
gnnte ihm seine Freiheit nicht, die er, nach meiner Ansicht, so abscheulich
mibrauchte - ich gnnte ihm kaum das Leben. Hatte er doch mein eigenes Leben,
das sich in letzter Zeit so freundlich aufgeklrt hatte, jmmerlich verdstert,
und dehnte sich so behaglich im Sonnenschein, aus dem er mich vertrieben!
    Und doch hatte ich im Grunde gar keine Ursache, mich zu beklagen. Der
Director, der sich langsamer, als wir gehofft, von dem Unfall erholte und von
Zeit zu Zeit in das Bureau kam, war theilnehmend, liebevoll wie zuvor; und
nachdem ich die Einladungen in den Garten ein, zwei Wochen lang unter diesem und
jenem Vorwande beharrlich abgelehnt hatte, konnte ich mich doch nicht wundern,
wenn Frau von Zehren, wenn Paula es endlich mde wurden, sich um mich zu
bekmmern, und die Knaben den lachlustigen Vetter Arthur, der sie exerciren
lehrte, dem melancholischen Georg, der nicht mehr mit ihnen spielen wollte,
vorzogen. In meinen Augen aber hatten sie mich einfach verlassen, und ich wre
schier verzweifelt, wenn ich nicht zwei Freunde gehabt htte, die treu zu mir
hielten und offen oder heimlich fr mich Partei nahmen.
    Diese zwei Freunde waren Doctor Snellius und der Wachtmeister Smilch.
    Mit dem Wachtmeister hatte es der Fhnrich gleich am zweiten Tage verdorben.
Er hatte ihn in seiner ungenirten Weise auf die Schulter geklopft und
Alterchen genannt. Man ist kein Alterchen fr solche Gelbschnbel, sagte der
ehrliche Wachtmeister, als er mir, das Gesicht noch ganz roth vor Zorn, die
frische Beleidigung mittheilte; man knnte heute Majors-Epauletten auf den
Schultern tragen, wenn man gewollt htte, man wird dem Junkerchen zeigen, da
man kein Br mit sieben Sinnen ist.
    Auch der Doctor hatte sich ber die Frechheit des Eindringlings zu beklagen.
Er war eines Abends in dem Garten, mit dem Hut in der Hand, wie es seine
Gewohnheit war, umhergewandelt und Arthur hatte sich verschiedene Anspielungen
auf die Kahlkpfigkeit des trefflichen Mannes erlaubt und ihn in der hflichsten
Weise gefragt, ob er noch nicht Rowland's Macassarl angewendet, dessen
ausgezeichnete Wirkungen er vielfach habe rhmen hren.
    Wie finden Sie das? sagte der Doctor. - Ich mache die Witze ber meinen
kahlen Schdel selbst und verbitte mir die Concurrenz, habe ich geantwortet. Das
war grob, werden Sie sagen, oder auch nicht sagen, denn Sie lieben das
glattzngige, geschmeidige, schlpfrige Exemplar seiner reizenden Species eben
so wenig als ich. Und der Hanswurst wird seine Rolle sobald nicht ausgespielt
haben! Unser humaner Freund hlt es fr seine Pflicht, gegen einen Verwandten -
noch dazu einen armen, denn ich hre, da es dem Steuerrath erbrmlich gehen
soll - von arabischer Gastfreundlichkeit zu sein. Mein einziger Trost ist, da
auch dieser Krug nur gerade so lange zu Wasser gehen wird, bis er bricht.
    Wie steht es denn mit der Familien-Conferenz? fragte ich.
    Wird bermorgen feierlich erffnet werden. Humanus hat sie Alle eingeladen,
bei ihm Quartier zu nehmen. Der auf Wartegeld Gesetzte hat das natrlich
angenommen; aber, was mich wundert, auch der Andere, der Crsus, und nicht blos
fr sich, sondern auch fr sein goldenes Tchterlein und deren Gouvernante. Das
sind eins, zwei, fnf Personen, die unsere Einsamkeit nchstens auf das
Anmuthigste beleben werden; ich vermuthe: eine oder die andere davon verdiente
fr immer hier zu bleiben.
    So krhte Doctor Snellius, hpfte dann auf ein anderes Bein und stimmte sich
herab. Ich meinerseits war durch die Nachricht von der bevorstehenden Ankunft
der lngst erwarteten Gste in nicht geringe Aufregung versetzt. Schon Arthur's
Anwesenheit hatte mir den Platz verengt. Wie sollte es werden, wenn diese Alle
kamen? wie wrde ich dem Steuerrath gegenbertreten? wie dem Commerzienrath? Der
Eine hatte die Gromuth seines edleren Bruders so schndlich mibraucht, der
Andere mit den Verlegenheiten des Unbesonnenen so klug gewuchert! Meine
Abneigung gegen sie war von altem Datum und nur zu begrndet! Aber weshalb ihnen
irgendwie gegenbertreten? Wenn ich nicht zu ihnen kam, sie wrden schwerlich
mich aufsuchen. Die kleine Hermine freilich? hatte sie wohl noch so
kornblumblaue Augen wie an jenem Morgen auf dem Deck des Pinguin? Und die
sentenzenreiche Gouvernante, trug sie noch ihre gelben Locken? Es war ein
lustiger, sonniger Tag gewesen, als ich die Beiden zum letztenmale gesehen; aber
die Sonne hatte zu frh geschienen, und der Abend in Regen geendet, in Regen und
dunkelm Nebel, durch den das zornbleiche Gesicht meines Vaters mich drohend
anblickte.
    Warum seufzen Sie? fragte Doctor Snellius, der unterdessen einen
Situationsplan, an welchem ich die letzten Tage gearbeitet hatte, durchmustert.
Sie machen fabelhafte Fortschritte, ich wrde niemals geglaubt haben, da eine
so saubere allerliebste Arbeit aus den Hnden eines Mammuth hervorgehen knne.
Adieu, Mammuth!
    Doctor Snellius schttelte mir herzlich die Hand und hpfte aus dem Zimmer.
Ich blickte ihm traurig nach, so traurig, als wre ich wirklich ein Mammuth und
wte, da ich dreiigtausend Jahre unter Schnee und Eis liegen mte, um
hernach ausgestopft in einem Museum aufgestellt zu werden.

                           Einunddreiigstes Capitel.


Mein Wunsch und meine Hoffnung, whrend der Conferenz in der Verborgenheit
bleiben zu knnen, sollten auf die seltsamste Weise getuscht werden. Ich war
dazu ausersehen, eine Rolle, und noch dazu keine unbedeutende, in dem
Familien-Drama zu spielen.
    Die Gste waren angekommen und in der nicht eben gerumigen Wohnung des
Directors schicklich untergebracht. Am Abend war gemeinschaftliche Tafel
gewesen, an welcher auch Doctor Snellius teilgenommen hatte. Er war am nchsten
Morgen in aller Frhe bei mir, um sein volles Herz auszuschtten.
    Doctor Snellius war sehr aufgeregt; ich hrte es beim ersten Worte, denn er
setzte noch eine Terz hher als gewhnlich ein.
    Ich wute es ja, krhte er. Es war ein Unsinn, sich diesen
Heuschreckenschwarm auf den Hals zu laden; sie werden mir meinen armen Humanus,
an dem so nicht mehr viel grne Bltter sind, vollends auffressen. Ist das eine
Gesellschaft! Sie haben mir noch nicht den hundertsten Theil von dem Schlimmen
gesagt, das selbst ein so lammfrommes Gemth, wie das meine, von diesen Menschen
sagen kann und mu und will. Menschen! Es ist ein Scandal, wie man mit dem Worte
umgeht! Warum Menschen? Weil sie auf zwei Beinen gehen? Dann wren die
grulichen Geschpfe, die Gulliver in dem Lande der edlen Pferde traf, auch
Menschen gewesen. Aber der englische Skeptiker wute es besser und nannte sie
Yahoos. Und das sind unsere lieben Gste, oder es giebt keine Naturgeschichte!
Der Commerzienrath mit seinem dicken Buchlein, seinen zwinkernden, schlauen
Aeuglein ist einer. Ich habe ihm genau auf die kurzen, plumpen Finger gesehen;
ich glaube, der Kerl hat sich die Vorderglieder in seinem Golde abgewhlt. Und
der Herr Steuerrath ist auch einer, obgleich er sich verzweifelte Mhe giebt,
als ein Mensch zu erscheinen. Er hat lange Finger, sehr lange; aber hat je ein
Mensch so lange Finger so langsam bereinandergedreht und einen solchen langen,
geschmeidigen Katzenbuckel dazu gemacht und ein solches weies, glattes,
lchelndes, falsches Diebsgesicht? Von der gndigen geborenen Baronesse
Kippenreiter glaubt ein Jeder auf's Wort, da sie in der Republik jener
bezaubernden Geschpfe einen hohen Rang eingenommen hat und erst mit dem letzten
Schiffe in Europa angekommen ist. Sie kann sich nicht verleugnen; sie fletscht
ihre langen, gelben Zhne noch allzu ursprnglich yahoohaft! Hm, hm, hm!
    Und Frulein Duff? fragte ich, whrend sich der Doctor herabstimmte.
    Duff? rief er; Wer ist Frulein Duff?
    Die Gouvernante der kleinen Hermine.
    Der kleinen Schnheit, zu der ich gerufen wurde? Die heit Frulein Duff?
Sehr guter Name! Knnte auch Duft sein und wre dann richtiger. Blhende Reseda
in Tpfen und vertrocknete zwischen den Flanelljacken in der Commode; vergilbte
Bnder, vergilbte Stammbuchbltter und ein schmales, goldenes Ringlein, das
nicht einmal sprang, als der Undankbare Elviren verlie. Heit sie nicht auch
Elvire? Sie mu so heien. Amalie, sagen Sie? Ist entschieden ein Druckfehler;
nichts bei ihr erinnert an die Ruber, es mten denn die langen Schmachtlocken
sein, die zweifellos gestohlen sind.
    Und weshalb wurden Sie zu der Kleinen gerufen?
    Sie hatte unterwegs zu viel Apfelkuchen gegessen. Als ob einer kleinen
Millionrin so etwas schaden knnte! Ja, wenn es Commisbrod gewesen wre! So
sagte ich auch dem betrbten Vater. Sie hat in ihrem Leben noch keine Krume
Commisbrod gegessen, rief das Ungethm und patschte sich auf das spitze
Buchlein. Wer nie sein Brod mit Thrnen a! seufzte die Gouvernante und fgte
hinzu: Das sei eine ewige Wahrheit. Der Henker mag wissen, was sie damit gemeint
hat.
    Der Doctor ging seine Kranken zu besuchen; ich machte mich auf den Weg nach
dem Bureau, drckte mich an der Mauer hin und schlich mich durch die Hinterthr
in das Haus, aus Furcht, von irgend einem der Gste gesehen zu werden. Aber es
sah mich Niemand.
    Dafr sollte ich sie im Laufe des Vormittags der Reihe nach aus der
Verborgenheit meines Fensters her zu sehen bekommen. Zuerst den Commerzienrath,
der, eine lange Pfeife im Munde, seine Morgen-Promenade durch den Garten machte.
Er schien ber wichtige Dinge nachzudenken. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und
starrte minutenlang vor sich hin. Ohne Zweifel rechnete er; ich bemerkte, wie er
mit den plumpen Fingern multiplicirte und dann mit der Spitze der Pfeife das
Facit in die Luft schrieb. Einmal schmunzelte er hchst behaglich; was mochte er
herausgerechnet haben?
    Der Zweite war der Steuerrath. Er ging eine Stunde spter mit seinem Bruder
durch den Garten. Der Steuerrath sprach sehr eifrig, er legte wiederholt seine
Rechte betheuernd auf die Brust. Der Director hatte die Augen gesenkt; der
Gegenstand des Gesprches schien ihm peinlich zu sein. Als sie in die Nhe
meines Fensters gekommen waren, blickte er mit einiger Unruhe hinber und zog
den Bruder hinter eine Hecke. Augenscheinlich wnschte er mich nicht zum
Augenzeugen der brderlichen Gesticulationen.
    Ich hatte mich wieder mit dem bitteren Gefhle, der Ueberflssige, der
Lstige zu sein, ber meine Arbeit gebeugt, als pltzlich die Thr, welche aus
dem Bureau in den Garten fhrte, geffnet wurde und der Steuerrath schnell
hereintrat. Ich schrak zusammen, wie auch der Muthige erschrickt, wenn eine
Schlange unversehens ber seinen Weg schnellt. Der Steuerrath lchelte sehr
gtig und streckte mir seine weie, wohlgepflegte Hand entgegen, die er dann,
als ich keine Miene machte, einzuschlagen, mit einer grazisen Schwenkung
zurckzog.
    Mein lieber, junger Freund, sagte er, da wir uns so wiedersehen mssen!
    Ich antwortete nicht; was htte ich antworten sollen auf eine Phrase, in der
jedes Wort und jeder Ton eine Lge war?
    Wie wrde ich Sie bedauern, fuhr er fort, htte Sie das Schicksal nicht
hierher zu meinem Bruder gefhrt, der ohne Zweifel einer der edelsten, besten
Menschen ist, die existiren, und der mir noch eben, als wir drauen promenirten,
so viel Liebes und Gutes von Ihnen gesagt hat. Ich mute Ihnen die Hand bieten,
obgleich ich ahnte, da Sie nach dem Vorgange Ihres Vaters sich von dem abwenden
wrden, den das Schicksal wahrlich schon genug verfolgt hat.
    Und der Schicksal-Verfolgte warf sich in den Armstuhl und bedeckte seine
Augen mit der langen, weien Hand, deren Goldfinger mit einem ungeheuerlichen
Siegelring geschmckt war.
    Ich will ihm daraus keinen Vorwurf machen, Gott bewahre! Ich kenne ihn ja
seit so vielen Jahren! Er ist einer von den strengen Menschen, deren Abscheu vor
der Uebertretung so gro, aber auch so blind ist, da in ihren Augen der
Angeschuldigte immer zugleich als der Schuldige erscheint.
    Diese letzte Bemerkung war zu richtig, als da ich ihr nicht innerlich und
wahrscheinlich auch mit dem Ausdrucke meiner Miene htte beistimmen sollen, denn
der Steuerrath sagte mit einem melancholischen Lcheln:
    Sie wissen ja auch ein trauriges Lied davon zu singen! Nun, nun, ich will
nicht an die Wunde rhren, die Sie mehr schmerzt als alle brigen; aber Sie
haben schlielich nur frher erfahren, was wir Alle einmal erfahren mssen, da
wir bei denen, die uns am allernchsten stehen, am wenigsten auf ein Verstndni
unserer Absichten und Ansichten, ja selbst unserer Lage rechnen drfen.
    Auch darin lag etwas Wahres, und ich konnte mich nicht enthalten, etwas
freundlicher auf den Mann zu blicken.
    Da habe ich eben noch eine Probe davon gehabt. Mein Bruder Ernst ist, wie
ich schon sagte, einer der besten Menschen, und doch, welche Mhe kostet es ihn,
sich in meine Situation zu versetzen! Freilich, er, der von jeher in so
rangirten Verhltnissen gelebt hat, er wei nicht, was es heit, ber Nacht die
Hlfte seiner Einnahmen zu verlieren, die so schon krglich genug bemessen waren
- er wei nicht, was es heit, mit seinen Glubigern accordiren zu mssen -
seine und der Seinen Existenz auf dem Spiele zu sehen, ach! und was das
Bitterste ist, von dem guten Willen eines hartherzigen Geldmenschen abhngig zu
sein!
    Hier zerdrckte die beringte weie Hand eine Thrne, die sich in dem inneren
Winkel des rechten Auges gebildet zu haben schien, und glitt dann resignirt in
den Schoo, whrend ein sanftes Lcheln ber die aristokratischen Zge des auf
Wartegeld Gesetzten spielte.
    Er erhob sich und sagte: Verzeihen Sie mir: aber der Unglckliche fhlt
einen unwiderstehlichen Zug zu dem Unglcklichen, und Sie sind immer ein Freund
meines Hauses und der beste Kamerad meines Arthur gewesen. Sie drfen dem armen
Jungen nicht bs sein, wenn ihn die Freude ber sein Portepe ein wenig
nrrisch gemacht hat. Sie kennen ihn ja! sein Herz wei das zehntemal erst, was
seine Zunge schwatzt, und er hat mir schon gestanden, da er sich in dem Wahne,
es seiner Fhnrichswrde schuldig zu sein, recht albern gegen Sie benommen habe.
Sie mssen ihm wirklich verzeihen.
    Er lchelte wieder, nickte mit dem Kopfe, wollte mir die Hand reichen,
besann sich, da ich dieselbe vorhin ausgeschlagen, lchelte abermals, aber sehr
traurig, und schritt nach der Gartenthr, die er leise ffnete und leise hinter
sich zudrckte.
    Ich blickte ihm mit einem aus Verwunderung und Beschmung seltsam gemischten
Gefhl nach. War dieser sanft redende Mann, der in meiner Gegenwart ber seine
Lage weinen konnte, derselbe, zu dem der Knabe wie zu einem Halbgott
emporgeblickt? Und wenn seine Lage so verzweifelt war - und sie mochte es, nach
Allem, was ich davon wute, sehr wohl sein - ich htte mich freundlicher gegen
ihn benehmen, htte ihm ein Wort des Bedauerns gnnen, htte vor Allem seine
Hand nicht zurckweisen sollen.
    Meine Stirn wurde hei; es war das erstemal, da ich einen Bittenden schroff
zurckgewiesen. Ich fragte mich wieder, ob mich die Gefangenschaft doch nicht
schlechter gemacht habe, und ich freute mich, da ich ber Alles, was ich von
dem Verhltnisse des Steuerraths zu seinem verstorbenen Bruder wute, so reinen
Mund gehalten und besonders das Geheimni jenes Briefes so treu bewahrt hatte,
selbst dem Director gegenber, dem ich doch sonst unbedingt vertraute. Ahnte der
Steuerrath, da ich htte sprechen knnen, wenn ich gewollt, und war er heute
Morgen gekommen, mir fr mein Schweigen zu danken?
    Der Steuerrath erschien mir pltzlich in einem ganz anderen und viel
gnstigeren Lichte. Man fhlt eine gewisse Zuneigung zu den Leuten, die man sich
zu Dank verpflichtete, wenn sie die Klugheit haben, uns merken zu lassen, da
sie von dem Gefhle ihrer Verpflichtung vollkommen durchdrungen sind.
    Ich werde auch Arthur zu verstehen geben, da ich ihm seine Albernheit
vergeben habe. Der Steuerrath hat Recht; er wei es wirklich das zehntemal erst,
wann ihm seine Zunge durchgeht.
    Indem ich diesen gromthigen Entschlu fate, klopfte es abermals - diesmal
an der Thr, die nach dem Flur fhrte, und ich htte beinahe laut gelacht, als
sich auf mein Herein der Commerzienrath auf der Schwelle prsentirte, aber
nicht mehr in Schlafrock und Pantoffeln, die lange Pfeife im Munde, wie vorhin,
sondern im blauen Frack mit goldenen Knpfen, hohem schwarzen Halstuch, aus dem
die spitzigen Vatermrder vier Zoll hoch hervordrohten, buntgeblumter Weste, die
dem spitzen Buchlein das Dasein nicht verkmmerte und dem sauber gebgelten
Jabothemde die Aussicht nicht verwehrte, schwarzen Beinkleidern, die nicht so
lang waren, da man nicht htte sehen knnen, wie fest die beiden Plattfe in
ihren blank gewichsten Stiefeln standen. Genau in demselben Anzuge wanderte der
Mann durch die Erinnerungen meiner frhesten Jugendjahre, und vielleicht war es,
weil ich damals in meiner kindischen Unschuld ber die nach meinem Geschmack
groteske Erscheinung gelacht hatte, da mich jetzt - wo es sich allerdings
weniger fr mich schickte - wiederum die Lust zum Lachen anwandelte.
    Wie geht es Ihnen, mein lieber junger Freund? sagte der Commerzienrath im
Tone Jemandes, der sich nach dem Befinden eines Todkranken erkundigt.
    Er hatte sich in denselben Stuhl gesetzt, aus welchem der Steuerrath eben
aufgestanden war, und blickte mich von unten herauf wehmthig an, wobei er den
Kopf tief auf die Seite neigte, ungefhr wie eine Gans, wenn es aus heiterem
Himmel donnert. Das sah so unendlich komisch aus; ich mute nun wirklich lachen,
und lachend erwiederte ich:
    Danke fr die gtige Nachfrage, Herr Commerzienrath; recht gut, wie Sie
sehen.
    Sie sind ein Tausendsassa, rief der Commerzienrath, indem er sofort auf
meine Stimmung einging. Aber das ist recht, wir leben nur einmal; man mu es
nehmen, wie's kommt. Ich habe das noch vorgestern zu Ihrem Vater gesagt, dem ich
auf der Strae begegnete. Du lieber Himmel, habe ich gesagt, was ist es denn so
Groes? Wir sind Alle einmal jung gewesen, und Jugend hat keine Tugend. Warum
sind Sie aus der Ressource ausgetreten? habe ich gesagt. Er hat ja nicht
Zuchthaus; die National-Cocarde ist ihm nicht aberkannt; er hat ja blos
Gefngni. Das kann schlielich Jedem passiren; und Sie, habe ich gesagt, sind
ein solcher Ehrenmann, da es uns Allen eine Ehre wre, mit Ihnen Boston zu
spielen, und wenn Sie vier Shne im Zuchthause htten.
    Des Commerzienraths Kopf sank wieder auf die Seite; ich mochte wohl bei
seinen letzten Worten ein sehr ernstes Gesicht gemacht haben.
    Freilich, sagte er, Manche nehmen es leichter. Da ist mein Herr Schwager.
Ich mchte nicht in seiner Haut stecken, trotzdem sein Vater ein ehemaliger
Reichsfreier und der meine ein ganz gewhnlicher Nadler war. Die Untersuchung
hat ihn nur mit einem blauen Auge davokommen lassen. Man sollte meinen, er htte
fr sein Lebtag genug; aber er kann das Intriguiren nicht lassen. Mein Gott, es
ist eine Schande, wie viel mich diese Familie schon gekostet hat. Der
Zehrendorfer und seine Wechsel! A propos! hat er Ihnen nie gesagt, da er mir
ganz Zehrendorf bereits vor Jahren verschrieben hat? Besinnen Sie sich doch
einmal; er hat es Ihnen gewi bei dieser oder jener Gelegenheit gesagt. Er
gehrte nicht zu denen, die ein Blatt vor den Mund nehmen! Und nun der
Steuerrath! Was habe ich fr den Mann nicht schon gethan; und jetzt diese
Ansprche! Entschdigung! Unsereiner will doch auch leben! und wenn man auch
keinen Sohn hat, der sich natrlich sein Brot nicht verdienen kann, so hat man
doch eine Tochter, die man nicht verhungern lassen will. Solltet machen, da Ihr
frei kommt, alter Junge! Das Mdel frgt des Tages zehnmal nach Euch! Habt's ihm
angethan! Tausendsassa, Ihr!
    Und der Commerzienrath, der sich erhoben hatte und jetzt mit Hut und Stock
in der Hand neben mir stand, versetzte mir einen sanften Sto in die Seite.
    Das ist sehr gtig von dem Frulein, erwiederte ich.
    Gott, wie das noch roth werden kann! sagte der Commerzienrath; ist recht;
ganz wie bei mir. Respect vor den Damen! nur kein lockerer Zeisig! so Einer
bringt's sein Lebtag zu nichts. Aber Frulein drft Ihr nicht zu meinem Hermann
sagen; das leidet Mamsell Duff nicht, die durchaus Frulein genannt sein will,
trotzdem sie beide kleine Finger darum gbe, wenn sie sich weder Mamsell noch
Frulein mehr nennen zu lassen brauchte.
    Und der Commerzienrath kniff die Augen ein, blies die Backen auf und stie
mich sanft in die Seite.
    Ich werde schwerlich Gelegenheit dazu haben, sagte ich.
    Puh! sagte der Commerzienrath, nur nicht tragisch! Wir sind ja hier ganz
unter uns. Habe schon mit meinem Schwager gesprochen; Ihr mt nothwendig heute
Abend mit uns essen. Hermann - Ihr wit: ich nenne sie Hermann! - will Euch
durchaus sehen! Adieu!
    Und der Commerzienrath kte die Spitzen seiner plumpen Finger und verlie
das Zimmer, indem er mir noch in der Thr einen zwinkernden Blick zuwarf.
    Was hatten diese Besuche zu bedeuten? Was wollten der hoffrtige Herr
Steuerrath und der geldstolze Herr Commerzienrath bei dem Gefangenen? Darber
wrde ich mir wohl vergeblich den Kopf zerbrochen haben, wenn nicht der
Director, der am Nachmittage in das Bureau kam, ein Wort htte fallen lassen,
welches mir das Rthsel lste.
    Ich wollte, die nchsten drei Tage wren erst vorber, sagte er, Sie
glauben nicht, lieber Georg, wie widerwrtig mir diese Verhandlungen sind, die
fr mich ein materielles Interesse gar nicht haben. Man will mich eigentlich
auch nur als Schiedsrichter und schmeichelt mir in der Hoffnung, mein Urtheil
von vornherein gefangen zu nehmen. Und htte ich doch nur ein Urtheil; aber wie
ist das mglich bei einer Sache, die man nicht bersehen kann und die von den
Parteien noch geflissentlich verdunkelt wird? Man rechnet auch auf Sie, lieber
Georg, da Sie der Einzige sind, der meinem unglcklichen Bruder in der letzten
Zeit nahe gestanden hat und mglicherweise ber gewisse Punkte, die man
aufzuklren wnscht, Auskunft geben kann. Und nun kommen Sie mit in den Garten;
Snellius und Sie - Ihr mt mir nothwendig die Gesellschaft unterhalten helfen.
Meine arme Frau und ich bringen das wahrlich nicht fertig.
    Mit diesen Worten ergriff er lchelnd meinen Arm und lie sich von mir die
Stufen hinab in den Garten und den Gang hinauf zum Belvedere fhren, von wo uns
schon weither der Jubel der Kinder entgegenschallte. Es war das erstemal seit
meinem Unglck, da ich in eine eigentliche Gesellschaft treten sollte. Ich
hatte in der Gefangenschaft Manches gelernt, worauf ich stolz war, aber auch
Einiges, dessen ich mich schmte, zum Beispiel, die Beklommenheit, welche mich
befiel, als die Stimmen der Redenden nher und nher an mein Ohr schlugen und
ich die Gewnder der Damen durch die von den Herbstwinden bereits sehr
gelichteten Hecken schimmern sah.
    Ich konnte mit dem Empfange zufrieden sein; die Knaben strzten auf mich zu
und Kurt rief, ich solle mit ihnen spielen, denn Cousin Arthur bleibe bei
Hermine und Paula, und das sei langweilig und Hermine sei auch erst zehn oder
elf Jahre und brauche gar nicht so stolz zu thun.
    Hermine thut nicht stolz, aber Ihr seid zu wild, sagte Paula, die Hermine
an der Hand hielt, whrend Arthur etwas weiter zurck stand und mit sichtbarer
Verlegenheit die Erstlinge seines Schnurrbrtchens drehte.
    Ich hatte die Knaben, einen nach dem anderen, sieben Fu hoch gehoben und
meine Verlegenheit damit, so gut es gehen wollte, verdeckt, whrend meine Augen
unverwandt auf Hermine blickten. Aber es war auch nicht wohl mglich, etwas
Zierlicheres und Lieblicheres zu sehen, als dies kleine, holde Geschpf in
seinem weien Kleidchen, das richtig wieder mit kornblumblauen Bndern
geschmckt war, wie damals auf dem Dampfschiffe. Und dabei blickten ihre groen
blauen Augen so eifrig zu mir herber, und der rothe Mund war halb geffnet, als
htte sie pltzlich den Prinzen im Mrchen in hchsteigener Person gesehen.
    Ist er das? hrte ich sie halblaut Paula fragen, und kann er wirklich
Lwen bezwingen?
    Ich hrte nicht, was Paula auf diese sonderbare Frage antwortete, denn ich
mute mich jetzt zu Frau von Zehren wenden, die zwischen ihrer Schwgerin und
Frulein Duff auf der Bank sa. Frau von Zehren sah noch blasser als gewhnlich
aus, und ihre armen, blinden Augen richteten sich hilfesuchend auf mich, whrend
ein verlegen-schmerzliches Lcheln um ihre feinen Lippen irrte.
    Sie streckte mir sogar die Hand entgegen und richtete sich halb von der Bank
auf, besann sich dann aber, da sie wohl sitzen bleiben msse, und lchelte noch
schmerzlicher.
    Ich wnschte die geborne Baronesse Kippenreiter mit den langen, gelben
Zhnen und die Erzieherin mit den langen gelben Locken, die mich Beide mit der
Lorgnette vor den Augen anstarrten, in's Pfefferland.
    Der Director war ebenfalls herangetreten und sagte:
    Willst Du nicht meinen Arm ein wenig nehmen, Elise? Es wird Dir zu khl,
die Damen werden Dich gewi entschuldigen.
    Ueberlassen Sie es mir, die liebe Frau spazieren zu fhren! rief die
geborne Kippenreiter, indem sie entschlossen aufsprang. Der Director zuckte kaum
merklich die Achseln. Sie sind selbst nicht die Strkste, liebe Schwgerin,
sagte er.
    Ich bin stark, sobald es die Pflicht erfordert, entgegnete die geborne
Kippenreiter, indem sie die arme Frau von Zehren mit sich fortzog.
    Das ist ein groes Wort! seufzte Frulein Duff. Wer das auch von sich
sagen knnte! und die blasse Gouvernante schttelte wehmthig ihre gelben
Locken, wendete dann die matten Augen auf mich und lispelte: Richard, oh, wie
aus der Sage heraus! ah! da der Blondel fehlen mu! aber verzweifeln Sie nicht;
suche treu, so findest du, das ist auch eine ewige Wahrheit!
    Wie befinden Sie sich, Frulein Duff? fragte ich, um doch etwas zu sagen.
    Und immer noch diese schne Fhigkeit, teilzunehmen an dem Schicksale der
Anderen bei dem eigenen traurigen Geschick! Das ist schn, das ist gro,
flsterte die Erzieherin; ich mu, wahrlich ich mu einen Versuch machen, mich
in Ihr Herz zu stehlen -
    Sie legte drei Fingerspitzen auf meinen Arm und deutete mit ihrem
Sonnenschirm schchtern nach der Richtung, in welcher die ganze Gesellschaft
mittlerweile den Platz unter den Platanen verlassen hatte.
    Und wie leben Sie hier? flsterte sie weiter, whrend wir in den Garten
hinabstiegen; aber, was frage ich? still und harmlos, wie Wilhelm Tell! Es ist
ja Alles hier Idylle! Sprechen Sie mir nicht von Gefngni! Die Welt ist berall
ein Gefngni! ich wei es am besten!
    Ich dachte, Frulein Duff, die Erziehung eines so lieblichen Geschpfes -
    Ja, sie ist lieblich! erwiederte die blasse Dame mit einem Anfluge von
wirklicher Wrme; lieblich wie ein Maienmorgen; aber Sie wissen ja: des Lebens
ungetrbte Freude! - da dieses Kind einen solchen -
    Sie blickte sich scheu um und fuhr mit hohler Stimme fort:
    Denken Sie sich, er nennt sie Hermann und fragt sie dreimal am Tage, warum
sie kein Kna - fi donc! es lt sich nicht sagen. O, es zerreit mein Herz, wenn
so rohe Hnde in den zarten Saiten dieser jungfrulichen Seele whlen! Es liebt
die Welt, das Strahlende zu schwrzen! wer wte es nicht! nur sollte der eigene
Vater - freilich, ich bin die Letzte, die sich ber ihn beklagen sollte. Er hat
mir - Sie sind ein edler Mensch, Carlos! - an Ihren Busen werf' ich mich - er
hat mir Hoffnungen erweckt, die eine weniger starke Seele, als die meine,
schwindlig machen knnten. Eine Million zu erkmpfen, ist gro; sie wegwerfen,
ist gttlich - und Mutter dieses Kindes, das, denk' ich fters, das mte
himmlisch sein; aber was werden Sie sagen, da ich nur immer von mir spreche;
was werden Sie Ihrem satyrischen Freunde sagen!
    Meinem satyrischen Freunde?
    Frulein Duff trat einen Schritt zurck, beschattete sich die Augen gegen
den Schein der Abendsonne mit der durchsichtigen Hand und sagte mit kokettem
Lcheln:
    Carlos, Sie spielen falsch. Gestehen Sie, Sie wollen in dieser
Schlangenwindung mir entgehen! Es giebt nur Einen hier, auf den die Bezeichnung
pat, aber dieser Eine ist ein Riese - an Geist! Es ist immens! es ist sublim!
es hat mich wahrlich berwltigt! Und einen solchen Giganten nennen Sie Ihren
Freund, und Sie beklagen sich, da Sie im Gefngnisse sind! O, mein Lieber, wer
mchte, um solche Freunde zu erwerben, nicht gern seine Freiheit gegen Ihre
Gefangenschaft umtauschen!
    Frulein Duff drckte ihr Taschentuch gegen die Wimpern und kreischte dann
laut auf, als sie sich hinterrcks festgehalten fhlte, und, sich umwendend,
Herminens Wachtelhndchen sah, das seine spitzen Zhne in den Saum ihres Kleides
geschlagen hatte und sie mit seinen groen, schwarzen Augen bswillig anstarrte.
In demselben Momente kam von verschiedenen Seiten die ganze Gesellschaft herbei,
so da die Gouvernante in ihrem Kampfe mit dem kleinen, langhaarigen Ungethm
pltzlich eine groe Zuschauerschaft hatte. Ich bemhte mich, sie zu befreien,
und machte die Sache nur noch schlimmer, denn Zerline wollte nicht loslassen und
schttelte und ri aus Leibeskrften; die Knaben thaten, als ob sie mir helfen
wollten, und hetzten in der Stille; es konnte sich Niemand des Lchelns
enthalten; der Commerzienrath lachte berlaut. Frulein Duff blieb unter diesen
Umstnden nichts brig, als in Ohnmacht und Doctor Snellius, der, von dem Lrm
herbeigelockt, eben herantrat, in die Arme zu fallen.
    Aengstigen Sie sich nicht, meine Herrschaften, sagte der Commerzienrath,
das passirt ihr alle Tage dreimal!
    Barbar! murmelte die Ohnmchtige mit blassen Lippen und richtete sich aus
den Armen des Doctors auf, der trotz seiner ihm nachgerhmten Sublimitt in
diesem Augenblicke ein sehr hmisches Gesicht machte. Frulein Duff versuchte
durch den Thrnen-Nebel hindurch, der aus ihren wasserblauen Augen aufgestiegen
war, dem Sptter einen vernichtenden Blick zuzuwerfen, wies den angebotenen Arm
des Doctors mit den Worten: Ich danke Ihnen, ich werde allein in's Haus
kommen! zurck und eilte, sich das Tuch vor das Gesicht drckend, dem nahen
Hause zu, whrend Zerline mit freudigem Gebell und triumphirendem Wedeln der
langhaarigen Ruthe an ihrer kleinen Herrin emporsprang.
    Ich glaube, sie schnappt noch einmal ber, sagte der Commerzienrath,
gleichsam als Erluterung der eben stattgehabten Scene.
    Umsomehr sollten Sie sie schonen, vorzglich in Gegenwart Anderer, sagte
der Director.
    Ich hatte die Gelegenheit bentzt, mich von der Gesellschaft loszumachen,
und irrte eben in den weiter abgelegenen Gngen des Gartens umher, als ich Paula
und Hermine in einiger Entfernug daher kommen sah. Paula hatte der Kleinen eine
Hand auf die Schulter gelegt, die wiederum einen Arm um ihre Taille schlang.
Hermine sprach sehr eifrig zu der groen Paula hinauf. Paula lchelte freundlich
herab und sagte von Zeit zu Zeit etwas, das den Widerspruch der Kleinen
hervorzurufen schien.
    Das bildschne Kind mit dem glnzenden, braunen Haar und den groen,
glnzenden, blauen Augen, das reizende Gesichtchen vom Feuer ihres lebhaften
Geistes durchhellt, und das schlanke Mdchen mit dem sanften Lcheln auf den
feinen Lippen - die beiden reizenden Gestalten, getroffen von einem Strahle der
rothen, herbstlichen Abendsonne, die eben hinter die Mauer des Gartens tauchte -
wie oft, wie oft in spteren Jahren habe ich dieses Augenblickes denken mssen!
    Jetzt sahen sie mich; ich hrte, wie Paula sagte: Frag' ihn doch selbst!
und Hermine antwortete: Das will ich auch!
    Sie lie Paula los, kam auf mich zugehpft, blieb vor mir stehen, schaute
mit den groen Augen keck zu mir auf und fragte:
    Knnen Sie Lwen bezwingen oder knnen Sie es nicht?
    Ich glaube nein, entgegnete ich lchelnd, warum?
    Ja oder nein? fragte sie, indem sie ein ganz klein wenig mit dem Fue
stampfte.
    Nun denn, nein!
    Sie sollen es aber knnen, entgegnete sie mit einem zornigen Blicke, ich
will es.
    Wenn Sie es wollen, will ich mir bei vorkommender Gelegenheit die
mglichste Mhe geben.
    Siehst Du, Paula! rief die Kleine, indem sie sich triumphirend umwendete,
ich habe es ja gesagt, ich habe es ja gesagt, und sie klatschte in die Hnde
und sprang wie eine kleine Bacchantin umher, in der Wette mit Zerlinen, dann
ging es im vollen Laufe ber die Beete davon, Zerline hinterher mit lautem
Geklff.
    Was will das Kind nur mit seiner sonderbaren Frage? sagte ich zu Paula.
    Es scheint, da Frulein Duff Sie wiederholt mit Richard Lwenherz
verglichen hat, erwiederte Paula lchelnd.
    Mit Richard Lwenherz, mich?
    Nun ja, weil Sie blond und gefangen und so gro und stark sind; nun hat
sich Hermine in den Kopf gesetzt, Sie mten Lwen bezwingen knnen. Ob es ihr
damit Ernst ist, oder ob sie scherzt? Ich glaube, sie wei das manchmal selbst
nicht. Aber ich wollte Ihnen noch danken, da Sie heute in den Garten gekommen
sind. Es ist recht lieb von Ihnen, denn da Sie sich in der Gesellschaft nicht
behaglich fhlen, habe ich wohl gesehen.
    Und Sie selbst?
    Ich darf nicht fragen, ob ich mich behaglich fhle. Es sind ja unsere
Verwandten.
    Und das entschuldigt freilich Alles.
    Ich hatte das im Hinblick auf ihre Freundlichkeit gegen Arthur nicht ohne
Bitterkeit gesagt, fhlte mich aber sehr beschmt, als sie ihre sanften, lieben
Augen zu mir erhob und unschuldig fragte: Wie meinen Sie?
    Glcklicherweise wurde mir die Antwort erspart, denn Doctor Snellius kam auf
uns zu, schon von weitem Frulein Paula! Frulein Paula! rufend.
    Ich mu in's Haus, sagte Paula, es ist noch Manches zu besorgen, und
bitte, schauen Sie nicht so bs drein; Sie sind in letzter Zeit gar nicht so
freundlich gewesen wie sonst; sind Sie mit mir unzufrieden?
    Ich hatte nicht den Muth, Ja zu antworten, als ich in das ernste Gesicht
blickte, das zu mir aufschaute.
    Wem wre das mglich, sagte ich, Sie sind tausendmal besser, als wir
Alle.
    Das ist sie auch, sagte Doctor Snellius, der die letzten Worte gehrt
hatte. Gott segne sie!
    Er sah der Enteilenden nach, und ein tief wehmthiger Schatten zog ber sein
groteskes Gesicht. Dann stlpte er mit beiden Hnden zugleich seinen Hut ber
den kahlen Schdel bis auf die Ohren und sagte rgerlich:
    Hol's der Teufel! Sie ist viel zu gut, sie ist so gut, da es ihr gar nicht
anders als schlecht gehen kann. Die Zeit ist vorber, wo den guten Menschen alle
Dinge zum Besten dienen sollen, wenn es eine solche je gegeben hat. Schlecht mu
man sein, grundschlecht; heucheln mu man, lgen, betrgen, seinem Nchsten ein
Bein stellen, die ganze Welt als sein Erbgut betrachten, das aus Versehen in
fremde Hnde gekommen ist, und das man sich zurckerobern soll. Aber zu dem
Zwecke mu man erzogen sein, und wie erzieht man uns? als ob das Leben eine
Gener'sche Idylle wre. Bescheidenheit, Nchstenliebe, Wahrheitsliebe!
Versuch's doch Einer damit! Ist der Herr Commerzienrath bescheiden, liebt er
seinen Nchsten, liebt er die Wahrheit? nicht fr einen Pfifferling! Und der
Mann ist Millionr, und seine Nachbarn ziehen die Mtze ellentief vor ihm und
die Fama posaunt ihn aus als einen der edelsten Menschen, weil er von Zeit zu
Zeit einen Thaler, der nicht in die volle Brse geht, den Armen zuwirft! Aber,
werden Sie sagen, in seinem Innern, da ist die Hlle. Ja prosit Mahlzeit! Er
hlt sich fr einen grundguten, prchtigen, humoristischen Kerl, und wenn er
sich des Abends zu einem achtstndigen Schlaf zu Bett legt, sagt er: Das hast du
wieder einmal ehrlich verdient! Gehen Sie mir mit Ihrer hungerleiderischen,
hektischen Ehrlichkeit!
    Ich habe noch kein Wort dafr gesagt, Doctor!
    Aber Sie haben, whrend ich declamirt habe, gelchelt, als wollten Sie
sagen: so seien Sie doch unehrlich! Sehen Sie, das ist ja eben die Bosheit, die
ich habe! Man ist in Folge dieser elenden Erziehung so verehrlicht, da man kein
Lump sein kann, so gern man es sein mchte, da man ehrlich sein und bleiben
mu, trotz der besseren Einsicht. Und wenn wir nicht darber wegkommen knnen,
wie sollen es die Weiber!
    Der Doctor blickte starr in die Richtung, in welcher Paula in den Bschen
verschwunden war und nahm dann seine groe, runde Brille ab, deren Glser
irgendwie trb geworden waren.
    Sie sollten nicht auf die Weiber schelten, Doctor, sagte ich; Frulein
Duff -
    Hat mir in aller Form einen Antrag gemacht, sagte Doctor Snellius, indem
er rasch seine Brille wieder aufsetzte, und dort kommt Jemand, der Ihnen einen
machen will. Hten Sie sich vor diesem uniformirten Danaer!
    Der Doctor drckte den Hut in die Stirn und eilte davon, ohne den
allerfreundlichsten Gru zu erwiedern, mit welchem Arthur aus einem Nebengange
auf uns zutrat.
    Es ist mir lieb, da er uns allein lt, sagte Arthur, an meine Seite
kommend und ganz wie in alter Zeit meinen Arm nehmend; ich habe mit Dir zu
sprechen oder vielmehr: ich habe Dir etwas abzubitten; mein Vater hat es
allerdings schon fr mich gethan, aber es kann nicht schaden, wenn ich es auch
noch thue. Du weit, was ich meine.
    Ja, sagte ich.
    Ich habe mich albern benommen, wei es Gott, fuhr der Fhnrich fort, aber
Du darfst mir es wirklich nicht so bel nehmen. Ich dachte, ich sei das dem Ding
da schuldig - und er gab seinem Degen mit dem linken Bein einen Sto.
    Arthur, sagte ich, stehen bleibend und meinen Arm freimachend; ich bin
nicht ganz so klug wie Du, aber fr ganz dumm mut Du mich auch nicht halten. Du
hast Dich von mir losgesagt, lange ehe Du die Spadille da an der Seite hattest.
Du hattest es gethan, weil Du mich nicht mehr brauchen konntest, weil es Dir
zweckmig schien, im Chor mit den Anderen mich schlecht zu machen, weil -
    Nun ja, unterbrach mich Arthur, ich leugne es ja gar nicht. Ich war in
einer so verdammt abhngigen Lage, da ich wohl mit den Wlfen heulen mute.
Htte ich meine wirkliche Meinung gesagt, Lederer htte mich Ostern sicherlich
durch das Abiturienten-Examen rasseln lassen, und der Onkel htte nun und nimmer
meine Fhnrichs-Ausstattung bezahlt.
    Und jetzt, sagte ich, blst der Wind vermuthlich von einer anderen Seite
und wir mssen in Folge dessen andere Segel aufziehen.
    Ach was! rief Arthur lachend; Du mut mit mir nicht so streng in's
Gericht gehen. Ich rede Manches, was ich nicht verantworten kann. Das weit Du
von altersher und bist mir doch gut gewesen; ich habe mich nicht verndert,
weshalb wolltest Du mir auf einmal bs sein? Du kannst es glauben, ich bin der
Alte trotz der neuen Schabracke, die ich, nebenbei gesagt, wohl nicht allzulange
mehr tragen werde. Es hat schon heillose Mhe gekostet, da man mich berhaupt
in dem Regimente aufnahm; der Oberst hat mir selbst gesagt, er habe es nur dem
Onkel hier zu Gefallen gethan, der sein Kamerad vom Freiheitskriege her sei, und
da er nur um dessen willen die Gerchte, die ber meinen Vater circulirten,
nicht bercksichtigen wolle, wie es eigentlich seine Schuldigkeit sei. Aber
damit bin ich noch nicht ber alle Berge. Des Papa's Angelegenheiten stehen so
schauderhaft schlecht, seine Glubiger wollen nicht warten; wenn jetzt nicht
eine gnstige Wendung eintritt, ist er ruinirt und ich natrlich mit ihm; mein
Name wrde sofort von der Officiers-Aspiranten-Liste gestrichen.
    Worin soll die gnstige Wendung bestehen? fragte ich.
    Ja, mein Gott, ich wei es auch nicht so recht, erwiederte Arthur, indem
er mit der Scheide seines Degens ein paar Strucher klopfte. Der Onkel
Commerzienrath soll dem Papa seinen Erbschaftsantheil, vom Gropapa her,
auszahlen, den er ja nie bekommen hat, und nun wieder, was aus der
Hinterlassenschaft vom Onkel Malte auf uns kommt. Aber der alte Judas will
nichts herausrcken; er sagt, mein Papa wre schon fnf- und zehnmal bezahlt.
Na, wie gesagt, ich kann nicht daraus klug werden; ich wei nur, da ich noch
keinen Groschen baares Geld Zuschu vom Onkel bekommen habe, und da ich meinen
Kerl von Burschen beneide, der sich doch wenigstens satt essen kann.
    Ich blickte meinen alten Freund von der Seite herab an; er kam mir wirklich
auffallend bla und mager vor. Mein Appetit hatte lngst seine frhere Strke
wieder erreicht, und sich nicht satt essen zu knnen, erschien mir als ein sehr
ernstliches Uebel.
    Armer Kerl! sagte ich und nahm jetzt den Arm, den ich vorhin hatte fahren
lassen.
    Das ist noch das Wenigste, fuhr Arthur in klglichem Tone fort. Ihr Vater
ist ein Schuldenmacher, hat der Oberst gesagt, so wie ich merke, da Sie in
seine Futapfen treten, sind wir geschiedene Leute. Aber ich frage Dich, wie
soll man bei den paar Groschen tglich keine Schulden machen? Ich mu morgen
einen kleinen Wechsel bezahlen, den mir ein verdammter Hebrer abgeschwindelt
hat; ich habe es dem Papa, ich habe es der Mama gesagt; sie sagen Beide, sie
htten nicht das Geld fr die Rckreise, geschweige denn Geld fr mich; ich
solle und msse sehen, wie ich fertig wrde. Nun ja, ich werde wohl fertig
werden, aber in anderer Weise, als sie meinen.
    Und der Fhnrich pfiff durch die Zhne und blickte dster vor sich nieder.
    Wie viel brauchst Du, Arthur? fragte ich.
    Eine Lumperei, fnfundzwanzig Thaler.
    Ich will sie Dir geben.
    Du?
    Ich habe in der Gefngnikasse ungefhr so viel stehen; und fr das, was
etwa fehlt, habe ich bei dem Cassirer Credit.
    Das wolltest Du wirklich, Du lieber, guter, alter Georg, rief Arthur,
indem er meine beiden Hnde nahm, und einmal ber das anderemal drckte.
    Aber mache doch nicht so viel Wesens daraus, sagte ich, indem ich mit sehr
gemischten Empfindungen die ungestme Dankbarkeit des Fhnrichs von mir
abzulehnen suchte.

                          Zweiunddreiigstes Capitel.


Die beiden Brder von Zehren saen am nchsten Vormittage seit einer Stunde mit
dem Schwager Commerzienrath in der Conferenz, welche der Zweck dieser
Familien-Zusammenkunft war. Es mute dabei sehr lebhaft zugehen. Das
Conferenz-Zimmer lag gerade ber meinem Bureau, und obgleich das Haus gut massiv
gebaut war, hatte ich doch schon ein paar Mal des Commerzienraths helle Stimme
gehrt. Ich empfand eine gewisse Unruhe, als ob es sich da ber mir um mein
specielles Wohl und Wehe handle. War ich doch durch die sonderbarste Verknpfung
der Umstnde seit Jahr und Tag in den Kreis dieser Familie wie gebannt! Hatte
ich doch an den wichtigsten Ereignissen thtigsten Antheil genommen, als Freund,
als Vertrauter; war mein eigenes Schicksal doch durch diese Ereignisse, durch
mein Verhltni zu dem einen und dem anderen Mitgliede der Familie ganz
wesentlich bestimmt worden! Wenn Arthur an jenem Morgen nicht htte an dem
Austernschmause auf dem Pinguin teilnehmen wollen - wenn ich am Abend nach der
Scene mit meinem Vater nicht den Wilden beim Schmied Pinnow getroffen htte,
wenn -
    Wir mchten einmal zu den Herren oben kommen, sagte der Wachtmeister
Smilch, indem er den grauen Lockenkopf zur Thr hineinsteckte.
    Also doch! sagte ich, indem ich nicht ohne Herzklopfen die Feder aus der
Hand legte.
    Also was? fragte der Wachtmeister, indem er ganz herein kam und die Thr
hinter sich in's Schlo drckte.
    Ich hatte gedacht, man werde mich nicht brauchen, sagte ich, indem ich mit
einem Seufzer von meinem Drehsessel herunterstieg.
    Wozu? fragte der Veteran, seinen Schnurrbart streichend und mich halb
zornig anblickend.
    Das ist eine lange Geschichte, erwiederte ich ausweichend, whrend ich vor
der groen Tintenflasche auf dem Schreibtische, die mein Bild etwas stark
verzerrt zurckwarf, mein Halstuch in Ordnung brachte.
    Die man einem alten Bren mit sieben Sinnen nicht zu erzhlen braucht,
wasmaen er doch nichts davon verstehen wrde, antwortete der Wachtmeister
etwas empfindlich.
    Ich erzhle es Ihnen spter wohl einmal, sagte ich.
    In diesem Augenblicke wurden oben zwei Stimmen gleichzeitig so laut und zwei
Sthle wurden gleichzeitig so heftig fortgerckt, da der Wachtmeister und ich
uns mit einem vielsagenden Blicke ansahen. Der Wachtmeister trat auf mich zu und
sagte in hohlem Tone vertraulich:
    Schmeien Sie die beiden Kerls die Treppe hinunter und ich will sie, wenn
sie hier unten ankommen, vollends zur Thr und zum Hause hinauswerfen.
    Wir wollen sehen, sagte ich, indem ich lchelnd dem alten Cerberus, der
die letzten Worte aus tiefster Brust heraufgegrollt hatte, die Hand drckte.
    Als ich oben die Thr ffnete, bot sich meinen Blicken ein Schauspiel
eigener Art. Von den drei Herren sa nur noch der Director an dem runden, mit
Papieren aller Art bedeckten Tisch. Der Commerzienrath stand, eine Hand auf die
Lehne des Stuhles gelegt und mit der andern heftig gegen den Steuerrath
gesticulirend, der, wie Jemand, welcher gern zum Worte kommen mchte und den der
Widersacher nicht zum Worte kommen lt, im Zimmer umherlief, stehen blieb, die
Hand erhob, zu sprechen versuchte, mit den Achseln zuckte und wieder umherlief.
Auf mein Eintreten schien Niemand zu achten als der Director, welcher mich zu
sich winkte und dann den Commerzienrath auf mein Erscheinen mit Wort und Geberde
aufmerksam machte. Der aber lie sich in seinem Redeflusse nicht stren.
    Und darum, rief er, soll ich achtzehn Jahre lang meine Kapitalien haben
ausstehen lassen, ohne einen Groschen Zinsen zu sehen, damit mir hernach solche
Chicanen gemacht werden? Sie sind ein Ehrenmann, Herr Director, ein Ehrenmann,
sage ich, und Sie haben sich in der ganzen Angelegenheit von Anfang an bis jetzt
so nobel als mglich benommen, aber der Herr da - und er deutete mit seinem
plumpen Zeigefinger so eifrig auf den Steuerrath, als ob die geringste
Mglichkeit einer Verwechselung vorhanden gewesen wre - dieser, Ihr Herr
Bruder und mein Herr Schwager, scheint eine ganz eigene Ansicht von
Geschftsangelegenheiten zu haben. O ja, das glaube ich, das wrde auch mir
passen, sich ein und dieselbe Waare zwei- oder dreimal bezahlen zu lassen, nur
da wir gewisse Paragraphen im Landrecht haben -
    Herr Schwager! fuhr der Steuerrath auf, indem er ein paar Schritte gegen
den Commerzienrath machte und drohend die Hand erhob.
    Dieser sprang mit groer Behendigkeit hinter seinen Stuhl und schrie:
    Glauben Sie, Sie knnen mir bange machen? Ich stehe unter dem Schutze des
Gesetzes -
    Schreien Sie nicht so, Herr Commerzienrath, sagte ich, meine Hand auf die
rechte Schulter des Aufgeregten legend und ihn in seinen Stuhl herunterdrckend.
    Ich hatte gesehen, da des Directors bleiche Wangen mit jedem Worte des
Wthenden sich rther und rther gefrbt hatten und der Leidenszug um seine
Augen strker und strker hervorgetreten war.
    Der Commerzienrath rieb sich die Schulter, blickte mich hchlichst
verwundert an und schwieg, wie ein schreiendes Kind, wenn ihm etwas ganz
Auergewhnliches passirt, pltzlich stille wird.
    Der Director lchelte und sagte, die eingetretene Pause benutzend:
    Ich habe unseren jungen Freund hier bitten lassen, heraufzukommen, weil ich
in der That nicht wte, wie die Frage, um die es sich augenblicklich handelt,
schneller und besser entschieden werden knnte, denn Niemand vermag uns ber die
gewnschten Punkte so sichere Auskunft zu geben als er. Wir wnschen nmlich zu
wissen, Georg, welcher Art die Einrichtung in dem Herrenhause auf Zehrendorf
gewesen ist, das Ameublement, das Silberzeug und so weiter; sodann mchten wir
eine Schilderung des Zustandes der Wirthschaftsgebude und eine mglichst genaue
Angabe des Inventariums, des lebenden und todten, wenn Sie uns darber Auskunft
geben knnen. Glauben Sie es zu knnen?
    Ich will es versuchen, sagte ich und berichtete, was ich wute.
    Whrend ich sprach, waren die kleinen, grauen Aeuglein des Commerzienraths
unverwandt auf mich gerichtet, und ich bemerkte, da sich sein verkniffenes
Gesicht, je weiter ich in meiner Schilderung kam, mehr und mehr aufhellte,
whrend das des Steuerraths in demselben Mae lnger und verlegener wurde.
    Sehen Sie, Herr Schwager, da ich Recht gehabt habe, schrie der
Commerzienrath, da -
    Sie wollten mir die Leitung der Verhandlungen berlassen, sagte der
Director, und dann sich zu dem Steuerrath wendend; Es scheint, Arthur, da die
Angaben Georgs mit dem Inventar, das der Herr Commerzienrath drei Jahre vorher
aufgenommen hat, bis auf ganz geringe Abweichungen, die der Unterschied der
Jahre vollkommen erklrt, bereinstimmen -
    Und also, schrie der Commerzienrath, die Summe, welche ich Ihrem
verstorbenen Bruder darauf geliehen habe, schwerlich zu gering gewesen. Wie der
Herr Schwager uns also den Nachweis schuldig geblieben ist, da jene Summe, die
ihm im Jahre 1818 von dem Verstorbenen durch meine Hnde ausgezahlt wurde, nicht
das Abfindungsgeld gewesen sei, so wird er sich auch wohl darein finden mssen,
da ich schon bei Lebzeiten des Herrn Bruders der rechtliche Besitzer von
Zehrendorf gewesen bin und seine Erbansprche also illusorisch sind, vollkommen
illusorisch -
    Und der Commerzienrath lehnte sich in seinen Stuhl zurck, kniff die Augen
ein und rieb sich vergngt die Hnde.
    Ich dchte, begann der Steuerrath rgerlich, diese Dinge wren nicht eben
geeignet, in Gegenwart eines Dritten -
    Ich erhob mich mit einem Blick nach dem Director.
    Bitte um Entschuldigung, lieber Arthur, sagte der Director, Du hast Deine
Zustimmung gegeben, ja schlielich selbst gewnscht, da wir unseren jungen
Freund hier zu unseren Verhandlungen hinzuzgen; es war vorauszusehen, da in
seiner Gegenwart Manches -
    Zur Sprache kommen wrde, was dem Herrn Steuerrath nicht besonders angenehm
ist - sagte der Commerzienrath, mit einem boshaften Lcheln in seinen Papieren
bltternd.
    Ich mu Sie bitten, Herr Schwager, sagte der Director -
    Und ich mu noch auerdem bitten, rief der Steuerrath, da diese
Verhandlungen in einem geziemenderen Tone gefhrt werden. Wenn ich mein Wort als
Edelmann gebe, da mein verstorbener Bruder mich in der allerletzten Zeit mehr
als einmal versichert hat, er habe nur einen kleinen, ja den kleinsten Theil des
Zehrendorfer Forstes -
    So, schrie der Commerzienrath; schaust du da heraus? Erst war es das
Haus, dann war es das Inventar, jetzt ist es der Forst - hier ist die
Verschreibung.
    Bitte, sagte der Steuerrath, das Papier, welches ihm der Commerzienrath
ber den Tisch entgegenstreckte, mit dem Rcken der Hand zurckschiebend, ich
habe davon bereits Notiz genommen. Diese Verschreibung ist mindestens nicht
unanfechtbar.
    Es ist die Handschrift unseres Bruders, sagte der Director in
vorwurfsvollem Tone.
    Aber in so allgemeinen Ausdrcken abgefat! entgegnete der Steuerrath
achselzuckend.
    Sollte ich mir vielleicht jeden Baum einzeln verschreiben lassen, rief der
Commerzienrath; es ist unerhrt, wie man mich hier behandelt. Ich spreche nicht
von Ihnen, Herr Director, Sie sind ein Ehrenmann durch und durch - aber wenn man
mir jeden Augenblick sagt, da ich Achtung haben soll vor eines Edelmannes Wort
und dann eine solche eigenhndige Verschreibung nichts mehr gelten soll, die
auch eines Edelmannes Wort ist und noch dazu ein schriftliches -
    Der Commerzienrath war zur Abwechslung in einen ganz klglichen Ton
gefallen.
    Vielleicht kann auch darber unser junger Freund wnschenswerthe Auskunft
geben, sagte der Director. Erinnern Sie sich, Georg, aus dem Munde unseres
verstorbenen Bruders einer auf den fraglichen Punkt bezglichen Aeuerung?
    Der Steuerrath warf einen raschen, ngstlichen Blick auf mich; der
Commerzienrath sah bald mich, bald den Steuerrath lauernd an, ob er ein Zeichen
geheimen Einverstndnisses auffangen knne; der Director hatte seine groen,
klaren Augen fragend auf mich gerichtet.
    Allerdings, erwiederte ich.
    Nun? rief der Commerzienrath.
    Ich theilte den Herren die Aeuerungen mit, welche der Wilde, als er mich an
dem Morgen des letzten Tages vor seinem Tode auf meinem Zimmer besuchte, gethan
hatte, da von dem ganzen majesttischen Forst ihm nichts mehr gehre, nicht so
viel, sich einen Sarg daraus zimmern zu lassen.
    Meine Stimme zitterte, als ich diese Mittheilungen machte. Jener Morgen, als
der schne Park in prchtigem Sonnenscheine heraufgrte - zum letzten Male; das
Bild des seltsamen Mannes, der sich gnzlich verloren wute und diesem
Bewutsein in so leidenschaftlicher Weise Ausdruck gab; seine Haltung, seine
Worte, der Ton seiner Stimme - das Alles berkam mich mit unwiderstehlicher
Gewalt; ich mute mich abwenden, die Thrnen nicht sehen zu lassen, die aus
meinen Augen drangen.
    Die Sache wrde fr mich entschieden sein, wenn sie es nicht bereits
gewesen wre, sagte der Director, indem er sich erhob und auf mich zutrat.
    Fr mich ebenfalls! rief der Commerzienrath, mit einem triumphirenden
Blicke nach dem Steuerrath.
    Fr mich nicht, sagte der Steuerrath; wie geneigt ich bin, in die
Wahrhaftigkeit oder, genauer gesprochen, in das gute Gedchtni unseres jungen
Freundes hier das vollste Vertrauen zu setzen; seine Reminiscenzen weichen von
dem, was ich aus dem Munde meines Bruders wei, zu weit ab, als da ich meine
frheren Behauptungen zurcknehmen wollte oder knnte. Es thut mir leid, da ich
so hartnckig sein mu, aber ich mu es eben. Ich bin es mir, ich bin es den
Meinen schuldig. Die letzten achtzehn Jahre meine Lebens sind eine Kette von
Opfern, die ich unserem ltesten Bruder gebracht habe. Noch wenige Tage vor
seinem tragischen Ende hat er in den flehentlichsten Ausdrcken meine Hilfe fr
eine bedeutende Summe in Anspruch genommen; ich bin in der ganzen Stadt
umhergelaufen, sie ihm zu schaffen; ich war auch bei Ihnen, Herr Schwager, wie
Sie sich erinnern werden; Sie wiesen mich - mit nebenbei nicht sehr feinen
Worten - ab; ich schrieb meinem unglcklichen Bruder: ich wrde ihm helfen, aber
er msse warten; ich beschwor ihn, von verzweifelten Entschlssen abzustehen. Er
hat nicht gehrt. Wre dieser Brief nicht verloren gegangen -
    Sie bedrfen meiner wohl nicht mehr, Herr Director, sagte ich, verlie,
ohne Antwort abzuwarten, das Zimmer und langte in meinem Bureau in einer
Aufregung an, ber die ich jetzt - nach so vielen Jahren - schmerzlich lchle.
Was war mir denn Groes begegnet? Es hatte Jemand, whrend es sich um wichtige
Dinge handelte, frech gelogen! Ich habe mich spter berzeugt, da die Sache
nicht so selten ist, da die Lge in geschftlichen Dingen gewissermaen einen
Freibrief hat - aber ich war damals noch sehr jung, sehr unerfahren und ich darf
wohl sagen: unschuldig, oder meine Empfindung in diesem Augenblicke htte nicht
eine so gewaltsame sein knnen. Ich stand da vor einem Abscheulichen,
Unfabaren. Ja, ich konnte es nicht fassen, mir war, als ob die Welt im Begriffe
sei, aus ihren Angeln zu fallen. Schon einmal war mir etwas Aehnliches begegnet,
als ich Konstanzens Flucht erfuhr, und da sie mich belogen und betrogen; aber
da war in meinen Augen doch noch eine Art von Entschuldigung gewesen: die
Leidenschaft der Liebe, die ich begreifen konnte. Dies hier begriff ich nicht;
ich begriff nicht, da man um ein elender paar hundert oder tausend Thaler
willen einen Todten verleumden, die Mitlebenden hintergehen, sich selbst in den
Schmutz werfen knne. Aber eines ist mir in jenem Augenblicke klar geworden und
ich habe mein Lebenlang an der Ueberzeugung festgehalten, da die Wahrheit viel
mehr ist als eine Form, neben der auch noch eine andere Platz htte, da sie im
Gegentheile die Basis und die Bedingung des Menschendaseins ist, wie der Natur;
da jede Lge diese Basis erschttert und aufhebt, so weit die Wirkung der Lge
reicht. Spter freilich habe ich eingesehen, da diese Wirkung eben nicht weit
reicht, da, wie das Wasser in die Horizontale strebt, so die moralische Welt
fortwhrend danach ringt, die Wahrheit aufrecht zu erhalten und die verderbliche
Wirkung der Lge auszugleichen.
    Aber an jenem Morgen kam dieser trstliche Gedanke nicht, den Sturm, der in
meiner Brust entfesselt war, mit mildem Oel zu snftigen. Lgner, abscheulicher,
ekelhafter Lgner, murmelte ich wieder und immer wieder; du wrest werth, da
ich dich an den Pranger stellte, da ich hinginge und sagte, was in dem letzten
Briefe, den du an deinen Bruder schriebst, gestanden, und was aus dem Briefe
geworden ist.
    Ich glaube, htte dieser Zustand noch lnger gedauert, ich wrde dem
Verlangen, die Wahrheit an ihrem Verrther zu rchen, nicht haben widerstehen
knnen, wie sehr es auch gegen meine Natur war, das Henkeramt auszuben. Da aber
hrte ich die Herren die Treppe herabsteigen; im nchsten Moment trat der
Director in das Bureau. So gerthet vorhin seine Wangen gewesen waren, so bleich
waren dieselben jetzt; seine Augen waren halb gebrochen, wie Jemandes, der eben
eine sehr schmerzliche Operation durchgemacht hat; er wankte nur eben nach einem
Stuhle, in den er sich fallen lie, whrend ich herbeieilte, ihn zu sttzen.
    Nach einer Minute drckte er mir die Hand, richtete sich auf und sagte
lchelnd: Ich danke Ihnen, es ist wieder gut, verzeihen Sie diese Schwche,
aber es hat mich mehr mitgenommen, als ich dachte. So ein Streit um Mein und
Dein ist doch das Widerwrtigste von der Welt, auch wenn man nur aus der Ferne
zusieht, geschweige denn, wenn Einem der aufgewhlte Staub so gerade in's
Gesicht geworfen wird. Nun, die Sache ist zu Ende; ich hatte schon vorher einen
Vergleich aufgesetzt, man hat sich bequemt, denselben zu unterschreiben. Mein
Bruder hat gegen eine allerdings sehr mige Entschdigung seine Ansprche
aufgegeben, die durch Ihre Aussagen den letzten Rest von Credit bei mir verloren
hatten. Er sagt, da er ein Bettler sei, ach! und er ist keiner von den wahren,
die mit den Knigen rangiren!
    Der bleiche Mann lchelte bitter und fuhr dann leise, wie mit sich selbst
redend, fort:
    So ist der letzte Rest des Erbes unserer Vter aus unseren Hnden genommen!
Die alte Zeit ist vorber, sie hat lange genug gedauert, zu lange! Um den Wald
thut es mir leid, man sieht die Bume nicht gern fallen, durch deren Kronen der
erste Morgensonnenstrahl unsere Kinderaugen grte, unter deren Laubdach wir
unsere Jugendspiele spielten. Und jetzt werden sie fallen; fr ihn, den neuen
Herrn, sind sie nur Holz, das er zu Geld machen mu. Zu Geld! Freilich, es
regiert ja die Welt, er wei es; er wei, da die Reihe an ihn und seines
Gleichen gekommen ist, da sie jetzt die Ritter vom Hammer sind. Es ist das alte
Spiel in etwas anderer Form. Wie lange werden sie es spielen? Ich hoffe nicht
allzu lange. Dann -
    Er hob die Augen zu mir auf mit einem langen, liebevollen Blick - dann
kommen wir daran, wir, die wir begriffen haben, da es eine Gerechtigkeit giebt,
da diese Gerechtigkeit sich nicht spotten lt und da wir diese Gerechtigkeit,
welche die Gegenseitigkeit ist, wollen mssen aus ganzer Seele und mit ganzem
Herzen. Nicht wahr, Georg?

                          Dreiunddreiigstes Capitel.


Doctor Willibrod und ich hatten gehofft, da die lstige Einquartierung, welche
des Directors Haus seit mehreren Tagen beherbergte, nachdem der Zweck erreicht
war, abziehen werde, aber unsere Hoffnung sollte nur zum Theil in Erfllung
gehen.
    Ich wnsche nicht in Gesellschaft eines Mannes zu reisen, der mich zu einem
Bettler gemacht hat, sagte der Steuerrath.
    Papperlapapp, sagte der Commerzienrath, der am Nachmittage, schon im
Reise-Anzuge, in mein Bureau gekommen war, eigens um von mir Abschied zu nehmen;
er ist sein Lebenlang ein Bettler gewesen, und wollen Sie es glauben? Vor fnf
Minuten hat er mich schon wieder angebettelt, er habe das Geld zur Rckreise
nicht, ich solle ihm hundert Thaler vorschieen. Ich habe sie ihm gegeben, ich
werde sie nie wieder zu sehen bekommen. A propos! Sie - grogeschrieben - man
kann Sie nicht anders als gro schreiben - Sie mu ich aber wieder zu sehen
bekommen. Wahrhaftig, Sie gefallen mir mit jedem Male besser, Sie sind ein
Capitalmensch!
    Sie wrden wenig Capital aus mir machen, Herr Commerzienrath.
    Capital machen? Sehr gut! sagte der sanguinische alte Herr und stie mich
in die Seite, wollen sehen, wollen sehen! Ihr erster Gang, wenn Sie wieder frei
sind, mu zu mir sein. Werde schon fr Sie Rath schaffen; habe alles Mgliche -
hier drckte der Commerzienrath die Augen ein - mit meinem Gute vor:
Branntweinbrennerei, Ziegelbrennerei, Torfgrberei, Holzschneidemhle - will Sie
schon unterbringen. Wie lange haben Sie noch zu sitzen?
    Noch sechs Jahre.
    Der Commerzienrath blies die Backen auf. Puh! das ist verzweifelt lange.
Kann ich denn nichts fr Sie thun? Gelte etwas da oben! Immediat-Eingabe? he?
    Ich bin Ihnen sehr verbunden, verspreche mir aber keinen Erfolg von Ihren
Bemhungen.
    Schade, schade! htte Ihnen gern meine Erkenntlichkeit bewiesen. Sie haben
mir heute wirklich einen groen Dienst geleistet. Der Mensch htte mir noch viel
Chicanen machen knnen. Wie wr's denn mit einer kleinen Subvention? Sprechen
Sie sich frei aus! Ich bin ein Geschftsmann, auf so ein hundert Thlerchen
kommt es mir nicht an.
    Wenn wir als gute Freunde scheiden wollen, kein Wort mehr davon, sagte ich
ernst.
    Der Commerzienrath schob das dicke Portefeuille, das er bereits halb aus der
Tasche genommen hatte, schnell zurck und knpfte zur greren Sicherheit einen
der goldenen Knpfe seines blauen Frackes darber.
    
    Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. So kommen Sie wenigstens und sagen
Sie meiner Hermine Adieu! Ich glaube, das Mdel wrde nicht abfahren, wenn Sie
nicht an den Wagen kmen. Oder wollen Sie das auch nicht?
    Gewi will ich es, sagte ich, und folgte dem Commerzienrath auf den Platz
vor dem Hause, wo bereits die ganze Familie um den groen neuen Reisewagen des
Millionrs versammelt war.
    Whrend er in seiner prahlerischen Weise die Bequemlichkeit des Wagens und
die Schnheit der beiden schwerflligen braunen Pferde pries, die sich mit den
langen Schweifen lssig die Weichen wedelten, und zwischendurch von den
Anwesenden mit plumpen Bcklingen und plumpen Phrasen sich verabschiedete,
flatterte Hermine von Einem zum Andern, lachend, neckend, tollend um die Wette
mit ihrer Zerline, die fortwhrend in der Luft schwebte und dabei auf das
abscheulichste klffte. So kam sie ein paarmal an mir vorber, ohne die
geringste Notiz von mir zu nehmen. Pltzlich berhrte Jemand von hinten meinen
Arm. Es war Frulein Duff. Sie winkte mich mit den Augen ein wenig beiseite und
sagte, als ich ihrem Wunsche nachgekommen war, geheimnivoll und hastig: Sie
liebt Sie!
    Frulein Duff sah so bewegt aus; ihre sonst so knstlich arrangirten Locken
flatterten heute so zerstreut um ihr schmales Gesicht; ihre wasserblauen Augen
rollten so sonderbar in den groen Hhlen; - ich glaubte einen Moment wirklich,
die gute Dame habe ihr bischen Verstand vollends verloren.
    Blicken Sie mich nicht so verzweifelnd an, Richard! sagte sie; aus den
Wolken mu es fallen, aus der Gtter Schoo das Glck! Das ist eine ewige
Wahrheit, die hier wieder einmal zutrifft. Sie hat es mir heute Morgen
gestanden, mit so leidenschaftlichen Thrnen; es hat mein Herz zerrissen; ich
habe mit ihr geweint; ich durfte es, denn ich habe mit ihr gefhlt. Auch ich bin
in Arkadien geboren, doch Thrnen gab der kurze Lenz mir nur.
    Frulein Duff wischte sich die wasserblauen Augen, aus denen feuchte Nebel
aufstiegen, und warf dann einen schmachtenden Blick auf Doctor Snellius, der
eben mit sauerser Miene die Danksagungen des Commerzienrathes entgegennahm.
    Ein Jngling wie ein Mann! flsterte sie. Die Schale mag wohl bitter
sein, der Kern ist's sicher nicht. O Gott, was habe ich gesagt! Sie sind im
Besitze der Geheimnisse eines jungfrulichen Herzens, Sie werden es nicht
profaniren. Und jetzt! lassen Sie uns scheiden, Richard! Unser letztes Wort:
Suche treu, so findest Du! Ich komme, ich komme!
    Sie wandte sich ab und eilte, der Gesellschaft mit dem Sonnenschirm einen
Abschiedsgru winkend, zum Wagen, in welchem der Commerzienrath es sich bereits
bequem gemacht hatte, whrend Hermine ihren Wachtelhund ber den Wagenschlag
hinaushielt und bellen lie. Ich war, durch Frulein Duff's wunderliche Reden
stutzig gemacht, in der Entfernung stehen geblieben; die kleine Uebermthige
hatte keinen Blick fr den, welchen sie, nach Frulein Duff's Aussage, lieben
sollte. Sie lachte und tollte und scherzte, aber in dem Moment, als die Pferde
anzogen, zuckte es schmerzlich ber das reizende Gesichtchen und sie warf sich
mit unglaublicher Leidenschaft ihrer Gouvernante in die Arme, die Thrnen zu
verbergen, die stromweise aus ihren Augen brachen.
    Die wren wir los, sagte Doctor Snellius; hoffentlich knnen wir die
Anderen morgen nachschicken.
    Aber die Hoffnung des Doctors erfllte sich am folgenden Tage nicht und
ebensowenig am dritten, und es gingen vierzehn Tage in's Land und der Herr
Steuerrath und die geborene Barone Kippenreiter waren noch immer Gste im Hause
des Directors.
    Ich vergifte sie, wenn sie nun nicht bald gehen, krhte der Doctor.
    Man knnte auf der Stelle zu einem Br mit sieben Sinnen werden, knurrte
der Wachtmeister.
    Es war in der That eine wahre Calamitt, die ber das Haus des trefflichen
Mannes gekommen war und die wir drei Verbndeten, jeder in unserer Weise,
beklagten; Niemand lauter und leidenschaftlicher als der Doctor.
    Sie sollen sehen, sagte er; die wollen ihre Winterquartiere hier
aufschlagen! Das Haus ist nicht gro, aber der Igel wei es sich beim Hamster
bequem zu machen; die Verpflegung ist gut, an der liebevollen Behandlung -
obgleich auf die weniger gesehen wird - fehlt es auch nicht! Wo Humanus nur die
Geduld hernimmt? Er mu ber ein Potosi zu verfgen haben! Denn er leidet,
leidet sehr ernstlich unter der heuchlerischen, hndischen Demuth dieses
brderlichen Schmarotzers, gerade so wie seine engelhafte Frau unter den spitzen
Klauen und gelben Zhnen der geborgen Kippenreiter! Heiliger Gott! da wir
dieselbe Luft mit solchen Geschpfen athmen, da wir mit ihnen aus einer
Schssel essen mssen! Was haben wir verbrochen?
    Dasselbe wrden die gebornen Kippenreiter auch von uns sagen.
    Sie wollen mich rgern; aber Sie haben Recht. Doppelt Recht, denn die
gebornen Kippenreiter sagen es nicht nur, sondern handeln auch darnach und
verbieten uns die Luft, die sie athmen, und die Schssel, aus der sie essen,
wenn sie es irgend knnen, ohne nur im mindesten sich darum zu kmmern, ob wir
dabei ersticken und verhungern, sehr wahrscheinlich sogar mit dem Wunsche, da
diese Eventualitten eintreten mchten.
    Ein Beitrag zur Theorie des Directors vom Hammer und Ambo, sagte ich.
    Des Doctors kahler Schdel erglhte.
    Kommen Sie mir nicht mit dieser gutmthigen Narrheit, rief er in seinen
hchsten Tnen. Wer schwach oder gutmthig, oder beides ist, und er wird
meistens beides sein - der ist von dem Starken und Bswilligen zerhmmert
worden, so lange die Welt steht, und er wird zerhmmert werden, bis das Wasser
bergan luft und das Lamm den Wolf frit. Hammer und Ambo! Frwahr, der alte
Goethe kannte die Welt und wute es besser.
    Und was wrden Sie thun, Doctor, wenn sich arme Verwandte bei Ihnen
einquartierten und Ihnen mit der Zeit lstig fielen?
    Ich, ich wrde - das ist eine alberne Frage - ich wei nicht, was ich
wrde; aber das beweist nichts, gar nichts, hchstens, da ich, trotz meiner
Rodomontaden, schlielich auch nur ein jmmerliches Stck Ambo bin. Und
schlielich - ja, jetzt hab' ich's! Wir sind mit ihnen weder verschwgert noch
verwandt; wir haben keine Rcksichten zu nehmen und wir mssen sie wegbringen.
    Ein glcklicher Gedanke, Doctor!
    Allerdings! sagte der Doctor und hpfte von einem Bein auf's andere. Ich
bin zu Allem bereit, zu Allem! Man mu ihnen das Leben hier versalzen,
verbittern, vergllen, mit einem Wort - unmglich machen.
    Aber wie?
    Ja wie? Sie trges Mammuth! Denken Sie selber nach! Die Geborne nehme ich
auf mich. Sie denkt, weil sie ein schlechtes Herz hat, mu sie auch ein krankes
haben. Sie frchtet sich vor dem Tod, als htte sie bereits acht Tage lang im
hllischen Feuer Probe gebraten. Sie soll an mich glauben!
    Doctor Willibrod Snellius begann noch an demselben Tage seinen teuflischen
Plan in's Werk zu setzen. Er sprach, sobald er in der Gehrweite der gebornen
Kippenreiter war, nur noch ber Blutumlauf, Venen, Arterien, Klappenfehler,
Herzbeutelentzndung, Herzschlag. Er war sich bewut, der Gndigen mit solcher
Unterhaltung lstig zu fallen, aber er schriebe an einer Monographie ber diese
Materien; und wovon das Herz voll sei, davon gehe der Mund ber. Auch knne er
nicht leugnen, da er nicht ohne alle Absicht die Aufmerksamkeit gerade der
Gndigen auf diese Punkte richte. Er wolle und knne ohne vorhergegangene
grndliche Untersuchung nicht behaupten, da die Herzklappen der Gndigen nicht
regelmig functionirten, aber es gebe gewisse Symptome, von denen vielleicht
eines oder das andere bei der Gndigen zutrfe, und Vorsicht sei nicht blos die
Mutter der Weisheit, sondern manchmal auch eines langen, zum wenigsten doch um
mehrere Jahre verlngerten Lebens.
    Die Gndige war keineswegs ein Gegenstand besonderer Zuneigung meinerseits,
dennoch empfand ich manchmal eine Art von Mitleid, wenn ich sah, wie sich das
unglckliche Opfer unter dem Messer seines Peinigers wand und krmmte. Wie
sollte sie ihm entgehen? Als eine Dame, die sich viel auf ihre Bildung zugute
that, konnte sie einer wissenschaftlichen Unterhaltung nicht wohl ausweichen;
als Gast im Hause war sie dem Freund des Hauses Rcksichten schuldig und
schlielich hatte fr die eingebildete Kranke die Unterhaltung, vor der sie sich
frchtete wie ein Kind vor Gespenstern, auch wieder einen grauenhaften Reiz. Sie
wurde bla, so oft Doctor Willibrod in's Zimmer trat, und doch richtete sie ihre
kleinen runden Augen ngstlich auf ihn, mit dem qualvollen Blicke des Vogels,
dem die Schlange in's Nest starrt; sie konnte der Anziehungskraft nicht
widerstehen, eine Minute spter hatte sie den Frchterlichen zu sich gewinnt und
ihn gefragt, wie weit er mit seiner Abhandlung gekommen sei?
    Es ist um rasend zu werden, sagte Doctor Willibrod; die Person kann
nchstens ohne mich und meine Schaudergeschichten nicht mehr leben; ich habe ihr
heute einen Fall erzhlt, wo eine Dame, genau in ihren Jahren,
Lebensverhltnissen, Krperbeschaffenheit und so weiter, in der Unterhaltung mit
ihrem Arzt ber Kongestionen nach dem Herzen vom Schlage getroffen worden sei -
sie lchelt mich mit bleichen Lippen an, sie ist einer Ohnmacht nahe, ich denke,
sie wird nach dem Wagen klingeln - und was ist das Resultat? Sie mssen mir
morgen weiter davon erzhlen! sagt sie und entlt mich mit einer gndigen
Handbewegung.
    Die ist hieb- und kugelfest, Doctor! sagte ich, die kriegen Sie so nicht
weg.
    Aber sie mu weg, die ganze Bagage mu weg, schrie der Doctor, ich
bestehe darauf als Mensch, als Freund, als Arzt.
    Ich lachte, aber im Innern war ich durchaus des Doctors Meinung. Die
Anwesenheit dieser Menschen war fr die Familie des Directors eine geradezu
unertrgliche Last. Wie htte mir das entgehen knnen, der ich mich in das Wesen
der Guten, Edlen so ganz eingelebt, der ich fr Alles, was sie betraf, die
scharfsichtigen Augen inniger, ehrfurchtsvoller Liebe hatte! Ich sah, wie der
Director mit jedem Tage ernster blickte, wie er sich zwingen mute, auf das
ewige Nicht wahr, lieber Bruder? Meinst Du nicht auch, lieber Bruder? zu
antworten; ich sah, wie es ber das schne, bleiche Gesicht der Blinden
schmerzlich zuckte, sobald die blecherne Stimme der schwatzhaften Schwgerin an
das empfindliche Ohr schlug; ich sah, wie die arme Paula zu ihren vielen Lasten
auch diese still und geduldig trug, wie sie Alles trug; aber ich sah auch, wie
schwer es ihr wurde.
    So sa ich eines Tages, dies in grimmigem Herzen erwgend, in dem Bureau und
zerschnipselte eine unglckliche Feder, als ich durch das Fenster, welches ich
halb geffnet hatte, einen der jetzt selten gewordenen Sonnenstrahlen in das
Zimmer zu lassen, die verhate blecherne Stimme der gebornen Kippenreiter
vernahm.
    Du thust mir gewi den Gefallen, liebe Paula, ich wrde Dich sicher nicht
darum bitten - ich wei, junge Mdchen sind immer in ihre Zimmer verliebt - aber
das meine ist wirklich zu trist, die ewige Aussicht auf die Gefngnimauern, und
dann frchte ich auch, es ist feucht, zumal in der jetzigen Jahreszeit und bei
meinem Herzleiden wrde der kleinste Rheumatismus mein Tod sein. Nicht wahr,
liebe Paula, ich darf darauf rechnen, vielleicht heute noch, es wre charmant?
    Heute wird es schwer halten, liebe Tante, ich habe gerade heute -
    Nun denn morgen, liebes Kind! Du siehst, ich bin mit Allem zufrieden, und
was ich Dir noch sagen wollte, liebes Kind, der Rothwein, den wir Mittags
trinken, er ist - ganz unter uns - nicht besonders und bekommt meinem Manne gar
nicht gut. Er ist gerade in diesem Punkte ein wenig verwhnt. Ich wei, Ihr habt
noch anderen im Keller, wir haben in den ersten Tagen davon getrunken, nicht
wahr?
    Ja, Tante, es sind leider nur noch ein paar Flaschen, die ich fr den Vater
-
    Wenn es auch nur noch ein paar Flaschen sind, es ist immer besser als gar
nichts. Gott, da steht wieder der Mensch am Fenster! man kann hier keine drei
Schritte gehen, ohne auf den Menschen zu stoen.
    Diese letzten Worte waren vielleicht nicht fr mein Ohr bestimmt, aber mein
Ohr war sehr scharf und die blecherne Stimme der Gndigen sehr verstndlich. Da
sie auf keinen Anderen gingen, als auf mich, war anzunehmen, denn auerdem, da
ich ohne Zweifel ein Mensch war, der gerade am Fenster stand, hatte die Gndige
mich zum Ueberflu aus der Entfernung von wenigen Schritten mit ihren runden,
starren Augen sehr ungndig angesehen und sich dann kurz auf den Hacken
umgedreht.
    Aber was kam denn darauf an, ob ich der Gndigen mifiel, oder wie sehr ich
ihr mifiel; ich dachte gar nicht an mich, ich dachte nur an das liebe, arme
Mdchen, das sich die Thrnen von den Wangen wischte, als sie, nachdem die Tante
sie verlassen, allein den Gartengang hinaufschritt. Im Nu war ich von meinem
Drehstuhl herunter, zum Zimmer hinaus und hatte sie mit wenigen Schritten
erreicht.
    Sie drfen ihr das Zimmer nicht einrumen, Paula, sagte ich.
    Sie haben es gehrt?
    Ja, und Sie drfen es nicht. Es ist das einzige, das ein gutes Licht hat,
und -
    Ich werde im Winter doch nicht recht zum Malen kommen, es ist gar zu viel
zu thun.
    Nehmen Sie denn wirklich an, da sie den ganzen Winter hier bleiben
werden?
    Ich wei es nicht anders; noch soeben hat die Tante davon gesprochen.
    Paula versuchte zu lcheln, aber, so sehr sie sich sonst in der Gewalt
hatte, diesmal wollte es doch nicht gelingen. Es zuckte schmerzlich um ihren
lieben Mund, und ihre Augen fllten sich wieder mit Thrnen.
    Es ist nur um die Eltern, sagte sie entschuldigend; der arme Vater bedarf
der Ruhe gerade jetzt so sehr, und Sie wissen, wie die Mutter leidet, wenn sie
sich stundenlang unterhalten soll. Aber Sie drfen von dem Allen nichts merken
lassen, Georg, ja nicht!
    Und sie legte den Finger an die Lippen, und die groen blauen Augen blickten
ngstlich zu mir auf.
    Ich murmelte etwas, das sie fr Zustimmung nehmen mute, denn sie lchelte
mich freundlich an und eilte in's Haus, von dem die schrille Stimme der Gndigen
ertnte, die mit Aufgebot der ganzen Kraft ihrer Lunge - die Lunge konnte nicht
krank sein! - aus dem Fenster nach dem Steuerrath rief, der ganz im Hintergrunde
des Gartens an der sonnebeschienenen Spalierwand zwischen den vergilbten
Blttern von einer der wenigen Pfirsichen naschte, die des Directors
unermdliche Sorgfalt dem allzu unmilden Klima abtrotzte.
    Mit langen Schritten, die dem Steuerrathe nichts Gutes verkndeten, eilte
ich den Gang hinauf, gerade auf den Nscher zu.
    Ah, sieh da! sagte er, ohne sich in seiner Beschftigung stren zu lassen,
meine Frau schickt Sie wohl? aber sehen Sie selbst, ob an dem ganzen Spalier
noch eine anstndige Frucht ist. Und dabei ist das Zeug sauer wie Essig.
    Dann sollten Sie sie ungegessen lassen.
    Wissen Sie, ich denke, es ist noch immer besser wie nichts; als ein
pensionirter Beamter lernt man das.
    In der That!
    Ich begleitete diese Worte mit einem hhnischen Lachen, das den Steuerrath
aus seinem Wahne, mich durch eine gemthliche Unterhaltung zu beglcken, jh
aufschreckte. Er sah mich an mit dem Blicke des Hundes, der unschlssig ist, ob
er vor dem Angreifer fliehen oder ihm in die Beine fahren soll.
    Herr Steuerrath! sagte ich, ich habe Sie um etwas zu ersuchen.
    Seine Unschlssigkeit war zu Ende. Ich werde Sie zu jeder anderen Zeit mit
Vergngen anhren, sagte er, in diesem Augenblicke bin ich etwas sehr pressirt
-
    Und er wollte an mir vorber, ich vertrat ihm den Weg.
    Ich kann Ihnen in drei Worten sagen, was ich Ihnen zu sagen habe: Sie
mssen von hier fort!
    Ich mu, was?
    Von hier fort! wiederholte ich und ich fhlte, wie mir die Rthe des
Zornes in's Gesicht stieg, alsobald, sagen wir in sptestens drei Tagen.
    Aber, ich glaube, Sie sind wahnsinnig, junger Mann! erwiederte der
Steuerrath mit einem Versuche, sich eine berlegene Miene zu geben, dem seine
angstbleichen Lippen klglich widersprachen. Wissen Sie, mit wem Sie reden?
    Geben Sie sich keine Mhe, sagte ich verchtlich, die Zeiten, in denen
ich in Ihnen, ich wei nicht, welches ehrfurchtgebietende Wunder sah, sind
lngst vorbei. Ich habe vor Ihnen keinen Respect mehr, nicht so viel, und ich
will nicht, da Sie hier bleiben, begreifen Sie: ich will nicht!
    Aber das ist unerhrt! rief der Steuerrath, ich werde es meinem Bruder
sagen, welchen Insulten ich hier ausgesetzt bin.
    Wenn Sie das thten, wrde ich -
    Es wollte mir nicht ber die Lippen; ich hatte es nun schon so lange
verschlossen in der Brust gehalten, ich hatte ein paar Jahre Gefngni mehr
dafr, da ich es verschwiegen; es war eine giftige Waffe, die ich gegen den
Elenden da gebrauchen wollte; aber ich dachte an das bethrnte Angesicht des
lieben Mdchens, und dann sah ich in das von Ha und Zorn verzerrte Gesicht des
schlechten Mannes vor mir, und da drngte es sich langsam durch die
zusammengepreten Zhne - von dem Briefe sprechen, den Sie ihm - ich deutete in
die Richtung, in welcher die Insel lag - schrieben; von dem Briefe, auf den hin
er seinen letzten Zug unternahm - von dem Briefe, der Sie als seinen
Mitschuldigen, ja als den Hauptschuldigen ausweist, und der Ihnen den Hals
gebrochen haben wrde, htte ich nicht geschwiegen.
    Der Mann war, whrend ich sprach, zurckgetaumelt, als htte er auf eine
Giftschlange getreten; er verfolgte mit weit aufgerissenen Augen die Bewegung
meiner Hnde, er frchtete jedenfalls, da ich dieselben jetzt an die
Brusttasche fhren und das verhngnivolle Blatt produciren wrde.
    Der Brief, den Sie meinen und in dessen Besitz Sie jedenfalls auf
unrechtmige Weise gelangt sind, beweist nichts, stammelte er, beweist gar
nichts. Es ist mir ganz gleich, ob Sie denselben meinem Bruder zeigen, oder wem
Sie wollen, wem Sie wollen -
    Ich kann ihn Niemanden mehr zeigen, denn ich habe ihn verbrannt.
    Der Steuerrath schnellte in die Hhe. Die Angst hatte ihn gar nicht auf den
Gedanken kommen lassen, der Brief knne mittlerweile verloren gegangen oder
vernichtet sein. Wie anders lag jetzt die Sache!
    Ein hhnisches Lcheln zuckte ber sein Gesicht, das sich wieder mit Farbe
zu beleben anfing.
    Was schwatzen Sie denn, was wollen Sie denn? rief er mit heiserer Stimme,
die seltsam mit seiner sonstigen glatten Stimme contrastirte, der Teufel mag
wissen, was das fr ein Brief ist, den Sie gesehen haben - gesehen zu haben
vorgeben! Denn das Ganze sieht verzweifelt wie eine Lge aus und wie eine recht
ungeschickte dazu. Herr, bleiben Sie mir vom Leibe! rhren Sie mich nicht an!
ich rufe um Hilfe! und Sie haben zu Ihren sieben Jahren noch sieben Jahre dazu!
Rhren Sie mich nicht an, sage ich!
    Er war vor mir, dessen Miene wohl drohend genug sein mochte, zurckgewichen
bis zur Wand, an deren Spalier er sich jetzt zitternd festhielt. Ich trat dicht
vor ihn hin und sagte in leisem Tone:
    Ich werde Ihnen nichts thun, denn - erbrmlicher Schuft, der Sie sind -
ehre ich in Ihnen doch Ihre Brder, den Einen, den Sie in den Tod gejagt haben,
und den Anderen, von dessen kostbarem Leben Sie nicht eine Stunde mehr
verbittern sollen. Wenn mir Niemand glaubt, da ich den Brief gelesen und
verbrannt habe - er glaubt mir's. Sie wissen, da er mir's glauben wird. Und
wenn Sie der Morgen des dritten Tages hier noch findet, so erfhrt er, wen er so
lange unter seinem Dache beherbergt. Sie kennen ihn! Er kann viel verzeihen und
verzeiht viel; so frech belogen zu sein, wie er, wie der Commerzienrath, wie
alle Welt von Ihnen belogen ist - das wrde er nicht verzeihen.
    Der Mensch wute, da ich recht hatte; ich sah es an seinem Gesichte, das
die Angst vor dem Sieger, dem er rettungslos in die Hnde gefallen war,
ordentlich spitz machte.
    Und es war die hchste Zeit gewesen; eine Minute spter, und der Sieg wre
mindestens fraglich geworden. Denn jetzt kam durch den Garten daher Hilfe fr
den zu Boden Geschmetterten. Es war die geborne Kippenreiter, die schon aus der
Ferne rief, wir sollten doch noch ein paar Pfirsiche fr sie aufheben.
    Ein weiser Feldherr nimmt keine neue Schlacht an, wenn er frchten mu,
damit einen mhsam errungenen Erfolg auf's Spiel zu setzen. Ich hatte vor den
zornigen Blicken des Steuerraths nicht gebebt, aber vor den gelben Zhnen der
Gebornen empfand ich etwas, das ich Furcht nennen mte, wenn die Ehrfurcht, die
wir den Damen schuldig sind, ein solches Gefhl in der Brust des Mannes
aufkommen liee.
    Dem sei, wie ihm wolle; ich hielt den Augenblick, als ich die gelbbraune
Seidenrobe der Gndigen schon ganz aus der Nhe knittern hrte, fr ganz
besonders passend, mich nach einem letzten bezeichnenden Blicke auf meinen Feind
und einer stummen Verbeugung vor seinem herannahenden Succurs in schicklicher
Eile durch die mit drren Blttern bestreuten Gartengnge auf mein Bureau
zurckzuziehen.
    Wrde meine Drohung wirksam sein?
    Ich hatte ihm noch zwei Tage Frist gegeben, die Entscheidung mute also
unter allen Umstnden bald genug eintreten.
    Sonderbar! ich war mir bewut, aus den uneigenntzigsten Beweggrnden, mit
einem Herzen, das nur fr die Anderen schlug, gethan zu haben, was ich gethan -
dennoch war meine Seele voller Unruhe und mein Auge sphte und mein Ohr lauschte
nach jedem Zeichen, das mir sagte, was ich zu hoffen, was ich zu frchten habe.
Der nchste Tag verging - es blieb, so weit ich bemerken konnte, Alles beim
Alten; ja selbst Paula's Zimmer - dasselbe, in welchem ich krank gelegen - wurde
ausgerumt; ich sah ihre Staffelei, ihre Skizzenmappen ber den Flur tragen und
- knirschte mit den Zhnen.
    Aber am Vormittag des nchsten Tages trat der Director mit einem mehr als
gewhnlich nachdenklichen Gesicht in das Bureau und sagte, nachdem er sich von
mir einige Acten hatte geben lassen, schon mit der Hand auf dem Drcker:
    Sagen Sie, Georg! Sie sind ja in der Sache ganz unbefangen - haben Sie in
meinem oder der Meinigen Betragen irgend etwas bemerkt, das meinem Bruder oder
seiner Frau Veranlassung gegeben htte, zu denken, sie seien von uns hier nicht
gern gesehen?
    Ich hatte gerade eine sehr seine Schraffirung zu machen und konnte deshalb
den Kopf nicht vom Reibrett erheben, als ich auf die Frage des Directors:
Nicht, da ich wte! antwortete.
    Ich sollte doch auch meinen, sagte er - und seine Stimme klang ganz
betrbt; es wre mir sehr, sehr schmerzlich, mte ich das frchten; mte ich
frchten, da mein Bruder sagen, ja auch nur denken knnte: er hat keine Achtung
vor meinem Unglcke gehabt, er hat mich von sich getrieben, als sein Haus meine
einzige Zuflucht war. Denn so steht es mit ihm oder doch beinahe so. Seine
Pension ist sehr gering fr so verwhnte Menschen; die Abfindungssumme ist -
nicht ohne unser Zuthun - klein genug ausgefallen; berdies hat er Schulden, und
fr sein Leben zu arbeiten - wann htte er in dem leidigen Beamten-Schlendrian
das gelernt! Sie haben unser Haus gerade nicht heller gemacht - ich mte lgen,
wenn ich es anders sagen wollte - aber er ist mein Bruder und er ist mein Gast -
ich wollte, er ginge nicht.
    Der herrliche Mann mochte auf eine beruhigende Antwort von mir hoffen; aber
die Linien auf der Schraffirung waren noch enger aneinander gerckt - ich mute
das Gesicht noch tiefer als zuvor auf das Reibrett beugen. Er seufzte und
verlie das Zimmer.
    Ich athmete, als sich die Thr hinter ihm schlo, hoch auf, und einen
Augenblick spter sah ich in dem schwarzen Spiegel der dickbuchigen
Tintenflasche auf dem Bureau meine lange Gestalt in grotesker Verzerrung mit
Armen und Beinen Bewegungen ausfhren, welche in Wirklichkeit vermuthlich einen
Freuden- und Siegestanz darstellten.
    Du bist ja ungeheuer vergngt, sagte eine Stimme hinter mir.
    Ich verga vor Schrecken das eine Bein, das ich noch in der Luft hatte, und
machte auf dem anderen eine Pirouette, welche mir den lautesten Beifall der
Kenner eingetragen haben wrde.
    Arthur ist spter ein Kenner in diesen Dingen gewesen; zur Zeit aber konnte
er es wohl noch nicht sein, denn seine Miene strahlte, indem er sich jetzt in
einen Stuhl warf, keineswegs vor Entzcken und der Ton seiner Stimme war uerst
melancholisch, als er, den Lockenkopf in die Hand sttzend, also fortfuhr:
    Freilich, Du hast alle Ursache dazu; Du hast Deinen Zweck erreicht; von
morgen an bist Du ja wieder hier Alleinherrscher.
    Ich hatte mittlerweile den anderen Fu auch wieder auf den Boden gebracht
und die Gelegenheit benutzt, mich diesem neuen Gegner gegenber, - denn als
solchen mute ich Arthur ansehen - fest in meine Stiefel zu stellen. Aber ich
hatte mich geirrt. Arthur war nicht gekommen, mir Vorwrfe zu machen.
    Ich habe meine Grnde, sagte er, die Alten lieber nicht hier an Ort und
Stelle zu haben. Der Alte, weit Du, ist seit seinem Unglcke wirklich ganz
disreputabel geworden; er pumpt den ersten Besten an, der ihm ber den Weg luft
-  propos, die fnfundzwanzig, die Du mir neulich geliehen hast, kann ich Dir
wiedergeben - ich habe gestern Abend einen fabelhaften Treffer gehabt - wir
hatten ein kleines Jeu beim Lieutenant von Serring - schade, da ich das Geld
nicht bei mir habe, aber Du kriegst es morgen ganz gewi - was ich sagen wollte:
der Alte treibt es zu arg, er htte mich ber kurz oder lang heillos
compromittirt; der Oberst pat mir so schon schauderhaft auf den Dienst.
Deswegen also keine Feindschaft, Georg! Denn Du hast ihn weggebissen - leugne es
nicht; ich hab's von der Mama. Sie ist wthend auf Dich; aber ich habe ihr
gesagt, sie knne sich gratuliren, da Du so discret gewesen und die Geschichte
von dem Briefe nicht weitererzhlt hast. Und deshalb bin ich auch nicht
gekommen, sondern um Dich zu fragen, wie ich nun mit Dir stehe.
    Wie meinst Du das? fragte ich nicht ohne einige Verwirrung.
    La uns vor einander keine Flausen machen, altes Haus, sagte der Fhnrich,
sich mit der Degenspitze die Sohle seines linken Stiefels, den er auf das rechte
Knie gelegt hatte, klopfend; ich habe Dich weit unterschtzt; ich sehe jetzt,
da Du hier Hahn im Korbe bist, und ich mchte nicht mit Dir anbinden, sondern
in Frieden mit Dir leben. Wenn der Onkel mich nicht ein wenig mit durchfttert,
mu ich verhungern oder den Dienst quittiren, und berdies wrde mein Oberst zu
wissen wnschen, weshalb ich hier nicht mehr verkehren darf. Du bist ein guter
Kerl und wirst mich nicht unglcklich machen wollen.
    Das will ich allerdings nicht, sagte ich.
    Und ich bin auch nicht so schlimm, fuhr der Fhnrich fort; ich bin ein
wenig lderlich; na, das sind wir Alle in unseren Jahren, und Du wrdest es
vermuthlich auch sein, wenn Du die Gelegenheit dazu httest, die Du in dem
verdammten Nest hier allerdings nicht hast. Sonst aber kann man schon mit mir
auskommen und sie mgen mich hier auch Alle gern: der Onkel, die Tante, die
Jungen und -
    Arthur nahm den linken Fu vom rechten Knie und sagte: Hre, Georg, ich
wrde es Dir nicht sagen, wenn ich nicht das vollste Vertrauen in Deine
Ehrenhaftigkeit setzte, trotzdem - kurz, ich verlange Dein Ehrenwort, da Du
nicht weiter darber sprichst. Ich glaube, da ich - aber, wie gesagt, Du mut
reinen Mund halten - ich glaube, da ich meiner hbschen Cousine nicht ganz
gleichgltig bin; sie hat es mir vorgestern Abend direct gesagt, und htte sie
es nicht gesagt -
    Und der Fhnrich drehte an dem schwrzlichen Flaum auf seiner Oberlippe und
sah sich im Zimmer um, vermuthlich nach einem Spiegel, der nicht da war; er
htte die groe Tintenflasche dafr nehmen mssen, die ich ihm in diesem Momente
mit tausend Freuden auf seinem hbschen Kopf in zehntausend Stcke zerschmettert
htte.
    Arthur! rief in dem Garten Paula's Stimme, Arthur!
    Der Fhnrich warf mir einen Blick zu, der sagen zu wollen schien: Siehst Du,
was ich fr ein glcklicher Teufelskerl bin! Und er strzte zur Gartenthr
hinaus, die er zu schlieen verga.
    Ich war ganz betubt stehen geblieben und starrte durch die offene Thr in
die lange Allee, die sie neben einander hinabgingen, sie in ihrer Weise still
vor sich hinschreitend, er neben ihr hertnzelnd, und einmal standen sie auch
still; sie blickte zu ihm auf und er legte betheuernd die Hand auf die Brust.
    Ein unbeschreibliches Gefhl von Weh stieg in meinem Busen auf. Ich kannte
dies Gefhl; ich hatte es schon einmal erfahren, in der Stunde, als ich vernahm,
da Konstanze einem Anderen gehrte; aber so schmerzlich war es doch nicht
gewesen. Ich htte mein Gesicht in die Hnde drcken und weinen mgen wie ein
Kind. Ich dachte gar nicht daran, da Arthur mich oder sich selbst, vielleicht
uns Beide belogen haben knnte. Seine Mittheilung, Paula's Rufen, die Promenade
in dem um diese Stunde einsamen Garten - das Alles war so pltzlich, so Schlag
auf Schlag gekommen, hatte so Eines in das Andere gegriffen - es war nur zu
wahrscheinlich! Und Arthur war ja ein so verzweifelt hbscher Junge und konnte
so liebenswrdig sein, wenn er wollte - ich wute es am besten, ich, der ich ihn
so sehr geliebt hatte! Und war nicht Paula, seitdem er im Hause war, eine Andere
gegen mich geworden? zurckhaltender? weniger mittheilsam? Ich hatte es ja
lngst gemerkt; es hatte mich ja lngst geschmerzt, bevor ich wute, was diese
Vernderung hervorgebracht hatte - ich wute es jetzt!
    Eitelkeit! Eitelkeit der Eitelkeiten! Was beanspruchte ich! Was konnte ich
beanspruchen, der Verstoene, auf lange Jahre hinaus zur Gefangenschaft
Verurtheilte!
    Mein Kopf sank auf die Brust. Ich demthigte mich, demthigte mich tief in
den Staub vor dem holden Mdchen, das mir immerdar wie der Himmlischen Eine
erschienen war.
    Dann schnellte ich zornig empor. Konnte sie sein, als was ich sie verehrte,
ja anbetete, wenn sie diesen Menschen liebte?
    Hier war ein entsetzlicher Widerspruch, der offenbar so leicht zu lsen war,
den ich unfehlbar gelst htte, ja, in den ich vielleicht nie gefallen sein
wrde, wenn ich ein Gran klger oder auch nur eitler gewesen wre, und in den
ich mich, da ich weder klug noch eitel war, auf Jahre verstrickte.
    Es geschehen Wunder und Zeichen, sagte Doctor Willibrod, der am Abend
athemlos in meine Zelle trat, wo ich, in trbes Sinnen verloren, vor dem Ofen
sa und den Funken zuschaute, die an den glimmenden Scheiten hinauf- und
hinabliefen. Zeichen und Wunder! sie wollen ihre Zelte abbrechen und den Staub
von ihren Fen schtteln. Hosiannah dem Herrn!
    Der Doctor warf sich in einen Stuhl und rieb sich den kahlen Schdel, auf
dem die hellen Tropfen glnzten.
    Gott ist mchtig in dem Schwachen, fuhr er in einem Tone fort, dem die
innere Erregung anzumerken war. Wer htte glauben sollen, da ich kleiner David
im Stande sein wrde, die ehernen Schdel dieser Goliaths von Unverschmtheit zu
durchbrechen, und doch ist es der Fall gewesen! Die Gndige kann die Luft hier
nicht mehr vertragen, sie hat einen letzten Versuch gemacht, als sie sich
Paula's Zimmer geben lie. Der Versuch ist milungen, sie mu fort. Hosiannah
dem Herrn!
    Hat sie Ihnen das selbst gesagt?
    Sie hat es, und der Steuerrath hat es besttigt und von hypochondrischen
Grillen gesprochen, denen die vernnftigsten Frauen unterworfen sind und fr die
ein galanter Gatte ein Verstndni haben mu. Schlielich hat er mich auf die
Seite gezogen und sich, da er gerade nicht bei Kasse sei, von mir hundert Thaler
geben lassen, um auf der Stelle abreisen zu knnen!
    Sie werden sie nie wieder zu sehen bekommen.
    Die Hundert, oder die hohen Reisenden?
    Beide!
    Glck auf den Weg! Glck auf den Weg, und mgen sich unsere Wege niemals
wieder kreuzen!
    Der Doctor versank in ein andchtiges Schweigen; ich glaube, es stieg etwas
wie ein Dankgebet aus seinem Herzen.
    Wissen wir es schon, man will fort! ertnte eine tiefe Stimme hinter uns.
Es war der Wachtmeister, der mit der brennenden Lampe hereingetreten war.
    Man soll zu morgen frh, Schlag neun Uhr, beim Lohnkutscher Hopp einen
Wagen bestellen, fuhr der Alte fort, man sollte meinen, acht Uhr wr' auch
nicht zu frh.
    Und er rieb sich behaglich die Hnde und versicherte, ihm sei zu Muthe, wie
einem Bren, dem alle sieben Sinne jckten. Pltzlich verschwand das Lachen aus
den tausend Falten seines Gesichtes auf einmal und er sagte, sich ber die Lehne
von des Doctors Stuhl beugend, in gedmpftem Tone:
    Nun mssen wir den Jungen auch noch wegbeien, Herr Doctor! rein weg! Die
Brut ist noch schlimmer, meine ich, als die Alten!
    Das meine ich auch! sagte Doctor Willibrod emporschnellend, den Alten
habe ich den Laufpa gegeben; bei dem Bengel mssen Sie es thun, ja bei Gott,
Mammuth, das mssen Sie!
    Ich antwortete nicht, ich hatte die Augen starr auf die glimmenden Scheite
gerichtet, aber ich sah sie nur wie durch einen Schleier, der irgendwie ber
meine Augen gefallen war.

                          Vierunddreiigstes Capitel.


Und wie durch einen Schleier sehe ich die Jahre, die kommen und gehen - die noch
folgenden Jahre meiner Gefangenschaft! Durch einen Schleier, den die Zeit
gewoben mit den unsichtbaren Geisterhnden, aber nicht so dicht, da nicht jede
Form und jede Farbe dem rckwrts schauenden Auge des Mannes mehr oder weniger
deutlich wre.
    Am deutlichsten allerdings den stehenden Hintergrund in diesem langen Acte
meines Lebensdramas. Noch jetzt, nach so vielen Jahren, bin ich fast zu jeder
Zeit im Stande - zumal wenn ich die Augen schliee - mir das Local bis in die
kleinste Einzelheit zu vergegenwrtigen. Besonders sind es zwei Beleuchtungen,
in denen ich es am klarsten und auch am liebsten sehe.
    Die eine ist ein heller Frhlingsmorgenschein. Ein blauer Himmel spannt sich
darber hin, die spitzigen Giebel der alten Gebude ragen so hoch in die freie
Luft, als ob die Idee eines Gefngnisses nur in dem dumpfen Hirn eines
Hypochonders, der noch nicht recht ausgeschlafen habe, existire; in den
Vorsprngen der Giebel, auf den hohen Dchern zwitschern die Spatzen - und ich
wei nicht, wie es zugeht, aber Spatzengezwitscher am frhen Morgen macht mir
noch heute die Welt um ein paar tausend Jahre jnger; die Schelme, ducht mir,
knnen um Adam und Eva's Laube im Paradiese auch nicht seelenvergngter und
unverschmter gelrmt haben. - Die Sonne steigt hher, sie klettert die alten,
epheuberankten Mauern hinab in die noch stillen Hfe, und der Thorwart, der eben
mit einem groen Schlsselbunde drber hingeht, und der sonst ein grmlicher,
alter Mann ist, pfeift ganz behaglich, als ob selbst er, der es doch besser
wei, in dieser morgenfrischen Welt nicht glauben knne an Schlo und Riegel.
    Die andere Beleuchtung ist Abend im Sptherbst. Im Westen drben hinter den
flachen Kreide-Ufern der Insel ist die Sonne untergegangen; noch glhen die
schweren Wolken, die am Horizonte hangen, in tausend dstern Purpurlichtern.
Khler weht der Wind vom Meere her und lauter rauschen die Wellen - man hrt sie
deutlich, trotzdem man vom Belvedere aus ber den Festungswall hinweg die
Brandung nicht sehen kann. In den hohen Bumen des Gartens fngt es jetzt auch
an zu rauschen und die braunen Bltter wehen schaarenweise herab zu den anderen,
durch die mein Fu raschelt, wie ich nun nach dem Hause zurckschreite. Ich
wrde heute Abend, wie immer, im Schoe der Familie willkommen sein; aber ich
knnte es heute Abend nicht ertragen, da so viele Augen freundlich in meine
Augen sehen. Meine Augen haben eben noch dster, ja verzweifelt in die
Abendwolken geblickt, und der alte Dmon ist in mir erwacht und hat mir
zugeraunt: Noch zwei Jahre, zwei volle Jahre, und ein Sprung trgt dich dort
hinab und der erste beste Kahn dort hinber in die weite, weite Welt. Und du
willst in dein Gefngni zurckkehren, die engen vier Wnde, wo dich nichts
hlt, als dein freier Wille. Dein freier Wille? wie lange ist der nicht mehr
frei! Du hast ihn ja verkauft - fort, fort - vorber an dem Hause - fort in
deine Zelle, fort aus dieser modernden Nebelwelt hinter Schlo und Riegel!
    Frhlingsmorgenschein und Herbstabendnebel! aber sehr viel mehr Morgenschein
als Abendnebel! Ja, wenn ich es recht bedenke, mu ich sagen, da der
Morgenschein die Regel und der Abendnebel, Alles in Allem, doch nur die Ausnahme
ist. Denn, wie ein Abschnitt unseres Lebens - ja selbst, wie der locale
Hintergrund, auf den dieser Lebensabschnitt zeichnet ist - uns in der Erinnerung
erscheinen soll, das hngt doch schlielich davon ab, ob es in unserer Seele
whrend jener Zeit hell oder dunkel war, und in meiner Seele wurde es in dieser
Zeit heller und heller, ganz allmlig, wie das Tageslicht zunimmt - man wei
nicht wie, aber was noch eben als dunkle, verworrene Masse vor unseren Blicken
lag, steht jetzt farbengeschmckt, in schner Ordnung vor uns da.
    Der Wunsch meines vterlichen Freundes ist schon lngst in Erfllung
gegangen; ich habe im Arbeitshause arbeiten gelernt. Die Arbeit ist mir eine
Nothwendigkeit geworden; ich erachte den Tag fr verloren, an dessen Abend ich
nicht auf ein Stck gefrdertes, auf ein vollendetes Werk zurcksehen kann. Und
ich habe mir das Geschick zur Arbeit angeeignet, zu jedweder Arbeit: das
schnelle Verstndni dessen, um was es sich handelt, das sicher messende Auge,
die leichte, bildsame Hand. In der Anstalt sind fast alle Handwerke vertreten;
ich habe mich nach und nach in fast allen versucht und es meistens in krzester
Frist weiter gebracht als alte, graubrtige Adepten. Der Director wiederholt
gern, da ich der beste Arbeiter der Anstalt bin, das macht mich immer sehr
stolz und sehr demthig; sehr stolz, denn ein Lob aus seinem Munde ist mir die
hchste Ehre, die mir auf Erden erreichbar scheint; sehr demthig, denn ich
wei, da ich Alles, Alles ihm verdanke. Er hat die rohe Kraft, die sich kein
Ma und Ziel wute, die sich an der Bewltigung schwerer Steinmassen mde toben
wollte, in bestimmte Bahnen gelenkt; er hat vor Allem mich gelehrt, die Dosis
gesunden Menschenverstandes, welche mir die Natur gegeben und mit der sie in der
Schule nichts anzufangen wuten, als ein kostbares Gut zu betrachten, das wohl
gar ein Stck Genie ersetzen knne, oder, wie er es manchmal lchelnd ausdrckt,
vielleicht selbst ein Stck Genie ist. Er hat mich nicht mit Dingen geqult, von
denen er bald herausgefunden, da sie in mein Hirn nicht passen; er hat
herausgefunden, da ich mich ewig nur in einer etwas schweren deutschen Zunge
mit Klarheit und Gelufigkeit wrde ausdrcken knnen und hat mir die Erlernung
fremder Sprachen bis auf das Nothwendigste erlassen; er wei, da mich eine
erhabene Stelle der Psalmen auf's Tiefste rhrt, und da ich mich an Goethe, an
Schiller und Lessing nicht satt lesen kann; aber er muthet mir nicht zu, darber
hinauszugehen und mit ihm und Paula ber das Neueste der Tagesliteratur zu
disputiren. Dafr lt er mich aus dem unerschpflichen Quell seiner
mathematischen und physikalischen Kenntnisse in vollen Zgen trinken, und seine
liebste Erholung ist, wenn ich in der kleinen Werkstatt, die er schon seit
vielen Jahren eingerichtet hat, nach seiner Anleitung und unter seinen Augen
eine Maschine, einen Maschinenteil, die sein schpferischer Geist ersonnen,
modellire.
    Unter seinen Augen! denn seine Hnde sind mig derweile, mssen mig sein.
Schon eine leichte physische Anstrengung bedeckt seine Glieder mit kaltem
Schwei und kann ernstliche Gefahr fr sein Leben herbeifhren. Ich wei nicht,
was ich ohne Sie anfangen werde, sagt er mit schmerzlichem Lcheln aus seinem
Stuhle zu mir aufblickend, ich lebe von dem Ueberflusse Ihrer Kraft; Ihr Arm
ist mein Arm, Ihre Hand ist meine Hand, Ihr voller Athem ist mein Athem. Sie
werden mich in Jahresfrist verlassen, folglich habe ich nur noch ein Jahr zu
leben; ein Mensch ohne Arm und Hand und Athem ist ja todt.
    Es ist das erstemal, da ein so trostloses Wort ber diese edlen bleichen
Lippen kommt; es macht mich deshalb sehr stutzig. Ich habe ihn immer so
muthvoll, so unverzagt gesehen, so ganz hingegeben dem, was der Tag und die
Stunde heischen, so im Leben lebend - ich blickte erschrocken zu ihm hinber und
es ist, als sehe ich zum erstenmal die Verwstungen, welche die Jahre, die sechs
Jahre, in seiner Gestalt, in seinem Gesicht angerichtet haben.
    Sechs Jahre! ich mu mich darauf besinnen, da es wirklich sechs Jahre sind.
Es hat sich so wenig verndert in dieser ganzen langen Zeit! so wenig!
    Vielleicht, wenn ich es recht berlege, doch so wenig nicht. Die Weinreben,
welche, als ich vor sechs Jahren in Paula's Zimmer krank lag, nur eben durch das
Fenster nickten, sind jetzt fast den ganzen Giebel hinaufgeklettert; die groe
Gaisblatt-Laube hinten an der Pfirsichwand, die ich damals mit den Knaben
errichtete und bepflanzte, ist vollkommen zugewachsen und ein Lieblingsplatz
Paula's geworden, die von hier aus bis nach dem Hause blicken kann, was vom
Belvedere nicht mglich ist.
    In dem Belvedere ist es jetzt auch ein wenig umheimlich, und auch das wrde
nicht der Fall sein, wenn Benno nicht mittlerweile sechs Jahre lter geworden
wre und den Faust gelesen htte, und nothwendig ein hochgewlbtes, enges
gothisches Zimmer haben mte, das er mit Bchsen, Instrumenten, Urvter
Hausrath vollpfropfen kann, wozu ihm das baufllige Gartenhuschen mit seinen
gemalten Spitzbogenfenstern das bei weitem geeignetste Local scheint. Benno ist
jetzt entschieden der Ansicht, da der Vater, der lieber einen Arzt oder
Naturforscher in ihm she, vollkommen Recht, und Paula, die einen Philologen aus
ihm machen mchte, durchaus Unrecht hat, und Benno mu das wissen, denn er steht
in dem glorreichen Alter von siebzehn Jahren, wo es wenig Menschen fr uns
giebt, die wir nicht, intellectuell gesprochen, um eines Hauptes Lnge
berragten.
    Bei seinem um zwei Jahre jngeren Bruder Kurt thut er das auch in
Wirklichkeit, und Kurt hat es jetzt definitiv aufgegeben, mit seinem Senior zu
rivalisiren, der so offenbar den langen schlanken Krperbau der Zehrens hat und
voraussichtlich noch grer als der hohe Vater wird. Indessen Kurt braucht sich
nicht zu beklagen; er hat die mchtige Brust und die langen krftigen Arme, ja
auch unter starkem krausen Haar die breite Stirn des Arbeiters. Er ist sehr
bescheiden und anspruchslos, aber sein Blick ist merkwrdig fest und seine
Lippen sind scharf geschlossen, wenn er ber einer mathematischen Aufgabe
brtet, oder mir auch nur einen Handgriff auf der Drehbank nachzumachen
versucht, was ihm jedesmal in krzester Zeit gelingt.
    Kurt und ich sind groe Freunde, und soweit es mglich ist, unzertrennlich,
dennoch ist, wenn ich ganz ehrlich sein will, der zwlfjhrige Oskar mein
Liebling. Er hat die groen, glnzend braunen Augen der Zehrens, die ich an
meinem Freund Arthur, als er noch ein Knabe war, so bewunderte; er hat auch
Arthur's Schlankheit und anmuthige Manieren - es ist mir manchmal, als she ich
in ihm Arthur wieder, wie er vor vierzehn Jahren war. Das sollte ihm bei mir
nicht gerade zur Empfehlung gereichen, aber wenn er, die langem Locken hinter
sich schttelnd, die groen Augen von Lust und Leben strahlend, auf mich
zugesprungen kommt, kann ich nicht anders, als ihm meine Arme ffnen. Oefter
frage ich mich, ob es wohl gerade diese Aehnlichkeit ist, weshalb Oskar sich als
Liebling der Schwester behauptet hat. Paula sagt freilich nach wie vor, davon
knne gar keine Rede sein; Oskar sei eben der Jngste und ihrer am meisten
bedrftig, und da gerade er ein so ausgesprochenes Talent zum Zeichnen und
Malen habe und dadurch ihr Schler im eigentlichen Sinne des Wortes sei - das
sei ein Zufall, fr den man sie nicht verantwortlich machen drfe.
    Ganz hnlich so hat Paula vor sechs Jahren auch gesprochen; ich erinnere
mich deutlich noch des Sommernachmittags, als sie, bald nach meiner
Reconvalescenz, die groe Kreideskizze von mir machte - auf dem Platze unter den
Platanen - so deutlich, als ob es erst gestern gewesen wre. Und wenn ich Paula
anblicke, kann ich ebenfalls nicht glauben, da ich sie bereits sechs Jahre
kenne und da sie im nchsten Monat zwanzig wird. Damals sah sie lter aus, als
sie war; jetzt erscheint sie mir um ebensoviel jnger. Sie ist jetzt vielleicht
ein klein wenig grer und ihre Formen sind wohl voller und weiblicher, aber in
ihrem lieben Gesicht ist so viel kindliche Unschuld, und selbst ihre Bewegungen
haben noch die Schchternheit, ja selbst manchmal das Linkische eines ganz
jungen Mdchens. Freilich, wenn man in ihr Auge sieht, vergeht wohl Jedem der
Muth, sie nicht fr das zu nehmen, was sie ist. Es lodert nicht auf dies Auge in
bermthigen Flammen, es blickt nicht scheu oder schmachtend, wie einer
Pensionrin Auge, die eben von der verstohlenen Lectre ihres vergoldeten
Lieblings-Lyrikers kommt - es glnzt in einem stillen, stetigen, vestalischen
Feuer, weltvergessend und doch eine Welt umspannend, wie des Knstlers Auge
glnzen mu.
    Und eine Knstlerin ist Paula geworden in diesen sechs Jahren. Sie hat
keinen Lehrer gehabt, auer einem verkommenen Genie, das eine kurze Zeit lang im
Arbeitshause gewesen war und spter vom Director das Gnadenbrot empfangen hat
bis zu seinem schon vor mehreren Jahren erfolgten Tode. Sie hat keine Akademie
besucht, sie hat kaum etwas gesehen, auer ein paar schnen alten
Familien-Portrts und einem beraus herrlichen Kupferstich der Sixtinischen
Madonna, welche die Wnde im Hause des Directors schmcken. Sie ist, was sie
ist, durch sich selbst, durch ihr wunderbares Auge, das jedem Menschen in das
Herz blickt, ja auch jedem Dinge; durch ihre Hand, die nicht so schlank und fein
sein knnte, wenn die Seele nicht bis in die Fingerspitzen strmte und sie zu
dem bildsamsten Werkzeuge machte; durch ihren Flei endlich, dessen Energie und
Rastlosigkeit geradezu unbegreiflich scheint, wenn man bedenkt, welche
Arbeitslast noch auerdem auf diesen zarten Schultern liegt. Aber auch jede
freie Minute widmet sie der geliebten Kunst, und sie wei sich frei zu machen,
wo Andere feierlich erklren wrden, da sie nicht wten, wo ihnen der Kopf
stehe. Der Reichthum ihrer Mappen an Studien aller Art, Skizzen, Entwrfen,
Copien ist auerordentlich. Da ist kein nur einigermaen interessanter Kopf
unter den Arbeits- und Zuchthuslern, den sie bersehen htte. Dem Frulein
einmal sitzen zu drfen, ist in der ganzen Anstalt eine vielumworbene,
vielbeneidete, mit Stolz getragene Ehre und Vergnstigung. Ihr oberstes Modell
aber ist und bleibt der alte Smilch, dessen prchtiger Kopf mit den kurzen,
grauen Locken, dem furchendurchzogenen energischen Gesichte, in der That ein
Herztrost fr ein Malerauge ist. Der Alte figurirt in allen mglichen
Auffassungen als Nestor, Merlin, Getreuer Eckart, Belisar, Gtz von
Berlichingen, ja sogar als Schweizer aus den Rubern; lauter Vorstudien zu
groen historischen Gemlden, von denen das muthige Mdchen fr die Zukunft
trumt. Vorlufig ist freilich nur ein einziges bis zur Untermalung gediehen:
Richard Lwenherz, krank in seinem Zelte, von einem arabischen Arzte besucht.
Das Motiv ist aus einem Roman von Walter Scott. Im Hintergrunde ein englischer
Yeoman, der traurig auf den kranken Herrn blickt, und die Gestalt eines jungen
normnnischen Edelmannes, der, die Hand am Schwerte, argwhnisch prfend auf den
Arzt schaut. Der Richard Lwenherz bin ich, wie sie mich damals in meiner
Reconvalescenz auf dem Belvedere gezeichnet hat; in dem arabischen Arzt - einer
sonderbar phantastisch gnomenhaften Figur - behauptet Doctor Willibrod sich
wiederzufinden, trotzdem der Araber keine Brille trage und sein ohne Zweifel
kahler Schdel mit dem grnen Turban des Mekkapilgers umwunden sei; der Yeoman
ist Wachtmeister Smilch wie er leibt und lebt - er hat sich nur ein anderes
Costm gefallen lassen mssen; der englische Ritter mit den kurzen, braunen
Locken und den braunen glnzenden Augen - eine anmuthig schne, jugendlich
elastische Gestalt ist - Arthur.
    Ist es ein Zufall, da gerade diese Gestalt am meisten ausgefhrt ist, und
da die fast vollendete Gestalt ein solcher Liebreiz umfliet?
    Ich habe keinerlei Anhalt zur Beantwortung dieser Fragen, als den ich aus
meinem ahnenden Gemth schpfte. Arthur, der lngst Lieutenant ist und im
Frhlinge dieses Jahres an die Kriegsschule in der Hauptstadt commandirt wurde,
ist freilich noch oft genug in's Haus gekommen, aber doch hatte die Hufigkeit
seiner Besuche mit jedem Jahre abgenommen, und ich knnte nicht sagen, da er
Paula irgend nher getreten wre. Aber es mu doch einen Grund haben, da er
gegen mich, der ich ihm nichts nachgetragen, der ich stets freundlich gegen ihn
gewesen bin, so wenig mir auch oft darnach zu Muthe war, da er gegen mich immer
zurckhaltender geworden und mir in der letzten Zeit so weit als mglich aus dem
Wege gegangen ist. Das Geld, das er mir schuldet - und das sich im Laufe der
Jahre zu einer fr meine Verhltnisse nicht unansehnlichen Summe gesteigert hat
- kann es nicht sein, denn ich habe es ihm - der immer in Noth ist und sich
stets eine Kugel durch den Kopf schieen will - gern und willig gegeben, habe
ihn nie gemahnt, ihm im Gegentheil stets versichert, da es mit der Rckzahlung
keine Eile habe - nein! das Geld kann es nicht sein. Frchtet er in mir einen
Nebenbuhler? Groer Gott! ich bin ihm nicht gefhrlich! Wie kann man einen
Gefangenen frchten, dessen Zukunft ein Buch mit sieben Siegeln ist, das nicht
viel anmuthige Capitel enthlt! Kann er es mir nicht verzeihen, da Paula nach
wie vor gtig und freundlich gegen mich ist? Habe ich es nicht verdient, der ich
Alles thue, was ich ihr nur an den Augen absehen kann?
    Ich wei es nicht; ebensowenig, ob es zufllig ist, da Paula von der Stunde
an, da Arthur nach Berlin gegangen, nicht mehr an dem Bilde gemalt hat. Und
doch braucht sie gerade ihn am wenigsten, denn seinem ritterlichen Doppelgnger
fehlt kaum noch ein Strich. Ich trage mich lange, lange mit dem Warum? Und als
ich endlich einmal wage, Paula darnach zu fragen, antwortet sie, nicht ohne
einiges Zgern, das an ihr selten ist: Das Bild ist mir verleidet. Verleidet? Da
ist ein neues Warum, das noch schlimmer scheint, als das erste, und an das ich
deshalb nicht rhren sollte, wenn ich klug wre.
    Aber ich bin gar nicht klug und bringe es nicht aus dem Kopf, und da mein
Kopf nichts damit anzufangen vermag, lege ich es Doctor Willibrod vor, so ganz
gelegentlich; so ganz, als ob von der Beantwortung eigentlich gar nichts
abhinge. Sagen Sie, Doctor, warum mag das Bild Frulein Paula verleidet sein?
    Wer hat das gesagt? fragt der Doctor.
    Sie selbst.
    Dann fragen Sie sie auch selbst.
    Wenn ich das wollte oder knnte, brauchte ich Ihre Meinung nicht zu hren.
    Weshalb sollte ich darber eine Meinung haben? ruft der Doctor. Was geht
es mich an, weshalb Paula das Ding nicht weiter malen will? Mir kann es gleich
sein, ob ich auf dem Bilde fertig werde, nachdem mich die Natur einmal nicht
fertig gemacht hat.
    Ich sehe, da ich so nicht weiter komme, und wage anzudeuten, ob vielleicht
Arthur's Entfernung einen Einflu auf Paula's Stimmung gehabt habe.
    Geht die Katze endlich an den Brei, krhte Doctor Willibrod. Sie denkt
wohl, man hat es nicht lngst gesehen, wie sie die Pfoten leckt? Und der Brei
ist doch so s! o, so s! gerade wie der Gedanke, da ein solches Mdchen ihr
Herz an einen solchen Kerl hngen kann! Es ist unmglich, sagt Meister Hinz und
sein Bart strubt sich vor Unwillen. Weshalb unmglich? was ist unmglich? Bei
Gott ist Vieles unmglich, aber bei den Menschen ist Alles mglich. Ist das
Leben des Vaters etwas Anderes als ein fortgesetztes Opfer? ist sie nicht ihres
Vaters Tochter? Wenn man einmal so im Zuge ist, kommt es auf ein bischen mehr
nicht an, und das Lamm opfert sich auch wohl, den Wolf zu retten. Heissa! es ist
ein lustiges Metier das Wlfe-Retten! aber noch lustiger ist es, als ein solcher
Kerl dabeizustehen und zuzusehen, und nicht den Stecken zu heben und
zuzuschlagen, nein, bei Leibe nicht! sondern immer nur zu fragen: Glauben Sie
nicht, Verehrtester, da schlielich doch der Wolf das Lamm fressen wird? O,
geht mir doch! Ihr Alle, die Ihr Menschenangesicht tragt!
    Doctor Willibrod krht so hoch und sieht der bekannten apoplektischen
Billardkugel so tuschend hnlich, da es mir leid thut, das Gesprch angefangen
zu haben und noch dazu so ungeschickt. Ich erinnere mich jetzt, da der Doctor
in der letzten Zeit immer sonderbar aufgeregt gewesen ist, sobald die Rede, so
oder so, auf Paula kommt. Manchmal spricht er von ihr, da man glauben sollte,
er hasse sie, wenn man nicht wte, da er sie vergttert. Hlt man ihm das vor,
schiebt er es auf die Hitze. Der Teufel mge bei dem Wetter kaltbltig bleiben;
der sei es von der Hlle her gewohnt; Menschen knne man nicht bel nehmen, da
sie bei vierundzwanzig Grad im Schatten dann und wann ein wenig berschnappten.
    In der That ist die Hitze dieses Sommers ganz unertrglich gewesen. Tag fr
Tag durchluft die Sonne einen wolkenlosen, stahlblauen Himmel, und ihr Strahl
versengt, was er trifft. Das Gras ist lngst verdorrt, die Bastion und die
Festungswlle sehen gelbbraun aus; die Blumen sind vor der Zeit verblht; das
Laub raschelt vor der Zeit von den Bumen. Alle Creatur schleicht umher, den
dumpfen Blick zur Erde gekehrt, auf der die Luft vibrirt, wie auf einem
erhitzten Ofen. Auch ist der Gesundheitszustand in der Stadt sehr schlecht, und
wir sind froh, da wenigstens die Knaben, die ihre Michaelisferien haben, auf
einem benachbarten Landgute zum Besuch bei einer befreundeten Familie sind; und
in der Anstalt geht es keineswegs nach dem Wunsche des Directors und des
Doctors, die sich gegenseitig in Frsorge fr die Kranken bertreffen, trotzdem
der letztere stets behauptet, es sei der Unsinn des Unsinns, fr Andere seine
Haut zu Markte zu tragen, besonders wenn man, wie Humanus, nur noch eine halbe
Lunge und eine blinde Frau und vier Kinder und nicht einen Silbersechser im
Vermgen habe. Was soll das geben?
    Ich erinnere mich, da diese Frage von dem Doctor in demselben Gesprch
aufgeworfen wurde, und da ich mir die Frage immer wiederholte, als ich eine
Stunde spter allein auf dem Belvedere stand, und, ohne etwas zu sehen und zu
hren, in den Abend starrte, der ber den Wall aus dem Meer heraufzog. Ich sah
nicht, da ber den Himmel, der Wochen und Wochen lang keine Trbung gezeigt
hatte, ein Dunst sich breitete, durch den das letzte Abendlicht gespensterhaft
fahl hindurch schien; ich hrte nicht, da sonderbar klagende, wimmernde Tne
durch die Luft zogen, ich wandte mich nicht einmal verwundert um, als jetzt eine
tiefe Stimme dicht an meinem Ohr dieselbe Frage hervorgrollte, die ich
fortwhrend bemht war, mir zu lsen: Was soll das geben?
    Es war der alte Smilch und er deutete mit der Rechten gen Westen in die
schwefelfahle Dmmerung.
    Einen Sturm, was sonst? erwiederte ich, ohne mich zu besinnen.
    Mir war, als msse die dumpfe Schwle, die in der Natur und in meiner Seele
brtete, sich in einem Sturm entladen.

                          Fnfunddreiigstes Capitel.


