 Spontini ? Congreve ? Gutenberg.  [530] Mit Schwierigkeiten hatte es der Generalintendant Graf von Redern, wie vor ihm Graf Brühl, noch besonders zu tun in bezug auf Spontini, der auch mir Mißstimmung beibrachte. Als Generalmusikdirektor kam er im Jahre 1820 nach Berlin; am 14. Mai 1821 war die mit Tonmassen und nun auch vermehrt reichlichster Pracht ausgestattete Oper »Olympia« zum erstenmal unter seiner Leitung auf der Bühne. Die bei Wertschätzung doch zugleich urteilende Offenherzigkeit meines Berichts wurde von einem furchtsamen Zensor auffallend arg behandelt, wovon der »Gesellschafter« (1821. Bl. 85 und 90) durch viele mit Gedankenstrichen bezeichnete Lücken Zeugnis gibt. Die zweite Hälfte des Berichts mußte vertagt werden, um mit dem Zensor zu unterhandeln; er gestand, daß er eingeschüchtert worden[530] sei, zeigte sich jedoch nachgiebig, da er selbst diese einseitige Beschränkung als Gewalttat betrachtete. Deutlicher wurde es auch mit der Zeit, daß bei jeder ihm nicht behagenden Aufrichtigkeit Spontini am Hofe klage, für ihn stets mit günstigem Erfolge. Dies dehnte sich weit aus, so daß ich ? zum Beispiel ? in absichtlichem Verdruß dem Verfasser einer anpreisenden Einsendung in bezug auf des Anmaßlichen alljährliches Konzert die Aufnahme verweigerte, weil Spontini, wie dies schon geschehen, klagen könne über den Abdruck der angeblich persönlichen Äußerung: Herr Ritter Spontini habe erklärt: »Die Konzerte, welche ich gebe, sind dem Andenken großer Meister geweiht, denen ich durch die möglichst vollendete und glänzende Ausführung ihrer Werke meine Ehrfurcht zu beweisen und deren Gedächtnis ich bei dem Publikum lebendig zu erhalten wünsche.« Ich erhielt den Aufsatz zurück mit der Hinzufügung: »je consens volontier à la publication de la note ci-dessus. Spontini.« Gedruckt wurde nun das Eingesandte mit diesem Anhang und meiner Anmerkung: »Da obiger Aufsatz eine Privatäußerung des Herrn Generaldirektors Ritters von Spontini enthält, so hatte ich Gründe, des Genannten Einwilligung zum Abdruck von dem Einsender zu begehren, welche dann als Zusatz zum Manuskript in obigen Worten erfolgte.« Im Jahre 1826 tummelte sich in den Zeitschriften ein Streit, weil der Redakteur der »Berliner musikalischen Zeitung«, A.B. Marx, ein Gegner Spontinis ohne Maß, ausgerufen haben sollte: »Ich muß Generalmusikdirektor werden, Spontini muß fallen, damit ich einmal an die Spitze komme!« Diese Angeberei kam von[531] dem abenteuerlichen Regimentsauditeur Gustav Nicolai, einem lenkbaren Werkzeug Spontinis. ? Der Musikgelehrte Gottfried Weber und der Dichter Heinrich Stieglitz mischten sich ein als ein Verfechter des Marx. Der »Bemerker« des »Gesellschafter« mußte im Dafür und Dagegen auch einer der Kampfplätze werden: die Zensoren hemmten aber auf Befehl mitteninne die sich eben etwas klärende Dunkelheit. Ein Jahr nachher rief Spontini die Berliner Polizei zur Hilfe; es wurde den Buchhandlungsbesitzern die Weisung erteilt: »Eine gewisse Flugschriftt nicht zu debitieren, von welcher man wissen muß, daß sie nächstens in Leipzig erscheinen und Diatriben gegen einen hiesigen Tonkünstler von europäischem Ruf enthalten wird.« Diese, den erwähnten Streit betreffende, von Spontini angeregte sehr unweise Weisung hinsichtlich einer noch gar nicht erschienenen Flugschrift wirkte erbitternd und die üble Stimmung schärfte sich, als noch in demselben Jahre (1827) durch Spontinis Einflüsterungen verfügt wurde: die Zensoren sollten erst nach der dritten Aufführung eines neuen Bühnenwerks das öffentliche Urteil gestatten. Bei solchen Begebnissen ist es leicht begreiflich, daß der Wahrheit und Recht liebende Graf Brühl mit den Bühnenwesen auch viel Qual hatte durch Spontini, der die ursächlichste Veranlassung war, weshalb Brühl im Jahre 1828 sich befreite und auf seinen Nachfolger, Graf von Redern, die weitere Zwietracht mit Spontini vererbte. Ehe ich von dem stets mit Sorge für Unruhe beschäftigten Tondichter scheide, ist nochmals einzuschieben Gustav Nicolai, der durch unbedingte Lobdienerei den wenig deutsch verstehenden Spontini sehr schadete. Im[532] Jahre 1834 schickte jener in die Lesewelt seine Schilderung: »Italien wie es ist. Bericht über eine merkwürdige Reise in den hesperischen Gefilden, als Warnung für alle, welche sich dahin sehnen.« Es ist ein Machwerk voller Übertreibung, in den Zeitschriften dem Auszulachenden angereiht; eine ernste Widerlegung erschien im »Gesellschafter«, dann ein nirgends zureichender Widerspruch vom Verfasser. Überhaupt wurde er befehdet ringsum, mit Recht, aber auch mit überschwenglicher Spottlust, besonders durch Wolfgang Menzel in seinem »Literaturblatt«. Nach meiner, durch mancherlei unterstützten Überzeugung war dieser Nicolai hirnskrank; dies verschlimmerte sich nun bei dem ihn völlig beherrschenden, von ihm wiederholt ausgesprochenen Gedanken: »Alles ist persönliche Feindschaft!« ? Mir war er unzurechnungsfähig, was ich einschalte, um weiteres leicht einsichtlich werden zu lassen. Spontini, als er es sich nicht länger verhehlen konnte, daß die Berliner ihm aufständig werden möchten, ihm auch durch öffentliche Äußerungen deutlich werden mußte, daß ich bei Aufrechterhaltung der Wahrheit im Urteil für seinen Wert doch nicht geistesblind war, näherte sich mir mehr und mehr in Beiwirkung des uns beiden befreundeten, sehr kenntnisreichen Geheimrat von Grunenthal, der mir Mitarbeiter war. Das konnte ein ruhiges Urteil nicht hindern und noch im Jahre 1840 gab ich in meiner Zeitschrift (Bl. 39) zu lesen: »Spontinis Oper: ?Agnes von Hohenstaufen? ist wieder neueinstudiert worden, und macht demnach einen abermaligen Versuch, im Bunde der ?Vestalin? und des ?Cortez? von den Werken Spontinis, die[533] ihn in Andenken erhalten auf den Repertoiren, das dritte zu werden. Wir gönnten damit wohl dem Meister ein besseres Resultat als bisher, zweifeln aber, daß es zu erreichen sein werde. Die Oper hat unbestreitbar noch immer Beweise von dem Talent des Komponisten, er überbot aber die Mittel zu sehr, wollte mehr mit dem Material als dem Geiste wirken und so ist's nur natürliche Folge, daß dieser von jenem unterdrückt ward.« Die Leidenschaftlichkeit gegen Spontini kam schon im Jahre 1840 zu maßloser Steigerung, da man wußte, aus dem jetzigen Hofkreise sei er nicht begünstigt. Nun nahm sich zudringlich der hitzig unbesonnene Spontini seines Nicolai noch so weit an, daß er dessen Oberbehörde bis zum Thron hin verklagte; ich besitze diese angeberische Beschwerde in Abschrift, ohne mich erinnern zu können, von wem ich sie erhielt. ? In schlimmster Schilderung wurde das seltsame Einschreiten Spontinis bei einer ihn nicht betreffenden Rechtsuntersuchung verbreitet, der Groll befeuerte sich, brach zornsprühend hervor im Jahre 1841, und es mag zeitgeschichtlich sachgemäß sein, aus dem »Gesellschafter« (1841. Bl. 62) hier einzuschalten: »Berlin. Am 2. April, bei der Aufführung des ?Don Juan? im Königlichen Opernhause, erregte ein Teil der Versammlung stürmischen Lärm, der, sei er von Parteisucht verabredet, oder aus freier Bewegung hervorgegangen, in keinem günstigen Licht erscheint. Als nämlich Herr Spontini ins Orchester trat, um seinem Amt und seiner Pflicht gemäß, zu dirigieren, empfing ihn Pfeifen, Pochen und Schreien, was sich, als jener die Ouvertüre beginnen ließ, noch verdoppelte. Herr Spontini brachte die Ouvertüre zu Ende und trat erst ab,[534] als man ihm bemerklich machte, daß die Aufgeregten vielleicht selbst die Schranken des Orchesters nicht mehr beachten würden. ? Es kann hier allerdings von einer Masse die Rede sein, aber nicht von dem Berliner Publikum, das in seiner Gesinnung das Verfahren jener entschieden von sich abweist. Nun ist es zwar nichts Neues, daß eine Masse ohne Überlegung handelt, aber es ist etwas Neues, daß sie im Königlichen Opernhause ihre Verfolgungen so weit trieb. Was gehen diese Massen Streitigkeiten an, welche Spontini führt, wenn er eben seiner Schuldigkeit gemäß und in seinem Amt als Operndirigent auftritt? Was geht es ferner die Zuhörer des ?Don Juan? an, was der Dirigent literarisch über seine amtliche Stellung unternahm? Was hier etwa zu rügen ist, kann nicht von einer Masse gerügt werden, welche entweder gar keine oder nur einseitige Kenntnis von den hierbei zu untersuchenden Bestimmungen und Verhältnissen hat. Daß ein Ausländer die höchste Stellung in der Musik hier einnimmt, ist empfindlich für uns, wir leugnen es nicht. Wer das aber nicht öffentlich geäußert hat in den Jahren, wo der Mann in Gunst war, soll es auch unterlassen, wenn ihn veränderte Umstände in Ungunst stellen. Das Volksgefühl, will etwa jene Masse ein solches verschieben, erwacht da gar zu spät! ? Gewiß auch darf man fragen, ob wohl unter allen denen, welche Herrn Spontini an jenem Abend verdammten, auch nur einer wäre, der einen ehrenvollen Ruf vom Auslande ausschlüge, oder wenn ein solcher an ihn erginge, sich nicht so günstig als möglich stellen würde? Wir zweifeln stark! Nicht dem Künstler erwächst daraus ein Vorwurf! Daß derselbe seinen Kontrakt nicht erfüllt habe, mag man ihm[535] beweisen und nach den Beweisen dann verfahren, wie das Recht es verlangt; es wird aber gewiß von beiden Seiten zu klagen sein und eine aufgeregte Masse darf da nicht ohne weiteres entscheiden, wo selbst Rechtsgelehrte sich noch nicht klar herausfinden können. Wir enthalten uns durchaus, auf Einzelheiten einzugehen, aber selbst, wenn jene Masse annehmen dürfte, sie habe einen Schuldigen vor sich, immer bleibt es eine unziemliche Tat, einen Künstler solchen Ranges auf eine solche Weise zu behandeln. Wer von unseren heimischen, lebenden Komponisten hat Werke aufzuweisen wie ?Vestalin?, ?Cortez?, ?Nurmahal?? Daß später manches minder Gute, ja man sage selbst Flaches, von ihm komponiert worden, liegt in der Natur der Abnahme des schaffenden Talents. Aber auch nun bleibt Herrn Spontini immer noch der Wert eines tüchtigen, des besten Dirigenten der Königlichen Oper, der am meisten auf die Feinheiten und Eigentümlichkeiten der verschiedenen Meister einzugehen weiß, wenn auch seine Auffassung mitunter von der anderer, ebenfalls tüchtiger Musiker abweichen mag. Diesen Mann nun weist eine kecke Masse in so abscheulicher Weise von sich und empfängt mit Beifall gleich darauf den nach ihm erscheinenden Dirigenten, der auch in dieser Hinsicht keinen Vergleich mit ihm aushalten kann und sich so etwas gewiß nicht anmaßt. Wenn sich dergleichen gegen einen Mann wie Spontini, der in seinen Schöpfungen die Dauer seines Werts hat, ergeben konnte, dann ist es die Pflicht der Öffentlichkeit, gegen ein solches Unwesen den Beleidigten in Schutz zu nehmen: um so mehr, als man wohl bedenken soll, daß ein solcher Fall in der Regel nicht einzel stehen bleibt. ? Wir wollen übrigens nicht die[536] Hoffnung verlieren, daß jene Ruhestörer zur Ordnung wieder zurückkehren und gebührende Ächtung zeigen vor einem Künstler, der sich begründeten Ruhm erworben, mag er sonst sein, wie er will. Zu der Zeit, als man in der Begünstigung Spontinis fast von allen Seiten die Unparteilichkeit beiseite schob, haben wir uns nicht gescheut, in diesen Blättern manches kräftige Wort auszusprechen gegen das, was er verhinderte, und tat, wie über das, was er hätte tun können; obwohl wir jedoch dabei alle Zeit und geziemend seine Verdienste zugleich anerkannten, schwammen wir dennoch gegen den Strom und haben dafür Beweise. Jetzt aber, wo man in der Ungunst gegen Spontini ebenfalls allzu blind verfährt, scheuen wir uns nicht, eine Unwürdigkeit für das zu halten, was sie ist; es galt uns damals und gilt uns jetzt nicht Liebe und nicht Haß, sondern billige Gerechtigkeit und in dieser freuen wir uns, wiederholen zu können, daß unser urteilsfähiges Publikum, wohin wir hörten, den von jener Masse unternommenen Angriff auf Spontini, bei den verschiedensten Ansichten über diesen, als einen durchaus verdammenswerten betrachten und die vorgefallene Unbill in keiner Weise teilen mag.« Amazon.de Widgets Begreiflich ereiferte sich nach solcher öffentlichen Gewaltsamkeit Spontini ungestümer, hierzu kam noch, daß er sein kontraktliches, allerdings die Generalintendanten Brühl und Redern höchst belästigendes, dann durch staatliches Übereinkommen mit Theodor von Küstner beschränktes Recht noch abermals verkürzt meinte. Im Widerstande veranlaßte er mit Äußerungen Erzürnen dort, wo das Gesetz nicht immer hinzureichen vermag; Spontini wurde seines Amtes enthoben, angeklagt, verurteilt, begnadigt, und verließ tiefinnerst verletzt und[537] empört Berlin im Jahre 1842, bald nach derselben Zeit, als der Graf von Redern die Generalintendanz der Königlichen Schauspiele seinem Nachfolger Küstner zu überlassen hatte. ? Aus anderem Bereich, auch Jahre umfassend, will ich jetzt Erinnerungen herbeirufen. Im Jahre 1828 war ich wieder einmal gedrängt zu einem Kampf im Kunstbereich, wodurch mir ein im Buchdruckereibetrieb gewandt Befähigter, Eduard Haenel, zum unversöhnlichen Feinde wurde. Er hatte mich veranlaßt zu der öffentlichen, seinen Namen nicht berührenden Erklärung (»Gesellschafter« 1828. Bl. 136): »Den Freunden deutscher Kunst. Einige Zeitungen haben die Nachricht verbreitet, Sir William Congreve's Verfahren, Abdrücke in mehreren Farben zugleich zu verfertigen, sichere gänzlich vor Nachahmung, und solche Abdrücke könnten nur durch die Maschinen von Congreve hervorgebracht werden. Um das Gegentheil zu beweisen, werde ich erstens: dem Publikum die Nachahmung eines auf Congreve'sche Art behandelten Abdrucks in vielen Exemplaren vorlegen, und zweitens: Abdrücke einer Platte nach eigener Erfindung in gleicher Manier liefern, wobei es Jedem überlassen bleiben soll, eine vervielfältigte Copie auf genannter Maschine oder auf andere Weise zu machen, indem ich für diesen Fall meines Rechtes als Mitglied der Academie mich begebe. ? Die Congreve'sche Maschine besitze ich aber nicht, was ich zu bemerken bitte: ich werde nur diejenige benutzen, deren ich mich seit 20 Jahren bei meinen Arbeiten bediene. Die Abdrücke beider oben besprochenen Platten will ich meiner Zeitschrift[538] (?Gesellschafter?) beilegen, und denke dies spätestens nach sechs Monaten zu thun, da Geschäftsverbindlichkeiten mir nicht erlauben, diese Arbeit sogleich vorzunehmen. Mich leitet übrigens nicht die Absicht, irgend Jemand seinen Ruhm zu rauben oder seinen Erwerb zu schmälern; ich möchte nur auch hier das Meinige dazu beitragen, daß man, statt so oft gleich nach dem Auslande zu schauen, doch erst bei heimischen Künstlern anfrage, ob sie Dieses oder Jenes nicht auch ausführen können? Wir haben in Deutschland wackere Künstler genug, die auf solche Fragen warten, und ich, in meinem Kunstbetriebe fortwährend hinlänglich beschäftigt, bin nicht von kleinlicher Rücksicht bestimmt, wenn ich es beklage, daß Viele unter uns noch immer eine nicht überall begründete Vorliebe für alles Fremde hegen, eine Vorliebe, die es eben bewirkt, daß bei uns Manches, was den Deutschen zur Ehre gereichen würde, nicht zu rechtem Leben und Bekanntseyn kommen kann, obwohl namentlich im preußischen Staat ein verdienstvoller Eifer herrscht, um den vaterländischen Kunst- und Gewerbfleiß zu ermuntern und den Sinn dafür immer mehr zu erkräftigen. Berlin, den 12. August 1828. F.W. Gubitz.« Die angekündigte Nachahmung wurde dem »Gesellschafter« (1829. Bl. 37) eingefügt mit der Erläuterung: »Zur Beilage. Meinem Versprechen zufolge gebe ich hiermit die Copie einer auf Congreve'sche Weise behandelten Verzierung. Ich habe eben diese gewählt, weil das Original Vielen bekannt und vom Verfertiger zur Empfehlung versandt wurde. Bemerken muß ich aber, daß[539] mehrere Platten vom Original vorhanden, deren Abdrücke sehr verschieden sind; ich hatte zur Copie das Exemplar vor mir, was ich empfing mit dem Briefe, worin der Absender diese Druckart für unnachahmlich erklärte. Die Copie ist genau in Allem, was die Guillochir-Maschine an der Original-Platte that, das auf gewöhnliche Weise Gravirte aber etwas besser ausgeführt, ohne über die gegebenen Contoure hinauszugehen. Die hier zu lösenden Fragen waren: ob das auf der Guillochir-Maschine Angefertigte nachgeahmt und die auf den Holzschnitt angewendete Congreve'sche Manier in meinem Druck mit Genauigkeit ausgeführt werden könnte? Ich ließ das Original von meinem ehemaligen Schüler, F.L. Unzelmann, im Holzschnitt copiren, formte die Platte und bewirkte dann mit dem Abguß, nach einer von mir veranstalteten Vorrichtung, auf meiner Maschine den Druck. Sonach würde nun, weil eine Form (Matrize) da ist und so viele Abgüsse gemacht werden können, als man deren irgend bedarf, eine Gleichmäßigkeit aller Abdrücke entstehen, da niemals eine zweite Original-Platte (Matrize) nöthig wird. Obwohl dies der erste Versuch, und mir Manches daran noch nicht nach Wunsch ist, darf ich doch überzeugt seyn, daß die in Rede stehenden Fragen befriedigend gelöst sind. In Kurzem gebe ich nun als Beilage dieselbe Verzierung, nur mit Einlegung einer anderen Zeichnung der rothen Stellen, und glaube, daß dann in der gewöhnlichen Congreve'schen Weise schon dieselbe Platte, die ich nachahmte, selbst von den Verfertigern und Besitzern der Original-Platte nicht nachgeahmt werden kann. Berlin, den 27. Februar 1829. F.W. Gubitz.«[540] Das Nachgeahmte war ein geschmückter Tabaksumschlag für Friedrich Justus in Hamburg, hinsichtlich der Platte und des Abdrucks aus den Werkstätten Hänels, dessen zu heißer Eifer sich noch nicht beruhigte. Durch Verbreiten der Meinung: das von mir in bezug auf Platte und Abdruck Dargelegte sei keineswegs dazu geeignet, um der Gewerbsamkeit dienlich zu werden, trieb er mich wider meinen Willen zum Gegenbeweise. Ich übernahm zu diesem Zweck die Lieferung von Tabaksumschlägen für Jochim Christian Justus in Hamburg mit bestem Erfolge, und nun hatte ich mir die Feindschaft Hänels dauernd zugezogen. Vorherrschend bezeugte er dies im Jahre 1840, als das Vierjahrhundertsalter der Buchdruckerei gefeiert werden sollte, ich für diese Angelegenheit zum Mitglied der Komitees, später zu deren Vorstand erwählt war, und nun ein Getümmel von Hänel- und Händelei mich umringte. Jene Jubelfeier, geweiht dem Johann Gutenberg und seiner Erfindung, ging in Berlin von den Gehilfen aus, und ihr Komitee wählte am 15. September 1839 Rudolph Decker, E.S. Mittler und mich zum Vorstande, von dem nun auch die Berliner Buchhändler zur Teilnahme an den Beratungen und Beschlüssen angeregt wurden. Im November 1839 wurde dann ich zum Vorstande der Komitees gewählt. In den Versammlungen herrschten nicht selten die aus der französischen Julirevolution hervorgegangenen Meinungszwiste über Freiheit und Ordnung, nächstdem bemühte sich Eduard Hänel mir gegenüber mit Anreiz zu Hadern und Zwiespalt. Unterstützt von nur vier anderen, war es ihm gelungen, daß die Buchdruckereibesitzer und Buchhändler anfangs sich von den Gehilfen[541] trennten, sich wieder zusammenfanden, und dies wiederholte sich mehrmals. Am 3. April 1840 war man endlich bis zur Einigkeit über ein »Programm«, dem ein zweites, dann ein drittes folgte, und die sämtlichen Schicksale der Feier sind angedeutet in einem, von der Kampfesnot mir abgedrungenen, sich hier anschließenden Schreiben an den König Friedrich Wilhelm IV., der seit dem 7. Juli 1840 Thronherr war. »Allerdurchlauchtigster, großmächtigster König, allergnädigster König und Herr! Ew. Majestät, meinen Gebieter und Herrn, auf dem Throne Preußens in Ehrfurcht begrüßend, nahe ich mich Namens des ?Comité zur vierten Säcularfeier der Buchdruckerkunst?, und als Vorstand, mit der unterthänigen Bitte, die angefügten beiden Exemplare der zu der Feier veranlaßten Medaille von uns huldreich anzunehmen. Sie wurden geprägt, die eine dem nun dahingeschiedenen Könige, die andere Allerhöchst Ihnen zu überreichen; möchten Ew. Majestät uns würdigen, diese urspringliche Absicht gelten zu lassen, und auch noch für den Hochseligen unsre geringe Gabe, die wir Ihm nicht mehr darbringen konnten, als ein Zeichen der Liebe und des Vertrauens zu unsrem väterlichen Herrn empfangen, da es unserm Gefühl widerstrebt, ihr irgend eine andere Bestimmung zu geben. Zugleich wage ich, Namens der hier in Bezug kommenden Gesammtheit, die Bitte, einen gnädigen Blick zu gönnen der Feier, zu welcher die Vorbereitungen und Vorarbeiten gemacht sind, und mit der es nun steht wie im Jahre 1740. Ew. Majestät Ahnherr, Friedrich der Zweite, der Große, vertagte gleich nach dem Antritt[542] Seiner glorreichen Regierung die damalige Säcularfeier auf den 25ten Juli und die beiden folgenden Tage; ihr war, wie die vor uns liegenden gedruckten Fest-Beschreibungen darthun, Alles gestattet, was Würde und Glanz verleihen konnte einem Moment, den unsre Vorfahren nicht als einen, auf das Gewerbliche allein abgeschränkten betrachteten, sondern in vollem Bewußtseyn und Recht anerkannten, daß es ein Fest des aus Gott in den Menschen waltenden Geistes sey. Indem wir jetzt auf Ew. Majestät Gnade und Entscheidung hoffen, erkühne ich mich, in möglichster Kürze Allerhöchst Ihnen Bericht zu geben aus den bisherigen Akten. Die Buchdruckerei- und Schriftgießerei-Gehülfen hatten schon vor beinahe drei Jahren sich vereint, um zu dem Säcular-Fest unter sich einen Fond zu bilden, sie allein haben bis jetzt die Summe von 2300 Thlr. zusammengebracht; der Lohn für ihre Entbehrungen war ihnen der Glaube: sie würden das Fest in gleicher Weise begehen können wie ihre Vorfahren. Die Buchdruckerei- und Schriftgießerei-Principale und die Buchhändler vermehrten und werden noch vermehren die dem Feste bestimmte Summe, so daß Alles aus den Mitteln der Betheiligten entsteht, wie denn auch zu der bezweckten topographischen Ausstellung das Viele ? unter demselben manches Bedeutende, in der Erfindung Neue ? mit aller Uneigennützigkeit bewerkstelligt wird. Im November 1839 wählte man mich zum Vorstande des Comité, und obwohl ich mich anfangs aus Gründen weigerte, mußte ich endlich dem allgemeinen Verlangen nachgeben. Ich fand nun in Bezug auf die Ausführung der Feier nichts vor als die polizeiliche Erlaubniß zu den berathenden Zusammenkünften, und[543] erste Pflicht war es, die Königliche Genehmigung zu erbitten. Mein unterthäniger Antrag stand, was die öffentliche Feier betrifft, in allen Einzelnheiten auf dem historischen Grunde; nichts war darin enthalten, was nicht im Jahr 1740 ausgeführt worden ist. Es erfolgte jedoch ein völlig abschlägiger Bescheid, uns durch das Ministerium zugefertigt; dieses aber nahm sich der Angelegenheit mit Eifer an, und nachdem wir, mit großem Schmerze, die ?kirchliche Feier? aufgaben, genehmigte Se. Majestät alle Vorschläge, nur nicht ?den beabsichtigten Festzug durch die Straßen?. Mit dem Comité berathend, und wohl erkennend, daß die Gesammtheit, nachdem die Kirche ihr verschlossen, den nicht genehmigten Zug als den Haupttheil der öffentlichen Feier betrachtete, fiel mir eine abermalige Unterhandlung mit dem Ministerium zu, und ich fand von Neuem die geneigte Willigkeit bestätigt, so daß ich eine Vereinigung in der ersten Linden-Barriere, vor dem Königlichen Akademie-Gebäude, in der Weise, wie das beiliegende Programm angiebt, der Gesammtheit vorschlagen zu dürfen mich für berechtigt hielt, da ich Punkt für Punkt besprochen hatte. So berief ich nun eine General-Versammlung des Comité's, so wie sämmtlicher Buchdrucker-und Schriftgießerei-Principale und der Buchhändler. Ich ward entschieden überstimmt bei dem Vorschlage, die Feier nach diesem Programm auszuführen, und da ich meinerseits mich außer Stande befand, mehr für die Wünsche der damals zahlreich überwiegenden Gegenpartei zu thun, die zugleich, wenn der Zug nicht zu ermöglichen wäre, einen Anschluß an das Fest zu Leipzig begehrte ? ein Vorschlag, den ich entschieden bekämpfte ? legte ich ihr gegenüber mein Amt in dieser[544] Angelegenheit nieder, ward aber auf der Stelle durch Acclamation selbst von den mir Widerstrebenden zu ihrem Vorstand erwählt, indem sie erklärten, daß auch sie mit meinen bisherigen Schritten zufrieden seyen, und mir in Dem, was noch zu thun, vollkommen vertrauten. Durch Circulare und spätere Versammlungen war ich so glücklich, beinah völlige Einigkeit herzustellen, und reichte nun das Programm ein, um die Erlaubniß zur öffentlichen Bekanntmachung zu erhalten. Da trat der tiefgefühlte hohe Trauerfall dazwischen, geziemend fragte ich für jetzt nicht weiter an, erhielt auch bald den Ministerial-Erlaß: daß die Feier bis nach Beendigung der Landestrauer aufzuschieben sey. Hiernach wurde unsrerseits der Wunsch ausgesprochen, dieselben Tage wählen zu dürfen, die im Jahre 1740 dazu bestimmt wurden, was auch Gewährung erhielt. Hinsichtlich des ganzen Programms wurde uns aber, nach mehrmaligen Anfragen, die beiliegende Verfügung vom 20ten Juni, wodurch es noch Beschränkungen zu erleiden hätte, was um so mehr überraschend, als das Programm früher schon unbefugter Weise in einer hier herausgekommenen Schrift abgedruckt war mit Dem, was nun nicht genehmigt seyn sollte. Vergebens würde ich mich bemüht haben, unter diesen Beschränkungen das Fest zu Stande zu bringen, und meine Lage schien in diesem Augenblick rathlos, um so mehr, da eben die Feste des Auslandes im Anzuge und in der Nähe waren; eben so unrathsam war es aber, sogleich meine Stellung in dieser Angelegenheit aufzugeben, weil ich zu genau die stürmischen Folgen kannte. Doch mit der Wahrheit und Offenheit braucht man ja nicht zu zagen, ich mußte den Stand der Sache darlegen, nahm aber das gewonnene Vertrauen in Anspruch,[545] so wie die bisherige so erfreuliche Haltung der Gesammtheit, beschwichtigte einzelne Vorschläge, die von Neuem auftauchten, und Alle hoffen nun mit voller Zuversicht auf Allerhöchst Ihren Ausspruch. Indem ich nun in tiefster Unterwürfigkeit um Ew. Majestät gnädige Entscheidung in Betreff der Feier überhaupt bitte, erkühne ich mich, zu bemerken, daß die Vereinigung in der Linden-Barriere durch jene Beschränkungen eine durchaus nichtige werden würde. Stumm müßten wir da erscheinen, stumm von da uns wegbegeben, und mehr in Trauer als in Festlichkeit an der Stätte vorübergehen, wo dereinst unter Ew. Majestät Regierung ? die Gott segnen wird! ? das Standbild des großen Königs sich erheben soll, der im Jahr 1740 über das dritte Säcular-Fest der Buchdruckerkunst seine Gnade in Vollem walten ließ. Der dahingeschiedene Hochselige gewährte uns noch unter dem 21sten Mai d.J., durch huldvolle Vermittelung Allerhöchst Ihres Bruders, des Prinzen Wilhelm, Königliche Hoheit, das Königliche Exercirhaus zu dem Festmahl ? der Hochselige war in der Gewährung, und wir hoffen! ? Wir hoffen ? und flehen Ew. Majestät um eine weitere Gunst an für das Fest, dessen Wichtigkeit einleuchtet, auf dessen Feier in Berlin jetzt mehr als je die Blicke Deutschlands gerichtet sind, zu dem so Viele freudig ihre Ersparnisse hergaben, zu dem so viele Arbeiten bereit liegen, so viele Anstrengungen gemacht worden sind! ? Mein Interesse an dieser Angelegenheit ist das allgemein geistige und vaterländische, kein persönliches. In der Ueberzeugung, das geistige Princip, welches in Preußen sich erhob und sich durch Jahrhunderte immer bestimmter entwickelte, wolle diese Feier als eine der schönsten Besiegelungen,[546] habe ich, durch die Gesammtheit berufen, meine geringen Kräfte mit Unermüdlichkeit dazu angewendet, auf der einen Seite, den mannichfachen Beschränkungen gegenüber, die Würdigkeit des Festes, auf der andern die Einigkeit zu gewinnen, und bin in dem Bewußtseyn, eben so wohl dem Staat, wie Den von mir repräsentirten, bei dem Feste Betheiligten meine Pflicht erfüllt zu haben. Ein Mann, der nun fünfunddreißig Jahre dem Staate in seiner Stellung diente, so weit er es vermochte, der, ein Künstler, in der Zeit des Leidens mitten unter den Franzosen zum Schriftsteller wurde, um dem Staat in seinem Unglück gegen die damaligen öffentlichen Anfechtungen zu dienen, und dies that selbst unter lebensgefährlichen Bedrohungen; der später bei der segensvollen Erhebung mitzuwirken trachtete, wie er konnte, fortwährend seine Bemühungen einsetzte, wenn man ihn irgendwo rief; ? Einer, der so handelte, aber doch in fünfunddreißig Jahren in eigenen Angelegenheiten nie eine Zeile an Se. Majestät oder an seine Chefs schrieb, nie einen Wunsch für sich hatte, mit seinem Bewußtseyn zufrieden war, der darf hoffen, daß Allerhöchst Sie ihm glauben, wenn er sagt: ich habe auch hier kein persönliches Interesse, es ist die Sache, und diese allein, die mich bestimmt. Zum ersten Male äußere ich mich über jene Vergangenheit am Thron, und es geschieht nur, um einiges Vertrauen für meine Worte zu erwecken, und darauf hinzudeuten, daß ich nicht unerfahren bin über die Verhältnisse des Lebens, über die allgemeinen Gesinnungen. Demnach mögen Allerhöchst Sie mir gestatten, aus treuem, redlichem Herzen, und mit der flehentlichen Bitte, mir nicht zu zürnen, es auszusprechen: daß man allseitig Ew.[547] Amazon.de Widgets Majestät gnädigste Entscheidung in dieser Angelegenheit für eine wichtige, in vieler Hinsicht höchst einflußreiche und segensvolle hält. Die allgemeine Zuversicht auf Ew. Majestät Geist und Wohlwollen erleichtern mir die Pflicht, mit Offenheit die jetzige betrübende Sachlage dieser bezweckten Feier zu entwickeln; in der innigsten Demuth erwarte ich nun meines Königs und Herrn Befehle und ersterbe in tiefster Ehrfurcht Ew. Majestät unterthänigster F.W. Gubitz. Professor der Königlichen Akademie der Künste, als Vorstand der Comitéen zur vierten Säcular- Feier der Buchdruckerkunst. Berlin, den 27ten Juni 1840.« Auf dieses, bei der Schwüle jener Zeit aus den Empfindungen etwas überströmende Schreiben empfing ich keine Antwort auf geradem Wege, in der Sachlage aber Gewährung durch die hier mitgeteilte Anzeige: »Auf die von Ew. Wohlgeboren Sr. Majestät dem Könige unterm 27. v.M. eingereichte Vorstellung, wegen der Säcular-Feier der Erfindung der Buchdruckerkunst, werden Sie benachrichtigt, daß in einer, am gestrigen Abend dem Ministerium des Innern zugegangenen Allerhöchsten Ordre vom 20. d.M. Se. Majestät die Feier des Festes in der Weise genehmigt haben, wie solche in dem überreichten, von dem Comité entworfenen gedruckten Programm vorgeschlagen worden ist.[548] Ew. Wohlgeboren bleibt demnach überlassen, das Weitere mit dem Königlichen Polizei-Präsidium zu verhandeln. Berlin, den 23. Juli 1840. Ministerium des Innern, Polizei-Abtheilung. v. Puttkammer.« Sei es nicht verhehlt, daß ich gehofft hatte, die Feier würde bewilligt werden bis zu der Freiheit, die ihr anfangs bewilligt war, wozu die kirchliche Mitwirkung und offene Bahn zur Bewegung des Festzuges gehörte. Auch wider das Gestattete regten sich in streitiger Verschiedenheit die Gegner, die Gehilfen blieben aber mit mir einmütig darüber: die Feier könne und müsse nach dem bewilligten Programm vollbracht werden. ? In diesem letzten Zeitraum hatten die Aufrührerischen mich möglichst in Zornstimmung jagen wollen, ich hielt mich jedoch meist zusammen bis zur Sicherstellung des Ganzen. Voraussehend, auch bei dem Festmahl werde Wortsturm ausbrechen, zeigte ich an, daß ich davon fern, in allem anderen aber mich ausdauernd treu halten würde, und meiner Erklärung schlossen sich mehrere an. Es erfolgte, was ich vermutet hatte; mit Wort und Klang wurde während des Festmahls oft meiner gedacht, und in diesem Teil der Feier drang soviel Leidenschaftliches ein, daß die Freude entwich. Weil ich gern mich abwende von den Wirren über jene Säkular-, aber nicht Jubelfeier, sei nur noch, soweit es die Öffentlichkeit betrifft, eingeschaltet, was im Jahre 1840 für den Juni erlaubt und für den September verboten war. ? Es fiel aus die kirchliche und die Feier in den Anstalten für Wissenschaften und Kunst, der freie[549] Zug durch die Stadt und deren festliche Abenderleuchtung. Das Ganze blieb im Beginn eingeengt auf ein Versammeln im Vorhofe des Universitätsgebäudes, in dessen Innerem nur beteiligte Kunstgenossen Reden hielten bei der Ausstellung von allerlei Bezüglichem. Den Zug durch die Straßen hatte man beschränkt auf den Weg zur Mittagstafel im Exerzierhause, bei dem Abendfest im Tivoli waren die Bühnen- und Larvenspiele zu beseitigen; ? es mußte vieles vermieden werden, so daß bei diesem Druckereifest, das ein Volksfest hätte sein sollen, offenbar vom Druck anderer und schwärzerer Art zu reden wäre. Beizufügen ist noch, daß die mit wechselnder Gegnerei mir Hinderlichen im Jahre 1841 über dies Säkularfest ein Druckheftchen erscheinen ließen, worin sich willkürlicher und unwillkürlicher Irrtum ausbreitet. Dies ist leicht begreiflich, da die ungenannten Verfasser selbst auf den Seiten 8 und 12 bekennen mußten: »Uns fehlen fast sämtliche offizielle Daten; die betreffenden Verhandlungen und Beschlüsse sind in des Hrn. Professor Gubitz' Händen befindlich, und ihre Auslieferung und Benutzung war nicht zu erlangen.« ? »So ist es auch nicht unsere Schuld, wenn die fernere Darstellung einseitig nur die Ansichten und Bestrebungen der Prinzipale vertritt bis zu dem Augenblick der Koalition mit den Gehilfen.« In dem Bericht über das von mir vermiedene Festmahl ist dann in jenem Heftchen zu lesen: »Längst schon herrschte die frühere Ruhe nicht mehr, und eine begierig gehaschte, schnell vergriffene Spende von Gubitz vermehrte das Gewirre. Es waren die gedruckten Reliefporträts des verstorbenen Königs, des[550] regierenden Herrscherpaares und Goethes in einem Umschlag, und eine sinnvoll ausgeführte Erinnerungskarte, die Jubelfeier der Typographie in den vier Jahrhunderten 1540,1640,1740 und 1840 durch vier Fahnenträger, jeder in der Tracht seiner Zeit, über ihnen Guttenberg schwebend, allegorisch dargestellt.« Nun aber bin ich froh, daß die nochmalige Beschäftigung mit diesem Feste, samt der übel einwirkenden Hänel- und Händelei ? die in der Schilderung nach den mir vorliegenden Akten einen ganzen Band füllen könnte ? überwunden ist: denn jedes Beschränken des die geistige Tätigkeit Erweiternden berührt meine Erinnerungen peinlich. ? Bei Aufzeichnungen meiner Erlebnisse hat mir das Gedächtnis zuweilen schon Pius Alexander Wolff genaht; jetzt sei er mir näher gekommen, um mit einem Hinblick auf ihn diesen Band zu schließen. Von denen, die im neunzehnten Jahrhundert als Schauspieler auch dichterischen Beruf erwiesen haben, ist er unzweifelhaft mit voran zu nennen; nächstdem war er im Umgange liebenswürdig betulich. Als er von Weimar nach Berlin kam (1816), ward ich mit ihm und seiner zehn Jahre älteren, deshalb leicht eifersüchtigen, aber auch geistreichen, als Schauspielerin höchst ausgezeichneten Frau rasch nah und näher bekannt. Leider war er vom Jahr 1824 ab durch eine Halskrankheit zunehmend gehindert in seinem Beruf, und zuletzt verlor er die laute Sprache fast ganz. ? Dies ward Veranlassung zu Raupachs Lustspiel: »Das Ritterwort«, mit dem alten, mehrmals verschieden benutzten Stoff: daß ein Ritter seiner Herzerwählten für eine leichte Gunst sein Ehrenwort verpfändet, dafür alles zu tun,[551] was sie begehren würde, sie ihm auferlegt, drei Jahre hindurch stumm zu sein, was er, sein Ehrenwort einzulösen, vollbringt, dann aber von der grausig Übermütigen scheidet. ? Dies Bühnenspiel sollte Wolffs Antrieb, noch in seinem Beruf tätig zu sein, befriedigen; er starb aber am 28. August 1828 und ein andrer stummer Ritter trat für ihn ein im November desselben Jahres. Für Wolffs Heilung von seinem Halsübel waren besonders in den letzten drei Jahren alle Hilfsmittel besorgt und versucht worden, auch eine Reise nach Italien und nach der Provence. ? Was er mir darüber schrieb, sei, da es etwas von umfänglichen Teilnahme beanspruchen darf, hier mitgeteilt: »Meinen herzlichsten Dank, verehrter, lieber Freund, für Ihre freundlichen Zeilen vom 12ten d. Monats. Wie freue ich mich darauf, Ihnen von meiner Reise erzählen zu können und Alles mündlich zu berichtigen, was Ihnen in Hübner's ?Staats- und Zeitungs-Lexicon? zweifelhaft vorkommt; aber diese Freude ist noch sehr in die Ferne gerückt, denn so bald sehen wir uns nicht wieder. Die Verordnung meines Arztes ist Entfernung von Berlin und der Bühne, und erst nach dem nochmaligen Gebrauch des Emser Brunnens, den ich aber, so bald es nur angeht, im Frühling besuchen will, darf ich aus meiner Verbannung wiederkehren. Die vier Monate in Italien und Frankreich haben, wie Sie wohl von unseren beiderseitigen Freunden werden gehört haben, nicht die wohlthätige Wirkung für mich gehabt, welche ich erwartete. Auf deutschem Boden geht es mir etwas besser. Ist es die Folge der Reise, ist es die reinere stärkende Luft, die ich hier einathme, ich fühle mich viel wohler als unter dem südlichen Himmel. Man thut jenen[552] Himmelsstrichen in der Ferne viel zu viel Ehre an, man glaubt Wunder, wie weit man in den Mittag hineingereift sey, wann man sich in Nizza oder der Provence befindet, und das ganze ist am Ende doch nur lauwarmes Wasser. In gewissen Jahren lobt man sich das Entschiedene, was so zwischen drinn liegt ist matt; so ging es mir mit jener Luft: sie hat mich noch mehr abgespannt, ich wäre elend geworden, wenn ich mich nicht rasch entschlossen hätte, in unsern deutschen charakteristischen Winter zurückzukehren. ? In Berlin drängen sich theatralische Begebenheiten, von denen die Briefe, die ich in letzter Zeit erhalten, angefüllt sind; ich ärgere mich manchmal über mich selbst, daß sie mir nicht mehr Theilnahme abgewinnen und ich bewundere Bethmann (Bethmann übernahm damals die Leitung des Magdeburger Theaters), daß er sich auf's Neue an die Spitze eines Geschäfts stellt, welches mir wie ein saurer Äpfel vorkommt: er wird sich die Zähne auch stumpf beißen. ? Von der hiesigen Bühne kann ich Ihnen nichts melden, denn ich gehe des Abends selten aus, und vermeide den Zug in dem Karlsruher Theater; aber der Sänger Haizinger, der mir manchmal im Zimmer vorsingt, und ein ganz ausgezeichneter Gesangkünstler ist, hat mir schon viele genußreiche Stunden verschafft. Er wird wahrscheinlich im April nach Berlin kommen und ich empfehle Ihnen diesen Sänger auf's Angelegentlichste; versäumen Sie es nicht, ihn zu hören, es ist etwas Außerordentliches. Schade, daß er als Darsteller noch nicht mehr Fortschritte gemacht hat; indessen hält man ihm gern etwas zu gut, wenn man seine rührende Stimme, seinen seelenvollen Vortrag, seine vortreffliche Methode vernimmt.[553] Meine Beschäftigung (die geistige nämlich) besteht im Lesen; wenn man so viele Jahre hintereinander einseitig thätig gewesen ist, sieht man bei eintretender Muße mit Schrecken, wieviel man Rechts und Links hat liegen lassen. Meine Frau empfiehlt sich Ihnen tausendmal und wir Beide bitten Sie, Ihrer Frau Gemahlin die schönsten Grüße darzubringen. Behalten Sie mich in gutem Andenken, und fortdauernder Freundschaft, und genehmigen Sie die Versicherungen meiner wahren Hochachtung und Anhänglichkeit. Karlsruhe, d. 31. Januar 1826. P.A. Wolff.« Eine seiner letzten Rollen war der »Lumpensammler« in jener französischen Wirkungsblenderei, die im Februar 1827 auf die Bühne der »Königlichen Schauspiele« kam, nachdem sie etliche Monate vorher im Königstädtischen Theater ausgepocht worden war. Nun erwarb der »Lumpensammler« den reichlichsten Beifall durch die Darstellung Wolffs und ich gedenke gern seiner Freude, als ich ihm an jenem Abend auf einem Papierstreifen die mit Bleistift geschriebenen Zeilen gab: »Für Freund P.A. Wolff. Amazon.de Widgets Als Lumpensammler tust du an der Kunst ein Wunder, Du machst ein Festkleid ihr aus dem Pariser Plunder.« Im Jahre 1828 besuchte Wolff noch den Badeort Ems, auf der Rückreise sein geliebtes Weimar und von dort schrieb man mir: »Seine Vorhersagung erfüllend, starb er am 28. August, an demselben Tage, an welchem Goethe, sein großer Meister, einst das Licht der Welt erblickte.«[554] 
 Carl Maria von Weber ? Grabbe ? Heinrich Heine. (1821?1825).  [318] Da mir meine Zeitschrift »Der Gesellschafter« schon mehrmals leitend gewesen ist, habe ich, nach der Zeitfolge zurück- und vorwärtsblickend, mehrerer zu gedenken, lasse zuerst erscheinen Carl Maria v. Weber, mir freud- und leidvollen Andenkens; ich lebte mit ihm zwölf Jahre hindurch in gegenseitig inniger Teilnahme. Unsere Bekanntschaft begann etwa im Jahre 1813 und machte sich, weil Weber sich ehemals mit Zeichnen, Malen und dem Steindruck beschäftigt, auch von meinem Streben für den Holzschnitt Kenntnis hatte, allmählich immer vertrauter während seiner öfteren Anwesenheit in Berlin, wo er vielbesuchte Konzerte gab. Nach einem[318] derselben saß er unter Freunden und Freundinnen, die von seinen Tondichtungen von seiner Reichsinnigkeit in Phantasien auf dem Pianoforte angeregt waren, in einem Gasthause bei einfachem Mahl: denn der Überfluß war in jenen Tagen noch keine Notwendigkeit. Es ward uns ein unvergeßlicher Abend! Ehe wir auf des Meisters Wohl die Gläser klingen ließen, wurde in aller Lustigkeit der Wunsch laut: ich möge eiligst rasch einen Liedspruch schaffen, Weber ihn komponieren, die anwesenden Sänger und Sängerinnen würden ihn dann vortragen. Rasch entstandenen Reim und Notensatz benutzte man zum »Lebehoch« für Weber, und die Gabe des Augenblicks erhöhte innere und äußere Erregung. Während Weber in Prag Musikdirektor war, komponierte er zu meinem kleinen Erinnerungs- und Versöhnungsschauspiel: »Bei Leipzig« (gedruckt im »Jahrbuch deutscher Bühnenspiele für 1861«) Ouvertüre und Gesänge, leitete auch die dortige Darstellung am 19. Oktober 1815. In Berlin ließ ich dies Gelegenheitswerkchen zwischen Mannigfachem für den Zweck des »Vaterländischen Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger Krieger« im April 1816 zweimal aufführen, wobei der damalige Abdruck dieser friedlichen Kriegsdichtung so vollständig verschwunden ist, daß ich ihn sogar bei meinem Eigentum vermisse. Wie freundschaftlich und freimütig Carl Maria v. Weber sich mir offenbarte, das wird klar aus dem hier eingefügten, gewiß der Bewahrung werten Briefe: »Mein sehr lieber Freund! Meine Sündenlast Ihnen gegenüber ist so groß, daß ich gar nichts mehr zu sagen weiß, mich zu entschuldigen,[319] und doch würden Sie selbst es thun, lebten Sie eine Zeitlang um und neben mir. Jedes ankommende Paket ?Gesellschafter? ist doch wieder ein Dolchstoß in die schuldige Brust, und wenn es mich dann oft juckt, mich auch als theilnehmenden Freund Ihnen zu beweisen, so hängen sich wieder die Verhältnisse bleischwer an den guten Willen und laßen ihn das nicht thun, was er doch nur halb thun könnte. Vergeblich habe ich den Sommer über gehofft, Sie hier zu sehen, und mich einmal recht ausplaudern zu können, aber es wurde nichts daraus, denn Sie sitzen auch fest bei Ihrer Kunstgeschäftigkeit, und Bewegung haben Sie genug in den Kämpfen mit Müllner, Pfeilschifter und anderer Gegnerschaft, die für Aufrichtigkeit verstockt und versteckt ist. ? Meine Dienstgeschäfte und die damit verknüpften Dienstarbeiten haben mir seit zwei Jahren gänzlich die Freiheit genommen, für mich selbst zu arbeiten: fragen Sie nur meinen jammernden Verleger. Möge mir dies zum Beweise dienen, daß es wahrlich nicht an meinem guten Willen liegt, wenn ich nicht schon öfter meine Gedanken in Ihrem Blatte gelesen habe, sollte mir dann mein Namensvetter in Berlin auch noch hinderlicher werden. ? Leid thut es mir von Herzen, daß Sie mit meinem guten Kindin Händel gerathen; wenn Sie ihn so kennten wie ich, Sie hätten gewiß seine Aeußerungen in der ?Abendzeitung?, wenn sie auch ein Bischen schwer klingen, nicht so hoch aufgenommen und unerwiedert gelassen. Nichts für ungut! Ihr hiesiger Correspondent ist ein lauer Herr. Dürfte ich doch ihn ablösen, aber ich kann es nun einmal nicht über mich gewinnen, Fäustchen im Sack zu machen, und müßte gar zu oft als Richter und Partei zugleich auftreten;[320] wer weiß, ob ich dann Recht hätte. Wenn mir's die Gegner gar zu toll machen, so trete ich einmal recht offen dazwischen, und da bleibt denn manchmal Einer auf dem Platze. So habe ich den saubern ehemaligen Berichterstatter musikalischer Seits in der ?Abendzeitung?, den Buchstaben Cx., abgefunden, und eben jetzt habe ich in der ?Musikalischen Zeitung? Einem die Lanze vorgehalten auf seinen übeln Wegen. Daß man damit seine Zeit tödten muß! Aber es ist doch ein gräßlich Wesen mit dem Geschwätz um uns her, und mit jedem Jahre wird es ärger. Es bedarf nur, daß man den Vorlauten nicht den Hof macht, sie sich drei Schritte vom Leibe hält, um mit allen Chikanen hinterrücks angefallen zu werden, ohne daß diese Fehm-Kritiker um die Mittel verlegen sind. Was sie nicht finden, erfinden solche Buben und ihr Hirn scheint ihnen grade am vollsten bei Dingen, die sie nicht verstehen. Man möchte mit Füßen d'rein springen, wenn es sich nicht unter allen Umständen ziemte, daß der Kopf oben bleibt. Die Schreibfreiheit liegt bei uns noch hier und da in Nöthen, nur wenn es darauf angelegt wird, Männern, die redlich in ihrer Kunst vorwärts wollen, Leides zu thun, ihnen den Muth zu nehmen, da finden die Mieths-Federn kein Hinderniß, sollten sie auch alle Schranken umstürzen. Schriftsteller und Künstler, wenn sie Namen haben, denn die Ruhmlosen mit Koth zu werfen, lohnt weder an Honorar noch an Aufsehen, sind die Opfer, die den Krakelern an Stoff hingeworfen werden. Den Berlinern könnten Sie gewiß Mehrere solchen Gesindels nennen! ? Lange genug war ich der Thor, alle Urtheile über mich lesen zu wollen, habe mich lange martern lassen von der Vornehmthuigkeit der Dummköpfe, von dem[321] ehr- und sinnlosen Gefall-Witz für den Pöbel, und von Redaktionen, die uns lieber unverdiente Schande anhängen, als mit Gerechtigkeit verkehren; jetzt aber laß ich mir meist all das Zeug nicht nahe kommen und befinde mich besser. Die Kritik muß seyn, und die strengste Selbstkritik reicht nicht immer aus, aber vom Gesindel ist nichts Gescheidt's zu holen; das sucht nur einen wunden Fleck, um d'rauf zu schlagen, und wer mit ihm umgeht, wird nichtsnutzig für Kunst und Leben. Des Goldes ist nun einmal nicht viel von den deutschen Bühnen zu holen; wenn sie Einem aber im Vaterlande noch das Bischen Ehre abschneiden, da möchte am Ende der Teufel ein Deutscher seyn!! ? man möchte sich zum Fremden wünschen, um geltend zu werden in dem uns stiefväterlichen Vaterlande. ? Der Deutsche im redlichen Streben hat stets in seiner Heimath Kämpfe zu überstehen! ? desto mehr Frieden ist in meinem Hause, ich bin ein glücklicher Mann und, so Gott will, bald ein glücklicher Vater. Wenn's draußen stürmt und die Kerls mich oft abgehetzt haben, dann schüttle ich mich derb vor meiner Hausthür und trete in den Kreis, der mich Alles vergessen heißt, mir Alles ertragen hilft. Wie sehr freut es mich, auch Sie so glücklich preisen zu können. Grüßen Sie mir doch ja ihr trautes Hausfrauchen! Wenn Ihnen mein Geschreibsel etwas rhapsodisch vorkommt, so wundern Sie sich nicht, denn ich habe Ihnen eigentlich so viel zu sagen, daß ich darüber zu nichts Ordentlichem komme: das deutsche Unwesen, Treiben und Vertreiben kann Einen in's Wirrige jagen. ? Lassen Sie hübsch den nächsten Sommer den Freundes-Bringer seyn. Es ist doch ein ander Ding um ein[322] ordentliches Gespräch, als die Gänsekiel-Dolmetschung, auch wenn man sie nicht mit der wieder sehr gebräuchlichen diplomatischen Watte erstickt. ? Alles gegrüßt von alten Bekannten und Freunden, besonders den braven Lemm, und zürnen Sie nicht zu sehr Ihrem herzlich ergebenen alten Freund Dresden, am 14. Dez. 1818. C.M.v. Weber.« Hingewiesen sei auf ein paar Äußerungen dieses Briefes, des Verständnisses wegen. ? Mit dem Namensvetter ist der Kapellmeister Bernhard Anselm Weber gemeint, doch weiß ich das An- und Bezügliche nicht genau zu erklären. Leitend aber kann sein, daß ich in meinem Bericht über die erste Darstellung des »Freischütz« (Gesellschafter 1821. Blätter 105 und 106) zu erwähnen hatte: »Wir freuen uns, daß der Graf Brühl schon vor mehreren Jahren einen ? damals leider nicht gelingenden ? Versuch machte, diesen, für unser Kunstleben so ganz geeigneten Komponisten, den Berlinern zu gewinnen. Mag dieser Versuch Hindernisse gefunden haben, der Wille schon bezeugt die richtige Umsicht und verdient herzlichen Dank.« ? Was in dem mitgeteilten Briefe über Friedrich Kind gesagt ist, betrifft dessen Idyll: »Der Abend am Waldbrunnen«, nachdem es am 25. September 1818 auf die Berliner Bühne kam bei lärmendster Abwehr für immer. Gern berühre ich dabei das Tatsächliche nur nebenher, fühle mich aber nach dem »Gesellschafter«, Jahrgang für 1818, Blätter 157 und 185, noch jetzt hinsichtlich meines Berichts und der dann herausgeforderten Entgegnung in Recht und Maß, ohne daß dies meine Achtung für den Dichter Friedrich Kind schwächt.[323] Schon im Jahre 1815 reizte mich Weber an, einen Operntext zu schreiben, wozu ich in mir keine Neigung hatte. Am 28. März benannten Jahres äußerte er in einem Briefe aus Prag: »Ich fühle eine erschreckliche Wut in mir, über eine Oper herzufallen, und ich bitte dringendst, mir bald etwas zu schicken.« Ich zagte und zögerte, weil ich mir nicht ausreichende Unterwürfigkeit für die Anforderungen selbst eines befreundeten Opernkomponisten zutraute. Bei nachfolgenden Gesprächen begriffen wir auch, daß unsere Ansichten über solch ein Bühnenwerk nicht die gleichen waren, obwohl nicht zu leugnen ist, daß ein Operntext der Art sein muß, um den Komponisten zum eigentlichen Dichter werden zu lassen. Weber beredete mich aber ausdauernd, bis ich eine »Märchenoper« schrieb, betitelt »König Alfred«, diesen Stoff wählend, weil dabei Geschichte und Sage ineinanderfließen. Die Vollendung dieses Versuchs hatte sich hingezogen bis anfangs 1825, und ich besitze davon nur zwei Akte; der dritte Akt ging verloren, indem ich dem Freunde zur Prüfung meine eigene Handschrift schickte, und nicht weiß, wo sie nach seinem, am 6. Juni 1826 in London erfolgten Tode geblieben ist. ? Verhehlen will ich jedoch nicht, daß Weber auf viele Schwierigkeiten für den Tondichter hinzeigte, und vorherrschend eiferte sein hartnäckiger Widerspruch gegen eine Ouvertüre mit den, für den Zweck meines Grundgedankens zur Einleitung nötigen Chören der Engländer und Normannen. Endlich trat er einmal erhitzt und hastig in mein Arbeitsstübchen mit dem Zuruf: »Nichts geändert! wie sie ist hab' ich nun die Ouvertüre in meinem Kopf: sie muß zuerst heraus und gleich!« ? Weiteres konnte ich darüber nie erkunden, und wende mich wieder zur frühern Zeit.[324] Im Jahre 1820 und in erster Hälfte 1821 bemühten sich Weber und seine Freunde angelegentlichst um eine feste Stellung für ihn am Königlichen Theater Berlins; der Generalintendant Graf Brühl war damit einverstanden, starrer Gegner aber blieb der Generalmusikdirektor Spontini, der sich für seine Amtsstellung Unbeschränktheit verschafft hatte. Nachdem jedoch Weber sich bereit erklärte, als zweiter Kapellmeister unter Spontini zu stehen, war über die Berufung schon kein Zweifel mehr, wenn der angekündigte »Freischütz« gefiel. Der entscheidende, sehnlichst erwartete Abend blieb nicht aus, und ? geringer Anlaß ward zum Behelf eines widerwärtigen Schicksals. Am 18. Juni 1821, am Jahrestage des Sieges von Belle-Alliance, kam im Königlichen Schauspielhause Berlins zum erstenmal die Oper: »Der Freischütz« auf die Bühne, unter Webers Leitung. Die Dichtung von Friedrich Kind ist, mag man auch Mängel nicht ableugnen, eine vortreffliche aus der Wahnwelt, die als Gebilde des Volksglaubens das beste Gebiet ist für Sang und Klang: denn im Wesen des Wirklichen kann uns die Oper nur Abweichung vom Wahren sein. Die Aufnahme des »Freischütz« war ein vom vollsten Entzücken erfülltes Anerkennen, alle Zuhörer fühlten sich davon durchdrungen, daß sie für ein höchst gelungenes, echt deutschgemütliches Werk zu danken hatten; es wäre der glückseligste Abend für Weber gewesen, wenn nicht ein vorwitzig unbesonnener Freund zum Störenfried wurde. Am Schluß der Darstellung, während des Jubels, der nicht enden wollte, der immer wieder nach dem Meister rief, flogen von hier und dort in Menge Blätter hernieder mit Versen, die neben dem Lobpreisen [325] Webers sehr derbe Ausfälle gegen Spontini enthielten. Nun verwandelte sich plötzlich die Wonne des Gefeierten in Weh und Trauer, da er, wie jeder, dem die Verhältnisse und die Macht Spontinis bekannt waren, sich sagen mußte: nun ist die seit lange gewünschte Einheimung in Berlin nicht mehr zu hoffen. ? Nach der Vorstellung des »Freischütz« wollten Webers Freunde ihm ein Fest bereiten; wir versammelten uns in dem vorzüglichsten Gasthofe Berlins, Weber und seine Gattin hatten wir als Ehrengäste geladen. Es herrschte aber nach der dem Paare entgegenschallenden, von dem unangenehmen Ereignis auch schon gedämpften Begrüßung eine schauerlich düstere Stimmung, und der nun in seinem Lieblingsplan für die Folgezeit verarmte Meister, sichtbar selber tiefinnerst bedrückt, gab sich alle Mühe, unaufhaltsame Tränen seiner Frau, die mit überströmendster Freudigkeit an ein Zukunftsleben in Preußens Hauptstadt schon fest geglaubt hatte, zu stillen. So saßen wir denn alle beklommen bei Tische, jeder Anschlag, die Unterhaltung zu beleben, mißlang, und die Sänger, willens, nur Lieder Weberscher Komposition vorzutragen, wurden scheu. Da kamen Rungenhagen (nachmals Direktor der »Singakademie«) und Professor Lichtenstein zu mir, mich heimlich fragend: ob es mir nicht möglich sey, durch ein paar Gelegenheitsverse den finstern Geist um uns her verscheuchen zu helfen. »Er liegt auf mir wie auf euch, ich will's aber versuchen!« antwortete ich, und ging in ein Nebenzimmer, wo ich, mit Hindeutungen auf den »Freischütz«, das hier Folgende schrieb:[326] »An Carl Maria von Weber. Ei, du immer wack'rer Schütze, Hast den neuen Schuß getan! Und der Preis ist fest're Stütze Auf der schwanken Künstlerbahn. Denn kein Freischuß ist's geworden, Nicht ein Knall ins Blau hinein, Um die edle Kunst zu morden: Künstlers Ziel muß sicher sein. ?Sechse treffen, sieben äffen!? Doch du lachst der bösen Zahl, Fehlen mögen Hinz und Steffen, Du triffst richtig jedesmal; Und du treibest nicht pedantisch Mit den eitlen Namen Scherz, Sei's ?heroisch?, sei's ?romantisch?, Hier gilt's eines nur: das Herz! Wirfst du nieder krit'schen Spott, Nirgend fasset dich der Teufel, Denn ihm wehrt dein inn'rer Gott. Hätt' auch Groll, das Modelaster, Schon die Federn eingetunkt: Lust ist's, bringen Kritikaster Manchen falschen Kontrapunkt. Des Apollo Beistand sicher, Feierst du auch en avance ? So wie einst der alte Blücher ? Heut den Tag von Bell-Alliance. Und nun laß dich nimmer äffen, Nie sei dir der Mut geraubt: Kannst du öfter noch so treffen, Sinkt der Lorbeer auf dein Haupt.« Rungenhagen hatte mich im Versmaß geleitet zu einer Melodie, die sich dem Vorhaben, nur Kompositionen[327] des Gefeierten zu singen, aneignen ließ. Mein Stegreiflied wurde von einem ausgezeichnet Stimmbegabten nach Weberschen Noten gesungen, und dies Zwischenspiel wirkte über Verdienst so günstig, daß es war, als sei ein Alp von der Gesellschaft abgefallen, und die eingekehrte Heiterkeit erhielt sich bis lange nach Mitternacht. ? Zu den Gästen gehörte auch Hellwig, Regisseur des Dresdner Hoftheaters; er schrieb jene Verse hastig in die Brieftasche, und bald erschienen sie in der »Abendzeitung«. Sie waren jedoch nur flüchtig etwas nützend, denn von der Hoffnung Webers und seiner Freunde, ihn in Berlin zu haben, mußte man sich völligst trennen. Die Erfüllung war so nahe, nun aber verjagt durch eine gut gemeinte und übel ausgeführte Verherrlichung für Weber, dem ein Erniedrigen Spontinis unter allen Umständen zuwider sein mußte, auch wenn es nicht, wie es jetzt geschehen, seinem innigsten Wunsch zum unüberwindlichen Hindernis wurde. ? Es wird im April 1826 gewesen sein, als ich Weber zum letztenmal sah. Auf der Reise nach London, um dort seine Oper »Oberon« in Szene zu setzen, kam er für einen Tag nach Berlin; wir trafen uns bei einem Mittagsmahl, das die Eltern Meyerbeers veranstaltet und die nächsten Freunde um ihn versammelt hatten. Sein Anblick, die offenbarsten Zeichen seines höchst gesteigerten Krankheitszustandes ? er litt an Hals und Brust ? erschütterten mich schon. Als er dann von seinem Leiden sprach, ich ihn darüber beruhigen wollte, entgegnete er mir: »Lieber Freund, ich erwerbe in London ein gut Stück Geld, das bin ich meiner Familie schuldig; aber ich weiß, ich gehe nach London, um dort zu krepieren!« Ich kann es nicht umgehen, seine eigenen Worte[328] zu gebrauchen; aber mit welchem schmerzlichen Entsetzen sie mich durchzogen, kann jeder sich denken. Was ich erwiderte, ist meinem Gedächtnis entschwunden, die Festigkeit des Ausdrucks in seiner Rede hatte mich erschreckend überstürzt. Bebend schritt ich im Saale neben ihm hin und her, tröstete mich erst in späteren Stunden, nachdem sich Weber geistig und scherzend belebt hatte, ich nun meinte: jener Ausspruch sei Schwarzseherei vorübergehender Mißstimmung gewesen. Daß er aber mit der grabesdüstern Ahnung im richtigen war, erwies sich bald: in London schickte ihm Gott plötzlich einen milden Tod. Das frühe Hinscheiden Webers hat in weitem Umfange tief schmerzlich berührt, und daß ich nicht glauben konnte, wir würden ihn zu betrauern haben, ehe er vierzig Jahr alt war, bezeugt sein letzter Brief an mich, der, fünfzehn Monate vor seinem Tode, nicht die geringste Andeutung von Krankheit, eher volle Lebensfrische bescheinigt, was der hier sich anschließende Abdruck des Briefes bestätigen wird. »Ja wohl eine Ewigkeit ist es, mein sehr lieber Freund, daß wir uns nicht geschrieben haben. Wie das so armen geplagten Geschäftswesen eben geht! Trotz Lust und Willen kommt man nicht dazu, ohne bestimmtes Muß mit seinen Freunden zu plaudern. Da Dresden immer der erste Ausflug der Berliner ist, so hoffte ich stets, die freundlichen Elbufer sollten auch Sie mit dem holden Weibchen hierher locken; aber da sitzt Er und dichtet, und ordnet, und schreibt, und schnitzt, und schweigt. Lassen Sie sich doch einmal verführen! Wollen's Ihnen so heiter als möglich hier machen. Diesen Sommer finden Sie mich gewiß, da meine englische Expedition erst gegen den Winter vor sich gehen kann. Ich wäre[329] gern auch einmal wieder zu Euch gerutscht, so lange aber der Y-Ritter da haust, kann ich nicht; ich möchte nicht gern den Componisten der ?Vestalin? ignoriren, mit Herrn Spontini kann ich aber nichts zu schaffen haben, und da ist's besser, man bleibt weg. Hier zum Eintragen die verlangten Akte des Alfred.1 Bald, mein theurer Freund, wird man keine Oper mehr für Deutschland schreiben können, und zwar wahrlich nicht des so sehr empfänglichen und lohnenden Publikums willen; aber die Directionen und der privilegirte Diebstahl ?! Es wäre gewiß unterhaltend zu lesen, wenn ich meine gemachten Erfahrungen in diesem Punkt einmal der Welt erzählen wollte: man würde glauben, ich hätte mich in's Fach der Mährchen-Erzähler geworfen. ? ? Herzliche Grüße von Frau an Frau und meine an Frau und Mann. Gott erhalte Euch und die Euren gesund, und behaltet ein bischen lieb den alten treu ergebenen Freund Weber.« Dresden, d. 27. Februar 1825. Keineswegs zu verargen ist es unserm deutschen Tondichter, daß er hinsichtlich der Umgangsverhältnisse nur Abneigung hegte für den »Ypsilonsritter« Spontini; denn jener hatte es mit einem steten Gegner zu tun. Er wollte auch die Oper »Euryanthe« abweisen, nur durch Kämpfe konnte Graf Brühl die Annahme bewirken, aber erst, als diese Oper, mit Hilfe der Dichterin, Helmine v. Chezy, einen Zufluchtsort in Wien gefunden hatte. Der Widerstand Spontinis blieb sogar nach dem Tode Webers noch so beharrlich, daß dessen Familie die Rechte zur Benutzung der Oper[330] »Oberon« dem »Königstädtischen Theater« für 800 Taler mit der Verpflichtung einer »Tantieme« an die Erben überließ, Brühl nun diese Rechte vom benannten Theater mit dessen Entschädigung ablösen mußte. Carl Maria v. Weber, ein Märtyrer deutscher Zustände, ruhe in Frieden! Mir war er ein echter Freund, das sind zwei gewichtige, nicht oft anwendbare Worte. Bei reichem Gemüt und traulicher Herzlichkeit hatte er eine Fülle von Stoff in sich zu geistiger Unterhaltung, hatte Gesinnung, durchweg redlich: frisch und frei ließ sich mit ihm umgehen. ? Jetzt wird man ihn in seinem Geburtslande, wo es ihm nicht gegönnt war, seine Seelenkräfte völlig zu erweisen, jetzt wird man ihn weiter verbreitet lieb und wert halten, überall, wo kunstsinnige Empfindung heimisch ist. Amazon.de Widgets Erst da ich dies schrieb, hat die erforderliche Umsicht mir gezeigt, daß Weber mehr, als ich wußte, von meinen Gefühlsgaben komponierte; ich zählte außer den Liedern zu dem Schauspiel »Bei Leipzig« noch zehen, habe also dem Freunde nachträglich dafür zu danken, was hier aus vollstem Gemütsdrange geschieht mit der Hoffnung: »Auf Wiedersehen!« Meine Erinnerungen an Carl Maria v. Weber verbinden sich mit denen an Helmine v. Chezy, die jener in meinem Familienkreise kennen lernte, und sie aufforderte, ihre Erzählung »Euryanthe« (1823 im Verlag der Vreinsbuchhandlung erschienen) zu einem Operngedicht umzuschaffen, wie es dann geschah, nachdem sie schon seit dem Jahre 1811 mit einer solchen Verwandlung dieses Stoffes sich beschäftigt hatte. In seltsamer Weise kam ich in nähere Verbindung mit ihr, die, vom frühsten Bewußtsein an verkehrt freiheitswahnlich ge?[331] leitet, bei schätzenswertem Verstande unter herzlicher Zutulichkeit mit bestem Willen meist auf irrigem Wege, demnach auch stets fern war von innerem Frieden. Sie selbst sagt in mir überlassenen Mitteilungen aus ihren Jugendtagen: »Es gibt zwei Arten der Zuversicht, davon die eine Eitelkeit erzeugt, die andere sich auf das Bewußtsein inneren Reichtums und aller aus den Stürmen und Schiffbrüchen des Lebens geretteten und in ihnen bewährten echten Güter begründet. Wehe dem, der wie ich haltlos bleibt, nachdem die erste, chimärische Stütze, geknickt von der Erfahrung, im Staube liegt, und nicht Mut und Kraft hat, sich eine wirkliche aufzubauen. Ich darf es zu meiner Entschuldigung sagen, daß diese Eigenliebe und Eitelkeit erst von außen in mich hineingekommen, und daß der Keim davon in meiner Kindheit durch unvorsichtige Äußerungen in mir geweckt wurde; indes kann ich nicht beurteilen, ob ich nicht in so manchem schönen Beispiel und aus mir selbst die Kraft hätte schöpfen sollen, sie zu besiegen.« Von solcher Kraft, Zustände oder auch nur Stimmungen zu überwinden, ließ sich bei Helmine v. Chezy wenig spüren, eher begreifen, wie es sich eingefunden habe, daß eine Vermählte in ihrem siebenundzwanzigsten Daseinsjahre vom ersten Manne geschieden war, und vom zweiten weitab getrennt lebte. Dennoch hatte man sie zu bedauern wegen ihres Mangels an Selbstbeherrschung, wie ich dies, nach einer durch sie bewirkten, bereits seltsam genannten Näherung, mehrmals empfinden mußte. Schon im ersten Bande dieser Aufzeichnungen ist erwähnt, daß ich auch noch als Gatte, für die schriftstellerischen Abendarbeiten, einstweilen mein Räumchen in einem Hause dicht am Tiergarten beibehielt, und[332] Frau v. Chezy bewohnte mit ihren beiden Kinderchen als Nebenmieterin ein Zimmer im Hause gegenüber. An einem Januarabend des Jahres 1817 sandte sie mir dringendst die Bitte, daß ich zu ihr kommen möge. Bis dahin hatte ich sie nur ein paarmal gesehen bei Besuchen, die ich von ihr empfing nach ihrer Ankunft in Berlin; die Schicklichkeit gebot aber jedenfalls, einer Frauenbitte gehorsam zu sein, und was fand ich? ? eine Verzweifelnde! Es war ihr Geburtstag, und ihn hatte sie benutzt, sich mit Vorwürfen über ihre Vergangenheit so zu martern, daß sie, in Tränen aufgelöst, mir entgegen rief: »Retten Sie mich aus meiner Hoffnungswüste!« Und nun überstürzten sich die Selbstanklagen dermaßen, daß ich anfangs gar nicht zur Rede kam, auch nicht sogleich wußte, wie hier anzufangen sei. Ihre schrankenlose Aufregung ermattete allmählich, und ich sagte nun: »Die überreizte Dichterin, Frau Helmine v. Chezy, scheint mich als ihren Beichtvater zu betrachten; ich kann Ihnen aber weder eine Büßung zuteilen, noch Sie freisprechen: dies vermag nur die Zukunft, und im Verständnis mit ihr geschieht es gewiß, wenn sich Ihre jetzige überspannte Einsicht mit besonnener Vorsicht waffnet.« Das Gespräch wandte sich nun zu mancherlei Einzelheiten, und es ergab sich Gelegenheit, ihr zu entwickeln, daß sie im Ausschweifen des Sinnens und der Gefühle sich abmatte, und dies auch in ihren Geständnissen nicht verleugnet habe. Es währte jedoch lange, ehe ich den Scherzton zu Hilfe nehmen durfte; dann aber brachte ich Frau v. Chezy aus dem Weinen zum Lachen, wonach ich endlich versicherte: ich stände zur Verwandlung ihrer etwas arg unbegrenzten Mißhelligkeit zu klarem Betrachten weiter zu Dienst,[333] wenn sie für solchen Zweck sich vertrauend mir zuwende. Das tat sie auch, und da sie nicht im Reichtum, auch nicht sonderlich sparsam, mithin zuweilen in Nöten war, fand ich ihr einen Weg zu schriftstellerischem Erwerbe. ? Jener leidenschaftliche Sturm und seine Beschwichtigung hatte sich aber bis nahe zur Mitternacht hingezogen, nach Glückwünschen zu angenehmeren Geburtstagen haftete ich dann hungrig und durstig mich heim zu meiner liebenswerten jungen Frau, die infolge meiner verspäteten Einkehr voller Beängstigung war. Wie gemütlich aber seitdem Frau v. Chezy für mich gesinnt wurde, dies offenbarte sie deutlich wenige Wochen nachher an meinem Geburtstage, nur im Familienkreise sparsam gefeiert: denn zu Festmahlen fehlten Mittel und Neigung. Als es schon dunkelte, war jedoch eine Kunde vom einstigen Beginn meines irdischen Lebens zu Helminen gedrungen, auch wir waren bei unserer Hausmannskost schon bis zum Nachtisch vorgerückt, da klingelte noch eifrigst ein Bote, und brachte ein sichtlich eilfertigst beschriebenes, mit geschwinden Verbesserungen durchwebtes, mir aufbewahrtes Gedicht. Beabsichtigte irgend jemand, das Einordnen dieser Tatsache als Ausfluß von Eitelkeit anzurechnen, ist darauf hinzuzeigen, daß die Verfasserin selbst ihr Erzeugnis Dichtung genannt hat. Jetzt soll es nur erinnern helfen an jene, ihren Bildungsgang beherrschende Vorzeit, die sich noch mit Martin Millers »Siegwart« und Goethes »Werther« in Zerfahrenheit schwärmte, weil man das Herz im Überschwang von der Mitwirkung des Kopfes befreien wollte, was nur Ruhelosigkeit befördert. Dazu war Frau v. Chezy seit ihrer Kindheit verführt durch die zweimal geschiedene Großmutter[334] Anna Luise Karsch (nach sonstiger Gebräuchlichkeit in Karschin verwandelt), dann von der Mutter, Karoline Luise, geborneKarsch, nach erster Ehe vermählte Freiin v. Klencke, die, auch zweimal geschieden, mit dem nun spukenden Adelsgelüst ihre Tochter Helmine in Unheil jagte, in das erste, rasch geschiedene, und in das zweite, bald nur in Trennung bestehende Ehebündnis. Seltsam kann es sein, daß die Großmutter auf ihre Tochter und ihre Enkelin die Gabe der Dichterei vererbte, aber ? ohne hier deren Leicht- oder Tiefhaltiges zu wägen ? eben deshalb wird es minder seltsam, daß alle drei Frauen Mangel hatten an Eigenschaften, die das Eheband vor dem Zerreißen schützen. In der Karsch in war weder weibliches noch hauswirtschaftliches Wesen; was sie nicht hatte, konnte sie nicht geben, und ihre Nachkommenschaft wußte es nicht zu erwerben. ? Die Mutter der Helmine v. Chezy ist mir persönlich unsichtbar geblieben, nur das Berliner Gerede über sie habe ich noch gehört; ich gedenke eben nur der Tochter etwas umständlicher, und bezeichne sie kurzweg als »burschikos«; sie ähnelte diesem Ausdruck auch insofern, als er halb deutsch-, halb fremdsprachig ist: denn ihr Gesamtes hatte nächst deutschderber Vorlautigkeit den leichtfertigen französischen Anstrich. Ein wenig ihr Behaben zu schildern, wende ich die Zurückschau wieder auf die Sendung für meinen Geburtstag. Wir junges Ehepaar meinten, jene Verse enthielten ein Etwas von Andeutung, daß Helmine Gastfreundschaft wünsche. Sie wurde zu einem Abend in unsere Häuslichkeit eingeladen, kam, hatte beide Kinder bei sich, verweilte bis über Zwölf, und bat dann, sie zu beherbergen, da sie[335] jetzt unmöglich allein mit »ihren Bübchen« nach der Wohnung im Tiergarten gehen, auch nicht zulassen könne, daß ich sie ? wie ich wollte ? in der Winternacht dorthin begleite. In Hinsicht auf die Schlafstätte äußerte sie bescheidene Ansprüche, und es war keine andere Aushilfe: in unsrer sogenannten Putzstube mußte auf der Diele ein Schlaflager bereitet das dazu Erforderliche in unsrer nicht mit Überfluß begabten Einrichtung zusammengeholt werden. Am Morgen und Mittag hatten wir die Beherbergten als Gäste, die sich dann gegen Abend verabschiedeten. Nur noch einmal tummelte sich in unsrer Wohnung gleiche Verstörung, denn noch in erster Hälfte des Jahres 1817 zog die, eigentlich nirgends heimisch gewordene Frau nach Dresden, um dort bequemer über die »Curvanthe« mit Carl Maria v. Weber einig zu werden. ? Jedenfalls ist es bedauernswert, daß Helmine v. Chezy von der Kindheit an in Unweibliches und Wirriges getrieben war, denn all ihr Abenteuerliches ließ sich vergessen bei ihrer Gutmütigkeit und Beeiferung für Menschenwohl. Unzweifelhaft sind aber die Großmutter, deren Tochter und Enkelin geeignet, um dem schönen Geschlecht warnend zu beweisen, daß eine zu weite Verirrung in Schriftstellerei, oder in mancherlei Manneswerk, der Liebenswürdigkeit sehr gefährlich ist. Um im Aufzeichnen meiner Erlebnisse mit dem »Den von Weißenfels« mich völlig abzufinden, muß ich noch einer Frau gedenken, die auch durch ihn zu dulden hatte, und daran erinnern, es werde schon im Anbeginn bei den Mitteilungen über Müllner aus einem seiner Briefe erfaßlich, er habe Groll gehegt gegen Therese Huber, die damals bei der Redaktion des »Morgenblatt«[336] tätig war. Daß ihn die würdige Frau ? von Goethe »die treue und in vieler Hinsicht schätzenswerte Gattin Hubers« genannt ? richtig beurteilte, ohne die Wertseite seines scharfen, leider vom Dünkelstolz verwickelt durchbitterten und durchätzten Verstandes abzuleugnen, werden Briefe von ihr bezeugen. Die inhaltreiche Lebensgeschichte der Therese Huber sei hier nicht in Länge gezogen, es genügen wenige Andeutungen, um ihre, durch Wissen und Erfahrung erwiesene Berufstätigkeit zu schriftstellerischem Einwirken glaubhaft zu finden. Sie war die Tochter des umfangsweit gelehrten und mannhaft trefflichen Gottlob Heyne in Göttingen, hatte im Elternhause, wo Herder, beide Stolberg, Bürger, Voß, Boje, Dohm, Brandes und noch mehrere geistig Ausgezeichnete sich gesellig zusammenfanden, mannigfache sinntiefe Eindrücke empfangen. Zweimal verheiratet an Namhafte, Georg Forster und Ludwig Ferdinand Huber, wurde sie mit schweren Schicksalen vertraut, und mußte sich zuletzt völlig durch eigene Kraft, durch umsichtiges Bestreben vor der äußersten Not retten. Das hat sie getan nach dem Tode ihres zweiten Gatten in den Jahren 1805 bis zu ihrem Lebensende. Mit Therese Huber nie persönlich bekannt geworden, schickte ich ihr, in Achtung ihrer mutvollen Selbsthilfe gegen mannigfache Bedrängnisse, auch neben der Sorge für den »Gesellschafter« noch zuweilen Beiträgliches zum »Morgenblatt« bis zum Jahr 1823. ? Ihre Ansicht über den »Den von Weißenfels« blieb dauernd unverändert, und das Übersinnliche in uns könnte davon angeheimelt werden, daß beide im Juni Monat[337] 1829 starben, Therese Huber vierzehn Tage später als Müllner: doch hatte sie das Glück, schon fast vier Jahre vorher von ihm befreit zu sein. Vor meinen zur Vergangenheit bis in das Jahr 1817 hingewendeten Blicken steht nun ein durch Geist, Verschrobenheit und Selbstverwüstung ausgezeichneter Dichter, Christian Grabbe. Er schrieb am 22. Dezember 1827 aus Detmold unter anderem: »Vielleicht erinnern Sie sich meiner noch aus früherer Zeit, wo ich durch ein Drama, namens Gothland, und durch Heinrich Heine und Köchy bei Ihnen introduziert wurde. Dieser Gothland und mehrere andere Stücke sind nun gedruckt, und hoffe ich, daß Sie in Ihrem gediegenen ?Gesellschafter? eine Erwähnung darüber ergehen lassen werden. Diese Erwähnung falle aus wie sie wolle, ich werde mich schon an sich dadurch geehrt fühlen.« Bezüglich ist dies auf die zwei Bände »Dramatische Dichtungen« von Grabbe, und rasch veröffentlicht wurde eine umständliche Beurteilung (»Gesellschafter« 1827. Bl. 205), eingeleitet mit folgendem: »Eine neue, roh-prachtvolle, ungebändigte, ungeregelte, von Kraft übersprudelnde, an den alltäglichsten Schwächen leidende, mit dem Scheitel den Himmel berührende und mit den Füßen den gemeinsten Schlamm aufrührende, auf jeden Fall aber, bei aller ihrer vorläufigen Unanwendbarkeit, bereits die, heutigen Tages so laut zwitschernde und gackernde poetische Brut adlergleich überflügelnde Natur zeigt sich in den ?Dramatischen Dichtungen? des bisher ganz unbekannten, plötzlich unter unsern jungen Dramatikern auftauchenden Hrn. Grabbe.« ? Von seinem Talent, wenn es sich[338] läutere, wird am Schluß dieser Beurteilung Großes erwartet. Am 7. März 1828 erhielt ich in einem mannigfaches berührenden Briefe von Grabbe die Benachrichtigung: »Auf Mittensommer hoffe ich die Tragödie ?Don Juan und Faust? in fünf Acten zu vollenden; sie ist der Schlußstein meines bisherigen Ideenkreises, und wird (Dank für Ihren Rath!) gleich allen meinen künftigen Werken bühnenrecht. Dann binde ich mich an die Geschichte, und zwar an das Studium und die Begeisterung meines Lebens, an den deutschen Dramen-Cyclus ?Die Hohenstaufen?. Wie ein mächtiges Alpengebirge steht dieses Werk im fernen Blumenduft vor meinem Geiste, und zieht mich wunderbar an mit seinen Felsenhöhen.« Die Tragödie »Don Juan und Faust« ließ den Wärmegrad in den aufjauchzenden Erwartungen schon sehr sinken; der lange Bericht darüber (»Gesellschafter« 1829. Bl. 78) beginnt mit der offenbarten Einsicht: »Man soll nichts übertreiben in der Welt, auch die Anerkennung des Guten nicht; ? eine Regel, an sich selbst klug und vernünftig, und in Rücksicht auf die besondere Beschaffenheit menschlicher Natur ? sollte man meinen ? leicht zu befolgen. Indessen trifft es sich doch, daß das Herz mit dem Kopfe, oder der Kopf mit dem Herzen davon rennt, und so etwas mochte der Fall gewesen sein, als wir (1827) nach Durchlesung der ?romantischen Dichtungen? (?) uns der freudigen Hoffnung überließen, Hr. Grabbe möchte dereinst einer der glänzendsten Sterne werden an unserm so lichtarm gewordenen dramatischen Himmel.« ? Es ist ihm gelungen,[339] uns einige kritische Schamröte in die Wangen zu treiben über unser Vergessen der nötigen Behutsamkeit beim ersten Auftreten literarischer Neulinge ? eine Behutsamkeit, die der zeitgemäßen Kritik wohl ansteht. Nach umfassend prüfender Betrachtung der Tragödie »Kaiser Friedrich Barbarossa« ist dann etwas über ein Jahr später schließlich zu lesen: »Hr. Grabbe wird entweder leicht fertig mit großen Stoffen, oder er behandelt große Stoffe leichtfertig. ? Wir sehen die Hauptpersonen nicht tätig in ihrer Zeit und von ihren Stürmen ergriffen, sie treten reflektierend auf und reden über sich, ihre Verhältnisse und die Zukunft, wie es allenfalls ein Historiker kann, der tausend Jahre später lebt. Sie sprechen im Charakter des Dichters, statt daß der Dichter in den Charakteren seines Drama sprechen sollte, urteilen so vernünftig über ihren Wert, ihre Stellung und Zeit ? ? warum nimmt sich der Dichter nicht ein Beispiel an seinen eigenen Geschöpfen?« (»Gesellschafter« 1830. Bl. 80). In jenem richtigen Hinweisen war derzeitig auch ein schöner Anhauch zu spüren von dem Rat, Grabbe möge prüfend in sich gehen. Denn während jener Zeit vom Jahre 1822, von dort an, als Grabbe sich mir durch Vermittlung von Heinrich Heine und Karl Köchy nahte, wurde sein überströmend glutdichterischer Geist leider fortdauernd vertrauter mit der Trunksucht. Dies Unheil und dessen Einwirken berührt er selbst wie unbewußt in brieflichen Andeutungen, zum Beispiel: »Ich bin Auditeur, Advokat, Dichter, habe in allen drei Sachen viel zu thun, lebe aber doch gern wüst und träge; dabei die unruhige Natur, die mich keine zwei Stunden schlafen läßt.« ? »Ich habe gestern den Wagen[340] zerschmettert, die Pferde fast zermalmt, und liege heute krank!« ? Solches Geständnis, und doch kein Herausretten, keine Erhebung aus grauenhaftem Abgrund! ? Fast unglaublich scheint es, daß ein Mensch, so voll von bedeutsamer Fähigkeit, so leer sein konnte an Macht, sich zu beherrschen, um nun Knecht zu werden einer so schimpflich niedrigen Leidenschaft! ? Ich mag dies Jammerbild in seinen Ausschweifungen nicht bis zur Vollständigkeit leibhaft schildern, bemerke nur noch, daß ich ein paarmal von dem Schreckensanblick und den Folgen dieser, den Manneswert selbstmörderisch entwürdigenden Trunkwut erschüttert worden bin. ? Nachdem dann Grabbe, ursprünglich begabt mit kräftiger Körperlichkeit, gestorben war, noch nicht fünfunddreißig Jahr alt, hatte ich gegen sehr haltungsloses Zeitschriftgeschwätz in meinem Bericht zu äußern: »Die Zeitschriften füllen sich mit Klagen darüber, daß ein so genialer Dramendichter bei dem jetzigen Zustande der deutschen Bühne notwendig mit sich und der Welt zerfallen mußte, und demnach nur in trauriger Weise habe enden können. Nun ist es zwar nicht möglich, die Theaterverwaltungen Deutschlands durchweg in Schutz zu nehmen, denn es gibt erstens deren manche, die für Originalwerke entweder gar keine, oder nur eine höchst kümmerliche Summe auf dem Jahresetat haben, und zweitens weisen die meisten alles zurück, was nicht den gewöhnlichen Effektzuschnitt hat. So kommt dann selten einmal ein Stück zur Aufführung, das vermöge seiner Originalität sich nicht dermaßen handhaben läßt, um nach raschem Auswendiglernen die Schauspieler in höchstens drei, oft nachlässigen Proben so weit eingeschult[341] zu wissen, daß sie im Vertrauen auf ihre Routine vor dem Publikum erscheinen dürfen. Andernteils gibt es aber doch Ausnahmen, wie wenige es sein mögen, und wenn auch die für die Originalität nachgiebigen Bühnendirektionen die Grabbeschen Dramen nicht anfassen wollten, läßt sich ihr gerechtes Bedenken dabei nicht wegleugnen. Hat doch selbst Immermann, der für Grabbe, wie es scheint, sich in den letzten Jahren interessierte, in Düsseldorf bisher noch keines von seinen Dramen auf die Bühne gebracht, und wir kennen auch keines derselben, das nicht große Schwierigkeiten bietet, bedeutende Umänderungen notwendig macht, und auch dann noch nur einen zweifelhaften Erfolg erwarten läßt. Zur Bühnenverwaltung gehören Erfahrungen, welche jugendliche Brauseköpfe, wenn sie ein Gedicht lesen, das ihren unbegrenzten, überhaupt aber unbestimmten Ansichten zusagt, kaum ahnen, an die sie noch viel weniger glauben können, vielleicht auch nicht mögen, weil ihnen mehr daran liegt, ihren pikanten Ton beizubehalten, als sich, eines Besseren belehrt, zur Ruhe zu bringen. Dergleichen Ansichten sind es aber, welche die zum dramatischen Gedicht wahrhaft berufenen Talente für die Bühne doch zuweilen ganz unergiebig machen. Grabbe trat mit seinem ?Herzog von Gothland? auf. Er brachte das Manuskript Vielen, bracht' es auch dem Verfasser dieser Zeilen. Wer das Ausgezeichnete der Dichtung nicht erkannt hätte, dem dürfte man Sinn für Genialität absprechen, und doch, zur Aufführung war nicht zu raten. Obwohl poetische Ausbrüche in Fülle vorhanden, fehlt dem Stück den noch alles, um es selbst einem besseren Publikum zu gehörigem Verständnis zu bringen; es kann da zwischen Dichtung und Zuhörern keine Erwärmung[342] gedeihen, denn fühlen diese in dem einen Moment sich erhoben, in dem nächsten werden sie herabgestürzt aus ihrem Entzücken, und abwärts wendet sich der sittlich durchgebildete Sinn, der bei dem Willen gänzlicher, gläubiger Hingebung sich mit einem geistigen Taumel abfinden müßte. Grabbes Produktionen entstanden aus der Genialität und dem Gemeinen; er hätte dieses überwinden, jene reinigen können, wenn seine Freunde ehrlich mit ihm umgingen, oder ehrlich mit ihm umzugehen verstanden hätten. Statt ihm den Weg zu zeigen, wie er sich in die Eintracht mit seiner Zeit hätte hineinleben können, priesen und bedauerten sie ihn, wie er eben mit seinen Gaben so ganz und gar keine zutuliche Gegenwart treffe, und Grabbe, anfangs fast bewußtlos in seiner rohen Genialität, ward sich ihrer bewußt, ohne die Roheit von sich zu tun, ohne seine kindlichen und kindischen Schwächen bewältigen zu können. Denn er war gegen sich und andere zu gutwilliger Mensch, in welchem von Selbstbeherrschung keine Spur vorhanden, und will man nicht etwa den Eigensinn, sich nirgends bequemen zu wollen, für Charakter nehmen, so darf man sagen, er hatte recht eigentlich gar keinen, wurde von dem aufgestachelten Ehrgeiz so zu Grunde gerichtet, daß er zuletzt mit allem auch sich selber aufgab. Indem man nun kurzab urteilt: ?er war mit seiner Zeit zerfallen?, spricht man auch das Härteste aus über seinen moralischen und geistigen Widerstand. Ein Zerfallen mit seiner Zeit, aus dem Grunde, weil man diese Erhebung nicht fähig erachtet, ist nichts als das Aufgeben eines notwendigen Kampfes, womit man sich selber für die Zeit zu befähigen hat, nichts als ein beschönigtes Erliegen. Die Empfänglichkeit für wahrhaft Treffliches[343] fehlt nie, wo aber Verschrobenheit und Eigensinn erscheinen, selbst mit der Genialität verbunden, wird höchstens der Gleichgestimmte erweckt, die allgemeine Teilnahme jedoch verfehlt. Dies war das Los Grabbes, eines höchstbegabten Dichters, der jedoch an seiner zur Starrheit gewordenen Schwäche, in welcher ihn einige sogenannten Freunde bestärkten, frühzeitig unterging.« (»Gesellschafter« 1836, Bl. 173.) Weil mein Bekanntwerden mit Christian Grabbe eingeleitet wurde von Heinrich Heine, will ich gleich diesen, der auch ein jugendlicher Ausschweifling war, deshalb dann lange Marter zu erleiden hatte, meinem Gedächtnis herbeiführen. An einem Tage des zweiten Vierteljahrs 1821 stand ein junger Mann vor mir, fragend: ob ich Gedichte von ihm aufnehmen wolle, und ich empfing schön geschriebene »Poetische Ausstellungen«. Da ich ehemals die mir oft und wahrscheinlich gebührend als Vernachlässigung angerechnete Gewohnheit hatte, Fremde, die ihren Namen im Gespräch nicht voranschickten, danach unbefragt zu lassen, sah ich nach der Unterschrift und las: »H. Heine«. Auf meinen Wink hatte er sich gesetzt, und da er das Wenden seiner Handschrift bemerkte, sagte er: »Ich bin Ihnen völlig unbekannt, will aber durch Sie bekannt werden.« Ich lachte, erwiderte: »Wenn's geht recht gern!« und las dann lautlos etliche Verse. Heine selbst brachte mir mehrmals diese erste wortkarge Zusammenkunft in Erinnerung, und wie ich endlich nur noch geäußert hätte: »Kommen Sie gefälligst nächsten Sonntag wieder!« ? Begreiflich konnte ich nur wenige[344] Verse gelesen haben, es waren folgende, das Gedicht: »Der Kirchhof« beginnend: »Ich kam an meiner Herrin Haus Und wandelt' im Wahnsinn und Mitternachtgraus, Und als ich am Kirchhof vorübergeh'n will, Da winken die Gräber ernst und still. Da winkt's von des Spielmanns Leichenstein: Das war der flimmernde Mondesschein. Es lispelt: ?Lieb' Bruder, ich komme gleich!? Da steigt's aus dem Grabe nebelbleich.« In dem Dichter denke man sich eine von schlottriger Kleidung umhüllte, krankhaft schlanke Gestalt mit blassem abgemagerten Antlitz, dem Spuren zu frühzeitiger Genüsse nicht mangelten, und man wird es natürlich finden, daß jene Verse und der Eindruck des Persönlichen dem mir Fremden etwas Unheimliches anwehten. Unverkennbar ward mir aber, nachdem ich weiter las, sein Dichtervermögen, und als Heine wiederkam, erklärte ich mich bedingungsweise zur Aufnahme des Beitrags bereit. In seinen ersten handschriftlichen Gedichten hatte er eine solche Menge von Häkchen an den selbst- und mitlautenden Buchstaben der Worte, und gebrauchte falsche Reime so allbequem, daß ich meinte: er könne die mir gegebenen fünf Gedichte in dieser Beziehung wohl nochmals prüfen. Er entgegnete: das sei alles dem Volkston gemäß, was ich nicht bestritt, aber noch bemerkte: daß ich nur hinweise auf übertriebene Anwendung solcher Herkömmlichkeiten, wenn sie dem Geläufigen eher hinderlich statt fördernd wären. Außerdem verhehlte ich ihm nicht: er sei in dem Gedicht: »Die Brautnacht« so zügellos mit der Sitte umgegangen, daß manche Zensurlücke unvermeidlich, ich auch den Abdruck verweigern würde, wenn er nicht ein paar Stellen[345] reinigen wolle. Zu nochmaligem Prüfen war er bereit, ich bin überzeugt, nicht mit dem freiesten Entschluß, doch änderte er sehr gewandt. Die ersten fünf Gedichte (I. Der Kirchhof. II. Die Minnesänger. III. Gespräch auf der Paderborner Haide. IV. Zwei Sonette an einen Freund) erschienen im Mai 1821. »Die Brautnacht« folgte erst einen Monat später, weil ich das Veröffentlichen wiederholt verweigern mußte, ehe Heine meine Ansicht befriedigte. Dergleichen hat sich später nur noch ein paarmal zwischen uns ereignet, und ich erzählte dies voraus, weil es den, von Heine erfundenen, auch in einem der nachfolgend mitzuteilenden Briefe gebrauchten Ausdruck »Gubitzen« erklärt. Mir blieb indes die Genugtuung, daß er auch in seinen Schriften die Gedichte, bei denen er dem »Gubitzen« nachgab, völlig so abdrucken ließ, wie der »Gesellschafter« sie in die Lesewelt eingeführt hatte. Auch erlebte Heine Ähnliches bei seinen gesammelten Schriften durch die Verleger (Hoffmann und Campe in Hamburg); dies bezeugt seine Äußerung: »Hoffmann wird älter und milder, Und streicht nicht mehr mit Jugendzorn Dir deine Reisebilder.« Das Zweite, was Heine mir brachte, war der »Sonettenkranz an A.W.v. Schlegel.« Als Dichtung sind nach meinem Empfinden diese drei Sonette vorzüglich; das Einleuchten der Verdienste Schlegels minderte mir auch stets die Schatten seines Tuns und Wesens. Dennoch erachtete ich ein so überschwengliches Rühmen, und eben nichts als Rühmen, für Einseitigkeit, für eine Lobpreisung, die eine Gegenrede zuließe, ja herausforderte. Ich nahm das Dargebotene nur an[346] mit dem Vorbehalt, es im Beiblatt des »Gesellschafter« einzuordnen, im »Bemerker«, bestimmt für streitige Ansichten und Widerspruch. Daß dieser in überschwenglicher Herabwürdigung von Heine selber kommen würde, davon hatte ich damals keine Ahnung, konnte sie nicht haben. In bezug auf sich und die durch Schlegel in Bonn ihm gewordene Erweckung sagte Heine: »Der schlimmste Wurm: des Zweifels Dolchgedanken, Das schlimmste Gift: an eig'ner Kraft verzagen, Das wollt' mir fast des Lebens Mark zernagen; Ich war ein Reis, dem seine Stützen sanken. Da mochtest du das arme Reis beklagen, An deinem güt'gen Wort läßt du es ranken, Und dir allein, mein Meister, soll ich's danken, Wird einst das schwache Reislein Blüten tragen!« Lese ich dies Geständnis jetzt und vergleiche damit die bis zu niedriger Klatschlästerung getriebenen Äußerungen über Schlegelin Heines Schrift: »Die romantische Schule«, dann überfällt mich, offen gestanden, ein Grauen, wobei freilich noch andere Auffassungen mitwirkend sein mögen. Bescheiden muß man sich damit, daß die literarischen Gaben Heines am besten getrennt nach ihrem Zeitwesen zu betrachten sind; sein Menschenwert wird geschwächt, wenn man sie von einem strengfolgernden Standpunkt aus in Zusammenhang bringen möchte. Nächstdem will ich weniger im gesamten über ihn urteilen, als das mit ihm Erlebte berichten bei seinem ersten Eingang in die Öffentlichkeit. Wie sanftmütig und meist mit dem Zweck der Schonung Heine anfangs auf seiner schriftstellerischen Bahn ihm Befreundete zu behandeln wußte, das bezeugen von ihm dem »Gesellschafter« zugesendete, teils mit seinem Namen unterzeichnete, teils ihn verbergende[347] Berichte; sie gehören zu den wenigen urteilenden Beiträgen Heines für den »Gesellschafter«, schildern ihn etwas in jenen Tagen, als er die Berühmtheit noch nicht gewaltsam anstrebte, und ehe er sich der Scheu vor Nebenbehelfen entledigte. Im Herbst 1821 ließ er mich bitten, ihn zu besuchen; er sei krank; als ich zu ihm kam, lag er auf dem Sofa und sah sehr angegriffen aus. Er machte mich zum Vertrauten seiner Zustände und Verhältnisse, soweit sie Einnahme und Ausgabe betrafen, wobei sich jene als nirgends zureichend, und infolgedessen eine Schuldenlast erwies. Da er auch ? mir gegenüber zum erstenmal ? den Millionär Salomon Heine in Hamburg seinen Oheim nannte, fragte ich: weshalb er sich in Geldverlegenheit nicht dorthin wende? Ich erfuhr nun, der Oheim habe schon mehrmals aus seiner Kasse Bedeutendes getan, wolle aber jetzt den Neffen sich selber und seinem Schicksal überlassen. ? Ich wußte, daß der Berliner Bankier Leonhard Lipke mit Salomon Heine in lebhafter Geschäftsverbindung war, ging zu jenem, unterrichtete ihn davon, daß ein talentvoller Neffe des geldreichen Oheims in andringendster Bedürftigkeit sei, dieser also, was auch dazwischen läge, gewiß etwas tun würde für den Verwandten. Der von mir zur Vermittlung Angesprochene hegte darüber keinen Zweifel, half auch mit einem Vorschuß, versichernd: » Salomon Heine kommt mir unzweifelhaft dafür auf!« Zugleich sagte er mir: sein Hamburger Geschäftsfreund habe nächstens in Berlin zu tun, er wolle mir anzeigen, wann er bei ihm anzutreffen wäre und ich mitförderlich werden könne; dies fügte sich aber erst im Frühling 1822. ? Salomon Heine hörte meinen[348] Bericht ruhig an, verhehlte jedoch nicht die Unzufriedenheit mit dem Neffen, und seine Gründe waren zureichend genug: schon oft waren gewichtige Unterstützungen nötig gewesen, ohne den erhofften Beweis zu gewinnen, er werde sich einer ernsten Richtung auf der Lebensbahn zuwenden. So erklärte sich der ehrenwerte Handelsherr in schlichter Art ohne Aufwallung und Wortgepränge, mit Bekräftigung und Tatsachen, wonach der Erfahrungsvolle meinte: es bliebe wohl nur übrig, dem Sprichwort zu folgen: wer nicht hören will muß fühlen. Ich entgegnete, was sich beihilflich entgegnen ließ: eine dichterische Natur sei oft zu wenig vertraut mit den Bedingungen der Wirklichkeit, bis diese sich doch ihr Recht verschaffe, und schloß mit der Ansicht: ein solcher Oheim dürfe einen solchen Neffen, bei dem der gewöhnliche Maßstab sich verlängern müsse, nicht verlassen. ? »Habs auch nie gewollt; aber zu lernen hat er doch, daß man nützen soll das Geld, jeder nach seinem Beruf!« so äußerte sich endlich der Angeregte, und zu Lipke gewendet fügte er hinzu: »Der Herr behauptet, es könne da verfallen ein großes Genie, ich wills glauben. Zahlen Sie meinem Neffen jetzt zweihundert Taler gleich, dann jährlich fünfhundert Taler auf drei Jahre, und weiteres mögen wir erleben.« ? Das war meine einzige Zusammenkunft mit Salomon Heine, und ich gedenke seines Behabens noch immer gern, da zumal unser Gespräch der Anlaß wurde zur dauernden Versöhnung des in seiner Weise gediegenen Oheims mit dem fast in jeder Weise flatterigen Neffen. Der kranke Heinrich Heine hatte mir auch ein Heft gezeigt, Gedichte enthaltend, »die ich selber scharf gefeilt habe, Sie wissen ja!« warf er etwas anzüglich[349] betont hin; »ein Bändchen würden sie füllen, ich finde aber keinen Verleger.« Ich vermittelte ihm die Maurersche Buchhandlung, und Ende 1821 (mit der Jahreszahl 1822) wurden »Gedichte von H. Heine« ausgegeben. Barnhagen sagt darüber (»Gesellschafter« 1822. Bl. 11) im Beginn sei nes Urteils: »Der hier auftretende Dichter ? denn so müssen wir ihn doch wohl nennen ? hat ausgezeichnete Anlagen. Seine Lieder kommen aus einer echten Quelle, es ist Anschauung und Gefühl darin. Nachahmung, bewußte und absichtliche, ist auch dem gereiften Dichter noch erlaubt, die unwillkürliche aber dem anfangenden, bei der Masse von Gebildeten, fast unvermeidlich; in ihr selber jedoch kann sich das Selbständige zeigen. So möchte hier allerdings einiges an Uhland, anderes an Rüchert erinnern; aber das gilt mehr von der Tonart als von dem Gehalt, und muß vielleicht auf eine höhere, gemeinschaftliche Quelle, die allen deutschen Dichtern gehört, nämlich die Quelle unseres deutschen Volksliedes überhaupt, zurückgeführt werden. Das Eigentümliche arbeitet sich aus diesem Überlieferten mit Kraft empor, und bloß Nachgeahmtes ist uns nirgends vorgekommen. Besonders glücklich erscheint uns H. Heine in seiner dichterischen Auffassung der Gegenwart; es zeigt sich darin oft ein sehr sinnreicher und anziehender Humor, wie zum Beispiel in ?Traumbilder? und mehreren andern Gedichten. Kein Schwall von Worten, kein herkömmliches Füllwerk. Die Sprache ist kraftvoll und gedrungen, auch zart und lieblich, wo es sein soll. Doch ist beiderlei Ausdruck, sowohl des kräftigen als des weichen, auch zuweilen verfehlt; das ausgebildetere Selbstgefühl wird dem Dichter schon anzeigen, welche Bahn er strenger einzuhalten[350] habe. Die Verse, von sehr mannigfacher Gattung, sind mit Kunde und Gewandtheit gearbeitet; schwierige Reime sind jedoch eine Klippe, an der selbst W. Schlegel und Tieck nicht immer glücklich vorbeischiffen; wo sie geraten und wo sie mißlingen muß kein großes Gewicht auf sie gelegt sein; das Beste in dieser Art haben noch stets Goethe (besonders im ?westöstlichen Divan? und neueren Gastgeschenken) und Rückert geleistet.« Nach Erscheinen jenes Bändchens, innerhalb der Jahre 1822 bis 1826, ist beinahe alles, was Heine schrieb, im »Gesellschafter« zu finden. Von dem vielen vermißte ich in den gesammelten Schriften ? wenn es nicht bei aller Sorgfalt dennoch ein Mangel meiner Durchschau ist ? die folgenden zwei Lieder, die wohl des Bewahrens nicht unwert sind, sei's auch nur als Pröbchen seiner derzeitigen Überspannung im geschminkten Liebesweh. »Ich glaube nicht an den Himmel, Wovon das Pfäfflein spricht, Ich glaub' nur an dein Auge Das ist mein Himmelslicht. Ich glaub' nicht an den Herrgott, Wovon das Pfäfflein spricht, Ich glaub' nur an dein Herze, 'nen andern Gott hab' ich nicht. Ich glaub' nicht an dem Bösen, An Höll' und Höllenschmerz; Ich glaub' an dein böses Auge. Und an dein böses Herz. * Es schauen die Blumen alle Zur leuchtenden Sonne hinauf,[351] Es nehmen die Ströme alle Zum leuchtenden Meere den Lauf. Es flattern die Lieder alle Zu meinem leuchtenden Lieb: Nehmt mit meine Tränen und Seufzer, Ihr Lieder, wehmütig und trüb.« Von der Aufnahme seines ersten Liederbändchens, obwohl günstig, war Heine nicht befriedigt: er verlangte rasch zündende Wirkung. Aber auch der edelste und erhebendste Dichter dürfte im gemütskühler gewordenen neunzehnten Jahrhundert nicht erwarten, daß sein Werk plötzlich Tausende mit Wärme durchdringe, daß er sich im Sturme die Herzen erobere, wie etwa Goethe mit seinem » Werther«. Ich hörte von Heine allerlei Ausfälle, die gesteigerte Mißstimmung verrieten hinsichtlich schriftstellerischer Erfolge, wohl auch von Einfluß waren auf mehrere seiner späteren Erzeugnisse. »Zur Anerkennung des neuen Genies und Talents muß man das abgestumpfte deutsche Gemüt foltern«, äußerte er, und nachdem ich einst über eines seiner Lieder, das nach Siegwartschem Anfange mit des Weiberhasses stachlichter Keule dreinschlug, zweideutig lachen mußte, lachte er zwar ebenfalls, bemerkte jedoch: »Bei den Deutschen wird man leichter vergessen als berühmt, jetzt zumal; sie haben in der Gefühlswonne so geschwelgt, daß zu ihrer Aufregung derbe Mittel unerläßlich sind, ganz so, wie Kirmeslust ihnen erst vollständig ist, wenn man sich zum Kehraus noch mit Schemelbeinen traktierte.« Daß Heine nicht selten solcher Kirmeslust dienstbar ist: wird man zugestehen, und, wenn auch nur bedingt, die Antwort billigen, die ein Bräutigam seiner Braut gab, als sie Kunde haben wollte von den Liebesliedern Heines:[352] »Liebeslieder à la Heine Willst du, Liebchen, daß ich schild're? Nun, dann magst du Lieb' erfahren, Die zur Bosheit ich verwild're. Laß, mein Lieb, dich brünstig küssen, So! ? nun laß dich täppisch schlagen! ? Das sind Heines Liebeslieder, Dir handgreiflich vorgetragen. Heut möcht' er am losen Schätzchen Lieb' aus Langeweile kühlen, Morgen läßt er ihn das Tätzchen, Oder gar die Tatze fühlen. Küsse erst, dann Schlangenbisse, Heucheln mit dem Glutenscheine ? So sind, daß mein Lieb es wisse, Liebeslieder à la Heine.« Wer so viele arg verspottete, mußte Vergeltung erfahren, und hier mögen noch Verse folgen, in denen Heine wie von seinen ersten dichterischen Gaben selber verspottet gedacht ist: »Als neulich die Muse herbei ich rief, Mit mir herum zu streichen, Da zog den Mund sie gewaltig schief, Und ich gebot ihr zu weichen. Und nun mit Recht von mir verbannt, Erklärt ihr schnödes Erdreisten: Wenn je sie dringe auf Menschenverstand, So käm' ich gleich mit den Fäusten. Sie meint, ich wäre nicht selber Manns Zu schreiben plastische Lieder; Da irrt sich aber die dumme Gans, Jetzt schreib' ich sie klafterweis nieder.[353] Denn solcher Poeten gibt's nicht viel, Die mir sich vergleichen könnten; Petrark und Wieland, Horaz und Virgil, Sie hatten nichts von Talenten. Die deutsche Sprach' ist freilich zu weich, Ihr nur zu nutzen durch Härten, Was leicht durch Apostroph' ich erreich'. Wo Worte sich zerrten und sperrten. Bin je ich gehindert vom voll'n Vokal, So kriegt er's derb mit dem Hieber, Verdient hat Metrik durch Ohrenqual Im Grund doch nur Nasenstüber. Da schrieb ich noch jüngst ein Nachtigallied Durchweg nur in Konsonanten, Und las es gestern, eh' ich schied, Dem Liebchen bei ihren Tanten. Die Schöne schnitt 'n gar häßlich Gesicht, Die Tanten wurden konfuse; - Nun sage noch einer, man könne nicht Auch wirken ohne die Muse!« Diese erste jetzt gedruckte Reimerei entstand in der Heiterkeit bei einfachem Mahle der »literarischen (Mittwochs-)Gesellschaft« im Jahre 1830, und empfing der Geneckte Kenntnis von dem Scherz des Augenblicks, mag er zu den Ursachen gehören, weshalb Heinrich Heine zu seinen Verbrüderten auswärts sehr ungnädig sprach über jenen Verein. Gekannt hat er ihn aber gar nicht, denn die »Mittwochsgesellschaft« wurde gestiftet, nachdem Heine schon fast zwei Jahre von Berlin entfernt lebte. Der Friede zwischen Neffen und Oheim hatte sich durch dessen Güte angebahnt, und Heine beabsichtigte Reiseausflüge nach verschiedener Richtung, auch nach[354] Hamburg, was sich etwas verzögerte durch eine Herausforderung. Er kam eines Tages zu mir, mich um Rat ersuchend, nachdem er berichtete: Baron v. Schilling habe sich beleidigt gefunden über eine öffentliche Äußerung, und nun sollten die Waffen zur Ausgleichung dienen. Der Zweikampf, ernstlich gemeint, schließt allen guten Rat aus; mit ihm ist dabei nichts zu tun, um so gewisser, als sich Umstände einweben können, bei denen die kräftigste Vernunft der brettstirnigsten Unvernunft sich fügen muß, bis der Zweikampf statt sogenannter Ehrensache unbedingt durchweg zur straffälligen Schandtat wird, was er ist vermöge seines sinnlosen Rechts- und Sittenhöhns. ? Meinerseits verweigerte ich die Einmischung, nannte aber einen, der zu solchem Zwischengeschäft tauge; nun entstand ein Übereinkommen, und Heine bat dringend um raschen Abdruck folgender Erklärung: »Mit Bedauern habe ich erfahren, daß zwei Aufsätze von mir, überschrieben ?Briefe aus Berlin? (Nr. 6,7,16 des zum ?Rheinisch-Westfälischen Anzeiger? gehörigen ?Kunst- und Wissenschaftsblattes?) auf eine Art ausgelegt werden, die dem Herrn v. Schilling verletzend sein muß. Da es nie meine Absicht war, ihn zu kränken, so erkläre ich hiermit, daß es mir herzlich leid ist, wenn ich zufälligerweise dazu Anlaß gegeben hätte, daß ich alles dahin gehörige zurücknehme, und daß es bloß der Zufall war, wodurch jetzt einige Worte auf den Herrn Baron v. Schilling bezogen werden konnten, die ihn nie hätten treffen können, wenn eine Stelle in jenen Briefen gedruckt worden wäre, die aus Delikatesse unterdrückt werden mußte. Dieses kann der geehrte Redakteur jener Zeitschrift bezeugen, und ich[355] fühle mich verpflichtet, durch dieses freimütige Bekenntnis der Wahrheit allen Stoff zu Mißverständnis und öffentlichem Federkriege fortzuräumen. Berlin, den 3. Mai 1822. H. Heine.« Zugleich brachte er mir das angefügt zu lesende, ihm geweihte Sonett, wünschend, daß es mit jener Beschwichtigung in demselben Blatte erscheinen möge: »Das Traumbild. An H. Heine. Von Morpheus Armen war ich sanft umfangen, Als Phantasie, in eines Traumes Hülle, Ein Bild mir wies in selt'ner Schönheitsfülle: Bezaubert blieb die Seele daran hangen. Und als ich mit inbrünstigem Verlangen Es ganz genießen wollt' in süßer Stille, Da weckte mich des Schicksals eh'rner Wille, Und ach! der Zauber war im nu vergangen. Vergebens sucht' ich nun im bunten Leben, Was Phantasie genommen, wie gegeben, Amazon.de Widgets Da, junger Sänger, fand ich deine Lieder. Und jenes Traumbild, das so froh mich machte, Erkannt' ich bald in deinen Skizzen wieder, Viel schöner noch, als ich mir selbst es dachte. H. Anselmi.« Nur nach Widerstreben wurde ich von seinen ängstlich dringenden Bitten überwältigt, ordnete beides ein in das, den verschiedenen Ansichten zum Tummelplatz angewiesene Beiblatt (1822. »Bemerker« Nr. 9) und erwähnt ist dies Wenden und Beabsichtigen, um das Wesen Heines durch ihn selber deutlicher erkennbar werden zu lassen.[356] Vor seiner Abreise nach Hamburg fragte er mich: ob er mir dort etwas besorgen könne, ich sagte: einen tüchtigen Berichterstatter. Er bot sich an zur Umschau für diesen Zweck, mit seinem stets dem Spott verwandten Ton noch äußernd: »Soll ich mich denn nicht in Ihr Stammbuch schreiben?« und nach meiner Entgegnung: »Ich habe keins!« ergriff er bei den Worten: »Das konnt' ich wissen!« einen Papierstreif und schrieb: »Kein Stammbuch?! ? da hab' ich nachgedacht, Doch kaum wird es Denkens bedürfen; Es gleichet gar bald dem verschütteten Schacht, Weil's trostlos war, weiter zu schürfen. Betrug und Freundschaft sind ja zumeist Im Erdenverkehre Geschwister, Und was man jung ein Stammbuch heißt, Wird endlich Totenregister. Nur mit dem Ärgernis macht ein Komplott, Wer viel von Freundschaft will buchen; Denn findet man immer sie wieder bankrott, So lernt man sein Leben verfluchen.« Dies beschriebene Blättchen warf er in die Höhe, daß es auf den Boden des Zimmers fiel, ergriff seinen Hut, und mit dem Ausruf: »Leben Sie wohl!« eilte er von dannen. In den nächsten Monaten sah und hörte ich nichts von ihm, bis endlich das hier Eingereihte ankam: »Lüneburg, den 21. August 1823. Lieber Professor! Aus diesem Briefe ersehen Sie, daß ich noch unter den Lebenden bin; daß Sie noch leben, weiß ich, das Gegentheil hätte ich ja sonst in der Zeitung gelesen. Ich befinde mich immer noch nicht ganz wohl, obwohl[357] meine Vergnügungsreisen diesen Sommer und der Gebrauch des Kuxhavener Seebades meinen Gesundheitszustand erstaunlich verbessert. In Hamburg habe ich Ihren lieben Brief richtig erhalten. Die Einlage habe ich nicht besorgen können, da der Dr. B. sich nicht in Hamburg befindet, und kein Mensch dort von ihm weiß und wissen will. Sein Ruf ist schlecht und zwar sehr schlecht. Ich bemühte mich vergeblich, Ihnen einen Hamburger Correspondenten zu schaffen. Lebrün hatte endlich den Auftrag dazu übernommen, versprach den Professor Zimmermann als Hamburger Theaterrecensent für den Gesellschafter zu gewinnen, ist wahrscheinlich nicht dazu gekommen, und hat, wie ich später erfuhr, den Dr. Bärmann ergriffen. Dieser aber gefällt mir nicht sonderlich, und ich habe bei meiner zweiten Durchreise durch Hamburg einen Dr. Wolff auf Ihr Bedürfniß aufmerksam gemacht. Ich habe in Hamburg mit Vergnügen das Theater besucht; ich glaube nicht, daß die Chinesen ein besseres haben. Ihren Schwager Lenz2, ein alter Bekannter von mir, habe ich gesprochen. Einige neue Bekanntschaften habe ich gemacht. Viele erkundigten sich nach Ihnen, Sie sind auch in Hamburg berühmt! Den großen Lotz habe ich nicht besucht. Bei meinem goldenen Oheim habe ich eine gute Aufnahme gefunden. Den Componisten Methfessel habe ich kennen gelernt; ich achte ihn ganz erstaunlich hoch, und ich wünsche, daß Sie beifolgende paar Zeilen, die ich über ihn geschrieben, im Gesellschafter abdrucken lassen. Es wäre mir sehr[358] lieb, wenn dies sobald als möglich geschähe, da ich mich schon in Hamburg geäußert, daß ich etwas über Methfessel sagen wolle. Ich wünsche zwei Exemplare des Abdrucks hergeschickt zu bekommen; entschuldigen Sie diese Mühe. Ich denke bald etwas Gutes für den Gesellschafter liefern zu können, ich habe diesen ganzen Sommer mich bloß mit meiner Gesundheitsherstellung beschäftigt und keine Zeile geschrieben. Jetzt quälen mich juristische Arbeiten, da ich mein juristisches Studium bald zu vollenden gedenke, damit die holde Justizia mir Brod gebe. Sie sehen, mein Plan, nach Paris zu reisen, ist auf die Seite gelegt; statt dessen will ich noch ein Jahr in Göttingen leben. Ich bleibe indessen noch einige Monate in Lüneburg, und meine Adresse bleibt: H.H. Stud. Juris auf dem Markt in Lüneburg. In dem Dr. Christiani hier habe ich einen sehr gelehrten und literarisch gebildeten Mann gefunden. Er hat mir versprochen, bald Beiträge für den Gesellschafter zu liefern, unter denen einige höchst gelungene Uebersetzungen aus dem Dänischen Ihren Beifall finden werden. Ich kann Ihnen nicht oft genug wiederholen, daß Alles, was Sie für die Verbreitung meiner Tragödieen thun, Ihnen im Himmel vergütet wird. Am Rhein möchte man den unkatholischen Almansor gern ignoriren, in Braunschweig, wo ihn der ächt poetische Klingemann nach seiner Bearbeitung auf's Theater gebracht, ist er ausgepfiffen worden; in Braunschweig lebt auch ? mein Busenfreund Köchy. ? Leben Sie wohl, behalten Sie mich lieb, grüßen Sie mir Ihre Frau, so wie Herrn und Madam Lipke, und seyn Sie versichert, daß ich nie aufhören werde zu seyn Ihr Sie liebender und verehrender H. Heine.«[359] Einlage. »Hamburg. Unsre gute Stadt Hamburg, die vor einigen Jahren durch das Ableben des braven, groben, herzensbiedern, kenntnißvollen und anti-catalanistischen Schwenke einen noch unvergessenen Verlust erlitt, scheint jetzt hinlänglichen Ersatz dafür zu finden, indem sich einer der ausgezeichnetsten Musiker hier niederlassen will. Das ist Albert Methfessel, dessen Lieder-Melodieen durch ganz Deutschland verbreitet sind, von allen Volks-Classen geliebt werden, und sowohl im Kränzchen sanftmüthiger Philisterlein als in der wilden Kneipe zechender Bursche klingen und wiederklingen. Auch Referent hat zu seiner Zeit manches hübsche Lied aus dem Methfessel'schen Commers-Buche ehrlich mitgesungen, hat schon damals Mann und Buch hochgeschätzt. Wahrlich, man kann jene Componisten nicht genug ehren, welche uns Lieder-Melodieen geben, die von der Art sind, daß sie sich Eingang bei dem Volk verschaffen, und echte Lebenslust und wahren Frohsinn verbreiten. Die meisten Componisten sind innerlich so verkünstelt, versumpft und verschroben, daß sie nichts Reines, Schlichtes, kurz nichts Natürliches hervorbringen können ? und das Natürliche, das organisch Hervorgegangene und mit dem unnachahmlichen Stempel der Wahrheit Gezeichnete ist es eben, was den Lieder-Melodieen jenen Zauber verleiht, der sie allen Gemüthern einprägt und sie populär macht. Einige unserer Componisten sind zwar der Natur noch immer nahe genug geblieben, daß sie dergleichen schlichte Lieder-Compositionen liefern könnten; aber theils dünken sie sich zu vornehm dazu, theils gefallen sie sich in absichtlichen Naturabweichungen, und fürchten vielleicht, daß man sie nicht für wirkliche Künstler halten möchte, wenn[360] sie nicht musikalische Kunststücke machen. Das Theater ist die nächste Ursache, warum das Lied vernachlässigt wird; Alles, was nur den Generalbaß studirt, oder halb studirt oder gar nicht studirt hat, stürmt nach den Brettern. Leidige Nachahmerei, Untergang mancher wirklich Talentvollen! Weichmüthige Blüthenseelen wollen colossale Elephanten-Musik hervor posaunen und pauken; handfeste Kraftkerle wollen süße Rossinische Rosinen-Musik oder gar noch überzuckerte Rosinen-Musik hervorhauchen. Gott besser's! ? Wir wollen daher Componisten wie Methsessel ehren ? und ihn ganz besonders ? und seine Lieder-Melodieen dankbar anerkennen. ? y.« Es könnte für die Fahrlässigkeit Heines mitzeugen, daß jener Brief, den er am 21. August 1823 schrieb, den Lüneburger Poststempel vom 23. Oktober trägt. Zwei Tage später erhielt ich ihn, weshalb das »sobald als möglich abzudruckende« Lob Methsessels, womit ich hier gern an den auch mir werten Tondichter erinnere, erst am 3. November zu lesen war, weil der »Gesellschafter« die Tagesbezeichnung immer etwas voraus hatte. Über Heines »Tragödien« urteilte der ihm befreundete Varnhagen schon sechs Monate früher (1823. Bl. 72) und dessen sehr mit dem »Diplomaten« verwandte Ansicht sei eingeschaltet als Beitrag zur Schilderung beider: »Dieses Buch, poetischen Inhalts, tritt in ganz besonderer Weise neu und eigenthümlich auf. Eine Tragödie, eine Reihe lyrischer Gedichte, und wieder eine Tragödie, das sind die merkbaren Hauptstücke, wie sie aufeinander folgen. Nun könnte die Kritik, sorgsam und fleißig, getreu und aufrichtig, jede einzelne dieser[361] Abtheilungen durchgehen, Verdienstliches und Mangelhaftes darin bezeichnen und abwägen, und zuletzt mit Unparteilichkeit ihren richterlichen Spruch verkünden. Sie könnte darthun, wie der Charakter der nördlichmodernen Tragödie ?Ratkliff? ungemein glücklich mit dem der südlich-romantischen Tragödie ?Almansor? contrastirt, wie in jener das Schroffe und Herbe, in dieser das Sanfte und Liebliche vorherrscht; wie die Catastrophe in beiden aus Untergang und Verklärung, in ungleicher Zusammensetzung dem besonderen Charakter jedesmal angemessen, den gehörigen Schluß erzielt; wie die Zeichnung und das Colorit der Figuren dem historischen Hintergrund und Boden gemäß, und doch in originaler Laune sowohl dieser als jene modificirt erscheinen; wie die Sprache theils überwallend üppig, theils eingezogen trocken mit Erfolg behandelt, die Anordnung fortschreitend und erregend, der Stoff in eigenthümlichen Geist erhoben, das Einzelne der Behandlung oft von großer Schönheit ist. Sie könnte sich darüber verbreiten, wie es dem Dichter eben so gelungen, in den Dramen wahrhaft dramatisch, wie in den Liedern ächt lyrisch zu seyn; von diesen letzteren ließe sich insbesondere hervorheben, wie gedrungen, frei, reizend und kraftvoll die Tonart des alten deutschen Volksliedes hier in dem neuesten Stoffe vom heutigen Tage sich bewegt; wie kühn und gewagt, und wie glücklich im Wagen, hier Bilder und Ausdruck einer Stimmung folgen, deren widersprechende Bestandtheile in dem wunderbarsten Bittersüß gesteigert vereinigt sind. Sie dürfte ausdrücklich anmerken, daß der Dichter Niemanden nachahmt, am wenigsten den Lord Byron (wie man ihm vielfältig nachgerühmt), sondern daß er selbst da, wo er bekannte[362] Anklänge, seyen sie dieses Engländers oder anderer Kunstverwandten, zu geben scheint, diese nicht sowohl sucht, als nur nicht eben vermeidet. Endlich dürfte sie wohl zum Ueberfluß erinnern, daß auch bei dem entschiedensten Talent und glücklichsten Genie der Dichter sich diesen Gaben nicht unbedingt überlassen, sondern ein ethisches Bewußtseyn über jenen behaupten möge, damit er vor dem Abwege des Willkürlichen und Abstrusen bewahrt bleibe, dessen gespenstische Schemen so gern den Dichtergeist umschleichen, sich mit ihm verbinden und ihn dann betäubend niederziehen, wie wir solches noch nicht längst an bedeutenden Beispielen schon zu oft traurig erlebt haben, an dem gegenwärtigen aber hoffentlich nicht erleben werden! ? Alles dieses und noch viel mehr Lobendes, Anerkennendes, Wohlmeinendes, könnte die Kritik bei dieser Gelegenheit mit aller Gerechtigkeit aussprechen und darlegen, und mit den besten Hoffnungen und Wünschen für den jungen Dichter schließen, der nach seiner im vorigen Jahre erschienenen ausgezeichneten Erstlings-Sammlung von Gedichten jetzt durch gegenwärtiges Buch so würdigen Fortschritt auf einer Bahn bekundet, die ihm mannigfache Kränze schon gewährt, andere verheißt, und keinen als unerreichbar im voraus abspricht. ? Und hätte nun die Kritik dies Alles, und noch viel mehr in dieser Art, gesagt und ausgeführt, so wäre gleichwohl in Bezug auf das vorliegende Buch ihr Geschäft höchst unvollkommen, ihr Standpunkt ungenügend. Sie hätte noch immer nur das Einzelne beachtet, und, getäuscht durch die eigenthümliche Anordnung und Verwaltung dieses poetischen Stoffes, das Ganze übersehen. Denn diese scheinbar getrennten Stücke, in denen Costüm und Form so verschieden, sind deshalb[363] nicht für sich bestehende Gebilde; sie sind vielmehr, die beiden Dramen und die verbindende Lyrik, nur Glieder eines Ganzen, Facetten einer Dichtung, das ganze Buch nur ein Gedicht. ? Von diesem Standpunkt aus, von welchem allein dem Dichter sein volles Recht werden kann, beginnt eine neue und höhere Betrachtung, aus welcher die eigentlichen Resultate der Kritik, für Dichter und Publikum gleich ersprießlich, erst erfolgen müssen. Wir begnügen uns hier, diesen Standpunkt angegeben zu haben, und zweifeln nicht, daß derselbe zu ausführlichen Betrachtungen da werde benutzt werden, wo mehr, als hier und uns für diesmal, zu solchem Geschäfte Raum und Muße gegeben sind. E.« Von Heine selbst empfing ich erst nach fünf Monaten dies zweite Schreiben: »Göttingen, den 9. Mertz 1824. Lieber Professor Gubitz, hochgeschätzter Herr Collegue! Ich wünsche, daß dieser Brief Sie in vollem Wohlseyn und in Ihrem gewöhnlichen Humor antreffe. Mit meiner Gesundheit sieht es jetzt etwas besser aus. Ça ira. Anbei übersende ich Ihnen für den Gesellschafter die neusten Kinder meiner Muse, überschrieben ?dreiunddreißig Gedichte von H. Heine.? Sie werden sich baß verwundern über das Befremdliche und Nonchalante in der Form einiger dieser Gedichte, vielleicht erwecken Sie auch bei Ihnen und andern Leuten ein verdammendes Kopfschütteln, dennoch weiß ich, daß sie zum Eigenthümlichsten gehören, was ich bisher gegeben. Ich verlange daher, im Fall Sie sie überhaupt des Abdrucks würdigen, daß Sie sich alles Gubitzens ? Sie wissen, was ich[364] meine ? dabei enthalten, daß Sie beim Abdruck kein Wort, keine Sylbe verändern; im Fall Ihnen dieses nicht möglich ist, lassen Sie diese Gedichte ganz ungedruckt, und ich werde sie von Ihnen durch einen Freund abholen lassen. Auch ist es durchaus nöthig, daß der Cyclus in einer Woche ganz erscheine, nämlich in den vier auf einmal auszugebenden Blättern. Mehrere Gedichte, die ich mit Bleifederstrichen eingeklammert, sollten wohl auch auf demselben Blatte zusammengedruckt werden, wie Sie selbst einsehen werden, z.B. bei den Seestücken. ? Auch glaube ich, daß mit dem Abdruck dieser Einsendung nicht lange gezögert werde, im Fall Sie kein Manuscript von Goethe oder Walter Scott liegen haben. Ich bedinge mir ausdrücklich acht Exemplare des Abdrucks der 33 Gedichte, und werde dieselben bei Ihnen abholen lassen. Vergessen Sie daher nicht, die acht Exemplare in der Druckerei zu bestellen. Ich habe sie durchaus nöthig, muß sie an Freunde und Verwandte schicken. Daß ich so selten etwas für den Gesellschafter einsende, liegt nicht an mir, sondern an meiner gegenwärtigen Lage, wo ich von Krankheit und Jurisprudenz niedergedrückt werde. Das wird sich aber ändern, und seyn Sie überzeugt, daß ich mich immer für den Gesellschafter interessiren werde. Ich wünschte wohl, daß sich derselbe auch für mich interessire, und ich mache Ihnen den interessanten Vorschlag, ob Sie mir nicht meine heutige Sendung und die künftigen mit Ihrem gewöhnlichen Honorar sogleich honoriren wollten. Ich überlasse das Ihrem freundlichen Ermessen mit dem Bedenken, ich sey das Gegentheil von einem Millionair. ? Ich lebe hier sehr still, arbeite viel und werde unausstehlich[365] gelehrt. So kann der Mensch sinken! ? Halten Sie mich in gutem Andenken, loben Sie mich auch bei Gelegenheit; denn gestern habe ich Sie auch gelobt, und es war im Rathskeller, und eine Menge Studenten, wovon jeder seine acht Krüge Doppelbier vertragen kann, waren gegenwärtig. Leben Sie wohl, und seyn Sie überzeugt, daß ich nie aufhöre zu seyn. Ihr Freund H. Heine.« Mit dem ersten Briefe verglichen läßt der Ton im zweiten Briefe unverhehlt, daß Heine sich des Steigerns seiner Anerkennung bewußt war, und sie wurde in Hast gewichtig und gewichtiger. Die »dreiunddreißig Gedichte« (1824. Bl. 49 bis 52) haben schon den oft und verschieden benutzten Vers: »Ich bin ein deutscher Dichter, Bekannt im deutschen Land; Nennt man die besten Namen, So wird auch der mein'ge genannt.« Nächstdem gehört aber zu den »Dreiunddreißigen« ebenfalls schon das aus diesem einzigen Verse bestehende Gedicht: »Selten habt Ihr mich verstanden, Selten auch verstand ich Euch, Nur wo wir im Kot uns fanden, Da verstanden wir uns gleich.« Gedenke ich der oft wunderlichen Gegensätze in seinen Dichtungen, erweckt sich meinem Gedächtnis stets ein Gespräch mit Evelina von Geldern, einer Verwandten Heines, die er anfangs als Ziel seiner Pfeile gegen das schöne Geschlecht vorweg erwählt haben soll. Ich war einst in Gesellschaft Nachbar der jungen Frau, wußte aber damals nichts weiter, als daß sie eine Muhme[366] oder Nichte Heines sei, sonst hätte ich vermieden, die Unterhaltung auf ihn hinzuwenden. Nachdem es geschehen, ward mir schnell eine lebhafte Erregung der hübschen Nachbarin sichtlich, es blieb auch nicht verborgen weshalb, und ich fasse zusammen, was sie beredsam in zunehmender Wärme äußerte. Meiner ablenkenden Bemerkung: ich zöge Heines Phantasie und Poesie nur als solche in Betracht, entgegnete die Gereizte: »Es mag Poesie sein; da ich aber Heinrich Heine genau kenne, darf ich zweifeln, daß sie aus vernünftiger Ansicht und sittlichem Sinn komme. Ich will damit nichts von seinem Talent bestreiten, mein Urteil wäre unzulänglich; hat er aber, wie ich weiß, nicht verschwiegen, das Schlangengezisch seines Hohns und Grimms wider die Frauen solle besonders mich treffen, so muß mich dies als schamlose Kränkung berühren, obwohl ich es nicht verberge, daß ich ihn ebensowenig liebenswürdig fand, wie das Zügellose überhaupt. Für sein Spiel mit Empfindungen war er so glücklich, durch eingebildetes Unglück sich in seine Eigensucht immer mehr zu verlieben; er konnte nun sein zerrüttetes Herz als ein mißhandeltes vorzeigen, und doch sind alle Risse, die es hat, eine ihm angenehm gewordene Selbstverschuldung übermütiger Eitelkeit.« Daß dieser Gefühlserguß der Aufwallung eine Beisteuer von bedingter Wahrheit hat, läßt sich nicht leugnen, und es scheint, Heine mußte erst durch seine körperlichen Leiden und die opferkräftige Teilnahme einer Frau, die edle Fülle eines weiblichen Herzens beachten und achten lernen. ? Mit dem Ausspruch der Verwandten H eines mag der geist- und gemütvolle Wilhelm Neumann beinah einig gewesen sein, als er (1828) die »Parodien« schrieb: I. [367] »Den Gärtner nährt sein Spaten, Den Bettler sein lahmes Bein, Den Wechsler seine Dukaten Mich meine Liebespein. Drum bin ich dir sehr verbunden, Mein Lieb, für dein treulos Herz; Viel Gold hab' ich gefunden Und Ruhm in Liebeschmerz. Nun fing' ich bei nächt'ger Lampe Den Jammer, der mich traf: Er kommt bei Hoffmann und Campe Heraus in Kleinoktav. II. Die ich am schönsten besungen, Die hat mich am mehrsten gequält, Und die mein Herz bezwungen, Der hat das Herz gefehlt. Drum sing' ich ewig wieder Die Lieder von meiner Qual, Und nenne sie ewige Lieder, Weil endlos ihre Zahl. Verhaßt ist mir das Leben, Die Menschen sind dumm und schal, Doch die meine Lieder erheben, Sind mir just nicht fatal.« Nach diesen Nebenblicken schaue ich weiter auf meine Verhältnisse zu Heine selber. ? Es verging ein sehr übervolles Jahr, bis mir von ihm wieder ein Schreiben ankam, das hier eingereihte: »Hamburg, den 23. November 1825. Sie hätten Unrecht, wenn Sie glaubten, daß mir der Gesellschafter, die Wiege meines Ruhms, ganz gleichgültig[368] geworden sey. Ich war die letzte Zeit nur gar zu sehr beschäftigt, als daß ich lebhaften Antheil daran nehmen konnte. Jetzt aber bekomme ich mehr Muße, die Materialien, die ich auf der Göttinger Bibliothek gesammelt, werden bearbeitet, und so manches Gute wird nach und nach zu Tage gefördert. Beifolgendes Manuscript: ?Harzreise von H. Heine, geschrieben im Herbst 1824? schicke ich Ihnen für den Gesellschafter und bin überzeugt, daß es Ihnen, besonders die zweite Hälfte, außerordentlich gefallen wird. Ich habe dasselbe mit großem Fleiße geschrieben, alsdann, wie sich bei guten Sachen gebührt, ein Jahr liegen lassen, jetzt wieder durch und durch gefeilt, und ich finde, daß es wegen des Stoffes und dessen leichter Behandlung ganz für unsere Zeitschrift geeignet ist; wie denn auch ein Seitenstück dazu, nämlich die Reise im untern Harze, sogar in einem Damenbüchlein, in den Rheinblüthen für 1827, erscheinen soll. Daß Sie, lieber Professor, mir nichts in meinem Opus ändern oder verbessern, ist eine alte Bedingung, die ich wieder erneure. Es ist freilich manches Derbe darin, indessen, da doch der Gesellschafter (zu unserer Aller Verwunderung) sich in der letzten Zeit vom Verdachte der Liberalität gereinigt hat, und täglich zahmer und zahmer wird, so hoffe ich, daß die Censur deshalb meiner Harzreise etwas durch die Finger sehen wird. Vielfach, wie Sie wohl denken können, bin ich angegangen worden, an andre (!) Blätter, namentlich am Morgenblatte zu arbeiten; aber meine Vorliebe für den Gesellschafter, die Loyalität des Redakteurs, und der Wunsch, meine Einsendungen immer bald abgedruckt zu sehen, bewegen mich, Ihnen die Harzreise zu schicken, und deshalb darf ich wohl verlangen, lieber Professor,[369] daß Sie bei der Censur etwas für mich thun. Ich weiß, daß Sie da viel vermögen. Sollte dennoch gestrichen werden, so bitte ich an solchen Stellen die gebräuchlichen Querstriche nicht auszulassen. Am meisten fürchte ich für die Balletwitze S. 56; werden diese gestrichen, so wünsche ich, daß auch das Vorhergehende wegfalle, welches nämlich S. 55 unten anfängt mit den Worten: Ein junger Sachse, der kürzlich u.s.w. Auch hoffe ich, daß Sie den ganzen Aufsatz nicht zu oft abbrechen, besonders nicht bei Naturschilderungen, und daß ich auf Weihnacht das Ganze gedruckt erhalte. Sie müssen mir auch den großen Gefallen erzeigen, mir 25 Exemplare davon zukommen zu lassen. Was Ihnen dieses kostet, berechnen Sie mir am Honorar. Kann ich Ihnen hier nützlich seyn, so dürfen Sie sicher auf mich rechnen. Ich gedenke nämlich gänzlich hier zu bleiben. So unliterarisch es hier aussieht, so findet ein Literator hier dennoch sehr schätzbare Hülfsmittel, z.B. eine Unmasse englischer Blätter usw. Auszüge daraus mögen wohl interessant seyn, und im Fall Sie mich auf solche Weise beschäftigen wollen, werde ich gern mit meinen Talenten Ihnen zu Diensten stehen. Anfangs August verließ ich Göttingen, reiste nach Norderney, gebrauchte mit Erfolg das dortige Seebad, besuchte die ostfriesischen Inseln, und habe dieses in einer Reihe ?Seestücke? allerliebst beschrieben. Nach der Harzreise sollen sie auch gedruckt werden. ? Nochmals bitte ich Sie, daß die Harzreise nicht von der Censur maltraitirt wird, daß sie bald gedruckt wird und daß ich 25 Exemplare davon erhalte. Letztere erwarte ich ganz bestimmt, weil ich sie, um alte Freunde anzuregen und neue Freunde[370] zu gewinnen, bereits im Geiste hier vertheilt habe. Leben Sie wohl und bleiben Sie schutzreich und gewogen Ihrem Freunde H. Heine.« »Die Harzreise« wurde von dem Zensor gleich in den ersten Abteilungen an mehreren Stellen durchkreuzt; ich ließ den Satz wieder »ablegen« ? wie es in den Druckereien heißt ? um dann mit dem Kreuziger wegen seiner Kreuzverschwendung zu unterhandeln, erreichte das Möglichste, doch erst bei ministerieller Entscheidung, und brachte das Ganze glücklich genug über die geistige Torsperre hinweg. Es konnte aber nun erst im Anfange des Jahres 1826 (Bl. 11 bis 24) erscheinen, und hat auch noch etliches, was Heine mutmaßlich selbst strich, als er kurze Zeit nachher die erweiterte »Harzreise« benutzte zum ersten Bande seiner »Reisebilder« (Hamburg, 1826). Dr. Hermann ? als Schriftsteller »Ernst Woldemar« genannt -hat darüber in demselben Jahre (»Gesellschafter« Bl. 103) folgendes gesagt: »Will ich aufrichtig sein, so muß ich, bei mancher Mißempfindung, die mir der Verfasser bereitet, doch bekennen, daß mir sein Buch von Anfang bis zu Ende Unterhaltung gewährt, mich in Spannung und Eifer versetzt, überrascht, zuweilen besänftigt und gerührt, und sehr oft, was vielleicht nicht das Schlimmste ist, lachen gemacht hat. Der Humor unseres Autors hat in Wahrheit viel Eigenes und Einziges; wenn die Tiefe und das Licht seiner Gedankenbilder oft an die Vorzüge Jean Pauls erinnern, manches Dunkel und manche Verwilderung seiner Gefühlsart an die glänzenden Fehler Byrons, so gehört dagegen anderes Ausgezeichnete nur ihm allein, und läßt sich nur mit dem, was er selbst früher in solcher Art gegeben, in Vergleich stellen; dahin[371] rechnen wir die ganz eigentümliche Mischung von zartestem Gefühl und bitterstem Hohn, die Verbindung von unbarmherzigem, scharf einbohrendem, ja giftigem Witz und von einschmeichelnder Süßigkeit des Vortrags, lebhaftem und zugleich mildem Redefluß, der durch nichts gehemmt, durch nichts getrieben scheint, und gleichmütig über alles, was ihm in die Quere kommt, leicht dahinwallt. Auch dürfen wir als eine Eigenschaft unseres Autors nicht übersehen, daß er mit gleicher Natürlichkeit ? oder Fertigkeit, wenn man will ? sich in beiden Formen, in Prosa und in Versen, bewegt, was bisher noch von keinem Geisteskinde seiner Art gesagt werden konnte. Er ist in der Tat nicht bloß ein Dichter, wie jeder Humorist im allgemeinen es heißen kann, sondern auch in dem engeren Wortsinne, in welchem die meisten Humoristen es nicht sind. Dies ist ein Vorzug, der noch sehr weit führen kann. Aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, pflegt man zu sagen, will man vom Lobe zum Tadel übergehen, und so möchten auch wir gern das Sprichwort uns zur Brücke machen, wenn sie uns nicht gleich unhaltbar würde! Denn das ist eben das Eigne, die Kunst, das Glück, oder auch der Nachteil jedes Autors dieser Art, daß die Elemente seiner Darstellungsweise nicht nebeneinander zum Sortieren, Auswählen und Abtrennen daliegen, sondern untereinander verflochten und verwachsen, ineinandergemischt und gebunden sind, und ihre Scheidung nicht ohne Zerstörung des Vorhandenen geschehen kann. Der Schatten, welchen wir nachweisen möchten, steht hier ganz im Lichte, das Licht, von dem wir geredet, ganz im Schatten, wenn wir so reden dürfen. Ohne Frage, die Wagnisse des Verfassers gehen bis zum Frevelhaften, seine Freiheiten[372] bis zur Frechheit ? die zwar schon längst in unserer Literatur die göttliche heißt, seit Friedrich Schlegel in der ?Lucinde? und im ?Athenäum? sie so getauft und geweiht!! ? sein Mutwille wird Ausgelassenheit, seine Willkür verschmäht auch das Gemeine nicht, wenn sie unerwartet damit die Erwartung necken, durch einen Satz dorthin die gespannte Einbildungskraft plötzlich kann abschnappen lassen. Allein gerade in diese Wendungen und Sprünge windet sich der Gedanke mit ein, springt der Witz mit, und wir müssen ? gleich dem Indier, der in dem unreinsten Getier, das vom geweihten Tempelbrote genascht, nun den Behälter des Geweihten verehrt ? noch in der unangenehmsten Gestalt den darin verkörperten Geist anerkennen. Dies gilt jedoch einzig nur dann, wenn wirklich die Vereinigung eine wahre ist; zeigt sie sich als eine scheinbare, treffen wir die Frevelhaftigkeit und Frechheit, die im Geleit der höheren Macht höchstens unser Achselzucken erfahren dürfen, einmal für sich allein, ohne jenes Geleit, dann kennen wir auch keine Schonung, sondern fallen darüber grimmig her, und reißen die Ungebühr in Stücken. Einige der Gebilde unseres Autors können durchaus kein besseres Schicksal erwarten, sie überschreiten jedes Maß, und ohne alle Not; er wird selbst am besten wissen, was er sich selber zu Ehren und seinem Buche zum Frommen aus demselben hätte weglassen sollen. ? Die ?Reisebilder? bestehen aus viererlei Mitteilungen. Da zeigt sich mancherlei, was man bedenklich ansieht, wobei man den Kopf schüttelt, was man auf keine Weise rechtfertigen kann; die Beispiele überlassen wir andern anzuführen. Dann folgen einige Gedichte, welche einen etwas größeren Schwung nehmen und mannigfachere Welt behandeln.[373] Die Romanze vom Sohne des Schriftgelehrten Rabbi Israel von Saragossa, im schönsten spanischen Tone, dürfte auch im heutigen Treiben für manches Alkalden-Fräulein recht wohl passen; den drei stark mahometanischen Romanzen ?Almansor? hält die echt christlich-katholische ?Wallfahrt nach Kevlaar? die Wage, und der Verfasser, der unseres Wissens selber Katholik ist, hätte nicht nötig gehabt, sich wegen der Deutung zu rechtfertigen, die aus dem Stoffe dieser Romanzen irrig auf seine Denkweise gemacht werden könnte. Die dritte Abteilung enthält die ?Harzreise?, welche, wie mehrere der Gedichte, zum Teil schon im ?Gesellschafter? abgedruckt erschienen ist; sie hat aber Zusätze und Ergänzungen erhalten. Der Verfasser geht von Göttingen aus und besucht den Harz, hat aber dabei beständig Berlin vor der Seele. Diesen Zusammenhang von reichen, treffenden Naturbildern, seinen Beobachtungen, schalkhaften, witzigen, beißenden Scherzen, persönlichen Feindseligkeiten, weichen Gefühlen, reizenden Liedern, tollen Fratzen, unglaublichen Verwegenheiten usw. können wir hier nicht zergliedern; wir überlassen dem Leser selbst, daran sich ärgerlich und liebevoll, wie er kann, zu ergötzen; nur bemerken wir, daß das Vernunftgespenst ein wahres Meisterstück tiefsinniger Laune, und daß die Ehrenrettung eines im Text irrig verunglimpften Schauspielers in ihrer Art einzig ist. ? Den Beschluß des Buches machen Seebilder: ?Die Nordsee? überschrieben. Diese Abteilung dünkt uns die gehaltvollste, und, nach Ausscheidung einiges Frevels, die würdigste. Hier beurkundet sich noch mehr als in der ?Harzreise? das bis zum Genie gesteigerte Talent des Autors. Welche Naturschilderungen in wenigen, aber markigen, für immer bezeichnenden[374] Worten! Welche tiefgeschaute Eigentümlichkeiten, reiche Beziehungen, leichtbewegte Gestalten! Hier zeigt der Dichter seine echte Verbindung mit dem Ursprünglichen, der Natur sowohl als des Geistes, sein wahres Dichtertalent: zu sehen, zu bezeichnen. Diese Dichtungsart, des kolossalen Epigramms möchten wir sie nennen, eignet ganz besonders dem Genius unseres Autors, und daß er aus dem epigrammatischen Liede zu ihr übergegangen, kann uns ein entscheidendes Zeichen seines innern und äußern Fortschrittes sein. W.« Was von diesem Beurteiler gesagt ist, trifft eigentlich noch jetzt Heinesin erster Zeit unsrer Bekanntschaft meinerseits nicht ergründete Gesinnungslosigkeit. Seine Fortschritte blieben neben dem schätzenswerten auch im Bündnis mit dem Verwerflichen, und daß man diesem in der Literaturgeschichte nicht das Übermaß zuteile, möge man mit mir seinem Andenken wünschen. Nach jenem dritten Briefe mit der bezeichneten Handschrift für den Abdruck habe ich keine Zeile mehr von Heine empfangen, weder als Brief noch als Beitrag für meine Zeitschrift, und ich erinnerte ihn auch nie an mich. Schon im Jahre 1825 wurde er mit seinen Verlegern in Hamburg dadurch bekannt, daß er in deren Buchhandlung eintrat, um nach den Schriften ? Heines zu fragen, was er auch anderweitig getan hat zur Unterstützung seines Rufs, wie er meinte. Dorthin sandte nun Heine alles, was er schrieb, und im Hinblick auf mich hat er sich wahrscheinlich gedacht, daß ich mit vielem, was von ihm ausging, schwerlich ohne Beschränkung einverstanden sein würde, worin er nicht geirrt hätte. Nach meiner, von den persönlichen Begegnissen geleiteten Erfahrung glaube ich aber: was [375] Heine seinem Schönen zufügte an Häßlichem, das tat er in berechneter Absicht, weil Niedrigderbes eher als Erhebendes in der Lesewelt die Mehrheit gewinnt, er sich also selbst sagte: »Gediegenes wirkt zu langsam, und für das geläutert Edle sind gar viele unempfänglich; da bedarf die Dichtung Brunst und Geprassel, Explosionen und Raketengeknall zur Ergötzung derer, die um so angeregter sich bestens entzückt fühlen, je mehr dabei diesen und jenen Schlacken an die Köpfe fliegen, sind nur dabei natürlich die Kopflosen verschont.« ? Wie aber Heine Bildung mit Unbildung, »Veilchenduft und Mondschein« mit »Düngerduft und Moderpein« mischte, wie oft er den Sonnenstrahl seines Geistes auch dem Schmutz gönnte, für einen Dichter wird und muß man ihn immer anerkennen. Freilich dürfte man jedoch zugleich auch immer bedauern, daß er nicht Kraft und Mut hatte zu der Überzeugung; er sei reich und mannigfach begabt, um auf reiner Bahn sich unbefleckten Ruhm erwerben zu können, statt daß er die rosigsten Seelenblüten gepaart mit den giftigsten Gewächsen sinnlicher Versumpfung ausstreute, nur um den rasch jubelnden Beifall des schmähsüchtigen Lüstlingstrosses zu erzwingen und zu steigern. ? Heine war zu Höherem berufen, er hatte nicht nötig, Erhabenes zu erniedrigen zum Dienst für Gelächter; dazu besitzt mancher Halbhirnige noch Mittel und Kopfs genug. Aber das Erhabene dem Volk zu sichern und mehr zu erhellen, dazu gehört die klargesunde Einsicht und das tiefernst beseelte Gemüt; zu beidem fehlten bei Heinrich Heine die Anlagen nicht, leider hat er jedoch auch beides verwahrlost, und dennoch blieb ? nach meinem Empfinden und Begriff ? sein bedingter Anspruch auf geistige Geltung unvernichtet[376] Unwillkürlich wird durch die Zurückschau auf Heinrich Heine die Erinnerung hingeleitet zu Ludwig Börne, den jener noch verunglimpfte vom elendvollsten Krankenlager aus, mit solcher Erbitterung, um mit Recht sagen zu dürfen: der Verwesende beschimpfte den Toten, seinen ehemaligen Geistes- und Strebensgenossen. Später im Haderkampfe sich gegenüber, sind diese beiden, in Deutschland geboren, nur darin einig, ihr Vaterland unausstehlich zu finden. ? Gesehen habe ich Börne, auch mit ihm gesprochen; durch seine ausgezeichnete Taubheit, die an seinem schroffen Wesen viel erklärt, war aber die Unterhaltung mit ihm fast bis zum Nichtmöglichen gehindert. Indem er nur sich nach innen verstand, blieb das Gespräch mit ihm vorherrschend einseitig, was bei ihm das Gefühl des Alleinstehens bewirkte, ihn verleitete, sich als weltverbessernden Glaubenshelden zu betrachten, und wie ein solcher hat er sich jedenfalls seine zwar starrköpfige, doch immer redliche Gesinnung treu und fest bewahrt. Im Anfang dieser Aufzeichnungen habe ich dort gesagt, daß ich in bezug auf den Glauben an ein »Hereinragen der Geisterwelt in die unsrige« noch ein Ereignis mitzuteilen habe, und dazu mag ich jetzt genähert sein bei dem im mannigfachen oft unausführbaren Willen, hier Ordnung zu halten im Zeitgange meines Daseins. Mein Vater, der viel von Krankheiten litt, zumeist durch Kopfgicht, die auch seine auf einem Auge gänzliche Erblindung veranlaßte, lag im Jahre 1821 so schwer gefährlich krank, daß mir der Arzt ? in jener Zeit der Hofrat Schulz ? bemerkte: er halte es für Pflicht, mir zu sagen: nach übereinstimmender Ansicht noch zweier Ärzte könne der Vater diesmal nicht genesen[377] und sein Lebensende sei nahe. Ich hatte mich damals soweit durchgearbeitet, daß ich den Eltern ein sorgenfreies Alter sicherte, sie im Winter bei meiner verheirateten, aber kinderlosen Schwester Wilhelmine, während des Sommers in der Hasenheide wohnten, nur mit ihrer Pflege beschäftigt. Es tat mir um so mehr weh, daß der unter Sorgen, Last und Leiden Altgewordene nicht noch einige Jahre besserer Verhältnisse sich erfreuen solle. Ich hatte ihn fast täglich besucht, auch erkannt, daß bei der jetzigen Krankheit die Gefahr sich steigerte, hoffte aber dennoch auf Genesung. Des Arztes Bekenntnis raubte mir diese Hoffnung, und ich mußte sie für verloren halten, nachdem ich sogleich zum Vater hineilte: ich fand ihn völlig entkräftet und meine Gedanken wendeten sich nur zu ihm. In dem unruhigen Schlaf der nächsten Nacht sah ich nun im Traum eine Gestalt an meinem Lager, angetan mit Bekleidung, die auf ein vergangenes Jahr hundert deutete, über die ein weißes Gewand geworfen war, so daß ich nur an Haupt und Brust die altertümliche Tracht gewahren konnte. ? »Du wünschest deinen Vater« ? so hört' ich sprechen ? »gerettet, ich will dir die Mittel angeben, merke wohl auf!« Hierauf nannte die Traumerscheinung die Namen dreier Pflanzen, und indem ich froh zu antworten suchte: »Ich werde sie ausschreiben!« erwachte ich in fieberhafter Bewegung. Augenblicklich sprang ich auf, ging nach meinem Arbeitszimmer, das nur durch einen engen Kaminflur vom Schlafgemach getrennt war, suchte Bleistift, ergriff das mir zunächste Papier ? es war der Umschlag eines Briefes von dem geschätzten Dichter Haug ? schrieb im Finstern, so gut es sich tun ließ, jene Pflanzennamen[378] auf, und haftete mich dann zurück nach der Schlafstätte. ? Am Morgen fand ich das Papier, das Geschriebene war auch leserlich ? meine Stimmung aber bei dem Sonnenlicht eine andere geworden; ich sagte mir: deine schwärmerische Erregtheit hat wieder ihr Spiel mit dir getrieben, der Arzt würde dich auslachen, wenn du ihm mit diesem Zettel kämest. Gestehen mußte ich mir auch, daß die Bezeichnungen ? ich weiß nur noch, daß »Königskerze« dabei war, ein anderer Name mit »Fackel« begann ? ganz so klangen, als hätte mir das Bild eines feierlichen Leichenbegängnisses vorgeschwebt. Gegen Abend wurde ich indes ? so ist der Mensch! ? nachsinnender über dies Traumbild. Bei tiefster Erschütterung sah ich nun in der folgenden Nacht dieselbe Gestalt, vernahm den zürnenden Anruf: »Du weißt jetzt, was deinen Vater retten kann und zögerst dennoch?« ? In der siebenten Stunde des nächsten Tages war ich bei dem Arzt, erzählte ihm, was ich hier erzählt habe, und gab ihm den Briefumschlag, fragend: »Sind dies offizinelle Mittel?« ? »Ja,« erwiderte er, »es sind die deutschen Namen von den Kräutern« ? hier gab er die lateinischen Namen an ? »und jedenfalls ist das Ereignis merkwürdig.« ? »Können Sie meinem Vater einen Trank aus diesen Kräutern verordnen?« fragte ich dann, und nach kurzer Überlegung erhielt ich die Antwort: »Ich müßte eines dabei bedenklich finden, doch hebt sich dies in der Mischung, wie ich glaube; andernteils wissen Sie, daß ich und zwei meiner Kollegen Ihren Vater für unrettbar halten, weshalb sollte ich ihm also diese Mittel nicht verordnen?« ? Sie wurden ihm verordnet, unausgesetzt gebraucht, schienen mir nicht helfend, doch auf meine Einrede entgegnete der Arzt: »Es[379] sind schon ein paar Wochen vergangen, die Krankheit hat sich in keiner Weise verschlimmert, bleiben wir bei diesem Trank!« Und die Genesung erfolgte wirklich, so daß mein Vater noch acht Jahre lebte und sie bis über die Siebzig brachte. Wardies ein »Hereinragen der Geisterwelt in die unsrige«? ? diese Frage beantworte ich abermals mit einem entschiedenen: Nein! Ich habe schon darauf hingewiesen, daß die Pflanzennamen etwas von schwärmerischer Gedankenanwehung hatten; hierzu beihülflich vermittelnd war auftauchende Kenntnisnahme von medizinischem Allerlei, das der Lerntrieb mir in den Kopf schüttete bei meinem früher geschilderten Aufenthalt in Heinrichs, als ich den Nachlaß meines Großvaters, des Doktors und Kreisphysikus, durchwühlte. Unter seinen Heften fand ich auch ein Verzeichnis, worin neben den lateinischen die deutschen Namen vieler Arzneimittel angegeben waren; gewiß dachte ich bei der gefährlichen Krankheit des Vaters auch an den Großvater: jene Pflanzennamen waren demnach Erinnerung aus entschwundener Zeit, und dafür könnten sogar die altertümlichen Spuren an dem Traumbilde zeugen. ? Soll aber dennoch von einem »geistigen Hereinragen« die Rede sein, so ist es nur das aus einer Zeit zur andern; es wirkte hier der Geist, den der Großvater auf Erden zurück ließ, es wirkten sein tatfähiges Wissen und seine Erfahrung, die noch dienlich wurden, als ein Etwas davon aus dem verdämmerten Hintergrunde meines Gedächtnisses, durch die Gedankenrichtung auf den einen Punkt, die Rettung meines Vaters, wieder auftauchte, mir im Traume andeutete, was einst bei ähnlicher Krankheitsmacht mein Großvater mit Erfolg als Heilmittel benutzt hat. ?[380] Fußnoten Amazon.de Widgets 1 Ich wollte Aenderungen in die Handschrift einordnen. 2 Johann Reinhold v. Lenz (als Schauspieler Kühne genannt) war verheiratet mit einer Schwester meiner Frau ? beide Töchter des unvergeßlichen Fleck. 
