
                                 Raabe, Wilhelm

                                Der Schdderump

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                                 Wilhelm Raabe

                                Der Schdderump

                        Ergtztet ihr
        Nicht lieber euch am lcherlichen Tand
        Der Torheit? Oder an dem heitern Glck,
        Womit am Schlu des drolligen Romans
        Die Lieb ein leicht genecktes Paar belohnt? -
        Vielleicht! -
                                                             Gottfr. Aug. Brger


                                 Erstes Kapitel

Ich erffne dieses Buch recht passend mit einer kleinen Reiseerinnerung und
durch dieselbe mit einer Erklrung und Rechtfertigung des Titels, um nicht
spterhin, d.h. im Laufe der Erzhlung, allzuoft ber diesen Titel zu stolpern
oder mit Vergleichen, Folgerungen und Nutzanwendungen an demselben
hngenzubleiben. Einige Male wird das letztere freilich doch wohl geschehen.
    Ich war mit dem Postwagen in einem hellen, lustigen norddeutschen Stdtchen,
dessen Namen ich deshalb verschweige, um nicht den Neid und die Eifersucht
anderer Gemeinwesen zu erregen, angekommen, hatte zu Mittag gegessen und zwei
bis drei Stunden zur vollkommen freien Verfgung, ehe der frische Schwager die
frischen Gule zur Weiterfahrt aus dem Stalle zog. In solchen Fllen widmet sich
jeder, der nicht ein Geschftsreisender ist, einer ganz behaglichen innerlichen
Beschaulichkeit, die jedoch bald in eine sonderbare Ruhelosigkeit berzugehen
pflegt. Man dehnt sich, man ghnt eine Weile auf der Bank unter der Laube vor
dem Gasthofe, man erhebt sich, schlendert die nchste Gasse bis zur nchsten
Ecke hinauf, guckt trumerisch auf die verstaubten toten Fliegen hinter dem
Ladenfenster eines Krmers und kehrt zurck zu seinem Tische und seiner Bank vor
der Tr, um von neuem einen muntern Kampf mit den lebendigen Fliegen des Ortes
aufzunehmen. Die meisten Reisenden verfallen nunmehr in ein etwas stupides
Hindmmern und ermuntern sich erst wieder, wenn die Pferde angeschirrt werden;
ich dagegen, der von vielem Gebrauch macht, was andere Leute verachten, ich
erkundige mich nach den nchstgelegenen Merkwrdigkeiten des Munizipiums;
natrlich reservatis reservandis, d.h. unter Vorbehalt alles dessen, was der
verstndige Mann sich eben vorbehlt, nmlich ob er die Kuriositten besichtigen
will oder nicht. Ich stellte eine hnliche Erkundigung also auch diesmal an und
kann gerade nicht sagen, da es mich tief bekmmerte, als der Wirt, ein
behaglicher Mann, sich hinter den Ohren kratzte und Merkwrdigkeiten, sei es der
Natur oder der Kunst, in seiner Umgebung nicht vorzufhren wute.
    Schon lehnte ich mich mit einem unwillkrlichen Seufzer der Befriedigung
zurck in den Lindenschatten, als ein kleines schwarzes Mnnlein, welches auf
der Bank an der andern Seite der Tr sa, eine kleine, kurze schwarze Pfeife
rauchte und deshalb von den Fliegen mit hohem Widerwillen vermieden wurde, mich
melancholisch ansah und leise und scheu sagte: Wir haben noch einen
Schdderump. Wenn der Herr den sehen will, so ist er willkommen dazu; und die
Zeit langt auch, und ich will, mit Respekt zu sagen, den Herrn hinfhren.
    Ein Schdderump? Was ist ein Schdderump? fragte ich, von dem Wort
ungemein angezogen.
    Gehe der Herr nur mit mir, sprach der Melancholische noch schwermtiger
als zuvor. Es kostet nichts, als was dem Herrn zu geben beliebt. Ich bin der
Totengrber der Stadt, und da des Herrn Forstschreibers Grab fertig und parat
steht und der Herr Forstschreiber erst um vier Uhr bei mir arrivieren wird, so
langt, wie gesagt, die Zeit fr den Postwagen und item fr des Herrn
Forstschreibers Leichenkondukt.
    Ich rckte auf der Bank. Dieser kleine Schwarze, der diese beiden Fahr- und
Reisegelegenheiten so gleichgltig und mit so trbsinniger Verstndigkeit
zusammenbrachte, wurde mir ganz unbehaglich; allein der Grundstoff unseres
Gesprches gewann dadurch an Interesse. In welcher Verbindung stand der
Schdderump mit dem Herrn Forstschreiber? Stand der Herr Forstschreiber in
irgendeiner Verbindung mit dem Schdderump? Ich brachte eine ganze Reihe
hnlicher Fragen dadurch zum Abschlu, da ich aufsprang, den Hut ergriff und
meine Meinung dahin aussprach: ich sei fertig und parat fr den Schdderump. Da
aber sah mich der Melancholische bedenklich von der Seite an, schttelte das
Haupt und flsterte, whrend er Feuer fr seine Pfeife schlug: solches wolle er
nicht verhoffen; aber er sei bereit fr mich. - Damit gingen wir quer durch
einen Teil des Ortes der Kirche zu.
    Hinter der Kirche befand sich der Kirchhof; dicht am Kirchhofe lag meines
Begleiters Amtswohnung, und dicht neben meines Begleiters Amtswohnung war ein
uraltes steinernes Gewlbe, abgesperrt durch eine rostige, schwarze eiserne
Gittertr. Diese Tr schlo der Traurige auf, deutete in den dunkeln Raum und
sprach unheimlich hohl:
    Da steht er!
    Und mit unheimlichstem Behagen fgte er hinzu:
    Und jedermann mu sagen, da er eine groe Merkwrdigkeit ist und fr jedes
Mausoleum eine groe Ehre wre!
    Da stand er wirklich - ein hoher, schwarzer Karren auf zwei Rdern, mit
einem halb erloschenen weien Kreuz auf der Vorderwand und der Jahreszahl 1615
auf der Rckwand. Mein Begleiter legte zrtlich die Hand darauf und sprach:
    Trete der Herr nur nher; man sagt, und es steht auch davon geschrieben, er
sei der einzige in der ganzen Welt. Anno 1665 ist er zum letzten Male gebraucht
worden - sieht der Herr - so!
    Und der heitere Bursche zog den Karren herum, schlug einen Riegel weg, und
die abscheuliche Maschine tat einen Ruck und kippte ber und schttete eine
imaginre Last von Pestleichen in die Grube.
    He, he, kicherte der Alte. Was sagt der Herr dazu? Das war bequem und
ersparte unsereinem manche Arbeit - was? Ei freilich, vor zwei Jahren in der
Cholerazeit, da htten wir ihn beinahe wieder hervorgeholt und zu Ehren
gebracht; aber der lbliche Magistrat und der Kirchenrat und am allermeisten die
hochlbliche Brgerschaft frchteten sich allzusehr vor ihm, und so blieb's,
wie's war, und unsereiner hatte die Plackerei davon. Ein gut Stck Arbeit htt
er uns gespart. Will der Herr vielleicht einmal die Maschinerie selber
probieren? Ich versichere den Herrn, es ist bequem fr beide Parteien.
    Ich dankte herzlich, aber mit unverhohlenem Schauder fr das Vergngen und
gab ein reichliches Trinkgeld, um alle ferneren Anmutungen dadurch
abzuschneiden; allein es freute mich doch, da ich von nun an ganz genau wute,
was ein Schdderump sei, und ich hielt ihn in der Tat fr eine groe
Merkwrdigkeit. Jetzt sah ich noch einen Augenblick in die Grobe des Herrn
Forstschreibers, die neben dem Hgel seiner seligen Frau gegraben war; dann
blies vor der Posthalterei der Schwager, ich eilte zurck, stieg ein und fuhr ab
und weiter durch Wiesengrn und Sonnenschein der Goldenen Au entgegen, aber den
Schdderump behielt ich fr immer im Gedchtnis. Ja fr immer, und trotzdem da
auch ich in meinem Leben mancherlei sah, hrte und bedachte, was dem uralten
Gespenst durch lebendigen Schrecken und Schmerz wohl ein Paroli bot!
    In mancherlei Glanz und Licht sah ich seinen Schatten fallen, in allerlei
Flten- und Geigenklang vernahm ich sein dumpfes Gepolter, und manch einen
herzerfrischenden braven Wunsch, aber auch verschiedenes andere wurde ich von
der Seele los, indem ich wie jener kleine schwarze Mann die Kette aushob, den
Karren berkippte und die Last hinabrutschen lie in die groe, schwarze, kalte
Grube, in der kein Unterschied der Personen und Sachen mehr gilt. So ist mir der
Schdderump allmhlich zum Angelpunkt eines ganzen, tief und weit ausgebildeten
philosophischen Systemes geworden, und es wrde mich recht freuen, wenn ich im
Laufe dieses Buches einige Anhnger, Schler und Apostel fr mein System
heranbildete.

Wo das Harzgebirge seine Vorberge gleich lustig grnen Vorwachten hinausschiebt
in die norddeutsche Ebene, da sprt man's in jedem Wasser und Wsserlein, das
hervorsprudelt aus den Tannenwldern und Buchenwldern und dem Laufe der Tler
folgt, wie eine Ahnung in jeder Welle, da der gewaltige ewige Reigentanz dieses
Elementes, das Meer, nicht allzufern und nun kein Fels und Abhang mehr zu
berspringen sei, um die Heimat, den lustigen Festplatz, zu erreichen. Mit
verhaltenem Jauchzen und einem allerliebsten, lachenden Leichtsinn, wie
vierzehnjhrige Mdchen aus der Schule, hpfen die Bche und kleinen Flsse
hervor: die Ilse und die Bode, die Oker und die Radau, die Selke und die
Holzemme, und keine der ausgelassenen Dirnen wei ihrer Lust genugzutun bis
mitten in das flache Land. Hier beginnt dann freilich ein etwas
altjngferliches, fast matronenhaftes Schlurfen und Schleichen, bis die beiden
alten Muhmen, die Weser und die Elbe, den gesamten Schwarm einfangen und ihn
richtig der wackeren und munteren Gromutter, der Nordsee, abliefern, welche bei
Bremerhaven und Kuxhaven ihre Tren weit genug offenhlt. -
    An einem dieser Wasserlufe, inmitten der letzten Hgelreihen des berhmten
Gebirges, liegt das Dorf Krodebeck und dicht daneben das adlige Gut, der
Lauenhof, auf welchem die Herren von Lauen sitzen und seit geraumer Zeit saen.
Die Gegend ist angenehm und ziemlich fruchtbar, die Bauern sind fett, wenn auch
gerade nicht fromm; an Ackerfeldern, Wiesen und Wald ist kein Mangel, und der
alte Brocken sieht sowohl den Bauern wie den Rittern ganz gemtlich ber den
Zaun und steht als Wetterprophet seit des Gtzen Krodos Zeiten in dem gresten
Ansehen. Krodo - Krodebeck, Bach des Krodo - etymologisiert ein nicht
unbekannter und nicht unrhmlich bekannter antiquarischer Gelehrter der
Umgegend, und wir wissen dadurch nunmehr sicher, auf welchem uralten und
urheiligen germanischen Kulturboden die Mnner des Ortes den Pflug zu Felde
fhren. Ein Bach pltschert freilich durch das Dorf und ergiet sich in das
schon erwhnte Flchen, allein das Wsserchen heit heute nur der Bach oder
vielmehr die Beke an und fr sich und trgt auf den ltesten Flurkarten und in
dem Gedchtnis der ltesten Leute keine andere Bezeichnung.
    Auch von dem Lauenhofe und den Herren von Lauen wei der antiquarische
Gelehrte einiges zu sagen: es hat sich das Geschlecht aber auch in frhern
Zeiten von Goslar bis Quedlinburg der Pfaffheit und der Reichsbrgerschaft so
bekannt gemacht, da da - wie man heute in der Reichshauptstadt zu reden pflegt
- alles aufhrte. Damals sa das Geschlecht jedoch weiter oben im Gebirge auf
einer Burg, deren Trmmer der Liebhaber heute noch findet, wenn er vom
Stubenberg bei Gernrode seinen Weg durch das wilde Hasseltal dem Hexentanzplatz
zu nimmt. Leider hab ich vergessen, welcher Dynast, Bischof oder welche Stadt
sich einst das Verdienst erwarb, mit dem Nest eine ganze Brut bis auf das
jngste Nestkchlein auszuruchern; was aber dieses jngste Nestkchlein
anbetrifft, so habe ich eine dunkle Ahnung, da es wie gewhnlich durch einen
treuen Diener gerettet wurde und sich unter den Schutz einer frommen Tante,
einer Domina zu Gandersheim, flchtete. Hier, unter der frommen Obhut und
geistlichen Frsorge wuchs der Knabe zu einem biderben Jngling heran, sammelte
spter einen Haufen ihm an Flegelhaftigkeit und Frommheit nichts nachgebenden
Gesindels, bemchtigte sich des Dorfes Krodebeck, richtete den Lauenhof auf,
schlug sich weidlich herum mit Askaniern und Welfen, mit Stolbergern und
Halberstdtischen und verschied seliglich als der Stifter einer neuen Linie,
welche auch heute noch den Lauenhof festhlt und wohl festhalten wird, obgleich
sie auf zwei Augen und zwei Beinen steht, aber auf ganz muntern und soliden.
    Von dem Lauenhof aus plagten die Ritter das Land bei weitem weniger als von
der Lauenburg. Dagegen erzeugten sie mehr Korn, auch Obst aller Arten und
vorzglich viele Kirschen, die heutzutage in guten Jahren gern von Berliner
Hndlern auf den Bumen gekauft werden. Sie brauten und brauen ein nicht zu
verachtendes Bier, und ihre Viehzucht erhielt sich stets auf der Hhe der Zeit.
Ihre Kinderzucht war weniger zu loben, denn das Geschlecht lernte erst gegen den
Anfang des achtzehnten Jahrhunderts das Lesen und Schreiben; allein jeweilig
fand sich ein biederer Junker, der gern und aufmerksam zuhorchte, wenn berufene
Leute, Kleriker oder Laien, die Rede auf sthetische oder wissenschaftliche
Dinge brachten. Glaubwrdige Zeugen dafr knnten wir vorfhren, wenn es uns
gestattet wre, diesen oder jenen Stein auf den Grbern der Mnche zu
Walkenried, Michaelstein, Schlanstedt und so weiter umzuwenden und die
ehrwrdigen Schatten der gelehrten geistlichen Herren heraufzubeschwren.
    Sie saen gern nieder an dem Herd der Lauen, die Mnche, die fahrenden
Schler, und manch einer der letzteren, welchen der harte Winter auf den
Lauenhof trieb, blieb auch den lustigen Sommer ber drauf hngen, zog mit auf
die Falken- und Schweinsjagd und setzte, falls sich Dinte, Pergament und
spterhin Papier fand, zum Dank fr gut Futter und Losament die Familienchronik
fort.
    Welcher Art aber diese Aufzeichnungen waren, das will ich zum Lobe des guten
Geschlechtes kurz, jedoch nicht unvergnglich mit einer Probe belegen.
    Anno domini 1578 war Hilmar Juncker zu Krodbke und auf dem Lawenhofe, mit
dem hat sich ein Sonderliches zugetragen und hat es eine merkwrdige Ehr und
weitruchbar Gloriam auf ihme gebracht. Das lief folgendermaen: Als in bemeldtem
Jahr Herr Friedrich des Namens der Viert von Liegnitz mit Dem von Schweinichen
zu Herzogen Julium kamen, daselbsten einen Zehrpfennig zu holen, hat sich die
Fama, da die beiden Herrn im Land seyen, gar balde verbreitert, und ist ein
mchtig Aufsehen auf jeglichem festen Haus geworden; sintemalen es kein Kleines
war, wann der Herr von Schweinichen mit seinem Liegnitzer Herzogen in ein Thor
einritt. Und ist ein Kehlenruspern und Greifen nach denen Gurgeln gewesen, und
wurde manch gut Rlein aus dem Stalle gezogen zum Ritte nach Wolfenbttel fr
des hochlblichen Kreises Ritterehre und Ruhm.
    Und ist der Ruf auch auf den Lawenhof gekommen zum Juncker Hilmar, und nach
dreyen verdrielichen Tagen voll Kopfreibens und unnthlichen Bedenklichkeiten
hat auch er gesattelt zum groen Turney und ist mit denen anderen Herren und
seinem Knecht Zwiebrecht Affen gen Mitternacht gezogen zu des Herzogen Julii
Hoflager. Nun haben Frstliche Gnaden wohl zu solchem Zusammenflu ein wenig
scheel gesehen, denn Sie waren ein gar genauer Herr und den Conviviis und
Poculationes wenig ergeben, und mit der Ritterschaft hatte es auch sonsten einen
Haken, von wegen der verpfndeten Schlsser aus der Erbschaft des Herzogen
Erich, so Sie einlsten, und welche die Juncker nicht in Gte rumen wollten.
Haben aber doch Schanden halber ein gut Auge zum bsen Spiel und Dem von
Schweinichen und der Liegnitzer Liebden sammt der Ritterschaft des
niederschsischen Kreises machen mssen. So ist das Saufen angegangen auf dem
Schlosse in dem Saale, so man den burgundischen nennt, und hat zum guten Anfang
gewhret drey Tage und drey Nchte in Einem fort. Am vierten und fnften Tag hat
man den guten Rausch verschlafen, und am sechsten Tag hat man unter Frstlicher
Gnaden Frtritt des Ortes Merkwrdigkeiten visitiret, und ist allda des Herrn
von Lawn Ehr mit Gottes gndiger Zulassung auf dem Tisch gehoben. Nmlich
nachdem dem Liegnitzer und Dem von Schweinichen Pulver und Geschtz, Bley und
Kostbarkeiten aller Art gezeiget worden sind, hat ihnen Herr Julius den Mund zum
Beschlu am wsserigsten machen wollen; da sie doch ja nur auf einer Bettelfahrt
da waren. Hat man ihnen nmlich im Provianthaus die groe gerauchte Bratwurst,
so ein viertel Meyl Weges lang gewesen ist, gezeiget! Sind dem Schweinichen
freylich die Augen bergegangen, und der Herzog Julius hat sich des ba
ergtzet; aber nicht lange; denn auf die Frag, wie viel Zeit ein Mann zu thun
htt mit dem Wunderstck, ist mein Juncker Hilmar von Lawen vorgetreten und hat
gesprochen, mit Gott's gndigem Beystand verhoff er's fertig zu bringen in
vieren Tgen; allein es msse der Trunck nicht darzu fehlen.
    Da hat man laut aufgeschrien vor Wunder, und Jeder hat seine Meinung gehabt
und der Herzog Julius die seinige, nmlich er htt seine Wurst nicht gern an die
Probe gesetzet. Allein wiederumb der Schanden halber, und weilen die
Ritterschaft mit Heimtcke zugestachelt hat, mute er den Liebling dranrcken,
und am sechsten Tag der Festlichkeit ist dem Juncker von Lawen der Zipfel in den
Mund gegeben und haben die Anderen im Kreise das Bacchanalium mit groer Lust
aufgenommen. Ist nun freylich des Herzogen Gesicht um so lnger geworden, je
krzer die Wurst wurd; aber die Juncker haben mit heimlicher bser Lust dem
zugesehen und den Herrn von Lawen mit gutem Trost und Zuspruch ermuntert.
    Es war die Wurst um eine Sule gelegt, und vier Tage lang hat sich der Herr
Hilmar um gemeldte Sule fort und fort herumgefressen, und am dritten Tag schon
ist ein Eilbot an den ehrbaren Rath zu Braunschweig um einen Schilderer
abgesendet, da er den Juncker mit dem letzten Zipfel der Wurst zum ewigen
Gedchtnu abconterfeie. Am vierten Tag mute der Herzog richtig mit saurer
Miene alle Drommeter und Heerpauker dem Herrn Hilmar zu Ehren posaunen und
pauken lassen, und die Ritterschaft hat den Juncker mit Triumph auf den
Schultern in sein Quartier getragen und ihn auf das Stroh gelegt zum Verdauen.
Der Liegnitzer und Der von Schweinichen sind am folgenden Tage abgezogen,
nachdem sie den Wirt kahl genug gemacht; allein Der von Lawen lag acht Tage und
grunzte im Schlaf, und sein Knecht Zwiebrecht Affen pflegte ihn lieblich. Der
Liegnitzer und Der von Schweinichen ritten zu Herzogen Heinz von Dannenberg auf
das nmbliche Spiel, aber mein gndiger Juncker Hilmar kam auf einem bekrnzten
Leiterwagen mit Geschnarrch und im tiefsten Schlaf auf dem Lawenhofe an, und
htt der getreue Knecht Zwiebrecht der Frauen nicht verzhlet, was der Gestrenge
ausgefhret und zu ewigem Ruhm des Hauses Lawen ausgefressen, mein gestrenger
Juncker selber htt wenig darvon sagen knnen.

                                Zweites Kapitel


Auf einem etwas spter geschriebenen Blatte der Chronik des Lauenhofes ist zu
lesen, da der Herzog Julius eine heftige Abneigung gegen das Geschlecht der
Lauen bekommen habe und da er den Namen nie hren konnte, ohne einen argen
Verdru und Widerwillen kundzugeben; wir aber hoffen fest, da jene groe Wurst
weder in dem Magen noch in dem Gemte einer unserer zartsinnigen Leserinnen
einen Ekel an dem guten Geschlechte und unserer Geschichte erregte, und
verpfnden unser Wort, da ein hnlicher Ditfehler im fernern Verlaufe
ebendieser Geschichte nicht wieder vorfallen soll. Das silberne Glcklein
erklingt, und auf das etwas schauerliche mittelalterliche Schattenspiel, welches
doch ein wenig gegen unsern Willen an der Wand aufdmmerte, folgt das
Schattenspiel der sen Gegenwart, die ihrer Verdauungskraft sicher nicht auf
eine Viertelmeile Weges hinaus trauen drfte, allein dafr in anderer Weise
Taten ausbt, auf welche sie ebenso stolz sein darf wie der Junker Hilmar auf
die seinige im Provianthause zu Wolfenbttel.
    Auf den Junker Hilmar folgte der Junker Asche, der noch ziemlich weit in den
Dreiigjhrigen Krieg hineinreichte und welchem es hundeelend darin ging. Auf
diesen folgte Jobst und auf diesen wiederum ein Asche, der unter den
Brandenburgern vor Turin das Leben verlor, allein glcklicherweise vorher einen
Sohn erzeugt hatte, welcher den Alten Fritz noch als blutjungen Burschen zu
Kstrin aus dem Fenster gucken sah und von dessen sechs Shnen fnf im
Siebenjhrigen Kriege fielen. Der berlebende tat das Seinige, den Verlust
auszugleichen; doch auf dem Lauenhofe regierten nur noch zwei Herren von Lauen
bis zu Hennig, der bei Beginn dieser Geschichte Stammhalter des Geschlechtes ist
und gewissermaen eine Rolle darin spielt, zuerst freilich nur eine Rolle unter
der Vormundschaft seiner Frau Mutter, die sich selber einfhren mag, sobald sich
die Gelegenheit dazu bietet. Die gndige Frau ist resolut genug dazu, und wir
haben andere Leute, welche einer teilnahmsvollen Einfhrung eher bedrftig sind
als jene.
    Da ist zuerst und vor allen Dingen mit dem grten Respekt Herr Karl
Eustachius von Glaubigern, ein westflischer Edelmann und armer Vetter, der nach
Abschlu des zweiten Pariser Friedens aus dem Kriege verwundet, mit Rheumatismen
behaftet und sehr kahl in Beutel und Hoffnungen auf dem Lauenhofe einrckte und
- nebst dem Kinde der schnen Marie - den hchsten Anspruch auf Achtung in
dieser Historie hat. Er ist langen Wuchses, hlt sich ungemein reinlich und
nimmt sowenig als mglich Dienstleistungen an. Er geht und spricht langsam,
sammelt Wappen, wei darber zu reden und zu schreiben und ist der einzige,
welchen die gndige Frau nach dem Tode ihres Gemahls dann und wann um Rat angeht
und welcher diesen Rat auch wirklich zu geben wei. Die Nachbarschaft gibt ihm
den Ehrentitel des Ritters, und das Frulein Adelaide Klotilde Paula von
Saint-Trouin nennt ihn den Chevalier; er aber verdient die Bezeichnung, und zwar
nicht allein deshalb, weil er in einem Krassierregimente gegen die Franzosen zu
Felde zog.
    Das Frulein Adelaide Klotilde Paula de Saint-Trouin kam einige Jahre frher
als er auf dem Lauenhofe an, ist auch einige Jahre lter als er und wrde ohne
die abscheuliche franzsische Revolution von 1789 nicht unter den Barbaren des
Herzynischen Waldes leben. Sie ist die Tochter des Grafen von Pardiac, der im
Anfang dieses neunzehnten Jahrhunderts einer der tchtigeren Zeichenlehrer zu
Berlin war, aber doch in groer Armut starb und seine Tochter dem Grovater des
Junker Hennig vermachte. Das Hofgesinde bezeichnet sie kurz als Frlen oder
hchstens Frlen Trine; aber sie selbst nennt und schreibt sich: Trs noble et
trs puissante Dame Comtesse de Pardiac, Dame Haute-Justicire du Comt de
Valcroissant, ne Chevalire de Malte par privilge accord par le Pape Honorius
III  la trs illustre famille de Jehan de Brienne, premier Prince de Tyr et
ensuite Empereur de Constantinople. Zu deutsch: Sehr edle und mchtige Frau
Grfin von Pardiac, Frau und Gerichtsherrin der Grafschaft Valcroissant,
geborene Ritterin von Malta zufolge des Privilegs des Papstes Honorius des
Dritten, verliehen der sehr glorreichen Familie Johanns von Brienne, ersten
Frsten zu Tyrus und spterhin Kaisers von Konstantinopel.
    Die Last aller dieser Titel und Wrden, welche alle, bis auf die
Malteserritterschaft und den Papst Honorius, dem Chevalier ungemein plausibel
erschienen, hat nicht in der vorteilhaftesten Weise auf den Charakter des
Fruleins eingewirkt. Es fhlt sich selbstverstndlich leicht in seiner Wrde
gekrnkt und ist etwas znkischer Natur. Der Chevalier hat am meisten unter den
Launen der Chevalire zu leiden, denn die Gutsfrau hat selten Zeit, darauf zu
achten, und weist noch dazu alle Zumutungen mit ihrem Lieblingsworte ab:
    Herze, das ist alles dummes Zeug, und darauf kann ich mich nicht einlassen.
Wissen Sie was? Gehen Sie damit zu dem Ritter.
    Das Frulein folgt fast immer diesem Rate, wenn es sich nicht mit
irgendeinem franzsischen Romane, Memoirenwerk oder, seltsamerweise, mit
Hufelands Kunst, das Leben zu verlngern in einen Winkel zurckzieht, um das
Leben zu verachten. In den sonnigeren Momenten seiner Existenz beschftigt sich
das Frulein mit allerhand leider meistens vergeblichen Versuchen, von der Hhe
des Daseins herabzusteigen und sich dem gemeinen Volke, dem Rest der Menschheit,
soweit er durch die Bauern von Krodebeck vertreten wird, zu nhern und von
wohlttigem Einflu߫ auf ihn zu sein. Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin
hat das heftige Bedrfnis, gute Lehren zur unrichtigen Zeit und an dem
unrichtigen Orte zu erteilen, wie sie immer noch imstande ist, eine Stunde nach
Mitternacht pltzlich die Gitarre am blauen Bande umzuhngen und zum Entsetzen
smtlicher Bewohner des Lauenhofes zu beginnen:

A Toulouse il fut une belle;
Clmence Isaure tait son nom:
Le beau Lautrec brla pour elle,
Et de sa foi reut le don.

Fr die Stunden der Nacht ist der schne Lautrec zwar sehr angenehm; allein
fr den langen Tag gengt er doch nicht, und das Frulein hat einen angemessenen
Raum im Busen brig fr sein Hndchen Peccadillo, welches gleich seiner Herrin
sehr nervser Natur ist und mit dem stattlichen ruhigen Kater Mystax, dem
Stuben- und Studiengenossen des Ritters, auf einem hnlichen Fue lebt wie das
Frulein selber mit dem Chevalier.
    Das ist ein Schattenspiel, aber ein etwas chinesisches, und der junge Herr
Hennig von Lauen hat ausnehmenden Nutzen davon! Das trippelt und tnzelt und
ziert sich wie die Figuren auf einem Rokokodamenfcher. Wie auf alten
Punschschalen und Teetassen lchelt und verbeugt sich das und fhrt unter den
sehr abnormen Bumen und Bschen der Phantasie sehr abnorme Tierlein spazieren,
whrend erstaunlich merkwrdige Vgel die Luft durchschwirren und bedenkliche
Nester in dem Flachskopfe des Junkers Hennig bauen wrden, wenn die gndige Frau
Mutter nicht manchmal mit einem verstndigen Holla! und Halt da!
dazwischenfhre.
    Es arbeitet mancher und manche an der Erziehung des kleinen Hennig; denn
viel Leute: Bergleute, Schfer, Jger, Bauern und Bettler, kommen und gehen auf
dem Lauenhofe, und der Vagabund, der euch einst - vor langen, langen Jahren
vielleicht - am Weidenbach die erste Pfeife schneiden und blasen lehrte, war oft
von grerem Einflusse auf eure Erziehung und euer Leben als der sehr gelehrte
und ernste Mann, welcher zuerst die lateinische und griechische Grammatik euch
vor der Nase aufschlug und behauptete: nur in ihr sei das wahre Arkanum des
Wandels im Fleisch zu finden und ohne sie kein Heil und Vergngen auf Erden
weder in den Tagen der Jugend noch in denen des Alters.
    Bergleute, Fuhrleute, Schfer, Jger, Bauern und Bettler hielten sich gern
auf dem Lauenhofe auf, denn es war von jeher ein nahrhafter Hof, und die
Geschichte wei nur von einem einzigen Herrn von Lauen, der ein geiziger Hund
war und deshalb in grter Miachtung bei seinen Stammesgenossen steht. Menschen
und Tiere haben es gut auf dem Lauenhofe, so wie auch die Geistlichkeit stets
das Ihrige bekam, sowohl frher in katholischer wie jetzt in lutherischer Zeit.
Freilich, was der Pastor von Krodebeck ein inniges, gottgeflliges Verhltnis
nennt, findet nicht statt. Die gndige Frau geht so resolut an ihre Erbauung wie
an ihre Arbeit, bringt einen merkwrdig scharfen und geraden Blick sonntags in
die Kirche mit und hat hufig nach der Predigt ihrerseits ihrem frommen
Seelenhirten den Text gelesen. Der Chevalier und das Frulein sind katholischen
Bekenntnisses, wovon jedoch der Chevalier nie Gebrauch macht, whrend das
Frulein sich hufig eines etwas enzyklopdistischen Anhauches nicht erwehren
kann, was nicht immer vollstndig zu ihren Verpflichtungen gegen den Papst
Honorius den Dritten pat. Der Pastor von Krodebeck speist nicht selten mit
seiner Gattin auf dem Lauenhofe zu Mittag, aber der Ritter von Glaubigern
spricht immer das Tischgebet.

                                Drittes Kapitel


Die Landstrae fhrt durch das Dorf Krodebeck, und jenseits des Dorfes, dem
Norden zu, liegt ein wenig abseits der Strae ein kleines rmliches Haus oder
vielmehr eine niedertrchtige verwahrloste Htte neben einem Wassertmpel und
dem Kirchhofe: das Armen- und Siechenhaus der Gemeinde. Unmalerisch ist das Ding
nicht. Die Eschen- und Holunderbume des Kirchhofs bilden einen ganz
freundlichen Hintergrund fr das graue Strohdach; allein ein Vergngen ist es
keineswegs, in dem Siechenhaus von Krodebeck leben und dem Dorfe zur Last liegen
zu mssen.
    Die Htte enthielt zwei Gemcher, das eine rechts, das andere links von der
morschen Eingangstr, dazu eine sehr primitive Zigeunerkche und unter dem Dache
einen engen Bodenraum, in welchen Wind, Regen und Sonnenschein nach Belieben
eindringen konnten. Manch liebes langes Jahr hatte an den schwarzen klebrigen
Pfosten gerttelt, und niemand zhlte die schleichenden Schritte der Verlorenen,
welche diese unglckselige Schwelle ausgetreten hatten. Von den kahlen Wnden
hatte sich der Kalkberwurf lngst abgelst. Die Scheiben in den niedrigen
Fenstern schillerten in jenen ironischen Regenbogenfarben, welche ein so arger
Hohn auf jenes lieblichste Himmelszeichen sind, das einst der liebe Gott als den
Bogen des Friedens ber die ertrnkten Geschlechter ausspannte; und gerade weil
das alles so war, so hatte das Haus seine Geschichte wie das stolzeste
Knigsschlo, so gut wie das Heidelberger Schlo, die Alhambra, und was es sonst
fr Ruinen in der Welt gibt.
    Aber niemand hatte diese Geschichte aufgezeichnet, und so mssen wir uns an
der melancholischen Moral gengen lassen, welche aus allen Ruinen aufwchst,
einerlei ob sie einen Historienschreiber fanden oder nicht.
    In dunkeln windvollen Herbst- und Winternchten tastete etwas wie mit
unsichern Hnden an den Wnden hin, klopfte an die Fenster und chzte und
sthnte in den Winkeln oder gab sich mit einem dumpfen Fall und schnellem Laufen
und Trappeln auf dem Dachboden kund. Dann kam es auch wohl hufig mit dem Ru im
Schornstein wie ein Schnarchen und Schnauben herunter, wie ein Fluch auf die
harte, bse Welt, die solche Zufluchtsorte fr ihre Armen, Kranken und Beladenen
bauen kann; dann - ja dann war es Nacht und Winter und nicht heller Tag und
Sommer wie damals, als das alte Weib, in jener Zeit die einzige Bewohnerin des
Siechenhauses, am offenen Fenster in der Sonne sa und auf der Landstrae jenen
Karren, der eine so groe hnlichkeit mit dem Schdderump hatte, vorbeikommen
sah.
    Das wre die rechte Historiographin fr die Htte gewesen, diese alte Frau,
welche an jenem Tage das Reich allein hatte im Siechenhaus zu Krodebeck und
welche schon so manche Generation in dem armseligen, hlichen Asyl hatte kommen
und schwinden sehen! Es ist die Eigenart solcher Huser, da sie manchmal voll
bis zum berlaufen und manchmal leer sind wie das Gehirn eines Narren oder wie
das Herz eines Klugen. Es hatte Zeiten gegeben, wo der Raum fr die Bewohner des
Hauses durch Kreidestriche auf dem Fuboden nach Zollen abgemessen war, wo das
Alter in jedem Winkel hockte und mummelte, wo die Krankheit bis unter das
Strohdach sich wand und wimmerte und wild hinausschrie, wo unter den
Lagersttten der mit dem Nervenfieber Behafteten die Kinder krochen, kreischten
und zappelten, bis der Tod und der Gemeinderat aufrumten. Der letztere pflegte
nmlich in den Nervenfieberzeiten Erd- und Strohhtten auf dem Anger vor dem
Dorf zu errichten.
    Der Suferwahnsinn, der Bldsinn und die gemeine verkommene Brutalitt des
aus dem Zuchthause entlassenen Verbrechers waren in dem Siechenhause
zusammengehuft worden, und das alte Weib hatte damit hausen mssen und htte
darber reden und schreiben knnen. Sie tat aber selbst das erstere nicht gern;
denn sie hatte sich leider diesen Dingen und Zustnden gegenber nicht die
gehrige Objektivitt bewahrt, sondern ganz jmmerlich und subjektiv darunter
gelitten und schauderte sprachlos, wenn sie daran dachte. Es war lcherlich,
allein dessenungeachtet doch wahr: die alberne alte Person hatte unter dem
Geschrei und Gesthn, den Zoten und Flchen an ihren Nerven gelitten wie die
vornehmste Dame, die nicht zwanzig lange Jahre hindurch dergleichen ertragen und
anhren mute. Man konnte nicht verlangen, da, als endlich der Alte da oben ein
Einsehen tat, gesunde und nahrhafte Jahre schickte und die Bevlkerung des
Siechenhauses zu Krodebeck auf die eine oder die andere Art lichtete, da, sage
ich, die Alte hier unten sich hinsetze, ihr Elend beschreibe und den Schdderump
als das einzig echte und wahrhaft philosophische Vehikel fr alle Dinge und
Vorkommnisse auf Erden hinstelle!
    Sie versuchte hchstens, die Stille und Einsamkeit zu guter Letzt noch
einmal zu einem kurzen Nachdenken ber ihr eigenes Leben und ihren eigenen Tod
zu benutzen; allein auch das ging schlecht genug, und das war kein Wunder in
Anbetracht der bermigen Betubung.
    Die Landstrae lag in der vollen Glut der Julisonne da, und man bersah sie
von dem Fenster des Armenhauses aus eine ziemliche Strecke, bis sie in einem
Buchengehlz und Tannenwalde verschwand. Aus diesem Gehlz und Wald hervor kroch
in einer Staubwolke der Karren, von dem wir eben redeten, und der uniformierte
und mit einem groen Sbel bewaffnete Reiter, der ihn geleitete, lie sein Pferd
neben ihm im Schritt gehen. Es war ein grau angestrichener Karren mit einem
grauen Leinwanddach, und er wurde von einem magern Gaule gezogen, dessen Lenker
in einem blauen Leinwandkittel verdrielich nebenherschritt. Er kroch langsam
heran, aber die alte Frau im Siechenhaus hatte Zeit, ihn zu erwarten, und tat es
in stumpfsinnigem Hinbrten, indem sie die Hand ber die blden Augen hielt und
mit schlfrigem Nicken ihm entgegensah, bis er dicht vor ihrem Fenster angelangt
war und der Landreiter ironisch grend die Hand an die Pickelhaube legte.
    Da blieb der zahnlose Mund offenstehen vor Schrecken, die alten, hagern,
braunen Hnde fingen mehr als gewhnlich an zu zittern, und die Herrin des
Siechenhauses zu Krodebeck hinkte mit leisem chzen vom Fenster weg, verkroch
sich wieder einmal im dunkelsten Winkel und seufzte:
    O liebster Herrgott im Himmel, hol mich doch endlich ab aus der Welt, wenn
du mir absolut keine Ruhe lassen willst!
    Der Karren fuhr dem Dorfe zu; die Grillen zirpten ruhig weiter in den
Grben, die Schwalben fuhren ber den Weg, die Spatzen zankten sich in den
Apfelbumen; die Uhr auf dem Kirchturm schlug fnf, und es kam nicht das
geringste darauf an, ob die Alte im Siechenhaus Ruhe haben sollte oder nicht.
    An diesem nmlichen Nachmittag hatte die Familie auf dem Lauenhofe ihre
Siesta ohne Strung gehalten, dann den Kaffee in einer der schattigen Lauben des
Gartens eingenommen, und darauf war jeder seinen eigenen Wegen und Geschften
nachgegangen, ohne von dem andern gehindert zu werden - alles nach gewohnter
Sitte und Weise.
    Es war ein ziemlich heier Tag; aber es war ein schner und, sozusagen,
nahrhafter Tag. Die Harzberge erhoben sich lachend im blaugrnen Glanz, ber den
Feldern und Wiesen lag jenes Flimmern und Zittern, welches auch ber den Werken
der groen Dichter liegt und berall die Sonne zur Mutter hat.
    Jeder Bauer versprte den Tag wie einen Handschlag auf das Versprechen einer
guten Ernte; jede Buerin schwitzte mit Behagen in den Abend hinein. Selbst aus
den Stllen erklang das Gegrunz der Schweine wie ein mit Mhe unterdrckter
behaglicher Jubel ber die schnen Wrste und fetten Schinken, welche die lieben
Tiere fr den Winterkohl des Jahres mit Selbstgefhl in der Stille
heranbildeten. Gutmtig heiter sprudelten die Dorfbrunnen trotz der Wrme
hervor, in den Baumgrten wlzten sich die Kinder im hohen Grase; die Hhner und
Gnse gackerten und schnatterten im Schatten der Ackerwagen und der Hecken, und
auf der Terrasse des Gutsgartens las Frulein Adelaide von Saint-Trouin die
Korrespondenz der Marquise de Pompadour, durch deren Erdichtung sich der jngere
Crbillon ein so groes Verdienst um die gebildete europische Welt am Ende des
vorigen Jahrhunderts erwarb.
    Es stand ein chinesischer Pavillon auf dieser Terrasse, von welcher aus man
die Dorfstrae und den Platz vor dem Hause des Schulzen berblickte. Schlfrig
trumerisch sahen Peccadillo und Mystax von der Mauerbrstung auf das Dorf
hernieder, und mit hhnischem Behagen sah von Zeit zu Zeit das Frulein ber
seinen Crbillon weg auf den Band des Tlmaque, welchen es dem Chevalier zur
eigenen ntzlichen Nachmittagslektre und zur Bildung des jungen Hennig in die
Hand gegeben hatte und welchen er sowohl wie der junge Hennig mit hflichem
Mibehagen in Empfang genommen hatten.
    Da ein jeder der im Pavillon Versammelten die Aussicht kannte, so bekmmerte
man sich durchaus nicht um sie, und das Gepolter eines vorbeifahrenden Karrens
konnte die Aufmerksamkeit auch nicht erregen; aber der junge Hennig hatte, auf
dem Knie des Chevaliers sitzend, soeben eine ziemlich anzgliche Bemerkung ber
den ehrenwerten Herrn Mentor gemacht, als ein von der Gasse herauftnendes
Lrmen, ein verwirrtes Geschrei und Johlen sowohl den Fnelon als auch den
Crbillon fr den heutigen Tag vollstndig zu den Akten legte.
    Jener Karren, welcher dem alten Weibe im Siechenhaus einen so argen
Schrecken eingejagt hatte, hielt jetzt vor dem Hause des Gemeindevorstehers, und
ein guter Teil der Dorfbewohner war bereits um ihn versammelt und machte seinen
Gefhlen durch das eben erwhnte Getse Luft. Der Dorfschneider, welcher noch in
dem sen Kreise gefehlt hatte, kam eben eilig, um die Lcke auszufllen, und
rief im Vorberlaufen dem Ritter eine Neuigkeit zu, welche auch das
Malteserfrulein aber die Marquise von Pompadour hinaus merkwrdig
interessierte.
    Mon Dieu, das ist das Widerlichste, welches mir heute begegnen konnte!
rief das Frulein, die Pompadour in den Pompadour schiebend. Mais, Chevalier,
ich glaube, es ist unsere Pflicht, hinabzusteigen, um - um -
    Um unntige Aufregung und Roheiten der Menge zu verhten! schlo der
Ritter hflich und bot der Dame den Arm, um sie samt dem jungen Hennig die
Treppe hinabzufhren, welche von der Terrasse in die Dorfgasse hinunterlief.
    Sie gingen auf den Haufen zu, welcher sich vor der Tr des Schulzen
angesammelt hatte, und selbstverstndlich machten die Leute ihnen gern Platz.
Auf der Vortreppe des Hauses stand der Landreiter, der das Fuhrwerk geleitet
hatte, mit einer braunroten Feldwebelbrieftasche in der Hand, und neben ihm
stand Klodenberg, der Ortsvorsteher, und sah aus - sah aus wie ein Bauer, der Ja
zu einer Sache sagen mu, ohne vorher einen jahrelangen Proze darum fhren zu
drfen.
    Das hilft Euch nun weiter nichts, Klodenberg; also nehmt Vernunft an,
sprach der Reiter. Raus mit der Bescheinigung fr richtige Ablieferung, und
nachher wnsche ich recht viel Plsier und die wenigsten Unkosten mit der
Bagage. Ziert Euch nicht, Vadder, und macht's kurz und propre. 's ist ein
durstiger Dienst, und ich hab so kaum Zeit fr eine Pfeif Tobak im Krug.
Aufgesessen! Marsch!
    Das sagen Sie wohl, Wachtmeister; auf der Zierlichkeit kommt's mich
freilich nicht an, und ein Prsedenzfall ist's auch nicht, denn es ist schon zu
oft dagewesen; aber eine Schande ist's und bleibt's mit und ohne die Kosten,
brummte der Schulze der wohl wute, da die halbe Gemeinde und der ganze
Gemeinderat ihn auf eine derartige Gemtsuerung ansehe.
    So ist es. Klodenberg; und in den Schein knnt Ihr's auch setzen, da es so
ist! brummte der Kreis nach.
    Lang und dnn hob sich jetzt das maltesische Frulein auf den Zehen und
guckte mit der Lorgnette unter die Leinwanddecke des Wagens; ber die Schulter
des Fruleins sah der Chevalier, und der junge Hennig wurde von einem Knecht des
Gutes in die Hhe gehoben, damit er ebenfalls von dem Wunder und Vergngen zu
genieen bekomme.
    Ei mein Himmel, sie ist's, murmelte das Frulein giftig und erbarmungslos;
der Chevalier nahm eine Prise und zog die Achseln in die Hhe und schttelte den
Kopf mit einem bedenklichen: Hm, hm! Der junge Hennig aber sperrte den Mund
weit auf und griff mit beiden Hnden seinem Trger in das Halstuch.
    Das Schauspiel konnte nicht erfreulich genannt werden, und die Bemerkungen
Klodenbergs waren, von einem gewissen Standpunkt aus, gar so unbegrndet nicht.
Ein Weib lag, in sich zusammengezogen, unter dem Tuch auf einem Bndel Stroh und
vergrub das Gesicht in dieses Stroh, als knne es nichts mehr von der Welt
brauchen und wolle nichts mehr von ihr sehen. Und von der Brust oder aus den
Armen des Weibes war ein Kind, ein kleines Mdchen, gegen das Fuende des Wagens
hinabgerutscht, hatte sich an dem Wagenrand emporgehoben, klammerte sich mit
beiden Kinderpftchen krampfhaft da fest und sah mit groen, schwarzen und
merkwrdig ruhigen Augen unter dem Verdeck hervor auf die hhnische erboste
Menge, als knne es nie genug von dieser Welt bekommen, von der die Mutter
genug, bergenug, viel zuviel bekommen zu haben schien.
    Wer ist das? Ist das wirklich Marie Huler? wendete sich der Chevalier an
die Autoritten des Ortes, welchen natrlich das bse Weib des Dorfes das Wort
abschnitt, ehe sie den Mund zum Antworten ffneten, indem es kreischte:
    Die Marie, die schne Marie ist's, wirklich und wahrhaftig, obgleich man 's
ihr nicht mehr ansieht, Herr von Glaubigern. Marie Huler mit ihrem Balg ist's,
und nun ist's gekommen, wie wir's lange verhofft und wie das gndge Frlen es
lange vorausgesagt haben, und sie kommt in der Kutschen und mit zweien Bedienten
ins Dorf zurck, wie sie es selbst vorausgesagt hat, Herr von Glaubigern, und
hier sind wir alle miteinander, um sie nach Gebhr mit Vivat und Musik wie 'n
neuen Pastor zu empfangen.
    Das Volk von Krodebeck pfiff und schrie selbstverstndlich nach diesen
anregenden Worten, aber der Wachtmeister rief wtend von der Treppe herab:
    Haltet das Maul, ihr Rpel und Lmmel, und der Hexe da schlage ich auf das
Maul, wenn sie es nicht halten kann! Noch steht die Fracht und Fuhre unter
meinem Kommando, und da duld ich keine Anzglichkeiten. Wann ich die Quittung
hab, mgt ihr Bauern sagen und tun, was ihr wollt; mich geht's weiter nichts
an.
    Ein fr die arme Heimkehrende viel bel bedeutendes Murren und stilles
Schimpfen lief durch den Haufen. Die Kranke verkroch sich darob tiefer in ihr
Stroh, nachdem sie einen matten Versuch gemacht hatte, das Kind zu sich
hinzuziehen. Das Kind sah sich auf das Rascheln des Strohes um nach seiner
Mutter und lachte dann, als ob es meine, die Mutter wolle nur Verstecken mit ihm
spielen; es lie von seinem Halt ab, purzelte zurck und kroch mit glckseligem
Kreischen zu ihr hinauf.
    Ich verbitte mir gleichfalls alle Anzglichkeiten, denn was ich in betreff
dieses Weibes gesagt habe und sagen werde, werde ich selber bemerken, sprach
pltzlich mit sehr schnarrendem Ton Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin auf
der Hhe ihres Standpunktes als Haute-Justicire der Grafschaft Pardiac und
klopfte, um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben, mit dem jngern Crbillon, den
sie wieder hervorgezogen hatte, auf den Rand des Karrens. Herr Wachtmeister,
ich bitte -
    Zu Befehl, gndiges Frlen, sagte der Landdragoner, ordonnanzmig die
Hand an die Pickelhaube legend.
    Herr Wachtmeister, ist dieses Frauenzimmer wirklich die Marie Huler hier
aus dem Ort? Ist dieses in der Tat das Kind der Marie Huler?
    Zu Befehl, gndiges Frlen. Die Papiere sind in schnster Ordnung, und
Klodenberg wei, da er nichts dargegen machen kann. Aberst er tut's und
versucht's doch, und das ist (mit einem verchtlichen Blick im Kreise umher)
einmal ihre Art so. Wissen Sie, gndges Frlen - Marie Huler - Krodebeck -
Heimatsberechtigung - schleichendes Zehrfieber - rztliches Attestat - und
kurzum - alles in schnster Ordnung.
    So mache man dem Skandal endlich ein Ende und bringe die Person und das
Kind unter Dach, befahl das Frulein, whrend der Chevalier wiederum ein
kopfschttelndes Hm, hm hren lie.
    Jaja, brummte der Schulze, schon recht! Alles in Ordnung; und wenn der
Mensche alles gesagt und getan hat, was sein mu, so gibt er sich, weil er
freilich nicht anders kann. Kommt herein, Wachtmeister, Ihr sollt die
Bescheinigung haben und einen Nordhuser dazu. Holla, ihr andern da, schiebt den
Karren nur nach dem Siechenhaus; es ist nicht das geringste dagegen zu machen.
Die Herrlichkeit ist da, die Kosten sind nicht wegzudisputieren; also - macht
euch ein Verdienst aus dem Verdru und macht dem Volk das Ding so bequem, als es
eben angeht.
    Er trat mit dem Reiter in das Haus, und von neuem erhob sich das Geschrei,
das Pfeifen und Grunzen von Krodebeck. Ein Dutzend Hnde griff in die Speichen
der Wagenrder, und ein Dutzend Hnde griff dem Fuhrknecht in die Zgel seines
hagern Gauls. Da dieses doch nicht ohne Unbequemlichkeiten fr die schne Marie
und ihr Kind abgegangen wre, ist sicher; allein der Chevalier und die
Nachkommin des tapfern Johann von Brienne legten sich mit ihrem ganzen Ansehen
ins Mittel, und der junge Herr von Lauen half durch ein helles Gezeter.
    So wurde der Karren vor das Siechenhaus von Krodebeck gezogen und geschoben,
ohne da - wenigstens auf diesem Wege - Mutter und Kind weiter zu Schaden kamen.

                                Viertes Kapitel


Adelaide von Saint-Trouin, welche eine zarte, eine zierliche Antipathie gegen
jeden nahen Verkehr mit den untern Klassen der Gesellschaft hatte und aus
gewissen Grnden eine unaussprechliche Abneigung gegen die schne Marie zu hegen
berechtigt war, ging nicht mit in das Siechenhaus, hielt auch den jungen Hennig
fest an der Hand zurck, sowohl whrend der Karren abgeladen wurde, wie auch
nachdem mit Hlfe einiger gutherziger Mnner - nicht Weiber - die Kranke und ihr
Kind in die Htte geschafft worden waren. Der Ritter von Glaubigern, weniger
zart organisiert, steuerte nach Krften den noch immer sich wiederholenden
Roheiten des Volks von Krodebeck, und es gelang ihm auch, den jetzt
nachkommenden Vorsteher zu bestimmen, sein Ansehen in dieser Richtung walten zu
lassen. Es zeigte sich, da die alte Praktik des Gellertschen Amtmanns noch
immer Geltung hatte. Der Dorfgewaltige wute berzeugend zu sprechen. Vor seinen
Ochsen, Eseln und Flegeln zerstreute sich der Haufen, bis auf das
Malteserfrulein, welches sich keinen der mannigfachen Ehrentitel zurechnete und
mit dem jungen Herrn von Lauen seinen Standpunkt auf der Landstrae behauptete,
whrend der Chevalier jetzt hinter der Tr das alte Weib zu beruhigen suchte,
welches, bis zum Zittern bestrzt ber die neuen Ankmmlinge, die Hnde rang und
dumpfe Angsttne hren lie.
    Es wre vielleicht angemessener, wenn wir nach Hause gingen, Hennig, sagte
das Frulein. Solche Szenen haben etwas Widerliches und Unschickliches, und
diese vor allen kann mir nur peinlich sein. Auch sehe ich eigentlich nicht,
welche Moral fr dich, mein Kind, in diesem hlichen Fall liegen knnte.
    Ich gehe nicht nach Haus ohne den Herrn von Glaubigern, sagte Hennig fest.
    Mon Dieu, der Chevalier! Ich begreife den Chevalier wirklich nicht. Er wei
doch, da er hier auch einige Rcksicht auf mich zu nehmen hat.
    Er wird der kranken Frau Geld geben, und ich will dem kleinen Mdchen
meinen neuen Ball geben. Sagen Sie, Frlen Trine, weshalb schrien und schimpften
die Leute so sehr ber die kranke Frau und das kleine Mdchen?
    Hennig, sprach die Abkmmlingin der Kaiser von Konstantinopel mit Wrde
und Entrstung, Hennig, wie oft habe ich mir schon diese pbelhafte und
zugleich alberne Bezeichnung meiner Persnlichkeit verbeten? Das ist unaussteh-
nun, Vorsteher, sind Sie endlich mit Ihrem Arrangement da drinnen fertig?
    Frlen Trine, sagte der Vorsteher, sich den Schwei von der Stirn
wischend, das sind kurise Sachen da innenwendig. Wer offiziell nichts d'rmit
zu tun hat, der ist wohl dran, und wenn ich, mit Permission zu sagen, der Herr
von Glaubigern wre, so tt ich was Besseres, als mir darmit zu vermengelieren.
Der Herr Ritter sind aber zu gtig, und so habe ich jetzo die Angelegenheit in
seine Hnde refsiert, und er mu nun zusehen, wie er die Alte zur Ruhe und die
Junge mit ihrer Krabbe in ein angenehmliches Verhltnis zu ihr bringt! 'pfehle
mich, Frlen Trine.
    Er hat auch Frlen Trine gesagt! schrie Hennig, dem abmarschierenden
Schulzen nachdeutend. Alle im Dorfe sagen es, und ich bin auch aus dem Dorfe,
und es ist ganz die Geschichte vom kleinen Tffel, sagt der Herr Ritter!
    Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin erwiderte nichts. Sie schritt mit
dem Crbillon im Pompadour und mit den Hnden auf dem Rcken auf und ab vor dem
Siechenhause, um das Wiedererscheinen des Chevaliers zu erwarten und von ihm
ohne weiteres ber den kleinen Tffel und das Verhltnis desselben zu ihr
bedingungslosen Aufschlu zu fordern. Htte sie eine Ahnung davon gehabt, da
der Schulze, im Weitereilen ber die Schulter zurckblickend, tief
geschichtsphilosophisch bemerkte: Ein Frauensmensch ist genug, um smtliche
Nationen des Erdbodens in einen Knuel drum aufzuwickeln!, so wrde sie sich
auch zu dieser Unverschmtheit jedenfalls eine Erluterung ausgebeten haben.
    Die verscheuchten Dorfkinder lauschten verstohlen hinter und an den Hecken
und suchten auf alle Weise die Aufmerksamkeit des Stammhalters der Herren von
Lauen auf sich zu ziehen. Allein Hennig konnte sich jetzt nicht mit den
Spielgenossen beschftigen. All dieser Aufwand von Unruhe, Lrm, rger,
geheimnisvollem Kopfschtteln und Ohrenkratzen beunruhigte sein junges Herz
immer mehr, so da er endlich in fast atemloser Spannung mit Auge und Ohr an den
erblindeten Fenstern des Siechenhauses hing. Er fuhr ordentlich zusammen, als
jetzt das eine dieser Fenster aufgerissen wurde und das gelbe traurige Gesicht
des Ritters sich vorbeugte nach einem Atemzug frischer Luft.
    Ich bitte, Herr von Glaubigern, rief das Frulein, die Atmosphre hier
ist drckend; - werden wir bald die Ehre haben -?
    Sogleich, Gndigste! erwiderte der Chevalier mit artigstem Gru und
verschwand in demselben Augenblicke von neuem.
    Unausstehlich! rief das Frulein und zog den kleinen Hennig fast zornig
ber den Weg zu dem geffneten Fenster hin. Man scheint nicht die mindeste Zeit
und Hflichkeit fr uns berzuhaben, murmelte Adelaide, whrend sie sich
niederbckte und whrend Hennig sich auf den Zehen hob, um feurig neugierig in
das Fenster gucken zu knnen.
    Also hier hngt der Schwarm am Zweig? rief jetzt aber eine helle, sehr
metallreiche Stimme hinter den beiden Lauschern. Mit aufgerichteter Nase,
aufgestecktem Schurz und trotz der Hitze mit ungemein elastischem Schritt,
welcher am ganzen nrdlichen Abhang des Harzes seinesgleichen suchte, kam eine
Dame ber den Weg vom Dorfe her, der man es schon auf vierzig Schritt ansah, da
sie sich zur Herrin der Situation machen wrde. Frau Adelheid von Lauen, die
Herrin des Lauenhofes, war vor zehn Minuten auf dem Hofe von einem Ackerwagen
niedergestiegen, hatte vernommen, was sich begeben hatte whrend ihrer
Abwesenheit, hatte ihre Haube mit einem Ruck zurechtgeschoben und stand nun vor
dem Siechenhause, um auch hier Ordnung zu stiften.
    Zuerst bekam Hennig ihre wackere Hand zu kosten; im Vorbeimarsch fuhr sie
ihm durch die Haare, zog ihm die Jacke zurecht und gab ihm durch einen
wohlgemeinten Klaps zu verstehen, da seine Erscheinung wie gewhnlich
mancherlei zu wnschen briglasse. Sodann nahm Frulein Adelaide einige
geflgelte Worte in Empfang.
    Nichts fr ungut, Base, aber ich wre dem Dinge doch etwas nher gegangen
und liee mich jedenfalls nicht unntig hier in der Sonne braten. Also die Marie
ist wieder da? Das hat Sie wohl recht gefreut, Beste? Na, den Tag, an welchem
sie kommen wrde, konnte ich nicht vorauswissen; aber gewartet hab ich seit
Jahren drauf. Jawohl, es ist auch fr Sie eine recht nachdenkliche Geschichte,
Frulein Adelaide. Munter!
    Mit dem letzten Wort, welches sie nicht selten sowohl an ihre Reden vor dem
Volk wie an ihre Selbstgesprche hing, nahm die Frau Adelheid das Siechenhaus
mit Sturm, und zwar mit dem besten Willen, Ordnung, Friede und Sicherheit mit
oder gegen den Willen der Leute darin aufzurichten.
    Frulein Adelaide dagegen fate das Handgelenk des jungen Hennig fester,
drehte ihn mit einem rgerlichen Ruck um und fhrte ihn zurck auf die
Gartenterrasse des Lauenhofes unter den chinesischen Pavillon. Hier angekommen,
lie sie den kleinen Junker nach einem zweiten Ruck frei, sank sodann auf den
nchsten Sessel und befand sich bereits im nchsten Augenblicke in der
Gesellschaft des jngeren Crbillon tief in der Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts mit Peccadillo auf dem Schoe und Mystax in angemessener Entfernung
zu ihren Fen; - ach ja, Frau Grfin von Baschi, ma vie est une mort
continuelle. Je devrois, sans doute, me retirer de la cour: mais je suis foible,
et je ne puis ni la souffrir ni la quitter. Es zeugte freilich von einer groen
Migung und Duldsamkeit, von einer hchst anerkennenswerten Milde im Charakter
des Fruleins, da es so groes Elend so sanft ertrug und nicht lngst den Hof,
nmlich den Lauenhof, verlassen hatte, um in die orientalische Frage
einzugreifen und als Prtendentin fr den Thron von Byzanz aufzutreten.
    Der junge Hennig, dessen Leben noch nicht ein ununterbrochenes Sterben war,
verga bald die Ereignisse des Nachmittags, den Karren, den Wachtmeister, die
kranke Frau mit dem kleinen Mdchen ber wichtigeren Angelegenheiten, Die
Verwalter ritten von den Feldern heim, und in ihrer Begleitung begann er die
gewohnten Inspektionswege durch Kuh- und Pferdestlle. Dann war die Klappermhle
im Bach, welche er am Morgen aufgerichtet hatte, im Gange zu halten; der
Hhnerhof verlangte sein Recht, und mit der Dmmerung meldete sich das nicht
ungerechtfertigte Verlangen nach dem Abendessen. Der Tag war hingegangen, ohne
da er sowohl fr das Frulein von Saint-Trouin wie fr den Knaben etwas
absonderlich Merkwrdiges mitgebracht hatte. Eiligen Schrittes kam die Gutsfrau
vom Siechenhause zurck und strzte sich von neuem in die gewohnteren Sorgen.
Einige Zeit spter kam der Chevalier langsam, melancholisch nachdenklich heim,
stand einige Minuten wortkarg in dem Getmmel, der Unruhe, die auf dem Lande dem
Feierabend voranzugehen pflegen, und schlo sich dann bis zum Klange der
Tischglocke in seinem Zimmer ein. Nachdem diese Glocke er- und verklungen war
und der sonst so pnktliche Ritter noch immer nicht erschien, stieg Mystax die
Treppe hinauf, um ihn zu holen, und kratzte leise an seiner Zimmertr. Ihm
gelang es, den Ritter aus seiner trben Mutlosigkeit emporzuziehen, und unter
seiner Fhrung erschien der Herr von Glaubigern in dem Gartensaale, in welchem
der Tisch gedeckt stand.
    Es war ein schner Abend. Die Fenster und Flgeltren des Saales waren weit
geffnet. Unter ihren hellen Glasglocken flackerten die Lampenflammen nur ganz
wenig im khlern Abendwinde, und vergeblich versuchten die verirrten
Nachtschmetterlinge im taumelnden Flug gegen das Licht zu ihrem Verderben zu
gelangen. Drauen rauschte und lispelte der Garten, die Frsche lieen sich bald
nher, bald ferner vernehmen, und die Leute vom Lauenhofe hatten alle einen
guten Appetit - alle, bis auf den Ritter von Glaubigern, welcher durchaus gar
keinen Appetit bewies und gegenber den freundlichsten Ermutigungen der
Gutsherrin nur die Hand auf den Magen legte und mit stummem Achselzucken um
Entschuldigung bat.
    Nach dem Essen kam die Stunde, in welcher die Zeit, vorzglich nach einem
solchen heien Tage, stillzustehen scheint, die Stunde, in der selbst der
gefrchtetste und gehateste Anekdotenerzhler es wagen darf, sich noch einmal
ungestraft seinem Laster hinzugehen, weil jedermann, geschaukelt zwischen dem
Bewutsein, da es heute sehr hei war und jetzt so angenehm khl sei, manches
ruhig hinnimmt, wogegen er sich in muntereren Minuten auf das hartnckigste
wehren wrde.
    Zwischen Schlafen und Wachen, mit der Stirn auf dem Knie des Chevaliers
liegend, vernahm Hennig von Lauen die Geschichte der schnen Marie Huler,
verstand jedoch wenig mehr davon, als da sie fr die meisten Leute sehr traurig
und unbehaglich war, aber dem Frulein Adelaide von Saint-Trouin zu vielen
ausgesuchten und treffenden Bemerkungen Anla gab.
    Pltzlich fhlte er eine Hand in seinen Haaren und vernahm blinzelnd
auftaumelnd die Worte der Mutter:
    Der Junge schnarcht doch zu greulich! Marsch zu Bett! Munter!
    Am folgenden Morgen wute er weder von der Geschichte noch von den
Bemerkungen das geringste mehr, und das war in mehrfacher Beziehung recht gut.

                                Fnftes Kapitel


Die Alten und die Jungen, die Patrizier und die Plebejer, die Klugen und die
Narren, die ehrbaren Frauen und jene muntern Frauen in roter Haube oder gelbem
Mantel zogen sie hervor aus den Husern oder huben sie auf in den Gassen und
luden sie auf jenen schrecklichen schwarzen Karren, den Schdderump. Das ist
lange her. Der schwarze Wagen ist zu einer unvergleichlichen Merkwrdigkeit
geworden und wird dem durchreisenden Fremden als die einzige Kuriositt des
Stdtchens, welches das Glck hat, ihn zu besitzen, gezeigt! Es ist lange, lange
her, seit er zum letztenmal in Gebrauch war, seit zum letztenmal die Lebendigen
vor dem dumpfen Geknarr seiner Rder vom Fenster wegstrzten und scheu einander
ansahen und sich die Ohren verstopften! Wir haben eine sich selbst nicht wenig
lobende Gesundheitspolizei, die Sitten sind andere und bessere geworden, selbst
der Ungebildete wei, da grne Pflaumen und Gurkensalat zur Zeit der Brechruhr
nicht zu den gesunden Nahrungsmitteln gehren. Gesundheitstlanell, wollene
Leibbinden und Korksohlen werden tglich in den Intelligenzblttern angeboten
und von den verstndigen Leuten gekauft. Selbst der Ungebildete vermag,
wenigstens in Deutschland, die Intelligenzbltter zu lesen, fr die Gebildeten
haben Lessing, Herder, Schiller, Goethe und Jean Paul gelebt, und - um so
erstaunlicher ist es, wie nahe wir trotz alledem doch noch dem Schdderump
stehen! Wer sich eingehender damit beschftigt, dem vermischen sich endlich die
Vorstellungen derartig, da er kaum noch die Vergangenheit von der Gegenwart zu
unterscheiden Vermag.
    Es war ein schnes, halbnacktes Mdchen, dem nicht einmal der schwarze Tod
alle Reize hatte nehmen knnen, und selbst auf dem Schdderump wehrte es sich
noch gegen die scheuliche Grube, gegen die Verwesung mit und in dem Haufen der
andern Leichen. Ich habe sie im Traume gesehen; - die im letzten Krampf starr
und steif gewordenen Arme klemmten sich zwischen den Leisten der Seitenwnde des
schwarzen Wagens, ein Nagel hatte ihr Gewand gefat und es ihr von den Schultern
gezogen. Als die wilden, rohen Knechte den Karren umstlpten, schien diese Tote
allein den andern Leichnamen nicht folgen zu wollen. Die Knechte muten sie mit
ihren eisernen Haken losreien und sie den brigen nachschieben, und sie lachten
dabei und wiesen die Zhne und die Zungen; denn es war ein sehr schnes Mdchen
und war noch schn auf dem Schdderump - und so ist auch Marie Huler, die
Tochter des Dorfbarbiers zu Krodebeck, ein sehr schnes Mdchen gewesen.
    Zieht den Hut; der eigentliche Held und Triumphator dieser Geschichte
erscheint fr einen Augenblick im Hintergrund und schleicht leise ber die
Bhne!
    Dietrich Huler wurde zu Anfang des Jahrhunderts in Krodebeck geboren. Er
verheiratete sich im Anfange der zwanziger Jahre und zeugte die schne Marie. Im
Jahre achtzehnhundertneununddreiig starb seine Frau, nachdem er im Jahre vorher
mit seiner Tochter aus dem Dorfe verschwunden war. Die schne Marie kam im Jahre
fnfzig mit ihrer kleinen Antonie zurck nach Krodebeck; der Stammherr des
Geschlechtes Huler Von Hauenbleib, dem freilich Schild und Schwert sogleich
mit in die Grube gegeben werden mu, wird im Jahre einundsechzig zurckkommen,
wenn Antonie Huler eine schne Jungfrau geworden ist, und dann - dann wird der
Titel des Buches seine volle Lsung finden.
    Dietrich Huler hatte mit dem Kollegen von Sevilla nur die leichte Hand,
doch nicht den leichten Sinn gemein. Er rasierte eigentlich vortrefflich; allein
da er den Gott in seinem Busen kannte und eine Ahnung davon hatte, zu welch
groen Dingen er berufen sei, so rchte er sich fr jetzt dadurch an seiner
niedrigen Lebensstellung und an der Menschheit, da er so schlecht als mglich
rasierte. Blutgierig zog er an jedem Sonnabend den Bauern von Krodebeck die Haut
ab, machte in dieser Hinsicht sein Handwerk wirklich zur Kunst und konnte so mit
ganzer Seele sich seinem Geschft hingeben, grad wie in frheren Jahrhunderten
ein schwrmerisch entflammter Folterknecht dem seinigen. Er war gewi nicht
dumm, sondern ein hinterlistiger, heimtckischer Gesell, welcher seine Lehrzeit
und drei Jahre drber in Berlin zugebracht hatte und einen groen Teil seiner
Lebensanschauungen und Grundstze auf diese fromme und vergngte Zeit
begrndete. Sein Weib und seine Kinder fhrten ein gar elendes Leben unter
seinem Regimente. Sein Weib, von dem weiter nichts zu sagen ist, starb, und
seine Kinder verdarben bis auf diese Marie, welche man in Krodebeck die schne
nannte und welche ebenfalls starb und verdarb, aber auf eine andere Art als die
brigen, denn die brigen versanken nach einem kurzen Taumeln und Qulen in
Krodebeck selbst; Marie aber kam in die weite Welt hinaus und erlebte viele
Dinge, ehe sie nach Krodebeck zurckgebracht wurde, um ebenfalls daselbst
unterzugehen.
    Wie gesagt, hatte Dietrich die Verhltnisse der groen Stadt, da seine
eigenen Neigungen schlecht waren, von der schlechtesten, erbrmlichsten Seite
angesehen, und noch dazu von der erbrmlichsten Seite in der geringen Sphre, in
welche ihn sein Schicksal hingestellt hatte. Aber er war dazu mit einer gewissen
Phantasie begabt, welche ihm die Dinge oft in einem absonderlichen Lichte
erscheinen lie. Er konnte so gut wie ein anderer trumen und die Wirklichkeit
idealisieren und die Welt vollstndig auf sich als den Mittelpunkt der Welt
beziehen und in seinen einsamen Stunden gradeso glcklich sein wie ein anderer.
Das ist das erfreuliche am Leben, da der Mensch fr seine Natur kaum
verantwortlich zu machen ist, und so werden wir gewi nicht auf den Meister
Dietrich Huler um das, was er war, und um das, was er wurde, mit zu finsterm
Auge und zu tiefem Stirnrunzeln blicken. Nun hat ein Barbier in einer groen
Stadt, der sich auch ein wenig aufs Frisieren versteht, Gelegenheit, allerlei zu
sehen und zu hren, worber sich nachdenkliche Betrachtungen anstellen lassen,
Das Ideal tritt in erstaunlichen Formen auf, und schon in Berlin lag das Ideal
fr Dietrich in der Vorstellung, eine schne Tochter zu haben und beliebig ber
dieselbe verfgen zu drfen. Da er ein ganz stattlicher Bursche war, gelang es
ihm, in der preuischen Hauptstadt in ein Geschft hineinzuheiraten und dasselbe
in zwei Jahren zu ruinieren. Er kam nach Krodebeck zurck, imponierte den Bauern
mchtig in der ersten Zeit, log frchterlich und wurde allmhlich zu einer
Persnlichkeit, welcher das Dorf alles in der Welt zutraute, jedoch nicht das
Allergeringste anvertraute. Man lachte ber ihn und frchtete ihn ausnehmend,
man glaubte seiner Versicherung, da er morgen vierspnnig fahren knne, wenn er
wolle; allein man glaubte nicht, da er morgen die fnf Silbergroschen, die er
heute borgte, zurckzahlen werde. Man schenkte ihm heute die vollste Bewunderung
und warf ihn morgen aus der Kneipe, und der, welcher ihm dabei den grimmigsten
Futritt gab, schlich bermorgen zu ihm und schob die Schuld auf einen andern.
Da er seine Gelegenheit in allen Dingen abzuwarten wute und nach Jahren noch
jede Beeintrchtigung und Beleidigung heimzahlte, war jedermann bekannt, und da
jedermann bekanntlich dem andern gern von Zeit zu Zeit einen tchtigen
Schabernack spielen lt, so behauptete der Meister Dietrich Huler seine
Stellung in Krodebeck, bis er selbst es fr angezeigt hielt, sie aufzugehen.
    Er zeugte drei Shne, die, wie gesagt, in frher Jugend verkamen, da er
nichts mit ihnen anzufangen wute. Nachher wurde Marie geboren und wuchs auf in
Schmutz und Lumpen und hatte schon in ihrer Kindheit ein bel Leben; denn es
wiederholte sich mit ihr eine alte, alte Geschichte, nmlich die von der
Schnheit, welche in die Welt hineingeboren wird und natrlich von denen, die
sich am heftigsten nach ihr sehnten, anfangs auf das stumpfsinnigste verkannt
werden mu. Es haben viel grere und edlere Leute als der Barbier von Krodebeck
ihr Ideal verkannt, ja blieben sogar noch hinter dem Barbier zurck; denn als
diesem die Augen geffnet worden waren, da glaubte er an sein Ideal und begrte
es mit Jauchzen, was sehr hohe Geister und herrliche Charaktere sehr hufig
nicht ber sich gewinnen konnten.
    Die Augen gingen ihm brigens nicht sogleich auf und vor Vergngen ber. Das
kleine Mdchen erschien anfangs in seinem Schmutz und seinen Lumpen, in seiner
vollen und abscheulichen Verwahrlosung hlich genug und wurde daher auch in den
ersten Kinderjahren fast noch rger mihandelt als die unntzen Buben. Es bekam
wenig zu essen, aber viele Futritte und Schlge. Was die Bauernschaft von
Krodebeck dann und wann an dem Vater Huler sndigte, kam der Familie des
Barbiers in ganz logischer Folge heim, und oft vernahm man das Geheul und
Wimmern dieses huslichen Herdes in ruhigen Nchten durch das stille Dorf. Oft,
sehr oft fanden die gndige Frau vom Lauenhofe, welche damals noch eine viel
jngere und in behaglicher Ehe lebende gndige Frau war, und der Chevalier von
Glaubigern, welcher ebenfalls in jener Zeit ein noch viel rstigerer Ritter war,
Gelegenheit, hier ihre Autoritt geltend zu machen, jedoch ohne groen Nutzen.
    Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin hielt es unter ihrer Wrde, in
solchen Fllen ihre Autoritt geltend zu machen. Von einer Dame, welche
eigentlich berechtigt war, Byzanz zu regieren und den Sultan Mahmud den Zweiten
fr einen niedertrchtigen Usurpator zu erklren, von der konnte man doch nicht
verlangen, da sie sich so weit herunterlasse, um die Verhltnisse im Hause des
Barbiers von Krodebeck zu regeln und sein Weib vor Prgeln, sein Kind Vor
Futritten zu schtzen. Und doch trug nur die sehr noble und sehr mchtige
Chevalire von Malta die Schuld davon, da der Meister Dietrich sein Ideal
erkannte.
    Es war an einem schnen Sommermorgen, als das Frulein, von einem
romantischen Spaziergange in die Wlder durch das Dorf nach dem Lauenhofe
zurckkehrend, durch einen argen Lrm im Hause des Barbiers aus seinen hohen
Trumen aufgeschreckt und der trivialen Gegenwart gegenbergestellt wurde. In
dem Hause dauerte zwischen Mann und Weib der Kampf um den tglichen Frieden noch
fort; doch vor dem Hause am Brunnen wusch Marie Huler bereits die Trnen aus
den Augen und das Blut von der Nase. Ein schicksalvoller Sonnenstrahl fiel auf
die Stirn, das Haar und die nackte braune Schulter des Mdchens, und statt in
das Haus zu strzen und dem Barbaren den Prgel aus der Hand zu nehmen, stand
das Frulein sehr still und hob die Lorgnette und winkte lchelnd hinber:
    Himmel, welch ein Bild!
    Es war freilich ein Bild, ein reizendes Bild, und Adelaide bewhrte das
feinste Gefhl fr den Zauber desselben. Sie ging langsam nher und hob mit den
uersten Fingerspitzen das Kinn der Weinenden empor, lie das Augenglas
herabfallen und rief:
    Es ist in der Tat keine Tuschung; - es ist wirklich berraschend! Und das
ist heraufgekommen wie die Blumen unter der Hecke. Mon Dieu, Kind, wie kommst du
unter die Kanaille? Weit du genau, wer du bist und woher du kommst?
    Mit ziemlich weit geffnetem Munde, aber noch immer schluchzend, deutete
Marie Huler auf die Tr ihres Vaterhauses, in welcher jetzt der Meister
Dietrich stand und, gleichfalls sehr verwundert, nicht zu wissen schien, ob er
sich nher heranwagen oder sich so tief als mglich vor der Malteserin in das
Innere zurckziehen solle. Aber Frulein Adelaide winkte, und der Barbier von
Krodebeck trat oder kroch vielmehr mit den hflichsten Bcklingen nher und
wnschte dem Frulein einen guten Morgen, worauf dieses jedoch entgegnete:
    Er ist ein elender, ein flegelhafter, nichtswrdiger und zu gleicher Zeit
ein dummer Gesell, Huler. Ohne Komplimente, Huler, Er ist ein widerlicher,
brutaler Patron, und wenn die Welt noch regiert wrde, wie es sich gebhrt, so
wrde Er sicherlich nicht einen solchen heitern Morgen durch seine Roheiten
ungestraft verstren drfen. brigens hab ich Ihn nicht gerufen, um Ihm das zu
sagen, denn es ist kaum noch etwas darber zu sagen; aber das will ich Ihm
mitteilen, da ich dieses junge Mdchen von jetzt an unter meinen besondern
Schutz nehme. Wei Er, Huler, da Er eine sehr hbsche Tochter hat, welche
nicht in Krodebeck unter dem Bauernpbel verkommen soll? Sieh auf, Kind, und
schme dich nicht, mein feines Lrvchen. Komm im Lauf des Tages zu mir, nachdem
du dich gewaschen hast. Bringe deine Schulbcher mit, wir wollen ein kleines
Examen anstellen und sehen, ob die Stirn hlt, was sie verspricht. Bist du
willig, so sollst du bei mir bleiben als Chambrire; - ja, ich will dich
erziehen, Kleine, und dein Glck zu machen suchen. Eine Kammerfrau der guten
alten Zeit sollst du werden; ach, auch das Geschlecht ist vergangen mit allem
brigen Guten und Schnen! O mon Dieu, ich will mir ein Verdienst daraus machen,
der Welt eine wirkliche Kammerjungfer zu bilden. Bonjour, Marion, weine nicht
lnger, mein Miezchen, und vergi nicht, im Sonntagskostm zu erscheinen.
    Mit grazisem Kopfneigen schritt die Enkelin so hoher Ahnen weiter und lie
den Barbier Dietrich Huler in dem ungeheuersten Erstaunen an der Seite seiner
Tochter zurck. Er blickte der Dame nach und sah auf seine Tochter; er sah lange
und von den verschiedensten Standpunkten aus auf seine Tochter, rieb sich die
Augen und die Stirn, blickte wie zweifelnd nach seinem Hause hin und blickte von
neuem auf seine Tochter. Auch er hob jetzt ihr Kinn empor, wenn auch nicht mit
den zartesten Fingerspitzen, und endlich trat er drei Schritte weit zurck,
schlug mit der geballten rechten Hand in die offene linke und rief:
    Alle Donner - ob sie recht hat! Dreimal hat sie recht! Und ich bin ein
Esel, ein Rindvieh, ein elendiger Tropft! Fnfzigmal hat sie recht, die
hochnsige Gans, und nun, marsch mit dir ins Haus, du nichtsnutziges Balg -
nein, wollte ich sagen, geh rein, mein Herzchen, mein Pppchen, und sag der
Alten, ich km sogleich nach; aber vorerst mte ich mich noch ein wenig erholen
von allen Alterationen und angenehmen berraschungen!
    Marie ging, wie ihr befohlen war; der Barbier aber lief dreimal um das Dorf
und kam ganz khl und ruhig heim, half selbst mit merkwrdig milder Hingebung an
der Toilette der Tochter und schickte sie am Nachmittag mit dem schnsten Gru
auf den Lauenhof zum Frulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin.
    Von dieser Unglcksstunde an aber kam eine groe Vernderung in das Haus
Huler. Der Vater Dietrich wurde immer hflicher und immer zrtlicher gegen
sein Kind und stieg durch tiefe Unterwrfigkeit allmhlich auch immer hher in
der Achtung, Gunst und Neigung der Gerichtsherrin von Valcroissant. Ober ein
Jahr blieb und studierte Marie Huler in Adelaides Zucht und Schule, und nicht
ein einziges Mal whrend dieser Zeit gab der Vater Huler nach der gewohnten
Art dem Dorfe Stoff zum Skandal oder Zorn. Es wurde merkwrdig still in seinem
Hause; auch Dietrich studierte, und zwar die sonderlichsten Dinge; sein
unglckseliges Weib qulte er schlimmer als je, doch ebenfalls auf eine andere
Weise, ganz ohne alles fernere ffentliche Aufsehen und rgernis.
    Was der Lauenhof ber das Verhltnis denken mochte, welches sich zwischen
dem Frulein Adelaide und dem Hause Huler angesponnen hatte, wie der Ritter
von Glaubigern auch den Kopf schtteln mochte; es hatte niemand das Recht, sich
zu verwundern, als am zehnten September des Jahres achtzehnhundertachtunddreiig
pltzlich das Geschrei im Dorf erging, der Barbier sei ber Nacht verschwunden
und habe seine Tochter, die schne Marie, mit sich genommen, und niemand wisse,
wo er geblieben sei, seine Frau am allerwenigsten.
    Betubt und verstrt erschien die Frau auf dem Lauenhofe und verlangte
hustend und heulend ihr Kind und ihren Mann von Adelaide von Saint-Trouin. Das
Frulein jedoch war durchaus nicht in der Stimmung, sich auf dergleichen
Zumutungen einzulassen; es lag in Krmpfen auf seinem Sofa, winselnd ber sein
allzu gutes Herz und die Undankbarkeit der Welt, trotzdem da es bereits all
seine Schiebladen, Kasten und Kisten genau durchgesehen hatte und sich der
berzeugung hingehen konnte, Marie Huler habe den Dienst verlassen, ohne sich
an andern Kstlichkeiten als eben dem guten Herzen ihrer Gnnerin zu vergreifen.
Ohne den Chevalier und die gndige Frau wrde das arme Weib des Krodebecker
Barbiers nicht den geringsten Trost vom Lauenhofe heimgebracht haben; so aber
nahm sie wenigstens die Versicherung mit, man werde nach Krften fr sie sorgen,
und was der Chevalier und die gndige Frau versprachen, das hielten sie auch.
Sie brauchten jedoch nicht lange fr die Verlassene Sorge zu tragen, denn sie
starb an der Schwindsucht und wurde begraben und vergessen.
    Auch der Meister Dietrich und die schne Marie wurden vergessen; wenn auch
nicht so bald. Diejenigen, welche das Unglck haben, in die Muler der Leute zu
geraten, mgen sich damit trsten, da die Leute sehr beschftigt sind und
ungemein viel mit sich selber zu schaffen haben und da der grte Skandal in
Dorf und Stadt in demselben Augenblick beiseite gelegt wird, in welchem das
Schicksal jeden einzelnen stillvergngten Schwtzer an den Schultern fat und
ihn selber zurechtschttelt.
    Man vernahm, da der Meister Huler mit seiner Tochter zuerst sich nach
Berlin gewendet habe, und natrlich erkundigte jeder, der aus Krodebeck nach der
Reichshauptstadt kam, sich nach den beiden Ortsangehrigen. Es gelangten
freilich nur wenige Krodebecker nach Berlin, und diesen imponierte die groe
Stadt so sehr, diese verloren in dem ungewohnten Gewirr und Getmmel so
vollstndig ihre schlaue lndliche Unbefangenheit, da ihre Aussagen vor Gericht
kaum einigen Wert gehabt haben wrden. Die Nachrichten, welche sie heimbrachten,
waren so unbestimmt und schwankend und widersprachen einander hufig derartig,
da jedermann alles daraus machen konnte und machte, ohne sich zu berheben, das
heit ohne mit dem Daumen ber die Schulter auf jene hinzuweisen, die seit den
Tagen der Keilschriftsteller von Babylon und Ninive Weltgeschichte zu unserm
Nutzen und Vergngen zusammentrugen und niederschrieben.
    So war die schne Marie in Krodebeck heute eine vornehme Dame, welche in
ihrem eigenen Wagen durch die Straen fuhr und ihren Herrn Vater zum Geheimen
Oberhofbarbier am Hof von Schaumburg-Oder-Lippe gemacht hatte; morgen dagegen
war sie eine Lumpensammlerin, und der Papa, der Lump, sa ruhig in Spandau und
zupfte Wolle und spann Trbsal. Die guten Krodebecker hatten einen gewaltigen
Respekt vor den, Meister Huler und allem, was zu ihm gehrte. Sie konnten sich
eine solide mittlere Lebensstel!ung fr ihn durchaus nicht vorstellen, und so
hatte er nur die Wahl zwischen der hchsten Hhe und der tiefsten Tiefe des
Daseins.
    Friedrich Wilhelm der Dritte ging nach Charlottenburg und zu seinen Ahnen;
der Professor Krger malte das unsterbliche Huldigungsbild Friedrich Wilhelms
des Vierten, welches der Unendlichkeit gegenber nur den einzigen Mangel hat,
da es auf der Tribne im Vordergrund den Meister Dietrich noch nicht mit zur
Darstellung bringt. Da er darauf gehrte, bewies er spter zur Genge, wie wir
selber beweisen werden. Fr jetzt freilich kam nur die erste authentische
Nachricht ber ihn nach Krodebeck vermittelst eines Steckbriefes, der ihn in
ganz seltsamer Weise mit dem in der Angelegenheit des Erzbischofs von Kln
begangenen Dokumentendiebstahl in Verbindung brachte. Wer kann brigens sagen,
auf welche Art dieser Steckbrief in die Amtsbltter kam? Er tat gewi Herrn
Dietrich Huler keinen Schaden; denn schon in der nchsten Woche zeigte der
Brave in den nmlichen Blttern an; es sei ihm nie eingefallen, durchzugehen,
und er sei immer noch in Berlin, Groe Friedrichstrae Nummer soundso, zu finden
fr jeden, der ihn aufzusuchen wnsche. Zugleich machte er Anspielungen auf den
neukreierten Bischof von Jerusalem, welche ganz heimtckischer Natur waren. Der
Exbarbier von Krodebeck hatte seine Verbindungen mit Ober-Lippe; allein schon im
nchsten Jahre bertrug er dieselben nach Hannover, und der mythische Nebel, der
bald um alle groen Menschen aufsteigt, zog sich nunmehr immer dichter ber ihm
zusammen. Immer undeutlicher und deshalb auch immer phantastischer tanzte der
Meister Dietrich in dem sonderbaren Dunst und Duft, und als man einmal wieder
schrfer hinsah, war er vollstndig verschwunden und blieb es fr lange Jahre.
Man vernahm, er habe sich nach sterreich gewendet, doch ohne die schne Marie.
Heinrich Heine soll sie auf seiner berhmten Reise nach Hamburg im Zuchthaus zu
Celle gesehen und mit Entzcken seinen Pariser Freunden von ihr gesprochen
haben; doch dieses mssen wir dahingestellt sein lassen, denn Heinrich Heine
besah und besang so manche schne Damen in so mannigfachen Situationen, da eine
Verwechslung der Persnlichkeiten hier wohl zu entschuldigen ist. Da Marie
Huler vier Jahre spter sich in kniglich preuischer Untersuchungshaft
befand, ist urkundlich nachzuweisen, ebenso, da sie aus derselben entlassen
wurde, ohne da der preuische Staat darber zusammenfiel, und drittens, da sie
in ihre Heimat verwiesen wurde, aber daselbst nicht anlangte. Vom Februar des
Jahres achtzehnhundertachtundvierzig bis zur Prsidentschaft, das heit der
Polizeiprsidentschaft des Herrn von Hinckeldey lebte sie zum zweitenmal in
Berlin, und zwar mit einem unmndigen Kinde, der kleinen Antonie. Vor dem Herrn
von Hinckeldey flchtete sie im Januar achtzehnhundertfnfzig nach Braunschweig,
und von Braunschweig kam sie im Sommer des nmlichen Jahres auf dem Schub heim
nach Krodebeck.
    So spann Lachesis, welche von vielen fr die liebenswrdigste und
behaglichste der drei sonderbaren Schwestern gehalten wird!