Und einen Sturm gab's, wie er seit Menschengedenken nicht ber diese Kste
getobt war, die doch Jahr aus Jahr ein so manchen wackern Nordost ber ihre
niedrigen Sand- und Kreideufer brausen hrt.
    Es war um Mitternacht, als ich von einem donnerhnlichen Krachen aufwachte,
vor welchem das alte Haus bis in seine Grundfesten erbebte und dem ein Prasseln
und Knattern von herunterfallenden Ziegeln, zuschlagenden Thren und Lden
folgte, wie auf die Detonation einer Batterie von Fnfundzwanzigpfndern das
Knattern und Knallen des Klein-Gewehrfeuers. Das war der Sturm, der so lange
schon in der Natur und in meinem Gemth sich verkndet hatte! Mein erster
Gedanke waren sie, da drben in dem gartenumgebenen Hause. Mit einem Satze war
ich von meinem Lager und im Nu in meinen Kleidern, als der Wachtmeister den
grauen Kopf zur Thr hereinsteckte.
    Schon auf? sagte er; aber davon mte auch ein Br mit sieben Sinnen
aufwachen. Er wird auch aufgewacht sein.
    Der Alte sagte nicht, wer auch aufgewacht sein sollte; es war das zwischen
uns beiden nicht nthig.
    Ich wollte eben zu ihm, sagte ich.
    Ist recht, sagte der Alte. Man wird derweile hier bleiben; wird hier
schon Jemand nthig sein, der den Kopf auf der rechten Stelle hat. Das ist ja
ein heidenteufelmiger Spektakel; das ist schlimmer als vor acht Jahren, und
schon damals wollten die Leute nicht in den Schlafslen bleiben, und es fehlte
nicht viel, so wre es zu Mord und Todtschlag gekommen.
    Whrend dieser kurzen Unterredung hatten sich die gewaltigen Ste zweimal
mit womglich noch grerer Heftigkeit wiederholt; es war ein Heulen und Donnern
- wir hatten laut sprechen mssen, um uns nur verstehen zu knnen. Das war im
Zimmer - wie mochte es drauen sein!
    Ich erfuhr es eine Minute spter, als ich ber den Gefngnihof ging. Eine
grabesnchtige Finsterni lag wie ein dickes, schwarzes Leichentuch ber der
Erde; kein Stern, auch nicht der leiseste Schimmer einer Helligkeit. Der Orkan
wthete zwischen den hohen Mauern wie ein Raubthier, das sich zum ersten Mal im
Kfig sieht. Ich hatte, trotz meiner Kraft und meines schweren Krpers, Mhe,
dem Ungeheuer zu trotzen, das mich mit seinen Pranken hinber und herber warf.
So schwankte ich zwischen Ziegeln, die von den Dchern rasselten, durch die
schwere Finsterni bis zum Hause des Directors, aus dessen Fenstern jetzt eben
hier und da Licht aufblinkte.
    Auf dem unteren Flur begegnete ich Paula. Sie trug eine brennende Kerze in
der Hand. Der Schein fiel hell in ihr blasses Gesicht und ihre groen Augen, die
sich, als sie mich erblickte, mit Thrnen fllten.
    Ich wute es, da Sie kommen wrden, sagte sie. Es ist eine furchtbare
Nacht. Er will durchaus hinber in das Gefngni, und ist die letzten Tage so
unwohl gewesen! Ich wage nicht, ihn zu bitten, da er bleibt. Er mu ja fort,
wenn es seine Pflicht erheischt. Da ist es nun gar lieb von Ihnen, da Sie
gekommen sind.
    Die Thrnen, die in ihren Augen geglnzt, rollten jetzt langsam ber ihre
bleichen Wangen. Lachen Sie mich nicht aus, sagte sie; aber ich habe alle
diese Tage das Gefhl gehabt, es msse ein Unglck geben.
    Das haben wir wohl Alle gehabt, liebe Paula. Es ist auch ein Stck
Egoismus, zu glauben, da ein Gewitter, welches ber Tausenden und Tausenden in
der Luft steht, gerade uns treffen soll.
    Ich hatte das recht muthig sagen wollen; aber meine Stimme zitterte, und bei
den letzten Worten mute ich meinen Blick abwenden.
    Ich will zum Vater, Paula, sagte ich.
    Da kommt er schon, sagte Paula.
    Der Director trat aus seinem Gemache, ich sah noch eben, bevor er die Thr
leise schlo, eine weie Gestalt, die er, wie es schien, mit freundlichen Worten
und Geberden im Zimmer zu bleiben genthigt hatte. Es war Frau von Zehren. Hatte
sie auch das Gefhl, da ein Unglck in der Luft war? Vielleicht mehr noch als
wir. Wer von uns Sehenden hrt die leisen Geisterstimmen, die durch die Nacht
der Blinden flstern und raunen?
    Eine tiefe Schwermuth lag auf seinem Gesicht, die sofort verschwand, und
einem erstaunten Lcheln wich, als er uns Beide dastehen sah. Es war, wie wenn
Jemand durch eine enge Felsschlucht schreitet, deren dstere Schatten auf seiner
Stirn sich lagern und pltzlich, bei einer Wendung um einen scharfen Felsen,
sieht er das freie Thal zu seinen Fen, und ein breiter goldener Strom des
Sonnenlichts ergiet sich ber ihn.
    Sieh' da, Ihr lieben Beiden! sagte er.
    Er streckte die Hnde nach uns aus.
    Ihr lieben Beiden, wiederholte er.
    Sah er uns? sah er aus dem Felsenthal in der Zukunft sonnige Weiten? Ich
habe es mich spter oft gefragt, wenn ich des geisterhaften, seligen Blickes
dachte, mit welchem der Vater in dieser Stunde die geliebte Tochter sah, an der
Seite des Mannes, den er wie seinen Sohn liebte. Doch das war nur ein Moment;
dann trat die Gegenwart in ihre Rechte.
    Sie sollen mich begleiten, Georg, sagte er; ich mu einen Gang durch das
Gefngni machen. Es kann nicht anders sein, als da die Aufregung, die schon
seit Tagen in uns Allen whlt, auch die armen Gefangenen ergriffen hat. Da geht
es denn ohne Heulen und Zhneklappen und Schreien nicht ab. Denkst Du noch,
Paula, der Septembernacht vor acht Jahren? sie war so schlimm nicht, wie diese
hier, und doch geberdeten sich die Leute schon wie die Rasenden.
    Paula nickte. Ich wei es noch recht wohl, Vater, sagte sie. Wie sollte
ich nicht? Hattest Du doch hernach an den Folgen so viel zu leiden. - Da kommt
Doris mit der Laterne, fuhr sie schnell fort, whrend die Scham, auch nur
versucht zu haben, ihren Vater von seiner Pflicht zurckzuhalten, auf ihren
Wangen glhte. Hier!
    Sie nahm dem Mdchen die groe Laterne mit den zwei bereits angezndeten
Lichtern aus den zitternden Hnden und gab sie mir. Der Director winkte ihr
freundlich-ernst mit den groen tiefen Augen, knpfte sich den Rock zu, drckte
den Hut fester in die Stirn und sagte, sich zu mir wendend: Komm, Georg!
    Wir traten in die heulende, donnernde Finsterni. In der rechten Hand trug
ich die Laterne, meinen linken Arm hatte ich dem Director gegeben. Ich hatte
gemeint, ihn, den Schwachen, durch die Gluth der letzten Wochen vollends
Erschpften, tragen, oder doch so gut wie tragen zu mssen, und wirklich waren
seine ersten Schritte schwer und schwankend, wie die eines Kranken, der sich
nach Wochen zum ersten Mal von seinem Lager erhebt. Mit einem Mal richtete er
sich aus meinem Arm in die Hhe:
    Hren Sie, Georg? Ich sagte es ja.
    Wir schritten eben unter den Fenstern des einen der groen Schlafsle hin,
in welchem wohl hundert Gefangene zu dieser Stunde eingeschlossen waren. Die
weie Mauer hob sich nur noch eben aus der Finsterni; durch die vergitterten
Fenster schimmerte ein sehr schwaches Licht. Der Sturm raste an der Mauer hin,
und pfiff schrill durch die Gitter der Fenster; aber lauter noch als des Sturmes
Heulen und Pfeifen erschollen grliche Laute, die aus dem Innern des Gebudes
drangen. In der Nacht des Tartarus verirrte Seelen mten solche Laute
ausstoen: Licht, Licht! rief es. Wir wollen Licht!
    Schnell, Georg! sagte der Director, mit groen Schritten vor mir her
eilend, da ich Mhe hatte, ihm zu folgen.
    Wir traten durch die offene Thr in den weiten Flur, wo wir den Wachtmeister
im lebhaftesten Streit mit dem Inspector und einem halben Dutzend Aufseher
trafen.
    Man wird sehen, da er mir Recht giebt, hrte ich den braven Alten rufen.
Man mte ja ein Br mit sieben Sinnen sein; man mte ja einen Zahnstocher
nicht von einem Scheunenthor unterscheiden knnen! Steckt in drei Millionen
Teufel Namen die Laternen an!
    Ja, steckt die Laternen an, sagte der Director, herantretend.
    Alle wichen ehrerbietig zurck, nur der Inspector sagte mrrisch: Es ist
gar kein Grund, Herr Director, von der Hausordnung abzuweichen, und die Kerle
wissen, da kein Grund vorhanden ist; aber sie benutzen die Gelegenheit - das
ist Alles.
    Vielleicht doch nicht, Herr Mller, sagte der Director. Wir Beide, Sie
und ich, haben noch nicht in einem eingeschlossenen Raume gesessen, zusammen mit
hundert Andern im Dunkeln oder so gut wie im Dunkeln und in einer Nacht, wie
diese, in der es ist, als wollte die Welt untergehen. Die Furcht ist ansteckend,
wie der Muth. Folgen Sie mir; Sie und Smilch und zwei Andere, die die Laternen
anznden knnen.
    Mich nannte er nicht; er hielt es fr selbstverstndlich, da ich ihm
folgte. Wir bogen in den Corridor und gelangten zu der groen Thr, die in den
Saal fhrte, an dessen Fenstern wir vorbergeschritten waren. Licht, Licht!
heulte es von innen heraus und harte Fuste trommelten gegen die eichene Thr,
und dazwischen krachte es, als ob man irgendwie versuchte, sie zu sprengen.
    Oeffnen Sie! sagte der Director zu dem Schlieer.
    
    Der Mann warf einen scheuen Blick auf den Inspector, der die Augen grollend
zur Erde senkte.
    Oeffnen Sie! wiederholte der Director.
    Der Mann brachte zgernd den Schlssel in das Schlo und hob die schwere
Eisenstange aus den Krampen. Zgernd schob er einen und schob er den zweiten
Riegel zurck. Als er die Hand an den dritten legte, blickte er noch einmal
scheu zu dem Director auf, um dessen Lippen ein Lcheln schwebte.
    Sie haben doch sonst das Herz auf dem rechten Fleck, Martin, sagte er.
    Mit einem Ruck zog Martin den Riegel zurck; die Flgel schlugen
auseinander; ich werde das entsetzliche Schauspiel, das sich jetzt meinen
Blicken bot, nie vergessen, und sollte ich das Alter der weikpfigen Krhe
erreichen.
    Hinter der Thr aus Holz, in der Entfernung etwa eines Fues war eine
eiserne bis oben hinauf reichende, ebenfalls verschlossene Gitterthr. Die
Holzthr wurde fr gewhnlich nicht geschlossen, damit die Wache aus dem
Corridor einen Blick in den Schlafsaal hatte. Heute Nacht war es doch auf Befehl
des Inspectors geschehen, um die Leute fr ihr Revoltiren, wie er es nannte, zu
strafen. Jetzt konnte er sehen, was er dadurch angerichtet.
    Die Flgel der Holzthr schlugen auseinander und das helle Licht aus der
Laterne fiel auf einen wsten Knuel, das sich hinter der Gitterthr
zusammengekauert hatte, ein Knuel von Menschenleibern, die bereinander
geschichtet, durcheinandergeworfen waren; hier ein paar Arme hervorragend, dort
ein paar Beine, wie aus einem Haufen Todter, die man auf einem Schlachtfeld
kopfber in eine gemeinschaftliche Grube geworfen hat, - nur da dieser Knuel
sich bewegte, sich durcheinanderwlzte, und aus dem Knuel dort und hier, und
hier und dort und berall lebendige Augen starrten, frchterliche, zornige,
verzweifelte, wahnsinnige Augen.
    Leute, rief der Director, - und seine sonst so leise Stimme war jetzt laut
genug, den Lrm zu bertnen - schmt Ihr Euch nicht? Wollt Ihr Euch verderben,
um einer Gefahr zu entgehen, die nirgends existirt, als in der Dunkelheit, die
Euch umgiebt, und in Euren Kpfen?
    War es die Stimme, die so muthig sprach? war es der Anblick des Mannes, war
es die Wirkung des Lichtstrahls, der aus den Laternen der Schlieer in das Chaos
fiel - aber der Knuel lste sich, die Arme fanden sich wieder zu den Beinen,
die Beine standen wieder auf den Fen; die Augen selbst verloren den
wahnsinnigen Ausdruck; ja der Eine oder der Andere schlug sie, ich wei nicht,
ob geblendet oder beschmt, zu Boden.
    Gebt Raum, Leute! sagte der Director, damit ich zu Euch kann! Sie wichen
zurck. Die Gitterthr wurde aufgeschlossen; der Director trat hinein, von uns
gefolgt.
    Nun seht, Kinder, wie thricht Ihr seid; fuhr er in freundlichem Tone
fort; da steht Ihr im Hemd, frierend, zitternd - Ihr solltet Euch wirklich
schmen. Legt Euch wieder zu Bett, oder zieht Euch an und bleibt auf; ich werde
Euch die Laternen anznden lassen, damit doch Jeder sehen kann, was fr ein
Hasenherz sein Nebenmann, und was fr ein muthiger Kerl er selber ist.
    Die Leute blickten einander an, und ber mehr als ein Gesicht, das noch eben
von Angst verzerrt war, zog jetzt ein muthwilliges Lcheln; im Hintergrunde
lachten ein paar laut auf.
    Das ist recht, sagte der Director; lacht nur! vor einem ehrlichen Lachen
hlt kein Teufel Stand, und nun gute Nacht, Kinder! Ich mu auch zu den Andern
gehen!
    Unterdessen hatten die Aufseher die vier groen Laternen, welche an die
Decke hinaufgezogen waren, herabgelassen und angezndet. Eine sanfte Helligkeit
verbreitete sich durch den groen Raum. Drauen heulte und tobte der Sturm wie
zuvor; aber den Sturm hier drinnen hatte ein gutes Wort, das in die dunklen
Herzen fiel, gesnftigt.
    Lat uns zu den Andern gehen, sagte der Director.
    Und weiter schritten wir durch den Corridor, in welchem heute der Lrm
drauen unsere Schritte bertnte. Ueberall, wohin wir kamen, die furchtbarste
Aufregung der Gefangenen, die, wenn man wollte, grundlos war, zum wenigsten in
keinem Verhltnisse zu stehen schien mit den Ursachen, die sie hervor gebracht;
berall dasselbe, bald mit wilden Flchen, bald mit flehentlichen Bitten
ausgesprochene Verlangen der armen Menschen nach Licht, und immer wieder nur
Licht in die grauenhafte Nacht! Und berall gelang es dem ruhigen Zureden des
Directors, die Halbwahnsinnigen zu beschwichtigen; nur die Insassen des einen
Saales wollten oder konnten sich nicht zufrieden geben. In der That befand sich
dieser Saal in einem Flgel des Gebudes, welcher dem Anprall des Orkans noch
mehr ausgesetzt war, als die brigen Theile, und wo in Folge dessen die Wuth des
Elementes alle Fesseln sprengte. Der donnerhnliche Knall, mit welchem die
Windsbraut gegen die alten Mauern schlug, das wthende Geheul, mit welchem sie
um die Ecken raste, nachdem sie sich minutenlang mit der wahnsinnigsten Gewalt
angestrengt, das verhate Hinderni zu beseitigen, die wimmernden, klagenden,
chzenden, heulenden Tne, die, man wute nicht wie und woher, erschallten - das
Alles war furchtbar genug, auch eine freie Seele mit geheimem Grauen zu
erfllen. Dazu kam, da in dem Augenblicke, in welchem der Director mit den
Leuten parlamentirte, von dem hheren Nebengebude der Schornstein
herabgeschlagen wurde und auf den Dachstuhl des Flgels fiel, so da Hunderte
von Ziegeln herabrasselten, und, wenn nicht die Gefahr, so doch den Lrm
vermehrten. Die Leute verlangten, herausgelassen zu werden; sie wrden Alles
daransetzen, herauszukommen; sie wollten nicht bei lebendigem Leibe begraben
werden!
    Aber, Kinder, sagte der Director; Ihr seid hier sicherer als irgendwo
sonst; so fest wie dieser Saal ist kein anderer Theil des Gebudes.
    Er hat gut reden; murrte ein vierschrtiger, krauskpfiger Kerl; er geht
nach Hause, und schlft in seinem weichen Bett.
    Gieb mir Deine Matratze, Freund! sagte der Director.
    Der Kerl blickte verwundert drein.
    Deine Matratze, Freund; wiederholte der Director; Leih' sie mir fr diese
Nacht; ich will sehen, ob sie so hart ist, und ob es sich hier so schlecht
schlft.
    Tiefe Stille folgte pltzlich dem wirren Geschrei; die Leute blickten
einander verlegen an; sie wuten nicht, ob es Scherz sei oder Ernst. Aber der
Director rhrte sich nicht vom Platze. Schweigend, das Kinn in die Hand
gesttzt, gesenkten Hauptes, sinnend, stand er da; Niemand, und auch nicht ich,
wagte ihn anzureden. Aller Augen wandten sich auf den trotzigen Burschen, als ob
er zum Tode verurtheilt sei, und die Hinrichtung demnchst vollzogen werden
solle. Und des Menschen Trotz war gebrochen; still ging er hin, holte seine
Matratze, und trat mit derselben vor den Director.
    Da leg' sie hin, mein Freund, sagte der Director. Ich bin mde - ich
danke Dir, da Du mir zu einem Lager verhilfst.
    Der Mann breitete die Matratze auf dem Boden aus; der Director lie sich
darauf nieder, und sagte: Nun legt Ihr Andern Euch auch. Sie, Herr Inspector
Mller, gehen nach dem Krankenhause, und fragen dort, ob man meiner bedarf. Sie,
Georg, bleiben bei mir.
    Der Inspector ging mit den Schlieern; die Thr fiel in's Schlo; wir waren
allein.
    Allein unter ungefhr fnfzig Zuchthuslern, zum grten Theil den
schlimmsten und verwegensten Gesellen, welche die Anstalt in ihrem Schooe barg.
    Aus den Laternen, die von der Decke herabhingen, fiel ein mattes Licht auf
die Reihen der Lagersttten, die sich an den Wnden und in drei langen Linien
durch das Gemach zogen. Die Leute hatten sich wirklich wieder hingelegt, oder
kauerten doch auf ihren Lagern. Der, welcher dem Director seine Matratze hatte
geben mssen, htte sich auch legen knnen, denn es standen noch ungefhr ein
halbes Dutzend leere Betten in dem Saale, aber er wagte es nicht, eins derselben
zu berhren, und kauerte auf den nackten Dielen in einer dunklen Ecke. Ich stand
mit verschrnkten Armen an der steinerne Sule, welche die Mitte der Decke
sttzte, und sah dem wundersamen Schauspiele zu, das sich rings um mich her
zeigte, und horchte dem Sturm, der drauen mit einer Gewalt fortwthete, die
kein Ermden zu kennen schien. Der Director lag ganz still, den Ellenbogen
aufgestemmt, das Haupt in der Hand. Er schlief, oder schien zu schlafen, doch
war es mir, als ob von Zeit zu Zeit ein Zucken durch seinen Krper flog. Es war
warm in dem Saale; aber, als wir ber den Hof gingen, hatte uns ein Regengu
durchnt; er hatte keine Decke, und er hatte sich eben vom Krankenbett erhoben!
Wie soll dies werden? seufzte ich aus der Tiefe meines Herzens.
    Pltzlich richtete sich ein Mann in meiner Nhe, nachdem er schon mehrmals
den Kopf nach dem Director gewendet, vollends empor, trat, die nackten Fe
leise aufsetzend, an mich heran und murmelte: Er darf da nicht so liegen
bleiben, es wird sein Tod sein.
    Ich zuckte die Achseln. Was sollen wir thun?
    Und pltzlich steht eine zweite Gestalt neben mir, und eine andere rauhe
Stimme flstert: er mu nach Haus! Was soll er hier liegen und frieren um des
krauskpfigen Schuftes willen? Wir wollen keine Schuld daran haben.
    Nein, wir wollen keine Schuld daran haben, murmeln andere Stimmen. Im Nu
hat sich eine Schaar um mich versammelt, die mit jedem Augenblicke wchst. Von
diesen Gesellen hat Keiner geschlafen, so wenig wie ich. Alle haben sie in ihre
rauhen Herzen dieselben Gedanken gewlzt. Sie mchten ihr Unrecht wieder gut
machen; sie wissen nicht, wie sie es anfangen sollen. Einer findet es endlich,
er soll selber hingehen und ihn bitten! - Ja, das soll er! - Wo ist er? -
dahinten! - her mit ihm!
    Sie dringen in die Ecke, wo der Krauskpfige kauert; ein halbes Dutzend
krftiger Fuste reit ihn vom Boden; so schleppen sie ihn zum Director, der,
als sie herankommen, von seinem harten Lager sich emporrichtet. Der Schein der
nchsten Laterne fllt voll in sein bleiches, von dunkelm Bart und Haar
umschattetes Angesicht. Ein glckliches Lcheln spielt um seinen Mund, und seine
groen Augen glnzen in einem wunderbaren Licht.
    Ich danke Euch, sagt er, ich danke Euch! Die Stunden, die Eure Gutheit
mir vielleicht noch einbringt - sie sollen Euch gewidmet sein. Und nun noch
eins, Kinder! Der Mann hier bin ich selbst. Was Ihr ihm thut, thut Ihr mir!
    Der Mann ist vor ihm in die Kniee gesunken, er legt ihm segnend die Hand auf
den buschigen Kopf; wir wenden uns zur Thr. Ich werfe noch einen Blick zurck:
von den Leuten hat sich noch keiner von der Stelle bewegt; Aller Augen sind noch
starr auf den Herrlichen gerichtet, der, auf meinen Arm gesttzt, eben den Saal
verlt. Aber ich zweifle, da Alle ihn noch sehen, denn in mehr als einem
dieser Augenpaare glnzen die hellen Thrnen.

                          Sechsunddreiigstes Capitel.


Es war zwei Uhr geworden, als wir wieder in das Haus traten. Bei dem ersten Ton
der Glocke erschien Paula auf dem Flur, aber der Director lchelte nur
freundlich und schritt, ihr die Wangen streichelnd, still vorber in sein
Zimmer, wohin ich ihm folgte. Er hatte mit seiner Tochter nicht gesprochen, weil
er nicht sprechen konnte. Sein Antlitz war leichenbla, whrend auf den
eingefallenen Wangen dunkelrothe Flecke glhten. Er deutete mir durch eine
Handbewegung an, da ich ihm helfen mge, sich auf sein Lager zu legen, dann
winkte er mir mit den Augen Dank und schlo sie in tdtlicher Erschpfung.
    Ich hatte mich an sein Bett gesetzt und verwandte kein Auge von dem edlen,
blassen Antlitz. Eine hehre Ruhe lag darber gebreitet; auch die rothen Flecke
von den Wangen verschwanden allgemach, keine Regung verrieth, da unter dieser
hohen Stirn noch ein Geist hause; mir war zu Muthe, als ob ich bei einem Todten
Wache halte.
    So vergingen langsam und feierlich die nchtigen Stunden.
    In meinem ganzen Leben ist kein wunderbarerer Gegensatz an mich
herangetreten als das stille, hehre Antlitz des schlafenden Mannes und die wilde
Wuth des Sturmes, der drauen mit unverminderter Gewalt fortraste. Er durfte
schlafen. Zu den seligen Gipfeln, ber welchen sein Geist schwebte, trug keine
gewaltigste Schwinge irdischen Sturmes.
    Und ich mute der Nacht denken, als in der Mauerhhle der alten Zehrenburg
der Schleichhndler, der eben zum Mrder geworden, sich verwundet in meinen
Armen wand und Gott und die Welt und sich verfluchte. Und jener Mann war der
Bruder dieses hier gewesen! Es schien unglaublich, da derselben Mutter Leib
zwei so verschiedene Wesen hatte hervorbringen, dieselbe Sonne zwei so
verschiedenen Menschen leuchten knnen, und dann war mir wieder, als ob Beide -
der Wilde und der Gute - der Menschenhasser und der Menschenfreund - einer und
derselbe wren; als ob ich jenes blasse Gesicht hier vor mir schon einmal
gesehen, als ob es dasselbe Gesicht sei, auf dessen bleiche Todesstirn die
Morgensonne schien, welche nach der Schreckensnacht rthlich aus dem Meere
stieg.
    Doch das waren wohl die Phantasien eines, den die Mdigkeit berwltigte.
Auch mute ich eine Zeit lang geschlafen haben, denn als ich wieder einmal den
Kopf hob, blickte eine graue Dmmerung durch die heruntergelassenen Gardinen.
Der Director lag noch da, wie er in der Nacht gelegen hatte, die Augen
geschlossen, die weien Hnde ber der Brust gefaltet. Ich stand leise auf, und
leise verlie ich das Gemach. Ich mute Luft schpfen; ich mute die Last
abzuschtteln versuchen, die mir auf dem Herzen lag.
    Als ich ber den stillen Flur schritt, war ich verwundert zu sehen, da der
Zeiger der groen Wanduhr am Fu der Treppe schon auf acht wies. Ich hatte nach
dem sprlichen Lichte geglaubt, es sei fnf oder sechs. Doch sah ich alsbald,
als ich heraustrat, warum es nicht heller sein konnte. Der schwarze Sargdeckel,
der in der Nacht ber der Erde gelegen, hatte sich jetzt in einen grauen
verwandelt - eine Dmmerung, die nicht Nacht, nicht Tag war. Und die Gewalt des
Sturmes unvermindert! Ich mute mich, als ich um den schtzenden Giebel des
Hauses trat, fest auf die Fe stemmen, um nicht umgeworfen zu werden. So, mich
nach vorn beugend, schritt ich durch den sonst so lieblichen Garten, der jetzt
nur noch eine grausige Sttte der Verwstung war. Da lagen Bumchen, die mit der
Wurzel herausgerissen, da lagen Bume, die wenige Fu ber der Wurzel
abgebrochen waren. Der Weg war mit Zweigen und Zweiglein berset, die Luft mit
durcheinander wirbelnden Blttern buchstblich angefllt. Nur die alten Platanen
auf dem Altan schienen der Wuth des Sturmes trotzen zu wollen, wenn auch ihre
majesttischen Wipfel in wilden Wellen durcheinander gepeitscht wurden. Ich
arbeitete mich nach dem Belvedere hin, dem einzigen Punkte, von welchem man
eine, wenn auch beschrnkte Aussicht nach der Wetterseite hatte. Ich frchtete
schon, das alte Gartenhuschen mchte dem Anprall nicht haben widerstehen
knnen; aber da war es noch; ohne Zweifel hatte es die hohe Bastion jenseits des
Wallgrabens geschtzt. Ich eilte, in dem Huschen einen Schutz zu suchen; als
ich hastig durch die offene Thr trat, sah ich Paula neben einem der schmalen
Fenster stehen, die nach der Wasserseite lagen.
    Sie hier, Paula! rief ich erschrocken. Sie hier in diesem Wetter, das uns
jeden Augenblick das Huschen ber dem Kopf zusammenwerfen kann!
    Wie geht es dem Vater? fragte Paula.
    Er schlft, erwiederte ich; Sie haben nicht geschlafen.
    Ihre Wangen waren so bleich, ihre groen Augen so tief gerndert! Sie wandte
den Blick ab und deutete durch das Fenster, an welchem sie gestanden hatte und
das jetzt nur noch eine Fensterhhle war, denn der Sturm hatte die bunten
Rauten, bis auf eine unten in der Ecke, eingedrckt.
    Ist das nicht furchtbar? sagte sie.
    Und furchtbar war es in der That. Bleigrau der Himmel, bleigrau das Meer,
und zwischen Himmel und Meer weiliche Punkte, wie Schneeflocken, die ein
Novemberwind durcheinander wirbelt. Die weilichen Punkte waren Mven und ihr
klgliches Geschrei schallte auf Augenblicke bis zu uns herber. Auf der hohen
Bastion uns gegenber hatte der Sturm das fulange Gras, das sonst so lustig im
Winde nickte, platt gedrckt, wie wenn schwere Walzen darber hingegangen wren;
und ber dem langen niedrigen Wall zur Rechten erhoben sich von Zeit zu Zeit
schimmernde Streifen, fr die ich im Anfang keine Erklrung hatte. Konnten das
die Kmme von Wellen sein? Es schien unmglich. Der Wall - das wute ich - war
zwlf Fu und darber hoch, und hatte noch einen breiten, sandigen Vorstrand,
auf welchem eine viel frequentirte Badeanstalt angelegt war. Ich hatte ber den
Wall weg das Meer immer nur in perspectivischer Entfernung gesehen; aber diese
schimmernden Streifen, wenn es Wellen waren, tanzten nicht auf der hohen See;
ich sah deutlich, wie sie auf- und niedertauchten und sich berschlugen und
abgerissen und in Staub und Schaum zerpeitscht ber den Wall fortgetrieben
wurden. Es war die Brandung; und die Brandung war bis an den Rand des Walles
gestiegen.
    Was soll das geben? sagte Paula.
    Es war genau dieselbe Frage, die ich mir gestern Abend genau auf dieser
selben Stelle vorgelegt hatte, wenngleich in einem ganz anderen Sinne. Ich hatte
nur an sie gedacht, die jetzt vor mir stand und mit groen, angstvollen Augen zu
mir aufschaute, aber in meinem, durch die schlaflose Nacht zerrtteten Geiste
flossen Natur und Menschenschicksal unentwirrbar in einander, drauen war
drinnen und drinnen drauen.
    Paula! sagte ich.
    Sie blickte zu mir empor.
    Paula! wiederholte ich und meine Stimme zitterte und meine Hand suchte die
ihre: Wenn der Sturm des Lebens einmal gegen Sie wthet, wie der da gegen uns
Beide hier - wrden Sie sich zu mir um Schutz und Hlfe wenden? Sagen Sie,
Paula, wrden Sie das?
    Ein flammendes Roth flog ber ihre bleichen Wangen, sie zog ihre Hand, die
ich nicht festzuhalten vermochte, aus der meinen.
    Sie gehren zu den guten Menschen, Georg, die Allen helfen mchten, und auf
die deshalb Alle Ansprche zu haben meinen.
    Das ist keine Antwort, Paula, sagte ich.
    Sie ffnete den Mund, aber ich erfuhr nicht, ob die schlimme Auslegung,
welche ich ihren Worten gegeben, die richtige sei, denn in diesem Augenblicke
wurde das Gartenhuschen von einem Sto getroffen, der das Bretterdach wegri
und die noch brig gebliebenen Fenster eindrckte, da die Scherben um uns
herumflogen. Ich fate Paula um die Hfte und zog sie aus dem bauflligen
morschen Huschen fort, das wir kaum verlassen hatten, als es polternd
zusammenstrzte. Paula stie einen Schrei des Entsetzens aus und klammerte sich
fest an mich. Mein Herz wollte aufjauchzen, als ich das liebe Mdchen so umfat
hielt; aber sie lste sich alsbald mit einer gewissen Heftigkeit aus meinen
Armen.
    Welche Schwchlinge wir Frauen doch sind! sagte sie; Ihr Mnner mt
wahrlich denken, wir seien zu nichts auf der Welt, als uns von Euch beschtzen
zu lassen.
    Als sie das sagte, lag es wie Zorn auf ihrer Stirn, in ihren groen Augen;
aber um ihren Mund zuckte ein verhaltenes Weinen.
    Was ging in diesem Augenblick vor in ihrem Gemth?
    Ich habe es erst viele Jahre spter erfahren.
    Wir gingen oder kmpften uns vielmehr nach dem Hause zurck. Es wurde kein
Wort weiter zwischen uns gesprochen, auch nahm sie meinen Arm nicht, den ich ihr
nicht anzubieten wagte. Wrde sie eines anderen Arm ebenso verschmhen? fragte
ich mich.
    Traurig, wie ich mich nie gefhlt, sa ich eine Stunde spter auf meinem
Bureau. Arbeiten zu sollen mit dieser Unruhe im Herzen, mit diesem Druck auf dem
Gehirn, an einem Tage, wie dieser! Aber zuerst seine Pflicht thun, das andere
findet sich! Das war das Wort des Directors, und nach diesem Wort setzte ich
mich an meine Arbeit und stellte Listen auf und revidirte Rechnungen und
verrechnete mich nicht. Ich hatte meine lange Lehrzeit wohl bestanden; ich
durfte es sagen: ich hatte zu arbeiten gelernt.
    Es war Mittag geworden, als ich mich zum Director begab, ihm die Sachen, die
ich gefertigt, zur Unterschrift vorzulegen. In dem Vorzimmer zu seinem
Arbeitscabinet angelangt, blieb ich stehen, denn ich hrte durch die geffnete
Thr sprechen.
    Es ist eine herrliche Zeit, sagte eine sanfte Stimme, die sich in jngster
Zeit seltener im Directorhause hatte vernehmen lassen; - eine herrliche Zeit;
dies ist: eine Zeit des Herrn, da er sich offenbart in Sturm und Gewitter, das
Herz des sndigen Menschen aus seinem Frevelmuth aufzuschrecken. Verstehen wir
diese Zeit, Herr Director! Lassen wir den Herrn nicht vergeblich rufen!
    Sie verzeihen, wenn ich nicht Ihrer Ansicht bin, Herr von Krossow; ich habe
heute Nacht ein Beispiel davon gehabt, zu welchem Unsinn aberglubischer
Schrecken diese verwilderten Seelen treibt. Wollen Sie die Leute ber das
Naturereigni aufklren, bin ich gern bereit, Sie in dieser Bemhung zu
untersttzen, von einer gemeinschaftlichen Frbitte sehe ich keinen Vortheil,
und mu mich also zu meinem Bedauern dagegen aussprechen.
    Der Director hatte das in seiner ruhigen, berzeugenden Weise gesagt; aber
es schien nicht, da er seinen Gegner berzeugt hatte. Es entstand eine kurze
Pause, dann fing die milde Stimme wieder an:
    Ich verga zu erwhnen, da der Herr Prsident, von dem ich eben komme, und
dem ich meinen Plan mittheilte, ganz meiner Meinung war, ja, da er den Wunsch
uerte: es mchten in allen Kirchen die Glocken gezogen und die Gemeinde zum
Gebet gerufen werden. Er wrde es schwer empfinden, wenn er hier - gerade hier -
seine Autoritt - wie soll ich sagen - miachtet she.
    Ich frchte, erwiederte der Director, es werden heute noch Manche in der
Lage sein, der Autoritt des Herrn Prsidenten den schuldigen Respect versagen
zu mssen; ich frchte: es werden die Glocken gezogen werden, aber nicht, um die
Leute in die Kirche, sondern an die Arbeit zu rufen. Es wird, wenn der Sturm
nicht bald nachlt, vor Nacht noch viele und schwere Arbeit geben.
    Da zitterte durch das Brausen des Sturmes ein wimmernder Ton, wie aus den
Wolken heraus, dem andere hnliche wimmernde, abgerissene Tne nachheulten; in
demselben Augenblicke wurde auch die Thr nach dem Flur aufgerissen, und
hereinstrzte der Doctor athemlos.
    Es ist, wie wir gedacht, keuchte er, an mir vorber in das Gemach des
Directors eilend, in welches ich ihm in einer Regung, die etwas Besseres als
Neugierde war, folgte.
    Es ist, wie wir gedacht, wiederholte der Doctor, seine Brille abnehmend
und sich den nassen Sand und allerlei Spreu, womit er ber und ber bedeckt war,
aus dem Gesicht wischend, in einer Stunde, hchstens in zwei Stunden hat das
Wasser den Wall berstiegen, wenn nicht vorher ein Durchbruch erfolgt, was an
mehr als einer Stelle zu befrchten steht.
    Und was trifft man fr Vorkehrungen?
    Man legt die Hnde in den Schoo - ist das noch nicht genug? Ich bin
spornstreichs zum Polizei-Director und zum Prsidenten gelaufen; sie sollten
Alles, was die Arme rhren kann, auf den Wall schicken; sie sollen das Bataillon
zurckkommen lassen. Es ist - knnen Sie sich den Wahnsinn denken! - vor einer
Stunde, weil keine Contreordre gekommen ist, zum Manver abmarschirt und qult
sich jetzt auf der Chaussee hin, wenn der Sturm sie nicht lngst alle rechts und
links in den Graben geworfen hat, was mir wahrscheinlicher ist. Sie knnen unter
allen Umstnden noch nicht weit sein, in einer Stunde, in anderthalb
meinetwegen, sind sie zurck, wenn man ihnen ein paar reitende Boten
nachschickt. Hier sind sie mehr von Nthen, als in den Chausseegrben. Das Alles
stelle ich den Herren vor. Was glauben Sie, das mir der Polizei-Director
antwortet? er sei selbst Soldat gewesen und wisse, da ein Officier seiner Ordre
nachzukommen habe. Es sei nicht daran zu denken, da das Bataillon auf seine
Bitten umkehren werde. Und der Prsident? dieser scheinheilige - was giebt's?
ah! Herr von Krossow! Sie hier! Thut mir leid, da Sie haben hren mssen, wie
ich ber Ihren Herrn Onkel denke; aber es ist nun einmal heraus, ich kann mir
und ihm nicht helfen. Ich wei nicht anders, als da es nur den Schein von
Heiligkeit haben heit, wenn man in einer solchen Calamitt von Strafgerichten
Gottes, von dem Stachel, gegen den man nicht lcken drfe, spricht.
    Ich werde nicht ermangeln, meinem Onkel von den freundlichen Gesinnungen,
die man hier so ungenirt gegen ihn ausspricht, pflichtschuldigen Bericht zu
erstatten; sagte Herr von Krossow, indem er mit vor Wuth zitternden Hnden
seinen breitkrmpigen Hut ergriff und zur Thr hinauseilte.
    Glck auf den Weg! rief der kampflustige Doctor, mit seinen kurzen Beinen
ein paar Schritte hinterherlaufend, wie ein Hahn, den sein Gegner allein auf dem
Kampfplatz gelassen hat. Glck auf den Weg! rief er noch einmal durch die
offengebliebene Thr, die er dann, Zorn und Verachtung schnaubend, wthend
zuwarf.
    Sie haben sich um Ihre Stelle hier gebracht, sagte der Director ernst.
    So wei der Kerl doch, wie ich ber ihn denke, krhte der Doctor.
    Was liegt daran? sagte der Director. Aber daran, da Sie hier Arzt sind,
- daran liegt sehr viel, vor Allem mir. Wir mssen sehen, wie das wieder in's
Gleiche zu bringen.
    Der Director ging mit langsamen Schritten, die ernsten Augen vor sich nieder
auf den Boden gerichtet, durch das Gemach; der Doctor stellte sich von einem Fu
auf den andern und sah sehr verblfft und beschmt aus.
    Was giebt's? fragte der Director einen Schlieer, der eben mit verstrten
Mienen zur Thr hereinkam.
    Es sind eine Menge Leute da, Herr Director.
    Wo?
    Vor dem Thor, Herr Director.
    Was fr Leute?
    Zumeist aus der Brckengasse, Herr Director, sie sagen, sie mten Alle
versaufen, Herr Director. Und weil die Anstalt nun doch so viel hher liegt -
    Der Director verlie, ohne ein Wort zu erwiedern, das Zimmer und das Haus.
Wir folgten ihm ber den Hof. Er war herausgetreten, wie er ging und stand, in
kurzem seidenen Hausrock, ohne Hut oder Mtze. So schritt er vor uns hin, und
der Sturm, der im Hof umherfuhr, zerzauste sein Haar und peitschte die Spitzen
des langen Schnurrbartes, wie Flaggenzipfel.
    Wir kamen zum Thor, das der mrrische Thorwart aufschlieen mute. Ich hatte
gestern Abend, als eine Gefngnithr sich ffnete, ein grausiges Bild gesehen;
ich sollte hier ein rhrendes, bejammernswerthes zu sehen bekommen, das nicht
weniger klar in meiner Erinnerung stehen geblieben ist.
    Es mochten wohl fnfzig Menschen sein, zumeist Weiber; aber auch Mnner,
alte und junge, und Kinder, zum Theil noch auf den Armen ihrer Mtter. Fast alle
trugen sie Sachen in der Hand, oder hatten sie vor sich auf den Boden gestellt,
die ersten und gewi nicht immer die besten, die sie in der Eile und der Angst
ergriffen. Ich sah eine Frau, die einen groen Wassertrog auf der Schulter
hatte, den sie mhsam fest hielt, als msse er zerbrechen, wenn sie ihn auf die
Erde niedersetzt; ich sah einen Mann, der ein leeres Vogelbauer trug, das der
Wind hin und her schleuderte. Das Thor war kaum geffnet, als Alle, wie von
Furien gejagt, auf den Hof strzten. Der Schlieer wollte sich ihnen entgegen
stellen; der Director ergriff ihn beim Arme.
    Nicht doch! sagte er.
    Wir waren auf die Seite getreten und hatten den wsten Strom an uns
vorbergelassen, der sich jetzt ber den Hof ausbreitete, zum Theil bereits nach
den Thren der Gebude strzte.
    Halt! rief der Director.
    Die Leute standen.
    Lat die Frauen und die Kinder hinein, sagte er zu seinen Leuten, auch
die Alten und die Kranken. Ihr Mnner mgt einen Augenblick eintreten, Euch zu
erwrmen; in zehn Minuten seid Ihr wieder hier, dies ist keine Zeit fr Mnner,
hinter dem Ofen zu hocken.
    Da kamen schon wieder neue Gste durch das offene Thor. Lat sie herein,
lat Alle herein! rief der Director.
    Ein junges Weib mit einem Kinde auf dem Arm, das den Andern nachgestrmt
kam, trat vor den Director hin und rief: Ich will meinen Mann. Warum halten Sie
ihn eingesperrt? Ich kann die Blger nicht alle auf einmal tragen; wenn ich sie
nicht mehr finde, so knnt Ihr dies auch nur ersufen!
    Sie war im Begriff, das Kind auf die Erde zu legen, als sie es pltzlich dem
Doctor, welcher dabei stand, in die Arme drckte und wieder zum Hofe
hinausstrzte. Das junge Weib hatte wunderbar blondes, langes Haar, und das Haar
war aufgegangen, und wie sie jetzt in rasender Eile davon strzte, flatterte es
in tausend sturmgepeitschten Strhnen hinter ihr her.
    Machen Sie, da Sie Ihre kleine Brde los werden, sagte der Director
lchelnd zu dem Doctor, und sehen Sie nach den Weibern und Kindern. Und noch
eines, lieber Freund! Sorgen Sie dafr, da die Leute mit ihrem Mittagessen in
einer Viertelstunde fertig sind; und dann sollen sie hier antreten, hren Sie,
Alle ohne Ausnahme, auer den Kranken!
    Der Doctor warf einen fragenden Blick auf seinen Chef. Pltzlich flog es wie
ein Lichtstrahl auf sein groteskes Gesicht, und das schreiende Kind fest gegen
die Brust drckend, lief er mit seltsam trippelnden Schritten in das Haus, die
Befehle des Directors auszufhren.
    Bleib hier, Georg! sagte dieser zu mir; und sprich mit den Leuten; Du
kannst das ja; ich bin in zehn Minuten wieder hier.
    Er ging; ich schaute ihm mit starren Blicken nach. Was war das? Zum ersten
Male hatte er mich Du genannt! Sein Auge war voll auf mich gerichtet gewesen, er
hatte sich nicht versprochen; er hatte es aber auch nicht mit Absicht gesagt,
ich fhlte das instinctiv; ich fhlte, ja, ich wute, da der Moment zu hoch
war, und da die kleinlichen Schranken, welche das conventionelle Leben zwischen
uns aufthrmt, vor den Blicken dieses Mannes zu einem Nichts zusammenschrumpfen
muten. Und ich wute auch, was er vorhatte; ich wute, da er sich rstete zu
einem Kampf auf Tod und Leben, und da er gegangen war, Abschied zu nehmen von
den Seinen. Ein Schauder durchrieselte mich, meine Brust hob sich, meine Kopf
richtete sich empor. Ihr guten Leute, rief ich, seid getrost, er wird Euch
helfen, wenn ein Mensch helfen kann!
    Sie drngten sich zu mir; sie klagten mir ihre groe Noth, wie das Wasser
gestiegen sei seit gestern Mitternacht, einen Fu in jeder Stunde fast, das sei
nun zwlf Stunden her und der Wall habe an der hchsten Stelle nur eine Hhe von
dreizehn bis vierzehn, die Brckengasse und die nchste, die Schwedengasse,
lgen nur wenig hher als das Meer, und wenn der Wall brche, seien sie alle
verloren. Der Lootsen-Commandeur Walther, der das gut verstnde, habe immer
gesagt, da msse etwas geschehen, aber fr dergleichen htten sie ja kein Geld,
das brauchten sie zu den Bastionen und Kasematten auf der Landseite.
    Und meine beiden Jungen haben sie in die bunte Jacke gesteckt, sagte ein
alter Mann, die liegen nun auf der Landstrae, da knnen sie uns freilich nicht
helfen.
    Aber er wird es, sagte ich.
    Der alte Mann blickte mich unglubig an: er ist ein guter Herr, sagte er,
das wei jedes Kind; aber was kann er thun?
    In diesem Augenblick trat der Director wieder aus dem Hause; zu gleicher
Zeit strmten aus drei verschiedenen Thren, welche in die verschiedenen Flgel
des Hauptgebudes fhrten, die Arbeits- und Zuchthusler heraus, an die
vierhundert, alle mehr oder weniger rstige Mnner, in ihren grauen
Arbeitsjacken, die meisten bereits ausgerstet mit Spaten, Hacken, Aexten,
Stricken, und was denn noch sonst aus der Kammer an Werkzeugen und
zweckdienlichen Hlfsmitteln hatte genommen werden knnen. Die Leute waren von
ihren Aufsehern gefhrt.
    So kamen sie heran in militrischem Schritt und Tritt. Halt! Front!
commandirten die Aufseher und die Leute standen in drei Gliedern aufmarschirt,
stramm und fest, wie eine Compagnie unter dem Gewehr.
    Zu mir, Mnner, rief der Director mit tnender Stimme. Die Leute traten
heran. Aller Augen waren starr auf ihn gerichtet, der, gebeugten Hauptes,
sinnend dastand. Pltzlich schaute er auf, sein Blick leuchtete ber den Kreis
und mit einer Stimme, die man dieser kranken Brust nimmer zugetraut htte, rief
er:
    Mnner! Ein Jeder von uns hat in seinem Leben eine Stunde gehabt, um die er
viel gbe, wenn er sie zurckkaufen knnte. Nun ist Euch heute ein groes Glck
beschieden; ein Jeder von Euch, sei er, wer er sei, und habe er gethan, was er
gethan habe - ein Jeder soll jene Stunde zurckkaufen drfen und wieder werden,
was er vordem war, vor Gott, vor sich selbst und vor allen guten Menschen. Man
hat Euch gesagt, um was es sich handelt. Es gilt, sein Leben in die Schanzen zu
schlagen fr das Leben Anderer, fr das Leben von Weibern und Kindern. Ich mache
Euch keine eitlen Versprechungen, ich sage Euch nicht: Was Ihr thun werdet, soll
Euch zu freien Menschen machen. Ich sage Euch im Gegentheil: Ihr werdet hierher
zurckkehren, wie Ihr ausgegangen seid; kein Lohn, keine Freiheit, Nichts harrt
Eurer, wenn heute Abend nach gethaner Arbeit jenes Thor sich wieder hinter Euch
schliet, nichts, als der Dank Eures Directors, ein Glas steifen Grogs und ein
sanftes Ruhekissen, wie es einem ehrlichen Kerl ziemt. Wollt Ihr unter diesen
Bedingungen zu Eurem Director stehen? Wer es will, der hebe seine Rechte empor
und rufe aus voller Brust: Ja!
    Und vierhundert Arme flogen in die Hhe und aus vierhundert Mnnerkehlen
donnerte ein Ja, das den Sturm bertnte.
    Im Nu war die Schaar auf den Befehl und unter der Leitung des Directors
zusammen mit den Mnnern, die vorhin in die Anstalt geflchtet waren, in drei
Zge getheilt, von denen Smilch den ersten, ich den zweiten und ein Strfling,
Namens Mathes, der frher Schiffbauer gewesen, ein sehr intelligenter,
thatkrftiger Mensch, den dritten fhren sollte. Die Aufseher standen in Reih
und Glied. Heut, Kinder, sind wir alle gleich und Jeder ist sein eigener
Aufseher, sagte der Director. So marschirten wir zum Thor hinaus.
    Der Weg, die enge Strae, auf welche das Hauptthor fhrte, hinab, war nicht
lang und wurde schnell zurckgelegt; aber an dem alten und ziemlich engen Thor
an dem Ende der Strae fanden wir einen unerwarteten, seltsamen Widerstand, der
mir mehr als alles Vorhergegangene die Gewalt des Sturmes bewies. Das alte Thor
war eigentlich nur noch ein offener weiter Mauerbogen; dennoch brauchten wir
mehr Zeit hindurchzukommen, als wenn wir die schwersten, eisenbeschlagenen,
eichenen Thorflgel htten sprengen mssen, so drckte der Sturm durch die
Oeffnung. Wie ein Riese mit hundert Armen stand er drauen und stie jeden
Einzelnen, der sich an ihn wagte, wie ein machtloses Kind zurck; nur unseren
vereinten Anstrengungen, indem wir uns gegenseitig die Hnde reichten und an der
inneren rauhen Oberflche des Thores festhielten, gelang es, durch den Engpa zu
kommen. Dann ging es auf dem Wallwege zwischen der hohen Bastion auf der einen,
und den Gebuden der Anstalt auf der anderen Seite schnell vorwrts, bis wir an
den Ort gelangten, wo unsere Hlfe Noth that.
    Es war jener lange, niedrige Wall, der unmittelbar an die Bastion stie und
ber dessen Rand ich so oft vom Belvedere aus sehnschtigen Blickes auf das Meer
und auf die Insel geschaut hatte. Seine Lnge betrug vielleicht fnfhundert
Schritt. Dann kam der Hafen mit seinen weit in das Meer hineingebauten,
steinernen Molen. Warum diese Stelle bei einem Sturm, wie der heutige, so
unendlich gefhrdet war, wurde mir auf den ersten Blick klar. Das von der
offenen See unter der Gewalt des Sturmes hereinfluthende Wasser wurde zwischen
der hohen Bastion, die auf gewaltigen Futtermauern ruhte, und dem langen
Hafendamm wie in einer Sackgasse gefangen, und da es weder rechts noch links
ausweichen konnte, mute es wohl das Hemmni, welches sich ihm hier
entgegenstmmte, zu durchbrechen suchen. Ri aber der Wall, so war der ganze
untere Theil der Stadt verloren. Das konnte Keinem entgehen, der von dem Wall
stadtwrts in die engen Hafengchen sah, deren Dachfirsten zum groen Theil
kaum die Hhe des Walles erreichten, so da man ber dieselben weg in den
Binnenhafen sehen konnte, welcher auf der uns entgegensetzten Seite der
Hafenvorstadt lag, und wo jetzt die Masten der Schiffe wie Binsen
durcheinanderschwankten.
    Ich glaube, da ich keine Viertelminute gebraucht habe, mir die Situation,
wie ich sie soeben geschildert, vollkommen klar zu machen und mehr Zeit ist mir
auch schwerlich vergnnt gewesen. Sinn und Gemth wurden von dem Anblicke der
Gefahr, die wir zu bekmpfen gekommen waren, zu mchtig ergriffen. Ich, der ich
mein ganzes Leben an der Kste zugebracht, der ich mich Tage lang in groen und
kleinen Fahrzeugen auf den Wellen geschaukelt, der ich manchen Sturm, an Bord
und von der Kste aus, mit nimmer mder Aufmerksamkeit und sympathetischem
Grausen beobachtet hatte - ich glaubte, das Meer zu kennen, und sah jetzt, da
ich es nicht besser kannte, wie Jemand eine Bombe kennt, die er nicht hat
explodiren, und Tod und Verderben rings um sich her hat streuen sehen. Nicht
einmal in der Phantasie war ich der Wirklichkeit nahe gekommen. Dies war nicht
mehr die See, die aus Wasser bestand, welches kleinere und grere Wellen
bildet, welche Wellen mit grerer oder geringerer Gewalt an das Ufer schlagen -
dies war ein Scheusal, eine Welt von Scheusalen, die mit weit aufgerissenen,
schumenden Rachen, brllend, heulend, schnappend dahergefahren kamen; - es war
gar nichts Bestimmbares mehr: der Untergang aller Form, ja selbst aller Farbe,
das Chaos, das hereinbrach, die Welt der Menschen zu verschlingen.
    Ich glaube, da wohl keiner in der ganzen Schaar war, auf den dieser Anblick
anders wirkte. Ich sehe sie noch dastehen, die vierhundert, wie sie auf den Wall
heraufgestrmt waren, mit bleichen Gesichtern, die starren Augen bald auf das
heulende Chaos, bald auf den Nachbar gerichtet, und dann auf den Mann, der sie
hierhergefhrt, und der allein im Stande war, zu sagen, was hier geschehen
solle, was hier geschehen knne.
    Und niemals hat eine rathlose Schaar einen bessern Fhrer gehabt.
    Der herrliche Mann! Ich sehe ihn mit dem treuen Auge der Liebe, das sinnend
in die Vergangenheit blickt, so oft, in so vielen Situationen, und immer sehe
ich ihn schn und gro; aber in keinem Augenblicke schner und grer als in
diesem, wie er dastand auf dem hchsten Punkte des Walles, sich festhaltend an
der Flaggenstange, die er dort hatte aufrichten lassen; - schner und grer und
heldenhafter! Ja! Heldenhaft war seine Haltung und heldenhaft sein Auge, das die
Gefahr und die Abhilfe in einem Blick umspannte, und heldenhaft war die Stimme,
die unermdet, mit scharfem klaren Ton, in knappen, bestimmten Worten die
nthigen Befehle ertheilte! Die muten hinab in die Hafengassen und an leeren
Fssern und Kasten und Kisten herbeischaffen, was sie konnten; die mit Spaten
und Schaufeln und Karren und Krben hinauf auf die Bastion, wo es Erde in
Ueberflu gab; die mit Sgen und Beilen und Stricken hinber in das benachbarte
Glacis, die jungen Bume zu fllen, die seit Jahren auf einen Feind warteten,
der heute gekommen war; die auf die nahe gelegene Lastadie, die
Schiffszimmerleute aufzufordern, mit Hand an's Werk zu legen und ein paar
Dutzend groe Balken, die wir nothwendig brauchten, sei es mit Gte, sei es mit
Gewalt herbeizuschaffen. Noch war keine halbe Stunde vergangen und die mit
genialer Umsicht angeordnete Arbeit war im vollen Gange. Hier wurden Krbe mit
Erde in die Lcken gesenkt, die das Meer in den Wall ri, dort Pfhle
eingeschlagen und mit Zweigen durchflochten, dort eine Balkenwand
aufgeschichtet. Und das trieb und hastete sich, und grub und schaufelte und
hmmerte und karrte und schleppte Centnerlasten herbei mit einer Emsigkeit, mit
einer Kraft, mit einem starken, opferfreudigen Muth, da mir noch jetzt die
Thrnen in die Augen kommen, wenn ich daran denke; wenn ich denke, da dies
dieselben Menschen waren, welche die Gesellschaft von sich ausgestoen,
dieselben Menschen, die vielleicht um weniger Brocken willen, um eines
kindischen Gelstes, zum Dieb geworden; dieselben Menschen, die ich so oft
verdrossen durch die Hfe der Anstalt an die Arbeit hatte schleichen sehen;
dieselben Menschen, die gestern Abend der Sturm, der an die Mauern ihres
Gefngnisses schlug, zu rasender Angst hatte aufregen knnen! Da lag die Stadt
unter ihnen: sie konnten hineinstrzen und rauben, brennen und morden nach
Herzenslust - wer sollte es ihnen wehren? Da lag die weite Welt offen vor ihnen:
sie durften nur davon- und hineinlaufen - wer sollte sie zurckhalten? Hier war
eine Arbeit, schwieriger, mhsamer, gefhrlicher, als eine, die sie je gethan -
wer konnte sie dazu zwingen? da war der Sturm, vor dem sie gestern gezittert, in
seiner scheulichsten Gestalt - - warum zitterten sie heute nicht? Warum gingen
sie scherzend, lachend in die offenbare Todesgefahr, als es galt, den groen
Schiffsmast, der vom Hafen hergetrieben war, und jetzt von den Wellen als
Sturmbock gegen den Wall geschleudert wurde, hereinzuholen? Warum? Ich meine,
wenn alle Menschen dies Warum mit mir in gleicher Weise beantworteten, dann gbe
es keine Herren und Knechte mehr, dann snge man nicht mehr das alte traurige
Lied vom Hammer, der kein Ambo sein will, dann - doch warum ein Warum
beantworten wollen, das nur die Weltgeschichte beantworten kann? Warum die
Ahnung unseres Busens herausstellen in die Welt, die gleichgltig daran
vorbertreibt, ohne hinzublicken, vielleicht nur hinblickt, um darber zu
spotten! -
    Wer diese Arbeit sah, wer diese Menschen sich die Haut von dem Fleisch und
das Fleisch von den Knochen reien sah in ihrer gewaltigen, frchterlichen
Arbeit, der lachte nicht, und wer es sah, das waren die armen Bewohner der
Hafengassen, Weiber und Kinder zumeist - denn die Mnner muten mit arbeiten -,
die herbeikamen und unten im Schutze des Walles standen und mit sorgenvollen,
erstaunten Mienen hinaufschauten zu den Graujacken dort oben, die sie sonst nur
mit mitrauischen, scheuen Blicken von weitem beobachteten, wenn dieselben, in
kleinen Trupps von einer Auenarbeit kommend, durch die Straen gefhrt wurden.
Heute hatten sie keine Angst vor den Graujacken; heute beteten sie, da ihnen
Speise und Trank gesegnet sein mge, die sie selbst bereitwillig herbeitrugen.
Sie hatten keine Angst vor den vierhundert Graujacken, sie wnschten hchstens,
da ihre Zahl sich verdoppeln und verdreifachen mge!
    Aber es gab Leute, die weit aus dem Bereiche der Gefahr wohnten, um deren
Gut und Leben es sich in diesem Augenblicke keineswegs handelte und die deshalb
vollauf in der Lage waren, das Ungehrige und Ungesetzliche, das man hier zu
vollfhren wagte, bitter zu empfinden.
    Ich erinnere mich, da nach einander der Polizei-Director von Rabach, der
Regierungs-Prsident von Krossow, der Generallieutenant und Commandant der
Festung, Excellenz Graf Dankelheim kamen, und unseren Anfhrer mit Bitten,
Befehlen, Drohungen bestrmten, seine gefrchtete Brigade wieder hinter Schlo
und Riegel zu bringen. Ja, ich erinnere mich, da sie gegen Abend zusammen da
waren, einen gemeinschaftlichen Sturm zu versuchen, und ich mu noch heute
lcheln, denke ich der heiteren Ruhe, mit welcher der Gute, Brave diesen Angriff
zurckwies.
    Was wollen Sie, meine Herren? sagte er. Wollen Sie wirklich lieber, da
Hunderte ihr Leben verlieren und das Eigenthum von Tausenden vernichtet wird,
als da ein Dutzend oder ein paar Dutzend dieser armen Schelme das Weite und die
Freiheit suchen, die sie nebenbei heute redlich verdient haben? Und brigens
werde ich sie, wenn die Gefahr vorber ist, zurckfhren. Bis dahin soll mich
Niemand von hier vertreiben, es sei denn, da er mich mit Gewalt vertriebe, und
dazu ist ja wohl glcklicherweise Keiner von Ihnen im Stande, meine Herren! Und
nun, meine Herren, mu diese Unterredung zu Ende sein, das Dunkel bricht herein;
wir haben hchstens noch eine halbe Stunde, unsere Vorbereitungen fr die Nacht
zu treffen. Ich habe die Ehre, meine Herren!
    Und bei den Worten machte er eine Handbewegung gegen die drei Wrdentrger,
die mit unendlich armseligen Mienen davonschlichen, und wandte sich dahin, wo
man seiner bedurfte.
    In diesem Augenblicke mehr als je; denn es war jetzt - kurz vor dem
Hereinbrechen der Nacht - als ob der Sturm seine ganze Kraft zu einem letzten,
entscheidenden Angriff zusammennhme. Ich frchtete, da wir unterliegen wrden,
da die sechsstndige, verzweifelte Arbeit vergeblich gewesen sei. Die
Riesen-Wellen brandeten nicht mehr zurck - ihre Kmme wurden abgerissen und
ber den Wall herber weit in die Straen hineingeschleudert. Angstheulend stob
die unten versammelte Menge auseinander; von uns Arbeitern vermochte kaum einer
noch oben Stand zu halten, ich sah verwegene Gesellen, die bis dahin mit der
Gefahr gespielt hatten, bleich werden und den Kopf schtteln und hrte sie
sagen: Es ist unmglich, es geht nicht mehr.
    Und jetzt kam der schauerlichste Act in diesem furchtbaren Drama.
    Ein kleines hollndisches Schiff, das drauen auf der Rhede gelegen hatte,
war von seinen Ankern getrieben, und wurde in der grauenhaften Brandung wie eine
Nuschale hinber und herber, aus der Tiefe in die Hhe, aus der Hhe in die
Tiefe und mit jeder Welle nher an den Wall geschleudert, den wir verteidigten.
Wir sahen die verzweifelten Geberden der Unglcklichen, die in den Raaen hingen,
wir htten uns einbilden knnen, ihr Angstgeschrei zu hren. -
    Knnen wir nichts thun? rief ich, nichts? mich mit Thrnen der
Verzweiflung in den Augen an den Director wendend.
    Er schttelte traurig den Kopf. Das Eine vielleicht, sagte er, da, wenn
das Schiff bis oben hinauf geschleudert wird, wir versuchen, es festzuhalten,
damit es die Brandung nicht wieder herabstrudelt. Gelingt es nicht, sind jene
verloren, und wir auch, denn das hin- und hergeschleuderte Fahrzeug wrde uns
eine Bresche in den Wall schlagen, die wir unmglich wieder ausfllen knnen.
La starke Pfhle einschlagen, Georg, und das eine Ende unserer dicksten Seile
daran befestigen. Es ist eine schwache Mglichkeit nur, aber es ist doch eine.
Komm!
    Wir eilten zu der Stelle, an der das Fahrzeug voraussichtlich stranden
mute, und von der es nur noch wenige hundert Fu entfernt war. Die Leute waren
von dem Wall gewichen und hatten vor der malosen Wuth des Sturmes, wo sie
konnten, Schutz gesucht, jetzt, als sie ihren Fhrer selbst die Axt in die Hand
nehmen sahen, kamen sie alle wieder herbei und arbeiteten mit einer Art von
Wuth, im Vergleich zu dem Alles, was sie bis jetzt geleistet, Kinderspiel
gewesen.
    Die Pfhle waren eingerammt, die Seile befestigt. Ich selbst und noch drei
andere Mnner, die fr die strksten galten, standen auf dem Wall, des rechten
Augenblickes harrend. Furchtbare Momente, die dem Muthigsten das Blut in den
Adern erstarren, die einem Jnglinge das braune Haar bleichen konnten!
    Und das kaum fr mglich Gehaltene gelang. Eine Riesenwelle kam
herangebraust, auf ihrem Rcken das Fahrzeug. Und da bricht sie herein - eine
Sndfluth, die sich ber uns ergiet; aber wir stehen fest, wir krampften uns
mit den Ngeln an die eingerammten Pfhle, und als wir wieder um uns blicken
knnen, liegt das Schiff, wie ein verendeter Wallfisch auf der Seite, hoch oben
auf dem Wall. Wir springen herzu, hundert Hnde sind auf einmal beschftigt, die
Seile um die Masten zu schlingen, hundert Andere die bleichen Menschen - fnf an
der Zahl - aus den Raaen, an die sie sich gebunden, herauszulsen. Es ist
geschehen, ehe die nchste Welle hereinbricht. Wird sie uns unsere Beute
entreien? Sie kommt, und noch eine, und abermals eine; aber die Stricke halten:
jede Welle ist schwcher als ihre Vorgngerin; die vierte erreicht nicht mehr
den Rand, die fnfte bleibt noch weiter darunter; - in dem furchtbaren,
unaufhrlichen Donner, der heute so viele Stunden unsere Ohren betubt, tritt
auf einmal eine Pause ein; die nach Osten gepeitschten Flaggen auf den
schwankenden Masten der Schiffe des Binnenhafens hangen auf einmal herab und
flattern dann nach Westen herber; - der Sturm ist gebrochen; der Wind springt
um - der Sieg ist unser!
    Der Sieg ist unser! Ein Jeder wei es in demselben Augenblick. Ein Hurrah,
das nicht enden will, bricht aus den Kehlen dieser rauhen Menschen. Sie
schtteln sich die Hnde, sie fallen einander in die Arme. - Hurrah! Hurrah! und
nochmals Hurrah!
    Der Sieg ist unser - er ist theuer erkauft.
    Als meine Augen ihn suchen, dem Alle Alles zu danken haben, finden sie ihn
nicht auf der Stelle, wo ich ihn zuletzt gesehen. Aber ich sehe die Leute nach
der Stelle laufen, und ich laufe mit ihnen, ich laufe schneller als sie, gejagt
von einer Sorge, die mir Flgel verleiht. Ich drnge mich durch ein paar
Dutzend, die in dichtem Haufen zusammenstehen, und alle vornbergebeugten Kopfes
auf einen Mann blicken, der auf der Erde liegt, auf den Knieen des alten
Wachtmeisters. Und der Mann ist todtenbleich, seine Lippen sind mit blutigem
Schaum bedeckt und neben ihm rings umher ist die Erde mit Blut gefrbt, mit
frisch vergossenem Blut, seinem Blut, dem Herzblut des Edelsten der Menschen.
    Ist er todt? hre ich einen der Mnner fragen.
    Aber der Held hier darf noch nicht sterben; er hat noch eine Pflicht zu
erfllen. Er winkt mir, da ich mich ber ihn beuge, mit den Augen und bewegt die
Lippen, ber die kein Laut mehr kommt; aber ich habe ihn verstanden, ich umfasse
ihn mit beiden Armen und richte ihn empor. So steht sie nun aufrecht an mich
gelehnt, die hohe, knigliche Gestalt. Sie knnen ihn Alle sehen die Mnner, die
er hierher gefhrt, und die er jetzt zurckfhren will. Und wieder winkt er mir
mit den Augen nach seiner Hand, und ich nehme die schlaff herabhngende
wachsbleiche und sie deutet in die Richtung des Weges, den wir heute Mittag
gekommen sind. Und da ist Keiner, der dieser stummen, feierlichen Mahnung nicht
zu gehorchen wagte. Sie schaaren sich zusammen, sie treten in Reihe und Glied;
der Wachtmeister und ich, wir tragen den sterbenden Fhrer. So geht es zurck in
langem, langsam feierlichen Zuge.
    Die Nacht ist hereingebrochen, nur noch einzelne Sturmste sausen vorber
und erinnern an den Tag, den furchtbaren, den wir Alle durchlebt haben. Die
Arbeitshusler, die heute auer dem Hause gearbeitet haben, - sie schlafen auf
dem Ruhekissen eines guten Gewissens, das ihnen ihr Director zur Nacht
versprochen. Ihr Director schlft auch, und sein Kissen ist so sanft, wie der
Tod fr eine groe, gute Sache es machen kann.

                            Ende des ersten Theiles.


                                 Zweiter Theil

                                Erstes Capitel.

Ein Jahr nach diesen Ereignissen stieg ein einsamer Wandersmann den abfallenden
Rcken eines der Haidehgel empor, welche die gute Stadt Uselin nach der
Landseite hin umschlieen. Er ging langsam, wie Jemand, der von einem weiten
Marsche ermattet ist, und seine Fe nur noch mhsam durch jenen grobkrnigen
Sand schleppt, mit welchem das Meer seine Schwelle zu bestreuen liebt.
    Aber der Wandersmann war gar nicht ermdet; er hatte whrend des ganzen
Tages nur wenige Meilen zurckgelegt, und fr ihn wre auch wohl eine doppelt so
groe Anstrengung Kinderspiel gewesen. Das Bndel, das er an einem Stocke auf
der Schulter trug, konnte ihn auch nicht drcken, denn es war winzig klein, und
doch schritt er langsam und langsamer, je nher er den drei Tannen kam, welche
den Rcken des Hgels krnten; ja, er blieb wiederholt stehen und legte die Hand
auf das Herz, als ob ihm der Athem fehlte zu den paar Schritten, die noch brig
waren.
    Und jetzt stand er oben unter den Tannen; der Stock sammt dem Bndel
entglitt seinen Hnden; er breitete die Arme weit aus nach dem Stdtchen, das
von dem Strande des Meeres, mit dem Meere, zu ihm heraufschimmerte. Dann warf er
sich - der groe starke Mann - unter die Tannen in das Haidekraut und schluchzte
und weinte wie ein Kind, und dann richtete er sich, kopfschttelnd, halb auf,
sttzte den Ellenbogen auf den Boden, und so blieb er eine lange Zeit, immerfort
schauend nach dem Hafenstdtchen zu seinen Fen, auf dessen spitzen Giebeln und
steilen Dchern die Abendsonne rthlich lag.
    Was fr Gedanken mochten dem Einsamen da oben durch den Kopf gehen? Was fr
Empfindungen seine sich unruhig hebende und senkende Brust erfllen?
    So mancher Poet, der seinen Helden leichtsinnig in eine hnliche Situation
gebracht hat, mag die Beantwortung dieser Fragen nicht ganz unbedenklich finden;
fr mich hat sie keine Schwierigkeit, denn glcklicherweise bin ich selbst der
Wanderer dort in dem Haidekraut unter den Tannen, und seitdem ich da lag, sind
noch nicht so viel Jahre verflossen, da der Ort und die Stunde und was sie
brachten, meinem Gedchtnisse entfallen sein knnten.
    Was sie brachten?
    Einen Schwarm von Erinnerungen aus den Jahren, als der Mann noch ein wilder
Knabe war, und Alles, was er hier vor sich liegen sah, der Tummelplatz seiner
Spiele: die Stadt von dem tiefsten Grunde der halbverschtteten Wallgrben bis
in die Thurmknpfe hinauf; die Grten, Felder, Wiesen und Haiden, die sie
umgaben, bis hier zu den Hgeln; dort der Hafen mit seinen Schiffen und das
schimmernde Meer, auf welches er im gebrechlichen Kahn hinauszurudern liebte,
whrend die Thrme der Stadt, wie jetzt, der rothe Abendschein umspielte.
    Hierhin und dorthin schweiften meine Blicke, und hier und dort und berall
trafen sie auf Punkte, die wie alte Bekannte zu mir herbergrten. Aber sie
blieben auf keinem Punkte lange haften, wie wenn man in einem bekannten Buche
nach einer besonderen Stelle blttert, und Blatt um Blatt durch die Finger
gleitet und jede Zeile, auf die das Auge trifft, uns bekannt ist und doch immer
die Stelle nicht kommen will, nach der wir suchen. -
    Freilich, es war ja so nieder und klein das alte einstckige Haus mit dem
schmalen Giebel in der engen Hafengasse, und die Hafengasse lag tief, verdeckt
von den greren Husern der mittleren Stadt - wie konnte ich das kleine Haus
mit dem schmalen Giebel von dieser Stelle aus sehen wollen!
    Und doch! weshalb hatte ich den Weg gemacht, die vier Meilen hierher aus dem
Gefngni - den ersten Weg des wieder freien Mannes - als, um das Haus zu sehen,
und wenn es das Glck wollte, durch eine Ritze in dem Fensterladen vielleicht,
den, der es bewohnte! Denn vor ihn hinzutreten, ihm Aug' in's Auge zu schauen,
ihm die Arme um den Nacken zu schlingen, wie mein Herz mich hie - das wagte ich
nicht zu hoffen, durfte ich nach dem, was geschehen, nicht zu hoffen wagen.
Hatte doch in den kurzen Briefen, mit denen er meine Briefe beantwortete,
whrend der langen sieben Gefngnijahre nie ein Wort der Liebe, des Trostes,
der Verzeihung gestanden! Ja, mein letzter Brief vor acht Tagen, in welchem ich
ihm zu seinem siebenundsechzigsten Geburtstage im Voraus Glck wnschte, und da
dieser Tag der Tag meiner Befreiung sein werde, und ob ich wagen drfe, an
diesem Tage - ein anderer und hoffentlich besserer Mensch - vor ihn zu treten -
dieser Brief, den ich, nassen Auges, mit zitternder Hand geschrieben, er war
nicht beantwortet worden.
    Von den hohen Dchern und spitzen Giebeln, von den flatternden Wimpeln der
Schiffe im Auenhafen, von den beiden Kirchthrmen endlich war der rothe
Abendschein geschwunden; leichter Nebel stieg aus den Wiesen und Feldern, die
sich von den Haidehgeln zur Stadt zogen. Auf der mit schlanken jungen Pappeln
besetzten Chaussee fuhr die Post vorber; ich verfolgte den langsam dahin
rollenden Wagen von Baum zu Baum, bis er hinter den ersten Husern der Vorstadt
verschwand. Hier und da auf den schmalen Fupfaden zwischen den Feldern bewegten
sich die Gestalten von Arbeitern nach der Stadt zu, und auch sie verschwanden.
Tiefer sank der Abend herein, dichter wurden die Nebel auf den Grnden; nichts
Lebendes war noch zu erblicken, nur ein paar Hasen, die auf einem Stoppelfeld
Mnnlein machten, und ein ungeheurer Schwarm von Krhen, der aus dem
benachbarten Tannenwalde, wo ich sonst mit meinen Kameraden Ruber und
Gensd'arm gespielt, krchzend im schwrzlichen Gewimmel, dunkel sich abhebend
von dem lichteren Abendhimmel, nach den alten Kirchthrmen zog.
    Jetzt war die Stunde gekommen.
    Ich richtete mich auf, hing das Bndel wieder ber den Stock und ging
langsam den Hgel hinab durch die nebeligen Felder den Weg zur Stadt. Auf einer
abgelegenen Stelle der Anlagen machte ich noch einmal Halt - es war mir noch
nicht dunkel genug. Ich frchtete mich vor Niemand und brauchte mich vor Niemand
zu frchten. Selbst vor meinem groen Feinde, dem Justizrath Heckepfennig, wenn
ich ihm begegnet wre, ja vor den unnahbaren Mnnern Luz und Bolljahn, den
Stadtdienern, htte ich nicht die Augen niedergeschlagen oder mich auf die Seite
gedrckt, und dennoch - es war mir noch nicht dunkel genug.
    Und nun rauschte es lauter in der halbentbltterten Krone des Ahorn, an
dessen Stamm ich lehnte, und aufblickend, sah ich einen Stern durch die Zweige
schimmern - nun mochte es sein.
    Wie dumpf meine Schritte in den leeren Gassen hallten! und wie dumpf mir das
Herz schlug in der gepreten Brust! Als ich durch die Rathhaushalle ging, stand
Vater Rterbusch, der Nachtwchter, - noch im bloen Kopf und ohne sein Wehr und
Waffen - vor dem Wachlokal und schaute nachdenklich auf den leeren Tisch und die
ausgeschnittene Tonne von Mutter Mller's Kuchenstand, whrend ber uns die
Glocke auf dem Thurm der Nikolaikirche acht schlug. War Mutter Mller gestorben,
da Vater Rterbusch so nachdenklich auf die leere Tonne blickte, und nicht
einmal ein Auge hatte fr seinen alten Bekannten aus der Custodie?
    Gestorben? Warum htte sie nicht sterben knnen? es war eine alte Frau
gewesen, als ich sie zuletzt gesehen, just so alt wie mein Vater - sie hatte es
mir einst selbst gesagt, als ich mein Taschengeld bei ihr vernaschte. So alt wie
mein Vater! - Ein rauher Wind strich durch die Halle: mich schauderte vom Kopf
bis zu den Fen, und mit eiligem Schritt, der beinahe zum Laufen wurde, hastete
ich ber den kleinen Marktplatz die abschssigen Straen hinunter nach dem
Hafen.
    Da war die Hafengasse und da war das Haus! Gott sei Dank! Es schimmert Licht
durch die Lden der beiden Fenster linker Hand. Gott sei Dank!
    Und jetzt wollte ich, jetzt mute ich thun, was ich damals gemut und auch
gewollt, und doch nicht gethan; hineingehen zu ihm und zu ihm sprechen: vergieb
mir!
    Ich fate den Messinggriff der Thr - wieder lag er wie Eis so kalt in
meiner heien Hand. Die Glocke an der Thr that einen schrillen Ruf und bei dem
Ruf erschien auf der Schwelle des Zimmerchens zur rechten Hand, just wie an
jenem verhngnivollen Abend, das treue Riekchen. Nein, nicht just wie an jenem
Abend. Ihre kleine, altergekrmmte Gestalt war in ein schwarzes Gewand gekleidet
und ein schwarzes Band war an der schneeweien Haube, deren breite Frisur
strahlenfrmig das runzlige Gesicht umgab. Und aus dem runzligen Gesicht
flirrten die rothen, verweinten Augen nach dem Ankmmling.
    Rieke, sagte ich - es war Alles, was ich hervorbringen konnte!
    Georg, guter Gott! schrie die Alte, mit hocherhobenen Hnden auf mich
zuwankend, Georg!
    Sie hatte meine beiden Hnde ergriffen und starrte schluchzend, whrend ihr
die Thrnen stromweise ber die gefurchten Wangen rollten, mit bebenden Lippen,
sprachlos zu mir auf. Sie brauchte nicht zu sprechen; ich fragte nicht, was
geschehen sei; ich fragte nur: wann?
    Heute sind es acht Tage, schluchzte die Alte, nicht einmal seinen
Geburtstag hat er noch erleben drfen.
    Woran ist er gestorben?
    Ich wei es nicht, und keiner wei es; Doctor Balthasar sagt ja, er knne
es nicht begreifen; er ist nicht wieder gesund gewesen, seitdem Du fort warst,
und es ist schlechter geworden und immer schlechter, obgleich er es nie zugeben
wollte. Heute vor vierzehn Tagen hat er sich gelegt und hat immer so still vor
sich hingeblickt und nur manchmal in seinem Hausbuch geschrieben, noch am Abend
vorher, und als ich am Morgen kam, ist er todt gewesen und das Buch hat auf
seiner Bettdecke gelegen. Ich habe es an mich genommen, und es auch Niemand
gezeigt, als sie kamen und Alles versiegelten; ich meinte immer, ich msse es
fr Dich aufheben, er hat manchmal Deinen Namen so vor sich hingesagt, wahrend
er schrieb; was er geschrieben wei ich nicht, ich kann ja nicht lesen. Ich will
es Dir holen.
    Sie ffnete dienstwillig die Thr nach des Vaters Stube. Es war sauber dort,
wie immer, peinlich sauber, aber noch unwohnlicher, - die weien Streifen ber
den Schlssellchern des Secretairs und des alten braunen Spindes in der Ecke
blickten mich geisterhaft an.
    Weshalb brennt die Lampe auf dem Tisch? fragte ich.
    Sie wollen ja heute Abend kommen.
    Wer will kommen?
    Sarah und ihr Mann und die Kinder, glaube ich. Weit Du es denn nicht?
    Ich wei von Nichts, von Nichts! Und da liegt ja auch mein letzter Brief -
unerbrochen! nicht einmal den hat er noch gelesen!
    Ich lie mich in dem Stuhl nieder, der vor dem Schreibtische stand. Ich
hatte nie in diesem Stuhl gesessen, kaum ihn zu berhren gewagt - eines Knigs
Thron wrde mir minder ehrwrdig erschienen sein. Das fuhr mir jetzt durch den
Kopf und viele, viele andere schmerzliche Gedanken, und mein Kopf sank in die
Hnde; ich htte gern geweint, aber weinen konnte ich nicht.
    Da stand die Alte neben mir mit dem Buch, von dem sie gesprochen. Ich kannte
es wohl; es war ein dickes Buch in Quart, mit Ledereinband und Haken zum
Schlieen, und ich hatte es oft in des Vaters Hnden gesehen, des Abends,
nachdem er seine Arbeit gethan; aber nie hatte ich gewagt, einen Blick
hineinzuwerfen, selbst wenn ich es einmal gekonnt htte, was freilich nicht oft
der Fall gewesen war, denn der Vater pflegte es sorgfltig zu verwahren. Jetzt
lag es geffnet vor mir; eines nach dem andern wandte ich die Bltter des
groben, rauhen Papiers um, deren Seiten mit der beraus sauberen, pedantisch
gradlinigen, mir so wohlbekannten Hand meines Vaters bedeckt waren. Die Hand
hatte sich nicht verndert, trotzdem die Aufzeichnungen ber vierzig Jahre
reichten und die Tinte auf den ersten Seiten bereits vollstndig vergilbt war.
Nur auf den letzten schien diese rstige Kraft gebrochen: die Schriftzge wurden
immer eckiger, machtloser; es waren nur noch traurige Ruinen von dem, was sie
einst gewesen; das letzte Wort kaum noch lesbar. Es war mein Name.
    Und wie hufig auf den Blttern, die den letzten sieben und zwanzig Jahren
gehrten, war mein Name!
    Heute ist mir ein Sohn geboren - ein derber Junge, die Hebamme sagt, so
derb hat sie ihr Lebtag keinen gesehen, der sei ja wie der heilige Georg. Und so
soll er auch Georg heien und soll eine Freude werden meines Lebens und eine
Sttze meiner alten Tage. Das walte Gott!
    Georg schlgt gut ein, stand auf einer andern Seite; er ist schon grer
als des Herrn Steuerraths Arthur, der doch auch nicht klein ist, und scheint
einen guten Kopf zu haben: er hat mit seinen drei Jahren Einflle, da es zum
Verwundern ist. Er wird wohl bald in die Schule mssen.
    Und wieder auf einer andern: Kster Volland ist voll Lobes ber meinen
Georg; mit dem Lernen knnte es vielleicht besser sein; aber das Herz, sagt der
alte Herr, sitzt dem Jungen auf dem rechten Fleck; das wird einmal ein braver
Mann werden; ich werde es nicht erleben, aber Sie werden es, und dann denken Sie
daran, da ich es Ihnen gesagt habe.
    So ging es noch ber manche Seite; Georg! - mein Prachtjunge! - der
Hauptkerl, der Georg!
    Dann kamen andere Zeiten; Georg war nicht mehr sein drittes Wort, und Georg
war nicht mehr sein Prachtjunge und sein Hauptkerl. Georg wollte nicht gut thun,
nicht in der Schule und nicht im Hause und nicht auf der Strae und nirgendwo.
Georg war ein Taugenichts! Nein, nein, das wre zu viel, er htte nur besser
sein knnen, sein mssen; und er wrde sich gewi noch bessern, ganz gewi!
    Und dann kamen viele Seiten, und Georgs Name war nicht mehr darauf. So
manches Familienereigni war notirt, der Tod der Mutter, die Schreckensnachricht
von dem Tod des Bruders, und da die Tochter Sarah wiederum - zum dritten - zum
vierten Male - ihm einen Enkel, eine Enkelin geboren habe, und da er zum
Rendanten befrdert und Zulage und hin und wieder eine Gratification erhalten; -
aber Georgs Name war und blieb verschwunden.
    Blieb verschwunden, selbst auf den letzten Blttern, die sich wieder mit
ihm beschftigten: da er im Gefngni von Allen so wohl gelitten sei, und
da der Herr Director von Zehren wieder angefragt habe, ob er noch immer nicht
der Verzeihung des Vaters wrdig scheine?
    Ich habe versucht, ihm heute zu schreiben, wie mir's um's Herz ist; aber
ich kann mich nicht berwinden; ich will es ihm sagen, wenn er zurckkommt und
ihm an meiner Liebe, an eines alten, gebrochenen Mannes Liebe noch etwas liegt;
aber schreiben kann ich es nicht.
    Und auf der letzten Seite stand: Es ist nicht wahr; es ist gewi nicht
wahr! Sechs und ein halbes Jahr soll er sich gut, soll er sich musterhaft
gehalten haben und in der zweiten Hlfte des siebenten soll er auf einmal nichts
mehr taugen!
    Ich hre nicht viel Gutes von dem neuen Director! der Verstorbene - das war
ein edler Herr und er war immer voll des Lobes ber ihn; nein, nein, was man
auch von ihm denken mag! schlecht ist mein Junge nicht, nicht schlecht. Und
ganz zuletzt: In acht Tagen ist er frei; er wird mich auf dem Krankenbette
finden, wenn er mich noch findet. Um seinetwillen wnsche ich es; es wrde ihm
doch am Ende schmerzlich sein, fnde er mich nicht mehr. Ich habe alle diese
Jahre gedacht, er habe mich nicht lieb, der Junge, weil er mich sonst nicht so
gekrnkt haben wrde; aber eben trumte ich, da er hier war, und ich ihn in
meinen Armen hielt. Ich sagte zu ihm: Georg -
    Ich starrte mit brennenden Augen auf das nun leere Blatt, als mten Worte
hervorkommen, die mein Vater im Traum zu mir gesagt; aber die Worte kamen nicht,
so eifrig ich starrte, und endlich sah ich nichts mehr vor der Thrnenfluth, die
aus meinen Augen brach.
    Du mut nicht so weinen, Georg, sagte die gute Alte; ich wei es, da er
Dich doch lieber gehabt hat, als die Andern, viel, viel lieber! Und wenn er auch
vor Gram und Herzeleid ber Dich gestorben ist, - er war ja ein alter Mann, und
da ist ihm wohl, viel wohler als hier, obgleich der liebe Gott wei, da ich
keinen andern Gedanken gehabt habe, diese zwanzig Jahr, als es ihm recht zu
machen.
    Ich wei es, ich wei es auch und danke Dir tausend-, tausendmal! rief
ich, ihre welken, braunen Hnde ergreifend, Und nun sag', was hast Du vor? was
kann ich fr Dich thun?
    Sie sah mich an und schttelte den Kopf; es mochte ihr sonderbar vorkommen,
da der Georg aus dem Gefngnisse etwas fr sie thun wollte.
    Ich wiederholte meine Frage.
    Ach, Du armer Junge, sagte sie, Du wirst Deine liebe Noth haben, Dich
selber durchzubringen, denn viel ist es gewi nicht, was er hinterlassen hat; er
war zu gut, er mute ja berall helfen, und mich hat er in das Beguinen-Stift
eingekauft fr die paar Jahre, die ich vielleicht noch zu leben habe. Das geht
nun auch ab, und Sarah hat schon sehr darber gescholten; sie haben gedacht, sie
wrden Alles bekommen, aber es soll ganz gleich zwischen Euch getheilt werden,
das habe ich aus seinem eigenen Munde, und ich kann es beschwren und werde es
beschwren, wenn sie Dir es abstreiten sollten, weil er ja kein Testament
hinterlassen hat.
    In diesem Augenblicke wurde stark an der Hausthr geschellt.
    Ach, Du guter Gott, rief die Alte, die Hnde zusammenschlagend, da sind
sie schon.
    Sie trippelte aus dem Zimmer, dessen Thr offen blieb. Ich dachte daran, wie
ich meine Schwester nie geliebt, in welcher Feindseligkeit ich mich vor Jahren
von ihr getrennt und wie ich in der Zwischenzeit keineswegs gelernt hatte, sie
zu lieben - aber was sollte das Alles jetzt? Jetzt, wo sie und ich den Vater
verloren hatten, wo sie und ich ber das Grab des Vaters hinweg uns die Hnde
reichen muten.
    Ich trat auf den kleinen Flur, der von den Angekommenen beinahe ausgefllt
war: eine groe, hagere, blasse Frau in schwarz und ein kleiner, runder, rother
Mann in der Steuerofficianten-Uniform, und so viel ich in der Eile sehen konnte,
ein halbes Dutzend Kinder von zwlf oder zehn Jahren bis herab zu einem
Sugling, welchen die groe, hagere Frau in dem Momente, als ich auf der
Schwelle erschien, fest an sich drckte, indem sie mich dabei mit ihren groen,
kalten Augen mehr feindselig als erschrocken anblickte. Der kleine, dicke Mann
in Uniform trat, Verlegenheit auf dem runden Gesicht, zwischen mich und die
Gruppe der Mutter mit den Kindern, und sagte, die plumpen Hnde ngstlich
bereinander reibend: Wir haben Sie hier nicht erwartet, ehem! - Herr Schwager!
- ehem! - aber es ist ja sehr schn, da Sie hier sind! ehem! Wir gehen wohl
derweile in des seligen Vaters Stube, da knnen wir ja Alles in Ruhe besprechen.
Nicht wahr, liebe Frau?
    Der kleine Mann drehte sich auf den Hacken nach seiner lieben Frau um,
welche statt aller Antwort, ihre Kinder vor sich herschiebend, in das Zimmerchen
der alten Magd drngte. Er drehte sich wieder auf den Hacken um, rieb sich noch
verlegener als zuvor die Hnde und sagte noch einmal: ehem!
    Wir traten in das Zimmer; ich setzte mich in des Vaters Arbeitsstuhl, mein
Schwager war in seinem Gemth zu verstrt, um sitzen zu knnen. Er ging mit
kurzen, schnellen Schritten in dem Gemach auf und ab, und blieb, so oft er an
die Thr kam, einen Augenblick stehen, mit seitwrts gebeugtem Kopf lauschend,
ob seine liebe Frau drben ihn etwa gerufen habe, und sagte dann, um die Pause
schicklich auszufllen: ehem!
    Es war eine lange Auseinandersetzung, die mir der kleine Mann whrend dieser
seiner rastlosen Wanderung von der Thr nach dem Ofen und wieder vom Ofen nach
der Thr zum Besten gab, und was er sagte, war so plump und ungeschickt, wie er
selbst. Es schien, da er und seine liebe Frau sich halb und halb Hoffnung
gemacht hatten, ich wrde nie wieder aus dem Gefngnisse herauskommen,
besonders, nachdem mir ber meine Zeit hinaus ein halbes Jahr Disciplinarstrafe
zudictirt war. Er freute sich ja sehr, da seine und seiner lieben Frau
Befrchtungen sich nun doch nicht verwirklicht, aber das msse ich zugeben, da
es ein hartes Ding fr einen kniglichen Beamten sei, einen Schwager zu haben,
der im Zuchthause gesessen. Ob ich glaube, da ein Beamter mit einer solchen
Verwandtschaft Carriere machen knne? Es sei ganz schrecklich, so zu sagen,
unverantwortlich; und wenn er das htte voraussehen -
    Der kleine Mann warf einen scheuen Blick auf mich. Ich sa so still da und
blickte ihn so starr an, und war ein Riese im Vergleich zu ihm, und kam eben aus
dem Gefngni! Es war am Ende doch nicht gerathen, in diesem Tone mit mir zu
sprechen, und nun kam eine lange Litanei von dem traurigen Leben, das ein
kleiner Beamter mit einer starken Familie an der polnischen Grenze fhre.
Freilich habe er sich jetzt auf den Wunsch seiner lieben Frau, die ihren alten
Vater pflegen wollte, hierher versetzen lassen; aber nun habe der alte Herr, der
sich ihrer gewi recht angenommen htte, sterben mssen, und hier sei das Leben
so viel theurer, und dann die Reise mit den vielen Kindern, und der Kleine sei
erst sechzehn Wochen alt, und wenn sie auch nun die Erbschaft gemacht, so sei
Zwei ein starker Divisor, wenn der Dividendus nicht gro sei und -
    Ich hatte genug, mehr als genug gehrt.
    Kennen Sie vielleicht von frher her dieses Buch? sagte ich, die Hand auf
den Deckel von des Vaters Tagebuch legend.
    Nein, erwiederte der kleine Mann.
    Lassen Sie mir das Buch; ich will weiter nichts von des Vaters Erbschaft.
Es ist des Vaters Tagebuch, das fr Sie kein Interesse hat. Wollen Sie?
    Ja wohl; das heit! ehem! ich wei nicht, ob meine liebe Frau - man mte
doch erst einmal sehen - erwiederte mein Schwager, sich verlegen die Hnde
reibend und mit den kleinen verschwollenen Aeuglein nach dem Buch schielend.
    So sehen Sie! sagte ich.
    Ich begann jetzt meinestheils die Wanderung durch das Zimmer, whrend der
Mann seiner lieben Frau sich an den Tisch setzte, das verdchtige Buch einer
genaueren Inspection zu unterwerfen.
    Es schien, als ob er demselben auf dem gewhnlichen Wege der Lectre kein
besonderes Interesse abgewinnen knne; er versuchte es deshalb auf eine andere
Weise, indem er es oben an den beiden Deckeln ergriff und die herunterhngenden
Bltter eine halbe Minute lang energisch durcheinanderschttelte. Da auch diese
Methode zu keinem Resultat fhrte, gab er die Sache als hoffnungslos auf, legte
das Buch wieder hin, erhob sich, rieb sich die Hnde und sagte: Ehem! - ja,
gewi - freilich - so zu sagen - versteht sich - das heit, wir mten die Sache
doch schriftlich machen - ein paar Zeilen nur - um vorlufig einen Anhalt zu
haben - man knnte es ja spter notariell -
    Was Sie wollen, wie Sie wollen - sagte ich. Hier!
    Der kleine Mann blickte in das Papier und blickte auf mich, whrend ich das
Buch in mein Bndel schnrte und Bndel und Stock in die Hand nahm. Er wute
entweder nicht, was er aus mir machen sollte, oder er hielt mich auch - was nach
dem Ausdruck seines Gesichts wahrscheinlicher war - einfach fr verrckt; auf
jeden Fall war er ausnehmend froh, mich los zu werden.
    Schon fort! sagte er, wollen Sie nicht meiner lieben Frau -
    Es verlangte mich nicht mehr, seine liebe Frau zu sehen; ich murmelte etwas,
das als Entschuldigung gelten mochte, ging zum Zimmer hinaus, drckte auf dem
Flur im Vorbergehen der alten Rieke die Hand und stand auf der Gasse.
    Ich habe nur eine dunkle Erinnerung von der folgenden Stunde. Es ist kein
Traum, aber es ist mir wie ein Traum, da ich in dieser Stunde auf dem Kirchhof
drauen in der Mhlenvorstadt gewesen bin und den alten Todtengrber
herausgeklopft habe, der sich eben zu Bett legen wollte; und da ich an einem
frischen Grabe gekniet und dem alten Mann, der mit der Laterne abseits stand,
hernach Geld gegeben und ihn gebeten habe, morgen in aller Frhe den Hgel mit
Rasen zuzudecken; - da ich dann wieder zurckgegangen und vor dem Thore an der
Villa des Commerzienraths vorber gekommen bin, wo alle Fenster erleuchtet waren
und an den erleuchteten Fenstern tanzende Paare vorberhuschten nach einer
Musik, die ich nicht hrte; - und da ich mich fragte, ob die kleine Hermine
auch wohl da oben tanze, und mir dann einfiel, da das hbsche Kind jetzt
siebenzehn Jahr alt sein msse, wenn sie nicht auch bereits gestorben sei.
    Mir wurde unsglich traurig zu Muth; es war mir, als wre die ganze Welt
ausgestorben und ich sei der einzige Lebende, und die Schatten der Todten
tanzten um mich her, nach einer Musik, die ich nicht hrte.
    So wankte ich in die Stadt zurck, die menschenleeren, todtstillen Gassen
entlang dem Hafen zu, mechanisch denselben Weg einschlagend, der mir von Jugend
auf der liebste gewesen war.
    Der Seewind wehte mir entgegen - er that meiner brennenden Stirn so wohl!
Ich sog mit vollen Zgen die krftige Luft in meine geprete Brust. Nein, nein,
die Welt war nicht ausgestorben, ich war nicht der einzige Lebende, und es gab
auch noch eine Musik, eine kstliche Musik, mir kstlicher als jede andere: die
Musik des Windes, der durch die Raaen und durch das Tauwerk pfiff, und der
Wellen, die gegen den Hafendamm und um den Bug der Schiffe pltscherten! Nein,
nein, sie war nicht ausgestorben; es gab noch Menschen, die mich liebten, die
ich aus ganzer Seeele wiederlieben durfte!
    Auf der Landungsbrcke, wo das Dampfschiff nach St. anzulegen pflegte und
auch gerade jetzt wieder lag, stand eine dichte Gruppe von Menschen. Mir fiel
ein, da ich meine Fahrt nach der Hauptstadt am zweckmigsten auf dem Dampfer
hier beginnen knnte.
    Als ich, dies bei mir berlegend, vor der Brcke stand, wurde eben ein Korb,
wie er zum Transport von schwer Kranken benutzt zu werden pflegt - nur da der
Deckel fehlte, den man in der Eile vergessen oder in der Nacht nicht fr nthig
erachtet haben mochte, - an mir vorber getragen, auf die dichte Gruppe zu.
    Was giebt's? fragte ich die Mnner.
    Der Heizer auf der Elisabeth hat sich das Bein gebrochen, brummte der
Eine, in welchem ich jetzt meinen alten Freund, den Stadtdiener Luz erkannte.
    Und wir sollen ihn in das Spittel bringen, sagte der Zweite, der kein
Anderer als der gefrchtete Bolljahn war.
    Der arme Mensch, sagte ich.
    Ja, sagte Luz, und seine Frau ist eben niedergekommen.
    Und acht waren schon da, brummte Bolljahn.
    Nein, sieben, sagte Luz.
    Nein, acht, versicherte Bolljahn.
    Die Gruppe, welche auf der Brcke stand, setzte sich in Bewegung.
    Da liegt er schon, sagte Luz.
    Nein, acht, sagte Bolljahn, der einen einmal behaupteten Streitpunkt nicht
sobald aufgeben zu knnen schien.
    Luz hatte recht; man hatte den Verunglckten bereits auf dem Schiffe auf die
Brcke geschafft. Es war ein sehr groer, starker Mann, an dem ihrer Vier zu
tragen hatten und der doch, so stark er war, vor Schmerzen sthnte und wimmerte.
Die Beiden setzten den Korb nieder; man wollte den Kranken hineinheben und mute
dabei sehr ungeschickt zu Werke gehen, denn er schrie laut auf. Ich stie ein
paar Gaffer bei Seite und trat herzu. Sie hatten ihn wieder auf den Boden
niedergelassen; ich fragte ihn, wie er es haben wolle, und legte selbst mit Hand
an. Gott sei Dank! murmelte der Aermste, da ist doch ein vernnftiger
Mensch.
    Sie trugen ihn fort; ich ging noch eine Strecke nebenher, ein wenig nach dem
Rechten zu sehen. Ob er es warm genug habe? er hatte es warm genug; ob sie ihn
gut trgen? ein bischen weniger knne es schon schtteln. Hier ist etwas fr
Sie, und Sie, sagte ich, meinen alten Freunden ein paar Geldstcke in die Hand
drckend, und nun tragt ihn, als ob es Euer Bruder wre, oder ein Junge von
Euch, und dann beugte ich mich ber den Kranken und flsterte ihm etwas in's
Ohr, das die Herren Luz und Bolljahn nicht zu hren, und gab ihm etwas, das die
Herren Luz und Bolljahn nicht zu sehen brauchten, und kehrte dann wieder um, auf
die Gruppe zu, die noch immer am Laufbrett stand und den merkwrdigen Fall
discutirte. In demselben Augenblicke kam der Kapitn ber das Laufbrett und rief
zu der Gruppe gewandt: Will Einer von Euch fr den Karl Riekmann eintreten und
fr die eine Fahrt; ich will es gut bezahlen!
    Die Leute sahen einander an. Ich kann nicht, Karl, sagte der Eine, kannst
Du nicht? Nein, Karl, sagte der Angeredete; aber Du, Karl! - Ich kann auch
nicht, sagte der dritte Karl.
    Ich will, sagte ich.
    Der vierschrtige Kapitn blickte zu mir hinauf.
    Na! sagte er, leisten wirst Du es schon.
    Ich denke, sagte ich.
    Und kannst Du gleich bleiben? sagte er.
    Mich hlt hier Nichts! sagte ich.

                                Zweites Capitel.


Ein grauer Nebelmorgen folgte der kalten, windigen Nacht. Es war sechs Uhr, als
die Elisabeth den Hafen verlie; ich war seit drei Uhr an der Feuerung
beschftigt gewesen. Die Arbeit war mir schnell von Statten gegangen und ich
hatte der Unterweisung des brummigen, schwerflligen Maschinenmeisters kaum
bedurft. Ich mute ein paar Mal unwillkrlich lcheln, als der Mann, wenn ich,
ohne ihn zu fragen, diesen oder jenen Dienst an der Maschine selbststndig
ausfhrte, mich mit halb rgerlichen, halb verwunderten Blicken anstarrte. Ich
hatte ihm gesagt - und das war der Wahrheit gem - ich sei ganz neu in diesem
Dienst; aber ich hatte ihm nicht gesagt, und ihn ging es ja auch nichts an, da
ich in dem Unterricht bei meinem unvergelichen Lehrer ber das Wesen einer
Schiffs-Dampfmaschine vollkommen unterrichtet war und die einzelnen Theile
derselben an einem vortrefflichen Modell bis in die kleinsten Einzelheiten
studirt hatte. Und lernte ich so den Dienst eines Feuermannes binnen wenigen
Stunden regelrecht versehen, so dauerte es kaum so lange, bis ich auch das
Aussehen eines regelrechten Feuermannes hatte. Um meinen einzigen Anzug zu
schonen, hatte ich mich desselben zum Theil entledigt, und es mir in einer
Arbeitsblouse meines verunglckten Vorgngers bequem gemacht. Die Blouse pate
vollkommen - ein Beweis, da, wenn meine Krpergre ein Naturfehler war, wie
mir nur zu oft vorkam, ich mich wenigstens in diesem meinem Unglck eines
Leidensgefhrten erfreute. Dazu das Hantiren mit den Kohlen, und die Wirkung
eines Rauchstromes, der mir beim Anheizen zehn Minuten lang aus dem
widerspenstigen Ofen ber das Gesicht gestrichen war - selbst mein Freund, der
Doctor Snellius, welcher sich auf sein physiognomisches Gedchtni so viel zu
Gute that, wrde mich nicht erkannt haben.
    Das war mir freilich jetzt sehr gleichgltig - ich hatte glcklicher Weise
andere Dinge in den Kopf zu nehmen.
    Glcklicherweise! Denn in meinem Kopfe sah es bel aus, und noch bler in
meinem Herzen. Der Tod des Vaters, der aus dem Leben geschieden war, ohne da
ich ihm noch einmal die strenge, gute Hand htte drcken knnen, - die Begegnung
mit der Schwester, die ihre Kinder vor mir in Sicherheit bringen zu mssen
glaubte, - der Gedanke an die Zukunft, die um so dunkler vor mir lag, je lnger
ich Zeit gehabt hatte, darber nachzudenken, was in dieser Zukunft aus mir
werden solle, - das Alles wrde mich fr den Moment vollstndig niedergedrckt
haben, wre da vor mir der brave Ofen nicht gewesen, in dem die Kohlen so
prchtig glhten, und die Flammen so lustig tanzten, und die wackere Maschine,
die rastlose, unermdlich arbeitende. Nur die Arbeit kann uns frei machen, hatte
mir mein Lehrer gesagt, die freie Arbeit! Ich hatte es ihm auf's Wort geglaubt,
aber ich begriff es doch eigentlich erst heute, als ich fhlte, wie von der
tchtigen Arbeit, der ich hier obzuliegen hatte, die Last auf meinem Herzen
leichter und leichter, und die Wolken vor meiner Stirn lichter und lichter
wurden. Ja, es kam ordentlich ein freudiger Stolz ber mich, da ich mich hier
unten wie zu Hause fand; und ich dachte jenes Tages vor acht Jahren, als ich die
verhngnivolle Fahrt auf dem Pinguin machte, meinen Freund Klaus im
Maschinenraum besuchte, und meinem weinerhitzten Gehirn die Maschine wie ein
Ungeheuer vorgekommen war, das mir zu nichts gut schien, als sich von ihm
zermalmen zu lassen. Der gute Klaus! Er hatte damals seine liebe Noth mit mir
gehabt und viel schwere Sorge; und etwas Noth und Sorge wrde ich ihm auch jetzt
wohl wieder machen, wenn ich zu ihm kam, um mit seiner Hlfe ein tchtiger
Arbeiter zu werden. Etwas Sorge - nicht viel; ich hatte heute Morgen erfahren,
da ich fester auf den eigenen Fen stehen knne, als ich je geglaubt.
    Oder auch als mein augenblicklicher Vorgesetzter, der brtige
Maschinenmeister, auf den seinigen. Er stand gar nicht fest, der brave Mann. Die
verquollenen Augen, der verschlafen berwachte Ausdruck seines nichts weniger
als schnen Gesichtes, das unfeine Parfm von Alkohol, welches er um sich
verbreitete, lieen unschwer errathen, da sein schwankender Gang durch das
Schaukeln des Schiffes nicht allein bedingt wurde. Er war nicht betrunken, der
wrdige Mann - ein ordentlicher Maschinenmeister betrinkt sich nicht, selbst
wenn er bis um zwei Uhr Morgens mit seinen Collegen vom schwedischen Postschiff
in der Hafenkneipe gesessen und schwedischen Punsch getrunken hat - aber
nchtern war er auch nicht, gewi nicht nchtern, so wenig, da ich jetzt
meinerseits meinen Vorgesetzten mit mitrauischen Blicken zu beobachten begann,
wenn er, an der Steuerung der Maschine stehend, ber die Gte des schwedischen
Punsches in tiefe Nachdenklichkeit versank, die einem ruhigen Schlummer manchmal
auffallend hnlich sah.
    Eine Wrmplatte, Herr Weiergang, schnell nach dem Verdeck! rief der
Steward in den Maschinenraum hinab. Herr Weiergang nickte, nickte zu mir
herber; es war eine Sache, die mich speciell anging. Und ich wute, um was es
sich handelte. War ich doch oft genug auf Dampfschiffen gefahren bei rauhem
Wetter, wenn das Stampfen des Schiffes in den Wellen den Aufenthalt in der
Cajte fr Damen, die zur Seekrankheit geneigt, unmglich und der scharfe
Nordost und das Splwasser das Verweilen auf dem Deck unlieblich, ja
unertrglich machen. Ganz unertrglich, wenn der brave Heizer nicht wre, der
mit den auf dem Kessel hei gemachten, eigens zu dem Zweck gegossenen
Eisenplatten kommt, um dieselben den Frierenden dienstfertig unter die Fe zu
schieben.
    Heute nun war ich der brave Heizer! Es kam mir etwas wunderlich vor; ich
hatte solchen Dienst im Leben nie geleistet, nie getrumt, da ich solchen
Dienst jemals wrde leisten mssen. Mssen? Mute ich denn? Ja, ich mute; ich
hatte das Amt des kranken Mannes bernommen, und dies gehrte zu seinem Amt,
folglich mute ich es; und nach fnf Minuten erschien ich auf dem Deck, ein
wohldurchhitztes Eisen in den mit Werg verwahrten Hnden tragend.
    Es war schon gegen Mittag und das erste Mal, da ich auf Deck kam. Die Luft
war grau und dick, man konnte kaum ein paar hundert Schritt vor sich sehen. Der
Wind war contrair, so da, obgleich er nicht heftig wehte, das Schiff doch
mchtig stampfte, und ein kalter Sprhregen von den am Bug zerstiebenden Wellen
fortwhrend ber uns weg fegte.
    Das Deck war beinahe leer, wenigstens schien es so, da sich die zehn oder
zwanzig Passagiere in alle Winkel hinter den Radkasten, den Kajtenhusern, und
wo immer sonst eine vorspringende Ecke einen kleinen Schutz gewhrte,
zusammengedrckt hatten.
    Hierher, guter Freund, hierher! rief eine Stimme, die mir wohl bekannt
schien, und, mich umwendend, htte ich beinahe vor Schreck die heie Platte
fallen lassen. Da stand ein Mann, der, wenn er auch jetzt einen grauen,
altmodischen Ueberzieher mit hochgepufften Aermeln ber den blauen Frack mit den
goldenen Knpfen gezogen hatte und die Mtze diesmal nicht wie sonst, weit aus
der Stirn, sondern tief in die Augen gedrckt trug, niemand anders sein konnte,
als mein alter Freund und Duzbruder, der Commerzienrath Streber.
    Hierher, guter Freund! rief er noch einmal und deutete mit der rechten
Hand - mit der linken hielt er sich krampfhaft an der Ankerwinde fest - auf eine
weibliche Gestalt, die, mir den Rcken zukehrend, beinahe auf der uersten
Spitze des Vorderdecks hinter dem hoch aufgestapelten Ankertau auf einem
niedrigen Sessel kauerte. Die Gestalt zog den grocarrirten, weichgeftterten
Mantel fester um die schlanken Hften und wandte das von einer mit Schwanendaun
geftterten Kapuze eingerahmte Gesicht zu mir hin.
    Es war ein holdes, ses Mdchengesicht, auf dessen Wangen der Meerwind das
zarte Rosa zu einem energischen Roth aufgekt hatte und dessen tiefblaue,
glnzende Augen gar seltsam und lieblich mit dem grauen Wasser und der grauen
Luft contrastirten. Sieben Jahre waren es, da ich dies Gesicht nicht gesehen
hatte. Aus dem Kinde war eine Jungfrau geworden, aber die Jungfrau hatte noch
das Gesicht oder doch wenigstens den Mund und die Augen des Kindes, und an
diesem Mund, an diesen Augen erkannte ich sie. Ich stutzte unwillkrlich und
mute die Eisenplatte, die jetzt durchaus auf das nasse Deck fallen wollte, sehr
fest halten, und zum Ueberflu fhlte ich, wie mir das Blut stromweis in die
Wangen scho. Es war doch ein verzweifeltes Ding, in diesem Aufzug und mit
diesem rubedeckten Gesicht vor meine kleine Jugendfreundin zu treten.
    Aber dieser Aufzug und die Rudecke waren mein Glck; sie blickte ein wenig
erstaunt zu mir empor, ohne mich zu erkennen.
    So, guter Freund, sagte sie, hier legen Sie sie hin! und sie lehnte sich
in den Sessel zurck, hob das Kleid ein wenig, und die zwei niedlichsten Fchen
von der Welt, die sich ngstlich von den nassen Planken des Verdecks auf den
Hacken hoben, wurden fr einen Augenblick sichtbar.
    Ich kniete nieder und that meine Schuldigkeit, nicht mehr und nicht weniger;
vielleicht ein bischen weniger, als mehr, denn sie sagte: Sie knnen mir
hernach noch eine bringen, wenn Sie einmal mehr Zeit haben; jetzt scheinen Sie
keine zu haben.
    Ja, bringen Sie gleich noch eine - fr mich, schrie der Commerzienrath.
    Fr mich auch, wenn ich bitten darf! rief eine dnne Stimme aus einer Ecke
zwischen dem Cajtenhaus und dem Vordermast, wo aus einem halben Dutzend Shawls
und Tchern eine rothe Nasenspitze hervorblickte und eine vom Wind gepeitschte,
dnne, gelbe Locke flatterte, die Niemand sonst gehren konnte, als Frulein
Amalie Duff.
    Mir auch! mir auch! schrieen ein halbes Dutzend anderer Stimmen hnlich
eingehllter Wesen, die mit der Schnelligkeit der Verzweiflung die Vortheile
einer heien Eisenplatte auf einem nassen Verdeck begriffen hatten.
    Mir aber zuerst, schrie der Commerzienrath, dem bei dieser Concurrenz
bange wurde. Sie wissen doch, wer ich bin!
    Ich hielt nicht fr nthig, den Herrn Commerzienrath zu vergewissern, da er
mir nur zu gut bekannt sei, und eilte, von dem Verdeck wegzukommen, wo es mir
heier gewesen war, als vor meinem Ofen.
    Ich langte unten in einer grenzenlosen Verwirrung an und der Gedanke, jetzt
wieder auf Deck zu mssen, trieb mir den Angstschwei vor die Stirn; aber wenn
ich es recht berlegte, war es nur eine Regung ganz gewhnlicher Eitelkeit. Ich
wollte nicht als das russige Ungeheuer vor dem schnen Mdchen erscheinen, das
war es und weiter nichts, und dabei stand ich vor dem Kessel, auf welchem die
Platten schon lngst den nthigen Wrmegrad erreicht hatten, und der Steward
hatte schon dreimal hinabgerufen, ob ich denn noch nicht mit dem verdammten
Eisen fertig sei?
    Pfui, Georg, schme dich! sagte ich zu mir selbst, die armen Dinger oben
frieren, weil du in einer zerrissenen Blouse steckst und vielleicht ein paar
Ruflecken auf dem Gesicht hast. Schme dich!
    Und ich schmte mich und stieg die Leiter wieder hinauf, muthigen Schrittes
auf den Platz zu, wo die arme, halberfrorene Gouvernante in ihren feuchten
Gewndern kauerte. Sie blickte, ihre wasserhellen Augen erhebend, mit dem
Ausdruck hilflosen Jammers zu mir empor und sagte, whrend ihr die Zhne vor
Klte klapperten: Sie guter Mensch, Sie sind mein Retter!
    Warum bleiben Sie nicht in der Cajte? fragte ich und ich htte gar nicht
platt zu sprechen und meine Stimme zu verstellen brauchen, welche der scharfe
Nordost und die Verlegenheit ganz auergewhnlich rauh und tief machten.
    Ich wrde unten sterben, wimmerte die Aermste.
    So setzen Sie sich wenigstens dort drben an den Radkasten in den
Ueberwind; Sie haben hier den schlechtesten Platz auf dem ganzen Deck.
    O, Sie Guter, sagte die Gouvernante; so ist es doch eine ewige Wahrheit,
da in allen Zonen gute Menschen wohnen.
    Ich mute mich auf die Lippe beien.
    Kann ich Ihnen behilflich sein, sagte ich, wenn Sie sich vor meinem
Arbeitskittel nicht scheuen -
    Unter Larven die einzig fhlende Brust, murmelte die Gouvernante, indem
sie sich an meinen Arm klammerte.
    Wohin willst Du, liebe Duff? rief eine frhliche Stimme hinter uns her,
und Hermine, die aufgesprungen war, kam schnell herbei, vermuthlich, um ihrer
Erzieherin behilflich zu sein; aber, wenn sie diese Absicht gehabt hatte, konnte
sie vor Lachen nicht zur Ausfhrung derselben kommen. Sie klatschte in die Hnde
und lachte, da die weien Zhne durch die rothen Lippen schimmerten. Pluto und
Proserpina! rief sie. Duffchen, Duffchen, ich hab' es ja immer gesagt, da sie
Dich mir einmal entfhren werden.
    Und sie tanzte auf dem nassen Deck herum in toller Ausgelassenheit, wie sie
vor acht Jahren mit ihrem Wachtelhund auf dem sonnebeschienenen Deck des
Pinguin herumgetanzt war.
    Nun kommen Sie endlich zu mir, Sie da! rief der Commerzienrath, der, in
eine Ecke gedrckt, mit mimuthigen Blicken meinen Bemhungen um die Gouvernante
zugesehen hatte.
    Es sind noch ein paar Damen da, sagte ich.
    Aber ich habe es zuerst gesagt! rief er und stampfte ungeduldig mit beiden
Fen.
    Damen gehen immer vor, Herr Commerzienrath, sagte lchelnd der Kapitn,
der eben von dem Vorderdeck an uns vorberkam.
    Sie haben gut reden; Sie sind diese schndliche Klte gewohnt; schrie der
Commerzienrath.
    Ich war wieder nach unten gegangen, ohne dort lange bleiben zu drfen. Der
Ruf nach Wrmplatten war ein allgemeiner geworden, und ich hatte meine liebe
Noth, so dringenden, von allen Seiten ausgesprochenen Wnschen nachzukommen.
Dabei wurde das Wetter rauher und rauher und der Nebel dichter und dichter; ich
bemerkte, da das joviale Gesicht des Capitains immer ernster und ernster
dreinblickte und hrte ihn einmal im Vorbergehen zu einem Passagier, der ohne
Zweifel auch ein Seemann war, sagen: Wenn wir nur erst durch das verdammte
Fahrwasser hier wren. Bei dem Wind knnen die grten Schiffe hereinkommen, und
man kann keine hundert Schritte mehr vor sich sehen.
    Ich verstand genug von der Schifffahrt, um die Besorgnisse des Capitains
vollkommen zu begreifen, und dabei hatte ich noch meine Sorge fr mich.
    Mein Vorgesetzter nmlich, der Maschinenmeister Weiergang, war offenbar nach
jeder Stunde tiefer in das Nachdenken ber die unmittelbaren und nachtrglichen
Folgen des reichlichen Genusses von schwedischen Punsch versunken, und, obgleich
er noch immer mechanisch seinen Posten behauptete, und den Dienst an der
Maschine verrichtete, an welcher es jetzt, wo das Schiff gleichmig im Gang
war, wenig genug zu thun gab, so verlie ich doch jedesmal den Maschinenraum mit
einiger Unruhe. Wie leicht konnte bei der Enge des Fahrwassers, in welchem wir
uns eben befanden, ein complicirtes Manver nthig werden, und war die nickende
Gestalt an dem Steuerhebel dann im Stande dieselbe auszufhren?
    Ich war eben wieder mit einer Platte auf Deck, welche noch dazu fr Niemand
anders bestimmt war, als fr die blauugige, bermthige Schne. Sie hatte ihren
alten Platz am Bugspriet wieder eingenommen, und nickte mir freundlich entgegen,
als ich herantrat.
    Ich mache Ihnen viel Mhe, sagte sie.
    Es ist gern geschehen, erwiederte ich, indem ich mich bckte.
    Sie sind aus Uselin? fragte sie weiter, als ich das Eisen zurecht rckte.
    Nein, murmelte ich, im Begriff, mich eilig zu entfernen.
    Aber Sie sprechen ja unser Platt, sagte sie eifrig und sah mich mit einem
erstaunt prfenden Blick an.
    Ich fhlte, da die Rudecke auf meinem Gesicht sehr dick sein mute, wenn
sie die Gluth, die mir in die Wangen scho, verdecken wollte.
    Schiff in Sicht! rief pltzlich der Mann auf der Vortoprae.
    Eine groe dunkle Masse schwebte uns aus dem grauen Dunst entgegen. Ein
Schrecken - nicht fr mich! - durchrieselte mich; auch ich schrie mit der ganzen
Kraft meiner Stimme: Schiff in Sicht! und strzte dann, einer blitzschnellen
Regung folgend, in weiten Stzen ber das Verdeck nach der Luke zu dem
Maschinenraum, - whrend der Kapitain auf dem Radkasten wie toll: Stop!
Rckwrts! in das Sprachrohr hineinrief, ein Commando, das offenbar nicht
befolgte wurde, denn das Schiff scho mit unverminderter Geschwindigkeit durch
die Wellen.
    Wie ich die steile Leiter hinabgekommen bin, wei ich nicht mehr. Ich wei
nur noch, da ich, dem trunkenen Maschinenmeister einen Sto versetzend, den
Steuerhebel auf die andere Seite schlug, indem ich zu gleicher Zeit das Ventil
ffnete, um vollen Dampf zu geben.
    Ein gewaltiger Ruck erfolgte, das ganze Fahrzeug erzitterte wie in
Todesangst, und arbeitete in den Strudeln, welche von den nun
rckwrtsschlagenden Rdern aufgewhlt wurden. Mein Sto und vielleicht noch
mehr die gewaltsame Erschtterung des Schiffes hatten den Trunkenen erweckt. In
seiner Verwirrung mochte er sich die Situation, ich wei nicht wie, flschlich
deuten, denn er strzte wie ein Wahnsinniger auf mich zu, mich von der
usurpirten Stelle zu verdrngen, so da ich Mhe hatte, ihn von mir abzuwehren.
    Es war eine frchterliche Minute, whrend welcher ich in jeder Secunde
zehnmal den Zusammensto der beiden Schiffe erwartete.
    Aber die Minute ging vorber und mit der Minute die Gefahr, denn lnger
htte nach meiner Berechnung der Zusammensto nicht ausbleiben knnen, und jetzt
erschallte auch durch das Sprachrohr das Commando: Stop!
    Ich stellte den Steuerhebel in die Mitte und schlo das Ventil. Meine
prompte Ausfhrung eines Commandos, das er deutlich gehrt hatte, brachte den
Maschinenmeister mit einem Male zur Besinnung. Erst jetzt schien er zu
verstehen, was ich ihm, whrend wir mit einander rangen, wiederholt zugeschrien
hatte; Todtenblsse bedeckte sein brtiges Gesicht, als Jemand die Treppe
herunter polterte.
    Machen Sie mich nicht unglcklich, murmelte er.
    Es war der Kapitn, der herabkam, zu sehen, was denn hier unten vorgegangen
sein mochte. Auf seinem hbschen guten Gesicht lag noch der ganze Schrecken der
eben berstandenen Gefahr.
    Was heit das, Weiergang! schrie er den Maschinenmeister an.
    Ich war - ich hatte - stammelte dieser.
    Bei der Feuerung zu thun, fiel ich ihm in's Wort.
    Und da - fing der Maschinenmeister wieder an.
    Wir werden uns weiter sprechen, sagte der Kapitn, den Unglcklichen
streng anblickend.
    Der Kapitn kannte seine Leute.
    Er sah, da der Mann, in welchem Zustande er sich auch befunden haben
mochte, jetzt vollkommen nchtern und diensttauglich war. Wir sprechen uns
nachher, wiederholte er, und dann sich zu mir wendend: Kommen Sie mit hinauf!
    Ich folgte dem Kapitn, nicht, ohne mich noch einmal nach dem
Maschinenmeister umzublicken, der jetzt mit seinen Meditationen ber die
Wirkungen des schwedischen Punsches definitiv fertig geworden war, und in tiefer
Zerknirschung ber das frchterliche Resultat mir einen flehentlichen Blick
nachsandte.
    Was hat es gegeben? fragte mich der Kapitn.
    Ich hielt es fr meine Pflicht, ihm die Wahrheit zu sagen, indem ich eine
Bitte um Verzeihung fr den Mann, falls es mglich sei, hinzufgte.
    Er ist sonst der nchternste Mensch von der Welt, sagte der Kapitn, es
ist das erste Mal.
    Dann ist es hoffentlich auch das letzte, erwiederte ich.
    Er sprach mit mir, wie mit seinesgleichen.
    Sie haben mir einen groen Dienst gethan, sagte er; wer sind Sie? mir
ist, als mte ich Sie schon gesehen haben, und auch den Damen oben scheint es
so zu gehen.
    Lassen Sie das gut sein, Kapitn; sagte ich.
    Diese kurze Unterredung hatte stattgefunden, whrend wir die Leitertreppe
zum Verdeck hinaufstiegen. Der Kapitn konnte der Neugier, die ihn offenbar
ergriffen hatte, nicht lnger Folge geben; er hatte mehr zu thun.
    Mein erster Blick, als ich auf das Deck trat, suchte unwillkrlich das
Schiff, welches uns mit einem so nahen Verderben bedroht hatte, und das jetzt
eben hinter uns im Nebel verschwand; mein zweiter Herminen, die mit ihrem
Kammermdchen um die ohnmchtige Gouvernante beschftigt war. Ein kstliches
Gefhl von Zufriedenheit, das nicht ganz ohne Stolz sein mochte, strmte durch
meine Brust. So mu einem Feldherrn zu Muthe sein, der eine Schlacht gewonnen,
die er ohne Schande htte verlieren drfen.
    Die arme Gouvernante war nicht das einzige Opfer des Schreckens geworden,
mit welchem die frchterliche, Allen sichtbar herandringende Gefahr die
Passagiere der Elisabeth erfllt hatte. Hier und da sa noch eine oder die
andere Dame mit todesbleichem Gesicht; auch die Mnner schauten bla und
verstrt drein und fingen eben erst an, ihre Gedanken ber das, was geschehen,
auszutauschen. Und in der That mute die Situation schauerlich genug gewesen
sein. Das entgegenkommende Schiff - ein Fahrzeug von den grten Dimensionen -
war so unvorsichtig herangekommen, da die Elisabeth trotz der von mir
bewirkten Umsteuerung der Maschine und trotzdem ich vollen Dampf gegeben, dem
Zusammensto nur um die Breite von wenigen Fu entgangen war. Dazu die
Erschtterung des Schiffes, das Knarren und Sthnen der sich biegenden Planken,
das Krachen von einem halben Dutzend gleichzeitig zertrmmerter Schaufeln in den
Rdern - wahrlich man brauchte nicht Frulein Amalie Duff's zarte Nerven zu
haben, um in einer solchen Situation die Besinnung zu verlieren.
    Angenehm war die Situation auch jetzt nicht.
    Das groe Schiff schlenkerte in den noch immer hochgehenden Wellen um so
gewaltsamer, als die Maschine der zerbrochenen Rder wegen nicht arbeiten
konnte. Glcklicherweise war der Wind gnstig, so da vermittelst der schnell
aufgehiten Segel die Steuerung mglich wurde. Was von Hnden noch brig
geblieben, war jetzt beschftigt, die Schaufeln nothdrftig wieder herzustellen.
Ich hatte whrend meiner Gefngnizeit von Zimmermannsarbeiten genug gesehen und
mitgethan, um sofort Hand anlegen zu knnen. Die Augenblicke waren kostbar und
es war mir nicht unlieb, auf diese Weise mich den forschenden Blicken Herminens
und Frulein Duff's entziehen zu drfen, welche letztere das Talent hatte, eben
so schnell aus der Ohnmacht zu erwachen, wie sie in Ohnmacht fiel, und jetzt mit
ihrer Schlerin und Freundin in einer Unterredung begriffen war, deren
Gegenstand wohl mit meiner Person in irgend einer Verbindung stand.
    Blick Du nur immer! sagte ich bei mir; ich bin trotz dem nicht schlechter
als mancher andere, auf den Du Deine schnen Augen schon geworfen hast und noch
werfen wirst.
    Dennoch war es mir nicht unlieb, da ich, als sie jetzt Miene machte, zu der
Stelle, wo ich mich befand, herberzukommen, in den geffneten Radkasten
kriechen konnte, wo es toll genug aussah. Es stellte sich heraus, da wir, zumal
bei dem starken Seegang, uns auf das Nothwendigste beschrnken muten.
    In einer Stunde war die Arbeit gethan; und wir wurden nach dem Vorderdeck
beordert, wo das Bugspriet des vorbeistreifenden Schiffes einen Theil der
Brstung weggerissen hatte.
    Ich war, als ich aus dem Radkasten auftauchte, erfreut gewesen, das Verdeck
so gut wie leer, und vor Allem Hermine nicht zu sehen; aber, als ich eben oben
um das Cajtenhaus herumkam, stand sie pltzlich mit ihrer Gouvernante vor mir.
Die Begegnung konnte keine zufllige sein, denn die Duenna trat sofort zurck;
die junge Herrin aber blieb stehen und sagte, mit den groen blauen Augen keck
zu mir aufblickend:
    Sind Sie Georg Hartwig, oder sind Sie es nicht?
    Ja, erwiederte ich.
    Wie kommen Sie hierher? was wollen Sie hier? sind Sie ein Matrose oder
Heizer, oder was? und warum? Knnen Sie nichts Besseres thun? Schickt sich das
fr Sie?
    Diese Fragen folgten einander so schnell, da ich mich begngte, auf die
letzte zu antworten, indem ich sagte: Warum nicht? Es ist keine Schande ein
Heizer zu sein.
    Aber Sie sehen so - so schwarz - so ruig - so - abscheulich aus; ich mag
solche schwarze Menschen nicht leiden; Sie sahen frher viel, viel besser aus.
    Ich wute nicht, was ich darauf erwiedern sollte und begngte mich, die
Achseln zu zucken.
    Sie mssen von hier fort, sagte die junge Schnheit eifrig, Sie gehren
hier nicht her!
    Und doch ist es recht gut, da ich heute hier gewesen bin; sagte ich, mit
einer Regung von Stolz, deren ich mich alsbald schmte.
    Ich wei es; erwiederte sie. Der Kapitn hat es uns gesagt; es sieht
Ihnen gleich; aber darum eben drfen Sie nicht hier bleiben; Sie sind zu etwas
Besserem bestimmt.
    Ich danke Ihnen, mein Frulein, fr Ihre gtige Theilnahme, erwiederte ich
ernst; aber wozu ich bestimmt bin, das mu die Folge lehren; vorlufig will ich
meinen Weg gehen, wie er mich eben fhrt.
    Sie blickte mich halb mimuthig, halb, ich mchte sagen, traurig an, und
sagte dann schnell:
    Sie sind arm, vielleicht sind Sie darum hier, und sehen so - so - gar nicht
hbsch aus; mein Vater soll Ihnen helfen; mein Vater ist sehr reich.
    Ich wei es, liebes Frulein, sagte ich; aber gerade deshalb mchte ich
von ihm nicht geholfen sein.
    Eine tiefe Gluth flammte ber ihre Wangen; ihre blauen Augen blitzten und
ihre rothen Lippen zuckten.
    Nun denn, sagte sie, so will ich Sie nicht weiter aufhalten.
    Sie wandte sich mit einer schnellen Bewegung um, und eilte von mir fort.
    Ich stand noch ganz verwirrt auf demselben Fleck, als pltzlich hinter der
Ecke des Cajtenhuschens hervor, wo sie jedenfalls eine aufmerksame, wenn auch
unsichtbare Zeugin dieser Unterredung gewesen war, Frulein Duff zu mir trat.
Ihre wssrigen Augen, in denen jetzt zum Ueberflu einige mitleidige Thrnen
schwammen, waren zu mir empor gerichtet und sie flsterte in ihrem weichsten
Ton: Suche treu, so findest du! Dann eilte sie, auf eine Antwort meinerseits
klglich verzichtend, ihrer jungen Herrin nach.
    Eine Stunde darauf legten wir an der Landungsbrcke in dem Hafen von St. an.
    Ich war unten im Maschinenraum, wo es jetzt genug zu thun gab. Und das war
mir lieb. Ich hrte so doch nur halb das Rumoren auf dem Deck, welches die
Passagiere, die hier so bse Stunden durchgemacht, zu verlassen eilten. Auch sie
verlie es - vielleicht in diesem Augenblick. Es war nicht sehr wahrscheinlich,
da ich sie jemals wiedersehen wrde. Warum sollte ich sie auch wiedersehen?
    Die Frage schien mir selbstverstndlich; dennoch seufzte ich, als ich sie
mir vorlegte.
    Mein Abschied von dem Maschinenmeister war kurz, aber nicht unfreundlich. Er
hatte mir schon vorher gesagt, da die Sache mit dem Kapitn ausgeglichen sei.
Es schien im Grunde ein braver Mensch und so ging ich beruhigt von ihm.
    Ich hatte gehofft, im Uebrigen unbemerkt von dem Schiffe wegzukommen, aber
der Kapitn rief mich an, als ich mit meinem Bndel ber das Vorderdeck schritt.
Er sagte mir, er habe erfahren, da ich der Sohn des verstorbenen
Steuerrendanten Hartwig in Uselin sei, den er wohl gekannt habe. Auch von meinen
Schicksalen habe er gehrt; aber das gehe ihn nichts an. Ich htte heute seiner
Gesellschaft und ihm persnlich einen wichtigen Dienst gethan. Es sei seine
Pflicht, mir dafr zu danken und zu fragen, ob die Gesellschaft und er selbst
sich mir nicht anderweitig erkenntlich zeigen knnten?
    Ich sagte: Ja, das knnten Sie, wenn Sie fr den Mann, dessen Stelle ich
heute vertreten, und der jedenfalls, was ich gethan, auch gethan haben wrde,
eine noch mehr als gewhnliche Sorge tragen wollten.
    Der Kapitn sah wohl, da es vergeblich sein wrde, weiter in mich zu
dringen. Er versprach mir, meinen Wunsch treulich zu erfllen, und drckte mir
die Hand, indem er sagte, da er es sich zur Ehre schtzen wrde, wieder einmal
mit mir zusammenzutreffen.
    Das hatte einige Zeit in Anspruch genommen; dennoch hielt eine
Hotelequipage, welche ich bereits bei der Ankunft es Dampfers bemerkt hatte,
noch immer an dem Zugang der Landungsbrcke. In dem Augenblicke jedoch, als ich,
zgernden Schrittes die Brcke hinaufgehend, mich den Wagen nherte, setzte sich
derselbe in Bewegung.
    Ich sah nur noch eben, wie ein jugendliches Gesicht in einer
Schwandauncapuze eilig vom Fenster verschwand, aus welchem es nach irgend etwas
oder irgendwem auf der Brcke ausgeschaut hatte.
    Da rollte der stattliche Wagen dahin; ich blickte ihm seufzend nach. Nicht,
als ob mich nach einem Wagen mit zwei muthigen Braunen verlangt htte! Der Weg
von St. nach der Hauptstadt betrug freilich noch zwanzig Meilen und ich mute
die kleine Summe, die ich mir im Gefngnisse erspart hatte, zu Rathe halten.
Aber ich wute von frher, da ich meine sechs, sieben Meilen den Tag marschiren
konnte, ohne mich zu berlaufen, und ich fhlte mich frischer und krftiger als
je.
    Nach einem Wagen mit zwei muthigen Braunen war es also schwerlich, wonach
mein seufzendes Herz verlangte.

                                Drittes Capitel.