 Der Zensurdrache.  [430] Jetzt begegnen meine Erinnerungen den Martern der Zensur, von der ich leidlich behandelt worden war, bis ein widerwärtiges Ereignis es tunlich machte, mich beinahe zwanzig Jahre mit Beschränkungen zu quälen. ? Am 18. Februar 1828 abends nach neun ließ sich der Polizeiinspektor Mertke bei mir melden. Nachdem er in mein Arbeitszimmer eingetreten war, entschuldigte er sich höflichst, wenn er noch so spät störe, und dies tue, indem er leider einen unangenehmen amtsdienstlichen Auftrag zu erfüllen habe. »Alles Unvermeidliche muß willkommen sein, und man kann's nicht rasch genug erfahren, damit man um so rascher versucht, das Unangenehme dabei zu überwinden!« so ungefähr antwortete ich ihm, wonach er[430] äußerte: »Meine Behörde hat mir befohlen, vom ?Gesellschafter? das Blatt 28 samt Beilage, datiert vom 18ten Februar, zu konfiszieren. Ich war deshalb in der Maurerschen Buchhandlung, habe aber nur wenige Exemplare erhalten, weil diese Blätter bereits am 16ten Februar expediert sein sollen. Deshalb wurde ich beauftragt, mir von Ihnen die in Ihrem Besitze befindlichen Exemplare ausliefern zu lassen.« ? »Sie haben hoffentlich eine schriftliche Ordre?« fragte ich. ? »Jawohl, hier ist sie!« ? »Ich las den Befehl und sagte nun: ?Zwar begreife ich nicht, wie man Blätter konfiszieren kann, denen vom Königlich Preußischen Zensor die Druckerlaubnis Schwarz auf Weiß erteilt worden ist; aber es heißt in der Schrift: Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat!? ? Diese Gewalt fruchtet jedoch bei mir nicht sehr, denn die ganze Auflage des ?Gesellschafter? wird von der Druckerei aus sogleich nach dem Verlagsort, jetzt also nach der Maurerschen Buchhandlung geschickt, ausgenommen zehn Exemplare, die ich empfange. Davon habe ich sechs an Freunde verteilt, die übrigen vier gebe ich in Ihre Hände.« Dies geschah, und ich erkundigte mich nun: ob der Herr Polizeiinspektor nicht wisse, was denn eigentlich mißfällig aufgenommen worden sei. ? »Es betrifft, wie ich glaube gehört zu haben, den Aufsatz: ?Die Botschafter in Rom? und näher noch dessen Fortsetzung in der Beilage; mehr erfuhr ich selbst nicht.« ? Ich dankte für diese Mitteilung, der Herr Polizeiinspektor empfahl sich und ging mit den vier Exemplaren von dannen. Am andern Tage ließ ich mir die Zensurblätter aus der Druckerei holen, erstens mir den Beweis der Druckerlaubnis zu sichern, zweitens nochmals den Aufsatz zu[431] lesen und möglichst zu ergründen, was etwa dieser oder jener Behörde anstößig erscheinen konnte. Von den Botschaftern in Rom sind der Hannoversche (Baron von Reden), Russische (Italinski), Österreichische (Graf Appony), Französische (Graf Blacas d'Aulps) und der nachmalige Französische (Herzog von Laval-Montmorenci) geschildert. Obwohl ich mir eine klare Überzeugung nicht ermitteln konnte, kam ich doch zu der Meinung, daß auf den ersteren Bezügliche möchte die Ursache des Konfiszierens sein, und dies Bezügliche soll hier folgen aus Gründen, die im Gange dieser Preßangelegenheit deutlich werden. ? Der römische Berichterstatter befindet sich bei einem Feste, von dem Boschafter Neapels, Marchese Fuscaldi, im Farnesischen Palast veranstaltet, und nachdem er ein allgemeines Bild gegeben, dann von dem Wirt und dem Gesandten Portugals (Condé de Fuchal) witzlaunig gesprochen hat, äußert er gleicher Weise: »In der Gruppe am Sofa bemerkte ich, etwas abseits, einen höchst merkwürdigen Kopf, vollkommen verschieden von den bleichen, rein italienischen Gesichtern, die ihn umgaben. Condé, auf meinen Lippen eine Zögerung zwischen Frage und Lächeln gewahr werdend, rief mich, und stellte mich ohne Umstände seinem Freunde vor. Es war der ?Minister Seiner Britannischen Majestät, des Königs von Hannover?; ein sinnreiches Mittel, die geringe Bedeutung eines Staates mit dem Glanz des andern zu bedecken. Der Baron Reden hatte nichts Verführerisches, weder in seinem Benehmen noch im Äußeren: doch, hätte ich die anti-diplomatischste, ultraehrlichste, übergewissenhafteste Gestalt zu repräsentieren, welche ein deutscher Hof als Probe der Erzeugnisse seiner[432] Manufakturen in ministerieller Hinsicht an einen italienischen Hof senden könnte ? so würde ich gewißlich versucht, ihn zu wählen. Er war klein und ohne Anmut; die Jahre hatten seine schwerfälligen Züge nicht verschönert, und das Kostüm hing linkisch an seinem Leibe, wie wenn er es von dem korpulentesten seiner Ahnen ererbt hätte. Dazu seine derbhöflichen Manieren. Es war belustigend, die wuchtige, ernste Weise zu sehen, mit der er seine Verbeugung machte, und wie sein Gesicht zu einem bewundernden Lächeln aufblühte bei dem Anblick der Schönheit. Doch alle diese Nüancen verloren sich in der offenen Freimütigkeit, in der hanseatischen Biederkeit seines Charakters. Der Baron sagte nie ein Wort, ohne eine Autorität zu dessen Unterstützung anzuführen; und auch dann war er noch keines vollen Glaubens gewärtig. Sein gerader, ruhiger, gewissermaßen substantieller Blick barg keinen rückhaltigen Gedanken; seine dicke germanische Lippe zeigte nichts Perfides in ihrem naiven Lächeln. Seine Meinungen waren zwar sämtlich extrem, beengt ? aber ohne Bigotterie, und ohne die Galle der Mittelmäßigkeit. Er übertrug das Gutmütige seines Hauswesens in die Diplomatie, und Baron Reden war, wie ich später erfuhr, ein Muster häuslicher Tugend. Seine Ambassade glich einem Gemälde von August Lafontaine, es war eine patriarchalische Familie. Alle, die mit ihm zu tun gehabt, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, hatten bei ihm eine beständige, väterliche Aufrichtigkeit gefunden. Seine Augen leuchteten, wenn er von seinem Lehrer sprach, der damals bei neunzig Jahr alt gewesen; eine der größten Freuden, auf die er rechnete bei seiner Rückkunft nach Hannover, war, seinen Segen zu verlangen und ihm[433] die Hand zu küssen. Seine Töchter hatten dasselbe Gepräge ererbter Vortrefflichkeit. Bei einem Besuche im Redenschen Palais bemerkte ich eine Zeichnung in einem der vorzüglichsten Gemächer. Der Legationssekretär erklärte mir dessen Bedeutung, indem die Damen die Augen niedersenkten. Es war das Porträt der ältesten Tochter des Barons, vorstellend ?Charlotte, wie sie den Kindern Butterbrot austeilt.? Niemand konnte besser diesem Gegenstand Gerechtigkeit widerfahren lassen, als Herr Kestner, der später den Baron ablöste, und, wie ich glaube, gegenwärtig Minister am römischen Hofe ist. Er stammt, wie man sagt, von jener Charlotte ab, und ist ein Freund Goethes, mit dem er einen langen Briefwechsel geführt, der auch vor einigen Jahren in den periodischen Blättern Deutschlands publiziert worden. ? Übrigens hatte der Baron Reden das ? Glück, möcht' ich sagen, seine Funktionen beschränkt zu sehen auf das wichtige Vorrecht, alle Untertanen Seiner Britischen Majestät zu empfangen und Seiner Heiligkeit vorzustellen, mochten sie Engländer sein oder Hannoveraner, Katholiken oder Protestanten, Whigs oder Torys.« »Dieser Satz muß es sein, obwohl ich auch hierin nichts Gefährliches finde!« sagte ich zu mir selbst, ließ sofort die Beilage umdrucken und schickte die Auflage mit der Post nach Leipzig an den Kommissionär der Maurerschen Buchhandlung. Damals gingen die Buchhändlerballen noch mit sehr langsamer Fuhre nach der Pleißestadt; demzufolge glaubte ich wenigstens, da ich mich nun der Schnellpost bediente, in dem größten Teil der Exemplare könne die alte Beilage mit der neuen vertauscht werden, und ich ersuchte den Kommissionär um diese Gefälligkeit, die er mir auch gewährte, ja selbst[434] hier und dort in schon ausgelieferten Exemplaren den Umtausch versuchte. So erhielt das Blatt 28 des »Gesellschafter« vom Jahr 1828 zwei Beilagen, und indem ich dies schreibe, habe ich einen, nicht mir gehörigen Band vor mir, in welchem sie sich beide befinden. Amazon.de Widgets Warum ich mir so viele Mühe machte? ? Ich hatte fortdauernde Kämpfe wegen der Zensurbeschränkung, weil man mir mein Recht bestritt, politische und religiöse Gegenstände zu besprechen, ein Recht, welches ich durch die in den ersten Blättern des »Gesellschafter« (vom Jahr 1817) dargelegten Angaben über den Inhalt und zugleich mit dem Umstande beweisen konnte, daß man meiner genannten Zeitschrift anfangs den politischen Zensor gab unter Mitbeteilung der theologischen Zensur. Ich habe auch endlich ? im Jahr 1845 ? mein Recht im Wege des Prozesses erlangt. Bis dahin half ich mir immer möglichst damit, die oft wechselnden Zensoren durch tatsächliche Beweise von meinen begründeten Ansprüchen zu überzeugen, und ich muß es allen ? mit nur zwei Ausnahmen ? in pflichtgemäßer Anerkennung nachsagen, daß sie sich überzeugen ließen und stets bemüht waren, die willkürliche Beschränkung zu mildern, soweit sich dies mit ihren amtlichen Vorschriften vereinen ließ. Das wurde ihnen nicht selten gerügt, aber ? ich muß auch dies noch hinzufügen ? sie wehrten sich zuweilen mit Entschiedenheit und nahmen mein Recht in Schutz. Besonders geschah dies vom Geheimen Rat Jouffroy, dem bekannten Dichter Langbein (der wegen Nahrungssorgen zum Zensor wurde), dem Regierungsrat Grano (Sohn des in dieser Mitteilung verwebten Geheimen Rat Grano), dem Oberkonsistorialrat Brescius und dem Grafen Flemming, deren Teilnahme[435] ich freundlichst gedenke und bei dieser Gelegenheit nicht versäumen mag, dies auszusprechen. Meinerseits sorgte ich, daß die Zensoren nicht in Pflichtstreit geraten sollten und war bei begründeten Bedenken selbst nachgiebig; denn ich bin gewohnt, dem Gesetz zu gehorchen, auch wenn es mir im Unrecht scheint, zugleich aber dann dagegen zu kämpfen auf gesetzlichem Wege, wenn ein solcher sich eröffnet. Obwohl ich ? offen gestanden ? niemals selbst Zensor geworden wäre, hatte man doch stets die Stellung anderer, die sich oft durch eigene, sehr bedrückende Umstände genötigt sahen, ein so trostloses Amt anzunehmen, in Anschlag zu bringen, und ich bin überzeugt, daß beinahe jeder Zensor dies Amt verwünscht hat. Zu dieser, von dem Verfahren der meisten Zensoren mir bestärkten milden Ansicht bin ich auch dadurch gekommen, daß ich nie ein Verfechter unbedingter Preßfreiheit war, vielmehr ohne ein tüchtiges Preßgesetz und Schiedsgericht sie für sittenzerrüttend und ebensowohl dem Staat und der Volksvernunft, wie demnächst der Literatur als gefährlich erachtete. Die letzten Jahre ließen mir dies Erachten zur vollen Überzeugung werden; das Äußerste in den Äußerungen der Parteien, so von links wie rechts, hat gleich verderblich in der Menge gewütet; beide, die sogenannte Demokratie und die sogenannte Reaktion ? Selbstsuchten von verschiedener Richtung ? haben sich gleicherweise sehr erniedrigt in Haß und Lüge. Unbedingt ist nichts in der Welt, die Preßfreiheit, die, redlich und edel benutzt, des Segens viel in sich trägt, kann und darf es also auch nicht sein. ? Nach dieser Abschweifung lenke ich wieder ein, um zu sagen, daß ich mir die Mühe mit dem neuen veränderten[436] Abdruck und Verbreitung der erwähnten Beilage deshalb machte, um dem damaligen Zensor, für den jedenfalls ein Ungewitter zu erwarten war, einen Blitzableiter zu verschaffen. Langbein hatte sich von der Zeitschriftzensur zurückgezogen, Professor Dietmar (derselbe, der sich durch seine Schriften über Witterungskunde den Spottnamen »Wetterprophet« erwarb) war einstweiliger Zensor geworden: der gutmütige, bereits bejahrte Mann, der dieser Anstellung sich nur fügte, um sich einer gehofften besseren nicht verlustig zu machen. Leicht vorauszusehen war es, daß er durch sein »Imprimatur« für die nun konfiszierten »Botschafter in Rom« in eine bedenkliche Lage kam, und ich wollte das Meine tun, seine Hoffnung ungeschwächt zu erhalten. Es gelang mir aber nicht; er verlor (jedoch ohne bedeutenden Nachteil) sein Amt, was ich hier voraus erwähne, um in dieser Angelegenheit nun geradeaus meinen Erlebnissen folgen zu können. Ein paar Tage nach jener Konfiskation erhielt ich ein Schreiben vom Minister von Schuckmann, des Inhalts: »er habe meiner Umsicht mehr zugetraut, als daß er hätte glauben können, ich würde solche Dinge, wie in dem Aufsatz: ?Die Botschafter in Rom? enthalten, aufnehmen; er sehe sich deshalb genötigt, meine Zeitschrift einer strengeren Zensur zu unterwerfen.« Näheres war in dem Schreiben nicht erwähnt, und ich über die Tatsache nicht klüger als vorher. Daß ein solches Verfahren, bei dem es mir Absicht schien, den »Gesellschafter« einer »strengeren Zensur zu unterwerfen«, mich etwas in Harnisch brachte, wird mir niemand verargen, der davon Spuren entdeckt in meiner Entgegnung, die ich hier anfüge:[437] »Ew. Excellenz Schreiben überrascht mich, da ich für den von Ihnen verurtheilten Aufsatz das Imprimatur des Königlich Preußischen Censors habe. Es überrascht mich um so mehr, als ich ? abgesehen davon, daß dieser Aufsatz, wie im Abdruck angegeben, aus dem ?New-Monthly-Magazine? übersetzt und von mir so bedächtig gemäßigt wurde, daß beinah die Hälfte wegblieb ? noch jetzt mit meiner von mir gewiß nicht überschätzten Umsicht allerdings nicht die Gründe erreichen kann, weshalb er zur Ursach diente, mir die Umsicht abzusprechen. Da dies seit länger als elf Jahren des Bestehens meiner Zeitschrift der erste Verweis ist, den ich mir zugezogen haben soll, finde ich es durchaus nothwendig, mich zur Erkenntniß meiner Sünde zu bringen, und bitte, dies nachträglich zu veranlassen, zu welchem Zweck ich Ew. Excellenz Schreiben hiermit zurücksende, da mir nicht zugemuthet werden kann, einen Verweis ohne Gründe als an mich gerichtet zu betrachten. ? In ehrerbietigster Hochachtung empfiehlt sich Ew. Excellenz Berlin, 26. Februar 1828. ergebenst Fr. W. Gubitz.« Eine Antwort erwartete ich vergebens, wohl aber zeigte mir bald darauf der Geheime Rat Grano an: ihm sei die Zensur des »Gesellschafter« übertragen, und ? eine Zeit der Qual begann. Es dauerte gar nicht lange, da fanden sich die, nach der Eigenheit des benannten Zensors mit blauer Tinte gestrichenen Stellen ein, auch fehlten nicht die üblichen Randbemerkungen: »Für diese Zeitschrift nicht zulässig«, »politische Aufsätze sind dieser Zeitschrift nicht gestattet«, wobei sich das Wort »politische« gelegentlich in »theologische« verwandelte, um dann[438] Äußerungen in religiöser Beziehung verschwinden zu lassen. Auch hier versuchte ich durch die ersten Blätter des »Gesellschafter«, in denen »Politik« und »Religion« als Gegenstände der Besprechung mit bezeichnet sind, ferner durch Vorlegen vieler in den bisherigen Jahrgängen zu findenden Aufsätze, welche den mir nun verweigerten Richtungen angehörten, mein Recht zu bewahren; aber der neue Zensor berief sich hartnäckig auf seine für mich unzugänglichen Instruktionen. Bei dem Beginn der Zeitschrift hatte man mich ? wie schon bemerkt ? bald dem politischen Zensor (damals Geheime Rat Jouffroy) überwiesen, ihm für das Religiöse den damit beauftragten Zensor beigegeben; schon dies war Beweises genug. Als Jouffroy gestorben war, singen die Händel an, doch waren der politische und theologische Zensor noch immer angewiesen, bei den in ihr Bereich gehörenden Aufsätzen zu entscheiden. Daß dies Verhältnis aufgehoben sei, war mir nicht angezeigt, und so sandte ich, wenn dieser Herr Grano strich, das von ihm verletzte Blatt weiter, erhielt mehrmals das Imprimatur und ließ nun den Abdruck geschehen. Der Genannte tat jedoch entschiedenen Einspruch, und verbot mir, mich nach irgendeiner andern Zensur als der seinigen zu richten. Der politische Zensor wankte nun ebenfalls, nur der theologische, Oberkonsistorialrat Brescius, hielt tapfer aus, und nachdem er von dem Stande der Dinge unterrichtet war, erteilte er, da wieder eine Druckverweigerung mich hinderte, die Druckbewilligung mit dem Zusatz: Mir ist die Befugnis, für den »Gesellschafter« religiöse Äußerungen zu zensieren, nicht genommen; wenn Hr. Geheime Rat Grano etwas da gegen hat, muß er sich zuerst an mich wenden und ich werde ihm antworten.[439] Jetzt drohte mir Hr. Grano, wenn ich nicht streng seinen Bestimmungen allein gehorsamte, eine Klage gegen mich anhängig zu machen. »Immerhin!« schrieb ich ihm; »ich will, da ich mich noch niemals über einen Zensor beschwerte und alle Angeberei im weitesten Umfange mir zuwider ist, diese Klage herausfordern, um endlich Gelegenheit zu haben, mein mir zustehendes Recht gegen den Machtspruch des Herrn Ministers zu erkämpfen. Zu diesem Zwecke lasse ich alles von Ihnen Gestrichene, wenn ich dafür von irgendeinem Zensor das Imprimatur erhalte, ohne weiteres abdrucken.« Dies geschah, doch konnte ich es nicht zur Klage bringen; nur die Strenge nahm zu, und oft wußte ich bei allgemeinen oder gemischten Bemerkungen mir nicht Rat noch Hilfe zu erspähen. Zu der Zeit befand ich mich eines Abends in der »literarischen (Mittwochs-) Gesellschaft«. Als ich von Hause wegging, fehlte noch die Zensur des Blattes, das an diesem Tage gedruckt werden mußte. Ich sah es mir vorsichtig an und nirgends entdeckte ich nach meiner Ansicht die Möglichkeit, daß hier ein Zensurstrich hinderlich sein könnte; ich hatte aber fehl geschlossen. Das Blatt wurde mir nachgeschickt, weil darin gestrichen war in einem kurzen Aufsatz vom General von Minutoli. Derselbe hatte sich über den Gebrauch der Fremdwörter ausgesprochen und unter anderem bemerkt: Das Berliner »Intelligenzblatt« trüge seinen Fremdnamen gewiß mit Unrecht, denn von Intelligenz sei nichts darin. Dies hatte Herr Grano als anstößig erachtet und sein Strich unterdrückte es mit der beigefügten Randbemerkung: »Da das Intelligenzblatt seinen Namen im Jahr 1727 durch königliche Verfügung erhalten hat, ist dieser Ausfall[440] unstatthaft.«. Ich ordnete in jener Gesellschaft die Vertagung des Aufsatzes an, und auf Befragen der literarischen Freunde zeigte ich ihnen das Zensurblatt. Dies reizte den Humor zweier junger Dichter und es entstand aus dem Stegreif ein Liedchen, was nach bekannter Weise zu singen war und auch gesungen wurde. Herr Grano erfuhr es und kam sehr aufgebracht zu mir, mich zur Rede zu stellen und mir es zum Verbrechen anrechnend, daß ich in einer Gesellschaft das Zensurblatt vorgezeigt habe. Ich entgegnete lachend: »Da ich das Blatt in unserer vertraulichen Gesellschaft erhielt, sehe ich nicht ein, weshalb ich den Freunden dessen Ansicht hätte verweigern sollen. Sie werden ja nur tun, was Sie glauben verantworten zu können, und was ich getan habe, will ich verantworten, selbst das Liedchen, dessen Verfasser ich nicht bin, wohl aber begreife, daß, wenn die Zensur humoristisch wird, sie sich auch gefallen lassen muß, daß der Humor in Dichtern zündet. Sie können nächstdem überzeugt sein, daß ich überall, wo man mich fragt, über Ihre Zensur mich ohne Hehl erkläre, und ich werde Lärm schlagen, wie ich vermag, bis sich die Sache bessert.« ? Sie besserte sich nicht, und da ich nun in der literarischen Gesellschaft von jetzt an stets befragt wurde, gab ich auch stets weiteren Bericht, so daß diese Angelegenheit immer umfassendere Verbreitung erhielt, ohne daß ich meiner Plagen Ende sah. Da traf ich in einer Gesellschaft den Minister von Kamptz, den ich, wie schon bei früheren Erlebnissen erwähnt ist, seit langer Zeit nah genug kannte, weil er Mit-Vorstand des »Vaterländischen Vereins« und ich dessen Mitglied war. Außerdem hatte ich ihn kurz zuvor durch eine juristisch-literarische Gabe erfreut. ?[441] In jener Gesellschaft befragte mich nun Herr von Kamptz hinsichtlich meiner Zwistigkeiten mit der Zensur, und ich berichtete ihm darüber umständlich. Durch ihn erfuhr ich zuerst mit Bestimmtheit, daß allerdings die Schilderung des Baron von Reden die Veranlassung zu der wider mich verfügten Maßregel sei, und zugleich enthüllte er mir den Grund. »Wer hätte sich das vorher denken können?« sagte ich. »Der Aufsatz: ?Die Botschafter in Rom? ist aus dem ?New-Monthly-Magazine? übersetzt, mit Weglassung aller mir bedenklichen Stellen. Nun wird dort bemerkt: er sei bereits drei Jahr alt und der Baron von Reden fast ein Siebziger; wer hätte sich also denken können, daß der Baron von Reden nun noch als Hannoverscher Gesandter ? nach Berlin kam! Jedenfalls, will man seine Schilderung so verfänglich und straffällig finden, mußte doch der vom Staat angestellte Zensor besser unterrichtet sein als ich!« ? »Das gebe ich Ihnen zu,« entgegnete Herr von Kamptz; »Sie wissen aber auch, daß er abgesetzt ist. Was nun Sie betrifft, so gebe ich Ihnen den Rat, an den Minister von Schuckmann zu schreiben, und Sie werden dabei von einem Umstand unterstützt, den Sie noch nicht kennen. In Ihrer Zeitschrift ist die Rede von einem Vorfall in Brandenburg, der durch abscheuliche Übertreibung eines schlechten Gebrauchs ein Menschenleben kostete. Eine dortige Behörde führte Beschwerde gegen Sie; ehe wir aber diese Ihnen mitteilten, verfügten wir eine Untersuchung, und Sie sollen nun Kenntnis erhalten von dieser Beschwerde, zugleich aber auch einen Dank, daß wir wahrheitsgemäß aufmerksam gemacht wurden auf ein schlechtes Treiben und es nun abzustellen vermochten. Der Vorfall, den auch der[442] Minister von Schuckmann kennt, ist Ihnen für den Augenblick günstig, und es würde meines Erachtens ein Schreiben an ihn alles nach Ihren Wünschen lösen.« ? Es bedurfte zu diesem Schritt bei mir sehr des Zuredens, doch gab ich endlich nach, um der guten Meinung gegenüber nicht starrsinnig zu erscheinen. »Dann habe ich aber noch eine Bitte,« fügte Herr von Kamptz hinzu; »zeigen Sie mir Ihr Schreiben, ehe Sie es absenden, und zur Sicherheit will ich es selbst befördern.« Ich gab in diesem Schreiben zuerst eine Geschichte des »Gesellschafter« mit den Beweisen meines Rechtes, und überschickte nächstdem das Heft des »New-Monthly-Magazine«, um augenscheinlich darzutun, daß ich mit Umsicht verfahren sei. Dazu setzte ich auseinander, was ich in Kürze schon Herrn von Kamptz über den Baron von Reden geäußert hatte, und was von dem Journalheft bestätigt wurde, berief mich auch von neuem auf das für die konfiszierten Blätter erhaltene Imprimatur und fügte den veränderten Abdruck bei, in welchem die verurteilte Stelle fehlt. Endlich belegte ich meine Klagen über die jetzige Zensur mit den tatsächlichsten Ereignissen. ? Dies Schreiben brachte ich, der Verabredung gemäß, Herrn von Kamptz; er wünschte, daß ich es ihm vorlese, und als dies geschehen war, sagte er: »Schön! vortrefflich! nur zu lang, das liest er nicht!« ? Erstaunt rief ich aus: »Er liest es nicht?« faltete das Schreiben zusammen und war im Begriff, es in die Tasche zu stecken. »Lassen Sie, lassen Sie!« entgegnete Herr von Kamptz; »mir fällt was ein, so wird es gehen!« Er legte einen Briefbogen auf den Tisch und fuhr fort: »Setzen Sie sich und schreiben Sie!« Er diktierte nun: »Ew. Exzellenz habe ich noch die Anzeige zu machen,[443] daß ich dem Rate des Herrn von Kamptz folgte in Abfassung dieses Schreibens; derselbe hat auch Kenntnis davon genommen und vereint seine Bitte mit der meinigen: daß es Ihnen gefallen möge, es einer näheren Erwägung zu würdigen.«. ? Lächelnd sagte ich: »Nun soll also der Herr Minister von Schuckmann noch etwas mehr lesen!« Auch Herr von Kamptz lächelte, und ich siegelte, da ich mein Petschaft mitgebracht hatte, das Doppelschreiben ein, es dann jenem überlassend. Welche Antwort erhielt ich? Eine sehr kurze: Amazon.de Widgets »Ew. Wohlgeboren haben es nur als einen Beweis der Ächtung vor Ihren Talenten anzusehen, daß ich in dieser Angelegenheit den mildesten Weg einschlug, dem Herrn Baron von Reden Genugtuung zu geben. Gesandte stehen unter dem Völkerrecht, ein Prozeß könnte für Sie sehr unangenehm werden, und mein Wille war, Sie dagegen zu schützen. Übrigens steht es Ihnen ja immer frei, mit Bezug auf die einzelnen Fälle, gegen die Zensur Beschwerde einzulegen.« Als ich Herrn von Kamptz diese Antwort, die mich nicht befriedigen konnte, mitteilte, war er darüber sehr erfreut und versicherte: mehr ließe sich in Wahrheit nicht verlangen. Vergebens bewies ich, daß die Angelegenheit sich um nichts gebessert, ich nichts erreicht, vielmehr trotz Gesandten und Völkerrecht über Willkür zu klagen habe; es half nichts, denn unsere Standpunkte waren zu verschieden. Da ich indes nun einmal auf die schriftliche Unterhandlung eingegangen war, wollt' ich nicht weichen, sondern schrieb dem Minister von Schuckmann: »Ew. Exzellenz werden es gefälligst mir nicht verargen, wenn ich bereit bin, das Unangenehme des mir[444] in Aussicht gestellten Prozesses ertragen zu wollen. Ich bitte um die nötigen Verfügungen und Einleitungen, denn ich hätte durch einen Zensurprozeß wenigstens die Hoffnung, meine gerechten Klagen vor dem Richter aussprechen zu dürfen und sie in die Protokolle des Königlichen Kammergerichts zu bringen, zu welchem ich ein großes Vertrauen habe.« Ein schriftlicher Bescheid ward mir nicht zu teil; doch kam nach etwa acht Tagen ein Herr Rat ? wenn ich nicht irre, so hieß er Köhler ? im Auftrage zu mir mit der Erklärung: »Se. Exzellenz fänden es nicht angemessen, über eine dem Gesandten Baron von Reden durch den in bezug stehenden Aufsatz widerfahrene Beleidigung das Aufsehen noch zu vermehren, wären aber geneigt, anderweitig hinsichtlich der Zensur meinen Wünschen die Wege zu eröffnen und ließen mir raten, mit meinen Beschwerden mich an das Oberzensurkollegium und erforderlichen Falls an die Regierung in Potsdam zu wenden.« Darauf entgegnete ich: Das würde zu einer steten Angeberei und Anklägerei des Zensors führen, und damit wolle ich mich nicht befassen. Außerdem könne es sich fügen, daß ich auf diesen, mir nicht erst eröffneten, sondern bekannten, aber für mich nicht reizenden Wegen niemand fände, der dem Herrn Minister Unrecht gäbe, so daß diesem wohl noch ein Triumph bereitet werde. Unter diesen Umständen zöge ich es vor, der Wahrheit gemäß sagen zu dürfen: es habe dem Herrn Minister beliebt, gegen mich einen Machtspruch zu tun, und ich würde jedem, der mich über meine Zensurnot befragte, kein Geheimnis daraus machen, hoffend, daß sich die auswärtige Öffentlichkeit meiner annähme, da mir bekanntlich mein jetziger Zensor eine öffentliche Klage nicht gestatte.[445] Wie ich hier äußerte, so tat ich auch, unter anderem, als der Geheime Rat Streckfuß in der »literarischen Gesellschaft« mit mir über die widerwärtigen Quälereien sprach, die mich geschäftigen Mann belästigten und die Arbeit mancher Stunde in blauer Tinte umkommen ließen. Ihm verdankte ich die glückliche Wendung eines bis dahin nie ruhenden Verdrusses. Wenige Tage nach jenem Gespräch besuchte er mich, mir vertrauend: der Zensor werde eine Verfügung erhalten, die mich wieder freier stelle. Ohne mir darüber näheres zu sagen, erwähnte er nur: »Selbst verschiedene Redaktoren haben öfter geklagt, Ihnen sei mehr erlaubt, als jedem andern, was aber begreiflich nur in Ihrer gemäßigten Behandlung der für die Zensoren bedenklichen Gegenstände liegt. Deshalb ist auch bei dem jetzigen Streitpunkt Ihre Umsicht vermißt worden, obwohl ich nicht gleicher Meinung bin. Was Ihnen wegen der ?Botschafter von Rom? geschehen, konnte sich nicht ereignen, wenn der Baron von Reden noch in Rom war, und ganz gewiß hatte der Zensor mehr als Sie die Verpflichtung, von dem Berliner Gesandtenpersonal genaue Kenntnis zu haben.« Ich dankte Herrn Streckfuß, erläuterte aber zugleich: »Sehen Sie, das Unrecht gegen mich im allgemeinen liegt eigentlich darin, daß man auf den ?Gesellschafter?, der mit dem Jahr 1817 begann, die Gesetze vom Jahre 1819 anwenden will und wirklich angewendet hat.« ? Dies war auch der Hauptgrund, weshalb ich im Jahre 1845 meinen Prozeß gegen die Zensurbeschränkungen, die den sogenannten »nicht politischen Blättern« auferlegt waren, vor dem neu errichteten Oberzensurgericht gewann, so daß ich nun hinsichtlich des Bereichs der Besprechung kein Hindernis mehr fand, wie denn überhaupt dem von[446] Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1843 angeordneten Oberzensurgericht ein gutes Andenken gebührt. Den erwähnten Prozeß gründete ich auf die gleich in den ersten Blättern des »Gesellschafter« befindlichen Äußerungen: »Die Politik sei zuerst beachtet, obgleich ich sie immer gern zuletzt nenne; doch wem ein Geschäft ernst ist, der schafft sich dabei das Unangenehmste zuerst aus dem Wege. Wir sehen in diesem Gebiete den Bundestag ? der einige Ähnlichkeit mit dem jüngsten Tage zu bekommen schien ? herangerückt, und sind begierig auf die Einwirkungen, denen wir folgen müssen. Voraus kann man sich darüber freuen, daß die Dichter unserer Zeit die Wörter ?Tag? und ?tagen? für ?Licht? und ?lichten? brauchen; so wird denn das Bundeslicht verhüten, daß nicht aus den vielen Zerrissenheiten statt des Bundes nur Buntes entstehe. Man darf die Worte hier ohne Scheu etwas wenden, hat doch die Bundesversammlung selbst damit begonnen, zu erklären: daß Deutschland nicht ein Bundesstaat, sondern ein Staatenbund sein könne. (Hoffentlich durch eine Einheit zusammengesetzt!) Möge nun dieser aus rein menschlichen Grundsätzen entstehen, seine Sicherheit in sich tragen, und dann von jedem geachtet werden, damit nicht der Spruch Friedrich III. (Kurfürst von Sachsen) von neuem wahr wird: ?Bei den Bündnissen geht's denen am übelsten, die ihnen pünktlich treu sind; Bündnisse sind gut, aber wehe dem, der sie hält!? Bisher schien dies leider Motto aller Bündnisse, und es steht wohl nicht in der Macht der Menschen, es zu verhindern; aber es soll mindestens der Wille sich dartun und die Überzeugung sich aussprechen: daß man schwere Pflichten fühlt und daß dieser Bundestag[447] es bekunden soll: ob man die Wahrheit liebt, oder mit ihr die Völker nur zuweilen ein wenig benutzen will, wofür denn freilich auch die Höchsten vor dem innern Blick der Rechtlichen niedrig und vor dem Richterstuhle der Nachwelt sündhaft stehen würden. Was die Völker für die Throne taten, wissen wir, was die Throne für die Völker tun wollen, wird sich zeigen und kann sich ohne Schwanken entwickeln, denn die Rechte und Wünsche der Menschen sind empfunden und laut verkündet, das Anerkennen vertrauter Grundsätze ist demnach zu hoffen. ? Tausendmal ward es gesagt und wiederholt: ?die beste Politik sei die Moral?; da man nun vergebens einen Zeitpunkt der Geschichte sucht, in welchem jene Regel klärlich zur Ausführung gekommen ist, muß es für unsere Staatsmänner eine Wonne sein: daß die beste Politik noch erwartet und wahrscheinlich mit Worthalten beginnen wird, da die Leitenden sich hohe Ächtung verdienten. ? Unterdessen mag man sich vor Schmeichlern hüten, die alles unbedingt vortrefflich finden; ihre Götter sind oft noch lange nicht Menschen, und ihr Zweck ist nur, an ihrem Oberhaupte alles zu preisen, bis es ihm nicht mehr möglich ist, Oberhaupt zu sein, weil er Recht von Unrecht nicht mehr unterscheiden kann. Von der Politik werden wir uns am besten zur ?Phi losophie? wenden können, um zur Literatur zu kommen. Wie fast alles, selbst das Wissenschaftliche, so ist auch die Philosophie aus dem feststehenden Antiken in das bewegliche Romantische gefallen und nicht immer in das beliebte Mittel-, sondern zuweilen gleich ins Kindesalter. Mich beherrscht die böse Angewohnheit, nichts vortrefflich zu finden, ehe ich es überhaupt gefunden habe; deshalb muß ich die Naturphilosophie[448] ungerühmt lassen, weil es mir noch Problem scheint: ob sie uns an oder um die Natur philosophieren und eine natürliche Weltweisheit oder eine weltweise Natürlichkeit sein will. Die erstere geht von Gott und von geistigen Begriffen aus, würde also Kernmenschen bilden; die letztere ist eine unverwüstliche Modekraft, die aus dem Nichts ihres Wissens gleich ins Unbegreifliche phantasiert, und endlich wähnt, etwas Überbegriffenes aufgestellt zu haben, weil sie in gemachten neuen Worten und Sätzen sich so verwirrte, daß sie ihren Urstoff, das Nichts, durchaus nicht wieder findet. Man könnte diese Flüchtlinge aus dem Reiche der Vernunft, die oft nur Aufsehen erregen wollen, ?Geheime Weltweise? nennen, für sie günstig nach dem Übereinkommen, daß alle Prädikate durch das Beiwörtchen ?geheim? höher gestellt sind, für andere nach beliebiger Deutung. Amazon.de Widgets Doch ernsthaft! Philosophie soll den Völkern Licht und Würde geben, nicht künstlichen Irrbau, in dem die Menschen nach allem fassen und sich doch nirgend vor dem Schwindel retten können. Die Geschichte bezeugt: Philosophie habe ihre schönsten Einwirkungen immer bei dem Schwanken der Staaten und nach großen Unglücksfällen gezeigt, und da ihre edelsten Helden gehabt; so war es zu Athen, so nachahmend zu Rom. Die Zeit des Leides ist auch wohl die der Prüfung, der Prüfung auch für Philosophie; selbst bei uns könnte man fast dieselbe Bemerkung machen, und es ist eigentlich die allgemeine: daß die Menschen es noch nicht vermochten, die Weisheit voran walten zu lassen, sie folgt immer erst der Erfahrung. Diese sollte sich im letzten Vierteljahrhundert bedeutend geübt haben, und wenn wir, öffentliche Aussprüche ehrend, annehmen: daß für Deutschland Tage[449] des Heils aufgegangen sind, so ist zu wünschen, daß wir sie mit der Philosophie von ?sonst? und nicht mit der von ?künftig? begrüßen. Für blinden Glauben und diktierten Willen ist die Menschheit nicht mehr geeignet, vielmehr möchte ein neuer Cartesius methodisch zweifeln und besonnen unterscheiden lehren, wie seine glänzendsten Nachfolger. Es ist unverkennbar, daß ich eben an ?Religion? dachte und den Wunsch fühle: diese möchte stets mit der Philosophie im innigsten Bunde leben, und beide könnten gleiche Pflicht der Verbindlichkeit auferlegen. Dazu gehörte freilich, daß die klarste Moral zur Religion würde, dann nur vermag sie im Ewigveränderlichen die möglichste Unvergänglichkeit zu erringen, und die Spaltungen auszugleichen, welche eben wieder zu neuen Kämpfen von den Eigensuchten benutzt werden sollen. Mir fällt ein, daß einst ein Weib, das für wahnsinnig gehalten wurde, über Religion etwas recht Beherzenswertes sagte. Der Gesandte Ludwig des Heiligen sah es in Damask Feuer und Wasser tragen, und als er fragte: wozu? empfing er die Antwort: ?Mit dem Feuer will ich das Paradies verbrennen, mit dem Wasser das Höllenfeuer löschen, damit die Menschen Gott nicht wie Lohnknechte, sondern wie einen Vater und Freund verehren.? ? Die Tugend aus reiner Anhänglichkeit für sie ist wohl eine jenseitige Hoffnung, weil aber die sonstige Gläubigkeit ohne Bedingung auch nicht mehr zu gewinnen ist, indem die Menschheit fragen lernte, so gebe man ihr Antworten nach den geistigsten Kräften, ringe nach Klarheit und verbanne das Nichtzuglaubende, was die Lehrer selbst kalt und wirkungslos, und durch sie Halbverständige zu Gottleugnern macht, die doch zu gar nichts nutz sind.[450] Der Herr der Welten wird nie schöner, nie inniger verehrt als von denen, die, soweit irdisches Vermögen reicht, in allem natürlichen Zusammenhang finden, der an sich schon das größte Wunder ist.« Danach erkannte das Oberzensurgericht, manchen Widerstand tapfer überwindend, meine Klagen für gerechtfertigt; ich aber hatte deshalb zwei Jahre hindurch zu kämpfen, nachdem ich noch mit mehreren Zensoren mich leidlich vereinbaren konnte. ? Was die Stellung zum zwangpreßlichen Grano betrifft, so hatte in den dreißiger Jahren mein offenes Reden nach allen Seiten hin doch dazu geholfen, daß er gelindere Machtsprüche von oben bekam; er behauptete dann: »jetzt wisse er nicht, was er mir nicht könne passieren lassen, und ich würde nun wahrscheinlich mit ihm zufrieden sein.« Dies zu erreichen hatte er aber weder Trieb noch Fähigkeit, seine Luft zum Streichen war übermächtig; ich wurde darüber oft und überall wieder laut, mit der Wirkung, daß er seine Entlassung von der Zensur erbat. Ihm folgten mildere Streichherren, ich wurde aber doch veranlaßt, die mich langwierig beschäftigende Hilfe zu suchen bei dem Oberzensurgericht. Dort urteilten eben Männer, wie unter anderen die Professoren Lichtenstein und von Raumer; der Hauptprozeß zog sich aber durch die Jahre 1843 bis 1845 hin, denn der Staatsanwalt, ein Kammergerichtsrat, vertiefte und versteifte sich innerhalb seiner sehr dunklen Weisheit. Zuletzt mußte ich meine Spottlaune rüsten, und ließ ihr in den Schranken des Anstandes die möglichste Freiheit. Eines Tages im Jahr 1845 kam nun Lichtenstein eilend und lachend in mein Arbeitszimmer mit Siegesjubel: alles, was irgendeiner Zeitschrift in Preußen aufzunehmen[451] erlaubt sei, war endlich auch für den »Gesellschafter« erlaubt ? nach siebzehn Jahren der Marter, noch verstärkt vermöge des Befehls, durch keine Lücke auf den Zensurstrich hinzuweisen. Auch dies wehrte ich mir ab: die Leser bekamen dann stets ein Zeichen, daß die Zensur sich eingemischt hatte.[452] 
 Berliner Allerlei.  [381] Die aus meinen Erfahrungen hervorgegangene Abwehr der Gedanken an ein »Hereinragen der ? Geisterwelt in die unsrige« schloß den zweiten Teil dieser Aufzeichnungen. Den dritten Teil beginne ich mit dem Wunsch, es könne solch ein Hereinragen sich offenbaren bei Hinschau auf einen geistreichen und liebenswürdigen, auch als Schriftsteller vielseitig bedeutsamen Freund, der mir vom Jahre 1821 an vertraulich bekannt war. ? Über ihn habe ich jetzt eine düstere, in der Öffentlichkeit dunkel gebliebene Erinnerung möglichst zu lichten, und dies läßt sich einleiten durch die von mir dem »Gesellschafter« (1831. Bl. 155) mitgegebene Anzeige: »Berlin. Seit einigen Tagen macht eine Nachricht über den bekannten geschätzten Schriftsteller Daniel Leßmannin den gebildeten Kreisen lebhaften Eindruck,[381] so daß wir überall der Frage begegnen: ist es wahr? ? und leider hat es sich bestätigt, daß sein Leichnam in der Gegend zwischen Wittenberg und Leipzig gefunden wurde, wohin er, wie alle seine Freunde wußten, zu reisen gedachte, einige Zeit dort verweilen und dann für längere Zeit nach Dresden hinüber wollte. Der Grund seines gewaltsamen Hinscheidens ist bis jetzt völlig unentdeckbar, da er in aller Hinsicht seine Ansprüche an das Leben befriedigen konnte. Ohne äußere drückende Sorge, noch in voller, jugendlicher Kraft, gesund wie irgend Einer, stets in Gleichmuth und voll Humor, wie selten Einer, in seinem ausgezeichneten Talent allgemein anerkannt und geschätzt, von Allen, die ihn näher kannten, geachtet und geliebt ? wer vermag da eine Veranlassung aufzufinden, um den Tod zu erzwingen?! ? Die deutsche Literatur hat an ihm noch mehr verloren, als bis jetzt sein öffentlicher Ruf weiß, obwohl er ihm sehr günstig war; wir werden dies später näher darlegen. Jetzt sind wir von der Unbegreiflichkeit des Ereignisses so hingenommen, daß bei dem Gedanken an ihn nur die Losung des betrübenden Räthsels uns beschäftigt.« Der Lösung sich zu nähern, ist an das Jahr 1831 zu denken: es machte sich berüchtigt durch den Antrieb, die längst bekannt gewesene, in alten ärztlichen Büchern geschilderte Cholera noch erschreckender, vermöge des gesteigerten Einflusses der Angst noch gefährlicher und um sich greifender werden zu lassen. Auch in Berlin entstand ein überschwengliches Fürchten und Ratgeben aus verschiedenem Bereich, besonders solcher Warenhändler, die in Hinsicht auf angepriesene Gegenmittel ihre Einnahme erhöhen wollten. Für meine Familie schaffte ich herbei, was als Vorkehrung und Schnellhilfe[382] bezeichnet wurde, erachtete aber bei dem Hauswesen in aller Hinsicht jede Veränderung für unzulässig, und bei uns zeigte sich keine Spur von der Cholera. Andrerseits hatten aber viele alle Besonnenheit so gänzlich verloren, daß sich auf manchen, der von jener Angstseuche ins Grab gejagt wurde, wahrhaft die oft bespottete Verszeile anwenden ließ: »Aus Furcht zu sterben ist er gar gestorben.« Dies auch auf Leßmann bezüglich zu finden, konnte mir nicht einfallen; um so mehr überrascht war ich, als er eines Morgens in mein Arbeitsgemach eintrat, nach dem Gruß eine Mütze in die Höhe schleudernd, sie dann auffangend bei den Worten: »Die hab' ich mir soeben gekauft zu meiner Wanderschaft!« Etwas verwundert kam ich ins Befragen, er äußerte: »Ich bin ein freier Mann, weshalb soll ich der Cholera den Gefallen tun, hier zu bleiben!« ? und ich erfuhr nun, daß er fürerst nach Leipzig, dann nach Dresden wolle. Zufolge seiner Angabe entzog er sich also der Cholera, und am nächsten Tage hatte er sich unterwegs erhängt. Um für das Dunkel eines solchen Widersinnes Klärung zu entdecken, war man eifrig bemüht: es blieb jedoch eine unerhellte Aufgabe, und auch ich, obwohl länger als zehn Jahre so innig bekannt mit Leßmann, wie es sich ermöglichte bei seinem gleichlaunigen, von jeder Klage fernen, dadurch stets wie halb verschlossenen Wesen, urteilte nur in Dämmerung. Immer wahrscheinlicher ist es mir dann geworden, daß ihn ein Herzensgeheimnis marterte, er sich zwang, dies zu verbergen, der Gedanke an Selbstmord aber schon längst sein Sinnen durchzog. Für ein Gefühlsverhältnis, mit dem er in Zwiespalt war, sind in den Schriften Leßmanns sehr oft Anstreifungen[383] bemerklich, und die Selbstvernichtung des Lebens greift dabei entweder ein, oder sie ist genähert. ? In seinem Nachlaß wurde ein Gedicht gefunden: »Der Musensohn«; dieser ist mit sich und dem Zerwürfnis in bezug auf eine Geliebte so in Zerfahrenheit und Zerfall, daß er mitteninne stürmisch Wein verlangt, und als ihn ein dienender Knabe gebracht hat, er dem dann zuruft: »Knabe, was steh'st du dabei, Hole mir Pulver und Blei! Auf die tötende Hand Harret die Pistol' an der Wand; Mit einem einzigen Schusse Steht der Mensch an des Lebens Schlusse: Rasch die Kugel durch's Herz, Fort sind Kummer und Schmerz! Pulver und Blei, Der Verzweiflung Retter, Mitleidiger Götter Köstlichste Gabe, Schaff' sie mir Knabe, Hurtig herbei!« Die Stimmung Leßmanns sehr bezeichnend ist auch sein, schon am Ende des Jahres 1827 mir gegebenes Gedicht: »Weihnacht. Ich wand're hin und wand're her Die Gassen auf und ab, Die Gassen sind von Menschen leer Und stille, wie das Grab. Doch drinnen in den Häusern wühlt Der Freude lust'ger Tanz, Und rings in allen Fenstern spielt Der hellste Kerzenglanz. Der heil'ge Christ betritt die Welt Und klopft erwartet an, Die Bäume stehen aufgestellt Mit gold'nen Äpfeln d'ran.[384] Die Kinder hält kein Arm zurück, Sie nah'n dem Heiligtum, Und staunen mit entzücktem Blick, Und steh'n vor Freuden stumm. ? Und war ichs ganze Jahr entlang Nicht auch ein frommes Kind, Und barg die Trän' im Lebensdrang, Die heiß vom Aug' mir rinnt? Mir steigt kein Baum bei Kerzenlicht Mit gold'ner Frucht empor, Und keiner Freude Schimmer bricht Durchs stumm verschloss'ne Tor. Die Bäume liegen hingestreckt, Gefallen ist die Frucht, Und düstren Gram's Gewölke deckt Des Wand'rers Felsenschlucht. Wenn meine Wüst' ein Baum belebt, So steht er nackt und hohl, Und wenn am traur'gen Zweig was schwebt, So bin ich's selber wohl.« Die letzten Zeilen schildern völlig den Anblick, den der Selbstmord Leßmanns darbot; er hatte sich erhängt an einem, weit nach der Landstraße gebeugt hingestreckten Baum, und dessen gleichsames Entgegenkommen ist vielleicht seinen Leidenswirren dringlich auffordernde Anregung gewesen, die unzweifelhaft lange in ihm gehegte Absicht, gewaltsam vom Leben sich zu trennen, an diesem Ort auszuführen. ? Über die Beweggründe wurde mir näheres nicht gesichert bekannt, und in meinem schmerzvollen Bedauern, daß der wissensreiche, scharfverständige mir befreundete Mann so mutlos dem Diesseits entwich, wäre über ihn abzuschließen mit der dichterischen Beglaubigung: »Das Warum wird offenbar, Wenn die Toten auferstehen.« ?[385] Die Tat Leßmanns gegen sich selber der Macht des ihn überstürzenden Augenblicks anzurechnen, dies wird meiner Betrachtung auch noch dadurch förderlich, weil er sich eben damit beschäftigt hatte, eine Weltgeschichte des Altertums zu vollenden, und in Leipzig den Verleger suchen wollte. Seine Handschrift, 279 eng geschriebene Seiten, jede hinreichend zu dem Viertel eines Druckbogens, nach der Einleitung beginnend mit der »biblischen Schöpfungsgeschichte«, schließend mit »letzte Kultur der Griechen«, wurde mein Eigentum, ist der Veröffentlichung wert, in der Schlußabteilung aber noch weiter zu ergänzen. Daß jedenfalls innere Selbstpeinigung Antrieb war zu der Gewalttat Leßmanns gegen sich selber, ist mir stets unzweifelhaft geblieben; des mir dabei Unlösbaren bewußt, fand ich aber dennoch mich veranlaßt, mancher öffentlich schnöden Äußerung manches Abweisende öffentlich zu entgegnen. Davon mag ich hier nichts erneuern, bekräftige es nur: Daniel Leßmann sei des Unedlen nicht zu beschuldigen. In seinen Schriften finden sich auch hinlängliche Andeutungen, um die meinigen als glaubhaft zu betrachten. ? Bei alledem mag ich seine letzte Tat nicht rechtfertigen: der Mann, auch wenn er eben nicht mächtiger ist als sein Schicksal, muß ihm standhaft bleiben, in Not und Leid unablässig auf rettende Wendung hoffen und für sie kämpfen. Wie verwandt mit dem noch nachwirkenden Weh bei Erinnerung an Leßmann nähert sich nun ? aus weiterer Vergangenheit ? eine Schriftstellerin, Louise Brachmann. Vor mir liegt der Bericht: »Sie verschwand am 16. September 1822 Abends spät in Halle aus der Wohnung des Professors Schilling;[386] dessen Gattin ihre Befreundete ist, im Nachtkleide. Am 24. September ward ihr Leichnam, mit einem Stein am linken Arm befestigt, ohnweit der hiesigen Steinmühle in der Saale aufgefunden. Die Welt richte mild über ihre Verirrung!« (»Gesellschafter« 1822. Bl. 161.) Nachdem ich dies gelesen, suchte ich die Briefe der Louise Brachmann, die für meine Zeitschrift mithilflich war, und fand im zweiten ? aus »Weißenfels am 29. März 1818« ? folgende schwärmerische Zutulichkeit: »Einige wirklich wunderschöne Beiträge von dem verehrten Herausgeber selbst haben mich innig angezogen und mir den Wunsch nach persönlicher Bekanntschaft erregt, unter anderem das seelenvolle kleine lyrische Gedicht mit dem herrlichen Schluß: ?Herz muß sinken, Geist muß schweben, Trennt euch eilig Seel' und Herz.? Ich hätte mir dies nicht abzuschreiben brauchen, so tief hat es sich mir eingeprägt.« ? Bei diesem überspannten Gefühlsausdruck kam es mir nun in den Sinn: Louise Brachmann müsse schon damals ? wahrscheinlich früher noch ? den Selbstmord in ihren Gedanken herumgewühlt haben, und durch Nachsuchen fand ich auch im »Damen-Konversations-Lexikon« eingeschaltet: »Die Unglückliche suchte zum zweiten Male die gewaltsame Auflösung, die einige Jahre vorher ein günstig einwirkender Zufall verhindert hatte.« ? Gegen Ende des Jahres 1818 war Louise Brachmann in Berlin und mir in Näherung, ohne hinreichend mir kenntlich zu werden. In ihrer Lebenszeit hatte sie das vierte Jahrzehnt überschritten, und dem Anblick war das Abblühen nicht zu verleugnen. Nach der Selbsttötung[387] hat ihr Helmine von Chezy eine überschwengliche Lobrede geweiht (»Gesellschafter« 1822. Bl. 189), bezeichnet aber das Äußere als »nicht schön, nicht groß, noch vorteilhaft gebaut; gleichwohl lag in ihrer Erscheinung nichts Auffallendes noch Unangenehmes«. ? Frau von Chezy verklärt dann die Liebe der Louise Brachmann zu einem Offizier, und ich weiß, daß sie ihm stets Geld zu geben hatte, weshalb sie eifrigst Erzählungen und allerlei schrieb, offenbar aus Naturgabe und mit Geschicklichkeit, die aber im Übereilen litten durch Eingemisch des Handwerklichen in breiter Schwärmerei der Gefühle. Schon im Jahre 1821 konnte sie nicht Geld genug erwerben ? wie ich brieflich zu erweisen vermag ? und sie ward dann von dem Offizier verlassen. Die Chezy sagt: »Seit 1821 im Spätsommer, wo ich sie das letzte Mal sah, habe ich über ihr Verhältniß nichts mehr erfahren, und kann mir die Ursache ihres Todes, wenn ich sie nicht überhaupt in der sichtlichen Krankheit ihres Seins suchen will, nicht denken.« Meinerseits denk' ich, die Ursache läßt sich denken, wenn eine nun Fünfundvierzigjährige noch leidenschaftlich in einen Offizier sich so verliebte, daß dem »Konversations-Lexikon« die Bemerkung zu gestatten ist: »Louise Brachmann ließ sich zu Schritten verleiten, welche bei Freunden und Verwandten keine Billigung finden konnten.« Friede und Bedauern der Überspannten! ? ich hege keine Beschuldigung für die gewaltsam Heimgegangene, wohl aber Mitleid für die Martern einer unfreiwilligen Keuschheit, um so mehr, weil die freiwillige der Louise Brachmann erschwert wurde durch frühzeitigen Umgang[388] mit den Brüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel, in Verbindung mit Friedrich v. Hardenberg (»Novalis«), durch deren Einwirken in mehreren weiblichen Wesen ein Gemisch widerwärtiger Gefühle des Sinnlichen und Geistigen wogte, noch durchzogen von einem schwankenden und schwebelnden Christentum, das selbstsüchtig auf Begünstigung hofft bis zum Wunder. ? Wir müssen der Weiblichkeit zugestehen, daß ihre Verhältnisse im irdischen Leben schwieriger sind als die der Männer, und jetzt mehr als jemals haben sich die Mädchen zu schützen gegen Zustände, die den Gelüsten nach allen Richtungen hin bei den oberen und unteren Schichten des Volks die Herrschgewalt steigern. Dem einen wie dem andern Geschlecht ist einzuprägen: Echte Liebe einigt Kopf und Herz, Denken und Fühlen, Wissen und Glauben, Hoffen und Ausharren. Die höchste Liebe geht nicht hervor aus überwiegendem Körperdrange, sondern aus dem Reichtum des Wohlwollens, wobei man sich sagt: das Geliebte nur haben und besitzen zu wollen, sei auch bei dem überschwenglichsten Ausdruck nichts als aufgeputzte Sinnlichkeit. Davon und nebenher vom Haltlosen der Meinung: weil ich liebe, bin ich liebenswürdig, haben sich vorzugsweise die Mädchen und Frauen zu überzeugen für ihre Schriftstellerei, zu der sie ? bei Fähigkeit ? ein Recht haben gleich dem der Männer. Jedenfalls ist aber nicht zu vergessen, daß ? wegen der geringeren Widerstandskräfte im Gefühlskreise ? bei getäuschten heißen Hoffnungen die Kräfte des weiblichen Geschlechts oft minder ausreichend sind; sie müssen frühzeitig gestärkt werden durch die Macht des etwa erforderlichen Entsagens und[389] verklärenden Empfindens. Solche Bestrebung soll dem schönen Geschlecht bei der Schriftstellerei Haupt- und Herzensgrundzug sein, um sich als einzelne und auch im gesamten zu schützen und zu sichern. Wenn aber Mädchen und Frauen nur Tinte verbrauchen für Liebeleigeschichten, schwärzen sie sich an; die dabei entstehende Bildungsbrühe wird meist fleischliche Bestandteile verraten, wird Schwindelkränklichkeit ausbreiten, und aus derlei Liebesgeschichten lernt man von wahrer Liebe, was man aus Räubergeschichten von reinen Sitten lernt. ? Um dies auszusprechen, habe ich ? mit vielen unglücklichen Schriftstellerinnen persönlich bekannt geworden ? aus der Vergangenheit Louise Brachmann, die auf Irrwegen kein anderes Schicksal finden konnte als Selbstaufopferung, meinem Gedächtnis in die Gegenwart gestellt, wünschend, daß es dem weiblichen Geschlecht in bezug auf ihr Lebensglück, nicht nur in Betracht der Schriftstellerei, etwas nützlich sein möge. ? War ich jetzt angeregt auf eine, wegen verführerischer Schwärmgefühle mißliche Schriftstellerei hinzuweisen, will ich gleich einer verdammenswerten gedenken, und des H. Clauren, bekanntlich ein Buchstabenwechsel mit C(arl) Heun, der in seinem Wirkensgemisch allerlei Larvenspiel anwendete. Möglichst bleibe mir dies fern; ich habe es nur mit dem zu tun, was mich berührte, nachdem er im Jahr 1818, bei seinem Aufenthalt in Dresden, durch einen geachteten Künstler sich mir anbieten ließ zum Berichterstatter für den »Gesellschafter«. Ich ging darauf ein, doch dauerte diese Verbindung nur so lange, bis mir Heun, als ich ihm mitgeteilt hatte, daß ich von dort Neugiers-Fragen empfing, am 12. Januar 1819 schrieb:[390] »Auch hier haben mir Winkler, Friedrich Kuhn, Schilling und Böttiger zu verstehen gegeben, daß die qu. Aufsätze von mir seien; indessen habe ich mit göttlicher Keckheit geleugnet. Ein Gleiches bitte ich auch Ew. Wohlgeboren zu tun. Antworten Sie auf alle Briefe gefälligst, daß die Leute diesmal sich irrten, daß ich zwar früher um Correspondenznachrichten angegangen worden, daß ich es aber hätte ablehnen müssen, weil die Ertheilung derselben zu meinem Verhältniß hier nicht passend sey; so habe ich hier gleichfalls gesagt, und dann stimmen wir hübsch zusammen überein.« Zu diesem Gewebe von Unwahrheiten war ich keinesweges als Mithelfer dienlich; meinerseits brauchte ich ja jedem Ausforscher nur zu sagen: ich hege zwar den Grundsatz: es wäre am besten, wenn jeder dem, was er öffentlich über andere verbreiten will, seinen Namen mitgäbe; da jedoch dieser Grundsatz nicht überall anerkannt, die Namenverschweigung bei dem Zeitschriftwesen gültig ist, muß auch ich sie gelten lassen. ? Jene briefliche Zumutung machte mir aber den Hofrat Heun verdächtig in bezug auf die Berichtsendung, um so mehr, weil jenem Schreiben eine, mir zum Abdruck eingesendete Schmähschrift gegen Friedrich Kind beigelegt war hinsichtlich der berüchtigten Streitsache in betreff des von diesem herausgegebenen »Taschenbuch zum geselligen Vergnügen« und Claurens »Vergißmeinnicht«. Die erwähnte Schmähschrift, der ich den Abdruck versagte und später andern Orts verhinderte, blieb, nachdem ich alle weiteren Heun-Claurenschen Beiträge für den »Gesellschafter« abgewehrt hatte, in meinem Besitz, als merkwürdiges »Autograph«, und es soll auch »Autograph« bleiben.[391] Als Heun nach Berlin kam und sich bei mancherlei Wittgensteinschen Einflüssen gebrauchen ließ, auch auf kurze Zeit Vorstandsverwalter für die »Preußische Staatszeitung« war, verhütete ich mir sorgsam jede persönliche Näherung. In bezug auf seine Schriftstellerei machte sich zufolge meiner Stellung das Nichtbeachten untunlich; da ist ihm in glimpflicher Haltung die Wahrheit gesagt worden, wobei nicht geleugnet werden durfte, daß Clauren die Lesermenge, zahlreicher die weibliche Hälfte, durch seine mit Lüsternheit spielenden Erzählungen so für sich gewonnen hatte, wie früher August Lafontaine in auch überschwenglicher, aber dennoch besserer Leitung. An diesen Gegensätzen ? auch des Gesinnungslosen und Biederhaften ? wären zugleich die damals zeitgeistigen Gegensätze im Sinnlichen zu erläutern; dazu kann der »Gesellschafter« (1827. Bl. 38) etwas andeutend sein: »Wir möchten den H. Clauren, wie weiland der Kaiser des heiligen römischen Reichs tun mußte, eine Wahlkapitulation beschwören lassen. Da wir kein Recht haben zu fordern, wollen wir die Bedingungen bittweise vortragen. Erste Bitte. H. Clauren möge sein Manuskript vor dem Abdruck einem sinnigen Freunde oder einer zartfühlenden Freundin zur Zensur übergeben, mit dem vollen Recht, alle schlüpfrigen Stellen recht dick zu streichen. Es ist eine Zensur, für ihn die heilsamste, da viele der gewöhnlichen Zensoren leider die Unsittlichkeiten, als unpolitische Sünden, durchlassen. ? Zweite Bitte. H. Clauren möge uns etwas Abwechslung gönnen, nicht immer wieder dieselben Stereotypfiguren vorbringen. Sein Geist wird gewiß noch die reichste[392] Mannigfaltigkeit in der Charakteristik finden, wenn er nur fortfährt, seine Beobachtungen aus dem Leben zu schöpfen und nicht das bequemere Schöpfen aus sich selbst vorzieht. ? Dritte Bitte. H. Clauren möge nicht so sehr den ersten besten Stoff aus der Luft aufgreifen, um nur sein ?Vergißmeinnicht? zu füllen, sondern seine Erzählungen tiefer anlegen, welches ihm, bei aller scheinbaren Leichtigkeit derselben, doch einigemal ungemein ansprechend gelungen ist. ? Vierte Bitte. H. Clauren möge nicht so gesucht die Gelehrsamkeit bei den Haaren herbeiziehen, sondern der Wahrheit und Natur in ihrer edlen Einfachheit stets das höchste Recht einräumen.« ? »Ach, wir hätten wohl noch manche Bitte, vor allem die: daß er so recht geläutert und gereinigten Geistes unter uns erscheine!« ? Und nun weiche im gesamten von uns auch in der Schriftstellerei jeder unsaubere Absichtsbetrieb, dessen Inhaber als Höflinge der Gelüste so eitelvoll in sich verliebt werden, daß sie nicht vermögend sind, sich achtend zu lernen! ? Einigermaßen stets mit meiner Willigkeit von der Zeitfolge gelenkt, sei jetzt an Karl Immermann gedacht, der sich mir im Jahre 1822 näherte durch die briefliche Zusendung: »Wohlgeborner, Hochgeehrtester Heer! Es mag wohl selten seyn, daß ein Autor dem Recensenten durchaus beizustimmen sich gedrungen fühlt, ich befinde mich in dieser angenehmen Lage. In Nr. 127 des Gesellschafters von diesem Jahre steht eine Beurteilung meiner Trauerspiele mit E. unterzeichnet, die mich sehr erfreut, da der Tadel mich trifft, das Günstige[393] aber mich wahrhaft anregt. Ich wünsche meinem Beurtheiler in den anliegenden neueren Versuchen ein Zeichen des Dankes und der Achtung zu überreichen, sehe aber keinen andern Weg zu ihm, als durch Sie, da er Ihnen sich doch genannt haben muß. Wollen Sie die Güte haben, die Anlagen an ihn zu befördern, so werden Sie mich dadurch zu lebhaftem Danke verpflichten. Mit vollkommenster Hochachtung beharre ich Münster, Amazon.de Widgets den 29ten September 1822. Ew. Wohlgeboren ganz ergebenster Immermann.« Die Beurteilung dieser als günstige Erstgeburten gedruckten Trauerspiele Immermanns, geschrieben vor seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, ist von Varnhagen von Ense; dessen kunstrichterlicher Ausspruch schließe sich hier an, um jenen Brief erklärlich werden zu lassen: »Literatur. Trauerspiele von Karl Immermann. (Hamm und Münster, bei Schultz und Wundermann. 1822.) ? Dieser Trauerspiele sind drei: ?Das Tal von Ronceval.? ?Edwin.? ?Petrarca.? ? Unsre jungen Dichter pflegen zuerst mit leichteren Fahrzeugen die See der Literatur zu versuchen, oft nur in kleinen Nachen lange dasselbe Ufer zu berudern; mit großem Schiffe gleich in das hohe Meer geschieht die erste Ausflucht schon selten, aber gleich mit einer ganzen Flotte am seltensten. Hier ist letzteres der Fall; wir hören den Dichternamen Karl Immermann zum ersten Mal, aber gleich in achtbarer Stärke, welche die Aufmerksamkeit nicht erbittet, sondern herausfordert. ? Shakespeare und Goethe ragen bei uns in ihrer Geistesverbündung als eine entschiedene Macht hervor, deren dichterische,[394] gebietende und befruchtende Wirkung jedes andere Ansehen überwiegt, obgleich sie ? dem deutschen Gemeinwesen gemäß, das nun einmal, zum Heil oder auch zum Unheil, in allen Beziehungen zersplittert ist ? viele andere, verwandte, befreundete, ja auch ganz entgegengesetzte und feindliche poetische und unpoetische Mächte neben sich duldet und gewähren läßt. An jene Macht und ihre Richtung schließt sich unleugbar unser Verfasser an, und das müssen wir für sehr gut erklären, da man mit den Mächtigsten und Reichsten immer auch am sichersten und wohlhabendsten ist; grade in diesem Gebiet, und das ist ein Hauptvorzug, ist auch der künstlichen Täuschung und des betörenden Prunkes am wenigsten möglich; hier ist es vor allem Wahrheit und Kraft, und der innere Gehalt muß hier zuletzt denn doch für die äußere Form einstehen. Schiller, Calderon, Tieck, gewähren ihren Anhängern und Folgern in diesem Betreff nicht so vorteilhafte Selbstständigkeit, wie Shakespeare und Goethe den ihrigen; man kann bei diesen, diesen nicht so sehr Nachahmer sein, als bei jenen, die Art und Weise taugt weniger dazu. ? Nun aber fragt es sich, in welchem Grad und Range, zu welchem Beruf und mit welchen Kräften gehört der Verfasser diesem Reiche an? Man kann in einem Heere Vielerlei sein zwischen dem Feldhauptmann und Gemeinen! Hier finden sich für unsere Beurteilung allerlei Schwierigkeiten. Es fragt sich nicht nur, was einer jetzt ist, sondern hauptsächlich, was einer nächstens werden wird, und ein Fähnrich, der den Obersten schon in sich trägt, ist ohne Zweifel mehr wert, als ein Hauptmann, der lebenslang Hauptmann zu bleiben hat. Ist unser Verfasser zwanzig Jahr alt, und schreitet fort,[395] so haben wir in ihm unserm Vaterlande einen neuen echten Dichter zu preisen; ist er vierzig Jahr alt, und bleibt stehen, so ist in ihm ein schönes Talent zu beklagen, das eines höheren Ziels würdig schien, ohne dasselbe erreicht zu haben. ? Wir können wirklich über die vorliegenden Trauerspiele kein vollständiges Urteil aussprechen. Sie sind nicht das Vortrefflichste, was wir kennen; sie sind weit entfernt von dem Schlechtesten: dabei sind sie aber auch durchaus nicht mittelmäßig. Man sieht, der Platz ist schwierig für sie zu bestimmen; vielleicht wäre unsere Verlegenheit gehoben, wenn wir uns entschlössen, ihnen verhältnismäßigen Anteil an jedem Platze zuzugestehen. Die Unbilligkeit, die dadurch an dem Dichter dennoch ausgeübt würde, hält uns aber wieder zurück. Seine Dichtungen sind Erscheinungen, die bedeutend anregen und vielfach befriedigen, aber in der Befriedigung doch zumeist nur wieder anregen; sie sind Glieder aus einer Reihe, die in noch größerer Folge überschaut seyn will, um erkennen zu lassen, ob die Richtung zum Höchsten, die sich unzweifelhaft offenbart, in Anfang und Ende dieselbe bleibt, und alle etwa abweichenden Seelenrichtungen entweder frühzeitig verläßt, oder zuletzt noch wieder aufnimmt. Es sind Stellen von größter Schönheit darin, eigenthümliche Züge von Tiefe und Wahrheit, wir hoffen, diese Seite nur werde immer zunehmen. ? Eine Hauptfrage, ob diese Dichtwerke die Eigenschaft, auf die es hier vor allem ankommt, besitzen, ob sie den Vorzug haben, wahrhaft dramatisch zu sein, müssen wir nach einigem Bedenken denn doch bejahen. Besonders kommt dieser Name dem Trauerspiel ?Petrarca? zu, worin das Geschick eines Dichters, nach Goeth's ?Tasso?, wahrlich kühn und[396] neu und glücklich genug in dieser Gestalt, mit tragischer Lebensfülle dargestellt wird. ?Das Tal von Ronceval? steht diesem zunächst an dramatischem Verdienst, zuletzt ?Edwin?, welches der Entstehung nach leicht das erste sein dürfte. Wenn wir die Frage nach dem Dramatischen nur nach einigem Bedenken bejahten, so mag daran das störende Verhältnis schuld sein, in welchem die Elemente dieser Gattung des romantischen Trauerspiels hier noch zueinander stehen. Sie durchdringen einander nicht, sie walten zu sehr nebeneinander. Das Komische, bei sehr guten, ja ganz vortrefflichen Einzelheiten, ist im ganzen nicht reif, und mit dem Ernste noch nicht zum wahren Humor verknüpft, daher manche Teile und Gestalten sich zuviel heraus nehmen, und dadurch andere Teile und Gestalten zu sehr niederdrücken. Wir haben so viele äußerlich dramatische Werke, die es innerlich nicht sind, die bloß Romanzen bleiben wollten, oder Idyllen. Vor solcher Gefahr, welcher selbst Oehlenschläger nicht ganz und Fouqué am wenigsten entgangen, ist unser Verfasser, der gutes Muts auf diese ausgezeichneten Beispiele blicken darf, denn doch zu warnen! Er vergesse nicht, daß das Drama, nach des Meisters Ausspruch, Charaktere und Taten will, den Konflikt der Notwendigkeit und der Freiheit, die strenge Entwickelung äußerer Handlung aus inneren Bedingnissen, und er wird sich, von starkem Bewußtsein geleitet, fester und sicherer in seinen Anordnungen auf dem erwählten Gebiete des Dramatischen, ja des Theatralischen ? welches nicht getrennt werden sollte von jenem ? behaupten. Den Lockungen der Scherzgebilde gebe er sich nicht allzu leicht hin! Die Gesinnung, welche die neuere altdeutsche und altnordische[397] Rittertümelei verhöhnt, ist bei einem jungen Dichter gewiß ein gutes Zeichen; aber die Ausfälle gegen Fouqué sind in dem altenglischen Trauerspiele nicht wohl angebracht, und in Betreff des ?Sigurd? noch dazu höchst ungerecht. ? In Sprach- und Versbildung hat der Verfasser vielleicht nicht sowohl mehr zu lernen, als nur mehr zu wollen. Er wird in strengeren, ausgebildeteren Tönen und Wendungen nur um so eigentümlicher sein. Maß und Ernst werden ihm, da es ihm an Naturkraft nicht fehlt, mehr zusagen, werden ihn mehr fördern, als Ungebundenheit und Eigenmacht; an Freiheit und Laune wird es ihm deshalb nicht ermangeln; je weniger sie abgesondert vorkommen, desto schöner kommen sie dem Ganzen zu gut: auch in dieser Beziehung ist ?Petrarca? das vorzüglichste unter den gegebenen Stücken. Möge der Verfasser auf diesem Wege fortfahren. E.« Mit »E.« hat Varnhagen von Ense viele seiner Mitteilungen für meine Zeitschrift unterzeichnet; infolge jenes Briefes wurde er nun sehr vertraut mit Immermann, und dieser zugleich Mitarbeiter zum »Gesellschafter«, der mehreres enthält, was nicht zu finden in den gesammelten Schriften Immermanns, aber der Bewahrung wert ist. Sehr vertraut mit den Werken und dem Wirken des nur vierundvierzig Jahr alt gewordenen Immermann wurde auch mein Sohn Anton, der vom Diesseits scheiden mußte nach nur sechsunddreißig Lebensjahren; zu seinem Andenken sei fürerst hier teilweise eingefügt, was er im Hinblick auf Immermann aussprach. Nachdem dessen tiefer Ernst in seinen Trauerspieldichtungen mit vollstem Lobe gewürdigt ist, ist zu lesen:[398] »Die ?Prinzen von Syrakus? scheinen den phantastischen Shakespeareschen Lustspielen nachgebildet zu sein, denn sie haben in der Form, der derben körnigen Sprache und der vagen Zerrissenheit des szenischen Gebäudes viel Ähnliches mit denselben, stehen aber freilich an wahrer Innerlichkeit und Lebendigkeit der Handlung wie an Humor weit unter ihnen. Ueberhaupt muß ich bekennen, daß Immermanns Humor mir niemals der echte geschienen; in diesem Lustspiel bewegt er sich gar zu unbekümmert in Unbedeutendheiten, die mitunter sogar trivial werden und eine günstige Wirkung nicht machen. Wo Immermann außerhalb der Tragik, oder im allgemeinen außerhalb des Sentimentalen, wirkt und fesselt, da ist es durch Satire, Ironie, Persiflage, die oft mit schneidender Schärfe trifft und verwundet. Auch in diesen Mitteln zum Eindruck liegt, wenn sie mit solcher Kraft und solchem Adel gehandhabt werden wie von unserm Dichter, eine geistige Erhabenheit über das Leben und Treiben der Welt, aber freilich mischte sich damit das persönliche Element des Zorns und Ärgers oder des Gefühlkampfes und Schmerzes. Ironie und Satire können auch Zeichen eines kräftigen, durchleuchteten Geistes sein, der die Wahrheit in ihrer ewigen Form erkannte und die Zufälligkeiten und Irrtümer der Welt von solchem Standpunkt aus züchtigt; sie sind deshalb treffliche Waffen des realen Nutzens, indem sie die Wirklichkeit dem Fortschritt entgegentreiben, aber sie selbst sind affiziert, sind identisch mit der Unbehaglichkeit des Daseins. In dieser Weise, oft großartig in ihren Motiven, streitet die komische Muse Immermanns. Was ihr aber fehlt, das ist die hoheitvolle Ruhe, die freie Idealität des Humors, der seinen Gegenstand durch[399] die objektive Darstellung desselben, ohne ironisierendes Zutun, in seiner ganzen Bloße zeigt, und, wenn auch begeistert für die Idee der Wahrheit und Schönheit, wenn auch ebenso in als über der Wirklichkeit, sich stets die philosophische Festigkeit erhält, das unerschütterliche Wissen von der Notwendigkeit des unausgesetzten Streites zwischen Ideal und Wirklichkeit, welcher eben der Inhalt der Idee ist und ihren Fortschritt gebiert. Es ist ein geistesklares Lächeln, dieser Humor, ein Lächeln über die seltsamen Sprünge der Parteien und Zwecke, die doch alle nur dem einen großen Zweck der Weltgeschichte dienen. Diesen Humor, wie gesagt, habe ich in keinem Werke Immermanns gefunden, dagegen oft die kräftigste Satire, die wirksamste Ironie, die sich am bedeutendsten im ?Münchhausen? kund gegeben.« ? ? ? »Die vortreffliche Abhandlung über den rasenden Ajax des Sophokles ging, wie Immermann selbst in den Prolegomena dazu sagt, aus dem Wunsche hervor, den Irrtum mit zerstreuen zu helfen, daß die Theorie des alten Dramas auch unabänderlich für unsere Dramatik gelten müsse. Nachdem er zuvörderst die Fabel erzählt und ihre Auffassung durch den Dichter, die als ganz und nur dem griechischen Geiste entsprechend nachgewiesen wird, beurteilt, dann die Behandlung, die Skulptur in der Poesie, welche er fast ausschließlich der antiken Poesie zuschreibt, betrachtet, ferner das tragische Gesetz überhaupt und die tragische Ironie, mit stetem Hinblicken und Anwenden auf die Poesie der Neuzeit, geistvoll erläutert, kommt er zu der Frage: ?Ist eine Nachahmung der antiken Tragödie möglich?? die er entschieden verneint. Er weist nach, wie der Entwickelungsgang des modernen Dramas ein so durchaus anderer[400] als der des antiken, daß notwendig auch ein anderes Resultat sich herstellen mußte, und schließt mit den Worten: ?Die Frage, ob Nachahmung der Alten im echten Sinne schon stattgefunden habe, ob sie überhaupt möglich sei? muß demnach verneint werden. Unser Trauerspiel ist ein anderes Gewächs als ihre Tragödie. Wir opfern alle Vorteile auf, die uns die epische Seite darbietet, den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Handlung, die Darstellung alles dessen, was nur eine breite und bequeme Form in sich aufnehmen kann; die Effekte der poetischen Färbung, die musikartigen Wirkungen der Dichtung, bekommen aber dafür nicht das mindeste zurück, da wir mit den Augen der Griechen die Verkettung der Dinge nicht mehr betrachten können, mithin von der Stoff uns ganz anders entgegenkommt. Alles Äußere und Innere, was bei ihnen die Form schuf, fehlt, und der unerläßliche Chor wird, wenn wir ihn nachahmen, zur bestandlosen Fiktion, die Schicksalsidee aber, welche die Formel der alten lyrischen Anschauungs- und Darstellungsweise ist, muß die wunderlichsten Entstellungen erleiden, um als Helotin dem modernen Poeten das Wasser kümmerlich auf die Räder zu tragen, womit er sein tragisches Mühlenwerk treibt. Es scheint daher richtiger zu sein, wenn wir den ehrwürdigen Nachlaß verschwundener Zeiten ohne die Anmaßung, ihn vermehren zu wollen, betrachten, und unsre Kraft daran stärken, um desto frischer die uns gesetzten Preise zu erkämpfen. Denn das ist eben alles Schönen Natur und Würdigkeit, daß es fort und fort den Stachel der Begeisterung in fähige Seelen drückt und neue Geburten der Schönheit hierdurch in ihnen zu erzeugen niemals ermattet.?[401] Ja, diesen schönen Beruf, den Immermann in den letzten Worten ausspricht, teilen die Meisterwerke der Alten mit den Meisterwerken aller Zeiten, und der Dichter soll nicht versäumen, auch in die Welt der Antike zu steigen, um ihre Große zu erkennen und zu würdigen, aber er kehre zurück, ein Bürger der neuen Welt, die im germanischen Elemente sich entwickelt und gebildet. Vor allem aber sollten die Theater sich hüten, eine untergegangene Welt, deren Anschauung nur dem Eingeweihten, demjenigen, der sie in ihren Ursachen und Wirkungen begreifen kann, Früchte trägt, der Leitung begehrenden und bedürfenden Masse gegenüber ins neue Leben zu rufen. Jedes Institut, auch das der Kunst, muß in der Gegenwart stehen und ? wenn es sich zweckgemäß Einfluß auf allgemeine Bildung zueignen will ? die Lebenstriebe der eigenen Zeit anerkennen, sie in ihren Talenten pflegen und zur Geltung bringen. Darum fort mit der antiken Tragödie von der modernen Bühne, an ihrer Statt herbei mit den Heroen der neueren und neuesten Zeit, und Aufmunterung, Unterstützung den Talenten der Gegenwart.« (»Gesellschafter«. 1840. Bl. 144.) Daß sich durch den Brief Immermanns vom Jahre 1822, und durch Befreundung mit ihm, Varnhagen von Ense, den ich hier ein wenig mit schildere ? meiner Zurückschau begegnet er später nochmals ? in der Offenheit des Urteils nicht stören ließ, bezeugte er unter anderem im Jahre 1826 bei seinem Bericht über das Trauerspiel »Cardenio und Celinde.« Da ist gleich am Anfange zu lesen: »Der Verfasser, welcher vor fünf Jahren mit drei Trauerspielen seine dichterische Laufbahn sehr bedeutend[402] begann, und seitdem durch mehrere würdige Werke sich auszeichnete, hat in diesem neuesten einen abermaligen Fortschritt bekundet, der ihn entschieden auf eine Stufe stellt, welche keiner der vielen gleichaltrigen Mitstrebenden in diesem dramatischen Fache bis jetzt erreicht hat. Diese Anpreisung geben wir um so zuversichtlicher und unparteiischer, als grade das gegenwärtige Trauerspiel, welches sie veranlaßt, uns auch zu nicht geringem Tadel nötigt. Unser Dichter verbindet mit Kraft und Fülle der Dichtung eine Eigentümlichkeit derselben, welche durch Annäherung an große Muster keinesweges gefährdet ist, in Nachahmung überzugehen. Im Gegenteil, sie hat sich mehr zu hüten, daß sie nicht, durch übergroßes Festhalten an sich selber, ihre ursprünglich freie Gestalt verliere, und in Eigensinn ausarte. Der Dichter bedarf, wie jeder im Leben wahrhaft Tätige, zu seiner größeren Selbstständigkeit einer fortwährenden Hingebung derselben, und nur in dem steten Wechsel beider Richtungen wird in der Poesie wie im Leben wahrhaft Großes vollbracht. Wer nichts hinzugeben hat, als ganz und immer sich selbst, der ist zum Nachahmer verdammt, und gehört in aller Weise der Masse an; wer aber zu sehr zurück hält und beharrt, der vereinsamt; beide scheiden aus dem Kreise des eigentümlichen Lebens und Wirkens ab. Die Eigentümlichkeit muß sich hervortretend gleichsam mit der Welt ausgleichen, mit dem umgebenden Leben in Harmonie setzen, erst dann ist sie gelungen sie selbst. Hierin nun, glauben wir, hat Immermann durch das vorliegende Trauerspiel einen großen Erfolg dargetan; wo jener Erfolg noch unvollständig erscheint, darf sich verhältnismäßig unser Tadel anknüpfen.« (»Gesellschafter«. 1826. Bl. 21.)[403] Nach meiner Ansicht haben Varnhagen von Ense und mein Sohn richtig geurteilt über Immermann, dem jedenfalls Gesinnung im ernsten Bestreben für die eigentlichsten Aufgaben der Bühne nicht abzusprechen ist. Zu ihrer beabsichtigten Frischbelebung war er meist auf richtigem Wege, mitunter zu schroff und leidenschaftlich; das hätte sich wahrscheinlich etwas ausgeglichen, wenn nicht bei den meisten Bühnenverwaltungen der Schlendrian Oberherr wäre. Bewiesen hat Immermann unleugbar, daß er in seiner Zeit hätte mehr beachtet werden sollen; wenn er jetzt lebte, würde er seiner dichterischen Richtung nach zu erfahren haben, daß es noch weniger geschähe. ? Obwohl er mir zwar persönlich bekannt, dabei aber nicht viel umgänglich wurde, hege ich dennoch auch in dieser Hinsicht für ihn einen angenehmen Eindruck in der Erinnerung. ? Mich hindenkend nach jenen Jahren will ich mir einen Anflug des Erheiternden gönnen in bezug auf den »Wetterprophet« genannten Professor Dietmar, der sich schon von der Zeit seines ersten Schulbesuchs an bemüht hatte um Witterungskunde, sich endlich ganz in diese luftkreisliche Gelehrsamkeit so eingedrungen wähnte, daß er sicher und fest Zukünftiges in diesem Bereich voraussagen könne. Er ließ sich von etwas zufällig Eingetroffenem verleiten, aus »zwanzig Gründen« den Winter 1822 ? 1823 als »seltsam gelind«, mit höchstens neun Grad Kälte zu bezeichnen. Dieser Winter drängte sich aber so arg in den Zeitlauf, daß er in Strengigkeit des Frostes für den ebenbürtigen Nachkommen des Winters in den Jahren 1812?1813 zu halten war, jenes Winters, dessen Macht furcht- und schreckbar strafend eingriff in staatsklügliche Raubkriegstaten. Dazu gab[404] der Winter 1822?1823 in Deutschland keine Gelegenheit; Schärfe und Härte überfielen jedoch die von ihrer Voraussicht geblendete Weisheit des Wetterpropheten Dietmar, der andrerseits verständig, auch in mancherlei kenntnisreich war. Es erschienen mehrere Spottbilder, die ihn ? als Zeugen für die verheißene, von ihm hartnäckig als bewährt geschilderte Lindigkeit des Winters ? darstellten im gelüfteten Nankingkleide, und sein von der Kälte hochrotes Antlitz hatte Eiszapfen an der Nase. Die öffentliche Stimme mischte sich verschiedentlich spöttisch ein, erwähnt sei aber nur noch der bissige Witz eines Theaterbeurteilers. ? Als am 2. Januar 1823 das Lustspiel: »Mittel und Wege« (nach Georg Colman und Karl Lebrün) bei der ersten und letzten Vorstellung ausgepocht wurde, gab jener Beurteiler schließlich zu lesen: »An verschiedenen Orten hat man der entsetzlichen Kälte wegen die Theater geschlossen, in Berlin glaubten indes endlich viele an die Prophezeiung des Herrn Professor Dietmar, mußten aber im Theater sehr bald und fortdauernd in aller Anstrengung mit den Füßen stampfen, so daß eigentlich Herr Karl Lebrün als Märtyrer für die Dietmarsche Wetterweisheit zu betrachten ist.« Der schon siebzig Jahr alte Witterungsgelehrte geriet nun in dem kalten Winter mehrmals in angreiflichste Hitze, besonders über die ihm brieflich gedruckt zugesendeten Stachelreime: »Die Kälte stieg auf zwanzig Grad, Dein Wissen fiel auf Null, Nun schaffe selbst sich Schutz und Rat Dein grundgeleerter Schrull.«[405] Zu mir wandte sich Dietmar mit einer langen und breiten Handschrift, worin er die Tageskälten durchschnittlich berechnete, was beweisen sollte, sie sei eigentlich doch nicht über neun Grad gestiegen. Mich auf ein solches Ausgleichen seiner Fehlschlüsse, Altersschwäche andeutend, nicht einlassend, empfahl ich ihm zur Beruhigung die Sprichworte: »Es irrt der Mensch, so lang' er strebt«, und: »Nicht irret, wer auf unrechtem Wege umkehrt.« ? Ihm etwas zur Tröstung nahm ich später mehrere Aufsätze, meist wissenschaftlichen Inhalts, unterzeichnet »Dietmar« für den »Gesellschafter« an, und in noch elf Jahren seines Erdenlebens (er starb am 20. November 1834) hat er dem Wetter die Freiheit nicht mehr beschränken wollen. Sind meine Erlebnisse mit dem gutmütigst gemütvollen Dietmar nur geringen Inhalts, ihm wird andenklich nützen, was er im Jahre 1786 in Weimar erlebte. Dort mit vielen Empfehlungen angekommen bei einer »Sommerreise von Halle nach Schnepfenthal« erzählte Dietmar neben noch mancherlei: »Wieland, dem ich einen Brief brachte, hatte mich mit den Worten entlassen: ?Ich ersuche Sie, wieder bei mir einzutreten, ich will Ihnen das Seltenste von Weimar zeigen.? Nach meiner Rückkunft war er eben im Begriff auszugehen, und hatte es hinterlassen, wohin ich ihm nachfolgen sollte. Jetzt eilte er in die Stadt, endlich in den herzoglichen Garten, den man den Stern nennt. Schon in einiger Entfernung erkannte ich vor einem runden Kaffeetischchen bei einem Pavillon unter mehreren Personen den Herzog, den ich einigemal vor Halle einen Teil des preußischen Kriegsheers Revue passieren gesehen. Vielleicht ? dachte ich ? will mich[406] der Hofrat Wieland dem Herzog vorstellen ?! In dieser Ungewißheit blieb ich allmählich zurück, und aus einem schattigen Baumgang, in welchen ich meine Zuflucht nahm, trat jetzt ein Gartenknecht mit der Harke auf der Schulter und folgte dem Hofrat Wieland auf seinem Wege nach. Dieser, in der Meinung, daß ich ihm nachfolge, erklärt dem Herzog, daß er das Vergnügen habe, Sr. Durchlaucht einen Kandidaten aus Halle, der Garves Schüler gewesen, vorzustellen. ? ?Wien? meinen Gartenknecht? Einen solchen Kandidaten habe ich in diesem Menschen nicht vermutet.? Bertuch, Goethe, Musäus usw. singen an zu lachen und Wieland sah sich verwundert um bei den Worten: ?Ich habe doch einen fremden jungen Mann ?.? ?Wahrscheinlich verloren!? fiel der Herzog ein. ?Ist es etwa? ? auf einen hohen Baum zeigend ? ?Der da oben?? Ich war nämlich unterdessen auf einer Schneckentreppe, die an und unter einer Linde bis auf deren Gipfel hinausgebaut war, zur höchsten Stufe gestiegen, wo mich der Herzog erblickte und durch einen Diener zum Kaffee einladen ließ. ?Hätte ich Sie nicht auf dem Baume entdeckt,? sagte lächelnd der Herzog, ?so glaube ich, der Hofrat Wieland hätte Sie nie wieder gefunden. Er hat mir gesagt, Sie wären ein großer Kinderfreund: bei ihm finden Sie Gottes Segen. Vor zehn Tagen, am neunten Juli, hat er schon wieder taufen lassen; war's nicht ein Sohn?? ? ?Verzeihung, eine Tochter.? ? ?Und heißt?? ? ?Auguste Friederike Wilhelmine.? ? ?Ist katholisch?? ? ?Wenn Euer Durchlaucht Oberhofprediger Herder es ist, der sie getauft hat, Ja.? ?Sind Sie zum erstenmal in Weimar?? wandte[407] sich der Herzog wieder zu mir. ? ?Nein, Euer Durchlaucht; vor zwei Jahren kam ich auf einer Reise von Kassel hier durch, als der König von Schweden1 seine Reise nach Italien machte.? ? ?Haben Sie ihn gesehn?? ? ?Gewiß, und auch gesprochen.? ? ?Wo und was?? ? ?In Erfurt. Er stieg ab im Gasthause zum römischen Kaiser; wo ich mich eben befand, und speiste da zu Mittag.? ? ?Ganz recht. Wie war er gekleidet?? ? ?Sehr sonderbar. Einen dunkelbraunen Überrock mit hellbrauner seidener Schärpe, schwarze Schuhe, rothe Absätze, und einen großen runden Hut. Sein Minister oder Begleiter hatte dieselbe Kleidungsart. Er reiste, wie ich erfahren hatte, unter dem Namen eines Grafen von Haga. Der König wünschte etwas zu schlafen, und die Polizeibeamten erhielten von ihm den Befehl, das andrängende Publikum zu zerstreuen und ihm zu sagen, daß er nach einer Stunde speisen und jedem erlauben wolle, in Ordnung um die Tafel zu gehn, im Fall man ihn zu sehen wünsche.? ? ?Und dies geschah?? ? ?So erfolgte es. Als aber niemand mehr vor der Tür war, trat der König aus seinem Zimmer in den Torweg, wo ich eben stand.? ? ?Sind Sie aus dieser Stadt?? fragte der König. ? ?Um Verzeihung, Herr Graf von Haga, ich studiere jetzt in Halle.? ? ?Wieviel sind Studenten in Halle?? ? ?Ich glaube vierzehnhundert.? ? ?Sie machen vielleicht eine Erholungsreise?? ? ?Um Erziehungsinstitute zu besuchen.? ? ?Sie wohnen hier im Gasthause? und heißen?? ? Kaum war der König wieder in seinem Zimmer und ich bei meinem Mittagbrot, als ein großer[408] Diener des Königs zu mir eintrat mit der Frage: ob hier der Kandidat Dietmar logiere? der Herr Graf von Haga übersende ihm eine Flasche Champagner und ließe ihm Glück auf Fortsetzung seiner Reise wünschen! ? Dies nahm ich dankend an, erwiderte einen gleichen Wunsch, und leerte die Flasche, aus Mangel besserer Bekanntschaft, mit dem Markör.« »Das gefällt mir!« sagte der Herzog. »Nun kommen Sie, ich will Ihnen meinen Garten zeigen; wenn Sie zurückkommen, hoffe ich Sie wieder im Stern zu sehen, und Sie erzählen mir dann, wie Sie das Salzmannsche Institut gefunden haben.« Nach meiner Rückkunft von Schnepfenthal stattete ich, an demselben Orte im erwähnten Garten, den Bericht über das Erziehungsinstitut dem Herzog von Weimar ab, und beim Weggange äußerte ich, Musäus gegenüber, Bedauern, den berühmten Goethe nicht gesprochen zu haben. ? »Das können Sie noch verbessern!« meinte Musäus. »Wenn Sie jetzt zu ihm gehn, will ich Sie begleiten. Melden Sie sich als der Studiosus, den er im Stern, vor acht Tagen, auf der Linde gesehen hätte, dann nimmt er Sie gewiß an. Der Salto mortale auf den Lindengipfel hat ihm gefallen, und wir haben Ihre damalige Standeserhöhung sehr belacht.« ? Unter der von Musäus angeratenen Adresse ließ ich mich bei Goethe anmelden. »Sie kommen von Ihrer Schnepfenthaler Reise zurück?« fragte mich der damals noch in der Blüte seines männlichen Alters stehende Goethe. »Haben Sie Ihre Wißbegierde befriedigt?« ? Ich erzählte ihm alles, was mich von dem Salzmannschen Institut interessiert hatte. Mein Vorschlag, den ich dem Professor[409] Salzmann getan, die Naturgeschichte den Kindern in den Abendstunden mittels einer Laterna magica zu lehren, gefiel ihm besonders. ? »Er hat einen Bruder in Erfurt, der ein geschickter Tiermaler ist« ? erwähnte Goethe ? »der könnte ihm zu diesem Behuf die unvernünftige Welt auf Glasmalen.« Dann fügte er hinzu: »So wahr und gut es wäre, den Kindern frühzeitig Geographie zu lehren, so bin ich doch der Meinung, daß man mit den nächsten Umgebungen der bildenden Natur zuerst anfangen müßte. Alles, was auf ihre Augen und Ohren Eindruck macht, erregt ihre Aufmerksamkeit. Sonne, Mond und Sterne, Feuer, Wasser, Schnee, Eis, Wolken, Gewitter, Tiere, Pflanzen und Steine sind die besonders wirksamsten Eindrücke auf das kindliche Gemüt. Kinder haben Mühe, die von Menschen gebildeten Formen von den natürlichen Gestalten zu unterscheiden, und es wäre nicht zu verwundern, wenn sie den Vater fragen: wie machst du die Bäume?« ? ? ? Goethe fragte mich auch: »Was haben Sie von meinen Schriften gelesen?« ? »Werthers Leiden.« ? »Welchen Eindruck machte seine Leidenschaftsgeschichte auf Sie?« ? »Ich fand seine Empfindung für Lotte so rein menschlich, daß ich ihm alles verzeihen konnte, was er fühlte, sprach und tat.« ? »Haben Sie auch schon geliebt?« ? »Ich kann es nicht leugnen. Im Alter von einundzwanzig Jahren kam ich in die Nähe einer schönen Wittwe, für die sich alle Gefühle in mir regten, aber Verhältnisse hinderten mich, ihr meine Zuneigung zu gestehen. Ich verehrte sie, nur in ihrer Nähe befand ich mich wohl; aber ? ich sah die Unmöglichkeit, ihr die Unruhe meines Herzens zu offenbaren.« ? »War sie[410] schön?« ? »So fand ich sie, und man sagte mir, daß sie in ihrem unverheirateten Stande das schönste Mädchen in der ganzen Umgegend gewesen wäre.« ? »Wissen Sie wohl, daß das Herz Geheimnisse hat, wovon der Verstand nichts weiß?« ? »Das hab' ich schon öfters eingesehen, aber nicht mit Worten auszudrücken verstanden.« »Wissen Sie: Le paradis est pour les âmes tendres, et condamné sont ceux, qui n'aiment rien.« »Davon bin ich überzeugt, aber so glücklich die Liebe macht, so viele Leiden und Schmerzen führt sie auch mit sich. Ich habe die schöne Stelle memoriert, welche mir in Ihrem ?Werther? gefiel.« »Und welche war es?« »Wer hebt den ersten Stein gegen das Mädchen, das in einer wonnevollen Stunde sich in den unaufhaltsamen Freuden der Liebe verliert? Unsere Gesetze selbst, diese kaltblütigen Pedanten, lassen sich rühren, und halten ihre Strafe zurück.« »Die ganze Theorie des Anstandes läßt sich auf den unsichern Grund des Vorurteils zurückführen. Es gibt allerdings Situationen des Lebens, in welchen das Herz beredt und der Mund verschwiegen ist. Ja das Herz ist sogar in Furcht, seine kleinen aber heftigen Bewegungen zu verraten, und, um nicht in diese Gefahr zu kommen, wählt das furchtsame Herz die Verschwiegenheit. ? Ich habe mich noch nie mit einem jungen Manne, der eben die Universität verlassen, so ernsthaft unterhalten.« ? Sich selbst fiel Goethe abweichend der Art in die Rede, und ich erwiderte: »Verzeihen Sie, ich bin schon siebenundzwanzig Jahr alt, bin spät auf Universitäten gegangen.«[411] »Ost quälen mich Durchreisende mit langweiligen Besuchen, und da ich mich jetzt mit der Osteologie beschäftige, so lege ich ihnen gesammelte Knochen vor; das erregt den Besuchenden Langeweile, und sie empfehlen sich. Ich habe bei Ihnen diese Vorlage vergessen.« Begreiflich waren dies für mich Abschiedsworte, und als ich dann zu Musäus zurückkam, erzählte ich ihm, wie freundlich mich Goethe aufgenommen, erwähnte auch die Unterhaltung über »Werthers Leiden« und die Passion der Liebe. »In diesem Punkt ist er unübertrefflich!« sagte Musäus. »So seine Kenner des menschlichen Herzens finden sich selten.« »Goethe ist ein kräftiger, robuster Mann, wird uns alle überleben; aber was sagt er vom Tode und ewigen Leben?« »Davon hab' ich ihn nie sprechen hören. Er hängt mit ganzer Seele am Leben, das er für eine schöne Gewohnheit hält. Unsern Herder hörte ich darüber sprechen, habe seine Worte, um sie nicht zu vergessen, aufgeschrieben.« »Könnten Sie mir diesen Schatz nicht mitteilen?« »Warum nicht!« Musäus suchte unter seinen Papieren, fand, was ich wünschte, und ließ mich diesen Ausspruch abschreiben: »Sterben heißt aufhören zu leben. Eine Uhr, deren Feder noch Spannkraft hat, bleibt, wenn die Räder abgenutzt und die Spindellöcher ausgelaufen sind, der Feder ungeachtet, stehen. Hat das Herz noch alle Lebenskraft, die äußern Teile und die ersten Wege aber sind abgebraucht, dann steht die Maschine still. Wenn das Gedächtnis schwindet, die Phantasie noch ihre Wirkung[412] äußert, wenn angenehme Bilder vor die Seele treten, und große Müdigkeit den Schlaf herbeiführt, wenn Träume beglücken und tiefer Schlaf die Augen deckt, wenn wir von sinnlichen Eindrücken nichts mehr auffassen, der Puls langsamer und schwächer, der Atem sanfter, tiefer und seltener wird, das Herz sich nur noch einmal hebt, dann ? sind wir gewesen. Und doch, wenn sich gleich der Abendblume die Seele schließt, alles um sie her Dämmerung ist ? o Tod, o Schlaf! wer dich erfand ? erfand der Menschheit Leben!« ? Ist dies Erhellung für Überirdisches? ? Herder, Musäus, und Dietmar, von dem nun meine Aufzeichnungen scheiden, können nicht antworten, würden aber wohl mit Denkenden und Fühlenden gleichen Sinnes sein in Betracht einer andern Frage: Wird das Geistige, die Seele, nicht genährt mit Wahrheit, das Herz nicht erwärmt für Edles in Saat und Tat, ? welcher Himmel, welcher Lichtkreis könnte ungetrübte Seligkeit geben? ? Auf anderer Seite meines Lebensganges hatte ich im Jahr 1818 ein wenig zu kämpfen wegen der mir nie sichtlich gewordenen, von Toren für eine Oberhofmeisterin der Weisheit gehaltenen Frau Juliane von Krüdener. Bekanntlich war sie einst die so weit Erhobene, daß sie drei Gekrönte in ihrem Pariser Betsaal vorbereitete zur sogenannten »heiligen Allianz«, die aber aus ursprünglicher Dreieinigkeit bald vielseitige Uneinigkeit entwickelte. ? Früher, in den Unheilsjahren 1806 bis 1809), soll Frau von Krüdener angeblich auf die Königin Luise von Preußen durch biblische Tröstungen eingewirkt haben in Hinweisung auf die allwaltende, ewig herrschende Segensmacht. Nach der Rückkehr des[413] königlichen Paares habe ich in Berlin mehrmals erfahren, daß Hofherren die damals gebräuchlich gewordene Staatsfrömmelei vom Rededunst der Frau von Krüdener sich hatten steigern lassen. ? Nun war zu Anfang des Jahres 1818 die nach ihrer Einbildung »zur Himmelsbotin Auserwählte« in Leipzig, und Berichte von dort für meine Zeitschrift hatten eine andere Stimmung, als jenen Hofherren zusagte. Erzählt ward von meinem Berichterstatter unter anderem: »In Gesellschaft einiger Freunde hatte ich Gelegenheit, Frau von Krüdener zu sprechen. Wir wurden nach dem Hotel de Saxe geführt, wo die wandernde Priesterin in der dritten Etage wohnt. Bei dem Eintreten fanden wir ihre Tochter, Frau von Berkheim, welche von der Kürüdener selbst die ?Vollendete? genannt wird. Der Kaplan Kellner saß schreibend im Zimmer; er, der oft sagt: ?er sei ein großer durch Frau von Krüdener erleuchteter Sünder?, sieht einem Sünder noch ziemlich ähnlich; man begreift bei seinem Anblick: daß man ihn in dem Lande, wo Lavaters ?Physiognomik? entstand, nicht leicht für ein gutes Wesen halten konnte. ? Artig empfangen, waren die gewöhnlichen Verlegenheitsgespräche bald im Gange, endlich trat Frau von Krüdener ein, und nach einigen gleichgültigen Worten über ihre Reise ward die Unterhaltung sogleich religiösen Inhalts. Länger als eine Stunde sprach sie mit vieler Salbung in Art der Herrenhuter; ich glaube aber: der Glaube mußte dabei zum Verständnis helfen. Der Vortrag kann erleuchtet gewesen sein, das begriff ich vielleicht nicht, daß er aber selten klar genannt werden konnte, das mein' ich begriffen zu haben. Die Verderbnis der Menschen im allgemeinen,[414] der ?laue? Protestantismus und der ?kalte? Katholizismus, ferner die Härte der Reichen gegen die Armen waren die Texte zu den Reden. Sie erhob dann große Klagen gegen die Schweiz, und gab von dieser eine Schilderung, welche wohl manches Wahre, doch auch gewiß viel Übertriebenes enthielt. Einige patrizische Familien, sagte sie, drücken dort alles zu Boden, die Reichen lassen vor ihren Augen die Armen Hungers sterben, die Sündhaftigkeit ist grenzenlos, besonders durch die vielen ?Fabrikmenschen? veranlaßt. Vor drei Jahren, sprach sie weiter, wurde mir die große Hungersnot offenbart, ich habe gewarnt und bin mit Verachtung behandelt worden. In so hohem Grade, als sie erfolgte, habe ich jedoch die Teuerung nicht vermutet und daher manchem abgeraten, sein Vaterland zu verlassen; doch, da Gott endlich diese harte Strafe sandte, verließen mehr als achtzehntausend Familien ihre Heimat. Ein großer Teil ist zwar umgekommen, doch ? hier hob sie ihre Augen gen Himmel ? sie starben bekehrt. Die Nachrichten, welche ich jetzt aus der Schweiz habe, bestätigen, was ich bei meinem Abschiede sagte: das Nahen einer gänzlichen Anarchie, denn der Arme kann sich diese Bedrückungen ferner nicht gefallen lassen. Überhaupt steht dem Weltgebäude eine große Revolution bevor, die ?schmelzen den Gletscher? sind die Vorboten. ? Als wir bei diesem Anlaß die Stürme in Indien erwähnten (Frau von Krüdener liest keine Zeitungen!), da rief sie: ?Hört, hört!? ? als wäre sie im englischen Parlament. ? Jetzt kamen Klagen über die Behandlung, welche sie auf ihrer Reise erfahren. ?Von Stadt zu Stadt? ? berichtete sie ? ?bin ich von Bewaffneten begleitet worden, in mehreren Orten, selbst in Schmalkalden,[415] wo doch auch ein heiliges Bündnis geschlossen ist, wurde mir der Eingang verwehrt.? ? Wir erhielten dann die Mitteilung: was sie, um des sündhaften Zeitalters willen, neuerdings an verschiedene Potentaten geschrieben habe, und als wir endlich selbst zum Scheiden Miene machten, wurden wir mit einem religiösen Gruße entlassen. ? Meine Meinung über diese Dame ist: Sie hat einst Aufsehen gemacht und möchte es ferner machen; sie will stolz sein können auf irgendetwas und wär' es auch auf Verfolgung; sie hat unbezweifelt Kenntnisse, über welche man früher ihr schmeichelte, so glaubt sie ihre geistigen Kräfte erweiterter als sie sind, und füllt alle Lücken mit Phantasien, wie sie überhaupt nach allem greift, was ihren Ideen dienen kann, und nichts ist ihr so unwahrscheinlich, daß sie den Glauben versagte, wenn es nur irgend zu ihren Ansichten taugt. Sie ist voll Schwärmerei der Leichtgläubigkeit, und wenn ein tieferer Geist seine Erfahrungen nach innen wendet, um für sich eine ungestörte Friedlichkeit zu gewinnen, so drängt sich ihre sichtbare Oberflächlichkeit stets nach außen. In einem Kreise, der ihr angehört, möchte sie mit diesem Wesen unschädlich schalten können, als Rednerin zum Volke kann sie nicht füglich geduldet werden, da es gegen alle Ordnung streitet, und da die Masse natürlich das, was die Lehrerin schon nicht verständig gibt, arg mißverstehen muß. So wünschen wir denn von Herzen, daß ihr Leben aus dem Schwindel zu einer festen Haltung kommen möge, was am schnellsten geschieht, wenn sie über die Schranken der Weiblichkeit einmal tief nachdächte, statt daß sie sich bei ihrem jetzigen Vorhaben alles Denkens zu enthalten sucht.« Dieser Darlegung, dem »Gesellschafter« (1818. Bl. 7)[416] mitgegeben folgte noch eine (Bl. 18), von der ich nur den Schluß erneuere: »Sie eiferte in einer versammelten Gesellschaft wieder viel gegen die Philosophen und alle diejenigen, welche auf Verstand und Wissen etwas geben. Auch von bevorstehenden göttlichen Strafen sprach sie wieder, die, soviel man begreifen kann, durch die Türken in Erfüllung gehen werden. Wie nahe diese sein sollen, geht aus folgender Äußerung von ihr hervor. Als nämlich jemand zu ihr sagte: daß, wenn ihr Aufenthalt hier sich vier bis fünf Monate später ereignete, es ihm zum Vergnügen gereicht haben würde, sie bei sich auf seinem Gute hier in der Nähe zu sehen, erwiderte sie: ?Das liegt dann wohl schon in Ruinen!? ? Am Schluß jener Versammlung erteilte sie den sich Enfernenden den Segen. Und so ist denn hier die Erscheinung dieser sein wollenden Prophetin vorüber gegangen, ohne etwas anderes zu bewirken, als in den inflanablen Köpfen einiger wenigen zu dem bereits vorhandenen Zunder noch etwas mehr hinzugefügt zu haben.« Nach Veröffentlichung dieser Berichte waren etliche jener Hofherren, die früher durch Frau von Krüdener und ihre Überspannung sich hatten geistig enthaupten lassen, gegen den »Gesellschafter« und dessen Herausgeber feindsinnig geworden, und nun erschien noch (»Gesellschafter« 1818. B. 35) folgende »Apostrophe. Amazon.de Widgets Verstand verleihe, Herr, mir lebenslang! So laute jedes Menschen Taggebet; Denn Köstlichers kann er wohl nichts verlieren Als dieses Kleinod, diese Himmelsgabe, Das einzige, was ihn vom Tiere scheidet.[417] Mit Recht ist also, wem der Stern erlosch In Mitternacht des sturmbewegten Lebens, Ein traurig Bild des Jammers und des Mitleids. Doch wer soll den bedauern, der den Gott In sich mutwillig so verleugnet und verspottet, Daß der Beleidigte entflieht? Und dennoch Regt uns ein etwas sich in tiefer Brust, Ein wunderbar Gemisch von Wehmut und Von Zorn, wenn eine Stadt, ehrwürdig stets Durch Wort und Tat für Vaterland und Fürsten, Wenn sie, die mehrere Jahrhunderte Dem Dienst der Weisheit Priester hat erzogen, Die Göttin lästernd, sich mit Toren füllt, Zusammenströmend aus den eig'nen Bürgern. Verblendete, seht Ihr die Fesseln nicht, Die man dem Geiste schmiedet durch ein Weib, Das Pfaffenlist und Pfaffentrug erwählt, Europens Gläub'ge unter einen Hut, Die römische Tiara, zu versammeln: Daß eine Herde werde und ein Hirt, Um so als Unterhirten ganz gemächlich bald Die Schäflein nicht zu scheren.- nein, zu schinden? Seht ihr denn nicht, daß die Sybille nur Die würd'gen Schüler des erhab'nen Meisters Darum ein Tau ? das durch ein Nadelöhr Hindurch nicht will ? zu Fäden trennen und aus diesen Mit großem Eifer Netze stricken läßt, Leichtgläubige zu fangen? Kennet ihr Den Köder nicht, nach dem ihr gierig schnappt? In myst'schem Unsinn will man euch betäuben, Damit ihr blindlings in die Falle geht, Euch aufgestellt von schnöder Frömmelei. Ist's glaublich: Männer, deren Ahnen einst Den falschen Waldemar als falsch erkannt Und ihrem echten Fürsten treu geblieben, Verleugnen ihre hohe Abkunft ganz: Sie ziehen scharenweise hin zur falschen Prophetin, lassen sich von ihr und von dem Troß Der gaunernden Zigeuner, die ihr folgen,[418] Verlocken aus dem Reiche der Vernunft Ins Reich der Dummheit und der Finsternis! Kein Wunder ist's dann, wenn das schwächere Geschlecht dem Beispiel folgt des stärkeren, Voran sich drängt, und weinend schluchzt und lauscht, Gerührt von religiöser Gleisnerei, Die schlau Vergebung zusagt aller Sünden, Im Namen dessen, den sie frevelnd höhnt, Wenn nur zu ihr der Sünder Schar sich wendet, Von ihr recht innig sich ergreifen läßt! Das aber ist der alte Pfaffenkniff - Erdacht von Proselytenmacherei ? Der stets erwünschte Früchte hat getragen. O Luther, könntest du der Welt erstehn, Du würdest donnernd deine Stimm' erheben, Und, wie einst Tezeln, jetzt der Ablaßkrämerin, Die durch Europa zieht von Süd nach Nord ? Nimmt sie gleich Gold nicht für die Sündenwäsche - Das schlechte Handwerk legen. Sohn des Lichts, Der Wahrheit Kämpfer, zürne darum nicht, Daß viele, die vor wen'gen Tagen noch Das Fest der Rettung aus des Geistes Sklaverei Durch dich, das unvergeßliche, gefeiert, An deinen Lehren zu Verrätern werden: Vergib es, was sie tun, sie wissen's nicht!« An einem der letzten Tage des März 1818 hatte ich dann infolge dieser »Apostrophe« und der Berichte aus Leipzig in meinem kleinen Arbeitszimmer eine Anzahl jener alterierten Hofherren zu begrüßen und von ihnen zu hören, daß ich der Verleumdungen gegen Frau von Krûdener und der Ausfälligkeiten gegen alle der Erleuchteten Anhänglichen schuldig und zu einer Ehrenerklärung verpflichtet sei. Ich antwortete, daß ich damit meine eigene Ehre verletzen würde, fände mich also nur bereit, das drucken zu lassen, was die Herren vorschreiben möchten, mir jedoch eine Hinzufügung vorbehaltend. Es[419] entstand ein sehr lebhaftes Gerede, was Mitbewohner des Hauses herbeirief, und draußen auf der Straße wurde es ebenfalls lebhaft. Wir trennten uns nun ohne Beschluß, und weiteres geschah nicht, oft aber habe ich damals ? und immer öfter ? mich erinnern müssen an Luthers Ausspruch: »Die Welt ist wie ein betrunkener Reiter; hebt man ihn auf einer Seite in den Sattel, fällt er von der anderen Seite wieder herab.« ? Übrigens will ich keinesweges Gewalttaten beschönigen, die von Machthabern verfügt wurden gegen Frau von Krüdener, nachdem man sie als vorteilhaftes Werkzeug in die Zeitereignisse verwebte. Zweifelhaft ist es mir aber, ob man durch ihr Einschieben in Geschichtliches die Lehre erworben hat, daß man einer Persönlichkeit, der man durch klügliche Absichten Wichtigkeit gegeben, diese Wichtigkeit nicht plötzlich entziehen kann, ohne daß neue Übelstände entstehen. ? Man hatte das Volkswesen angeweht mit der Freiheitsglut, auch die Glaubenskraft zu Hilfe gerufen; jene wurde zum Übersturz des Volksdranges, diese zur Frömmelei, und geltend machten sich nun allseitige Übergriffe, die manches Märtyrertum erzeugten, auch das der Frau von Krüdener. ? Einen mit Unrecht fast völlig Vergessenen rufen sich nun meine Erinnerungen herbei: Julius von Voß, in seiner Eigentümlichkeit eine seltsame Erscheinung. ? Geboren am 27. August 1768, ist in bezug auf seine erste Jugendzeit wenig bekannt; wunderlich mußte sie gewesen sein, denn es hatte ihr alle Schulbildung gefehlt. Vom vierzehnten Jahr an war er Soldat, blieb es ? zuletzt als Leutnant ? bis zum dreißigsten; durch seine freimütige Zunge und Verbesserungsvorschläge hatte er sich[420] Feindschaften zugezogen, erbat seine Entlassung, und suchte nun Entschiedenheit darüber: ob er Schriftsteller, musikalischer Komponist oder Maler werden wolle, im Befragen der Knopflöcher an seinem Rock. Der letzte Knopf hielt den Schriftsteller fest, und Voß eiferte sich nun hinein zu mancherlei Schaffen durch Feder und Tinte. Selbstgeständlich war es ihm unmöglich, sich zu besinnen auf die Titel der Romane, Schauspiele und Flugschriften, die er von 1813 bis 1828 herausgegeben; er glaubte aber, »daß mehr als hundert Bände von ihm erschienen und einige Hundert Aufsätze in Zeitblättern«, meist ohne seinen Namen. ? Mag für einen großen Teil dieser Erzeugnisse das Urteil zu billigen sein: er verdiene keine Beachtung, ein anderer Teil, ob man jetzt kaum daran denkt, ist dennoch nicht ohne Wert. Jedenfalls weisen diese Gaben hin nach den verschiedensten Strebungen (Staats- und Kriegskunde, Tagesgeschichte, vielfarbig ernst, heiter und witzig ausgestattete Unterhaltungsschriften) und zeichnen Julius von Voß als einen Mann mit vielfältig anwendbarer Einsicht, mit sehr beweglichem Geist, und es ließen sich Beweise dafür auch aus dem »Gesellschafter« herbeiholen. Vereint waren jene Eigenschaften freilich mit zu raschem Betrieb der schriftstellerischen Fruchtbarkeit; ihr Übermaß entstand aber meist infolge seines Notstandes, dessen Macht und Einfluß er selten abwehren konnte. Leider fehlt in Deutschland öfter als in andern solchen Ländern, wo man sich der Bildung rühmt, der Wille und Antrieb, geistreich Befähigte auf ihrer richtigsten Bahn zu fördern, ihnen Freiheit und Mittel zu verschaffen, dort das Bestmöglichste zu erreichen. Unendlich viel Bedeutendes und Werktätiges geht dadurch für alle Zweige[421] des Wissens, des Hervorbringens und der Erhebung des Berufs im Menschentum verloren, gar viel Tüchtiges verkümmert, weil der Blick dafür entweder fehlt oder sich teilnahmlos abwendet. Und eben diejenigen, die in ihrem Vaterlande Fähige nicht erkennen oder absichtlich unterschätzen, dadurch der Übermacht des Auslandes in mancherlei Bereich sündlich Vorschub leisten, sind bei den Deutschen, im Vergleich mit andern Völkern, am zahlreichsten. ? Außerdem hatte Julius von Voß Liebe zur Unabhängigkeit, die sich Beschützer nur dort erwirbt, wo man das Menschenrechtliche gleichrechtlich übt, das heißt: unabhängig von übereinkommlichen Forderungen, mit denen man innerlich erniedrigt, was man äußerlich zu erheben meint. ? Bei ihn drückend beherrschenden Zuständen kam die größere Zahl der schriftstellerischen Erzeugnisse von Julius von Voß mit der Anweisung auf Vergänglichkeit zutage, mehrere aber werden sich in ihrem bedingten Wert auch für künftige Zeit erhalten; Zeitgenossen dürfen jedenfalls mit seinem Andenken ihr Bedauern verbinden, daß er nicht Gönner fand, die ihn für Gediegneres unterstützten. ? In seinen letzten Lebensjahren war er von Trübheit befallen; menschenscheu und leicht empfindlich verletzt ging er umher, und ich habe seiner in flüchtigem Hinblick gedacht, weil er bei allem Wenden, Mühen und Entbehren Mann von Gesinnung blieb, dem ein anerkennender Nachruf das anderseits ihm Nachteilige in Hinsicht auf seinen Notzustand mildern möge. ? Ach! ? wieviele ehrenhaft Geistvolle sah ich im Mangel un tergehen, während neben ihnen Flachköpfe durch schmachvolle Dienstlichkeit sich zu Glanz erhoben! ? Wenn ich nun meinem Gedächtnis ein Musterbild[422] von liebenswürdiger Kindlichkeit im Mannesalter heranrufen will, stellt sich mir ein in solcher Gesinnungsweise Unübertrefflicher. Es ist August Zeune, im Jahr 1806 Begründer und dann Direktor der Blindenanstalt in Berlin, mir aber schon traulich genaht während meiner Schulübungen in Wittenberg. Als jene Stiftung ihren fünfundzwanzigjährigen Bestand feiern konnte, da war unter anderem zu sagen: »Kaum hatte die Anstalt die ersten Wurzeln geschlagen, als sie auch schon beim Einbruch französischer Kriegsheere wieder einzugehen drohte. In dieser Zeit der Not brachte Zeune den Rest seines kleinen Erbteils aus Sachsen, um ihn frommen, menschenfreundlichen Sinnes als Opfer hinzugeben, und dem Staat eine wohltätige Anstalt zu erhalten.« In welchem Sinne er sie leitete, geht hervor aus seiner völlig zu bestätigenden Erklärung: »Die ganze Verfassung ist mehr einem kleinen Freistaate als einer unumschränkten Alleinherrschaft zu vergleichen, und der Vorsteher ist mehr ein Ordner nach den Gesetzen des Rechts und der Billigkeit, als ein Herrscher nach Willkür und Laune. Denn daran soll jedermann erkennen, daß wir seine Jünger sind, daß wir Liebe untereinander haben.« ? Bekannt ist Zeunes Antrieb, aus unserer Sprache jeden Fremdausdruck zu verbannen; er wurde deshalb oft geneckt, besonders als er die Namen London und Paris, zufolge der Bodenräume, auf denen der Bau dieser Städte ursprünglich begann, als Bezeichnung von »Schiffstadt« und »Schlammstadt« erklärte. Auch seine »Erdkarte vom Himmel aus« reizte in der Öffentlichkeit heitere Bemerkungen, ohne daß der Zwist Richtigkeit[423] und Unrichtigkeit auszugleichen wußte, und Zeune verlor bei solchen Streitigkeiten selten seine gemütliche Laune. Ein ihn höchlichst beglückendes, für seine wohltätige Betriebsamkeit ermutigend wirkendes Glück hatte er, als sich im Jahr 1836 berichten ließ: »Die Blindenanstalt, unter Direktion des Professor Zeune, wird ihre Nützlichkeit auf einen weiteren Kreis von Zöglingen ausdehnen. Sie hat dies einem eigenen Umstande zu verdanken. Zu der Zeit, da in Berlin die Sterbefälle zahlreicher waren als sonst, was man der Cholera zuschrieb, besuchte ein sehr bejahrter Mann mehrmals das Blindeninstitut und erkundigte sich nach allen Einrichtungen. Er kam seitdem alle Jahre einmal wieder und zeigte stets eine rege Teilnahme, ohne daß man viel von dem Manne wußte. In diesem Jahre starb er und bei Eröffnung seines Testaments ergab sich, daß derselbe ? er war ein pensionierter Rittmeister ? den größten Teil seines Vermögens (nämlich die Summe von 80000 Tlr.) dem Blindeninstitut vermacht hatte; so wird es nun durch Erweiterung seines Wirkungskreises dem ihm gewordenen Wohltäter zu einem dauernden Denkmal.« Erwähnenswert ist Zeune auch als Dichter. Im Jahr 1840 wurde sein »Oratorium: Huß«, in Musik gesetzt von Johann Karl Gottfried Löwe, mit Beifall aufgeführt. Daß aber der Dichter sich Angriffe zuzog vom einseitig priesterlichen Standpunkt, wird leicht erklärlich durch die, ob auch nur gesungenen Äußerungen: »Der Wiklef hat in Wahrheit nichts gelehrt, Was nicht mit Christi Lehre stimmen sollte. Wo hat denn Christus einen Papst verordnet?[424] Ausdrücklich spricht er ja: ?Im Himmelreich Soll keiner größer sein als jeder andere.? Wo hat er denn gesagt, daß seine Kirche In Glanz und üpp'gem Reichtum solle herrschen? Ausdrücklich spricht er: ?Selig seid ihr Armen, Denn das Reich Gottes ist euch zugeteilt.? Wo hat er denn verordnet, daß ein Bischof Kann ohne Sakrament mit Weibern leben? Da doch Sankt Paulus deutlich spricht: ?Ein Bischof Soll sein unsträflich, eines Weibes Mann.? Wo steht geschrieben, daß ein Ablaßgeld Die Seele rette aus dem Fegefeuer? Da weder Ablaß noch auch Fegefeuer Je in den heil'gen Schriften wird genannt.« Ohne daß der Himmel- und Erdkundige seinen Namen einmische, erschien in demselben Jahre (1840) sein Schriftchen: »Ein Wort Friedrich des Großen über die Naturgrenze zwischen Deutschland und Frankreich«, ebenfalls Widersacher erweckend. Der »Gesellschafter« bemerkt darüber in launigem Anstrich: »Der Verfasser hielt sich anonym, da man sich indes hierdurch nicht hindern ließ, ihn kund zu geben, wissen wir durch Schwarz und Weiß, wer es ist, und es wäre, um mit der Leipziger ?Allgemeinen? zu reden, ?Affektation, wenn wir etwas, was wir wissen, nicht wissen wollten.? Also ? Zeune erneuerte seine richtige Ansicht, daß keineswegs Ströme, sondern Gebirge als natürliche Grenzen anzuerkennen sind; danach zieht er nun seine Linien auf den Landkarten, zieht sie in seiner Schrift auch zwischen Deutschland und Frankreich, und wir Deutsche können damit sehr zufrieden sein, denn er gibt uns, was wir nicht haben, und weiset dagegen den Franzosen ganz hübsche Entschädigungen an, die sie sich aber auch erst nehmen müßten. O ja, es ist wohl 'ne[425] gute Idee, doch auch in der Wirklichkeit leicht? ? o nee! ? Die Schrift wird aber nicht nur deutschen Staatsmännern, sondern auch französischen, die ein gutmütig naives Deutsch verstehen, viel Vergnügen machen, und unserm Volke gewiß, dem es noch obenein frei steht, auf der Karte Deutschland so einzurichten, wie es Zeune wünscht, der in seiner poetischen Prosa mehr tut, als Niclas Becker in seinen Versen; denn jener will erstens auch: ?Sie sollen ihn nicht haben?; zweitens möchte er sich noch verschiedenes herausgeben lassen.« Gedacht sei jetzt an Charlotte Birch-Pfeiffer, die sich mit mir bekannt machte im Jahr 1823, als sie zum erstenmal Gastin war auf dem Königlichen Theater Berlins. Sie kam aus Hamburg als »Demoiselle« Pfeiffer ? das »Fräulein« bedurfte damals noch des »von« ? kam zu mir in Begleitung einer von ihr eingeschulten Demoiselle Seebach. Diese wurde mir nach kurzem, aber lebhaftem Gruß vorgestellt mit der fragenden Anrede: »Herr Professor, ist dies Mädchen schief?« ? Erstaunt zurückweichend sah ich hin auf die erhitzte große Pfeiffer und die verlegene kleine Seebach, ohne zu wissen, was man mir zumute. Endlich vernahm ich eine Anklage meines Hamburger Berichterstatters, Dr. Bärmann, der in Hinsicht auf die »Schülerin« unter anderem von dem »stets nach einer Seite hangenden Kopf« gesprochen, ihr auch überhaupt wenig Angenehmes gesagt hatte. Der Hamburger war, wie ich später selbst entdecken konnte, im Recht; es war aber, mutmaßlich in guter Meinung, etwas zu derbsam benutzt, einer Neulingin gegenüber. Sie mußte sich auch in Berlin rasch abfinden lassen mit nur einer Rolle ? »Hildegard« in dem Schauspiel »Johanna[426] von Montfaucon« ? doch ließ sich zu ihrer Beruhigung sagen: »In einem Bericht aus Hamburg ist die Gestalt der Demoiselle S. scharf beurteilt; ich kann jenen Angaben nicht beistimmen, sondern glaube, daß eine angewöhnte ungraziöse Haltung des Kopfes jenen Korrespondenten zu einer Schilderung verleitet hat, die nicht treffend ist.« (»Gesellschafter«. 1823. Bl. 65.) Dies erste unbedeutende Zusammentreffen der Birch-Pfeiffer mit mir mag in etwas ihre offenherzige, doch zuweilen auch etwas gewaltsame Natürlichkeit bezeichnen; meinen Berichten über ihr damaliges Gastspiel als »Sophia Zaarewna« (in Raupachs »Fürsten Chawanski«), »Donna Diana« und »Margarete« (in Ifflands »Hagestolzen«) entnehme ich nur abgerissenes Schlußergebnis, weil es vielleicht ein wenig dem Bühnengeschichtlichen dienen kann: »Von Vielseitigkeit können wir noch nicht reden, aber eine Vorzüglichkeit im einzelnen ist uns schon außer Zweifel. Daß man jetzt mit dem Studium im Tragischen immer zwischen Deutschland und Frankreich sich teilt und gleichsam eine künstliche Verschmelzung der mimischen Grundsätze beider Völker beabsichtigt, bemerkten wir auch hier.« ? »Es wäre für uns dankenswerter, wenn man dies lieber auf das Lustspiel übertrüge, was uns in seiner Trägheit noch ganz hypochondrisch machen wird, besonders in der Hinsicht, daß wir über so viele Übel dabei zu klagen haben, die aber leider nicht in der Einbildung zu suchen sind, wie dies bei der Hypochondrie oft der Fall ist.« ? »Demoiselle Pfeiffer hat eine erhabene Gestalt, körperliche Fülle, angenehmes Sprachorgan in der Kraft und Weichheit, Verständigkeit[427] im Vortrage ? lauter Eigenschaften, die von Wert sind. Wenn wir daneben angedeutet haben, daß sie etwas von Eßlairscher Manier hat, nämlich die Gegensätze in der Empfindung gern hart angibt, also lieber mit Schwarz und Weiß malt, als mit Zwischenfarben, so sagten wir auch schon, daß es in der Tragik eben mit zur Mode gehört. Hinsichts der ?Margarete? begehrt indessen, bei aller nötigen künstlerischen Empfängnis, der Naturalismus sein Recht, und auf jenem Wege entfernt man sich davon lehr leicht ? ein wirkliches Talent läßt es aber dazu nicht kommen, sondern sucht sich bald wieder die gerade Straße.« ? »Was sich klar und eindringlich andern gestalten soll, muß durchaus nicht allein selbst gedacht, sondern auch selbst empfunden sein, und es sind nicht die einzelnen Schönheiten, sondern das Ganze ist es, woran sich das Studium, das tiefere Erkennen bewährt.« (»Gesellschafter«. 1823. Bl. 49 und 65.) Sieben Jahre später kam nun »Madam Birch-Pfeiffer« ? noch als Gastin ? nach Berlin und veranlaßte mich durch ihre »Orsina« und »Maria Stuart« zu der Äußerung: »Die Künstlerin erscheint uns eine andere als bei den Darstellungen vor mehreren Jahren. Damals war ihre Eigenschaft eine fast rastlose Kraft und Glut, jetzt steht sie geregelter, besonnener vor uns und würdiger. Indes möchten wir da, wo sie in der Überlegung zuweilen auch die Begeisterung etwas zu sehr dämpft, in dieser Hinsicht ein etwas von damals zurückrufen.« (»Gesellschafter«. 1830. Bl. 128.) In bezug schriftstellerischer Wirksamkeit der Birch-Pfeiffer gab ich meine Ansicht vor länger als einem Vierteljahrhundert mit dem Abschluß:[428] »Sie weiß, was sie will, und vollbringt eben was sie kann: sie will auf die Menge wirken und kann es vermöge ihrer unleugbaren Bühnenkenntnis.« ? »Sie ist eine fruchtbare Schriftstellerin, welche, einer höheren Ästhetik unzugänglich, ihrem Maßstabe entgeht. Erheben kann sie den Geschmack nicht, und wenn sie sich hütet, ihn zu verderben, darf die Kritik, bei dem sichtlichen Mangel aufführbarer Stücke, schon mit ihr sich vertragen.« (»Gesellschafter«. 1843. Bl. 30.) Nicht weiter nähere ich einstweilen in der Erinnerung mich Frau Birch-Pfeiffer, weil sie bald nach dem Jahre 1830 Mitglied war für »Königliche Schauspiele« Berlins, und ich nun mit ihr in verschiedenen Umgänglichkeiten meine Erfahrung erweitern mußte. Bis dorthin griffe ich aber zu rasch hinweg über eine Folgezeit, auf deren Bahn noch mancherlei zu beachten ist. ?[429] Fußnoten Amazon.de Widgets 1 Gustav III. 