                                Sechstes Kapitel


Wenn der Junker Hennig von Lauen traumlos die Nacht durchschlief, so erwachte er
am folgenden Morgen mit einem fressenden Appetit, gleich allen seinen Ahnen. Und
da am Frhstckstisch natrlich wieder von dem Ereignis des vergangenen Tages,
der Heimkehr der schnen Marie und ihres Kindes, die Rede war, so fiel unter dem
Kauen und Schlucken auch dem Junker der Karren mit der kranken Frau und dem
kleinen wildugigen Mdchen ein, und zwar begleitet von jenem eigentmlichen
Grauen der Kinder, welches oft so unerklrbar ist und meistens doch viel mehr
bedeutet als das Grauen der Erwachsenen.
    Hier freilich war des Kindes Abneigung und Furcht nicht unerklrlich, und
wird an dieser Stelle die passende Gelegenheit gekommen sein, einige Worte ber
die Erziehung Hennigs zu sagen. Der Einflu des Vaters auf dieselbe bestand
darin, da der biedere Landedelmann mit groem Erstaunen in die Wiege des
Stammhalters sah und seine Verwunderung darber aussprach, wieviel der Mensch in
seinem Leben erleben knne. Hennig hatte nur ein dumpfes Bewutsein davon, da
ihn ein groer Mann mit groem, wehendem rtlichem Schnauzbart vor sich im
Sattel gehalten habe und mit ihm durch den Wald, entlang dem Rande des Waldes
und ber das Stoppelfeld im vollen Galopp gejagt sei und da er in Angst und
Wonne, schreiend und lachend, umflattert von der schwarzen Mhne des Gauls, die
Bume, die Ackerstiere, die Menschen, die ganze weite Welt mit dem blauen
Gebirge in der Ferne, vorberfliegen sah. Der Tod hatte den braven Herrn von
Lauen leider allzufrh selber aus dem Sattel gehoben, und die Frau Adelheid
regierte an seiner Statt auf dem Lauenhofe. Wir wissen bereits, da sie das
Regiment ernst nahm, allein in die Erziehung ihres Sohnes griff sie nur selten,
dann aber jedesmal an dem rechten Orte und in der rechten Weise ein. Munter!
sprach sie, dem Jungen in den Haarbusch greifend und ihn mit Energie auf den
Standpunkt des gesunden Menschenverstandes zurckschttelnd, wenn der Chevalier
oder das Frulein den Taps ihrer Meinung, d.h. der Meinung der gndigen Frau
nach zu hoch von demselben weggehoben hatten. Sie jagte ihn in das kalte Wasser
und im Notfalle mit der Haselgerte dreimal um die Mauern des Lauenhofes. Sie
war's, welche das Kopfschtteln des Ritters von Glaubigern in Worte bersetzte
und der Malteserin damit in den Weg trat:
    Nun, Frlen, jetzt tun Sie mir die einzige Liebe an und machen Sie mir den
Bengel nicht ganz verrckt. Wei der Himmel, nchstens mu ich ihn noch mit den
Hmmeln auf die Weide schicken, damit er nicht verlernt, da das Gras grn ist
und da der Regen na macht!
    Der Chevalier stand ihrer Anschaunngsweise am nchsten, und wahrlich, solche
Lehrmeister wie er sind sehr selten in dieser erziehungsbedrftigen Welt! Er
hatte den Krieg gesehen und ber den Frieden nachgedacht. In Einsamkeit und
Stille, in Geduld und Entsagung hatte er an seinem eigenen Wesen wenn auch nicht
gebaut und gemeielt, so doch geschnitzelt und gedrechselt, und damit soll gewi
kein Tadel ausgesprochen sein, sondern das hchste Lob, was einem guten Mann in
seiner Lage gegeben werden mag. Ein altes, wunderlich kluges Kind! Und der
Lauenhof, das Dorf Krodebeck und vor allem die Frau Adelheid wuten, was fr
einen Schatz sie an ihm besaen, und berlegten es dreimal, ehe sie einem Worte
oder Winke von ihm entgegentraten. Selbst seine greste Widersacherin, das
Frulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin, frchtete sich im geheimen
unendlich vor ihm, wenn es das gleich im gegebenen Falle nur durch hheres
Aufwerfen der Nase, klglichere Seufzer und anzglichere Bemerkungen kundgab.
Der Ritter von Glaubigern hatte viel studiert seit seiner Ankunft auf dem
Lauenhofe. Er hatte seinen Sinn darauf gesetzt, zu erfahren, wie es eigentlich
bei den Rmern zu Hause aussah, und er hatte wirklich Latein gelernt, und zwar
nach Johann Amos Comenius. Er hatte alle seine Wissenschaften nach dem Rezept
des alten berhmten Rektors von Lissa zusammengetragen, und er gab sie nach
demselben Rezepte wieder von sich; die Herren von der Domschule zu Halberstadt
konnten freilich nachher die Hnde ber den Kpfen zusammenschlagen, als der
Junker von Lauen in ihre Lehre geriet. Die Bilder fanden sich berall, im Hause
und drauen und zu jeder Zeit, und der Kommentar fand sich ebenfalls am Rande
ein, wie in jenem wunderlichen lateinischen Orbis pictus, den selbst die Trken,
Perser, Araber und Mongolen seit 1641 handschriftlich weitergaben. Wenn von dem
Gebirge her die Schneewolken sich ber das flache Land wlzten; wenn die
Wetterfahnen des Lauenhofes wehklagend sich im Kreise drehten; wenn die
Schornsteine mit Stimmen begabt wurden, die lebhaft an die Hexentnze des
Blocksbergs, der so nahe in die Fenster guckte, erinnerten; wenn der Regen der
Tagundnachtgleiche ber den Hof, durch das Dorf und ber die Felder in Sten
fuhr; wenn im Walde die ersten Anemonen und Leberblumen aus dem welken Laub
unterm Gebsch aufsahen und wenn der Wald so grn stand, wie das freudigste
Kinderherz nur irgend verlangen konnte: so - hatte das alles stets seinen
besondern Zusammenhang mit dem alten Comenius, und der Chevalier verfehlte
nicht, den Finger an die Nase zu legen und diesen Zusammenhang ernstlich
hervorzuheben. Der Comenius war fr alles brauchbar, nur nicht fr das Frulein
von Saint-Trouin. Dieses zog seine Weisheit und Lehrhaftigkeit aus anderen
Quellen und lie sie ber die junge Seele des junkers laufen trotz der Dmme,
welche der Ritter wehmtig, klglich und bescheiden dagegen zu errichten
beflissen war. In der Politik wie in der Pdagogik begegneten sich der Chevalier
und das Frulein wie Mystax und Peccadillo bei einem Knochen. Wenn jener, d.h.
der Herr von Glaubigern, die reichsunmittelbare Herrlichkeit des Rittertums im
westlichen Deutschland und vorzglich in seinem Stammlande Westfalen fr die
Krone auf dem Tempel der Weltgeschichte hielt, so setzte das Frulein den groen
Knig Ludwig den Vierzehnten als alleinigen wahren Gott in diesen Tempel und
berief sich auf dieselbe Memoirenbibliothek, aus welcher es zugleich in seiner
Weise die Erziehung Hennigs mitleitete. Diese Memoiren hate der Ritter, und die
gndige Frau Verachtete sie. Letztere - deren allergrester Stolz und
allerherrlichste Familienzierde jener bei Zorndorf gefallene Oberstleutnant Von
Lauen war, der sich durch diesen Fall die ganze Approbation des Alten Fritz
erwarb - half sich durch ein erhhtes Geklapper ihres Schlsselbundes gegen den
groen Louis. Der Ritter, welcher als feiner Kavalier nie vor den Damen mit
irgend etwas klapperte, fand sich ziemlich wehrlos gegen denselben, zog nur im
verborgenen die Achseln in die Hhe und sagte Bah! im geheimen. Auf diese
Interjektion hin sah der junge Hennig den treuen Mentor fragend an, aber der
Chevalier warf sich jedesmal mit entsagungsvoller Energie auf die Historie vom
Herzog Wittekind und trieb ihn nebst seinen Sachsen melancholisch in die Enge
und in die Weser. Dem jungen Hennig wurde erst ziemlich spt klar, was jenes Bah
bedeutete, aber auch dann sah er freilich lange nicht vollstndig ein, wieviel
Philosophie der Geschichte darin verborgen lag.
    Das Grauen, von welchem im Anfange dieses Kapitels die Rede war, wurde
diesmal einzig und allein durch die Prtendentin des ostrmischen Kaiserthrons
in die junge Seele gepflanzt. Adelaide versprte es ja selber vor vielen Dingen
und Verhltnissen, die verstndigeren Leuten nur merkwrdig, achtbar,
beklagenswert oder gleichgltig erscheinen knnen. Adelaide stand viel zu hoch,
um die Welt zu nehmen, wie sie war, und da sie also naturgem in recht
ungemtlicher Verlassenheit wandelte, so suchte sie andere zu sich
emporzuziehen, sei's, um eine Kammerjungfer der Vergangenheit, sei's, um den
Kavalier der Zukunft fr diese tief gesunkene erbrmliche Welt heranzubilden.
    Im Winter behielt der Chevalier gewhnlich die Oberhand im pdagogischen
Wettstreite. Die lieblichere Zeit des Jahres war, dem alten Comenius zum Trotz,
selbstverstndlich auch die Zeit der lieblicheren Belehrung.
    Da wurde allerdings dann dem Kinde vieles klargemacht, was dem Herrn von
Glaubigern in alle Ewigkeit dunkel blieb, und umgekehrt wurde manches in Nebel
und Dunst gehllt, was der Ritter eben erst mit vieler Mhe dem Kinderkopfe in
ein helle res Licht gerckt hatte. Wenn der Herr von Glaubigern auch das
Bewutsein des Standes und des durch den Stand bedingten Interesses im hchsten
Grade besa, so war er doch zu verstndig und billig, um nicht einzusehen, da
die Welt sich doch nicht ganz seit dem Untergang des Heiligen Rmischen Reichs
Deutscher Nation zum Schlechten verndert habe. Trotz aller Sehnsucht nach
verlorenen bessern Zustnden konnte er auch den gegenwrtigen Tag gelten lassen
und hielt es unter seiner Wrde, die Gegenwart durch jenen bekannten, mehr oder
weniger geschickt und feierlich verhngten Standesegoismus hinter das Licht zu
fhren. Er konnte sich immer noch an der Lebendigkeit, der Bewegung des Tages
freuen, und wo er ihn nicht mehr verstand, da suchte er den Widerspruch lieber
im stillen zu verdauen, als da er sich mit seiner harmlosen Umgebung in einen
zwecklosen und unfruchtbaren Kampf darber eingelassen htte. Er sagte sich, da
von Krodebeck aus die Weltenuhr sich wahrscheinlicherweise nicht vor- oder
zurckstellen lassen werde, und verdiente somit die Verachtung des Frlens im
vollsten Mae. Mit Verachtung blickte das Frlen selbst auf den
Krassierharnisch, welchen der gute Ritter bei Ligny trug und ber welchem er
mit so heien Trnen die Arme gekreuzt hatte, als er in der Nacht verwundet auf
dem Schlachtfeld lag und der Rckzug seines Volkes an ihm vorberrauschte.
    Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin, Grfin von Pardiac und allen
mglichen und unmglichen andern Grafschaften, hielt es unter allen Umstnden
fr ihre Pflicht, selbst da nein zu sagen, wo niemand verlangte, da sie ja
sage. Einmal in jedem Jahre wallfahrtete sie sicher nach Blankenburg, um auf dem
Schlo und am Fu der Teufelsmauer eine stille Andacht zu halten. Auf dem Schlo
hatte ja Seine geheiligte Allerchristlichste Majestt der Knig Ludwig der
Achtzehnte, leider recht bescheiden, selbst hofgehalten, und an der Teufelsmauer
zeigte man eine Felsenfratze, welche dem dicken Herrn wie aus dem Gesichte
geschnitten war und die bourbonische Nase sowie das bourbonische Kinn in
wahrhaft genialer Weise zur Schau trug; wobei brigens die Bemerkung gestattet
sein wird, da man in Deutschland kaum eine grere Felsenpartie bereisen kann,
ohne da die Reisehandbcher und die Fhrer aus der bourbonischen Physiognomie
Kapital schlagen: vorzglich in Gegenden, wo der Sandstein vorherrscht. Vor
dieser Blankenburger Felsennase betete das Frulein im vollsten Sinne des Wortes
an und versank in eine Verzckung, welche den Schwarzen braunschweigischen
Jgeroffizieren, die es zuerst auf das loyale Naturwunder aufmerksam gemacht
hatten, groen Spa bereitete. Da der junge Hennig von Lauen sehr bald an
diesen Wallfahrten teilzunehmen hatte und auch ein groes Vergngen dran fand,
war vorauszusehn. Es wurde ihm der Glaube an noch ganz andere Wunder zugemutet,
und da er sich in jener Lebensepoche befand, in welcher man vorzglich gern an
alles Wunderliche und Wunderbare glaubt, so hatte er hufig einen grern Genu
davon als von dem grimmigen Amos Comenius, jedoch nicht immer. Den
ausgezeichneten Jngling Tlmaque zum Beispiel hate er viel ausbndiger als
den Comenius.
    War aber nicht der Klang der Fanfaren und Pansflten von Marly und
Versailles am Fue dieser Harzberge ein Wunder, welches die junge Seele mit Lust
und Behagen erfllen mute? Mit Begeisterung folgte Hennig dem Ritter von
Glaubigern auf die wirkliche Hasenjagd; allein der barocke Zauberspuk des
achtzehnten Jahrhunderts, welchen Adelaide heraufzubeschwren wute, hatte
gleichfalls seine innigen Reize. Ehe der Junker von Lauen die ersten Hosen
aufgetragen hatte, war er zeitweise vollstndig in einen Kreis gebannt, um
welchen der Chevalier ngstlich genug herumtrippelte und von welchem aus er,
d.h. Hennig, vorzglich jenes ekle Grauen vor den ungewaschenen, lrmenden
Erscheinungen der Wirklichkeit - das Grauen der Unmndigen und - der verzogenen
und verzrtelten Erwachsenen empfand.
    Mit Ekel, Abscheu und ohne die geringsten Gewissensbisse hatte sich das
Frulein von Saint-Trouin von dem Elendskarren der einst so schnen Marie
Huler und ihrem armen Kinde abgewendet; Furcht und Ekel erweckte das Bild
dieser drei Gegenstnde dem Junker von Lauen am Frhstckstisch auf dem
Lauenhofe. Sogar die Neugier, welche das kindliche Alter allen Dingen
entgegentrgt, wurde hier durch die Furcht berwogen, und mit heftigem
Mibehagen horchte der Knabe auf das, was die Mutter und der Ritter ber die
Leute im Siechenhause zu sagen hatten, whrend das Frulein appetitlos,
mrrisch-weinerlich dasa und in allem, was gesprochen wurde, eine tiefe
Krnkung seiner eigenen Persnlichkeit fand.
    Der Herr von Glaubigern und die Frau Adelheid nahmen allerdings auf die
Gefhle und Anschauungen des Fruleins keine Rcksicht. Der Chevalier setzte
auseinander, was geschehen knne, um die Aufregung des Dorfes Ober die
heimgekehrte Gemeindegenossin so schnell als mglich zu verwischen. Er sprach
sehr nchtern von den Bauern von Krodebeck und gab sich darber keinen
Tuschungen hin; allein er sprach jeden falls wie ein guter Mann, der ein unter
seinen Augen begangenes Unrecht, welches er nicht verhindern konnte, nach
Krften auszugleichen bestrebt ist. Da er bei seinen Vorschlgen und
Ratschlgen nicht die Malteserin ansah, sondern lieber seinen Teller, war
sicherlich ebenfalls ein Zeichen eines gutmtigen und feinfhlenden Herzens.
    Die gndige Frau blickte auf den graukpfigen braven Hausgenossen mit den
hellsten, glnzendsten, freundlichsten Augen und nickte von Zeit zu Zeit
vergngt in seine Worte hinein. Als er aber geendet hatte, knpfte sie ihre
Schrzenbnder fester, schttelte sich in ihren Rcken zurecht und rief: Man
mu eben sein Bestes tun!
    Dann nickte sie auch dem Frulein zu und sprach, durchaus nicht die
Rcksichten des Chevaliers nehmend:
    Was machen Sie denn eigentlich wieder fr 'n Gesicht, Frlen? Herrgott und
alle Klagelieder Jeremi, eine Ananas haben Sie damals nicht aus der Krodebecker
Gurke gezogen; aber - aber nun heulen Sie nur nicht! Ich will ja gern Abbitte
tun, wenn ich zuviel gesagt habe! - Ach du liebster Himmel, da geht sie wieder
hin!
    Da ging sie wirklich wieder hin mit dem Taschentuch vor den Augen,
schwankend und sthnend wie die Clairon in der Rolle der Phdra. Den Junker von
Lauen hatte sie am Handgelenke gepackt und zog ihn hinter sich her. Belfernd und
klffend folgte Peccadillo ihr, whrend Mystax mit Bedacht auf ihren Stuhl
sprang und mit ruhiger Wrde sich der gndigen Frau und dem Chevalier gegenber
niederlie.
    Nun bitt ich Sie, Glaubigern! sagte die Frau Adelheid und fgte nach
einigen Augenblicken hinzu: Alter Freund, lassen Sie mir den Jungen nicht aus
den Augen!

                               Siebentes Kapitel


Wir haben bis jetzt mit dem Frulein von Saint-Trouin und dem kleinen Hennig nur
von der Landstrae aus in das Fenster des Krodebecker Siechenhauses gesehen und
haben also noch ber einiges zu reden, was sich am vorigen Abend hinter den
erblindeten Scheiben begab.
    Der Homeister, welcher unter der Oberaufsicht der gndigen Frau eine
zweite Bettstatt in der Htte aufschlagen mute, hatte sich entfernt mit seinem
Handwerkszeug. Die gndige Frau hatte der schnen Marie noch einmal das
Kopfkissen zurechtgezogen und sich sodann gleicherweise mit dem Herrn von
Glaubigern entfernt. Sie hatte die neugierigen Gaffer vor der Tr
auseinandergejagt, und es war still in der Htte geworden; - die alte Erbherrin
und Burgfrau des Siechenhauses von Krodebeck fand sich zum erstenmal mit ihren
neuen Hausgenossen allein, sa im Winkel und starrte auf das Bett. Marie Huler
hatte die Decke ber den Kopf gezogen; das Kind kauerte neben dem Bette auf dem
Erdhoden und starrte auf die Alte. Krieg oder Frieden? Die Atmosphre war dumpf,
schwl und drckend wie vor allen grern Auseinandersetzungen, sei's zwischen
zwei dummen nichtsbedeutenden Weibsbildern oder zwei klugen mchtigen Nationen!
    Diese Auseinandersetzung mute kommen, und sie begann in einer hchst
drolligen, aber durchaus bezeichnenden Weise. Wie ein Kfer, der in einer
gefhrlich erscheinenden Situation wieder Mut fat, regte die Alte allmhlich
wieder Glied um Glied. Wie eine Henne, ber welche der Habicht hinrauschte, zog
sie den Kopf wieder unter dem gestrubten Flgel hervor. Leise und scheu
streckte sie den Hals aus ihrem Winkel vor und wiegte immer schneller den
Oberkrper hin und her. Sie sthnte laut und unterbrach sich dabei, nach dem
Bett hinhorchend; und als ihr Seufzer von dem Lager her ein Echo fand, erhob sie
sich und stand gebckt, wiederum lauschend. Sie hielt die Hand an das Ohr, und
das Kind, welches sich immer mehr vor ihr frchtete, fing an zu weinen, an zu
schreien. Die Alte richtete ihre Aufmerksamkeit von der Mutter auf das Kind und
murmelte ununterbrochen durch zwei Minuten:
    Oje, oje, oje!
    Es dauerte zwei volle Minuten, ehe sie in jenes Stadium bertrat, in welchem
der Kfer anfngt, seine Fhlhrner zu putzen und zu zhlen. Dieses Stadium
fand endlich seinen Ausdruck durch die Interjektionen:
    O du lieber Gott! O Gott, Gott, Gott!
    Im dritten Stadium entfaltet der Kfer seine Flgeldecken und schnurrt
davon, die Henne schttelt sich und gackert hell auf; die alte Burgfrau im
Siechenhaus aber, von einem ganz auergewhnlichen Entschlu, von einem von Thor
und Wodan zu gleicher Zeit gesandten Mut ergriffen, fuhr mit einem Kamm auf das
angstvolle Kind los, packte es mit ihren knchernen Hnden, zog es trotz seines
Widerstrebens zwischen die Knie und fing an, es mit gespanntestem Nachdruck zu
kmmen. Die Lage der Dinge hatte sich mit einem Schlage gendert. Der Standpunkt
fr den fernern Verkehr war auf die natrlichste Weise gewonnen.
    Auf das Geschrei des Kindes hob Marie ein wenig die Decke vom Gesicht, um zu
sehen, was vorgehe, sagte jedoch nichts und sagte auch nichts, als die Alte,
nachdem sie ihr Werk vollendet hatte, die kleine Antonie zu dem Stuhl am Fenster
fhrte, um ihr das heimkehrende Dorfvieh zu zeigen.
    Die Sonne war nunmehr untergegangen, und die Glocken der Kuhherde ertnten
bereits in der Ferne. Antonie stand wieder zwischen den Knien der Alten, doch
jetzt ohne Zwang; die alte Frau wie das Kind warteten beide mit gleicher
Spannung auf die Heimkehr des Viehs, und wenn wir den guten Gebrauch, jeden
Abschnitt durch eine passende berschrift zu bezeichnen, in diesem Buche zur
Anwendung bringen wollten, so wrden wir ber dieses Kapitel die Worte: Das
liebe Vieh! setzen und mehr als einen Grund dafr bereit haben. Ein recht
schner Grund lag zum Exempel schon in dem pltzlichen Angriff mit dem Kamm auf
den verwilderten Kinderkopf; allein das war, wie gesagt, nicht der einzige. Die
Alte, welche den Menschen wenig Dank schuldete und noch weniger Zutrauen, besa
eine groe und innige Neigung fr das Vieh und stand mit demselben auf dem
allerbesten Fue, vorzglich soweit es, in Herden versammelt, am Morgen und am
Abend an der Tr des Armenhauses vorbeizog. Sie hatte nicht den geringsten Teil
daran und sah deshalb gewhnlich ganz philosophisch unbefangen in das Getmmel;
und da der Stall, die Weide und die Schlachtbank nicht nur im Leben der Tiere,
sondern auch im Menschenleben ihre Rolle spielen, so kann man wohl ber das
liebe Vieh und seine Geschicke die merkwrdigsten philosophischen
Betrachtungen anstellen. An diesem Abend jedoch sah Hanne Allmann nicht
unbefangen dem Heimzug ihrer Freunde zu. Sie sa und hielt sich die Stirn mit
der Hand und wiederholte immerfort:
    Das liebe Vieh! Das liebe Vieh!
    Sie zogen alle vorbei. Zuerst die beredsamen Gnse, die Glck bedeuten, wenn
man ihnen begegnet auf dem Wege. Sodann die zappelhaften, dummunruhigen
Schweine, welchen man nicht begegnen soll, wenn man es irgend vermeiden kann, da
sie Verdrielichkeit. Hader, Zorn und Unglck anzeigen. Es kamen, gefhrt vom
gewaltigen Dorfbullen, die stattlichen Khe mit den Rindern und Klbern, und den
Beschlu machten die dummen, aber sehr viel Staub aufwhlenden Schafe samt den
nervsen Ziegen.
    Das liebe Vieh! Das liebe Vieh!
    Verschiedene der Tiere kamen als nhere Freunde an das alte Weib heran, um
es mit den feuchten Schnauzen anzublasen oder ihm die Hand zu lecken, die es
ihnen aus dem Fenster hinhielt:
    Guten Abend, Hanne! Guten Abend, Hanne Allmann. Wie ging es den lieben
langen Tag ber? Und was fr zwei junge, unbekannte Augen hat Sie da bei sich?
    Das Kind schlug die Hnde zusammen und fragte, ob das an jedem Abend so sei;
und Hanne Allmann - sie hatte wunderlicherweise wirklich auch einen Namen! -
strich der Kleinen freundlich ber die gekmmten Locken: freilich sei das so,
vom Frhjahr bis in den spten Herbst. Da lachte Antonie und meinte, das sei
schon recht, und die Alte lchelte auch.
    Ja, es ist schon recht! sagte sie. Siehst du, das ist des Vorstehers
vornehme Schwarze, die kommt aus einem fernen Lande, ist allmchtig berhmt
wegen ihrer Herkunft und kommt doch alle Abend und grt und nimmt nichts dafr,
da sie das alte Bettelweib im Siechenhaus kennt. Da ist Ulenbrinks Blesse, die
ist auch aus einem reichen Hause, und da kommt des Barbiers Scheckichte, die ist
die Schnste und Klgste in der ganzen Herde -
    Die Alte fuhr schreckhaft zusammen und blickte schnell und verstohlen nach
dem Bett hinber. Die Ideenverbindung hatte trotz aller Tragik etwas unendlich
Komisches; doch die schne Marie war zu krank und elend, um die Komik oder die
unwillkrliche Beleidigung zu fhlen. Aber sie verkroch sich wieder tiefer unter
ihrer Decke und frchtete sich vor der alten Hanne Allmann schrecklich und nicht
ohne Grund, soweit es das eigene bse Gewissen betraf. Von allen Krodebecker
bsen Kindern hatte sie in ihrer Jugend der verachteten Bewohnerin des
Siechenhauses die rgsten und abgefeimtesten Possen gespielt, die schlimmsten
Schimpfworte nachgerufen. Und sicher hatte sie gewut, da sie das klgste Kind
im Dorfe sei, und deshalb in allen Boshaftigkeiten die brigen angefhrt. Auer
dem Dorfbttel, welcher zugleich den Armenvogt von Krodebeck vorstellte,
frchtete Hanne Allmann das hbsche Kind des Barbiers Huler am meisten. Das
war nun vor ihrer Tr abgeladen worden! Das sollte von nun an mit ihr unter
demselben Dache wohnen! Zu Ende war die kurze Ruhestunde, der armselige
verlorene Frieden; - die alte Unruhe, der alte Lrm und Schmutz, die alte
Unzucht richteten von neuem ihr Reich in dem Siechenhause von Krodebeck auf! O
es war, um sich unter die Erde in die letzte Ruhe, in den letzten Frieden - in
den feuchtesten, schlechtesten Winkel des Kirchhofes, unter die Nesseln, welche
der Totengrber in der Mauerecke aufhufte, hinabzuwnschen! -
    Das liebe Vieh! Ach ja, das liebe Vieh!
    Schreckhaft war Hanne Allmann ber ihr unbedachtes Wort zusammengefahren;
doch sie mochte sich beruhigen: das kluge Kind des Barbiers war nicht mehr
imstande, so feinen, wenn auch unwillkrlichen Spielen des Witzes zu folgen.
Marie Huler konnte nur noch das Allergemeinste, das Allergewhnlichste, das,
um welches auch die Dmmsten und Einfltigsten lachen und zittern, in Sinnen und
Gedanken begreifen und festhalten. Sie wendete sich mhevoll auf die Seite, sah
auf die beiden am Fenster und rief weinerlich:
    Hanne! - Hanne Allmann!
    Ja, was, Marie?
    Da bin ich! sagte die schne Marie.
    Oh! Ja, da bist du, sagte die Alte und versuchte vergeblich, zu lcheln.
    Marie Huler lachte, und ihr Kind, welches glaubte, es sei etwas zum Lachen
vorhanden, lachte auch; aber Hanne Allmann wischte sich den kalten Schwei von
der Stirn. Es entstand wieder eine Pause in der Unterhaltung, bis die Alte es
nicht lnger aushielt und sich zu der Bemerkung aufraffte: In Krodebeck lt es
sich auch leben!
    Da griff die schne Marie im hchsten Fieber, in Wut und Angst ihre
Bettdecke mit beiden Hnden, als msse sie etwas zerreien.
    Und sterben lt es sich auch da, und das ist das beste! He, alter Uhu,
alte Hanne, wo sind die Maulschellen, die Ohrfeigen, welche du mir einst
versprochen hast? Jetzt knntest du die alten Schulden zahlen! Komm heran,
schlage mich - komm, schlage mich tot! Jawohl, du mut es wissen, wie es sich in
Krodebeck leben lt!
    Jetzt lachte die kleine Antonie nicht mehr, sondern zeterte hellauf.
    Mein Kind! Mein Kind! rief die Mutter. Hanne Allmann, das ist mein Kind,
und es und mich haben sie auf dem Schinderkarren nach Krodebeck geschleppt, und
es soll da leben, und ich soll da sterben. Hanne Allmann, vergib mir; ich kann
in meinem Leben nicht wieder in der Gasse hinter dir herrufen. Vergib mir!
Schlage mein Kind nicht! Schrei es nicht an! Um Jesu Christi willen, ich bitte
dich um Vergebung!
    Fr einen anstndigen Menschen gibt es nichts Unangenehmeres, als um
Verzeihung gebeten zu werden. Die braven Leute werden in solchen Fllen ungemein
nervs dem Bittenden gegenber. Sie liefen am liebsten weg, um dieser heien
Hand, die ihnen nach der Gurgel greift, zu entgehen, und sie fhlen einen Druck
auf der Seele, ein vages Schuldbewutsein, welche ihnen den Standpunkt in jeder
Weise verrcken. Der arme Snder wei dies gewhnlich ganz klar und nimmt,
seiner Last erledigt, seinen Standpunkt vollkommen danach. Edlen Leuten, die
sich mit Vergngen um Verzeihung bitten lassen, braucht eigentlich niemand, und
sei es der rgste Bsewicht, dieses Vergngen zu bereiten.
    Hanne Allmann, welcher der Fall zum erstenmal in ihrem Leben begegnete,
geriet auer sich. Es wurde ihr schwarz vor den Augen, sehr schwarz; sie
seufzte, sie sthnte, und jeder dritte Physiognomiker htte voraussagen drfen,
da sie sich im nchsten Augenblick auf die schne Marie strzen wrde, um die
versptete Zchtigung vollkrftig nachzuholen und zum Anfang wenigstens ihr die
Augen auszukratzen und die Haare auszuraufen. Wir aber wissen, da dies nicht
der Fall sein konnte, sondern da sie jetzt nur noch etwas tiefer in sich die
ganze Kleinheit des armen Geschlechtes der Menschen versprte.
    Sie hob das Kind von dem Schemel am Fenster herab und humpelte, die Hand
desselben haltend, zu dem Lager der Kranken, sah ihr zum erstenmal genau und
ohne zu zucken in das Gesicht, setzte sich neben dem Bette nieder und sagte:
    Sei nur still, Marie. Jag einem nicht solch einen Schrecken ein; - wir
wollen schon miteinander auskommen.
    Und weil sie so ein altes Weiblein war, das stets ganz allein und ganz
zuunterst in der Weltgeschichte gelebt und seine einzigen und besten Freunde
unter dem lieben Vieh hatte, so wute sie wirklich und wahrhaftig nichts weiter
zu sagen. Nachher brachte sie ganz leise die kleine Antonie zu Bett und kroch
selber unter ihre Decke und wartete die ganze Nacht mit einem sonderbaren Summen
und Singen im Gehirn auf eine groe Erleuchtung. Es kam aber nur mit dem neuen
Morgen eine Vision; doch auch diese war nicht zu verachten unter so bewandten
Umstnden.

                                 Achtes Kapitel


Mancherlei, und zwar seit uralten Tagen, wute das Dorf Krodebeck und mit ihm
das Siechenhaus von den Leuten zu erzhlen, die von dem Gebirge zu ihnen
niederstiegen, und das Siechenhaus hatte vielleicht die meisten und
wunderlichsten Sachen berichtet, wenn Tren und Wnden die Zungen gelst werden
knnten. Bergleute und Vogelhndler, Kienruhndler und Kohlenhndler, Jger und
Spielleute zogen durch den Ort und hielten, und zogen durch und hielten an seit
mehr als tausend Jahren. Ihr Weg ging meistens immer weit nordwrts und den
groen und reichen Stdten der Ebene zu, ja oft sogar ber das Meer hinaus zu
den fremden Vlkern, und ganz selten ohne Zweck und Grund. Es schlgt manch ein
Fink in der Stadt London, welcher am alten Brocken aus dem cheruskischen Nest
genommen wurde, und manch ein munterer Kanarienvogel singt vor auslndischen
Ohren das Lied, welches ihm zu Zellerfeld und Andreasberg vorgepfiffen wurde.
Wie die Singvgel reisen aber auch die Bume. Bis hoch hinauf oder vielmehr tief
hinab an den Strand der Ostsee und die Nordsee entlang flammt die herzynische
Tanne am Weihnachtsfest. Harzknaben fhren sie bis zur Eisenbahnstation, und der
Dampfwagen bringt heutzutage den Kindern in Stettin die Freude und Poesie ihrer
schnsten Feierstunde. Die Krodebecker sehen die Vgel und die Bume
vorberziehen, und wenn die Trger, die Wagen und Schlitten vor dem Kruge
anhalten und die klugen und unternehmenden Handelsleute sich durch einen Trunk
fr das fernere gute oder bse Wetter strken, so erkundigen sie sich gern nach
dem Wetter und den Wegen da oben bei den Leuten und geben ihnen vielleicht
auch, wenn sie recht guter Laune sind, ein freundlich Wort mit auf die Reise.
Was aber durch Krodebeck nordwrts zieht, das mu an dem Siechenhause vorber,
und die meisten aus dem fahrenden Volk haben eine Neigung, ein Verstndnis, ja
manchmal sogar durch die Verwandtschaft daheim eine gewisse brave, aber
klgliche Achtung fr dasselbe. Die meisten stehen in einem viel abhngigern,
erniedrigenderen Verhltnis zu dem Siechenhaus als das liebe Vieh, welches
gleichfalls daran vorberzieht.
    brigens, wenn in frheren Zeiten das Gebirge unheimliche, schlimme
Gesellen: Schafdiebe, Wilddiebe und Diebe und Ruber, die womglich alles
mitnahmen, in die Ebene herniederschickte, so sieht auch der heutige Tag und die
Nacht, welche demselben folgen wird, sonderbares Volk genug, welchem der Bauer
trotz der guten Polizei, trotz Kirche und Schule nicht ber den Weg traut und
welchem auf den einsameren Gehften kein Hausvater gern ein Nachtlager in seiner
Scheune oder auf seinem Heuboden gestattet. Auch in dieser Hinsicht knnten die
Wnde des Siechenhauses von Krodebeck von manchem spten Gast erzhlen, der
verstohlen hinter den Hecken und Zunen heranschlich, leise pochte oder pfiff
und zu jeder Stunde der Nacht Einla erhielt, ohne da der Baron, der Pfaff oder
der Bauernvorsteher vorher Wanderbuch und Pa, die Moral und die Taschen visiert
und visitiert hatten. Das war auch noch zu den Zeiten der Hanne Allmann
vorgekommen. Wie die Wnde htte das alte Weib davon erzhlen knnen, welchen
kuriosen Besuch der lahme Peter, die blinde Klkenbecksche und der Trippel-Brand
bekamen und was fr ein gutes und nahrhaftes Leben es dann und wann im
Armenhause gab. Da brotzelte freilich mancherlei auf dem Jammerherde, was in
einen andern Topf oder an einen andern Spie gehrte, und zu manchem wackern
Trunk kam das Siechenhaus nicht auf dem richtigen Wege.
    Die Alte im Siechenhaus spricht sowenig davon als die Wnde. Sie duckte sich
damals, wenn es drauen im Nebel und der Finsternis pfiff oder wenn es am
Fenster kratzte und hustete, scheu nieder und verkroch sich unter ihrer Decke.
Wenn jedoch die Tr sich wieder hinter dem spten Besucher geschlossen hatte und
der heimliche Jubel oder Geschftsaustausch anhub, dann verstopfte sie beide
Ohren mit den Hnden, um sowenig als mglich von den Verhandlungen, den Zoten
und Schelmenliedern zu vernehmen. Sie hrte trotz der verstopften Ohren genug
davon, um das Dorf, die Pfarre und den Gutshof durch Kundmachung in die greste
Aufregung zu versetzen; allein niemand durfte es ihr verdenken, da sie nichts
davon laut werden lie; weder vor Junker, Pfaff und Bauerschaft wre das nicht
ohne Gefahr und gewilich nicht ohne die beschwerlichsten tglichen und
stndlichen Martern, Unbequemlichkeiten, Qulereien und Krnkungen fr sie
abgegangen. Und jetzt - in den ruhigeren Tagen und seit der Zeit, in welcher sie
allein das Armenhaus bewohnte, hatte es fr sie weder Sinn noch Nutzen, die
alten Geschichten wieder aufzurhren und andern Leuten zum Spa oder zur
Verwunderung das vergangene Gruseln und den alten Ekel wachzurufen. Ebensowenig,
doch aus einigen andern Grnden dazu, sprach Jane Warwolf, die jetzt, das heit
seit drei Uhr morgens, im Anmarsch auf Krodebeck war, von den alten Geschichten
und vergangenen Zeiten, es mte denn sein im gresten Vertrauen und im
heimlichsten Zusammenhocken mit Hanne Allmann.
    Um die Zeit, in welcher die Gutsfrau auf dem Lauenhofe aus dem Bett fuhr,
fuhr auch die Frau im Siechenhause aus dem einzigen Schlummerstndchen auf, das
ihr in dieser Nacht zuteil geworden war und in welchem sie eine Vision von einem
alten grauen Unterrock, aus dem sich vielleicht ein Unterrckchen fr das Kind
der schnen Marie machen lie, gehabt hatte. Die abbrckelnden Wnde der Htte
htten kaum von einem behaglichern und zugleich leichter in die Wirklichkeit zu
bertragenden Traum berichten knnen; doch die Wirklichkeit kratzte lngst schon
wie ein verhungernder Hund an der Tr, und lange ehe der erste Sonnenstrahl ber
den Horizont scho, war Hanne Allmann auf aus dem Stroh und in den Kleidern. Die
schne Marie schlief um diese Zeit zuerst ruhiger, whrend das Kind, welches
sich durch nichts hatte stren lassen, ruhig weiterschlief.
    Unhrbar schlich das Mtterchen umher, die armselige Ausstattung der Wohnung
in Ordnung zu bringen. Erst als dieses geschehen und fr jetzt nichts mehr zu
schaffen war, warf sie einen Blick aus dem Fenster in die stille Frhe und auf
die dmmerige leere Landstrae nach beiden Seiten hin, doch ohne das Fenster zu
ffnen. Leise kam sie sodann zurck und sah auf die beiden Schlafenden, auf die
wegemden Wanderer, die das Schicksal von dieser staubigen grauen Strae in ihr
betrbliches, dumpfes, enges Reich geworfen hatte. Sie blickte von der Mutter
auf das Kind und wog Tod und Leben wie je eine Norne unter dem Zeitenbaum am
Urdarborn. Jetzt war sie wieder allein, ungestrt und ruhig. Die Zweige und
Bltter der groen, geheimnisvollen Wunderesche rauschten leise ob ihrem Haupte,
und die Verheiung einer noch tiefern Ruhe, eines noch tiefern Friedens war in
diesem Rauschen. In dieser stillen Stunde berwand sie den groen Schrecken, die
schlimme Angst in ihrer Seele vollstndig und gewann einen Sieg, dessen sich
kein noch so berhmter Held htte zu schmen brauchen: sie trat ein fr das
Leben, wie schwer ihr Wunsch sie auch nach der andern Seite hinberziehen
mochte.
    Oje, was lacht das Kind im Schlaf? murmelte sie. Guck einer, dem ist's
noch einerlei, wohin es die Welt schob und was aus ihm werden mag. Ei, ei, hat
das der liebe Gott noch auf meine alten Tage mit mir im Sinne gehabt? Guck,
Hanne Allmann, das httest du gestern um diese Zeit wohl nicht gedacht, da er
dir vor deinem End noch einen Sarg und eine Wiege zu versorgen geben wrde.
    Sie hatte vorhin in der Hast ihre Strmpfe umgewendet angezogen und schob's
zum grten Teil darauf, da ihr die Sache jetzt so leicht erschien; aber was
auch die Meinung der Nation darber sein mag, wir haben jetzt von dem grern
Trost zu berichten, der nun vom Harz her heranmarschiert war, und zwar unter
einer Form und Gestalt, welcher die meisten scheu ausgewichen wren.
    Mit dem ersten Strahl der Sonne, als auch das Dorf sich schon regte, doch
der Tau noch in voller Frische an Blatt, Gras und Spinngeweb haftete, klopfte
dieser Trost an das Fenster des Siechenhauses und sah hinein - ein braun,
runzlig Altweibergesicht, mit Stoppeln um das Kinn und Stoppeln um die
Mundwinkel, gefurcht gleich einem belgepflgten Ackerfeld, mit schneeweien
Augenbrauen, doch vollem, rotbraunem Haupthaar, das nach cheruskischer Sitte
nach dem Hinterkopf hinbergezogen und in einen Knoten geschlungen war, mit
grauen tiefliegenden Augen, die frher noch schrfer gesehen haben mochten, aber
auch jetzt noch jedenfalls ihren Weg klar vor sich sahen!
    Dieses war Jane Warwolf, und als die Alte in der Htte ihr Gesicht am
Fenster erblickte, verklrten sich ihre Mienen, und mit einem Ausruf der Freude
humpelte sie wieder dem Fenster zu.
    Glck auf, Hanne! rief die Alte drauen, ungeduldig einen kurzen Wirbel an
den Scheiben trommelnd.
    Still, Jane, sie schlafen! flsterte Hanne Allmann mit einem Blick ber
die Schulter auf die schne Marie und das Kind. Im nchsten Augenblicke stand
sie vor der Tr, und wie die eine Hexe nun der andern die Hand schttelte und
die Zahnstumpfen zeigte, da mochte die rote Morgensonne ihre helle Freude an den
beiden haben.
    Die wandernde Frau war vielleicht nur um zehn Jahre jnger als die Frau aus
dem Siechenhause, allein obgleich sie jetzt unter einer schweren Last gebckt
stand, so sah man doch, da sie sich in jedem Augenblick hoch genug aufrichten
konnte. Und obgleich sie sich schwer auf den hohen Weidornstock mit der
knstlich geschnitzten Knopffratze sttzte, so unterlag's doch nicht dem
geringsten Zweifel, da sie im Notfall mit ebendiesem Stabe tchtig
dreinschlagen wrde. Auf dem Rcken trug sie ihre Harzkiepe voll hlzernen
Geschirrs, voll Lffel und Teller und Kinderspielzeug und trat damit jedermann
frei unter die Augen. Auf dem Grunde des Tragkorbs jedoch fhrte sie einige
Flaschen, welche sie bedchtig den Augen der hohen Medizinalbehrden entzog. Sie
enthielten sehr gesunde Trnke, erprobt seit Jahrhunderten gegen die
mannigfaltigsten Gebresten des Leibes, und konnten sich den zu Goslar gebrauten
nach Heilkraft und Wohlgeschmack khn an die Seite stellen.
    Da bist du! Und willkommen bist du wie ein Mairegen! rief Hanne.
    Glck auf, junge Frau! wiederholte Jane Freilich bin ich da, und den
ganzen Weg von Wildemann her hab ich mich auf dies alte Drudengesicht gefreut;
und richtig, ein Gesicht macht sie wie der Uhu vor dem Blitz - ganz wie ich's
mir vorstellte, und ganz und gar nichts hlicher. Nanu nur lustig! Wie steht's
im flachen Land? Was macht Bratpfanne und Kuchenblech im Armenhaus zu Krodebeck?
Aber nun sag einmal, Hanne, wie steht's denn mit unserer Reise? Raus aus der
Schchternheit! Sie werden allgemach ungeduldig da oben auf dem Blocksberg. Sie
recken nun schon manch liebes Jahr die Hlse nach uns, und lnger als bis zur
nchsten Walpurgisnacht wollen sie unter keinen Umstnden warten. He, he, Hanne
Allmann, wie ist's mit dem Besen und der Ofengabel? Und wer geht noch mit aus
euerm Dorf? Jaja, ich habe da eben im Vorbeihinken mehr als einen Schornstein
angesehen; da kann man sich schon freuen auf das nchste Auffahren. Es werden
wenige Besen in der Nacht in Krodebeck zurckbleiben, und wer von den Gevattern
einer Ofengabel bentigt sein sollte, der wird dann wohl danach ein wenig
bergauf zu steigen haben.
    Die alte Hanne duckte sich auch unter diesem Redestrom und lie ihn ber
sich hinschieen. Sie wute, da die alte Jane sich aussprechen msse, wenn sie
angefangen hatte zu sprechen. Erst als die wandernde Frau ihre Last auf dem
Rcken zurechtschob, nahm sie das Wort in der eintretenden Pause oder versuchte
wenigstens, die Rede auf etwas anderes zu bringen.
    Von Wildemann kommst du, Jane?
    Von Wildemann? Hab ich das gesagt, dann wird's freilich wohl seine
Richtigkeit damit haben. Aber wo bin ich gewesen! Rund um den Erdball herum in
der schlechten Welt in diesen letzten vierzehn Tagen! Oben und unten! In
Rbeland und in Wernigerode, in Harzburg, Ilsenburg und in Klaustal, in Goslar
und in Wieda, in Sachsa und in Walkenried - als ob es bei unsereinem darauf
ankme, woher er kme und wohin er ginge! Das Volk bleibt berall gleich, und
Hunger und Durst hat man berall umsonst; die Hunde hngen sich einem berall an
den Rock, und die hlzernen Bnke wollen mein Lebtage zu keinen seidenen
Polstern unter mir werden. So will ich denn den Weg mal wieder ins Platte
nehmen; das ewige Bergauf, Bergab kriegt man endlich auch satt, und es hat's
nicht jeder so gut wie die gndige Frau vom Siechenhaus zu Krodebeck. Ja
freilich, die Hanne Allmann kann es mitansehen! Die sitzt hier in Saus und Braus
und wartet im Lehnstuhl auf ihre Zeit und lacht auf dem Stockzahn und ziert
sich; denn sie hat's schriftlich, da der Junker mit der roten Feder endlich
doch einmal vierspnnig vorfhrt, um sie durch die Lfte mit sich zu nehmen.
    Man knnte dir trotz aller Freundschaft gram werden, wenn man dir auf dein
Maul nicht ein gut Stck zugute tte! Nun sage, wohin geht der Weg jetzund? Und
wenn du alles los bist von der Seele, so hre an, was ich dir zu sagen habe.
    Wohin der Weg jetzund gehet? Nach Braunschweig zur Sommermesse. Als ob
dieses sich nicht von selber verstnde! Hannchen, Hannchen, etwas mehr Einsicht
in den Handel mit hlzernen Lffeln wre dir doch zu wnschen! Aber still - nun
horch, junge Frau, jetzt kann dein Glck blhen, wenn du wenigstens Verstand und
Einsicht genug auftreiben kannst, um den richtigen Wunsch aus dem Bettelsack
hervorzuholen. Ich habe mir nunmehro fest vorgenommen, dir mitzubringen, was
dein Herz begehrt, und sollt's mich eine Million in barem Gelde kosten. Fr alle
sechs Nullen darfst du dir was wnschen, nur mit der nichtsnutzigen Eins davor
mut du mir aus alter Liebe, Freundschaft und Geflligkeit vom Leibe bleiben.
Das wre also gesagt, und da ich dein dankbares Gemte kenne, so komme ich auf
etwas anderes und stelle die hfliche Frage: was kosten die Zichorien in
Krodebeck, und was hat der hochgelobteste Gemeinderat frs erste Frhstck im
Korb ohne Boden, im Hotel zum Falschen Mariengroschen ausgeworfen?
    Komm herein, du sollst dich wundern! rief Hanne Allmann.
    Das wird mir lieb sein; denn so leicht wundere ich mich ber nichts mehr in
der Welt. Aber weit du, Hannchen, umsonst nehme ich nichts an - unter keinen
Umstnden! Dafr hat mein seliger Herr Vater gesorgt - der trug ein ganzes,
wirkliches und wahrhaftiges Bergwerk auf dem Rcken mit allen Silbergngen und
Goldgngen und wurde ein reicher Mann dabei, wie du weit, da er mit seinem
Mammon von Tr zu Tr zog und groes Aufsehen erregte.
    Dieses ist wahr, und er wute wahrhaftig gut dazu zu reden, Jane.
    Und das Kupferbergwerk trug er in seiner Tasche - das war ein Mann, Hanne -
und ich bin seine Tochter, Hanne, und habe von ihm gelernt, was sich schickt und
womit man sich den Leuten am angenehmsten macht. Es wr doch auch eine rechte
Schande, sich lumpen zu lassen, wenn man ganz Peru und Paphlagonien auf dem
Buckel mit sich herumschleppt!
    Nun hre sie einer an! Wo sie nur all die grausamen und gelehrten Worte
herkriegt? O Jane, Jane, jetzt la aber auch mich einmal sprechen!
    Alter Schatz, du tust ja nichts anderes seit einer Viertelstunde, und es
scheint dir nur ein heimtckischer Spa, da ich dir whrenddem mit Jammer und
Klage den Sehnsuchtswalzer um eine Tasse Kaffee vorpfeife.
    Hanne Allmann, fast zum uersten gebracht, fate die Schwtzerin an der
Schulter und flsterte ihr einige Worte ins Ohr. Da horchte Jane Warwolf denn
doch hoch auf und stie mit dem Wanderstock einige Male ziemlich fest auf den
Boden. Dann lie sie, wenn auch nicht den Sehnsuchtswalzer, so doch einen
langen, bedeutungsvollen Pfiff hren und trat der alten Gastfreundin nach ber
die Schwelle des Siechenhauses von Krodebeck - ein ganz anderes Weib, als wie
sie sich bis jetzt gezeigt hatte.

                                Neuntes Kapitel


Mutter und Kind schliefen noch immer. Sie hatten nichts von der oft ziemlich
lauten Verhandlung der beiden Alten vor dem Fenster und der Tr vernommen. Hanne
ging noch immer auf den Strmpfen, aber Jane Warwolf trat fest auf; das lachende
lustige Gesicht war zu einem fast bsen und zornigen geworden, und sie murmelte
mehr als ein Wort, welches die schne Marie Huler besser nicht vernahm. Das
alles hatte wohl seinen Grund; denn Jane Warwolf hatte nicht zum erstenmal fr
die Freundin eintreten und das Gebi zeigen mssen. Sie hatte die arme Hanne vor
Schulz, Schulmeister und Pastor, vor den Bauern, ihren Weibern und Kindern unter
ihre Flgel genommen und sie mit groem Gegacker verteidigt: sie versah sich
natrlich von der schnen Marie nichts Gutes und hatte sich schnell vorgenommen,
sich von Anfang an auf den richtigen Standpunkt ihr gegenber zu stellen. Auf
dem kurzen Wege von der Tr bis zum Bette der Schlafenden spiegelte ihr die
Phantasie einen ganzen Reigen von zuknftigen Katzbalgereien der muntersten und
hitzigsten Art vor, und so fate sie ihren Stab fester und handgerechter und
schnitt ein Gesicht, scheulicher als das, welches den Knopf dieses braven
Stabes bildete. Am liebsten wrde sie die schne Marie durch eine tchtige
Tracht Prgel erweckt haben, und vor nicht sehr langer Zeit wre dieses
sicherlich auch die zweckmigste und wohlttigste Art des Morgengrues gewesen.
Die schne Marie verdiente leider recht hufig als erste Begrung noch etwas
viel Eindringlicheres, wenn sich solches htte ausfindig machen lassen.
    Doch die Sonne war nun auch schon wieder hher gestiegen, und herrlich war
der Morgen. Freudig schimmerte das Gebirge in der Ferne, und freudig glnzten
die nahen grnen Hgel und Wlder von Krodebeck. Da die Vgel in den Bumen und
den Lften diese gute Gabe eines neuen, anscheinend regelrechten Sommertages
besser wrdigten und jedenfalls dankbarer empfingen als die Menschen, konnte
keinem Zweifel unterliegen, und da es kaum noch ntzt und ergtzt, sich eines
weitern darber zu verbreiten, unterliegt noch weniger einem Zweifel.
    Aber die Sonne kam in demselben Augenblick durch die niedern Fenster in dem
Siechenhause zu Krodebeck an, in welchem die zwei alten Weiber ber die
Stubenschwelle traten, und das war nicht ohne Einflu auf den Verlauf unserer
Geschichte. Es ist immer ergtzlich und ntzlich, es ist immer schn, wenn das
Licht, wenn die Sonne sich irgendwo einmischt, und sie wei das auch und tritt
jedesmal lachend im richtigen Moment hervor bei Krnungszgen,
Denkmalsenthllungen, Paraden und so weiter. Da verkriechen sich die
Regenschirme, die Begeisterung der Menge steigt, die hohen und allerhchsten
Herrschaften lcheln, und die Sonne lacht sowohl ber die hohen und
allerhchsten Herrschaften wie ber den Pbel und die Berichterstatter.
    Die Sonne traf das Haupt der hchsten Herrschaft, welche in dieser
Geschichte erscheint, das Haupt Antonie Hulers; und das Kind lchelte
ebenfalls, als Jane Warwolf sich nunmehr ber es beugte und es aufmerksam
betrachtete.
    Hm! Hm! machte Jane und warf einen erstaunten Seitenblick auf Hanne
Allmann.
    Ich hab es auch gesehen, flsterte Hanne. Man findet es nicht zum
zweitenmal in Krodebeck. Ich habe es vorhin eine Stunde angesehen und doch nicht
genug gehabt, und - die Sonne allein ist nicht schuld daran.
    Jane richtete sich wieder empor und zog die weien Augenbrauen von neuem
zusammen:
    Ihre Mutter war auch hbsch genug in der Wiege! Jetzt la mich die sehen!
    Sie trat an das Bett der schnen Marie und blickte finster auf sie nieder.
Nach einigen Augenblicken forschender Prfung schob sie einige Haarflechten,
welche der Kranken ber die Stirn gefallen waren, von ihr zurck. Dann lehnte
sie leise ihren Stock an den Bettpfosten, dann zog sie die Arme und Schultern
aus den Tragriemen ihrer Last und setzte dieselbe mit Hlfe Hannes ab; dann
setzte sie sich selber auf den Schemel neben dem Bette, sttzte den Ellenbogen
auf das Knie und das Kinn in die Hand; endlich sagte sie:
    Hanne Allmann, ich habe mir die Sache deinetwegen schlimmer vorgestellt,
als sie sich jetzo ausweist; wir wollen deshalb nicht weiter gehen, als recht
ist und wie wir vor Gott verantworten knnen. Nmlich so meine ich: wir haben
schon manchen und manche mit solchem Gesichte, wie diese hier, gesehen, und wie
mir deucht, kam jedesmal alles auf dasselbe Ende hinaus, nmlich zur Tr hinaus,
die Fe voran. Also, Hanne, habe Geduld; einen weichen Sitz im Himmel hast du
dir bereits erworben, nun kannst du dir ein Fukissen zu noch grerer
Bequemlichkeit dazuverdienen. Ich halte mir viel vorgenommen mit ihr und htte
ihr meine Meinung deutlich genug machen wollen; aber nun fehlt mir doch das
Herz, zumal da es doch nichts hilft als zu einem Zank am Sterbebett und - das
fehlte mir gerade noch. Jaja, Hanne Allmann, heute rot, morgen tot - Schnheit
vergeht, Tugend besteht - und wie die Narreteien sonst alle heien bei hnlichen
Gelegenheiten. Ich wollte dir mit Vergngen eine von meinen gesunden Flaschen
fr sie zurcklassen; doch das ist nur etwas fr die Gesunden. Htten wir die
Lisabeth aus Elend hier, so mchte die vielleicht genauer sagen knnen, wie
lange die arme Kreatur es noch machen wird; da dahingegen der lahme Bock von
Httenrode gestern nachmittag mit seiner Weisheit und seinem Schubkarren voll
Apothekenkruter seitwrts abschob, ist durchaus kein Schaden. Also, sage ich,
halt sie nicht zu warm und gib ihr klares Wasser zu trinken, soviel sie begehrt.
Hm, Wasser und Erde, daraus entstehen alle Dinge, und alle Dinge haben darin ihr
Ende, wes halben es auch kein Fieber gibt, welches sich nicht mit Wasser oder
aber mit dem Grabscheit verheilen lt. Das wre denn genug gesagt ber die
schne Marie; was jedoch die hbsche Krabbe da anbetrifft, so hat die freilich
und wahrscheinlich einen lngern Weg vor sich als die Mutter; aber was das beste
fr sie wre, wer mag das sagen?!
    Still! flsterte Hanne Allmann. Sie erwacht! Jetzt sei still und sei gut;
- die Marie Huler wacht!
    Die Warwlfin nickte, und die schne Marie richtete sich in der Tat auf und
warf verstrte, verwirrte Blicke umher. Erst suchte sie angstvoll ihr Kind mit
den Augen, und dann sah sie schier noch angstvoller in die beiden
Altenweibergesichter.
    's ist die Jane aus Httenrode, die Jane Warwolf, erschrick nur nicht!
sagte Hanne. Guten Morgen, Marie, das Kind schlft wie ein Engel, und auch du
hast noch einen guten Schlaf gehabt.
    Glck auf, Mariechen! rief Jane. Da sind wir richtig wie der einmal und
empfehlen uns hflichst. Gib mir die Hand, ich beie nicht. Halt den Kopf in die
Hhe, Mdchen; wer in der Welt leben will, mu was ausstehen knnen.
    War das ein Schlaf und Traum, oder ist mir das wieder passiert, was ich
eben erlebte? Ja richtig, ich habe wirklich geschlafen; ach, Gott behte euch
alle vor solchem Schlafen!
    Sieh, Mariechen, da liegt deine Puppe. Die gefllt mir recht, und du kannst
wohl stolz auf sie sein. Kennst du mich nicht? Ich bin wirklich die Warwlfin
aus Httenrode und hatte mir vorgenommen zu beien, habe mich jedoch anders
besonnen; also gib mir die Hand und kmmere dich nicht um die vergangenen
Zeiten.
    Ja, Marie, tu es! sagte auch Hanne Allmann. Jetzt koch ich uns einen
Kaffee, und die Jane setzt sich derweilen zu dir und unterhlt dich als ein
Frauenzimmer, das auch in der Welt herumgekommen ist und Bescheid wei in vielen
Dingen, die unsereinem zu hoch im Siechenhause zu Krodebeck sind.
    Hussa, sie traktiert! rief Jane Warwolf. Juchhe, jetzt wird's schn in
der Welt! Sie traktiert wirklich und wahrhaftig; nimm meine dumme Kompanie an,
Mariechen, wir wollen ihr um eine Million nicht in den Weg laufen bei so
lieblichen und schenersen Absichten.
    Wecke mir nur das Kind nicht, sagte die alte Hanne und ging zu ihrem Herd,
um das Frhstck, so gut es sich tun lassen wollte, zuzubereiten. Mit Hlfe
derer von Lauen aber lie es sich ziemlich gut tun.
    Die Jane aus Httenrode blieb neben dem Lager der schnen Marie sitzen und
unterhielt sie in der Tat als eine weltgewandte, weitgewanderte, welterfahrene
Frau auf das angemessenste und anmutigste.
    Das htte ich freilich nicht gedacht, dich hier zu finden, mein Mdchen,
als ich vorhin in das Fenster guckte. Ehrlich gestanden, die berraschung war
anfangs grer als die Freude; doch - rgere dich nur nicht, bei besserer
Besinnung findet man wohl das richtige Ma und legt nicht alles und jedes bers
Knie wie einen unntzen Buben, zumal wenn man wei, da es doch zu nichts
hilft.
    Nein, es ntzt zu nichts! sagte die schne Marie in einer Weise, welche
eine Pause in der Unterhaltung unbedingt ntig machte.
    Erst nach einem minutenlangen Stillschweigen fing die Warwlfin ganz
verschchtert und mit viel gedmpfterer Stimme von neuem an:
    Ich hab einen Bruder gehabt, der kam auch so hnlich aus der Welt heim, und
ich bin zuletzt doch ganz gut mit ihm fertig geworden. Aber der hatte zu
Wolfenbttel im Zuchthause gesessen - fnfzehn Jahre hatte er da gesessen. Und
fnf Jahre haben sie ihm geschenkt wegen mildernder Umstnde oder weil sie
dachten, da sie ihn doch wohl lange genug festgehalten hatten; aber das ntzte
ihm nicht viel mehr; denn nachher sa er nur noch eine kurze Zeit im Winkel, sah
niemanden an, brummte in den Bart und starb. Die Zuchthausjacke war ihm auf dem
Leibe festgewachsen, und als man sie ihm auszog, ging die Haut mit, ihn fror
gottsjmmerlich, und so starb er.
    Was hatte er getan? fragte Marie Huler.
    Nun, es war solch eine Busch- und Berghistorie drben im Okertal an den
Arendsberger Klippen. Du kennst uns ja, Kind! Frischauf zum frhlichen Jagen!
weit du. Einer der Jgerburschen vom Arendsberg holte sich dabei die Brust und
Lungen voll groben Schrotes und verblutete sich in den Tannen. Nachher ging denn
die Jagd erst recht an, und meinen Bruder fingen sie unter der Harzburg, als er
zur Eisenhahn herunterkletterte. Es waren noch andere dabeigewesen; allein die
hatten mehr Glck, und das ist die Moral von der Geschichte: aufs Glck kommt's
an in allen Dingen, Marie Huler, und du hast auch wenig davon gehabt, also la
dir keine grauen Haare um das wachsen, was hinter dir liegt.
    Ich lasse mir keine grauen Haare wachsen, Warwolfsche! rief die schne
Marie, eine ihrer braunen Haarflechten von dem Kissen aufhebend und sie durch
die Finger ziehend. Das ist echte Farbe, dem Spuk darunter zum Trotz. Zum
Verbleichen wird jetzt die Zeit nicht mehr langen, und darum grm ich mich
nicht, Jane Warwolf. Ich habe auch noch keinen gefunden, der mich auf einen
andern Weg gewiesen htte, und so bin ich denn aus eigenem Geschmack auf diesem
hier angekommen - aber dein Bruder hat's gut gehabt, Jane.
    Die wandernde Frau schnob sich und schttelte den Kopf und rusperte sich
und sah nach der Tr, als ob sie nicht begreifen knne, wo die Hanne so lange
bleibe, und als ob ihr die schleunige Rckkehr derselben sehr erwnscht sei.
    Ich wei, was du denkst, Jane! rief Marie. Du hattest dir vorgenommen,
ganz anders mit mir zu sprechen. Mit den Fingerngeln wolltest du mir zu Leibe
gehen, den Stock da wolltest du mir auf dem Rcken zerschlagen, und nun findest
du mich zu elend und jammervoll dazu, und mein hbsches Kind in seinem Schlaf
hat dir auch gefallen, und nun bist du wie einer, der sich nach einem Brett
umsieht, um es ber den schmutzigen Bach zu schieben, da er drber weg kann.
Lge nicht - es ist so!
    Ich lge nicht; du hast recht, Marie Huler, und ich meine, ich htte auch
mein Recht dazu gehabt, und der Hanne Allmann wegen ein dreidoppeltes.
    Ich lge auch nicht, schluchzte die schne Marie: denn das ist nur vor
Gericht meine Art gewesen, wenn sie alle zusammen auf mich eingeschrien haben
und ich allein gegen so viele stand. Wenn ich Reue htte, so wrde ich es sagen
und dein Mitleid annehmen; es ist aber keine Reue in mir, und so kann ich auch
dein Mitleid nicht gebrauchen. Wer wei, was ich dir tte, Jane Warwolf, wenn
ich nicht so schwach wre? Ich habe auch kein Mitleid mit der Welt, ich schme
mich nur, und darber bin ich wieder so zornig wie ein gehetzter Hirsch, der
sich gegen die erbrmlichen Hunde stellt. Das sage mir, du Alte: wozu schmt
sich der Mensch, wenn in der ganzen weiten Welt niemand ist, der's verlangt und
einem darum nher rckt?
    Sieh, sieh! Da hast du dein Kind zur rechten Zeit aufgeweckt, Marie
Huler! Was fragst du mich? Da, das dort frage - das wei dir vielleicht eine
Antwort zu geben. Glck auf, klein Mdchen! Guck, wie das mit den Augen den Mund
aufsperrt! Lustig, du Kobold, der Kaffee kommt gleich, und die Sonne scheint auf
das Dach des Siechenhauses zu Krodebeck.
    Das Kind streckte die Hnde nach der Mutter aus und lachte hell und
freundlich, aber die Mutter fuhr zusammen ber den lustigen Ruf. Zugleich
verkniff sie die Lippen in einer Weise, die jeden tchtigen Kriminalrichter
nachdenklich gestimmt haben wrde und der alten Jane Warwolf, welche gleichfalls
ein Stck von einem Kriminalrichter in sich hatte, keineswegs entging. Der eine
htte den Zug wahrscheinlich ins Debet geschrieben, die andere trug ihn
unbedenklich im Kredit ein: wir, die wir hier blo nchtern niederschreiben, was
geschah und was gesagt wurde, wir melden einfach, in welcher Weise die schne
Marie nach dieser Unterbrechung durch das Erwachen der kleinen Antonie fortfuhr,
und berlassen jedem Leser seine eigene, wohlerwogene Entscheidung.
    Du Feind, schrie die schne Marie die Alte an siehst du, da du mich doch
schlagen und mit den Zhnen fassen mutest! Ich habe es wohl gewut, du
Teufelin, da du nur deshalb herzugeschlichen bist! Lache ihr nicht zu, Tonie,
sie wird dir zunicken, um deine Mutter zu schlagen. Sieh weg, sieh weg, Tonie,
sie will deine hellen Augen gegen deine Mutter ins Gericht fhren. Sieh den
bsen Feind nicht an, Kind, er wird auch dich beien, wenn er deine Mutter
totgebissen hat.
    Erschreckt fing die Kleine an, laut zu weinen.
    Ach, Marie Huler, was alles mut du erlebt haben! rief traurig Jane
Warwolf.
    Genug, um Bescheid zu wissen, da niemand das Recht hat, das Kind gegen
seine Mutter zum Gericht aufzurufen!
    Du hast gefragt, und ich habe geantwortet.
    Nun fing die schne Marie an, bitterlich zu weinen, und das war gut; denn es
zeugte fr die Richtigkeit der Auffassung dieses vorliegenden Falles durch die
Warwolfsche.
    Diese meinte nun:
    Jetzt will ich dir etwas sagen, Marie. Ich bin ein altes Weib und habe
mancherlei durchgemacht, sowohl in den Bergen wie im platten Lande. Ich habe
Verkehr mit vielen Leuten gehalten, guten und schlechten, dummen und klugen, und
ich wei, was der Mensch ist. Der Mensch ist ein armselig Geschpf, und je
weniger man von seinen Meriten spricht, desto besser ist's. Dahingegen ntzt es
aber auch im andern Falle gar nichts, wenn man ihm seine Nichtsnutzigkeiten und
Dummheiten zu oft und zu grob vorrckt. Du schmst dich nicht, Mariechen? Ich
will dir sagen, wie es ist, Mariechen! Du bildest dir ein, die ganze Welt stehe
schon tausend Jahre auf den Zehen, um dich am Schandpfahl stehen oder unter
diesem elenden Dache liegen zu sehen. Bilde dir nichts ein, Schatz, taxiere die
Bauern von Krodebeck nach ihrem Werte, ziehe sie ab von der Welt, und dann
rechne nach, wer sich um deinen Hochmut schiert.
    Mein Kind! Mein Kind! Ich gehe fort und kmmere mich um nichts; aber sie
lassen mein Kind zahlen, was ich verzehrt habe! wimmerte Marie Huler, und mit
einem schweren, schweren Seufzer sagte Jane Warwolf:
    Ja, so hat man es freilich seit mehr als tausend Jahren gehalten!
    Der Faden der Unterhaltung war damit abermals abgerissen, und es wurde immer
schwieriger, ihn wieder anzuknpfen; aber jetzt ging der Alten eine neue Frage
wie ein Licht auf.
    Du hast schon den Ritter gesehen und gesprochen, Marie?
    Wen?
    Den Herrn von Glaubigern! Den Ritter, den Ritter!
    Ja. Er kam und reichte mir die Hand in den Schinderkarren und ging
nebenher, als man uns hierher schob, und er hielt das Volk, als man uns ablud,
da sie uns nicht hier hineinwarfen, mit gebundenen Fen, wie zwei Klber in
den Metzgerschuppen.
    Jane Warwolf strich langsam mit der Hand ber das Gesicht, und die alte,
sozusagen geniale, weltverachtende Behaglichkeit war im vollen Glanze wieder
vorhanden.
    Nanu, du Narr, weshalb sagst du denn das nicht gleich? Na, da wollen wir
denn wenigstens von jetzt an mit mehr Seelenruhe das Frhstck und Ihro Hoheit
die Frau Erbprinzessin dieses glorwrdigen Siechen- und Armenhauses zu Krodebeck
erwarten. Es ist die allerhchste Zeit mit dem Frhstck, dein Bergkobold dort,
Mariechen, sprengt uns sonst noch die vier Wnde voneinander.
    Das Kind hatte sich in der Tat lngst in so ungebrdiger Weise in das
Gesprch gemischt, da Jane Warwolf auch in Rcksicht auf dieses der Hanne ganz
wohlgefllig und billigend zunickte, als diese nun endlich wieder eintrat, und
zwar mit zwei dampfenden Tpfen in den Hnden und einem Brotlaib unter dem Arme.
    O du meine Gte, welch ein Aufwand! rief Jane. Aber fr uns ist nichts zu
gut, nicht wahr, Tonie? Jetzt sperre den Schnabel nur auf; richtig, das kannst
du gradso gut wie der Knig von Preuen, der Kaiser von Ruland und der
Vorsteher Klodenberg. Aber halt, meine Damen, eine offene Hand hat der Herr
lieb, und lumpen lt die Warwlfin sich auch nicht. Da, klein Mdchen, da hast
du einen Lffel in die Aussteuer; bleib brav und halte ihn in Ehren, wenn er
auch nicht von Gold oder Silber ist. Da hast du auch einen, Marie; und hier habt
ihr zwei Schsseln, alles aufs feinste geschnitzt und gedreht; weine nicht,
Marie, wann der Herr von Glaubigern jetzt anklopfte, sollt's mir auch fr ihn
nicht auf einen Lffel ankommen, und wann er Hunger htte, wrde er mit Dank bei
uns niedersitzen und mithalten, ohne sich zu schmen.
    Von dem sprecht ihr? rief Hanne Allmann, den wackligen Tisch gegen das
Bett heranschiebend und die schwarzen wackelnden Schemel dazu. Von dem knnt
ihr nie genug und nicht leise genug sprechen. Ich denke immer, der hat sich aus
einer andern Welt in diesejenige verirrt und kann den Weg nicht wieder
zurckfinden und geht suchend umher und fragt sich, weiter von arm zu reich, von
Tier zu Mensch, durch Sturmwetter und Sonnenschein, und will nichts als diesen
Weg und gar nichts von dem, was an diesem Wege zu finden ist und um was sich
alles andere zankt und zerrt und mit Hinterlist wegschiebt und stt und
schimpft und das Herz zerbricht! Da ist die gndige Frau, die ist schon ganz
anders, und das gndige Frlen -
    Die schne Marie lachte hell und bse auf, und Jane Warwolf schielte bse
seitwrts auf die alte Freundschaft und murrte :
    Von dem sei still, Hanne, denn niemand hat dich danach gefragt. Von dem
einen kann man nicht zuviel und von der anderen nicht zuwenig reden. Du fa den
Ritter ins Gemte, Marie Huler, und du, Hanne, schneid Brot und schneide dich
nicht an Sachen, die dich augenblicklich nichts zu kmmern brauchen.
    O herrje! seufzte Hanne Allmann und tat mit Eifer, was ihr geheien wurde,
und alle frhstckten jetzt im Siechenhause zu Krodebeck; die schne Marie
allein konnte wenig genieen.
    Lchelnd sah die schne, groe Weltensonne ihnen zu, wie sie auch mit
aufflligem Wohlwollen und Behagen auf den Chevalier und Krassierleutnant a.D.
Karl Eustachius von Glaubigern sah, welcher jetzo im Garten des Lauenhofes mit
der geffneten silbernen Dose in der linken und einer Prise zierlich zwischen
dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand vor seinen Lieblingsblumenbeeten
stand, dazwischen auch wohl an das Siechenhaus und die schne Marie darin dachte
und dann jedesmal die Augenbrauen betrchtlich hher zog und hob.
    Sie sprachen whrend des Essens und Trinkens nichts weiter, denn das,
nmlich die Ernhrung, ist fr armes Volk eine zu ernste Sache und mu mit der
gehrigen Bedachtsamkeit und Zusammenfassung aller Leibes- und Geisteskrfte
betrieben werden. Auch nach dem Frhstck hatte die wandernde Frau wenig mehr zu
Marie Huler zu sagen. Aber sie nahm ganz zrtlich Abschied von dem Kinde und
ganz wohlwollend von der Mutter, und man fand spter am Tage ein
Zehngroschenstck unter ihrer Tasse. Mit der alten Hanne Allmann hatte die Jane
Warwlfin natrlich noch ein Gesprch unter der Tr.
    Es wird ein heier Tag, und ich sollte schon lngst auf dem Wege sein, doch
der Mensch wei nie, was ihn am Rock zurckehlt, sagte sie. Das htt ich mir
heut nacht auf meinem Strohbund nicht trumen lassen, wen ich heute morgen bei
dir wiederfinden sollt. Ach, Hanne, ein Jammer ist es doch, und mit leichterem
Herzen ziehe ich nicht ab. Zwar deine Ruh und Behaglichkeit macht mir weniger
Sorge; allein eine elende Welt ist's, und die Marie tut mir leid!
    Und um das Kind mcht man gerad herausheulen! sagte Hanne Allmann.
    Ja, Madamchen, wenn das was ntzte, so wollte ich gern mithelfen, wie sehr
's auch meiner Natur zuwider ist; aber ich hab noch nie gefunden, da es anders
wirkt als auf den Magen und die Verdauung, und wenn du das bei solchen
Hungerleidern als wir eine Verbesserung nennen willst, so tu's auf deine eigene
Gefahr. Also gehe ich denn, und zwar auf den Jahrmarkt, auf die Braunschweiger
Messe mit Juden und Orgeln, mit Geigen und Meerkatzen, mit Pfeifen und
Trompeten, und die schne Marie la ich dir zum Sterben zurck, denn ich kann's
nicht hindern. Gib ihr klar kalt Wasser zu trinken, und das Kind das Kind halt
reinlich und frag den Herrn von Glaubigern um das Kind. Wenn ich zehn Jahre
jnger wre, wollt ich dir's abnehmen und es auf meine Kiepe setzen und ihm der
Welt Wunder auf meine Art zeigen. Das ist nun nichts, also geh den Ritter um
sein freundliches Herz an; wann ich wiederkomme, wollen wir einen neuen
Kriegsrat halten; wer wei, ob ich nicht von der Messe einen guten Rat darzu
mitbringe?! Es wird ein heier Tag. - Glck auf, Hanne Allmann!
    Glck auf, Jane Warwolf! sagte beklemmt die Frau vom Siechenhause und
hielt die Hand ber die Augen, denn die Sonne blendete, und sah der Freundschaft
nach, wie sie auf der gelben Strae dem Walde zuschritt. In der Htte weinte das
Kind der schnen Marie; Hanne Allmann hatte keine Zeit, in diese wunderliche,
geheimnisvolle, weite Welt, in welche alle diese Leute hineingingen und aus der
sie zurckkamen, der alten guten Kameradin nachzudenken.

                                Zehntes Kapitel


In Braunschweig war in dieser Messe ein heftiges Gedrnge, groer Verkehr und
Handel; auch die Warwlfin machte treffliche Geschfte und trieb den Handel mit
hlzernem Geschirr ins groe. Kuriose Dinge waren zu sehen und zu hren und
wurden hell ausgeschrien vor dem Granitpostament, auf welchem nun bald die
ehernen Fe Gotthold Ephraim Lessings ruhen sollten, und viel Weisheit und
Verstand wurde hin und her ausgegeben unter den Topfweibern rund um den alten
Lwen vor der Burg Dankwarderode und unter den Glocken von Sankt Blasius. Aber
guter Rat war auch in Braunschweig auf der Messe teuer und rar, und als die Jane
aus Httenrode auf der Heimkehr nach ihren Harzbergen abermals durch Krodebeck
zog, da war die schne Marie schon tot, und der beste Rat wre in dieser
Hinsicht zu spt gekommen, was das Kind der schnen Marie anbetraf, so verlie
sich die Warwlfin immer mehr auf den Ritter, legte nur einen preuischen Taler
auf den Tisch des Siechenhauses und versprach, von neuem wieder vorgucken zu
wollen, wenn die Umstnde und der Handel mit hlzernen Lffeln, Mulden und
Quirlen es gestatten wrden. Sie hatte nicht einmal die Zeit, das Grab Marie
Hulers, welches doch so dicht neben der Tr des Siechenhauses lag,
aufzusuchen. Die blauen Berge zogen sie nach dem Staub und Spektakel der Ebene
zu heftig und verlockend an, und wir haben nicht das geringste Recht, der Alten
darum gram zu werden, denn sie war eine brave Frau und tat und sagte zu jeder
Zeit, was sich schickte.
    Die schne Marie war tot und begraben. Hanne Allmann hatte groen Besuch im
Siechenhause gehabt, denn das halbe Dorf war gekommen, um die Leiche zu sehen,
und alle hatten ihre Bemerkungen leiser oder lauter darber gemacht.
    Die einen sagten, es sei kein Schaden, da das so schnell abgemacht sei, und
die anderen meinten, es sei ein Glck. Die geistlichen und weltlichen Behrden,
das Pfarramt und der Ortsvorsteher Klodenberg trugen das Ntigste schriftlich
ber den Fall ein, und die Ernte des Jahres nahm ihren gesegneten Fortgang. Am
Begrbnis nahm nur der Lauenhof teil, und zwar durch den Chevalier von
Glaubigern; die Gutsfrau hatte das Leichentuch gern hergeschenkt, aber weiter
keine Zeit gehabt, sich um die traurige Geschichte zu kmmern. Adelaide Klotilde
Paula von Saint-Trouin schenkte nichts her und erschien auch nicht in Person, um
ihrem frheren Schtzling die letzte Ehre zu geben. Sie schlo sich an dem
Begrbnistage in ihrem Gemache ein und beschrnkte ihre Bedrfnisse auf ein
gebratenes Hhnchen, Kaffee und die Lektre von Hufelands Makrobiotik; noch am
folgenden Morgen aber war sie recht grmlich, bissig und unliebenswrdig und
verlangte, da man ihre Gefhle schone und die unselige Person in ihrer
Gegenwart frs erste nicht erwhne oder gar zum Thema der Unterhaltung mache.
Schmen Sie sich, Frlen Trine! sagte die gndige Frau ziemlich kurz.
    Der Herr von Glaubigern erschien feierlich und in Gala am Sarge und am Grabe
und zwang durch seine Erscheinung auch den Pastor, sich herzubemhen, welcher
jedoch nicht offiziell kam, sondern hchst ungern und sehr verlegen. Die
Grabrede hielt auch der Chevalier, und zwar ganz in der tiefsten Stille seines
Herzens; sie mute wohl sehr vortrefflich gewesen sein, denn sie rhrte ihn
selber und wurde von Hanne Allmann bis in die feinsten Abschattungen verstanden.
    Ein Leichenmahl wurde nicht gehalten, denn diesmal erregten die Trnen den
Appetit nicht, wie dies nach dem Wort Jane Warwolfs hufig der Fall sein soll.
Aber der Ritter hatte noch ein langes Gesprch im Siechenhause mit der Hanne
ber die kleine Antonie Huler, und da wurde verabredet, da das Kind fr jetzt
in dem Siechenhause unter der Pflege der Frau vom Siechenhause verbleiben und
da der Ritter Karl von Glaubigern zwischen dem Kinde und dem Dorf Krodebeck und
der brigen Welt stehen solle. Jane Warwolf aus Httenrode war eben ein kluges
Weib, welches ziemlich genau wute, wie sich die Dinge auf Erden ineinander zu
schicken pflegen!
    Der Ritter von Glaubigern stellte sich, wie es ihm beliebte; aber das
Frulein von Saint-Trouin nahm gleichfalls seinen besondern Standpunkt ein und
behauptete denselben mit groer Charakterfestigkeit. Es bertrug seine Abneigung
ohne Abzug von der schnen Marie auf die kleine Antonie und suchte in allem, was
das Wohl der letzteren anbetraf, dem Chevalier so hinderlich als mglich zu
sein, jedoch ohne alle Aufflligkeit. Zugleich zog es die Zgel seines
Einflusses auf den Junker Hennig von Lauen fest an und erlaubte sich immer
rcksichtslosere Eingriffe in den Teil der Erziehung des Jungen, welchen der
Ritter sich fest gesichert hielt. Es fand die humane Bildung des Schlingels
grenzenlos vernachlssigt und hielt den alten Comenius weniger als je fr einen
Ersatz fr das Mangelnde. Es fhrte den Junker hufiger als je zwischen seinem
Pompadour und dem Hndlein Peccadillo spazieren und lehrte ihn Weisheit und
Tugend auf seine Art. Was endlich daraus werden wird, soll mich doch wundern,
Glaubigern! seufzte rgerlich die gndige Frau; aber der Chevalier zuckte nur
ganz leise mit den Achseln und sagte:
    Ich komme immer mehr zu der berzeugung, da wir uns nicht allzusehr zu
ngstigen brauchen; der Junge ist kein Genie, und es wrde schwerhalten, selbst
fr das Frulein, ihm den Kopf derartig zu verdrehen, da sein Standpunkt als
Gentleman dadurch in Gefahr geriete. Der Lauenhof war immer ein braver,
nahrhafter Ort; man lebt zu gut darauf, um seine Ungereimtheiten weit ber die
Feldmark hinauszureiten.
    Und ich hoffe, so soll es immer verbleiben, lieber Alter! rief die Frau
Adelheid, treuherzig dem Ritter die Hand schttelnd.
    Der Junker Hennig strubte sich oft heftig, wenn ihn die kalte Hand der ihre
Pflicht kennenden Byzantinerin packte, um ihn zwischen den Hecken von Krodebeck
und in ihren Idealen spazierenzufhren; aber auch Adelaide von Saint-Trouin fuhr
oft heftig zusammen, wenn es hinter diesen Bschen raschelte und rauschte, die
Zweige auseinandergezogen wurden und das Kind der schnen Marie ihr
neugierig-furchtsam daraus entgegensah. Sie benutzte die Gelegenheit jedesmal
aufs beste, den Zgling von neuem auf die Gemeinheit, Ekelhaftigkeit und
Nichtsnutzigkeit der Welt jenseits ihrer Ideale hinzuweisen, und jedenfalls
zeigte sie als das Erste und Selbstverstndliche der kleinen Antonie ein
Gesicht, vor welchem diese schnell genug in die Bsche zurckfuhr. Wie dann
endlich der Junker Hennig sich zu diesen Lehren und der kleinen Antonie Huler
stellte, das kam an einem absonderlichen Tage des Sptherbstes zum Vorschein und
zeigt, wie milich das hchste Ideal, die edelste, zarteste, feinsinnigste An-
und Absicht dieser schlechten, gemeinen, nichtsnutzigen und ekelhaften, aber
wirklichen Welt gegenber stets und immerdar gestellt ist.
    Es war ein Tag im Sptherbst des Jahres. Der Wald war bunt und der Himmel
grau, sehr grau. An diesem Tage hatte sich der Ritter dem Frulein zum Begleiter
auf dem gewohnten Nachmittagsspaziergang angeboten, und das Frulein hatte mit
der gewhnlichen grmelnden, slichen Miene die Begleitung angenommen.
Verdrossen und mit hngendem Kopfe ging Hennig in der Mitte der beiden, und
verdrossen, mit hngendem Kopfe folgte ihnen Peccadillo dicht auf dem Fue so
waren sie abgezogen vom Hofe und hatten sich den Hgeln zugewendet.
    Es war kein Tag, es war kein Wetter fr die beiden alten Herrschaften. Ein
unheimlich am Boden hinkriechender Wind trieb ein mattes Spiel mit den welken
Blttern, und wenn Johann von Brienne pltzlich aus dem Boden aufgestiegen wre,
um den letzten Sprling seines erlauchten Hauses dringend vor Rheumatismen und
heftigem Gliederweh zu warnen, so wrde dieses zwar sehr freundlich von ihm
gewesen sein, htte aber nur bei Leuten, die durch verwandtschafliche Liebe und
Affektion nicht verwhnt waren, Staunen erregen knnen.
    Es war kein Tag und kein Wetter berhaupt fr alte Menschen. Auch der Herr
von Glaubigern fhlte sich gedrckter und durch den engen Horizont befangener
als sonst. Beide, das heit der Ritter und das Frulein, schritten langsam,
erschienen dem Junker sehr langweilig und sprachen ihre Meinung und Absicht
dahin aus, da man nur bis zum Rande des nchsten Gehlzes gehen, sodann still,
sittsam und vorsichtig umkehren und den Abend ntzlich und anregend hinter den
Wnden und hinter den Fensterscheiben des Lauenhofes verbringen wolle, welches
letztere gleicherweise dem Junker durchaus nicht interessant und erfreulich
erschien, denn es schlo mancherlei unausdrckbaren Jammer fr ihn in sich.
    Weiterhin auf dem Wege wurde Frulein Adelaide recht gesprchig, doch
stimmten Frbung und Stoff ihrer Unterhaltung leider ganz und gar zu der
Witterung. Dster und lebenssatt schritt die hohe Dame dahin, migelaunt sowohl
gegen die Vorsehung im allgemeinen wie gegen ihr Schicksal im besondern und
gegen ihr Schicksal auf dem Krodebecker Burghof im allerbesondersten. Sie, die
sonst so stattlich auf ihrer Einbildungskraft zu Ro sa, sie zog diese selbe
Einbildungskraft wie einen mden Gaul am Zgel hinter sich her. Das nrrische,
aber doch glnzende Wellenspiel ihrer Phantasie hatte sich augenblicklich in ein
bleigraues Gewoge verwandelt; die tollen Wolken ihres Gehirns hatten den letzten
goldnen und silbernen Anhauch von ihren Sumen verloren. Adelaide von
Saint-Trouin sah die Welt heute ebenso nchtern an wie Adelheid von Lauen, wenn
dieser ein Unglck in der Milchkammer passierte, wenn ein Viehsterben eintrat
oder ein unvermuteter Abschlag der Fruchtpreise einfiel.
    Ein jeglicher hat solche Tage, an welchen ihn alle Illusionen verlassen, an
welchen der Pomp, die Pracht und das Vergngen seines Daseins stckweise von ihm
abfallen, Tage, an welchen er zwar nicht minder sich tuschen lt, jedoch nicht
durch den lachenden Schein und das behagliche Blendwerk, durch welches fr
gewhnlich gtige Gtter seinen Pfad bunt machen und verkrzen. Und alle schnen
Illusionen hatten heute die Erbin des griechisch-lateinischen Kaiserstuhls im
Stiche gelassen. Die Spinne hing ihr Gewebe in dem armen Gehirn Adelaides auf;
die funkelnden Kuppeln von Byzanz versanken im Nebel, selbst der Papst Honorius
der Dritte verlor seinen Reiz. Tyrus und Malta versanken wie Byzanz, und mit der
Grafschaft von Paidiac lste sich die Grafschaft von Valcroissant in Nebel und
Dunst auf. Zu ganz gewhnlichem, mitnigem Krodebecker Rabengekrchz war der
Klang der Jagdhrner des groen Louis geworden, und was neben der Landstrae im
Walde rauschte, das waren nicht die schnen Damen, die Marquis, Grafen und
Herzge von Versailles, sondern das war einfach und hchst rgerlich das
winterliche Blasen vom alten langweiligen Brocken und der Heinrichshhe her.
    Nun wute der Chevalier freilich, da die gndige Frau sich von ihren
konomischen Anfechtungen stets sehr bald erholte, obgleich auch sie von ihrem
guten Humor immer auf Niewiedersehen Abschied nahm, und da auch dem gndigen
Frulein die alte nrrische Herrlichkeit schnell von neuem anschieen werde. So
konnte er die trbe Gegenwart mit ziemlich weiser Gelassenheit tragen, was der
Junker von Lauen nicht vermochte. Der stieg zwischen den beiden Alten immer
mrrischer hgelan und versprte von Schritt zu Schritt immer grere Lust,
etwas zu tun, was dem Frulein diesen Nachmittag fr seine ganze sptere
Lebenszeit unvergelich mache und sein eigenes Rachebedrfnis wenigstens frs
erste befriedige.
    Was ging es aber auch ihn an, da doch eigentlich nichts mehr in der Welt
auf dem rechten Flecke stehe und da die Hoffnung, da alles wieder auf diesen
richtigen Fleck zurckgestellt werde, nun doch wohl zuletzt von den
glaubenstreuesten Seelen aufgegeben werden msse?! Was ging es ihn an, zu
erfahren, da es gar keine Freude sei, in einer so schlechten, gemeinen,
plebejischen, demagogischen Judenwelt leben zu mssen? Was ging es ihn an, da
selbst diese miserable, nichtsnutzige Welt noch erbrmlicher und
niedertrchtiger werden knne und in der Tat von Tag zu Tag werde? Was endlich
ging es den Stammhalter des Lauenhofes an, da es den Frsten von Tyrus und
Kaiser von Konstantinopel, Johann von Brienne, nicht im Traume eingefallen war,
seine verwandtschaftliche Pflicht zu erfllen, und da die Erbin seines Thrones
nun wirklich ein bedenkliches rheumatisches Ziehen von Schulterblatt zu
Schulterblatt versprte?
    Herr Hennig von Lauen litt bis jetzt noch nicht an Rheumatismus. Der graue
Tag brachte ihm keine Weltuntergangsgedanken, und was die Verschlechterung im
sozialen Wesen betraf, so fhlte er, wie schon bemerkt wurde, heute selber ein
Gelst, als ein Rebell gegen dasselbe in seinen edelsten Inkarnationen
aufzustehen und der Madame de Genlis, der Madame de Campan und so mancher
anderen Madame und adeligen weiblichen Autoritt was man nennt einen Esel zu
bohren oder gar einen Tritt zu geben. Er war eben ganz unvermerkt und trotz
aller zarten Sorgfalt und scheuen Vorsicht des Fruleins auf jenem Standpunkt
angelangt, auf welchem er die Gesellschaft und die Ansichten der Bauernjungen
von Krodebeck bei weitem dem groen Louis, der Knigin Marie Antoinette, dem
alten Amos Comenius und sogar dem Herzog Wittekind, dem Liebling des Herrn von
Glaubigern, vorzog, und gerade heute war der Tag und die Stunde, die eine ganze
Epoche seines Daseins zum Abschlu brachten.
    Die Lustwandelnden waren, bis jetzt ziemlich geschtzt vor dem Winde, zu dem
Walde emporgestiegen. Jetzt erreichten sie die Hhe, und der Wind kroch nicht
mehr am Boden, zu ihren Fen, sondern er fate sie sehr rcksichtlos ganz und
gar, kmmerte sich in Hinsicht auf das Frulein nicht im geringsten um das
Dekorum, wirbelte es einen Augenblick hchst frech und unanstndig im Kreise
umher und drehte es sodann ruckartig mit der verdrielichen Nase gegen das Tal
und Dorf zurck, als wolle er sagen: So, jetzt marsch nach Hause - bis hierher
und nicht weiter! Fr heute haben wir genug von Ihnen!
    Den Peccadillo hob dieser Wind fast von den Fen; der kluge Hund drehte
ohne weitere Notiz kurz um und ging in wackelndem Trabe heim. Der Chevalier
griff mit beiden Hnden nach seiner Fuchspelzmtze, um sie tiefer ber die Ohren
zu ziehen.
    Was den Junker anbetraf, so wendete sich dieser wie alle brigen und sah mit
trnenden Augen zurck. Da schlngelte sich der graue, steinige Feldweg hinab,
da lag das Dorf, wo die Dreschflegel taktmig auf den Tennen klappten; da
erhoben sich die spitzen Dcher und Giebel des Lauenhofes, und den Junker Hennig
berkam pltzlich ein Widerwillen gegen alles das und ein noch heftigerer Ekel
gegen die Heimkehr mit den alten Freunden und gegen die stillen Vergngungen des
Abends im Kreise derselben sowie der arbeitsseligen Mutter und der anderen Haus-
und Stubengenossen.
    Mit einemmal schien dem Jungen ein Licht darber aufzugehen, wieviel vom
Leben er infolge seiner trefflichen Erziehung bereits verloren habe. In einem
langanhaltenden dummen Geschrei machte er pltzlich seiner Entrstung darber
Luft, tat einen Sprung ber den Graben, lief den Abhang hinauf dem Walde zu und
war verschwunden, ehe der Ritter und das Frulein im geringsten fhig wurden,
den Dmon, welcher ihren Zgling ergriffen hatte, zu begreifen und zu wrdigen.
Ehe sie sich sogar von dem ersten Schrecken erholt hatten, befand sich der
sittsame Knabe schon so tief im Gebsch unter den wild geschttelten Eichen, da
die Rufe, die ihm endlich nachgesendet wurden, nur einen schwchlichen Eindruck
auf seine Ohren machen konnten und bereits im nchsten Augenblick gnzlich
verlorengingen in dem Sausen des Windes und dem Rauschen der Bltter. Hennig war
allein, vielleicht zum ersten Male in seinem Leben wirklich allein, und fand
keinen andern Ausdruck fr das Gemisch von Furcht, Schauder und Wonne, welches
ihn ob seiner Freimachung ergriff, als einen abermaligen ziemlich tierischen
Schrei, den er so lange stets von neuem ertnen lie, bis er braunrot im Gesicht
und vollstndig auer Atem war.
    Dazu lief er immer fort - blind und rein besessen -, bis auch dazu seine
Krfte nicht mehr ausreichten. Keuchend vor geistiger und krperlicher
Aufregung, hielt er inne und horchte.
    Das Rauschen und Sausen war nun ganz in den Baumkronen. Am Fue der hohen
Stmme war die Luft still und ziemlich warm; man merkte hier erst recht, wie
nahe der Regen war, an welchem die ganze Woche gebrauet hatte.
    Drauen vor dem Walde war das Frulein auer sich; aber der Chevalier rieb
sich verstohlen die Hnde und vermochte nicht ganz ein Lcheln der Befriedigung
zu verbergen. Htte er den vollen Gewinn des Knaben geahnt, seine Befriedigung
wrde sich noch heller und deutlicher Luft gemacht haben, aller Wehklage und
saueren Bosheit der verzweifelnden Adelaide zum Trotz. Htte er sich indessen
vollkommen klargemacht, wie wenig doch auch bei diesem Gewinn zuletzt
herauskommen werde, so wrde er zwar auf die Lamentationen des Fruleins nicht
mehr geachtet haben, allein eine groe Freudigkeit htte er sicherlich weder in
Mienen noch in Gesten offenbart.
    Der im Wohlleben aufgewachsene Hennig besa jenes animalische Gefhl fr die
Behaglichkeit des Lebens, welches man auch Gemtlichkeit zu nennen pflegt, im
hohen Grade. Den Genu, faul und fett am Fenster oder am warmen Ofen zu sitzen,
wenn die Nebel von den Bergen niederstiegen, wenn die Bltter und der Wind und
Regen rauschten, kannte er sehr wohl; und nun ri ihn an diesem dunklen
Nachmittag ein anderer Geist zum erstenmal ber diese bequemen Stimmungen
hinaus.
    Die Wolken, die ihm ber dem Kopf schnell hinglitten, verwandelten sich in
Rosse, welche ihn weit fort von Krodebeck und aus der engen Welt seines
vterlichen Hauses hinwegtrugen. In dem Winde klang eine muntere Stimme, die
nicht an nasse Fe, Schnupfen, Rhabarber und Kamillentee mahnte. Zum erstenmal
packte den Knaben das Robinson-Crusoe-Gefhl, das Gefhl der Abenteurer,
Entdecker und Eroberer. Noch einmal trug ihm ein Windsto den schrillen Ruf der
Chevalire von Malta herber, und grinsend warf der Taugenichts seine Mtze in
den nchsten Baum und lachte laut auf, erschrak jedoch trotz aller Tollmtigkeit
nicht wenig, als dieses Lachen ein helles, frhliches Echo fand.
    Schnell und scheu blickte er umher, sah jedoch niemand, was seinen Mut und
seine Sicherheit grade nicht erhhte. In demselben Augenblick aber flog ihm
seine Mtze aus den unteren Zweigen einer verkrppelten Buche ins Gesicht. Auf
leicht ersteigbarem bequemem Sitz in diesem untern Gezweig des gebogenen Baumes
sa das schne Kind der schnen Marie und lachte zum zweitenmal den Knaben hell
an und der geschickt geworfenen Mtze nach.
    Es ist schon gesagt worden, wie sich das Frulein von Saint-Trouin den
ganzen Sommer hindurch bemht hatte, seinem Zgling einen gehrigen Abscheu vor
der kleinen Vagabundin einzuflen, und wie viele treffliche Lehren und
Folgerungen sich fr ihn an dieses winzige, zierliche Persnchen knpften. Also
war es kein Wunder, da der Junker ziemlich dumm zu dem Vglein auf dem Ast
emporsah und eine nicht kleine Sehnsucht nach dem schtzenden Rock des Fruleins
versprte. Allein noch schlug das Herz zu hoch in der jungen Freiheit, als da
nicht auch dieses Unbehagen berwunden werden konnte.
    Guten Tag, Hennig! Komm herauf, hier ist Platz fr mehr Leute! rief
Antonie Huler. Eh, eh, er frchtet sich, und er kann nicht klettern, und die
gelbe Frau leidet's nicht. Hu, wie kommst du in den Wald, wenn's regnen will,
und ohne die gelbe Frau? Komm herauf, oder ich komme herunter und fliege mit dir
fort, da du in deinem Leben nicht wieder in dein Dorf den Weg zurckfindest.
    Untersteh dich! rief der Knabe, sehr bestrzt und hastig einen drren Ast
vom Boden aufgreifend.
    Er frchtet sich wirklich! jauchzte das kleine Mdchen. Soll ich dir auf
den Kopf fallen, dummer Junge?
    Ich frchte mich nicht! schrie der Knabe, mit Trnen in den Augen den
Stock fortwerfend. Ich will mich nicht frchten! Komm herunter, du; ich tue dir
auch nichts, und das Frlen ist weit genug, vor dem brauchst du dich auch nicht
zu frchten.
    Einen kurzen Moment zgerte das Kind, dann stand es auf seinem Aste leicht
auf den Fen, und im nchsten Augenblick glitt und trat es blitzschnell von dem
knorrigen Stamm hinunter und stand vor dem Junker von Lauen in seinem
flatternden Rckchen, dessen Stoff aus der Plunderkammer der gndigen Frau
stammte und dessen Zuschnitt und solide Arbeit der alten Frau vom Siechenhause
alle Ehre machten.
    Um diese Jahreszeit fngt der Rehbock an, sein Gehrn abzuwerfen, und ein
solches Gehrn zog die Kleine hervor und bot es gleichsam als Friedensunterpfand
dem Knaben an.
    Das findet man im Holze, und ich schenke es dir.
    Das ist nichts Groes, aber gib es nur her, du kannst es doch nicht
gebrauchen, sagte Hennig. Wir haben zu Hause einen Saal mit Geweihen von
Hirschen, einen ganzen Saal voll, die solltest du einmal sehen!
    Ich frage nichts danach! war die Antwort, und das Gesprch stockte
bedenklich, bis Hennig es zuletzt von neuem in Gang brachte, und zwar durch die
schlaue Frage:
    Bist du immer im Walde? Was tust du im Walde? Bist du immer allein im
Walde?
    Antonie lachte wieder ganz lustig.
    Ich denke mir was dabei; aber das geht dich nichts an, Schafskopf! Hab ich
dich gefragt, weshalb du hierherkommst?
    Nun htte die Unterhaltung fglich wieder zu Ende sein knnen und diesmal
mit vollem Recht; allein der gegenseitige Reiz, sie fortzufhren, war doch zu
gro.
    Was schimpfst du? fragte der Knabe. Habe ich dich geschimpft?
    Nein. Ich sage auch nur, was mir einfllt; aber mich schimpfen sie in der
Schule und im Dorf, und ich mache mir nichts daraus. Mach du dir auch nichts
daraus!
    Du, Tonie Huler, weshalb will Frlen Trine nichts von dir wissen? Weshalb
schimpft sie dich und frchtet sich vor dir?
    Ich wei nicht. Frage deinen guten Herrn, den Herrn Ritter. Frag meine
Pflegemutter, die alte Frau im Armenhause. Du weit ja, da ich im Armenhause
wohne, wenn ich nicht im Walde bin.
    Das wei ich. Ich habe dich selbst mit den andern hingebracht, als du in
Krodebeck ankamst, und ich habe mit dem Frulein Adelaide vor der Tr gewartet,
bis der Herr von Glaubigern mit der kranken Frau und dir drinnen fertig war.
    Meine Mutter ist tot, und ich wohne im Siechenhause, und ich wnsche mir
kein besser Leben. Frchtest du dich vor mir, dummer Junge?
    Nein - du gefllst mir!
    So la uns laufen. Ich laufe gern. Ich laufe gern mit dem Winde um die
Wette. Horch, da oben geht er in den Wipfeln und ruft uns hier unten am
Erdhoden. Husch - he, weshalb hast du deinen alten Herrn nicht mitgebracht? -
Der liefe mit uns und lachte wie ich ber die gelbe, lange Frau.
    Ich bin ihnen weggelaufen! sprach Hennig mit kuriosem Selbstgefhl.
    Dem mrrischen Frulein? Hussa, das ist recht! Da, komm, du bist kein
dummer Junge. Das wirst du nun noch fters tun!
    Lufst du oft weg, Tonie?
    Jeden Tag, denn sie sind an jedem Tag hinter mir her, sobald die Schule zu
Ende ist. Sie machen es schon arg in der Schule, wenn der Kantor den Rcken
wendet; aber auf dem Kirchhof sind sie sehr schlimm. Ich habe keinen, der mir
hilft, und deshalb laufe ich - laufe immerzu, immerzu. O ich kann schnell
laufen, ich habe es gelernt.
    Von jetzt an will ich dir helfen! sprach Hennig von Lauen, und das kleine
Mdchen knickste so zierlich, da selbst die Haute-Justicire von Valcroissant
ihre Freude darber htte haben mssen.
    Ich bedanke mich, junger Herr von Lauen.
    Beide Kinder fhlten deutlich die Ausnahmestellung, in der sie sich
befanden. Der Zgling des Chevaliers und der Chevalire und die Pflegebefohlene
Hanne Allmanns standen seltsamerweise gar nicht so weit voneinander, wie es
zuerst den Anschein haben mochte; denn sie standen beide allein und im vollen
Gegensatz zu den gesellschaftlichen Verhltnissen von Krodebeck. Zwischen beiden
und der Dorfkinderwelt lag die Dorfschule, welcher Antonie Huler zwar
gleichfalls angehrte, die aber denn doch nicht das geringste von ihr wissen
wollte, in der sie heute nachmittag noch auf Erbsen gekniet hatte, um nachher
auf dem Kirchplatz der ganzen jungen, in geordneten tausendjhrigen
Verhltnissen aufgewachsenen Bande als Spielzeug und Uhu zu dienen, ohne da die
Erwachsenen sich groe Mhe gaben, der Qulerei des armen Kindes ein Ende zu
machen. Wie der Junker zur Dorfschule stand, wissen wir, da wir die Ehre haben,
Adelaide von Byzanz schon jetzt genauer zu kennen, als sie wahrscheinlicherweise
sich selber kannte.
    Jetzt la uns laufen, damit sie weder dich noch mich finden! rief Tonie.
Ich habe dir das Horn vom Hirsch gegeben; wenn sie kommen, mut du dich damit
wehren. O es ist schn im Wald, und ich finde mancherlei darin. Aber die meisten
Vogelnester waren schon leer, als ich hierherkam, jetzt sind sie alle leer. -
Du, frage mal deinen guten Herrn, wohin die Vgel ziehen. Ich mchte es gar zu
gern wissen; denn ich mchte mit ihnen gehen; aber die alte Mutter im
Siechenhause wei nichts davon; wenn einer davon wei, so ist's dein guter Herr.
Et ihr auch Heidelbeeren auf dem vornehmen Hofe? Ich hab mich satt daran
gegessen. Hui, jetzt ist nur der Wind da; aber auch der ist gut; ich jage mich
immer mit ihm, und niemand hat mir was zu befehlen. Der Wald gehrt mir, da du
es nur weit - deiner Mutter gehrt er nur auf der Landkarte; aber mir gehrt
er, weil ich darin zu Hause bin. Hrst du den Wind, willst du ihn mit mir jagen?
Ich tu dir nichts, frchte dich nicht; - kannst du klettern?
    Sie hatte die Hand des Knaben ergriffen und zog ihn mit sich fort. Er lie
sich willig fortziehen. Das Znglein stand ihr nicht einen Augenblick still; es
mute alles heraus, was sich in der aufgezwungenen Stille und Einsamkeit im
Kpfchen und Herzchen angesammelt hatte.
    Wrst du frher gekommen - als der Wald noch grn war -, so htt ich dir
Dinge zeigen knnen Das steht in keinem Buch; davon wei der Herr Kantor nichts.
Frchtest du dich auch vor dem Herrn Pastor? Das darf man nicht; weit du, es
ist Snde. Lustig! Die Bltter tanzen im Winde, der Wald ist nicht mehr grn;
aber den Fuchs vor seinem Bau sollst du noch sehen; aber du mut auf den Zehen
schleichen, ganz leise, wenn wir vor seine Tr kommen.
    Das hab ich hundertmal gesehen, sagte Hennig. Ich bin ein Jger, und der
Herr von Glaubigern lehrt mich das Schieen mit der Pistole.
    Davor frcht ich mich! rief Tonie Huler. Es steht auch geschrieben: Du
sollst nicht tten!
    Du bist ein Mdchen und kannst sagen, was du willst. Ich bin ein Junge und
ziehe in den Krieg, wenn ich gro bin. Der Ritter ist auch drin gewesen - in
mancher Schlacht! - Du sollst seinen Sbel sehen und seinen Helm. Er hat auch zu
Tod auf dem Felde gelegen, und die Reiterei ist ber ihn weggegangen. Das wre
mir eins; alle meine Vorvter sind in den Schlachten gewesen, mit dem Alten
Fritz und noch weiter hinauf, da man es gar nicht mehr wei.
    Vielleicht ist es schn; aber ich wei nicht, meinte Tonie nachdenklich.
Sieh, da httest du auf der Nase gelegen, wenn ich dich nicht gehalten htte!
rief sie dann lachend; und munter, den Augenblick um den Augenblick vergessend,
sprangen beide Kinder weiter, ohne darauf zu achten, da die Wollen immer
dunkler wurden und der Abend immer sturmvoller herandrang.
    Sie kamen vor die Tr des Fuchses, trafen jedoch leider den Herrn nicht zu
Hause; dagegen fanden sie manche Spuren - abgenagte Knchelchen, Federn und
Pfoten, welche bezeugten, da er wohlauf sei und sich an seinem Leibe nichts
abgehen lasse.
    Siehst du, albernes Ding, der kmmert sich auch nichts darum, da
geschrieben steht: Du sollst nicht tten! lachte der Junker, und das kleine
Mdchen sagte noch nachdenklicher:
    Vielleicht ist es recht; aber ich wei nicht.
    Malepartus war in einem engen Tlchen gelegen, in welchem bereits fast
vollkommene Dmmerung herrschte. Die beiden Kinder, nachdem sie die Wohnung
Meister Reinekes betrachtet, die Knchelchen mit den Fen hin und her gewendet
und einige der Federn aufgehoben hatten, folgten dem Zuge dieses Tlchens, das
sie noch tiefer in den Wald fhrte. Aus den Eichen- und Buchenbestnden
gelangten sie jetzt in einen Tannenschlag, und hier sah Hennig von Lauen zum
erstenmal seit seiner Flucht bedenklich auf und beklommen um sich.
    Der Tannenwald hat das an sich mit seinem Duft, seinen regelmigen fahlen
Stmmen und seinem toten glatten Boden, da er den Lustigsten ernster stimmt,
selbst am sonnigsten, glanzvollsten Sommertage. An diesem dstern Sptherbsttage
herrschte vollstndige Nacht unter den Tannen, und das frhliche Rauschen in der
Hhe war zum unheimlichen, gespenstischen Zischen in den Nadeln geworden.
    Mehr als eine Stunde war vergangen, seit das Frulein von Saint-Trouin dem
Junker nachzeterte, und weinerlich rief der Junker jetzt:
    Du, ich will nach Haus! Ich wei gar nicht mehr, wo ich bin. Weit du es,
Tonie?
    Frchtest du dich? Weshalb hast du deine gelbe Frau und deine Pistole nicht
mitgebracht? Hast du schon einmal einen toten Menschen gesehen?
    Nein, nein! O ich will jetzt umkehren!
    Horch, jetzt kommt der rechte Sturmwind. Hast du schon einmal die Wilde
Jagd gesehen? Hier in eurem Lande fhrt sie, und die Tutursel fliegt voran;
frage nur die alte Mutter im Siechenhause. Du brauchst dich nicht zu frchten,
der Hackelberg fhrt nur bei Nacht, sagt die Mutter Hanne. Sei lustig! Sieh nur,
wie die Welt sich schttelt!
    O Frlen, o Frlen, ich will in meinem Leben nicht wieder Frlen Trine
sagen! schrie der Knabe, fest den Arm seiner kleinen Gefhrtin packend. Frlen
Trine, ich will es in meinem ganzen Leben nicht wieder tun!
    Das hier ist der Mordgrund: da hat ein toter Mensch gelegen, und dort unten
haben sie ihn gefunden. Ich habe schon zwei tote Menschen gesehen; hier in
Krodebeck meine Mutter und in der Stadt, die Hamburg heit, ein kleines, ganz
kleines Kind, das schwamm in dem groen Wasser. Bist du schon in Hamburg
gewesen, Hennig?
    Nein, o nein, und ich will auch nur nach Haus; ich will nach Hause. O
bitte, bitte, la uns umkehren; ich schenke dir zwei weie Kaninchen, dann hast
du nach vier Wochen einen ganzen Stall voll, und ich schenke -
    Das Schlucken und Schluchzen des tapfern Junkers wurde zu arg und erstickte
ihm die brigen Versprechungen in der Kehle; aber auch das Mdchen wurde
natrlich von seiner Zaghaftigkeit angesteckt und drngte sich dichter an ihn
heran und blickte scheu hinter sich.
    O du! Du wolltest mir ja berall beistehen! rief es.
    Unter den Menschen; - aber hier sind keine Menschen, und es wird immer
dunkler - sieh!
    Da nahm Antonie Huler von neuem ihren Mut zusammen, lachte wieder und
rief:
    Ja guck, das ist mir noch gar nicht eingefallen, da man sich vor dem Walde
und vor dem Winde frchten knne; ich habe mich immer nur vor den Menschen
gefrchtet. Jetzt sei still und heule nicht; ich bringe dich schon heim. Komm!
Du mut mich nur nicht auch bange machen mit deinem Geschrei. Es schadet deiner
Jacke nichts, wenn sie auch ein wenig na wird, jetzt laufen wir wieder und
lassen die Wlfe und Gespenster hinter uns und sind bald aus dem Dickicht und
sind im Dorfe, und dann magst du gehen und mich bei deiner vornehmen Dame
verklagen.
    Sie liefen wirklich. Das landfremde Kind der schnen Marie wute in der Tat
besser Bescheid in den Wldern von Krodebeck als der erbangesessene Herr des
Grund und Bodens. Es hielt die Hand des Knaben und zog ihn hinter sich drein,
und er folgte tppisch, mit dem rmel der Jacke sich die strmenden Trnen
abwischend.
    Sie kamen ber Waldblen, auf denen der Sturm sie schon tchtig schttelte
und schwere Regentropfen sie trafen. Sie standen hinter groe Stmme gedrckt
und suchten den verlorenen Atem wiederzugewinnen. Immer zierlich und behende
wand und schmiegte sich das Mdchen durch das Gestrpp, immer tppischer tappte
der Knabe ihr nach und zerstie sich die Knie und lie sich die Nase von den
Dornenzweigen zerkratzen. Endlich fanden sie sich wieder auf der Landstrae,
eine Stunde von Krodebeck, und zwar gerad in dem Augenblick, als die Wolken sich
ffneten und der Platzregen, vom Sturmwind gepeitscht, auf Wald und Strae
niederfuhr. Wasser, Staubgewlk und gelbe wirbelnde Bltter fegten auf die
beiden kleinen Wanderer hinein und machten sie fr die ersten Minuten
vollstndig blind. Beide Kinder schrien hell auf und strzten sodann der Mtze
des Junkers nach, welche munter auf der Landstrae vor ihnen her tanzte.