Ich hatte den Tag einen langen, langen Weg zurckgelegt, auf einer endlosen
Chaussee, deren Pappelreihen vor mir in weiter Ferne immer in jenem spitzen
Winkel zusammenstieen, der sich nur ffnet, um sich wieder zu schlieen, der
nie nher kommt, und in dieser seiner Unerreichbarkeit auch den geduldigsten
Wanderer zur Verzweiflung bringen kann. Dazu hatten die herbstlichen Regentage
den Weg schlpfrig und beschwerlich gemacht. Melancholisch hatte es den ganzen
Morgen in den halb entbltterten Pappeln gerauscht; dann war gegen Mittag der
Regen gekommen, immer von derselben Seite, und melancholisch und verregnet
hatten die sandigen Haiden und verdeten Felder rechts und links vom Wege, hatte
jedwedes Menschenkind, ja und auch jedes Thier, dem ich begegnet war,
ausgesehen. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, heute noch die Hauptstadt
zu erreichen und empfand es wirklich als eine specielle Wohlthat, als jetzt ein
gelb-rthlicher Dunstkreis in miger Hhe sich ber den Horizont breitete, und
ein einsamer Wandersmann, den ich berholte und den ich um die Erklrung dieses
seltsamen Phnomens ersuchte, mir sagte, da dies die Nhe der Stadt bedeute.
Wirklich machten jetzt meine Feinde, die Pappeln, den Husern der Vorstadt
Platz. Die Vorstadt war lang genug; aber Huser halten es nicht so lange aus,
wie Pappeln; und da ist das Thor, sagte mein Gefhrte, und wnschte mir einen
guten Abend.
    Da war das Thor. Es war eben nicht stattlich und nahm meine Aufmerksamkeit
wenig in Anspruch; desto mehr aber ein Complex von Gebuden, welcher unmittelbar
vor dem Thore links von der Strae lag, und, nach der Gre der Baulichkeiten
und den hier und da von rthlichem Licht durchstrahlten colossalen Fenstern zu
schlieen, eine groe Fabrik war. Ein hohes, eisernes Gitter schied den Hofraum
von der Strae. In dem Gitter war ein weites Thor, dessen einer Flgel eben
geffnet wurde und aus welchem einzelne Arbeiter hervorkamen, denen immer mehr
und mehr folgten, so da sie zuletzt in dichten, dunklen Schaaren
hervorstrmten. Sie zerstreuten sich hierhin und dahin, Andere blieben auch
unmittelbar vor dem Thore stehen und bildeten dichte Gruppen, in denen zum Theil
lebhaft gesprochen wurde. Ich hrte wiederholt die Worte: Tagelohn,
Accordarbeit, Abzug, Kndigung, aber ich verstand den Zusammenhang nicht und
mochte doch auch nicht fragen, um was es sich handle. Ein paar Schritte weiter
an dem Gitter stand, mit dem Rcken nach mir, ein junges Weib, vor sich ein
Bbchen haltend, das mit den Fchen auf dem Mauerwerk des Gitters ruhte und mit
den Hndchen in das Gitter griff, eifrig auf den Hof der Fabrik sphend, ber
welchen noch immer dunkle Gestalten, wenngleich sprlicher als zuvor, kamen.
    Was fr eine Fabrik ist dies? fragte ich, an das junge Weib herantretend.
    Sie wandte ihren Kopf ber die Schulter: Die Maschinenfabrik von dem
Commerzienrath Streber, sagte sie. Stehe still, Georg, der Vater mu gleich
kommen.
    Der matte Schein einer nahen Laterne fiel in das hbsche runde Gesicht des
jungen Weibes. Die Maschinenfabrik des Commerzienraths, - Georg, dessen Vater
gleich kommen sollte - die guten, freundlichen Augen - die rothen Lippen - es
konnte nicht anders sein; Christel Mve! sagte ich, Christel Pinnow! Sind Sie
es denn wirklich?
    Du meine Seele! rief die junge Frau, das Bbchen schnell von dem Gitter
herabnehmend und vor sich auf die Erde setzend; und sind Sie es denn, Herr
Georg? Sieh! Georg, das ist Dein Pathe; und sie hob den Buben so hoch als
mglich, ihm zu einem genaueren Anblick eines so merkwrdigen Menschen zu
verhelfen. Nein, wie sich Klaus freuen wird.
    Sie hatte den Knaben wieder auf die Erde gesetzt, der sich kaum frei fhlte,
als er an dem Gitter abermals in die Hhe zu klettern versuchte. Ich nahm ihn in
meine Arme, Bist Du ein Riese? fragte der kleine Mann, mir mit seinen Hndchen
auf den Kopf patschend.
    In dem Augenblicke trat rasch eine vierschrtige, schwarze Gestalt auf uns
zu, einigermaen erstaunt, wie es schien, seine Frau in so eifrigem Gesprch mit
einem fremden Manne zu sehen, der seinen Georg auf dem Arm trug; aber bevor noch
Christel oder ich ein Wort hatten sagen knnen, ri er schon seine schwarze
Pelzmtze vom Kopf, schwenkte dieselbe als Siegesfahne in der Luft und schrie:
Hurrah, er ist da! der Georg ist da! Es war schon ein wenig lange her, da
eine menschliche Lunge sich meinetwegen zu einem Freudenschrei herbeigelassen
hatte, und es war vielleicht eine Folge davon, da mir bei dieser Begrung des
guten Klaus die Thrnen in die Augen traten, so da die abendliche Scene:
Fabrikgebude, Huser, Straenlaternen, vorberrollende Wagen, schwarze
Arbeitergestalten, die Gruppe der Freunde selbst fr ein paar Momente hinter
einem dichten Schleier verschwand.
    Als ich wieder zu mir kam, wanderten wir die Strae entlang, Klaus den
groen Georg an dem einen Arm, auf dem andern den kleinen Georg, whrend
Christel voraufging, alle Augenblicke ihr lchelndes Gesicht ber die Schulter
zu uns wendend. Glcklicherweise war der sehr belebte Weg nicht eben weit. Wir
langten bald an einem groen, nach meinen Begriffen uerst stattlichen Hause
an, dessen Inneres allerdings seinem Aeueren wenig entsprach. Der Hausflur war
drftig erleuchtet, und die Dielen mit dem Schmutz, wie es schien, unzhliger
Futritte besudelt, die heute hier aus- und eingegangen waren. Der Hof, auf
welchen wir jetzt traten, war von hohen Gebuden umgeben, hinter deren hier und
da matt erleuchteten Fenstern es nicht berall so still herging, wie es im
Interesse Ruhe liebender Leute wnschenswerth sein mochte. Die steinernen
Treppen, welche wir in einem dieser Hintergebude hinaufstiegen, waren sehr
steil und womglich noch schlechter beleuchtet und noch schmutziger als der Flur
des Vordergebudes. Dabei kamen uns fortwhrend Leute entgegen, welche es mit
den Pflichten der Hflichkeit keineswegs immer sehr genau nahmen. Mir wurde ganz
bnglich zu Muthe, als wir einen Absatz nach dem andern erkletterten, ohne da
der voraufsteigende Klaus Halt machte, und ganz beklommen sagte ich: ob wir
nicht bald oben seien?
    Da sind wir schon! sagte Klaus, gegen eine Thr klopfend, welche alsbald
von innen geffnet wurde, und aus welcher, als sie geffnet war, mir jener
penetrante Duft entgegenstrmte, der in einem Raum zu entstehen pflegt, wo den
ganzen Tag drei oder vier heie Pltteisen ber frisch gestrkte Wsche gefhrt
werden. Eine Tuschung ber die Entstehung des Dunstes war um so weniger
mglich, als die betreffenden Pltteisen noch diesen Augenblick von zwei jungen
Frauenzimmern gehandhabt wurden, die, eben so wie die dritte, welche uns
geffnet hatte, neugierige Augen auf den Ankmmling richteten.
    So geht es den ganzen Tag, sagte Klaus, mit einem Blick der tiefsten
Bewunderung auf seine Frau, die zu den Pltterinnen getreten war; den ganzen
Tag! hchstens, da sie sich eine Viertelstunde gnnt, mich aus der Fabrik
abzuholen.
    Du bist ein glcklicher Mensch, Klaus! sagte ich, mit einer vergeblichen
Anstrengung, in dieser Atmosphre einen vollen Athemzug zu thun.
    Nicht wahr, erwiederte Klaus und er zeigte dabei alle seine Zhne, die
noch nichts von ihrer schimmernden Weie verloren hatten, aber das will noch
nicht viel sagen. Nun sollen Sie -
    Sollst Du, Klaus.
    Meinetwegen! - sollst Du erst einmal ihre Jungen sehen!
    Und Deine, Klaus!
    Nun ja, und meine, das versteht sich, sagte Klaus in einem Tone, als ob es
sich gar nicht der Mhe verlohne, einen so gleichgltigen Umstand weiter zu
erwhnen; die sollst Du erst sehen!
    Einen kenne ich ja schon, Klaus!
    Ja, aber die andern! ihr alle wie aus den Augen geschnitten; es ist
ordentlich lcherlich, wiederholte Klaus, mit bewunderndem Blick auf seine
kleine rundliche Gattin.
    Du weit ja nicht, was Du schwatzt, Du dummer Mann, sagte diese, sich
schnell umwendend, und ihrem Klaus eine arbeitstchtige und doch weie und
kleine Hand auf den Mund legend. Wir wollen machen, da wir in die Stube
kommen. Ich bitte um Entschuldigung, da ich Sie hier so lange aufgehalten
habe.
    Wir traten in die Stube, aber Klaus ruhte nicht, bevor uns seine Frau auch
in die Kammer fhrte, wo neben zwei groen Betten vier Bettchen standen, in
welchen vier allerliebste Kinder ruhten, denn auch mein kleiner Namensvetter war
unterdessen von einer der Pltterinnen in sein Nestchen gebracht.
    Ist es nicht eine Pracht? sagte Klaus, indem er mich von einem Blondkopf
zum andern fhrte, - und lauter Jungen, lauter Jungen, aber es ist mir recht,
ganz recht; von einer Dirne mte ich verlangen, da sie ihr hnlich wrde und
das wre ja doch die pure Unmglichkeit, die pure Unmglichkeit.
    Hier schob mich Christel wieder zur Kammer hinaus, wie sie mich vorher zur
Kche hinausgeschoben hatte.
    Du bleibst hier, sagte sie zu ihrem Manne, und wschst Dich erst und
machst Dich ordentlich, Du Ungethm, wie es sich schickt, wenn wir einen solchen
Besuch haben.
    Klaus zeigte seine Zhne und fand den Spa seiner Christel zu gut.
    Er findet Alles zu gut von mir, sagte Christel, indem sie ihm mit einer
scheinbar rgerlichen Miene die Thr vor seinem schwarzen Gesicht zugemacht
hatte.
    Besser, als wenn das Gegentheil der Fall wre, sagte ich.
    Ja, aber er treibt es doch manchmal zu arg. Was sollen die Leute denken?
ich schme mich oft. Und es wird mit jedem Jahre schlimmer; ich wei wirklich
nicht mehr, wo das hinaus soll, wenn die Jungen erst grer werden; ich denke
oft daran, die knnen ja gar keinen Respect vor ihrem Vater haben.
    Whrend Christel so ihrem tiefen Kummer Worte gab, deckte sie zierlich und
gewandt den Tisch, und ich, vor dem Ofen stehend, in welchem ein lustiges Feuer
brannte, dachte vergangener Zeiten, dachte jenes Abends, wo ich den Wilden in
Pinnow's Schmiede zum ersten Mal getroffen und wie Christel den Tisch gedeckt
und uns bedient und wie sie mich hernach gebeten hatte, nicht mit dem Wilden zu
gehen. Wenn ich damals ihrem Rath gefolgt wre! Es wre allerdings anders
gekommen. Anders, vielleicht besser, vielleicht auch nicht. Es war so gekommen
und -
    Sie mssen damit vorlieb nehmen, sagte Christel.
    Das will ich, Christel, das will ich! sagte ich, indem ich zu gleicher
Zeit die Hnde der jungen Frau ergriff und mit einer Leidenschaftlichkeit
drckte, welche sie ein wenig zu erschrecken schien.
    Wie wild Sie noch immer sind, sagte sie, indem sie mit ihren blauen Augen
verwundert, aber keineswegs unwillig, zu mir aufschaute. Noch ganz wie damals.
    Das ist Ihnen doch nicht leid, Christel, sagte ich.
    Sie schttelte lchelnd den Kopf. Es ging manchmal lustig her, sagte sie.
    Im Winter beim Glhwein, sagte ich.
    Und des Sommers bei der Kalteschaale, sagte sie.
    Besonders, wenn der Alte nicht zu Hause war, sagte ich.
    Ja wohl, sagte sie, aber sie machte ein sehr ernstes Gesicht dabei und
fuhr fort, indem sie ihre Augen zu mir erhob: Sie wissen es doch?
    Was soll ich wissen, Christel?
    Da er -
    Sie legte den Finger auf den Mund und zog mich, mit einem ngstlichen Blick
nach der Kammerthr, etwas tiefer in die Stube. Er darf es gar nicht hren, -
er kann immer noch nicht darber fortkommen, obgleich es nun schon ein
Vierteljahr her ist.
    Was ist ein Vierteljahr her, Christel? fragte ich erschrocken, denn das
arme, junge Weib war ganz bla geworden und wandte ihre aufgeregten Blicke bald
auf mich, bald auf die Kammerthr.
    Es lt sich kaum aussprechen, sagte sie. Er hat zuletzt ganz einsam
gelebt, denn Keiner hat ja was mit ihm zu thun haben wollen, selbst der
taubstumme Jacob ist von ihm fortgegangen; man hat gar nicht gewut, was er
eigentlich getrieben hat, und hat ihn auch Niemand wochenlang gesehen, bis eines
Tages der Einnehmer gekommen ist, um die Haussteuer zu erheben, und da - da hat
er ihn erhngt gefunden, in der Schmiede ber dem Herd, und da soll er schon
gehangen haben, keiner wei wie lange.
    Der arme Klaus, sagte ich, das wird ihm nahe gegangen sein, trotz
alledem.
    Ja wohl, sagte Christel, und man wei ja gar nicht, wie er gestorben ist,
ob er es selbst gethan hat oder Andere, denn sie haben ihm zugeschworen, da sie
es ihm eintrnken wrden von damals, wissen Sie -
    Sehr mglich, sehr mglich, sagte ich.
    Da bin ich wieder, sagte Klaus, indem er in seinem Hausrock und mit einem
Gesicht, das so roth war, wie kaltes Wasser, schwarze Seife und ein grobes
Handtuch es in der Eile hatten scheuern knnen, zu Thr hereintrat.
    Das Abendbrod, an welchem auch die jungen Gehlfinnen Christels Theil
nahmen, war bald verzehrt, und nun, nachdem das Tischzeug weggenommen, die
Mdchen entlassen waren und Christel uns einen Grog bereitet hatte, fr den sie
das Recept noch nicht vergessen, geriethen Klaus und ich in eine jener
Unterredungen, wie sie zwischen alten Freunden blich, die sich seit vielen
Jahren nicht gesehen, unterdessen aber Jeder viel erlebt haben. Ich mute Klaus
die Geschichte meiner Gefangenschaft von dem ersten Jahre an erzhlen, wo er mir
jenen denkwrdigen Besuch abstattete, der ihn um ein Haar in ernsten Conflikt
mit den Strafgesetzen brachte. Nicht, da ich ihm gerade Alles htte erzhlen
knnen, dem guten Jungen, oder auch nur htte erzhlen wollen! - wir lassen ja
unsere Freunde, selbst die intimsten, nie bis hinter den innersten der sieben
Wlle blicken, mit welchen wir die Festung unserer Seele klglich umgeben, -
aber es kam doch genug zur Sprache, was das Interesse des guten Klaus auf's
Hchste erregte, und ganz leidenschaftlich wurde seine Theilnahme, als ich auf
die letzte Periode meiner Gefangenschaft zu sprechen kam, wo ich in die Gewalt
des neuen Directors und seines Helfershelfers, des frommen Diakonus von Krossow,
fiel und in mehr als sieben mageren Monaten die sieben fetten Jahre ben mute,
welche ich vorher verlebt hatte.
    Die Schufte, die Schurken! Ist es mglich? ist es erlaubt? murmelte der
gute Klaus einmal ber das andere.
    Ob es erlaubt war, lieber Klaus, erwiederte ich, das wei ich nicht; da
es mglich gewesen, ist nur zu gewi. Man hat mir unter den nichtigsten
Vorwnden von der Welt meine Secretair-Stelle entzogen, hat mich das Leben eines
ganz gewhnlichen oder vielmehr eines ungewhnlich bsartigen und renitenten
Gefangenen fhren lassen, und mir, da das Alles die Rachsucht noch nicht
befriedigte, zum Ueberflu noch sieben Monate Disciplinarstrafe zudictirt.
    Und was sagte denn der gute alte Aufseher dazu, den ich damals bei Dir
gesehen habe? fragte Klaus.
    Der Wachtmeister Smilch? erwiederte ich. Er wrde sehr geflucht haben,
wenn er das htte mit erleben mssen. Glcklicherweise war er aber acht Tage
nach dem Tode des Herrn von Zehren mit der Familie hierher gezogen.
    Das htte ich nicht gethan, sagte Klaus mit groer Entschiedenheit, ich
htte Dich nicht in der Ruberhhle allein gelassen.
    Aber er hatte ltere Verpflichtungen, Klaus.
    Ist mir ganz gleich, sagte Klaus; ich htte Dich nicht allein gelassen.
    Nun erzhlte ich, wie ich endlich frei geworden, wie meine erster Besuch
unserer Vaterstadt gegolten und welchen traurigen Empfang ich dort gehabt.
    Du armer, armer Georg! sagte Klaus, seinen Kopf schttelnd, einmal ber
das andere.
    Aber Du hast ja selbst Schlimmeres erfahren, Du armer Kerl! sagte ich.
    Von wem weit Du es? fragte Klaus eifrig.
    Von ihr, entgegnete ich, nach der Kammer deutend, in welcher Christel seit
fnf Minuten ihren schreienden Jngsten vergeblich zur Ruhe zu bringen suchte.
    St! sagte Klaus, wir drfen ja nicht laut sprechen; bei uns Mnnern ist
das etwas Anderes, aber so eine kleine Frau - es greift sie immer schrecklich
an, das arme Ding; ich bin jedesmal auer mir, wenn ein Gerichtsbrief einluft
von wegen der Erbschaftsregulirung, weit Du!
    Dein Vater hat wohl ein ganz respectables Vermgen hinterlassen?
    Gott bewahre, sagte Klaus; sie mten es ihm denn gestohlen oder er mte
es vergraben haben, was Beides leicht mglich ist, denn er hat ja zuletzt keiner
Menschenseele mehr getraut und hatte auch wenig Ursache dazu, das wei Gott!
heimlich ist er von jeher mit Allem gewesen. Denk' nur, da haben wir doch Alle
geglaubt, die Christel sei so an's Land geschwommen, so nackt und blos, wie ein
Fisch, den die See auswirft, ohne irgend eine Mglichkeit, auch nur den Namen
des Schiffes, mit dem sie gescheitert ist, festzustellen, geschweige denn ihren
eigenen. Und da hat sich nun in dem groen Wandschrank, der Thr gegenber,
weit Du, ein Bndel Papiere gefunden in einer Blechkapsel, die offenbar von
demselben Schiff herstammt; die Papiere haben dem Kapitn gehrt und ist sein
Name drin geschrieben und der Name des Schiffes und da er verheirathet gewesen
ist mit einer jungen Frau, die auf der See geboren hat, und ein Zettel dazu, auf
dem gestanden, da er das Schiff nicht mehr retten knne und da keine
Mglichkeit sei, mit dem Leben davon zu kommen, und da er sein Kind mit den
Papieren, die er in eine Blechkapsel gethan, auf einem Stck Kork treiben lassen
wolle, sie mchte nun an's Land kommen oder nicht, wie es Gott gefiele. Und es
ist kein Zweifel, da meine Christel eben dieses Kind von dem hollndischen
Kapitn ist, der Tromp geheien hat, Peter Tromp, und sein Schiff der Prinz von
Oranien und aus Java ist er ausgesegelt. Aber das Alles wundert mich gar nicht,
schlo Klaus seine Erzhlung; ich wrde mich auch nicht wundern, wenn sie als
das Kind vom Kaiser von Marokko -
    Auf einem von zwlf Pfauen gefhrten Wagen aus dem Himmel herabgeschwebt
wre, sagte ich.
    Nein, auch dann nicht, erwiederte Klaus nach einigem Bedenken mit groer
Energie.
    Und was hast Du mit den Papieren gemacht? fragte ich lchelnd.
    Ich habe sie mir eben bersetzen lassen, sonst nichts, erwiederte Klaus.
    Aber das ist doch unrecht, sagte ich; die Papiere knnten doch
mglicherweise zur Entdeckung eines reichen Onkels fhren oder dergleichen, ist
Alles schon dagewesen, Klaus!
    So meint Doctor Snellius auch! sagte Klaus.
    Meint wer? fragte ich erstaunt.
    Doctor Snellius, wiederholte Klaus; Dein Freund vom Gefngnisse her; er
ist ja der Arzt in der Fabrik; hat er Dir denn das nicht geschrieben?
    Nein, oder der Brief ist nicht in meine Hnde gekommen. Der also ist Euer
Arzt? der Arzt der Fabrik?
    Nun ja, ich nenne ihn so, weil immer gleich zu ihm geschickt wird, wenn
etwas passirt; aber freilich, er ist auch der Arzt, ich glaube von beinahe allen
Armen in diesem Viertel.
    Da mu er eine groe Praxis haben, Klaus.
    Das soll Gott wissen, aber reich wird er nicht dabei werden, denn er nimmt
nie einen Pfennig, wenn die Leute es nicht brig haben, was sehr selten der Fall
ist, und oft giebt er die Medicin noch in den Kauf. Ach, das ist eine Seele von
einem Menschen, obgleich er immer aussieht, als ob er sie gleich Alle fressen
wollte und unsere Kinder immer schreien, so oft er zur Thr hereinkommt.
    Also Euer Arzt ist er auch?
    Nun natrlich, das heit, wir haben ihn eigentlich nur einmal gebraucht,
das letzte Mal, sehr gegen Christels Willen, die immer behauptete, das Kind lge
- na, das verstehst Du wohl nicht, das sind so Vatersorgen, und sie hat ja auch
ganz recht gehabt -
    Wie immer, Klaus.
    Wie immer.
    Und warum willst Du keine Nachforschungen anstellen, Klaus?
    Klaus kratzte sich hinter dem Ohre.
    Es ist ein eigenes Ding, sagte er, wir leben jetzt so glcklich, und da
denk' ich immer, besser kann es nicht werden, hchstens schlechter. Wenn sie nun
wirklich eine reiche Tante htte - wir meinen, es ist eine Tante - und die
beerbte - was sollten wir wohl um alles in der Welt mit dem Gelde anfangen, ich
wte es wahrhaftig nicht.
    Wenn Du es mir zum Beispiel liehest, Klaus, sagte ich. Ich wte schon,
was damit anfangen.
    Ja, das ist wahr! rief Klaus, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Fr
Dich wre das so etwas, wahrhaftig. Morgen am Tage lasse ich es in alle
Zeitungen rcken; die Tante soll herbei und wenn sie hunderttausend Meilen von
hier wohnte!
    Und wenn es nun ein Onkel wre?
    Nein, nein! es ist eine Tante, sagte Klaus mit groer Bestimmtheit.
    Meinetwegen, sagte ich aufstehend, und nun la uns noch einen kleinen
Spaziergang machen. Ich mu mir doch meinen neuen Wohnort ein wenig ansehen.
    Vielleicht ist keine Stunde mehr geeignet, einen Kleinstdter mit dem Gefhl
der Ungeheuerlichkeit einer Grostadt zu erfllen, als wenn er dieselbe in der
Dmmerstunde eines trben Herbstabends zum ersten Mal betritt. Pflegt sonst bei
Menschen von einigermaen lebhafter Phantasie die Wirklichkeit hinter der Ahnung
zurckzubleiben, so flieen in solcher Stunde, was man sieht und sehen knnte,
was man hrt und zu hren glaubt - das Reich der Wirklichkeit und der
Einbildungskraft ununterscheidbar in einander, und die Schranken, an welche wir
uns sonst so peinlich stoen, sind so gut wie weggerumt.
    Solch ein Abend war es, als ich mit Klaus durch die Straen der Stadt
schlenderte, die mir, dem Neuling, eine Riesenstadt zu sein schien. Noch heute,
nach so vielen Jahren, kann ich sie manchmal des Abends, und wre es nur auf
Augenblicke, in dem Lichte und mit den Empfindungen sehen, mit welchen ich sie
damals sah. Aus einem Arbeiterquartier kommend, durchschritten wir auf unserer
Wanderung eines der glnzendsten Quartiere, um in die eigentliche City zu
gelangen und aus dieser ber weite, von ungeheuren Palsten umgebene Pltze in
unser dunkles Arbeiterquartier zurck. Und berall das Gewimmel der eilenden,
sich drngenden Menschen auf den schmalen Trittsteinen und das Rasseln und
Donnern der Wagen und die endlosen Linien der Laternen, die endlosen Straen
hinauf und hinab, und der Glanz der Lichter aus den Lden, der so hell auf die
Straen fllt, da die Gestalten der Vorbereilenden und seltsame Figuren von
Wagen und Pferden sich auf den nassen Trottoirs und in dem Straenschmutze
spiegeln. Und nun die imponirenden Massen sich wie Gebirge aufthrmender
Gebude, der Blick hinauf zu einer ehernen Statue, die auf huserhohem Piedestal
oben durch die Nacht reitet, oder zu einer groen Figur, die von dem Sockel mit
dem gezckten Schwert nach unten deutet; - breite Brcken, deren Gelnder mit
weilichen Marmorbildern besetzt sind und unter deren Bogen eine schwrzliche
Fluth sich drngt, aus welcher der Wiederschein von tausend Lichtern zittert,
und dann der Blick in die Lden, wo dem Uneingeweihten die Schtze Arabiens und
Indiens von Feenhnden aufgebaut scheinen, oder in dunkle Hfe, wo noch so spt
am Abend von Cyklopen mit Lederschrzen gewaltige Fsser und Kisten aufgethrmt
werden - ich ging und stand und ging und blieb wieder stehen, staunend,
verwundert, aber keineswegs betubt, und Alles in Allem seltsam glcklich. War
dies das Meer des unaufhaltsam rauschenden, sich ewig verschlingenden, sich ewig
neu gebrenden Lebens, auf welches mich die Prophezeiung meines theuren Lehrers
gewiesen hatte? Das Meer, auf dessen hochgehenden Wogen, wenn er richtig geahnt,
meine Heimath sein sollte? Ja, dies war es; mute es sein! ich fhlte es an dem
muthigen Schlage meines Herzens, an der Kraft, mit welcher ich diese
Menschenwogen durchschnitt, an der Lust, mit welcher mich der Donner dieser
Brandung erfllte.

                                Viertes Capitel.


In der Maschinen-Fabrik des Commerzienrathes Streber wurde ein groer
Dampfkessel vernietet. Drei russige Gesellen harrten, mit bis ber die Ellnbogen
aufgestreiften Hemdrmeln, die Hmmer in den gewaltigen Hnden, auf den
rothglhenden Eisenbolzen, welchen eben ein Vierter von dem in der Nhe
glhenden Heerde in der Zange herbeitrug. Der Eisenbolzen verschwand in der
Oeffnung des Dampfkessels und erschien nach wenigen Secunden in dem Nietloch;
die Cyklopen faten ihre Hmmer fester und schlugen in gleichmigem Takte die
Spitze des Bolzens zum Nietkopf um. Das gab einen Hllenlrm. Und wenn man nun
Jemand, welcher der Sache unkundig war, sagte, da in dem Bauch des Kessels, auf
welchen die schweren Hmmer mit solchem sinnbetubenden Lrm fielen, ein Mensch
auf dem Rcken lag, der die Niete mit einer Zange in Empfang nahm und mit der
Zange aus aller Kraft einen Gegendruck ausbte, whrend die Hmmer auf den
Nietkopf herunter rasselten, so wre das besagtem migen Besucher kaum
glaublich, jedenfalls aber der Mensch im Bauche des Kessels als einer der
armseligsten, bemitleidenswerthesten Sterblichen erschienen.
    Die Niete war eingeschlagen, die Hmmer ruhten, der mit der Zange kroch aus
dem Bauch des Ungeheuers hervor, und ich brauche dem Leser wohl nicht zu sagen,
wer der Mann mit der Zange war. Auch schme ich mich nicht, so vor ihn
hinzutreten, denn er hat mich schon vor kurzer Zeit in einem hnlichen Aufzuge
gesehen, freilich gewhre ich in diesem Augenblick einen einigermaen
schrecklichen Anblick. Der untere Theil meines Gesichtes, Hals und Brust, sind
mit Blut bedeckt, das mir whrend der letzten halben Stunde aus Nase und Mund
gestrmt ist. Aber die Drei mit den Hmmern lachen nur, und der eine, der
Vorschmied, sagt: ein ander Mal sperrt das Maul auf, Kamerad; es fliegen Euch
keine gebratenen Tauben hinein.
    Der Witz ist herzlich schlecht, aber die Andern lachen, und ich lache auch,
denn, wenn die Klugheit gebietet, mit den Wlfen zu heulen, so habe ich es
selten ber das Herz bringen knnen, unter Lachern nicht mitzulachen, selbst in
dem Falle, da sie, wie diesmal, auf meine Kosten lachten.
    Indessen war es mir, trotz des glhenden Eifers, mit welchem ich mich meinem
neuen Berufe hingab, nicht unlieb, da diese Beschftigung im Kesselbauche fr
mich nur eine vorbergehende war, zu welcher mich mein Meister, weil es in der
andern Werkstatt an Hnden fehlte, nur sehr ungern, auf Befehl des Obermeisters,
hatte herleihen mssen. Sehr ungern! das klingt prahlerisch fr einen, der, wie
ich, erst vierzehn Tage in der Schmiede ist, und vorlufig nur zur allerrohesten
Arbeit, zum Zuschlagen, benutzt wird. Auch war es jedenfalls nicht mein
Verdienst, da der schwerste Hammer, den Andere mhsam regierten, mir wie ein
ganz gewhnlicher Hammer in den Hnden lag, und da man meinen Schlag unter den
vier oder fnf Schlgen, die in gleichmigen Pausen dem Schlag des Vorschmieds
auf das roth glhende Eisen nachschlugen, jedesmal deutlich heraushrte. Es war
nicht mein Verdienst, und doch wurde es mir an dieser Stelle, wo die Krperkraft
eine so wichtige Rolle spielt, als ein sehr hohes, ja als das hchste
angerechnet. Mein Meister war stolz auf mich, meine Mitgesellen sahen in des
Wortes eigentlichster Bedeutung mit Bewunderung zu mir empor, und Klaus, wenn
von mir die Rede war, zeigte alle seine weien Zhne, und nickte dann, indem er
die Lippen fest schlo und den Zeigefinger in die Hhe hielt, geheimnivoll mit
dem Kopf. Ich hatte dem guten Klaus dies geheimnivolle Nicken streng verboten
und er hatte mir auch fest versprochen, sich in Acht zu nehmen; trotzdem war es
nicht seine Schuld, wenn nicht smmtliche zweihundert Arbeiter der
Maschinenfabrik bereits dieselbe hohe Meinung von mir hatten, mit welcher seine
Seele bis zum Ueberlaufen erfllt war.
    Was willst Du, sagte Klaus, so oft ich ihm von meiner theoretischen
Einsicht in Maschinensachen und von meinen mathematischen Kenntnissen etwas zum
Besten gab, Du verstehst von allen diesen Dingen mehr, als irgend einer in der
Anstalt, den Obermeister und die Herren Ingenieure nicht ausgeschlossen; und Du
verdienst mindestens Chef des technischen Bureaus zu sein.
    Du bist ein Narr, Klaus, sagte ich.
    Aber es ist doch wahr, sagte Klaus hartnckig.
    Nein, es ist nicht wahr. Erstens berschtzt Du meine Kenntnisse weitaus,
und zweitens kann man immerhin ein mig guter Theoretiker sein und dabei in der
Praxis der jmmerlichste Stmper. Ich wnsche aber ein guter Theoretiker und ein
guter Praktiker zu gleicher Zeit zu sein, und bis ich dahin komme, werde ich
noch viel Hammerschlge und manchen Feilenstrich thun mssen. Denke doch, Klaus,
wie lange Du selbst gebraucht hast, bis Du aus dem gewhnlichen Flickarbeiter,
der froh war, wenn er seine Schrotzange regelrecht abschleifen konnte, der feine
Maschinenschlosser wurdest, der auf seine Pleuelstange die Kippen aufpressen
kann, wie nur Einer.
    Ja, sagte Klaus, ich, aber Du -
    Es wird berall am Feuer geschmiedet, Klaus, und jedes Stck will gehmmert
werden, bis es fertig ist, und ein guter Maschinenbauer auch, bis er fertig ist,
und es fehlt noch viel, bis ich das von mir werde sagen knnen, wenn ich es
jemals sagen kann.
    Da bin ich anderer Meinung, sagte der hartnckige Klaus.
    So thu' mir wenigstens den Gefallen und behalte Deine Meinung fr Dich,
sagte ich ernst.
    Ich hatte meine guten Grnde, dem braven Klaus ein Schweigen, das ihm so
schwer wurde, aufzuerlegen, denn abgesehen davon, da er mich wirklich in
lcherlich-rhrender Weise berschtzte, konnte seine Unvorsichtigkeit mir eine
Menge Ungelegenheiten bereiten, ja den Weg verschtten, den zu gehen ich nun
einmal fest entschlossen war. Ich wollte in dem Beruf, dem ich mein Leben
geweiht, von der Pike auf dienen, eingedenk des Satzes, auf den mein
unvergelicher Lehrer immer so gern zurckkam, da der wahre Knstler auch das
Handwerk seiner Kunst verstehen msse. So war ich denn vorlufig, was ich sein
wollte und mute, ein Handwerker, ein Arbeiter der grbsten Arbeit, und Jeder
sollte mich dafr nehmen und nahm mich dafr, und das war gerade, was ich
wnschte.
    Meine Vergangenheit hatte ich in ein einfaches Mrchen gebracht, das bei den
einfachen Menschen, mit denen ich es zu thun hatte, leichten Glauben fand. Ich
war ein Schiffersohn aus Klaus Pinnow's Vaterstadt. Wir hatten uns von Jugend
auf gekannt; ich hatte Schmied werden wollen, wie er, und hatte auch eine Zeit
lang bei seinem Vater als Lehrjunge gearbeitet. Dann war ich vor zehn Jahren zur
See gegangen und war als Matrose, als Schiffszimmermann, als Schiffsschmied
durch die ganze Welt gekommen und endlich vor kurzer Zeit in meine Heimath
zurckgekehrt, mit dem Entschlu, nun im Lande zu bleiben und mich redlich zu
nhren, und zu dem Zweck das Schmiedehandwerk regelrecht zu lernen, das ich
bisher als Pfuscher gebt hatte.
    Ich kam selten in die Lage, dieses mein Mrchen durch Erzhlungen aus meiner
Vergangenheit bewahrheiten zu mssen, und wenn wirklich einmal in der
Feierstunde ein besonders Neugieriger die Rede auf meine Irrfahrten brachte, so
verstand ich genug von der Schifffahrt und hatte frher zu viel mit Kapitnen
und Steuerleuten verkehrt und zu viele Seegeschichten gelesen, um die Rolle
eines Sindbad nicht auf eine halbe Stunde durchfhren zu knnen. Eine meiner
Hauptgeschichten, die irgend wo auf dem Malayischen Archipel spielte, und in der
es scharf herging und vielen Piraten das Lebenslicht ausgeblasen wurde, hatte
mir in meiner Werkstatt den Spitznamen: der Malaye eingetragen, und ich
behielt diesen Namen, bis ich - doch ich darf meiner Geschichte nicht
vorgreifen.
    Man mute mich um so mehr fr das nehmen, wofr ich mich gab, als ich mein
ueres Leben streng in dem Stil eines gewhnlichen Fabrikarbeiters eingerichtet
hatte. Ich war nicht besser und nicht schlechter angezogen, als die Andern auch;
ich a mein Frhstck aus der Hand, wie die Andern auch; ich speiste zu Mittag
in einer billigen Garkche, in welcher ein halbes Hundert anderer Arbeiter auch
speisten. Der einzige Luxus, den ich mir von dem wenigen Gelde, das ich aus dem
Gefngni mitgebracht hatte, verstattete, war eine bessere Wohnung, als sie
sonst von Arbeitern meines Grades gesucht zu werden pflegt oder bezahlt werden
kann; und auch diese Abweichung von der Norm hatte ich mindestens ebenso sehr
aus Notwendigkeit, als aus Rcksichten der Bequemlichkeit oder meinem Geschmack
zu Liebe gethan. Ich konnte, wollte ich in meinen theoretischen Studien
fortfahren, nicht in einem Quartier wohnen, dessen Gassen bis tief in die Nacht
hinein von dem Gerassel der Wagen, nur zu oft von dem wsten Lrm trunkener
Arbeiter, die mit der Polizei in Conflict gerathen waren, wiederhallte; und wo
in den menschenberfllten Husern die tickende, klappernde, rasselnde Uhr des
Lebens keine Minute still stand.
    Ich hatte mehrere Tage lang, whrend derer ich Klaus' Gast war, mich nach
einer passenden Wohnung umgesehen; endlich fand ich, was ich suchte.
    An unsere Fabrik grenzte ein bedeutendes Grundstck, das mit halb
ausgefhrten oder eben im Entstehen begriffenen Baulichkeiten auf die
wunderlichste Weise bedeckt war. Nach der Aussage des alten Mannes, welcher in
einer ebenfalls nur halb fertigen Portierloge dieses sonderbare Terrain
bewachte, hatte das Ganze ursprnglich eine Concurrenzfabrik des Streberischen
Etablissements werden sollen. Aber der Unternehmer hatte fallirt, die Anlage war
in Subhastation gekommen und von einem reichen Glubiger erstanden worden, der
es fr zweckmig hielt, das Grundstck vorlufig so liegen zu lassen, wie er es
bernommen hatte. Er hofft ja wohl, sagte der alte Mann, da die Grundstcke
hier in ein paar Jahren noch dreimal so viel werth sind; vielleicht auch, der
Commerzienrath msse ihm das Ding auf jeden Fall und um jeden Preis abnehmen, da
ihm ja alles daran liegen mu, da sich ihm ein Concurrent nicht, so zu sagen,
vor seine Nase hinsetzt. Und dann mu der Commerzienrath auch ausbauen, sie
knnen sich ja drben nicht mehr rcken und rhren, und wo soll er hinbauen,
wenn nicht nach dieser Seite? Aber der besinnt sich auch wieder, bis mein Herr
sich besinnt, und so besinnen sie sich alle Beide schon zwei Jahre lang. Jetzt
eben ist er wieder hier gewesen und hat sich die Sache zum, ich wei nicht, wie
vielsten Male, angesehen; es schien mir aber nicht, da er zu einem Entschlu
gekommen sei. Nun, mir ist es gleich, und wenn der Herr eine von den Stuben im
Gartenhaus haben will, so kann sein Bart schon immer ein paar Zoll lnger
werden, bis er wieder auszuziehen braucht.
    Der alte Satiriker von Portier gefiel mir wohl und das Gartenhaus noch
besser. Zwar war es eine Prahlerei, wenn der Mann von einem der Zimmer des
Gartenhauses sprach, denn es hatte berhaupt nur eins, in welchem mglicherweise
ein Mensch wohnen konnte, whrend die anderen ohne Fenster, ohne Thren vielmehr
ein Aufenthalt fr heimathlose Katzen zu sein schienen und, wie ich mich in der
Folge berzeugte, wirklich waren. Das Huschen, das ursprnglich zur
Privatwohnung des Besitzers oder des Directors bestimmt gewesen sein mochte, war
in einem sehr geflligen italienischen Stil angelegt. Eine sanfte Treppe fhrte
zu dem in Rede stehenden Zimmer, in welchem nach den Tintenflecken auf den
ungescheuerten Dielen und diversen Zeichnentischen mit drei Beinen und anderen
trmmerhaften Breau-Utensilien zu schlieen, whrend des Baues der Architect
sein Atelier gehabt hatte; auf der anderen Seite gab es einen freischwebenden
Balcon. Vor der Treppe war ein Rasenplatz projectirt, zu dem allerdings
vorlufig nur der Platz da war, ohne den Rasen, eben so wie einem groen
Sandstein-Becken in der Mitte der Triton und das Wasser fehlten, und dem
Spalier, welches sich an der Fensterwand bis unter das vorspringende Dach zog,
der venetianische Epheu. Aber diese Mngel beleidigten mich nicht; im
Gegentheil! sie deuteten auf eine bessere und schnere Zukunft, und harmonirten
so mit der Grundstimmung meiner Seele, welche ebenfalls aus einer drftigen
Gegenwart in reichere und schnere Tage sah. Sodann hatte diese ruinenhafte
Wohnung den wirklich praktischen Vorzug erstaunlicher relativer Billigkeit und
den andern: mir die Ruhe zu gewhren, deren ich fr meine Studien so nothwendig
bedurfte, und, um Alles zu sagen: der alte Mann hatte mir mitgetheilt, da das
Frulein, welches den Commerzienrath begleitet hatte, und das ja wohl die
Tochter von dem alten Herrn gewesen sei, in die Hnde geklatscht habe, als sie
das Gartenhaus gesehen, und gemeint habe, das sei doch gar zu allerliebst und da
mchte sie wohnen.
    Sie wrde sich schn bedanken, sagte der alte Murrkopf. Sie sah nicht so
aus, als ob die Eule ihr Baumeister und Schmalhans ihr Koch wren, aber fr
unseres, ich wollte sagen fr Ihresgleichen wird es schon gerade recht sein.
    Es ist gerade recht, sagte ich, und wann kann ich kommen?
    Wann Sie wollen; einen Vorgnger haben Sie nicht; Sie brauchen also auch
nicht zu warten, bis er ausgezogen ist.
    So nahm ich denn noch am Abend desselben Tages von meiner neuen Wohnung
Besitz, unter Assistenz des guten Klaus, dessen Kopf dabei aus dem Schtteln
nicht viel heraus kam.
    Was ich nur in der verfallenen Spelunke wollte, wo man mich todtschlagen
knne, ohne da ein Hahn darnach krhe? und wie ich nur Geschmack an solchen
Mbeln finden knne: an den beiden hochlehnigen wurmzerfressenen Sthlen, an
diesem Lehnsessel aus der Urgrovter Zeiten, an diesem Spiegel mit dem
verblindeten Goldrahmen? Ich htte es zwar billig genug bei dem Trdler gekauft;
indessen er htte mir fr nicht viel mehr ganz andere Sachen schaffen wollen;
aber freilich, ich htte von jeher in diesen Dingen einen wunderlichen Geschmack
gehabt; er erinnere sich, da auch in meiner Stube im vterlichen Hause zu
Uselin dergleichen nutzloser Krimskrams gestanden habe.
    Ich lie den guten Klaus murren und schelten; ertrug es sogar, da Christel
einige Tage lang ernstlich mit mir schmollte. Sie hatte ein Zimmer in ihrem
eigenen Hause entdeckt, zwei Treppen hoch nach dem Hofe hinaus, wunderschn
meublirt, und welches die einzige Unbequemlichkeit hatte, da man zu demselben
nur durch die Kche und das Wohnzimmer der Wirthin gelangen konnte, einer
ausnehmend respectablen Schneider-Wittwe von zweiundachtzig Jahren, mit einer
sehr ehrbaren unverheiratheten Tochter von sechszig, die sich meiner gewi auf
das Liebevollste angenommen haben wrden.
    Der brave Klaus und die gute Christel! ich konnte ihnen nicht helfen; ich
konnte ihnen zu Liebe meine Natur nicht verndern, welcher das Streben nach
Freiheit, nach Unabhngigkeit innerstes Bedrfni war. Auf meiner Giebelstube im
Vaterhause, auf meinem Zimmer auf Schlo Zehrendorf, ja in meiner Zelle im
Gefngnisse hatte ich als Knabe und Jngling fort und fort das Glck und die
Poesie der Einsamkeit zu reich genossen, als da ich sie jetzt, wo ich ein Mann
war, htte entbehren knnen.
    Und einsam war ich auch jetzt wieder, auf meiner Stube in dem halbfertigen
Gartenhaus zwischen den Ruinen groer und kleiner Gebude, die niemals fertig
gewesen waren. Kein Laut drang des Abends, wenn ich von meinen Bchern
aufschaute, zu mir heran, als aus der Ferne, vergleichbar dem Meeresrauschen,
das dumpfe ununterbrochene Rollen der Wagen oder das Gebell des zottigen
Spitzes, der am Tage dem alten Mann in der Portierloge Gesellschaft leistete und
am Abend und whrend der Nacht die weiten Pltze zwischen den Ruinen und die
Ruinen selbst durchstrich, auf einer, wie es schien, endlosen Jagd nach Katzen.
Und wenn ich dann einmal, mir die heie Stirn abzukhlen, auf den Balcon
hinaustrat, war wieder alles wst und leer und nchtig um mich her. Nur hier und
da das Licht einer einsamen Laterne und manchmal eine rothe Feuersule, welche
aus den Hochfen unserer Fabrik in den nchtlichen Himmel stieg und die Rnder
der schwarzen Wolken frbte, die ein scharfer Novemberwind vor sich her wlzte.
Und trat ich dann in das Zimmer zurck, wie traulich grte mich meine
bescheidene Lampe, vor der das Buch mit Zahlen und Formeln aufgeschlagen lag;
wie traulich die alten geschnitzten Eichen-Mbel, welche den Unwillen des guten
Klaus so sehr erregt hatten; und vor allem mit wie groem Entzcken betrachtete
ich die beiden kleinen antiken Vasen von Terracotta, welche auf dem Caminsims
standen, und zuletzt die herrliche Copie der sixtinischen Madonna, die meinem
Arbeitstisch gegenber an der Wand hing. Man hatte die Vasen und das Bild aus
meiner Zelle entfernt, als der neue Director kam, aber ich hatte sie, als man
mich entlie, mit solcher Entschiedenheit reclamirt, da man sie mir nicht zu
verweigern wagte; dann hatte ich sie sorgfltig in eine Kiste gepackt und einem
Spediteur bergeben, um sie mir, sobald ich irgendwo festen Fu gefat,
nachschicken zu lassen. Heute Mittag waren sie angekommen, und heute Abend
erfreute ich mich zum ersten Male wieder des theuren Anblicks.
    Und whrend ich andchtig auf meine Heiligthmer schaute, machte ich mir die
ernstlichsten Vorwrfe, da ich es habe ber das Herz bringen knnen, die
theuerste Freundin, die ich auf der Welt hatte und mit der ich nun schon an die
vierzehn Tage von den Mauern derselben Stadt eingeschlossen lebte, nicht
aufzusuchen, ihr keine Kunde meines Daseins zu geben. Es schien so ganz gegen
meine Natur, dem Triebe meines Herzens und noch dazu einem so mchtigen Triebe,
nicht ohne Weiteres Folge zu leisten; nicht ohne Aufenthalt zu der zu eilen, mit
welcher ich so viele Jahre meines Lebens in innigster Freundschaft verlebt
hatte, und von der ich berzeugt sein durfte, da ihr Herz so warm fr mich
schlug, wie je. Wir hatten whrend des Jahres, welches wir getrennt gewesen
waren, keine sehr lebhafte Correspondenz mit einander gefhrt: aber es war auch,
als wir uns trennten, ausgemacht worden, da wir uns nicht schreiben wollten, -
es wre denn im uersten Nothfall, - weil uns eine Correspondenz unter den
Augen des neuen Directors und des Herrn von Krossow eine Unmglichkeit dnkte.
Dieser Nothfall trat ein, als mir die Niedertracht dieser Unedlen eine
siebenmonatliche Verlngerung meiner Haft zu Wege brachte; ich hatte es ihr
einfach gemeldet, und sie hatte mir nur mit den zwei Worten geantwortet: harre
aus!
    Nein, das war nicht die Ursache meiner Scheu, und dieselbe hatte auch keinen
Grund, als nur den einen, den ich mir nicht gern selbst gestehen mochte. Ich
wute, wie das theuerste, edelste Mdchen fr sich, ja fr die Ihrigen zu
arbeiten und zu sorgen hatte. Seit Jahr und Tag war es mein innigster Wunsch
gewesen, ja es war mir oft als der einzige Zweck und Inhalt meines Lebens
erschienen, in eine Lage zu kommen, mich in eine Lage zu bringen, in welcher ich
im Stande wre, ihr die Last von den zarten Schultern zu nehmen. Und jetzt, wo
sie vielleicht eines Freundes, einer Sttze mehr bedurfte, als je, sollte ich
vor sie hin treten, selbst in einer Lage, in welcher ich, wenn ich auch nicht
hilfsbedrftig war, Anderen gewi keine Hilfe gewhren konnte. Das war voraus zu
sehen gewesen, das hatte, wie die Dinge lagen, so kommen mssen, und doch -
    Aber will sie denn, wird sie jemals deine Hilfe annehmen? unterbrach ich den
Gang meiner Gedanken, indem ich die Hnde auf dem Rcken - ich hatte diese
Gewohnheit von meinem Vater - in meinem Gemache auf und nieder zu gehen begann.
Hat sie dir nicht hundert Beweise geliefert, wie eiferschtig sie auf ihre
Unabhngigkeit ist? Und hat sie nicht dir speciell mehr als einmal, ja, in der
Abschiedsstunde noch, zu verstehen gegeben, da, wenn sie nach einer Sttze
verlangte, es nicht dein Arm sein wrde?
    Die letzten Tage, die ich mit Paula und den Ihrigen zusammen verlebt, kamen
mir wieder in Erinnerung. Es waren ihrer nicht zu viel gewesen; man hatte mit
einer geradezu unanstndigen Dringlichkeit von Frau von Zehren verlangt, da sie
dem Nachfolger ihres Gemahls Platz mache. Dieser Nachfolger, ein pensionirter
Major und besonderer Gnstling des pietistischen Regierungsprsidenten, hatte
schon lngst auf die Stelle gewartet und so zu sagen bereits vor der Thr
gestanden. Die Brutalitt, mit welcher er ohne die geringste Schonung der
unglcklichen Familie von der Director-Wohnung Besitz ergriff, war beispiellos
gewesen. Er hatte der unglcklichen Frau nur die Alternative gelassen, entweder
mit den Ihrigen in einigen Gefngnizellen, die er zu diesem Zweck gromthig
rumen zu wollen versprach, unterbringen zu lassen, oder ihre Zuflucht in einem
der uerst mangelhaften Gasthuser der Stadt zu suchen. Frau von Zehren hatte
natrlich keinen Augenblick darber geschwankt, was sie in diesem Falle zu thun
habe, und so waren denn kaum drei Tage nach dem Tode meines Wohlthters
vergangen, als in dem Hause, das er so lange Jahre bewohnt, alle alten bekannten
Gesichter verschwunden waren. Alle, alle waren sie verschwunden; nicht eins war
geblieben! Doctor Snellius hatte gleich in der ersten Stunde, in welcher er die
fragliche Ehre hatte, dem neuen Director vorgestellt zu werden, demselben seine
Meinung rund heraus gesagt; und wenn Doctor Snellius Jemandem, den er zu
verachten und zu verabscheuen Ursache hatte, seine Meinung sagte, so kann man
sich gewi darauf verlassen, da der Betreffende sich ber etwaige Dunkelheiten
in den Auslassungen des Doctors nicht zu beklagen brauchte.
    Dem Doctor Snellius war der alte Wachtmeister Smilch auf dem Fue gefolgt,
und obschon die Stimmlage des Alten mindestens zwei Octaven tiefer war, als die
des Doctors, so mute doch die Melodie, welche beide gesungen, die nmliche
gewesen sein, zum wenigsten war das Resultat das nmliche gewesen, das heit:
der Herr Major a. D. hatte vor Wuth geschumt und mit den Fen gestampft und
verlangt, da der impertinente Mensch sofort in's Loch gesteckt werde.
Glcklicherweise aber war der Alte klug genug gewesen, seinen Abschied zu
verlangen und in Empfang zu nehmen, bevor er dem neuen Chef sein ehrliches Herz
ausschttete, und so hatte der Wthende keine Gewalt mehr ber den Alten gehabt
und mit Drohungen konnte man dem Wachtmeister Smilch nicht beikommen.
    Wie gern, wie gern wre ich so verlockenden Beispielen gefolgt und htte
auch dem neuen Director mein Herz ausgeschttet! Ich habe wohl in meinem Leben
nie so groe Gewalt gegen mich gebt, wie in jenen Tagen, wo ich einen Kanker
und Molch in Menschengestalt an der Sttte hausen sah, von welcher der Edelste
der Menschen soeben geschieden war, und vielleicht wrde ich diesen Sieg ber
mich nicht davongetragen und mich in ein unabsehbares Unglck gestrzt haben,
wenn ich nicht in meinem Ohr fortwhrend eine Stimme vernommen htte, die mir
heiliger war, als die meines eigenen Herzens. Und diese Stimme hatte also
gesprochen: Du hast schon Manches in Deinem Leben erduldet, armer Georg, so
erdulde auch noch dies, ob es gleich das Schwerste sein mag, und wenn Du selbst
nicht Herr werden kannst ber Dich selbst, rufe ihn im Geiste zu Hlfe, der Dich
wie seinen Sohn geliebt hat.
    Ich blickte wieder in mein Buch, aber ich konnte heut Abend die einfachsten
Dinge nicht begreifen. Sehr bekannte algebraische Formeln schauten mich
pltzlich ganz fremdartig an, und lauteten, als ich genauer zusah: Wenn er mich
wie seinen Sohn geliebt hat und Paula ihm das geliebteste seiner Kinder war,
mssen Paula und ich uns nicht auch lieben? Oder auch: Paula von Zehren verhlt
sich zu Hermine Streber, wie Georg Hartwig zu X.
    Wollen Sie denn heute die ganze Nacht durch Licht brennen? fragte die
Stimme des alten Wchters von unten herauf. Es ist ja ein Uhr und ich soll Sie
um fnf wecken. Da werde ich wieder meine schwere Noth haben.

                                Fnftes Capitel.


In einer anderen Abtheilung unserer Fabrik waren durch die Verschiebung eines
Treibriemens ein paar Leute mehr oder weniger gefhrlich verletzt worden. Wir
hatten in unserer Werkstatt erst kurz vor dem Mittagessen Kunde von dem Unglck
erhalten, und die Leute blieben auf dem Hofe stehen, um sich die Einzelheiten
abzufragen und mitzutheilen. Ich war an eine der Gruppen herangetreten und hrte
eifrig zu, als ich einen kleinen Mann sich durch die Gruppen drngen sah, der
seinen Hut in der Hand trug, und dessen groer, kahler Schdel, welcher bald da,
bald hier zwischen dunklen Gestalten auftauchte, dem vollen Monde glich, der
durch schwarze Wolken eilt. Dieser Vollmondschein-Schdel konnte nur einem
Menschen gehren. Ich eilte dem kahlen Schdel nach, und erreichte ihn an dem
Thor in dem Momente, wo er mit einem Filzhut bedeckt wurde, welcher whrend der
Zeit, da ich ihn nicht gesehen, auch nicht besser geworden war. Ich folgte dem
Filzhut noch ein paar Schritt in die Strae und trat dann mit einem Schritt
seinem Trger in den Weg.
    Mit Verlaub, Herr Doctor, sagte ich.
    Doctor Snellius hob seine runden Brillenglser zu mir auf, und starrte mich
mit dem Ausdruck uerster Verwunderung an.
    Es ist keine Hallucination, Doctor, sagte ich; ich bin es wirklich.
    Georg, Mammuth, Mensch, wo kommen Sie her? und in dieser fragwrdigen
Gestalt? rief der Doctor, indem er mir seine beiden Hnde entgegenstreckte.
    Still, Doctor, sagte ich; ich bin hier incognito, und mu mir die Freude
versagen, Sie auf der Stelle zu umarmen.
    Sie sind doch nicht weggelaufen, trotzdem ich es Ihnen ausdrcklich
verboten? sagte der Doctor geheimnivoll.
    Ich beruhigte ihn ber diesen Punkt.
    Gott sei Dank, sagte er, oder vielmehr mir sei Dank; oder auch ihr. Wie
haben Sie sie gefunden?
    Ich habe sie noch gar nicht gesehen, Doctor.
    Und sind schon zwei Wochen hier? Schndlich, unglaublich! Wo ist meine
Laterne, da ich sie entzweischlage, denn nun gebe ich die Hoffnung, einen
Menschen zu finden, definitiv auf. Gehen Sie! Ich will Sie nie wieder sehen!
    Wann darf ich zu Ihnen kommen, Doctor?
    Sobald Sie wollen oder knnen. Sagen wir heute Abend? he? Ein Glas Grog,
halb und halb, in der alten Weise, he?
    Und bei einem Glase Grog halb und halb in der alten Weise saen Doctor
Snellius und ich uns gegenber am Abend desselben Tages in des ersteren
gerumiger Wohnung, und sprachen von vergangenen Zeiten, von dem, was wir
zusammen erlebt und erlitten, wie eben zwei gute Freunde, die sich seit lngerer
Abwesenheit zum ersten Male wiedersehen, zu sprechen pflegen.
    Der Doctor gab mir eine drastische Schilderung von seiner groen Scene mit
dem Major a. D., und wie Herr von Krossow dazu gekommen sei und wie er den
Herren gesagt, da Drei zwar ein Collegium machten, er aber um alles in der Welt
mit ihnen kein Collegium machen und sich ihnen deshalb fr nun und immer bestens
empfohlen haben wolle. Ich erwiederte lachend, da ich mir jetzt erst recht die
Gehssigkeit erklren knne, mit welcher Herr von Krossow, dem ich doch
persnlich nie zu nahe getreten sei, mich hernach verfolgt habe.
    Sie irren, mein Guter, sagte der Doctor. Das Reptil hatte andere und
bessere Grnde, mit seinen Giftzhnen nach Ihnen zu hauen. Ich kann es Ihnen
jetzt sagen, wo Sie nicht mehr Gefahr laufen, dem Ungethm den Hals umzudrehen
So hren Sie; aber vorerst brauen Sie sich noch ein Glas; man bekommt es, ohne
einen guten Schluck dabei zu thun, nicht herunter. Also: er hat schon frher
einmal um sie angehalten, um Paula von Zehren angehalten, und hat sich, da ihm
der alte Korb schon zu abgetragen sein mochte, einen neuen holen zu mssen
geglaubt, und keine Zeit passender erachtet, als die Tage der Verwirrung und des
Jammers nach dem Tode unseres Freundes; dabei auch nicht anzudeuten vergessen,
da der neue Director sein sehr guter Freund und der Regierungs-Prsident sein
Vetter sei, und da er durch diese Beiden, so zu sagen, Paulas und der Ihrigen
Zukunft in der Hand habe, denn die Pensions-Ansprche ihrer Mutter seien, wie
sie wohl selbst wisse, sehr fraglich; aber die Sache werde sich machen lassen;
und wenn er selbst auch kein Vermgen habe, so seien seine Verbindungen gut, und
seine Aussichten nicht schlecht, zumal unter dem neuen Knig, der wahrhaft ein
Gesalbter des Herrn sei. Wie finden Sie das? krhte Doctor Snellius, indem er
aufsprang und einen grotesken Tanz durch das Zimmer vollfhrte.
    Die Erzhlung des Doctors hatte mich mit Unwillen und mit Erstaunen erfllt.
Ich hatte in der That keine Ahnung davon gehabt, da der scheinheilige Pfaff
jemals gewagt habe, seine gleinerischen Augen zu Paula zu erheben; und dabei
mute ich daran denken, wie wahrscheinlich es sei, da ich nach einer anderen
Seite auch nicht scharfsichtiger gewesen sein werde. Ich verfiel in ein dsteres
Schweigen; aber der Doctor mute mir durch seine groen, runden Brillenglser
die Gedanken von der Stirn lesen.
    Sie meinen, es wird ihr keine groe Mhe gekostet haben, den Priester
abzuweisen, da ihr Herz schon von dem Ritter eingenommen war? Wir haben damals
manchmal darber gesprochen, und uns gegenseitig bange gemacht, aber es war
dummes Zeug, ich versichere Sie, dummes Zeug! Paula denkt nicht daran, den
Adonis zu heirathen, so wenig als mich alten Satyr.
    Der Doctor blickte mich bei diesen Worten von der Seite an und lchelte dann
ironisch, als ich mich nicht enthalten konnte, ein leises Gott sei Dank! aus
tiefster Seele zu murmeln.
    Aber frohlocken Sie nicht zu frh, fuhr er fort, und das Lcheln wurde
immer diabolischer; man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, und Sie kennen
mein Wort, da bei den Menschen Alles mglich ist. Arthur ist wirklich ein
bezaubernder Junge, und da es ihm gelungen ist, in die diplomatische Laufbahn
hineinzukommen, kann er auch ebenso gut als unser Botschafter in London sterben.
Es ist schlielich derselbe Bettel, und den verstehen sie; der tausend! wie sie
den verstehen; besonders der Alte, der ist ein wahres Genie in der edlen Kunst.
Von seinem Schneider, dem er so lange um den Bart geht, bis der Mann ihm die
Rechnung stundet, bis zum Knig hinauf, den er mit einem Fufall um ein Darlehn
anfleht, welches es ihm mglich machen soll, seine Schulden zu bezahlen und
seinen Arthur in der neuen Carrire vorwrts zu bringen - - keiner ist vor ihm
sicher, keiner! Ich sage Ihnen, halten Sie sich die Taschen zu, wenn Sie dem
Edlen auf der Strae begegnen.
    So lebt er auch hier?
    Natrlich lebt er hier! Das Feld ist nicht so bald erschpft, und ein
groer Mann, wie der Herr Steuerrath, braucht berall viel Boden. O, diese
Stirnen, diese ehernen Stirnen!
    Warum sprechen wir so viel von dem Gesindel? rief ich. Erzhlen Sie mir
lieber von ihr! wie lebt sie? wie geht es mit ihrer Malerei? Hat sie groe
Fortschritte gemacht? Und hat sie Verkufer fr ihre Bilder gefunden?
    Ob sie hat! rief der Doctor. Ei der tausend! da kommen Sie schn an; ich
sage Ihnen, sie ist auf dem besten Wege, ein Vermgen zu machen. Man reit sich
um ihre Bilder.
    Doctor, sagte ich; ich sollte meinen, der Gegenstand vertrge keinen
Scherz!
    Der Doctor, der die letzten Worte in seinen hchsten Tnen gesprochen hatte,
stimmte sich mit einem energischen ehem! zwei Octaven tiefer und sagte:
    Sie haben Recht; es sollte auch kein Scherz sein, nur eine Lge; aber ich
sehe, das Lgen habe ich noch immer nicht besser gelernt, und so ist es denn
auch wohl jedenfalls das Beste, wenn ich Ihnen die Wahrheit sage, oder vielmehr
zeige. Kommen Sie.
    Er entzndete zwei Lichter, die unter dem Spiegel standen und fhrte mich in
ein Nebenzimmer, welches er erst aufschlieen mute.
    Ich habe sie hierher gebracht; sagte er, - auf die Wand deutend, welche
mit greren und kleineren Bildern behngt war; - weil ich wo anders vor den
Jungen nicht sicher bin. Nun, wie finden Sie sie?
    Ich berzeugte mich, indem ich dem Doctor die Lichter abnahm und ber die
Bilder leuchtete, da dieselben smmtlich von Paula's Hand waren. Hatte ich sie
doch zu lange in ihrem Streben verfolgt und mich zu tief in ihre Art zu sehen,
und das Gesehene wieder zu geben, hineingedacht!
    Es waren drei oder vier Kpfe, idealisirte Kpfe, zu denen ich die Originale
zu kennen glaubte, zwei oder drei Genrebilder. Scenen aus dem Gefngnisse, die
ich selbst schon in der Untermalung gesehen und endlich eine grere
Strandpartie mit bewegtem Meer, von welcher ich ebenfalls die Skizze noch sehr
wohl in Erinnerung hatte. Ich verstand damals noch herzlich wenig von der
Malerei, und am wenigsten war ich im Stande, meine Meinung zu begrnden. Jetzt
darf ich sagen, da ich an jenen Bildern einen bedeutenden Fortschritt
wahrnehmen konnte, sowohl in der Technik, als in der freieren, groartigeren
Auffassung; besonders waren die Kpfe von einer seltenen Vorzglichkeit, und ich
sprach das, so gut ich es vermochte, mit begeisterten Worten gegen den Doctor
aus.
    Ja wohl, erwiederte er, den Kopf bald auf die rechte, bald auf die linke
Schulter neigend und mit wehmthigem Stolz auf die Bilder blickend, - Sie haben
Recht, vollkommen Recht; sie ist ein Genie, aber was hilft die Genialitt dem,
welcher keinen Namen hat? Die Welt ist dumm, mein Freund, unglaublich dumm; sie
findet das Groe und Schne ganz sicher; wenn die paar erleuchteten Kpfe, die
ein Jahrhundert hervorbringt, einer nach dem andern dafr Zeugni abgelegt
haben, dann ist die Sache ein Glaubensartikel, den jeder Junge auf der Schulbank
herbeten kann und den die Spatzen von den Dchern pfeifen. Aber wenn die Narren
ber das Buch eines Autors urtheilen sollen, dessen Namen sie noch nie gehrt,
ber das Bild eines Malers, der zum ersten Male erscheint - so ist ihr Latein zu
Ende und sie trauen sich selbst nicht ber den Weg. Wie lange htten diese
Bilder auf den Ausstellungen umherreisen oder bei dem Kunsthndler hangen
knnen, wenn ich sie dort htte hangen lassen. So sind sie denn alle in meinen
Besitz gewandert, und nicht nach Amerika, England und Ruland, wie die gute
Paula glaubt. Aber sehen Sie mich nur nicht so neidisch an! Meine Mcenatenrolle
hat nicht lange gedauert; ihr neuestes Bild auf der Kunstausstellung - Sie
kennen es und sind ja auch selbst darauf - Richard Lwenherz, krank in seinem
Zelte, von einem arabischen Arzte besucht - nun wohl, das Bild hat, wie ich
heute erfahren, der Commerzienrath, Ihr Commerzienrath gekauft -
merkwrdigerweise, denn der Mensch versteht von Malerei gerade so viel, wie ich
vom Geldmachen, und Paula hatte, auf meinen Antrieb, fr das Bild einen
bedeutenden Preis gefordert. Sie sehen: ich bin berflssig. Sic transit gloria.

    Der Doctor seufzte tief und schritt, die beiden Lichter in den Hnden, vor
mir her und auf seinem kahlen Schdel zitterten wehmthige Reflexe.
    Wir saen uns wieder hinter den Grogglsern gegenber. Der Doctor schien
eine tiefe Melancholie, die sich seiner bemchtigt hatte, durch eine mglichst
krftige Mischung bekmpfen zu wollen; auch ich sa in mich versunken da. Der
Umstand, da der Commerzienrath das Bild Paula's gekauft hatte, ging mir im Kopf
herum. Wie vollkommen gleichgltig der Mann gegen Alles war, was Kunst hie,
glaubte ich von frher her zu wissen, und da er sich bei dem Ankauf durch
verwandtschaftliche Rcksichten htte bestimmen lassen, sah ihm so unhnlich als
mglich. So war es denn kein sehr khner Schlu, da die Tochter vielleicht an
der Sache betheiligter sei, als der Vater, und ich gestehe, da whrend ich die
Wahrscheinlichkeiten dieser Annahme summirte, mir das Blut hei und heier in
die Wangen stieg. Freilich stand und fiel die ganze Hypothese mit einem
bestimmten Punkte, der vorlufig noch im Dunklen war. Ich athmete tief auf, that
einen groen Trunk und fragte:
    Hat denn Knig Richard noch immer einige Aehnlichkeit mit -
    Mit Ihnen, verehrtester Freund, mit Ihnen - geniren Sie sich nicht;
erwiederte der Doctor mit einer Schnelligkeit, die zu beweisen schien, da
unsere Gedanken irgendwie sich begegnet waren; - der einzige Vorwurf, den ich
Paula mache, ist gerade, da sie geglaubt zu haben scheint, sie brauche Sie nur
eben zu nehmen, wie Sie da sind, und ein Knig sei fertig. Thun Sie mir nur den
einzigen Gefallen und schieben Sie nicht auf Ihre Rechnung, was schlielich doch
nur eine Armuth an Erfindung ist.
    Ich glaube, ich habe Ihnen noch keine Veranlassung gegeben, mich fr
ausnahmsweise eitel zu halten, sagte ich.
    Nein, das soll Gott wissen; Sie verdienten wahrlich viel eher als
Sulenheiliger, denn als der lwenherzige Richard auf die Nachwelt zu kommen.
    Sie sagen das so bitter, Doctor, als ob Sie alles Ernstes mit mir
unzufrieden wren.
    Ja, das bin ich auch, mein Guter, rief der Doctor. Was ist das wieder fr
eine abenteuerliche Idee, sich mit seiner Hnde Arbeit ernhren zu wollen, wenn
man von seinem Kopfe leben kann? Wissen Sie, Herr, da mir unser
dahingeschiedener Freund noch kurz vor seinem Tode gesagt hat, Sie seien eines
der vorzglichsten mathematischen Talente, die ihm vorgekommen, und Sie knnten
jeden Tag in der Prima eines Gymnasiums dociren? Denken Sie, da Ihr Kopf in
demselben Mae feiner wird, als Ihre Hnde grber werden? Sie werden sagen, wie
der Schneider zu Herrn von Talleyrand: il faut vivre, und ein Schmiedegesell
fnde leichter zu leben, als ein Lehrer der Mathematik? Wohl! aber haben Sie
keine Freunde, die Ihnen helfen knnen? Weshalb sind Sie nicht sogleich zu mir
gekommen? Weshalb haben Sie dem Zufall berlassen, ob unsere Wege sich kreuzen
wrden?
    Ich versuchte, den Aufgeregten zu beschwichtigen, indem ich
auseinandersetzte, wie ich keineswegs aus Noth, sondern aus Ueberzeugung den
Weg, den ich jetzt gehe, eingeschlagen habe; er wollte das Alles nicht gelten
lassen.
    Wozu geben Sie sich mir gegenber die Mhe, rief er, aus der Noth eine
Tugend zu machen? Die Noth ist Ihr Rathgeber gewesen, die Noth und hchstens
noch Ihr verfluchter Stolz. Sie wurden ganz anders aufgetreten sein, wenn Sie
ein Vermgen hinter sich gehabt htten.
    Aber ich habe doch keines, Doctor.
    Widersprechen Sie mir nicht, Sie hirnloses Mammuth! ein Freund, der ein
Vermgen hat, das er Ihnen zur Disposition stellt, ist auch ein Vermgen. Ich
bin Ihr Freund, ich habe ein Vermgen und stelle es Ihnen zur Disposition. Wer
wei, ob ich damit nicht ein gottgesegneteres Werk thue, als wenn ich es im
Sinne meines alten Vaters zur Untersttzung von Waisenhusern und dergleichen
kinderreichen Zwecken benutzte. Sie sind ja auch eine Waise; ich handle also,
indem ich Sie untersttze, wenn auch nicht in dem Sinne, so doch nach den Worten
des frommen Mannes, und wrde mich fr mein Theil vollkommen dabei beruhigen.
    Aber ich mich nicht, erwiederte ich lachend.
    Lachen Sie nicht, Sie Ungethm! rief der Doctor; Sie scheinen nicht
begreifen zu knnen, wie ernst es mir mit meinem Vorschlage ist. Nehmen Sie mein
Geld - es sind fnfzigtausend Thaler oder dergleichen - associiren Sie sich mit
dem Commerzienrath, oder lieber, grnden Sie selbst eine Concurrenzfabrik und
heben Sie den Mann aus dem Sattel; werden Sie in wenigen Jahren Deutschlands
erster Fabrikant und Maschinenbauer, und -
    Dem Doctor war, whrend er dies mit fieberhafter Lebendigkeit sprach, das
Blut in bengstigender Weise in den Kopf gestiegen; auch brach er pltzlich ab,
und ich habe erst viel spter erfahren, was er mir in diesem Augenblicke mit
solcher Anstrengung verschwiegen hatte. Mag sein, da mein Kopf in Folge des
langen Sitzens hinter dem Grogglase auch nicht mehr der klarste war; ich kann
mir wenigstens nur so die Hartnckigkeit erklren, mit welcher ich auch jetzt
noch dem Doctor widersprach und behauptete, da meine Liebe zur
Selbststndigkeit mir nie erlauben wrde, das Vermgen und die Hlfe eines
Anderen zu Fundamentsteinen meiner Existenz und meines Glckes zu machen.
    Wissen Sie, was Sie damit proklamiren? rief der Doctor in seinen
allerhchsten Tnen, indem er dabei voller Zorn auf den Tisch schlug, - da Sie
ein Lump bleiben wollen, ein ganz erbrmlicher Lump, denn das ist noch ein Jeder
geblieben, der die Dummheit gehabt hat, sich mit der eigenen Faust an dem
eigenen Zopf aus dem Sumpfe zu ziehen. Nein, nein, mein Guter! die Kunst ist,
Andere fr sich arbeiten zu lassen. Wer das nicht versteht, ist ein Lump und
bleibt ein Lump.
    Was wrde unser groer Freund sagen, wenn er Sie so reden hrte! sagte ich
kopfschttelnd.
    Hat er nicht im Leben und im Sterben die Wahrheit meines Satzes bewiesen?
krht der kampflustige Doctor. Heit das als ein vernnftiger Mann gelebt
haben, wenn man, sterbend, das Liebste, was man auf der Welt hatte, in
Drftigkeit und Armuth hinterlt? Und welches sind denn die groen Erfolge
einer so langen, opferfreudigen, heroischen Arbeit fr das Gemeinwohl? Er hat
geglaubt, dieser Hohepriester der Humanitt, sein Beispiel wrde gengen, eine
totale Reform des Gefngniwesens herbeizufhren. Und da hat nur ein alter
Pedant von Knig die schlfrigen Augen zuzumachen brauchen, und seinem Gebude
war das Fundament entzogen, und als er selbst die Dummheit beging, zu sterben,
strzte es zusammen wie ein Kartenhaus. Ist das nicht Narretei, so wei ich
nicht, wie laut die Schellen klingen mssen!
    Ich kenne Jemand, dessen Kappe mindestens ebenso bunt ist, sagte ich, dem
Doctor voll in die Augen sehend. Oder wie wollen Sie einen Mann nennen, der,
als der einzige Sohn eines alten reichen Vaters, welcher den Sohn liebt und ihn
gewhren lt, obgleich er ihn nicht zu begreifen vermag, mit der bestimmten
Aussicht auf ein bedeutendes Vermgen Jahre und Jahre lang das mhselige Amt
eines Gefngniarztes fr den geringsten Lohn bekleidet; der, nachdem er in den
Besitz dieses Vermgens gekommen ist, als Arzt der Armen und Aermsten, seine
Haut zu Markte trgt, der schlielich, weil sie ihn allzu sehr drckt, die Last
seines Vermgens dem Ersten Besten in den Schoo wirft, um - nun ja, um als der
unverbesserliche Lump zu sterben, als welcher er gelebt hat.
    Habe ich je prtendirt, etwas anderes zu sein, sagte mein Gegner, nicht
ohne einige Verlegenheit in Blick und Miene. Ja, wenn es so einfach wre, ein
Kind der Klugheit zu werden! Dazu gehren Generationen, denn die Klugheit will
in den Familien gezchtet sein, wie die langen Beine bei den Rennpferden. Nehmen
Sie den Commerzienrath, der ist ein klassisches Beispiel, wie stetig die
Klugheit wchst und gedeiht, wenn sie erst einmal richtig auf den Stamm einer
Familie oculirt ist. Der Grovater des Mannes ist ein Nadler gewesen, der in S.
seinen kleinen Laden am Hafenthor gehabt hat; mein Grovater hat ihn noch wohl
gekannt. Es ist ein disreputirlicher alter Kerl gewesen, der vorne im Laden
Ngel und Nadeln verkauft und in der Hinterstube auf Pfnder geliehen hat. Dann
kam sein Sohn, der war schon um einen Kopf grer oder um ein paar. Der konnte
schon lesen und schreiben und noch ein gut Theil besser rechnen als der Alte. Er
ist in Ihre Vaterstadt bergesiedelt und hat Schiffsparten gekauft und zuletzt
ganze Schiffe und hat seinem Sohn, welcher der Oberste ist unter ihnen, die Wege
geebnet. Des Sohnes Glanzzeit fllt unter Napoleon. Napoleon und die
Continentalsperre und der Schmuggel haben ihn zum reichen Manne gemacht. Ja, der
Schmuggel, derselbe Schmuggel, der Ihrem Freunde das Leben gekostet hat. Als der
Herr Commerzienrath schmuggelte, da war der Schmuggel, so zu sagen, eine
patriotische That, und die armen Teufel, die ihr Leben dabei auf's Spiel setzten
und verloren, Mrtyrer der guten Sache. Gott mag wissen, wie viel Menschen er
auf der Seele hat! und wenn spter die Leute, die sich einmal an das Gewerbe
gewhnt, nicht mehr davon lassen wollten und auch nicht konnten, weil sie sonst
htten verhungern mssen - er hatte sich salvirt, er hatte sein Schflein im
Trocknen und konnte sich in's Fustchen lachen. Dann kam die Zeit der
Armeelieferungen, und das war wiederum keine schlechte Zeit, und so hat dieser
Egel sich fort und fort an dem Blut seiner Mitmenschen dick und voll gesogen. Es
ist ihm Alles geglckt, was er nur unternommen: der Nadlerenkel und Maklersohn
ist Millionr geworden, hat eine Geborene zur Frau gehabt, hat Titel, Orden,
Alles, was das Herz begehrt. Sehen Sie, das ist ein Kind der Klugheit, das ich
Ihnen zur Nacheiferung empfehle.
    Damit ich Ihre und aller Guten Freundschaft verliere.
    Was ntzt Ihnen meine Freundschaft? meine Freundschaft ist hchstens
fnfzigtausend Thaler werth! Sie haben ganz recht, wenn Sie um solche Bagatelle
sich nicht derangiren wollen. Heirathen Sie Hermine Streber - da wissen Sie
doch, weshalb Sie ein Lump werden.
    Es scheint, da man dieser Kategorie verfllt, sobald man gar kein Geld
oder sehr viel Geld hat, rief ich, meine Verlegenheit ber die brske Zumuthung
hinter einem lauten Lachen verbergend.
    Allerdings, eiferte der Doctor, die Extreme berhren sich und deshalb
meine ich auch, da Ihr Schicksal unvermeidlich ist. Es handelt sich nur noch
darum, wie Sie dem Alten beikommen; mit der Tochter sind Sie ja wohl halb oder
mehr als halb im Reinen. Ihr Rencontre auf dem Dampfschiff war ja allerliebst,
und nun dieser Richard Lwenherz in effigie, so lange man ihn noch nicht in
natura hat -
    Doctor, sagte ich aufstehend, ich glaube, es ist Zeit, da wir uns gute
Nacht sagen.
    Wie Sie wollen, sagte der Doctor; Sie wissen so auerordentlich genau,
was Ihnen gut ist, da Sie auch dies wissen mssen.
    Der Doctor war ebenfalls aufgestanden und fuhr jetzt im Zimmer auf und ab,
und schnitt dabei ganz entsetzliche Gesichter.
    Doctor, sagte ich, ihm in den Weg tretend.
    Gehen Sie! kreischte er, einen Bogen um mich herum machend.
    Ich gehe, sagte ich, und ich ging wirklich.
    Aber an der Thr blieb ich stehen und blickte noch einmal nach dem seltsamen
Manne, der sich jetzt wieder in seinen Stuhl geworfen hatte, und mich durch
seine runden Brillenglser zornig anstarrte: Doctor, Sie haben mir einmal
gesagt, da Sie nur vier Glser gut vertragen knnen, und Sie haben heute sechs
getrunken. So will ich denn die unfreundliche Weise, in welcher Sie mich jetzt,
ich wei nicht warum, verabschieden, auf das fnfte und sechste Glas rechnen,
und nun leben Sie wohl!
    Ich verlie das Zimmer, ohne da er einen Versuch gemacht htte, mich
zurckzuhalten, ja ich hrte, als ich die Thr hinter mir schlo, sein lautes,
krhendes Gelchter.
    Das kommt davon, wenn man sein Ma nicht einhlt, sagte ich entschuldigend.
    Aber als ich unten auf der Strae stand und mir die frostkalte Nachtluft um
das erhitzte Gesicht wehte, kam es mir vor, als ob ich selbst mein gehriges Ma
nicht genau eingehalten htte. Mein Schritt, die mangelhaft erleuchteten,
menschenleeren Gassen entlang, durch die ein heftiger Dezemberwind fegte, war
weniger fest als sonst wohl, und dabei gingen mir allerlei wunderliche Gedanken
durch den Kopf, und hatte ich allerlei kuriose Einflle, die denn doch ihre
Entstehung wohl nur auf den Grund so vieler geleerter Glser zurckfhren
konnten. So mute ich einmal ganz laut lachen, denn ich glaubte die Stimme des
dicken, kleinen Commerzienraths zu hren, die ganz deutlich sagte: Lieber Sohn,
wir mssen uns zusammennehmen, sonst finden wir uns am Ende gar nicht nach Hause
und unsere Hermine ngstigt sich.

                               Sechstes Capitel.


Da der nchste Tag ein Sonntag war, hatte ich Mue, ber das sonderbare Benehmen
des Doctors am gestrigen Abend meine Betrachtungen anzustellen; aber sei es, da
die Sache selbst zu verwickelt war, sei es, da meine Erinnerungen durch die
Nachwirkung des starken Getrnkes gelitten hatten, ich konnte zu keinem
bestimmten Resultat kommen. Da der sonderbare Mann mich in seiner Weise sehr
liebte, dafr hatte ich unzhlige Beweise; und auch gestern Abend war sein Zorn
mehr der eines lteren Bruders gewesen, welcher zu sehen glaubt, da sein
jngerer geliebter Bruder nicht auf dem richtigen Wege ist. Aber was in aller
Welt hatte ich denn verbrochen? Da der Doctor aus meiner Absicht, mir den Weg
durch das Leben selbst zu bahnen, einen ernstlichen Vorwurf machen sollte, war
im Grunde unmglich. Hatte er sich doch selbst sehr frh auf die eigenen Fe
gestellt und an dem einmal entworfenen Lebensplan mit zher Hartnckigkeit
festgehalten. Da ich mich aber zum Arbeiter gemacht, konnte in den Augen eines
Mannes, dessen Herz so warm fr die Armen schlug, der sein ganzes Leben den
Armen und Elenden geweiht hatte, gewi kein Verbrechen sein. Der Grund seines
Zornes mute also irgendwo anders liegen, und nach langem Grbeln brachte ich
heraus, da jenes Bild Paula's, auf welchem ich als Richard Lwenherz figurirte,
der erste Anla des Streites gewesen war. Hatte er es bel genommen, da Paula
an ihrem Modell festgehalten? gnnte er mir nicht die Ehre, von Paula gemalt zu
sein? rgerte er sich, da jenes Bild nicht in seinen Besitz, sondern in die
Hnde eines ihm so verhaten und verchtlichen Mannes, wie des Commerzienraths,
gekommen war? Das Alles waren wohl aufzuwerfende Fragen; zuletzt entschied ich
mich doch fr die dritte Annahme, und zugleich dafr, da ich, bevor ich heute
Paula aufsuchte, das Streitobject sehen msse.
    So machte ich mich denn gegen Mittag auf, in das Academie-Gebude zu gehen,
in dessen Slen schon seit Wochen die groe Gemlde-Ausstellung aufgestellt war.
Es war meine erste Bekanntschaft mit einem derartigen Schauspiel. Was ich bis
jetzt an Bildern gesehen, beschrnkte sich auf die wenigen alten, eingedunkelten
Heiligenbilder in den Kirchen meiner Vaterstadt, die Kupferstiche und
Familienportraits in dem Hause des Directors, und endlich die Bilder, welche ich
unter Paula's Hnden hatte entstehen sehen. Dennoch, da ich das Wenige wieder
und wieder mit innigstem Ergtzen betrachtet und wieder betrachtet und
gewissermaen studirt, und vor allem, da ich jahrelang der Zeuge des Schaffens
einer wahren Knstlernatur gewesen war, hatte ich vielleicht, wenn nicht mehr,
so doch gewi nicht weniger Empfindung fr das Schne, als die Hunderte, die
durch die Sle der Kunstausstellung wogten. Ich kann das Gefhl nicht
beschreiben, mit welchem ich, bald der Menge folgend, bald von ihr geschoben,
bald fr mich allein durch die hohen Hallen schweifte. Ich hatte so etwas nicht
nur nie gesehen, ich hatte es auch fr unmglich gehalten. Gab es denn so viel
Menschen, die mit Pinsel und Farbe umzugehen wuten, da die Wnde in diesem
Labyrinth von Slen von oben bis unten mit den Schpfungen ihres Fleies bedeckt
sein konnten? und war die Welt so reich? Blaute wirklich ber sonnigen
Meeresbuchten des Sdens ein so glnzender Himmel? Wuchsen schneebedeckte Alpen
so majesttisch in den lichtdurchstrmten Aether? Dmmerte es so schaurig in den
tannenberragten Schluchten heimischer Berge? Flatterten so unendliche
Vgelschaaren ber den breiten Wassern afrikanischer Strme? Hoben sich die
Palste italienischer Stdte so glanzvoll aus engen Kanlen, ber welche die
schwarzen Gondeln huschen? Gab es Sle in frstlichen Gemchern, deren
Marmorbden die Prunk-Mbel und die Gestalten der darber hin Wandelnden so klar
wiederspiegelten? Ja, es gab das Alles, was ich hier erschaute, und noch viel
mehr, was meine angeregte Phantasie hinzutrumte. Denn je lnger ich wandelte
und schaute und stand und bewunderte, desto strker kam die Empfindung ber
mich, als htte ich dies Alles irgend wann schon einmal gesehen, ja, so genau
gesehen, da ich den Knstlern sagen konnte, was sie recht gemacht, und wo sie
hinter der schnen Wirklichkeit weit zurckgeblieben seien. Manchmal gerieth ich
ordentlich in Zorn ber den dummen Maler, der so schlecht gesehen, und das
schlecht Gesehene noch dazu so drftig wiedergegeben hatte. Ich war mit einem
Worte in krzester Frist ein vollkommener Kenner der edlen Malerkunst geworden,
nur da ich vielleicht nicht immer zu sagen wute, wie der Mann es htte
anfangen mssen, damit sein Werk besser geworden wre; aber vielleicht
qualificirte ich mich dadurch ganz besonders zum Kritiker.
    So mochte ich wohl eine Stunde durch die Sle gewandert sein, als ich, in
einen der letzteren, welcher sich durch ein schnes, starkes Oberlicht
auszeichnete, tretend, heftig erschrak. Ueber die Kpfe der den Saal erfllenden
Menschenmenge weg, glaubte ich mich selbst zu erblicken. Und ich war es auch
selbst, zum wenigsten mein Conterfei auf Paula's Gemlde, dem Gemlde, um dessen
willen ich gekommen war, und nach welchem ich bis jetzt vergeblich ausgeschaut
hatte. Eine ungewhnlich dichte Gruppe hatte sich vor demselben versammelt und
schaute eifrig mit, wie es schien, bewundernden Mienen zu dem Werke der Freundin
empor, und: ach! wie reizend, wie entzckend! wie tief empfunden! tnte es aus
manchem schnen Munde. Es war doch eine sonderbare Sache, mich da vor allen
Leuten in einem leichten linnenen Gewande auf einem Bette, mit einer seidenen
Decke kaum verhllt, liegen zu sehen! Das Blut stieg mir in's Gesicht; ich
meinte, die Leute mten sich jeden Augenblick von dem Bilde zu mir wenden, das
Original mit dem Conterfei zu vergleichen. Aber es mag schwer sein, zu einem
sageverherrlichten, kranken Knig Richard mit dem Lwenherzen auf einem
Ausstellungsbilde das Original zu entdecken in einem groen, gesunden, jungen
Menschen in sehr schlicht brgerlicher Tracht, der ein paar Schritte davon sich
in eine Ecke drckt. Zum wenigsten machte keiner die Entdeckung, und ich konnte
mich ruhig der Betrachtung des Gemldes hingeben.
    Jetzt erst bemerkte ich, da dasselbe von einer greren Dimension war, als
die Untermalung, welche ich kannte. Es war in der That ein neues Bild, das
whrend der Zeit, die wir uns nicht gesehen, entstanden sein mute. Um so
bewundernswrdiger - es schien mir wenigstens - war die frappante Aehnlichkeit
des kranken Knigs mit dem Manne in der Ecke. Das waren des Letzteren rthliche
krause Locken; das war seine mehr breite als hohe Stirn; das waren seine etwas
groen brauen Augen, denen es schwer wurde, zornig zu blicken. Ja selbst das
fieberhafte Roth, das auf den eingefallenen Wangen des kniglichen Richard lag,
htte man in diesem Momente auf denen des Mannes im Fenster wiederfinden knnen.
Im Uebrigen war das Bild dasselbe geblieben, nur der junge Ritter, welcher
Arthurs Zge trug, mochte mehr in den Hintergrund gerckt sein, so das der
breitschultrige Yeoman mit des Wachtmeisters Smilch Zgen besser zur Geltung
kam. Eine ganz kstliche Figur war der arabische Arzt, alias Doctor Willibrod
Snellius, der wunderlichste Heilige in der Tracht eines Derwisches, den man sich
denken konnte, und dem man trotz seiner Hlichkeit gut sein mute, so da man
das gromthige Vertrauen des Knigs sofort begreiflich fand.
    Das war also das Bild, das Paula gemalt und das Hermine gekauft hatte! War
hier nicht zwiefacher Grund zu ein klein wenig Stolz und Hoffart? Mute das
Original nicht sehr fest in der Seele der Knstlerin stehen, wenn sie die Copie
aus der Erinnerung so hnlich machen konnte? Mute das Original der Kuferin
nicht einigermaen interessant sein, wenn sie die Copie so theuer bezahlen
konnte? Das waren thrichte Gedanken, und ich kann versichern, da sie ebenso
schnell verschwanden, als sie gekommen waren; ja, da ich mich ihrer herzlich
schmte. Ich richtete mich aus einer so albernen Trumerei rgerlich auf und
wandte meine Blicke wieder nach dem Bilde, vor welchem sich das eifrig schauende
Publikum noch vermehrt hatte. Unter den neu Hinzugetretenen bemerkte ich eine
Dame in einer reichen und doch anmuthigen Toilette, die an dem Arm eines
eleganten, etwas stutzerhaft gekleideten Herrn hing. Die Dame war mir durch
ihren schlanken Wuchs und durch die Lebhaftigkeit aufgefallen, mit welcher sie
mit ihrer kleinen Hand, die mit dem zierlichsten Glachandschuh bekleidet war,
nach dem Bilde gestikulierte und zu ihrem Begleiter sprach, dessen Interesse von
den Menschen vor dem Bilde augenscheinlich mehr in Anspruch genommen wurde, als
von dem Bilde selbst. Da sie mir den Rcken zugekehrt hatte, konnte ich nur von
Zeit zu Zeit ganz wenig von ihrem Gesichte sehen, wenn sie es ber die Schulter
zu ihrem Begleiter wandte. Aber dies Wenige hatte mich auf das Lebhafteste
frappirt, ohne da ich htte sagen knnen, weshalb: eine dunkle Augenbraue, ein
flchtiger Glanz aus dem Winkel eines Auges, die Conturen einer brunlichen
Wange und eines runden Kinnes. Dennoch konnte ich den Blick nicht von der Dame
wenden. Auch versuchte ich ein paar mal, ihr in das Gesicht zu sehen, aber immer
bog sie sich auf die andere Seite. Dann schien der Herr seine Begleiterin
aufzufordern, weiter zu gehen; sie waren im Begriff, den Saal zu verlassen; aber
in dem Augenblick, als sie ber die Schwelle schritten, wandte die Dame noch
einmal den Kopf hinber nach dem Bilde und es fehlte nicht viel, da ich vor
Schreck und Verwunderung laut aufgeschrieen htte. War das nicht Konstanze
gewesen?
    Haben Sie die Bellini gesehen? fragte ein junger Offizier in meiner Nhe
einen Bekannten, der eben grend an ihn herantrat.
    Die in dem grauen Seidenkleide mit dem Sammetpelz und dem koketten Hut? das
war die Bellini?
    Ja wohl! Ist es nicht ein reizendes Weib?
    Sperb! Und der Herr, der sie am Arm hatte? war das nicht der Baron
Sandstrm von der schwedischen Gesandtschaft?
    Der wrde sich hier mit der Bellini zeigen! Ich bitte Sie, Baron! Es war
der Tenorist Lenz vom Albert-Theater!
    Derselbe, der sie fr die Bhne gewonnen hat?
    Derselbe. Sie soll ja ein fabelhaftes Talent haben. Nun, wir werden ja
sehen, was daran ist.
    Sehen, Baron? Sie werden doch nicht in das Albert-Theater gehen wollen?
    Wenn es sich um eine Bellini handelt, warum nicht?
    Sie sind ein Schwerenther, Baron!
    Kann das Compliment zurckgeben, wenn es eins sein soll!
    Und die beiden jungen Herren entfernten sich lachend.
    Ich athmete auf. Gott sei Dank, murmelte ich. Gott sei Dank, da dies eine
Schauspielerin und nicht Konstanze von Zehren ist! Ich mchte sie nicht am Arm
jenes Gecken wiedergefunden haben, und da ein paar solcher Brschchen so ber
sie sprchen!
    Ich hatte im ersten Augenblick nicht daran gedacht, da ich der schnen Dame
nur nachzugehen brauchte, um sie noch einmal zu sehen; und als ich jetzt eilends
die vorderen Sle durchschritt, war sie verschwunden. Ich athmete, nachdem ich
mich von der Vergeblichkeit meines Suchens berzeugt hatte, hoch auf und sagte:
Gott sei Dank! es ist auch besser, wenn Du dies Frulein Bellini nicht
wiedersiehst. Und whrend ich dies sagte, fhlte ich mein Herz heftig schlagen
und meine Augen schweiften noch immer suchend ber die Menge. Es waren gar
eigenthmliche Erinnerungen, welche das fremde bekannte Gesicht dieser Dame in
mir erweckt hatte, Erinnerungen aus der Zeit, in welcher die Eindrcke, die man
empfngt, fr immer haften.
    Diese Erinnerungen verlieen mich erst, als ich nach Paula's Wohnung
schritt, die ich mir gestern hatte vom Doctor bezeichnen lassen, die langen
Gassen der Stadt entlang, von denen ich viele heute zum ersten Mal betrat. Die
Geschfte und Lden waren des Sonntags wegen geschlossen; nichts desto weniger
war viel Leben auf der Strae. Es war ein klarer, kalter Mittag im Anfang des
December. Am Morgen war ein wenig Schnee gefallen, gerade genug, um die Dcher
mit Silberglanz zu berstreuen, und die Vorsprnge und Ornamente der
Huserfaaden zierlich aufzuputzten. Die zahlreichen Fugnger eilten raschen
Schrittes ber die Trottoirs, die stattlichen Rosse vor den schnen Carossen
hieben mit ihren Hufen mchtig auf das hier und da noch bereifte Pflaster und
selbst die abgetriebenen Gule vor den gichtbrchigen Droschken trotteten heute
schneller als sonst. Der Anblick dieses munteren Lebens verjagte die bsen
Trume, die sich meiner Seele bemchtigen wollten; ich fhlte mich so jung und
krftig, und inmitten eines groen mchtigen Stromes, der mich trieb, ohne mich
zu berwltigen. Es war mir Alles neu und schn und reich; wer konnte wissen, zu
welchen herrlichen Ufern mich der Strom noch treiben wrde? Und einen schnen
Port sah ich ja schon herberwinken und eine liebe Gestalt; und ich
beschleunigte meine Schritte, bis ich fast athemlos vor einem hbschen groen
Hause in einer der elegantesten Vorstdte anlangte, und von dem Portier, als ich
nach Frau von Zehren fragte, zwei Treppen hoch gewiesen wurde. Aber die
Herrschaften werden nicht zu Haus sein, sagte der Mann. - Niemand? - Ich
kann es wirklich nicht sagen; vielleicht einer der jungen Herren. - So will
ich nachsehen. - Haben Sie eine Bestellung, die ich annehmen kann? - Nein,
ich mu selbst hinauf.
    Der Mann klappte, nicht ohne einen gewissen mitrauischen Blick nach dem
groen Mann, der gar nicht wie ein feiner Herr aussah, das Fenster zu, und ich
eilte die beiden, mit Lufern belegten Treppen hinauf, und zog, indem ich dabei
tief Athem holte, die Schelle, ber der auf einem Messingschilde die Namen:
Frau von Zehren und darunter: Paula von Zehren standen: Wer von den Jungen
wird da sein? fragte ich mich; und ich lie die trauten Gesichter von Benno,
Kurt und Oskar, eines nach dem andern und zuletzt alle drei zusammen in der
geffneten Thr erscheinen, aber da nahte ein Schritt, der keinem der Knaben
gehren konnte. Die Thr wurde geffnet, und das alte, furchendurchzogene braune
Gesicht des Wachtmeisters starrte mich aus den hellen blauen Augen fragend an.
    Guten Tag, Herr Smilch.
    Der Wachtmeister lie vor Ueberraschung fast das Dutzend Pinsel, das er in
der Hand hatte, fallen. Herr du meines Lebens! da ist man ja endlich! Nein, wie
wir uns aber freuen werden, die gndige Frau und die jungen Herren, und nun gar
das Frulein! Man komme herein! Und er zog mich in die Wohnung, deren Thr er
hinter uns verschlo, und fhrte mich dann in ein Zimmer, in welchem mich die
Mbel als alte Bekannte freundlich grten.
    Der Alte drckte mir noch immer die Hnde und rief einmal ber das andere:
Und wie prchtig man aussieht! Und ich glaube gar, man ist noch grer
geworden! Und was hat man denn in der letzten Zeit arbeiten mssen, da die
Hnde so hart sind? Es ist uns schlecht gegangen, he? Aber wir haben uns wacker
gehalten, das ist die Hauptsache! Wie lange ist man denn nun aus dem verdammten
Loche heraus?
    So fragte der Wachtmeister und drckte mich in einen Lehnsessel, und war
sehr indignirt, als ich ihm sagte, da ich bereits ber zwei Wochen in der Stadt
sei. Es ist nicht mglich! rief er. Zwei Wochen, ohne zu uns zu kommen, die
wir seit eben so lange jeden Tag gewartet haben! es ist nicht mglich! da mchte
man doch gleich ein Br mit sieben Sinnen werden!
    Jeder erst fr sich, Alter, sagte ich. Wrde das wohl in der Ordnung
gewesen sein, wenn ich sogleich hierher gekommen wre und bei Frulein Paula
angefragt htte, was aus dem groen Georg nun eigentlich werden solle?
    Der Wachtmeister kraute sich in dem krausen grauen Haar: Freilich,
freilich, sagte er; selbst ist der Mann. Bei einer Frau, oder nun gar einem
Mdchen ist das allerdings anders, und darum mute man auch Knall und Fall mit
ihnen fort, damit sie doch Jemand unterwegs htten und hier bei der ersten
Einrichtung, und berhaupt, damit Jemand nach dem Rechten sehen knnte, denn
Damen bleiben doch immer Damen und Mann ist Mann. Und das mu Jeder sagen, der
auch nur einen Zahnstocher von einem Scheunenthor unterscheiden kann. Ist man
nicht meiner Meinung?
    Ohne Zweifel, Smilch, ohne Zweifel, und Sie sind seitdem natrlich immer
hier gewesen?
    Nun natrlich, sagte der Alte, der sich mir gegenber gesetzt hatte, aber
auf den Rand des Stuhles, wie um anzudeuten, da er die Grenzen, die er sich
selbst gezogen, inne zu halten wisse; - und dann, ganz abgesehen von allem
Andern, kann man ja ohne meinen Kopf nicht fertig werden.
    Und ohne Ihre Hnde!
    Sind nicht so wichtig, obgleich sie auch manchmal in Frage kommen,
erwiederte der Alte, indem er die Pinsel zwischen den Fingern ordnete, aber den
Kopf - und er schttelte diesen interessanten und wichtigen Theil des Krpers
hin und her.
    Ich habe ihn nur noch eben in der Ausstellung gesehen, sagte ich, da mir
glcklicher Weise ein Licht darber aufging, welche Rolle der Kopf des Alten
eigentlich in dem Haushalt der Familie spiele.
    Nicht wahr? sagte der Alte wohlgefllig; man ist nicht bel weggekommen;
aber der Klosterbruder wird noch besser.
    Der, wer?
    Der Klosterbruder! sagte der Alte; ja so, man wei ja nicht, was wir
jetzt malen, das mu man doch gleich einmal sehen.
    Der Alte sprang mit jugendlichem Eifer auf und ging mir voran in ein groes
und hohes Nebenzimmer, welches das Atelier Paula's war. Skizzen und Bilder
mancherlei Art hingen und standen an den Wnden; dazwischen Kpfe, Arme, Beine
von Gips, ein paar alte Waffen, Helm und Brustharnisch, ein Gliedermann, der mit
einem langen weien Mantel drapirt war, in der Nhe des bis zum Plafond hinauf
reichenden Fensters ein Bild auf der Staffelei, von welchem der Wachtmeister
geschftig die Decke abnahm. Ist das nicht eine Pracht, sagte er; hier mu
man sich herstellen!
    In der That! sagte ich.
    Habe ich nicht recht, da mein Kopf hier noch ganz anders herausgekommen
ist, sagte der Wachtmeister, mit stolzer Hand auf den Klosterbruder deutend,
der im Begriff stand, den Tempelherrn zu ergrnden. Die beiden Gestalten standen
klar und plastisch da, mit einem solchen Leben in den Mienen, da man ihnen die
Worte von den Lippen nehmen zu knnen glaubte: die kstlichste Einfalt in dem
guten wetterdurchfurchten Gesicht des frommen Bruders, der einst Reitknecht
gewesen und gar manchen braven Herrn gehabt und manchen sauren Dienst gethan,
von welchem ihm doch keiner so sauer geworden, als der hier, im Auftrage des
Patriarchen. Auf der andern Seite der Templer, jung und schlank, den Kopf
trotzig in den Nacken geworfen, die Lippen unwillig geschrzt und mit den blauen
Augen auf den armen Klosterbruder herabblitzend. Im Mittelgrunde ein Stck von
Nathan's Haus und die Palmen, die des Auferstandenen Grab beschatteten; weiter
hinten die Kuppeln und schlanken Minarets von Jerusalem mit dem prangenden
Halbmond, sich hell abhebend von dem sdlichen Himmel, in dessen unendliche
Ferne das Auge sich mit Entzcken verliert.
    Der junge Herr hat etwas von uns bekommen; hier so herum und hier, sagte
der Wachtmeister, mit dem Finger auf Augen und Mund des Tempelherrn deutend, und
dann wieder mich ansehend; aber ich habe uns gleich gesagt, es ist diesmal
nicht so gut, wie bei dem Richard; lange nicht so gut, und der Alte schttelte
bedenklich den Kopf.
    Aber Frulein Paula kann mich ja doch nicht immer malen, sagte ich
entschuldigend, das wrde doch am Ende zu gleichfrmig werden. Mit Ihnen ist
das etwas anders, einen solchen Kopf findet man nicht zweimal.
    Nicht wahr, sagte der Wachtmeister; es ist merkwrdig, man hat es ja
selbst nie geglaubt, ja, man hat kaum gewut, da man einen Kopf hatte, aber sie
sagen es ja Alle, die hierher kommen, und sie wollen mich ja alle in ihre
Ateliers haben, und Frulein Paula hat mich ja auch schon ein paar Mal
hergeliehen; aber man sieht auf denen andern Bildern wie ein Br mit sieben
Sinnen aus, man kennt sich selbst nicht wieder.
    Und wie geht es ihr sonst? fragte ich.
    Je nun, erwiederte der Alte, es geht ja so, wenn wir nur nicht so viel
arbeiten mten; aber von des Morgens, so bald es hell genug ist, bis man am
Abend keine Farbe von der andern unterscheiden kann, hier im Atelier, oder auf
dem Museum zum Copiren - das hlt ja kein Br aus, geschweige denn so ein zartes
Frulein, das noch dazu den Tod von dem gndigen Herrn gar nicht berwinden
kann, und Tag fr Tag heimlich ihre heien Thrnen darber weint. Es ist ein
wahrer Jammer.
    Der Alte wandte sich ab, und legte die Pinsel in den Kasten und wischte sich
dann mit dem Rcken der Hand schnell ber die Augen.
    Ich stand mit verschrnkten Armen vor dem Bilde, das mir gar nicht mehr
gefallen wollte, wenn ich daran dachte, da sie vom Morgen bis zum Abend rastlos
daran arbeitete, whrend ihr der Schmerz um den vielgeliebten Vater das Auge
verdunkelte. Es wre doch ein schnes Ding, fnfzigtausend Thaler zu haben und
sagen zu knnen: Du sollst dich wenigstens nicht so qulen; du sollst wenigstens
nicht deine schnen Augen vor der Zeit einben, wie deine arme Mutter.
    Wie geht es Frau von Zehren?
    So weit gut, erwiederte der Wachtmeister, die Staffelei zurckschiebend;
aber kaum noch ein Schimmer; und der Doctor, den wir hier gefragt haben und der
ja wohl am meisten davon verstehen soll, hat gesagt, es sei auch keine Hoffnung,
da sie jemals wieder sehen werde.
    Und Benno, und die Andern?
    Ein freundlicher Strahl zuckte ber des Alten braunes Gesicht.
    Nun ja, sagte er, an denen haben wir freilich unsere Freude. An dem Einen
immer noch mehr als an dem Andern; Benno ist ja nun gar Student seit vier
Wochen, und Kurt wird's bald werden. Ja, an denen haben wir unsere helle Freude.
Und nun gar an unserm Kleinen! der soll auch Maler werden, und mit meinem Kopf
hat man natrlich angefangen und man hat sich fr seine fnfzehn Jahre nicht
schlecht aus der Affaire gezogen. Man sehe nur selbst, ob es nicht -
    In diesem Augenblicke wurde an der Thr geschellt. Der Alte, der eben ein
groes Reibrett zur Hand genommen hatte, trat damit an's offene Fenster und
schaute auf die Strae. Ich dachte, sie wren es; sagte er; wir sind nmlich
alle spazieren gegangen, weil der Tag so schn ist, aber es ist noch zu frh,
als da sie schon wieder zurck sein knnten, es mu schon Jemand andere sein,
man mu einmal nachschauen; und der Alte stellte das Reibrett, auf welches
Oskar seinen ersten Studienkopf nach der Natur gezeichnet hatte, hin und lie
mich wieder in dem Atelier allein.
    Ich hrte auf dem Gange sprechen, ich meinte Paula's Stimme zu hren, dann
wurde die Thr geffnet, und wirklich war es Paula, die hereintrat.
    Sie bemerkte mich nicht gleich, und ich sah auf den ersten Blick, da der
Wachtmeister nichts von meiner Anwesenheit gesagt hatte. Sie blickte, indem sie
rasch vorwrts kam, eifrig nach der verhllten Staffelei. Der frische Hauch des
Wintertages lag auf ihrem Gesicht; ihr Mund war leise geffnet. Ich hatte sie
nie so schn gesehen, nie geglaubt, da sie so schn sein knne. Pltzlich
erblickte sie mich; sie blieb stehen, ihre Augen wurden starr; sie hob ihre Hand
und ihr Athem stockte sichtbar. Paula, sagte ich, rasch vortretend, ich bin's
wirklich; liebe Paula!
    Lieber Georg!
    Sie stand vor mir und ich hielt ihre beiden Hnde in den meinen, und sie
schaute errthend und lachend zu mir auf und sagte: Gott sei Dank, Georg, da
Du endlich, endlich hier bist; ich habe keine ruhige Stunde gehabt, seitdem ich
wute, da Du wieder frei und auf dem Wege hierher warst; ich konnte nicht
begreifen, wo Du bliebst; ich frchtete schon, es msse Dir ein Unglck begegnet
sein. Was hast Du denn begonnen? welche Abenteuer ausgefhrt, Du bser Mensch?
Von dem Einen wei ich schon, und aus dem allerschnsten Munde.
    Paula hatte sich auf einen niedrigen Sessel in der Nhe des Bildes gesetzt
und schaute mit lchelnden Augen zu mir auf.
    Du brauchst nicht so verlegen zu werden, sagte sie schelmisch; mit einer
Schwester macht man so viel Umstnde nicht. Ich bin im ausschlielichen Besitz
smmtlicher zarten Geheimnisse Benno's und neuerdings beehrt mich auch Kurt mit
seinem Vertrauen; er schwrmt fr die zwlfjhrige Tochter des Geheimraths, der
krzlich in die Bel-Etage gezogen ist, und behauptet, so einen Kopf habe Raphael
nie gemalt. Weshalb sollte ich nun nicht auch die Mitwisserin Deiner Abenteuer
sein, der Du doch mein ltester Bruder bist; oder bist Du es nicht?
    Mir war es so fremd, Paula, die sonst jedes Wort abwog, in dieser Weise
plaudern zu hren. Eine groe Vernderung mute mit ihr vorgegangen sein,
seitdem wir uns getrennt. Es war die Paula nicht mehr, die im Schatten der hohen
Gefngnimauern vor meinen Augen sich aus dem Kinde zur Jungfrau entwickelt
hatte, und die ich zu kennen glaubte, wie mich selbst. Was hatte ihr doch so die
Zunge gelst? Und wer hatte ihr die freie Haltung gegeben, die ich an ihr
bewunderte, als ich sie jetzt in dem niedrigen Lehnsessel hingelehnt sah,
whrend ein Strahl des Sonnenlichts ihr Haupt streifte, da es wie von einer
Aureole umgeben war?
    Nun, Du antwortest ja nicht, fuhr sie fort, und brauchst Dich doch Deiner
That wahrlich nicht zu schmen; Hermine sagt, da ohne Dich das Schiff verloren
gewesen wre, und wahrscheinlich das andere auch. Du kannst Dir denken, wie
stolz ich auf Dich war, als ich das hrte, und weit Du, was mein erster Gedanke
war? da der Vater es noch htte hren knnen.
    Paula's groe Augen fllten sich mit Thrnen; aber sie berwand die
wehmthige Regung schnell und sagte: Ja, ich war stolz auf Dich und froh in dem
Gedanken, da Du mit einer schnen That, die Deiner wrdig war, in das Leben
zurcktratst und Dich so gleich wieder heimisch fhlen lerntest. Und nun mut Du
mir erzhlen, was Du whrend dieser ganzen Zeit angefangen, und Du sollst es
ben, wenn ich mit Dir nicht zufrieden sein kann. Hier, setz' Dich in den
Stuhl. Wir haben noch eine Viertelstunde Zeit, bevor Mutter mit den Jungen
zurckkommt. Mir war unterwegs ein Gedanke zu dem Bilde da gekommen; nun ist es
besser so.
    Ich gab dem theuren Mdchen einen genauen Bericht dessen, was mir die
letzten Wochen meines Lebens gebracht. Sie hrte mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit zu, und nur einmal lchelte sie, als ich beweisen zu mssen
glaubte, da ich in die Maschinenfabrik auf jeden Fall eingetreten sein wrde,
und da die Thatsache, jetzt den Commerzienrath gewissermaen zum Brodherrn zu
haben, mir keineswegs behaglich sei.
    Aber weder der Commerzienrath, noch Hermine wissen etwas davon!
    Nein, sagte ich, und das ist ein Trost.
    Der nicht vorhalten wird, denn sie werden es nun doch bald erfahren.
    Von wem zum Beispiel?
    Zum Beispiel von mir. Hermine hat mich bei Sonne, Mond und allen Sternen
beschworen, ihr von dem Wildfang Nachricht zu geben, so bald er sich, wie es
sich gebhrt, eingefunden haben wrde; und dabei haben ihr die Thrnen in den
schnen Augen gestanden; und Frulein Duff hat ihr die Hand auf die Schulter
gelegt und gesagt: Suche treu, so findest Du! Ich kann Dich versichern, Georg,
es war eine rhrende Scene.
    Paula lchelte, aber so freundlich, da ihr Spott, wenn sie meiner spottete,
nicht weh that. Im Gegentheil, ich war ihr sehr, sehr dankbar. Hatte ich doch
schon hin und her berlegt, wie ich ihr die sonderbare Begegnung mit Hermine
wrde erzhlen knnen, ohne dabei verlegen zu werden; und jetzt wurde unter
ihren lieben Hnden Alles glatt und schn, was sich unter meinen plumpen Fingern
hoffnungslos verwirrt hatte. Ich war ihr sehr, sehr dankbar.
    Und nun erzhlte Paula von Herminen, und wie liebenswrdig und wie gut das
schne Kind sich gegen sie benommen und wie sie die drei Tage, die sie in Berlin
gewesen, fast ausschlielich bei ihr zugebracht, und sich sofort in das Bild auf
der Ausstellung verliebt habe - hier lchelte Paula wieder ein ganz klein wenig
- und sich gar nicht habe beruhigen wollen, da das Bild, nachdem sie es gekauft
und den allerhchsten Preis bezahlt, noch einen ganzen Monat auf der Ausstellung
bleiben msse. Und weiter erzhlte Paula, wie ihr das Aufsehen, welches der
Richard Lwenherz gemacht, bereits neue Bestellungen eingebracht habe, und da
Klosterbruder und Tempelherr an einen jdischen Bankier fr eine namhafte
Summe verkauft sei; und wie ihr Atelier seitdem von vornehmen Leuten besucht
werde, mehr, als ihr lieb sei, und wie sie ihre Skizzenmappe habe wegschlieen
mssen, weil man ihr die Bltter unter den Hnden weggerissen.
    Du kannst Dir denken, sagte das liebe Mdchen, wie unendlich glcklich
mich das Alles macht. Nicht, als ob ich deswegen stolz sein zu drfen meinte! -
ich glaube recht gut zu wissen, wo es mir fehlt, und wie viel mir fehlt, ja, da
es mir eigentlich an Allem gebricht, und da, was die Leute zu meinen Bildern
zieht, nichts ist, als eine gewisse Unmittelbarkeit, eine kecke Naivett, mchte
ich sagen, die aus diesen schlerhaften Versuchen spricht, und die, glaube ich,
Andere, welche durch so viele Academien gelaufen sind, nicht mehr haben knnen.
- Aber, wie dem auch sei, es ist mir ein ser Trost, nun um die Zukunft der
Mutter und der Brder ruhig sein zu drfen, und da die Jungen ihren Weg gehen
drfen, ohne ngstlich jeden Schritt zu berlegen; alle Jungen, vom jngsten bis
zum ltesten; nicht wahr, Georg? vom jngsten bis zum ltesten?
    Sie blickte mir gro in die Augen, und ich wute recht gut, was sie meinte.
    Ich berlege nicht ngstlich jeden Schritt, Paula, sagte ich. Ich wei,
da ich auf dem rechten Wege bin; weshalb sollte ich da ngstlich sein?
    Ich habe unendliches Vertrauen zu Dir, entgegnete Paula, zu Deiner
Einsicht und zu Deiner Kraft. Ich wei, da Du Deinen Weg finden wirst; aber man
kann einen Weg mit grerer oder kleinerer Mhe, in lngerer oder krzerer Zeit
zurcklegen, und Deine Schwester wnscht, da ihr Bruder, den man so grausam um
so viele Jahre seines Lebens betrogen, keine Minute verliere und sich an keinen
Stein stoe, den ihm seine Schwester aus dem Wege rumen kann.
    Ich danke Dir, Paula, sagte ich; von ganzem Herzen danke ich Dir, aber Du
wirst mir nicht zrnen, wenn ich wnsche, da nie die Stunde kommen mge, wo Du
fr mich arbeiten mtest; denn da ich je fr Dich und die Deinen wrde sorgen
drfen, auf diese meine theuerste Hoffnung und diesen meinen liebsten Wunsch mu
ich ja jetzt verzichten.
    Wie Du nur so sprechen magst, sagte Paula, ihr schnes Haupt leise
schttelnd; freilich, ich habe es durch meinen Uebermuth verdient. Du mut mich
fr ein albernes Mdchen halten, das sich durch den ersten Schimmer von Erfolg
verblenden lt. Aber glaube mir, ich meine es nicht ernstlich so. Ich frchte
oft, da man mich eben so schnell fallen lassen wird, wie man mich jetzt gehoben
hat, weit ber mein Verdienst. Und berdies, ich kann ja krank werden oder mit
meiner Erfindung zu Ende kommen, ich werde ja doch nicht immer Dich und den
alten Smilch malen knnen, und ein Mdchen hat so wenig Gelegenheit,
grndliche Studien zu machen und den engen Kreis ihrer Erfahrung zu erweitern.
Und was sollte dann aus den Knaben, aus mir, aus uns Allen werden, wenn wir
nicht unsern Aeltesten htten!
    Jetzt spottest Du meiner, Paula!
    Nein, wahrlich nicht, sagte Paula eifrig: ich habe nur schon zu oft
gefhlt, wie meine Kraft den Brdern gegenber nicht mehr ausreicht und da
junge Mnner von einem Manne geleitet sein wollen und nicht von einer Frau, die
nicht wei, wo die Grenze liegt, bis zu welcher ein Jngling gehen mag, ja gehen
mu, wenn aus ihm etwas Rechtes werden soll. Dem Doctor, so brav er sonst ist,
kann ich nach dieser Seite auch nicht trauen, denn er ist ein Sonderling und
nach einem Sonderling kann man sich nicht bilden. Da habe ich mich denn die
ganze Zeit sehr nach Dir gesehnt. Du kennst die Jungen so gut und sie lieben
Dich so sehr. Ich wte Niemand, dem ich sie so gern anvertraute.
    Aber Paula, ein Arbeiter in einer Maschinenwerkstatt, ein ganz gewhnlicher
Schmiede-Gesell, das ist kein Vorbild fr Studenten und junge Knstler.
    Du wirst - ja Du wirst immer ein Arbeiter, aber nicht immer ein Schmied
bleiben und ein Gesell; Du wirst ein Meister werden, ein groer Meister in
Deiner Kunst. Und der Tag ist nicht mehr fern, ist wenigstens gewi viel nher,
als Du denkst. Du weit nicht, was Du werth bist.
    Paula hatte das mit erhhter Stimme gesagt, und ihre Augen leuchteten. Ich
war so gewohnt, Paula auf's Wort zu glauben, und es hatte so prophetisch
geklungen - ich wagte gar nicht, die leisen Zweifel, die mir denn doch bezglich
der Erfllung dieser Prophezeiung kamen, zu uern.
    In diesem Augenblicke wurde abermals an der Flurthr geschellt. Es ist
Mutter und unsere Jungen! sagte Paula rasch und leise. Sie wissen nicht, da
Du schon vierzehn Tage frei bist; die Jungen wrden es nicht begreifen, da Du
so viel Zeit hast verstreichen lassen, ohne zu uns zu kommen, wenn Du schon
einmal in der Stadt warst. Du mut aus den vierzehn Tagen vierzehn Stunden
machen; ich erlaube Dir diese Lge.
    Da kamen sie zur Thr hereingestrmt: Oskar und Kurt, meine Lieblinge; und
Benno, der immer mein dritter Liebling gewesen war, fhrte die Mutter am Arm
herein; und das war eine Freude und ein Hndedrcken und Kssen und ein Gejubel,
und auch einige Thrnen mgen, wenn ich mich recht erinnere, dabei geflossen
sein. Ich mute natrlich den ganzen Tag ber da bleiben. Und am Abend lieen
die Drei es sich nicht nehmen, mich nach Hause zu bringen, um der Schwester
Bericht abzustatten, wo und wie ich denn eigentlich wohne; und ich brachte sie
dann wieder eine Strecke, bis sie aus dem Arbeiterviertel heraus und in dem
bekannteren Stadttheile waren, und als ich wieder nach Hause kam, war es schon
sehr spt und ich schlief alsbald ein und trumte ein Langes von dem Bilde, das
Paula gemalt und Hermine gekauft, und die schne Bellini, die Konstanze von
Zehren hnlich sah, so sehr bewundert hatte.

                               Siebentes Capitel.


Freilich, wenn ich in dieser Zeit trumen wollte, mute ich es zur Nacht thun,
am Tage hatte ich keine Zeit zu solchen Extravaganzen. Am Tage nahm mich die
Arbeit in Anspruch, die nchterne, eiferschtige Arbeit, die mich in Athem hielt
vom frhen Morgen bis zum spten Abend, die mir jetzt den Hammer in die Hand
drckte und mir ein Stck Eisen zu bearbeiten gab, und jetzt die Feder, mit der
ich Blatt um Blatt mit langen Zahlenreihen und vielverschlungenen Formeln
bedeckte. Es war Alles in Allem eine schne Zeit, und jetzt noch gedenke ich
derselben mit wehmthiger Freude. Liegt doch in unserer Erinnerung auf
denjenigen Perioden unseres Lebens, in welchen wir mit ganz besonderem Eifer
vorwrts strebten, das hellste Licht, und ich war jetzt alle Wege ein Streber,
und da war kein Tag, der mich nicht eine oder die andere Sprosse hher gebracht
htte auf der steilen Leiter. Bald war es ein technischer Handgriff, den ich
meinen Mitgesellen abgesehen hatte, bald eine neue einfachere Formel, die ich
selbst herausgerechnet; und immer das kstliche Gefhl des Steigens, des
Vorwrtskommens und der erhhten Kraft; das wohlthuende Bewutsein, die Last auf
den Schultern knne noch viel schwerer werden und man brauche doch nicht zu
frchten, da man unter ihr zusammenbreche. Ja, es war eine schne, eine
kstliche Zeit, und wenn ich daran denke, ist mir immer, als ob mich Veilchen
und Rosen umdufteten, und als ob damals alle Tage Frhling gewesen sein msse.
    Und doch war es nicht Frhling, sondern ein harter, rauher Winter, wo die
eisige Luft grau und schwer ber den schneebedeckten Dchern und den schmutzigen
Hfen der Fabrik lag; wo die Spatzen ngstlich nach Nahrung flatterten und die
Krhen vor Hunger schrieen; wo man immer hufiger am Tage bleiche, hohlugige,
drftig gekleidete Gestalten in den langen, sturmdurchwehten Straen umherirren,
oder des Abends beim unheimlichen Schein der Laternen auf den Trittstufen der
Huser und auf den Ecksteinen der Thorwege kauern sah.
    Ich legte jetzt den Weg durch die langen Straen hufig zurck, denn, wie
entfernt auch die Wohnung meiner Freunde von der meinigen war, so verging doch
keine Woche, in welcher ich nicht wenigstens einen Abend bei ihnen zugebracht
htte. Dann kam Benno, der jetzt Chemie und Physik studirte und in der
Mathematik einige Lcken auszufllen hatte, zweimal wchentlich am Abend zu mir,
um mit mir zu arbeiten, und ich brachte ihn dann regelmig die Hlfte des
Weges, auch manchmal den ganzen Weg zurck. Es war in Ueberlegung gezogen
worden, ob ich nicht besser thte, eine nher gelegene Wohnung zu beziehen, aber
Paula hatte entschieden, da ich da bleiben msse, wo meine Arbeit sei; ja eines
Sonntags Vormittags war sie mit ihren Brdern gekommen, mir einen Besuch
abzustatten und mich zu berzeugen, da ich keineswegs, wie ich behauptet,
gnzlich aus ihrem Bereich lebe. Sie hatte meine Wohnung auf dem einsamen,
ruinenhaften Hofe der Maschinenfabrik, die ihre Hoffnung in der Zukunft suchte,
vollkommen toll, und die Einrichtung meines Zimmers mit den wurmstichigen,
verschnrkelten Mbeln aus dem vorigen Jahrhundert hinreichend verrckt
gefunden; aber sie hatte doch alles mit herzlicher Theilnahme gesehen und nicht
ohne Rhrung die Terracotta-Vasen auf dem Kamin und das Bild der sixtinischen
Madonna an der Wand betrachtet.
    Bleib hier, hatte sie zuletzt gesagt, nicht, weil die Wohnung fr Dich
bequem liegt und wirklich originell genug ist und die Einrichtung Deinem
Geschmack Ehre macht, bis auf die fehlenden Gardinen, die ich Dir besorgen
werde, und einen kleinen Futeppich unter Deinem Schreibtisch, den Du ebenfalls
von mir haben kannst; - doch das sind Kleinigkeiten, und im Uebrigen habe ich
ganz das Gefhl, da Du hierher gehrst, ja, als gehrte dies schon dir, als
habest Du, wie ein Eroberer, Besitz ergriffen von dieser verwsteten Provinz und
vorerst Dein Banner aufgepflanzt, und das Andere wird sich danach finden. Mir
ist, als she ich jene trmmerhaften Steinhaufen schon zu stattlichen Gebuden
emporgewachsen, und she das Feuer aus den hohen Schloten sprhen, und diese
jetzt leeren Rume von thtigen, fleiigen Arbeitern belebt; she dieses
Huschen zu einer hbschen Villa ausgebaut, und Dich selbst hier schalten und
walten als Herr und Meister. Bleibe hier, Georg; der Ort wird Dir Glck
bringen.
    Ich wei nicht, wie es war, aber dergleichen Worte aus Paula's Munde hatten
fr mich eine vollstndig berzeugende Kraft, wie fr den Glubigen die
Aussprche der gottgeweihten Priesterin. Nicht, als ob ich mich diesen
Aussprchen immer gern und willig gebeugt und gefgt! So wre mir zum Beispiel
diesmal viel lieber gewesen, wenn Paula gesagt htte: die Wohnung ist freilich
fr deine Zwecke sehr gnstig gelegen; aber ich mchte dich doch gern mehr in
meiner Nhe haben; ich sehe dich jetzt einmal die Woche, ich knnte dich dann
zweimal, vielleicht alle Tage sehen. Dann aber schalt ich mich, da ich Paula's
Wunsch und Willen, mir stets zum Guten und zum Besten zu rathen, nicht hher
anschlage, als alles Andere; und dann wnschte ich, es mchte ihr diesmal und
ein anderes mal weniger leicht gewesen sein, mir zum Guten zu rathen.
    Wenn ich so immer wieder darauf hingefhrt wurde, ber mein Verhltni zu
Paula nachzudenken, so konnte selbst meinem unerfahrenen Blicke nicht entgehen,
da dies Verhltni jetzt ein anderes war, als frher. Ein Umstand schien mir
vor Allem bezeichnend. Die Knaben und ich hatten uns beinahe von Anfang an Du
genannt; aber zwischen Paula und mir war das frmliche Sie geblieben, selbst
in den schweren Tagen nach dem Tode ihres Vaters, wo wir Hand in Hand den Sturm
durchwettert hatten, der ber uns Alle hereingebrochen war. Auch da, obschon
unsere Herzen bis zum tiefsten Grunde aufgewhlt wurden, und unsere Thrnen
gemeinsam flossen, war das brderlich-schwesterliche Du nicht geboren; und
jetzt auf einmal war es da, war es mir in der Stunde des Wiedersehens von ihrem
theuren Munde geschenkt worden! Zu jeder Zeit, ja noch am Abend vorher wrde ich
das fr unmglich gehalten haben, jetzt war es wirklich, und trotzdem es
wirklich war, schien es mir unmglich. Fhlte ich, da, was unser Verhltni so
frei und leicht machte, zu gleicher Zeit auch eine schwere Fessel war, eine
unzerbrechliche Fessel, mit welcher Paula meine Hnde umwunden? Ob absichtlich,
ob unabsichtlich? ich wute es nicht, und gab die Hoffnung auf, es jemals zu
ergrnden.
    Nicht, als ob ich mich bestndig mit diesem Rthsel getragen htte! Rthsel
lsen war im Grunde gar nicht meine Sache und so konnte ich mich denn
glcklicherweise dem Glck hingeben, das mir die Freundschaft des edelsten
Mdchens, der Verkehr der liebenswrdigsten Familie gewhrte. Jeder Athemzug
dort dnkte mich kstlich, und in der That, es war nicht mglich, eine reinere
Luft zu athmen. Ich erinnere mich auch nicht eines Falles, wo zwischen den
Familienmitgliedern die geringste Mihelligkeit stattgefunden, ja, wo auch nur
Jemand die Stimme lauter als schicklich erhoben htte. In innigster Verehrung
der Mutter, in ritterlich-zrtlicher Liebe der herrlichen Schwester waren die
Brder vollkommen ein Herz und eine Seele, und wenn ja einmal zwischen ihnen
eine Wolke des Miverstndnisses aufstieg, so gengte ein Wort Paula's, oft auch
nur ein Blick aus ihren schnen, seelenvollen Augen, die Trbung aufzuklren.
Nach wie vor war Paula der segnende Genius der Familie, die verehrte Priesterin,
der das heilige Feuer des Herdes anvertraut war, die Helferin, die Trsterin,
die Beratherin, zu der sich Jeder wandte, wenn er der Hlfe, des Trostes, des
Rathes bedurfte. Und mit welcher keuschen Holdseligkeit trug sie ihre
priesterliche Krone! Wer von den Drauenstehenden htte ahnen knnen, da dies
zarte Geschpf fr ihre ganze Familie nicht nur die moralische Sttze war, da
ihre kleine, fleiige, schlanke Hand auch das Brod herbeischaffte, von dem sie
lebte! Und doch war dies der Fall, ja, es schien immer mehr, und es war kaum ein
Zweifel, da sie im Stande sein werde, die Lage der Familie zu einer relativ
glnzenden zu machen. Ihr Klosterbruder und Tempelherr hatte einer der
reichsten Banquiers fr eine auergewhnlich hohe Summe erworben, und schon
stand ein neues Bild auf der Staffelei, das, bevor es noch begonnen, ebenfalls
bereits verkauft, ja zu einem noch hheren Preise verkauft war.
    Ein Kunsthndler - nicht derselbe, welcher frher Paula jene Bilder fr ein
Kleines abgeschwindelt hatte, die Doctor Snellius von jenem fr ein Groes
zurckgekauft - sondern ein anderer, einer der ersten in der Stadt, war zu Paula
gekommen und hatte gefragt, ob sie auch ein Jagdstck malen knne? Es sei gerade
jetzt starke Nachfrage nach Jagdstcken. Prinz Philipp Franz habe sie in Mode
gebracht; der Adel sei wie versessen darauf, und nun fingen auch natrlich die
jdischen Banquiers an, sich fr Hasen und Fchse zu interessiren. Das Bild
msse die und die Dimensionen haben, und, wie gesagt, ein Jagdstck msse es
sein. Paula hatte dem Kunsthndler geantwortet, da sie bisher dergleichen
Bilder noch nicht gemalt habe, und deshalb den Auftrag ablehnen zu mssen
glaube, aber der Kunsthndler war so dringend gewesen, und die Summe, welche er
offerirt hatte, so hoch - was meinst Du dazu, hatte Paula zu mir gesagt.
Glaubst Du, da ich dazu im Stande bin?
    Ob Du dazu im Stande bist! hatte ich ihr geantwortet: das Landschaftliche
und die Figuren machen Dir ja keine Mhe; und was das Technische der Jgerei
betrifft, so kann ich Dir vielleicht aus der Verlegenheit helfen, wenn Du ja
damit nicht zurecht kommen solltest.
    Du hast mir frher so Manches aus Deinem Jgerleben mit dem Onkel Malte
erzhlt, sagte Paula; es ist mir davon unter Anderem eine Scene in der
Erinnerung geblieben, wo Du in den allerersten Tagen Deines Aufenthaltes auf
Zehrendorf mit dem Onkel auf der Haide in der Nhe des Meeres am Rande einer
Einsenkung beim frugalen Frhstck sitzest; der Onkel behaglich die Ruhe des
Rendezvous auskostend, und Du, Flasche und Glas bei Seite werfend, zur Flinte
greifst, als pltzlich in einiger Entfernung ber dem Rand des Hgels ein Hase
sichtbar wird, der sich, genauer besehen, als ein in den Dnen grasender Hammel
decouvrirt. Sollte sich das malen lassen?
    Man knnte es wenigstens versuchen, sagte ich.
    Sie hatte es versucht, und der Versuch schien, woran ich freilich nicht
gezweifelt hatte, glnzend auszufallen. Selbst der, fr welchen die kleine
humoristische Jagdgeschichte weiter kein Interesse hatte, mute zum mindesten
von dem landschaftlichen Theil gefesselt werden. Der herbstliche Sonnenschein
auf der braunen Haide, zur Linken die weien Dnen, zwischen welchen hier und da
das blaue Meer hereinschaute - das Alles war mit einer so entzckenden Frische
gemalt, da einem wohlig zu Muthe wurde, sobald man nur hinblickte. Aber auch
die kleine Scene, um die es sich handelte, war mit einer Klarheit vorgetragen,
die Jeden berzeugen mute. Der ltere Jger, der, die Hnde hinter dem Kopf, an
dem Grabenbord lehnt und die kurze Pfeife nur aus dem Munde nimmt, um ber den
Genossen zu lachen, welcher mit blitzenden Augen, in hchster Erregung, sich
halb schon auf den Knieen erhebt; und ein paar Schritte davon das blde
Hammelgesicht, das ber den Dnenrand schaut und den Uebereifrigen so
beleidigend vertraulich anblickt - es konnte selbst dem trbsten Hypochonder ein
freundliches Lcheln abgewinnen. Da der ltere Jger nach und nach die Zge des
wilden Zehren bekam, und der junge Anfnger mir mit jedem Tage hnlicher wurde,
war am Ende bei dem Ursprung des Bildes nicht zu verwundern. - Ich hatte Dich
freilich nicht wieder auf einem meiner Bilder anbringen wollen, sagte Paula;
aus zwei Grnden, einmal, damit Du nicht eitel wirst, und zweitens, damit man
mir nicht Erfindungsgabe abspricht; aber ich wei nicht, ich kann mir die Scene
nicht ohne Dich denken, so wenig, wie ohne den armen Onkel, und ich frchte,
wenn ich Euch Beide weglasse, mchte das Bild sehr leiden. Du wirst mir wohl
einen oder den andern Sonntag Morgen schenken mssen. Ich kenne Dein Gesicht
jetzt freilich gut genug, um es, ich glaube mit jedem Ausdruck, malen zu knnen;
aber die Bewegung Eines, der mit der Rechten das Glas wegwirft und mit der
Linien nach der Flinte greift und sich schon halb auf dem rechten Knie hebt,
whrend das linke Bein noch ausgestreckt ist, eine solche Bewegung ist zu
complicirt, als da ich im Stande wre, sie aus dem Kopf zu malen.
    Ich war schon mehrere Sonntag Morgen hintereinander bei Paula gewesen, um
kstliche Stunden in ihrem Atelier zu verleben. Die Zeit wurde uns nimmer lang.
Ich hatte die Landschaft, an welcher sie malte, so unzhlige Male durchstreift,
da ich ihr ber jeden Busch, ber jeden Grashalm, ber jede Eigenthmlichkeit
der Terrainformation, ber jede Wirkung des Lichtes auf dem Dnensand oder auf
der krautbersponnenen Haide Auskunft zu geben vermochte. Indem ich mich dem
lieben Mdchen in dieser Weise wirklich ntzlich erweisen durfte, war es mir ein
ser Lohn, aus ihrem Munde zu hren, da, wenn das Bild gut wrde, und sie
glaube jetzt beinahe selbst daran, es zum grten Theil mein Verdienst sei. Dann
hatten wir so viel miteinander zu plaudern. Meine Fortschritte als Schlosser,
meine wachsenden Einsichten in die Theorie der Dampfmaschinen, das waren
Gegenstnde, von welchen Paula nicht genug hren konnte. Oder es wurde die Frage
errtert, ob Kurt, der jetzt in das sechzehnte Jahr ging, noch lnger auf der
Schule bleiben, oder jetzt gleich in die Lehre kommen sollte, und ob die
Streberische Fabrik wohl der rechte Platz und der jetzt zum Meister avancierte
Klaus wohl der rechte Meister fr den hochbegabten Lehrling sei? Das brachte uns
denn auf Klaus zu sprechen, auf seine Gutmthigkeit und Tchtigkeit und auf
Christel, und ob sich auf die in den hollndischen Zeitungen erlassene
Aufforderung wohl Jemand melden, und ob der Jemand, wie Klaus und Christel steif
und fest behaupteten, eine javanesische Tante oder ein Onkel aus Sumatra sein
werde.
    So waren wir denn wieder eines Morgens plaudernd beisammen, Paula vor ihrer
Staffelei, whrend ich, die Hnde auf dem Rcken, im Hintergrunde des Ateliers
langsam auf und ab ging. Die Wintersonne schien so hell, da an dem hohen
Fenster, an welchem Paula arbeitete, das Licht hatte gedmpft werden mssen,
aber durch eine Oeffnung des Vorhangs strahlte es voll herein, und in dem
breiten Strome tanzten die bunten Staub-Atome. Frau von Zehren machte mit den
Shnen einen Spaziergang. Es war so sonntglich still in der Wohnung, und wenn
Paula schwieg, war es mir, wie es dem Uhland'schen Hirten sein mag, der allein
auf weiter Flur eine Morgenglocke hrt, und es dann stille wird, nah und fern.
    Pltzlich wurde hastig die Schelle gezogen.
    Ich hoffte, wir wrden heute ohne den lstigen Besuch bleiben, sagte ich
ein wenig rgerlich.
    Jede Wrde hat ihre Brde, sagte Paula lchelnd. Hoffen wir nur, da er
nicht zu lange dauert.
    In diesem Augenblicke wurde von dem Mdchen die Thr geffnet, und ich blieb
wie gebannt auf meinem Platze im Hintergrunde des Zimmers stehen, als ich zwei
Herren hereintreten sah, von denen der Zweite Arthur von Zehren war, whrend der
Andere, welchem er mit hflicher Verbeugung den Vortritt gelassen, mir eine
Erinnerung erweckte, die nur leise geschlummert haben konnte.
    Ich habe die Ehre, sagte Arthur, nachdem er sich bei seiner Cousine mit
jener Anmuth in Haltung und Geberde, die ihn immer ausgezeichnet, entschuldigt
hatte, da er nicht sogleich nach seiner Rckkehr zu ihr gekommen sei; - ich
habe die Ehre, Dir hier Graf Ralow vorzustellen, dessen Bekanntschaft ich in
London zu machen das Glck hatte und der ein groer Kunstkenner und nicht minder
groer Bewunderer Deines Talentes ist.
    Mein Freund hat mein Signalement nicht ganz richtig gegeben, sagte der
Graf, sich respectvoll vor Paula verbeugend. Ich bin kein groer Kunstkenner;
aber darin hat er recht: ich bewundere Ihr Talent, mein gndiges Frulein,
bewundere es ausnehmend. Ich habe Ihr Bild auf der Ausstellung gesehen; ich bin
entzckt davon gewesen, wie alle Welt, und da Ihr Herr Cousin die Khnheit
hatte, mich bei Ihnen introduciren zu wollen, glaubte ich einen solchen
Glcksfall nicht von der Hand weisen zu drfen.
    Der junge Mann, dessen Blick jetzt zum ersten Mal auf das Bild fiel, trat
rasch einen Schritt zurck, aber mehr wie Jemand, der heftig erschrocken, als
freudig berrascht ist. Und wohl mochte er erschrecken, als er pltzlich in dem
Jger am Weidenbaum den wilden Zehren erkannte, den Mann erkannte, dem es wohl
nur an Gelegenheit gefehlt hatte, seine Hnde in dem Blut zu baden, das in den
Adern des Frsten Carlo von Prora-Wiek flo.
    Es war nun acht Jahre her, da ich ihn nicht gesehen, und ich hatte ihn nur
zweimal im Leben gesehen, das eine Mal im trben Licht eines Herbst-Nachmittags,
als er im sausenden Galopp an mir vorbersprengte, und das zweite Mal gar im
Wald beim trgerischen Licht des Mondes, aber so oder so, die schlanke Gestalt,
das feine, blasse Gesicht hatten sich fr immer in meine Erinnerung geschrieben.
    Sehr schn! sagte der Frst. Vortrefflich, superb - dieser Sonnenschein -
diese Haide - ich kenne das - kenne das Alles sehr genau; ich versichere Sie,
Zehren, der Natur abgelauscht, bis in das kleinste Detail, wunderbar! Nicht
wahr, Zehren?
    Arthur antwortete nicht, denn, wenn schon die Verwirrung des jungen Frsten
beim Anblick des Bildes ihn stutzig gemacht hatte, so war es mit seiner Fassung
und Haltung beinahe zu Ende, als er in diesem Augenblicke in dem Hintergrunde
des Zimmers mich, der ich whrend der ganzen Zeit unbeweglich dagestanden,
entdeckte. Ich glaube, da es fr Arthur von Zehren nicht viel Menschen gab, mit
denen er in dem Atelier seiner Cousine weniger gern zusammengetroffen wre.
    Nicht wahr, Zehren? wiederholte der Frst mit einiger Ungeduld.
    Ah! ohne Zweifel, gewi superb, ich sagte es ja vorher, erwiederte Arthur,
offenbar noch unschlssig, ob es nicht gerathener sei, mich ganz zu bersehen.
    Da die Unschlssigkeit ihn aber nicht verhinderte, seine Augen mit einiger
Starrheit auf mich zu richten, und dies wieder die Folge hatte, da die Augen
des Frsten dieselbe Richtung nahmen, so geschah es, da der Letztere in der
Ecke des Ateliers einen hochgewachsenen, breitschulterigen, sehr einfach
gekleideten, jungen Mann mit krausem blonden Bart und ebensolchem Haar
entdeckte, welchen er bereits als Richard Lwenherz auf dem Ausstellungsbilde
gesehen zu haben sich erinnerte, und jetzt abermals auf dem Jagdbilde der
Staffelei sah.
    Wen konnte er vor sich haben, als einen jener Menschen, die aus einem
Atelier in das andere gehen, um hier als Joseph, dort als Pharao zu fungiren?
und wenn gleich die Gewohnheiten des Frsten nicht zu einer speciellen Beachtung
von Modellen in Knstler-Ateliers neigte, so kam ihm doch in diesem Augenblick
jede Mglichkeit, sich von dem verwnschten Bilde abwenden zu knnen, zu
gelegen, als da er nicht augenblicklich Gebrauch davon machen sollen.
    Ah! da ist ja unser Original zu dem, wie heit er gleich - dem Knig dings
da - nicht wahr, mein gndigstes Frulein? Ein stattlicher Mensch, den ich
meinem Cousin, dem Grafen Schmachtensee, in sein Regiment wnschte, nicht wahr,
Zehren?
    Der unglckliche Arthur! sie wurden ihm heute auch gar zu schwer gemacht,
seine Secundanten-Pflichten! Es war doch unmglich, jetzt, nachdem ich direct in
das Gesprch verflochten war, mich, seinen alten Schulkameraden, nicht zu
kennen, und - ganz abgesehen von Paula, die es ihm schwerlich verziehen haben
wrde, htte er mich so schnell vergessen - so mute er jetzt auch noch aus
meinen Mienen lesen, da ich die Ungeschicklichkeit beging, mich an seiner
Verwunderung zu weiden. Ja, ich frchte, da mich meine Schadenfreude zu einem
Lcheln verlockte, dessen Meinung fr Arthur nicht unzweifelhaft sein konnte;
und so blieb ihm denn - es war zum toll werden! - aber es blieb ihm wirklich
nichts anderes brig, als sich, mit dem mglichst verbindlichen Lcheln auf den
bla gewordenen Lippen, zu mir zu wenden, und indem er mit dem Lorgnon so eifrig
spielte, da er darber keine Hand zur Begrung frei hatte, in affectirt
herablassendem Tone zu sagen: Ah, sieh' da! sind wir endlich aus dem - ehem! -
wieder heraus? Gratulire, auf Ehre, gratulire von ganzem Herzen, ehem!
    Des jugendlichen Frsten Miene war bei dieser seltsamen Anrede seines
Secundanten gerade auch nicht heiterer geworden Der Ausdruck meines Gesichtes,
das er wohl jetzt erst genauer betrachtete, und die hrbare Verlegenheit in
Arthurs Anrede sagten ihm, da hier etwas nicht in der Ordnung sei; und nun
mute er auch noch einen Blick auffangen, der zwischen mir und Paula gewechselt
wurde, und der noch eine Masche mehr zu dem Netze zu sein schien, das man hier
in so indiscreter Weise ber sein frstliches Haupt zog. Aber jetzt schien es
Paula die hchste Zeit, sich in's Mittel zu legen und dieser wunderlichen Scene
ein rasches Ende zu machen.
    Du wrdest, fuhr sie zu Arthur gewandt, das Vergngen, Deinen Schulfreund
zu begren, frher gehabt haben, wenn Du whrend der vierzehn Tage, die Du
schon wieder zurck bist, den Weg zu uns gefunden httest; Georg ist schon seit
drei Monaten hier. Dieser Herr - sie wandte sich bei diesen Worten zum Frsten
- ist mein ltester und liebster Freund, der mir in schlimmen Tagen treu zur
Seite gestanden hat und der mir auch jetzt eine und die andere Stunde seiner
kostbaren Zeit widmet, um mit seinem Rath meiner mangelhaften Erfahrung zur
Hlfe zu kommen. Ich schtze es mir zur Ehre, Ihnen Herrn Georg Hartwig
vorzustellen.
    Mein Name war kaum ber Paula's Lippen, als der Frst sich verfrbte und auf
die Unterlippe bi, obgleich er sich die uerste Mhe gab, dem ltesten und
liebsten Freunde der Knstlerin ein verbindliches Compliment zu machen. Ohne
Zweifel war ihm damals und spter von Anderen und von Konstanze mein Name zu
hufig genannt worden, und die Verhltnisse, unter welchen mein Name in jener
Zeit genannt wurde, waren zu eigenthmlicher Art gewesen, als da derselbe
selbst von dem schadhaften Gedchtni des jungen Frsten von Prora-Wiek ber so
manchen interessanten und anmuthigen Erlebnissen htte vergessen werden knnen.
Und dann eine dunkle Erinnerung an eine groe Gestalt, vor der er einmal im
nchtlichen Walde auf den Knieen gelegen - und dann der Umstand, da jener Mann
mit den breiten Schultern und dem unvergelichen Namen sich auf dem Bilde des
Fruleins von Zehren an der Seite des wilden Zehren fand - das Alles combinirte
sich so leicht und pate so vortrefflich zusammen - der Frst mute das richtige
Sachverhltni herausfinden, wie angenehm es ihm auch gewesen wre, htte er es
nicht zu finden brauchen.
    Und gerade in diesem peinlichen Moment, das heit zur rechten Zeit,
erinnerte sich Frst Carlo von Prora-Wiek was er sich schuldig sei. Die
Verlegenheit war von seinem Gesicht und aus seiner Haltung entschwunden: er
konnte pltzlich das Bild, er konnte mich ansehen; er konnte ausfhrlich das
Original mit der Copie vergleichen; konnte der Knstlerin eine Menge der
schnsten Dinge sagen, die, wenn sie nicht wohl durchdacht und vielleicht nicht
einmal empfunden waren, doch ungefhr so klangen, als wren sie beides; konnte
in aller Eile noch die Skizzen an den Wnden, die Bltter in einer
aufgeschlagenen Studienmappe mustern, konnte das Licht in dem Atelier
entzckend, die ganze Einrichtung unendlich originell, ganz und gar poetisch
finden und sich schlielich daran erinnern, da er zu einer Audienz bei der
Prinze Philipp Franz befohlen sei, die er versumen wrde, wenn er nicht sofort
- natrlich mit seinem Begleiter - aufbrche.
    Eine halbe Minute spter hrten wir das Coup des Frsten, das vor dem Hause
gehalten hatte, davonrollen, und wir blickten uns beide an, und lachten, lachten
scheinbar sehr ausgelassen und wurden dann mit einem Male wieder ganz ernsthaft.
    Das ist das Lstige an unserm Beruf, sagte Paula. Diese Neugierigen
drfen wir nicht abweisen, ja, wir mssen froh sein, wenn sie kommen und den Ruf
unserer Kunst und das Sujet unseres neuesten Bildes durch die Salons tragen;
aber, wie gesagt, unbequem ist es und bleibt es, und Arthur htte wohl auch
etwas Gescheidteres thun knnen, als sich nach so langer Abwesenheit auf diese
Weise introduciren. Seine einzige Entschuldigung ist, da er es gut gemeint hat,
indem er mir einen vornehmen und reichen Kunden zufhren wollte Wenn man aus der
Oberflchlichkeit eines Menschen auf seine Vornehmheit und seinen Reichthum
flieen kann, so mu dieser Graf Ralow eine sehr vornehme und sehr reiche
Personage sein.
    Und da hast Du recht gerathen, sagte ich, und wenn Du es genau wissen
willst: es war der junge Frst Prora.
    Unmglich, sagte Paula.
    Ich bin meiner Sache gewi, erwiederte ich. Ich wei es zufllig aus den
Zeitungen, da der Frst eben jetzt in England gewesen ist, wo Arthur die
Bekanntschaft dieses Grafen Ralow gemacht haben will. Uebrigens htte ich ihn
auch ohne das erkannt; und dann erinnere ich mich, da die Frsten von Prora
auch Grafen von Ralow sind.
    Das ist mir lieb, sagte Paula; obgleich ich, wenn es einmal sein mute,
vorgezogen htte, den Frsten von Prora persnlich und nicht durch den Grafen
Ralow kennen zu lernen.
    Und auch so finde ich dies Incognito unschicklich genug, sagte ich. Warum
kommt er nicht zu Dir, wie zu der Prinzessin Philipp Franz! aber freilich, das
Unschickliche liegt darin, da er berhaupt kam. Der einstige Liebhaber
Konstanzens durfte nicht Konstanzens Cousine freiwillig unter die Augen treten.
Glaub' mir, Paula, ich habe das Alles whrend dessen wohl gefhlt, aber ich habe
auch gefhlt, da Deine Wohnung und Dein Zimmer nicht der Ort seien, an diese
Dinge zu rhren.
    Und ich danke Dir dafr, sagte Paula, indem sie mir die Hand reichte. Ich
sah es Deinen Augen an, da sich da und dort - sie berhrte mir leicht Brust
und Stirn - ein Sturm vorbereitete. Man beweist den Damen seine Achtung, wenn
man dergleichen Ungewitter in ihrer Gegenwart nicht losbrechen lt; aber auch
so wnsche und befehle ich Dir, da Du die Sache nicht weiter mit Dir
herumtrgst. Du hast reichlich, allzureichlich gelitten; das mu ein fr alle
Mal fr Dich abgethan sein.
    Wenn es das nun doch nicht wre, antwortete ich. Und ich erzhlte Paula,
was ich bisher noch immer unterlassen, meine Begegnung in der Kunstausstellung
mit der schnen Bellini, die Konstanze so hnlich gesehen. Ich wei nicht, wie
es zugeht, schlo ich; ich habe gewi keine Ursache, Konstanze noch zu lieben,
so wenig Ursache, da ich ihrem Verfhrer ohne Gefhle des Hasses und der Rache
gegenber treten kann, und doch verfolgt mich das Bild des schnen Weibes, da
es nicht anders sein knnte, htte ich Konstanze selber gesehen. Wie ist das
mglich?
    Konstanze ist eben Deine erste Liebe gewesen, erwiederte Paula, und das
bedeutet selbst bei Euch Mnnern etwas!
    Bei uns Mnnern, Paula? Das klingt ja fast, als ob eine erste Liebe bei
Euch Frauen etwas anderes bedeute?
    Und das meine ich auch, erwiederte Paula; etwas anderes und etwas mehr,
in demselben Mae mehr, in welcher der Mann der Frau mehr ist, als die Frau dem
Mann.
    Was ist das fr eine neue Philosophie, Paula?
    Keine neue Philosophie: sie ist mindestens so alt, wie meine Gedanken ber
diese Dinge, was allerdings so sehr alt noch nicht ist.
    Ueber Paula's sonst immer etwas bleiches Gesicht zog ein lebhaftes Roth;
aber es schien, als ob sie es, allem in allem, nicht ungern she, da wir einmal
auf dies Thema gekommen seien; so fuhr sie mit einiger Lebhaftigkeit fort:
    Das Leben der Mnner ist wechselvoller, reicher an Thaten und
Begebenheiten; deshalb knnen die einzelnen Eindrcke und auch die lebhaftesten
nicht so lange in ihrem Gemthe haften. Sie haben die Tafel ihres Lebens so oft
mit immer neuen, immer wichtigeren Dingen zu beschreiben, da sie die alte
Schrift nothwendig von Zeit zu Zeit mit dem nassen Schwamm der Vergessenheit
wegwischen mssen. Das ist bei uns Frauen anders, ganz anders; wir wischen nicht
leicht ein Wort weg, das uns lieb im Ohr klingt, geschweige denn eine ganze
Seite unseres armen Lebens. Und dann, selbst wenn ein Mann ein besonders treues
Gedchtni hat, er kann nicht handeln und nicht whlen, wie er will; ja, gerade
je tchtiger er ist, je mehr er Mann ist, handelt und whlt er, wie er mu. Und
er mu so whlen, wie es sich fr seine Jahre und seine Verhltnisse schickt,
fr seinen Bildungsstand, mit einem Worte: fr ihn, wie er, sich fort und fort
entwickelnd, geworden ist. Der Mann von fnfundzwanzig unterscheidet sich von
dem von neunzehn noch in ganz anderer Weise, als sich die fnfundzwanzigjhrige
Frau von der neunzehnjhrigen unterscheidet; und der von fnfunddreiig ist
abermals ein Anderer, und wollte der Mann von fnfundzwanzig oder gar von
fnfunddreiig eine Wahl treffen, wie der von neunzehn; ich meine, wie der
Neunzehnjhrige sie zu treffen liebt, das heit in romantischer
Uneigenntzigkeit, ohne Rcksicht auf das Wie - so wrde er thricht handeln, in
meinen Augen wenigstens.
    Seit wann bist Du denn so eigenntzig, so praktisch geworden, Paula?
fragte ich mit lchelnder Verwunderung.
    Das wird man so, erwiederte Paula, indem sie wieder zu Pinsel und Palette
griff und an ihrem Bilde zu malen begann.
    Vielleicht, sagte ich, wird man es, wenn man, wie Du, eine bedeutende
Entwickelung durchmacht, so da die Gesetze, welche Du eben fr uns Mnner
aufgestellt hast, auch fr Dich ihre Anwendung finden. Ich habe Dich mit
fnfzehn Jahren gekannt, da warst Du eine Anfngerin in Deiner Kunst; jetzt mit
dreiundzwanzig bist Du eine Knstlerin, und mit fnfundzwanzig wirst Du eine
berhmte Knstlerin sein. Da ist freilich begreiflich, da die Paula von heute
nicht die romantischen Illusionen von damals hat, ach, und an die Paula der
Zukunft wage ich gar nicht zu denken.
    Du scherzest, und scherzest grausam, sagte Paula, und Dein gutes Gesicht
hat gar nicht den Ausdruck, den ich in diesem Augenblicke brauche.
    Ich scherze gar nicht, antwortete ich eigensinnig; ich begreife
vollkommen, da Deine Ansprche an das Leben sich mit jedem Jahre, mit jedem
Bilde, mcht' ich sagen, steigern mssen.
    Ist das wirklich Dein Ernst? fragte Paula.
    Mein vollkommener; wolltest Du denn keine groe Knstlerin werden?
    Gewi, erwiederte Paula, aber kann das eine Frau? wie viele von den
hunderten und tausenden begeisterter Mdchen und Frauen, die es zur Staffelei
oder an den Schreibtisch trieb, sind denn groe Knstlerinnen geworden? Auf der
Bhne vielleicht; aber dann ist es mir schon manchmal fraglich gewesen, ob die
Schauspielkunst eine wahre, echte Kunst sei und nicht vielmehr eine Halbkunst,
in der auch Halbtalente das Hchste erreichen knnen. Und was man so geniale
Schauspieler nennt, was sind sie im Vergleich zu den wahren Genies in der Kunst,
in der Literatur, in der Musik? So weit von jenen verschieden, wie ich von
Raphael. Was habe ich denn bis jetzt zu Wege gebracht? Ein paar mittelgute
Kpfe, ein paar drastische Scenen, die ich direct aus dem Leben geschpft;
Reminiscenzen aus der Lectre: Richard Lwenherz, der Klosterbruder - wo ist da
eine freie Erfindung, wo ist da eine Spur des echtem Genies? Und was ist dies
Bild hier? Was habe ich daran gethan? Nicht viel mehr, als die Farben gemischt;
das Andere ist Alles von Deiner Erfindung. Du hast mir gesagt, wie die Sonne auf
dem Dnensande liegt, und wie der Wind die Kpfe der Haideblumen schaukelt; Du
-
    Aber Paula, Paula, das ist ja gerade, als ob ich Deine Bilder malte, und
als ob Du kein Bild malen knntest ohne mich.
    Und ich habe ja kaum eines ohne Dich gemalt; da siehst Du meine bettelhafte
Armuth; erwiderte Paula.
    Aber ich konnte nicht sehen, mit welchem Ausdruck sie diese Worte sagte,
denn sie hatte ihr Gesicht tief auf die Staffelei gebeugt.