 Kindheit und schwere Lehrjahre. (1786?1804.)  Seit Jahren schon wurde mir nicht nur im Familienkreise, nicht nur von Freunden und Bekannten, sondern auch in Zeitschriften gesagt: ich solle meine Erlebnisse der Lesewelt mitteilen. Fast immer hörte und las ich dies schweigend, innen aber sagte ich mir: ja, wäre das in erster Hälfte meiner Vergangenheit mir glaubhaft oder auch nur mutmaßlich gewesen, dann könnte mir die Aufgabe durch mehr schriftliche Hilfsmittel sehr erleichtert sein; jetzt hätt' ich zu wünschen, das Sprichwort: »wer Anfang macht, hat halb vollbracht«, beweise sich diesmal als gründlich wahr. ? Mir wollte es nicht so scheinen, wenn ich jenem Anmahnen zu folgen mir vornahm; denn frühzeitig in mich hineinlebend, ohne sonderliche Aufsicht und Leitung stillem Betrachten überlassen,[17] scheint's mir, ich hätte vom Kindeswesen und seinem Glück weithin mehr geträumt als erfahren. So unklar hinsichtlich meines Einschreitens in das Wirkliche des Lebens, finde ich mich bald in seltsamer Abtrennung, in einsamer Selbständigkeit, auch mitten unter Anderen, wobei mir aber Begriff und Absicht mangelten; denn in meinem Empfinden war ich überschwenglich und schwärmend, wie dies gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts noch in der geistigen und gemütlichen Nahrungslust des deutschen Volkes lag. Bei dem Rückblick auf damalige Verbindung meiner gradaus strebenden Gedanken mit der Zerfahrenheit des Gefühls sehe ich ein, es sei ratsam, von der durch Entbehrnisse bedrückten Jugend vor den Jahren, ehe mein Name öffentlich genannt wurde, nicht viel mehr als das Unerläßliche zu erwähnen ? soweit man selbst zu beurteilen vermag, was etwa hierin unerläßlich ist, oder mindestens irgendeine Bezüglichkeit hat für den Zweck dessen, was geschildert oder berichtet werden soll. Wie schon angedeutet, hatte ich bis über die Hälfte meiner Jahre keine Ahnung davon, daß man jemals mich selbst mitbetreffende Gedenkblätter für die Öffentlichkeit von mir begehren würde; ich erließ mir also bei stets hinlänglichster, nicht selten kaum zu überwindender Beschäftigung fast alles Aufzeichnen von Begebnissen und Einwirkungen. Da ist mir mein Anton, mein noch im ersten Mannesalter (am 3. Dezember 1857) gestorbener zweiter Sohn zu Hilfe gekommen. In seinem Nachlaß fand ich eine kurze Geschichte meiner Erlebnisse, wie er sie Familiengesprächen und öffentlich Zerstreutem entnahm. Seine handschriftlichen Umrisse will ich zuerst benutzen und so ausführlicher entwickeln aus[18] meinem Gedächtnis, das nur ärmlich unterstützt wird von auffindbaren Hinweisungen, die allmählich mir ergiebiger werden müssen durch Briefe, Hand- und Druckschriften. ? Voraus sei aber bemerkt ? mit der Bitte, es nicht zu vergessen ? daß ich diese Aufzeichnungen im Jahre 1864 begonnen habe, und sie wegen anderweitig verwickelter Geschäftstätigkeit nur allmählich fortsetzen konnte. Leipzig ist meine Geburtsstadt, der 27. Februar 1786 mein Geburtstag. Getauft bin ich lutherisch, mag hierzu den Beisatz »protestantisch« nicht entbehren, aber zugleich hege ich Achtung und Duldsamkeit für jede auf diese Eigenschaften begründete, das Edle fördernde Glaubenslehre. Mein Vater, Johann Christoph, war zur Zeit meiner Geburt in Leipzig Schriftsetzer in der Buchdruckerei des durch mannigfache Tätigkeit nach Verdienst sehr geschätzten Johann Gottlob Immanuel Breitkopf. Dieser beschäftigte ihn meist bei Werken in fremder Sprache, weil er zum erwählten Beruf mehr als gewöhnliche Vorkenntnisse mit brachte. Es sei mir erlaubt, vorweg hier des Vaters zu gedenken, überhaupt der Herkunft unserer Familie einen kurzen Bericht zu gönnen. ? Erst seit dem dreißigjährigen Kriege lebten unsere Vorfahren in Deutschland; nach der ältesten Überlieferung hatte sich ein schwedischer Offizier Gubitsteenin eine schöne und wohlhabende Schneiderstochter aus Gotha verliebt, sie wider Willen seiner Eltern geheiratet, und sei enterbt worden. Er studierte dann die Rechte in Jena, wohnte als Advokat in Schleusingen; seinen Namen hatte er in Gubitz abgekürzt. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts beweisen vorhandene Druckschriften[19] die Verwandlung in Gubitz. Mein Ururgroßvater war Rentamtmann im Weimarschen, in der Nähe von Capellendorf, mein Urgroßvater Pfarrer in Goldlauter, zugleich Schriftsteller. Die Familie besitzt nur ein Buch von ihm: »Emblematischer Zeitvertreiber« (der vollständige Titel ist: »Emblematischer Zeitvertreiber, das ist: auserlesene Sinnbilder, mit Sprüchen, Historien, Gleichnissen und anderen Realien, sowohl aus heiliger Schrift als Profanskribenten; erkläret, mit Kupfern gezieret und zu nützlichem Gebrauch und Übung im Christentum zum Druck befördert von Caspar Christoph Gubitz, Pfarrer in Goldlauter. ? Schleusingen 1726«) mit einer geharnischten Vorrede gegen »des Momi Geschlecht«, gegen die »Rezensenten«. Davon darf ich in der Folge mir selbst etwas widmen als Strafpredigt, wenn ich zu erwähnen habe, daß ich, trotz der scharfen mit biblischen Zeugnissen bewaffneten Warnung meines Vorfahren, mich doch »des Momi Geschlecht« beigesellte ? beigesellen mußte. ? Mein Großvater war Arzt und Kreisphysikus im Hennebergschen, wohnhaft in Suhl. Er hatte in Jena studiert, und ich erfuhr während meiner dortigen Studentenzeit im Anfange jetzigen Jahrhunderts, daß er als einst »bemoostes Haupt« und geschickter Schläger sogar noch einen Nachhall burschenschaftlichen Russ vererbte, weil er höchst willfährig die Waffe ergriff für jeden beleidigten Freund, daneben auch dienstbereiter Fechtmeister war. Er starb, wenig über vierzig Jahr alt, ohne Vermögen zu hinterlassen; meine Großmutter, eine kraftmächtige, heißblütige Thüringerin, die den Reichtum des in der Nähe belegenen Weinhändlerdorfes Benshausen anstaunte, entschloß sich, Mittel zur Pflegung ihrer drei Kinder ebenfalls durch den Weinhandel[20] zu erzielen, »en gros«, wie man zu sagen beliebte, obwohl fast nur Frankenweine lagerten in den geräumigen Kellern des Hauses, das sie sich später, um es den Benshäusern nachzutun, in dem Marktflecken Heinrichs bei Suhl stattlich genug mit selbsterworbenem Gelde erbauen ließ. Ihren ältesten Sohn Christoph brachte sie in Zucht und Belehrung nach Coburg zu dem Herzoglichen Pagenhofmeister Martini, mit dessen Zöglingen zugleich empfing er denselben Unterricht, und dadurch jene Befähigung, die ihn als Schriftsetzer in der Folge auszeichnete. In seinem fünfzehnten Jahre mußte er sich des Weinhandels annehmen, wozu er keine Neigung in sich spürte und da er das Unglück hatte, während des Geschäftsbetriebs durch einen Sturz mit dem der zeit für Reisen sehr gebräuchlichen Pferde einen Kniescheibenbruch zu erleiden, wollte er eine andere Lebensbahn erwählen. Da die Mutter mit ihrer starren, vielleicht durch den kostspieligen Bau von ihren Zuständen verstärkten Strenge sich dem Entschluß widersetzte, flüchtete er nach Schleusingen, und der nun Sechzehnjährige ward Lehrling in der dortigen Buchdruckerei. Seine Selbsthilfe bewirkte bei der Mutter eine so unüberwindliche Aufregung, daß sie sich fast gar nicht mehr um diesen Sohn bekümmerte, ihn auch nicht wiedergesehen hat, obwohl sie bei manchem widrigen Schicksal ein hohes Alter erreichte, das endlich doch eine briefliche Versöhnung herbeileitete. Begreiflich ging nun der Sohn mühevoller Zukunft entgegen, leicht und gern täuscht aber darüber der jugendliche Mut, der ihn auch hinwegtrug über zagende Betrachtung, als er schon im Anfange seiner zwanziger Jahre sich verheiratete mit der ebenso schönen, als[21] wackeren Agathe Goll, Tochter eines armen Webermeisters in Schleiz. Mein Vater lernte sie kennen in der Häuslichkeit des Schleusinger Lehrherrn und erzählte oft, sie habe in den durch wütende Hungersnot berüchtigten Jahren 1770 und 1771 die Woche hindurch alle Brosamen gesammelt, sie dann Sonnabends in der Nacht von Schleusingen nach Schleiz zu ihren Eltern getragen, und Montag morgens sei sie doch stets wieder bei der Wirtschaftsarbeit gewesen. Dies und desgleichen ist auch gar nicht zu bezweifeln, denn meine durch sparsamste Wirtschaftlichkeit sich auszeichnende, jedes Hilfsmittel emsig benutzende Mutter war nach kampfes- und mühereichem Leben noch in ihren achtziger Jahren voll herzhaftester Kräftigkeit. ? Von Schleusingen wandten sich die Verheirateten nach Leipzig; der junge Ehemann fand schnell seinen Platz als Schriftsetzer, mietete jedoch anfangs in Naundorf eine ländliche Wohnung, der Wohlfeilheit wegen, was um so notgedrungener war, weil meine bedürftigten Großeltern mütterlicherseits nachfolgten. Bei meinem ersten Bewußtsein schon etwas vom Kümmerlichen fühlend in einer mit nicht hinlänglichem Erwerb zu ernährenden alljährlich zahlreicher werdenden Familie, habe ich wenig Genaues von ihren Verhältnissen auf dem Dorf und in Leipzig erfahren, weiß darüber nicht viel mehr, als was mich selbst betrifft, und da ich schon im fünften Altersjahre meiner Geburtsstadt fern war, knüpft sich auch dies nur an geringe Erinnerungen. Die eine führt es in mein Gedächtnis, wie zwei ältere Brüder, um vor unserer Leipziger, an der Endtiefe eines Hofes belegenen, durch einen offenen Wagenschuppen verdunkelten Wohnung eine Rasenbank[22] zu haben, das dazu Erforderliche von einer Wiese holten. Damit unbekannt, daß dies verboten war, wurden uns die Rasenstücke am Tor unter allerlei Bedrohungen abgenommen. Auch ich trug etwas von der sündlichen Beute auf dem Kopf, und der heftig scheltende Torbewacher stieß mich an zu der Rede: »Un Er, kleener Knirps, schmeiß' Er nur ooch weg, un weeß Er was, Er soll zur Strafe Querpfeifer wer'n!« Das war mir ein unbekanntes Wort, und lange habe ich mir unter »Querpfeifer« das Entsetzlichste gedacht. ? Eine andere Erinnerung leitet mich hin nach dem mir lieben Kirchhof, wo ich Gellerts Denkstein sah, jedes Grabgewölbe hinter eisernem Gitter mich schauerlich geheimnisvoll anwehte. Weinend verließ ich ihn im Herbst 1790, da mein Vater mit der Mutter, mehreren Kindern und jenen Großeltern nach Berlin übersiedelte. Stetigen Fleißes hatte sich der Vater, von Breitkopf angeregt, versuchsweise in Sonntags- und Sommerabendstunden mit dem Holzschnitt, dann mehr mit dem Stahlschnitt beschäftigt, und dieser wurde begünstigt durch einen Zeitzweck. ? Bald nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts verehrten Schulgelehrte die lateinischen Buchstabenzeichen so sehr, daß sie mit zäher Ausdauer in öffentlichen, mit vielen Fremdwörtern verputzten Erklärungen verlangten, man solle auch das Deutsche nur mit lateinischen, nicht mit den »abnormen und abominablen« deutschen Buchstaben drucken. Breitkopf widerriet dies eifrigst, bemühte sich aber, weil der Streit durch die Verlateinerten ein hitzig hartnäckiger wurde, um tatsächliche Ausgleichung, indem er durch Abrunden die deutschen Buchstaben den lateinischen nähern ließ, was jedoch rechts und links nur befremdlich wirkte. Nun[23] mischte sich der Berliner Buchhändler und Buchdruckereibesitzer Johann Friedrich Unger ein. Er hatte sich für den damaligen völlig gesunkenen Zustand der Holzschneidekunst in ihrer altherkömmlichen Weise andern Beteiligten gegenüber hervorgetan und befand sich im Jahre 1789 während der Ostermesse in Leipzig. In ähnlicher Weise wie Breitkopf beabsichtigte er, die deutsche Druckschrift annehmlicher zu ändern; da er sich aber mit dem Stahlschnitt, oder, um den eigentlichen Ausdruck zu gebrauchen, mit dem Stempelschneiden erfolglos plagte, beredete er meinen Vater, der bei dem hohen Alter Breitkopfs ? er starb 1794 ? Einschränkung im Geschäft befürchtete, nach Berlin zu kommen, wo er wöchentlich fünf Taler empfing. Die ersten neuen Schriften entstanden nach Ungers Angaben: sie waren in ihrer halb bauchigen, halb gereckten Gestalt weder lateinisch noch deutsch, nur gesucht seltsam, mißfielen auch allgemein, und nun übertrug es Unger meinem Vater, nach eigenem Ermessen zu arbeiten. Die dann brauchbar und vielen beliebt gewordenen, nachmals aber doch durch gesteigerten Veränderungstrieb anders umgestalteten sogenannten »Ungerschen Schriften« müßten also nach billigem Recht mit dem Namen meines Vaters bezeichnet sein, was ich noch bei dessen Lebzeiten schon vor mehr als fünfzig Jahren öffentlich auszusprechen für Sohnespflicht erachtete. Mit vier Geschwistern, die sich mehrten, durch frühzeitiges Hinsterben aber wieder verminderten ? sonst wären wir zusammen dreizehn gewesen ? war ich nah am Ende meines fünften Jahres in Berlin, wo bei der Mutter regsamsten Aushilfsmitteln das geringe Einkommen nicht zureichte. Der älteste Bruder wurde Setzerlehrling in der Langhoffschen Buchdruckerei, die[24] andern Kinder waren allmählich erwerbsmäßig beschäftigt, die Großeltern machten sich nützlich durch Spinnen für das Lagerhaus, und weil viele Sorgen sich doch meist überwinden ließen, überwand man sie selber zuweilen durch Sorglosigkeit. Mir hatten anfangs sehr enge Hofwohnungen, dann aber eine der besseren in Ungers Hause, und da war dem Vater noch eine abgetrennte Werkstätte eingeräumt. In meinem sechsten Jahre wurde ich Freischüler in einer Bürgerschule, auch ein Bruder und eine Schwester fanden dort unentgeltliche Annahme, und für den Vorsteher, Michaelis, werden Dank und Liebe in mir nie enden. Denn nicht nur nahm er sich bald im Vorzuge meines Unterrichts an, uns drei Geschwistern erwies er auch manche Wohltat. Da unsere Eltern weitab wohnten, wir mittags in der Schule blieben, täglich nur neun Pfennige empfingen, jedem von uns zu einem Dreierbrote bestimmt, stillte er uns oft mit Speiseresten den Hunger, und wenn nach damaligem Übereinkommen in den Jahrmarkstagen Süßigkeiten, zum erlaubten Vorteil des Schullehrers doppelt bezahlt, den Schülern und Schülerinnen gereicht wurden, konnte sein gutes Herz nicht zulassen, daß wir leer ausgingen: wir erhielten umsonst dasselbe, was die andern für erhöhten Preis erkauften. ? Er war ehedem Schneidergesell, hatte sich aber durch Lerndrang und umsichtige Bestrebsamkeit für die Leitung einer damaligen Bürgerschule zu einem tüchtig wissensreichen, sehr geschätzten Lehrer erhoben, und es hat mich im Jahr 1862 innigst gefreut, daß bei einer in der »Spenerschen Zeitung« enthaltenen »Geschichte des Berliner Schulwesens« meines ersten kenntnisvoll und gemütlich wirkenden Lehrers mit Auszeichnung gedacht ist.[25] Der biedere, mir offenbar allzu wohlgeneigte Michaelis stellte mich, wenn er einmal seinerseits eine Versäumnis nicht vermeiden konnte, in meinem neunten Jahr bei der Abteilung für Mädchen an, um im Verein mit seiner Tochter die Übung der untersten Grundlagen des Lesens, Schreibens und Rechnens zu beaufsichtigen. Das waren aber böse Stunden; dem weiblichen Anwuchs schien mein Einschieben mutmaßlich ? ich meine: nicht ganz ohne Recht ? beleidigend, und ich kleines Bürschchen hatte manchen Schabernack auszustehen. ? Um diese Zeit sagte Michaelis meinem Vater mehrmals, ich sei befähigt, zu einer höheren Schule überzugehen, sogar die niederste Klasse zu überspringen; dazu wollte sich aber keine Möglichkeit zeigen: es war Erwerb und Vermeiden von Ausgaben nötig. ? Deshalb wurde ich schon früher, und nun angelegentlicher, um auch etwas zum Unterhalt der Familie dienstlich zu werden, mit dem Gußabbrechen, Schleifen und Aufsetzen der Buchstaben in der Ungerschen Schriftgießerei beschäftigt. In dessen Druckerei war eben mein älterer Bruder als Schriftsetzer angenommen worden, und daß ich Sonntags seine Arbeit etwas weiter förderte, verschaffte mir hierin ebenfalls einen Anflug von Verständnis. ? Ich sollte die Schriftgießerei erlernen, meine Neigung war streitend dawider. Ich las viel, las ohne Fähigkeit zur Auswahl alles, was ich erlangen konnte. Einen alten Buchbindermeister Kniep hab' ich nicht selten unerlösbar geplagt mit den Bitten, mir Bücher zu borgen; meist wurde er nachgiebig, gab mir dann Werke, die er zu binden hatte, ehe ihnen der äußere Schmuck angetan war. Jeden Band mußte ich aber am andern Tage zurückbringen, so daß ich manches teils nur im Überhasten, teils gar[26] nicht bis zum Abschluß lesen konnte, und nun mein Sinnen zu Rat zwang, um mit irgendeinem Ausgang mich zu beruhigen. In solchem Bezuge marterte mich am ärgsten Goethes »Wilhelm Meister«, der eben nur ersten Teils erschienen war, weshalb trotz alles Fragens Kniep und andere, die ich zur Buchbeisteuer preßte, mich vor dem Irrdenken nicht zu schûtzen vermochten. Wegen gänzlichen Geldmangels blieben Leihbibliotheken mir unzugängliche Schätze, ich mußte mir überall für meine Leselust den Beiweg suchen. Er führte mich hauptsächlich zu Druckereigehilfen, deren Besserungs- und sogenannte Aushängebogen ich aufmerksam nachspürte, sie auch in Fülle für kurze Frist erlangte, wobei mir besonders ein als »gelehrt« bezeichneter Schriftsetzer, Namens Fulda, zuwendlich, auch zurechtweisend nützte, was ihm unvergessen ist. ? Damals war aber noch haupteinwirkend auf mich die vorherrschend idyllische Richtung in der Schriftwelt und dem Volkstrachten; meine traumhaften Gedanken schufen sich ein »dörfliches Paradies«, und da ich vermöge des Angelesenen allerlei sprach, was meiner Umgebung ungewöhnlich schien, entstand die im Familienkreise durch Selbstschmeichelei sich leicht einwurzelnde Meinung, ich sei zur Kanzel auserwählt. So gründete und steigerte sich in mir die Sehnsucht, Landprediger zu werden; bei unsern kargen, durch Krankheiten mehrmals drückender gewordenen Verhältnissen verschloß sich aber jede Aussicht zu Gymnasium und Universität. Doch fand ich Gelegenheit, etwas von alten Sprachen zu erhaschen, anfangs durch einen der Beschäftigung bedürftigen, vordem Student gewesenen, nun verabschiedeten Artillerie-Unteroffizier Schmidt, der infolge von Abenteuern während des siebenjährigen Krieges[27] preußischer Soldat geworden war, dann durch den Primaner und nachmaligen Kollaborator Bartsch, dem ich dafür allerlei abschrieb. Ost dachte ich nun an meine Großmutter in Heinrichs; sie wurde als reich geschildert, war aber gegen sonst bereits minder wohlhabend, was sich später offenbarte. Hinlänglich wußte ich, daß sie Jahre hindurch meines Vaters Briefe kaum beachtete, dennoch wagte ich, demütig bittend, an die »Frau Doktorin, meine verehrte und barmherzige Großmutter« zu schreiben, ihr meine Wünsche und Hoffnungen aussprechend, erhielt auch Antwort. Die bei ihrer altthüringischen Hartköpfigkeit im tiefsten Wohlgesinnte, durch empfindlich verwickelte Umstände in vielfachem Verlust, bewilligte mir jährlich vierzig Taler, jedoch mit der unbequemen Anordnung, daß ich unter Aufsicht und Sorge eines ihr Befreundeten »in Wittenberg, in der Lutherstadt, Prediger studieren, und auf diesem Himmelspfade beflissen und treu verharren solle«. Zu der Reise waren vier Laubtaler dem Schreiben beigelegt. Mein Vater sah eine Näherung zu seiner Mutter in ihrer Willfährigkeit, er überwand nach mehrseitigem Zureden und Bitten seine schweren Bedenken, und weil ein mit unserer Familie bekannter Fuhrmann Lappe, der von Suhl Stahlwaren nach Berlin gebracht hatte, mit anderer Ladung zurückfuhr, wurde ich ihm anvertraut, um mich in Wittenberg abzuliefern, was bald nach Weihnachten 1795 geschah. Daß ich unterwegs fast immer dem Wagen nebenher zu laufen hatte, lieber aber voraus lief, war mir schon recht. Ohne Mißbehagen ertrug ich das Fahren nie bis in mein hohes Alter, und obwohl wir zum Erreichen meines Ziels, zu dreizehn oder vierzehn Meilen, drei[28] Tage brauchten, ? nachts wurde eingekehrt ? hat mich doch des Winters Frost verschont; mutmaßlich an sich mild, ward er mir vielleicht noch milder durch innen erwärmendes Frühlingshoffen für die gewünschte Zukunft. Amazon.de Widgets Vergnügt kam ich mit meinem Geleitskasten voll nicht wertreicher Habe in Wittenberg an, fand aber den Befreundeten der Großmutter durch mein Erscheinen sehr unvergnügt. ? Geborener Böhme, Namens Bedacz, hatte er einen Glashandel betrieben, auch für den Weinhandel der »Frau Doktorin« Flaschen geliefert, sich dann angeblich »zur Ruhe gesetzt«, haderte jedoch nun als grämlicher und kranker Witwer oder Hagestolz ? ich blieb darüber im Dunkeln ? mit seiner mich sehr mürrisch empfangenden Wirtschafterin Josephe. Für mich blieb er gleich nach dem ersten Tage meiner Beherbergung unzugänglich, immer nur hörbar durch sein Schelten und Husten, so daß ich, schauerlich märchenhaft befangen, still in dem mir angewiesenen Kämmerchen verweilte, wenn die gefürchtete Wirtschafterin mir nicht erlauben wollte, die Stadt und Gegend zu durchstreifen. Nach mehreren von ihr bevormundeten Tagen war ich froh, als die Unfügsame meine Verweisung in einen hinterbaulichen Bodenraum des einstöckigen, nur noch mit einer kleinen Erkerwohnung erhöhten Hauses bewirkt hatte. Denn daß meine Eltern und ich uns eingebildet hatten, die »Sorge des Befreundeten« im Briefe der Großmutter bedeute auch Wohnstätte und Nahrung, ergab sich aus den unverhüllten Reden Josephens während der ersten Woche, in der man mich genügend gastfrei behandelte, als empfindlicher Selbstbetrug. Die vierzig Taler hatte Bedacz in monatlichen Beträgen zu zahlen, weiteres solle und wolle er nichts tun, bekräftigte mit[29] heftiger Geberde die Gebieterin ihres Herrn, und folglich hatte ich den Bodenraum noch als Wohltat zu betrachten, obgleich ich mich mit dem Frieren sehr bekannt machte. Ich besaß noch ein Restchen der vier Laubtaler, erhielt von Bedacz den ersten Monatsbetrag: für einen, dem jeder Anspruch an ein Verbleiben fehlte, war einstweiliges Unterkommen, wo mir bei dem Allernotwendigsten zu einem Nachtlager volle Freiheit gelassen war, jedenfalls auch annehmlich. In meinem jugendlichen Glauben schien ich mir außer Not, sie hätte mich aber unzweifelhaft rasch überfallen, wenn nicht des Himmels Macht eingriff. Gesegnet sei jener Bodenraum, er wurde wahrhaft zur Wohltat! ? In dem Erkerbau nach der Straße hinaus, nur aus zwei Stübchen, Kammer und Küche bestehend, wohnte der »emeritierte« Lehrer Leest, nah an siebzig Jahr alt, mit seiner auchschon bejahrten Tochter, die man gelehrt nennen konnte. Wenige Tage nur hatte ich in jenem Bodengehege überstanden, da rief mich Christine Leestzu sich und dem Vater; zaghaft trat ich ein, wurde über meinen sehr treffend als »absonderlich« bezeichneten Zustand befragt, in so zutulicher Weise, daß ich mit aller Offenheit, endlich nicht ohne Tränen erzählte, wie und weshalb ich nach Wittenberg gekommen sei. Die beiden herzlich Gutmütigen überboten sich nun, ebenfalls nicht ohne Tränen, in freundlicher Verheißung zu jeder Hilfe, die mit ihren allerdings beschränkten Verhältnissen beschafflich sei. Sie haben ihre Zusage vollauf bewährt, haben mich ausdauernd unterstützt, ob auch mehr mit dem Geistigen als Leiblichen; doch taten sie zugleich hierin, was ein spärliches Einkommen vermochte, bis sich, was sehr bald[30] geschah, an derer Beirat dienlich machte. ? Leest hatte ein Büchergestell; da standen altklassische und in Auswahl neue Werke, die ich sämtlich las, angeleitet von der Tochter, die mich lange Zeit hindurch mit ihren von mir angestaunten Kenntnissen förderte, nachdem Vater Le est mich geprüft hatte, und mit meinem Gelern mäßig zufrieden war. Er vermittelte nächstdem meinen beeilten Eingang in die höhere Bildungsschule, und obgleich mir nicht vergönnt wurde, die unterste Klasse überspringen zu dürfen, erlaubte man doch meine erste Versetzung schon zu Ostern 1796. ? Dies Jahr machte sich bedeutsam in der europäischen Geschichte, und da Leest Mitempfänger des »Hamburger Korrespondent«, ich bald nebenher Mitleser war, gewann ich dadurch, und aus seinen bezüglichen Gesprächen mit der Tochter, einen ersten Halt für den Standpunkt zur Betrachtung der, seitdem wechselvoll vor- und rückwärts getriebenen Staatsumwälzungen. Überwiegend hatte sich damals die Teilnahme auf Bonaparte hingewendet, der im Siegeszuge glänzte und für den die Entflammtheit im Steigen war. Wenn der alte Leest betrübt äußerte: daß sich dabei sein deutsches Vaterlandsgefühl unwohl befinde, so begriff ich dies damals nicht, später aber in demselben Unwohlsein sehr gründlich, und ich habe mich oft damit trösten müssen, daß eine Allmacht die Gedankenlosigkeit einer leiden schaftlichen Volksmenge immer wieder zum Denken zwingt, aber auch immer erst nach der Strafe. Mein Gedächtnis rühmten Leest und Christine als ein schnell sammelndes und bewahrendes; man nennt es noch jetzt zuweilen bemerkenswert, während ich bestimmt weiß, daß es gegen sonst sehr geschwächt ist. Bestens[31] bereitwillig muß es aber gewesen sein, weil ich bei vielem, im Weiterbericht zwischendurch anzudeutenden fremdartigen Bestreben und ungeahnten Hindernis innerhalb nicht voller fünf Jahre mich dennoch bis an die Prüfung zur Universität hineilte. Dazu half in jener Zeit, wo die Prüfenden sich an begrenzte und bekannte Anordnung hielten, vorweg und unermüdlich Christine Leest, die befähigt war, vom Cornelius Nepos bis Cicero, von einer »Chrestomathie« des Griechischen bis zum Homer ? der eben durch sich dehnende Streitigkeiten der Sprachforscher den Amtsgelehrten mehr als je im Sinne lag ? mich erklärend zu läutern. Verschwiegen sei aber nicht, daß bei den Schülern geheim zuweilen Übersetzungen als solche Brücke dienten, der man einen anrüchigen Vornamen gegeben hat; Vater Leest nahm aber dergleichen sehr übel. Wollte man sich jedoch etwa über eines Weibes Kenntnisse des Lateinischen und Griechischen verwundern, ist zu bedenken, daß im achtzehnten Jahrhundert gelehrte Töchter gelehrter Väter nicht selten waren, was dann auch andere Mädchen zur Nacheiferung reizte. Ohne dies erfahren zu haben, fühlte ich um so mehr oft mich beschämt und gebeugt von dem viel umfassenden Sprachvermögen Christinens. Da lachte sie mich einmal herzhaft aus und sagte: »Wär' ich so jung und wüßte mehr als du, ließ ich's gelten; bei mir alten Jungfer, die zum Lernen übermäßige Muße und tägliche Gelegenheit hatte, ist's kein Wunder, wenn sie mehr weiß als ein eigentlich noch kindisch alberner Junge!« Da war ich derb genug abgefertigt, und bin zweifelhaft, ob ich geziemend ebenfalls darüber lachte oder mich verletzt meinte; denn bei mancher Erinnerung stärkerer Bezüglichkeit muß ich mir gestehen, daß die Einsicht, gern[32] untertänig zu sein, wo es hingehört, keine Eigenschaft der Jugend ist, auch der meinigen nicht immer war, obgleich ich des billig Fügsamen mich befleißigte, wie dies meine allseitige Bedürftigkeit gebot. Christine Leest aber, obwohl ich ihr nicht nur bei dem Unterricht, sondern in allem, dessen sie sich annahm, fast unbedingt gehorchen mußte, lebt dennoch in meinem Empfinden, als wäre sie meine erste Liebe, und ihre bündige Entschiedenheit war von gesundem Eindruck, zumal für einen, der stets zum Zweck trieb, ohne zulänglich bare Mittel zu haben, und ohne den Weg messen zu können. Aus meinem Bodenraum war ich durch Bemühung der Erkernachbarn bald entführt. Leest, der in Wittenberg studiert hatte und als Nachhelfer für Studenten das karge Ruhegehalt ausreichend zu machen suchte, war in seinem friedfertigen Sinn weit entfernt von der Entschlossenheit seiner Tochter: Beide ergänzten oder glichen sich gegenseitig aus in ihren Eigentümlichkeiten. Er hegte anfangs Furcht, sich den Nachbar Bedacz zu verschlimmern, wenn er sich einmischte; Josephe aber ließ wahrnehmen, daß ihr mein Weichen nicht unangenehm sei. Alsbald verschaffte mir Leest ein heizbares, aber etwas verdunkeltes Kämmerchen bei einem nicht sehr begüterten Böttchermeister, wofür ich nur sein Söhnchen, das seit ein paar Wochen in einer sogenannten Klippschule vorläufig das Festsitzen einübte, bequemer aus dem ABC-zum Lesebuch befördern sollte. Das tat ich nach des Meisters Urteil so löblich, daß er, obwohl ich ihm schon Mittwochs für ein Freiessen zu danken hatte, mich noch Sonntags vom Morgen bis zum Abend beköstigte. Seine Empfehlung veranlaßte einen ähnlichen Auftrag, der mir wöchentlich sechs Groschen eintrug, und da mir [33] Michaelis eine deutliche Handschrift, die man schön nannte, angebildet hatte, war ich zuweilen sehr mäßig bezahlter Abschreiber bei dem Universitätsprofessor Johann Jakob Ebert, der neben seinem Lehrfach der Mathematik für einen Buchhändler in Leipzig Erzählungen und Fabeln schrieb, nächstdem allerlei aus dem Englischen übersetzte. Bei dem Weihnachts- und Neujahrssingen der Schüler vor den Häusern erbeutete ich auch mein Teil an Zehrgroschen, so daß ich, des Entbehrens gewohnt, mich ohne Fernblick von Tag zu Tag durchwand, indem ich neben den zwei Freiessen und Brot mich mit Obst nährte, bis dies nicht mehr zu haben war. Jene Unvermeidlichkeit einfacher und sparmäßiger Sättigung halte ich gewiß mit Recht für den Urquell der mir zuteil gewordenen ? Gott sei Dank! ? beinahe niemals erschütterten Gesundheit, bin also dem Mangel unendlich verpflichtet. Mein sonderbar waltendes Verhängnis tummelte sich und mich in nicht wesentlich verwandelter Art drei Jahre hindurch auf dem Lebenswege, und mit den Spuren der Erfahrung vereinten sich die der Unabsehbarkeit einer gesicherten Zukunft. Im Zerteilen der Zeit wurde ich natürlich bei regsamstem Eifer und stetigem Hinblick auf die Dorfpfarre der förderlichsten Bestrebungen nicht genugsam mächtig; mich beklemmte nun ein rastloses, ein unauflösliches Grübeln. Wie plötzlich war es mir aufgefallen, daß die Leute manchmal sagten: es wäre zu bewundern, so jung bereits unabhängig und selbständig zu sein in meinem Tun und Willen; in mir dämmerte die Ansicht: man könne eher abgetrennt sagen nach mehrseitigem Begriff. Das Wort »Selbständigkeit« prägte sich aber innen unentkommlich fest, doch plagte[34] ich vergebens meine wahnvoll lebhafte Phantasie mit Plänen und Entwürfen zur Erreichung des in meine Gedanken eingewachsenen Ziels, bei dem meine Unerfahrenheit voraussetzte, daß der Landprediger amtlich unabhängig sei. Wie bereits im Jahre 1798 geschehen, eilte ich bei Anfang der Schulferien auch 1799 nach Berlin, traf bei Müdigkeit, die mich sehr geübten Läufer doch zuweilen überfiel, oft mitleidige Fuhrwerksinhaber, die mir eine Strecke des Weges erleichterten, und die erbetene Güte war mir willkommen, ob auch schon eine Meile des Fahrens meinen Körperzustand aufrührerisch machte. ? Die Familie sah ich aus der Bedränglichkeit nicht erlöst; des Vaters Einnahme war wöchentlich mit einem Taler vermehrt, seine oft wiederkehrende Kränklichkeit aber im Zunehmen; recht gesund habe ich ihn eigentlich nie gekannt, dennoch erreichte er ein hohes Alter. Im Jahre 1799 weilten noch drei jüngere Geschwister zu Hause, zwei ältere Brüder befanden sich nicht in der Lage, zu den Bedürfnissen beisteuern zu können: als der Nächste hatte ich danach zu trachten, aber wie sollte es möglich werden?! ? Das einzige, was mir in Berlin diesmal wieder als vorteilhaft begegnete, war des Kupferstechers Laurens freundliche Teilnahme. Er unterrichtete bei Michaelis im Zeichnen, seine schwarze Kreide schrieb auf meine gestümperten Blättchen zuweilen »Ziemlich«, und auch jetzt ließ er mich unter seiner Aufsicht zeichnen. Das fügte sich immer, wenn ich nach Berlin gelaufen war, wozu ich die Weihnachtszeit ebenfalls benutzte. ? Laurens hatte noch manche Nebenarbeit, unter anderem für den Hofkonditor Eckstein eine Art Malerei, die mir nachher niemals wieder ansichtig wurde. Zum Tafelschmuck[35] bei vornehmen Personen malte er auf meist ovale Holzplatten, die zuerst mit Gummi bestrichen, dann mit weißem Marmorsand bestreut waren, allerlei Zieraten; das Bildwerk schien dann wie durch mannigfach gefärbten Zucker gefertigt. Da stets Eile bedingt war, half ich emsig an dem Untergeordneten, und Laurens dankte mir dafür mit Unterricht im Zeichnen und Radieren. Ihm gefiel meine Luft an jeder Tätigkeit, ein so gewohnter Selbstantrieb, daß ich von jeher und lebenslang mich am wohlsten befand, wenn ich überviel zu tun hatte. Als ich nun im Jahre 1799 auf der Rückkehr nach Wittenberg war und von Berlin die Bekümmernis mitnahm, dem Vater drohe Erblindung, fielen mir im Hin- und Hersinnen längst geübte Spielereien ein. Am Schultisch hatte ich während kurzem Stillstande des Unterrichts in Stücke von zerbrochenen Schiefertafeln mit einem scharf gespitzten Nagel öfters die Zeichnung von Blumen und Häusern so eingegraben, daß sich die erhöht gebliebenen Striche mit Tinte abdrucken ließen zu großer Freude meiner Mitschüler; aus der Druckerei hatte ich auch eigene, freilich nur unklare Gedanken über den Holzschnitt mitgebracht, und mir ward zumut, er könne mich vielleicht der Zersplitterung meiner Zeit entziehen. Aber ? vorweg war mir eben freiere Zeit notwendig, und zugleich Mehrerwerb: wie sollte ich dies vereinigen? Trüberen Wesens als sonst schritt ich in Wittenberg ein, wurde von meinem wirtlichen Böttchermeister, dessen Söhnchen nun schon mit der »Regula de tri« kämpfte, herzlich begrüßt; ach, in mir mußte ich klagen, nach außen tat ich es nicht. Fern blieb mir die Ahnung, daß ein Glückszug sich nahe, und doch war es so, es[36] war für den Augenblick ein rettender. ? Etwa drei Meilen fern in der Umgegend bewirtschaftete ein Herr von Leipziger ein Landgut, seinen achtjährigen Sohn ließ er, der Schule wegen, bei einer Witwe Pavel, die Zöglinge in Pflege und Kost nahm, einwohnen, und suchte jemand, der bei den mäßigsten Ansprüchen dem Junkerchen zum Nachhelfer, mitunter als Begleiter dienen könne. Professor Ebert, den man fragte, brachte mich in Vorschlag, und ich wurde angenommen. Da erhielt ich erstens bei der Witwe Pavel ein hübsches Zimmerchen und sehr wohlfeile Beköstigung, zweitens monatlich drei Taler. Das war für mich bei dem, was ich schon hatte, und mir in Unermüdlichkeit meist bewahrte, zureichend. In jenem Zimmerchen sind während der Frühlings- und Sommermonate 1800 meine ersten Holzschnitte entstanden mit einem einzigen Messerchen und zwei kleinen Werkzeugen für die Vertiefungsräume. Während dieses Jahres nutzte mir noch besonders für die Schule der Philolog und Universitätsprofessor Zeune, indem er vermittelte, daß ich nur fünf Wochen der zweiten, im Lehrwesen schwachen Klasse angehören, dann auf Grund einer außergewöhnlichen Prüfung sogleich nach der ersten Klasse vorrücken durfte. Dies wurde der Anlaß zu der lebenslang treuen und tätig bewährten Freundschaft mit seinem Sohne August Zeune, dem nachmaligen Begründer und Vorsteher der Blindenanstalt in Berlin. Etwas angegriffen von meiner sehr verwickelten Rastlosigkeit in zwölf bis vierzehn täglichen Arbeitsstunden, wanderte ich in den Sommerferien, die das Junkerchen bei seinem Vater durchlebte, wieder zu den Eltern, begleitet von zweifelhafter Hoffnung auf den Erfolg meiner[37] Versuche im Holzschnitt. Nur schlechte Abdrücke hatte ich mir machen können mit handlichem Abreiben, in Berlin schaffte ich mir mit einer kleinen Schraubenpresse bessere; sie wurden über Verdienst belobt. Bei Laurens zeichnete ich wieder, half ihm diesmal zum Dank seine Wohnstube malen, vermehrte auch meine sechs Holzschnittchen mit einem siebenten, das mir etwas gelungener schien, und welch eine Aufmunterung! ? ich erhielt auch ein paar Bestellungen. Da eben eine akademische Kunstausstellung nahe war, wurde mir zugeredet, meine Erzeugnisse dort sehen zu lassen. Unbekannt mit dem vorschriftlichen Ordnungswege, brachte ich, in einem ärmlichen Anzuge von dunkelblau gefärbter Leinwand, die eingerahmten Blättchen zu Frisch, dem Maler und derzeitigen Vizedirektor der Akademie, der nah am Schlößchen Monbijou ein Haus mit großem Garten bewohnte. »Mein Jüngelchen, du bist hier unrecht«, sagte er zu mir, dem nicht hochgewachsenen Burschen; »das muß an den Inspektor oder Kastellan der Akademie abgeliefert werden.« Bei diesem Bescheide hatte er jedoch den Rahmen ergriffen und fragte: »Was ist das?« Meiner leisen Antwort: »Holzschnitt, es steht da auch auf dem eingesteckten Zettel«, folgte von ihm die Wiederholung des Wortes »Holzschnitt« und kurzes Schweigen, dann der Zusatz: »Wer hat das gemacht?« Nach der schüchternen Entgegnung »Ich« rief er aus: »Ei, solchen Holzschnitt habe ich noch nicht gesehen; ? aber, mein Gott, wie alt bist Du denn?« Als er nun hörte: »Fünfzehn Jahr«, äußerte er lebhaft: »Das muß im Katalog angemerkt werden, laß nur den Rahmen hier, ich werde den Zettel dazu berichtigen.« ? So ist im Ausstellungskatalog vom Jahr 1800 zu lesen:[38] »Von Herrn Friedr. Wilh. Gubitz. Formschneider (15 Jahr alt). 162. Sieben Vignetten in einem Rahm. 17 Z.B. 13 Z.H.« Der Ausdruck »Formschneider« war damals gewöhnlich, von mir aber nicht angenommen; ich habe weiterhin meine Überschrift »Holzschnitte« gelten lassen. ? Frisch erkundigte sich in Fortsetzung des Gesprächs mit zutraulich gesteigerter Teilnahme hinsichtlich meiner Zustände, wurde fühl- und sichtbar wohlwollender, endlich nahm er von einem Marmortischchen unter dem Spiegel einen Teller voll Birnen und schüttete sie zu einem geneigten Abschied in meine Jackentaschen. ? Dies Ereignis, an sich geringfügig, wirkte dennoch ermutigend, und den Heimgang begleitete das Hoffen auf die Zukunft in erhobener Stimmung. ? Jene sieben Anfangsversuche, sinnbildlichen Gedankens, aber künstlerisch unbedeutend, bei ihrem Unwert jedoch etwas zierlicher als die sogenannten Buchdruckerstöcke, die damals in Gebrauch waren für Bücher und Gelegenheitsgedichte, machten fortschrittlichen Eindruck. Von den Platten wurden für Buchdruckereien Abgüsse verlangt, die mein Vater in seinen Freistunden freudig anfertigte; noch vor dem Schlusse des Jahres 1800 hatten wir davon einen Erwerb von über hundert Taler, und obenein kamen sogleich Aufträge zu bestimmten Zwecken, namentlich zu bildlichen Erläuterungen für Lehrbücher. Ein so schneller Erfolg wird nur dadurch erklärlich, daß ich in Selbstbetrachtung mir sagte: die zum Holzschnitt bereitete Platte an sich würde bei dem Abdruck ein Massendunkel erzeugen, aus diesem ist das Bild zu lichten und hervorzuheben. Meine Unbehilflichkeit ward nun durch die[39] Wirkung verdeckt, indem ich von dem ursprünglich vorhandenen Tiefdunkel her möglichst Tonabstufungen zu erreichen suchte, die mit der einen Farbe eine Spur zum Malerischen andeuteten. Wie vorschreitend die Wirkung im Anblick und Erfolg war, erhellt ? zum Beispiel ? daraus, daß von meinen vier, auch noch nicht sonderlich gelungenen Platten zu »E.M. Arndts Reisen« der Buchhändler Heinrich Gräff in Leipzig in kurzer Zeit neben zwei Auflagen von dem durch eigene Tüchtigkeit geschätzten Werk, noch 4000 Einzelabdrücke der Holzschnitte bei dem hohen Preise von 2 Taler (für Kunst- und Buchhändler 1 1/2 Taler), verkaufte. Die Abdrücke wurden auf einer kleinen verbesserten Schraubenpresse besorgt von meiner geschickten, tatmutig unermüdlichen Schwester Wilhelmine, die dann auch die ebenfalls berührige jüngere Schwester Friederike dazu anlernte, wodurch beide zu gemächlicherem Zustande der Familie beitrugen bis zu ihrer Verheiratung, auch noch weiter hinaus, namentlich bei dem streng zu überwachenden Druck von Geldpapieren für verschiedene Bankgeschäfte. ? Aus dem Jahre 1800 kann ich übrigens auch noch berichten, daß ich im Dezember bereits an einem beabsichtigten Papiergeld für Preußen arbeiten half. Ich besaß den wahrscheinlich einzigen noch dafür zeugenden, dem Hofrat Borck auf seinen Wunsch für das Königliche Kabinett überlassenen Abdruck zweier »Tresorscheine« zu fünf und einem Taler, deren Schriftinhalt von den Ministern Blumenthal, Schulenburg und Struensee unterzeichnet ist. König Friedrich Wilhelm III. verweigerte dann seine Bewilligung, und in Preußen entstand bekanntlich erst 1806 unter dem Minister v. Stein Papiergeld, von dem ich später zu erzählen habe.[40] Nach Wittenberg nochmals zurückgekehrt ? mehrere Tage über die Ferien hinaus, was mir aber in Betracht der Ursachen verziehen wurde ?, behielt ich mein Zimmerchen, erlöste mich aber von allem, was meine eigene Bestrebungen erschwerte. Mit leidenschaftlichem Fleiß arbeitete ich vom frühesten Morgen an; der Bestellungen im Holzschnitt kamen von Berlin, dann zunächst von Leipzig so viele, und sie lohnten so gut, daß die drückenden Nahrungssorgen überwunden waren, bei meiner Genügsamkeit auch die Familie mit mir teilen konnte. Es war ja noch haushälterische Sitte, daß der Erwerb des Sohnes den Eltern zukomme, und ich habe, als ich schon ordentliches Mitglied und Professor der königlich-preußischen Akademie war, mich mit einem halben Taler wöchentlichen Taschengeldes beholfen, was sich tun ließ; denn ich hatte von je an weder Zeit noch Trieb, mir anzugewöhnen, was nur Mode oder lüsterne Gewohnheit unentbehrlich macht. Ohnedem drängte sich das strenge Haushälterische bald wieder in erhöhtem Grade ein durch neues Unheil. Von dem durch meine Holzschnitte erregten, vermöge meiner öffentlich besprochenen Jugendlichkeit gesteigerten Aufsehen, fand sich auch Unger bewogen, mich nur für seine Vorhaben dauernd verpflichten zu wollen; ich ging aber auf seine ohnehin wenig ergiebigen Anerbietungen nicht ein, denn ich behielt noch immer den Landprediger im Sinn. Unger wollte ein »Orbis-pictus« herausgeben, und ich habe dazu etwa zwanzig, mir sehr mäßig bezahlte Platten gefertigt, von denen ich nicht einmal weiß, was aus ihnen geworden ist, weil das Werk nicht zustande kam. Im Gange der Unterhandlung erhöhte Unger meinem Vater den Wochenlohn, er blieb aber[41] oft aus und wurde endlich gar nicht gezahlt. Unger starb (1804); infolge des verschuldeten Nachlasses, an den auch der Vater nichtig werdende Forderungen hatte, zerfiel dies Verhältnis in sich selbst, und der Gram über das Vernichten seiner Stellung mag die Abnahme der Sehkraft bei dem Vater beschleunigt haben. Das Übel wuchs bis zur Erblindung, und die Ärzte konnten nach mancherlei Versuchen nur das eine geschwächte Auge retten. ? Doch ich bin den Ereignissen voraus, was zuweilen nicht anders sein kann, und muß einlenken zu dem, wodurch sich mir abermals Hindernisse entgegenwarfen. Kurz vor Ostern 1801 überstand ich, nach unvermeidlicher Beklemmung vorher, meine Abgangsprüfung an der Oberschule mit erleichtertem Atem; bei den Prüfenden sämtlich herrschte fühlbare Zuneigung für mich. Nun war ich willens, die preußische Universität Halle zu beziehen, das Schicksal drehte mich anders. ? Die Großmutter war auch von dem, ein getrenntes Geschäft sich aneignenden jüngeren Bruder meines Vaters verlassen worden, dieser sollte nun einen der Söhne schicken, ihr im Alter beizustehen. Der älteste war in der Fremde, man wußte nicht wo; der zweite noch nicht völlig am Ende seiner Lehrzeit in Ungers Schriftgießerei, mir hatte die Großmutter Gutes getan: es blieb kein anderer Rat, ich mußte nach Heinrichs. Dort angekommen, sollte ich mit dem Weinhandel mich vertraut machen, wozu in mir weder Luft noch kaufmännisches Verständnis war; mich überfiel peinliche Verlegenheit. Der siebzigjährigen Großmutter legte ich ans Herz, daß sie selber meinen Trieb zur Kanzel unterstützt habe; infolge von mancherlei Reden und Zureden gedieh nun eine Ausgleichung, wonach ich[42] ihr nur kurze Zeit behilflich sein, dann doch jener zweite Bruder eintreten, ich aber nach Jena solle, um im Notfalle rasch herbeikommen zu können. Fürerst mußte ich Fuhrleute, die leeres Gefäß fortschafften und gefüllte Fässer heimbrachten, als Beauftragter und Inachtnehmer bis Heidelberg und zurück begleiten; dies ist das einzige, was ich im Weinhandel geleistet habe. Der viermonatliche Aufenthalt bei der Großmutter, wo ich den Holzschnitt nicht vergaß, hat aber Seltsames in sich, und ich muß darüber etwas ausführlich berichten, weil in meinem Lebensgange die Nachwirkung jener Tage erkenntlich wird. Im Holzschnitt arbeitete ich auch bei der Großmutter fleißig; selten fehlte es an Bestellung, dann mehrte ich die Verzierungen für Buchdruckereien, die von Berlin aus in Abgüssen verkauft wurden. Solches Anwenden erster Versuche ließ die Absicht entstehen, hierhin mit meinen schwachen Kräften eine Verbesserung auszubreiten, was bei fortgesetztem Betrieb nachher durch die »Sammlung von Verzierungen für die Buchdruckerpresse« mit vielem Schmuckbildlichen zur Erscheinung kam. Während des Aufenthaltes in Jena hatte ich es schon bis zu sechzig kleinen Platten gebracht. Drang der Nahrungsnot machte sie aber, an Zahl verstärkt, im Jahre 1807 zum Eigentum der Deckerschen Hofbuchdruckerei. Das war Verlust für meinen Zweck, ich gab ihm jedoch allmählich seine einträgliche Zukunft. ? Nebenher sei noch erwähnt, daß im Jahre 1801 mein Vater Abdrücke meiner Holzschnitte dem König Friedrich Wilhelm III. zusendete, und da dies für nachherige Zeit vielleicht Miteinfluß war, sei die Antwort eingeschaltet: »Seine Königliche Majestät von Preußen haben aus der Eingabe des p. Gubitz vom 29. v.M., und den denselben[43] beygefügten Probe-Abdrücken ersehen, daß sein Sohn ganz gute Fortschritte in der Holzschneide-Kunst gemacht hat, und danken ihm nicht allein für die mitgeteilten Stücke, sondern wollen ihm auch dafür beigehende Zwei Stück Friedrichsd'or zum Geschenk übersenden. Charlottenburg, den 6. Juni 1801. Friedrich Wilhelm.« Am Ende des Jahres 1801 war ich in Jena, wollte mich dort zurechtfinden; schweren Herzens sah ich ein, es könne nicht leicht gelingen, meine Zeit zu ordnen für die verschiedene Beschäftigung: möglich wer den mußte es jedoch, da der Landprediger im Gemütsplan hartnäckig feststand. Martini war mir Rat und Führer nicht ohne Kopfschütteln; ich blieb beharrlich, bekenne aber voraus, daß ich nicht selten mit den Heften älterer Studenten die Lücken der meinigen füllte, was übrigens andern ebenfalls kein Verstoß gegen den »Komment« war. Im Januar 1802, nach dem Maße meiner nicht weitschichtigen Fähigkeit mit den Verhältnissen in Jena etwas vertraut, wandte ich mich ausschließlich zu dem, was auf Glaubens- und Denklehre zielte. Ich vermeide die Bezeichnung »Vernunftlehre«, denn ich lernte erst im Lebensverkehr, nur von ihm sei die Vernunft zu lehren, und man habe den Gesamtschulen schon sehr zu danken bei solcher Mitgabe der Zurechtweisung, die verhindert, sich in die Irre zu verlaufen, sich wohl gar in ihr zu gefallen. ? Noch im Jahre 1802 waren die mehrseitigen Zerwürfnisse mit dem von der Universität Jena entlassenen Fichte lebhafter Zwiespalt der Gespräche; man pries oder verdammte seine anscheinend als unwiderleglich aufgestellten[44] Sätze und Schlüsse in das Übersinnliche hinein; man pries ein Mehrdurchleuchten, man verdammte ein Mehrvernichten des Übersinnlichen, je nach der Stellung, die man sich gab aus Glauben, Zweifel und Unglauben. Spinoza tauchte wieder auf, sein Geist sollte Waffen bringen für und gegen Kant; nach Fichte lehrte der jugendliche Schelling ? meine Beurteilungskraft war zu unreif, um aus solchen Bewegungen in forschend zugespitzten und grübelnd verdunkelten Wortgeweben für mich den Leitstern zu finden. Es dünkte mir unerläßlich geboten, die streitkundigen Schriften im Dafür und Dawider zu lesen, um den Standpunkt derzeitiger Gegenwartskämpfe zu entdecken; bald aber wußte ich nicht, ob die »Wissenschaft des Wissens« mich zur Enge drängte oder in bodenlos Unbegrenztes hinriß. Eifrig aufmerksam hörte ich vor dem Lehrstuhl zu, emsig schrieb die geübte Hand nach; wenn ich aber in meinem Hofstübchen das Geschriebene las, ermittelte sich kein Pfad zu klaren Gedanken. Unter Ängsten und Tränen begann ich mein siebzehntes Jahr, und ward plötzlich mit mir einig, aus Furcht des Mißverstehens manches einstweilen gar nicht verstehen zu wollen, selbständig gradaus den einfachsten Weg zu erspähen. ? Zu bestätigen habe ich nun allerdings: was ich von der Spinoza-Fichte-Schellingschen Lehre heimtrug, blieb mir fremd, mehr eine geschlossene als geöffnete Pforte zum Lebenswege, und als ich Jahre nachher in Berlin Fichtes Zuhörer war bei seinen Vorträgen, meinte ich auch, offenbar einen andern zu entdecken als jenen, den ich mir einst angelesen hatte. Zu beweisen ist auch wohl in bezug auf Jena und Berlin, daß hier der allzeit redlich tief- und aufstrebsame Fichte wirklich nicht derselbe war als dort, völlig[45] unbeschadet seiner Ehrenhaftigkeit. ? Bin ich indes noch jetzt, nachdem ich in Berlin bis zu Hegel Gastzuhörer war, von Erkenntnis und Anerkenntnis eines »Absoluten« der Wissenschaft sehr entfernt, glaube ich doch mich nicht berechtigt, da zu urteilen, wo ich der Dinge nicht Meister werden konnte. Wer ein Etwas oder Vieles nicht verstanden hat, darf deshalb gewiß nicht bestreiten, daß nützliches Verstehen andern gelinge, obschon darüber die Einbildung manchem Weisheitsschüler die Einsicht nur vorspiegelt. Wie dem sei, hier habe ich es mit meiner Eigentümlichkeit zu tun, und die ging frühzeitig gern aus dem Wege, wenn es schien, man werde da oder dort eigentlich nur Lastträger zu einem Babelsturm. Zunächst brauchte ich bei meinem Doppelstreben unzweifelhaft mehr Stunden zum Vorwärtskommen im anwendbar Tätigen als ein forschendes Untersuchen über das mir bedingt Unwesentliche; ich schritt also in Jena und überall der sachlichen und gemütlichen Theologie entgegen, nahm daneben in mir nur auf, was an Verbindung des Wissens die künftige Prüfung voraus verlangte. ? Der Bibel war ich oberflächlich kundig durch wiederholtes Lesen, den Lerninhalt übereinkömmlicher Glaubenssätze brachte ich im Gedächtnis mit nach der Universität. Paulus half allmählich zu tieferer Eindringlichkeit, überwiegend vermöge seiner auf umfassender Kenntnis des Morgenlandes und der Geburtsstätten des Christentums gegründeten Erläuterungen. Von ihm, Griesbach undNiethammer war mehr zu empfangen, als sich in einer Dreijahrszeit ? meinerseits nicht ohne unvermeidliche Verlängerung der Freiwochen ? erschöpfend mir aneignen ließ. Ich sammelte geistig ein, soviel ich nach innen und auf dem Papier zu erwerben vermochte, folgte[46] der Umsicht nach den Richtungen gesunder Aufklärung, entfernt von einer anmaßlichen, wodurch vermöge öffentlicher Stimmen der überspannten Wohlmeinenden und dünkelhaften Erleuchter aus heißen Kämpfen fieberhaftes Aufregen im Volk ansteckend war. Niethammer gab im Geistigen dem Übersinnlichen sein Recht, ebenso dem Irdischen, zum Lebensgenuß Erreichbaren, ohne dem seelischen das sachliche Besitztum voranzustellen, geschichtlich warnend sogar einer Zukunft gedenkend, die in Vorteilssucht der Gemütswelt zerstörend sein könne, und er ist nachher im Zeitenlauf meiner Erinnerung zuweilen wie ein Verkündiger erschienen. ? Auf demselben Wege, jedoch etwas abgeschränkter, wandelte auch der schon fast sechzigjährige Griesbach, dessen Mut, unerhitzt vom Weisheitshader um sich her glaubenstreu zu bleiben, mitunter Zaghaftigkeit genannt wurde, was mir aber seine grundklare Strenge im Rechtlichen bei vorherrschender Gutmütigkeit widerlegte. Griesbach war nicht nur in dem von ihm vielseitig durchforschten neuen Testament gelehrt fest, es war, als ob man bei seinen Vorträgen empfände, er lebe und schaffe, ohne innerhalb des Offenbarungsglaubens abergläubig zu sein, völlig im ursprünglichen Christentum. In meiner eigenwesigen Entwicklung erfaßte ich aber, was dem Geistigen angehört, oft heller mit dem immer wachen Gefühl als mit dem bis zum Ermüden nachgrabenden Denken, und wo beides eins wurde, fand ich mich am wohlsten geschützt und gestützt. ? Die damals kreisende Folgerung: »Jeder wird ein Gegebenes des Denkens anders denken und anders denken müssen, um es selbst zu denken,« hatte für mich zwar die Wahrheit: was nicht durch Selbsterkenntnis bestätigt ist, hat man nicht,[47] aber das Gegebene war manchmal derart, um zu fürchten, es gleiche in der Lösung dem Auffinden des genauen Vierecks im Rund. ? Soviel Anschau der Weltverhältnisse, als mir in solcher Jugend genügend sein mußte, sollte nicht die Zerfahrenheit einen Eingang gewinnen, empfing ich von jenen drei auch in ihrem Tun entschieden pflichtwackeren Männern, ohne mich auf eine Spaltung einzulassen dadurch, gleich vom Lehrstuhl aus ein Sicherungsgeleit zur Weisheit haben zu wollen vor der Erfahrung, die es auch dem schlußfertigsten Denkgelehrten beibringt, daß sie zuweilen eine härtere Lehrmeisterin ist als die Not. ? Nach dem, was mir noch in hohem Alter aus Kopf und Herzen hervorklingt als Überzeugung von Sonst und Jetzt, wird ersichtlich, wie leid es mir war, daß Paulus und Niethammer Jena verließen und als Berufene nach Würzburg zogen, ehe ich mich von der Universität losbinden konnte. Neben dem Wissenschaftlichen verwendete ich jede ihm abzumühende Zeit zum Holzschnitt, war täglich bis zu vierzehn Stunden, nicht selten noch länger in Tätigkeit. Die Großmutter gab ihre Unterstützung nur noch auf zwei Jahre; meine Arbeiten lohnten jedoch, namentlich durch Abgüsse von den Holzschnittplatten, soweit, daß ich die Lernerfordernisse, den Zins für mein Hofstübchen und das Mittagsessen bei dem Hauswirt, auch die andern geringen Bedürfnisse bezahlen, der Familie manchen Erwerb überlassen konnte. Um burschenschaftliche Ordensverbindungen ? zwar verboten, aber nachsichtig geduldet ? bekümmerte ich mich nicht, und zu Gasthausbesuchen taugte ich nicht, weil ich bis zum achtzehnten Jahr weder Bier noch Wein trank. Einzelne Lerngenossen, denen die kargen Geldmittel ebenfalls Zügel anlegten, wurden mir vertraut,[48] zum Teil mit überströmender Zuneigung in schwärmerischer Freundschaft, als ob der Göttinger Hainbund in Jena nachwirke, und besonders begünstigte einer, Johann Böschel, sechs Jahre älter und schulfester als ich, mit allem Genaueren mein Vorwärtseilen. ? Spaziergänge in Spätabenden, vorzugsweise bei Mondschein, wenn fast aus jedem Gebüsch nach derzeitigem Gemütsdrang das Waldhorn, von jedem Strome die Flöte in einfachen Tönen sich vernehmen ließ, wurden zu labender Erholung in unterstützend erläuternden Gesprächen. Inneres Genießen ohne äußeren Aufwand, schon mit einem Grad von Gleichmut verstärkt, machte auch schlechtes Wetter zum guten, winterliches mild, enges Gemach zur Freistätte, das derzeit nur dämmernde Lampenlicht zur Sonne. ? O wie empfänglich für den Zauberschein sind die täuschenden und dennoch beglückenden Träume und Wünsche auch der an Entsagung gewöhnten Jugend! Mit Händeln blieb ich verschont, eine einzige Verwickelung kurz nach meiner Ankunft in Jena ausgenommen. Es befand sich eben eine junge Harfenistin dort mit ihrem die Flöte blasenden Bruder, dem man diese Verwandtschaft wegen anderer Bezüglichkeiten streitig machte, was ich nicht wußte, mir außerdem gleichgültig sein konnte. Bei ihrem Zusammenspiel war auch ich Zuhörer; ein paar Studenten behandelten das ihnen vielleicht schon bekanntere Mädchen unanständig, das reizte mein für Frauenwert anhängliches Gefühl zur Abwehr, zur Heftigkeit, und mir entfuhr ein derbes Wort. Wütig Geschrei erhob sich, es hieß, ich solle und müsse mich schlagen, oder ? nun, das Entgegengesetzte, eine vorgeschriebene mich beschimpfende Abbitte, war mir unerfüllbar. Nie hatte ich bis dahin eine Waffe in der Hand gehabt, wollte ich aber[49] nicht Verruf kommen, war ich zum Bereitsein gezwungen. Gnädigst bewilligte man mir eine Übungsfrist von sechs Wochen, ich führte aber dann den Schläger noch immer sehr unbeholfen, empfing einen leichten Hieb rechts über die Stirn, der Gegner in demselben Augenblick über die linke Hand, und die Genugtuung war fertig. Das Urteil lautete: wir hätten uns beide stümperlich geschlagen; damit befriedigte sich mein Ehrtrieb vollkommen, der andere wurde grimmig, was zwischen einem Dritten und Vierten aus dem Wort- wieder ein Degengefecht in freudige Aussicht stellte, zur gefälligen Abwechselung auf den Stoß. Diesen auch schlecht einzuüben, dazu hatte meine mißratene Fechtkunst niemals Gelegenheit, trotzdem, daß ich im Jahre 1812 Landsturm-Leutnant wurde. ? Übersichtlich herrschte, nebenher gesagt, im Burschenleben der Jenenser nur ausnahmlich Roheit, und dann gewahrte man die Rädelsführer bei derselben Verbrüderung. Mit den Professoren und Personen höheren Standes wurde ich in ihren Familienkreisen nicht bekannt; hier eingeführt zu werden bedurfte man Empfehlungen, die mir fehlten, und stattliche Kleider, für die ich den Aufwand scheuen mußte. Doch habe ich, freilich nur im Hin- und Herschreiten über die Straße, und ohne die mir nachmals gewordene Näherung zu ahnen, Goethe und Schiller gesehen. Schon hatte dieser seine Wohnung in Weimar, besuchte aber mehrmals den von Eutin nach Jena gekommenen alten Voß, den ich auch sah, ebenfalls seine achtungswürdige Hausfrau Ernestine, die ich erst lange nach ihrem Hinscheiden durch Bücherkunde sehr liebgewann. Goethe war, wie man mir einflüsterte, dem vielen Grüßen abhold, ich lüftete bei dem Begegnen aber stets meine Mütze, und er dankte mir in vornehmer Haltung[50] mit anmutiger Handbewegung. Unbekannt war es mir geblieben, daß er in einem Bericht über die Weimarer Kunstausstellung meine Holzschnitte bereits 1802 freundlichst erwähnt hatte, infolge der ihm durch Zelter eingehändigten Abdrücke, die mit zur Ansicht kamen bei jener Ausstellung. ? Nach dem mir einst nicht erreichbaren Schluß von »Wilhelm Meister« brauchte ich Goethe nicht zu fragen, über diese von Berlin mitgenommene Unruhe las ich in Wittenberg mich hinweg. Während meines Aufenthalts in Jena ergriff ich zum erstenmal die Feder für die Öffentlichkeit. Die »Allgemeine Zeitung Nr. 235 vom 23. August 1802« enthält in dem Bericht: »Blicke auf die Leipziger Jubilatemesse« die Mitteilung: »Unger bildete einen Schüler, dessen Fortschritte man schon jetzt den Triumph der wiedererweckten Holzschneidekunst nennen kann. Der gewinnvolle Gubitz hat seinen Künstlerruf durch einen Holzschnitt, eine Mondnacht vorstellend, trefflich beurkundet. Im Maistück des ?Brennus?, einer sehr empfehlungswürdigen Berlinischen Monatsschrift, ist dies Probestück, worin man den glücklichen Nebenbuhler der Hewits und Andersons erkennt, als Titelkupfer gegeben worden.« Ohne die haltlosen Angaben umständlich zu behandeln, entgegnete ich auf Grund der Wahrheit und seltener Anwesenheit in Berlin, daß ich nie Schüler Ungers war, noch sein, nur von meinem Vater haben könne, was mich neben allgemeinem Betrachten zu meinen Kunstversuchen geleitet habe. Die Beschäftigung im Holzschnitt steigerte sich im Jahr 1803 besonders durch den alten Kunstkenner Christian von Mecheln, die Buchhändler Cotta, Gräff und [51] Vieweg, und nächstdem knüpften sich die ersten Geschäftsverbindungen an mit Firmin Didot in Paris und Ackermann in London. Vermochte ich nicht, meiner Arbeitszeit alle Anträge einzuschalten, immer war es mir Freude, die aber verleidet wurde durch zeitschriftliche Angriffe aus dem Bereich mehrerer verbündeten Kupferstecher. Nun mußte ich öfter schriftstellern, um mich zu wehren gegen die Behauptung, daß der Holzschnitt sich überlebt habe, jetzt fast völlig unnütz sei. Die ersten öffentlichen Angriffe berühren schmerzlich, doch mag dieser, in verschiedene Tagesblätter eingedrungene, seitens der Widersacher mit wachsender Erbitterung ausgestattete Streit den Eindruck meiner Arbeiten eher verstärkt als geschwächt haben, indem sich dafür die Aufmerksamkeit eifriger und rascher ausbreitete. Mir aber waren die Selbstverteidigungen ebenso lästig als mißstimmend, und so dienten diese Anfechtungen nur dem Entschluß, in meinem Zukunftsplan den Landprediger nicht wegzustreichen. Gegen Michaelis 1803 wanderte ich wieder nach Berlin, und war durch die von Krankheit des Vaters und geschwisterliche Mißgriffe vervielfachten Anforderungen noch immer in bedrängter Lage; für mich allein wäre mein Erwerb mehr als hinlänglich gewesen. ? Da saß ich eines Tages emsig vor einer Platte, als mich im reinlich dürftigen Stübchen ein Besuch überraschte. Es war der Erzieher des Prinzen Friedrich von Preußen, der nachmalige Geheime Rat Julius Reimann, und der Prinz kam mit ihm. Jener sammelte Abdrücke meiner Holzschnitte, wollte nun auch deren Entstehen seinem fürstlichen Zögling anschaulich machen und hatte nicht geglaubt, einen Siebzehnjährigen zu sehen. Er bat mich,[52] weiterzuarbeiten, ich erklärte, was zu erklären war; auf Befragen gab ich dann Bescheid über mein Bestreben und Ziel. Gemütlich forschend belebte Reimann das Gespräch, mir aber stockte die Rede in ängstlicher Verlegenheit bei der Einladung zu einem Abendessen, denn ich besaß kein Kleid für solche Gesellschaft: stumm mich verbeugen, das war alles, was ich in der Bestürzung zu tun vermochte. Unzweifelhaft erkannte Reimann mein beengtes Verhältnis, mir im Mitempfinden die Hand reichend, wünschte er für ein paar Tage mein Musterbuch, um es den höchsten Personen vorlegen zu können. Ich erhielt es zurück mit einem Geschenk von zehn Friedrichsdor, verbesserte ohne Erschöpfung des unerwarteten Schatzes meinen Anzug, war auch vor dem abermaligen Scheiden von Berlin im Prinzenpalais, bei Mitanwesenheit des damals neunjährigen Fürstensohnes, noch Gast Reimanns, der mir ein treuer Freund wurde, sich als treuer Freund bewährte bis zu seinem Tode, und meine vollste Dankbarkeit feiert sein Andenken. ? Vor meiner Rückreise nach Jena, zum Schluß meiner Universitätszeit, sagte er mir: der König wünsche Abdrücke meiner neuesten Arbeiten im Holzschnitt zu besitzen; da fand ich zur Sendung mich verpflichtet. Sie konnte anfangs Dezember 1803 geschehen, und ich hatte bald nach den Weihnachtstagen die Freude, in einem Päckchen aus der elterlichen Heimat das folgende erste Kabinettsschreiben zu empfangen: »Seine Königliche Majestät von Preußen lassen dem Fleiße des p. Gubitz gern auch Deroseits das Zeugniß widerfahren, daß diese Arbeiten schön ausgefallen sind, und wünschen dabey, daß der p. Gubitz in den beikommenden Zehn Stück Friedr-d'or eben so sehr eine Aufmunterung[53] für seinen Fleiß, wie eine Bestätigung jener Allerhöchsten Zufriedenheit in Empfang nehmen möge. Berlin, den 22. Dezember 1803. Friedrich Wilhelm.« Bei jenem Aufenthalt in Berlin überwältigte mich zuweilen ein Leidgefühl: es war mir, als müsse ich Abschied nehmen von dem Wenigen, was ich kindliche Unbefangenheit nennen konnte, und dies Empfinden erregte sich hauptsächlich durch Blicke aus dem Fenster, wo ich arbeitete. Die elterliche Wohnung war, da jene in Ungers Hause andere Bestimmung erhielt, seitdem »am Bauhof«, an einem in jener Zeit vernachlässigten, ungepflasterten, nur mit wenigen Häusern bebauten Stadtteil, wo im Winter kaum ein Fußsteig zu finden war. Nebenan stand das sogenannte »Spukhaus«, mit seinen zertrümmerten Fensterscheiben und verwitterten Gestein im Eindruck schauerlich genug. Den gespenstischen Verruf empfing es, der Sage nach, weil dort ein Diener gewohnt habe, der in nicht unbegründetem Außersichsein im Eigentum seines Herrn Feuer anlegte. Zwar verlor durch den Brand kein Mensch das Leben, der Verbrecher aber war nach dem Gesetz zum Scheiterhaufen verurteilt, vom Kammergericht dann ein Gnadengesuch eingereicht bei Friedrich II. wenige Wochen vor dessen Hinscheiden; der König bestand jedoch darauf, das Gesetz müsse sein volles Recht haben. Der Verurteilte wurde verbrannt, sein Herr, den der sich forterbende Volksglaube an der Veranlassung zu der Freveltat beteiligte, verließ in Erschütterung sein Besitztum, und soll dies Haus verwünscht haben. Diese Hindeutung auf das nachbarliche »Spukhaus« mag nebenher beitragen zu dem Bilde jener Gegend in verschollenen Tagen. ?[54] Gegenüber unserer Wohnung bot sich die Aussicht auf den mit einer hohen, auch schon altersmürben Mauer umschirmten Garten, der zum Schloßgebäude des Prinzen Heinrich, Bruder Friedrich des Großen, gehörte. Das sehr weitläufige Bauwerk war nur von des Prinzen, bald nach der Vermählung verlassenen Gemahlin, Prinzessin Wilhelmine von Hessen-Kassel, und ihrer aus wenigen Personen bestehenden Umgebung bewohnt: dort und im Garten machte sich Ode auffallend. Nur selten schlich die greise Herrin, begleitet von einer Hofdame und drei Hündchen, unter den kräftigschönen, köstlichen Bäumen fast lautlos umher: dann durfte niemand sich nahen. In anderer Zeit gönnte man den untergeordneten Dienstleuten ziemliche Freiheit im Garten, wohin mich der Enkel des Kastellans, Heinrich Kran, gern mit hineinnahm zu seinen, mir an Jahren überlegenen Bekannten, wenn ich wieder Berlin besuchte. Dort wurde nun in einem Rundteil allerlei vorgelesen; einmal abends bei reinstem Vollmondslicht erkühnte man sich auch zu einer Darstellung von »Schillers Räuber«. Des Schlosses, vom Garten aus linker Flügel, der verwahrloste, diente zum Turm für den »alten Moor« und »Franz«; die »Amalia« spielte der mädchenscheinige und feinstimmige Kastellansenkel, dessen Zukunft ihn zum Steuerrat erhob, und die ganze sehr andächtige Zuhörerschaft bestand aus der Familie des Großvaters und der sämtlichen Schloßdienerschaft bis zur Küchenmagd. ? Der Prinz Heinrich kam alljährlich von seinem Rheinsberg nur für einige Tage, wenn Soldatenmusterung anbefohlen war, nach Berlin; dann stand sein Regiment im Schloßvorhofe nach der Straßenseite, der Prinz, von Offizieren umringt, zeigte sich oben auf dem Gittervortritt, und jeder Soldat[55] empfing ein Dreierbrötchen und ein Glas des besten Branntweins, man nannte ihn Zitronenlikör. Den Offizieren gab der Prinz ein Festmahl, das, laut Aussage des Kastellanenkels, vor Mitternacht nicht ende. Da hatte ich nun einmal im Vorhofe die Brötchen austeilen helfen, und gegen Abend spielten wir in einem völlig gerätlosen Saal des verwahrlosten Schloßflügels Kegel. Plötzlich öffnete sich eine der Türen ? der Saal hatte deren vier ? und rasch trat der Prinz herein. Erschrocken wollten wir entwischen, die nächste Tür war aber verschlossen, und wir vernahmen den Zuruf: »Halt da, keine Desertion! Ich hörte Spektakel, was macht ihr?« ? Wir mußten stehen, zitternd berichtete der Kastellansenkel das Nötige, und der Prinz erwiderte lachend: »Poltrons ihr, kegelt weiter, ich werde Sozietär. Wie hoch?« ? »Um Geld spielen wir nicht, Majestät!« antwortete ich etwa Dreizehnjähriger. Er lachte ärger, mir unbewußt lachte er natürlich mich aus, weil ich in meiner Unkenntnis der Titelei mit dem Zueignungsworte ihn erhöht hatte, und entgegnete nun: »Eh bien! Ich spiele gewiß miserabel, ihr könnt's riskieren!« ? Mir mußten uns fügen; dem berühmten Feldherrn gehorchte die Kegelkugel in Wahrheit »miserabel«, und nachdem er eine Weile den Spaß mit Geduld versuchte, sagte er heiter: »Ich kaufe mich los, da teilt's!« Er warf zwei Taler auf ein Fensterbrett. Im August 1802 war Prinz Heinrich gestorben, 1803 das Schloß noch mehr verödet; von den damaligen Bekannten sah ich keinen, einer von ihnen hatte sich erschossen, ich erfuhr den Grund nicht. Mit Unheimlichkeit durchschritt ich ein paarmal die noch einsameren Baumgänge und dachte traurig des Vergangenen. ? Jetzt ist der Garten nicht mehr ummauert; »Kastanienwäldchen« genannt,[56] wurde er zu freiem Wege, und das einst wüste Schloß zum ausgezeichnet schönen Universitätsgebäude, worin man hoffentlich allem Wüsten den Einlaß verwehrt. Im Oktober 1803 zog der Trieb zur Kanzel die Hälfte meiner Tätigkeit zurück nach Jena, wo ich nun allmählich strichweise mich vorbereitete zur Prüfung. Böschel hatte sie überstanden, nachholend und vorschiebend blieb er mir kerngetreu, damit ich unaufgehalten den Universitätslauf beschließen könne. Fast peinlich besorgt plagte er mich, »um bei dem Examen nicht exanimiert zu sein«, wie er sich ausdrückte, rück- und vorwärts mit Interpretation, Exegese und Hermeneutik mehr als die Prüfung selber; jedenfalls habe ich jedoch seinen weitsichtigen Beistand gebührend herzlich zu achten. Für den März nächsten Jahres war mir die Prüfung verheißen, aber die Krankheit meiner Großmutter, dann wieder die meines Vaters, rief mich erst nach Heinrichs und von dort nach Berlin in dem harten Winter von 1803 zu 1804. Aufgetürmt lag Schnee im Wege, ich konnte nicht durch, mußte mich zum Postwagen wenden, was nicht durchgängig zu überwinden war: mein Leibliches empörte sich greulich. Hinfällig erreichte ich Berlin, und ward nicht sogleich meiner Kräfte mächtig. Eben war der Leipziger Buchhändler Gräff in Preußens Residenz, erkundschaftete die Wohnung meiner Eltern, und fand mich sehr angegriffen. Der mir Wohlwollende sagte: »Ihres Vaters Zustand hat sich gebessert, und Sie haben sich überarbeitet, mir auch zum Nutzen; ich halte mich verpflichtet, Ihnen eine Nachzahlung zu machen, dann sind Sie besser bei Kasse, kommen aber zu Ihrer Erholung mit mir nach Leipzig, wohnen bei mir so, daß Sie dort auch arbeiten können. Ich nehme hier ein Mietsgespann,[57] unterwegs kehren wir ein, so oft Sie wollen, und hoffentlich gewöhnen Sie sich bei solcher Reiseart an den Wagen.« ? Der Vorschlag war allseitig annehmlich; wir brauchten fünf Tage bis Leipzig, übernachteten ein paarmal im Dorfkrug, namentlich auch in Krobstädt, wo Gräff mir einen noch sehr lebenslustigen, hundertjährigen Greis vorstellte. Der wollte wissen, wer ich sei, und nach Gräffs Antwort: »Ein Künstler«, fragte jener: »Herrje, wird heut schon gespielt?« Er kannte als Künstler nur Puppenspieler, und obschon ich bei meinem Fahrübel zum Lachen nicht geneigt war, es brach doch durch. Die Holprigkeit, die Schmutz- und Sandtiefen derzeitiger Landstraßen im Winter, nebst dem Ärmlichen der Wirtshäuser, würde jetzt gewiß mancher in der Beschreibung für fabelhaft halten. Wo wir hinkamen, war fast nichts zu haben als Kohlrüben und Eier; hinsichtlich der Wege sei aber nur erwähnt, daß wir vor dem Tor der Pleißestadt noch das Unheil hatten, bei Tauwetter mit dem Wagen umgeworfen zu werden. Mehr durchnäßt als Gräff fuhr ich dort ein; das so bedächtig angeordnete Fahren hatte aber doch das Widerstreben meines aufrührerischen Blutes nicht überwunden. Gräff bewohnte ein ganzes, hohes, nur dreifenstriges Haus bei den anmutigen Gängen zwischen Bäumen und Gebüsch vor der Stadt; mir wurde, nur eine Treppe hinauf, das beste Geräum zugeteilt, wo ich, an gewöhnlichem Tischchen, mit meinem wenigen Werkzeug an einer Holzschnittplatte für Gräff, zu dem neuesten Roman der Christiane Sophie Ludwig, mich beschäftigte. Abends hatte er Gäste, oder wir waren es außerhalb: so wurde ich, immer wohlwollend begrüßt, mit mehreren Schriftstellern bekannt, nenne jedoch nur Mahlmannund Roch-[58] litz, weil dies erste Zusammenkommen der Anlaß einer dauernden Verbindung wurde. Bei Rochlitz war ich gastlicher Zuhörer einer Gesangsausführung; dann saß als Tischnachbar neben mir ein Weimaraner, ein auch noch junger, zufolge meiner nachträglichen Auffassung etwas irrlichterisch leicht auflodernder Herr v. Lynker. Im allgemeinen Gespräch war daran erinnert worden, daß Goethe schon über mich geschrieben habe ? ich erfuhr es erst hier ? und Rochlitz meinte: man müsse mir raten, auf dem Wege nach Jena zuvor im geistigen Glanzpunkt Weimar einzukehren. Herr v. Lynker war erbötig, mich in seinem Wagen mitzunehmen, blieb auch dabei, als ich ihn mit meinen Fahrfährlichkeiten warnte. Die mir erweckte Hoffnung, unsere Lieblingsdichter in ihrem heimischen Selbstwesen kennenzulernen, mischte sich mit dem Zureden, von Rochlitz und Mahlmann wurde ich mit Empfehlungsbriefen ausgestattet, und ein paar Tage später folgte ich meinem gefälligen, aber unzweifelhaft der Seltsamkeit anhänglichen Entführer. Die Landstraße war minder schlimm, abwechselnd ließ sich laufen; Herr v. Lynker tat es mit mir, so daß ich ungeschwächt in das damals durch Geistespflege bevorzugte sogenannte Ilm-Athen eintrat. Unterwegs bedauerte mein freigebiger Beschützer, daß ich Herder nicht mehr sehen würde ? er schilderte ihn als tödlich krank ? versprach, mich mit Wieland und Schiller in Näherung zu bringen; in bezug auf Goethe sei ihm dies aus Familienrücksichten schwierig, man müsse abwarten, wie es sich einfädeln lasse. Ich berief mich auf die Empfehlungsbriefe, er meinte: sie würden, weil der, immer in mannigfachen Verwickelungen tätige Goethe durch die Faschingstage noch mehr »im reißenden Strom der Anforderungen sei«, höchstens zu viertelstündigem[59] Empfang bei dem Staatsmann nutzen. Schon damit er klärte ich mich einigermaßen zufrieden, Lynker äußerte aber, auch ein solcher Erfolg wäre noch zu bezweifeln, man müsse versuchen, ihn irgendwie zu überraschen. ? Meinerseits wurde auch noch unterweges erzählt, daß ich in Jena Goethe und Schiller gesehen, doch auch nur gesehen, hinsichtlich Schillers jedoch selbstverknüpft im Juni 1803 ein Lauchstädter Abenteuerchen mit erlebt habe. Dies wurde von einem Hallenser Studenten Ludwig Krahn, der im Jahre 1849 als Prediger starb, aufgezeichnet und die Handschrift mir, dem Jugendbekannten vom prinzlichen Schloßgarten her, geschenkt. Seine getreue Schilderung macht jede andere entbehrlich, und ihm zum Weihandenken werde sie hier erneuert eingefügt nach der Vorbemerkung, daß von der ersten Darstellung des Trauerspiels »Die Braut von Messina«, also auch von der ersten Begeisterung dafür die Rede ist. »Im großen Zuge waren wir Hallenser Studenten nach Lauchstädt gekommen, um auf dem dortigen Theater in Gegenwart Schillers dessen ?Braut von Messina? aufführen zu sehen. Voll Erwartung des hohen geistigen Genusses war in uns viel Unruhe, und der kleine Badeort, wo die Steifheit sich sehr spreizte und die Schranken eitlen Weltlebens unter den Gästen schroff aufstiegen, machte sich uns viel zu enge. Glücklicherweise dachte keiner der Burschen an das Hasardspiel, wir schwärmten umher. ? ? Abends waren wir frühzeitig im Theater, und empfingen in schmetterndem Ruf bei Hand- und Fußgetöse den Dichter, der uns mit allen Gedanken und Gefühlen ?weg hatte?, wie es in unserer damaligen Redeweise hieß. Das war eine Vorstellung, wie ich nie wieder erlebte und auch wohl nie wieder erleben werde, denn der Himmel sorgte für eine ungeheure[60] Steigerung des Eindrucks. Die gewaltige Tragödie rückte unter der aufmerksamsten und gespanntesten Stille der gedrängten Zuschauer noch nicht bis zur Mitte vor, da erschütterte ein mächtiger Donnerschlag das nur aus dünnen Mauern bestehende Schauspielhaus, und der wie ein Wolkenbruch niederstürzende Regen verbreitete bei rasch sich folgendem fast unaufhörlichem Donnergekrach ein solches Rauschen, daß man oft die Schauspieler gar nicht mehr hörte. Ein Teil der Zuschauer flüchtete, die Frauen mit Angstgeschrei, aus dem Hause, ich weiß nicht wohin. Die Schauspieler, anfangs äußerst bestürzt, faßten wieder Mut, aber sie bebten doch auch merkbar bei bezugreichen Stellen, so namentlich der ?Chor-Anführer?, als er während des wirklichen Donnergerolles zu sprechen hatte: Amazon.de Widgets ?Wenn Wolken sich türmend den Himmel schwärzen, Wenn dumpftosend der Donner hallt, Da, da fühlen sich alle Herzen In des furchtbaren Schicksals Gewalt.? Das Grausen steigerte sich bei dem bald darauf folgenden Mutterfluch der ?Isabella?, und es erreichte den höchsten Grad, als ihr Schmerz sich wider die Himmelsmächte selbst empört, Gottheit und Natur ihr sinnlos scheinen und der Chor ihr zuruft: ?Halt' ein, Unglückliche! ? die Götter leben, Erkenne sie, die dich furchtbar umgeben!? Wer von da an in dem Werke nachliest, der mag's versuchen, sich einen Begriff zu machen von dem Entsetzen, das bei dem fortdauernden Gewittertosen durch alle Herzen zog; rings totenbleiche Gesichter, jedem stockte der Atem: auch Schiller saß in seiner Loge wie versteint. Ich habe nie einen solchen, ich möchte sagen überirdischen Schauder empfunden, und er wirkt noch jetzt nach bei heftigem Gewitter,[61] weil mich dann immer die Erinnerung an den Theaterabend in Lauchstädt fieberhaft anfaßt, obwohl nach der Vorstellung eine unermeßliche Fröhlichkeit folgte. Der Himmel hatte jede Spur von dunkler Decke abgeschüttelt, glänzende Sterne leuchteten auf jubelnden Verkehr. Zu uns Hallensern hatten sich auch Leipziger und Jenenser Studenten gesellt, und als der unvermeidliche Ball überstanden war, zogen wir zusamt vor die Fenster Schillers, und brachten ihm ein Hallo mit Gesang und Musik. So viel wir konnten, rückten wir ihm auch auf die Stube, wo sich der von uns tüchtig angelärmte große Dichter burschikos liebenswürdig benahm, wonach einer der Unsrigen ihn keck einlud zu einem Mahle, das der reiche Vater eines Kommilitonen in seinem Gartensaale uns anrichtete. Schiller lehnte zwar die Einladung ab, zögerte indes doch einen Augenblick, so daß, nachdem wir abgezogen waren, ich der Meinung war, eine Deputation an ihn würde nachträglich unsern Wunsch durchsetzen. Im Nu bildete sich die Deputation, die ihren Sprecher wählte. Mir fanden den Dichter, wie er eben ins Bett steigen wollte, und was ihm nun mit klopfendem Herzen in ängstlicher Verlegenheit gesagt wurde, müßt' ein anderer wissen, sonst ist's für ewige Zeiten vergessen, woran ganz und gar nichts liegt. Denn das Reden hat gewiß nicht so viel geholfen als der tolle Einfall anderer Kerle, von denen jeder ein Stück der Kleider Schillers ergriff, der Nächststehende auch mir eines über meine eben noch in rhetorischer Geberde ausgestreckten Hände warf, so daß wir alle den Eingeladenen umgaben wie Kammerdiener, bereit, ihn anzuziehen. Das Gelächter Schillers machte uns dreister, und fast willenlos fuhr er in die Kleider. Mehr gezogen und getragen als gehend brachten wir ihn richtig in den Saal, wo uns ein überschwengliches[62] Jauchzen empfing. Fast eine Stunde blieb Schiller bei uns, wahrhaftig ein Bursche unter Burschen. Er sprach uns auch an, daß wir diesen Enthusiasmus, als notwendig für die Bühne und die geistigen Bestrebungen überhaupt, bewahren und möglichst mitteilen möchten, da die Volksmasse gar zu leicht von etwas festtäglichem Aufschwunge sich so angegriffen fühle, daß sie rasch wieder einem alltäglichen Seelenschlummer verfalle. Die Vivats, versteht sich, rissen während der Anwesenheit des Dichters gar nicht ab, und er mußte sich gefallen lassen, sein herrliches Lied: ?Freude, schöner Götterfunken? nicht in vollendetster Harmonie zu hören. Damit zum Schluß gekommen, trat ein Senior der Burschenschaft auf einen Stuhl und sang bei erhobenem Glase, mit einer Stimme, die zwar kein Erdbeben, aber doch das Zittern der Saalwände veranlaßte: ?Laßt den Schaum zum Himmel spritzen, Dieses Glas dem guten Geist! Der mit kühner Wahrheit Blitzen Macht des Wahns und Trugs zerreißt. Mit dem Donnerkeil der Rede Treffet, was die Welt betört, Allem Schlechten ew'ge Fehde, Das, ihr Bursche, hört und schwört! Mag in unsern Adern toben, Was zur Klärung noch erst gährt, Daß sich guter Geist bewährt, Schwören wir dem Geist dort oben!? Die letzten vier Zeilen wurden vom Chorus wiederholt und der Senior tat sich besonders auf den Schluß etwas zugute, indem er erst gen Himmel und dann auf Schiller wies, der begreiflich oben an der Tafel saß. Nach dem Gesange folgte ein Händedrücken und Umarmen,[63] dem sich sogar auch unser Dichter fügte, und ließ sich bei dem uns zu Gebot stehenden Rebensaft von zum Himmel spritzenden Schaum nichts verspüren ? man war selig bei ehrlichem Naumburger ? schäumte es doch in uns. Wir blieben, als auf seinen Wunsch Schiller nur von wenigen und ohne Getöse zurück nach seiner Wohnung begleitet worden war, in Saus und Braus bis zum hellen Morgen, wo wir es uns dann nicht nehmen ließen, unsern Abgott nochmals mit Gesang und Musik zu stören. ? Es war eine schöne Zeit der Begeisterung, und wollte Gott, sie kehrte uns wieder durch Dichter, die sich ebenbürtig jener Vergangenheit und ihren Verewigten anreihen könnten, sowie durch eine Teilnahme im Volk, die, sei sie auch etwas übersprudelnd wie damals, doch mit gesunder Natur aus Seele und Leib hervorbricht.« Bei allem, was Krahn berichtete, war ich, obschon erst nachmittags zufolge der Anmahnung des Jugendfreundes in Lauchstädt angelangt, zugegen; die angefügten Reime zu »Freude, schöner Götterfunken«, ein Erzeugnis des Augenblicks, sind von mir, und ich habe auch unvermeidlich Wein nippen müssen bei den ungezählten Lebehochs. In Weimar wurde ich zuerst bei Wieland eingeführt; dem Altwürdigen war ich nur durch Buchhandels-Anzeigen bekannt, was mir genügte. Im Gespräch offenbarte er sich sehr bedrückt vom Tode seiner Frau, weshalb er das Gut Osmanstädt verkauft habe, und wieder in der Stadt wohne, um nicht noch mehr an Erinnerungen zu leiden. In seinem Arbeitszimmer hafteten meine Blicke an einem kleinen Holz-Bildwerk: eine sitzende Gestalt in römischer Tracht. Wieland sagte mir: es sei Voltaire,[64] und nachdem ich die Frage: ob ich dessen Schriften kenne, mit Nein zu beantworten hatte, empfahl er sie mir als besten Leitfaden zu der Franzosen Geist und Sprache, was hinsichtlich dieser unbedingt an rechter Stelle war, denn mich im Französischen zu üben, dazu fehlte mir bis dahin die Gelegenheit. Jetzt hätte ich jene Frage mit Ja zu beantworten, müßte aber gestehen, daß ich zwar an Voltaire die zeitgeschichtlichen, für die Franzosen auch volksgemäßen Vorzüge nicht unterschätze, im allgemeinen ihm jedoch mehr ab- als zugewandt sei. Durch Vermittelung des Herrn v. Lynker war ich in einer Abendgesellschaft von etwa fünfzehn Personen, Männer und Frauen, mit Schiller beisammen. Er trat verspätet ein, man hatte auf ihn gewartet, und rechtfertigte ihn damit, daß er ganz in sein neues Werk »Tell« vertieft sei. Seine Erscheinung trug auffallender noch als vor nicht vollen acht Monaten Spuren abzehrender Krankheit zur Schau: mir wurde schmerzlich bei dem Anblick. Ihm vorgestellt, wagte ich eine Hindeutung auf die Begegnis in Lauchstädt, mit dem Bekennen meiner Mitschuld an dem Überfall. »Ei«, erwiderte Schiller, »mein Schwabengemüt hat mir auch da einen üblen Streich gespielt, und hinterdrein ist's abzubüßen.« ? Er blieb ernst und gedankenschwer, antwortete zerstreut; man mußte glauben, er sei mit seiner Umsichtlichkeit anderswo als hier, wo er sichtlich war. ? Nun begab es sich, daß ein alter Herr bei einer Fischspeise von dem Leberreim sprach, den Gellert einem Vornehmen, der ihn unablässig mit dem ehemals sehr gebräuchlichen »Er« angeredet hatte, hingeworfen haben soll, nämlich: »Die Leber ist vom Hecht und nicht von einem Bär, Den nenn' ich Grobian, der stets mich nennet Er.«[65] Darauf hingelenkt, machte man den im Anfange des jetzigen Jahrhunderts auch noch beliebten Spaß höflichst nach, und er ging fleißig ringsum von den Lippen. Als die Reihe an Schiller war, sah er sich, mutmaßlich kaum wissend, was man von ihm wolle, wie verlegen um, setzte an und ? plötzlich schwieg er kopfschüttelnd, nach meiner späteren Ansicht die Zumutung mit Recht mißbilligend. Das war mir ? auch in augenblicklich anderer Auffassung ? von dem großen Dichter so begreiflich, daß ich mein gefüllt vor mir stehendes Glas ergriff, freudig zu Schiller lief, in Natürlichkeit darüber jubelnd, daß während wir anderen flott gereimt hatten, wie uns der Schnabel gewachsen, ein so berühmter Meister sich nicht habe zu dem losen Spiel bequemen wollen. Diese mich selber überraschende und dann mitteninne erschreckende Dreistigkeit soll ich drollig vollbracht haben; mit der ganzen Gesellschaft stimmte Schiller herzlich in das Lachen ein, und dies wurden dann die einzigen Minuten, in denen ich ihn an diesem Abend erheitert fand. ? Ach, nicht viel über ein Jahr und er war uns und seinen noch hochfliegenden Plänen entrissen! In bezug auf Goethe hatte mich mein Unterweiser, an dessen vermeinter Besonnenheit ich immer deutlicher einen Hang zum Absonderlichen herausfühlte, damit vertröstet: es sei etwas im Werke; wenn es gedeihe, ergebe sich gute Gelegenheit. ? Nur vier Tage wollte ich in Weimar rasten, vorhabende Arbeiten, hier wenig gefördert, bedrängten mich, und ich bereute schon, nicht mit den Empfehlungsbriefen mein Heil bei Goethe versucht zu haben. Bereits packte ich mein bißchen Habe im Mietszimmer ? gegen Gasthöfe hegte ich Widerwillen ? da kam abends nach sieben Herr v. Lynker, in einem Domino, ließ auch[66] mir einen darreichen von seinem mitgebrachten Diener bei den Worten: »Im Theatersaal ist Probe von einem Maskenspiel, Goethe muß dabei sein; ich habe vermittelt, daß Sie als Fremder Zuschauer sein können, beeilen wir uns!« Bebend zog ich das Beste an, was ich hatte, ein hellblauer Seidenmantel wurde mir übergeworfen, eine Maske sollte ich dort empfangen ? was sich jedoch nicht erfüllte. ? Bald stand ich in einem mäßig großen Saal, und drückte mich neben einem Gewirr von Menschen, nur zum Teil maskiert, an die Seite; denn nachdem ich so mich hatte gängeln lassen, war mir alles wie beklemmender Spuk oder Traum. ? »Wenn Er da ist, erfahren Sie es im Moment!« mit diesem Zuruf beruhigte mich mein herumschweifender Beherrscher, der irgendwo beschäftigt sein mußte. Ich hörte Reden und Musik wie aus der Ferne, blieb aber wie eingewurzelt in dem eroberten Winkel, weil ich hier ein Uneingeweihter war. Etwa sehr lange anderthalb Stunden waren vergangen, bevor es hieß: »Da ist Er, dort steht Er!« und es bedurfte mancher Windung, um mir bis zur angedeuteten Stelle zu helfen. Endlich kam ich Dem, mir Ehrfurcht Gebietenden nah, möglichst näher: ich hörte seine starke, klangvolle Stimme. O weh! Goethe, der seinen Seidenmantel, rosenfarb oder gelb ? bei dem Lichtschimmer konnte ich mir die Farbe nicht genau bestimmen ? hin- und herwerfend behandelte, sprach so heftig mit einem andern ? mit dem Theater-Intendanten Kirms, was ich nachher entdeckte ? daß ich noch ängstlicher wurde. Aus dem lauten Gespräch ging hervor: bei einer Abendprobe im Theater war Goethe über einen Schauspieler ? sein Name lautete, wenn ich dessen mich richtig entsinne, Zimmermann ? so bitterböse geworden, daß er sich höchst unglimpflich äußerte über Anmaßungen der Komödianten.[67] Mir flog der Atem, in mir rief es: Jetzt oder nie! Meine Zaghaftigkeit gipfelte, wurde unwillkürlich zum Wagemut, und ohne Überlegung hatte ich mich in den Eifer gegen Komödianten gemischt. Was mir erst in der Zukunft als Erfahrung reiste: wie raschbereit der Aufgebrachte, wenn ihm einer recht gibt, sich zu diesem wendet, das bewährte sich hier. Ich hatte den Erfolg, daß Goethe auf mich einredete, unterhielt seinen Zorn so gut oder schlecht meine sich nicht zurechtfindende Stimmung dies vermochte, habe keine Spur mehr von dem Gemengsel, was ich schwatzte, bis er hell auflachte, dann aber, wie in Hast zur Hoheit gleichsam umgeschaffen, mit wahrhaft erschütterndem Gebieterton fragte: »Aber mit wem sprech' ich, wer sind Sie?« Meine Empfehlungsbriefe von Mahlmann und Rochlitz hatte ich im Widerstande gegen mein Zittern in der Tasche fast krampfhaft festgehalten; sie schnell hervorziehend, nannte ich, nun bis zu Tränen erschreckt, meinen Namen, demütig scheu hinzufügend: »Ihnen diese Briefe zu überreichen suchte ich in den wenigen Tagen hiesigen Aufenthalts vergeblich Gelegenheit, die Gunst des Augenblicks verlieh sie mir, und frevelhaft habe ich sie ergriffen.« ? »Wer sind Sie, doch nicht der Gubitz, der sich in der Holzschneidekunst auszeichnete?« so fiel Goethe fragend ein, wie selber betroffen, und nach meiner Entgegnung: »Ob auch von Ihrer gütigen Meinung beschämt, habe ich freilich zu antworten: Der bin ich.« ? Ohne etwas darauf zu erwidern, erfaßte er mich am Arm, hob mich an einen Pfeiler, sagte: »Hier bleiben Sie stehen, hier will ich Sie treffen, jetzt hab' ich zu tun!« Dann verschwand er, und ich stand nochmals da in zweifelsüchtiger Hoffnung, die indes der Geduld nicht lange bedurfte. Zurückkehrend rief Goethe mich an: »Aber mein Gott, sind Sie's denn[68] wirklich? Wie alt sind Sie?« ? »Im achtzehnten Jahr«, antwortete ich, und er entgegnete: »Man möcht's nicht glauben! Wie lange bleiben Sie hier?« ? Ich sagte ihm, daß ich nur gezögert habe, Weimar zu verlassen, um ihm genähert zu sein, der kommende Morgen treibe mich nach Jena, dort meine Universitätszeit mit dem Examen zu enden. Überrascht fragte er weiter, und ich gab nun schûchtern Bescheid, bis er dringlich einfiel: »Von der Abreise sei einstweilen nicht die Rede, heut noch zeige ich Ihnen meine Wohnung, erwarte Sie dort morgen vormittag um zehn«, und auf meine Bemerkung, daß ich schon vor seinem Hause gewesen sei, erwiderte er, mir die Hand reichend: »Also morgen früh!« in flüchtiger Weise, denn eben wurde nach ihm gesandt. Noch zwei Tage blieb ich in Weimar, stundenlang in Goethes Zimmern, wo ich, zwischeninne oft ohne seine Anwesenheit, die musterhaft geordneten Sammlungen von Zeichnungen und Kupferstichen beschauen, mich zugleich noch mancher Beweise seiner Zutulichkeit erfreuen konnte. In bester Laune erwähnte er, daß er als Student in Leipzig sich im Breitkopfschen Hause auch mit dem Holzschnitt beschäftigt habe, also wohl wisse, was mir gelungen, und ich vernahm dabei aufmunternde Äußerungen: dennoch hielt mich sein Benehmen in Scheu. Meinem Hang zum »Dorfpastor« war er nicht gleichgesinnt, obwohl er »das schließlich Anhaltsame in dieser Entzweiheit« gelten ließ, und als ich erzählte, wegen meiner Bemühung im Holzschnitt sei ich bereits von drei Kupferstechern öffentlich befehdet, sagte er aufgeregt und mir unvergeßlich: »Es steckt etwas Verruchtes in solcher steten Negation, die immer bei der Hand ist; man muß sich nicht daran kehren, doch das Rechte tun, sonst ist nichts zu heben.« ? Mit gesteigerter[69] Verehrung nahm ich Abschied, einer Verehrung, der niemals Anlaß nahte, sich zu mindern. Goethe hat mir dauernde Teilnahme bezeugt, was bei fernerem Berühren sich darlegen wird, und Pflichtgefühl gebot mir mehrmals Einspruch gegen öffentliche Angriffe und Klagen über seinen Stolz, seine Kälte und Schroffheit, obschon ich nie behaupten werde, daß er von unbewältigten Gemütsaufregungen freizusprechen sei: das ist keinem Sterblichen nachzurühmen. In den ersten Märztagen 1804 wohnte ich nochmals in Jena, hoffend, man werde mir das Examen beeilen, worin ich irrte. Sämtliche Professoren sollten und mußten die »Neue Jenaische Literatur-Zeitung« unterstützen, ihr zum Siege oder doch zum Bestande verhelfen, der »Allgemeinen Literatur-Zeitung« gegenüber, die ihrer Geburtsstätte untreu geworden und nach Halle entflohen war. Von Weimar aus beeiferte man sich, die Lehrer jeder Fachwissenschaft in Begünstigung der neuen nebenbuhlerischen Urteils-Zeitschrift angestrengt zu verflechten; ungewöhnlich lange blieben die von mir verlangten schriftlichen Vorlagen unbeachtet, und wurden dann ebenso geschwind kurz abgefertigt als die mündlichen Abfragungen, die erst im Mai stattfanden. Wie es mir schien, behandelte man mich dabei sehr entgegenkommend mild, vielleicht war es zugleich unwillkürlich einwirkende Folge von dem Umstande, daß ein bedeutsamer Teil meiner eigentlichsten Lehrer Jena verlassen hatte. ? Ohne Bestürmen unterwarf ich mich der Säumnis, förderte meine Holzschnittbestellungen; dies würde mir, wie ich meinte, auch als Landprediger möglich sein. Zuweilen bedrückte mich indes herbe Bangigkeit, denn es offenbarte sich, daß mein schwungvoll lebhafter, daneben starrwilliger, von Lebensklugheit[70] weitab wandelnder Sinn sich einbildete, man müsse im Glaubensreich dort anfangen, wo Luther endete, was nun doch mit dem hirtlichen Dorfpfarrer meines Jugendtraums nicht auszugleichen war. Bei geschäftigem Drang entflogen aber solche Gedanken in Zukunftsschau so rasch, als sie ihr anflogen, und die Ereignisse taten dazu das ihrige.[71] 