                                 Elftes Kapitel


Mit lautem Jammergeheul hatte der Knabe mit beiden Hnden nach seinem Kopfe
gegriffen, als es bereits zu spt war, und sehr verstndig wr's gewesen, wenn
er nunmehr wenigstens auf seine Beine Achtung gegeben htte, denn dieser
Wirbelwind und Regen lieen in keiner Hinsicht mit sich spaen. Beide Kinder
wurden trotz ihres Strubens von den Fen gehoben, gedreht und auf der der
Heimat entgegengesetzten Seite fort- und der Mtze nachgetrieben. Sie suchten
sich zwar noch immer aneinander zu halten, allein es wollte nicht mehr gelingen,
und auch Antonie Huler hatte den Mut verloren und zeterte so hell wie der
Junker.
    Und dieser Sturm, der sie trieb, fuhr natrlich einem ihnen
entgegensteuernden schwerbepackten alten Weibe gerad ins Gesicht, da es mit
gesenktem Haupte und vorgebeugtem Leibe seinen Weg dem Unwetter mhselig
abgewann und ebenfalls weder sah noch hrte. So stieen denn die drei tchtig
und derb aufeinander, und die Herzen der Kinder wurden gar nicht ermutigt durch
die Art und Weise, in der die wandernde Frau diesen Zusammensto aufnahm. Keine
Hexe in irgendeinem Waldmrchen gab ihrer Bosheit und Entrstung
durchgreifenderen Ausdruck als die brave Jane Warwolf aus Httenrode; denn diese
war es, welche das Schicksal zum Trost fr Hnsel und Gretel in den Wald
ausgesandt hatte.
    Holla! Oje! O dreidoppelt Dwelsdunnerwetter! Heilige Angst, was luft
einem da zwischen die Beine? O potz Sackzieher und Lederfresser, wen haben wir
hier? Ihr Kanaillen, ist das eine Witterung, um seinem Nebenmenschen so auf den
Hals und einer abgerackerten, hungernden, durstenden Bettelmadam also auf die
Krhenaugen zu springen? Ich will euch!
    Schon hatte die nasse, rgerliche und ermdete Frau die rechte Faust, ohne
den Knotenstock fahrenzulassen, in den Haarbusch des Junkers versenkt und griff
eben grimmigst mit der linken nach den wirren Locken und Flechten Tonies, als
sie bei der letzten Helle des Tages glcklicherweise noch rechtzeitig erkannte,
wen sie vor sich hatte. War ihr Zorn gro, so schien ihre Verwunderung jetzt
doch noch grer zu sein, und sie machte auch der letzteren nicht weniger offen
Luft als eben dem ersteren.
    Zuerst lie sie den Haarbusch des Junkers los, packte ihn dagegen an der
Schulter und stellte ihn samt der kleinen Antonie, welche sie ebenfalls an der
Schulter ergriff, vor sich hin.
    Ei herrje! Nanu, das ist mir eine schne Bescherung! Ei, ei, darf man
wirklich und wahrhaftig seinen Augen trauen? Der junge Herr vom Lauenhof mit dem
gndigen Frulein vom Armenhause in angenehmster Kompanie, abends um halb sechse
im stichdunkeln Walde und bei solch lieblichem Wetter! Ei Himmel, was verschafft
denn gerade mir die Ehre? Und wie geht es der gndigen Frau und dem Herrn Ritter
und dem gndigen Fr - ja, na, na, Hennig, was sagt denn das gndige Frlen
darzu, Hennig?
    Dem gndigen Frulein ist er selbst durchgebrannt, und in den Mordgrund hab
ich ihn gebracht, nachdem wir den Fuchs besucht haben! rief Tonie Huler gar
weinerlich. Aber wir waren schon auf dem Heimwege.
    I kurios! Ist das der Heimweg, ihr Krten? Ist das der Weg nach Krodebeck,
dem Siechenhause und dem Lauenhofe, ihr ausbndigen Halunken? Das ist der Weg
nach Goslar, meine Zuckerpppchen, und ich wnsch euch eine recht glckliche
Reise und kein schlimmeres Wetter als dieses gegenwrtige - Glck auf!
    Angstvoll griff der Knabe nach dem Rocke der Alten:
    O Frau Jane, wir wollen nicht nach Goslar. Es war der Wind und der Regen,
die uns trieben, und in meinem Leben will ich nicht wieder weglaufen. O Frau
Jane, Frau Jane, bringt uns nach Hause, bringt uns nach Hause!
    Schn! Ist der Schacht verschttet und das letzte Grubenlicht aus? Na, das
Wetter ist freilich soso, und das gndige Frulein ist ebenfalls soso, also
keine langen Worte und Komplimente. Marsch, ihr Bergkobolde, haltet euch rechts
und links an meine Gesellschaft, legt euch an den Karren, schief mit der
Schulter gegen den Wind! So ist's brav - nun lat das Weinen und Plrren, es
kommt so schon zuviel Wasser herunter, und wann der liebe Herrgott durchaus aus
Wohlgefallen an der Menschheit eine neue Sndflut schicken will, so hat er eure
Hlfe dazu nicht ntig. Na, Junkerchen, Junkerchen, auf Eurem - mcht ich an
diesem Abend auch nicht sitzen, fr alles Silber nicht, was sie seit tausend
Jahren aus dem Rammelsberg heraufgeholt haben. Dazu kenne ich die gndige Frau
Mutter und das gndge Frulein viel zu gut!
    So gut wie die Warwlfin die beiden Damen vom Lauenhof kannte, so gut kannte
Hennig von Lauen sie auch, und es war viel mehr als eine bloe Ahnung von dem
ihm Bevorstehenden, was ihn, trotzdem er bergenug mit dem Wege und Wetter vorn
zu tun hatte, doch unwillkrlich von Zeit zu Zeit nach hinten greifen lie. Aber
vorwrts ging's jetzt unaufhaltsam im muntern Schritt gen Krodebeck, und Tonie
Huler, die lngst wieder besten Humors war, hpfte und sprang lustig querhin
und querber vor den beiden anderen her und schien nur dann auf ihren Pfad
achten zu mssen, wenn ein Regensturmsto sie ganz von ihm wegschwemmen und -
blasen wollte.
    Sie kreischte vor Vergngen und neckte den mden, frierenden, grmlichen
Knaben nach Herzenslust, und Jane Warwolf aus Httenrode, die auch mde, hungrig
und frostig genug war, schttelte zwar den Kopf und brummte, jedoch laute
Bemerkungen erlaubte sie sich nicht, und im Grunde hatte sie ihre Freude an dem
wilden Dinge und nahm sich vor, der alten Hanne Allmann etwas recht
Schmeichelhaftes ber ihre Erziehungsmethode zu sagen.
    Aber hier war nun das liebe Dorf Krodebeck endlich doch wieder! Zwar
gleichfalls im strmenden Regen und sausenden Winde, aber doch mit Lampenschein
aus den Fenstern und mit ermutigendem Hundegebell hinter den Hofmauern.
    Jetzt lauf, Tonie, und gre die Mutter Hanne und sag ihr, ich sprche noch
vor, um ein gut Wort fr dich einzulegen. Sei brav und bleibe vergngt und nimm
das ganze Leben wie das Wetter heut abend.
    Gute Nacht, Hennig, gr deinen guten Herrn und schieb alle Schuld auf
mich! rief Antonie Huler.
    Gute Nacht, du! chzte der Knabe und wurde von Jane weitergeschleppt,
whrend das kleine Mdchen leichtfig in der Dunkelheit verschwand.
    Hier war nun auch der Lauenhof wieder, der Lauenhof in gewaltiger und nicht
unmotivierter Aufregung und Verwirrung! Es war nicht blo der Junker und
Stammhalter dem Frulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin durchgegangen,
sondern auch ein glcklich auf ein Gewicht von vierhundert Pfund herangemstetes
Schwein, an welchem sich am folgenden Morgen sein letztes Schicksal erfllen
sollte, hatte der unerbittlichen Parze und der gutmtigen Frau Adelheid
durchgehen wollen und war wirklich den ganzen Nachmittag ber vermit worden.
    Nun kamen beide, der Junker und die Sau, in der nmlichen Stunde heim, und
das war unbedingt ein Glcksfall fr den Junker, denn die Freude ber den
zweiten Snder und wirklichen Trebernfresser, der heimkehrte, war zu gro, um
nicht den rger und Verdru ber den erstgenannten Taugenichts und Ausreier ein
wenig zu mildern.
    Da es noch immer regnete, wissen alle meine Leser, und wie auch der
reinlichste konomiehof bei dergleichen Wetter aussieht, wissen sehr viele
meiner Leser. Die Dachtraufen des alten Hauses gossen Strme trber Fluten aus
ihren fratzenhaften Mulern, Schnauzen und Schnbeln. Das Volk des Hofes lief
mit und ohne Laternen, mit und ohne Wasserstiefel, beschuht und unbeschuht
durcheinander und spektakulierte heillos. Aus den Stallungen erscholl das
Gebrll und Gebrumm der Ochsen, Khe und Rinder, das Federvieh in seinen
Behltern griff munter mit offenem Schnabel in das Konzert ein; die Hunde waren
natrlich auer sich, und die gndige Frau war ganz in ihrem Elemente. Mit
aufgeschrzten Rcken und aufgekrempelten rmeln widmete sie sich in der Mitte
ihrer Hintersassen ganz ihrem Schwein, und das Gequiek dieses Schweines unter
den zrtlichen Hnden von zwanzig Knechten, Mgden, Verwaltern und Milchmamsells
war frchterlich.
    Da hat Sie Ihren Jungen, Fraue, sprach Jane Warwolf, den greinenden Bengel
am Ohr herzufhrend. Mitten im Kuckelrucksholz hab ich ihn arretiert. Da hat
Sie ihn, Fraue, und es soll Sie nichts kosten als eine Abendsuppe und ein
Nachtquartier.
    Richtig! Natrlich! Mun-ter! sagte die Gndige, versetzte ihrem Sprlinge
im Fluge eine tchtige Maulschelle und widmete sich, ohne weitere Zeit fr ihn
brig zu haben, von neuem mit Energie dem Hinterteile des Borstentieres, welches
letztere noch immer eine heftige Abneigung gegen seinen Stall kundgab und nur
geschoben seitwrts sich demselben zubewegte.
    Das war dir versprochen, mein Sohn! Trste dich und sei dankbar, sprach
Jane zu ihrem Schtzling und zog ihn weiter ber den Hof; denn jetzo erklang von
der Vortreppe des Herrenhauses ein geller Ruf schneidend und schrill ber allen
Lrm und Aufruhr des Abends.
    Auf der Treppe unter dem Vordach des Hauses standen der Chevalier und
Frulein Adelaide, ebenso erregt wie die anderen, nur aus einem anderen Grunde
und mit grerem Abscheu vor Schmutz, Regen, harten Ellenbogen und nassen Fen.
Den Schrei aber hatte das Frulein ausgestoen, als es des Junkers und seiner
Fhrerin im Laternenschimmer ansichtig wurde. Der Ritter nahm eine Prise ber
die andere, und Peccadillo und Mystax, welche ebenfalls auf der Treppe harrten
und die Abneigung der beiden alten Herrschaften gegen das schlechte Wetter
teilten, spitzten die Ohren und bewegten die Schwnze sehr hastig.
    O Hennig! O ciel! Da ist er! Da ist er! Um das Stck Vieh ist der ganze Hof
und das halbe Dorf auf den Beinen gewesen, und fr das arme bse Kind war
niemand brig! schrillte hysterisch die Malteserin. O mon Dieu, Hennig, wie
hast du mir dieses antun knnen! Sie, Frau, bringe Sie ihn hierherauf! Bringe
Sie ihn auf der Stelle hierherauf! O Gott, o Gott, diesen Tag vergesse ich in
meinem Leben nicht! Sie da, Weib, Frau, wo hat Sie ihn gefunden? Herr von
Glaubigern, geben Sie der Person zwei und einen halben Silbergroschen, und - o
Hennig, Hennig, war denn alle Tendresse, alle zarte Sorgfalt, Bildung und
Lektre weggeworfen an dich, wie an jenes widerliche Tier, welches sie dort
unten soeben mit so entsetzlichem Lrm in sein Behltnis zurckbringen?
    Ja, da haben Sie Ihren Deserteur wieder, Frlen. Jetzt wickeln Sie ihn nur
recht hbsch in Baumwolle und Seidenpapier und seien Sie von neuem recht
glcklich d'rmit. Glck auf, Herr von Glaubigern, schlecht Wetter! Aber brave
Herzen bei schlechtem Wetter, das ist das Wahre!
    Die Haut habe ich mir Von den Hnden gerungen, und jetzt ist alles wie gar
nichts! wimmerte Adelaide.
    Glck auf, Jane! sprach der Ritter, der wandernden Frau statt des
Geldbeutels die Hand bietend. Ich danke Ihnen, Jane, wir haben uns einige Sorge
um den Knaben gemacht.
    War nicht ntig, Herr Von Glaubigern - er war in guter Kompanie und hat was
gelernt heute.
    Der Ritter nahm abermals eine langsame Prise und bot die Dose dem alten
Weibe, welches mit einem Knicks zugriff.
    Ich will Ihnen nachher davon erzhlen, Herr von Glaubigern.
    Der Ritter neigte das Haupt und wandte sich zu dem gndigen Frulein,
welches mit dem feuchten, triefenden, schmierigen, heulenden Liebling in den
Armen einen harten Kampf zwischen Ekel und Entrstung einerseits und Entzcken
und Rhrung andererseits kmpfte.
    Mein Sohn, sprach er, ein kluger Mann benutzt jede Gelegenheit, um sich
zu bilden; wie nennt sich nach dem Herrn Professor Comenius das Schwein in
lateinischer Zunge?
    Sus! Ja, sus! winselte der unglckliche Examinand.
    Und wie in der Sprache der Franzosen?
    Cochon! jammerte der Junker.
    Sehr richtig. Vorzglich, wenn es sich noch in den Jahren der lugend
befindet! Nun, mein lieber Hennig, werde ich raten, nicht abzuwarten, da die
Frau Mutter dort unten im Hofe ihre Hnde zu frei mache, es knnte sonst leicht
noch zu einem zweiten Examen kommen, fr dessen Resultate ich nicht einstehen
wrde.
    Herr von Glaubigern?! rief das Frulein vorwurfsvoll und entrstet, folgte
aber nichtsdestoweniger eilig der wohlmeinenden Zuflsterung und fhrte den
Junker, der nur allzugern sich fhren lie, ab, um ihn wenigstens fr den Abend
dem rchenden Arme des Gesetzes zu entziehen. Was zwischen den beiden ferner
noch vorging, ist unbekannt; allein schon nach einer Viertelstunde lag Hennig,
an den letzten Brocken eines frugalen Nachtessens kauend, warm zugedeckt unter
berghohem Federbett, und niemand auf dem Lauenhofe hatte eine Ahnung davon, von
welch entscheidendem Einflusse dieser eben vergangene Tag auf die meisten
Bewohner des Lauenhofes, vor allem aber auf den Erben und Herrn desselben sein
sollte. Selbst der Chevalier ahnte nichts davon.
    Es dauerte eine geraume Zeit, ehe Ordnung und Ruhe auf dem Hofe
wiederkehrten; nur ganz allmhlich wurde es still und wurde auch die Frau von
Lauen fhig, sich mit Dingen zu beschftigen, welche sich nicht ganz und gar auf
die Landwirtschaft bezogen. Sie wusch sich die Hnde, lie ihre Rcke nieder und
stieg zu dem Zimmer des Ritters von Glaubigern hinauf, allwo sie die Warwlfin
im lebendigsten Verkehr mit dem Chevalier traf. Die Frau Jane, welche dem
Frulein von Saint-Trouin gegenber einen ziemlich phantastischen Tanz
aufgefhrt hatte, wurde vor dem Ritter und der Frau Adelheid in ihrem Berichte
kurz, klar und bndig. Sie erzhlte, wo und in welcher Gesellschaft sie den
Junker Hennig gefunden habe, und benutzte die Gelegenheit, ein hohes Loblied
ber Tonie Huler und die Pflegemutter derselben im Siechenhause anzustimmen.
    Der Ritter und die Edelfrau lieen sie freundlich gewhren, nickten sogar
Billigung und schickten sie nach Anhrung dessen, was sie zu sagen hatte, in die
Gesindestube hinab, wo sie vom smtlichen Volke mit einer gewissen scheuen
Zurckhaltung, jedoch keineswegs ungern aufgenommen wurde und, nachdem sie ihren
Wanderstab und ihre Last abgesetzt hatte, in einem weiten Kreise sogleich die
hervorragende Stelle einnahm, welche ihr von Rechts wegen gebhrte. ber den
Kpfen der braven Leute aber fragte die Gutsfrau:
    Nun, olle Frnd, was meinen Sie, hole ich ihn mir noch aus dem Neste, um
ihm das Leder zu gerben?
    Der Ritter schttelte bedachtsam den Kopf.
    Solches wollen wir nicht tun, Frau Adelheid. Wollen ihn ruhig schlafen
lassen auf die Strapazen. Und im Vertrauen, Frau Adelheid, fuhr der alte Herr
flsternd fort, wir wollen ganz still sein und mehr als ein Auge zudrcken,
wenn dem Jungen morgen wieder einfallen sollte, sich auf hnliche Art unserer
Leitung, unserer Erziehungs- und Bildungsmethode zu entziehen. Sie sind eine
resolute Frau, meine Liebe, aber gegen Johann von Brienne, Konstantinopel, Malta
und den Papst Honorius kommen wir doch nicht an -
    Das wei der liebe Himmel! seufzte die Edelfrau.
    Und was Krodebeck gegen Versailles und den Knig Louis den Vierzehnten
ausrichtet, das will wenig bedeuten, flsterte der Ritter weiter, also - im
hchsten Vertrauen, meine Gute, wir wollen klug sein wie die Schlangen, wenn
auch ohne Falsch wie die Tauben, und wollen alle beide Augen in betreff des
Kuckelrucksholzes zudrcken, und gegen das gndige Frulein wollen wir sehr
liebenswrdig und galant sein. Ach, Adelheid, Sie, welche uns, das heit das
Frlen und mich, als zwei unntze, unbequeme Inventarstcke auf den Lauenhof
bernommen haben, Sie wissen nicht, wie nachsichtig und freundlich man gegen uns
sein mu; - Sie sind eben eine brave Frau und verdienen es, uns totzufttern.
    Hren Sie, Ritter, wenn ich jnger wre, so sollten Sie einen Ku haben,
aber so wie's jetzt ist, km's lcherlich heraus, und ich schmte mich,
schluchzte die Gutsfrau, die hellen Trnen lachend abwischend. Sie sind ein
alter Narr, das wei das ganze Dorf, und jetzt geben Sie mir Ihre alte, gute,
liebe Hand und schlafen Sie wohl. Ich denke, morgen machen wir wohl wieder
einmal in Kompanie der Hanne Allmann eine Visite?!
    Es war dem Junker Hennig von Lauen von dem Frulein Adelaide strengstens
anbefohlen worden, zu schwitzen; und er schwitzte. Und obgleich er sich am
ganzen Leibe ziemlich zerschlagen fhlte, so hatte er doch zuviel erlebt, um auf
der Stelle einzuschlafen. Der Sturm war nach und nach in einen echten und
gerechten Landregen bergegangen, und wer so tchtig im Kuckelrucksholze
durchgewaschen worden war, der mochte aus diesem unablssigen Rauschen wohl
mancherlei heraushren, was Leuten, die ruhig unter Dach und Fach geblieben
waren, entging.
    Es waren lauter selbstverstndliche Dinge, welche die schwingende Phantasie
rekapitulierte; aber alles warf einen Schatten, wie die Haube einer
mrchenerzhlenden Amme oder Gromutter am Winterabend. Es war ein Gemisch aus
Schauer und Wonne, welches den Junker wach erhielt; und alles in allem genommen,
berwog zuletzt die Wonne den Schauer bedeutend, bedeutete aber kaum etwas Gutes
fr die Meinungen und Ansichten der armen Adelaide von Saint-Trouin. Der Junker
von Lauen hatte eine bessere Spielkameradin gefunden, als die Haute-Justicire
der Grafschaft Valcroissant sein konnte, und es war viel lustiger, nach
Malepartus hinunterzuhorchen und auf das Erscheinen der spitzen Schnauze und
klugen uglein Meister Reinekes zu warten, als mit dem frommen und eleganten
Jngling Tlmaque die krummen rosigen Wege des Lasters zu vermeiden. Der Knabe
hatte die Ohrfeige der ungndigen Mama wohl gesprt, allein ber alles siegte
die unbezwingliche Vorstellung, da doch das grte Vergngen in der Welt sei,
dem weisen Mentor und dem Frlen Trine davonzulaufen und zu erkunden, wie weit
der Wald sich in die Welt erstrecke und wie es hinter diesen, Wald aussehe!
    Freilich stiegen verschiedene sehr ansehnliche und wrdige Persnlichkeiten
empor, um sich diesen schnen Vorstellungen und den daraus entspringenden
schlechten Vorstzen strengstens entgegenzustellen. Wenn sich auch mit dem
Herzog von Engern und Westfalen, dem biedern Wittekind, Warnekinds Sohn, dem
Haupt und Stammeshelden des Herrn von Glaubigern, wohl fertig werden lie; so
war doch mit den smtlichen Louis von Frankreich und Navarra nicht zu spaen,
und Madame de Campan und Madame de Genlis zeigten sehr drohend die Rute und
zeigten bedenklich spitzige und mit scharfen Ngeln bewaffnete Finger. Aber die
Krisis war eingetreten, und smtliche im Krper wie im Geiste auf dem Lauenhofe
zu Krodebeck ein und aus gehende Persnlichkeiten hatten sich darein zu finden.
Da sich jedoch Hennig mit allen gleichfalls abzufinden hatte, verstand sich von
selbst und ging in den Trumen, welche dann endlich doch auf den Halbtraum
folgten, ziemlich leicht und bequem vonstatten, wie solches auch bei erwachsenen
Leuten in zweifelhaften Situationen und gefhrlichen Kollisionen des Lebens der
Fall zu sein pflegt. Die Dmonen der Nacht stehen nicht immer mit den Dmonen
des Tages auf dem besten Fue, und wie der Mensch dabei fhrt, als Federball
dient und sein armes, leeres Schicksal erfllt, das kmmert bekanntlich und
erweislich die Gtter sehr wenig. Weshalb sollten sie ihr Spielwerk nicht
gebrauchen? Beim Styx, meine Herren und Damen, versetzen wir uns an ihre Stelle,
und seien wir einmal - gerechter als sie.

                                Zwlftes Kapitel


Ein Gehirn, in welchem Tonie Huler und der Herzog Wittekind, der Professor
Amos Comenius und Frulein Adelaide von Saint-Trouin, Louis XV und Madam Scrofa
aus Krodebeck zugleich mit Jane Warwolf aus Httenrode, dem Ritter von
Glaubigern und der gestrengen Frau Adelheid einen Tanz auffhren, soll wohl wirr
und mde werden! Auf das Gezappel und Geschwirr von Figuren und Stimmen folgte
das dunkle, unermeliche, raum- und zeitlose Nichts, und dann war es pltzlich
wieder Morgen fr den Junker von Lauen, und ein neuer Tag seines Daseins hatte
unter vernderten Aspekten begonnen.
    Die groe Hausglocke des Lauenhofes machte allem Spuk der Nacht ein Ende.
Frher als sonst war Meister Hennig aus den Federn und in den Kleidern und
suchte sofort die Frau Jane in der Gesindestube auf, um die frischgeschlossene
Freundschaft nicht erkalten zu lassen. Die Warwlfin begrte ihn aufs
hflichste und erkundigte sich teilnehmend nach seinem Befinden berhaupt, aber
vorzglich, wie ihm das kalte Bad des vorigen Tages bekommen sei. Er bezeigte
jetzt einige Lust zu renommieren und sich als Held aufzuspielen, doch da kam er
an die Unrechte und wurde an der Nase auf den richtigen Standpunkt
zurckgefhrt, ohne da jedoch die Freundschaft darunter litt. Nachher
begleitete er die wandernde Frau bis an das Hoftor und sah sie durch den immer
noch fortdauernden Regen abmarschieren, dem Siechenhause zu, und sah ihr dumm
mit offenem Munde nach, bis die liebliche helle Stimme Frulein Adelaides ihn
zum Frhstck rief und an die nahende franzsische Lektion mahnte. Das Frhstck
ging vorber, ohne da weiter nach den Vorgngen des vergangenen Nachmittags
gefragt wurde; die franzsische Stunde nahm ihren Anfang.
    Mit dem Glockenschlage winkte die Chevalire mit spitzem Zeigefinger ber
ihre Tasse und den Tisch weg, erhob sich langsam mit einem wrdigen Rundgru an
alle Tischgenossen und ergriff die Schulter des noch dmischer und grmlicher
als gewhnlich aussehenden Hennig. Widerwillig erhob auch er sich und folgte der
grausigen Notwendigkeit - verstockt, giftig und doch dem Weinen nah, folgte er
ihr treppauf, und die Tr der weisen und strengen jungfrulichen Lehrmeisterin
ffnete sich vor ihm, verschlang ihn und schlo sich. Adelaide hatte ihn es war
keine Rettung mehr fr ihn vorhanden, und unaufgefordert lie er alle Hoffnung
drauen.
    Drauen vor den angehauchten Fensterscheiben mischten sich die ersten
Schneeflocken des Winters in den Regen. Lieblich duftete in den Fensterbnken
die altjungferliche Blume, das Geranium, und Peccadillo suchte seinen gewohnten
Platz in der Sofaecke und setzte sich bequem hin, um die kommenden Errterungen
zu notieren. Auf den Kupferstichen an der Wand schwuren die Gardedukorps im
Ballsaal und sange O Richard, o mon roi - beschftigte sich Marie Antoinette
zu Trianon mit Menschenliebe und Kindererziehung - stieg der Sohn des heiligen
Ludwig zum Himmel empor, whrend der Flegel Santerre die Trommeln rhren lie,
um die Rhrung der neugierigen Pariser in der Geburt zu ersticken. Es war sehr
warm und altjungferlich behaglich in dem Zimmer der Erbin Johanns von Brienne.
Die nrrischen Blumen und Vgel auf den Stuhllehnen und Kissen, die vergilbten
Zeichnungen des Grafen von Pardiac ber der Kommode, der dicke wackelkpfige
Chinese auf derselben, der Spiegel im Rokokorahmen, in den Vasen die Strue
knstlicher Blumen, die Potpourrivase auf dem Rokokoschrank - alles dies konnte
nicht netter und behaglicher sein, und auf nichts in der Welt blickte der Junker
von Lauen in seiner jetzigen Seelenstimmung mit solchem Verdru als auf alles
dieses. Freilich an und fr sich war jedes Ding freundlich genug, wenn sich nur
von jedem Dinge das Frulein von Saint-Trouin htte trennen lassen! Aber hier
sa sie in ihrem Reich, und kein ostrmischer Kaiser, kein
Johanniter-Gromeister von Rhodus oder Malta blickte je saurer von seinem Stuhl
auf einen abzuurteilenden Verbrecher als Adelaide anjetzo auf den Junker Hennig.
    Hennig, sagte sie, Hennig, Hennig, ich habe die ganze Nacht kein Auge
geschlossen, und der Kummer - der Kummer um dich lie mich nicht schlafen.
    Frlen Trine -
    Wieder ein Dolchsto! chzte das Frulein. Kind, Kind, du treibst mich
zur Verzweiflung; - du bringst mich dahin, auch an dir zu verzweifeln, an dir,
welcher mich bis jetzt allein noch an dieses kummervolle, arme, verachtete
Dasein gefesselt hat! Hennig, du bist ein abscheulicher Taugenichts, und ich
werde zu den strengsten Mitteln greifen, um dich auf den Pfaden des Anstandes
und der Selbstachtung zu erhalten. Ist denn alles, alles vergebens gewesen? Habe
ich wirklich diese ganzen Jahre hindurch diesen tglichen, stndlichen Kampf um
dich gegen all diese schdlichen Einwirkungen - ich knnte viele derselben
nennen! - vergeblich kmpfen mssen?... Und welchen Mchten soll ich
unterliegen? Ich will nicht reden von den Einflssen, die in nchster Nhe
wirken - ich will dich nur fragen, mein Sohn, um welche Gesellschaft du gestern
nachmittag die meinige vertauscht hast?... Hlas, du antwortest nicht, du saugst
an dem Daumen, welches gleichfalls ein Horreur ist - du weit keine Antwort.
Stelle dich auf beide Fe, mein Kind; es ist anstndiger; ja, gebrauch nur dein
Mouchoir, es ist freilich ntzlich, jedoch zu Trnen wirst du dich dadurch wohl
nicht zwingen -
    Ich zwinge mich auch nicht, ich schneuze mich, und was ich gestern getan
habe, das tut jeder ordentliche Junge jeden Tag, und ich will auch ein
ordentlicher Junge sein, und Tonie gefllt mir recht gut, und ich habe ihr
versprochen, jeden Jungen durchzuprgeln, der sie nur schief ansieht. Und
Frlen, ich wei gar nicht, was Sie wollen, und ich wei gar nicht, wenn Sie
mich spazierenfhren, weshalb ich immer anhren soll, da die Welt so schlecht
sei und da es besser wre, man strbe, und da alle Leute nur alle Leute nicht
erkennten und alle Leute alle Leute nur verachteten und kein Adel mehr sei und
hier auf dem Hofe gar nicht und da es sonst besser war und nur immer schlechter
wrde und, was schrecklich ist, da ich der Beste werden soll und alles
wiedergutmachen soll und gar keinen Spa fr mich allein haben soll und nur
alles soll, was ich nicht mag, was gar zu schrecklich und langweilig ist, huhi,
huhi - hihihi!
    Der Junker, von seinen Gefhlen berwltigt, heulte gradhinaus, Peccadillo,
steif auf alle viere sich stellend, bellte. Das Frulein aber, aus allen
Illusionen und Idealen hinausgeschlagen, sah das Tabernakel in ihrem Herzen von
einem Steinwurf zertrmmert, sah bleich, wortlos, und als ob ihr bel werde, auf
den Junker, lehnte sich zurck auf ihrem Stuhle und wies mit matter Hand auf das
Lehrmaterial auf dem Tische und keuchte tonlos:
    Wir wollen fortfahren, wo wir gestern morgen stehengeblieben!
    Sie fuhren fort; jedoch nicht, wie sie aufgehrt hatten. Es lag zuviel
zwischen dem gestrigen Tage und dem heutigen. Wohl machte die treffliche Dame
Adelaide Klotilde Paula von Pardiac und Valcroissant dem schbigen neunzehnten
Jahrhundert noch immer Filet unter der Nase; aber die Nadel, mit welcher sie von
Zeit zu Zeit ihrem verstockten heimtckischen Zgling auf den Blttern seines
Buches den Weg andeutete, zitterte und verlor selber den Weg. Seinen eigenen Weg
fand Hennig schon allein durch die Porzellanpalmenwlder und Biskuitwildnisse
des Monsieur Bernardin de Saint-Pierre; und ob es auf Islede-France regnete oder
auf Krodebeck und das Kuckelrucksholz, war ganz einerlei. brigens war der Paul
doch gar zu weise und dumm, und der Unterrock Virginiens stammte unzweifelhaft
ebenfalls aus der berhmten Fabrik von Svres, und es war eine ganz andere und
viel lebendigere Sache, mit Tonie Huler dem Chevalier und der Chevalire
durchzugehen, den Meister Reineke in seinem eigenen Hauswesen aufzusuchen und im
Sturm und Unwetter mit Jane Warwolf heimzukommen!
    Als die alte schwarze Wanduhr auf dem Hausflur, welche dem braven
Herrenhause durch so manchen bsen und guten Tag geholfen hatte, abermals die
Stunde schlug, erwachten beide, Schler und Lehrerin, aus einem tiefen Traum;
doch jeder hatte etwas anderes getrumt, und als sich Hennig ein wenig
schwankend erhob, um sich zu dem Ritter von Glaubigern zur zweiten Lektion zu
begeben, erhob sich auch das Frulein und sprach lemurenhaft:
    Was geschehen mte, um mir und dir zu helfen, wei ich nicht, mein Sohn;
aber es mte etwas geschehen, es mte etwas geschehen, es mte in der Tat
etwas geschehen!
    Damit sank sie mit geschlossenen Augen von neuem zurck, und schleunigst
nahm der Junker von Lauen Reiaus im panischen Schrecken vor dem unheimlichen
Etwas, welches unbedingt geschehen mute und welches nur augenblicklich noch der
Schleier der Zukunft deckte.
    Im vollen Galopp durchma Hennig den Korridor, stolperte und fiel zuerst
gegen die Tr des Ritters und sodann in das Zimmer desselben, da der gute, alte
Herr ganz entsetzt auffuhr:
    Lmmel, ist dieses die Art, bei anstndigen Leuten einzutreten?
    Ich kann nichts dafr, Herr von Glaubigern, winselte der Knabe. Sie hat
mir nachgesehen wie ein Gespenst. Ich habe mich gefrchtet; denn es mu etwas
geschehen, sie wei nur noch nicht, was. O Herr Ritter, ich hab geglaubt, sie
ist hinter mir her, und ich habe mich so sehr gefrchtet!
    Der Chevalier griff stumm nach dem Handgelenk des Knaben, fhlte ihm den
Puls, schttelte das wrdige Haupt und murmelte:
    Es ist die allerhchste Zeit, da dieses ein Ende nehme. Junge, bist du auf
dem Lande aufgewachsen? Bist du ein Lauen? Bist du wirklich ein Sprling jenes
Lauen, welchen der gelahrte Hauspfaff als Hilmar Allantophilos in die
Hauschronik eingetragen hat, da ganze ungelehrte Generationen sich den Kopf
ber das grausame griechische Wort zerbrechen muten, bis ich herauskriegte, da
es Wurstfreund hie... Was ist geschehen, und was mu geschehen, du Narr?
    Weil ich gestern dem Herrn Ritter und dem Frlen Trine weggelaufen bin, mu
etwas geschehen! schluchzte Hennig. Und weil ich in schlechte Gesellschaft
geraten bin! Und weil ich der Beste in der ganzen Welt werden soll, und weil
sich alle meine Grovter im Grabe umdrehen, wenn sie an mich denken, was noch
das wenigste wre, wenn sich nicht Frlen Trines Grovter alle miteinander
mitdrehten!
    Ei, ei, ei! murmelte der Chevalier.
    Ja, und es wird mir zuletzt alles einerlei, und ich will's nur gestehen,
Herr Ritter; ich habe gesagt: ich wre schon so gut genug fr mich, wenn man
mich nur in Frieden liee, und der Beste knnte ich in meinem ganzen Leben nicht
werden und htte auch keine Lust dazu, und der Herr Leutnant von Glaubigern wre
ja da, und wenn einmal die Welt absolut umgedreht werden mte, so knnte der
das allein tun, und mich brauche er ganz gewi nicht dazu!
    Hm, hm! machte der Chevalier, nahm eine sehr lange Prise und stand in
seinem weien, reinlichen Hausrock, dem wohlgefltelten Busenstreif, seinen
hellgrauen Pantoffeln und seinem hellgrauen Hauskppchen mit dem hellblauen
Quast in der Tat wie ein Heros da, der aus hherer Region herniederstieg, um
diese schlechte Erdenwelt in ihre Fugen wieder einzurenken; allein ziemlich
verlegen erschien er dessenungeachtet. Wie dem heiligen Markus der Lwe, so
strich ihm Mystax, sein Kater, um die Beine; er fate den Schnurrenden am
Genick, nahm ihn unter den Arm und sprach:
    Mein Sohn Hennig, das einzige, was ich dem soeben von dir hervorgebrachten
Unsinn entnehme, ist, da du gegenwrtig durchaus nicht fhig bist, dich den
Musen mit der ihnen zukommenden stillen und feierlichen Subordination zu widmen.
Hm, hm, ich halte es fr besser, den Eutropium heute nicht hervorzulangen, und
was Gatterer Abri der Heraldik betreffen mchte, so wollen wir auch den dahin
gestellt sein lassen, wo er steht. Mein Sohn Hennig, ich htte mancherlei zu
bemerken; allein da du doch nur das wenigste davon begreifen wrdest, so mache
ich dich nur auf den lustigen Schnee da drauen aufmerksam und rate dir, dich
auf der Stelle zu trollen, das heit aus der Tr zu scheren und mir hchstens in
den Essensstunden wieder vor die Augen zu kommen.
    Mit groen Augen und weit offenem Munde starrte der Knabe den wackern
Lehrmeister an.
    Ich soll allein laufen? Ohne Sie und - ohne das Frulein? stammelte er.
    Der Ritter neigte das Haupt.
    Wenn ich aus der Haustr gehe, so ruft - sie mich um! Nachher sitze ich
wieder da, und es ist alles zu Ende.
    Ei, Mystax, Mystax, gutes Tier, sprach leise der Ritter zu seinem Kater,
indem er ihm zrtlich den Pelz streichelte. Das Haus hat auch eine
Hinterpforte, nicht wahr, Mystax? Ei, ei, Mystax, gutes Tier!
    Es war unmglich, da der Junker von Lauen Augen und Mund noch weiter
aufreien konnte. Mit einem Male drehte er sich auf den Hacken, strzte aus dem
Zimmer und schlug die Tr hinter sich zu, da der Helm, der Brustharnisch und
der Krassiersbel von Ligny an der Wand klirrten.
    Es roch auch in dem Gemache des Leutnants von Glaubigern ein wenig
altjungferlich; allein es herrschte noch ein anderer Duft darin, der sich
freilich schwer bestimmen lie.
    Ei, ei, ei, sagte der Ritter von Glaubigern, ans Fenster tretend, sie
wre imstande, auch mich umzurufen, wenn ich aus der Haupttr ginge und nicht
die Hinterpforte benutzte!
    Es wrde uns zu weit fhren, wenn wir den Junker von Lauen auf allen seinen
Wegen bis zur Mittagsstunde begleiteten. Als die Eglocke erklang, erschien er
pnktlich; aber selbst in diesen wenigen Stunden, die verflossen waren, seit ihn
das Frulein kummervoll entlie, hatte er die bedauerlichsten Fortschritte zum
Schlimmern gemacht. Mit herzzerreiender Wehmut betrachtete ihn das Frulein,
als er ber seinen Teller herfiel. Sein Gemt schien noch verstockter geworden
zu sein; sein ueres war jedenfalls schmutziger geworden, seine Ausdrucksweise
plebejischer oder, wie Adelaide es bezeichnete - volkstmlicher. Er bezeigte
weder als Christ noch als Edelmann Reue, da er gestern allen hheren, reineren,
tugendhafteren, heiligeren Gesinnungen durch die Lappen gegangen war, und nur
wenn es Art der Menschheit wre, Bue durch erhhte Gefrigkeit zu tun, htte
er einige Hoffnung fr die Zukunft gegeben.
    Nach aufgehobener Tafel fhlte sich das Frulein zu schwach, um den Kampf um
diese verlorene Seele mit den bsen Mchten von neuem aufzunehmen, tief gebeugt
und halb gebrochen zog es sich zur Mittagsruhe zurck; der Ritter hatte noch
eine halb heitere und halb ernste Unterredung mit der gndigen Frau, und der
Junker ging abermals seiner Wege, ohne da ihm jemand dieselben verlegte. Auch
dieses Mal trauete er dem Dinge noch nicht und verlie, vorsichtig ber die
Schulter zurckblickend, den Lauenhof wiederum auf Nebenwegen. Er hatte die
Hosen in die Stiefelschfte gesteckt; unter den Armen trug er, was ihm von
seinen Schtzen als das Begehrenswerteste erschien, eine Schachtel mit arg
mitgenommener kniglich preuischer Infanterie im Sturmschritt, eine sehr lecke
Arche Noah und eine in Fetzen zerflatternde Ausgabe des Robinson Crusoe mit
schnen, bunten Bildern. Dazu trug er an den Ohren sein sehr erstauntes und
deshalb sehr zappelndes Lieblingskaninchen mit den schnen roten Augen vor sich
her, und so war's kein Wunder, da er ziemlich keuchend - das Siechenhaus von
Krodebeck erreichte.
    Tonie Huler, die vom Fenster aus gleichfalls in den ersten Schneefall des
Winters hinausblickte und ihre Kinderbetrachtungen darber anstellte, sah den
Genossen von gestern hinter den Hecken hervorkommen, stieg herab von ihrem Stuhl
und verkroch sich, ohne ein Wort zu sagen, hinter dem Ofen. Die alte Hanne,
welche am Ofen spann, hatte den Schnee allzuoft kommen und gehen sehen, um viel
darauf zu achten; aber verwundert erhob sie das Haupt, als es vor ihrer
Stubentr kratzte und stolperte und der Junker von Lauen, ohne anzuklopfen und
ohne die Begleitung der Mutter oder des Herrn von Glaubigern, in ihrem grauen,
trben Reich erschien. Die Alte war sehr verlegen ber die hohe Ehre, wackelte
ein wenig ngstlich hin und her, sagte: Ei, ei, ei! wie der Chevalier,
erkundigte sich zaghaft nach der gndigen Frau und noch zaghafter nach dem
Befinden des gndigen Fruleins.
    Der bin ich zum zweitenmal durchgegangen! sprach Hennig, und es wird
nicht das letzte Mal sein, und hier bin ich mit dem Karnickel und mit den
Zweiundzwanzigern im Sturmschritt und dem Noahkasten; ich habe gestern der Tonie
versprochen, es zu bringen, und da ist es!
    Der ehrliche Bursche kramte seine Herrlichkeiten aus auf dem zertretenen
Fuboden; aber wo war der Kobold aus dem Kuckelrucksholz? Der steckte hinter dem
Ofen und leuchtete nur mit verwunderten groen Augen aus der Dmmerung hervor.
Es hielt sehr schwer, ihn aus seinem Versteck hervorzulocken; allein was dem
Junker und dem weien Kaninchen nicht gelingen zu wollen schien, das gelang den
Magdeburger Fsilieren. Sie nahmen auch das Herz der jungen Dame mit Sturm, und
die Familie Noah sowie der Robinson Crusoe vollendeten die Eroberung, und so
wurde das, was sich gestern unter freiem Himmel, im Walde und im Windessausen
angesponnen hatte, heute innerhalb der vier Wnde des Siechenhauses
weitergesponnen. Ergtztet ihr euch nicht lieber

an dem heitern Glck,
Womit am Schlu des drolligen Romans
Die Lieb ein leicht genecktes Paar belohnt?

Vielleicht! Sehr wahrscheinlich! Ja ohne alle Zweifel! - O wie schn, wie
friedlich und freundlich knnte unser Weg sein ohne das dumpfe Poltern in der
Ferne, ohne den schwarzen Wagen, der immerfort seinen Weg durch die Geschlechter
alles Lebendigen fortsetzt, dessen Fuhrmann so schlfrig dster mit dem Kopfe
nickt und dessen Begleiter, die Leidenschaften, mit Zhneknirschen und
Hohnlachen die eisernen Stangen und Haken schwingen; denn ihrer ist ja das Reich
und die Herrlichkeit der Welt, und wer kann sich rhmen, da er im Kampfe wider
sie wirklich den Sieg davongetragen habe?
    Hanne Allmann hatte sich wieder an ihr Spinnrad gesetzt; sie drehte das Rad,
zog den Faden und nickte ebenfalls mit dem Kopfe - schlfrig, aber doch
verwundert ber das junge Leben zu ihren Fen. Sie mummelte und summte auch zu
dem schnurrenden Rade, legte die Hnde im Schoe zusammen und schttelte das
Haupt, uralte Weisheit dumpf und mhsam im stumpfen Gehirn und Herzen
zusammensuchend. Sie und der Ritter von Glaubigern wuten ja am besten Bescheid
in Krodebeck, was es auf sich habe mit dem Schdderump; die andern waren viel zu
sehr beschftigt mit dem lrmenden Tage, und die beiden Kinder - dort am Tische
des Siechenhauses - ja, die hatten noch nicht mitzureden; obgleich sie
mitzuleiden hatten, wenn ihre Stunde kam.
    Erstorbenes Leben, blindes Augenlicht - es hatte die Greisin aus dem
Siechenhause das Recht, vor einem grern Palast niederzusitzen zu Fluch und
Klage als die beiden Kniginnen und die alte Herzogin, die Mutter von Knigen,
die vor dem Knigsschlo von England zu Klage und Fluch niedersaen; und zuletzt
wurde sie auch nur durch den wackern Freund Robinson Crusoe daran verhindert.
Die blaurckige kniglich preuische Infanterie fllte eben mit dem durch sie
hervorgerufenen Interesse nicht den ganzen Nachmittag aus. Sie zog sich wieder
in ihre Schachtel zurck, und das Karnickel trat als handelnde oder vielmehr
leidende Person in das Spiel. Doch auch dieses hatte seine Zeit; nicht wenig
zerzaust rettete sich das Tierchen unter den Ofen und sah von dorther aus seinen
roten Augen ngstlich dem ferneren Treiben der beiden Kinder zu.
    Es war nunmehr der erst so sehr miratene und dann vom Schicksal so gut
gezogene Meister Robinson an der Reihe, und der Junker Hennig fand die schnste
Gelegenheit, durch ihn sich als einen welt-und bcherkundigen Mann zu erweisen.
Mit den Augen und den Ohren folgte Tonie Huler seinen deutenden Fingern und
Erklrungen, und die Alte am Spinnrad wurde auch alles Wunderns voll und fragte
einmal ber das andere, ob das wirklich in dem Buche stehe, ob das nicht
erstunken und erlogen sei.
    Nein, sagte Antonie, es ist wahr. In Hamburg hab ich einen schwarzen
Menschen gesehen, der war ganz so schwarz als der liebe Freitag, und vielleicht
war er auch aus seinem Dorfe. Seinen Vater Donnerstag htt ich zu gern gesehen,
aber der ist ja tot. Es steht ganz gewi in dem Buche, und hier ist sein Bild,
wie er gebunden im Kahn liegt und eben an den Bratspie gesteckt werden soll.
    Sie legte das zerfetzte Buch der Alten auf die Knie, und trotz ihrer blden
Augen mute Hanne Allmann von Blatt zu Blatt die herrliche Historia in den
Bildern betrachten und erhub die Hnde ber Heiden und Trken und
menschenfressende Mohren und fand ein groes Behagen und Wohlgefallen an den
frommen Lamas, wie sich das in Anbetracht ihrer Verwandtschaft mit dem lieben
Vieh eigentlich von selbst verstand. Stolz, mit den Hnden in den Hosentaschen,
stand der Sohn des reichen Hauses in der Stube der Bettelleute und gab noch
sonst mancherlei aus dem reichen Schatze seiner Studien zum besten; ja er htte
fast sogar in dem noch reichern Schatze der Studien seiner Lehrmeisterin, des
Fruleins Adelaide, Stoff zum Prahlen und Grotun gefunden, allein da ging ihm
doch ein Schrecken durch die Gebeine; denn pltzlich fiel ihm ein, da
vielleicht grad in diesem Augenblick das Frulein von Saint-Trouin auf dem
Lauenhofe sich aus seiner Mittagsruhe erhebe und fltend durch die Sle und
Gnge des Kastells den lockenden Ruf erschallen lasse:
    Hennig! Hennig! Lieber Hennig!
    Da zog er schnell die Hnde aus den Taschen hervor und warf mitrauische
Blicke nach dem Fenster und der Tr. Er wute nicht, da das Frulein mit einer
argen Migrne aus dem Schlafe der Edlen erwacht war und den Chevalier von
Glaubigern zu einer Partie Tokadille zu sich gebeten hatte. Er wute nicht,
da schon seit einer Stunde der Chevalier ihm mit einer bedenklichen Anlage zum
Trismus, das heit der Maulsperre und dem Kinnbackenkrampf, gegenbersa und da
der Chevalier in dieser einzigen Stunde fr alle Snden seines Lebens Genugtuung
geleistet hatte. Er wute nicht, da der Chevalier sich bereits ein kleines
Guthaben zuschreiben durfte und da in diesem Moment die gndige Mama in der
Milchkammer zu ihrer Adjutantin sagte:
    Mamsell Molkemeyer, Sie sind erst nach den Sommergewittern auf dem
Lauenhofe eingetreten, deshalb will ich Ihnen von einem Mittel hier in der
Milchstube reden, und ich lasse mich darauf totschlagen, da es jedesmal hilft.
Sehen Sie, es steigt kein Unwetter am Himmel auf, ohne da ich nicht den Herrn
Leutnant auf irgendeine Weise und auf Umwegen hierherkriege und mit angenehmer
Unterhaltung bis zum letzten Donnerschlag festhalte. Wissen Sie, unser
drittletzter Erster Verwalter war ein Gelehrter von den konomieuniversitten,
der hat es mir griechisch gesagt, nmlich der Herr Ritter verneutralisiert die
Elektrizitt; aber das gndige Frulein darf freilich nicht dazukommen oder nur
in die Nhe; denn das verneutralisiert den Herrn Ritter, und so haben wir denn
leider auf dem Lauenhof gradso viel und hufig sauer gewordene Milch wie andere
Leute; denn das Frlen halte sich einmal einer vom Leibe und noch gar beim
Gewitter!
    Hennig wute aber auch nicht, da seine Mutter an diese liebliche Anekdote
und das treffliche Hausmittel eine bedenklichere Frage nach seinem eigenen
Verbleiben geknpft hatte und da die Mamsell Molkemeyer ziemlich sichere
Auskunft darber gegeben hatte. Er wute nicht, da die gndige Frau darauf
einen Blick in das Wetter geworfen und, als sie es befriedigend fand, eine
ziemliche Neigung kundgegeben hatte, in eigener Person den Spuren des Sohnes und
Erben zu folgen und den mit dem Ritter von Glaubigern verabredeten Besuch im
Siechenhause frs erste einmal allein abzustatten.
    Der Regen lie gegen Abend allmhlich nach und hrte mit einem letzten
tchtigen Gu ganz auf. Von dem Schnee war selbstverstndlich in derselben
Minute keine Spur mehr vorhanden. Die kahlen Pappeln an den Wegen zeichneten
sich scharf gegen die Luft ab. Rote Streifen des Sonnenunterganges spiegelten
sich in den Lachen und wassergefllten Gleisen der aufgeweichten zerfahrenen
Landstrae, und auch vor den Harzbergen rollte das schwere Gewlk langsam fort.
Nur der alte Brocken blieb verdrielich unter seiner Nebelkappe; die Vorberge
lagen bald gnzlich klar da, und das weie Schlo der Stolberge zu Wernigerode
blickte ganz hell herber.
    Beide Kinder in dem Siechenhause hatten sich wieder zu dem Fenster gezogen
und sahen nach den roten Wolken und den schwarzen Krhen, welche letztere in
groen Schwrmen von den Bergen kamen oder nach den Bergen reisten und auf den
Pappeln von Krodebeck ihre Neuigkeiten gegeneinander austauschten.
    Da kommt deine Mutter, Hennig! sagte Antonie Huler.
    Sie kam wirklich; und spter, das heit lange Jahre nach ihrem Tode,
erinnerte sich Hennig daran, wie sie kam und wie sie gewhnlich zu kommen
pflegte. Natrlich wieder mit aufgeschrzten Rcken, die wackern Waden in den
glnzendsten, weiesten Strmpfen, und auf dem solidesten Rindsleder marschierte
sie heran vom Lauenhof. Sie htte der Spitze des gresten und tapfersten Heeres
keine Schande gemacht, und ihr Humor blieb derselbe, ob sie auf eigenem Gebiet
freundschaftlich begrt einherzog oder die Grenze feindlichen Territoriums
kriegerisch berschritt.
    Komm hinter den Ofen! flsterte der Junker, eilig und tlpisch seine
Siebensachen zusammensuchend; aber auch Tonie Huler stellte sich fest auf
ihren kleinen Fen und sagte:
    Ich brauche mich vor niemand zu verkriechen und vor deiner Mutter gar
nicht. Sie kann mich ganz gut leiden, und ich sie auch.
    Wer kommt? Von wem sprecht ihr, Kinder? fragte Hanne Allmann, die Hand
hinter das halbtaube Ohr haltend.
    Von der gndigen Frau, Mutter Hanne, rief Tonie. Da ist sie am Fenster.
    Die gndige Frau guckte richtig in das Fenster; sie hatte die Gewohnheit,
erst in das Fenster zu gucken, ehe sie das Haus der Leute betrat, denen sie
einen Besuch zugedacht hatte. Ihr Sprling stand mit der Arche Noah, dem
Robinson und dem blaurckigen Fuvolk unter den Armen und zog den Kopf
zwischen die Schultern. Sie aber stand mit in die Hften gestemmten Hnden auf
der Stubenschwelle, blickte hellugig und durchaus nicht blde umher und erst
ganz zuletzt auf den Stammhalter.
    So!? sagte sie mit leicht fragender Betonung und fate den ganzen Lauf der
in diesem Teile des Buches enthaltenen Dinge merkwrdig gut in diesem einzigen
kleinen Worte zusammen. Fnf Minuten spter sa sie behaglich neben der greisen
Bewohnerin des Siechenhauses und hielt den allergemtlichsten Dorfklatsch ab.
Von dem, was sonst noch besprochen wurde, wird im zweiten Teile die Rede sein.

                              Dreizehntes Kapitel


Die Frau Adelheid von Lauen war eine kluge Frau, und wer das bisher nicht
merkte, dem wird kaum zu helfen sein. Sie war vielleicht das klgste Weib auf
viele Meilen in der Runde, jedenfalls aber smtlichen Bewohnerinnen Krodebecks
und des Lauenhofes doppelt gewachsen in Hinsicht auf Verstand und den guten
Willen, bemeldeten Verstand zu gebrauchen. Wenn wir sie nicht stets und berall
zuerst hervortreten und frisch ihre Meinung sagen lieen, so handelten wir dabei
ganz nach ihrem Sinne; denn sie pflegte im Leben keineswegs eher auf der Bhne
zu erscheinen, als bis es Zeit und ihr Stichwort gefallen war. War dann aber
ihre Zeit wirklich gekommen, so kannte sie jedesmal ihre Rolle durch und durch,
griff munter und tapfer mit beiden Hnden in die jedesmalige Komdie oder
Tragdie des Tages ein und wute Hindernisse, vor denen andere Leute ratlos
stillstanden, ungemein schnell aus dem Wege zu rumen.
    So hatte sie nun auch die Erziehung ihres Kindes den beiden alten
Hausfreunden berlassen, ohne die daraus hervorgehenden Unzukmmlichkeiten
anders als von Zeit zu Zeit durch eine vergngte Bemerkung zu rgen. Nun hielt
sie diese mehr oder minder segensreiche Epoche der Entwickelung ihres Junkers
fr abgeschlossen, und da der Ritter von Glaubigern darin mit ihr
bereinstimmte, trug nichts zur Befestigung ihrer Ansichten bei, aber war ihr
doch in hohem Grade angenehm. Die Summe ihrer Meinungen hatte sie wahrscheinlich
am vorigen Abend whrend der Jagd auf das ntzliche, fette, aber felone
Borstenvieh gefunden, hatte die Sache zu guter Letzt noch einmal beschlafen und
war jetzt gekommen, um in dem Siebenhause von Krodebeck unter Gegenzeichnung von
Hanne Allmann das Siegel unter ihre Entschlsse zu drcken. Die gndige Frau
hatte keine bessere Gevatterin, um eine lngere Gedankenreihe vor ihr zu
rekapitulieren, als die Alte im Armenhause. Da dann fr das Kind der schnen
Marie auch einiges dabei abfiel, war sehr natrlich; brigens mssen nicht
selten die Hauptpersonen im bunten Erdengewhl sich mit dem begngen, was
beilufig fr sie abfllt - sie sind nicht immer daran gewhnt, da der Tag sich
viel um sie kmmere.
    Die Witterung und die Gesundheit waren besprochen, einige interessante
Dorfgeschichten kurz und gut zurechtgerckt, und die gndige Frau holte jetzt
mit einem hellen suchenden Blick und bedeutsamen Wink den Sohn aus dem
Ofenwinkel hervor und sagte:
    Hanne Allmann, wir kennen uns jetzt lange genug, um zu wissen, was wir
voneinander zu halten haben. Du bist eine kluge Frau und hast mir schon manchen
guten Rat gegeben, also unbeschadet dessen, was meine eigene Meinung ist, sage
mir, was fange ich mit meinem Jungen da an?
    O gndige Frau, sprach die Alte, ohne sich im geringsten zu besinnen,
wenn es mein Junge wre, so tte ich ihn ganz gewi um Ostern knftigen Jahres
weg vom Hofe.
    Der Junker Hennig sperrte wieder einmal den Mund auf und bereitete sich zu
einem dumpfen Jammergeheul vor. Die Idee, da man ihn vom Hofe weg und
irgendwo hin tun knne und unter Umstnden werde, erschien ihm im hohen Grade
ungemtlich und bedrohlich.
    Ich tte ihn auf Schulen; er ist nichts ntze mehr allhier, fuhr Hanne
Allmann fort.
    Sieh, das wollte ich nur hren, Hanne! rief die Frau Adelheid. Wenn zwei
verstndige Leute wie wir dasselbe denken und der Herr von Glaubigern auch
nichts dagegen einwendet, so kann man abwarten, wie sich die brige Menschheit
dazu stellt, und wei, worauf man sich beruft, wenn andere Leute anderer Meinung
sind. Das wre also abgemacht, Munter!
    Mit einer frei und sicher einen Kreis, sozusagen in das Universum hinein,
beschreibenden Handbewegung schien das Geschick des Junkers in der Tat abgemacht
zu sein; aber dieselbe Hand, welche diesen Kreis in die Luft gezogen hatte,
griff jetzt noch weiter, zog die kleine Antonie Huler hinter dem Rcken des
Knaben hervor und stellte sie in das letzte Licht des scheidenden Tages.
    Und nun zu dieser, Hanne. Auch darber hab ich lngst mit dir reden wollen;
aber du weit ja, wie es auf dem Hofe zugeht, wie unsereins bei Tag und Nacht in
seinen Knochen und Gedanken zusammengeschttelt wird und wie man vor allen
Sorgen und Dummheiten kaum am Sonntag in der Kirche zu einem ruhigen Augenblick
und vernnftigen Nachdenken kommt. Da hast du's besser als wir alle, Hanne
Allmann; dir summt dein Leben jetzo hin wie dein Spinnrad da; dir springt
niemand mit beiden Fen in deinen stillen Tag, und wenn dir einmal ein Faden
reit, so ist's ein Ereignis fr dich. Aber davon wollten wir nicht sprechen,
sondern von dem Kinde. Du handelst brav an ihm - es sieht ganz menschlich aus; -
ich mchte dir gern helfen, alte Snden und altes Elend gutzumachen; aber das
wei ich eben nicht, ob du mich schon jetzt dazu gebrauchen kannst. Wie ist es
mit dem Kinde? Wie hat es sich? Und vor allen Dingen, was fangen wir mit ihm
an?
    Die alte Frau rieb hastig die Hnde im Scho aneinander und sah mit den
wunderlichsten Augen von Tonie Huler auf die Frau von Lauen.
    Gndige Frau, sagte sie sodann leise, ich lebe ber ein Menschenalter
unter diesem Dache, und ich will nichts Nachteiliges darber sagen; aber es ist
ein kurioses Dach, und allerlei habe ich darunter sehen und hren und fhlen
knnen, was kaum ein anderer Mensch ausgehalten htte, und Sie hat recht,
Gndige, je weniger man darber spricht und spintisiert, desto besser ist's.
Doch von diesem Kinde mu man freilich sprechen; denn das ist wie aus einem
fremden, fremden Land unter das Dach gekommen, und nun leben wir miteinander, es
und ich, und wissen nicht Bescheid umeinander und mssen uns zu jeder Stunde
bereinander verwundern. Ach, gndige Frau, das mu ein sehr kluger Mensch sein,
der hier Bescheid wei; ich aber sehe es des Nachts im Traum mit zwei goldenen
Flgeln, und am Tage ist's doch nur ein Bettlerkind und das Kind der Marie
Huler; ich bin zu dumm, um klug daraus zu werden. Wei Sie, Gndige, manchmal
frchte ich mich mehr vor dem Kinde, als ich mich sonsten vor irgendeinem
Menschen hier im Siechenhause gefrchtet habe; aber lassen kann ich nicht mehr
von ihm, und wenn man mir es nhme, so wr's mein Tod. Komm, Tonie, la die
gndige Frau in deine Augen gucken; der Herr Ritter hat das schon hufig getan
und hat jedesmal den Kopf geschttelt.
    Und gesagt hat er nichts? fragte die Frau Adelheid.
    
    Freilich hat er manches gesagt; aber davon habe ich nichts verstanden. Er
hat von Wundern gesprochen, die tglich auf Erden geschhen und von niemand
begriffen wrden. Er hat auch von der Schnheit gesprochen, die komme, ohne da
man wisse woher und wozu, da doch niemand nach ihr verlange, als um sie zu
schnden und zu ruinieren. Zuletzt hat er mich gefragt, ob ich wissen knne, wie
diese jungen Augen auf dem Totenbett dreinsehen wrden; aber, Gndige, das mu
Sie doch selber sagen: im Siechenhause zu Krodebeck sollte man solche Fragen
nicht stellen!
    Mit dir kann man vielerlei aufs Tapet bringen, Hanne Allmann; also ziere
dich nicht. Und da ich hier sitze, um Rat mit dir zu halten, das ist wohl auch
kein kleines Zeichen davon, da man dich fr eine gescheite Person hlt. Was du
freilich hier eben durcheinanderworfelst, das verstehe ich auch nicht; aber
deinen Willen sollst du haben. Komm her, Kleine; zeig mir deine Augen, Mdchen,
und frchte dich nicht, ich reie dir den Hals nicht ab.
    Die Kleine strubte sich zwar im ersten Schrecken ein wenig gegen den festen
Griff der Gndigen; allein das ging blitzschnell vorber; schon im nchsten
Augenblick sah sie nicht mehr aus, als ob sie sich vor irgend etwas in der Welt
frchte, und was ihre Augen anbetraf, so ffnete sie dieselben womglich noch
weiter als sonst, und tapfer lie sie sich hineinblicken.
    Es ist ihre Mutter, wie sie leibt und lebt! rief die Frau Adelheid. O
Frlen! Frlen! Frlen Adelaide!... Seht doch die kleine Hexe -
    Die alte Bewohnerin des Siechenhauses zupfte ngstlich die Lehnsherrin am
Rock und legte bittend den Finger auf den Mund. Die gndige Frau wendete sich
schnell zu ihr und sagte:
    Du hast recht, Hanne Allmann, es ist nicht gut, alte bse Dinge
aufzurhren, wenn niemand es verlangt und nichts dadurch verbessert wird. Und du
hast weiter recht, und der Chevalier hat gleichfalls recht: die Augen sind
wunderlich und kommen nicht zum zweitenmal in Krodebeck vor, und vielleicht ist
das ein Glck. Da sollte man freilich meinen, das winzige Ding habe mehr erlebt
als das ganze Dorf seit hundert Jahren; - da sollte man es wirklich fragen, ob
es vor hundert Jahren schon einmal vorhanden gewesen sei und heute durch die
Augen davon erzhle -
    Grad wie das liebe Vieh! sagte Hanne Allmann ernst und tiefsinnig.
    Ich schicke dir dein Teil von der frischen Wurst, Hanne! rief die Gndige,
ihre Begriffe seltsam, aber ganz regelrecht aneinanderhngend. Jetzt gehe,
Kind, und spiele; das ist das beste fr dich. Du gefllst mir recht gut, trotz
deiner Augen. Sei brav und frchte dich nicht; wir wollen trotz allem als
Christenmenschen an dir handeln.
    Ich frchte mich nicht, sagte Tonie Huler; nicht einmal in der Schule
und in der Kirche.
    Die beiden Frauen sahen sich ziemlich betroffen an; Hanne Allmann aber sagte
schnell:
    Das hat seinen Grund, Gndige, und ich will nachher noch ein Wort darber
sagen. Sonst aber ist das Kind wirklich ein gutes Kind, und wir haben schon
unsern Trost aneinander gefunden. Nicht wahr, Tonie?
    Statt aller Antwort drngte sich das kleine Mdchen dicht an die greise
Pflegemutter heran und umfate sie zrtlich. Dies Beispiel wirkte, und der
Junker von Lauen schmiegte sich gleichfalls an seine Mutter, welche, obgleich
sie sonst fr berflssige, unntige Zrtlichkeitsbeweise wenig Sinn und noch
weniger Zeit hatte, es diesmal ganz gutmtig duldete und freundlich dem Sohne
die Haare aus der Stirn strich. Der Tag war vergangen, die schwarzen Wnde des
Siechenhauses und die schwarze niedere Decke drckten schwer das Herz zusammen,
und selbst die muntere, helle Frau Adelheid von Lauen fhlte sich ganz
schwermtig und bnglich gestimmt. Sie sah sich um in dem traurigen Raume und
sagte:
    Es ist nicht meine Schuld, da du hier sitzest, Hanne. Du weit, wie oft
ich dich herausnehmen wollte, seit ich das Regiment fhre; aber einem Trotzkopf
wie dir rckt die ganze preuische Armee den Kopf nicht zurecht.
    Es ist aber doch auch nicht meine Schuld, sprach die Greisin mit rhrender
Einfachheit. Als Ihr noch ein jung Mdel auf Eures Vaters Hof waret, da habe
ich freilich bei Tag und Nacht die Hnde gerungen nach einem, der mich aus
meinem Jammer erlse; doch es ist schon manches Jahr seit der Zeit gegangen und
gekommen. Nun ist es lange, lange zu spt, mich anders aus dem Hause
herauszunehmen als im Sarge. Ich bin hineingewachsen in das Haus. Also, gndige
Frau, lasse Sie mich darin; aber nachher - Sie wei: nachher! Nachher hole Sie
sich das Kind heraus, und verdiene Sie sich einen Gotteslohn, ohne sich um die
Welt zu kmmern. Die schne Marie wird bald vergessen sein, also ist wenig
Gefahr und Schande dabei vorhanden. Verdiene Sie sich einen Kranz, liebe Frau,
um uns Weiber, und nehme Sie eins von uns in die Hhe, und lasse Sie sich vom
Herrn Ritter von Glaubigern dabei raten; dann kann ein gut und edel Werk daraus
werden und der Lauenhof groe Ehre davon haben.
    Die Frau von Lauen strich noch immer ihrem Sohn mechanisch ber die wirren
Haare; jetzt nickte sie ins Weite und sagte:
    Jaja, Junge, wir Weiber haben sicher unsere schwere Not, und es wre wohl
zu wnschen, da sich eines des andern annhme. Ich denke, ich habe es gut
gehabt, sowohl in meines Vaters Hause wie unter deines seligen Vaters Zucht,
Junge; aber das wei doch keiner auszusagen, wie schwer es uns gemacht wird, uns
durch die Welt zu schlagen und uns stramm und fest so zu halten, da die Welt
uns nicht nach ihrem Sinn als Spielzeug behandele. Halt den Schnabel, dummer
Junge; denn das verstehst du nicht!
    Ich sage ja gar nichts! winselte der Junker, der das in der Tat nicht
verstand; denn vergeblich mochte er sich wohl auf den khnen Gesellen besinnen,
der es gewagt haben konnte, seine Frau Mutter als Spielzeug zu behandeln. Es
fiel ihm nur ein der Landwirtschaft sich als Volontr widmender junger Herr von
Waschewitz ein; doch der konnte nicht als Exemplum gelten; denn nach dem ersten
schwachen Versuch, seine Lebensanschauungen der gndigen Frau gegenber geltend
zu machen, hatte er schleunigst den Lauenhof verlassen und sich seines Versuchs
nimmer gerhmt.
    Du sollst kein vergebliches Wort geredet haben, Hanne Allmann, sprach die
Gndige, sich erhebend. Das mu ich aber sagen, wenn es einem Menschen gegeben
ist, mir das Herz schwer zu machen, so bist du's, Hanne. Da sollte man sich ja
wahrhaftig nach dem Frlen Trine sehnen! Hier hast du meine Hand darauf, Alte:
der Lauenhof soll fr das Kind der Marie eintreten, wenn du deine Vollmacht
abgegeben hast, und der hochlbliche Gemeinderat samt dem Gevatter Klodenberg
werden sich hten, mir dreinzursonieren. brigens hoffe ich, du wirst mir noch
lange zum Trost in solchen Dmmerstunden wie heute dienen, und du sollst mir
doch in Anbetracht dieses erlauben, dir auch jetzt schon ein wenig mehr zu
helfen.
    Es ist mir wirklich nichts ntz, Gndige, und dem Kinde wre es jetzo noch
weniger nutz. Sie tut schon bergenug an uns, Fraue, und wenn ich mehr von Eurer
Gte brauche, so schicke ich das Kind. Jetzt bleib drin, Tonie; das letzte
Wrtlein sage ich der gndigen Frau drauen.
    Auch die Alte erhob sich von ihrem Schemel und begleitete die Frau Adelheid
und den Junker von Lauen vor die Tr ihrer Htte. Hier sprach sie:
    Darum wollte ich Sie bitten, Fraue, legt ein gut Wort ein beim Schulmeister
fr die Antonie, da er die andern Kinder mehr von ihr zurckhalte; das Elend
begreift keiner, dem nicht tagtglich unter diesem Dache mit Trnen davon
vorgesungen wird. Und wenn Sie sich auch an den Herrn Pastor wagen will, so -
    Ja, ich wage mich daran, und es soll alles besorgt werden, wie du es
wnschest, Hanne! rief die Frau Adelheid. Du kannst das brige fr dich
behalten; es wird mir ein Plsier sein, den Herren deine Meinung nach meiner
Melodie vorzugeigen.
    Mache Sie es nicht zu arg, sagte die Alte lchelnd, htt ich solche Musik
gewollt, so htt ich die Jane Warwolf geschickt.
    Keine Sorge, Hanne! sprach die gndige Frau mit groer Wrde. Ich wei
mit der hohen Geistlichkeit umzugehen, sowohl vor als nach Tisch. Guten Abend,
Hanne - also frs erste wre alles zwischen uns wieder in Ordnung.
    Sie hielt noch immer ihren Sohn am Oberarm; jetzt fate sie ihn fester und
fhrte ihn ab, tapfer durch den Schmutz der Landstrae, den vterlichen Laren
und Penaten zu.
    Unter dem Tor des Lauenhofes sprach sie:
    Junge, Junge, was machst du fr ein Gesicht? Es werden jedermann zu seiner
Zeit die Koffer gepackt, und du Narr wirst keine Ausnahme machen wollen; -
schme dich! brigens bei besserer berlegung brauchst du heut abend dem
Frulein Adelaide noch nichts von deinem jmmerlichen Schicksal zu sagen. Wenn
erst der Metzger vom Hofe ist, pat die Zeit besser zu allen freundschaftlichen
Errterungen, und man hat seine Gedanken mehr beisammen, um auf nichtsnutzige
Einwendungen und unangenehme Trnenfluten dienen zu knnen.

                              Vierzehntes Kapitel


Die Alte hatte recht; sie hatte viel Unruhe, aber auch viel Freude und groen
Segen von dem Kinde, welches die schne Marie in der Welt und in dem
Siechenhause von Krodebeck zurcklie. Die Unruhe und Sorge entsprang bald ganz
und gar den Gedanken an die Zukunft; die Gegenwart bot nur Freude und Licht. Ja,
Licht! Es folgte berall ein glnzender Schein den kleinen Fen, welche das
Siechenhaus nun so lustig machten und die Greisin in stets neue Verwunderung
setzten. Es war ja auch das erstaunlichste, da diese kleinen Fe so viele und
verschlungene Wege ber Berg und Tal, durch Stdte und Drfer gefhrt worden
waren, um endlich das Siechenhaus von Krodebeck zu erreichen und die alte Hanne
Allmann zu umtanzen und zu umtrippeln, wie nur Elfenfe trippeln und tanzen
konnten.
    Ein Lebensjahr war der Hanne Allmann noch zugemessen, gerechnet von der
Ankunft Marie Hulers an - ein Jahr des Segens von Sommer zu Sommer! Es war,
wie wenn zu guter Letzt nun doch noch aller Welt Lieblichkeit und Schnheit in
den dunkeln Winkel der Alten blicke und lchelnd rede: Hattest du gar keine
Ahnung davon, Hanne, da man diese kurzen fnfundsiebenzig Jahre hindurch nur
seinen Spa mit dir getrieben habe? Du Nrrin, es war ja nur ein
Versteckenspiel; jetzt mach die Augen auf, so weit du kannst, und sieh uns, wie
wir sind und wie schn die Erde fr ihre Bewohner, wie s das Leben sein kann!
    Die Greisin sperrte die trben Augen freilich so weit auf, als sie konnte,
und merkte, wie das immer geschieht, wenn die Freude auf Erden in ein Haus und
in ein Herz kommt, durchaus nicht den bittern Hohn, der aus den Falten des
blauen Gewandes der Gttin die Zhne wies. Sie war dankbar, als ob wirklich eine
Verpflichtung dazu vorhanden sei. Ganz menschlich verga sie die
fnfundsiebenzig Jahre der Dunkelheit um einen Augenblick nicht des Lichtes,
sondern des Widerscheins des Lichtes. Sie verga den Scherz, welchen das
Schicksal mit ihr getrieben hatte, im fnfundsiebenzigsten Lebensjahre, als ihre
Augen bereits stumpf geworden waren und ihre Glieder zitterten unter der Last
des hchsten Alters.
    Jauchzend brachte das Kind sein Spielzeug und fllte die Htte damit an -
das alte, das uralte Spielzeug der Menschheit, die Lust an den roten Morgen-und
Abendsonnen, den treibenden Wolken, dem Reif am Baum, dem Mondschein auf den
beschneiten Feldern! Die Tr stand jetzt immer offen; denn das Kind ging aus und
ein und hatte die volle Schrze mit beiden Hnden zusammenzuhalten, um nichts
von seinen Schtzen zu verlieren.
    Fnfundsiebenzig Jahre war Hanne Allmann alt geworden, und immer noch rief
es in dem Walde:

Kuckuck up der Wie'n,
Wannehr schall eck frien?