                                Achtes Capitel.


Paula, welche nach ihrem Erfolge auf der Kunstausstellung mit Einladungen
berhuft war, hatte an diesem Tage eine bei dem Banquier Salomon, dem Kufer
des Klosterbruder und Tempelherrn angenommen. So blieb ich denn allein mit
Frau von Zehren und den Shnen. Aber Paula fehlte uns nicht; sie war uns
gegenwrtig, Niemandem mehr, als der armen Mutter, welche der sen Freude, die
Werke ihrer Tochter zu sehen, beraubt war. Und doch hat sie alles von Dir,
Mutter, sagte Benno; und Paula wei das selber am besten. - Dann hat sie es von
ihrem Grovater, antwortete Frau von Zehren; er war in der That ein groer
Knstler; was ich geleistet haben wrde, steht dahin. Mir war es leider nicht
vergnnt, das Talent, welches ich etwa besa, auszubilden; aber wie kann ich
sagen, leider! Wenn es wahr ist, was Ihr sagt, da Paula's Talent mein Talent
ist, da ist ja auch jeder Erfolg, den sie hat, mein Erfolg, und so vollfhre ich
das Wunder, mit blinden Augen eine berhmte Malerin zu sein oder zu werden.
    Ein mildes Lcheln umschwebte die seinen Lippen der noch immer schnen Frau,
und so sah ich sie im Geiste, als ich eine Stunde darauf durch die dunklen
Gassen nach meiner Wohnung schritt. Sie mu in ihrer Jugend schner noch als
Paula gewesen sein, sagte ich, obgleich Paula sich wunderbar verschnt hat. Wie
kstlich kmpften heut Scham und Zorn in ihrem Gesicht, als dieser Laffe von
einem Frsten in dem Atelier umherfuhr und keine Ahnung davon hatte, wie
impertinent er war, whrend er sich vielleicht einbildete, unendlich
liebenswrdig zu sein.
    Die Begegnung mit dem Frsten, der mein glcklicher Nebenbuhler in meiner
Liebe zu Konstanze gewesen, und mit Arthur, den ich lange Jahre hindurch fr den
begnstigten Liebhaber Paula's gehalten hatte, gab mir nachtrglich noch viel zu
denken, mehr, als fr meine Arbeit, an die ich mich beim Nachhausekommen gesetzt
hatte, dienlich war. Indem ich mir das sehr feine und hbsche, aber grausam
verlebte Gesicht des jungen Frsten, - seine jetzt starren, jetzt in
unheimlichem Feuer aufflackernden Augen, das blitzschnelle Zucken der Stirn- und
Wangen-Muskeln, sein geschmeidiges und dennoch hochmthiges Benehmen
vergegenwrtigte, fand ich es immer abscheulicher, da Arthur hatte wagen
knnen, einen solchen Mann bei Paula einzufhren. Was konnte im besseren Falle
das Motiv sein? Die Befriedigung einer ganz gewhnlichen Neugier. Und im
schlimmeren Falle? Ich knirschte mit den Zhnen, sobald ich nur an die
schaudervolle Mglichkeit dachte. Der einzige Trost dabei war, da mir meine
Furcht, Arthur knne sich Paula's Herz gewonnen haben, oder je gewinnen, endlich
einmal in ihrer ganzen Thorheit klar wurde. Wahrlich! ein solcher Fant konnte
einem Mdchen, wie Paula, nicht gefhrlich werden, obgleich er schn war, der
Fant, auffallend schn, das wahre Muster eines eleganten Herrn in tadellosen
Glacs und Lackstiefeln, ein bischen leer vielleicht um den mit einem schwarzen
Brtchen verzierten Mund und ein wenig hohl um die groen dunklen Augen, die
ihren Glanz fast gnzlich eingebt hatten. Mglich, da er so fr gewisse
Frauen um so gefhrlicher war; aber was hatte Paula zu thun mit solchen Frauen?
    Und dann irrten meine Gedanken von dem Frsten, den ich so unerwartet
wiedergesehen, zu der schnen Bellini, die Konstanze so sehr geglichen, und ich
schob meinen Arbeitssessel hastig zurck, trat an das Fenster, das Paula's Gte
jetzt mit dunklen Gardinen verhllt hatte, und schaute, die heie Stirn gegen
die Scheiben drckend, in trbes Sinnen verloren, in den Hof hinaus, auf welchem
eben ber den frisch gefallenen Schnee eine Gestalt gerade auf das Gartenhaus
zukam. Ich mute an die Gestalt denken, die ich einst ber die Wiese im
Mondenschein nach Konstanzens Fenster hatte schleichen sehen. War es der Frst?
Was hatte er bei mir zu suchen? Die Gestalt nherte sich der Treppe, die vor dem
Hause lag, und fing jetzt an, die Stufen hinauf zu steigen. Ich nahm die Lampe
vom Tisch, um dem Besucher, wer er auch sein mochte, entgegen zu leuchten. Als
ich die Stubenthr ffnete, trat Jener eben zur Hausthr hinein, und der Schein
meiner Lampe fiel hell in Arthur von Zehren's Gesicht.
    Gott sei Dank, da ich Dich endlich, ohne Hals und Beine zu brechen,
gefunden habe! rief Arthur; wie kann ein vernnftiger Mensch sich so
einquartieren! Du bist doch von jeher ein Original gewesen; aber das sieht ja
ganz behaglich aus fr einen Maschinisten, oder wie Dich der Kerl an der Hofthr
sonst genannt haben mag; - und Arthur, der jetzt in die Stube getreten war,
warf sich in den Lehnsessel, welchen ich an den Kamin gerckt hatte, und
streckte die behandschuhten Hnde ber das Kohlenfeuer.
    Ich war in der Nhe des Kamins vor ihm stehen geblieben und fragte: Was
verschafft mir heute schon zum zweiten male das Vergngen Dich zu sehen?
    Das Vergngen scheint nicht besonders gro zu sein, nach dem Ton zu
urtheilen, in dem Du sprichst; und in der That wre ich wohl schwerlich
gekommen, wenn nicht der Frst - wollte sagen, wenn nicht ich - ja was wollte
ich doch sagen? ja so! ein Geschft mit Dir abzuwickeln htte. Du bist, whrend
Du - nun Du weit schon - whrend Du da warst, wiederholt so gtig gewesen, mir
aus kleinen Verlegenheiten zu helfen. Ich habe Alles genau angeschrieben; wer so
vielen Leuten schuldig ist, wie ich, mu in solchen Dingen exact sein, wegen der
doppelten Kreide, die einer oder der andere Glubiger fhren knnte. Das war nun
bei Dir freilich nicht zu frchten, aber ich habe es aus leidiger Gewohnheit
doch notirt, und dies ist die Summe, ohne die Zinsen, die ich nicht ausrechnen
kann, und deshalb lieber weglasse: Einhundertsechszig Thaler. Ich bin gerade bei
Kasse, und mache mir ein Vergngen daraus, Dir meine Schuld abzutragen.
    Und Arthur, der sich erhoben hatte, zhlte eine Reihe von Tresorscheinen auf
den Tisch.
    Willst Du selbst einmal nachzhlen, fuhr er fort; ich komme eben von
einem Diner, bei dem es famosen Champagner und zum Nachtisch ein allerliebstes
kleines Jeu gab; da ist es denn wohl mglich, da ich mich verzhlt habe.
    Arthur blickte mich mit einem Lcheln an, das scherzhaft sein sollte, und
schwankte dabei von den Fuspitzen auf die Hacken und von den Hacken auf die
Fuspitzen; es war nur zu ersichtlich, da er von einem Diner kam, bei welchem
man des Champagners nicht geschont hatte.
    Was ich sagen wollte, fuhr Arthur fort - Deine Lampe brennt so dunkel,
da man Mhe hat, seine Gedanken zusammen zu finden - ich wollte sagen: es war
wirklich in der allerbesten Absicht, da er mich hierher geschickt hat. Er ist
der nobelste Mensch, der existirt - ein Goldmensch. - Ganz echtes Gold, so lange
er was hat. Brauchst Dich also nicht zu geniren, alter Junge! was ich sagen
wollte, in welchem Verhltni hast Du denn eigentlich zu dem Frsten gestanden?
Da er Dir irgendwie verpflichtet sei, hat er mir selbst gesagt; aber das Wofr
ist mir ein geheimnivolles Rthsel geblieben, geheimnivolles Rthsel!
wiederholte Arthur, der sich mittlerweile wieder in den Lehnstuhl vor dem Kamin
geworfen hatte, und jetzt abwechselnd den rechten und den linken Stiefel gegen
das Feuer ausstreckte.
    Du scheinst nicht in der Verfassung zu sein, Rthsel zu lsen, sagte ich.
    Du meinst, weil ich ein wenig angetrunken bin? o, das thut ganz und gar
nichts, im Gegentheil; ich wrde mich sonst sicher nicht hierher gefunden haben,
trotzdem ich heute Morgen gleich die Vorsicht gehabt hatte, mir von Paula's
Portier Deine Adresse sagen zu lassen. War das nicht ein luminser Einfall? aber
man mu an dergleichen keinen Mangel haben, wenn man mit so hohen Personen intim
sein will, und fr Dich interessirt er sich auch; - fr Dich, ungeheuer
interessirt er sich.
    Ich hatte das Geschwtz des mehr als halb Berauschten herzlich satt, und
sagte jetzt: ich wei nicht, Arthur, ob Du im Stande bist, mich zu verstehen.
Wenn dies der Fall ist, la Dir gesagt sein, und wenn ich bitten darf, ein fr
allemal, da ich glcklicherweise in der Lage bin, mich keinen Pfifferling darum
zu kmmern, ob sich der Frst Prora fr mich interessirt oder nicht, und da Du,
so viel ich sehen kann, Dir im Speciellen einen groen Gefallen thust, wenn Du
Dir die Interessen des Frsten nach dieser Seite hin mglichst wenig angelegen
sein lt.
    Danke, sagte Arthur, aber das konnte ich voraussehen. Ihr braucht
Niemanden, Ihr Glcklichen; Ihr seid Euch selbst genug. Immer nchtern, immer
klug, immer bei Sinnen, und immer bei Geld, whrend unser Einer immer in des
Teufels Kche sitzt. So war es von jeher und wird es auch wohl in alle Zukunft
bleiben. Ich wollte manchmal, ich wre der Junge von einem unserer Strandkarrer
gewesen und htte meine ausreichenden Prgel bekommen und mte mir mein Brod
mit meiner Hnde Arbeit verdienen; anstatt dieses glnzenden Elends, in welchem
ich jetzt einmal hungere, und das andere mal im Ueberflu lebe. Es ist ein
Elend, alter Junge, ein Elend; und das Beste ist, da man sich eine Kugel durch
den Kopf jagen kann, wann man will.
    Du lieber Himmel! ich kannte diese Declamation von so lange her! Es waren im
Grunde dieselben, die Arthur gehalten, wenn er bei einem Schler-Bacchanal zu
viel von dem schlechten Punsch getrunken hatte, und auf seine unbezahlten
Handschuh-Rechnungen und auf die kleinen Wechsel bei Moses in der Hafengasse zu
sprechen kam. Dieselben Declamationen - und es war auch derselbe Arthur,
derselbe leichtsinnige, egoistische, kaltherzige Genumensch mit der sanften
Stimme und den einschmeichelnden Manieren; und ich! - Nun! - ich war auch
derselbe geblieben, derselbe gutmthige Hans, den jedes Wort, das sich ungefhr
so anhrte, als ob es von Herzen kme, zu rhren vermochte. Und ich hatte ihn ja
geliebt in meinen jungen Jahren, als ich einen leinenen Kittel und er eine
Sammet-Jacke trug; wir hatten so viel tolle Streiche mit einander ausgefhrt und
so viel Nachmittags-Sonnenschein in Feld und Wald und auf dem Ruderboot auf dem
Meere zusammen getrunken, und so etwas vergit sich nicht, habe ich wenigstens
niemals vergessen knnen.
    Arthur, sagte ich, mu es denn sein, da Du immer in Noth und Sorge bist?
Knnte das nicht anders sein, sobald Du nur wolltest. Ein Mensch wie Du, mit so
viel Talenten, so viel Gewandtheit, so guten Manieren -
    Und einem so guten Vater! rief Arthur mit einem Lachen, das mir in die
Seele schnitt; denkst Du denn, man kann es zu etwas bringen mit einem solchen
Vater, der mich jeden Augenblick compromittirt, der mich jeden Augenblick an den
Pranger stellt oder mich wenigstens in der steten Furcht erhlt, er werde es
demnchst thun?
    Du solltest nicht so von Deinem Vater sprechen, Arthur, sagte ich. Ich -
    Das glaube ich, erwiederte Arthur hhnisch. Du hast ja auch keine Ursache
dazu; wenn ich einen solchen Vater htte, wie Du, wre ich jetzt ein ganz
anderer Kerl. Aber mein Vater! Da luft er von Pontius zu Pilatus und erbettelt
mir erst eine Art von Anstellung bei unserer Gesandtschaft in London, und acht
Wochen spter geht er wieder zu denselben Menschen und bettelt fr sich selber,
und die Folge davon ist, da man den Sohn Jemandes, vor dem man sich hier zu
Hause verleugnen lassen mu, in London bei unserer Gesandtschaft nicht haben
will, und wenn ich in London nicht die Bekanntschaft des Frsten Prora gemacht
htte, der sich meiner in der liebenswrdigsten Weise angenommen, so se ich
jetzt wieder auf dem Pflaster und wte nicht, wovon ich morgen frh meinen
Kaffee bezahlen sollte.
    Arthur, sagte ich, ich glaube, Du brauchst das Geld da nothwendiger als
ich. Wie wre es, wenn Du es dem Frsten wieder hintrgest - denn von dem
Frsten kommt es doch, gestehe es nur! - und ihm, mit einer Empfehlung von mir,
sagtest: er mge es Dir nur geben; ich brauche es nicht und wolle es nicht. Wir
knnen ja dann unsere Rechnung ausgleichen, wenn Du wirklich einmal bei Kasse
bist.
    Du lieber Georg, rief Arthur aufspringend und mir die Hand drckend, Du
bist doch ganz der Alte; ich hatte es Dir zugedacht; aber wenn Du es nicht
brauchst, - und Arthur raffte die Scheine, die er vorhin so sorgsam aufgezhlt,
mit einem Griff zusammen und schob sie mit einer schnellen Bewegung in seine
Brusttasche.
    Kann Dir der Frst denn keine bestimmten Aussichten erffnen? fragte ich.
    Der Frst, erwiederte Arthur, pah! erinnerst Du Dich noch des Spiels, das
die jungen Mdchen bei uns in ihren Krnzchen immer spielten, Emilie
Heckepfennig, Elise Kohl, und wie sie sonst hieen: des Spiels mit dem
Mehlhaufen, auf den ein Ring gesteckt wird, und eine jede von den Mdchen
schneidet der Reihe nach ein Stck davon ab, und noch ein Stck und ein
Stckchen und dann wieder ein Stck und perdauz! da liegt mein Mehlhaufen, und
irgend ein Stumpfnschen whlt in dem Mehl nach dem goldenen Ringlein - siehst
Du, das ist das genaue Bild! jeden Tag schneidet irgend eine reizende Hand ein
Stckchen von dem Mehlhaufen ab, welchen man den Frsten Carlo von Prora-Wiek
nennt, und es wird nicht so lange dauern, so purzelt der Mehlhaufen zusammen; er
hngt so schon auf einer Seite, kann ich Dir sagen; und Arthur knpfte seinen
Ueberrock zu und zog sich den rechten Handschuh, den er vorhin, um das Geld zu
zhlen, ausgezogen hatte, wieder an.
    Das wrde mir leid thun, wenn ich, wie Du, ein Freund des jungen Menschen
wre.
    Freund? erwiederte Arthur, indem er sich ber der Lampe eine Cigarre
anzndete, Freund? pah! ich bin sein Freund so wenig, als er meiner ist. Er
braucht mich, weil - nun ja, er braucht mich, und ich brauche ihn; und wer den
Andern zuerst nicht mehr braucht, giebt dem Andern einen freundschaftlichen
Futritt; nur frchte ich, da ich ihn lnger brauchen werde, als er mich, oder
als seine Lunge vorhalten wird, die sicher schon mehr als halb verbraucht ist.
    Arthur hatte sich den Hut aufgesetzt und stand jetzt vor mir, und das Licht
fiel hell auf sein hbsches, blasses, lchelndes Gesicht, und mir mochte bei dem
Anblick wohl wehmthig um's Herz werden, und Arthur mute das bemerkt haben,
denn er fing pltzlich an zu lachen und sagte: was fr ein jmmerliches Gesicht
Du machst, als ob ich direct zum Galgen fhre und nicht vielmehr in das
Albert-Theater, die schne Bellini zu sehen, die heute ihr erstes Debt hat. Und
hernach ein Souper bei Tavolini, wenn es sein kann, mit der schnen Bellini. Du
siehst, mein Leben hat auch seine Lichtseiten. Adieu, alter Rabe!
    Und Arthur nickte herablassend mit dem Kopfe und schlenderte zur Thr
hinaus, die er hinter sich zuzumachen verga.
    Ich schlo die Thr und schttete neue Kohlen in das halb erloschene Feuer,
schraubte die Lampe heller, setzte mich an meinen Arbeitstisch und sagte, indem
ich meine Bcher aufschlug: Es ist doch sonderbar, da ein junger Frst so sehr
interessirt ist, ob er sich vor dem armen Schlossergesellen zu geniren habe,
oder nicht. Pah! ich werde ein Narr sein, und mich durch solche Thoren aus
meinem Wege drngen lassen.
    Aber wie ich auch weise zu sein und der Thorheit der Welt zu vergessen
strebte, immer wieder zog es, wie mit magnetischer Kraft, meine Gedanken ab von
den trockenen Formeln in das bunte Leben, in das ich eben, durch eine schnell
geffnete und ebenso schnell wieder geschlossene Thr gleichsam, einen Blick
geworfen. Es hatte bunt genug darin ausgesehen: ein Tisch besetzt mit halb
geleerten Flaschen und den Nschereien eines Desserts, und um den Tisch ein
halbes Dutzend weingertheter, lachlustiger Gesichter, meines darunter, und es
glhte von Wein und Lust, heller noch als die andern, denn ich war soviel
strker als sie, so da ich sie sammt und sonders htte unter den Tisch trinken
knnen, und ich stemmte die Ellenbogen auf und sang ihnen ein Zechlied, und sie
klatschten in die Hnde und schrien bravo und dacapo!
    Ich strich mir mit der Hand ber die Stirn. Was war das fr ein toller
Traum? Was hatte der einsame Arbeiter zu thun mit diesen Dingen, die nur fr die
reichen Miggnger erfunden waren? Hier war die Arbeit, der ich mich geweiht;
es war eine eiferschtige Geliebte, man konnte nicht ihr dienen und der schnen
Bellini.
    Ich sprang auf, und ich glaube, ich schlug mir mit der Faust vor die Stirn,
ohne eine besondere Wirkung zu erzielen. Da stand sie noch, wie sie eben zur
Thr hinausging und sich nach dem Bilde umdrehte - die schne Bellini, die
Konstanze so hnlich sah, und Schauspielerin werden wollte und heute zum ersten
Mal auftrat. Und in einer Loge dicht an der Bhne wrde der junge Frst sein mit
seinen Zechgenossen und durch groe Opernglser auf die schne Bellini starren,
whrend ich hier beim trben Schein einer Lampe sa, in einem nur halb erwrmten
Zimmer, mit heiem Kopf und frierenden Fingern lange Zahlenreihen auf das Papier
zu bringen, die heute durchaus nicht stimmen wollten.
    Wie der bse Samen, der einmal in mein Gemth geset war, sich nun weiter so
herrlich entwickelt hat, wei ich nicht; ich wei nur, da ich, wenige Minuten
spter, durch die dunklen, schneebedeckten Gassen eilte, und nach einiger Zeit
athemlos an der Kasse des Albert-Theaters anlangte. Das Haus war ausverkauft,
vollstndig ausverkauft, nur in der unteren Prosceniumsloge rechter Hand sei
noch ein Stehplatz.
    So geben Sie mir den.
    Der Mann sah mich verwundert an, er hatte jene Notiz im statistischen Sinne
gegeben, und keineswegs, um mir, der ich offenbar in das Parterre oder auf die
Gallerie gehrte, einen so vornehmen Platz zu offeriren. Er blickte mich scheu
an, aber er hatte mir das Billet schon gezeigt, konnte es nun nicht mehr
verleugnen, und so mute denn auch der Logen-Schlieer gute Miene zum bsen
Spiel machen und den Mann aus dem Volk in die aristokratische Loge lassen.
    Die Loge war bis auf den Platz, den ich einzunehmen hatte, gefllt und
dieser Platz befand sich in der tiefsten Ecke der Loge an der der Bhne
zugekehrten Wand, so da ich von der Bhne nur ein sehr kleines Stck, dafr
aber bis in die tiefste Tiefe der ersten Coulisse und ebenso in die
gegenberliegenden Prosceniumslogen sehen konnte, auerdem, glaube ich, noch die
Auslufer von drei oder vier sich bereinander aufbauender Rnge.
    Als ich diesen beneidenswerthen Platz einnahm, hatten sich ein paar frisirte
Herrenkpfe unwillig nach dem Strenfried umgeblickt, und sich dann ihre
Bemerkungen, die fr mich nichts Schmeichelhaftes zu haben schienen,
mitgetheilt. Da ich indessen nicht aussehen mochte wie Jemand, dem man ohne
Weiteres die Thr weisen konnte, lie man mich unbehelligt, und ich durfte mich
ungestrt jenem Genusse berlassen, welchen jedem sinnigen Gemth der Blick in
eine Prosceniumsloge gewhrt, die vollkommen leer ist, und in eine
Seitencoulisse, in welcher ein Dutzend geschminkter Herren und Damen in
spanischer Tracht augenscheinlich nur auf den Wink des Regisseurs warten, um die
mir zum grten Theil unsichtbare Bhne zu betreten. Und jetzt mute dieser Wink
erfolgt sein. Die Herren und Damen in spanischer Tracht setzten sich in Bewegung
und marschirten paarweise aus der Coulisse heraus; ein oder das andere Paar, die
ganz im Vordergrunde blieben, sah ich noch auf bereit gehaltenen Sthlen Platz
nehmen. Dann hrte man Getmmel auf der Bhne, wie von hereindringendem Volke,
und jetzt ertnte im Chor:

Heil Preciosen, Preis der Schnen,
Windet Blumen ihr zum Kranz!

    Whrend dieses Gesanges ertnten Tamburins und Castagnetten; auf der Bhne
wurde applaudirt; alle riefen: Es lebe Preciosa! Preciosa lebe hoch! und, als
wenn der Ruf ein Echo fnde, so erscholl jetzt aus dem ganzen Hause vom Grunde
bis unter das Dach ein einstimmiges donnerndes Bravo! bravo! bravo! und ich sah
die Herren wthend in die Hnde klatschen und die Damen sich vorber neigen, und
das wollte kein Ende nehmen, und als es endlich so weit still geworden war, da
der eine von den beiden schwarzen Herren auf den Sthlen links im Vordergrunde,
der, glaube ich, Don Fernando hie, sagen konnte: bei Gott! ein herrlich
Mdchen! und der Andere - Don Franzisco - ihm antwortete: ein bezaubernd schnes
Kind! - da brach der Jubel und das Bravorufen und das Hndeklatschen von neuem
los, da es war, als msse das Haus darunter zusammenbrechen, kaum da die alte
Zigeunermutter Ruhe genug fand, zu fragen, ob es den Herrschaften gefllig sei,
ihrer Enkelin Preciosa eine Frage vorzutragen.
    Don Fernando wnscht: ein freundlich Bild von des Kindes frommer Liebe in
beglckter Eltern Armen. Die wie von Leidenschaft vibrirende Stimme Don
Alonzo's, den ich nicht sah, findet es bedenklich: von der Elternlosen, von der
Waise zu fordere, da sie ein Glck besinge, welches der Himmel ihr entrissen.
Don Fernando bedauert, gerade auf so ein heikliges Thema verfallen zu sein; aber
Don Francisco unterbricht ihn mit den Worten: Still, sie fat sich, sie
beginnt! dann eine kleine Pause und dann -
    Ich hatte alle diese Vorbereitungen mit einer Spannung verfolgt, wie wohl
kein Einziger in dem weiten Hause. Ich kannte das Stck recht gut, ich hatte es,
glaube ich, ein halbes Dutzend Mal auf unserer kleinen Bhne in Uselin
bewundert. So sah ich alles, was dort, mir unsichtbar, auf der Bhne vorging,
und ich wute auch, da jetzt der Moment gekommen sei, wo die Preciosa zum
ersten Male sprechen wrde. Es waren nur wenige Secunden, die zwischen den
letzten Worten des guten Alten und den ersten Preciosa's verflossen; aber sie
dnkten mich eine Ewigkeit. Eine wunderliche Ahnung sagte mir, da sie es sein
msse, und das Herz in mir tobte wild bei dem Gedanken, da sie es sein knne;
und da schlug der erste Ton ihrer Stimme an mein Ohr, und mein Kopf sank gegen
die Wand der Loge und ich sagte vor mich hin: Sie! wirklich sie!
    Ja, sie war es. Das Ohr hat ein treues Gedchtni, ein treueres, als
vielleicht irgend ein anderer Sinn, und das Ohr hatte in meiner Leidenschaft fr
Konstanze von Zehren den Kuppler gespielt, wenn ich des Abends am offenen
Fenster stand und hinauf lauschte, ob ich, da ich sie doch nicht mehr sehen
sollte, nicht wenigstens ihre Stimme wurde hren knnen, und wre es auch nur
ein Wort zu der alten Dienerin, besser freilich eines ihrer Lieder, die sie mit
ihrer tiefen, weichen Stimme so kstlich zu singen verstand. Ja, sie war es,
Konstanze von Zehren, die Tochter des Stolzesten der Stolzen, die Cousine
Paula's, Schauspielerin, hier, auf der Bhne eines Vorstadt-Theaters!
    Sie hatten sich sonderbar gendert die Zeiten, sehr sonderbar. Eine Wehmuth
erfate mich, da ich htte weinen mgen; ich wollte auch fort - es kam mir wie
ein Verbrechen vor an dem Andenken meines unglcklichen Freundes, da ich hier
mit anhren sollte, was ihm zu hren so entsetzlich gewesen sein wrde; aber ich
konnte nicht fort; ich stand wie gebannt, den Kopf an die Wand gelehnt, wie
versteinert, ohne mich zu regen, ohne kaum zu athmen; stand so, whrend
Preciosa's Improvisation, und rhrte mich kaum, als spter der Vorhang fiel und
der Beifallssturm, welcher sie empfangen, und wiederholt ihr Spiel unterbrochen
hatte, strker als je zu toben begann.
    In meiner Loge entstand eine Bewegung. Eine junge Dame, die jedenfalls nicht
tglich am Schmiedefeuer, mglicherweise nicht einmal am Kchenfeuer stand, und
fr deren Nerven der allerdings etwas hohe Temperaturgrad in der Loge nicht
berechnet sein mochte, war ohnmchtig geworden, oder im Begriff ohnmchtig zu
werden, und wurde von zwei lteren Damen hinaus begleitet, whrend mehrere junge
Herren, die wohl zur Gesellschaft gehrten, pflichtschuldig assistirten. Dadurch
waren ein halbes Dutzend Pltze leer geworden, welche alsbald von den
Zurckbleibenden eingenommen wurden. Und so geschah es, da, als der Vorhang
wieder in die Hhe ging, ich auer der linken Seitencoulisse auch noch ein Stck
des Zigeunerlagers unter den spanischen Korkeichen und eine oder die andere der
ehrenwerthen Zigeunerfamilien zu sehen bekam, die sich um den groen Kessel
gelagert hatten, dessen Feuer sie mit flackernden Lichtern berstrahlte. Der
Hauptmann und Viarda sind bereingekommen, nach Valencia zu ziehen. Man wartet
nur auf Preciosa, die einsam im Walde umherstreift. Die Zigeuner entfernen sich
nach allen Seiten; einen Augenblick bleibt die Bhne leer, und dann - dann sah
ich sie, wie ich sie damals sah!
    Wie ich sie damals sah, an jenem Herbstmorgen, unter den Buchen von
Zehrendorf, durch deren leise wehende Zweige goldener Sonnenschein auf sie fiel:
ein schlankes, tief brnettes Mdchen, in seltsam phantastischer Tracht von
grnem Sammet mit goldenen Litzen, die geliebte Guitarre an der Seite. Ja, wie
ich sie damals sah, als wre die Flucht der Jahre spurlos dahingezogen ber ihr
schnes Haupt, und htte keine einzige der rothen Rosen von ihren Wangen zu
stehlen und von dem feurigen Glanz ihrer dunklen Augen keinen Strahl
auszulschen vermocht! Und wie damals erbebte mir das Herz in der Brust, und der
Athem stockte mir, als sie jetzt von dem Felsen unter den hochragenden Bumen
herabzusteigen begann, - wie damals zu der Moosbank am Weiher, an der ich stand;
- und auf einer Moosbank am Fue der Felsen lie sie sich jetzt nieder und ihre
Stimme erhebend - ihre tiefe, weiche Stimme, von der mein Herz noch keinen Ton
verlernt hatte! - sang sie:

Einsam bin ich, nicht alleine,
Denn es schwebt ja s und mild,
Um mich her im Mondenscheine,
Dein geliebtes, theures Bild.

    So, gerade so, hatte ich es von ihr gehrt, in lauen Mondscheinnchten, zu
mir herauftnend, aus dem dmmernden Park; und die Erinnerung jener seligen Tage
berkam mich mit aller Macht. Die Kehle war mir wie zugeschnrt, dumpf pochte
mein Herz in der Brust; heie Thrnen quollen mir aus den Augen und
verschleierten mir die reizende Gestalt und Alles um mich her.
    Erst der donnernde Beifall, mit welchem das Publikum die schne Sngerin am
Schlu ihrer Romanze berschttete, brachte mich wieder zu mir selber. Ich sah,
da sie sich verneigte und sich bereitete, dem Wunsch des Publikums zu folgen,
ich sah den Musikdirector den Taktstock erheben; ich hrte die ersten Klnge der
sen Weise:

Einsam bin ich nicht alleine -

    Mit einem male entsteht ein Lrm im Theater. Aller Augen richten sich auf
die unterste Prosceniumsloge linker Hand, mir gerade gegenber, in welche in
diesem Augenblick mit groem Gerusch vielleicht ein halbes Dutzend junger
Herren in eleganter Tracht und mit erhitzten Gesichtern, als kmen sie von einem
Diner, eingetreten sind, und sich auf den ersten beiden Reihen der Fauteuils
niedergelassen haben. In der Ecke links sitzt ein junger Mann, welcher der
Vornehmste in der Gesellschaft zu sein scheint, da sich die andern Alle um ihn
bemhen. Seine rechte mit gelbem Glac-Handschuh bekleidete Hand hngt lssig
ber die Logenbrstung. Das Gesicht ist in die Loge hinein zu einem seiner
Begleiter hinter ihm gerichtet; das drohende Zischen des Publikums strt ihn
nicht in seiner halblauten Conversation, und er lt sich erst herab, den Kopf
umzuwenden, als die Sngerin auf der Bhne pltzlich schweigt. In diesem
Augenblick erkenne ich den Frsten Prora, und ich sehe deutlich, da, als sein
Blick den der Sngerin trifft, er sich verfrbt. Sie ihrerseits hat ihn bereits
erkannt, und das Blut ist ihr aus den Wangen gewichen und die Stimme hat ihr
versagt. Sie hat sich schnell von ihrem Sitz erhoben und macht eine Bewegung,
als wollte sie davon eilen, bleibt dann aber, wie in einer halben Ohnmacht,
stehen und pret die Hand auf das Herz. Das Publikum glaubt, sein Liebling -
denn das ist das schne Mdchen in den wenigen Augenblicken bereits geworden -
fhle sich durch die rohe Strung, die von den feinen Herren ausgeht, zu
beleidigt, um weiter singen zu knnen. Man zischt, man ruft: Stille! man
donnert: Hinaus, hinaus die Aristokraten, hinaus die gelben Glacs! Der junge
Frst blickt mit einer Miene in den Lrm, als ginge ihn die Sache nicht im
Entferntesten an; aber seine Begleiter glauben mehr thun zu mssen; sie lachen
laut, verneigen sich ironisch und verhhnen offen das Publikum, welches Miene
macht, seine Drohungen auszufhren. Schon klettern einige Heisporne ber die
Lehnen der Bnke weg und strzen auf die Loge zu, als pltzlich die Sngerin,
die mit unverwandtem Blick immer auf derselben Stelle gestanden hat, einen
Schrei ausstt, die Guitarre fallen lt und zur Erde gesunken wre, wenn Don
Fernando, in welchem ich jetzt ihren Begleiter von der Kunstausstellung her
erkenne, aus der Coulisse herauseilend, sie nicht in seinen Armen aufgefangen
htte. In demselben Moment rauscht auch der Vorhang herab. Ich strze zur Loge
hinaus, ohne zu wissen, was ich will, wohin ich will, und komme erst wieder zu
mir, als die eisige Luft des Winter-Abends in mein glhendes Gesicht haucht.

                                Neuntes Capitel.


Ich wei nicht, wie viele Stunden ich so durch die Gassen geirrt bin; ich habe
nur noch eine undeutliche Erinnerung an gewaltige Husermassen, die dunkel in
das schmutzige Grau der Nacht hinaufragen; an Schneeflocken, die in dem gelben
Licht der Laternen aus dem schmutzigen Grau herabtanzen; an Fuhrwerke, die auf
dem frischgefallenen Schnee lautlos fast an mir vorber rollen, und Fugnger,
welche mit vorbergebeugten Kpfen, und sich, so gut es gehen will, vor dem
Schneesturm schtzend, an mir vorbeihuschen.
    Es waren der Fugnger nicht allzuviele, denn Jeder suchte ein Obdach vor
dem bsen Wetter. Was drauen war, mute eben drauen sein, wie die armen,
unglcklichen Geschpfe, die den Vorbergehenden mit bleichen, starren Lippen
Worte zumurmelten, welche warm und einladend klingen sollten; die armen
Geschpfe, deren verlockender Name eine so entsetzliche Ironie ist zu dem
Verweilen, Verweilen-Mssen in schneebedeckten, von eisigem Wind
daurchschauerten Straen.
    Und eine solche Unglckliche glaubte ich auch vor mir zu haben, als ich
durch eine breite Strae des vornehmsten Quartiers irrend, zu einem der
kleineren Palais gekommen war, vor dessen Thr soeben im schnellsten Trabe ein
von zwei feurigen Pferden gezogener Wagen vorfuhr, dessen Laternen ein
blendendes Licht ringsumher warfen. Und in dem Licht dieser Laterne stand das
Mdchen, dicht an die Mauer gedrckt, und ich sah, da sie in dem Augenblicke,
wo der Jger von dem Bock sprang und seinem Herrn aus dem Wagen half, ein paar
Schritte vorwrts kam und den Arm aus dem Mantel streckte, als wollte sie den
aus dem Wagen Springenden aufhalten. Aber er hatte den Pelzkragen seines Mantels
in die Hhe gezogen und bemerkte, eilig die Stufen emporsteigend, die Gestalt
nicht. Die Thr, durch welche man in ein hellerleuchtetes Treppenhaus geblickt
hatte, schlo sich hinter dem Herrn und seinem Diener; der Kutscher berhrte die
edlen Thiere mit der Peitschenspitze, der Wagen rollte davon und verschwand in
dem weitgeffneten Thor eines Nebengebudes.
    Es war Niemand mehr drauen, als ich, das arme Mdchen und die
Schneeflocken, die aus dem Dunkeln herabtanzten in dem gelblichen Schein der
Laternen. Das Mdchen kam auf mich zu, an mir vorber. Sie sah mich offenbar
nicht; aber ich sah sie und der Schein einer der Laternen fiel hell in ihr
schmerzverzerrtes Antlitz.
    Konstanze! rief ich.
    Sie blieb stehen und starrte mich mit den brennenden, schwarzen Augen an.
    Konstanze! wiederholte ich. Ich bin es; kennen Sie mich nicht mehr? Georg
-
    Mein Drachentdter, der alle Drachen erschlagen wollte, die auf meinem Wege
waren! Warum haben Sie den nicht erschlagen, nicht den? Und sie lachte gell auf
und deutete mit zitternder Hand auf die Thr, hinter welcher der Frst von Prora
verschwunden war.
    Der Mantel war aufgeflogen und flatterte von dem eisigen Winde gepeitscht um
sie her; ich sah, da sie noch in ihrem Preciosa-Costm war. Sie mute, wie sie
da war, von der Bhne auf die Strae gestrzt sein. Die Schneeflocken wirbelten
ihr in das heie Gesicht! - arme Konstanze, armes Weib, murmelte ich und ich zog
ihr den Mantel dicht ber die Schultern, legte ihren Arm in den meinen und
suchte sie vor Allem von diesem Orte zu entfernen. Sie folgte mir willig, und so
schritten wir beide neben einander dahin durch die langen, vom Wind durchsausten
Straen, indem ich von Zeit zu Zeit auf die Unglckliche herabschaute, die sich
jetzt fester an mich klammerte, und sie in theilnehmendem Tone fragte: wie es
ihr gehe? und wohin ich sie fhren solle?
    Ich hatte diese Fragen schon mehrmals wiederholt, ohne eine Antwort zu
erhalten, als sie pltzlich stehen blieb und durch die bleichen Lippen murmelte:
ich kann nicht mehr! Es schien mir, als ob sie im nchsten Augenblick in
Ohnmacht fallen werde. Ich war in der grten Verlegenheit. Auf der Strae war
nirgend ein Wagen zu erblicken, berdies hatten wir uns auf unserer ziel- und
planlosen Flucht weit aus dem eleganten Quartier entfernt, in welchem, wie sie
mir jetzt auf mein Andringen sagte, ihre Wohnung sich befand. Dafr aber waren
wir, ich wei noch heute nicht wie, ganz in die Nhe meiner Wohnung gelangt. Ich
hielt es fr das Beste, ja fr das Einzige, was sich thun lie, sie dort
hinzufhren. Sie knnen sich wenigstens da so lange aufhalten, sagte ich, bis
Sie sich wieder erwrmt haben und ich einen Wagen herbeizuschaffen im Stande
gewesen bin. Ohne ein Wort zu erwiedern, folgte sie mir. Den Schlssel zu der
Auenthr hatte ich bei mir, so brauchte ich nicht einmal den alten Wchter zu
incommodiren, und sein Spitz, der uns knurrend entgegen kam, sprang, als er mich
erkannte, freudewedelnd an mir herauf. Ich wnschte mir Glck, auf diesen Ausweg
gekommen zu sein, denn Konstanze hing schwer an meinem Arm; ich mute sie die
letzte Strecke ber den Hof und die Stufen zu meiner Wohnung hinauf beinahe
tragen. Ja, als wir auf meinem Zimmer angelangt waren, und ich sie bei dem
matten Schein des Kohlenfeuers im Kamin zu dem groen Sessel gefhrt hatte, sah
ich, nachdem ich schnell ein Licht angezndet, da ihre Augen starr und halb
geschlossen waren, whrend eine riefe Blsse ihre schnen Zge bedeckte. Meine
Verwirrung in dieser fr mich so vollstndig neuen Situation war weniger gro,
als ich selbst vermuthet haben wrde. Ich wte nicht, da ich einen anderen
Gedanken gehabt htte, als, wie ich ihr, die der Hlfe so bedrftig war, so
schnell als mglich mchte helfen knnen. Ich schrte das Feuer, da die Flammen
hell aufleuchteten; ich nahm ihr den vom Schnee durchnten Mantel ab und hllte
sie in ein Plaid, welches unter meinen Sachen hing, ich schlug ihre Fe in eine
Decke und nahm ihre kalten Hnde und erwrmte sie in den meinen. Dann fiel mir
ein, da eine Tasse Thee, die ich bereiten konnte, besonders dienlich sein
drfte. So eilte ich denn an meinem Schrank, nahm die Theesachen heraus, und gab
ihr, nachdem ich in einem Blechgef auf den glhenden Kohlen das Wasser schnell
zum Kochen gebracht hatte, von dem labenden Getrnk, in das ich nicht verga,
ein paar Theelffel guten Cognacs hinein zu thun. Sie schlrfte gierig die
Schaale aus, ich reichte ihr noch eine, die sie ebenso schnell leerte.
    Der heie Trank schien ihr besonders wohl gethan zu haben; sie heftete ihre
Blicke auf die Bilder an den Wnden, auf die Meubel, endlich auf mich und sagte,
mir die kleine zarte Hand reichend, in welcher jetzt wieder warmes Leben
pulsirte: Wie gut Sie sind, wie engelsgut! Sie sind der beste Mensch von Allen,
die ich je kennen gelernt; wie viel glcklicher htte mein Leben werden knnen,
wren Sie nur ein paar Monate frher zu uns gekommen; Sie guter, guter Georg!
    Es war wieder die Konstanze von damals; dasselbe verfhrerische Geplauder in
derselben melodisen, weichen Stimme; und ich, der ich nun so gut wute, was von
dieser Gte, von dieser Holdseligkeit zu halten war, ich stand da, wie ein
groer Hans, der ich war, von dem alten sen Ton bis in die tiefste Seele
durchschauert und von dem Druck ihrer Hand zitternd vom Kopf bis zu den Fen.
Dann freilich machte die Vernunft eine Anstrengung, ihre Herrschaft ein fr alle
Mal wieder zu erobern. Ich zog meine Hand aus ihrer Hand, trat bis zu dem Kamin
zurck und sagte, indem ich, scheinbar mit grter Ruhe, die auf den Rcken
gelegten Hnde wrmte: Sie sind sehr gtig; aber ich darf ber Ihrer Gte nicht
vergessen, da ich mich anheischig gemacht habe, Sie wohlbehalten in Ihre
Wohnung zu bringen. Wenn Sie sich so fhlen und wenn es Ihnen recht ist, gehe
ich jetzt, den Wagen zu holen.
    Sie zrnen mir noch, erwiederte sie, sich in den Sessel zurcklehnend, und
zu mir unter den langen Wimpern aufblickend. Warum zrnen Sie mir? Was habe ich
Ihnen gethan? Was habe ich gethan, das nicht jede Andere an meiner Stelle auch
gethan htte? Ich habe fr meine Liebe meinen Ruf, meine Existenz, mich selbst
hingegeben; sollte ich da fr die Gefhle eines jungen Menschen, der schwerlich
wute, was er wollte, eine so zrtliche Sorgfalt tragen? Haben Sie mich geliebt?
Haben Sie mich geliebt? wiederholte sie, indem sie aufsprang und mir in die
Augen starrte. Sie haben mich nicht geliebt; Sie wrden jetzt nicht so ruhig
dastehen knnen, und Sie sind es nie werth gewesen, da es mir so schwer
geworden ist, Ihnen den kleinen Betrug zu spielen. Wissen Sie, da ich kindisch
genug gewesen bin, nicht darber hinwegzukommen? da Ihr gutes Gesicht mit den
treublickenden Augen immer und immer in meine Seele geschaut und mir Thrnen der
Reue erpret hat? Sie haben kein Recht, mir zu zrnen, Sie am allerwenigsten!
    Und sie warf sich wieder in den Sessel und verschrnkte trotzig die Arme
ber die Brust.
    Wer sagt Ihnen, da ich Ihnen zrne? erwiederte ich.
    Sie mssen mir zrnen, erwiederte sie mit einer Art von Heftigkeit; ich
will, da Sie mir zrnen, oder soll ich etwa wollen, da Sie mich verachten? Ein
Drittes giebt es nicht. Das Dritte wre Gleichgltigkeit, und gleichgltig bin
ich Ihnen nicht, nicht wahr, Georg? Nicht gleichgltig, trotzdem Sie sich jetzt
erstaunliche Mhe geben, ganz gleichgltig zu erscheinen. Wenn sich zwei
Menschen einmal so nahe gestanden haben, wie wir uns, und durch solche
Erinnerungen mit einander verbunden sind, wie wir, knnen sie sich niemals ganz
in jener Wste verlieren, die man Gleichgltigkeit nennt. Wissen Sie, da, als
ich vor einigen Wochen in der Ausstellung ein Bild von Ihnen entdeckte, ich
erschrocken gewesen bin, als htte ich einen Geist gesehen, und mich nicht
wieder trennen konnte von dem Bilde und hernach noch oft zu demselben
zurckgekehrt bin und Ihrem Andenken noch manche Thrne geweint habe? Dann sah
ich aus dem Catalog, da das Bild von meiner Cousine sei, und ich machte mir ein
Paar aus Euch Beiden, ein glckliches Paar, und segnete Euch mit meinen
innigsten Wnschen. Jetzt freilich sehe ich, da es anders ist. Was sind Sie?
was treiben Sie? wie kommen Sie in diesen sonderbaren Raum? und sie blickte
sich von Neuem in dem Gemache um.
    Ich bin ein einfacher Arbeitsmann, erwiederte ich; ein Schlosser in einer
benachbarten Maschinenfabrik.
    Schlosser - Maschinen - wie sagten Sie? das ist doch sonderbar; wer das
geahnt htte, an jenem Nachmittage, als ich Sie mit den anderen Herren auf die
Jagd gehen sah, in Stiefeln, die Ihnen hoch hinauf reichten, und einem kurzen
Sammetrock, mit Flinte und Jagdtasche, so gro und stattlich, der grte und
stattlichste von Allen! Was mein Vater wohl gesagt haben wrde! Sie nahmen immer
seine Partei; Sie thun es vielleicht noch jetzt; aber glauben Sie mir, er hat
nicht gut an mir gehandelt, und wenn ich zu tadeln bin, und wenn ich ausgestoen
und verflucht bin, es fllt Alles, Alles auf ihn zurck. Wissen Sie, da der
alte Frst von Prora, als mein Vater ber seine Weigerung sich enzrnt stellte,
ihm in's Gesicht geschleudert hat: mein Sohn kann ihr uneheliches Kind nicht
heirathen, und ich mich mit einem Schmuggler nicht schlagen! da ist mein Vater
aufgesprungen und hat den Frsten erwrgen wollen; als ob ihm das seine Ehre und
mir die meine wiedergegeben htte! Und sehen Sie, Georg: das Alles habe ich
nicht damals gewut; ich habe es erst von Car - von ihm erfahren, in der Stunde,
als er es vorzog, mich in einem fremden Lande allein zu lassen. Kann ein Mann
wissen, was es fr ein Mdchen heit, von dem Manne, den sie nun, er mag es
verdient haben oder nicht, geliebt hat, dem sie sich ganz hingegeben, auf den
sie ihr Alles gesetzt hat - wie ein verzweifelter Spieler sein ganzes Vermgen
auf eine Karte - wenn sie von ihm mit Spott und Schande hinausgestoen wird in
das Elend? Nicht in das gemeine, das beim Schein eines Arbeitslmpchens oder dem
Flimmern der Straenlaternen sein Brot sucht - ich war nach wie vor von Glanz
und Luxus umgeben, und der Marquese von Serra di Falco war so viel reicher denn
er, wie das sonnige Sicilien schner ist, als unsere nebelumwogte Heimathsinsel.
Und dennoch war es Elend, grenzenloses, glnzendes Elend, dem keine von uns
entrinnt, die um ihre Liebe betrogen wird, man mag ihr dafr zahlen, was man
will und wie viel man will. Ich habe es mit dem Ha versucht; aber der Ha ist
nur der Zwillingsbruder der Liebe und die Geschwister knnen die gemeinsame
Abstammung nicht verleugnen. Es giebt auch nur ein Mittel gegen die Liebe, das
ist die Rache. Rchen Sie mich an ihm! Sie knnen es; Sie sind so stark; Sie
haben ihn schon einmal in Ihrer Gewalt gehabt, in jener Nacht, als Sie ihn im
Walde trafen; er hat es mir erzhlt und gefragt, wer der Riese gewesen? Warum
haben Sie ihn davon kommen lassen? Warum ihn nicht erwrgt? erschlagen? und sind
dann zu mir gekommen und haben gesagt: ich bin dein Liebster, denn ich bin
strker als der Andere, und haben mich auf Ihre Arme genommen und davon
getragen? Aber Ihr Mnner zeigt uns ja nie, da Ihr Mnner seid, und wundert
Euch dann, da wir mit Euch spielen! Als ob wir etwas anderes mit einem Geschpf
sollten, das wir nicht strker sehen, als wir selbst sind, und wie oft so viel
schwcher! Zeigen Sie, was Sie sein knnen, was Sie sind! Zertreten Sie dieser
Schlange den Kopf und ich will vor Ihnen niederfallen und Sie anbeten!
    Sie hatte schon lngst, whrend sie so sprach, den Plaid fallen lassen, in
den ich sie gehllt, und die Decke abgeschttelt, sich aus dem Sessel erhoben,
und war bei den letzten Worten vor mir auf die Kniee gesunken, die Arme zu mir
erhebend. Der Flackerschein des Feuers flimmerte auf ihrer phantastischen
Zigeunertracht, glnzte auf ihrem dunklen Haar, welches in aufgelsten Strhnen
ihr ber Wangen und Schultern flo, glhte auf ihrem Gesicht, das mir nie so
tdtlich schn erschienen war. Der namenlose Zauber, mit dem sie mich einst
umstrickt, berkam mich mit der ganzen alten Kraft; das Herz schlug mir bis in
die Kehle und Fieberschauer rieselten mir durch den ganzen Krper, aber ich
raffte mich mit der gewaltsamsten Anstrengung auf und sagte, indem ich ihr meine
eiskalte Hand reichte und sie vom Boden hob:
    Sie wenden sich an den Unrechten. Uebertragen Sie Ihre Rache an dem Frsten
Dem, welcher ein nheres Interesse daran hat, dem jungen Manne zum Beispiel, an
dessen Arm ich Ihnen in der Gallerie begegnet bin, und der heute Abend, wenn ich
nicht irre, auch in dem Schauspiel der war, welchen Preciosa mit ihrer Huld
beglckte.
    Knstanze hatte sich, die Augen immer fest auf meine Augen geheftet, langsam
erhoben, und begann jetzt durch das Zimmer hin und her zu gehen, mit hastigen
Schritten, bald vor mir stehen bleibend, bald wieder weiter schreitend, und
dazwischen also sprechend: Wie schlecht Ihr Mnner seid, wie entsetzlich
schlecht, und roh und gefhllos! Ist es darum, damit Sie mir das Hrteste sagen,
da Sie mich hierher gelockt haben? Ist das Ihre Gastfreundschaft? Glauben Sie,
Ihr Feuer habe mich allzu sehr erwrmt, da Sie mich jetzt mit Eiswasser
berschtten? Aber Euer Herz ist nur so kalt, weil Euer Verstand so plump ist,
weil Ihr zum Beispiel nicht begreifen knnt, da eine Frau, die man von Jugend
auf mit der Hoffnung auf dereinstige Herrlichkeit gewiegt hat, und die den Traum
ihres Lebens fast verwirklicht sah, wenn dieser Traum nun zerrinnt wie leichter
Nebel, wenn sie mit ihren hochgespannten Empfindungen, mit ihrem verwhnten
Geschmack, mit ihren sorgsam gepflegten Ansprchen an Schnheit und Luxus einer
gemeinen Wirklichkeit ausgeliefert werden soll - da eine solche Frau mit
Nothwendigkeit wenigstens nach dem erbrmlichen Schein der glnzenden Stellung
trachten mu, die sie unwiederbringlich verloren sieht! da die Geliebte von
Prinzen nichts Anderes sein kann, als eine Theater-Prinzessin! Und nicht einmal
den traurigen Schein lt er mir ungestrt! Wieder drngt er sich herbei, der
Verhate, und vergllt mir meinen Triumph! Doch was rede ich von dem Allen einem
Mann, der das nicht versteht, nie verstehen wird? der das glckliche Loos
erwhlt hat einer bescheidenen Existenz voll Arbeit und Mhe und ruhigem
Schlaf?
    Sie blieb vor mir, der ich mich jetzt anstatt ihrer in den Sessel geworfen
hatte, stehen, und fuhr fort mit sonderbar weicher, zitternder Stimme:
    Wenn ich schlafen knnte! wenn ich schlafen knnte! aus dem Quell trinken
knnte, der Ihnen tglich quillt, und der Glcklichen quillen wird, die Sie
dereinst an diesen trauten Heerd fhren! Wenn ich das Fieber bannen knnte, das
hier brennt, und hier - sie deutete auf Herz und Stirn - und mir keine Ruhe
lt, keine, keine Ruhe! Ach, so zu schlafen, von Rosmarin und Veilchen
umduftet, den sen Schlaf an einem treuen, starken Herzen!
    Und pltzlich fhlte ich, der ich gesenkten Hauptes, schmerzverloren, dasa,
wie ein paar weiche Arme sich um meinen Nacken schlangen, ein voller Busen sich
an meine Brust drngte und ein paar heie Lippen meine Lippen suchten. Wollte
ein Traum, den ich, ein leidenschaftlicher, sinnlicher Knabe, einst getrumt,
Wahrheit werden? oder trumte ich wirklich? Und war es nur, wie man aus einem
Traum sich aufzuraffen strebt, da ich sie an mich prete, und dann aufsprang,
und sie aus meinen Armen gleiten lie, und wieder in meine Arme prete?
    Das Licht, welches uns zuletzt kaum noch geleuchtet hatte, sank in den
Sockel und erlosch: nur in dem trgerischen Schein des Feuers sah ich die
Umrisse der lieblichsten Gestalt, die sich fest und fester an meine Brust
schmiegte; und wie traumverloren hrte ich eine Stimme dicht an meinem Ohr:
schlafen sen Schlaf an einem treuen, starken Herzen!

                                Zehntes Capitel.


Sie sind krank, lieber Freund? sagte Doctor Snellius, indem er eines Abends zu
mir in das Zimmer trat.
    Ich hatte den Doctor, seitdem wir uns neulich in Hader getrennt, nicht
wieder gesehen und der Besuch des Mannes mit der scharfen Brille vor den
scharfen Augen war deshalb dem Menschenscheuen, der seit einiger Zeit alle Welt
floh, doppelt peinlich. Er mute meine Verlegenheit bemerken, denn der Ton
seiner Stimme war ungewhnlich weich und mild, als er jetzt, nachdem wir vor dem
Kamin Platz genommen, also fortfuhr:
    Ich wei es von Klaus Pinnow, der es Ihnen angesehen haben will; ich wei
es auch von ihr, von Paula, die es Ihnen nicht angesehen, weil Sie sich bei ihr
nicht haben blicken lassen, und die mich deshalb heute hergeschickt hat. Was ist
das, lieber Freund? Ihre Haut ist trocken, Sie sehen erbrmlich aus und Sie
haben wirklich Fieber. Wo fehlt es?
    Ich fhle mich ganz wohl, erwiederte ich, indem ich meine groe breite
Hand aus den kleinen, frauenhaft zarten Hnden des Doctors zog, und mir damit
Stirn und Augen gegen die scharfen Brillenglser zu schtzen suchte, vollkommen
wohl.
    So haben Sie irgend einen Kummer gehabt, irgend ein groes Leid, welches
solchen Naturen, wie die Ihre, mehr zusetzt, als anderen Leuten ein schwere
Krankheit. Ist es so?
    Das knnte schon eher der Fall sein, erwiederte ich.
    Und Sie knnen mir nicht sagen, was es ist? fragte der Doctor, indem er
mir nher rckte und seine kleine Hand auf meine andere Hand legte, welche auf
meinem Knie ruhte.
    Ach, es ist nicht der Rede werth, erwiederte ich; eine kleine spukhafte
Geschichte, ungefhr wie die, von welcher ich, ich wei nicht, wo und wann,
einmal gelesen: die Geschichte von einem jungen Manne, der ein junges Weib
hatte, die eine Hexe war, und einmal, als er, von Liebe und Schlaf betubt, an
ihrer Seite entschlummern wollte, und seine Hand ausstreckte, um ihre Hand noch
einmal zu erfassen, war sie verschwunden, aus dem Schornstein hinaus, auf den
Blocksberg zum Teufel gefahren, was wei ich?
    Und ich sprang auf, lief im Zimmer in wilder Erregung auf und nieder, und
warf mich dann wieder neben dem Doctor in den Sessel.
    Die Geschichte ist ein wenig zu mystisch, um eine Diagnose darauf bauen zu
knnen; erwiederte der Doctor freundlich, indem er mir abermals nher rckte,
und, da er meine Hand eben nicht fassen konnte, mir ein paar mal sanft ber das
Knie strich.
    Nun denn, sagte ich, so nehmen Sie Folgendes: Ein Mann hat als
neunzehnjhriger Bursch ein schnes, ungefhr eben so altes Mdchen geliebt,
leidenschaftlich, wie man in den Jahren liebt, wenn noch dazu Einsamkeit und
romantische Verhltnisse den Kuppler spielen. Er ist damals von dem Mdchen
genasfhrt und schlielich in ziemlich schnder Weise verrathen worden, und hat
das Mdchen doch nicht vergessen knnen, und das Herz ist ihm erzittert in der
Brust, so oft nur in den folgenden acht bis neun Jahren, denn so lange ist es
her, ihr Bild vor seine Seele getreten ist. Da lt ihn ein Zufall sie
wiederfinden, wie er sie zu finden erwarten mute: eine Buhlerin, die Maitresse,
ich wei nicht, wie vieler Mnner. Es kann ihm nicht zweifelhaft sein, zum
Ueberflu sagt sie ihm es selbst, und whrend sie es ihm sagt, erzittert ihm
wieder das Herz in der Brust; es verlangt ihn im Grunde seiner Seele darnach,
sich der langen Reihe seiner Vorgnger anzuschlieen, und als sie ihre Arme
ffnet, hat er nichts eiliger zu thun, als an die Brust zu sinken, in der kein
Herz schlgt. Er fhlt deutlich, da es nicht schlgt; ein ganz kindisches, aber
ganz wahnsinniges Mitleid ergreift ihn; er will das erkaltete Herz wieder
erwrmen, mit der Gluth seiner Ksse, mit seinem eigenen Herzblut, und das
Gespenst trinkt sein Herzblut, eins, zwei, drei - ein Dutzend Nchte, und als er
wieder einmal - in der ersten Morgenfrhe erwacht, ist sie verschwunden, wie
Hexen verschwinden, und am nchsten Abend sieht er sie im Theater mit einem
jungen, vornehmen Stutzer kokettiren, und der Stutzer fhrt mit ihr nach Hause
und drauen -
    Steht der arme Narr und schlgt sich mit der Faust vor die Stirn, und rauft
sich das Haar; man kennt das! sagte der Doctor und strich mir wieder mit der
Hand ber's Knie. Man kennt das, wiederholte er, immer sanfter streichelnd,
es thut weh; aber wenn einem ein Backenzahn mit drei langen Wurzeln ausgezogen
wird, das thut auch weh, und ebenso, wenn einem ein gebrochener Arm wieder
eingerichtet wird. Auch glaube ich nicht, da dem Mann gut zu Muthe war, von dem
ich eben komme: Ein tchtiger Arbeitsmann aus Ihrer Fabrik. Sie werden ihn
kennen; er heit Jacob Krafft, er arbeitet, wenn ich nicht irre, in Ihrer
Werkstatt. Nun, dem hatte seine Frau, ein liebes, gutes Weib, um das der brave
Kerl manches Jahr gefreit, vor neun Tagen ein todtes Kind geboren, das ich mit
der Zange holen mute; und jetzt liegt sie selbst todt in ihrem Bett, und vor
dem Bette kniet der gute Jacob Krafft und wnscht aus Herzensgrund, da er nie
geboren wre. Ich glaube, da dem armen Teufel schlecht zu Muthe ist. Und der
jungen Frau Mller wird auch nicht gerade besonders wohlig sein. Ihr Mann ging
heute Morgen munter aus dem Hause, seine Wagen zu schieben auf dem neuen
Bahnhof, und da haben sie ihm die Brust zwischen zwei Wagen zerquetscht, und
heute Nacht wird er sterben. Und brigens, lieber Freund, mssen wir Alle
sterben, und nach neun Uhr ist es vorbei, wie der Theater-Director sagte, wenn
die Leute im Parterre pfiffen.
    Sterben, was ist das Groes! erwiederte ich, ich habe schon ein paar Mal
in meinem Leben zu sterben gewnscht, und habe es fr etwas Greres erachtet,
da ich eben nicht starb, sondern dies vermaledeite Leben weiter lebte.
    Und daran haben Sie recht gethan, mein Freund, sagte der Doctor.
    Ich wei nicht, erwiederte ich, ob jene Rmer, von denen ich auf der
Schule gehrt habe, nicht edler und klger handelten, wenn sie sich in ihr
Schwert strzten, sobald die Partie verloren war.
    Jeder nach seinem Geschmack, sagte der Doctor. Ein Pferd mu man todt
stechen, wenn es ein Bein gebrochen hat, einem Menschen richtet man es wieder
ein, oder wenn es nicht zu retten ist, schneidet man es ihm ab und schnallt ihm
einen Stelzfu an oder einen Korkfu, und darauf humpelt er seinen Lebensweg
weiter. Sie glauben nicht, lieber Freund, wie wenig zum Leben gehrt, beinahe
nichts, auer Kopf und Herz. Ja, kaum das! Sie haben wohl selbst schon bemerkt,
wie kopflos so Mancher durch's Leben taumelt, und da man mit einem viertel oder
halben Herzen leben kann, wei ich aus eigener Erfahrung.
    Der Doctor hatte das in einem so wehmthigen Tone gesagt, so still vor sich
hin, wie mit sich selbst redend. Und wie mit sich selbst redend sprach er
weiter, indem er mich dabei immer sanft ber das Knie strich, und ber meine
Fuspitze weg in die Kohlen starrte:
    Ja, mit einem halben Herzen! es lebt sich nicht sehr gut und nicht sehr
leicht; es ist einem manchmal, als mte es einem die Brust zusammendrcken,
oder als sollte man sich hinlegen, wo man sich eben befindet, und nicht wieder
aufstehen. Aber man steht dann doch auf und thut, wenn nicht sich, so doch
vielleicht denen einen Gefallen, die der Schuh auch mglicherweise irgend wo und
wie drckt, und denen man mit seinen Erfahrungen und seiner Schusterkunst zu
Hilfe kommen kann. Denn, lieber Freund, die Wenigsten sind in der Lage, sich die
Schuhe ausziehen zu knnen, was allerdings nicht nur das beste Mittel wre,
sondern auch in der That das einzige ist, um alle Schmerzen los zu werden. Und
diesen Leuten mu geholfen werden, lieber Freund, mu positiv geholfen werden;
und mein Leben ist seit vielen Jahren nur ein Grbeln und ein Sinnen, wie das
anzufangen sei im greren Mastabe; in einem kleinen Kreise, so weit die
drftigen privaten Mittel reichen, da wei ich wohl, was zu thun ist, und thue
ich, was ich kann. Auf Wiedersehen, lieber Georg; ich habe noch ein paar alte
Schuhe zu flicken und ein paar Hhneraugen zu beschneiden.
    Doctor Snellius gab mir einen freundschaftlich sanften Schlag auf das Knie,
rusperte sich, stlpte seinen abgeschabten Hut auf den kahlen Kopf, nickte mir
in der Thr noch einmal zu und lie mich allein.
    Ein nicht unedler Mensch ist vielleicht niemals geneigter und auch mehr im
Stande, an dem Unglck Anderer Theil zu nehmen, und es zu verstehen, als wenn
ihm selbst ein groes Leid widerfahren ist. So hatte der abscheuliche Verrath,
welchen Konstanze - nun schon zum zweiten Male - an mir verbt, mir Herz und
Augen geffnet ber das Weh, welches dem Doctor im Herzen sa. Da der seltsame
Mann Paula liebte, war mir freilich nie zweifelhaft gewesen; aber, da er dieser
seiner Liebe stets ein humoristisches Mntelchen umzuhngen pflegte, hatte ich
in meiner Einfalt nie gesehen, wie gro und schn und heilig diese Liebe war.
Ich hatte es so begreiflich gefunden, da diese Zwerggestalt mit dem
unfrmlichen, kahlen Kopfe und dem grotesk hlichen Gesicht von einem schnen,
schlanken Mdchen nicht geliebt werden knne, ungefhr, wie man es
selbstverstndlich findet, da ein Mann, der auf Krcken geht, nicht auf dem
Seile tanzen kann. Jetzt mit einem Male ward mir klar, was dieser Mann alle
diese Jahre hindurch gelitten haben mute, er, der nicht ohne Grund und gewi
nicht ohne Hinblick auf sich selbst sagte, da der Mensch zum Leben kaum mehr
als Kopf und Herz brauche! Und dann verglich ich ihn, den stoischen Dulder, mit
mir, und ich fragte mich, ob er, der Reine, Gute, Edle nicht, Alles in Allem,
viel mehr verdiene, von Paula geliebt zu werden, als ich. Mir war dieses Glck
stets als ein Gnaden-Wunder erschienen, dessen ich mich im Grunde niemals wrdig
gefhlt, aber so unwrdig hatte ich mich nie gefhlt, wie jetzt, wo ich mein
Heiligenbild an eine Buhlerin verrathen, die mich genasfhrt hatte, wie ich es
verdient.
    Vielleicht, da ein Jngling von Achtzehn, der diese Zeilen liest, im
Bewutsein seiner reiferen Erfahrung, mitleidig lchelt ber den Mann von
Achtundzwanzig, der sich eine solche Kleinigkeit zu Herzen nehmen konnte. Aber
mein weiser Freund mge bedenken, da ich in den einfachsten Verhltnissen
erwachsen, acht Jahre im Gefngnisse gewesen war, und jetzt, seitdem ich in der
Hauptstadt lebte, meine Zeit sehr nthig gehabt hatte, ein guter
Maschinenarbeiter zu werden. Wo sollte ich die Erfahrungen meines weisen
Freundes gesammelt haben? woher wissen, da dergleichen Liebesschmerzen dem
Manne comme il faut gut stehen, wie dem Ruber Schweizer seine Narben? nicht nur
in seinen eigenen Augen und in denen seiner Kameraden, sondern, was mehr sagen
will, in den Augen der Schnen, vor deren schnen Augen er Gnade zu finden
wnscht und hofft? Ich war ein groer Hans mit meinen acht und zwanzig Jahren;
ich gestehe es reumthig und mit der Bitte, da mein weiser Freund von Achtzehn
mit mir Geduld haben mge!
    Freilich wird ihm das schwer werden, wenn er hrt, da ich die Thorheit so
weit trieb, als unumstlich anzunehmen, ich habe mich der schnen Snderin mit
Leib und Seele einmal fr allemal ergeben, und es sei meine Pflicht, von diesem
Augenblick an fr sie zu leben; sie zu retten, wenn es sein knnte, mit ihr
unterzugehen, wenn es sein mte; und da ich mich keineswegs losgesprochen und
entsndigt fhlte, als sie mir nach der spukhaften Katastrophe in einem
duftenden Billetchen schrieb: ich sei nach wie vor ihr guter Georg, den sie
herzlich liebe, aber sie knne weder mit mir leben, noch wolle sie von mir
gerettet werden, noch am allerwenigsten mit mir untergehen. Im Gegentheil, in
meinen Augen war und blieb ich ein Verdammter, vor meinem Gewissen losgelst von
der Gemeinschaft der Guten und Reinen. Nie wrde mir die heilige Flamme des
huslichen Herdes leuchten, nie ein reines Weib mich mit ihrer Hand beglcken,
nie lachende Kinder meine Kniee umspielen! Der Fluch, mit welchem eine
stiefmtterliche Natur dem guten Doctor geflucht: der Fluch, nicht geliebt zu
werden, wie sein Herz verlangte, - ich hatte ihn selbst in meiner Thorheit auf
mich herabgerufen, und so blieb mir denn nichts brig, als, wie er, auf
individuelle Liebe zu verzichten, und mir, wie er, Trost und Erquickung aus dem
ewig quellenden Born der groen Liebe fr die leidende Menschheit zu schpfen.
    Ich habe hernach wohl eingesehen, da der eben so weise als kluge Doctor
meinen Zustand so ziemlich richtig beurtheilte, und denselben keineswegs so
tragisch nahm, wie ich selbst. Aber die augenblickliche Disposition meiner Seele
fr ein Wirken in seinem Sinne kam ihm sehr gelegen. Er hatte mich schon seit
Jahren als seinen Schler betrachtet, und er durfte es in mehr als einem Sinne.
Er hatte Groes mit seinem Schler vor, und dies war eine Stufe, ohne welches
jenes Groes, das wute er, sich niemals wrde erreichen lassen.
    Es war mir nichts Neues, da der edle Mann, trotzdem er stets erklrte, da
die Dummheit freilich immer ein Unglck, aber auch das Unglck in den
allermeisten Fllen eine Dummheit sei, fr die unglcklichen Dummen und dummen
Unglcklichen eine groe Liebe hatte. Wie gro diese Liebe war, sollte ich jetzt
erst erfahren. Er machte mich theoretisch und praktisch mit den socialen Fragen
bekannt, die jetzt alle Welt beschftigen, aber damals erst von wenigen
erleuchteten Kpfen hinreichend gewrdigt wurden. Er zeigte mir, wie die Dinge
lagen in England, in Frankreich, bei uns, und, was man nach dem Muster der
Englnder und Franzosen auch in Deutschland thun knne. Da war die Rede von
Kranken- und Sterbekassen, von Consum- und Arbeitervereinen, von Spielschulen
fr die Kinder, von Gewerbeschulen fr die Erwachsenen und mit welchen
Hilfsmitteln man denn frher oder spter den allgemeinen Feind auf seinem
eigenen Felde zu bekmpfen versucht hat. Nach allen diesen Seiten hin war damals
bei uns so gut wie nichts geschehen: ein arger Zustand, der um so rger war, als
gerade zu jener Zeit das Fabrikwesen mit der Entstehung der ersten Eisenbahnen
einen ganz unerwarteten Aufschwung nahm; die verhundertfachte Nachfrage, ein
massenhaftes Herbeistrmen der Arbeiter und damit vorlufig ein massenhaftes
Wachsen der Uebel verursachte, deren man sich schon in den patriarchalischen
Verhltnissen der vergangenen Zeit nicht hatte erwehren knnen. Es dauerte nicht
lange, bis ich in der Seelenstimmung, in welcher ich mich befand, von der neuen
Leidenschaft ganz und gar ergriffen wurde. Ein gewhnlicher Arbeiter, der ich
war, mit meinen Mitarbeitern, wie ich es that, brderlich verkehrend, hrte und
sah ich so ziemlich, was in diesen Kreisen vorging. Wo meine Kenntni nicht
gengte, konnte Klaus mit seiner reichen Erfahrung das Fehlende ergnzen, und
weiter als unser Beider Blick trug der des Doctors, der in die dunkelsten Falten
sah und sphte, die das Elend und der Jammer des Armen vor Aller Augen
verbergen, nur nicht vor denen des Arztes. So tauschten wir drei unsere
Erfahrungen aus und steckten die Kpfe zusammen manchen Abend nach der schweren
Tagesarbeit auf des Doctors Zimmer und sannen gemeinschaftlich ber die
Ausfhrung der Projekte, mit welchen sich der Doctor schon so lange getragen
hatte.
    Ach, es war wenig, so wenig, was wir thun konnten! Auf der einen Seite
hatten wir zu kmpfen mit der Dummheit derer, die lieber zu Grunde gehen, als
von dem alten Schlendrian lassen wollten, auf der andern mit der Rohheit jener,
die nicht einzusehen behaupteten, weshalb sie nicht sollten gedeihen knnen,
wenn auch jene zu Grunde gingen.
    Es ist die alte Geschichte von Hammer und Ambo, sagte ich wohl einmal zu
dem Freunde. Die Arbeiter haben sich an das trge Ambosein gewhnt, da sie
nichts in Bewegung setzen kann, selbst, wo es sich offenbar um ihr Bestes
handelt. Die Fabrikanten wiederum meinen, da sie doch einmal die Herren vom
Hammer seien, brauchten sie nur auf den Ambo zu schlagen, welcher ja, Gott sei
Dank, bis jetzt geduldig still gehalten.
    Habe ich Ihnen nicht immer gesagt, da es so gewesen ist, seitdem die Welt
steht? entgegnete der Doctor; nun sehen Sie es selbst.
    Aber dagegen mu sich doch ein Mittel finden lassen! rief ich. Ich kann
mich von diesem schnen Glauben unsers herrlichen Freundes nicht los machen.
    Nur nicht auf dem Wege, wo er es suchte; erwiederte der Doctor, indem er
seinen groen Kopf schttelte. Er whnte, die Menschen frei machen zu knnen,
wenn er sie nur die Wrde und Heiligkeit der Arbeit gelehrt htte. - Sie haben
nicht arbeiten wollen, als sie muten; jetzt mssen sie, obschon sie nicht
wollen; meine Aufgabe ist, sie dahin zu bringen, da sie wollen, was sie mssen.
Sie sind unfrei gewesen, als sie dem Namen nach frei waren, ich will sie in
Wahrheit frei machen, whrend sie unfrei sind, da sie als Freie aus der
Unfreiheit hervorgehen - solche und hnliche Reden - wie oft haben wir sie aus
seinem beredten Munde gehrt! und er glaubte so fest daran, der gromthige
Schwrmer, weil er die Welt nicht kannte, weil er nicht wute, da die Arbeit
eine Waare ist auf dem Weltmarkte, die, wie jede andere, unter dem groen Gesetz
des Angebots und der Nachfrage steht, und da, wenn die Conjunctur darnach ist,
der freie, fleiige Arbeiter in eine Lage kommen kann, wo seine Freiheit und
sein Flei und seine Arbeit nicht einen Pfifferling werth sind. So tritt denn
die Sache Ambo contra Hammer in eine hhere Instanz, wo sie nach groen
geschichtlichen und konomischen Gesetzen entschieden wird, und allerdings, wie
unser Freund auch richtig herausgefunden hatte, so, da beide Theile schuldig
und in die Kosten des Prozesses zu verurtheilen sind.
    Das kann uns zur Noth ber den endlichen Ausgang beruhigen, sagte ich;
aber wenn ich unseren Freund recht verstanden habe, soll der bessere Mensch in
sich selbst schon den Zwiespalt aufheben, indem er sich bewut wird, da er in
jedem Augenblicke zu gleicher Zeit handelt und leidet, giebt und empfngt,
getragen wird und trgt, mit einem Worte: Hammer und Ambo ist.
    Sehr schn und rhmlich fr den, welcher sich mit dieser Wahrheit so
durchdringt, da sie auf alle seine Handlungen einwirkt, erwiederte der Doctor.
Indessen ist das Gemeinwohl doch weniger abhngig davon, als es scheint, und
zum groen Glck; denn sobald der Einzelne zur Macht gelangt, sprt er einen
verteufelten Kitzel, der Humanitt ein Schnippchen zu schlagen und seine Macht
zu mibrauchen. Was sollte da aus der armen Menschheit werden?
    Und doch haben Sie mich so ausgescholten, da ich nicht mit beiden Hnden
zugriff, als Sie mir Ihr ganzes Vermgen zur Disposition stellten, um das ich
Sie jedenfalls alsbald betrogen htte, den Weg zur Million wrdig zu beginnen.
    Das ist etwas Anderes, sagte der Doctor, sehr verlegen werdend.
    Ich wte nicht, erwiederte ich. Wer brgt Ihnen, da ich der Versuchung
krftiger widerstehe, als andere Leute? oder glauben Sie, da ich mit meinen
breiten Schultern leichter durch das Nadelhr gehe, als unser wrdiger
Commerzienrath?
    Vergleichen Sie sich nicht mit diesem Ungeheuer, rief der Doctor wthend.
Habe ich Ihnen schon den Brief gezeigt, den er mir auf meine Bitte, sich fr
unsere Projecte zu interessiren, geschrieben hat? Hier - das knnen Sie
berschlagen - eine plumpe Verspottung von Leuten, die sich um ungelegte Eier
kmmern - aber hier: Consumvereine? dummes Zeug! an jeder Ecke ist ein
Materialwaarenladen! und hier: Krankenkassen? Sterbekassen? Ich will gesunde
Arbeiter haben und habe noch immer genug gehabt, und mehr als ich brauchen
konnte. Die Kranken gehen Sie an, geehrter Herr Doctor, nicht mich; und was das
Sterben betrifft, so werden wir das wohl Beide nicht hindern knnen. - Es ist
ein Thier! schrie der Doctor, den Brief zerknitternd und mit den Fen
stampfend: ein Kerl ohne Eingeweide; nichts Besseres als eine Raupe in
Menschengestalt.
    Aber das ist ja Jeder, Doctor, der eine Million hat.
    Sie reden ihm immer das Wort, krhte Doctor Snellius.
    Und darin hatte er nicht so ganz Unrecht; ich konnte dem Commerzienrath
niemals so gram sein, wie ich es vielleicht anderen Menschen derselben Art
gewesen wre. War der Mann im blauen Frack mit goldenen Knpfen und gelben
Nanking-Beinkleidern doch eine Gestalt aus meiner Kindheit Tagen, auf welcher,
er mochte nun sein, wie er wollte, immerhin ein Schimmer von der Sonne lag, die
mir damals geleuchtet hatte. Und was das heien will, wei Jeder, der eine
Kindheit gehabt hat - was freilich mehr ist, als, Gott sei es geklagt, sehr
viele von sich sagen knnen. Wer oder was immer von dieser Sonne mit belebtet
wurde, dem ist ein fr alle mal ein Freibrief ausgestellt, welchen wir zu jeder
Zeit gern respectiren. Und dann war noch ein oder der andere Grund, weshalb ich
den reichen Commerzienrath anders ansehen mochte, als mein guter galliger
Freund. Ich konnte freilich, wenn ich es wohl bedachte, nicht recht begreifen -
und habe auch niemals so recht begreifen knnen - da dieser Mann der Vater der
schnen, blauugigen Hermine war; aber er war es doch nun einmal - eine
ungefge, stachlige, rauhe und nicht bermig saubere Schale gleichsam, in
welcher die kostbare Perle lag, und mit der man sich schon befassen mute, wenn
man sich an der Schnheit der Perle erfreuen wollte. Das mochte mir um so
leichter werden, als ich bis jetzt noch immer Schale und Perle zusammen gesehen
hatte, das heit: die Schale von ihrer allerbesten Seite, von der weichen und
gewissermaen liebenswrdigen Seite, welche sie gegen die verzogene
Tochter-Perle kehrte. Und dann war noch ein Grund, der mir damals und spter den
harten Bissen, welchen man den Commerzienrath Streber nannte, schmackhafter
machte. Es war viel Salz an den Bissen gethan, das allerdings sehr scharf und
grobkrnig war, aber fr das ich doch Geschmack hatte. Um es mit einem Worte zu
sagen: der alte Cyniker schien mir in seiner Weise ein Original, und ich hatte
von jeher eine unberwindliche Neigung fr diese in ihrer Art unschtzbare
Menschenklasse.
    Seit jener Begegnung auf dem Schiffe hatte ich ihn nicht wieder gesehen,
trotzdem er seitdem zwei- oder dreimal in der Stadt gewesen, und auch die Fabrik
besucht hatte. Den Winter hatte er wie immer in Uselin zugebracht, war aber
jetzt beim ersten Beginn des Frhlings nach Zehrendorf bergesiedelt, wo die
Menge der neuen Einrichtungen seine Gegenwart dringend erforderte. Hermine war
mit ihm gegangen; sie pflegte schon seit Jahren den Sommer auf dem Lande
zuzubringen, fr dessen Annehmlichkeiten und Freuden sie eine groe Leidenschaft
gefat. Frulein Amalie Duff war wie immer im Gefolge ihrer jungen Herrin.
    Dies Alles hrte ich von Paula, die berhaupt die einzige war, von der ich,
was in der Streber'schen Familie vorging, erfahren konnte und erfuhr. Sie stand
mit Hermine in einem Briefwechsel, welcher ziemlich lebhaft betrieben werden
mochte. Ob ich vorbergehend in diesem Briefwechsel vorkam, konnte ich nie recht
erfahren. Manchmal schien es mir so, und manchmal auch wieder nicht, und fragen
mochte ich Paula nicht. Hatte ich sie doch auch bitten wollen, Hermine gegenber
meine Beschftigung in der Fabrik ihres Vaters nicht zu erwhnen, und ich hatte
es nicht gethan, weil es mir eine kindische Eitelkeit duchte, mich ausdrcklich
vor einem Mdchen verleugnen zu lassen, das mglicherweise gar nicht nach mir
fragte. Indessen mute ich fast glauben, da Paula meinen Wunsch, ohne da ich
ihn ausgesprochen, geahnt und erfllt, und da man dort nichts von mir wute.
Wenn ich auch der schnen Hermine vollkommen gleichgltig war, so nahm ich doch
- darauf htte ich schwren mgen - in dem menschenfreundlichen Herzen ihrer
Duenna einen nicht unbedeutenden Platz ein, und sie htte gewi nicht
unterlassen, nach ihrem Richard treu zu suchen, bis sie ihn gefunden. Es lag,
mit einem Worte, ber dieser Angelegenheit ein Nebel, der sich fr mich erst
viel spter, vielleicht zu spt lften sollte. Nur die Wrme fiel mir einige
Male auf, mit welcher Paula, besonders in letzterer Zeit, ber Hermine
gesprochen. Es ist, hatte sie einmal gesagt, ein reizendes Geschpf, mit den
herrlichsten Anlagen, aus der etwas ganz Vorzgliches werden kann, wenn sie den
rechten Mann findet; - und ein andermal: der Glckliche, der sich diesen Schatz
erobert! aber freilich, es mu ein ganzer Mann sein, denn ich glaube, der Schatz
ist noch schwerer zu behaupten, als er zu erobern ist.
    Wute Paula, da nach jener merkwrdigen Begegnung auf dem Dampfschiff, als
der Wanderer seine einsame Strae nach der Hauptstadt zog, die blauen Augen
Herminens seine Sterne gewesen waren? Wollte sie, indem sie mir gegenber das
schne Mdchen so lobte - und sie wute, welche hohe Bedeutung ihr Lob fr mich
hatte! - wollte sie mir die Thorheit von gewissen Gedanken, die sich in meiner
Seele geregt hatten, klar machen? aber weshalb das? Welchen Grund hatte ich ihr
gegeben, mich dieser Thorheit zu beschuldigen? Hier war ein Geheimni, eine
dunkle Wolke zwischen mir und Paula; und es war nicht die einzige und leider
nicht die dunkelste. Ich hatte ihr - und wie htte ich es sollen! - kein Wort,
keine Silbe von meiner unseligen Begegnung mit Konstanzen gesagt. Es war das
eine Wunde, an die ihre reine Hand nicht rhren durfte, eine Wunde, die so still
fr sich hin bluten und ausbluten und heilen mute. Aber es ist ein eigen Ding
um so eine heimliche Wunde, die man sorgfltig verbirgt und verbergen mu. Sie
thut uns doppelt und dreifach weh und heilt doppelt und dreifach langsam, und
das Schlimmste ist, da man ein bses Gewissen dabei hat und sich vor der
Berhrung der liebsten Hand scheut, weil man immer frchtet, diese Hand mchte
unversehens einmal die schmerzliche Entdeckung machen. So war es auch zwischen
mir und Paula in diesem Falle. Ich war noch nie so selten zu ihr gekommen, hatte
noch nie in den Gesprchen mit ihr meine Worte so sorgsam berlegt, ja es kamen
Augenblicke, in welchen mir die sich stets gleich bleibende Gte des
liebenswrdigsten und edelsten Wesens geradezu peinlich war. Ich zitterte vor
dem Momente, wo das Gesprch einmal auf Konstanze kommen, oder Paula erfahren
wrde, da Konstanze und die schne Bellini eine und dieselbe Person seien.
Wuten doch, wenn auch Niemand sonst, der junge Frst Prora gewi und Arthur
sehr wahrscheinlich um das Geheimni! Aber meine Sorge schien unnthig. Weder
der Frst noch Arthur hatten sich wieder bei Paula sehen lassen, und beilufig
erfuhr ich einmal, da der Frst, nachdem er ein paar Wochen hindurch die
Residenz durch seine Verschwendung und seine Ausgelassenheit in Aufruhr
gebracht, von seinem Vater nach Rossow geschickt sei und da Arthur ihn
begleite. Um dieselbe Zeit verkndeten die Zeitungen, die sich damals ein gut
Theil eingehender mit dergleichen Dingen beschftigten, als in unseren
vielbewegten Tagen: der Intendant der kniglichen Bhne habe die junge
Knstlerin, welche seit Kurzem in dem Albert-Theater so gefeiert wurde, sofort
geworben und gewonnen; da es aber entscheidenden Orts fr unpassend erachtet
sei, einen Stern, wenn er auch noch so sehr glnze, ohne Uebergang aus einer
relativ niederen Sphre in die hohe der kniglichen Bhne zu versetzen, habe man
dem Frulein Bellini sofort einen mehrmonatlichen Urlaub ertheilt, den sie zur
Ausfllung gewisser Lcken ihres Repertoirs und zu noch sorgfltigerer Schulung
ihres eminenten Talentes anwenden solle, und sie habe dieserhalb eine Reise nach
Paris angetreten, zugleich - andere Bltter sagten in Begleitung - mit dem
bisherigen ersten Liebhaber vom Albert-Theater, Herrn Lenz, welcher ebenfalls
fr die knigliche Bhne geworben war, oder - sagten andere Bltter - hatte
geworben werden mssen, weil die ebenso eigensinnige, als schne Bellini das
Engagement des genannten Herrn zur Bedingung ihres eigenen Engagements gemacht
hatte. Bei dieser Gelegenheit brachten die Bltter auch die interessante
Mittheilung, da der genannte Herr Lenz eigentlich von Sommer heie und der Sohn
eines hohen Beamten - des Ministers, sagten andere Bltter - eines kleinen
Nachbarstaates sei. Auch die Herkunft der schnen Bellini solle in hhere
Regionen weisen, aber man sei bis jetzt nicht im Stande - die Discretion
verbiete, sagten andere Bltter - den geheimnivollen Schleier zu lften.
    Ich athmete hoch auf, wie ein Furchtsamer, wenn die Glocke Eins schlgt. Das
Gespenst mag in der nchsten Nacht wieder kommen, aber drei und zwanzig Stunden
hat er wenigstens Ruhe. Ich konnte ein paar Monate lang sicher sein, ihr nicht
zu begegnen; ich konnte des Abends, wenn ich von Paula kam, durch die Straen
gehen, in welcher sie wohnte, ohne die Fensterreihe ihrer Wohnung erleuchtet
oder ein paar Wagen mit hellen Laternen und mit Livreebedienten vor ihrer Thr
halten zu sehen. Ja, die Nacht war fr diesmal zu Ende, die kalte, bse,
spukhafte Winternacht; es war wieder Morgen, es war wieder Frhling!

                                Elftes Capitel.


Es war wieder Frhling, der erste Frhling seit neun Jahren, den ich als freier
Mann begrte. Zwar auch im Gefngnisse hatte er sich mir in lieblicher Gestalt
gezeigt; ich gedachte mit Freuden der schnen Morgen, die ich in dem groen
Directorgarten verlebt, und wie ich auf dem Belvedere gestanden und an der hohen
Bastion rechts vorbei auf das Stck Meer geblickt hatte, welches unter dem
lichten Frhlingshimmel zu mir herbergrte. Doch war diese Freude niemals ohne
einen Beigeschmack von Wehmuth gewesen, wie der Gru eines lieben Freundes, der
uns, die wir auf dem Ufer stehen, vom Bord eines stromfahrenden Dampfers winkt.
Gr Dich Gott! - und Dich! - Ein Wort herber und hinber und der Wunsch,
mitfahren zu knnen weit, so weit! und dann still und ernst nach Haus gehen
mssen an die stille, ernste Arbeit!
    Das war nun doch hier anders; anders und schner, obgleich der lauschige,
groe Garten fehlte und mein liebes Meer. Aber dafr waren auch die Mauern nicht
da, und die verriegelten Thore, und es war kein flchtiger Gru, den der
Frhling und ich uns von fern zuriefen, worauf ich ihn ziehen lassen mute in
die fernen Lande, whrend ich selbst zurckblieb. Jetzt war es ein Hndedrcken
und ein freudiges Umarmen. Wie schn, da Du wieder da bist! Und Du bleibst doch
ein wenig? - Ich habe keine Eile! - Das ist herrlich. Jetzt mu ich an die
Arbeit. Aber heut Abend? - Gewi, heut Abend sehen wir uns wieder!
    Und ich sah den Freund am Abend wieder, wenn ich nach der Arbeit noch eine
Stunde umherschweifte in den entferntesten Theilen des groen Stadtparks, wohin
selten Jemand kam, und wo in den knospenden Bschen die Nachtigall ihre sen
Lieder sang. Und ich sah ihn wieder, wenn ich am Morgen noch vor Aufgang der
Sonne auf meinem Balcon stand und nach Osten schaute, wo ber dem Gewimmel der
Dcher und Schornsteine der stliche Himmel mit Purpurwolken umsumt war; und
eine Stunde spter, wenn ich zur Arbeit ging, die ersten Strahlen auf die Giebel
der alten, verrucherten Fabrikgebude fielen, die Sperlinge auf den
Regentraufen und in den Mauerlchern zwitscherten, und die ersten Schwalben ber
den Maschinenhof schossen, so lustig und emsig, als wre der schwarze, zollhohe
Kohlenstaub das klarste, durchsichtigste Wasser.
    Ja, der Frhling war wieder da; ich fhlte seinen warmen Athem mir Stirn und
Wangen umspielen und fhlte seinen Ku auf meinem Munde, und ich sprach bei mir
selbst: Es wird noch Alles gut werden! Ist doch so viel Schnee, der in den
Winternchten gefallen, weggethaut vor dem milden Hauch des Freundes, und das
Eis, das in jenen Nchten gefroren, ist geschmolzen - sollte da der Reif nicht
verschwinden, der auch in ein paar Winternchten auf Dein Herz gefallen ist?
Frhling, du lieber, linder! und Arbeit, du strenge, ernste! was knnte euch
Widerstand leisten, wenn ihr Beide Hand in Hand geht? und welches Herz sollte
nicht wieder muthig schlagen, das ihr Beide ganz erfllt habt?
    Und ich warf mich in die ausgebreiteten Arme des Frhlings, und ich fate
der Arbeit schwielige, treue Hand, und ich fand bis auf ein weniges die alte
Kraft und das alte Selbstvertrauen wieder.
    Bis auf ein weniges! aber das wrde sich ja wohl noch finden!
    Es gab jetzt Arbeit genug in unserer Fabrik, und es htte noch viel mehr
gegeben, wenn der Commerzienrath sich htte entschlieen knnen, auch den Bau
von Locomotiven zu bernehmen. Die Frage war von der uersten Wichtigkeit, ja,
nach meiner Meinung fiel sie direct mit der Frage der Existenz, zum wenigsten
eines wirklichen Gedeihens der Fabrik zusammen. Wenn die Fabrik sich in dieser
Branche nicht den Forderungen der Zeit bequemte, war es um ihren wohlverdienten
Ruf geschehen. Andere Fabriken, die vielleicht weniger gnstig situirt waren,
als die unsrige, wrden sich mit Macht auf den neuen Zweig werfen, uns
berflgeln, voraussichtlich fr immer, denn, wenn irgend wo, so ist in der
Industrie Stillstand nicht wieder einzubringender Rckschritt. Merkwrdigerweise
strubte sich der sonst so intelligente, unternehmende Mann gegen einen
Entschlu, der freilich ohne die grten Anstrengungen, Umwlzungen, gewi auch
nicht ohne manche momentane Opfer in's Werk zu setzen war. Es muten neue
Maschinen angeschafft, es mute die Dampfkraft gesteigert, das Personal der
Bureaux, die Zahl der Arbeiter vermehrt werden; es waren neue Gebude
aufzufhren, was nicht geschehen konnte, wenn man nicht mit dem lngst in Frage
stehenden Ankauf des Areals, auf welchem ich wohnte, Ernst machte. Das Alles
erforderte, um es auszufhren, viel Geld, eine groe Einsicht, einen raschen
Entschlu.
    Nun fehlte es zwar dem Commerzienrath - in der Meinung der Leute wenigstens
- nicht an Geld, aber mit der Einsicht und dem Entschlu schien es nicht ebenso
wohl bestellt zu sein. Alle, die etwas von der Sache verstanden: der Director
der Anstalt, ein einfacher, aber braver Mann, mit dem ich in
Arbeiter-Angelegenheiten wiederholt freundlich verkehrt hatte, die jungen Herren
vom technischen Bureau, der Obermeister, selbst Klaus - alle waren sie
ungeduldig und unzufrieden mit ihrem Chef, der immer noch mit dem entscheidenden
Wort zurckhielt, trotzdem jede Woche, die ungenutzt verstrich, ein
unwiderbringlicher Verlust war. Aber vielleicht war Niemand ungeduldiger und
unzufriedener als ich.
    Ich hatte die glnzende, junge Geschichte der Eisenbahnen in England, in
Belgien sorgfltig studirt und war berzeugt, da das Eisenbahnwesen sich auch
bei uns in ungeahnten, colossalen Dimensionen entwickeln, mithin der Bedarf an
Locomotiven in's Ungeheure wachsen wrde. Dazu kam, da die Locomotive die
Lieblingsmaschine meines theuren Lehrers gewesen war, der in seiner genialen
Weise mit seinen beschrnkten Mitteln manche khne Erfindung, welche die Zeit
nachtrglich besttigte, vorausgeahnt und in seinen Modellen dargestellt hatte.
Mir war das Glck zu Theil geworden, ihm bei seinen theoretischen Arbeiten, bei
dem Construiren seiner Modelle helfen zu drfen, und mir glhte der Kopf jetzt,
wo ich sah, da in's Leben treten mute und wollte, was in der stillen Zelle des
Denkers bereits zur Wahrheit geworden. So mag einem Rennpferd zu Muthe sein, das
die Bahn, die es durchfliegen soll, vor sich sieht und noch immer zurckgehalten
wird, wie es auch in das Gebi knirscht und mit den Hufen scharrt. Ich sann und
sann, wie es mglich sei, den verhngnivollen Widerstand zu durchbrechen.
    Endlich erschien mir dies das Beste: ich wollte ein Promemoria aufsetzen, in
welchem ich ausfhrlich die Grnde entwickelte, die eine Erweiterung der Fabrik
unabweislich machten, zugleich den Plan, wie diese Erweiterung ausgefhrt werden
knne. Dieses Schriftstck sollte dem Commerzienrath geschickt werden, fr den
eine solche Mahnung doch hoffentlich nicht vergeblich sein wrde. Der Doctor,
dem ich meinen Plan mittheilte, mibilligte denselben nicht geradezu, ging aber
keineswegs mit der Wrme darauf ein, auf die ich gehofft hatte. Allerdings war
er nicht im Stande, sich die theoretische Nothwendigkeit klar zu machen, auch
theilte er natrlich meine Leidenschaft fr die Locomotive nicht; aber es konnte
ihm unmglich entgehen, da auf dem von mir angebahnten Wege hunderten und aber
hunderten von Arbeitern Brod verschafft werden wrde, und das war ihm doch sonst
die Hauptsache. Dafr drang er abermals in mich, sein Anerbieten zu acceptiren,
und selbst mit seinem Gelde ein Etablissement zu errichten, und es wre fast
wieder zwischen uns zum Bruche gekommen, als ich zum zweiten Male mich weigern
zu mssen glaubte, von seiner Gromuth Gebrauch zu machen. Aber wie durfte ich
ihn, dessen ganzes Leben ein einziges Opfer fr die Armen und Elenden war, der
Mittel berauben, welche er so zweckmig verwendete? Wenn mein Unternehmen fehl
schlug - und es konnte doch fehl schlagen - nein! es mute anderes Geld sein,
mit welchem ich meine Plne in's Werk setzte. Aber, woher es nehmen, ohne es zu
stehlen, oder auf die Ankunft der javanesischen Tante zu warten, deren baldige
Ankunft fr Klaus und Christel ein Artikel unbedingten Glaubens war? Da muten
sich denn freilich meine Gedanken immer wieder auf den Commerzienrath lenken,
und eines Abends fing ich an, mein Promemoria zu schreiben, und vollendete es in
sechs aufeinanderfolgenden Nchten.
    Aber als es fertig war, kam mir ein neues, schweres Bedenken. Unterzeichnete
ich den Aufsatz mit meinem Namen, so war es mit meinem Incognito vorbei; und die
Sache stand kaum anders, wenn ich ihn nicht unterzeichnete. Das Schriftchen
konnte nur Jemand verfat haben, der in der Streber'schen Fabrik vollkommen
Bescheid wute. Der Commerzienrath wrde jedenfalls sich nach dem Autor
erkundigen; es wrde ein Hin- und Herreden geben, das schlielich doch wohl auf
den Autor fhrte, der dann ganz unnthiger Weise und vielleicht nur zum Schaden
der Sache Versteck gespielt hatte.
    Es war ein verzweifelter Fall und ich ging Tage lang wie im Traume umher,
immer nur an den unglcklichen Aufsatz denkend, der fertig in meiner Stube auf
dem Tische lag, und der nun eben so gut htte ungeschrieben bleiben knnen.
    Aber Du mut Dich wirklich entscheiden, sagte Paula; und hier kann
eigentlich gar keine Frage sein, wie Du Dich entscheiden mut.
    Ich hatte, aus einer erklrlichen Scheu, was mich jetzt so sehr bedrckte,
Paula gegenber nicht erwhnt, aber vor Kurt, der jetzt unter Klaus' Leitung in
der Fabrik arbeitete, und fast jeden Abend, wenn er von der Arbeit kam, eine
Stunde bei mir zubrachte, hatte mein Vorhaben kein Geheimni bleiben knnen, und
er hatte es der Schwester mitgetheilt.
    Du darfst deshalb nicht bse auf Kurt sein, sagte Paula; er kann sich
nicht denken, da Du dergleichen vor Deiner Schwester geheim hltst.
    Und hast Du denn keine Geheimnisse vor mir? erwiederte ich.
    Wie meinst Du, antwortete Paula, indem sie mir nicht ohne einige
Unsicherheit in die Augen blickte.
    Ich mochte nicht weiter gehen, denn ich htte sonst auf den bedenklichen
Punkt kommen mssen, um welchen ich bis jetzt immer sogfltig herumgegangen war:
ob die Correspondenz Paula's und Herminens sich zeitweilig auch mit mir
beschftigte. So murmelte ich denn eine unverstndliche Erwiederung und brachte
das Gesprch auf meine Plne, meine Hoffnungen und Wnsche in Bezug der Fabrik
zurck.
    Du hast mir in letzterer Zeit so wenig von dem, was in Deiner Welt vorgeht,
mitgetheilt, ich bin gar nicht mehr orientirt. La mich doch Deine Abhandlung
lesen; gieb sie Kurt heute Abend mit.
    Das war an einem Sonntag gewesen; in der folgenden Woche hatte es viel
Arbeit in der Fabrik und besonders fr mich gegeben. Fr einen Kreidebruch, den
der Commerzienrath neben so manchen anderen industriellen Unternehmungen auf
Zehrendorf angelegt hatte, war in unserer Fabrik eine groe Maschine von eigener
Construction gebaut worden. Ich war bei der Montage der Maschine beschftigt
gewesen. Alles war der Ordnung gem vor sich gegangen. Die Grundplatte war nach
der Wasserwage genau horizontal gelegt worden, die untere Flche war nicht genau
genug gehobelt gewesen, und man hatte nachgeholfen; die Schwungradwelle war
gelegt, die Lagen waren regulirt, die Lcher gebohrt; die Maschine war so weit
fertig, da nur noch die Zusammenfgung der Steuerungstheile und die Regulirung
des Dampfschiebers nothwendig war. Auch dies war geschehen; aber als der
Monteur, in die Schwungradwelle greifend, die Maschine probeweise in Bewegung
setzen wollte, stellte es sich heraus, da der Schieber eine falsche Bewegung
machte. Der Monteur und ich sahen uns bedenklich an; wir verglichen auf das
Sorgfltigste die Dimensionen der verschiedenen Theile mit den in der Zeichnung
angegebenen Maen, fanden aber keinerlei Differenz.
    Da sollte doch gleich das Donnerwetter drein schlagen, sagte der Monteur.
    Was giebt es denn? fragte der Obermeister Roland, der eben herantrat.
    Der Obermeister Roland war ein cyclopenhafter Mann, dem das linke Bein vor
Jahren von einer Maschine gebrochen war, und der in Folge dessen hinkte, worauf
er sich nicht wenig zu gute that, nachdem er einmal gehrt, da der Gott seines
Handwerks, der alte Vulcanus, mit demselben Gebrechen behaftet gewesen sei. Der
Obermeister Roland hatte berhaupt eine so gute Meinung von sich, da unter dem
weit berhngenden Strohdach seines dicken Schnurrbartes um den linken
Mundwinkel bestndig ein berlegenes Lcheln spielte, welches von Zeit zu Zeit
in den dichten Urwald seines struppigen Kinn- und Backenbartes schlpfte, um
dort vermuthlich ungesehen weiter zu spielen.
    Der Obermeister Roland blickte, nachdem ihm der Fall vorgelegt war, den
Monteur, mich und zwei andere Arbeiter, die noch zugegen waren, der Reihe nach
an, lie das sonnige Urwalds-Lcheln unter dem Strohdach munter spielen und
sagte dann: Nun, dann steckt irgendwo ein Fehler in der Ausfhrung, geben Sie
mir einmal die Zeichnungen.
    Herr Roland verwechselte brigens consequent den dritten mit dem vierten
Fall und umgekehrt; er behauptete in gemthlichen Stunden, da seit Blcher, ja
wahrscheinlich schon seit undenklichen Zeiten, alle groen Mnner in Deutschland
dieselbe liebenswrdige Schwche gehabt htten.
    Herr Roland fing an, die Mae zu vergleichen, gerade wie wir es, bevor er
dazu kam, gethan hatten; aber je lnger die Vergleichung dauerte, ohne da ein
Resultat zu Tage kam, je matter wurde das sonnige Lcheln und es war gnzlich in
dem Urwald verschwunden, als er eine Viertelstunde spter mit den Zeichnungen in
der Hand zum Maschinenhaus hinaus in das technische Bureau ging, und unter dem
Strohdach hervor mit rgerlicher Stimme brummte: Da mu irgend ein Fehler in
den verdammten Zeichnungen sein.
    Ich war bereits nicht mehr der Meinung, die ich anfnglich allerdings auch
gehabt hatte. Mir dmmerte der Verdacht auf, da die Zeichnungen freilich
richtig und eine Differenz der Mae auch nicht vorhanden sei, die Sache vielmehr
tiefer stecke.
    So stand ich denn mit ber der Brust verkreuzten Armen, whrend der Monteur,
die Hilfsarbeiter und noch einige Andere, die hinzugetreten waren - denn die
Feierabendstunde war bereits angebrochen - den bsen Fall auf ihre Weise
ventilirten. Da sollte an der Expansions-Schiebestange ein Gewinde mit falscher
Steigung eingeschnitten sein, und auf welche Vermuthungen diese eifrigen und
ernsten Mnner sonst geriethen.
    Die Sache wird sehr einfach sein; sagte Herr Windfang vom technischen
Bureau, welcher eben mit dem betrbten Obermeister herantrat.
    Herr Windfang hatte gar nichts Cyclopenhaftes, im Gegentheil, er war ein
feiner, junger Herr, der auch durchaus nicht hinkte, und bei welchem
selbstverstndlich das Verhltni des dritten zum vierten Fall vollstndig
geregelt war.
    Die Sache wird sehr einfach sein, wiederholte Herr Windfang; lassen Sie
einmal Probe drehen.
    Es wurde, ich wei nicht zum wie vielten Male, Probe gedreht, und der
abscheuliche Schieber blieb in unbegreiflicher Hartnckigkeit dabei, seine
falsche Bewegung zu machen.
    Geben Sie mir die Zeichnungen, sagte Herr Windfang; ja so, ich habe sie
schon hier; der Fehler mu in der Ausfhrung stecken.
    Whrend dieselben Untersuchungen und Messungen noch einmal angestellt
wurden, die der Monteur und ich vorhin schon angestellt hatten, war ich meiner
Sache so gewi geworden, da ich, als Herr Windfang mit einem sehr verblfften
Gesicht Herrn Roland, und Herr Roland mit einem schwachen Schimmer des sonnigen
Lchelns um den linken Mundwinkel Herrn Windfang ansah, ich mich nicht lnger
halten konnte und sagte: Das Vergleichen hilft uns nichts, die Mae stimmen;
der Fehler ist so nicht herauszubringen, denn er ist ein Constructions-Fehler
und steckt im Steuerungs-Mechanismus.
    Ein so khnes Wort konnte nicht verfehlen, die Blicke aller Anwesenden auf
mich zu lenken. Der junge Herr Windfang nahm mit den Augen mein Ma von unten
bis oben und dann von oben bis unten, was, da er ziemlich klein war, einige Zeit
erforderte; in dem Urwald des Roland'schen Backenbartes spielte unter dem
Schutze des Strohdaches das bewute Lcheln bereits recht munter. Wenn die Sache
sich so verhielt, wie ich sagte, so traf weder ihn noch einen seiner
Untergebenen die Schuld, welche in das technische Bureau zurckfiel, was unter
allen Umstnden fr das Herz eines braven Obermeisters eine erfreuliche Wendung
ist; der Monteur, der groe Stcke auf mich hielt, nickte mit dem Kopfe, als
wenn er sagen wollte: da habt Ihr's; die Arbeiter sahen sich an und lchelten.
    Wie knnen Sie so etwas sagen, Herr! rief Herr Windfang, indem er sich vor
mich hinstellte und in mglichster Schnelligkeit mir noch einmal das Ma mit den
Augen nahm.
    Weil ich berzeugt bin, da es sich so verhlt, antwortete ich ruhig.
    Das ist eine Arroganz, Herr! schrie der Ingenieur.
    Aber Sie und die anderen Herren sind doch nicht unfehlbar, wie der Papst zu
Rom, erwiederte ich.
    Hier lachten die Leute laut heraus.
    Wir werden uns wieder sprechen! rief Herr Windfang.
    Ja, das werden wir, erwiederte ich.
    Der kleine cholerische Herr lief zornentbrannt zum Maschinenhause hinaus,
aber der Obermeister schttelte mir die Hand und sagte: Ich danke Ihnen,
Hartwig; Sie haben es ihm ordentlich gegeben; und die Leute begleiteten mich
bis ber den Hof, laut auf mich einsprechend und mir auf jede Weise zu erkennen
gebend, da meine Sache auch die ihre sei. Klaus und Kurt, die aus einer anderen
Werkstatt kamen, traten gleichfalls heran. Sie hatten eben von dem groen
Streit, der zwischen mir und dem technischen Bureau entbrannt war, gehrt, und
sie verlangten zu wissen, wie die Sache stehe. Ich gab ihnen nothdrftig
Bescheid, denn es drngte mich, nach Hause zu kommen, den hingeworfenen
Handschuh zu verfechten. Ich hatte smmtliche Zeichnungen und Mae der Maschine,
um die es sich handelte, und an welcher ich von den ersten und rohesten Arbeiten
an mitgearbeitet hatte. An literarischen Hilfsmitteln fehlte es mir auch nicht;
auf der Lampe war Oel, in dem Kamine glhte ein Kohlenfeuer, der Nachtkhle zu
wehren.
    Und so sa ich denn die khle Frhlingsnacht hindurch mit brennender Stirn
und glhenden Augen messend, rechnend, vergleichend und construirend, und als
ber dem Gewimmel der Dcher und Schornsteine die ersten rosigen Morgenwolken
sich zeigten, hatte ich gefunden, was ich suchte, unverlierbar mit
unwiderleglichen Formeln und Zahlen. Da lag es auf dem Tische in einer sauberen
Zeichnung mit eingeschriebenen Maen und da stand es in meinem Kopf und aus dem
Kopf zog der Sieg hinab in mein Herz, das stark und khn gegen die Rippen schlug
und schier bermthig zu pochen anfing. Aber ich sagte: sei ruhig, Herz! Du
verdankst doch schlielich Alles ihm! Und es war mir, als ob aus der rosigen
Dmmerung das verklrte Antlitz meines Freundes und Lehrers auf mich
herabschaute, und die Thrnen kamen mir in die Augen. Dann ging ich still in
mein Zimmer zurck, warf mich auf mein Lager und schlief ein oder anderthalb
Stunden einen so tiefen, sen Schlaf, wie ich je im Leben geschlafen.
    Nun, wie steht's, Malaye? fragten meine Collegen, als ich auf dem Platze
erschien.
    Nun, wie steht's, Hartwig? fragte der Obermeister, der bereits wieder -
ohne zu lcheln - vor der unglcklichen Maschine stand.
    Nun, wie steht's, Georg? fragten Klaus und Kurt, die aus ihrer Werkstatt
herbergekommen waren.
    Die Sache ist die, sagte ich.
    Und ich trat an die Maschine und begann einen kleinen Vortrag, in welchem
ich das Resultat meiner nchtlichen Arbeit, ich glaube, in klarer, bndiger
Weise darzulegen wute, denn es hrten Alle mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
zu und auf den Gesichtern meiner Zuhrer wurde es heller und heller, bis, als
ich meinen Vortrag beendet, Kurt in die Hnde klatschte, Klaus mit unsglichem
Stolz um sich blickte, die Leute sich mit bedeutsamen Mienen einander zunickten
und der Obermeister Roland mit einem wahrhaft sonnigen Lcheln unter dem
Strohdach mir die Hand reichte und sagte: Immer drauf, mein Sohn, immer drauf,
wir wollen es ihnen schon geben!
    Du sollst einmal zum Director kommen, Malaye, meldete der Bureaudiener,
der herantrat.
    Meine Zuhrerschaft blickte sich bedenklich in die Augen.
    Immer drauf, mein Sohn! sagte der Obermeister, gieb es ihnen!
    Der Director, Herr Berg, war allein in seinem an das technische Bureau
grenzenden Arbeitszimmer. Er schien mich mit einiger Ungeduld erwartet zu haben.
    Ich habe gehrt, Hartwig, sagte er, da Sie den Fehler an der neuen
Maschine entdeckt haben wollen. Obgleich mir das nun mehr als zweifelhaft
erscheint, so findet denn auch manchmal Euer Einer etwas, wonach die Anderen
tagelang vergeblich suchen. Ich habe selbst von der Pike auf gedient, und kenne
das. Was glauben Sie denn nun, was es ist?
    Ich glaube es nicht mehr, Herr Director, seit einer Stunde wei ich es;
sagte ich.
    Ich sagte es ohne jede Ueberhebung, ganz bescheiden; und ganz bescheiden
nahm ich meine Berechnung und Zeichnung aus der Tasche und fing an, dieselbe dem
Director zu erlutern. Der Fall war ziemlich complicirt und die Rechnung nicht
minder, und die Formeln, die zur Anwendung kamen, nicht sehr einfach. In meinem
Eifer dachte ich gar nicht daran, da ich, indem ich so meine Weisheit
auskramte, das so lange und streng festgehaltene Incognito fallen lie, und
wurde erst durch die sonderbare Miene aufmerksam gemacht, mit welcher der
Director mich anblickte. Der Mann stand da und sah so verwundert aus, wie der
arme Menelaus ausgesehen haben mag, als sich vor seinen Augen und unter seinen
Hnden der rthselhafte Meergreis in einen brtigen Leuen des Gebirges
verwandelte.
    Um Gottes willen, Herr, wie kommen Sie denn dazu? rief er endlich, als er
wieder Worte finden konnte.
    Aber Sie haben mir ja selbst gesagt, Herr Director, da Sie von der Pike
aus gedient haben, und da wissen Sie doch wie man bei einigem Flei und einiger
Aufmerksamkeit zu dergleichen kommt.
    Herr Berg sah mich mit einer Miene an, aus der erklrlich zu lesen war, da
er fr den Augenblick nicht wute, was er aus mir machen sollte. Er fate sich
indessen als ein verstndiger Mann und sagte: ich mge ihm die Zeichnung und
die Ausarbeitung ein wenig dalassen; er gbe mir sein Ehrenwort, da Niemand
auer ihm dieselbe zu sehen bekommen werde; wenn ich das Rechte gefunden, solle
mir der Ruhm verbleiben, unterdessen wrden ja auch wohl die Herren vom
technischen Bureau mit ihrer Ansicht hervortreten.
    Aber es whrte ein, zwei, drei Tage, bis dies geschah; es whrte so lange,
da die ganze Fabrik in ein Fieber der Erwartung hineingerieth. Von dem
Obermeister bis zu dem letzten Mann, der den schweren Zuschlger schwang, wuten
Alle, da der Malaye aus der Schlosserwerkstatt herausgefunden habe, wo der
Fehler in der neuen Maschine stecke, und da die Herren vom technischen Bureau
schon seit drei Tagen rechneten, und ihn nicht finden knnten, und da Klaus
Pinnow gesagt: er wolle seinen Kopf verwetten, der Malaye werde gewinnen, und
da der junge Herr von Zehren, der bei Klaus Pinnow in der Werkstatt lerne, zu
Herrn Windfang - mit dem er brigens sonst sehr befreundet war - geuert: Es
sei ein groer Leichtsinn, seinen Kopf gegen das technische Bureau zu verwetten,
da dasselbe, obgleich es aus sechs Kpfen bestehe, keinen dagegen einzusetzen
habe.
    So kam der Sonnabend heran. Die unglckliche Maschine stand noch immer
unberhrt da, - eine eigensinnige Sphinx, die vorlufig Niemandem als mir ihr
Rthsel gesagt hatte. Wir hatten eine andere Arbeit vorgenommen, aber die Leute
schafften nicht so fleiig, wie sonst wohl. Ist es doch dem Menschen eingeboren,
da er nicht gern an etwas Neues geht, bevor das Alte abgethan ist, und da lag
etwas hinter den Leuten, was noch nicht abgethan war.
    Sie mchten einmal zum Director kommen, Herr Hartwig! sagte der
Bureaudiener, der herzutrat.
    Die Leute blickten von ihrer Arbeit auf, augenscheinlich verwundert, da aus
dem Malayen pltzlich ein Herr Hartwig geworden war. Sie sahen sich einander
an; ein Jeder fhlte, da jetzt die Entscheidung da sei; und der Obermeister
Roland, der zufllig durch den Raum ging, trat mit feierlich hinkendem Schritt
auf mich zu, reichte mir seine Cyclopen-Hand, und sagte: Immer drauf, mein
Sohn, immer drauf, gieb es ihnen! gieb es ihnen tchtig!
    Mit diesem Segen ausgerstet, erschien ich eine Minute spter in dem Zimmer
des Directors, der sich bei meinem Eintreten von seinem Zeichnentisch
aufrichtete, mir entgegenkam, und die Hand bot. Seine Hand schien mir etwas
nervs und die ehrliche Miene des Mannes drckte eine nicht geringe Verlegenheit
aus.
    Ich gratulire Ihnen, Herr Hartwig, sagte er; Sie haben Recht gehabt. Ich
habe schon seit drei Tagen nicht daran gezweifelt, aber freilich: wenn Einer das
Ei hingestellt hat, wei der Andere auch, wie man es machen mu. Und dann war
ich gar nicht sicher, ob ich es selbst herausgefunden haben wrde. So war es
denn recht und billig, da ich die Herren vom Bureau erst einmal ihr Heil
versuchen lie. Nun, es hat lange gedauert, bis sie damit zu Stande gekommen
sind, und schlielich ist Ihre Berechnung gerade dreimal so einfach, als die der
Herren. Ich habe ihnen schon ein wenig die Kpfe gewaschen. Jetzt sitzen sie da,
und lassen sie hangen.
    Der bescheidene Mann lie seinen Kopf auch ein wenig hangen.
    Nun, Herr Director, sagte ich, es ist ja gut, da der Fehler entdeckt
ist; wer ihn entdeckt hat, darauf kommt ja schlielich wenig an.
    Erlauben Sie, Herr Hartwig, sagte der Director; ich bin anderer Meinung.
Es kann fr den Director einer Anstalt, wie diese, nicht gleichgltig sein, ob
die Aufgaben des technischen Bureaus im Bureau, oder in der Maschinenwerkstatt
gelst werden. Denn die Hauptsache ist doch, da Jeder an der Stelle steht, wo
er hingehrt, und nach dieser Probe hier - der Direktor legte seine Hand auf
die vor ihm liegende Zeichnung - bedarf es ja wohl keines weiteren Beweises,
da Sie sich in einer verzweifelt falschen Stellung befunden haben.
    Aber, Herr Director, sagte ich, das ist denn doch schlielich meine
Schuld; es pflegt Jeder so zu liegen, wie er sich bettet.
    Ja, sagte der Director, das ist auch mein Trost; aber lieber wre es mir
doch gewesen, wenn Sie mir von Anfang an reinen Wein eingeschenkt htten. Ich
knnte dann die Nase, die mir der Herr Commerzienrath heute geschickt hat, mit
Protest zurckschicken. Da - lesen Sie einmal!
    Ich nahm das Blatt, welches mir der Director reichte, und berflog einen
etwa vier Seiten langen Brief, in welchem der arme Herr mit allen mglichen
Vorwrfen berschttet wurde, weil er einen Menschen wie mich, dessen
mathematisches und technisches Genie von ihm - dem Commerzienrath - lngst
gekannt sei, in der Fabrik gehabt, und ihm davon keine sofortige Meldung gemacht
habe; und schlielich, Herr Director, wenn Sie die wichtigsten Ereignisse
verschweigen zu drfen glauben, so wre es wenigstens Ihre verdammte Pflicht und
Schuldigkeit gewesen, meinem jungen Freunde eine seinen Fhigkeiten angemessene
Stellung einzurumen; oder frchteten Sie vielleicht, da diese Stellung keine
andere sein wrde, als Ihre eigene Stellung, mein Herr Director?
    Aber das ist unwrdig! rief ich, den Brief auf den Tisch werfend.
    Der brave Mann schttelte den Kopf. Er meint es nicht so schlimm, sagte
er, und wenn auch, unser Einer ist daran gewohnt; lesen Sie nur weiter!
    Ich mag nichts mehr lesen, sagte ich.
    Doch, Sie mssen, entgegnete der Director; das Wichtigste kommt noch:
sehen Sie hier: Unter diesen Umstnden gibt es fr meinen jungen Freund nur eine
Genugthuung. Diese besteht darin, erstens, da Sie ihn sofort in das technische
Bureau befrdern, zweitens, das Sie ihn in meinem Namen bitten, die Aufstellung
der Maschine fr den Kreidebruch auf Zehrendorf an Ort und Stelle zu berwachen.
Ich habe dieserhalb auch an ihn selbst geschrieben.
    Nun, sagte der Director mit gutmthigem Lcheln, was den ersten Punkt
betrifft, so haben Sie sich ja durch Ihre Arbeit selbst einen Platz im
technischen Bureau erobert, und was das Zweite angeht, so thun Sie mir einen
speciellen Gefallen, den Sie mir der Nase wegen - Sie wissen, was ich meine -
vielleicht schuldig sind, wenn Sie den Auftrag, nach Zehrendorf zu gehen - ich
wollte eigentlich Herrn Windfang schicken - acceptiren. Die Umnderung der
Maschine wird doch eine Woche in Anspruch nehmen, und wie ich den Commerzienrath
kenne, riskire ich durch diese Verzgerung meine Stelle, findet sich nicht ein
Freund, der ein gutes Wort fr mich spricht. Und nun gehen Sie sofort nach Haus.
Sie werden Manches zu besorgen haben, und Sie mssen heute Abend mit dem letzten
Zuge fort; ich komme aber noch vorher zu Ihnen.
    Der Director schttelte mir krftig die Hand, und ich ging nach Hause in der
seltsamsten Stimmung von der Welt.