 Rahel ? Varnhagen ? Bettina.  [519] Nach langem Verweilen hinsichtlich derer, die mit der »Literarischen Gesellschaft« in Verbindung kamen, lasse ich zwei kurze Einschaltungen folgen. Mein Ruf als dienstwilliger »Max Helfenstein« mußte im Jahre 1832 sich bis zwölf Meilen von Berlin bis nach Königsberg in der Neumark, verbreitet haben. Der damalige Bürgermeister dieser Stadt, Namens Reimann, schrieb mir: »Ew. Wohlgeboren verzeihen, daß ich wegen eines mir wichtigen Wunsches mich an Sie wende, in der Ueberzeugung, Ihre vielseitige Thätigkeit könne mir behülflich werden. Als hiesiger Bürgermeister bin ich für Königsberg bemüht, die Betriebsamkeit zu erhöhen, und gewiß ist es auffällig, daß in einer Stadt, die über 4000 Einwohner[519] hat, auch ein Gymnasium, weder eine Buchdruckerei noch eine Buchhandlung etablirt worden ist. Sie, verehrter Herr, haben Schriftgießerei, Buchdruckerei auch eine Buchhandlung, und können mit Ihrer Umsicht beurtheilen, ob und wie es thunlich wäre, hierorts nach zuträglichem Maaßstabe solchem Geschäftlichen und Berührigen Umfang zu verschaffen. Ich erlaube mir daher, Sie um Ihren Rath zu bitten. Das Beste wäre freilich, wenn Sie selbst eine Filialanstalt hierher beschaffen wollten, auf die städtische Unterstützung, so weit sie zu erlangen, könnten Sie rechnen. Ihre Humanität wird Nachsicht haben für meine Dreistigkeit, die sogar auf einen gefälligen Bescheid hofft. Unter allen Umständen habe ich die Ehre, in Anerkennung zu seyn Königsberg N/M. 25. März 1832. Ew. Wohlgeboren ergebenster Reimann.« Noch vor dem Ende des Frühlings war ich, begleitet von meiner herzigen Frau und zwei Kindern, in diesem Königsberg, der alten, von den Markgrafen Johann I. und Otto III. begründeten Stadt, deren Bürger sich in der Vorzeit tapfer wehrten gegen hochadlige und fürstliche Faustritter, namentlich auch gegen den Herzog Kasimir von Pommern, der im Jahre 1372 erfolgloser Belagerer war und durch den Pfeilschuß eines Schuhmachers getötet wurde. Mit der Familie Reimann waren wir rasch befreundet, ebenso mit dem Postdirektor, Rittmeister von der Heyden, als Schriftsteller benannt »Emerentius Scävola«, in bezug darauf, daß er eine Hand im Kriege verlor. Nachdem ich in den Verhältnissen mich umgeschaut hatte, man mir von allen Seiten, auch von der Kreisregierung, zutunlich entgegenkam,[520] errichtete ich in jener Stadt eine »Buchdruckerei, verbunden mit Buch-, Musikalien-und Kunsthandlung«. Damit war ich im Frühjahr 1833 in Ordnung und »Emerentius Scävola« freute sich, daß zuerst sein zweibändiger Roman: »Die Erbsünde«, in Königsberg gedruckt wurde, als Verlagswerk der Vereinsbuchhandlung. ? Die Anstalt mehr zu beleben, ließ ich auch sogleich die Zeitschrift: »Der Märkische Stadt- und Landfreund« erscheinen, sorgte dafür von Berlin aus, hatte aber vorweg erklärt, daß ich nur ein paar Jahre das Ganze leiten und es dann einem Käufer überlassen würde. Nachdem mein dortiger Geschäftsführer J.G. Striese, sich sehr wacker und glücklich in alles hineinfand, überließ ich ihm das Sämtliche, habe ihm zu bezeugen; daß er die Kaufbedingungen redlich erfüllt und ein Eigentum erworben hat für seine Familie, der ich eine gesegnete Zukunft wünsche. Die zweite Einschaltung ist ein Verbessern der Vergeßlichkeit im Bezug auf Mitbeschäftigung bei einem fabelhaften wunderlichen Abenteuer, an das ich wieder erinnert wurde, als im Jahre 1835 in Paris der berühmte Sprachkundige Julius Klaproth gestorben war. Er trat im Jahre 1805 in mein Arbeitszimmer, legte mir Papierstreifen mit persischen Schriftzügen vor, um sie im Holzschnitt nachzuahmen und zugleich empfing ich die Einladung zu einem Mittagsgastmahl bei dem Rittmeister von Kamecke, der mir mehr sagen würde über diese Angelegenheit. Zur bestimmten Stunde fand ich mich ein und kam in ein Zimmer, das einen seltsamen Anblick bot. Die inneren Räume, bis zu den Fenstern hin, hatten an den Mauern entlang Polstersitze und über[521] ihnen ringsum hingen allerlei Waffen: man konnte sich einbilden, in der Wohnung eines morgenländischen Kriegsmannes zu sein. Auf dem Tritte am Fenster saß eine Frau, die aus einem Stück Zeug Goldfäden zupfte; sie rief mir einen Gruß zu, und mehr durch Winke mit der Hand, als durch Worte begriff ich, daß auch ich dort mich setzen sollte. Sie war eine der schönsten Frauen, die ich gesehen habe, ehemals, wie ich bald wußte »spanische Reiterin« gewesen und ihr Gatte geriet nach solchem Ehebündnis mit seiner ganzen Familie in Feindschaft. Jetzt wollte der preußische Rittmeister zeigen, was er vermöchte, in seinem überspannten Gehirn entstand und befestigte sich die Absicht, das schwärmerisch geliebte Weib zur ? Königin von Persien zu erheben. Amazon.de Widgets Dort wütete damals, wie früher und später oft, Hader um den Thronsitz, und ganz erfüllt war Herr von Kamecke von der Überzeugung, sein Unternehmen werde gelingen. Die schöne Frau äußerte ebenfalls in verschiedenen Sprachen Begeisterung für diesen Plan, zweifelte auch nicht an sicherem Erfolg. Vertraut hatte sich der kühne Rittmeister dem Dr. Julius Klaproth, dieser schrieb an das Perservolk Verkündigungen, die ich durch Holzschnittplatten im Abdruck auf Seidenpapier zehntausendmal vervielfältigte. Der abenteuerliche Entschluß des Herrn von Kameche begründete sich bei ihm zur Ausführung in folgender Art: in Nähe der Thronstadt Persiens wollte er sich erheben vermittelst eines Luftballons, Verkündigungen eines neuen Propheten aus der Luft herabflattern lassen, um dann als dieser neue Prophet vom Himmel her unter das Volk zu treten. Für die Drucksachen und den Luftballon wurde ein geheimer Boden überdeckt im Reisewagen, und was ereignete[522] sich dann? ? Das hoffnungstrunkene Ehepaar kam wirklich bis in die Nähe Persiens, wurde aber dort, der Angabe nach ? denn hier hört mein begründetes Wissen auf ? angefallen von Räubern. In deren Besitz kamen nun auch mit dem Wagen die Verkündungen samt dem Luftballon, ohne daß vielleicht irgend jemand entdeckte, was in dem Wagen verborgen wurde. ? Mit dem Bezahlen dessen, was ich für meine Platten, Drucksachen und Seidenpapier zu forden hatte, war ich an Dr. Julius Klaproth gewiesen. Als er aber ? auch im Jahre 1805 ? Berlin verließ, war ich genötigt, seinen Vater, den berühmten Chemiker Klaproth, um Vermittlung zu ersuchen, erhielt nun auch Befriedigung meiner Ansprüche. Von dem preußischen Rittmeister von Kamecke und seiner schönen »spanischen Reiterin« konnte ich dann niemals ein Lebenszeichen erkunden, wahrscheinlich hat ein schlimmes Schicksal sie ereilt, aus dieser lustigen Ritterlichkeit im neunzehnten Jahrhundert ließe sich aber unzweifelhaft ein Romanstoff bilden. ? Noch während der Theaterverwaltung durch Graf Brühl ereignete sich der Streit, den der mit Wortwitz spielende und boshaft plaudernde M.G. Saphir gegen Bühnendichter begann. Er kam im Jahre 1824 nach Berlin, war vorher dem »Gesellschafter« Berichterstatter gewesen aus Wien und Pest, ward auch jetzt versuchsweise mit tätig bei meiner Zeitschrift. Wissend, er wende sich besonders zur Bühne, machte ich, meinerseits damals schon Theaterbeurteiler für die »Vossische Zeitung«, den Versuch, ihn nach solchem Beruf hin zu beschäftigen. Bald aber erkannte ich, daß sein Lob und Tadel bestechlich war; ich trennte mich also von ihm, was er giftig grollend mich entgelten ließ in seiner dann er-[523] scheinenden »Schnellpost« und seinem »Berliner Courier«. Mit ihm, der in Berlin auch faustkämpfliche Abenteuer hatte und von dannen mußte, kann sich mein Urteil, ohne Unnötiges vom schriftstellerischen Ärgernis zu erneuern, abfinden durch eine Äußerung, als er im Jahre 1843 nochmals Preußens Hauptstadt besuchte und »humoristische Vorlesungen« auf der Schauspielbühne hielt. Ich berichtete selbst darüber und schloß mit der ansichtlichen Betrachtung: »Der echte Humor erfordert ein Wesen, das alle Selbstsucht überwandt, um das Allgemeine zu fördern; er kämpft gegen die Täuschungen der Wirklichkeit und will von ihr nichts eigen für sich, wohl aber alles für den Fortschritt menschheitlicher Ansprüche. Er erhebt und gibt freudigen Mut, rührt und erschüttert zu rüstigem Streben nach Veredlung, versteht sich also: immer im Gesetz des Edlen; und wie, als Folge falscher Erkenntnis, das Schwert des Cherubim den Menschen von dem irdischen Baum des Lebens abwehrt, so schwingt dann auch wohl der Humor, das Gegenwärtige allseitig beleuchtend und alles Schlechte in Kraft und heiteren Gleichmut bekämpfend, sein Schwert, die Menschheit in ein neues Paradies zu führen, ihr den Baum wahrer Erkenntnis zu höherem Leben gewinnend. Was der Gedanke an Heil und Segen erfaßt, das Gemüt vermittelte und erwärmte, wird zum Wunsche, zur Sehnsucht, und nun, von der Phantasie mit allen ihren Gaben ausgestattet, zum Humor. Wie reich an Mitteln, sind ihm diese doch eben nur Mittel, nicht Zweck; denn dieser liegt darin, dem Innersten, Erhabendsten und Heiligsten Geltung zu schaffen ringsum, so tief, weit und aufwärts unser Leben zu dringen vermag und wie verzweigt und[524] springend er sich ergeht, selbst das Barocke nutzend, nimmer soll er seiner Abstammung aus dem Gefühl des Edlen und Schönen untreu werden; er ist das Gleichmaß, das reine Maß, was der Geist in Selbstüberwindungen gewonnen, ist Blüte und Frucht des himmlischen Teils im Menschen, das Höchste, was er erreichen und geben kann. Wäre dieser rechte Humor epidemisch, würden wir aus vielen Wirren der Zeit gesund und froh hervorgehen. ? Daß von dem Erd' und Himmel umfangenden Humor bei einer Vorlesung auf der Bühne wenig die Rede sein kann, leuchtet ein; Annäherungen kamen indes vor, wenn auch nur abgerissen, während anderes wieder nur mit dem Schein spielte. Wir wissen längst und ich sprech es auch hier mit Vergnügen aus, daß Saphir Humor hat; wünschen wir ihm vor allem, das Glück möge ihm so lächeln, daß er mit der Wahrheit und seinem Talent nicht auch dem Schein zu huldigen, nicht die Schwingen, auf denen er sich weiter erheben könnte, in einzelne Federn zu zerrupfen braucht und eine Säule, auf der ein herrlicher Baum gegründet sein könnte, sich nicht in lauter Splitter zerschlägt.« ? Durch das Andenken an Ludwig Robert ist mir auch das an seine Schwester Rahel, in Verbindung mit ihrem Gatten, Varnhagen von Ense, er weckt; ich will dabei hauptsächlich nur an schriftstellerisches mich halten, indem ich das Jahr 1835 mir zurückrufe. In dieser Zeit erregten die zwei Frauen »Rahel« und »Bettina« Meinungs- und Urteilskämpfe. Jene war gestorben, ihr Gemahl schickte »Briefe der Frau von Varnhagen« in die Lesewelt, womit er sich Unangenehmes bereitete, und ihm nähert sich meine Erinnerung vorweg. ? Er hatte ein Gesandtschaftsamt verloren, ich weiß nicht, weshalb,[525] wurde nicht wieder angestellt, war darüber lebenslang in Mißbehagen, benahm sich aber auch lebenslang in seiner sich allmählich angeeigneten Vornehmtuerei und hoffähigen Haltung staatsmännisch. ? Vom Jahre 1821 an Mitarbeiter für den »Gesellschafter«, bemühte er sich besonders, die »romantische Schule«, deren Oberhaupt ihm Goethe war, geltend zu machen. Dies betrieb er ebenfalls etwas staatslenksam, wollte von denen, die er rühmte, gerühmt werden, was ihm nicht ausblieb, indem sogar Goethe mit reichlichster Vergeltung in seiner bruchstücklichen Fortsetzung von »Wahrheit und Dichtung« geäußert hat: »1821. Ein tief sinnender und fühlender Mann, Varnhagen von Ense, der meinen Lebensgang schon längst aufmerksam betrachtete, mich über mich selbst seit Jahren belehrte, hat im ?Gesellschafter? die Form gewählt, mehrere Meinungen im Briefwechsel gegeneinander arbeiten zu lassen, in solchem Falle sehr glücklich, weil man den Bezug eines Werks zu verschiedenen Menschen und Sinnesweisen hierdurch am besten zur Sprache bringen, und sein eigenes Empfinden mannigfach und anmutig an den Tag bringen kann.« Unzweifelhaft war Varnhagen ein kenntnis-und gedankenvoller, aber nächstdem zugleich ein bisweilen zur Fügsamkeit verführter Schriftsteller, ohne jemals sich selber zu vergessen. Durch Verbreitung jener Briefe, von der Schreiberin nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, schmeichelte Varnhagen seiner Eitelkeit; es ist als fühle man heraus, er wolle die Rahel so schildern, daß der Leser sich sagen könne: die geistreichste Frau hatte auch den geistreichsten Mann. Über diese, scheinbar verwandtschaftlich mit aus seinem Kopf entsprungene Rahel[526] schüttelten viele, die genau mit ihr bekannt und für das an ihr Vorzügliche hellen Blicks waren, den Kopf, was Varnhagen, nachdem zeitschriftliche Entgegnungen sich einmischten, kraft seiner An- und Absicht sehr übel deutete. Er mochte es nicht dulden, wenn man sagte: daß bei einer in weltschlifflicher, umgangsklüglich verfeinerten Gesellschaft mit Witzsucherei beschäftigten Frau kindlichreine Natürlichkeit nicht ganz glaubhaft, demzufolge eben nicht unbedingt begreiflich sei, was sich nicht begreifen läßt. ? Daß der körperlich nicht schönen Rahel die alles ausgleichende weibliche Anmut fehlte, braucht man nicht durch ihr Persönliches eingesehen zu haben; ihre Briefe bekunden es nebenher, sind aber jedenfalls im Einklange mit dem mir bekannten geläufig Eigentümlichen ihrer Persönlichkeit. Sie schreibt und urteilt über alles blendend, doch zuweilen in sich geblendet durch rasch wirksame Einbildung, und bei ihrer Witzjagd verletzt sie mitunter mehr ihren Wert als den anderer. ? Geistiges Auffassen darf man der Rahel, wie absprechend sie selbst sein mag, gewiß nicht absprechen; es hatte aber ein Erbteil von ihrem, seinen Handelsbetrieb mit lustanstachelnden Wortzugaben fördernden Vater Levin Markus. Das ganze Wesen der Rahel wurde im Zeitlauf ungesunder durch Überschätzung; mit allem war sie unzufrieden, auch mit ihrem Glück: sie hatte von ihrer Familie aus sämtliches zum Wohlsein, ermüdete sich aber in der immer krankhafter werdenden Beeiferung, den Welt-und Lebensüberdruß sich vorzuspiegeln. Hinsichtlich ihrer Ehe hielt man ihr irdisches Gut für miteinwirkend, denn Varnhagen war nicht nur vornehm im Betun, in den Ansprüchen für seine Häuslichkeit war er es durch Stand und Gewohnheit auch.[527] Amazon.de Widgets Über jene Briefe sprach der offenherzig redliche und wissenstüchtige Dr. Karl Rosenberg im »Gesellschafter« (1835. Bl. 56?60), umfassend mit anständigem, gründlich bewaffnetem Freimut; klar heraus stellte sich jedoch die Ansicht: Varnhagen hätte für die Verstorbene und sich besser gesorgt, wenn er die Briefe vor der Öffentlichkeit bewahrte. Dadurch wurde Varnhagen so erbittert, daß er sich von mir, der ich als Herausgeber einer Zeitschrift für das besonnene, musterhaft entwickelte Urteil nur meine Pflicht getan hatte, schweigend trennte, was meinerseits auch nur zum Schweigen führte. ? Diese hinweisend begrenzte Darlegung dürfte aber mit anwendbar sein auf die tagesgeschichtlichen Werke, die als Nachlaß Varnhagens gedruckt sind, und allerlei Hader anfachten. ? »Er will Karriere machen, und warum nicht?« sagt uns der lebenslang kindliche Chamisso in seinem gedruckten Briefwechsel über Varnhagen, und diese Frage soll mich nur noch hinleiten zu dessen Bemerkung, die er selbst schließlich seinen Aufzeichnungen mitgab: »Ich habe in den früheren Jahrgängen dieser Blätter vieles nachgelesen, und finde manche halbwahre, unvollständige Nachrichten, doch will ich sie nicht vernichten, weil doch hinwieder auch die schätzbarsten, charakteristischen, für mich und andere nicht anders aufzubewahrende Geschichtszüge sich darin finden, Sachen, die unmittelbar aus dem Leben geschöpft sind, und einst belehrend für die Forscher dieser Verhältnisse werden müssen. Und eine Wahrheit ist in allem hier Niedergelegten, nämlich die, daß es einen Tag, in einem Kreise fürwahr gegolten hat und hat gelten können.« ? Die andere, im Jahr 1835 viel Fehde veranlassende[528] Frau, Bettina von Arnim, hatte ? nicht ganz unschuldig ? viel zu leiden wegen ihres überspannt gemüts- und üppig-eitlen Werks: »Briefwechsel Goethes mit einem Kinde«. Auch darüber hat der »Gesellschafter« (1836. Bl. 132 ? 138) eine umständliche, mitunter kräftig zurechtweisende Beurteilung von Dr. Julius; Bettina war aber so klug, sich und mich nicht einzumischen. Mutmaßlich fand sie sich befriedigt durch eine Nachbemerkung, worin ich sie verteidigte gegen den ihr gewidmeten Vorwurf, das Ganze erfunden zu haben. Der Bettina war auf schwärmerischen Höhen der Glaube an sich zur Natur geworden; sie gewöhnte sich dort manche Unwahrheit als Wahrheit an bis zur Überzeugung hinein. Daß aber jenes Buch nebenher auch Wahrheit mit den Selbsttäuschungen verwebte, bezeichnet der im Empfinden abgekühlte Goethe durch seine Eröffnung aus dem Jahre 1811: »Das Ehepaar von Arnim hielt sich eine Zeitlang bei uns auf; ein altes Vertrauen hatte sich sogleich eingefunden; aber eben durch solche freie, unbedingte Mitteilungen erschien erst die Differenz, in die sich ehemalige Übereinstimmung aufgelöst hatte. Wir schieden in Hoffnung einer künftigen glücklicheren Annäherung.« Die »ehemalige Übereinstimmung« hat Goethe in keinem Verhältnis enthüllt, was gewiß zu billigen ist; Bettina konnte nun aber jedenfalls bei ihrem Federschwunge noch über »Wahrheit und Dichtung« hinaus, und dies kühnen Beliebens mit Einbildungsmacht vollbringen. ?[529] 
 Berliner Spätromantik. Fouqué ? Matthisson ? Chamisso ? Raupach.  [453] Abgefertigt sind meine Kämpfe mit der Zensur, und Liebes will ich mir nun aus der Vorzeit wecken. ? Nicht vergessen sei es, daß ich dem für die Tonwissenschaft edler Richtung begeisterten Friedrich Rochlitz im Jahr 1803 ein Empfehlungsschreiben an Goethe zu verdanken hatte. Dies noch jetzt angenehm nachempfindend, will ich mein Erinnern freundlich zu jenem Sachsen-Weimarschen Hofrat hinwenden, obwohl in seinem Gedächtnis jener Abend, für den ich derzeit als Gast bei ihm war, keine Stätte behalten[453] hatte, was ich einundzwanzig Jahre später entdeckte durch beigeordneten Brief: »Hrn. Prof. Gubitz. Leipzig, d. 16ten Febr. 1824. Ew. Wohlgeboren bin ich persönlich, hoffentlich aber sonst nicht ganz unbekannt, wäre letzteres auch nur als Stifter der Leipziger musikalischen Zeitung und ihr Herausgeber während der ersten zwanzig Jahre ihrer Dauer. Und so verstatte ich mir denn, Ihnen mitfolgendes Buch zu übersenden. Ich will nicht leugnen: dies Buch ist mir wichtig, da es die letzten und hoffentlich besten Resultate lebenslänglicher, oft angestrengter Beschäftigung mit den Werken der Tonkunst und ihrer Literatur unter allen Nationen und aus allen Zeiten enthält (und in der Folge enthalten wird), da ich es mit der Ausarbeitung desselben ernstlich genommen habe, so daß ich's wirklich nicht besser machen kann, und da eben dies Buch meinen Namen, soll er überhaupt mich überdauern, erhalten muß, indem ich in andern Fächern der begabteren oder sonst überlegenen Mitbewerber zu viele habe: in diesem schwerlich. Unter diesen Umständen darf ich mir erlauben, Ihnen dies Buch bestens zu empfehle. Da Ihr Blatt von so sehr Vielen überall gelesen wird und eines treuverdienten Credits genießt: so können Sie viel für dies Buch thun. Lassen Sie mich bitten, daß Sie wenigstens beitragen, es bald unter die Leute zu bringen, dann wird es sich selbst helfen, wenn es kann, und kann es nicht, so verdient es keine Hülfe. Verbindlichkeit gegen mich haben Sie im Geringsten nicht, und mithin ich kein Recht zu dieser Bitte: aber ich kenne Ihren Antheil an der hier abgehandelten Sache,[454] und werde, was Sie zur Erfüllung meiner Bitte thun, als ein freies Geschenk dankbar aufnehmen. Mit größter Hochachtung mich Ew. Wohlgeboren empfehlend. Rochlitz.« Den Irrtum, daß er mir persönlich unbekannt sei, hatte ich bald beseitigt, und was mir Rochlitz sandte, die zwei Bände »Für Freunde der Tonkunst«, wurde im »Gesellschafter« mit verdienter Teilnahme umständlich besprochen. Meine Erfahrung hat es mir beglaubigt, daß Vertiefen in Tonwissenschaft oft anderes leicht dem Gedächtnis entschwinden laßt: so mag es gewesen sein bei Rochlitz. Während vier Jahren sah ich keine Zeile von ihm, und dann ? nach mehreren ihm öffentlich gegebenen Beweisen meiner Aufmerksamkeit hinsichtlich seines Wirkens ? schrieb er: »Der geehrten Redaction des Gesellschafters. Leipzig, d. 30. Aug. 28. Ew. Wohlgeboren schienen ehedem an meinen literarischen Arbeiten einigen Antheil zu nehmen. Ich weiß nicht, ob das noch jetzt geschieht: aber ich wünsche es, und so hoffe ich's auch. Ich sende Ihnen darum mein Buch: ?Für ruhige Stunden?. Daß ich wünsche, Sie helfen es durch Ihre Zeitschrift in's Publikum einführen, will ich nicht leugnen. Ich darf diesen Wunsch eben hier um so mehr hegen, da dies Buch nicht Weniges enthält, was von Vielen leicht mißverstanden, von Manchen gemißdeutet und entstellt[455] werden wird, wenn nicht Männer von Geist, Eingänglichkeit in Fremdes, und von Credit bei den Lesern, sich seiner annehmen; da ferner es, in seinem Fache, wenn kein gutes, wenigstens mein bestes seyn dürfte, und da es, in diesem Fache, zuverlässig mein letztes bleiben wird. Auf ein Abschiedswort aber nach so langem Verkehr, wie zwischen mir und meinen Lesern stattgefunden hat: wer hielte nicht darauf? und wer verübelte es dem, der hierauf hält? Sie nicht, glaube ich. Hiermit mich Ihnen in ausgezeichneter Hochachtung und dienstwilliger Ergebenheit empfehlend Rochlitz.« Daß ich »Für ruhige Stunden« auch förderlich war nach der Lesewelt hin, versteht sich von selbst, und nun vergaß mich Rochlitz, der noch fünfzehn Jahre im Diesseits verweilte, völlig. Hier aber soll sich über ihn ein Aufsatz von De la Motte-Fouqué einreihen, an geeigneter Stelle, weil es erstens dessen Letztgeschriebenes ist, was sich nachfolgend erklärlich machen wird, zweitens für Fouqué in seinen letzten Lebenstagen durchweg als bezeichnend erachtet werden könnte. »Friedrich Rochlitz. Abermals ein edler Geist geschieden von dieser Welt, vielfach und heilsam gewirkt habend in ihr, als Schriftsteller, als Mitbürger, als Spender und Verpfleger der Armen, als heiterer, sorglicher Wirt in seinen gastlichen Hallen, deren Wände von einer ebenso sinnig zusammengebrachten, wie schön geordneten Bildersammlung leuchteten, ein tief gründender Kenner der Musik und aller dahin gerichteten Studien, ganz vornehmlich auch der Metrik, worin er selbst von Meistern der Kunst zu Rat[456] gezogen ward, insbesondere, wo es die Gesangesweise der antiken Zeiten galt. Seine Poesie zeigt sich mehr dem Verstande verwandt als einer kühn auflodernden Phantasie, aber eine innige Gemütlichkeit durchdrang und durchwebte in seinen Dichtungen jegliche Zeile, wie man wohl sprechen mag. Am glücklichsten bewegte er sich in Stoffen, der Zeit entnommen, worin er äußerlich lebte. Eine ebenso scharfsinnige als menschenfreundliche Beobachtungsgabe vergönnte ihm manch sinnvolle Bearbeitung von Gegenständen, ihm dargeboten von der wirklichen Welt, obgleich auch auf diesem Gefilde die Muse ihm oftmals erfundene Gestaltungen erscheinen ließ. Der von dem Schreiber dieser Zeilen aufgestellte und mehrfach verfochtene Satz: ?Es gibt, außer dem absolut Sündhaften, nichts absolut Unpoetisches in der Welt? findet seine schönste Bewährung in Ro chlitzens oft ernst-feierlicher, oft humoristisch-kecker Darstellung des sogenannt gewöhnlichen Lebens. Hier ist weder Zeit noch Raum zu näher auszuführender Betrachtung jener angedeuteten Momente auf der vielbedeutenden literarischen Bahn des teuern Verewigten. Das aber kann ich mir nicht versagen, einen Nachklang aus seinem und meinem hienieden letzten Beisammensein folgen zu lassen. Es war in Leipzig vor nun etwas über zwei Jahren. Wir hatten bis dahin einander nur einmal Auge in Auge gesehen. Darüber war etwa ein Vierteljahrhundert verlaufen, während dessen wir uns jedoch brieflich stets inniger, den Brudernamen zwischen uns eintreten lassend, verbunden hatten, wobei es denn gelegentlich herauskam, daß wir außer dem beiden gemeinschaftlichen Taufnamen[457] Friedrich auch noch die Ähnlichkeit hatten, beide am 12. Februar geboren zu sein; ? nur freilich Rochlitz beinahe um ein Dezennium früher als ich. Ob wir uns nach dem so lange äußerlich Fernsein und Ältern auch gleich beim ersten Anblick wieder erkennen würden? ? ?that is the question!? sagte ich mit Hamlet zu mir, als ich in Leipzig nach der schönen Wohnung des lieben Freundes ging. Eben nur als einen alten Freund bat ich mich anzumelden, und gewann sogleich Zutritt. Da standen wir nun einander allein gegenüber in des Hausherrn schön geordnetem Studiergemach. ? ?Wer bin ich?? fragte ich ihn lächelnd. ? Er sah mich aus den klaren, klugen Augen forschend an, und entgegnete nach kurzem Schweigen: ?Noch weiß ich's nicht, wer eigentlich vor mir steht. Daß es ein alter Freund ist, sagt mir die Anmeldung, und sagt mir auch jetzt mein Herz, und fügt hinzu, ein mir besonders lieber Freund; jedoch der Name fehlt mir noch.? ? ?Wenn wir einander am dritten Ort getroffen hätten, unvorbereitet, wer weiß,? erwiderte ich ? ?mir wär' es wohl mit dir gegangen, wie jetzt dir mit mir.? ? ?Du grüßest mich mit dem Brudergruße? ? sprach Rochlitz ? ?und auch mir wird mehr und mehr brüderlich zu Sinn. Wärest du etwa Fouqué?? ? Bejahend voll tiefster Bewegung faßte ich die Freundeshand, und nun quoll der selige Strom der Mitteilungen, aus Herz in Herz, aus Seele in Seele, ungehemmt seine Bahn entlang. Versteht sich, daß davon sich nur wenig eignet zur öffentlichen Mitteilung, sonst wär' es ja eben kein unbedingt voller Freundschaftserguß gewesen. Einiges jedoch mag auch hier laut werden. So, als wir auf unser beider Verhältnis zu Goethe zu sprechen kamen ? Rochlitz hatte[458] ihm viel näher gestanden als ich ? und er mir persönlich holde Äußerungen Goethes über mich berichtete, fiel mir's plötzlich wie Schuppen von den Augen, und ich mußte zu ihm sprechen: ?Sieh', Rochlitz, wie du nun unsern Poeten-Kai ser so redend einführst, wird mir's deutlich, warum du mir so verwandelt vorkamst bei unserm Wiedersehen vorhin. Nicht eben, daß du ausnehmend gealtert wärest, aber du hast während dieses Vierteljahrhunderts eine wunderbare Ähnlichkeit gewonnen; eine Ähnlichkeit, die ich früher nimmer an dir bemerkt hatte ? die Ähnlichkeit mit Goethe.? ? Und wahrlich, so verhielt es sich auch, und das gleiche sollen schon andere bemerkt haben. Eine gewisse vornehm freundliche Würde in beider edler Männer Benehmen herrschte wohl zunächst dabei vor, jedoch hatte sich diese eigentümliche Gattung von Ähnlichkeit erst in späteren Jahren so recht bemerklich entfaltet. Auch in den Zügen der würdigen Angesichter war das immer deutlicher hervorgetreten. Obzwar die Augen Rochlitzens weder an Farbe noch an Umfang jene dunkelrollenden Sphären unter Goethes Jupiterstirn erreichten, bewahrten sie doch denselben Ausdruck sanfter Kraft und tief durchdringender Gewalt für alles, was sie zur Betrachtung anzog. Aufs anmutigste überraschte mich Rochlitz in jenen paar Tagen unseres letzten zeitlichen Beisammenseins, als er in einem erkorenen kleinen Kreise von Frauen und Männern mir ankündigte: er wolle für heut einige Gedichte vorlesen. Ich faßte es in dem Sinne auf, es seien Dichtungen aus seinem eigenen erhabenen Geiste und sprach unverhohlen meine Erwartungsfreude darüber aus. Er lächelte mild, und begann zu lesen mit all dem vollen Wohllaut seiner schönen Stimme, und dem noch[459] schöneren Wohllaut, hervorquillend aus seiner lieben Seele. Fast hätte ich mich verleiten lassen, nach den ersten zusammengedrängten Zeilen die Trefflichkeit des Gedichts zu preisen. Da ging es mir jedoch auf: das Vorgelesene war von mir selbst und nur so wundersamlich tief mich eben diesmal ergreifend durch des Freundes begeisterten Vortrag. ?Nicht wahr, lieber Poet,? sagte Rochlitz, ?ein tüchtiger Rhapsode ist doch auch was wert?? Bevor wir zum letzten Male schieden, war noch zwischen uns, wie das ja ohnehin allen besonnenen und auf das Ewige gestellten Greifen heilige Pflicht gebietet, vom Ausgange aus der Zeit und vom Eingang in die Unendlichkeit ausdrücklich klar die Rede, und ich meinte, Rochlitz möge, unerachtet seines vorgerückteren Alters, noch länger hienieden weilen als ich. Er wies mich auf mein kleines Söhnlein an, das er mit inniger Liebe angeschaut und aufgenommen hatte, meinend, dem sei doch ich für manch ein Jahr lang nötig, schier unentbehrlich, während er, der kinderlose Witwer, mehr auf das Jenseits als auf das Diesseits hingestellt sei, wogegen wiederum ich den Freund an einige holde Jungfrauengestalten mahnte, die ihn pflegetöchterlich umwebten und seiner pflegten, ebenso sinnig erfreut durch das, was er aus ihren lieblichen Händen empfing, als was dagegen er ihnen geistig und fromm gemütlich zu bieten vermochte. Ausdrücklich erwähnte er noch des dazumal erst unlängst abgeschiedenen, auch in Leipzig tief betrauerten Königs Friedrich Wilhelm des Dritten, und des Umstandes, daß er selbst mit dem frommen Fürsten in gleichem Alter stehe, wobei es ihm seither vorkomme,[460] als werde er über dieses Ziel nicht weit hinausleben. ? ?Wie Gott will!? sagten Rochlitz und ich beim Scheiden. Nun ist er mir vorangegangen. ? Gott helfe mir zu rechter Zeit und Stunde ihm nach! Nimm fürlieb, lieber Rochlitz, mit diesem dir nachgesandten Pilgergruß, du stets mir getreuer Pilgergenoß! ? Nahmst du es ja auch so gütig auf, als ich noch unlängst dir meine gesammelten Werke durch eine Zueignung weihte, und du mich zum letztenmal durch den Anblick deiner bis aus Ende regelrecht und schön geformten Handschrift erfreutest. ? Nun schauest du voll Psalmendankes in das ewige Weihnachtsfest. L.M. Fouqué.« Brachte das Empfehlungsschreiben an Goethe mir Friedrich Rochlitz vor den inneren Blick, kommt dies aus gleicher Ursach in Verbindung mit August Mahlmann, der meinen ansehnlichen Briefbeständen manche Zeile zuwendete. In bezug auf seine Empfehlung an Goethe hat er stets weiter an mich gedacht; hier aber will ich ihm für ehemals vergelten durch ein etwas von dem, was ich über ihn schrieb und drucken ließ: »Berlin. Königsstädtisches Theater. Am 28. März (1826): ?Herodes vor Bethlehem?. Diese von Mahlmann gedichtete Parodie des Kotzebueschen Schauspiels: ?Die Hussiten vor Naumburg? hat eine solche Berühmtheit erlangt, daß hoffentlich jeder, den die Literatur der Deutschen interessiert, das Gedicht kennt. Der Wert desselben schützt das bespottete Gedicht vor der gänzlichen Vergessenheit, denn, obwohl ich weit davon entfernt bin, Kotzebue so gering zu achten, als die jetzige worthabende Welt in ihrer Affektation es tut,[461] ja, ob ich zu behaupten mich erkühne, daß er noch unersetzt ist, dennoch darf man sagen, daß er im sogenannten Rührdrama, namentlich wo er sich einbildet, einen geschichtlichen Stoff zur Anschaulichkeit gebracht zu haben, einer solchen Unnatur sich hingab, daß von seinen Werken dieser Art wenig für die Nachwelt zu retten sein wird. Die Fähigkeit, zu erfinden, und dem Stoff eine theatralische Zurichtung zu geben, kann ihm indessen auch bei solchen monströsen Bühnenarbeiten nicht abgesprochen werden. ? ?Herodes vor Bethlehem? ist eine höchst eindringliche Kritik jenes verfehlten Strebens, und zugleich ein Muster für die phantastische Posse. Das Publikum schien zum Teil nicht zu wissen, wie es den seltenen Humor derselben zu nehmen habe, und da manche niemals zugeben, daß sie einen deutungsvollen Spaß nicht verstehen, so war anfangs die Stimmung im unklaren, endlich aber siegte die Gewalt des echten Witzes und die Aufnahme entschied sich zum Rechten.« (»Gesellschafter« 1826. Bl. 55.) »Sämtliche Schriften« erschienen gesammelt nach dem Tode Mahlmanns, und aus dem Bericht darüber (»Gesellschafter« 1840. Bl. 22) erneuere ich die Anerkennung: »Wenn wir auf seine Persönlichkeit näher eingehen, wie er sie uns in seinen Werken hinterlassen hat, müssen wir ihn als einen der innigsten, frömmsten und reinsten Dichter lieben lernen. Überall tiefgemütliche, ungetrübte Liebe des Schönen und Göttlichen, Heiterkeit der Idealität, Sehnsucht nach dem Reinmenschlichen, und dabei ist er durch viele seiner Gedichte geradezu Volksdichter geworden.« ? Möge das Gedächtnis der Deutschen ihm dafür treu[462] sein, was zu unterstützen ist durch den Gesang seines Liedes: »Ich denk' an euch, ihr himmlisch schönen Tage Der heiligen Vergangenheit! Komm, Götterkind, o Phantasie, und trage Mein sehnend Herz zu seiner Blütezeit.« Mein Gedächtnis ist ihm noch so treu, wie es bei seinem Leben ihm treu war. Ich sandte ihm mehrmals Abdrücke meiner Holzschnitte, und lasse ich schriftliche, zu überschwengliche Lobeserhebungen über diese Abdrücke beseitigt, sei doch erwähnt aus dem Briefe vom 12ten September 1809 eine Andeutung über meine mit Geschwärm vermischte Schriftstellerei im zweiten Jahrzehnt meines Erdenwallens: »Kultivieren Sie doch auch Ihr ausgezeichnetes epigrammatisches Talent. Die überschickten Epigramme sind allerliebst und werden sogleich in die Druckerei wandern. Weniger ? Sie verzeihen es mir, daß ich mit Offenheit spreche ? gefallen mir die elegischen Gedichte.« ? Offenheit ist stets achtungswert, und sie werde als Andenken für August Mahlmann auch hervorleuchtend aus folgendem, vier Jahre vor seinem Tode mir zugesandten Briefe: »Leipzig, den 23ten April 1822. Wohlgeborner, Hochzuverehrender Herr Professor! Von dem literarischen Verkehr seit vielen Jahren ganz zurückgezogen, lebe ich jetzt nur den Gütern, die mir das Glück zutheilte, mit deren Verwaltung und meinen Lieblingsstudien beschäftigt. Ihr treffliches Blatt [463] der Gesellschafter zeichnet sich durch Gediegenheit und Humanität aus, die immer seltener auf dem literarischen Markt werden, wo der gröbste Egoismus, die frechste Unverschämtheit und seichteste Wortmacherei die Hauptplätze eingenommen haben. Dessen Charakter hat Ihrem Blatte gebührendes Ansehen und Einfluß verschafft, und veranlaßt mich zu dem Wunsche, unter seine Mitarbeiter zu treten. Honorar verlange ich nicht, aber die strengste Verschwiegenheit meines Namens würde ich mir deswegen erbitten, weil ich alle Aufforderungen zu Beiträgen fast von allen jetzt erscheinenden belletristischen Zeitschriften abgelehnt habe, und weil ich in Verhältnissen lebe, die zwar richtiges Beobachten begünstigen, aber mit dem Bekanntmachen derselben sich nicht vertragen. Daß ich nur die Beförderung des Guten und Schönen beabsichtige, werden Sie mir hoffentlich zutrauen, so wie, daß ich auch in Betreff der Form zwar die lebendige, aber nicht die persönlich verwundende wählen werde. Aber wie ist es mit der Censur? Die Berliner, sagt man, habe noch weniger Freiherzigkeit wie unsre Engherzige, und können Sie mir die unverbrüchlichste Verschwiegenheit zusichern? Denn nicht etwa über Theater, nicht etwa abgedroschenes Geschwätz über Neuigkeiten des Tages und der Mode denke ich Ihnen zu schreiben, sondern Schildereien des gesellschaftlichen, sittlichen und literarischen Treibens unsrer Zeit überhaupt und Sachsens insbesondere. Ich kenne das Thema. Möchten Sie mich bald mit einer graden und offenen Antwort, die ich mir von Ihrem Charakter versprechen kann, beehren, und sollte auch mein Wunsch nicht erreicht werden, so ist es mir schon angenehm,[464] mich wieder in Erinnerung bei Ihnen gebracht und Ihnen die Hochachtung versichert zu haben, mit der ich bin Ew. Wohlgeboren ergebenster Diener A. Mahlmann. Königl. Sächs. Hofrath.« Unbedenklich ließ der für gute Absicht ausgesprochene Wunsch sich völligst genehmigen, und nun blieb Mahlmann bis zum Abschluß seines irdischen Lebens Mitarbeiter für den »Gesellschafter«. In welchen Richtungen, das geht hervor aus seinem Schreiben, und genaueres halte ich hier fern, um die zugesicherte »unverbrüchliche Verschwiegenheit« niemals verletzt zu haben. Nachdem mein Gedächtnis mir Rochlitz und Mahlmann herbeirief, ich jenen durch Friedrich de la Motte Fouqué schildern ließ, vorher äußernd, daß es dessen Letztgeschriebenes sei, will ich gleich auf diesen hinschauen. Seinem Nachruf an Rochlitz hatte ich im Abdruck (»Gesellschafter« 1843. Bl. 18) beizufügen: »Eben aus meiner Druckerei den ersten Abzug dieses Blattes empfangend, erhalte ich zugleich die Nachricht, daß Fouqué am 23. Januar plötzlich gestorben ist. Wenige Tage vorher war er noch bei mir voll heiterer Aussicht auf fortgesetzte Tätigkeit.« Im Geist sehe ich jetzt den mit Rittertum, Christlichkeit und Frauenschätzung erfüllten Adelsfreund vor mir, als er im Herbst des Jahres 1825 sehr unwirsch in mein Arbeitszimmer eintrat, nach dem Gruße mich fragend: »Wie habt Ihr das dulden können?« ? Er mußte sich erklären, und ich erfuhr nun, daß er in Aufregung geriet wegen des von Julius Curtius und Karl Simrock herausgegebenen »Musen-Almanach für[465] 1826«, dessen Verleger ich geworden war. Er enthält unter anderem Hunderte von »Xenien«, die einen schriftstellerischen Sturm hervorriefen, einen Sturm, der im »Bemerker« meiner Zeitschrift sieben Monate hindurch wütete, auch gegen mich, weil ich den Kämpfern in jener Beilage für Streitiges Freiheit und Raum ließ, den Angriffen meinerseits dann nur entgegnete: »Wie ein Stamm verschrob'ne Äste Sich nicht immer kann entfernen, So muß quergesinnte Gäste Auch ein Wirt ertragen lernen.« Zwei jener »Xenien« sind gegen Fouqué gerichtet, und bei jenem Besuch wollte er mich im gesamten verantwortlich machen; ich sagte ihm: »Herr Baron, die beiden jungen Männer entlockten mir bei fröhlicher Geselligkeit die Zusage, daß ich diesen ?Musen-Almanach? in die Lesewelt befördern wolle; den Inhalt lernte ich erst kennen durch die Korrekturbogen, die mir auch Ausfälle vorlegten gegen alle Zeitschriften, den ?Gesellschafter? ausgenommen. Er hat aber jetzt sein derbes Gallenteil in einer ?Xenie?, und diese schrieb ich selbst, bin auch der Meinung, Sie könnten über solche Witzanfechtungen ebenso ruhig hinwegsehen, wie ich es tue!« ? Dies ist Vorrede zu dem, was nicht Fouqué als Dichter betreffen, sondern ihn ? andeutend wenigstens ? als höchst Gutmütigen schildern soll. Curtius und Simrock waren ihm näher gekommen, fühlten sich etwas reuig, weshalb sie beschlossen, im Frühjahr 1827 Fouqué zu besuchen in seinem Rittersitz Nennhausen. Sie wurden freundlichst, gastlich und redselig aufgenommen; nachher schickten sie ihm den »Musen-Almanach«, äußerlich geschmückt, und innen waren die[466] Ausfälle gegen Fouqué bedeckt durch ein Blättchen mit den Zeilen: »La Motte-Fouqué. Laß sie nur spotten, sie höhnen sich selbst: wenn erst sie bekehrt sind, Beten als Paulus sie an, was sie als Saulus verfolgt.« Veranlaßt war nun bei den dreien der dauernde Freundschaftsbund, ein liebenswürdiger Belag möge dies bezeugen. Curtius hatte im Auftrage Fouqués auf dessen Kosten Gelegenheitsgedichte drucken lassen; sie wurden ihm zugesandt mit beigelegter Rechnung, und der Betrag kam an mit folgendem Reimspiel.: »Nennhausen, am 19. Julius 1827. Amazon.de Widgets Gruß und Dank Euch jungen Sängern Simrock, und dem Doppel-Us, Den in diesem Mond ein Echo- Us trifft, Julius Curtius! Seht, ich will im Reim Euch künden ? Fort und immerfort auf Us ? Meiner Seele Ernst und Lachen! Manchem Reimer wär's ein Muß: Zwar nur solchem, der im Reim selbst Nichts sieht als nur herbe Nuß. Doch mir ist, dem alten Reimbold, Reim hold, wie ein Frühlingsguß Knospenreichen Blumenwiesen! Dann erst kommt die Blüt' in Schuß, Dann erst schau'n vom schlanken Zweig her Rosen spiegelnd sich im Fluß. ? Seht, Ihr wolltet mich verbrennen, Xeniendichter, wie den Huß, Doch die Muse hat den Glutzorn Umgehaucht zum Freundeskuß, Und das freut mich so herzinnig, Wie's den Schiffer freuen muß, Wenn an schroffer Klipp' er antrifft Froher Gastlichkeit Genuß, Oder wie das Kind, wenn Ruprecht[467] Ab vom Antlitz wäscht den Ruß, Und ihm beut, als wohlbekannter Freund, so Äpfel dar als Nuß. Wahrlich, Jünglinge, sich gut sein Ist ein himmlischer Entschluß, Leichter, besser, edler, kräft'ger Als sich zerr'n zum Tartarus. Damit woll'n wir's künftig halten, Lachend ob dem Zornerguß, Drin ein zänkisch Meer emporbraust: Hoch ob ihm schwebt Dädalus. Wenn recht hoch die Lerche wirbelt, Trifft sie nicht mehr Jägerschuß: Himmelan! ? das bleibt die Losung Im Hesperschen Fruchtgenuß. ? ? Doch weil auch auf dieser Erden Setzerfleiß bezahlt sein muß, Send' ich hier fürs Setzerkonto Einen kleinen Silbergruß; Oder kam's auch in Papiergeld, Muß er doch quittieren, muß! Und sein etwa Sperr'n dagegen Wär' ein Werk des Sysiphus. - Ich erschein' Euch im August erst, Nicht im Monat Julius: Dann gedeih' mein frohes Grüßen, Simrock, Euch, und Curtius! Treu vom Wirbel bis zur Zeh' Der lebend'ge Huß Fouqué.« Soll nun doch ein Etwas von Urteil sich hier einmischen, mag es geschehen in dem, was der »Gesellschafter« (1843. Bl. 20) aussprach nach Fouqués Tode: »Fouqué ist in Berlin gestorben. Wir betrauern seinen Tod in menschlich gerechter Teilnahme und in Hinsicht auf seine Familie, nicht in bezug auf die jetzige strebende Literatur. Wir wollen aber auch den Spott[468] und Hohn, dem er im Leben oft ausgesetzt war, von seinem Grabe abweisen; nun er tot ist, gilt allein noch sein wahres Dichten und Wesen. Und Fouqué war durch und durch Dichter, und im ganzen und großen, wie bis ins einzelnste und kleinste, ehrlich und folgerichtig in seiner Gesinnung. Wir verlangen jetzt Freiheit der Individualität, Selbstbestimmung in allen ideellen Dingen; wir müssen ihn deshalb in seiner Persönlichkeit gelten lassen. Sein dichterisches Schaffen ist historisch geworden, das heißt: es bezeichnet eine bestimmte, in der Entwicklung der Literatur notwendige Phase der Poesie. Das ist der Ruhm seiner Schöpfungen. Die, welche ihn verhöhnten, mögen zusehen, ob ihre Schöpfungen historisch werden! Vieles von den seinigen ist freilich schon spurlos verschwunden, aber vieles wird ihn überdauern, anderes mindestens genannt werden müssen in der Geschichte unserer Literatur, und sein Andenken, in welchem wir billig sein Eigenstes und Bestes bewahren, ist eines Lebens und der vollsten Ächtung wert!« Erwähnt sei noch, daß Fouqué mich und meine Familie erfreute durch eine aus seinem Selbsterlebten hervorgegangene Schilderung des berühmten Schauspielers Fleck, des mir persönlich unbekannt gebliebenen, mehrere Jahre vor meinem Ehebunde zur Gruft geleiteten Vaters meiner liebevoll wackeren Hausfrau. Jene Schilderung, für das Einschalten zu raumfordernd, läßt sich finden im »Gesellschafter« (1841. Blätter 104 bis 107) als Erinnerung an Fleck und Fouqué zugleich. Vom Jahre 1824 an ist nun aus Schriftlichem und Andenklichem über die »Literarische (Mittwochs-) Gesellschaft« zu berichten, über diesen Verein, der sich anfangs[469] nach dem Tage seiner Versammlungen, später »Gesellschaft für in- und ausländische Literatur« benannte, bei Erwähnung aber meist den ersten Namen behielt, obwohl der Mittwoch dem Montage hatte weichen müssen. Seit seinem Entstehen ertrug dieser schriftstellerische Bund viel unbegründetes Anfechten ohne Widerrede, hatte gesetzlich die Mitglieder verpflichtet, nichts in die Öffentlichkeit zu senden über das Bewegen in dem anspruchslosen Kreise. Jenes Anfechten in aller Fülle zu beachten, ist unnötig; den Verein selber muß ich mir aber wieder beleben in meinen Erinnerungen, denn sie leiten mich zu Begegnissen mit andenkenswerten Persönlichkeiten. Dabei ist hier erst das Geschichtliche jener Gesellschaft eingekürzt heranzuziehen, und es bringt ? wie ich meine und glaube ? Ansprechendes mit. Im Oktober 1824 wurde durch den Kammergerichtsdirektor Julius Eduard Hitzig ? auch in der Lesewelt bekannt ? ein Aufruf verbreitet, der unter anderem äußerte: »Während von Tage zu Tage das Unkraut im Garten der Poesie üppiger wuchert, blühen doch auch hier und dort darin die schönsten Blumen. Aber wer hat, oder wer nimmt sich die Zeit, den weitläufigen Raum auf das Geratewohl zu durchwandern, um nach seltenen Gewächsen zu spüren, und so, ehe die Kunde davon sich verbreitet, ist ein neues Jahr erschienen, das mit breitem Strome das Neue aus den Buchläden wegspült, um dem Neuesten Platz zu machen und jenes unabwendbar dem Lethe zuzuführen. Sollte nicht dieser betrübenden Erfahrung für die Dichter, und sollte nicht einer noch traurigeren für die Freunde der Poesie in unsrer weitläufigen Stadt, daß nämlich keiner den andern[470] kennen lernt, wenn sie nicht der Zufall zusammenführt, durch einen Verein abgeholfen werden können, der beschlösse, sich wöchentlich einmal, vorläufig in den Winterabenden, zu versammeln, sich gegenseitig das Neueste aus der poetischen Literatur durch Vorlesung einzelner Gedichte aus den Sammlungen, dramatischer Werke von nicht zu großem Umfange usw. zur Kenntnis zu bringen und nach den Lesestunden zu besprechen? Wohl verstanden aber, das Neueste von anderen, nicht von Mitgliedern des Vereins; vielmehr müßte es ein unabänderliches Grundgesetz sein, daß es keinem solchen gestattet werde, eigene oder Arbeiten von anwesenden Freunden vorzulesen: denn das stört alle Freiheit des Urteils, und führt entweder zur Feindlichkeit, oder, was noch schlimmer ist, zur Lobhudelei.« Rasch erregte dieser Vorschlag Beistimmung; am 26. Oktober 1824 wurde der Verein gestiftet und am 3. November hatte er den ersten Abend seiner Wirksamkeit. Das Grundgesetz: »Nichts darf vorgelesen werden, was von einem der Mitglieder verfaßt worden, ebensowenig von Gästen etwas, was diese selbst gedichtet haben«, erhielt in den »Statuten« noch den Nachsatz: »Keines der Mitglieder darf über die Gesellschaft etwas drucken lassen, sei es tadelnd, lobend oder bloß berichtend, indem sie unter allen Umständen der Öffentlichkeit fremd bleiben will.« Die Kosten, auch für den allmählichen Ankauf der Bibliothek, wurden durch mäßige Geldbeiträge gedeckt, und das nach der Vorlesung und Besprechung bereite Mahl beanspruchte nur, seltene Feste ausgenommen ? wobei das strenge Gesetz ohne Einfluß war ? einen sehr geringen Aufwand. Die Geschäfte besorgten einige Mitglieder, die Verhandlungen über das[471] Vorgetragene wurden aufgezeichnet, soweit sie als urteilendes Ergebnis zu betrachten waren. ? Bald weitete sich der Inhalt der Vorlesungen allseitig, und nichts, was sich in angenehmer Form bot, von welchem Standpunkt es kam, wurde vermieden. Die Kenntnis der mannigfachsten Richtungen in der Literatur machte sich immer bestimmter zum Zweck. Bei umfänglichen Werken gaben die Vorleser oft erst eine, zuweilen sehr mühsame Übersicht des Ganzen und bekräftigten ihre Meinung mit dem Vortrag des Wesentlichsten. Wie gemeinsam die Neigung zum Gemeinsamen im Bereich des Wahren und Schönen sich äußerte, bezeugt sinnig das von Chamisso der Gesellschaft geweihte Festlied: »Herein!« (Gedichte, zweite Auflage, S. 218), worin der Tragiker, Komiker, Mimiker, Lyriker, Musiker, Maler, Übersetzer und ? Leser Einladungen empfangen. Man wollte eben auf den verschiedenen Wegen des Kunstgeistigen vertrauter werden, dabei unbefangen alle Parteien vernehmen, wie dies hervorgehoben ist in einem, für das Stiftungsfest des Vereins bestimmten Liede Eichendorffs, das mit dem Verse schließt: »Frische Fahrt dann, nah und fern, Allen mut'gen Seglern, Die getreu dem rechten Stern, Schleglern oder Heglern.« Wie man sich dabei die erheiternde Geselligkeit dachte und wünschte, das möge bezeichnend werden aus wenigen Zeilen eines, »Leben und Lebenlassen« überschriebenen Liedes für den Verein von Karl Schall: »Wir wissen ja nicht nur zu wissen, Nein auch zu leben wissen wir; Wie wir uns wissensernst beflissen,[472] Nur lebenslustig sind wir hier: Das Utile treibt man daheim, Hier ist das Dulce Bundesleim.« ? Wodurch erregte denn aber ein so harmloser Verein den galligen Geifer Böswilliger? wird man fragen, und ein Rückblick auf die Vergangenheit erklärt dies leicht. In der ersten Zeit des Bestehens der Gesellschaft hatte unsre Literatur die unersprießlichen, oft die Grenzen des Anstandes überschreitenden Kämpfe gegen Goethe, und in jenem Kreise gab man dem geliebten Dichter, damals schon seinem achtzigsten Jahre nah, freundliche Zeichen der Ächtung und Teilnahme. Die Mißhandlungen, die Goethe in Büchern und Zeitschriften erdulden mußte, und sie erduldete ohne Entgegnung, waren mitunter von so abscheulicher Niedrigkeit, daß jeder Ehrenhafte sich empört fühlen mußte, und in dieser Stimmung hatte eine Gesellschaft, die vermöge ihres Grundgesetzes nicht öffentlich wirken konnte noch wollte, gegen so widerwärtige Schmähung keinen andern Ausdruck als den erwählten: nämlich innerhalb ihres Zwecks dem Tiefgekränkten die ihm gebührende Verehrung zu bezeugen. Dies geschah durch die, dem Stiftungsfest beigesellte Feier seines Geburtstages, zuerst 1825, und da herrschte, wie überhaupt bei den seltenen, auch den Frauen und Töchtern gegönnten Festen, freie Unterhaltung. Im nächsten Jahre (1826) kam man auf den Gedanken, den Mitgliedern für das beste bezügliche Gedicht als Preis einen Ring mit dem Bildnis Goethes zu bestimmen, und Zelter, der nicht Mitglied war, wurde Prüfungsrichter. Von zwölf Einsendern gewann Houwald den Preis. Auch in den folgenden Jahren feierte die Gesellschaft Goethes Geburtstag, und dies war es, was[473] ihr alle Anfälle jener Parteien zuzog; vergebens sucht man einen andern Anlaß, wenn sich nicht etwa die durch Stimmenmehrheit erfolgte Nichtaufnahme eines oder des andern sich um Mitgliedschaft Bewerbenden einmischte, was nicht zu beweisen ist. In Rede kam fast durchgängig nur der erwähnte Anlaß, der zu den sinnlosesten Beschuldigungen ausgebeutet war, um so gereizter, als Goethe selbst sich der Gesellschaft wohlwollend und ratend zuwandte, was natürlich ist. Er war damals erfüllt von dem gläubigen Gedanken einer das Menschentum überall fördernden »Weltliteratur« und suchte dazu Mitwirkung. »Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit und jeder muß dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen«, so äußerte er sich (1827) in einem Gespräch mit Eckermann, weiter darauf eingehend. Diese Ansicht erläuterte er auch, wenn Mitglieder der Gesellschaft ihn besuchten, und so verstärkte er den Antrieb, daß diese ihre Lesungen und Besprechungen auf die auswärtige Literatur umfassender ausdehnte, wozu Goethe Leitung gab in folgendem, als Antwort auf ein Glückwunschschreiben zu seinem achtzigsten Geburtstage dem Verein zugeschickten Schreiben an Hitzig: »Geneigtest zu gedenken. Wenn eine Gesellschaft deutscher Männer sich zusammen begab, um besonders von deutscher Poesie Kenntniß zu nehmen, so war dies auf alle Weise zulässig und höchst wünschenswerth, indem diese Personen sämmtlich, als gebildete Männer, von dem übrigen deutschen Literatur- und Staatswesen im Allgemeinen und Besondern unterrichtet, sich gar wohl die schöne Literatur zur geistreichvergnüglichen Unterhaltung auswählen und bestimmen[474] durften. ? Sage man sich daher, daß die schöne Literatur einer fremden Nation nicht erkannt und empfunden werden kann, ohne daß man den Complex ihres ganzen Zustandes sich zugleich vergegenwärtige. ? Dies geschieht nur zum Theil, indem wir Zeitungen lesen, die uns ausführlich genug von öffentlichen Dingen unterrichten. Dies ist aber nicht hinlänglich, sondern man hat noch hinzuzufügen, was sie in kritischen und referirenden Journalen von sich selbst und von den übrigen Nationen, besonders auch von der deutschen, für Gesinnungen und Meinungen, für Antheil und Aufnahme zu äußern veranlaßt sind. Wollte man, zum Beispiel, sich mit der französischen neuesten Literatur bekannt machen, so müßte man die seit zwei Jahren gehaltenen und im Drucke erschienenen Vorlesungen, als Guizot: Cours de l'histoire moderne; Villemain: Cours de la literature française, und Cousin: Cours de la philosophie kennen lernen. Das Verhältniß, das sie unter sich und zu uns haben, geht hieraus am deutlichsten hervor. Noch lebhafter vielleicht wirken die schneller erscheinenden Blätter und Hefte: Le Globe, La Revue française und das zuletzt erscheinende Tagesblatt: Le Temps. Keins von allen diesen ist zu entbehren, wenn wir das Hin und Wider jener in Frankreich sich balancirenden Bewegungen, aller daraus entspringenden Wogungen vor unserm Geiste lebendig erhalten wollen. ? Die deutsche Poesie bringt, man darf nur die tagtäglichen Produktionen und die beiden neuesten Musenalmanache ansehen, eigentlich nur Ausdrücke, Seufzer und Interjectionen wohldenkender Individuen. Jeder Einzelne tritt auf nach seinem Naturell und seiner Bildung; kaum irgend etwas geht ins Allgemeine, Höhere, am wenigsten merkt man einen[475] häuslichen, städtischen, kaum einen ländlichen Zustand; von dem, was Staat und Kirche betrifft, ist gar nichts zu merken. Dies wollen wir nicht tadeln, sondern gelten lassen für das, was es ist. Ich spreche es nur deshalb aus, um zu sagen: daß die französische Poesie, so wie die französische Literatur sich nicht einen Augenblick von Leben und Leidenschaft der ganzen Nationalität abtrennt, in der neuesten Zeit natürlich immer als Opposition erscheint und alles Talent aufbietet, sich geltend zu machen, um den Gegentheil niederzudrücken, welcher dann freilich, da ihm die Gewalt verliehen ist, nicht nöthig hat, geistreich zu seyn. ? Folgen wir aber diesen lebhaften Bekenntnissen, so sehen wir tief in ihre Zustände hinein, und aus der Art, wie sie von uns denken, mehr oder weniger günstig, lernen wir uns zugleich beurtheilen, und es kann gar nicht schaden, wenn man uns einmal über uns selbst denken macht. ? Darf ich aufrichtig reden, so wird hierdurch ein größerer Vortheil erzielt, als wenn wir uns mit ausländischen Dichtern in Correspondenz setzen wollten. Die besten bleiben immer in ihrem Kreis beschränkte Individuen, welche in solchem Falle gar nichts thun könnten, als schönstens zu danken, wenn man ihre Sachen gut findet. Setzte man daran aus, so ist das Verhältniß sogleich aufgehoben. Befolgt man aber jenen vorgeschlagenen Gang, so wird man sehr schnell von Allem, was öffentlich wird und der Oeffentlichkeit sich nähert, vollkommen unterrichtet. Bei dem jetzigen schnellwirkenden Buchhandel bezieht man ein jedes Werk sehr eilig, anstatt daß der Autor, wie ich oft erfahre, eine solche Gabe erst durch Gelegenheit schickt und ich das Buch lange schon gelesen habe, wenn ich es erhalte. ? Aus allem dem ist ersichtlich, daß es keine geringe Aufgabe[476] ist, eine solche Literatur der neuesten Zeit zu durchdringen. Ueber die Englische, wie über die Italienische, müßte man wieder besonders reden: denn das sind wieder ganz andere Verhältnisse. ? Doch ich schließe hier, damit Gegenwärtiges nicht länger zurückbleibe, erbiete mich, auch in der Folge über die Hülfsmittel mich bescheidentlich zu äußern, danke zum allerschönsten für die liebenswürdige Beachtung meines Andenkens und für jenes Schreiben, gezeichnet mit so vielen werthen Namen. Geben Sie mir manchmal Nachricht von dem Fortwalten Ihrer Bemühungen. Empfehlen Sie mich Hrn. Geh. Rath Streckfuß und der übrigen Gesellschaft zum angelegentlichsten. Weimar, den 11. November 1829. Treu angehörig J.W. Goethe.« Zu dem erweiterten Willen, von den neuesten geistigen Erzeugnissen der Fremde möglichst schnelle und genaue Kenntnis zu nehmen, den steten Entwicklungsgang der bildenden Künste auch bei andern Völkern sich klar zu machen, hatte die Gesellschaft für die wichtigsten europäischen Sprachen besondere Berichterstatter, welche in lebhaftem Verkehr mit dem Auslande ihnen rasch zugesandte Werke desselben im ganzen lasen, Vortrag darüber hielten und zum Schluß das Bemerkenswerteste vortrugen. Dies geschah bei den bekannteren Sprachen aus dem Original, bei anderen, z.B. dem Spanischen und Russischen, in der Übersetzung, die meist der Vortragende selbst übernahm. Neben dem Deutschen, was immer Vorzugsrichtung blieb, ist Spanisches und Portugiesisches, Englisches, Französisches und Italienisches, Russisches und Serbisches in bunter Abwechslung vorgekommen.[477] Dem allen bezeugte Goethe eifrige Aufmerksamkeit, widmete (1830) »in öffentlichem Ausdruck dankbaren Anteils« der Gesellschaft die seinerseits noch mit einer Einleitung begleitete Übertragung von »Thomas Carlyle Leben Schillers«, wie denn auch Professor Wolf in Jena der Gesellschaft ein Werk zueignete. Bis in das Jahr 1831 wurde Goethes Geburtstag ? zuletzt sein dreiundachtzigster ? gefeiert, trotz des damals in Aussicht stehenden Krieges und der heranziehenden, von Furcht und Schrecken begünstigten Cholera. In einer Ansprache für diesen Tag heißt es: »Mochte es darum geschehen, unsern Landsleuten in Südwesten, die uns so gern der ?Goethemanie? zeihen, zu beweisen, daß ein drohender Krieg und eine nahende Pest uns ebensowenig als ihre Verketzerung von einer Verehrung abzubringen vermocht, die wir als Pflicht jedes Deutschen anerkennen, der noch Sinn hat für das Höchste, was aus seinem Vaterlande hervorging. Freilich, Verehrern des neuen ?Völkerfrühlings?, um uns des seit Juli 1830 geläufigen Worts zu bedienen, kann eine so positive Größe so wenig behagen als denen, die aus entgegengesetztem Standpunkt die Ehren des Dichters als Beeinträchtigung ihres Regals ansehen. Und doch wird Goethe sie alle überdauern, er wird ein Symbolum dessen sein, was der deutsche Geist in seiner schönsten Blüte, in seiner vollen Macht hervorzubringen vermochte, glänzend und fest, wenn längst das stolze alte Gebäude der Regale in Trümmern liegt, und das wunderliche Gemisch von negierenden Begriffen, was sie heut als Volksnot und Volkstrost ausgeben möchten, in seiner trost- und farblosen Nichtigkeit vergessen ist!« ? So wird es sein, und in dieser Überzeugung feierte die[478] Gesellschaft noch den 28. August 1832 als Erinnerungsweihe, nachdem der Unvergeßliche am 22. März desselben Jahres in dem Aufruf: »Mehr Licht!« seinen letzten Atemzug ausgehaucht hatte. Stehe hier ein Vers des Liedes, das Wilhelm Neumann für jenen Erinnerungstag dichtete: »Ein schmerzlich Fest! Doch haben ja die Alten, Die Großen, Schönen, die Ihm nah nun sind, Bei ihrer Helden Tod es so gehalten, Weil einen Halbgott der Olymp gewinnt, Wenn hier ein Held erliegt des Tod's Gewalten. So laßt denn immer, weil die Träne rinnt, In Wehmut lächelnd Euern Ton erheben; Ihr wißt's und Schiller sprachs: Die Toten leben!« Mag nun noch im Jahr 1858 das Geschwätz von »Goethemanie« in der Öffentlichkeit durch einen Vergessenen wieder aufgetaucht sein, mir hat es ein beseligt Empfinden bewahrt, daß Goethe in seinen letzten sechs Lebensjahren erfreut wurde durch Zeichen liebevoller Zuneigung, und er empfing sie um so tröstender und dankbarer, weil sie aus einem Kreise kamen, in welchem sich Männer befanden, die, ohne sich mit ihm messen zu wollen, nicht ohne Geltung waren und sein werden. ? Daß die Gesellschaft ihr eigenes, selbst geschaffenes und nicht wertloses »Liederbüchlein« hatte, ist aus dieser Darstellung ersichtlich; ? bedeutsam ist aber auch das mir verbliebene »Buch der Gäste«, die ihre Namen mit eigener Hand einzuschreiben hatten. Da fehlt fast kein in der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts geschätzter Name, und mancher ist mehrmals zu finden. Auch Engländer und Franzosen bewarben sich um Aufnahme oder Gastbesuch, waren teilnehmende Zuhörer, wenn berichtend geurteilt wurde über das geistige Streben und Weben[479] in den verschiedenen Bereichen der deutschen Heimat wie der Fremde. Friedlich hatte der Verein beinahe vierjährigen Zusammenhalt, da erzeugte selbstsüchtige Wandelbarkeit im Juli 1828 sehr unnützlichen Hader. Damals war Moritz Saphir, der seinen auf Wasser bezüglichen Namen Moses in den eines Edelsteins verwandelte, durch seine, mit grenzenloser Verleumdung und käuflicher Anhetzerei betriebene Witzjagd als Tagesschriftsteller dem Lesepöbel Berlins ebenso willkommen als den Gebildeten widerlich. Gegen den Schamlosen entstanden Schriftkämpfe, und einer der von ihm mißhandelten Vereinsgenossen wollte seine Gegenrede in der »Mittwochs-Gesellschaft« vorlesen, was nach dem Grundgesetz nicht geschehen durfte. Das noch jugendliche Mitglied benahm sich heftig und sagte nebenbei: »Das ist ein gewaltherrisches Verbot; wenn ich nicht zuweilen auch etwas von mir selbst vortragen darf, dann geh' ich ab!« wonach der Vorsitzende antwortete: »Die Verlegenheit ist groß; denn sehen Sie, wenn hier etwas von Ihnen gelesen wird, dann gehen die andern ab.« ? Dies war ? in Hinsicht auf das Gesetz ? nicht so böse gemeint als es klingt; der Erfolg aber ein solcher, um ein kurzes Gespräch im Heimgange rechtfertigen zu können. Einer sagte: »Wer den heutigen Lärm mit angehört hat, der wird wenigstens nicht der Verleumdung Saphirs beistimmen, daß wir uns gegenseitig lobhudeln, denn es kam sogar mitunter eine kleine Grobheit vor!« und dies wurde bestritten mit dem Ausruf: »Ei, nach Saphirschem Maßstabe ist eine kleine Grobheit schon Lobhudelei!« ? Dieser Hinweis auf das Beurteilen jenes Schmähwitzlers wird einleiten, was weiterhin über[480] meinen Verwickelungszwist mit ihm berührt worden ist. ? Der durch jenen Vereinsgenossen veranlaßte Streit wirkte verschieden. Ein geringer Teil der Mitglieder, fürchtend, daß sich ähnliches veröftern könnte, zog sich zurück; dem Querkopf folgte ein anderer Teil, der behauptete: er sei die eigentliche »Literarische Mittwochs-Gesellschaft«, und nun übermütig deren Eigentum an Bibliothek, Briefwechsel und Barem beanspruchte, im Fall des Verweigerns auch mit Prozeß drohte; eine Mehrheit, zu der die bedeutendsten Männer gehörten, hielt sich aber in Eintracht. Auf beiden Seiten standen tüchtige Rechts- und Unrechtskundige, es wurde jedoch durch den Sieg des Beruhigens von den Altvereinten beschlossen, in allem nachgiebig zu sein, und für sich den Verein mit denselben Gesetzen bestehen zu lassen. Dieser Beschluß nebst seiner vollständigen Opferwilligkeit griff aber so tätig ein, daß die Abtrünnigen sich bekehrten, dann im Anfange des Jahres 1829 die Gesellschaft mit ihrem Eigentum wieder beisammen war. Niemals störte sich diese Einigung in den folgenden siebenundzwanzig Jahren, der Tod verengte indes allmählich den Kreis, und weil Hitzig langwierige Krankheit erlitt, bis es auch mit ihm an das Hinscheiden kam, wechselten seine Stellvertreter, bevor ich im Jahre 1847 zum Vorsteher gewählt war. ? Die einst bis zu neunzig sich mehrenden Mitglieder hatten sich bis zu einundzwanzig vermindert; es wurde nun überlegt: ob man neue Mitglieder aufnehmen wolle; die wenigen waren aber fast sämtlich Greise und sahen ein, daß jüngere sich schwerlich mit ihnen zu gleichem vereinen würden in einer Zeit, die besonders seit 1830 alles in Zwiespalt trieb.[481] So hatte man immer darauf hinzuweisen, was schon in einer Festrede aus dem Jahre 1841 geäußert war: »Der große Riß durch die politische Welt ist leider auch einer durch die geistige geworden. Die jüngern Strebenden stehen schroff getrennt von den älteren. Welcher Baumeister entwirft einen Riß, um über den andern Riß eine Brücke zu bauen! Wir alle fühlen, daß frisches Blut uns wohl täte, die Aufgabe der Poesie ist es ja, die zerstreuten Glieder zu einem wohlgefügten Ganzen zu verbinden. Hoffen wir, daß eine heitere Sonne über die Zerrissenheit aufgeht, und da positive Blüten treibe, wo wir nur Verneinung erblicken.« ? Diese Hoffnung hat sich bisher nicht besonders auffällig bewahrheitet, und so möge künftig ein Verein, ähnlich dem der »Literarischen Gesellschaft«, im Zeitwesen mindere Zerrissenheit und Verneinung finden und ? auch wenn einmal verschiedene Ansichten sich entgegenstehen, was nirgends zu vermeiden ist ? zweiunddreißig Jahre hindurch Eintracht erhalten bis zum Hinscheiden fast aller, die von der Gründung an zuletzt noch treu beisammen blieben. Im Besitz des vollständigen schriftlichen Nachlasses der Gesellschaft könnte ich aus den Verhandlungen noch mancherlei gesamtanwendliche Äußerungen ausgezeichneter Männer einweben; dies würde aber zu weitläufig eindringen für mein Selbsterlebtes, weshalb ich gelegentlich nur der Begegnisse mit denen gedenke, die sich mir näher noch befreundeten. Bei meiner Übernahme des Vorsteheramts wurde festgestellt, das Ersparte der Gesellschaft ? dreihundert Taler in Staatsschuldscheinen ? für stets freies Mahl zu verbrauchen, und mit noch hundert Talern für die,[482] später durch Meistgebot von mir gekaufte Bibliothek hat sich dies in heiterer Weise vom Jahre 1847 bis 1856 durchführen lassen. Am 31. März 1856 vermittelte sich die Entscheidung, den Verein, von dessen Mitgliedern nur noch sechs lebten, in der Art zu beenden, daß man sich am Stiftungstage geistig und gesellig begrüßen wolle, was nur dreimal mit Schmerzen geschah, denn die geringe Zahl war schon wieder gemindert. ? Als ich dies schrieb, lebte neben mir nur noch einer, der gern mit mir zurückschaute in eine Gesellschaft, die niemand befeindete, und doch so oft befeindet wurde von Leuten, die, ohne jemals auch nur gastlich selbst beobachtet zu haben, ihre Wahngerüchte in die Öffentlichkeit trieben, und sie durch Wiederholungen glaubhaft machen wollten. Von den vielen Gästen der »Mittwochsgesellschaft« sind mir besonders Matthisson und Schlegel im Gedächtnis nach verschiedenem Eindruck. ? Am 29. Juni 1827 war Friedrich Matthisson Gast und wurde an diesem Tage ihr Ehrenmitglied. Ein paar Jahre früher hatte ich ihn schon in meinem Arbeitsstübchen gesehen und fand ihn wenig verändert in der Erscheinung, die infolge seiner Lebensverwickelung etwas von altfranzösisch höfischem Anstrich offenbarte; im Sprachausdruck des Behabens war er aber gemütlich und biederherzig. ? Jenes Zierlichgemessene in der Haltung mag bei mir etwas hinderlich gewesen sein an Zunahme der Vertraulichkeit; denn daß ich auch aus meiner Jugendzeit für Matthissons Dichtungsgemälde aus der Gefühlswelt dauernde Hinneigung bewahrte, wird mir noch als Greis erwärmend in Erinnerung an das »alte Bergschloß« und den »Genfer See«, an »Adelaide«, und »Laura betet«.[483] An jenem Abend im Juni 1827 war die Gesellschaft zuerst unter dem Laubdache langer Baumreihen im sogenannten »Schulgarten«, ? dessen Boden jetzt Häuser bedecken ? und ein Nachhall schwärmerischer Innigkeit durchflüsterte die Traumeskränze entschwundener Tage. Dann wurde im Saale der damals beinah schon siebzigjährige Matthisson von mehreren dichterisch begrüßt, zuerst durch ein Lied von Holtei, das mit der Hindeutung schließt: »Einst, o Wunder! wird aus deinem Grabe Eine Blume treu und blau erblüh'n; ? Mag den Jüngling, wie den Greis am Stabe, Gleiche düst're Grabesnacht umzieh'n, Dir bleibt doch, als stetes Selbstvermächtnis, Wo man nur die deutsche Sprache spricht, Deiner Lieder ewiges Gedächtnis, Und die Blume heißt: Vergißmeinnicht.« Wo wäre im Volke dies Vergißmeinnicht für Matthisson noch unverwelkt? Ein Gesamtgefühl ist jetzt nach keiner Seite hin erkenntlich, am wenigsten für das Gemütsleben. Mir aber soll dadurch die Herzensfreude an dem Schönen in Matthissons Gedichten ? ohne deren Überschätzung ? unverkümmert sein. Entfernter von Zuneigung blieb mir August Wilhelm Schlegel, der bereits bis zum sechzigsten Lebensjahr zählte, als er am 14. Mai 1827 zuerst Gast der »Mittwochsgesellschaft« war. Mit seinem ganzen Außenwesen nahm er aber Jugend in Anspruch, den er sich so fest eingewurzelt hatte, daß er manche Spötterei über diese mißglückte Altersverhüllung für Bewunderung hielt. ? Durch Putzerei mit vielen Orden, mit Ringen an beiden Händen, in allem geschniegelt und gebügelt,[484] in stolzer Vornehmheit gebrüstet wie eine eitle Schöne, sah er gleichsam aus, als betrachte er es für einen Fehlgriff der Schöpfung, daß er nicht ein reizendes Weib geworden sei. Gelehrsamkeit und nachhaltige Einwirkung auf Mannigfaches in Wissenschaft und Kunst sichern ihm Andenkenswert; im persönlichen Umgange schadete er sich aber sehr durch mehrseitige, nicht selten lästerlüsterne Anmaßlichkeit, so daß ? zum Beispiel ? Ernst Moritz Arndt ihn begabte mit einem Beinamen, den ich nicht erneuern mag. Bekanntlich hielt Schlegel damals (1827) in Berlin Vorlesungen über die schönen Künste, auch ich war Zuhörer. Deren Mehrheit vertiefte sich in Langeweile, besonders anfangs, indem begreiflich die Grundlage des Bezweckten vor einer Mischversammlung der Ausdehnung bedurfte; »Ton« und »Mode« halfen zur Sitzhaftigkeit bei dem Genuß, der vielen nicht hinlänglich spaßhaft eingesäftigt, schließlich aber meist unverstanden belobt wurde. ? In jenen Vorlesungen hatte Schlegel das schon vor ihm Gedachte und Entwickelte mit dem ihm Eigentümlichen vermehrt, und er sprach vor diesem gemengten Zuhörerkreise, als geschehe es nur in gnädiger Herablassung. Auch Witzeleien webten sich ein, eben so fade Ausfälle, wie wir sie kennen durch Schlegels »Epigramme«, denen zum Teil auch dann noch, wenn etwa der Anlaß von dem Angegriffenen herstammt, die Rechtfertigung fehlt, weil unter allen Umständen geistlose Grobheit nur den entwürdigt, der sie sich erlaubt. Deshalb werde auch verurteilt, was Arndt wider die bezüglichen Epigramme drucken ließ: obwohl dabei die sittliche Entrüstung anzuerkennen ist. ?[485] Im Jahre 1841 sah ich bei der scharfsinnigen Schauspielerin Charlotte von Hagn zum letztenmal den vorzugsweise von seiner Schätzung redselig erfüllten Schlegel, und neben ihm war nur ich Gast. Sichtlich hinfälliger geworden, wollte er der schönen Künstlerin gegenüber sogar bemühsamer noch als früher das Jugendliche sich anverleiben, was natürlich nur auffallender mißglückte. Er unterhielt uns vorherrschend mit seinen Stachelreimen, die ihm treu im Gedächtnis waren; echten Witz nachzuliefern vergaß er freilich, steigerte aber sein Entzücken über die zuweilen doppeldeutigen Schmeicheleien der schalkhaften Wirtin. Wie meisterhaft August Wilhelm Schlegel fremde Sprachen in Deutsches zu übertragen wußte, das hat er unvergeßlich erwiesen; wenn er aber sich selber aus dem Alter in die Jugend übertragen wollte, dann verlor er alle Grenze und zeigte sich kindisch. Am mit Geistesberuf ausgestatteten Manne wird ein solches Buhlen um Trugschein verletzender als bei jedem, der im gesamten Geck ist; solch Törichtes bemänteln zu wollen an August Wilhelm Schlegel, dies würde zum Unrecht in Betracht seiner argen Mißbandlung anderer, und gerechterweise soll ihm übrigens die Verehrung, wo sie hingehört, nirgends gemindert sein. Von den uns durch die »Mittwochsgesellschaft« Befreundeten hat sich, nächst Raupach, dem ich eine umständliche Schilderung zu widmen habe, vorzüglich der in Wissenschaft und Dichtung heimische, durch schwer belastende Schicksale aus ehrenwertem Franzosen zum ehrenwerten Deutschen gewordene Adalbert von Chamisso in meinem Andenken befestigt. Nach mehr als dreißig Jahren seines Scheidens von der irdischen[486] Schöpfung empfinde ich es noch innigst tief, daß er mir mit Herz und Seele zugetan war. Wir lebten im Du und Du, wobei ich bemerke, daß die sogenannte Duzbrüderschaft meinerseits gern vermieden wurde, obwohl mir im Sprachgebrach die altdeutsche vom Du geleitete Ausdrucksart, die sich im Gebet, bei den Dichtern und in bürgerlicher Häuslichkeit uns bewahrt hat, zusagender wäre als die aus der Fremde geholte Höflichkeitsmehrheit. Mit Chamisso kam mir das Du von ihm, nachdem jener Verein im Jahre 1827 für das beste Gesellschaftslied eine goldene Feder zum Preise bestimmt hatte. Durch sein Gedicht »Herein!« gewann ihn Chamisso, und mir wurde für meinen Beitrag: Die literarischen zehn Gebote das »Akzessit« ? eine Flasche Champagner ? zuerkannt. Raupach war Gegner dieser Entscheidung, erklärte das »Herein!« mehr für das Sprechen als Singen geeignet, und wollte den Preis mir zugeteilt wissen, wonach ich in Lustigkeit stegreifte: »Ob ihr's nicht singen könnt, Gewiß hat jeder Die gold'ne Feder Dem Chamisso gegönnt!« Da eilte er ? ein gefülltes Glas in der Hand ? zu mir herbei mit dem Ausruf: »Dich hab' ich schon lange mit du anreden wollen, heut frag ich: willst du?« Schnell war es abgemacht, und ringsum mit meinem Champagner bekräftigt, so daß ich dem »Akzessit« noch ein paar Flaschen anzureihen hatte. ? Chamissos Gedicht ist in seiner Sammlung, in meiner das von mir zu finden, hier sind sie weggelassen, da nur zu berichten war, welche Gelegenheit uns verbrüderte. Von jenem Abend an waren wir oft beisammen,[487] zumeist wenn ich ihn, wie er es wünschte, des Morgens, ehe mich mein Tagewerk festhielt, begleitete. Er mußte nach dem eine halbe Meile entfernten Dorfe Schöneberg, dort in der »Königlichen Heumanufaktur«, wie er das Gebäude zur Bewahrung der Pflanzensammlungen für die Akademie der Wissenschaften nannte, die lehrsame Ordnungseinteilung zu begründen. Wir vermieden die Fahrstraße, wählten die schmalen Feldpfade, die sich damals bis dicht an jenes Dorf dehnten; da habe ich sein kindliches Wesen, vereint mit mannhafter Gesinnung, eindringlich empfunden und erkannt, nebenher auch meine geringe Kräuterkunde in etwas erweitert. Mit den Strömungen des Zeitsinnes war Chamisso nicht einverstanden, meinte, man begünstige allseitig irrig Aufregendes; in die Zukunft schaute er mit inniger Betrübnis, und bei seinem Betracht und Entwickeln der Lebensverhältnisse kam seine Glaubenskraft oft erschütternd zu Wort. Noch sehe ich ihn deutlich vor mir, wenn solche Augenblicke alles in ihm anstrafften, sehe besonders ausdrucksvoll seine hohe Gestalt, als er mir eines Morgens am Dorfeingange die Hand zum Abschied bot, und dabei tiefbewegt zum Schluß unseres Gesprächs ausrief: »Mehr und mehr verleugnen die gewaltigen Erdherren die Seelenzwecke der Menschheit, ihnen fehlt Gott; sie nennen ihn oft, kennen ihn aber nicht, trotzen auf ihr Betgeplärr und bilden verwegen sich ein, Gott werde ihnen die Völker immerdar als Gaukelpuppen an ihre Ziehfäden geben.« Da wir jahrelang uns fast durchweg allwöchentlich wenigstens einmal sahen, besitze ich von ihm nichts als kurze Zuschriften, denen ich nur solche Zeilen entnehme, die unsere Vertraulichkeit bezeugen.[488] Durch seinen sehr angreifenden Husten erkrankte Chamisso in bedenklicher Steigerung seit 1831, während dessen Zeitraum er schon nach irgendeiner Herzenseröffnung mehreren Briefchen den Seufzer einschob: »Mög' es Dir besser ergehen als Deinem alten Freunde!« Von Zeit zu Zeit stärkten sich die Kräfte wieder, er beschäftigte sich dann mit der Herausgabe seiner Schriften, und am 27. April 1836 schrieb er mir zu der bezeichneten Beilage: »Hier, mein teurer Freund, ein Exemplar von meinen unsterblichen Werken, damit Du sie immer bei der Hand haben magst. ? Ignosco! Ich habe immer nicht geglaubt, daß man dem Inhaber einer Buchhandlung ein Buch schenken kann!« Im Dezember desselben Jahres empfing ich die Mahnung: »Bist untreu, Gubitz, oder tot, Wielange willst Du säumen? Du bist von denjenigen nicht, die, wo sie nicht sind, nicht fehlen; Dein Ausbleiben am Montag wird immer betrauert«, und als Nachschrift hat er gereimt: »Nicht nur für den Gesellschafter schreiben, Uns treulich auch Gesellschafter bleiben: Kerb dies in Dein Buxbaum ein!« Der Endreim bezieht sich auf den Holzschnitt; neben diesem nahm aber damals nicht nur der »Gesellschafter« meine Zeit in Anspruch, auch mein »Volkskalender«, der seit 1835 entstanden war. Dies Mannigfache verwehrte mir oft die Teilnahme an der montaglich gewordenen »Mittwochsgesellschaft«.[489] Hatten wir zu unserm Frühgange einen himmelslichten Tag, dann mischten sich bei Chamisso in der Daseinslust Jugend und Alter, er glich getreu seiner Selbstschilderung: »Die Sonne bescheinet die blumige Au', Der Wind beweget das Laub; Wie sind mir geworden die Locken so grau? Das ist doch ein garstiger Staub. Es bauen die Nester und singen sich ein Die zierlichen Vögel so gut, Und ist es nicht Staub, ei, was könnt' es denn sein? Mir ist wie den Vögeln zumut!« Düstere Stimmung war dann völlig überwunden von seiner Dankbarkeit für den allschöpferischen Allvater, eine Dankbarkeit, die auch in der Betrübnis über Mißhandlung des Menschentums durch mancherlei Zustände stets obenauf mächtig vorwaltete und meine Erinnerung an Chamisso läßt mich an ewiges Gefühl glauben. ? Gott waltet und wird sich erleuchtend bewähren! ? Gleicher Glaube spricht aus mir, lenkt sich mein innerer Blick auf Raupach, mit dem ich meist in Einigkeit, zuweilen aber auch im Widerstande lebte, jedoch unter allen Umständen den Mann von achtbarer Eigentümlichkeit erkannte und demnach ihm vertraulich blieb. Als Raupach starb (am 18. März 1852) waren uns im persönlichen Umgange achtundzwanzig Jahre entschwunden, und ein freundschaftliches Verhältnis entstand bald nach dem ersten Zusammenkommen, das ich dem »Gesellschafter« verdanke durch ein paar, von Raupach in Petersburg gelesene Bemerkungen über seine »Fürsten Chawansky« und »Erdennacht«. Jenes Trauerspiel[490] war sein erstes Werk auf der Berliner Bühne, doch hatte man es in andern Städten schon früher benutzt. Die in Tagesblättern mir vorliegenden Äußerungen veranlaßten mich, nach der Berliner Darstellung meinem Bericht folgendes einzuschalten: Als besagtes Stück gedruckt war und gelesen wurde, erklärte männiglich die Neuigkeit für etwas Außerordentliches, und nun, nachdem sie aufgeführt ist, soll sie nichts sein. In diesem Dichter regt sich aber etwas, und eben weil so mancher Auswuchs sich zeigt, so manches Überspannte uns entgegentritt, dürften wir eher Hoffnung fassen, daß in späteren Werken uns eine mehr gediegene Eigentümlichkeit klar werde, als wenn in wohl geschniegelter Form eine pretiöse Hohlheit daher tönte. Möge der scheel Angesehene ruhig fortarbeiten und sich dabei freuen, wenn er den gemeinten Berichterstattern zugleich einigen Erwerb verschafft durch Schmähungen, die der Preßbengel in alle Welt spedieren muß. (»Gesellschafter« 1820. B. 87.) Im Januar 1822 reiste Raupach, nach achtzehnjährigem Aufenthalt in Rußland, wo er nie seine deutschkernige Gesinnung verleugnet hatte, nach Italien. Von dort zurückgekehrt, sah er sich nach einem festen Wohnsitz um und seine Gedanken zogen ihn nach Weimar; er verweilte dort, gewann aber die Überzeugung, dies sei nicht die rechte Heimat für seine beabsichtigte Tätigkeit und wandte sich im Jahr 1824 nach Berlin. Eines Tages trat in mein Arbeitsummer ein sehr schlicht gekleideter Mann mit der Anrede: »Sie haben mich in Deutschland haben wollen, da bin ich; mein Name ist Raupach.« Aus meiner Überraschung jubelte sich ein herzlicher Willkommensgruß hervor, was die[491] Bedachtsamkeit seines Benehmens nicht im geringsten veränderte. Er setzte sich, befragte mich über mancherlei Zustände und Verhältnisse; ich erklärte sie ihm, so weit ich es vermochte, er hörte zu ohne viel Zwischenrede, erhob sich dann, reichte mir die Hand und sagte: »Wir lernen uns gewiß näher kennen, Adieu!« So ging er seines Weges und war am nächsten Morgen nahe daran, daß er auch zu Berlin gesagt hätte: Adieu! ? Er brachte sein eben vollendetes Lustspiel: »Laßt die Toten ruhen!« in eigener Handschrift, selbst nach dem Theaterbüro. Die Person, zu der man ihn wies, schlug das Heft auf und sagte: »Das ist schlecht geschrieben, ist nicht zu lesen!« ? »Klein ist es geschrieben, aber nicht schlecht; daß man hier klein geschriebene Stücke nicht lesen will, war mir unbekannt, ich empfehle mich ihnen, meine Herren!« Dies entgegnend, nahm Raupach sein Werk unter den Arm und schritt so gemächlich von dannen, wie er gekommen war. ? Seine Handschrift war unzweifelhaft eine deutliche, ja schöne, klein und gedrängt war sie unleugbar auch. Jener Empfang wäre nun nach seinem schroffen Eigenwesen wahrscheinlich die Ursache geworden, ihn niemals wieder in jenem Büro zu sehen, wenn nicht dem Theatersekretär Hofrat Esperstedt einfiel: das könnte Raupach gewesen sein! Esperstedt erkundigte sich eifrigst, ermittelte: Der Geahnte sei in Berlin, eilte zu ihm, enschuldigte das unangenehme Ergebnis, bat um das Manuskript und empfing es. Dies war die Art, wie Raupach den Weg fand zu der Berliner Bühne, für die er von da an wirkte in seltenster Fruchtbarkeit, deshalb auch bald und fortwährend feindlich angegriffen wurde. ? Die Notwendigkeit öffentlicher Beurteilung wird kein[492] Denkender bestreiten, es nistete sich aber hinsichtlich Raupachs allerlei Leidenschaftliches so um sich greifend ein, daß es ihm nicht zu verargen war, wenn er über Kritik keine anmutige Meinung hegte. Er konnte Tadel ertragen, er hörte darauf und wehrte sich, oder aber, was oft genug geschah, er beherzigte ihn, und seine nächsten Freunde wissen, mit welcher Willigkeit er nun änderte. An seinen berührigsten öffentlichen Gegnern war jedoch die aus dem Hintergrunde anstachelnde Absichtlichkeit nicht zu verkennen. Bei den einen gärte die Ansicht, ihre eigenen Erzeugnisse würden verdrängt durch Raupach, der Mitglied des sogenannten, in seiner Wirksamkeit, wie sich nachfolgend andeuten wird, nicht sehr mächtigen »Prüfungs-Lesekomitee« der Berliner Bühne geworden war; bei andern herrschte die Entzückung für teils meisterhaftes, teils verjährtes oder für deutsches Wesen ungeeignete Fremdalte, bei den dritten Vorliebe für französische Bühnengaben. Dort, da und hier zeigte sich Fehlbegriff über die in Wahrheit nicht sehr mächtige Mitstimme Raupachs; Mißwollen, Entzückung und Vorliebe können aber der Einseitigkeit nicht entkommen: sie sind demnach gleich ungerechte Richter und gewöhnlich kaum halb im Recht. Keineswegs will ich leugnen, daß Raupach die Gelegenheit, sich auf der Berliner Bühne geltend zu machen, in weitem Umfange benutzte, will es auch nicht als haltbaren Grund annehmen, daß dieser oder jener Andere unter gleichen Verhältnissen und mit vielleicht nicht gleicher Fähigkeit wahrscheinlich dasselbe getan hätte. Zu bedenken ist jedoch bei Raupach, daß er eine ergiebige Stellung in Rußland verlassen und dort tüchtig vorgearbeitet hatte, um selbständig in Deutschland leben zu[493] können, ohne Dienstlasten, wie es ihm bei dem Mangel an untertänigster Fügsamkeit erforderlich war. Wenn sich auch sein Talent mitunter überbot, seine Ansprüche schritten doch nie darüber hinaus, und man möge sich erinnern, daß sowohl Ludwig Tieck, der sich in bezug auf das neuere Drama viel ausschließende Neigung festhielt, geäußert hat: Raupach verdiene schon deshalb Dank, »weil er der ausländischen Sündflut, welche die deutsche Bühne ganz zu überschwemmen drohte, Einhalt getan hat.« Dies schaffte ihm Raum genug, und daß er dabei Heimischgutes, wenn es nicht von ihm kam, zurückgedrängt habe, ist eine tatsächlich zu widerlegende Beschuldigung. Man darf nur die »Repertoire« der Jahre, in denen Raupach seine günstigsten und meisten Erfolge gewann, den neueren gegenüber prüfen, dann stellt sich heraus, daß neben seinen Dramen mehr Werke deutscher Dichter zur Darstellung kamen als später, ohne dem Klassischen und angeblich Klassischen die Tätigkeit der Bühne entzogen zu sehen. Daß aber Raupach bereit war, was ihm mehr oder minder wert dünkte, der Bretterwelt anzueignen, dazu habe ich zunächst mehr Beweis, auch einen etwas abenteuerlichen. ? Zu dem Inhalt des Jahrbuchs deutscher Bühnenspiele für 1827 (ausgegeben im September 1826) gehört ein kleines Stück: »Die Ehrenschuld«! in demselben Jahrgange ist Raupachs Lustspiel: »Der geraubte Kuß« eingeordnet, infolgedessen ihm ein Freiexemplar gebührte. Als wir uns dann in der »Mittwochsgesellchaft« trafen, sagte er zu mir: »Ich habe in dem ?Jahrbuch? gelesen, mir hat das kleine Drama ?Die Ehrenschuld? gefallen.« ? »Viel ist's nicht«, antwortete ich; »eine flüchtige Arbeit«. Nicht[494] ohne Empfindlichkeit wollte er mir begreiflich machen, ich sei im Irrtum, was mich zwang, ihm die Mängel zu bezeichnen. Er wurde wärmer und endlich mußte ich den Ausfall vernehmen: »So seid Ihr Kritiker, immer schreit Ihr, es fehle an Talent, und wenn es sich irgendwo zeigt, habt Ihr wer weiß wie viel daran auszusetzen. Der Verfasser ist offenbar ein junger Mann, noch unbehilflich, namentlich weiß er den Dialog noch nicht zu koupieren, aber sein Stück ist zu beachten, und ich werde mich bemühen, es hier zur Aufführung zu bringen.« ? »Es wird hier nicht aufgeführt«, bemerkte ich lächelnd, und er entgegnete barsch: »Das wollen wir sehen!« ? Nach etwa einem Monat äußerte er mir mit dem Ton des Siegers: »Nun, die ?Ehrenschuld? ist angenommen!« ? »Wird aber doch nicht gegeben!« erwiderte ich; »denn Sie kennen die Veranlassung, weshalb ich in Aufwallung erklärte, es solle auf der königlichen Bühne kein Stück von mir aufgeführt werden, und die ?Ehrenschuld? ist von mir«. ? »Dennoch finden Sie so viel daran auszusetzen?« fragte Raupach, und ich antwortete: »Das kleine Stück hat alle Fehler, auf die ich hinwies, teilweise vielleicht durch die Art seiner Entstehung. Holtei ordnete bisher das ?Jahrbuch?, und diesmal waren nicht hinlängliche Beiträge vorhanden, so daß ich mich genötigt sah, mein Stoffbuch zu durchblättern und in neun Tagen neben den unabwehrlichen Geschäften das Drama: ?Die Ehrenschuld? und das Lustspiel: ?Allein ist geholfen? zu schreiben. Ich mußte mir natürlich sagen: sind sie hoffentlich nicht ganz zu verwerfen, wirst du doch selber bald Mängel genug daran entdecken, deshalb ließ ich sie ohne meinen und ohne irgend einen Namen drucken.« ? Wir haben[495] uns später dieses augenblicklichen Haders mit Lachen erinnert. Möchte man meinen: Raupach habe eben Unbedeutendes gern vorgeschoben, um seinen Glanz zu erhöhen, so wäre zu wiederholen, was ich über die damaligen Repertoire sagte: wer jedoch verdächtigen will, findet leicht Behelfe. ? Eingeschaltet sei übrigens noch, daß mein »Allen ist geholfen« auf drei Berliner und noch manchen andern Theatern dargestellt wurde; die »Ehrenschuld« hat man auswärts ebenfalls an ein paar Orten sichtbar werden lassen. In Zürich, als dort Charlotte Birch-Pfeiffer Theatervorsteherin war, wurde dies kleine Drama sogar die unschuldige Ursache wilden Lärms. Dort sollte für den in die Handlung verwebten Jesuiten der Schauspieler seine äußere Gestaltung einer Züricher Persönlichkeit nachgebildet haben; darüber wütete eine Sippschaft so arg, daß der Unglückliche, nur mit Schutzmacht vor Mißhandlung bewahrt, in der Nacht heimlich aus der Stadt gebracht werden mußte. Daß Raupach der Kritik abhold war, ist schon gesagt, betrifft aber nur solche, die sich mit dem Gehässigen und Klatschhaften vermischt: denn er selbst war eigentlich durch und durch der Kritik verschwistert. Irrig wäre aber der Glaube, er habe über das hundert- und tausendstimmige Gerede unbekümmert vornehm hinweggesehen. Im Jahre 1825 hatten »Isidor und Olga«, »Kritik und Antikritik«, »Laßt die Toten ruhn« so glänzende Erfolge, wie selten der lebende Bühnendichter sie erreicht. »Die Bekehrten«, 1826 zum erstenmal aufgeführt, wurden kühler aufgenommen, und als mir Raupach bei einem Spaziergange begegnete, war er nachdenklich, sprach mürrisch über Launen der Theaterbesucher.[496] Ich hatte Gelegenheit, ihm zu erwidern, daß die »Bekehrten« mir das gewichtigste seiner bisher gegebenen Lustspiele sei, doch werde das Ideelle darin der Mehrheit nicht so faßlich als die Inhalte der vorangegangenen heiteren Stücke; gefallen habe auch das neue und die Wiederholungen würden hoffentlich die Teilnahme steigern. Raupach wollte nicht recht beistimmen, blieb wortkarg, hatte auch insoweit richtig geurteilt, als jenes Lustspiel nicht viel über die Lauigkeit hinauskam und bald von der Bühne verschwand. Acht Monate nachher wurde das fünfaktige Possenspiel: »Die beiden Nachtwächter« aufgeführt, worin das Ideelle mit der Komik sich sehr bedeckte. Voran schickte Raupach einen Prolog, auch etwas kampfgerüstet durch stachliche Worte wider die Belieben der Menge. Gerügt wurde ihre Unart, mit der sie ein Stück, nach herzlichem Lachen im Theater, hinterdrein verurteile in Herzlosigkeit gegen den Verfasser: »Das stehe nur den heutigen Rezensenten zu«. Die Aufnahme des Possenspiels war keine beifällige, Raupach zog es zurück, mit Verzicht auf Honorar, und mir äußerte er unter anderem: »Ich wollte wissen, ob ich mich auf das Publikum verlassen kann, da meine Neider und Widersacher jetzt schon meinen Charakter verleumden; sie werden dies weiter treiben, und das Publikum ist wandelbar, wird es um so eher sein, wenn ich nicht dessen Gelüst zur Richtschnur nehme«. ? Immer hatte aber Raupach mit den »Hohenstaufen« und andern Schauspielen, neben zuweiligem Mißergebnis, stets wieder die ausgezeichnetsten Erfolge bis zum Jahre 1836. Von da an traute er aber der Stimmung immer weniger; er verhüllte sich bei dem fünfaktigen Schauspiel: »Die Geschwister«, nannte den Verfasser »Leutner«, und das[497] Einreichen hatte sein Freund der Oberregierungsrat Skalley übernommen. Dies Werk gefiel sehr und Raupach konnte sich freuen über einen solchen Sieg, der aber zugleich ihn bestärkte in dem Glauben, die Angriffe gegen ihn seien vorzugsweise persönliche. Obwohl er auch wieder durch Neues mit seinem Namen sich Anerkennung erwarb, ist doch zu berichten, daß er mehr und mehr mißgestimmt wurde über solch ein Bühnenwesen, welches sich durch Oper, Ballet und Prunksucht vom geistigen Einfluß, demnach vom Grundzweck der Schauspiele entfernte. Amazon.de Widgets Im Jahre 1840 erschienen das vieraktige historische Lustspiel »Elisabeth Farnese«, das fünfaktige Trauerspiel »Boris Godunow« und das fünfaktige Possenspiel: »1740, oder die Eroberung von Grüneberg« auf der Bühne; das erste Stück bei ? im günstigen nicht vollauf gerechtfertigter ? das andere bei zweifelhafter, das dritte bei widerwärtiger Aufnahme. Nach der Darstellung von »Boris Godunow« schrieb Raupach seine erste und einzige Antikritik, und schrieb sie ? gegen mich. Nach der Einleitung hatte ich gesagt (»Vossische Zeitung« 1840. Nr. 80): »Das Vorspiel stellt uns den Boris Godunow auf in der Mitschuld an der Ermordung des Dimitri Iwanowitsch und den Begebenheiten, durch die er sich auf den Zarenthron erhob. Die fünf Akte lassen nun die Verwebungen während seiner siebenjährigen Regierung folgen (wobei hauptsächlich der erste falsche Dimitri einwirkt) und enden mit Boris Godunows freiwilligem Tode durch Gift. Wie wir hören, ist dies das erste Stück zu einer Trilogie, welche die damaligen geschichtlichen Stürme Rußlands dramatisch darlegen würde,[498] bis das Haus Romanow den Thron in Besitz nimmt. Durch das Ganze zieht sich ein höherer, nicht ohne Begründung für jene Zeit mit Aberglauben und Mystik verschwisterter Kampf in der Idee: ob des Menschen Geist sein Gott, oder dieser Gott außer ihm vorhanden ist und den Geist des Menschen seiner Macht und seinem Willen unterwirft. Daß mit diesem Thema sich viel Reflexion dem Gange der Begebenheiten einmischt, ist unvermeidlich, und wenn nun Boris Godunow eben dadurch zu passiv wird und beinahe nur Worte und Anordnungen zum Kampf aufstellt, sich selber von der äußeren Tat ausschließt, so schadet dies ebensowohl jener Idee wie der Wirkung auf der Bühne. Gewiß hat Raupach auch hier das Wahre treu gesucht und gesichtet, aber er fand zu lückenhafte Überlieferungen, als daß er nicht notgedrungen der Phantasie und Erfindung ein Feld zu eröffnen hatte, und es mehr noch eröffnen, auch diesem Teil der Trilogie einen festeren Schluß geben konnte, unbeschadet der Fäden, die weiter zu spinnen sind. ? Der zum Helden des Stückes bestimmte Boris Godunow ist eine umfangreiche, um so schwierigere Rolle, als er scheinbar mehr teilnimmt für seine Idee als für die sich schaffenden und umschaffenden Ereignisse; er erbaut sich selbst daran, wie das große Problem sich lösen werde, und wie wir ihm nun keine wahre, ihm absichtslos kommende Empfindung zutrauen, können wir auch nicht für ihn empfinden; seine Schwäche ist sein Schicksal.« Diese Äußerung wurde von Raupach befehdet (»Vossische Zeitung« 1840. Nr. 82) in der »Bemerkung. Wiewohl ich sonst nicht auf Rezensionen zu antworten pflege, will ich mir doch einmal eine Gegenbemerkung[499] erlauben. Es ist seltsam, daß von allen Kritiken, die ich bis jetzt über mein Trauerspiel ?Boris Godunow? gelesen habe, auch nicht eine einzige den Standpunkt aufgefunden hat, von dem aus mein Werk angesehen werden muß, wenn man es verstehen will, ehe man es beurteilt. Mein Stück ist keine sogenannte historische Tragödie (das zeigt schon der Theaterzettel), sondern ein Charaktergemälde in einem historischen Rahmen und mit einigem historischen Beiwerk. Meine Aufgabe war: einen Mann darzustellen, der durch innere und äußere Veranlassungen zu dem Grade geistigen Hochmuts gelangt ist, daß er sich selbst vergötternd den Glauben an eine Weltregierung aufgibt, dann aber durch den ewig rätselhaften Lauf der Dinge gezwungen wird, wenigstens zur Idee derselben zurückzukehren und in dieser Zerwürfnis untergeht. Will mich also ein Rezensent gründlich tadeln, und das will er doch, so muß er mit in der Entwicklung dieser inneren Begebenheiten eine Lücke, eine Widernatürlichkeit oder dergleichen nachweisen. Das hat keiner getan. Frage: Wie kann der böse Zufall, bei einer Beurteilung die Hauptsache zu übersehen, Männern begegnen, die doch imstande sind, über ein ziemlich umfangreiches Werk nach einmaligem Anhören ein kategorisches Urteil zu fällen? Raupach«. Tags darauf (»Vossische Zeitung« 1840. Nr. 83) folgte meine »Abwehr Da ich auf achtungswerte Gegenbemerkungen zu antworten pflege, und annehmen muß, Herr Hofrat Dr. Raupach habe, indem er wider ?alle Kritiken über[500] sein Trauerspiel Boris Godunow? sich erhob, auch mein Referat nicht übersehen, erlaube ich mir folgende Hinweisung«. Raupach sagt: Der Standpunkt sei nicht aufgefunden und setzt hinzu: »Mein Stück ist keine sogenannte ?historische Tragödie? (ich habe sie auch nicht so genannt), sondern ein Charaktergemälde in einem historischen Rahmen und mit einigem historischen Beiwerk.« In meinem Referat heißt es: »Gewiß hat Raupach auch hier das Wahre treu gesucht und gesichtet, aber er fand zu lückenhafte Überlieferungen, als daß er nicht notgedrungen der Phantasie und Erfindung ein Feld zu eröffnen hatte, und es mehr noch eröffnen konnte.« Ist damit etwas anderes gesagt, als: das Historische konnte hier nur ein Rahmen, ein Beiwerk sein? ? Raupach fährt fort: »Meine Aufgabe war: einen Mann darzustellen, der zu dem Grade geistigen Hochmuts gelangt ist, daß er sich selbst vergötternd den Glauben an eine Weltregierung aufgibt, dann aber durch den rätselhaften Lauf der Dinge gezwungen wird, wenigstens zur Idee derselben zurückzukehren und in dieser Zerwürfnis untergeht.« Ich sagte: »Durch das Ganze zieht sich ein höherer, nicht ohne Begründung für jene Zeit mit Aberglauben und Mystik verschwisterter Kampf in der Idee: ob des Menschen Geist sein Gott, oder dieser Gott außer ihm vorhanden ist, und den Geist des Menschen seiner Macht und seinem Willen unterwirft.« Das ist dem Sinne nach dasselbe, was Raupach als seine Aufgabe darlegt. ? Frage: Wie kann der böse Zufall, bei nur verschiedenen Worten nicht gleichen Sinn zu finden, sogar dem begegnen, der kein umfangreiches Werk, sondern nur ein sehr zusammengedrängtes Referat vor sich hatte? ? Wenn ich nun[501] dem Stücke keine sogenannte »Lücke« oder »Widernatürlichkeit« nachwies, so hat doch in seiner Kürze, welche von dem in diesen Blättern dem Theaterartikel zugemessenen Raum bedingt ist, der in Rede stehende einiges, was mindestens zu Raupachs »und dergleichen« gehört. ? Gegen einen unverdienten Vorwurf mußte ich mich rechtfertigen; ich stehe indes einem Manne gegenüber, dessen wahrhafte Verdienste um die deutsche Bühne ich nie verkannt habe, nie verkennen werde, und von einem solchen Manne lasse ich mir schon eine kleine, leicht erklärliche Empfindlichkeit gefallen, darf ich nur überzeugt sein, sie nicht verschuldet zu haben, und bin ? wenn er nichts dawider hat ? nach wie vor sein ergebener Freund und Verehrer F.W. Gubitz. Und wie nahm dies Raupach auf? Er schwieg; bei der nächsten Versammlung der »Mittwochsgesellschaft«, wo wir uns trafen, kam er aber gleich zu mir und gab mir die Hand mit den Worten: »Na, es ist schon gut, Gubitz!« Damit befriedigte sich der kurze Zwist. ? Raupach war erfüllt von würdiger Gesinnung trotz seiner zuweiligen Schroffheit, die er sich bei vielen Opfern, ihm abgenötigt durch angeborene Verhältnisse und eingreifende Schicksale, als eine Art von Schutz erkor, was dann scheinbar zur zweiten Natur wurde. ? Wenn man ihn aber unter mancherlei öffentlichen Verdächtigungen sogar der Geldgier und des Geldgeizes beschuldigte, so war und ist dies freche Sündlichkeit. Daß er sein Erworbenes zusammenhielt, bedingte sich für seine geliebte freie Stellung; von Unterwürfigkeit seiner Einsicht, seines Strebens und Tuns um des Geldes willen[502] darf aber bei ihm nicht geschwatzt werden Er gab reichlich an Verwandte, half, wo er helfen konnte, und ich selbst habe erlebt, daß er zu mir kam und sagte: »Lieber Freund, ich weiß, Sie leiden noch an den Nachwehen eines schweren Unglücksfalls. Nun ist eben das Gesetz wegen der Kautionen für Zeitschriften erschienen und Sie werden für den ?Volks-Gesellschafter? eine Kaution zu erlegen haben. Ich kann mir denken, das ist Ihnen für den Augenblick beschwerlich, und bringe Ihnen fünfzehnhundert Taler in Papieren, soviel wird die Kaution betragen.« Daß von mir eine solche Gewährleistung für untertänige Fügsamkeit nicht zu verlangen war, weil bei meinen vielen Geschäften der »Volks-Gesellschafter« zu einer sogenannten zwanglosen Zeitschrift werden mußte, ändert nichts an diesem Zuge freundschaftlichen Zuvorkommens, das Raupach dauernd bekräftigte, wenn er fühlte, ich sei in schwieriger Lage. Wer aus eigenem Antriebe so handelt, wie ich es hier von Raupach erzählte, der unterwirft sich in keiner Hinsicht nur um des Geldes willen. Nicht selten erlitt er auch bedeutende Verluste, und als bei einem derselben ? im schriftstellerischen Bereich ? durch einen Prozeß günstige Wendung sich hätte gewinnen lassen, sagte er trocken zu einem Rechtsanwalt: »Das ist mir zu störend, lassen wir's!« Vermöge seiner öfteren Krankhaftigkeit war Raupach auch von Hypochondrie geplagt; besonders voll trüben Ansichten und Ahnungen seit dem Jahre 1836, machten ihn häusliche Verhältnisse noch nußmutiger. Seine Verstimmung wurde offenbarer nach dem arg widerwärtigen Mißfallen des Possenspiels »1740 oder: Die Eroberung von Grüneberg«. Ein Teil der Zuschauer hatte sich[503] aller, auch der rohesten Mittel bedient, um das Stück nicht ausspielen zu lassen, was zwar nicht gelang, in den letzten Akten aber die Schauspieler in lähmende Bestürzung und das Ganze in Verwirrung brachte. Raupach mußte sich davon im Tiefsten ergriffen fühlen, infolgedessen erhielt ich von ihm bald nach jenem Ereignis eine Zuschrift, in der unter anderem zu lesen ist: »Denn ich habe den Entschluß gefaßt, nicht mehr für das Theater zu schreiben, bin aber an geistige Beschäftigung gewöhnt und kann sie nicht entbehren. Sie sind ein erfahrener Mann, mit den literarischen Verhältnissen genauer bekannt als ich; so möchte ich über die zu nehmende Richtung wohl mit Ihnen sprechen.« Der Brief zeugte außerdem noch von sehr düsterer Ansicht, und ich hielt es für geraten, den Freund sogleich zu besuchen. Ich fand ihn gedrückt auf dem Sofa sitzend, und nach kurzer Unterredung sagte ich: »Lieber Raupach, es ist sehr schönes Wetter, das beste wäre, wir gingen ins Freie.« ? Seine Widerrede half ihm nichts, eine halbe Stunde später waren wir vor dem Tore. Ich hatte die unangenehme Pflicht, ihm zu sagen, daß die »Eroberung von Grüneberg« allerdings zu den Stücken gehöre, die er zu rasch, ja übereilt geschaffen, verschiedenes auch anders aufgefaßt habe, als es die damals (1840) schon sehr verschiedentlich erregte Parteisucht aufgefaßt haben wollte. Dann zeigte ich ihm, was ich darüber für den »Gesellschafter« geschrieben hatte und wies auf den Schluß hin: »Raupach wird's hoffentlich machen, wie der Held von 1740, der nach einer Niederlage sich rasch in neuer Kraft erhob und immer wieder ungeahnte Hilfsmittel entwickelte; der geschätzte Dichter hat so viele dramatische[504] Siege zu nennen, daß dagegen ein paar nachteilige Scharmützel wenig oder gar nicht zählen.« ? »Mein Freund«, erwiderte er, »Sie wissen recht gut, daß ich mehrmals Stücke, mit denen ich den Eindruck verfehlte, beseitigt habe, und es kommt mir auch jetzt nicht darauf an, hundert und abermals hundertmal wiederholten jedoch meine Gegner, daß ich ein Verderben für die Bühne sei, sie scheuten sich auch nicht, meiner Tätigkeit die niedrigsten Beweggründe zuzuschreiben, und was man dem Volke so oft sagt, das Gute und Schlimme, wird Sache des Glaubens. Er kann Dichter tragen und sie zu Falle bringen, kann Schwaches verherrlichen und Besseres verschwärzen. Ich will mein letztes Stück nicht in Schutz nehmen, es hat gewiß Mängel, aber einem Manne, der das Publikum, ich darf es sagen, viele Abende nicht ohne zu beherzigende Gedanken unterhielt und erheiterte, in seiner Gegenwart so zu begegnen, wie mir geschah, verleugnet alle Pietät, alles Wohlwollen; es wurde eben Glaubenssache, gegen mich zu sein, und fanatischer Stimmung ist endlich nicht zu widerstehen.« ? Unleugbar liegt Wahrheit in dieser Äußerung, die er mit mehreren Belegen, so auch mit Hinweisung auf Iffland und Kotzebue ? ich erwähne nur diese, die unserer Gegenwart noch nicht zu fern stehen, ? unterstützte. Es vermittelte nichts, daß ich ihm vorstellte, welchen glücklichen Erfolg mit den »Lebensmüden« er noch im vorigen Jahr gehabt; er bemerkte: »ein eben neues Wohlwollen, das für ein paar junge Schauspielerinnen, sei die Gegenmacht gewesen.« Das Gespräch nahm keine andere Wendung, und ich erinnere mich besonders noch seines Ausspruchs: »Die Handwerkskritiker[505] verzeihn es nie, wenn man nicht ihre Protektion sucht, und bei den Neidern muß ein Mann von Talent nicht mehr da sein, oder sie müssen ihn heruntergebracht sehen, wenn sie aus großmütigem Erbarmen ihm ihren gnädigen Schutz angedeihen lassen.« ? Meine Schlußworte aber waren: »Für die Bühne und von ihr aus zu wirken ist Ihr Beruf und Ihre Freude; Sie sollten sich darin nicht stören, jedoch bedenken: ob Sie nicht allmählich bei dem Schaffen in das Hastige und Übereilende gerieten, was Sie, mit nur seltener Ausnahme ein Meister auch in der Bedächtigkeit, leicht erkennen und überwinden würden. Wäre jedoch Ihr Entschluß, nicht mehr für das Theater zu schreiben, ein felsenfester, was mir nicht in den Kopf will, dann zeigen Ihre so ausgebreiteten und gründlichen Kenntnisse in der Geschichte Ihnen den Weg zum Ruhme auch auf diesem geistigen Felde. Namentlich wäre es verdienstlich, wenn Sie eine Geschichte des Zarenreichs schrieben oder dessen jetzige Zustände schilderten, wozu Sie, durch Ihren achtzehnjährigen Aufenthalt in den verschiedensten Landstrichen Rußlands, während einer ebenso verhängnisvollen als ereignisreichen Zeit, vollkommen ausgerüstet sind, und Sie könnten vielleicht Ihre denkwürdigen Erlebnisse damit verbinden.« Sein Entschluß wankte damals nicht, und die Beharrlichkeit wurde ihm durch eine Veränderung in der Theaterverwaltung gefördert. Nachdem im Januar 1841 nur noch die früher schon auf den Wunsch des Königs Friedrich Wilhelm IV. von Raupach übersetzte »Athalja« des Racine zur Darstellung kam, findet man kein neues Werk von ihm auf der Bühne bis zum Jahre 1850. Da er nun seit jenem Gespräch eine lange[506] Zwischenzeit fast gar nicht über das Theater sprach, außer wenn wir im Schauspielhause bei neuen Stücken oder Gastspielen beisammen waren ? ich hatte meinen Platz neben dem seinigen ? so meinte ich, er arbeite im Geschichtlichen, oder für zukünftige Herausgabe an seinen Denkwürdigkeiten, worin ich aber völlig irrte: in seinem Nachlaß war nichts davon zu finden. Eher darf man vermuten, er habe doch Pläne zu Schauspielen entworfen und sie dann in Unmut nicht vollendet, oder Vollendetes zurückgelegt, was sich einigermaßen dadurch bestätigt, daß man in der Vorrede zu »Mirabeau« (gedruckt 1850) liest: dies Werk sei bereits »im Herbst 1846« entstanden. Der Unmut Raupachs mußte sich in ihm verhärten vom Jahre 1842, von der Zeit an, als Theodor Küstner General-Intendant des Königlichen Hoftheaters wurde. Während dessen Vorgänger, die Grafen Brühl und Redern, wohlwollende Teilnahme hegten für den fleißigen Dichter, mischte sich infolge eines Nebengrundes das Gegenteil ein durch Küstner, was bei meinen Erlebnissen mit diesem am geeignetsten einzuordnen ist. Deshalb lenken sich hier die Erinnerungen hauptsächlich hin auf mein an Traulichkeit sich steigerndes Freundschaftsverhältnis mit Raupach. ? Ich wende mich sogleich zu dem Unheilvollsten, zu dem Haderwesen, das den Pariser Februaraufruhr des Jahres 1848 auch in Berlin nachahmte und wie gewöhnlich seine Zwecke als Stimme des Volkes verkündigte. Man konnte sich darüber in der ersten Aufwallung täuschen, die Einsicht drängte sich aber den Besonnenen sehr bald auf. Raupach, der allerdings der unbeschränkten Machtherrschaft geneigter war, als ich es bin ? täuschte sich darüber keinen Augenblick; mit dem gerechtfertigten widrigsten Eindruck von[507] dem, was er am 18. März 1848 gesehen, verließ er schon Tags danach Berlin, eilte nach seinem Geburtslande, nach Schlesien, und kehrte nur zurück, um sich im Mai 1848 zu verheiraten mit seiner ihn innig verehrenden Freundin, Anna Pauline Werner, die während ihrer Tätigkeit als Schauspielerin unter der Namensverhüllung »A.P.« der Bühne mehrere geschätzte Dramen lieferte. Jetzt hatte Raupach seine glücklichsten Tage, nie zuvor sah man ihn so lebenslustig und heiter. Er zog mit seiner Frau nach Potsdam, wo ich ihn auf seine Einladung ein paarmal besuchte und namentlich noch den gefeierten Jahrestag seiner Verheiratung frisch im Gedächtnis habe. Bei solchen Gelegenheiten vernahm ich auch manches über den wissens- und geistvollen König Friedrich Wilhelm IV. Dessen Gast war Raupach oft in Sanssouci, stets dort Alexander von Humboldt treffend. Ein paar Jahre vor seinem Hinscheiden wohnte er wieder in Berlin, in der angenehmsten Häuslichkeit, wie ich schon andeutete. Wenn seine alten Freunde ? Geheimrat Skalley, Professor von Raumer, Hofrat Esperstedt und ich ? an seinem Geburtsfeste mittags bei ihm waren, leuchtete der Frohsinn, das ihn durchdringende Behagen aus jedem seiner Blicke; ebenso, wenn ich an Abenden allein neben ihm und seiner Frau saß, wir zuweilen bis nach Mitternacht plauderten, und auch wohl stritten: Stoff genug hatten wir gewiß, denn wegen meines Mangels an Zeit waren inzwischen stets Wochen verschwunden. Kehrte Raupach dabei mitunter sein redlich barsches Wesen heraus, ertrug er dagegen rechtschaffen jeden Widerspruch, und obwohl ich oft, wenn er von der Frau beschuldet wurde, er sei ein wenig über[508] die Maßgebühr hinweg, die Weisung empfing; »Gubitz soll mir's ganz so wiedergeben, deshalb sind wir Freunde!« ergötzte ich mich meist lieber an seinem aufrichtig derben Wesen: es war immer etwas dabei zu denken und zu lernen. Ich kannte ihn genau, hatte niemals Ursache, ihm etwas übelzunehmen, denn ich wußte, er war ein teurer Freund, warum sollte ich ihn hindern in dem Vergnügen, mich manchmal ein bischen zu hofmeistern! ? und war ich einmal nicht so gefällig, lenkte er schon selber ein. Ähnliches begab sich sogar mitunter gegen diesen oder jenen in der »Mittwochsgesellschaft«, die er regelmäßig besuchte, und es nicht unterließ, als er in Potsdam wohnte. Er kam herüber am Versammlungstage und blieb dann die Nacht im Gasthofe. Die Mehrheit im Verein hatte ihn lieb, rechteten nicht mit ihm über eine zuweilen hervorbrechende kurze Abfertigung, wenn er entwickelte, was ihm Wahrheit und Überzeugung war, oder auch wohl nur scheinbar eine Sonderlingsbehauptung zu Vernunftgemäßen machen wollte, um ein geistig Spiel in die Unterhaltung zu werfen, wobei er dem »Till« in seinen Lustspielen glich. Hatte er sich ausgesprochen, dann war er in vollster Aufmerksamkeit für Gegenreden mit beneidenswerter Fähigkeit, rasch ganz und gar sich auf den Standpunkt anderer zu stellen. Als ehemaliger Theolog war er geneigt zu Gesprächen über Religion, zeigte hierin jeder Richtung Duldsamkeit, keineswegs aber den weltklüglichen Schein der Frömmelei. Unzweifelhaft Vernunftsgläubiger mit der Einsicht von Begrenzten unserer Einsicht, erachtete er bei der Volksmenge ein Feststehendes in der Glaubenslehre für unerläßlich. Keck daran zu rütteln, mit den biblischen Überlieferungen dichterische oder weisheitseitle Kunstversuche[509] zu machen, war ihm ein unerträgliches Bemühen. Dies bestätigte er ? zum Beispiel ? als ich eines Abends in der »Mittwochsgesellschaft« aus dem Gedicht von Elise Schmidt: »Judas Ischarioth«, nachdem ich eine gedrängte Stoffangabe vorausgeschickt hatte, die bezeichnendsten Bruchstücke vortrug. Mitteninne erhob sich Raupach sehr erregt, schritt ein paar Sekunden im Zimmer hin und her, dabei ausrufend: »Ich muß es unrecht nennen, dergleichen hier mitzuteilen!« Ich hielt im Lesen an und die Blutwärme stieg mir in der Erwiderung: »Lieber Raupach, unser Zweck ist, auch mit der neueren Literatur bekannt zu sein, mit ihr bekannt zu bleiben. Das Geistlose haben wir abzuweisen, aber den Geist des Tages dürfen wir nicht ausschließen, selbst wenn er Irrpfade einschlägt, sonst werden wir fremd in unserer Zeit. Geist hat das Gedicht, und wenn es uns mehr verletzt als befriedigt, darf dies kein Hindernis sein, Kenntnis davon zu geben und zu nehmen.« ? Sich dann setzend, entgegnete Raupach: »Das ist wahr, gewiß wahr, wollen nachher miteinander reden.« Ich las nun die angezeichneten Stellen zu Ende und dann erläuterte er so eifrig, wie er werden konnte, sein Widerstreben gegen dichterische Erzeugnisse der Art und niemand versagte ihm die Beistimmung, sie war ihm auch ? von seinem Standpunkt aus unzweifelhaft nicht zu versagen. In der Politik urteilte Raupach wie in allem nach reiflich durchdachten und fest abgeschlossenen Begriffen. Die Zustände Rußlands waren ihm ? bei etwas Ausnahmen ? nicht die passendsten für seine Gesinnung, für das genannte Reich aber fand er sie zweckgemäß; mit dem Eingewachsenen und Notwendigen unterstützte er seine Ansicht und im Kreislauf jener Zustände enthüllte[510] er eine Ausgleichung, wie nach den Verhältnissen sie eben nirgends viel besser sei. Er ähnelte dann auch wieder seinem »Till«, wenn er eine solche Ausgleichung sogar bei der gegenseitigen Vorteilsucht und dem Begehrlichen der Beamteten vermittelte, »Denken Sie sich« ? sagte er einmal ? »fünf Personen; deren erste nimmt von der zweiten, die zweite von der dritten, und so fort, bis die fünfte wieder von der ersten nimmt, wodurch dieses anscheinend Schlimmste ebenfalls in Ordnung ist und dort als herkömmlich zum Natürlichen wurde. Die geschickteren und verlarvten Manieren, womit man in Ländern der gepriesenen Bildung oft ebenso verfährt, sind den Russen und sämtlichen Orientalen zu umständlich und es ließe sich eine Preisfrage stellen: ob in dergleichen Dingen die Offenheit oder die Heimlichkeit vorzuziehen sei?« ? Nie anders, als in größter Hochachtung sprach er vom Kaiser Nicolaus, von seiner Umsicht und seinem überall guten Willen; die von Wortführern damals auch in Deutschland angefachte und überreizte Stimmung gegen Rußland hatte bei Raupach keinen Anklang. ? Die Zukunft Deutschlands erfüllte ihn mit Bangigkeit, und wenn er bemerkte, daß ich in Lebhaftigkeit frische Hoffnung verteidigte, mußte ich, wie verändert der Wortlaut war, stets dem Sinne nach hören: »Die Völker haben in ihrer Entwicklung gleiche Zeitabschnitte des Steigens und Sinkens. Erst sehen wir die Priester-, dann die Soldatenherrschaft, die beide zumeist die wiederkehrendsten sind. Nach und nach verfeinert, überfeinert und verüppigt sich die Bildung und was man so nennt, im Flittern und Schimmern; es folgt die Handels- und Krämerübermacht, und mit ihr nimmt die schlaueste Selbstund[511] Vorteilsucht so überhand, daß sich alles edlere entwertet und begräbt, wodurch eben ein Volk in sich zerfällt. Daß wir bei der alles in ihre Wirbel hineinreißenden Handels-, Krämer- und Wuchergewalt angekommen sind, Intellektuelles, was nicht in die Kalküle paßt, vom Materiellen unterjocht wird, wissen wir, und Sie können sich auch meine Erfahrung selber aus der Weltgeschichte holen, was Sie sich verbergen wollen mit Ihren Hoffnungen, die mich aber nicht widerlegen, wenn ich behaupte wir sind schon tief in den Verfall hinein.« ? Wir wurden darüber nicht einig; zu bestreiten war das Gesagte doch immer insofern, als wir in Erbmonarchien ähnliche Zeitabschnitte sich wiederholen sehen, was zwar kein Fortschritt, doch auch kein Untergang, allerdings aber auch niemals ein anmutiger Zustand ist. Jedenfalls wollte ich der Gedanken- und Schlußfolge Raupachs meine Hoffnungen überhaupt nicht und mit deshalb nicht preisgeben, weil ich meinte, des Freundes düstere Anschauung wenigstens für Abendstunden in eine mildere, ihm wohltuende zu verwandeln; denn seine Befürchten für unser gemeinsames deutsches Vaterland, ein Befürchten, was sich mitunter auf das jetzige Menschengeschlecht aller sogenannten zivilisierten Staaten bezog, war ihm sehr schmerzlich. Auch über meine schriftstellerischen Bestrebungen sprach er mehrmals, bedauerte mich nebenher, weil ich der Theaterkritik nicht entkommen könne: denn ihm war bekannt, daß ich in betreff der »Vossischen Zeitung« gebunden sei durch ein Manneswort, dessen Lösung nicht in meiner alleinigen Macht stand. Mit meinen Theaterberichten stimmte er zuweilen völlig, meist teils überein: teils ward er mir ganz und gar Gegner. Selten tat[512] ich ihm genug in der Strenge, wenn er mir auch beipflichtete, daß man besonders vorsichtig Grenze zu halten habe in einer Zeitung, die bis zu den gedankenlosesten Volksschichten hin gelesen wird. ? Als im Jahr 1851 die Verwaltung des Berliner Hoftheaters einen neuen Gebieter empfing, hoffte er mehr von dieser Veränderung als sich den verwickelten Umständen nach hoffen ließ: er sprach mir Geduld ein, bis er endlich selber zweifelnd wurde. Eben damals durfte ich jenes Manneswort an den Justizkommissarius Lessing für lösbar erachten, kam zu Raupach mit dem Ausruf: »Jetzt ist Ihr Wunsch zu erfüllen, ich kann mich von der zeitunglichen Theaterkritik trennen!« ? Der Eindruck dieser Anzeige war jedoch ein auffälliger. Raupach sah mich erst schweigend an, nahm als sehr fleißiger Tabaksverbraucher bedächtig eine Prise und sagte mit Schärfe: »Es ist eine Zeit der Gefahr für die Deutsche Bühne und da verläßt der treue Kämpfer seinen Posten nicht!«. ? Das Weitere in diesem Bezug hat er nicht erlebt! Überrascht war Raupach, als ich (1849) das einaktige Lustspiel: »Der Kaiser und die Müllerin« geschrieben hatte, nachdem ich, ein Gelegenheitsvorspiel für die erste Königstädtische Bühne ausgenommen (1834), in zwanzig Jahren nicht Muße erübrigen konnte für Dramatisches. Ich erzählte ihm den Anlaß des Entstehens: die seitens des Generalintendanten Küstner von mir erbetene Schlichtung eines obwaltenden Haders zwischen ihm und der Schauspielerin von Lavallade, der ich zum Friedensvertrage eine neue Rolle versprechen mußte, Raupach, der sich des Theaterbesuches fast entwöhnt hatte, sah das kleine Stück aufführen und ich hatte die Freude, daß er es als ein Etwas gelten ließ.[513] So gut ward es mir nicht, da ich, von solchem Wiederbeginn angeregt, das fünfaktige Schauspiel: »Herz und Weltehre« erzeugt hatte und es ihm vorlas. Er lobte zwar die Charakteristik, aber den eingreifendsten Grundgedanken: ein sehr schlau durch Benutzen edler Aufwallungen verführtes Mädchen noch der gesellschaftlichen Ächtung und ehelichen Verhältnisse wert zu finden, verbannte er in seinem Urteil unbedingt von der Bühne. Er gab mir im Streit über echte und unechte Sittlichkeit, über Wahrheit und Schein, nicht unrecht, beschuldigte mich nicht der Unsittlichkeit hinsichtlich der Art, wie ich meinen Gedanken in der Handlung durchgeführt habe, blieb aber dabei: die Entwicklung dieser Aufgabe gehöre nicht auf die Bühne, änderte auch nicht an seinem Widerspruch, als ich ihm ein paar Monate nachher Briefe von Frauen zeigte, deren Meinung von der seinigen völlig abwich. Über dies Schauspiel und dessen Abenteuer ist später weiter zu berichten; hier erwähnte ich die Entscheidung Raupachs als Belag, daß er auch seinen Freunden, wie es geziemend, der freimütige Mann war. Das später von mir geschriebene fünfaktige Lustspiel: »Verschiedene Wege« hatte seine Beistimmung und ein neues gleichen Umfangs konnte ich ihm leider nicht vorlesen, er war im Grabe, ehe ich es beendete. Am Abend des dreizehnten Märztages 1852 ? ein Sonnabend, und, wie ich es erst bei dem Entwurf dieses Lebensumrisses entdeckte, Ernst Raupachs Namenstag ? kam ich zu ihm infolge eines Briefes, worin schließlich bemerkt ist: ich hätte mich lange nicht sehen lassen. Ich fand ihn allein, die Hausfrau war im Theater, wo sein Lustspiel »Die Schleichhändler« aufgeführt wurde, das sie seit Jahren nicht aufführen sah. Wir sprachen vom[514] Zeitwesen, über Literatur und Bühnenzustände. In Hinsicht auf diese war ich ihm in der Öffentlichkeit wieder nicht eingänglich, nicht streng genug, empfing dennoch kein geringes Teil Rüge und wehrte mich mit Tatsächlichem, zum Beweise, wie wenig sich da Nutzen zeige. Gewöhnlich blieb ich zu dem einfachen Abendessen, da jedoch die Hausfrau fern war, erhob ich gegen neun mich vom Sitz und wollte nach Hause. Raupach tat Einspruch, zuletzt mit der Äußerung: »Wenn meine Frau kommt und hört, Sie sind dagewesen, wird es heißen: Du hast den Gubitz gewiß schlecht unterhalten und wir haben uns doch recht gut unterhalten!« Ihn sanft auf die Schultern schlagend, antwortete ich lachend: »Gewiß! Sie haben mich wieder heruntergemacht, dabei unterhalten Sie sich immer ganz vortrefflich!« ? und er lachte schelmisch in sich hinein. Ich mußte den Stuhl nochmals in Besitz nehmen und die Zwiesprache begann von Neuem. Er gedachte in aufgeweckter Scherzlaune seines Jugendtreibens in Halle, erzählte unter anderem, daß er sich sogar einließ in eine alberne Studentenverbindung, wobei sich ihm erst hinterdrein das Bedenkliche offenbarte und wurde burschikos in der erheiternden Rückerinnerung, als Senior oder Sekretär ? was Raupach eigentlich dabei gewesen, ist mir entfallen ? drohender Gefahr durch glückliche Beseitigung der Papiere vorgebeugt und die Untersuchung wirkungslos gemacht zu haben. Dann war abermals vom Theater die Rede, von dem er oft nicht sprechen wollte und zuweilen doch davon sprach. Um zehn etwa trat die Hausfrau ein und wir blieben in vollster Heiterkeit beisammen bis über die Mitternacht hinaus. ? Am Dienstage darauf, sagte man mir im Theater: »Wissen Sie schon, Raupach[515] ist sehr krank!« Ich eilte nach seiner Wohnung, konnte nicht zu ihm, vernahm aber, daß er am Montag ausgegangen sei, sich wahrscheinlich erkältete, jetzt sich jedoch besser befinde. Am nächsten Tage sah ich ihn schon im Sterben und am 18. März 1852 hatte er das Irdische überwunden. Unser letztes Gespräch bewahrte ich mir im Hauptsächlichen aus frischer Erinnerung schriftlich und kann ? ohne durchweg beizustimmen ? ein paar Einzelheiten, fast Inbegriff seiner Ansichten zweier Zeitrichtungen, als Gesinnungszeichen einfügen: »Die Demokratie unseres Jahrhunderts ist die Partei der Zerstörung und des Umsturzes, ihr Endzweck die Verneinung, das heißt Auflösung aller bestehenden, ja aller Natur- und vernunftgemäßen Staatsform. Die Forderungen, welche die Demokratie macht, sind dieselben, durch welche Frankreich einen Umsturz nach dem andern über sich brachte und nichts erzielte als Blutschuld und Despotismus, weil die meisten dieser Forderungen mit dem gefunden Menschenverstande in Widerspruch stehen. Die Prinzipien einer Philosophie, welche alles dermaßen verkehrt sieht und treibt, daß sie in Luft und Wind zu wurzeln gedenkt, sind aber den dümmsten Volksmassen eingeblasen worden, haben sich dort mit der Unzufriedenheit und ihren unfruchtbaren Neigungen so verschwistert, daß mit dem Geschlecht der Gegenwart nichts Gescheites anzufangen ist, und sollte es mit dem kommenden besser sein, müßten wir die Lehrer umschaffen und uns einer ebenso ernsten als weisen Oberleitung versichern können.« Der Bühnendichter mag über Ideal und Schönheit sich so klar geworden sein, wie sich darüber klar werden läßt, heut soll er vor allem begreifen, daß die intellektuelle[516] Bildung in den Lebensverhältnissen die moralische Bildung unterdrückt hat und immer mehr zerrüttet; dieser in einer das Volk anziehenden Weise ihre Mitherrschaft und ihren Einfluß wieder erobern zu helfen, muß das ehrliche Prinzip des von der Bühne her wirkenden Geistes und Talents sein. Neue Stücke, die nicht einen solchen Gedanken in sich fassen, sind an sich schon deshalb untergeordnet, und tadelnswert, wie überhaupt die heutige Bühne hauptsächlich wegen ihrer Prinziplosigkeit anzugreifen ist. ? Nachschriftlich habe ich, um völlig den Bericht über die »Literarische Gesellschaft« geendet zu haben, noch zu erwähnen, daß Xavier Marmier, im Jahre 1833 Gast der Gesellschaft, für diese mir folgenden Abschiedsgruß einhändigte: Amazon.de Widgets »Merci! car vous m'avez accueilli comme un frère: Je venois pres de vous pour savoir vos travaux, Pour m'instruire à parler votre langue étrangère, Pour marcher après vous par des chemins nouveaux. Et vous m'avez rendu facile cette tâche, Ce que je desirois, je le retrouve ici, Les livres et l'etude et ce que nous attache, Les entretiens de coeur et de savant: merci! C'est que les lettres sont la franc-maçonnerie, Qui dans le monde étend au large ces liens, C'est que triste, isolé, dehors de sa patrie, Pour trouver des amis et des concitoyens, L'etranger doit pourvoir s'adresser aux poëtes Car, tous soumis de mêmo aux orages du coeur, Ils sont tous reunis par des chaines secrètes, Par des rêves de gloire, hélas! par le malheur! Poëtes d'Allemagne et Poëtes de France, Oh! rapprochez vous donc, échangez a la fois Vos travaux, vos projets, vos voeux, votre esperance;[517] Puis laissons fuir au loin nos guerres d'autrefois Et vos rivalités, nos haines politiques. De ces chaines l'esprit demande à s'affranchir, Et déployant alors ses ailes poëtique, De monde en monde, il va toujours pour s'aggrandir. Pour moi, je n'oublierai jamais, je puis le croire, Les jours, que j'ai passés dans votre interieur, Vos noms seront souvent présents a ma mémoire, Et je les entendrai redire avec bonheur. Dieu veuille seulement qu'un jour dans ma patrie, Je puisse en frère, aussi, vous presenter la main, Vous faire les honneurs de ma ville chérie, Mèler le vin de France à votre vin du Rhin. Berlin, 14. Mai 1833. Xavier Marmier.«[518] 