Immer noch blies man auf die befiederte Samenkugel der abgeblhten Butterblume
und fragte den Tod um seine Meinung und Absicht, whrend Mutter Natur ihr
beschwingtes Bltenleben auf dem Kinderhauche weiter in die Welt
hineinbefrderte. Noch immer war der Apfelbaum im Frhling aller Schnheit und
im Herbste aller Herrlichkeit voll, und noch immer gab es nichts Geheimnis- und
Ahnungsvolleres als im Februar den Haselstrauch mit seinen blutroten Kmmchen
und gelben Troddeln.
    Antonie Huler, das verwahrloste, verwilderte Kind der Vagabundin, kam wie
die Tochter eines gar reichen, hohen Hauses in das Siechenhaus von Krodebeck.
Die kleinen Hnde, die zierlichen Fchen, die klaren, klugen Augen und der
lachende Mund waren gleich der Mitgift eines Knigskindes zu achten, und der
kluge, verstndige Sinn, das leichte, gute Herz des Kindes, an welches niemand
ein Recht hatte, stammten aus dem tiefsten, reichsten Grunde der Welt. Die Alte
im Siechenhause schlug offen oder im stillen die Hnde zusammen ber den
Reichtum, welchen ihr Tonie mitgebracht hatte; die Alte vor allem war berufen,
den Schatz zu erkennen und den hchsten Genu sowie die greste Sorge davon zu
haben. Da dem so war, sprach sich im vorigen Kapitel in der Unterredung mit der
gndigen Frau deutlich aus.
    Aber das Kind, das Kind war da in seiner ganzen Lieblichkeit, und die Sorge
nahm in dem Gemt der Greisin doch nur einen geringen Raum ein! Erst kam die
Verwunderung, dann das Lachen in das Siechenhaus zurck; es ging kaum ein Tag
vorber, an welchem Hanne Allmann nicht sich und die schwarzen Wnde fragte:
    Wo kommt sie her? Und wie komme ich zu ihr? Wenn Tonie dann zufllig die
halblaute Frage verstand, so schmiegte sie sich dichter an die Pflegemutter und
rief dagegen:
    Von wem sprichst du, Mutter? Sprichst du von mir? Wenn du von mir sprichst,
so sag's; - ich will dir sagen, woher ich komme. Ich war bei meiner Mutter auf
dem Kirchhofe, und nachher habe ich mich doppelt gesehen im Entenweiher. Wo ist
meine Mutter geblieben? Ich bin doch mit ihr in so vielen Lndern und unter so
vielen Menschen umhergezogen, bis ich hierher zu dir gekommen bin. Meine Mutter
hat mich immer auf dem Arm getragen, und wenn die Leute schlecht gegen sie
gewesen sind und sie in der Nacht oder auf dem Wege hat weinen mssen, so habe
ich sie an den Flechten gezogen und an den Ohren gezogen und ihr die Augen
zugehalten, da sie hat lachen mssen. Ich sehe sie nicht mehr und hre sie
nicht mehr - sie ist gestorben; - ist das nicht kurios und recht traurig? Sieh,
wie grau der Himmel ist, es ist gar kein grn Blatt mehr an den Bumen und nicht
eine einzige Blume auf dem Kirchhof. Das Gras ist noch da, das ist auch noch
grn, aber es gefllt mir nicht; meine Mutter liegt darunter und sagt nichts und
rhrt sich nicht. Der Wind pfiff ber den Zaun, und mir ist bange geworden, und
ich habe mich gefrchtet, bis die Enten durch die Hecke krochen und ber die
Grber und Steine wackelten. Sie schnatterten und schlugen mit den Flgeln und
steckten die Schnbel durch das Gras. Die dickste wollte sich auf meiner Mutter
Kopf stellen; aber da habe ich sie gescheucht, und es hat einen groen Lrm
gegeben, und wir sind alle zu gleicher Zeit am Weiher angelangt. Sie sind
hinein- und hinbergefahren; aber ich bin auf der Brunnenrhre sitzen geblieben,
bis das Wasser wieder ruhig war, und nachher habe ich mich doppelt gesehen. In
dem Wasser war der graue Himmel auch; weit du, und meine Mutter hat oft gesagt,
sie wolle in das Wasser gehen, da sei ihr allein geholfen. Weshalb habt ihr sie
denn in die Erde gegraben, wenn ihr im Wasser geholfen war? Ich gehe gern an das
Wasser, vorzglich im Sommer an den Teich im Walde. Darin sieht man viel, und
die Enten stren einen nicht. Da fhrt's leise und schnell drauf hin und her,
und von unten auf wchst Kraut und kommen Blumen auf langen Stengeln. Wenn die
Sonne drein scheint, sehe ich doch noch mal meine Mutter darin; aber heute am
schmutzigen Weiher, da habe ich nichts gesehen als mich, und das Wasser hat mich
ganz hlich gemacht. Dann sind zu den Enten die Gnse gestanden, und alle haben
die Hlse nach mir gereckt und geschrien und gezischt. Ich habe einen Stein nach
mir im Wasser geworfen, da war alles aus; und weil das lange gelbe Frulein vom
gndigen Hofe mit dem guten Herrn auf der Landstrae dahergekommen ist, habe ich
mich wieder gefrchtet und bin gelaufen. Sieh, nun weit du, woher ich gekommen
bin. Vor dem guten Herrn allein htte ich mich nicht gefrchtet; doch das ist
alles gleich, mir kann doch ja keiner helfen.
    Kind, rief die Alte, jetzt hab ich dich lange genug angehrt. Was
schwatzest du da stundenlang her? Und weshalb soll dir keiner helfen knnen?
    Die Leute im Dorfe sagen es. Sie sagen, ich sei nichts nutz und nichts
wert, und als die Buben neulich die Katze versauft haben, haben sie mich mit
versufen wollen und sind mit einem Strick und einem Stein hinter mir drein
gerannt; aber diesmal bin ich ihnen noch zu schnell gewesen. Die Mdchen haben
aber nachher gelacht und gesagt, es helfe mir doch nichts, da ich so flink sei;
ins Wasser msse ich doch einmal. Nun sage du, mu ich ins Wasser, und ist mir
dann geholfen?
    Wenn nun in diesem Augenblick die Wnde des Siechenhauses zu Krodebeck
auseinandergerckt wren, wenn die hellste Sonne eines Wiener Sommertages durch
rotseidene geschlossene Vorhnge in das hohe, stolze Gemach gefallen wre und
den modernen, weien, silberbeschlagenen zierlichen Sarg in der Mitte dieses
Gemaches mit einem rosigen Schimmer bemalt htte, so wrde die Alte im
Siechenhause nicht schmerzensreicher und angstvoller dreingesehen haben als
jetzt, wo alles frs erste beim alten blieb und sie mit abwehrenden Hnden nur
sthnen konnte:
    O Kind, Kind, was fr Unsinn redest du und was fr schlechte Dummheiten
lssest du dir in den Kopf setzen!
    Hpfend und lachend in die Hnde klatschend, rief Tonie Huler:
    Sei ganz ruhig, ich gehe mein Lebtage nicht ins Wasser; es gefllt mir zu
gut auf der Erde und bei dir, Mutter! Und heute hab ich viel trocken Fallholz
aus dem Kuckelrucksholz geholt, non knnen wir heut abend warm sitzen und hren,
wie's im Ofen schilt und schwatzt. Nachher kriech ich zu dir ins Bett; dann
braucht sich keiner zu frchten vor Gluhschwnzen, Tckebolden und Gespenstern.
Wenn du im Schlaf Angst hast, zupf ich dich an deiner alten spitzen Nase; dann
wachst du auf und merkst, da du bei mir bist, und alles ist gut. Und wenn ich
vom gelben gndigen Frulein trume, so schttle mich nur tchtig; - wenn ich
wache, frchte ich mich vor niemandem. Den mcht ich sehen, dem zuliebe ich ins
Wasser ginge! Ich habe es ganz gut in der Welt und verlange es nicht besser.
    Das letztere war mehr, als der Junker Hennig von Lauen in diesen Zeiten von
sich behaupten konnte. Seine Verdauung war noch immer vortrefflich; allein sein
Gemtszustand lie vieles zu wnschen brig, und da auch ihm dann und wann vom
Frulein Adelaide von Saint-Trouin trumte, war noch das wenigste; denn er hatte
die wohlmeinende Dame auch im Wachen um sich, und da lie sie sich keineswegs
abschtteln wie ein Traum. Nachdem der Metzger vom Hofe war, hatte sich der
ruhige Moment zur freundschaftlichen Errterung in der Tat bald gefunden, und
das darauf folgende Geschrei war freilich entsetzlich gewesen.
    Whrend der Chevalier mit billigend erhobenen Augenbrauen und zustimmendem
Kopfnicken eine stumme Prise nach der andern nahm, hatte die Enkelin Jehans de
Brienne gleichfalls eine Prise nach der andern genommen, nachdem der erste
Stupor vorber war, jedoch nicht stumm. Keine tragische Madame ihrer
klassischen Landsleute erhob je den Dolch der Verzweiflung oder den Giftbecher
der Rache mit furchtbarerem Pathos; die Frau Adelheid hatte - so was in ihrem
Leben noch nicht gesehen.
    Das sei zu arg, rief Adelaide von Saint-Trouin - das habe sie nicht um den
Lauenhof verdient.
    Sie ging so weit, als eine zimpferliche alte Jungfer nur irgend gehen kann,
und behauptete, sie habe dieses Kind geliebt, als ob sie es selber geboren und
gesugt habe.
    Ja, sie sagte gesugt und rhrte selbst den jngsten Verwalter dadurch zu
Trnen!
    Sie behauptete: Da sie es - das Kind - in einer andern und bessern Weise als
sonst jemand unter den Barbaren des Lauenhofes gebildet habe, so habe sie auch
ihre Meinung ber dasselbe, und ihre Meinung sei, da man dieses Kind, blo um
sie - Adelaide Klotilde Paula - zu rgern, auf den Pfad des Verderbens
hinausstoe. Sie wute fest, da es sich hier gar nicht um die Sorge fr die
Edukation des Junkers handle, sondern einzig und allein um eine giftige,
heimtckische, boshafte Verschwrung und Verabredung gegen eine unglckliche,
hlflose Persnlichkeit, deren Namen sie nicht nennen wolle, da es doch nichts
helfe. Wie die eben versteinernde Niobe ihr Jngstes, umfate sie den
zerknirschten Hennig und fand ebensowenig Erbarmen als jene, obgleich sie
jedesmal, ehe sie in Krmpfe verfiel, auer sich vor tragischem Weh, schrie:
noch nie sei fr einen echten Kavalier etwas Gutes und Anstndiges aus diesem
In-und Auf-Schulen-Gehen zum Vorschein gekommen, und durch hundert traurige
Beispiele aus der Geschichte des hohen und niedern europischen Adels wolle sie
das beweisen und belegen.
    Wenn sie dabei auf den Chevalier von Glaubigern sah wie die Gemahlin
Amphions auf den hochgebildeten, aber rachgierigen Gott Apollo, so hatte das
weiter keine Folgen, als da der erstere alte Herr im Innersten seiner Seele
wehmtig sagte:
    Ach du lieber Gott, das wird eine schne Zeit werden!
    Die gndige Frau erwiderte auf alles, was das gndige Frulein vorbrachte,
einfach:
    Liebste Seele, da Sie ein arges Lamento erheben wrden, das hab ich im
voraus gewut, und da ich mich sehr davor gefrchtet habe, das knnen Sie mir
auf mein Wort glauben. Aber was hilft's? Die Sache ist einmal beschlossen, und
ich meine, Sie kennen mich gut genug, um zu wissen, da sie nicht bers Knie
abgebrochen wurde. Da ich auf Ihre Meinung viel halte, Frlen, wissen Sie
gleichfalls, wenn Sie's auch nicht zugestehen werden; aber mein Seliger hat doch
auch ein Wort mitzureden, und dessen Meinung war's item, da der Junge nicht
gnzlich unter uns Mistfinken hocken bleibe und ebenfalls zu einem werde.
    Mistfinke!... Wir mssen leider das scheuliche Wort noch einmal
hinschreiben; denn seine Wirkung auf die Erbin von Byzanz war zu frchterlich
und wirkte wie ein Topf voll griechischen Feuers von den Mauern Konstantinopels
auf ein sarazenisches Admiralschiff. Es hob die Versteinerung der Tochter des
Tantalus vollstndig auf; Frulein Adelaide lie den Junker frei aus den Falten
ihres Gewandes, richtete sich zur vollen Hhe ihrer majesttischen Erscheinung
empor, sprach: Ich habe keine Macht, mir das zu verbitten; aber ich verbitte es
mir doch!, wandte sich, ging die Treppe hinauf und lie sich acht Tage lang das
Essen auf ihr Zimmer schicken!
    Den Junker nahm dann der Ritter von Glaubigern mit auf seine Stube und
wendete sich in langer, wohlgesetzter Rede erst an seine Vernunft sowie seinen
Verstand, und als dieses nichts half, an sein Ehrgefhl, was von besserer
Wirkung war. Die gndige Frau, welche nicht die Zeit hatte, um, wie sie sagte,
abgetane Geschichten noch einmal breitzutreten, ging ihren Geschften mit
gewohnter energischer Gemtsruhe nach und machte sich ein Vergngen daraus, das
Frulein in seiner grmlichen und gramvollen Abgeschlossenheit mit den
lieblichsten Delikatessen der Jahreszeit zu versorgen. Um Weihnachten machte das
Schicksal den letzten Schwankungen im Busen Hennigs dadurch ein Ende, da es den
Sohn des Pastors von Krodebeck, den lieben Franz Buschmann, zum erstenmal als
Unterquartaner mit einer roten Mtze von Halberstadt nach Hause fhrte. Der
liebe Franz, sonst ein blder, etwas heimtckischer Knabe, trat jetzt stolz und
berlegen dem frhern Spielkameraden entgegen und fand selbstverstndlich einen
groen Reiz darin, ihn durch seine Wrde und Welterfahrung niederzudrcken.
Hennig prgelte ihn zwar hinter der Pfarrscheune jmmerlich durch und warf die
rote Mtze in die nchste Pferdeschwemme; allein moralisch erlag er jedoch
vollstndig gegen den Pastorenfranz. Dieses zeigte sich vorzglich daran, da er
eine halbe Stunde nach dem Kampfe gegen seine kleine Freundin im Siechenhause in
ganz derselben Art und Weise renommierte, wie Franz gegen ihn geprahlt hatte,
und sich in den glorreichsten Phantasien darber erging, wie er nun ebenfalls in
nicht gar langer Zeit mit einer roten Mtze von Halberstadt nach Krodebeck
heimkehren werde.
    Daraus wieder geht fr den Leser hervor, da das mit dem Siechenhause
angeknpfte Verhltnis in vertraulichster Weise fortdauerte. Das Frulein von
Saint-Trouin hatte sich auch darein finden mssen. Es kann leider nicht lnger
verhehlt werden, da das so vielfarbig leuchtende Gestirn Adelaides immer tiefer
am Horizont des Knaben sank, whrend der Ritter von Glaubigern mit seiner ganz
gewhnlichen Laterne sich immer hher erhob. Seit der Chevalier seinen Zgling
auf die Hintertren des Hauses und des Lebens aufmerksam gemacht hatte, hatte er
seine Stellung ihm gegenber merklich verbessert, allein ihn zugleich auf Wege
und Gnge hingewiesen, die jedermann leider nur zu bald von selber findet und
die nur von so ganz gewhnlichem Mittelgut, wie der Junker Hennig von Lauen,
ohne weitere Gefahr beschritten werden.
    Ungehindert trug der Knabe die Subsidien jeglicher Art, welche der nahrhafte
Edelhof der alten Bewohnerin des Armenhauses fast gegen ihren Willen zukommen
lie, hinber und den Dank in ebenso mannigfachen Gaben zurck. Die Welt nahm
allmhlich eine andere Form und Farbe fr ihn an, und immer neue Elemente
mischten sich in die phantastischen Anschauungen, die eine Folge seiner
bisherigen wunderlichen Erziehung waren. Als mit abziehendem Winter die
wandernde Frau Jane Warwolf von neuem in Krodebeck vorsprach, da fand sie im
uern alles beim alten, allein im Innern doch manches verndert, und zwar nicht
zum Nachteil weder des Ganzen noch des einzelnen.
    Auf dem Lauenhofe stellte die scharfe Frau Jane den Junker nach ihrer Art
zwischen ihre Knie, tat ganz verwundert ber ihn, als ob sie jetzt erst merke,
was fr ein merkwrdiger Bursche er eigentlich und unwissentlich sei, und
erquickte ihn sehr durch das Gelbnis, ihn auch in Halberstadt auf dem hochedeln
und hochberhmten Gymnasium nicht verlassen, sondern ihn auch dort mit ihrem
besten Rat und Trost untersttzen zu wollen. Als der Chevalier hierzu ein wenig
lchelte, wurde sie ziemlich grob und versicherte ihn; sie wisse, was sie sage,
mit ihrem Vater seliger habe sie das weltberhmte Bergwerk bis in die hchsten
Klassen produziert, und ihr seliger Mann habe mit Stieglitzen, Dompfaffen und
Kanarienvgeln in alle vier Winde hinein gehandelt. Sie habe sich mit den Herren
Primanern und Sekundanern um manchen lieben Groschen geschlagen - rief sie -,
und was die Herren Przeptors und Klabberaters betreffe, so msse es keine
Botanik und Apothekerwirtschaft mehr auf Erden geben und kein kurios Kraut mehr
rechts und links vom Brocken wachsen, wenn ihr die nicht grn wren bis in die
uersten Zweige.
    Nur stille, stille, ich glaube alles! chzte der Ritter mit beiden Hnden
vor den Ohren, und der Junker Hennig glaubte gleichfalls alles und noch mehr;
denn vor der Tr teilte ihm die Frau Jane noch im hchsten Vertrauen mit: Was
den Pastorenfranz angehe, so mge er sich um das Trbsal keine grauen Haare
wachsen lassen; denn das Geschpf sei froh, wenn es unter den jungen
halberstdtischen Herren nicht selber Haare lassen msse; seine Stellung im
dortigen sozialen Leben sei nicht sehr bedeutend, und von seinen
wissenschaftlichen Leistungen verstehe sie - Jane Warwolf - zwar wenig, allein
reden habe sie noch gar nicht davon gehrt; Prgel seien unter allen Umstnden
das Beste fr den jungen Heiligen, und wenn sein Herr Vater -
    Hier nieste sie glcklicherweise und nahm, ohne den Satz zu vollenden, mit
dem gewohnten helltonigen Glckauf fr diesmal Abschied vom Lauenhofe.
    Im Siechenhause zog sie darauf die kleine Antonie Huler ebenfalls zwischen
ihre Knie. Sie betrachtete sie dann eine geraume Weile wirklich in stiller
Verwunderung und lie sie frei, nachdem sie ihr mit leiser Hand ber Stirn und
Haare gestrichen hatte, ohne ein Wort zu sagen und ohne ein Gelbnis zu tun. Als
das Kind jedoch die Stube verlassen hatte, fate sie schnell die Freundin Hanne
am Oberarm, schttelte sie ziemlich energisch und rief:
    Du, du, was hast du mit der Kreatur angefangen? O Hanne Allmann, sag, was
fr ein Vogel wird aus dem Ei, das dir der Kuckuck ins Nest legte? Herrje,
willst du das Geheimnis und Rezept zu der Zucht nicht verkaufen? Damit liee
sich ein schn Stck Geld verdienen!
    Ich habe viel Freude von dem Kinde, Jane, sagte Hanne.
    Und Schade, was beizu fllt! lachte Jane.
    Ja! sagte Hanne Allmann, aber fgte leise hinzu: Ich wollte freilich, das
Kind wre frher zu mir gekommen; jetzt fllt mir sicher der schnste
Sonnenschein auf mein Grab; aber es ist auch so gut, und ich bin zufrieden.
    Unsinn! rief die Warwlfin rgerlich. Willst du junge Dirne vom Sterben
sprechen, whrend ich eben das Maul auftue, um dir mein Kompliment ber dein
frivol und frisch Ansehen zu machen? Die Sonne wird freilich manch liebes Jahr
auf deinen und meinen Hgel schauen, und da wir manches Plsier verpat haben,
das steht auch fest, aber weshalb du anjetzo damit angerckt kommst, das
begreife ein anderer.
    Das Kind ist so jung - und die Welt ist so jung, und ich bin so alt, so
alt! rief Hanne Allmann weinerlich.
    Schn, sehr schn! Ei herrje, was man doch fr Neuigkeiten erfahren kann,
wenn man am Wege vorspricht!
    Ja, du auf deiner Landstrae erfhrst natrlich nichts davon, wie man alt
werden kann; aber ich, ich spur's in allen Knochen, und es tut mir so leid, es
tut mir jetzt so leid, und davon sprech ich heut zum ersten Male zu einem andern
Menschen. Mir ist so weh, wenn ich das Kind ansehe, und ich bin doch so
glcklich mit ihm. Auch Zorn ist dabei und Angst ist dabei, aber wie ich es auch
sage, ich kann es doch niemandem recht sagen, wie es mir zumute ist um mich und
um das Kind!
    Dann halte den Mund; - andere Leute mssen es auch tun. Was weit du von
meiner Landstrae? Was weit du, was ich erfahren und nicht erfahren, bedenken
und nicht bedenken kann? Hanne Allmann, ich habe dich lieb, und du bist mein
einziger Freund in der ganzen weiten Welt; aber ich kenne dich auch durch und
durch, und was kein anderer verrichtet hat, das wirst auch du nicht verrichten:
wirr und blde la ich mich nicht machen. Glck auf! Ich meine, einmal sehen wir
uns doch noch wieder und mgen die angenehme Unterhaltung weiterspinnen. Glck
auf!
    Glck auf und lebe wohl, Jane Warwolf! sagte Hanne und reichte der
Freundin abgewendet die Hand. Jane hob ihren Tragkorb wieder auf den Rcken,
schttelte die dargebotene Hand und schritt von dannen, wie immer mit einer
Miene, als ob sie Indien erobert und nun des Spaes halber das Dorf Krodebeck
noch nachgeholt habe. Sie schritt sogar noch straffer und sieghafter als
gewhnlich einher; aber nur so lange, als ihr Weg vom Siechenhause her zu
berblicken war. Sobald sie den traurigen winterlichen Wald erreicht hatte, sank
ihr Kopf herab und ging sie tief gebckt unter der Last auf ihrem Rcken. Die
dichten, alten, borstigen Augenbrauen zogen sich finster zusammen, sie schlug
mit ihrem Wanderstabe zornig in die Pftzen und nach den Steinhaufen an ihrem
Wege und hub an, in einer ganz andern, unmutigen und zornigen Weise als die
melancholische Freundin mit den Gttern und Menschen zu hadern.
    Sie hat recht; wir leben ein Hundeleben und sterben einen Hundetod! Sie
weint darber, und ich lache darber; aber es kommt auf dasselbe hinaus, und
niedertrchtig ist's! Der alte Herr vom Lauenhof wei auch davon zu sagen - ein
Hundeleben, ein Hundeleben! Ja, wie viele Jahre Zuchthaus htt's gekostet, wenn
die schne Marie das Kleine mit einem Stein am Halse in den Bach geworfen htte?
Hui, da ist der Wind wieder! Da jagt er die Schneewolken ber die Tannen herauf.
Nun hab ich ihn wieder bis in die Nacht im Gesicht; - Sackerment, die sitzt und
jammert ber den letzten Sonnenstrahl, der in ihren Jammerwinkel fllt; -
Sackerment, ein Hundeleben und ein Hundetod, und das letzte ist das Beste; -
Glck auf, Jane Warwolf!

                              Fnfzehntes Kapitel


Der alte Herr auf dem Lauenhofe litt in der Tat am Leben, und zwar in zwiefacher
Beziehung. Erstens im allgemeinen, wie Frau Jane Warwolf aus Httenrode das ganz
richtig aufgefat hatte, und zweitens im besondern, wie davon selbst dem Junker
Hennig von Zeit zu Zeit eine dumpfe Ahnung aufging.
    Es war ein schwerer Winter fr den Chevalier, denn erstens war's auch fr
ihn keine Kleinigkeit, sich von seinem Zgling trennen zu mssen, und zweitens
wurde, je nher diese Trennung rckte, seine Stellung gegen das Frulein immer
milicher und verdrielicher.
    Noch einmal hatte Adelaide von Saint-Trouin, Chevalire, Haute-Justicire
usw. usw., sich gerstet de cap en pied erhoben zum Kampf fr ihren Zgling.
Konnte sie auch das Verderben nicht vollstndig von ihm abwehren, so trat sie
doch noch einmal fr sein besseres Bewutsein ein, indem sie dasselbe vor der
Abreise des Schlingels mit allem Hohen und Feinen bis zum Rande zu fllen
strebte.
    Was wird der arme Junge in Halberstadt auszustehen haben, bis sie ihm das
wieder aus dem Leibe und der Seele gedroschen haben! sthnte die gndige Frau,
und der Ritter von Glaubigern hielt es fr seine Pflicht, ein ernstes Wort mit
dem gndigen Frulein zu sprechen. Ein grades ernstes Wort lie sich jedoch sehr
bel mit dem Frulein reden; denn sie nahm es stets krumm, und in ihrer jetzigen
Stimmung nahm sie es natrlich auergewhnlich krumm.
    Mein Gndiges, wenn ein Mensch von dem hohen Verdienst, welches Sie sich um
unsern Knaben erworben, berzeugt ist, so bin ich dieser, sprach der Chevalier.
Aber, mein Gndiges, wenn ich mir je erlauben wrde, Ihnen gegenber von einer
Danaidenarbeit zu reden, so wrde ich es jetzo tun mssen. Ich bin der
bescheidentlich anheimgegebenen Meinung, da in Halberstadt alles wieder
auslaufe.
    Und ich, mein lieber Herr von Glaubigern, ich bin der Meinung, da Sie seit
lngerer Zeit einen Ton gegen mich angenommen haben, den ich ignorieren mu,
aber nie verzeihen werde, erwiderte das Frulein mit einem Lcheln s wie
Essig und fgte hinzu: Ich fhle mich allen Anfechtungen gegenber stark genug,
meine Pflicht bis zum uersten zu tun, und ich werde sie tun, mein Herr
Leutnant. Da ich freilich auf jede Hflichkeit Ihrerseits, mein Herr von
Glaubigern, zu verzichten habe, ist mir schmerzhaft, kann mich jedoch in meinen
Vorstzen nur bestrken. Ich bitte, sich also fernerhin nicht mehr durch mich
und mein armes Kind irgendeinen Chagrin machen zu lassen; bitte brigens auch,
bei Gelegenheit an einem andern Orte diese meine Sentiments zu kommunizieren.
    Als der Ritter diese Sentiments wirklich andernorts mitteilte, chzte die
Frau Adelheid:
    Ich sage Ihnen, Alter, in meinem ganzen Leben nicht habe ich das heilige
Osterfest so inbrnstig herbeigewnscht als diesmal. Ich habe den Jungen
herzlich lieb, und es geht mir schwer ab, ihn in die Welt hinauszuschicken, aber
ich will meinem Schpfer auf den Knien danken, wenn er glcklich vom Hofe ist.
Ich fange jedesmal an zu schwitzen, wenn er mir vor die Augen kommt, und nachher
ist mir das Frlen mit seinem Wassereimer mehr als ungesund. O liebster Alter,
machen Sie es wie ich und gehen Sie beiden soviel als mglich aus dem Wege! Ich
versichere Sie, Ostern mu kommen! Und was man mit Geduld ausrichtet, das knnen
Sie tagtglich an mir lernen!
    Und endlich kam Ostern wirklich! Gleich einem zweiten jungen Ritter Sankt
Georg zog der Junker zum Kampf mit dem nichtswrdigsten aller Drachen, nmlich
der erbrmlichen Gegenwart, aus.
    Und das will mein Junge sein! Und das schneidet Gesichter, wenn es in die
weite Welt hinausgeht! sprach die Frau Adelheid beim Abschiednehmen mit
ziemlicher Entrstung.
    Ich schneide keine Gesichter, greinte der Junker Hennig; aber mir sind
genug geschnitten worden die letzte Zeit hindurch. Kein Mensch wei, wie ich
heimkommen werde, sagt das Frlen; aber mir ist zuletzt alles einerlei!
    Der Junge knnte einen um den letzten Rest natrlicher Abschiedsrhrung
bringen! sthnte die gndige Frau mit erhobenen Augen und Hnden. Jetzt trolle
dich - der Wagen wartet - bleib gesund, sei brav und lerne was, auf da du
deinen Vorfahren einmal einen wirklichen richtigen Grund zur Verwunderung
gibst!
    Was das Frulein noch am Hoftor sprach, ist durch keine Feder dem vollen
Wert und Inhalt nach wiederzugeben; der Chevalier sagte wenig oder eigentlich
gar nichts; wir aber benutzen die hoffentlich im Leser durch diese
Abschiedsszene hervorgerufene Beklemmung, um ihn zu versichern, da wir im
folgenden ihn nicht mit den Leiden und Freuden der sehr dankbaren, jedoch auch
recht bekannten Schulgeschichten behelligen werden.
    Der Junker Hennig von Lauen zeigte sich in den jetzt folgenden Jahren nicht
besser und nicht schlimmer als die Millionen guter Jungen, die vor ihm diese
Wege beschritten und denen man am Schlu ihrer irdischen Laufbahn das Lob mit in
die Grube gab: Kein Licht, aber ein braver Kerl. Da er seine Ahnen durch
auergewhnliche Gelehrtheit nicht in Verwunderung setzen wrde, war seinen
Lehrern bald klar; aber da er ein wackrer Bursch sei, wurde ihnen ebenso
schnell kund, und so rechneten sie, wie solches ebenfalls seit Jahrhunderten
geschieht, eins ins andere und hielten ihn wert, wie es sich gebhrte.
    Da die Frau Jane Warwolf ihr Wort einlste und ihn ihrerseits in die groe
Welt einfhrte, gereichte ihm sehr zum Vorteil. Die Frau Jane kannte die groe
und die kleine Welt, und viele der Mitschler des Junkers beneideten ihn nicht
wenig um diese Bekanntschaft und Freundschaft, obgleich er auch viel Hohn und
Spott darum zu leiden hatte. Der Oberlehrer Krummholz, bei welchem dem Junker
auer der krperlichen auch noch einige geistige Pflege kontraktlich ausgemacht
worden war und der beim ersten Auftreten der wrdigen Frau ziemlich bedenklich
dreinsah, hatte bald nichts mehr gegen ihre Besuche einzuwenden und trat sogar,
im Laufe der Zeit, selbst in ein freundschaftliches Verhltnis zu ihr.
    Als der Knabe in den Sommerferien zum erstenmal nach Haus zurckkehrte, fand
er sich in der schnsten Blte der Flegeljahre dem Faktum gegenber, das von
jetzt an die Farbe und den Lauf unseres Berichtes bestimmt. Und da er dasselbe
unbefangen hinnahm, ohne es in seiner ganzen Bedeutung zu verstehen und ohne
weiter darber nachzudenken, versteht sich wohl von selber. Er kam nach Haus und
fand die kleine Antonie Huler in das tiefste Vertrauen und die innigste
Zuneigung des Fruleins Adelaide von Saint-Trouin aufgenommen! - - - Die Sache
aber war in der Art zugegangen, da selbst der Chevalier und die gndige Frau,
obgleich sie in mancher stillen Stunde den Kopf darob schttelten und die Stirn
rieben, nicht einen einzigen wirklichen Grund zur Verwunderung auffinden
konnten.
    berreich an den schnsten Verheiungen war der Frhling am Fue der
Harzberge erschienen; und was der Frhling versprochen hatte, das erfllte der
Sommer im reichsten Mae. Wir haben bereits im vorigen Kapitel erzhlt, in
welcher Weise das Kind im Siechenhause die dstern wie die sonnenhellen Tage zu
benutzen wute und welche Schtze es von jedem Streifzug der alten Pflegemutter
heimbrachte; so voll von Blumen, Licht und Wohlduft war die elende Htte seit
Menschenaltern nicht gewesen! Mit rhrend listigen Sprngen folgte das Kind dem
leise lachenden Wandel der Natur, und keine Knospe konnte sich entfalten am
Bach, am Waldrande, im Gebsch und auf den Wiesen von Krodebeck, die es nicht
vorausahnte, im Traume sah und am Tag pflckte, am sie liebkosend der Greisin in
den Scho zu werfen.
    Alles freudige Leben des Jahres schien sich dichter an das alte verwahrloste
Haus zu drngen. ber den Zaun des Kirchhofs quollen die Blten der Holunder-und
Goldregenbsche auf das morsche Dach. Dem Efeu und dem wilden Wein lie sich
nicht wehren, und die Vgel sangen zu Scharen auf dem First, setzten sich auf
die Fensterbrstung und hpften vertrauter als je ber die Trschwelle.
    Es ist ein Wunder, wie schn es auf der Erde ist! sagte Hanne Allmann an
jedem neuen Morgen. Ach, ich habe nicht gewut, wie leid es einem ums Fortgehen
sein knne. Ja, das klingt im Sinn und flimmert vor den Augen und summt im Ohr;
- wt ich nur, was mir noch im Ohr poltert - das ist, als schaufelten sie die
ersten Schollen auf einen Sarg, als polterte ein Karren ber den Knppeldamm!
Ja, wre die Jane hier, die knnt ich fragen, denn sie hat manch ein gutes
Mittel gegen mancherlei Gebresten; aber den Ton knnt sie doch nicht bannen. Da
kommt das Kind aus der Schule mit den hellen Schweitropfen vor der Stirn. Es
sagt, und die Leute sagen, es sei ein heier Sommer; aber die alte Hanne
friert's bis tief in die Knochen. Freilich, die Jungen haben eine Sonne, und die
Alten haben eine, und es bleibt doch ein und dieselbe. Die Reichen haben ein
Leben, und die Armen haben ein Leben, und es ist doch ein und dasselbe; - o
wieviel hat der Mensch zu bedenken, wenn er so alt geworden ist wie ich und in
der letzten Stunde eine Hand einen Laden aufwirft wie in einer dunkeln Kammer!
Ach, die Sonne, die Sonne! Ich hab sie so lange, lange vor der Tr, und nun
ist's mir, als htt ich niemals darauf geachtet!
    Du, sagte das Kind, der Schulmeister hat gesagt, hier htten blinde
Heiden gewohnt, wo wir jetzt wohnen; blinde Heiden, arme Leute vor tausend
Jahren!
    Davon hab ich auch vernommen, aber es ist lange vor meiner Zeit gewesen.
    Und nachher haben groe Knige regiert, die hat man Kaiser genannt, und
Sachsen hat man sie genannt. So stehen sie aufgeschrieben. Sie haben ihre Burg
dort an den Bergen gehabt; aber sie haben bis nach Rom hinunter regiert. Das ist
ein Land, da ist immer Sommer.
    O Herrgott! seufzte die Alte.
    Jawohl! Und die Apfelsinen wachsen da. Die hab ich in Hamburg gesehen, aber
der Schullehrer wei nichts; wre Hennig hier, der sollte uns mehr von den
Kaisern und dem Rmerland und den Apfelsinen sagen.
    Tonie, ich bin gar nicht zur Schule gegangen. Das war zu meiner Zeit noch
nicht. Ich bin auch hier gesessen wie ein blinder Heide und wei von nichts. Ja,
die Jane Warwolf, die ist in der Welt herumgekommen, doch nicht bis in die
Sommerlnder, und die sagt, ich hab's gut gehabt! Gut gehabt! Und vielleicht
ist's so, wenn ich es nur recht verstnde. Ich verstehe nichts, und nun bist du
gekommen, mein Kind; das Jahr ist so schn, und ich hab eine so groe Freude und
eine so groe Angst; weit du denn, wie ich's meine?
    Ach ja! Das ist, wie wenn mir der gute Herr vom Hofe und das gndige
Frulein begegnen. Da habe ich auch Freude und Angst zugleich. Heute aber ist
mir das gndige Frulein allein begegnet und hat mich am Ohr gezogen. Da bin ich
ausgerissen, und deshalb bin ich so hei. Wenn ich dem guten Herrn begegne, will
ich's ihm klagen.
    O Himmel, tu das nicht, Kind! Hast du denn gar keine Furcht?
    Nein! Weshalb sollte ich mich frchten? fragte Antonie dagegen.
    Ich habe immer Furcht gehabt! Mein ganzes Leben lang.
    Jetzt bin ich bei dir; nun ist das andere alles vorbei. Hast du mich lieb?
Ich habe dich sehr lieb, deshalb frchte ich mich nicht; denn ich wei, wohin
ich laufen kann, wenn man mir nachspringt.
    Die Alte bedeckte die Augen mit beiden drren Hnden und sank kmmerlich in
sich zusammen. Sie vernahm das Poltern und Rollen deutlicher als je, und als sie
die Hnde sinken lie, murmelte sie schreckhaft:
    Tonie, und wenn ich jetzt auch fortginge?
    Das tust du nicht!
    Doch.
    Wohin?
    Hinaus - hinunter - fort - zu deiner Mutter!
    Nein, rief das Kind mit vollster, lachendster berzeugung, das tust du
nicht! ber dich sprechen sie lange nicht so schlimm im Dorfe wie ber meine
Mutter!
    Das seltsame Gesprch fand gegen Ende Mai statt; in den ersten Tagen des
Juni wurde Hanne Allmann von einer groen Schwche, verbunden mit leisem Fieber
und starker Schlafsucht, befallen, und schon am vierten Juni konnte sie sich
nicht mehr in der gewohnten Weise erheben, um fr sich und das Pflegekind den
kleinen Haushalt weiterzufhren.
    Nun htte es unter anderen Umstnden wieder lange Zeit whren knnen, ehe
das gute Dorf Krodebeck und selbst der Lauenhof von diesen Umstnden Kenntnis
erhalten htte; denn die Greisin war schon hufiger schwach und krank gewesen
und verlassen geblieben - man braucht eben nicht auf die Insel Juan Fernandez
verschlagen zu werden und dort das Nervenfieber bekommen, um solche Erfahrungen
zu machen. Die Frau Adelheid war ein sehr beschftigtes Weib, und den Herrn
Ritter von Glaubigern fhrte sein Spaziergang doch nicht immer unter dem Fenster
des Siechenhauses vorber. Ohne die Gegenwart des Kindes in der Htte wrde man
vielleicht auch diesmal die alte Frau wochenlang nicht an der Tr oder am
Fenster derselben vermit haben, und diesmal nicht, um ein vergngtes
Wiedersehen mit Hm und Ha und einigem bedchtigen Kopfschtteln zu feiern.
Diesmal wrde man zu groem Aufsehen und unter noch grerem Geschrei die Alte,
zur Mumie vertrocknet, auf ihrem Bett gefunden haben. Dann freilich wre das
ganze Dorf samt dem Lauenhof zum Besuch gekommen. Die gndige Frau wrde sich
arge Gewissensskrupel gemacht haben und der Herr Ritter von Glaubigern noch
rgere; aber der Vorsteher Klodenberg htte doch ziemlich gefat das kuriose
Ereignis zu Protokoll genommen und dieses an die zustehende Behrde abgeliefert.
    Sie hat's fast zu lange gemacht, htte ein wrdiger Gemeinderat
gesprochen. Da sollt dem Geduldigsten der Geduldfaden reien! - Nachher htte
der Pastor Buschmann den Sterbefall in sein Amtsregister eingetragen, um bei
Gelegenheit den Totenschein ausstellen zu knnen. Krodebeck htte nun auch
leider noch die Kosten des Begrbnisses zu tragen gehabt. Dann htte das
Siechenhaus zum erstenmal seit fnfzig Jahren leer gestanden, und die Geschichte
Hanne Allmanns wre regelrecht zu Ende gewesen, wenn nicht vielleicht Jane
Warwolf aus Httenrode auf einem Marsch durch Krodebeck einen boshaften Lrm und
dem Gemeinderat eine hliche Stunde gemacht htte. Vielleicht htte aber auch
Jane Warwolf sich nur fr eine stille Stunde in der leeren Htte hingesetzt, um
sich zum erstenmal seit langen Jahren recht auszuweinen. Das letztere wre wohl,
alles in allem genommen, das Passendere gewesen!
    Die alte Hanne sandte auch jetzt das Kind nicht selber zu den Freunden auf
dem Gutshofe. Sie hatte eine gewaltige Meinung von sich und hielt fast zuviel
auf das, was sich schickte; vielleicht war es aber auch nur der Instinkt des
lieben Viehes, der sie verhinderte, um Hlfe zu rufen; fr solch ein armes Tier
schickt es sich eben nur, bei keiner Gelegenheit, und selbst beim Sterben nicht,
einen unntigen Lrm zu machen.
    Also sagte Hanne Allmann zu Antonie Huler:
    Ich wei nicht, was das mit mir ist. Ich bin krank! Doch ich meine, so
wohlauf bin ich in meinem Leben nicht gewesen. Aufstehen kann ich nicht, um uns
die Suppe zu kochen; im Schrank liegt ein Brot fr dich und ein Beutel mit
trockenen Birnen im untern Fach. Einen Groschen hab ich auch in meiner
Kleidertasche; den such und lauf ins Dorf um Milch. Sag aber nichts von mir,
bring mir nur einen Krug voll frischen Wassers mit.
    Jaja, ich wei alles und bin mit allem zufrieden! rief Tonie und tat, wie
ihr geheien. Sie a das Brot und die gedrrten Birnen und trank die Milch; die
Pflegemutter aber trank das Wasser und fiel aus einem Schlaf in den andern. So
ging dieser Tag ganz gut vorbei; am Abend kroch das Kind ins Nest, und die Alte
und die Junge verschliefen die Nacht ganz ruhig. Am folgenden Morgen, also am
fnften Juni, war das Kind frh auf, allein Hanne Allmann schlief weiter; Tonie
wusch sich drauen vor dem Hause und kam glnzend zurck, half sich allein in
die Kleider, a den Rest des Brotes und trank jetzt ebenfalls Wasser. Die Alte
verlangte nicht mehr nach dem irdenen Kruge, sondern schlief weiter, schlief
immerzu, und das Kind sa den ganzen Tag hindurch still am Bette, sah dem Wege
der Sonne durch die Stube zu, sah sie am Abend weichen, hatte am Tage einen
Schutz vor den Gespenstern am Leben und Treiben auf der Landstrae, am Abend an
dem Singen der jungen Dorfleute und fing erst dann an, im Innersten sich
unbehaglich zu fhlen, als es wiederum in der vollen Dunkelheit in sein Bett
kroch, und diesmal recht hungrig. Aber es schlief wieder schnell genug ein,
schlief wiederum gesund und traumlos und erwachte erst, als die Sonne hell und
hoch am Himmel stand. Das war der sechste Juni.
    Die Sonne stand hoch und hell am Himmel; es war fast neun Uhr, als Tonie
aufrecht auf ihrem Strohsack sa, mit beiden Hnden sich fest aufsttzte und
nach der Pflegemutter hinbersah und horchte. Die Pflegemutter schnarchte; aber
auf sonderliche Art. Ihr Kopf lag zurckgebogen, und sie hatte die Augen halb
geffnet, doch sah man nur das Weie, und das war ganz schrecklich anzusehen.
    Mutter, Mutter! rief das Kind; aber es war die eigene Mutter, nach der es
nun in seiner pltzlichen, heftigen, zitternden Angst rief.
    Hanne Allmann antwortete auf den Ruf nicht.
    Nun stand Tonie auf bloen Fen neben dem Lager der Greisin und rief auch
sie leise mit Namen und streichelte ihr zitternd den drren Arm; Hanne Allmann
antwortete nicht und regte kein Glied. Rckwrtsschreitend im immer heftigeren
Entsetzen, zog sich das Kind, unverwandt den Blick auf das Bett heftend, gegen
die Tr, und als es dieselbe erreichte, ri es sie mit Macht auf, warf sie mit
einem erbrmlichen Schrei hinter sich wieder ins Schlo und strzte hinaus aus
dem Siechenhause von Krodebeck auf die sonnebeschienene Landstrae und lief, von
allen Schauern gejagt, dem Dorf und dem Gutshof zu. So kam der erste Schrecken,
den Hanne Allmann auf ihrem Lebenswege einem Wesen einjagte, vollstndig an das
unrechte.
    In dem chinesischen Pavillon auf der Terrasse des Gutsgartens aber sa
Frulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin, den schnen Morgen und
Gressets Vert-Vert genieend. Sie sah entsetzt das Kind der schnen Marie
nackt, im bloen Hemde, mit aufgelstem Haar und vorgestreckten Hnden
heranstrzen; sie sah es am Fue der Treppe, die von der Terrasse auf den
Fahrweg hinunterfhrte, zusammensinken; sie beugte sich ber die Brstung der
Mauer und rief hinab:
    Mdchen, was soll das? Wie siehst du aus? Schme dich! Steh auf, geh
fort!... Du bses Kind, welch eine Unanstndigkeit! Soll ich hinunterkommen und
dir Beine machen?
    Und sie kam, als das Kind sich nicht aus dem Staube der Heerstrae erhob,
wirklich herunter, langsam - grimmig-ernsthaft - ganz Porphyrogenneta, im Purpur
Geborene, und wurde fnf Minuten spter von dem Ritter von Glaubigern in dem
chinesischen Lusthause gefunden, das Haupt Antoniens im Scho und ihr energisch
die Schlfen mit Klnischem Wasser reibend.
    In dem nmlichen Augenblick erwachte das Kind und rief wimmernd:
    Ich bin so sehr hungrig und - zu Hause - ist - ein Gespenst! Ich wei mir
nicht zu helfen!

                              Sechzehntes Kapitel


Herr Chevalier, hatte dann das Frulein gesagt, zum erstenmal seit ziemlich
langer Zeit wieder einmal das Wort an den Leutnant richtend, Herr Chevalier, es
scheint mit diesem unglcklichen Geschpf etwas vor sich gegangen zu sein.
    In der Tat, mein Gndiges! hatte der Ritter erwidert und, ohne vorerst das
ihm widerfahrene Glck zu wrdigen, das Kind auf seinen eigenen braven Armen in
das Herrenhaus getragen. Adelaide, mit dem Vert-Vert in der einen Hand und dem
Eau-de-Cologne-Flschchen in der andern, war ihm, uerlich hchst unbewegt, auf
dem Fue gefolgt und hatte auch den ferneren Hlfsleistungen und Bemhungen um
das Kind nur von weitem durch die Lorgnette zugesehen. Ein wirres Zulaufen aus
allen Ecken, Gngen und Rumen des Lauenhofes war geschehen, die gndige Frau
hatte sich wie gewhnlich gro gezeigt, Tonie Huler hatte sich allmhlich ein
wenig erholt und klareren Bericht ber die Zustnde des Siechenhauses gegeben;
Frulein Adelaide von Saint-Trouin schien ihre Beteiligung an der Sache fr
vollkommen abgeschlossen zu halten.
    In eigener Person, doch nicht ohne die Begleitung des Ritters von
Glaubigern, hatte sich die Frau Adelheid auf den Weg zum Siechenhause gemacht.
Strkungsmittel, khlende Sfte, Delikatessen aller Art folgten im berflu. Der
Pastor Buschmann war unntigerweise gleichfalls von der Sachlage benachrichtigt
worden; Klodenberg war, begleitet von einem Mitgliede des Gemeinderats,
gekommen; nichts von dem traf ein, was htte eintreffen knnen! Hanne Allmann
starb, wohlversehen mit allen geistlichen und leiblichen Trstungen, unter den
Augen sowohl des Staates wie der Kirche und unter der fast allzu regen Teilnahme
der gesamten Bevlkerung von Krodebeck. Hanne Allmann erlangte aber ihr
Bewutsein nicht so weit wieder, um das alles genieen, empfinden und wrdigen
zu knnen; sie starb oder vielmehr sie schlief weiter und hinweg, und selbst der
gndigen Frau und dem guten Herrn von Glaubigern gelang es nicht, ihr noch einen
freundlichen Blick abzugewinnen. Eines Tages war sie gestorben; und als eine
Woche darauf Jane Warwolf durch das Dorf kam, erschrak sie sehr heftig, als sie
an das Fenster des Siechenhauses nach ihrer Art klopfte und niemand antwortete
und als sie die Tr verschlossen fand. Sie lie ihren Stab fallen und sah um
sich, blind und bla; sie griff mit beiden Hnden nach dem Kopfe und rief:
    Ist das wahr? Ist das wahr? Ist das mglich? Hanne, Hanne, mach auf! Reg
dich! Ich bin's, ich, ich, die Jane, die Jane! Hanne, Hanne Allmann, ich bin's.
Wir kennen einander lnger als fnfzig Jahre, und es soll, es soll nicht wahr
sein!
    Als alles Rufen und Pochen nichts geholfen hatte, war sie auf den Lauenhof
getaumelt, einer Betrunkenen gleich, und da sa sie dann auf der untersten Stufe
der Treppe, die unter das Vordach der Haustr fhrte, hatte das Gesicht, unter
der Schrze verborgen, auf die Knie gelegt, und um sie her im gedrngten Kreis
stand stumm und angstvoll das Hofvolk, unter welchem auch der Ritter, das
gndige Frulein, die gndige Frau und die kleine Antonie Huler nicht fehlten.
    Als sie zum erstenmal aufsah, sagten alle weiter nichts als: O Jane! oder
O Jane Warwolf!, und dann sagte sie:
    Ja - o Jane! Das ist zu schrecklich! Ich wei nicht, wie mir ist; aber
Hanne, Hanne Allmann, fnfzig Jahre, sechzig Jahre, und auf solche Weise vorbei!
Tr zu und Fenster zu, und alles vorbei, alles vorbei, als ob nie etwas gewesen
sei. Ja, guckt alle nur und seht betrbt - es hat sie kein Mensch gekannt und
liebgehabt wie ich, und ihr wutet alles und habt ihren armen Sarg gesehen, und
ich laufe drauen herum in der Welt, lustig und grimmig, immer lustig! Tr zu,
Fenster zu! Alles wie nichts, wie nichts! Keinem Knig kann's grausamer zumute
sein! O Herr von Glaubigern, was soll ich anfangen? Sagen Sie mir, was ich
anfangen soll?
    Da ist der Herr von Glaubigern nher zu dem armen alten Weib herangetreten,
hat ihr die Hand gegeben und sie sanft emporgezogen; der schlimmste Grobian auf
dem Lauenhof hat ihr hflich ihren schweren Tragkorb vom Buckel gehoben und die
gndige Frau smtliches Volk kurz an seine Geschfte geschickt. Der Chevalier
ist allein mit der alten Jane fortspaziert, hat sie zuerst in die Putzstube
derer von Lauen gefhrt, dann auf seine eigene Stube, sodann im Verlauf des
Tages nach dem Kirchhofe, hat auch einen Boten an den Gemeindevorsteher um den
Schlssel zum Siechenhause geschickt und hat am Abend, als die Sonne untergehen
und die Vagabundin unter keiner Bedingung auf dem Lauenhofe und in Krodebeck
bernachten wollte, sie auf den Weg gebracht, ihren Bergen zu.
    Die Sonne ist recht schn untergegangen und hat die zwei Alten auf der Hhe
des Weges freundlich genug bei ihrem Scheiden angeblickt.
    Glck auf, Herr von Glaubigern, rief da Jane Warwolf, ich will nie
vergessen, was Sie heute an mir getan haben! Sie haben recht in allen Dingen, so
altes Volk wie wir sollte wahrhaftig das Sterben leichter nehmen als das Leben;
wenn es nur nicht gegen die Natur wre! Das wei der liebe Gott, was fr eine
gottsjmmerliche Plage man an sich selber hat; die ganze brige Welt macht einem
nicht halb soviel zu schaffen. Ja, freilich wei ich es recht gut, da der
Herrgott auch aus Ihnen ein arm Tier gemacht hat; aber die Hnde will ich Ihnen
kssen fr Ihr tapferes liebes Herz, wenn Sie es verlangen. Und was die Hanne
Allmann anbelangt, so hat die es sicher jetzt gut; der langt niemand mehr mit
Krallen und Klauen in ihre Ruhe hinunter. Schn und zufrieden! sagte mein Vater,
wenn er die Klappe vor seinem Bergwerk schlo und die Einnahme auf fnf
Silbergroschen gestiegen war. Und was das Kind anbetrifft, so -
    Die Gndige hat nichts dagegen, da es auf dem Hofe bleibt unter der
speziellen Obhut der Mamsell Molkemeyer, die eine sehr respektable Dame ist.
Auch das gndige Frulein scheint glcklicherweise nichts dagegen zu haben, und
so brauchst du dir deswegen weiter keine Sorgen zu machen, Jane.
    Sehen Sie nach dem Rechten, so ist mir alles recht, Herr von Glaubigern. Es
wre mir um der Hanne willen lieb, wenn das Geschpf nicht verkme und
verwahrloste. Es hat der Alten gutgetan in ihren letzten Tagen, und das soll ihm
in alle Ewigkeit hinein vergolten werden; dafr wrde ich es im Notfall oben auf
meiner Kiepe durch die Welt tragen. Ja, die Hanne! Es ist nicht auszudenken, da
sie da unten liegt und da ich jetzt fortgehe und wei, da ich nicht mehr
anzuklopfen brauche an ihrem Fenster. Wren die alten Berge dort nicht, ich
glaube, das Himmelszelt fiele doch noch heut abend ber mich, so wenig trau ich
mich jetzt im flachen Land! Die ganze Welt ist anders geworden seit heute
morgen; wie ein gejagt Kind mu ich laufen, um zu meinen Bergen zu kommen. Und
der Tau fllt auch; kehren Sie um, Herr von Glaubigern; ich mu laufen - von
allen Seiten schreit das platte Land auf mich ein!
    Das wei ich leider wohl, da du wie blind und toll in die Nacht
hineinrennen wirst, rief der Chevalier. Jane, Jane, nimm dich zusammen und sei
ein vernnftig Weib!
    Wie blind und toll! Wie blind und toll! murmelte die Alte; dann wendete
sie sich pltzlich, rief mit lautem Schluchzen: Glck auf, Herr von
Glaubigern! und ging mit weiten, doch nicht wie sonst sicheren Schritten. Der
Chevalier hat noch lange Zeit gestanden und ihr nachgesehen, mit diesem Geschick
auch das seinige im Busen bewegend; denn auch ihm war es im Verlauf seines
langen und gar kmmerlichen Lebens sehr oft zumute gewesen, als schreie alles
Land rings um ihn her auf ihn ein! - -
    Hanne Allmann war begraben, und Tonie Huler hatte auf dem Lauenhofe ein
Unterkommen gefunden. Im Dorfe schwatzte man viel ber das letztere; aber
glcklicherweise brauchten die Leute, auf welche das Geschwtz hinausging, sich
am wenigsten darum zu kmmern. Mamsell Molkemeyer hatte die Kleine gern unter
ihre spezielle Aufsicht in der Milchkammer genommen, der Ritter behielt sie mit
dem grten Wohlwollen im Auge, die Gndige sah scharf, aber durchaus nicht
unfreundlich auf das arme, heimatlose Wesen, und das Gndige sah mit immer
seltsameren Blicken auf es.
    Das gndige Frulein hatte seit jenem Tage, an welchem es frs erste so
unwiderruflich mit dem Chevalier brach, aus seinem Leben eine Wste gemacht,
unbersehbar nach allen vier Himmelsgegenden hin, graufarbig, schwl und mit
Peccadillo als einzigem lebendem Wesen darin. Aber was am Ende war Peccadillo in
der Sahara? Ein schwrzlicher, hin und her hpfender Punkt auf einem
Riesenbettlaken! Er machte die Landschaft doch nur ungemtlicher, unbehaglicher!
Adelaide von Saint-Trouin fhlte zu gro, um die Lcke, welche der Junker Hennig
in ihrem Busen gelassen hatte, vollstndig durch ihren Schohund ausfllen zu
knnen; sie fhlte zu stolz, um ihrer Verlassenheit durch erhhte
Unliebenswrdigkeit am Busen eines Mannes Luft zu machen, den sie verworfen
hatte, sie fhlte sich auf Tonie Huler - reduziert, und man konnte gerade
nicht sagen, da die Existenz des Kindes dadurch im Anfang anmutiger gemacht
wurde.
    Die Zuneigung begann unter fortwhrendem Tadeln, Ohrzupfen und
In-den-Weg-Fahren. Die Tochter der schnen Marie lernte den Schatten, welchen
Byzanz auf Krodebeck und den Lauenhof warf, kennen, wie ihn Meister Hennig und
der Herr Ritter von Glaubigern kennengelernt hatten.
    Es ist ein Jammer; keine Katze spielt rger mit der Maus als das Gndige
mit der armen Kreatur! sagte die Mamsell Molkemeyer.
    Es sollte doch an der Mutter genug gehabt und getan haben! sagte die
gndige Frau.
    Der Ritter von Glaubigern sagte gar nichts; ein Schrei der berraschung aber
ging ber den Lauenhof, als an einem Sonntagmorgen Tonie Huler in einem
seidenen Rckchen erschien und zwischen Lachen und Weinen erzhlte, das gndige
Frulein habe sie auf ihr Zimmer gefhrt und ihr den Staat unter Verabreichung
von zwei tchtigen Ohrfeigen (auf jede Backe eine, sagte Tonie) angelegt.
    Es ist der Rest von einer alten Fahne ihrer Mutter! rief die gndige Frau.
Ich kenne es genau, von dem brigen hat sie vor Jahren der Marie eine Jacke
gemacht; - ach du himmlischer Vater, jetzt geht auch das liebe Leiden von neuem
an!
    Der Ritter von Glaubigern sagte gar nichts; aber er nahm das Kind ebenfalls
mit auf sein Zimmer und fing an, ihm in verschiedenen guten Dingen Unterricht zu
geben, jedoch ohne diesmal den Amos Comenius zu Hlfe zu nehmen. Da dieser
Eingriff des Chevaliers dem Frulein sehr krnkend erschien, mu jedermann
einsehen; - Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin holte ihrerseits die
Antonie auf ihr Zimmer, um die schlechten Einflsse so nachdrcklich und schnell
als mglich zu neutralisieren. Die gndige Frau schlug die Hnde ber dem Kopfe
zusammen; aber der Ritter rieb die seinigen sehr heiter aneinander und sprach:
    Frau Adelheid, diesmal gewinnen wir den Sieg auf der ganzen Linie. Dieses
Kind ist zu unser aller Segen auf den Hof gesendet worden, verlassen Sie sich
darauf. Und, Frau Adelheid, verlassen Sie sich auch auf mich; wir werden hier
ein Wunder erleben, wenn wir es erleben.
    Ich will es wnschen, lieber Alter, sagte die Gndige mit einem tiefen
Seufzer, aber, erinnern Sie sich, an der Marie wollte das Frlen gleichfalls
ein Wunder tun, und wir haben es erlebt, was daraus geworden ist.
    Auf meine Ehre, der Fall wird sich nicht wiederholen! rief der Chevalier
mit einem Nachdruck in Stimme und Gebrde, vor welchem selbst die Frau Adelheid
von Lauen betroffen zurckwich.
    Als der Junker Hennig zum erstenmal von der Schule heimkam, hatten die
Einwirkungen des Ritters und des Fruleins auf seine kleine Spielkameradin im
vollsten Mae begonnen. Mit seltsam vernderten Augen sah sie schon in eine neue
Welt, whrend der Meister Hennig, wie wir bemerkten, durchaus nichts
Verwunderungswrdiges in den neuen Zustnden fand. Er hatte wichtigere Dinge im
Kopfe und lebte ja noch in dem glcklichen Alter, in welchem man das
Auergewhnlichste als das Selbstverstndlichste nimmt und eigentlich nur dann
berrascht wird, wenn sich das Mirakelhafte in das ganz Gewhnliche, Alltgliche
auflst.
    Er trug nunmehr auch eine rote Mtze und kam munter in Begleitung des
Pastorenfranz auf dem Hgel an, von welchem man zuerst den spitzen Kirchturm von
Krodebeck zu Gesicht kriegt. Es war gegen Abend und der Marsch durch den heien
Sommertag ziemlich anstrengend gewesen; aber das Herz des wackeren Jungen war
leicht und vergngt genug, whrend das seines Begleiters mit etwas bnglichen
Gefhlen dem Vaterhause entgegenschlug. Das Sndenregister des Pastorenfranz,
auf welchem brigens die Unterlassungssnden am schrfsten hervortraten, war
diesmal nicht klein und der Arm des Herrn Pastors unter Umstnden nicht schwach.
Je mehr Hennig vorwrts trieb, desto trbseliger schritt sein Wandergeno
einher; je mehr Lust zum Jauchzen und Jubilieren der eine versprte, desto mehr
Neigung zum Heulen und Zhneklappern versprte der andere. Bedenkliche Visionen
von einem nicht in den Teichen Krodebecks gewachsenen gelben Rhrchen tanzten
vor seinen wsserigen Blicken, und er trug sehr schwer an seinem Ranzen, in
welchem auch der Bericht ber sein ethisches und intellektuelles Verhalten neben
der Notiz steckte, da man ihn, den Trger, keineswegs schon in der Oberquarta
brauchen knne und da man in Halberstadt wenig Hoffnung habe, ihn jemals -
wenigstens sicherlich nicht vor dem vierzigsten Lebensjahre - in ihr gebrauchen
zu knnen.
    Franz Buschmann begriff durchaus nicht, weshalb Hennig so eile, um nach Haus
zu kommen. Er erklrte, ihm liege nicht das geringste an dem albernen Dorf und
am liebsten wrde er auch jetzt noch umkehren, um auf jeder beliebigen wsten
Insel ein glcklicheres Dasein zu fhren und wenigstens dort seinen eigenen
Willen zu haben.
    So warfen beide Knaben recht lange Schatten ber die Felder, als sie an den
Rand jenes Gehlzes gelangten, in welches der Kobold aus dem Siechenhause vordem
den Junker zu so argem Schreck und rger des Fruleins von Saint-Trouin entfhrt
hatte, um ihm Reineke des Fuchses Wohnung zu Malepartus zu zeigen. Und siehe -
wer wandelte jetzt zuerst den heimkehrenden Shnen des Tals auf den Gefilden der
Heimat entgegen? Der Chevalier Karl Eustach von Glaubigern sowie Frulein
Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin! Und zwischen den beiden Alten schritt
Antonie Huler, die Tochter der schnen Marie, das Kind aus dem Siechenhause,
der Kobold aus dem Kuckelrucksholze, ganz zierlich und ohne die allergeringste
Koboldhaftigkeit einher, und alle drei freuten sich sehr der glcklichen
Begegnung, jedoch ohne auergewhnliche Ekstase. Das Frulein hatte einen Ersatz
fr die Bedrfnisse seines Herzens gefunden, und der Herr Ritter war zu
gescheit, um in diesem Augenblicke seine Genugtuung darber zu laut werden zu
lassen. Im Innern sang sein Herz freilich sehr, und zwar aus der tiefsten Tiefe
des Satzes vom zureichenden Grunde.
    Ganz zierlich reichte Tonie Huler dem Spielgesellen die Hand, sagte:
Guten Abend, Buschmann! und verkroch sich scheu hinter dem Ritter, welcher
beide Knaben auf die Schultern klopfte und sprach: Da seid ihr also wieder?
Sehr schn! Sehr erfreulich! Nun, ich hoffe, wir werden recht vergngte Wochen
miteinander verleben.
    Das hoffe ich auch, sprach das gndige Frulein. brigens, mein lieber
Hennig, ist Peccadillo seit deiner Abwesenheit nicht mehr daran gewhnt, am
Schwanz in die Hhe gehoben zu werden. Ich bitte dich dringend, dieses in
Zukunft zu unterlassen.
    Beschmt lie der Junker den Kter fallen. Mit zornigem Gebell verkroch sich
Peccadillo hinter seiner Herrin, und der Chevalier setzte nun doch alle Vorsicht
beiseite und rieb sich so befriedigt die Hnde, da ihn nur ein sehr
wohlmeinender Dmon vor groem Schaden und vielen Verdrielichkeiten bewahren
konnte.
    Im Triumph stieg jetzt die Gesellschaft zum Dorf hinunter. In diesem
Triumphzuge aber agierte der Pastorenfranz den gefesselten barbarischen Knig,
die Frstin Zenobia oder sonst eine jammergeschlagene antike Persnlichkeit
trefflichst durch hngende Lippen, gesenktes Haupt, schwankenden Fu und
verstockt trotzig-wtigen Blick, und zwar ohne den geringsten Kunstaufwand. Der
Empfang auf dem Lauenhofe entsprach dann freilich nicht ganz der Feierlichkeit
des Moments. Die gndige Frau bezeigte nicht die mindeste Lust, dem
heimkehrenden Sohne einen Lorbeerkranz auf die Stirn zu drcken. Im Gegenteil,
sie fuhr, ohne sich im mindesten gerhrt oder begeistert zu zeigen, in ihrer
Arbeit, nmlich im Brotkneten, fort, reichte dem Sohne nur einen mit Mehl und
Teig bedeckten Finger und sagte:
    So, da bist du also wieder, Junge! Na, da wird die ruhige Zeit wohl wieder
frs erste zu Ende sein. Na, 's ist gut marsch hinein, und la dir von der
Mamsell Molkemeyer ein Butterbrot geben, nachher wollen wir eine Stunde frher
zu Nacht essen, da du doch merkst, da du zu Hause bist.
    Der Gru war doch auch rmisch und solide, und der Junker merkte es in der
Tat bald, da er zu Hause sei. Nur ein wenig ungewhnlich erschien es ihm, da
ihm die kleine Antonie Huler in die Speisekammer folgte; aber auch der Ritter
von Glaubigern und Frulein Adelaide gingen mit, und dieses hielt die Sache im
alten Gleichgewicht. Nach dem Abendessen in der Gartenlaube wurde der Ranzen des
jungen Scholaren einer genauen Prfung unterworfen, und der Chevalier nahm mit
groem Ernst und vieler Wrde die Zeugnisse der Halberstdter Scholarchen
entgegen, schttelte nicht wenig das Haupt und sprach zuletzt mit etwas
zgernder Wehmut:
    Es htte noch schlimmer ausfallen knnen!
    Auch der Koffer des Junkers langte noch am nmlichen Abend an und wurde
ebenfalls ausgepackt. Er enthielt den gelehrten Apparat sowie die Wsche und
Kleidungsstcke des Meister Hennig und gab Anla zu einer heftigern Szene, und
zwar zwischen dem gndigen Frulein und dem heimgekehrten jugendlichen
Ungeheuer.
    Zu dem gelehrten Apparat gehrten natrlich auch die blauen Hefte des
Knaben, und in dem ersten derselben, welches der Chevalire in die Hnde fiel,
fand sie auf der ersten Seite eine ausgezeichnet gelungene, aber sonst
keineswegs schmeichelhafte Federzeichnung, sie selber darstellend mit Peccadillo
unter dem Arm und ihrem Namen samt einigen bodenlos frechen Notizen ber ihren
Charakter, ihr Alter und ihren jungfrulichen Stand zu Fen.
    Mit einem Schrei der Entrstung lie Adelaide von Saint-Trouin dieses
schndliche, schndliche Pasquill aus den Hnden fallen, schauderte im Innersten
zusammen, brach mit einem nicht unbedeutenden Teil ihrer Vergangenheit, indem
sie sich erhob, ihrem frheren Liebling und Goldsohn die nachdrcklichste aller
Ohrfeigen versetzte und zu Bett ging, nachdem sie ihn einen Flegel ersten Ranges
geheien hatte.
    Nachdem hierauf auch der Junker, und zwar in ziemlich klglicher Stimmung,
zu Bett geschickt worden war sagte der Herr Ritter von Glaubigern nichts weiter
als: Sehen Sie wohl, Frau Adelheid!?, und die gndige Frau erwiderte mit sehr
munterer und befriedigter Miene:
    Jawohl sehe ich, alter Freund! Und da Sie wieder einmal recht gehabt
haben, sehe ich gleichfalls.
    Nun, so wollen wir auch das kleine Mdchen frs erste unter dem Schutze der
Mamsell Molkemeyer ruhig schlafen lassen.
    Jaja, so sind die alten Jungfern und Junggesellen! lchelte die Gndige.
Ohne ein Spielzeug trotz Mystax und Peccadillo geht's nun einmal nicht. Na, ich
mengeliere mich in nichts; - gute Nacht, Glaubigern.
    Der Chevalier erhob sich ebenfalls und kte der Frau von Lauen die Hand,
was er nur dann tat, wenn er mit ihr und sich in der Tiefe seines guten Herzens
so recht zufrieden war.
    Aus dem Pfarrhause hat man in dieser nmlichen stillen und milden
Sommernacht immer von neuem sich wiederholende, eigentmlich klatschende Tne,
vermischt mit einem immer von neuem beginnenden Zetergeschrei und Jammergeheul,
vernommen.

                              Siebzehntes Kapitel


Auch am nchsten Morgen schien die Sonne hell, und der Junker war frh aus den
Federn; denn so wie die Krodebecker Spatzen sangen die Spatzen vor dem Fenster
des Oberlehrers Krummholz zu Halberstadt doch nicht. Er fand sich sehr behaglich
in der Heimat, und mit ihm verzichten wir gern auf alle zarteren und innigeren
Gefhle und Empfindungen in dieser Hinsicht, haben dagegen mitzuteilen, wie er,
der Pastorenfranz und die kleine Tonie sich von neuem zusammenfanden und in
welcher Weise sie ihre Erfahrungen und Anschauungen gegeneinander austauschten.
Es geschah an dem nmlichen Tage, und zwar in dem bekannten Pavillon auf der
Terrasse an der Landstrae, wo das chinesische Dach einen erquicklichen Schatten
gegen die heie Mittagssonne gab und wo man doch auch die Welt, nmlich die
Dorfgasse, nicht gnzlich aus den Augen verlor.
    Franz Buschmann, welcher bei weitem die meisten Erfahrungen gesammelt zu
haben glaubte, ganz abgesehen von denen, welche er noch am vergangenen Abend zu
den brigen gelegt hatte - fhrte selbstverstndlich das groe Wort und war
gegen das Bettlerkind ausnehmend grob und unverschmt.
    So, Hennig, sprach er, da wren wir zwei mal wieder bei den Alten; und
wenn's auch kein Spa und Vergngen ist, so werde ich mir fr die lumpigen vier
Wochen nichts daraus machen. Na, gestern abend - uh - ja, es ging lustig bei uns
her; aber ich hatte mich darauf eingerichtet; - das ist abgeschttelt, und das
Schlimmste habe ich hinter mir, und jetzt heit es lustig! Die Alte war fast
noch giftiger als der Alte; aber sie sollen sich beide wundern - geschenkt wird
ihnen nichts, sie sollen noch Mund und Nase aufsperren: Die Rache ist s, und
ich will vergelten, spricht der Herr, sagte der Alte, und er soll es nicht
umsonst gesagt haben! Frs erste aber wollen wir uns es bequem machen; - du,
Zigeunermdchen, schieb mir die Bank unter die Fe; wir sind in den groen
Ferien, und da mu man sich von dem Drangsal erholen - uh!
    Ich bin kein Zigeunermdchen, und deine Magd bin ich gar nicht, Buschmann!
rief Tonie entrstet, trat jedoch vorsichtig einige Schritte zurck.
    Hi, guck einer die Hexe! Sag mal, du, was willst du denn eigentlich hier?
Wie kommst du eigentlich hierher? Weit du nicht, wohin du gehrst? Mach dich
ntzlich und angenehm - auf der Stelle pariere oder scher dich dahinunter auf
die Strae. Dahin gehrst du; denn da bist du hergekommen.
    Sei still, Franz! Das brauchst du nicht zu sagen! rief Hennig mehr
verlegen als rgerlich; trotz seiner Tlpelhaftigkeit sah er dem Kinde an den
Augen an, da in der Seele desselben mehr vorging, als der Pastorenfranz
vermutete.
    Vieh! rief Tonie Huler, fest und lange dem Angreifer in das Angesicht
blickend. Du bist der richtige Buschmann - der Buschmann aus Afrika!... Du, du,
o du - was habe ich dir zuleid getan?
    Sie lie die geballten Hnde sinken und wendete sich laut weinend zu dem
Junker:
    Weit du es nicht, weshalb ich hier bin, Hennig? Es ist, weil der schlechte
Buschmann recht hat; weil ich auf die Landstrae gehre, weil niemand mich haben
will, seit die Mutter Allmann gestorben ist. Weil niemand mich haben will,
deshalb darf ich hier sein; die gndige Frau will es, das gndige Frulein will
es, und der Herr Ritter will es erst recht! Was kmmert es dich, Franz, da man
mich gut und gescheit machen will? Dich kmmert's nicht; aber die Buschmnner
nennt man auch Botokuden, und solch einer steht in deinem Buch, Hennig, und
solch einer bist du, Franz Buschmann!
    Frag im Dorf und frag den Schullehrer und frag meinen Vater und meine
Mutter, wer du bist; man wird dir sagen, wer du bist! schrie der Knabe, die
Faust dem Kinde unter die Nase haltend.
    Und es rgert dich, da ich auf meine Nester und Eier und flgge Brut im
Walde Achtung gegeben habe, wenn du zu Haus warst! lachte durch ihre Trnen das
kleine Mdchen. Nicht eine Feder hast du mir nehmen drfen!
    Der Pastorenfranz lachte auch, aber zeigte zugleich doch die Zhne, denn
diese Erinnerung schien ihn mehr als alles brige zu erbosen.
    Kusch, kusch, Katz!... Katz! Katz! Fort die Katz! rief er, nach der
Gegnerin schlagend; aber jetzt hielt ihn Hennig und rief weinerlich:
    Buschmann, jetzt gib Ruhe! Franz, ich werfe dich von der Mauer, wenn du
nicht still bist! La die Tonie; ich leid's nicht, da du sie anfassest und
schimpfst! Es soll sie niemand schimpfen, sie gehrt auf den Hof und zu uns,
denn der Herr Ritter hat sie lieb, das hab ich gleich gewut, und fr den Herrn
Leutnant steh ich auf gegen Russen und Franzosen und alle wilden Vlkerschaften
aus dem kleinen und groen Roon!
    Und eine Zigeunerin und eine Katze ist sie doch, und um den Ritter, den
armen Ritter kmmere ich mich keinen Pfifferling, und jetzt fliegt sie grad die
Trepp hinunter. Fort, kusch, fort, Katz, Katz, Katz!
    Er war auf das den Kopf angstvoll mit den Hnden schtzende Mdchen
zugesprungen, und Hennig sprang eben gleichfalls zu und fate ihn am Haarbusch,
als sich dem erbosten ersten Angreifer eine drre, aber sehr weie und zugleich
recht krftige Hand auf die Schulter legte und der Herr Chevalier von Glaubigern
ruhig sagte:
    Ei ei mein Shnlein gemach! gemach! Welche unntige, welche gewaltttige
Aufregung? Es hat nie als Sitte gegolten, den Damen solche Worte ins Gesicht zu
sagen oder sie gar durch Ttlichkeiten zu beleidigen; und auf dem Lauenhofe war
es nie Sitte.
    Nun bertrieb der Ritter hier freilich ein wenig; denn Frau Adelheid von
Lauen war imstande, bei passenden Gelegenheiten den ihr untergebenen Damen noch
ganz andere Titulaturen zu verleihen, ja sie sogar mit bewaffneter oder
unbewaffneter Hand ohne weiteres krperlich anzugreifen; allein die pltzliche
Anrede und der Ton des Leutnants machten dessenungeachtet einen bedeutenden
Eindruck auf den rohen Snder, zumal da der Redner noch nicht fertig war,
sondern fortfuhr:
    Was aber dieses hier gegenwrtige Frulein anbetrifft, so verbitte ich mir
dringendst alle weiteren und ferneren Brutalitten gegen es. Ich wrde jeder
fernerweitigen Roheit, auch Lmmelhaftigkeit in Ausdruck und Gebrde gegenber
die ntigen und durchgreifendsten Maregeln zu treffen wissen, was man sich
hinter die Ohren schreiben mge. Anjetzo marsch nach Hause, du Schlingel - mit
dem Herrn Vater werde ich die ntige Rcksprache nehmen, auch der Frau Mutter
eine freundliche Bitte vorzutragen mir erlauben. Marsch - marsch!
    Das gegenwrtige Frulein kte auf dieses hin dem alten Kavalier zrtlichst
die Hand; Herr Franz Buschmann jedoch zog die Schultern bedenklich in die Hhe
und schlich auf eine Weise davon, die mit dem Rckzuge der zehntausend Griechen
oder sonst einem tapfern und berhmten Rckzuge nicht die mindeste hnlichkeit
hatte. Unser Freund Hennig zog das dmmste Schulbubengesicht, welches jemals
seit dem Sndenfall, dem wir bekanntlich jegliche Erkenntnis zu danken haben,
geschnitten wurde. Er hatte erkannt, da unter Umstnden kein Mensch, auch der
beste Kamerad, auch der Pastorenfranz nicht, zum Leben und Gedeihen
unentbehrlich sei; doch war er weit davon entfernt, alle Folgerungen dieser
uralten, urewigen Wahrheit, dieses alleinigen Grundrechtes, durch welches sich
die Menschheit vor dem Menschen rettet, zu ziehen. Das letztere ist eine ganz
allgemeine Bemerkung, mit welcher auch wir uns wieder in das Allgemeinere
erheben.
    Nur schandenhalber kmmerten sich der Chevalier und das Frulein um die
Bildungsfortschritte ihres frhern Zglings.
    Es kann uns gengen, da er im rechten Fahrwasser ist, sagte der Ritter zu
der gndigen Frau; was Auerordentliches wird doch nicht aus ihm; aber ein
braver Kerl ist er geblieben, und solches ist die Hauptsache. Da der Comenius
einige Heiterkeit bei den Halberstdter Herren erregt hat, verberge ich mir
keineswegs, also - legen wir ihn ad acta; ich schmeichle mir doch, da er seine
guten Dienste leistete.
    Ich wte nicht, vor welchem Schulmeister ich grern Respekt als vor dem
alten schweinsledernen Burschen htte. Ich habe ihn immer mit Ehrfurcht auf dem
Tische liegen sehen, meinte die Frau Adelheid, und der Ritter schob lchelnd
die Mtze von einem Ohr aufs andere.
    Jaja, es ist ein gefhrlich Ding! sagte er. Ich und der Hennig haben
unsere liebe Not mit ihm gehabt; nun aber soll ihm seine Ruhe im Winkel von
Herzen gegnnt sein.
    Sie glaubten alle auf dem Lauenhofe ihre eigenen Wege fr sich zu haben, und
nur selten ging ihnen eine Ahnung davon auf, wie sie sich smtlich im Kreise
bewegten und wie ihre Wege sich schnitten und stets von neuem dicht
nebeneinander herliefen. Der Frau Adelheid war dieser Sachverhalt noch am
klarsten, und sie unterlie es nicht, sich gegen die Vertraute ihrer Seele, die
Mamsell Molkemeyer, darber auszusprechen.
    Merken Sie was, Mamsell? fragte sie. Ich merke was, und bald werden wir
alle noch mehr merken. Der Herr Ritter ist ein herzensguter Mann; er ist fast zu
gut fr diese Welt; aber ohne ein Spielzeug kann er ebensowenig leben wie das
Frlen. Merken Sie was, Mamsell? Sie haben eben nie genug an Mystax und
Peccadillo, und dazu bleiben sie merkwrdig jung, und die beiden guten Tierchen
werden allmhlich recht alt und viel zu faul und fett fr den muntern Verkehr.
Ich habe es gleich gemerkt, als das Kind auf den Hof kam, was wir erleben
wrden. Erst hat mein Junge herhalten mssen, und es hat mich oft konfus genug
gemacht - aber der ist ihnen nun ber den Kopf gewachsen; sie haben ihn als Kalb
am Bndchen auf die Weide gefhrt, und nun ist ihnen unter der Hand ein Ochse
daraus geworden - das macht sich immer so und ist nur fr den nicht kurios, der
nichts damit zu tun hat. Nun ist ihnen die Tonie wie vom Monde in den Scho
gefallen; nun haben sie die am Bande, und was daraus werden soll, das wei ich
nicht! Und ich gebe Ihnen mein Wort, Mamsell, ehe der Herbst ins Land steigt,
wird der Herr Ritter noch hitziger drber sein als das Frlen! Fr meinen Jungen
ist es mir lieb, da er drber weg ist; aber das Mdchen, das Mdchen!?... Ich
hatte es ja auch gut mit ihm im Sinn; aber anders! Es wird mir ganz schwl, wenn
ich dran denke, und ein Jammer ist es, Mamsell; denn was fr ein gesundes und
ntzliches und braves Leben htten wir dem Kinde im Molkenwesen zurechtgemacht,
wenn wir unsern Willen allein htten.
    Frau von Lauen, sprach die Mamsell, wenn ich an Ihrer Stelle wre, so
htte ich meinen Willen sicher allein.
    Und das zeigt, da Sie nichts davon verstehen, Molkemeyern, und da Sie mal
wieder wie eine Gans in den Tag hinein schnattern. Solange ich auf dem Lauenhofe
zu befehlen habe, so lange kann der Herr von Glaubigern darauf und damit tun und
lassen, was er will. Lieber wollt ich mir doch die Zunge abbeien, als dem
lieben Mann ein widrig Wrtchen sagen! Einen Mann wie einen Engel findet man
nicht alle Tage, und - Mamsell Molkemeyer, wenn ihn der liebe Gott, was er
selbst verhten mge, eines Tages zu sich riefe und der Herr Ritter bietet Ihnen
an, Ihre arme Seele in der Rocktasche mit hinaufzunehmen, so greifen Sie dreist
zu und zieren Sie sich nicht; eine solche gute Gelegenheit, die ewige Seligkeit
zu erlangen, finden Sie so bald nicht wieder.
    An einer andern Stelle lie sich die Gndige hnlich vernehmen.
    Jaja, Herr Pastor, Sie haben vollkommen recht, und Ihre liebe Frau hat
recht, und das Dorf soll auch recht haben; aber ich sehe wahrhaftig nicht ein,
wie es zu ndern wre. Sie sagen, es schicke sich nicht und es entstehe nur
Verdru und wer wei was alles draus; aber - knnen Sie es ndern? Ich kann's
nicht! Versetzen Sie sich in meine Lage, Herr Pastor. Das Frlen hat seinen Kopf
aufgesetzt, mehr denn je, und was das bedeutet, wissen Sie ebensogut wie ich. Es
meint, da die Welt doch auseinanderginge, so sei's das vornehmste und nobelste,
man stelle sich wieder auf Adams Standpunkt und nehme jegliches Tierchen, wie es
sich produziere. Und wissen Sie, der Herr von Glaubigern hat es daraufhin gro
angesehen und hat ihm nachher, als es vom Tisch aufstand, ganz fein und
ehrerbietig die Hand geboten und die Tr geffnet mit einer Verbeugung, und
nachher hat er mir gesagt, entweder gehe die Welt wirklich unter, oder das
gndige Frulein sei noch von keinem Menschen recht gewrdigt worden. Der Herr
von Glaubigern hat sich ganz auf die Seite des gndigen Fruleins gestellt, und
dagegen ist nichts zu machen. Wozu sich brigens das Dorf eigentlich in diese
Geschichte mischt, sehe ich gar nicht ein. Von Ihnen, Herr Pastor, und Ihrer
lieben Frau rede ich natrlich nicht; aber die andern Maulaffen sollen mir nur
kommen, ich werde sie gehrig heimzuschicken wissen. In den alten Schriften und
Chroniken steht freilich nichts davon, da die Herren von Lauen jemals das Kind
einer Vagabundin an ihren Tisch aufgenommen haben; aber das kann doch den
Krodebeckern unmenschlich gleichgltig sein. Jetzt bin ich da und der Herr
Leutnant von Glaubigern und Frulein Adelaide von Saint-Trouin, die eine so
vornehme Dame ist, wie die Welt und der alte Blocksberg da sie noch gar nicht
gesehen haben, und was ich der alten Hanne Allmann versprochen habe, das ist mir
auch noch hell im Gedchtnis, und somit, Herr Pastor, wenn wir, die alte Hanne
mitgerechnet, nichts gegen die Tonie Huler einzuwenden haben, so mchte ich
den sehen, der mir mit seinem Wenn und Aber das Leben noch saurer machen wollte,
als es mir schon so zuweilen ist. Sie kommen doch heut abend mit den lieben
Ihrigen, Herr Pastor? Wir haben einen Puter mit Johannisbeeren und nachher eine
Schssel recht schner Krebse!
    Selbstverstndlich kam der Herr Pastor samt der Frau Gemahlin und dem
trefflichen Herrn Sohn, Ihnen gegenber zwischen dem Chevalier und dem Frulein
von Saint-Trouin sa Antonie Huler, und so konnte denn noch spterhin an
demselben Abend Frau Adelheid ihr gutes Herz gegen ihre Vertraute in der Kche
ausschtten:
    Jetzt lt sich wirklich nichts mehr ndern, Mamsell Molkemeyer. Ein
sonderbares Ding ist es; aber wenn ich wirklich einen Trost gebraucht htte, so
htte mir das Gesicht der Buschmann denselben verliehen. Ich glaube, heut nacht
lach ich mich in den Schlaf; aber wissen mcht ich wohl, was mein Seliger dazu
sagen wrde. Gott sei Dank, der Herr Ritter bernimmt die Verantwortung! Sieh,
bist du auch einmal wieder da, Jane Warwolf? Du hast dich ja lange nicht sehen
lassen auf dem Hofe.
    Ja, Fraue, ich bin wieder einmal da, sagte die Greisin, von ihrem Sitz
neben dem Herde sich erhebend. Ich bin gekommen, um nach der Erbschaft der
Hanne zu sehen; da nehmt meine Hand, Fraue von Lauen; Ihr seid ein stolz, brav
Weib und sollt Euch nicht blo in den Schlaf, sondern auch in den Tod lachen.
Eure Sterbestunde soll Euch so leicht werden, als Ihr mit Eurem guten Herzen das
Leben den Menschen macht. Fraue, Ihr seid eine stolze Frau, und es ist eine
Ehre, Euch liebzuhaben. - -
    Wie gut es ist, da sich dann und wann durch Menschenkraft nicht ndern
lt, was man gern anders haben mchte! Wenn Tonie Huler wie aus dem blauen
Himmel auf den Lauenhof herabgefallen war, so brachte sie auch alle Schnheit
und Freundlichkeit ihrer Heimat als Gastgeschenk mit herab, und der Lauenhof
hatte nicht nur groen Nutzen, sondern auch viel Vergngen davon. Hier war nun
in der Tat das richtige Bildungsobjekt fr den Chevalier und das Frulein von
Saint-Trouin, und auch das Sonderbarste und Verschrobenste, welches bei allem,
was die beiden Alten zu geben hatten, mit unterlief, konnte hier keinen Schaden
stiften; wovon im nchsten Kapitel weiter die Rede sein wird. Jegliches Krnlein
der Weisheit und Courtoisie, welches der Ritter und das Frulein ausstreuten,
fiel auf den besten Boden und ging sehr lieblich auf. Zu der Zierlichkeit der
krperlichen Erscheinung des Kindes fgte sich von Tag zu Tage wundervoller eine
unbeschreibliche Zartheit des Gemtes; und die groen dunkeln Augen, die vor
kurzem noch so wild und scheu in das Erdengewirr hineinfunkelten, leuchteten
jetzt in einem Lichte, welches selbst den Rohesten betroffen machen und anmuten
mute. Frher als bei andern Kindern entwickelte sich bei Antonie Huler eine
gewisse Jungfrulichkeit, welche die Herzen aller gewann und die Frau Adelheid
immer mehr in ihrer berzeugung bestrkte, da sich nicht das geringste mehr an
den neuen Zustnden des Lauenhofes ndern lasse.
    In dem Siechenhause von Krodebeck hatte Tonie vollkommen die Erziehung
erhalten, welche die guten Feen ihren Lieblingsschtzlingen in der Einsamkeit
und Wildnis angedeihen lassen; gewissermaen wurde diese Erziehung auf dem
Lauenhofe fortgesetzt, und seltsamerweise versprte auch der Junker jetzt einen
wohlttigen Einflu davon. Was frher in anima vili nur komisch, verdrielich
oder gar bengstigend auf ihn gewirkt hatte, das kam jetzt durch ein Medium,
durch das, was man in der Naturlehre einen Lichtleiter nennen wrde, in gnzlich
vernderter Beleuchtung und Bedeutung an ihn, und manches wurde ihm nunmehr
hchst interessant, um was er frher sogar seinen besten Freund, den Herrn
Leutnant von Glaubigern, in den tiefsten Abgrund der bekannten Hlle des
westflischen Adels verwnschte, whrend er sich zu gleicher Zeit recht anmutig
ausmalte, wie er Frulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin als
konstantinopolitanische Stechfliege zwischen
    dem Deckel und Titelblatt des Amos Comenius fing und sie grausam
zerquetschte.
    Jedenfalls ging der Junker schon aus seinen ersten Ferien nicht dummer nach
Halberstadt zurck, obgleich seine Faulheit nichts zu wnschen briggelassen
hatte und er mit den eigentlich exakten Wissenschaften sehr im Rckstande
geblieben war. Dagegen war der Pastorenfranz diesmal fast bermenschlich fleiig
gewesen; denn der Herr Papa hatte ihn kaum aus der physischen und moralischen
Klemme freigelassen. Der Charakter des Knaben hatte jedoch nicht dadurch
gewonnen; Franz Buschmann trug zu schwer an der Brde seiner unfreiwilligen
Gelehrsamkeit. Mrrisch, verdrossen und boshaft, ein Feind der Gtter und der
Menschen, zog er von neuem mit dem Schulgenossen von Krodebeck ab, dem einstigen
Wohnsitz des guten alten Vater Gleim zu. Da er Theologie studieren werde, stand
nach wiederholten Familienberatungen fest. Weshalb auch nicht?