                               Zwlftes Capitel.


Und diese Stimmung wurde noch gesteigert, als ich, nach Hause kommend, einen
Brief des Commerzienrathes aus Zehrendorf auf meinem Tische fand.
    Lieber junger Freund! O diese Weiber, diese Weiber! So eben erfahre ich,
was Sie mir ein halbes Jahr lang verschwiegen haben, da Sie bereits seit eben
so lange, wie Simson unter den Philistern, in meiner Fabrik arbeiten. Habe ich
nicht schon, als ich Sie zuletzt im Hause meines unvergelichen verewigten
Freundes sah, Sie gebeten und wieder gebeten, Sie mchten es mich wissen lassen,
sobald Sie frei wren? Warum haben Sie es nicht gethan? warum Ihr Licht so lange
unter den Scheffel gestellt? Das haben Sie nun freilich von jeher gethan; aber
um so mehr ist es Zeit, da Sie Ihr Licht leuchten lassen vor den Leuten,
vorlufig vor mir. Kommen Sie deshalb so schnell als mglich hierher! Ich habe
eine Menge Dinge mit Ihnen zu besprechen, so wohl hiesige, als Fabriksachen,
welche Sie ja, wie ich leider erst seit heute wei, aus dem Grunde - diese Worte
waren unterstrichen - verstehen. Sie werden hier hoffentlich ein paar gute Tage
verleben, unter lauter guten alten Bekannten, von denen keiner lter ist und es
besser mit Ihnen meint, als Ihr ganz ergebenster Philipp August Streber.
    Ich lie den Brief, welcher in einer groen runden, hier und da bereits
etwas zitternden Kaufmannshand geschrieben war, auf den Tisch fallen, und ging,
in tiefstes Erstaunen verloren, in meinem Zimmer auf und ab. Woher in aller Welt
wute der Mann, da ich hier war? da ich von diesen Dingen etwas verstand? von
wem wute er es? Es gab ja doch nur eine Mglichkeit. Aber weshalb -
    Aber weshalb mich mit allen diesen Weshalb qulen, rief ich; ergriff
meinen Hut und eilte den langen Weg in Paula's Wohnung.
    Wir sind heute Morgen ein wenig nervs, flsterte mir mein alter Freund
zu, als wir vor der Thr zu Paula's Atelier standen.
    Sie wissen nicht, was es ist? fragte ich in demselben Ton.
    Der wrdige Mann schttelte jenes Haupt, das nach seiner Meinung in der
modernen Kunstgeschichte eine so groe Rolle spielte und sagte: Man mte
sieben Sinne haben, wie ein Br, wenn man immer wissen sollte, was denen lieben
Geschpfen im Herzen steckt.
    Damit ffnete er mir die Thr. Paula war, wie mir bereits Smilch gesagt
hatte, allein. Sie legte schnell Pinsel und Palette weg, und kam auf mich zu,
mir schon von weitem die Hand entgegenstreckend. Ich sah auf den ersten Blick,
da sie geweint hatte, und obgleich ihre Wangen in diesem Augenblick in
lebhaftem Roth aufglhten, erschien sie mir trotzdem bleich und angegriffen.
    Du hast mich erwartet, Paula, sagte ich, ihre Hand in der meinen
behaltend.
    Ja, sagte sie, und da Du auer der Zeit kommst, denke ich, weit Du auch,
weshalb ich Dich erwartet habe.
    Nicht wahr, Paula, sagte ich, Du hast dies so gethan?
    Ja, sagte sie.
    Sie sah mir gro in die Augen. Ihr Blick hatte wieder jenen seltsamen, halb
wehmthigen, halb zornigen Ausdruck, den ich nur einmal wahrgenommen - an dem
Morgen des verhngnivollen Tages, als sie an dem Belvedere, das der Sturm
zusammengeworfen, sich aus meinen Armen lste, in denen ich sie hatte schtzen
wollen. Es war eine Erinnerung, die mich mit einer unbestimmten Furcht erfllte,
die mich so befangen machte, da ich vor diesen groen herrlichen Augen meine
eigenen Augen senken mute.
    Aber als ich aufschaute, war der seltsame Ausdruck aus ihren Augen
verschwunden und ihre Stimme war sanft, wie immer, als sie, mich wieder bei der
Hand ergreifend und zu einem kleinen Sopha fhrend, sagte:
    Komm, la uns sitzen, und recht ruhig und klug, wie es sich fr Geschwister
schickt, berlegen, was wir thun wollen.
    Hat man dort immer gewut, da ich hier war, Paula? sagte ich.
    Ja, erwiederte sie, und ich htte Dir Alles gesagt, sobald Du mich
gefragt httest; aber Du hast mich nicht gefragt; es war ein kleines Geheimni,
das Du, obgleich ganz unnthigerweise, vor Dir selbst haben zu mssen glaubtest;
ein unschuldiges Versteckspielen, wie es wohl Jeder einmal mit sich spielt. Sie
hat auch Versteck gespielt; ich sollte Dir durchaus nicht sagen, da sie den
Richard Lwenherz um jeden Preis haben mute, und da sie sich in jedem Briefe
nach Dir erkundigt. Und auch ihr habe ich gesagt, da ich nur so lange schweigen
wrde, als Du nicht fragtest. Der Commerzienrath aber hat es, glaube ich,
wirklich nicht gewut, obgleich man ihm nicht recht trauen kann. Denn, da er
jetzt, wie er mir selbst schreibt, so eifrig nach Dir verlangt, ist kein Beweis:
er braucht Dich eben.
    Du hast mein Promemoria an ihn geschickt? fragte ich.
    Das war abscheulich, nicht? sagte Paula, mit bleichen Lippen lchelnd;
aber ich mute thun, was Du, zu thun, Dich scheutest, vielleicht selbst nicht
thun konntest; mute es auf die Gefahr Deiner Ungnade hin, denn hier stand,
soviel ich sehen konnte, Deine ganze Zukunft auf dem Spiel.
    Meine ganze Zukunft?
    Kaum weniger als das, eher noch etwas mehr; denn Du mut wissen, Georg, ich
bin stolz ans Dich und berzeugt, da Dir nur die Mittel fehlen, um in Deinem
Fach etwas ganz Bedeutendes zu leisten. Der Commerzienrath hat die Mittel. Du
mut sie ihn anwenden lehren; Du bist der Einzige, der es kann. Ich wei es von
frher her, da er mit jenem Scharfblick, der solchen Mnnern eigen ist, Deine
Trefflichkeit sehr wohl erkannt hat; und nun hat er ja auch den Beweis in
Hnden, was Du vermagst; dazu kommt, da er Dir persnlich wohl will, so weit
bei einem Egoisten, wie er, von einem uneigenntzigen, rein menschlichen
Wohlwollen die Rede sein kann, mit einem Wort: der Augenblick ist so gnstig,
wie schwerlich je wieder.
    Du schickst mich fort, Paula, sagte ich, aus den lieben alten
Verhltnissen in ganz neue, ganz unbekannte, aus denen ich schwerlich wieder
zurckkehren werde, wie ich gegangen bin, und schwerlich wieder finden werde,
was ich verlassen habe. Hast Du das Alles wohl bedacht? und wenn Du es, wie ich
annehmen mu, bedacht hast, so - Paula, ich wollte, es wrde Dir weniger leicht,
mich fortzuschicken.
    Wer sagt Dir, da es mir leicht wird, erwiederte Paula, indem sie schnell
aufstand, und ein paar Schritte in das Zimmer hineinthat. Es war wohl nur ein
Zufall, da diese Schritte sie zu ihrer Staffelei fhrten. Sie blieb, von mir
abgewandt, vor derselben stehen.
    Ich meine, sagte ich, es mchte Dir schwerer werden, mich zu missen, wenn
nicht um Deinetwillen, so doch Deiner Mutter willen, und der Brder willen, da
ich mit einem Worte ihnen das wre, was Du ihnen jetzt bist. Aber, Paula, Du
bist von jeher sehr stolz gewesen, und - Du hast freilich jetzt mehr Ursache
dazu, als je.
    Es dauerte eine Zeit, bis Paula antwortete. Sie hatte sich an der Staffelei
zu schaffen gemacht; endlich sagte sie:
    Ihr Mnner seid doch wunderlich; berall wollt Ihr Eure Hand im Spiele
haben; selbst das Gute geschieht nicht nach Eurem Sinn, wenn es nicht durch Euch
geschieht. Aber das ist ja auch nur eine vorbergehende Stimmung, die ich sehr
wohl verstehe -
    Ich wei nicht, ob Du sie ganz verstehst, sagte ich beklommen.
    Doch, doch, erwiederte Paula, indem sie sich tiefer auf die Staffelei
neigte, hat man Jemand so lieb, wie Du uns, mchte man immer nur schenken, und
betrachtet es als eine schwere Einbue, wenn man einmal dazu nicht im Stande
ist. Aber ich wei eigentlich nicht, weshalb wir uns ohne alle Noth das Herz so
schwer machen. Du sollst uns ja nicht geraubt werden! Du sollst nur endlich aus
einem engen, klglichen Fahrwasser, das sich fr ein so groes stolzes Schiff
gar nicht ziemt, hinaus auf das offene Meer, hinein in die weite Welt. Da wirst
Du uns freilich oft ein wenig, vielleicht manchmal ganz und gar vergessen
mssen. Der Mann, der in's Groe und im Ganzen wirken will, mu die Arme frei
haben; er kann und darf nicht das Spielzeug seiner Kindheit, die Idole seiner
jungen Jahre durch das ganze Leben schleppen. Ich mchte, da Du Dir das ganz
klar machtest, Georg, in diesem Augenblicke klar machtest, von dem ich
wiederhole, da ich ihn fr durchaus entscheidend halte, denn zum ersten Male in
Deinem Leben trittst Du nach langen, langen Lehrjahren in Deine Meisterrechte;
zeigst Dich, darfst Dich zum ersten Male zeigen, als der, der Du bist. Vor
diesem Entschlu - denn es ist ein Entschlu, Georg, sein zu wollen, was man
ist, - mu alles Andere in den Hintergrund treten, Alles, Georg, und Alle - auch
wir: unsere Mutter, die Brder, Deine Schwester.
    Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen - sie hatte es gar zu tief herabgebeugt;
aber sie hatte Thrnen in ihrer Stimme.
    Ich trat an sie heran; sie wandte das Gesicht nicht zu mir.
    Paula, sagte ich.
    Ich wollte mehr sagen; ich wollte ihr Alles sagen; ihr sagen, da, wenn ich
sie darber verlieren sollte, mir, was ich auch immer erringen knnte, sehr,
sehr armselig erscheine, da -
    Paula, sagte ich noch einmal; aber ich sagte es auf meinen Knieen, whrend
mir die heien Thrnen aus den Augen strzten. Ich rang nach Worten; ich fand
die rechten nicht; ich war auer mir.
    Eine weiche Hand strich sanft ber mein Haar, und ich wei es nicht mehr -
ich wute es schon im nchsten Augenblicke nicht - aber mir war und ist, als ob
ihre Lippen flchtig meine Stirn berhrten. Dann aber hrte ich ihre Stimme ber
mir und die Stimme klang mild und s und klar: Georg, mein Bruder, Du mut
Deiner armen Schwester das Herz nicht so schwer machen. Und nun stehe auf,
Georg, und sage der Mutter Lebewohl! Sie hat diese Stunde lange kommen sehen,
ja, sie hat sie ungeduldig herbeigewnscht. In ihr lebt mehr als in uns Beiden,
Georg, viel mehr! - der Geist unsers herrlichen Vaters. Sie wei es, denn sie
hat es selbst erfahren, da der Mann Haus und Hof und Weib und Kind und Alles,
was ihm sonst theuer ist, verlt, um sein Blut, sein Leben einer groen, guten
Sache zu weihen. Komm, Georg!

                              Dreizehntes Capitel.


Ein lebhafter Wind wehte mir entgegen, whrend mein Wagen den niemals sehr guten
und jetzt im Frhling sehr schlimmen Weg von Fhrdorf nach Zehrendorf
hinauffuhr. Der Kutscher auf dem Sitze vor mir hatte sich dicht in eine
Pferdedecke gehllt, und sa zusammengekauert da, whrend die krftigen Pferde
Mhe hatten, den leichten Wagen durch die klatschenden Schlaglcher zu ziehen.
Es war gegen acht Uhr Abends, und der Mond war seit einer Stunde aufgegangen,
aber nur von Zeit zu Zeit trat seine glnzende Scheibe aus den schweren dunkeln
Wolken hervor. Dann flog ein trgerisches Licht, dem alsbald wieder schwarze
Schatten folgten, ber verregnete Felder und Wiesen, ber Torfmoore, in denen
hier und da das Wasser aus den Grben blickte, und ber die den Haiden.
    Und wie da vor mir auf der breiten Flche Lichter sich mit den Schatten
jagten, also zog durch meine Seele die wechselnde Erinnerung an Freude und Leid,
das ich einst auf dieser Stelle erfahren. Die Tage, die ich hier verlebt, sie
kamen alle, alle wieder, und gingen an mir vorber mit lchelnden, mit trben,
mit bethrnten, mit schmerzverzerrten Gesichtern. Aber der lchelnden Tage waren
weniger als der anderen mit den dsteren Zgen, und wenn es mir schon auf der
ganzen Reise hierher fast wie ein Frevel erschienen war, da ich wagen knne, an
diesen Ort zurckzukehren, so bernahm diese Empfindung mich jetzt so, da es
mir war, als msse ich dem Kutscher zurufen: Nicht weiter! Nicht einen Schritt
weiter hinein in diese Nacht!
    Wir sind gleich oben, sagte der Mann, und er hieb auf die mden Pferde.
    Ich wei nicht, warum er mich trsten zu mssen glaubte; vielleicht hatte er
mein lautes Sthnen auf den schlechten Weg gedeutet.
    Wir waren in der That gleich oben. Ich wute das so gut wie der Mann. Da
unten links das Licht, das aus der Erde heraufzuflimmern schien, kam aus einem
kleinen Hause, welches sich an den Fu der Hgel lehnte; und jene breiten
weilichen Flecke, die sich so seltsam von den schwarzen Hgeln abhoben, waren
die groen frstlich Prora'schen Kreideschlmmereien, zu welchen das Haus
gehrte, und nicht weit vor uns, auf dem Kamm des Hgels, den wir uns
hinaufarbeiteten, war ein Stck des Waldes, desselben Waldes, in welchem ich
damals vier Tage lang vor den Hschern geflohen war, wie ein Hirsch vor den
Hunden. Aber das hilft nun nichts; sind wir so weit den Hgel hinauf, mssen wir
auch ber den Kamm. Vorwrts! Vorwrts, ihr wackeren Pferde! Vorwrts!
    Und die wackeren Pferde stampften muthig weiter und da war der Kamm. Hgelab
ging's auf sandigem, festem Wege, und von dem Meere her kam auf gewaltigen
Schwingen der Wind gefahren, da der Kutscher sich dichter in seine Decke
hllte. Ich aber, ich athmete hoch auf und sog mit vollen, vollen Zgen die
langentbehrte Labung ein.
    Ja, gegrt, viel tausendmal gegrt sei mir, lieber, herber, heimathlicher
Meerwind, du Freund aus meiner Kindheit Tagen! Du, nach dem ich mich gesehnt
habe in den langen Straen der Stadt, wo ein Zerrbild von dir in krampfhaften
Sten und tckischen Launen schrill und heiser um die Ecken pfiff! Du, der du
mir so oft das junge Herz mit unsglichem Entzcken erfllt hast, und mir auch
jetzt wieder die trben Erinnerungen aus der Seele scheuchst, wie du die
schwarzen Wolken am Himmel droben vor dir her jagst, da der ganze breite Rcken
der Ebene, die sich nach dem Vorgebirge aufwrts zieht, jetzt, fast in
Tagesklarheit getaucht, vor meinen Augen liegt! Da, das groe Gehft mit dem
parkhnlichen Garten und dem plumpen weien Kirchthurm, der eben im
Mondenscheine gespensterhaft aufleuchtet, ist Herrn von Granow's Gut Melchow;
und jenes dort weiter unten, welches sich, nur noch als ein dunkler Fleck
erkennbar, aus der Ebene abhebt, ist Trantowitz; und ber Trantowitz hinaus, in
der Richtung, aus welcher der Wind kommt, liegt Zanowitz zwischen den Dnen, an
deren Fu das ewige Meer brandet. Melchow, Trantowitz, Zanowitz - welche
Erinnerungen sich fr mich an diese Namen, an diese Orte knpfen! Aber der gute,
krftige Wind duldet sie nicht. Er kommt herangerauscht in groen gleichmigen
Schwingungen, wie auf Adlerfittigen. Fort, ihr trben Gedanken, fort! Hrt ihr
nicht, wie es aus dem Brausen des Windes deutlich spricht mit ehrlicher,
mrrischer Stimme? Das Alles konnte geschehen, und du glaubtest schon, du
knntest es nicht tragen, und bist doch nicht zusammengebrochen, sondern stehst
strack auf deinen Fen, trgst auch den Kopf noch sicher zwischen den breiten
Schultern; und das kommt daher, weil ich dich von Jugend auf umrauscht habe, und
du mich eingesogen hast, da dir das Herz kraftvoll gegen die Rippen schlgt,
wenn du auch weit, da jene Lichter, die dort linker Hand auf der Hhe blitzen,
aus den Fenstern des Schlosses kommen mssen, das der neue Herr auf der Stelle
des alten erbaut hat, welches du in jener Schreckensnacht in Flammen hast
aufgehen sehen.
    Nicht auf der Stelle des alten, das alte hatte ein wenig hgelaufwrts
gelegen, so da es stolz in's ganze Land blickte. Der neue Besitzer wollte nicht
stolz, er wollte vor dem Nord- und Ostwinde geschtzt wohnen, und da hat er ganz
recht gethan, sich etwas tiefer nach der Ebene zu anzusiedeln. Und wo sind die
mchtigen prachtvollen Bume des Parks geblieben, der bis an das alte Haus
herangetreten war und hier mit dem Walde zusammenhing?
    Die sind abgehauen, sagte der Kutscher; der ganze Park ist abgeholzt; es
ist kaum noch so viel da, da man einen Sarg daraus machen knnte.
    Ich wei nicht, wie der schweigsame Mensch zu diesem melancholischen
Resultat gekommen ist; aber es berhrt mich seltsam. Hatte nicht der wilde
Zehren einst, als wir am Fenster standen und in den Park hineinschauten, gesagt,
da ihm nicht mehr so viel davon gehre, um sich einen Sarg daraus zimmern zu
knnen; und da da alles jetzt blos noch stehe, um von seinem Nachfolger
abgehauen und zu Gelde gemacht zu werden! Nun war es so gekommen, wie der
unglckliche Mann gesagt hatte, und das Licht da leuchtet von dem neuen Herd,
den der neue Herr sich gebaut auf den Trmmern des alten!
    Weg ihr bsen Gedanken! Blase krftiger, du lieber, herrlicher Meerwind! Und
nun, ihr wackeren Pferde! im Galopp bergab die feste, glatte Strae! Und jetzt
durch die Thorfahrt rasselnd hinein in den Hof, vor das groe stattliche Haus,
auf dessen Thrschwelle, als der Wagen hlt, die Diener mit Lichtern erscheinen.
    Wohl mehr aus Neugierde, als aus Diensteifer, welchen, war er wirklich
vorhanden, die unscheinbare Tracht des Ankmmlings und die Kleinheit seines
Koffers jedenfalls abgekhlt htten. Mute ich doch, als ich ber den unteren
Hausflur schritt, in einem dort aufgestellten groen Spiegel sehen, wie der
Bediente, der mit dem Koffer unter dem Arm voranging, mit Hlfe der Zunge, die
er in die rechte Backe steckte, ein gruliches Gesicht schnitt und damit wohl
unzweifelhaft andeuten wollte, da es doch fr einen so seinen Herrn, wie er, im
Grunde eine Schande sei, ein so jmmerlich zerknittertes Exemplar von einem
abgeschabten Seehundskoffer die hellerleuchtete Treppe im Herrenhause von
Zehrendorf hinauf in das beste Fremdenzimmer tragen zu mssen. Das Gemth des
trefflichen Mannes war durch die Incongruenz der Erscheinung des Fremden und der
Auftrge, welche ihm geworden waren, augenscheinlich auf's tiefste beleidigt und
er gab, whrend er den unseligen, kleinen Seehundskoffer auf das Gestell mehr
hinwarf, als hinlegte, dieser Zerrissenheit einen Ausdruck, indem er ber die
Achsel gewandt zu mir sagte: Sie sind ja wohl ein Landsmann von unserer
Mamsell?
    Wer ist Ihre Mamsell? fragte ich im harmlosesten Ton; denn ich mu zu
meiner Schande gestehen, da mich die despectirliche Art und Weise des Mannes
keineswegs beleidigt hatte, sondern mir im Gegentheil ein gar nicht
unbedeutendes Vergngen gewhrte.
    
    Na, die alte Schachtel mit den - hier machte der Mann eine Bewegung mit
der rechten Hand an der Achsel herunter, in welcher eine lebhafte Phantasie
flatternde Locken zu erblicken glauben konnte.
    Sie meinen vielleicht Frulein Duff? lieber - wie heien Sie denn
eigentlich? sagte ich.
    Wilhelm Kluckhuhn, erwiederte der Mann. Sie knnen mich, der Krze wegen,
immerhin Wilhelm nennen.
    Danke verbindlichst! Also, lieber Wilhelm, weshalb meinen Sie, da ich ein
Landsmann von Frulein Duff sei?
    Na, die Alte hat Sie mir ja erschrecklich auf die Seele gebunden, und da
Sie dies Zimmer hier nach dem Garten heraus haben mten, das eigentlich unserm
Frulein ihr Zimmer ist, und das sie auf einmal vor drei Tagen, Gott mag wissen
warum, zum Fremdenzimmer gemacht hat. Es kam uns gleich ein bischen spanisch
vor, denn Sie sind ja wohl man Arbeiter in unserem Herrn seiner Maschinenfabrik
in Berlin, wie der Herr heut ber Tisch einmal sagte. Ich bin auch aus Berlin,
mssen Sie wissen; na, und dann wei man doch, da so ein Maschinenbauer auch
nicht gerade der Gromogul ist. Aber was soll man machen? Wir mssen doch
schlielich tanzen, wie die Alte pfeift, denn sonst verklatscht sie uns bei dem
Frulein, gndigen Frulein wollt' ich sagen, und die bringt's denn an den
Herrn, na, und dann ist natrlich der Teufel los.
    Also das ist der Geschftsgang, sagte ich lachend, von Frulein Duff
durch das gndige Frulein zum Herrn Commerzienrath.
    Na, manchmal geht es auch umgekehrt, erwiederte der philosophische
Wilhelm, was aber nicht so schlimm ist, denn mit der alten Schachtel wird man
schon fertig, das ist eine ewige Wahrheit.
    Ich mute, als ich die Lieblingsphrase meiner guten Freundin aus dem frechen
Munde dieses ironischen Schelmes hrte, mich umwenden, um nicht geradezu
herauszulachen.
    Na, und dann soll ich Sie auch fragen, ob Sie noch zu Abend essen wollen?
Unten wird in einer halben Stunde Thee getrunken. Dazu giebt es aber nichts, als
alten Zwieback und dnne Butterstullen, und da meinte sie denn, Sie wrden
Hunger haben.
    Und den habe ich auch, lieber Freund, sagte ich, und Sie wrden mir einen
groen Gefallen thun, wenn Sie mir so ein kaltes Huhn und ein Glas Wein, oder
was Sie sonst haben, bringen wollten. Und dann noch eins, lieber Wilhelm, ich
bin nicht eigentlich ein Landsmann von Frulein Duff; aber Sie wrden mich doch
verbinden, wenn Sie der Dame frderhin in meiner Gegenwart nicht anders als in
ehrerbietiger Weise Erwhnung thun wollten. So, jetzt knnen Sie gehen, und dann
fragen Sie bei dem Herrn Commerzienrath an, ob ich ihm noch vor dem Thee meine
Aufwartung machen darf!
    Ich hatte diese letzten Worte in bedeutendem Tone gesagt, wahrhaftig nicht,
um meinen Freund in der Livre zu demthigen, sondern nur, weil ich es, als Gast
des Hauses, fr meine Schuldigkeit hielt. Der scherzhafte Wilhelm sah mich halb
verwundert, halb mitrauisch an, und mochte finden, da das alte Sprichwort
trau, schau, wem! auch ein Stck von einer ewigen Wahrheit enthalte.
    Whrend er meine Auftrge auszufhren ging, blickte ich mich, nicht ohne
einige Neugier, in dem Gemache um, das bis vor drei Tagen das Zimmer des schnen
launischen Mdchens gewesen sein sollte. Wunderlich! so wunderlich, da es kaum
glaubbar schien! Und doch sah es nicht aus wie ein Gastzimmer, und noch dazu fr
einen so bescheidenen Gast. Ein dicker, weicher Teppich in trkischem Muster
bedeckte den Boden in seiner ganzen Ausdehnung. Die Vorhnge an den Fenstern,
die Portiren an den Thren waren von schwerem Damast, ebenfalls in einem
bunten, phantastischen Geschmack, mit kostbaren Schnren und Troddeln reich
verziert. Mit dieser in meinen Augen orientalischen Pracht harmonirte die brige
Ausstattung. Ein sehr niedriger und sehr breiter Divan zog sich beinahe um drei
Seiten des Gemaches herum, whrend auf der vierten, der Fensterseite, niedrige
Sessel in den Nischen standen, und zwischen den Fenstern ein kostbarer, mit
Perlmutter ausgelegter Schrank aus Rosenholz angebracht war. Von der Decke hing
an vergoldeten Ketten eine Ampel von rothem Glase herab, welche trotz der beiden
Kerzen, die auf dem Tische standen, ein sanftes Licht in dem Zimmer verbreitete.
Als ich den einen Vorhang, hinter welchem ich eine Thr vermuthete,
auseinanderzog, erblickte ich in einer tiefen Nische ein breites, niedriges Bett
mit seidenen Kissen und Decken. Ich lie den Vorhang wieder fallen.
    Und abermals blickte ich mich in dem Zimmer um, in immer tieferer
Verwunderung ber den sonderbaren Empfang, den man mir hier bereitet hatte. Auf
dem Rosenholzschrank stand eine Vase mit frischen Blumen: Hyacinthen und Krokus.
Als ich mich ber die Vase beugte, den Duft einzuathmen, fiel mir ein blaues
Seidenband in die Augen, welches sich durch die Blumen schlngelte. Auf dem
Bande schienen Buchstaben mit goldenen Zeichen gestickt, aus denen ich, als ich
genauer zusah, die Worte entzifferte: Suche treu, so findest Du!
    In einem pltzlichen Uebergang meiner Stimmung, als mte ich mich wehren
gegen den wunderlichen Spuk, lachte ich gerade heraus, lachte ganz toll, schwieg
aber pltzlich und lie schnell die blaue rtselhafte Schlange wieder in ihren
duftigen Versteck gleiten, als in diesem Augenblicke Wilhelm Kluckhuhn mit einem
groen Prsentirbrett erschien, von welchem er mir einen der niedrigen vor dem
Divan stehenden Tischchen mit einer vortrefflichen Collation besetzte.
    Nun, wann wnscht mich der Herr Commerzienrath zu sprechen, fragte ich,
als Wilhelm, die Serviette unter dem Arm, in der respectvollen Entfernung von
sechs Schritten vor mir stehen blieb.
    Der Herr Commerzienrath wird es sich zur Ehre schtzen, den Herrn Ingenieur
beim Thee zu empfangen, erwiederte er.
    Ich schaute auf, mir den Mann genauer anzusehen; seine Ausdruckweise, ja
selbst der Ton seiner Stimme waren so ganz verndert. Und wie war ich denn so
pltzlich zum Ingenieur avancirt? Es mute ihm irgend etwas passirt sein, was
seinen Gedanken ber den neuen Gast eine andere Richtung gegeben hatte.
    Ich sann darber nach, was es wohl gewesen sein mochte, aber es war eine
unnthige Mhe: Wilhelm Kluckhuhn gehrte nicht zu den Leuten, die ein Geheimni
in verschwiegener Seele verborgen halten knnen.
    Das gndige Frulein wird nicht beim Thee erscheinen, sagte er, und
begleitete diese Worte mit einem tiefen, bedeutungsvollen Ruspern.
    So, warf ich im gleichgltigen Tone hin, den das lebhafte Pochen meines
Herzens Lgen strafte.
    Ja, fuhr der Mittheilsame fort. Ich war eben unten im Salon, um den Herrn
Commerzienrath zu befragen, wann er den Herrn Ingenieur - Wilhelm Kluckhuhn
legte einen scharfen Accent auf das letzte Wort - zu sprechen wnsche. Beim Thee
natrlich, sagte der Herr Commerzienrath. Ich mchte ihn ganz familir
empfangen. - Willst Du nicht heute Abend erst einmal mit ihm allein sprechen?
sagte das gndige Frulein. - Das gndige Frulein war nmlich ganz pltzlich
von dem Clavier, an welchem sie noch eben gespielt und gesungen, aufgestanden
und nach der Thr gegangen, wo ich stand. - I, Gott bewahre, sagte der Herr
Commerzienrath. Wo willst Du denn hin? - Ich will auf mein Zimmer, sagte das
gndige Frulein; ich habe schon den ganzen Tag Kopfschmerzen gehabt. - Da
kommst Du am Ende gar nicht wieder, sagte der Herr Commerzienrath. Das gndige
Frulein sagte gar nichts, denn sie war schon an mir vorbei zur Thr hinaus, und
ich sage Ihnen, Herr Ingenieur: ein paar Backen hat sie gehabt, wie meine
Aufschlge hier; und Wilhelm Kluckhuhn deutete mit dem Zeigefinger der Rechten
auf den ponceaurothen Aufschlag seines linken Aermels.
    Dies Alles ist hchst merkwrdig, sagte ich.
    Ja wohl! sagte Wilhelm, indem er die Augenbrauen hoch auf seine flache
Stirn hinaufzog, und die Winkel seines nicht eben kleinen Mundes hufeisenfrmig
nach unten bog, sehr merkwrdig. Und die Andern fanden es auch, denn sie sahen
sich Alle an, so! und Wilhelm Kluckhuhn ri seine kleinen Augen so weit als
mglich auf und starrte mich in einer Weise an, da ich einen Augenblick
glaubte, er habe den Verstand verloren.
    Wer sind die Andern? fragte ich.
    Na, der Herr selbst, und Mamsell - wollte sagen Frulein Duff, und der Herr
Steuerrath und die Frau Steuerrthin -
    Die sind auch hier? fragte ich nicht gerade angenehm berrascht.
    Ja wohl, schon drei Wochen, erwiederte Wilhelm, aber noch soll der erste
Tag kommen, wo einer von uns gesehen htte, wie ihnen das lt; und er machte
mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand eine eigenthmliche Bewegung
ber die Flche der linken hin. Na, und die schnitten Alle Gesichter! und der
Herr Commerzienrath sahen sehr grimmig drein, nahmen sich aber zusammen, was
sonst gar nicht seine Gewohnheit ist, und sagte: das ist ja schade, aber das
hilft nun nicht, ich werde den Herrn Ingenieur doch zum Thee bitten mssen.
Ahpropoh! - ich bitte um Verzeihung! aber wir sagen so immer in Berlin: - -
warum haben der Herr Ingenieur mir nicht gleich gesagt, da Sie der Herr
Ingenieur sind?
    Es ist gut, lieber Wilhelm, sagte ich, und Sie knnen abrumen, und wenn
es Zeit ist, kommen Sie und rufen mich.
    Als der redselige Wilhelm mich mit den Esachen verlassen, sprang ich von
dem Divan auf und schritt in einer Erregung, die ich vor dem Manne sorgfltig
verheimlicht hatte, in dem Teppichgemache auf und nieder. Die kleine Geschichte,
welche ich eben gehrt, gab mir mehr Stoff zum Denken, als ich fr den
Augenblick bewltigen konnte. Es mute eine eigenthmliche Scene gewesen sein,
sonst htte sie nicht auf das keineswegs weiche Gemth Wilhelm Kluckhuhn's einen
solchen Eindruck machen knnen. Und weshalb waren die Kopfschmerzen Herminens
gerade in diesem Augenblicke so arg geworden? Und weshalb hatten sich meine
alten Freunde - der Herr Steuerrath und die geborene Kippenreiter - so
bedenklich angesehen?
    Das Alles hatte nur eine Auslegung, denn eine zweite, die etwa noch mglich
gewesen wre, verwarf meine Bescheidenheit sofort. Das schne Mdchen zrnte mir
noch immer seit dem Zusammentreffen auf dem Dampfschiff. Aber, wenn das der Fall
war, was hatte ihre Anfrage bei Paula nach mir zu bedeuten gehabt? woher das
Interesse, welches sie doch offenbar an meinem Schicksal nahm? Ich sah sie
wieder vor mir, wie ich sie auf dem Dampfschiffe gesehen: die rothen Lippen fest
aufeinander gepret, und aus den blauen Augen feurige Zornesblitze auf mich
schieend. Sie hatte mir gesagt, ich msse mir von ihrem Vater helfen lassen,
denn ihr Vater sei reich; und ich hatte ihr geantwortet, gerade deshalb werde
ich mir nicht von ihm helfen lassen. Lag denn die Sache jetzt nicht gerade so?
Wollte ich denn etwas von ihm? War ich nicht vielmehr gekommen, dem reichen
Manne einen Rath zu geben, an welchem es ihm selbst zu gebrechen schien? einen
Rath, der, wenn er ihn befolgte, ihn reicher machen mute, als er je gewesen
war? Nein, ich kam nicht als Bittender in dieses Haus! Ich konnte mein Haupt
stolz erheben, wie es dem freien Manne zukommt; und wenn es eine Ironie auf
meine niedrige Stellung sein sollte, da man mich hier in dies Prunkgemach
gewiesen, so brauchte ich ja nur vornehm im Herzen zu fhlen und die kleine
Differenz war vollstndig ausgeglichen!
    Wenn es Ihnen jetzt gefllig wre; sagte Wilhelm Kluckhuhn, in der Thr
erscheinend. Ich hatte die Absicht gehabt, meinen besten Anzug, welcher nebst
der nthigen Wsche und einigen Manuscripten und Zeichnungen den ganzen Inhalt
des Koffers bildete, anzulegen, um mich der Gesellschaft unten wrdig zu
prsentiren; die radicale Stimmung aber, in welche ich mich glcklich
hineingeredet, ertrug dergleichen kleinliche Rcksichten nicht, und ich erfllte
nur ein Herzensbedrfni, indem ich so, wie ich ging und stand, meinem Fhrer
die breite, wohlerleuchtete Treppe hinab auf den unteren Flur bis vor eine Thr
folgte, welche er mir dienstwillig ffnete, und durch welche ich ohne eine Spur
von Herzklopfen in einen sehr groen, reich mblirten, durch Lampen, die auf
verschiedenen Tischen standen, wohl erhellten Salon trat.
    An einem dieser Tische, ganz im Hintergrunde des Zimmers, sa die
Gesellschaft, welche aus dem Commerzienrath, seinem Schwager, dem Steuerrath,
dessen Gemahlin und dem Frulein Duff bestand. Der Commerzienrath kam mir mit
weit ausgestreckter Hand entgegen, schon von ferne mit seiner lauten Stimme
rufend, da er sich unendlich freue, seinen lieben jungen Freund bei sich zu
sehen.
    Ich habe Sie freilich schon lange bei mir gehabt, fuhr er fort, nachdem er
meine Hand ergriffen hatte; ein halbes Jahr schon, und ohne es zu wissen; es
ist schndlich! aber diese Mdchen nehmen ja keine Vernunft an! Da machen sie um
nichts und wieder nichts ein Geheimni aus Dingen, die zu erfahren man es sich
unter Brdern seine tausend Thaler kosten lassen wrde.
    Diese Versicherungen wurden mit so viel Eifer gegeben, da, wenn ich je
daran gezweifelt, ob der Commerzienrath von meiner Anwesenheit in seiner Fabrik
unterrichtet gewesen sei, diese Zweifel jetzt vollstndig beseitigt waren. Er
hatte es gewut, aber er hatte kein Interesse daran gehabt, es zu wissen, als
bis ich ihm von wirklichem erheblichen Nutzen sein konnte.
    Vielleicht war es diese Beobachtung, welche mich die
Freundschaftsversicherungen des reichen Mannes so kaltbltig entgegennehmen
lie; aber ich mute lcheln und das Herz ging mir auf, und meine beiden Hnde
streckten sich unwillkrlich aus, als jetzt das gute Frulein Duff den
Theekessel, an welchem sie beschftigt gewesen war, stehen lie, und mit einem
schchternen Lcheln auf den schmalen Lippen und mit einem wehmthig
schmachtenden Aufschlage der blassen Augen auf mich zuschwebte. Sie hatte ihre
rechte Hand erhoben, so, da die Fingerspitzen nach unten fielen, ungefhr in
der Weise, wie eine Knigin auf der Bhne andeutet, da sie einen Handku des
betreffenden Vasallen wnsche oder erwarte. Aber die gute Dame dachte gewi an
dergleichen nicht, es war nur ihre Art, Jemandem die Hand zu reichen, und so
nahm ich denn diese dnne, blasse Hand und drckte sie herzlich, wenn auch
vorsichtig. Die sensitive Natur des guten Fruleins hatte sofort herausgefhlt,
wie ehrlich ich es mit diesem Hndedruck meinte. Sie erwiederte denselben mit
nervser Heftigkeit; ihre blassen Augen fllten sich mit Thrnen, und sie
flsterte zu mir empor: Grmen Sie sich nicht! und zrnen Sie ihr nicht! es ist
nicht Ha, es ist jungfruliche Schchternheit - verzweifeln Sie nicht - harren
Sie aus - suche treu -
    Frulein Duff hatte nicht Zeit, ihre Lieblingsphrase zu beenden, denn der
Commerzienrath wandte sich wieder zu mir und zog mich nach dem Tisch, an welchem
der Steuerrath und seine Gattin, seitdem ich das Zimmer betreten, kerzengerade,
ohne sich von der Stelle zu rhren, gestanden hatten, wie ein paar Gestalten in
einem Wachsfigurencabinet.
    Sie glauben nicht, wie sich mein Schwager und meine Schwgerin freuen, Sie
wieder zu sehen, rief der Commerzienrath, dem die Schadenfreude aus den kleinen
glitzernden Augen sah.
    Unendlich erfreut, sagte der Steuerrath, mir zwei Finger seiner langen
weien Hand entgegenstreckend, die ich nicht nahm.
    Unsglich erfreut, sagte die Steuerrthin, mit einem starren Blick auf die
Lampe vor ihr.
    Ich freute mich weder unendlich noch unsglich und sagte daher weder das
eine, noch das andere; dafr betrachtete ich mir desto genauer das
liebenswrdige Paar, an welchem die Zeit keineswegs spurlos vorber gegangen
war. Die immer etwas hohe Stirn des Steuerraths war bis zum Scheitel hinauf kahl
geworden; in sein langes, glattes, aristokratisches Gesicht hatten sich tiefe
Furchen gegraben. Die Augen erschienen mir kleiner und ausdrucksloser, und der
Mund grer. Noch schlimmer hatten die ungalanten Jahre der geborenen
Kippenreiter mitgespielt. Ihr Haar war allerdings dichter und glnzender als
frher; aber der schnde Verdacht, da sie diesen erfreulichen Zuwachs der
segensreichen Kunst eines Perrquiers verdanke, wurde bei einem zweiten Blick
zur Gewiheit. Und auch sonst entbehrte ihr Gesicht einer knstlichen Nachhlfe
nicht. Die bereits stark eingefallenen Wangen waren von einem Roth berhaucht,
das zu zart war, um ganz natrlich zu sein, und die dnnen, blassen Lippen
spielten jetzt ber einem paar Zahnreihen von tadelloser Weie. Die Geborene
hatte sich mit einem Worte um das Doppelte der Jahre, die ich sie nicht gesehen,
verjngt, nur der Ausdruck ihrer schmalen, stechenden Augen war, da er nicht
schlimmer werden konnte, derselbe geblieben, und das breite, rothe Band ihrer
Haube, welches sie, vermuthlich um die eingefallenen Wangen zu verbergen,
unmittelbar unter dem Kinn in einer khnen Schleife zusammenzuknpfen pflegte,
nickte noch in der alten, hlichen Weise bei jedem Worte, das sie sagte, hin
und her.
    Man hatte wieder um den Theetisch Platz genommen. Der Commerzienrath fhrte
die Unterhaltung, bei der es weniger auf die Ergtzung seines Schwagers, als auf
sein eigenes Amsement und nebenbei auf meine Belehrung abgesehen schien. So
lernte ich gleich innerhalb der ersten fnf Minuten, da der junge Frst von
Prora noch immer auf Rossow residire und da Arthur ihm in seiner Verbannung
Gesellschaft leiste.
    Denn es ist eine Verbannung, schrie der Commerzienrath seinen Schwager an,
Sie mgen sagen, was Sie wollen; ich wei es vom Justizrath Heckepfennig, den
der alte Frst als seinen Justiziarius zu dem Familienrath zuziehen mute, in
welchem ein Langes und Breites darber verhandelt ist, ob er den Herrn Sohn fr
einen Verschwender erklren lassen solle oder nicht. Der alte Herr hat sich
zuletzt bestimmen lassen, dem Herrn Sohn noch eine Frist von einem halben Jahr
zu gewhren, die er auf dem Lande zubringen soll, whrend man unterdessen mit
seinen Glubigern abrechnen wird. Auch eine schne Situation fr einen Frsten,
nicht?
    Gekrnte Hupter sind selten glcklich; sagte mit einem tiefem Seufzer
Frulein Duff, welche sich eben mit einer Handarbeit zu uns gesetzt hatte.
    Ich dachte, die Frsten hatten nur Hte, sagte der Commerzienrath mit
einem hhnischen Grinsen; indessen ich armer Plebejer bin in solchen Dingen
incompetent; Sie mssen das besser wissen, Herr Schwager!
    Ohne Frage; erwiederte der Angeredete zerstreut.
    Sie denken gewi an ihren liebenswrdigen Sohn, Herr Schwager, fuhr der
Commerzienrath fort, und ob es wohl eine passendere Gesellschaft fr einen
Menschen seinesgleichen giebt, als einen jungen Frsten, der auf dem besten Wege
ist, sich zu ruiniren. Ich finde es sehr begreiflich, da Sie bei dem Gedanken
ein Gesicht machen, wie ein Lohgerber, dem die Felle weggeschwommen sind.
    Verzeihen Sie, Herr Schwager, aber ich dachte in diesem Augenblick nicht an
Arthur, erwiederte der Steuerrath; vielmehr daran, ob die Unterhandlungen ber
den Verkauf von Zehrendorf, die Sie mit Seiner Durchlaucht neuerdings wieder
angeknpft haben, und die nebenbei zu beweisen scheinen, da Sie Seiner
Durchlaucht doch mehr Einsicht und Geschftskenntni zutrauen mssen, von Erfolg
sein werden.
    Was hat denn das mit seiner Weisheit oder Narrheit zu thun, rief der
Commerzienrath, oder ja doch! denn ein je grerer Narr er ist, desto theurer
werde ich es an ihn verkaufen knnen. Uebrigens wei ich gar nicht, ob ich die
Erlaubni dazu von meiner Tochter erhalten werde. Sie will ja durchaus nicht,
da es in andere Hnde kommt. Freilich, sie hat adeliges Blut in ihren Adern!
Nicht wahr, Frau Schwgerin? Und da mu sie die Sache natrlich anders ansehen,
als ich armer Roturier. Ich htte es schon lngst verkaufen knnen; unter Andern
an Herrn von Granow, der mir ein sehr schnes Gebot gemacht hat, und als einer
unserer nchsten Nachbarn es auch am besten brauchen kann. Indessen Hermine
behauptet, Frau von Granow sei eine zu gewhnliche Person - vermuthlich, weil
sie keine Geborene ist, wie Sie, verehrteste Frau Schwgerin, denn die Geborenen
knnen nicht gewhnlich sein, Frau Schwgerin? - aber was ich sagen wollte,
Hermine behauptet, ich drfe ihr nicht eine solche Nachfolgerin geben. Ja, du
lieber Gott! sie wird Niemanden finden, den sie fr wrdig hlt, hchstens Herrn
von Trantow.
    Wie geht es dem? rief ich.
    Nun, sehr gut, erwiederte der Commerzienrath; er it und trinkt und
schlft, weshalb sollte es ihm also nicht gut gehen? Ja, das ist ein groer
Liebling von meiner Hermine; ich glaube, sie wre im Stande, ihn zu heirathen,
wenn sie ihn nur einmal nchtern sehen knnte.
    Frulein Duff mute ber so entsetzliche Worte die Hnde zusammenschlagen,
und einen Blick auf mich richten, in welchem ich, wenn ich scharfsichtig gewesen
wre, unzweifelhaft irgend eine ewige Wahrheit gelesen haben wrde, whrend der
Steuerrath und seine Gattin ein paar blitzschnelle, verstndnivolle Blicke
unter einander wechselten. Ich bemerkte ein leises, ermuthigendes Winken in den
Wimpern des Steuerraths, auf welches ein leichter Hustenanfall der Geborenen und
dann die Bemerkung folgte: es giebt ein altes Sprchwort, lieber Herr Schwager,
an welches ich immer erinnert werde, sobald ich scherzhafte Aeuerungen der Art
vernehme, wie wir soeben aus Ihrem Munde gehrt haben.
    Sie meinen, man soll den Teufel nicht an die Wand malen, schrie der
Commerzienrath, aber beruhigen Sie sich! Wenn der Teufel auch nicht kommt, Ihr
Athur kommt darum noch lange nicht; nein, noch lange nicht! und der
Commerzienrath brach in ein schallendes Gelchter aus, um sich fr seinen Witz
zu belohnen.
    Ich wei mich frei von ehrgeizigen Plnen der Art, verehrtester Herr
Schwager, erwiederte die Geborene, deren Wangen in diesem Augenblicke des
Carmins vollstndig entbehren konnten.
    So! schrie der Commerzienrath, nun, das ist schn! Wissen Sie sich
vielleicht auch frei, Herr Schwager? Wenn es dann Ihrem Herrn Sohn ebenso geht,
so wissen Sie sich alle drei frei, und mehr kann Keiner von Euch verlangen.
Uebrigens, Frau Schwgerin, sind die Trantows eine so alte Familie, da Sie
schon aus diesem Grunde Scheu tragen sollten, den letzten Abkmmling derselben
mit dem Gottseibeiuns zu vergleichen.
    Wenn es nur auf das Alter der Familie ankommt, sagte der Steuerrath, so
wissen Sie, verehrtester Herr Schwager, da die Trantows freilich ihren
Stammbaum bis in das vierzehnte Jahrhundert zurckfhren, die Zehrens aber -
    Wei es! wei es! habe es schon hunderttausendmillionenmal gehrt, rief
der Commerzienrath, indem er hastig vom Stuhl aufsprang. Ihr seid eine
schauderhaft alte Familie, ja Frau Schwgerin, schauderhaft alt! aber beruhigen
Sie sich, alt, wie Sie sind, Sie knnen immer noch ein paar Jahre lter werden.
Und nun folgen Sie mir, mein junger Freund, damit wir in meiner Stube endlich
einmal zu einem vernnftigen Worte kommen.
    Er ging mir voran, durch ein ebenfalls hellerleuchtetes Zimmer in ein
zweites kleineres Gemach, welches nach den bequemen, rohaarberzogenen Mbeln
und Aktenrepositorien zu schlieen, sein eigenes Zimmer war, das er denn auch
nach seinem allereigensten Geschmacke ausgestattet hatte.
    Ein paar herzlich schlechte Copien nach alten berhmten Meistern, dazwischen
noch schlechtere Originale neuesten Datums: Thierstcke, Landschaften, bedeckten
die Wnde und correspondirten hinsichtlich des knstlerischen Werthes mit
einigen Bsten des regierenden Knigspaares und anderer frstlichen Personen,
welche an schicklichen oder auch unschicklichen Stellen, wie es eben kam,
angebracht waren. Von der Decke hing eine Lampe ber einem runden Tisch, auf
welchem unter verschiedenen Papieren neben einem brennenden Licht ein offenes
Kistchen mit Cigarren stand.
    So, mein lieber, junger Freund, rief der Commerzienrath, indem er sich in
den Stuhl warf, und die im Laufe der Jahre noch dnner gewordenen Beinchen mit
einer Miene, welche Behaglichkeit ausdrcken sollte, von sich streckte. Greifen
Sie zu! etwas Excellentes! direct aus der Havannah! mir von einem meiner
Kapitne vor acht Tagen mitgebracht! unverzollt, wie ich sie habe, unter Brdern
einhundertzwanzig Thaler! So! Nun, was sagen Sie zu dem alten, lcherlichen Kerl
von Steuerrath und seiner widerwrtigen Frau Gemahlin? Drei Wochen liegen sie
mir nun schon auf dem Halse, aber ich gebe ihnen auch keinen Pardon; haben Sie
sich nicht kstlich amsirt?
    Nicht, da ich sagen knnte, Herr Commerzienrath?
    Nicht? Nicht? warum nicht? Sie mssen schwer zu amsiren sein!
    Im Gegentheil, Herr Commerzienrath, Niemand liebt eine harmlose
Unterhaltung mehr als ich, aber ich kann es nicht harmlos finden, wenn der Wirth
seine Gste, sie seien, wer sie auch seien, zum - verzeihen Sie mir, Herr
Commerzienrath - zum Narren hat.
    So! so! das ist mir ja ganz etwas Neues, rief mein Wirth und sah mich mit
einem bsen Blicke an.
    Und doch ist es eine recht alte Sache, Herr Commerzienrath, die schon in
den Urzeiten von den Menschen gekannt und ausgebt wurde, und, wie ich hre,
auch heut zu Tage selbst von den rohesten Vlkerschaften heilig gehalten ist,
sie mten denn zufllig Menschenfresser sein.
    Menschenfresser ist gut! Menschenfresser ist sehr gut, rief der
Commerzienrath, sich in seinen Fauteuil zurckwerfend und berlaut lachend, als
htte er keineswegs vor einer halben Minute auf dem Punkte gestanden, sich
ernstlich mit mir zu erzrnen. Ganz ausgezeichnet gut! Wie finden Sie die
Cigarren? Aber Ihre aufrichtige Meinung, bitte ich!
    Nicht eben so ausgezeichnet gut, wenn Sie meine aufrichtige Meinung haben
wollen.
    Nicht? nicht ausgezeichnet? Nun, hren Sie, junger Mann, Sie mssen schwer
zu befriedigen sein! Eine solche Cigarre! nicht ausgezeichnet! Wo oder wann
htten Sie eine bessere geraucht?
    Und der Commerzienrath blies mit scheinbar innigstem Behagen den Rauch durch
die Nase.
    Offen gestanden, schon recht oft, Herr Commerzienrath, aber freilich mu
ich sagen, da ich in diesem Punkte etwas verwhnt bin; ich habe es whrend
meines frheren Aufenthaltes hier in Zehrendorf gar zu gut gehabt.
    Ei freilich, rief der Commerzienrath; der konnte es, der brauchte die
Waare auch nicht zu versteuern, wie unser einer.
    Ich dachte, Herr Commerzienrath, Sie sagten, diese Cigarren seien auch
nicht versteuert.
    Mein Wirth sah mich wieder an, als wrde er im nchsten Augenblicke nach dem
Bedienten klingeln, um mich aus dem Hause werfen zu lassen. Er klingelte aber
nicht, sondern sagte: So, wenn Sie denn schon einmal ein solcher Kenner sind,
wie theuer schtzen Sie denn das Kraut?
    Mit zwanzig drften sie bezahlt sein, Herr Commerzienrath.
    Achtzehn kosten sie! schrie der Commerzienrath, indem er mit der Hand auf
den Tisch schlug; aber soll man seinen Gsten theure Cigarren vorsetzen, bevor
man wei, ob sie es zu wrdigen wissen? Nun will ich Ihnen aber welche geben,
die -
    Hundertzwanzig Thaler unter Brdern werth sind.
    Ja, ja, genau so, Sie ironischer Mensch, rief der kleine alte Herr, indem
er aufsprang und ein Kstchen aus seinem Schrank nahm, welches denn wirklich
Cigarren enthielt, von denen ich nur sagen konnte, da ich sie selbst bei dem
wilden Zehren nicht besser geraucht habe.
    Mein liebenswrdiger Wirth war durch diese kleine Comdie in eine so
behagliche Stimmung versetzt, da er durchaus eine Flasche Steinberger-Cabinet
bringen lassen mute, aus welcher er mir sehr fleiig einschenkte, whrend er
selbst eben nur an dem Glase nippte, obgleich er sich die Miene gab, mit mir bei
der ersten und einer zweiten Flasche, die er im Laufe des Abends kommen lie,
gleichen Schritt zu halten. Ich hatte den alten Herrn frher und noch zuletzt
bei jenem Besuch im Gefangenhause hinter der Flasche gesehen, und wute, da er
war, was man einen Dreiflaschenmann nennt. Wenn er sich also heute so vorsichtig
hielt, hatte das vielleicht seinen speciellen Grund. Und dieser Grund blieb mir
nicht lange verborgen. Der Commerzienrath wollte mich offenbar zum Reden
bringen, ber eine Menge Dinge meine Meinung hren, meine ganz wahre Meinung,
und da sollte denn der feurige, durchaus vortreffliche Wein meiner etwa
mangelnden Wahrheitsliebe zu Hlfe kommen. Ich habe spter den Mann dieselbe
Methode in hnlichen Fllen zu oft wiederholen sehen, als da ich den geringsten
Zweifel an der Richtigkeit der Beobachtung, die ich diesen Abend machte, haben
knnte. Und noch ein anderes Manver, in welchem der alte Geschftsmann Meister
war, sollte ich heute kennen lernen. Dies Manver bestand darin, da er, tief in
seinen Stuhl zurckgelehnt, die Augen halb geschlossen, scheinbar
zusammenhanglos ber dies und jenes sprach, wobei er von dem hundertsten in das
tausendste zu gerathen drohte, um pltzlich mit einer blitzschnellen Wendung auf
den Punkt zu gehen, dem er, ohne da sein Zuhrer es merkte, trotz alles
Irrlichterirens immer nher gekommen war. Er hllte sich so zu sagen in eine
schwarze Wolke, wie der Tintenfisch es thun soll, wenn er seinen Verfolgern
entrinnen will, nur mit dem Unterschiede, da dieser alte schlaue Hecht in
Gestalt eines kniglichen Commerzienrathes die Kriegslist anwandte, um aus der
Wolke heraus unversehens nach einem ahnungslosen Grndling zu schnappen.
    Mitternacht war vorber, als mich Wilhelm Kluckhuhn wieder auf mein Zimmer
brachte. Er entzndete die beiden Kerzen auf dem Tisch vor dem Divan, fragte
mich, ob er die Hngelampe auslschen solle, was ich bejahte, und wann ich
morgen frh geweckt zu werden wnsche, worauf ich nur antworten konnte, da ich
die Gewohnheit habe, von selbst zur rechten Zeit aufzuwachen, und verlie mich
dann mit einer Ehrerbietung, die im lcherlichen Gegensatz zu dem uerst
ungenirten Wesen stand, mit welchem er mich einige Stunden vorher empfangen.
    Ich dachte noch nicht an Schlafengehen. Mein Kopf schwrmte von den
Gedanken, welche das lange Gesprch mit dem Herrn des Hauses in mir aufgeregt
hatte; meine Brust war voll von wogenden Empfindungen, welche die seltsame
Situation, in der ich mich befand, wohl erwecken mute; und wie das in spter
Nacht nach ein paar Flaschen feurigen Weines in einer vollkommen neuen Umgebung
zu geschehen pflegt, reihten sich die Erlebnisse des Abends zu einem bunten,
lustigen, mich bald in lieblichen, bald grotesken Gestalten umgaukelnden Tanz:
der Commerzienrath mit den halb geschlossenen Augen und dem scharfen,
hechtgleichen Schnappen nach dem Punkt in der Unterhaltung, auf welchen es ihm
ankam; - das gute Frulein Duff mit dem sentimentalen Zwinkern ihrer blagelben
Augenlider; - der Steuerrath mit dem weien, lauernden Gesicht, und der weien,
schmalen Hand, an welcher der ungeheure Siegelring funkelte; - die geborene
Kippenreiter mit den falschen Zhnen und dem falschen Lcheln, und zuletzt sie,
die ich nicht gesehen, und dennoch immerfort in meines Geistes Auge sah; sie, in
deren Zimmer ich mich hier befand, die gewi in dieser Divanecke oft geruht, in
welcher ich jetzt eine Cigarre dampfte: die kleine, elastische Gestalt des
schnen, jungen Mdchens mit dem bermthigen Zucken um den rothen Mund und dem
sommerlichen Leuchten in den kornblumenblauen Augen! Und seltsamer als das
Alles: hinter diesem Vordergrund kaleidoskopisch wechselnder und wie in Nebel
zerflatternder Scenen und Gestalten baute sich ein Hintergrund der Verhltnisse
auf, mit denen ich es fr den Moment zu thun hatte, und die ich zu durchschauen
glaubte bis in ihre intimsten Beziehungen, als htte mir ein Zauberer die
geheimnivolle Salbe gegeben, mit welcher man nur der Augen eines zu bestreichen
braucht, um die Schtze zu sehen, die schlummernden alle, die in der Erde sind.
Schon einmal in meinem Leben war mir ein solcher Moment gekommen: an jenem Tage
nach der Ankunft in Zehrendorf, als ich des Nachmittags im Parke wandelte und
unter den leise rauschenden Bumen, Angesichts des alten, ehrwrdigen Schlosses,
ber welches die Sonnenlichter und die Wolkenschatten zogen, auf einmal wute,
da der Herr dieses Parkes, dieses Hauses ein verzweifelter Schmuggler sei. Und
ebenso, oder doch hnlich, war es jetzt bei mir eine ausgemachte Sache, da
dieses neue Haus auf einem morschen Boden stehe, welcher jeden Augenblick unter
ihm zusammenbrechen und das stolze, vielbeneidete Glck des Mannes unter den
Trmmern eines colossalen Bankerotts begraben knne. Und ebenso wie damals
erschien mir der Gedanke ganz extravagant, ganz verrckt, aber ich schalt mich
nicht wie damals; ich suchte vielmehr alles Ernstes die Punkte zu finden, die
mir mglicherweise den Anhalt gegeben haben konnten zu einem Verdacht, der in
dem lcherlichsten Widerspruch stand mit dem Glanz dieses Zimmers, mit der
Pracht des Hauses, mit Allem, was ich von Kindesbeinen an bis zu diesem
Augenblick ber die Vermgensverhltnisse des Crsus unserer Provinz gehrt
hatte. Was in aller Welt war es nur gewesen? Ein eigenthmliches Zittern seiner
Stimme, als er von den ungeheuren Posten Korn sprach, die er seit dem vorigen
Herbst auf Lager habe, und von dem beispiellosen Sinken der Preise durch die
vernderten Conjuncturen in England und Amerika; das und die nervse
Gereiztheit, als ich ihm die Nothwendigkeit nachwies, die Maschinenfabrik in der
Stadt auf den doppelten Umfang zu erweitern, wenn er in der Concurrenz mit den
brigen Fabriken jetzt beim Erwachen der Eisenbahn-Industrie in unserem Lande
nicht unwiederbringlich verlieren wollte. Dann zum Dritten der dringliche
Wunsch, auf den er immer wieder zurckgekommen, Zehrendorf fr eine mglichst
hohe Summe - er hatte fnfmalhunderttausend Thaler genannt - an den Frsten von
Prora zu verkaufen.
    Der sonderbare Gedanke hatte mir den Athem benommen; ich war an das offene
Fenster getreten und blickte trumend hinaus auf einen freien Platz, der in dem
matten Licht des Mondes mit Kies bestreute Gartenwege, dunkle Beete und andere
Anlagen zeigte.
    Ja, ja, sagte ich bei mir, mit einer Art von Trotz an meinem Einfall
festhaltend, warum sollte es nicht so sein? und wre es nicht, wenn es wre, nur
eine gerechte Nemesis? Jene alten Ritter vom Stegreif hatten so lange ihr Wesen
getrieben und die Zeichen der Zeit so grndlich verachtet, bis die Zeit sich
gegen sie wandte und sie von sich stie, wie ein muthiges Ro den bgellos
gewordenen Reiter aus dem Sattel schleudert. Und in unserer Zeit reiten die
Todten schnell, und dieser Mann hier, der Krmer, der des Ritters Ro bestieg,
ich rechne ihn wie Jenen zu den Todten. Schnde Habsucht und nackter Egoismus -
sind sie nicht die Nahrung gewesen des Einen wie des Andern? haben sie nicht
beide als Motto in ihrem Schilde gehabt: Ich fr mich! und Alle und Alles fr
mich! Hat je einer von ihnen an das arme Volk gedacht, als um zu finden, da es
da sei, ihnen zu frohnden? Ja, ist es nicht mehr als ein Zufall, da der
verbrecherische Handel, auf welchen sich der Ritter vom Stegreif geworfen, um
nur sein Leben zu fristen, das Mittel gewesen ist, durch welches der Krmer den
Grund zu seinem Reichthum legte? Hat er mir nicht eben erst mit dem grten
Behagen erzhlt, wie schlau sein Vater und er die fabelhaft gnstigen
Conjuncturen whrend der napoleonischen Continental-Sperre benutzt, und wie sie
das Geschft noch Jahre und Jahre lang fortgesetzt und Hunderte von Tausenden
dabei gewonnen, und wie sie es genau in dem Augenblick, als die Sache gefhrlich
zu werden anfing, abgebrochen htten! Nun denn, ist nicht dem Krmer, der sich
zum Ritter vom Stegreif gemacht, recht, was dem Stegreif-Ritter, der zum Krmer
geworden, billig war? Nur da die Herrschaft des Letzteren nicht eben so lange
dauern wird, als die des Ersteren, und das mit Fug und Recht, denn die Todten,
die Todten reiten schnell.
    Die Todten reiten schnell!
    Ich blickte zum nchtlichen Himmel hinauf, wo an des Mondes beinahe voller,
glnzender Scheibe von dem scharfen Nachtwind ostwrts ungeheure schwarze
Wolkenmassen vorbergetrieben wurden. Seltsam phantastische Gestalten:
langgestreckte Drachen mit weit aufgesperrten Mulern, kolossale Fische mit
gierigen Zhnen, scheuliche Crustaceen mit langen Scheeren und krabbelnden
Beinen; Riesen auch mit ragenden Huptern und mit Felsblcken in den erhobenen
Armen; dann wieder Zwerge mit schlauen Buckeln und begehrlichen spitzen
Buchlein - Ungethme und Ungeheuer aller Art, und nicht eine einzige reine
schne Gestalt! In einer wunderlichen Ideenverbindung glaubte ich in diesen
hlichen Wolken die Geschlechter der Menschen zu sehen, welche die Herrschaft
gehabt auf Erden, und das Scepter gefhrt und das schneidige Schwert, und die
kein Mitleid gehabt mit der unterdrckten Menge, die sie aussaugten, gerade wie
das leichtere, graugrne Gewlk, das ngstlich unter den Riesen hintrieb, sobald
es in die Lichtregion des Mondes kam, zu zerflattern und zu verdunsten schien.
Und sollte das in endloser Reihe durch die Ewigkeiten so gehen? Immer ein
Geschlecht der Drnger dem anderen Drngergeschlechte folgen? Die Ritter vom
Hammer immer auf den unglcklichen Ambo hmmern? Sollte nie, nie die Zeit
kommen, eine andere Zeit, eine bessere Zeit, wie sie das entzckte Auge meines
Lehrers gesehen, die heranzufhren er sein Blut und Leben eingesetzt, und der
auch ich mich geweiht hatte mit allen Krften meiner Seele!
    Gewi, sie wird kommen, diese Zeit, rief ich, ja, ist sie nicht schon? Nicht
schon in dir, der du erkannt hast, da sie kommen wird und mu? Ist sie nicht
schon in Allen, welche denken wie du und die Macht haben, ihren Gedanken Form
und Farbe und Fleisch und Blut zu geben?
    Welche die Macht haben! Wer sie htte! Es wre doch ein schnes Ding, hier
Herr zu sein und drben in der Fabrik und in seinen anderen Fabriken und
Comptoirs! Tausenden und Tausenden ein Glckbringer, ein Heiland sein zu knnen
und - es nicht zu sein! Ein Ungeheuer mit hllenweitem Rachen zu sein, wie das
Wolkenscheusal da oben, weil uns, wie Doctor Willibrod sagt, sobald wir zu Macht
und Reichthum gelangen, ein Kieselstein oder Goldklumpen statt des warmen
Herzens in der Brust hngt. Pah!
    Und ich schlo unwillig das Fenster, lie die Gardinen herab und schritt auf
mein Lager zu, mich zur Ruhe zu legen.
    Aber auf dem halben Wege schon blieb ich stehen. Die einmal losgelassenen
Gedanken wollten sich so schnell nicht wieder einfangen lassen; ich blickte mit
ber der Brust verschrnkten Armen auf all' den Glanz des prchtigen Zimmers.
    Und daran ist sie gewhnt von Jugend auf, sprach ich bei mir; ber diesen
weichen Teppich ist ihr Fu immerdar geschritten, solch' wollstige Stoffe hat
ihre Hand stets berhrt, und diese balsamische Luft hat sie immer geathmet! Wenn
es wre, wenn der schamlose Egoismus genau so vor dem Fall kme, wie der brutale
Hochmuth, wenn dies Haus zusammenstrzte, wie jenes alte - es wre hart,
unsglich hart fr sie! Die Andere hatte mich einst ihren Georg genannt, ihren
Drachentdter! Nun, sie hatte nicht gerettet sein wollen, und ich, ein halber
Knabe noch, htte sie nicht retten knnen. Um diese hier stnde es vielleicht
anders; vielleicht wrde sie lieber gerettet werden wollen, als untergehen, und
- auf alle Flle bist du kein Knabe mehr!
    Ich wandte mich wieder, und mein Anblick fiel auf den kleinen, schbigen
Seehundskoffer, den Wilhelm Kluckhuhn zu den Fen des Bettes, dessen bauschiche
Vorhnge er zurckgezogen, jetzt sorgsam auf ein Gestell gelegt hatte. Ich mute
laut lachen. Es war doch auch sehr lcherlich, wenn man kaum mehr besa, als in
diesem winzigen, schbigen, noch dazu geliehenen Ranzen Platz hatte, ein Haus
wie dieses hier retten zu wollen, sich um das Schicksal von Menschen den Kopf zu
zerbrechen, die in einem Hause, wie dieses hier, wohnten! Und ich machte, da
ich zu Bett kam, und als ich eben einschlafen wollte, weckte ich mich selber
wieder auf, denn ich mute abermals ber etwas laut lachen - aber ich wute
nicht, worber.

                              Vierzehntes Capitel.


Als ich aber am nchsten Morgen in der ersten Dmmerstunde erwachte, wute ich
es. Es war das gestickte Band gewesen, welches ich gestern Abend in dem
Blumenbouquet aus dem Rosenholzschrnkchen zwischen den Fenstern entdeckte, und
in welchem ich im Halbschlaf eine gar freundliche und liebliche Auflsung aller
der Rthsel, die mich hier umgaben, gefunden zu haben glaubte. Jetzt, mit
hellwachen Sinnen, sah ich freilich wieder nichts darin, als eine sentimentale
Albernheit des guten Frulein Duff. Wie dem auch sein mochte, es erfate mich
eine Unruhe, die mich von meinem seidenen Lager emportrieb. Ich kleidete mich
schnell an. Ein Spatzenpaar, das irgendwo in der Nhe unter dem Dache nisten
mute, fing eine lebhafte Unterhaltung an und schwieg dann pltzlich - sie
hatten zu frh Tag gemacht.
    Ich nicht minder. Konnte ich doch, als ich mit dem seidenen Bande an das
Fenster trat, die goldenen Perlen-Lettern der Schrift von dem blauen Grunde
nicht unterscheiden. Ich wurde ein wenig rgerlich ber meine kindische Neugier.
War ich hierher gekommen, Rthsel zu lsen?
    Dennoch hielt ich die Schleife noch in der Hand, als es drauen heller zu
werden und der erste rosige Morgenschimmer das Gewlk im Osten zu umsumen
begann. Schon unterschied ich deutlich die Wege und Beete in den Anlagen unter
mir, ja auf den Beeten bald den gelben Krokos von den blauen Hyacinthen. Und
abermals senkte sich mein Blick auf das magische Band, und ich las jetzt
deutlich noch einmal die bekannte Devise.
    Nun, sagte ich bei mir, mag es ernsthaft gemeint sein oder nicht, mag es
eine sentimentale Albernheit der Duenna, oder ein bermthiger Scherz des
schnen Mdchens sein - es ist ein gutes Wort, und ich will es mir gesagt sein
lassen. Treu will ich suchen, und, was das Finden anbetrifft, so will ich mir
darber nicht den Kopf zerbrechen.
    Ich steckte das Band zu mir, damit es nicht etwa gar Wilhelm Kluckhuhn in
die neugierigen Hnde fiele, und verlie mein Zimmer. Durch das gerumige Haus,
in welchem noch berall auf den teppichbelegten Corridoren und Treppen Dmmerung
und Schweigen herrschten, suchte und fand ich eine Thr, welche mich aus dem
unteren Flur in's Freie leitete.
    Es war eine kleine Seitenthr gewesen, hnlich wie die, durch welche man in
dem alten Hause auf den ruinenhaften Hinterhof gelangte. Der Hinterhof war
natrlich verschwunden und berhaupt Alles so verndert, da ich mich auf einem
mir vollkommen fremden Terrain in einer ganz neuen Umgebung befand. Aber ich sah
bald: es war nicht nur etwas Neues und Anderes, was man hier geschaffen, sondern
etwas, das zu dem Frheren einen vollkommenen Gegensatz bildete. So colossal und
offenbar unwohnlich das alte Schlo in breiten, schmucklosen Massen aufgeragt
hatte, so verhltnimig klein, aber augenscheinlich zweckmig eingerichtet,
in einem zierlichen, wenn auch vielleicht nicht ganz reinen Styl prsentirte
sich das jetzige Wohnhaus. Der Wirthschaftshof, dessen eine Seite damals das
Herrenhaus begrenzte, war ein paar hundert Schritte weiter weg gelegt worden.
Das Herrenhaus umgab jetzt ringsum ein freier Platz, welcher nach allen Seiten
von Anlagen, denen man freilich ihr jugendliches Alter nur zu deutlich ansah,
eingenommen wurde. Man hatte wohl die Absicht gehabt, eine kleine blhende Oase,
deren Mittelpunkt das Wohnhaus war, von dem brigen, dem Nutzen geweihten Boden
auszusondern - ein hbscher Gedanke, der nur noch vielleicht einige zwanzig
Jahre zu seiner Verwirklichung brauchte.
    Es war eben eine neue Zeit, die hier eingezogen war. In welchem Glanz der
Neuheit blickten die Ziegeldcher des Hofes zwischen den jungen Pappeln herber!
Rechts vom Hofe auf einer Strecke, wo frher eine weite Brache vergebens der
Kultur geharrt hatte, schimmerten jetzt unendliche Flchen grner Saat, und
welch' neuen, fr diese Gegend fast unglaublichen Anblick gewhrte weiter rechts
der Complex von Gebuden in rothem Ziegelstein, aus deren Mitte ein riesiger
Schornstein so eben eine schwere Rauchwolke in den lichten Morgenhimmel sandte.
Es war die vor zwei Jahren angelegte Brennerei, zu welcher wir im Laufe des
Winters eine neue Maschine geliefert hatten. Bis zu dieser Stelle mute sich
nach meiner Berechnung frher der Parkwald erstreckt haben. Jetzt war kein Baum
zu sehen; und immer noch kein Baum, als ich um das Haus herumging und in den
Theil der Anlagen gelangte, in welchen ich vorhin aus meinem Fenster einen Blick
geworfen. Ich berzeugte mich, da dies wahr und wahrhaftig der Platz der groen
Parkwiese sein mute; aber vergebens suchte das Auge jetzt nach der herrlichen
Wand, mit welcher die prchtigen Buchen das weite Revier nickenden Grases
begrenzt hatten. Bis zu den Hgeln hinauf, ber welche man zu dem Vorgebirge
aufstieg, war der stolze Wald abgetrieben und die Stmpfe, die man fast berall
vorlufig stehen gelassen, gaben dem Terrain das Ansehen eines riesigen,
schlecht unterhaltenen Friedhofes. Hier und da hatte man auf vollstndig
gerodeten Stellen angefangen, wieder nachzusen und nachzupflanzen, aber die
jungen Schonungen sahen kmmerlich aus und wrden schwerlich je so riesige
Stmme liefern, wie man sie hier und da bereits zugehauen zwischen den Stumpfen
liegen sah.
    Ich schritt weiter auf dem gut unterhaltenen Fahrweg, der hgelauf nach dem
Vorgebirge fhrte und ungefhr die Richtung verfolgte, wie der alte Weg, auf
welchem man durch den Wald zu dem Weiher gelangte. Und dies hier mute die
Stelle sein; diese fast kreisrunde Vertiefung, auf deren Grunde noch hier und da
zwischen schon begrasten Stellen Lachen schwarzen Wassers blinkten. Du lieber
Gott! abgrundtief hatte er sein sollen der dstere Waldsee und jetzt sah man,
da seine grte Tiefe nicht dreiig Fu betragen! Man hatte ganz einfach das
Ufer in der Richtung des Strandes durchstochen und das Wasser abgelassen, um den
Moder zu gewinnen, in welchen sich die Bltter, die Jahrtausende lang von den
Bumen herabgeweht waren, auf dem Grunde des Sees verwandelt. Nun, der Dnger
mochte den erschpften Feldern trefflich zu Gute gekommen sein; aber hier war es
hlich geworden, verzweifelt hlich auf einer Stelle, die damals die sesten
Schauer der Waldeinsamkeit umwitterten. Nur einen einzigen der stolzen Riesen
hatte man stehen lassen auf der mittleren Abdachung des Hgels. Es war eine
gewaltige, vielhundertjhrige Buche, welche ich, trotzdem sie sich jetzt, da sie
ringsum frei stand, ganz anders prsentirte, wieder zu erkennen glaubte. Und ich
hatte mich nicht getuscht. Da stand auf der graugrnen Rinde mit zum Theil
halbverwachsenen, aber noch wohl lesbaren Lettern mein Vorname und ein Datum,
das Datum des Tages, an welchem ich Konstanze von Zehren an jenem sonnigen
Herbstmorgen zuerst unter eben diesem Baum gesehen!
    Es war doch ein eigener Zufall, da gerade dieser Baum von all' den schnen
prchtigen Bumen hatte erhalten bleiben mssen!
    Ein Gefhl von Trauer und Wehmuth wollte mich bermannen. Ich blickte tief
athmend hinauf zu dem hellen Himmel. Jener Morgen war schn gewesen, aber die
Bltter hatten schon zu fallen begonnen, und der Winter, der die ganze Schnheit
auslschen sollte, vor der Thr gestanden; und heute war der Morgen auch schn,
und Frhling war's, und die langen Sommer-Tage voll Licht und Sonnenschein kamen
erst, die Tage der Arbeit, auf welche dann auch die Ernte nicht ausbleiben
mochte!
    Ja, sprach ich bei mir selbst, indem ich rstig hgelauf und jetzt ber den
Rcken des Vorgebirges schritt, ja, jene Welt mute untergehen mit ihrem trauten
Waldesrauschen und dem geheimnivollen Pltschern dunkler Seen aus grauer
Vorzeit, mit ihren brckelnden Schlssern, ihren zerfallenen Hfen und brach
liegenden Feldern. Selbst du mutest verschwinden, altersgraue Thurm-Ruine, und
diesem kleinen Pavillon Platz machen, aus dessen Fenstern es sich gar schn
hinausschauen lassen mu ber die Flche des Plateaus auf das Meer.
    Hier war es, wo der Thurm gestanden! Ein bunter Schmetterling hatte sich an
die Stelle gesetzt, wo der kriegerische Aar so lange gehorstet. Ich ging um den
zierlichen Bau, dessen Thr verschlossen und hinter dessen blanken Fenstern die
seidenen Vorhnge heruntergelassen waren, rings herum. An der Sdseite standen
unter einem weit vorspringenden Dach mehrere Bnke und Tische.
    Whrend ich hier sa und, den Kopf aufgesttzt, in die Weite schaute, ging
die Sonne auf. Zitternd in ihrem Glanz stieg sie hervor aus dem Meer, aber es
war nicht blos das Ueberma des Lichtes, das mich meine Augen schlieen machte.
Ich hatte sie schon einmal aufgehen sehen von eben dieser Stelle, und hier, wo
ich sa, hatte ein Todter gesessen und mit den gebrochenen Augen, auf denen die
ewige Nacht bleiern lag, in all' die Herrlichkeit gestarrt!
    Ein thrnengieriges Weh stieg in meiner Brust auf, aber ich kmpfte es
muthig nieder. Das war gewesen; es durfte nicht wieder kommen, wenn es mir nicht
den Tag verdstern wollte, den hellen Tag, welchen ich schon lngst als ein
Geschenk gtiger Gtter zu begren und entgegenzunehmen gewohnt war.
    Ruhig erhob ich mich und wandte mich zu der Schlucht, die ich in jener
Schreckensnacht mit dem wilden Zehren auf kaum gangbarem Pfade erklommen und wo
jetzt eine Treppe mit vielen und bequemen Stufen gemchlich zu der Schneidemhle
hinabfhrte, von welcher mir gestern Abend der Commerzienrath erzhlt hatte, und
deren Klappern eben aus der Tiefe zu mir herauf zu schallen begann. Es war nur
ein kleines, aber vortrefflich eingerichtetes Werk, und hatte seinen Dienst so
gut gethan, da der ganze Wald von Zehrendorf bis auf einen kleinen Rest bereits
von seinen Sgen zerschnitten war.
    Ich wollte, wir wren nicht so fleiig gewesen, sagte der Meister, den ich
in der Mhle fand; denn mit unserem Wald haben wir uns auch das Wasser
abgeschnitten, so da wir nur noch ein Drittel der Zeit arbeiten, und die
Bestellungen gar nicht ausfhren knnen, die von allen Seiten kommen. Nachdem es
ihnen der Herr Commerzienrath vorgemacht, wollen nmlich alle es ihm nachmachen,
und denken auch nicht an die Zukunft, sondern lassen schlagen, was fallen will,
da nchstens kein Baum mehr auf diesem Theil unserer Insel zu sehen sein wird.
Ich habe es dem Herrn Commerzienrath genug gesagt, aber er wollte ja nicht
hren, nun er hat den Schaden.
    Dem wre vielleicht durch eine kleine Dampfmaschine abzuhelfen, meinte
ich.
    Schon gut, sagte der Mann, nur ist Wasser billiger als Dampf; aber das
kann ja immer nicht genug einbringen, und man schlachtet das Huhn, um das Ei zu
haben. So riethen Alle, die etwas davon verstanden, dem Herrn, schon darum den
Wald nicht auf einmal abzuholzen, um dem jungen Nachwuchs Schutz vor den Winden
zu gewhren, die hier auf der Hhe gar scharf wehen. Nun kommt auf dem kahlen,
von der Luft vollends ausgetrockneten Boden nichts von der Stelle, wie der Herr
ja gesehen haben wird, wenn er vom Schlo aus ber die Hhe gekommen ist. Ja,
ja, mit der Natur darf man nicht umspringen in der Weise, die ist nicht so
geduldig wie wir Menschen.
    Es war ein kleiner Mann mit einem ernsten, klugen Gesicht, der also zu mir
sprach. Aus einem andern Theil der Insel, wie er mir sagte, gebrtig, kannte er
die Natur und Art des Landes und Volkes wohl, war aber in dieser Gegend zum
erstenmal. Ich gab mich ihm als denjenigen zu erkennen, der die neuen Maschinen
in dem Kreidebruche aufstellen sollte, und fragte ihn, was er von diesem
Unternehmen halte.
    Das wird auch nicht viel besser werden, als dieses hier, erwiederte der
Mann, wenn auch aus einem andern Grunde. Der Bruch ist von Anfang an ausgiebig
genug gewesen, aber der Herr hat sich eingeredet, man brauche nur tiefer zu
treiben, dann werde es sich erst finden. Nun ja, gefunden hat man es, nmlich
das Wasser, das den ganzen Bau zu Grunde richten wird, wenn Ihre Maschinen es
nicht bewltigen. Und schlielich ist damit auch nicht viel gethan, denn was
gerettet werden wird, ist vielleicht nicht werth, da man es rettet.
    Das sieht ja traurig aus, sagte ich, ber Alles, was ich hrte, ernstlich
bekmmert.
    Freilich, sagte der Mann.
    Und die Brennerei, fing ich von Neuem an: mssen Sie auch der ein so
schlechtes Zeugni geben?
    Der Mann zuckte mit den Achseln. Darber liee sich vieles sagen,
erwiederte er. Die Anlage ist ja soweit ganz gut, nur ist sie von Hause aus zu
theuer gebaut, und dann ist der Transport zu schwierig im Winter auf unseren
schauderhaften Wegen. Und selbst whrend des Sommers stockt er manchmal, weil
wir berall hier auf der Kste nur schlecht an's Land und in See kommen knnen,
trotzdem der Herr Commerzienrath aus den Steinen des Thurmes einen groen Molo
hat bauen lassen. Sie knnen ihn von hier aus sehen, da, wo die Wellen
aufbranden. Das mchte aber Alles noch gehen, wenn der Herr Commerzienrath sich
bei den Leuten beliebter zu machen wte.
    Wie das? fragte ich.
    Der Mann blickte mich ein wenig scheu unter seinen buschigen Brauen an.
    Sie knnen ganz offen sprechen, sagte ich, ich war selbst bis vor wenigen
Tagen nichts als ein einfacher Arbeiter in des Commerzienraths Maschinenfabrik
und habe in der kurzen Zeit nicht verlernt, mit meinen Kameraden zu
sympathisiren.
    Nun, sagte der Andere, wenn ich offen sprechen darf: ich meine so. Die
Leute hier herum, die Schiffer sowohl, wie die Kathenleute, und rings in den
Drfern am Strande und auf dem Lande - sie sehen den Commerzienrath an als
Einen, der sich hier eingedrngt hat, und da sitzt, wo bessere Leute vor ihm
gesessen haben oder sitzen sollten. Nun, mit dem Bessersein wird das wohl so
seine eigene Bewandtni haben, aber ich rede nicht aus meinen eigenen Gedanken,
sondern aus denen der Leute. Dazu kommt, da sich viele von ihnen erinnern, da
der Commerzienrath nicht immer der reiche Mann war, und - was das Schlimmste ist
- Einer oder der Andere wei recht gut, oder glaubt recht gut zu wissen, wie
all' das sndhaft viele Geld zusammengekommen, denn er hat vielleicht selbst
dafr gearbeitet und auch wohl seine Haut zu Markte getragen, in den
Zehner-Jahren, als es ein bischen bunt herging hier an dieser Kste und bis nach
Uselin und Woldom und noch weiter hinauf. Hat doch noch erst vor wenigen Jahren
hier eine richtige Hetze auf die Pascher stattgefunden, von welcher der Herr
vielleicht gehrt hat! Nun, das mchte ja Alles sein und der Commerzienrath kme
doch darber weg, wenn er ein Herr wre, der nicht nur lebt, sondern auch leben
liee; der, was er vielleicht frher schlecht gemacht hat, wieder gut zu machen
suchte, und dem armen Mann auch das Seine gnnte. Aber davon ist ja keine Rede.
Er schneidet und drckt sie, wo er kann und denkt: sie mssen doch arbeiten!
Aber er irrt sich sehr. Ja, sie arbeiten wohl, aber nur die, welche sich gar
nicht anders zu helfen wissen, und was dies fr eine Sorte Arbeiter ist, und was
fr eine Sorte Arbeit sie liefern, das wei der Herr ja selbst wohl recht gut.
    Freilich, freilich! sagte ich.
    Ein Knecht trat herzu; es waren neue Stmme aufzulegen, der Meister mute an
die Arbeit. Ich schttelte ihm die Hand. Er blickte mich mit seinen
melancholischen Augen an, und sagte lchelnd: Sie haben mich jetzt in der Hand,
wenn Sie dem Herrn Commerzienrath wieder erzhlen, was Sie von mir gehrt. Aber
es thut nichts: meines Bleibens ist hier so wie so nicht viel lnger.
    Das wre Jammer und Schade, rief ich; im Gegentheil, ich hoffe, wir
werden noch manches gute Wort zusammen reden und manchen guten Rath zusammen
ausdenken. Werfen Sie die Flinte noch nicht in's Korn; das wird hier Alles
anders und besser werden.
    Der Mann sah mich einigermaen verwundert an, erwiederte aber nichts,
sondern wandte sich, in die Mhle zu gehen, und ich stieg die Treppe zum Strande
vollends hinab.
    Da war nun mein Meer, mein vielgeliebtes Meer, das ich stets vor Freude
weinend begrte, wenn der Traumgott mich an sein Gestade brachte und es vor mir
ausbreitete in seiner Herrlichkeit. Da kamen sie herangerollt die schnen,
grnen Wogen mit den weien, sich berstrzenden Kmmen: der Gischt der Brandung
trieb hinauf bis an meine Fe; und wenn sie wieder zurckrollten, donnerte es
dumpf hinter ihnen her zwischen den Millionen aneinander knirschender Kiesel.
Ueber mir an den Kreidefelsen hin zogen ein paar Mven trgen Fluges, und
drauen auf der Hhe blinkten die Segel von ein paar Fischerbooten, die von der
See hereinkamen nach schwerer nchtlicher Arbeit. Wie hatte ich mich gefreut,
das Alles, was ich so lang entbehrt, endlich einmal wiederzusehen, und jetzt,
als ich es sah, lie es mich beinahe kalt!
    Wohl ohne meine Schuld. Die Sinne waren mir so frisch als je und auch mein
Herz war in den acht oder neun Jahren nicht so viel lter geworden - ich konnte
mich nur der sorgenvollen Gedanken nicht erwehren, welche die Worte des wackern,
verstndigen Mannes oben in der Strandmhle in mir aufgeregt hatten.
    Wie stimmten die Ansichten, die er geuert, so ganz mit den Beobachtungen,
die ich im Laufe meines morgendlichen Spazierganges gemacht! mit wie scharfen
Linien hatte er das Bild des Commerzienrathes gezeichnet, gerade, wie ich ihn
von jeher und noch gestern Abend gesehen! Das war ein Rhmen und Prahlen
gewesen, in wie kurzer Zeit er den Werth des Gutes verdreifacht und verfnffacht
habe und was er Alles fr die Menschen hier herum gethan! Er werde einmal den
Herren Edelleuten, die smmtlich um fnfzig Jahre oder so in
landwirtschaftlicher Einsicht zurck seien, zeigen, was ein einfacher
Geschftsmann, wie er, aus einem heruntergekommenen Gute machen knne; das sei
das einzige wahre Interesse gewesen, das er an der ganzen Sache genommen, und
wenn der junge Frst zugreifen wolle, so mge er's bald thun, sonst drfte er zu
spt kommen.
    Fnfmalhunderttausend Thaler, eine halbe Million! Wie sollte die
herauskommen? Das sehr groe Gut war freilich damals, vollkommen
heruntergewirthschaftet, wie es war, noch immer hundertfunfzigtausend Thaler
werth gewesen, und dafr hatte es der Commerzienrath auch bei der
Auseinandersetzung bernommen. Jetzt, wo es doch jedenfalls in besserer Cultur
stand, wo der Hof von Grund aus neu aufgefhrt, das schmucke Wohnhaus erbaut war
und die Fabrikanlagen, so schlecht sie rentiren mochten, doch immer in's Gewicht
fielen, mochte der Werth auf das Doppelte gestiegen sein; aber dafr war ja auch
der kostbare Wald niedergelegt und zu Gelde gemacht - die Sache wollte nicht
stimmen, wie ich auch rechnete und rechnete; es fehlte immer mehr als die
Hlfte. Wenn die Angaben des Commerzienrathes ber seine Verhltnisse immer so
ungenau waren, - auch den Werth seiner Fabrik hatte er gestern Abend in
derselben Proportion berschtzt - wenn er den Ueberreichen nur spielte, weil er
es vielleicht einmal gewesen, wenn er - ich blieb nach der See gewandt stehen
und athmete ein paar mal tief auf. Wiederum, an diesem klaren Morgen, hier in
der frischen Seeluft, kam die dstere Ahnung ber mich, die ich gestern in dem
schwlen Zimmer fr eine Ausgeburt meiner von dem heien Wein fieberhaft
erregten Phantasie gehalten, und wiederum, wie gestern, mute ich sofort an das
schne Mdchen denken, die vielbeneidete, bermthige Erbin eines Reichthums,
der vielleicht nur noch in den prahlerischen Lgen ihres Vaters existirte.
    Aber was geht es dich schlielich an, sprach ich bei mir, indem ich mit
raschen Schritten durch den tiefen Sand des Strandweges wadete; gar nichts geht
es dich an, gar nichts.
    Zu meinem Fen lag ein groer Fisch, den die Wellen eben ausgeworfen haben
muten. Er schien todt, aber er war unverletzt, die weit aufgesperrten Kiemen
waren noch roth, vielleicht hatte ihn die Brandung nur zu hart gegen einen der
Ufersteine geschleudert, oder der Schlag eines Seehundes hatte ihn betubt. Ich
trug ihn - nicht ohne mir die Fe na zu machen - ber die ersten Steine und
schleuderte ihn in das tiefere Wasser. Er kehrte den weien Bauch nach oben.
Armes Thier, sagte ich, ich htte dir gern geholfen; nun werden dich die Mven
fressen; sie freuen sich, da du todt bist.
    Und was ging der todte Fisch dich an, philosophirte ich weiter, indem ich
meinen Weg fortsetzte und mir den nassen Sand von den Fen schttelte; auch
nichts, erst recht nichts! Ein Mvenherz mu man haben, und scharfe Fnge und
einen starken, spitzen Schnabel und lustig loshacken auf jede gute Beute, die
uns eine gnstige Welle an den Strand wirft. Georg, Georg! schme dich! und es
hilft dir ja doch nichts! Du kannst dich nicht anders machen, als du bist. Aber
freilich, du kannst die anderen Menschen auch nicht anders machen, als sie sind.
Den Commerzienrath zum Beispiel. Wirst du den Mann je zu der Lehre deines
Meisters bekehren? Zu der Lehre der Liebe, der gegenseitigen Hlfsbereitschaft?
Nimmermehr, oder hchstens, wenn du ihm beweisen knntest, da sein Vortheil
damit Hand in Hand geht, da er sich schlielich zu Grunde richtet, wenn er hier
und berall nur auf Raubbau aus ist. Hatte der Meister das nicht Alles
vorausgesagt: An ihn und seinesgleichen ist die Reihe gekommen, sie sind jetzt
die Ritter vom Hammer; es ist das alte Spiel in etwas anderer Form! - Und er
hatte hinzugefgt - und ein herrliches Feuer hatte dabei in seinen schnen Augen
geglht: Es wird nicht lange dauern und dann wird unsere Zeit kommen, die wir
begriffen haben, da es eine Gerechtigkeit giebt, die sich nicht spotten lt!
    Diese Zeit! unsere Zeit! sie wird nie kommen, sagt Doctor Willibrod, oder
doch gewi nur fr den, der sie sich erobert, der sie festhlt an dem
flatternden Gewande.
    Ob meinem Haupte kreischte eine Mve, ich blickte hinaus und sah ber den
Strand des fnfzig Fu hohen, noch immer ziemlich steilen Ufers, und ber die
Bsche weg, die an dem Rande wuchsen, etwas Weies flattern, wie den Zipfel
eines Gewandes. Es war kein Gewand, sondern ein weier Schleier, der von dem Hut
einer Reiterin wehte. Auch den Hut zu dem Schleier sah ich auf ein paar
Augenblicke und den nickenden Kopf eines Pferdes und ganz flchtig die Reiterin
selber, oder wenigstens ihren Kopf und ihre Schultern, wie sie sich vornber
oder seitwrts beugte, auf den schmalen Vorstrand hinabzuschauen.
    Mir schlug das Herz - das Ding sah auch zu gefhrlich aus, obgleich ich
wute, da es nicht ganz so gefhrlich war, wie es von unten aussah; ich rief
auch hinauf, sie solle sich in Acht nehmen; das hatte sie aber wohl schwerlich
gehrt, denn der weie Schleier war verschwunden, und - das Herz schlug mir noch
immer. Paula mochte es verantworten; sie war schuld, wenn ich die schne Hermine
nicht ruhig fnfzig Fu hoch von einem steilen Felsufer herabstrzen sehen
konnte - noch dazu in meine Arme.
    Hollah! hhnte ich mich, die alberne Beklemmung los zu werden, die sich -
ich wei nicht wie - um meine Brust gelegt hatte - hollah! gab es da wieder
einmal etwas zu retten, zu schtzen? alte schlaue Commerzienrthe - todte, dumme
Fische - schne, bermthige, junge Mdchen, - dir ist Alles gleich, wenn du dir
nur bei dem Geschft die Finger verbrennen oder die Fe namachen kannst. Wie
lange ist es her, da du hier an diesem selben Strande mit dem Wilden
dahineiltest und die Zollwchter Euch auf den Fersen waren? Die Futapfen selbst
wrdest du noch sehen knnen, htten Wind und Wellen sie nicht verwischt: aber
du groer, du dummer Hans, du findest auch ohne das die alte Spur!
    So schalt ich mich und beschlo, direct zu dem Hause zurckzukehren und dem
Commerzienrath zu sagen, da ich - es sei ganz gleich warum - aber da ich
zurck msse und unter keiner Bedingung bleiben werde, und whrend ich diesen
Entschlu fate, - dessen Ausfhrung unzweifelhaft den ganzen Gang meines Lebens
gendert htte, und den auszufhren mir also nicht beschieden war, - beobachtete
ich schon voller Interesse die Anlagen des Kreidebruches, die jetzt, als ich
mich um eine scharfe Ecke des Ufers wandte, in einer mig steilen Schlucht vor
mir lagen. Es wre doch mehr als unziemlich gewesen, htte ich das Werk, das
auszufhren ich gerufen und gekommen war, so schmhlich im Stich gelassen!
    So stieg ich denn die hlzernen, in den Kreidefelsen hineingearbeiteten
Stiegen hinauf, bis ich an die kleine Platform gelangte, wo hinter dem
Wrterhuschen der Eingang in den Stollen sich befand, den man horizontal in den
Felsen getrieben hatte, und der jetzt nicht mehr befahren werden konnte, weil
man weiter hinten auf Quellen gestoen war, deren Wasser man jetzt mit ziemlich
rohen Pumpvorrichtungen vergeblich zu bewltigen suchte.
    Und es fragt sich noch sehr, ob es auch nur mit Ihren Maschinen zu heben
ist, sagte der alte, wettergebrunte Aufseher der mich herumfhrte.
    Aber wie ist dies nur so gekommen? fragte ich.
    Wie das so kommt, erwiederte der Aufseher, die Achseln zuckend; hinter
der Kreide, sehen Sie, die gerade bis hierher steht - wir gingen auf der Hhe
des Ufers und er fate an eine Stange, die zum Wahrzeichen in den Boden
getrieben war - ist eine Sandschicht, alter Meer- und Dnensand, der mit der
Kreide fast in gleicher Tiefe wegstreicht, und auf der andern Seite wieder an
das groe Moor stt, aus dem er das Wasser einsaugt wie ein Schwamm. Das wuten
wir Alle recht gut, aber der Herr hat es ja nicht glauben wollen und ja wohl
gemeint, wir wollten ihn nur um seinen Vortheil bringen, wenn wir ihm riethen,
nach der Seite nicht weiter zu gehen, wo allerdings die Kreide fr den
Augenblick ganz besonders gut war. Nun hat er den Schaden!
    Nun hat er den Schaden!
    Genau dasselbe hatte der Mann in der Schneidemhle gesagt und beide schienen
sie tchtige, ehrliche Mnner, die einen aufrichtigen Antheil an dem Gedeihen
der Werke genommen haben wrden, und die jetzt das Milingen nicht minder
ernstlich bekmmerte. Warum war er ihrem Rathe nicht gefolgt, als es noch Zeit
war? warum? Aus demselben Grunde, weshalb er den Vorschlgen des Doctor Snellius
zur Einrichtung von Kranken-, Invaliden- und Sterbekassen und andern fr das
Wohl der Fabrik-Arbeiter unbedingt nthigen Institutionen sich stets widersetzt
hatte; aus demselben Grunde, weshalb er die Antrge unseres Directors, den Lohn
der Arbeiter den Anforderungen der Zeit gem zu erhhen, immer hhnisch
zurckgewiesen hatte. Es war immer derselbe Grund: malose Selbstsucht, die an
dem ihr einzig wnschenswerthen Ziel mit so gierigen Blicken hngt, da sie
darber nicht rechts noch links sehen kann und am Ende sich selbst verblendet.
    Nun hat er den Schaden, wiederholte der Alte gleichsam zur Besttigung der
Schlufolgerung meiner Gedanken; ging schwerflligen Schrittes davon und stieg
die hlzerne Stiege hinab, die von dem Uferrand zu dem Bruche fhrte.
    Ich blieb allein in tiefes Sinnen verloren, als ob ich eine Welt zu schaffen
htte. Und war denn hier nicht eine Welt zu schaffen, zu der man nur eben den
Grund gelegt hatte? Schneidemhle, Kreidebruch, Brennerei, die Drainirung des
groen Moores, von welcher er mir gestern Abend so viel erzhlt und von der er
sich so Groes versprach - was htte aus allen diesen Einrichtungen werden
knnen, ja was konnte noch daraus werden, wenn man sie in dem Sinne unternommen
htte, wenn man sie mit der festen Absicht wieder aufnahm und verbesserte und
weiterfhrte, in der Absicht, in dem Sinne: fr die armen, verkommenen, elenden
Menschen hier neue, dauernde Quellen des Erwerbes zu ffnen! Wenn man sich ihr
Vertrauen zu erringen wte, wenn man ihnen bewiese, da sie fr sich selbst
arbeiteten, indem sie fr den Herrn zu arbeiten scheinen!
    Wenn ich Herr wre!
    Von da, wo ich stand, konnte ich ein gutes Stck des Landes bersehen, das
links von mir zu den Hhen von Zehrendorf aufstieg und sich rechts bis zu dem
groen Moore senkte, und unmittelbar am Meere den langen sandigen Ufersaum hinab
bis nach Zanowitz, dessen elende Htten hier und da zwischen den nackten Dnen
sichtbar wurden. Und ich sah im Geiste das kahle Land in goldenen Saaten wogen
und sah das Moor trocken gelegt und von Heerden berschwrmt und schmucke
Fahrzeuge kamen von dem elenden Fischerdorf, das jetzt der Hafen fr ein reiches
und fruchtbares Gebiet geworden war.
    Schon einmal hatte ich einen hnlichen Traum getrumt, schon einmal waren
meine Blicke mit Segenswnschen beladen ber dieses Gebiet geschweift, und
htten ein Paradies geschaffen, wenn Blicken und Wnschen solche Kraft
innewohnte. Seitdem war so manches Jahr verflossen; ich war ein Anderer
geworden: reifer an Verstand, Einsicht, Willenskraft - sollte es auch jetzt bei
den frommen Wnschen bleiben? sollte ich auch jetzt wieder, wie so oft schon in
meinem Leben, mit leeren Hnden vor dem Hungrigen stehen, der nach Brod schrie?
    Und wie ich, noch immer in der grten Erregung, auf der Uferhhe hin und
her wandelte und sann und sann, wie ich weiter kommen knne, kommen msse, da
flatterte pltzlich der weie Schleier, der vorhin von der Hhe herabgeweht,
ber das Gebsch, das rechtshin das Ufer bekrnzte. Ich hrte den leisen
Hufschlag eines galoppirenden Pferdes auf dem Sandwege hinter den Bschen; im
nchsten Augenblicke kam die Reiterin um die Ecke herum auf einem schlanken
Rappen, an dessen Seite, in fast ebenso weiten Sprngen, eine ungeheure, gelbe
Dogge galoppirte. Die Reiterin parirte in dem Moment, als sie mich erblickte,
mit scharfem, festen Griff den vortrefflich geschulten Renner, aber die Dogge
sprang in weiten und weiteren Stzen auf mich zu, augenscheinlich in der
freundlichen Absicht, mich ber den Haufen zu rennen. Da ich darauf gefat war,
wurde es mir nicht allzuschwer, das Thier, als es hoch an mir anprallte, bei der
Kehle und der einen Schulter zu ergreifen, und es zurckzuschleudern. Leo,
Leo! rief Hermine, indem sie eifrig mit Gerte und Zgel ihr Pferd wieder in
Bewegung setzte; Leo, hierher, zurck!
    Aber Leo hatte es bereits selbst fr klger erachtet, auf seinen
ungeschickten Angriff den Rckzug anzutreten. Es schien, da ich in der Eile ein
wenig zu derb zugefat hatte; das arme Thier hinkte, laut winselnd, die rechte
Vordertatze gehoben, zu seiner Herrin.
    Ist dir ganz recht, sagte sie, indem sie sich weit zu dem Thier
herabbeugte, wie bist du auch so dumm, den Herrn anzufallen! weit du nicht,
da er Lwen bezwingen kann?
    Sie sagte das in einem Tone, durch den ein gewisser Hohn deutlich genug
hindurch klang; und so lag auch ein Zug von Hohn oder Unmuth oder Stolz, oder
von Allem zusammen um ihren reizenden Mund, als sie jetzt, sich aufrichtend, und
mich, der ich grend vor ihr stand, mit ihren groen, glnzenden, blauen Augen
streng anblickend, sagte: Uebrigens knnen Sie sich nicht wundern, mein Herr;
der Hund ist darauf dressirt, seine Herrin zu schtzen; ich wei nicht, wofr er
Sie genommen haben mag.
    Diese unfreundlichen Worte wurden noch dazu in einem Tone gesprochen, der
nichts weniger als verbindlich klang, und ich bin nicht sicher, da ein feiner
junger Herr, der von einem schnen Mdchen so von obenher behandelt worden wre,
die ihn sonst auszeichnende Ruhe bewahrt htte. Ich aber sah in der schnen
Amazone, die so sehr stolz that, das kleine, blauugige Mdchen aus der Zeit vor
neun oder zehn Jahren, als ich mich mit ihr und sie sich mit mir geneckt hatte,
und so konnte ich denn, mochte ich thun, was ich wollte, mich nicht sehr
beleidigt fhlen; und ich frchte, da ich ohne alle Empfindlichkeit erwiederte,
das Thier knne mich doch im schlimmsten Falle nur fr einen Arbeiter gehalten
haben und ich knne unmglich glauben, da man es auf diese eben so ntzliche
als weitverbreitete Menschenklasse dressirt htte.
    Sie sah mich auf diese Antwort hin, die sie nicht erwartet haben mochte, mit
einem verlegen-zornigen Blicke an, und sagte, mit mehr Heftigkeit als Logik,
mich von Kopf bis zu Fen messend: Ich wte auch nicht, weshalb man Sie fr
etwas Anderes nehmen sollte, da Sie ja stets mit so uerst ntzlichen und
wichtigen Dingen beschftigt sind, da Sie selbstverstndlich auf Ihre uere
Erscheinung kein groes Gewicht legen knnen, wie wir anderen kleinen,
alltglichen Menschen. Das letzte mal, als ich das Vergngen hatte, sahen Sie,
wenn ich mich recht erinnere, aus wie ein Schornsteinfeger, und jetzt -
vermuthlich des Contrastes wegen - wie ein Mllergesell.
    Ich blickte unwillkrlich bei diesem Worte an mir hinab und bemerkte nun
freilich, da ich bei dem Herumkriechen in dem engen Stollen des Kreidebruches
nur allzu oft mit meinen breiten Schultern und weitschichtigen Gliedern die
Wnde gestreift hatte, und in der That mit den groen weien Flecken berall auf
meinen Kleidern einen seltsamen und lcherlichen Anblick gewhren mute. Ich
nahm den Hut ab und sagte mit einer tiefen Verbeugung zu dem Hunde gewandt, der
jetzt, die gequetschte Vorderpfote trbselig hngen lassend, auf den
Hinterbeinen sa: Ich bitte auf das dringendste um Entschuldigung, und
verspreche feierlich, da, wenn ich nochmals das Glck haben sollte, Ihnen zu
begegnen, ich so sauber erscheinen werde, als Seife und Brste mich nur irgend
machen knnen, wo Sie dann hoffentlich an meinen freundschaftlichen Gefhlen
nicht den mindesten Zweifel hegen werden, so wenig, wie ich an den Ihren.
    Allons, Leo, auf! sieh zu, ob du mit kommst, wenn nicht, bleib, wo du
willst! Warum mut du mit jedem Ersten-Besten anbinden?
    Sie hieb ihr Pferd, das schon ungeduldig mit den Hufen in den Sand gescharrt
und mit dem Kopf hin und her genickt hatte, so heftig ber Hals und Brust, da
es vor Schreck mit mchtigem Satze ansprang und im Galopp davonging. Der Hund
galoppirte, so gut es gehen wollte, hinterher.
    Ich hatte nicht das Gefhl, in dieser seltsamen Begegnung, die fast wie ein
Kampf aussah, den Krzeren gezogen zu haben. Ich glaube sogar, ich blickte der
Davoneilenden, deren weier Schleier eben wieder hinter den Bschen verschwand,
mit einer Art von triumphirendem Lcheln nach und murmelte: dem Ersten, Besten!
Nun frwahr, der Mann wre nicht zu beklagen, der Dir der Erste und der Beste
wre!
    Es war Zeit, da auch ich nach dem Hause zurckkehrte, und so schritt ich
denn rasch von der Uferhhe landeinwrts einen mir von frher nur zu wohl
bekannten Pfad, welcher zwischen dem Moore, das links liegen blieb, und zwischen
der Haide, die sich nach rechts ausdehnte, in der Richtung von Trantowitz lief,
wo sich in der Nhe des Hofes ein Fuweg rechts durch die Felder nach Zehrendorf
abzweigte. Ich wei nicht, wie es war, aber die Begegnung mit dem schnen
Mdchen, das so feindlich that, ohne da es mir recht gelingen wollte, an diese
Feindschaft zu glauben hatte mir meine gute Laune beinahe wiedergegeben. Ich sah
alles Trbe und Bedenkliche, was mir der Morgen bis dahin gebracht, in einem
freundlicheren Licht. Die Mglichkeit, Gutes im groen Mastabe zu wirken, war
ja doch vorhanden, und ich segnete meinen Stern, da gerade mir die Aufgabe zu
Theil geworden zu sein schien, diese Mglichkeit zur Wirklichkeit zu erheben.
War ja doch der Commerzienrath wenn kein guter, so doch ein kluger Mann, der
nicht gegen den Vortheil der Anderen handeln wrde, wenn man ihm beweisen
knnte, da dieser Vortheil mit dem seinigen zusammenfiel. Und wer war mehr
geeignet, ihm diesen Beweis zu fhren, als ich; ich, von dessen
Uneigenntzigkeit er doch berzeugt sein mute, und der ich auerdem der Himmel
wei weshalb, mich seiner Zuneigung erfreute, so weit von einem derartigen
Gefhl in dieser vertrockneten Brust die Rede sein konnte. Mglich, da er mich
nur so bevorzugte, weil er mich nthig hatte, oder zu haben meinte. Nun wohl,
ich mute mich ihm nthig machen, und ich glaubte es zu knnen, und dann mochte
mich die schne Hermine noch hochmthiger behandeln - ich stand doch fest auf
meinen Fen, und konnte mein Haupt so hoch tragen, wie es mir die Natur
gegeben.
    So schritt ich rstig auf dem schmalen Pfade dahin dem Erlenbruch zu, der
hier zwischen Moor und Haide lag - derselbe Bruch, durch welchen ich in der
Schreckensnacht vor neun Jahren mit dem wilden Zehren geflohen war. Eine trbe
Stimmung wollte mich berkommen, als ich das Terrain betrat; aber ich hatte mir
zu fest vorgesetzt, die Gegenwart zu nehmen, wie sie war, und das Vergangene
vergangen sein zu lassen. Wie htte ich ohne diesen Vorsatz berhaupt hierher
zurckkehren knnen! Und dann schien die Sonne so hell an dem blauen Himmel; die
Vgel sangen so lustig in den Zweigen der Bume, deren Bltterknospen sich eben
zu entfalten begannen, und in den Bschen, die hier und da schon vollstndig
belaubt waren; in dem braunen Wasser der Grben und Lachen ruderten geschftig
die langbeinigen Wasserkfer, und aus der Ferne, vermuthlich aus dem
Trantowitzer Holze, erscholl der Ruf des Kukuks. Nein, es wollte durchaus nicht
passen das Trbsein fr einen so heitern Tag! und wahrlich, es hatte doch mehr
zum Lachen als zum Weinen gereizt, das se, zornige Gesicht des schnen
Mdchens, und ich mute nur hinterher noch recht herzlich lachen, so herzlich
und laut, da ein Mann, der wenige Schritte von mir unter den berhngenden
Zweigen einer Erle in dem jungen Grase am Rande des Grabens geschlafen hatte,
sich langsam auf dem Ellenbogen in die Hhe richtete, und mich, der ich eben um
das Gebsch herumkam, mit groen, verwunderten, blauen Augen anstarrte. Ich
brauchte nur einen Blick in diese guten, groen, starren Augen zu werfen. Herr
von Trantow, schrie ich, Hans! lieber Hans! und ich streckte beide Hnde dem
alten Freunde entgegen, der sich mittlerweile vollstndig aufgerichtet hatte und
mir mit freundlichem Lcheln seine groe, braune, ritterliche Rechte hinreichte.
    Wie geht es Ihnen, lieber Freund! sagte ich.
    Wie immer, erwiederte Hans.
    Es war der alte Ton, aber der alte Hans war es nicht mehr. Die blauen Augen
waren starrer, die braunen Wangen welker, und die Nase, ach, die Nase, die sonst
edle, ja schne Nase, war sehr roth und unschn geworden; und als er, nachdem
wir uns Seite an Seite an dem Bord des Grabens gesetzt, die Mtze abnahm, sah
ich, da sein sonst schlichtes, aber starkes, dunkelblondes Haar um die Schlfen
herum sehr, - sehr abgenommen hatte.
    Ich wute, da Sie kommen wrden, sagte er, indem er Stahl und Stein aus
der Jagdtasche nahm, Feuer schlug und sich an dem brennenden Schwamm eine
Cigarre anzndete, auch mir von dem Vorrath darreichend; ich sollte heute
Mittag drben essen, aber ich wei nicht, ob ich es fertig gebracht htte; da
ist es mir denn doppelt lieb, da ich Sie hier treffe. Hier bin ich viel
lieber.
    Und er blies mchtige Wolken aus seiner Cigarre, und starrte in das Wasser
des Grabens, in welchem die langbeinigen Wasserkfer hinber und herber
ruderten.
    Viel lieber, wiederholte er.
    Und Sie leben noch immer so einsam, wie damals? fragte ich.
    Nun natrlich, sagte Hans.
    Ich finde das gar nicht so natrlich, erwiederte ich mit einiger
Lebhaftigkeit, denn aus Hans' Erscheinung und Stimme sprach eine Verlassenheit,
die mir in's Herz schnitt - gar nicht natrlich! Der Tausend! soll ein Mann,
wie Sie, ein so guter, lieber, braver Mensch sein Leben einsam vertrauern, weil
es einer Coquette gefallen hat, ihn ein paar Jahre am Narrenseil zu fhren? Ja!
Herr von Trantow, eine herzlose Coquette, die es niemals werth gewesen ist, da
ein ehrlicher Kerl fr sie in's Feuer ging, und die jetzt vollends - nein! sie
verdient kaum noch unser Mitleid! Ich kann Ihnen sagen, ich habe es auf meine
Kosten erfahren.
    Ich auch, sagte Hans.
    Ich wei es.
    Hans schttelte den Kopf, als wollte er sagen: das ist es nicht. Ich kannte
seine Gesten noch hinreichend von frher her.
    Haben Sie sie denn wieder gesehen? fragte ich.
    Er nickte.
    Und wo und wann?
    Vor acht Jahren, oder sind es neun! in wie heit das Nest? - Neapel!
    Das war um die Zeit, wo Sie von hier verschwanden, und Niemand wute, wo
Sie waren.
    Ja wohl, sagte Hans.
    Und in Neapel?
    Freilich, sagte Hans.
    Es war eine eigene Aufgabe, sich Hans von Trantow am Golf von Neapel zu
denken: den nordischen Bren zwischen den Schakalen des Sdens; und eine gar
besondere Veranlassung war's denn auch gewesen, die den Hans zum ersten und
letzten Mal in seinem Leben von den Penaten seines verfallenen Hauses und den
Haiden und Mooren seiner Heimath weggefhrt hatte in die weite Welt.
    Es war im December vor neun Jahren, - ich sa schon einen Monat in
Untersuchungshaft - als Hans einen Brief erhielt, der ihn Jagdtasche und Flinte
- er hatte eben auf die Jagd gewollt - bei Seite legen, den Schlitten anspannen
und nach Fhrdorf jagen lie, um von dort ber das Eis nach Uselin, und von
Uselin Tag und Nacht zu fahren, bis er nach manchen Hindernissen - er hatte
Neapel zuerst in der Trkei suchen zu mssen geglaubt, und war, nicht ohne
einige Schwierigkeit, allmlig in die rechte Direction gekommen - nach drei oder
vier Wochen glcklich in der genannten Stadt anlangte. Dort fragte er sich
ebenfalls nicht ohne Mhe - der gute Hans sprach und verstand keine Sprache
auer seinem ehrlichen Deutsch - nach einem Hotel, welches in dem Briefe
angegeben war und fand sie, die er suchte. Nicht so, wie er sie zu finden
erwartet hatte, wie er sie nach dem Briefe zu finden erwarten mute! Sie hatte
sich eine Verrathene, eine Verlassene genannt, die auf ihn als ihre letzte
Zuflucht, als ihren Retter aus der bittersten Noth und von einem gewissen Tode
sehe. Hans hatte das natrlich Alles wrtlich genommen, und war jetzt
einigermaen erstaunt, sie in einem der ppigsten Hotels der Toledo-Strae in
luxuris ausgestatteten Zimmern, in prachtvollster Toilette zu finden, schner
als je, allerdings bei seinem Anblicke nicht wenig verlegen, und fr einige
Momente erbleichend. Sie hatte wohl gemeint, da man ihrer Aufforderung nicht so
unmittelbar nachkommen, oder sich doch wenigstens vorher anmelden wrde, und in
Folge dessen keine Vorbereitungen getroffen. So mute sich denn eine deutsche
Prinzessin, die sich in der That damals in Neapel aufhielt, ihrer angenommen,
und durchaus darauf bestanden haben, da die Tochter eines so alten und
vornehmen Geschlechtes sich ihre Hlfe und Untersttzung gefallen lasse. Aber
die Gunst so hoher Personen ist wetterwendisch und manchmal von Bedingungen
abhngig, die fr ein stolzes Herz schwer zu erfllen sind. Die Prinzessin hatte
als Preis ihrer Gunst gefordert, da Konstanze einen gewissen jungen Baron, der,
wie es schien, in der allerhchsten Gunst der Frau Prinzessin selbst nur allzu
hoch gestanden, auf der Stelle heirathe, und sie - Konstanze, war eine von
denen, die wohl irren und schwer irren knnen, aber niemals gegen die Stimme
ihres Herzens handeln wrden!
    Dieses Mrchen hatte die schne Circe dem treuherzigen Hans unter manchen
Thrnen und Seufzen und Errthen und Lcheln und krampfhaftem Schluchzen
erzhlt, und er, der nicht den skeptischen Geist des erfindungsreichen
Vielumgetriebenen besa, hatte Alles auf's Wort geglaubt, und war in seine
bescheidene Herberge zurckgekehrt, sinnend und grbelnd, was er nun thun knne,
ihr zu helfen. Sie zu heirathen war ihm unmglich. Ein Trantow konnte nie ein
Mdchen, das nicht so keusch war, wie er tapfer, zur Frau nehmen, und wre sie
noch hundertmal schner gewesen, und htte er sie noch hundertmal mehr geliebt.
Aber mit ihr theilen, was er hatte, und fr sie sorgen, und sie beschtzen und
fr sie thun, was ein Bruder in einem solchen Falle fr eine unglckliche,
geliebte Schwester zu thun vermag - - das konnte der Hans, und das wollte der
Hans, und, um ihr diese Propositionen zu machen, begab er sich am andern Morgen
wiederum zu ihr. Aber in der Nacht hatte sich Circe eines Andern besonnen, und
ihren Palast verlassen, in Begleitung eben jenes jungen Barons, der freilich mit
der genannten hohen Frau in keiner Verbindung irgend einer Art gestanden, dafr
aber in desto intimerer zu dem jungen Frsten Prora, und seitdem der Frst vor
vier Wochen, auf Befehl seines Vaters, Neapel verlassen, in mindestens eben so
intimer zu Konstanze selbst, welche ihm als Aequivalent fr eine namhafte Summe,
die der Frst an ihn im Spiel verloren, zugefallen war. Hans erfuhr dies und
noch manches, was er nicht zu wissen wnschte, und wonach er gar nicht fragte,
von einem deutschen Kellner, der sich zufllig in jenem Hotel befand, und, allem
Anschein nach, einen, wenn auch nicht rhmlichen, so doch thtigen Antheil an
der Intrigue genommen hatte. Da Hans nicht nach Neapel gekommen war, um auf der
Toledo-Strae zu flaniren, oder sich nach Capri fahren zu lassen, oder den Vesuv
zu besteigen, so schttelte er den Staub von seinen Fen und begab sich wieder
auf die Heimfahrt. Aber der Gute, Getreue kam nicht weit. Die ganz ungewohnte
Anstrengung einer so groen, in toller Hast zurckgelegten Reise, die
Vernderung des Klimas und der Lebensweise, der feurige italienische Wein, den
er seiner Gewohnheit nach in groen Quantitten getrunken, und wohl mehr als das
Alles: der tiefe Schmerz um diesen schnden zweiten Verrath, der ja viel
schlimmer war, als jener erste - es war dieser starken Natur doch zu viel
gewesen, und eines Tages wurde von einem mitleidigen Vetturin an der Pforte
eines Klosters in der Nhe von Rom ein Reisender abgeliefert, der unterwegs
krank geworden war, und in der That bereits dem Tode verfallen schien. Nun, es
war dem braven Hans nicht beschieden gewesen, in der engen Zelle eines rmischen
Mnchsklosters seine freie, brave Seele auszuhauchen; er genas trotz der wenig
rationellen Behandlung Fra Antonios, des berhmten Kloster-Arztes, und konnte
bereits nach sechs Wochen in dem Garten umhergehen. Der Garten hatte sehr schn
gelegen mit einem kstlichen Blick auf die ewige Stadt, und die Mnche waren
sehr gutmthig und freundlich, wenn auch etwas schmutzig gewesen, und hatten dem
Hans zu verstehen gegeben, ob es nicht fr das Heil seiner Seele ersprielicher
sei, wenn er gar nicht wieder in seine barbarische Heimath, sondern in den
Schoo der alleinseligmachenden Kirche zurckkehre, um, wenn es Gott und die
heilige Jungfrau so wolle, als Heiliger in dem Kloster zu sterben und direct in
den Himmel zu kommen. Eine sonderbare Proposition fr den guten Hans! Er hatte
in seinem Leben noch nicht einen Augenblick ber das gegenwrtige oder
zuknftige Heil seiner Seele nachgedacht, aber wie gut dieses sein unsterbliches
Theil bei dem Vorschlage der Patres sich auch gestanden haben mchte, so viel
wurde ihm bald klar, da er dabei auf die Wohlfahrt seines Leibes durchaus
verzichten msse. Der Klosterwein war in seiner Art recht gut, aber er hatte
einen eigenthmlichen Beigeschmack, an welchen Hans sich nun einmal nicht
gewhnen konnte, ebensowenig wie daran, da Ende Februar die Bume blhten, als
gbe es auf der ganzen Welt um diese Zeit keinen stbernden Nordost und keine
Tannenwlder, deren Bume sich tief unter der Last der Eiszapfen bogen; und
eines Nachts, als ihn ein mitleidiger Traum nach Trantowitz hatte zurckkehren
und aus dem Fenster seines Schlafzimmers sechs Hasen in dem Kohl des Gartens
beim blitzernden Licht der nordischen Sterne und des Schnees hatte schieen
lassen, da hielt es ihn, als er erwachte, nicht lnger; er schttelte seinen
freundlichen Wirthen der Reihe nach die braunen, unsauberen Hnde, empfing den
Segen des Priors auf sein unheiliges Haupt, und kehrte zurck, von wo er
gekommen.
    So erzhlte der Hans in seiner einfrmigen Weise, whrend wir am Rande des
Grabens saen. Und die langbeinigen Kfer schossen in dem braunen Wasser hinber
und herber und die Vgel zwitscherten in den Zweigen und aus der Ferne rief der
Kukuk.
    Mir war sehr traurig zu Muthe geworden. Ich glaube, ich wre es viel weniger
gewesen, wenn Hans nur die geringste Erregung bei der Erzhlung der
merkwrdigsten und gewi schmerzensreichsten Zeit seines Lebens zu erkennen
gegeben htte; aber davon war keine Spur. Er hatte keinen Ha gegen Konstanze,
er hatte keinen Groll gegen den jungen Frsten, der jetzt wieder auf Rossow in
seiner unmittelbaren Nachbarschaft hauste - es lag berall auf dem, was er
sagte, eine so vollkommene Resignation, eine so gnzliche Hoffnungslosigkeit, -
und das war es eben, was mich so traurig machte.
    In dem Gebsch hinter uns raschelte es; ein alter Hhnerhund trabte auf uns
zu, und begrte erst Hans und dann auch mich mit melancholischem Schweifwedeln.
    Mein Gott, das ist doch nicht Caro? fragte ich.
    Nun freilich, sagte Hans; ich glaube gar, er erkennt Sie wieder.
    Alter Kerl, sagte ich, den Hund streichelnd; und er thut noch immer seine
Pflicht?
    Nun, wie man's nimmt, sagte Hans; auf der Hhnerjagd ist er schon lange
nicht mehr zu gebrauchen und auf der Entenjagd, die sonst seine Force war, will
er jetzt nicht mehr recht in's Wasser, so da ich mir, wie heute Morgen, die
Enten meist selber holen mu. Aber das ist nun nicht anders; wir sind eben Beide
nicht mehr so jung wie wir waren.
    Caro hatte sich auf den Grabenrand gesetzt, starrte mit gehobenen Ohren in
das Wasser nach den Kfern, dachte aber augenscheinlich an gar nichts; Hans sa,
den linken Ellnbogen auf das Knie gestemmt, da, blies mchtige Wolken aus seiner
Cigarre, starrte ebenfalls in den Graben und dachte vermuthlich auch an nichts.
Mir wurde immer trber zu Sinn. Der Gegensatz zu dem thatenfrohen Leben, in
welches ich mich nur noch vorhin hineingetrumt, und dieser Melancholie des
Nichtsthuns war auch gar zu gro.
    Lassen Sie uns aufbrechen, sagte ich, indem ich mich schnell erhob.
    Mir ist es recht, sagte Hans, indem er langsam meinem Beispiele folgte.
    Es wurde nicht viel gesprochen, whrend wir aus dem Bruch heraus ber die
Haide schritten, bis wo sich in der Nhe von Trantowitz, dessen Gebude
ruinenhafter als je aussahen, der Fupfad nach Zehrendorf abzweigte.
    Und Sie werden nun fr immer hier bleiben? fragte Hans, als wir uns
trennen wollten.
    Fr immer? fragte ich, wie kommen Sie darauf?
    Ich? erwiederte Hans sehr verwundert, da ich ihn in Verdacht nehmen
konnte, selbst auf etwas gekommen zu sein; ich nicht, aber Frulein Duff hat es
mir gesagt.
    Und hat sie Ihnen auch gesagt, zu welchem Zweck ich fr immer hier bleiben
sollte? fragte ich zurck.
    Nun freilich, erwiederte Hans, und ich wnsche Ihnen Glck von Herzen.
    Aber nur wozu? rief ich, indem ich einigermaen zgernd in seine Hand
einschlug.
    Hans wurde roth und stotterte: Verzeihen Sie, ich habe nicht indiscret sein
wollen, ich glaubte, es sei kein Geheimni mehr, oder doch wenigstens nicht
zwischen uns.
    Aber um Himmels willen, wovon sprechen Sie nur? fragte ich, und ich
glaube, ich war bei der Frage womglich noch rther geworden als Hans.
    Ja, sind Sie denn nicht, oder werden Sie sich nicht mit Frulein Hermine
verloben? stammelte Hans.
    Ich lachte laut auf, lauter als Jemand, dem das Lachen von Herzen kommt.
Hans, der dies Lachen fr eine indirecte Besttigung hielt, ergriff von neuem
meine Hand und sagte:
    Ich gnne es Ihnen von ganzem Herzen; ich wte auf der ganzen Welt Keinen,
dem ich sie so gnnte, wie Ihnen. Und die Leute hier brauchen einen guten
Herrn.
    Er drckte mir nochmals die Hand und schritt davon, von Caro, der mit
hngendem Kopf hinter ihm her trabte, gefolgt. Ich blickte ihnen nach: Nun,
sagte ich bei mir, frwahr, es wre ein besseres Loos, als das Dir zu Theil
geworden ist, Du guter, treuer Mensch!
    Ich wandte mich. Da lag vor mir das neue Herrenhaus und der neue Hof von
Zehrendorf, und abseits, noch nher zu mir, kauerten dicht an der Erde dieselben
kleinen verwitterten, schmutzigen Kathen, die ich schon von damals kannte; und
auf den frhlingsprchtigen Feldern sah ich dieselben verkmmerten, verkommenen
Menschen sich placken und ich dachte an Alles, was ich heute Morgen gesehen,
erfahren, und ich sagte bei mir: Ja wahrlich, sie brauchen einen guten Herrn!
    Und dann athmete ich tief auf und schritt langsam, fast zgernd, auf dem
Fupfad weiter durch die grnenden Saaten nach Zehrendorf.

                              Fnfzehntes Capitel.


Ich war bereits ber eine Woche auf Zehrendorf. - Aus diesen Tagen liegt ein
Brief vor mir von meiner Hand, ein mehrere Seiten langer Brief, auf welchem hier
und da Flecke sind, als wren Thrnen darauf gefallen, und doch ist der Brief
ein sehr munterer Brief und er lautet so:
    Niemand, liebe Paula, wei besser als Du, da ich nicht hierher gekommen
bin, mich zu amsiren, aber, wenn ich sagen wollte, da ich alle diese Tage
etwas Anderes gethan htte, als mich amsiren, oder wenigstens mir davon den
Anschein geben, mte ich es lgen. Wahrhaftig, Paula, es ist, als ob ich alle
Dummheiten nachzuholen htte, die ich whrend der letzten acht oder neun Jahre
versumte; und da dies, nach dem Mastab meiner frheren Leistungen in diesem
Genre, nicht ganz wenig sein kann, wird mir denn auch hier nicht ganz wenig
zugemuthet. Man wei hier noch von mir zu erzhlen: von meinen rhmlichen
Leistungen bei den Ruderpartien mit unisonem Chorgesang, bei den
Tanz-Gesellschaften, wo ich immer den erfindsamsten Kopf hatte fr die
ergtzlichsten Touren im Cotillon, bei den Promenaden zu Fu und zu Wagen in den
Tannenwald, dessen ehrwrdige Wipfel bei Tage von einem Hallo und Hussa
wiederhallten und nach Sonnenuntergang in dem herrlichsten Schein der
bengalischen Flammen leuchteten, die mir mein Freund und Schtzling, Fritz
Amsberg, der bucklige Apothekerlehrling, als pflichtschuldigen Tribut
prparierte. Ja, ja, es leben Leute, die sich meiner Heldenthaten aus jener Zeit
nur zu genau erinnern, und, was schlimmer ist, es leben sogar welche in
allernchster Nhe, beinahe Wand an Wand mit mir und seufzen mir bei allen
passenden und unpassenden Gelegenheiten entgegen: Wissen Sie wohl noch, Georg -
- verzeihen Sie, da ich Sie wieder bei dem alten, lieben Namen nenne - wissen
Sie wohl noch, wie wir uns da und da so gttlich amsirten, als Sie das und das
arrangirt hatten? Ich wei das zehnte Mal erst davon und dann noch sehr
undeutlich, und wundere mich ber die enorme Zhigkeit, mit welcher das
Gedchtni der Frauen gewisse Dinge im Leben festhlt, die bei uns Mnnern die
hher gehenden Wogen des Lebens mitleidslos verwischen; - arme Emilie!
    Wie die hierher kommt? Mir sehr unerwartet, kann ich Dich versichern, und
nichts weniger als erwnscht; aber mein groer Feind von ehemals, ihr Vater, ist
der Justiziarius des Frsten Prora, und auch der Rechtsfreund des
Commerzienrathes, und da der Frst und der Commerzienrath noch immer ber
Zehrendorf verhandeln, geht es natrlich nicht ohne das juristische Factotum der
hohen contrahirenden Mchte. Wo aber das juristische Factotum, pflegte schon
damals Frulein Emilie nicht allzufern zu sein, wenn auer den Geschften ein
klein wenig unschuldiges Vergngen in Aussicht stand, wie das bei uns zu Lande,
wo Geschft und Vergngen, wenn irgend mglich, Hand in Hand gehen, sehr hufig
der Fall war. Und nun gar, nachdem die wrdige Frau, die Justizrthin, so
unmtterlich gehandelt hat, Emilien als hilf- und schutzlose Waise - ihre
eigenen Ausdrcke! - zurckzulassen! Wo aber Emilie war, brauchte man nach
unseres wrdigen Brgervorstehers lieblicher Tochter nimmer weit zu suchen, und
so ist denn auch diesmal Elise Kohl in Begleitung ihrer Busenfreundin. Du lieber
Gott, ich sollte eigentlich nicht der armen Mdchen spotten, denn sie knnen
doch schlielich nichts dafr, da sie aus der guten Stadt Uselin und deren
dreimaligem Umkreis von Domnen und Rittergtern niemals hinausgekommen, ihre
Begriffe von Welt und Menschentreiben in Folge dessen nicht sehr umfassend,
vielleicht auch ein wenig confus sind; und vor Allem kann Frulein Emilie sicher
nichts dafr, da sie den nicht fand, den sie suchte; - nein, ich sollte
wirklich nicht spotten; und doch htte ich nimmer geglaubt, da meine
Lachmuskeln noch so lustig spielen knnten, wie sie es thun, wenn ich die Beiden
- die beiden Eleonoren hat sie Jemand hier getauft - sich innig umschlungen
haltend, durch die Thr des Salons treten sehe, die Wilhelm Kluckhuhn, nicht
ohne ein malitises Grinsen um seinen Mund, dienstbeflissen weit aufgerissen
hat. Die Attitde ist ohne Zweifel auf das Sorgfltigste vor dem Spiegel
einstudirt, sie knnte sonst nicht bis in das kleinste Detail jedesmal genau die
nmliche sein. Hier hast Du die Gruppe, die ich Dir fr eines Deiner reizenden
Salonbilder dringend empfehle. Emilie, als die feinere und keckere, ist
natrlich die zweite Eleonore und bildet die weltliche Sttze fr die andere,
die einen Kopf grer ist, noch zu meiner Zeit ein romantisches Verhltni mit
einem jungen, poetischen Schulmeister hatte, der verrckt wurde und die deshalb
alle mgliche Anwartschaft zu der ersten Eleonore hat, um so mehr, als sie schon
vor zehn Jahren in elegischen Versen ihr Loos beklagte, in der Blthe ihrer
Jahre dem Grabe entgegenzuwelken. Diese schicksalverfolgte, dem Tode verfallene
Dulderin umschlingt nun mit ihrem rechten Arm die Schulter der Freundin, gtigen
Blickes, als wollte sie sagen: Du darfst singen und spielen, du glckliches
Kind! zu jener herabschauend, whrend das glckliche Kind mit ein paar Augen,
in denen mindestens zwei Himmel blauen, und mit einem herausfordernden Lcheln
um den schelmischen Mund zu jener emporschaut. Ach, es ist wirklich ein
rhrender Anblick; besonders, wenn man bedenkt, da die beiden Eleonoren
zusammen wenigstens zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sind, denn ich erinnere
mich ganz deutlich, da ich schon als kleiner Junge niemals mehr mit Elisen
spielen wollte, weil sie mir zu alt sei; und was Emilien betrifft, so bin ich
sogar gewi, da sie ein Jahr frher als ich und noch dazu an demselben Tage den
Thurm der Nicolaikirche zu Uselin erblickt hat, denn unsere Geburtstage wurden
gelegentlich zusammen gefeiert. - Ja, die Zhigkeit von Frulein Emiliens
Gedchtni ist gro, aber eine Stunde giebt es doch, von der sie behauptet, da
sie dieselbe nur wie durch einen dichten Nebel schaue. Und doch sehe ich gerade
diese Stunde so deutlich, da ich mir beinahe die Zahl der Papilloten anzugeben
getraue, die den blonden Kopf meiner Jugendfreundin umzitterten, als sie die
Hnde zu mir erhob und mich anflehte, ich mchte ihren alten Vater schonen,
denselben alten Vater, der mir jetzt ber Tisch mit dem vollen Glase vertraulich
zunickt und nach der Tafel mir entgegenruft: Prosit Mahlzeit, lieber, junger
Freund! ich htte so gern mit Ihnen angestoen, aber ich sa so weit; nun mssen
Sie mir aber wenigstens die Hand reichen! - wonach ganze, wenigstens halbe
Umarmung. Ich fasse mich wirklich manchmal an den Kopf, mich zu berzeugen, da
dies Alles nicht ein sonderbarer Traum sei, aus welchem ich demnchst mit einem
Paar der allerlngsten Ohren erwachen werde. Denn Du mut wissen, liebe Paula,
da, wenn ich nicht der Narr dieses Festes bin, ich nicht eben weit zum Knige
habe: so kommt mir Alles entgegen, so schmeichelt mir Jeder, so bewirbt sich
Jeder um meine Gunst - mit einer einzigen Ausnahme natrlich! Da ist mein alter
Freund, der kleine Herr von Granow, welcher mit der Zeit noch viel runder
geworden ist, so, da er auch in seinen besten Augenblicken den Kopf nicht mehr
aus den Schultern heben kann. Besonders nicht, wenn seine Gemahlin zugegen ist,
eine derbe, groe Brauerstochter aus S., die ihm ein paar mal hunderttausend
Thaler mitgebracht hat, auf welche er sich nicht wenig zu gute thut, und ein
paar Pantoffeln, unter deren gewichtigen Schlgen der schnurrige, kleine Kerl
schon manche heie, heimliche Thrne vergossen haben soll. Aber, wie uneinig die
Gatten auch in allen andern Punkten sein mgen, darin sind sie einig, mir in der
lcherlichsten Weise von der Welt den Hof zu machen. Der kleine Mann erinnert
sich mit Rhrung der fidelen Stunden, die er damals in meiner Gesellschaft
verlebt, und wnscht seufzend die gute, alte Zeit zurck, in Gegenwart sogar
seiner corpulenten Gattin, die schalkhaft drohend den Zeigefinger erhebt und
ruft: Du bser, bser Mann! aber freilich, ich begreife, wie man fr einen
Freund, wie diesen, selbst den Frieden des huslichen Herdes opfern mge!
    Und nun der Steuerrath und die Geborene! Ich schrieb Dir, wie sie mich
empfangen; aber seitdem mu groer Rath gehalten und der Entschlu gefat sein,
eine andere Methode einzuschlagen. Diese besteht darin, da der Steuerrath,
sobald er meiner ansichtig wird, mir die Hand entgegenstreckt, rufend: Gr
Gott, Georg! Ich darf ja wohl den Sohn eines alten, zu frh verstorbenen
Collegen und Freundes bei seinem Vornamen nennen! Zu welchen Worten dann die
Geborene gtig lchelt, um, wenn es die Gelegenheit irgend zult, meinen Arm zu
ergreifen, mich auf die Seite zu ziehen und ber ihren Augapfel, ihren Arthur,
eine lange Conferenz mit mir zu haben. Ach, ihr Augapfel thut ihr jetzt wieder
einmal so weh und rgert sie so sehr, da, wenn man ihrer Versicherung glauben
drfte, sie manchmal daran ist, ihn aus ihrem aristokratischen Gesicht zu
reien. Aber man darf ihr eben nicht glauben, und ich glaube ihr auch nicht. Es
ist genau die alte Litanei, die ich schon von meinen Knabenjahren her kenne: wie
Arthur der beste, klgste, schnste, geistreichste, liebenswrdigste Junge von
der Welt sei, und nur den einen Fehler habe, seine tausend und ein Lichter unter
den Scheffel seines Leichtsinns zu stellen, wo sie denn freilich nicht die
gehrige Wirkung thun knnten. Nur da der Vers der Litanei, der von mir
handelt, eine wesentlich andere Form angenommen hat. Damals war man ganz sicher,
da ich im Grunde aller der dummen Streiche stecke, die sich Arthur zu Schulden
kommen lie. Jetzt ist man vollkommen berzeugt, da ich und ich allein im
Stande bin, das verirrte Lamm von dem Abgrund zu retten - Wer, wie Sie, das
Unvermeidliche mit Wrde getragen, wer, wie Sie, den schwersten Sieg, den ber
sich selbst, errungen; wer - nun, ich zweifle nicht, da sie um die Zukunft
ihres Sohnes ernstlich besorgt ist, und sie hat, so viel ich sehen kann, auch
alle Ursache dazu, desto mehr aber zweifle ich an ihrer guten Gesinnung fr
mich. Wei ich doch nur zu genau, was sie, was der Herr Steuerrath von mir
wollen! Nur zu genau, was Arthur, der alle Tage auf Stunden von Rossow
herberkommt, von mir will, wenn er alle Quellen seiner Liebenswrdigkeit
spielen lt und mich mit einem Sprhregen von Schmeichelworten und
Freundschaftsversicherungen berschttet. Und was das Schlimme - oder mu ich
sagen das Gute? - ist: ich wei ebenso von allen Andern, was sie wollen: von dem
kleinen Herrn von Granow, der gern das groe Zehrendorf mchte und dem ich das
Wort beim Commerzienrath reden; von Wilhelm Kluckhuhn, dem zu Ostern gekndigt
ist und dem ich seine Stelle erhalten soll; und so haben sie Alle ihre ganz
bestimmten Interessen, dem armen Georg wei zu machen, er sei im Grunde genommen
ein merkwrdig gescheiter, ungemein einflureicher Mensch, dessen Gunst zu
erringen man es sich schon etwas kosten lassen drfe. Im Ernst, theuerste Paula,
es ist ein hchst ergtzlicher Zustand, in welchen ich hier so unversehens
gerathen bin, und ich wei nicht, ob sie mir nicht ganz und gar den Kopf
verdrehten, wenn - nun ja, wenn da nicht Jemand wre, dessen ganz specielle
Aufgabe es zu sein scheint, mir ihn wieder zurecht zu rcken. Oder das ist
vielleicht ein falscher Ausdruck: auf die andere, die entgegengesetzte Seite zu
drehen, wre richtiger, denn ich bin mit nichten eine wichtige Persnlichkeit,
auf die man in jener Weise Rcksicht nehmen mu - ich bin ein ganz obscurer,
unbedeutender Mensch, den der Vater, Gott wei aus welcher Caprice, in sein Haus
geladen, und den man in Folge dessen gerade nicht zur Thr hinausweisen kann,
dem man aber zu verstehen geben mu, da Leute seinesgleichen eigentlich ganz wo
anders hingehren. Und zwar auf alle und jede Weise zu verstehen geben mu, und
wre es auch auf die wunderlichste von der Welt. Ich erzhle Dir wohl davon,
wenn ich zurckkomme; auf dem Papier wrden, frchte ich, die Gesichter, die man
mir macht, lange nicht so reizend aussehen, als sie in Wirklichkeit sind, und
die kleinen Extravaganzen, zu denen man sich hinreien lt, im Gegentheil
beinahe toll erscheinen. Oder sind sie wirklich toll? Es kommt mir manchmal so
vor, und manchmal getraue ich mir auch gar kein Urtheil darber und wnsche, ich
htte Benno hier, oder ich wre Benno mit seinen neunzehn Jahren und seinen
schnen Illusionen. Fr seine braunen, schwrmerischen Augen wrde das
blauugige Rthsel vermuthlich etwas einfacher zu lsen sein, als fr mich
alten, schwerflligen Menschen mit seinen beinahe dreiig Jahren, seinen rauhen
Hnden und seinem nchternen Verstande. Nun, mau wird den alten Hans wohl schon
nehmen mssen, wie er ist, und thut man's nicht, so mag man sich rgern und
schmollen und hbsche, drollige Gesichter schneiden, so viel man will; mich
geht's nichts an. Nicht wahr, liebe Paula?
    So lautete der Brief, den ich fr einen recht munteren, ja lustigen Brief
angesehen haben wollte, und wie gut mir mein Zweck gelungen war, - dafr sind
eben Zeuge die Spuren der Thrnen, die er den Augen Paula's entlockt hatte.
    Ach, wohl hatte sie Ursach' zu weinen ber diesen Brief! Hatte sie es um
mich verdient, da ich das, was mich innerlich so tief bewegte, knstlich vor
ihr versteckte, verheimlichte? und war dieser Brief von Anfang bis zu Ende nicht
ein Versuch - ein plumper, milungener Versuch - sie ber den Zustand meiner
Seele zu tuschen?
    Was war denn an diesem Briefe wahr?
    So gut wie nichts!
    Der Wirbel von Vergngungen, in welchen man mich hier hineingezogen, hatte
mich gar nicht so nchtern gelassen, als ich mir die Miene gegeben. Es war, als
ob mit derselben Luft, die ich als junger Mensch vor zehn Jahren hier geathmet,
auch etwas von der Lebenslust und Lebensgier jener Tage ber mich gekommen wre.
Das schne, reiche Haus, das breite, bequeme Dasein, das vergngliche, leichte
Leben, der Aufenthalt in der freien Luft, das Schweifen ber die Haiden, ber
die Uferhhen, durch die Wlder, - dazu die herrlichsten Frhlingstage, in
welchen dann und wann schon sommerliche Lfte durch die Blthenbume strichen -
das Alles entzckte, ja berauschte mich. Nein, ich war nicht der nchterne,
heitere, harmlose Schalk, als den ich mich Paula gegenber dargestellt hatte,
fr den ich mich freilich auch der Gesellschaft gegenber zu geben bemhte.
Nein, ich war nicht nchtern, und noch weniger war ich heiter oder harmlos, ganz
im Gegentheil! Eine unruhige, leidenschaftliche, halb geprete, halb berspannte
Laune hatte sich meiner bemchtigt, so sehr, da der Schlaf, mir ein lieber,
treuer Gefhrte von Kindesbeinen an, mich jetzt floh, wie er mich in der ersten
Zeit in dem Untersuchungsgefngni geflohen hatte; und das mochte wohl dazu
beitragen, da jetzt oft eine ganz hnliche Stimmung wie damals mich berkam:
die Stimmung Jemandes, der da wei, da ber ihm an einem Haar die Entscheidung
schwebt ber Tod und Leben.
    Was hatte ich von dem Allen Paula geschrieben? Aber konnte ich ihr das
schreiben? Konnte ich ihr schreiben, da ich den Grund zu wissen glaubte,
weshalb Hermine dies sonderbare Spiel, das sie gegen mich von dem ersten
Augenblicke meines Erscheinens in Zehrendorf begonnen, in immer wunderlicherer,
phantastischerer Weise weiter spielte? Und wenn sich auch ein Etwas in mir noch
dagegen strubte, Herminens Betragen gegen mich die richtige Erklrung zu geben,
konnte ich mich wirklich ganz darber tuschen, wenn Alle in ihrer Weise sich
bemhten, mir anzudeuten, mir klar zu machen, da sie recht gut shen, was ich
nun einmal durchaus nicht sehen wollte, was nicht zu sehen ich mir wenigstens
den Anschein gab?
    Ja, es war ein sonderbarer, unheimlicher Zustand; ein Zustand, in welchem
wir an unsere Freunde dergleichen muntere Briefe schreiben, ber die unsere
Freunde heie Thrnen weinen.