 Vom Pfarramtskandidaten zum Professor an der Berliner Akademie. (1804?1809.)  [72] Meine, durch die Selbstwirtschaft des Oheims völlig zum Schluß ihres Handelsbetriebs gezwungene Großmutter, die wiederholt das Versprechen von mir herausforderte, Dorfpfarrer zu werden in der Gegend, wo als solche einst Vorfahren lebten, starb am 18. April 1804 plötzlich durch Hinabsturz in ein Kellergewölbe. Wenige Wochen nachher war ich Kandidat, und in der Überlegung beharrte ich dabei, der Abgeschiedenen das Versprechen halten zu wollen. ? Wegen ihrer Hinterlassenschaft mußte mein Vater selber im Amt Suhl sich stellen, was er nur in Begleitung der Mutter vermochte. Die Erbschaft wurde durch allerlei Ansprüche und Dunkelheiten sehr gering, und das Unterhandeln zog sich dermaßen in Dehnung, daß die Eltern nach Berlin zurückreisten,[72] mir die weitere Klärung verblieb. Währenddem hatte ich in Weimar und Gotha zu einer Landpfarre mich gemeldet und erwartete die Entscheidung bei Martini, der die Kanzel aufgeopfert hatte, weil er durch das Ableben seiner Schwiegermutter wohlhabender Gutsbesitzer geworden war. Mitten in diesen Wendungen erhielt ich von Firmin Didot in Paris für meine derzeitigen Zustände erwerbreichere Aussichten, wenn ich zu ihm kommen und seiner Druckerei nützlich werden wolle mit dem Holzschnitt; ich hatte keineswegs Lust dazu, erwähnte aber den Antrag brieflich meinem Freunde Reimann in Berlin, der nun eine vollständige Sammlung meiner Kunstversuche in Abdrücken besaß. Reimann antwortete: er habe dem Kurator der Akademie, Minister v. Hardenberg, diese Nachricht mitgeteilt, und sei beauftragt, meine Arbeiten ihm vorzulegen, doch wünsche er (Reimann) dazu eine Erklärung von mir. Meine dem Freunde schuldige Verpflichtung machte mir seinen Wunsch zum Gesetz, und bald darauf erhielt ich folgende Zuschrift: »Ich habe die mit dem, am 14. d.M. empfangenen Schreiben des Herrn Gubitz mir jetzt übergebenen Blätter, wie Ihre vorigen Kunstwerke mit vielem Vergnügen erhalten, indem Sie mir den schönen Beweis davon gegeben haben, welche Fortschritte Sie in Ihrer Kunst machen, und sie zur Vollkommenheit zu bringen sich angelegen sein lassen. Das mir durch den Herrn usw. Reimann zugekommene complette Exemplar Ihrer Holzschnitte sende ich, nach Ihrem Verlangen, hierbei zurück, und werde ich, wenn Sie demnächst als Mitglied der Academie ein solches[73] Exemplar zu deren Sammlung hingeben wollten, solches mit vielem Dank für dieselbe annehmen, da es zur Geschichte der Kunst und zum Unterricht der Zöglinge in diesem Fache gleich wichtig ist, so wie ich auch Ihre ferneren Arbeiten und damit Ihre weiteren Fortschritte in dieser interessanten Kunst stets mit Vergnügen betrachten werde. Je mehr diese noch für unsern Staat und unser Vaterland Nützliches verspricht, destomehr würde ich bedauern, wenn Sie dasselbe verlassen und Sich in das Ausland begeben wollten. Sie haben zwar darin Ihre freie Wahl, allein ich muß für Sie selbst und für uns wünschen, daß Sie sich wenigstens nicht für immer im Auslande fesseln lassen, und Sich eine Lage bereiten, die äußerlich zwar glänzend scheint, die Ihnen aber alle Ihre Kräfte lähmen und zu leicht alle Selbstständigkeit benehmen könnte. Was ich außerdem dazu beitragen kann, um Sie von diesem Entschluß abzubringen, und Sie zum Hierbleiben im Vaterlande zu bestimmen, das würde ich mit Freuden thun. Ich würde Ihnen, sobald sich bei der Academie Gelegenheit findet, gern einige Pension zufließen lassen, und im Fall des Hierbleibens Sie sofort als Mitglied der Academie aufnehmen lassen, und mich gern mit dem General-Fabriquen-Departement Ihretwegen in Verbindung setzen, und vernehmen, ob für Sie, Seitens desselben, da Sie den einländischen Fabriquen vornemlich nützlich werden können, etwas Weiteres geschehen kann, um durch alles das Ihnen zu zeigen, daß man Ihre Verdienstlichkeit und Ihre vorzügliche Geschicklichkeit anerkennt, und solche auf alle Weise zu belohnen und hervorzuziehen geneigt ist. Ich wünschte also darüber Ihre nähere Erklärung mit den Vorschlägen zu erhalten, die Sie etwa[74] Selbst Ihretwegen zu thun haben möchten, worin ich sowohl bei der Academie als dem Fabriquen-Wesen von Nutzen zu seyn, und worin Sie daben unterstützt zu werden wünschten. Berlin, den 27. October 1804. Hardenberg.« Da kam ich nun in verstärkten Zusammenstoß mit den Verhältnissen, wußte mir nicht zu raten, so daß mir Reimann unter anderem schrieb: »Aus eigner Macht werde ich wohl Ihr Vormund sein müssen.« Noch im Ordnen der kargen Erbschaftsangelegenheit eilte ich mit dem bisherigen Ertrag nach Berlin, abwechselnd als mustergültiger Läufer und unpäßlicher Postsitzer, wurde dem Minister Hardenberg vorgestellt, und offenherzig enthüllte ich ihm meine Lage und ihren inneren Zwiespalt. Er überhäufte mich mit Güte, ließ mich aber unentschlossen, um so zweifelvoller, da zu dem, was ich mit der Holzschneidekunst bezweckte, seine Auffassung der meinigen nicht ganz ähnlich war, und endlich sagte er lächelnd: »Ich meine, wir begegnen uns noch!« ? Ihm und Reimann war es jedenfalls zu danken, daß ich bei dieser Anwesenheit in Berlin, wo ich durch meine zu jeder Kunstausstellung eingesandten Arbeiten andenklich blieb, dem Könige auf sein Begehren in einem Bändchen die Abdrücke von meinen vermehrten Platten persönlich überreichen konnte. Wenn ich mir jene halbe Stunde ins Gedächtnis zurückrufe, ist es mir, als fühlte ich immer wieder des mildereichsten Königs Hand, die auf meiner Schulter lag bei den Worten: »Noch so jung, so geschätzt, nicht eitel werden!« ? Nach wenigen Tagen hatte ich zu lesen:[75] »Seine Königliche Majestät von Preußen usw. haben das Ihm von dem p. Gubitz überreichte Exemplar seiner sämmtlichen Holzschnitt-Arbeiten mit Wohlgefallen aufgenommen und demselben zum Beweise Ihres Beifalls über seine fleißigen Fortschritte beikommende dreißig Stück Friedrichs'dor als ein Geschenk übersenden wollen. Berlin, den 20. Octbr. 1804. Friedrich Wilhelm.« Nächstdem sagte mir Reimann: es sei am Hofe gewünscht worden, die Entstehung und Druckart der Holzschnitte, die, in derzeitigen Tagen mißachtet, nun Aufsehen erregten, kennenzulernen; es frage sich: ob dies im Königspalais tunlich sei. So fügte es sich, daß ich an einem der ersten Januartage des Jahres 1805 bei der Oberhofmeisterin Gräfin v. Voß, wohnend in einer Hälfte vom unteren Stockwerk des damals sehr schlichten, kaum Palais zu nennenden Königshauses, inmitten einer das Herrscherpaar umstehenden Versammlung von Prinzen, Prinzessinnen und vornehmen Hofamtlichen etwa eine Stunde arbeitete, und mit der nötigen Hilfshandhabe das Verfahren bis zum Abdruck erläuterte. Auf einer zweckdienlichen Handpresse druckte ich ein preußisches Wappen, und da die Zuschauenden sahen, daß die Vervielfältigung nicht schwierig sei, machten mehrere den Versuch, selber zu drucken. Stets erweckte sich abermals Freude, wenn wieder ein Abdruck aus dem Preßchen kam, jedoch auch volles Gelächter, als die Oberhofmeisterin in einem andern Zimmer Dienende mit Seifenwasser anstellen mußte, zum Teil sehr zarte Hände von der anhänglichen Druckschwärze zu befreien. Diese konnte sich um so zudringlicher am unrechten Ort einfinden vermöge des Auftragens[76] der Farbe mit gepolsterten Ballen; denn im Jahre 1805 war die leichter bewegliche Walze noch nicht im Gebrauch. Bei der erwähnten Versammlung sah ich zum ersten- und später noch zweimal, wie sich im Vorschreiten aus der Vergangenheit erörtern wird, die Königin Luise, hörte sie in Lebhaftigkeit sprechen. Eine zureichende Schilderung dieser Fürstin ist noch keinem gelungen, kann nicht gelingen; denn je mehr der Worte, je bestimmter fühlbar wird das Unbeschreibliche eines Gesamteindrucks solcher Gesamtanmut im Verein des bewundernswerten Äußeren mit dem klaren Geist im herzgewinnenden Redeklange. Die schönste Gestalt und die höchste Würdigkeit im bildungsreinen Denken wie im harm- und prunklosen Empfinden, dort wie hier gleichsam Durchsichtigkeit der Seele, als ob sich Überirdisches verkörpere durch überirdisches Wohlwollen ? es ist anwendbare Sprachmalerei, die aber meiner Erinnerung nach länger als fünfzig Jahren noch bezeugt, daß sich ein Urbild weiblicher Hoheit, wie es die Natur aus ewig frischer Allmacht himmlischer Schöpfung empfangen zu haben schien, in keiner Weise vollendet schildern lasse. ? Wiederholend, daß ich in Weimar und Gotha mich zu einer Dorfpfarre gemeldet hatte, kam ich, von Jena geschieden, zum Freunde Martini, bei dem ich meinen Überallshelfer Böschel erkrankt fand, als er eben in einem Dorfe, unsern von Goldlauter, predigen sollte. »Das mußt du mir unweigerlich abnehmen, es kann dir gar nicht schaden!« sagte der Leidende, und Martini war gleicher Meinung. Auszuweichen wäre undankbar gewesen, auch gab die Örtlichkeit eine Genugtuung für den Wunsch der zum Frieden eingegangenen Großmutter: ich überwand mein Zagen und stand im Februar 1805 einmal vorund[77] nachmittags auf der Kanzel. Nach der Vorschrift hatte ich an dem bezüglichen Sonntage zu predigen über die Versuchung des Heilands in der Wüste, nicht die angenehmste Aufgabe; ich erwählte hauptsächlich die Bibelsprüche: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jeglichem Wort, das durch den Mund Gottes geht« (Matthäi, Kapitel 4, Vers 4), und: »Was hat die Gerechtigkeit für Genieß mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?« (Epistel an die Korinther, Kapitel 6, Vers 14). ? Verstanden hat man mich gewiß, denn ich habe eine mitunter zu kräftige Stimme, und in jedem anderen Betracht wurde ich mit bereitwilliger Zufriedenheit beurteilt. Vom Gothaer Konsistorium hatte ich den Bescheid, der mir den Rechtsanspruch auf eine Pfarre bestätigte, und nun wartete ich bei Martini, war fleißig an meinem Kunstwesen, und abends wurde gelesen, so daß ich endlich ein paar Wochen gemütlich sorglos lebte, meine friedblütigen Träume sich jedoch auch wieder farbenreicher ergingen durch den Einzug des Frühlings. Da kamen wir nun an einem der ersten Maitage vom Felde, als es bereits dunkelte, auf dem Tisch in meiner Stube erblickte ich ein Päckchen, erkannte es noch als Postabgebung, und eilte damit nach dem erleuchteten Zimmer. Die Eltern hatten es gesandt, und was zeigte sich bei der Eröffnung neben anderem? Ich war am 13. April 1805 zum ordentlichen Mitglied der Königlich-Preußischen Kunstakademie ernannt; zugleich meldete man mir, ich solle Lehrer der Holzschneidekunst werden, schon vorläufig dessen Gehalt beziehen, was mir die Anweisung auf einen nachzuzahlenden Vierteljahrsteil bezeugte. ? Mit mir kämpfend stand ich am Wendepfad meiner Zukunft! In schlafloser Nacht[78] sah ich ein, die Familienzustände müßten es andringlicher machen, meine ganze Zeit und Kraft dorthin zu lenken, wo das am Wege Gebotene unzweifelhaft ergiebiger wurde, als wenn ich, auch bei fortdauernder, gewiß nicht so umfangvoll möglicher Beschäftigung mit dem Holzschnitt, Inhaber einer erst in Aussicht gestellten Dorfpfarre wäre. Die innere Anmahnung mischte sich aber dennoch mit innerster Trauer! ? Am nächsten Morgen lief ich durch Wald und Schlucht, zuletzt bergan, mich mit Gott und mir zu beraten, kann es auch nicht leugnen, daß ich bitterlich weinte, ehe ich die Entscheidung errungen hatte. Doch lernte ich sie, zuweilen freilich das Sonstige ersehnend, allmählich segnen, nachdem wachsende Welterfahrung mich begreifen ließ, wie wenig meine Gesinnung, die bei inniger Christlichkeit doch manchem Glaubensbefehl widerstrebte, mir die Lebensbahn geebnet hätte: denn eine hierin erläuternde Richtung war mit der Dorfpfarre und dem mir eingeschwärmten Dorf-Eden gradhin nicht zu vereinen. Jene Neigung tröstete sich in der Folge zuweilen mit einer geschriebenen Predigt, zum Beispiel: »Luther an die evangelischen Christen« (gedruckt in »Luthers Leben, Sterben und vollständige Geschichte der Reformation«. Berlin, Vereinsbuchhandlung), wobei ich mir die Brust aus dem Ernst erleichtern wollte, wie es aus spöttischer Lustigkeit geschah durch die »Glut- und Wutrede vom Geiste des Paters Abraham a Santa Clara« (in »Lachender Ernst und Stacheln der Laune.« Berlin, Vereinsbuchhandlung). Zu dichterischen Versuchen trieb mich mein Jugendzwiespalt auch, ich nenne nur die »Epistel an mein Tagebuch«, könnte aber in meinen Schriften noch gar viele Spuren des Kirchlichen nachweisen. Es geht daraus hervor, es sei mir erstens nicht möglich, Übersinnliches zu entbehren,[79] das vermag niemand; zweitens aber hüte ich mich, offenbar Übersinnliches mit weisheitlicher Schrauberei im Irdischen bannen zu wollen, was mancher Redefertige eben nur so vorspiegelt, daß er bei aller Redekünstelei sich doch nicht aus der Sinnlichkeit herauswindet und nur das Unbegreifliche vermehrt. Zurückschauend auf meinen Schul- und Universitätsgang, verbunden mit der Kunst-Lehrzeit, ergründet sich, daß bei seltsam zerspaltenen, zuweilen sich abenteuerlich überstürzenden, gänzliche Verwirrung drohenden Verhältnissen, oft mit Schicksalslasten im Kampf, meine Bahn vielfach durchkreuzt und verschoben war. Bis zum neunzehnten Jahr wurde ich eigentlich nirgends heimisch, was mich in trüben Stunden schmerzlich ergriff, auch meinen Gesichtszügen sich anprägte, wie dies ein, vom geschickten Philipp Frank Jahre 1805 auf seinen Wunsch gemaltes Bildnis verrät; es offenbart unzweifelhaft Vergrämelung, von der ich erst lange nachher mich möglichst loszuwinden suchte. ? Ersichtlich ist jedenfalls aus den erzählten Begebenheiten: ich habe das Glück der ersten Jugend, das Unbewußtsein über Weh- und Drangwogen des Lebens, fast völlig entbehren müssen; doch war dies wohl erforderlich, um meine heißblütige, zum heftigen Ausbruch des Denkens und Empfindens geneigte Eigentümlichkeit dem Gleichmut, der Vernunft im Ertragen des Törichten und Nichtvermeidlichen zu nähern. ? Daß mir indes aus den Tagen der mancherlei Kümmernisse auch lichte Stunden in der Erinnerung gefolgt sind, geht aus dem Geschilderten hervor ohne nachdrückliche Hinweisung, und nur noch eine erheiternde Begegnung will ich bezeichnen. ? Sie leitet meinen Rückblick auf eine Wittenberger Obsthändlerin, von uns Schülern »Mutter Trudchen« genannt. ?[80] Bei dem unzulänglichen Gelde war, wie ich schon berührte, im Sommer meine Nahrung neben zuweiligen geschenkten Mittagsessen in Familien, wo ich auf verschiedene Art mit meinen geringen Fertigkeiten diente, Brot und Obst. Wenn es an die letzten Dreier ging, mußten Brot und Quelle genügen, und ich hütete mich, dort vorbeizugehen, wo Mutter Trudchen ihren Kram verlockend anbot. Eines Abends lief sie mir nach, hielt mich fest und fragte barsch: weshalb ich ihr kein Obst mehr abkaufe? Ich stotterte, wollte nicht heraus mit der Sprache, mich auch loswinden. Jetzt schrie sie mich an: »Schöpschriftel Er, ich werd's ihm sagen, wo's hängt; ihm fehlen die Batzen, das verschlägt aber nischt!« Dabei zog sie mich fort, hin zu ihren Körben, packte mir Obst in die Jackentaschen, gab mir einen Stubs und sagte heftig: »Nu marsch! 's ist ein Jammer mit Ihm, er wird mir aber nischt schuldig bleiben, und wenn Er wieder Umwege sucht, fährt Ihm's Wetter über'n Nischel!« ? Von da an sah ich mich stets von ihr beobachtet, mußte mitunter auf Borg Obst von ihr nehmen; wenn ich dann meine Schuld tilgte, schien mir der Betrag sehr gemindert, und da ich ihn einmal berichtigen wollte mit meinem Zettelchen in der Hand, jagte sie mich von dannen nach der trotzigen Abfertigung: »Behalt' Er seinen Wisch und stopf' Er sich's Maul mit 'ner Birn', statt sich einzureden, ich hätt' was zu verschenken!« ? Als ich nun im Jahre 1804 mit dem Buchhändler Gräff nach Leipzig fuhr und lief, bereits minder arm, und in der Hoffnung war, Mutter Trudchen lebe noch, hatte ich ein Säckchen mit Teltower Rüben ? damals in jener Gegend sehr annehmenswert ? und Kattun zu einem Kleide von Berlin mitgenommen, beides der Alten zu bringen. ? Sie lebte noch, war höchlichst erstaunt, in der Meinung, daß ein Unbekannter[81] sie beschenke, und indem ich nun ihr Gedächtnis auffrischte, rief sie bei Freudentränen: »I Herr Je, der Kleene! ? Du meine Güte, wie ist der aus sich 'rausgewachsen!« ? was übrigens nur sehr bedingt aufzufassen ist, denn die Kleinheit wollte nicht sonderlich von mir weichen. ? Da wir Januar und Schneegestöber hatten, gab sich Mutter Trudchen nicht eher zufrieden, bis wir ein »Schälchen Kaffee« von ihr annahmen; dann, als wir weiterfuhren, trabte sie, im dreiundsiebzigsten Jahre noch jugendlich flink auf den Beinen, unablässig dankend bis zum Tor neben dem Wagen her, und ihr bebender Abschiedsruf: »Gottes Segen auf Weg und Steg!« hallte in mir erschütternd nach. Mit dem Vergangenen, mit der Schwärmerei für die Seligkeit in ruhsamer Freistätte, eine Schwärmerei, die aus allem Getümmel der Zukunft immer wieder emporstieg, einen leidlichen Vertrag abschließend, hatte ich vom Mai 1805 an in Berlin meine feste Werkstätte. Da förderte ich meine Arbeit noch an demselben Fenster, wo mich Reimann und sein fürstlicher Zögling beschäftigt sahen, gegenüber dem Garten, an den sich rasch verflogene Stunden des jugendlichen Leichtmuts während kurzer Aufenthalte bei den Eltern den Gedanken wieder anknüpften. ? Der Friede war aber nicht mit mir eingezogen in meine bescheidene Räumlichkeit, ich hatte im Kunststreben nun noch verstärktere Anfechtungen als ehedem zu erleiden, mußte mich abermals waffnen. In mehreren Zeitschriften eröffnete sich mit gesteigertem Grimm der erneuerte Kampf gegen mich, wobei der Holzschnitt angewöhnter- und nachschwatzenderweise stets für anmaßend erklärt wurde, wolle er neben dem Kupferstich soweit geltend werden, daß er den vervielfältigenden Künsten mit Beachtung anzureihen sei. Den[82] Widersachern voran stritten ältere Mitglieder der Akademie, Rektor Daniel Berger und Professor Freidhof, nächst ihnen des Vize-Direktors Meil verschollener Neffe, der ohne gerechten Anspruch nach einer Stellung bei der Akademie trachtete, sie aber nie erlangen konnte. Alle drei waren Kupferstecher, die mich vom Jahre 1804 an unablässig öffentlich befehdeten, sich nun eifriger erhitzten, als man es nicht hatte hintertreiben können, daß ich in meinem neunzehnten Jahre ordentliches Mitglied der Akademie geworden und nach kurzer Vorbereitung im Frühjahr 1806 im Lehramt tätig war. Nun verzögerte man mit jedem Mittel das Patent zu dem mir verheißenen Professors-Titel, und obgleich ich von jeher über äußeres Anhängsel sehr kühl denke, die Zusage mußte mir erfüllt werden. Da jedoch die Kriegsrüstungen und der unheilvolle Krieg plötzlich dazwischenkamen, erhielt ich das Patent wirklich erst 1808 von Königsberg aus, wo das vom Schicksal schwer geprüfte preußische Fürstenpaar noch bis zum Ende des November 180!9 verweilte. ? Während voller vier Jahre mußte ich ungezählte Mal mich wehren, es geschah in Merkels »Freimütigen«. Wenn jetzt ein solcher Hader gegen den Holzschnitt kaum aufzuwühlen wäre, ist es ratsam, ihn nicht wieder breit werden zu lassen in Worten. Wie leidenschaftlich aber meine Gegner sich benahmen, das sei in ein paar Zügen aus dem Jahre 1806 und 1808 versinnlicht. ? In mein Lehramt eingeführt, sah ich im Versammlungs-Zimmer der Mitglieder noch die altväterischen Stühle mit mannshohen Lehnen und Lederpolstern; auf einen derselben hinweisend, sagte ein Lehrer im Kupferstich zu mir: »Hier ist Ihr Platz; 's ist nur ein schlichter Stuhl, aber Schnitzwerk können Sie sich ja selber machen!« Schon gereizt durch die bisherigen,[83] mir Zeit und Ruhe schmälernden Befeindungen, entgegnete ich in jugendlicher Raschheit: »Ich bin kein Freund unnützen Zierrats, Ungehobeltes kann ich aber allerdings nicht leiden!« Von den uns Umstehenden ließ sich ein leises Gelächter vernehmen, womit anscheinend dieser? Nebenstreich des Grolls zurückgeworfen war. Hatte ich bei meinen ersten Holzschnitt-Versuchen von Mißgünstigen viel zu leiden, es mangelte, wie bereits erwähnt, auch nicht an Wohlwollenden, die mich ermutigten. ? Dies bezeugt ? zum Beispiel ? der im Kunstbereich geschätzte Böttiger, dessen betulich Wesen sein hier folgender Brief ein wenig mitschildert: »Dresden, d. 11. August 1805. Mein teuerster Herr und Freund! Dank für den schönen Genuß, den mir Ihre für Cottas Taschenbuch geschnittenen zwei herrlichen Blätter verschafft haben. Die Landschaft nach Repton ist wirklich in Absicht auf Helldunkel und Abstufung der Töne, was der Franzos faire l'impossible nennt. Und doch können Sie sehr recht haben, daß der wahre Effekt erst auf einem größeren Raum herauszubringen sein dürfte. Ich freue mich daher außerordentlich, daß Ihr Freund Herr Bohm mir sagt, daß Sie an einer größeren Landschaft nach Genelly arbeiten und dadurch auch Ihrem Gegner das Maul zu stopfen gedenken. Sie haben allerdings einen kundigen und vielseitigen Gegner und jedermann wird auf den Ausgang nur um so begieriger sein. An Neidern kann es Ihnen bei der Auszeichnung, die Ihr braver König Ihrem Verdienst widerfahren ließ, gewiß auch nicht fehlen. Aber wie schön ist's, so beneidet zu werden! Ich wünsche, daß meine Erklärungen zu Ihren Hochoder[84] Holzschnitten im Cottaischen Taschenbuch Ihren Beifall haben mögen. Sie sind mir darum doppelt merkwürdig, weil Sie auch ein wackerer Zeichner sind, und nun wissen, was Sie sich in der Vorschrift zumuten können. Ohne diese Fertigkeit ist der Holzschnittkünstler nur in einer mechanischen Sphäre. Mögen Sie nun auch die Grenze Ihrer Kunst immer ermessen! Zur Darstellung von Körpern en ronde bosse, von Drapierung im historischen Felde halte ich Ihre Kunst weniger geschickt. Ihnen, dem Meister, darf ich nicht erst sagen warum? Es ist aber die größte Meisterschaft, seine Grenzen anzuerkennen und nicht auf der Flöte Harmonikatöne zu verlangen. Gewiß mußten Sie bei der Arbeit nach Rehbergs Belisar noch größere Kunst anwenden als in der Landschaft nach Repton. Es ist erstaunenswürdig, was Sie auch in diesem historischen Stück geleistet haben. Aber jedermann greift doch zur Landschaft, auf welcher die Figuren wohl nie die Grenze der Staffage überschreiten dürfen. Verzeihung, daß ich Ihnen so offen und herzlich meine Meinung schreibe. Aber ich bin stolz darauf, in Ihnen einen deutschen Landsmann zu achten und ihn den stolzen Briten keck entgegenstellen zu können, was ich vor wenigen Tagen auch in einem nach London geschickten Aufsatz getan habe. Sie werden mir eine wahre Freude machen, wenn Sie mir Ihre sämtlichen Werke, insofern Sie noch Abdrücke davon besitzen, zur Einsicht mitteilen wollen, da ich nur einzelne Blätter davon, die in Journalen erschienen, gesehen habe. Und wo ich Ihnen sonst meinen herzlich guten Willen beweisen kann, sagen Sie mir's. Ich will von meiner Bereitwilligkeit nicht erst viel Worte machen.[85] Leben Sie wohl! Geachtet vom Inlande und Auslande werden Sie nie stillstehen. Mit wahrer Hochachtung Ihr ergebenster Diener und Freund Böttiger.« Der Zwischenzeit wieder zugewendet, war es mir erfreulich, daß mein erweitertes Hinleiten des Holzschnittes veranlaßte, dem Königspaar abermals in kleinem Kreise die Behandlung der Platten durch eine Landschaft nach Klengel in der Tusch-Art, dann durch das Heilandsbild nach Lucas Cranach im Farbendruck deutlich zu machen, was sich an zwei Abenden in erster Hälfte des Jahres 1806 ereignete. Die Königin Luise zeigte sich dabei sehr teilnehmend und einsichtsrasch, ich mußte erstaunen, wenn sie zuweilen meiner Erklärung schon voraus war, was heitere Laune erregte. Bei aller Ehrfurcht verließ mich doch beide Male immer mehr die Befangenheit, wenn sie bezaubernd lächelte über das derzeit noch fast gänzlich unbeherrschte Offene meines Wesens. Es konnte das Ungewandte einer meist im Einsamen bei rastlosem Fleiß durchjagten Jugend, die Unbekanntschaft mit dem Weltschliff nicht verhüllen, und darf ich mich überhaupt der Geschicklichkeit im Förmlichen nicht rühmen, gestehe ich doch auch, mich um einen solchen Ruhm nie bemüht zu haben: er ist mir ebenso unerreichbar als unbegehrt. An einem der beiden Abende, die mich noch bei dem traulichen Königspaar ermutigten, wurde es von Reimann verraten, daß ich in Erholungsstunden zuweilen Verse schriebe, seine Höflichkeit sprach von Gedichten. »Da wird sich der Pastor Luft machen!« äußerte der König, und als ich darauf mich nur verbeugte, setzte die Königin schnell hinzu: »Es ist nicht bös', es ist gut gemeint!« Durch[86] diese Wendung des Gesprächs kam die Königin zu der Bemerkung: sie liebe noch immer Gellert; die mitanwesende Oberhofmeisterin Gräfin v. Voß lobte aber allerlei Französisches, unter anderem ein kleines Gedicht, was der französische Flüchtling Antoine Rivarol im Jahre 1799 bei einem Larvenfest, wo er als »Fledermaus« erschien, der Königin überreichte. Die alte Gräfin meinte, diese »pièce«, so »ravissant«, würde im Deutschen »absurd« klingen. Ihr Brieftäschchen bewahrte die Urschrift, aus der sie den Vers vorlas; auf mein Ersuchen erhielt ich das Geschriebene auch zur Ansicht, und las nun mir selbst diese sechs Zeilen: Amazon.de Widgets »Puisque le sort m'a fait chauve-souris, Je vois en Vous le belle astre des nuits; Il faut des sa metamorphose Que chaque être garde le ton: Car si j'etois un papillon, Je Vous prendrois pour une rose.« Als Deutscher von den Äußerungen der Gräfin von Voß gekränkt und gestachelt, wagte mein Bleistift, nach der Bitte um Erlaubnis, die hier mitgeteilte freie Übertragung: »Weil Fledermaus ich ward durch Schicksalsmacht, Erblick' ich dich als schönsten Stern der Nacht; Doch wenn ich, jetzt die Wandellose, Ein ander Wesen nun empfing', Und würde dann zum Schmetterling, Dich grüßt' ich als die schönste Rose.« Die Königin, das Schnellgereim sehr freundlich anhörend, sagte nachher zu der Oberhofmeisterin: »Wenn Ihnen die französische Flatterie des Aufhebens wert ist, legen Sie gewiß das Deutsche hinzu!« ? und Reimann besorgte sogleich eine Abschrift. ? Solche Einfachheit, bei der auch ein Schüchterner offenmütig wird, hatte sich damals im Königshause eingewohnt.[87] Von einem neuen Kampf, in anderer Richtung als der erwähnte, ist aber auch zu berichten; er begann in erster Hälfte 1805 und zog sich hin bis zum Mai 1806. Wieder hatte ich es mit einem Kupferstecher zu tun, der durch Kunstblätter in Aquatinta sich auszeichnete. Der Streit betraf das erste bekannte preußische Papiergeld, indem nun der Minister von Stein die einst seinen amtlichen Vorgängern nicht gestatteten »Tresorscheine« in den Verkehr brachte. ? Über deren beabsichtigte Anfertigung erfuhr ich nichts, bis jener Kupferstecher Frick zu uns kam, meinen Vater für den Stahlstich, mich für den Holzschnitt zu dingen auf Grund eines Plans, den er dem Minister v. Stein vorgelegt, den dieser auch bereits in aller Form gebilligt, und Frick beauftragt hatte, sich mit uns zu verbinden. Augenblicklich erkannte ich, man hatte uns eigentlich überhaupt wegschieben wollen; das wäre allenfalls zu dulden gewesen. Ich fand aber den mir vorgelegten Plan und das daraus Entstehende unzweckmäßig, die Nachahmung selbst bei den damaligen Mitteln leicht, und erklärte: auf diese Vorschriften könne ich nicht eingehen, weil sie für das Wichtigste und gegen das Gefährlichste dem Volk keine Sicherheit verbürgten, während ich zugleich mit dem größten Teil der Arbeit beansprucht, also, ohne über deren Anordnung eine Stimme zu haben, dennoch verantwortlich würde. Frick hatte nur ein in Art der Aquatinta entstandenes, für die Buchdruckerpresse zugerichtetes Ätz-Wirrsal einzufügen, und verhärtete sich in seinem, dem Minister v. Stein mit Nebenhilfe beigebrachten Glauben: weil solch Anhängsel ein zufälliges Erzeugnis sei, müsse es auch unnachahmlich sein. Auf gleichem Wege war freilich das gleiche nicht zu erzielen, aber Fricks Einseitigkeit bedachte nicht und wollte[88] nicht darauf hören, daß die Kunst Zufälliges und Regelloses beherrsche, dies bei dem Prüfen einer Nachahmung keinen festen Halt biete, nächstdem aber jedenfalls alles, was in solcher Unbestimmtheit von der Buchdruckerpresse erlangt wird, durch den Holzschnitt sich herstellen lasse. Der von dem Minister schon soweit Begünstigte, daß seine Selbsttäuschung unbedingte Geltung haben sollte, blieb bei der Antwort: sein Plan müsse ohne Abändern befolgt werden. ? Den Vortrag bei Stein hatte der Geheimrat Alberti, an diesen wandte ich mich mit Darlegung dessen, was ich dem Unternehmen als nützlich erachtete; er war meiner Ansicht, wünschte ein schriftliches Erläutern: ich gab es, und wurde abschlägig beschieden. Nochmals weigerte ich mich, unter so abgeschwächter Vorsicht mittätig zu werden, und erbot mich zur Nachahmung der Muster-Vorlagen: sie wurde bewilligt, dann verhindert, und endlich hatte meine Beharrlichkeit im Recht nur bewirkt, daß auf mir die Schuld lasten solle, »könnten nicht die Tresorscheine aller Kategorien spätestens bis zum 1. Juli 1806 ausgegeben werden«. Dieser Drohung mußte ich nachgeben, da ich Seitenwege nicht betreten mochte, dies auch nicht verstehe; mit den besten Kräften tat ich dann, was mir innerhalb der Einengung möglich war, wurde nun aber sogar von der mir vertragsgemäß zugesprochenen Aufsicht bei dem Druck entfernt, wodurch dieser ebenfalls litt. Noch mitten in so empfindlicher Zwistigkeit war ich an einem Februarabend 1806 Gast des achtungs-und liebenswürdigen Kabinettsrat Beyme, der die ersten, dem Könige vorgelegten Abdrücke der Tresorscheine höherer Beträge mit Belobung meiner Arbeit dem auch anwesenden General v. Köckritz zeigte. In meinem noch heißen Eifer konnte ich mir nicht zumuten, das mir Widerfahrene und mein[89] Urteil zu verschweigen; mein Verdruß machte sich ohne Rückhalt Luft. Wie mir später Beyme mitteilte, hatte der bei dem Fürstenpaar sehr beliebte und heimische Köckritz dem Könige gesagt: ich erkläre die Tresorscheine für leicht nachahmlich; der besorgliche Friedrich Wilhelm III. wollte darüber beruhigt sein, und dies hat denkbar veranlaßt, daß der Minister v. Stein an meinen Vater ? nicht an mich Zwanzigjährigen, der mutmaßlich noch als Bevormundeter betrachtet wurde ? schrieb: »Da ich höre, daß Sie geäußert haben: es sei sehr leicht, diejenigen Verzierungen, womit die Tresorscheine, außer den von Ihrem Sohne verfertigten Holzschnitten, bedruckt worden sind, vermittelst des Holzschneidens nachzuahmen, und Ihr Sohn würde dieses leicht bewerkstelligen: so fordere ich Sie hiermit auf, sich darüber bestimmt zu erklären, und mir über diese Behauptung einen Beweis zu liefern. Berlin, den 3. März 1806. Stein.« Darauf entgegnete ich in aller vorschriftlichen Form: »Hochwohlgeborner Herr, Hochgebietender Herr Minister, Gnädiger Freiherr! Ew. Exzellenz Schreiben vom 3. März d.J. habe ich zu beantworten, berufe mich auf die mannigfachen früheren Erörterungen, und ist jetzt nur zu bestätigen, daß nach dem vorhandenen seichten, von mir ohne Erfolg abgewehrten Plan, bei bestem Willen meiner seits, die Tresorscheine doch nur ein verfehltes Resultat ergeben konnten. Den Beweis zu liefern, war ich zu rechter Zeit erbötig, jetzt, da die Tresorscheine bereits in Umlauf sind, ist zwar[90] die Nachahmung ohne Zweck, doch will ich sie beschaffen, vorausgesetzt, daß man mich für die aufgewendete Zeit und Auslagen entschädige. In Ehrfurcht Ew. Exzellenz untertäniger F.W. Gubitz.« Berlin, 8. März 1806. Ein schriftlicher Bescheid wurde vermieden, ich mußte persönlich bei Stein mich einfinden; er behandelte mich, da ich zu einer anderen Meinung ungefügig blieb, mit etwas derber Rede, was ich mir nicht gefallen ließ, sondern meinen Worten die Untertänigkeit entzog, wonach er mir nur mit einer Handbewegung die unholde Entlassung bemerklich machte. Dann wurden mir, während man Frick merkwürdig reichlichst belohnte, von 1200 Talern 220 gestrichen, wogegen ich wiederholt Einspruch tat, der jedoch im nahenden Waffensturm verscholl. ? Zu meiner Rechtfertigung, wenn sie nötig würde, gab ich aber versiegelt an zwei Behörden eine schriftliche Schutzgewähr, um für den Fall, wenn falsche Tresorscheine sich einfänden, an bezüglicher Stelle ohne Verzug die Auslieferung geschehen zu lassen. Nach dem Tilsiter Friedensschluß und Wiederbeginn der preußischen Verwaltung kam nun der auch als Dichter namhafte Geheime-, nachherige Staatsrat Stägemann, mit bei den Bankgeschäften beteiligt, zu mir und sprach von schon längst entdeckten falschen Tresorscheinen. Mir stieg begreiflich das Blut, Stägemann aber sagte: »Nur ruhig, wir kennen schon Ihre Verwahrung, und ich will Sie nur ersuchen, mir zur öffentlichen Bekanntmachung Unterscheidungszeichen zu ermitteln.« ? Ausgleichend ist in Betracht des Ministers[91] v. Stein zu erwähnen, daß ich von ihm während der Kriegszeit, hinsichtlich meines schriftstellerischen Bemühens gegen die Schmähung Preußens, anerkennende Briefzeilen empfing. Als er dann auf Antrieb Napoleons weichen mußte, und erkrankt ein paar Tage im Bankgebäude Berlins bei Stägemann wohnte, ließ dieser mich freundlichst rufen, und jetzt gab mir Stein Genugtuung, indem er gestand, er hätte auf meinen Widerspruch in jener Angelegenheit mehr achten sollen. ? Wenn ich nicht verhehlte, daß meiner Erinnerung die Tresorscheine keine Schatzpapiere sind wegen des damit verknüpften Leids, habe ich doch bei mehr erhellter Umsicht die Bedeutsamkeit des mitunter freilich allzu herben Staatsmannes zu ehren gelernt. Die geschichtlichen Ereignisse verwickelten sich bald nach dem Einführen des ersten preußischen Papiergeldes zum gemeinsamen Unheil; meine Anstellung half mir bis dahin nur wenig, um so weniger, weil durch sie auch die Anforderungen sich steigerten. Da ich viele Besuche empfing, in die Gesellschaftlichkeit hineingezogen wurde, mehr, als mir geübten Stundensparer erwünscht war, ich vor allem mit dem uns möglichen Aufwande an umfassenderen Kunstbetrieb durch Schüler dachte, hatten wir uns in besserer Wohnung auch besser eingerichtet, und nun überstürzten uns 1806 die Kriegswirren. Sie ließen plötzlich den habgierigen Feind zum Gebieter werden und belasteten alle Zustände, was mich hart betraf. Die Gehaltszahlung blieb aus, und in dem von napoleonischer Gewaltherrschaft unterjochten Deutschland wagte man sich einstweilen gar nicht an Unternehmungen, die künstlerischer Beihilfe bedurften. ? Bei den wieder ausgedehnteren Sorgen blieb mir aber im Gottvertrauen,[92] mir schon oft bewährt, der Mut aufrecht, und die von Bestellungen im Holzschnitt nicht ausgefüllte Zeit verwendete ich zu schriftstellerischen, teilweise etwas einträglichen Versuchen, auch in der Bühnendichtung, die meine Neigung zu sich hinlenkte. Bekanntschaften, die mich weiter in die Bücherwelt und zur Einsicht in buchhändlerische Verhältnisse führten, fehlten mir bald nach meiner dauernden Einwohnung in Berlin keineswegs. Sie breiteten sich vom Jahre 1805 an zuerst aus im Kreise der Berliner Buchhändler, ich nenne voran Nicolai. Der Zweiundsiebzigjährige, auf einem Auge Erblindete, war noch so berührig und kampfbereit, wie man ihn kennt aus seinen streitvollen, ebenso viel belobten als befehdeten Schriften. Mir war Nicolai freundlich gesinnt, auch hatten wir Berührungen in unsern Denk-und Glaubensrichtungen. Vor allem habe ich ihm das Unterstützen meines Lerndranges nachzurühmen, indem er mir seine allsachlich wertvolle Büchersammlung unbeschränkt zur Nutzung anwies. In meiner ? tatsächlich völlig wahren, nur hinsichts der Verbindung ersonnenen ? Erzählung: »Aus den Aufzeichnungen eines Buchbinders« (»Volkskalender für 1858«) gehören die Begegnisse mit Nicolai zu meinen eigenen, und sind ganz einzuschalten als mir zutulicher Ausdruck väterlichen Wohlwollens des Alterfahrenen: »Erfreut über meinen Eifer, mich in den Mußestunden zu belehren, hat er mir oft erlaubt, mit seiner reichen Bibliothek mich bekannt zu machen. Nicht selten stand ich da auf der Leiter, die hochgereihten Schriften mir anzusehen, und stets hat er die Bitte gewährt, mir dieses oder jenes Buch zu leihen, wobei er dann in Gütigkeit die Mahnung hinzufügte: nicht flüchtig zu lesen, sondern das[93] eigene Nachdenken zu stärken, ohne nur im geringsten die Tätigkeit für die notwendigen Lebensbedürfnisse zu beeinträchtigen. ?Die geistige Geschäftigkeit darf die der Hand nicht stören?, sagte er, als ich Moses Mendelsohns ?Phädon? von ihm erhielt; ?das Gleichgewicht zwischen Geist und Körper, das richtige Verhältnis beider stärkt die gegenseitigen Kräfte; die Hand ruhen lassen und daneben sich nur in Ideen vertiefen, führt dahin, daß Herz und Seele Grillen fangen, die selbst ein guter Kopf manchmal nicht zu beseitigen weiß; fühlt man sich aber zufrieden durch sein Tagesgeschäft, ist es innen am hellsten, um das Geistige in gesunder Würdigkeit aufzunehmen.?« ? »Es fügte sich, daß wir einmal über Goethes ?Leiden des jungen Werther ? Worte wechselten, wobei er mir erlaubte, aus einem Briefe Lessings folgende Stelle abzuschreiben: ?Bei dem Unheil, welches dies warme Produkt leicht stiften könnte, wünschte ich, Goethe hätte Winke gegeben, wie Werther zu einem so abenteuerlichen Charakter gekommen, wie ein anderer Jüngling mit ähnlichen Anlagen sich davor bewahren könne. Ein solcher dürfte leicht die poetische Schönheit für die moralische nehmen und glauben, daß gut gewesen sein müsse, der unsere Teilnahme so stark beschäftigt, und gut war Werther doch wahrlich nicht.?« ? Als ich mich einst unterstand, Nicolai zu beklagen über die vielen Angriffe, die er öffentlich von sich abwehren mußte, sagte der alte Herr lachend: »Ich rate jedem, den modischen Philosophen nicht so viel Zeit zu opfern als ich; da will immer eine Philosophie die andere verschlingen, und am Ende weiß man nur, es sei wohl das beste, sich die Seele zu nähren aus dem größeren oder geringeren Schatz seiner eigenen Anschauung und Erfahrung.« ? Hatte dies offenbar deutlichen[94] Bezug auf Fichte, ist doch in Billigkeit anzufügen, daß, trotz öffentlicher Kämpfe und noch lebhaften Zorns gegen dessen »Wissenschaftslehre«, Nicolai den Gesinnungswert seines Gegners nicht schmälerte, ohne die verfochtene Ansicht einzuschränken, wonach ihm der neue Denk- und Lehrbau Zeugnis von ausschweifender Selbstüberschätzung der Jugendweisheit war. Eine andere, buchhändlerische Bekanntschaft schon von 1805 an wurde Friedrich Maurer, der mich nicht nur künstlerisch und schriftstellerisch beschäftigte, sondern auch in das Gesellige seines Familienkreises einführte. Er war begieriger Sammler meiner Holzschnittabdrücke, aber auch mannigfacher, zum Teil sehr wertvoller und nicht leicht zu beschaffender Gegenstände. Gemälde, Kupferstiche, Münzen, Muscheln, Steinarten und Versteinerungen, seltsame Waffen bis zum vergifteten Pfeil der Wilden, dies, nebst noch allerlei Erzeugnissen der Natur, Kunst und Völkereigenheiten, fand man bei ihm angehäuft; etwas Neues vorzuzeigen und in seine Schränke einzuordnen gedieh ihm zur genugtuendsten Festtagsfreude. Für Einzelnheiten hätte ich aus jener Zeit viele habselige Sammler zu nennen: das Tummeln irgendeines Steckenpferdes mit wissenschaftlichem oder künstlerischem Anstrich gehörte, wenn die Barschaft reichte, zur gemütlichen Unterhaltung in den Familien; daß sie aber mitunter auch dabei litten, laßt sich nicht leugnen, denn in Liebhabereien ist der Bestand des Maßhaltens sehr schwierig. Meine Neigung lenkte mich zu Gemälden und Blumen, ich sah aber bald ein, daß hierzu weder meine Zeit noch mein Geld hinreichen würde, verkaufte ein paar Gemälde, die ich schon erworben hatte, beschränkte zugleich die Blumenpflege wechselnd auf ein Gewächs, und hat man sich in Verlockungen nur erst[95] einmal überwunden, bleibt uns die Versuchung fern. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts war jedoch die Luft des Sammelns wahrhaft ansteckend, und bei überschwenglichen Mitteln durfte man es loben, so ? zum Beispiel ? in bezug auf einen sehr alten und sehr reichen Bankier Daun, der, von seinem Handelsgeschäft zurückgezogen, das derzeit stattlichste Haus in Lützow bei Charlottenburg bewohnte. Da hatte ich noch das Glück, die umfangsvolle Kupferstichsammlung zu sehen, namentlich auch Rembrandts Radie rungen in vollständigster Zahl, und mir wurde erzählt: die Kaiserin von Rußland, Katharina II. habe einst dem Besitzer dafür hunderttausend Dukaten geboten. Das ward für den schon sehr greifen Daun die Ursache einer schlaflosen Nacht, am Morgen sagte er sich dann: »Hunderttausend Dukaten habe ich auch und die Rembrandts dazu; die Kaiserin hat nur die Dukaten, die vollzähligen Rembrandts aber nicht; folglich muß ich diese behalten, um von einer Kaiserin beneidet zu werden.« Dieser Entschluß mag zugleich einen Begriff geben von Dauns Reichtum. Seinen Erben muß dann die Liebe zu Kunstschätzen gefehlt haben: sie wurden in öffentlicher Versteigerung davon befreit, und Rembrandts Radierungen erwarb der Buchhändler Maurer bis zum äußersten wohlfeil. So umgestalten sich Zustände und Verhältnisse! ? was dem übervollen Anerbieten einer Kaiserin verweigert worden war, das erhielt ein Bürgersmann für einen, im Vergleich kaum nennenswerten Geldbetrag. In bescheidenem Verlangen nach Vergnügen und Erholung hatten Nicolai und Maurer sehr einfache Sommerwohnungen in Stadtgärten, sahen dort zuweilen Gesellschaft bei sich. So veranlaßte sich im Juli oder[96] August 1806 bei Maurer mein einziges Zusammentreffen mit Ignatius Feßler, und mein erstes mit dem überspannten Zacharias Wer ner. Jener, nicht nur in verschiedener Richtung als bedeutsamer Schriftsteller, sondern auch in gefährlichem Schicksalswechsel als mannhafter Kämpfer bekannt, war im Gespräch zwar ruhiger, doch scharfer Art. Vom Katholischen und dem Mönchstum zu tätigem Widerspruch übergegangen, hatte er Werners am 11. Juni 1806 zum erstenmal auf dem Berliner Theater dargestelltes Schauspiel: »Die Weihe der Kraft« mit dem wunderlich behandelten Luther nicht behaglich gefunden, und warf allerlei Spitzrede in die Unterhaltung. Werner war leicht aufzuregen, wurde aufgeregt, und obwohl der Ansicht Feßlers anhänglicher, nahm ich teils des Friedens wegen, teils aus jugendlichem, durch Beliebtheit allmählich etwas verwöhnten Übermut anscheinend Partei für Werner, der darüber im mißverständlichen Überschätzen meiner Einmischung außer sich geriet und zu mir eilte, mich zu umarmen. Da erhob sich Gelächter, der mitanwesende Professor Fischer, vertrauter Freund Feßlers, und mit diesem Herausgeber der Monatschrift »Eunomia«, rief aus: »Nichts als Neckerei, Herr Werner; wir wissen es, über Ihre ?Weihe der Kraft? ist der junge Schalk unserer Meinung!«? und jetzt verriet er, daß ich wenige Tage zuvor mit folgendem Reimsprudel belustigt habe: »Frömmelnde Demut, Tändelnde Wehmut, Sinnlich Verhimmeln In Wortgewimmeln ? Bilden in Reihe Mystische Weihe.[97] Wirriges Toben, Selbstisches Loben, Zwiespalt der Dichtung Schwebelnder Richtung, Geist, der erschlafft, Das ist die Kraft!« Dieser gesellschaftliche Scherz des Augenblicks ließ sich nicht ableugnen; den mindestens sehr unzeitigen Verrat zu verhindern, war mir mißlungen, und ich begriff, daß sich Werner mit Recht verletzt finden konnte. Er verhehlte dies nicht, und fruchtlos blieb einstweilen mein Bitten: er möge einen vorlauten Einfall so unschwer nehmen, als er ausgeschwatzt wurde. Werners bewundernswerte rednerische Fähigkeit befeuerte sich nun abermals an den ätzenden Bemerkungen Feßlers über den »wieder katholisch gewordenen Luther«, und ich, in meinem einundzwanzigsten Jahr noch erfüllt von meinem Hirngespinst kirchlicher Umschaffung, stand endlich ganz auf der Seite Feßlers, wobei ich stets die dichterische Macht Werners hervorhob, ohne jedoch zu verschweigen, daß, soweit ich Neuling in der Geisteswelt überhaupt zu urteilen vermöge, und urteilen dürfe, auch in seinem dramatischen Gedicht: »Die Söhne des Thales« Annäherung zum Katholischen erkennbar wäre. Mir wurde beigestimmt, Werner stritt eifrigst dagegen, wie es schien aus innerer Beglaubigung; jedenfalls schien er darüber noch ohne klares Selbstbewußtsein, konnte aber doch die Erkenntnis seiner Anfechter nicht erschüttern, und ich meine, mir haben sich ? später zu besprechende ? Zeugnisse geboten zum Befestigen der Wahrnehmung: Werner sei schon damals mitten im Abfall von Luther gewesen. Dies ward nach der öfteren Darstellung des Schauspiels: »Die[98] Weihe der Kraft« fast ein allgemeines, ob auch nicht vollauf deutliches Empfinden, und die noch im Sommer 1806 von Offizieren auf Rollwagen veranstaltete Schlittenfahrt, wobei man die Gestalten der Wernerschen Dichtung als Spottbilder veröffentlichte, war unzweifelhaft Ausdruck des Volksgefühls. Iffland, der sich in Verlarvung dieses, von ihm eigentlich veranlaßten »Luther« sehr gefiel, beschwerte sich über den verwegenen Schlittenschwank, die Veranstalter mußten ihn dann auch mit leichter Hast büßen. Habe ich hinsichtlich Maurers in der Nachzeit Begegnisse einzutragen, ist hier, um meine Kenntnis über den sonstigen Buchhandel zu bevorworten, noch des Buchhändlers de la Garde zu gedenken, mit dem ich mehr in gesellige als geschäftliche Verbindung kam, der aber seinen Beruf mit geistigem Zweck verband, Verlagswerke nicht nur wie gelderwerbende Ware, sondern auch der Nützlichkeit verpflichtet erachtete. Überhaupt hielt sich der Buchhandel damals meist würdig, was heut offenbar minder allgemein zu sagen wäre. Dies verschuldete ursprünglich die sich weit ausbreitende Hausiererei, wodurch man mit einzelnen Bogen und dünnen Heftchen für Weniges, von einem Groschen an, der Menge nicht selten Greuelhaftes in die Familien treibt. Frönend ist dabei eine wegelagernd lungernde Schriftstellerei, die vielen das Sinnige in Sinnliches verkehrt, der Lauheit gefällig, indem man ohne Prüfung nur liest, was zur Tür hereingereicht und aufgedrängt wird; oft vermöge einer an Un- und Mißbildung haftenden Dreistigkeit, deren sich die wahre Bildung schämt. Als de la Garde den Urbeginn dieses Überganges spürte, wurde er bedenklich, überlegte, ob er von dem, was er hatte, ohne Prunk mit den Seinen[99] leben könne; da »Soll« und »Haben« leidlich stimmte, zog er sich zurück, überließ die Buchhandlung seinem Schwiegersohn, der damit aber alsbald nach Leipzig auswanderte. Mir war de la Garde noch deswegen anregend, weil er bei geläufigst französischer Sprache das altfranzösische Wesen ebenso mit kluger Gewandtheit wie mit seinem Schliff und unverletzend einströmendem Witz an- und durchschaulich ausprägte. Der Verein dieser Eigenschaften bewirkte ihm dann auch die willig übernommene Last, während der französischen Erpressungen in Berlin »Präsident des städtischen Comité administatif« zu sein, eine Stellung, die ihn jedenfalls von der Beliebtheit entfernte. Berlins Zustände vor und nach der Schlacht bei Jena sind oft geschildert worden, es scheint mir nicht ratsam, mich darüber in Umständlichkeit des einzelnen auszubreiten; eingefügt sei nur, was meine Auffassung des Geschichtlichen bezeichnet, dabei noch bevorwortend, daß ich bis zu Ende 1806 allerdings in den Staatshändeln ein Uneingeweihter, mit den Zeitungen aber ziemlich vertraut war von da an, als ich ihrer habhaft wurde. Wie fast sämtliche strebende Jugend hatte ich in den Kindesjahren für die Pariser Umwälzungen oberflächlich geschwärmt, schauderte aber bald zurück vor der mordwütigen Vielherrschaft, begrüßte Bonaparte als vermeintlichen Retter, um so lebhafter, weil ich ihm recht gab in bezug auf die ehemals noch ungebändigteren Schiffahrts- und Handelsanmaßungen Englands, verbunden mit dessen vorteilsdienlichen Aufhetzereien innerhalb der Festlande. Nachdem mit dem Kaiserprunke und Allbeherrschungspläne in Bonaparte sich der gewaltsamste Volksbedrücker ausbildete, während er in seiner eroberten Machtstellung das Außerordentlichste für die[100] Menschheit hätte tun können, wandte sich meine Neigung von ihm ab, und ich dachte fast ausschließlich nur an Deutschland. ? Keineswegs hatte sich mir jedoch im Zusammenfluß meiner verschiedenen, schwer ineinander zu bindenden Tätigkeit eine solche staatskluge Kenntnis angeeignet, um mir klare Beurteilung zutrauen zu dürfen. Indem sich aber mein Denken nie vom Gefühl trennte, bildete sich mir im Jahre 1805, da der deutsche Kaiser Franz gegen das stets habgierige Franzosentum wieder zu den Waffen rief, die Meinung: Preußen müsse, als eben auch das russische Bündnis sich anbot, sogar zum Abschluß gedieh, unverzögert Österreich zu Hilfe kommen. Sei es doch gleich hier ? ich schrieb dies im Jahre 1864 ? nicht verhehlt, daß mir ein dauernd einiges Deutschland, soweit es überhaupt möglich, nur dann als erreichbar vorschwebte, wenn Österreich und Preußen von ihrer Vorrangshaderei sich gründlich heilten. Mit dem Freunde Reimann hatte ich zuweilen Abendgespräche über die verworrenen Zeithändel, war mit ihm einverstanden in Friedenswünschen, nicht aber in dem, was Hemmnis werden könne gegen das Voraussichtliche, das Unvermeidliche, wenn es nicht abgewehrt würde durch treu verbundene Kräfte, die manchen Krieg und manches Unheil für Deutschland unmöglich gemacht hätten. Nach dem Frieden zwischen Osterreich und dem französischen Umsichgreifer wurde von diesem Preußen noch ungezähmter und höhnischer mißhandelt als bisher, und in Berlin kreiste ein meistseitig irrlichterndes Gewirbel der Ansichten. Unterstützt vom Prinzen Louis Ferdinand ? der seine sämtlichen Fähigkeiten schwächte durch die Unfähigkeit, Maß zu halten, dies aber mit dem Tode auf dem Schlachtfelde gesühnt haben mag ? gaben viele Offiziere[101] übermütig stürmische Zeichen, daß man Krieg gegen Napoleon verlange. Die leicht in jedem Lärm ungleicher Richtung einzutummelnde Menge, bei der die Mut-oder Freudenschreier stets die Schwachhirnigsten sind, benahm sich nun, als wäre man in volksfestlichem Aufschwunge, und von der Bühne her beförderte man die Reizflut der Aufregung. Dort wurde durch Vermittelung des Livländers Merkel, der vor dem Einmarsch der Franzosen aus Berlin nach seiner Heimat flüchtete, gesungen: »Der Krieg ist gut, im Reiben seiner Kräfte ist für die Welt Gewinn!« und solche Klatschlustige, die bei derben Händen matte Köpfe haben, waren äußerst schußfertig. Das Theater mischte sich fortdauernd ein; »Wallensteins Lager« mußte sich neue Kriegslieder gefallen lassen, »Graf Dunois, der Bastard von Orleans« wurde mit überlaut getrennt hervorgehobener Rede Aufrufer gegen Frankreich bei jauchzendem Zustimmen, ohne zu bedenken, daß man Bruchstücke der Schillerschen Dichtung in verdrehtester Weise anwendete. ? Sogar Holbergs Posse: »Der politische Zinngießer«, mit dem die Regiersucht eines übermütigen Narren bespöttelt wird, mußte zur Aufwühlung behilflich sein. Im Schlafrock, nachtmützlich bedeckten Hauptes verlautbarte der Spaßmacher Unzelmann einen Kampfschrei, der mit dem Gesang »Heil dir im Siegerkranz« schloß. Die Toblustigen unter den Zuschauern kriegsdonnerten mit Hals und Hand, sie gerieten außer sich, nur um von der Besonnenheit und Überlegung weiter abzukommen, und dies wurde langstreckigst erreicht, als der Zinngießer versicherte: »er kenne den braven Mann, der die zerrissene Karte von Deutschland wieder zusammenfügen werde.« ? Ich kannte und liebte den braven Mann, werde den Verewigten lieben bis an das Ende der Gefühle;[102] aber die sinnverwirrende Aufwühlerei, womit man ihn, für derzeitige Umstände jedenfalls ein Jahr zu spät, außer und in den Theatern wider seine Erkenntnis und Willensäußerung hindrängte zu einem Wagnis, bei dem gegen einen so kriegskundigen Feldherrn mit sieggewohntem übermächtigen Heere das Mißlingen unvermeidlich war, diese, alle Vernunft überschreiende Anmaßung fand ich ebenso töricht als entsetzlich. Obenein wirkten auf mich vor der Bühne willkürlich den dichterischen Gebilden eingezwängte Prunkzwecke angeblicher Vaterlands- und Heimatsliebe von jeher abstoßend, zum Teil auch deshalb, weil ich hinlängliche Gelegenheit hatte, zu erkennen, daß Gesinnung eben bei Schauspielern ? versteht sich nicht ganz ohne Ausnahme ? eine seltene Eigenschaft ist; der nächste Vorteil wird ihnen ohne Unterscheidung zum besten, und sie stellen sich jeden Beifallsklang, gleichviel wie er erworben ward, in Rechnung, damit er in Zulage klingenden Zins anlocke. Wahr und wahrhaftig edel und erhaben ist die Begeisterung eines Volkes, wie in späterer Zeit sie erfolgreich wurde; was aber damals in Berlin hochfahrend um sich wütete, war nur schauspielerische Fieberhitze, ansteckender Dünkel, der nichts besiegt als Einsicht und Selbsterkenntnis, oft aber mit starrem Wahn sich dennoch einen Anhang zusammenfaselt. So war es auch in dem Unheilsjahr 1806, und Besonnene, die nicht fehlten, doch übertäubt wurden, blickten mit schweren Sorgen in die Zukunft. Mein Gefühl und Vorausblick mußten sich dem Tummelstrom teils irrgläubiger, teils absichtlicher Überschätzung gegenüber schweigsam beobachtend verhalten, obgleich man schon damit in Gefährlichkeit kommen konnte bei den wortdonnernden Steckenpferdsrittern der Leidenschaft oder[103] Wühlerei. Einen von ihnen, den ärgsten, sah ich wenige Tage nach dem Einmarsch der Franzosen mit dem dreifarbigen Hutzeichen, hörte und las völlig umgestimmte Äußerungen, und daß ich diese Nichtswürdigkeit ohne Hehl so nannte, verschlimmerte mir nachher bedrohliche Verhältnisse. Unzweifelhaft war Preußens Ehre gekränkt, sie war es aber französischerseits zumeist schon 1805 vermöge des frech eigenwilligen Verletzens der vertragsmäßigen Nichtbeteiligung am Kriege zwischen Österreich und Frankreich; der unvermeidlich andringende Kampf wäre damals in voller Rechtfertigung gewesen durch die schnöde Herausforderung und günstige Zeit. ? Diese war im Jahre 1806 verloren, bei dem Unterlassungsfehler Napoleon obenein doch gereizt worden mit dem preußisch-russischen Bündnis. Wie dem sei, offenkundig mehrten sich die Zeichen, daß nicht nur neue Beleidigungen, sondern auch bezweckte Verluste für Preußen im Anlauf waren. Was sich bei den Umständen der Sachlage und ihrer Wendung sagen läßt ist in unzähligen Schriften erörtert; genug, das zu ängstlich und schwankend vermiedene Wagespiel mit Geschützkugeln wurde ohne umfassende Vorbereitungen plötzlich begonnen, zu raschem Unglück für Preußen. Noch am 14. Oktober 1806 brüsteten sich in Berlin die Mundhelden mit Siegesgerüchten: sie verflogen in Stunden; bald überstürzten sich Flüchtlinge mannigfachster Herkunft auf allen Wegen, am 24. Oktober sah man den ersten Kriegstrupp der Franzosen, und am 27. ritt ihr Kaiser durch das Brandenburger Tor herein. Aus eigener Anschau kann ich darüber nicht sprechen; meine einstige Neigung für Bonaparte hatte sich in Bitterkeit gegen Napoleon verwandelt, ich gab mir das Wort, ihn, dessen[104] Äußeres ich ja durch viele Bildnisse zureichend kannte, in seiner Selbstheit nicht sehen zu wollen, und blieb darin beharrlich. Man mag dies Eigensinn nennen, mag es tun mit dem schlimmsten Beiwort: ich wehre mich nicht im geringsten; meiner Empfindsamkeit war es zusagend, und daß ich wegen Anblicks der Persönlichkeit des Ruhm- und Gewaltsüchtigen keinen Schritt ging, ist mir noch im Alter nicht nur recht, auch wohltuend. ? Was ich hinsichtlich des Allgemeinen hier in Betrachtung zog, soll übrigens nur andeuten, daß ich nicht völlig im Unbewußten war, als ich staatsmännischer Schriftsteller werden mußte. Zerstörend wirkten begreiflich auf meine Verhältnisse die im Waffengewühl entstehenden Umwandlungen. Ausbleiben des Gehalts, Stocken des künstlerischen Beanspruchs, Einlagerung ungebetener Gäste, Kriegssteuern und Erhöhung der bisherigen Abgaben, dieser Verein von Übeln, nachdem ich eben erst im Vertrauen auf meine neue Stellung mit der Familie bei gesteigerter Miete mich räumlicher und behaglicher eingerichtet hatte, ist in aller Kürze so umfänglich lastschildernd, daß Zusätze Wortverschwendung wären. Der nächste Hilfsgriff war die Schriftstellerei; ich wurde Mitarbeiter an der Spenerschen Zeitung, und da mit dem Jahr 1807 das »Morgenblatt« begann, kam mir auch der stets achtsam um sich blickende Cotta freundlich entgegen. Die neuere Bücherkunde für Unterhaltung, Erscheinungen auf der Bühne, Ereignisse außerhalb der land- und machtgierigen Zwiste, das waren die Bereiche meiner Aufgabe; mit den Staatshändeln hatte ich nichts zu tun, war aber dabei dennoch bald anderweitig verwickelt. Von der Eidesleistung der Beamteten am 9. November[105] 1806, wonach man der französischen Oberverwaltung geschworen hatte, »weder durch Briefwechsel noch irgendeine andere Art mit den Feinden der Franzosen sich zu verbinden«, blieb ich nach meiner Weigerung, mich den akademischen Abgeordneten beizugesellen, verschont, mir eine werte Beruhigung. Auch fiel mir nicht ein, daß ich von denen, die nur Feinde der Deutschen und ihres Heimatswohls waren, noch ein anderes als das gemeinsame Drangsal zu erwarten habe, wurde nun aber unangenehm überrascht. An einem der ersten Tage des Dezembers 1806 bestellte mir ein französischer Offizier höflichst die Einladung, sogleich zum Gouverneur General Clarke zu kommen, und ich mußte eilend von dem Boten mich nach dem Königlichen Schlosse begleiten lassen. Dort führte mich der Offizier zu Clarke, und bei ihm war der gelderpressende Minister Estê ve. Jener sprach etwas Deutsch, Estêve nur Französisch, das mir nicht geläufig war; denn was ich davon erlangte, hatte ich mir auf verschiedene Weise eingesammelt und selbst gelehrt, weil mein Schul-Unterricht die Umgangssprachen fast gänzlich ausschloß. ? Estêve erklärte mir ohne Umschweif, anfangs in seinem Schliff: man habe preußischerseits von der Bank fünfzehn Millionen Taler bürgerliches Eigentum mitgenommen, und es sei notwendig, zur Schadloshaltung der Beteiligten und zum Vorteil des Geldumflusses, die Tresorscheine, als Anweisung auf das widerrechtlich Entführte, in solcher Summe zu vermehren, wobei ich, als »Fabricateur«, möglichst rasch beförderlich sein sollte. Betroffen, ja erschreckt, zögerte ich mit der Antwort bei abweisender Gebärde, wonach mir Estêve sehr redselig einleuchtend machen wollte, es wäre »irremissible et irrefragable«, dem Handelsverkehr besagte fünfzehn Millionen wieder zuzuwenden. Etwas gefaßter[106] erwiderte ich: daß ich vom Handelswesen gar keine Kenntnis habe, nicht alleiniger »Fabricateur«, auch alles, was zur Beschaffung der Tresorscheine notwendig, an die bezügliche Regierungsbehörde abgeliefert sei. Befangener wurde ich im Erstaunen, als ich erfuhr, daß Estêve Kenntnis hatte von dem Erbieten, die Nachahmlichkeit der Tresorscheine beweisen zu wollen, und nun blieb mir nur übrig, unumwunden auszusprechen: erstens wäre doch eine Nachahmung an sich sehr zeitraubend, zweitens müsse ich entschieden verweigern, bei einem verbrecherischen Geschäft Mithelfer zu werden. Estêve schnaubte mich heftig an, Clarke, bis dahin wortkarg, äußerte sich jetzt besänftigend, was mich ermutigte; endlich hatte Estêve die gnädige Unverschämtheit, mich mit 20000 Talern oder mehr für seinen Zweck erkaufen zu wollen, und mir im glatten Nebenspiel einschüchternder Drohungen vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit zu geben. ? Ich verbrachte einen düstern Tag mit schlafloser Nacht; der Gedanke an Flucht vor Gewaltsamkeit mußte verschwinden in der Familiensorge und bei dem Mangel an Geldmitteln; auch schöpfte ich Hoffnung aus dem Benehmen Clarkes, und alles Überlegen endete mit dem Ausruf: Zwang ist hier unmöglich! ? Da man für eine zweite Zusammenkunft keine Stunde bestimmt hatte, erwartete ich das Kommende, wurde wieder höflichst nach dem Schlosse geholt, und Clarke fehlte nicht, was mir die innere Beklemmung etwas milderte. Kaum aber war notgedrungen mit aller Entschlossenheit meine Weigerung erneuert, da zeigte Estêve schrankenlose Hitze, erlaubte sich auch, von unkluger Jugend zu reden; ich wurde angesteckt vom Aufbrausen, und als er zwischeninne fragte: wenn ich nicht wolle, wer es dann könne? fiel mir unzeitig das im vorigen Monat veröffentlichte[107] »Bloc kade-Dekret« Napoleons gegen die Britischen Inseln ein. Vorschnell erwiderte ich: »Künstler in London könnten es, da aber ihr Kaiser England so verschlossen hat, daß nichts hinein noch heraus kann, so ist dieser Weg nicht empfehlenswert.« Durch mein unbehilfliches Französisch wurde vielleicht der Sinn dieser Worte stachlichter, als ich wußte, und indem Clarke lachte, geriet Estêve in so flammende Wut, daß er »wegen Beleidigung des Kaisers« meine sofortige Verhaftung befahl. Das schien für Clarke empfindlich, er winkte mir lebhaft, seitwärts zurückzutreten, verhandelte mir unverständlich eine Weile mit Estêve, und achselzuckend verurteilte mich dann Clarke bei fühlbarem Wohlwollen zu eintägiger Haft. Noch im Beisein des Zornsprühenden wurde ich durch einen erklingelten Kriegsmann abgeführt nach einem nicht gerätlosen Zimmer, von dessen vergittertem Fenster ich den dritten Schloßhof übersah. Dort sperrte man mich ein in der zweiten Stunde nachmittags; der Schall des Auf- und Abgehens machte mir bemerklich, daß man mich trotz des Verschlusses draußen noch bewachte. ? Die Dom-Uhr hatte bereits fünf geschlagen, da besorgte ein Gendarm Erleuchtung durch zwei Wachslichte, ein geschürzter Küchendiener trug ein reichliches Mahl auf, dem bald auch der Wein nicht mangelte. Von dem Gendarmen wurde ich gefragt: ob ich »Lektüre« wünsche, und als ich ja gesagt hatte, erhielt ich ein Heft französischer Schlachtberichte, die mich in der Sprachübung beschäftigten. Es war dann wieder eine ruhelose Nacht, besonders weil ich die Familie ohne Nachricht lassen und immer an ihre Angst denken mußte. Am Morgen gleich nach neun tischte man mir ein verschwenderisches »Dejeuner« auf, das ich nicht berührte; wenig später, nachdem meine Gefangenschaft ungefähr einundzwanzig Stunden[108] gedauert hatte, führte man mich in gestriger Weise nochmals zu Clarke, der mir wegen übereilter Rede, mehr freundlich als herrisch, einen mäßigen Verweis verlautbarte, den ich ohne Widerspruch annahm, auch nicht vergaß, für die, an offenbarer Vermittelung Clarkes erkenntliche, von ihm betonte »bienveillance« mich zu bedanken; denn eine »précipitation«, wie sein Ausdruck war, hätte ich vermeiden sollen, obschon sie mir vielleicht vorteilhaft war zur schnellsten Abweisung eines frechen Antrags. Mit Estêve habe ich weiter nichts erlebt, mich aber seines Verfahrens erinnert, als ich hörte, daß Napoleon einmal falsche englische Banknoten anfertigen ließ, und übrigens mußte ich hinsichtlich jenes Bedrängnisses mich damit trösten, daß ich des Ärgers über die Tresorscheine schon gewohnt sein konnte. Amazon.de Widgets Unser Teil an den allgemeinen Lasten hatten wir reichlich zu tragen; ich wünschte gar oft, wir wären noch in der engeren und wohlfeileren Wohnung, sie hätte den Einfluß der Anforderungen vermindert. Leidlich durchhelfend, obschon ich freilich einmal ? aber nur dies eine Mal ? der Zwangseintreibung einer städtischen Kriegssteuer durch Abpfändung mich unterwerfen mußte, war meine mehrfache Tätigkeit, bei der ich schriftstellerisch dem Beurteilen staatlicher Wirren entfernt blieb und bleiben wollte. ? Bald wurden jedoch Briefe Reimanns und anderer Freunde in der Umgebung des Fürstenpaares am Königsberger Hoflager anmahnend, auf die kriegerische Tagesgeschichte mich einzulassen, wonach mein deutsches Gemüt und Dankgefühl mich nötigten, eine Zeitschrift herauszugeben gegen die vielen gedruckten Schmähungen, mit denen man Preußens Zustände übertrieben entwürdigte, die höchsten, herzgütigen, von mir mit vollster Anhänglichkeit[109] verehrten Personen greuelhaft mißhandelte. Der Buchhändler Friedrich Maurer kam mir mit zwar sehr geringen, jedenfalls aber etwas einträglichen Anerbietungen entgegen, und ich ging darauf ein, ohne die Schwierigkeiten meines Unternehmens mitten unter den zu Gewalteingriffen sehr bereiten Feinden hinlänglich überschauen zu können. ? »Das Vaterland« nannte sich meine Zeitschrift, und inbezug auf Cöllns »Feuerbrände« hatte der Umschlag die Bezeichnung »Feuerschirme«; sie erschien, nicht an bestimmte Lieferungstage gebunden, in den Jahren 1807 bis 1809, und endete plangemäß sogleich bei der Wiederkehr der jubelfreudig empfangenen Königsfamilie. Das erste Heft ? nach der Vorrede gedruckt im Oktober 1807 ? beantwortet auf hundertachtundzwanzig Druckseiten in Mittelgröße die Frage: »Sind die Vorwürfe gegründet, welche dem Preußischen Staate von auswärtigen Kabinetten und in mehreren Schriften gemacht wurden?« Die Beantwortung schildert den Preußischen Staat nach innen und außen von Friedrich dem Großen an bis zu den Schlachttagen von Jena und Auerstädt, und wenn ich jetzt dies Erzeugnis wieder anschaue, begreife ich kaum, wie ich damals Einundzwanzigjähriger bei den verschiedenen Lerngängen anderer Art mir doch eine Anfügung von Kenntnis staatlicher Ereignisse eingesammelt hatte. Begreiflich wendet sich meine Abhandlung vorherrschend zu Rechtfertigungs-und Verteidigungsgründen für Friedrich Wilhelm III., und um mein derzeitiges Einschreiten und Schreibwesen zu bezeichnen, erneuere ich nur den Schluß: »An unsere Mitbürger. In den vorstehenden Kapiteln dieser Schrift haben wir darzustellen gesucht, unter welchen Umständen Friedrich Wilhelm der Dritte den Thron seiner Vorfahren bestieg, welche schwere Aufgaben zu lösen ihm[110] diese hinterließen, mit welcher Festigkeit er die einmal angenommenen, aus der bisherigen Existenz der Monarchie entsprossenen Staatsgrundsätze befolgte, welche Hilfsmittel zu Erreichung seiner Zwecke ihm zu Gebote standen, durch welche Ereignisse er von der Bahn, die er seit dem Anfange seiner Regierung betrat, abzuweichen gezwungen ward, und endlich, wie Schicksal und Menschen sich vereinigten, um die unglückliche Katastrophe, unter der wir dulden, herbeizuführen. Wer dies alles mit unbefangenem Sinn erwägt ? erwägt, wie weit die Kräfte des einzelnen, stehe er auch auf der höchsten Stufe des bürgerlichen Vereins, reichen können ? erwägt, wie die Basis des Staatsgebäudes beschaffen war, und worin seine Schwäche bestand, der wird dessen Sturz dem Monarchen nicht beimessen, der, was von ihm abhing, zehn Jahre lang tat, um es zu stützen, zu verstärken und aufrechtzuerhalten. Nichts verrät mehr Kurzsichtigkeit, nichts ist unnützer und verdient mehr Tadel als eitele Klügelei über das, was geschehen könnte oder sollte, ohne in Betrachtung zu ziehen, ob dies oder jenes ausführbar, ob es unter gewissen Umständen ausführbar war, ohne zu wissen, ob solches der Aufmerksamkeit der Regierung entgangen sei oder sie beschäftigt, und was sie bewogen habe, das Vollbringen entweder zu unterlassen oder zu vertagen. ? Friedrich Wilhelm der Dritte hat uns unausgesetzt bewiesen, das Wohl seiner Untertanen sei das Ziel seines Strebens, seines redlichen Willens. Wir haben ihm viel zu verdanken, und es gab eine Zeit, wo wir dies erkannten, wo die Nation ihn dafür segnete, wo unsere Herzen ihm entgegenschlugen. Er gab uns Beispiele mancher Tugenden, die wir uns hätten aneignen sollen, ? Beispiele weiser Sparsamkeit, Nutzen bringender Opfer, Verachtung eines verderblichen Luxus. Wer ist einfacher in seinen Sitten, anspruchsloser, humaner im wahren Sinne des Wortes als er? Wer als Gatte, als Familienvater ehrwürdiger, wer wohltätiger da, wo Hilfe nötig ist, wo sie fruchten kann? Jetzt in dieser trauervollen Periode, gab er nicht Proben von Unerschrockenheit, unerschütterlicher Standhaftigkeit, von Treue in Erfüllung seiner Pflichten? Mitbürger! ? und dieser König sollte von uns verkannt ? im Unglück verkannt werden? Er, der unendlich bedauernswürdiger ist als wir, er, dessen Leiden nicht bloß persönlich, nicht auf eine Familie eingeschränkt sind, sondern der für Millionen leidet! Diesen König wollten wir bekritteln, anklagen, vergessen, was Pflicht und Treue von uns heischen? Nein, dies kann kein edles Gemüt, kein Volk, das Ansprüche auf Bürgertugenden, auf Gemeinsinn[111] macht, das hinlänglich aufgeklärt ist, um die Wahrheit zu kennen und ihrer Stimme zu folgen. ? Mitbürger! wir sind von der gefährlichen Höhe, auf der wir standen, gefallen, unser Sturz war unerwartet, schauderhaft: er betäubte uns, aber zu Boden darf er uns nicht schlagen. Wir waren vielleicht übermütig im Glück und zogen uns dadurch Unwillen, Feindschaft, jetzt Spott und Schadenfreude zu. Mutvoll müssen wir uns wieder erheben, mit festem Blick unsere Lage durchschauen, und mit noch festerem Willen unsre Regeneration bewirken. Schwere Opfer, Verleugnungen, Entbehrungen wird es kosten. Jede Klasse der Nation muß sich ihnen unterwerfen, soll der Staat gerettet werden. ? Laßt uns jeder Art von Egoismus ? sei es individueller oder Kasten- oder National-Egoismus ? entsagen. Es gilt nicht das Interesse dieser oder jener Körperschaft, sondern das des Ganzen! Laßt uns genau und ohne Dünkel untersuchen, welchen Grad der wahren Aufklärung, der echten sittlichen Kultur wir erreicht haben, und finden wir, daß wir uns bisher Täuschungen hingaben, so entferne sich dieser Dünkel von uns. Ist es unleugbar, daß alles, was einem Volke Glückliches oder Unglückliches begegnet, daß sein Steigen und Fallen, sein Wohl und Weh stets von ihm selbst ausging, wie vieles haben wir uns dann vorzuwerfen! Aber fehlen, irren ist menschlich; erkennen, bessern, gebiert Achtung und trägt Früchte. Laßt uns nie vergessen, daß wahre Aufklärung, reiner Patriotismus nicht im Räsonnieren, in leerem Geschwätz, in heftigen Deklamationen, in indiskretem Ratgeben, sondern im Handeln, in der Vereinigung geprüfter Kräfte zum Besten des Ganzen besteht. Diese Vereinigung, wie kann sie aber statthaben, ohne inniges Anschließen an den Thron, ohne auf Grundsätzen ruhende Anhänglichkeit für den Monarchen, ohne Vertrauen zu ihm? Der Unsrige verdient beides. Schon hat er dargetan, wie sehr, selbst in diesem Zeitpunkte, die Wiedergeburt des Staates ihm am Herzen liegt. Der erste Schritt zur Veredlung der zahlreichsten, nützlichsten Volksklasse ist bereits geschehen: er hat sie von der Leibeigenschaft befreit. Möge derjenige Teil unter uns, dem Verhältnisse, Stand und Talente Mittel darbieten, auf jene Klasse wohltätig zu wirken ? möge er sie anwenden, diese Mittel, um moralische und intellektuelle Kultur unter sie zu verbreiten. Das Niedrigerstehende zu heben zeigt von weit rühmlicherer Hochherzigkeit als das Höhere herabziehen zu[112] wollen. ? Wir haben viel, viel verloren, liebe Mitbürger, aber dennoch einen großen Vorteil für unsere leichtere Regeneration erlangt, den ? von einer Menge heterogener Stoffe gereinigt zu werden. Künftig können wir, wenn wir es ernstlich wollen, ein Volk sein, das sich durch Nationalsinn auszeichnet, und durch seinen Charakter Achtung, Zutrauen und Liebe einflößt. Unglück gibt dem Seelenadel, wo dessen vorhanden ist, Schwungkraft; ihn zu pflegen sei unser Ziel, ihn zu besitzen unser künftiger Stolz. Dann wird alles gedeihen, alles wieder aufblühen, und der Staat mit verjüngter Energie aus seinen Ruinen emporsteigen.« Bin ich mit meinem, damals noch der fremdsüchtigen Schulzucht anhänglichen Miß- und Mischdeutsch jetzt nicht einverstanden, und könnte ich mich meinem Bildungswege gegenüber eher mit dem Einfließen des Predigens verständigen, den guten Willen und Weckruf zur wohlfahrtlichen Gesinnung liest man hoffentlich auch bei dem Mangelhaften heraus. In bezug auf Sprache sei jedoch zusätzlich bemerkt, daß man mich später wegen »Purismus« getadelt hat, vielleicht auch, obschon mir Zustimmung mitunter nicht fehlte, noch tadeln wird. Dergleichen lasse ich aber ohne Widerrede, und bestreite keineswegs die Untunlichkeit, jedes Fremdwort mit treffendem Deutsch abzuweisen: dann muß man sich freilich dem Gebrauch unterwerfen. Zu bedenken wäre indes, man habe nicht wenigen Fremdwörtern nur übereinkömmlichen Sinn eingeflößt und die Angewöhnung sei dabei zuweilen sehr irrtümlich mitwirkend. Von vielen Fremdwörtern ist der deutschtümliche Ausdruck, obwohl er anfangs befremdete, allmählich bei uns heimisch geworden, und es wird auch noch andern Übertragungen geschehen, denen man nicht augenblicklich Geltung zugesteht. ? Dieser Einschaltung, schriftstellerischem Bequemwesen in der Sprache gewiß unbehaglich, schließe sich nach dem Bruchstück aus dem ersten Hefte über die folgenden der[113] erwähnten Zeitschrift ebenfalls nur eine kurze Hinweisung an. Sie geben Aufsätze mit Erläuterungen wider schmähende Gegner Preußens und Berichte über Tagesereignisse aus ursprünglichen Zusendungen. Ich hatte Gelegenheit erkundet, mich mit Schill, mit dem Freikorps des Leutnants v. Hirschfeld, des Rittmeisters v. Krockow, mit den Heeres-Abteilungen des Oberstleutnants v. Borstel und v. Zieten in Verbindung zu bringen, von Königsberg kamen ebenfalls Beiträge. Ohne Scheu ließ ich in geziemender Anständigkeit mitten unter den Franzosenmancherlei drucken, was diese nicht angenehm berührte. In meiner sehr erfahrungsarmen Unbefangenheit erachtete ich nicht für gefährlich, was mir als in sittlicher Schranke gehaltene Wahrheit erschien; Macht, Gewalt und Vorteilsdrang finden aber oft das Begründetste strafbar, dies haben auch mir die handlangerischen Mitschuldigen der Napoleonschen Willkür bestätigt. ? Am 11. Mai 1808 morgens zwischen sechs und sieben, als ich mit der Familie bei dem Frühstück saß, wurde ich verhaftet; zur Untersuchung meiner Papiere blieben Beauftragte in meiner Wohnung, und mich brachten zwei Gendarmen, höflicherweise in einer Kutsche, nach der Kommandantur. Dies Unheil traf mich, wie mir später einleuchtete, in bezug auf Angebereien eines Söldlings-Beamteten bei der französischen Kolonie. Er war geborener Preuße, ließ sich aber im Dienste der Franzosen als Zensor gebrauchen, und ich hatte ihm darüber meine abfällige Meinung klar ausgesprochen, obgleich er nichts zu tun hatte mit meiner Zeitschrift. Bei dieser mußte ich mich der Vorbeurteilung eines als französischer Amtsdiener mitgekommenen Deutschen unterwerfen: es war Wiedemann, nachmaliger Mitanordner bei der Cot-[114] taschen »Allgemeinen Zeitung«, im Jahre 1808 noch verliebt in seine Bewunderung Napoleons, was ihn jedoch nicht verleitete, überstrenger Zensor zu sein. Jener Söldling aber rächte sich nun an mir wegen meiner freilich wieder nicht weltklugen Offenheit; er übersetzte sehr verfälscht mehrere, aus dem Zusammenhange gerissene Einzelheiten, die allerdings in ihrer Richtigkeit keine Schmeicheleien für die »große Nation« sind, und seine Böswilligkeit wirkte für mich schlimm genug, würde noch schlimmer gewirkt haben, wenn nicht die Vorsehung eingegriffen hätte. Nach meiner Verhaftung durchforschten die französischen Sendlinge alle zu entdeckenden Papiere, vorher aber hatte meine wackere Schwester Wilhelmine, mit meinen sämtlichen Verbindungen vertraut, die Geschicklichkeit, eine gefährliche Mappe zu entfernen, deren Inhalt sie in ihrer Angst auf dem Feuerherd verbrannte. Leider verlor ich dadurch viel mir Wertvolles, dennoch habe ich die Tat meiner Schwester zu preisen. ? Aus dem zweiten und dritten Heft der Zeitschrift »Das Vaterland« läßt sich schon deutlich ersehen, daß ich von den Führern der verschiedenen Freikorps, auch aus Königsberg und Memel, Nachrichten mußte empfangen haben; das meiste Schriftliche dorther hatte ich vernichtet, doch geschah es nicht mit allem: das argsinnige Trachten hätte noch genugsamen Stoff gefunden. ? Als ich zwischen den beiden Gendarmen im Wartezimmer der Kommandantur stand, wußte ich nichts von Beseitigung jener Mappe, sehr viel aber von den Gewalttaten der Unterdrücker deutschrechtlicher Gesinnung; ? ich konnt' es mir nicht verbergen, daß ich unrettbar sei, waren meine Papiere sämtlich in Feindeshand. Begreiflich erschütterten mich schwer belastende Gedanken: der Gang des drohungsvollen Ereignisses ließ mich je doch[115] in seltsam zusammentreffenden Einflüssen die Allmacht höchster Leitung tief empfinden. Eben veränderte sich das französische Beamtentum, und die Kommandantur hatte nur einstweilige Oberverwaltung, wobei ein Abfinden nötig war, was ich nicht deutlich erfahren, überhaupt diesen Umstand nebenher fast nur erraten habe. Während ich nun auf Weiteres im Widerwärtigen harrte und mir möglichst den Mut zusammensuchte, trat aus einem Seitenzimmer ein glänzend bekleideter Mann auf mich zu und sagte hastig: »Sie sind mir Herr Gübiß genannt, sind Meister im Holzschnitt, Christian von Mecheln hat mir Abdrücke nach Paris geschickt; ? wodurch sind Sie in Anklage?« Mit Dank für die günstige Meinung erwiderte ich: es sei mir völlig rätselhaft, weshalb man mich verhafte. Schweigend zog er einen der Gendarmen ein paar Schritte mit sich fort, sprach eine Minute mit ihm, und ging dann zurück. Derselbe Gendarm brachte mir jetzt einen Stuhl, ich fragte ihn: »Wer ist der Herr?«, und er antwortete: »Herr Staatsrat Bignon!« ? der in jenen Tagen leitender Machthaber war. Mutmaßlich eine ganze, entsetzlich lange Stunde saß ich da, bis sich dieselbe Tür wieder öffnete und ich die Bitte vernahm: daß ich eintreten möge. Sich selber nennend sagte er dann: »Ich habe mich in Kenntnis gesetzt, habe wenigstens bewirkt, daß ich mich über Ihre ?Affäre? unterrichte«, und, mir beschriebene Blätter zureichend, fragte er: »Sind Sie Verfasser dieser, ?Expectorations??« ? Ich sah das Empfangene eine Meile an, erkannte bald die absichtlich boshafte Zusammenstellung, und rief empört aus: »Das ist schändliche Übersetzung, so lautet es, so verbindet es sich im Deutschen nicht!« ? Bignon zuckte die Achseln und entgegnete: »Also, Sie[116] bekennen sich zum Verfasser? ? das wäre sehr übel, denn die Ordre zu Ihrer Verhaftung ist streng!« Seine sich anfügenden Erörterungen machten mir begreiflich, daß ich der Schmähung des französischen Kaisers und Heeres bezichtigt sei; zufolge der mir eingehändigten schriftlichen Vorlagen war eine solche Absicht auch kaum zu bestreiten. ? In der genannten Zeitschrift befinden sich viele Züge der Tapferkeit preußischer Krieger, und daß dabei »der Feind« nicht die Ehre davontrug, versteht sich von selbst. Über Gewaltherrschaft ist ebenfalls allerlei bemerkt, und vermöge der trügerisch gewendeten, mit den gesteigertsten Ausdrücken behafteten Übertragung allgemeiner Bezüglichkeiten in persönliche, schien vom französischen Standpunkt aus die Anklage gerechtfertigter als sie sein konnte nach richtigem Maße. Für den Augenblick blieb mir aber nur das in solcher Bedrängnis sehr schwache Mittel des entschiedenen Einspruchs gegen verleumderische Fälschung dessen, was ich drucken ließ, und obwohl ich zu entdecken glaubte, Bignon wolle mir nützen, konnte ich doch auch wahrnehmen, daß er verlegen wurde. Da eben kam die Hilfe, die ich immerdar als weltgebietenden Einfluß betrachtet habe und betrachten werde. Ein Bündel des aus meinem Arbeitszimmer Entnommenen wurde gebracht ? die gefürchtete Mappe sah ich nicht, schon dies verminderte die Gefährlichkeit. Zugleich wurde Herr v. Mecheln gemeldet, mit dem ich nicht nur in geschäftlicher, auch in freundschaftlicher Verbindung war, und da ich unter dem Erplünderten die Hefte meiner Zeitschrift erblickte, rief ich Bignon an: »Oh, wenn Sie erlauben möchten, daß dieser Schweizer, der unfehlbar beider Sprachen mächtig ist, eine der mißhandelten Stellen übersetze, das würde Ihnen die arge Tücke gegen[117] mich enthüllen!« Bignon gewährte diesen Wunsch und ließ den Angemeldeten ? nach meiner jetzigen Ansicht Herbeigerufenen ? eintreten. Der damals Einundsiebzigjährige, rasch meine Verwickelung begreifend, zeigte sich ? ohne unsere traulichen Verhältnisse zu berühren ? dem Geschäft eilend bereit, wobei er, eifrigst seinen dreieckigen Hut und langen Stock ablegend, meines Lobes voll war, besonders auch in Hinsicht auf meine, »ihm durch die öffentliche Stimme bekannt gewordene Familiensorge«. Ich ergriff ein Heft der Zeitschrift und bezeichnete den Schriftsatz, wo gegen die auf Friedrich Wilhelm III. hinweisenden Äußerungen der »Vertrauten Briefe« des Kriegsrats v. Cölln gesprochen ist, hauptsächlich gegen die Worte: »Ich fragte nie danach, ob der Regent ein Herz habe, aber wohl, ob ein Geist und die aus ihm hervorgehende Kraft in ihm war.« Darauf hatte ich (»Vaterland«, drittes Heft, Seite 104) geantwortet: »Nur Einklang des Gemüts und des Kopfes bringt das wahre, Glück verbreitende Gleichgewicht im Leben hervor, und da dies der Zweck eines Regenten sein soll, so muß er selbst sich auch in diesem Gleichgewicht befinden: mit dem größten Kopf von der Welt wird er eine Geißel der Menschen sein, wenn er bei dem Ausbruch der schaffenden Kraft seine armen Untertanen vergißt; wenn er herzlos jedes Zeichen des Mißvergnügens nicht bemerkt, oder mit eisernem Zepter zu unterdrücken sucht; wenn der Unschuldige, den die schaffende Kraft der Günstlinge seiner Güter beraubt, seiner Familie entriß, seine Stimme erhebt, und jede seiner Klagen von dem Throne zurückprallt, auf welchem ein Mann glänzt, der, eben über ein[118] großes Unternehmen sinnend, an solche Kleinigkeiten nicht denken kann: Glücklich preise ich den, der noch nie nötig hatte, das Herz eines solchen Regenten in Anspruch zu nehmen, sonst würde er, wenn die schaffenden Kraft ihn ungehört vom Throne hinweggeschafft hätte, durch Erfahrung belehrt, nicht eine solche Abscheulichkeit als Grundsatz aufgestellt haben. ? Das fortlaufende Gemälde der Geschichte zeigt uns fast zu allen Zeiten Männer, welche in den angeführten Worten charakterisiert sind, ihre Namen werden, wie bei uns, so auch bei künftigen Geschlechtern glänzen, aber die damals Lebenden? Sie werden die schaffende Kraft ihres Gebieters teuer, vielleicht mit ihrem ganzen Lebensglück bezahlt haben: dies wird und kann dem Forscher nicht entgehen! Wohin sollen alle dergleichen Behauptungen führen? Soll die Menschheit, welche ohnehin dem Ehrgeiz nur als Mittel erscheint, noch mehr herabgewürdigt werden?« Amazon.de Widgets In der rachsüchtigen Übertragung waren nun noch ein paar an Cölln gerichtete Zeilen (viertes Heft, Seite?3) dicht herangezogen: »Fühlen Sie denn nicht, daß man gerade jetzt das Übergewicht des Geistes nicht als das verkündigen muß, was einzig den Herrscher ziert!« Indem diese im untreuen Französisch mit mehreren Ausrufungszeichen begabte und leicht zu lenkende Äußerung sich dort anschloß, wo sie in meinem Schriftstreit gegen Cölln nicht auffindbar ist, hatte der Verfälscher alles Vorherige unbedingt auf Napoleon bezogen, seine ganze gehässige Anfechtung auch noch durchgiftet mit greuelhaftem Überbieten der Beiwörter. Hatte der Ankläger nur verschwärzende Farben gebraucht, Mecheln mischte sie in seiner Übersetzung reichlichst[119] mit Weiß, ohne auffallend abweichend zu sein von dem mir Eigentümlichen. Nachdem Bignon, der sich anderweitig beschäftigte während der emsigen Bemühung des alten Herrn, aus dessen zitternder Hand die beschleiernde Schrift empfangen, sie still gelesen und zuweilen mit der des Angebers verglichen hatte, sagte er, wie es mich anmutete in heiterem Erstaunen: »Ah, der Unterschied ist unzweifelhaft sehr überraschend, sehr bedeutend!« »Ah, la difference est sans doute très surprenant, très signifiant!« zugleich umfaßte er Mecheln und führte ihn bis zum Fenster. Dort sprachen beide leise mehrere Minuten miteinander, bis Bignon sich wieder zu mir wandte, dabei Mecheln stark betont zurufend: »Sie bürgen also dafür, daß Herr Gübiß ein abgefordertes Wort, die Stadt nicht zu verlassen, halten würde?« und tief erschütterte mich die Antwort des sehr aufgeregten Mecheln: »Ich verbürg' es mit meiner Ehre und meinem Leben!« ? Ich gab mein Wort; danach ? es war nun schon der Mittag vorüber ? sagte Bignon zu mir: »Erwarten Sie mich heut abend acht Uhr in Ihrer Wohnung und halten Sie sich dort vorsichtig ?cachê?.« ? Nicht nur an diesem Tage kam Bignon, er kam noch an zwei Abenden, um mir Ratgeber zu sein für Verhöre, die ich überstehen mußte vor fünf Personen, von denen drei Offiziere waren. ? Daß ich ganz ohne widrige Endfolge dem Unheil entkommen könne, hatte mir Bignon verneint; man verurteilte mich zu sechswöchentlicher Hausvogteihaft, die man mir aber zeitweise, auf mein Versprechen, mich wieder zu stellen, vertagte, sie dann gar nicht mehr beachten wollte, so daß ich, zusammengerechnet, höchstens vier Wochen Gefangener war in einer lichten Stube, wo ich bei steter Tätigkeit selten gestört wurde.[120] Gewiß machte sich eine solche Wendung der Gewalttat zum erträglichen Ausgange nur möglich durch Bignons Teilnahme und mithilfliches Zusammentreffen seltsam glücklicher Fügungen, die meine Überzeugung von einer geheimnisvollen Schicksalsmacht befestigten: eine Überzeugung, mit der ich oft mich standfest erhielt bei schwer belastenden Verhältnissen, die meist zuweilen deshalb am schwierigsten werden, wenn man sich den Lebensweg beharrlich gradaus wählt. ? Meinen Dank habe ich dem Kunstfreunde Bignon, der mit Mecheln längst geschäftlich in Verbindung war, dadurch zu bezeugen versucht, daß ich ihm bis zu seinem Tode Abdrücke meiner Arbeiten zusandte. Wenn ich mich hier trenne von den schwierigen Händeln mit den französischen Bedrängern, sei doch nicht vergessen, daß ich zwischeninne von Clarke eine, obwohl etwas herausgeforderte Nachgiebigkeit erlangte. ? Der Professor Theodor Heinsius, als fleißiger Sprachforscher rühmlich zu nennen, war schon früher in Hast; er mußte wegen einer Äußerung in seiner Wochenschrift: »Der Hausfreund« auf vierzehn Tage in die Hausvogtei, und dort sollte niemand ihn besuchen. Seiner Frau war bekannt, daß ich bei dem Widerstand gegen Estêve vergleichungsweise Clarkes Benehmen menschlich gefunden hatte, und sie bat mich mit Tränen, einen Gang zu wagen, um Milde für den kränkelnden Gatten zu vermitteln. Gern tat ich es nicht, mir aber das Mißliche aus dem Kopf zu jagen, betrieb ich die Angelegenheit ohne Zögern. Es war spät nachmittags, als ich im Vorzimmer mit einem Adjutanten sprach, der mich schnöde abfertigte. Durch meine Empfindlichkeit ward der Wortwechsel laut und jetzt trat Clarke ein; nach französischer Angewohnheit[121] hatte er eine Serviette im Halstuch befestigt, er war also noch bei dem »Diné«. ? »Ah! Monsieur Cidevant!« rief er aus; »was führt Sie her?« ? Der Adjutant antwortete, ich schwieg aber auch nicht, und Clarke fiel sehr bald ganz vergnüglich ein: »Besorgen Sie Schemas, man wird nicht leicht mit ihm fertig!« ? Ich mußte sehr lange warten, hatte endlich sechs gedruckte Erlaubnisscheine, denen nur die Namen der Besuchenden einzufügen waren, brachte fünf der Frau Heinsius, und den sechsten behielt ich für mich. ? Als ich gegen Abend eines der nächsten Tage den Gefangenen in der engen Klause besuchte, fand ich bei ihm seinen reichen Gönner Marcuse und den Professor Friedrich Buchholtz, der immer sprach wie vom Lehrstuhl, und diesmal für einen Augenblick belustigte. Ein zäher Feind des Erbadels und der Juden, eiferte er, vielleicht ohne zu wissen, daß ein Anhänger des mosaischen Glaubens anwesend war, auch jetzt ausfälligst gegen den Talmud, als ein Gesetzbuch, das jede gute Eigenschaft vertilge. Da konnte sich Marcuse, der im Hintergrunde des Gemachs auf dem Bett saß, nicht länger bezähmen, er entgegnete dem ihm den Rücken zukehrenden Redner: »Nu nu, es gibt auch gute Juden!« Sich langsam wendend erwiderte Buchholtz in trockener Entschiedenheit: »Ein guter Jude ist eine hölzerne Pelzmütze!« und natürlich erhob sich schallendes Gelächter, dem der achtungswürdige Marcuse gehörig beistimmte. Buchholtz hatte bekanntlich der Lesewelt im Zeitgeschichtlichen manches Geistreiche gegeben, zum Teil als Ungenannter; ich mag nicht darüber urteilen, ob es in Wert bleiben kann. Als er jedoch ? ebenfalls verhüllt ? mit der Lästerschrift: »Galerie preußischer Charaktere« sich in handgreiflichster Eigensucht den die Wahrheit mit der[122] Verleumdung stachelnden Schmähern anreihte, kam ich in die Notwendigkeit, dagegen zu schreiben. Seinen Haß teilte der in seinen häuslichen Verhältnissen hilfsbedürftige Buchholtz, wie schon angedeutet, zwischen Erbadel und Judenschaft, von denen er behauptete, sie hätten verwandte Bestrebungen; Bewunderung und Liebe hegte er für Napoleon und steifte sich in der Ansicht, Preußen könne nur im Bündnis mit jenem Gewaltigen bestehen und gedeihen, was ich als Verrat an Deutschland erachtete. Er wurde bekannt mit dem Obersten v. Massenbach, dessen Meinungen waren die seinigen mit eigener Überzeugung und Entwickelung; auf dem gleichen Gedankenwege hoffte Buchholtz im gesteigertsten Selbstschätzen durch den in einflußreichen Kreisen verkehrenden Massenbachzu hohen und ergiebigen Ehrenstellen zu kommen, und geriet hinsichtlich des Glaubens an sich allein in die wunderlichste Überspannung, von deren Maßlosigkeit viel zu erzählen wäre. Dennoch wüßte ich auch heut nicht zu sagen: ob seine Eitelkeit oder sein Scharfsinn vorherrschte; daß er beides in hohem Grade besaß, eines aber immer das andere störte, ist unzweifelhaft, und ich war gern sein Zuhörer, ohne jemals mit ihm einig oder vertraut sein zu können. Einfügen will ich hier noch, daß ich Mitglied des »Tugedbundes« gewesen bin, doch ist es nur flüchtig zu erwähnen; denn in Berlin begann statt des Begründens ein rascher Zerfall. Von Königsberg aus zum »Sekretär« gewählt, war ich bei zwei oder drei Versammlungen zugegen, ohne daß Eintracht über Zweck und Ziel erreicht werden konnte; diesen Zusammenkünften verdanke ich jedoch den unverletzt durchgeführten Entschluß, mich niemals einer »Partei« oder irgendeinem staatsumschaffenden Bunde anzuschließen, welches Aushängeschild[123] dieser oder jene haben möge. Als einzelner tat ich stets für Allgemeines, was meinen Ansichten und Kräften gemäß war, darf hoffen, man werde mir dies Zeugnis nicht versagen bei fortschreitender Darlegung meiner Erlebnisse, habe aber jedenfalls festzustellen: mein Entschluß sei sehr oft gestärkt worden durch widerwärtige Verwandlungen, die vermöge der Mehrheit-Sippschaften sich beobachten ließen. Mit den feindlichen Behörden kam ich nicht mehr in Bedrängnis während der sechs oder sieben Monate, in denen die Franzosen noch Berlins Beherrscher waren, und unbelästigt blieb die Verbreitung meiner Zeitschrift. Auf sie bezüglich hinterlasse ich Dankschreiben vom Könige, der Königin, dem Minister v. Stein, Beyme, dem nachmaligen Staatskanzler v. Hardenberg und anderen in der Zeitgeschichte hervorragenden Personen. Davon sei nur eines der Andenken mitgeteilt, das letzte Schreiben der Königin Luise an mich: »Mein Herr Professor Gubitz! Ich habe das sechste Heft Ihrer Zeitschrift ?das Vaterland? erhalten, und mit Wohlgefallen daraus ersehen, daß solche die bei ihrem Entstehen sich vorgesetzten edlen Zwecke treu verfolgt; recht sehr danke ich Ihnen für Überreichung desselben, und verharre Ihre wohlaffectionierte Königin. Königsberg, den 30. August 1809. Luise.«[124] 