                              Achtzehntes Kapitel


Sechs Jahre hintereinander kam Hennig von Lauen viermal jhrlich, nmlich zu
Weihnachten, Ostern, Pfingsten und in der Erntezeit, heim von der Schule zu
Halberstadt nach Krodebeck ohne da sich whrend dieser Periode etwas anderes
Verwunderungswrdiges zugetragen htte als das ewige groe Wunder, da alle
Dinge, lebendige und tote, lter werden und die Welt doch jung und gesund
bleibt. Da er das an sich selber nicht merkte, war kein Wunder, sondern ein
Glck der Jugend; in dieser Hinsicht fhlt das Alter feiner und klammert sich um
so fester an der Erde ewig junge Schnheit.
    Der Chevalier und Frulein Adelaide bemerkten sicher das Winken des
fleischlosen Fingers, den eiskalten Hauch, der sie dann und wann aus dem
grnsten Walde, von der sonnigsten, blumigsten Wiese anwehte; auch in den
braunen Flechten der gndigen Frau zeigten sich silberweie Streifen, und nur
Jane Warwolf aus Httenrode trat unverndert einher, als ob die Zeit ber sie
keine Macht habe. Die Grber von Hanne Allmann und der schnen Marie auf dem
Kirchhofe des Dorfes wurden von Gras und Gebsch berwuchert, sanken ein und
verschwanden aus dem Gedchtnis der Leute wie die Grber berhmterer Leute, die
soeben hie und da von ratlosen Komitees im Schweie des Angesichts gesucht
wurden, da allmhlich die Zeit der Bronze fr die erlauchten Toten gekommen war.
    Da nun weder Hanne Allmann noch die schne Marie zu den erlauchten Toten zu
rechnen waren, so wre nicht abzusehen, weshalb gerade ihretwegen, und noch dazu
so bald nach ihrem Abscheiden, ein Ausschu sollte zusammengetreten sein, um
ihre Ruhesttten in Ordnung zu halten; es besorgte das doch Jane Warwolf so gut
als mglich. Diese passierte nie das Dorf Krodebeck, ohne ein Viertelstndchen
auf einem der beiden Hgel auszuruhen und mit ihren harten Hnden und ihrem
Wanderstabe unter die Nesseln und Ranken zu fahren. Glitt doch auch Antonie wohl
im Abendnebel daran vorber oder stand daneben einen Augenblick still, um eine
Rosenknospe oder einen Strau Waldblumen darauf zu werfen, ehe sie wieder hinter
den Hecken des Lauenhofes verschwand! Sie aber stand jetzt glcklicherweise zu
reich beschattet und umduftet von den Bltenzweigen ihres kurzen Lebens, um mehr
als einen flchtigen Augenblick stillen, aber nicht schmerzvollen Traumes fr
die trbe, ngstliche, verworrene Vergangenheit brig zu haben.
    Denn als die Zeit gekommen war - wie denn fr alles Gute und alles Bse
einmal das Siegel von den Augen, Ohren und Lippen der Welt fallen mu! -, da
staunten alle Leute, was fr ein schnes Mdchen aus dieser Antonie Huler
geworden sei, und selbst die belwollenden, deren nicht wenig waren, muten
zugeben, da Krodebeck augenblicklich sonst nichts dergleichen aufzuweisen habe.
Die, welche sich ihrer Mutter in deren vollster Pracht noch erinnerten,
behaupteten freilich, die Marie Huler sei noch schner gewesen, allein da
fragte es sich denn doch, ob solches mglich sei; und die, welche die schne
Marie nicht gekannt hatten, mochten mit vollem Rechte behaupten, es sei nicht
mglich. Aber auch noch nie hatte eine junge Dirne des Ortes unter solcher
scharfen Aufsicht des Dorfes gestanden als dieser Schtzling des Lauenhofes.
berall, berallhin folgten ihr die Seitenblicke und das Geflster und das leise
Lachen hinter vorgehaltener Hand, und aus welchem Blut und Zustand sie stammte,
das merkte man klar an ihrem scheuen Wesen, das niemandem gerade ins Gesicht zu
blicken sich getraute, an ihrem bsen Gewissen, das jedermann aus dem Wege wich,
und vor allen Dingen an der kuriosen Hartnckigkeit, mit der sie an der anderen
Vagabundin, der Jane Warwolf, trotz ihrem nrrischen, unverdienten und
unverschmten Glcke festhielt. Wenn man alles recht bedachte, so war dieses
Mdchen trotz seinem hbschen Gesicht und schlanken Wuchs doch nur eine Schande
fr die Gemeinde und alle ordentlichen Leute. An das aber, was fr den Lauenhof
aus dieser Grille der beiden alten Fratzen, nmlich des Herrn Leutnants und des
franzsischen Fruleins, entstehen mute, mochte man gar nicht denken. Da das
Frulein lngst fr das Tollhaus reif sei, habe man freilich schon gewut; aber
dem Herrn von Glaubigern habe man doch mehr Verstand und Einsicht zugetraut. Da
die gndige Frau es sich bieten lasse, sei kurzweg unbegreiflich; ja die sei
sogar die Verblendetste, der Pastor Buschmann habe das zu seinem Schaden und
tiefen Kummer erfahren, als er seine Pflicht getan und, wie es sich schicke,
geredet habe; der mische sich nicht mehr darein, sowenig als irgendein anderer
in Krodebeck, und man knne es ihm nicht verdenken.
    So war es in der Tat! - Tonie Huler behielt eine tiefe, unauslschliche
Neigung zur Jane Warwolf und allem, was mit ihr, ihrem Leben, Wesen, Wandern und
Treiben zusammenhing. Die gute Frau konnte nicht kommen, ohne da Tonie, gleich
als habe sie eine Ahnung ihres Nahens, sie auf einem Stein an der Landstrae
oder im Walde erwartete; sie konnte nicht gehen, ohne da das junge Mdchen sie
stundenweit, sei es auf ihrem Wege gegen die Harzberge oder in das flache Land
hinein, begleitete. Wenn sie nach ihrer Gewohnheit den Wanderstab fr eine Nacht
auf dem Lauenhofe in die Ecke setzte, so war Tonie Huler ihre treueste
Genossin und aufmerksamste Zuhrerin. Und alles dieses war leider Gottes der
einzige Kummer, der noch dazu zum grten Teil nur der Kummer der Eifersucht
war, welchen das Kind dem Frulein Adelaide von Saint-Trouin und allen seinen
hohen Ahnen bis zu Johann von Brienne, dem Frsten von Tyrus und Kaiser von
Konstantinopel, hinauf bereitete. Und noch dazu hatte das Dorf Krodebeck nicht
einmal die Gewiheit, da sich der Papst Honorius der Dritte darber im Grabe
umwende!
    Auer dieser Hinneigung zum Gemeinen fand das gndige Frulein nichts an
Antonie Huler auszusetzen. Das Schicksal rchte die schne Marie durch ihr
Kind vollstndig an der alten Feindin und Verderberin, und zwar in einer Weise,
deren es sich viel hufiger bedient, als man gewhnlich glaubt. Das gndige
Frulein unterlag den eigenen Maximen, Ansichten und Lehren, indem die Schlerin
mit denselben und durch dieselben hoch ber die Lehrerin sich erhob und sie
zwang, verwirrt, beschmt und zweifelnd vor dem Wunder, das sie als ein Werkzeug
in mchtigerer Hand hervorgerufen hatte, dazustehen. Was bei Adelaide von
Saint-Trouin als beklagenswerte oder lcherliche Verzerrung auftrat, das
erschien in Antonie Huler als sester Reiz; was bei dem Frulein ein
krankhaftes, kindisch unverstndiges Abzappeln aus einem unbegriffenen Zustande
nach dem anderen war, das wurde in Tonie zu dem stillen, tiefverborgenen
Heimweh, der melancholischen Sehnsucht nach Ruhe und Licht, die allein nur, und
auch nur in vereinzelten Momenten, das Reich der Ruhe und des Lichtes in der
Seele des Menschen aufbaut.
    Diesmal hatte der Ritter von Glaubigern recht seine Freude an den
pdagogischen Siegen seiner alten Freundin. Da gab es kein Achselzucken und
Kopfschtteln mehr; sein Behagen stieg von Tag zu Tag, der Comenius verstaubte
im Winkel, und mit lustig ausgebreiteten Fittichen folgte der Chevalier den
seltsamsten Flgen der Chevalire.
    Jetzt sind sie beide nrrisch! O mein Himmel, mu ich das noch an dem
Alten, an dem Leutnant erleben! rief die gndige Frau. Unter den Hnden ist er
mir toll geworden, und am Ende hab ich noch gar meine Freude daran; denn da
mte man ja blind sein, um nicht zu sehen, wie wohl ihm bei seiner Narrheit
zumute ist. -
    Die Frau Adelheid hatte nie in ihrem Leben in irgendeiner Behauptung so
vollkommen recht gehabt wie hier. Der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern war
nicht nur rein verrckt in seinen Beziehungen zu der Erbschaft der Hanne Allmann
aus dem Krodebecker Armenhause, sondern es war ihm wirklich wohl in seiner
Verrcktheit. Ihm war nie whrend seines Lebens so wohl zumute gewesen.
    Wir wissen, da er ein armer Mann war, da er gleich dem Frulein von
Saint-Trouin in Abhngigkeit von dem Vermgen und Wohlwollen anderer, wenn auch
anstndiger Menschen auf dem Lauenhofe wohnte. Da der Lauenhof ohne ihn
durchaus nicht zu denken war, da er, der Ritter, bei weitem mehr gab, als er
empfing, und da die gndige Frau in allen Stcken ihn gern, willig und meistens
mit Trnen der Rhrung in den Augen als ihren Herrn und Meister anerkannte,
nderte hieran nichts.
    Wir wissen auch bereits, da er ein sonderbarer Mann war, der sich mhselig
an der Welt abqulte und in stiller, ununterbrochener Arbeit auf eigentmlichen
Umwegen ihren Geheimnissen beizukommen strebte. Er hatte nicht nur die Frau
Adelheid und den Junker Hennig, sondern auch sich selber erzogen, und an dem
letztern Gegenstande putzte, zog, schnitzelte und schabte er noch immer
ununterbrochen herum. Es war ein groer Pdagog an ihm verlorengegangen, aber
ein fast noch grerer Philosoph gewonnen worden, und das war kein Wunder, da
er im Verlauf seines Lebens manchen bittern Kern aus der Hlse abgegriffener,
ganz behaglicher Gemeinpltze lste. Nicht wie andere Erdgeborene begngte er
sich damit, zu seufzen: Es ist ein elendes Dasein!, sondern er fragte dabei
nach dem Warum, und das ist unter allen Umstnden ein zwar recht
verdienstliches, jedoch zugleich sehr miliches Ding und hufig schmerzhafter
als dieses elende Dasein selber. Und er gehrte durchaus nicht zu den wenigen
Ausgewhlten, den Glcklich-Unglcklichen, denen ein groes Ziel, ein hoher
Zweck gegeben wurde, um sich daran und darnach zu Tode zu ringen. Aber wie sich
die Sonne des hchsten Genius gewhnlich in den weihevollsten Stunden hinter dem
trben Gewlk der Wirklichkeit verbirgt und, wie das Volk sich auszudrcken
pflegt - Wasser zieht, so konnte auch seine Seele Wasser ziehen, und das Volk
von Krodebeck und der Umgegend bemerkte es auf der Stelle und meinte:
    Ist dem auch mal wieder der Buchweizen verhagelt? Der hat doch wahrhaftig
keinen richtigen Grund, um das Maul zu verziehen!
    Seine beste Freundin aber, die Frau Adelheid von Lauen, sagte hchstens:
    Lat ihn! Es hat ein jeder seine kuriosen Stunden, und so mu man sie auch
dem Alten gnnen. 's wird sich schon wenden. Munter!
    Ja munter! Alle jene, welche dem Chevalier von Glaubigern jede Berechtigung
zur Melancholie absprachen, hatten recht, und die gndige Frau hatte gleichfalls
recht, und der Herr Ritter hatte sehr unrecht, sich durch die unbegreiflichsten,
nichtsnutzigsten Lappalien die behaglichsten Tage ganz mutwillig zu verderben.
Wahrlich, es ist niemand verpflichtet, seinen Lebenstag dem des andern
unterzuordnen, wie niemand verpflichtet ist, ber einen Gewinn auer sich zu
geraten, den vielleicht erst eine ferne Zukunft auf ihrem Wege findet.
    Haben Sie Geduld mit mir, Frau Adelheid, sagte der Ritter. Mir ist wieder
einmal ganz wie dem Oliver Cromwell zumut gewesen.
    Von dem Menschen hab ich noch nie etwas gehrt, antwortete die Gndige.
    Nun, er war ein gewaltiger Kriegsmann und Regent, aber auch zuweilen voll
finsterer Phantasien und voll Sorgen um Vergangenes und Zuknftiges. Und als es
mit ihm zum Sterben ging, da hat er seinen Leibpastor gefragt, ob ein Mensch,
der einmal in der Gnade Gottes gewesen, je wieder aus derselben herausfallen
kann. Nein! hat der Pastor geantwortet, und das hat dem Cromwell merkwrdig
wohlgetan, und meine Meinung ist, da die Geschichte fr jedermann pat, denn in
der Gnade waren wir alle einmal, wenn wir nur immer an den dunkelen Tagen daran
denken knnten.
    Das ist in der Tat eine vortreffliche Geschichte, Liebster, und sehr
brauchbar in allen mglichen rgernissen, meinte die gndige Frau und fgte
dann wie gewhnlich hinzu: Verlassen Sie sich darauf, Glaubigern, ich werde sie
mir merken; aber jetzt tun Sie mir auch den Gefallen und fhren Sie das Frlen
ein wenig in die frische Luft, Die gute Seele liegt mit seit einigen Tagen
gleichfalls wieder schwer auf der Seele und dem Leibe.
    Mit Vergngen! sprach dann der Chevalier, doch er htte hinzufgen knnen:
    Wahrlich, es geht keine Mdigkeit ber die des Starken und Tapfern! - -
    Jetzt fhrte der Herr von Glaubigern mit dem gndigen Frulein die Tonie
Huler spazieren, und die Stunden der Gnade, die ihm in den sechs Jahren, von
denen hier die Rede ist, zuteil wurden, folgten einander immer lichter und
lieblicher auf dem Fue. Zwischen seiner braven und sehr gescheiten Pedanterie
und der Rokokozierlichkeit des Fruleins von Saint-Trouin wurde das Kind aus dem
Siechenhause zu einer feinen Jungfrau und zu einer Dame im hchsten Sinne des
Wortes; denn Mutter Natur ging glcklicherweise auch mit allerwegen und lie ihr
Kind nicht aus den Augen. Nun mochten die Schalmeien und Jagdhrner der Knigin
Marie Antoinette klingen, wie sie wollten; der Chevalier fand nichts daran
auszusetzen; ja er fand sogar selber ein still inneres, trumerisches Behagen
daran. Er hatte nichts dagegen, da seinem jetzigen Liebling die oft so
grazisen Nebelbilder verlorenen Glanzes und untergegangener Sitte vor der
Phantasie vorbergaukelten.
    Sie wchst in allen Dingen in die Anmut hinein! rief er. Die Blten
schlagen ber ihrem Haupte zusammen. Und man spricht von der Armut der Erde,
whrend so etwas auf ihr mglich ist! Alles begreift sie auf den ersten Wink -
Herrgott, und wenn ich daran denke, wie der Bursch, der Hennig, der Esel, mir
und sich den hellen Angstschwei ber denselben Wissenschaften ausgepret hat,
so mchte ich ihr zu Ehren den Jungen heut noch rechts und links ohrfeigen! Und
sie allein darf das Frlen Frlen nennen, ohne auf der Stelle zu Asche zu
werden! Es ist ein Wunder, ein Wunder, ein Wunder - ein Wunder! Sie ist die
Lehrerin, und wir sind die Schler. Achtundsechzig Jahre bin ich alt geworden
und habe mich abgeqult, um zu erfahren, was mir fehle; bis sie gekommen ist, um
es mir und um es uns allen zu sagen. Denn allen hat das gefehlt, was sie nach
Krodebeck bringt, sie haben sich nur nicht gleich mir gemht und abgengstet.
    Daran mute wohl etwas Wahres sein; es war jedenfalls ein Vergngen, zum
Exempel auf die Gefhle und die Mimik der gndigen Frau in dieser Hinsicht zu
achten. Wenn die schlanke Gestalt des jungen Mdchens mit holdem Lcheln sich
ihr entgegenbeugte oder an ihr vorbeischritt, so war das Mienenspiel der Frau
Adelheid ungemein drollig anzuschauen. Sie sah ihr entgegen, sie sah ihr, fast
verstohlen, seitwrts ins Gesicht, sie sah ihr nach, und dann - ja, dann schien
sie noch lange nicht fest berzeugt zu sein, recht gesehen zu haben, und die
Ausrufe, in welchen sich dieser Gemtszustand Luft machte, waren nicht weniger
seltsam als ihre Gebrden.
    Sie wchst mir in allen Dingen aus meinem Leben hinaus! rief die Gndige
kopfschttelnd. Htte ich die Angst nicht um das, was daraus werden mag, so
wrde ich es mir nur allzugern gefallen lassen. Jaja, Mamsell Molkemeyer, es ist
gar nicht beneidenswert, unter lauter Narren und Phantasten allein die Augen
klar und verstndig offenzuhalten.
    An Ihrer Stelle, gndige Frau, schickte ich die Jungfer morgen aus dem
Hause, sprach die Mamsell, worauf die Frau von Lauen mit einem
unbeschreiblichen Blick auf ihre Vertraute erwiderte:
    Dann wrden Sie mit der Familie Buschmann freilich wohl das Reich auf dem
Lauenhof allein haben. Ich glaube, wir zgen ihr alle nach, und was mich
anbetrifft, so knnte ich schon des Anstands halber nicht zurckbleiben, da der
Herr Ritter den Zug anfhren wrde. brigens, Mamsell, verfgen wir uns fr
jetzt zu unseren Ksen zurck, wie der Herr von Glaubigern sagen wrde, Sie
alberne Person.
    ber die Blicke, das Flstern und das halbverlegene Kichern des Dorfes
Krodebeck haben wir bereits das Ntige gesagt und knnten darber schweigen,
wenn nicht auch hier das Wunder eingetreten wre, da Antonie Huler im Spiel
des Zeus mit der Welt die beste Hand erlangte. Einen Teil des Dorfes, als dessen
Protagonist der Pastorenfranz gelten konnte, jagte sie in Furcht, und den andern
gewann sie einfach durch ihre Liebenswrdigkeit: - die Gleichgltigen kamen hier
wie berall nicht in Rechnung. Die Menschen finden sich in den Willen der Gtter
viel leichter, als sie je zugestehen werden; die allerhchsten Herrschaften
erfreuen sich eben eines sehr lauten und herzlichen Gelchters, wie man auf
Erden aus alten und neuen Historien zur Genge lernen kann. Wir, mit einer
umfangreichen Erfahrung in dieser Hinsicht - was nmlich das Lachen der Gtter
anbetrifft - begnadet, finden durch dieselbe leicht den Weg zu der
Schicksalsverknpfung des Kindes aus dem Siechenhause mit dem Junker Hennig von
Lauen, einem Verhltnis, dessen Bedeutung wohl nicht zu verkennen ist.
    Die jungen Leute waren nicht immer eines Sinnes whrend ihres zeitweiligen
Zusammenlebens, wie man solches auch von den besten Kameraden nicht verlangen
kann. Aber sie waren oder wurden vielmehr gute Kameraden in der vollsten Meinung
des Wortes. In den ersten Jahren von Hennigs Schulleben zankten sie sich um
alles und jedes sowohl innerhalb als auerhalb der Mauern des Lauenhofes, jedoch
am meisten auerhalb derselben, und dem Pastorenfranz lie sich gerade nicht
nachrhmen, da er beflissen gewesen sei, die Steine des Anstoes ihnen aus dem
Wege zu rumen - im Gegenteil.
    Aber in allen den hufig wiederkehrenden Stunden und Tagen, in welchen das
zrtliche Verhltnis des Junkers zu dem Pastorenfranz auf dem Nullpunkt stand,
bedauerte Hennig auf das innigste, da Tonie Huler kein Knabe sei, damit man
ein ewiges Freundschaftsbndnis mit ihr schlieen und den Franz fr ewige Zeiten
seinem Schicksal berlassen knne. In allen den Tagen, in welchen die alte
Freundschaft zum Franz in gewohnter Blte stand, hatte Hennig weniger dagegen
einzuwenden, da sie ein Mdchen sei und bleibe, zumal da sie in dieser Form und
Erscheinung hufig genug sehr ntzlich war, um vor der Mama, dem Herrn von
Glaubigern und dem Frlen Trine fr manche Dinge und Angelegenheiten als
freundlicher Schutzgeist einzustehen, fr welche der Junker trotz allem
Kopfzerbrechen und allen Schulbubenausflchten so leicht keine Entschuldigung
gefunden htte. Man ist ja dem, der mit sanft abwehrenden Hnden zwischen Schuld
und Shne tritt, immer dankbar, wenn es gleich jedermann dringend anzuraten ist,
seine Rhrung und Dankbarkeit ja nicht laut und naiv merken zu lassen. Hlt man
in solchem Fall den Mund und hlt man die Trne zurck, so zeigt man erstens
Charakter und kann zweitens, im Fall der andere je in hnlicher Art unseres
Beistandes bedrfen sollte, viel ruhiger und stoischer das Schicksal walten und
der ewigen Gerechtigkeit freien Lauf lassen.
    Doch jede Vakanz, die Hennig in Krodebeck zubrachte, verlngerte die
jedesmalige Dauer des Einverstndnisses zwischen ihm und dem jungen Mdchen und
verringerte in demselben Verhltnis die freundschaftlichen Neigungen zu dem
armen Franz Buschmann. Als Tonie Huler sechzehn und Hennig achtzehn Jahre alt
geworden waren, gab es kaum noch irgendwelche Schatten zwischen ihnen, und -
das habe ich immer gefrchtet, und das ist mir das fatalste bei der ganzen
Geschichte, und jetzt mag der Ritter beweisen, da er jede Verantwortung auf
sich nimmt! sagte die gndige Frau.
    Sie hatte leider nicht den geringsten Grund zu ihren Befrchtungen; die
Gtter schufen sich eben nur einen Grund zum Lachen, und - wer will ihnen das
verdenken in ihrer langweiligen ewigblauen Seligkeit? - Da dieses Lachen nicht
immer das angenehmste ist, wird auch das Ende dieses Teiles lehren. Wenn aber
die Gtter den Ihrigen alles Gute im Traum verleihen, so gehrte Hennig in
dieser Zeit zu ihren bevorzugtesten Lieblingen. Was er unmittelbar von dem
Chevalier und dem Frulein von Saint-Trouin nicht hatte annehmen wollen und
knnen, das nahm er zum grten Teil von Antonie gern und willig hin. Er fand,
da es gar nicht bel und im letzten Grunde ein gar nicht unberechtigter Wunsch
der beiden Alten gewesen sei, da er das Leben ein klein wenig mit Zierlichkeit
anzufassen sich befleiige, und so suchte er mehr und mehr in Gegenwart des
jungen Mdchens selbst Bume und Felsen mit Zierlichkeit zu erklettern. Er
stolperte jetzt lngst nicht so oft wie frher ber seine eigenen Fe; er
schmte sich eben vor dem leichtfigen guten Kameraden und rgerte sich zu sehr
an dem Pastorenfranz, der in den heimatlichen Gefilden stets eine Ehre
dreinsetzte, sich so rpelhaft als mglich aufzufhren.
    Das war alles damals! - Damals schien die Sonne in der rechten Weise; damals
machte der Regen auf die rechte Art na. Damals vernahm das junge Ohr noch nicht
das dumpfe Rollen in der Ferne, bei dessen Ton die Alten stehenbleiben, stutzen
und schweigend horchen. Die Rder des goldenen Wagens, auf dem Oberon und
Titania ber die Welt fahren und dann und wann auch wohl ein begnstigtes
Menschenkind als blinden Passagier mitnehmen, glnzen, aber sie poltern nicht
wie die Rder jenes anderen, schlimmen Karrens, der nur blinde Passagiere
befrdert und dessen Lenker sich wenig darum kmmert, wie tapfer Hon und wie
schn Rezia ist.
    Sie erlebten groe Wunder in all der Unbefangenheit, die eben dazu gehrt,
um Wunder zu erleben. Der Glaube, welchen das alte Frulein von Byzanz so lange
festgehalten hatte, da nmlich die Welt ein Zaubergarten von Rechts wegen sein
msse, stand fr die jungen Leute als erster und letzter Glaubensartikel
unumstlich fest, und sie hatten ihn nicht einmal wie Frulein Adelaide von
Saint-Trouin in den schlimmen und schlechten Anfechtungen des Tages mhevoll
festzuhalten; denn sie stellten sich unter einem Zaubergarten doch etwas anderes
vor als jenes Paradies, aus welchem der Papa der wrdigen Dame vordem emigrieren
mute. Von allen Fluren und Hgeln, aus allen Wldern Krodebecks rund um sie
her, erscholl ihnen tausendstimmig das Kredo der Jugend. Aus jedem Buche,
welches sie lasen, lachte ihnen das Wunder entgegen. Bei Gott, sie waren nicht
so dumm, sich mit dem Herrn von Florian und der Frau von Genlis zu begngen. Sie
begngten sich nicht einmal mit der Bibliothek des Herrn von Glaubigern und den
Herren Schiller und Goethe, denn da htte es doch keine Leihbibliotheken in
Halberstadt geben mssen. Der Chevalier und das Frulein erfuhren lngst nicht
von jeder Lektre, die Meister Hennig verstohlen herbeischaffte, und als echten
Kindern der zweiten Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts behagte ihnen - d.h.
nicht dem Chevalier und dem Frulein - die Lyrik und der Roman der zweiten
Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts ungemein, und sie erlitten durchaus nicht
den sthetischen und moralischen Schaden dadurch, welchen sehr ehrenwerte Leute
nicht voraussagen werden, weil sie auch diese Erzhlung nicht lesen.
    Viel greren Schaden als alle Lektre htte ihnen aber fast der junge
Gottesgelehrte Franz Buschmann getan. Er erlebte kein Mirakel in Krodebeck, und
so setzte er natrlich auch alles daran, bei den andern den Glauben daran zu
untergraben; nur gelang es ihm glcklicherweise nicht ganz so, wie er wnschte.
Die Unbefangenheit der armen Tonie zerstrte er freilich allmhlich, und er
schien kein greres Vergngen zu kennen, als sie in Zorn und Trnen zu sehen.
Als dann endlich die Seele des jungen Mdchens zu allen Lebensgefhlen erwacht
war, winkte das Schicksal von neuem: die Gtter lieen lachend auch dieses
Spielzeug aus den Hnden fallen; Herr Dietrich Huler kam als ein groer Mann
nach Krodebeck zurck, doch nicht, um daselbst zu wohnen und Gutes zu tun,
sondern um, nach so langem Verschollensein, ganz und gar wie frher vollkommen
das Gegenteil von dem zu tun, was man von ihm zu erwarten sich seltsamerweise
immer noch berechtigt glaubte.

                              Neunzehntes Kapitel


Es ist jetzt mehr Sitte als Notwendigkeit (wie ltere Sachverstndige schnde
behaupten) geworden, da diejenigen jungen Leute, die sich dem Landbau widmen,
wenn ihre Vermgensumstnde oder ihre Hoffnungen es erlauben, ein Jahr oder ein
halbes auf einer Universitt zubringen, weniger der Wissenschaften und des Herrn
von Liebig als des Gaudeamus igitur wegen, wie die oben angefhrten
Sachverstndigen gleichfalls behaupten. Auch fr den Junker von Lauen war dieser
heiersehnte Zeitpunkt nunmehr herangekommen, das Halberstdter Gymnasium lag
hinter ihm, und nach abgehaltenem Familienrat stand es fest, da er im Oktober
nach Berlin gehen werde. Man befand sich, nach der Juden Zeitrechnung, im
sechsten Jahrtausend der Welterschaffung, und so war es in der Tat hohe Zeit,
da das, was Adam sehr verdrielich und ganz als Autodidakt begonnen hatte,
endlich in ein System gebracht werde.
    Es ist vor allem unsere Pflicht und Aufgabe, uns auf der Hhe der Situation
zu erhalten, meinte der Ritter von Glaubigern. Der grere Grundbesitz hat
auch hier dem kleineren mit einem guten Beispiel voranzugehen - weshalb sollten
wir den jungen Menschen nicht nach der Hauptstadt senden? Er mag gehen und wird
nachher sich der Verwaltung des alten Erbteils seiner Vter mit desto grerem
Eifer widmen und den Rmischen Kaiser in partibus, Joseph II., Maria Theresia
regnante, das heit unter der obersten Leitung seiner braven Frau Mutter, desto
freudiger und nutzbringender agieren.
    Ich sehe kaum einen Grund davon ein! hatte Frulein Adelaide gesagt; aber
die gndige Frau war natrlich wieder auf die Seite des Chevaliers getreten, und
mit innerlichem Jauchzen hatte Hennig seinen Willen durchgesetzt, obgleich ihm
die eigentliche Wissenschaft des Pflgens, Dngens, Sens und Erntens bereits
wie im Spiel in die Hand gewachsen war, wie vordem allen seinen Ahnen, die nie
eine Universitt besuchten und doch den Lauenhof stets auf der Hhe ihrer Zeiten
erhielten.
    Doch wir befinden uns augenblicklich erst in der Weizenernte.
    Der Pastorenfranz war zum erstenmal von Halle heimgekommen, wo er ein
Stipendium und einen Freitisch geno und seine kostbare Gesundheit durch allzu
eifrige Hingabe an seine Studien in Gefahr setzte, wie seine Mama behauptete.
Da er studierte, da er ohne alle Widersetzlichkeit Theologie studierte, war zu
einer Tatsache geworden, und da er sich von dem Freitisch und seinen Studien in
Krodebeck mit aller Hingabe erholte, war gleichfalls eine Tatsache. Den
Freitisch lsterte er ganz offen und ohne Zwang; ber seine Studien dagegen
sprach er sich natrlich nur ganz im Vertrauen gegen Hennig mit Verdru und
Verachtung aus. Aber man frit sich durch, setzte er jedesmal hinzu;
Behaglichkeit ist die Hauptsache, die Gnade wird sich spterhin auch wohl
einstellen, und Hennig, ich verlasse mich fest auf dich und rechne auf
Krodebeck, wenn der Alte einmal - na, du verstehst mich!
    Der Junker verstand ihn freilich und rgerte sich hufiger denn je an ihm;
weniger ber Insinuationen gleich der eben angefhrten, die er im Grunde doch
fr ganz natrlich und wohlbegrndet erachtete, sondern ber die wirklich
wunderbare Behaglichkeit, mit der ihn der junge Gottesgelehrte dann und wann auf
die Felder hinausbegleitete und seiner harten Arbeit zusah.
    Whrend Hennig im Schweie seines Angesichts den Verwaltern und Knechten
seiner Mutter half und, hochrot vor Eifer, riesige Garben der heien Augustsonne
entgegen auf die Wagen schwang, lag Franz gewhnlich unter einem Busch lang
ausgestreckt neben dem Viktualienkober und rief nur von Zeit zu Zeit kauend
hinber:
    Ich bewundere, aber ich begreife dich nicht, mein Sohn. Jetzt komm endlich
her und erquicke dich; denn siehe, es stehet geschrieben: Du sollst dem Ochsen,
der da drischet, nicht das Maul verbinden!
    Keine Zeit!... Nachher! chzte der Junker dann wohl grimmig durch die
Zhne, und Franz Buschmann drehte sich faul auf die andere Seite, seufzte: Des
Menschen Wille ist selbst bei einer solchen Hitze sein Himmelreich!, zog einen
abgegriffenen Band der Abenteuer des Chevalier Faublas aus der Tasche und
blickte aus der idyllischen Gegenwart wohlig ber denselben hinweg in eine
stille, friedliche, nahrhafte und gottselige Zukunft.
    Auch Antonie begleitete im leichten Sommerkleid und gelben Strohhut die
Ernteleute des Lauenhofes hufig auf die Felder hinaus; aber sie suchte sich
ntzlicher zu machen als der ekstatische Studiosus der Theologie, und sie
gereichte jedenfalls den Knechten und Mgden sowie dem Junker zu grerem Trost
und Vergngen als der junge gefrige Gottesgelehrte. Eine lchelnde freundliche
Hebe, trug sie den Arbeitern die Krge mit dem Erntebier zu und lchelte nur
dann nicht, wenn sie notgedrungen den Busch des Pastorenfranz streifen mute und
es breitmulig aus dem Schatten klang:
    Mir auch einen Tropfen zur Labe, Fru-lein Huler!
    Sei kein Flegel, Buschmann! Ich meine, du kannst den Weg zur Trnke selber
finden! rief dann wohl Hennig aus den Garben herber. Tonie, kmmere dich
nicht um den Dickhuter; schon in Halberstadt haben wir gewut, da ihm eine
ganze Seite in der Zoologie allein gehre. Lustig, Tonie, du bist ein gutes
Mdchen, du bist wahrhaftig ein gutes Mdchen, und, bei den lateinischen
Gttern, was mich angeht, so fhle ich mich wie ein Gott in meinen Armen und
Beinen. Hurra, es geht doch nichts ber Krodebeck in den Erntetagen!
    Es war eine gute Zeit. Wenn die gndige Frau auf die Felder hinauskam,
segnete sie sich mit Fug und Recht ber das fette Jahr und sang helle
Jubellieder in der Tiefe ihrer Seele. Und wenn in der khlern Abenddmmerung der
Ritter von Glaubigern und das Frulein von Saint-Trouin nachfolgten, so freuten
auch sie sich und hatten gleichfalls allen Grund dazu. Sie konnten auch
Jubelhymnen in der Tiefe ihrer Seele anstimmen, und zwar ber ihre beiden
Zglinge. Sie wuten beide, was schn und gut sei, wenn auch auf verschiedene
Weise, und sie standen oft beide still und stumm, whrend ihr Herz ber die
jungen Leute lachte.
    In diesen Augenblicken pflegte das Frulein dem Chevalier die goldene Dose
zu bieten:
    Ein schner Abend, Herr von Glaubigern!
    Und der Ritter, zierlich mit spitzen Fingern zugreifend, erwiderte:
    Ein sehr schner Abend! Wahrlich, mein Frulein, wir haben wohl beide
hufig nicht gedacht, da die Sonne uns so freundlich untergehen werde!
    Mein lieber Herr von Glaubigern! sprach Adelaide, wem hat man das zu
danken? Wie hufig und wie unverstndig ist man mir unter den frivolsten
Vorwnden in den Weg getreten? Ja, und was wrde sowohl aus dem Hennig wie aus
dem Kinde geworden sein, wenn ich in allen Dingen meinem bessern Verstndnis und
meinen Gefhlen htte folgen drfen? Nun, ich will nicht alte Wunden von neuem
aufreien, mein verehrter Herr Chevalier; es ist in der Tat ein recht schner
Abend fr uns, obgleich hoffentlich die Sonne doch noch nicht so tief steht, um
auch diese ziemlich verstndliche und recht ironische Bemerkung in betreff
meiner Lebensjahre zu motivieren.
    Oh! seufzte der Ritter, und von jedem andern htten wir sagen drfen, er
habe einen grunzenden Seufzer laut werden lassen, und zwar mit vollkommenster
Berechtigung. Der Chevalier aber grunzte berhaupt nicht und also auch nicht in
diesem Falle.
    Es war eine herrliche Zeit, eine Zeit der Erfllung. Niemand, selbst der
Ritter von Glaubigern nicht, hatte eine Ahnung davon, welches Gewlk hinter den
Bergen brauete und welch hinkender, hmischer Schritt langsam und unaufhaltsam
sich nherte. Nicht einem klang dieser metallische Schritt, der halb Hufschlag
war, in den guten Stunden durch die Seele, selbst nicht durch die ngstliche
Seele des Chevaliers und Leutnants Karl Eustach von Glaubigern.
    Es war eine sehr vergngte Zeit; allein vorber mute auch sie gehen.
Allmhlich verklang das Schrfen der Sensen, das Rufen und Singen der Arbeiter
und Mgde auf den Feldern von Krodebeck. Die Felder wurden leer, und Wagen auf
Wagen schwankte zum Dorfe hinab. Endlich kam der Abend, an welchem die letzten
Garben auf den letzten Wagen geladen wurden und auch diese Ernte vollendet war.
    Der Morgen war sonnig und hei wie gewhnlich gewesen; gegen Mittag hatte
sich ein leichter Dunst ber das Land gelegt, und als am Abend die bebnderte,
mit Goldflittern und knstlichen und wirklichen Blumen geschmckte Erntekrone
auf der hchsten Garbe des letzten Erntewagens aufgepflanzt wurde, nderte sich
die Atmosphre in eigentmlicher Weise. ber den Wald im Westen schob sich ganz
pltzlich eine seltsame gelbliche Wand empor, in welche die Sonne, eine feurig
rote Kugel, hinunterglitt. Mit ungemeiner Schnelligkeit wogte der Dunst heran;
der Hhenrauch verhllte die Ferne und die Nhe, legte sich schwer und betubend
auf Augen und Hirn und machte sich den Lungen so sehr bemerklich, da selbst die
stattlichen, starken Gule des Lauenhofes in ihren Geschirren unruhig wurden,
die Kpfe in die Hhe warfen und laut und unmutig schnoben.
    Natrlich sah auch das Volk von den Stoppeln auf und umher, und alle
tauschten die uralten Bemerkungen Fragen und Antworten ber den geheimnisvollen
Dunst und Nebel aus; allein der Schleier, der sich ber die geleerten Felder
legte, fiel nicht zugleich ber ihre Seelen. Im Gegenteil schien er den halben
Rausch, in welchem sie sich alle befanden, nur noch zu erhhen. Sie schrien und
jauchzten und umtanzten die Wagen; sie jagten einander durch den wehenden Duft.
Der Pastorenfranz lief den kreischenden Mgden nach, und Hennig hob, wie ein
junger Herkules auf der Deichsel zwischen den Pferden stehend, in seinen starken
Armen Antonie als Ernteknigin auf den fr sie bereiteten Sitz, gerade unter der
bunten, bebnderten Krone. Was fr Wetter der Hhenrauch auch bedeuten mochte,
der Segen des Landes war vor allen bsen Mchten in Sicherheit gebracht, und der
grte und hchste Jubeltag des Bauern war nach langem, hartem Mhen zwischen
Furcht und Hoffnung dem Jahre abgewonnen.
    Noch lag die gelbrote Kugel in dem gelben Dunst, und etwas Schneres als das
Gesicht der Ernteknigin auf dem schwankenden Sitz in diesem magischen Lichte
gab es nicht auf Erden. Und sie allein blieb in ihrer freundlichen Ruhe unter
den vielen aufgeregten Menschen. Still lchelnd blickte sie von ihrem hohen
Sitze hin ber das Land, ber all die leeren Felder. Das Lcheln verschwand, die
Sonne ging unter, mit einem Male hatte der unheimliche Rauch, der sich auf die
Fluren von Krodebeck gelagert hatte, die rechte Frbung angenommen: alles Bunte
und Leuchtende versank in dem trben Grau, der Horizont verengerte sich mehr und
mehr, und lachend rief Hennig von Lauen zu der Spielgenossin hinauf:
    Hallo, Tonie, ist das nicht, als ob der Herbst dem Sommer die Lichter
ausbliese? Wie schade, da der Ritter und das Frlen zu Hause sitzen, wir kommen
dadurch um einen ganzen Sack voll Philosophie und Klagelieder Jeremi! Munter,
sagt meine Alte; jetzt geht's nach Haus, nun schreit euch alle aus und bringt
dem guten Jahr ein Vivat; nachher tanzen wir in den Winter hinein!
    Das Wort lie sich niemand unter den Ernteleuten zum zweiten Male sagen. Sie
schrien allesamt mchtig und aus sehr gesunden Lungen, und dreimal hallte die
Gegend von ihrem Hochrufen wider.
    Nun schwang sich Hennig auf den Sattelgaul, die Knechte und Mgde ordneten
sich zum Zuge vor und hinter dem Wagen. Das schwere Viergespann zog an; tief in
den Ackerboden unter der schweren Last einschneidend, drehten sich knarrend die
Rder, und von den Stoppeln schwankten die letzten Garben dem Feldwege zu, der
nach dem Dorfe hinabfhrte.
    Mit hellem Gesang zog man einher, nachdem man auf ebenerem Boden angelangt
war. Selbst der Pastorenfranz sang mitnig mit, trottelte aber doch ziemlich
verdrossen nach; denn heute an dem arbeitvollen Tage hatte er bei niemand die
Beachtung gefunden, welche er doch stets verdiente, und auch jetzt in dem
Triumphzuge spielte er keine hervorragende Rolle und fhlte das.
    Die Mgde neckten ihn, die Knechte sahen mit einem gewissen Hohn auf ihn
herab, und der Junker in seiner Pracht auf seinem Lieblingsgaul schien gar nicht
mehr zu wissen, da der Buschmann auch noch in der Welt sei.
    Und je nher man dem Dorfe kam, desto mehr wuchs die Erregung des Volkes.
Lngst reichte das im Chor angestimmte Lied nicht mehr aus, um dem Jubel Luft zu
machen. Wild und toll jauchzten einzelne in die Melodie hinein, und der Junker
auf dem Sattelpferde tat mit Hollageschrei und Peitschengeknall das Seinige, die
schwere, graue Atmosphre zu erschttern.
    Der Lrm des Ernteheimzuges htte einen Toten auferwecken knnen, und doch
stand da, wo der Feldweg auf die groe Strae trifft, eine alte Frau mit einem
Tragkorb auf dem Rcken, gesttzt auf ihren Stab, und schien nicht das mindeste
davon zu vernehmen. Mit gesenktem Haupte, wie in das tiefste und betrbteste
Nachdenken versunken, stand Jane Warwolf aus Httenrode da, hexenartiger als je
in der gelbgrauen Beleuchtung. Sie erhob den Kopf erst, als sie zurcktreten
mute, um nicht unter die Hufe der Pferde zu geraten, und sah mit einem Gesicht
auf den lustigen Haufen, ber welches jedermann, der sonst ihren Humor kannte,
sich billig verwundern mute.
    Glck auf, Jane Warwolf! rief Hennig. Da bist du wie gewhnlich zur
rechten Zeit. Du willst natrlich den Tanz erffnen und sollst deinen Willen
haben - der Ritter wartet lngst mit Sehnsucht und weien Handschuhen. Marsch,
Alte, ins Glied! Fhlung, Fhlung! Wrst du frher gekommen, htten wir dich
sicher als Kniginmutter da oben hinauf neben die Tonie gesetzt!
    Glck auf, Herr von Lauen! sprach die Alte finster und gebrdete sich in
allem ganz anders, als jedermann erwartete. Denn statt munter vorzuspringen und
trotz ihrer siebenzig wohlgezhlten Lebensjahre als die Ausgelassenste in den
Zug und Gesang einzufallen, stapfte sie krummen Rckens neben dem Gaule Hennigs
her und sagte nur:
    Mir ist nicht tanzlustig zumute, Herr von Lauen.
    Dazu starrte sie schief von unten auf mit einem solchen Ausdruck von Sorge,
Gram, Ha und Schrecken nach dem hohen Sitz der schnen Ernteknigin, da diese,
welche sich gleichfalls grend von ihrem Thron zu der Alten niedergebeugt
hatte, betroffen rief:
    O Jane, was ist dir begegnet?
    Ach, Tonie, Tonie - Tonie Huler, wenig Gutes! antwortete Jane Warwolf
mit solchem sibyllenhaften Klagelaut, da nun auch der Junker sie genauer
betrachtete und gutmtig rief:
    Ja, wahrhaftig. Jane, es ist nicht richtig mit dir. Das Gesicht htt ich
heute von dir am wenigsten erwartet! Hallo, was ist geschehen? Heraus damit,
alte Jane, du weit, wenn dir zu helfen ist, so wird sich frs erste immer noch
jemand auf dem Lauenhofe dazu bereit finden lassen.
    Ich danke Ihnen fr das gute Wort, Herr von Lauen, sagte Jane; aber zu
helfen steht mir nicht. Und was das schlimmste ist, die Not geht mich nicht
allein an; denn da liee sie sich wohl tragen. Sapperment, ihr kriegt alle euren
Lffel voll heut abend, und es bleibt noch genug ber, um euch fr lange Jahre
einen bittern Mund zu machen.
    Kann ich dir nicht helfen, Jane? rief Antonie von ihrer Hhe herunter.
    Nein, mein Kind, liebes Kind! Du am allerwenigsten. Ei, Mdchen, hast du
Gold und bunte Bnder zu Hupten?! Flitter- und Schaumgold heute, echtes,
richtiges Gold morgen! Wer wei? Wer wei? Ei Jesus, haben sie dich wie eine
Frstin auf die Garben gesetzt? Wer wei, ob du nicht morgen als eine richtige
Edelfrau auf deinen eigenen Garben sitzest? O Jesus, Jesus, die Haare mchte man
sich um den Jammer ausraufen!
    Jane Warwolf, rief der Junker nun ziemlich rgerlich, jetzt sag grad
heraus, was du nach Krodebeck bringst, oder halt den Mund, bis wir zu Hause
sind. Das wre freilich eine Kunst, vier Gule vor einem Erntewagen zu regieren
und solch eine Unterhaltung zu gleicher Zeit zu fhren!
    Es ist schon recht, Hennig, und ich wollte. Herr von Lauen, ich drfte den
Mund fr ewige Zeiten halten. Ein paar Jahre frher, und ich wrde mein Elend
zuerst zum Herrn von Glaubigern getragen haben; aber heut mu ich zuerst zu dir
reden, Hennig; bist ja doch allgemach Meister auf dem Hofe geworden. Jetzo fahr
zu und bring den Segen Gottes heim; ich wollte, du wrst stark und klug genug,
allen Segen Gottes in Sicherheit zu bringen, ehe der Sturm daherfhrt und der
Teufel seine Tatze darauf legt.
    Das Weib knnte einen toll machen, wenn sie ihren Sinn drauf setzte!
murmelte der Junker, seine Zugel fester zusammennehmend und scheue Blicke auf
die Alte werfend, die gespenstisch neben seinem Pferde mithumpelte, dem Dorfe
und dem Lauenhof zu. Allein der Ernteheimzug ist fr den Landmann ein zu groes
Ereignis, um nicht alle anderen Angelegenheiten darber in den Hintergrund zu
schieben.
    Munter! sagte Hennig von Lauen, die Peitsche schwingend. Die Nrrin wird
mit der verehrlichen Landespolizei in einen Konflikt geraten sein, oder es ist
ihr eine berseeische Handelsspekulation mit irdenem Geschirr oder hlzernen
Lffeln fehlgeschlagen; - jedenfalls wird sich wohl ein Pflaster auf die Wunde
finden lassen.
    Der Zug hatte jetzt das Dorf erreicht, und wenn hier in der Gasse der
Enthusiasmus gro war, so stieg die Begeisterung doch erst am Tore des
Lauenhofes auf ihren Gipfel. Da stand die gndige Frau trotz der dmmerigen
Stunde strahlend in der ganzen Wrdigkeit des Moments. Da standen dem Hhenrauch
zum Trotz der Chevalier Karl Eustach von Glaubigern und Frulein Adelaide von
Saint-Trouin, Pardiac, Valcroissant, Tyrus und Byzantium und wehten hingerissen
mit den Taschentchern, mit welchen sie sich vor dem ungesunden Nebel und Dunst
Mund und Nase verstopften.
    Es war aber auch ein schner Anblick, als Antonie Huler mit Beihlfe
Hennigs von den hohen Korngarben niederglitt und zierlich und leicht sich vor
der gndigen Frau verneigte. Es war gut und lieblich anzuhren, als sie der
gndigen Frau den alten niederschsischen Erntespruch hersagte, den die Gutsfrau
nun schon bei so mancher Ernte vernommen hatte und welchen sie trotzdem nie
genug hren konnte. Auch die Gndige hatte in Reimen zu antworten, und es wre
freilich eine Merkwrdigkeit auf dem Lauenhofe gewesen, wenn sie beim Aufsagen
ihrer Rolle einen Zublser ntig gehabt htte.
    In tiefem Schweigen, mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschte natrlich das
Volk im achtungsvollen Kreise, und heiter waren die Mienen aller Hrer, bis auf
das verrunzelte, graue Gesicht der wandernden Greisin dicht neben dem Junker.
Das blieb grimmig-sorgenvoll und lie sich nicht erheitern und erweichen.
    Nach den Reden folgte von neuem ein wirres Durcheinander. Hennig wurde
hierhin und dorthin gerufen, alle hatten mit ihm zu sprechen, und so war's sehr
verzeihlich, da er in dem Tumulte gnzlich vergessen, da auch Jane Warwolf aus
Httenrode mit ihm zu reden habe. Erst als der Abend beinahe ganz in die Nacht
bergegangen war, fiel ihm die Erinnerung, und jetzt seltsam schwer und schwl,
auf das Herz. Er ging, die Alte aufzusuchen, und fand sie. Sie sa auf dem
Prellsteine an einem der Pfeiler des Hoftors mit beiden Ellenbogen auf den Knien
und dem Kinn in beiden Hnden. Ihr Korb stand neben ihr, der Stab lag zu ihren
Fen, und sie, die sonst die Lebendigste und Lauteste in jedem Tumult war,
schien heute mit der Welt Lust und Lrmen vllig abgeschlossen zu haben.
    Als ihr Hennig die Hand auf die Schulter legte, sah sie kratzbrstig und
boshaft auf und rief:
    Also kommen Sie doch, Herr von Lauen? Ich rechnete schon nicht mehr darauf.
Nun, ich will Sie nicht lange aufhalten; die Geschichte geht Sie auch im Grunde
wenig an. Sowie ich mein Teil des Elends von der Seele los bin, mgen Sie zurck
zu Ihren Narren laufen, um weiter zu jubilieren.
    Sei nicht grob, Jane. Du hast nun lange genug mit deinen Hexenkrallen an
mir herumgezerrt. Kann ich dir helfen, so weit du, da ich es gern tue, und
brigens verbitte ich mir alle dummen Redensarten.
    Die Greisin stand auf:
    Es ist schon gut, und ich habe unrecht. Kommen Sie mit mir, Herr von Lauen.
Ich bin nichts als eine nichtsnutzige Vagabundin, und im Laufschritt ist mir
noch allewege alles am leichtesten abgegangen. Kommt, Junker!
    Sie schritt voran, und Hennig folgte ihr. Sie fhrte ihn auf der Landstrae
gegen das Siechenhaus von Krodebeck hin, immerfort nach ihrer Art leise mit sich
selber redend.
    Vor dem Siechenhause hielt sie an, fate nunmehr pltzlich mit einem
hastigen Griff die Hand ihres Begleiters und rief:
    Das wei niemand als ich, wie einem zu Sinne ist, der nur ein Fleckchen zum
Stillsitzen in Frieden auf seinem Wege hat und kommt und findet die Tr
verschlossen und die Fenster erblindet und sieht den Tod sitzen am Herd, wenn
man durch die Scheiben guckt. Und sie haben gelacht im Dorfe ber die zwei
nrrischen alten Weiber, die Freundschaft halten wollten wie andere Leute! Wre
der Herr von Glaubigern nicht gewesen - doch was schwatze ich davon? Ich rede
davon, weil mir wiederum sehr schlecht zu Sinne ist, nur auf eine andere Weise,
Herr von Lauen. Sehen Sie, Herr von Lauen, mir ist bel vom Leben, und die wste
Hhle da, in welcher die Hanne Allmann ihr ganzes schnes Leben durch sa und
meine alleinzigen Ruhestunden im Schoe wiegte, die pat ganz in meine belkeit
und meinen Ekel. O Herr Hennig, ich komme ja von Alexisbad, und in Mgdesprung,
da habe ich einen Gevatter, und der hat eine Vogelhecke fr den Handel und eine
Epimedie darin, was man eine Seuche oder Krankheit und so nennt, und da habe ich
noch von meinem seligen Vater her Rat wissen und doktern mssen wie der
gelernteste Menschendoktor, und da habe ich ihn gesehen in Glanz und Gloria und
ihn trotz Glanz und Gloria auf der Stelle wiedererkannt, und er ist auf dem Wege
hierher, und nun frage ich Sie, Herr von Lauen, was in aller Welt und um Jesu
willen sollen wir mit ihm anfangen?
    Das wei ich nicht! sprach der Junker, sich hinter den Ohren kratzend.
Erst mute ich doch wissen, wen in aller Welt und um Jesu willen du in
Alexisbad oder in Mgdesprung gesehen hast. Wer ist in Glanz und Gloria auf dem
Wege nach Krodebeck?
    Hab ich das noch nicht gesagt? schrie Jane Warwolf immer erregter. Nun,
wer anders als mein anderer Gevatter?! Ihr Grovater, Herr von Lauen! Tonies
Grovater, Herr von Lauen. Der Meister Dietrich Huler, der Balbierer, als
groer, gromchtiger Herr! Der Grovater unserer Antonie, Herr von Lauen, und
da er nicht ohne eine schlechte heimtckische Absicht da ist, darauf mgen Sie
einen Eid ablegen, Herr Hennig. Der Kerl hat immer gewut, was er gewollt hat!
    I verflucht! Hat er das? Der Teufel! Ja, aber was soll ich - Der Junker
stand mehrere Augenblicke da, ohne die Bedeutung der Nachricht der wandernden
Frau zu fassen. Antonie Hulers Grovater? Was wute er von Antonie Hulers
Grovater? Was ging ihn Antonie Hulers Grovater an?
    Da stand eine Welt auf, von der er heute kaum noch etwas wissen konnte!
Personen und Verhltnisse wuchsen hier pltzlich im wunderlichen Nebel und Rauch
des Abends empor, deren Bezge zueinander und zu ihm selber er erst nach und
nach zu fassen imstande war. Es war deshalb auch gnzlich ungerechtfertigt, da
ihn Jane Warwolf aus Httenrode schier beim Kragen nahm und ihm ins Ohr gellte:
    Es ist ihr Grovater! Es ist der Meister Dietrich Huler! Wer soll uns
denn gegen ihn helfen, wenn Ihr nicht wit, was Ihr sollt, Herr von Lauen?
    Verstndiger war's, da sie in fliegender Hast, sprudelnd und spuckend,
ihrem verwirrten Zuhrer auf der Stelle einen kurzen, aber farbenreichen Auszug
der Geschichte des trefflichen Signor barbiere lieferte und ihn dadurch fhiger
machte, ihre Leidenschaftlichkeit zu begreifen und selber in die grte
Aufregung und Wut zu geraten.
    Obgleich er unter gewhnlichen Umstnden, sowohl dem Fell wie dem Charakter
und dem Intellekt nach, sich als ein ganz regelrechter Esel zeigte, so stand er
diesem hlichen Geschick schnell genug feinfhlig und klar gegenber.
    Das ist ja heillos! Niedertrchtig ist es. Er soll und darf nicht
hierherkommen. Er hat kein Recht, jetzt zurckzukommen. Du aber hast recht,
Jane, dies ist gewi eine Nachricht, die einem die gute Laune verderben kann.
Herrgott, je klarer mir die Geschichte wird, desto schwler wird mir; er darf
unter keinen Umstnden nach Krodebeck zurck. Er ist ein Landstreicher, ein
schlechter Mensch; heut abend noch spreche ich mit dem Vorsteher, der mu uns
helfen, und im Notfall reit ich noch in der Nacht zum Amte. Er hat kein Recht,
die Tonie zu berhren; er ist ein heimatloser Taugenichts, und ich leide nicht,
da er nach Krodebeck zurckkehrt.
    Jane Warwolf schttelte betrbt den Kopf: Er ist kein Vagabund mehr,
Hennig. Das ist gerade das schlimme. Er ist ein vornehmer Herr mit Bedienten in
bunten Jacken; ganz Krodebeck, der Lauenhof eingerechnet, kann gegen ihn
einpacken, wie sie auf der Braunschweiger Messe sagen. Der wird sich viel um den
Vorsteher kmmern! Ja, wenn er als ein Landstreicher und Bettler heimkme, da
wr ich eine Nrrin, wenn ich mir die geringste Sorge um den Lumpen machte. Da
knnte man ihn freilich am Kragen nehmen oder ihn mit einer Hand voll Taler
hinschicken, woher er gekommen ist. Aber er kommt aus dem sterreich mit
Extrapost, als ein Graf oder Frst oder Baron oder noch viel Schrecklicheres. Er
ist ein grausam reicher Mensch geworden in dem sterreich, um den reitet Ihr
vergeblich zu Amte, Herr von Lauen, und wenn Ihr Euer bestes Pferd darber zu
Tode jagt. Hat er mich nicht fast zu Tode gejagt von Gernrode herber? Die Beine
zittern mir noch unter dem Leibe; der wird dem alten Dummkopf, dem Klodenberg,
schn heimleuchten! Glauben Sie, da der Halunk nach Krodebeck kme, wenn er
nicht wte, was er da wollte? Er wei es sicher und wird es uns sicherlich
seinerzeit kommunizieren, und ich wei nicht, was wir gegen ihn vorbringen und
tun sollen.
    Himmeltausenddonnerwetter! rief der Junker mit solchem Nachdruck, da der
graue quieszierte Zuchthusling, welcher jetzt an Stelle Hanne Allmanns das
Krodebecker Siechenhaus innehatte und welcher lngst mit der Hand hinter dem Ohr
gehorcht und nun bereits genug erfahren hatte, schnell seine Blechlampe
anzndete und mit dieser aus dem Fenster leuchtete, um zu erkunden, mit welcher
Berechtigung der junge Herr vom Hofe da so gotteslsterlich fluche und so
anheimelnd seine abendliche beschauliche Gemtlichkeit stre.
    Der Teufel soll den Burschen holen! schrie Hennig in halber Verzweiflung.
Da sollte man ja alle Hunde loslassen. Sackerment, je genauer man
darbernachdenkt, desto miserabler wird einem! Und ich habe noch gar nicht
darber nachgedacht - das kommt erst noch. Und mir sagst du das zuerst, Jane?
Und ich soll euch hier heraushelfen? Hier auf einmal soll ich mehr wissen und
klger und strker sein als ihr alle? Das ist auch leichter aufgeladen als
gefahren; frs erste bin ich jedenfalls ebenso dumm und blind wie ihr, und ich
sehe nicht ein, Jane Warwolf, weshalb du nicht die schne Nachricht und
Bescherung zuerst zum Herrn von Glaubigern gebracht hast.
    Die Lampe des Emeritus hinter dem Fenster des Siechenhauses gab nicht so
viel Licht, um das Mienenspiel Janes erkennen zu lassen, und das war recht
vorteilhaft fr den jungen Herrn von Lauen, denn schmeichelhaft war das Zucken
um Nase und Mund nicht fr ihn.
    Jaja, Herr von Lauen, es ist freilich eine sehr verdrieliche Geschichte,
sagte die Alte trocken und kurz. Ich htte sie Ihnen auch sicher nicht zuerst
zugetragen, wenn ich nicht bei der Jugend an die Jugend gedacht htte. Andere
alte Leute htten bei besserem Verstndnis vielleicht anders gehandelt, und ich
bitte um Verzeihung, Herr von Lauen. Und es ist doch auch ein Unterschied, wer
in die Krallen des Bsen fallen und wem man zu Hlfe springen soll! Dem armen
Kinde, dem armen Mdchen kann wohl niemand helfen - wer denkt des einen bunten
Schmetterlings, wenn der Sommer vorber ist? Es flattern ihrer mehr ber dem
Tal, und der nchste Sommer wird wieder andere bringen. So wollen wir beide
anjetzo kein Wort mehr darber verlieren, Herr von Lauen; aber dem Herrn Ritter
von Glaubigern wollen wir doch Kenntnis von unserer Ratlosigkeit geben.
    Das wollen und mssen wir! rief Hennig mit einem erleichternden Atemzug.
Wenn einer hier noch Rat wei, so ist es der Ritter. Das wre ein gesunder
Schlaf geworden, wenn ich die Geschichte als der einzige mit zu Bett htte
nehmen mssen.

                              Zwanzigstes Kapitel


War dieses noch der stille, unschuldige Erdenwinkel, der von der Welt nichts
wute und sich nicht um sie kmmerte? Die wackeren alten Berge, die auf ihn
herabsahen wie Schutzgeister, gute Ammen und brave Gevattern auf eine
grnverhangene Wiege, bedeckte die Nacht, und immer betubender legte sich der
Dunst des Hhenrauchs auf Krodebeck. Kein Stern erschien in der Finsternis; das
Tal war schutzlos gegen jeglichen bsen Willen, der in sein bis dahin so
sicheres, abgeschlossenes Dasein hineingreifen wollte. Ein tiefer, unendlicher
Schmerz erfate den Junker Hennig von Lauen, ein Schmerz, wie er ihn noch nie in
seinem jungen Leben erduldet hatte. Und mit dem unendlichen und tiefen Schmerz
kam die volle Erkenntnis dessen, was Antonie Huler fr den Lauenhof bedeutete
und was sie ihm, das heit dem Junker selber, geworden war im Laufe der Jahre,
ohne da er es gemerkt hatte. Er, das heit der Junker Hennig von Lauen, weinte
blutige Trnen nach innen und rang im stummen, fiebernden Jammer die Hnde.
    So oder ungefhr so htten wir berichten - schreiben mssen, wenn uns im
geringsten daran gelegen wre, den Beifall und die Teilnahme unserer Leser in
der gewhnlichen Weise zu fesseln und nach altem und durch die Gewohnheit fast
geheiligtem Brauche das Wahre dem Erhebenden mit wahrhaft rhrender Naivitt
nachzusetzen.

Wer gut sein Schifflein zu steuern wei,
Den soll man hchlichst preisen;
Doch vitam impendere vero ist
Das Wort der Helden und Weisen;

und obgleich wir weder zu den Helden noch den Weisen zu rechnen sind, werden wir
in diesem Fall doch bei der Wahrheit bleiben. Der Junker von Lauen weinte keine
blutigen Trnen, er rang nicht die Hnde und hatte durchaus nicht die Absicht,
seine Vasallen aufzurufen und mit Schild und Schwert den sen Schatz des
Lauenhofes gegen den nichtsnutzigen Feind zu decken. Er war rgerlich, wtend,
ein wenig ngstlich betrbt und vor allem in groer Verlegenheit. Das war aber
auch alles, was wir in diesem Momente ber seine Stimmung mitteilen knnen.
    Und ich habe nicht einmal den Mut, dem alten Herrn die Sache vorzutragen,
Jane! sagte er. Wenn einer auer sich geraten wird, so ist's der Ritter; denn
er vor allen hat sein ganzes Herz an das arme Kind gehngt. Ich glaube, er wrde
es nicht berleben, wenn er sich von ihr trennen mte.
    Jane Warwolf antwortete auf diese Lamentationen nichts mehr; sie trat nur
fester auf und schritt schnell vorwrts, und so kamen sie beide zurck auf den
Lauenhof.
    Hier herrschte noch immer groe Unruhe. Das Getmmel war fast so arg wie an
jenem Abend, an welchem Hennig triefend aus dem Kuckelrucksholze von Jane
Warwolf zurckgefhrt wurde, nachdem er in der Wildnis die Bekanntschaft Tonie
Hulers gemacht hatte. Da war wieder viel Geschrei und Hinundherrennen von
Menschen und Tieren, aber heute standen der Chevalier und das Frulein von
Saint-Trouin nicht angstvoll in banger Erwartung unter dem Vordach der Treppe.
Sie hatten sich lngst als ruheliebende und ruhegewohnte Leute aus dem
frhlichen Wirrwarr zurckgezogen und saen ein jegliches friedlich in seinem
Gemach, behaglich die Frau Adelheid dem ihr gemen Element berlassend.
    Wir kennen bereits den Chevalier in seinem schneeweien wollenen Schlafrock,
seinem Jabot, seinen hellgrauen Pantoffeln und dem hellgrauen Hauskppchen mit
dem hellblauen Quast. Manches Jahr ist hingegangen, seit wir ihn zum erstenmal
darin erblickten, und nichts hat sich an diesen uerlichkteiten verndert. Nur
Mystax ist tot und nicht ersetzt worden, er liegt im Garten begraben, und der
Herr Ritter kann das Frlen nicht begreifen, welches den Peccadillo von einem
kunstreichen Harzfrster ausstopfen lie, ihn in einem Glaskasten aufbewahrte
und immer noch viel Kampfer und Wehmut an ihn verwendet, trotzdem da Tonie
Huler auf den Lauenhof gekommen ist. Wir kennen den Chevalier in seinem
Lehnstuhl vor seinen Wappenbchern und Sigillenksten und brauchen also nicht zu
schildern, wie ihn Jane und Hennig bei angezndeter Lampe und zugezogenen
Vorhngen fanden, nachdem auch sie sich dem aufdringlichen Spektakel des Hofes
entwunden hatten.
    Sie hatten angeklopft, und der Ritter hatte sie aufgefordert einzutreten.
Nun standen sie in dem stillen, warmen Raume vor dem alten Herrn, der verwundert
bei ihrem Eintritt seinen Sessel zurckgeschoben hatte und, wie es schien, fr
heute trotz aller Herzensgte genug der Aufregungen hatte. Ach, er wute nicht,
wie das Schicksal ihn jetzt zu berraschen gedachte und wie wenig bald die
Behaglichkeit dieser Abendstunde fr ihn in Betracht komme!
    Siehe da, meine Freundin Jane! sprach er. Und auch du, Hennig? Nun, das
war heut ein anstrengender Tag fr die Bewohner des Lauenhofes, aber doch auch
ein recht gesegneter. Ich habe deiner Frau Mutter bereits meinen Glckwunsch
abgestattet; aber der Hhenrauch, Heerrauch, Haarrauch oder wie du sonst willst,
hat mich wie gewhnlich frappiert, indigniert und intrigiert. Du siehst mich
beschftigt, Hennig, einige ltere Autoren ber seine Entstehung, Bedeutung und
seinen sehr fraglichen Nutzen nachzuschlagen; ich finde jedoch auch hier leider
nichts als Dunst, Nebel und einen hchst beln Geruch. Also, Jane, ich freue
mich stets, dich zu sehen; was bringst du mir noch in so spter Stunde? Du
weit, es ist eine spte Stunde, um noch irgendein Geschft abzumachen, wenn es
nicht sehr dringlicher Art ist. Hat Eure Botschaft nicht Zeit bis morgen?
    Nein, Herr von Glaubigern, sagte Jane Warwolf leise und betrbt. Wie
gern, wie gern wrde ich Ihnen das Herzeleid ganz ersparen, wenn es anginge.
Aber es geht nicht an; denn es ist mir alle Augenblicke, als spre ich eine
haarige Kralle im Nacken, und ich mu mich umsehen, als ob mir der Teufel schon
in die Kiepe gesprungen wre und ich seinen heien Hauch hinter den Ohren
versprte. Ich hab mit dem Herrn von Lauen allbereits von dem Elend gesprochen,
weil ich mir gleich gedacht habe, der Fall gehre - und noch dazu so spt am
Abend - zuerst der Jugend zu; allein der Herr Hennig getraut sich nicht, ihn
anzufassen, und, Herr Ritter, Herr Ritter, so hab ich mir wieder einmal in
meiner Angst keinen andern Rat gewut als bei dem Herrn Ritter, und jetzo sage
ich's gradheraus, ich brauche den Herrn Ritter als Kumpan bei der Mordtat; er
mag es nehmen, wie er will; aber ich wei, wie er es nehmen wird!
    So kurz als mglich! murmelte der Chevalier, den der bse Rauch vor seinen
Fenstern ungemein nervs machte.
    Das wre mir auch das liebste, sprach Jane, aber ich kenne den Herrn
Ritter ebensogut, als er sich selber kennt, und so meine ich, ein kleiner Umweg
-
    rgert mich nicht, Jane! rief der Chevalier. Sperrt man ihn noch so sehr
aus, im Notfall findet er seinen Weg durch den Schornstein, ich meine den
Hhenrauch oder Heerrauch, und du, Hennig, sprich, was wollt ihr eigentlich? Was
habt ihr mir noch mitzuteilen?
    Er war aufgestanden und sttzte sich, vorgelehnt, den beiden Besuchern
gegenber mit beiden Hnden auf den Tisch. Er schien die grte Lust zu haben,
sowohl die Jane als den Junker wieder zur Tr hinauszuschieben; allein der
letztere schob nun die alte Frau zur Seite, sttzte gleichfalls beide Hnde auf
den Tisch und sprach mit der unheimlichen Lust, mit welcher auch der Gutmtigste
seinem Nebenmenschen eine unangenehme Nachricht berliefert:
    Herr Leutnant, der Herr Dietrich Huler ist auf dem Wege nach Krodebeck.
    Der Ritter sah ihn fragend an. Auch er hatte die Existenz des Meisters
Dietrich ziemlich vergessen. Selbst der Name Huler sagte ihm zuerst nichts, so
sehr war Antonie Huler allmhlich zu einem von allen solchen uerlichen
Bezgen abgelsten Wesen auf dem Lauenhofe geworden. In dieser Hinsicht ging es
ihm wie dem Junker, und erst nachdem ihm die Nachricht von Jane Warwolf mit mehr
Nachdruck wiederholt worden war, begriff er sie in ihrer vollen Bedeutung. Da
suchte er mit zitternden Hnden zwischen seinen Papieren und Hhenrauch-Autoren
nach seiner Tabaksdose, und als sie ihm zwischen die Finger geriet, schttete er
ihren Inhalt auf den Tisch und rettete nur eine Prise, auf welche er nieste, was
eins der grten Wunder war, das ihm passieren konnte.
    Der Meister Dietrich - der Dietrich Huler ist auf dem Wege nach
Krodebeck? stammelte er.
    Ja - ja und dreimal ja! rief Jane Warwolf. So ist es; in Alexisbad bin
ich ihm begegnet.
    Das Kind! Das Kind! Aber wir haben das Kind! schrie der Ritter. Was will
er hier? Will er uns das Kind nehmen? Das wird er nicht, das soll er nicht!
Holla, mein Gott, das ist ja frchterlich. Rufe deine Frau Mutter, Hennig; - ja,
ruft auch das Frulein - ruft sie alle zusammen, ruft das ganze Haus zusammen:
ich gebe das Kind nicht her. Die ganze Welt hat es aufgegeben, und ich habe es
mir erworben; mir gehrt es, und niemand soll es mir nehmen. Aber er wird das
auch nicht wollen, wir werden es ihm abkaufen, er war stets ein erbrmlicher
Schuft; ich werde selber ihm entgegenfahren, er soll den Lauenhof gar nicht
betreten.
    Jane schttelte den Kopf:
    Der Junker wollte die Hunde auf ihn loslassen und ihn mit der Hetzpeitsche
bewillkommnen. Das wre freilich das richtigste, wenn es anginge; aber es geht
nicht an. Und mit dem Loskaufen ist's auch nichts, Herr von Glaubigern. Sie
werden ihn nicht wiedererkennen, Herr. Er ist ein gar vornehmer Mensch geworden,
wenn ich gleich nicht wei, was er sonsten dabei geblieben ist. Er ist imstande
und frgt bei der gndigen Frau an, wieviel sie fr den Lauenhof verlangt.
    Das ist unmglich! rief der Chevalier.
    Gerade darum! sprach die Frau Jane.
    Er wird uns das Kind nicht nehmen wollen! rief der Chevalier.
    Er hat ein Band im Knopfloch, einen dicken Bauch, weie Haare wie ein
Generalsuperintendent und zwei Bediente in langen gelben Rcken und mit blanken
Knpfen; was er tun wird, wei ich nicht, sprach die Frau Jane.
    Der Ritter blickte verwirrt und hlflos von einem zum andern.
    Das Kind! Das Kind! Wem gehrt das Kind? Jane, du mut uns bezeugen, wie
das Kind nach Krodebeck gekommen ist und wie wir es nachher an der Gartenmauer
des Lauenhofes auf der Landstrae gefunden haben. Ihr habt es heut noch gesehen,
wie es von eurem Erntewagen heruntersah und lachte. Wem gehrt das Kind, wie es
jetzt ist? Mir, mir und - dem Frulein von Saint-Trouin. Jaja, das ist es, wenn
ihr alle keinen Rat wit wenn alles so ist, wie ihr sagt - Hennig, so hilf mir
in die Kleider, ich gehe zu dem gndigen Frulein. Jaja, die Komte wird mir
helfen. Sie ist klger als wir alle; - o er soll nur kommen, der Landlufer, der
Ruber, der Bsewicht; wir beide, das Frulein und ich, werden fr die Tonie
einstehen. Meinen Hut! Meine Schuhe! Meinen Stock, ja meinen Stock, Hennig -
    Ob ich mir den Jammer nicht so auf ein Haar hinaus vorgestellt habe, den
ganzen Weg hierher! chzte Jane Warwolf. Es ist wahrhaftig zuletzt ein Mirakel
und eine Lcherlichkeit, zu welchem kuriosen Elend man auf Erden jung werden
mu.
    Ein Mirakel und ein Zeichen allergrester Ratlosigkeit war es jedenfalls,
da der Ritter von Glaubigern bei der Komte߫ Rat und Hlfe suchte. Es zeigte
vor allen Dingen recht deutlich, wie sehr auch Adelaide von Saint-Trouin bei der
Erziehung Antonie Hulers beteiligt war und der Ritter ihren Einflu, und
vorzglich in einem solchen Notfall, zu wrdigen verstand.
    Mit zitterhafter Unbehlflichkeit zog der Chevalier seinen Schlafrock aus,
unter Beihlfe der alten Freundin. Mit zitternder Unbehlflichkeit tastete er
nach den rmellchern seines dunkelblauen Staatsfracks, welchen Hennig ihm
hinhielt. Er griff in der Tat nach seinem Stock wie nach einer Waffe, beschrieb
damit einen drohenden Kreis in der Luft, nahm ihn unter den Arm, und gefolgt von
den beiden Unglcksboten, wackelte er eilig ber den Korridor nach den Gemchern
des Fruleins von Saint-Trouin.
    Auch Adelaide hatte sich in Betracht des Erntelrms und des Hhenrauchs frh
zurckgezogen und den Tee auf ihrer Stube eingenommen. Obgleich sie jetzt nicht
ganz so hufig an Kopfweh litt wie in frheren Tagen, so litt sie doch noch
hufig genug daran; und sie schlug nicht die Bcher der Gelehrten nach und
benutzte die Gelegenheit nicht, um ihre Kenntnisse zu vermehren. Ein etwas
gespenstischer Heroenkultus, bestehend aus einer weinerlichen Andacht vor dem
Glaskasten Peccadillos, war alles, was ihr jetzt in solchen Fllen ihre Nerven
erlaubten, wenn sie die Tr selbst vor Antonie Huler verriegelt hatte.
    Noch nie hatten die Angehrigen des Lauenhofes, welche nur allzu gut die
Symptome kannten, es gewagt, die hohe Dame in solchen Zustnden herauszupochen!
    Heute - jetzt klopfte der Chevalier an, aber er winkte zugleich warnend und
abwehrend nach rckwrts, und seine Begleiter blieben gern auf dem Gange zurck,
mischten sich nicht in die Kapitulationsverhandlungen zwischen den beiden
vortrefflichen Herrschaften und beneideten den Ritter gar nicht um den nun
endlich erlangten Eintritt in das jungfruliche Refugium.
    Der Ritter trat ein, die Tr schlo sich hinter ihm; Jane Warwolf setzte
sich matt auf eine Bank, die in der Fensternische der Tr des Fruleins
gegenber stand; Hennig aber legte das Ohr an die Tr und horchte: auch er
winkte dabei warnend und abwehrend rckwrts.
    Sie lauschten beide, und beide sehr beklommen.
    Die Tren auf dem Lauenhofe waren noch aus gutem, altem, schwerem Eichenholz
gezimmert und taten ihre Pflicht, wie moderne Tren sie nicht mehr tun, aber
dessenungeachtet vermochten sowohl der Junker wie auch die Frau Jane den Gang
der Handlung drinnen ziemlich genau zu verfolgen.
    Zuerst hrten sie natrlich die ziemlich klgliche und scharfe Stimme, die
Familienstimme Jehans von Brienne, die vor so vielen Jahrhunderten schon die
Einwohner von Konstantinopel mit Vergngen vernahmen. Das gndige Frulein
beklagte sich mit bitterer Hflichkeit ber die Strung in so spter und
ungewhnlicher Stunde. Doch ein dumpfes Gesumm gleich dem Getn einer an einer
Fensterscheibe auf und ab summenden Brummfliege lie sich vernehmen; der
Chevalier von Glaubigern bat jedenfalls um Entschuldigung und versicherte, da
nur die dringende Not ihn zu solcher Ausschreitung, zu solcher berschreitung
der Grenzen der Sitte und Hflichkeit getrieben habe.
    Wieder vernahm man des Fruleins Organ. Adelaide nahm die Entschuldigungen
des Ritters an, bat jedoch unbedingt um eine nhere Erklrung; - es wurde still
hinter der Eichentr, das heit, die Horcher drauen vernahmen nicht den
atemlosen Bericht des Herrn von Glaubigern. Es blieb aber nicht still, und jetzt
war nur eines schade, nmlich da der Meister Dietrich Huler nicht ebenfalls
an der Tr des Fruleins von Saint-Trouin horchte: jetzt htte sich die Tugend
an ihm gercht, jetzt htte er den Lohn fr alle seine Snden, Bosheiten und
Lasterhaftigkeiten in Empfang nehmen knnen! Heller denn je klang die Stimme
Adelaides auf, und Jane Warwolf legte sich auf ihrem Sitze zurck und seufzte
mit einer gewissen Befriedigung;
    Na gottlob, jetzt ist die Katze auch da aus dem Sacke! Herr von Lauen,
anjetzo haben wir wenigstens nicht mehr zu befrchten -
    Sie konnte ihren Satz nicht vollenden. Die Tr wurde aufgerissen, und das
Frlen, chevele, jede Rcksicht auf das, was es seiner Stellung schuldig war,
beiseite lassend, erschien strzte hervor - strzte sich (o wie schade, da es
sich nicht auf den Meister Dietrich strzen konnte!), strzte sich im
flatternden feuergelben Nachtgewand auf die in ihrer Mattigkeit scheu sich
duckende Jane, packte sie an beiden Schultern, zog sie in die Hhe, zog sie
gegen die Zimmertr, zog sie in das Zimmer und schlug dem Junker Hennig von
Lauen die Tr vor der Nase zu - als ob man nicht das mindeste Interesse an der
Sache gehabt htte!, wie sich der Junker spter ausdrckte.
    Einige Zeit wartete Hennig noch, ob man nicht auch ihn zur Beratung
hereinrufen und -holen werde, allein man schien ihn drinnen durchaus nicht mehr
ntig zu haben. Es blieb ihm nichts brig, als zu seiner Mutter zu gehen, um bei
dieser das zu suchen, was die andern nicht mehr von ihm zu wollen schienen,
nmlich Hlfe und Trost. Noch warf er einen Blick durch das eben erwhnte
Fenster des Korridors in den dunkeln, nebeligen Hof, wo es jetzt allgemach
ruhiger geworden war, hinunter, und in demselben Augenblick schlpfte Antonie
Huler drunten, ein Laternchen tragend, vorber. Sie ging, mit einer weien
Schrze angetan, nach einem der Nebenwirtschaftsgebude, lchelnd, schlank und
leichtfig - allein licht und freundlich in dem schweren schwarzgrauen Dunst
und der Nacht. Sie schien ihre Freude an den phantastischen Schatten, welche sie
umgaben, zu haben; denn sie hielt ihre kleine Laterne hoch und blieb stehen und
drehte sich und sah ber die Schulter, wie ein Kind, das sich von einem
Spielkameraden nicht fangen lassen will. Zierlich nahm sie einen Zipfel ihrer
Schrze auf und verschwand um die Ecke eines Gebudes; da mute jemand sie
anhalten und mit ihr reden, denn der rote Schein der Laterne zitterte noch eine
Weile in dem Nebel, bis er endlich verschwand und Hennig von Lauen - seinen Mund
schlo.
    Er, der Junker, tat einen Sprung und einen Faustschlag in die Luft und
rannte treppab, stolpernd und polternd, zu seiner Mutter, fiel ihr, wie sie
behauptete, gleich einem Klotz auf den Leib und gebrdete sich nun mit einem
Male schlimmer als irgendein anderer auf dem Lauenhofe um das, was die Rckkehr
des Herrn Dietrich Huler dem Hofe androhte und mglicherweise wirklich antun
konnte.
    Es war unmglich, der Lauenhof konnte nicht von der Tonie lassen!
    Und das mu einem auch jetzt, wo man schon alle Hnde voll zu tun hat, ber
den Hals kommen! war das erste, was die gndige Frau sagte; aber trotz aller
gegenwrtigen und aller in Aussicht stehenden Unruhe und Aufregung (der
Erntetanz mute unbedingt in den allernchsten Tagen gefeiert werden!) sagte sie
doch noch mehr und schttelte sich mit der gewohnten Energie in ihren Rcken.
    Das ist Schwindel, und wir lassen uns nicht darauf ein!
    Was sollen wir aber anfangen, wenn sich alles wirklich so verhlt, wie Jane
Warwolf erzhlt?
    Zuerst glaube ich noch nicht daran. Seit die Alte vor die verschlossene Tr
des Siechenhauses gekommen ist, sieht sie Funken, Flammen und Gespenster auf
allen Wegen. Bah, wen mag sie in Alexisbad gesehen haben? Und dann, wenn
wirklich ein Fetzen Wahrheit der Vogelscheuche aufgehngt sein sollte, so (und
hier richtete sich die Gndige zu ihrer ganzen Hhe auf), - so soll er mir nur
kommen, der Hauptlump, der Jammerkerl! Er soll's nur wagen, mir vor die Augen zu
treten; er hat bereits frher das Plsier gehabt, die Frau von Lauen
kennenzulernen, und mit Vergngen werde ich ihm die guten alten Zeiten ins
Gedchtnis zurckrufen.
    Das wird viel helfen! meinte Hennig klglich.
    Halt den Mund. Junge. Herrgott, diese alten Zeiten! Man darf nichts
anrhren, ohne da es irgendwo klingt und klirrt und rauscht, da einem die
Trnen vor Rhrung in die Augen kommen. Das ist wie eine Rumpelkammer oder wie
ein alter dunkler, vergessener Kleiderschrank von der Gromutter her. Wie lang
ist's eigentlich her, da ihn, ich meine den Huler, mein Seliger zum erstenmal
aus dem Hause warf? Da, halt mir einmal das Licht, Junge, das ist eine solche
Ewigkeit, da ich alle Finger gebrauche, um es herauszurechnen. Und wie alt war
die schne Marie, als sie uns zum Sterben hierher nach Krodebeck zurckgebracht
wurde? Halt das Licht gerade, Junge; - sechzig Jahre ist heut der Bursch sicher
alt; auch zwei oder drei Jahre drber, darauf soll's mir bei solch einem
nichtsnutzigen Exempel und Exemplar nicht ankommen. Munter, jetzt hab ich's,
seit Anno 1838 haben wir nicht die Ehre gehabt, ihn bei uns zu sehen; ja, da
kann er es freilich in der Zeit zu etwas Ordentlichem gebracht haben! Sie sagten
immer, er sei ein Genie, und der eine sagte: ein verrcktes, und der andere
sagte: ein heilloses; aber die meisten meinten kurzweg, er sei ein Halunk, und
das war auch meine Meinung, und er natrlich hat behauptet, das sei eine alte
biblische Geschichte, da der Prophet in seinem Vaterland nichts gelte. Sieh,
sieh, und nun kommt der wieder und ist ein groer Mensch, ein groer Herr
geworden! Wir waren damals so froh, als wir ihn los waren. Herrje, erleben mcht
ich wohl, da die Jane richtig gesehen htte! Da mu man die Menschen kennen!
Das wrde ein schnes Leben in Krodebeck abgeben.
    Und Antonie wird er uns nehmen und wird sie ruinieren, wie er seine Tochter
zugrunde gerichtet hat! rief Hennig. Es wird mir immer klarer, was uns
geschehen soll, und immer erbrmlicher wird mir auch. Ich gebe die Tonie nicht
her! Ich tu's nicht. Ich schiee ihn nieder wie einen Hund. Eben ging sie ber
den Hof. Vor einer Viertelstunde wute ich noch nicht, was wir an der Tonie
verlieren; aber jetzt wei ich's. Ich gebe sie nicht her; ich schiee jeden, der
Hand an sie legt, nieder wie einen tollen Hund.
    Die Mutter nahm das Licht, welches der Sohn immer noch hielt, ihm aus den
Hnden und leuchtete ihm ins Gesicht. Mit einemmal war sie ganz khl und ruhig
geworden, und nach einer ziemlichen Pause sagte sie: Junge, was fllt dir
eigentlich ein? Und - wie ist mir denn? Jawohl, ja freilich, er knnte wohl ein
Recht haben, seine Enkelin von uns zu fordern. Das ist doch eine Sache, ber
welche man ernstlich nachdenken mu, Hennig. Wenn er wohlhabend und irgendwie
ein anstndiger Mensch geworden ist, so sehe ich nicht ein, welch ein Recht wir
aufzuweisen htten, dem Kinde an seinem Glck hinderlich zu sein. Nur keine
Sentimentalitten! Herrje, da traue ich selbst dem Herrn von Glaubigern nicht.
Wo ist die Jane? Ich mu sie auf der Stelle sprechen, jetzt mu ich mit eigenen
Ohren hren, was sie von dem Herrn Huler gesehen und ber ihn gehrt hat. Und
wo ist die Tonie? Wei sie es schon, was ihr bevorsteht?
    Hennig schttelte den Kopf:
    Noch wei sie es nicht. Sie ging soeben mit der Laterne ber den Hof zur
Mamsell Molkemeyer. Jane Warwolf ist mit dem Ritter in der Stube des Frlens; -
sie haben mir die Tr vor der Nase zugeschlagen, als ob mich die ganze
Geschichte nicht im geringsten zu kmmern brauche, und da hab ich das Kind mit
der Laterne ber den Hof gehen sehen; da ist mir klar geworden, wie sehr mich
die Geschichte kmmert, und hier bin ich, Mutter, und du wirst uns helfen, da
wir die Tonie nicht verlieren und sie gar noch an einen solchen Schuft
verlieren.
    Ich werde jedenfalls meine fnf gesunden Sinne beieinanderbehalten, und das
brige wird sich finden, sprach die Frau Adelheid von Lauen. Auf
Phantastereien la ich mich nicht ein: - o Gott, da kann ich selbst den Herrn
von Glaubigern nicht zu Rat und Trost gebrauchen; das seh ich schon, jetzt werde
ich frs erste die einzige verstndige Seele auf dem Lauenhofe sein, und gerade
jetzt in all dem Wirrwarr und Erntearbeiten! Das hat mir gerade noch gefehlt;
und so ist es mir mein ganzes Leben durch gegangen! Aber das sage ich euch,
allen: hier behalte ich die Zgel in der Hand, und jetzt werde ich mit der Jane
reden, an das Frlen und den Ritter mag ich gar nicht denken. O Himmel, da mcht
ich lieber doch zum Pastor Buschmann um Hlfe und Beirat schicken! -
    Htte Herr Dietrich Huler Edler von Hauenbleib geahnt, in welche
Verwirrung er das Haus derer von Lauen durch sein Erscheinen nrdlich am Harz
strze, so wrde er sich in seinem schlechten Gemte sicher trefflich darber
ergtzt haben. Wer sagt uns aber, da er es nicht wute?
    Es entstand in dem obern Stockwerk des alten Rittersitzes eine groe
Bewegung. Unten im Hause vernahm man den Chevalier, das Frulein von
Saint-Trouin und Jane Warwolf auf der Treppe. Sie stiegen in aller Hast hinunter
und redeten wirr durcheinander.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Der seltsame Nebel, der, so weit sein Reich ging, jedermann betubte oder
aufregte, hatte auch an Tonie Huler seine Macht nicht verloren. Sie bekam kein
Kopfweh wie Frulein Adelaide, aber sie fhlte sich unruhig, bengstigt und
versprte eine rechte Lust zum Weinen, ohne zu wissen weshalb und ohne ihr
nachzugeben. Im Gegenteil, sie nannte sich selber ein dummes Nrrchen, warf all
die lustigen und traurigen Melodien, die ihr in den Sinn kamen, in einen Reihen
oder Leich zusammen und trug im Tanzschritt ihre Laterne ber den Hof zur
Mamsell Molkemeyer, um ihr ihre Hlfe anzubieten.
    Doch die Mamsell war sehr ungndig und sagte: Kind, tu, was du willst, nur
geh mir aus dem Wege! Gebrauchen kann ich dich jetzt nicht.
    Dasselbe hatte bereits die gndige Frau gesagt und hinzugefgt:
    Tonie, du siehst mde und matt aus; geh zu den Alten oder suche dir sonst
einen stillen Winkel aus; fr heute sollst du Ruhe haben.
    Aber heute einen stillen Winkel auf dem Lauenhofe zu finden, das war eine
Kunst; in den beiden einzigen, welche es an diesem Abend gab, hatten sich die
beiden Alten bereits verriegelt, und selbst den Chevalier htte Tonie an
diesem Abend nur ungern in seiner Ruhe gestrt. Da trug sie denn ihr Laternchen
aus dem Bezirk der Mamsell Molkemeyer weiter und trug es in den nchtigen
Garten.
    Es ist das beste, ich hole mir noch einen Strau߫, sagte sie; einen Strau
fr den Tisch; sie haben doch alle ihre Freude dran, und es ist so bald vorbei
damit. Sie waren alle heute so vergngt und ich auch; ich habe mit ihnen gelacht
und gesungen, aber so recht gefreut habe ich mich doch nicht. Nun liegen die
Felder wieder leer hinter uns, ich sah hoch vom Wagen durch den hlichen Dunst,
weiter als sie alle; es war alles leer, und deshalb war ich traurig selbst unter
der Erntekrone. Ja, ich hole mir und ihnen noch einen Strau von lebendigen
Blumen; wenn auch nur der Ritter darauf achtet, so ist's gut und genug.
    Sie nahm ihr Lmpchen auf und gelangte durch eine Seitenpforte in den
Garten, und hier unter den alten hohen Bumen war es finsterer als sonstwo.
Tonie Huler lie schnell die hohen rauschenden Wipfel hinter sich und warf im
Vorbereilen nur einen scheuen Blick an den Stmmen empor, wie der Schein ihrer
Laterne an ihnen vorbeiglitt und an ihnen in die Hhe lief. Sie htte unter
ihren Blumen selbst ohne ihr Laternchen Bescheid gewut; schon hatte sie
zierlich ihre Kleider zusammengefat und schlpfte zwischen den feuchten
Buchsbaumeinfassungen der Beete hin. Nun kauerte sie unter ihren Lieblingen,
stellte ihr Licht mitten in einen vollen Asternbusch und sagte lchelnd:
    Das ist meine Ernte.
    Sie pflckte zur Rechten und Linken und im Kreise umher und hielt jede Blume
in den Lampenschein, ehe sie dieselbe den Schwestern in der linken Hand
hinzufgte. Sie neigte das hbsche Haupt zur Rechten und zur Linken und summte
leise ihre Melodien fort; doch der frhlichen wurden leider immer weniger, und
die melancholischen gewannen bald ganz und gar die Oberhand.
    Jetzt betrachtete die Sngerin ihren Strau, und dann trug sie ihre Laterne
zu einem anderen Beet, kauerte von neuem nieder, aber sang nicht weiter. Ganz
ngstlich blickte sie nun ber die Schultern und sagte leise lachend:
    Man sollte meinen, ich wolle mir selber Mut machen mit dem Singsang! Ei
Tonie, fngst du an, dich vor der Nacht und dem Hhenrauch zu frchten? Das wre
noch besser, und nun hltst du dir selbst zum Trotz den Mund und kmmerst dich
um nichts.
    Das war leicht gesagt, aber schwer getan, denn der Strau war noch lange
nicht fertig, und an Stelle der Liederstze kamen die Gedanken, und leider
Gottes kamen sie gleich von Anfang an trb und auf schwermtigen Fittichen.
    Ein Vogel sollte doch noch wach geblieben sein um mich, das wre freundlich
gewesen, meinte Tonie, aber sie meinte auch: Freilich, das ist keine Stunde
und keine Witterung fr sie, und dann - wie viele sind schon fortgezogen! Ich
will mich gleichfalls beeilen, da ich wieder zu meinesgleichen komme; selbst
die buntesten Astern fangen an, mir Gesichter zu ziehen, und ich traue ihren
Farben nicht. Ach Gott, ist das nicht, als ob meine Blumen aus dem
Gespensterreich aufwchsen? So, da und da und nun noch die dort aus der Mitte -
komm, Liebchen, ich bringe dich zu Freunden! Jetzt bin ich fertig, und das ist
gut, und nun wollt ich, ich htte die groe Kastanienallee schon hinter mir und
knnte mein Lmpchen in Sicherheit ausblasen.
    Sie erhob sich, ordnete ihren Strau ein wenig handgerechter und sprach
ruhig-nachdenklich:
    Wer eben freien Eintritt in meine Seele erhalten htte, der wrde allen
Hausrat in arger Verwirrung drin gefunden haben und mte einen herrlichen
Begriff von mir mit fortnehmen! O Tonie Huler, schme dich und stifte mir hier
auf der Stelle Ordnung!
    Sie ging noch nicht. Sie stand still und lie auch die Laterne am Boden.
    Wie schnell heute der Rauch herankam! Sie hatten mich eben auf den Wagen
unter die Krone gesetzt, und eben schien noch die Sonne ber die Stoppelfelder,
da rollte er heran und fra alles - Farben, Licht und Stimmen!... Wie habe ich
mich heute wieder ber den Pastorenfranz gergert! Ja, ohne den wre ich ganz
glcklich auf dem Lauenhofe, aber es soll niemand ganz glcklich sein. Ohne den
Buschmann wre ich gewi zu glcklich und verge sicherlich alles, was ich doch
stets im Gedchtnis behalten mu; er sagt mir jeden Tag, woher ich komme, und
das ist sehr gut.
    Jetzt ordnete sie ein wenig an ihrem Blumenstrau.
    Ei, ei, ich glaube, ich bekomme Nerven wie das gute Frulein; aber es ist
nur der dumme Nebel daran schuld. Der Franz Buschmann ist nicht schuld daran; da
hilft mir der Chevalier, jaja, der Herr Ritter! Und mit den hellen Trnen in
den Augen fing sie von neuem an, leise zu summen, und zwar:

En partant, reois le seul gage
Que je possde encore ici,
Ce bouquet de rose sauvage,
De violette et de souci.

Das war nrrischerweise aus dem schnen Liede, welches schon in frheren Jahren
Adelaide von Saint-Trouin so gern sang, und pate weder zu den Sptsommerblumen
in der Hand der Sngerin noch sonst in den jetzigen Augenblick; aber:

L'glantine est la fleur que j'aime,
La violette est ma couleur,
Dans le souci tu vois l'emblme
Des chagrins de mon triste coeur.

Und jetzt bring ich meine Ernte, meinen Strau meinen eigenen Anverwandten, und
der Herr Ritter wird mich darum nicht weniger liebhaben! schluchzte Tonie
Huler.
Hastig ergriff sie die kleine Laterne, fate ihren Strau fester und drckte ihn
gegen den Busen. Im Lauf durchma sie die gewundenen, jetzt so dunkeln Kieswege
des Gartens, gelangte von jener Terrasse mit dem chinesischen Pavillon auf die
Landstrae und eilte dem Kirchhofe dicht neben dem Siechenhause von Krodebeck
zu. Sie, welche eben so scheu und ngstlich in die sie umgebenden Schatten sah,
welche sich vor dem Rauschen der Bume frchtete, sie frchtete sich nicht mehr
zwischen den Grbern ihrer Anverwandten. Sie wand sich zwischen den Hgeln,
Kreuzen und tauigen Struchern durch bis zu den beiden Grbern im Winkel, die
ihr gehrten. Da stand sie und teilte ihren Blumenstrau und gab der Mutter ein
Teil und der Pflegemutter das andere.
    Beinahe htte ich euch vergessen, flsterte sie, aber ihr wit doch, ich
kann euch nicht vergessen, und es wird immer zwischen uns im Rechten bleiben.
    