                             Sechszehntes Capitel.


Ich kam von dem Kreidebruche zurck, wo ich den ganzen Morgen mit der
Einmauerung der eben angekommenen Wasser-Wltigungs-Maschine beschftigt gewesen
war. Die Arbeit war unter meiner Leitung trefflich von Statten gegangen, Dank
dem Geschick und dem guten Willen meiner Leute; und der phlegmatische
Bergmeister hatte zuletzt mit einem Anfluge von Begeisterung gesagt: ich
glaube, nun holen wir es doch! Ich war in einer sehr glcklichen Stimmung. Die
alte Schaffenslust hatte mich wieder ganz erfat und whrend ich durch die
Felder rasch dahinschritt, diesen und jenen neuen Plan im Geiste wlzend und die
Mittel dazu erwgend, da war ich wieder einmal zu dem Resultat gekommen, da
Alles wohl geschehen knne und wohl gerathen wrde, wenn nur der rechte Wille da
sei, und ich hatte zum andern Male gesagt: wer hier Herr wre!
    Aber ich sagte es nicht, wie ich es vor acht Tagen gesagt. Damals war es ein
Wunsch gewesen, dem nichts Persnliches anhaftete, und das Ziel war mir
unerreichbar erschienen. Heute war mein Herz nicht weniger erregt, aber es
schlug nicht mehr frei wie neulich, und ich sah das Ziel nicht mehr unerreichbar
weit, ja, ich sah es manchmal so nahe, als ob ich nur die Hand auszustrecken
brauchte, um es zu haben. Und wenn mir dieser Gedanke kam, und es pltzlich vor
meine Seele trat: das schne, junge Gesicht mit der Wolke von Zorn auf der
weien, festen, von hellbraunem, krausen Gelock umdsterten Stirn, und den
unmuthgeschrzten, vollen, rothen Lippen; dann stand ich still, vor mich
hinstarrend in die grne Saat, deren Spitzen im Morgenwinde nickten, oder hinaus
in die blaue Meeresferne, die ber den Uferrand herberschimmerte, und sah
nichts, nichts als immer nur das se, trotzige Gesicht, und dann athmete ich
tief auf und besann mich, da der Commerzienrath mich hatte rufen lassen und
wohl schon ungeduldig meiner harrte.
    Ich fand ihn in seinem Zimmer in so lebhafter Unterredung mit dem
Justizrath, da ich die beiden Herren, die zu gleicher Zeit sprachen, schon
hrte, bevor mir Wilhelm Kluckhuhn die Thr geffnet hatte. Sie saen an dem
runden Tisch, der mit Flurkarten, Bauplnen, Anschlgen bedeckt war.
    Kommen Sie endlich! rief mir der Commerzienrath in einem Tone entgegen,
da ich mich veranlat fhlte, ber die Schulter gewandt nach der Thr zu sehen
und dem Aufgeregten zu bemerken, da Wilhelm bereits das Zimmer verlassen habe.
    Der Commerzienrath warf mir einen jener bsen Blicke zu, die man in den
Augen eines alten Tigers wahrnimmt, wenn er ungewi ist, ob er die Stahlpeitsche
in der Hand eines Wrters respectiren soll oder nicht, und rief dann im
muntersten Ton: Ja, ja, der verfluchte Kerl; da habe ich ihn schon vor einer
Stunde nach Ihnen geschickt und nun erst bringt er Sie uns, die wir ohne Sie gar
nichts machen knnen, wenigstens ich nicht, whrend dieser Herr allerdings schon
eher ohne Sie fertig wird.
    Erlauben Sie, Herr Commerzienrath, sagte der Andere.
    Nein, ich erlaube Nichts, rief Jener, am wenigsten, da Sie sich als mein
Freund in dieser Sache benehmen.
    Ich bin auch der Freund der anderen Partei, so zu sagen, erwiederte der
Justizrath, indem er mit vieler Wrde das starre, mittlerweile stark ergraute
Haar von beiden Seiten auf den Wirbel seines spitzen Kopfes emporstrich, da es
sich dort zu jenem Kamme aufstellte, in welchem die Circus-Clowns einen
blonderen Schmuck ihrer interessanten Erscheinung zu erblicken geneigt sind.
    So sollten Sie doch wenigstens unparteiisch sein! rief der Commerzienrath.
    Fragen Sie unsern Freund hier, ob er mich je anders gekannt hat? fragte
der Justizrath mit einem wrdevollen Blick zu mir herber.
    Ach was, rief der Commerzienrath, Redensarten machen den Kohl nicht fett
und mein Kohl wird magerer, je lnger Sie ihn auf dem Feuer haben. Vor acht
Tagen, das heit, bevor Sie kamen, wollte der Frst noch viermalhunderttausend
Thaler geben; nachdem Sie dreimal mit ihm conferirt, ist er um fnfzigtausend
mit seinem Gebot heruntergegangen, macht fr jede Conferenz sechszehntausend
sechshundert und sechsundsechszig zwei drittel Thaler! Ich danke Ihnen! Sie sind
mir immer ein theurer Gast gewesen; aber da Sie mir so theuer sein sollten,
wrde ich nie geglaubt haben!
    Emiliens Vater machte eine Bewegung, als wenn er sich vor den scharfen
Pfeilen seines Gegners in den grogeblmten Schlafrock hllen wollte, den er zu
Hause zu tragen pflegte; da er sich aber darauf besann, da er in einem
schwarzen Gesellschaftsrock stecke, zupfte er nur an dem Kragen, prfte dann, ob
der Hahnenkamm auf seinem Schdel noch unversehrt sei, und blickte mich mit
einem dummpfiffigen Lcheln an, als ob er sagen wollte: Wenn einer mit dem
Justizrath Heckepfennig fertig werden will, mu er frh aufstehen; Sie haben es
erfahren, nicht wahr, junger Mann?
    Ja, ja, lieber Freund, so behandelt man mich hier, fuhr der
Commerzienrath, zu mir gewandt, fort, indem er zur Vernderung in einen
weinerlichen Ton verfiel; es ist wirklich zum Rasendwerden; und Sie wissen doch
am besten, Georg, denn Sie verstehen es - was viel mehr ist, als man von
gewissen Leuten sagen kann - Sie wissen doch, da das Gut seine
fnfmalhunderttausend Thaler unter Brdern werth ist, zumal jetzt, wo wir die
Gewiheit haben, die Wasser im Kreidebruche zu bewltigen.
    Der Commerzienrath begleitete diese Worte mit einem auffordernden Blick nach
mir hin, der so viel bedeutete, als: Jetzt, Georg, fall' ihm in's Gepck!
    Und das ist noch eine sehr bescheidene Forderung, fuhr er fort, wenn man
bedenkt, da wir das Geheimni gefunden haben, das groe Moor trocken zu legen,
indem wir die Rhren bis an die Sandschicht leiten, die dem Kreidebruche beinahe
verderblich geworden wre und, bei Licht betrachtet, der von der Natur selbst
gegebene Abzugskanal fr die Moorwasser wird.
    Und der Commerzienrath sah mich jetzt mit einem wthenden Blicke an, ob ich
denn noch nicht zu seinem Beistande heranrcke.
    Nun war der letzte von ihm angedeutete Plan von mir selbst ausgegangen, und
ich hielt es deshalb fr meine Pflicht, hier zu bemerken, da ich allerdings auf
das angedeutete Project die grten Hoffnungen setze, da aber die Resultate
erst einmal abgewartet werden mten, und schlielich, wenn dieselben auch noch
so gnstig ausfielen, das neugewonnene Terrain den Wald, welchen man
wahrscheinlich unwiederbringlich verloren, hchstens ersetzen werde, mithin der
ursprngliche Werth von Zehrendorf kaum wesentlich verndert sein knne.
    Sind Sie des Teufels, Herr! rief der Commerzienrath, indem er aufsprang
und in dem Zimmer umherzulaufen begann. Sind Sie dazu gekommen? was? wie?
    Ich bin gekommen, Herr Commerzienrath, weil Sie mich haben rufen lassen;
erwiederte ich, ruhig vor dem Aufgeregten sitzen bleibend, der mit schnellen,
kurzen Schritten vor mir hin und her lief, mich dabei fortwhrend mit den
giftigsten Blicken anstierte, sich dann wieder in seinen Lehnstuhl warf und mit
einem krhenden Lachen rief:
    Ein Tausendsassa, der Georg Hartwig, ein wahrer Tausendsassa! Was der immer
fr prchtige Antworten hat! Ist hierher gekommen, weil ich ihn habe rufen
lassen! Ein Tausendsassa! Ein wahrer Tausendsassa!
    Und der alte Herr schlug mir mit der flachen Hand auf das Knie und sagte,
pltzlich in einen ernsten Ton fallend: Aber, um auf unsere Angelegenheit
zurckzukommen: die Sache ist, da ich von Granow fnfmalhunderttausend Thaler
jeden Tag haben kann. Nicht wahr, Georg? Das hat er Ihnen doch noch gestern
Abend gesagt!
    Herr von Granow hatte mir dies keineswegs gesagt, im Gegentheil: er wre
bereit auf jedes vernnftige Gebot abzuschlieen, die Forderungen des
Commerzienrathes aber seien geradezu unvernnftig. Da ich dem Commerzienrath
nicht den Gefallen thun konnte, die Unwahrheit zu sagen, und dem Justizrath, der
nur darauf zu lauern schien, nicht die Freude machen wollte, die Wahrheit
einzugestehen, so erhob ich mich, indem ich sagte, da, wenn meine Gegenwart
sonst nicht gewnscht werde, ich um die Erlaubni bte, mich auf mein Zimmer zu
begeben, wo ich noch eine kleine Arbeit zu fertigen habe.
    Nein, bleiben Sie, bleiben Sie! rief der Commerzienrath eifrig, ich habe
nothwendig mit Ihnen zu sprechen. Was uns anbetrifft, lieber, alter Freund, so
gehen Sie jetzt und sagen Sie Sr. Durchlaucht, was Sie wollen; aber, wenn Sie
ihm sagen, da wir das Wasser im Kreidebruche nicht zu bewltigen im Stande
wren, so schicke ich ihm den Georg hier, der ihn darber eines Anderen belehren
wird. Und nun fahren Sie mit Gott, alter Freund, und seien Sie pnktlich zu
Mittag wieder hier. Ich habe noch ein paar Flaschen Hochheimer zweiundzwanziger
gefunden, die Sie goutiren werden, Sie Schmeckesbel, Sie!
    Der Commerzienrath stie dem corpulenten Justizrath freundschaftlich mit dem
Daumen in die Seite und trieb ihn auf diese Weise gewissermaen zur Thr hinaus,
wandte sich dann kurz auf den Hacken um, kam mit seinen kleinsten Schritten auf
mich zugelaufen, blieb vor mir stehen und rief in einem Zorn, der ihm das Blut
in die kahlen Schlfen trieb: Jetzt sagen Sie mir, wollen Sie mir bei diesem
Handel helfen, oder wollen Sie es nicht?
    Zuerst sagen Sie mir, Herr Commerzienrath, wollen Sie aus einem andern Tone
mit mir sprechen, oder wollen Sie es nicht?
    Ach was! lassen Sie Ihre Narrenspossen! Wir sind jetzt unter uns. Ich habe
keine Lust, mit Ihnen Blindekuh zu spielen, Herr, verstehen Sie mich?
    Nicht im mindesten, erwiederte ich, oder hchstens so viel, da ich keine
Lust habe, auch nur eine Minute lnger der Gast eines Mannes zu sein, der so
wenig, der so gar nicht wei, was er seinen Gsten schuldig ist.
    Ich hatte das in einem sehr ruhigen Tone sagen wollen; aber es gelang mir
nicht ganz. Der Gedanke, da in diesem Augenblicke die groen Plne, mit denen
ich mich noch eben getragen, vielleicht in Rauch aufgingen, da die junge,
frische Saat meiner schnsten Hoffnungen von diesem thrichten, alten,
egoistischen Manne mit zornigen Fen in den Boden gestampft wrde - dieser
Gedanke machte denn doch, da wenigstens meine letzten Worte mit einer greren
Bitterkeit gesprochen wurden, als es wohl sonst meine Gewohnheit war.
    Der Commerzienrath mute mit seinen scharfen Ohren herausgehrt haben, da
er an der Grenze meiner Duldsamkeit angekommen sei, denn, als ich an der Thr
war und den Drcker schon in der Hand hatte, fhlte ich mich pltzlich am
Rockschoo festgehalten, und, mich umwendend, sah ich das Gesicht des
wunderlichen alten Herrn mit einer so seltsamen Verzerrung zu mir
emporgerichtet, da ich lachen mute, so trb mir auch zu Sinnen war.
    Na, das ist recht, lachen Sie tchtig, Sie schlechter Mensch, und setzen
Sie sich wieder hin! Ei, das fehlte mir noch, da Sie mir so aus dem Hause
liefen! Da wrde ich heute Mittag eine schne Suppe auszuessen haben! Nein,
nein, setzen Sie sich! Ich habe nothwendig mit Ihnen zu sprechen, und ich will
mit Ihnen sprechen, als wenn Sie mein Sohn wren. Der Himmel hat mir ja leider
keinen geschenkt und ich mu schon zu andern Leuten meine Zuflucht nehmen, die
natrlich einem alten Manne sein bischen Heftigkeit nicht verzeihen knnen.
    Ich war schon lngst wieder in einer vershnlichen Stimmung und der
Commerzienrath htte gar nicht einen so klglichen Ton anzuschlagen brauchen.
Aber er blieb in diesem Ton, whrend er mir nun des Weiteren auseinandersetzte,
da er Zehrendorf damals nur bernommen habe, um es spter mit Vortheil wieder
verkaufen zu knnen; da dieser Zeitpunkt jetzt gekommen sei, da er das Geld
brauche, nothwendig brauche, und da ich ihm auf jeden Fall helfen msse, den
Handel mit dem Frsten zum Abschlu zu bringen. Ich verstnde mehr von diesen
Dingen, als er selbst, oder der Justizrath, oder auch der junge Frst, und der
Letztere habe ihm schon wiederholt und erst noch heute Morgen geschrieben, da
er mich lieber zum Unterhndler wolle, als den Justizrath, der ein alter Esel
sei, und, schrie der Commerzienrath, Gott sei es geklagt, wahr und wahrhaftig
ein alter Esel ist.
    Wie kommt der junge Frst dazu, mich zum Unterhndler zu wollen? fragte
ich erstaunt.
    Weil er sich fr Sie interessirt, wie es alle Welt thut, Sie Tausendsassa,
Sie! rief der Commerzienrath. Nun, wollen Sie, wollen Sie?
    Herr Commerzienrath, sagte ich nach einer kleinen Pause, in welcher ich
mich bemht hatte, die sich durchkreuzenden Gedanken auf einen Punkt zu sammeln:
ich will es Ihnen gestehen: es thut mir weh, zu denken, da Zehrendorf in eine
andere Hand kommen soll, in die Hand eines Herrn, von dem ich nicht wei, ob er
nicht Alles, was hier mit so vielen Kosten und so groer Mhe in's Leben gerufen
ist, wieder zu Grunde gehen lt, so da die arme Menschheit hier herum in einen
noch erbrmlicheren Zustand gerth, als in welchem ich sie vorgefunden. Denn
Ihre neuen Unternehmungen haben trotz alledem so Manchen hierher gezogen, der
nicht so bald wieder fort kann, sondern hier weiter darben und das allgemeine
Elend vermehren helfen wird. Nun erlaubte ich mir, Ihnen mehr als einmal schon
zu sagen, da ich Sie keineswegs fr den guten Herrn halte, den ich fr
Zehrendorf wnsche, aber ich meinte, Sie wrden schon in Ihrem eigenen Interesse
versuchen mssen, das Angefangene zu vollenden, und so mochte ich denn immer
noch die Hoffnung nicht aufgeben, Sie endlich zu meinen Ansichten zu bekehren.
Dennoch, da Sie sagen, da Sie das Gut verkaufen mssen und Ihr Entschlu fest
zu sein scheint, will ich Ihnen die Hand dazu bieten, aber nur unter zwei
Bedingungen. Die eine ist, da Sie mir verstatten, als Ihr Freund, aber auch als
ein ehrlicher Mann bei dem Handel zu Werke zu gehen, das heit, einen guten,
oder sagen wir den besten Preis zu erzielen, nicht aber Forderungen zu machen
und zu vertreten, die der Frst nur annehmen kann, wenn er ein Narr ist, oder
die er mit Hohn zurckweisen wird, wenn er keiner ist. Ich bitte noch um einen
Augenblick Geduld, Herr Commerzienrath! Ich sagte, da ich zwei Bedingungen habe
und die zweite ist, da Sie in der Stunde, wo ich den Verkauf zu Stande bringe,
den Plan der Erweiterung unserer Fabrik in der Stadt genehmigen und mir die
Summen, welche ich dafr berechnet habe, anweisen lassen.
    Sind Sie verrckt, Herr! schrie der Commerzienrath, mit der Faust auf die
Lehne seines Stuhles schlagend, mir solche Sachen zu sagen, hier, in meinem
eigenen Hause, auf meinem eigenen Zimmer, als wenn Sie ein Pascha von drei
Roschweifen, oder, ich wei nicht was, wren und nicht vielmehr -
    Ihr ergebenster Diener, sagte ich, indem ich meine beste Verbeugung
machte.
    Ach was! schrie er, wollen Sie mir nicht bange machen! Sie gehen ja doch
nicht; wozu also die Possen?
    Und Sie geben mir ja schlielich doch Recht, wozu also der Lrm?
erwiederte ich lchelnd.
    Aber ich sage Ihnen zum hundertsten Male, da ich das Geld, und wenn ich
Zehrendorf noch so gut verkaufe, zu anderen Dingen brauche, als zu Ihrer
vertracten Fabrik! rief der Commerzienrath.
    Ich sah dem alten Mann starr in die Augen und sagte: Wissen Sie, was mir
neulich getrumt hat, Herr Commerzienrath? da Sie gar nicht der reiche Mann
sind, fr den man Sie hlt.
    Sie Tausendsassa! Sie Spavogel! Sie humoristischer Teufelskerl, Sie!
Werden Sie mir nicht nchstens sagen, da ich die Stiefeln gestohlen habe, die
ich trage! Sie! Knnen Sie mir nicht auf ein paar Tage fnf Thaler leihen? Sie!
    Und er stie mir mit dem Daumen in die Seite, und hielt sich dann die
eigenen Seiten ber den kstlichen Spa.
    Wenn Sie also ein reicher Mann sind, fuhr ich sehr ernsthaft fort - und es
hatte mir keine Mhe gemacht, ernsthaft zu bleiben - so sagen Sie ja, und die
Sache ist gut.
    Ich hielt ihm meine Hand hin, in die er, noch immer wie toll lachend,
einschlug.
    Also der Handel ist abgemacht, sagte ich tief aufathmend.
    Abgemacht! rief er.
    Und ich werde mein Wort einfordern, Herr Commerzienrath, darauf verlassen
Sie sich.
    Und ich mich auf Sie, entgegnete er, indem er noch immer meine Hand mit
einer seiner Hnde festhielt und mir mit der zweiten sanfte Schlge auf die
Knchel ertheilte; wenn Sie nicht ein so verllicher Mensch wren, glauben
Sie, da ich so viele Umstnde mit Ihnen machen wrde, Sie! o weh!
    Ich mute ihm wohl in meiner Aufregung die Hand etwas zu krftig gedrckt
haben, denn er schrie laut auf und machte ein schreckliches Gesicht; ich bat um
Entschuldigung; er lachte und rief nochmals: o weh! Der Eisenmensch! Der
Tausendsassa! und trieb mich mit Daumensten zur Thr hinaus, genau so, wie er
vorhin den Justizrath hinausgetrieben.

                             Siebenzehntes Capitel.


Ich hatte den Rest des Vormittags auf meinem Zimmer zugebracht, um eine
Berechnung zu machen, welche die Aufstellung der Maschine fr den Kreidebruch
erforderte. Ich war nicht ber die ersten Anstze hinausgekommen. Die neue, fast
gewisse Aussicht, meinen groen Wunsch der Erweiterung unserer Fabrik ausfhren
zu knnen, machte mir den Kopf schwindeln. Ich sah im Geiste - wie Paula es
gesehen hatte - das wste Terrain des ruinenhaften Hofes mit stattlichen
Fabrikgebuden bedeckt, ich sah die Flammen aus den groen Essen sprhen und die
hohen Schlote rauchen; ich hrte den Schlag des Hammers auf den Ambo und sah
die dunklen Schaaren der Arbeiter ber die weiten Hfe wimmeln und sich in den
Gassen eines neuen Quartiers verlieren, wo sie in einem der reinlichen Huser
ein freundlicher, warmer Heerd empfing, an dem sie sich ausruhen konnten von des
Tages schwerer Mhe. Und das verfallene Haus, in welchem ich wohnte, war nicht
mehr verfallen; auf dem Vorplatz an der Freitreppe grnte der Rasen und in dem
Sandsteinbecken blies ein Triton einen Wasserstrahl hoch in die Luft, da es
pltschernd niederrauschte in das gefllte Becken, wo zahlreiche Goldfischchen
munter spielen und jetzt alle auf einmal von dem Rande, wo sie sich gesammelt
hatten, wegschnellen, weil Zwei, die Hand in Hand herangetreten sind, sich ber
den Rand beugen nach ihren Spiegelbildern, die in dem Wasser nicken und
schwanken, so, da er ihr Bild gar nicht deutlich erkennen kann und nur hin und
wieder die blauen, leuchtenden Augen sieht und die rothen schwellenden Lippen,
aber gar nicht gewi ist, ob, was in den Augen leuchtet, Ha ist oder Liebe, und
ob die schwellenden Lippen zu einem hhnenden Wort sich wlben oder zu einem
Kusse -
    Es wird angerichtet, Herr Ingenieur, sagte Wilhelm Kluckhuhn, den Kopf zur
Thr hineinsteckend, kann ich dem Herrn Ingenieur noch bei seiner Toilette
behlflich sein?
    Wilhelm hatte die Gewohnheit, mir dieses gtige Anerbieten regelmig zu
stellen, obgleich ich niemals von demselben Gebrauch machte. Heute aber wollte
er sich durchaus nicht abweisen lassen und half mir mit einem solchen Eifer in
meinen Gesellschaftsrock, und brstete und putzte mit einer solchen Ausdauer an
mir herum, da ich ihn nothwendig fragen mute, ob er ein neues Anliegen habe.
    Ach nein, erwiederte Wilhelm; aber Sie sind so gut fr mich gewesen und
haben mich wieder bei dem Herrn zu Gnaden gebracht, der brigens vollkommen
Unrecht hatte, denn, wenn ich berhaupt Champagner trnke -
    Es ist gut, Wilhelm, sagte ich.
    Und da wollte ich Ihnen nur sagen, fuhr Wilhelm in geheimnivollem Tone
fort, da sie sich eben frchterlich gezankt haben, und ich hrte ganz deutlich
-
    Aber ich will es nicht hren, Wilhelm.
    Sie knnen doch nicht dafr, da ich es Ihnen sage, denn wenn ich auch ein
bischen gehorcht habe, so geht Sie das gar nichts an, und ich kann eigentlich
auch nichts dafr, denn die Thr war nur angelehnt und ich habe deutlich gehrt,
wie das Frulein - gndige Frulein wollt' ich sagen - sagte, da sie Ihnen das
nie vergeben wrde -
    So, brummte ich.
    Und dabei machte sie ein Gesicht -
    Also gesehen haben Sie auch?
    Die Thr stand ja angelweit auf, sagte Wilhelm und zuckte mit den Achseln;
und ich habe ja genug mit den Tellern geklappert, aber das Frulein war in
einer Rage -
    Und Wilhelm schnitt ein Gesicht, das vermuthlich dem gleichen sollte,
welches er durch die Ritze der Thr gesehen, aber so unglaublich komisch
ausfiel, da ich laut lachen mute.
    Na, ist schon recht, sagte Wilhelm, den Rath wollte ich Ihnen auch geben:
lachen Sie nur! denn mit der Zrnerei ist doch Alles nur Thu-man-so! Sie knnen
lachen!
    Und Wilhelm seufzte tief und sah mich mit einem bittenden Blicke an.
    Nun? sagte ich.
    Und wollte ich nur noch befrworten, sagte Wilhelm, da, wenn - ehem! Sie
wissen, was ich meine - Sie mir und meiner Louise auch dazu verhelfen, denn wir
warten nun schon sechs Jahre und Sie haben es ja dann in der Hand, Herr
Ingenieur! nicht wahr, lieber Herr Ingenieur!
    Ich glaube, Sie sind verrckt, Wilhelm! sagte ich und schritt mit einem
Blick, der majesttisches Zrnen ausdrcken sollte, an ihm vorber zum Zimmer
hinaus.
    Aber Wilhelm hatte doch recht gehrt; ich sollte es ber Tisch erfahren. Die
Gesellschaft war nur klein; auer Arthur, der in des Justizraths Wagen von
Rossow mit herbergekommen war und mich mit seiner jetzt gewhnlichen,
bertriebenen Freundlichkeit begrte, nur die Hausgenossen. Die beiden
Eleonoren erschienen, dem ungemein warmen Tage zu Ehren, in jungfrulichem Wei
und selbstverstndlich als Gruppe. Hermine lie uns etwas warten.
    Der Commerzienrath nahm mich auf die Seite und theilte mir im Flsterton
mit, der Frst habe ihm durch den Justizrath sagen lassen, er msse durchaus
ber den Kreidebruch beruhigt sein, bevor er sich auf weitere Verhandlungen
einlassen knne. Er werde heute Nachmittag seinen Wagen schicken, mich nach
Rossow hinber holen zu lassen.
    Ich hatte keine Zeit, auf diese Mittheilung, die mir aus mehr als einem
Grunde ungelegen kam, zu antworten, denn in diesem Augenblicke trat Hermine ein
und ich sah deutlich, da sie geweint hatte, obgleich sie sich alle Mhe gab, so
heiter und unbefangen als mglich zu erscheinen. Der Tag war ja auch so schn,
so wunderschn! und morgen wrde es noch viel schner sein und die Partie nach
dem Schmachtensee werde ganz reizend werden. Die Gesellschaft sei die beste, die
man sich wnschen knne: lauter junge Leute, alte wrden auf keinen Fall
mitgenommen. Man werde nach Tische von hier aufbrechen, ber Trantowitz, um Hans
abzuholen, der durchaus nicht fehlen drfe, dann ber Sulitz, wo Herr von
Zarrenthien und seine reizende Frau sich der Gesellschaft anschlieen wrden;
dann zwischen fnf und sechs Ankunft in dem Stranddorf Sassitz; Promenade durch
die Dnen und den Buchenwald nach dem Schmachtensee, Souper mit Ananasbowle und
Aufgang des Mondes ebendaselbst, darauf Rckkehr durch den Wald bis zu dem
Kreuzwege in den Rossower Tannen, wo die Wagen und Pferde unterdessen sich
eingefunden haben wrden; schlielich Rckkehr der gesammten Gesellschaft - nach
Hause werde keiner gelassen - - durch die Mondscheinnacht nach Zehrendorf; zum
Schlu Thee und Punsch und mglicherweise auch ein Tanz fr die besonders
Artigen.
    Bravo! bravo! das ist doch einmal ein Plan, bravo! rief Arthur, indem er
enthusiastisch in die Hnde klatschte.
    Ich wute, da er Deinen Beifall haben wrde, lieber Arthur, sagte die
schne Planmacherin, indem sie ihm mit dem gtigsten Lcheln ber den Tisch
hinber die Hand reichte; Du hast ein Verstndni fr dergleichen: und ich
rechne auch ganz besonders auf Dich.
    Auf Sie habe ich nicht gerechnet; fgte sie mit einer schnellen Wendung zu
mir hinzu.
    Ich habe nichts derartiges gesagt, ja nicht einmal gedacht, Frulein
Hermine, sagte ich.
    Das ist es ja eben, warum man bei solchen Dingen auf Sie nicht rechnet und
nicht rechnen darf: Sie denken nicht daran! Natrlich! Wie sollte man, wenn man
so viel wichtigere Sachen in den Kopf zu nehmen hat!
    Hermine hatte nicht die Gewohnheit, mich besonders freundlich zu behandeln;
aber ihr Benehmen heute war so auffallend unfreundlich und ihre Heftigkeit so
scheinbar gar nicht motivirt, da es dem Unbefangensten htte auffallen mssen,
geschweige denn dem Steuerrath und der Geborenen, die durchaus nicht unbefangen
waren und jetzt Arthur bedeutungsvolle Blicke zuwarfen, als wollten sie ihn
ermuthigen, das Eisen zu schmieden, so lange es glhe. Arthur hatte auch
offenbar diese lbliche Absicht, schien aber nicht recht zu wissen, wie er
dieselbe gleich in's Werk setzen solle und begngte sich deshalb, Herminen einen
schmachtenden Blick zuzuwerfen und an seinem schwarzen Brtchen zu drehen. Auch
fr die Andern schienen die letzten Worte Herminens und vielleicht noch mehr der
erregte Ton, in welchem sie dieselben gesagt hatte, das Signal gewesen zu sein,
da etwas Auerordentliches in der Luft schwebe. Frulein Duff, die schon von
Anfang an ganz besonders bla und verstrt ausgesehen, hob ihre Augen, wie in
Verzweiflung, zur Zimmerdecke, whrend der Justizrath seine Blicke starr vor
sich hin auf eine Schssel Salat geheftet hielt und dabei leise mit den kurzen
Fingern seiner linken Hand auf der Tischplatte trommelte; Emilie blickte ihre
Freundin Elise an und Elise Emilien; Emilie fragte in diesem Blick: brauche ich,
unschuldiges Kind, um diese Dinge zu wissen? Elise antwortete: spiele, spiele
ruhig, holder Engel! la das uns Geprften! Selbst Wilhelm Kluckhuhn, der mit
der Serviette am Bffet stand, machte ein nachdenkliches Gesicht, als wenn die
Wendung, welche die Sache genommen, ihm denn doch nicht gefalle, und nur der
Commerzienrath hatte so eifrig mit dem zweiten Bedienten, der eben vor seinen
Augen eine Flasche des famosen Hochheimers entkorken mute, zu thun, da er ganz
und gar nicht wute, weshalb pltzlich ein allgemeines Schweigen die
Gesellschaft befallen hatte. Er schaute mit der unschuldigsten Miene von der
Welt auf und fragte so harmlos wie mglich: Ich bitte um Entschuldigung; was
war es doch, wovon Ihr spracht?
    Der eigenthmliche Ausdruck, den ich in so verschiedenen Schattirungen auf
den Gesichtern der Anwesenden bemerkt hatte, vertiefte sich noch um einige
Farbentne. Die Stille wurde noch stiller, der zweite Bediente Johann, welcher
eben den Hochheimer zweiundzwanziger entkorken wollte, hielt in seiner
Beschftigung inne, und die Teller, welche Wilhelm herumreichte, klapperten ganz
beunruhigend in seiner sonst so sicheren Hand, als der Steuerrath, sich nicht
ohne einiges Zittern ein Glas Wein einschenkend, sagte: Unsere liebe Hermine
bemerkte, da man fr die harmlosen Vergngen, welche die Jugend liebt, auf
unseren trefflichen Georg - verzeihen Sie, Georg, da ich Sie bei dem alten
familiren Namen nenne - nicht rechnen drfe, weil unser junger Freund so viel
andere, und geben wir es zu, wichtigere Sachen in den Kopf zu nehmen hat.
    Der Commerzienrath go eben eigenhndig in die groem Paglser den
kostbaren Wein - nur einen Daumen hoch, sonst hatte man nicht die rechte Blume -
und er mute dabei so seine Gedanken zusammennehmen, da es ihm erst nach einer
kurzen Pause in eigenthmlich gedehntem Ton zu antworten mglich war:
Wichtigere Sachen! Ah, ist das ein Weinchen! - wichtigere Sachen? - wahrhaftig,
die Blume des Rheins! - in den Kopf zu nehmen? freilich, wir haben heute Morgen
einen Vertrag gemacht: er verkauft mir Zehrendorf und ich kaufe ihm das
Grundstck neben unserer Fabrik in Berlin - ich glaube, da dergleichen einem
Jeden ein wenig durch den Kopf gehen wrde.
    Ich war auf das Hchste erstaunt, den Commerzienrath, den ich als einen
vorsichtigen Mann kannte, ber eine Angelegenheit, welche wir vor ein paar
Stunden unter uns abgemacht hatten und die ich durchaus fr ein
Geschftsgeheimni hielt, hier, im Kreise seiner Gste, so offen sprechen zu
hren - noch dazu in Gegenwart des Justizrathes, fr welchen meine
Dazwischenkunft zum mindesten nicht schmeichelhaft war - ich sage, ich war so
erstaunt ber dieses ganz ungeschftsmige, unbegreifliche Vorgehen des sonst
so klugen alten Mannes, da ich fhlte, wie mir die Rthe der Verlegenheit hei
in die Stirn stieg.
    Und wieder ging ein Schweigen durch den Speisesaal; wieder vertiefte sich
der Ausdruck in den Gesichtern der Anwesenden um einen Farbenton und diesmal war
es Herminens Stimme, die das Schweigen unterbrach: Habe ich Ihnen nicht gesagt,
Emilie, da Herr Hartwig ein schrecklicher Aristokrat ist? Er kann es nicht mit
ansehen, da ein so altes Gut in anderen als in adeligen Hnden ist. Dergleichen
ist fr uns Plebejer nichts. Ob wir von einem Orte fort sollen, den wir im Laufe
von sieben Jahren denn doch lieb gewonnen haben - was kommt darauf an? Wir
mssen mit Allem vorlieb nehmen und zufrieden sein, da wir berhaupt nur irgend
wo sind.
    Es war ein Schwingen in dem Ton ihrer Stimme und ihre Augenlider rtheten
sich, als wenn sie nur mit Mhe die Thrnen zurckhalte; die Stille wurde immer
stiller und der Commerzienrath htte gar nicht so zu schreien brauchen: das ist
nun einmal nicht anders! Gottesdienst geht vor Herrendienst; und, wie Georg
geartet ist, glaubt er seinem Gott zu dienen mit jedem Dreier, welchen er den
armen Teufeln von Arbeitern mehr zu verdienen giebt: und wenn er schon schlecht
auf Herrendienst zu sprechen ist, so ist ihm Frauendienst ganz und gar ein
Gruel.
    Das ist nicht Deine Devise, Arthur! sagte der Steuerrath in aufmunterndem
Tone.
    Noblesse oblige! rief die Steuerrthin dringender.
    Mon coeur aux dames! sagte Arthur, indem er, die sorgsam gepflegte Hand
auf sein Herz legend, sich gegen seine Cousine verbeugte.
    Der Justizrath und seine Damen sagten nichts, sondern begngten sich,
einander bezeichnende Blicke zuzuwerfen: da dies eine Familienangelegenheit
sei, in welche einzumischen sie, die Fremden, sich wohl hten wrden.
    Und wiederum eine verlegene Pause, die diesmal, wo die Situation auf ihrem
Hhepunkt angekommen zu schein schien, dadurch unterbrochen wurde, da Wilhelm
Kluckhuhn sich in einer Weise schneuzte, wie es fr einen wohlerzogenen
Bedienten, selbst in Augenblicken lebhaftester Kmmerni, gnzlich unstatthaft
ist. Frulein Duff, welche whrend der letzten Worte des Commerzienrathes die
mageren Hnde krampfhaft ber der Brust gefaltet hatte - mit der blassen Miene
eines Menschen, der seine Hoffnung nur noch auf ein besseres Jenseits gesetzt
hat - brach in ein hysterisches Weinen aus, und Hermine, sich pltzlich erhebend
und das Spitzentuch auf Stirn und Wangen drckend, sagte, sie bitte um
Entschuldigung, wenn sie die Gesellschaft durch ihre bse Laune gestrt habe,
aber ihre Kopfschmerzen seien so arg, da sie sich auf ihr Zimmer zurckziehen
msse.
    Ich glaube nicht, da irgend Jemand von den Anwesenden an diese
Kopfschmerzen glaubte, was natrlich nicht verhinderte, da die beiden Eleonoren
von ihren Sthlen auffuhren, und, sich von rechts und links der schnen
Leidenden nhernd, jedenfalls im Begriffe waren, die gnstige Gelegenheit zu
einer rhrenden Gruppe zu benutzen. Aber Hermine hatte bereits den Arm ihrer
schluchzenden Gouvernante ergriffen und verlie das Zimmer mit einem
schmerzlichen Lcheln auf den Lippen, welches fr die ganze Gesellschaft
bestimmt schien - auer fr mich.
    Ihr Blick war ber mich hingeglitten, als ob mein Stuhl unbesetzt sei; und
dies schien auch die brige Gesellschaft anzunehmen. Niemand hatte noch ein
Wort, einen Blick fr mich und ich habe es dem Wilhelm Kluckhuhn nie vergessen,
da er in diesem verhngnivollen Augenblicke den Muth hatte, hinter meinen
Stuhl zu treten und, mit einer allerdings etwas gepreten Stimme zu fragen:
    Befehlen der Herr Ingenieur noch ein Glas Hochheimer?
    Ich nahm das Glas und trank es vorsichtig schlrfend mit der Miene des
Kenners; aber ich mte lgen, wollte ich behaupten, da ich dem herrlichen
Gewchs wirklich htte Gerechtigkeit widerfahren lassen. So sehr ich mir Mhe
gab, unbefangen zu erscheinen, befand ich mich doch in peinlicher Aufregung. Es
ist ein eigen Ding, von einer jungen Dame auf solche Weise vor einer ganzen
Gesellschaft ausgezeichnet zu werden!
    Glcklicherweise hatte ich meine Kraft auf keine zu harte Probe zu stellen.
Die Tafel wurde bald aufgehoben; die Gesellschaft zerstreute sich sehr rasch,
ich ging in die Anlagen, um bei dem beruhigenden Rauch einer Cigarre ber das,
was geschehen, weiter nachzudenken.
    Eines war mir durchaus begreiflich: das Betragen der Gesellschaft bei dieser
Angelegenheit. Sie hatte mich einfach fallen lassen in dem Momente, als sie zu
bemerken glaubte, da mein Spiel verloren sei. Wute ich doch, da Arthur's
Eltern noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben hatten, ihr Sohn werde noch
einmal seine reiche Cousine heimfhren; da ihre plumpen Schmeicheleien,
Arthur's falsche Freundschaftsversicherungen nur ein Mittel gewesen waren, ihre
Absichten vor mir wo mglich zu verdecken und nebenbei vielleicht durch Gte auf
mich zu wirken, da man wahrscheinlich frchtete, durch offene Feindseligkeit die
Sache nur schlimmer zu machen. Der Justizrath, die beiden Eleonoren - sie
schwammen eben mit dem Strom! Sie und die Andern - das war Alles, Alles nur zu
erklrlich; aber der Commerzienrath! der Commerzienrath! Sah es nicht gerade so
aus, als ob er die peinliche Scene ber Tisch direct provocirt oder doch
geflissentlich so weit habe kommen lassen? Er verstand es sonst sehr gut, einem
Gesprch, das ihm nicht gefiel, eine andere Wendung zu geben. Und wenn es ihm
wirklich um meinen Beistand in der Verkaufsangelegenheit zu thun war, weshalb
hatte er schon jetzt, wo noch Alles in der Schwebe, mit Hermine davon
gesprochen? weshalb mich ihr als den Urheber oder doch hauptschlichen
Befrderer des ihr so verhaten Projectes hingestellt? Hatte er sich einfach
durch mich decken wollen? ein solches Manver sah ihm ganz hnlich: er hatte die
Gewohnheit, Lasten, die ihm zukamen, auf Andere abzuwlzen - oder war das noch
nicht Alles? Hatte der alte schlaue Mann nur einmal wieder eines seiner
Tintenfisch-Manver ausgefhrt und sich in eine dunkle Wolke vollkommener
Unbefangenheit gehllt? nichts, gar nichts, was um ihn her vorging und wobei er
so betheiligt war, gesehen? nichts von Allem gewut? und jetzt nur so ganz
zufllig, so ganz unschuldiger Weise seinen jungen Freund der schnen,
leidenschaftlichen Tochter gegenber in eine unhaltbare Lage gebracht?
    Das Blut stieg mir hei in die Stirn, als ich bis zu dieser Schlufolgerung
kam und eine mir ganz neue Empfindung bemchtigte sich meiner immer mehr. Es war
mir sonst herzlich leicht geworden, meinen Beleidigern zu vergeben, so leicht,
da ich mich manchmal einen Schwchling, einen Menschen ohne Herz und ohne Galle
genannt hatte; warum wollte mir, was mir sonst so leicht wurde, heute nicht
gelingen? Warum kam mir jetzt jeder Blick, mit dem man mich ber Tisch scheel
angesehen, die Vernachlssigung, die Gleichgltigkeit, die man urpltzlich gegen
mich zur Schau getragen - warum kam mir das Alles bis auf die kleinste
Einzelheit wieder in Erinnerung? und weshalb war mir, als ob ich ersticken mte
an dem, was ich vorhin mit scheinbar so viel Gemtsruhe hingenommen hatte? Ja,
es war eine neue Ader in mir, auf die ich pltzlich getroffen war, eine Ader,
aus der ein schwarzes, galliges Blut in mein sonst so leichtes Blut berstrmte.
Ich fhlte durchaus als einen physischen Vorgang, was doch nur, oder doch
ursprnglich nur ein Vorgang in meinem Gemthe war: die erste heftige Regung des
Ehrgeizes, das leidenschaftliche Verlangen, mit seiner Person zur Geltung zu
kommen; die Demthigung, die Beschmung, wenn das Gegentheil der Fall ist; der
verzweifelte Entschlu endlich, aus dem Kampfe als Sieger hervorzugehen, trotz
alledem und alledem!
    Welches war dieses Ziel? Dasselbe noch, das ich vor Augen hatte, als ich
hierher kam? oder ein anderes? oder jenes und dies andere zu gleicher Zeit? Ach,
es mochte mir in dieser Stunde wohl die Ahnung kommen von der Tiefe jener
melancholischen Weisheit, da es schwer, da es unmglich sei, Gott zu dienen
und dem Mammon!

                              Achtzehntes Capitel.


Ich hatte mich auf eine Bank gesetzt, die hier in dichtem Baum- und Buschwerk
stand. Es war ein lauschiges Pltzchen. Die Vgel zwitscherten gar vergnglich;
ein leiser Wind, der aus dem Garten heranwehte, trug sen Wohlgeruch auf seinen
weichen Schwingen; von dem blauen Himmel strahlte eine warme, erquickliche Sonne
- der Ort war so lieblich und die Stunde war so schn, und ich mute denn doch
der holden Lockung folgen, so sehr ich ihr auch heute wiederstrebte. Mein Blut
fing an ruhiger zu flieen, ich begann mich fr ein Spechtprchen zu
interessiren, das in dem Astloch eines benachbarten, krzlich erst aus dem
Rossow'schen Park hierher verpflanzten Baumes seine junge Wirtschaft angesiedelt
hatte und zu der engen Oeffnung aus- und einschlpfte: es war ein so
friedliches, liebes Bild; die Thierchen hatten es so eilig und waren so
unermdlich fleiig und alles offenbar aus eitel Liebe - die Welt war am Ende
doch nicht so schlecht, wie sie mir eben erschienen war.
    Und mit diesen Gedanken mute ich die Augen geschlossen haben, wohl gar
eingeschlafen sein, denn ich sah, wie mir gegenber die Bsche, hinter welchen
ein Pfad vorberfhrte, auseinandergebogen wurden, und in der so entstandenen
Oeffnung ein Gesicht sich zeigte: ein schnes Mdchengesicht, auf dem die
Sonnenlichter mit den Schatten der Zweige spielten, und das ich in Folge dessen,
und weil ich es eben nur trumte, nicht genau genug sehen konnte, um zu
entscheiden, ob das, was in den Augen glnzte, Zorn war oder Liebe. Als ich
selbst die Augen wieder ffnete, sah ich wohl die Stelle in den Bschen noch
ganz deutlich, aber natrlich das holde Gesicht nicht mehr; dafr schlug in
diesem Augenblicke helles Lachen an mein Ohr, und laute Worte und Peitschenknall
und dazwischen ngstliche Rufe, wie einer Bittenden und pltzlich ein geller
Angstschrei, der mich von der Bank auffahren und nach dem Orte hineilt lie, von
welchem der Lrm zu mir herberschallte.
    Es war ein ebenfalls mit Buschwerk umgebener runder Platz, der als Reitbahn
benutzt wurde, und von mir selbst whrend meines Aufenthaltes wiederholt benutzt
worden war, indem ich unter Aufsicht und Leitung des alten Kutschers Anton,
eines frheren Cavalleristen, meine etwas lckenhafte Kenntni der equestrischen
Kunst zu erweitern mich bestrebte. Wir hatten das in der ersten Morgenfrhe in
aller Stille gethan, weil ich wute, da Hermine, die eine leidenschaftliche
Reiterin war, whrend des Vormittags bald frher oder spter eine Stunde Schule
zu reiten pflegte. Neuerdings hatte mir Anton noch anvertraut, da auch Frulein
Duff an diesen Uebungen Theil nehme, auf Wunsch des gndigen Fruleins, die es
sich pltzlich in den Kopf gesetzt, auf ihren Ausflgen und Besuchen in der
Nachbarschaft auer dem Reitknecht, den sie noch dazu oft genug zu Hause lasse,
eine Begleiterin zu haben. Die Sache war mir, trotzdem sie mir der alte Anton,
der gar nicht wie ein Schelm aussah, mit dem ernsthaftesten Gesicht versichert
hatte, ganz unglaublich erschienen; jetzt sollte ich mich von der Wahrheit der
seltsamen Nachricht berzeugen.
    In der Mitte der Reitbahn standen Arthur, der mit einer groen Peitsche
unaufhrlich knallte; Hermine, die sehr lachte; die beiden Eleonoren - noch in
Unschuld-Wei - die sich umschlungen hielten; zuletzt Anton, der offenbar nicht
wute, ob er dem mehrmals wiederholten Befehle Arthur's: da Sie sich nicht
unterstehen! Folge leisten, oder den flehentlichen Bitten Frulein Duff's
nachkommen und der Aermsten vom Pferde herabhelfen sollte. Es schien, als ob man
eben die Longe, vielleicht zum ersten Mal, losgelassen hatte, und die
ungeschickte und beraus furchtsame Reiterin darber in tdtliche Angst gerathen
sei. Wenigstens hatte sie in diesem Augenblicke ihre beiden Arme in voller
Verzweiflung um den Hals des Pferdes - eines kleinen, krausmhnigen, ponyartigen
Thieres - geschlungen, das seinerseits wieder die bereits halb aus dem Sattel
Geschleuderte vollends abzustreifen suchte, und mit gesenktem Kopfe unaufhrlich
hinten ausschlug. Das sah nun allerdings unglaublich lcherlich aus; aber ich
konnte doch meine gute Freundin nicht einen Augenblick in der Situation sehen,
ohne ihr zu helfen, und so war ich denn mit ein paar raschen Schritten an ihrer
Seite, und hatte sie, die mir ihre Arme sofort entgegenstreckte, aus dem Sattel
gehoben. Ich wollte sie nun sanft auf die Erde gleiten lassen, aber vergebens,
da ich ihr mit leisen Worten zuredete, doch verstndig zu sein und keine Scene
zu machen. Wie sie vorhin den Hals des Pferdes umklammert hatte, so umklammerte
sie jetzt den meinigen, und schien die grte Lust zu haben, in meinen Armen, an
meiner Brust ohnmchtig zu werden. Mag nun gleich eine derartige Situation unter
Umstnden fr den Ritter nicht ohne alle Reize sein, so wird sie bedenklich,
falls seine holde Last durchaus in den Jahren ist, in ihren eigenen Schuhen
stehen zu knnen, und geradezu unertrglich, wenn die Umstehenden, anstatt sich
seiner zu erbarmen, und ihn von seiner Brde zu befreien, die Hnde nur regen,
um wie toll zu klatschen und in ein nicht endenwollendes Gelchter ausbrechen.
    Und das Letztere thaten wenigstens Hermine und Arthur, whrend von den
beiden Eleonoren die zweite die erste vorlufig nur fragend ansah, ob sie lachen
drfe.
    Duff'chen, Duff'chen! rief Hermine, ich habe es Dir ja immer gesagt, da
Du Dich vor ihm in Acht nehmen sollst.
    Frulein Duff! rief Arthur, ziehen Sie die Canthare fester an!
    Darf ich? fragte die zweite Eleonore dringender; und die erste antwortete!
lache, Du unschuldiger Engel! und ging selbst mit gutem Beispiel voran.
    Kommt, wir wollen sie allein lassen, so haben sich gewi noch viel zu
sagen! rief Hermine, und eilte unter jubelndem Gelchter davon. Die Andern
folgten, alle lachend, so sehr sie konnten, selbst der trockene Anton, der mit
dem tckischen Pferde hinterdrein ging, lachte, und das tckische Pferd wieherte
laut und lachte vermuthlich auf diese seine Weise auch.
    Im nchsten Augenblicke stand ich da, allein mit meiner Last auf den Armen,
beschmt, beleidigt, rgerlich, wthend, wie ich es noch nie im Leben gewesen,
so da ich die gute Gouvernante, wenn ein Strom zufllig vorber geflossen wre,
ohne weiteres, glaube ich, hineingeworfen haben wrde. Glcklicherweise aber war
kein geflliger Strom in der Nhe und Frulein Duff erholte sich, gerade als das
Lachen der enteilenden Gesellschaft weniger deutlich zu uns herberschallte, und
sie flsterte, indem sie ihre Arme von meinem Halse lste: Richard, Sie sind
mein Retter!
    Richard war gar nicht in der Laune, auf die Sentimentalitten der armen
Gouvernante einzugehen; Richard hatte in diesem Augenblicke nichts weniger als
ein Lwenherz in der Brust; im Gegentheil: ein kleines, ungromthiges,
rachschtiges, eitles Herz, und so lie er denn seinen Schtzling, ohne viele
Umstnde zu machen, auf den Boden gleiten, und stand mit finstern Brauen und
vermuthlich sehr zornigen Augen vor der Aermsten, denn sie schlug die Hnde
ngstlich zusammen, und flsterte: Richard, um Gottes willen, verzweifeln Sie
nicht, ob auch die Wolke sie verhlle, die Sonne bleibt am Himmel stehn!
    Frulein Duff, sagte ich, ich mu Ihnen bekennen, da ich in diesem
Augenblicke gar nicht zum Scherz geneigt bin, und noch weniger dazu, Andere mit
mir Scherz treiben zu lassen. Verzeihen Sie deshalb, wenn ich Sie bitte, mich zu
entschuldigen.
    Und ich versuchte, meine Hand aus ihren Hnden zu ziehen, was mir denn auch
nicht ohne einige Mhe gelang. Aber ich hatte kaum ein paar Schritte gethan, als
ich ein so klgliches Weinen und Schluchzen hinter mir hrte, da ich nicht
umhin konnte, mich umzuwenden. Und da stand sie nun im grnen Reitgewande,
dessen lange Schleppe sich wie eine Schlange um ihre Fe ringelte, auf den
blagelben, verwirrten Locken einen halbhohen, zerknitterten Hut mit grnem
Schleier, von dem die Schleife, anstatt hinten zu sitzen, ihr vorn ber das
Gesicht hing - ein Bild kindisch-hilflosen Jammers.
    Liebes Frulein, bestes Frulein! sagte ich. Kommen Sie! Sie haben es
schlielich gut gemeint! - Und ich legte ihren Arm in den meinen und fhrte die
Weinende langsam von dem Orte des Schreckens fort, mit manchen freundlichen
Worten sie zu trsten versuchend, bis wir zu der Bank gelangten, auf der ich
vorhin gesessen hatte, und auf welche ich die gnzlich Erschpfte sich
niederzulassen nthigte. So saen wir eine Weile nebeneinander, ich dster vor
mich hin auf den Sand starrend, sie leise und leiser schluchzend und endlich die
verweinten Augen zu mir erhebend, und also sprechend: Wie kann ich Ihnen Ihre
Gte lohnen, Sie treuer, edler Freund?
    Wenn Sie kein Wort weiter davon sagen, erwiederte ich, wenn Sie mich mit
keinem Worte mehr an die lcherliche Scene erinnern, die aber auch - das schwre
ich! - die letzte in der traurigen Komdie gewesen sein soll, die ich hier, Gott
sei es geklagt, so lange habe mit mir spielen lassen.
    Komdie? sagte Frulein Duff, indem sie ihr Taschentuch mit der einen Hand
vor die Augen drckte, und mich, der ich aufgesprungen war, mit der andern
festhielt: Sie brauchen Ruhe, lieber Karl - Ihr Blut ist jetzt in Aufruhr -
setzen Sie sich zu mir - weg mit den schwarzen Fieberphantasien!
    Ich mute lachen, so zornig ich war, und nahm wieder an ihrer Seite Platz.
    O, rief Frulein Duff, Ihr seid gut und frhlich, und kennet doch den
Menschen auch - sollten Sie sich wirklich in dieser Mdchenseele tuschen, die
so klar vor mir liegt, wie der Himmel, ja, wie der Himmel, wiederholte sie und
breitete schwrmerisch die Arme nach oben, von wo allerdings mit der ganzen
sonnigen Klarheit eines Frhlingsnachmittags der blaueste Himmel auf unser
heimliches Pltzchen zwischen dem dichten, blhenden Gestruch herabblickte.
    Wie kann man kennen, was sich im besten Falle selbst nicht kennt?
erwiederte ich.
    Sie irren, mein Freund; erwiederte die Gouvernante, Sie halten das
ngstliche Flgelschlagen dieser keuschen jungfrulichen Seele fr
Fluchtversuche, und es will doch nur zu Ihnen, das scheue Vgelchen; zu Ihnen
und einzig nur zu Ihnen!
    Um Gottes und aller Heiligen Willen, hren Sie auf! Sie machen mich toll
mit diesen Reden, rief ich, indem ich nun wirklich aufsprang und wie ein
Unsinniger, der ich halb und halb war, auf dem kleinen Platze umherzulaufen
begann; ich will und will nichts mehr davon wissen, und nichts glauben, und
wenn ich es aus ihrem eigenen Munde hrte.
    Sie werden es; sagte Frulein Duff.
    Ich brach in ein hhnisches Gelchter aus.
    Sie werden es, wiederholte sie; nur Geduld, Richard, nur Geduld!
    Zum Teufel die Geduld! rief ich.
    Was soll die Wette gelten, Prinz, sagte die Gouvernante, mit schalkhaftem
Lcheln den magern Zeigefinger ihrer durchsichtigen Hand erhebend, ich rufe
Geschichten in Ihr Herz zurck, Geschichten - wei ich es doch noch, als wre es
gestern gewesen, wie sie weinte, das achtjhrige Kind, und sich nicht beruhigen
konnte, als sie hrte, da man den schnen, stattlichen Jngling, der sie immer
so hoch geschaukelt, in den Kerker geworfen! wie sie alle ihre Puppen mit dem
Namen des Theuren nannte, und sie in den Kfig des Papageien steckte und
davorstand und sagte: das sei ihr Liebster, der nun im Kerker se und Jocko sei
der Kerkermeister und wolle ihrem Liebsten mit dem krummen Schnabel den Kopf
abhacken! Und als ich, - denn, mein Freund, eine gute Erzieherin mu sein wie
der gute Grtner, der von dem Dornstrauch Rosen pflckt, - als ich eine so
bizarre Form des kindlichen Schmerzes durch eine poetischere zu ersetzen suchte,
als ich ihr von Richard erzhlte, dem lwenherzigen, sagenverherrlichten, und
von Blondel, dem treuen Snger, da sah sie ihr Ideal nur noch in dieser Gestalt
und schweifte durch die Lande, die Zither in der Hand, bis sie ihn fand, den sie
suchte. Der Zufall, oder mu ich sagen: der Gott der Liebe? wollte, da sie ihn
wirklich im Kerker sehen durfte, blasser freilich, als sonst, aber immer schn
und hehr, und so hat sie sein Bild im Herzen getragen, sechs, sieben Jahre lang,
ohne auch nur einen Augenblick ihrem Richard untreu zu werden. Sie lcheln
unglubig, o, mein Freund! Sie wissen nicht, wie diamanten die Seele eines
echten Weibes ist. Sieben Jahre! Das dnkt Ihnen eine Ewigkeit! Mein Freund! Ich
kenne Herzen, die fnf und dreiig Jahre lang geliebt, hoffnunglos geliebt
haben.
    Und das gute Frulein drckte sich das Tuch in die Augen und schluchzte
laut; raffte sich alsbald wieder auf und sagte:
    Doch das gehrt nicht hierher; ich will Ihr schnes Herz in diesem
Augenblicke, wo es an dem eigenen Geschick so schwer zu tragen hat, nicht noch
mit der Tragik eines anderen Lebens belasten, fr welches ewige Nacht aus einem
Miverstndni geworden ist, das an Ihrem Horizont nur als eine vorbergehende
Wolke schwebt. Und Miverstndni ist fr Euch ein falsches Wort; Ihr versteht
Euch ja, wie die beiden Vglein sich verstehen - und Frulein Duff deutete
irgend wohin in die Bsche, wo ein Finkenprchen einander lockte - nur da Ihr
Menschen seid, mit Menscheneitelkeit und Menschenhochmuth. Ach, und sie ist gar
nicht, was sie scheint! Wie hat sie sich vor ihrer Liebe gedemthigt, wenn sie
allein gewesen ist mit ihrem Gott, und selbst in meiner Gegenwart, vor der sie
keine Geheimnisse hat! Wie oft hat sie vor mir auf den Knieen gelegen, das
Gesicht in meinen Schoo gedrckt und hat gesagt, da ihr Liebster erhaben ber
ihr sei, wie die Sterne; da sie nie hoffen drfe, des Braven, Tapferen, Starken
werth zu sein. O, mein Freund, sie ist stolz auf Sie! wie hat sie geschwrmt,
als ihr das liebe Frulein Paula schrieb, wie Sie sich in der Sturmnacht
ausgezeichnet, und: es giebt nur einen solchen Mann! hat sie begeistert
ausgerufen, als Sie im vorigen Herbst auf dem Dampfschiff unser Retter wurden.
Ja, mein Freund, sie sind ihre Religion, und sie bekennt sich zu Ihnen vor Allen
- nur vor Ihnen nicht. Hat sie nicht ihren Richard wenigstens im Bilde haben
mssen, was auch der herzlose Vater dagegen sagen mochte! Hat sie dieses Bild
nicht wie ein Heiligenbild verehrt, und, damit es eine wrdige Umgebung habe,
ihr Zimmer eigens im orientalischen Style decoriren lassen? dasselbe Zimmer, das
Sie jetzt inne haben. War ihr doch kein anderes fr ihren Richard gut genug! Und
ihr Richard mute es haben, mochten die Leute die Kpfe schtteln, der
tyrannische Vater in seiner hlichen Weise dagegen schreien und ich selbst -
ich will es nur gestehen - meine bescheidenen Einwendungen machen. Mein Freund,
dazu - zu einem solchen Schritte, der lcherlich sein wrde, wenn er nicht
erhaben wre - gehrt Muth, Begeisterung, gehrt die ganze
Ueberzeugungs-Innigkeit einer groen idealen Liebe. Es liebt die Welt, das
Strahlende zu schwrzen - das ist, wenn irgend ein Dichterwort, eine ewige
Wahrheit, und sie, glauben Sie mir, auch sie hat ihr Mrtyrerthum auf sich
nehmen mssen; es ist keine Pygmenarbeit, sich gegen einen solchen Vater zu
behaupten. Ich will ihm nichts Bses nachsagen; ich will gar nichts sagen, denn
wo sollte ich da anfangen, wo enden? Und doch, sie hat das Unmgliche mglich
gemacht, der Tiger schmiegt sich zu den Fen des Lammes.
    Ich habe es heute Mittag erfahren, sagte ich.
    Erinnern Sie mich, rief Frulein Duff, nicht an diese schreckliche
Stunde, die doch nur wieder ein Beweis ihrer Liebe ist. O, lcheln Sie nicht so
bitter: war es doch seit langer Zeit ihr liebster Gedanke, hier an diesem Orte,
der ihr so theuer, mit ihrem Richard dereinst den Traum ihrer Liebe
verwirklichen zu knnen; und nun hren zu mssen, da sie aus diesem Paradiese
vertrieben werden soll, und da der Engel mit dem flammenden Schwert kein
Anderer als der getrumte Herr des Paradieses ist!
    Aber, rief ich, bin ich es denn, der sie vertreibt! wie kann sie mich
verantwortlich machen, fr etwas, wovon sie doch wei, da es der eigenste
Wunsch und Wille ihres Vaters ist, der die Scene heute Mittag vielleicht
geflissentlich hervorgerufen hat.
    Wohl mglich, erwiederte Frulein Duff, wer knnte die Rnke des
verschlagenen Greises ergrnden! Ja, wenn ich mich recht erinnere, hat sie
selbst Derartiges angedeutet, als wir auf ihrem Zimmer angekommen waren und sie
mit einer Fluth von Thrnen ihrem gepreten Herzen Luft machte.
    Was ihr nach dem eben Erlebten gut genug gelungen zu sein scheint, sagte
ich.
    Mein Freund, sagte die Gouvernante, der Narben lacht, wer Wunden nie
gefhlt! Wollen Sie weniger duldsam sein, als ich, die ich fr des liebekranken
Kindes krause Launen nur eine mitleidige Thrne des Humors im lchelnden Auge
habe?
    Es ist nicht Jedem gegeben, sich so gutwillig tyrannisiren zu lassen,
liebes Frulein!
    Ich bin erschpft, sagte Frulein Duff, die flache Hand gegen die Stirn
drckend, all' meine Proben gleiten von diesem schlangenglatten Sonderling.
    So lassen Sie uns diese Unterredung abbrechen; die Stunde, wo ich nach
Rossow mu, ist berdies gekommen.
    Ich war aufgestanden; die Gouvernante erhob sich ebenfalls, nahm mit einer
khnen Schwenkung die lange Schleppe ihres Reitkleides ber den linken Arm und
sagte, indem sie sich in meinen rechten Arm hing:
    Richard, gehen Sie nicht nach Rossow; es ist jetzt nicht wohlgethan; folgen
Sie mir; ich habe der Kassandra ahnendes Gemth.
    Ich gehe ebenfalls, wenn schon aus andern Grnden, nicht gern dahin,
erwiederte ich; aber ich bin entschlossen, meine Pflicht zu thun, und das
Versprechen, das ich dem Commerzienrath gegeben, zu halten, mag er es mir nun in
bsem oder in gutem Sinne abgefordert haben; und was auch daraus entstehe.
    Stolz will ich den Spanier, erwiederte Frulein Duff mit einem
schwrmerischen Augenaufschlage; aber es ist nicht immer der Stelze, der die
Braut heimfhrt, auch der Listige kommt manchmal zum Ziel: Ein frecher Gnstling
des Monarchen buhlt um ihre Hand - frchten Sie Arthur gar nicht?
    Wenn man in solchen Fllen frchten soll, mu man zuvor hoffen oder
wnschen; ich habe, soviel ich wei, von mir weder das Eine noch das Andere
behauptet.
    Frulein Duff zog erschrocken ihre Hand aus meinem Arm und rief, indem sie
stehen blieb: Ja, mein Gott, was hre ich? Und wie soll ich es deuten? O, bei
Allem, Roderich, was ich und Du dereinst im Himmel hoffen: Lieben Sie sie nicht?
Lieben Sie wirklich Paula, wie Arthur, der Listige, ihr bestndig in die Ohren
flstert?
    Ich sollte der guten Dame die Antwort auf eine so verfngliche Frage
schuldig bleiben, denn in diesem Augenblicke kam Wilhelm durch die Anlagen, nach
mir rufend und meldend, da der Wagen von Rossow schon eine halbe Stunde vor der
Thr halte, und da er mich berall gesucht habe.
    Leben Sie wohl, Frulein Duff, sagte ich.
    Und keine Antwort, keine? rief die Gouvernante mit einem Gesicht, in
welchem sich die ngstlichste Erwartung ausprgte.
    Dies ist meine Antwort, erwiederte ich, auf den Wagen zeigend.
    Kassandra mochte finden, da orakelhafte Sprche selbst fr Seherinnen
manchmal schwer zu deuten sind, denn als der Wagen durch das Gitterthor fuhr,
sah ich sie noch auf der Stelle, wo ich sie verlassen, stehen, in der Attitde
des betenden Knaben: Augen und Hnde zum Himmel gehoben.

                              Neunzehntes Capitel.


Aber da auch den Spendern verfnglicher Orakel bei ihrem Metier nicht immer gut
zu Muthe ist, sollte ich erfahren, whrend das elegante, leichte, von zwei
prachtvollen Racepferden gezogene Wgelchen den jetzt vortrefflichen Landweg
dahinrollte, der von Zehrendorf, an Trantowitz vorber, nach Rossow fhrte. Der
Nachmittag war wundervoll: an dem glnzenden Himmel standen groe weie Wolken,
deren Schatten eine reizende Abwechslung in das vielleicht etwas monotone
landschaftliche Bild brachten; ber den Breiten junger, grner, im sanften
Hauche des Westwindes nickender Saat jubilirten die Lerchen, auf der hier und da
von Torfgrben durchschnittenen groen Haide zwischen den Trantowitzer Buchen
und den Tannen von Rossow flogen Kiebitze, und aus der Ferne rief ununterbrochen
der Kukuk. Die ganze Szenerie hat sich bis in die kleinsten Einzelheiten meiner
Erinnerung eingeprgt, vielleicht, weil das klare, lachende Bild in so grellem
Gegensatze stand mit meinem Innern, in welchem es dster und verworren genug
aussah. Die indiscrete Frage der Gouvernante hatte den Schleier gelftet von
einem Geheimni meines Herzens, an welchem ich diese ganze Zeit abgewendeten
Antlitzes vorbergeschritten war. Gelftet, nicht gehoben! Ich hatte nicht den
Muth, oder nicht die Kraft - was meistens auf dasselbe hinauskommt - das
Angefangene zu vollenden, und wie man in solchen Augenblicken der Verworrenheit,
um sich nicht zu verlieren, das erste beste Ziel in's Auge fat, klammerte ich
mich jetzt an den Entschlu, mein Herz, und sollte es darber brechen, auch
nicht ein Wort in die Geschfte, die ich bernommen, hineinreden zu lassen. In
dieser Stimmung sah ich denn der bevorstehenden Conferenz mit einer Ruhe
entgegen, ber welche ich mich selbst gewundert haben mte, htte ich bedacht,
wo und wie ich mit dem Frsten das letzte Mal zusammengetroffen, unter welchen
sonderbaren Verhltnissen ich ihm jedesmal begegnet war. Aber ich dachte kaum
daran, oder doch hchstens, um mich ungeduldig in meinem Sitze herumzuwerfen,
und bei mir zu sagen: Du bist hier in ein solches Labyrinth gerathen, da es auf
eine seltsame Begegnung mehr oder weniger gar nicht ankommt. Nur durch, nur
fort, denn eine Umkehr giebt es nicht!
    Die Tannen von Rossow - ein schner Wald von hochstmmigen Bumen - hatten
uns aufgenommen; der Weg, welcher sandig geworden war und berdies aufwrts
fhrte, nthigte den Kutscher, langsam zu fahren; ich sprang aus dem Wagen und
ging mit langen Schritten neben dem Fuhrwerk her, das ich bald hinter mir lie.
Die Bume wurden immer gewaltiger, die Stille immer tiefer, das feierliche
Halbdunkel immer dichter, bis ich pltzlich, zwischen den letzten Stmmen
hervortretend, auf einem verhltnimig kleinen, rings vom schnsten Hochwald
umgebenen Hgel ein altergraues, hochgegiebeltes, mit Ecken und Vorsprngen
mancherlei Art verziertes, von Epheu hier und da dicht beranktes Schlchen im
Abendschein vor mir liegen sah. Es war das Jagdschlo Rossow, die zeitweilige
Residenz des jungen, verbannten Frsten.
    Ein alter Diener mit schneeweiem Haar, der in dem gothischen Portale
gesessen hatte, trat jetzt auf mich zu und fhrte mich, nachdem er hflich um
mein Begehren gefragt und mir gesagt, da Se. Durchlaucht mich schon lange
erwartet habe, durch einen kleinen, dstern, mit alten Rstungen und Gewaffen
aller Art seltsam ausgeschmckten Flur, einige Stufen hinauf, vor eine kunstvoll
mit eisernen Beschlgen ornamentirte Spitzbogen-Thr, welche er mit hflicher
Verbeugung und mit den geflsterten Worten: Se. Durchlaucht habe befohlen, mich
unangemeldet vorzulassen, ffnete. Ich trat einige Schritte in das Gemach und
stand vor dem jungen Frsten.
    Er hatte sich von einem breiten Sopha erhoben, in welchem er in der
Erwartung meines Kommens eingeschlafen sein mochte, wenigstens war der Ausdruck
seines feinen, blassen, hbschen Gesichtes ein wenig verwirrt, und es dauerte
einige Zeit, bis er sich der Situation bewut zu werden schien.
    Ah! so! sagte er endlich, Herr - verzeihen Sie, mein Namengedchtni ist
so entsetzlich schlecht - Hartig? - Ah! verzeihen Sie - Hartwig, ganz recht!
Nun, das ist liebenswrdig, da Sie gekommen sind, sehr liebenswrdig! Bitte,
Platz nehmen zu wollen. Sind Sie Raucher? Da stehen Cigarren, bedienen Sie sich!
Sehr liebenswrdig in der That!
    Er hatte sich wieder in die Ecke des Sophas sinken lassen und die Augen halb
geschlossen, als wolle er wieder einschlafen. Ich benutzte die Pause, einen
flchtigen Blick durch das Zimmer gleiten zu lassen.
    Es war ein groes, nicht eben hohes, alterthmliches Gemach mit dunklen
Eichen-Panelen, zwischen denen und der ebenfalls eichenen, in Felder
eingeteilten Decke verbrunte Portraits von Mnnern und Frauen sich rings an den
Wnden herumzogen, bis zu dem einzigen, breiten Bogenfenster, durch dessen
kleine, bunte Scheiben ein gedmpftes Licht hereinfiel. Die sehr zahlreichen
Mbel waren ebenfalls in einem alterthmlich-ehrwrdigen Geschmack, wenn gleich
augenscheinlich aus verschiedenen Zeiten: geschnitzte, breitlehnige Sthle, mit
Perlmutter und Elfenbein reich ausgelegte Schrnke und Tische; auf dem Kaminsims
zwischen wundervollen Kannen aus getriebenem Silber und Kelchen aus
geschliffenem Glase eine groe Uhr, an kunstreicher Incrustirung und
phantastischen Verschnrkelungen ein Meisterstck des Rococo. Auf einer groen
Decke aus Brenfell vor dem Kamin lag ein schner, langhaariger Wolfshund, der
bei meinem Eintreten den Kopf nur ein wenig erhoben, und jetzt bereits wieder
zwischen die Vorderpfoten gelegt hatte. Die Uhr auf dem Kaminsims tickte leise
durch die Stille, vor dem Fenster sang eine Amsel; der Schritt des alten Dieners
verhallte auf dem steinernen Flur und der junge Frst in der Sophaecke ffnete
die groen mden Augen und sagte: Wovon sprachen wir doch gleich?
    Wir? fragte ich erstaunt.
    Ja so! sagte der Andere, wir sprachen wohl noch gar nicht. Wohl mglich,
verzeihen Sie; aber es wre kein Wunder, wenn ich das Sprechen ganz verlernte;
sitze ich doch nun schon zwei Monate in diesem abscheulichen Nest wie eine
lichtscheue Eule! Ich sehe mir manchmal auf die Ngel, ob ich nicht schon
Eulenfnge bekommen habe. Ach, was das langweilig ist! Nun wollen wir aber
gleich an unser Geschft gehen. Bitte, schieben Sie mir gtigst einmal den
Cigarrenkasten herber, und wenn es Ihnen nicht zu viel Umstnde macht, drcken
Sie doch auf das Glckchen da, zu Ihrer Linken.
    Ich that, wie er gewnscht; der alte Diener trat herein mit einer Flasche
und zwei Glsern.
    Du kannst wieder gehen, sagte der Frst, wir wollen uns selbst bedienen.
    Der Alte stellte das Prsentirbrett zwischen uns auf den Tisch und entfernte
sich.
    Wollen Sie sich einschenken, sagte der Frst, und mir auch, wenn ich
bitten darf; danke! wir werden es zu dem trockenen Geschft brauchen.
    Indessen hatte er es trotz dieser grndlichen Vorbereitung nicht eben eilig.
Er besah sich seine Fingerngel so genau, als ob er die ersten Anstze zu den
Eulenfngen nun endlich entdeckt habe, unterdrckte dann ein leises Ghnen und
schien abermals die Frage: wovon wir gesprochen htten, auf den Lippen zu haben,
besann sich aber doch noch glcklich auf seine eigentliche Absicht und sagte,
einen groen Siegelring auf dem Finger hin und her schiebend: Ich habe schon
immer den Wunsch gehabt, Sie einmal bei mir zu sehen; Sie mssen wissen, da ich
mich ganz erstaunlich fr Sie interessire.
    In der That! sagte ich.
    Ja wohl, ganz erstaunlich, wiederholte der Frst. Ich habe Sie von dem
ersten Mal, da ich Ihnen begegnete, im Gedchtni behalten, was mir, offen
gestanden, selten arrivirt. Sie schienen mir, und Sie scheinen mir ein Original;
ich interessire mich auerordentlich fr Originale.
    Ich verbeugte mich ein wenig und sagte, die Pause benutzend: Wenn es Ihnen
gefllig wre, Durchlaucht, von mir zu hren, was ich aus bester Erfahrung ber
den Kreidebruch -
    Es giebt nmlich sehr wenig Originale, fuhr der junge Frst fort, als
htte ich gar nicht gesprochen, unglaublich wenig. Das wei Keiner besser, als
unser Einer, der von Jugend auf durch die Welt gehetzt wird. Ein ewiges
Einerlei: dieselben stereotypen Gesichter, dieselben stereotypen Manieren,
dieselben stereotypen Redensarten! Ich wte kaum zwei oder drei Personen zu
nennen, die mir den bestimmten Eindruck gemacht, da ich es mit wirklichen
Menschen zu thun hatte. Die Eine sind, wie gesagt, Sie, der Zweite ist ein
uralter, verhutzelter Derwisch, den ich, wenn ich mich recht erinnere, in
Jerusalem traf, und der mir sagte, da er, nachdem er hundert und vier Jahre
gesucht, den Stein der Weisen gefunden, und da das Ding nicht des Findens
werth; und die Dritte wre etwa die arme Konstanze von Zehren.
    Ich rckte unruhig in meinem Lehnsessel und begann abermals: Der
Kreidebruch, ber welchen Durchlaucht -
    Sie hat ja unsere erste Bekanntschaft vermittelt, sagte der Frst, der
mich abermals nicht gehrt haben mute; es ist ja wohl natrlich, da sie mir
eben jetzt, wo ich das Vergngen habe, so angenehm mit Ihnen zu plaudern, wieder
in Erinnerung kommt. Ein eigen geartetes, sonderbares Wesen, dessen Natur mir
bis zu diesem Augenblicke in vieler Hinsicht ein vollkommenes Rthsel geblieben
ist und wohl ewig bleiben wird. Eine Mischung scheinbar absoluter Widersprche:
stolz, ohne Achtung vor sich selbst; keck, ja tollkhn, und dabei von einer,
wenn ich mich so ausdrcken darf, katzenartigen Feigheit; vornehm und niedrig,
phantastisch und berechnend - mit einem Worte: ich habe nie begreifen knnen,
wie dergleichen in einer und derselben Menschenseele zusammen Platz hat. Sie,
der Sie sie ja auch gekannt haben, werden mir darin Recht geben, und vielleicht
auch darin, da, bevor man einen Mann, welcher das Glck, oder soll ich sagen
das Unglck? hatte, mit einem so sonderbar gearteten Wesen in eine Liaison zu
gerathen - die wohl kaum anders als dangereuse sein konnte - da man, sage ich,
sich erst lange besinnt, ehe man ihn fr die Consequenzen solcher liaison
dangereuse verantwortlich macht.
    Der junge Mann lag noch immer in seine Ecke zurckgelehnt, mit seinem Ringe
spielend - ein Bild der Langeweile und Gleichgltigkeit. Ich hatte in der
peinlichsten Stimmung von der Welt dagesessen, den Zufall verwnschend, der den
indolenten Mann gerade auf dies Thema hatte fallen lassen. Oder war es auch kein
Zufall? Ich glaubte aus dem Ton, in welchem er zuletzt gesprochen, doch eine
gewisse innere Erregung herausgehrt zu haben; indessen konnte ich darber zu
keiner bestimmten Ansicht kommen, und ich war eben im Begriff, einen dritten,
entscheidenden Versuch zu machen, das Gesprch auf meine Angelegenheit zu
bringen, als der Frst abermals in einem noch lebhafteren Tone begann:
    Es ist nicht meine Schuld, da Alles so gekommen ist. Ich habe vielleicht
Eines oder das Andere auf dem Gewissen, was ich lieber nicht darauf htte, wenn
ich hier so einsam sitze und vor langer Weile selbst nicht einmal mehr schlafen
kann, aber in der Affaire bin ich wirklich nicht der am meisten schuldige Theil.
Ich war noch sehr jung, als ich sie zuerst sah; sie war die bei Weitem ltere,
wenn nicht den Jahren nach, so doch in Allem, was Lebenserfahrung und
Weltklugheit betraf. Wo sie es her hatte, ich wei es nicht - man wei ja bei
den Weibern meistens nicht, woher sie es haben - und sie besa das Alles, wie
gesagt, im hchsten Mae. Es war kein kleines Stck, mich ber ein Verderben zu
verblenden, das doch klar genug vor meinen Augen lag: der Zorn meines Vaters,
des Frsten, von dem ich ganz und gar abhange, die Gewiheit, die Hand einer
edlen und liebenswrdigen Dame, die mir zugesagt war, zu verscherzen - es war
kein kleines Stck, sage ich; und doch hat sie mich gelehrt, es fertig zu
bringen. Dennoch - mein Wort als Edelmann! - ich wrde sie nie verlassen haben,
wenn - mir nicht ber Frulein von Zehren, ich meine ber sie - mit einem Worte:
ihre Verhltnisse eine Thatsache, an der sie allerdings vollkommen unschuldig,
absolut unschuldig ist, zu Ohren kommen wre - eine Thatsache, welche ich
allerdings nicht nher bezeichnen kann, weil es nicht mein Geheimni ist, die
aber der Art war, da von dem Momente, wo ich sie erfuhr, jeder Gedanke eines
gleichviel ob legitimen oder illegitimen Verhltnisses fr immer und ewig ganz
unmglich wurde. Es kommen gar wunderliche Dinge im Leben vor - Dinge, die einen
im Anfang erschrecken als entsetzliche Gespenster, bis man nach und nach sich
mehr an sie gewhnt und mit ihnen umgehen lernt. Meinen Sie nicht?
    Der Frst schien diese letzte Frage schon wieder halb schlummernd gethan zu
haben, aber - so oder so - ich konnte nicht mehr an diese Schlummerstimmung
glauben; im Gegentheil: ich hatte jetzt ganz und gar die Empfindung, da mein
durchlauchtiger Wirth eine vorher wohl berlegte Rolle mit einer allerdings
anerkennungswerthen Geschicklichkeit spielte. Es war wohl aus diesem Grunde, da
mich seine vertraulichen Mittheilungen nur stutzig machten, und ich mit einer
Zurckhaltung, die mir sonst nicht eben eigen war, abzuwarten beschlo, wohin
diese sonderbare Unterredung eigentlich ziele. Der Frst mute seinerseits einen
andern Eindruck bei mir erwartet haben, denn er fragte mit halb geschlossenen
Wimpern ganz nebenbei: Sie interessirten sich einst sehr fr die genannte
Dame?
    Ja.
    Das kommt heraus, als ob Sie sich nicht mehr fr sie interessirten?
    Nicht, da ich wte! erwiederte ich.
    In der That! sagte der Frst, die schnen, mden Augen fr einen Moment
gro ffnend und mir starr in das Gesicht sehend; in der That! Das wre das
genaue Gegentheil von dem, was mir Zehren berichtet hat.
    Ich glaube nicht, da Arthur - da Herr von Zehren - ber irgend etwas, das
mich betrfe, auch nur mit einem Schein von Glaubwrdigkeit berichten knnte,
erwiederte ich.
    Wohl mglich, erwiederte der Frst, wohl mglich; seine Glaubwrdigkeit
ist mir keineswegs ber jeden Zweifel erhaben; ich erlaube mir sogar manchmal,
das Gegentheil von dem anzunehmen, was er mir zu berichten fr gut findet. So
bin ich zum Beispiel berzeugt, da er sich entschieden geirrt hat, als er mir
sagte, da die liebenswrdige, junge Knstlerin, bei der ich das letzte Mal das
Vergngen hatte, Sie zu treffen, meine Aufwartung gern sehen wrde; das
Gegentheil schien der Fall zu sein?
    Der Frst blickte mich an, als ob er eine Antwort erwarte; ich begngte
mich, mit den Achseln zu zucken.
    Ebensowenig bin ich sicher ber den Verbleib einer gewissen, geringfgigen
Summe, welche ich ihm, erinnere ich mich recht, an demselben Tage zu einem
gewissen Zwecke bergab? Bitte! Sie brauchen nichts zu sagen; jetzt bin ich
sicher; der gute Zehren ist doch manchmal sehr wenig delicat! - der Frst
machte eine verchtliche Handbewegung; - sehr wenig delicat! Es ist wirklich
die allerhchste Zeit, da er in rangirte Verhltnisse kommt; Menschen, wie er,
gehen in einer verzweifelten Lage hoffnungslos zu Grunde. Nun, er hat ja wohl
jetzt die allerbeste Aussicht, sich zu rangiren; ich wnsche ihm Glck dazu!
    Ich fhlte, wie mir bei diesen Worten des Frsten, die doch nur eine
Auslegung haben konnten, das Blut in Stirn und Wangen scho; dennoch beherrschte
ich mich, so gut es gehen wollte, und sagte nur: ich glaube eben von
Durchlaucht gehrt zu haben, da Sie geneigt sind, in gewissen Fllen das
Gegentheil von dem anzunehmen, was Ihnen Arthur zu berichten fr gut findet.
    O, in der That, sagte der Frst, das sollte mir gerade in diesem Falle
leid thun; ich meine um seinethalben, wenn ich auch vielleicht der jungen Dame,
die ich brigens zu kennen nicht die Ehre habe, zu der Partie nicht gerade
gratuliren mchte. Indessen diesmal glaube ich doch an die Sache, weil die
Verhltnisse dafr zu sprechen scheinen. Ich habe wiederholt mit dem alten Manne
zu thun gehabt; er ist ein entsetzlicher, wie soll ich sagen? - Roturier, und
nach Art dieser Menschenrasse, auf angesehene Verbindungen und Auszeichnungen
aller Art versessen. Hat er mir doch noch heute Morgen durch den Justizrath
Heckepfennig andeuten lassen, da er mir betreff Zehrendorfs gewisse gnstigere
Bedingungen stellen wrde, wenn ich ihm durch den Frsten, meinen Vater, den
Geheimen oder die dritte Klasse - die vierte hat er sich schon irgend wie
erbettelt - verschaffe. Fr solche Leute ist es die hchste Seligkeit, wenn sie
eine Tochter, noch dazu die einzige, in eine alte Familie hinein heirathen
lassen knnen. Und eine alte Familie sind doch nun einmal die Zehrens; daran ist
nicht zu drehen und zu deuteln. Wie die junge Dame ber den Punkt denkt, wei
ich freilich nicht, vermuthlich aber nicht anders, als andere junge Mdchen
ihres Standes. Wirklich, es wre mir recht fatal, wenn Zehren mir hierber
wieder einmal etwas aufgebunden htte; ich wrde ihm das sobald nicht vergeben.
Ich habe ihm auf das Conto hin seine Schulden bezahlt, und, was mir fr den
Augenblick wichtiger ist, er hat mir versprochen, seinen ganzen Einflu bei
seinem Schwiegervater in spe aufzubieten, da der Verkauf von Zehrendorf
wirklich zu Stande kommt. Und auch Ihrethalben, Herr Hartig - Hartwig, verzeihen
Sie! - wre mir die Sache recht fatal! Ich hatte mir nmlich etwas ausgedacht,
was Sie vielleicht zu hren interessiren wird, und was Ihnen mitzutheilen der
hauptschlichste Grund war, weshalb ich mir heute Nachmittag die Ehre einer
Unterredung mit Ihnen erbeten hatte. Ich meinte nmlich, es wrde Ihnen
conveniren und vielleicht eine Zukunft fr Sie sein, wenn ich Sie ersuchte,
nachdem der Verkauf von Zehrendorf zu Stande gekommen ist, mir in der Verwaltung
desselben und einiger anderen Gter hier herum behlflich zu sein. Der Frst,
mein Vater, verlangt durchaus, da ich mich als Landwirth bethtige, bevor er
mit mir seinen Frieden macht. Nun ist mir freilich an dem Zustandekommen dieses
Friedens aus mehr als einem Grunde sehr viel gelegen; mit der Bethtigung als
Landwirth ist die Sache aber weniger einfach und die Acquisition eines Mannes,
von dem ich so viel Rhmliches gehrt, der sich in so mancher schwierigen
Situationen bereits bewhrt hat, und den ich, was mir das Wichtigste ist, selbst
als Gentleman, als vollkommenen Gentleman kennen gelernt habe - die Acquisition
eines solchen Mannes, sage ich, wrde mir von einer groen, von einer sehr
groen Wichtigkeit sein.
    Der Frst hatte zum ersten Male whrend unserer Unterredung mit einer Wrme
gesprochen, die nicht ohne Einflu auf mein empfngliches Herz blieb, und bei
den letzten Worten hatte er sich gegen mich anmuthig verbeugt, und ein
freundlich wohlwollendes Lcheln war ber sein feines, blasses Gesicht gezogen.
Es war ein groherziges, jedenfalls schnes Anerbieten, das er mir machte; ich
fhlte das, und ich fhlte auch, da ich unter anderen Verhltnissen unbedingt
ja gesagt haben wrde; aber so, aber so -
    Sie sind ein vorsichtiger Mann, sagte der Frst, nachdem er eine kleine
Weile hflich auf meine Antwort gewartet hatte; Sie denken: wird Carlo Prora
auch halten, was er verspricht, oder wird er es halten knnen? Ich glaube, Sie
darber beruhigen zu drfen. Dem Frsten, meinem Vater, mu an einer Vershnung
mit seinem einzigen Sohne nicht weniger gelegen sein, als mir selbst; er wrde
mir auf die ersten Avancen hin, die ich ihm machte, mit ausgestreckten Hnden
entgegenkommen, und mich fr die kleinsten Resultate, die ich ihm bieten knnte,
mit frstlicher Gromuth belohnen; ich glaube, da er mir sofort unsere
smmtlichen Gter in dieser Gegend bergeben wrde. Das wre fr den Anfang ein
Wirkungskreis, der, sollte ich meinen, selbst Ihrem Ehrgeiz - Sie sind ein wenig
ehrgeizig, nicht wahr? - gengen drfte. Was mich selbst betrifft, so sollen Sie
mit mir zufrieden sein. Ich bin von Natur ein wenig indolent, und meine
Erziehung hat nicht viel gethan, diesen Fehler auszurotten; ich wrde Ihnen also
vollkommen freie Hand lassen, oder wenigstens wrden Sie mich stets geneigt
finden, auf vernnftige Vorstellungen einzugehen. Ein harter Herr wrde ich auf
keinen Fall sein, und da Sie leider nicht in der Lage sind, wie soll ich es
ausdrcken? - Sie wissen, was ich meine - warum sollten Sie mir Ihre Dienste
nicht ebenso willig, oder, ich schmeichle mir, williger leihen, als dem
schrecklichen Plebejer drben, mit dessen Angelegenheiten es berdies, wie ich
aus sehr guter Quelle wei, gar nicht besonders stehen soll.
    Ich hatte, whrend der Frst sprach, die Frage, mit welcher er schlo, schon
vorweg genommen und dahin beantwortet, da in der That nicht wohl abzusehen sei,
weshalb ich in diesen neuen Verhltnissen nicht mindestens ebenso segensreich
sollte wirken knnen, als in den alten. Und dennoch, dennoch wollte das Ja nicht
ber meine Lippen. Es wird dem Menschen so schwer, einem Glckestraum zu
entsagen!
    Ich sehe, meine Proposition hat Sie doch etwas in Verlegenheit gesetzt,
sagte der Frst, nicht ohne einige Empfindlichkeit. Nun, ich will Sie nicht
drngen; berlegen Sie sich die Sache; mein Wort haben Sie; ich will mich einige
Tage gedulden; bin ich doch, wie es scheint, hier, um mich in der Geduld zu
ben! Ich werde also in einigen Tagen vielleicht das Vergngen haben.
    Er hatte sich aus der Sophaecke nach mir geneigt, um anzudeuten, da die
Unterredung zu Ende sei, als der schnelle Hufschlag eines Pferdes auf dem Platze
vor dem Fenster ertnte.
    Wer kann das sein? sagte der Frst und berhrte den Knopf der silbernen
Glocke auf dem Tisch. In diesem Augenblicke trat aber auch schon der alte Diener
herein, gefolgt von einem Reitknecht, der ein versiegeltes Schreiben in der Hand
trug. Der alte Mann sah sehr bla und der Reitknecht sehr roth aus, aber sie
hatten beide verstrte Mienen, so da der Frst mit einiger Ungeduld rief: Nun,
zum Teufel, was giebt's denn?
    Einen Brief von Seiner Durchl- wollte sagen, von dem Herrn Kanzleirath
Hensel; sagte der Alte, dem Burschen den Brief aus der Hand nehmend und
denselben, anstatt ihn auf dem silbernen Teller zu prsentiren, welchen er zu
diesem Zwecke in der linken Hand trug, seinem Herrn ohne diese Vorsicht
berreichend. Er mute wohl schon von dem Boten den Inhalt des Briefes erfahren
haben.
    Der Frst erbrach das groe Siegel, und ich sah, da, whrend er den Inhalt
des Schreibens durchflog, es gar seltsam in seinem Gesicht zu zucken begann und
seine Hnde heftig und immer heftiger zitterten. Dann hob er die Augen und sagte
mit einer Stimme, die sich offenbar Mhe gab, mglichst fest zu klingen:
    Seine Durchlaucht haben einen Schlaganfall gehabt; la die Lady satteln,
oder besser den Brownlock, der ist schneller; und Albert soll mitreiten; er kann
den Essex nehmen. Nun, wird's! Und er stampfte ungeduldig mit dem Fu.
    Der Reitknecht eilte hinaus, der alte Diener strzte durch eine zweite Thr,
die ich jetzt erst bemerkte, in ein Nebenzimmer, vermuthlich, um die Sachen
seines Herrn zurecht zu machen.
    Ich wollte mich, da der Frst, der mit ungleichen Schritten das Gemach
durchma, nicht zu bemerken schien, da ich noch da war, still entfernen, als er
pltzlich vor mir stehen blieb und, mit einem sonderbaren Lcheln zu mir
aufblickend, sagte:
    Nun sehen Sie, wie schwer es unser Einem wird, ein ordentlicher Mensch zu
werden. Da nehme ich eben einen Anlauf dazu, und sofort werde ich wieder nach
einer andern Seite gerufen. Gehen Sie mit Gott und lassen Sie bald von sich
hren. Noch einmal: Sie haben mein Wort; ich bedarf Ihrer jetzt vielleicht noch
mehr, als zuvor. Leben Sie wohl!
    Er reichte mir die Hand, die ich mit Wrme drckte.
    Fnf Minuten spter, als ich durch den Tannenwald zurckging - ich hatte mir
den Wagen, der noch fr mich angespannt war, verbeten - hrte ich Hufschlag
hinter mir. Es war der junge Frst mit einem Reitknecht, welcher, so gut es
gehen wollte, seinem Herrn folgte. Als er im vollsten Rosseslauf an mir
vorberjagte, winkte er noch einmal freundlich mit der Hand, und fast im
nchsten Augenblick schon waren die Reiter hinter den dicken Stmmen
verschwunden, und der Hufschlag ihrer Rosse verhallte in dem dmmernden Walde.

                              Zwanzigstes Capitel.


Der folgende Tag war fr die Jahreszeit ungewhnlich hei und schwl. Schon bei
Sonnenaufgang hatten graue Gewitterwolken im Osten gestanden, und sie lauerten
drohend am Horizonte, whrend das strahlende Gestirn machtvoll in den glnzenden
Aether stieg. Ich, der ich von Kindheit an sonderbar abhngig gewesen bin von
der atmosphrischen Stimmung, empfand die electrische Spannung, welche in der
Luft herrschte, in bengstigender Weise. Ein dumpfer Druck lag fortwhrend auf
meiner Stirn, eine seltsame Unruhe zuckte durch meine Nerven und mein Blut
rollte in schweren Wellen. Freilich war es nicht das heraufdrohende Gewitter
allein, was mir diesen Zustand zuwege gebracht hatt.
    Es lag noch etwas Anderes in der Luft - etwas Anderes, das mir unheimlicher
war und das ich nicht definiren konnte: die dumpfe Empfindung vermuthlich der
Unertrglichkeit des Zustandes, in welchem ich mich hier befand, und da
derselbe, so oder so, ein Ende erreichen msse, vielleicht schon ein Ende
erreicht habe.
    Wie dem aber auch sein mochte: ich hatte heute Zeit genug, darber
nachzudenken.
    Niemand war da, mich in meinen Betrachtungen zu stren. Zehrendorf war wie
ausgestorben. Die gestern verabredete Partie nach dem Schmachtensee war gegen
zehn Uhr aufgebrochen, nicht ohne einige kleine Vernderungen des ursprnglichen
Programmes. Sei es, weil der letzte Versuch, aus Frulein Duff eine Reiterin zu
machen, so klglich milungen war, sei es aus einem anderen Grunde - aber
Hermine hatte die Absicht, mit ihrer Gouvernante und mit Arthur die Partie zu
Pferde zu machen, aufgegeben, und man hatte die ganze Gesellschaft in drei Wagen
vertheilt. Der Steuerrath und die Geborene waren mit von der Gesellschaft
gewesen. Auch dies war eine Abweichung vom Programme, zu Gunsten der beiden
Eleonoren, welche einstimmig - sie waren immer einstimmig - erklrt hatten, da
zwei schutzlose Mdchen an einer fr den ganzen Tag berechneten, nur aus jungen
Leuten bestehenden Partie unmglich Theil nehmen knnten. Die beiden
Wrdentrger hatten sich lebhaft gegen die ihnen zugedachte Ehre gestrubt, aber
zuletzt selbstverstndlich nachgegeben. Wie sollten sie auch nicht! Eine
Gelegenheit wie diese, ihren Lieblingswunsch zu frdern, kam so leicht nicht
wieder!
    Dann war noch eine dritte Vernderung eingetreten, die ich selbst, wenn ich
Frulein Duff Glauben schenken durfte, veranlat hatte. Aber durfte ich ihr
Glauben schenken?
    Freilich, der Schein sprach fr sie, aber auch wohl nur der Schein!
    Als ich gestern nach meiner Rckkehr von Rossow bei dem Commerzienrath
gewesen war, hatte ich, als ich mich auf mein Zimmer zurck begeben wollte, den
Salon passiren mssen, wo sich unterdessen die ganze brige Gesellschaft
versammelt hatte. Hermine sa am Flgel und spielte ein lrmendes Stck, welches
sie erst abbrach, als ich, die Versammelten stumm grend, den Drcker der
Ausgangsthr schon in der Hand hatte. Ich hatte mich unwillkrlich bei dem
Miaccord, mit welchem sie geschlossen, umgewandt, und fast in demselben Momente
sah ich sie auch vor mir, mit blassem Gesicht, aus welchem die groen, blauen
Augen seltsam leuchteten, und mit zuckenden Lippen, die etwas sagten, was sie
noch einmal sagen muten, bevor ich es verstand: Man hoffte, ich werde den
Scherz heute Mittag genommen haben, wie er gemeint, und die Gesellschaft bei der
Partie morgen nicht um das Vergngen meiner Gegenwart bringen, auf die man
sicher gerechnet. - Die Gesellschaft, welche bis dahin ganz besonders lebhaft
conversirt und von meiner Anwesenheit so gut wie keine Notiz genommen hatte, war
pltzlich sehr still geworden, und das mochte wohl der Grund sein, weshalb ich
meine Antwort mit einer unheimlichen Deutlichkeit hrte, beinahe, als htte ich
nicht selbst, sondern ein ganz Anderer mit einer mir gnzlich fremden Stimme
gesagt: ich danke Ihnen, mein Frulein; aber Sie haben wirklich Recht gehabt:
man darf auf mich bei solchen Gelegenheiten nicht zhlen. - Dann hatte ich
drauen auf dem Flure gestanden, an allen Gliedern meines groen Krpers bebend,
da ein Kind mich htte umstoen knnen, und ich hatte einen stechenden Schmerz
im Herzen empfunden und ein brennendes Verlangen, laut aufzuschreien, und dann
hatte ich beide Hnde gegen die Brust gedrckt, und mit einem tiefen, tiefen
Athemzuge und mit bebenden Lippen zu mir selbst gesagt: Gott sei Dank; es ist
vorbei!
    Und daran hatte ich festgehalten die lange, lange schlummerlose Nacht,
whrend ich in meinem Teppichzimmer auf- und abschritt, oder mich in das offene
Fenster stellte, meine fiebernden Schlfen an der Nachtluft zu khlen, und mich
dann wieder auf den niedrigen Divan warf, um in schmerzliches Brten zu
versinken.
    Vorbei, vorbei! trotz des Zettels da, den mir Frulein Duff noch um
Mitternacht durch den mir jetzt ganz ergebenen Wilhelm auf das Zimmer geschickt
hatte, und in welchem sie in ihrer wunderlich-phantastischen Weise mich
versicherte, da Hermine sich seit zwei Wochen auf die Partie gefreut, nur, um
sie mit mir machen zu knnen; ja, dieselbe nur in dieser Absicht arrangirt habe;
und ob der Gute dem Bsen den Platz rumen wolle, und ob die Liebe nicht Alles
glaube und dulde, noch dazu, wenn sie berzeugt sein drfe, da, wodurch sie
geqult werde, selbst wieder Liebesqualen seien?
    Liebe! Ist das Liebe? Kann das Liebe sein? Die Liebe duldet Alles, sie
glaubet Alles! Wohl! Aber sie blhet sich auch nicht, und stellt sich nicht
ungeberdig und trachtet nicht nach Schaden! Ist das Liebe? Oder ist es nicht
vielmehr Selbstsucht, Eitelkeit, Laune - die Laune eines verzogenen Kindes, das
ihre Puppe jetzt kt und im nchsten Augenblick zur Erde schleudert, und fr
das die ganze Welt nur eine bunte Seifenblase ist, die zu ihrem Vergngen in der
Sonne ihres Glckes schwebt. Nun ja, es ist vielleicht Liebe, eine besondere
Sorte Liebe; aber ich mag diese Sorte nicht, und ich will sie nicht, und es ist
vorbei!
    Ja, htte ich nie eine andere Liebe gekannt! eine starke, innige,
heilspendende, segensreiche Liebe! Da diese Liebe nicht mir zu Theil geworden -
wei ich deshalb weniger, da sie mglich, da sie vorhanden ist? Und wenn sie
dich schon nie geliebt hat, wie sie lieben kann, wie sie dereinst vielleicht
einen Andern lieben wird - hast du nicht schon an einem Tropfen dieser Quelle,
die so rein ist, wie das Herz der Wasser - hast du nicht schon an diesem einen
Tropfen Muth, Erquickung getrunken, viel mehr, als aus diesem Strudel, der heute
so ppig quillt, um morgen spurlos im Sande zu versiegen? Im Sande ihrer
Selbstsucht, ihrer Laune! Nein, und tausendmal nein! es mu vorbei sein, und es
ist vorbei!
    So hatte es die Nacht in meinem Kopf und in meinem Herzen geglht und
gebraust, und dann war der Tag angebrochen, der sonnige, gewitterschwle Tag,
der den Uebernchtigen fieberhaft und seiner halben Kraft beraubt fand; aber ich
hatte mich aufgerafft mit einem mchtigen Entschlu und zu mir gesagt: la es
sein! la vorbei sein, was vorbei ist! Vielleicht ist es gut, da Alles so
gekommen, da du dir selbst zurckgegeben bist, dir selbst und deinen Pflichten.
    Und ich war still auf meinem Zimmer geblieben, bis es Zeit war, zu dem
Kreidebruche zu gehen, wo heute die Maschine zum ersten Male arbeiten sollte.
Dann war ich gegen zehn Uhr zurckgekehrt, dem Commerzienrath, wie er gestern
gewnscht, Rapport abzustatten, da Alles ber Erwarten gut ausgefallen, da die
Aussicht, die Wasser zu bewltigen, jetzt zur Gewiheit geworden sei.
    Die Partie war unterdessen aufgebrochen, wie mir Wilhelm, der zu meiner
Bedienung zurckgeblieben, mittheilte, nebst einer Menge von Einzelheiten, wie
sie das falkenscharfe Auge des drolligen Schelms zu beobachten verstand und sein
indiscreter Mund auszuplaudern liebte. Das gndige Frulein war in der
muntersten Laune gewesen, bis zuletzt, als Leo, ihre Dogge, durch keine
Schmeicheleien und Drohungen zu bewegen war, von der Partie zu sein. Er ist in
der letzten Zeit zu schlecht behandelt worden, sagte Wilhelm, na, und so was
merkt unser Einer, wollt' ich sagen, so eine Bestie denn doch. Und nun werden in
dem Augenblicke ja auch noch Herr und Frau von Granow angefahren kommen, die gar
nicht aufgefordert waren und die man doch nun schande-halber mitnehmen mute.
Ich sage Ihnen, Herr Ingenieur, das Ganze sah mehr wie ein Leichenzug, als wie
eine Spritzfahrt aus. Aber unsere beiden jungen Damen - hier lchelte Wilhelm
Kluckhuhn - die htten Sie sehen sollen, Herr Ingenieur: Ganz wei mit
hoffnungsgrnen Schleifen, die reinen Schneeglckchen, sage ich Ihnen!
    Ich war wenig in der Stimmung, Wilhelms Bericht bis zu Ende zu hren, und
fragte nach dem Commerzienrath.
    Ist vor einer Viertelstunde mit dem alten Justizrath nach Uselin zu einem
Termine gefahren und wird vor Abend schwerlich zurckkommen.
    Diese Nachricht setzte mich einigermaen in Verwunderung. Der Commerzienrath
hatte noch gestern Abend nichts von diesem Termin, der ihn den ganzen Tag in
Anspruch nahm, gewut, hatte mir im Gegentheil eine Unterredung fr diesen
Morgen zugesagt, in welcher die wichtigsten Dinge zu besprechen waren. Hatte
doch die Nachricht von dem mglicherweise nahe bevorstehenden Ableben des alten
Frsten, die ich ihm gestern berbracht, den beabsichtigten Verkauf von
Zehrendorf in weite Ferne gerckt, ja, sehr unwahrscheinlich gemacht! Was konnte
dem jungen Frsten, wenn er seinem Vater succedirte und in den Vollbesitz des
Vermgens kam, an dem einen Gute mehr oder weniger gelegen sein? Es liegt auch
dem alten Frsten im Grunde gar nichts daran, hatte der Commerzienrath immer
gesagt; aber der junge Herr soll sich bei dem Ankauf die Sporen verdienen; soll
zeigen, da er solche Geschfte bewltigen kann. Das wei der junge Herr recht
gut und darum wird er den Hamen doch herunterschlucken, so wenig verlockend auch
der Kder ist; verlassen Sie sich darauf!
    So hatte der Commerzienrath gerechnet, und, wie die Sachen jetzt lagen,
voraussichtlich falsch gerechnet. Meine Nachricht hatte ihn gestern ganz
augenscheinlich sehr erschreckt. - Es war hchst sonderbar, da er gerade heute
hatte in die Stadt mssen!
    Oder wollte er mir nur einfach aus dem Wege gehen, nachdem er seine Absicht,
mich bei Herminen in Ungnade zu bringen, so vollkommen erreicht! Brauchte er
mich nicht mehr, nachdem ich ihm die Maschinen aufgestellt und die Angelegenheit
mit dem Frsten sich so gut wie zerschlagen?
    Sehr mglich, sehr wahrscheinlich; aber vielleicht brauchte ich ihn noch
weniger; vielleicht war ich in der Lage, ihm, bevor er mir den Abschied gab,
Lebewohl sagen zu knnen. Diese Abwesenheit des Mannes, die wie eine Flucht vor
mir aussah - kam sie doch just in dem Augenblicke wie eine Mahnung fr mich, das
verlockende Anerbieten des jungen Frsten anzunehmen! Was hatte ich bis jetzt
fr meine eigentlichen Zwecke von dem Commerzienrath erlangt? Versprechungen die
Hlle und Flle, einen Schwall von Complimenten - weiter nichts! Und dabei wrde
es voraussichtlich bleiben, vor Allem, wenn er Zehrendorf nicht verkaufte, und
er so seines Wortes, das er mir bezglich der Fabrik in der Stadt gegeben, los
und ledig war, ja, und mglicherweise auch, wenn der Verkauf trotz alledem zu
Stande kam. Es gab wohl sehr Weniges, was dem Herrn Commerzienrath heilig war,
und ich hatte Ursache zu glauben, da unter diesem Wenigen sein Wort sich nicht
befand. So hatte er mir versprochen, den Mann in der Schneidemhle, dem er
gekndigt, nicht zu entlassen; und als ich heute Morgen an der Mhle vorbeiging,
hatte sie gestanden und der Knecht mir gesagt, der Herr sei gestern Abend -
whrend ich in Rossow war - dagewesen und habe den Meister nach einem kurzen
Wortwechsel von der Stelle fortgejagt. Das war ein Fall! aber eben nur der
neueste; ich hatte ihn schon wiederholt auf dergleichen Wortbrchigkeiten
ertappt! Nein, nein, der Mann schien nicht dazu angethan, sich von mir zur
Religion der Humanitt bekehren zu lassen.
    Und der Frst? Je deutlicher ich mir die Einzelheiten unsrer gestrigen
Unterredung in die Erinnerung rief, je klarer mir das Bild des Mannes vor die
Seele trat, desto mehr liebenswrdige und achtungswerthe Zge glaubte ich in ihm
zu entdecken, desto mehr glaubte ich zu finden, da es sich wohl verlohne, mit
ihm anzuknpfen. Es ist eine schwere Aufgabe, gnzlich ungerhrt zu bleiben,
wenn uns Jemand mit einem ausgesprochenen Wohlwollen entgegenkommt, noch dazu,
wenn dieser Gnner eine hochgestellte, einflureiche Persnlichkeit ist. Nun
mchte ich nicht sagen, da ich damals oder jemals in der Gunst eines Frsten
die hchste irdische Glckseligkeit gefunden htte, aber ich kann doch auch
nicht leugnen, da, wenigstens zu jener Zeit, die anerzogene Ehrerbietung vor
der irdischen Hoheit - ein Nachklang jedenfalls aus meinen Jugendtagen - dazu
beitragen mochte, mir das Benehmen des jungen Frsten in dem mglichst gnstigen
Lichte zu zeigen. Ich glaubte, jetzt den Schlssel zu diesem Benehmen, das mir
gestern so rthselhaft erschienen war, gefunden zu haben, und ich rechnete ihm
die Delicatesse hoch an, mit welcher er, bevor er mir seine eigentliche Absicht
entdeckte, aus dem Wege gerumt hatte, wovon er wute, da es als ein Stein des
Anstoes zwischen ihm und mir lag. Er hatte der bedenklichen Scene vor neun
Jahren im Walde von Zehrendorf mit keiner Sylbe Erwhnung gethan; aber er hatte
es mir nicht vergessen, da und wie ich ihn damals geschont und er hatte in
seiner Weise versucht, seine Schuld gegen mich abzutragen. Ich mute mir sagen,
da die Weise, Alles in Allem, eine edle, ritterliche war. Sodann hatte er mich
wiederum ber die zweite Begegnung in Paula's Atelier aufgeklrt und mich
gewissermaen wegen seines damaligen Benehmens um Entschuldigung gebeten; und
war der Versuch, sich gegen mich abzufinden, den er noch an demselben Tage
gemacht, vielleicht bereilt und unpassend gewesen, so hatte er das jetzt durch
sein groherziges und bedeutendes Anerbieten in meinen Augen mehr als
ausgeglichen.
    Ja, es war ein groherziges und bedeutendes Anerbieten: groherzig, wenn ich
die offene loyale Weise bedachte, in welcher mir es ohne Winkelzge, ohne
Markten und Feilschen gemacht; bedeutend, indem ich mir sagen mute, da, war es
wirklich des Frsten Absicht, mir einen groen Wirkungskreis zu verschaffen, er
auch durchaus in der Lage war, seine Versprechungen zu realisiren. Angenommen
wirklich, der Commerzienrath war der Mann, fr den er sich gab - obgleich meine
Zweifel nach dieser Seite keineswegs geschwunden, ja vielleicht jetzt grer
waren, als je - aber angenommen, er war der reiche Mann, der einflureiche Mann,
was bedeutete sein Reichthum, sein Einflu im Vergleich zu der Machtsphre der
Frsten von Prora-Wiek? Schon als Knabe auf der Schulbank hatte ich, wie jeder
andere Useliner, ja, ich glaube, jeder Bewohner unserer Provinz, gewut, da auf
der Insel allein einhundertzwanzig Gter dem Frsten gehrten; dann das
Stdtchen Prora, die Residenz - in welcher jetzt die Aufregung ber die
Erkrankung des Herrn gro genug sein mochte - die von dem ersten bis zu dem
letzten Hause auf frstlichem Grund und Boden stand: dann das Jagdschlo Wiek
mit seinen meilenweiten Forsten; dann die Grafschaft Ralow auf dem Festlande in
der Nhe von Uselin - die Useliner pflegten im Sommer Ausflge nach dem Parke
von Ralow zu machen - dann das prachtvolle Palais in der Residenz, an welchem
ich oft genug mit sonderbaren Empfindungen vorber gegangen war; die Herrschaft
in Schlesien mit den berhmten Eisenwerken, deren Werth auf ein paar Millionen
veranschlagt wurde - was war der Krsus von Uselin im Vergleich mit diesem
wirklichen Krsus, dessen Revenen binnen zweier Jahre vielleicht so gro waren,
als das ganze Vermgen des Commerzienrathes zusammengenommen.
    Freilich, freilich; ich hatte mir meinen Lebensweg anders gedacht! meine
Leidenschaft fr die mathematischen Wissenschaften, meine Fortschritte in der
Maschinenbaukunst, meine Hoffnung, dereinst mchtig frdernd in die Entwickelung
der Eisenbahn-Industrie eingreifen zu knnen, meine mit dem guten Snellius so
oft berlegten Plne fr das Wohl der arbeitenden Klassen - es war kein
erfreulicher Gedanke, das Alles aufgeben zu sollen. Aber mute ich es denn
aufgeben? war es im Grunde nicht einerlei, ob ich hier oder dort, in dieser oder
jener Weise wirkte, wenn ich nur wirkte, wenn ich nur schaffte in dem groen
guten Sinne meines unvergelichen Lehrers, meines braven Freundes! O gewi,
gewi, ich durfte in seinem Sinne das Anerbieten des Frsten acceptiren; und
Paula wrde nicht mit mir unzufrieden sein, denn ihr Denken und Trachten war,
wie das ihres herrlichen Vaters, nur auf das Gute und Schne gerichtet; ich
fhlte, es wrde mir nicht schwer werden, ihr zu zeigen, wie ich in dieser neuen
Sphre vollauf Gelegenheit habe, ihrer werth zu bleiben, ja, es immer mehr zu
werden. Und dann! - ich hatte es vor mir selbst verbergen wollen, weil es eine
wunde Stelle in meinem Herzen allzu schmerzlich berhrte, aber heute, in der
schlaflosen Nacht, war es und manches Andere noch in scharfer unabweisbarer
Wirklichkeit vor meine Seele getreten: sie hatte mich nicht nur ziehen lassen,
weil sich ein grerer Wirkungskreis fr mich aufthat; sie hatte mich auch
fortgeschickt, weil sie Mitleid mit mir empfand, weil sie wute, da in ihrem
Herzen meine tiefe, innige, ehrfurchtsvolle Liebe keinen Wiederhall fand; und
wie der gtige Mensch nichts nimmt, was er zu nehmen gezwungen ist, ohne etwas
zu bieten, wenn er es bieten kann, so hatte sie meinem liebevollen Herzen, das
sich nach Gegenliebe sehnte, die Erfllung meiner Wnsche in einer reizenden
lockenden Gestalt gezeigt, in der Gestalt des schnen Mdchens, in der Gestalt
der jungen, bermthigen Bacchantin, die mit mir gespielt hatte, wie sie mit den
Tigern, Leoparden und sonstigem Gethier, das sie vor ihren Wagen zu spannen
gewhnt war, schon ein oder das andere Jahr gespielt haben mochte. Ach, Paula's
reines Herz, was wute es von diesem gefhrlichen Spiel! was wute es von den
Knsten, wie man mit der einen Hand streichelt und mit der andern die Peitsche
schwingt; wie man sich jetzt an den freien Sprngen des Lieblings ergtzt und
wie man ihn im nchsten Augenblicke in den engsten Kfig sperrt! Was wute sie
davon?
    Und wenn sie es wte, wrde sie nicht die Erste sein, die mich zurckriefe,
die da sagte: Du darfst Dich opfern, wenn es sein mu, aber wegwerfen sollst Du
Dich nicht und darfst Du Dich nicht; und was ich auch mit Dir gewollt habe und
was Du selbst gewollt und erstrebt hast: es ist vorbei, vorbei!
    So hatte es in meinem dumpfen Gehirn geghrt und in meinem Herzen gewhlt,
den ganzen Tag, whrend die Sonne ihre glanzvolle Bahn durch den hohen Himmel
zog und hinter ihr her das graue, dunstige Gewlk, das schon bei ihrem Aufgang
am Horizonte gelauert. Ich hatte instinctiv oft und oft zum Himmel geschaut,
whrend ich rastlos, gefoltert von meinen peinlichen Gedanken und dem
heraufdrohenden Gewitter, durch die Felder, durch die Haiden schweifte, so
benommen von dem, was in mir brtete und was drauen braute, da ich jedes
Bewutsein des Ortes und der Zeit verloren hatte, und mich jetzt in der
Dmmerung des Abends auf dem Wege nach Trantowitz fand - demselben Wege, den ich
gestern nach Rossow gefahren, und der auch der Weg war, auf welchem die
Gesellschaft zurckkommen mute - ohne wiederum zu wissen, wie ich dort hin
gekommen und was ich dort wollte. Sicherlich nicht Hans besuchen, der ja auch
von der Partie war. Dennoch schritt ich weiter, bis ich zu der schlecht
gehaltenen, lckenhaften Hecke gelangte, welche Hans' vielberhmten Garten, mit
den verwilderten Obstbumen auf den Gras-und Unkrautflchen und den wsten
Kartoffel- und Kohlfeldern von der Landstrae trennte. Ueber die Hecke schauend,
glaubte ich in dem Grunde dieses melancholischen Terrains eine mchtige Gestalt
zu bemerken, die wohl Niemand anders sein konnte als der gute Hans selbst. Ich
durchbrach die Hecke - es war eben nicht schwer - und ging gerade auf die
Gestalt zu. Es war wirklich Hans.
    Ich denke, Sie sind auch mit? sagte ich.
    Werde mich wohl hten, erwiederte Hans, den Druck meiner Hand krftig
erwiedernd.
    Aber Sie sind doch aufgefordert?
    Freilich, sagte Hans.
    Nun?
    Nun, als ich sie heute Morgen auf den Hof kommen sah, bin ich da zum
Fenster - er deutete auf das Fenster seines Schlafzimmers - hinausgestiegen, und
habe mich so lange im Walde umhergetrieben, bis die Luft wieder rein war. Und
Sie?
    Ich hatte auch keine Lust mitzugehen, sagte ich.
    Das wre, sagte Hans.
    Wir promenirten eine Zeit lang schweigend nebeneinander in den verwachsenen
Wegen auf und nieder. Es war bereits so dmmrig, da man die Farben nicht mehr
unterscheiden konnte. Die Luft war unglaublich schwl und drckend, im Osten
wetterleuchtete es von Zeit zu Zeit und aus dem Trantowitzer Wald, von welchem
eine Spitze nahe an uns heranschnitt, kam der Gesang der Nachtigallen in
klagenden, langgezogenen Tnen.
    Es ist zum Ersticken, sagte ich, indem ich, als wir eben an eine
verfallene Laube, oder etwas der Art gekommen waren, mich auf eine der dort
befindlichen morschen Bnke warf und Rock und Weste aufri.
    Hans sagte nichts, sondern entfernte sich schweigend in der Richtung des
Schlafzimmer-Fensters, durch welches ich seine riesige Gestalt verschwinden und
einige Minuten spter wieder auftauchen sah. Er setzte ein paar Glser und zwei
Flaschen, die er unter dem Arme getragen, vor uns auf den morschen Tisch,
stellte ein paar andere, die er aus den Rocktaschen zog, in den Sand der Laube,
nahm sein Jagdmesser heraus, ffnete die beiden ersten und sagte, indem er mir
die eine hinschob: Trinken Sie vorlufig einmal eine halb oder lieber ganz; es
wird Ihnen besser werden.
    Das war der alte Hans, wie er leibte und lebte! und sein altes
Universal-Mittel gegen alle Pfeile und Schleudern des Geschicks! Du lieber
Himmel! es hatte sich schlecht genug an dem braven Jungen bewhrt, und wrde mir
wohl auch nicht helfen; aber ich fhlte doch, wie gut er es meinte, und die Hand
zitterte mir, als ich die Glser fllte, und meine Stimme zitterte, als ich sein
Glas mit den meinen berhrend, sagte: das trinke ich Ihnen, lieber Hans! und
einer bessern Zukunft fr uns Beide!
    Wte nicht, wo die fr mich herkommen sollte, sagte Hans, sein Glas in
einem Zuge leerend, und nun seinerseits das Amt des Schnken bernehmend.
    Hans, lieber guter Hans! rief ich, thun Sie mir den Gefallen und sprechen
Sie nicht in diesem melancholischen Ton; ich kann es heute Abend nicht hren,
mir ist selbst zu Muthe, als ob mir jeden Augenblick das Herz brechen mte.
    Hans wollte mir wieder die Flasche zuschieben, besann sich aber, da ich
sein Universal-Mittel schon einmal ausgeschlagen hatte, und reichte mir seine
gefllte Cigarrentasche ber den Tisch hinber.
    Einen Augenblick spter glhten zwei feurige Punkte in der dunklen Laube,
und warfen von Zeit zu Zeit einen trgerischen, schnell verschwindenden Schein
auf den wackelnden Tisch mit den Flaschen, die sich schnell leerten, und auf die
Gesichter zweier Mnner, die ber den Tisch gebeugt waren, in langer
vertraulich-ernster Unterhaltung.
    So ist es; sagte das eine Gesicht zuletzt.
    Sie werden sich geirrt haben, wie ich; sagte das andere.
    Ich glaube nicht, sagte das andere wieder; wie lange ist es her,
vielleicht vorgestern, es kann aber auch vorvorgestern gewesen sein - die Tage
laufen mir immer in einander - da traf ich sie auf dem Wege nach Rossow; wir
sind eine halbe Stunde neben einander geritten und sie hat mir whrend der
ganzen Zeit von Nichts gesprochen, als von Ihnen!
    Sie mu um ein passendes Thema sehr verlegen gewesen sein, sagte das
zweite Gesicht.
    Und geweint hat sie auch, fuhr das erste fort, das arme Ding! sie hat mir
leid gethan; ich wollte Ihnen schon immer sagen, Sie mten machen, da die
Sache zu Ende kommt.
    Eine lange Stille folgte. Die dritte Flasche wurde entkorkt. Die feurigen
Punkte glhten still vor sich hin, whrend das Dunkel tiefer und tiefer
hereinsank, und die lautlosen Blitze immer hufiger und hufiger aufleuchteten.
    Sie trinken ja nicht, sagte Hans.
    Ich antwortete nicht; ich hatte in der That kaum gehrt, was der gute Hans
sagte; ich wute kaum noch, da er da vor mir sa; kaum noch, wo ich war. Aus
dem Dunkel heraus, das uns umgab, strahlten mir ihre Augen, aus dem Flstern des
Windes, das in den Blttern rauschte, glaubte ich ihre Stimme zu hren. Und die
Augen, die groen, blauen Augen sahen mich vorwurfsvoll an, und die Stimme, die
tiefe, leidenschaftbebende Stimme, klang gepret, und um den reizenden Mund
zuckte es schmerzlich, wie gestern, als sie mich bat, da ich mit von der Partie
sein mchte.
    Wo wollen Sie hin? sagte Hans.
    Ich hatte mich erhoben, und war in den Eingang der Laube getreten, mit
heien Augen in die Finsterni starrend. Nur am westlichen Horizonte war noch
ein schmaler, sehr schmaler, lichter Streifen, sonst lag der Himmel ber der
Erde schwarz und undurchsichtig wie ein Sargdeckel. Von Zeit zu Zeit ging ein
seltsames Sthnen und Raunen durch die stille, schwle Luft, und dazwischen
schluchzten die Nachtigallen aus dem Walde, wie ber den Untergang einer schnen
Welt von Licht und Liebe. Dann wieder zitterte durch die Finsterni ein
electrisches Licht und spielte unheimlich an den Rndern der schweren,
tiefgehenden Wolken; aber kein Donner folgte, die arme gengstete Creatur aus
ihrer dumpfen Angst aufzurtteln, und kein erquickender Regen rauschte
hernieder, die verschmachtende Erde zu erquicken.
    Wo wollen Sie hin? fragte Hans noch einmal.
    Wo sind sie wohl jetzt?
    Wer kann das wissen, sagte Hans; zurck sicher noch nicht, denn sie
mssen hier vorbei.
    Auf der Haide zwischen Ihren Buchen und den Rossower Tannen mu der Weg bei
dieser Dunkelheit kaum zu finden sein!
    Freilich, sagte Hans, bin ich doch selber einmal ein paar Stunden darauf
umhergeritten, ohne einen Schritt aus der Stelle zu kommen; und die Nacht war
nicht so finster, wie diese. Wir hatten allerdings bei Fritz Zarrenthien ein
wenig scharf getrunken. Halloh! was giebt's denn?
    Ich war im Begriff gewesen, fortzustrzen, und griff jetzt, als Hans rief,
mit beiden Hnden an den Kopf, der mir zu springen drohte.
    Sie knnten gerade auf der Stelle sein, murmelte ich.
    Aber so nehmen Sie mich doch mit! rief Hans, whrend ich schon durch den
Garten davoneilte.
    Ich blieb stehen; er kam hinter mir her und klopfte mir, als er mich
eingeholt hatte, mit seiner groen, breiten Hand ein paar Mal leise auf die
Schulter und sagte: ho, ho! so recht, so! als wenn ich ein Pferd wre, das er
zu beruhigen htte. Ich griff nach seiner Hand und rief: Kommen Sie mit, Hans!
    Nun natrlich; erwiederte Hans; aber wir mssen ein paar Leute mit
Laternen haben; ich kenne das!
    Das wird zu lange aufhalten!
    Keine fnf Minuten!
    Hans schritt neben mir her, quer durch die Kartoffelfelder, und, um jeden
Umweg zu ersparen, in sein Kammerfenster hinein durch sein Wohnzimmer hindurch,
ich folgte ihm auf dem Fue - kannte ich doch die Localitt gut genug! Auf dem
Hofe angelangt, begann Hans aus aller Macht an der zerbrochenen Glocke zu
luten, welche dort in einem bauflligen Gerste hing, und deren heiserer Schall
die Leute sonst zur Arbeit oder von der Arbeit rief. Sie kamen denn auch auf das
bekannte Signal aus dem Leutehause und aus den Stllen schnell genug herbei; und
es waren noch keine fnf Minuten vergangen, als wir bereits, gefolgt von einer
kleinen, mit Stall-Laternen ausgersteten Schaar den Hof verlassen hatten, und
auf einem Feldwege den Trantowitzer Buchen zueilten. An dem westlichen Horizont
war auch der letzte hellere Streifen verschwunden; die Dunkelheit war so gro,
da es im Walde um nichts finsterer wurde, als es bereits auf dem freien Felde
gewesen war. Die Schwle in der Atmosphre hatte wo mglich noch zugenommen und
jetzt begannen auch dumpfe Donner zu rollen und in den hohen Wipfeln der Buchen
fing es an zu rauschen und zu sausen; die Nachtigallen waren verstummt vor dem
Unwetter, das jeden Augenblick losbrechen konnte. Ich eilte, die Leute mit den
Laternen weit hinter mir lassend, durch den Wald dahin; nur Hans versuchte noch,
gleichen Schritt mit mir zu halten, blieb dann aber auch zurck, hinter mir her
rufend, da die tolle Eile ja zu nichts ntzen knne, wenn wir die Mnner mit
den Laternen nicht bei uns behielten. Ich sagte mir dasselbe; aber ich wurde von
einer Gewalt getrieben, der ich nicht zu widerstehen vermochte. Was ich wollte -
ich htte es nicht zu sagen gewut, ich dachte daher auch gar nicht darber
nach, ich strzte nur immer vorwrts in einer Eile, als gelte es Leben oder Tod.
Wie ich es fertig gebracht habe, den bsen Weg durch den Wald in der
rabenschwarzen Finsterni so zurckzulegen, ohne Arme und Beine zu brechen oder
mir den Schdel an den Bumen einzurennen, ich wei es noch heute nicht. War es
der bluliche Schein der Blitze, der von Zeit zu Zeit durch die Waldeshallen
zitterte, war es die eigenthmliche Fhigkeit meiner Augen, auch in der
Finsterni noch immer ein wenig sehen zu knnen, war es die Leidenschaft, die in
gewissen Momenten jede verborgenste Kraft in uns wachruft - ich wei es nicht;
ich wei nur, da ich in unglaublich kurzer Zeit den Wald durchmessen hatte, und
an dem Verstummen des Bltterrauschens um mich her, an dem lebhafteren Hauch des
Windes, der um meine glhenden Wangen spielte, an dem anders tnenden Schall der
Donner bemerkte und gelegentlich auch in dem grelleren Licht eines Blitzes
deutlich sah, da ich mich bereits auf der Haide befand. Die Haide war ungefhr
eine Viertelmeile breit, auf drei Seiten von den Rossower Tannen und den
Trantowitzer Buchen umgeben, auf der vierten, nach links, mit den groen Mooren
an der Kste zusammenhngend, die hier und da noch mit schmaleren und breiteren
Streifen hineinragten. Kein Baum wuchs auf dieser ganzen Flche; als einziges
Wahrzeichen galt ein kleiner, mit Buschwerk bestandener und mit einzelnen groen
Steinen umgebener Hgel - ohne Zweifel ein Grabmal aus alten Zeiten - der
ungefhr halbwegs lag und als die uerste Grenze nach dem Moore zu galt. Von
einem Wege konnte man kaum sprechen, denn derselbe war zu jeder Jahreszeit, ja
bei jedem Witterungswechsel ein anderer; man fuhr, ritt oder ging, wie es eben
am zweckmigsten schien. Schon mehr als einmal hatte hier ein Unglck
stattgefunden; noch zu meiner Zeit war ein Knecht, der mit einem leeren Wagen in
der Nacht die Strecke passiren wollte, mit sammt seinen Thieren, in einem der
breiten, tiefen Torfgrben ertrunken.
    Whrend ich ber die Haide dahinstrmte, kamen mir die Umstnde bei diesem
Unglcksfall wieder in's Gedchtni bis in die kleinsten Einzelheiten. Ich
erinnerte mich, wie der Mann geheien, und da er eine Braut gehabt hatte aus
Trantowitz, eine hbsche, blonde Dirne, die sich ber den Tod des Geliebten gar
nicht hatte zufrieden geben knnen, und die man noch wochenlang nachher auf dem
Hnengrabe hatte sitzen sehen, die starren Augen unverwandt auf die Stelle
gerichtet, wo er ertrunken. Es war mir, als ob das hbsche, arme Mdchen eine
flchtige Aehnlichkeit mit ihr gehabt htte.
    Eine ganz wahnsinnige Angst erfate mich und pltzlich stand ich still, mit
wildklopfendem Herzen in die Nacht hineinhorchend. Ich meinte, ich htte dumpfes
Geschrei aus nicht allzugroer Entfernung vernommen. Aber aus welcher Richtung?
War es vor mir gewesen? rechts, oder links? oder hatte ich mich getuscht?
hatten mich meine aufgeregten Sinne betrogen, und die klagenden Stimmen des
Windes in hlferufende Menschenstimmen verwandelt? Da noch einmal! jetzt hatte
ich mich nicht getuscht, und jetzt hrte ich auch, von woher die Rufe kamen:
gerade aus der Richtung vor mir! nein von links her; nein von rechts! das war
sicher von rechts gewesen! Und jetzt wieder nher, aber wiederum aus einer
andern Richtung, als ob auf der den Haide die Geister der hier und dort, und
dort und hier Verunglckten alle auf einmal aus ihren nassen Grbern
heraufgestiegen wren und einander riefen. Und keine Mglichkeit, auch nur einen
Schritt vor sich zu sehen, selbst die Blitze hatten seit ein paar Minuten
aufgehrt; es war, als ob man die Finsterni greifen knnte. Ich warf einen
verzweifelten Blick hinter mich, und sah zu meiner unsglichen Freude die
Lichter aus den Laternen, wenn auch aus einiger Entfernung, auf die Stelle
zukommen. Ich rief mit der ganzen Kraft meiner Lunge, sie sollten sich beeilen;
dann strzte ich auf gut Glck weiter, und prallte entsetzt zurck, als ich
pltzlich im grellen Licht eines mehrere Secunden anhaltenden Blitzes dicht vor
mir die riesige, gespensterhaft weie Gestalt eines sich hoch aufbumenden
Pferdes erblickte. Ich war auf einen der Wagen gestoen, dessen Pferde der
Kutscher, der muthig ausgehalten hatte, vergeblich abzustrngen versuchte.
    Wo sind die andern Wagen? rief ich, indem ich, ohne recht zu wissen, was
ich that, dem Manne in seinen Bemhungen half.
    Das mag Gott wissen, sagte der Mann. Ich habe genug mit denen hier zu
thun gehabt.
    Es kommen Laternen!
    Ist auch hohe Zeit! Willst stehen, verdammter Schimmel!
    Da war Hans schon mit einigen der Laternen-Mnner. Die Pferde standen, wenn
auch vor Angst zitternd, und schnoben mit weit aufgerissenen Nstern in die
Lichter.
    Auf dem Hintersitze des Wagens lag eine Gestalt ausgestreckt; der Schein
einer Laterne fiel in ein bleiches, verwstetes Gesicht.
    Es war Arthur.
    Was heit das? fragte ich.
    Hans fragte nicht; er wute, was das heit, wenn Leute, die kein Maa zu
halten gelernt haben, auf dem Heimwege von einer Landpartie mit Ananas-Bowle in
dem Wagen liegen und kein Rasen der entfesselten Elemente sie aus ihrem schnden
Schlaf zu wecken vermag.
    Den lassen Sie nur, sagte der Kutscher, der liegt fest.
    Einer von Euch mu hier bleiben, rief ich zu den Laternentrgern gewandt;
Ihr Andern vorwrts!
    Wir gingen weiter, whrend die Leute - es waren ihrer noch fnf oder sechs -
die Laternen hoch hielten, und wir zu gleicher Zeit so laut wir konnten riefen:
man mchte versuchen, heranzukommen.
    Man antwortete von hierher und dorther; es wurde jetzt klar, da die ganze
Gesellschaft weit auseinandergesprengt war. Nur die Wagen hatten noch
einigermaen zusammengehalten, eine Minute spter trafen wir auf den zweiten,
der umgestrzt war und von den rasenden Pferden in Trmmer geschlagen wurde, bis
es uns nicht ohne Mhe gelang, die Thiere abzuschirren.
    Dann kamen wir auf den dritten, der etwas abseits bis ber die Achsen in dem
sumpfigen Grunde stecken geblieben war, nachdem es dem Kutscher gelungen, die
Strnge zu zerschneiden.
    Und nun gestaltete sich die sonderbarste, unheimlichste Scene. Die Blitze
zuckten so unaufhrlich, da wir von dem grauenhaften Licht vollstndig
eingehllt schienen. Dazu das Rufen und Schreien der gengsteten Menschen, die
jetzt von allen Seiten herbeikamen, das Fluchen der Kutscher und Knechte, das
Schnauben und Schnaufen der gengsteten Pferde; dazwischen das Grollen und
Rollen der Donner, das Sausen und Pfeifen der Windste, die mit zum Theil
furchtbarer Gewalt ber die Haide rasten, und den Regen nicht herabkommen
lieen, der uns in einzelnen schweren Tropfen in das Gesicht schlug; die ganze
Gesellschaft, so weit sie jetzt versammelt war, einer Schaar gleichend, die zur
Hinrichtung gefhrt werden soll: die Mnner mit verstrten Mienen, die Frauen
todtenbleich, und alle die Spuren des Umherirrens in der Haide und auf dem
Sumpfboden nur zu deutlich an sich tragend.
    Aber, wenn es schwer gewesen war, sie zusammenzubringen, so sah ich bald,
da es unmglich war, sie zusammen zu halten! Alle drngten sie vorwrts,
weiter! Wozu man auch nur noch eine Secunde verlieren wolle: man sei ja
beisammen! Der Regen werde im nchsten Augenblicke herabstrmen, die Laternen
vielleicht verlschen, und was solle dann werden? Vorwrts, vorwrts! meine
Herrschaften! kreischte der Steuerrath; Herr von Granow rief auch: Vorwrts,
vorwrts! - und die Gesellschaft setzte sich in Bewegung.
    Es war mir bei der unbeschreiblichen Verwirrung, die herrschte, bei dem
Rufen, Schreien, Durcheinanderrennen so vieler Menschen unmglich gewesen, zu
constatiren, ob denn wirklich alle, wie behauptet wurde, beisammen seien; das
aber wute ich ganz gewi, da ich sie, die ich einzig und Allein gesucht, noch
nicht gesehen hatte, ebensowenig wie Frulein Duff. Ich wei nicht warum - oder
hatte ich es von Einem der Gesellschaft behaupten hren? - aber ich hatte
angenommen, da die beiden Damen in dem vierten Wagen, der noch weiter zurck
war, und unversehrt sein sollte, sich befinden muten; aber in dem Augenblick,
als die Gesellschaft mit den Laternen aufbrach, kam jener vierte Wagen auch
heran.
    Ich strzte darauf los: in dem Wagen - der groen Chaise des Commerzienraths
- war auer einer Menge Mntel und Shawls, die man in der Eile zurckgelassen
hatte, nur Frulein Duff, die in einer Ecke lehnte, und mich, vor Angst mehr
todt als lebendig, mit halb gebrochenen Augen anstierte. Vergeblich, da ich aus
ihr herauszubringen suchte, wo denn Hermine geblieben sei? Sie murmelte nur, wie
im Fieber: suche treu, so findest Du! und brach dann in krampfhaftes Weinen
aus. Nun berichtete Anton, der unterdessen an den Strngen geknpft hatte, das
Frulein sei vor noch nicht zehn Minuten aus dem Wagen gesprungen, erst, als die
Laternen schon ganz nahe waren. Er wisse nicht warum, denn das Frulein habe
sich gar nicht so gefrchtet, wie die Andern und noch kurz vorher zu Frulein
Duff gesagt, sie werde sie gewi nicht verlassen. Links hin sei sie gegangen,
wenn er recht gesehen, aber er wisse es nicht gewi, er habe mit den Pferden zu
viel zu thun gehabt, die bis jetzt ganz gut gewesen seien, aber nun wollten sie
ja wohl auch nicht mehr stehen.
    Damit war er wieder auf den Bock gestiegen und begann den Andern
nachzufahren; ich rief ihm zu, da er auf jeden Fall bleiben msse. Hrte er
mich nicht, oder wollte er mich nicht hren, konnte er die Pferde nicht lnger
bndigen, - auf jeden Fall war ich in der nchsten Minute allein, whrend der
Trupp mit den Laternen sich unter Hans' Fhrung ber die Haide nach dem Walde
bewegte.