 »Der Gesellschafter«. Literarische Anfänge und Kämpfe. (1817?1820.)  [229] Immer Willens, nach der Zeitfolge wieder einzulenken, habe ich jetzt in weiteren Begebnissen mit Müllner dort anzuknüpfen, als er für die Zeitschrift: »Der Gesellschafter« mir Mittätigkeit brieflich ausgesprochen hatte. Auf sein Erbieten, mir Teile aus dem Trauerspiel »König Yngurd« zum Abdruck zu überlassen, ging ich ein, erhielt die Abschrift des Ganzen, und wählte die, meiner Ansicht nach das Eigenwesen der Dichtung trefflich vermittelnde »Expositionsszene«, um Müllners Ausdruck zu gebrauchen. Ich glaubte, das Bekanntwerden dieses Eingangs zu dem Werke könne bei der damals bereits verheistenen Darstellung den Zuschauern das Verständnis erleichtern, Müllner[229] war jedoch über diese Wahl empfindlich, ich weiß nicht weshalb, nebenher empfing ich aber seine Genehmigung. Der Abdruck dieses Bruchstücks erschien in den Blättern 2 bis 6 des ersten Jahrgangs jener Zeitschrift, nach einer kurzen von Müllner unterzeichneten Vorrede, die mit der Bemerkung schließt: »Die Szene erscheint hier so, wie sie in dem zum Druck bestimmten Manuskript sich befindet, also für Leser. Für den Zuschauer hat der Verfasser selbst den Bühnen empfohlen, sie möglichst ?zusammenzustreichen?. Er meint, daß der Zerstreuung und Unachtsamkeit des deutschen Theaterpublikums sich überhaupt nicht viel exponieren lasse, zumal, da die Organe der Bühne so wenig für die Redekunst geeignet sind. Singen oder bellen wird künftig wohl das einzige sein, was das deutsche Theater dem Ohr darzubieten hat.« Müllner meinte dies zumeist nur in Hinsicht auf das Sprechschauspiel in Versvortrag, seitdem ist es ? milder aufgefaßt ? mitunter offenbarer weissagend geworden; er hätte jetzt zu solcher Äußerung mehr bewährten Grund, als in jener Zeit, aus der zu bezeugen ist: die fast durchweg von dem Dichter selbst angeordnete Rollenbesetzung zu »Yngurd« war, mit wenig Ausnahme, vorzüglich, was auch von den öffentlichen Urteilen anerkannt wurde, als endlich ? am 6. Juni 1817 ? das Werk auf die heißen, sogenannt weltbedeutenden Bretter kam. Der geschätzte Dichter Wilhelm Müller, vor seiner Reise nach Italien in Berlin verweilend, war mein Berichtgeber für die Darstellung, ich äußerte mich über die Dichtung, und habe eine Stelle meines Aufsatzes einzufügen, um einen nachher aus Rechtspflicht mitzuteilenden Brief Müllners erklärlicher[230] werden zu lassen. Nach dem Lobe des mir Wertvollen ist (»Gesellschafter« 1817, Bl. 101) zu lesen: »Wenn ich nun hier meine ungeheuchelte Verehrung für Müllner aussprach, darf ich aber ebenso offen gestehen, daß ich während dem Lesen und Darstellen dieses Trauerspiels mir selbst oft die Frage beantworten mußte: Welches Dichters Werke sind wohl am dauerndsten: der sich seiner Zeit hingibt und sie zur Gespielin der Seele erhöht, oder der, welcher mit allem, was Erfahrung unvergänglich bewies, ihr schwankendes Wesen in Sicherheit zu bringen strebt? ? Ich glaube, die Frage beantwortet sich von selbst! Die Zeit gleicht einem Weibe, was gern nach Herrschaft ringt; wenn sich aber der Geist ihm vermählt, soll er mit seiner Erstheit kräftig vorangehen, damit nicht das Treiben des Zeitgeistes, sondern das Wirken einer Geisteszeit herrsche. Darf ich nun aus solchem Gesichtspunkte jenes Trauerspiel betrachten, ? und ich kann nicht anders, ob ich auch gern mich der Voreiligkeit enthalte, meine Meinung zu der anderer machen zu wollen! ? dann ist es auch erlaubt zu bemerken, daß ich dem Unangenehmen darüber mich nicht zu entziehen weiß: wenn die Tendenz jenes Werkes verwandt ist mit der jüngsten Romanliteratur, die zur Preisfrage reizt: ob sie Quell oder Folge, wirkend oder rückwirkend ist bei manchen jetzigen Ereignissen, in denen finstere Schwärmerei dem Zufälligen eine Art von Vernunft verleiht und so im Strudel von Unvernunft dem Zufälligen dienstbar bleibt. Man lehrt dem Volke: seine gewöhnlichen Traumbücher seien nichtig und verderblich, sollten denn hochpoetische Traumbücher nicht auch ihre Gefährlichkeit haben? Man wende nicht ein: die Menge versteht sie nicht! ? wer kann sagen, wo die Menge aufhört,[231] wenn zu entscheiden ist, wie weit der Wahn gehen kann? ? Müllner ist in den neuromantischen Gebilden viel eindringlicher, in den Aussprüchen schärfer, überall beweisender, und aus ihm scheint auch das Unerklärlichste noch Klarheit zu wollen; sein Talent gibt sich, wenn man auch nur gelegentliche Äußerungen prüft, als ein gebietendes, nicht als ein sich fügendes zu erkennen; in den alten Begrenzungen der Neuromantiker kann er so sich nicht heimisch fühlen. Den freien Menschen gegen Wahn und Vorurteil kämpfend aufzustellen, die Schwächeren von der Gewalt eines drückenden Glaubens loszuringen, dünkt ein Beruf, der ihn glänzender noch zeigen würde, und wahrhaftig! die Begeisterung für Lichtvolles schließt die Schwärmerei des Gemüts noch immer in sich, will man mir etwa vorwerfen, ich dächte bei dem Edelsten eben nicht an ? Theaterwirkung. Sollte ich irren, und ein deutsames Dichterwerk zu sehr mit dem Zwecke des Lebens verschwistern wollen, so darf ich mich mindestens den Besten, die jemals irrten, beigesellen, denn ich folgte meinem Bewußtsein, und ende rasch, weil sich hier leicht gar nicht enden läßt.« Ehe der die Entgegnung und noch Nebenheriges enthaltende Brief Müllners sich anschließt, ist unerläßlich darauf hinzuweisen, daß er schon vor dem Erscheinen des »Yngurd« auf der Bühne mit mir wieder im Zwist war, stets über Kleinliches. Beachtenswert scheint es mir aber deshalb, um einen schriftstellerischen Hadersüchtigen ersten Ranges bildtreu aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu stellen, wobei doch nicht zu vergessen ist, daß es einen Mann von geistvoller Fähigkeit betrifft. ? Er schickte mir zum Abdruck unzählige Ausfälle gegen ihm Mißliebige, entweder gar nicht, oder mit irreleitenden[232] Buchstaben unterzeichnet; der Inhalt war mir selber mitunter völlig rätselhaft, so daß ich zum Rücksenden mich genötigt sah. Unter anderem kam eine Anstachelung gegen ein sogenanntes »Liebhabertheater« in Erfurt, wo ein Mitglied Müllners Trauerspiel »Die Schuld« hatte zur Darstellung bringen wollen; ein Jude sollte dies hintertrieben haben, und über diesen Juden waren nun verfängliche Familienbeziehungen eingewebt. Ich sandte unbedeutende, nur schmähende Schriftelei zurück und empfing nun nachstehende Strafverfügung: »Weißenfels, am 13. März 1817. Fast glaub' ich nun an die unüberwindliche Macht der Israeliten in Berlin, von welcher ganz Deutschland spricht. Ich will auch gegen deren Einwirkung auf Sie, mein sehr verehrter Freund, nicht ankämpfen, aber das muß ich bemerken: Ein Journalist, der nur seine Ansicht allein will herrschen lassen, und um der lieben Consequenz willen jeden Gegensatz aus seiner Schrift zurückweisen will, wird unfehlbar monoton. Wozu ist denn die Parenthese: eingesandt da? Diese Maxime wird Ihre Mitarbeiter sehr lau machen: denn wer kann errathen, was Sie nach derselben aufnehmen werden, oder nicht? Uebrigens werde ich, auch ohne Mitarbeit, immer freundlichen Theil nehmen an der Lectüre des Gesellschafters. Ihre Welt- und Staatsbürgerlichen Ansichten ziehen mich und viele meiner Bekannten an; des gräulichen Berliner Siegsposaunentons ist man im deutschen Reiche herzlich satt. ? Haben Sie denn No. 12 und 13 der Erholungen und No. 44 der Zeitung für die elegante Welt gelesen? Was sagen Sie zu der Theatergemeinheit, die[233] sich dort über mich und mein Buch hermacht? Hochachtungsvoll Müllner.« Das war eine förmliche Absage mit etwas Versüßen des Galleneinflusses, dessen Wirkung ich auch zu empfinden hatte durch öffentlichen Angriff in der »Zeitung für die elegante Welt«, den ich in derselben Zeitschrift mit der Wahrheit abwehrte. ? Im nächsten Monat erhielt ich aber doch schon wieder einen, mit Müllners Namensunterschrift begabten Aufsatz: »Aehrenlese auf dem Felde der Kritik«, begleitet von einem Zettelchen, auf dem geschrieben steht: »Wßfls am 10. April 1817. Mit Ihrer Juden freundlichkeit, mein verehrter Herr und Freund, hat mich das viele Gute wieder ausgesöhnt, was ich im Blatte 38 ? 40 gefunden habe. Hier folgt ein Beitrag, den ich mir, im Fall vorwaltender Bedenklichkeiten, baldmöglichst zurück erbitte. Hochachtungsvoll Müllner.« Jener Beitrag ward gedruckt (1817, Bl. 65 und 66), die Angabe: »Der Schluß folgt«, ließ sich aber nicht erfüllen, der Zensor strich ihn wegen »injuriöser Ausfälle«. Nach der Darstellung des »Yngurd« schickte er mir eine bissige Gehässigkeit gegen den achtungswerten Prediger ? der französischen Gemeinde ? und Professor Catel, Redakteur der »Vossischen Zeitung«, damals auch ihr Theaterbeurteiler. Er hatte sich über jene Trauerspieldichtung, neben dem vollsten Lobe des Trefflichen, mißbilligend geäußert in bezug auf den schwindeldunklen Absichtszweck des Werks, und ich sollte nun den Zornausbruch Müllners ohne seine Unterzeichnung, also[234] mit mir aufgebürdeter Selbstverantwortung, in die Lesewelt leiten. ? Die Handschrift ging an ihn zurück mit meinem Erbieten zum Abdruck, wenn er seinen Namen nicht vorenthalte, und hinzufügt war die Bemerkung: »Dem Sinne nach müßten Sie übrigens mit der Ansicht Catels auch die meinige verurteilen.« ? Diesmal hatte Müllner eingesehen, daß er sich übereilte; erwähnt aber ist dieser Zwischenfall, um von seinen Briefen den einzuschalten, der sich gegen meinen Glauben über das Gedankliche in betreff des »Yngurd« richtet, wonach jedem die eigene Entscheidung überlassen sei. »Wßfls. d. 14. Juli 1817. Sie thaten wohl, meinen Sarkasmus gegen Herrn C. zurückzuweisen, ich hatte ihn nur auf Andringen niedergeschrieben, und in der Rückerinnerung, daß der selige Iffland gegen mich einmal sehr verächtlich von diesem Herrn C. sprach. Vielleicht verdient er es nicht. Aber sich treten Sie auf jeden Fall zu nahe, wenn Sie Ihre öffentlichen Äußerungen über Yngurd mit seinem Zeitungsgewäsch vergleichen, und ich müßte ein Geck seyn, wenn ich sie Ihnen übel deuten wollte. Inzwischen sprechen möcht' ich einmal mit Ihnen über den Gebrauch des Wunderbaren in der Tragödie, über den Hang der Mehrzahl dazu, und ? über des Aristoteles Hinweisung, den Volksglauben zu benutzen. Der Irrthum Ihrer kritischen Ansicht der sogenannten höheren (?Ideal?-) Tragödie steckt meiner Meinung nach darin, daß Sie die übersinnlichen Beziehungen, welche der Mensch natürlichen Begebenheiten gern beilegt, für die Ursachen derselben ansehen. Nehmen Sie einmal aus dem Yngurd in Gedanken die Träume, Vorgefühle[235] (Ahnungen) und Anzeichen weg, und prüfen Sie, ob dann die Fabel auseinander fällt? ob die Tragödie daran mehr verliert, als dichterische Hebel, um die Phantasie aufzuregen, und durch diese das Gemüth für den Haupteindruck zu stimmen?« ? So weit nur bespricht dieser Brief meine nicht tiefgehenden Einwendungen, er hat aber wegen des nachher genannten Schauspielers Bezug auf noch zu Erzählendes, dann Hinweise, die zu beachten wären, weshalb auch Folgendem seine Stelle gegönnt werde: »Ich habe heute den Besuch des Schauspielers Herrn Stein erhalten, und also Ihren freundlichen Empfehlungsbrief ebenfalls. Es war recht gut, daß er sich damit versehen hatte, er hätte sonst leicht eine vergebliche Reise machen können, weil ich gegen reisende Künstler ziemlich barricadirt bin. Ich danke Ihnen, daß Sie diesen mir gesendet, es scheint etwas in ihm zu seyn. Mein feindlicher Minnesänger hat über die Darstellung des Yngurd recht brav geschrieben. ? Was Sie mir über die Berliner Darstellung geschrieben haben, hebt völlig die Zweifel, daß sie gelungen sep. Es dünkt mich eine beachtenswerthe Erfahrung, daß unter sechs Theatern, die sich daran versucht, gerade dasjenige am glücklichsten gefahren ist, welches den Autor in den Besetzungsrath zog, und dessen Mitglieder theils das Ganze, theils ihre einzelnen Rollen mehreremal aus seinem Munde hörten. Für mich ist nun zwar diese nähere Berührung mit dem Theater ziemlich übel abgelaufen, und ich möchte mich dazu nirgends wieder brauchen lassen; aber das ist zufällig, oder auch wohl zum Theil meine Schuld. Im Ganzen wäre zu wünschen, daß es bei den Bühnen Mode würde, die Mitwirkung[236] der Autoren zu suchen, statt daß sie dieselben gewöhnlich fliehen wie höllisches Feuer. Der Theaterkritik käm' es vielleicht zu, darüber einmal ein motivirtes Wort zu sagen. Das, und Aehnliches könnte mehr nützen, als die meist oberflächliche Tageblattsmusterung der Novitäten. Vielleicht sagen Sie, oder einer ihrer Herren Mitarbeiter einmal ein solches motivirtes Wort, wenn Sie meinen Anhang zum Yngurd im Druck gelesen haben werden. Dort ist die Geschichte meiner unvollendet gebliebenen Mitwirkung kürzlich erzählt, und auf die Hindernisse, die ich bei der Verwaltung fand, hingedeutet. Was Sie im Morgenblatt von der nöthigen Vorbereitung sagen, kann diese Verzögerung nicht entschuldigen. Im Juli 1815 kam das Manuscript schon nach Berlin und im Juni 1817 ward es aufgeführt. Hund (des Aubri) Rußkachel und Consorten hatten den Vortritt. Hat eine erste Bühne nicht die Pflicht, rascher, angelegentlicher für die dramatischen Dichter zu wirken? Und liegt es nicht der Theaterkritik ob, diesfalls ein wenig Justiz zu administriren bei offenem Gerichtssaal? Dixi! Müllner.« Gewiß ist nicht zu bestreiten, daß dieser Brief manches Wahre enthält, ein erhellendes Geleit wird jedoch erforderlich, um auch da, wo Müllner im Recht sein mag, seine vielleicht unwillkürlich allzu selbstsüchtig, allzu argwöhnisch gewordene Leidenschaftlichkeit erwägen zu können. Zuvörderst habe ich, nach fünfzig Jahren, Catels Bericht über »Yngurd« wieder gelesen; er ist der Art, daß er den Hingeschiedenen ehrt. Ihn zu mißhandeln hat aber Müllner keineswegs unterlassen; es gab stets[237] hadergierige Tagesblätter, deren Druckführer es weniger um die Sache, als um Klopffechterei zu tun ist, und der Weißenfelser Advokat hatte sich so furchtbar gemacht, daß er in vielen Zeitschriften herrisch sein konnte. Unglaublich ist es, daß Iffland von Catel verächtlich gesprochen haben soll; sie waren befreundet und beide nicht doppelzüngig. Übrigens habe ich fernhin Anlaß, die liebenswürdige Ehrenhaftigkeit Catels hervorzuheben. ? Der »feindliche Minnesänger« ist Wilhelm Müller, der den jetzt noch lesenswerten Streit über »Oper und Schauspiel« mit Müllner hatte, einen Streit, der sich in sechs Zeiträumen durch den ersten Jahrgang des »Gesellschafter« hinspann. ? Bei fortdauernder Zusendung von nicht unterzeichneten Häkeleien, die ich teils aufnahm, wenn Recht und Pflicht dies erlaubten, teils zurückwies, zog sich ein im Unangenehmen sich steigernder Briefwechsel bis zum November 1818. Es war natürliche Folge der von Müllnerin unzählige Zeitblätter eingetriebenen Anfechtungen aller, die den »Den von Weißenfels«, wie man ihn nannte, nicht unbedingt verherrlichten, daß Gegenreden kamen, unerläßlich zuweilen der Abdruck solcher, die von meinen Mitarbeitern unterzeichnet wurden. Es wurde um so notwendiger, die Äußerungen des »Den von Weißenfels« zu beleuchten, da ein sonderbarer Zwischenfall mitsprach. ? Dr. Pfeilschif ter hatte in seinen »Zeitschwingen« durch ein »Sendschreiben an den Herausgeber des Gesellschafter« mich mit argen Vorwürfen belastet wegen eines Aufsatzes, der ? einem andern Tagesblatt zugehörte. Er war nicht willig, sich sein Unrecht zu lichten, erhärtete es vielmehr, und nachdem es ihm meinerseits klar bewiesen wurde, erschreckte[238] ihn sein Versehen. Zu zeigen, daß er mir nicht feindlich gesonnen sei, schleckte er mir abscheuliche Ausfälle gegen mich, die er nicht hatte abdrucken lassen; ? ich erkannte an der mir gebliebenen Handschrift augenblicklich Müllner. ? Ein vom nicht wertlosen Dichter Dr. Karl Schöne, den Müllner ebenfalls übel behandelt hatte, unterzeichneter kleiner Aufsatz bespricht die in der »Zeitung für die elegante Welt« seitens des »Weißenfelser Dey« unvorsichtig aufgeworfene Frage: »Heißt denn in irgendeiner Sprache mein Name etwas Garstiges? Das wäre doch fatal.« Ihm bewies nun Dr. Schöne: was nach Adelung und Heynatz in der Abteilung von Müllner das Wort Müllner bedeute: ein Mensch, der sich mit Müll beschäftigt, was teilweise unzweifelhaft für den schriftstellerischen Verkehr des Bezüglichen treffend war. ? In dem Zweck aber, mein Schreiben, in dem ich ihm trotz der mir inzwischen übermittelten Müllnerschen Gehässigkeit, ihm anheimstellte, weiter am Gesellschafter mit zu arbeiten, solle versöhnend wirken, hatte ich sehr geirrt: Müllner haderte mit mir auch brieflich weiter, offenbar überwiegend in dem Drange, zu erfahren: welche seiner Handschriften in meinem Besitz sei. ? Daß sie von Pfeilschifter ist er mir ausgeliefert wurde, habe ich nie gebilligt; ihn der Rache Müllners hinzugeben, wäre ebenfalls nicht zu billigen gewesen. Konnte aber der »Weißenfelser Den« die Sachlage nicht erraten, so bezeugt dies hinlänglich: er müsse sehr viel, darunter vieles in verschiedenen Zeitschriften nicht Abgedruckte gegen mich versandt haben, und mich ergötzten nun die pfiffwenderischen Antriebe, mich zum Geständnis zu verleiten, was seine fortgesetzte Federdrescherei hauptsächlich[239] beabsichtigt. ? Für den nächstfolgenden seiner Briefe ist noch zu bemerken: er selbst hatte den Buchstaben »W« unter den Mitteilungen meines Münchener Berichtgebers öffentlich in das Schimpfwort (Waldesel) verwandelt, um ihn deshalb zu schänden, weil er geäußert hatte: Müllners Drama: »Der Wahn« (oder »Der neunundzwanzigste Februar«) sei »kein empfehlenswertes Werk« ? und nun kommen wir zu der Antwort, die ich empfing: »Weißenfels, den 30. November 1818. Wohlgeborner Herr! Die Veranlassung meiner Eröffnung war keineswegs die schöne Etymologie, welche ihre Abfertigung bereits in der Eleganten 230, und zum Glück ohne alle Beziehung auf Sie, erhalten hat; es war vielmehr einzig die Münchener Correspondenz des Herrn Waldesel (wenn er anders wirklich so heißt), die es mir nöthig zu machen schien, Sie von meiner Ansicht in Kenntnis zu setzen. Sie haben eine andere. Gründe fruchten selten viel, wo das Gefühl über Anständigkeit oder Unanständigkeit entscheiden muß. Das meinige sagt mir, daß ich Sie bitten muß, meinen Namen aus dem Verzeichnisse der Mitarbeiter wegzulassen. Es geschieht ohne allen Groll, ja zum Besten Ihres Unternehmens. Halbheit taugt selten, und die bleibt es immer, wenn sie zu meinen Gunsten streichen müssen. Lassen Sie die Herren sich über mich ergießen nach freiem Belieben; sobald ich außer der Nothwendigkeit bin, es zu lesen, hat das gar wenig zu sagen. Ich kann nicht errathen, welche Handschrift von mir Ihnen in die Hände gefallen sein mag. Aber es gibt[240] keine, worinnen ich über Sie gesprochen, die nicht auch wirklich zum Druck gekommen wäre, und keine, die ich, wenn Sie mich gefragt hätten, verleugnet haben würde. Die Gelehrten Zeitungen ausgenommen, wo ich meinen Namen nicht nennen darf, schreib' ich gewöhnlich nur in den Fällen anonym, wo die Nennung meines Namens keinen andern Zweck haben könnte, als den, Credit gegen Credit zu messen. Ich lasse meistens lieber die Sache sprechen als die Person. Und so begegnet es denn wohl, daß spitzbübische Redactionsexpedienten meine Manuscripte wegstibitzen, und um Geld oder Gunst an andere Journalisten verkaufen, welche die Federzüge meiner Abschreiber kennen. Das Talent, leichter zu vergessen, als ich, will ich Ihnen nicht streitig machen. Vielleicht aber fehlt Ihnen ein Anderes: das Talent, Ihre Meinung auch da, wo Sie nicht verwunden wollen, so zu sagen, daß sie wirklich nicht verwundet. Das Richteramt im Gebiet der Literatur ist etwas anderes, als das Recht, seine Meinung über fremde Werke und Talente auszusprechen. Jenes fordert Beweise der Competenz, wissenschaftliche Begründung des Urtheils. Dieses hat jeder; aber wenn er es öffentlich ausübt, so thut er es auf seine Gefahr, welche hauptsächlich darinnen besteht, daß der Verurtheilte die Competenz mit Beweisen ihres Gegentheils anficht. Ich widerstehe mit Mühe der Versuchung, Ihnen zu erzählen, wie ich im Jahre 1812 die Bekannschaft meines Spener'schen Rezensenten durch Iffland machte. Sie werden es begreiflich finden, daß ich ihn genau in's Auge faßte, und das Gelingen seiner Versuche aufmerksam beobachtete. Es wurde später meines Amts, über Einiges davon zu sprechen. Den [241] Ton, worin es geschah, kann der seinige bestimmt haben, den Inhalt des Urtheils nie. Was den Krieg betrifft, den Sie zu meiner Entschließung stellen, so kommt Alles darauf an, was Sie sich darunter denken. Soll die Kunst und deren Wissenschaft das Streitobject seyn, so finden Sie mich dazu bereit, ihn zu führen, wie ich ihn mit M(ethusalem) Müller geführt habe: mit möglichster Rücksicht auf Nutzen und Vergnügen. Ich werde in diesem Falle nur zu beklagen haben, daß es, Ihrer oben besprochenen Maxime wegen, meinerseits nicht in Ihrer Zeitschrift geschehen kann. Wollen Sie Ihre Operationen auf ein anderes Object richten: auf ? den guten Namen, so werd' ich ja sehen, was ich zu thun habe. Die Kriegsmittel, auf deren Gebrauch Sie mit einer unruhigen Vorempfindung des Gewissens hindeuten, werden hoffentlich nicht so beschaffen seyn, daß ihr Gebrauch Ihnen das Schicksal des Herrn Hebenstreit bereiten, und mich nöthigen könnte, um meiner Ehre willen sonder Schwertschlag aus den Schranken zu entweichen. Hochachtungsvoll Ihr ergebenster Müllner.« Unerläßlich genötigt, seine umherschweifende, durch selbstisches Verfahren von ihm selbst widerlegte und stets abermals beleidigende Edeltuerei wegzuweisen, schrieb ich nun: »Verehrtester Herr! Ihr Brief vom 30. November hat des Empfindlichen viel für mich; doch ist es nicht dessen Abwehrung, was mich veranlaßt, gleich nach Lesung Ihrer Zeilen die Antwort zu schreiben. Es ist leicht, Andere zu[242] kränken; ich wähle das Schwerere: es mit Gleichmuth zu ertragen, und wohl mir! daß ich auch diesmal unterstützt bin von dem Gefühl, daß ich verkannt werde. ??licht aber darf ich dulden, daß Sie mich sogar in Niedrigkeit zu sehen glauben, und ich versteh' es, daß bei einer solchen Meinung, die Sie über mich hegen, mein früherer Brief, den ich mit dem besten Sinne schrieb, nur übel wirken mußte. ? Sie sagen: ?Und so begegnet es wohl, daß spitzbübische Redactionsexpedienten meine Manuscripte wegstibitzen, und um Geld oder Gunst an andere Journalisten verkaufen, welche die Federzüge meiner Abschreiber kennen.? ? Denken Sie wirklich, daß ich für Geld oder Gunst Dergleichen zu erlangen suche? ? Daß ich mit den Redactions-Expedienten mich deshalb in Berührung setzte? ? Nun, Sie müssen es doch wohl gedacht haben, als Sie es mir schrieben, aber ich bin so billig, zu empfinden: es müsse Sie schmerzen, daß Sie es gethan haben. ? Das Manuscript, von dem die Rede ist, habe ich von dem Redacteur einer Zeitschrift bekommen, ohne irgend eine Anforderung von meiner Seite, ja unter überraschenden Umständen; denn ich konnte gar keine Ahnung davon haben, daß es in seinen Händen war. Jener Redacteur hatte den Druck nicht verfügt, und Sie haben es, obwohl etwas gekürzt und verändert, dann in einer andern Zeitschrift abdrucken lassen. ? Wohl hatte ich bei dem Lesen des Gedruckten Sie als Verfasser erkannt, aber eine entschiedene Gewißheit, die allgemein gültig wäre, ist solch ein Erkennen nicht. Es verdrießt mich auch übrigens nicht, daß Sie hart und unaufhörlich gegen mich urtheilen, ja, ich nehme sogar an, daß die dabei vorgefallenen Irrthümer nicht außer[243] Ihrem Glauben, nicht außer Ihrer Ueberzeugung liegen mochten; aber den Wunsch durft' ich stets haben: daß Sie es offen thaten, daß Sie nie verhüllen wollten: Ich bin's! ? Schrieb ich doch nie eine Zeile, die Sie betraf, ohne daß ich mich stellte; denn selbst bei Uebernahme der Spener'schen Zeitungs-Recensionen nannte ich mich, und Iffland hat meinen Namen durch mich selbst erfahren in dem Augenblicke, als ich, nach Zusage an Spener, zuerst die Feder ansetzte. Und weil ich bemerkte, daß namentlich Iffland auf Andere den Verdacht warf, die es nicht ohne Nachtheil ertragen konnten, so that ich dasselbe auch bei meinen Corre spondenz-Artikeln für das ?Morgenblatt?. Was Ihnen Iffland über mich mitgetheilt hat, darf ich nicht scheuen; ich besitze selbst unter mehreren Briefen von ihm an mich ein Schreiben von viertehalb Bogen, wo er, neben sichtlich scharfer Beurtheilung, wie ich sie gewünscht hatte, mir so viel des Löblichen und Erfreulichen sagte, daß ich ihn für überaus zweideutig hinstellen müßte, wenn er Ihnen so gar Entsetzliches über mich geäußert hätte, und Sie können meinetwegen rüstig damit heraus. ? Der Name, den Ihr Pseudo-Correspondent dem Münchener Correspondenten gegeben hat, ist ein Spaß, für den ich mich des Beiworts enthalte: Jener mag ihn verantworten. ? Was ich früher über Sie in verschiedenen Aufsätzen gestrichen habe, würd' ich auch heut' noch streichen; ich habe nur geäußert: Andere würden mir vorwerfen: ich hätte zu Gunsten Ihrer gekürzt; ich suche bei Andern Gerechtigkeit und Offenheit, Gunst hab' ich weder zu ertheilen, noch will ich sie jemals begehren. ? Wenn ich von Krieg mit Ihnen sprach, so bezog sich das auf eine Stelle Ihres Briefes, und mein Gewissen hat[244] dabei die Vorempfindung, die Sie ihm zuschreiben, nicht gehabt, denn mein Kampf kann nur darin bestehen: Ihre Angriffe abzuwehren mit den Gründen, die mir zu Gebote stehen. Daß dies ?Ihrem guten Namen? gelten könnte, ist auch eine Muthmaßung, die Ihnen bei besserer Laune irrig vorkommen muß. Wenn Sie mich in die Nothwendigkeit setzen, mir eine bessere Achtung bei Ihnen zu erzeugen, so bitt' ich Sie, mir zu glauben, daß ich es nicht so albern anfangen werde. ? Ueber einen Punkt Ihres Briefes, den nämlich, ?daß mir vielleicht das Talent fehle, meine Meinung auch da, wo ich nicht verwunden will, so zu sagen, daß sie wirklich nicht verwundet? ? werd' ich mich noch recht ernstlich prüfen; ich habe mich stets um Milde bemüht, wo sie anwendbar ist, und darf mir nachsagen, daß ich es mit jedem Jahre um ein gut Stück weiter gebracht habe; ? aber, Hand auf's Herz! wollen Sie Sich nicht ein bischen üben? ? Und damit ich meine Uebung fortsetze, will ich lieber an ?Streit heben?, als an ?Hebenstreit? denken, den Sie mir am Schlusse ihres Briefes als Aussicht hinstellen, und ich bin überzeugt, daß auch Sie einmal still bei sich denken: etwas Unrecht hast du ihm doch gethan! ? Es ist möglich, daß in diesem Briefe das Gefühl der Kränkung spricht, welches mich aus Ihrer Antwort überfiel; aber ich seh' auch nicht ein, warum ich es hätte verbergen sollen. ? Gebe ihnen der Himmel stets die Heiterkeit, die ich schon jetzt wieder gewonnen habe, nachdem ich diese Zeilen so tragisch begann!! und nehmen Sie die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von Ihrem Berlin, den 5. Dezember 1818. ergebensten F.W. Gubitz.« [245] Müllners Antwort beschäftigt sich nun mit stärkerem Hebel, um zu erfahren, was ich ihm nicht enthüllte, auch schon deswegen nicht, weil es ja nur das öffentliche Schmähen vermehrt hätte. Sein Angriff wendet sich gegen eine Unschuldige, um auf solchem Wege mich zum Verrat zu reizen: »Weißenfels, den 11. December 1818. Ew. Wohlgeboren Zuschrift vom 5. ist das Werk einer Besonnenheit, die ich ehre. Aber wegen des Manuscripts sehe ich noch immer nicht hell, und kann Ihnen unmöglich Offenheit zugestehen, wo Sie mich zum Beklagten machen, ohne mir den Kläger zu nennen. Redacteur, sagen Sie. Hätten Sie Redactrice gesagt, so hätte ich wenigstens eine Spur. Vor geraumer Zeit ist ein Aufsatz gegen Sie, in welchem man sich auf Ihr früheres Verfahren gegen mich berief, um eine mir fremde Sache zu vertheidigen, durch meine Hände gegangen, und diesen hatte Frau Therese von Huber, ich glaube nach monatelanger Zögerung, zurückgewiesen, vermuthlich, weil Sie Mitarbeiter des Morgenblatt sind. Daran that sie wohl, und bewährte den feineren Tact ihres Geschlechts. Hat sie aber eine Copie dieses Aufsatzes Ihnen mitgetheilt, so that sie schlecht, und bewährte einen hämischen Zeitungsschreibersinn. Schrieb sie Ihnen vielleicht gar, der Aufsatz komme von mir, so log sie nichtswürdig: denn so, wie er in ihre Hände gekommen, konnt' ich ihn nicht geschrieben haben. Ich mußt ihn erst von aller Persönlichkeit reinigen, und in Hinsicht der mich betreffenden Thatsachen berichtigen, ehe ich mich dazu[246] verstehen konnte, ihn an ein anderes Journal einzusenden und zu vertreten. Amazon.de Widgets Im Uebrigen kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß die Widersacher, welche Sie durch Zeitungskritiken sich zugezogen haben, mir ungleich mehr Noth machen, als die Hebenstreitigkeit von 20 Journalen nicht vermögen würde. Jene ziehen oft alle Register, um ihre, bisweilen vielleicht ziemlich unreine Hand mit meiner Klinge zu bewaffnen, die sie ein paarmal wohl ganz leidlich durch die Literaturlust haben saufen hören; sie bedenken nicht, daß sie nur saust, wo es den Vortheil der Wissenschaft und Kunst, nicht eine abgeschmackte Rechthaberei gilt. Ihr ergebener Diener Hochachtungsvoll Müllner.« Eine Entgegnung war wieder unerläßlich; ich schrieb also: »(Eilend.) Verehrtester Herr! Ihre Vermuthung hinsichtlich der Frau Therese Huber ist ohne allen Grund; ich hab' es mit keiner Abschrift, sondern mit dem Manuscript zu thun, das Sie versandten. Ich habe über dergleichen Gegenstände von jener geachteten Frau nie eine Zeile bekommen, lege auch übrigens gar keine größere Wichtigkeit auf den besprochenen Aufsatz, als die: daß er mich überraschte und überraschen mußte. Wenn ich Ihnen den Einsender nicht nenne, überhaupt nichts bezeichne, so können Sie darin gerechter Weise wohl nur den Willen finden: daß ich Niemand compromittiren mag, wo es sich vermeiden läßt; ein Mangel an Offenheit liegt darin gar nicht. Was meine Ansicht, meine Gründe, meine Meinung betrifft, so kann ich darüber[247] bestimmen, und Sie werden mir nicht nachsagen können: daß ich mich dabei im Geringsten verbergen, oder nur schonen will; Andere darf ich aber nicht aussetzen. Wie angenehm es mir wäre, wenn wir Beide in Frieden leben könnten, wie gern ich dazu das Meine beitragen möchte, insofern es nicht feststehenden Grundsätzen widerstreitet ? so glaub' ich mich doch auch stark genug, eher ein literarisches Anstürmen ertragen zu können, als Mancher, dem nicht eine gleiche Unabhängigkeit gegeben ist. ? Nächstdem ist ja der Punkt, in welchem es sich auch in Ihrem letzten Schreiben handelt, eine Nebensache. Sie gestehen selbst zu, daß Sie sogar Aufsätze von Andern, die gegen mich gerichtet sind, bearbeiten und versenden. ? Finden Sie denn das recht? ? Daß ich Feinde habe, weiß ich, kenne Einige, die mir Kratzfüße machen und lieber einen Nackenstreich versetzten; das hindert mich aber nicht, den geraden Weg zu gehen, und den Zweizünglern meine Meinung in's Angesicht zu sagen. Die Schlechten mach' ich damit mir böser, das verhehl' ich mir nicht, aber dem kann ich doch nicht ausweichen. Man gewöhnt es sich gar zu leicht an ? wie ich im Welttreiben täglich bemerke ? durch falsche Höflichkeit und Eigennutz ein Schelm zu werden, und darum mag ich lieber den Zorn Anderer reizen, als in mir eine Verachtung meiner selbst erzeugen, die trübe Stunden ? wie sie wohl jeder Mensch hat ? zur Hölle machen muß. Ich habe, was mir wahr schien, vor Ihnen nie verheimlicht, mich selbst aber dabei auch nicht; ich habe Ihnen aber auch unzweideutige Beweise von Achtung gegeben; wollen Sie als Entgeltung auf heimliche Insinuationen hören, so muß ich mir das gefallen lassen. Ich kann und mag nicht auf gleiche Weise[248] Ihnen entgegen treten, sonst ? wie Sie wohl leicht sich denken können ? fehlt es an Dergleichen gegen Sie im geringsten nicht. Ich habe neulich wieder ein Manuscript lesen und zurückschicken müssen, das eine Art Biographie Ihrer enthielt; ich habe unreinen Geist darin erkannt und angenommen, daß nur Bekanntes mit Erlogenem geschickt vermischt war, und ähnliche Dinge sind viele zurückgeschickt, oder liegen noch in der Mappe. Wer öffentlich unbeliebte Meinungen ausspricht, wird gehaßt, und wer dieses Hassen begünstigt, muß ungerecht werden. Wer nicht selbst den Muth hat, seine Meinung frei und offen auszusprechen, bei Dem soll man doch billig Heimtücke vermuthen, und ihn nicht unterstützen. Doch ? Sie wollen mich nun einmal schwarz sehen, und nichts von Dem wissen, was etwa für mich spricht ? was soll ich thun? ? Sie täuschen? ? und zu denen Verehrern treten, die es doch nicht ehrlich mit Ihnen meinen? ? Das würde ich sehr ungeschickt anfangen. ? Auf die Seite Ihrer Widersacher mich stellen? ? Dazu hab' ich zu viel wahrhafte Achtung für Sie und die Ehre meiner Gesinnung. ? Schlagen Sie also nur zu; wenn wir uns jetzt begegnen müssen, gescheh' es denn im offenen Kampfe, sobald es nicht mehr zu vermeiden ist. Mit Ergebenheit grüßt Ihr F.W. Gubitz.« Berlin, den 16. Dezember 1818. Die Hoffnung, dieser widerwärtige Briefwechsel werde nun sein Ende haben, erfüllte sich noch nicht. In dem Trachten, durch ehrverletzende Wortwendungen neben selbstischer Musterblenderei meiner Aufwallung den verschwiegenen Namen zu entlocken, versuchte Müllner einen heftiger angreifenden Schachzug:[249] »Weißenfels, am 30. December 1818. Es muß von Ihnen abhangen, ob Sie mir Denjenigen nennen wollen, der Ihnen ein von mir versendetes Manuscript tückischer Weise ausgeliefert haben soll. Nur muß ich im verneinenden Falle annehmen, daß Sie den ganzen Vorfall erfunden haben, weil ich nicht glauben mag, daß Sie die Discretion bis zur Verhehlung eines literarischen Betrügers treiben würden. Ob ich für recht halte, einen gegen Sie gerichteten Aufsatz aus fremder Feder zu bearbeiten und zu versenden, das hängt vom Inhalte des Aufsatzes ab. In demjenigen, welchen ich Ihnen bezeichnet habe, berichtigte ich literarische Thatsachen und kürzte die darin enthaltene Kritik eines Ihrer Dichtererzeugnisse ab. Diese Correctur kam nie aus meiner Hand, es wurde, nachdem der Verfasser sie gebilligt hatte, bloß eine Abschrift davon versendet. ? Daß man es wagt, Ihnen solche Aufsätze zuzusenden, wie Sie erwähnen ? schließen Sie daraus, verehrter Herr, wie sehr Sie verkannt werden, und wie leicht Nichtswürdige Sie für Ihresgleichen halten. ? Daß Sie Feinde haben, ist natürlich, Sie sind Journalist; aber unter Denen, welche meinen Beistand gesucht haben, hat keiner die Absicht verrathen, Ihr Privatleben anzutasten. Wer mir die Zumuthung machte, dies vor das Gericht der Publicität zu ziehen, der würde sehr übel fahren. Ich kenne nur den Künstler und Schriftsteller Gubitz, vom Menschen Gubitz ignorir' ich alles, was sich nicht durch die erstgenannten öffentlichen Personen kund giebt. Sie scheinen sehr viel davon zu halten, daß man öffentlich seine Meinung immer unter seinem Namen sage; damit brechen Sie fast allen kritischen Instituten[250] in Deutschland den Stab, die aus erheblichen Gründen das nicht einmal erlauben. Gerade dadurch scheidet sich die literarische Republik von der bürgerlichen Welt, ungefähr wie ein Maskenball vom Geschäftsleben. Nicht immer maskirt man sich, um wirklich unerkannt zu bleiben. Sie begreifen das! Aus diesen Ansichten nehmen Sie die Antworten auf Ihre Frage. Das Zuschlagen, wie Sie es nennen, klingt nicht sein. Nicht alles, was uns verwundet, ist ein Schlag, und das eigentliche Zuschlagen mit Spott- und Schimpfreden verwundet nicht; es thut sogar der Eitelkeit wohl. Ich halte nun, insofern Sie bei Eingangs gedachter Verschweigung beharren, unsern Stoff der Privatcorrespondenz für erschöpft und grüße Sie freundlichst nach der Sitte Fouque'scher Ritter. Ergebenst Müllner.« Müde eines Hin- und Herschreibens, bei dem der »Den von Weißenfels« trotz seiner beschönigenden Querzüge immer gallensüchtiger eingriff und mir den friedlichsten Willen empörte, erhielt er schließlich nur die wenigen Zeilen: »(Eilend.)« Ew. Wohlgeboren letztes Schreiben sucht darzutun, daß Sie nie gegen den Menschen Ihre Anfälle richten, und doch ist gleich der Eingang dieses Schreibens: »daß, wenn ich Ihnen den Einsender des besprochenen Manuscripts nicht nenne, Sie annehmen müßten, ich hätte den ganzen Vorfall nur erfunden«, so sehr nur gegen den Menschen gerichtet, daß ich im gerechten Unwillen darüber weiter kein Wort verlieren mag. Eine unendliche Last von Geschäften hat mich bisher verhindert, so manche lügenhafte[251] Angriffe von verschiedenen Seiten unbeachtet zu lassen, auch war dies recht gut, um über Dergleichen mehr Ruhe zu gewinnen; ich hoffe aber recht bald, Ihnen und Vielen zu beweisen, daß Sie über Manches gar sehr im Irrthum sind, und ihn fördern. Nicht was man annehmen will, sondern was da ist, und in der Wahrheit ist, das entscheidet! Berlin, 5. Januar 1819. Ergebenst F.W. Gubitz. Was nun bald nach Empfang des Abschlusses dieser brieflichen Plagen der Ergrimmte getan hatte, erhellt sich aus meiner im »Bemerker« zum »Gesellschafter« (1819. Bl. 34) abgedruckten »Erklärung zu einer Berichtigung«. In Nr. 34 der »Zeitung für die elegante Welt« findet sich folgende Berichtigung: »Die Verlagshandlung der Berlinischen Zeitschrift: der Gesellschafter fährt fort, wie ich sehe, meinen Namen unter den Mitarbeitern derselben zu nennen. Das ist ein Irrthum, ich nehme weder schreibend noch lesend mehr Theil an diesem Tageblatte, und habe davon den Herrn Herausgeber schon im letzten Monat des vorigen Jahres unterrichtet. Müllner.« Die Verlagshandlung versandte eine Anzeige, die vor dem Jahresschlusse gedruckt war, wie dies aus den ersten Zeilen: »Diese Zeitschrift beginnt mit 1814 ihren dritten Jahrgang« deutlich hervorgeht. Schon im Umschlage des Dezember-Heftes ist der Name Müllner weggelassen, auf des Herrn Hofraths Verlangen, dem ich eher zu willfahren vermochte, als daß ich dessen Ansichten unbedingt zu den meinigen machen konnte. ? Wäre Hr. Hofrat Müllner als Mitarbeiter dieser Zeitschrift[252] sehr thätig gewesen, so würde sie dadurch verloren haben, daß er schreibend nicht mehr Theil nimmt; wenn er es aber auch lesend nicht mehr thut, so verliert sie dadurch gewiß nichts. Mir aber ist es unter den obwaltenden Umständen leid, mit einem geistvollen Schriftsteller nicht in angenehmer Berührung stehen zu können. Berlin, den 25. Februar 1819. F.W. Gubitz. Nun war ich des Glaubens, ich würde künftig niemals wieder Einsendungen für meine Zeitschrift von Müllner empfangen, dieser Glaube hat sich aber nicht bewährt. Gar zu große Umwege in der Zeitfolge abzuleiten, muß ich aber für weiteres und ärgeres, wodurch er sich als Rechtsgelehrter sehr bitteres zuzog, erst später in meinen Aufzeichnungen mit ihm wieder zusammenkommen. Bei Schilderung der Begegnisse mit dem Weißenfelser Streitsucher will ich mein Bemühen für den Schauspieler Friedrich Wilhelm Lemm naherücken, weil dies zu Müllners Bühnengaben auch etwas in Beziehung ist. Ein im Nachruhm lebender Schauspieler, in Berlin geboren, auch lebenslang nur Mitglied der zu seiner Zeit einzigen, bei Lemms Anfängen von Iffland verwalteten Berliner Bühne, läßt schon dadurch vermuten, daß es ihm nicht leicht geworden, eine hervorragende Stellung zu gewinnen, und so ist es auch gewesen. ? Lemm war der Sohn eines nicht wohlhabenden Berliner Bürgers und etwa neunzehn Jahre alt, da führte ihn (1801) seine Neigung zum Theater. Dort mußte er von der untersten Stufe an dienen, und brachte es nach elf Jahren nur bis zu Nebenrollen geringfügiger[253] Art. ? Seine Gestalt war eine günstige, der Gesichtsausdruck belebt und berührig; Gewandtheit und Schliff der Bildung in Bewegungen und Geberden mangelten ihm lange: sein Sprachton aber hatte Kraft und Klang in Fülle. Erst im Jahre 1813 scheint Iffland etwas mehr als früher auf Lemm geachtet zu haben; daß es, wie man wiederholt drucken ließ, gar nicht geschehen, könnte schon widerlegt sein aus dem bereits eingeordneten Briefe Ifflands vom 23. September 1813, der für mein von ihm zu günstig beurteiltes Trauerspiel: »Ein Tag des Schicksals«, den von mir in der Rollenbesetzung zum »Landenberg« bezeichneten Hrn. Lemm als richtige Wahl anerkannte. Als nun bald Graf Brühl Generalintendant wurde, begannen für Lemm glücklichere Jahre; er empfing nach und nach der Hauptrollen mehr, und auf seine freundlichen Wünsche eingehend, habe ich ihn mit bestem Willen unterstützt im Einstudieren des »Valeros« (Müllners »Schuld«), »Kurt Kuruth« (in Werners »vierundzwanzigstem Februar«), »Antonio« (Goethes »Tasso«), Kotzebues »Abbé de L'Epée« und »Yngurd«, auch noch in minder namhaften Rollen, stets in dem angebahnten Gange, daß er mir über jede ihm neue Aufgabe vorweg seine Ansicht schriftlich darzulegen hatte. Wir waren dann auch oft in Familienkreisen beieinander und wanderten nicht selten zur Erholung im Freien. Besonders erinnere ich mich mit Vergnügen mancher Sommertage in den Jahren 1815 und 1816, wo Lemm, meine Frau und ich nach einem Dorfe schritten, unterwegs nach dem Allerlei auch Kunstgespräche laut werden ließen und sie dort bei dem idyllischen Genuß von Milch[254] und Schwarzbrot fortsetzten. ? Begreiflich wuchs mit seiner wichtigeren Beschäftigung auch die Gage Lemms, aber doch nur sehr langsam und spärlich, bis er sich im Jahre 1818 in der Stellung sah, Forderungen entschieden geltend zu machen. Dies ereignete sich nach einem ruhmreichen Gastspiel auf dem Burgtheater Wiens, dessen damalige Zustände er mir neben dem Erfolg seines dortigen Kunstwirkens brieflich schilderte. In bezug auf Lemms Klage, daß er keine Antwort bekomme vom Grafen Brühl, sprach ich mit diesem geistreichen und in aller Hinsicht wohlgesinnten Generalintendanten, und ward nun für jenen Vermittler eines lebenslänglichen Kontrakts, durch den Lemm auch im Geldpunkte den bevorzugtesten Mitgliedern des Königlichen Theaters gleichgestellt wurde. Die Steigerung der Summe war eine so bedeutende, daß nicht nur Lemm, sondern sogar ich wegen meiner Mithilfe vom Neide angefochten wurde. Namentlich griff mich einmal Bethmann in einer zahlreichen Gesellschaft lebhaft und erbittert an wegen ? nach seinem Ausdruck ? »Poussierung meines Zöglings, der das r gerade so schnarre wie ich«, was ich lachend und belacht abfertigte mit der Entgegnung: »Schade, daß im Wort Neid kein r ist, ich schnarrte es Ihnen sehr gern, aber Ihrem Papagei studieren Sie es ein, der schnarrt's!« Indessen hatte sich Lemm im Emporsteigen auch wunderlich verwandelt, und das Mißhellige seiner Anschauungen ward nun nach einer andern Seite verführerisch. Daß ihn der Mehrerwerb an Beifall und Vorteil erhob, fand ich eben so erfreuend als begreiflich; aber seine Aufgeregtheit wollte jetzt nicht die geringste Wahrnehmung gegen seine Kunsttätigkeit er tragen. Wie[255] offenbarer noch, als andere Menschen, die meisten Schauspieler für gefällige Bemühungen leicht das Gedächtnis verlieren, lehrte mir zuerst Lemm, obwohl bei seinem, im Grunde redlichen Willen manches in Anrechnung krankhafter Phantasie, die eilig von Gehässigkeit träumte, sehr verzeihlich war, von mir auch duldsam behandelt wurde. Daß er mich nach seiner Rückkehr von Wien niemals wieder um Rat fragte bei neuen Rollen, war mir lieb: ich hatte ihm genug an Zeit geopfert; wenn er jedoch den leisesten Widerspruch im öffentlichen Urteil als feindlich betrachtete, dann machte sich sein überspannter Verdruß unleidlich. Ein Ereignis der Art ? ich darf zu Lemms achtungswertem Andenken sagen: es war das von ihm übertriebenste ? wird die ihn zuweilen verblendende Grillenhitze deutlich machen. Im Februar 1820 kam Calderons »Don Gutierre« auf Berlins Bühne. Bei dem Besprechen der Darstellung, in der Ludwig Devrient nicht an ihm geeignetster Stelle stand, ließ ich drucken: »Die Wirkung wäre gewiß allgemeiner gewesen, hätte Herr Lemm oder Herr Wolff den ?Don Gutierre? gehabt, und in einer Dichtung, wo besonders auch die Kontraste in den Charakteren wirken sollen, wie es hier der Fall ist, hat die Besetzung jeder Rolle entscheidenden Einfluß, um so mehr die der Hauptperson.« ? Im Weiterführen des Berichts ist dann zu lesen: »Herr Lemm (?König?) hat, dem schwankenden Wesen in seiner Aufgabe zu sehr folgend, mehr nuanciert als nötig war, doch gab er gelungene Einzelnheiten, und um meiner Meinung hier die Beachtung noch zu schwächen, bemerke ich: daß er vielen besser gefallen hat als mir.« (»Gesellschafter« 1820. Bl. 85.) ? Da wird wohl jeder erstens einsehen,[256] daß sich kein Übelwollen gegen einen Schauspieler ahnen lasse, wenn man für ihn, selbst vor P.A. Wolff, die Hauptrolle in Anspruch nimmt, und zweitens kann sogar das über Lemm Geäußerte bezeugen, wie ich bedächtig seine immer wunde Verletzbarkeit zu schonen trachtete, ohne doch zu verleugnen, was mir Wahrheit schrien. Aber welch eine lästige und langwierige Plagerei erweckten diese wenigen Zeilen! Lemm lief zu allen uns gemeinschaftlichen Bekannten, mit zornströmender Wortfülle mich anklagend, und wer weiß wie oft mußte ich in verschiedener Umänderung hören: »Was haben Sie denn unserm guten Lemm getan!« Das dauerte, ohne irgend ein Zutun meinerseits, bis zum Schluß genannten Jahres: da hatte sich einstweilen seine Grübelsucht bekehrt. Am 1. Januar 1821 kam er durch das Familienzimmer zu mir, schob nur den Kopf durch die Tür und fragte: »Darf ein Narr sich unterstehen, einzutreten?« Nun bekannte er sein Unrecht, und der Bitte um Verzeihung fügten sich die für den Neujahrstag gebräuchlichen Wünsche an. ? Eine beruhigende Stimmung konnt' es aber bei Lemm nicht lange aushalten, auch nicht, als er sich verheiratet hatte. Nach meinem Glauben fand er für sich in den ersten Jahren seiner Ehe mehr Zufriedenheit des Gemüts; ich sah ihn da in Familienkreisen sehr heiter und gesellig, besonders noch überall willkommen durch seine Fähigkeit des Nachahmens in bezug auf Manieren seiner Kunstgenossen und die Berliner Sprechart bei den unteren Volksschichten. Der bei ihm eingekehrte Hausfriede flüchtete sich aber: ihn befiel die Eifersucht ? vermöge meiner Ansicht und der Schlußfolge aus Lemms bereitwilligem Argwohn ? ohne gültige Beweise. Gar oft mußte ich[257] weitschweifige Klagen hören über Verhältnisse, bei denen das Nichteinmischen am ratsamsten ist. Jedoch meinend, es diene zu seiner Erleichterung, wenn er sich aussprechen konnte, versuchte ich mit eigener Geduld, die seinige zu fördern, was mir aber gegen Lemms Leidenschaftlichkeit in diesem Unheil niemals gelingen sollte. Er war und blieb voll innerster Empörung und ich gedenke stets mit Bedauern des ihn fieberisch durchzuckenden Zustandes, bei dessen Steigerungen er mich einst mit Heftigkeit in ein Haus der Leipziger Straße zog, und mich dort beinah eine Stunde lang festhielt mit angeblichen Bestätigungen seines Unglücks, die mir jedoch nicht als Bewährung eines Verdachts einleuchteten. Was ich erwiderte, es nutzte nicht, denn der Einspruch hilft selten gegen das leidenschaftlich Eingebildete: es ist unüberwindlich für die Vernunft, sie wirkt nur bei dem, der sich zu beherrschen vermag. Bei Lemm war die fast beharrliche Aufregung, wie ich sie, um ihn erklärlich zu schildern, hervorheben mußte, noch dadurch erhöht, daß sein Eifer ? es ist nicht zu verschweigen, weil sich hierin teils die Ursache, teils die rasche Zunahme seiner Krankhaftigkeit enträselt ? gewichtiger war als sein Geist. Was er aber erfaßt hatte ? in der Regel das Treffende ? hielt er folgerichtig fest, und überall setzte er die ganze Eigentümlichkeit mit vollstem Vermögen ein. Noch bei Lebzeiten Lemms urteilte über ihn Hermann Marggraf bezeichnend genug in den wenigen Zeilen: »Seine Kraft scheint im Verlauf der Darstellung anzuwachsen, er erscheint von Szene zu Szene bedeutender, er hat ein Übermaß von physischer Kraft zu verwenden. Man beschuldigt ihn der Manier, aber es ist eine edle Manier,[258] und ich wünschte, alle unsere Darsteller hätten eine solche. Herr Lemm ist noch halb mit dem Geist der alten Schule verwachsen.« (»Gesellschafter« 1834. Bl. 154.) Bei seiner Kräfte Opfermut auf der Bühne, und der dadurch begünstigten Aufwallungshaft bei wirklichen, oder zur Selbstpein erfundenen Widerwärtigkeiten in Lebensverhältnissen, war es unvermeidlich, daß Lemm seinen mannhaften Körper in frühe Zerrüttung trieb. Die Krankheitsanfälle erneuerten sich in immer kürzeren Fristen, und schon im Jahre 1825 war er so hinfällig, daß er beinahe zwei Jahre der Bühne entzogen blieb. Kaum in der Genesung, stachelte ihn der Drang zur Tätigkeit, nach jeder Wiederkehr wurde er mit Beifallsfülle begrüßt, bis er endlich dem Krankenlager nicht mehr entkam. Er starb am 16. Juni 1837. Viel, sehr viel, und in mancher Weise überschwengliches ist über die Kunstfülle des Meisters Ludwig Devrient zu lesen; ich beschränke mich auf das mit ihm Erlebte und die sich in mir erzeugte Ansicht. ? Seine Berufung nach Berlin ward im Jahre 1814 von Iffland, kurz vor dessen Tode, in Breslau abgeschlossen, und als »Franz Moor« begann Devrient seine Tätigkeit auf dem Königlichen Theater der Residenz am 1. April 1815. Genaues wußte ich von ihm nicht; der Ruf hatte ihn als »Genialen« ausgezeichnet, und die Schauspielfreunde Berlins waren in gespannter Erwartung. Zu jener Zeit herrschte nicht die strenge Anordnung, daß in den schmalen Seitengängen der Sperrsitzplätze niemand stehen dürfe: eine Maßregel, die keineswegs zu tadeln ist. Ich stand an der Direktionsloge, in der bei bedeutenden Bühnenereignissen, zufolge des ihr von [259] Iffland erteilten Rechts, auch Friederike Bethmann saß, und während der Zwischenakte sprachen wir zuweilen miteinander. ? In regster Aufmerksamkeit betrachtete ich das Gebilde Devrients; nach dem ersten Akt sagte ich mir: dieser Schauspieler hat die Einsicht, daß man nicht schon durch das Äußere am »Franz Moor« die Natur beschuldigen solle, sie habe alles Widerwärtige zusammengerafft, um ein unübertreffliches Musterbild menschlicher oder eigentlich unmenschlicher Häßlichkeit zu schaffen. Man merkte es an der kleidsamen, einem vergangenen Jahrhundert zugehörigen Adelstracht in Schwarz, daß sie für die Gestalt verbessern sollte, was zu verbessern war, und der Mantel in Purpurfarbe, mit Goldgeschmück umsäumt, ließ den anspruchsvollen Sohn eines »regierenden Grafen« erkennen. Das Gesicht aber wollte die mephistophelischen Züge nur mit Widerstreben verleugnen, wobei Devrients lange, auffallend verschiefte Nase unter schönen, aber unheimlich ruhelosen Augen, nächstdem die Zuckungen in rasch veränderlichen Mienen sehr behilflich waren. Diese, der Persönlichkeit Devrients angeprägten Eigenschaften wirkten durch sich schon, besonders zum Gebilde des »Franz Moor«. Die Sprache hatte bei ihren geschmeidigen Tonabstufungen im Heuchlerischen und verdeckt Hämischen stets mehr oder minder doch ? wie unwillkürlich ? eine beigemischte Schärfe; im Gesamten erschien mir Devrient innerhalb des ersten Akts als bedächtig und geschickt, stellte sich mir aber nicht höher als mancher andere Schauspieler tüchtiger Art, der noch etwas beklommen vor einer ihm fremden Menge der Theaterbesucher steht. Das hervorragend Schöpferische sprach jedenfalls mehr durch seinen beweglichen Gesichtsausdruck,[260] als durch den Geist in seinem anerkennenswerten, jedoch nicht immer flüssigen Redevortrag. ? Die Zuschauer waren sichtlich teilnehmend geworden, hatten indes nur laue Beifallszeichen hören lassen, und nachsinnend vergaß ich, die Bethmann über ihre Meinung zu befragen. Im zweiten Akt nahm das Selbstgespräch des »Franz Moor«, bei dem er das »Arsenal des Todes« überschaut, meine Einbildungskraft mit hinreißender Gewalt gefangen; meine jugendliche Lebendigkeit geriet bei der mir unbegreiflichen Steigerung eines spottfrohen und mordlustigen Zerstörungstriebs in Aufruhr, und plötzlich, ganz vergessend, wo ich war, rief ich unwillkürlich aus: »Der Mensch ist betrunken!« Das machte, obwohl es nicht überlaut geschah, in meiner Nähe Aufsehen, und ein Schlag auf den Kopf vom Fächer der Bethmann brachte mich zwar zur Besinnung, doch nur soweit, daß ich ihr meinen Ausruf beteuerte, wonach sie flüsternd mir entgegnete: »Nun ja, er mag betrunken sein, aber halten Sie nurs Maul!« Ich wiederhole genau ihre Worte, um es einigermaßen deutlich zu machen, in welcher aufwallenden Erregtheit ich gewesen sein muß. Vom erwähnten Selbstgespräch an hatte die Darstellung Devrients Unübertreffliches im wachsend Grausenhaften, in den starrsinnigsten Kämpfen des »Franz Moor« gegen alles, was Hindernis wird bei seiner hab- und herrschgierigen Selbstsucht, die ihn zu den unmenschlichsten Frevlern, dann zum Selbstpeiniger aus der gestachelten Übermacht des Gewissens, endlich zur Verzweiflung treibt. Die im Eindrucksdrange mit dem Darsteller wetteifernden Zuschauer äußerten nun[261] immer lebhafter die erhöhte Anteilnahme, nach damaligem Maßhalten sehr gesteigerten Grades. Innig ergriffen folgten sie dem Enthüllen des ungeheuerlichen Selbstsüchtlers in andächtiger Stille der Erschütterung; lauter Beifall machte dem schauerlichen Empfinden nur Luft nach den Aktschlüssen, und der Hervorruf wurde zurückgehalten bis zum Ende des gefühlszermalmenden Trauerspiels. ? Zu jener Zeit waren die Beifallszeichen im Theater noch von Urteilsfähigkeit beherrscht, nicht vom handwerklichen Belieben derer, die Söldner sind, und verstärkt werden durch hirnlose Nachäffer des tönend mitspielenden Lärms. Über Devrients Mächtigkeit als Schauspieler mehre ich nicht das doch eigentlich in seinem Tiefsten unbeschreibliche, füge mich meist und hauptsächlich meinem Zwecke, eben nur das mit dem Künstler Selbsterlebte zu berichten, wobei sich meinerseits die ihm bewahrte Wertschätzung bezeugen wird, wenn auch nicht mit prunksuchenden Worten. ? In bezug seiner ersten Rolle auf der Berliner Bühne sei nur noch gesagt, daß am nächsten Abend die Bethmann mir erzählte: Devrient habe schon vor Beginn der Darstellung, dann während des ersten Zwieschenakts zur Anstachelung berauschendes Getränk in sich hineingestürzt. Mit meiner durch Verlautbaren »etwas toll gewordenen Ausschweifung bei dem Einwirken eines Schauspiels« neckte sie mich noch zuweilen; ich hätte mir das gern öfter gefallen lassen, leider wurde sie aber dem Erdenleben entrückt wenige Monate nach Devrients Erwerbung für Berlin. Damals war ich noch Berichterstatter für Cottas »Morgenblatt« und die »Spenersche Zeitung«. In solcher Stellung wird man von Schauspielern und[262] Schauspielerinnen besucht, nach alter, wie ich meine, für beide Teile nicht angenehmer Gewohnheit. Devrient besuchte mich nicht; das war meiner Gesinnung nebenher ein Zeugnis vom Gefühl künstlerischer Selbständigkeit, und ohne Kenntnis über ihn hatte ich keinen Grund, einen andern Grund auch nur zu ahnen. So verging beinahe ein Jahr, ehe ich persönlich mit ihm zusammentraf, während er sich in dieser Zeit mit »Callot-Hoffmann« ? nun Kammergerichtsrat ? verbrüderte, sich dessen Abend- und oft Nachtgesellschaften in der Weingasterei bei Lutter und Wegener anschloß, was den körperlichen Zuständen Devrients verderblich war. Ein bei mir seltenes Erscheinen im Wirtshause vermittelte mein erstes Zusammentreffen mit ihm, etwa im Februar 1816. Ein mir befreundeter Berliner Bankier hatte Hamburger Geschäftsverbündete in das damals besuchteste Gasthaus Dallachs zu führen, und ich mußte Beisitzer zum Mittagsmahle werden. Uns in der Nähe sahen wir Devrient mit einem Kaufmann aus Breslau, der auf unserer Seite Bekannte fand, und ersucht wurde, mit jenem zu uns herüberzukommen. Das mußte sich der, nach meiner späteren Erfahrung etwas menschenscheue Devrient gefallen lassen. Wortkarg saß er neben mir, und im Gespräch bestanden seine Antworten fast nur aus versuchten Abkürzungen, was ich nie unbemerkt ließ, weil es mich ergötzte. Zwischeninne ergriff er jedoch die Gelegenheit für das Gesamtgesellige, und erzählte Geschichtchen mit eindringlicher Laune und höchst ausdrucksvollem Mienenspiel. Das Mittagsmahl zog sich in die Länge; bei dem Kaffee wurde den Handelsherren das Nebenzimmer anlockend[263] zu einem Spielchen ? offen gesagt zum Hazardieren ? und jetzt blieb ich allein mit Devrient, der Gast des Breslauer Kaufmanns war und das Verweilen zugesagt hatte. Er benahm sich nun redseliger, und in den gegenseitig berührsam gewordenen Äußerungen über Bühnenverhältnisse machte mich ein Anflug von ehemaliger Liebe zur Kanzel so freimütig, ihn vor dem Mißhandeln seiner Kräfte zu warnen. Meine Kenntnis von Krankheiten ist ? Gott sei Dank! ? seltsam gering; ich weiß nur: man muß in Regelmäßigkeit mit seiner Natur vertraut umgänglich werden: das erwidert sie in Wohltat an Körper und Seele. Was ich jedoch hinsichtlich der Folgen eines täglichen Überreizes durch aufregende Getränke zu schildern wußte, das sprach ich dem still zuhörenden Devrient zugunsten der Schonung seines Kunstvermögens in unverletzlicher Weise mit Offenherzigkeit aus. Dies veranlaßte für mich eine sehr peinliche Wendung; er verurteilte sich selbst in Grund und Boden, klagte seine jämmerlich nachgiebige Schwäche an, tat dies endlich bei fließenden Tränen, so daß ich ihn mit angelegentlichster Mühe nicht beruhigen konnte, und mir zuletzt damit half, ihn zu einem Gange ins winterlich Freie zu bereden. Wir gingen vom Gendarmenmarkt bei Laternenschein unter den bereisten Linden bis zum Brandenburger Tor, dann, vom Versprechen gefesselt, wieder zur Gesellschaft. Am Spätabend erheiterte Devrient, nur mäßig trinkend, alle durch nicht laute, aber bühnenartig in Witzlaune geschärfte Lustigkeit, die nach jeder Seite hin den angebornen Beruf zum Schauspieler hervorleuchten ließ. Seine geübte Naturgabe, sowohl äußerlich als geistig Eigentümliches aufzufassen und anschaulich zu[264] machen, ward meisterlich bei dem Erzählen kleiner Lebenszüge, und wie unwillkürlich versinnlichten Mienen und Gebärde die in seinem Vortrage beteiligten Persönlichkeiten. Bald nach diesem Tage bezweckte ich die Darstellungen auf der Bühne im Opernhause für den »Vaterländischen Verein«, und wünschte die Mitwirkung Devrients. Er gab ohne Zögern die bestimmteste Zusage, wonach er in meinem Schauspiel »Liebe und Versöhnen« die Rolle des »Caspar Laufer« erhielt. Da mir der General-Intendant Graf Brühl erklärt hatte: zu den Proben der mannigfachen Einzelnheiten des Darzustellenden könne mir erst am Tage vor der öffentlichen Aufführung das Opernhaus überlassen werden, sah ich mich genötigt, mir in meiner Wohnung zu helfen. Für einen Abend hatte ich nun auch Devrient, der Schicklichkeit gemäß zugleich seine Gattin, die nicht mitbeschäftigt war, zu mir gebeten. Versammelt waren bereits die Schauspielerinnen Luise Schröck und Auguste Düring (dann Stich, später Crelinger), die Schauspieler Lemm, Maurer und Rebenstein in; die Gattin Devrients war ebenfalls gekommen, wer aber fehlte, das war er. Immer besorgter warteten wir auf ihn; wahrscheinlich dadurch geängstigt, wurde die Frau von Krämpfen befallen, und es mußten schleunigst Hilfsmittel herbeigeschafft werden. Schon hatten wir von sechs bis acht vergebens auf die Ankunft Devrients gehofft, da entschloß ich mich, ihn aufzusuchen. Aber wo nun? ? Diese Frage beantwortete sich wie von selbst im Kreise der Anwesenden bei lachendster Einstimmigkeit, und rasch war ich auf dem Wege zu Lutter und Wegener. Dort war aber [265] Devrient nicht; vermöge der dringlichen Umstände machte sich der Verdruß über mein verfehltes Unternehmen erkennbar, indem ich durch Fragen zu entdecken suchte, wo der Säumige sein könne. Da winkte mir aus dem Hintergrunde mit sehr vorsichtiger Gebärde der Oberkellner ? derselbe, von dem einst Devrient, als er um Zahlung gemahnt wurde, mit den Worten des »Franz Moor« feierlich äußerte: »Dieser Karl fängt an mir fürchterlich zu werden!« ? und ich folgte dem Wink nach dem Hausflur. Hier vertraute mir der dienstwillige Karl: »Wenn sich Herr Devrient einmal verstecken will, dann hat er seinen Schlupfwinkel an der Schützen- und Markgrafenstraßen-Ecke bei einem Materialisten, der auch mit Wein handelt; heut ist er ganz gewiß dort, läßt sich aber immer verleugnen. Da haben Sie nur in den Laden zu treten, um nach irgend was zu fragen, sich dann rasch einer Tür zu nähern, die verhängte Glasscheiben hat, und sie dreist zu öffnen: da werden Sie ihn erwischen!« Dieser Fährte folgte ich, trat in dem Laden, wo glücklicherweise ein paar Käuferinnen abzufertigen waren, ohne Behelf wie mir geraten, und richtig: da saß Devrient ganz allein vor der Flasche und dem Glase. Seine höchst komische Betroffenheit reizt mich noch in der Erinnerung zum Lachen. Er war plötzlich in sich geduckt, als wolle er sich verbergen, und meine Anrede: »Guten Abend, Herr Devrient!« erwiderte er nur mit stöhnendem Laut und scheuem Aufblick seiner unruhigen Augen. Bittend trieb ich ihn an, mir eilend zu folgen, wozu er in den ersten Augenblicken nicht die geringste Anstalt machte. Endlich stotterte er verlegen: »Ich habe[266] unterwegs die Rolle verloren, und schämte mich zu Ihnen zu gehen, weil ich sie noch nicht im Kopf habe.« Ich konnte und wollte diese, mir in bezug des Verlierens sehr zweifelhafte Angabe nicht bestreiten, antwortete also nur: »Das ist kein Hindernis; Sie lesen Ihren Teil aus dem Souffleur-Buch, und noch heut wird die kleine Rolle neu ausgeschrieben.« Er mußte mir folgen, wurde mit jauchzendem Zuruf empfangen, las bei der Probe aus dem Souffleur-Buch, und als wir nachher zum einfachen Mahl gingen, zog er die Rolle aus der Tasche und sagte mit den schalkhaftesten Mienen und dem gutmütigsten Ton: »Nochmals bemühen will ich Sie doch nicht!« Tages darauf, in der Vorstellung, war er freilich des Einbläsers im Kasten sehr bedürftig und zuweilen wurden ganz andere Worte einstegreift; Meister Ludwig Devrient schuf aber seinen »Caspar Laufer« dennoch zum treffendst ausgeprägten Bilde. Aus dem Vergangenen hebt sich mir jetzt die Sonderbarkeit hervor, daß mein drittes gesellschaftliches Zusammenkommen mit Devrient sich wieder mit der Weinwirtschaft verbinden mußte, was begreiflich nur für mich, der ich lebenslang öffentliche Gastorte möglichst vermied, ein wenig merkwürdig ist. ? Im März 1819 gab Nagel, derzeit Regisseur des Breslauer Theaters und ein durch Natur und Übung geförderter Schauspieler, Gastrollen auf der Berliner Bühne. Der Hofrat Karl Stein, früher Schauspieler und auch als Schriftsteller bekannt, mochte trotz seiner spärlichen Geldmittel von jenem ihm Befreundeten sich nicht ohne einen mäßigen Abendschmaus trennen; dazu waren der Theatersekretär Esperstedt, den man damals auch als Souffleur beschäftigte,[267] und ich eingeladen. Beide schickten wir Absagen, Esperstedt, weil er soufflieren mußte, ich, weil ich arbeiten wollte; mich aber beredete Stein bei einem Besuch, ihn nicht mit Nagel allein zu lassen, und wir drei waren Abends vereint »bei dem Italiener«, wie man sagte, obschon der Wirt den deutschen Namen Dietrich hatte. Gegen elf meinte Stein: es müsse noch eine Abwechslung stattfinden; es kamen Lutter und Wegener in Vorschlag, ich aber weigerte mich sehr entschieden, ließ mich dann endlich zu einem Glas Eis bei dem damals gerühmten Konditor Teichmann beschwatzen. Dort, unter den Linden, war das Geschäft zu meiner Freude schon geschlossen, und nun wollte man mich nach meiner Wohnung begleiten. Der Weg führte an dem genannten Weinhause vorüber; der fast sechs Fuß hohe, derbkräftige Nagel und der auch handfeste Stein hatten aber, wie sich nachträglich entdeckte, einen Gewaltstreich verabredet: der eine ergriff mich bei den Schultern, der andere bei den Füßen, und so, wie sehr ich widerstrebte, schleppten sie mich hinein, gradhin in das Eckzimmer, wo Devrient und Callot-Hoffmann samt ihrem Anhange saßen. Tobende Luft begrüßte in solchem Kreise, wo mancherlei Überspannung herrschte, den an mir vollbrachten Zwang; ich mußte mir ein Zutrinken gefallen lassen und es selbst üben. Den Ärger bekämpfend mit der Gewalt des Übermuts, unterwarf ich mich dem Schicksal, und da ich in jener Zeit eben viele der Schriften des Paters Abraham a Santa Clara gelesen hatte, so machte ich mir den Spaß, meinerseits mit seiner Art die Unterhaltung zu mengen, was selbst bei Übergängen zur Strafpredigt der allgemeinen, unzweifelhaft etwas tollen[268] Stimmung behagte. Nach meiner Wohnung kam ich jedoch erst morgens vier Uhr, und aus jenem Eckzimmer habe ich mir den unvergänglichen Widerwillen gegen Champagner geholt, was gewiß kein Unglück ist. ? In jenen Nachtstunden blieb Devrient fast schweigsam mitten im schwirrenden Lärm, schaute meist wie tiefsinnig vor sich hin; ? er dachte vielleicht drei Jahr zurück an meinen, sich als fruchtlos erweisenden Abmahnungsversuch. Von da an bin ich überhaupt nicht wieder anders mit Devrient zusammengetroffen als im Begegnen auf der Straße, wo auch niemals ein erwähnenswertes Gespräch entstand. Seine Rede war stets wie in Verlegenheit abbrüchig, sein ganzes, aus Gutmütigkeit, Mißtrauen und Argwohn gemischtes Wesen schien immer auf dem Rückzug, denn er wußte, daß ich die, durch beinah ausschließliche Verbindung mit jenem vielleicht geistig antreibenden, aber körperlich aufreibenden Kreise beeilte Selbstzerstörung seiner Kräfte nicht unbeachtet ließ. Bei seinen bald schneller sich mehrenden Krankheitsanfällen wurde sogar einmal im »Gesellschafter« (1822. Bl. 20) öffentlich ausgesprochen: »Devrient ist wieder auf der Berliner Bühne aufgetreten und die Teilnahme äußerte sich lebhaft. Möge Hygeia mit ihrem Gerstenbrot (Maza) ihn erkräftigen und mit ihrem zweiten Sinnbilde, der Schlange, ihn daran erinnern, daß solch ein Schlangenwesen nicht nur die ersten Eltern zu verbotenem Genuß verleitete, und daß man mithin jeden Versucher sich fern halten müsse.« Er hielt sich aber den, ihn schon in Dessau und Breslau begleitenden Versucher, der sich für Berlin in der Gestalt des Callot-Hofmann seiner bemächtigte,[269] nicht fern, und als dieser nach langer Qual in seinem sechsundvierzigsten Lebensjahre (1822) starb, war Devrient so im Vorschreiten seiner Hinfälligkeit, daß ihm ein Übermaß starker Getränke als Ernährung unentbehrlich war, um sich tagweise aufrecht zu erhalten. Auch auf der Bühne wurden die Folgezeichen sichtlich in den krankhaft verzogenen Händen und in der mitunter sehr auffälligen Schwächung des Gedächtnisses und Gehörs. Der Souffleur hatte mit ihm viel Mühe, die zuweilen doch nicht ausreichte. Bei dem unverhüllbaren körperlichen Verfall bezeugten indes die Darstellungen Devrients ausdauernd die Großartigkeit seiner durchweg ursprünglichen Begabung; aber wohin er zum Gastspiel reiste, ohne Krankheit ging es nicht ab. Den Hamburgern ? zum Beispiel ? wurde dies kund im Herbst 1822, und der zum Abdruck gekommene Bericht an mich meldete: »Körperlich leidend, hat Devrient an seiner Geistestätigkeit nichts eingebüßt; sein hörbar schwächer gewordenes Organ war aber nicht imstande, unser, im Verhältnis zu andern Bühnen kleines Theater auszufüllen; verständlich sollte doch jedes vom Künstler ausgesprochene Wort sein, gar manches war es aber durchaus nicht. Die Furcht, ihn wirklich einer physischen Schwäche erliegen zu sehen, störte immer den Genuß, obgleich ohne dem Ruhme des Künstlers Abbruch zu tun, es erregte uns nur liebevolle Teilnahme.« Da war Devrient erst achtunddreißig Jahre alt! Am 15. April 1826 konnte er in Leipzig den »Lear« nicht durchführen; mitteninne, schon im zweiten Akt, mußte der Vorhang fallen und ein anderes Schauspiel eingeschoben werden. Gesteigerter verriet sich in Berlin die Zerrüttung der Kräfte. Da gewann sich der Regisseur Weiß, selbst[270] vorzüglicher Schauspieler, eine Art von vormundschaftlicher Macht über Devrient. Durch Überredung brachte es Weiß, wie er mir mehrmals erzählte, so weit, daß der leicht Verführbare sich in Aussicht auf Abende, wenn er auf der Bühne wirken sollte, nachmittags in sein Zimmer einschließen ließ; er mußte im Verschluß bleiben, bis die Zeit, nach dem Theater zu gehen, herangerückt war, und Devrient nun abgeholt wurde. ? In den letzten Jahren war er auch fortwährend von Gedanken an seinen baldigen Tod erfüllt, und in seiner Überspannung bot er einst nach der Versicherung: er werde noch vor Ablauf von zwölf Monaten sterben, dem Kammermusikus Schröck eine Wette an auf ? Champagner, dessen Auslieferung je nach dem verschiedenen Ausgange anzuordnen sei. Schröck wies die Wette von sich ab; der Vorschlag dazu bezeichnet jedoch schon einen eigentümlich phantastischen Zustand, bei dem Devrients außergewöhnliche Lebensweise als sehr beteiligt anzunehmen ist. Devrient starb am 30. Dezember 1832, und es ist erwähnenswert, daß sein Tod zu einer argen Abscheulichkeit benutzt wurde. Der mit Recht geschätzte Schauspieler Lemm empfing am Neujahrstage 1833 eine schwarz versiegelte Visitenkarte, auf der zu lesen war: »Devrient an Lemm als den Ersten, der ihm folgen wird.« Der auch Krankhafte war reizbaren und grämlichen Gemüts, starb auch bekanntlich fünftehalb Jahre nach Devrient im sonst meist noch kräftigen Mannesalter; doch wird der tückische Streich ihn nicht lange beunruhigt haben, wenigstens ging er in Äußerungen darüber bald leicht hinweg. Mit dem unbekannt gebliebenen Absender jener Visitenkarte möchte aber gewiß niemand beisammen gewohnt haben, und wir wünschen, es sei[271] keines Menschen Heil oder Wehe ihm anvertraut gewesen. Devrient und Lemm ruhen in Frieden; daß aber jenem Unwürdigen der Friede nicht zu gönnen ist, das wird wohl allseitig empfunden, und sein Gewissen hat unzweifelhaft das Richteramt übernommen. Während der Zeit, als Graf Brühl, dann Graf von Rödern ? von dem ich später in Anerkennung zu sprechen habe ? die Oberleitung der Hauptbühne in Sorge nahm, wurde ich auch mit Sophie Schröder bekannt, zuerst im Jahre 1816. Wie ich in bezug auf diese Künstlerin dachte und sprach, bezeugen von dorther die abgetrennten, hier erneuerten Zeilen: »Mad. Schröder, Kais. Königl. Hofschauspielerin, hat uns mit Gastspielen einmal wieder deutlich gemacht, was eigentlich die Rede- und Schauspielkunst ist, welche Mode mit gemißbrauchtem Sang und nachtrabendem Tanz zu Grabe bringen möchte. Die lebhafte Teilnahme, welche bei dem Publikum immer rascher im Steigen war von der ersten bis zur dritten Darstellung ? leider war die Künstlerin so forteilend, daß wir mehrere nicht erbitten konnten! ? bezeugte es laut, daß es an der Zeit sei, die erhabenste Stufe der Theaterkunst, welche neuerdings selten bestiegen und also auch ruhig im gebrechlichen Zustande gelassen wurde, wieder zu befestigen, die Manier, welche immer nur nach dem Ein- und Auslernen ringt, in ihren Rang zurückzuschieben und mit der Gesang- und Tonkunst eine Grenzberichtigung vorzunehmen. Es wäre vielleicht dabei ratsam ? wie es neulich bei den politischen Kämpfen geschah ? einen sonstigen Zustand als Richtschnur aufzustellen, und gäbe dies auch eine kleine Bewegung im Reiche der Musen: die bisher Bedrückten unter den Neunen sind die Mehrzahl und[272] werden mit dem Paar Repräsentantinnen der Anmaßung wohl fertig. ? Mad. Schröder erschien bei uns als Merope, Medea und Phädra und lehrte uns: daß sie der Erinnerung an die unvergeßliche Bethmann in dieser Rollenart sich gegenüberstellen kann. Wenn bei der ehrenvollsten Vergleichung ? welche vielleicht kein Lob zu überbieten vermag! ? sich Einzelheiten hier-oder dorthin vorteilhafter zeigen, möchte sich dennoch alles ziemlich ausgleichen, legt zuletzt Mad. Schröder den ungeheuren Umfang, den sie im Sprachgebiet hat und gewann, in die Wage der Prüfung. Mir ist niemals eine solche Gewalt ohne Mißklang, und zugleich eine solche Sanftheit ohne Tränen- und Ziermischung, ? wie der Ton innigster Rührung mit Verschmähen des häuslichen Jammers ? so im herrlichsten Verein erschienen, als bei dieser Künstlerin. Wer einen Begriff von ihrem Tonraum, der durch die weiseste Geschicklichkeit dem geistigen Blick sich fast unendlich darlegt, haben will, der prüfe Zartheit und Glut in der Szene: wo Phädra dem Hippolyt ihr Empfinden gesteht, im Doppelkampfe mit dem Sturmtriebe der Leidenschaft und dem Zügeln der Sitte; ferner höre man die rettende Kraft, welche aus dem heiligen Gefühl der Mutter in Meropen spricht, und wieder die zerstörende, die im Herzen der Medea mit dem Hasse alles Menschliche niederzwingt: überall waltet die schärfste Charakteristik, die sich bei aller Weite doch stets zusammenfaßt, nimmer aus dem Kreise des Schönen sich entfernt, nur sehen wir ihn oft besitzreicher, als wir ihn glaubten. Selbst in den wenigen Momenten, wo man eben entscheiden möchte: dies war ein Theatermittel, was weniger wahr als wirkend zeichnet, findet man sich schnell vom Einklange der Abstufung[273] überrascht und muß bemerken, daß die Künstlerin mit talentvoller Verwegenheit erkannte und benutzte, was Natur ihr verlieh, und nur Eins war und blieb mir etwas zu gesunken: der Ausdruck rachlustiger Eifersucht bei der Phädra. Noch eine Rüge hatte ich nach der Darstellung von Merope im Sinne, die nämlich, daß Mad. Schröder durch Shawlkünste, welche jetzt oft berufen sind, rasch von der Bühne an die Toilette zu führen, uns unterbrach bei dem rühmlichsten Erfolge: Spiel für Wahrheit zu nehmen. Da aber in den andern Darstellungen dem Faltenstudium nur so viel nachgegeben wurde, als zur Unterstützung des Äußerlichen notwendig war, mag und muß jene Rüge wohl aus Zufälligem entstanden sein. Sie anzudeuten ist aber deshalb nötig, damit ein Lob, für welches ich den Worten mein inniges Entzücken gebe, doch bezeugt, daß ich mir Mühe gab auszusprechen, was ihm etwa entgegensteht. ? Mad. Schröder bestätigte ihren Ruhm auch in einem Deklamatorium; es war bewundernswert, wie die Rede allein die mannigfachsten Gedanken und Betrachtungen schnell zu Gefühlen schuf, zu Gefühlen, die, durch klaren Geist angeregt, auch Klarheit zurückließen, nicht in einen Sinnentaumel warfen, in welchem sich nur gefällt, wer nichts als Sinnlichkeit aus sich heraus bewegen kann. ?Die Brautleute?, von Collin, ?Saul und David?, von Mahlmann, und ?Die Glocke?, von Schiller, wurden gesprochen und überall Seele und Herz der Dichter so tönend, wie sie es etwa bei dem Schaffen der Gedichte waren.« (»Gesellschafter« 1817. Bl. 181.) Welch eine Macht Sophie Schröder im geistigen Ausdruck hatte, das erwies sich im Jahre 1830, eine Anfügung von damals mag dies bezeichnen:[274] »Mad. Schröder ist die erste tragische Virtuosin; über ihre Gastrollen im einzelnen zu sprechen, wäre unnütz: sie sind überall gekannt und haben von ihrer Sicherheit nichts verloren. Die berühmte Künstlerin gab uns aber etwas Neues: Darstellung von Gemütsbewegungen, Liebe, Eifersucht, Haß, Verachtung, Freude, Schreck, Furcht, Angst, Zorn, Wut, Verzweiflung und Raserei: Gefühlszustände, die alle in gutem Bilde vor uns standen.« (»Gesellschafter« 1830. Bl. 103.) Nicht minder wertvoll als die Schröder ist mir im Andenken Achim v. Arnim, mit dem ich von 1816 an bis zu seinem Tode in schriftstellerischer Verbindung, nächstdem aber in freundschaftlicher Vertraulichkeit war und blieb, in solcher Weise, die ohne Absicht etwas Geheimliches hatte. Ich kann mich nicht entsinnen, daß in der ganzen Zeit unsrer Bekanntschaft einer dem andern Briefe geschrieben hätte, obwohl ich von ihm eine reiche Anzahl geistiger Arbeiten empfing, und während er sehr oft mich besuchte, kam ich nur ein einzig Mal zu ihm. Dies geschah in einer Gartenwohnung des der gräflichen Familie v. Voß gehörenden Hauses am Wilhelmsplatz Berlins, wohin er mich zu Abend eingeladen und voraus gesagt hatte: ich würde dort nur ihn und seine Gattin finden. Mit dieser, der »Bettina«, war dies mein einziges Beisammensein, was ich meiner Zeitsparung zurechnen muß, jedoch nebenher bekenne, daß an jenem Abend Bettinas Geistigkeit, an deren Fülle nicht zu zweifeln ist, stets ein vorzeigbares Betreiben und Darlegen offenbarte. Mein Einbildungsgemälde von ihr mußte sich auch etwas überrascht fühlen durch ihren ersten Anblick, nicht zu ihrem Nachteil. Putzlos angetan, eine Brille vor den Augen, stand sie im Vorflur[275] und plättete Wäsche, nach meinem Gruße mir zurufend: »Arnim ist noch aus, treten Sie näher, er muß bald kommen!« Das traf ein; mit ihm entspann sich im Garten, unterdes Bettina ihr Wirtschaftliches beendete, eine lebendige Unterhaltung, und manches davon ist mir noch jetzt wie gegenwärtig. Zumeist sprachen wir über Sagen und Märchen der Vorzeit, deren Bewahren und Sammeln ich zwar gebührend ratsam fand, dabei aber doch wünschte, es möge eine Hinneigung der Art nicht allzu vorherrschend sein bei dem Volke. Namentlich erklärte ich mich dagegen, die Köpfe der Jugend überschwenglich mit Sagen und Märchen zu füllen, womit damals mehrere Verleger sehr im Zuge waren. Obwohl wir nun, bei gegenseitiger Anerkenntnis des Werts der alten Sagen, andrerseits, hinsichtlich der Wirkung eines Hineinlebens in das Phantastische, verschiedene Meinungen hegten, lasse ich doch gern die herzig kindliche Gemütlichkeit, mit der sich Achim v. Arnim äußerte, in mir widerhallen. Er sagte etwa folgendes: »Mich stimmt es zuweilen wehmütig, wenn ich sehe, wie reich jetzt die Jugendwelt ausgestattet ist mit der Poesie unsrer Vorfahren, während mir als Kind nur kärgliche Bruchstücke zuteil wurden. Alles Gute in aller Dichtung gehört nicht der Willkür an, wird vielmehr als Notwendigkeit zu betrachten sein in den Grundlagen des höheren Volkslebens, dessen Geschichte für immer angehören, auch immer brauchbar bleiben. Die uns überkommenen Sagen werden allerdings im neueren Geiste anders aufgefaßt und gewendet, nächstdem wird sich manche frische Erfindung anschließen. So ist denen das Alte davon lieber, jenen das Neuere, und die letzteren werden[276] allmählich zur Mehrheit, insofern die Umgestalter ebenfalls fortgeschritten sind mit den Umgestaltungen der Zeit. Wir können auch nicht leugnen, daß aus unsern Sagen unsre Geschichte ergänzt worden und noch zu ergänzen ist, und gewiß wär' es sündlich, die Gedankenwelt der ererbten Sagen und Märchen nicht in Fortzeugung zu erhalten. Auch unsere Geschichte sogar, um sie nicht hier oder dort wegzuwerfen, kann oft der Beihilfe des Glaubens nicht entbehren, wie denn der Glaube als eine blüten- und fruchttreibende Kraft keinem Verhältnisse des Lebens fehlen darf, soll nicht alles in und um uns veröden, alles menschliche Tun und Treiben endlich jeden Hebel zur Erhebung, jeden Reiz verlieren. Wird die Kritik überall zu zersetzend, geht unser Dasein wieder zum Chaos und zum nichts zurück.« ? Dem war ich nun im wesentlichsten mit Zwischenreden zustimmend, wollte aber dennoch in den Richtungen mehr vorwaltend einfache Klarheit als eine Verhüllung des einfachen, wenn zumal nicht nur die Dichtung, sondern der Einfluß auf die jetzige Jugendwelt in Betracht käme, und nach meinem Empfinden die einfache Klarheit das Reich der Phantasie nur läutere, nicht verschließe. Wir wurden dann auch ziemlich einig in dem nachher bei Tisch ausgebrachten Trinkspruch: »Deutsches Streben im Fortschritt, deutsche Freiheit und Dichtung auf deutschen Grundlagen!« ? was noch heut so laut als jemals in das deutsche Volk hineinzurufen ist, da es von diesem Wege sehr abgeleitet und durch eine Mischung von Umtriebleransichten und Nachahmung französischer Fieberhitze immer mehr in Hinfälligkeit gejagt wurde. Dies erwähnte Beisammensein bezieht sich schon auf[277] die späteren Tage einer innigeren Bekanntschaft mit Achim v. Arnim, ihr Anfang reicht, wie schon gesagt, zurück bis in das Jahr 1816. Als ich nun (1817) den »Gesellschafter« erscheinen ließ, dessen mir fast abgedrungenes Entstehen ihm Vergnügen machte, war er mit Beiträgen emsig beschäftigt. Das erste, was er mir brachte, und beinah alles Nachfolgende, betraf vorwaltend Deutsches aus vielseitiger Umsicht. Wir lebten nun in fortdauernder Anregung, und dabei auch in fortwährendem Zwiespalt und Einverständnis zugleich; in Zwiespalt, wenn er seinen mit dem Naturforschen sonderbar verwebten Glauben an Ahnungen und Geistererscheinungen darlegte, wo ihn nach meiner, vielleicht irrigen Meinung, die Romantik mehr an sich zog als die wissenschaftliche Begründung; im Einverständnis, wenn er seine staatsbürgerlichen, nicht vom eitlen Standesunterschied überfärbten Ansichten entwickelte, wo ihn Klarheit in Verfolg weltgeschichtlicher Erscheinungen nie verließ. Er besuchte mich beinah ohne Ausnahme nur Abends in der Dämmerstunde, weil es, wie er mehrmals äußerte, als ein gutes Werk zu betrachten sei, wenn ich dann gezwungen würde, meine stete Arbeitsamkeit etwas zu unterbrechen. Ein lebhafter Widerspruch erhob sich hin und her zwischen uns, als Arnim nach dem Tode Jung-Stilings (1817) über dessen »Theorie der Geisterstunde« mir einen Aufsatz vorgelegt hatte, der, scheinbar zum Teil auch gegen mich gerichtet, meinem Empfinden in bezug auf Verbindung des Diesseits und Jenseits sehr abfällig war. Das konnte und durfte mich nicht hindern, ihn abdrucken zu lassen, freilich ohne dem mir werten Verfasser zu verhehlen, daß er mich abermals nicht überzeugt habe. ?[278] Wenn jedoch Arnim mit seiner liebenswürdig kindlichen Milde und Wärme sanften Ausdrucks solche Ent- und Verwicklungen vortrug, mußte man sich mindestens immer durch die Art, wie er die Glaubwürdigkeit seines Glaubens bekräftigte, angeregt fühlen, wobei es dann ihn ebenfalls nicht verstimmte, daß man Gegner blieb, einen solchen Glauben in sich weder aufzunehmen, noch darin eine Glückseligkeit zu finden vermochte, diese ihm aber billig zu gönnen hatte. In Betracht der staatlichen Zustände verleugnete er nicht seine Unzufriedenheit bei Hemmnissen des verheißenen Fortschritts in Ausgleichung mit den Volksrechten, doch gab er die Schuld dieser Hemmnisse nicht ungeteilt der Regierung, sondern beklagte daneben die Törigkeit der Partei, die durch Gelüst zu vormaliger Pariser Modefreiheit und deren fieberisch fabelhaften Ansprüchen, im Wesen und in der Vorzeit des deutschen Volks nirgends wurzelnd, dem Erhofften verderblich wurde. ? Die staatsbürgerlichen Begriffe Achim v. Arnims werden einigermaßen verdeutlicht durch ihn leitende Auffassungen, die sich hier anreihen: »Ein großes Resultat wird uns durch die Anfänge der französischen Revolution in allen Verwicklungen aufgezwungen: wie nur Wahrhaftigkeit das unglückliche Königspaar retten konnte; diese aber war durch die verschiedenen Parteien am Hofe stets unterdrückt. Wahrhaftigkeit, Offenheit und Entschluß konnten allein helfen; statt dessen war selbst von Ministern immer nur ein Teil des Willens enthüllt: die öffentlichen Äußerungen gingen ganz gegen die innere Überzeugung, und die Entschlüsse kamen zu spät.« ? »Die größte Last der Beschuldigungen gehört bei der französischen Revolution nicht dem Augenblicke[279] der greuelvollen Umwälzung, sie verteilen sich auf Jahrhunderte. Dann aber fing mit der Unterdrückung der Feudalfreiheit und Feudalverbindung der chaotische Volkszustand an, in welchem auch der beste, der nicht die Macht in Händen hat, vereinzelt, hilflos und ohne Teilnahme untergeht. Ein Oberhaus hätte die unbesonnensten Schritte der französischen Versammlungen unschädlich machen können, und der Mangel eines solchen Hauses war ein Hauptgrund zur Entstehung der Despotie. Diese brach ein durch den unablässigen Kampf gegen Feudalformen, ohne welche die wesentliche Wirkung: den Geist des Augenblicks mit Vergangenheit und Zukunft zu verknüpfen, nicht erreicht werden kann.« ? »Das Wesen der Staatenentstehung stammt aus der Natur des Familienlebens, welche das Geistige auf Erden ist, und Natur aus der des Grundbesitzes, welches das Körperliche ist, das dem Geiste unterworfen. Jede Art der Gewalt muß zu ihrem Bestehen nach dem Ursprunge des Staates trachten, der sich im Grundeigentum findet. Alle Übergänge der Gewalt, wie sie durch Gegengewalt, durch Verträge und sich einschlingende Gewohnheit zu dem billigen Ziele gebändigt wird, müssen dabei ihr Recht behalten, ohne daß man sich durch heftige Blitzschläge der Aufregungen für die Gegenwart und ihre notwendigen Stützen blenden läßt.« ? »Wenn das Erregen und das dadurch Bewegte im Gegenwartsleben der Völker unser Herz ergreift, soll man besonders begreifen lernen, woran die ursprünglich vielleicht edlen Bemühungen scheiterten. Befremden darf uns ein Entzücken, welches jetzt und immer wieder ausbricht, wenn nur eine Versammlung vorhanden, die ? oft nur angeblich ? etwas Gutes[280] bewirken will; sehr bedenklich muß uns ein Bewundern erscheinen bloß über das Aussprechen des so oft gemißbrauchten Wortes Freiheit, während sich die grauenvollste Unterdrückung damit bekleidet, und erstaunen muß man über die Leichtgläubigkeit, mit der man es für möglich hielt, daß eine Nation sich in höherem Sinne verknüpfen könne, die in ihrem ersten Andrange alle ihre natürlichen Bande löste. Der Fels war zertrümmert; wieviel Blut gehörte dazu, den flüchtigen, verbindungslosen Staub nur scheinbar wieder zu verbinden, und wie lange wird es noch dauern, ehe er sich zu einem haltbaren Bau bildet! Wo die verschiedenen Gewalten immer über die Grenzen festen Bodens hinausstürmen, keine innerhalb dieser Grenzen zu beschränken ist, da reißen alle Bänder, die alten wie die neuen. Wo nun aber beides geschehen, öfter geschehen in Not, Irrtum und Bosheit, wo nun die Welt in Gegensätzen auseinander gerissen: wo will man da den Kraftsammler finden, der den unaufhaltsam hinunterrollenden Wagen wieder den Berg hinausbringt, damit nur von neuem eine klare Übersicht gewonnen werden kann?! Da mag einer, da mögen viele die an allem sehr unschuldige Staatswissenschaft zu Hilfe rufen, es wird immer heißen: Nicht die Ratschläge der Menschen, der Drang nach Besonnenheit und Frieden und die erworbene Fähigkeit dazu werden die Zustände heilen.« Diese Äußerungen lassen erkennen, daß sie noch zuständige Gültigkeit haben, obwohl über vier Jahrzehnte verflossen, seit sie aus Achim v. Arnims Feder kamen. Im ganzen mit Arnim einverstanden über die unerläßliche Notwendigkeit der Volksbeteiligung bei dem Ordnen und Verwalten eines Staats, blieb meine Ansicht[281] doch darin abweichend, daß ich zu begreifen glaubte, dem Übergange zu einer echt »konstitutionellen«, zu einer echt verfassungsfesten Regierung müsse man zuvörderst in der Volkserziehung, auf den Säulen unsrer Volkstümlichkeit die tüchtige Brücke bauen, sonst würden die Meinungsbrüche in Versammlungen von dreihundert und noch mehr Männern, die ihre Weisheit verschieden, platonisch, englisch, französisch oder nordamerikanisch gefärbt hätten, stets dahin wirken, daß immer nur teils das Zuhochgeschraubte, oft genug fälschlich »Idealität« genannt, teils haltungslose Nachahmerei entstände. Deshalb konnte ich mich nie des Gedankens erwehren, eine zeitgemäßere Verfassung werde naturgemäß nur aus dem Wachstum des selbsteigenen geistigen Vermögens eines Volkes hervorgehen, und dieses Wachstum sei für solchen Zweck auch erst sicher zu begründen. Jedenfalls war ich von dem Glauben, es ließe sich schon durch Mehrheit der Stimmen eine gesunde Verfassung erwerben, noch etwas entfernter als Achim v. Arnim. dem doch niemals die neuerdings so verwüstende Torheit, »man müsse mit der Vergangenheit brechen«, auch nur als Möglichkeit bei Deutschen in den Sinn kam, der aber mir entgegen der allgemeinen Volksvernunft mehr Umfang zutraute als ich. Wenn der wackere Freund lebte, wären wir nun wahrscheinlich noch näher einig; denn es ist nicht zu entdecken, daß die Volksvernunft ihre Haupthebel: Ehrfurcht vor Gott, sittliche Strenge im gesetzlichen und kindlichen Gehorsam, in Achtung der Familien- und Gemütsbindungen überhaupt sorgsam geschützt, sondern sich immer mehr der verderblichen Genuß- und Wirrenslust hingegeben hat. Ohne die höchst schwierige Wieder-[282] herstellung dieser segensvollen Haupthebel gibt es keinen Fortschritt als den in der Zerstörung. Doch ich wende mich für jetzt ab von diesen trüben Erscheinungen und weihe dankbare Freudigkeit den vielen Abendstunden, in deren Dunkel die Unterhaltung mit Achim v. Arnim inneres Erleuchten stärkte. Er starb plötzlich am 21. Januar 1831 auf seinem Gute Wiepersdorf im Ländchen Beerwalde, noch nicht voll fünfzig Jahre alt. Die Deutschen verloren an ihm einen, ob auch etwas schwebelnd geistreichen, doch gesinnungstreuen Schriftsteller, dem stets das Wohl und Weh seines Volkes die herzige Seele füllte, der nicht das abgetrennte Trachten eines bevorzugten Standes, immer den Gesamtnutzen, das Heil für alle in Beratung zog. Daß ein Mann mit solcher Wärme für die Gleichheit staatsbürgerlicher Ansprüche auch im engeren Kreise die ehren- und liebenswürdigsten Tugenden entwickelte, bedarf nicht der Versicherung; seine gereifte Tüchtigkeit gab sich kund in mildem, in bescheidenem Wesen, dem es auch vielleicht zuzuschreiben ist, daß seine Fähigkeiten und Verdienste bei den Machthabern nicht nach ihrem Werte geschätzt wurden. »Zudringlich Dreisten gelingt's dort am meisten!« Wer Achim v. Arnim gekannt hat, ehrt gebührend die ruhige Offenheit, in der er selbst im Bedenklichsten seine urteilende Überzeugung aussprach, mit rühmlichstem Erwägen, dem jedoch weder die Kraft fehlte, noch der Mut, diese Kraft in edler Haltung walten zu lassen. Ich aber, der ich stets seines angenehmen Besuchs gewiß war, kam er auch nur auf kurze Zeit nach Berlin, der ich ihn noch wenige Wochen vor seinem raschen Dahinscheiden bei mir sah, stelle ihn zu denen, die das Arbeitszimmer mir beleben, wenn sie[283] auch nicht mehr diesseits sind. Ein Freund meiner Kunst und meines Strebens begleitete er, was ich tat, mit der eingänglichsten Teilnahme und Anregung, wie denn überhaupt seine unbefangene Freude am Rechten und Guten, sein förderndes Auffassen alles zu beachtenden Wirkens, wem es angehören und wohin es sich wenden mochte, schon eine Stärke waren, die wohl vielen wie mir dauernd von Einfluß blieb. ? Gesegnet sei das Andenken Achim v. Arnims auch durch Bewahrheitung seiner eigenen Worte, die im »Berliner Musen-Almanach für 1831« ? sein Todesjahr ? den Schluß eines Gedichts bilden: Amazon.de Widgets »Künftig fraget wohl die Welt, Wo wir sind geblieben, Vieles dann von uns gefällt, Manches lernt sie lieben.« ? Gleich von jenem Jahr an, seitdem Achim v. Arnim »Des Knaben Wunderhorn« gemeinschaftlich mit Clemens Brentano herausgab, hat man sich gewöhnt, bei dem einen des andern zu gedenken; jedenfalls geschieht dies mir, und ich lasse die Zwillingserinnerung ungetrennt. Zu denen, die sich Ruf erworben haben als Schriftsteller, gehört Clemens Brentano gewiß, und ohne mancherlei Überspannungen an seinen Werken zu leugnen, wird man zugeben müssen, daß er auch bei dem Anschluß an die »romantische Schule«, die in den Jugendbewegungen des neunzehnten Jahrhunderts mitwirkte, eine sehr ausgeprägte Eigentümlichkeit offenbarte. Wäre sie nicht mit grillenvollen Schrägheiten behaftet gewesen, konnte eben er als Volkschriftsteller das Höchste erreichen, was er vorzugsweise bewies in seinen Erzählungen[284] »Die mehreren Wehmüller« und »Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl«, zumeist in diesem gemütswunderlichen Herzensgebilde, das als meisterhaft und unübertroffen gerühmt ist, sogar von denen, die der geheimwaltenden Richtung völligst abwendig sind. Aber auch jede seiner andern Gaben zeugt von fruchtbaren Geisteskräften, wie sehr sie zuweilen sich vereinten mit den irrweglichsten Seltsamkeiten, die aber wieder ihren Grund haben in der Verwandtschaft mit seinem Wesen, das wohl vielen, wie mir noch bis jetzt, ein rätselhaft uneiniges blieb. Bei kleiner, aber anmutig gebildeter Gestalt hatte er einen ausdrucksreichen Kopf, beweglich in den Mienen und begabt mit lebhaft glänzenden Augen; in keinem Zuge und Blicke verleugnete sich aber, selbst wenn der vielseitige Schalk in ihm rege wurde, eine dämmernde Schwärmerei, im ganzen Antlitz nicht ein Anstreifen von Düsterheit, die aus innerem Zwiespalt entstanden schien. ? Man sagt, er habe gern seiner altitalienischen Abkunft gedacht, und daß sein Familienname auf die Besitzungen seiner Vorfahren an der Brenta hindeute; mir ist keine Äußerung der Art von ihm bekannt, und zu tadeln wär' es nicht, von achtbaren Voreltern zu sprechen und sich ihrer zu freuen. Seiner Gesinnung nach war er damals ? unsre persönlichen Beziehungen umfassen die Jahre 1816 bis 1819 ? durch und durch Deutscher. Dies mochte indes unterstützt sein von den gegen Napoleons Knechtungsherrschaft mit Siegesglück beendeten Rettungskämpfen, denen Clemens Brentano sein dramatisches Gelegenheitsgedicht: »Am Rhein, am Rhein!« weihte, das ich von ihm in eigener Handschrift erhielt und es später, seinem Wunsch gemäß, drucken[285] ließ als Teil des Inhalts von »Blätter und Blüten« (Berlin, Vereins-Buchhandlung), eines Taschenbuchs, dessen Ertrag ? um Brentanos Worte zu gebrauchen ? »zur Linderung der Kriegsfolgen« bestimmt wurde. Clemens Brentano zeichnete sich auch als tüchtiger Redner aus mit dem fließendsten Wort und treffendem, zuweilen sehr derb werdendem Witz, wobei es ihm manchmal geschah, daß er andere überzeugte mit Behauptungen, von denen er selbst nicht überzeugt war, aber gleichsam wie durch innere Offenbarung zum Glauben an das von ihm Ausgesprochene hingerissen wurde. Dieser Glaube ging oft soweit, daß er meinte, der Geist der Weissagung wohne in ihm, was ihn dann sichtlich minder mit Erhebung als mit Entsetzen erfüllte, wobei er indes zugleich in eifrigen Zorn geriet, wenn man Zweifel hegte, daß diese oder jene seiner Verkündigungen zur Wahrheit werden könne. Diese Erfahrung machte ich besonders eines Nachmittags, als mich Clemens Brentano besuchte in Begleitung des Dr. Vetter (damaligen Mitbesitzers der Maurerschen Buchhandlung). Ich saß ruhig an meinem Arbeitstische, als die beiden in das nicht sehr geräumige Zimmer eintraten, wo nun Brentano auf mich zustürzte und mit der berührigsten Gebärde mich wohlmeinend zur Rede stellte. Worüber? Ich hatte im »Gesellschafter« das Gebet des Sokrates mitgeteilt und hinzugefügt: »Kann man wohl christlicher beten, als Sokrates gebetet hat?« ? Nach Clemens Brentanos Ansicht war es eine schwere Sünde, nur annehmen zu wollen, der Heide Sokrates könne christlich gebetet haben. Dr. Vetter erzählte mir später: Brentano sei zu Mittag sein Gast gewesen, als die neuesten Blätter des[286] derzeit in der Maurerschen Buchhandlung erscheinenden »Gesellschafter« ankamen; er habe sie ergriffen, plötzlich die höchste Aufregung bemerken lassen, nachdem er das Gebet des Sokrates mit meinem Nachsatz gelesen, und nicht eher Frieden gehalten, bis Vetter ihm versprach, mit ihm nach Tische zu mir zu fahren. Es galt nichts weniger als die Rettung meiner Seele! ? und Brentano hielt mir die nach seiner Meinung unüberwindlichen eigenen Satzungen entgegen, wonach ich den Sokrates zu verurteilen und zu glauben habe an die Wahrheit und Macht der Wunder und Zeichen, deren eben damals wieder in vielfachen Berichten als Tatsachen gemeldet wurden. Alles, was ich erwiderte von dem Grundsatz aus: daß mir eine christliche Gesinnung, durch die Tat bewährt, auch den sogenannten Ketzer zum Christen mache, meine Vernunft, wo sie nicht ausreiche, sich willig dem Glauben füge, jene aber mit diesem zwar in Frieden leben, sich jedoch von ihm nicht unterjochen lassen wolle, bewirkte nichts weiter als einen verstärkten strafenden Redestrom, der endlich eine Unterbrechung fand nach der feierlichen Versicherung: daß, so ich nicht zum rechten unterwürfigen Glauben den Weg fände, ich samt dem »Gesellschafter« zu den ewig Verdammten gehören würde. Schwerlich verargt es mir ein Besonnener, daß ich in dieser gesteigerten Ereiferung Brentanos endlich mehr Scherz als Ernst vermutete, da zumal Dr. Vetter nur mühsam sich des Lachens erwehrte. So kam ich denn aus der anfänglichen Überraschung in heitere Abwehr, Brentano aber ging darauf nicht ein und begehrte immer eindringlicher, daß ich mich als sündig fühlen und mich bekehren solle. Da erwiderte ich: »Wir sollen die Wahrheit erkennen und die[287] Wahrheit wird uns frei machen, sagt die Schrift, die uns Hauptsatzung sein soll. Nun äußerte ich schon, was mir Wahrheit ist, wobei ich im geringsten nicht an Werberei für meine Erkenntnis denke, aber auch für das eben Vernommene nicht den leisesten Anklang in mir finde. Es führen verschiedene Wege zur Beruhigung in Gott, gehe jeder den, welchen er für den gradesten und sichersten hält.« Nochmals folgte eine lange Rede Brentanos, und ich hörte ihm auch bei der Wunderlichkeit mit Vergnügen zu, ohne einen Streit verlängern zu wollen, der hier keinen Erfolg haben konnte. Endlich verdroß ihn mein Schweigen; er schalt nun etwas anzüglich auf meinen »erfrorenen Glauben«, und da ich bei diesem Ausdruck lachen mußte, Dr. Vetter ebenfalls laut einstimmte, erhob der Redner seine sehr wohltönende Stimme zur höchsten Kraft und sprach: »Nun denn, so möge Euch werden, was Euch gebührt, und das Strafgericht ist Euch nicht fern, denn im Jahr 1829 erfolgt die Wiederkunft des Heilands und im Jahr 1830 das Weltgericht!« Und damit verließ er mich in voller Entrüstung, so daß Dr. Vetter, der in Erstaunen ein paar Augenblicke mir gegenüberstand und dem ich nur noch sagte: »Er mag wohl krank sein!« ihn kaum einholen konnte. Bren tano hat die bezeichneten Jahre erlebt und jene Verkündigung, wenn er sich ihrer erinnerte, vielleicht doch mit seiner ihn beherrschenden Phantasie so zu deuten gewußt, daß sie seiner Gläubigkeit nicht bedenklich wurde. Aber noch heut bin ich der Meinung: er war damals krank, und was sich wenige Monate nachher ereignete, könnte wohl dafür zeugen. Zu meinem Arbeitsgemach kam man durch das Eßzimmer der Familie, und im[288] Hause war man gewohnt, Bekannte einzulassen, ohne sie mir anzumelden. Eines Morgens hörte ich, daß draußen jemand auf- und abging; ich dachte aber, man wäre mit Aufräumen oder Reinigen beschäftigt, und ließ mich in der Arbeit nicht stören. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, herein stürzte Clemens Brentano, warf sich auf einen Stuhl und rief, laut weinend: »Ich habe mein Gelübde gebrochen! ? mein Gelübde gebrochen!« Was und wie ich fragen mochte, ich hörte lange nichts anderes als die öftere Wiederholung jenes Ausrufs, so daß ich mich genötigt sah, Augenblicke der Beruhigung abzuwarten. Dann endlich erfuhr ich, was sich begeben, und obwohl hier zur Betrübnis bis zum äußersten Gegensatze sich Anlaß bot, der Ausdruck völliger Zerknirschung konnte bei der Erzählung Brentanos doch nur auschließlich das Mitgefühl wecken. Er war, wie aus seinen immer wieder durch eine Selbstanklage unterbrochenen Worten hervorging, mit sich und der Welt völlig zerfallen und hatte ? so sagte er ? sich das Gelübde auferlegt, in Sühne und Buße den Hungertod zu sterben, weshalb er bereits zwei Tage sich eingeschlossen habe. Da wäre er nun von seinen Gedanken bestürmt worden, noch einmal seine Freunde zu besuchen, und so sei er zu mir gekommen, zu seinem Unglück, wie er meinte. Denn was war geschehen? Draußen lagen in einem Körbchen ein paar kleine Brote, er konnte bei diesem Anblick der Versuchung nicht widerstehen, verzehrte sie, und die Folge war nun die Verzweiflung darüber, daß er sein Gelübde gebrochen habe. Sobald es möglich war, begann ich mit Trostesworten, suchte ihm zu beweisen, daß sein Gelübde ein Verbrechen sei, indem männlicher Kampf mit sich und den Wirren des[289] Lebens, in unüberwindlichen Ereignissen auch Dulden und selbst Leiden zu den Pflichten des Christentums gehörten, allen Lehren desselben jedoch widerspräche, was er im Sinne trage. Ich kann mich nicht rühmen, seine herkömmliche Ansicht vom Märtyrertum überwältigt und ihn mit der meinigen überzeugt zu haben; nur die eine Bemerkung, daß er die Sehnsucht, nochmals seine Freunde zu besuchen, eigentlich wohl als eine himmlische Warnung betrachten müsse, als den Weg, der ihn von seinem schlimmen Vorhaben ablenken solle, schien er zu beachten, und versicherte endlich, sich einer andern Sühne weihen zu wollen. Bald darauf reiste er von Berlin ab, und wir wissen, daß er sich nach dem Kloster Dülmen im Münsterlande begab, dann umherpilgerte, später in der Nähe von Rom sich dem Einsiedlerleben ergab, bis er wieder nach Deutschland zurückkehrte, und nun für seinen Glauben gewirkt haben soll. Dies alles weiß ich jedoch nur durch Zeitungen und Gerüchte, ich selbst sah ihn nach jenem wunderlichen Ereignis nicht wieder, empfing von da an auch weder eine schriftliche Zeile von ihm, noch erfuhr ich über seine Zwecke und seinen Seelenzustand genaueres. ? In den Jahren unserer persönlichen Bekanntschaft war er stets sehr schweigsam in betreff seiner Vergangenheit, und bei dieser Wahrnehmung enthielt ich mich aller darauf bezüglichen Fragen, wie ich mir auch jetzt noch billigerweise alles Entscheiden hinsichtlich seiner damaligen unzweifelhaft erkrankten inneren Zustände versage. Möge jeder selbst über die beiden hier erzählten seltsamen Erlebnisse mit Clemens Brentano urteilen und seine Schlußfolge daraus entnehmen. Mir war er bei aller Sonderbarkeit in seinem ? von ihm nur lässig benutzten ? Geistreichtum[290] immer eine anziehende Erscheinung, und daß er mir rätselhaft blieb, vermindert das Anziehende gewiß nicht, gibt mir vielmehr noch jetzt zu denken und zu erwägen. Nach diesem Bedenken umforschend mit der Frage: was bisher das Gedächtnis in meinem dreiundachtzigsten Jahre aus der Vergangenheit mir erweckte oder unerweckt ließ, steht in solchem Betracht zuerst der Turnmeister Jahn vor mir, und überhaupt treiben und reihen die Jahre 1817 bis 1820 mir noch mächtige Erinnerungen zusammen. Es war die Zeit, als diesseits des Rheins Ernst Moritz Arndt allüberall konnte erklingen hören sein Lied: »Was ist des Deutschen Vaterland?« ? eine inhaltvolle, noch immer nur spärlich und mehrseitig einseitig beantwortete Frage, und es wäre nicht selten dem »Was?« das Wo? voranzusenden, ohne daß die Beantwortung sich erleichtert. ? Der Absichten- und Tatenzweck in jenen Jahren dreht und wendet sich um die sogenannte Demagogie, ein Wort, dem die Absonderlichkeit beigemischt ist, daß man es mit Volksleitung und Volksverleitung in Deutsches zu übersetzen hat. Jedenfalls soll man sich aber weder von jenem, noch von irgendeinem Worte verleiten lassen, seinen Ge- und Inhalt für »eins und alles« zu erachten, das vom irdischen Begriff nicht zu erschöpfende Wort »Gott« ausgenommen. Hier habe ich es in jeder Richtung vorherrschend mit Erlebtem zu tun, jetzt mit Friedrich Ludwig Jahn. Eine kurze geschichtliche Hinweisung erlaube ich mir jedoch voraus in bezug auf die damalige Demagogie, deren Führer und Anführer ? in Zweideutigkeit dieses Ausdrucks ? entweder nicht wußten, oder teilweise nicht wissen wollten, daß es einzig redlich[291] und vernünftig klug ist, wenn man allzeit nur das Erreichbare als Ziel aufstellt, nicht durch Übertreibung mehr dem Rück- als Fortschritt dient. Schon damals konnte als umfangliches Beispiel mitwirken das Ergebnis der französischen Revolution, die, angeregt durch Schöpfungsgedanken des Rousseau, d'Alembert, Raynal und Diderot, ursprünglich zur Grundlage hatte die Rechte des Menschentümlichen, uneingebannt durch Schranken, womit es umlagert wurde vermöge eitler Volkstümlichkeit. Jene französische Revolution begann angeblich ihre Kämpfe zum Heil des Menschentümlichen, und hatte im Herrschen des Waffenruhms die Unterdrückung der Menschenrechte zum Erfolg. Man darf erfahrungsgemäß sagen: für den rechtsechten und sittlichwahren Sinn unsers Lebensberufs ist die Bildung noch weit vom Ziel, noch sehr unreif; die Blüten fallen oft ab, ehe sie fruchten: in allen sich verschränkenden oder sich vertummelnden Begebnissen herrschen dann bald und immer wieder Mittel und Gewalten, Macht und Glanz einzelner zu steigern. Nun aber sei Friedrich Ludwig Jahn erwähnt in der Art, wonach ich Volkstümliches und Vaterlandsliebe sehr hoch schätze, bei weitem höher aber noch Menschentümliches und Menschenliebe, die möglichst alles Üble ausgleichen, nicht etwa neben Scheinprunkerei sich doch nicht zu hüten vermögen vor der Anwendbarkeit des Sprichworts: »Wenig mit Liebe, viel mit Kolben.« ? Schon früher, im anbeginn dieses Gedenkbuchs, habe ich angedeutet, daß ich im Jahre 1805 bei den abendlichen Unterhaltungen in der Krakowskyschen Leihbibliothek bekannt wurde mit Jahn, und ich muß gestehen: weder durch sein Äußerliches ? das Varnhagen[292] mit wenigen Worten treffend geschildert hat in seinen »Denkwürdigkeiten« ? noch durch sein Betragen nahm er meine Zuneigung in Anspruch. Wir beide blieben nur in Entfernung nebeneinander, besonders als ich bemerken mußte, wie sehr die Blüchersche Derbheit noch ein neuer Mithebel des Jahnschen Bildungswesens wurde: jene Derbheit, die auch nicht das Anmutigste war an dem gefürsteten Blücher, den ich ein einziges Mal beobachten konnte im Gesellschaftsverkehr eines reichen Handelsherrn am Hazardspieltisch ? ohne Beteiligung meinerseits. Der Turnmeister Jahn geht mich aber überhaupt nur insoweit an, als er in meinen Erlebnissen mit zu nennen ist, was sich begrenzt innerhalb der ersten Monate des Jahres 1817, nachdem im »Gesellschafter« Wilhelm Scheerer, »Privatgelehrter« genannt, den unleugbar damals üblen Einfluß der übertriebenen Turnerei auf die Erziehung beleuchtete. Die Roheit der Turnknaben offenbarte sich auffällig durch widersetzlichen Starrsinn, zum Schrecken der Eltern, und jene Beleuchtung nahm demnach zwar das Turnen an sich in Schutz, der Verfasser glaubte sich aber bei derzeitigen Ausschreitungen berechtigt zu dem Schluß: »Es kommt freilich sehr viel auf den jedesmaligen Turnmeister an, besitzt dieser eine vollkommene Körper- und Geistesbildung, so wird jene Roheit allerdings weniger um sich greifen, doch im ganzen immer bemerkbar bleiben.« Nicht öffentlich sprach Jahn gegen dies Befehden eines maßlosen Turnens, bei dem es an Verkrüppelungen nicht fehlte, er schmähte aber ehrverletzend in seinen Vorlesungen; Scheerer forderte öffentlich Beweise, [293] Jahn schwieg und jener wurde öffentlich andringender. Nun antwortete der Turnmeister mit acht Fragen, sie wurden ihm widerlegt, und obwohl ich anfügte: »Hrn. Professor Jahn seine Gegenerklärung vorbehaltend«, war damit der Streit, befindlich in den Blättern 45,63,67 und 81 ersten Jahrgangs des »Gesellschafter«, zu Ende. Diese Darlegung, die ich begrenzte und mich gern von ihr ablenke, ist mitbezeichnend für andere Ausschreitungen, zu denen ich mich bald hinwenden muß, und hier von Jahn scheide mit der urteilenden Ansicht: er war in den schlimmen Teilen des verjährten Deutschvolkstümlichen so eingeschnürt, daß wahrhaft Menschentümliches ihm unerreichbar blieb. Zwischeninne habe ich noch über eine sonderbare künstlerische und schriftstellerische Geschäftsverbindung zu berichten, wobei der Hinblick etwas vom Weltgeschichtlichen einzuschalten hat. Im Februar 1817 erhielt ich durch den Generalkonsul Delius in Bremen den Auftrag, zu einer neuen verbesserten Ausgabe des Gesetzbuches für Haiti sinnbildliche Zierden im Holzschnitt anzufertigen. Zu diesem Zweck wurde mir der »Code Henry« in erster Auflage geschickt, nächstdem empfing ich das Haitische Wappen in Abdrücken vom Staatssiegel und zu den Sinnbildern schriftliche Andeutungen. Mir war dies Gesetzbuch eine Seltsamkeit, ich sah es mir näher an als es nötig war zu dem, was ich dafür im Holzschnitt zu tun hatte. Mein Eigentum ist es nicht mehr, zur Vergeltung von mancherlei Hilfe in Zensurangelegenheiten schenkte ich es dem Minister v. Kamptz, weil ich seiner lebhaften Freude daran den Wunsch abmerkte, ein Buch zu besitzen, das dem Juristen werter sein konnte als mir. Ich habe jedoch darüber Aufzeichnungen[294] vor mir und will durch deren Mitteilung meinen Bericht einleiten. ? Da Haiti früher französische Erwerbung war, benannt Sankt Domingo, ist die französische Sprache auch für das Gesetzbuch herrschend geworden, und hinsichtlich der Druckerei ist alles Lob erschöpft, wenn man sagt: mit etwas Mühe läßt es sich lesen. Am Schluß sind als Mitglieder des »Conseil privé« unterzeichnet: »Corneille Brelle, Duc de l'Anse. Comte de Terre-Neuve. Comte de Limonade. Comte de Saint-Louis. Duc de la Marmelade. Duc du Dondon. Comte de la Taste. Comte der Terrier-Rouge. Baron de Faraud. Baron de Dupuy. Baron de Vastey. Bertrand Lemoine.