    Sie hob die Laterne und lie ihren Schein zur Rechten und Linken ber beide
Hgel fallen. Der Nebel schien immer dichter zu werden, und der Emeritus im
Siechenhause, der von seiner einsamen Zuchthauszelle her immer noch eine
fiebernde Ruhelosigkeit in Gliedern und Knochen versprte und auf keinem Platz
mehr stillsitzen konnte, kam eben an sein Hinterfenster und verwunderte sich
sehr ber das rote schwankende Licht auf dem Kirchhofe zu so ungewhnlicher
Stunde. Zuerst erschrak er sogar, doch ein alter Snder fat sich kurz und
schnell, und so sah er im nchsten Augenblick ganz scharf und genau auf das
Phnomen und rief:
    Sackerment, das ist ja die junge Mamsell vom Hofe. Hehe, da mu ich der
Krabbe doch meine Gratulation anbringen und ihr die Hohnrs vom Ort und der
Gelegenheit machen. Verdammt, die Haare mchte sich ein ehrlicher Mensch
ausraufen, wenn er nur von weitem an den Glckspilz, an den Dietrich denkt -
Sackerment!
    Er nahm die schwarze kurze Tonpfeife aus dem Mund, drckte die Asche mit dem
Daumen hinab und tappte vorsichtig aus seiner Hhle hervor. Leise schlich er um
die Ecke, und pltzlich fuhr Antonie Huler mit einem Schrei unter der
Berhrung seines Zeigefingers zusammen und fuhr zitternd herum und sah das alte,
grimmig grinsende Gesicht gerade vor sich:
    Schnsten guten Abend, Tonie, Mamsell Tonie, Frulein Tonie Huler!
    Was wollt Ihr - was - was wollen Sie von mir? Das ist unrecht! O wie haben
Sie mich erschreckt!
    Nun, nun, sagte der Emeritus begtigend, es war nicht schlimm gemeint.
Unsereiner nimmt doch auch immer noch teil an dem Vergngen der Menschheit und
hat sein Plsier dran, wenn seinem Nebenmenschen ein guter Bissen auf den Teller
fllt. Na, Frulein Tonie, Frulein Huler, vergessen Sie den Alten im
Siechenhause nicht, wenn der Herr Grovater angekommen ist. Wissen Sie, aus
alter Bekanntschaft - er wird sich wohl selber erinnern; aber es ist einerlei,
ich wnsche viel Glck und gnne ihm sein Glck, und ich wollte nur sagen, da
es mir eine groe Ehre wre, wenn er sich meiner auch erinnerte und vielleicht
aus seinem guten Herzen eine Gabe in das Hotel Schubbejack schickte.
    Ich wei nichts - ich verstehe nicht - ich bin so sehr erschrocken. Jetzt
will ich heim - geht fort, lat mich frei, ich bitte Euch herzlich! Man wird
mich daheim vielleicht schon vermissen!
    Halt! rief der Emeritus, halt! Frulein Tonie, wissen Sie wirklich nicht,
was fr ein unmenschliches Glck und unverdiente Herrlichkeit fr Sie unterwegs
ist?
    Das junge Mdchen schttelte immer ngstlicher den Kopf.
    Ei, so soll mich der Teufel holen, wenn ich mir nicht auch von Ihnen ein
Trinkgeld, und zwar ein anstndiges, verdiene, gndiges Frulein. Also hat die
Bagage Ihnen noch nichts verkndigt? Schn, so horchen Sie geflligst; ich habe
vorhin auch gehorcht und Wunderdinge erfahren; aber so sind die Leute: alles
Gute behalten sie so lange als mglich fr sich selber und lassen nichts heraus,
wenn man ihnen nicht mit dem Brecheisen oder dem Dietrich kommt. Ja, der
Dietrich, der Dietrich - ach, gndigstes Frulein Tonie, wenn ein Mensch gewut
hat, was in dem Dietrich steckte, so bin ich der Mensch gewesen, und jetzt
kommen Sie her und lassen sich erzhlen und denken nachher dankbar und
erkenntlich an den armen alten Mann im Siechenhause, von dem kein Mensch was
wissen will und der es doch so gut mit der Menschheit meinte.
    In seiner Weise, das heit mit seinen Redensarten und Ausschmckungen,
flsterte der Emeritus dem jungen Mdchen alles das zu, was er vorhin
bruchstckweise von der Unterhaltung Hennigs und Janes erlauscht hatte, und so
erfuhr Antonie Huler ber den Grbern der Mutter und Pflegemutter, im Schatten
der zerbrckelnden Mauer des Armenhauses von Krodebeck das groe Glck, welches
ihr bevorstand und um welches so groe und betrbte Aufregung bei allen Freunden
auf dem Lauenhofe herrschte. Was der gute Ritter von Glaubigern ihr in der
zartesten Weise sagen sollte, das sagte ihr jetzt das brutale Schicksal mit
rohem Lachen, heimtckisch-neidisch, frech und erbarmungslos - o weshalb
brauchte der Chevalier so lange Zeit, sich zu besinnen? Weshalb mute Frulein
Adelaide von Saint-Trouin auch heute um ihre Meinung gefragt werden? Mssen die
braven Leute berall und immer zu spt kommen, um sich mit denen, die zu ihnen
gehren, zu verstndigen, ehe die gleichgltige, schadenfrohe oder eigenntzige
Welt sich vordrngt und jede Verstndigung, jeden Trost und jeden Ausgleich so
hufig unmglich macht?!
    Lautlos hrte Antonie Huler den Emeritus an. Sie lehnte an dem hlzernen
Gitter, welches eines der Grber des Dorfes umschlo, ihre Hand lag auf einem
der Eckpfosten, und diese Hand umklammerte immer fester ihre Sttze. Sie schlo
die Augen und ffnete sie wieder, sah vor sich im roten Schein und Nebel das
alte bse Gesicht schwankend, undeutlich und doch peinlich klar wie alles umher,
wie das Laternchen auf dem Hgel der Mutter, wie die zerstreuten Blumen, wie das
hohe Gras zu ihren Fen, die schwarzen Bume und Bsche und die schwrzere
Nacht, die von allen Seiten grimmig herandrngte. In diesem Augenblick wurde vom
Lauenhof her ihr Name gerufen, da entfloh sie mit einem leisen Schrei; sie lief
in die Dunkelheit hinein, gnzlich unfhig, ber ihren Weg und Willen
Rechenschaft zu geben.
    Es war Hennig, welcher dem guten Kameraden rief. Die Herrschaften auf dem
Hofe waren nach heftigem Durcheinander der Meinungen zu der Ansicht gekommen,
da es leider unbedingt ntig sei, das Kind von der Sachlage in Kenntnis zu
setzen, und man suchte nach dem Kinde. Whrend die anderen hin und her fragten,
ging der Chevalier, fort und fort unverstndliche Stze murmelnd, auf und ab.
Man verfolgte die Spur der Tonie von der Mamsell Molkemeyer in den Garten und
erfuhr, da sie mit ihrem Strau und ihrer Laterne auf der Landstrae gesehen
worden war. Jane Warwolf ahnte, wohin sie gegangen sein knne, und folgte ihr
mit Hennig. Sie riefen beide und horchten und warteten auf Antwort; aber der
Emeritus sa kichernd und glucksend, seinen schwarzen Pfeifenstummel im Munde,
wieder in seinem Winkel und lie sie rufen, ohne sich zu rhren. Als jedoch
Hennig an sein Fenster klopfte, ffnete er es sehr vergngt und antwortete auf
die Frage, ob er nicht das Frulein Tonie auf dem Kirchhofe gesehen habe:
    Freilich habe ich sie gesehen und ihr mit Hflichkeit die Hohnrs gemacht,
wie es sich schickte. Hab mich auch recht schn und bescheiden im voraus bei dem
Herrn Grovater in gtige Erinnerung empfohlen. Sie brauchen sich weiter keine
Molesten zu machen, Herr von Lauen; ich hab dem Frulein alles erzhlt - alles
der Reihe nach, wie ich es vorhin von meinem Jammerwinkel her von Ihnen und der
gndigen Frau von Warwolf hier in Erfahrung gebracht habe. Das Frulein waren
sehr interessiert und dankbar, aber auch, ein wenig auer sich und sind
verschwunden und haben mich stehenlassen, wie denn die jungen Leute so sind,
Herr von Lauen.
    Wtend schlug der Junker mit der Faust nach dem alten Halunken, aber lachend
fuhr dieser zurck und warf das Fenster zu. Jane Warwolf fate den zornigen
Hennig, zog ihn zurck, zog ihn auf die Landstrae und rief:
    Das ist schlimmer als alles andere und noch dazu unsere Schuld! O das arme
Geschpf! Es ist meine Schuld, meine Schuld! Weshalb hab ich nicht mich um
keinen Menschen gekmmert und sie beiseite genommen und mich mit ihr unter einen
Busch am Wege gesetzt und selber zu ihr gesprochen? Da bin ich von einem zum
andern gelaufen, und wohin ist sie nun in ihrer Verwirrung gelaufen?
    Ich breche dem Hund die Tr auf und ziehe ihn an den Ohren hervor - er mu
es wissen! rief Hennig.
    Und ruf das ganze Dorf zusammen und schicke es ihr nach! Wir wollen langsam
und still auf dem Wege zum Holze weitergehen, dort werden wir ihr wohl begegnen;
zu bessern und gutzumachen ist jetzt doch nichts mehr, sagte Jane.
    Hennig folgte der Alten strrisch, aber doch ohne eigenen Willen, und so
gingen sie auf der Landstrae weiter, dem Walde entgegen. Es war der Weg, auf
welchem die schlimmen Geisterfutritte das Pflegekind des Lauenhofes verfolgt
und gejagt hatten, und unter den ersten Bumen standen Jane Warwolf und Hennig
von Lauen still und horchten. Nun rief Jane von neuem zrtlich und weinerlich
den Namen des jungen Mdchens, und nun meinten sie, dicht neben sich ein
verhaltenes Schluchzen zu hren; sie hatten sich jedoch geirrt, denn jetzt
nherte ein leichter Schritt sich ihnen aus der Finsternis des Waldes, Antonie
Huler trat ruhig an sie heran und fragte:
    Hast du mich gerufen, Jane? Bist du auch da, lieber Hennig? Ei, wie htt
ich euch necken knnen, wenn ich in solcher Stunde und bei solchem Nebel mit
euch htte Versteckens spielen wollen. Aber ihr brauchtet keine Sorge darum zu
haben, ich bin gern zu euch gekommen; es ist gar zu schaurig und unheimlich da
hinter mir.
    Liebe, liebe Tonie, rief Jane, und Hennig rief:
    Du kannst dir nicht vorstellen, wie betrbt und wtend wir alle dort unten
sind. Wir kamen, dich zu suchen und heimzuholen, und dann - dann haben wir den
alten Schuft im Siechenhause gesprochen, und - und -
    Ja, sagte Antonie, er hat mir einen groen Schrecken eingejagt, und
darauf bin ich recht tricht gewesen und bin in die Nacht hineingerannt wie ein
Kind, das man mit einer Maske schreckte. Vielleicht ist es so am allerbesten
gewesen, Jane, denn nun hab ich alles, was mir an Verstand mit auf die Welt
gegeben wurde, wieder beieinander; und jetzt wollen wir nach Haus gehen. Da ist
der Herr Ritter und die gndige Frau und Frulein Adelaide, und es ist mir doch,
als habe sich alles mit einem Schlage verndert. Seit einer Stunde hab ich
manches Jahr gelebt - zurck und weiter hinaus; immer weiter hinaus und tiefer
zurck. Das ist so bunt und ngstlich und unbegreiflich, da man wohl Vernunft
und Verstand zusammennehmen mu. Kommt, wir gehen zurck zum Lauenhof - sie
mssen alle mit mir sprechen, ich mu alle die freundlichen Stimmen wieder
hren, denn eben ist mir doch gewesen, als sei das Leben der Freunde, und mein
Leben mit, schon vor hundert Jahren verklungen.
    Der Klgste sollte darber zum Narren werden! sprach Jane Warwolf mit
allem Nachdruck.
    Der - Mann dort unten sagte, du habest die Nachricht hierhergebracht,
Jane?
    Ja, Herzenskind, es ist mein Schicksal gewesen, und du darfst es mich nicht
entgelten lassen, wenn du in Purpur, Pracht und Herrlichkeit sitzen wirst.
    Tonie lachte und sagte:
    Ich glaube alles, aber daran glaube ich frs erste noch nicht. Was meinst
du dazu, Freund Hennig!
    Ich wei nichts, ich meine nichts; aber von Stunde zu Stunde kriege ich
grere Lust, der ganzen Welt in das Gesicht zu springen.
    O Gott - und der Herr Ritter! rief Antonie in schmerzlichster Bewegung und
zog die alte Jane schneller mit sich fort.
    Sie gingen heim durch die stille Nacht und den wogenden Dunst, in welchem
die Lichter des Dorfes und des Rittergutes trbe und schwankend flimmerten. Sie
erreichten das Tor des Lauenhofes, an welchem eine murmelnde Gruppe von Knechten
und Mgden verlegen-stumm bei ihrer Annherung auseinandertrat. Sie gingen in
die groe gelbe Stube zur Rechten des Hausflurs, wo die kuriosen und durchaus
nicht anmutigen Ahnenbilder des wackern Hauses an den Wnden hingen und wo an
dem runden Tische in der Mitte des Gemaches die Mutter, der Chevalier und
Frulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin ebenfalls eine stumme Gruppe
bildeten. Auch diese Gruppe lste sich bei ihrem Eintritt, doch zog sich niemand
zurck, sondern alle drei kamen mit erhobenen Armen und Hnden heran, und der
Herr Ritter von Glaubigern fate das junge Mdchen in seine Arme und hielt es
fest und streichelte ihm wortlos mit zitternder Hand die Haare und versuchte zu
reden, brachte es aber nur zu einem zrtlichen, halb abgebrochenen
Schmeichelwort und sah ber die Schulter des Kindes die Frau Adelheid mit einem
so verlorenen Blicke an, da die gute Frau trotz aller eigenen Rhrung
unwillkrlich lcheln mute.
    Nun wurde den ganzen Abend hindurch die seltsame Nachricht hin und her
gewendet, ohne da man ihr viele Lichtseiten abgewann. Am schweigsamsten hielt
sich die Frau Adelheid; sie lie die anderen reden und fiel nicht ein einziges
Mal dem Frulein von Saint-Trouin ins Wort. Dagegen warf auch sie den ganzen
Abend hindurch absonderliche Seitenblicke auf den Sohn und das Pflegekind,
versank hufig in ein tiefes Nachdenken und fuhr aus demselben kurz und schroff
empor. Sie war sogar einige Male gegen das arme Mdchen, die Tonie, kurz und
schroff, und da sie fr alles ihre Grnde hatte, so mute sie auch hierfr
dergleichen aufweisen knnen. Gegen Mitternacht wurde sie grob und scheuchte den
melancholischen Kreis auseinander und in die Betten; aber reumtig bot sie zu
gleicher Zeit dem Chevalier den Arm und geleitete ihn selber die Treppe hinauf
bis zur Tr seines Zimmers und wnschte ihm klglich und mit unverhohlenem
Zweifel an der Erfllung ihres Wunsches die angenehmsten Trume.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Auf den Hhenrauch fiel sogleich eine sehr nasse Witterung ein. Man hatte eine
alte Bauernregel in dieser Beziehung, und unter andern Umstnden wrde der
Ritter von Glaubigern jedenfalls seinen Theorien ber den ungemtlichen Dampf
mancherlei Zweckdienliches angefgt haben; allein weder er noch das Dorf
Krodebeck hatten jetzt Zeit und Stimmung, sich um das Wetter zu kmmern. Mit
Blitzesschnelle hatte sich natrlich das Gercht von dem glorreichen Nahen des
einst so verachteten Meister Dietrich verbreitet, und war die Verwirrung darob
gro auf dem Lauenhofe, so war sie fast nicht geringer im Dorf. Die lteren
Generationen, welche den Mann noch persnlich kannten, schttelten die harten
Kpfe, kraueten sich in den cheruskischen Haarwlsten, schnarrten, brummten,
knurrten und meinten, das gehe freilich weit ber alles hinaus, was der Mensch
sonst wohl auf Erden erleben mge. Die jngeren Geschlechter, welche den Meister
nicht mehr von Person kannten, sperrten die Muler auf, vernahmen mit Staunen
und Verwunderung die Erzhlungen der weisen Alten, und da sie sich kaum einen
klaren Begriff von dem sterreich, aus welchem der einstige Dorfgenosse
vierspnnig anfuhr, machen konnten, so hielten sich ihre Phantasien ganz
naturgem mehr westwrts auf der bekanntern germanischen Flugbahn, und
verschiedene dumpfe, undeutliche Auswanderungsplne nahmen rasch eine bestimmte
klare Form an. Schon im nchsten Frhjahr verdankten die Vereinigten Staaten von
Amerika dem unverschmten und nichtswrdigen Glck des klugen Meister Dietrich
Huler die Landung einiger gar nicht unbrauchbaren neuen Brger, teilweise mit
Familie.
    Gleich einem Smyrnafahrer, auf welchem nicht ein Flschchen, sondern ein
ganzes Fa voll Rosenl platzte, verbreitete der Meister Dietrich weither einen
sehr sen Wohlgeruch, wie auch sonst das Piratengesindel, welches das Fahrzeug
bemannen mochte, beschaffen war. Und das Pastorenhaus roch die Sigkeit von
ferne wie das brige Dorf, nur vielleicht mit noch feinerer Nase und richtigerem
Verstndnis, und es hatte sie, wie sich zeigen wird, weit frher als sonst
jemand im Dorfe und auf dem Hofe gerochen. Die Kunde, wie sie von der Frau Jane
Warwolf gebracht wurde, gelangte freilich am ersten Abend leider zu spt zu dem
geistlichen Herd, als da der Herr Pastor noch in derselben Nacht den
pflichtmigen Besuch auf dem Lauenhofe htte abstatten knnen; allein am
folgenden Morgen, und zwar so frh als mglich, erschien und vernahm er mit
groem Interesse alle nheren Umstnde genauer. Nachdem er sehr hflich und
zrtlich gegen Frulein Antonie Huler gewesen war, empfahl er sich wrdig
nachdenklich, das heit, er wurde von seiner Gattin abgelst und zu seinen
sonstigen Pflichten heimgeschickt, whrend die ehrwrdige Frau nunmehr selber
recht fest Posto fate und allmhlich allen melancholischen Bewohnern des Hofes
den Wunsch nach einem Kaminbrande im Pfarrhaus innig ans Herz legte.
    Wir haben zuerst unsern Ohren nicht getraut und darauf jedenfalls eine
ungemein unruhige Nacht gehabt, Frulein Antonie, sprach die Gute. Ja,
Frulein Antonie, liebes Frulein, der liebe Gott wei die Seinen wohl zu finden
und ihnen das Ihrige zur rechten Zeit zu geben. Wir haben uns herzlich ber das
groe Glck, welches Ihnen zuteil werden soll, liebes Frulein, gefreut. Bis zum
grauen Morgen hat uns die Unruhe umhergetrieben, und mein Mann wachte mit einem
recht argen Kopfweh auf, aber im Hause litt es ihn doch nicht; er mute und
mute nach dem Lauenhof, um zu erfahren, ob das Ganze nicht auch auf einer
Tuschung beruhe, und als er viel lnger ausblieb, als er sollte, da litt es
auch mich nicht lnger daheim, und da bin ich nun, und da sitze ich nun und kann
nur immer von neuem Glck wnschen, mein liebes, liebes Frulein.
    Aber sehen Sie sich doch nur um, meine verehrte Frau Pastorin: wir sind gar
nicht so sehr glcklich!... Durchaus nicht! rief die Gndige mit ziemlich
saurem Gesicht.
    Und darauf wollte ich eben kommen, meine Liebe, erwiderte die geistliche
Dame. Es freut mich, da Sie selbst davon anfangen, Beste. Ach, Frulein Tonie,
Sie sind noch so jung und sollen erst nach und nach erfahren, was das Leben ist.
Nicht wahr, Herr von Glaubigern und gndiges Frulein, wir Alten wissen und
haben lngst erfahren, wie es sich damit verhlt und da der Tropfen Wermut in
jeden Freudenbecher fllt, wie mein Mann sagt. Wir haben auch in diesem
besonderen Falle lange genug in Krodebeck gelebt, meine Besten, um zu wissen,
woher hier der sehr, wirklich sehr bittere Tropfen -
    Frau Pastorin, ich halte es fr angemessener, wenn wir augenblicklich - -
hierber schweigen! wollte der Chevalier sagen.
    Hierber schweigen, sagte die Frau Pastorin Buschmann, und der Herr Ritter
gab mit einem tiefen Seufzer seinen Kampf auf.
    Jawohl, hierber schweigen! wiederholte die Seelenhirtin. Ganz dasselbe
sagte ich auch zu meinem Mann, und er gab mir vollstndig recht. Er mu mir,
beilufig gesagt, sehr hufig recht geben. Freilich, liebe Tonie, wir haben
recht viel in der vergangenen Nacht von dem Herrn Grovater gesprochen. Wir
muten es, Frulein von Saint-Trouin! Es war unsere Pflicht, Frau von Lauen!
Leider war es unsere Schuldigkeit, Herr von Glaubigern, denn wir sind zu alt in
Krodebeck geworden. Der Herr Grovater gehrt zu unseren Jugenderinnerungen,
Tonie.
    Man mu mit seinen Jugenderinnerungen abschlieen knnen, meine Gute,
meinte Adelaide Klotilde Paula von Byzanz mit einem Gesicht, welches jeglichen
byzantinischen Heiligenmaler in Verzckungen hingerafft haben wrde.
    Und das haben wir unter Gebet und Trnen getan! rief die Frau Pastorin
Buschmann, welche unter dieser Erinnerung fast von neuem in Trnen und
allgemeiner und ganz spezieller Menschenliebe unterging. Wir haben vollkommen,
vollstndig und ganz und gar abgeschlossen - der Herr ist unser Zeuge! O ja,
mein liebes Frulein Huler, wenn sich alles wirklich und wahrhaftig so
verhlt, wie Jane Warwolf behauptet, so soll es dem Herrn Grovater an einem
offenen, freudigen, herzlichen Willkommen in Krodebeck und im Krodebecker
Pfarrhause nicht mangeln. Sie sollten meinen Mann in dieser Hinsicht gehrt
haben, das Herz wrde Ihnen aufgegangen sein; und wie mein Mann, so hat sich
auch mein Sohn geuert: wir werden es smtlich fr eine groe Ehre ansehen,
alte wohlmeinende, freundschaftliche Beziehungen in einfacher lndlicher
Befangenheit erneuern zu drfen, mein armes, s-es Kind. Nicht wahr, ich darf
hoffen, da wir hierin alle einer Meinung sind.
    Mit glnzenden Augen blickte die Rednerin im Kreise umher, ohne
innezuwerden, da auch sie in einer Wste predige. So trug sie denn ihr Jauchzen
ber den heimkehrenden Snder zur groen Erleichterung des Lauenhofes wieder
nach Haus, und die gndige Frau sprach mit einem tiefen Atemzug:
    Gottlob, da sie fort ist! Beinahe wre ich ausfallend geworden.
    Frulein Adelaide von Saint-Trouin aber meinte sehr fein:
    Meine Teure, gegen ein so gutes Gewissen richtet man kaum durch Impertinenz
irgend etwas aus.
    Auf dem Wege nach Haus nahm die geistliche Hirtin noch einen anderen Korb
mit. Sie lud die alte Jane Warwolf, die sonst durchaus nicht in der Gunst des
Pfarrhauses stand, mit dringender Freundlichkeit ein, am Nachmittag eine Tasse
Kaffee bei ihr zu trinken, und Jane lehnte die Einladung schnde ab.
    Das war ein trostloser Tag! Die Witterung wurde immer feuchter, die Wolken
zogen immer niedriger und wurden immer grauer. Niemand fand irgendwo Ruhe, und
selbst die Frau Adelheid wurde der Vorstellung, da der letzte Erntewagen so
glcklich noch ins Trockene gebracht worden war, kaum froh. Der Chevalier
wanderte ununterbrochen im Hause umher, er stieg die Treppen hinauf und kam im
nchsten Augenblick wieder herunter; er sah aus allen Fenstern, ffnete alle
Tren und blickte in Schrnke und Schubladen, in welchen er nicht das mindeste
zu suchen hatte und zu finden hoffen konnte. Er verbrauchte sehr viel
Schnupftabak, und die Haute-Justicire folgte in allem seinem Exempel; wahrhaft
ahnfrauenhaft, stumm und Arme und Busen voll eiserner Messer, stieg sie
jedesmal, wenn er die Treppe hinaufstieg, ebendieselbe hinab und umgekehrt.
Hennig vermied das Haus und die Gemeinschaft der Leute drin nach Tunlichkeit. Er
trieb sich in den Stllen, Scheunen und auf dem Hofe umher, und die Leute
drauen hatten alle Grnde, sich ber seine ble Laune zu beklagen. Die gndige
Frau fand ihren besten Trost an ihrer Mamsell Molkemeyer, und Tonie - Frulein
Antonie Huler hatte ihr Spinnrdchen hervorgeholt, sa in einem Winkel
dahinter, bleich, mde, mit zuckenden Lippen, und der Faden brach ihr recht oft,
und das surrende Rad brachte den Tumult in ihrer Seele nicht zur Ruhe. Wahrhaft
lcherlich in ihrer Unruhe erschien aber unsere wackere Freundin Jane Warwolf.
Sie, die berhaupt so selten an irgendeinem Orte Ruhe fand, wute unter den
bewandten Umstnden gar nichts mit sich anzufangen und trieb sich umher wie ein
herrenloser Hund - wir wissen leider keinen anstndigern Vergleich. Da sie mit
den andern die Ankunft des Meister Dietrich in Krodebeck zu erwarten hatte,
verstand sich von selber, aber, sagte sie spter, der Mensch kann mancherlei
erleben, was er nicht zum zweiten Male erleben mchte, und sollte ich die Tage
noch einmal durchmachen mssen, so knnte es der liebe Gott selbst einer Kreatur
wie mir nicht verbeln, wenn sie mit einem Strick in den Wald ginge und nicht
eher wieder zum Vorschein kme, als bis man sie gefunden htte - brrr!
    So lief sie im Dorfe hin und wider, wurde hier angerufen und dort angerufen,
sa auf der Bank und auf jener, lief ein Stck Weges auf jeder Landstrae und
auf allen Feldwegen hinaus und kehrte grimmig um und kam regenna zurck und
betrug sich sehr unfreundlich in der Gesindestube des Lauenhofes - und das war
kein Wunder, sprach sie ebenfalls spter, denn soviel Gift, als andere Leute
in sich lassen knnen, ohne die Miene zu verziehen, kann ich auch in mir lassen,
doch nicht mehr. Und ich sage Ihnen, Herr von Glaubigern, kein Engel im Himmel
hat jemals mehr stille Wut in sich hineingeschluckt als ich in den Tagen, und
was herausmu, das mu heraus, sonsten gbe es gar keine Engel - Sie immer, mit
Erlaubnis zu sagen, ausgenommen, Herr von Glaubigern.
    Es war ein trostloser Tag, und die Tage, welche ihm folgten, waren noch
schlimmer; denn wenn es schon arg ist, auf etwas Gutes, Angenehmes und
Erfreuliches warten zu mssen, so ist eine Geduldsprobe, wie sie jetzt die
Bewohner des Lauenhofes zu bestehen hatten, kaum zu ertragen. Der einzige lichte
Schein ging am zweiten Tage nach der Ankunft Janes auf dem Hofe von dem
Pastorenfranz aus, der gleichfalls dort einen Besuch abstattete und sein
mglichstes tat, die dstere Gesellschaft durch sonderbar unbefangene
Liebenswrdigkeit zu erheitern. Er zeigte sich ungemein hflich gegen Tonie
Huler, und als sie unglcklicherweise ihr Taschentuch fallen lie, sprang er
mit einer Gelenkigkeit zu, welche selbst den Herren von Bock und von Kalb auf
der Jagd nach dem klassischen Strumpfband der Prinze Amalie htte beneidenswert
erscheinen mssen. Er htte etwas anderes verdient als die bloe Verwunderung
der Anwesenden, und es war ihm unter solchen Umstnden nicht zu verdenken, da
er die Gesellschaft wenigstens in noch grere Verwunderung versetzte, indem er
zu ihrer Kenntnis brachte, er werde morgen eine kleine Vergngungsreise in die
Berge unternehmen.
    Sie sahen ihn alle an, und mrrisch fragte Hennig:
    Bei diesem Wetter?
    Ja, mein Junge! Das Wetter ist freilich nicht verlockend, allein vielleicht
habe ich die letzte Zeit hindurch zu still ber den trichten Bchern gesessen.
Leider ist meine Krper- und Seelenstimmung noch schlechter als das Wetter, und
meine Mutter hat sich schon lngst ber meine Nerven beklagt. Ich fhle es, die
Berge werden mir guttun, und es wre eine groe Freundlichkeit, wenn du mich auf
der Fahrt begleiten wolltest, Hennig.
    Der Ritter von Glaubigern rusperte sich sehr ausdrucksvoll, die brigen
schwiegen bis auf die Frau Adelheid, welche der Meinung smtlicher Anwesenden in
den einfachen Worten Ausdruck gab:
    Machen Sie sich nicht lcherlich, Franz.
    Da der hoffnungsvolle Kandidat der Gottesgelehrtheit hierdurch ein wenig
aus dem Konzept gebracht wurde, kann nicht geleugnet werden; aber er fate sich
schnell, redete noch einiges ber das Wetter und seine Gesundheit und nahm
sodann Abschied mit der Versicherung, da ihn sein Reiseglck noch nie verlassen
habe und da auch diesmal die Sonne auf seinen Pfad herablcheln werde, sobald
er Krodebeck im Rcken habe.
    Man schickt ihn dem - Mann entgegen! flsterte Adelaide dem Chevalier ins
Ohr, als sich die Tr hinter dem jungen Leidenden geschlossen hatte. Der
Chevalier sah auf die gndige Frau, diese zuckte die Achseln und warf einen
Seitenblick auf ihren Sohn, und dieser trommelte verdrossen an der
Fensterscheibe und sprach:
    Da geht er hin mit seinem Regenschirm und Gummigaloschen! Wei denn
niemand, was der Bursche bei solchem Wetter im Harz zu suchen hat?
    Gehrten die Leute auf dem Lauenhofe nicht zu unseren allerbesten Freunden,
wir knnten ber alle lachen. Sie htten es nun bald fr eine Gnade genommen,
wenn der Meister Huler endlich angelangt wre; aber der Meister Huler kam
frs erste noch nicht. Das Wetter blieb feucht, die Tage wurden immer
trostloser, und zu allem andern Elend hatte der gengstete und gergerte Kreis
auf dem Hofe jetzt auch noch in der Phantasie den Pastorenfranz auf seinen
Pfaden zu verfolgen: Ist er wirklich gegangen, um ihn zu treffen? Wie wird er
ihn treffen? Wo wird er ihn treffen? Hat er ihn in diesem Augenblick bereits
getroffen? Und: was fr einen Eindruck hat er auf den Buschmann gemacht?
    Fast htte die gndige Frau einen Besuch im Pastorenhause abgestattet, und
sie htte in der Tat gar nicht bel daran getan, denn das Pastorenhaus wute
auch diesmal, das heit unter der neuen Lage der Dinge, wirklich bald besser
Bescheid als der Lauenhof und war ruhig.
    Im Alexisbad hielt sich Herr Dietrich Huler nicht mehr auf; aber in
Wernigerode auf dem Marktplatz, dem alten, herrlichen Rathaus gegenber, liegt
der Gasthof zum Hirsch, und hier fand Franz Buschmann, ganz zufllig das
Fremdenbuch durchbltternd, was er nicht suchte, nmlich ein ihm doch
interessantes Autogramm:
    
    D.H. Edler von Hauenbleib, mit Bedienung.
    Am folgenden Tage schon langte im Krodebecker Pfarrhause ein Brief an, in
welchem der gute Sohn den zrtlichen, besorgten Eltern einen kurzen Bericht von
seiner Reise, seiner Gesundheit und einer hchst interessanten Bekanntschaft,
welche er ganz zufllig gemacht hatte, gab; und umgehend schrieb der Herr Pastor
an den guten Sohn im Hirsch zu Wernigerode zurck und freute sich sehr der
Fgungen des Himmels und sah einen augenflligen Fingerzeig Gottes da, wo andere
Leute vielleicht etwas anderes gesehen haben wrden.
    Kein Diplomat htte sich der Wendungen zu schmen brauchen, in welchen der
geistliche Herr seinen Gefhlen in einer bestimmten Richtung Ausdruck gab und
den augenblicklichen Stimmungen und Verhltnissen von Krodebeck Rechnung trug.
Wer den Mann nur nach seinem all- und sonntglichen Auftreten kannte, htte
gewi nicht geahnt, wie zart und feinfhlig er unter Umstnden sein konnte und
in diesem Briefe war. Da er am Schlu dieses Schreibens sich und sein Haus dem
Edlen von Hauenbleib zur vollkommenen Verfgung stellte und ihn einlud, whrend
seines voraussichtlichen Aufenthalts in Krodebeck sein Absteigequartier unter
seinem bescheidenen Dache zu nehmen, war freilich fr den berraschend, welcher
den Mann und sein Haus nur aus dem Alltagsverkehr kannte.
    Es erfolgte keine schriftliche Antwort auf diesen Brief; allein der liebe
Franz hatte gefunden, da das Wetter in den Bergen noch viel schlechter sei als
das Wetter vor den Bergen. Seine rheumatischen Beschwerden nahmen zu; er nahm
Vernunft an, kehrte verdrielich-ergeben das Gesicht wieder gen Norden und
kehrte heim zum vterlichen Herde; der Edle von Hauenbleib lie herzlichst
gren und nahm mit aufrichtiger Dankbarkeit die wohlgemeinte, gtige Einladung
freundlich an; jedoch auch er litt leider am Rheumatismus und hielt es fr eine
Pflicht sowohl gegen sich selber als gegen - seine Enkelin, seine Gesundheit
nicht mutwillig zu vernachlssigen. Der Edle von Hauenbleib lie sagen, er
werde erscheinen, sobald das Wetter sich nur ein wenig aufgehellt habe, und sein
sehnlichster Wunsch sei, da dieses recht bald geschehen mge.
    Wir haben nunmehr unsere christliche Schuldigkeit getan und knnen jetzt
das Weitere ohne Unruhe und Ungeduld erwarten, sprach der Herr Pastor zu seiner
Gattin; aber kummervoll mssen wir gestehen, da wir nicht die christliche
Geduld besaen, um zu zhlen, wie oft er von jetzt an nach dem Hahn auf seinem
Kirchturm und nach dem Wetterglas sah und wie oft er melancholisch vor seine
Haustr trat und die Hand prfend in den Landregen hineinhielt.
    Diesmal erfuhr der Lauenhof zuletzt das Gute, was der Herr Kandidat von
seiner Fahrt heimgebracht hatte. Und er erfuhr es auf Umwegen, denn der
Pastorenfranz, durch einen Schnupfen ins Zimmer gebannt, zeigte sich frs erste
nicht auf dem Hofe. An einem Sonnabend war der Kandidat heimgekehrt, und am
folgenden Tage bereits hielt es der Herr Pastor fr seine Pflicht, seine
Gemeinde von einem erhhten Standpunkte aus auf das bevorstehende Ereignis recht
salbungsvoll vorzubereiten. Was er sagte und wie er es sagte, machte denn auch
den gewnschten Eindruck: die Bauernschaft von Krodebeck lauschte mit
aufgesperrtem Maul, Antonie Huler war in Schrecken und Verwirrung einer
Ohnmacht nahe, und die gndige Frau war nahe daran, ihr Gesangbuch gegen die
Kanzel zu schleudern und im Sturmschritt die Kirche zu verlassen. Da sie sich
bezwang, war eine Merkwrdigkeit, aber eine Merkwrdigkeit war's auch, da die
fromme Gemeinde nicht auf der Stelle aus der Kirche fortstrzte, um vor dem
sdlichen Ausgange des Dorfes eine Ehrenpforte fr den heimkehrenden Helden, der
merkwrdigerweise diesmal wirklich als ein Ritter heimkehrte, zu errichten.
Besprochen wurde das Ding wirklich am Nachmittag im Kruge, und wer wei, ob
nicht die Tat dem Rate gefolgt wre, wenn nicht die Frau Adelheid ihren Gefhlen
bereits an der Kirchentr mit Nachdruck Luft gemacht htte. Auch die Frage, was
der andere Herr Ritter zu der Sache sagen werde, fiel ins Gewicht, und so
begngte sich das Dorf damit, gleichfalls nach den Regenwolken zu sehen und mit
Spannung zu erwarten, da der Himmel sich aufklre.
    Seien wir nun kurz. Der Edle Huler von Hauenbleib ist endlich lang genug
ausgeblieben; und wie es bei allen mit Sehnsucht oder Furcht erwarteten groen
oder kleinen Dingen zu gehen pflegt, so war auf einmal das Ereignis in die Welt
getreten, ohne da die Welt dadurch ber den Haufen geworfen worden wre: der
Edle Huler von Hauenbleib war in Krodebeck eingetroffen. Am Mittwoch schon
und wirklich bei recht heiterem Himmel war der groe Mann angelangt und hatte
sogar das Pfarrhaus durch seine Ankunft berrascht; denn ganz einfach, wie der
Einfachste der Sterblichen, zu Fu kam er an, wandelte langsam und behaglich an
den Stockrosen und Stachelbeerbschen des Pfarrgartens vorber, schlug tndelnd
im Vorbeischreiten mit dem eleganten Stckchen einer frhen Dahlie den Kopf ab,
besah das geistliche und gastliche Haus eine kurze Weile durch sein Augenglas
und trat ein. Der geistliche Herr fuhr verstrt und ein wenig bldsinnig
stierend aus dem Nachmittagsschlummer empor, die Gattin endigte mit einem leisen
Schrei einen heftigen und sehr lauten Streit mit der Magd des bescheidenen
Daches, und nur Franz war imstande, sich rasch zu fassen und die notwendige
gegenseitige Vorstellung zu besorgen. Im nchsten Augenblick zeigte es sich denn
freilich, da ber einen reuig heimkehrenden Snder mehr Freude ist als ber
neunundneunzig Gerechte. Der Edle von Hauenbleib konnte mit dem ersten Empfang
in Krodebeck wohl zufrieden sein.
    Er war nicht nur zufrieden, er war sogar gerhrt, und sein Wagen, oder
vielmehr der Wagen des Wirts zum Hirsch in Wernigerode, hielt vor dem Dorfkruge,
wo der vornehme Wiener Bediente mit Herablassung das scheue Staunen hinnahm,
welchem sich der Herr so bescheiden entzogen hatte. Es zeigte sich bald, da der
Edle durchaus nicht deshalb nach Krodebeck gekommen sei, um Aufsehen zu erregen,
und da die Familie Buschmann in mehrfacher Beziehung ber den Mann, welchen sie
so gastfreundlich unter ihr Dach einlud, sich getuscht habe. Von einer schnen,
milden und etwas wehmtigen Vertraulichkeit war gar nicht die Rede. Unbefangen
genug trat der erfahrene, weltgewandte Mann auf; aber diese helle lchelnde
Unbefangenheit blieb seltsamerweise gnzlich auf der Seite des Herrn von
Hauenbleib, und bereits whrend der ersten gern und hflich angenommenen
Erfrischung merkte der Herr Pastor mit wachsendem Unbehagen, da nicht er,
sondern ganz und gar der verehrte Gast die Sachlage beherrsche und die
Verhltnisse von Krodebeck nach seinem Gefallen zurechtrcken werde.
    Der Pastor Buschmann hatte sich den Meister Dietrich Huler ganz anders
vorgestellt, und selbst die Frau Pastorin fhlte zum erstenmal in ihrem Leben
sich einer Macht gegenber, die ber ihre Krodebecker Erfahrungen weit
herausging und gegen die sie keine Waffe besa. Der behagliche Fremdling in dem
eleganten grauen Herbstkostm, welches aussah, als ob jedermann es tragen und
wie ein Gentleman drin aussehen knne, lchelte sie aus allen ihren
Verschanzungen. Es war rein unmglich, mit diesem Mann von Dingen zu reden,
welche er nicht hren wollte. Eine leichte Handbewegung gengte, um ganze
Jahresreihen Voll der interessantesten Data und Fakta abzutun und sie fr immer
aus dem Gesprch zu verbannen. Das war ein Mann, der jede Krodebecker
Weltanschauung wie von einem hohen Berge bersah und der den Vorhang seiner
Welt, der Welt, aus welcher er jetzt zum Besuch erschien, nur mit
grtmglichster Vorsicht lften durfte, wenn das dreimal glhende Licht nicht
seine volle blendende Wirkung auf diese einfachen Bewohner des nrdlichen
Abhanges des Harzgebirges ausben sollte.
    Nach eingenommener Erfrischung bat der groe Zauberer den verschchterten,
schwindelnden Pfarrer um eine vertraulichere Unterhaltung und - fhrte ihn
gemtlich die Treppe hinauf in das Studierstbchen desselben. Er fhrte den
Pastor in das Studierstbchen und litt es als feiner Kavalier durchaus nicht,
da die Dame des Hauses sich jetzt noch lnger durch ihn in ihren
Haushaltsgeschften stren lie. Als nach einer halben Stunde peinlich
prickelnder Aufregung die geistliche Hirtin es nicht lnger aushielt und leise
ebenfalls die Treppe hinaufging und die Hand auf den Trgriff legte, fand es
sich, da der Edle die Delikatesse fast etwas zu weit getrieben hatte: er hatte
den Riegel vorgeschoben!
    Wir kommen sogleich, meine Liebe! klang von drinnen die Stimme des Gatten,
eigentmlich gehalten und gedrckt. Kopfschttelnd stieg die gergerte Frau
wieder hinab und fand sich - dem berwltigenden Wiener Lakaien gegenber,
welcher eben das Gepck vom Dorfkrug hatte herbeischaffen lassen und dessen
groartiger Unterwrfigkeit gegenber sie fast in Schwachheit, Angst und
Ratlosigkeit verging.
    Und die beiden Herren kamen noch lange nicht, und als sie endlich kamen,
lchelte der Herr von Hauenbleib mehr denn je, und der Pfarrer sah sehr
erschpft aus, trocknete sich die Stirn mit dem Sacktuch und flsterte, als er
die Gelegenheit fand, einen kurzen Augenblick die Gattin allein beiseite zu
nehmen:
    Er wei nun alles, und ich wei nichts, als da er nicht seinen Aufenthalt
in Krodebeck nehmen und nicht friedlich frderhin unter uns wohnen wird; o mein
Gott! O meine Gute, meine Be-ste!
    Wer hat dir geraten, da du dich in nichts mengen und mischen solltest?
fragte die Beste scharf, schneidend und kurz und htte noch mehr gesagt, wenn
der Gast nicht in diesem Augenblick wieder eingetreten wre. Der Ritter von
Hauenbleib hatte den imposanten Bedienten mit einer Karte nach dem Lauenhof
geschickt und lie anfragen, wann es den gndigen Herrschaften gefllig und
angenehm sein werde, den gndigen Herrn zu empfangen. Der gute Franz hatte dem
Menschen den Weg zu zeigen und tat's mit einem schrillen Gefhl des Unbehagens.
    Es war jetzt gegen vier Uhr am Nachmittag. Der Pastorenfranz hatte dem
Diener das Tor des Lauenhofes von ferne gezeigt und war wieder zurckgekehrt;
der Diener trat ein in das Tor und traf zuerst auf die Frau Jane Warwolf, die
nach ihrer Gewohnheit auf dem Prellsteine sa und jetzt aufsah und seufzte:
    Da ist der erste von der Bande! Glck auf, jetzt bricht das Unglck
herein!
    Der Fremde, welcher natrlich die Meinung der Alten nicht verstand, grte
hflich, schritt weiter dem alten Herrenhause zu und wurde mit seiner Botschaft
von Hennig in Empfang genommen und zur Mutter weiterbefrdert. Die Frau Adelheid
nahm die Karte und die Bestellung hin, betrachtete den Boten aus einer besseren
Welt geraume Zeit mit groer Aufmerksamkeit und lie zurcksagen:
    Der Herr - Edle - von Hauenbleib - mag kommen, wann er will. Sagen Sie ihm
das, mein lieber Mann, und sagen Sie ihm zugleich, es habe der Umstnde gar
nicht bedurft, denn der Herr Huler werde sich noch erinnern, da er ein ganz
guter alter Bekannter von mir sei und da ich mich weder vor ihm noch sonst
jemand in meinem Leben im geringsten geniert habe.
    Auch diese Rede verstand der Bote nur zur Hlfte, aber er verstand doch
genug davon, um mit einer tiefen Verbeugung seinen Rcktritt nehmen zu knnen.
Er schritt wieder fort, wie es schien, gar nicht erbaut von dem Ton, welcher auf
diesem nordischen Bauernhofe herrschte, und gegen fnf Uhr kam an seiner Stelle
der Edle Huler von Hauenbleib in Begleitung, wenn auch nicht des Genius loci,
so doch des Pastor loci. Und wenn die Frau Adelheid von Lauen sich, ihrem Wort
zufolge, vor keinem Menschen in der Welt genierte, so hatte sie sich doch auf
den Besuch keines Menschen innerlich und uerlich so sehr vorbereitet wie auf
den dieses Mannes.
    Den anderen schwamm, sang und klang es vor Auge und Ohr in einer Weise, die
sie frs erste vollstndig unfhig machte, die ntige Klarheit der bedenklichen
Stunde gegenber festzuhalten.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Wir haben wohl den Schdderump gnzlich vergessen? Das Leben ging uns so leicht
und weich ein, die Tage gingen wie auf samtnen Schuhen vorber: weshalb auch
sollten wir in der guten Stunde selbstqulerisch das aufsuchen, was seinerzeit
ohne Einladung nahen und sich nicht abhalten lassen wird? Wir waren gesund und
wohlauf; ja, wir konnten lachen, ohne zu wissen warum; warum sollten wir
freiwillig das dunkle Bild im Winkel aufstbern, welches uns sehr ernst stimmt,
ohne da wir behaupten knnten, wir wten nicht weshalb?
    Horch, was war das? Vielleicht traf das Rad des widerwrtigen Karrens auf
einen Stein im Wege, und so wurde die schauerliche Last ein wenig
zusammengerttelt, und den Ton vernahmen wir mitten im frhlichen Behagen des
Daseins, im Kreise der Freunde, einsam am warmen Ofen in der Winternacht, auf
der Hhe des Gelags, unter den Krnzen der Hochzeitsfeier, im Theater, am
Wirtshaustisch oder im tiefen traumlosen Schlaf. Das ist's! Und man fhrt mit
der Hand an die Stirn: soviel Lichter um uns her angezndet sein mgen, so hell
die Sonne scheinen mag, auf einmal wissen wir wieder, da wir aus dem Dunkeln
kommen und in das Dunkle gehen und da auf Erden kein greres Wunder ist, als
da wir dieses je fr den krzesten Moment vergessen konnten.
    Da denken wir mit Schauern derer, welche gestern starben, und derer, die in
tausend Jahren sterben werden, und vielleicht denken wir auch an ein uns
fremdes, gleichgltiges, unbekanntes Kind, das wir einst zufllig unter den
Blumen seines Sarges erblickten, und sehen ernst genug geradaus und begreifen
augenblicklich kaum noch, wie der dicke Gevatter uns gegenber so herzlich ber
den alten Witz seines hagern Nachbars lachen kann, bis dasselbe Wunder auch uns
von neuem widerfhrt und das Messer- und Gabelgeklirr des Lebens auch uns von
neuem betubt und obendrein uns recht vergngt stimmt. -
    Sie waren wiederum alle in der gelben Stube versammelt und sahen auf die
Karte des Herrn von Huler, welche auf dem Tische lag. Auch Jane Warwolf sa im
Winkel; die Frau Adelheid hatte ihr den Eintritt und Aufenthalt nicht verwehrt,
in Anbetracht, da sie wohl ein Recht besa, bei diesem Empfang zugegen zu sein,
und sich vielleicht dabei sogar ntzlich machen konnte.
    Antonie sa bleich und zitternd zwischen dem Chevalier und dem Frlen; sie
kannte nun ihre Familiengeschichte bis in die geringsten Einzelheiten, und als
die gndige Frau, welche am Fenster Posto gefat hatte, pltzlich den Kopf
zurckwarf und rief: Da kommt er, wahrhaftig! Nun munter!, da lehnte sich das
junge Mdchen im Stuhl zurck, griff zur Rechten und Linken nach den Hnden der
beiden alten Freunde und schlo fr einen Moment ganz die trnenschweren Augen.
Der Junker von Lauen blickte seiner Mutter entsetzlich dumm ber die Schulter
und murmelte:
    Also das ist er?
    Er war es wirklich! Ein ltlicher, wohlerhaltener, behaglicher Herr von
Mittelgre, mit grauweiem Haar, in einem schon erwhnten grauen Herbstkostm;
ein freundlicher Herr, dessen uere Erscheinung weder etwas Auffallendes noch
etwas Unangenehmes hatte, ein Herr, dem man im Eisenbahnwagen mit Vergngen die
Tabaksdose angeboten htte, um eine erfreuliche Reisebekanntschaft anzuknpfen,
ein Herr, der keineswegs aussah, wie die Frau von Lauen ihn sich vorgestellt
hatte, und der weder durch Arroganz noch Verlegenheit eine Handhabe fr einen
belwollenden Gegner bot.
    Er hatte seinen Arm in den des Pastors Buschmann geschoben, und diesem Herrn
sah man freilich die Verlegenheit und das Gefhl seiner falschen Stellung
deutlich an. Er lchelte auch, allein auf vollkommen andere Weise als der Edle
von Hauenbleib. Oh, der Wrdige duldete Arges in diesem Augenblicke, und seine
Qualen wurden nicht dadurch gemindert, da er wohl ahnte, sein Begleiter wisse,
wie sehr er leide und fr seine tiefe, herzliche, selbstlose Teilnahme am Wohl
und Wehe des Nchsten be. Der Edle Von Hauenbleib hielt ihn sehr fest, er
lie ihn nicht los, er hielt ihn sogar immer zrtlicher, und die gndige Frau
hinter der Fensterscheibe sprach:
    Ganz wie Pastor und Pullox, oder wie Ihre beiden alten Vlkerschaften sonst
heien mgen, Glaubigern! O Kinder, Kinder, er ist es, er ist es wirklich! Aber
einem andern als mir selber wrd ich's doch nicht glauben. Das ist der Huler,
der Dietrich Huler? Da sollte es freilich jeder verschwren, je einen Eid vor
Gericht abzulegen.
    Er war es unzweifelhaft, und er lie den Pastor Buschmann anklopfen;
schnarrend rief Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin: Entrez! Antonie
erhob sich mit einem klagenden Ausruf und wankte mit ausgestreckten Hnden
vorwrts; der Edle trat ihr rasch entgegen, sah sie einen Moment starr, erstaunt
und doch ein wenig fragend an und rief sodann, mit ausgebreiteten Armen, in voll
herausbrechender naivster Herzlichkeit und Freude:
    Jesus Maria, ganz wie ihre Mutter, ganz wie mein liebes Kind! Ganz wie ich
sie mir vorstellte und wnschte! Tonerl, Tonerl, du bist's! Du bist's gewi und
wahrhaftig, und hier hast du mich, hast du deinen armen, alten Gropapa, und nun
werden wir uns unter keinen Umstnden wieder verlassen!
    Niemand hatte das Recht oder mate es sich an, ihn zu hindern, das Kind in
seine Arme zu ziehen und es fnf Minuten hindurch immer von neuem abzukssen;
selbst das Frulein von Saint-Trouin konnte ihn nicht daran hindern. Antonie
weinte laut, und als der Edle, von so vielen sonderbaren Mienen umringt, sie
endlich freilie, sah er doch endlich auch einmal aus wie jemand, der irgend
etwas ganz anders fand, als er's sich in der Phantasie ausgemalt hatte.
    Aber unter dem Blicke Adelaides fate er sich ungemein schnell. Die Hand
seiner Enkelin haltend, trat er einen Schritt zurck, verbeugte sich ernst und
wrdig im Kreise und wendete sich an den Angstschwei schwitzenden Pfarrherrn
mit den Worten:
    Mein verehrter Freund, ich bitte Sie, kommen Sie mir zu Hlfe. Sie wissen
alles, was ich sagen knnte; o reden Sie, reden Sie, reden Sie fr mich! Sie
sehen, ich habe fr tausend unbedingt ntige Worte nur ein unverstndliches
Stammeln. Mein wrdiger Freund, Sie, dem ich meine ganze Seele geffnet habe,
sprechen Sie, sprechen Sie fr mich!
    Der Pfarrherr, mit einem Gesicht wie ein nicht schnupfender Diplomat,
welcher aus der Dose eines regierenden Herrn eine Prise nehmen mute, wand und
drehte sich, allein es war keine Hlfe fr ihn, und er erhob die Hnde, und er
ffnete den Mund und begann mitten aus der eigenen vollkommenen Enttuschung
heraus:
    Ach, hochgeliebte Anwesende, wie fein und lieblich ist es, wenn Brder
eintrchtiglich miteinander wohnen -
    Weiter lie ihn die gndige Frau leider nicht gelangen, denn ohne auf seine
Stellung im Leben und in der Kirche Rcksicht zu nehmen, wohl aber seine
Stellung zu den gegenwrtigen Zustnden scharf ins Auge fassend, unterbrach sie
ihn und sagte:
    Lassen Sie das, Buschmann. Von allem andern abgesehen, meine ich, da sich
fr dieses merkwrdige und erfreuliche Wiedersehen vielleicht passendere
Bibelstellen finden und anwenden lassen wrden. Sprechen Sie nur dreist selbst,
lieber Huler; wir kennen uns ja und werden einander gewi verstehen. Ich bin
eine einfache Frau, aber auf den Kopf bin ich doch nicht gefallen; also stammeln
Sie in Gottes Namen nur los, Alterchen; und um einen guten Anfang zu machen,
fasse ich ebenfalls tausend Worte in eins und sage Ihnen, da Sie uns heute eine
recht sonderbare Ehre erweisen, und ich htte nimmer gedacht, Sie noch einmal
mit meinen leiblichen Augen in Krodebeck und hier auf dem Lauenhofe zu
erblicken.
    Sie haben, wie immer, recht, gndige Frau, erwiderte der Edle pltzlich
gefat, khl und ohne jegliches Stammeln. Sie haben heute ebenso recht wie
unter andern Umstnden vor zwanzig Jahren; es ist eine groe Ehre sowohl fr
Krodebeck als auch fr den Lauenhof. Einer solchen Dame gegenber ist es
freilich besser, selber seine Sache zu fhren, und so stimme ich der gndigen
Frau in aller Untertnigkeit bei: lassen wir jetzt und in Zukunft alle
Mittelpersonen beiseite! Verhandeln wir von Mund zu Munde, vom - Herzen zum
Herzen! - im Grunde war das alle Zeit meine Maxime. Vom Herzen zum Herzen! Kann
man einen bessern Wahlspruch, eine edlere Devise fr ein Wappenschild ersinnen?
Und ich habe die Worte zur Devise genommen, meine Herrschaften, und ich habe im
groen und im kleinen zu jeder Zeit danach gehandelt. Tonerl, Tonerl, vom Herzen
zum Herzen; wrde ich hier auf dieser Stelle, in diesem Zimmer stehen, wenn
nicht das Herz mich hergefhrt htte, wenn nicht das Herz jeden meiner Schritte
gelenkt htte!?
    Bravo! murmelte Frulein Adelaide und schickte das Wort wie einen Pfeil
gegen das Herz des Redners; allein der Edle schien mit siebenfltigem Erz gegen
dergleichen ironische Angriffe gepanzert zu sein. Er achtete wenigstens nicht im
geringsten auf die Haute-Justicire und diesen Akt peinlichen Rechtes;
kaltbltig fuhr er gegen die Frau Adelheid gewendet fort:
    Ja, meine Gndige, ein Zweck und Ziel, wie ich im Busen trage, lassen wohl
grere Anstnde berwinden als einige seit einem Menschenalter veraltete
trichte Reminiszenzen, zumal wenn man sich im Rcken so gut gedeckt wei durch
eine ernste, segensreiche, mhevolle Ttigkeit wie der arme Dietrich Huler. Es
steht ein Greis vor Ihnen, gndige Frau, ein Greis unter greisen Leuten, von
allen brigen Unterschieden gegen die Vergangenheit zu schweigen. Wir sind alle
andere geworden, und ich bitte, nicht zu vergessen, da ich nur deshalb in
meinem Alter eine solche weite und beschwerliche Reise unternommen habe, um hier
an dieser Stelle meinen innigsten, tiefgefhltesten Dank fr alles
auszusprechen, was man mir, meinem Haus und vor allem diesem lieben Kinde Edles
und Gutes erwies. Ich bin kein armer Mann mehr, meine Herrschaften, und meine
soziale Stellung lt kaum noch etwas zu wnschen brig; allein, was ich auch
vor mich brachte, das Herz erhielt bis jetzt seinen Teil noch nicht, und dieses
wnsche ich ihm nunmehr zu geben. Verzeihen Sie, gndige Frau, da ich mich
immer zu diesem Engel wenden mu. Ja, Tonerl, Tonerl, dich habe ich ntig, du
allein hast mir zum vollen Frieden und Glck meines Alters noch gefehlt. Und wie
hnlich du deiner armen, seligen Mutter siehst! Du bist wahrhaftig das Kind
meiner Marie - es ist kein Zweifel mglich -, alles brige gilt mir nichts!
Himmlisch! Rhrend, rhrend! Ach, meine Hochverehrtesten, das ist wahrlich ein
ser, ein unbeschreiblicher Moment!
    Na, so beschreib ihn lieber nicht, Dietrich! lie sich, aus dem Winkel,
entsetzlich roh und rcksichtslos die Meinung der Frau Jane Warwolf vernehmen
und brachte auf smtliche Anwesende einen ganz wunderbaren Eindruck hervor.
Leider fate sich der Edle am schnellsten. Er bediente sich seiner Lorgnette,
zog die Augenbrauen ein wenig in die Hhe und sagte milde und lchelnd:
    Schau! Wohl noch eine alte Bekannte? Wenn ich nicht irre, eine recht gute
alte Bekannte, die Frau Christiane Warwolf aus Httenrode? Mein Gott, wie sich
die Zeiten ndern und wie einem die besten Freunde aus dem Gedchtnis schwinden
knnen!
    Er lie das Augenglas fallen und schlo damit dieses Intermezzo vollkommen
ab. Dagegen fate er die zitternde Antonie von neuem in die Arme und richtete
die feuchten Augen - diesmal ohne Lorgnette - auf die brigen Anwesenden.
    Jaja, rief er in Freude und Wehmut zugleich, dies ist denn das junge
Mdchen, mein Kind, meine Enkelin, deren Existenz mir so lange verborgen blieb
und die ich jetzt als mein ganzes, vollstes, eigenstes Eigentum an mein Herz
nehme! Nicht wahr, meine Teuren, ich darf sagen, es ist unsere Antonie? Die
Vergangenheit ist vollstndig in diesem jungen, schnen Wesen begraben, und
niemand hier in diesem Kreise trgt dem alten vereinsamten Mann es nach, wenn er
auch seinerseits alles tun will und wird, was den Segen der Gegenwart und das
Glck der Zukunft unbedingt erhhen mu?!
    Der Ritter von Glaubigern seufzte tief; der Edle von Hauenbleib aber setzte
sich auf den nchsten Stuhl und zog das Kind der schnen Marie auf seine Knie.
    O gndige Frau, sprach er, gnnen Sie uns Zeit, uns von einer solchen
Aufregung zu erholen. Dort sinkt die Sonne hinter den bekannten Horizont meiner,
ich kann leider nicht sagen glcklichen oder unschuldigen Jugendzeit. Ich bin
ein sehr reicher Mann, aber ehe ich das Kind liee, wrde ich lieber als ein
blinder Bettler mit ihm den Lauenhof verlassen. O gndige Frau, knnten Sie
wirklich das Brot und Salz des guten, alten Hauses, welches Sie keinem Bettler
verweigern, mir verweigern wollen?
    Mit andern Worten hie das: der Herr von Hauenbleib lud sich hiermit auf
dem Lauenhofe zum Abendessen ein, und das war denn in einer Art praktisch und
den Verhltnissen der Gegenwart und Zukunft so sehr angemessen, da keine
Weisheit und Welterfahrung, kein Plato und kein Pythagoras etwas Verstndigeres
und dem Moment Angemesseneres an die Stelle htte setzen knnen.
    Nur einen kurzen Augenblick sah die Gutsfrau etwas verloren und zweifelhaft
auf den Edlen und die Freunde; aber da ihr niemand zu Hlfe kam oder zu Hlfe
kommen konnte, so murmelte sie eine undeutliche Zustimmung und setzte etwas
deutlicher hinzu, sie habe sich jedenfalls dieses Vergngen ausbitten wollen.
Was fr eine gewaltige Kluft zwischen den Parteien dadurch pltzlich berbrckt
war, das mute bald jedermann klarwerden.
    Jane Warwolf sthnte und knurrte in ihrer Ecke und wiegte den Oberkrper in
hchster Mibilligung hin und her.
    Wird dir bel, Jane? fragte die Frau Adelheid, und tckisch erwiderte die
Alte:
    Ja, recht sehr bel wird mir!
    Die Gndige ergriff die Alte am Handgelenk, wendete sich nochmals an den
Edlen:
    Also, wir haben nachher die Ehre! und schritt steif hinaus, die Warwlfin
hinter sich drein ziehend. Es war die allerhchste Zeit, sagte sie nachher,
einen Augenblick spter wre sie ihm wie eine Wildkatze ins Gesicht gesprungen,
und, lieber Glaubigern, anjetzt ist es mir wieder vllig unklar, weshalb ich sie
eigentlich dran gehindert habe. Ach Gott, wir sind in diesem Punkte immer zu
kitzlig auf dem Hofe gewesen. Einer Anspielung auf die Speisekammer gegenber
haben unsere besten und grbsten Vorstze nicht Stich halten knnen.
    Dem sei nun, wie ihm wolle, frs erste war die Gndige herzlich froh, einen
Atemzug freierer Luft einnehmen zu drfen, und leider mssen wir hinzufgen, da
sie, sobald sie die Tr hinter sich zugezogen hatte, in der Tiefe ihrer Seele
folgendes Selbstgesprch hielt:
    Wer hat denn eigentlich diese ganze Suppe eingebrockt? Ich nicht! Da
brauchte man wahrhaftig kein Prophet zu sein, um vorhersagen zu knnen, was aus
diesem Wesen mit dem armen Kind zuletzt herauskommen mute. Da dieser Bursche,
dieser Huler, auf einmal wieder auftauchen wrde, konnte freilich keiner
wissen; aber das ist ganz einerlei, einmal mute der Kuchen in die Asche fallen,
und wer wei, ob die Vorsehung nicht auch hier wieder den besten Weg gefunden
hat? Ja, er soll bei uns essen, und der Ritter und das Frlen mgen jetzt die
Kosten ihres Vergngens tragen, ich habe sie oft genug gewarnt.
    Sie sieht finster drein, Frau von Lauen, sagte Jane Warwolf, aber es
hilft nichts. Jetzo mcht ich auch die Hunde loslassen.
    Untersteh dich! rief die gndige Frau, aus ihrem Nachdenken erwachend.
Hier kann niemand helfen, und der liebe Gott kennt berall das Beste. Nein, es
hilft nichts - der Herr it bei uns. -
    In der gelben Stube erschien der Edle gerhrter denn je. Er vergo sogar
einige Trnen, was dem in Kummer und Zorn ringenden Ritter unmglich war. Aber
viel rhrender als die Trnen des Edlen waren die Liebkosungen des Ritters, mit
welchen er sein Pflegekind jetzt umfing, anzuschauen. Sowie die Frau Adelheid
das Zimmer verlie, hatte Antonie sich den Armen des Grovaters entzogen und mit
einem Wehelaut sich in die Arme des Pflegevaters geworfen, whrend sie eine
heie, fieberhafte Hand dem Frulein von Saint-Trouin reichte:
    Ich kann euch nicht lassen! O wo ist meine Mutter? Wo ist die alte Frau,
der ich ganz gehrte, als meine Mutter gestorben war? Was soll aus mir werden?
Was soll ich tun?
    Mein Kind! Mein liebes, liebes Kind! sthnte der Ritter, der in diesem
Moment vor den blinden Augen eine seltsame Vision von dem Krassiersbel und
Panzer droben ber seinem Sofa und vom Feld bei Ligny und der anrasselnden
franzsischen Reiterei hatte, unfhig, sich von dem zerstampften Boden
emporzurichten.
    O mein Kind! chzte das Frulein, und Hennig rief:
    Tonie, bleibe bei uns! Es wird dich niemand uns nehmen, wenn du wirklich
bei uns bleiben willst!
    Mit ausgebreiteten Hnden wendete sich der Edle gegen den jungen Mann.
    Das Herz bricht mir, und doch - doch bin ich so glcklich! rief er mit
zitternder Stimme. Jetzt erkenne ich erst ganz, welch ein Juwel mir zuteil
wurde und welch einen Dank ich abzutragen habe. Ach, meine Antonie, es wird
niemand dein Herz zwingen - niemand hier im Kreise! Frei und ungehindert mut du
der Stimme in deinem Innern folgen; ach, wer erkennt besser als ich, wie - wie
trange und delikat der Standpunkt ist, auf den dich ein hartes Geschick uns und
der Welt gegenber stellte. Ach wohl, mein teures Mdchen, folge hier und immer
dem Zuge deines Herzens, es wird dich jederzeit das Richtige lehren.
    Er war noch lange nicht fertig. Es war sehr gefhrlich, ihn zum Wort
gelangen zu lassen, denn frs erste hrte er nicht wieder auf. Er redete mit
trnenvoller Stimme weiter von berechtigten Gefhlen, von sschmerzlicher
Gegenwart und hoffnungsreicher glanzvoller Zukunft. Er schlug einen
vortrefflichen Seifenschaum und seifte smtliche Anwesende in einer Art ein,
die, ihn zu seiner jetzigen Lebensstellung vollberechtigt erscheinen lie. O er
spielte trefflich den hochgebildeten Mann und lie den reichen nur in den
feinsten, aber grade darum anlockendsten Abschattungen hervortreten. Er freute
sich so unendlich um des Kindes willen, sich aus Not, Elend und Niedrigkeit zu
solcher wundervollen Lebenshhe aufgeschwungen zu haben, und er lie die
Autoritt, die er htte in Anwendung bringen knnen, so zart verschleiert im
Hintergrunde durchblicken, da er auf jedem Punkte - zum zweiten Male sei es
gesagt - im elegantesten, aber auch undurchdringlichsten Harnisch erschien.
Zuletzt bat er in noch zartern Tnen und berquellenden Herzensklngen um ein
kurzes Einzelgesprch mit Antonie und wrde nicht darum gebeten haben, wenn man
es ihm htte verweigern knnen.
    Willenlos trat Antonie Huler wieder zu ihm hin; der Pastor von Krodebeck
erhob sich von dem Stuhl, auf welchem vorhin Jane Warwolf sa, und wankte, sein
Taschentuch erst auf das linke und dann auf das rechte Auge drckend, zur Tr.
Vernichtet bot der Ritter dem Frulein von Saint-Trouin den Arm, und der Junker
von Lauen strzte wie ein Verrckter ins Freie und sthnte:
    Oh, wenn mir doch jetzt ein Mensch begegnete, dem ich die Seele aus dem
Leibe prgeln knnte! Oh, wenn mir doch jetzt mein Freund Buschmann begegnete!

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Der Edle von Hauenbleib nahm, wie die gndige Frau sich ausdrckte, mit dem
Lauenhofe vorlieb. Er war so gtig und griff zu, auch da, wo er seinen
Gefhlen einen Zwang antun mute. Er sa bei Tisch neben seiner Antonie, der
einzige, welcher, seiner Wehmut zum Trotz, Appetit entwickelte, und bedauerte
nur, da sein gtiger und vortrefflicher Gastfreund, der Herr Pastor, nicht auch
an dem freundlichen Mahle teilnehmen konnte. Die brigen wuten wenig zu sagen
und konnten noch weniger essen.
    Es war ein schner, stiller, warmer Abend; die Erde sah auf den Mond, als ob
Hhenrauch und Regenwolken gnzlich unbekannte Begriffe fr sie seien, und die
Bewohner des Lauenhofes blickten teilweise auch zum Monde empor. Sie gingen
nmlich nach dem Abendessen im Garten spazieren - es war wirklich eine
wunderschne Herbstnacht. Der Edle hatte natrlich wiederum den Arm Antoniens
unter den seinigen gezogen und fhrte sie langsam durch die hellen Gnge, als ob
er seit zwanzig Jahren jede Nacht verstohlen ber die Mauer geklettert sei, um
sich Ortskenntnis zu verschaffen. Er plauderte nunmehr ganz munter - er war sehr
heiter - er war ausnehmend vergngt und in der Tat ungemein unterhaltend. Selbst
Hennig, welcher grollend hinter dem Alten und seiner Enkelin drein zog und
Bltter und Zweige von den Bschen abri und sie entweder grimmig in den Weg
streute oder sie noch grimmiger zerkaute, mute mit immer strkerem Interesse
ganz gegen seinen Willen aufmerken.
    Da sprach der vielerfahrene, weitgewanderte Greis, mit einem Blick auf den
guten, ehrlichen Mond, von der schnen Stadt Wien, und wie herrlich man dort
lebe. Hohe Dinge redete er von seinem Leben dort und den noch hheren Personen,
welche ihn daselbst der Ehre ihrer Bekanntschaft wrdigten. Dann erzhlte er von
Italien, und jetzt fing der Mond an, wirklich sein ehrlich, breit Gesicht zu
einem Grinsen zu verziehen. Von Venedig, Mailand, Padua, Mantua usw. schwrmte
er, und seltsamerweise mit der hchsten Begeisterung von der herrlichen Stadt
Verona. Der Name schien ihn jedesmal in eine mildere Ekstase zu versetzen. Von
Romeo und Julia, vom Dietrich von Bern schien er wenig zu wissen; aber desto
mehr wute er von der trefflichen strategischen Lage des Ortes und ber das Fort
San Felice und das Kastell San Pietro zu sagen. Fast zrtlich sprach er von der
dreifachen Verteidigungslinie der Stadt, von all den wunderbaren Massentrmen,
Terrassen, den bastionierten Fronten, Revers- und Traversalmauern,
Ausfallsrampen und dem Brckenkopfe am neuen Arsenale: es war kaum zu glauben,
da dieser Mann einst an jedem Sonnabendabend die Krodebecker Bauern fr den
sonntglichen Kirchengang rasiert hatte!
    Er wute ausgezeichnet gut Bescheid in Verona, und wer ihn hrte, der mute,
wie er sich auch strubte, endlich daran glauben, da die Veroneser ber diesen
ihren zweiten Dietrich von Bern in einem fortwhrenden Taumel von Entzcken und
Dankbarkeit schwammen. Kein Mensch auf Erden meinte es so gut mit den Veronesern
wie der Edle von Hauenbleib, und wiedermal drckte der Edle das Taschentuch auf
die Augen, wenn er an die gratitudine und riconoscenza der braven Leute dachte.
    Ich habe sie schon dreimal mit verproviantieren helfen! rief der Edle, in
diesen sen Erinnerungen schwelgend, und dann - dann wendete sich der
Gartenpfad, und die drei Lustwandelnden richteten ihre Schritte von neuem dem
alten Herrenhause zu. Dort schimmerte die Lampe durch die Glastren und Fenster
des Gartensaales, und wenn man nher herantrat, erblickte man den Ritter von
Glaubigern und das Frulein von Saint-Trouin an dem noch gedeckten Tische, die
Stirnen auf die Hnde gesttzt, kummervoll einander gegenbersitzend; und das
war gewi kein frhlicher Anblick. Die Frau Adelheid hatte sich lngst zu ihrer
Mamsell Molkemeyer begeben und sa ganz behaglich, ihr Herz ausschttend, in der
Milchkammer; aber diese beiden armen Greise saen, trotz der Gesellschaft, die
sie einander leisteten, allein - ganz allein - jedes fr sich allein! Sie
erschienen kmmerlicher, verlorener, antiquierter denn je, und es gab nichts
Schmerzlicheres in der Welt fr Antonie Huler, als zu gleicher Zeit den
Gesprchen ihres muntern, hellen Gropapas zuhren zu mssen und diese beiden
guten, alten, treuen, sonderbaren Leute, deren letzter Lebenstrost sie gewesen
war, im Auge zu haben.
    O und wie oft werde ich sie noch verproviantieren helfen! jubilierte der
Edle, und in diesem Augenblicke trat die gndige Frau, welche ihre Seele in der
Milchkammer vollkommen befreit hatte, zu ihm, und der Herr von Hauenbleib fing
von neuem an, seinen seligen Empfindungen ber die Kasematten und bombenfesten
Speicher von San Felice Worte zu geben.
    Sie traten wieder in den Gartensaal und nahmen wieder Platz an der Tafel,
und da der Edle nunmehr bei dem Feldzuge von achtzehnhundertneunundfnfzig
angelangt war, so stieg seine Begeisterung natrlich auf den Gipfel. Das Wasser
lief einem im Munde zusammen, wenn man ihn von den Delikatessen reden hrte, die
er fr das kaiserlich-knigliche Heer in seinem wunderbaren Verona aufgehuft
hatte. O diese glckseligen Veroneser! Sie bekamen ja nach dem Frieden von
Villafranca alle schnen Reste, welche das kaiserlich-knigliche Heer
briggelassen hatte, und der gndigen Frau fing wirklich an das Wasser im Munde
zusammenzulaufen.
    Nun zog sich der Edle bescheiden hinter seine Verdienste in doppelter
Bedeutung zurck und lie nur leise ahnen, wie sehr sein Eifer und seine Mhen
Anerkennung und Wrdigung gefunden hatten. Die gndige Frau schttelte immer
verwunderungsvoller, aber auch immer billigender den Kopf, und ihre Blicke auf
Antonie wurden immer teilnehmender, inniger und gerhrter, als ob sie sich im
geheimen sage: Nein, was fr ein Glck dieses Mdchen hat! Was fr ein Glck
dieser Mensch, dieser Huler gehabt hat! Es ist ein Vergngen, ihn von
komprimiertem Gemse sprechen zu hren, und wie man sonst von ihm denken mag,
seine Zeit hat er nicht verloren. Ei, was fr eine verzauberte Prinzessin haben
wir in der Tonie hier auf dem Lauenhofe aufgezogen, whrend er in einem Jahre
mehr erlebte als der Lauenhof in einem Menschenalter! Alles, was recht ist, aber
das mu man dem Mann lassen, er berhebt sich nicht und wei doch zu reden. Wer
htte gedacht, als mein Seliger ihn zur Tr hinauswarf, da er auf solche Weise
wieder hereinkommen wrde? Munter! Man mu ihm wirklich mit Plsier zuhren, und
ich sehe wahrhaftig nicht ein, weshalb die Tonie immer noch mit solcher
Jammermiene dasitzt! Darber mu ich doch mit dem Herrn von Glaubigern reden.'
    Die arme Antonie! Sie sa wieder zwischen dem Ritter und dem Frulein und
schien ihr Glck durchaus nicht zu begreifen. Noch wenigstens war sie nicht
imstande, ber das Kastell San Pietro und das Fort San Felice den Lauenhof und
die guten, alten, treuen Freunde zu vergessen. Als der Edle sie endlich beim
Abschiednehmen zrtlichst auf die Stirn kte, brach sie in ein krampfhaftes
Weinen aus, welches um so heftiger wurde, je mehr sie dagegen ankmpfte.
    Es ist die bermige Freude, meinte der Edle, und es wird das beste
sein, ich berlasse sie jetzt der treuen Teilnahme derer, welche ihr bereits
soviel des Guten erwiesen. Obgleich Tausende auf die wenigen Jahre, die mir noch
vom Leben brigbleiben, Anspruch haben, werde ich doch gern einige Tage in der
alten Heimat verweilen, um dem Kinde Zeit zu geben, sich zu beruhigen und sich
in sein neues Leben zu finden. Ach, meine Herrschaften, mit schwerem Herzen und
schwankendem Fue betrat ich diesen Boden, aber dankerfllt und leichten Gemtes
scheide ich und wnsche smtlichen hochverehrten Anwesenden eine angenehme
Nachtruhe. Ach, was mich selbst betrifft, so werde ich trefflich nach einem so
segensreichen Tage schlafen. Gndige Frau - gndiges Frulein - meine Herren,
ich hab die Ehr!
    Er hatte die Ehre, sich zu empfehlen, d.h. er ging fr heute; da er jedoch
morgen wiederkommen werde, unterlag keinem Zweifel. Er ging, nachdem er den
schnen berrock, welchen ihm am Nachmittag sein Diener nachgetragen hatte,
angezogen hatte. Die gndige Frau begleitete ihn bis auf die Treppe der Haustr,
und hier kte er ihr die Hand und jagte ihr dadurch einen solchen Schrecken
ein, da sie fast das Licht fallen lie. Die Begleitung eines Knechtes und einer
Laterne lehnte er dankbar ab, da es ihm Vergngen mache, seinen Weg durch
Krodebeck einmal wieder allein zu finden.
    Hm, sprach er, als er in der Dorfgasse stand, wer hielte mich jetzt nicht
fr einen Narren? Gleich darauf lchelte er und berhrte den Nasenzipfel mit
dem Stockknopf: Nun, solange ich selbst mich nicht dafr ansehe, wollen wir
diese Frage beiseite lassen. Ach, welch eine angenehme Nacht! Also dies ist
Krodebeck, und das war die Tochter der Marie? Ah, wandeln und genieen wir alle
Eindrcke, wie sie sich darbieten! O Heimat, Heimat, weshalb darf ich dich nicht
auch verproviantieren? Ch diavolo, nur dadurch knnte ich alle meine
Verpflichtungen gegen dich abtragen, und wer trge nicht gern alte Schulden ab,
wenn es auf solche Art geschehen knnte?!
    Unendlich wohlwollend sah er sich um; aber er pfiff leider auf eine
sonderliche Weise dazu, und dann ging er langsam weiter, immerfort nach rechts
und links ausschauend und mit heimwehtrunkener Seele die lange entbehrten Dfte
von Krodebeck einschlrfend.
    Noch geradeso wie vor dreiig Jahren! murmelte er. Und dort ist der Krug,
und man scheint sich, wie vor dreiig Jahren, drin zu prgeln. Evviva, welch
eine herrliche, strkende, gttliche Luft! Wirklich, man prgelt sich dort. Und
wenn ich daran denke, da auch ich - - - ach, lassen wir uns von dem weichen
Herzen nicht allzusehr entmannen, lauschen wir lieber in gengender Entfernung
und mit heiterer Erinnerung schnerer Tage, warum man sich eben im Kruge prgelt
und wer sich prgelt.
    Er trat ein wenig nher, und in demselben Moment quoll der kmpfende Haufe
aus der Tr der Schenke hervor, und ein arg zerzauster Mensch flog unter einem
Sturm von Futritten und Faustschlgen ihm vor die Fe, rappelte sich so eilig
als mglich auf und scho chzend, fluchend und schimpfend in die Nacht hinein,
gerad als der Mond hinter dem Horizonte versank.
    Na, so gfallt's mir, ds mu i sagn! erklang eine Stimme aus der Mitte des
siegjauchzenden Haufens, und der Edle von Hauenbleib trat noch einen Schritt
nher, hielt die Hand hinter das Ohr und murmelte:
    Eh, eh, mein Joseph? Piano! Das gfallt mir auch! - Holla, heda, Joseph!
rief er, und sogleich stand der Gerufene neben ihm und rief atemlos:
    Euer Gnadn, i hab mi neutral verhalten, ganz neutral; aber a kreuzbrav Volk
ist's hier, Euer Gnadn. Da habn sie den Mensch, weil er auf Euer Gnadn, mit
Permi zu sagn, groartig geschimpft hat, blitzblau schlagn.
    Oh, wie leid tut mir das, seufzte der Edle. Und wen haben sie dergestalt
gemihandelt?
    Den Peter Quickbrey aus dem Siechenhause! erklang es aus dem Kreise der
jungen Bauern, welche sich jetzt dumm verschmt herangezogen hatten. Der Herr
ist eine Ehre fr Krodebeck, und von solchem Kerl und Zuchthusler lassen wir
Sie nicht verschimpfieren, Herr Huler, und deshalb haben wir ihn traktiert,
wie sich's schickte, und ihm das Maul gestopft.
    Hm, hm, der Peter Quickbrey! murmelte der Edle unendlich elegisch. Also
der lebt noch? O meine Herren, den hab ich freilich in meiner frhesten Jugend
gekannt, allein er war schon damals keine Ehre fr das Dorf, und kein
anstndiger Mann duldete ihn in seiner Gesellschaft. Also der arme Teufel lebt
noch, und zwar im Siechenhause; - Joseph, erinnere mich doch morgen, da ich ihm
eine kleine Untersttzung in das Siechenhaus schicke. Meine Herren, ich danke
herzlich fr Ihre freundliche Intervention; sollte einmal jemand von Ihnen bei
Seiner Kaiserlich-Kniglich-Apostolischen Majestt - doch das hlt uns zu lange
auf - meine Herren, ich danke nochmals und wnsche Ihnen, recht wohl zu ruhen.
    Ein dumpfes, furchtsames, achtungsvolles Gemurmel der Bauern begleitete ihn
auf seinem Rckzuge. Schnelleren Schrittes eilte er dem Pfarrhause zu, wo die
ganze Familie ihn mit Herzklopfen erwartete und wo er noch einmal in vollster,
heiterster Liebenswrdigkeit zu strahlen begann, ehe er sich zur Ruhe begab.
    In dieser Nacht gab es in Krodebeck vom Siechenhause bis zum Lauenhofe kein
Dach, unter welchem man nicht vom Edlen Dietrich Huler von Hauenbleib
trumte.
    Im Siechenhause rieb sich der Emeritus auf seinem Strohsacke wtend
Schultern und Rcken, und im Herrenhause hatte der Junker Hennig von Lauen eine
Gespenstererscheinung.
    Es erschien nmlich dem Junker um Mitternacht oder doch nicht lange nach
Mitternacht der Chevalier Karl Eustachius von Glaubigern in dem gengend
beschriebenen Callot-Hoffmannschen Nachtkostme mit dem Nachtlicht in der Hand,
winkte ihm, ruhig liegenzubleiben, setzte die Lampe auf den Tisch und sich neben
das Bett des jungen Mannes, schlug die Hnde zusammen und sthnte:
    Oh, Hennig, was fangen wir an? Er wrde sie uns verkaufen, wenn wir ihm
genug dafr bieten knnten; er wird sie in Wien verkaufen; es ist mir alles,
alles klar, und es gibt kein Mittel, ihn in seinem Willen zu hindern, als das
Geld, das Geld - das Geld! Frulein Adelaide sitzt auch noch wach auf dem Bette
- ich sah ihr Licht unter der Tr durchschimmern - wer kann in dieser Nacht auf
dem Lauenhofe schlafen?
    Nun hatte der Ritter den Junker freilich aus einem ganz gesunden Schlummer
erweckt, aber das war einerlei; der ruhelose Kummer achtet in solchen Stunden
nicht allzu genau auf die Gemtsverfassung der Umgebung; er bertrgt sein
Gefhl womglich auf das Universum und schwatzt deshalb so hufig in den Tag
oder die Nacht hinein.
    Seit ihr an jenem unglcklichen Abend von eurer Ernte heimkamet, Hennig,
ist mir keine ruhige Stunde mehr zuteil geworden. Die Seele hab ich mir
zermartert um die Frage, was diesen Mann zu diesem, auf den ersten Blick so
trichten Vorgehen gebracht haben knne. Jetzt wei ich es! Er hat erfahren, wie
schn und gut das Kind geworden ist, und er kann es nun gebrauchen, und jetzt
nimmt er es mir - mir, welchem es ganz und gar allein zu eigen gehrt! Er nimmt
es mir, und ich bin ein armer Mann, der auch nur von den Almosen anderer gelebt
hat: ich habe kein Geld, mein Eigentum dem elenden, erbrmlichen Gesellen
abzukaufen. Er nimmt es mir, der es mit seinem Herzblut nhrte, in dessen
Gedanken es seine ganze Heimat hat und der allein wei, was es in diesem armen
Leben wert ist!
    Nun ja, ich wei doch auch, was ich wei! murmelte Hennig unter seiner
Decke hervor, aber der Chevalier schttelte betrbt den Kopf:
    Das knnte Frulein Adelaide auch sagen; aber es ist gleichgltig; wir
vermgen alle nichts gegen die Macht, welche uns in der Hhe und in der Tiefe
entgegensteht. Knabe, es ist das ganze Schrecknis der Welt, das mir mit einem
Male klargeworden ist, und - es ist auch gleichgltig, zu wem ich davon rede.
Das ist das Schrecknis in der Welt, schlimmer als der Tod, da die Kanaille Herr
ist und Herr bleibt. Ach, schlafe nur, mein Sohn; ich will nun auch zu Bett
gehen, mich friert entsetzlich.
    Whrend auf dem Lauenhofe der Ritter von Glaubigern so das Elend der Erde
fhlte und jetzt gespenstisch die Wnde entlang sich zu seinem Gemache
zurcktastete, sttzte sich in dem friedlichen Pfarrhause, in der ehelichen
Kammer, die Frau Pastorin im Bette auf den Ellbogen und sprach:
    Da hast du nun, was du gewollt und wie du's gewollt hast, Buschmann! Droben
liegt er in meinem Visitenbett, und wie ich ihn jetzt kennengelernt habe, liegt
er im sanftesten Schlummer, und wir sitzen hier wach in Angst und rger.
Buschmann, Buschmann, so hast du es gewollt! Das war ein Heimlichtun mit seinem
Briefe und deiner Antwort darauf; selbst der arme Franz durfte nicht das
geringste davon erfahren, und htte ich nicht von meinem Rechte Gebrauch
gemacht, so wrde ich auch nichts erfahren haben. Was mischtest du dich in
Sachen, welche dich nichts angingen? Aber so bist du, Buschmann; sein
gromuliger Brief verdrehte dir auf der Stelle den Kopf. Da mute auf der
Stelle geantwortet und haarklein Bericht ber das alberne Mdchen und alles, was
damit zusammenhing und - hngt, gegeben werden, und Quartier wurde angeboten,
und dann ging die Komdie mit den Leuten vom Lauenhofe an, und wir wuten von
nichts, als die Warwlfin kam, und dann wurde das arme Kind, der Franz, ins
Blaue geschickt. Da mute er unbedingt als reuiger Millionr seinen Wohnsitz in
Krodebeck nehmen, und man konnte nicht wissen - und man mute die Augen offen
behalten - und es war unsere christliche Pflicht und Schuldigkeit, und wie die
schnen Redensarten sonst noch heien: aus der Haut mcht ich jetzt ber die
Dummheit fahren! Mein Visitenbett und die Bewirtung lt er sich freilich
gefallen, aber weiter haben wir nichts davon, als da wir uns mit den Leuten auf
dem Hofe tdlich verfeindet haben. O Buschmann, Buschmann, wenn der Mensch in
diesem Augenblicke von etwas trumt, so trumt er von deiner Stupiditt, und er
hat recht, ich tt's selber an seiner Stelle. So rede doch! Mit einem solchen
Schafsgesicht besserst du nichts!
    Der Herr Pastor sthnte schwer, allein er antwortete nicht; denn was er auf
diese schne Rede erwidern konnte, durfte er nicht uern. Ach, er war nicht der
Mann gewesen, so feine diplomatische Fden allein zum Gewebe zu schlingen; er
hatte in dieser Angelegenheit nichts ohne das Wissen und den Willen der Gattin
getan; wahrlich, er mochte mit Fug und Recht chzend an seinen Busen schlagen!
Was den Edlen Huler von Hauenbleib anbetraf, so lchelte der wirklich im
Schlaf, und gleichfalls mit Fug und Recht; aber am andern Morgen erwachte er
doch auch ziemlich frh und - berlegte. Da er der berlegung rasch die
Ausfhrung folgen lassen wrde, konnte man von ihm erwarten, und so geschah's,
zumal da schon beim Kaffee ein Eilbote von der nchsten Telegraphenstation mit
einer Depesche anlangte, welche die Anwesenheit des groen Mannes in Frankfurt
am Main dringend wnschte und die er mit bescheidenem Selbstgefhl sowohl seinen
Gastfreunden im Pfarrhause wie auch den Herrschaften auf dem Lauenhofe zur
Einsicht vorlegte.
    Ich - wir sind den Frankfurtern manche Verbindlichkeiten schuldig, sagte
er; Tonerl, ich mu am Nachmittag reisen, sosehr es mich schmerzt, die teure
Heimat sozusagen nur im Fluge zu streifen, um dich, meinen hchsten Schatz, mit
mir draus fortzutragen. Nur das trstet mich und wird auch die Freunde im Kreise
trsten, da ich dich in ein schnes, glnzendes Leben hineinfhre und alte
Schulden mit Zins und Zinseszins ausgleichen kann. Ich habe auch stets gefunden,
da ein kurzer Abschied einem langen bei weitem vorzuziehen sei; das bervolle
Herz schpft man bei solcher Gelegenheit ja doch niemals leer.
    Bei den letzten Worten zog er die Uhr hervor und sagte:
    Wir haben also noch drei Stunden zur Verfgung; o Tonerl, brich mir nicht
das Herz durch diesen Blick!
    Drei Stunden! Er sprach diese beiden Worte langsam aus und sah dabei
jedermann der Reihe nach fest und freundlich an; er hatte sein wahres Vergngen
an der Bestrzung, welche sich auf jedem Gesichte malte.
    Wer knnte nun schildern, wie sie auf dem Lauenhofe diese drei Stunden
ausfllten, wie sie Abschied nahmen und dem Wagen nachblickten, der das
Pflegekind von dannen trug?! Weder der Ritter von Glaubigern noch das Frulein
von Saint-Trouin haben etwas Neues oder Geistreiches dabei bemerken knnen. Die
anderen gleichfalls nicht. Aber die Berge, Hgel und Wlder, die Wohnungen der
Lebenden und die Grber der Toten, die Wnde der gelben Stube und der
chinesische Pavillon auf der Gartenterrasse redeten wie mit Menschenzungen.
    Die gndige Frau meinte zwar auch, es sei gut, da der Herzqulerei so
schnell ein Ende gemacht worden; aber sie wandte sich doch mit Trnen in den
Augen ab; - Hennig sagte nichts als:
    Lebe wohl, Antonie!
    Als der offene Wagen gegen vier Uhr nachmittags durch den
sonnedurchleuchteten Tannenwald rollte und der behagliche alte Herr neben der
jungen bleichen Dame eben die erste Zigarre anzndete, erhob sich Jane Warwolf
vom Rande des Straengrabens, streckte die Hand gegen die Reisenden aus und
schrie heiser und zornig:
    Du bist doch ein Narr, Dietrich Huler!

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


Hinter uns versinken die blauen Berge des deutschen Nordens; es versinkt der
alte, sagenhafte Gipfel des Brockens, der bis jetzt so vertraut und doch so
geheimnisvoll auf den Lauf dieser nachdenklichen Alltagsgeschichte herabsah und
in jeden Traum mit seinen uralten Mrchen und ewig neuen Gedichten hineinwinkte.
Vor uns im Sden steigen immer andere Berge ber immer andern grnen und
fruchtbaren Ebenen auf: wir aber fahren dahin ber den Huptern und Wohnungen
der Millionen, bis ein letzter Kranz himmelanragender, zackiger Gipfel den
Horizont begrenzt. Dahinter liegt Italien, dahinter wohnt ein anderes Volk, und
wir besinnen uns, da wir von deutschen Leuten schreiben und erzhlen.
    Siehe dort unten unsern Weg!
    Jetzt liegt er im Sonnenschein und Frieden; die Glocken der Kirchen dringen
leise zu uns herauf; wenn es auf den Feldern blitzt, so ist's das Gert in der
Hand des Ackermanns, wenn es rollt und rauscht, so ist's die freudige Arbeit der
Menschen, und wenn ein Lied klingt, so ist's auch ein Schall der Freude.
    Wie lange wird das dauern?
    Noch eine kurze Zeit, und diese Friedensglocken werden Sturm rufen, und ein
ander Rollen und Rauschen wird sich erheben. Dann wird es auch auf den Feldern
flimmern und blitzen; aber ein ander Gert wird in den Hnden der Arbeiter sein,
und eine schreckliche Arbeit wird man damit verrichten. Wie riesige Schlangen
werden die Heere, schillernd und dunkel zugleich, ber die Ebenen gleiten, durch
Wlder, Stdte und Drfer, ber Flsse und Gebirge sich winden. Aus Schluchten
und Tlern werden sie hervorbrechen und zngelnd sich suchen; und gleich
riesigen Schlangen werden sie sich finden und umfassen und werden sich umwinden
und erdrcken wollen. Ein Schauspiel fr die Gtter, wird das eine der Ungeheuer
sieghaft das Haupt emporbumen im Qualm und in den Flammen brennender Stdte und
Drfer, und mit Trnen in den Augen werden die - die - Unbefangenen in der
Nation sich die Hnde reiben ber den Sieg.
    Schn! Wenn man ganz genau wte, da die Olympier wirklich mit Herz und
Hand an dem Kampfe um Ilion beteiligt wren, so knnte man die Sache sich schon
gefallen lassen; allein es hat stets nachdenkliche Leute gegeben, die offen und
rcksichtslos behaupteten: der Kampf der Muse und der Frsche liege den
Herrschaften da oben viel mehr am Herzen als der Zorn des schnellen Achilleus
und die biedere Tapferkeit Hektors, und nicht die Iliade, sondern die
Batrachomyomachie sei das Lieblingsbuch derer auf den goldenen Sthlen.
    Das ist freilich unter allen Umstnden eine schlimme Vorstellung fr die
armen Sterblichen, die in allen Dingen so sehr auf die gute Meinung angewiesen
sind, welche sie von sich selber und den hohen Regierenden haben. Fort damit! -
Und wenn sich der Krieg vom Frieden nur durch einen etwas mehr
zusammengedrngten und inhaltreichern Lrm und Tumult unterscheidet, so ist das
Mehr oder Weniger in dieser Beziehung doch von einiger Bedeutung fr das
Wohlbehagen der Menschheit und darf nicht allzu leichtsinnig unterschtzt
werden.
    So fahren wir, denn noch liegt ja die Welt im Frieden, soweit ihr derselbe
mglich ist, und, bei den Gttern, wie ein Garten Gottes ist das deutsche Land
anzuschauen - sehr hoch von oben - aus der Vogelperspektive! So fahren wir -
jetzt durch das ewige Blau, und jetzt durch das ewig wechselnde, verwehende, von
neuem sich ballende, vielfarbige Gewlk. Die goldenen Tropfen sprhen um uns
her, in jeglichem spiegelt sich der beneidenswerte Komfort der Unsterblichen,
und nur solange wir uns also in der Hhe halten, nehmen auch wir teil an dem
impertinenten Behagen jener. -
    Siehe, da ist die groe Wasserscheide! Hunderttausende fliegen daran vorber
und denken nicht daran. Ein Bach geht sdwrts und wird das Schwarze Meer
erreichen; ein Bach rauscht nach Norden, und seine kleinen Wellen werden in den
mchtigen grauen Wogentanz der Nordsee gezogen werden. Es ist Verstand - ein
Weltverstand in dem geschwtzigen Rauschen und Murmeln, und das beste ist doch,
da keine menschliche Macht und Willkr das lustige Element hindern wird, seinen
verstndigen Willen durchzusetzen.
    Aber schon senken sich unsere Flge. Schon haben wir kaum noch etwas mit dem
Weltverstande zu schaffen. Jener Strich durch die Marchebene ist die
Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, und auf jenem Bahnzug, der soeben mit Geschnauf und
Gezisch Lundenburg passiert, sitzt ein alter guter Freund von uns, der sehr edle
Junker Hennig von Lauen aus Krodebeck, der nun wiederum einige Jahre lter
geworden ist, einiges in diesen Jahren erlebte, den wir als einen ganz
verstndigen Menschen kennenlernten, von dessen Weltverstande es bis jetzt
jedoch ebenfalls heien mag:

Aus besondrer Konsideration
Wollte man stilleschweigen davon,

wobei das brige im Examen des Kandidaten Hieronymus Jobs nachzulesen sein
wrde.