                           Einundzwanzigstes Capitel.


Ich war im Begriff, den Enteilenden nachzustrzen, um auf jeden Fall ein paar
der Laternentrger und einen der Wagen zurckzuhalten, als mir ein grell
aufleuchtender, lange anhaltender Blitz das Hnengrab zeigte, welches links von
der Stelle, wo ich stand, ungefhr hundert Schritt entfernt lag, und das ich bis
dahin nicht bemerkt hatte. Wollte ich von jenem Punkte aus einen freieren Blick
gewinnen? war es eine Ahnung? war es Beides? - aber ich stand in der nchsten
Minute an dem Fue des kleinen Hgels zwischen den mchtigen Steinen. Abermals
flammte ein blendend heller Blitz auf, und ein Grausen durchzuckte mich, und
meine Haare begannen sich zu struben. Da, oben, neben den vom Sturm zerzausten
Haselbschen, stand, umflossen von der gespenstischen Helle, mit flatternden
Haaren, das arme Mdchen, das nach dem Geliebten ausschaute, der im Sumpf
ertrunken war. Und nun wieder rabenschwarze Nacht um mich her, und dann ein
krachender Donner, in welchem mein lauter Angstruf verhallte. War ich wahnsinnig
geworden? Aber noch whrend der Donner krachte, inmitten der Finsterni, die
mich rabenschwarz umgab, kam es wie eine himmlische Erleuchtung ber mich, da
mein Herz hoch hpfte und mein Mund laut aufjauchzte, und ich war oben, ich
hatte sie gefunden, ich hob sie in meinen Armen in die Hhe und jauchzte wieder,
und sie schlang ihre Arme um mich, und schmiegte sich an meine Brust, fest, so
fest! und dann kniete ich vor ihr und sie beugte sich zu mir und sagte:
Schnell, schnell, jetzt im Dunkeln, wo ich Dich nicht sehe: ich liebe Dich! ich
liebe Dich!
    Und ich Dich!
    Mich ganz allein?
    Ja, ja!
    Ganz allein mich? Ganz allein mich? und wenn die Erde sich jetzt aufthte
und uns verschlnge, ganz allein mich?
    Ja, ja!
    Wieder flammte ein Blitz auf, secundenlang Alles in Tagesklarheit hllend.
Sie lachte und jubelte laut auf und rief, sich in meine Arme strzend: Nun sehe
ich Dich, nun darf ich Dich sehen! O, wie schn das ist! wie schn Du bist! So!
trag' mich den Hgel hinunter; nur bis zu den Steinen! Jetzt la mich los, Du
Starker, Du mein Held! Du mein Alles!
    La mich Dich weiter tragen, ich kann es!
    Ich wei es, wrde ich Dich sonst so lieben? aber la mich. Du darfst nicht
glauben, da ich ein Schwchling bin!
    Ich hatte sie aus meinen Armen auf einen der groen Steine gleiten lassen;
sie legte mir die Hand auf die Schulter - ich sah einen Moment dicht vor mir ihr
ses, trotziges Gesicht und ihre wie sonst zornig leuchtenden Augen - und sie
sagte durch die Zhne: vergi es nicht, vergi es nie, da ich kein Schwchling
bin, wie die andern Weiber, und da, wenn Du nicht gekommen wrst, mich zu
suchen, ja, wenn Du auch mich nur nicht gefunden httest, ich mich hier im
Sumpfe ertrnkt htte, und da ich mich in dem Augenblick tdten werde, wo Du
mich nicht mehr liebst! Und nun komm!
    Sie warf sich an meine Brust, und glitt aus meinen Armen herab auf den
Boden. Wir gingen Hand in Hand ber die Haide, wo uns die fortwhrend
aufleuchtenden Blitze den pfadlosen Pfad zeigten, wo uns die Donner umrollten,
und der Regen, der so lange gezgert hatte, in immer dichteren, schweren, warmen
Tropfen und dann in Strmen herabzurauschen begann. Was war uns Sturm und
Gewitter? was war uns, da wir auf der Haide, von allen andern Menschen
verlassen, gegen Sturm und Gewitter ankmpften? Es war eben die grte Seligkeit
fr mich: zu wissen, da ich sie beschtzen durfte, da ich sie beschtzen
konnte da ich wahrlich Kraft genug hatte, die Geliebte, wenn es sein mute, bis
nach Trantowitz und nach Zehrendorf zu tragen; - fr sie, sich von mir
beschtzen zu lassen, den sie so lange geliebt, der jetzt ihr eigen war, und es
geworden war, ganz so, wie ihr trotziges Herz, wie ihr phantastischer Sinn es
verlangten. Und das kam nun Alles, Alles auf ihre Lippen, in abgerissenen wirren
Stzen, in Gedanken und Bildern, die aufleuchteten und verschwanden, wie die
Blitze um uns her, und bald diese Erinnerung wach riefen und bald jene, gerade
wie die Gegenstnde um uns her aus dem Dunkel aufleuchteten, und wieder im
Dunkel verschwanden: die braune Haide, das blinkende Moorwasser, und dann im
Walde die Bsche rechts und links und die riesigen Stmme der Bume, deren
mchtige Zweige jetzt von der daherstrmenden Windsbraut wild durcheinander
gepeitscht wurden, da es ein Knarren und Aechzen und Sthnen und donnerndes
Rauschen war, als sollte die Welt untergehen. Aber je wilder es um uns her
tobte, desto lauter jubelte sie auf, und lachte wie toll, wenn Keines mehr vor
dem Lrmen um uns her die Worte des Andern verstand, und wir uns, was
unverstndlich blieb, von den Lippen kten. Ja, sie wurde ganz zornig, als
jetzt, nachdem wir den Wald fast schon durchschnitten hatten, ein paar Laternen
aufleuchteten, die sich schnell auf uns zu bewegten.
    Wollen wir davonlaufen, sagte sie ernsthaft; und dann klatschte sie in die
Hnde, als wir jetzt des guten Hans mchtige Stimme: halloh, halloh! schreien
hrten.
    Er ist's, rief sie, mein guter Hans, mein lieber Hans, mein bester Hans!
Er soll der Erste sein, der es erfhrt. Es hat keiner ein besseres Recht
darauf.
    Da war auch schon Hans, der den beiden Knechten vorausgeeilt war, uns mit
hochgehaltener Laterne in das Gesicht leuchtend, und abermals mit der ganzen
Kraft seiner Lunge: halloh, schreiend, diesmal aber vor Freude, da er uns so
glcklich gefunden. Ja, so glcklich! - so glcklich, da er die Laterne auf den
Boden setzen, und erst Hermine, und dann mir, und dann wieder ihr und nochmals
mir die Hnde schttelte und immer wieder schtteln mute, indem er dabei
fortwhrend: so, so! sagte, als ob wir ein paar eigensinnige, junge Pferde
wren, mit denen er sich lange abgeqult und die er endlich zur Raison gebracht.
    Die beiden Knechte waren ebenfalls herangekommen. Die armen Menschen,
sagte Hermine; sie mssen auch vergngte Gesichter machen. Gieb mir schnell,
was Du bei Dir hast; und Sie, Hans, es ist ganz gleich, gebt nur, gebt!
    Ich mute meine Brse - es war nicht viel darin - in ihre Hnde ausschtten
und Hans suchte in allen Taschen herum und fand einige zerknitterte
Tresorscheine, die sie ebenfalls nahm und den beiden Leuten gab, die mit offenem
Munde dastanden und nicht wuten, wie ihnen geschah. Ein paar Thaler waren
hingefallen. Die Leute sagten: es wre eine Snde, das liebe Geld da liegen zu
lassen, und fingen an zu suchen, whrend wir Drei weiter gingen und Hans
berichtete, da die ganze Gesellschaft jetzt bei ihm zu Hause sei und da er
bereits anspannen lasse, um sie auf Leiterwagen - andere hatte Hans nicht - nach
Zehrendorf fahren zu lassen, wohin er auch bereits einen reitenden Boten
geschickt habe, damit man dort seine Vorkehrungen treffe.
    Wir Beide gehen! rief Hermine; nicht wahr, Georg? aber ansehen wollen wir
uns die Gesellschaft; es mu ein sonderbares Bild sein, und jetzt habe ich den
Humor dazu. O, ich bin so glcklich, so glcklich!
    Es war in der That ein sonderbares Bild, das sich uns darbot, als wir das
verfallene Herrenhaus von Trantowitz erreichten. Auf dem weiten, kahlen Flur, in
Hans' enger Stube, in dem Heiligthum seines Schlafgemaches sogar, in der Kche,
zu der man von dem Flur gelangte, irrten und wirrten Hausleute, die helfen
sollten, und die verunglckten Vergngungsfahrer durcheinander, rufend,
scheltend, weinend, lachend, je nachdem sie sich in die Situation zu finden
wuten oder nicht. Zu den Ersteren gehrte ohne Zweifel Fritz von Zarrenthien
und seine kleine Frau, die von Hause aus die lustigsten, vergnglichsten und
zugleich harmlosesten Geschpfe waren, wenn sie auch in dem Sturm auf der Haide
sich nicht viel besser gehalten hatten als die Andern. Jetzt aber prahlte Fritz,
whrend er in der Kche, mit Hlfe der Kchin, einen Weinpunsch braute, von den
Heldenthaten, die er, wenn man ihm glauben durfte, im Verlauf des Abends
ausgefhrt hatte und seine kleine, behende, lachlustige Frau bemhte sich um die
Damen, die auer ihr smmtlich in der bsesten Laune und freilich auch in der
traurigsten Verfassung waren. Die Steuerrthin sa in Hans' Lehnstuhl, wie eine
Knigin, welche der Sturm der Revolution vom Throne gefegt und welcher bei der
Gelegenheit die falschen Haare zerzaust und die Schminke von den Backen gewischt
hat. Auf dem Sopha hielten sich die beiden Eleonoren innig umschlungen und
weinten, eine an dem Busen der anderen, die heiesten Thrnen, ohne da irgend
Jemand, vielleicht auch sie selbst nicht, zu sagen gewut htten, worber; es
wre denn ber ihre durchweichten Strohhte und ihre verregneten Kleider
gewesen, die ihr Unschuldswei von heute Morgen mit einer absolut unbestimmten
Farbe vertauscht hatten. Die derbe Frau von Granow stand vor Frulein Duff,
welche halb ohnmchtig auf Hans' Stiefelkiste kauerte und bewies ihr, da in
solchem Fall sich Jeder selbst der Nchste sei, und da, wenn Frulein Hermine
wirklich in dem Sumpfe ertrunken wre, ihr - der Gouvernante - daraus kein
vernnftiger Mensch auch nur den geringsten Vorwurf machen knne.
    Nein, Duffchen, nicht den geringsten Vorwurf! rief Hermine, welche eben
mit uns durch die offene Thr hereingetreten war und die letzten Worte gehrt
hatte; Duffchen, liebes, einziges Duffchen!
    Und die Aufgeregte fiel ihrer alten, treuen Gouvernante um den Hals und
drckte und kte sie unter leidenschaftlichen Thrnen.
    Wenn eine so sensitive Natur, wie die Frulein Duff's, fr die Bedeutung
solcher Liebkosungen, solcher Thrnen noch einer Erklrung bedurft htte, so
wurde ihr dieselbe jetzt in der groen Gestalt eines Mannes, der in dem Rahmen
der Thr stand und mit vermuthlich leuchtenden Augen auf die Gruppe blickte. Sie
streckte ihm beide Arme entgegen und rief, aller ausgestandenen Leiden
vergessend: Richard, habe ich es nicht gesagt: suche treu, so findest Du!
    Dieses Wort, das die gute Dame mit der Stimme eines Heroldes, der den
Ausgang des Turniers verkndet, berlaut ausgerufen hatte, schreckte die im
Zimmer Befindlichen jh empor. Die beiden Eleonoren lieen einander aus den
Armen, sahen hin, sahen sich an; die zweite lie ihren Kopf auf die Schulter der
ersten sinken und murmelte etwas, wovon ich nur die Worte: der Verrther!
verstand.
    Das war nun vielleicht, Alles in Allem, ein rhrendes Bild; aber ein
erschreckliches gewhrte die Steuerrthin. Die Ahnung eines hereindrohenden
Unheils hatte auf ihrer schmalen durchfurchten Stirn, auf ihren eingefallenen,
entschminkten Wangen, in ihren starren, runden Schlangenaugen gelegen; sie hatte
es kommen sehen den ganzen Tag. Vergebens, da sie mit mtterlichen Armen den
lieben Sohn zu schtzen versucht hatte vor den Pfeilen der bsesten Laune,
welche das stolze, unwillige Mdchen auf ihn abgeschossen; vergebens, da Arthur
sich in der Ananas-Bowle frischen Muth in so schwerer Bedrngni und
Standhaftigkeit zur Ertragung seiner Leiden zu schpfen versucht hatte - das
Unglck war geschehen und hier, hier stand es vor ihren Augen, vor den Augen der
geborenen Baronesse Kippenreiter, der Mutter des liebenswrdigsten aller Shne,
der leiblichen Tante dieses undankbaren Geschpfes! Es war zu viel, zu viel! Die
entthronte Knigin schnellte empor, an allen Gliedern zitternd: warf, da sie
unfhig war, ein Wort zu sprechen, einen vernichtenden Blick auf Hermine, die
sich lachend in meine Arme strzte und schwankte in die Kammer, wo, wie ich
hernach erfuhr, der gebeugte Vater an dem Lager seines Kronprinzen wachte,
dessen armselige Seele nicht einmal im Stande war, zu begreifen, was er und sein
Haus unwiederbringlich verloren hatten.
    Weg, weg, ihr Bilder! ihr Gestalten! ihr sollt mir nicht die schne
Erinnerung dieses Abends trben! Ich will euch nicht ganz abweisen - wei ich
doch, da ich es nicht knnte, wenn ich auch wollte! - aber drngt euch nur
nicht vor! wollet mich nicht glauben machen, da ihr es seid, um derenwillen wir
leben, um derenwillen wir gedenken! Auch ihr mt sein, freilich! und wohl dem,
der das begriffen hat, und sich ein muthiges Gelchter bewahrt hat in der Brust,
um euch wegzuspotten, wenn ihr euch nicht auf die Seite weisen lassen wollt.
Auch ihr mt sein! Aber um der schmutzigen, schwarzen Erde willen, die an den
zarten Wurzeln hngt, graben wir sie nicht aus, der Liebe rothe Rose, tragen sie
an unserm Herzen nach Haus, pflanzen sie im stillen, sonnigen Raum und pflegen
und hegen sie, wie wir knnen! - Wer wei, wie lange wir es knnen!

                          Zweiundzwanzigstes Capitel.


Wer wei, wie lange wir es knnen! Vielleicht nicht lange, vielleicht nur kurze,
nur allzu kurze Zeit! Es ist ein melancholisches Wort und nur leider das rechte
an der Spitze dieses Abschnittes der Geschichte meines Lebens, den ich mit
zgernder Feder beginne. Aber der Leser frchte nichts! Es war, als ich mich
entschlo, dies Buch zu schreiben, nicht meine Absicht, sein Gemth, das
vielleicht von den Pfeilen und Schleudern des Geschicks nur schon zu viel
gelitten hat, noch mehr zu verdstern. Nicht den Muth des Lebens wollte ich ihm
rauben oder auch nur schmlern, wenn ich ihm erzhlte, was der Jngling in
seines Sinnes Thorheit gefehlt und was er in seinem Herzen gelitten hat; ich
gedachte vielmehr, ihm die Freudigkeit des Handelns, die Fhigkeit des Duldens
und die vielleicht noch schwerere der Duldung einzustoen; und so wollen wir
denn auch gemeinsam, was etwa Schweres dem Manne noch beschieden ist, mit
einander in der Erinnerung durchleben, die ja auch das Schwerste leicht in ihre
Gtterarme nimmt. Nein, nein! der Leser, der vielleicht mein Freund geworden
ist, mag den Freund ruhig weiter auf seinem Lebenswege begleiten!
    Und zuerst in das Zimmer des Commerzienrathes, in welches ich am nchsten
Morgen zehn Uhr mit einem Herzen eintrat, das vielleicht ein wenig unruhig, aber
ganz gewi nicht bnglich schlug. Ich htte auch keinem Muthlosen rathen mgen,
dem Manne heute Morgen entgegenzutreten, der wie ein Toller in dem Gemache auf-
und ablief, um dann vor mir stehen zu bleiben, mich mit wthenden Blicken von
oben bis unten zu betrachten, abermals umherzulaufen, abermals vor mir stehen zu
bleiben und zu rufen: So, so! Sie wnschen also meine Tochter zu heirathen?
    Es ist ein Wunsch, der vor zehn Jahren nichts Abschreckendes fr Sie hatte,
Herr Commerzienrath; - auf dem Deck des Pinguin, als wir zu Ihren Austernbnken
fuhren; erinnern Sie sich nicht?
    Herr, lassen Sie die Narrenspossen! Ich frage Sie noch einmal: Sie - Sie
erkhnen sich, mein Schwiegersohn werden zu wollen?
    Verzeihen Sie, Herr Commerzienrath: Sie fragten vorhin, ob ich Ihr Frulein
Tochter heirathen wolle.
    Das ist dasselbe.
    Sie haben recht und deshalb thten Sie vielleicht besser, Herr
Commerzienrath, wenn Sie mich gleich als Ihren Schwiegersohn, oder sagen wir,
als Ihren zuknftigen Schwiegersohn anshen und demgem behandelten.
    Ich hatte das in einem sehr festen und ernsten Tone gesagt, von welchem ich
wute, da er seinen Eindruck auf das im Grunde feige Herz des Mannes selten
verfehlte. Auch jetzt wich er instinctiv ein paar Schritte vor mir zurck,
setzte sich in seinen Lehnstuhl, nahm, der Abwechslung halber, anstatt der
hhnischen Miene, eine sehr mrrische an und sagte im trockensten Geschftston:
    Also, Sie wollen mir die Ehre erweisen, Herr Georg Hartwig, meine Tochter
Hermine zur Gattin zu begehren. Da wre es nun wohl das Erste, was uns zu thun
oblge, ber die Ansprche, die Sie machen knnen, ber die Stellung, die Sie in
der Welt einnehmen, ber Ihre persnlichen Verhltnisse mit einem Worte, in's
Klare zu kommen. Sie sind, so viel ich wei, der Sohn eines Subaltern-Beamten in
Uselin, ein junger Mensch, der in seiner Jugend niemals hat gut thun wollen, der
darauf fr ein abscheuliches Verbrechen mit acht Jahren -
    Sieben Jahren, Herr Commerzienrath -
    Mit Voruntersuchung und nachtrglicher Strafe acht Jahren Zuchthaus -
    Gefngni, Herr Commerzienrath -
    Bestraft ist; der dann, Dank der Nachsicht der Behrden, die durch die
Finger sahen -
    Meine Papiere sind in der vollkommensten Ordnung, Herr Commerzienrath -
    Whrend ein paar Monaten in meiner Fabrik das Nothdrftigste des
Schlosserhandwerks gelernt hat; und jetzt mit dem betrchtlichen Vermgen von -
    Funfzig Thaler baar, hundertsechzig Thaler ausstehende Schulden, die ich
aber wohl nie bekommen werde, Herr Commerzienrath -
    Und fge ich hinzu, mit den entsprechenden Aussichten in die Zukunft, -
denn was Sie mir vorgestern von den Vorschlgen erzhlten, die Ihnen Seine
Durchlaucht gemacht haben soll, so gebe ich darauf nichts - der also, als ein
solcher Mensch, mit solcher Vergangenheit, in einer solchen Stellung, mit einem
solchen Vermgen und einer solchen Zukunft, um die Hand der Tochter des
Commerzienraths Streber wirbt.
    Aufzuwarten, Herr Commerzienrath.
    Mein zuknftiger Schwiegervater warf unter seinen buschigen Augenbrauen
einen prfenden Blick in mein Gesicht, welches ihm sagen mochte, da der
Versuch, mich zu demthigen, von ebenso geringem Erfolg war, wie die
Einschchterungs-Methode, mit der er begonnen. Es mute ein anderes Register
aufgezogen werden. Er sttzte die kahle Stirn in die Hand, hllte sich in eine
dichte, schwarze Wolke des Schweigens, aus welcher er pltzlich nach mir mit den
heftigen Worten schnappte:
    Wenn ich nun aber gar nicht der Millionr, gar nicht der reiche Mann bin,
fr den Sie mich, wie alle Welt, bisher gehalten haben - wie dann, Herr, wie
dann!
    Der Commerzienrath war aufgesprungen und stand vor mir, der ich mich ihm
gegenber gesetzt hatte, die Hnde auf dem Rcken, vornbergebeugt und seine
stechenden Augen in meine bohrend.
    Dann wrden die Verhltnisse fr mich genau so liegen, wie vorher, um so
mehr, als mir schon lngst Ihr vielgepriesener Reichthum ernstlich zweifelhaft
gewesen ist, Herr Commerzienrath.
    Die stechenden Blicke tauchten in den wssrigen, unbestimmten Nebel zurck.
Der Commerzienrath warf sich in seinen Stuhl, schlug mit den Hnden auf die
Lehne, brach in ein krhendes Gelchter aus, das in einem Hustenanfall endigte,
und rief zwischen dem Krhen und Husten: es ist zu gut! - dieser junge Mensch -
ernstlich zweifelhaft - schon lange - es ist zu gut, wirklich zu gut!
    Der Hustenanfall wurde so bengstigend, da ich aufsprang und den alten
Herrn sanft auf den Rcken zu klopfen begann. Pltzlich ergriff er meine linke
Hand und sagte in einem klglich-weinerlichen Ton: Georg, mein lieber Junge, es
ist mein einziges Kind! Sie wissen nicht, was das heit: die Sttze, die Freude
eines alten, gebrechlichen Mannes, der morgen sterben kann! und Ihr wollt nicht
einmal die paar Stunden warten! O, es ist grausam, grausam; da ich das erleben
mu!
    Ach, wohl hatte Kassandra Recht, wenn sie sagte, da es schwer halte: die
Rnke dieses verschlagenen Greises zu ergrnden. Er hatte sein bestes Mittel
bis zuletzt aufgespart. War ich nicht einzuschchtern oder abzuschrecken, so war
ich doch vielleicht zu rhren; und ich war wirklich gerhrt und sagte, indem ich
die plumpen, welken Hnde, die ich in den meinem hielt, herzlich drckte: Ich
will Ihnen Ihr Kind nicht rauben -
    Also wirklich nicht? Gott segne Sie! rief der Commerzienrath, indem er wie
electrisirt aufsprang. Sie sind ein Mann von Wort; ich habe Sie nie anders
gekannt, ich nehme Sie beim Wort!
    Wenn Sie es ganz gehrt haben, Herr Commerzienrath. Ich sagte, ich werde
Ihnen Ihr Kind nicht rauben, weil Hermine, auch wenn sie mein Weib ist, nicht
aufhren wird, ihren Vater zu lieben und zu ehren, wie sie es jetzt thut, und
weil Sie auerdem an mir einen guten Sohn erwerben werden, dessen Sie sehr
bedrfen, wenn Sie der reiche Mann sind und im anderen Falle vielleicht noch
mehr bedrfen. Ich glaube Ihnen bereits bewiesen zu haben, da ich auer dem
Notwendigen des Schlosserhandwerks auch noch einiges Andere wei und verstehe,
womit ich den Mangel eines Vermgens vielleicht ersetzen kann.
    Der verschlagene Greis sah mich an, mit einem Blicke, der mir deutlich
bewies, da seine Knste vor der Hand erschpft seien. Vielleicht war es keinen
Moment seine ernstliche Absicht gewesen, mir die Hand Herminens vorzuenthalten,
denn ich glaube nicht zu irren, wenn ich sage, da es ihm zu einem so
energischen Schritte der stolzen, willensstarken Tochter gegenber jederzeit an
Muth gefehlt htte, geschweige denn jetzt, wo sie ihm mit der ganzen
Siegesgewiheit, geliebt zu werden, wie sie liebte, gegenberstand. Aber es lag
nicht in seiner Art, etwas, es mochte sein, was es wolle, zu geben, wie gute
Menschen geben: aus freier Seele, ohne zu markten und zu feilschen. Und so hatte
er denn gemarktet und gefeilscht und fuhr nun fort zu markten und zu feilschen
und seine Seele vor mir zu verhllen, da, als ich nach einer Stunde von ihm
ging, ich ber Alles, was mir zu wissen wnschenswerth sein mute, ber den
Stand seiner Angelegenheiten zumal, unklarer war, als je zuvor. Aber eines hatte
ich denn doch erreicht und ber allen Zweifel erhoben: da Hermine die Meine
werden solle, und da dies, wie mir Jeder zugeben wird, die Hauptsache war, so
glaubte ich nicht bermig leichtsinnig zu handeln, wenn ich vorlufig alles
Andere auf die leichte Achsel nahm.
    Es war mir das nicht schwer geworden, selbst in sehr trben Lagen meines
Lebens, wie sollte es jetzt, da ich so glcklich war! Wie sollten jetzt, da ich
Herminens wundervolle Augen im herrlichsten Glanze strahlen sah, die neidischen,
heuchlerisch-freundlichen Blicke gewisser anderer Menschen mich unglcklich
machen? Und an solchen Blicken fehlte es in der That nicht, ebensowenig wie an
den Worten, mit denen dergleichen Blicke begleitet zu werden pflegen.
    Ich habe es freilich immer gewut und es oft genug zu Ihrem seligen Herrn
Vater, meinem theuren Freunde und Collegen, gesagt, da aus Ihnen einmal etwas
ganz Bedeutendes werden msse. Ja, ja, lieber Georg - ich darf Sie doch noch bei
dem alten vertrauten Namen nennen? - meine Prophezeiung ist eingetroffen, wenn
auch in anderer Weise, als ich dachte. Nun, nun, das hat wohl so kommen sollen,
und es ist vielleicht, Alles in Allem, recht gut, da es so gekommen ist. Sie
sind immer ein guter Mensch gewesen, dessen Hand stets offen war fr die
Bedrngten. Sie werden diese gtige Hand einem armen, alten Mann nicht
entziehen, der jetzt auf Sie, als seine letzte Hoffnung blickt.
    Und der Steuerrath berhrte mit dem Finger, an welchem der ungeheuerliche
Siegelring prangte, den inneren Winkel seines linken Auges und wischte mit dem
Batisttuche ber sein blasses, aristokratisches Gesicht.
    Ich habe Sie meinem Arthur stets als Muster aufgestellt, sagte die
Geborene; wissen Sie wohl noch, als Ihr zusammen in die Schule ginget und die
Lehrer immer von Ihnen des Lobes voll waren? O Gott, ich sehe Euch noch, Ihr
wilden, bermthigen Knaben, wie treu Ihr aneinander hinget und Einer immer fr
den Andern eintratet! Wenn das doch so bleiben mchte, seufzte ich damals aus
der Tiefe meines mtterlichen Herzens, denn es ahnte mir, wie sehr dereinst mein
guter, wankelmthiger Arthur des starken, besonnenen Freundes bedrfen wrde.
Ach, meine Ahnung ist zur Wahrheit geworden! Mchte doch der Himmel auch meine
Bitte erhrt haben: mchten Sie, Georg, nie vergessen, was er Ihnen einst
gewesen ist, mchten Sie nie den Genossen Ihrer Jugendspiele vergessen!
    Und die Geborene drckte krampfhaft meine beiden Hnde und hob ihr Gesicht
so nahe wie mglich zu dem meinen empor, als ob sie mir Gelegenheit geben
wollte, den ganzen Apparat ihrer falschen Locken, Zhne, Farben, Mienen, Blicke,
endlich einmal grndlich kennen zu lernen.
    Ich wei es nicht seit gestern, was fr ein glcklicher Kerl Du Zeit Deines
Lebens gewesen bist, sagte Arthur mit sehr trbseliger Miene; glcklich in
allen Dingen und den Weibern gegenber am glcklichsten. Hast Du sie doch von
jeher um den kleinen Finger wickeln knnen, Du Schwerenther! Weit Du in der
Tanzstunde: Aennchen Lachmund und Elise Kohl und Emilie! hahaha! Emilie! Denkst
Du wohl noch daran, als wir uns ihretwegen auf dem Pinguin fast in die Haare
geriethen? Das arme Mdchen! Da geht sie, Arm in Arm mit Elisen, klagend um's
verlorene Glck! Ich werde mich wohl der Aermsten annehmen mssen; ein
Exlieutenant und ein Exgesandtschafts-Secretair, mit dem es berall sonst
ebenfalls ex ist, mu schlielich mit Allem zufrieden sein.
    Und Arthur lachte gell auf, schlug sich mit der Faust vor die Stirn und
erklrte, da, wenn er auch nicht mehr viel tauge, er am Ende doch wohl einen
Schu Pulver werde an sich wenden drfen.
    Emilie Heckepfennig hatte schon an dem nchsten Morgen die Nhe des
Verrthers fliehen und abreisen wollen, war dann aber doch geblieben, sei es,
weil die Sttte ihres Unglcks doch mehr Anziehungskraft ausbte, als sie
zuzugeben geneigt war, sei es, weil der Justizrath, der noch nicht von Uselin
zurckgekehrt war, ihr wirklich geschrieben hatte, sie solle bleiben, bis er
komme, sie zu holen. Unterdessen ging das unglckliche Mdchen herum, als ob sie
dem sentimentalsten Maler zum Urbild einer Resignation dienen sollte, sich
fortwhrend dergestalt auf den Arm der Freundin lehnend, da ich die Muskelkraft
der letzteren jungen Dame, die seit zwanzig Jahren dem Grabe zuwankte, nicht
genug bewundern konnte. Dabei sah sie mich einmal mit den Augen des sterbenden
Rehes an, und warf mir dann wieder einen Blick zu, in welchem deutlich
geschrieben stand: Du wirst es noch einmal bereuen!
    Da ich mich ber die Bedeutung dieses Blickes nicht getuscht hatte, bewies
mir eine Unterredung, zu welcher mich der Justizrath, als er nach einigen Tagen
zurckkehrte, mit einer vertraulich-geheimnivollen Miene einlud. Der wrdige
Mann schttelte mir wiederholt die Hnde, versicherte mich, da wir auch nach
meinem groen Coup, wie er sich ausdrckte, die guten Freunde bleiben wrden,
die wir vorher gewesen, strich dann pltzlich den Hahnenkamm auf seinem Schdel
in die Hhe, nahm eine bedenkliche Miene an, - ich kannte diese Miene aus meiner
Untersuchungshaft noch zu wohl! - und sagte: Junger Mann! verzeihen Sie: mein
lieber, junger Freund! jung, wie Sie sind, hat das Leben Sie doch schon gelehrt,
da jedes Ding seine zwei Seiten hat und da bei weitem nicht Alles Gold ist,
was glnzt. Wollen Sie einem alten, bewhrten Freunde Ihres Hauses verstatten,
Ihnen einen Rath zu geben, der nach meiner innigsten Ueberzeugung befolgt zu
werden verdient und auf alle Flle ehrlich gemeint ist, so nehmen Sie die
Offerte an, die Ihnen Seine Durchlaucht gemacht hat, unter jeder Bedingung!
unter jeder Bedingung!
    Er wollte sich nach diesen Worten entfernen; ich hielt ihn zurck und sagte:
    Sie mssen selbst fhlen, Herr Justizrath, da ich Sie um nhere Erklrung
eines Rathschlages ersuchen mu, der in diesem Augenblicke von Ihnen zu mir
gewi befremdlich genug klingt.
    Fragen Sie mich nicht weiter, sagte der Justizrath mit abwehrender
Handbewegung.
    Sie haben mich seiner Zeit so viel gefragt, und so viel mehr, als mir lieb
war, da mir eine kleine Revanche wohl vergnnt sein mag, erwiederte ich
lchelnd.
    Verlangen Sie von einem alten Juristen, da er ihm anvertraute
Geschfts-Geheimnisse ausplaudern soll? rief der Justizrath und der Hahnenkamm
zitterte vor Unwillen.
    Ich war entschlossen, mich nicht so abweisen zu lassen und sagte: Ich will
Ihnen entgegenkommen, Herr Justizrath. Ich habe meine Grnde, zu glauben, da
die Angelegenheiten des Commerzienraths nicht so glnzend stehen, als man fr
gewhnlich annimmt; und wenn Sie so discret sind, mit der Auslegung eines
Rathes, der nur eine Auslegung hat, zurckzuhalten, so hat der Frst diese
Discretion nicht gehabt, als er mir die bewute Offerte machte.
    Der Justizrath that, als ob er selbst eines der bedauerlichsten Opfer seines
inquisitorischen Genies sei und keinen anderen Ausweg she, als dem gestrengen
Richter ein offenes Bekenntni abzulegen.
    Ich will Ihnen nur Eines sagen, erwiederte er. Der Commerzienrath ist am
vorigen Freitag mit mir in Uselin gewesen, um Wechsel im Betrage von
hunderttausend Thalern unterzubringen, mit denen ich diese vier Tage von Pontius
zu Pilatus gegangen bin, bis sie mir endlich Moses in der Hafengasse mit einem
sehr kleinen Ziel und einem sehr groen Agio discontirt hat. Sapienti sat! wie
wir Lateiner sagen!
    Und der Justizrath strich mit beiden Hnden den Hahnenkamm zur wrdevollsten
Hhe und bewegte sich nach der Thr, blieb aber in dieser stehen, kam wieder
einige Schritte auf mich zu und sagte, mit der Miene eines Mannes, der sich von
dem Grabe seiner Hoffnungen nicht trennen kann: Denken Sie nicht geringer von
mir, weil ich mich zu einem Vertrauensbruch habe verleiten lassen, der meinem
Stande, meinen Jahren und, ich darf wohl sagen, meinem Charakter so schlecht
entspricht; aber ich habe Ihnen ja nur gesagt, was Sie eigentlich schon wissen,
oder doch auf jeden Fall ber kurz oder lang wissen werden, und, Georg - hier
seufzte der Justizrath und lchelte schmerzlich - Georg, was Sie dem gewiegten
Geschftsmanne nicht verzeihen werden, das verzeihen Sie vielleicht dem Vater.
Auch ich habe nur eine Tochter und bin, Gott sei Dank, ein reicher Mann.
    Der reiche Mann, der nur eine Tochter hatte, ging zur Thr hinaus, in dem
Augenblicke, als Wilhelm durch dieselbe mit einem Briefe hereintrat, den eben
der Postbote gebracht hatte und dessen Siegel ich mit zitternden Hnden brach.
    Mein lieber Georg, mein Bruder! So ist denn endlich erfllt, was ich so
lange gewnscht, gehofft; und weil es doch wohl zu Deinem vollen Glcke gehren
wird, da ich unter den Krnzewinderinnen nicht fehle, so nimm auch meinen
Strau mit den anderen. Ich habe Alles hineingebunden, was nur Liebes und Gutes
eine Menschenseele der anderen wnschen kann: alles Heil und allen Segen, wie es
aus meinem tiefsten Herzen fr Dich quillt, fr Dich, meinen Freund, meinen
Bruder, unseren Bruder, denn auch die Jungen kommen zu ihrem Aeltesten und
neigen sich vor ihm, der nun gekrnt ist, wie er es verdient. Trage sie stolz
Deine holdselige Krone! und mge nie eine Hand daran rhren, die weniger rein
ist, als die der Frau, die mir eben ihre Hand auf die Schulter legt und ihr
Antlitz auf das Blatt neigt, das ihre Augen nicht mehr sehen, und zu mir leise
spricht: er bleibt uns doch, was er uns gewesen ist.
    Auch dieser Brief trgt Spuren von Thrnen; aber meine Augen waren es, die
sie weinten, und Freudenthrnen sind es gewesen, die aus meinen Augen warm und
gro herabfielen auf das Blatt. Und als ich die dankbaren Blicke emporrichtete,
da war die Wolke verschwunden, die einzige Wolke, die an meinem Himmel gestanden
hatte, und er blickte freudig auf mich herab, wie der Frhlings-Aether, der sich
in diesen Tagen so glorreich ber Land und Meer breitete.
    Ja, in diesen glorreichen Tagen, die mir sind, als ob es damals keine Nacht
gegeben habe und keine Dunkelheit, sondern immer nur Tag und Licht und wonniges
Leben. Nicht allzu viele waren ihrer, diese Tage, und vielleicht war das gut.
Wer von uns Erdgeborenen, und sei ihm das Ma seiner Kraft noch so voll
gemessen, knnte lange ungestraft an der Tafel der Gtter schwelgen!
    Aber, viel oder wenig, heilig sollst du mir sein, Erinnerung dieser
gttlichen Tage! und heilig soll mir sein, was nur immer an diesen Tagen Theil
hatte und ihre Kostbarkeit erhhte: heilig, strahlende Sonne du, und ihr
rauschenden Wlder, durch die ich an der Seite der Geliebten schweifte, und ihr
dmmrigen Felder, ber die ich mit ihr wandelte, so selig, als ob es schon die
elyseischen wren! und ihr, ihr lieben Lerchen, die ihr trillernd in das
Aetherblau stiegt und stiegt, bis ihr unseren Blicken verloren waret und wir
dann Auge in Auge einen anderen Himmel suchten! und ihr, ihr sen Nachtigallen,
die ihr uns glauben machen wolltet, da ihr seliger wret, als wir!
    Ja, heilig sollst du mir sein, Erinnerung jener holden Tage! bist du doch
das Einzige, was mir davon geblieben ist!

                          Dreiundzwanzigstes Capitel.


Den seligen Tagen, von denen ich nicht mehr zu sagen wte, wie viel ihrer
gewesen sind, folgten andere, die ebenso voller Unruhe und mancherlei Trbungen
waren, wie jene voller Ruhe und Sonnenschein.
    Wir waren Alle in Berlin: der Commerzienrath, meine Braut, Frulein Duff und
ich; der Commerzienrath mit den Damen in einem Hotel; ich wieder in meiner alten
Clause auf dem ruinenhaften Hof, wo meine Gegenwart jetzt nthiger war, als je.
Allerdings nicht in den Augen Herminens, die lachend behauptete, da, htte das
Germpel nun schon so lange dagelegen, es auch noch einige Zeit lnger liegen
knnte. Ich war anderer Ansicht. In der That war keine Stunde zu verlieren. Ich
hatte dem Commerzienrath nach langem Reden und Zureden die Genehmigung zur
Ausfhrung meines Lieblingsprojectes glcklich abgelockt und abgetrotzt. Der
Bauplan war lngst fertig in meinem Kopfe und jetzt auch durch die Beihlfe
eines tchtigen Architecten fertig auf dem Papier. Es gab weniger und mehr zu
thun, als ich gedacht; aber wir hatten uns darber verstndigt, da wir bis zum
Herbst mit der Hauptsache zu Stande kommen wrden, und whrend des Winters
bereits in den neu errichteten Gebuden arbeiten knnten, vorausgesetzt, da uns
die nthigen Geldmittel nicht ausblieben. In Beziehung dieses letzteren
kritischen Punktes war ich allerdings nur halb im Klaren; freilich, ohne meine
Schuld. Es hatte mir trotz aller meiner Mhe nicht gelingen wollen, den
Commerzienrath zu einer offenen Darlegung seiner Verhltnisse zu vermgen. Noch
jetzt gedenke ich nicht ohne ein Gefhl peinlicher Beschmung der endlosen
Debatten, die ich mit ihm ber unsere gemeinschaftlichen Angelegenheiten hatte,
und aus denen ich einmal voll der schnsten Hoffnungen, und das andere Mal voll
schwerer Sorgen von ihm ging. Konnte er ber die nthigen Mittel verfgen?
Natrlich konnte er es, und es war eine Lcherlichkeit, nur im mindesten daran
zu zweifeln! Hatte er einen Beschlu von solcher Tragweite wirklich reiflich
erwogen? Natrlich hatte er es! Ob man ihn fr einen kindischgewordenen, alten
Mann halte, der nicht wisse, was er wolle? Das war eine bse Frage, die ich aus
sehr erklrlichen Grnden mich wohl htete, ihm jemals in das Gesicht zu
bejahen, und fr die ich doch in meinem Innern manchmal kaum eine andere Antwort
fand. Sicherlich war der Mann nicht mehr, der er gewesen war, der er gewesen
sein mute, um seine Hnde in hundert groen und schwierigen Unternehmungen
zugleich zu haben und alle zu seinem Nutz und Frommen auszufhren. In manchen
Augenblicken schien ihm ein Bewutsein von der Vernderung, die mit ihm
vorgegangen, aufzugehen, aber er klagte dann nicht sich, sondern die Zeit an,
die eine andere geworden sei, in der man mit den alten Theorien nicht mehr
durchkomme. Mit den alten Theorien, und er htte hinzusetzen sollen: mit den
alten Praktiken und Kniffen! War der Mann doch sein Leben lang ein Parteignger
der Fortuna gewesen; ein Freibeuter auf dem groen Meer des Handels und Wandels;
ein Ritter aus dem Stegreif auf der langen Karawanenstrae nach dem
Gold-Eldorado; ein Spieler an dem grnen Tisch des Zufalls, der oft
Kupferpfennige fr Goldstcke eingesetzt und, vom Glck und von der Zeit
begnstigt, Goldstcke fr Kupferpfennige eingestrichen hatte. Und nun war die
Zeit wirklich, wie er wohl herausfhlte, eine andere geworden, und - das Glck
hatte ihn verlassen. Er leugnete nicht, da er groe Verluste erlitten habe,
freilich ohne jemals sich darber anzulassen, wie gro diese Verluste in
Wirklichkeit seien. Er hatte niemals weder Schiff noch Ladung versichert, und
sich, wie er sagte, immer ausgezeichnet dabei gestanden; jetzt waren ihm kurz
hintereinander ein paar mit Mann und Maus untergegangen, und wenn er auch auf
die letzteren beiden Items kein sehr groes Gewicht lege, so sei es doch um die
besonders kostbaren Ladungen einigermaen schade; eine pltzlich eingetretene
Vernderung der Kornpreise hatte den Werth der ungeheuren Vorrthe, die auf
seinen Speichern in Uselin lagerten, auf die Hlfte herabgesetzt; dazu das
Fehlschlagen seiner Hoffnungen auf Zehrendorf, an das der junge Frst, dessen
Vater noch immer schwer krank in seiner Residenz Prora darniederlag, nicht mehr
zu denken schien, und fr welches Herr von Granow, der frher so eifrig gewesen,
pltzlich nichts mehr bieten wollte, wie ich vermuthete: auf Antrieb des
Justizraths, der von den Angelegenheiten des Commerzienraths mehr wissen und von
diesem seinem Wissen einen bleren Gebrauch machen mochte, als irgend mit den
Interessen seines Clienten vertrglich war. Anderes kam hinzu. Die lange und
vielfach gewundene, nach Uselin fhrende Wasserstrae zwischen der Insel und dem
Festlande hatte sich in Folge grblicher Vernachlssigung von Seiten der
Regierung so verschlechtert, da schon jetzt nur noch Fahrzeuge von geringem
Tiefgang aus- und einlaufen konnten, und die Gefahr einer vollstndigen
Versandung kaum vermeidlich schien. Damit war aber der Handel der Stadt, dessen
bedeutenderer Theil in den Hnden des Commerzienraths geruht hatte, so gut wie
vernichtet; die groen Hafen-Anlagen, die er zum Theil auf seine Kosten
hergestellt, seine riesigen Speicher und Etablissements waren werthlos geworden
oder doch tief im Werthe gesunken. Schon seit einer Reihe von Jahren hatte sich
der Handel immer mehr nach dem gnstiger gelegenen St. gewandt, und seitdem nun
diese Stadt gar mit der Hauptstadt und weiter mit dem Innern des Landes durch
eine Eisenbahn verbunden war, konnte Uselin vollends nicht mehr mit der
glcklicheren Schwester concurriren. Der Commerzienrath gerieth jedes Mal auer
sich, sobald er auf dies Thema kam; er erklrte die Eisenbahn fr eine Erfindung
des Teufels, und da es eine Snde und Schande sei, von ihm zu verlangen, er
solle nun noch das Satanswerk, das ihn ruinirt, mit seinen eigenen Mitteln
frdern. Stellte ich ihm dann vor, da der Speer, der die Wunde geschlagen, auch
Kraft besitze, die Wunde zu heilen; da er aus der neuen Conjunctur Vortheil
ziehen msse und in der glcklichen Lage sei, Vortheil und zwar den allergrten
ziehen zu knnen, wenn wir meinen Plan der Erweiterung unserer Fabrik nur
resolut durchfhrten, so erfate er diese Idee, die ihm einen Augenblick vorher
noch so abscheulich erschienen war, mit der grten Begeisterung, um den Tag
darauf Alles zu widerrufen.
    Es waren peinliche, peinliche Wochen, und der dstere Schatten, den sie
warfen, trbt noch jetzt in meiner Erinnerung den Sonnenschein, der, Gott sei
Dank, auch in dieser Zeit so manche Stunde umspielte.
    Mit wie reiner Freude erinnere ich mich meines Wiedereintritts in die
Fabrik, der ganz und gar einem Triumphzuge glich! Wie kam es mir jetzt bei dem
fast wunderbaren Glckswechsel, der in meinen Verhltnissen eingetreten war, zu
Statten, da ich seiner Zeit mit meinen Kameraden vom Hammer und von der Feile
stets brderlich verkehrt, da ich keine Gelegenheit hatte vorbergehen lassen,
ihnen gefllig zu sein, sie mit Rath und That zu untersttzen! Nie hat mich eine
Auszeichnung, nie ein Erfolg - und es hat in meinem spteren Leben an beiden
nicht gefehlt - so stolz gemacht, als das Bewutsein und die Gewiheit, da
unter allen diesen Mnnern mit den harten, schwieligen Hnden und den ernsten,
von der Arbeit, ach! und nur zu oft von der Sorge durchfurchten Gesichtern
vielleicht kein Einziger war, der mir mein glckliches Loos mignnt htte; da
die bei weitem Meisten es mir von Herzen gnnten. Noch sehe ich sie vor mir -
und sie haben mir in trben Stunden wie Sterne geleuchtet - die wohlwollenden,
von innerer Befriedigung lachenden Augen, mit denen sie auf den Malayen
blickten, als er an der Seite des Directors durch die verschiedenen Werksttten
ging und sich ihnen vertraulich und privatim als ihr neuer Chef vorstellte. Noch
hre ich das Hurrah, das sie mir ausbrachten, als ich sie am nchsten Tage
officiell hatte zusammenkommen lassen und ihnen eine Ansprache machte, in
welcher ich ihnen in wenigen Worten sagte, was mein Herz bis zum Ueberlaufen
erfllte. Und als das dreimalige Hurrah verklungen war, mit welch' mchtigem
Ruspern setzte der Obermeister Roland zu einer Rede ein, welche die beiden
Lieblingsthemata des braven Mannes: Immer drauf! und Gieb es ihnen! in den
khnsten Redewendungen und mit einer souverainen Verachtung des Unterschiedes
von Mir und Mich behandelte, und deren Schlu sich in dem Urwald des
Backenbartes und in Rhrung spurlos verlor! Und war es nicht des guten Klaus
Stimme, die dann eine zweite Hurrah-Serie intonirte, im Vergleich mit welcher
die erste, sowohl was die Lnge, als was die Intensitt betraf, ein Kinderspiel
gewesen war! Wie mu ich jetzt noch lachen, gedenke ich der Verlegenheit, in die
ich gerieth, als eine Stunde spter mir das technische Bureau in corpore und in
weien Binden und Handschuhen seine Aufwartung machte, und sein Sprecher, Herr
Windfang, mich mit dem Kalifen von Bagdad verglich, der lange Zeit unbekannt und
unerkannt, aber nicht ohne Anerkennung - Herr Windfang that sich nicht wenig auf
das Wortspiel zu gute - unter seinen Getreuen gewandelt sei, um endlich die
erhabene Stellung einzunehmen, die ihm von Rechts wegen gebhre!
    Ja, das sind liebe und schne Erinnerungen, um so lieber und schner, als
die kommenden Jahre die Versprechungen, die damals in der Flle der Herzen
hinber und herber gemacht wurden, nicht Lgen gestraft, im Gegentheil alles im
reichsten Mae erfllt haben. Bis auf den heutigen Tag sehe ich, wenn ich den
Stamm der Arbeiter in der Fabrik mustere, zum grten Theil die lieben, alten
Gesichter von damals, die allerdings im Laufe der Jahre nicht jnger, aber mir
dadurch wahrlich nicht weniger lieb geworden sind. Und die ich nicht mehr sehe,
die hat mir, bis auf wenige Ausnahmen, der groe Concurrent abspenstig gemacht,
den wir Tod nennen.
    Aber was das fr ein Elend ist mit einem Brutigam, der nichts als
Hochfen, Gustahlblcke und andere entsetzliche Dinge im Kopfe hat! sagte
Hermine; und was das wieder fr hliche Falten auf der Stirn sind, weg damit!
- und sie strich mir mit der Hand ber Stirn und Augen; - wenn ich das gewut
hatte, ich wrde mich nie in Dich verliebt haben, Du ruiges Ungethm! Und sie
warf sich in meine Arme und flsterte mir in die Ohren: Sage es nur gleich, da
Du Deine alten, hlichen Arbeiter mehr liebst, als mich, damit ich wei, was
ich zu thun habe!
    Du hast heute mit mir einen Rundgang durch die Fabrik zu machen und hbsch
artig und freundlich gegen die hlichen Menschen zu sein und vor Allem auch
recht artig und freundlich gegen mich.
    Wozu das Letztere, mein Herr?
    Damit sie sehen, wie glcklich ich bin.
    Was haben sie davon?
    Sehr viel!
    Aber was?
    Die Gewiheit, da, wenn sie kommen, mir ihre Noth zu klagen, sie einen
Menschen finden, der bereit ist, auch Andere glcklich zu machen, wenn er kann.
    Du bist das drolligste Ungeheuer, das mir noch vorgekommen ist. Wann wollen
wir gehen?
    Gleich!
    Und wir gingen durch smmtliche Rume der Fabrik und Hermine machte groe,
verwunderte Augen und klammerte sich manchmal fest an meinem Arm, war dann aber
doch sehr gut und lieb zu den Leuten; aber ein wenig khl und vornehm gegen die
Herren vom technischen Bureau, so vornehm und khl, da dem Herrn Windfang die
zierlichste Anrede, die er schon seit acht Tagen auswendig wute, in der Kehle
stecken blieb.
    Warum hast Du denn die armen Jungen so ungndig behandelt? fragte ich.
    Arme Jungen? erwiederte Hermine, die Lippen schrzend; die sahen mir gar
nicht so aus, und der Herr Windfang, oder wie er heit, schien mir ein rechter
Fant. Ich habe nicht versprochen, gegen ihn und seinesgleichen gndig zu sein.
    Aber sie gehren doch zu uns.
    Niemand gehrt zu uns; wir gehren uns; Du mir und ich Dir; und das merke
Dir ein fr alle Mal, Du schlechter Mann!
    Ich lachte; aber ich mute doch ber eine Eigenthmlichkeit in dem Charakter
meiner Braut nachdenken, die mir heute Morgen nicht zum ersten Male aufgefallen
war. Sie nahm den Satz, da wir uns gehrten, da wir uns einander Alles in
Allem seien, ganz buchstblich, und wenn sie davon eine Ausnahme zu machen
schien, so war es eben nur scheinbar, und immer nur zu Gunsten von Leuten, die
einer wirklichen Hlfe bedrftig waren, und zu denen sie sich herablassen
konnte, wie eine Frstin zu ihren Unterthanen. Gegen solche konnte sie von
einer, wenn auch stolzen, doch hinreienden Liebenswrdigkeit sein.
    Ich werde es nie vergessen, wie sie auf einem Streifzuge, den wir in den
ersten, seligen Tagen durch die Insel machten, und auf welchem wir das einsame
Stranddorf besuchten, das mir von meiner Flucht her so merkwrdig war - wie sie
da bei der alten Schifferwittwe sa, ihr die braunen, runzligen Hnde
streichelte, ihr die Thrnen von den braunen, runzligen Wangen wischte und sie
trstete, da ihr Sohn ja trotz alledem noch wiederkommen knne; ihr Geschichten
erzhlte, die sie sich in dem Augenblicke erfand: von Matrosen, welche nach
zehn, nach zwanzig Jahren als reiche Leute zurckgekehrt seien; und wie sie uns
unterdessen an Kindesstatt annehmen sollte, und wie wir ihre alten Tage
behaglich und freundlich machen wollten. - So war sie auch, als wir nach Uselin
kamen, ber alle meine Erwartung gtig zu meiner Schwester gewesen, die eben aus
ihrem siebenten Wochenbett aufgestanden war; sie hatte die nichts weniger als
schnen, oder auch nur liebenswrdigen Kinder der Reihe nach beschenkt, sich bei
dem eben geborenen zur Pathe angemeldet, hatte sich sogar ber die plumpen
Hflichkeiten und Verbeugungen meines Schwagers nicht in ihrer alten Weise
lustig gemacht.
    Die armen Menschen, sagte sie, sieben Kinder und solche kleine Wohnung!
und solchen kleinen Vater! Wie hast Du nur in der kleinen Wohnung so gro werden
knnen, Georg, ohne die Decke mit Deinem harten Kopf einzustoen? Und Dein Vater
ist auch so gro gewesen? und hat auch so einen harten Kopf gehabt! Da wundert
es mich nicht, da Ihr Beide in der Nuschaale von einem Hause es nicht zusammen
habt aushalten knnen. Aber wir mssen fr sie sorgen, Georg; vergi das ja
nicht!
    Und wiederum, wenn auch in etwas anderer Weise hatten sich, als wir hierher
gekommen waren, mein guter Klaus und seine Christel mit sammt ihren vier Jungen
- zu denen sich in Krze ein fnfter gesellen sollte - ihrer Huld zu erfreuen.
Sie hatte es nicht verschmht, die drei unendlichen Treppen hinaufzusteigen, und
sich von Christel smmtliche Geheimnisse der hheren Wasch- und Plttkunst
erklren und von Klaus die lange Liste der Tugenden seiner Frau aufzhlen zu
lassen.
    Wenn ich, sagte sie, dem Klaus nicht so gut sein mte, weil er Dir immer
so treu gewesen ist, so hat er jetzt vollends bei mir gewonnen durch seine
abgttische Liebe zu seiner hbschen, dicken Frau. Siehst Du, Georg! Den kannst
Du Dir zum Muster nehmen. Fr den fngt die Welt mit dem Augenblick an, als die
Wellen seine Christel, die gewi damals schon so fett und wei und appetitlich
gewesen ist, an den Strand trieben; und wenn sie so schlecht sein und vor ihm
sterben sollte, legt er sich hin und stirbt auch. - Und so thue ich, wenn Du
stirbst! hatte sie hinzugefgt, und mich dann mit aufeinander gepreten Zhnen
und finster zusammengezogenen Brauen zornig angeblickt.
    Nein, gegen die Armen, gegen Alle, die abhngig waren, oder doch so
schienen, konnte diese stolze Natur gtig und herablassend genug sein, und vor
Allem durften die Menschen, gegen die sie gut sein sollte, keinen Anspruch an
mein Herz machen, keinen Anspruch an das in mir, worin sie einzig und allein
leben, das sie einzig und allein ausfllen wollte. Die leiseste Befrchtung, es
knne noch Jemand auer ihr Besitz nehmen von dem, was ihr gehrte, erfllte sie
mit einer Angst, die sie bei der Lebhaftigkeit ihres Temperamentes selten lange
verbarg, und welche sich dann bald in finsterem Zorn, bald in heien,
leidenschaftlichen Thrnen Luft machte. Aber wie drfte ich, den die Schne,
Stolze so geliebt hat, klagen ber etwas, das doch nur ein Ueberma dessen war,
woran Andere einen so klglichen Mangel klglich zur Schau tragen! Nein, nein!
kein Wort der Klage soll meine Feder hier in den Akten meines Lebens
registriren, kein Wort! so wenig, wie eines ber eure Lippen kam, ihr Guten,
Edlen, die ihr mich doch auch liebtet, und sehr liebtet, und die ihr still auf
die Seite tratet, damit auch nicht ein unbewachter Blick aus euren Augen sie bei
mir verklage, oder mich bei mir selbst!
    Und Hermine fhlte das wohl, wute es wohl, und sagte dann, wenn Paula oder
Doctor Snellius so selten kamen - und ihre Wangen glhten, indem sie es sagte:
ich sollte mich schmen, da ich Dich Deinen Freunden raube, und Deine Freunde
Dir; es ist bettelhaft, es ist erbrmlich, es ist unedel, ich wei es; ich wei
es; aber, Georg, ich kann nicht anders; ich kann keinen Brosamen weggeben, der
von dem Tische unserer Liebe fllt. Ach, knnte ich doch nur auf einer einsamen
Insel mit Dir leben, fern im fernsten Ocean; und eines Tages kme ein Erdbeben
und die Insel versnke in den Fluthen, und wte Keiner auch nur den Ort, wo wir
glcklich gewesen! Aber hier, unter all' den Menschen, die sich fr Dich
interessiren, oder fr die Du Dich interessirst, fr die Du arbeiten mut; und
die noch viel schlimmeren, die gar kein Anrecht irgend welcher Art an Dich, an
uns haben, und ein so grausames Vergngen daran finden, uns zu berlaufen, uns
auszufragen, uns anzustarren, als wren wir zu weiter nichts da auf der Welt!
Ich denke schon mit Schaudern an Uselin, und an die neugierigen Gesichter
smmtlicher Useliner und Uselinerinnen, von denen sich Keiner das erhabene
Schauspiel wird entgehen lassen wollen, wie der groe, kluge Georg die kleine,
dumme Hermine heirathet! Und nun gar das himmlische Weinen der beiden Eleonoren,
von denen Du die eine verrathen hast, Du Ungeheuer! oder Duff'chens
Freudenthrnen, wenn sie aus des Pastors Munde hrt, was sie schon seit acht
oder neun Jahren wei! Es ist zu schrecklich! Drfen wir denn nicht hier in
irgend eine Kirche gehen und uns trauen lassen in der Dmmerstunde von einem
Pastor, der uns zum ersten, und wenn es auf mich ankommt, auch zum letzten Male
sieht, und als Zeugen ein paar alte Mnner oder Frauen, die gerade da sind, und
uns am nchsten Tage nicht kennen, wenn sie uns auf der Strae begegnen?
    Ich kann nicht sagen, da dieser Wunsch Herminens fr mich auch nur im
mindesten etwas Abschreckendes gehabt htte. Im Gegentheil! Aber mein
Schwiegervater fhlte nun einmal die Verpflichtung, wie er sagte, als erster
Brger von Uselin sein einziges Kind auch in Uselin trauen zu lassen. Er blieb
dabei mit einer Hartnckigkeit, die er seiner Tochter gegenber sonst nicht an
den Tag legte, und so muten wir denn schon das Unabnderliche ber uns ergehen
lassen. Auch kann ich nicht sagen, da der Tag so frchterlich war, wie er uns
erschienen.
    Die Rede des guten Pastors, der mich seiner Zeit schon eingesegnet hatte und
schon damals ein alter Mann gewesen sein mu, war allerdings sehr lang und sehr
confus; die St. Nicolaikirche sah so kahl und nchtern wie immer aus, und die
Hunderte von Augenpaaren, welche smmtlich unverwandt an uns hingen mit einem
Ausdruck, als sollten wir demnchst hingerichtet werden, machten den den Raum
um nichts behaglicher; das groe Diner in der Villa der Commerzienrathes war
uerst pomphaft und feierlich, und die ber Tisch ausgebrachten Toaste ein
wenig abgestanden und geschmacklos - ich leugne das Alles nicht; aber dann war
es doch auch wieder die Kirche, in deren Sprengwerk ich so halsbrechende
Kunststcke ausgefhrt und aus deren Schalllchern ich so oft sehnschtig ber
Land und Meer in die Ferne geblickt hatte; unter den vielen gleichgltig
neugierigen Gesichtern war doch eins oder das andere, das ich an diesem Tage
ungern gemit htte; und dann war der Tag - ein Tag im hohen Sommer -
wunderschn, der Himmel blau, mit groen, weien Wolken, die Luft durchsichtig
klar - die alte Stadt sah ordentlich jung aus in dem prchtigen Sonnenschein und
die fadenscheinigen Uniformen von Luz und Bolljahn, den unstrflichen Mnnern,
welche die vor der Kirche versammelte Straenjugend meisterlich im Zaume
hielten, wie neu - und in dem Hafen, wo alle Schiffe geflaggt hatten, spielten
die bunten Wimpel so lustig in dem frischen Ostwind; auf der breiten
Wasserflche tanzten die kleinen Wellen so munter; von jenseits schimmerten die
niedrigen, weien Kreideufer der Insel so hell herber und auf der Insel lag
Zehrendorf, wohin wir aufbrachen, als die scheidende Sonne die weien Wolken mit
rosigen Streifen sumte.
    Nein, nein! der Tag war schn, und sein Andenken soll mir geheiligt sein,
alle Zeit!

                          Vierundzwanzigstes Capitel.


Vielleicht lt sich das Ideal eines jungen Paares, mglichst einsam zu leben,
wenn der Aufenthalt auf einer wsten Insel aus irgend welchen Grnden nicht wohl
ausfhrbar ist, nirgends besser realisiren, als in einer sehr groen,
volkreichen Stadt. Es kommt nur darauf an, da man im Besitz des Geheimnisses
ist, sich auch hier ein Eiland zu schaffen, an dessen Gestade die bewegten
Fluthen des gesellschaftlichen Lebens vorberrauschen. Die Ergrndung dieser
Kunst wird nun allerdings fr den Adepten wesentlich erleichtert, wenn die groe
Welt, wie es nur zu hufig der Fall ist, keinerlei Veranlassung findet, sich um
ihn zu bekmmern; im entgegengesetzten, allerdings viel schwierigeren Falle
besteht das Geheimni darin, sich seinerseits nicht um die Welt zu bekmmern.
    Ich hatte nach der ersten Seite hin eine ziemlich reiche Erfahrung. Die Welt
hatte sich in der That verzweifelt wenig fr den jungen Maschinenschlosser
interessirt, als er in dem ruinenhaften Huschen auf dem ruinenhaften Hofe seine
arbeitreiche, kstliche Lehrzeit durchmachte. Er hatte ganz der Lessing'schen
Windmhle geglichen, die einfach das Korn mahlte, das ihr aufgeschttet wurde,
die zu Niemand kam und zu der Niemand kam. Jetzt stand die Sache freilich
anders.
    Jener Hof war keine Trmmerstelle mehr. Die Ruinen waren abgetragen oder zu
stattlichen Gebuden ausgebaut; die Mauer, welche den alten Hof von dem neuen
getrennt hatte, war niedergerissen, und die alte Fabrik mit der neuen zu einer
einzigen, groen, mchtigen Werkstatt der Betriebsamkeit und des Fleies
vereinigt. Das war eine groe Vernderung die in den betreffenden Kreisen von
den Einen freudig begrt, von den Andern hmisch bekrittelt wurde, aber doch
kaum so viel von sich reden machte, als die, welche mit mir selber vorgegangen
war.
    Aus der unscheinbaren Chrysalide eines ganz gewhnlichen Maschinenschlossers
hatte sich der glnzende Schmetterling des gebietenden Chefs dieses groen neuen
Etablissements entwickelt, und dieser glckliche Schmetterling war der
Schwiegersohn eines Millionrs, der Gatte einer jungen Frau, deren pikante
Schnheit, wo sie sich zeigte, den Neid der Frauen, die Bewunderung der Mnner,
die Aufmerksamkeit Aller erregte. Fr eine so wunderbare Metamorphose hat selbst
das blasirte Publikum einer Weltstadt noch einige Empfindung; und wenn sich ein
so merkwrdiger Mensch, ber dessen Vergangenheit noch dazu die verschiedensten,
kaum glaubhaften Geschichten circulirten, dennoch der von allen Seiten auf ihn
gespannten Neugier entziehen will, mu er eben alle die Knste verstehen und
ausben, deren er sich in seinem frheren dunklen Puppenstadium allerdings
entrathen mochte.
    Ich kann nicht sagen, da ich in der Ausbung dieser mir so neuen Knste
immer das Rechte traf, oder immer vom Glck begnstigt wurde.
    Wir hatten, als wir nach einem vierzehntgigen Aufenthalt in Zehrendorf nach
der Stadt zurckkehrten, eine keineswegs kostbare, aber schne und gerumige
Miethswohnung bezogen, an welcher ich fr meinen Theil nichts auszusetzen wute,
als da sie allzuweit von der Fabrik entfernt lag, die aber Herminen, gewohnt
wie sie von Jugend auf es war, ein Haus allein inne zu haben, grndlich mifiel.
Nun glaubte ich, da ich Herminens Wnsche kannte und theilte, es recht gut zu
machen, und hoffte nebenbei einen Lieblingstraum zu realisiren, wenn ich in
aller Stille, aber mit um so grerem Eifer, unter der Beihlfe meines treuen
Architekten, das Huschen auf dem Fabrikhofe, das ich so lange bewohnt, seiner
eigentlichen Bestimmung wiedergab und es mit Benutzung des alten Planes zu der
reizendsten kleinen Villa ausbaute. Ich hatte unendliche Knste anwenden mssen,
um mehrere Monate hindurch das Geheimni zu bewahren, und eine ganz kindische
Freude empfunden, als ich von einer Winterreise nach Zehrendorf, auf welcher
mich Hermine begleitete, vorlufig allein zurckkehrend, Alles und Jedes nach
Wunsch ausgefhrt fand. Ich hatte in der Freude meines Herzens den guten
Architekten, der sich als ein ebenso geschmackvoller Decorateur erwiesen, umarmt
und den Tag zum Voraus gesegnet, an welchem ich Herminen aus der ihr so
verhaten Stadtwohnung in dieses kleine Paradies fhren knnte.
    Ich sollte nur zu bald erfahren, da Niemand, aber am allerwenigsten ein
junger Ehemann, die Rechnung ohne den Wirth, oder vielmehr ohne die
liebenswrdige Wirthin, seine Frau, machen darf.
    Du lieber Junge! sagte Hermine, als ich ihr am Tage nach ihrer Rckkehr im
Triumph meine neue Schpfung zeigte: Du lieber Junge, das ist ja Alles recht
schn und gut; und spter im Sommer, auf ein paar Wochen oder Monate, die wir
nicht in Zehrendorf, sondern hier in der leidigen Stadt zubringen mssen, ist es
gewi ein ganz passender Aufenthalt, aber jetzt, mitten im Winter - nein, Georg,
das geht wahrlich nicht! Mich friert, wenn ich nur daran denke. Und dann die
groen kahlen Gebude rings umher! und die hohen Schornsteine, die aussehen, als
wenn sie uns jeden Augenblick ber dem Kopf zusammenfallen wollten - der eine
wackelt wirklich; sieh doch nur einmal genau hin! - ich knnte keine Nacht hier
ruhig schlafen. Und Du bist so schon in den greulichen Wirrwarr und den
abscheulichen Lrm, der uns hier umgiebt, mehr als billig, verliebt, so da ich
mich immer mit dem schrecklichen Gedanken trage, Du knntest Dich eines Tages in
so eine entsetzliche Riesenmaschine verwandeln, Du Ungeheuer! Nein, Du mut mehr
unter Menschen, in Gesellschaft; mut auch endlich einmal anfangen, das Leben zu
genieen, Du armer, arbeitgeplagter Mensch! Das ist denn doch eher mglich in
unserer alten Wohnung, und in der, denke ich, wollen wir den Winter ber
wenigstens bleiben. Die Miethe ist ja ohnedies bezahlt und wir mssen sparsam
sein, wie es sich fr solche Anfnger schickt. Habe ich das nicht aus Ihrem
eigenen allerhchsten Munde, mein Herr? und nun neigen Sie Ihren allerhchsten
Mund und geben Sie mir einen Ku und die Sache ist abgemacht.
    Natrlich war die Sache abgemacht; hatte ich doch dabei wahrlich mehr an
Hermine, als an mich gedacht! Und wenn sie wirklich den Wunsch hatte, von
unserer einsamen Insel aus ein oder die andere Vergngungsfahrt auf das Meer des
grostdtischen Lebens zu machen, so war ich gewi nicht der Mann, nein zu
sagen. Sah ich doch nur zu wohl, da ich in meiner jetzigen Stellung gewisse
gesellschaftliche Pflichten durchaus erfllen mute, wenn nicht zu meinem
Vergngen, so doch im Interesse meines Geschfts, und da ich nach dieser Seite
hin bereits nur zu viel nachzuholen hatte!
    So kehrte ich denn ohne Seufzen in unsere Stadtwohnung zurck und noch ber
Tisch wurde unter mancherlei Scherzen die Liste der einflureichen Personen
entworfen, mit welchen wir, wie Hermine sagte, vorlufig einmal ein
gesellschaftliches Experiment machen wollten.
    Ich wte nicht, da dies Experiment von besonderem Erfolg gekrnt gewesen
wre. Allerdings kam man uns auf das Freundlichste entgegen; ich meinerseits gab
mir die mgliche, und, wie ich mir schmeichelte, nicht ganz vergebliche Mhe,
einen guten Gesellschafter und angenehmen Wirth zu machen, und Hermine brauchte
sich wahrlich keine Mhe zu geben, um in der Gesellschaft die liebenswrdigste
der Liebenswrdigen zu sein. Ueber diesen letzteren Punkt schien auch soweit ein
junger Ehemann in einem solchen Falle sich ein unbefangenes Urtheil zutrauen
darf, in der Gesellschaft nur eine Stimme. Die Herren waren voll aufrichtiger
Bewunderung ihrer Erscheinung, ihres Benehmens und was sich denn sonst noch an
einer reifenden jungen Frau bewundern lt; und wenn die Bewunderung der Damen
vielleicht nicht eben so aufrichtig war, so wuten sie derselben einen um so
enthusiastischeren Ausdruck zu geben, da es eines viel feineren Kopfes, als
dessen ich mich rhmen konnte, bedurft htte, um fr all die schnen Dinge, die
mir ber meine Frau laut in die Ohren geflstert wurden, immer eine passende
Antwort zu finden.
    Warum bist Du nur so unmenschlich liebenswrdig! sagte ich dann wohl, wenn
wir aus einer solchen Feuertaufe nach Hause kamen und Hermine noch in ihrer
Gesellschaftsrobe, wie es ihre Gewohnheit, in unserem Wohnzimmer auf- und
abging, oder, sich an den Flgel setzend, ein paar Accorde griff, whrend ich im
Schaukelstuhl meine geliebte Cigarre rauchte. Dann konnte sie pltzlich stehen
bleiben, oder vom Stuhle aufspringen - je nachdem - und mir die Gesellschaft,
die wir eben verlassen hatten, in den ergtzlichsten, drolligsten Carricaturen
noch einmal vorfhren. Da war der geheime Commerzienrath Zieler, unser Banquier,
der fortwhrend auf die drei Hausorden in seinem Knopfloche schielte, mit
welchen ihn drei verwandte kleine Frstenhuser fr eine Anleihe, die er ihnen
vermittelte, begnadigt hatten; da rauschte die geheime Frau Commerzienrthin
herein in der schwersten Atlasrobe, die stumpfe Nase nach den Kronleuchtern,
deren Licht so herrlich auf dem Brillantschmuck spielte, welcher ihren
stattlichen Busen schmckte; hinter der corpulenten Mama schwebte die therische
Tochter, ganz Gaze und Ebouquet und selige Erinnerung der drei Hofblle an den
drei verwandten Frstenhfen. - Da war der Eisenbahndirector Schwelle, der vor
dem Souper nicht sprechen mochte, um sich nicht aufzuregen, whrend des Soupers
keine Zeit zum Sprechen hatte und nach dem Souper meistens nicht mehr sprechen
konnte. - Da waren die beiden Frulein Bostelmann, die geistreichen Tchter des
Gastgebers - eines steinreichen Steinlieferanten - zwischen denen Hermine heute
eine Zeit lang gesessen und von denen die eine sie fortwhrend von Heine
unterhalten, whrend die andere ihr gleichzeitig mit derselben Ausdauer und
demselben Enthusiasmus von Lenau vorgeschwrmt hatte. Heine - Lenau; Lenau -
Heine! Es war zum Tollwerden! rief Hermine, und das soll nun ein Vergngen
sein. Wagen Sie das wirklich zu behaupten, mein Herr?
    Ich hatte nichts dergleichen behauptet, Madame!
    In der That! und warum schleppen Sie Ihre arme kleine Frau unter diese
entsetzlichen Menschen und rauben ihr die schnen Stunden, die sie im
reizendsten tte--tte mit ihrem Ungeheuer von Mann htte zubringen knnen? Ist
das recht? Ist das die Liebe, die Sie mir geschworen haben in der Nicolai-Kirche
von Uselin, in Gegenwart smmtlicher Useliner und Uselinerinnen? Heine, Lenau!
Lenau, Heine! oh!
    Ich lachte und wurde dann pltzlich sehr ernsthaft, denn es schwebte mir die
Bemerkung auf den Lippen, da es vielleicht nicht schwer halte, zu beweisen, man
knne keine lieben Menschen finden, mit denen es sich leben lasse, wenn man mit
den Menschen nicht leben mag, die man lieb hat.
    Wo waren die lieben Menschen, an die ich in diesem Augenblick dachte?
    Das gute Frulein Duff, Herminens treueste Freundin, bei ihren Verwandten in
Sachsen. Es hatte nur ein kurzer Besuch sein sollen, - auf acht Wochen
hchstens! Aus den acht Wochen waren jetzt beinahe eben so viele Monate
geworden. Wo war Paula? Ein paar hundert Meilen entfernt, unter einem anderen
Himmel, der hoffentlich so hold auf sie herabsah, wie sie es verdiente. Ach, wie
lange war es nun schon, da Paula mit ihrer Mutter, mit ihrem jngsten Bruder
Oskar, in Begleitung selbstverstndlich des alten Smilch, nach Italien gereist
war, hatte reisen mssen, sagte Doctor Snellius. Was wollen Sie, Herr? Es war
unumgnglich nothwendig. Eine Knstlerin wie Paula kann unmglich hier werden,
was sie zu werden bestimmt ist: in dieser kleinen, kleinlichen, engen, dsteren
Nebelwelt. Sonne, Licht, Luft; das ist es, was ihr fehlte; Venedig, Rom, Neapel,
Capri - was wei ich! ich bin niemals dagewesen, werde auch wohl nie hinkommen,
wte auch nicht, was ich da sollte; aber sie, sie wird es jetzt schon wissen
und wir werden es wissen, wir werden es sehen, mit Hnden greifen, auf der
nchsten Kunstausstellung, wenn die Menge zu ihren Bildern wallfahren wird, wie
zu Mirakeln. Auch ihrer Mutter, diesem Engel von einer Frau, wird der Aufenthalt
in dem milden Klima vortrefflich bekommen; und nun gar dem Burschen, dem Oskar!
So ein junges Krokodil kann nicht frh genug in's Wasser gebracht werden. Nur im
Wasser lernt man schwimmen, Herr, nur im Wasser! selbst wenn man ein Krokodil
von Geburt ist, das heit: ein so fabelhaftes Talent hat, wie der Junge. Ein
Heidengeld wird es kosten, freilich, aber sie kann es jetzt, Gott sei Dank, und
es ist ja auch schlielich nur eine goldene Saat, die ihr hundert- und
tausendfltige Frucht bringen wird. Sie hatte allerdings im Anfang nach dieser
Seite hin Bedenken, aber ich habe es ihr ausgeredet; und sie schreibt mir in
ihrem letzten Brief - wo habe ich nur gleich den Brief? ich wollte Ihnen die
Stelle noch vorlesen - nun, es thut nichts, das nchste Mal erinnern Sie mich -
kurz, sie schreibt mir ganz glcklich, ganz glcklich, so glcklich, da es auch
mich ganz glcklich gemacht hat. Gott segne sie.
    So hatte der gute Doctor zu mir gesprochen, als Paula Anfang October, drei
Monate nach meiner Hochzeit, abgereist war, whrend einer Geschftsreise, die
ich nach St. in Angelegenheiten der Fabrik zu machen und auf welcher mich
ebenfalls Hermine begleitet hatte. Denn, wissen Sie, sagte der Doctor, man
mu in dergleichen Fllen die Gelegenheit benutzen, wie es die Natur thut, wenn
sie zum Beispiel den Leib von der Seele durch einen Gehirn- oder Herzschlag
trennt, whrend der Betreffende schlft, oder das Band zwischen beiden durch
eine lngere Krankheit bereits hinreichend gelockert ist, so da die Trennung
kaum noch etwas Schmerzliches hat, vielleicht sogar herbeigesehnt wird. Es wre
der armen Paula vielleicht doch schwer geworden, sich von Euch zu trennen, htte
sie von Euch direct in den Eisenbahnwagen gemut; so waret Ihr einmal nicht da,
und ob nun zwanzig Meilen oder zweihundert dazwischen liegen, das kommt
schlielich auf eins heraus.
    Wenn sie den Leib von der Seele trennt! Es war eines der physiologischen
Exempel, mit welchen der Doctor seine Reden zu illustriren liebte; aber es traf
mich seltsam. Den Leib von der Seele! Und ich blickte dem Doctor starr in die
Augen, der sich mit einem energischen Ansatz schnell zwei Octaven tiefer
stimmte, um im gleichgltigeren Tone fortzufahren. Und dann wird nicht blos
unseren lieben Reisenden, sondern auch den Jungen, die zurckbleiben, eine
zeitweilige Trennung gut thun. Benno und Kurt muten endlich einmal von den
Bndern der schwesterlichen Schrze losgelst werden. Junge Leute mssen lernen,
fr sich selbst zu denken und zu sorgen und auf ihren Fen zu stehen. Ich habe
es an mir erfahren. Htte mich mein Vater nach Heidelberg oder Bonn geschickt,
anstatt mich hier in dem Schatten seiner Kirche, in dem alten, wurmstichigen
Superintendentenhause vier Jahre zu claustiren, ich htte meine Flgel besser
gelftet und wre nicht der schnurrige Kauz geworden, der ich jetzt bin,
notabene, wenn ein Mann, der einem seit zweihundert Jahren schlafen gegangenen
Vorfahren zu Liebe mit dem hbschen Vornamen Willibrod - Willebrord, wie es
eigentlich heien sollte - getauft wird, berhaupt eine Chance hat, etwas
anderes zu werden als ein schnurriger Kauz.
    Ich hatte den Brief, in welchem Paula dem Doctor geschrieben, wie glcklich
sie sich in dem fernen Lande fhle, nie zu sehen bekommen. Er hatte ihn das
nchste Mal vergessen, und mittlerweile war ich es gewohnt geworden, da der
Doctor die Briefe, die Paula aus Venedig, aus Rom, aus Neapel an ihn schrieb,
mir regelmig zeigen wollte und ebenso regelmig zu Hause liegen lie.
    Ich wei nicht, welche sonderbare Verlegenheit mich jedesmal befiel, so oft
der Doctor jenes resultatlose Suchen nach Paula's Briefen begann und warum ich
ihn dann jedesmal so schnell als mglich auf ein anderes Thema zu bringen
suchte. Nicht, als ob ich an dem Glck, das Paula empfinden sollte, gezweifelt
htte! lauteten doch die kurzen, seltenen Briefe, die ich selbst oder Hermine
von ihr empfing, nicht anders; aber ber die Quelle, aus welcher jenes Glck
flo, war ich nicht eben so sicher, und die Briefe, mochten sie nun an mich oder
Hermine gerichtet sein, hatten immer dieselbe Physiognomie, in der ich nur hin
und wieder eine Spur von Paula's theuren Zgen erkannte, und sie wurden, je
lnger die Trennung dauerte, immer krzer und seltener, fast so kurz und selten,
wie die Besuche des Doctors.
    Das ist nun nicht anders, sagte der Doctor, als ich ihm einmal ber den
letzten Punkt freundschaftliche Vorwrfe machte; so ein junges Paar ist wie
eine junge Pflanze, die am besten gedeiht, wenn man sie unter eine Glasglocke
setzt und so wenig wie mglich daran rhrt. Die Menschen nennen die Liebe eine
Gttin; ich fr mein Theil sehe in ihr einen Gott, den strengen, unnahbaren Gott
der alten Juden, der keine anderen Gtter haben will neben sich, und der die
Collegen, die er in seinem gelobten Lande vorfindet, mitleidslos ber die Klinge
springen lt, mgen sie nun liebenswrdige Astarten sein oder hliche
Fitzliputzli. Und er thut vermuthlich ganz recht daran. Das menschliche Herz ist
ein trotzig-verzagtes Ding und braucht verzweifelt lange Zeit, bis es die zehn
Gebote auch nur buchstabiren lernt.
    Der Doctor sagte das und Aehnliches derart immer in einem freundlichen Ton,
in demselben Ton, in welchem ich ihn noch stets mit seinen Kranken hatte
sprechen hren, und war berhaupt voller Gte und Aufmerksamkeit, und das noch
mehr gegen Hermine, als gegen mich. Zwischen Hermine und ihm bestand ein
eigenthmliches Verhltni. Hermine hatte in ihrer lebhaften Art Anfangs aus der
Abneigung, mit der sie meinen alten Freund betrachtete, kein Hehl gemacht und
oft genug seine wunderlichen Manieren verspottet, sogar in seiner Gegenwart.
Aber der Mann, der sonst gegen einen Angreifer, er mochte kommen, von woher er
wollte, und sein, wer er wollte, stets die schrfsten Pfeile in seinem Kcher
trug, und der nicht leicht einem Gegner Pardon gab, - er hatte gegen sie auch
bei keiner Gelegenheit von seinen gefhrlichen Waffen Gebrauch gemacht; und
diese sich stets gleichbleibende Milde, die dem schneidigen Sonderling gewi
nicht immer leicht wurde, hatte zuletzt Herminen, wie sehr sie sich auch
innerlich dagegen strubte, gerhrt und gefangen genommen. Vielleicht, da zu
dieser glcklichen Wendung der Umstand beitrug, da sie den Doctor in der
letzten Zeit nicht blos als meinen Freund, sondern auch als ihren Arzt zu
empfangen hatte.
    Er ist doch gar gut, sagte sie ein oder das andere Mal, mit nachdenklicher
Miene auf die Thr schauend, durch welche die wunderliche Gestalt meines
Freundes eben verschwunden war.
    Ihrer Frau geht es nicht schlechter, als es andern jungen Frauen unter
diesen Umstnden zu gehen pflegt! sagte der Doctor zu mir, wenn er mich wegen
ihres vernderten Aussehens besorgt fand: nur da sie von Jugend auf an freiere
Bewegung und frischere Luft gewhnt ist, als man ihr hier in dem steinernen
Babel verschaffen kann.
    Ich ginge gerne mit ihr nach Zehrendorf, sagte ich; aber jetzt im Winter,
und wie kann ich von hier fort?
    Und weil Sie es nicht knnen, wollen wir uns auch nicht weiter den Kopf
darber zerbrechen; erwiederte der Doctor. Wir mssen eben sehen, wie wir uns
helfen. Etwas mehr geistige Motion ersetzt manchmal bis zu einem gewissen Grad
den Mangel der krperlichen. Es ist schade, da Ihre Frau das gesellschaftliche
Treiben so schnell satt bekommen hat. Gehen Sie doch einmal in die Oper. Ihre
Frau ist ja eine so groe Musikfreundin.
    Ich mag nicht mehr in die Oper gehen, sagte Hermine, nachdem wir einige
Male dort gewesen waren: die Leute singen schlecht und spielen noch schlechter.
War das heute eine Zerline! Und dieser Don Juan! Lieber Himmel, Du httest lange
auf mich warten knnen, wrest Du ein so hlzerner Liebhaber gewesen! Und dabei
diese Selbstgeflligkeit! der Masetto war wahrhaftig der bessere Mann!
    Versuchen Sie es einmal mit dem Schauspiel, sagte der Doctor.
    Ich blickte ihm starr in die Augen.
    Die Bellini ist seit acht Tagen zurck, sagte der Doctor und richtete
seine runden Brillenglser auf mich.
    Meine Augen und die Brillenglser sahen sich eine Zeit lang an.
    Ihre Frau wei nicht, da Frulein Bellini und eine gewisse andere Dame
identisch sind? fing der Doctor wieder an.
    Nein, sagte ich.
    Und Sie wollen es ihr auch nicht mittheilen? nicht mittheilen, was ich
wei, der ich Ihr Freund bin, und sehr wahrscheinlich auch noch andere Leute
wissen, die nicht Ihre Freunde sind?
    Es ist das ein eigen Ding, Doctor!
    Es giebt viel eigene Dinge, besonders in einer jungen Ehe.
    Die man aber vielleicht besser fr sich behlt.
    Oder auch nicht. Was man mittheilen kann, sollte man immer sagen, und es
giebt Weniges, beinahe Nichts, das ein junger Ehemann seiner Frau nicht sagen
knnte. In einem Flu, der zwischen sandigen Ufern seinem Ende
entgegenschleicht, bleibt jeder Stein liegen; in einen jungen Strom, der freudig
von den Bergen strzt, kannst Du die grten Felsblcke wlzen - er schleudert
und reit in seiner frischen Kraft Alles mit sich fort. Denken Sie darber nach,
lieber Freund!
    Ich hatte darber nachgedacht; aber ich konnte mich nicht entschlieen, dem
Rathe des Doctors zu folgen. Es war nicht Feigheit, was mich schweigen hie,
vielmehr ein Gefhl der Scham, das ich nicht berwinden konnte, und eine Scheu,
die Herminens eigen geartetes Wesen und der leidende Zustand, in welchem sie
sich befand, erklrlich machten. Dennoch schwebte mir ein paar Mal das Wort auf
den Lippen, aber es kroch immer scheu zum Herzen zurck, das unruhig schlug,
wenn ich fast in jeder Nummer der Zeitungen dem ominsen Namen begegnete, und
Hermine ein oder das andere Mal sagte: Wir sollten uns doch auch einmal diese
Bellini ansehen, von der jetzt so viel die Rede ist.
    Ja, man machte viel Redens von Frulein Bellini! Sind Sie ein Bellinist
oder ein Antibellinist? fragte man in den Salons: die Bellini ist ein Wunder;
die Bellini ist gar nichts! sagten die Zeitungen. Ich wute nicht, ob diese
oder jene Recht hatten, und wollte es nicht wissen und war sehr froh, da
Hermine nicht neugieriger zu sein schien, bis sie eines Tages, als ich ihre
Frage, ob ich fr den Abend frei wre, bejaht hatte, mich mit den Worten
berrraschte: Dann wollen wir endlich einmal die Bellini sehen.
    Wie Du willst, sagte ich, mit der Entschlossenheit eines Menschen, der vor
einer Fatalitt steht, von der er wei, da sie strker ist, als er.
    Und wir gingen in das Theater und sahen Frulein Ada Bellini als Julia in
Shakesspeare's Tragdie. Ich kann nicht behaupten, da ich Neigung versprt
htte, weder in den donnernden Beifall einzustimmen, welcher der Knstlerin von
dem bervollen Hause reichlich gespendet wurde, noch in das Zischen, das sich
hier und da vernehmen lie, um regelmig von dem Applaus bertnt zu werden.
Ich kann aber auch nicht sagen, da ich im Verlaufe des Abends so weit gekommen
wre, mir ber die Knstlerin irgend ein Urtheil zu bilden. Ich sah eben, wenn
ich auch noch so eifrig nach der Bhne blickte, nicht viel mehr, als wenn ich in
das Leere gestarrt htte, trumend von Zeiten, die vergangen, und hchstens
zwischendurch wnschend, da dieser Abend auch bereits zu den vergangenen Zeiten
gehre. Ich erinnere mich, da, als ich einmal aus diesen unerquicklichen
Trumereien erwachte und Hermine anblickte, ich ihr Auge mit einem sonderbaren
Ausdrucke auf mich gerichtet fand; aber sie scherzte nur ber meine
Gleichgltigkeit, als wir nach Hause fuhren, und erklrte, da es fr sie keine
Frage mehr sei, ob man Bellinistin oder Antibellinistin zu sein habe.
    Nun? fragte ich, indem ich mir an dem Licht eine Cigarre anzndete.
    Und Du willst noch rauchen, Du schlechter Mensch? Glaubst Du, da Romeo
sich vergiftet haben wrde, wenn er neben seiner Phiole noch eine Cigarre in der
Tasche gehabt htte? Mge Ihnen die Cigarre wohl bekommen, lieber Romeo; Julie
wird zu Bette gehen.
    Ich mute heute meine Abendcigarre zum ersten Male allein rauchen und ich
hatte nie vorher eine nachdenklichere Cigarre geraucht. Der Doctor hat Recht,
sagte ich bei mir selbst, indem ich den Stumpf auf die verglimmenden Kohlen des
Kamins schleuderte und mich seufzend aus dem Lehnsessel aufrichtete; er hat
vollkommen Recht; man mu einen gelegenen Augenblick abwarten.
    Aber wie denn das so zu sein pflegt, es vergingen acht, es ergingen vierzehn
Tage und der Augenblick kam nicht. Auch schien mich nichts zu drngen, denn
Hermine hatte nicht wieder nach dem Theater verlangt. Sie befand sich nicht
besonders und der Doctor kam hufiger als sonst.
    Haben Sie Ihrer Frau gesagt, wer die Bellini ist? fragte er mich eines
Tages.
    Nein.
    Aber sie wei es!
    Unmglich.
    Sie wei es; ich gebe Ihnen mein Wort darauf.
    Hat sie es Ihnen gesagt?
    Nein.
    Und dennoch?
    Dennoch! Ein Arzt, lieber Georg, hat scharfe Ohren, und ein Arzt, der ein
Freund des Hauses ist, wie er es immer sein sollte, doppelt scharfe. Er hrt
zwischen den Worten, und ich kann Ihnen nur wiederholen: ich habe zwischen den
Worten Ihrer Frau herausgehrt, da sie wei: die Bellini ist Konstanze von
Zehren, und da sie noch mehr wei. Ob Alles, ob auch nur das Richtige, das wei
jedenfalls nur der, der es ihr gesagt hat.
    Und der wre?
    Unser gemeinschaftlicher Freund Arthur.
    Athur ist seit acht Wochen nicht in der Stadt gewesen.
    Unsere Post befrdert mit bewunderungswrdiger Genauigkeit alle Briefe, die
man ihr anvertraut, selbst anonyme.
    Aber, um Gotteswillen, Doctor, welches Interesse knnte Arthur daran
haben?
    Die Rache ist s, sagte der Doctor.
    In diesem Falle wre sie auch dumm, denn -
    Sie ist auch manchmal dumm.
    Denn der Steuerrath lebt jetzt fast ausschlielich aus der Tasche meines
Schwiegervaters, und ich habe fr Arthur erst noch, als er zuletzt hier war,
einen bedeutenden Posten bezahlt, und auf dem Tisch dort liegt ein Brief, in
welchem er mich abermals um ein greres Darlehn bittet.
    Thut Alles nichts. Der Jude wird verbrannt. Nun, lieber Georg, lassen Sie
den Kopf nicht hangen! Sie sind doch sonst ein Mann, und das ist wahrlich keine
Veranlassung, um zu verzweifeln. Man mu die Dinge nur nicht schwerer nehmen,
als sie sind; die wirklich schweren lassen sich doch nichts abhandeln, und ich
dchte, Sie wren mit diesem Artikel hinreichend assortirt.

                          Fnfundzwanzigstes Capitel.


Und darin hatte der gute Doctor freilich recht: noch viel mehr recht, als er
wute oder wissen konnte.
    Es war nicht nur, da ich ohne ausreichende Erfahrung mir meinen Weg durch
ein ungeheures, von uns Deutschen damals kaum betretenes Industriegebiet
gewissermaen suchen mute. Ich theilte dies Schicksal mit meinen smmtlichen
Concurrenten, die Alle, mochten sie in anderen Branchen auch auf noch so reiche
Erfahrungen zurckblicken knnen, in dem Bau von Locomotiven gerade solche
Neulinge waren, wie ich. Und was sie etwa wirklich an reicherem Wissen vor mir
voraus hatten, das lie sich vielleicht meinerseits durch Flei ersetzen. In der
That hatte ich nach dieser Seite hin einiges Vertrauen zu mir, ja, ich war mir
bewut, da ich, trotzdem die Last, welche bereits auf mir ruhte, nicht zu den
leichten gehrte, ein gut Theil mehr auf meine Schultern nehmen drfe. Aber ein
Mann, der eine schwere Last trgt, mu mindestens den Weg, den er gehen soll,
deutlich sehen, oder seine Kraft und seine Ausdauer knnen ihn nicht vor dem
Straucheln, vielleicht vor dem Fallen bewahren. So war es hier. Ich wurde in
allen meinen Plnen verwirrt, in allen meinen Dispositionen gehemmt, in allen
meinen Entschlieungen gelhmt, weil ich mich hier und berall immer erst nach
Dem umzusehen hatte, der hinter mir stand, der hinter mir stehen, auf den ich
mich ganz verlassen mute, und der oft gerade in den kritischsten Momenten nicht
zu finden war.
    Nicht zu finden, in des Wortes eigentlichster Bedeutung.
    Der Commerzienrath war von jeher ein ruheloser Mann gewesen, wie das bei
seinen zahllosen, bald hier, bald dort angeknpften Geschften und bei seiner
Maxime, da persnlich alle Geschfte am besten abgemacht wrden, kaum anders
mglich war. Ich bin, pflegte er in vertraulichen Momenten hinter der Flasche zu
sagen, wie der Csar, oder wie der Kerl geheien haben mag, bei welchem Kommen,
Sehen und Siegen eins waren. Ich habe noch keine Reisekosten gehabt; ich nicht!
Kommen, sehen, siegen - das mu man nur verstehen!
    Nun, er kam und ging jetzt mehr als je; heute in Uselin, morgen in St.; dann
wieder hier, um am andern Tage spornstreichs nach Zehrendorf zu reisen, wo ihn
schon mein nchster Brief nicht mehr traf, weil ihn seine Ruhelosigkeit
unterdessen bereits wieder nach St., oder der Himmel wei wohin getrieben hatte.
Das war jetzt durchaus die Regel; und dabei machte ich die bse Entdeckung, da
man ihn gerade dann am schwersten finden konnte, er gerade dann am
sorgfltigsten alle Spuren hinter sich auslschte, wenn man ihn am
nothwendigsten brauchte. War es das alte Tintenfisch-Manver, dessen er sich in
geschftlichen Unterredungen so gern bediente, auf den praktischen Verkehr
angewandt, war es mehr?
    Ja, der Commerzienrath kam und ging genug, aber mit dem Sehen und dem Siegen
hatte es wohl seine eigene Bewandtni. Seine Augen waren jetzt gar zu oft in
einen trben, wssrigen Dunst gehllt, und, wie prahlerisch er auch noch immer
zu reden wute, seine Miene war durchaus nicht die eines Siegers. Der Eindruck,
den ich gleich bei dem ersten Wiedersehen in Zehrendorf gehabt hatte, da der
Commerzienrath ein alter Mann geworden sei, wurde jetzt bei jeder neuen
Zusammenkunft auf die peinlichste Weise verstrkt; und nicht bei mir allein!
Auch seinen Geschftsfreunden mute die Vernderung, die mit ihm vorging,
auffallen.
    Ihr Herr Schwiegervater ist in letzter Zeit sonderbar irritabel, sagte der
Banquier Zieler; - der Herr Commerzienrath sollte sich mehr Ruhe gnnen,
bemerkte gelegentlich der Eisenbahndirector Schwelle; - mein verehrter Gnner,
der Herr Commerzienrath, sind heute in sehr bler Laune, raunte mir der Wirth
des Hotels, in welchem er zu verkehren pflegte - er stieg nie bei uns ab - in
die Ohren; und selbst die Kellner zuckten heimlich die Achseln, wenn der alte
Mann hinter der Flasche wegen irgend eines mglichen oder unmglichen Versehens
wie ein Besessener auf sie einschalt.
    Nein; der alte Mann mit den wssrigen, zwinkernden Augen und dem fahrigen,
fr einen Mann in seinen Jahren doppelt aufflligen und unschnen Benehmen, sah
nicht aus wie ein Sieger; sah nicht so aus, - und war auch keiner!
    Er hatte, so lange unser intimes Verhltni nun bestand, so viel ich wute,
keine Triumphe zu verzeichnen gehabt. Es war gewi kein Triumph fr den Krsus
von Uselin, da er sich in dieser Zeit entschlossen hatte, hatte entschlieen
mssen, sein weltberhmtes Korngeschft zu liquidieren; und es war auch wohl
kein Triumph, da selbst nach diesem wohlgeordneten Rckzuge, wie er es nannte,
durchaus keine Ordnung in unsere finanziellen Verhltnisse kommen wollte. Im
Gegentheil! Es fehlte an baaren Mitteln mehr als je, fehlte so sehr, da ich aus
einer Verlegenheit in die andere gerieth, und manchmal wirklich nahe daran war,
zu verzweifeln. Und nicht nur, da ich durch die ewige Ungewiheit, in welcher
mich mein Schwiegervater erhielt, in meinen Fabrikoperationen auf die
unverantwortlichste Weise gehemmt wurde, so hatte ich das fr mich mindestens
eben so drckende Gefhl, auch nicht eine einzige jener Verbesserungen in der
Lage meiner Arbeiter einfhren zu knnen, ber welchen der Doctor, Klaus und ich
in vergangenen, hoffnungsfreudigen Tagen so oft die Kpfe beim Grogglase
zusammengesteckt hatten. Ein Chef, der nicht wei, wie er selbst am nchsten
Tage seinen Verpflichtungen nachkommen soll, ist nicht im Stande, seinen
Arbeitern Concessionen zu machen, zu welchen er nicht verpflichtet ist, an
welche ihn wenigstens kein Buchstabe des Contractes, sondern nur die Stimme
mahnt, die in seinem eigenen Herzen spricht fr den gemeinen Mann, an dem der
Fluch des Paradieses bis auf den heutigen Tag buchstbliche Wahrheit geworden
ist. Ja, es kamen Augenblicke - und ich denke derselben, wie man sich an
besonders schauderhafte Trume erinnert, - wo ich fhlte, da sich mein Herz
gegen einen Nothschrei, gegen eine schchterngemurmelte Klage zuschlieen
wollte; wo mir das Beispiel meiner Concurrenten, welche den Tagelohn um einen
Groschen herabgedrckt hatten, nachahmungswrdig schien. Ich erinnere mich, da
mir dann immer war, als wre ein grauer Schleier ber die ganze Welt gefallen,
da mir nicht Speise, nicht Trank schmecken wollte, da ich mich schlaflos auf
dem Lager wlzte, als htte ich einen Mord auf dem Gewissen, da ich die
einsamsten Wege suchte, und wenn ich auf der Strae von weitem einen Bekannten
sah, den Hut in das Gesicht zog und auf die andere Seite ging.
    Einmal, als der Druck auf meinem Herzen ganz unertrglich war, eilte ich zu
dem Freunde, wie ein von Zahnschmerzen Gefolterter zu dem Arzte eilt, und
schttete in seinen treuen Busen mein bervolles Herz aus. Er hrte den
Ungestmen, fast Verzweifelten gtig an und sagte:
    Ich habe das kommen sehen, lieber Georg; es ist also nichts, was auerhalb
menschlicher Berechnung lge, und worber Menschen also auch nicht zu
verzweifeln brauchen, weil sich der Fehler bei der nthigen Geduld und Ausdauer
wohl wieder herausrechnen lt. Wer sich die Freiheit seiner Entschlieungen
bewahren will, darf nicht an jeden beliebigen Punkt anknpfen, bis zu welchem
Andere ihr unreines und unredliches Gespinnst gebracht haben, wo dann freilich
die Verwickelungen und Verknotigungen nicht ausbleiben. Ein Vermgen, welches,
wie das Ihres Schwiegervaters, mit ganz unreinen Hnden gewonnen ist, kann nicht
mit ganz reinen Hnden bewahrt werden. Wer in dem Proce Ambo contra Hammer
unbefangen bleiben will - unbetheiligt kann so wie so Niemand bleiben -, der
darf sich nicht entschieden auf eine Seite stellen. Sie haben es in gewissem
Sinne gethan. Ihr Schwiegervater ist ein Ritter vom Hammer, und Sie - Sie sind
sein Schwiegersohn, das heit: der erste in seinem Gefolge, mgen Sie sich gegen
diese traurige Wahrheit struben, wie Sie wollen. Und, mein Freund, ich sehe,
wie die Sachen liegen, keine Rettung aus diesem Irrsal, als nur die eine, da
der Proce so schnell als mglich vor jene hhere Instanz der groen
konomischen Gesetze kommt, und in jener Instanz schnell und endgltig
entschieden wird, damit Sie wieder der freie Mann werden, der Sie vorher gewesen
sind. Es klingt das vielleicht sehr hart, sehr grausam; aber, lieber Freund, Sie
knnen es einem Schler des Hippokrates nicht belnehmen, wenn er an dem Satze
seines Meisters festhlt.
    Die hhere Instanz, an welche mich der Doctor gewiesen, sollte sich fr
Anwendung der hippokratischen Feuer-Methode auf meinen Fall schneller
entscheiden, als der Doctor wohl selbst erwartete.
    Ich hatte den Commerzienrath, wenn er mir wieder und wieder klagte, wie
schwer es halte, gerade jetzt die allerdings bedeutenden Mittel aufzubringen,
welche ich fr die Fabrik brauchte, wiederholt auf das Dringendste gebeten, mit
dem Verkauf von Zehrendorf endlich Ernst zu machen. Gott wei, wie schwer es mir
wurde, so zu bitten! Zehrendorf war mir an's Herz gewachsen, mehr, als ich sagen
konnte. Da war kaum eine Scholle, auf die mein Fu nicht getreten, da war kein
Baum, kein Strauch, den ich nicht frher oder spter liebgewonnen hatte. Die
Aussicht, einen Tag in Zehrendorf zubringen zu knnen, machte mir jede Arbeit
leicht, trug mich ber manche Sorge hinweg; die Hoffnung, dermaleinst meine
alten Tage auf der Stelle, wo ich zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben
wirklich jung gewesen war, verbringen zu knnen, war mir theuer, wie kaum eine
andere. Und Hermine, wute ich, dachte nicht anders. Hatte doch auch sie den
Traum ihrer Liebe dort getrumt, dort den Traum ihrer Liebe verwirklicht
gesehen! Hatte sie doch damals, als mich ihr Vater geflissentlich bei ihr in den
Verdacht brachte, der Haupturheber des Verkaufs-Projectes zu sein, mir auf das
allerernstlichste gezrnt! Hatte ich doch hoch aufgeathmet, und sie laut
aufgejauchzt, als die pltzliche Erkrankung des alten Frsten Prora die
Unterhandlungen in der Mitte abschnitt, und jetzt, jetzt sollte ich wirklich der
sein, der sie und mich um unser Kleinod brachte? Nicht ich, die Verhltnisse,
die strker waren, als ich; die Verhltnisse, die ich nicht geschaffen, die ich
nicht zu verantworten hatte, aber die ich nicht bestehen lassen durfte, wenn
mich die Verantwortung dafr nicht wirklich treffen sollte. Ich war mir dessen
vollkommen bewut, und so war ich denn wieder und wieder in meinen
Schwiegervater gedrungen.
    Merkwrdigerweise hatte er sich auf das hartnckigste geweigert, meinem
Drngen nachzugeben, als wre der Plan nicht ursprnglich in seinem eigenen
Kopfe entsprungen. Frchtete er die allerdings nicht besonders gnstige
Conjunctur? Glaubte er, das Gut halten zu knnen? Scheute er den Lstermund der
Leute, denen er, als er sein Korngeschft liquidirte, eingeredet, er habe das
Treiben satt, und wolle sich fr seine alten Tage auf seinen Landsitz
zurckziehen? War es einfach despotischer Trotz und greisenhafter Eigensinn -
ich wute es damals nicht, und wte es auch noch jetzt nicht mit voller
Bestimmtheit zu sagen. Vielleicht geht der Kelch an uns vorber, trstete ich
mich dann; seine Angelegenheiten stehen am Ende doch besser, als du glaubst;
vielleicht ist er auf seine alten Tagen zum Geizhals geworden und verscharrt die
aufgespeicherten Schtze, denn es ist ja doch ganz unmglich, da es ihm so an
Geld fehlt, wie er sich anstellt; wo sollte er denn damit geblieben sein?
    Ihr Herr Schwiegervater hat heute keinen glcklichen Tag gehabt, sagte der
Banquier Zieler zu mir, als er, von der Brse kommend, mir auf der Strae
begegnete.
    Wie das, Herr Geheimrath?
    Nun, er hat heute nur die Differenz von fnfzigtausend Thalern in Spiritus
auszugleichen, wo er auf Hausse speculirt, allerdings ein sonderbarer
Rechnenfehler bei einem so gewiegten alten Praktiker.
    Fnfzigtausend Thaler in einem Augenblick, wo ich um tausend in Verlegenheit
war! und in einem Geschft, von dem er mir nie gesprochen, das ganz auerhalb
des Bereiches seiner sonstigen Unternehmungen lag! Es war mir wohl nicht mglich
gewesen, den Schrecken, den mir die Nachricht einflte, ganz in meinen Mienen
zu unterdrcken, und der Geheime Commerzienrath mute es bemerkt haben, denn er
sagte lchelnd:
    Nun, nun, Ihr Herr Schwiegervater kann sich dergleichen kleine Scherze
erlauben. Habe die Ehre, mich Ihnen ganz gehorsamst zu empfehlen.
    Ich war nun nicht der Ansicht, und ich schrieb sofort nach Uselin und bat
dringend, mich wissen zu lassen, ob die soeben erhaltene Nachricht, die
allerdings aus der besten Quelle kam, wirklich wahr sei, woran ich dann die
Aufforderung knpfte, mir endlich einmal einen klaren Einblick in die
Verhltnisse zu gewhren, in denen ich als ein Mann von Ehre nicht lnger so
hinleben knne.
    Die Antwort war ein langer Brief, angefllt mit Klagen ber meinen Mangel an
Vertrauen, ber das Schicksal eines alten Mannes, der von seinen Kindern
verlassen werde, voll ruhmredigen Pochens auf seine bald fnfzigjhrige
Geschftspraxis, auf sein bewhrtes Glck; woran sich unmittelbar die
Aufforderung knpfte, auf jeden Fall an den Frsten zu schreiben und ihn zu
fragen, ob er wirklich noch auf Zehrendorf reflectire oder nicht.
    Ich lie den andern Inhalt des Schreibens gut sein und hielt mich an den
einzigen bestimmten Punkt. Ich schrieb sofort an den jungen Frsten, der noch
immer in Prora bei seinem kranken Vater verweilte, und erhielt umgehend von
seiner eigenen Hand die Antwort, da er so schon die Absicht gehabt habe, nach
der Residenz zu kommen, und diese Absicht unverzglich ausfhren wolle. Er werde
am Freitag Abend vier Uhr eintreffen und wrde sich auerordentlich freuen, mich
eine Stunde spter in seinem Palais zu empfangen, wo wir ja dann ber unsere
Angelegenheit ausfhrlich sprechen knnten.
    So sollte es also wirklich sein! Das Herz wollte mir schwer werden, aber ich
unterdrckte die wehmthige Regung und sagte mit dem Doctor: Was die Medicamente
und was das Eisen nicht hat heilen wollen, mu eben das Feuer heilen.
    In dieser halb wehmthigen, halb entschlossenen Stimmung begab ich mich an
dem gedachten Tage zu der festgesetzten Stunde in das Palais des Frsten.

                          Sechsundzwanzigstes Capitel.


Der Frst empfing mich mit einer Zuvorkommenheit, die ich fast herzlich nennen
durfte. Er war vor einer halben Stunde angekommen. Die Reise durch den kalten
Wintertag schien ihm besonders wohl gethan zu haben; er sah frisch und blhend
aus, wie ich ihn nie zuvor gesehen; und so war auch in seinem ganzen Wesen eine
Elasticitt, in seiner Rede eine Lebhaftigkeit, da ich Mhe hatte, in dem Manne
den blassen Trumer aus dem altersgrauen Jagdschlo von Rossow wieder zu
erkennen.
    Ich konnte mich nicht enthalten, ihm zu dieser Vernderung, die ich seiner
verbesserten Gesundheit zuschrieb, zu gratuliren. Er schien das gern zu hren,
und meinte, es sei fr ihn auch die hchste Zeit, mit den Kinderkrankheiten
fertig zu werden. Ich hatte mir immer vorgenommen, sagte er, da man an mir
einen Mann finden solle, sobald die Zeit dazu gekommen wre, und ich glaube, da
sie gekommen ist. Gott erhalte den Frsten, meinen Vater, noch lange am Leben!
aber nach menschlicher Berechnung sind seine Tage gezhlt! Man hat das Recht, zu
verlangen, da mich ein Ereigni, welches in das Schicksal von Tausenden
eingreift, nicht unvorbereitet finde.
    Der Frst hatte diese letzten Worte sehr ernst gesprochen. Er war, in dem
Salon auf- und abgehend, vor einem Portrait stehen geblieben, das einen jungen,
sehr schnen Mann in einer reichen, phantastischen Tracht darstellte.
    Sonderbar, sagte der Frst, da das Leben uns so mitspielen kann! Sehen
Sie, dies Bild ist das des Frsten, meines Vaters, in seinem achtundzwanzigsten
Jahre. Er hatte das Costm auf einem Maskenball bei Hofe getragen, und ein
ungeheures Furore gemacht; die hochselige Knigin hatte durchaus gewollt, da er
sich fr sie malen lasse. Es ist dies eine Copie des Originals. Finden Sie nicht
-
    Er brach pltzlich ab, und sagte, indem er sich in einen Fauteuil warf und
mir ein Zeichen gab, ebenfalls wieder Platz zu nehmen: Aber ich bin ja nicht
gekommen, um mit Ihnen ber mich und meine Angelegenheiten zu sprechen Die
Ihrigen haben sich, seitdem wir uns zuletzt gesehen, sehr verndert. Wie, Herr,
Sie sind ja ein groer Diplomat! Lassen mich da die Kreuz und die Quer sprechen,
und Ihnen wer wei welche wohlwollende Propositionen machen, und keine Miene,
kein Wort verrth, da Sie, so zu sagen, schon ber den Berg sind, an dessen Fu
ich noch mit Ihnen zu halten glaube! Wie mgen Sie sich in's Fustchen gelacht
haben! Und der arme Zehren! Er that, als ob er ebenso erstaunt sei, wie ich
selber; aber ich denke, er hat recht gut gewut, wie die Sachen standen, denn,
wenn ich ihn auch immer fr einen halben Narren gehalten habe, so habe ich ihn
jetzt sehr stark im Verdacht, da er ein ganzer Schelm ist. Ich mchte nur, es
nhme mir ihn einer ab; er ist mir manchmal recht zur Last, und wegjagen mag ich
ihn doch auch nicht. Ich hatte schon daran gedacht, ihn, wenn Sie mir Zehrendorf
verkaufen, als Verwalter dahin zu schicken, oder ihm auch das Gut in Pacht zu
geben; dann aber wieder gemeint, Sie mchten das nicht gern sehen. Habe ich
nicht recht gehabt?
    Gewi, Durchlaucht, erwiederte ich. Arthur ist nicht der geeignete Mann
fr Zehrendorf. Unter seinen Hnden wrde Alles wieder zu Grunde gehen, was dort
an vortrefflichen und gemeinntzigen Anlagen mit einem so groen Aufwand von
Kosten geschaffen ist. Ja, ich gestehe, Durchlaucht, wre es Ihr ernstlicher
Wille - wie ich berzeugt bin, da es eben nur ein Einfall Ihres gtigen Herzens
ist - ich wrde noch jetzt in der zwlften Stunde versuchen, Zehrendorf meinem
Schwiegervater zu erhalten, so sehr mir auch, aus anderen Grnden, daran liegt,
es gerade an Sie zu verkaufen.
    Freilich, freilich, es ist nur so ein Einfall, sagte der Frst; aber
weshalb mir dieser schmeichelhafte Vorzug? Sie wissen, da mir jetzt nicht mehr
so viel an der Erwerbung des Gutes liegt, als in diesem Frhjahr, und da Sie
also mit mir einen schweren Stand haben werden.
    Immer noch einen leichteren, als zum Beispiel mit Herrn von Granow, sagte
ich.
    Ein Lcheln spielte um die feinen Lippen des Frsten. Da mchten Sie wohl
recht haben, sagte er. Das ist ein Fuchs, trotz seines Bulldoggen-Gesichtes.
Er hat mich schon ein paar Mal durch Zehren und den Justizrath sondiren lassen,
ob ich noch immer auf Zehrendorf reflectire. Es scheint, da er alle
Concurrenten beseitigen will, um der Einzige auf dem Platze zu sein und dann im
rechten Augenblick, fr den ihm der Justizrath wohl den Wink geben wird, das
schne Gut fr dreiig Silberlinge zu erstehen. Nein, bei Gott, Sie sollen nicht
in die schmutzigen Hnde dieses Halsabschneiders fallen, wenn ich es hindern
kann.
    Ich danke Ihnen, Durchlaucht, sagte ich.
    Ich habe Ihnen zu danken, erwiederte der Frst, da Sie mir auf's Neue
Gelegenheit geben, eine alte Schuld, die ich gegen Sie habe, abzutragen. Ihre
Angelegenheit ist mir, seitdem Sie mir schrieben, vielfach im Kopfe
herumgegangen, ja ich kann sagen, da ich dieselbe eigentlich niemals aus den
Augen verloren hatte, Dank den guten Freunden Ihres Schwiegervaters. Sie wissen
vielleicht selbst nicht, wie viel in unserer Gegend ber ihn gesprochen wird,
und wie er in dem Ansehen der Leute gesunken ist. Ich sage das zu meinem groen
Bedauern, und nur, weil ich glaube, Ihnen, als dem zunchst Betheiligten,
mittheilen zu mssen, was Andere Ihnen zu sagen vielleicht nicht den Muth haben,
oder aus irgend welchen bswilligen Absichten geflissentlich verschweigen. Der
Credit des Commerzienraths scheint mir sehr erschttert; man erzhlt sich von
ungeheuren Verlusten, die er in der letzten Zeit erlitten habe; er soll an der
Brse speculiren, in allen mglichen gewagten Unternehmungen engagirt sein - was
wei ich. Ich kann Sie versichern, man hlt ihn fr halb toll, man hlt ihn fr
ruinirt, whrend freilich die Andern behaupten, der alte Herr sei niemals besser
bei Verstande und niemals reicher gewesen, als eben jetzt; und wenn er ein wenig
den Narren und den Bankrotteur spiele, so sei das nur eine seiner alten Finten,
die ihm noch immer geglckt seien. Was halten Sie denn davon?
    Ich glaubte das Entgegenkommen des Frsten meinerseits mit Offenheit
erwiedern zu mssen; und so schilderte ich ihm ausfhrlich, so gut ich es
konnte, die sonderbare Lage, in welcher ich mich dem Commerzienrath gegenber
befand: die Winkelzge und Inconsequenzen, die Halbheiten, welche er sich gegen
mich hatte zu Schulden kommen lassen; und wie ich glaube, da er allerdings noch
nicht der ruinirte Mann sei, fr den ihn seine Feinde ausschrieen, da er sich
aber, wenn er so fortfahre, nothwendig ber kurz oder lang ruiniren msse.
    Der Frst hatte mit Aufmerksamkeit zugehrt, und hier und da in meine
Auseinandersetzung Fragen eingestreut, die, wenn nicht groe Geschftskenntni,
so doch scharfen Verstand und rasche Fassungsgabe bewiesen. Wir waren dann auf
den eigentlichen Punkt, den Verkauf von Zehrendorf zurckgekommen, und hatten
uns ber die hauptschlichsten Bedingungen verstndigt, als der alte,
weihaarige Diener, den ich schon auf Rossow gesehen, hereintrat, und, an der
Thr stehen bleibend, seinem Herrn einen Wink mit den Augen machte.
    Ah, sagte der Frst, ist es schon so spt? das ist ja recht unangenehm!
Ich mu nmlich in das Theater: ihre knigliche Hoheit, die Prinzessin, meine
hohe Gnnerin, die von meinem Kommen unterrichtet war, hat mich wissen lassen,
da sie mich fr einen Augenblick in ihrer Loge zu sprechen und Nachrichten ber
das Befinden des Frsten, meines Vaters, entgegen zu nehmen wnsche. Aber man
knnte vielleicht das Ntzliche mit dem Angenehmen verbinden. Es wre immerhin
wnschenswerth, zu wissen, wie bald ich die Gelder flssig machen kann und
Hensel - es war dies der Banquier des Frsten - ist jedenfalls auch im Theater.
Ich wei, der groe Mcen aller Snger und Schauspieler - die Sngerinnen und
Schauspielerinnen, auch die Damen vom Ballet nicht zu vergessen - versumt keine
erste Vorstellung. Es wird sich schon eine Minute finden, wo ich ihn sprechen
kann. Das Gescheitste wre, Sie kmen auch; wir knnten dann noch heute Abend
ber alle Prliminarien einig sein, und morgen Vormittag von meinem Rechtsanwalt
den Contract entwerfen lassen? Wollen Sie?
    Ich bin fr den Abend frei; sagte ich.
    Ein stolzes Wort fr einen jungen Ehemann, sagte der Frst lachend. Nun,
im schlimmsten Falle bringen Sie Ihre Frau Gemahlin mit. Ich habe mich so schon
lange darauf gefreut, sie kennen zu lernen. Von Rossow aus konnte ich es nicht,
ich hatte ja Urfehde geschworen, die Bannmeile des Schlosses nicht zu verlassen.
Nun, was sagen Sie? Sie machen ein verlegenes Gesicht! Wie, Herr! die alten
Zeiten sind nicht mehr; Sie drfen, ohne sich etwas zu vergeben, den Frsten
Prora einer keuschen Frau vorstellen.
    Ich zweifle daran nicht, Durchlaucht, sagte ich, indessen meine Frau -
ich wei in der That nicht -
    Ah so, sagte der Frst, verstehe - kommt in den bestregulirten Familien
vor, wie die Englnder sagen. Nun, Sie werden ja sehen. Also  revoir wo
mglich, mit Ihrer Frau Gemahlin.
    Der Frst reichte mir lachend die Hand; ich hatte nicht Ja und nicht Nein
gesagt, vermuthlich, weil ich nicht Ja sagen mochte, und doch auch vernnftiger
Weise nicht Nein sagen konnte.
    Aber es ist doch auch ein zu erbrmliches Ding um einen Menschen, der nicht
wei, ob er Ja oder Nein sagen soll, sprach ich bei mir, whrend ich durch die
Straen, in welchen es bereits dunkelte, nach meiner nicht sehr entfernten
Wohnung schritt; ein Ding, an das du nicht gewhnt bist, an das du dich nicht
gewhnen darfst.
    Und whrend ich so bei mir sprach, war ich im Begriff, ber die Strae
hinber zu gehen, zu einer Hausecke, an welcher ich im Lichte einer Laterne die
Theaterzettel sah; aber ich kehrte sofort wieder um. Nein, nein, murmelte ich;
du willst deiner Feigheit keinen Vorschub leisten, denn eine Feigheit ist es und
bleibt es.
    So kam ich zu Hause an, wo mich Hermine ungeduldig erwartete. Ich hatte ihr
von meiner Zusammenkunft mit dem Frsten gesagt, aber nicht, was der Gegenstand
derselben sein werde, ohne zu bedenken, da dies Verschweigen einer Sache, die
so bald entschieden werden mute, zu nichts fhren knne, als ihre heimliche
Sorge zu vergrern. Auch das wurde mir klar, als ich in ihre ngstlich auf mich
gerichteten Augen blickte. Aber sollte ich auch dies jetzt sagen? Alles auf
einmal, was ich ihr bisher so sorgfltig verschwiegen? Eine Verwirrung, die mir
den Kopf benahm, eine Angst, die mir das Herz zusammendrckte, bemchtigten sich
meiner. Ich wollte aus diesem Zustand heraus, wie Jemand aus einem Zimmer will,
in welchem er zu ersticken frchten mu, und wie ein solcher den ersten besten
Ausweg nimmt, den er findet, und wre es durch das Fenster, so sagte ich, als
wenn ich etwas Auswendiggelerntes vorzutragen htte: Der Frst wnscht mich im
Theater zu sehen; er hat mir noch eine Mittheilung zu machen, die nicht gut bis
Morgen anstehen kann. Er hat auch den Wunsch geuert, Du mchtest mich wo
mglich begleiten. Er ist sehr freundlich gegen mich gewesen; ich fhle mich ihm
sehr verpflichtet; ich mchte ihm gern eine Aufmerksamkeit erweisen, wenn Du
mich darin untersttzen willst.
    Sie spielt wohl heute? sagte Hermine und ihre Lippen zuckten, und ihre
Augenbrauen waren finster zusammengezogen.
    Was geht das mich, was geht es uns an? Hermine!
    Ich breitete meine Arme aus, und Hermine lag an meiner Brust. Die ganze, so
lange zurckgehaltene Leidenschaft brach mit einem Male aus, sie schluchzte, sie
lachte und rief unter Weinen und Lachen: ja, ja, was geht es uns an! was geht
es uns an!
    Ihr ses Gesicht, das in der letzten Zeit so bleich und manchmal verstrt
ausgesehen hatte, strahlte von Glck und Leben; ich glaubte, sie nie so schn
gesehen zu haben.
    Du wirst Furore machen, sagte ich scherzend.
    Und das will ich auch! sagte sie, es ist keine Kunst, schn zu sein, wenn
man so glcklich ist.
    Und sie warf sich wieder in meine Arme und eilte in ihr Ankleidezimmer, aus
welchem sie bald in einer einfachen, geschmackvollen Toilette, wie sie sie zu
machen verstand, zurckkam.
    Glaubst Du, da ich mich so vor dem Frsten sehen lassen kann? fragte sie
schelmisch.
    Vor jedem Knige der Welt!
    Trotz alledem? fragte sie mit der reizendsten Bewegung.
    Trotz alledem!
    Der Weg nach dem Theater war sehr kurz, dennoch hatte ich auf diesem kurzen
Wege die Zeit, ihr Alles zu sagen, was ich mit dem Frsten verhandelt: den
Verkauf Zehrendorf's, die Nothwendigkeit dieses Verkaufs. Und das holde Geschpf
stimmte Allem, Allem bei. Ach, wohl hatte der Doctor recht: ein Mann kann seiner
jungen Frau Alles sagen, aber ich hatte doch auch recht, da man den gelegenen
Augenblick dazu benutzen msse!
    Wir kamen im Theater an. Der Frst hatte mir gesagt, da in der Loge, die er
fr sich bestellt, noch Platz sei, und das war gut, denn das Haus war
ausverkauft. Es wurde ein neues Stck gegeben, von einem jungen Dichter, der
damals viel von sich reden machte, ein Conversations-Stck, in welchem Konstanze
nicht beschftigt war, wie ich mich durch einen Blick auf den Theaterzettel
berzeugte. Es war noch nicht sehr spt, dennoch waren das Parquet und die
oberen Rnge schon dicht besetzt, nur die Logen begannen erst sich zu fllen.
Auch der Frst war noch nicht da; er kam, als das Orchester bereits eine Zeit
gespielt hatte, in Begleitung eines hheren Offiziers, den er uns als seinen
Vetter, den Grafen Schmachtensee, vorstellte. Er sah im Frack und weier
Cravatte, um den Hals ein blaues Band, an welchem ein auslndischer Orden in
Brillanten funkelte, ganz reizend und sehr vornehm aus und war die
Liebenswrdigkeit selbst gegen Hermine, die er wegen seines spten Kommens um
Entschuldigung bat, und dann neben ihr Platz nahm, um weiter mit ihr zu
plaudern, und nach einigen Minuten leise wieder aufzubrechen, da die knigliche
Hoheit, welche ihn zu sich befohlen hatte, eben in ihrer Loge erschienen war.
    Oberstlieutenant Graf Schmachtensee, den sein frstlicher Vetter in einer so
bedenklichen Situation zurckgelassen hatte, mochte nicht recht wissen, was er
mit uns anfangen solle, bis er auf den glnzenden Einfall kam, mir sein
Opernglas anzubieten, das ich dankend ablehnte. So nahm er es denn selbst vor
seine grflichen Augen und blickte nach der Loge uns gegenber, so lange, da
meine Augen unwillkrlich zuletzt dieselbe Richtung nahmen. Und da sah ich, uns
gerade gegenber, eine Dame, welche in diesem Augenblick ihren Kopf zu einem
Herrn, der hinter ihr sa, gewendet hatte, in der ich aber trotzdem auf den
ersten Blick Konstanze erkannte.
    Ich wei nicht, welchen Eindruck diese Entdeckung auf mich gemacht haben
wrde, htte ich mich mit Herminen nicht eben erst so kstlich verstndigt, und
auch so noch schlug mir das Herz, als ich bemerkte, da Hermine in diesem Moment
ihr Glas ebenfalls dorthin richtete; aber ich athmete freudig auf und murmelte
ein: Gott sei Dank! aus tiefstem Herzen, da sie jetzt das Glas sinken lie, um
die Augen mit einem unbeschreiblich schelmischen Lcheln auf mich zu wenden.
Dann blickte sie, als eben der Vorhang emporging, auf die Bhne, ohne noch
einmal nach ihr zu sehen, deren Gestalt wohl nur zu oft in der letzten Zeit
durch ihre schwermthigen Trume geglitten war.
    Konstanze ihrerseits schien, was auf der Bhne vorging, weniger zu
interessiren. Ich sah ihr Glas fast bestndig auf uns gerichtet, wenn sie sich
nicht mit ihrem Begleiter unterhielt, der sich jetzt neben sie gesetzt hatte und
in welchem ich den Schauspieler von Sommer, genannt Lenz, erkannte; oder,
rckwrts gewandt, mit ein paar anderen, ebenfalls jngeren Herren in feinster
Toilette und von aristokratischem, wenn auch fremdlndischen Aussehen, - es
waren ein paar walachische Edelleute, wie ich spter erfuhr - die offenbar zu
ihrer Gesellschaft gehrten. Unzweifelhaft war von uns die Rede und vermuthlich
nicht in der liebevollsten Weise; ich glaubte mehr als einmal zu bemerken, wie
sich das blasse Gesicht des Herrn Lenz zu einem widrigen Lcheln verzerrte und
ihre Begleiter unter den Opernguckern geradeheraus lachten.
    War es das allzu auffllige Interesse, welches die schne, dem ganzen
Publikum bekannte Schauspielerin und ihre Gesellschaft an der Dame ihr gegenber
in der Loge zu nehmen schien; war es die reizende Erscheinung Herminens - aber
das Publikum folgte in dem Zwischenact dem gegebenen Beispiel und diese
unbequeme, auf uns gespannte Neugier nahm noch zu, als jetzt der Frst wieder
erschien und auf dem Fauteuil neben Hermine Platz nahm. Man stand unten im
Parquet auf, um bequemer sehen zu knnen, man steckte die Kpfe zusammen,
blickte dann wieder von Hermine zu Konstanze, und schien zwischen den beiden, in
ihrer Art gleich schnen Frauen, die interessantesten Vergleiche anzustellen.
Ohne Zweifel hatte auch der Frst Konstanze bemerkt; aber vergebens, da ich in
seinem Gesicht nach einer Spur des Eindrucks suchte, den diese unerwartete,
unselige Begegnung ohne Zweifel auf ihn machte. Er hatte nicht umsonst von
Jugend auf sich in Kreisen bewegt, wo es als erste Regel gilt, seine Mienen
unter strengster Controle zu halten Er lachte und scherzte auf das scheinbar
unbefangenste mit Herminen, nannte ihr die Namen der hochgestellten Personen
seiner Bekanntschaft in den Prosceniums-Logen; wandte sich dann wieder zu seinem
Vetter und zu mir, und schien sich, Alles in Allem, auf das kstlichste zu
amsiren.
    Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in dem zweiten Zwischenact, nur da
diesmal noch ein Kammerherr der hohen Frau in unsere Loge kam, um sich im
Auftrage seiner Gebieterin bei dem Frsten nach dem Namen der Dame zu
erkundigen, von deren Schnheit und Liebenswrdigkeit ihre Hoheit vollkommen
entzckt sei.
    Der Frst theilte uns das lachend mit, als der stattliche Herr sich wieder
entfernt hatte, und meinte, es sei gar nicht unmglich, da ihre Hoheit uns noch
in das Sprechzimmer befehlen wrden, und ich mge mich nur auf den
Commerzienrath oder auf die vierte Klasse gefat machen.
    Ich gestehe, da, wenn ich auch nicht gerade an das Hereindrohen dieses
Unglcks glaubte, sich doch meiner, ich wei nicht wie, immer mehr die
Empfindung bemchtigte, als msse irgend ein nahe bevorstehendes, ernstliches
Unheil in der heien Luft des Saales schweben. Dazu kam, da ich zu bemerken
glaubte, wie Hermine die Hitze, das viele Sprechen, die Aufmerksamkeit, deren
Gegenstand sie war, ber Gebhr aufregte und angriff, und so bat ich denn,
nachdem ich mich mit ihr durch einen Blick verstndigt, bei Beginn des dritten
Zwischenactes den Frsten, uns beurlauben zu drfen, um so mehr, als der
Banquier Hensel nicht gekommen war, und also unser Geschft doch nicht weiter
gebracht werden knne. Der Frst erhob sich sogleich, und bot Herminen den Arm,
um sie selbst auf den Corridor zu fhren, auf welchen in diesem Augenblick aus
dem unertrglich heien Saale durch alle Logenthren die Menge strmte.
    Es entstand ein Gedrnge, und wir wurden von dem Frsten, der sich eben
Hermine empfohlen hatte, schnell getrennt, in dem Augenblicke, als Konstanze am
Arm des Herrn Lenz und gefolgt von den beiden Walachen an mir vorber rauschte.
Sie grte mich in einer Weise, die unter dem Anschein groer Verbindlichkeit
uerst spttisch war, aber das blasse Gesicht ihres Begleiters wandte sich
nicht fr einen Moment zu uns; seine groen Augen, die Jemand zu suchen
schienen, hatten einen starren, unheimlichen Ausdruck. Er lie sogar seine Dame
los, ohne Zweifel, um schneller durch die Menge kommen zu knnen, in der
Richtung, in welcher ich den Frsten zuletzt gesehen. Dann schoben sich wieder
andere Personen dazwischen und ich hatte die vier aus den Augen verloren.
Hermine, die mit ihrer Toilette beschftigt gewesen, hatte Konstanze glcklicher
Weise gar nicht bemerkt, sie bat mich jetzt, ihr so schnell als mglich
hinauszuhelfen. Wir waren bereits die Treppe ein paar Stufen hinabgegangen, als
pltzlich hinter uns auf dem Corridor ein Lrm entstand. Hermine war stehen
geblieben und hatte sich in halber Ohnmacht auf meinen Arm gelehnt. Das gab
einen kleinen Aufenthalt, whrend der Lrm oben immer grer wurde; das Summen
von vielen Stimmen, die alle auf einmal sprachen, dazwischen laute Worte, wie es
schien, von Beamten des Hauses, welche sich bemhen mochten, die Ordnung wieder
herzustellen. Ein Herr kam eilig an mir vorbei. Ich hielt ihn an: was giebt
es?
    Der Frst Prora ist von dem Schauspieler Lenz auf das grblichste insultirt
worden!
    Der Herr eilte weiter.
    Ich blickte auf Hermine: sie hatte es nicht gehrt; sie durfte es nicht
hren, sie mute entfernt werden, bevor sie wieder zur Besinnung kam. Ich trug
sie die Treppe hinab, hob sie in einen Wagen und fuhr mit ihr nach Hause, wo sie
noch etwas schwach, aber sonst wieder hergestellt, anlangte. Ich solle mich nur
nicht um sie ngstigen; und es sei ein kstlicher Abend gewesen, fr den sie mir
tausendmal danke, und nun wolle sie zu Bett gehen und ich msse auf jeden Fall
wieder in das Theater; der Frst drfe nicht wissen, wie fest sie mich am Bande
habe.
    Ich that, als ob ich nur ihren Wnschen nachkomme, und versprach, in das
Theater zurckzukehren.
    In der That war ich schon vorher dazu entschlossen gewesen. Wenn es sich
besttigte, was mir der Herr auf der Treppe zugerufen - und wie konnte ich daran
zweifeln! - so war das Unglck, welches ich in der heien Luft des Theaters
vorausgeahnt hatte, eingetroffen. Ich dachte der Scene im Walde von Zehrendorf
vor so viel Jahren, und wie der Knabe lieber hatte sterben wollen, als von
meiner Hand einen Streich erdulden, dessen Zeuge Niemand gewesen wre, als der
Mond am Himmel! Wrde der Mann jetzt anderen Sinnes sein? wrde er nicht Alles
daran setzen, eine Beleidigung zu rchen, die ihm, dem Frsten von Prora,
Angesichts so vieler Menschen widerfahren war?