« Corneille Brelle, der einflußreichste, war vordem Kapuziner; als solcher salbte er den ehemaligen Negersklaven Christoph bei dessen Krönung am 4ten April 1811 mit Kakaoöl, und der nun zum »König Heinrich der Erste« gewordene Christoph herrschte nach dem ? von ihm selbst gegebenen ? Staatsgesetz als sogenannter »konstitutioneller Monarch«, befahl auch sogleich die Beschaffung eines Gesetzbuchs. Es bezeugt französischen Ursprung, füllt mit sieben Abschnitten in erster Ausgabe achtundvierzig Bogen und hat jedenfalls das Verdienst der Sinndeutlichkeit. Über Kultus ist nichts darin enthalten, was als Beweis umfassender Religionsduldung anzunehmen wäre. Dem Gesetzbuch voran zu beachten ist eine merkwürdige Rede, mit der es dem Könige überreicht wurde. Man denke sich den Neger Christoph, früher Sklave des Kaufmanns Badesche, der bei allem natürlichen Verstande doch nur von beschränkter Bildung sein konnte, der durch Raub und Mord emporgekommen war und noch während seines Königtums arge Grausamkeiten[295] verübte, man denke sich ihn und lese nun diese treu übersetzte Anrede, dienend auch zur übersichtlichen Kenntnis des Gesetzbuchs: »Sire! Ew. Majestät, als dem Stifter unserer moralischen, politischen und militärischen Verfassung, kommt es zu, uns weise Gesetze anzuordnen, welche den Glanz Ihrer Regierung unsterblich machen werden. Nach Jahrhunderten der Unwissenheit, der Vorurteile und Barbarei, die uns in dichteste Finsternis einhüllten, war es Ew. Majestät vorbehalten, sie zu zerstreuen, den dunklen Schleier zu zerreißen, der uns die Fackel der Wahrheit verbarg. ? Sire! Die Fortschritte der Aufklärung im Sittlichen sind bei den meisten Völkern nur langsam geschehen; Jahrhunderte sind erforderlich gewesen, ehe sie sich ausbildeten, sich Gesetze und eine bürgerliche Verfassung geben konnten. Die großen Dinge, welche Ew. Majestät für das Haytische Volk geschaffen haben, finden auf keinem Blatt der Geschichte ihre Muster und Beispiele. Kaum hatte dies Volk, von Liebe und Erkenntlichkeit hingerissen, den ersten Thron der neuen Welt errichtet, kaum hatte dieses Volkes Vorteil Sie auf die erhabene Stelle berufen, welche Sie mit so vielem Glanz füllen, die Ihre seltene Tapferkeit und Ihre großen Talente Ihnen längst schon angewiesen hatten, als Ew. Majestät, alles vergessend, was Sie bereits zum Heil des Volks getan, sich nur dessen erinnerten, was Ihnen zu tun übrig bleibt, um das Gebäude seines sittlichen und politischen Glücks zu vollenden. Bis dahin ward das Haytische Volk regiert durch veraltete Gesetze, deren Dunkelheit der Unredlichkeit die sichersten Waffen gegen den rechtlichen Mann in die Hände gab; andere Gesetze waren gleichsam nur[296] eine Vereinigung von Aussprüchen, welche allmählich die Kraft der Gesetze annahmen: sie waren unzureichend und ließen den Richter ohne Kraft, um seine Entscheidungen zu ermächtigen. Die Staatsbürger blieben der Gesetzeshilfe beraubt, die unsichere Rechtspflege schwankte ohne Führer, und der Mensch, immer zu Leidenschaften und Irrtum geneigt, konnte fehlen, da er seinen eigenen Einsichten überlassen blieb. ? Das Haytische Volk bedurfte eines einfachen, weisen Gesetzbuchs, welches seine Rechte, seine Pflichten auf feierliche Weise einweihte, das dem Klima, seinen Sitten und Bedürfnissen, besonders aber einem ackerbautreibenden und kriegerischen Volke angemessen war. Das richtig schätzende Genie Ew. Majestät, das die verschiedenen Zweige der Bedürfnisse des Volks umfaßt, entwarf den Plan eines solchen Gesetzbuchs, indem es dessen Regeln feststellte: Sie wollten, seine Kräfte sollten sich stützen durch die heiligen Grundsätze, welche die Gottheit in die Herzen aller Menschen eingesenkt hat, durch Gerechtigkeit und Billigkeit. Um den Wunsch Ew. Majestät zu erfüllen, hat der geheime Rat mit dem Lichte der Erfahrungen der unterrichtetsten Männer in allen Zweigen der Gesetzgebung sich zu einigen gesucht, ebenso mit allen Gesetzen der Alten, welche Neuere berichtigt haben; der geheime Rat ist bis in die geringsten Einzelnheiten gedrungen, und hat aus der Natur des Sachlichen die Urbedingungen ermittelt, welche notwendig waren, um Gesetze zu entwerfen, die den Zeiten, Gebräuchen und Sitten der Haytier angemessen schienen. Der geheime Rat hat die Ehre, die Früchte der Arbeiten unablässigen Bemühens zu überreichen, indem er eine Darstellung der Gesetze, welche der Code Henri in sich faßt, voranschickt: es ist dies,[297] Sire, weniger sein eigenes Werk als das ihrige. ? Das bürgerliche Gesetz, auf welchem das Glück und die Sicherheit der Familien beruht, das Palladium unserer Sitten, hat vorzüglich Sorgfalt beansprucht: es ist durch Einfachheit und Klarheit dem Einsichtsvermögen aller Staatsbürger angeeignet. ? Nachdem die Grundlage des Volksglücks befestigt worden für Erhaltung und Genuß der bürgerlichen Rechte, hat der geheime Rat sich mit den Handelsgesetzen beschäftigt. Redlichkeit und Aufrichtigkeit liehen dem Nachdenken des geheimen Rats ihre Fackeln, um in die Dunkelheiten der Arglist zu dringen, den Betrug zu erspähen, die Pläne sträflicher Betriebsamkeit zu erhellen, die Wahrheit zu erfassen, und so durch ein festes, gelegentlich auch künstlich verbundenes Räderwerk den Mechanismus dieses Systems ineinander zu fügen. ? Nächstdem erregte die bürgerliche Rechtspflege die eindringlichste Achtsamkeit; es war unerläßlich, auf bestimmte Weise die Mittel anzuzeigen, welche dazu dienen, sich des Schutzes der Gesetze zu versichern. Die prozessualischen Formen in verschiedenen Fällen bei den bürgerlichen Verhandlungen bestimmen und feststellen, dies heißt in Wahrheit das Volksglück befestigen. Indem man die Prozeßführenden in die Unmöglichkeit versetzt, Rechtshändel zu verewigen, erstickt man den Haß in Familien, sowie den Haß unter einzelnen, was der guten Ordnung im geselligen Leben so sehr vorteilig ist. ? Die Polizei- und Kriminalgesetze erforderten gleichfalls die Aufmerksamkeit; kräftige Mittel mußten angewandt werden, um den Wirkungen des Betrugs Einhalt zu tun, die Redlichkeit zu schützen, den Rechtlichen Ruhe zu sichern und die Bösen in Furcht zu jagen. ? Bei den Gesetzen, welche den Ackerbau[298] betreffen, hat der geheime Rat die freisinnigen und wohltätigen Absichten Ew. Majestät für sein liebes Landvolk zu erreichen gesucht. Bis dahin ward dieser betrachterregendste und zahlreichste Teil der Bevölkerung des Staats durch einfache Anordnungen regiert, welche nur zum Behuf des ehemals Herkömmlichen entworfen waren. Der geheime Rat ist dem Landbewohner sein ganzes Leben hindurch gefolgt, hat seine Bedürfnisse erwogen, seine Tätigkeiten berechnet, mit wenigen Worten: er hat die Quellen ergründet und die Kanäle eröffnet, welche den Ackerbau, diesen Ernährer des Menschengeschlechts, blühend machen. Der geheime Rat kann es sich nicht verhehlen, welche große Schwierigkeiten ihn im Wege würden gehindert haben, wenn Ew. Majestät schaffender Geist, seine tiefe Unterscheidungskraft, denselben nicht geebnet hätte. Ein neues Gebäude mußte errichtet, ein neuer Stoff, der unter den Nationen ohne Beispiel ist, behandelt, neue Grundsätze mußten aufgestellt, Blätter aus unserer Gesetzgebung vertilgt werden bis auf die letzten Merkmale, die an ein von uns auf immer verwiesenes System erinnerten. ? Ew. Majestät Absichten zufolge hat der geheime Rat sich dann mit den militärischen Gesetzen beschäftigt, mit diesen unüberwindlichen Dämmen der Disziplin, Grundlagen unserer Armee, die dem Vaterlande Bürgschaft sind für tapfere und brave Krieger, für eine Armee, die sich, der Ehre getreu, vom Soldaten bis zum Großmarschall von Hayti ebenso geübt zeigt in der Kriegskunst wie in den militärischen Tugenden. Sire! Der geheime Rat hat seine Arbeiten vollendet; er hat die Ehre, den Erfolg seiner Anstrengung und beharrlich ausdauernden Bemühungen Ew. Majestät Genehmigung[299] zu unterwerfen. Er ist weit entfernt von dem Eigendünkel, zu glauben, daß der Kodex unserer Gesetze in allen seinen Teilen vollkommen sei. Vollkommenheit gehört nicht zum Bereich der Erde, und der menschlichen Klugheit ist es nicht verliehen, alles vorher zu sehen. Der geheime Rut ist innig überzeugt, daß Zeit und Erfahrungen immer noch manches seinen Arbeiten hinzufügen werden, doch schätzt er sich glücklich und es gereicht ihm zur Ehre, unter dem Schutze Heinrich des Großen gearbeitet zu haben, um den Grund zur Wohlfahrt und Glückseligkeit des Haytischen Volks zu legen.« Als geschichtliche Überlieferung gehöre diese Anrede für den Negerkönig zu den unzähligen Beweisen der Tatsache, daß dort, wo sich die Hofschranzerei einnistet, die schamloseste Schmeichelei sogleich mit angesiedelt ist für jeden, der durch seine Macht Vorteile gewähren kann. Dann gilt Gewalt mehr und mehr als geheiligtes Recht, das kriechendste Beheucheln, mit wechselnder Färbung übertüncht, für Liebe und Treue. Die innere Fäulnis, werde sie mit dem reichlichsten Prunkwesen verkittet und verkettet, dringt aber doch um sich, und ihr Dunst erzeugt weithin dem Menschentum Krankheitsstoffe. Das mir zum Beschaffen der sinnbildlichen Zierden für das Gesetzbuch gesendete Wappen zeigt auf einem flatternd gedachten, die Inschrift »Dieu ma cause et mon épée« tragenden Bande zwei Löwen, die ein Schild halten, auf dem man einen, mit Sternen umgebenen Phönix aus den Flammen aufschwebend, unterhalb, wieder in einem Bande, die Inschrift sieht: »Je renais de mes cendres.« Auf dem mit reichgeschmückter[300] Ordenskette umgebenen Schilde erhebt sich die Krone. Dies Wappen ist in den andern Darstellungen von den Werk- oder Geschäfts- und Gewerbszeichen des Krieges und Friedens, des Ackerbaues, des Handels und der Schiffahrt umgeben. Zwei der Sinnbilder lassen Gerichtshallen schauen, in welchen die Themis, Schwert und Wage haltend, die rechte Hand dabei auf das Gesetzbuch gelegt, zum Sitz einen Löwen hat, der einen Fuchs zerreißt. Ich wünschte, von dreien dieser Holzschnitte durch den »Gesellschafter« Abdrücke vorlegen zu dürfen, erhielt dieses Erlaubnis für alle, und dann, weil ich damals die »Vereinsbuchhandlung« noch nicht gegründet hatte, wurden die zwölf Bildchen Leipziger Verlag von A.H. Köchli. Die geringe Auflage war bald vergriffen, ich selbst besitze auch nur noch wenige Abdrücke. ? Da man nun aber in Sanssouci ? so hatte König Heinrich sein Hoflager benannt ? durch jenen Anlaß erfuhr, ich sei Herausgeber einer Zeitschrift, empfing ich Anträge von dem Haytischen Kanzler, Baron v. Bastey, allerlei mir Mitgeteiltes verbreiten zu helfen, was ich in kurzen Zusammenfassungen tat. Aus seinen Briefen von Ende Mai 1818 bis Juni 1820 schließe ich Einzelheiten in Übersetzung hier an: (28. Mai 1818.) »Es gingen bestimmte Nachrichten ein, daß Boyer, nach des Mulatten Petion Tode Dictator des republikanischen Theils der Insel, mit den Franzosen unterhandeln wolle, um deren Oberherrschaft wieder herzustellen. Das wird von den Bewohnern Hayti's am meisten gefürchtet, weil sie der ehemaligen Willkür-Regierung mit deren Aussauge-System noch lebhaft eingedenk sind. Man hat nun den König aufgefordert, Boyer entgegen zu treten, und unsere Armee[301] von 40,000 Mann, die sich leicht auf 100,000 Mann vermehren läßt, zieht an die Grenze. Selbst Nothwehr zwingt uns dazu, denn schon wurden von dort aus unsere Grenzen überschritten, indem Banden verschiedener Parteien eindrangen, um hieher ihre Republik, dieses Treibhaus ehrgeiziger und habsüchtiger Absichten, auszudehnen. Jene Parteien, die Raub und Mord auf unser Gebiet wälzen, verstärken sich überall mit dem Auswurf des Menschengeschlechts, und wir sind gezwungen, einzuschreiten. Wenn wir uns nun davon durchdrungen fühlen, daß die Monarchie die haltbarste Regierungsform ist, sie auch durch die Weltgeschichte als bewährteste sich offenbart, so muß uns daran liegen, daß diese Regierungsform die einzige werde in Hayti, und wir hoffen, daß dies der beste Antrieb seyn müsse, dem König Heinrich I. die Anerkennung Seitens der europäischen Fürsten zu verschaffen.« (23. August 1818.) »Wir beschäftigen uns jetzt mit Vermehrung der Lancaster-Schulen, führen auch das Decimal-Maaß und den Decimal-Kalender ein. Zu unserm Kalender wünschen wir Vignetten von Ihnen, und daß Sie überhaupt die Gefälligkeit haben mögen, uns im Typographiehen mit Rath und That beizustehen.« (19. März 1819.) »Die gewünschte preußische Städteordnung und die Stiftungsacte der Berliner Universität sind mit den Blättern Ihrer Zeitschrift und den Vignetten angekommen; die Zahlung ist angewiesen. Für Ihre Gefälligkeiten verlangen Sie keinen Ersatz, wir könnten Ihnen aber leicht unsere Dankbarkeit beweisen mit Waaren, wenn Sie ein Kaufmannshaus hätten, was sie übernähme, besonders Kaffee oder Mahagoniholz. Giebt es eine Schrift über die preußischen[302] Orden, wäre ich gern in deren Besitz. Auch die neuesten Verordnungen über die Verhältnisse der Bauern möchte ich kennen lernen.« (14. Juni 1919.) »Die Aufhebung der Sclaverei, die zum Zwecke der Befreiung vom Joche der Fremden hier verkündet werden mußte, und die auch im Menschenrechte liegt, hat ihr Gutes vollbracht, jetzt sind deren Übel zu überwinden. Ein in allem Druck, auch dem der Unwissenheit, gewesenes Volk macht keinen Unterschied zwischen Freiheit und Zügellosigkeit; es erfordert Zeit, dies zu ändern, und die Hindernisse sind schwer hinweg zu räumen, eben weil sie hauptsächlich im Mangel des Geistigen ihren Grund haben. Viel läßt sich reden von Menschenrechten, doch es müssen erst Menschen da seyn, die sich selber alle Pflichten auflegen, um dann auf alle Rechte Anspruch zu haben. Bei jedem Schritte, den wir vorwärts thun wollen, kommen Pflichten mit, die Denen, welche die Freiheit mißverstehen, stets wie Sclaverei erscheinen. Haben wir bei einer neuen Einrichtung den Widerstand beruhigt, stets werfen die von den Nachbarn zuströmenden republikanischen Aufreizungen, die eine Sprache führen, welche Schmuck wirst auf alle möglichen Albernheiten, Feuerbrände in die Stimmung.« (23. Mai 1820.) »Die Europäer haben schwer gesündigt an sämmtlichen Ländern, welche sie als für ihre damalige Unkenntniß allerdings neu entdeckten Welttheile sich aneigneten wie herrenloses Gut, was diese Länder keineswegs waren. Auch für eine spätere Zeit ist es keine Ehre, daß man von dort aus, wo man sich der Bildung rühmte, noch unablässig die Menschen der heißen Zone als Handels-Artikel betrachtete im Mißbrauch[303] von Stärke und Klugheit, daß man schnöden Gewinnes wegen Frevelthaten beging, denen die Gerechtigkeit hätte Fesseln anlegen sollen. Wenn Menschen nicht wie Vieh oder todtes Eigenthum zu betrachten sind, dennoch aber Diejenigen, welche sich in den Landstrichen heisser Zonen anbauten, von Eingedrungenen nur als versendbarer und geldbringender Stoff betrachtet und behandelt wurden, wer will es den so schmachvoll Unterdrückten zum Verbrechen anrechnen, wenn sie ihr Joch abwerfen und gegen ihre Peiniger mit der Grausamkeit verfahren, worin diese ihre Lehrmeister wurden? Die so Mißhandelten glauben nicht an Gesetze, welche Rache und Selbsthilfe verbieten können; ihnen ist Alles Sclaverei, von der Lehre und dem Unterricht bis zur Unterordnung da, wo die allgemeine Ordnung sie befiehlt. Unsere Macht, die stets sich auf Angriffe von aussen bereit und die ihr zu Gebot stehenden Kräfte beisammen halten muß, darf im Innern nur von Zeit zu Zeit einmal durchgreifen, wenn man wenigstens für eine Weile sich vor Angriffen geschützt wähnt, die dann aber doch plötzlich wieder in Aussicht sind. Deshalb wäre eine Anerkennung des Königs Heinrich I. für uns ein Ereigniß von Wichtigkeit, und wenn sie von Frankreich fürerst nicht zu hoffen ist, sie wäre uns der Anfang einer Hülfe, woher sie kommen möchte.« Das Schreiben, dem diese letzte Mitteilung entnommen ist, war das vorletzte eines Briefwechsels, der meinerseits in Erklärungen über die bestellten mancherlei künstlerischen Arbeiten bestand, oder in Antworten auf Fragen über Verhältnisse, deren Kenntnis in Hayti, wie man meinte, nützlich sein konnte. Der Wunsch, den König Heinrich I. von europäischen Fürsten anerkannt[304] zu sehen, gibt sich in allen Briefen auf die eine oder andere Weise kund. Bekanntlich stürzte der neu errichtete Thron schon im Oktober 1820 durch einen Militäraufruhr, an dessen Spitze General Richard, Herzog von Marmelade, und der Kriegsminister Paul Romain standen. Der kranke König Heinrich I., sogar von seiner Leibwache verlassen, erschoß sich am 8. Oktober 1820, der Sohn wurde von wütenden Soldaten am 18. Oktober ermordet, die Mutter flüchtete mit ihren beiden Töchtern. Aus den Berichten des Barons von Vastey sprechen nach meiner Überzeugung guter Wille bei nützlichem Zweck, und in bezug auf meine Verbindungen mit Haity bin ich es der Wahrheit schuldig, zu sagen, daß man sehr redlich alle Verpflichtungen erfüllte. ? Eine Kaffeesendung hatte ich laut wiederholter Äußerung auch zu erwarten, daß sie nach der fürchterlichen Umwandlung ausblieb, versteht sich von selbst; eine solche Erwähnung hielt ich eigentlich dem Spaß näher als dem Ernst, entbehrte also nicht einmal eine Hoffnung, nachdem das Verheißene sich im Nichts verlor. Von den Schwarzen mich trennend, habe ich nun deutscher Schwärzerei zu gedenken. In den Jahren 1818 und 1819 erregten Luden, Oken und Ludwig Wieland mittelst ihrer Zeitschriften: »Nemesis«, »Isis« und »Volksfreund« wirbelreichen Lärm gegen Kotzebue durch ein aufgefangenes, von ihm nach Petersburg bestimmtes »Bülletin«. Die mannigfachsten Aufreizungen kamen in sich steigerndes Getümmel und Verwirren; dabei beachte ich nur das Wenige, wozu Kotzebue selbst mich in Anspruch nahm, über jenen aufgefangenen Bericht nur bemerkend: man dürfte die[305] unerlaubte Veröffentlichung für Pflicht, wegen der miteingreifenden Nebenumstände aber für ehrwidrig halten. Bekannt ist, daß Oken in seiner Zeitschrift bei Erwähnung der ihm Mißliebigen auch bildlich mit Eselsköpfen schmähte. Diese rohe Unwürdigkeit war Anlaß, daß Kotzebue ? früher mir in Berlin persönlich genaht ? aus Weimar für den ersten Jahrgang des »Gesellschafter« einen nicht geistlosen, nur mit drei Sternchen unterzeichneten Aufsatz schickte, überschrieben: »Empfehlung der Eselsköpfe«. Erneuern mag ich den derbwitzigen Aufsatz nicht, zu finden ist er in jener Zeitschrift (1817, Bl. 111); da jedoch Kotzebue die Zusendung des Abdrucks gewünscht hatte, legte ich ein paar Zeilen hinzu, schließlich ihn zur Mitbegründung des »Gesellschafter« einladend gegen »Honorar«, wonach er mir schrieb: »Weimar, d. 17. July 1817. Ew. Wohlgeboren Amazon.de Widgets freundliches Anerbieten war mir sehr schmeichelhaft, allein ich kann unter Jahr und Tag nicht daran denken, Gebrauch davon zu machen. Mein jetziger Beruf raubt mir außerordentlich viel Zeit, da ich unter andern mich mit Dingen bekannt machen muß, die mir bisher ganz fremd waren, z.B. Theologie und Kriegskunst. Darum habe ich schon mehrere gütige Anträge, zum Theil von alten Freunden, ablehnen müssen, sonst bliebe mir am Ende gar keine Stunde mehr für meine alte Liebhaberey, das Theater. Hingeworfene Kleinigkeiten muß ich, kraft eines alten Vertrages, der eleganten Zeitung mitteilen. Lassen Sie, hochgeehrter Herr, diese wahrhafte Entschuldigung freundlich gelten, wenigstens so lange, bis ich in meine neuen Fächer mich ein wenig mehr einstudirt[306] habe. Dann wird es mir eine Freude und Ehre seyn, Ihrer Aufforderung zu genügen, so viel in meinen Kräften steht. Hochachtungsvoll Ihr ergebenster Kotzebue.« Dann empfing ich von ihm zur öffentlichen Verbreitung nur noch die Abschrift des hier angefügten Briefes an den Hofrat Luden: »Mein Herr! Wir sind in eine seltsame Fehde miteinander gerathen. Ich habe etwas über Ihre Nemesis geschrieben, was Sie beleidigt hat, und Sie haben etwas drucken lassen, was mich beleidigt hat. Ich habe über Entwendung meines Bülletins geklagt, und der Leipziger Schöppenstuhl hat Sie zu einem abkäuflichen Arrest verurtheilt. Sie haben über Injurien geklagt, die ich Ihnen angethan haben soll, und die Professoren zu Würzburg haben mich zu einem Widerspruch verurtheilt. Sie haben sich in den Spruch der Leipziger Schöppen nicht fügen wollen, und ich werde nimmermehr thun, was die Würzburger Professoren mir vorschreiben. Sie haben die Leipziger Schöppen für partheiisch gehalten, und ich halte die Würzburger Professoren dafür. Sie haben appellirt und ich appellire auch. Was soll am Ende dabei herauskommen? Es ziemt weder mir noch Ihnen, dem Publikum länger ein solches Schauspiel zu geben. Ich thue Ihnen daher einen Vorschlag, um die Sache auf eine anständige und befriedigende Weise zu endigen. Wir verzichten Beide auf fremde Urtheile und Appellation. Jeder von uns wählt zwei[307] rechtschaffene Männer, zu welchen er Vertrauen hat; diese Vier wählen einen Fünften zu ihrem Obmann, und dann entscheiden sie durch Mehrheit der Stimmen, was geschehen soll. Ich erkläre hiermit öffentlich, daß ich diesem Urtheil mich unterwerfen und es erfüllen will, wenn es auch ganz zu meinem Nachtheil ausfiele. Erklären Sie dasselbe, so wird man uns Beide für Männer halten, die ? wenn sie auch menschlich geirrt haben sollten ? doch ein reines Gewissen haben. Um Zeit zu ersparen, wie auch um Ihrer Bequemlichkeit willen, werde ich meine Schiedsrichter in Weimar wählen, wählen Sie die Ihrigen in Jena, so wird die Zusammenkunft leicht. Das Resultat machen wir dem Publikum bekannt. ? ? Ich ersuche Sie, Ihre Antwort auf diesen Vorschlag auf irgend eine Weise öffentlich zu verlautbaren. Mannheim, den 3. November 1818. Ihr gehorsamster Diener Kotzebue.« Unzweifelhaft bezeugt dieser Brief, daß Kotzebue eine zum Frieden leitende Ausgleichung beabsichtigte; wären seine Gegner nachgiebiger gewesen, dann bewirkte vielleicht die weit umlodernde Entflammtheit der Freiheitsglut nicht Zustände, in denen vorher schon das Gewaltsame wieder mächtiger geworden war durch die Schauspielerei des Übermuts bei dem Wartburgfest. ? Jetzt bin ich wieder hingewandert zum Fürsten von Wittgenstein, dem ich bis zum Jahre 1819 mehrmals bei seinen belustigenden Neckereien im Kreise des Hoflebens behülflich war, nun aber mit ihm ernstlich uneinig werden mußte. ? Seit dem »Wartburgfest« (am 18. Oktober 1817) begann die arge mit vielen Verhaftungen vorschreitende Geschichte der sogenannten »de-[308] magogischen Umtriebe«. In Verbindung mit dem, von den Ereignissen bei dem »Wartburgfest« persönlich gereizten Geheimen Oberregierungsrat v. Kamptz, wurde der Fürst von Wittgenstein gleichsam Hofpolizeiminister, und belästigte mich mit Anträgen, ihn maßlos gegen das allerdings burschenschaftlich Maßlose durch die Öffentlichkeit zu unterstützen. Jedesmal, wenn ich sein Gast war, wollte er mich gewinnen für seine Richtungen, mit denen ich nicht einverstanden sein konnte. Ohne die derzeit jugendlich brausenden Unbesonnenheiten in Schutz zu nehmen, oder gar die späteren verbrecherischen Übertreibungen verteidigen zu wollen, fand ich mich doch veranlaßt, dem Fürsten meine Ansicht deutlich auszusprechen in bezug auf die, oft nur durch haltlose Anklagerei entstandene Hast und Strenge, mit der man die Untersuchung des Geschehenen verwebte. Ich sagte mehrmals und schrieb es ihm auch: »Man hat die Begeisterung der Jugend zu dem Freiheitskriege angefeuert, und die ausgebreitete Entflammtheit ermächtigte sich zu erhabenen, rettenden Taten. Unmöglich ist es, dieser Begeisterung sogleich Stillstand anzufesseln: das Feuer läßt sich nicht unterdrücken mit Verfügungen, die man hineinwirft, wird vielmehr eben dadurch sich verstärken und die Stützen des Staates unterwühlen, wenn man es zwingt, im Verborgenen um sich zu greifen. Nur der allmähliche Fortschritt zur Ausbildung reinerer Staatszustände, im Zusammenhange mit einer auf geregelte Freiheit des Menschlichen begründeten, mit der Ehrfurcht vor dem Gesetz innig verschwisterten Erziehung kann hier helfen und beruhigen.« ? Der Fürst von Wittgenstein hatte für solche Äußerungen kein Gehör, er zeigte sich hartnäckig tätiger in herrisch angebahnter Richtung, und[309] meinne beharrliche Unfügsamkeit erbitterte ihn mir so empfindlich, daß ein plötzlicher Bruch erfolgen mußte. Eines Tages im Jahre 1819 war ich einzig Eingeladener des Fürsten, in seinem Saale gingen wir nach dem Mittagsmahl auf und ab; er bestürmte mich mit Verheißungen, Ein- und Zureden, zuletzt fast gebieterisch, so daß mir die Ruhe entkam und ich endlich ausrief: »Durchlaucht, es kann für Sie nicht angenehm sein, wenn ich Ihnen stets widersprechen muß, und mir ist es peinlich, wenn ich meiner Vernunft entsagen soll; erlauben Sie also, daß ich heut zum letztenmal hier war!« Einer solchen Sprache ungewohnt, stand der Fürst wie erschrocken vor mir, ich aber eilte aus dem Saale und Hause, blieb auch meiner Ansicht treu. Wie aber verwickelten sich dann die »Umtriebe«? ? Durch Herrn v. Cölln war mir im Jahre 1817 der unbesoldete Referendar Tzschoppe zu schriftstellerischem Nebengeschäft empfohlen worden; ich wußte ihn nur zu brauchen für Übersetzung oder Kürzung der in mancherlei Tagesblättern von mir bezeichneten Aufsätze, und er empfing dafür monatlich sechs Taler. Bald nach jenem Ereignis bei dem Fürsten von Wittgenstein kündigte mir Herr Referendar Tzschoppe, nun mit den Tagesblättern und ihrer Meinungsfärberei sehr bekannt, plötzlich an: er habe Aufträge erhalten, die ihn in eine andere Bahn lenkten, und sei genötigt, sich von mir zu trennen; ? er betrat den Weg, der ihn durch Gunst rasch auf die höchsten Amtsstufen des Staates stellte, jenen Weg, der meiner Gesinnung nicht zu öffnen war. Der Geschichte damaliger Umtriebshändel entwichen, habe ich nur meine weiteren Erlebnisse mit Herrn Tzschoppe zu erzählen. Er hatte eine Reise vollbracht,[310] ihren Zweck konnte ich erraten, ihn aber nicht mit Gewißheit mir erklären. Bald nach seiner Rückkehr kam er zu mir; obwohl er die Offenheit vermied, erfuhr ich doch genug, um zu wissen, mir auch zu ergänzen, woran ich mit ihm war, unterließ es auch keineswegs, meiner Gesinnung Ausdruck zu geben, so daß er zwar höfisch gelenk, doch merklich grollend von dannen ging. Ich sah ihn erst wieder, als ihn das Glück schon sehr gehoben hatte, überrascht durch seinen Besuch, den nur ein Gelegenheitsgrund herbeiführte. Er war in der Lausitz geboren, brachte mir ein Heft von einer Zeitschrift, welche dort von einem Gelehrtenverein herausgegeben wurde, und wünschte einen Bericht darüber im »Gesellschafter«. Unsere Wiederbegegnung hielt sich sehr kühl und kurz, weil ich im Gespräch keinen andern Gegenstand als den, der ihn zu mir leitete, berührte, ihm aber zusagte, daß sein Wunsch erfüllt werden solle. Von da an kam er jedoch regelmäßig wieder, wenn ein neues Heft jener Zeitschrift erschienen war; er händigte es mir ein, immer sein Ersuchen wiederholend, auch immer denselben Bescheid empfangend. Eines Tages nun, da ich eben beschäftigt war, an einer Holzschnittplatte von einem meiner Schüler zu bessern, stand der nunmehrige »wirkliche Geheime Ober-Regierungsrat und Direktor, Herr von Tzschoppe, Ritter mehrerer Orden«, neben meinem Arbeitstisch und sah mir zu, indem ich mich in meinem Tun nicht stören ließ. Da gedachte er der Vergangenheit und äußerte bei dem Gange dieses Gesprächs: »Im Andenken unseres früheren Verhältnisses und in Betracht meiner jetzigen einflußreichen Stellung, könnt' ich Ihnen denn nicht irgendeinen Dienst erzeigen?« Ich sah etwas verwundert auf, entgegnete trocken: »Nein!« und wandte[311] mich wieder zu meiner Arbeit. ? »Warum denn nicht?« fragte er mit einem wie es mir schien etwas gereizten Ton, und ich entgegnete, wahrscheinlich etwas spöttisch: »Ich genieße die Gesetze, sagt Marquis Posa!« ? Herr v. Tzschoppe lachte, und da er nochmals auf seine erste Frage kam, erwiderte ich: »Sie sollten mich hinlänglich kennen, um zu wissen, daß ich mit vielem in der Welt bereits völlig abgeschlossen habe und vieles nicht der Mühe, noch weniger der Bitte wert erachte. Ich bin keiner von denen, die sich vordrängen, und vergess' es leicht, wenn man meiner nicht gedachte da, wo ich einen Anspruch darauf hätte, daß man meiner gedenkt. Sie sehen, ich bin zufrieden, bin es mit mir, und mehr bedarf's ja nicht!« ? »Nun, im vorkommenden Falle vergessen Sie mich wenigstens nicht!« ? damit schloß das Gespräch, und ich empfing nur noch einen Besuch von ihm, soweit ich mich erinnere Ende Mai 1840. Er war sehr aufgeregt, schritt in meinem kleinen Zimmer wie krankhaft ruhelos umher und beklagte sich bitter über ? Undankbarkeit, und daß man ihn wahrscheinlich wieder übergehen werde, wie man es schon einmal getan, da er doch unleugbar der nächste zum ? Minister sei. Dazwischen mußte ich die wiederholte Äußerung vernehmen, er wisse sehr wohl, daß auch ich über Undank zu klagen habe. ? »Hörten Sie mich jemals darüber klagen?« war meine einzige Entgegnung. »Nein, nein!« antwortete er heftig und eiferte weiter, so daß ich kaum noch zur Rede kam während seiner maßlosen, wie sinnverwirrten Erhitzung. Er, bis dahin gleichsam verfolgt vom Glück, klagte über Undank! ? ich aber hatte ihn so noch nicht gesehen, denn nach meiner Erfahrung wußte er sich sehr zu beherrschen.[312] Die letzten Worte wechselten wir bei dem ersten Ballfeste, welches der König Friedrich Wilhelm IV. im Schlosse gab, und wo auch ich zu den vielen Eingeladenen gehörte. Herr v. Tzschoppe trat zu mir heran und sagte: »Jetzt werd' ich Ihnen zeigen, wie man's machen muß, um dem König die Liebe des Volks zu erwerben!« Ich muß gestehen, daß ich begierig war, zu erfahren, wie er seine Zusicherung bei diesem Feste beweisen wollte, und er ließ die tatsächliche Erkenntnis nicht fehlen. Es waren viele Abgeordnete, auch bäuerliche aus Westfalen, anwesend; einer hatte mehrmals geäußert: er würde es für das größte Glück seines Lebens halten, wenn der König auch nur wenige Worte an ihn richtete. Dies hörte Herr v. Tzschoppe, und indem er mutmaßlich auf die eigentümliche und dadurch auffallende Tracht des Abgeordneten rechnete, hatte er dem Manne gesagt: er hoffe es dahin zu bringen. Als nun das königliche Paar mit den Prinzen, Prinzessinnen und dem Hofstaat durch die Säle schritt, drängte sein Gönner den Westfalen soweit vor, daß er in der ersten Reihe stand an dem Raum, der für den Zug geöffnet worden war. Der Glückszufall wollte, daß der König wirklich mit dem westfälischen Abgeordneten, der sich nächst seiner Tracht auch noch durch eine hohe, kräftige Gestalt auszeichnete, ein paar Minuten sprach. Nachdem dies vorüber war, kam der Veranstalter wieder zu mir, und schlau vergnügt rief er mehrmals aus: »Sehen Sie, so muß man's machen!« Eben hatte ich nur entgegnet: »Mir ist, als ob es umfassendere und durchdringendere Mittel gäbe, die dem Könige gewiß bekannt sind!« Da eilte jener westfällische Abgeordnete dankend herbei und wünschte, daß ihm »sein Wohltäter« seinen[313] Namen aufschreiben möge. Da Herr v. Tzschoppe zwar einen Bleistift, aber kein loses Papierblättchen hatte, gab ich ihm den Umschlag eines, mir vom Briefträger, als ich vor meinem Hause in den Wagen steigen wollte, eingehändigten Briefes, den ich in die Seitentasche steckte und jetzt erst öffnete, weil ich durch die bekannte Handschrift auch den Geschäftsinhalt kannte. Auf diesen Umschlag, ihn auf seinen Klapphut legend, schrieb er dann seinen Namen, mit allen Titeln und Würden, und nebenbei sollte ich nun erfahren haben, wie man einem Könige Volksliebe erwirbt zufolge der Meinung des Herrn v. Tzschoppe. ? Ihm aber war Friedrich Wilhelm IV. nicht gewogen, was sehr bald deutlich wurde, und nach plötzlichem Ende seines Glücks sah ich den Gestürzten nur noch einmal, jedoch mit unvergeßlichem Eindruck. An einem regnerischen Tage kam er mir im Tiergarten entgegen, als ich nach dem Brandenburger Tore ging. Die kleine Gestalt war in einen Mantel gehüllt, in welchem er die Hände verbarg; mit dem linken Arme preßte er einen Regenschirm an sich, und die ganze Haltung war eine sehr gedrückte. Meine Augen sind durch Arbeiten im Holzschnitt und durch emsiges Lesen und Schreiben bei Licht, ohne daß ich für die Nähe in meinem dreiundachtzigsten Altersjahre eines Glases bedürfte, zur Fernsicht wenig geeignet: ich erkannte aber Herrn v. Tzschoppe, und er mich, denn wir waren höchstens zehn Schritt auseinander. Eine Sekunde stand er still, niedergeschlagenen Blicks, dann bog er sich rasch über den Rasen nach einem Seitengange hin. ? Kurze Zeit nachher hörte ich, er sei geisteskrank, und ist es wahr, daß er gequält wurde von dem Wahn: durch jede Tür, aus jedem Riß der Mauer[314] drängen Bewaffnete ein, ihn zu verhaften, so ist's nach meinem Empfinden eine Mitbestätigung: man dürfe glauben an ein Gottesgericht auch schon im Diesseits. Schließlich nun meiner letzten Erlebnisse mit dem Fürsten von Wittgenstein gedenkend, weiß ich, daß wir beinah drei Jahre uns fern blieben, und ich sah ihn nur wieder, als er mich besuchte: es war in den ersten Tagen des Aprils 1822. Zu feiern hatte man am 15. dieses Monats die halbhundertjährige Tätigkeit des berühmten Arztes Heim, der auch Arzt Wittgensteins war. Heim trug keinen Stock, ihm wollte der Fürst eine Krücke mit goldenem Griff schenken, und er wünschte, daß ich dabei betulich sein möge. Ich weigerte mich nicht, und das Geschenk war begleitet von meinen hier folgenden Reimen: »Fünfzig Jahr in Doktorwürde Ist gewiß ein hohes Ziel; Doch die Jahre sind auch Bürde, Wehrest du dich noch so viel! Dies bedenkend send' ich heut, Und von deinem Fest erfreut, Alter Freund! Dir eine ? Krücke. Sieh', der Krückstock war bei Ärzten So als Attribut bekannt, Daß sie selber sich verschwärzten, Prunkt' er nicht in ihrer Hand. Du vergaßest diesen Brauch; Doch ? im Wissen keine Lücke ? Brauchtest du denn freilich auch In der Heilkunst keine ? Krücke. Aber jetzt mußt du ihn tragen, Den verdienten Lebensstab, Dann erscheinst du unsern Tagen Als der wahre Äskulap;[315] Daß die Täuschung nicht und Gunst Echte Wissenschaft erdrücke, Schlage jede Afterkunst In die Flucht mit deiner Krücke! Wenn ich das so recht bedenke, Bin ich wahrlich stolz gemacht, Seh' ich, was ich jetzt dir schenke, Bald zu solchem Glanz gebracht. Ja, in Clios Zeitungsblatt Liest mein Geist! ? wie die Perücke Garricks, in der Themse-Stadt, Wird zum Schatz einst deine Krücke! Bei so sich'rem Ruhm bewahre Nun auch uns den schönsten Preis: Ungezählt verlebe Jahre In der deinen weitem Kreis. Stellt der Sensenmann sich ein, Dann, mit frohem Mute schicke Du, Freund Heim, geschwind Freund Hein Tüchtig heimmitdeiner Krücke.« Einen Vers, der an die Krücke des »alten Fritz«, des Königs Friedrich II. erinnerte, hatte ich streichen müssen, und obwohl willigst dazu geneigt, weigerte ich anfangs mich brieflich, um dem Fürsten seine Gründe abzunötigen, und er antwortete mir: »Wenn ich auch vollkommen fühle, daß meine Besorgnis wegen des Schluß des vierten Verses übertrieben und vielleicht ganz unpassend ist und unser gefeierter Held ein solches Gleichnis wohl verdient, so ist es mir zur Umgehung einer möglichen Bemerkung doch angenehm, wenn dieser Vers ausfallen könnte, ohne daß dadurch dem ganzen schönen Gedicht zu nahe getreten würde. ? Sie werden über meine schwächliche Ängstlichkeit mit Recht lachen. Mit den Hofleuten muß man[316] unterdessen mehr Geduld und Nachsicht als mit andern menschlichen Geschöpfen haben, und da ich zum wenigsten den Namen nach an ihrer Spitze stehe, so muß ich auch dieses Mal die Ihrige für mich in Anspruch nehmen. Empfangen Ew. Wohlgeboren meinen herzlichen Dank und zugleich die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung. Berlin, den 12. April 1822. W.F.z. Wittgenstein.« Am Morgen des 15. April schrieb er mir: »Ich habe das Gedicht und die Krücke gestern Abend überreicht und unser Jubelgreis hat beides mit vieler Freundlichkeit aufgenommen. Hoffentlich habe ich das Vergnügen, Ihnen diesen Mittag meinen Dank zu wiederholen.« Er hatte mich also doch wieder eingeladen, wahrscheinlich mit dem auch mir befreundeten Heim, und ich muß nachgiebig gewesen sein; klar finde ich darüber nichts in meinem Gedächtnis, und jedenfalls hat die ehemalige Vertraulichkeit sich nicht wieder eingefunden. Meine Erinnerung an den Fürsten von Wittgenstein endet mit noch einem Besuch von ihm, wobei er, in seinem Hut versteckt, mir eine sehr schöne Tasse, mit Malereien in bezug auf Heim, als Geschenk brachte, und wenn ich ihn von seinem angeborenen Standpunkt des Hofmanns beurteile, ist er unzweifelhaft sehr zu entschuldigen in Vergleich mit jenen, die seine beschränkten Gesinnungen mißbrauchten.[317] 
 Der Theaterdichter und Rezensent. (1809?1817.)  [125] Nach der Wiederkehr des Hofes wurden dem Buchhändler Maurer die noch vorhandene geringe Anzahl der Hefte meiner Zeitschrift abgekauft und an Behörden verteilt. Er empfing die goldene Verdienstmedaille; wahrscheinlich bemühte er sich um solchen Erfolg, was meiner Gesinnung fernblieb. Von Leid aber ward ich erfüllt, weil mein edler Freund Reimann hoffnungslos erkrankt ankam, ich mich verpflichtet hielt, täglich bei ihm zu sein: nächst der Arbeit hatte ich nur Gedanken an den voraussichtlichen Verlust. Er starb bald, noch nicht vierzig Jahr alt; in meinen Erinnerungen lebt er mir als Unvergeßlicher. Die Ursache und das Eintreffen der Gefährlichkeit im Streit mit den zwangsherrischen Feinden wurde aber Anlaß[125] zum Gewinn einer Freundin bis an das Ende ihrer Erdentage. Es war Amalie Beer, die Mutter des Tonmeisters Meyerbeer und noch zweier Söhne, die sich auszeichneten: Wilhelm in der Sternkunde, Michael als Dichter. Die Mutter, Gattin des gemütvoll helfwilligen Bankiers Herz Beer, hatte von meinem Bestreben, besonders hinsichtlich der Zeitschrift, teilnehmende Kenntnis, auch schon sonst von mir gehört. Zu Anfang des Jahres 1808 besuchte mich die mir bis dahin Unbekannte, um mir zu sagen: mein Wille und Bemühen fänden vollen Anklang in ihr, doch fühle sie sich angetrieben, den noch so jungen Mann, von dem sie vernehme, er sei Unterstützer der Eltern und Geschwister, daran zu erinnern, daß er mitten unter den allem Übermut frönenden Franzosen sich arges Unheil herbeiziehen könne; nächstdem wünsche sie, daß ich in ihren Hauskreis eintreten möge. Die gütige Warnerin hatte, wie aus dem nachherigen schlimmen Begebnis hervorging, recht gehabt, und nie entweicht mir aus dem Gedächtnis der Ausdruck des Innigfreudigen, womit mich Amalie Beer empfing, als widerwärtige Wochen überstanden waren. ? Von da an war ich oft und namentlich bei Familienfesten im Beerschen Hause, wo jeder, der sich in Kunst und Wissenschaft hervortat, gern gesehen wurde, der Einheimische wie der Fremde. In der Unterhaltung wechselten Musikaufführungen mit der Lesung unserer bedeutendsten Dichter, vorzugsweise Lessings, in Rollenverteilung. Dies begünstigten schon länger Iffland ? von dem ich noch den »Nathan«, an einem andern Abend den »Marinelli« lesen hörte ? und Friederike Bethmann, später das Ehepaar Wolff, Beschort, Lemm, Auguste Stich (Crelinger), Charlotte Birch und noch mehrere. Dabei[126] beteiligt war auch Michael Beer, der nach Beweisen von Naturgabe und vorschreitender geistiger Ausbildung leider schon in erster Mannesblüte vom Dasein scheiden mußte. In jenem Gesellschaftstreiben walteten Geist, Munterkeit und Frohsinn so voller Freiheit, daß bei Gelegenheitsspielen, die ich schrieb, stets die Schwächen sämtlicher Familienglieder mit zum Necken und Bespötteln dienen durften; geziemend schonte ich dann mich am wenigsten, soweit meine Bekanntschaft mit mir selbst reichte. ? In einem solchen Bühnenscherz hat Michael Beer als Siebenjähriger zuerst seine nicht geringe Fähigkeit zum Schauspieler gezeigt, und was ich hier äußerte gibt nur einen teilweise flüchtigen Umriß von der lebhaft anmutig gesellschaftlichen Berührigkeit im Beerschen Hause, dem ich in der Folge mich wieder zuwenden muß. Auch mein freundschaftliches Bekanntwerden mit Friederike Bethmann, dieser Schauspielerin, der ich keine gleichzustellen wüßte in Vielseitigkeit des künstlerischen Schaffens der Bühnengestalten, ist in dieser Zeit ? ich kann sogar genau sagen am 12. Juli 1809 ? beginnend. Vorher hatte ich sie nur als Zuschauer im Theater gesehen, gehörte, wie sich von selbst versteht, zu ihren Bewunderern, und vorläufig ist jetzt zu erzählen von der sonderbar gewordenen Fügung, die plötzlich eine vertrauliche Näherung begründete. Friederike Auguste Konradine Flittner, verheiratet mit Unzelmann, dann mit Bethmann, war, nach mehrmals gedruckter Angabe, am 24. Januar 1760 geboren in Gotha, wo ihr Vater mit seiner Gattin lebte; die Tochter wäre also am 12. Juli 1809 bereits im fünfzigsten Lebensjahr gewesen. ? Ihr Verwandter, der Medizinalassessor, Berliner Apotheker und ? Buchhändler [127] Flittner, hatte 1809 den »Friedrichs-Gesundbrunnen« bei Berlin gekauft. Auf sein Bittschreiben genehmigte die Königin Luise, von Königsberg aus, daß die bisherige Ortsbezeichnung sich in »Luisen-Bad« umwandele und der neue Name sollte gefeiert werden durch ein Tauffest, wozu die Bethmann allseitig behilflich war. In jenen Jahren mußte ich allmählich immer öfter mit Reimen dienen, und mit wenigen Ausnahmen hatte ich nichts davon, als daß ich endlich in Berlin nebenher ? nach einem Kotzebueschen Lustspiel ? »Max Helfenstein« hieß. Die Bethmann wandte sich gleichfalls schriftlich an mich mit dem Ersuchen um einen Weihegesang, dem der Kapellmeister Seidel, der mir das Schreiben brachte, Musikbegleitung geben sollte. Willig ging ich darauf ein, täuschte mich jedoch in der Voraussetzung: dieser »Friedrichs-Gesundbrunnen«, mitten im reichlichsten Sande der Mark Brandenburg ein anmutig Erdenfleckchen, müsse eine umständliche Geschichte haben. Ich fand eigentlich nur: Friedrich II. befahl im Jahre 1760 die Wiederherstellung; emsiges Nachforschen leitete mich aber bis auf Friedrich I., und was sich enthüllen ließ, war freilich nicht viel, aber doch genug, um andern etwas mehr sagen zu können, als was sie mutmaßlich wußten. Also tat ich nun, was man von mir begehrte, und schrieb für die am 12. Juli 1809 vollzogene Neutaufe eine »Erinnerung und Weihe«. Der Himmel gab einen der gesegnetsten Sommertage zu dem Fest, es konnte sich im Freien ausbreiten, wie es beabsichtigt war. Der Weihegesang wurde von den Sängern und Sängerinnen des Königlichen Theaters, einschließlich dessen Gesamtchor, unter Seidels Leitung ausgeführt auf einer laubschattig geschützten, eigens dazu bereiteten Erhöhung. Die Bethmann, obschon sie wegen[128] ihrer Halsgeschwulst ? Folge einer zu unrechter Zeit von ihr erzwungenen Mitwirkung im Singspiel ? nur selten noch auf der Bühne sang, hatte einen Gesangsteil übernommen; sie entzückte durch den Reiz des seelenvollen, zur Verkünstelung nicht geeigneten Tons und den einfach herzigen Vortrag. Ich stand zur Seite des erhöhten Raums, und die Bethmann trat zu mir heran, sich zu bedanken für die Erfüllung ihrer Bitte. Weiter trafen wir fürerst nicht zusammen, denn nach dem Beenden des Gesanges war sie von vielen umdrängt, und ich zog mich zurück. Auf einem breiten Wege unter dem Laubdach alter Bäume stand die Mittagstafel für fast fünfhundert Personen. Gleich den andern, die mithalfen zu der Feier, war ich Gast Flittners, saß der Bethmann ? deren mindestens vierzehn Jahre jüngerer Ehemann wegen leichten Unwohlseins daheim blieb ? gerade gegenüber; sie grüßte schweigend mit anmutiger Bewegung des Kopfes und der Hand zu mir her. Flittner hatte sich durch Sorgsamkeit sehr aufgeregt, wurde in seiner Jubellaune aufgeregter, was sich dermaßen steigerte, daß er nicht mehr zurechnungsfähig war und sich beseitigte, wonach die Bedienung der Gäste in auffällige Unordnung geriet. Als die zahlenden Teilnehmer Eis empfangen hatten, fehlte es in der Gastreihe auch der Bethmann; ich besorgte es reichlich durch bares Mittel, und bat den Schauspieler Greibe: er möge es seiner Kunstverbündeten hinbringen. ? »Von wem, wenn sie mich fragt?« antwortete er; ich äußerte: »Das Beste ist Schweigen, es kann ja von Ihnen kommen!« und er entgegnete: »Das glaubt sie nicht!« ? Erst nachher habe ich erfahren, daß Greibe für sehr geizig galt; er war also mit seiner Antwort im Recht,[129] und der Schauspieler Kaselitz übernahm dann die Sendung. Er hatte mich aber doch verraten; denn als ich wieder an der Tafel saß, wendeten sich von drüben Gebärden an mich, mehr drohend als dankend: die Bethmann wußte wahrscheinlich, daß in jenen Tagen meine Einkünfte für solche Art von Höflichkeit nicht oft zureichten. Im Jahre 1809 war die Ansiedelung bei der Quelle des Luisenbades noch sehr dörflich, und die Bewohner der vereinzelten Gehöfte feierten die Namensumwandlung ebenfalls, gegen Abend durch Tanz in einer mit Blumenbehängen geschmückten Scheune. Dorthin ging mit einem Teil der Gesellschaft auch die von alt und jung umschwirrte Bethmann in lachendster und redseligster Lustigkeit, und ich blieb nicht zurück. Die ländliche Jugend tummelte sich rüstig und jauchzend rundum; ich weiß nicht, ob ein Bauerssohn die Bethmann aufgefordert hatte, oder sie ihn: ich sah sie im Kreise der Tanzenden, und nach ihrem Beispiel tanzten dann Frauen und Männer unserer Gesellschaft mit Bauern und Bäuerinnen. Da trat zu mir eine Dorfschöne und bot sich zur Tänzerin an; ich aber mußte verneinen, weil ich von jeher mich keine Minute im Wirbel zu drehen vermochte, ohne umzusinken: mein Blut will dies noch weniger dulden als das Fahren. ? Im Vorüberschreiten zu neuem Tanz hörte ich die Bethmann spöttisch fragen: »Ein junger Mann weist ein Mädchen ab?« ? und als jenes dreiste Bauernkind mich zum zweitenmal aufforderte, ward ich von falschem Ehrgefühl ergriffen. Zwar erwähnte ich nochmals, erhärtete sogar, was zu befürchten sei, als nun aber die Kecke erwiderte: »Ei, ich weer' Sie schon wisse hollen!« ? soll heißen: festhalten ? wagte ich die Dreherei, hoffend, sie werde leidlich zu überstehen sein. Das war ein verwegener[130] Irrtum; bald schwankte alles um mich her, und wie derb mich meine markig märkische Tänzerin umfaßte, sie konnte mich nicht »wisse hollen«, sie kam selbst außer Gleichgewicht, und ich stürzte bewußtlos zu Boden. Es hatte eine Viertelstunde gedauert, ehe ich wieder bei klarer Besinnung war; als ich dann um mich sah, lag ich auf einem Sofa, von mehreren umstanden, und die Bethmann bekannte weinend: sie habe das Mädchen angetrieben, sich aber eine solche Wirkung gar nicht denken können. In ihrem Magen ? mitunter des Weges mit mir gehend ? brachte sie mich nach Hause, und bat wiederholt: ich möchte ihr morgen ja persönlich bezeugen, daß ihr »Übermut« verziehen und ohne weiteren Nachteil gewesen sei. Durch mein erstes, ob geringfügiges, doch ein wenig in das Ungewöhnliche ^^weisende Zusammentreffen mit Friederike Bethmann wird schon aus der Frauen Art erklärlich, daß sie mir nun freundliche Zuneigung bewies, die bald zu offenherziger Vertraulichkeit gedieh, mit der sie nicht selten in unbefangenster Freimütigkeit über ihre früheren, den übereinkömmlichen Sitten nicht immer gemäßen Verhältnisse sprach. Hat sie dabei gewiß ? besonders einem jungen, durch Sorgen ernstgestimmten Freunde gegenüber ? manches verschwiegen oder umschleiert, bemerke ich doch schon jetzt, daß gar vieles, was vielgezüngelte Gerüchte mit Zusätzen verbreiteten, teils sich entschuldigte, teils ausgleichend sich rechtfertigte bei feurigem Gefühl einer begeisterten, von begeisterter Anerkennung begleiteten, einst auch im hohen Grade mit äußerem Reiz begabten Schauspielerin. Aus vollster Überzeugung darf ich hinzusetzen: die edle Natur entwich in ihr auch da nicht, wo sie von ihrer rasch auflodernden Leidenschaftlichkeit[131] überwältigt war. Ein stürmisches Blut konnte sie nicht verleugnen, wie noch im Jahre 1809 stadtkundig wurde. Ihre Tochter, Minna Unzelmann getauft, war aus frevler Absichtlichkeit bei Mitwirkung in der Oper »Sargines« am 17. Dezember ausgepocht worden; die Bethmann eilte in putzlosem Winteranzuge auf die Bühne und entführte während der Darstellung vor den Augen der Zuschauer die von einzelnen Mißhandelte, dabei mit Heftigkeit anzeigend: nach solcher Kränkung werde weder sie noch ihre Tochter jemals wieder die Berliner Bühne betreten. Haushaft ? nur um ihre Abreise zu verhindern ? war die Folge, und anfangs half kein Zureden; sie beharrte bei ihrem Entschluß, auch wenn sie ? um ihre eigenen glühend ausgeschleuderten Worte zu gebrauchen ? »niemals wieder Braten essen sollte«. Dergleichen Zornausbrüche bei Schauspielerinnen und Schauspielern sind jedoch so vergänglich wie Seifenblasen; der gescheiten und ausweglichen Vermittelung Ifflands war es meist zu danken, daß sie am 27. Dezember, ehe sie als »Lady Macbeth« wieder auf der Bühne erscheinen sollte, im Trauergewande eine von Iffland bevorwortete Abbitte aussprach. Vom Beifallsgruß empfangen, im Beifall entlassen, mit ihm in der genannten Rolle überschüttet, hatte sie den glänzendsten Friedensschluß, und nach der Darstellung sah ich sie in ausgelassenster Fröhlichkeit; die Tochter aber schickte sie den Wienern. Nach Hinweisung auf den Ursprung einer Bekanntschaft, die mich mit bedeutsamen Zeitgenossen zusammenführte und meine Lebensansichten erweiterte, rufe ich mit Wehmut einen mir gleichsam Vorüberschwebenden herbei: Ferdinand von Schill. Ich lernte ihn persönlich kennen, nachdem er am 10. Dezember 1808, wenige Tage nach[132] dem Scheiden des letzten Franzosentrupps, in Berlin einzog. Der einigste Jubel und die reichlichsten Zeichen der Würdigung seines Heldentums verherrlichten den Empfang. Auf Anordnen der städtischen Behörde war ihm und seinen Offizieren ein Frühmahl bereitet; von dort sandte er mir den Leutnant Faber, den fleißigsten Berichterstatter für meine Zeitschrift, mit der Botschaft und dem Wunsch, an ihrem Kreise teilzunehmen, was ich nicht unterließ. Schill dankte mir mit Wärme hauptsächlich dafür, daß ich durch ein etwas gefährliches Mittel den Hilfsgriff ermöglichte, mehrere, mich bestürmende Offiziere, die sich aus der Gefangenschaft befreiten, ihrer Absicht gemäß nach Kolberg zu befördern. Wie es bewerkstelligt wurde, das ist leicht zu erraten, wenn man bei meiner jugendlustigen Teilnahme für Befreiung des deutschen Vaterlandes die beanspruchte Geübtheit meiner Hand in Betracht zieht. Anmerken muß ich es aber, weil ich mit solchen paßlich Beförderten später auch noch in wunderlicher Verwickelung zusammentraf. Schill besuchte mich ein paarmal, und war vertraulich genug, um meinerseits glauben zu dürfen, ich könne mich seiner urteilend erinnern. ? Als er über die von ihm meist auf Glücksrechnung unternommenen Kreuz- und Querzüge sprach, wies seine Rede bei anmutigem Lächeln darauf hin: Dergleichen sei ihm am behaglichsten gewesen, das müsse ihm schon im Blute liegen; sein Vater habe ja bereits in österreichischem Dienst unter Maria Theresia eine Freischar geworben, die bis zu Ende des siebenjährigen Krieges gegen Preußen focht; daneben wäre er aber so von Bewunderung für den »Alten Fritz« erfüllt worden, daß er sich bemühte, in des großen Königs Nähe zu kommen, und es sei dem Vater endlich gelungen, als[133] Oberstleutnant dem preußischen Heere anzugehören. ? Kurz vor der unheilvollen Schicksalswendung durch das verheimlichte Unternehmen von Berlin aus war Schill ersichtlich davon ergriffen, das Volk ringsum sei in Bewegung, sich gegen die Gewaltherrschaft Napoleons und der von ihm den Deutschen aufgezwungenen Schergenfürsten zu erheben. Meine Erfahrung vom Jahre 1806 hatte mich ungläubig gemacht für den Wirkungswert augenblicklicher Aufwallungen einer erhitzten Menge, und Schills Hoffnungen blieben deshalb mir unerreichbar. Da ließ er mich eines Morgens ersuchen, sogleich zu ihm zu kommen, es war Ende März 1809. Ich fand bei ihm zwei Dorfschulzen aus Westfalen, die eifrig berichteten, das ganze Reich des »grusligen« Königs Jerome sei in brausender Gärung, in mancher Gegend schon blutiger Aufstand, es bedürfe nur eines Führers, um der Rettung, der Befreiung gewiß zu sein. In auflodernder Begeisterung schien dies für Schill zu umfassend wahr; sehr beklommen hörte ich alles mit an, nur zuweilen ein fragendes Wort einwerfend. Meine Bedenklichkeit hatte jedoch weder Umsicht genug noch Recht zum Widerspruch, auch nicht einmal schickliche Gelegenheit dazu, denn die beiden Sendlinge blieben bei Schill, und ich ? sah ihn nicht wieder. Nun hatte eben Österreich den neuen Kampf gegen Napoleon begonnen, es verbreiteten sich übertriebene Nachrichten von Siegen des Erzherzogs Karl, von Volksbewaffnung in Hessen, auch weiterhin; das hat Schills Liebe zum preußischen Königshause und Vaterlande plötzlich über alle Bedächtigkeit hinaus gesteigert zu seiner verwegen eigenmächtigen, in ihrem Zweck doch zu preisenden Tat, von der ich erst durch die Zeitungen Kunde erhielt. ?[134] Man hat gesagt und drucken lassen: Schill sei durch die, ihn allerdings überschüttenden Zeichen und Beweise der Verehrung zur Überschätzung seines Werts und zu Irrungen des Hochmuts getrieben worden: so ist es nicht, so darf man ihn nicht wägen. Er fühlte sich erhoben von des Dankes Fülle, aber auch bedrückt, ihn so nicht verdient, dafür nicht genug getan zu haben, mehr tun zu müssen. Deutlich ergab es sich aus meinen Gesprächen mit ihm: er wollte sich eigentlich nur der nach seiner vorgefaßten Meinung schon vorhandenen Bewegung hingeben. ? Was etwa nebenher noch von Einfluß war, ist mir ebenso rätselhaft als den Geschichtsforschern; doch darf man immer darüber einig sein, daß Schill im Nachruhm seines kraftvollen Mutes und Edelsinns den Deutschen ein Unvergeßlicher bleiben wird. Jetzt blicke ich auf das Ende des Jahres 1809 in Gedenknis des freudigen Gefühls am 23. Dezember, der das Königspaar und seine Umgebung wieder heimisch werden ließ in Berlin. Mein Freund Reimann, bis zum ihn bald ereilenden Tode krank, wie ich schon mitteilte, blieb geschieden vom Hofkreise, dem ich durch ihn vor dem Kriege genähert war. Im vorsichtlichen Bestreben, den Anforderungen der Familienbedürfnisse genügen zu können, trieb mich meiner Neigung in den Jahren 1807?1810 auch zu Dichtungsversuchen für die Bühne. Ich schrieb den Schwank: »Die selige Frau« ? irrtümlich anfangs von mir »Lustspiel« genannt ? das Schauspiel: »Lieb' und Friede«, jedes in einem Aufzuge, und das Trauerspiel: »Ein Tag des Schicksals«, in fünf Aufzügen. Als jedoch nach der Befreiung von den französischen Aussaugern die künstlerischen Aufträge sich wieder mehrten, blieben die Handschriften im[135] Kasten des Arbeitstisches, und wie von dort sie zum Gebrauch für die Darstellung kamen, dies entwickelt sich fernerhin, weiter dann auch, wie eben das nie Lastlose meines Lebens ihm das Rastlose förderte. Während so mannigfacher Geschäftigkeit kämpfte ich fortdauernd mit stürmischen Wallungen und Ausbrüchen meines Bluts, wobei sich wieder Wunderliches einmischte. Gar oft habe ich dessen gedenken müssen, als vor mehr als dreißig Jahren durch die »Seherin von Prevorst«, bei dem Einwirken des achtungswerten Dichters und Arztes Justinus Ker ner, in Tagesblättern und Büchern sehr viel die Rede war vom »Hereinragen der Geisterwelt in die unsrige.« ? Daß ich in der frühesten Jünglingszeit dem Glauben an solches »Hereinragen« anhänglich war, davon gab ich Zeugnis mit einem Versuch, durch Hungerpein Übersinnliches zu entdecken. Obschon damals der mir wohlwollende Pastor Martini mich derb vernünftig zurechtwies, völlig hatte es nicht geholfen, und ich würde die Möglichkeit einer Begegnung unseres Seelenvermögens mit der Weltseele, überhaupt geheime Verwandtschaftszüge des Allgeistigen, auch noch jetzt nicht unbedingt leugnen: wir haben ja sogar in der sogenannten toten Natur für uns noch unlösbar rätselhafte Beziehungs- und Anneigungskräfte: sie dienen und herrschen unzweifelhaft im ganzen All. Solange sich aber die Ereignisse aus irdischem Zusammenhange erklären lassen, soll man wenigstens nicht eine Grenze überschreiten wollen, die wir nicht kennen, um uns dann als wahrhaft Erkanntes vorzuspiegeln, was eben nur Spiegelfechterei der Einbildung ist. ? Diesen Vor- und Nachbehalt zum Schutz mir stellend, werde ich nun die allerdings etwas seltsamen Begebnisse mitteilen. Vertraut und innig geworden war der Umgang mit[136] dem Leihbibliothekar Kralowsky und seiner Gattin, die vierzehn Jahre älter als ich, aber noch eine schöne Frau war, eine gebildete und rechtliche nächst dem. Etwa zwei Jahre schon hatte ich ihren Abendunterhaltungen mich angeschlossen, immer vertraulicher; da wurde ein junger Mann in diesem Kreise Besucher in allen Tagesstunden. Er hieß Gützlaff, war Pflegesohn, oder ? wie man sagte ? »natürlicher« Sohn des sehr reichen Doktor August Friedrich Pallas, der, zufolge des Geschwätzes über ihn, zu den Sonderlingen gehörte, und seinen jüngeren Bruder, den durch seine Reisen wissenschaftlich berühmten Peter Simon Pallas überlebte. Jener bewohnte ein burgähnliches dreistöckiges, nach beiden Seiten breites Eckhaus am Dönhofsplatz; nur der genannte junge Mann, ein Diener und seine Frau waren Mitbewohner, und das große, altersgrau gewordene Gebäude, dessen Türen sich selten öffneten, machte den Eindruck des Öden. Gützlaff, den der Doktor Pallas gerichtlich zu seinem Vorzugs-Erben bestimmte, war etwa fünf- oder sechsundzwanzig Jahre alt, hatte viel und vieles gelernt, ohne feste Wahl des Lebensberufs; seine ganze Erscheinung gab etwas Scheues und Dunkles kund, auf den Gesichtszügen lagen die Schatten einer mürrischen Gesinnung, und meist wortkarg, antwortete er, kam es zum Gespräch, fast immer nur kurz und abgerissen, so daß ich mich von seinem Wesen nicht angemutet fühlte. Offenbar ging es ihm ebenso mit mir, und erst nachträglich erfuhr ich den Wahngrund, den ich in meiner Unbefangenheit nicht geahnt hatte. Gützlaff hegte eine heftige Leidenschaft für die Frau des Hauses, er hielt mich, ohne alle Ursache, für den beglückten Nebenbuhler, und ich war, ohne daß ich es wußte, der von ihm erbittert Gehaßte. Zuweilen vernahm ich Klagen darüber, daß er, bei Besuchen[137] der Leihbibliothek ? wo die Frau mithilflich war ? zum steinernen Gast geworden, durch langes Verweilen geschäftstörend und sehr lästig wurde; doch beteiligte ich mich dann nur mit der Bemerkung: ich fürchte, Gützlaff ist gemütskrank, und es möchte wohl ratsam sein, Nachsicht mit ihm zu haben. Allmählich mußte es mir jedoch auffallen, von ihm oft und immer öfter gehässige Äußerungen zu hören, die gegen mich gerichtet schienen, ohne daß es sich geradehin behaupten ließ. An einem Vormittage begegnete er mir in der Nähe des Akademiegebäudes; ich zog meinen Hut, ihn grüßend, und blieb stehen, er aber drückte seinen Hut mit der Faust tiefer ins Gesicht und schritt hastig weiter. Betroffen und verwundert sah ich ihm einen Augenblick nach, dann ging ich, gedankenvoll in mich vertieft, meines Weges. Am Abend jenes Tages befand ich mich in dem Unterhaltungskreise bei Kralowsky, Gützlaff war nicht gekommen, und es wurde auch nicht nach ihm gefragt. Zwischen elf und zwölf wollte ich in Gesellschaft des Kammergerichtsrat v. Gräve nitz und des Geheimschreibers Lange das Haus verlassen. Unser Wirt begleitete uns mit einem Licht, schloß die Haustür auf, und ich war der erste, der hinaustrat, wich aber plötzlich zurück und verlor das Bewußtsein. Wie mir in der Folge erzählt wurde, hatten die Begleiter vor dem Hinsinken mich geschützt, dann in das Zimmer zurück und nach dem Sofa getragen, wo ich wie leblos lag bis gegen ein Uhr oder darüber hinaus. Die Freunde holten unterdes ihren und meinen Arzt für die Familie herbei, den Hofrat Schulz, der noch anwesend war, als ich wieder zu mir kam, und dies auf eigene Weise kundgab. Die Augen aufschlagend, sah ich, wie Frau Kralowsky mit einem Wachsstock in den zitternden[138] Händen ihrem Manne leuchtete, der aus einem Arzneifläschen zählend Tropfen in einen Löffel fallen ließ. Schulz hatte Äther verordnet, die Frau mußte mit der Flamme zu nahe gekommen sein, denn ich sah ein laufendes Feuer, dessen sich das Ehepaar zu erwehren suchte; der Arzt sprang auch als Helfender hinzu, und dies zusammen wirkte bei dem gefahrlosen Spuk dermaßen, daß ich meine wiederkehrende Besinnung mit Lachen anzeigte. Das wandelnde Feuer war bald gedämpft, und nun wurde ich über meinen Zustand und dessen Anlaß befragt, konnte aber nur berichten: Als ich zum Hause hinaustrat, stand Gützlaff totenbleich vor mir, zugleich wehte es so grauenhaft kalt zu mir her, daß mich ein Schrecken ergriff, und von da an weiß ich nicht, was geschehen ist. Auf die Frage: ob ich die Nacht bei den Befreundeten zubringen, oder nach Hause wolle? wünschte ich das letztere, weil meine Eltern ein nächtliches Ausbleiben nicht gewohnt waren, ich nächstdem mich auch stark genug fühlte, heimzugehen, was aber der Arzt nicht zugab, sondern in seinem Wagen mich bis zu meiner Wohnung begleitete. ? Nach einigen Stunden des Schlafes war ich mit mir noch nicht im Behaglichsten, saß aber bei der Arbeit, als Kralowsky und Schulz zu mir kamen; sie erkundigten sich über mein Befinden, sprachen von dem gestrigen Unheil, und dann sagte Kralowsky: »Wir bringen eine, in Verbindung mit dem Vorgefallenen uns wunderbar erschütternde Nachricht, die Ihnen doch bald bekannt sein würde. Gützlaff hat sich gestern abend bei Charlottenburg ins Wasser gestürzt, und der Leichnam ist bereits hereingebracht.« Nächstdem erzählte man mir, der bei sich unfriedliche junge Mann habe nach Italien reisen, der alte Pflegevater Pallas dies aber nicht genehmigen wollen; er hätte die nötigen[139] Reisemittel verweigert mit der Bescheidung: »Mein Gott, ich bin ja so alt! in kurzer Zeit bist du frei und Herr eines Vermögens, daß dir gestattet, deinen Neigungen zu folgen. Bis dahin wirst du mich aber nicht verlassen, da du weißt, daß du mir in meinen letzten Tagen unentbehrlich bist.« ? Wahrscheinlich faßte Gützlaff den Reiseplan, um sich bei dem Kampfe mit sich selber zu helfen, und die Verzweiflung kam zur Übermacht, als die Reise unmöglich wurde. Das hier berichtete Erlebnis verführte selbst meine Freunde, dem »Hereinragen der Geisterwelt in die unsrige« gläubiger zu werden, ja es für bestätigt zu erachten; ich jedoch war und bin anderer Überzeugung auf Grund meines eigentümlichen Körperzustandes während der bezüglichen Zeit. ? Nach karger Kost von Jugend auf plötzlich hineingezogen in die Fülle, mitunter für sie »gepreßt«, um mein Etwas von dichterischem Wesen steuerwillig zu machen, ward die Eßlust von reizenden Genüssen überstürzt; meine gute und tapfere Natur mußte sich tatkräftig durchhelfen. Das tat sie in fast geregelter Zwischenruhe durch jene Blutstürze, die noch vor meinem dreißigsten Jahre wichen, dann später nur noch einmal mich an sie erinnerten auf freiem Felde. Bevor sie erfolgten, plagte mich aber eine drang- und spukvolle Aufregung, die im Gesteigertsten oft durch die wunderlichsten Scheinbilder betört wurde. Ich entsinne mich, mehrmals, wenn ich abends nach Hause kam, von diesem Zustande überwältigt worden zu sein, und daß ich dann, auf dem tiefdunkeln Hausflur gegen die Wand geworfen, meine ganze Gestalt bis auf jeden Knopf ? man trug sie damals von Metall ? wie in Beleuchtung sah, wodurch die Blutentleerung für die Nacht oder den folgenden Tag sich gleichsam meldete. In der Spannung und[140] dem Andrange dieses körperlichen Zwiespalts befand ich mich an jenem Morgen, als mir Gützlaff begegnete: sehr begreiflich, daß ich über sein auffallendes Benehmen nachdachte, mich in allerlei Mutmaßungen, was er wolle und beginne, versenkte, daß dann im Zusammentreffen meines aufrührerischen Körperzustandes mit diesem Sinnen, vielleicht Befürchten, mir am Abend die Einbildungskraft das in meinem Innern entstandene Schreckbild vorspiegelte. Wenn die unklare Erregung eines Menschen sich seiner ganz bemächtigt, bis zur Alleinherrschaft, dann werden ihm die Gebilde der grübelnden Innerlichkeit oft so deutlich, daß er sie nicht mehr als nur gedanklich auffaßt; Gedanke und Vorstellung wachsen mehr oder minder ineinander, nehmen die Formen dessen an, was er sich denkt: es entstehen Erscheinungen und Eindrücke, die mit dem Erwachen des klaren Bewußtseins augenblicklich verschwinden. In jenem Wahngebilde, bei dem der mich in meiner Erregtheit treffende kalte Luftzug nach dem Öffnen der Haustür gewiß nichts Wunderbares hat, verkörperten sich die nicht zu verscheuchenden Gedanken an Gütztlaff, und traf dies mit seinem Tode zusammen, kann es höchstens beweisen, daß die aus meinem Sinnen hervorgegangene Schlußfolge eine richtige war. ? Noch eine erklärende Herleitung ließe sich hier anfügen, sie gehört jedoch mehr einem Ereignis an, das ich erst bei Zukünftigem mitzuteilen habe, sei deshalb aufgespart. Vom Unergründlichen, das man gern ergründen möchte, und sich dabei meist im Kreise der Meinungen herumdreht, lenke ich wieder ein zur offenbaren Wirklichkeit, in der sich meine Stellung zu dem nun durch seine Schriftstellerei von Gefahr bedrängten Friedrich von Cölln überraschend wendete. ? Er wurde im Herbst 1808 zur Untersuchung[141] gezogen, in Schlesien verhaftet und nach der Festung Glatz gebracht. Man beschuldigte ihn neben anderem hauptsächlich: »finanzielle Staatsgeheimnisse, die ihm als eidverpflichteten Rat an der Ober-Rechnungskammer hätten amtsheilig sein sollen«, verraten zu haben. Um zu beweisen, daß man die als straffällig erachteten Aufsätze von anderem Standpunkte betrachten müsse, berief sich Cölln auf das ihm von der preußischen Zensur noch vor dem Kriege erteilte »Imprimatur«, und nannte, da die Handschrift nicht zu erlangen war, Buchholtz, Heinsius und mich als Zeugen, daß er sich die Druck-Erlaubnis einholte, er mithin dem Gesetz gegenüber gerechtfertigt sei. Wir ? miteinander bekannt, wie ich schon erwähnte ? wurden durch den Kammergerichts-Assessor Wollank gerichtlich befragt; Buchholtz und Heinsius erklärten, nichts davon zu wissen, was ich den Umständen nach nicht bezweifelte. Ich aber hatte das »Imprimatur« gesehen, die Angabe Cöllns zu bestätigen, tat es, der Wahrheit gemäß, in genauer Schilderung mit aller Bestimmtheit auch in den Nebendingen, so daß ein vollständiges, etwas malerisches Zeugnis in die gerichtlichen Verhandlungen einzuschreiben war. »Zu Anfang des Jahres 1806 befand ich mich eines Abends bei dem Professor Theodor Heinsius; man gab den Mädchen der von ihm und seiner Frau geleiteten Erziehungsanstalt ein schlichtes Tanzfest; ältere Personen hatten Spieltische. Da ich weder tanzte noch bei der Spielkarte zu gebrauchen war, unterhielt ich mich jetzt mit diesem, dann mit jenem, oder einsam bei meinen Gedanken. Es war schon spät geworden, als der Kriegsrat von Cölln die Zahl der Gäste vermehrte. Wenig in Form und Schliff des Gesellschaftlichen geübt, nahm er aus seinem langen blautuchenen Mantel ? er selbst war eine hohe Gestalt ein[142] Papierbündel, warf es auf den nächsten Tisch, dann den Mantel gleichfalls, und dabei sagte er: ?Endlich hab' ich für meine finanziellen Abhandlungen das Imprimatur, es hat lange genug gedauert!? ? In meiner Wißbegierde erlaubte ich mir die Frage: ob ich, bei der Gesellschaft einstweilen fast unbeteiligt, zum Zeitvertreib das Manuskript durchblättern dürfe. ?Wenn Sie sich langweilen wollen, in Gottes Namen!? sagte er, löste selbst den Bindfaden, zeigte mir am Anfang und Ende das ?Imprimatur? ? der Unterschrift nach hieß der Zensor ?von Hittel? ? gab mir dann das Manuskript und trat zu dem Professor Buchholtz, der eben an der Tür des nächsten Zimmers sichtbar wurde. Ich blätterte, las die Überschriften der Abteilungen, und in diesen einzelnes, wovon ich mir wenigstens eine Spur von Begriff zutraute, bis mich die beiden sehr anmutigen Töchter des Bankiers oder Rentiers Marcuse wegen meiner Absonderung neckten, eine mir das Manuskript wegnahm, es jedoch sorgfältig zusammenband, und mich dann in das Tanzzimmer trieb. ? Daß Buchholtz und Heinsius von dem Manuskript Kenntnis nahmen oder im Gespräch ihnen eine Mitteilung zugekommen sei, ist mir nicht erinnerlich.« Einen so genauen Bericht gab ich zu der Verhandlung, das »Imprimatur« war demnach festgestellt, der Haß gegen Cölln aber in den drei Jahren dermaßen mächtig um sich greifend geworden, daß mein Zeugnis selbst den sehr gutherzigen, als gemütlicher Tonsetzer bekannten Wollank mißstimmte, ich seinem zweifelsvollen Zwischenreden zum Schluß freundlich erwidern mußte: »Lieber, eine Wahrheit, sei sie Ihnen unangenehm, bleibt doch eben eine Wahrheit!« In bezug der Gesamtanklage wurde Cölln zu mehrjähriger[143] Festungsstrafe verurteilt, er verschaffte sich jedoch bald nach dem Richterspruch Gelegenheit, von Glatz zu entkommen. Eine Zeitlang wußte man nicht, wo er sich verberge, und ich selbst war mit ihm bisher nicht nochmals in Berührung gewesen, hatte seit seiner Entgegnung für meine Zeitschrift gradaus keine Zeile von ihm gesehen, jedoch erkannt, daß eine nicht unterzeichnete Zusendung, die weiterhin einzuschalten ist, von ihm sein müsse. Etwa ein Jahr später, nachdem ich von seiner Flucht gehört und gelesen hatte, wurde ich in einer Nacht von meiner Mutter geweckt, und sie meldete mir etwas verstört, daß jemand vor dem Hause mehrmals »Professor Gubitz!« gerufen habe, bald hörte ich auch selbst den halblauten Ruf. Es war noch nicht zwei Uhr morgens und draußen tiefes Dunkel; ich warf mir ein Gewand um, öffnete das Fenster und erhielt auf meine Frage: wer da sei? mit gedämpfter Stimme die Antwort: »Ein Bekannter! Um Gottes willen, öffnen Sie nur schnell das Haus!« In unserer Wohnung war alles wach geworden, und man wollte erst lange beraten: ob man öffnen solle, ob nicht. Ich hatte jedoch wenigstens soviel gesehen, daß nur ein einzelner unten stand, und so ging ich, von den Hausgenossen auf ihr Verlangen begleitet, hinab, schloß das Haus auf, und herein trat eine lange Gestalt, schlug den Mantel etwas zurück, daß ich den Kopf sehen konnte, und fragte: »Erkennen Sie mich?« ? »Herr des Himmels, Sie in Berlin?« rief ich aus. ? »Still!« bat er; »führen Sie mich in Ihr Zimmer, Sie sollen rasch beruhigt sein!« Es war Friedrich von Cölln! ? und als ich nun mit ihm allein war, erzählte er: »Sie wissen, daß ich der Festungshaft entflohen bin. Ich hatte mir in Glatz wegen einer Kränklichkeit die Erlaubnis[144] eingeholt, unter Beaufsichtigung zweier Unteroffiziere die Landecker Bäder zu besuchen, und meine Wächter ließen sich verleiten, etwas mehr Wein zu trinken, als ihre fünf Sinne vertragen konnten, so daß die von mir beabsichtigte Flucht gelang. Sie werden mein Verfahren nicht besonders lobenswert finden, wenn man aber zu wählen hat zwischen langer Gefangenschaft und der Freiheit, da kommen Augenblicke, wo man bei der möglichen Selbsthilfe nicht nach allzu strenger Moral handelt. Ich kam glücklich nach Böhmen und von da nach Sachsen. In Leipzig hielt ich mich auf, um schriftstellerische Verbindungen mit Verlegern anzuknüpfen. Einer derselben entdeckte mir, daß er in wenigen Tagen ein Werk versenden wolle, welches die früheren Verhältnisse des Staatskanzlers Fürsten von Hardenberg in Hannover und Braunschweig schildere und gewiß großes Aufsehen machen werde. Es gelang mir, die einzelnen Bogen zu bekommen: es war eine das Privatleben Hardenbergs betreffende Schmähschrift. Da unterhandelte ich mit dem Verleger und schloß so mit ihm ab, daß, wenn ihm die Kosten und der höchste Gewinn, den er durch Verkauf der ganzen Auflage erzielen könne, gezahlt werde, er das Buch gar nicht ausgeben, sondern sämtliche Exemplare zur Vernichtung ausliefern, auch den Verfasser durch eine erwirkte Summe vermögen wolle, dieser Vernichtung beizustimmen und sich zu verpflichten, die Sache für immer als abgetan zu betrachten. Jetzt sandte ich« ? erzählte Cölln weiter ? »ein Exemplar an den Staatskanzler, berichtete ihm, was geschehen, suchte auch dabei meine Angelegenheit zum Besseren zu wenden. Der Staatskanzler ging auf diese Abmachung ein, das Buch ist ausgeliefert und vernichtet, und mir sandte der Staatskanzler einen Kabinettspaß,[145] lautend auf einen Kaufmann Schulze, als welcher ich nun nach Berlin zurückgekommen bin mit einem auch im Paß erwähnten Bedienten ? der jedoch ein ehemaliger preußischer Unteroffizier ist, der den Feldzug in Spanien 1810 mitmachte und ebenfalls Ursache hat, einstweilen unter anderem Namen nach seinem Vaterlande zurückzukehren. Wir sind gestern abend spät in Charlottenburg abgestiegen und ich habe mich unter mehreren auf einem gewöhnlichen Charlottenburger Wagen nach Berlin bringen lassen. Hier sehr bekannt, muß ich mich aber vorläufig verbergen, und im Überlegen, wem ich mich wohl mit Sicherheit anvertrauen könne, fielen endlich Sie mir ein. Sie haben mich auch als Gegner offen und ehrlich behandelt, mir durch das Zeugnis hinsichtlich des Imprimatur in Wahrheit genutzt, und ich hoffe, Sie werden mir meine Bitte um ein paar Tage Aufenthalt in Ihrer Wohnung und Beihilfe zur Vermittlung in betreff meiner Zukunft nicht abschlagen.« Indem er das letztere sprach, hatte er zugleich die zur Beglaubigung des Mitgeteilten dienenden Papiere, auch den Kabinettspaß, auf dem Tische, an dem wir standen, ausgebreitet, wodurch sich alles Gesagte bestätigte. Ich versprach, die dem Staatskanzler zu machende Anzeige zu besorgen, und beherbergte Herrn von Cölln in meiner Behausung, so gut es sich tun ließ. Aber schon am nächsten Vormittage verwickelte sich das Abenteuer noch in etwas. Ich sah einen mir bekannten Polizei-Beamteten mehrmals auf- und abschreiten vor dem Hause, während er dies stets im Auge behielt. Ich ging hinab und sprach mit ihm, erfuhr auch bald den Zusammenhang. Stahl, der sogenannte Bediente, war in Charlottenburg verhaftet worden, weil er sich über seine Person nicht ausweisen konnte, sondern nur angab, er sei mit dem[146] Kaufmann Schulze gekommen, der jetzt in Berlin bei dem Professor Gubitz wohne. Das klang der Behörde bedenklich und man spürte nach. Der Polizei-Beamtete, gegen den ich mich soweit äußerte, als es ratsam war, nahm meinen Vorschlag an, mit mir zum Polizei-Präsidenten zu gehen. Diesem legte ich den Kabinetts-Paß vor, und verbürgte mich, daß er binnen vierundzwanzig Stunden vom Staatskanzler den nötigen Bescheid haben werde. Nun eilte ich sogleich zu dem, mir wegen zeitschriftlicher Äußerungen über ihn freundlichen Fürsten Hardenberg, meldete ihm das Geschehene, und empfing von ihm ein Schreiben an Herrn von Cölln, aus dem hervorging, daß der König über die Zukunft des Mißliebigen nachsichtig entschieden habe. Es war ihm ? mit Recht ? als ein für ihn günstiger Beweis angerechnet worden, daß er französischen Behörden einen von ihm geforderten Diensteid verweigert, sein Einkommen geopfert und dadurch offenbar ein Zeichen von Vaterlandsliebe gegeben habe. Cölln wohnte damals vier Tage bei mir, und als bleibendes Erinnerungszeichen an jene Zeit schenkte er mir den von ihm gefälschten, noch in meinem Besitze befindlichen Paß, womit er sich von Landeck weiterhalf. Die obwohl absichtlich veränderte ungewöhnliche Handschrift blieb noch deutlich genug die seinige, und nachdem ich voraus bemerkte, die Angabe der Blessur ist richtig ? Cölln hatte in einem Duell an der rechten Hand einen Finger verloren ? hat man dort buchstäblich zu lesen: »Vorzeiger dieses, dem vom löblichen Infanterie-Regiment Grawert verabschiedeten Hauptmann von Keller, wird auf sein Verlangen, da er in seine Heimat nach Detmold in Westphalen und von da in die Grafschaft Mark[147] zu reisen gesonnen, dieser Reisepaß erteilt. Gedachter Hauptmann v. Keller ist großer Statur, 40 Jahr alt, an der rechten Hand blessiert. Da derselbe seinen Weg durch die Kayserlich Königl. Oesterreichischen Staaten nehmen will, so kann die Reise-Route hierin nicht vorgeschrieben werden. Glatz, den 16. Mai 1810. Amazon.de Widgets Sr. Königl. Majestät von Preußen wohlbestalltes Gouvernement der Stadt und Festung Glatz. v. Blumenthal.« Das Siegel des Gouvernements ist ebenfalls gefälscht, erkennbar vermittelst einer Prägung durch Brotteig; beglaubigt und besiegelt haben diesen Paß Behörden in Teplitz, Peterswald, Altenburg und Gera. Nach Cöllns Wiederanstellung, die im Bureau des Staatskanzlers erfolgte, und deren Beweggründe in dieser Schilderung enthüllt sind, blieb ich mit ihm wohl im Umgange, doch konnten wir, wegen der Art seiner übernommenen Geschäfte, wobei er sich, nach meinem Dafürhalten, zuweilen unfreier Schriftstellerei hingab, nie recht zusammenstimmen. In etwas erklärt seine damaligen Auffassungen eine Schilderung preußischer Zustände im Frühjahr 1811, wovon die Handschrift Cöllns mein Eigentum ist. Daß er in diesen zwei Briefen aus und über Berlin von sich selber spricht, mag nicht irren noch verwundern; im allgemeinen eröffnen sie aber, neben dem Absichtlichen und der Sebsterhebung, Cöllns Ansichten ? stellen ihn so hin, wie er beurteilt sein wollte. Auch sind die Äußerungen mitunter noch heute nicht ohne Zeitbeteiligung, und deshalb schließe sich hier der erste Brief[148] um so dienlicher an, weil er zugleich belehrende Rückblicke auf die Vergangenheit gewährt: »Erster Brief. Nach drei Jahren sah ich nun Berlin zum ersten Male wieder, und war erschrocken über die großen Veränderungen, welche hier stattfanden. ? Von den zehn Ministern vor dem Kriege fand ich eigentlich nur einen, den Staatskanzler, statt einer Menge von Generälen, Stabs- und Subaltern-Offizieren, welche sonst die Straßen anfüllten, und Soldaten, welche an den Straßenecken nach Verdienst umherlugten, vernahm ich nur die Töne der Hörner, welche die modernisierten Voltigeurs auf dem Dönhofschen Platz versammelten, der um deshalb noch der lebhafteste ist, weil hier der Staatskanzler wohnt, vor dessen Tür sich die Supplikanten und die Equipagen der Staatsräte begegnen. Die Wilhelmsstraße, ehemals der Sitz der Großen, ist öde und leer. ? Das Opernhaus, wo die Pär'sche Oper ?Achilles? gegeben wurde, war zur Hälfte leer ? man fand das Legegeld zu hoch. Vordem erhielt man mit Mühe Einlaß. Nur das Schauspiel-Theater ist noch immer der Zentralpunkt, wo sich die schöne, gebildete und gemeine Welt versammelt. Hier ist denn auch noch wie sonst der Ort, wo das Militär sich durch Gewaltstreiche auszeichnet, da es auch noch heute außer dem Gesetz und ohne Polizei sich von seinem militärischen Geist ohne Geist impulsieren läßt. Die wilden Ausbrüche hat man ganz kürzlich, wie bekannt, wieder erfahren, und man hofft, der König werde endlich diesen Übermütigen den Kappzaum anlegen. ? Wenn es wahr ist, wie man versichert, daß der größte Teil des Militärs nach Hause geschickt und die Städte mit Bürgergarden besetzt werden sollen, so dürfte sich das Publikum Glück wünschen.[149] Eine auffallende Erscheinung ist auch die hohe Religiosität, welche man hier affektiert und der die Tagesblätter unausgesetzt huldigen. Ja ich hörte sogar neulich den Redakteur des sich zur Ruhe neigenden Abendblatt behaupten: der tiefe Sinn der Apokalypse scheine dem Zeitgeist zu entsprechen. Adam Müller, der berühmte Gesetzgeber, setzt die Kirche über die Regierung, und unser Erbadel ist ihm schon von Gott selbst eingesetztes religiöses Institut. Alles lebt in der Idee, von Fichte bis auf Heinrich v. Kleist, den cidevant ?Prometheus?, und nur der ?Beobachter an der Spree? befaßt sich noch mit der gemeinen Wirklichkeit. Wehe der Religion, wo Religiosität Mode wird! ? An der Spitze der Universität steht der bekannte Schmalz, der alle Staatsbürger in rohe Produzenten verwandeln will und allen Nationalreichtum nur in Kartoffeln, Grütze, Mastvieh und dergleichen findet. Der berühmte Thaer spricht immer noch viel von Wurzelwerk und der Mast von Hammelschwänzen, und Buchholtz hat sich plötzlich zum Verfechter der neuen Regierung erhoben und widmet seine Intelligenz der Apologie der neuen Finanzeinrichtung, wovon er, unter uns gesagt, gar nichts versteht. ? Sonderbar ist's, daß bei allem Idealisieren in Berlin keine Tagesblätter fortkommen. Der ?Hausfreund? geht ein, aber wie gesagt, der ?Beobachter an der Spree?, der ein Freund vom Realisieren ist, zählt die meisten Leser. ? Der ?Freimütige? sieht sich oft genötigt, vergessene Anekdoten aus den ?Vertrauten Briefen? und ?Feuerbränden? aufzufrischen. So erzählte er vor kurzem die Anekdote über den Heroismus des Kommandanten Herrmann in Pillau, die nicht einmal wahr ist, und die in den ?Vertrauten Briefen? steht.[150] Das einzige lesenswerte Buch, welches über den Staat seit einem Jahre erschienen, ist: ?Das britische Besteuerungssystem, dargestellt mit Hinsicht auf die in der preußischen Monarchie zu treffenden Einrichtungen von Friedrich v. Raumer.? (Berlin, bei Sander, 1810). In diesem Buche findest du die richtigsten Ansichten und vernimmst einen Praktiker, dem die Theorie nicht fremd, und der eben so weit vom Physiokratismus als von dem Zwangsystem alter kameralistischer Plusmacher entfernt ist. Die Herren Buchholtz, Schmalz, Adam Müller sollten sich doch ja nicht mit dem Staat befassen, denn es fehlt ihnen die erste Bedingung, um darüber etwas Verständiges zu sagen: sie kennen ihn nicht. Sonderbar ist es, wie die Regierung nach dem Kriege fast alle Ideen realisiert hat, die Cölln (auf den alle schimpfen) in seinen Schriften teils ausgesprochen, teils angedeutet hat. Das Faktum ist richtig. Er verdammte das Kabinett, es ist metamorphosiert; er schlug einen Staatsrat vor (sechstes Heft der ?Feuerbrände?), er ist da; er trug eine Menge neuer Ideen über die Umschaffung des Militärs vor: sie sind alle ausgeführt, sogar die Montierungen. Er wollte die Torakzise abgeschafft wissen und die Visitationen an die Grenze verlegen: es ist erfolgt. Er behauptete, der Bauer müsse sein Brot so gut versteuern wie der Bürger. Es ist befohlen worden ? und so durch alle Rubriken. Worin liegt der Grund? Cölln sprach den Zeitgeist aus, dies verdroß die literarischen Krämer, weil ihnen dazu der Mut fehlte. Darum schimpften sie, und dann wollten sie der Regierung schmeicheln, die den armen Cölln, man weiß heute noch nicht warum, einsperrte und kriminalisierte.«[151] Mag manches in Cöllns Äußerungen, die zugleich ein Bild des preußischen Staatswesens und der Umschaffungen vor fünfzig Jahren sind, irrig sein, oder mag man anderes für überwunden erachten ? ich meine nicht überall mit Recht ? so ist doch darin meist gesunde Schlußfolge zu spüren, wie denn überhaupt Kenntnis und Einsicht ohne Standeshochmut Herrn von Cölln nicht abzusprechen sind. Das habe ich auch in jenen Jugendtagen, wo ich auf Antrieb vom Hofe zu Königsberg und meines vom Unglück des Staats erregten Gefühls politischer Schriftsteller werden mußte, nie verkannt. Ich war empört von den Schmähungen, die Cölln während der bittersten Not seines Vaterlandes gegen dasselbe in die Leserwelt schickte und hatte nur den Zweck, dies durch Beleuchtung ableiten zu helfen, soweit ich es mit meinen geringen Kräften vermochte. ? Daß ich übrigens die aus der Teilnahme an jenen Zeitkämpfen gewonnenen Erfahrungen später für den Fortschritt gerechter Allgemeinverhältnisse zu benutzen strebte, hat man mich durch willkürliche Maßregeln und Hemmungen verschiedener Art hart genug empfinden lassen ? was auch nicht verborgen bleiben wird. Um bei den vielen Persönlichkeiten, denen meine Lebensverhältnisse begegnen, die Schilderung möglichst zusammenzuhalten, habe ich mit manchem gleich abzuschließen, so hier mit dem Verfasser der »Vertrauten Briefe« und »Feuerbrände«, der nur nochmals zu nennen ist, wenn ich von dem einstigen Referendarius Tschoppe ? nachherigen Geheimen Oberregierungsrat von Tschoppe ? spreche, den mir (1817) Cölln zum Hilfsarbeiter meiner Zeitschrift: »Der Gesellschafter« empfahl, und mit dem ich widerwärtige Begebnisse hatte zur Zeit der sogenannten[152] »demagogischen Umtriebe« ? unrühmlich ihm, und noch Höherstehenden auch! Jetzt habe ich den Erinnerungen an Friederike Bethmann mich wieder zu nahen, womit zugleich das sonstige Schauspielertreiben mehr in Beziehung kommt. ? Bald nach jenem ersten Zusammentreffen war ich, der bis dahin niemals eine Schauspielerin besuchte, dies überhaupt mit wenigen Ausnahmen unterließ, fast alle mir frei gebliebene Abende ? selbst wenn die Bethmann auf der Bühne beschäftigt gewesen ? in ihrer Gesellschaft. Meist waren der Mann, ihre Freundin in jeder Not und Gefahr, Frau Liep mann, in der ersten Zeit oft noch Varnhagen und ich beisammen. Doch ist mir auch der auf dem Sofa sich pflegende unbehilflich dicke Mops unvergeßlich: denn wie spät die Unermüdliche aus dem Theater kam, das feiste und träge Tier führte sie stets noch ins Freie, und ich mußte, wenn der Herr Gemahl irgendwo bei dem ihm schwer entbehrlichen Kartenspiel saß, willig oder nicht willig ihr Begleiter sein, um den vierfüßigen Liebling in Bewegung zu bringen. Während meines sechsjährigen Umgangs, von 1809 bis 1815, dem Todesjahr der Künstlerin, lernte ich bei ihr nächst Varnhagen unter anderen deutlicher Zacharias Werner kennen, dann Kotzebue und Friedrich Schulz, »Theater-Schulz« genannt, weil sein ganzes Sonderlingsdasein im Bühnenleben aufging. Nur dieser vier gedenke ich voran, weil sie meinem jetzigen Bericht noch mit angehörig sind, und bemerke, als durchgängig, daß die Bethmann gern ihre alten Kunstgenossen bei sich sah, selber aber für die Gesellschaften der Reichen gesucht und mit ihrem Benehmen selbst in den höchsten Kreisen heimisch war, ohne sich dort behaglich zu befinden. Ich[153] hörte sie einmal sagen: »Wenn man dort allerdings bestrebt sein muß, Gedanken und Gefühle so abzuschleifen, daß sie ihr konventionelles Passiergewicht haben, angenehm ist's nicht!« ? und ähnliche, zuweilen auch verstärkte Äußerungen waren nicht selten. Einen schlimmen Spätabend verursachte Varnhagen, doch wurde ich zum Mitschuldigen durch unvorsichtige Willigkeit. Er hatte viel Rühmens gehört von der Darstellung unserer Freundin in »Nina, oder Wahnsinn aus Liebe«, diesem ursprünglich französischen »Schauspiel mit Gesang« von d'Arien, und verführte mich, mit ihm vereint die Bethmann zu bereden, sich nochmals zu zeigen als »Nina«, ein Gebilde, von dem ich in jenen Tagen gar nichts wußte. Sie weigerte sich; mit der sachten klugzüngelnden Geläufigkeit seiner Beredung drang aber Varnhagen öfter auf sie ein, ich war ihm gefälligst verbündet, sie gab endlich nach, und mich überfiel im Theater peinlicher Schreck. Sie belebte die Irrsinnige seelenvoll meisterhaft, ihre mit Recht gepriesene Geschicklichkeit im Anziehen und Schminken vermochte jedoch nicht so viel, um den hier völlig unerläßlichen Eindruck einer ersten Jugendblüte auch nur annähernd zu gewinnen: die Erscheinung mußte den Zuschauern widersprechend sein. Obwohl sie Beifall zollten, die Bethmann sich in dieser Hinsicht durchweg nicht zu beklagen hatte: ihr Empfinden bezeugte einen so gewaltigen Unterschied mit der Aufnahme ihrer »Nina« vor zwanzig und mehr Jahren, daß sie gleichsam über sich und ihre Nachgiebigkeit empört war. Begreiflich mußten bei ihrem Verdruß gegen sich selber Varnhagen und ich eindringlich mitbüßen, nicht nur an jenem Abend: wir hatten später noch gestachelte Fortsetzungen zu spüren, wobei sie ihre eigene Unbesonnenheit[154] keineswegs schonte. ? Andererseits war es merkwürdig, wie täuschend sie auf der Bühne auch das Außenwesen des Jugendlichen ? wenn auch nicht zurück bis zur mädchenhaften »Nina« ? vorzuspiegeln wußte; ich weise darauf hin, daß sie noch im Mai 1815, also kurz vor ihrem Tode, als Shakespeares »Portia« auftrat, und es gefiel ihr, als ich einmal leicht gesagt die Worte hinwarf: »Jungsein ist keine Kunst, dem Künstler aber muß das Jungbleiben zur Natur werden.« Gewiß kamen ihr die zierliche Gestalt, für Gebärden- und Mienenausdruck feingeübte Beweglichkeit, Spannkraft der Gesichtszüge und die leuchtenden blauen Augen zu Hilfe. Sie hatte aber auch das Kleidsame umfänglich in ihrer Macht, wodurch sie in solchem Bedarf zuweilen erwählte Ratgeberin der Königin Luise war. Diese Macht umfaßte die Theatertracht wie das Hauskleid; sogar in großer Gesellschaft bewahrte sie des Anzugs Prunklosigkeit, und das Kattunkleid ward an ihr zum gefälligsten Putz. Das Einfache war hier Grundzug, war es zugleich ihrer Kunst bei weitester Vielseitigkeit, die jetzt schwer glaublich zu machen ist. Diese Einfachheit hatte, je nach der gegenständlichen Aufgabe, den zu ihr hingelenkten, den erforderlichen Geist, wurde fest und treu bei dem hochdichterischen Trauerspiel bis zum Lustspiel und übermütigsten Schwank; sie verleugnete sich auch nicht im Überraschendsten und Gewagtesten, was sie im steten, ihr schnell bereitwilligen Selbstschaffen nicht vermied, immer aber zu solcher Einigung mit dem Ganzen brachte, daß es Natur und Wahrheit wurde ohne Spur des Absichtlichen. In ihrer Wirksamkeit konnten die Gestaltungen wechseln vom Thron bis zur Gesindestube: überall dieselbe Sicherheit, überall die Kunst des Ungekünstelten, die Begabung der Natur und Wahrheit mit der eindringlichen[155] Seele. Dies gilt bei der »Braut von Messina« von der »Fürstin Mutter« ? der sie mit ihren wohlklingenden, aber nur mäßig kräftigen Sprachmitteln aus vollem Gemüt die Schillersche Erhabenheit durchwärmte ? bis zur »Gurli«, von der »Iphigenia«, »Phädra«, »Lady Macbeth«, »Orsina« bis zu »Minna von Barnhelm«, den Ifflandschen Frauenbildern und dem Possenhaften; von der Mozartschen »Donna Anna«, der »Julia« (in der Weiße-Bendaschen Oper) bis zu »Fanchon«, der »Schönen Schusterin« und dem Knaben »Collin« des Reichardtschen Liederspiels »Lieb' und Treue«. Ist eine solche Vielseitigkeit ? die sich auf mannigfach verschiedenen Ausdruck durch Mienen und Gebärden ausbreitete, vom Hoheitlichen und Gewandten bis zum Unbeholfenen, je nach dem Bedingten ? ist sie gewiß nicht als Regel, im Gegenteil eher dem Talent für echtes Einleben in dichterische Schöpfung die eigenheitliche Beschränkung anzuraten, bei der Bethmann war dieses Vielseitige ebner Inhalt der Eigentümlichkeit, die sich selbst in ihrem häuslichen Behaben, in der blitzschnellen Regsamkeit des Begriffs, in stets erkennbaren Reichtum rascher Gefühlswendungen wahrnehmen ließ, wodurch sie ihren Freunden fortwährend gleichsam zur neuen und erfrischenden Bekanntschaft wurde. Die vielfarbigste Wandlungsfähigkeit für Stimmung des Denkens und Empfindens war in ihr so herkömmlich, um sie als angeboren betrachten zu müssen, als den ihr treuesten Besitz, der durch frühzeitig seltsame Leidenschaftskämpfe und bei ihnen gewonnene Erfahrungen, verbunden mit Drang des Lebhaften bis zum Überschwenglichen, so zum Ausströmen gedieh, daß sie auch in der Kunst meist nur sich selber zu folgen brauchte, eines langwierigen Forschens und Ergründens gar nicht bedurfte.[156] Schwierig ist es, von so umfänglich naturwüchsiger Geistesverbindung eine erfaßliche Anschau zu geben; man müßte verschiedene sich auszeichnende Schauspielerinnen in einer einzigen versammeln können, um die gemütreiche Macht in Freude und Schmerz, das Anmutige im Wohlwollenden, das Glühende im Verderblichen, die Keckheit des Übermuts, den Reiz des Schalkhaften, den Seelen- und Herzensklang im lieblichen Gesange vereint zu haben. Ein Gesamtes der Art setzt aber, neben dem Ursprünglichen, solche Verwickelungen und Gefährden in Verhältnissen voraus, wie Friederike Bethmann sie von den Kindesjahren an abenteuerlich erlebt hatte in Lust und Weh. Wie auf der Bühne, so zeigte sie auch in der Geselligkeit eine stets wachsame, gelegentlich sehr schlagfertige Geistesgegenwart, und als aufmerksame Wirtin beförderte sie mit geschickter Teilnahme, teils ernst und sinnig, teils heiter und stachelnd die Unterhaltung. Meisterin war sie in der Neckerei, doch nicht immer völlig geschützt vor heftigen Aufwallungen, wenn man augenblickliche Lieblingsansichten, deren Schwäche sie wohl bald selbst empfand, spöttisch belachte und behandelte; von mehreren Zügen solcher Abart will ich nur einen ? den ausschweifendsten ? mitteilen. Kotzebue, den ich in jener Zeit, als er in Berlin sein »Russisch-Deutsches Volksblatt« herausgab, bei Bethmanns kennenlernte, hatte unter anderem geäußert: sogar die Frauen müßten im Notfall Regimente, Infanterie und Kavallerie bilden, um gegen die Gewaltherrschaft Napoleons mitzukämpfen. Die Bethmann, in ihrer Liebe zur verewigten Königin und in Verehrung Friedrich Wilhelm des Dritten ehrlich-preußisch, ergriff diese Ausrüstung mit Entflammtheit: sie sah sich schon zu[157] Roß an der Spitze einer Amazonenschar, malte alles so umständlich aus, daß ich mein keineswegs irrig zu deutendes Lachen nicht überwinden konnte. Da kam ich unbeschränkt übel an! So aufgebracht habe ich sie nur dies eine Mal gesehen, und nur dies eine Mal verstieg sie sich ? gewiß von mir durch Spottreden gereizt ? im Zürnen dermaßen, auch etwas handlich, das meine brausende Jugend unerträglich fand, was mich heut, einer außer sich geratenen Frau gegenüber, wahrscheinlich nicht aus der Gelassenheit vertriebe. Ich sprang auf, und nach einer etwas kräftigen Erklärung wollte ich sogleich mich entfernen; sie aber, flinker als ich, verschloß hastig die Tür, und war dann wie aufgelöst in Reue, Bitten und Tränen, wobei nun ich emsig bemüht sein mußte, sie zu beruhigen. Durch die Bethmann ist mir besonders und vorwiegend begreiflich geworden, wie Personen, denen bei ihrer Berufstätigkeit geistige und gemütliche Erregung ebenso notwendig als unvermeidlich ist, zuweilen ganz unzurechnungsfähig sein können. Daß aber auch eine so übungsfeste und beliebte Schauspielerin, die von der Kindheit an auf der Bühne beschäftigt war, oft mit Angst die »heißen Bretter« betrat, hat mir die Bethmann sehr merkbar gemacht. Bei jeder neuen Rolle war sie vor dem Beginn der er sten Darstellung in fieberhaftem Zustande, das »erste Mal« ihr bis zum kleinsten hin fürchterlich. Als sie eine »Romanze« von mir in einem Konzert des Kapellmeisters Seidel zu sprechen und dieser mich ersucht hatte, die Bethmann zu rechter Zeit aus der Loge nach dem Orchester zu führen, bebte sie bei schwankenden Schritten. Ich hielt auf dem Stufengange ein mit der Bitte, sich zu erholen, sie erwiderte jedoch kurzatmig: »Nur vorwärts, vorwärts! Bei jedem Neuen werd' ich[158] in Gedanken an das Publikum krank, und nur Stümpern geht's anders!« ? War aber die gefürchtetste neue Darstellung vorüber, dann zeigten sich Munterkeit und Mutwillen wieder obenauf, und ich hörte meist den Ausruf: »Ach, warum kann ich nicht gleich nochmals spielen, jetzt könnt' ich's viel besser!« Sie noch ganz und gar zu sehen im Ursprünglichen freiester Unbefangenheit, mit der die Bindungen der bürgerlichen Verhältnisse von ihr betrachtet wurden, hatte ich im Jahre 1814 volle Gelegenheit. Bethmann litt an der Gicht und reiste nach dem Bade; sie aber ließ sich einfallen, während der Abwesenheit ihres zweiten Ehemannes den ersten, Unzelmann, auf vier Wochen täglich zum Mittagessen einzuladen: um ihn jedoch nicht allein als Gast zu haben, bat sie mich, der zweite Gast zu sein für dieselbe Zeitlänge. Bei meiner erforderlichen Arbeitsamkeit konnte ich mich nicht verpflichten zu beharrlicher Annahme dieser Einladung, doch saß ich mehrmals als vierter in dem kleinen Kreise: denn nur noch Frau Liepmann war zugegen. Da lüftete sich eine Fülle von Hinweisungen auf eine abenteuerliche Vergangenheit! Vorwaltend webte sich immer wieder andauernd die Jugendgeschichte des ehemaligen Ehepaars in das Gespräch, wobei ich umständlich erfuhr: wie hart der Stiefvater Großmann sie behandelte, es ihr also nicht zu verargen sei, daß sie sich von dem »närrischen Wildfang«, dem Unzelmann, habe entführen lassen. »Großmann setzte uns von Frankfurt am Main nach,« erzählte sie, »kam aber erst in Mainz an, als wir schon getraut waren; doch mußten wir unter polizeilichem Zwang umkehren, und einstweilen noch bei der Truppe in Frankfurt bleiben. Jetzt hatte ich bald Zeugnisse genug von der Wandelbarkeit der Männer, denn dieser da ?[159] ich sag's ihm ins Gesicht ? er ist mir nicht mit dem besten Beispiel vorangegangen. Er flatterte und flunkerte überall umher, war alltäglich verliebt und allwöchentlich in eine andere, endlich sogar in die ?Frau Rat?, die Mutter Goethes, die ihn so beherrschend gängelte, daß ich nichts ohne ihren Einfluß tun durfte. Ich war eine siebzehnjährige, unbedachtsame Frau, eitel auch, und meinte: zieht er dir eine vor, die hübscher ist als du, so wäre das zu begreifen, aber die Frau Rat! ? Das blieb mir unerklärlich, und um so mehr fatal, als sie sich in jede unsrer Angelegenheit mischte. Zufolgedessen erhielt unser Sohn Karl bei seinen Vornamen wider meinen Willen in bezug auf Goethe auch den Vornamen Wolfgang.« ? »War dem Karl in Weimar sehr favorable!« fügte Unzelmann ein, bestritt jedoch Einzelheiten nicht, bestätigte sein fortgesetztes Sündenverzeichnis mit heiterer, mitunter französierend gespitzter Laune, berichtigte nur: »Die Neigung zur Frau Rat war natürlich durchweg intim spirituell; sie imponierte mir durch warme Empfänglichkeit für das Theater, sowie vermöge ihres gefunden, penetranten Urteils!« und ich bemerkte: nach meiner Ansicht sei dies der richtige Aufschluß. ? Als die Bethmann sich nicht stören ließ in zuweilen verfänglichen Andeutungen verschiedener Richtung, wonach sie in ihrer Jugend nirgends eine haltbare Stütze gehabt, sagte dazwischen Unzelmann lachend: »Höre, Friederike, unser Leben ist nun einmal nicht mit der moralischen Elle zu messen, und wir wollen nicht weiter untersuchen, wer am meisten dieser Elle immer fünf Viertel gegeben hat.« ? Er sprach vorzugsweise und redselig von ungewöhnlichen Theaterbegebenheiten, und hinsichtlich auf in Hamburg Erfahrenes geriet er einst sehr in Eifer darüber, daß bei seinem Abgange von dort ein[160] »Kritikaster« habe drucken lassen: »Herr Unzelmann verbrauchte mehr als seine Gage und hatte für die Bezahlung ein sehr untreues Gedächtnis.« ? »Dreißig Jahre ist's her, ich kann's aber dem naseweisen Federfuchser noch heute nicht vergessen, denn um meine Finanzen durfte er sich nicht bekümmern!« rief Unzelmann in Erhitzung aus. ? »Beruhige dich nur und verzeih's ihm,« fiel die Bethmann mit ihrem schelmischen Gelächter ein; »seine Frechheit hat ja dein Gedächtnis nicht verbessert und dich niemals und nirgends am Schuldenmachen gehindert.« ? »Das hab' ich dem insolenten Kerl zum Possen getan!« entgegnete Unzelmannin trockener Selbstbefriedigung. Die Äußerung der Bethmann hatte vollständigsten Grund, denn sie mußte mehrmals dem von ihr geschiedenen Gatten aus der Klemme helfen. ? An einem Sonntage war ich zu Mittag Gast, da wurde ein Brief gebracht; sie öffnete ihn, las, gab ihn mir, und stand auf. Das Schreiben kam von Unzelmann und brachte folgenden Inhalt: »Liebe Friederike! Ich habe zu Abend ein paar Freunde bei mir, und jetzt läßt mir Dallach (?Restaurateur? ersten Ranges) sagen: er werde das Essen nicht schicken, wenn ich nicht wenigstens einen Theil der alten Schuld bezahlte. Das wäre schrecklicher Blam! Du gutherzige Seele schick'st gewiß zwanzig Thaler Deinem pauvren Unzelmann.« Die »gutherzige Seele« hatte auch ohne Wort und Verzug zwanzig Taler geholt, und sie wurden der Botin eingehändigt.[161] Während jener vier Wochen hielten sich bei dem Mittagstisch in ähnlicher Weise alle Gespräche; sie zeugten von der vollblütigen Ungebundenheit der Schauspieler zur Zeit des Aufschwungs der deutschen Bühne, einer Zeit, die ich mit Bewußtsein nur in ihrem Endgange erlebte. Bei aller Leichtfertigkeit und genußlustiger Ausschweifung bewies man jedoch dem Kunstberufe die innigste Liebe und den tätigst anstrebenden Ernst. Vergißt man nun nicht, daß noch bis zu Anfang unsres Jahrhunderts die Schauspieler, mit wenigen Ausnahmen, im Gesellschaftlichen der Familienkreise fast gar nicht heimisch werden konnten, dann ist unter ihnen selbst und in leidenschaftlichen Verhältnissen mit andern ihr freies, ungezügeltes Treiben, sowie ihr offenherziger Gleich- und Übermut kaum auffallend. Man hütete sich auch nicht ängstlich vor dem Erwecken der auf dem Standpunkt des Herkömmlichen mißtönenden Erinnerungen und Geständnisse; ich will nur einen Zug beifügen von einem Freiherausreden, das mich, den scheuen jungen Mann, damals höchlich erstaunen ließ. ? Karoline Döbbelin, mit besten Gründen zu den ersten Schauspielerinnen Deutschlands gezählt, war nach der Vorstellung zum Jubelfest ihrer Fünfzigjahrs-Tätigkeit (1812) noch in der für die Feier von Friederike Bethmann eingeladenen Gesellschaft, zu der auch ich gehörte; als sogenannter »Max Helfenstein« hatte ich wieder zu tun gehabt mit Inschriften zu Geschenken, mit Vor- und Nachreden. Bei dem Abend- oder eigentlich Nachtessen machte der Champagnerpunsch die Offenherzigkeit überströmend: die Jugendfährlichkeiten waren im leichten Anfluge paradiesischen Rausches nicht mehr zu verschweigen, und nächst Unzelmann ? er fehlte hier ebenfalls nicht ? zeichnete sich in Bekenntnissen auch die burschenhaft fröhlich[162] gewordene Döbbelin aus. Sie schilderte ihre Vorzeit und erzählte mitteninne frischweg: »Zu Ende der Siebziger des vorigen Jahrhunderts hatte ich einen mir treuen Geliebten, dessen Stand und Verhältnisse die Heirat nicht erlaubten, und wir setzten uns darüber hinweg. Nach einer zweiten Folge unseres Umgangs sollte ich als ?Elfriede? wieder auftreten, das verehrte Publikum lärmte jedoch wie unsinnig, so daß ich zitternd und bebend mich vergeblich bemühte, zur Rede zu kommen. Der Vorhang mußte herunter, der Lärm aber blieb derselbe mit dem untermischten Geschrei: ?Döbbelin vor!? Der Vater, auch von Schreck und Furcht überwältigt, mußte endlich hinaus und begann seine Rede im gewohnten Pathos: ?Geschätztes, gnädiges Publikum! Tugend kann straucheln, Tugend kann fallen? ? ?aber nicht zweimal!? schrie eine gewaltige Stimme vom Parterre her, und jetzt dröhnte das Haus von unbändigem Gelächter. Der Vater wartete den rechten Augenblick ab, und sagte nur noch: ?Einem so venerablen Publikum wird bei so herrlicher und hochherziger Laune die gnädigste Nachsicht nicht mangeln!? Der Vorhang ging wieder in die Höhe, ich wurde in die Szene geschoben, obschon ich die Tränen nicht zu unterdrücken noch zu verbergen vermochte, und nun ließ man mich spielen, anfangs bei schauerlicher Grabesstille, aber bald ermunterten mich die Zeichen der sonstigen Gunst.« ? Nach Erzählung dieses Ereignisses sagte der gar zu gern stichelnde Unzelmann: »Hättest dich vorsichtig erst mit irgendwem sollen kopulieren lassen, Karoline!« ? die Bethmann aber kicherte vor sich hin, und wird gewußt haben weshalb. ? Beiläufig nur will ich bemerken: daß die Döbbelin geistvoll und auch lieben Gemüts war, was gewiß dadurch bekräftigt ist, daß ein sehr[163] gebildeter, wohlhabender und nie verheirateter Mann länger als dreißig Jahre, bis zu ihrem Tode, ihr treuer Freund, und nach ihrer Erblindung ein beharrlich sorgsamer Führer war. Zeuge von zürnender Aufwallung der Bethmann wurde ich auch eines Vormittags in Gegenwart Ifflands. ? Im Herbst 1813 hatte sie sich geweigert, die »Elvira« in Müllners Trauerspiel: »Die Schuld« zu übernehmen. Sie sagte: »Eigentlich bin ich für die Rolle zu alt, kann mich nicht erwärmen an dem Stück, weiß mich nicht hineinzufinden.« ? Müllner war von Iffland aufgefordert worden, »ein Trauerspiel zu dichten, das den ganzen Abend fülle«, und obwohl jene als »Schicksals-Tragödie« bezeichnete »Schuld« der Gesinnung Ifflands nicht behaglich sein konnte, er fühlte sich doch durch seinen Antrieb zum besten Fördern der Darstellung noch mehr verpflichtet, als dies in aller Hinsicht überhaupt bedingt ist. Er blieb also unerschütterlich dabei: die Bethmann müsse sich zur »Elvira« bequemen, auch schon deswegen, weil er dem Dichter die Rollenbesetzung überlassen hatte. ? Nach meiner Ansicht war die Bethmannim Unrecht, ihre Erscheinung auf der Bühne immer noch soweit täuschend, um ihrer Kunst als »Elvira« nicht hinderlich zu sein; in ihrer Abneigung schickte sie aber wiederholt die ausgeschriebene Rolle zurück, und wurde in der andauernden Gereiztheit wirklich krank. Sie befand sich in der Genesung, als ich sie eines Vormittags besuchte, nachdem sie mir hatte sagen lassen: es sei ein Brief von Zacharias Werner angekommen. Der wolle nun katholischer Priester werden. Auf dem Sofa ruhend wies sie mich zu ihrem Schreibtisch, und eben las ich den Brief, da wurde Iffland gemeldet. Sogleich[164] wollte ich fort, sie aber rief aus: »Bleiben Sie, er quält mich dann gewiß weniger!