Er kam von Krodebeck und wute im letzten Grunde durchaus nicht, weshalb er es
verlassen habe. Gesund und mnnlich genug sah er aus; da er klger aussehe,
konnte man gerade nicht behaupten, und was das schlimmste war, frei und leicht
blickte er eben nicht in die sonnige Abendlandschaft hinein und nach den Kleinen
Karpaten zu seiner Linken hinber.
    Er trug einen schwarzen Flor um den Hut - es hatte sich manches in der
Heimat verndert, seit Tonie Huler den Lauenhof verlassen mute. Der Junker
war nicht umsonst einige Jahre lter geworden; was aber auch geschehen sein
mochte, nichts war aus dem gewhnlichen Lauf der Dinge herausgefallen, und das
ist unter allen Umstnden wenigstens ein Trost fr den wohlmeinenden und treuen
Historiographen, selbst in einem Bericht wie der unsrige.
    Wir wissen, da der Junker von Lauen um die Zeit, als der Edle Dietrich
Huler von Hauenbleib auf dem Lauenhofe erschien, gleichfalls im Begriff
stand, den Hof fr einige Zeit zu verlassen, um in Berlin die Landwirtschaft von
einem hhern, geistigern Standpunkt auffassen zu lernen. Das war ausgefhrt, wie
es im Familienrat beschlossen wurde; der Junker war ausgezogen gen Ahala - wie
er sich jetzt auf dem Wege nach Ahaliba befand -, er war heimgekommen und mute
in der Tat sich sehr merkwrdigen und geheimnisvollen Studien hingegeben haben,
denn der Lauenhof bemerkte von den Frchten derselben, weder im Guten noch im
Schlimmen, das allergeringste. Frulein Adelaide von Saint-Trouin behauptete
natrlich; sie
    habe doch recht gehabt; der Ritter von Glaubigern zuckte kmmerlich die
Achseln, und die gndige Frau meinte:
    Er hat wenigstens einmal frische Luft geschpft!
    Was sie sich unter dieser frischen Luft eigentlich vorstellte, das mochte
sie vor allen vier Winden Verantworten.
    Es war kein angenehmes Leben auf dem Lauenhofe. Der Ritter und das Frulein
schrieben viele Briefe nach Wien und erhielten viele Briefe von dort; sonst aber
kmmerten sie sich um nichts mehr und schlichen ohne Teilnahme umher oder saen
trbselig in ihren Stuben. Ich wrde einen Finger von meiner linken Hand darum
geben, wenn ich ihnen dadurch ein neues Spielzeug verschaffen knnte! seufzte
die gndige Frau.
    Es ist nicht auszuhalten! rief der Junker, und er hielt es auch nicht
lange aus. Eines Morgens spielte er seine letzte Karte gegen diese de und
Langeweile aus, setzte sich zu Pferde, ritt nach Halberstadt und trat als
Einjhriger Freiwilliger Krassier in das Regiment. So brachte er ein zweites
Jahr nach dem Abschied Tonie Hulers ertrglich hin; allein auch das ging
vorber, und als er dann wieder nach Hause kam, fand er daselbst das alte Leiden
in derselben melancholischen Blte und selbst seine alte brave Mutter mde,
verdrielich und verstimmt, und das war das schlimmste.
    Ach, Hennig, sprach die Gndige, jetzt erst sehe ich recht ein, welchen
Trost und welche Hlfe ich vordem an dem Chevalier gehabt habe. Jetzt wei
niemand mehr, warum er lebt; es ist, als habe jeder nur daran sein Vergngen,
da er dem andern den Tag so sauer als mglich mache. Jede gute Stunde wird
einem vor der Nase weggeschnappt, und allmhlich kommt es doch auch mir vor, als
ob in meiner Jugend alles besser gewesen sei, selbst das Wetter. In meinem
ganzen Leben ist mir die Butter nicht so oft miraten als jetzt. Mit den Leuten
lt sich auch nicht mehr wie frher verkehren; - es ist alles anders geworden,
ich verstehe die Welt nicht mehr, und so kann ich dir nicht helfen, mein Junge,
du wirst die Zgel jetzt selbst in die Hand nehmen mssen, und ich werde mich
hinter mein Spinnrad setzen und es wie die andern machen und den lieben Gott
verlstern vom Abend bis zum Morgen und umgekehrt wie die andern.
    Vergeblich hatte Hennig versucht, der Mutter diesen Vorsatz auszureden. Sie
blieb fest, und der Ritter und Leutnant Karl Eustachius von Glaubigern hatte
wirklich als gewissenhafter Chronist den Beginn einer neuen Regierung in das
Geschichtsbuch derer von Lawen auf dem Lauenhofe einzutragen. Das geschah
grade um die Zeit, als der Pastorenfranz nach abgelegtem altem Adam, ein ganz
anderer Mensch und ein wohlbestallter, wirklicher Kandidat der Theologie, von
Halle kam, um seinen Vater in der Fhrung seines Amtes zu untersttzen. Lngere
Zeit betrachtete der gottselige Jngling den Jugendfreund und sprach sodann
wehmtig-salbungsvoll und mit leisem Kopfschtteln:
    Hennig, auch du hast den Weg zur Gnade noch nicht gefunden!
    Darber lie sich nun nicht streiten, und obgleich der Junker den frommen
Freund ebenfalls eine ziemliche Weile mit einem etwas eigentmlichen Seitenblick
von oben bis unten ma, so mute er doch zugestehen, da die Gnade freilich noch
nicht bei ihm eingekehrt sei.
    O Buschmann! seufzte Hennig fast ebenso klglich wie der Kandidat; allein
der Ton war doch ein anderer und deutete nicht darauf hin, da der Pastorenfranz
viel dazu beitragen werde, da das, was er die Gnade nannte, sehr bald bei
diesem Snder einkehren werde. -
    Der Kandidat Buschmann hatte es viel besser als der Junker von Lauen. Er war
in seinem Gott vergngt, trug das Haar  la Jsus-Christ gescheitelt, und wenn
er sich je langweilte, so nannte er das Zerknirschung, gab sich eine Haltung
dadurch und machte sich sogar ein Verdienst daraus. Ob er immer noch einen Teil
seiner kostbaren Zeit der Lektre des Chevalier Faublas und der Claurenschen
Romane widmete, wollen wir dahingestellt sein lassen; aber ein Faktum ist, da
er mit ziemlichem Beifall vor den Bauern von Krodebeck predigte und fester denn
je an eine dereinstige selige Auflsung seines Herrn Vaters die schnsten
Hoffnungen knpfte, sowohl fr den Herrn Vater wie auch fr sich selber. Von
Antonie Huler sprach er selten, und wenn es geschah, stets mit der grten
Hochachtung; dem Ritter von Glaubigern und dem Frulein ging er mehr denn je aus
dem Wege. -
    Von dem Ritter und dem gndigen Frulein an dieser Stelle zu reden wrde
sehr unpassend sein. Wir werden mit ihnen noch einmal zusammentreffen und dann
ausfhrlicher erfahren, wie sie in diesen Jahren lebten und dachten. Da jene
Seiten unseres Buches dann recht heiter und lichtvoll werden, knnen wir leider
nicht verbrgen; der Trost, welchen ihre Zustnde in diesen Zeiten dem Junker
gewhrten, war ein sehr mittelmiger, und ihr Leben auf dem Lauenhofe trug auch
jetzt nicht dazu bei, ihrem Zgling das seinige daselbst erfreulicher zu machen.
    Nachdem Hennig von Lauen die Zgel der Regierung ergriffen hatte, tat er ein
ganzes Jahr lang sein mglichstes, um seinen Pflichten gerecht zu werden. Er
sete und erntete, er trieb Handel mit allerlei Vieh und Frchten des Bodens; er
ritt auf den Feldern umher und lie sich doch in guten Augenblicken mit einigem
Behagen von seiner Mutter darum loben. Wenn er gewut htte, was ihm eigentlich
fehle, so wrde er eine benachbarte hbsche und gutmtige Amtmannstochter
geheiratet haben und schon jetzt so glcklich als mglich geworden sein. Er
wute es aber noch nicht, und so mute denn das, was alle verstndigen Leute der
Umgegend spterhin wirklich sein Glck nannten, noch eine Weile anstehen.
    Er hielt sich fr entsetzlich dumm, was er nicht war, welche bescheidene
Ansicht sogar von einem ganz offenen Kopf und gesunden Blick Zeugnis ablegte.
Da er sich fr unmenschlich verlassen und elend versimpelt hielt, knnen wir
eher gelten lassen; allein da er bei verschiedenen Gelegenheiten sogar den
Kandidaten Buschmann um sein Streben, Wissen und seinen freien Blick in die Welt
beneidete, war wiederum im hchsten Grade bertrieben und mute im Grunde
niemandem lcherlicher erscheinen als dem Pastorenfranz selbst.
    Jetzt erst traten die Folgen seiner ersten Erziehung recht zutage. Wenn auch
der Meister Amos Comenius lngst tot und begraben war und nicht
wiederauferstehen konnte, so erwachten seltsamerweise die alten Wunder, welche
die Enkelin Jehans von Brienne, Frulein Adelaide Klotilde Paula von
Saint-Trouin, Tyrus, Byzanz und Malta vordem in seine junge Seele gepflanzt
hatte, zu erneutem Leben, wenn auch unter vernderten Formen und Farben. Er fing
wieder an, Gesichte zu sehen, wie man sie nur in den Jahren sieht, in welchen
noch alle Fibern der Phantasie der leisesten Berhrung schwingend und klingend
antworten, wo schon hinter dem nchsten Hgel, der die Aussicht versperrt,
entweder das Paradies oder die Hlle liegt, wo kein Ton und Lichtstrahl uns
trifft, kein Wolkenschatten auf uns fllt, ohne da in Herz und Gehirn ein Heer
von unbndigen Gedanken und nrrischen Vorstellungen sich in den Sattel
schwingt, sich in den Steigbgeln emporrichtet und die geflgelten Rosse,
allesamt mit einem Male die Schwingen entfaltend, mit Brausen zur Verwunderung
und zum rger aller bereits verstndig gewordenen Leute sich in die Lfte
erheben. Es ist immer sehr bedenklich, wenn dieser abnorme Zustand im Verlaufe
eines Menschenlebens zum zweitenmal eintritt, und die Verstndigen haben wohl
recht, sich darber zu entsetzen, denn wie jeder Rckfall zeugt er von einer
bedauerlichen Schwche der Konstitution nach einer bestimmten Richtung hin. Ein
dritter Anfall pflegt gewhnlich unheilbar zu sein und den Patienten fr alle
Zeiten entweder dem Gesichtskreis oder doch jeglicher Bercksichtigung in allen
soliden Fragen und Verwicklungen der vernnftigen Leute zu entheben.
    Eine prickelnde Unruhe und Ungeduld bemchtigte sich des Junkers von Lauen
immer mehr, und diejenigen seiner Bekannten, die ihn wegen der Behaglichkeit
seiner Existenz beneideten, wuten nicht, was sie taten; denn er selber glaubte
nur deshalb in Krodebeck zu leben, um das Leben zu versumen, und da er jetzt
alt und selbstndig genug war, um seinen Willen gegen einen andern, selbst gegen
den seiner Mutter durchsetzen zu knnen, so tat er das oder verkndete
wenigstens, da er's tun werde; allein grade zu unrechter Zeit und Stunde.
    Die alte Frau erschrak heftig und erzrnte sich sehr an dem Abend, an
welchem der Sohn ihr erklrte, da er sein Regiment von neuem in ihre Hnde und
die des Herrn Frschler, des jetzigen Oberverwalters und Majordomus des
Lauenhofes, niederlegen werde, um den Hof noch einmal und wiederum auf lngere
Zeit zu verlassen. Es entstand eine betrbliche Szene und ein rgerliches
Hinundhergerede; aber Hennig blieb fest. Er erklrte, er komme um, wenn man ihm
nicht seinen Willen lasse; er msse reisen, er msse die Welt sehen, ehe er es
daheim aushalten knne. Jedermann sei in Paris und Italien gewesen, nur er
nicht, und doch habe niemand nrdlich vom Brocken jemals eine solche Sehnsucht,
in den Vesuv zu gucken, gehabt als wie er, und man mge um Gottes willen
Vernunft annehmen und ihn nur noch ein einziges Mal von der Kette loslassen, er
wolle wie der gute Ritter Gtz von Berlichingen sein Ehrenwort geben, da er
nachher nie wieder die Feldmark von Krodebeck berschreiten werde.
    Die Mutter fhrte die triftigsten Grnde dagegen an. Sie wurde sogar
ziemlich grob, indem sie behauptete: noch nie sei ein Herr von Lauen in die Welt
ausgezogen, der nicht heimgekehrt sei wie der Peter aus der Fremde. Von dem Land
Italien hatte sie berhaupt noch nie etwas Gutes vernommen, und jener Lauen, der
mit dem Kaiser Lothar von Spplingenburg drunten war, der mochte allein als
abschreckend Exemplum fr seine smtlichen Nachkommen bis in die spteste
Zukunft dienen, und der Herr Ritter von Glaubigern mochte noch heute zu jeder
beliebigen Stunde in der Chronik mit dem Finger auf den unglckseligen Tropf
deuten.
    Hm! hatte aber der Herr Ritter von Glaubigern gebrummt und weiter nichts
hinzugefgt; das Frulein von Saint-Trouin aber hatte sogar nicht undeutlich zu
verstehen gegeben: was das schne Frankreich anbetreffe, so sei sie allen
Orleanisten, Republikanern und Bonapartisten zum Trotz gar nicht abgeneigt, die
Gefahren und Unbequemlichkeiten der Reise zu teilen, und da ein junger Mensch
sich von chevalereskem Abenteurergeist beseelt zeige, finde sie gar so bel
nicht, Kartoffelspiritus knne er in reiferen Jahren doch noch genug brennen.
    Es ist dummes Zeug, und es bleibt dummes Zeug, und ich gebe meine
Einwilligung nicht. brigens magst du tun und lassen, was du willst, Hennig!
hatte die Frau Adelheid von Lauen gerufen und sehr aufgeregt den Familientisch
verlassen.
    Es war ein strmischer Februarabend, an welchem diese Verhandlung stattfand.
Barhuptig und im hohen Grade erhitzt, schritt die Gndige ber den Hof, um nach
ihrer Gewohnheit den letzten Trost am treuen Busen ihrer Mamsell Molkemeyer zu
suchen, und zum ersten Male in ihrem Leben erkltete sie sich und wurde sehr
krank.
    Als man sie dann einige Tage spter mit Mhe und Not fest in ihr Bett
gebracht hatte, zog sie trotz dem Fieber und Schmerz einer Unterleibsentzndung
den Kopf des Sohnes am Ohrlppchen zu sich nieder und flsterte:
    Munter, alter Kerl! Wenn ich etwas in der Welt nicht leiden mag, so ist es
solch ein Gesicht, und - du bist doch ein guter Junge, Hennig, und recht hast du
auch darin, da du deine jungen Tage gebrauchen willst, solange es noch Zeit
ist. Ich hab's ebenso gemacht, wie ich es verstand, und habe mich wenig um die
sauern Mienen rundum gekmmert. Und, lieber Junge, auf schmucke, weie Strmpfe
hab ich von je viel gehalten, also sollt es sich so machen, wie ich fast
vermeine, so guck einmal nach, oben in dem linken Eckzimmer nach dem Garten zu,
in der Kommode rechter Hand, die unterste Schublade ganz unten. Da wirst du zwei
Paare finden, mit Hanfgarn zugebunden, und sie mgen dir bekommen - das ist mein
eigener Verdienst seit sechsunddreiig Jahren, und meine Patenpfennige stecken
auch dabei, und du magst sie endlich wieder mal unter die Leute bringen, denn es
wird doch Zeit dazu. Und Hennig, das sage ich dir, der Lauenhof gehrt dir von
Rechts wegen; aber den Ritter und das Frlen, die vermach ich dir, und ich wei,
du wirst die armen guten Kreaturen stets obenan zu Tisch sitzen lassen. Es
gehrt sich auch so, wenn es auch kurios genug ist, da sie bleiben und ich
gehe; denn wer hat stets und je auf das Leben geschimpft und gewinselt darber,
ich oder sie? Ich gewi nicht! Ich habe an jedem neuen Morgen meine neue Lust
gefunden, so schwer 's mir auch oft geworden ist. Es mag sein, da ich nicht
einen solchen tiefen Verstand davon gehabt habe wie die andern, aber kurios ist
es, sehr kurios, und ich htte nimmer gedacht, da die beiden mir noch die Hnde
und Fe zurechtrcken wrden! Nun ja, es ist einerlei; wer das Gute genossen
hat, mu auch das andere mit in den Kauf nehmen, und solches wird dir ebenfalls
nicht erspart bleiben, Kind. Jetzt geh und schick mir den Ritter, das kann gar
kein Mensch aussagen, was fr eine Gabe der Mann hat, einem ber jede bse
Stunde wegzuhelfen. O Hennig, Hennig, halte mir den Ritter in Ehren und setze
ihn obenan und frage ihn stets um seine Meinung, auch wenn du es besser weit
und seinem Rate nicht folgen willst! Ich habe es stets so gemacht und bin stets
gut dabei gefahren... -
    Sollen wir davon erzhlen, wie die vier schwarzbehngten Rappen auf dem
Lauenhofe scharrten und stampften, wie die Glocke der Dorfkirche von Krodebeck
verkndete, da eine wackere, gute Frau gestorben sei? Sollen wir davon reden,
wie in der Kirche die Steinplatte von der Gruft der Lauen aufgehoben und der
Sarg in das Gewlbe hinabgetragen wurde? Sollen wir von der Rede des Pastor
Buschmann sprechen, von dem, was die Leute sagten, und von dem, was der Ritter
von Glaubigern und das alte, alte Frulein von Saint-Trouin nicht sagten? Wir
fahren und haben keine Zeit dazu! Wochenlang war der Junker Hennig von Lauen
auer sich, aber er hatte den ganzen Frhling vor sich, um sich zu beruhigen.
Nachher berlie er doch dem Chevalier, dem Frlen und dem Administrator
Frschler den Lauenhof und ging wirklich auf einiges Zureden hin abermals auf
Reisen. -
    Wenn du durch Wien kommen solltest, so bringe dem Kinde einen Gru von mir;
ich habe es sehr liebgehabt. Sag ihr das, mein Sohn; aber - halt - dich nicht zu
lange dabei auf! hatte die gndige Frau am Tage vor ihrem Tode gesagt.
    Wagram! Station Wagram!

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Wer Wagram erreicht hat, der wird auch wohl nach Wien kommen. Hinter Floridsdorf
zeigte es sich, da der Kahlenberg immer noch an seiner Stelle lag, und die
Zigeunerbande auf dem Bahnhofe hielt noch immer den Radetzkymarsch fr das zur
Erquickung und Ermunterung der Reisenden geeignetste Tonstuck. Der Sommerabend
war sehr schn, die Landschaft in den letzten Strahlen der Sonne unendlich grn
und leuchtend, und - dort guckte der Stephansturm aus dem Grn wie jeder andere
Kirchturm hervor - Bassama, wr das auch bergestanden! Sind wir da, und wnsch
fernerhin glcklichen Reis! sagte der alte ungarische Dorfpastor. Mit
Sonnenuntergang war man in der Tat in Wien angelangt.
    Der alte dicke ungarische Dorfpastor, welcher von Brnn an dem Junker von
Lauen die treffliche Vorlesung ber die ungarischen Flche gehalten hatte und
welcher sich zur Belohnung und als einzige Gegenleistung fr seine
Geflligkeiten in Hinsicht auf seinen Zwetschgenbranntwein und seinen
ausgezeichneten Tabak ausgebeten hatte, der Herr mge ihm einmal einen
preuischen Taler - einen wirklichen preuischen Taler mit dem Alten Fritz
drauf zeigen, hatte den jungen Mann seiner vterlichen Obhut und Fhrung
entlassen. Der junge Prager Geistliche, welcher in Hinsicht auf Gesichtsfarbe,
Gesichtsausdruck und Haltung so sehr dem teuern Kandidaten der Theologie Franz
Buschmann glich und den braven Ungar seiner Weltgewandtheit wegen fr einen
lutherischen Priester hielt, war in dem Gewhl des Nordbahnhofes
verlorengegangen, ohne eine Spur hinterlassen zu haben. Hennig nahm hflichst
Abschied von der jungen hbschen Dame, die in Gnserndorf einstieg und so sehr
freundlich und zuvorkommend gegen ihn war und, wie es schien, recht gern eine
recht deutliche Spur auf ihrem ganzen Wege bis in die innere Stadt, bis zu ihrem
Nestchen in der Entengasse hinterlassen htte. Es war sehr hei in Wien, hei
und staubig. Die Bume vor dem Bahnhof standen wei bepudert, und das
Menschengewhl, die Fiaker und Omnibus trugen nicht dazu bei, die Atmosphre zu
klren.
    Der Junker zndete auf dem Wiener Boden die erste der glcklich
durchgeschmuggelten Zigarren an - eine Zigarre der Unentschlossenheit und
Unbehaglichkeit. Die leichten Wlkchen, die sich den lieben langen Tag auf den
Wiesen und Feldern von Krodebeck emporkruselten, waren ganz andere als die,
welche sich hier in der schwlen, stauberfllten Luft verloren; da war er denn,
der Junker von Lauen, und hatte nicht einmal Eile, einen Gasthof zu erreichen.
    Er hatte berhaupt keine Eile in irgendeiner Beziehung, und doch fhlte er
sich im hchsten Grade unruhig und sorgenvoll. Die lange Fahrt dieses Tages von
Prag her konnte nicht allein die Schuld dieser Abspannung tragen; wie eine
Drohung von Unheil, Verdru und groen Widerwrtigkeiten schwebte es ber ihm,
es berkam ihn pltzlich ein Gefhl, als hab er sich von jetzt an machtlos,
willenlos einem bellaunigen harten Meister zu fgen. Es war ihm, um seine
eigenen liebenswrdigen Ausdrcke zu gebrauchen, als werde ihm der Sattelgurt
viel zu fest angezogen und als reite ihn jemand, der um Sporn, Trense und
Kandare teufelsmig gut Bescheid wisse. Andere Leute pflegen derartigen
Stimmungen in andern Bildern Ausdruck zu geben, allein die Sache bleibt unter
allen Umstnden dieselbe. -
    Die Korrespondenz, welche der Lauenhof diese Jahre hindurch mit Antonie
Huler gefhrt hatte, gab keinen Grund zu irgendwelcher Besorgnis in dieser
Richtung. Ein Brief aus Wien war im Gegenteil stets ein Anla zum hellern
Aufflackern aller Lebensgeister auf dem Hofe gewesen, und wenn der Herr von
Glaubigern mit einem solchen zierlichen Blttchen in der Hand erschien, hatte
selbst die gndige Frau, im eilfertigen Lauf ihre Hnde in der Schrze
trocknend, hufig ihren Schuh auf dem Wege in das gelbe Zimmer verloren. Eine
sehr betrbte, trnenreiche Antwort war freilich auf das Schreiben
zurckgekommen, in welchem der Chevalier dem Kinde den Tod der Frau Adelheid
meldete; allein, was diese Antwort auch an seltsamen, verworrenen Andeutungen
und dunkeln, unverstndlichen Klagelauten enthalten mochte, der Anla dazu war
so natrlich gegeben, da der Ritter von Glaubigern nur bemerkte:
    Sie nimmt es sich mehr zu Herzen als irgend sonst jemand; - ich hab's mir
wohl gedacht, es war immer ihre Art so. brigens, bei meiner Ehre, ich knnte
wahrhaftig nchstens einmal an den Meister Dietrich schreiben, um ihn wegen
meiner schlimmsten Befrchtungen um Verzeihung zu bitten.
    Das letztere hatte der Ritter nun doch nicht getan; aber welch ein Teil der
Schuld an der jetzigen Fahrt des Herrn von Lauen auf ihn fiel, wollen wir nicht
weiter errtern.
    Es soll mich wundern, wie ich sie finde, ob sie noch hbscher geworden ist
und was der Schuft, ihr vornehmer Herr Gropapa, sonst aus ihr gemacht hat!
murmelte Hennig, seine Zigarre fortschleudernd und einen Lohnkutscher
heranwinkend. Er war nicht mehr der Knabe, der Krodebecker Bauerjunge, welcher
mit dem wilden Pflegekinde der alten Hanne Allmann sich im Kuckelrucksholze
umhertrieb und welcher spter mit der schnen Tonie Huler unter den Hecken der
Heimat Veilchen suchte und dann und wann die grte Lust versprte, den
albernen, rohen Franz Buschmann mit Ohrfeigen und Futritten aus der Idylle
hinauszujagen.
    Er dachte wirklich an den Pastorenfranz, als er sich in die Kissen seines
Wagens zurcklegte, und dann dachte er an den Freund Frschler, dem er nicht nur
den Lauenhof, sondern auch den Chevalier von Glaubigern und das Frulein von
Saint-Trouin zur Verwaltung anvertraut hatte, und dabei mute ihm irgend etwas
ungemein komisch erscheinen; denn pltzlich lachte er hell und laut auf. Dann
schlug er beide Hnde auf die Knie und rief:
    Und hier bin ich - und es ist, als wenn man eine uralte, verquollene
Rokokoschranktr mit Sthnen und Angstschwei zugezwngt htte. - Hurra! Es ist
doch angenehm, hier zu sein, und auf die Kleine freue ich mich unmenschlich! Ob
sie wohl noch gewachsen ist? Ich glaube es nicht. Tonie, Tonie, es ist, bei den
Gttern, ein hbscher Name, ein Name wie helle Glocken - selbst wenn die Mutter
ihn in Haus und Hof und Garten hineinrief, klang er wie Musik. Wie das alles
vorbergeht! Nie htte ich gedacht, da ich einmal so fremd an Krodebeck denken
knnte wie in diesem Augenblick. Da bin ich hier, und in acht Tagen bin ich in
Venedig - selbst der Edle von Hauenbleib, unser Herr Grovater, ist mir auf
einmal zu einem viel realern Gegenstand geworden als alles, was ich vor drei
Wochen am Fue des alten Blocksbergs zurcklie. Nun glaube ich auch wirklich
daran, da ich den Vesuv und den tna erklettern werde, und hier sind wir vor
dem National-Gasthof. Bei Gott, es ist doch nicht alles Sattelgurt, Hafer,
Roggen, Kartoffeln und Krodebeck in der Welt! O Tonie Huler, ich meine, du
wirst auch dein Vergngen an der alten Freundschaft haben; und morgen bei guter
Stunde werden wir dem alten braven Mdel in groer Gala unsere Aufwartung machen
und unsere Kreditivbriefe aus dem Rokokoschrank nicht dabei vergessen!
    Fr alle Zeit sollte er sich des Zimmers, welches man ihm in dem Hotel in
der Taborstrae anwies, erinnern. Was er auch noch erleben mochte, an keinen Ort
knpfte sich soviel fr ihn als an diese Wnde, an diesen Teppich, auf welchem
er eine Nacht nach der andern ruhelos, schlaflos hin und her schritt in einer
Welt, die eine andere geworden war, mit brennenden Augen, klopfenden Pulsen und
geballten Hnden. Fr jetzt nahm er ein Bad, speiste mit ausgezeichnetem Appetit
zu Abend, legte sich mit einer neuen Zigarre ins Fenster und sah behaglich in
die Taborstrae hinunter. Er glaubte fr alles Zeit zu haben und glaubte in
allen Dingen sich die gehrige Ruhe gnnen zu knnen.
    Es war vollstndig Abend geworden, die Gasflammen in der Strae und in den
Lden wurden angezndet, und es war in der Tat kein geringes Behagen, nach den
Anstrengungen und passiven Mhen des heien Reisetages vorerst aus sicherer Hhe
eine friedliche halbe Stunde lang in das Getmmel von Ahaliba hinabzusehen, ehe
man durch seine eigene Person das Gewhl vermehrte und alle Folgen davon auf
sich zu nehmen hatte.
    Wir wissen, da der Junker von Lauen dann und wann das, was man im
gewhnlichen Leben ein beschauliches Gemt zu nennen pflegt, in einem ziemlich
hohen Grade bettigen konnte; und beschauliche Gemtlichkeit war die einzige
richtige Bezeichnung fr seinen augenblicklichen Seelenzustand.
    Im Anfang sah er wohl noch ein wenig verquer und stumpf in das Leben der
groen Stadt, allein das dauerte nicht lange; er gehrte gottlob nicht zu den
nervsen Leuten, die in der jeglicher Aufregung folgenden Betubung sich
tagelang abzuzappeln haben. Seine Vergleichung des Lauenhofes mit einem
zugezwngten Rokokoschrank kam ihm von neuem in den Sinn, und er konnte von
neuem darber lachen.
    Dann sagte er:
    Wenn der Himmel doch geben wollte, da er grade jetzt wieder Verona
Verproviantierte!, und er meinte hiermit nicht den Rokokoschrank; aber auch
diese Vorstellung vergngte ihn sehr, und er fuhr fort:
    Ja, das wre das beste. Da htten wir uns allein, wahrhaftig, ich knnte
viel drum geben, wenn er augenblicklich wieder einmal Verona Verproviantierte.
Ihm wrde es Vergngen machen, und mir wre es eine wahre Herzenserleichterung!
Da knnten wir zusammensitzen in diesem Wien wie einst in der Fliederlaube in
unserm Garten. Ihr wrde es gewi ebenfalls recht sein, denn wie hat sie oft den
armen Franz angeblitzt, wenn er um die Hecke schob, der - Esel!
    Jetzt nselte er dem gottseligen Franz nach:
    Hennig, ich sehe, auch du hast den Weg zur Gnade noch nicht gefunden! und
lachte hell auf:
    Es ist zu gut! Wenn ich mich nicht zu sehr auf morgen freute, mchte ich
wohl den Buschmann an meine Stelle wnschen und mich hinter die Trritze; da
wrden wir wohl vernehmen, ob sie von dem fraglichen Wege mehr wei als ich.
    Hm, fgte er nach einer Weile hinzu, wenn ich an jene Nacht denke, in
welcher der Chevalier an mein Bett kam, seinen leeren Geldbeutel bejammerte und
der Welt und dem Herrn von Hauenbleib sein Pflegekind mit seinem Herzblut
abkaufen wollte, wird's mir doch ganz wunderlich. Holla, und in diesem
Augenblick fhrt sie vielleicht dort unten vorber, und ich bin wahrscheinlich
nur deshalb hier in Wien, um auf es aus dem Fenster zu glotzen wie auf einen
Krodebecker Dngerhaufen? Das sieht ihm ganz hnlich! wrde meine Mutter gesagt
haben. O Tonie, Tonie, Tonie, wenn er doch Verona verproviantierte!
    Eilfertig griff er nach dem Hut und strmte, als ob er bereits das Beste
versumt habe, hinaus in den Abend, in das fremde Leben; und der Reiz, aufs
Geratewohl durch die Lichter und Schatten einer groen unbekannten Stadt zu
solcher Stunde zu schreiten, bemchtigte sich seiner bald im vollsten Mae. Er
geriet an die Ferdinandsbrcke und wute genug von der Topographie des Orts, um
berlegen und whlen zu knnen zwischen einem Gang und Glas Eis im Prater und
den Geheimnissen und nchtlichen Reizen der innern Stadt. Der Stephansturm, der
schwarz durch die Dmmerung herbersah, gewann natrlicherweise schnell die
Oberhand in einem Menschen, welcher daheim der schnen Natur zur Genge hatte
und der mit der allerschnsten Natur stets nur krperlich durch die trefflichste
Gesundheit in Gefhlsverwandtschaft gestanden hatte.
    Also kreuzte Hennig diese kleine Donau, irrte ein wenig auf dem Glacis umher
und die Trmmer der alten Basteien entlang und fand endlich seinen Weg durch die
Krntnerstrae in immer hherer Stimmung.
    Es ist doch eine vornehme Stadt, brummte er. Schade, da wir sie nicht an
unser Berlin anhngen knnen, wir wrden dann, glaube ich, jedes andere Nest
rund um den Erdball herum um mehrere Nasenlngen schlagen!
    Nun fiel ihm eine alte Melodie aus der alten, lustigen, lngstvergessenen
Posse, den Wienern in Berlin, ein, und er summte sie im Weiterschlendern
behaglich vor sich hin. So verwhnt war er nicht, da er nicht sein Behagen
genommen htte, wo er es fand, und es war in der Tat ein Behagen, sich hier in
Wien zu finden, den Chevalier, das Frulein von Saint-Trouin und den Freund
Frschler in Krodebeck sitzend zu wissen, Geld zu haben, mit der schnen
Jugendfreundin dieselbe Luft einzuatmen und ein Freiherr in der angenehmsten und
tiefsten Bedeutung des Wortes zu sein.
    Am Ende ist es mir auch hchst gleichgltig, ob er Verona verproviantiert
oder nicht. Was kmmert mich das, worber die Alten daheim die Kpfe schtteln?
Da fllt einer nach dem andern heraus, und selbst meine arme Mutter hat
herausfallen mssen, und das Leben mit seinen Lichtern und Wagenrollen und Kling
und Klang geht weiter, und jedermann hat doch nur mit seiner eigenen Gegenwart
abzurechnen. Es lebe die Gegenwart! Da wre ich doch ein Narr, wenn ich mich in
Wien an einem Haar ekeln wrde, das die andern Vor einem Menschenalter in
Krodebeck in der Suppe fanden! Und die Tonie hat ja in jedem Briefe gemeldet,
da es ihr wohl gehe und da ihr kaum etwas zu wnschen brigbleibe. Le Nozze di
Figaro? Ob das der Barbier von Sevilla ist? Hren wir dem Herrn von Huler zu
Ehren noch einen Akt von diesem Barbier! Zum Teufel, in der richtigen Stimmung
kann man alles in Musik setzen, selbst den Barbier von Krodebeck !
    Er geriet wirklich noch zum Finale der Hochzeit des Figaro in das
Opernhaus und erfuhr, wie man in sterreich Silber mit Silber zahle. Dazu machte
er einige recht freundliche Bekanntschaften, welche ihm allerlei Dinge wiesen,
die nur den Ortseingeborenen und den von diesen unter die Flgel Genommenen
bekannt zu werden pflegen, und vergngte sich durchgngig vortrefflich. Seine
Laune wurde immer besser; mit sich selber war er recht zufrieden, und mit dem
Universum fand er sich im vollkommensten Einklang. Einige Offiziere -
Norddeutsche im Dienste des Hauses Habsburg -, welche mit Bereitwilligkeit die
Landsmannschaft hatten gelten lassen, geleiteten ihn weit nach Mitternacht nach
der Leopoldstadt zurck. Sie wuten von dem Edlen von Hauenbleib, kannten ihn
jedoch nicht persnlich, wenn sie ihn gleich als eine sehr bekannte
Persnlichkeit darstellten. Im National-Gasthof konsumierte der Junker von Lauen
noch ein bedeutendes Quantum Sodawasser und schlief den Schlaf der Glcklichen
bis tief in den hellen Sommermorgen hinein.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


Glcklicherweise haben wir uns mit den Empfindungen unseres Schutzbefohlenen bei
seinem ersten Erwachen in Wien nicht eingehender zu beschftigen. Wenn wir
sagen, da er einen groen Teil seiner gestrigen Exaltation fr kaum begrndet
erklrte und auf den Rest derselben mit einem nur mit Mhe zurckgedrngten
Mivergngen blickte, so haben wir in dieser Hinsicht das Unsrige geleistet und
knnen ihn ruhig fr die ersten beschaulichen Morgenstunden sich selbst
berlassen.
    Es war irgendein kirchlicher Feiertag, und zugleich wurde irgendwo eine
Parade abgehalten oder die kaiserlich-knigliche Infanterie zu sonst einem Zweck
in Gala durch die Straen gefhrt. Die Sonne schien, die Glocken klangen, und
die Musikbanden der verschiedenen weirckigen Regimenter lrmten
kriegerisch-munter durch die Gassen und ber die Mrkte, in und auf welchen das
eilig-behbige Menschengetriebe heute sonderbar wenig mit den Kmmernissen und
Sorgen anderer Stdte der Erdenbewohner zu tun zu haben schien.
    Nahe Glocken und ferne Militrmusik sind etwas, was die Stimmung nicht
verschlechtert, und solches erfuhr unser Freund Hennig, den wir jetzt in einem
Fiaker wiederfinden, welcher ihn der Wohnung des Edlen Dietrich Huler von
Hauenbleib zufhrt. Der Junker befand sich in diesem Moment in der Lage, solche
uerliche Anreize wohl gebrauchen zu knnen; er sah dem ersten Zusammentreffen
mit der Jugendfreundin nicht mehr durch solch einen rosigen Schleier wie gestern
entgegen, und er konnte nicht mehr ber die Bilder der Heimat lachen, sondern
fhlte tief und klar, da der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern sich nie
dazu geeignet habe, fr ihn - Hennig von Lauen -, auch in der aufgelegtesten
Stimmung nicht, den Stoff zur geringsten possenhaften Bemerkung abzugeben. Jetzt
blickte der Junker trbselig genug auf die bunten Gruppen und in die lachenden
Gesichter auf seinem Wege. Er sa vorgebeugt, mit den Hnden auf den Knien, und
von Zeit zu Zeit griff er in der Brusttasche nach den Briefen, welche ihm der
Chevalier und Frulein Adelaide an ihr Pflegekind mitgegeben hatten. Er hielt
sich, sozusagen, daran und hatte allen Grund dazu.
    Nun wei ich doch wieder nicht, wie mir ist, murmelte er. Nur eines wei
ich genau: ich wollte, wir trfen uns wie gewhnlich im chinesischen Pavillon
auf unserer Gartenterrasse und nicht hier in der Fremde! Gestern abend sah sich
das Ding leicht genug an; aber jetzt erst merke ich, weshalb ich eigentlich hier
bin, und ich wurde viel drum geben, wenn ich den Leutnant in diesem Augenblick
neben mir htte, und wir knnten beide uns bei ihr anmelden lassen und mit der
Visitenkarte zu gleicher Zeit herein und ihr an den Hals fallen: Da sind wir,
Tonie! Nur deinetwegen sind wir da, und ganz Krodebeck lt gren; und nun,
Mdchen, wie geht es dir? Und wie ist es dir diese ganzen langen langweiligen
Jahre hindurch gegangen?... Da wrde der Chevalier wie gewhnlich alles brige
aufs beste besorgen, und ich knnte wie gewhnlich mein Vergngen und meine
Freude im Winkel haben!
    Nun sah der Junker den Edlen von Hauenbleib gleichfalls in einer andern
Beleuchtung als am Abend vorher.
    Wie wird er mich empfangen? Was habe ich ihm zu sagen? Was kann ich ihm von
Krodebeck aus Gutes bestellen?
    Es war ein groes Glck, da in diesem Moment der Wagen hielt und der
Kutscher die Tr aufri; in seinen Gefhlen gegen den Edlen war Hennig eben im
Begriff, seinen Rosselenker an der Schulter zu packen und ihm den heftigen
Wunsch auszudrcken: er mge umkehren und ihn bis auf weiteres nach der
Leopoldstadt zurckfahren. Jetzt war er gezwungen, auszusteigen und seine,
Geschicke zu erfllen, und der Fiakerkutscher sah lngere Zeit von seinem Bock
aus nach ihm zurck und sprach nachdenklich:
    Kruzitrken, ist mir all eins, was d'Leut giftet; aber den htt ich doch
drum fragn mgn.
    Der Junker befand sich jetzt in der Vorstadt Mariahilf, ungefhr in jener
Gegend, allwo die Laimgrube in die Mariahilfer Hauptstrae bergeht, und wenn
wir es fr passend hielten, knnten wir die Nummer des Hauses nennen, an welchem
er nunmehr sehr betreten emporstarrte, ehe er es betrat.
    Wir nennen aus mehrfachen Grnden die Nummer des Gebudes, in welchem sich
die Privatwohnung des Edlen Dietrich Huler von Hauenbleib befand, nicht; aber
da wir auch auf unsere Leser einige Rcksicht zu nehmen haben, drfen wir es
doch nicht ganz der Phantasie derselben anheimgeben, sich die Lokalitten
auszumalen.
    Hennig von Lauen sah ein stattliches Bauwerk vor sich, das in keiner Weise
an Krodebeck und an den Lauenhof erinnerte. Zwei groe elegante Lden nahmen zu
beiden Seiten der Tr das untere Stockwerk ein: - ein Trauerwarenmagazin unter
der wunderbar passenden Firma Zur betrbten Hekuba auf der Rechten - ein
Modewarenmagazin unter dem ebenso treffenden Zeichen Zur schnen Helena auf
der Linken. Die lebensgroen, gar nicht bel gemalten Bildnisse der Trojanerin
und Acherin in ganzer Figur suchten so erschtternd und verlockend als mglich
auf die vorbeiwandelnden Phaken zu wirken und lieen ihnen jedenfalls die Wahl,
im eiligen Vorberstreifen einen Zug Zerknirschung aus dem dstern memento mori
rechts zu schpfen oder dem lachenden, verfhrerischen, aber etwas kostspieligen
Leben links einen nickenden Wink zu geben.
    Eine Treppe hoch befanden sich die Geschftszimmer einer
Versicherungsgesellschaft, an welcher der Herr von Hauenbleib wohl auch in
irgendeiner Art beteiligt war, obgleich er ein eigenes Bro auch noch tief im
wimmelnden Mittelpunkt der innern Stadt in irgendeinem hintern Trakte besa.
    Im dritten Stock wohnte der Edle, und darber hinaus stieg der Bienenstock
mit seiner summenden Bevlkerung bis hoch in den blauen Wiener Himmel hinein und
gab noch einer wunderlichen Bevlkerung von Studenten, Jngern der Kaiserlichen
Kunstschule. Photographen und so weiter Licht genug und Schutz gegen Wind und
Wetter fast zur Genge; und der Hausmeister wute, welche Stellung ein
Hausmeister diesem unberechenbaren Vlkchen gegenber einnimmt.
    Von neuem griff der Junker nach den Krodebecker Briefen in seiner
Brusttasche. Die schnen jungen Damen, die, je nachdem sie das Leben oder den
Tod dem Publikum gegenber vertraten, in hellern oder dunkelfarbigern Toiletten
hinter den Spiegelfenstern der Lden beschftigt waren, sahen ihn bereits darauf
an, ob sie ihre Rechnung auf ihn als glcklichen Erben oder als glcklichen
Verliebten und Verlobten machen durften; er aber hatte sie nunmehr nach beiden
Seiten hin zu enttuschen.
    Wie das Haus, in welchem Tonie Huler in Wien wohnte, von auen aussah,
mute er allgemach wissen.
    Es ist doch zu wunderlich, da ich sie hier finden soll! seufzte er. Aus
der Ferne sah sich alles das ganz anders an, und so albern wie jetzt bin ich mir
im Leben noch nicht vorgekommen. Bei Gott, ich habe Angst! Verlegen bin ich
schon hufiger gewesen; aber jetzt habe ich Angst! Und vor wem? Um was? O dummes
Zeug und kein Ende, jetzt stelle ich dem Unsinn ein Bein; nach zehn Minuten
werden wir ja doch darber lachen, und, auf Ehre, ich werde ihr beichten und
mich herzlich gern von ihr auslachen lassen!
    Mit einem Sprunge war er im Hause und erstieg eilig die Treppen, und da er
sein Leben unterwegs nicht bei der Nilassidantia versicherte, so erreichte er
ohne weitern Schaden die Tr, an welcher eine glnzende Metallplatte ihm
anzeigte, da hier der Landsmann aus Krodebeck - nein, der Edle D. Huler von
Hauenbleib, Ritter des Erlserordens usw., unzweifelhaft seine Wohnung habe und
da man nur die Glocke zu ziehen brauche, um die arme Tonie hinter der polierten
Pforte mit den geschliffenen Scheiben zu finden. Mit zaghafter Hand griff er
nach dem blanken Messingknopf und horchte atemlos auf den hellen Klang drinnen.
Htte ihn seine selige Mutter jetzt erblicken knnen, wrde sie die Schultern
betrchtlich in die Hhe gezogen und dazu gemeint haben:
    Ganz wie ich's mir vorstellte! Natrlich der Peter in der Fremde! Jawohl -
als ob ich das nicht schon vom Kaiser Lothar her gekannt htte. Wozu heiratet
man denn aus einer Familie in die andere und fhrt seine alten Register, wenn
man sich allmhlich dabei nicht selber kennenlernte?
    Zunchst fand sich Hennig natrlich einem hnlichen schnen Bedienten
gegenber, wie er vor einigen Jahren den Bauern von Krodebeck so sehr gefiel;
doch war's nicht mehr derselbe, welcher damals den Edlen begleitete, der Frau
Pastorin Buschmann mehr als ntig imponierte und im Dorfkruge so elegant fr die
Ehre seines Herrn einzutreten wute. Durch diesen stattlichen Jngling erfuhr
Hennig vor allen Dingen, da die Gtter, wenn es ihnen beliebt, immer noch
imstande sind, der menschlichen Einfalt zu Hlfe zu kommen; der Edle von
Hauenbleib war wirklich nicht zu Hause, er befand sich in der Tat wie auf
Bestellung in Italien, und der Diener konnte nicht sagen, wann er heimkehren
werde, da der gndige Herr das hufig selbst nicht vorher bestimmen knne.
    Mit einem tiefen erleichternden Atemzug schickte der Junker von Lauen
nunmehr seine Karte der Tonie und wurde zugleich einem zierlichen Kammermdchen
berliefert, welches ihm die Hoffnung gab, das gndige Frulein werde ihn
wahrscheinlich sogleich empfangen knnen. Er wurde in das nchste Gemach
gefhrt, man schob ihm einen Sessel zu, doch nahm er nicht Platz, sondern blieb
aufrecht in der Mitte des Gemachs und suchte, klopfenden Herzens, sich in der
khlen Dmmerung zurechtzufinden.
    Die Kammerjungfer, welche in Wesen und Erscheinung dem Schilde zur Linken
der Haustr zu nicht geringer Empfehlung gereicht und es im Notfall vollstndig
ersetzt haben wrde, hatte ihn mit einem besondern Blick angesehen, als er ihr
die Karte zustellte, und gesagt:
    Das gndige Frulein ist schon lngere Zeit nicht ganz wohl, mit
eigentmlicher Betonung des Wortes ganz.
    Die Vorhnge waren zugezogen, und das heie Licht des Tages fiel nur
gedmpft in den reichen Raum. Da stand selbstverstndlich irgendwo auf einer
Konsole eine Nachbildung der Ariadne von Dannecker; und dunkel erinnerte Hennig
sich spter, an den Wnden neben einer schnen Kopie des Zinsgroschens von
Tizian, welche gleichfalls die Leute gern zur Ausschmckung ihrer Zimmer
verwenden und die, wie sich verschiedene Herrschaften erinnern werden, z.B. auch
in dem Zimmer der Frau Geheimen Rtin Gtz in Berlin hing - lebensgroe Portrts
des Kaisers Franz Joseph und der Kaiserin Elisabeth gesehen zu haben. Er behielt
stets ein Gefhl von diesem ersten Warten auf die Jugendgespielin in der Khle
nach der langen Fahrt durch den glhenden Sommertag, ein Gefhl der harmonischen
Wirkung von reichen Vorhngen, Tapeten und Teppichen, und behielt fr alle
Zeiten im Gedchtnis, da er von einem Tischchen ein Album aufgenommen habe und
hundert Photographien unbekannter Gesichter und Gestalten zwischen den Fingern
und wirbelnden Gedanken gedankenlos durchlaufen lie.
    Aber er hatte auf die Bemerkung der Kammerjungfer auch gesagt:
    O das tut mir leid!
    Eine ganz gewhnliche, alltgliche Redensart - das erste Glied einer Kette,
welche sich ihm jetzt um die Seele legte und welche noch nach Jahren, wenn die
hbsche, gutmtige, verstndige Amtmannstochter vielleicht lngst das Ihrige
hingenommen hat, durch seine Trume im Wachen und im Schlafe klirren wird!
    Sie war also nicht ganz gesund, und er hatte sie doch immer nur gesund
gekannt?! In Krodebeck war ja berhaupt niemand je krank gewesen als Vielleicht
dann und wann das Frulein Von Saint-Trouin, und der machte es Vergngen, und
deren Leiden kannte man und ging der Patientin hchstens ein wenig mehr aus dem
Wege. Die Leute starben wohl auch in Krodebeck, wie wir bereits an einigen
Beispielen erfuhren, allein das ist etwas ganz anderes, wie jedermann wei; denn
trotzdem war man sehr gesund in Krodebeck!
    Sie hat uns nichts davon geschrieben; - weshalb hat sie das nicht getan?
fragte sich Hennig. Es ist unrecht. In ihren Briefen lacht sie, wie sie auf dem
Lauenhof ber alles und nichts lachen konnte; selbst wenn sie sich ber den
Buschmann rgerte, lachte sie. Aber vielleicht ist es nichts, und sie wollte den
alten Ritter nicht unntigerweise ngstigen. Der Teufel hole das feine
Frauenzimmer mit der seidenen Schrze - mit solchen dummen Redensarten kommen
sie stets in der Komdie aus den Kulissen.
    Er sah sich nochmals um; aber die Vorhnge sanken nicht herab, die Wnde
rckten nicht auseinander; nach wie vor blickte der listig lauschende
Phariserkopf dem Heiland ber die Schulter, und Ariadne hielt sich auf ihrem
Panther noch immer im Gleichgewicht. Die grnen Wiesen, Bsche und Wlder von
Krodebeck, das alte Herrenhaus und die ganze Kette der blauen Harzberge samt dem
Blocksberg lagen weit, weit in der Ferne und wohlverpackt und verschlossen in
der alten schnurrigen Rokokokommode; und der Junker von Lauen besa, in diesem
Moment wenigstens, nicht das Zauberwort, welches einen frischen Hauch, einen
freundlichen Ton, einen freudigen Strahl aus ihr in die Vorstadt Mariahilf
herberrufen konnte.
    Jetzt trat das feine Frauenzimmer mit dem zierlichen Schrzchen schnell
wieder hervor und sah ihn noch viel aufmerksamer als vorhin und sehr erstaunt
an. Es winkte ihm und bat ihn leise, zu folgen, das gndige Frulein freue sich
sehr, ihn zu sehen. Er durchschritt mit der Fhrerin noch ein zweites reiches
Gemach, und dann stand er vor Antonie Huler, die in ihren Briefen stets
gelacht hatte, wie sie auf dem Lauenhofe ber alles und nichts lachen konnte.
Starr stand er da - - die arme Tonie hatte freilich in ihren Briefen den Herrn
Ritter von Glaubigern nicht ngstigen wollen!
    Tonie! Tonie? rief Hennig zitternd, zum Tode erschreckt von dem, was er
nicht gedacht, nicht sich vorgestellt hatte.
    Und Tonie Huler hatte sich aus ihrem Sessel erhoben, mit Hlfe der
hbschen gesunden Kammerjungfer, welche der Edle von Hauenbleib wahrscheinlich
fertig und vollendet in dem Laden zur Linken seiner Haustr gekauft hatte. Die
hbsche gesunde Kammerjungfer hielt ihre Herrin mit einem Arm umfat; denn nur
so schien letztere sich aufrecht halten zu knnen. Und jetzt streckte Tonie
Huler beide Hnde nach dem Besuch aus und rief mit leiser, stockender Stimme:
    Hennig! Hennig! Ist es denn wahr und mglich? Bist du es wirklich, Hennig?
Das ist wie ein Erwachen zum Leben, zu dem guten alten Leben. Sie haben ihre
Tonie nicht vergessen in der Heimat! O Hennig - lieber, lieber Hennig!
    Er antwortete ihr nicht. Er trat ihr nher - einen Schritt - zwei Schritte.
Er legte zgernd seine Hnde in die ihrigen und sagte langsam:
    Das ist sehr unrecht! Ich mu dies auf der Stelle nach Haus schreiben. Das
haben wir nicht gewut. O Tonie, Tonie, hast du gar nicht an uns gedacht?
    Antonie Huler versuchte zu lcheln, doch es gelang ihr schlecht. Sie
sagte:
    Mein Grovater ist in Italien: er ist sehr hufig dort, und ich bin mit
dort gewesen - es war sehr schn. Ich kann euch nicht vergessen; aber sieh, ich
lebe hier nun mitten in der groen Stadt Wien, und da mu ich das Gute mit dem
Bsen nehmen, wie es kommt. Es ist mir auch immer gut gegangen, und ich bin
recht vergngt gewesen bis zum Tode deiner Mutter. Da hattet ihr euren Schmerz
und ich den meinigen. In den letzten Zeiten bin ich freilich ein wenig unwohl
gewesen; aber jetzt geht es viel besser - vielleicht war's nur ein bichen
Heimweh, und weil ich nicht schreiben konnte, wie - doch es ist nun alles gut,
und ich freue mich so sehr, so sehr, dich zu sehen, deine Hnde zu halten und
dich bei mir zu haben, als wrst du mit der ganzen Heimat gerad vom Himmel mir
in die Fremde hineingefallen.
    Nun hatte Hennig bereits die Stelle der Kammerjungfer eingenommen; sanft,
wenngleich etwas unbehlflich, hielt er die Jugendgespielin, das Kind aus dem
Siechenhaus zu Krodebeck, im Arm und sttzte sie, zog ihren Sessel heran und
setzte sie vorsichtig in die Kissen. Die Kammerjungfer sah alledem ziemlich
verwundert zu, schttelte den Kopf, blickte wie fragend auf ein groes,
trefflich gelungenes photographisches Portrt des Edlen von Hauenbleib an der
Wand und zog sich zurck. Der Junker holte sich gleichfalls einen Stuhl, rckte
ihn so dicht als mglich an den Sessel Antoniens und rief:
    Ja, da bin ich, Mdchen - du dummes, bses Mdchen, und frs erste geh ich
jetzt nicht wieder. - Darauf richte dich ein. Den Herrn - Gropapa lassen wir
ruhig in Italien bei seinen Geschften; wenn einer aus Krodebeck dort ist, so
hat Krodebeck in dieser Beziehung vollkommen seine Pflicht und Schuldigkeit
getan. Mir gefllt dieses Wien ausgezeichnet, und jetzt - ganze Eskadron,
marsch! - liefre dein Elend aus, oder - Jott sei uns jndig! - ich nehme es mit
Sturm wie den hartmuligsten Ascherslebener Kommigaul.
    
    Nun lachte Tonie Huler doch wirklich und faltete die Hnde:
    Ach, Hennig, das ist wie ein Mairegen! Das ist Krodebeck! O ich bin so
glcklich!
    Und Franz Buschmann lt gren - und der Chevalier - und das Frlen! - Du
solltest unsere Saaten sehen, Tonie - und hier hab ich die ganze Tasche voll
Briefe. Sie haben Tag und Nacht darber gesessen, und der Ritter hat mich fast
umgebracht mit dem, was ich dir sagen sollte, Tonie, und was ich nicht vergessen
sollte, und in Peccadillo sind trotz aller Vorsichtsmaregeln doch die Motten
gekommen, und das Frlen war auer sich; der ganze Lauenhof sa acht Tage lang
mit unter dem Glaskasten und roch nach Kampfer! Von meiner armen Mutter will ich
noch nicht sprechen, das alles kommt spter: wir haben Zeit, fr alles haben wir
Zeit, Tonie, und nun sei ein braves Mdchen und mach mir das Herz nicht zu
schwer; wir bringen alles wieder in den Sattel - Kreuzelement, ob wir nicht zum
nchsten Appell parademig ausrcken werden?!
    Und ich nenne ihn noch immer du; als ob sich das ganz von selbst
verstnde! rief Tonie frhlich. Wann bist du angekommen, und wo wohnst du,
Lieber? Ich finde mich noch gar nicht zurecht, du bringst mir fast zuviel Glck
mit. Ja, frs erste darfst du mich nicht wieder verlassen - weit du, ich bin
daran gewhnt, meinen Willen zu bekommen; ich bin sehr verzogen - es ist eben
ein Unheil: die alte Hanne Allmann hat den Anfang damit gemacht, und so bin ich
aus einer weichen Hand in die andere gegangen, und hier - jetzt - hier habe ich
auch meinen Willen!
    Ihr ganzes Wesen hatte sich bei den letzten Worten verndert. Sie hatte sich
wieder halb aufgerichtet, ihre Augen glnzten halb ngstlich, halb
triumphierend, und ein anderer als der Junker von Lauen htte schon aus der
abwehrend-drohenden Bewegung ihrer Hand allein erkannt, wie Antonie Huler hier
in Wien ihren Willen bekam und wie der Edle Dietrich Huler von Hauenbleib
sich gegen denselben verhielt. So leicht jedoch merkte der Junker von Lauen
nichts; er sah nur mit erhhtem Staunen die schnelle Rte auf den Wangen der
jungen Dame kommen und gehen, er sah mit erneutem Schrecken die bleiche Farbe
wiederkehren.
    Doch nun fing Tonie an zu fragen, und er hatte zu antworten und zu erzhlen.
Sie lie ihm kaum Zeit zu seinen Antworten - auf halbem Wege ahnte sie schon,
was er zu sagen hatte. Ach, er wute gar nicht, wie viele wissenswerte Dinge er
als Reisegeschenk mitbrachte, er staunte selbst darber, wie interessant ihm
selber mit einem Male die Alltagsneuigkeiten von Krodebeck und dem Lauenhofe in
der Kaiserstadt Wien wurden.
    Und immer rief Tonie dazwischen:
    Nimm dir Zeit, wir haben ja Zeit! Ich will alles wissen, und ich will alles
ganz genau wissen. Ich will dir helfen zu erzhlen; aber, sieh, du mut dir auch
rechte Mhe geben; vielleicht freust du dich, wenn du ein alter Mann, ei - ein
alter wrdiger Herr bist, noch darber, da du mir heut und in diesen Tagen den
Gefallen tatest. Vielleicht kannst du auch Tote auferwecken - probier es einmal.
Es soll uns keiner stren, wir wollen ganz allein sein, den guten langen Tag
durch - o ich bin so glcklich, Hennig.
    Hennig von Lauen gab sich rechte Mhe. Er blieb den ganzen Tag an der Seite
Tonies und kehrte sich nicht im geringsten an die Sitte der Welt. Er erzhlte,
er schwatzte; dazwischen las sie mit flimmernden Augen die Briefe, welche er ihr
gebracht hatte. Er hatte auch ihren Schlummer zu bewachen und wute oft selbst
nicht, ob er jetzt im Wachen oder im Traume sitze, und am Abend ging er betubt
nach Haus und sa die halbe Nacht durch, um das Versprechen zu lsen, welches er
dem Ritter von Glaubigern und dem Frulein von Saint-Trouin gegeben hatte,
nmlich umgehend von Wien aus zu schreiben.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Es war bereits Dmmerung, als er den National-Gasthof in der Taborstrae
erreichte, und auf seinem Wege dahin hatte sein Dmon ihn wie einen Trunkenen
vor Unglck und Verdrielichkeiten aller Art zu hten. Es war ein ziemliches
Wunder, da er sein Zimmer mit gesunden Gliedern erreichte; wie es in seinem
Innern aussah, werden wir uns aus seinem Briefe zusammenreimen mssen. Er war
kein Held von der Feder, aber dessenungeachtet ist es unsere Pflicht, sein
Schreiben nach Krodebeck diesem Buche vom Schdderump beizulegen. Einen schnen
Stil leidet unsere Aufgabe diesmal berhaupt nicht, und wir haben deshalb nicht
einmal um Entschuldigung zu bitten.
    Der Junker von Lauen schrieb, wenn nicht gut, so doch recht ausfhrlich,
folgendes:
Lieber Herr Leutnant!
Ich zeige an, da ich in Wien und gesund bin. Aber mit dem Vesuv ist's frs
erste noch nichts, und auf die Kamelzucht bei Pisa habe ich mich vielleicht auch
umsonst gefreut, und das wre doch ber alle feuerspeienden Berge in der ganzen
Welt gegangen. In Leipzig war ich in Mckern, wo Sie Anno dreizehn auch waren;
aber da ist leider alles zugewachsen und zugebaut, Sie wrden sich selber nicht
mehr zurechtfinden. Ich stieg ber mehrere Zune, um die Stelle zu sehen, wo die
Gardemarine zusammengehauen wurde; aber dabei fing mich ein Feldwchter und ging
mit mir nach Eutritzsch, wo mich mein Patriotismus zwei preuische Taler
kostete. In Dresden ist's schn. Die Elbe ist dort so breit wie in Magdeburg am
Herrenkrug, in dem Bildersaal bin ich auch gewesen, aber es waren mir fast zu
viele Bilder drin, und so bin ich umgekehrt; aber ich bringe einen Katalog mit.
Das Grne Gewlbe hat mir eigentlich besser gefallen; weil jedoch fortwhrend
eine furchtbare Hitze war, so habe ich mich meistens auf dem Waldschlchen, dem
Feldschlchen, dem Felsenkeller und an hnlichen schnen Punkten aufgehalten.
Nachher htte ich in der Schsischen Schweiz beinahe dreimal den Hals gebrochen,
nmlich auf der Bastei, am Kuhstall und am Prebischtor. Am Prebischtor gab's
bhmischen Wein; aber vorher auf dem Groen Winterberge nichts als Nebel. Von
Prag will ich weiter nichts sagen, es war zu schn; ich habe auch Streit mit
einem sterreichischen Jgeroffizier bekommen, und die Herren waren
auerordentlich freundlich und zuvorkommend, und ein liebenswrdiger ungarischer
Husarenleutnant arrangierte alles aufs beste fr mich; doch zuletzt wurde die
Sache in Gte beigelegt, und wir fuhren und ritten in bester Kameradschaft nach
Bubentsch und kamen spt, aber recht vergngt in der Nacht heim.
    Htt ich den Weg von Prag nach Wien zu Pferde gemacht, so wrde ich nicht
den grten Teil verschlafen haben. Auf der Eisenbahn schlafe ich immer, und
diesmal schlief ich fester denn je, woran die lieben Prager Herren wohl ein
wenig mit schuld sein mochten. Aber in Brnn a man zu Mittag, und von hier an
blieb ich wach bis Wien, allwo wir mit untergehender Sonne vergngt anlangten,
nachdem wir Wagram passiert hatten, was mir sehr merkwrdig war und Ihnen gewi
gleichfalls recht kurios vorgekommen wre.
    Ich kam mit zwei geistlichen Herren und einer jungen Dame heiter und
vergngt an und fuhr zum National-Gasthof in der Taborstrae, wohin jedermann in
Krodebeck fr die nchste Zeit seine Briefe richten mag, und erholte mich von
den Strapazen der Reise, das heit, ich lief zuerst allein und dann unter dem
Schutz einiger angenehmer Leute vom Regiment Erzherzog Rainer bis spt nach
Mitternacht umher; denn wer sich in einer fremden Stadt nchtlicherweile
ordentlich orientiert hat, der wei sich nachher auch bei Tage zurechtzufinden.
Sehen Sie, Herr von Glaubigern, das gndige Frulein meint immer, ich htte
keine Maximen; aber wenn das keine Maxime ist, so wei ich nicht, was eine ist.
    Wien ist wirklich eine recht hbsche Stadt und macht den Wienern alle Ehre;
aber die Donau, welche ich bis jetzt kennenlernte, ist nicht weit her, doch
existieren zwei, und die andere ist die rechte. Herr Leutnant, Sie kennen
Goslar, und ich kenne es auch, und da mu ich sagen, da es mir stets sonderbar
vorgekommen ist, wie man einst hat glauben knnen, Rom und den Erdball von
Goslar aus regieren zu knnen. Warten Sie nur, ich breche nicht aus der Bahn;
denn trotzdem da Wien eine prachtvolle Stadt ist, hat es in einer Hinsicht doch
eine merkwrdige hnlichkeit mit Goslar; nmlich trotz allem und allem ist es
meine feste Meinung, da man Krodebeck und den Lauenhof nicht von Wien aus
regieren kann; die Infanterie versteht kein Deutsch, und es wird zwar deutsch
kommandiert, aber geflucht mu italienisch, polackisch und bhmisch werden.
Donnerwetter, wenn das Goslarer Kontingent vor achthundert Jahren italienisch
gesprochen htte, wrde die Weltgeschichte ganz anders aussehen; aber das sind
nur so meine dummen Gedanken, und weil ich vor Verwirrung und Betrbnis nicht
wei, was ich eigentlich schreibe.
    O lieber Herr von Glaubigern, am folgenden Morgen, als wie heute morgen, war
ich bei unserer Tonie, und da habe ich mit blutendem Herzen erfahren, da wir
nach Belieben sitzen und politisieren mgen, es geht doch alles seinen
gewiesenen Gang. Ach, Herr Leutnant, wir haben auch den Lauf der Welt nicht von
Krodebeck aus regieren knnen, das wissen Sie ja; aber so schlimm hatte ich's
mir nicht vorgestellt! Was ich Ihnen jetzo auch geschrieben haben mag, ich kann
mit der Hand auf dem Herzen versichern, da ich mich auf der Reise bis jetzt auf
nichts mehr gefreut habe als auf das Kind; aber die Freude ist mir vollstndig
ins Wasser gefallen.
    Und es lie sich alles so gut an! Sie erinnern sich, Herr Leutnant, was uns
der Herr von Huler whrend seines Besuchs auf dem Hofe vorrsonierte von
Mantua, Peschiera und Verona; und so dumm bin ich nicht, da ich nicht bei
jetziger Zeitlage die stille Hoffnung hegte, er wrde sich augenblicklich wieder
dort aufhalten. Diese Hoffnung hat mich nicht getuscht; der Herr Dietrich
Huler verproviantiert Verona, und Tonie, unsere Tonie war allein zu Hause! Den
ganzen Tag heute hab ich bei ihr gesessen, und wir haben von Krodebeck wie von
einem himmlischen Paradiese gesprochen, was es doch nicht ist, wie Sie ebensogut
als ich wissen. Es kommt alles darauf an, wie man ein Ding ansieht, und seit
heute morgen sehe ich den Lauenhof in einem viel bessern Lichte als gestern
abend, allwo ich wie ein Narr auf der Wolke ritt. Jetzt haben wir 'ne Lerche
geschossen, und ich suche mhselig meine Gliedmaen wieder zusammen. Kreuzlahm
bin ich nach Haus gehinkt und sitze hier und schreibe, ich wei nicht was!
    Die Tonie ist krank, Herr Leutnant, und hat uns schon lange erbrmlich mit
ihren frhlichen und vergngten Briefen hinter das Licht gefhrt; und seit ich
sie gesehen habe, ist es mir zumute geworden, als habe diese ganze groe Stadt
Wien mit einem Male Trauer angelegt - selbst die Luft kommt mir seit heute
morgen ganz anders vor; und wie kann da noch von groem Spa die Rede sein, wo
jede Glocke klingt, als ob sie zum Begrbnis lute?
    Ich habe dem Mdchen schn die Wahrheit gesagt - auch in Ihrem Namen, Herr
von Glaubigern; - allein was hilft das? Sie lchelt und meint: es habe nichts zu
bedeuten, sie habe es sehr gut, alles gehe nach ihrem Willen, und der Gropapa
Huler suche ihr jeden Wunsch aus den Augen abzulesen. In der letztern Hinsicht
ist es mir durchaus nicht lieb, da sich der Herr von Hauenbleib in Italien
befindet, dem mchte ich ebenfalls verschiedenes aus den Augen ablesen, ehe ich
der Tonie wieder traue, und etwas hnliches habe ich dem Kind zu verstehen
gegeben; allein es hat wieder nur gelchelt - doch nicht so, wie es in Krodebeck
lachte. So wtend und betrbt zugleich bin ich noch nie in meinem Leben gewesen,
und in einer merkwrdig tollen Stimmung bin ich heute abend in die Taborstrae
zurckgekehrt. Wre ich betrunken gewesen, htte kein vernnftiger Mensch an
meinem Zustande was aussetzen knnen, so aber bin ich mir fast selber zum Ekel
geworden und finde meinen einzigen Trost nur in diesem Schreiben an Sie, lieber
Herr von Glaubigern, denn ich wei, da Ihnen dabei womglich noch bler werden
wird; denn Sie haben in jener Nacht, als Sie wie ein Geist umgingen und an mein
Bett kamen, vollstndig recht gehabt, woran ich brigens schon damals nicht
zweifelte.
    Der Edle Dietrich Huler wohnt hier in einer ganz schnen Gegend in der
Vorstadt Mariahilf in einem sehr schnen Hause. Und da sitzt denn auch unsere
Antonie, und ich habe heute neben ihr gesessen, das Herz voll von Trnen, wie
die Mamsell Molkemeyer, wenn ihr ein Unglck mit der Butter passiert ist. Wir
haben von nichts anderem gesprochen als von Krodebeck und dem Lauenhofe, von der
Mutter, von dem Frulein Adelaide, von der alten Hanne Allmann, der alten Jane
Warwolf und Ihnen, Herr Ritter. Sie hat auch Ihre und des Fruleins Briefe
gelesen und lt sich allen empfehlen, aber schriftlich kann man das nicht
ausdrcken, wie! - Wir haben zusammen zu Mittag gegessen, und das allein schon
konnte einem den Wagen umwerfen, wenn man das Vergangene und das Gegenwrtige
zusammenhielt. Der Edle Dietrich Huler scheint in der Tat hierzulande ein
groes Tier zu sein; aber das Kind ist krank - sehr krank, Herr von Glaubigern,
und ich schmte mich fast, so dick und fett ihr da gegenberzusitzen und die
ganzen letzten Jahre hindurch so vergngt gewesen zu sein und so wenig an sie
gedacht zu haben. Sie hat Bediente und Kammerjungfern, allein man braucht sie
nur anzusehen, um zu wissen, wie heillos sie jedesmal gelogen hat, wenn sie uns
schrieb, da es ihr gut gehe. Ja, whrend es uns freilich besser ging, als wir
verdienten - den Tod der Mutter abgerechnet -, verkmmerte sie hier oder wurde
auf das niedertrchtigste mit Kunst fast zu Tode geqult. Davon will sie zwar
nichts hren; aber ich bleibe in Wien, bis ich mir alles ins klare gebracht
habe, und hoffe, da ich damit auch Ihre und des gndigen Fruleins Meinung
treffe, Herr Leutnant.
    Herr von Glaubigern, mit dem gndigen Frulein ist das eine eigene Sache,
und wir haben ihm allesamt vieles abzubitten, was ich mit einem hflichen
Kompliment auszurichten bitte. Das sage ich ganz offen, ich fr mein Teil habe
frher kein greres Vergngen gekannt, als wenn sich pltzlich beim schnsten
Wetter das Gndige mit seinem Taschentuch in den Winkel setzte und den Knig
Ludwig den Sechzehnten und die Eroberung Konstantinopels durch die Trken
bejammerte und fr vierzehn Tage seine Gesellschaft in diesem irdischen
Jammertal fr jedermann unmglich machte. Damals war mir brenmig wohl, aber
heute fhle ich zum erstenmal den Klotz am Bein und tue dem Frulein Adelaide
Abbitte und Ihnen auch, Herr Leutnant. Und dazu mu man nach Wien gekommen sein,
um solche Erfahrungen zu machen! Das alles mu einem hier in Wien klarwerden,
hier, allwo jeder, der Ihnen begegnet, vor Behagen kaum Platz in seiner Haut zu
haben scheint!
    Ich war in einer netten Stimmung, heute abend auf dem Heimwege; - Frulein
Adelaide in ihren elendesten Momenten war das reine Himmelblau gegen mich! O ich
htte sie alle mit den Nasen gegen die Laternenpfhle stoen knnen, wenn sie
nicht zu freundlich und vertraulich Platz gemacht htten! Und die Frauenzimmer
gar! Die tanzten alle, und ich glaube, unsere Tonie ist die einzige, die mitten
unter ihnen allein sitzt und weint. Nur ein Blinder, welchem die Augen in dem
Augenblick aufgehen, in welchem die Sonne untergeht, kann wissen, wie mir in
dieser Stunde zumute ist. Ja, Herr Leutnant, auch Sie hatten recht, wenn auch
auf eine andere Art als das gndige Frulein. Aber wir andern in Krodebeck waren
alle zu dumm, um Sie zu begreifen, weshalb wir uns natrlich um soviel weiser
und klger dnkten als Sie. Jetzt erst reime ich mir allmhlich zusammen, was
Sie eigentlich meinten, wenn Sie Ihre unverstndlichen Reden hielten, wie zum
Beispiel, wenn Sie sagten, der Tag sei nicht so hell, als man denke, und das
Licht liege nur in dem Vergangenen und der Sehnsucht darnach, die Zukunft aber
bringe auch nur, was der Tag heute sei, oder noch etwas Schlimmeres und so
weiter.
    Da dieses so ist, habe ich nun gemerkt. Wir haben heute von nichts als der
guten alten Zeit sprechen knnen. Was frage ich noch nach den Kamelen und dem
Vesuv? Schon da der Edle von Hauenbleib in dem Italien sein Glck gemacht hat,
knnte mir die smtlichen Pomeranzenlnder in alle Ewigkeit verleiden; aber
hoffentlich hngen ihn die Garibaldiner demnchst einmal an den Beinen auf, und
nachher werde ich mir den Baum mit Vergngen besehen und auch alles brige
Sehenswrdige mit Gemtlichkeit nachholen.
    Gren Sie den Frschler, Herr Leutnant, und bitten Sie ihn, in der Ernte
die Eichsfelder scharf unterm Zgel zu halten. Nur durch die menschenmglichste
Grobheit kann man mit denen in Gte auskommen, wenn sie gleich nicht so schlimm
sind, als die rmischen Eichsfelder, welche die Maler so gern in den
Kunstausstellungen aufhngen, aussehen. Aber auf den Frschler gerate ich nur,
weil die Tonie und ich von nichts anderm als dem Lauenhof gesprochen haben und
er jetzt doch auch zum Lauenhofe gehrt. Wir haben hier freilich mit ganz anderm
Volk zu schaffen als den Ernteleuten vom Eichsfelde. Sehr viele Herrschaften -
Herren und Damen mit prachtvollen Titeln und noch prachtvollern deutschen,
polnischen und italienischen Namen haben nach mir gleichfalls ihre Visitenkarten
hereingeschickt und anfragen lassen, ob das gndige Frulein zu sprechen sei.
Wir haben sie diesmal jedoch smtlich abgewiesen, da wir den Tag fr uns allein
brauchten. Ich hoffe, einige dieser Herrschaften genauer kennenzulernen, und
werde sodann dem Lauenhof mehr darber melden. Ach, ich glaube, ich erfahre
dadurch Schlimmeres, als wenn ich den rzten der Tonie einen Besuch machte. Der
Edle von Hauenbleib hat sicherlich einen hchst sauberen Bekanntenkreis. Der
Teufel hole ihn, nmlich den Edlen!
    Ich sah ganz genau, wie das Kind bei einigen jener Namen den Kopf zurckwarf
oder die Lippen zusammenbi. Und der Bediente sah es nach jeder neuen Abweisung
immer grer an, und das schne Kammermdchen schien sogar einmal die Absicht zu
haben, eine vorlaute Bemerkung zu machen.
    Herr Chevalier, verlassen Sie sich auf mich! Etwas Groes und allzu Kluges
haben Sie mir nie zugetraut; aber an dieser Stelle bin ich imstande, den
Pferdemarkt zu bereiten, ohne irgendeinem Juden Gelegenheit zu einem Israel,
frohlocke! ber mich zu gehen. Das Kind ist mir immer noch viel zu lieb, um ihm
nicht gern einige Wochen meines Daseins zu opfern, und auerdem gefllt mir Wien
in der Tat ungemein, und ich begreife schon jetzt ganz wohl, da man daselbst
ganz angenehm leben kann.
    Nun wre ich fr heute zu Ende, sowohl mit meinen Krften als auch mit
meinem Papier. Das ist die schwerste Arbeit gewesen, die ich ausgefhrt habe,
seit Sie den Comenius zuklappten; freilich ob Sie daraus klug werden, ist Ihre
Sache. Wre es irgend mglich gewesen, so wrden Sie auch diesen Brief nicht
erhalten; aber dafr befnde ich mich dann bereits mit der Tonie auf dem
Heimwege nach Krodebeck.
    Schreiben Sie an mich in den National-Gasthof, Zimmer 38, was Sie wollen;
und schreiben Sie und das gndige Frulein an die Tonie so vergngt als mglich
- Sie tun ein gutes Werk damit und werden mich schon verstehen.
    Leben Sie wohl und bleiben Sie mein bester Freund!
                                                              Hennig von Lauen.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel


Wir haben dieses konfuse Schreiben, wie gesagt, seiner ganzen Lnge nach geben
mssen und ersehen daraus, da Leute, welche nicht gewohnt sind, Briefe zu
schreiben, in gegebenen Fllen mit sonderbarer Energie ans Werk gehen. Aber wir
erfahren noch einiges andere daraus. So z.B. erhalten wir leider vor allen
Dingen die Gewiheit, da der Junker von Lauen nicht der Mann war, um dem
dunkeln Fuhrmann in die Zgel zu fallen und die Speichen der schwarzen Rder
rckwrts zu drehen. Seine Erziehung hatte ihn nicht fhig gemacht, einer
    Welt, wie sie ihm jetzt entgegenstand, mit Aussicht auf Erfolg den Kampf
anzubieten; und unklare Gefhle haben, selbst in Verbindung mit dem besten
Willen, stets sehr wenig gegen die offenkundigen Geheimnisse des Erdenlebens
ausgerichtet. Es war vorauszusehen, da Hennig sich eine Weile abmhen wrde, um
endlich mit blutenden Fingern nach Hause zu schleichen und sich zu trsten, wie
Millionen vor ihm sich getrstet haben. So geschah es! Und da er kein bler
Gesell war, geht ebenfalls in unumstlicher Gewiheit aus seinem jetzigen, an
den Ritter von Glaubigern gerichteten Notschrei hervor. Und da er das fremde
reiche Leben, welches ihn jetzt umgab, nicht ohne Nutzen fr sptere Zeiten
durch ein so eigentmliches Medium in seine Erfahrung aufnehmen mute, war,
seinen schriftlichen Ergssen zufolge, gleichfalls nicht zu bezweifeln. Er war
nicht der Mann, welcher bis jetzt viel ber die Dinge, welche ihn umringten,
nachgedacht hatte. Menschen und Sachen lie er gelten, wie sie sich gaben, was
unter allen Umstnden wohl das behaglichste ist, jedoch nicht grade fr die
Strke und Regsamkeit des eigenen Geistes spricht. Das nderte sich natrlich
auch in der Folge wenig: er lie Menschen und Sachen nach wie vor in der alten
Art auf sich wirken; allein er konnte sich unter Umstnden doch darber rgern,
und das war unbedingt ein groer Gewinn, wenn auch nicht fr seine
Behaglichkeit, so doch fr sein ethisches Bewutsein. Der Pastorenfranz war
brigens durchaus nicht gezwungen, die se Gewiheit, an seines Vaters Stelle
Pfarrherr zu Krodebeck zu werden, infolge dieser Wiener Reise seines Patrons
aufzugeben! - -
    Der Junker von Lauen siegelte seinen Brief an den Herrn von Glaubigern, wog
ihn in der Hand, atmete etwas erleichterter und sprach:
    So! Nun wissen sie, woran sie sind, und knnen mir ihrerseits mitteilen,
wie sie das Elend ansehen und was ich in ihrem Namen an die Tonie bestellen
soll. brigens ist es mir recht lieb, da ich nicht auf dem Hofe vorhanden bin,
wenn dies Skriptum anlangt. Das wird eine schne Bescherung geben; es ist schon
von ferne schlimm genug, sich allein das gndige Frulein auszumalen, und an den
Ritter mag ich gar nicht denken.
    Mit einem nicht sehr zarten Segenswunsch warf er sein Schreiben auf den
Tisch und sich nach einer kurzen Weile aufs Bett und erwachte am andern Morgen
nach einem gesunden Schlaf mit dem Gefhl, sich einer erstaunlichen Mhe und
Arbeit ohne die geringste Aussicht auf Nutzen und Gewinn unterzogen zu haben.
    Ich verderbe den Alten hchstens den Appetit, wie er mir verdorben worden
ist. Das ist alles! sagte er whrend des Ankleidens, warf aber nachher den
Brief eigenhndig in den nchsten Briefkasten und sa mrrisch und brtend in
einem Kaffeehause, bis ihn die Wirbel der groen Stadt von neuem mit sich
fortrissen. -
    Wir haben im Grunde ber die Zeit, welche er nun durchlebte, wenig zu sagen;
wute er doch selbst spterhin wenig davon zu erzhlen! Naturen gleich der
seinigen geraten nur zu leicht, wenn sie aus der gewohnten Bahn und Umgebung
gerissen werden, in einen Taumel, der sie eben nicht befhigt, auf sich zu
achten und fr andere zu sorgen. Nur zu leicht verlieren sie jeden Mastab fr
die Dinge und sind nachher, wenn sich die hohen Wogen verliefen, kaum imstande,
was jene Periode ungewhnlicher Aufregung betrifft, die Wirklichkeit von den
Gebilden der Phantasie zu unterscheiden. Wohl aber sind sie zu jeder Zeit
imstande, das Unglaublichste glaublich zu finden, wie sie sich den allerderbsten
Realitten gegenber vorzugsweise gern dem drolligsten, aber fr sie selber
keineswegs vorteilhaften Skeptizismus zu berlassen pflegen.
    Dazu finden sich denn natrlich Leute, welche sich ihrer auf das
wohlwollendste annehmen, im berflu. Die guten, heitern, leichtherzigen Freunde
und Freundinnen tauchen an allen Ecken und Enden auf und sind stets zur rechten
Zeit gegenwrtig, um kleine Unannehmlichkeiten, Miverstndnisse und
Verdrielichkeiten mit wahrhaft rhrender Aufopferung des eigenen Wohls und
Behagens aus dem Wege zu rumen.
    Der Junker Hennig von Lauen, welcher nicht nach Italien weiterreiste,
sondern in Wien sitzenblieb, um der armen Tonie Huler mit Rat und Tat
beizustehen, hatte nach acht Tagen selber nichts ntiger als den Rat und die
treue, ngstliche Hlfe der Jugendgespielin: ein Fall, den auch gescheitere
Kpfe als er in einige berlegung ziehen knnen.
    In einer Hinsicht hielt der Junker vollstndig Wort - er setzte sein ganzes
Herz daran, der Tonie die Grillen zu vertreiben; nur war's eine andere Frage, ob
er sich rhmen konnte, die richtige Art und Weise dafr ausfindig gemacht zu
haben!
    Ein Mensch der sentimentalen Heimats- und Heimwehgefhle war er nicht, und
so fing er denn sehr bald an, in bezug auf die Heimat recht witzig zu werden. Je
mehr Bekanntschaften er machte, und er machte deren auch einige im Hause des
Herrn von Hauenbleib, desto mehr verringerte sich der Druck auf seiner Seele,
desto schneller schwanden die Sorgen und zornmtigen Aufwallungen, die ihn bei
und nach dem ersten Wiederzusammentreffen mit dem Pflegekinde des Lauenhofes
erfat und geschttelt hatten. Von Tag zu Tage gefiel es ihm besser in der
groen Stadt an der Donau, und je besser es ihm dort gefiel, desto greren
Trost fand er auch fr Tonie Huler in der Vorstellung, da Krodebeck doch den
Himmel auf Erden nicht bedeute und da man mit einer gewissen harmlosen, jedoch
nicht bertriebenen Neigung zu demselben allen Verpflichtungen gegen dasselbe
Genge leisten knne.
    In diesem Sinne suchte er das arme Kind durch allerlei Karikaturen des Ortes
und der Leute dort zu erheitern, und da der Ort und die Leute, seit Antonie sie
verlassen mute, so ziemlich die nmlichen geblieben waren, so war auch der
Junker darauf beschrnkt, seinen Humor in den alten Geleisen zu halten, und
Tonie hatte also nicht einmal die Gelegenheit, andere Dinge und Personen in
einem andern Lichte zu sehen. Er war unerbittlich im Auskramen seiner
verbrauchten Plattheiten, und das schlimmste war, da er den Chevalier von
Glaubigern in der besten Absicht lcherlich zu machen suchte und gar nicht
ahnte, wie er dadurch das Glck, welches er der Enkelin des Edlen von
Hauenbleib gebracht hatte, in das Gegenteil verkehrte.
    Dann und wann gelang es dem jungen Mdchen, ihn zurckzurufen in die
Stimmung und den Ton der ersten Stunden ihres Zusammenseins; allein das dauerte
nie lange, und er erschien an jedem neuen Tage aufgelegter, heiterer und
zufriedener mit sich und aller Welt. Da er darum ganz und gar aus dem
Gedchtnis verloren htte, weshalb er seine Reise nach dem Sden nicht weiter
fortsetzte, weshalb er in Wien sitzengeblieben war - wollen wir nicht sagen. Er
dachte hufig daran; es schwebte ihm fast jeden Augenblick vor der Seele; allein
er wandelte in Betubung, und das war auch eigentlich gar kein Wunder, denn
Tonie Huler lebte in einer seltsamen Welt, und diese Welt hatte seltsame
Fangarme, denen man sich nur mit groer Gefahr nherte und die nicht leicht
wieder loslieen, was sie einmal erfat hatten.
    Es war von dem grten Interesse fr ihn, den neuen Bekanntschaften
gegenber recht klar und bei Sinnen zu bleiben, denn da er nach und nach fast
alle Freunde und Freundinnen des Edlen Dietrich Huler von Hauenbleib
kennenlernte, so hatte er sich auch gegen alle in irgendeiner Art zu wehren. Und
dazu verwirrten ihn allmhlich die uerlichkeiten des Lebens, die Gassen, die
Theater, die Berge und Grten, die Kunstwerke und selbst der groe Flu in einer
Weise, da ihm zuletzt wenig von seinem frhern Anschauen und Denken
brigbleiben mute. Oft griff er, wenn er spt in der Nacht sich endlich in
seinem Zimmer in der Taborstrae allein fand, an die Stirn, um sich zu fragen:
wer, was und wo er sei, und was mit dem nchsten Sonnenaufgang werden solle.
Antonie Huler, welche denselben Kampf in ziemlich derselben Art gekmpft
hatte, war zu einem andern Ende gekommen, als dem Junker von Lauen bevorstand:
sie hatte gesiegt und ihren Willen behalten, aber Hennig von Lauen war verloren,
wenn nicht eine krftige Hand zugriff und ihn nun von dem Abgrund zurckri.
    Die arme Tonie, was vermochte sie von ihrem Sessel, von ihrer Krankenstube
aus gegen Ahaliba?!
    Man nahm alles so leicht in Ahaliba! Man war so gern bereit, jedes und jeden
von der bequemsten Seite zu nehmen. Da gab es keine unntigen Haarspaltereien
zwischen dem, was geschah, und dem, was eigentlich htte geschehen oder nicht
geschehen sollen. Jedermann schien nur zu bereit, den lieben Nchsten und noch
lieber die hbsche Nchste unter allen den bedenklichen Umstnden zu
entschuldigen und in Schutz zu nehmen, unter welchen man demnchst selber
entschuldigt und in Schutz genommen zu werden wnschte. Freundlich und heiter
wurden Angelegenheiten und Verhltnisse behandelt, welche dem Moralisten wie dem
Kriminalrichter Stoff zum Denken und zum Arbeiten geben konnten; und freundlich,
heiter und lchelnd wurden natrlich auch die Resultate hingenommen, welche die
Moralisten und Kriminalisten in einzelnen Fllen dieser frhlichen, unbefangenen
Lust des Daseins abgewonnen hatten.
    Und jedermann hatte soviel erlebt und gesehen und kannte die Welt so gut.
Und niemandem konnte man es belnehmen, wenn er es sich in dieser drolligen Welt
so bequem als mglich machte! Der Edle Dietrich Huler von Hauenbleib war
vollkommen berechtigt, auf dieser Schaubhne den Patriarchen zu agieren, und
wurde so hufig als Muster und verehrungswrdiges, nachahmenswertes Beispiel
hchsten irdischen Strebens und Erreichens aufgestellt, da selbst der Junker
von Lauen aus Krodebeck sich allgemach daran gewhnte, ihn derartig loben zu
hren. Von dem Schdderump wute niemand etwas. Von dem Schdderump hatten ja
berhaupt in diesem Buche nur der Ritter und Leutnant Karl Eustachius von
Glaubigern und sein Pflegekind, die Tochter der schnen Marie Huler aus dem
Siechenhause zu Krodebeck, mehr als nur eine Ahnung.
    Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die einzelnen Perlen der Schnur zu
zhlen und sie in der Sonne glitzern zu lassen; sie haben doch nur in ihrer
Gesamtwirkung ihren Einflu auf den Lauf unserer Geschichte und selbst auf den
Junker Hennig von Lauen. Was kmmert uns z.B. jener Herr, welcher mit Seiner
Ppstlichen Heiligkeit auf einem solchen guten Fue stand, da er jedem, welcher
es verdiente, den Orden des Goldenen Sporns verschaffen konnte? Es war ein sehr
interessanter Herr, ein sehr liebenswrdiger und wrdiger Herr; allein obgleich
Hennig ihm mit Vergngen zuhrte, war er, Hennig, doch noch bescheiden genug, um
zu erklren, da er sich keiner so aufflligen Verdienste um das Erbteil des
heiligen Petrus bewut sei, um auf die freundlichen Vermittlungen des Herrn
Barons irgendwelchen Anspruch zu haben. Aber er besuchte den Herrn Baron in
seiner eleganten Wohnung und traf daselbst andere Herren, welche ihn wiederum
mit anderen Herren bekannt machten, und so fhlte er sich binnen krzester Frist
dem Herrn Baron zu mannigfachem Dank verpflichtet.
    Von den Damen, gegen welche Hennig sich gleichfalls bald in der
verschiedensten Weise verpflichtet fhlte, wollen wir noch weniger reden. Sie
rhmten sich alle ihrer guten Seiten; aber auch meistens des Gegenteils
derselben. Von allen Lebensaltern und Lebensstellungen, waren sie fast alle mit
einem Stck mehr oder weniger mythischer Lebensgeschichte behaftet, und ihre
Vergangenheit war selten danach angetan, da sie einer schnen Vertraulichkeit
in der Gegenwart Abbruch getan htte. Aller Zukunftsgedanken entschlugen sie
sich gern und eilig, und das war sehr verstndig, denn die Zukunft ist am Ende
keines Menschen Freund und am wenigsten die Freundin der schnen Damen, und das
nicht blo in Wien, sondern auch in Ahala und rund um den Erdenball herum.
    Worber knnten wir noch schweigen? Natrlich ber die hohe und niedere
Finanz, die selbstverstndlich eine hervorragende Stellung in dem
abenteuerlichen Kreise des Hauses auf der Laimgruben einnahm. Aber auch die
Kunst in ihren verschiedensten Verzweigungen bietet uns eine treffliche
Gelegenheit, unser Manuskript abzukrzen; und gerade hier mssen wir vor allen
Dingen den Finger auf den Mund legen, denn der Edle Dietrich Huler von
Hauenbleib, welcher selbst sein Leben so knstlerisch abgerundet hatte, galt
diesen Knstlern als ein groer Mzen, und sein Name hatte den besten Klang auf
ihren Zungen.
    Ach, wir schweigen wohl; aber die Herrschaften sprachen alle sehr laut fr
sich selber, und sie imponierten dem Junker von Lauen, was auch das Kind aus dem
Siechenhause zu Krodebeck und er selbst dagegen einwenden mochten! Das war ein
anderer Verkehr als auf dem Lauenhofe in Krodebeck, in der berhmten Stadt des
guten Vaters Gleim, ja selbst ein anderer Verkehr als in der sonderbaren Stadt
Berlin an der Spree. Die Bauern und der Pastor Buschmann nrdlich vom
Blocksberg, die schon auer sich vor Respekt gerieten, als sie den Edlen, den
sie doch in seiner Jugend gekannt hatten, wieder zu Gesicht bekamen, was wrden
sie zu allen den Herren und Damen gesagt haben, welche in dem Hause des Edlen
aus und ein gingen und die sie nicht in ihrer Jugend gekannt hatten?
    Ob wohl der Pastorenfranz diesen gndigen Frauen gegenber auch von dem Wege
zur Gnade geredet haben wrde? Sicherlich nicht! Er wre fest berzeugt gewesen,
da sie denselben lngst gefunden htten; - bescheidentlich wrde er sein
evangelisch gescheitelt Haupt ihnen entgegengeneigt und hchstens den Wunsch
ausgesprochen haben: ihnen mit sanften Schritten auf ihrem Pfade nachwandeln zu
drfen. Der Pastorenfranz htte gewi nicht seinem Junker einen Vorwurf daraus
gemacht, da derselbe sich ohne viel Strubens in den bunten Tanz hineinziehen
lie. Er wrde unzweifelhaft mit Vergngen selber der nchsten Nachbarin auf der
Stelle die Hand gereicht haben und htte nachher bei gehriger Mue eine
Abhandlung ber das Weib in Scharlach auf dem rosenfarbenen Tier mit den sieben
Kpfen und zehn Hrnern geschrieben. Vielleicht wrde man ihn dann auf diese
Abhandlung hin in Halle zum Doktor der Theologie gemacht haben - so wre man
durchaus nicht aus der Apokalypse herausgefallen, und alles htte den Weg
genommen, den es auf dieser muntern Erde zu nehmen pflegt.
    Fort damit! Ein ander Gesicht steigt uns in der Seele empor. Der Abend ist
klar und still, die Sonne sinkt eben hinter die Vorhgel der Herzynischen Berge.
Die alte Hanne Allmann sitzt am offenen Fenster ihrer Htte und hlt ein kleines
Mdchen auf dem Schoe. Jetzt klingeln vom Walde her die Glocken der nach Haus
zurckkehrenden Herden. Da kommen die guten Freunde der armen Hanne, da kommt
das liebe Vieh, und die besten Bekannten darunter treten nach alter guter
Gewohnheit nher, recken die Hlse und legen die feuchten blasenden Schnauzen
auf das Fenstergesims. Vielleicht tritt auch Jane Warwolf aus dem Staubgewlk
auf der Heerstrae mit ihrem hellen, kratzbrstigen Glck auf!. Es ist alles
eins - man kennt einander und versteht einander; man wei wenig von Ahala und
noch weniger von Ahaliba; ach Gott, das liebe Vieh, das liebe Vieh!
    Aber die Sonne von Krodebeck ist viele Male seit jenen Zeiten hinter den
Wald hinabgesunken; wir beschwren Geister, die nur unwillig unserm Wort Folge
leisten. Jane Warwolf ist lngst vor die verschlossene Tr des Siechenhauses
gekommen und hat vergeblich am Fenster gepocht. Nach der alten Hanne Allmann hat
Peter Quickbrey, welcher auch den Edlen von Hauenbleib in seiner Jugend kannte,
in dem Siechenhause von Krodebeck gewohnt. Der ist neulich ebenfalls gestorben,
er hat es in dem Siechenhause nicht so lange ausgehalten als Hanne Allmann; wir
aber haben nicht den Beruf mehr, die Geschichtsregister der traurigen Htte
weiterzufhren; wir befinden uns mitten in der prachtvollen Stadt Wien, wo das
gndige Frulein, wo Antonie Huler auf ihrem Sessel in ihren Kissen sitzt und
die Bekannten und Freunde ihres Grovaters lchelnd zu empfangen und heiter zu
unterhalten hat und wo sie auch von Zeit zu Zeit mit Herzklopfen den Besuch des
Junkers Hennig von Lauen annimmt. -
    Pflichtgem hatte Tonie dem Edlen in Verona zwischen seinen Mehlscken,
Fssern voll eingepkelten Fleisches und Bchsen voll komprimierter Gemse
Nachricht von der Ankunft des jungen Landsmannes in Wien gegeben, und der Edle
hatte fast umgehend geantwortet. Er hatte sogar sehr ausfhrlich geantwortet,
ganz gegen seine Gewohnheit! Denn fr gewhnlich liebte er es, sich jenes kurzen
und bndigen Stiles zu bedienen, der in der Korrespondenz des ersten Napoleon
vielleicht seinen vollwichtigsten Ausdruck fand. Auf dem Leipziger Schlachtfelde
konnte man seine Meinung kaum lakonischer diktieren, als sie der Edle von
Hauenbleib sonst aus seinen Kasematten in der berhmten Stadt des Frsten
Escalus zu wissen tat; aber diesmal - en famille - wusch er seine schmutzige
Wsche wie das allergewhnlichste alte Weib und fllte anderthalb Bogen mit
seinen Gefhlen, Wnschen, Hoffnungen und Befrchtungen.
    Zu Anfang seines Briefes freute er sich vor allem ungemein, da das Befinden
seines lieben Kindes in Wien stets weniger zu wnschen briglasse, und dankte
herzlich fr alle lieben Nachrichten aus der Laimgruben. Die Ankunft des jungen
Herrn von Lauen in der Kaiserstadt gereichte ihm zur unendlichen Befriedigung,
und er glaubte kaum fhig zu sein, schriftlich seine volle Genugtuung darber
ausdrcken zu knnen. Das war freilich eine Nachricht, welche das Herz hher
schlagen machte; denn was aus Krodebeck kam oder nur an Krodebeck erinnerte, war
wie eine Pice auf dem Alphorn fr einen Schweizer Kuhhirten in der
ungemtlichen Fremde - nmlich unter den Fleischtpfen von Verona. - Der alte
Herr wurde vollkommen sentimental an dieser Stelle, so sentimental, da man es
seinem Schreiben ganz und gar nicht ansah, da er whrend der Abfassung
desselben ein anderes Blatt daneben liegen hatte, auf welchem er, zwischen
seiner Rhrung durch, den Preis von fnfhundert Fssern eingepkelten
Schweinefleisches zusammenrechnete und seine Prozente davon abzog. Wie Amyntas
blies er auf dem Haferrohr, gerad als ob er fr dies se Getn keine Prozente
erwarte und den Lohn fr seine Bemhungen nur im eigenen Herzen und in den
Zhren von Daphnis und Chloe, und zwar sein ganzes Leben hin durch, gefunden
habe. Er hoffte, da der junge Herr in seinem Hause wenigstens einen Hauch aus
der teuern Heimat wiederfinden und davon in seinen Briefen nach der Heimat
berichten werde. Er hoffte, wnschte und bat, da das gute Tonerl nichts
versumen werde, um dem lieben Gast den Aufenthalt in der Kaiserstadt so
angenehm als mglich zu machen, und er bedauerte innig, augenblicklich nicht in
dieser Kaiserstadt anwesend zu sein, um dieses hohe Vergngen mit der Enkelin
wenigstens teilen zu knnen, hoffte jedoch, den verehrten Herrn von Lauen bei
seiner Rckkehr aus Italien - die er beilufig in nahe Aussicht stellte - noch
vorzufinden, um selbst zeigen zu knnen, wie ein ehrlich treues Herz weder durch
die Jahre noch den Wechsel des Glckes in seinen Neigungen und Empfindungen
verndert werde. -
    In dieser Weise ungefhr fllte der Edle den Bogen aus, und konnte der
Inhalt unbefangen Wort fr Wort, Satz fr Satz dem Gast aus dem Norden
vorgelesen, ja selbst zu eigener Einsichtnahme vorgelegt werden.
    Was dagegen den halben Bogen betraf, so schien der Briefschreiber noch nicht
das Vertrauen zu seiner Antonie zu haben, da sie bereits das streng
Geschftliche von aller schnen Vertraulichkeit zu sondern wisse. Der zweite
Teil der Epistel begann mit einem dicken schwarzen NB! und forderte die teure
Enkelin mit vollem Ernst und Nachdruck auf, wohl ihre Stellung im Leben und der
Gesellschaft zu bedenken und mit mglichster Delikatesse alles zu vermeiden, was
den Interessen des Edlen und damit ihren eigenen Interessen zum Schaden
gereichen knne. Der wrdige alte Herr hielt sich versichert, das Tonerl wisse,
da es sich in einer Situation gleich der des Hauses in der Laimgruben nicht um
dumme, kindische Sensiblerien handle, sondern um sehr ernste und bis jetzt mit
eiserner Konsequenz durchgefhrte Zwecke und um Hoffnungen, die man nicht ein
ganzes langes Leben hindurch verfolgt habe, um sie zuletzt vielleicht den
lcherlichen Vorurteilen und Wallungen einer albernen, nervsen jungen Dirne
aufopfern zu mssen. Es sei keine Kleinigkeit - schrieb er -, als reicher Mann
zu leben und als sehr reicher Mann dereinst - wenn es ntig sein sollte - zu
sterben. Nicht umsonst habe er sie - die Tonie vom Lauenhofe abgeholt und in
solch ein glnzendes Dasein gefhrt, nachdem er sich berzeugt habe, ein
glcklicher Zufall habe sie ganz seinen Ansichten gem erzogen. Nun solle sie
und sonderbarerweise bat er das Kind jetzt auf den Knien -, nun solle sie ihm;
dem treuen Verwandten, wohlmeinenden und die Welt kennenden Gropapa, nicht
wiederum die bittere, herzkrnkende berzeugung wachrufen, er habe sich hier
sowohl in seinen Ansichten wie auch in seinem Vorgehen recht verdrielich geirrt
und sich durch seine Reise nach Krodebeck hchstens eine tchtige Rute gebunden.
    Wie er am Schlu dieser Auslassungen der Adressatin noch seinen Segen geben
konnte, ist eigentlich unbegreiflich, allein zum Glck knpfte er denselben an
die Bedingung, da der Junker vom Blocksberg so schnell als mglich nach Hause
oder weitergeschickt werde, und so kam alles wieder ins Gleichgewicht. Der Brief
aber kam richtig in Wien an und gelangte wie alles, was der Edle von Hauenbleib
seit jener Reise nach Krodebeck Antonie Huler mitzuteilen hatte, leider Gottes
an seine Adresse.