                         Siebenundzwanzigstes Capitel.


Aber ich hatte das Haus kaum verlassen, als mir einfiel, da der Frst nach dem,
was geschehen, unmglich noch im Theater sein knne. So schlug ich denn den Weg
nach seinem Palais ein. Es mochte gegen neun sein; der Abend war sehr rauh
geworden, trotzdem wir uns schon im Anfang des Mrz befanden; der Schnee
stberte durch die windige Luft und wirbelte um die Ecken; die Fugnger eilten
mit aufgeschlagenen Kragen und vornbergebeugten Kpfen, und ich mute des
Abends denken, vor einem Jahre, als ich die Unselige hier im gelben Licht der
Laternen an den Trittstufen zu dem Portale des Palais sah, vor welchem ich jetzt
athemlos anlangte. Die Rache, die damals aus ihren dunklen Augen gesprht, die
ihr Mund geathmet, die Rache, zu der sie mich damals vergebens geworben mit dem
hchsten Preise, den ein Weib bezahlen kann, - die se, schreckliche Rache, sie
hatte endlich den rechten Mann dafr gefunden!
    Ich hatte durchaus das Gefhl, da dies hatte so kommen mssen, da ein
Fatum, ein lngst beschlossenes, dem weder ich, noch irgend Jemand Widerstand
leisten knne, hereingebrochen sei; ich fragte mich, was mich hierhergefhrt,
was ich hier wolle? und konnte keine Antwort darauf finden, als ich bereits in
dem steinernen Vorsaal stand und den alten Diener, den man herbeigerufen,
beschwor, mich zu seinem Herrn zu fhren.
    Ich darf Niemand vorlassen; sagte der alte Mann.
    Er sah sehr verstrt aus, seine Stimme bebte, als er das sagte, und die
welke Hand, die er abwehrend erhoben hatte, zitterte.
    In diesem Augenblick wurde die Thr, die zu dem Zimmer fhrte, in welchem
der Frst mich heute Nachmittag empfangen, geffnet, der Graf Schmachtensee trat
heraus und kam an uns vorber mit demselben starren Blick, den ich im Theater an
ihm bemerkt hatte. Ohne Zweifel brauchte er sich jetzt nicht, wie vorhin, Mhe
zu geben, an mir vorbeizusehen; er sah mich wirklich nicht. So war, was ich
gefrchtet, was ich hatte frchten mssen, in vollem Gange! Ich konnte mich
nicht lnger halten und eilte, ohne auf die abwehrende Bewegung des alten
Dieners zu achten, durch die Thr, aus welcher der Graf gekommen, durch ein
groes Vorzimmer, in das zweite, dessen offene Thr mir bereits den Frsten, an
seinem Schreibtische sitzend, gezeigt hatte.
    Dies an den Herrn Hartwig, sogleich! sagte er, indem er, ohne
aufzublicken, mit der Linken einen Brief hin hielt, whrend er die Stirn in die
Rechte sttzte.
    Ich bin es selbst, sagte ich, ihm den Brief aus der Hand nehmend, die ich
dann in der meinen festhielt.
    Die Hand war kalt; und bleich war das Gesicht, das er jetzt zu mir wandte,
todtenbleich; nur da auf der rechten Wange ein rother Fleck glhte, als htte
ihn da des Henkers Hand eingebrannt.
    Sie hier? fragte er erstaunt. Nun das ist ja schn, da kann ich Ihnen
gleich sagen, was der Brief enthlt, den ich einzustecken bitte: die
schriftliche Wiederholung der Verabredung, die wir heute getroffen haben, mit
dem Zusatz, da ich den Frsten, meinen Vater, gebeten habe, diese Verabredung
auf jeden Fall auszufhren, auf jeden Fall!
    Ich hielt noch immer seine Hand erfat und versuchte vergeblich ein Wort
hervorzubringen. Wenn ich fr die Theilnahme, die mir der Mann einflte, noch
einer Erklrung bedurfte - ich hatte sie jetzt, ich hielt sie in den Hnden, und
dieser Mann sollte das Opfer eines schnden Verrathes werden! Dieser Mann, der
durch alle Verfhrungen seines Standes und Reichthums sich den angebornen
Edelmuth und die Gte seines Herzens so rein bewahrt hatte, sollte in die
Schlinge fallen, an die er vor Jahren mit bermthig-jugendlichem Fue gerhrt!
    Und das war es, was ich ihm sagte, als ich endlich die Worte fand, und ich
sagte auch, da ich den Gedanken nicht ertragen knne; und ob es kein Mittel,
keines gbe, sich aus den Schlingen zu lsen.
    Setzen Sie sich, sagte der Frst, der sich erhoben hatte, indem er mich an
den Kamin fhrte, in welchem das Feuer behaglich flackerte, auf einen Sessel
deutete, und mir gegenber Platz nahm. Habe ich es nicht gesagt, da Sie ein
Original sind? Denn nur ein Mann, der sich bis in sein dreiigstes Jahr den
frommen Kindersinn bewahrt hat, das heit ein Original, kann auf den Einfall
kommen, einen Frsten von Prora zu fragen, ob es nicht mglich sei, die Schmach,
die man ihm in Gegenwart von ein paar Dutzend Zeugen angethan, geduldig durch
sein ganzes Leben zu tragen.
    Er sagte das sehr freundlich und mit dem Bestreben zu lcheln; aber seine
bleichen Lippen zuckten und der rothe Fleck auf seiner Wange glhte tiefer auf.
    Ich bin kein Kind, Durchlaucht, sagte ich, aber wohl mag es sein, da
ich, einsam wie ich gelebt habe, mich wenig verstehe auf die groe Welt und was
darin Brauch und Sitte und Regel ist. Ich wei nur, da in meinem Herzen eine
Stimme schreit: es darf nicht sein! Und dann, wenn auch diese Stimme auf dem
Markte des Lebens machtlos verhallt, mu es denn sein? mu es wirklich sein,
nach den Paragraphen jener Ehre, die ich nicht verstehe?
    Ja, es mu sein, erwiederte der Frst, auch ich habe es - nicht um
meinetwillen, sondern um dererwillen, denen ich gern etwas geworden wre,
berlegt, aber es mu sein!
    Und Ihre Stellung? fing ich an.
    Schtzt mich nicht, entgegnete der Frst mit einem Lcheln, wie eines
Lehrers, der die thrichten Einwrfe eines Schlers widerlegt. Ich bin kein
souverainer Frst, wenn auch meine Vorfahren souverain waren. Ich bin ein
Edelmann, wie andere auch, und denselben Gesetzen unterworfen, und mein
Beleidiger ist ebenfalls ein Edelmann. Die Sommer-Brachenfelde, von denen er in
gerader Linie abstammt, sind ein uraltes Geschlecht, so alt fast, wie das
meine.
    Aber ein notorischer Wstling, ein elender Abenteurer, wie dieser Mensch,
hat er nicht das Recht verscherzt, von einem Frsten Prora vor die Mndung
seiner Pistole gefordert werden zu knnen?
    Ich glaube nicht; erwiederte der Frst immer mit demselben freundlichen
Lcheln. Der Mann ist ein Abenteurer, freilich; aber ich habe mir in Irland
einen Burschen zeigen lassen, der von den legitimen Knigen der grnen Erin
abstammte und die Schweine htete; und in Paris in einem Caf-chantant habe ich
den veritablen Sprling einer alten Herzogs-Familie gesehen, der vor einem
Publikum von Blousenmnnern und Freudenmdchen obscne Lieder zur Guitarre sang.
Dagegen ist ein kniglicher Hofschauspieler eine sehr respectable
Persnlichkeit. Und dann, bin ich meiner Zeit kein Wstling gewesen? und kann
ich wissen, was aus mir geworden wre, wenn der Familienrath mich wirklich von
der Succession ausgeschlossen und mich mit irgend einer Abfindungssumme in die
Welt gestoen htte. Die Summe, wie gro sie auch gewesen wre, wrde nicht
lange bei mir geblieben sein, und dann - nein, nein, ich habe nach keiner Seite
hin das Recht, ja auch nicht einmal einen Vorwand, mich nicht zu schlagen,
selbst wenn ich nach einem Vorwand suchte.
    Der Frst schwieg. Drauen fegte der Winterwind durch die Straen und heulte
und winselte um das Palais, wie ein hungriger Wolf um die Hrde, und hier im
Zimmer strmte das Licht so mild aus den Lampen auf den Marmortischen ber die
prchtigen Mbel, und in dem Kamin flackerte und knisterte die Flamme so
behaglich, und umgeben von all' der Pracht, umflossen von dem milden Licht, vor
dem Feuer seines Heerdes sa der Herr dieses Hauses, der auch nicht einmal nach
einem Vorwande suchte, sich nicht zu schlagen mit einem Abenteurer, der
vermuthlich nichts zu verlieren hatte, als sein nacktes Leben.
    Ich suche nach keinem, sagte der Frst noch einmal, ja, ich glaube, ich
wrde selbst den allerberzeugendsten, wenn er sich wirklich fnde,
zurckweisen. Ich will nicht davon sprechen, da es mir unmglich dnkt, in dem
Bewutsein dieser Schmach fortzuleben - so unmglich, als sollte ich mein Leben
mit Beutelschneiden fristen - aber ich habe durchaus das Gefhl, da dies ein
Verhngni ist, welches ber mich hereingebrochen, und gegen das sich zu
struben ganz vergeblich wre.
    Er hob die Augen, als er das sagte, und sein Blick streifte ber das Bild
des jungen Cavaliers in der phantastischen Tracht, von dem er mir gesagt hatte,
da es seinen Vater vorstelle, und das in einiger Entfernung vor uns, von dem
Lichte einer groen Lampe hell erleuchtet, an der Wand hing.
    Ganz vergeblich, wiederholte er, mit einem tiefen Seufzer den Blick von
dem Bilde ab auf die Flamme des Kamins wendend, auf welche die starren Augen
gerichtet blieben, whrend die bleichen Lippen sich zu einem Worte bewegten, das
nicht herauskam und das ich doch deutlich zu hren glaubte: ganz vergeblich!
    Das war derselbe bse Zauber, der von Anfang an auf mir gelegen hatte. Was
geschehen war eben jetzt, es war lange, lange vorbereitet gewesen; es hatte
schon in den Sternen gestanden, die an dem herbstlichen Himmel funkelten in
jener Nacht, als der junge Frst von Prora durch den Park von Zehrendorf zu
seinem Liebchen schlich. Ich sa da, die fiebernde Stirn in die Hand gedrckt,
und dachte jener Nacht, und da ich sie hatte beschtzen sollen, die damals
nicht hatte beschtzt sein wollen, die schon damals nichts als Verrath gesonnen
und gesponnen, die schon damals eine Buhlerin gewesen war; die, wenn ich der
Aussage des guten Hans glauben durfte, ihren Liebhaber viel mehr verrathen
hatte, als sie von ihm verrathen war, und die trotzdem wie eine Rachefurie den
Mann verfolgte, der weiter keine Schuld gegen sie hatte, als, da er der erste
gewesen war, wenn er es war!
    Ich mute diese Gedanken, wie sie durch meinen Kopf gingen, laut gesagt
haben, whrend der Frst in dem Gemache auf und abschritt und endlich neben mir
stehen blieb, mir die Hand auf die Schulter legend. Sie guter Mensch, sagte
er, wie treu Sie es meinen! Und wie Sie die Schuld hufen, die ich immer noch
nicht abgetragen habe, die ich so gern abtragen mchte, bevor es zu spt ist.
Vielleicht kann ich es dadurch, da ich Ihnen gegenber thue, wozu ich mich
gegen Niemand sonst herbeilassen wrde; da ich mich zu rechtfertigen suche ber
die Rolle, die ich in diesem unseligen Handel gespielt habe. Und vielleicht bin
ich es auch ihr schuldig und ich mchte gern alle meine Schulden bezahlen; ich
mchte, da ein Mensch lebt, der wei, wenn Frst Carl von Prora sterben sollte,
wie und warum er denn eigentlich gestorben ist.
    Er machte eine abwehrende Handbewegung und fuhr fort, die schnen, sanften
Augen regungslos auf den Kamin gerichtet, in welchem die Scheite allmlig
verglimmten:
    Sie meinten, Konstanze habe nie geliebt, weder mich noch einen Andern, sie
knne gar nicht lieben und man knne deshalb auch nicht an ihr zum Verrther
werden. Sie haben mich so zu rechtfertigen geglaubt; aber es stimmt nicht:
Konstanze hat mich wirklich geliebt und ich habe sie dennoch nicht verrathen. Ob
ich sie geliebt habe? das ist eine andere Frage, die ich wohl kaum bejahen
mchte, die ich um vieles nicht bejahen mchte! Ich war sehr jung, als ich sie
zuerst in dem unglcklichen Bade sah, ein halber Knabe, und wie so Knaben
lieben: phantastisch, scheinbar innig und doch ohne alle Tiefe - so mag ich sie
denn auch geliebt haben. Ich geberdete mich wenigstens wie ein Rasender, als
mein Vater kam und mir sagte, da ich die Tochter eines professionirten
Spielers, eines notorischen Schmugglers nicht heirathen knne, um so weniger,
als sie nicht das legitime Kind dieses schrecklichen Vaters sei. Doch das wissen
Sie, das habe ich Ihnen schon selbst erzhlt, und es war das auch Alles, was er
mir sagte, aber nicht Alles, was er mir htte sagen knnen, htte sagen sollen.
Und da er mir nur die halbe Wahrheit gesagt, da er das Wichtigste verschwieg -
aus einer, wie ich es jetzt sagen mu, falschen Scham vor seinem Sohn, dem er
nicht in dem Licht eines bsen Beispiels erscheinen wollte, aus Pruderie vor der
Welt, die ihn schon lngst als den Beschtzer der Kirche, als den
gottesfrchtigen Herrn kannte - das ist der bse Samen, aus dem all' dies Unheil
hervorgewachsen ist, fr mich, fr ihn selbst.
    Ich kann nicht sagen, da die Abmahnung des Frsten ganz vergeblich gewesen
wre, aber auch nicht, da sie mich berzeugt htte. Ich war eben ein Knabe, ein
wilder, ungezogener Knabe, gewohnt meinen Willen zu haben, weil es mein Wille
war, meinen Willen zu haben, oft gegen meinen Willen. So war es auch in diesem
Falle. Der Frst, berzeugt, da ich ihm gehorsam sein wrde, hatte die
Unvorsichtigkeit begangen, mich, in Begleitung meines Gouverneurs, nach Rossow
zu schicken, damit ich da jagen, meine zerrttete Gesundheit wieder krftigen
und nebenbei um die schne Comtesse Griebenow werben knne, die mir von den
beiden Husern zugedacht war. Wie leicht es einem achtzehnjhrigen Jungen, der
Geld genug in der Tasche hat, wird, seinen alten Lehrer zu tuschen, seine
Diener zu bestechen - das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Ich war am Morgen
drben in Griebenow und des Abends - Sie wissen wo. So spielte das Stck, das
durch unsere Begegnung im Walde fast zu einem jhen Ende gekommen wre, bis es
mir schon am folgenden Tage gelang, einen lngst entworfenen Plan auszufhren
und die Geliebte zu entfhren.
    Ich hatte meine Vorbereitungen so gut getroffen, da ich den Nachforschungen
des Frsten entgehen konnte, trotzdem er Himmel und Hlle aufbot, der
Flchtlinge habhaft zu werden. Er htte sich ohne Zweifel selbst aufgemacht, nur
da ihm der Schreck ber das Geschehene sein altes gichtiges Leiden in
bedenklichster Weise zurckgebracht hatte. Und wohl hatte er Ursache,
erschrocken zu sein.
    Der Frst erhob sich pltzlich von seinem Sitz und machte ein paar Gnge
durch das Zimmer, wobei er einmal wieder vor dem Bilde seines Vaters stehen
blieb und finstern Blickes hinauf sah. Dann kam er wieder zu seinem Stuhle
zurck.
    Ich war bereits bis Mnchen gekommen, als der Alte, den Sie gesehen haben,
uns einholte. Er war mit einem Briefe ausgerstet, der in Chiffren, in welchen
wichtige Nachrichten von den Mitgliedern meiner Familie untereinander
ausgetauscht werden, von meines Vaters Hand wenige Zeilen enthielt, die ich las,
um laut aufzulachen. Die Zeilen lauteten: Ich beschwre Dich bei Allem, was Dir
heilig ist, trenne Dich sofort von ihr, wenn Du nicht eine entsetzliche Schuld
auf Dich laden willst: Konstanze von Zehren ist Deine Schwester.
    Um Gotteswillen! rief ich.
    Ich lachte, wie gesagt, fuhr der Frst fort, lachte wie toll ber den
famosen Einfall, und wurde dann auf einmal sehr ernst und fhlte, wie ein
Schauder mir ber den Leib lief, der bis in's Herz drang und in dem Herzen
sitzen blieb.
    Ich war in der Depesche, bis der Frst im Stande sein werde, mir
ausfhrlich zu schreiben, fr eine vorlufige Erklrung an den Alten gewiesen.
Er, der von Jugend auf dem Frsten attachirt gewesen war, ihn auf allen seinen
Fahrten begleitet hatte, konnte freilich besser wissen, als irgend ein Anderer,
was an der Sache sei. Er war mit dem Frsten in Paris zu der Zeit, als Herr von
Zehrendorf auf seiner wilden Flucht von Spanien mit seiner Geliebten dort ankam.
Die Herren waren vormals sehr intim gewesen; man hatte die beiden jungen,
schnen Mnner, als sie an unserem Hofe gleichzeitig verkehrten, Orestes und
Pylades genannt. Aber es scheint, da die Freundschaft sehr erschttert war, als
der Frst seine Gemahlin, meine Mutter, heimfhrte, um die auch Herr von Zehren
geworben. Ob der Frst seinem Jugendfreunde dies nicht vergeben konnte, ob Herr
von Zehren, der ein beraus leidenschaftlicher Mann gewesen sein mu, auch noch
spter dem Frsten Veranlassung zur Unzufriedenheit gegeben - ich wei es nicht;
aber es scheint, da der Frst nicht nur von den persnlichen Reizen der jungen
Spanierin gefesselt wurde, die von Gewissensbissen gefoltert und vielleicht
ebenso wankelmthig als sie schn gewesen sein soll, dem Freunde ihres Geliebten
ein Vertrauen schenkte, das dieser mibrauchte; vielleicht auch wirklich eine
Liebe, die er nur nicht zurckwies. War der Frst der Vater des Kindes, welches
neun Monate nach diesen Ereignissen geboren wurde? Eine Gewiheit war, wie dies
in solchen Fllen zu sein pflegt, nicht vorhanden, und die Zweifel, die der
Frst nach dieser Seite hin hegte, wren vielleicht nie beseitigt, weil die
Unglckliche, als sie ein paar Jahre spter mit fliegenden Haaren in Rossow, wo
sich der Frst eben aufhielt, sich ihm zu Fen strzte, rufend: da er der
Vater ihres Kindes sei, da er sie und ihr Kind vor ihrem Verfolger schtzen und
ihr sagen msse, wo der Weg nach Spanien gehe - weil sie, sage ich, damals
bereits wahnsinnig war; aber einige andere Umstnde sprachen allerdings dafr.
Eine alte Dienerin - dasselbe entsetzliche Weib, das auch noch spter bei
Konstanze war und das Sie ja auch gekannt haben werden - sagte aus, ihre junge
Gebieterin habe ihr von Anfang an versichert, Herr von Zehren sei nicht der
Vater des Kindes. Auch sie mochte lgen; aber die Natur pflegt sich dergleichen
nicht zu Schulden kommen zu lassen. Konstanze hat den Mann, der fr ihren Vater
galt, gehat, ich mchte sagen, von Kindesbeinen an; und der Frst fand in dem
Kinde, das er heimlich zu sehen wute, eine Aehnlichkeit, von der vielleicht
noch Spuren selbst auf jenem Bilde zu entdecken sind.
    Der junge Mann deutete mit zitternder Hand auf das Portrait seines Vaters;
aber er sagte nur, was ich selbst, whrend er mir diese entsetzliche Geschichte
erzhlte, schon lngst gefunden hatte. Er mute in meinen Mienen lesen, was mein
Mund auszusprechen sich scheute, denn er fuhr, die schnen, schwermthigen Augen
starr auf mich gerichtet, fort: Sie finden es auch, nicht wahr? Man findet das
Wahre leicht, wenn mit dem Finger darauf gedeutet wird, und so fand ich es, als
mir der Alte seine frchterliche Beichte gemacht hatte. Aber wie aus der
unseligen Verstrickung sich lsen? Ich htte vielleicht dem Befehle des Frsten
nicht gehorchen, htte Konstanze Alles sagen mssen; aber ich kann nicht oft
genug wiederholen, da ich noch sehr jung und wenig im Stande war, die Folgen
meiner raschen Entschlsse zu berlegen. So meinte ich es denn wunder wie gut zu
machen, wenn ich Konstanze wo mglich fr die Liebe, vor der mich jetzt
schauderte, Ha einflte, zum wenigsten Entfremdung. Die Mittel, um zu diesem
Ziele zu gelangen, hatte sie mich selbst gelehrt. Ich erwiederte ihre Launen mit
Launen, ihren Trotz mit Trotz; ich spielte mein Spiel so gut, da ich es wohl
gewinnen mute. Was sie darunter gelitten - das habe ich nie aus ihrem Munde
gehrt, aber ich sah es an ihren tglich blasser werdenden Mienen, ich sah es an
ihren oft in Wahnsinn flammenden Augen. Endlich kam die Katastrophe. Ich hatte
mich nach einer heftigen Scene, die ich provocirt, in Neapel, wohin das
unglckliche Paar mittlerweile gekommen war - ich wei heute selbst noch nicht
wie oder warum - von ihr getrennt, in der festen Ueberzeugung, da sie die
reichlichen Mittel, die ich ihr zurckgelassen, zur Rckreise, zu einer Flucht
benutzen wrde, mit der sie mir schon so oft gedroht. Aber das wre zu wenig der
Rache gewesen, welche sie fr meinen Verrath an mir nehmen zu mssen glaubte.
Sie, die ich fr unsglich stolz gehalten, sie hatte sich dem Ersten, Besten als
Maitresse in die Arme geworfen, einem albernen Fant, dessen Bekanntschaft wir
unterwegs gemacht. Mich schaudert, denke ich daran, was die Unglckliche dieser
erste Schritt gekostet hat, und mich schaudert, mu ich denken, wie wenig, wie
so gar nichts die weiteren Schritte sie gekostet haben.
    Der arme Mann seufzte tief und sein Seufzer erweckte in meiner Brust ein
frchterliches Echo. Wute ich doch selbst nur zu gut, hatte ich es doch selbst
erfahren, wie wenig, wie so nichts die Unglckliche ein Schritt weiter auf ihrer
unseligen Bahn kostete!
    Wohin wollen Sie? sagte der Frst.
    Ich war aufgesprungen und hatte ein paar Schritte nach der Thr gethan.
    Wohin wollen Sie? wiederholte er.
    Ich griff mit beiden Hnden an die Schlfen, die mir zu springen drohten.
Ich wei es nicht, sagte ich; ich wei nur, da dieses Duell nicht zu Stande
kommen darf.
    Der Frst zuckte lchelnd die Achseln.
    Es ist allerdings wunderlich genug, sagte er.
    Und es giebt kein Mittel, keins? rief ich.
    Ich wte nicht, sagte der Frst mit demselben wehmthig freundlichen
Lcheln; der junge Mensch mte denn erklren, da er wahnsinnig sei. Und auch
das wrde noch nichts helfen denn Jemand, der sich fr wahnsinnig erklrt, ist
es eben nicht - ach, da bist Du ja schon, lieber Edmund!
    Ich hatte nicht gesehen, da hinter mir Graf Schmachtensee in das Zimmer
getreten war. Der Frst ging ihm entgegen und reichte ihm die Hand; der Graf
sagte: ich komme - brach aber dann kurz ab und richtete seine starren,
verwunderten Augen auf mich, den er eben erst bemerkte.
    Ich mu Sie jetzt entlassen, sagte der Frst; ich danke Ihnen recht
herzlich fr Ihren Besuch, recht herzlich; und dabei drckte er krftig mit
seiner frauenhaft schlanken Hand meine Hand; leben Sie wohl!
    Ich war schon an der Thr, als er mir nachkam und mir nochmals die Hand
reichte. Leben Sie wohl, sagte er, und setzte dann in leisem Ton hinzu: wenn
auch fr immer.
    Ich stand auf der Strae, der Schnee flog mir in's Gesicht. Als ich mich
nach dem Palais umwandte, sah ich durch die heruntergelassenen Gardinen die
Schatten zweier Mnner, die neben einander auf- und abgingen. Es waren der Frst
und sein Vetter; ich wute, was sie mit einander verhandelten, und da keine
Minute zu verlieren war. Ich rief einen Fiacre an, der gerade vorberkam, und
hie ihn, so schnell er knne, nach der Wohnung des Schauspielers von Sommer
fahren, der sich Lenz nannte.

                          Achtundzwanzigstes Capitel.


Ich habe mir spter oft den Seelenzustand in's Gedchtni zu rufen gesucht, von
welchem ich in dieser unseligen Nacht beherrscht gewesen sein mu. Aber es hat
mir niemals ganz gelingen wollen, und so bin ich mir auch bewut, da die
Schilderung, die ich jetzt davon zu geben versuche, nur eine uerst mangelhafte
ist. Ich kann nur so viel sagen, da ich mich unter dem Druck einer Leidenschaft
befand, die vielleicht der hchste Grad eines Mitleids war, zu welchem mein Herz
immer geneigt gewesen ist, und das schon bei viel geringfgigeren Veranlassungen
in einer Weise erregt werden konnte und kann, die andern klteren und klgeren
Menschen thricht und kindisch scheint. Vielleicht, da das Unerhrte, wovon ich
eben Kunde erhalten, anders auf mich gewirkt htte, wren die Betheiligten mir
fremde Personen gewesen; aber sie waren es doch nun nicht. Konstanze hatte in
meinem Leben eine so groe, verhngnivolle Rolle gespielt, der junge Frst war
mir in so merkwrdigen Momenten begegnet; und ich hatte Konstanze geliebt, und
der Frst hatte mir eine Theilnahme einzuflen verstanden, wie sie nur ein
lterer Bruder fr einen jngeren empfinden kann. Was geschehen war, erschien
mir so frchterlich, und schauderhaft, was geschehen sollte. Zwar hatte ich
wieder das dumpfe Bewutsein, da ich nichts dagegen thun knne, da ich auf
einer thrichten, ja unsinnigen Expedition begriffen sei, aber was war das Alles
gegen die Stimme, die in mir schrie; es darf nicht sein; es darf nicht sein!
    In dieser ungeheuren Aufregung, die mir jetzt wie ein halber Wahnsinn
vorkommt, langte ich bei dem Schauspieler an, der mich sehr verwundert empfing,
dann aber doch nicht ohne Hflichkeit aus dem Zimmer, in welchem ich ihn in
Gesellschaft eines seiner Begleiter aus dem Theater gefunden, in ein zweites
fhrte, um zu vernehmen, was ich ihm zu sagen habe.
    Was ich ihm zu sagen habe? Groer Gott! es war sehr viel, und es war sehr
wenig, und das Viele durfte und konnte ich ihm nicht sagen, denn ich fhlte, da
ich kein Recht hatte, das Geheimni mitzutheilen, und da er es, wenn ich ihm es
mittheilte, nur fr eine elende Ausflucht halten wrde, auf welche die Feigheit
des Frsten gerathen sei. Und das Wenige: da dies Duell nicht zu Stande kommen
drfe! was konnte das helfen? was sollte der Mann thun, als die Achseln zucken,
und mir prfend auf Stirn und Augen sehen, ob es wohl in meinem Kopfe ganz
richtig sei. Es war ein junger Mann mit einem entsetzlich verlebten und doch
nicht unschnen Gesicht und sehr ausdrucksvollen, groen, dunklen Augen, und ich
fhlte, wie mir unter dem Blick dieser Augen das Blut in die Wangen scho. Unter
diesem Blick - und vor einem Wort, das sich mir durchaus auf die Lippen drngen
wollte, dem Wort: da, wenn er die Liebhaber Konstanzens zu zchtigen wnsche,
er sich auch an die Andern, und gleich einmal an mich wenden mge, der ich doch
auch dazu gehre, und sogar aus einer Zeit, die er gewi fr sich beanspruche.
Und indem ich es nicht sagen wollte, indem ich mir auf die Zhne bi, es nicht
zu sagen, sagte ich es doch durch die zusammengepreten Zhne in einem heiseren,
zischenden Ton, aus welchem mein Gegner wohl nur einen Ha heraushrte, der kaum
noch an sich hlt.
    Also das war es? sagte er, indem er sich erhob: ein begnstigter oder
verrathener Liebhaber, was wei ich? Nun wohl, ich werde mich auch mit Ihnen
schlagen, mein Herr, ganz gewi, und so mit Jedem, der Ansprche auf die Gunst
der Dame macht, oder hat, oder auch nur zu haben vorgiebt. Aber der Reihe nach,
mein Herr, der Reihe nach! Sie sind ein paar Stunden zu spt gekommen, und Sie
werden einsehen, da ich mit meinen Gegnern nur abrechnen kann in der Ordnung,
wie sie sich melden. Kann ich Ihnen fr den Augenblick noch mit etwas dienen?
    Er machte eine hfliche Verbeugung und zugleich eine bezeichnende Geberde.
Durch diese Thr gelangen Sie sofort auf den Flur, sagte er.
    Ich hatte mich ebenfalls erhoben, und stand ihm jetzt gegenber. Ich konnte
den schmchtigen, zartgebauten, durch ein wstes Leben entnervten Mann mit einem
Schlage fllen; ich konnte ihm den dnnen Arm, den er jetzt, als ich noch
zgerte, mit einer etwas theatralischen Geste nach der Thr ausstreckte,
zwischen meinen Hnden zerbrechen - es ist das einzige Mal in meinem Leben
gewesen, da ich in die Versuchung gekommen bin, meine Kraft zu mibrauchen,
aber ich widerstand der Versuchung, und rettete mich vor mir selbst zum Zimmer,
zum Hause hinaus.
    Vor der Hausthr hielt noch der Fiacre.
    Wohin jetzt? fragte der Mann.
    Ich bezeichnete Konstanzens Wohnung.
    Das Fuhrwerk setzte sich in Bewegung. Es war bitter kalt, und die Scheiben
in den Wagenfenstern hatten sich mit einer Schneekruste bedeckt, deren Krystalle
in dem Schein der Laternen, an denen wir vorber kamen, glitzerten und blinkten.
Ich sah dem zu, und zhlte mechanisch die Secunden, bis wir wieder zu einer
Laterne gelangten und betrachtete dann wieder das Blinken und Glitzern, und
wiederholte mir gewisse Stze aus der Optik, die auf die Erscheinung Bezug
hatten, als htte ich in der Welt nichts weiter zu thun auf dieser Fahrt zu
Konstanze von Zehren, der Schwester des Frsten Prora.
    Der Wagen hielt.
    Die Hausthr wurde mir trotz der spten Stunde - es mochte mittlerweile elf
geworden sein - sogleich geffnet; die Flure und Treppen waren noch erleuchtet;
man schien in diesem Hause an sptes Kommen und Gehen gewhnt. Als ich an der
Thr schellte, ber welcher Ada Bellini. Knigliche Hof-Schauspielerin in
groen, goldenen Lettern prangte, hrte ich drinnen ein Gewand rauschen, und
Konstanze selbst stand vor mir. Sie hatte ohne Zweifel einen Andern erwartet,
und fuhr jetzt mit einem Schrei zurck. Ich schlo die Thr, ergriff sie, die
mit schreckensbleicher Miene vor mir fliehen wollte, an der Hand und sagte: ich
mu Sie sprechen, Konstanze!
    Sie wollen mich morden, sagte sie.
    Nein, aber ich will nicht, da ein Anderer um Ihrethalben gemordet wird;
kommen Sie!
    Ich fhrte sie halb mit Gewalt in den hell erleuchteten, kostbar, ja
berreich ausgestatteten Salon, aus welchem sie herausgetreten, und dessen Thr
noch offen war, fhrte sie zu einem der Fauteuils, in welchen sie sich setzte,
die Augen fortwhrend ngstlich auf jede meiner Bewegungen gerichtet.
    Frchten Sie nichts! sagte ich, frchten Sie nichts! Sie haben mich
einmal in vergangenen Tagen Ihren treuen Georg genannt, der die Drachen tdten
sollte, die auf Ihrem Wege lauerten. Ich habe dazu bisher keine Gelegenheit
gehabt, oder sie nicht benutzt, wenn ich sie hatte. Jetzt ist die Stunde
gekommen; aber allein kann ich es nicht: Sie mssen mir helfen, und Sie werden
mir helfen.
    Sind Sie davon berzeugt? sagte sie.
    Ihr Gesicht hatte pltzlich einen anderen Ausdruck angenommen. Die Angst,
die sich vorhin darin ausgeprgt, war verschwunden, und hatte einem finsteren
Ha Platz gemacht, demselben Ha, den ihr Gesicht gezeigt in der Nacht, als sie
mich beschwor, sie an dem Frsten zu rchen.
    Ich wei nicht, wie ich die Worte fand, ihr zu sagen, was ich ihr sagen
mute; aber ich fand sie und sagte es ihr.
    Wie viel bezahlt Ihnen der Frst dafr?
    Das war ihre ganze Antwort.
    Es war dieselbe Antwort, die ich von dem Schauspieler erwartet, und, die
nicht zu hren, ich dort geschwiegen hatte. Hier war es anders. Es war die
Schwester, zu der ich sprach; sie mute mir glauben; ich mute die Stelle in
ihrem Herzen finden, die Natur konnte sich nicht so verleugnen.
    Und war es, da ich das geheimnivolle Band zu berhren wute, welches zwei
Wesen verbindet, in deren Adern dasselbe Blut rollt; war es, da sich
Konstanzens scharfer Verstand den Beweisgrnden, die ich hervorgebracht, nicht
verschlieen konnte, aber ich bemerkte, da der finstere Ausdruck allgemach aus
ihren Zgen verschwand, und einer Verwirrung, einer Bestrzung Platz machte, die
zuletzt in ein vollkommenes Entsetzen berging.
    Das war es, murmelte sie, das! Und darum war es, da ich meinen Vater -
nein, nein, nicht meinen Vater! - da ich ihn hate, da er mich hate, da -
aber so mte sie es ja wissen! nein, nein, es kann nicht sein!
    Sie war von ihrem Sitze aufgetaumelt.
    Wo wollen Sie hin! rief ich, sie bei der Hand ergreifend.
    Sie ri sich los, und eilte zu dem Gemache hinaus.
    Ich war zurckgeblieben, ungewi, was ich thun solle; aber da hrte ich sie
schon wieder zurckkommen, nicht allein.
    Sie schleppte hinter sich her die Gestalt einer alten Frau, die ich unter
anderen Umstnden fr eine Haushlterin oder dergleichen genommen haben wrde,
und in welcher ich jetzt schaudernd die alte Pahlen erkannte.
    Wie sich das grauenhafte Weib, nachdem es aus dem Gefngnisse entflohen war,
wieder zu ihrer Herrin gefunden hatte, ich habe es nie erfahren; aber je intimer
die Beziehungen gewesen sein mochten, die zwischen Herrin und Dienerin bestanden
hatten, desto jher war der Bruch und desto schrecklicher die Abrechnung.
    Hier, hier! rief Konstanze, indem sie die Alte mir fast vor die Fe
schleuderte: hier ist sie! Georg, ich beschwre Sie um Gottes und aller
Heiligen willen, tdten Sie diese Creatur, die die Schwester an den Bruder
verkuppelt hat!
    Dies Wort, die Leidenschaft Konstanzens, meine Anwesenheit - das Alles im
Verein hatte das bse Weib berwltigt. Ich las es in ihrem alten verschrumpften
Gesicht, in dem schielen Blick ihrer bsen Augen, da sie sich schuldig wute,
und Konstanze sah es so gut wie ich, denn als die Alte mit stotternden Worten
sich zu rechtfertigen suchte, schnitt sie ihr das Wort mit einem gellen
Wuthschrei ab, der mir noch jahrelang nachher in den Ohren tnte: hinaus,
hinaus! Thier! Scheusal! hinaus, hinaus!
    Die Hexe mochte froh sein, da man ihr so zur Flucht verhalf, nach der ihre
scheuen Blicke sich lngst umgesehen hatten. Sie strzte zur Thr hinaus; ich
habe sie nie wieder gesehen, und wei nicht, wie lange sie noch ihr elendes
Dasein hingeschleppt, und wo und wie sie es geendet hat.
    Konstanze war, als die Alte uns verlassen, mit dem Ausdruck der vollsten
Verzweiflung, die hocherhobenen Hnde krampfhaft ringend, wieder und wieder
durch das Zimmer geeilt. Mit einem Male warf sie sich in einer dunkleren Ecke
auf die Kniee, und schien ihrem Herzen in heiem Gebet Luft zu machen. Ich
bemerkte, da, wo sie kniete, an der Wand ber ihr ein kleines elfenbeinernes
Crucifix befestigt war, und ich sah sie wiederholt das Zeichen des Kreuzes
machen, und sodann wieder die Hnde in brnstigem Gebet zusammenfgen. Spter
erfuhr ich durch einen Zufall, da Konstanze bereits in Italien in den Schoo
der alleinseligmachenden Kirche, der ihre Mutter angehrt hatte, zurckgekehrt
war. Aber welche Beruhigung sie auch spter als Aebtissin eines rmischen
Nonnenklosters aus Beichte und Bue geschpft haben mag, fr den Augenblick
schien das Gebet ohne Wirkung geblieben zu sein, schienen die Heiligen und
Reinen ihr Antlitz von ihr gewendet zu haben. Sie erhob sich vor dem Crucifix
nur, um vor mir niederzustrzen, meine Kniee zu umklammern, und mich anzuflehen,
da ich sie vor dem Entsetzlichen retten solle. Ich sagte ihr, indem ich sie
aufhob, da ich bereits Alles gethan habe, was in meinen Krften stehe, und da
ich zu ihr gekommen sei, um von ihr zu hren, ob sie selbst denn gar nichts
vermge.
    Es giebt nur ein Mittel, sagte sie, und das ist, wenn wir Herrn Lenz
bewegen knnen, sich augenblicklich von hier zu entfernen.
    Wie sollen wir das zu Stande bringen? Der Mann ist offenbar nur Ihr
Werkzeug, das Werkzeug Ihrer Rache, aber Sie haben es nicht mehr in der Hand;
oder glauben Sie?
    Vielleicht, vielleicht, murmelte Konstanze. Er wei, da ich ihn nicht
liebe; er wei, da ich Carlo - und das, das hat ihn rasend gemacht; aber ich
wei auch, da er mich liebt, da er fr den Preis meiner Hand, die ich ihm
immer verweigert habe, sich zu Allem entschlieen wrde, zu Allem! Bin ich nicht
schn genug, Georg, um da sich ein Mann fr mich zu Allem entschlieen knnte!
    Sie strich mit zitternden Hnden das dunkle, glnzende Haar von beiden
Seiten aus dem Gesicht, und lchelte mich an. Ich habe nur einmal in meinem
Leben wieder ein solches Gesicht gesehen - das der rondaninischen Muduse in der
Glyptothek in Mnchen - und da erschien mir die berhmte Maske nur eine schwache
Copie.
    Kommen Sie! sagte ich.
    Sie wollte, wie sie da war, das Zimmer verlassen; ich hllte sie in den
Pelz, in welchem sie aus dem Theater gekommen sein mochte, und der noch im
Zimmer lag. So verlieen wir das Haus, und fuhren nach der Wohnung des
Schauspielers. Das Haus war verschlossen. Es vergingen Minuten, bis ich den
Portier herausgeklopft hatte.
    Herr von Sommer ist vor einer halben Stunde abgereist.
    Wohin?
    Er hat nichts hinterlassen; nur, da er vielleicht erst in wenigen Tagen
zurckkommen wird.
    Ist Niemand im Hause, der besser Bescheid wei?
    Schwerlich! er hat seinen Diener mitgenommen.
    Und Sie wissen nicht wohin?
    Nein, er ist in einer Droschke weggefahren.
    Ich sah, da aus dem Mann, der in seinem Schafpelze frierend dastand, nichts
weiter herauszubringen war; auch schnitt er alles Weitere ab, indem er, einen
Fluch zwischen den Zhnen murmelnd, die Thr zusperrte.
    Konstanze, die mir auf dem Fu gefolgt war, hatte Alles vernommen.
    Vielleicht hren wir es bei ihm.
    Wir fuhren nach dem Palais des Frsten. Die Fahrt ging langsam; ein
orcanartiger Wind sauste durch die Straen und der arme Gaul schleppte nur mit
Mhe den hin- und hergleitenden Wagen durch den lockeren Schnee. Die langsame
Fahrt war ein Bild der Reue, die schwerfllig hinter der schlimmen That
einherzieht, die sie nie erreichen kann. Endlich langten wir an.
    Als wir ausstiegen, warf ich unwillkrlich einen Blick nach dem Himmel. Aus
einer freien Stelle, die sich schwarz aus den weien, pfeilschnell
dahintreibenden Wolken heraus hob, blinkten die ewigen Sterne. Und die Worte aus
Konstanzens Lieblingslied fielen mir ein:

Am Tage die Sonne
Wohl hat sie mich gerne;
Ich aber, ich liebe
Die nchtigen Sterne.

    Ach, diese Sternen-Liebe, sie hatte die Arme gefhrt bis hierher, wo die
Schwester in dieser frchterlichen Nacht an das Haus, an die Thr des Bruders
pochte, der einst ihr Geliebter gewesen war!
    Das Palais war dunkel; nur die beiden Laternen vor dem Portale brannten und
ihr gelbliches Licht, in welchem die Schneeflocken jetzt wieder herabzutanzen
begannen, leuchtete matt, wie es vor einem Jahre jener unseligen Begegnung
zwischen Konstanze und mir an dieser selben Stelle geleuchtet hatte.
    Ich zog die Glocke; ich hrte durch die Thr ihren blechernen Klang in dem
steinernen Flur dumpf widerhallen, wie in einem weiten Grabgewlbe. Niemand kam.
Endlich nach Minuten tdtlicher Erwartung wurde aufgeschlossen; ein Diener mit
einem Licht in der Hand stand vor mir. Der Mann hatte ein weingerthetes Gesicht
und verglaste Augen; offenbar hatte man in der Bedientenstube die Abwesenheit
des Herrn trefflich benutzt. Er war im Begriff, mir die Thr vor dem Gesichte
zuzuschlagen; aber ich drngte mich hinein, und jetzt erkannte mich der Mensch,
der mich heute Nachmittag zweimal in dem Palais, vielleicht auch schon in Rossow
gesehen hatte. Er beantwortete meine Fragen mit widerlicher Unterwrfigkeit: Se.
Durchlaucht seien vor einer halben Stunde mit dem Herrn Grafen fortgefahren,
nicht in der Equipage, sondern in einer Droschke, die er selbst vom Platze
gerufen habe. Er wisse nicht, wohin Se. Durchlaucht gefahren sei; Se.
Durchlaucht bedienten sich manchmal einer Droschke, - hier lchelte der Kerl
vertraulich - Se. Durchlaucht werde jedenfalls erst spt zurckkommen, wenn er
berhaupt zurckkomme, denn er fr sein Theil habe die Erlaubni erhalten, zu
Bett zu gehen -
    Es war augenscheinlich die hchste Zeit, da der Mann von dieser Erlaubni
Gebrauch machte, denn er schwankte hin und her, whrend er mir mit lallender
Stimme so erzhlte. Es war genau dieselbe Nachricht, die ich schon an der andern
Stelle eingeholt; die beiden Parteien hatten bereits die Stadt verlassen, um
sich, der Himmel wei wohin zu begeben, wo das Zusammentreffen ohne Furcht vor
Strung von Statten gehen mochte. Wir konnten nichts mehr thun und so sagte ich
Konstanzen.
    Ich will nach Hause gehen und beten, sagte sie.
    War es eine Reminiscenz aus dem Trauerspiel? war es fr sie wirklich der
Schlu der Tragdie ihres Lebens? aber sie sprach, whrend ich sie wieder nach
Hause brachte, kein Wort; nur einmal sagte sie: Ihnen wenigstens habe ich zu
Ihrem Glck verholfen. Ich wei nicht, wie sie es gemeint hat.

                          Neunundzwanzigstes Capitel.


Als ich nach Hause kam, war es ein Uhr; mir war das unbegreiflich. Ich hatte die
Empfindung, als ob nicht Stunden, sondern Wochen vergangen wren, seit ich
Hermine zuletzt gesehen. Ich ging auf den Fuspitzen in unser Schlafgemach und
beugte mich ber ihr Bett. Sie lag so ruhig da, den einen Arm ber den Kopf
gelegt, den andern auf der Bettdecke, wie ein schlafendes Kind. Und wie eines
Kindes war der Ausdruck ihres Gesichtes, als wenn ein glcklicher Traum durch
ihre Seele zge. Es kam mir wie ein Verbrechen vor, mit der Welt von Schmerz und
Jammer in meinem Herzen neben dieser seligen Ruhe zu wachen, und wie htte ich
schlafen knnen! So schob ich denn leise den Schirm wieder vor die Nachtlampe
und ging leise aus dem Schlafgemach durch die dunklen Wohnzimmer in das meine,
wo ich bereits ein Licht entzndet hatte.
    Und in dem dstern Schein dieses Lichtes, das nur hier und da einen der
Gegenstnde hervortreten lie, sa ich stundenlang vor dem Kamin, in welchem
lngst das letzte Fnkchen in der Asche verglimmt war, unsglich Schmerzhaftes
in meiner verstrten Seele wlzend. Vergeblich, da ich an den alten heiteren
Muth appellirte - er schien erkaltet, wie die Kohlen dort vor mir, die auch
einst hei geglht und frisch geflackert hatten; - vergebens, da ich mich an
all' das Gute, Liebe zu erinnern suchte, das mir das Leben gebracht, woran mein
Leben ja noch immer reich war - es wollte mir nichts in dem alten Lichte
erscheinen: alles grau und todt und leer, als wre die Welt eine einzige Brand-
und Trauersttte, auf der jeder Baum verkohlt und jedes Blatt vertilgt war, und
als wandelte ich trostlos, verlassen umher zwischen den Ruinen vergangener
Herrlichkeit.
    Endlich mute mich doch die Abspannung nach so ungeheurer Aufregung
berwltigt haben.
    Und mir trumte: es war eine graue Dmmerung, die nicht Nacht und nicht Tag
war. Ich schweifte allein auf der kahlen Flche des Zehrendorfer Vorgebirges,
ber die ein scharfer, rauher Wind vom Meere her fegte. Es war ganz kahl und de
und nichts auer mir zu sehen, als die Ruine der alten Zehrenburg, die stumm und
trotzig in die Dmmerung ragte. Aber als ich herantrat, war es nicht mehr die
Burg, sondern ein riesenhaftes Bildni von Stein, das wiederum niemand anderes
war, als der wilde Zehren, der mit den starren, glanzlosen Augen nach Westen
schaute, wo im ewigen Meere die Sonne auf immer fr ihn versunken war. Und
trotzdem kein Licht die graue Dmmerung erhellen wollte, blinkte hell und lustig
ein goldenes Geschmeide, das der steinerne Riese, der der wilde Zehren war, um
den Hals trug, und so blitzten die goldenen Sporen an den steinernen Fen und
blitzte die nackte Klinge des breiten Ritterschwertes, das quer ber seinen
steinernen Knien lag. Und als ich noch immer mit Grausen das Bildni
betrachtete, kam eine kleine Gestalt durch den hohen Ginster und nherte sich
dem steinernen Riesen, den sie von allen Seiten lauernd umschlich. Die kleine,
seltsame Gestalt war aber der Commerzienrath, und er schnitt die drolligsten
Gesichter und machte die wunderlichsten Capriolen, als er den Riesen so fest
schlafend fand. Pltzlich fing er an, an den Knien hinaufzuklettern, stellte
sich auf die Fuspitzen und nahm dem Riesen die goldene Kette vom Halse, die er
selbst umhing, sprang dann hinab und nahm das Schwert; zuletzt auch die goldenen
Sporen, die er sich an die eigenen Fe schnallte. So schritt er mit
lcherlicher Grandezza in des Ritters Schmuck hin und her, versuchte auch das
Schwert zu schwingen, das er nicht heben konnte, whrend er mit den Sporen
fortwhrend im Ginster hangen blieb, und die schwere Kette ihm die Schultern
zusammendrckte, da er pltzlich ein alter Mann mit krummem Rcken wurde, der
sich kaum auf den Fen halten konnte, und trotzdem versuchte, auf der scharfen
Uferkante hart am Rande der Kreidefelsen, die lothrecht hinabfielen zur See,
einher zu balanciren, wie ein Seiltnzer auf dem Seil. Ich wollte ihm zurufen,
er solle das gewagte Spiel sein lassen, um Herminens Willen, aber ich konnte
nicht rufen, ich konnte mich nicht bewegen, und pltzlich taumelte er ber den
Rand; ich hrte, wie der Krper unten auf den Kieseln des Strandes aufschlug,
und der Riese fing an zu lachen, so laut, so drhnend, da ich jh emporfuhr,
und mit wildklopfendem Herzen mich in dem Zimmer umsah, in welches durch die
Gardinen eine graue Dmmerung hineinfiel, die nicht Nacht und nicht Tag war,
gerade wie in dem Traum, und so hrte ich auch noch immer das drhnende Lachen;
aber es waren Schlge, mit denen eine ungeduldige Hand gegen die Hausthr
pochte. Ich verlie das Zimmer, um selbst zu ffnen.
    Was giebt es?
    Eine Empfehlung an Herrn Hartwig, und - und, ach, Sie sind es ja selbst!
    Es war der Hausknecht aus dem Hotel, in welchem mein Schwiegervater schon
seit einer Reihe von Jahren wohnte, so oft er in der Stadt war.
    Ja, ja, was giebt's?
    Eine Empfehlung, stammelte der Mann, von meinem Herrn, und - und der Herr
Commerzienrath ist soeben in seinem Bette todt gefunden worden.
    Ich sah dem Mann starr in das Gesicht; er glaubte vermuthlich, da ich ihn
nicht verstanden habe, und stotterte seine ungeschickte Bestellung noch einmal
her; aber ich hatte ihn ganz gut verstanden, wenigstens was die Worte betraf.
Der Commerzienrath war in seinem Bette todt gefunden worden. Das spricht sich ja
ganz leicht, und man versteht es ja auch ganz leicht. Der Herr Commerzienrath
ist in seinem Bette todt gefunden worden!
    Ich werde gleich kommen, sagte ich.
    Der Mann eilte davon; ich ging in mein Zimmer zurck, zog meinen Ueberrock
an, setzte meinen Hut auf, nahm statt der hellen Handschuhe, die ich gestern
Abend getragen, ein paar dunkle - ganz mechanisch, als ob ich zu einem einfachen
Geschftswege auszugehen htte. Der Commerzienrath ist in seinem Bette todt
gefunden worden, wiederholte ich, wie ich die Meldung wiederholt haben wrde,
wenn sie auf dem Bureau eingetroffen wre: der Kessel in der und der Werkstatt
ist geplatzt.
    Dann zuckte ich auf einmal zusammen, als wre mir ein Stich in's Herz
gefahren: Armes Kind, murmelte ich, armes Kind! Wie wird sie es nehmen? aber es
giebt so viel Unglck in der Welt, so viel Unglck, und es war ja ein alter
Mann!
    So verlie ich das Haus, in welchem sich jetzt die Leute zu regen begannen.
    Sie gehen heute frh aus; sagte der Portier, der eben aus seiner Loge kam.
Es ist doch nichts in der Fabrik passirt?
    Ich antwortete nicht; erst auf der Strae fiel mir ein, was der Mann gesagt
hatte. Es war gegen sieben Uhr und bereits vollkommen hell. Der Wind war nach
Westen umgesprungen und fegte durch die Straen. Es regnete; von den Dchern
rannen Wasserbche, und der in der Nacht reichlich gefallene Schnee hatte sich
zum grten Theil in grauen Schlamm verwandelt, durch den sich die Brod- und
Milchkarren traurig schleppten. Mich frstelte, und ich sagte mir, da es ein
sehr hlicher, bser Morgen sei, aber zu einer anderen Empfindung konnte ich es
nicht bringen. An einer Ecke begegnete mir ein Leichenwagen ohne Gefolge. Der
Kutscher auf seinem hohen Bock hatte sich den dreieckigen Hut tief in das
Gesicht gedrckt, die abgetriebenen Gule gingen halb Schritt, halb Trab, der
Wagen glitt in dem grauen Schneeschlamm hin und her und das schwarze,
fadenscheinige Bahrtuch, das ber den Wagen gedeckt war, peitschte der Wind
hinber und herber. Das kann doch nicht schon der Commerzienrath sein? sagte
ich, dem unheimlichen Fuhrwerk gedankenlos nachblickend.
    So kam ich zu dem Hotel.
    Nummero Elf, die erste Thr rechts, wenn Sie die Treppe hinauf kommen!
sagte der Portier.
    Er begleitete mich die Treppe hinauf, wohl mehr aus Neugierde, als aus
Theilnahme, und erzhlte, der Herr Commerzienrath seien gestern Abend mit dem
letzten Zuge angelangt und ganz besonders munter gewesen, und er htte den
Auftrag gehabt, den Herrn Commerzienrath heute Morgen um halb sieben Uhr zu
wecken, weil der Herr Commerzienrath ein Billet an den Herrn Hartwig zu schicken
habe. Und er habe zur Minute an die Thr geklopft, und der Herr Commerzienrath
habe ganz deutlich gerufen: es sei gut, und Louis soll den Kaffee bringen, und
als Louis zehn Minuten spter den Kaffe gebracht, da habe der Herr
Commerzienrath nicht geantwortet, und sei todt gewesen. Wer sollte das gedacht
haben, so ein rstiger, alter Herr! Und es sei auch gleich nach dem Herrn Doctor
Snellius geschickt, weil er der Hausarzt von dem Herrn Hartwig sei, und der Herr
Doctor werde gewi jeden Augenblick kommen. Diese Thr, Herr Hartwig, diese
Thr!
    Die Thr war nur angelehnt. Der Wirth des Hotels, der Oberkellner, und noch
ein anderer, wenn ich mich recht erinnere, standen mitten in dem groen,
zweifenstrigen Gemach, in welches durch die nur halb zurckgezogenen Vorhnge
der dstere Morgen dster hereinblickte. Vor dem Bett, ganz im Hintergrund des
Zimmers, brannten auf einem Nachttische zwei Lichter.
    Wir haben Alles so gelassen, wie wir es gefunden haben, sagte der Wirth
mit gedmpfter Stimme, whrend er mit mir auf das Bett zuging. Es ist Grundsatz
bei mir, in solchen Fllen die grte Discretion zu beobachten. Man braucht sich
dann hinterher keine Vorwrfe machen zu lassen, und erspart sich viele
Unannehmlichkeiten. Der Herr Commerzienrath liegen noch genau so, wie ihn Louis
gefunden hat, und da steht auch noch das Kaffebrett, wie es Louis aus der Hand
gesetzt hat.
    Da stand das Kaffebrett, wie es Louis aus der Hand gesetzt, und da lag der
Commerzienrath, wie ihn Louis gefunden. Das Licht von den beiden Kerzen, die
lange, feurige Schnuppen angesetzt hatten, fiel hell genug in sein Gesicht, auf
das ich jetzt herabblickte. Und die Gesichter noch zweier Todten traten mir vor
die Seele: das des wilden Zehren und das meines theuren, vterlichen Freundes.
In den finstern Zgen des Wilden hatte dsterer Trotz gelegen, wie auf dem eines
Indianer-Huptlings, der am Marterpfahle Spottlieder auf seine Peiniger singt;
auf dem milden Antlitz seines greren Bruders hehre Ruhe, wie eines Heilands,
der da wei, da er nicht fr sich gestorben ist. Wie anders war dies Gesicht!
Um den groen Mund etwas wie das hmische Lcheln, das ihm gewhnlich war, wenn
er Jemand berlistet zu haben glaubte; die Augen halb geschlossen, wie er es zu
thun pflegte, wenn er nicht sehen lassen wollte - und wann htte er das je
gewollt! - was er im Schilde fhrte; ber das ganze, alte, verschrumpfte, gelbe
Gesicht die trgerische Wolke ausgebreitet, in die er sich zu hllen liebte, -
nur da er die Wolke jetzt noch ein wenig dichter um sich gezogen, nur da dies
nicht eines seiner alten Tintenfisch-Manver, nur da es der Tod war.
    Und wir sind gestern Abend noch so munter zusammen gewesen, flsterte der
Wirth; wir haben bis halb Zwei im Speisesaal gesessen und drei Flaschen
Champagner getrunken; der Herr Eisenbahndirector Schwelle war auch da. Ich habe
den alten Herrn genug gewarnt; in seinen Jahren mu man denn doch ein wenig
vorsichtiger sein. Und hier liegt ja auch noch das Billet, das heute Morgen an
Sie geschickt werden sollte.
    Es war ein Blatt, welches er aus seiner Brieftasche gerissen haben mute;
halb voll geschrieben; der Bleistift, mit welchem er geschrieben, lag dabei. Ich
hob das Blatt auf; die Schriftzge waren sehr leserlich, ja fester, als ich sie
in der letzten Zeit von ihm gesehen: Lieber Sohn, ich bin gestern Abend
angekommen und mchte Sie gern sprechen, bevor Sie aus der Fabrik nach Hause
gehen. Warten Sie also auf mich, wenn ich bitten darf. Ich mu noch vorher zur
Brse, wo ich heute vielen neidischen Gesichtern begegnen werde. Man wird heute
sehen, wie schnell ein alter Practicus kleine Scharten auswetzt, doch darber
Nheres mndlich. Lat doch absagen, falls Ihr heute ausgebeten wret, ich
mchte gern einmal wieder mit Euch essen. Aber ich bitte, keine Umstnde! Nur,
wenn es sein kann, mein Lieblingsgericht, Magdeburger Sauerkraut und etwa -
    Der Kchenzettel war nicht fertig geworden; und da lag der Gast - ein sehr
stiller Mann.
    Der Tod hat ihn mitten im Schreiben berrascht, sagte der Wirth, dessen
Discretion ihm doch erlaubt hatte, an meiner Schulter vorbei in das Blatt zu
blicken. Wie schnell das manchmal -
    Pltzlich stand der Doctor an unserer Seite; ich hatte ihn nicht kommen
hren. Er nickte mir nur stumm zu, und beugte sich ber den Todten. Das dauerte
einige Zeit. Dann richtete er sich auf - er brauchte nicht lange Zeit dazu, der
kleine, gute Doctor - und sagte zum Wirth gewendet; mchten Sie mir wohl ein
Weinglas reinen Jamaica-Rums zum Sieden bringen lassen; aber zum Sieden und
reiner Rum mu es sein! Sie thten vielleicht besser, selbst nachzusehen.
    Gewi, gewi! sagte der Wirth; ich halte es fr meine Pflicht, bei
dergleichen Fllen Alles zu thun, was in meinen Krften steht.
    Und Sie gingen wohl und sorgten dafr, da ich es gleich bekomme; und Sie,
junger Herr, sagten meinem Kutscher, da er warten solle.
    Zu Befehl, zu Befehl! riefen die Kellner, und eilten ihrem Chef nach.
    Haben Sie denn Hoffnung? fragte ich.
    Der Doctor antwortete nicht. Er hatte noch einen schnellen Blick auf die
Thr geworfen. Dann trat er rasch an's Bett schlug die Decke zurck, die der
Todte sich ber Brust und Arme bis an's Kinn gezogen hatte, und dann sah ich,
wie er ein kleines Flschchen, das er irgend wo unter der Decke, aus den
erstarrten Hnden des Todten vielleicht, genommen hatte, zuerst vorsichtig an
die Nase fhrte, es dann in ein Blatt Papier wickelte und in die Westentasche
steckte.
    Es hat zu schnell gewirkt; sagte der Doctor; er hat das nicht einmal mehr
hinter's Bett werfen knnen. Wenn es nicht anderweitig nothwendig ist, braucht
Ihre Frau ja wohl nicht zu erfahren, da ihr Vater sich vergiftet hat!
    Ich sthnte laut.
    Muth, Muth! sagte der Doctor, es ist dies eine Welt, in der es manchmal
verzweifelt dunkel wird. Aber das lt sich nicht ndern, und Sie haben jetzt an
Weib und Kind zu denken.
    Als ich eine Stunde spter nach Hause ging, heulte der Frhlingswind noch
gerade so durch die verregneten Straen wie vorhin, und genau an derselben Ecke,
wie vorhin, begegnete mir derselbe Leichenwagen, der jetzt in demselben
schlotternden Trabe zurckkam. Ich sah ihn an, ohne die leiseste Regung einer
Empfindung, die fr immer in meiner Brust ausgestorben schien. Ja, ja, der
Doctor hatte Recht: es wird manchmal um uns her verzweifelt dunkel in dieser
Welt; und ich glaube nicht, da sie mir noch dunkler erschienen sein wrde,
htte ich gewut, was ich nicht wute, da in dem Palais des Frsten, an welchem
ich auf meinem Wege nach Hause vorber mute, seit einer halben Stunde hinter
den heruntergelassenen Vorhngen der Letzte aus dem Mannesstamm der Frsten von
Prora-Wiek, Grafen von Ralow, sein junges Leben unter den Hnden der Aerzte
aushauchte.

                              Dreiigstes Capitel.


Es wird manchmal verzweifelt dunkel in dieser Welt! - aber wer darf sagen: nun
kann es nicht dunkler werden!
    Als ich nach Hause kam, gab es da ein Rennen und Laufen: es war so schnell
gekommen! vor einer Stunde hatte die Frau heftig geschellt, und ich nicht zu
finden! Die Frau war darber ganz auer sich gerathen, glcklicherweise sei die
nthige Hlfe schnell zur Hand gewesen; nur der Herr Doctor -
    Er folgt mir auf dem Fue, sagte ich, und eilte in das Gemach, aus dem mir
ein herzzerreiendes Wimmern entgegenschallte.
    Muth, liebster Freund, Muth, sagte der Doctor ein paar Stunden spter; es
ist ein wenig vor der Zeit, und - indessen es hat schon schlimmere Flle
gegeben; ich denke - aber bleiben Sie ein paar Minuten hier und schpfen Sie ein
wenig Athem; Sie sind furchtbar aufgeregt; Sie halten es nicht aus.
    Mu sie es doch aushalten! rief ich, die Hnde ringend.
    Freilich! sagte der Doctor, kommen Sie.
    Es war ein schner Tag geworden nach der eisigen Nacht und dem grauen
Regenmorgen; die Mrzsonne war glorreich durch die Wolken gebrochen und schien
blendend herab aus dem hellblauen Himmel; von allen Dchern tropfte es, aus
allen Rinnen sprudelte es, und in dem schwarzen Gest der Bume in dem Garten,
auf welches die Fenster des Zimmers gingen, flatterten und zwitscherten die
Vgel und verkndeten, da nun der Winter zu Ende und der Frhling wieder da
sei.
    Ach, ich hatte kein Ohr fr diese Botschaft; ich glaubte nicht an den
goldenen Sonnenschein, nicht an den blauen Himmel, nicht an die rinnenden
Frhlingswasser - ich harrte einer anderen Verkndigung - in heien Gebeten und
brnstigen Gelbden, wie sie nur aus dem Herzen eines Mannes in solcher Stunde
steigen knnen - und sie ward mir, diese Verkndigung - als die Sonne zur Rste
ging - in einem kleinen feinen Stimmchen, das mich durchschauerte, wie den
harrenden Glubigen das Suseln des Windes, in welchem sich der Herr nahte.
    Ja, nun war es Frhling! ich sah die Frhlingssonne in dem glckseligen
Lcheln der armen Dulderin; ich sah den kstlichsten Frhlingshimmel in ihren
blauen Augen, die jetzt in einem milden, schimmernden Glanz, wie ich es nie
gesehen, zu mir empor lchelten, und sich dann liebevoll auf unser Kind senkten.
    Es ist nun doch ein Mdchen, flsterte sie, und Du wirst sie schrecklich
verziehen und viel lieber haben als mich; aber ich will nicht eiferschtig sein,
ich verspreche es Dir!
    Und am nchsten Tage schien wieder die Sonne, und der Himmel war blau und
die Vgel jubilirten. -
    Wenn das Wetter anhlt, knnen wir bald nach Zehrendorf; sagte sie; es
ist gut, da Du mit dem Frsten noch nicht definitiv abgeschlossen hast; er ist
ja sehr, sehr liebenswrdig gegen uns gewesen; aber besser ist besser, und ich
denke, Du berlegst die Sache noch einmal mit dem Vater. Warum der Vater nur
nicht kommt? Du hast doch recht dringend geschrieben -
    Gewi, er ist jedenfalls verreist; aber Du sollst ja nicht so viel sprechen
-
    Ich fhle mich ganz krftig; ich wollte nur, ich knnte der Kleinen von
meiner Kraft abgeben! Lieber Himmel, so ein Riese von Vater und so ein kleines
Kindchen! Aber es hat Deine Augen, Georg!
    Ich hoffe, es hat Deine Augen.
    Weshalb?
    Weil es dann die schnsten htte, die es haben kann.
    Schmeichler! aber um auf Zehrendorf zurckzukommen: wir werden es schon der
Kleinen wegen behalten mssen, der die Landluft durchaus nothwendig ist, wie der
Doctor sagt. Ach, ich sehe uns schon unter der groen Buche sitzen, - die ich
gerettet habe, weil Sie Ihren Namen eingekritzelt hatten, fr eine Andere mein
Herr! - und nun mit seiner Frau und seinem Kind ganz prosaisch-hausvterlich an
derselben Stelle, wo man romantisch geschwrmt hat - ist das nicht sehr
komisch?
    Ja, ja, es ist sehr komisch; aber jetzt mut Du auf alle Flle schweigen.
    Zu Befehl, mein Gebieter!
    Und dabei lachten ihre blauen Augen so bermthig und sie war so voller
Lebenslust und Lebensfreude, und so heiter und voller drolliger Einflle - es
schnitt mir in's Herz, wenn ich sie so sah und hrte und - unter dem Vorwand
dringender Geschfte - sie verlassen mute, um ihren Vater zu begraben, der in
der Furcht vor der Schande eines schmhlichen Bankrotts zum Selbstmrder
geworden war. Aber dann war auch dieser Tag wieder der schnste, goldigste
Frhlingstag: von den Dchern tropfte es nur noch hier und da, denn die helle
Sonne und die warme Luft hatten die Nsse hinweggetrocknet; an dem Himmel,
dessen Blau dadurch noch tiefer erschien, standen groe, weie Wolken, und die
Vgel in den knospenden Bumen dachten jetzt ernstlich daran, ihre junge
Wirthschaft einzurichten, - wer htte da, trotz alledem, nicht hoffnungsvoll in
die Zukunft sehen sollen, die Alles wohl besser machen wrde! wer sich der
winterlichen Sorgen nicht entschlagen, wenn er sah, wie Alles trieb und keimte
und blhte, aber:

Es fiel ein Reif in der Frhlingsnacht,
Er fiel auf die zarten Blaublmelein -

    Und diese schwermthigen Verse des Volksliedes sollen euch sagen, was ihr
mir anders, oder ausfhrlicher zu sagen gern erlat! Sie bedrfen keines
Commentars, diese Verse, so wenig, wie zwei frische Grber, ein greres und ein
sehr kleines Grab, die man nahe, ganz nahe neben einander aufgeworfen, und die
Krnze, mit denen die Hand der Liebe die Hgel bedeckt hat.

                           Einunddreiigstes Capitel.


Nur die Arbeit kann uns frei machen.
    Ich hatte in den zwei folgenden Jahren Gelegenheit, diesen obersten Satz der
Weisheit meines Meisters nach allen Seiten hin zu erproben.
    Ja, wahrlich, die Arbeit hat mich frei gemacht!
    Wovon?
    Zuerst von den Maschen des unredlichen Gespinnstes, in welches mich die
Verbindung mit meinem Schwiegervater verwickelt, den Maschen, von denen er sich
durch seinen jhen Tod Knall und Fall losgerissen, und aus denen ich mich mit
unsglicher Mhe allmlig loslsen, die ich entwirren, schlichten, ordnen mute,
wollte ich nicht Schande und Schmach auf den Namen des Mannes fallen lassen, der
der Vater meiner Gattin gewesen war.
    Es stellte sich heraus, da er, wie ein verzweifelter Spieler die Partie vor
der Zeit verloren gegeben. Aber freilich, das ist nicht ganz das rechte Wort.
Fr ihn war die Partie verloren, denn, was ihn einzig htte retten, was ihn
allein htte frei machen knnen - wie es mich frei gemacht hat, der ich des
Mannes Soll und Haben bernahm - die gewissenhafte, ehrliche, mannhafte Arbeit -
sie war ihm unmglich; er hatte sie nie gebt, er hatte niemals Achtung vor ihr
gehabt, hatte nie an sie geglaubt und an ihre gewaltigen Resultate. Wenn ich ihm
begeistert von der Zukunft sprach, der unsere Fabrik entgegenblhe, und da von
der wsten Trmmersttte aus, die er Jahre lang miachtet, ein Strom des Lebens
und Reichthums ausgehen werde in alle Lande - da hatte er stets nur
hmisch-unglubig gelchelt und mich einen Schwrmer, einen Phantasten
gescholten, der sich noch hlich die Finger verbrennen, oder doch hchstens fr
Andere die sen Kastanien aus den Feuern seiner Hochfen holen werde.
    Und er war hingegangen und hatte weiter gespielt an der Brse, in Actien, in
auslndischen Fonds, in Spiritus, in Baumwolle, der Himmel wei, worin, wie er
frher in Contrebande und unversicherten Schiffen gespielt hatte, bis die Karten
so gegen ihn schlugen, da er keinen Ausweg sah, als den grnen Tisch und das
Leben zugleich zu verlassen.
    Ich konnte mich nie von dem Gedanken losmachen: es habe die Scham, vor mir,
gegen den er stets so gro gethan, nun so klein dazustehen, mir einrumen zu
mssen, da ich mit meiner dummen Ehrlichkeit Recht gehabt, den Mann, der keine
Spur von echtem Stolz, aber eine immense Eitelkeit besa, mit in den Tod
getrieben. War es doch nun fr immer vorbei mit seiner Weisheit, seiner
Ueberlegenheit, war es doch nun vor allem vorbei mit seiner Herrschaft, und - er
gnnte mir die Nachfolge nicht, um so weniger, als ich ihm oft genug in Scherz
und Ernst prophezeit, da eine neue Zeit gekommen sei, eine Zeit der
Brderlichkeit, der Billigkeit, der Gerechtigkeit, der gegenseitigen
Hilfsbereitschaft, und da der Egoismus mit seinen kleinlichen Mitteln, mit
seinen Praktiken und Kniffen fr diese neue, groe Zeit nicht mehr ausreiche.
    Vielleicht, da auch Einer oder der Andere meiner Leser findet, ich habe,
indem ich also prophezeite, den Mund etwas vollgenommen, und da jene goldene
Zeit, von der ich spreche, heute noch wie damals auf dem Schooe der Gtter
liege.
    Aber ich schreibe keine Geschichte, als die meines Lebens, und da kann ich
nur sagen: wenn mein Temperament sanguinisch und meine Weltanschauung demzufolge
zum Optimismus geneigt ist, so haben meine individuellen Erfahrungen nach dieser
Seite hin mir das leichte Blut nicht getrbt und meinen frommen Glauben an die
Gte der Menschennatur und vor Allem an den wachsenden Sieg des Guten und
Tchtigen in unserer Zeit nicht erschttert. Ich habe aus dem industriellen und
konomischen Gebiete nur berall da, wo der Flei mit der Redlichkeit einen
festen Bund geschlossen, dauernde Erfolge gesehen und wenn es in der Politik
hier oder da einmal anders zu sein scheint, so ist es eben wohl nur ein Schein,
der fr eine Zeit die Menge blendet, um ber kurz oder lang zu zerrinnen und der
tristen Wirklichkeit Platz zu machen.
    Doch, wie gesagt, ich schreibe nur die Geschichte meines Lebens, welches
mich das und nichts Anderes gelehrt hat, und in keiner Periode eindringlicher,
als gerade in der, von der ich eben spreche. Und wre ich der schlimmste
Pessimist, der schwarzgalligste Menschenhasser gewesen, mich htten die Beweise
der Liebe, Gte und Hilfsbereitschaft, die mir von allen Seiten zu Theil wurden,
eines Anderen und Besseren belehren mssen.
    Von allen Seiten, selbst von solchen, an die ich nicht im Entferntesten
gedacht hatte!
    Zum Beispiel nicht an den alten Mann, den ich whrend des Baues der neuen
Fabrik oft in Schlafrock und Pantoffeln, ein schwarzes Kppchen auf dem kahlen
Kopfe und eine lange Pfeife in dem zahnlosen Munde, an dem Stacket hatte stehen
sehen, welches den Bauplatz von dahinterliegenden Grten trennte, und mit dem
ich hin und wieder, ohne zu wissen und ohne zu fragen, wer er sei, ein paar
freundliche Worte gewechselt hatte. Dieser alte Mann nun kam in jenen
frchterlichen Tagen, als das husliche und geschftliche Unglck wie mit
Keulenschlgen auf mich einfuhr, zu mir und stellte sich mir als den Rentier
Weber, den frheren Besitzer des Grundstcks vor, und er habe gehrt, da es mit
den Angelegenheiten meines verstorbenen Schwiegervaters nur so so stehe, und da
sei er denn gekommen, mir zu sagen, es habe mit der Bezahlung - mein
Schwiegervater hatte mir gesagt, da der Kaufschilling bis auf den letzten
Heller bezahlt sei! - keine Eile, und er habe wohl gesehen, wie ich mich der
Sache annhme, und wie ich immer wacker zugegriffen, wo es nthig gewesen. Dem
alten Herrn wrde er keinen Thaler geliehen haben, aber fr strebsame, junge
Leute, wie ich, habe er schon noch ein paar tausend Thlerchen liegen, so ein
zehn oder zwanzig, je nachdem, und wenn ich die brauchen knne, so mge ich nur
zum alten Maurermeister Weber kommen, ich werde ihn zu Hause finden.
    Und ein paar Tage spter kam ein Brief in einer groen kindischen Hand und
mit den wunderlichsten orthographischen Fehlern von dem guten Hans: da von dem
Vermgen seiner Mutter, ber welches er frei disponiren drfe, trotz alledem
noch immer ein bedeutender Rest brig sei, der mir bis auf den letzten Pfennig
zur Verfgung stehe. Weil er aber nicht allsogleich an dies Geld kommen knne,
habe er vorlufig in allen seinen Rcken und Schublden eine sorgfltige Suche
angestellt mit berraschend gnstigen Resultaten, und erwarte er von meiner
Freundschaft, da ich ihm erlaube, mir dies Geld umgehend zu schicken.
Schlielich wisse ich wohl, da er ein besserer Landmann sei, als es den
Anschein habe, und wenn ich ihm verstatten wollte, ein- oder zweimal des Tages
nach Zehrendorf hinber zu galoppiren und ein wenig nach dem Rechten zu sehen,
so wrde ich ihm und seinem Braunen damit eine wahre Wohlthat erweisen.
    Da der gute Doctor mir jetzt zum dritten Male sein Vermgen anbot, brauche
ich wohl kaum zu erwhnen; aber dies und Alles, wie sehr es mich auch rhrte und
erfreute, hat mich doch nicht so erschttert und ist auch auf meine Zukunft
nicht von so groem Einflusse gewesen, als das Anerbieten, welches mir im Namen
smmtlicher Arbeiter der Fabrik eine Deputation machte, deren Sprecher Herr
Roland war. Sie htten gehrt, da die Angelegenheiten nicht so stnden, wie sie
sollten und da Gefahr sei, die Fabrik werde in andere Hnde bergehen. Diese
Mglichkeit erscheine Allen als die schrecklichste, und sie seien mnniglich
entschlossen, dieselbe abzuwenden, wenn es, und so weit es in ihren Krften
stehe. Sie fragten demnach an, ob es mir meine schwere Lage erleichtern wrde,
wenn sie, Alle wie Einer und Einer wie Alle, auf einen Theil ihres Lohnes
verzichteten, bis die Gefahr vorber und ich im Stande sei, das Zurckbehaltene
nachzuzahlen, ohne da ich fr den Ausfall zu haften htte, im Fall die
erwartete gnstige Wendung nicht eintrte.
    Es dauerte einige Zeit, bis ich meine Rhrung so weit bewltigt hatte, um
antworten zu knnen, und dann sagte ich den wackeren Mnnern, da ich mit
Nichten gesonnen sei, ihr groherziges Anerbieten anzunehmen, nicht, weil ich
mich schmte, mir in meiner Noth von meinen Kameraden helfen zu lassen, sondern
weil ich, Dank der gtigen Hlfe, die mir von andern Seiten geworden, nach wie
vor meine Verpflichtungen gegen sie erfllen knne. Aber ich habe etwas anderes
im Sinn. Und nun setzte ich den Mnnern ein Project auseinander, welches ich
nach dem Muster hnlicher Einrichtungen in England schon lngst mit dem Doctor
und mit Klaus geplant, und wonach Jeder der Arbeiter in dem Verhltni seiner
Krfte, seines Verdienstes, seiner Mittel Theilhaber der Fabrik werden solle.
Ich sagte den Mnnern auch, da eine Zeit der Unsicherheit und der Krisis, wie
die gegenwrtige, nicht die geeignete zur Ausfhrung dieses Projectes, da ich
aber mehr als je entschlossen sei, alle meine Krfte daran zu setzen, diese Zeit
herbeizufhren, und da ich vielleicht schon binnen Jahresfrist mein Wort
einlsen zu knnen hoffe.
    Und es war noch kein Jahr vergangen, als ich im Stande war, es einzulsen.
    Nicht weniger glcklich war ich auf dem zweiten Punkte gewesen, den ich mit
einer Art von Leidenschaft behauptet hatte, whrend ich so manches Andere willig
aufgab. Zehrendorf war in meinem Besitz geblieben; ich hatte keine einzige der
ntzlichen Unternehmungen, die dort angefangen waren, eingehen zu lassen
brauchen; im Gegentheil, es stand Alles in dem besten Flor, und ich hatte ein
neues groes Werk: die Trockenlegung der ungeheuren Moore mit dem besten Erfolge
begonnen. Das Gut war jetzt, wenn auch nicht den Preis werth, welchen der
Commerzienrath dafr gefordert, so doch beinahe den, welchen mir der groherzige
junge Frst in der denkwrdigen Unterredung freiwillig geboten. Ich konnte nicht
ohne Wehmuth den Brief betrachten, den er mir an jenem Abend, bevor ich zum
zweiten Male zu ihm kam, geschrieben und in welchem er mir noch weit ber jene
Summe hinaus seinen Credit zur Verfgung gestellt hatte. Was war aus dem andern
Briefe geworden, in welchem er, falls er im Duell bleiben sollte, die Ausfhrung
dieser Versprechungen seinem Vater an's Herz gelegt? Ohne Zweifel ist derselbe
nie in die Hnde, fr die er bestimmt war, gelangt, denn der alte Frst, der
seinen Sohn noch mehrere Jahre berlebte, war ein groherziger, edel denkender
Herr, und wrde schon aus Piett einem letzten Wunsch seines unglcklichen
Sohnes gewillfahrt haben. Nun, die Unredlichkeit dessen, der jenen Brief
unterschlug, ist mir zum Segen geworden. Ich htte gewi, wre es von mir
gefordert, in jenen ersten Tagen der Noth und Verwirrung das Gut ohne weiteres
abgetreten; so, da Niemand es von mir verlangte, und ich es Herrn von Granow
nicht fr ein Viertel des Werthes schenken wollte, war ich genthigt, es zu
behalten, und ich konnte es halten, Dank der gromthigen Untersttzung meines
guten Hans, und - weshalb soll ich es nicht sagen? - Dank der ehrlichen Arbeit,
die ich selbst daran gewandt habe.
    Und ich hatte ihr noch mehr zu danken. Wie sie mich frei gemacht hatte von
der Last der Verpflichtungen, die mir mein Schwiegervater jhlings auf die
Schultern gewlzt, so hatte sie mich auch in Drachenblut gebadet gegen die
scharfen Pfeile, mit denen der Schmerz um den Verlust meiner holden Gattin und
meines Kindes im Anfang mein Herz zerrissen hatte. Freilich, unter der starren
Decke scheinbarer Unempfindlichkeit war die Wemuth geblieben; aber die Thrnen,
die ich oft genug weinte, wenn ich des Abends, nach des Tages Mhe, in mein
einsames Zimmer trat, oder, wenn ich in der Nacht erwachte und mich allein fand
- sie hatten nicht mehr die tzende Schrfe; sie flossen mild und weniger um den
eigenen Verlust, als darber, da der kalte Hauch des Todes soviel
Holdseligkeit, soviel Anmuth, soviel Scherz und Frohsinn und kecken Muthwillen
vor der Zeit geknickt hatte. Und doch war auch hier wieder etwas, das fast ein
Trost erschien. Wie ihr Vater wohl whrend seines ganzen Lebens nie ein Wesen
geliebt hatte, als die schne, einzige Tochter, so hatte sie ihn wieder geliebt,
mochte er auch die Stolze, Hochgemuthe durch seine schlimmen, niedrigen
Eigenschaften noch so oft gekrnkt und beleidigt haben. Sein Tod, dessen
Veranlassung aus gewissen Grnden doch nicht htte ganz verborgen bleiben
knnen, wrde fr sie ein furchtbarer Schlag gewesen sein und wie htte sie sich
in diese Zeit der Noth, der relativen Entbehrung, des manchmal verzweifelten
Kampfes finden knnen, sie, die von frhester Jugend das Leben wie ein Festspiel
genommen und genossen hatte, sie, die Kampf und Entbehrung nur von Hrensagen
kannte! Wie wrde sie es ertragen haben, da ihr Gatte, auf den sie so stolz
war, den sie so hoch ber allen anderen Menschen sah, der Schuldner fast aller
seiner Freunde war! Und wrde sie von Herzen das Fest mitgemacht haben, in
welchem der Chef der Fabrik und seine Arbeiter ihre solidarische Verbindung fr
alle kommenden Zeiten feierten, und ich erklrte, da von jetzt an zwischen uns
nicht mehr von Herr und Arbeiter die Rede sein knne, da wir alle gleicherweise
Arbeiter des einen Geschftes seien, welches keinen Herrn habe, als seine
Arbeiter! Wrde sie sich in solche Verhltnisse geschickt haben? O gewi! denn
ihre Liebe zu mir war grer als ihr Eigenwille und ihr Stolz! Ja, sie wrde
sich darin geschickt haben, denn sie war auch klug und konnte eine Rolle
klglich spielen, wenn sie es fr nthig hielt, aber sich darein finden, von
Herzen zustimmen - das htte sie wohl nie gekonnt, und dieser Gedanke blieb mir
auf ihrem schnen Bilde wie ein Hauch, den das herzlichste Gedenken nicht
fortzuwischen vermochte. Ich mute mir sagen, da ich vielleicht, da ich wohl
sicher in den Bestrebungen, die mir die theuersten und heiligsten waren, allein
geblieben wre.
    Allein!
    Ich wei nicht, ob es Menschen giebt, die das Gefhl, allein zu sein,
ertragen knnen; aber das wei ich gewi, da ich nicht zu diesen Menschen
gehre. Und ich war allein zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren, viel mehr
allein, als ich es whrend jener einsamen Lehrlingszeit in dem verfallenen
Huschen zwischen den Ruinen gewesen war. Damals hatte ich doch wenigstens die
goldene Zukunft zur Gefhrtin gehabt; jetzt lag diese Zukunft als Vergangenheit
hinter mir, als unwiederbringlich Verlorenes. Ich schalt mich undankbar. Es war
mir ja noch so Vieles geblieben, vor Allem die Freunde, die treuen Freunde! Da
war mein guter Doctor Snellius, da war mein braver Klaus, da war drben auf der
Insel mein alter, ehrlicher Hans, und selbst das gute Frulein Duff htte ich
haben knnen, wenn ihre hochbetagten Eltern in Sachsen, bei denen sie jetzt
verweilte, sie auch schwer entbehrt haben wrden. Da waren vor Allem Kurt und
Benno, die jetzt zu stattlichen jungen Mnnern herangereift waren, und die ich
oft im Scherz meinen Stab und meine Sttze nannte. Im Scherz und Ernst, denn
Kurt war in diesen Jahren die Seele des technischen Bureaus geworden, in der
Ueberlegenheit seines Wissens und Knnens von Allen, selbst von Herrn Windfang,
willig anerkannt; und Benno, der halb aus Neigung, halb mir zu Liebe Landmann
geworden war, wute in Zehrendorf sein naturwissenschaftliches Genie in einer
Weise zu verwerthen, die Alle, welche etwas davon verstanden, in Erstaunen
setzte.
    Nein, wahrlich, es fehlte mir an Freunden nicht - abgesehen selbst von den
hunderten von wackeren Mnnern, in deren Mitte ich lebte, und die mir auf einen
Wink durch Feuer und Wasser und in jede Gefahr gefolgt wren - es war undankbar,
entsetzlich undankbar, wenn ich von Alleinsein sprechen wollte, und ich sprach
auch nicht davon; aber ich war allein, ich fhlte mich allein und die Arbeit
konnte dies Gefhl nicht bannen, ja, es war, als ob die Arbeit nur dazu
beitrge, es zu verstrken.
    Sie haben zu viel gearbeitet, sagte der Doctor; das hlt auf die Dauer
selbst eine Natur wie die Ihre nicht aus; Sie sollten sich einmal losreien,
eine kleine Reise machen, sich zerstreuen. Man mu die Brunel und Stephenson an
Ort und Stelle studiren, wie die Raphael und Michel Angelo. Bleiben Sie nur
nicht ganz so lange weg, wie Paula.
    Der Doctor schien ber die ihm entschlpfte nahe Zusammenstellung meines
Namens mit dem Paula's frmlich erschrocken, wenigstens stimmte er sich mit
einem ganz besonders energischen Ruspern herab, blickte mich sehr unsicher
durch die runden Brillenglser an, und sagte, wie als Antwort auf eine Frage
meinerseits: Sie befindet sich sehr gut, ausgezeichnet; sie schreibt aus Meran
-
    Und der Doctor begann in gewohnter Weise nach dem betreffenden Briefe zu
suchen.
    Aus Meran? fragte ich, seit wann ist sie denn dort?
    Seit - lassen Sie sehen - seit acht Tagen. Ich hielt einen kurzen
Aufenthalt dort fr angezeigt; das italienische Klima scheint ihr auf die Dauer
doch nicht zu bekommen -
    Aber ich denke, Doctor, Sie sagten noch eben, es ginge ihr sehr gut?
    Nun ja; das heit - ich meine - versteht sich, geht es ihr gut; aber besser
ist besser, und sie ist ja auch nun lange genug dort gewesen; Oskar ist in Rom
geblieben; - aber hat Ihnen denn das nicht Kurt schon Alles gesagt?
    Kein Wort, und ich vermuthe daraus, da er es selbst nicht wei. Paula
correspondirte ja fast nur noch mit Ihnen.
    Ja, ja, freilich, sagte der Doctor; und ich fhle auch wirklich die
Verpflichtung, Ihnen oder den Jungen einen oder den anderen Brief vorzulesen,
aber der Teufel wei, wie es zugeht -
    Und der Doctor fate wieder nach seiner Brusttasche, stlpte dann, wie in
Verzweiflung, den abgeschabten Hut auf den groen, kahlen Kopf, und eilte davon,
mich wieder einmal in voller Ungewiheit darber lassend, was denn eigentlich
der Inhalt von Paula's Briefen sei, die der wunderliche Freund stets vergeblich
in seiner Brusttasche suchte.
    Da dieser Inhalt dann und wann in directem oder indirectem Bezug zu mir
stand, war wohl unzweifelhaft, denn welches Interesse htte der Doctor sonst
wohl gehabt, die Briefe so sorgfltig vor mir zu verheimlichen? Aber das war
auch wirklich Alles, was ich bei mir feststellen konnte; im Uebrigen mute ich
mir, nicht ohne den tiefsten Schmerz, eingestehen, da ich mich in Paula nicht
mehr zu finden wisse, und weiter, da sie selbst es zu verantworten habe, da es
das Resultat ihres Benehmens gegen mich sei, wenn ich es nicht mehr konnte, wenn
mir die theuerste Freundin, meine Schwester, wie sie sich so oft genannt, eine
Fremde und ein Rthsel geworden war. Weshalb? ich wute es nicht, ich konnte es
nicht ergrnden. War es denn ein Verbrechen, da ich sie einst geliebt hatte mit
allen Krften meiner jungen, hoffnungsfrohen, glubigen Seele? da ich, nachdem
sie bei den verschiedensten Gelegenheiten in den verschiedensten Formen meine
Liebe zurckgewiesen, wie ein Schiff gewesen war, welches von den Ankern
steuerlos in die bewegte See hineintreibt? War es ein Verbrechen, da ich selbst
ber meiner Liebe zu Herminen sie nicht hatte vergessen knnen, wenn ich auch
wute, da sie mir ewig fern bleiben wrde, und da ich nur immer zu ihr
hinaufzusehen habe, wie zu den hohen Sternen am Himmel? Mute ich das so schwer
ben, was mir doch so natrlich war, wie das Athemholen? Mute sie mich deshalb
aus dem Rath ihres Herzens, in welchem ich sonst so stolz gesessen,
ausschlieen? ihre Hoffnungen vor mir verbergen, ihre Plne, Wnsche, ihre
Triumphe, vielleicht auch so manche Enttuschungen und Krnkungen, wie sie ja
Keinem, und am wenigsten dem Knstler erspart bleiben? Mute sie deshalb die
innige Theilnahme, die sie frher an mir genommen, verleugnen, selbst in der
Zeit, da alle meine Freunde sich um mich schaarten, mir mit Rath und That zu
helfen, und wo sie nichts fr mich hatte, als ein paar Zeilen, die sie mir aus
Rom schrieb, und die kaum etwas Anderes enthielten, als den Ausdruck einer
Sympathie, zu welcher in solchem Falle sich auch entferntere Bekannte
aufschwingen?
    Ja, ich war ihr fremd geworden, sonst htte ich ihre sanfte Stimme vernehmen
mssen in der schauerlichen Nacht, die mich nach dem Tode Herminens umgab; und
sie war mir fremd geworden, ich wute kaum mehr von ihr, als die gleichgltigen
Menschen, mit denen ich zusammen vor ihren Bildern auf der Ausstellung stand.
Ich wute ebensowenig, wie Jene, weshalb sie, deren frische, kecke Kraft auf
ihren ersten Bildern alle Welt entzckt und hingerissen hatte, seit einiger Zeit
nur noch melancholische Vorwrfe zu kennen schien: schwermthig blickende
Hirten, die in den desten Theilen der Campagna, zwischen den Trmmern
vergangener Herrlichkeit, ihre Ziegen weideten; Schiffbrchige an dem Strande
der calabrischen Kste, wo die heie Sonne trostlos zwischen den nackten,
zackigen Felsen glhte und die Einsamkeit und Verlassenheit dem Beschauer, ich
mchte sagen, greifbar entgegentrat. Wie stimmten diese Stoffe und noch mehr das
sonderbar ernste, schwere, trbe Colorit mit der heiteren Stimmung, deren sie
sich nach des Doctors Berichten fortwhrend erfreuen sollte?
    So kann nur Jemand malen, der tief unglcklich ist; hrte ich einmal vor
einem dieser Bilder eine Dame in Trauer zu ihrem Begleiter sagen.
    Sie hat in der letzten Zeit nur Rckschritte gemacht, sagte ein anderes
Mal ein Kritiker, auf dessen Urtheil man in der Stadt groes Gewicht legte.
Solche Bilder gefallen, weil sie einem gewissen pessimistischen Zug, der durch
die meisten Menschen unserer Zeit geht, schmeicheln, aber ich vermisse eine
groartige Auffassung; es ist, ich mchte sagen, ein egoistischer Schmerz, der
hier gewaltsam in die Menschen und die Natur hineingelegt wird, und auch die
Ausfhrung lt Manches zu wnschen, sehen Sie hier und hier - und der Kritiker
wies auf verschiedene Stellen, deren Behandlung er flau nannte. Da ist ihr
jngerer Bruder eine ganz andere Kraft, fuhr der Kritiker fort. Haben Sie
seine Aquarelle gesehen? Der Tausend! ist das ein Feuer und ein Leben! Und es
soll noch ein halber Knabe sein! Das wird einmal einer unserer Matadore. Denken
Sie an meine Prophezeiung!
    Es schien, da das Publikum in Bezug auf Paula's Leistungen nicht ganz der
Ansicht des Kritikers war, wenigstens ri man sich um ihre Bilder und bezahlte
sie mit den hchsten Preisen; ich fr meinen Theil traute mir kein Urtheil zu;
ich hatte in der That kein Urtheil; ich wute nur, da, wenn Paula sich einer so
andauernden, glcklichen Heiterkeit erfreute, wie der Doctor behauptete, sie
dieser Heiterkeit den seltsamsten Ausdruck von der Welt gab.
    Die Unterredung, in welcher mir der Doctor mittheilte, da sich Paula mit
ihrer Mutter in Meran aufhalte, hatte im Februar stattgefunden, beinahe drei
Jahre nach meinem Unglck. Anfangs des Sommers hrte ich wiederum von dem
Doctor, da sie Studienreisen im Salzkammergut und in Tyrol mache, dann etwas
spter, da sie den zweiten Theil des Sommers in Thringen zubringen werde.
    Sie kommt immer nher, immer nher; sagte der Doctor; wollen Sie nun
nicht auch Ihre lngst projectirte Reise nach England antreten?
    Es scheint, da ich Paula's Zurckkunft durch meine Abwesenheit feiern
soll; sagte ich, dem Doctor starr in die Brillenglser sehend.
    Ich wei nicht, wie Sie zu diesem seltsamen Schlu kommen, sagte der
Doctor.
    Und ich nicht, wie ich mir anders Ihren Wunsch deuten soll, wegzugehen,
wenn Paula kommt.
    Sie sind nicht gescheidt, sagte der Doctor.
    Ein paar Wochen spter berraschte er mich eines Abends mit der Nachricht,
da er am nchsten Morgen nach dem thring'schen Stdtchen, in welchem Paula
sich aufhielt, zu reisen gedenke. Ihre Gesundheit scheine nicht so gut, wie er
wnsche, sie schreibe freilich heiter wie immer - hier machte der Doctor eine
Bewegung nach der Brusttasche - aber er wolle doch lieber einmal selber
nachsehen; es sei ja nur ein Katzensprung und er denke schon den Tag darauf
zurckzukommen.
    Kommen Sie mit ihr zurck, sagte ich; vielleicht wnscht Paula wieder
eine Zeit lang hier zu leben.
    Der Doctor blickte mich starr an.
    Ich thte Ihnen und ihr auch gern den Gefallen, bei ihrer Rckkehr nicht
hier zu sein, fuhr ich fort; aber ich kann jetzt wirklich nicht gut lngere
Zeit die Fabrik allein lassen, Doctor; und vielleicht gengte es, Doctor, wenn
Sie ihr sagten, da ich in diesen Jahren Manches gelitten und Manches gelernt
habe, so zum Beispiel, um mich Ihres Ausdrucks zu bedienen, lieber Freund, mit
einem halben Herzen zu leben? Wollen Sie ihr das sagen?
    Ich hatte mich bemht, so fest als mglich zu sprechen, es aber doch nicht
verhindern knnen, da meine Stimme bei den letzten Worten ein wenig zitterte,
und so zitterte auch wohl meine Hand ein wenig, die der Doctor zwischen seinen
kleinen, zarten Hnden festhielt, whrend er mir fortwhrend mit seinen runden
Brillenglsern sphend auf Stirn und Augen sah.
    Wollen Sie? wiederholte ich sehr verwirrt.
    Den Teufel will ich! rief der Doctor, indem er meine beiden Hnde
pltzlich loslie, mich wieder in den Stuhl stie, im Zimmer auf- und ablief,
endlich vor mir stehen blieb, und in den allerhchsten Tnen krhte:
    Den Teufel will ich! Ich habe das Versteckspielen satt, und es soll heraus,
mag es nun biegen oder brechen. Wissen Sie, Herr, da Paula Sie liebt, oder
wissen Sie es nicht? Wissen Sie, da sie Sie schon seit zwlf Jahren liebt, oder
wissen Sie es nicht? da sie Sie geliebt hat von dem Augenblick an, wo Sie ihren
Vater vor dem Mordbeil des Schurken - wie hie er doch nur gleich - retteten?
da sie mit der Liebe fr Sie aus dem halben Kinde, als welches Sie sie kennen
lernten, zur Jungfrau herangereift ist? und da seitdem keine Stunde ihres
Lebens gewesen ist, wo sie Sie nicht geliebt htte, und gewi am allermeisten in
den Stunden, wo sie Sie am wenigsten zu lieben schien? zum Beispiel in der Zeit,
als Sie, hirnloses Mammuth, glaubten, sie interessire sich fr Arthur, der sie
mit Ihnen geneckt hatte und gefragt hatte, ob es recht und billig sei fr die
Tochter des Gefngnidirectors, einen jungen, unerfahrenen Menschen, der nur zu
sieben Jahren verurtheilt sei, fr seine Lebenszeit zum Gefangenen zu machen?
Wissen Sie, Herr, was es das arme Mdchen gekostet hat, Sie ihre Liebe nicht
merken zu lassen? was sie es gekostet hat, Ihnen gegenber die Schwester und
immer nur die Schwester zu spielen, damit Sie die Hnde frei behielten und nach
allem Schnsten und Hchsten in der Welt muthig greifen und die Leiter
emporklimmen knnten, auf deren oberster Sprosse das hochherzige Mdchen nun
einmal den Geliebten sehen wollte? Was es sie gekostet hat, Sie nach Zehrendorf
zu schicken, damit Sie sich dort die Gattin holten, die sie fr Sie bestimmt
hatte? Was es sie gekostet hat, Ihrem Glck lchelnden Antlitzes zuzusehen? Was
es sie schlielich gekostet hat, nach Ihrem Unglcke nicht zu Ihnen zu eilen,
Ihnen nicht sagen zu drfen: hier, nimm mein Blut, mein Leben, es ist Alles,
Alles Dein? Ich frage Sie zum letzten Mal: Wissen Sie das, Herr, oder wissen Sie
es nicht?
    Der Doctor hatte sich in seiner Leidenschaft in ein Register verstiegen, aus
dem es ganz unmglich gewesen wre, sich herabzustimmen. Er versuchte es deshalb
auch nicht einmal, ri dagegen die Brille ab, starrte mich mit seinen braunen,
glnzenden Augen zornig an, setzte dann die Brille wieder auf, stlpte den Hut
bis ber die Ohren auf den zornerglhten Schdel, drehte sich kurz auf den
Hacken um, und stampfte nach der Thr.
    Ich hatte ihn in zwei Schritten eingeholt.
    Doctor, sagte ich, ihn am Arm ergreifend, wie wr's, wenn Sie mich morgen
frh statt Ihrer reisen lieen?
    Thun Sie, was Sie wollen, schrie der Doctor, indem er zum Zimmer
hinauslief, und die Thr hinter sich zuschmetterte.

                          Zweiunddreiigstes Capitel.


Es kommen Tage im Leben, an die man sich erinnert, wie an einen seligen Traum,
der nichts von Erdenschmerzen und Erdenschranken wei, in welchem wir, wie auf
Adlerfittigen, machtvoll und hoch ber all' den kleinen, erbrmlichen
Hindernissen schweben, an denen in der Wirklichkeit unser Fu so klglich
strauchelt.
    Von so traumhafter Schne war der Tag, an welchem ich die denkwrdigste
Reise meines Lebens machte, ein wundervoller Sommertag, dessen strahlende
Herrlichkeit auch nicht ein Wlkchen trbte, und der dennoch fortwhrend von
linden, balsamischen Lften durchschauert wurde, die mir Stirn und Wangen
umspielten, whrend der Zug in donnernder Eile durch die lieblichen Gefilde
Thringens brauste. Es war die erste Reise, die ich in meinem Leben machte, die
erste wenigstens, die keine Geschftsreise war, und auch die erste, die mich aus
meiner nordischen Heimath mitten hinein in die Auen Mitteldeutschlands fhrte.
Die Neuheit dieser Natur mochte dazu beitragen, mir Alles doppelt lieblich und
anmuthig erscheinen zu lassen; ich konnte mich nicht satt sehen an den schnen
Wellenlinien der Hgel, an den schroffen Felsen, deren Gipfel zerfallene Burgen
krnten und deren Fu die klaren Wasser vielfach sich schlngelnder Flchen
netzten; an den blumigen Wiesengrnden, in welchen frisch-grne Bume den Lauf
der Silberbche bezeichneten, an den Stdten und Stdtchen, die so behaglich im
Grunde der Thler sich streckten; an den Drfern, die so lauschig aus Baum und
Busch hervorschauten. Es war nicht Sonntag; aber es sah Alles sonntglich aus,
auch die Menschen, die einsam in den Feldern arbeiteten und stehen blieben, wenn
der Zug vorberrollte, oder die sich auf den freundlichen Bahnhfen umtrieben.
Es war, als ob Alle nur zum Vergngen reisten, und als ob an einem solchen
herrlichen Tage selbst das Abschiednehmen nicht schmerzlich sei. Und nun gar das
Wiedersehen; die freudigen Gesichter, das Hndedrcken und Kssen und Umarmen!
Eine jede dieser Scenen beobachtete ich mit dem gespanntesten Interesse und
immer mit einem Gefhl von Rhrung, als ob mich das Alles ganz speciell anginge.
    So kam ich am Nachmittag nach E., wo ich die Eisenbahn verlie und fr die
noch brige Strecke einen Wagen nahm, deren mehrere auf dem Bahnhofe hielten. Es
dauerte nicht lange, bis wir aus der Ebene in ein Thal gelangten, durch welches
der Weg zwischen Hgeln rechts und links in vielen Windungen auf den Wald
fhrte. Die Fahrt dauerte mehrere Stunden und die Sonne neigte sich schon gegen
Abend, als wir langsam einen Berg erklommen, den steilsten, beschwerlichsten,
aber auch den letzten, sagte der Kutscher. Wir waren Beide abgestiegen und
gingen rechts und links neben den groen, starkknochigen Pferden, denen wir mit
Tannenzweigen die Stechfliegen und die Bremsen abwehrten.
    Brr! sagte der Kutscher; die Pferde standen. Wir hatten die Hhe des
Berges erreicht und die Thiere sollten sich verschnaufen.
    Das ist unser Stolz, sagte der Mann, als ich mit Staunen eine uralte Eiche
betrachtete, die hier auf einer freien Stelle mitten im Tannenwalde riesenhaft
mit den knorrigen, verwitterten Aesten in den blauen Himmel ragte. Das ist eine
Merkwrdigkeit, fuhr er demonstrirend fort; meilenweit kommen die Leute
hierher, um den Baum zu sehen und wie oft er schon gemalt ist! noch in diesen
Tagen von einem Frulein, das seit ein paar Wochen sich bei uns aufhlt. Ich
habe sie selbst hierher gefahren; ich fahre sie sehr oft.
    Ich hatte, in meinen Gedanken verloren, unterwegs, ganz gegen meine
Gewohnheit, wenig mit dem Manne gesprochen, ja ihn kaum beachtet, und nun war
mir pltzlich, als ob er und ich alte Bekannte wren und die allerinnigsten,
gemeinsamen Interessen htten. Ich fragte ihn, wie die Dame heie, nicht, als ob
ich im mindesten gezweifelt, da er von Paula rede, und dennoch erschreckend,
wie er nun ihren Namen aussprach, der in seinem Munde einen wunderlich fremden
Klang hatte. Und jetzt wurde der Mann, der nur auf die Gelegenheit gewartet zu
haben schien, sehr gesprchig und erzhlte, whrend wir ber den Rcken des
Berges und hernach in rasselndem Trabe bergab fuhren, ber die Schulter gewandt,
gar Vieles von dem lieben Frulein und von der alten Dame, ihrer Mutter, die
blind sei und alle Menschen gleich an der Stimme erkenne, und von dem alten
Herrn mit der Adlernase und dem langen, grauen Schnurrbart und den krausen,
weien Locken, der ja eigentlich wohl nur der Diener sei, aber die Herrschaft
ginge mit ihm um, wie mit ihresgleichen; und gestern sei auch noch ein junger
Herr gekommen mit einem sonnverbrannten Gesicht und braunen, glnzenden Augen
und langen, braunen, glnzenden Haaren, der ja wohl der Bruder von dem Frulein
und auch Maler sei.
    Der Wagen klapperte bereits auf dem holprigen Pflaster des Stdtchens, als
der Gesprchige noch immer von Paula und den Ihren erzhlte. Ich hatte ihm
gesagt, da ich um der Dame willen gekommen sei und da er mich deshalb nach dem
Gasthofe fahren mge, welchen er mir als ihre Wohnung bezeichnet hatte. Der
Wagen hielt. Der Oberkellner mit zwei kleinen Myrmidonen strzte heraus; ein
paar Jungen, die im Nothfalle als Fhrer eintreten mochten, kamen heran, sich
den fremden Herrn anzusehen. Ich war so erregt, da ich kaum zu fragen
vermochte, ob ich ein Zimmer haben knne und ob von den Herrschaften Jemand zu
Hause sei? Ich konnte ein Zimmer haben, aber von den Herrschaften war Niemand zu
Hause; die gndige Frau mache mit dem jungen Herrn einen Spaziergang und das
Frulein sei schon frh am Nachmittage mit Herrn Smilch in die Berge gegangen;
sie gehe jeden Nachmittag in die Berge; sie male oben, und pflege immer erst
nach Sonnenuntergang zurckzukommen.
    Und Sie kennen den Ort?
    Ei freilich, ganz genau! der Karl hier hat dem Frulein oft genug die
Sachen hinaufgetragen; gelt, Karl? Du weit, wo das Frulein malt?
    Ei freilich, sagte der Bursche; soll ich den Herrn hinbringen?
    Ja gewi, sagte ich, und wandte mich schon zu gehen.
    Der Herr braucht gar nicht so zu eilen, rief der aufmerksame Oberkellner
hinter mir. Sie sind in einer halben Stunde oben.
    Mein kleiner Fhrer lief voran; ich folgte ihm durch die mit Linden besetzte
Hauptstrae des Stdtchens, wo vor den Thren hier und da die Kurgste saen,
hinaus in die Felder, ber denen goldiger Abendsonnenschein lag, in den Wald,
der uns mit khler Dmmerung umfing. Wir gingen eine breite Fahrstrae, die zum
Theil sehr steil anstieg, hier und da an kleinen Wiesenmatten vorberfhrte und
sonst auf beiden Seiten vom schnsten Hochwald eingefat war. Es war wunderbar
still in dem khlen Tann; kein Lftchen regte sich, kaum, da dann und wann ein
Vglein zirpte, von oben blaute der Himmel herein und mir war, als ob ich
geradewegs in den blauen Himmel stiege. Niemand begegnete uns, erst als wir
schon beinahe auf der Hhe uns rechts von der Hauptstrae in den Wald schlugen
und bald auf einen freien Platz gelangten, auf welchem ein Jgerhaus lag, sah
ich ein paar Leute, die dort auf Bnken saen und Bier tranken. Aus dem Walde,
gegenber der Stelle, auf welcher wir eben die Lichtung betraten, kam ein Mann,
mit einem Burschen hinter sich, der Malergerth trug. Ich erkannte sofort den
Wachtmeister; mein kleiner Fhrer sagte: der die Gertschaften trage, sei sein
Bruder, der Hans, und sie kmen von dem Platze, wo das Frulein gemalt habe. Der
Platz sei nur noch fnf Minuten entfernt und man brauche nur immer den Weg
geradeaus zu gehen, aus welchem der Herr Wachtmeister und der Hans eben gekommen
seien.
    Mein alter Freund hatte, lebhaft mit dem Burschen sprechend, der ihm die
Sachen nicht sorgsam genug tragen mochte, mich nicht bemerkt, und das war mir
lieb, denn ich fhlte, da ich nicht im Stande war, ihn zu begren. So winkte
ich denn auch nur dem Burschen, zurckzubleiben und schritt quer ber die
Lichtung in den Weg, den er mir bezeichnet hatte.
    Es war ein breiter Weg, mit feinem, kurzen Rasen, auf den der Fu lautlos
trat, und die Tannen auf beiden Seiten waren so mchtig, da sie ihn gnzlich
berwlbten und das tiefe Abendroth kaum hier und da durch die grne Dmmerung
spielte. Dabei leitete er fortwhrend sanft in die Hhe und ich schritt dahin,
ohne da ich mir bewut war, da ich ging und meine Glieder regte, gerade wie
man im Traum aufwrts schwebt. Eine athemlose Erwartung, eine freudige
Bangigkeit erfllten mich ganz. So knnte eine unsterbliche Seele empfinden, die
im nchsten Augenblicke vor ihren Richter treten soll, und in all' ihrem bangen
Zagen doch wei, da dieser Richter die Gnade selbst ist.
    Und jetzt wurde es vor mir lichter, und mit jedem Schritte lichter, und ich
trat heraus aus dem Hochwald auf die Lehne des Berges, der rechts hin mchtig
aufragte zu seinem waldgekrnten, poesieverklrten Gipfel, whrend nach links,
gen Westen, ein tiefes Waldthal sich abwrts senkte, ber welchem weit drben
die Bergterrassen purpurn in den Abendhimmel stiegen. Die Sonne war bereits
verschwunden, aber ihr Schein lag noch rosig auf dem leichten Gewlk, das ber
den Bergen schwebte, und, von dem Wiederschein der rosigen Wolken beleuchtet,
stand eine weibliche Gestalt wenige Schritte vor mir an einem moosbekleideten
Felsblock, auf den sie sich mit dem rechten Arm sttzte, whrend in der linken
Hand der breitrandige Strohhut lssig hing. Sie blickte unverwandt in das
Abendgold und ihre reinen Zge hoben sich klar von dem lichten Hintergrunde. So
sah ich sie wieder.
    Aber sie sah mich nicht, sie hrte mich nicht, denn der weiche Rasen dmpfte
meinen Schritt. Ich wollte ihren Namen rufen, aber ich konnte es nicht, und
jetzt wendete sie langsam ihr Gesicht zu mir und blickte mich an mit groen,
geisterhaft starken Augen, ohne da sich eine ihrer Mienen regte, als wre ich
eine Erscheinung, auf die sie gehofft, die sie selbst durch die Gewalt ihrer
Sehnsucht herbeigezaubert. Und dann, als ich die Arme ausbreitete und Paula,
liebste Paula! stammelte, da flog es wie ein himmlisches Leuchten durch ihr
liebes Antlitz, ein leiser Schrei entrang sich ihren Lippen und sie lag an
meiner Brust mit strmischem, leidenschaftlichen Weinen, als htten alle die
Schmerzen, die sie so lange Jahre erduldet, auf diesen einen Moment gewartet, um
hervorzubrechen in heien, unaufhaltsamen Thrnen.
    Was ich gesprochen, was sie gesprochen, whrend wir da oben standen und am
Himmel ein rosiger Streifen nach dem andern verblich - ich wte es nicht mehr
zu sagen. Und dann gingen wir durch den schweigenden Wald zurck, Hand in Hand,
einen anderen Weg, als den mich der Knabe gefhrt, einen Weg, der Anfangs auf
sanftem Rasengrunde gerade bergab leitete, so da das Thal im letzten
Abendschein zu uns heraufgrte, dann eine Strecke unter hohen Buchen, wo es
sehr dunkel war, so da Paula mich sorgsam an der Hand hielt, bis wir dann
wieder an lichtere Stellen kamen und das Thal abermals vor uns lag, aber jetzt
schon ganz in Grau gehllt, so da ich glaube, der Weg hinab msse lnger
gewesen sein, als der hinauf, obgleich er mir so kurz vorkam, so kurz!
    Dann sehe ich uns, das heit: die Mutter, Paula, Oskar und mich an einem
gedeckten Tischchen in einer der Lauben vor dem Hotel sitzen und der Schein des
Lichtes in der Glasglocke fllt hell in die sanften Zge der Blinden, die von
Zeit zu Zeit mit ihrer weichen Hand ber meine Stirn streicht, und in Paula's
liebes Antlitz, das von innerer Glckseligkeit mit einem holden Glanz
berstrahlt ist, und in das bildschne, jugendfrische Gesicht Oskars, dessen
dunkle Augen blitzen, whrend er erzhlt, wie er einen groen Auftrag von einem
jungen, englischen Lord, dessen Bekanntschaft er in Rom gemacht, erhalten habe;
- mchtige Wandgemlde fr das Schlo seiner Herrlichkeit in den schottischen
Hochlanden; - und wie er, bevor er dahin gehe, doch erst mit der Schwester,
seinem Lehrer und Meister, habe sprechen und ihren Rath einholen mssen; und
dabei schttelte der Jngling sein langes Haar nach hinten und hebt das volle
Glas mit dem perlenden Champagner und leert es auf unser Wohl, und die Mutter
lchelt uns freundlich zu, und in der Oeffnung der Laube erscheint, als unsere
Glser zusammenklingen, jener Kopf mit dem grauen Schnurrbart und dem krausen
weien Haar, der in der modernen Kunstgeschichte eine so beraus wichtige Rolle
spielt.
    Dann stehe ich am offenen Fenster meines Zimmers und horche dem Rauschen des
Nachtwindes in den Zweigen und dem Pltschern des Brunnens in dem Garten vor dem
Hotel und meine Blicke hangen an einem Stern, der vor den andern aus dem
nchtlichen Himmel gar herrlich strahlt.
    Und die alte Wehmuth regt sich tief in meinem Herzen und meine Augen fllen
sich mit Thrnen.
    Aber als ich wieder hinzuschauen vermag, strahlt der Stern noch herrlicher,
denn zuvor, als wre es ein Auge, das aus den Gefilden der Seligen liebevoll auf
mich herniedergrte.

                          Dreiunddreiigstes Capitel.


Ich bin in der Geschichte meines Lebens bis zu dem Punkte gekommen, bis zu
welchem ich dieselbe von vornherein zu bringen beabsichtigt hatte. Freilich
sagte ich mir schon damals, und sage es mir jetzt wieder, da ich es damit nicht
Allen recht machen wrde. Einer wird finden, da die Geschichte nicht ganz
uneben sei, und er in Ermangelung von etwas Besserem noch ganz wohl ein paar
hundert Seiten weiter gelesen htte; ein Anderer wird meinen, nach seiner
Erfahrung (er ist nmlich ein Mann von groer Erfahrung) fange das Leben genau
da an, interessant zu werden, wo ich abbreche. Jugendgeschichten shen sich so
hnlich wie Kinderkrankheiten, die jeder durchmachen msse, und die gerade darum
nichts Besonderes seien; erst, wenn der vollkommen entwickelte Mann in das groe
Leben trete und sich an der Lsung der Aufgaben des Jahrhunderts praktisch
betheilige, oder wenn er, als Privatmensch, in jenen Conflicten, die in keiner
Ehe ausblieben, in dem Verhltnisse des Vaters zu den Kindern, das niemals ohne
alle Trbungen sei, Gelegenheit gehabt habe, seinen Charakter zu bethtigen -
erst dann verlohne es sich vielleicht -
    Ich fhle schwer das Gewicht dieser Einwrfe, aber einmal war ich, wie
gesagt, darauf gefat, da ich es dem Einen oder dem Andern, ja, wie es sich
jetzt herausstellt, dem Einen und dem Andern nicht zu Dank machen wrde; und
sodann, meine ich, der Eine findet gewi mit leichtester Mhe ein viel
amsanteres Buch zur Ausfllung seiner migen Stunden, und was den Anderen (den
Vielerfahrenen) betrifft, so drfte ich am Ende seinen groen Ansprchen (die zu
machen er ja vollauf berechtigt ist) beim besten Willen nicht gengen. Ich
wte, und wollte ich mich noch so interessant machen, von ehelichen Conflicten
und von Trbungen meines Familienlebens nichts, was der Rede irgend werth wre,
zu erzhlen, und wenn ich - wie ich mir in besonders hochmthigen und
hoffhrtigen Stunden schmeichle - wirklich an der Arbeit unserer Zeit redlich
mitgeschafft habe und Alles in Allem kein verchtlicher Arbeiter gewesen bin -
nun, so mchte ich ungern meinen Lohn vorwegnehmen, und denke, es findet sich
vielleicht ein guter Freund, der mir ihn in Form einer preislichen Grabschrift,
oder gar in der eines frmlichen Nekrologs, welcher durch die Zeitungen geht, in
volltnenden Worten auszahlt.
    Im Ernst, Du lieber Leser, der Du mein Freund geworden bist - sonst httest
Du wohl nicht bis hierher gelesen - Du, fr den ich allein geschrieben habe, und
fr den allein ich auch dies Schlucapitel noch schreibe, im Ernst, ich glaube
Dir und mir einen Gefallen zu thun, wenn ich hier abbreche. Ich wei nicht, ob
Du ein Techniker, ob Du ein Mann von Fach bist, und ich mte es doch eigentlich
wissen, um die Geschichte eines Technikers, wie ich es bin, so zu erzhlen, da
sie Dir in dem einen Falle gengt, oder Dich in dem andern nicht allzusehr
langweilt; ja, ich wei nicht einmal, ob Du berhaupt ein Mann, und nicht
vielmehr eine Dame bist, die trotz ihrer Liebenswrdigkeit und brigen 
accomplishments fr die Errterung technischer Fragen keine augesprochene
Vorliebe hat, ja die mir bereits dafr, da ich bisher nur immer an den Saum
solcher heiligen Dinge gestreift bin, herzlichen Dank wei - einen Dank, den ich
um Vieles nicht verschmerzen mchte.
    Wie gesagt, ich wei das Alles nicht; Eins aber wei ich, da Du, um mit dem
guten Professor Lederer zu reden, ein Mensch bist, dem nichts Menschliches fremd
ist: und wie ich Dir bis jetzt hoffentlich nur erzhlt habe, was Deine
Theilnahme leicht erweckte, weil es einem Menschen begegnete, der nicht besser
und nicht schlechter, nicht klger und nicht dmmer, nicht interessanter und
nicht langweiliger war, als die Menschen zu sein pflegen und in dessen Gedanken
und Empfindungen, in dessen Wollen und Streben, ja in dessen Verirrungen Du Dich
daher ohne groe Mhe zurechtfandest, so meine ich, Du mtest, als ein guter
Mensch und als mein Freund, mir nachfhlen, weshalb ich Dich bitte, Dir die
weitere Geschichte meines Lebens nach Deiner herzlichen Gesinnung und
liebenswrdigen Phantasie freundlichst auszumalen.
    Und das Freundlichst wollest Du ja wrtlich nehmen, denn es ist - ich sage
das mit tiefster Dankbarkeit gegen ein gtiges Geschick und ohne Furcht vor dem
Neid der Gtter, an den ich nicht glaube - es ist viel, viel herrlicher
Sonnenschein in mein Leben gefallen. Meine Thtigkeit ist mit uerem Erfolge
gekrnt, weit ber meine khnsten Erwartungen und weit, weit ber meine
bescheidenen Ansprche und migen Bedrfnisse; und, was viel mehr bedeutet: ich
habe, um zu diesen Erfolgen zu gelangen, die Lehre meines Meisters nicht zu
verleugnen brauchen, habe nicht ein harter Hammer zu sein brauchen fr einen
armen, vielgeplagten Ambo - im Gegentheil: ich wei es so gewi, als ich lebe,
da ich nicht nur nicht der frohe Mensch wre, der ich bin, sondern da ich auch
nicht der reiche Mann sein wrde, wenn ich nicht Zeit meines Lebens voll des
Glaubens gewesen wre an die groe schne Lehre von der gegenseitigen
Hilfsbereitschaft, der Brderlichkeit, der Gemeinschaft aller menschlichen
Interessen.
    Dieser lebendige, thatenfrohe und thatenkrftige Glaube - er hat mir Segen
gebracht hundert- und tausendfltig, und ich empfehle ihn aus bester
Ueberzeugung Allen, die Erfolge haben wollen, selbst denen, welche auf den
Besitz eines guten Gewissens keinen besonderen Werth legen und hernach doch
vielleicht finden, da dies gering geschtzte, verchtliche Ding, wenn man es
einmal hat, gar nicht so wenig zum Comfort des Lebens beitrgt.
    Du erlt mir gern die weitere Ausfhrung dieser Wahrheiten, lieber Freund,
denn Du hast sie durch Dein eigenes Leben besttigt gefunden; Du bist auch gern
bereit, Dir mein Leben in der Weise, wie ich gebeten, weiter auszumalen, mir die
Angabe aller Details zu erlassen, so weit sie mich und die Meinen betreffen: die
Zahl und das Alter und die Namen meiner Kinder und ob die Jungen intelligent und
tchtig und die Mdchen bedeutend und schn sind; - Du bist durchaus geneigt,
smmtliche Ehren-Qualitten auf ihre jungen Scheitel zu hufen; - aber Du
meinst, was mir, meiner Gattin und etwa meinen Kindern - obgleich die letzteren
in der Geschichte gar nicht vorkmen und also eigentlich auch keine Ansprche zu
machen htten - was, sage ich, fr uns billig wre, sei deswegen den andern
Personen, die wirklich in der Geschichte auftrten und an die Du deshalb
entschiedene Ansprche machen drftest - doch keineswegs recht; und Du
wnschtest vor dem Ende denn doch zu wissen, was aus ihnen geworden.
    Ach! gar manche sind, wie Du Dir denken kannst, in den fnf und zwanzig
Jahren, die seitdem beinahe verflossen, eine Beute des Todes geworden, der sich
ja keinen abbitten und abringen lt, wie verzweiflungsvoll auch die
Zurckbleibenden den zerflatternden Lebensfaden in liebenden Hnden festzuhalten
suchen.
    So starbst Du, gute Mutter, und verwandelst Dich in ein leuchtendes Bild der
Milde, Gte, Duldsamkeit und zugleich des stillen, starken, opferfreudigen
Muthes, zu welchem wir alle Zeit, wie zu dem Deines hehren Gatten, voll Anbetung
aufgeblickt, von dem wir uns oft und oft Rath und Trost geholt haben.
    So starbst Du, alter, braver Wachtmeister, treue, goldene Seele, hochbetagt
und hochgeehrt und heibeweint, von Niemand heier als von unseren Jungen, die
Du reiten und fechten lehrtest, und die Wahrheit sagen, komme heraus, was wolle.
    Und auch Du, lieber guter Hans, Letzter vom alten Heldenstamm! Zrne mir
nicht, theurer Freund, wenn ich hier und da mir ein Wort des Scherzes ber die
Wunderlichkeiten erlaubt habe, die Dir anhafteten, als noch Dein mchtiger
Krper seinen breiten Schatten auf die Erde warf! Glaub mir, es hat Dich
trotzdem Keiner so geliebt, wie ich; vielleicht, weil Keiner Dir so nahe
getreten ist, Keiner so Gelegenheit gehabt hat, zu erfahren, wie auch nicht ein
Blutstropfen von Falschheit je durch Dein groes, edles Herz gerollt, und wie Du
vom Wirbel bis zur Sohle ein echter Ritter ohne Furcht und Tadel gewesen bist.
    Du auch starbst, enthusiastische Freundin mit dem thrichten Gebahren, der
affectirten Rede und der echten Liebe in der weichen, freundlichen Seele, gute
Duff! Ich danke Dir, da Du uns erlaubt hast, die Pflege Deiner letzten Jahre zu
bernehmen; und wenn Dir auch Dein heier Wunsch nicht erfllt ist, unsere
Tchter, Deine Schlerinnen, alle vor Deinem Tode verheirathet zu sehen, ich
denke, Du hast schon im Leben gefunden, wonach Dein liebevolles,
liebebedrftiges Herz so treu gesucht.
    Ja, ja, die Reihe der alten bekannten, lieben Gesichter hat sich sehr
gelichtet; aber wir wollen dankbar sein, da uns noch so Manche geblieben sind -
so Manche, die zu ersetzen einfach unmglich wre.
    Wer oder was sollte mir Dich ersetzen, mein wackerer Klaus, Du, oberster der
Meister, und auch Obermeister, seitdem der brave Roland mit sammt seinem Lcheln
unter dem buschigen Barte in den Urwald sich verloren hat, aus dem noch keiner
wiederkam! Nichts knnte Dich mir ersetzen, so wenig, wie Dir alle Schtze
Polynesiens, die Euch einst die Tante aus Java bringen wird, Deine Christel
ersetzen knnte, oder Deine acht Jungen, die, da sie, als Jungen, der Mutter
nicht gleichen knnen, sich wenigstens bestreben, ihr mglichst hnlich zu sehen
und alle ihre blauen, hollndischen Augen und ihr blondes, hollndisches Haar
haben. Die alte javanesische Tante! da sie noch immer nicht kommen will! Aber
ich glaube, Du hast ihr diese Unhflichkeit eigentlich schon vergeben; nur
einmal bist Du ihr wirklich bs gewesen, und das war zu der Zeit, als fr Deinen
Freund Georg fnftausend Thaler mehr oder weniger eine Frage um Sein oder
Nichtsein war und Du den Himmel anflehtest, er mchte Dir jetzt die Tante
senden, und wenn es auch ein Onkel wre.
    Ja, ja, ein paar Freunde sind noch geblieben und werden, will's der Himmel,
bleiben - trotzdem sie vielleicht schon seit fnfzig Jahren jeden Tag am
Gehirnschlage -
    Nein, nein, Doctor, ich will die schndliche Phrase nicht zu Ende bringen!
Sie sind ja so schon auer sich, da ich Sie in meinem Buche erwhnt habe - als
ob die Geschichte meines Lebens ohne Sie noch die Geschichte meines Lebens wre!
- und behaupten, ich htte, nachdem Sie nun bereits ein halbes Jahrhundert mit
Ehren kahl seien, zu guterletzt noch einen Kinderspott aus Ihnen gemacht, und
Sie knnten sich nicht mehr auf der Strae sehen lassen. Schelten Sie, soviel
Sie wollen, Doctor, meinetwegen in den hchsten und allerhchsten Tnen; ich
wei doch, wie Sie es meinen und da Sie sich gelegentlich wieder herabstimmen;
und weiter wei ich, da, wenn nicht alle Leute auf der Strae den Hut vor Ihnen
ehrfurchtsvoll ziehen, es einfach daran liegt, da nicht alle Sie kennen.
    Und ich will auch nicht gekannt sein, schreit der Doctor, und der Menge
gezeigt werden, wie eine naturgeschichtliche Merkwrdigkeit, am wenigsten von
Ihnen, der Sie mich immer in dem falschen Lichte gesehen haben, wenn ein
Mammuth, wie Sie, berhaupt irgend etwas im richtigen Lichte sehen kann. Will
ich einmal abconterfeit sein, so werde ich mich von Ihrer Frau malen lassen, die
sich schmen sollte, aus purer abgttischer Liebe zu Ihnen und ihren Kindern die
edle Kunst so zu vernachlssigen; oder von Oskar. Apropos! wollen Sie nicht
vielleicht auch eine ausfhrliche Analyse smmtlicher oder doch wenigstens der
Hauptwerke Oskar's in Ihr Buch aufnehmen und sich dabei schauderhaft blamiren?
denn Sie verstehen von der Kunst wirklich gar nichts - oder wollen Sie nicht
Kurt, weil er doch nun einmal die Bescheidenheit selbst ist, in die
frchterlichste Verlegenheit setzen, indem Sie seine Verdienste um unser
Eisenbahnwesen und seine Erfindungen im Maschinenbau einzeln auffhren? oder
wollen Sie Benno nicht der Regierung denunciren, weil seine in aller Stille
blhende landwirthschaftliche Schule in Zehrendorf den betreffenden
Landesinstituten die gefhrlichste Concurrenz macht?
    Schelten Sie nur ruhig weiter, lieber Doctor; Sie glauben nicht, wie
gelegen mir das Alles fr mein Schlucapitel kommt. Ich mchte Ihnen dort, wie
berall, gern das letzte Wort lassen.
    Das fehlte mir noch gerade! ruft der Erzrnte, und luft - als der letzte
unserer Gste - zur Thr hinaus.
    Die Scene spielte gestern Abend, und ich sagte zu Paula, ob es nicht ein
guter Einfall sei, meinem besten, ltesten, theuersten Freunde, dem ich mehr zu
verdanken htte, als ich sagen knnte, das letzte Wort zu lassen?
    Ich wute nie, welches der letzte Pinselstrich bei meinen Bildern sein
wrde, bis ich ihn gemacht hatte, sagte Paula, vielleicht wird es Dir bei dem
Buche hnlich ergehen.
    Heute in der ersten Morgenfrhe finde ich, da Paula recht hat. Ich fhle,
da ich schlieen mu, und dabei ist mir immer, als drfe ich noch keineswegs
schlieen, als habe ich noch, ich wei nicht was, vergessen, als sei ich noch
dem Leser, meinem Freunde, trotz meiner feierlichen Verwahrung von vorhin, ber
hunderterlei Auskunft schuldig.
    Zum Beispiel darber, wie es kommt, da ich in der ersten Morgenfrhe am
Schreibtisch sitze, nachdem ich gestern Abend, wie es scheint, eine kleine
Gesellschaft bei mir gehabt; ob ich mich etwa verschrieben habe?
    Nein, ich habe mich nicht verschrieben; die erste Morgenfrhe, das heit im
Winter die vierte und im Hochsommer, wie jetzt, manchmal schon die zweite Stunde
findet mich seit Jahren in meinem Arbeitszimmer lesend, rechnend, zeichnend und,
seitdem ich dies Buch unter der Feder habe, meistens schreibend. Ich bin alle
Zeit ein guter Schlfer gewesen und bin es noch, insofern, als mein Schlaf sehr
tief und meistens traumlos ist; aber ich bedarf schon lange nur der Hlfte der
Zeit, die Andere nthig haben. Der Doctor sagt, ich habe ein zu groes Herz, wie
die meisten, groen, gutmthigen und ein wenig beschrnkten Menschen mit breiten
Schultern, welche von der Natur zum Lastentragen und Ambosein bestimmt wren;
aber er lchelt dazu und ich wei nicht, ob er es ernstlich meint. -
    Ich habe eben am offenen Fenster gestanden, nachdem ich die Lampe, bei der
ich bis dahin geschrieben, ausgelscht. Am vllig wolkenlosen lichtblauen
Julihimmel stand die Sichel des abnehmenden Mondes, aber die Sterne waren
smmtlich erloschen. Ueber meinem Fenster auf der Regenrinne sa eine Schwalbe
und sang - das Kpfchen hinber und herber wiegend, nach Osten blickend, wo die
Sonne aufgehen wird. Ich habe nie einen seren Gesang vernommen: er fllt mir
noch, whrend ich dies schreibe, die ganze Seele. Aus einem der hohen
Schornsteine der Fabrik, deren Hauptgebude der Villa seine Front zuwendet,
stieg eine schwarze Rauchsule, schlank und gerade wie der Stamm einer Palme,
hoch hinauf in die helle Luft. Es soll ein mchtiges Werkstck heute gegossen
werden, da hat Klaus frh anheizen lassen.
    Ich sehe das Bild, wie ich es eben zu schildern versucht, oft und oft in der
Morgenfrhe, und immer stimmt es mich froh und freudig und ich begre dankbaren
Herzens die neue Sonne.
    Horch - ein wohlbekannter Klang: der erste Schlag des Hammers auf den Ambo!
Der Tag, den die Schwalbe verkndet, ist da. Leb wohl, mein Freund! Du und ich,
wir wollen an die Arbeit gehen.

                                     Ende.