« Iffland, selber schon krankhaft, fragte nach dem Befinden »seiner Freundin Bethmann«, wandte sich danach sogleich an mich, um mir mitzuteilen: wie es mit dem Einstudieren eines meiner bühnlichen Jugendversuche stehe; ich hielt diese Wendung für eine höfliche Andeutung: ich sei nun abgefunden, griff also nach meinem Hut. Aber Iffland, rechts und links blickend, äußerte: »Ich glaube kaum, daß hier Geheimnisse obwalten; es wird nicht schaden, wenn Sie unsere Mühsale nah genug kennenlernen.« ? Dann setzte er sich und entwickelte: wie er den Theaterverhältnissen und dem Dichter verantwortlich sei, die »Elvira« eine der höheren Tragödie mächtig gewordene Künstlerin erfordere, zugleich fähig, sich in die der deutschen Bühne ungewöhnliche Versform einzuleben. »Ich weiß bei unserm Theater« ? so ungefähr schloß er diesen Vortrag ? »niemand, der hier so an richtiger Stelle wäre als Sie, liebe Bethmann, und Sie werden es meinem pflichtgemäß sorgsamen Eifer zugute halten, wenn ich erkläre, an meine Überzeugung und an mein Wort gebunden zu sein.« ? Die Bethmann hatte schon allerlei dazwischen gesprochen, wovon sich Iffland nicht unterbrechen ließ; jetzt aber sprang sie erglüht auf und lief unter Ausbrüchen ihrer Empfindlichkeit im Zimmer hin und her. Es kamen Vorwürfe über frühere Mißhelligkeiten zu Wort, Iffland erwiderte nur: »Ruhig, ruhig, werte Freundin! Denken Sie an Ihre Erholung, und betrachten wir abgesondert das Jetzige!« Da sie jedoch fortwährend Klagen anbrachte, äußerte endlich Iffland, mit zu mir gewendet: »Das Schauspielhaus ist für den Direktor ein wahres Zuchthaus, worin man ihn für alle[165] straft!« ? »Aber nicht für alle bessert!« redete die Bethmann hitzig ein; Iffland lachte darüber innigst laut auf, was bewirkte, daß auch sie mitlachen mußte, wie ich begreiflich schon getan hatte. Diesen Augenblick benutzte Iffland, indem er sagte: »Ich habe, liebe Bethmann, in unserm Zwiespalt ganz den Direktor vergessen, ich spreche als Künstler zur Künstlerin, als Freund zur Freundin, und Sie werden es dem Künstler und Freunde, der hier offenbar das Rechte und Gute erbittet, nicht verweigern, das Rechte und Gebührende zu tun.« ? Bis dahin hatte ich versucht, mich mit Werners Briefe zu beschäftigen, wurde jedoch von Ifflands letzter Rede so bewegt, daß ich ausrief: »Gewiß, gewiß!« ? aber schon hatte die Bethmann seine Hand ergriffen bei den, wie in heiterer Erschütterung hervorbrechenden Worten: »Iffland, Sie sind es wert, daß man nachgibt, ich spiele die mir widrige Elvira!« ? und sie wurde vortrefflich gespielt! Unsere Freundschaft befestigte sich auch dadurch, daß ich einen ihrer Söhne zum Schüler annahm und mich angelegentlichst mit ihm bemühte. Friedrich Unzelmann hat sich bekanntlich in der Holzschneidekunst ausgezeichnet, ist aber frühzeitig gestorben. Er gab mir Zeugnis zu der Erkenntnis, daß die Bethmann eine sorgsame Mutter war, die im Eifer für ihre Kinder auch zuweilen das Maß überbot. Von den Genannten, die mir bei dem Umgange mit der Bethmann zur Beschau kamen, sei jetzt des »Theater-Schulz« etwas weiter gedacht: er naht im Zeitverlauf wohl noch meinem Wege. Der närrische Kauz war von der Kindheit an ein zerfahrener Schwärmling für die Bretterwelt, sollte sich aber der Rechtswissenschaft befleißigen;[166] ihm half, wie schon erwähnt, sein Schul- und Universitätsgenosse Stägemann, der ihn mit anhänglicher Gutmütigkeit vor dem Versinken schützte: denn Schulz verhinderte sich durch seine Schauspielsucht jede feste Stellung. Als Referendar nach Brandenburg geschickt, häufte er stets Reste auf Reste im Geschäft, versäumte die Termine, denn er konnte in keiner Woche das Berliner Theater entbehren, und bestürmte Stägemann, ihm von dort nach der Hauptstadt zu verhelfen. Es glückte, und Schulz tat nun als Jurist in Berlin ebenso nichts wie in Brandenburg. Da spannte ihn Stägemann unter seiner Leitung zum Hilfsarbeiter im Ministerium ein; auch da machte er sich unnütz, und sein Gönner ließ es bewerkstelligen, daß Schulz lebenslang sein geringes Gehalt behielt, »als ausgezeichnet durch Unbrauchbarkeit,« wie oft sein Beschützer wohlwollend sagte; denn ob es auch spöttisch klingt, es ist eben nur Gemütswitz, ein Ausdruck, mit dem vielleicht ein Inhaltsteil von »Humor« übersetzt wäre. ? Lebenslang beschränkte sich nun Schulz fast gänzlich darauf, die Berliner Bühne zu beurteilen, bald in diesem, bald in jenem Tageblatt, zuletzt ? nach meinem Ausscheiden wegen Sorge für den »Gesellschafter« ? in der »Spenerschen Zeitung«. Daß der kleine Aufsatz Goethes: »Die Berliner Dramaturgen« sich meist auf Schulz bezieht, mag für dessen Sachkenntnis sprechen; im Persönlichen war er seiner Neigung und Abneigung nicht Herr, was ziemlich jedem nachzusagen ist: das Mehr oder Minder kommt jedoch dabei in Wägung. Gewiß aber hat sich Schulz zu einem Berliner Eigenwesen ausgeprägt; »originell« konnte man ihn nach der Bürgerschen Deutschung in »Urselbst« nicht nennen, eine Sonderlichkeit war er unzweifelhaft. ?[167] Mit Zacharias Werner ist auch vorzurücken, nicht nur durch das Wiedersehen bei der Bethmann. Ihm darf man wohl das »Urselbst« zugestehen, denn dies Wort schließt die Überspanntheit nicht aus, und ich kann diesem Dichter und Glaubenswandler auch noch näher kommen als durch den persönlichen Umgang allein. Es fand sich Gelegenheit, eine Reihe langer Briefe zu kaufen, die Werner in den Jahren 1796 bis 1804, also bis zur Zeit seiner Berufung von Warschau nach Berlin, an seinen Freund, den Justizrat Peguilhen schrieb, an denselben, der nach eigenwilliger Lebenskürzung des Heinrich von Kleist durch Verteidigung des Selbstmords schriftstellerische Kämpfe erregte. Einer jener Briefe, bezeichnet mit »Königsberg, den 5. Dezember 1803« enthält Werners Bekenntnisse über Staat, Religion und Kunst sehr umständlich; man entdeckt sein geistiges Gären und Bezwecken, weshalb eine Beifügung sich rechtfertigen wird, um so gewisser, als dabei manches auch hinsichtlich unserer Gegenwart noch zu beachten ist. Werner schreibt seinem Freunde: »Der Staat ist eine Verbindung, die einer gegebenen Menschenmasse es möglich machen soll, ihre höchste Bestimmung zu erreichen. Sie isoliert diese Masse, um sie veredelt der ganzen Menschheit wiederzugeben, und zu diesem Zwecke muß sie ihr freien Spielraum ihrer Kräfte, Genuß ihrer Rechte, kurz alles verstatten, was du besser als ich weißt und worüber ich nicht salbadern will. Nur die unterstrichene Stelle bitte ich dich nicht zu vergessen, sie führt dich darauf, daß der Staat die Pflanzschule der durch ihn begrenzten Menschenmasse für die gesamte Menschheit sein soll. Nun ist aber der Egoismus der Tod alles gemeinnützigen Wirkens[168] einerseits, sowie anderseits die Erbsünde des nicht höher gebildeten Menschen. Der Staat, wie er sein soll ? Pflanzstätte höherer Humanität ? nimmt den Menschen wie er ist, als sich isolierendes Wesen, verbürgt ihm vollen Genuß seiner Persönlichkeit. Nachdem er ihn also mittels seines eigenen Egoismus angelockt hat, führt er ihn durch Bildung von Stufe zu Stufe, bis zu der höchsten, wo der am höchsten gebildete Mensch wieder seinem Egoismus freiwillig entsagt, sich blos als Teil des Ganzen betrachtet in dieser hohen Idee seine volle Befriedigung findet, so den edelsten Zweck der Natur, die nichts Isoliertes duldet, mit Willkür befördert, und auf den höchsten Punkt gerät, wo das, was er als Notwendigkeit dulden muß, bei ihm Freiheit wird. Dieses Gemälde, wovon eine wohlorganisierte Ordensverfassung die Miniaturkopie oder besser das Modell darstellt, ist in meinem dramatischen Werk (?die Söhne des Thales?) mit soviel Klarheit bezeichnet, als es mir möglich war, und darum ist mir das Ding lieb. ? Doch ich gehe weiter. Der Staat ist Pflanzschule der Menschenveredlung, wie wirkt er auf den ihm untergebenen Koloß, wie tötet er dessen Unsittlichkeit und dessen Egoismus? Dadurch, daß er ihm ein sittliches Ideal ? Kant nennt's das höchste Gut ? aufstellt, und also Moral, und dadurch, daß er ihm den Sinn für das Unendliche der Natur und ihrer Gesetze öffnet, das heißt: daß er ihm Relgion gibt. Jene, die Moral, lehrt ihn zu immer höherer Selbstveredelung nach dem vorgesteckten Ziele streben, wogegen ihm die Religion zeigt, wie er als Mitglied des Unendlichen sich seines Egoismus entäußern, Teil des Ganzen sein und sich unbedingt dessen ewigen Gesetzen ergeben muß. Wenn dir diese Gegeneinanderstellung nur etwas den Blick auf den himmel-[169] weiten Unterschied zwischen Moral und Religion leitet, so bin ich schon zufrieden. Aber, obgleich wesentlich verschieden, so arbeitet doch jene dieser vor; der Mensch muß erst Sinn für etwas Höheres ? das Ideal ? haben, ehe er ihn auf das ihn umgebende Unendliche richten kann; sonst läuft er unausbleiblich Gefahr, in diesem Chaos zu ersaufen: der Mensch, als ein Gefäß, muß von dem klaren Wasser der Moral erst ausgespült sein, ehe der köstliche Wein der Religion in ihn gegossen werden kann. In meinem dramatischen Gedicht war jenes die Funktion des ?Tempelordens?, dieses das höhere Geschäft des ?Thales?. ? Alle Bemühungen des wohlorganisierten Staates, dem Menschen Moral und Religion zu geben, würden scheitern, wenn nicht in seinem Innern Grundkräfte wären, die auf jene beiden köstlichen Polarsterne hin weisen. Diese Grundkräfte sind Vernunft und Phantasie, die uns beide auf das Höchste unsrer Bestimmung hinweisen, wogegen das, was man so gewöhnlich Verstand nennt, nur der Knüppel und Stecken ist, uns durch dieses niedere Erdenleben zu leiten. ? Die Vernunft gibt uns Moral; die Natur hat uns aber noch eine andere Grundkraft verliehen, die, wo nicht höher denn aller Menschen Vernunft, doch höher als aller Menschen Verstand ist, nämlich die Phantasie. Diese ist die Grundkraft des Menschen, sich als Teil des ihn umgebenden unendlichen Ganzen und ? wenn ich es plump sagen soll ? als Teil der Gottheit zu fühlen. Durch diese Hypothese erläutert sich die Wahrheit von unendlich vielen Dingen, die ewig wahr und doch ewig unbegreiflich sind. Vernunft und Phantasie, wovon jene uns die Gottheit in uns ahnen, diese uns unmittelbar als Teil der Gottheit ? oder der Natur, durch die sich die Gottheit geoffenbart[170] ? uns fühlen läßt, sind also die höchsten Kräfte, Moral und Religion die höchsten Tendenzen der Menschheit. Auf die Moral weiset die Philosophie, die Wissenschaft, die aus den Gesetzen unseres Selbst die Eigenschaften des Ideals, der Gottheit, und die Grenzen der uns umgebenden Welt herleitet. Diese Wissenschaft kann und muß demonstriert werden, da sie von der Vernunft, der Kraft abhängt, die sich in Begriffen oder eigentlicher in Ideen äußert. Phantasie dagegen ist das Gefühl bis zur Anschauung des Unendlichen gebildet, ist Religion. Diese ist also lediglich Gefühlssache, auch stellt sie uns kein Ideal auf; sie kann also weder demonstriert werden noch uns zum Pflichtbegriff bringen, und wird sie von aufgeklärten Pfaffen dem Pflichtbegriff untergelegt, so heißt das ebensoviel, als ob Gefühle uns zu Handlungen treiben sollen, ein Absurdum, ein gebrechliches Fundament, worauf kein vernünftiges Moralsystem gebaut werden kann. Eine religiöse Moral ist eine Contradictio in adjecto! ? Obwohl wir aber ein in uns liegendes Gefühl haben, daß wir Teile des Unendlichen sind (Phantasie), so ist doch von dieser bis zur Anschauung des Unendlichen (Religion) noch ein Saltus, der nur durch ein Mittelglied ausgefüllt werden kann. Um das Unendliche anschauen zu können, müssen wir ihm zuvor eine Gestalt geben, und diese Gestalt des Unendlichen ist das Schöne, und die Gestaltung des Unendlichen ist die Kunst. Die Kunst qua talis ist also lediglich Sache des Gefühls, der Verstand konkurriert bei ihr gar nicht, sie ist blos aus der Phantasie abgeleitet. Jedes Kunstwerk ist ein Symbol des Unendlichen nach den Gesetzen desselben geregelt, um es der Phantasie zur Anschauung ? nicht dem Verstande zum Begreifen, überhaupt ein fatales egoistisches, aller[171] Poesie entgegengesetztes Wort! ? darzustellen. Von Begreiflichkeit im strengeren Sinne kann bei der Kunst schon deshalb nicht die Rede sein, weil bei dem Begreifen man das Begriffene sozusagen aus dem Unendlichen heraushebt, der Zweck der Kunst es dagegen ist, selbst den individuellsten Gegenstand und mit ihm das Gemüt des Beschauer in ein Verhältnis mit dem Unendlichen zu versetzen, beides, sowohl den Gegenstand als den Beschauer, ins Unendliche zu versenken. ? ? Am begreiflichsten muß das zum Beispiel bei der Musik werden, die keineswegs ein bloßes Appendix der Dichtkunst (wie der alte Kant irrigerweise geglaubt hat), sondern ganz von ihr independent, etwas Höheres, ja die höchste aller Künste eben deshalb ist, weil bei ihr gar nichts zu verstehen ist, und sie, sozusagen, das Universum mit uns in unmittelbaren Rapport setzt. ? Wenn die Sehnsucht, verbunden mit dem Bewußtsein freier Gemütstätigkeit, der höchste Effekt eines schönen Kunstprodukts und zugleich der Zweck der Natur ist, die alles einzelne immer als Teil fürs Ganze benutzt und aufzulösen sucht, so wirst du die Weisheit der Natur bewundern, die zwischen uns und das Universum drei große Leiter gesetzt hat, nämlich 1. die jedem Volk anklebende und jeder Religion mehr oder minder zugrunde liegende Idee eines Mittlers; das heißt 2. die Liebe, die uns bewegt, uns mit dem Universo tätig zu vermischen und 3. den Tod, der uns drängt, uns am Ende ins Universum leidend dahinzugeben und aufzulösen, demselben Universum, das ich in der Parabel in einem zweiten Teile den Heiland aus den Wässernmit vielem Grunde nenne. Diesen dreien, der Menschheit angeborenen Grundkräften liegt die höhere Liebe, oder die Sehnsucht, ins Unendliche zu zerfließen, zum Grunde,[172] und so wird dir das Rätsel klar werden, warum der wahre Religiöse zugleich rein wollüstig ist, item der Künstler. Die Natur hat es an sich, in ihre gröbsten Hüllen immer das Edelste zu versenken, und der eigentliche Tod ist ganz gewiß das Nonplusultra der Wollust. ? Es ist ganz natürlich, man kann die Gesetze des Universums anschauen, nicht ohne einen Mittler, wohl aber einen Gott zu bedürfen; auch ohne diese Idee werden dir die Gesetze des Universums klar werden, ist das nicht der Fall, wohl, so setze dir einen Gott. Du kannst auch religiös sein ohne ihn, nicht aber ohne Mittler. Willst du aber dem gewöhnlichen Wortsinn nach unsterblich sein, so ist die Göttlichkeit der Religion nicht in dein Herz gedrungen, du hast keine Idee von der Wonne, dich ins Unendliche zu versenken, du bist irreligiös, auch von dem innersten Wesen der Kunst entfremdet. ? Ob nach allem diesem Religion etwas von dem Menschen entbehrliches, Kunst ein bloßes Spielwerk geschmackvoller Schwächlinge, oder ob nicht vielmehr beides dem Grundwesen des Menschen eingeimpft ist, überlasse ich deiner eigenen Beurteilung.« »Weil aber der religiöse Sinn fürs Unendliche, so notwendig er ist, im täglichen Treiben mehr oder weniger verloren geht, so muß es Priester, so muß es eine Kirche geben, das ist das Hauptthema meines ellenlangen Briefes, das ich nach dem Vorhergesagten nur ganz kurz berühren kann. ? Priester ist jeder, der den Sinn fürs Unendliche hat, und ihn in andern aufregt. Nicht blos der Geistliche, der Künstler, auch der Staatsmann, der Held, der König sind in diesem Sinne Priester, und ich frage dich aufs Gewissen: zeigt dir die Geschichte einen großen Minister, König oder Kaiser, ohne einen hohen[173] Grad schaffender Phantasie? Der Radikalfehler der jetzigen Generation aber ist, daß, sowie sich die einzelnen isolieren, dies auch ? ihrer Schutz- und Trutzbündnisse ohnerachtet ? bei den Staaten der Fall ist, eine unvermeidliche Folge der einseitigen Verstandeskultur, die uns vom Ganzen isoliert, auf Kosten der Phantasie, die uns mit dem Ganzen amalgamiert. Diesem, den einzelnen vom einzelnen, und das Volk von den Völkern isolierenden egoistischen Zeitgeiste muß entgegengearbeitet werden; immer ist eine Opposition nötig gewesen und noch, diese kann aber nicht vom Stoffe des Zeitgeistes sein, sonst könnte sie ihm nicht entgegenwirken; sie muß vom Sinn für das Unendliche, von der Überzeugung, daß jeder blos Teil des Universums und nichts mehr ist, durchdrungen sein, muß also die bestmöglichste religiöse Gesellschaft, mit einem Worte: die Kirche sein. In diesem Sinne sagt mein Erzbischof im zweiten Teile: ?Die Kirche ist das große Gleichgewicht Vom Schicksal hingestellt zur ew'gen Brustwehr, Daß nie der Menschenherrscher sich vermesse, Das Heiligtum der Menschheit anzutasten.?« »So ist die Kirche Legus natus der Menschheit, die geborene Oppositionspartei gegen Übermacht und Egoismus, gegen Kronen und Jakobinermützen. So ist sie, ihrer Grundidee nach, immer gewesen; daß sie in rohen Zeiten roh war, ist wahr, aber es war teils eine Notwendigkeit, weil auf den rohen Ast barbarischer Völker ein roher Keil gehörte, zum Beispiel Ketzer, die alle Katholiken verbrennen wollten, dem Gesetze der Notwehr zufolge natürlich von den Katholiken selbst verbrannt werden mußten; eo ipso dem Zeitgeist entgegenarbeiten sollte, sich herabließ, sich ihm zu akkomodieren; aber ein zufälliger[174] Fehler ändert so wenig was im Wesen der Sache als der besoffene Pfaffe am Altar der Heiligkeit der Kommunion etwas benimmt. Daß vollends die Kirche sich unter den weltlichen Arm der Monarchen und der Völker, denen sie sich kraftvoll entgegensetzen sollte, schmiegte, war ein unverzeihlicher Fehler, den sie und die Menschheit gebüßt haben; denn sage mir: würde es zur französischen Revolution gekommen sein, deren die Menschheit schändende Greuel doch offenbar zu garnichts geführt haben, wenn die Kirche hätte kraftvoll dazwischentreten können, zwischen Monarch und Volk, und würde die Kirche, wenn sie noch Macht hätte, nicht allen Unfug der privilegierten Stände, namentlich des Adels, über den du so klagst, wie mit einem Zauberschlage bannen können, durch ein Machtwort?! ? ?Ha, ha!? sagst du ?um uns Pfaffendespotismus zu geben!? ? Wer sagt dir das, daß der Priester des Heiligsten ein Pfaffe sein muß; schlecht genug für Staat und Kirche, daß er es war! Ein Pfaffe ist ein Priester, der dem Egoismus, dem Zeitgeiste opfert, nach dem Vorhergegangenen eine contradictio in adjecto: in meiner Kirche gibt's nur Priester, nicht Pfaffen! ? Aber, fragst du mich, was haben deine Priester, die Beschauer des Heiligsten, mit dem weltlichen Regiment zu tun, so antworte ich dir: als Beschauer nichts, aber als Priester, als wirkende Heroen, die den ersten Zweck der Natur, Vertilgung des Egoismus, befördern sollen, sehr viel. Ob sie, wenn sie echte Religiosen sind, es gerne tun, sich mit den Greueln der Mensch heit gemein zu machen, ist eine andere Frage, aber sie müssen es tun, denn wer soll der Menschheit helfen, als die edlen, die besseren; wer soll den Egoismus ausrotten, als die einzigen,[175] die von seinem zerstörenden Gifte nicht durchdrungen sind; und können diejenigen, die, um ein Bild zu brauchen, auf einer lichtvollen Wolke über der Menschheit schweben, so gern sie auch den Blick zu Gott emporheben möchten, es mit ansehen, wenn die von allem Heiligen entfremdete Menschheit sich unter ihnen erwürgt, könnte die Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, zum Beispiel es mit ansehen, daß Millionen Menschen geopfert werden sollen, damit ein Artillerie-Leutnant die ganze Welt beherrsche, oder ein christliches Judenvolk einen neuen Stapelplatz zum Schachern erhalten soll? ? Wenn also die Kirche und nur allein die Kirche (die vom Egoismus entfremdete Gesellschaft der besseren) die Welt beherrschen soll, so muß sie Kraft haben; die Kirche muß durch die isolierten Staaten ein Vereinigungsband ziehen, den Sinn für Religion. Um das tun zu können, muß sie aber existieren, nicht blos wie jetzt, in den Köpfen der besseren, sondern durch eine förmliche, wenngleich anfangs kleine und unscheinbare Verbindung. Dieses ist der mir vorschwebende religiöse Orden, der keinen neuen Religionskultus erdenken, sondern nur den schlummernden Keim der Religion wecken soll. Diese Gesellschaft müßte selbst Religion haben, ich sage Religion, das heißt nicht eine bestimmte, nicht diese oder jene Religion, sondern Sinn fürs Unendliche und das lebendige Gefühl, daß man nur Teil desselben, nur für dasselbe da ist. Jeder wäre Priester, jeder Glied der Gemeinde. Träte ich zum Beispiel auf und schilderte den katholischen Glauben, den ich für den besten halte, weil mir die, jeder Religion zum Grunde liegende Hauptidee eines Mittlers am herrlichsten darin ausgedrückt scheint, so träte vielleicht ein anderer nach mir auf, und belebte[176] den Bund durch die Aufstellung indischer Mythen, die in jedem Grundwesen Mann und Frau zugleich, und also die Idee der alles belebenden Liebe aufgestellt haben; ein Dritter bete meinetwegen mit den Parsen das Feuer an. Jede religiöse Ansicht würde toleriert. Träte aber jemand auf und sagte: es ist nichts mit dem ganzen Universum, ich bin nur für mich geschaffen, nur ein isoliertes Wesen, mein Wohlsein ist mein erstes und letztes Ziel; kurz, spräche er so, wie jetzt alle Völker, mehr oder minder verblümt, leugnete er alles Göttliche im Menschen, so könnte er alles Mögliche sein, nur nicht Mitglied unseres Bundes. ? Die Folge eines solchen religiösen Bundes ist nun doppelt; 1. Proselytenmacherei, weil man für das Heilige nicht interessieren kann, ohne Freunde zu werben, die sich mit uns dessen freuen, wie Liebe, Freude, Kunst, kurz jedes Edlere im Menschen Genossen sucht. 2. Intoleranz, ich sage Intoleranz, gegen alles Gemeine, Platte, Unheilige, nicht um dessen Anhänger mit Feuer und Schwert auszutilgen, sondern zu wirken, damit sie der Menschheit nicht schaden. ? Sprich nicht von Fanatismus, sondern frage dich selbst, ob du gegen einen impertinenten Bengel tolerant bist? Und was ist ein solcher gegen einen Schriftgelehrten, der das Volk irre führt! Was dem Ganzen schadet, das sind ein, zwei oder drei Kerls, die von allen für Koryphäen des Geschmacks gehalten werden, und doch vom Wesen der Kunst weniger verstehen als ein altes Weib; diese Orakel und Konsorten führen die Menschen irre, sie sind die Schriftgelehrten, gegen die unser Herr Jesus (und nicht gegen die Zöllner und Sünder) die Geißel führte, eine Szene, die dir[177] zeigen könnte, was der von den dummen Anti-Schlegelianern so dumm verachtete heilige Zorn ist.« Daß in diesem ob auch wohlgemeinten Hirngespinst eines Ordensgewebes die kathotischen Grundlagen in Betracht kamen, wird ebensowenig zu bezweifeln sein als die Tatsache, wie sehr man sich damals mit allerlei Ordensgeflecht beschäftigte, was uns sogar Goethe in seinem »Wilhelm Meister« umständlich genug bemerken läßt. Das Hinneigen zu dem, was im Mittelalter, im Jugendwalten des Romantischen, der dem Bilderdienst verknüpfte Allgemeinglaube war, ist überhaupt der »romantischen Schule«, der Werner sich anschloß, fast allgemein eigentümlich, und sein Eingehen zum Katholischen wird aus den mir vorliegenden Briefen noch erkennbarer durch spätere Äußerungen, als er bereits in seine Dichtung: »Die Weihe der Kraft« sich vertiefte. Am 22. Februar 1806 berichtet er an Peguilhen aus Berlin: »Nächstdem melde ich Dir, daß ich ein Schauspiel für die hiesige Bühne schreibe, das bald fertig ist, und will's Gott noch diesen Sommer gespielt werden wird. Sein Gegenstand ist Dr. Martin Luther! ? Das war noch ein Mann, ein ganzer Mann! Sieh, der kämpfte auch für die Freiheit, aber er war selber frei. Glaube übrigens nicht, daß ich darum weniger katholisch bin als sonst. Luther soll übrigens für die Quartaner das sein, was die ?Talessöhne? für die Tertianer in der Religion waren, und das, Kreuz an der Ostsee' für die Sekundaner ist. Für die Primaner kann ich nicht schreiben, denn die lesen keine Komödien mehr.« ? »Die Weihe der Kraft« mit dem Wernerschen Luther kam nun auch schon am 11. Juni 1806 auf[178] die Bühne, und erste Veranlassung zu diesem Glaubensdrama hatte bei seiner Anwesenheit in Berlin ? Schiller gegeben. Er fragte Iffland: »Haben Sie nichts zu lesen für mich, etwas neues im Manuskript vielleicht?« ? Kurz zuvor hatte Werner »Die Söhne des Tales« als »Ordensgemälde in fünf Akten« eingeschickt, und bei Iffland lag dies Werk; jetzt griff er danach, und Schiller empfing es. Am nächsten Morgen ward dieser von Iffland besucht, der den damals schon bedenklich kränkelnden Dichter fragte: »Wie haben Sie geschlafen, und wie geht's Ihnen heut?« ? »Ganz gut«, antwortete Schiller; »geschlafen hab' ich aber gar nicht! Wegen Ihres Manuskripts bin ich die ganze Nacht wach geblieben. Von wem ist's?« ? »Von einem gewissen Werner«, entgegnete Iffland. ? »Von einem gewissen Werner?« sagte Schiller nicht ohne empfindliche Betonung, »das ist Ihr Mann, an den müssen Sie sich halten, wenn Sie etwas für die Bühne haben wollen. Ich mag nicht verbürgen, daß dies Stück bei der Darstellung Effekt machen wird; aber fordern Sie ihn auf, einen Glaubenshelden in einem andern Stücke zu schildern: Niemand kann es besser als er!« ? Iffland erzählte dies in einer Abendgesellschaft des derzeitigen Kabinetsrat Beyme; durch diesen ward Werners Wunsch, nach Berlin versetzt zu werden, betriebsam unterstützt, und im Oktober 1805 erfüllt. Ein Unrecht gegen Iffland wäre es aber, wollte man glauben, er habe sich nicht schon vor jenem Gespräch mit Schiller, der im Mai 1804 in Berlin war, um Werner bekümmert. Dieser meldet am 30. April 1804 seinem Freunde Peguilhen: » Huray hat an mich geschrieben des Inhalts: Iffland habe ihn[179] nach dem Verfasser der ?Talessöhne? gefragt und ihm den Auftrag gegeben, bei mir anzufragen: ob ich nicht übernehmen würde, für das Berliner Theater zu schreiben; Schiller erhielt für jedes Stück 100 Dukaten, in dem Verhältnis würde Iffland mich vielleicht auch stellen, dabei könnte ich dann ex post nach Jahr und Tag das Stück noch an Verleger verkaufen; ich dürfte nur durch einen Wink meine Meinung bekannt machen, und Iffland würde sich sodann gleich mit mir in Unterhandlungen einlassen.« Welche Forderungen Werner ? zu seinem Vermögen von 12000 Talern ? in bezug auf Orts- und Amtsveränderung beantragt, wird aus demselben Briefe ersichtlich: »Ich müßte bei der Berliner Theater-Direction mindestens einen Posten von 600 Thalern Fixum (ohngerechnet dessen, was ich mir etwa durch Schriftstellerei machte) haben; dieses Gehalt aber wird, glaube ich, nur dem Theater-Dichter Herklots zu Theil, der ? ? doch noch lebt und leben wird. Wäre ein anderer Posten von der Art, bei dem wenig oder nichts zu thun wäre, vacant, so wär's ein Anderes. Aber unter 600 Thaler Fixum kann ich in Berlin nicht füglich leben, auch ist Berlin ein im Grunde fataler Ort für Den, der dort nicht locker leben kann. Ja, wer unverheirathet ist, aber Du kennst meine Lage! Mein Rath ist also der: Du nähmst Gelegenheit, Ifflanden kennen zu lernen, und mit ihm von mir zu sprechen. Du detaillirtest ihm gütigst meine Lage und Wünsche, sähst was zu thun wäre, um mir 600 Thaler Fixum zu verschaffen durch einen faulen Posten, gleichviel ob er bei der Theater-Direction oder nicht, hoch oder niedrig betitelt wäre, wenn er mir nur ein nicht[180] precaires Fixum und sorgenfrei Leben verbürgt; denn habe ich das und Muße, so kann ich arbeiten für's Theater, selbst wenn ich Laternen-Inspector wäre.« ? Aus Warschau schrieb er am 11. Juni 1804: »Uebrigens freue ich mich wirklich ganz herzlich, wenn ich daran denke, nach Berlin zu kommen und mit Dir, rechtschaffenem Kerl, zu weinen und zu lachen, wie sich's trifft. Aber zwei Hauptbedingungen sind: 1) daß ich dabei nicht verhungere; 2) daß es ein Faullenzer-Posten ist, denn soll ich keine kommode Tage haben, so bleibe ich in Warschau, wo ich schon das Terrain kenne.« ? Am 4. September 1805 meldet er, noch von Warschau: »Was meine Versetzung nach Berlin betrifft, so ist solche so nah, daß ich tagtäglich der bestimmten Marschordre entgegensehe. Als was ich in Berlin angestellt werden soll, weiß ich selbst noch nicht, habe aber allen Grund zu vermuthen, daß man mich einstweilen zu einem Stück Geheimen Secretair mit circa 600 Thaler Diäten machen wird.« ? Nach Berlin hatte Werner seine dritte Frau mitgebracht, von zwei Frauen war er bereits geschieden, und wenn man sein Leben und Treiben beobachten, davon hören konnte, ließen sich diese Scheidungen ohne vieles Forschen begreifen. Über Liebe und Ehe herrschte in ihm die sinnlichste Leichtfertigkeit, die sich auch nicht den Schein des Sittlichen zu bewahren wußte. Darüber mögen wenige Andeutungen zugleich seine Aufrichtigkeit bezeugen. ? Im Jahre 1768 war ihm eingefallen, sich von Warschau nach Bialystock, wo sich damals Peguilhen befand, versetzen zu lassen. Ihm schrieb nun Werner unter anderem: »Wenn man nach Bialystock in Gesellschaft eines schönen Weibes käme, und sie[181] weder als Frau noch als Maitresse präsentieren wollte, wären Eure Zirkel wohl aufgeklärt genug, um dieses niedliche, sehr gut erzogene Weibchen ? eine halbe Deutsche und halbe Engländerin, keine Tyrannin, aber auch nicht wie meine vorige!!! ? um dieses Weibchen, sage ich, darin als Madame X oder Z zu produzieren, und mit ihr unverheiratet zusammenzuwohnen? Jedoch bitte ich im ganzen Ernst, über dieses Rätsel, was hier noch ganz ein Geheimnis ist, weder von diesem noch von jenem Aufklärung zu verlangen, da beides mich sehr kompromittieren würde«. ? Dies hatte er allerdings zu fürchten, denn Werner war derzeit verheiratet, bald danach geschieden, ein Jahr später (1799) wieder verheiratet, 1801 abermals geschieden, und im Juni 1802 berichtet er verspätet aus Warschau: »Ich bin mit meiner dritten Frau, einer hiesigen Schneiderstochter, Malgorszata Mankviatovska, seit dem September vorigen Jahres verheiratet. Meine Frau ist stockpolnisch, 19 Jahre alt, und macht mich unendlich glücklich.« ? Es dauerte jedoch nicht lange mit dem Unendlichen, auch diese Ehe wurde aufgelöst nach kaum vierjährigem Bestande, und dem nun sechsunddreißigjährigen Werner hatten bereits drei Frauen gern entsagt. Hinsichtlich der dritten schreibt er an den Freund: »Erlaß mir die traurigen Details; das aber kann ich dir schwören, daß die Scheidung von meinem innigst geliebten Weibe (das Scheidungserkenntnis ist schon heraus) vielleicht die einzige gute Handlung meines Lebens und das schwerste Opfer war, was ich je brachte.« ? Die »Details« wurden sehr offenkundig. Werner überließ sich während seines Aufenthalts in Berlin den sinnlichsten Genüssen, und dies zu dulden, verweigerte das Gefühl der schönen[182] dreiundzwanzigjährigen Frau, die ich gesehen, aber nicht näher gekannt habe. Urteilsfähige versicherten mir jedoch, daß sie sich durch Selbstbildung auszeichnete. Bei den Versuchen, Hilfe zu finden gegen das wüste Betragen ihres Mannes, das sein Äußeres merklich veränderte, nahm sich der Staatsrat Kunth ihrer an, und sie wurde dessen glückliche Gattin, wußte sich also in steigende Verhältnisse einzuleben, was jedenfalls zeugt für höhere Geistesfähigkeit, als man bei einer polnischen Schneiderstochter vermutet. Mit welchem Grunde Werner von einer »guten Handlung« und vom »Opfer« sprechen kann, das ist mir unenthüllt, schmerzlich war indes diese Scheidung dem zwar zügellos leichtfertigen, trotz seiner teilweise unsittlichen Schwächen aber oft von gemütlichen Stunden wunderlich überraschten Mann. Friederike Bethmann hat mir darüber einzelnes mitgeteilt, unter Verschiedenem erzählte sie mir in bezug auf jene Frau: Als Werner im Jahre 1808 von Berlin abzureisen gedachte, stürzte er eines Abends mit fliegendem Mantel zu uns ins Zimmer, dabei heftig ausrufend: »Sie liebt mich noch, sie liebt mich noch!« Erst nach Umschweifen ward es uns klar, daß Werner die Kunth meinte, nachdem er bei ihr den Abschiedsbesuch nicht unterlassen hatte, und auf meine Frage: woran er die noch dauernde Liebe erkannt habe, antwortete er in Verzückung: »Sie begleitete mich bis an die Treppe, und dort sagte sie: Werner, in Rücksicht auf unser sonstiges Verhältnis will ich dir noch einen freundschaftlichen Rat geben: wasch' dich, kämm' dich, denn du siehst aus wie ? ?!« Für die, nicht von der Bethmann, nur hier unterdrückte Vergleichung darf man den stärksten Ausdruck gebrauchen, und die geschiedene Frau nicht im Unrecht[183] finden; denn Werner vernachlässigte sich zuweilen so, daß ein ähnlicher Rat nützlich sein konnte. ? Wie nächstdem irgendein Gedanke seine Gereiztheit wendete oder steigerte, er dann fast unzurechnungsfähig wurde, davon erwähnte die Bethmann noch zwei Beispiele, die entschieden bezeichnend sind. ? Eines Tages wurde Werners Wunsch erfüllt, die Kunstkammer und Gemäldegalerie im Berliner Königlichen Schlosse zu besichtigen, nachdem der Kastellan, infolge seiner Vermittlung, die Vormittagsstunden, in denen es geschehen könne, bestimmte. Es hatten sich, der Verabredung gemäß, vor dem Schloßeingange bis zu zwanzig Personen zum Beschauen jener Kunstschätze vereint, Werner mitten unter ihnen. In der Gemäldegalerie verlor er alle Aufmerksamkeit für anderes, als er vor einem Heiligenbilde stand, und wenn man ihn rief oder herbeiholte, immer lief er wieder zu demselben Gemälde. Dies dauerte, bis man die Säle verließ, da rief plötzlich Werner auf der Schloßtreppe: »Mein Hut, mein Hut!« Man mußte umkehren, den Kastellan ersuchen, nochmals auszuschließen, und nun ging es an ein Suchen, wobei sich der dienstfertige Kastellan berührigst umtat. Endlich kam er wieder herbei und sagte verlegen: »Ich habe zwar dahinten einen Hut gefunden, kann aber nicht glauben, daß es der dieses Herrn sei.« ? »Es ist meiner!« rief lebhaft Werner, empfing einen sehr abgenutzten Kindeshut, und sprach nun erklärend: »Meine Mutter schenkte ihn mir an meinem sechsten Geburtstage und ich hab' ihn mir aufbewahrt; da nun heut auch ein Jahrestag meiner Geburt ist, sah ich ihn mir an und konnte mich nicht davon trennen.« ? Die Wirkung dieser Sonderbarkeit läßt sich denken, doch verleugnete sie auch nicht ihren[184] Teil ernsten Eindrucks. Alle verließen schweigend den Saal, und unterwegs erst befreite sich das Gespräch von der Befangenheit. Hat dies Ereignis einen Anflug vom Übersinnlichen, ein zweites gehört dem Gegensatz an. ? Da Werner gern süßen Wein, genannt Sekt, trank ? überhaupt zu den »Gourmands« gehörte ? gab ihm die Bethmann etliche Fläschchen, mit solchem Wein gefüllt, mit auf die Reise. Nach ein paar Tagen, als man kurz zuvor darüber gesprochen hatte, wo Werner sich jetzt befinde, trat er selbst rasch ein. »Aber, mein Gott, wo kommen Sie her? wir glaubten Sie vierzig Meilen von hier!« sagte die Bethmann, und er antwortete: »Ja, Verehrte, ich war auch schon eine Strecke fort, aber es trieb mich wieder zurück, um zu fragen: wo ist der vortreffliche Sekt zu haben?« ? Er hatte Postgeld verloren, um Sekt zu holen, kaufte dessen, und fuhr hierauf abermals von dannen. Einmal wurde ich auch Zeuge von Werners Hang zum Spukglauben. In einer Gesellschaft, die sich oft zusammenfand bei einer geistig angeregten und anregenden Familie, war Werner mitheimisch geworden. Man schätzte seine dichterischen Gaben, bescherzte aber sein Überspanntes und Aufschwärmen ins Haltlose zuweilen durch verabredete Neckereien. Dazu wurde nun besonders der von ihm unerschütterlich genährte Glaube an Wunder, Gespenster und Hexenumtriebe benutzt. Eines Abends hatten sich alle anderen verbündet zur Erzählung von Geister-und sonstigen Wahngeschichten, denen aber, wenn sie augenblicklichen Eindruck gemacht hatten, stets die natürliche Lösung folgen mußte. Werner hörte anfangs mit behaglichster Achtsamkeit zu, wurde aber allmählich[185] bei jeder handgreiflichen Aufklärung verstimmter, dann erhitzt; als nun aber der Bericht einer Hexensage durch ein höchst spaßiges Erläutern zunicht, und darüber sehr gelacht wurde, geriet Werner außer sich, schlug mit der Faust auf den Tisch, schrie dabei: »Hexen geben er's!« (örtlich beschränkter Ausdruck für »Hexen gibt es!«) verließ wütig das Zimmer, und es bedurfte mehrmaligen Zuredens, ehe er wieder in jenem Familienkreise erschien. Im Jahre 1814 oder 1815 war Werner für kurze Zeit nochmals in Berlin; seine Ankunft wurde vorher bekannt, und ich erhielt auf ihn eine Anweisung im Betrage von sechshundert Gulden. Er hatte sie von dem, meinen Geschäftsverhältnissen dankenswert zutulichen Buchhändler Cotta empfangen, als Vorschuß in bezug auf Reiseberichte für das »Morgenblatt«, die aber ausblieben, und ich sollte nun versuchen, jene Summe einzuziehen, was mißglückte. Um mir wenigstens ein Zeugnis zu verschaffen, daß ich die Angelegenheit betrieben habe, ging ich selbst zu Werner. Nachdem er »alle Forderung schwer überstandener Tage« von sich abwies, kamen wir im Gespräch mit dem Erinnern doch zu sonstigem Bestreben, wobei Werner, wie er auch öffentlich getan hat, seine Dichtungen samt aller früheren Lebensbewegung verurteilte. ? »Vielfach hab' ich damals gesündigt«, sagte er; »wenn Poesie und Kunst nicht in Demut und Anbetung dem Höchsten dienen, Dichter und Künstler nicht mit Geist und Herz Priester des Allerheiligsten sind, werden sie den verderblichsten Abwegen nicht entgehen; ich finde dann im Kindesglauben die bessere, die reinere Erhebung, und das armseligste Kruzifix erfüllt mich mit tieferer Andacht, als das gepriesenste weltliche Kunstwerk. Bin ich aber etwa deshalb,[186] weil ich den Priesterrock anzog, ein poetisch abtrünniger, der das Flügelkleid der Poesie verdammt? Nein! in meinem Bewußtwerden vereint sich nichts inniger, als der Begriff von Priester und Dichter. Der Talar des Priesters ward mir geschenkt, über mein Verdienst geschenkt; aber sei er das Gewand der Unterwürfigkeit, der Feier des Heiligen und Ewigen, jenes schöne Flügelkleid ward mir angeboren, es ist anvertrautes, unerschöpfliches Vermächtnis von oben. Nicht nur bis zum irdischen Ende werd' ich es pflegend behüten, sondern, wie ich von Gottes Gnade hoffe, auch am verklärten Leibe nicht verloren haben.« ? Umständlicher sprach er dann über seine früheren »Prunk- und Irrzustände«, in deren Schilderung Entzücken und Bereuen nicht selten die schwungvolle Begeisterung mit niederem Ausdruck vermischten. Dies habe ich auch wahrgenommen in einer von mir gehörten Predigt, bei der Werner zuweilen an Abraham a Santa Clara denken lies, indem er mitten aus dem übersinnlichen Emporschweben in die gewöhnlichste Wirklichkeit herabstürzte: ein Gegensatz, der für einen Mehrteil des Volkes niemals ohne Mächtigkeit ist. Als er sich über die Theater äußerte, geriet er gegen die »Götzerei und Versumpfung des Erhabenen« in Flammeneifer, wo dann zur Verdammnis die derbsten Beiwörter auch nicht mangelten. Der letzte Eindruck, der mir von seinem Wesen blieb, war jedenfalls der ihm günstigste; denn aus dem Ungleichen der augenblicklichen Stimmungen entwickelte sich mir deutlicher das Gleichgewicht der Über- und Abgespanntheit. Die Veränderungen an seinem Äußeren waren übrigens bedauernswert auffällig; seine Gestalt von[187] Mittelgröße schien gegen sonst durch Abmagerung verlängert, das Gesicht mit dem unter starken Brauen düster blickenden Augen war faltiger, das dunkle Haar mehr mit Grau gemischt. Die Sprache aber hatte an Kraft und Volltönigkeit nichts verloren, und die Wandelbarkeit der Mienen war eben so lebhaft im Anreizenden, wie im Abschreckenden, je nachdem er in der Rede das ihm Alerte oder Widrige berührte. Unvergeßlich ist er mir in dem Augenblick, als wir uns trennten. Wir hatten eben noch über Kunst- und Literaturzwecke gesprochen, da ergriff er meine Hand und sagte mit Würde: »Lassen wir die Moder des Staubes sich im Kreislauf abmüden, und wünschen wir jedem, daß ihm aus den unvermeidlichen Schmerzen des Irrtums die Kraft erwachse, vom Weltlichen alles hinzugeben, um durch Glauben und Ahnung das Reich der Unschuld zurückzuempfangen, wie es einst die Menschheit mit dem Paradiese verlor. Auf diesen Segen hoffe ich, und dieser Segen sei mit Ihnen!« ? Da stand er innerst angeregt vor mir als Geweihter, der beseligt aufblickte zum Gebiet der Verheißung, und ich leugne nicht, daß der Mann, den ich vordem wegen seiner schwankenden Wunderlichkeit belächeln mußte, mich erschüttert hatte, wonach mir die gerühmte Wirkung seiner Predigten sehr einleuchtend, der Werner von ehemals und jetzt zu einem seltsamen Doppelwesen, daneben doch wieder zu einer denkbar möglichen Einheit wurde. ? Fühlte er sich durch seine priesterliche Tätigkeit beseligt, so ist dies mit keinem Wort zu verletzen; ein nicht gering zu schätzendes Andenken wird ihm aber ? auch bei verschiedenem Urteil ? doch nur bewahrt durch seine Dichterwerke, die er verdammte.[188] Schon ein paarmal bin ich in Nachbetrachtung meines Lebensganges an Christian von Mecheln mehr vorübergegangen, als daß ich mir den in seinem Behaben mitunter seltsamen alten Schweizer festgehalten hätte. Wo ich ihn erwähnte, geschah es mit der ihm schuldigen Dankbarkeit für die mir von ihm eben so wohlwollend als klug bewiesene Teilnahme bei dem Gefährlichen während der französischen Gewaltherrschaft; doch mag es hinsichtlich seiner Eigentümlichkeit, die teils rührend, teils belustigend ansprach, geziemend sein, ihn deutlicher hervortreten zu lassen, weil auch er beiläufig mit seinem Benehmen das Zeitwesen bezeichnet. ? Daß Mecheln ein beachteter Mann war, bezeugen die ihm bei seiner Anwesenheit in Weimar von Schiller am 16. März 1805 gewidmeten Zeilen: »Unerschöpflich an Reiz, an immer erneuter Schönheit Ist die Natur; die Kunst ist unerschöpflich wie sie. Heil Dir, würdiger Greis! Für Beide bewahr'st Du im Herzen Warmes Gefühl, und so ist ewige Jugend Dein Los.« Hierzu gab der Probst Hanstein in Berlin an Mechelns achtzigstem Geburtstage ? am 4. April 1816 ? folgende Nachschrift: »Im prophetischen Geist hast Du gesungen, o Schiller! Jugendlich wirket noch heut Mecheln, Dein würdiger Greis; Denn noch glüht Ihm warmes Gefühl im Herzen für Beide: In dem Tempel Natur opfert er feiernd der Kunst.« Diese doppelte Anerkennung sei vorausgeschickt, um den Wert Mechelns zu bekräftigen, was nicht hindern kann, daß, der verdienten Achtung ohne Abzug, auch sein sehr geübt eingreifendes Umsichtun anschaulich werde. Er war aus seiner Heimat Basel geflüchtet, nachdem er im Kunsthandel, hauptsächlich bei Herausgabe einer[189] Generallandkarte der Schweiz, in Schulden geriet, die er weder decken noch Hilfe finden konnte. Nach der Meinung seiner Anverwandten hätte man ihn aus Staatsmitteln unterstützen sollen, weil es damals die beste Generallandkarte der Schweiz war, die für Mecheln zum Unheil, der Gesamtheit aber nützlich wurde. Zahlungsunfähige bei Handelsgeschäften bedrohte die Schweiz im vorigen Jahrhundert noch mit strengen Gesetzen, und der einzige Ausweg war, eine andere Heimat zu suchen. Mecheln wandte sich im Jahre 1803 nach Berlin, wußte mit der unbefangensten Dreistigkeit in dem engsten Kreise des Königs Friedrich Wilhelm III. vertraut zu werden, empfing jetzt aus Gutwillen, dann durch Überredung mancherlei Aufträge, bei deren Ausführung er auch meiner gedachte, indem er schon 1805, bald nach meiner dauernden Ansässigkeit in Berlin, mich umfänglich bei seinen Unternehmungen in Anspruch nahm. Er zeigte bis in das Geringste hinein Sparsamkeit, man darf sagen Geiz, schickte aber alles Erworbene nach der Schweiz; denn seines Lebens Ziel war nur noch, die Schulden dort zahlen zu lassen, um im Vaterlande sein Grab finden zu können, was zum erschütternd Gemütlichen wurde an seinem Geiz. Er kleidete sich so erkennbar ärmlich, um verleitet zu werden, daß man ihm ein Almosen geben dürfe, und ich sah ihn von 1805 bis 1817, seinem Sterbejahr, stets in demselben Anzuge, der zahlreiche Spuren des Ausbesserns zur Schau trug. Bis zum Eindringen der Franzosen hatte er eine geräumige Mietswohnung, die ihm nötig war für eine Mischmenge von Kunstgegenständen; als er aber nun von der Stadtbehörde zur Aufnahme fremder ungebetener Gäste gezwungen werden sollte, half er sich mit[190] treuherziger Keckheit. Er ging zur Witwe des Prinzen Heinrich, Prinzeß Wilhelmine von Hessen, die, was ich schon erwähnte, in dem großen Palais viele unbewohnte Zimmer hatte; sie erlaubte auf Mechelns unwiderstehliches Ersuchen ihm den Einzug, und er nahm eine Reihe von Gemächern in Besitz. Seine schmiegsame Gewandtheit, sich als Gast einzufügen ? was er gewöhnlich ausglich mit Schenkung eines Kupferstichs, dessen Abdruck in einer Stufenfolge von Köpfen aus einem Frosch den Apollokopf werden ließ ? bewährte er hier ebenfalls, indem er bei der Prinzessin die Beköstigung ermittelte für sich und eine ihn bedienende damals vierzehnjährige Karoline, von Mecheln »der Wolf« genannt, weil sie nach seiner Meinung nicht zu sättigen war. ? Der Winter nötigte eben auch zur Gegenwehr; als nun die Palaisdiener in ihren Reffs Holz hier- und dorthin trugen, zu Mecheln nicht, beklagte er sich bei der Prinzessin, die dann richtig befahl, auch ihm solle Holz zugetragen werden. In dieser Palaiswohnung war er einmal bedenklich krank, die Prinzessin sandte ihren Arzt, und als ich den alten Herrn besuchte, murrte er langweiligst darüber, daß er nicht aus der königlichen Hofapotheke freie Medizin erhalte, obgleich es leicht begreiflich war, daß bei einstweiliger Abwesenheit des Hoflagers der Apotheker sie hätte auf eigene Kosten geben müssen. Vom Bett aus ordnete er während meines Besuchs an, daß »der Wolff« aus einem verschlossenen Schrank etwas herausholen sollte. Das Schlüsselbund hatte er unter dem Kopfkissen, und sichtlich gab er es mit Ängstlichkeit her; dann drehte er sich mühsam nach allen Seiten, um das Mädchen mit Blicken zu verfolgen; nächstdem beschrieb[191] er umständlich die Stelle, wo sie, und nirgends anders, hingreifen solle: man fühlte den Argwohn heraus, es könne ihm etwas entkommen, und seine Anstrengung war bedauerns-und belachenswert zugleich. All diese Sorge für irdisch Gut hegte er nur zu dem angedeuteten Zweck, um in der schweizerischen Heimat schulden- und schuldfrei sein Grab zu finden; er hat es nicht erreicht. ? Die Prinzessin Wilhelmine starb im Jahr 1808, nach der Wiederkehr des Königspaares wurde das Palais des Prinzen Heinrich zum Universitätsgebäude bestimmt: Mecheln mußte ausziehen. In seiner neuen Wohnung, nahe an der Werderschen Kirche, durchlebte er noch Jahre, starb als Einundachtziger, und da die benannte Kirche einen Begräbnishof hatte, wurde er in seinem Sarge, wie er gewünscht hatte, dort eingesenkt, wo ihm auch noch keine Ruhestätte gegönnt war. Der Kirche Neubau veranlaßte die Beseitigung des Begräbnisplatzes, und die zuletzt dort beerdigten Särge wurden nach einem Orte außerhalb der Stadt gebracht. ? Dies Schicksal Mechelns hat mich zumeist geschmerzt, und meine dienstwillige Zuneigung für ihn blieb dauernd; denn bei aller Sonderbarkeit im Leben und Betrieb seiner Erwerbschaft war er ein redlicher, gutmütiger, hilfsbereiter Mann und Freund, was er mir in der Not unvergeßlich bekräftigt hat. In der Erinnerung mich umschauend, naht sich ein anderer Zeitgenosse, E.T.A. Hoffmann. Mit diesem Schriftsteller, dessen Talent ich stets anerkannt habe, ohne daß ich mich an den Spukgebilden seines berauschten Verstandes ungetrübt zu erfreuen vermochte, bin ich zwar in Begegnung und Umgang, dabei aber niemals in Behaglichkeit gekommen. Es stand fast seit dem[192] ersten Zusammentreffen mit ihm eine Begebenheit zwischen uns, die meinerseits eine Scheu erklärlich macht, und für Hoffmann-Callot, wie man ihn oft nannte, Stoff einer Schauergeschichte in seiner Manier hätte sein können. Im Jahre 1806, als die Franzosen das ehemalige Südpreußen in Besitz nahmen, verlor Hoffmann sein Amt bei der Justizverwaltung in Warschau, und ich sah ihn in Berlin zuweilen bei Abendgesellschaften. Bis dahin wußte ich nichts von ihm, und habe zu gestehen, daß ich mir ihm gegenüber die oft gehörte Lehre: nach Gesichtszügen lasse sich nur unsicher urteilen, wiederholen mußte, ohne rechten Erfolg zu spüren. Sein Anblick hatte für mich immer etwas Unheimliches, und nicht für mich allein; sein Gespräch war jedoch meist so sprudelnd geistreich, daß man davon hingerissen wurde, selbst wenn ein Grad vom Schroffen bis zur Giftigkeit bei seinen Äußerungen selten ausblieb. In einem der geselligen Kreise machte Hoffmann die Bekanntschaft einer jungen, sehr schönen kinderlosen Gattin eines preußischen Beamten, der, bevor die Franzosen nach der Schlacht bei Jena Berlin erreichten, mit dem Kriegskollegium dem Königszuge nach Ostpreußen gefolgt war. Sie lebte in unglücklicher Ehe, und ihr Mann trug im Antlitz Zeichen einer Krankheit, die jeden Widerwillen begreiflich macht. Ihre Bildung war vernachlässigt, und wahrscheinlich hatte sie ihre frühere Jugend in ärmlichen Verhältnissen verlebt; etwas Bestimmtes habe ich darüber nicht erfahren, auch nie danach gefragt. Natürlicher Verstand bis zu Geist und Witz fehlte ihr jedoch nicht, was vielen um so annehmlicher sein mochte, weil sich alles im Anspruchlosen hielt, sie sich ihres beschränkten Wissens bewußt, dabei zugleich[193] lernbegierig war, immer herzlich mitlachte, wenn sie ihre Unkenntnis in drolligen Bemerkungen verraten hatte, dann aber jedesmal um Belehrung bat. Diese Frau, welche ich bis dahin nur in einem ihr Tag für Tag zugänglichen Familienkreise gesehen hatte, begann plötzlich, ihre wenigen Bekannten, Frauen und Männer, zu Abend einzuladen, und in einfachster Weise zu bewirten. Ich selbst folgte nur das erste Mal der Einladung, und fand Hoffmann dort, der sich, wie es mir schien, in der engen Wohnung sehr heimisch benahm, übrigens mit stachelndem Reiz, ich möchte sagen in tollster Laune die Anwesenden, eine geringe Zahl, lebhaft unterhielt, auch die Musik zu Hilfe nahm. Etwa ein paar Monate nachher verließ er Berlin, und wurde Musikdirektor in Bamberg. Schon vor seiner Abreise vernahm ich in der Familie, wo jene Frau sich eine Freundin und oft gastliche Aufnahme fand, sie werde sich scheiden lassen, und mit Hoffmann, sobald dessen Verhältnisse geordnet wären, sich verheiraten. Nicht genau unterrichtet über diese Verhältnisse, wohl aber über die unglückliche Ehe der Frau, hatte jene Mitteilung für mich nichts Unglaubliches. Ein später auftauchendes Gerücht: Hoffmann sei schon verheiratet, konnte entweder Unwahrheit, oder eine Scheidung hier ebenfalls beabsichtigt sein, und nächstdem war mir diese Angelegenheit nicht sogleich genau bekannt. In erwähnter Familie wurde sie jedoch bald der Grund zu mehrfacher Verstörung. ? Jene Frau war eine Verführte, eine Getäuschte; ehe ihr dies ganz deutlich wurde, vertraute sie sich der Freundin, die das Möglichste tat, durch Geheimhaltung sie vor Schmach zu schützen, was indes nicht völlig gelang, weil doch [194] eine verräterische Zunge den sorgsam gehüteten Schleier zerriß. Sei er hier möglichst geschont; es ist für das Folgende genug, zu sagen: die Frau gebar einen Knaben, der durch Vermittlung jener Freundin ? der Hausfrau im bezüglichen Familienkreise, die ihren Gatten zum Mitwisser des Unheils gemacht hatte ? fremder Pflege übergeben wurde. Die in Todesängsten schwebende Mutter hoffte noch immer, sie war und blieb aber verlassen. Im Jahre 1809 kam ihr Mann nach Berlin zurück und kannte bald durch die verräterische Zunge, einer alten Jungfrau angehörend, das Vorgefallene, was ihm bestätigt wurde, als seine Frau erklärte: sie könne und wolle ferner nicht mit ihm leben. In welcher Art der Mann sich benahm, darüber erhielt ich keinen zuverlässigen Bericht; es soll leider sein Zorn ihn zu den ärgsten Mißhandlungen, die Frau zur Verzweiflung getrieben haben. Eines Abends hatte sie sich erhängt; dies wurde indes frühzeitig genug entdeckt, so daß die Wiederbelebungsversuche Erfolg hatten. Die Unglückliche erwachte wieder zu einem traurigen Dasein! ? sie war wahnsinnig, mußte in das Irrenhaus der Charite; von dort entließ man sie nach zwei Jahren als genesen, doch zerstört an Geist und Körper. Um den Knaben bekümmerte sich kein Anverwandter, er blieb dem Mitleid jener Familie empfohlen, und da deren Umstände nicht erlaubten, ganz allein für ihn zu sorgen, vereinten sich mehrere zu diesem Zweck, nachdem vergebens versucht worden war, von Hoffmann Bestimmungen und Unterstützung zu erwirken. So wurde auch ich ein wenig beteiligt, und man entschloß sich, dem Knaben einen Pflegevater zu geben in der Person eines[195] Küsters in Bernau, drei Meilen von Berlin. ? Nun aber stellte sich ein seltsames Zeichen dar von der Kraft des Blutes, so daß die Worte des Goethe schen »Mephistopheles«: »Blut ist ein gar besondrer Saft«, sich bewährten. Ohne Unterricht empfangen zu haben in der Musik ? bekanntlich von Hoffmann leidenschaftlich geliebt ? hatte diese eine unwiderstehliche Gewalt über den Knaben. Er folgte, als er höchstens sieben oder acht Jahre alt geworden, herumziehenden Musikanten meilenweit und tagelang, so daß der Pflegevater oft nicht wußte, wo der Davongelaufene sich herumtrieb, und dann nach Berlin kam, ihn hier zu suchen. Selten war er zu finden, kehrte aber gewöhnlich am andern Tage, zuweilen aber erst nach zwei oder drei Tagen aus eigenem Antriebe in das Haus des Pflegevaters zurück, ohne daß ihn die jedesmalige Bestrafung hinderte, bald darauf wieder davonzulaufen. Zuletzt wußte man aber wenigstens, wo man seiner habhaft werden konnte: er lief immer nach Berlin. Dort spähte er bei dem Opernhause, bis er irgendeine Tür oder ein Fenster offen fand und ungesehen hineinschlüpfen konnte. Dann versteckte er sich innerhalb und nahm abends die Gelegenheit in acht, mit dem er sten Andrange der Hereineilenden ein Plätzchen zu gewinnen, wo er Zuhörer wurde und dabei alles andere vergaß. Wovon er während solcher Ausflüchte lebte, wo er in der Nacht seine Schlafstätte hatte, das blieb meist unerklärt; denn nur wenn ihm alles fehlschlug, wandte er sich ? was aber höchst vereinzelt geschah ? mit dem reuigsten Geständnis an einen Bekannten, ihn um Hilfe bittend. So trieb er es bis zum elften Jahr; jeder Versuch, ihn festzuhalten bei dem Schulunterricht und im Hause des Pflegevaters,[196] scheiterte, wenn er wußte, daß in Berlin eine neue Musikaufführung angekündigt war. Das wußte er aber jedesmal, denn alle Gelegenheiten, sich die Zeitung zu verschaffen, hatte er auskundschaftet. Eines Wintertages nun, als der Knabe die Nacht zuvor stöhnend und fast erfroren im Säulengange an der katholischen Kirche gefunden, in die nächste Wache gebracht, dann zufolge seines Verhörs am Morgen zu der ihm bekannten Familie geführt worden war, kam man im Beraten zu der Entscheidung, ihn für die Musik ausbilden zu lassen, und bald hatte er in Bernau einen Lehrer, bei dem er täglich am Klavier Unterricht erhielt. Seine Ausflüge nach Berlin unterblieben aber doch nicht, wie es denn durchaus der Zeit und Hoffnung überlassen werden mußte, ob es möglich sei, ihn für den ruhigen Betrieb des Lernens und der Ausdauer dabei zu zügeln. Bis zum dreizehnten Jahr hatte sich in seinem Tun und Treiben eigentlich noch nichts gebessert; ? da griff auch hier das Schicksal ein: der Knabe ertrank bei dem Baden in einem See der Umgegend Bernaus. Gewiß bieten diese Ereignisse in ihrem Zusammenhange Stoff zu einer Schauergeschichte in Hoffmann-Callotscher Manier! Leicht begreiflich wird es sein, daß ich als Mitwisser dieser düsterhaften Begebenheit nicht geneigt sein konnte zur Geselligkeit mit Hoffmann; ich vermied ihn, indes war es nicht zu verhindern, daß wir ein paarmal noch persönlich zusammentrafen, zuletzt im Jahr 1818, hier bei einem Anlaß, wo er mir in eigensüchtig schlimmer Absicht entgegentrat. Er war unzweifelhaft ein Genie, das bei besserer Selbstleitung höheren Wert erlangt hätte; denn es darf wohl gesagt werden, dies Genie[197] litt durch seine eigenen Verzerrungen und Krampfverzückungen, die sich sogar in Hoffmanns Antlitz tummelten: aus seinen unaufhaltsam unruhig beweglichen Gesichtszügen ließen sich Muster zu Spott- und Hohnlarven entnehmen. Ein wollüstiger Schmerz, ein Herauswenden der grauenhaftesten Seite des Menschen, ein Schwelgen an einer Gespenstertafel geht ? wenn auch nicht völlig ohne Ausnahme ? durch das, was er gefühlt und geschrieben. Dem Leser ist's als ob er abendlich an einer Reihe von Wachsgestalten vorüberwandelt, und ich will es nicht verhehlen, daß es mir niemals möglich war, eines dieser Schattenbildswerke vom Anfang bis zum Ende zu lesen. Ehe ich in meinen Erlebnissen weiter noch abweiche von der Zeitfolge, fordern in meinen Angelegenheiten Erinnerungen an Iffland Raum. Die Scheu vor dem Publikum ist auffallend bei einem Mann, berühmt als darstellender Künstler, dem man sogar auch noch heut und weiterhin sein anderes Verdienst als Bühnendichter nicht ableugnen kann, obschon das um sich greifende Parteitreiben der jüngsten Weisheiten ihn verurteilte aus denselben für Grundsätze gehaltenen Einbildungen und Ansichten, die nicht nur das Theaterwesen, sondern auch die Volkszustände überhaupt verschlimmerten, verwilderten, und sie vom Deutschtümlichen in allerlei Zerfahrenheit trieben. Jene Scheu ist um so auffallender, wenn man bedenkt, daß Iffland selbst von denen, die seine Schauspiele mißachten, noch immer für Theaterverwaltung als Muster anerkannt wird, keineswegs mit Unrecht, wenn wir auch diese oder jene, an solcher Stelle unvermeidlichen Irrtümer zugeben müßten.[198] Ich traf Iffland in einer Gesellschaft, und da er sich auch im Gespräch mißmutig zeigte über seine Stellung, verhehlte ich ihm nicht, ich sei überhaupt der Meinung, es wandle selten jemand, der mit dem Theater in Berührung komme, auf den angenehmsten Wegen. Er lachte, als ich ihm erzählte, daß ich schon vom fünfzehnten Jahr an wiederholt ausgesprochen habe: auch wenn sich Befähigung dazu bei mir einfände, das Amt eines Theater- oder Polizeidirektors würde ich niemals übernehmen; eine Selbstbescheidung, die sich in mir sehr befestigte. Dennoch war ich durch Gefühlseinfluß nach vielem Zureden schon einmal bereit, einen Vertrag zu unterzeichnen, der mich zum Mitdirektor des Königsstädtischen Theaters gemacht hätte, wenn nicht vor dem verhängnisvollen Federzug ein glücklicher und begründeter Umstand mich bestimmen mußte, die Unterschrift zu verweigern. An jenem Abend, da mir Iffland unter zahlreicher Gesellschaft begegnete, wurde ein von mir geschriebener Gelegenheitsscherz aufgeführt; er gefiel ihm, und im Ausdruck dessen empfahl er mir: ich möge auch der öffentlichen Bühne mich zuwenden, für die ich aus Gefälligkeit schon einzelnes in sogenannte »Schubladenstücke« besorgt hatte. Ich erwiderte, daß ich in Mußestunden neben den künstlerischen Arbeiten und dem fortgesetzten Lernbetrieb mit Dichtung für die Bühne mich schon beschäftigte, und dabei Übung in den verschiedenen Versarten beabsichtigt habe.. ? Er ließ ermunternde Worte nicht fehlen, um zu veranlassen, daß ich ihm meine Anfangsversuche einsenden möge. Das fünfaktige Trauerspiel: »Ein Tag des Schicksals« hatte ich vor meinem vierundzwanzigsten Jahr zu Ende gebracht, und[199] es trägt, wie ich längst weiß, alle Spuren jugendlicher Schwärmerei, gepaart mit sehr mangelhafter, überhaupt nicht leicht zu gewinnender Erfahrenheit in der Scheinwelt zwischen den Bühnenwänden. Ich zagte und zögerte, ehe ich hinsichtlich des Einreichens zur Darstellung mich entschließen konnte, fand es endlich ratsam, mit kleinen Gaben zu beginnen, und Iffland erhielt von mir im März 1813 handschriftlich: »Die selige Frau«, dann »Lieb' und Friede«. Das eine wie das andere Stück ist einaktig, jenes Lustspiel oder eigentlich jener Schwank in Alexandrinern, dieses Schauspiel in Jamben und Trochäen, da es sich zu spanischem Boden hinwendet. Beide nahm Iffland mit freundlichem Urteil zur Aufführung für den Herbst des benannten Jahres an, was mich ermutigte, ihm auch das Trauerspiel zu senden. Schon damals war er sehr krank, doch glaubten die Ärzte an baldige Wiederherstellung, und da sie ihn nach dem Bade Reinerz geschickt hatten, wurde die Handschrift meines Jugendwerks dorthin befördert. In meinem Briefe dazu verhehlte ich nicht, daß die mir schon frühzeitig auferlegte Pflicht, für meinen vom Erblinden bedrohten Vater Ernährer der Familie zu werden, mich verhindern müsse, ohngeachtet meiner Neigung und des inneren Triebes an dramatische Arbeiten zu denken, wenn ich dabei nicht Aussicht hätte zu einer Mithilfe für meine oft bedrängten Verhältnisse. Die empfangene Antwort ist ein achtungswerter Beweis, mit wie wohlwollend bemühter Teilnahme Iffland den Anfänger leitete; sie ist zugleich eine Hindeutung auf derzeitige Theaterzustände in Berlin, und ich schließe sein Schreiben hier an:[200] »Wohlgeborner Herr, Hochgeehrter Herr Professor! Eine Tragödie muß hintereinander weg, ohne alle Unterbrechung gelesen werden, wenn man nicht dem Verfasser, der auf die steigende Wirkung zu rechnen hat, ein Unrecht thun will, das nicht auszugleichen ist. Ihr Trauerspiel, welches Sie mir anzuvertrauen die Geneigtheit gehabt, ist den 18ten Junius hier angekommen, und ich war nicht früher als gestern im Stande, eine so anhaltende Lectüre zu machen. Völlig aufgerieben kam ich hier an und meine Besserung des Befindens geht langsam, doch ist sie, wie man es glaubt, gründlich. Ich habe nicht weniger von Ihnen erwartet, als Sie mir gesendet, und habe mit vielem Genuß gelesen, wofür ich Ihnen herzlich danke. Sie sind ungemein sorgfältig in Anlegung und Haltung der Charaktere gewesen. Ein Verdienst, das mir sehr achtbar ist, wie gleichgültig man auch jetzt darüber weg geht. Der Geschichtsinhalt ist mannigfach und reich. Ich will nicht hoffen, daß die Schwierigkeit, welche Manche haben, aus der erhöhten Verssprache den verwickelten Inhalt zu fassen, der Sache nachtheilig werden könnte. Auf Eins muß ich Sie aufmerksam machen, nämlich, das Stück ist für die Aufführung durchaus um Vieles zu lang. Ich habe still und nicht unterbrochen Drei und 3/4tel Stunden gelesen. Die Erfahrung bestätigt, daß eine Tragödie, welche so viel Zeit zum Still-Lesen fordert, wegen des langsamen Gehens, Kommens, der gehaltenen Reden, der Märsche, Musikstücke, der ? sey es verkürzten Zwischenacte, für die Aufführung Vier und 3/4tel Stunden wegnimmt. Wenn Sie erwägen,[201] daß außer der Rolle des Alwin fast alle Rollen entweder Reflexion, oder doch mehr ein tiefes als schnelles Gefühl äußern ? so wird Ihnen die angegebene Zeit, welche also von 6 bis 3/4 auf Elf Uhr ausmacht, nicht übertrieben angesetzt scheinen. Es würde daher überall weggenommen werden müssen, wo es Ihnen thunlich ist. Nur der Autor, der den Plan, die Geschichte, Charaktere, Augenblicke, die Ihm besonders geltend sind, stets im Blicke hat, vermag dies auszuführen. Was über ein 4tel auf 10 hinausdauert, spannt die Empfänglichkeit der Zuschauer ab, und die würdigsten Werke haben dann mit der Uebersättigung und dem Humor der Einzelnen zu kämpfen. Es würde fast so viel hinweggenommen werden müssen als der fünfte Act Blätter enthält. Fast. Ich weiß, daß man nie einem Verfasser angenehm erscheint, dem man das sagt. Allein ich muß entweder Ihnen eine falsche Höflichkeit, oder die Wahrheit sagen, wie mir die Ueberzeugung sie eingiebt. ? Fern sey es von mir, Ihnen meine Ansicht aufdringen zu wollen. Sie sind Herr des Stückes, und sollen auch Ihre Ueberzeugung nicht der meinigen opfern. Die Scene zwischen Adalbert und Pfullendorf entwickelt Charakter ? hält aber auf. Die Stelle des Pfullendorf: ?Ich scheine hier nicht an dem rechten Orte? kann Lachen erregen. Sie ist kritisch. Vom ersten, lange vorbereiteten Zusammentreffen des Alwin mit Landenberg erwartet man mehr Erfolg. Ueberhaupt, da Alle so viel von Landenberg zu tragen haben ? scheint es mir ? als fühle man lange, ehe Alwin die Stelle ausspricht, die Sache auf eine nicht befriedigende Weise ?:[202] Amazon.de Widgets ?Gebettelt bei der Bosheit hat das Recht, Nicht um Gerechtigkeit, nein, nur um Gnade, Die Tücke siegt ? doch ruht der Donnerstrahl!? Der Frühherbst ist die glücklichste Zeit für die Darstellung, und wie gern ich eine oder die andere Rolle spielen würde, kann ich doch jetzt nicht vorher sagen, was um jene Zeit meine Kräfte für Neuheit, vereint mit Proben, Vorstellung und Wiederholung, werden ausdenken können und dürfen. Ich bin daher genöthigt, Sie zu erinnern, auf mich als Schauspieler nicht Rücksicht zu nehmen. Die übrige Besetzung wollen Sie mir vorher mittheilen. Ihre Gegenwart bei den Proben hat keinen Anstand. Ich würde es Ihnen verargen, wenn Sie nicht über das Honorar sich erklärt hätten, selbst wenn Sie nicht den edlen Grund, vereint mit dem Verdienst der Sache hätten, den Sie mir vertrauen, und den ich zu achten weiß. Umstände und Anmahnungen haben die Direction genöthigt, alle Honorare herabzusetzen; ich kann also für jetzt auf fünfzehn Friedrichsd'or eingehen, und es wird von dem Glücke, was die Tragödie macht, abhängen, ob alsdann noch fünf Friedrichsd'or nachgezahlt werden können. Es wird Ihnen nicht unbekannt seyn, daß die Umstände die Theaterkasse dahin gedrängt haben, die Gehaltszahlungen jeden Monat nur halb unternehmen zu wollen. Bei Erfolg wird alsdann der Rest nachbezahlt. So, das heißt auf partielle Zahlungen nach den jedesmaligen Umständen, sind wir mit allen Zahlungen, also auch mit dieser, angewiesen. Sie werden gestatten, daß um die Zeit der Aufführung der[203] Herr Rendant Jacobi Ihnen alsdann die Vorschläge deshalb mache, welche die Kräfte in Ansehung der Termine, vereinbar mit der Verantwortlichkeit gegen die besoldeten Mitglieder und das Verdienst des Dichters, nur irgend gestatten. Wollen Sie indeß die Geneigtheit haben, wegen des Honorars für das kleine Lustspiel in 1 Akt dem Herrn Sekretair Esperstedt eine Zeile zukommen zu lassen, so wird er dieses sogleich besorgen. ? Die möglichste Offenheit beider Theile über diesen Gegenstand des Handels, den ich auch, als ich noch schrieb, gegen andere Directionen niemals anders behandelt und gestellt haben wollte, scheint mir gleichsam von selbst vorauszusetzende Bedingung zu seyn. Man nimmt an, man versagt, wie die Umstände das Eine oder das Andere fordern, und die Erklärung über die Bedingungen folgt von beiden Teilen mit Gradheit. Bei der Vorstellung des Stücks werde ich mit Vergnügen alle die Sorgfalt verwenden, welche ich dem Talente, der Sache und mir selbst schuldig bin. Daß Sie die Musik vom Herrn Kapellmeister Weber wünschen, hat meinen Beifall, ich werde ihm sogleich deshalb schreiben. Da in den letzten Scenen Schlachtgetöse, die Erzählung des Arno und auch der Gesang der Igna teils zusammen, theils nahe aufeinander eintreten, so hat sein erprobtes Genie ein reiches Feld, um die Eigenthümlichkeit dieser Gegenstände in dem geltendsten Moment mit der Faßlichkeit zugleich aufrecht zu erhalten. So heiße ich Sie denn willkommen! als tragischer Autor! Die dramatische Kunst ist Treibhausgewächs. Ein warmer Hauch kann sie nur im Leben erhalten. Abschößlinge[204] weggenommen, nicht herabgerissen, befördern den stolzen Wuchs im Gedeihen. Sonne und Schatten gerecht vertheilt, erhalten den Schmelz der Farben, denen der Rauhfrost ein Gift ist. Wir haben Beide nur ein Interesse, daß Ihr Baum wohlgestellt und gesehen sey. Gesehen, genossen und empfunden ?, dann mögen die Vorübergehenden, einzeln, es mit ihrer Lorgnette halten wie sie wollen. Leben Sie wohl in den Stürmen der Zeit! Mit der vollkommensten Werthschätzung Ew. Wohlgeboren Ergebenster Diener Iffland.« Reinerz den 23. Juli 1813. Mein überfüllt versreiches Trauerspiel hat Iffland wahrscheinlich unter einer Linde gelesen. Als es wegen der mir überlassenen Kürzungen an mich zurückkam, sah ich, daß er überall, wo ihm entweder Längen aufgefallen oder Bedenklichkeiten angeregt worden waren, Lindenblüten als Zeichen zwischen die Blätter gelegt hat; ich habe dauernde Freude daran, daß ich gleich den Entschluß faßte, diese Abschrift ganz so aufzubewahren und eine andere zu gebrauchen für das widerwärtige, aber nach aller Erfahrung der Bereitwilligkeit sämtlicher Bühnendichter dringend zu empfehlende Geschäft des Kürzens. In den immer bewegter kreisenden Lebenswirren schwindet der Mehrheit die sinnige, die aufmerksame Ruhe, deren vorzugsweise das Sprechschauspiel zu begründeter Entwicklung auf den »die Welt bedeutenden Brettern« bedarf ? um so nötiger, je tüchtiger das Werk! ? Die aus jener Ruhelosigkeit entstehende, durch Söldlingsbeifall gesteigerte Wechselwirkung,[205] eingedrungen zwischen den Zuschauern, den Dichtern und Schauspielern, und nun kaum noch abzuleiten, half die Theaterzustände verflachen. Bevor eines der genannten Schauspiele zur Darstellung kam, ereignete sich ein Zwischenfall, der hier einzuschalten ist. Der König Friedrich Wilhelm III. hatte in Töplitz ein Verkleidungsstück gesehen: »Der Beruf«; es war davon die Rede gewesen, und man sollte es auf die Berliner Bühne bringen. Bei dem Lesen fand sich aber, daß der Spaß verjährt sei, wonach ich von der Inhaberin der Hauptrolle ? Luise Schröck ? und der Direktion ersucht wurde, ihn möglichst zu verjüngen, was beinah zu gänzlicher Umarbeitung führte. Von den sechs Verwandlungen in dem alten Machwerk blieb nur eine, und als die Aufführung erfolgte (25. März 1813), gefiel diese eine nicht, so daß ich auf Bitten dafür ebenfalls eine andere einzuschieben hatte. Zur ersten Darstellung war der alte Titel mit dem Namen des ehemaligen Verfassers auf meinen Wunsch beibehalten worden, schon bei der zweiten (30. März 1813) ließ die Direktion ihn weg, doch den meinigen verweigerte ich zu dieser flüchtigen Arbeit auf Bestellung, ließ mir auch kein Honorar zahlen. Das Gerücht nannte mich aber allmählich immer lauter als Verfasser, und mein Verdruß darüber bestimmte mich gegen Ende des nächsten Jahres zu einer Umbildung, die unter dem Titel: »Die Talentprobe« bekannt, und dem »Jahrbuch deutscher Bühnenspiele für 1847« (in zweiter Auflage) angefügt ist. Ich hatte versucht, in das leichte Wesen wenigstens ein Etwas von Gedanken zu bringen, und die im »Beruf« beschäftigten drei Personen waren nicht nur geneigt zu neuem Einlernen, sie[206] freuten sich des unzweifelhaft verbesserten Stücks. Da Iffland am 22. September 1814 gestorben war, wandte ich mich an die ihm einstweilig folgende Theaterverwaltung mit dem Ersuchen, das anspruchslose Stück so, wie es nun geworden, einstudieren zu lassen. Dies wurde abgelehnt, »weil ?der Beruf? noch immer das Haus fülle, mithin ein solches Einstudieren als erläßlich erscheine.« Den von mir so anspruchslos erzeigten Gefälligkeiten gegenüber (ich schrieb, z.B., auch fünf neue Szenen zu Kotzebues »Schauspieler wider Willen« für die verschiedenen Darsteller) war meiner jugendlichen Heftigkeit eine solche verneinende Antwort die Verletzung eines erworbenen Anspruchs. Jetzt würde ich mit jener freilich nicht zu billigenden Entgegnung diese unbedeutende Sache lächelnd und ruhig vorüber lassen, damals entgegnete ich aber schriftlich: »Wohl denn! ? es möge mir Genugtuung sein, daß auf der Berliner Bühne das kleine Stück nie so aufgeführt werden darf, wie es nun ist.« ? Es versteht sich von selbst; daß man über diese Äußerung sehr gleichgültig hinwegging, sie als nichtig betrachtete; im weiteren meiner Aufzeichnungen wird sich darlegen, daß dies ein Irrtum war. Einstweilen wende ich mich wieder zum Jahre 1813. Iffland wußte, daß es mir unangenehm sei, durch das Gerücht und dann auch in Zeitschriften als Verfasser des »Beruf« genannt zu sein; das mochte ihn mit veranlassen, die drei ihm übersandten Stücke rasch nacheinander auf die Bühne zu bringen. »Die selige Frau« wurde am 10. September 1813, »Lieb' und Friede« am 22. Oktober zum ersten Male gegeben, auch in den Wiederholungen und im öffentlichen Urteil günstig aufgenommen. Es fehlte mitunter nicht treffender oder[207] bösgemeinter Tadel, andrerseits nicht Lob über Gebühr, wie dem oft bei vielen Bühnenwerken noch heut so ist, was den Verfassern recht sein kann: denn aus Rede und Gegenrede entwickelt sich immer etwas mehr Wärme für die Sache. ? Schon am 5. Januar 1914 folgte die erste Darstellung des Trauerspiels, so daß in viertehalb Monaten drei Stücke von mir auf die Bühne kamen. ? Über »Ein Tag des Schicksals« empfing ich von Iffland aus Breslau, auf dessen Theater er gleich nach seinem Aufenthalt im Badeort Reinerz gastspielte, noch ein Schreiben; es finde hier ebenfalls seine Stelle: »Wohlgeborner Herr! Die Besetzung der Rollen in Ihrem Trauerspiel, die Auswahl zwischen der Einen oder der Anderen Künstlerin will ich für diesmal Ihnen ganz anheimstellen. Sollten Sie auf den Proben erst Ihre Meinung über diese oder jene Haltung sagen und dort berichtigen wollen, so könnten Sie Gefahr laufen, den Totaleffekt zu hemmen und sich Selbst zu schaden. Schauspieler der gewöhnlichen Weise fassen sich von da an zu rechnen nicht wohl mehr. Die Anderen werden leicht in dem Zulaufe gehindert, den sie vorher kräftig genommen. Es ist nicht mehr Zeit genug, um eine andere Richtung, welche der Autor verlangt, alsdann noch in sich so aufzunehmen, daß sie mit dem Eigenthümlichen sich gehörig verschmelzen könnte. Sicherer gehen Sie, wenn Sie vor dem Einlernen mit den Personen, worauf es ankommt, die Rollen und Stellen besprechen. Meine Gesundheit ist auf bestem Wege. ? Ich fand es nöthig, hier, im engeren Raume, einige Vorübungen[208] anzustellen, woraus ich entnehmen kann, was ich in größerem Raume zu Berlin mir werde gestatten dürfen, oder versagen müssen. Die Aerzte verlangen, daß ich den Winter hindurch mich als einen der Genesenden halte, die weit zurück waren. Bedeutende neue Rollen werde ich sobald nicht übernehmen. Erhält sich mein Befinden, und sollte ich leidlichen Befindens durch das Gewirre verdrüßlicher Dinge, die in einem so verwickelten Geschäftsleben unvermeidlich sind, hindurchkommen, so kann ich dann nach und nach weitergehen. Die Rolle des Landenberg wird Herr Lemm gewiß mit Erfolg leisten, da sein erhöhter Vortrag, gleich fern vom Dehnen oder Predigen, ein inneres Leben behält. Vor Gesticulationshäufung muß man ihn zu warnen suchen, da dies nicht seine vortheilhafte Seite ist. Glückwünschend zu dem Erfolge Ihres Lustspiels, bin ich mit vollkommenster Hochachtung Ihr Ergebenster Dr. Iffland.« Breslau, den 26. September 1813. Mit dem Lustspiel ist »Die selige Frau« gemeint, zum erstenmal aufgeführt, ehe Iffland nach Berlin zurückkehrte. Er hatte für die Rolle des Liebhabers (Kammerherr) den von ihm sehr begünstigten Rebenstein gewünscht, sie gehörte aber eigentlich dem sogenannten »Bonvivant«, derzeit Stich. Dieser fühlte sich verletzt, und als er mir eines Abends zu Pferde bei der sonstigen Fasanerie im Tiergarten begegnete,[209] stellte er mich vom Sattel herab zur Rede. Seinen Anspruch verkannte ich in meiner Antwort nicht, bemerkte jedoch, daß die kleine Rolle für ihn kein nennenswerter Verlust sein könne, was ihn keineswegs beruhigte. Dies habe ich anzudeuten, weil es elf Jahre später unter der Generalintendanz des Grafen Brühl noch von Einfluß war in seltsamer Verwicklung, und ich diesen Umstand wieder berühren muß. Jetzt bin ich bei dem Trauerspiel, und habe von einer damit in Zusammenhang kommenden Fehde zu erzählen. Wie schon erwähnt, war ich auf den Antrag Spe ners, dem meine Mitteilungen im »Morgenblatt« gefallen hatten, für seine Zeitung Berichterstatter über das Theater geworden, besprach nun auch mit Namensunterzeichnung meine eigenen ersten Versuche, wobei ich jedoch erklärte, daß ich es nicht mit dem etwaigen Guten, nur mit den Mängeln zu tun habe, die mir vermöge der Bühnenbelebung deutlicher geworden. Das war unbefangen gemeint, aber doch mehr anmaßlich als gescheit, obgleich gründliches Zurechtfinden für Bühnenwerke allerdings nur zu erlangen ist durch Darstellungen, die ich jedem Schauspieldichter jetzt und künftig wünsche. ? Nun ging im Juni 1813, also bevor meine Name auf Theaterzetteln erschien, ein Lustspiel in Szene, betitelt: »Besser spät gefreit als niemals«. Der Verfasser hatte sich nicht genannt und mir selbst blieb er noch lange verschwiegen. Meine veröffentlichte Ansicht über sein Werk war, da das Ganze sich im Unsittlichen, obenein ohne Bühnenwirkung bewegte, eine abfällige, und der Verfasser forderte mich ? wieder ungenannt ? mit den derbsten Äußerungen in der Spenerschen Zeitung zu einem Lustspielzweikampfe heraus, bestimmte die Frist[210] auf sechs Monate, und für beide Erzeugnisse den Titel: »Der Egoist«. Obwohl einsehend, daß nichts damit getan sei, wenn wir ? was sehr wahrscheinlich ist bei allem, was man in festgesetzter Zeit für die Bühne liefern soll ? zwei schlechte Stücke mehr hatten, würde mich doch eine Weigerung bei einer Mehrheit alles Vertrauens beraubt haben, ich nahm also den wunderlichen Kampf an in folgenden Zeilen (»Spenersche Zeitung« 1813, Nr. 76): »Wer ein solches Lustspiel (?Besser spät gefreit als niemals?) schrieb, kann meine Freimüthigkeit allerdings unter seiner Würde halten, die ihm gewiß nicht beneidet wird. Wenn der Verfasser verkennt, daß ich sein Werk nur so beurtheilte, wie es Jeder thut, der Vernunft und Sitte nicht unterjochte, so ist mir das seinetwegen leid, und ich versichere ihm nur: daß ich Witz- und Schimpfgefecht nicht für gleichbedeutend halte, wie er es that. Den gebotenen Zweikampf nehme ich ohne weitere Worte an, ich will indessen die Idee des Lustspiels mir selbst andeuten und dem Herausforderer auch seinen Titel: ?Der Egoist? lassen. F.W. Gubitz.« Um mit dieser Angelegenheit gleich zu enden, bemerke ich, daß später der Schriftsteller T.H. Friedrich als Herausforderer bekannt wurde. Er hielt in den Jahren 1813 und 1814 in Berlin »satirische Vorlesungen«, die mancherlei Zustände angriffen und einem zahlreichen, ähnlich gestimmten Kreise zusagten. Dies trieb ihn an zu der Verirrung, sein vor Nahrungssorgen ihn schützendes Amt ? er war Kammergerichtsrat ? zu verlassen, um von der in Deutschland meist mit Kümmernis verbundenen Schriftstellerei zu leben, was dann so mißglückte, daß die bedauernswerte Haltlosigkeit[211] seines Wesens ihn vier oder fünf Jahre nachher zum Selbstmorde verleitete. ? Zu dem von Friedrich veranlaßten Lustspielzweikampfe kam seinerseits »Der Glückspilz und die Glücksritter«, ich brachte »Die Prinzessin«, beide fünfaktig, und sie erschienen alsbald im Buchhandel. Mein Lustspiel wurde in Hamburg, Prag, Posen, auch noch auf anderen Provinzialtheatern aufgeführt. Die Hofbühnen blieben ihm seines Stoffes wegen unzugänglich, und in Berlin meinte man gar, ich hätte mit einer »Gräfin Milana« an die Gräfin von Lichtenau erinnert, was mir niemals einleuchtete, während es mir nicht lange verborgen blieb, daß ein schwaches Machwerk entstanden war. In einer Vorrede zur zweiten Auflage äußerte ich (1815) über den Ursprung: »Es ist geschrieben auf die Herausforderung eines andern Schriftstellers zu einem Lustspiel-Kampfe; dies sey Denen Beantwortung, welche sich zuweilen an mich wandten, um Kunde von dem sonderbaren, aber nicht eben wichtigen Scherze. Ich lasse jene Angelegenheit ruhen und wünsche überhaupt, wenn nicht Wahrheit und Ehre dagegen sind, gern Frieden um mich her; denn es schmeichelt der Eitelkeit, eine Lanze zu brechen, es aber nicht zu thun ist der Sieg der Vernunft. Ich gestehe nebenher frei, daß ich meine literarischen Erzeugnisse, Gedankenspiele meiner Mußestunden, weder mit großer Hoffnung noch Furcht der Oeffentlichkeit sende; für den Weltstrom ist zuletzt Beides Ballast, von dem sich in allen Verhältnissen nur wenig zurückbehalten läßt, wenn wir sicher zum Ziele kommen wollen.« Jene Feindschaft Friedrichs ? von dem ich in den Jahren 181? und 1818 die freundlichsten Briefe[212] empfing, der mich aber vorher noch in aller Weise verfolgte mit gedruckten Anfechtungen, die ich nicht erwiderte ? war im loderndsten Gange, ehe mein erstes Stück auf die Bühne kam, und vermöge seiner Vorlesungen hatte er auch willigen Anhang. »Lieb' und Friede« wurde beifällig aufgenommen, wie zuvor »Die selige Frau«, und daß innerhalb weniger Monate als drittes mein fünfaktiges Stück die Darstellung erreichte, sachte die Zornesglut der Widersacher noch mehr an. Wenn ich jetzt überschaue, wie schwer oder gar unmöglich es diesem oder jenem wird, nur eines seiner Stücke auf die Bühne zu bringen, und welche Hindernisse auch nach der Annahme dem Aufführen entgegenstehen, dann muß ich freilich offen bekennen, daß mir selber jenes Ergebnis auffällig geworden ist, ich also ähnliches meinen Gegnern nicht verargen, jedenfalls aber versichern darf, niemals Gunst oder Vorrecht in Anspruch genommen zu haben. Am 5. Januar 1814 ging also »Ein Tag des Schicksals« zum ersten Male in Szene, und obwohl ich wähnte, Ifflands Rat, zu kürzen, sei hinlänglich befolgt, dauerte die Darstellung doch von sechs bis ein viertel auf elf. Welch ein Ungeheuer von Länge das Gedicht in der Urschrift ist, mag man daraus entnehmen, daß ich bereits mehr als tausend Verszeilen der Vergessenheit geopfert hatte, und ich bin den damaligen Zuschauern für die Geduld, bei meiner Überschwenglichkeit so beharrlich ausgehalten zu haben, über mein Erdenleben hinaus Dank schuldig. Im »Jahrbuch deutscher Bühnenspiele für 1845« ? dreißig Jahre nach der Darstellung ? ist mit dem Titel »Schicksals-Kämpfe, historisch-romantisches Schauspiel in fünf Akten«, diese[213] Jugendarbeit nach der für die Wiederholung abermals sehr gekürzten Handschrift gedruckt; wie geübter ich nun schon zu streichen wußte, erhellt daraus, daß die zweite Darstellung eine Stunde früher endete. Bei der ersten erwarben sich die beiden Anfangsakte lebhaften, die Schlußwendungen des zweiten Aktes stürmischen Beifall. Mir fürerst Teilnahme zu erobern, hatte ich einen wesentlichen Teil dessen, was eigentlich vor der Entwicklung erhellt sein mußte, dem Einleiten des dritten Aktes überlassen. Die Steigerung wurde dadurch zu sehr unterbrochen, die Anregung abgekühlt; doch glückten ein paar Szenen in diesem und dem vierten Akt, sie erhielten mäßigen Beifall, der sich im fünften Akt, unterstützt von der trefflichen Musik Bernhard Anselm Webers, verstärkte, und bis zu letztem Sinken des Vorhangs aushielt. ? Meiner Gegnerschaft war der nicht ungünstige Erfolg dieser ersten Darstellung sehr zuwider, und was sich nun begeben sollte, aber nicht begab, das mögen meine eigenen derzeitigen, ganz und gar die von eitlem Übermut nicht freie Jugendlichkeit bezeichnenden Berichte hier erläutern. I. »Morgenblatt.« 1814. Nr. 52. ? »Eine Neuigkeit will ich heut erzählen, eh' sie da ist, daß mein Trauerspiel, ?Ein Tag des Schicksals?, morgen bei der zweiten Vorstellung ausgepocht wird. Wie ich das heute weiß? ? Seit mehreren Tagen bekam ich Anzeigen, daß an öffentlichen Orten Werbungen geschehen. Schon bei der ersten Vorstellung, sagt man mir, habe sich eine Gegenpartei gebildet, sich aber nicht stark genug gefühlt, und werde[214] nun mit allen Reserven gegen mich anrücken. Immerhin, wenn's nicht anders seyn kann! Es soll ein Dichter alle Situationen durchempfinden; da ich nun nicht alle Tage Gelegenheit habe, ausgepocht zu werden, will ich diese benutzen, und, wenn der Gegenpartei das Unternehmen glückt, meine Empfindungen dabei nicht vorenthalten. Ich habe die mir bis jetzt klar gewordenen Fehler des Stücks durch schnelle Verkürzungen bedeckt, und kann, nachdem die erste Vorstellung ? die (den Lesern des Morgenblatts unter uns gesagt) im dritten und vierten Akt selbst mir etwas langweilig war! ? nicht ohne Beifall vorüberging, es dem Hasse erlauben, daß er sich ausspricht. Ich hab' ihn durch manches Keckwahre lange wider mich gereizt, obwohl ich wußte, daß ich ihm nicht nur in die Hände, sondern in die Füße fallen würde. Das war nicht lebensklug, aber ehrlich; darauf will ich pochen, ja sogar meinen Gegnern gleich durch ein paar Epigramme behülflich seyn. Wird mein Stück ausgepocht, schlag' ich dies vor: Er zeigt, daß wider alles Schlechte Das Schicksal ewig siegend focht; Hier glänzt es in dem vollsten Rechte, Denn wißt: sein Werk ward ausgepocht! Wird nur gezischt, wäre folgende Aenderung nicht übel: Viel sich'rer hat, als jeder Alte, Sein Trauerspiel uns aufgefrischt, Wie hochgerecht das Schicksal walte, Denn wißt: sein Werk ward ausgezischt! Uebrigens werden mich die Darstellungen und der spätere Druck überall bei Denen rechtfertigen, die mit der äußeren Handlung auch die der inneren Welt wünschen; so ein Kurzhalten der Eitelkeit hat aber bei[215] beginnenden Dichtern auch sein Gutes. Ein Zurücknehmen nach diesen Pochgerüchten wäre eine unverzeihliche Feigheit gewesen, und so werde mir denn der morgende Tag ein Tag des Schicksals. Amen.« II. »Morgenblatt.« 1814. Nr. 60. »?Niemand erröthe beschämt oder zitternd, daß er von oder über sich selbst schreibt; als ein vernünftiger Mensch ist er Rechenschaft über sich schuldig!? ? sagt Herder, und ob ich auch weiß, daß meine Vernunft nicht unbestritten ist, will ich doch, auf jenen Satz gestützt, über mein Empfinden bei der zweiten Vorstellung meines Trauerspiels ein wenig Tinte verlieren, wie ich schon, obwohl für andere Umstände, versprach. ? Die erste Vorstellung dieses Versuchs, der dahin strebt, die lösend eintretende Macht des Schicksals treffend und auch in seiner Unbegreiflichkeit beruhigend zu zeichnen, war überstanden. Gab sich der Erfolg nicht so, wie ihn Eitelkeit sich dachte, es hatte doch nicht an Beifall gefehlt. Ich konnte zufrieden seyn, besonders auch deshalb, weil ich mehrere Fehler entdeckte, die sich, wenn nicht gleich, doch später bessern ließen, und da, nach Horaz, die Weisheit mit Erkennen und Wegthun der Fehler beginnt, sah ich mich mindestens auf gutem Wege, wenn auch nicht gleich an gutem Ziel. Mit ausgezeichneter Güte waren von den darstellenden Künstlern die Aenderungen für einige Scenen aufgenommen, mehrere gewaltige Dehnungen in leidliches Maaß gebracht für das Wiederaufführen. Indessen hatte ich Widersacher, die Keinem fehlen, der eben irgendwo beginnt, und früher gegen das Uebereinkommen handelte:[216] Schone Du mich, so schon' ich Dich wieder! Man warf mit der kleinen Kritik: erbärmlich, langweilig, und so weiter, erschöpfend um sich, fand, daß dem Dinge bei der ersten Vorstellung zu viel Heil widerfahren sey, und beschloß, wie mir schriftliche und mündliche, freundliche und feindliche Warnungen anzeigten, eine vollkommene Hinrichtung bei dem zweiten Erscheinen. Möglich ist's! dacht' ich; ich hatte nach einiger Tiefe gestrebt, manchen Theatercoup verworfen, wenn er mir gar zu sehr nur als solcher da zu stehen schien, und giebt man Vielen nicht grade was sie wollen, werden sie böse. So prügeln die Kanadier sogar ihre Götter, wenn sie nicht schnell Alles thun, was man will. Ein beginnender Theaterdichter wird in der Rangordnung auch nicht viel mehr seyn als ein kanadischer Gott; daß Pocher unter den Theatervölkern die Wilden sind, kann Niemand streiten. Ich mußte mich also auf ein energisches Accompagnement gefaßt halten, und das that ich, denn der Rath von Freunden: das Werk fürjetzt zurück zu nehmen, war mir zuwider. Ich hatte mehr Furcht vor der Feigheit als vor Dem, was geschehen sollte, tröstete mich mit manchem besseren Dichter, dem es anfangs nicht besser ging, gedachte einiger neueren Theaterprodukte, die wieder viel zu gut durchkamen, und ohne Entscheidung über die Frage: ist es eine Ehre oder Schande, ausgepocht zu werden? ? brach der Schicksalstag herein. Wenn ich sagte, er sey mir ein angenehmer gewesen, wäre der ganze kleine Aufsatz gewiß nichts werth. Im Gegentheil, ich hoffte mich still, zagte und plagte mich stumpf und dumpf, wettete mit Hrn. v. U?r schönes Geld, daß mein Stück bestimmt ausgepocht würde, hörte aber die Rapports: nicht ausgespielt würd' es,[217] und es wären schon ?Die beiden Grenadiere? erwählt, ohne weiteren Schreck über die beiden Kerls an, denn ich selbst hatte die geehrte Direktion gebeten, auf den Fall oder Unfall alle möglichen Anstalten zu treffen. Um sechs Uhr hielt mich eine überraschende Korrespondenz noch am Arbeitstische, und ich trat erst eine halbe Stunde nach dem Beginn in das Haus, ziemlich überzeugt, ganz andere Gestalten als die meines Drama's auf der Bühne zu sehen. Ein Blick dorthin belehrte mich vom Gegentheil. Da ich recht gut wußte, wer besonders nur der Hinrichtung wegen gekommen war, gab ich eine Aussicht auf mich, um nicht über Mangel an Ruhe von meiner Seite schreien zu lassen. Ich war kaum einige Minuten da, ward applaudirt; der erste, zweite, dritte Akt entschwand bei öfterem Applaudiren ohne Mißtöne. Mir war gewaltig unklar zu Muthe; da ich aber wußte, daß bei der ersten Vorstellung der dritte und vierte Akt am wenigsten gefallen hatten, lief ich im Zwischenakt nach dem Gange, um mich zu stärken für Das, was nun kommen würde, obwohl mich meine ändernden Verkürzungen wieder stützen wollten. ? Ein ältlicher Mann sprach zu mir: ?Man hat mir das Stück als ein so schlechtes verrufen, ich kann es nicht finden!? ? ?Warten Sie nur?, erwiederte ich, ?es wird schon noch kommen!? ? ?Haben Sie auch Urtheile gehört?? ? ?Genug!? sagt' ich. ?Meine Freunde finden's sehr gut, meine Feinde finden's sehr schlecht, wenn nicht beide Theile unrecht haben, weiß der Teufel, wer recht hat!? Der Alte stierte mich an, und das Ende der Zwischenmusik rief uns zum Betrachten. ? Auch der vierte Akt ging mit Theilnahme vorbei, und weil mir außerordentlich besser zu Sinne wurde, merkt' ich erst, daß mir[218] vorher ? nicht wohl gewesen war, was ich nach dem beifälligen Schluß des Ganzen völlig vergessen hatte. Ja, ich würde durchaus mehrere Tage lang mich vom Traume geneckt gewähnt haben, hätt' ich nicht bei dem Hinausgehen selbst die Worte vernommen: ?Wär' es nur im Parterre voller gewesen, ich hätte gewiß gepocht!? ? Diesmal wär' ich also den Füßen entgangen, und ich darf sagen, daß mein Versuch bei der zweiten Vorstellung ausdauernder gefiel. Mit dem vollsten Recht hab' ich Dank für die Darstellenden auszusprechen, die wahrhafte Liebe zu ihren Charakteren hervorleuchten ließen durch eine ausgezeichnete Sorgfalt überall. Selten wird auf ein Stück solche Mühe verwandt, wie hier bei dem meinigen geschah; ich denke künftig durch bessere Arbeiten zu danken, und so eigene Ungeschicklichkeit und Anderer Haß zu besiegen. Ich weiß, wie ich zu diesem Haß komme, denn wer mich nicht kennt, sucht in meinen Urtheilen nur Persönlichkeit, nicht Liebe zum Besseren. Zeit und Gelegenheit werden das lehren; ich bedauere nur, daß es Menschen giebt, die keine Verstellung für die höchste halten, die auf Alles eher rathen, als darauf, daß Jemand ehrlich seyn will! Frei will ich auch ferner Meinungen und Empfindungen walten lassen über Andere und mich, doch ohne Leidenschaft, damit nicht das Blut über die Ufer der Vernunft brause, und mit Archilochus denken: Alles ist möglich, nichts ist ohne Hoffnung, aber auch nichts der Bewunderung werth. Gtz.« Aus diesen Berichten, geschrieben in aufregender Ungewißheit zwischen Hoffen und Zweifel über meine geistige Befähigung, spricht das innere Gären sich in erfahrungsarmer Freimütigkeit aus, zugleich der Entschluß,[219] weiter tätig zu sein für Bühnenwerke. Da sie jedoch zum nährenden Bedarf wenig beisteuerten, die Aufträge zu künstlerischen Arbeiten sich aber wieder gemehrt hatten, trieb ich mir den Drang zur Schauspieldichtung möglichst aus dem Sinn. Nächstdem machte mir im Jahre 1814 meine Häuslichkeit noch umfänglicher zu schaffen. Ich verheiratete mich (am 3. Januar 1815) mit der herzvoll sinnigen und sorgsamen Tochter Flecks, die in »Liebe und Friede«, dann auch in »Ein Tag des Schicksals« mitbeschäftigt war, auf meinen Wunsch aber schon vor unsrer Ehe dem Theater entsagte, wonach ich um meine drei bühnendichtlichen Versuche mich gar nicht mehr bekümmerte; ein Entschluß, der sich auch dadurch befestigte, daß der mir wohlwollende Iffland langwierig krank und schon im September 1814 gestorben war. Wenn ich von seinem Hinscheiden an die Berliner Theaterverhältnisse in der Zeitfolge überblicke, findet sich in mir der Glaube gerechtfertigt, daß Ifflands Wert bedeutsamer wurde. Unzweifelhaft war es ihm um die Innerlichkeit, um die Seele der Schauspielwirkung zu tun; dies ist der Kern seiner Eigentümlichkeit, bei deren Schilderung man ihm das Gemütliche mehr beschränkte, als es sich mit der Wahrheit verträgt. ? Mag er als Dichter verlästert sein von den Verfechtern der »romantischen Schule« und »poetischen Poesie« ? eine an sich überspannte Benennung! ? sie trieben durch ihr Liebäugeln mit dem Fremden die deutschen Grundlagen in Zerfahrenheit, während auf dem Wege, der sich volksgemäß angebahnt hatte, die »Idealität«, die geistige Erhebung für unsre Bühne heimischer zu erreichen wäre. Sagt Goethe von Ifflands Schauspielen: »sie sind[220] zu einem bürgerlich rechtlichen Behagen hingewendet«, wird wohl niemand behaupten, daß diese Worte irgendetwas vom geistigen Aufschwung ausschließen. Betrachte ich in Iffland den Darsteller, dann ist er meinen Erinnerungen da, wo seine Persönlichkeit nicht einigermaßen hinderlich wurde, unübertroffen, vorzugsweise in Gestaltungen aus dem ruhsamen Gemütsbereich, sowie in denen der Wirklichkeit angehörenden des seinen und derben Lustspiels. Sein Streben erhob den sittlichen Zug selbst in der Posse, die ehemals ? ob auch nicht ohne Ausnahme ? kein solch leichtfertiges Erzeugnis war, als sie es geworden ist in verderblichster Weise für achtbare Zwecke der Bühne, und mit Goethe, der zuschauend stets völlig befriedigt war durch Iffland, bezeichne ich in ihm, zufolge des Gesamteindrucks, den »großen Schauspieler«. ? Beifall hielt er dem Bühnenkünstler für notwendig; denn weil sein Schaffen dem vorübergehenden Augenblick angehört, hat ihn auch, wenn er es verdient, der Augenblick dankbar zu belohnen, um die Innerlichkeit des zu belebenden Gebildes vor Ermattung zu schützen. Doch war, bei dem Erzielen von Rührung und Erschütternng, die lautlose und doch fühlbare Ergriffenheit für Iffland der an Dank reichste Beifall. Ifflands würdiges Bezwecken erwies sich auch im Umfange seines Verwaltens; überall stand der Werke Inhalt dem Äußeren voran, so daß seine durchdringende Umsicht mit geringer staatlichen Unterstützung ? auch bei den schwierigen Allgemeinzuständen von 1806 an ? in geistiger Hinsicht mehr verwertete als es jetzt geschieht mit höchst namhafter Staatsbeihilfe. Nächstdem war er in vielfachster Weise ein Vorbild des unermüdlichsten[221] Fleißes bis zum kaum Begreiflichen in der Zeiteinteilung, und in betreff der Pflichtübung strenge gegen sich selbst, war er es auch, wo er sie von andern zu fordern hatte. ? Empfindlichkeit überfiel ihn allerdings nicht selten; die immer mit einwirkende Gereiztheit der Schauspieler herrschte auch in ihm, in seinen letzten Jahren durch Kränklichkeit mißtrauischer, doch hat er jedenfalls mit dieser Gereiztheit neben seiner Friedensliebe mehr sich geschadet als andern. Noch umfassender als hinsichtlich seiner eigenen Dichtungen für die Bühne wurde Iffland von dem Vorwurf verfolgt: er habe bei den zur Darstellung erwählten Schauspielen die »Poesie« und »Phantasie« nicht begünstigt. Das ist ein Vorwurf, bei dem man sich vor allem über den Standpunkt zu einigen hätte, der weder mit dem Schulmaßstäbe noch mit der Überschwenglichkeit allein so leicht zu begründen ist, als manche Wissenschaftler oder Heißgehirne sich einbilden. Wenn man die Bemühung nicht scheut, sich ein Verzeichnis zu verschaffen von den Werken, die während der Ifflandschen Verwaltungsjahre zum ersten Male auf das Berliner Theater kamen, dann erfährt man, erstaunend über die Anzahl, daß Goethes und Schillers Werke vollständig heranzogen, von den Dichtern nach ihnen Iffland fast jedem, der mehr oder minder Beruf einleuchten ließ, die Bahn zur Bühne öffnete, auch wenn ihm die Richtung nicht zusagte, wie ? zum Beispiel ? an A.W. Schlegels »Ion«. Wäre die Rede von denen, die hauptvorzüglich der deutschen Bühne alle Herrlichkeit gesichert glauben mit Shakspeare, dann ist zu antworten: Iffland brachte ihn zuerst in den Übertragungen von J.H. Voß und A.W. Schlegel. ? In bezug[222] auf Natur und Unnatur, heimisch und unheimisch, hatte allerdings Iffland schlichte Ansichten; lag ihm dadurch die Leitung des Gegenwärtigen näher als eine bevorzugte Bekanntschaft mit dem uns absonderlich fern oder seltsam Gewordenen, den Zweck der Allseitigkeit hat er sich dennoch bewahrt, und steht selbst bei solcher Prüfung der Zeit nach ihm voran, wie er überhaupt ihr als Muster voransteht im Fördern des Heilsamen der Bühnenwirkung. ? Einen überwiegenden Vorwurf wollte und will man auch noch jetzt daraus erwachsen lassen, daß er die Dichtungen des Heinrich v. Kleist nicht zur Darstellung brachte; man darf dies aber nicht vom späteren Standpunkt der Ansichten beurteilen. Gewiß wird jeder durch das Schicksal und irdische Schreckensende des Unglücklichen sich erschüttert fühlen, um so mehr einer, dem seine Gestalt herbeischwebt im Zurückschauen. Nicht glänzend angetan, düster vor sich hinblickend, sah ich ihn zuweilen in einer oder andern Straße Berlins ? es wird 1810 oder 1811 gewesen sein ? ein Wort von ihm selber habe ich nie vernommen, und seine Schriften wurden mir auch erst nach seinem Tode bekannt. Erzählt hat man mir damals, Heinrich v. Kleist beschäftige sich mit einem Tagesblättchen, zu dessen Inhalt er das Nötige meist in einem Gasthause für Weintrinker schreibe. Der gewaltsame Schluß seines Lebens, der Selbstmord, mit dem er und seine Geliebte, eine verheiratete Frau, sich im Tode vereinigten, erweckte aus lebhaftem Streit öffentlicher Stimmen für Hein rich v. Kleist eingänglichere Beachtung, und nun auch Äußerungen gegen Iffland. Man hat aber zu bedenken, daß Kleist's Dichtungen in ihrer Ursprünglichkeit überhaupt nirgends die Bühne[223] erreicht hatten, ausgenommen das Lustspiel: »Der zerbrochene Krug«, das ? nach Goethes Zeugnis ? 1807 in Weimar »eine sehr ungünstige Aufnahme fand«. Nächstdem mag man lesen, wie im gesamten über Heinrich v. Kleist das Urteil Goethes lautet. Er sagt: »Mir erregte dieser Dichter, bei dem reinsten Vorsatz einer aufrichtigen Teilnahme, immer Schauder und Abscheu, wie ein von der Natur schon intentionierter Körper, der von einer unheilbaren Krankheit ergriffen wäre. Tieck wendet es um: er betrachtet das Treffliche, was von dem Natürlichen noch übrig blieb, die Entstellung läßt er beiseite, entschuldigt mehr, als daß er tadelte; denn eigentlich ist jener talentvolle Mann auch nur zu bedauern, und darin kommen wir denn beide zuletzt überein.« Bearbeitungen der Kleistschen Dichtungen fehlten noch zur Zeit Ifflands, und daß er, in seiner Weise bemüht, von der Bühne aus für Gesundheit des Familienwesens zu wirken, bei dem Visionsnebel und allerlei wunderlichen Einmischungen der Kleistschen Überspanntheit auch etwas »Schauder« spürte, ist natürlich. Wie sehr es dem Leidensträger wäre zu gönnen gewesen, seinem unzweifelhaften Dichterberuf während seines Lebens Läuterung und Geltung, seinen Kräften Frieden mit sich selber zu erringen, nach damaligen sehr erklärbaren Auffassungen ist jedenfalls die wegen Kleist für Iffland beschwerende Schuld sehr zu erleichtern. ? Ehre also seinem Andenken über jeden Mißton aus eineingeschulter Enge hinweg, und Achtung auch seinen dichterischen Gaben, mit denen er in bester Meinung für das sittliche Volkswohl tat, was er vermochte, auch mehr[224] als dies nie tun wollte, weil er eben als Dichter sich der Schranke seiner Strebsamkeit bewußt war. Amazon.de Widgets Minder zu gutem Andenken stellte sich mir noch vor dem Ableben Ifflands ein anderer Zeitgenosse, der gallig streitsüchtige Müllner, dessen Haderlust mich Jahre hindurch zeitraubend zwang, ihm Gegner zu sein. ? Als am 14. Februar 1814 sein Trauerspiel: »Die Schuld« zur Darstellung kam, hatte ich darüber zu berichten infolge meiner Mitarbeit bei der »Spenerschen Zeitung«, und fand mich angeregt, vom christlichen Standpunkt aus den in jener Dichtung waltenden Schicksalsglauben des griechischen Altertums zu bekämpfen. ? Es ist um so ratsamer, hier nicht in Breite die Entwicklung solcher Ansicht zu wiederholen, da jeder Denkende mit ihr vertraut sein wird; hier sei nur bemerkt, daß Müllners Vorrede zur zweiten Auflage der »Schuld« meist gegen meine Äußerungen eiferte, obwohl ihnen anderseits die Zustimmung nicht fehlte. Etwa inmitten des Jahres 1816 war nun Müllnerin Berlin, wegen Beratens mit dem Theaterverwalter ? nun Graf Brühl ? hinsichtlich der Darstellung des Trauerspiels: »König Yngurd«. Mir unerwartet besuchte mich der »Weißenfelser Aristarch«, wie Müllner schon damals genannt wurde, und ich empfing ihn so zutulich, wie es meine beschränkten Verhältnisse gestatteten. Da ich zur Erholung bei schriftstellerischer Beschäftigung ein Zimmer nah am Tiergarten für Nachmittags- und Abendstunden gemietet, auch nahe Gelegenheit hatte zu einfachem Mahl, bat ich ihn, dort mein Gast zu sein. Er sagte zu, fand sich ein, und wir saßen zu Dreien beisammen, denn nur noch meine junge Frau war zugegen. Er leitete bald absichtlich das Gespräch[225] auf jenen Bericht, und je deutlicher ich davon mich abwenden wollte, je mehr hofmeisterte er mich mit übermütigem Behagen. Endlich war doch bei aller Nachgiebigkeit nicht weiter auszuweichen, er schlug um sich mit immer schärfer verletzender Rede; ich sah mich gezwungen, meine Überzeugung zu verteidigen, und tat es möglichst besonnen, doch so entschieden kräftig, wie seine Angriffe es mir geboten. Jetzt wurde mir klar, daß Müllner mich eigentlich nur besucht hatte, um mich einzuschüchtern, und dadurch mein öffentliches Aussprechen für seine Zwecke zu bevormunden. Als er nun begreifen mußte, dies werde ihm nicht gelingen, steigerte er seinen Zorn, während sich dessen Ausdruck erniedrigte; dann, nachdem ich ihm nicht mehr antwortete, stand er hastig, so sehr es seine Wohlbeleibtheit erlaubte, vom Polstersitz auf und verließ mit dem barschbös tönenden Ausruf: »Gute Nacht!« plötzlich das Zimmer. ? Meiner Frau, von Angst und Schreck erfüllt, waren Tränen entpreßt, und die Brust erleichternd, sagte sie aufatmend: »Gott sei Dank, daß er fort ist; der kommt im Leben nicht wieder zu dir!« So dachte auch ich; Müllner überraschte mich jedoch schon am nächsten Tage und trat in mein Arbeitsstübchen der Stadtwohnung mit der Anrede: »Entschuldigen Sie, ich habe Rühmens gehört von einer Predigt, die von Ihnen in Art des Abraham a Santa Clara geschrieben ist, möchte sie gern lesen.« Ich hatte einzelne Bogen des Bandes, worin dieses Spiel heiterer Laune im Jahre 1816 zum erstenmal gedruckt erschien und gab sie ihm, dabei äußernd: er könne sie behalten. Was er dann noch sagte und entgegnete, klang immer wie nur halb verhüllte Drohung, doch ging daraus zugleich hervor,[226] so ganz wolle er es nicht verderben mit einem, der eine öffentliche Stimme in der »Spenerschen Zeitung« und im »Morgenblatt« hatte: an jener Predigt war ihm gewiß wenig oder nichts gelegen. Da er sich schließlich sogar erbot, mich bei einer bezweckten Mitsorge zum Vorteil des »Vaterländischen Vereins für hilfsbedürftige Krieger« zu unterstützen, sandte ich auch ihm die gedruckte Einladung zu Beiträgen in bezug auf die für jenes Unternehmen entstandenen vier Bändchen »Gaben der Milde«, empfing aber keinen Beitrag und später, als keiner mehr nötig und Ende November 1816 meine Zeitschrift: »Der Gesellschafter« angekündigt war, folgende Antwort: »Weißenfels, am 1. Dezember 1816. An Aufsätzen schönwissenschaftlichen Inhalts, die für Ihren wohlthätigen Zweck sich eigneten, bin ich gänzlich arm. Aus Verdruß über die Berliner Bühnenverwaltung bin ich der Kunst fast abhold geworden, und habe aus Desperation eine Menge rückständiger Kritiken im Fache der Jurisprudenz und Staatswissenschaft aufgearbeitet. Diese gelehrte Wuth wird aber vorübergehn und für Ihre Zeitschrift wird sich in Zukunft Manches finden, wenn ich erst mit der Tendenz derselben bekannt werde. Wollen Sie zum Anfange und zum Beweis der Aufrichtigkeit meines guten Willens einige Scenen aus Yngurd, so schreiben Sie mir deshalb. Mit ungeheuchelter Hochachtung Ew. Wohlgeboren ergebener Müllner.« Einstweilen zu begrenzen ist die Rückschau nach jenen Wirrigkeiten, bei denen ich durch mannigfach erregte Umtriebe Müllners entweder offenbar persönlich angefochten, oder aus schlausüchtiger Verdreherei in seine Händel mit andern verwickelt wurde.[227] Ende 1816 begründete ich auf Aufforderung von Gräff und Vetter, den Besitzern der Maurerschen Buchhandlung, eine eigene Zeitschrift. Mit dem 1. Januar 1817 begann der »Gesellschafter«, der »alte Freimütige« aber verlor schnell so an Teilnahme, daß Merkel (der falsche Freund) sich im März 1817 von Berlin entfernte, nachdem er Julius v. Voß überredet hatte, einstweilen Redakteur zu sein, was eine schlimme Stellung wurde, und mit dem Juni verschwand der »alte Freimütige«. ? Daß sich der »Freund« nun in den galligsten Feind verwandelt hatte, ist ersichtlich aus der Schrift von Merkel: »Deutschland, wie ich es nach zehnjähriger Entfernung wiederfand«. Die »Allgemeine Literaturzeitung« hat ihn aber in bezug meiner Persönlichkeit damals gleich dermaßen abgefertigt, daß ich es gar nicht für nötig hielt, Merkelsche Schmähungen zu beachten; dies ist auch jetzt zu unterlassen, weil ich schon von der mir öffentlich ausgesprochenen Genugtuung in jener bis auf alle Zeit befriedigt wurde, mich nächstdem stets gern wieder hinwende zu Schilderungen, die mir angenehmer und erfrischender sind.[228] 