                              Dreiigstes Kapitel


Es wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben, ob auch Toinette, die schne
Kammerjungfer, um diese Zeit einen Brief aus Verona empfing. Da sie mit dem
Edlen von Hauenbleib in Korrespondenz stand, unterlag keinem Zweifel, und da
sie ihr gndiges Frulein und den jungen Kavalier aus dem Norden bei allen
Gelegenheiten scharf im Auge behielt, war gleichfalls sicher. Sie nahm den
innigsten Anteil an dem jungen Kavalier aus dem Norden, empfing ihn mit dem
sonnigsten Lcheln, wenn er die Glocke des Hauses in der Vorstadt Mariahilf zog,
und hatte fr alles, was er sprach, ein offenes Ohr - vorzglich hinter
Vorhngen, halboffenen Tren und an Schlssellchern. Sehr rgerlich dabei war
nur, da sie nicht immer verstand, was das gndige Frulein und der gndige Herr
eigentlich sagen wollten; kein verstndiger Mensch konnte gewhnlich aus dem
Larifari und auslndischen Geschwtz klug werden, und wenn man sich zuletzt den
Sinn wohl auslegen konnte, so war's doch ein Elend um das verschrobene
Getrtsch, und der Angstschwei trat einem dabei auf die Stirn. So himmelhohe
Worte um nichts konnte man doch nur im Reich machen, und es gehrte schon ein
gar gutes Herz dazu, um sich, selbst fr einen so lieben Herrn wie den gndigen
Herrn von Hauenbleib, einem so schweren Dienst zu unterziehen.
    O Jesus Maria, da ist er wieder! seufzte Frulein Toinette, die
Taffetschrze glattstreichend. Der gndige Herr ist zu gut, da er dieses
duldet. Ach, bonjour, Herr Baron; - das gndige Frulein ist heut weniger wohl -
wir haben Briefe erhalten aus Italien vom gndigen Herrn, und das gndige
Frulein hat recht geweint. Treten's ein, Herr Baron, wir freuen uns immer, Sie
zu sehen.
    Hennig von Lauen schob die hbsche Rednerin fast unhflich zur Seite und
fand schnell seinen Weg ohne sie zu Antonie.
    Toinette blickte ihm nach, zog die Achseln in die Hhe, lie sie mit einem
Ruck wieder fallen und murmelte:
    Der arme gndige Herr, wie er mich schmerzt! Ach Maria und Josef, s ich
an der Stelle der Gans da drinnen, da sollte die Welt ein ander Spiel sehen!
    Mehr als vieles andere gab dieses geflgelte Wort dem Edlen zu Verona in
seiner Vermutung, er habe wenigstens einmal bei einem Griff ins Leben
fehlgegriffen, recht. Mehr als vieles andere beweist diese
Kammerjungfer-Philosophie, da die Reise nach Krodebeck einen bedenklichen
politischen Fehler des Herrn Dietrich Huler bedeute und da er schwerlich
jemals die Kosten derselben aus der Befriedigung der verwandtschaftlichen
Bedrfnisse seines grovterlichen Herzens herausschlagen werde.
    Der Junker von Lauen hatte am vorigen Tage eine Einladung der Freiin Zoe von
Wanesch, in einem kleinen, gewhlten Kreise liebenswrdiger Leute den Nachmittag
auf ihrer Villa in der Nhe von Hietzing zuzubringen, mit Vergngen angenommen
und sich in der Tat vortrefflich daselbst vergngt. Der kleine gewhlte Kreis
hatte aus einer ziemlichen Menge liebenswrdiger Leute bestanden, aus Leuten,
die meistens alle den Edlen von Hauenbleib kannten und schtzten und mit groer
Zrtlichkeit und leisem innigem Bedauern von seiner schnen Enkelin sprachen.
Ein junger jdischer Bankier aus einem groen Hause, und mit ausgezeichnetem
musikalischem Talent begabt, war diesmal in Verbindung mit der Freiin Zoe die
Seele der Gesellschaft gewesen. Erst spt in der Nacht war man zur Stadt
zurckgekehrt, und Hennig, von Lichtglanz und sen Melodien bis in den Traum
begleitet, hatte auerdem sehr lieblich von einer gewissen Frau Emanuele
Werdenberg, die uns sonst weiter nichts angeht, aber auch in der Leopoldstadt
wohnte und den Junker in ihrem Wagen dorthin mitnahm, getrumt. Und jetzt erst,
nach den Worten Toinettes, an der Tr Antonies fiel ihm ein, da diese Madam
Emanuele in der vorigen Nacht, als der Wagen durch die Mariahilfer Hauptstrae
rollte, eine Bemerkung ber die Existenz der Tonie fallenlie, welche er nur im
halben Rausch an seinem Ohr vorbergehen lassen konnte, ohne den Ritter von
Glaubigern wrdig zu vertreten.
    Mit der weien rechten Schulter gegen die Wohnung des Edlen Dietrich Huler
von Hauenbleib winkend, hatte die gndige Frau gemeint:
    Wir knnen alle Komdie spielen, wenn es ntig ist; aber die dort oben
versteht's am besten. Halb Wien hlt sie mit ihrer Hektik zu ihren Fen fest.
Oh, das ist eine Feine und macht Ihrer Heimat alle Ehre, Herr Baron, und der
Alte - der Herr von Hauenbleib, ah, cela s'accorde  merveille avec son
systme! Gestehen Sie es selbst, lieber Freund, Sie haben uns schon manchen
braven Intriganten von Ihrem biedern Norden hierher hinuntergeschickt; allein
dies kleine bleiche Passionsblmerl schlgt doch alles, was uns in dieser Art
zuteil wurde. Agrez mes hommages, monsieur; je m'en connais, c'est de notre
ressort, und mein Mann, der sich, wie Sie wissen, augenblicklich in Karlsbad mit
seiner Gicht befindet und dessen linken Fu in Wachs ich erst vor vierzehn Tagen
nach Mariazell in Gebet und schwarzer Wollrobe brachte, wrde Ihnen mit Trnen
in den Augen seinen Enthusiasmus fr das se Kind aussprechen! -
    Es ist eine Niedertrchtigkeit, eine bodenlose Abscheulichkeit, und ich bin
ein Narr - ich bin schlimmer als ein Narr, ich bin ein Affe, den man auf dem
Seil tanzen lt und Zuckerbrocken zuwirft! sthnte Hennig an der Tr Tonie
Hulers. O Tonie, Tonie, mein liebes Mdchen, rief er, in das Zimmer
strzend, schilt mich, lache ber mich, mach mit mir, was du willst; aber -
    Vielleicht wollte er sagen: Verzeihe mir, denn du weit ja, wie wenig ich
bedeute, wie wenig von jeher mit einem Gesellen gleich mir anzufangen ist! -
allein er brachte den Satz nicht heraus, er verstummte pltzlich und stand und
lie den Hut zur Erde fallen und sagte erst nach einer Weile:
    Tonie, du brichst mir das Herz! O Tonie, was ist dir nur begegnet?
    Antonie Huler hatte den Brief ihres Grovaters im Scho liegen. Sie
reichte Hennig die matte Hand und sagte:
    Ich habe nicht gut geschlafen in der Nacht; ich habe ber allerlei
nachdenken mssen, davon ist mir der Kopf ein wenig wst. Dann habe ich auch
schlimm getrumt, ich bin mir selber begegnet, und da hat man - das andere hat
gefragt: wohin ich gehe und woher ich komme. Ich habe dann geantwortet, ich wei
nicht mehr was, aber es mu wohl ziemlich traurig gewesen sein, denn wir haben
beide geweint, ich und das andere. Das war alles dummes Zeug; doch es liegt mir
in den Nerven, und es ist nicht meine Schuld. Dazwischen hab ich auch viel an
Krodebeck gedacht, da hast du in den Wagen geguckt, als ich mit meiner Mutter
ankam, und das Frulein von Saint-Trouin hat die Hand auf den Rand des Wagens
gelegt und hat bse auf meine Mutter eingeredet. Ich habe die ganze
Vergangenheit wie durch ein scharfes Glas gesehen. O ich wollte, ich wre bei
meiner Mutter, und ich wollte, der Herr von Glaubigern wre auch gestorben; denn
von dem habe ich nachher ebenfalls getrumt. Ich bin ihm auch begegnet, und da
habe ich ihn gefragt, wie es ihm gehe, und er ist in seiner Uniform gewesen, mit
Helm und Harnisch und mit dem Degen an der Seite, ganz stattlich und
kriegerisch; aber er hat sich traurig umgewendet und nicht geantwortet, und das
ist das schlimmste in dem ganzen Traum gewesen, denn ich habe doch bis in das
tiefste Herz hinein gewut, was er gemeint hat. Doch das ist einerlei, ich freue
mich, Hennig, du siehst wohl aus, es geht dir gut, und es ist so gut von dir,
da du immer zu mir kommst. Setze dich - heut morgen hab ich auch Briefe aus
Italien bekommen, und nicht wahr, du gehst nun bald - recht bald - o recht bald
nach Italien?! Bitte, tu es; du wirst dich einst freuen, da du es getan hast!
    Der Junker von Lauen setzte sich neben - vor die Tonie und hielt ihre Hand
fest und rief: Tonie, es fngt alles an, sich rund um mich her zu drehen! Ich
bin zu dumm, um die Welt zu verstehen, und ein Tag wirft mich dem andern wie
einen Ball zu. So einer wie ich soll seinen Pflug fhren und mit der frischen
Luft und seinen gesunden Knochen zufrieden sein. Und es ist mir noch jedesmal so
gegangen und zumute gewesen! Sowie ich den Lauenhof und das Kuckelrucksholz
hinter mir habe, geht das Elend an, und alles, was mir das Frlen und der Ritter
in der Jugend an Weltkenntnis und Verstndnis und Feinheit beigebracht haben,
geht unter und verloren in dem Tumult um mich her. Alles ist ganz anders, als
ich es mir einbildete, und alle Augenblicke hpfe ich mit dem Schienbein in
beiden Fusten wie wahnsinnig im Kreis herum, weil ich mich mit dem Knie an
irgendeinem unbekannten Gegenstand gestoen habe. Das ist in Berlin so gewesen,
und im Regiment war's fast das gleiche, und hier in Wien ist's am schlimmsten.
Ach, du hast wohl recht, mir zu zrnen; aber bei Gott, ich verspreche dir,
liebes Mdchen, ich habe genug davon, und von heute an wird's anders, auf Ehre,
ich werde selber die Hand hinhalten, und sie sollen mir alle drauf steigen,
alle, auf Ehre! Aber weiter - nach Italien gehe ich noch nicht; ich werde wieder
an den Chevalier schreiben; - o Tonie, was sollte ich mich in der weiten Welt
lustig machen, wenn du hier so kmmerlich sitzest?!
    Du bist ein guter Junge, Hennig, sagte Antonie, und ich verstehe dich
wohl in allem, was du mir eben gesagt hast.
    Siehst du, das wei ich ja, das habe ich immer gewut, und deshalb darfst
du mich nicht fortschicken. Du allein hast mich immer verstanden, und deshalb
habe ich dich auch stets so gerne gehabt. Es ist in Krodebeck zur Zeit der
Kleeblte kein grner Busch, an dem ich nicht noch einmal gern mit dir se und
das alte Leben, die alten guten Tage, noch einmal von vorn durchspielte. Und zum
Donnerwetter, ich bin ja auch nur in Wien, um dich aufzuheitern, ich hatt es nur
die letzte Zeit hindurch ein wenig vergessen; - auch in Krodebeck hab ich
manchmal um ein Dachsgraben oder dergleichen wenig Notiz von der brigen
Menscheit genommen, und mit den grnen Bschen und den Mondscheinabenden in der
Laube und alledem hat es doch seine Richtigkeit.
    Ich danke dir fr alles, was du sagst, lieber Hennig; aber du mut doch
gehen. Sieh, ich - ich - gehe ja auch.
    Du gehst auch? Du wirst auch reisen? fragte der Junker erstaunt.
    Ja! Hast du das noch nicht gemerkt? Ja, ich bin reisefertig, und ich gehe
gern von hier fort.
    Und ich gehe mit! Das ist vortrefflich! Wir gehen zusammen nach Italien,
nach Verona! Hurra, es lebe der Edle von Hauenbleib, dein Herr Grovater. Das
ist das beste Stck, welches er je ausgefhrt hat - denn nicht wahr, er ruft
dich doch zu sich?! O das ist vortrefflich!
    Jetzt lchelte Tonie Huler wirklich, sie lchelte wieder wie in den alten
Tagen; aber der Ernst kam schnell genug zurck, sie blickte gradeaus, an dem
Junker von Lauen vorber, und sprach, als spreche sie mit einem andern, whrend
das schne Kammerfrulein drauen an der Tr sich ebenfalls hchst verwundert
fragte:
    Sie verreist? Sie geht fort? Was ist nun das wieder? -
    Ich gehe fort, sagte Tonie. Mir ist mein Bndel gemacht wie meiner
Mutter, und ich bin ohne Heimat wie sie. Sie wurde gejagt, und ihr Kind hat es
nicht besser getroffen; - was macht es, in welcher Art uns das Licht verleidet
wird?... Ich wre gern geblieben, wahrhaftig, ich habe Freude an der Welt
gehabt, ich wre gern geblieben, aber nun ist es das beste, da ich gehe. Der
Herr Ritter wrde dasselbe sagen, und ich hole zu allen Dingen die Meinung des
Herrn Ritters ein. Ich bin bald zum Bewutsein meiner selbst erwacht und habe in
allem Sonnenschein meiner Kindheit doch stets die dunkle Hand gesehen, welche
mir meinen Weg anweist, und der ging abseits aller andern Wege. Ach Hennig, es
ist heute doch mein einziges Glck, da ich eine Fremde in der Welt bin; denn
wie elend und nichtswrdig wre ich, wenn ich jetzt keine Fremde in diesem Leben
wre, wenn ich nur im geringsten teil daran htte. Ich wre entweder
erbrmlicher als alle, welche je den Fu in diese Rume setzten und sich wohl
darin fhlten, oder ich wre so unglcklich, da selbst der Ritter mir nicht
mehr helfen knnte; und sieh, lieber Hennig, damit das letztere nicht doch noch
kommt, ist es am besten, da ich gehe und mich aus dem Leben verliere, wie meine
Mutter sich draus verloren hat.
    'Tonie, Tonie, rief der Junker von Lauen, ich verstehe nicht deine
einzelnen Worte; aber ich wei, was du sagen willst, und das ist heillos, das
soll nicht sein! Das haben wir auch daheim nicht um dich verdient. Du wirst
nicht sterben - ich werde dem Ritter schreiben - du wirst nicht davongehen, weil
die Lumpen und solche Esel wie ich die Oberhand auf Erden haben - du wirst das
dem Chevalier und dem gndigen Frulein nicht zuleide tun. Man wird dir von
Verona geschrieben haben, und das hat dich verstimmt. Man wird dir vielleicht
ber mich geschrieben haben - sage es nur; morgen schon, heute, wenn du willst,
knnen wir heimgehen und die beiden Alten zu den glcklichsten Leuten machen.
Dann lassen wir eine Dornenhecke um uns aufwachsen und sind in vierzehn Tagen
von der ganzen Welt vergessen. Da wren wir denn binnen Jahr und Tag wie der
Chevalier und das Frlen, aber es ist mir einerlei, wenn du hier solch ein
Gesicht machst. Mamsell Toinette geben wir unsere Karten, und beim Teufel, ich
glaube, damit haben wir unsere Pflicht und Schuldigkeit gegen jedermann getan
und knnen ruhig abreisen. Sage ein Wort, Tonie, und ich renne nach der
Leopoldstadt und packe!
    Nun lachte Antonie doch und sagte:
    Hennig, bei welchem deiner Berliner Diplomaten bist du in die Schule
gegangen? Weit du nicht, da es die Feinheit aller klugen Leute ist, sich dumm
zu stellen? Aber verstelle dich nur nicht, mein armer Junge: es wird dir trotz
aller deiner Klugheit nicht gelingen, mich aus meinen Banden zu erlsen, so
tapfere Ritter ihr auch seit Jahrhunderten gewesen seid und so viele arme, von
Riesen und Drachen gefangengehaltene Jungfrauen ihr auch vordem befreit haben
mgt.
    Dummes Zeug! brummte der Junker so klglich und so herzlich betrbt, da
die Freundin schnell sagte:
    Schau, es sollte dich freuen, preux chevalier, da ich noch Lust zum Lachen
habe; aber in der Hinsicht bin ich ganz wie mein Grovater und verproviantiere
immer von neuem meine Festungen. Es hilft nur leider wenig; die guten Vorrte
von Heiterkeit verderben immer frher, ehe ich Gebrauch davon machen kann -
ach!
    Sie griff mit der Hand nach der Brust und prete die Lippen fest
aufeinander; denn pltzlich fhlte sie in ihrem Busen den grimmigen Ritter, der
allein imstande war, sie zu befreien; und Hennig von Lauen bi auch die Zhne
zusammen und drohte mit der Faust in die leere Luft. Es mochte zweifelhaft sein,
wem die Handbewegung galt, doch ein unauflsbares Rtsel war es nicht. Der
Junker wollte reden; aber Tonie winkte ihm zu schweigen, und so saen sie
nebeneinander, beide in groen Schmerzen, bis der Anfall vorber war. Darauf
sprach Antonie wieder.
    Deine selige Mutter, Hennig, sagte sie, war doch die Glcklichste auf dem
Lauenhofe. Ich habe viel darber nachgedacht und wei es ganz bestimmt. Sie hat
es recht sauer gehabt, ihr Leben durch; aber ihre Sorgen waren mit all ihren
Freuden so fest verbunden, da sie sie gar nicht voneinander unterscheiden
konnte. Wenn ihr etwas milang, so geriet sie nur in grere Arbeit und
Munterkeit, und das war ihre Lust vom Morgen bis spt in die Nacht. Und sie ist
immer in ihrem Reich und Kreise geblieben und hat immer Bescheid gewut in allen
ihren Pflichten und Rechten, und damit allein schon hat sie das allerbeste Los
gezogen. Siehst du, Hennig, ich lege mir jetzt oft mein Leben zurecht, wie es
htte gefhrt werden mssen, damit es auch mir wohl darin geworden wre. Ihr
guten Leute httet mich lassen sollen, wie ihr mich am Todestage der alten Hanne
Allmann fandet; dann wre ich jetzt eine frhliche Magd und snge vielleicht mit
der Mamsell Molkemeyer meinen Tag weg. Aber der Ritter und das Frulein, die
tragen die Schuld an meinem Unglck; denn sie gaben mir den Schein, als sei ich
brauchbar fr die Welt, in der ich heute lebe. O der Ritter, der Ritter! Ich
ksse den Staub von seinen Fen; dem Ritter danke ich all mein Glck - o merke,
Hennig, wie scharf ich ber mein Leben nachdenken mu, um so sprechen zu
knnen!
    Ich werde ihm alles schreiben, sthnte der Junker von Lauen. Er wird
damit umzugehen wissen.
    Er wei schon alles, sagte Tonie. Du brauchst ihm nichts mehr zu
schreiben. Als er vor vier Jahren Abschied von mir nahm, hat er bereits gewut,
wie alles kam und wie es weiter kommen mute. Du kannst ihm durch kein Schreiben
etwas Neues sagen. Ich bin bei euch wie ein Vogel mit gestutzten Flgeln
gewesen. Drauen ist es kalt, der Schnee liegt hoch, und der Wind fhrt durch
den Wald, es ist eine groe Barmherzigkeit, das kleine Tier in der warmen Stube
zu halten, und es ist auch eine Barmherzigkeit, ihm die Flgel zu stutzen; denn
sonst wrde es sich den Kopf an der Fensterscheibe zerstoen. Aber ich bin doch
den Schauder der Gefangenschaft nicht losgeworden; - niemals, auch in den
glcklichsten Stunden nicht, bin ich von einer argen Furcht vor einem drohenden
Etwas, einem dunkeln Unbekannten frei geworden, und wie allen in solcher Art
Furchtsamen waren mir scharfe Sinne und ein feines Gefhl fr allerlei, was
andere Menschen nicht bemerken, gegeben. Da ist es denn sehr s, aber auch sehr
gefhrlich gewesen, da der Chevalier und das gndige Frulein solches Gefallen
an mir fanden und mich an ihr Herz nahmen, denn bald gehrte ich ihnen ganz und
gar an und gehrte doch nicht in diese Welt, und, wiederum, gehrten wir alle
drei dann nicht in den Erdentag: deine Mutter hat das wohl gewut, Hennig von
Lauen! Es war eine Seligkeit, der Schnheit auf den Wiesen von Krodebeck zu
begegnen und von ihr gekt zu werden; aber es war auch furchtbar und ttend,
doch kein Recht an den Gru zu haben, sondern hinauszumssen - frher oder
spter hinauszumssen in das abscheuliche Gewhl, wo das, was der Ritter von
Glaubigern sah und fhlte und lehrte, keine Geltung hat, sondern nur gebraucht
wird, um Nutzen und Gewinn daraus zu ziehen, wie aus jedem andern. Sie kaufen
und verkaufen alles, und ich habe in vergangener Nacht im Traum den Ritter von
Glaubigern in seiner Rstung gesehen, und er bedeckte die Augen mit der Hand und
war wehrlos. Und ich bin eine groe Dame - eine sehr groe Dame durch den Ritter
von Glaubigern geworden, ganz ohne da du es gemerkt hast, mein armer Hennig,
und ich trage auch meinen Harnisch und - bin so wehrlos wie der Ritter von
Glaubigern und so stark und unberwindlich wie er, Hennig von Lauen!
    Sie sah prchtig aus in ihrem Stolz: der Junker ertrug fast den Blitz ihrer
Augen nicht, und seltsamerweise fiel ihm gerade jetzt der Pastorenfranz ein, der
einst gewagt hatte, dieses Mdchen zu necken und reizen, wie man ein schwaches
Tier, das sich nur durch ungeschickte, ohnmchtige Flgel- und Pfotenschlge
wehren kann, neckt. In Hennigs Bewunderung mischte sich ein wenig Furcht und
dann noch etwas anderes, ein schmerzlich Gefhl, wie Reue um ein
unwiederbringlich Verlorenes, dessen Wert man zu spt erkannt hat - ein erstes
wahrhaftiges Weh, das bei Leuten seiner Art wirklich gleich einem gewappneten
Mann hereinbricht und um so berraschender wirkt, je schneller es vorbergeht.
    Du sollst mit mir nach Haus kommen, Antonie! Du mut! rief er, mit
geballten Hnden aufspringend. Du bist ja frei und gerettet, wenn du willst.
Sei nicht widerspenstig! Ich wei nicht, was ich dir sage; aber ich fhle das
Rechte! Du gehst mit mir - mit mir - und du bist wieder bei deinen Freunden, und
der Ritter soll uns weiter raten auf dem Lauenhofe.
    Tonie Huler schttelte den Kopf:
    Ich darf nicht, ich kann nicht, Lieber. Ich bin auch fr deine Heimat
verdorben und verloren. Ich wrde von selber schon zu euch gekommen sein, wenn
das angegangen wre; aber auch dort ist kein Platz mehr fr mich.
    Weshalb ziehst du deine Hand weg? La sie mir! Ich wei ja nun, wie alles
bestimmt war und weshalb das so kommen mute. O Tonie, wie glcklich wollen wir
auf dem Lauenhofe sein, und was wird der Chevalier sagen! Du hast es vielleicht
sowenig als ich gewut, da du mit Leib und Seele mir gehrst, doch nun wissen
wir es beide, und alles, was geschah, mute geschehen, damit wir unsern Weg
fnden und den Weg nach Haus. Nicht wahr, Tonie? Jetzt nicke nur mit dem Kopfe,
und wir ziehen einen dicken Strich durch unsere Rechnung, und der Mann in Verona
mag sich wundern, soviel er will.
    Antonie Huler nickte nicht mit dem Kopfe, sie gab auch nicht dem Junker
von Lauen die Hand; sondern sie legte beide Hnde im Scho zusammen, sah still
und traurig auf den Jugendfreund und sagte ganz leise:
    Woher kommst du, Hennig, um so mit mir sprechen zu knnen? Seit wann weit
du, da du mich liebst? Ach Lieber, du glaubst in der Tiefe deiner Seele selbst
nicht an diesen Rausch und willst verlangen, da ich daran glauben soll?! Nein,
nein, in Krodebeck war ich dein guter, lustiger Spielkamerad, und hier in Wien,
da du mich nicht mehr lustig und zum Spiel aufgelegt findest, mikennst du dein
Mitleid, dein ehrliches braves Herz, und trgst beides in die Taufe und gibst
ihm einen neuen Namen. Nun soll ich deinen Irrtum wiegen und das Herz dir, weil
es heute ein wenig schwer und unruhig ist, in den Schlaf singen. Nein, nein, das
wre freilich ein schnes Spiel; aber die Sonne ist nun schon allzu tief dafr
gesunken, wir haben keine Zeit mehr dazu. Siehst du, ich bin in allen Dingen zu
klug fr dich, mein armer Freund.
    Jawohl! Ich bin freilich zu allen zeiten ein Dummkopf, ein Tlpel gewesen,
und du hast sicherlich das Recht, mir die Wahrheit zu sagen. Aber es ist nicht
die Wahrheit, es soll nicht die Wahrheit sein! Frher in den Tagen von Krodebeck
htte ich dich deinem Schicksal wohl leichter abgewinnen knnen; aber auch heute
noch ist es nicht zu spt. Ich will mit dir selbst nun streiten, bis ich dich
habe, festhalte, und bis du mein bist.
    Oh, das ist schlimmer als alles andere! rief Tonie mit hellem Wehlaut.
Was willst du noch gewinnen, Hennig? Du kannst nichts mehr gewinnen! Oh, du
sollst nicht mehr zu mir kommen! Geh fort - heut noch mut du von Wien abreisen.
Ich will dich nicht wiedersehen!
    Wage das! rief Hennig grimmig. Siehst du, du bist sehr klug; aber ich
gewinne es dir doch ab!
    Tonie Huler antwortete nicht, sie sank wie leblos in ihren Sessel zurck.
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                           Einunddreiigstes Kapitel


Man hoffte wieder einmal auf eine gute Ernte in Krodebeck; und hatte die besten
Grnde fr diese Hoffnung. Es war ein Jammer, da es der Frau Adelheid von Lauen
nicht mehr vergnnt war, den Segen zu sehen, welcher sich ber ihre Felder
hinbreitete und im lauen Sommerwinde regte - jegliche hre ein Wunder fr alle,
die Hunger hatten, und alle die, welche auf den Hunger anderer Leute hin Handel
trieben und ein Vermgen erwerben wollten. Jeder Tag legte einen neuen Segen zu
dem des vorigen. Der Administrator, Freund Fritz Frschler, und smtliche
Gehlfen und Untergebenen desselben wuchsen hoch ber ihre gediegensten
Hoffnungen hinaus und hatten so etwas in ihrer ganzen Praxis noch nicht erlebt.
Sie schrieben sich aber auch kein geringes Verdienst um die Herrlichkeit zu, und
niemand war berufen, es ihnen abzusprechen.
    Es war gute Nahrung und ein herzhaft Wohlbehagen bei allem niedersassischen
Volk am nrdlichen Rande des Harzgebirges; seit Menschengedenken hatte der alte
Geisterberg, der Brocken, nicht solch ein treffliches Wetter angezeigt wie in
diesem Jahre. Die Bauern von Krodebeck wurden zusehends dicker und wrdiger, das
heit grber. Es triefte wie Fett aus der Hhe, und selbst das liebe Vieh wurde
glnzender und rundlicher darob von Tag zu Tage. Um so wehmtiger und
betrblicher war der Kontrast, welchen zwei Leute zu dieser erfrischten Gegend
und zu diesen behaglichen Zustnden bildeten, und zwar zwei Bewohner des
Lauenhofes, der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern und die Inhaberin so
vieler hohen Titel und Wrden, Frulein Adelaide Klotilde Paula von Saint
Trouin. Die beiden waren weder jnger noch rundlicher, noch glnzender geworden;
die beiden hatten keine Freude an der gediegenen Gegenwart und der lachenden
Zukunft, und wer ihnen ins Gesicht sah, dem wurde es freilich schwer, den
Glauben an die ber alles sich erstreckende Gte Gottes sich unversehrt zu
erhalten. Whrend ihre ganze Umgebung sich entweder verjngt oder sich doch in
einem recht befriedigenden Stillstand erhalten hatte, waren sie um vieles lter
geworden und bedeuteten fr sich allein eine Welt, aber eine gar traurige, in
dem sie umgebenden Leben. Ohne die Frau Jane Warwolf htte man sie vielleicht
gar nicht mehr zu den Lebendigen gerechnet, und der alten Jane allein hatten sie
es zu danken, wenn das noch des Dankes wert war, da sie nicht ganz in ihrem
Winkel verstaubten, mit Spinnweb berzogen wurden und zuletzt das Los des
Spinnwebs in jeder Hinsicht teilten.
    Wer htte nach dem Tode der Frau Adelheid und jetzt, wo der Junker von Lauen
in Wien auf der Hohen Schule des niedrigsten Lebens sich befand, noch groen
Anteil an ihnen nehmen sollen?
    Der Freund Frschler, den wir selber kaum kennen?
    Das Pastorenhaus? Der Pastorenfranz?
    Ach, es war schon etwas fr die beiden Greise, auf einer heien grnen
Gartenbank zu sitzen und ein dumpfes Gefhl des Dankes fr die Treue und
Teilnahme der Hundstagssonne zu haben! Was konnten die Menschen den beiden Alten
noch bieten, was besser gewesen wre als die Sonne um die Mittagsstunden?! Die
Warwlfin war die einzige, welche einiges an den Fingern aufzhlen konnte.
    Jane, hatte die gndige Frau am Tage vor ihrem Tode zu der neben ihr
sitzenden Freundin gesagt, Jane, eines will ich dir sagen und verbitte mir jede
Widerrede. Von jetzt an hrt das dumme Herumlaufen in der Welt auf; du machst
mir kein einfltig Gesicht hin, sondern du nimmst Vernunft an und setzest dich
fest auf dem Hofe. Du kriegst alle deine Bequemlichkeit, wie man das schriftlich
finden wird, und dazu vermache ich dir den Ritter und das gndige Frlen - hrst
du, den Ritter und das Frlen! Denn das ist jetzo meine einzigste Sorge, was die
wohl anfangen sollen ohne mich! Du gibst dich also drein, Jane, und stellst
deinen Stock in den Winkel. Merken lt du dir nichts, aber das sage ich dir, du
lt sie mir nicht aus den Augen, und was das gndige Frlen anbetrifft, so
verlasse ich mich auf dein gutes Herz in betreff von seinen Humoren und
Anzglichkeiten! Du lt sie mir nicht aus dem Sinn beide nicht - und hr, was
den Ritter anbetrifft und wenn ihr so zusammensitzt in einer guten Stunde und
ihr redet von mir und den Tagen, die wir zusammen gelebt haben, so macht euch
nicht gegenseitig das Herz schwer, sondern haltet euch vergngt und hell, ich
bin es auch gewesen; und das berla ich dir ganz, wie du jedesmal von neuem es
bringst an den Chevalier, da er eine so groe Ehre und Freude und solch ein
Trost fr mich gewesen sei mein ganzes Leben lang!
    Verlasse Sie sich drauf, Fraue, hatte Jane Warwolf geantwortet. Ich nehme
Ihr Vermchtnis an, Fraue, und will mich danach halten, wie ich es verstehe und
wie ich Sie verstehe. Auf dem Hofe bleib ich.
    Und so war es geschehen! Die Vagabundin hatte ihren Wanderstab fr alle Zeit
auf dem Lauenhofe abgestellt und ihr Amt als Wartefrau leise, unbemerkt und
unendlich feinfhlig angetreten. Und wie sich die Frau Adelheid das Verhltnis
der wunderlichen drei vorgestellt haben mochte - wenn sie dieselben im Verlauf
der Tage htte beobachten knnen, so wrde sie sicherlich mit ihrer heitersten
Miene gesagt haben: Nun, die Sache macht sich!
    Es war ein eigentmliches, halb komisches, halb rhrendes Schauspiel, die
greise, hexenhafte, hellugige Fhrerin mit ihren beiden Schutzbefohlenen durch
Hof und Dorf, durch Haus und Garten ziehen oder sie mit ihnen zusammenhockend zu
sehen, und eigentmlich war die sehr verschiedene Art und Weise, in der sich die
beiden alten Herrschaften in die Pflegerin fanden.
    Der Chevalier behielt, trotzdem er viel schwcher, gebrochner und
hinflliger erschien als die ausgewetterte, tapfere und scharfe Fhrerin, sein
volles bergewicht ber sie; aber das Frulein von Saint-Trouin war wie ein
verzogenes, unzufriedenes, weinerliches Kind und machte der wackern Jane in der
Tat das Dasein oft recht schwer.
    Je lter die Enkelin Jehans von Brienne wurde, und sie wurde allmhlich sehr
alt, desto deutlicher, und fr die Umgebung unbequemer, redeten ihre hohen Ahnen
und alle ihre Jugendgefhle auf sie ein, und sie weinte und wimmerte, nachdem
sie kurz vorher sehr vornehm, schroff und anzglich gewesen war, und wnschte
tot zu sein und frchtete sich sehr vor dem Sterben und war fortwhrend mehr als
je, was sie vor drei Lustren war: Trs noble et trs puissante Dame Comtesse de
Pardiac, Dame Haute-Justicire du Comt de Valcroissant, ne Chevalire de Malte
par privilge accord par le Pape Honorius III  la trs illustre famille de
Jehan de Brienne, premier Prince de Tyr et ensuite Empereur de Constantinople,
etc. etc.
    Der Ritter von Glaubigern war seit dem Tode der Frau Adelheid von Lauen
eigentlich weiter nichts mehr als ein guter, alter Mann. Wir wissen, wie sein
Reichtum immer den Kreis seines Daseins ausfllte, aber seit man ihm das
Pflegekind nahm, war dieser Kreis von Tag zu Tage enger geworden, und mit dem
Tode der braven Freundin und Beschtzerin schien auch sein Leben abgeschlossen
zu sein. Da dieses jedoch nur so schien, das merkte seine Umgebung jedesmal
aufs deutlichste, wenn ein Brief aus Wien anlangte; und wie noch einmal, aber
freilich zum letzten Male, der gute Ritter, der alte Kriegsmann und Held, der
grolle Chevalier Karl Eustach von Glaubigern aus dem Schlummer erwachen und in
voller Rstung in den Kampf hinausreiten sollte, das werden wir bald erfahren. -
    Der Junker Hennig von Lauen hatte seit jenem ersten Schreiben gleich nach
seiner Ankunft in der sterreichischen Hauptstadt, welches wir in seiner vollen
Lnge mitteilten, noch verschiedene andere abgeschickt und geschrieben, wie er
es verstand. Auch Tonie Huler hatte geschrieben, und sie hatte gelogen; aber
Hennig hatte nicht gelogen, denn wir haben erfahren, wie leicht ihm das Leben
verging und wie leicht ihn die Leute und Dinge berredeten, sie von der besten
und heitersten Seite zu nehmen, kein Narr zu sein, sondern ein kluger junger
Mann: und - er schrieb, wie er die Leute und die Dinge sah und nahm, er schrieb
vergngt, und so log er wirklich nicht in seinen Briefen. Ach, Tonie log, und
der Ritter von Glaubigern wute, da sie log; und an dem Tage, an welchem wir
unsere Leser zum erstenmal wieder in persnliche Berhrung mit den drei Alten
auf dem Lauenhofe bringen, war ein neuer Brief von Wien angekommen, in welchem
der Junker abermals die Wahrheit schrieb und der, wie Jane Warwolf sich
ausdrckte, dem aufgerichteten Jammergerst den Kranz auf das Dach steckte. -
    Wir befinden uns wieder auf der Terrasse des Gutsgartens, und der Blick von
derselben ist noch immer der nmliche. Da liegt die staubige Landstrae in der
heien Sonne, dort ffnet sich die Aussicht in die Dorfgasse und auf das
Gemeindehaus, vor welchem vor so vielen Jahren der Karren mit der schnen Marie
und der kleinen Antonie anhielt. Die Krodebecker Kinder sitzen auf der Treppe
des Gemeindehauses, einige Wagen und Pflge stehen zusammengeschoben um den
Brunnen; das ist alles, wie es immer war. Nur die jungen Bume in der Umgebung
sind smtlich tchtig gewachsen und verdecken hie und da den Blick in das freie
Feld und auf den Wald; doch dafr sind andere Bume abgestorben oder
niedergehauen, und somit ist auch das so ziemlich im gleichen geblieben.
    An den chinesischen Pavillon htte Freund Frschler neulich beinahe ruchlos
eine verschnernde Hand gelegt, das heit, an seinem Platz eine sthetischere
Birkenhtte aufgerichtet; aber der Chevalier ist glcklicherweise noch zur
rechten Zeit gekommen und hat das alte gute Pltzchen fr das Frulein von Saint
-Trouin gerettet. Der chinesische Pavillon wirft noch immer seinen Schatten auf
die Bnke und den kleinen runden Tisch. Der Lack und die schnen Farben sind
freilich abgesprungen und verblichen; aber dem Lack und den schnen Farben ist
berhaupt wenig zu trauen, und der Chevalier tat wohl daran, als er dem
Administrator in den Arm fiel und ihm durch seinen architektonischen Ehrgeiz
einen dicken Strich zog.
    Der chinesische Pavillon stand noch; aber das Frulein von Saint-Trouin
studierte an dem Tage, an welchem auch wir ihn von neuem betreten, darin nicht
mehr die Korrespondenz der Marquise von Pompadour vom jngern Crbillon; sondern
der letzte Brief aus Wien lag auf dem kleinen, runden, wackelnden Tischchen, und
der Ritter von Glaubigern und das Frulein saen regungslos auf den Bnken und
sahen blind vor sich hin.
    Wo der Chevalier und das Frulein sich aufhielten, da war jetzt auch die
Frau Jane Warwolf nicht weit entfernt, und diesmal lehnte sie mit
untergeschlagenen Armen an dem Tische, schlug grimmig den Takt zu irgendeinem
Marsch mit dem Fue und rieb von Zeit zu Zeit mit dem Knchel des rechten
Zeigefingers heftig die Stirn. Wenn das gndige Frulein von Zeit zu Zeit den
Oberkrper sthnend und seufzend hin und her wiegte, so schien das die Jane
nicht in ihrem Nachdenken stren zu knnen; aber als sich endlich der Ritter
rhrte und mit einem tiefen Seufzer von neuem nach dem Briefe des Junkers von
Lauen griff, da war die Jane auf der Stelle mit ihrem Sinnen zu Ende. Auch sie
streckte von neuem die Hand nach dem Briefe aus; doch sie nahm ihn nicht,
sondern klopfte mit dem Knchel des Zeigefingers nur scharf darauf und rief:
    Da haben wir es also, und nun wren wir soweit, und alles kommt regelrecht
im Gnsemarsch, eins nach dem andern, wie wir es uns lngst ausgephantasiert
haben. Also die Speisekammer mit dem welschen Namen ist mit allen Wintervorrten
versehen, und der gndige Herr von Huler, mein lieber Freund, ist in der
gromchtigen Stadt Wien angekommen oder wird demnchst dort anlangen, um
anjetzo nun in seinem eigenen Hauswesen den guten Wirt zu spielen. Ach, Herr von
Glaubigern, lassen Sie nur die Hand davon; es steht alles drin, und es wird sich
wohl alles so verhalten, wie der junge Herr schreibt. Und den Koch, will ich
sagen den Grafen mit dem auslndischen Namen, bringt er mit, der Dietrich, da
mu denn wirklich das Leben da unten so fidel werden, da es kein Mensch mehr
aushalten kann. Jawohl hat es unser Herr Hennig mit den Festivitten und
Lustbarkeiten gut getroffen, oje, oje; und wir hier, tausend Meilen fern, sitzen
und stehen hier auf dem Lauenhofe wie in der Luft und in diesem Babilljon wie
auf dem Kopfe, und das Herz mchte uns zerspringen aus Elend ob all der
Herrlichkeit! Wie lange ist es her, seit ich meine Hanne Allmann wie ein
Rohrsperling heruntermachte, weil man ihr die Marie und das Kind von Gemeinde
wegen unters Dach gelegt hatte? Ja, ist das nicht eine Stunde, wo man recht
merkt, wie oft man den Menschen um nichts ins Gesicht springt?! Da schreibt der
junge Herr von der Herrlichkeit, und das Kind, unser Kind bezahlt die Kosten mit
seinem Blut und Leben. O gndige Herrschaften, freilich haben wir das alles
allhier schwarz auf wei von unserm Herrn Hennig, und wie dem zumute ist, das
steht auf dem nmlichen Blatt - Sackerment!
    Die Warwlfin schlug so derb mit der Faust auf das Wiener Schreiben, da
Frulein Adelaide heftig zusammenschrak und trotz allem Kummer Gelegenheit fand
zu bemerken:
    Jane Warwolf, diese Heftigkeit war unntig und ist unschicklich. Vergesse
Sie sich nicht, Jane Warwolf; erinnere Sie sich stets, wen Sie vor sich hat.
    Ich mich vergessen? rief die Alte mit einem wenig reumtigen Blick auf das
Gndige. Ich mich erinnern? Ich mich vergessen? O du grundgtiger Himmel, wei
ich nicht, wen ich vor mir habe, und habe ich nicht erst heute morgen zwei
Stunden lang im Schweie meines Angesichts den Pikkadill im Glaskasten mit
Kampfer traktiert und aus purster Verehrung fr die Hinterlassenen die Motten
ausgebrstet?
    Der Ritter winkte seufzend abwehrend mit der Hand, und mit vollstndig
verndertem Ausdruck und Ton fuhr Jane Warwolf gegen ihn gewendet fort:
    Und nachher hab ich die Grber auf dem Kirchhof verrestauriert, die schne
Marie und die Hanne Allmann. Das war auch eine harte Arbeit, und nachher ist der
Brief von unserm Junker gekommen, und jetzt wollte ich, da ich auch in der
Grube lge, da mchte ein anderer kommen und mir das Unkraut vom Leib reien und
mich verrestaurieren oder es bleibenlassen, das wre mir ganz einerlei.
Vergessen?... Ja was soll denn der Mensch eigentlich vergessen, und was soll er
im Gedchtnis behalten? Vergessen?... Da bringt einen ein Wort auf das andere,
und man wei nie, wohin man kommt, wenn man beim Pikkadill angefangen hat. Was
soll der Mensch im Gedchtnis behalten? Das Gute und Liebliche oder das
Schlechte und Hundsfttische? Was hab ich und der Herr Ritter hier denn davon
gehabt, da wir das erstere aufbewahrt haben im tiefsten Hirn und Herzen? Nichts
als Jammer und Kummer, und desto mehr davon, je lter wir geworden sind. Sagen
Sie es gradheraus, liebster bester Herr von Glaubigern, da ich recht habe.
Frchten Sie sich nicht! Die gndige Frau hrt uns leider Gottes nicht mehr, um
einen Narren und Philosophen aus uns zu machen. Schmen Sie sich nicht; denn das
gndige Frulein will ich diesmal, mit Respekt zu sagen, zu uns rechnen. Sehen
Sie, Sie schtteln mit dem Kopfe, und das ist immer ein Zeichen, da Sie ja und
amen sagen wollen. Das ist grad das Schreckliche und Scheuliche! Aus dem
Huler oder dem Herrn von Huler, oder wie er sich jetzt nennt, mache ich mir
nichts. Es ist mir einerlei, ob er lebt oder stirbt, dick und fett oder
umgekehrt wird; denn was kann er dafr, da er jetzt unser Kind ruiniert? Nichts
kann er dafr! Es mute so sein, und es ist immerdar so gewesen! Die Hanne
Allmann war auch ein schn und lieblich Wesen in ihren ltesten Tagen und ist da
drben im Siechenhaus verdorben und hat fnfzig Jahre drauf gewartet. Und hier
sitzen wir drei - Sie vor allen, Herr von Glaubigern -, und da sollte man
freilich den Faden in der Welthistorie verlieren.
    Hab ich nicht ein gutes Los gewonnen, Jane Warwolf? fragte der Ritter.
    Sie?! Sie? fragte dagegen die alte kluge Frau. Gehen Sie hin und fragen
Sie das Kind, unsere Tonie in Wien, darnach; die mu Sie jetzt noch besser
kennengelernt haben in ihrer Not als ich hier, und die wird Ihnen Bescheid
geben. Ich wollte, ich drfte ber Sie lachen, Herr von Glaubigern, da kme ich
doch heute einmal dazu.
    Von mir scheint heute gar nicht die Rede sein zu sollen! sprach jetzt das
gndige Frulein mit sehr pikierter Miene.
    O Sie gehren freilich zu den Allerglcklichsten, Frlen! rief die
Warwlfin. Sie haben wohl auch allerlei Dinge und Sachen gesehen, die Sie nicht
bekommen konnten; aber Sie haben eben nichts Unverstndiges gesehen, sondern
sich stets hbsch auf dem Erdhoden gehalten und haben dazu immer warm und
behaglich gesessen, und so - seien Sie froh und vergngt, da von Ihnen hier
nicht die Rede gewesen ist. Ein bser Wille ist gewi und wahrhaftig nicht dabei
vorhanden gewesen! Wir sprechen ja auch nur von dem Herrn von Huler, und da
der nicht schuld daran ist, da alles Liebliche und Schne in der Welt
verruiniert wird; denn wenn das nicht so sein mte, so mcht ich den wohl
kennen, welcher das zustande brchte. Was mich im besondern anbetrifft, so
rechne ich mich ganz und gar zum Vieh und mache mir, mit Respekt zu sagen, eine
Ehre draus.
    Dafr danke ich Ihr, Jane Warwolf, sprach das Frulein von Saint-Trouin
halb emprt und halb beistimmend. Es zeigt mir, da Sie Ihren Standpunkt bei
besserer berlegung einzunehmen wei. Es ist ein Unterschied in der Welt immer
noch, und ich rechne mich bis jetzt denn doch nicht zum Vieh, was auch die
erbrmlichen Zeiten aus uns gemacht haben.
    Die Frau Jane fand nicht die Mue, auf diese Eruerung der Haute-Justicire
noch etwas zu entgegnen; denn nun hatte sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Ritter
von Glaubigern zuzuwenden, und es war ihr nicht zu verargen, wenn sie pltzlich
gar groe Augen machte und den Mund sehr weit ffnete.
    Der Ritter, welcher bis zu diesem Augenblick in sich zusammengesunken und
kmmerlich vorgebeugt dasa und die Stirn mit beiden Hnden hielt, lie jetzt
die Hnde sinken und richtete sich empor. Das erstaunliche Ereignis, von welchem
wir zu Anfange dieses Kapitels sprachen, trat ein - der Ritter richtete sich
auf!
    Das Alter schien ihm wie ein schwerer Mantel von den Schultern zu sinken;
die welken Glieder und Muskeln reckten und dehnten sich und schienen mit einem
Male neue Kraft zu gewinnen. Er seufzte noch einmal aus tiefer Brust; aber dann
stand er wie ein Mann in seinen besten Jahren vor dem Tischchen, nahm den Brief
des Junkers Hennig von Lauen, berflog ihn noch einmal, faltete ihn bedchtig
zusammen, schob ihn in die Brusttasche und sprach langsam, aber klar und
bestimmt:
    Vergeblich ist alles Sinnen, Grbeln und Grmen, wir lsen den Bann nicht
dadurch. Von allen Seiten dringt der Feind auf sie an, und sie steht ganz
allein. Was will der Knabe? Er wei kaum, was er schreibt! Auch er lt sich
gegen die Unglckliche ins Feld fhren. So wird es denn, alles in allem
genommen, das beste sein, da man mit eigenen Augen sieht; und solches zu tun
ist meine Absicht. Ich werde nach Wien reisen!
    Herr von Glaubigern?! kreischte das Frulein.
    Ja, ich werde nach Wien reisen, wiederholte der Ritter.
    Jane Warwolf schrie nicht auf wie Adelaide von Saint-Trouin; allein ihr
Blick, ihr Emporfahren und Zurcktreten war ausdrucksvoller, als wenn sie nicht
nur die Decke des chinesischen Pavillons, sondern auch ein gut Stck der blauen
Himmelsdecke ber der Gartenterrasse heruntergeschrien haben wrde.
    Ich reise nach Wien und nehme dem Mann das Kind, wie er es mir genommen
hat, sagte der Ritter Karl Eustachius von Glaubigern. Da wre denn das Rtsel
gelst, Ober welches ich mir den Kopf und das Herz zerbrochen habe, seit der
Wolf in der Nacht ber uns kam! Der alte Mann dort unten hat seinen Willen
gehabt, er hat jahrelang versuchen drfen, was er durchsetzen mochte. Nichts hat
ihn gerhrt: unbarmherzig, leichtsinnig, verblendet und - vergeblich, vergeblich
hat er sich abgemht, das Beste in der Welt sich - sich dienstbar zu machen. Nun
aber tritt mein Recht von neuem in Kraft und Geltung, und bei meiner Ehre, ich
werde es mir nehmen! Auch ich will wie der Wolf ber den Mann kommen und
Rechenschaft fordern ber diese Jahre. Ich reise nach Wien - morgen reise ich;
ich werde das Kind zurckholen, mein Frulein! Ja, Jane, ich werde das Kind
zurckholen, und es wird mir folgen. Ja, Jane Warwolf, wenn ich es wagte, so
wrde ich hierber auch lachen; denn merkt ihr wohl, welch ein Allerweltsspa
darin liegt, da dieses das richtige geworden ist, da heute ich hingehen darf,
mein Eigentum zu nehmen, wie jener Mann es sich vordem genommen hat?! Das ist
die Komdie, die groe Komdie der Welt, und der Schlu ist nahe, und ich bringe
den Schlu, und du - du hattest unrecht in allem, was du soeben vorbrachtest,
Jane Warwolf! -
    Darin lag freilich ein gttlicher Humor, und wer sich zuerst darber fate,
war nicht die Frau Jane Warwolf aus Httenrode, sondern Frulein Adelaide
Klotilde Paula von Saint Trouin, rechtmige Beherrscherin von Malta, Tyrus und
Byzanz. Auch sie erhob sich jetzt stattlich von ihrem Sitze, reichte dem
Chevalier die Hand zum Ku und sprach:
    Mein Herr von Glaubigern, Sie haben mich berrascht; aber Sie machen mich
heute stolzer als je auf Ihre Bekanntschaft und Achtung. Mein Herr von
Glaubigern, wir haben einander oft miverstanden, und ich glaube nicht, da die
Schuld immer auf meiner Seite lag: in diesem Augenblick verstehen wir uns,
vielleicht zum erstenmal in unserm Leben, vollkommen. Sie machen mich heute sehr
glcklich, Herr Chevalier, und ich rechne es mir fr eine Ehre an, da ich seit
dem sechsten Februar des Jahres achtzehnhundertsechzehn meine Tage in Ihrer
werten Gesellschaft hinbringen durfte; aber - glauben Sie wirklich, Ihren
Krften diese weite Reise zutrauen zu drfen?
    Der Ritter hob die drren Finger der Dame mit altgewohnter Zierlichkeit an
seine Lippen und erwiderte mit einer tiefen Verbeugung:
    Mein Gndigstes, ich fhle mich heute nicht angegriffener als gestern, als
vor zwanzig Jahren. Ich gedenke meinen Vorsatz auszufhren, und es ist mir
wahrlich eine groe Ehre und Freude, da Sie denselben billigen.
    Allons,  cheval! rief das Frulein mit einem unnachahmlichen Wink der
Hand und warf einen Blick umher, als ob sie smtliche Vasallen ihrer smtlichen
Lnder dadurch zur Heeresfolge aufrufen knne. Mein teurer Herr von Glaubigern,
ich bitte Sie freundlichst, den Tee heut abend in meinen Zimmern einzunehmen.
    Nun hatte sich endlich auch die Frau Jane so weit gefat, um artikulierte
Laute fr ihre Gefhle zu finden.
    Vor allen Dingen strzte sie sich auf den Chevalier, packte ihn und umarmte
ihn mit solcher furiosen Inbrunst, da auch ihm nunmehr der Atem fast entging.
Dann lie sie ihn frei, trat wieder einen Schritt zurck, erhob von neuem die
Arme in die Luft und rief:
    Das ist das Allergrte, was Krodebeck je erlebt hat, und wenn ich auch nur
deshalb auf dieser Erde jung geworden wre, um hiervon Zeugnis ablegen zu
knnen, so wr's genug, zum berflieen genug, und glauben tt's mir doch
niemand, wenn nicht der Herr Ritter selber noch einmal dafr eintrte! Da wird
sich freilich der Huler wundern! Kein Gespenst um Mitternacht knnte keinen
grern Affekt zuwege bringen, und darbeisein mcht ich wohl! O und Tonie!
Unsere Tonie!... Das wr alles, als wenn das Mhlrad angehalten wird und alles
still wird! O Herr von Glaubigern, Herr von Glaubigern, aber seit dreiig
Jahren, ich will sagen, seit zwanzig Jahren haben Sie ja keinen Fu vom Lauenhof
gesetzt. Vor zwanzig Jahren waren Sie einmal in Hannover -
    Und jetzt reise ich nach Wien! sprach der Ritter mit seinem mildesten
Lcheln, bot dem Frulein von Saint-Trouin den Arm und fhrte es von der
Terrasse herab, dem Hause zu.
    Es ist wohl nicht mglich! sthnte Jane Warwolf und fiel auf die nchste
Bank.
    Zufllig fhrte den Administrator sein Weg eine Viertelstunde spter in den
Pavillon. Mit einer Weizenhre zwischen den Zhnen kam er summend daher,
wahrscheinlich, um von neuem, wenigstens in Gedanken, die Axt an das chinesische
Wunder zu legen.
    Bei seinem Nahen erwachte Jane aus ihrer Betubung, erhob sich und fragte:
    Sagen Sie, Herr Frschler, waren Sie schon einmal da hinten - dort um die
Ecke, in Quedlinburg?
    Ich hatte einige Male das Vergngen, meine Hochverehrteste.
    Und hat man Ihnen auch die alte ausgerucherte btissin gezeigt?
    Freund Frschler schnalzte wie in der Erinnerung eines hoben Genusses mit
der Zunge:
    Die schne Aurora? Die holde Grfin von Knigsmark? Ich hatte die Ehre - o
delikat - brr! Sehr Pergament und Wurmfra - zehn Silbergroschen an den Kster.
    Nun, Herr Frschler, so will ich Ihnen etwas sagen. Die hat sich auf heut
nachmittag zum Kaffee angemeldet und kommt im Staat - sechsspnnig - und Sie
mgen ihr entgegenreiten!
    Damit humpelte auch die Alte dem Hause zu, und der Administrator stand, sah
ihr nach, nahm die hre aus dem Munde, wirbelte sie zwischen den Fingern und
murmelte:
    Das wei der Teufel! Htt man nicht diesen festen Boden unter sich und
tagaus, tagein mit den Lmmeln vom Eichsfelde zu tun, das Grauen sollte einem
ber diese alten Spukgestalten, die man hier zur Gesellschaft hat, am hellichten
Tage ankommen.

                           Zweiunddreiigstes Kapitel


Das Nest mit dem unbekannten welschen Namen, wie die Frau Jane Warwolf die
hochberhmte Stadt und Festung Verona fr gewhnlich zu bezeichnen pflegte,
quoll ber. Die bombenfesten Speicher, die wunderbaren Kasematten ber und unter
der Erde, die Vorratskammern in allen Innen- und Auenwerken und in den groen
Forts San Felice und San Pietro waren mit allem angefllt, was ein
kriegserfahrener Festungskommandant nur irgend wnschen konnte. Der weirckigen
Infanterie lief das Wasser im Munde zusammen, wenn sie nur an die Herrlichkeiten
dachte; und vor allen Vorratskammern wurden Doppelposten ausgestellt, um einen
grern Teil der Besatzung des Vergngens und der Ehre teilhaftig machen zu
knnen, das Gewehr vor der unberechenbaren strabbondanza zu schultern.
    Unberechenbar? No, signori! Die Veroneser wuten ziemlich genau, was die
neue Verproviantierung ihrer Stadt gekostet hatte, und der Edle Dietrich Huler
von Hauenbleib wute es ganz genau. Er hatte seine smtlichen Posten auf dem
Papiere. Er konnte in jedem beliebigen Moment in ausfhrlichster Weise
Rechenschaft ablegen, und die Kommission, welche ihm denn bei Gelegenheit diese
Rechenschaft abgenommen hatte, war mit seinen Leistungen aufs hchste zufrieden
und wute, wenn auch nicht so sicher wie der Edle, doch jedenfalls so genau als
die Veroneser, da man in diesem kostspieligen irdischen Jammertal nichts
umsonst bekam.
    Was die Privatangelegenheiten des Edlen von Hauenbleib anbetrifft, so
knnen wir uns auch in dieser Hinsicht beruhigen: der Edle hatte nicht nur ein
anstndiges, sondern auch ein sehr gutes Geschft gemacht und einen neuen Orden
dazugewonnen. Der sardinische Orden des heiligen Lazarus war es
selbstverstndlich nicht, und da jener Herr, welcher dem Junker von Lauen zu
einem hnlichen Schmucke helfen wollte, nichts mit der Dekoration zu tun hatte,
konnte ihren Wert nur erhhen. Was jener Herr geben konnte, das hatte der Edle
lngst sich selber verschafft. -
    Figaro l - Figaro qu! Noch einmal wandelte der Edle Dietrich Huler von
Hauenbleib, ein wohlbeleibt, behbig Mnnlein und immer noch Grau in Grau, ber
den Schauplatz seiner segensreichen Ttigkeit, hierhin grend, dorthin winkend
und einen letzten Sorbetto auf der Piazza Bra schlrfend. Welcher Vogel um diese
Jahreszeit in dem Granatbaum singen mochte, es gab keinen vergngteren Vogel
rund um die dreifachen Verteidigungslinien der Stadt als den Edlen von
Hauenbleib am letzten Abend seines diesmaligen Aufenthalts in Verona.
    Ich werde auch dem Mdchen einen Spa machen, so wenig sie es um mich
verdient! murmelte er. Aber wenn man der ganzen Welt seinen Segen geben
mchte, wie knnte man da sein eigen Fleisch und Blut ausschlieen? In Venedig
kaufe ich dem dummen Ding einen Schmuck, so prachtvoll ich ihn finde, und da ich
den Conte ebenfalls dort finden werde, so meine ich, wir bringen auch diese
Angelegenheit, da wir augenblicklich so gut im Zuge sind, endlich in
Richtigkeit. Da kann sich das Tonerl dann wirklich nicht beklagen, da ich mit
leeren Hnden nach Haus gekommen sei, und hoffentlich wird sie dann sowenig
gegen den Grafen wie gegen den Schmuck mit ihren gewhnlichen albernen
Einwendungen vorrcken und mir die Laune verderben.
    Er sah in diesem Moment nicht darnach aus, als ob er sich je in seinem Leben
die gute Laune habe verderben lassen.
    Nicht ohne eine gewisse Berechtigung

Evviva Vittorio
Emanuele

summend, zog er sich in sein Quartier zurck und reiste am andern Morgen nach
Venedig ab.

Es war im Anfang ein lachender Morgen, und erst hinter Vicenza bezog sich der
Himmel mit einem leichten Regendunst, der hinter Padua zu einem wirklichen Regen
wurde. O knnten wir unsere besten Freunde und Freundinnen in die Stimmung des
Edlen auf dieser Fahrt versetzen und sie dauernd darin erhalten! Mit wahrhaft
wollstiger Befriedigung dehnte er sich in seiner Ecke, blies leichte blaue
Wlkchen aus seiner Zigarre und sah mit halbgeschlossenen Augen die
Rebengehnge, die alten und neuen Schlachtfelder, die Maulbeerpflanzungen, die
alten romantischen Stdte, Stdtchen, Drfer, Flecken und Villen bis zu den
Tiroler Bergen hin vorberfliegen. Als es, wie gesagt, in der Nhe des
Adriatischen Meeres anfing zu regnen, versank der Trumer in einen
Halbschlummer, der ser als alles brige war, und da er die lange Brcke von
Mestre wohl schon einige hundert Male passiert hatte, so erweckte ihn das
Donnern des Zuges auf derselben keineswegs. Er erwachte zum vollen Bewutsein
erst im Venediger Bahnhof und sagte ghnend:
    Ah, das waren vier sehr angenehme Stunden. O Gott, wie billig sind doch die
Gensse dieses Lebens, wenn man zu genieen versteht!
    Aber wenn der Edle von Hauenbleib bei vollem Bewutsein war, so wute er
vor allen Dingen klar und scharf, da die Geschfte den Vortritt vor jeglichem
Vergngen zu beanspruchen haben. Er lie sich deshalb schleunigst zu seinem
gewohnten Hotel rudern und gab auf der Stelle den verschiedensten Leuten
Nachricht von seiner Ankunft in der alten Kaufmannsstadt. Die also
Benachrichtigten lieen dann auch nicht lange auf ihre Besuche warten, und die
mannigfaltigsten Konferenzen dauerten einige Tage hindurch, oft bis tief in die
Nacht hinein. Aber das alles war doch nur ein behagliches Tndeln mit einem
delizisen Nachtisch nach aufgehobener ppiger Tafel, und wir - wir haben nur
einer einzigen Verhandlung beizuwohnen. Diese hat denn aber auch ein um so
greres Interesse fr uns, obgleich hoffentlich niemand erwarten wird, da es
sich dabei um all die oft besungenen, gemalten und photographierten
Herrlichkeiten und Schnheiten Venedigs, um Historie, um die Wunder der Kunst
und der Natur, um Gondeln, Serenaden, Ave-Marias und Mondenschein auf den
Lagunen handelte.
    Es regnete ja in Venedig, und:

    Sankt Johannes im Kot heit jene Kirche; Venedig
    Nenn ich mit doppeltem Recht heute Sankt Markus im Kot.

Freilich haben auch wir diesmal ein doppeltes Recht, von dem Ort und der
Gelegenheit so geringschtzig zu sprechen, indem wir uns leider die Freiheit
nehmen mssen, unsere Leserinnen in wirklich ausnehmend schmutzige Gesellschaft
einzufhren; denn wir treffen jenen Herrn im eifrigen Gesprch mit dem Edlen von
Hauenbleib, welchen der letztere augenblicklich seinen besten Freund nannte.
    Es war, an dem drckend schwlen, feuchten Tage, ein khles, weites,
stattlich-dmmeriges Gemach, in welchem der Edle mit seinem Freunde, dem Grafen
Basilides Conexionsky, bei einem Glase duftiger Eislimonade und einem Bndel
Zigaretten im vertraulichen Gesprch sa, whrend vor den offenen
maurisch-gotischen Fenstern der Regen leise niederrieselte und ein
mittelalterlicher venezianischer Nobile, der vor einigen Jahrhunderten
vielleicht ebenfalls recht gute Geschfte gemacht hatte, aus seinem gebrunten
Rahmen von der Wand wohlwollend auf sie herabsah und seine rechte Freude an
ihnen zu haben schien.
    Der Conte Basilides, ein lang aufgeschossener, in ein hellfarbiges
Sommerkostm hineingeschlotterter Mensch von ungefhr fnfunddreiig Jahren, lag
seiner ganzen Lnge nach auf einem dunkelroten Diwan; der muntere Greis dagegen
sa aufrecht, mit seinem neuen Bndchen im Knopfloch, in einem Stuhl, der einst
das Eigentum des Venezianers an der Wand gewesen sein konnte, beobachtete und
betrachtete den Grafen scharf und aufs zrtlichste und sagte eben:
    Also, mein Lieber, es bleibt dabei. Sie geben mir das Zeugnis, da ich
meinerseits alles tat, mgliche Hindernisse des Glckes meiner Kinder - ich sage
meiner Kinder, mein Sohn! - aus dem Wege zu rumen: Sie begleiten mich nach
Wien, und wir bringen die Sache zum Abschlu wie verabredet.
    Weshalb sollte es nicht dabei bleiben, Babbo Teodorico, allersester
Schwiegerpapa? sthnte der Graf, beide Arme unter den Hinterkopf schiebend.
Gewi begleite ich Sie, und zwar um so enthusiastischer, je weniger ich Ihnen
das verlangte Zeugnis verweigern kann. Ach, stren Sie die Sigkeit dieses
Momentes nicht durch unntige Worte - Sie wissen es ja nur zu gut, Sie
Grausamer, welch eine innige Sehnsucht nach diesem - diesem erfreulichen
Abschlu ich seit Monden mhevoll zu unterdrcken hatte. Sie wissen es nur zu
gut, was ich litt, wie ich litt und warum ich litt, Sie herzloser Mann.
Bewundern mute ich Sie immer, selbst vor einem Vierteljahre, als Ihr Gestirn
bedenklich in cadente domo stand: ein um so greres Vergngen macht es mir, Sie
heute - lieben und bewundern zu drfen! Wahrhaftig. Alter, Sie haben Ihre
Chancen glorreich zu benutzen gewut - es lebe Verona und mit ihm Romeo und
Julia, Basil und Antonia! Da sitzen Sie wieder und sind Ihr Gewicht in Gold
hundertfach wert, und hier liege ich, den Edelstein meines Wertes im Busen, und
fhle die Schwingen wachsen, die mich meinem holdesten Lebensziel entgegentragen
sollen, Ja, Babbo, Babbo, Sie sind das begehrenswerteste Grovterchen, welches
mir jemals in meinem Leben begegnete, und morgen mit dem ersten Dampfschiff
gehen wir nach Triest hinber.
    O Basilides, wenn Sie wten, Basilides, wie sehr ich Sie um diesen Ton, in
welchem Sie zu mir reden, beneide, so wrden Sie denselben nicht mit einer
solchen Virtuositt gegen mich anstimmen! sprach der Edle, welcher diesen Ton
durchaus nicht nach seinem Geschmack fand und nicht wenig darunter litt,
obgleich er wirklich unter Umstnden ebenfalls ein Virtuose darin war, wie er
das zum Beispiel vor einigen Jahren in Krodebeck unter den Barbaren des
Herzynischen Waldes zur Genge bewies. Lassen Sie uns ernst sprechen, Graf,
fuhr er fort, ich halte das Glck meiner Enkelin fr einen Gegenstand der
ernsthaftern Unterhaltung.
    Ich bin ernst und offen - ich bin nie anders, Signor, erwiderte der Graf;
aber ich bin heute glcklich, und ich habe das Recht, glcklich zu sein; denn
aufrichtig gestanden, mein sehr wrdiger Freund, noch vor zwlf Wochen sah es
kaum danach aus, da wir je zu einem solchen angenehmen Geplauder uns
zusammenfinden wrden. Ihre besten Freunde, und ich habe das Recht, mich
dazuzurechnen, hatten Ihre Stellung aufgegeben und hielten Sie fr verloren,
unwiderruflich verloren, was wollen Sie? Sie vor allen sollten meine Heiterkeit
zu wrdigen wissen; denn ach, Sie allein wren ja nur imstande gewesen, meine
Verzweiflung zu messen, wenn das Fatum mich gezwungen htte, das seligste
Verhltnis, das ich je entrierte, abzubrechen, Babbo!
    Babbuino! sprach der Edle Dietrich Huler von Hauenbleib in der tiefsten
Tiefe seiner Seele; uerlich aber schnitt er nur eine bitterse Grimasse; ja
er vermochte es sogar, dem Pavian mit einem neuen Lcheln zu antworten.
    Sie haben recht, Basil; wenn auch nicht vllig, so doch in mancher
Beziehung, sagte er. Ich mu Ihre Behutsamkeit loben: denn ich wei sie zu
wrdigen, und sie gerade gibt mir die besten Garantien fr eine segensreiche
Zukunft. Da wir zusammen ernten wollen, so mu freilich vollkommene Offenheit
ber smtliche konomische Vorbedingungen zwischen uns herrschen. Ich werde mir
die Freiheit nehmen, in andern Dingen bei Gelegenheit ebenfalls so offen als
mglich gegen Sie zu sein, Basil. Ja, vor einigen Monden standen meine
Angelegenheiten nicht so gnstig wie heute. Einen Augenblick schien es, als ob
ich das Los aller jener Schwrmer zu teilen htte, jener braven, trichten
Leute, die sich immer, wie das Beispiel zeigt, wieder finden, um Glck, Kraft,
Vermgen, Blut und Seele dem allgemeinen Besten zu opfern, und zuletzt ihren
teuersten Illusionen zum Opfer fallen. Dem lieben Gott sei Dank, diese Gefahr
ist frs erste glcklich abgewendet. Meine Anstrengungen wurden mit dem besten
Erfolg gekrnt. Wir haben uns wiedergefunden, teuerer Basil! Das Gewlk hat sich
verzogen - die Luft ist wieder rein!
    Weshalb streckte der Graf Basilides Conexionsky pltzlich beide Beine gegen
die Zimmerdecke empor und krhte frmlich vor berwltigender Heiterkeit?
    Si, si, carissimo! rief er unter fortwhrenden Lachkrmpfen. Die Luft ist
wieder rein, und es geht nichts ber eine gesunde, reine Luft, kicherte er, und
diesmal versuchte der Edle von Hauenbleib vergeblich, zu lcheln, geschweige
denn mitzulachen.
    Vor drei Monaten hing in der Tat ein sehr schweres Gewlk, ganz unfigrlich
genommen, ber dem Haupte des Edlen, und die Luft um ihn her war so ungesund, so
unrein, da selbst seine besten Freunde - und beim Zeus, der Graf Basilides
gehrte zu seinen besten Freunden - sich die Nase nicht ohne Grund zuhielten.
    Es war durchaus nicht abzusehen, in welcher Art eine ungeheuere Lieferung
komprimierter Gemse endigen werde; denn der Dunst, der vierzehn Tage nach der
Ablieferung aus einigen der geffneten Bchsen emporstieg, war schauderhaft und
trieb selbst eine slowakische Arbeiterkompanie im Laufschritt aus den Magazinen.
Der Edle hatte allen Grund, von einem dstern Gewlk ber seinem Haupte zu
reden; aber der Edle hatte auch alles Recht, sich der endlichen Desinfektion zu
freuen. Mit Energie hatte er die verschiedenen Mittel und Mittelchen, die in
solchen anrchigen Fllen die Lfte am sichersten reinigen, angewendet, und das
Resultat war ein glnzendes gewesen. Der infernalische Duft hatte sich verzogen,
die slowakische Arbeiterkompanie war in die Vorratskammern zurckkommandiert
worden, und heute strahlte die Sonne des Glcks mit erneuertem Glanz auf das
wrdige Haupt des ehemaligen Barbiers von Krodebeck hernieder. Seine Enkelin war
von neuem eine sehr annehmbare Partie fr den Herrn von Conexionsky, und die von
dem Edlen so hochgepriesene Offenherzigkeit seines jngern Freundes legte der
Exbarbier hchstens als ein weiteres Zeichen des guten Herzens des Grafen zu den
brigen bereits vorhandenen Beweisen. -
    Nach einer frischen Papierzigarre greifend, gab aber Basilides Conexionsky
jetzt sowohl seinem Krper wie der Unterhaltung eine andere Wendung. Indem er
das wohlriechende Zndhlzchen, welches ihm der umsichtige Versorger Veronas
dienstbeflissen reichte, mit einem sanften Neigen des Kopfes nahm und
gebrauchte, sagte er:
    Ach, Vterchen, hren Sie den Regen! Hren Sie, wie er auf den Sumpf
niederrauscht! Man knnte fast vor trumerischem Behagen zum Poeten darber
werden! Es geht doch nichts ber einen solchen innern Frieden in Verbindung mit
einem solchen uern monotonen Gerusch. Mein Herz ist freilich in Wien; aber
mein Krper ist augenblicklich mehr als je auf diesem Sofa, und aus dieser
Trennung erwchst ein so auerordentlich anmutiges, ses, unsagbares Drittes -
ein, sozusagen, schwankendes Gengen, da die Phantasie in Wahrheit eine brutta
puttana sein mte, wenn sie sich irgend im geringsten bemhte, einen Namen
dafr aufzufinden. Beilufig, mein Bester, jetzt wre vielleicht der rechte
Moment gekommen, um mir etwas Ausfhrlicheres ber diesen jungen norddeutschen
Kavalier, der bis jetzt einige Male so sonderbar durch Ihre liebenswrdige
Konversation schkerte, mitzuteilen. Nicht, da er mich ber den Rauch dieser
Zigarre hinaus interessierte, allein Sie wissen, Papa, alle Menschen
interessieren den Weisen, zumal wenn sie sich in so angenehmer Weise und in so
innigster Vertraulichkeit mit der promessa in seinen Gesichtskreis einfhren.
Ist der junge Mann ein buon camarado, oder - oder das, was wir unter dem
Gegenteil verstehen?
    Der Edle von Hauenbleib drehte sich ein wenig in seinem Fauteuil und
antwortete: Mein lieber Sohn, da es Ihnen gefllt, auch dieses Thema zu
berhren, und ich gestehe wiederum, da Sie auch hier einiges Recht dazu haben,
so sollen Sie in dieser Hinsicht ebenfalls meine Seele so klar sehen wie den
blauesten italienischen Himmel.
    Mit einem Blick nach dem Fenster meinte der Graf lchelnd:
    Das freut mich, vorausgesetzt, da Sie nicht den heutigen Tag zum Brgen
Ihres Gleichnisses machen, Babbo! Offen gestanden, wenn mir jener junge
nordische Edelmann unendlich gleichgltig ist, so interessiert es mich doch
nicht wenig, zu erfahren, weshalb Sie nicht diesen Herrn von Lauen als Gemahl
Ihrer Enkelin vorzogen, da doch, wie mir scheint, mannigfache Umstnde, ltere
und neuere Bezge, heimatliche Neigungen und, wie ich fast Grund habe
anzunehmen, auch gewisse Herzensbedrfnisse dort oben in Wien fr ihn
sprechen?!
    Der Edle hatte Furcht - er hatte unbedingt sehr groe Furcht vor dem jungen
Adeligen mit dem slawischen Namen, und er htte nur das anzufhren brauchen, um
deutlich darzulegen, weshalb er den Grafen Basil Conexionsky dem armen Junker
Hennig vorzog. Er fhlte auch trotz allem eine gewisse, nicht unberechtigte
Neigung zu dem Grafen und htte auch dieses anfhren knnen; allein der Graf
wrde vielleicht am allerletzten eine derartige Erklrung erwartet haben und war
jedenfalls bereit, jede andere Auseinandersetzung eher gelten zu lassen.
    Sie wissen genug von meiner Vorgeschichte und der meiner Enkelin, teuerer
Basil, als da ich ntig haben sollte, noch einmal darauf zurckzugreifen,
sprach der Edle Huler von Hauenbleib. Und da ich in dieser Beziehung Ihnen
gegenber so ziemlich auf demselben Standpunkte mich befinde und das Buch Ihres
Lebens sowie die hchst eigentmliche Chronik Ihres Geschlechts bis zurck in
das dritte Glied, bis zu dem glnzenden Ahnherrn, Ihrem eigenen sonderbaren
Herrn Grovater, zur Genge kenne, so verbrgt mir das, da auch Sie gar nicht
wnschen, in solcher Art mich zurckgreifen zu lassen. Wir kennen einander,
schtzen einander und knnen einander sehr ntzlich sein - das gengt
vollkommen, nicht wahr, lieber Graf?
    Vollkommen! ghnte Basilides. Aber greifen Sie ruhig, wie es Ihnen
beliebt; sie knnen mich stets nur auf das angenehmste berhren, fgte er
hinzu, und wenn ein Mensch imstande war, den Edlen von Hauenbleib aus der
Fassung zu bringen, so vermochte das der liebe Graf durch solche Bemerkungen.
    Allein der Edle fate sich, wie wir wissen, sehr rasch, und so rettete er
sich auch diesmal schnell, und zwar wiederum durch ein Wort, welches er nur in
der Tiefe seiner Seele sprach, und fuhr laut fort:
    Wenn ich also ber gewisse Tatsachen schweige, so kann ich ber die Gefhle
und Empfindungen, welche sich an ebendiese Tatsachen knpfen, da Sie es
wnschen, nicht schweigen. O Dio, wie gern wrde ich jene Idylle von Krodebeck,
welche mir dieser Herr Hennig von Lauen vertritt, in den Kreis meiner
Anschauungen, Geschftsverbindungen und Hoffnungen aufnehmen; aber es geht
nicht! Ich wei kaum, wie ich mich in diesem Punkte Ihnen gegenber delikat
genug ausdrcken kann, und hoffe nur, da wir uns auch hier, ohne viele Worte,
verstehen werden. Ach, Basil, Sie machen sich keinen Begriff von dem Wust der
Vorurteile, kleinlichen Ranknen und philisterhaften Begriffsverwirrungen,
welche dort unten in jenem albernen Erdenwinkel in den Kpfen der Leute nisten,
brten und sich ins Unendliche vermehren. Dagegen ist die grte Intelligenz
machtlos, und selbst Ihr Witz, mein Freund, wrde vor so groartiger Stupiditt
klglich die Flagge streichen mssen. berlegen Sie es nur! Wrde ich heute mit
Ihnen hier in Venedig sitzen, wenn es ginge, wenn es gegangen wre? Als ich vor
drei, vier Jahren dort war, brachte ich einige Illusionen hin und glaubte mich
der kuriosen Rumpelkammer zum mindesten gewachsen; allein ich fand schnell
genug, da ich mich sehr hierin getuscht hatte. Ich gestehe Ihnen offen, werter
Graf, da ich nichts in meinem Leben so sehr bereut habe als jene Reise und da
meine ganze Tatkraft dazu gehrte, die Rute, welche mir da band, im Laufe der
Jahre wieder aufzulsen.
    Der Graf Basilides nahm die Zigarette aus dem Munde, seufzte zrtlich, kte
die Fingerspitzen der rechten Hand und warf einen Ku in die weite Ferne - nach
Wien - in die Vorstadt Mariahilf; und der Edle von Hauenbleib wute den Gestus
vollkommen zu deuten und sagte:
    Sie haben wiederum recht, Basil. Da ich Sie gefunden habe, den Mann ohne
Vorurteile, den Menschen, welchen ich mein ganzes Leben hindurch suchte, um
alles mit ihm zu teilen, den Mann, der wirklich die Absicht hat, alles zu
gewinnen, und im Notfall alles daransetzt, um eine Grille zu befriedigen, wenn
sie ihm einmal durch den Kopf fuhr, den wahren, wirklichen Ritter ohne Furcht
und Tadel, so wre es lcherlich, einen falschen Schritt zu beklagen, der doch
auch nur zum Glcke gefhrt hat, indem er dazu dient, uns beide auch durch liebe
verwandtschaftliche Bande zu vereinigen.
    Mille grazie, lchelte der Graf, brigens heirate ich die se Antonie
nur, weil auch ich entsetzlich viele Vorurteilte hege, dieselben liegen nur nach
einer andern Direktion als die anderer Leute.
    Und sehen Sie, fuhr der Edle, ohne auf die Unterbrechung zu achten,
begeistert und gerhrt fort, sehen Sie, trotz ihrer doch sehr fraglichen
geheimen Neigungen wei meine Enkelin so gut als ich, da Krodebeck
unwiderruflich hinter uns liegt, da jener junge Mensch nicht nur ein Tlpel
ist, sondern auch ein kompletter Esel gerade in Hinsicht auf diese fragliche
Neigung; und deshalb - deshalb, Signor Conte, treffen auch hier unsere
Kalkulationen zu und knnen wir auch hier heiter, hell und freudig in eine
lachende Zukunft blicken.
    Unbedingt! sprach der Graf mit einem sonderbaren Blick auf den Redner und
einem eigentmlichen Zucken um die Mundwinkel. In dieser Beziehung gebe ich
mich am allerwenigsten irgendeiner Tuschung hin. Sie geben und ich nehme, ich
gehe und Sie nehmen, wie man an der Brse sagt; und, bei allen Freuden und
Herrlichkeiten des Paradieses, Sie haben recht, Papa, wir haben uns gefunden,
weil wir einander brauchen knnen, und wir knnen uns nicht fest genug
aneinander binden.
    Und deshalb kann es Ihnen wie mir nur sehr erwnscht sein, da dieser
nordische Balordo augenblicklich seinen Aufenthalt in Wien nahm. Er wird das
sentimentale Gnschen uns in unsere Wnsche, in unsere Berechnungen
hineintreiben. Er versperrt ihr den Weg nach jeder Seite; - ich kenne sie: um
ihn nicht unglcklich zu machen, wird sie uns, wird sie Sie, Basil, glcklich
machen; und, bei allem, was Ihnen heilig ist, Graf Conexionsky, ich gebe Ihnen
einen Schatz, einen Schatz, einen kstlichen, unbezahlbaren Schatz in dem Kinde
fr alles, was Sie mir durch Ihren Namen und Ihre Verbindungen zu bieten haben!
    Und bei Bacchus und Cythere, rief der andere aufspringend, ich liebe
dieses Mdchen seiner Mitgift, nach jeder Seite hin, zum Trotz und halte Sie,
Babbo Theodorich, fr den genialsten Kuppler, der jemals das Schne mit dem
Ntzlichen zu verbinden wute. Das Kind imponiert mir durch seine tiefe
Abneigung gegen Sie, ehrwrdiger Greis, gegen mich, gegen uns alle. Sie haben
keine Idee davon, wie mir das Mdchen imponiert und wie mich hier eine vllig
unbekannte Region, ein ses Zauberreich voll Lindenblte, Veilchenduft und
Nachtigallengesang bewegt, reizt und zu allen mglichen Entsagungen befhigt. Es
ist ein so neues, ungewohntes, anmutig-bngliches Gefhl, irgend etwas
respektieren zu mssen. Eine verschchterte galizische Landbaronesse von
sechzehn Jahren kann ihrer superior finishing-governess gegenber nichts
empfinden, was ich nicht ebenfalls zu den Fen dieses holden Wunders empfinde.
Sie hat uns alle und mich mehr als alle, und deshalb will ich sie haben mit
ihren Kinderaugen, in ihrem weien Kleidchen, und in ihrer Gesellschaft den
Versuch machen, wie es sich eigentlich leben lt im Buchenwldchen unter
Nachtigallengesang und Veilchenduft. Ach, wir werden sehr glcklich miteinander
sein!
    Wrde ich sonst diese Verbindung gewnscht, erstrebt oder zugelassen
haben? fragte der Edle mit einem so zrtlichen Vorwurf in Stimme und Gebrde,
da der Graf Basilides mit dem Ausdruck hchsten Ekels und berdrusses die
Zigarette dem edlen Venezianer an der Wand an die Nase warf und sich zurck auf
den Diwan.
    Es entstand eine lngere Pause, in welcher jeder der beiden Herren seinen
eigenen Gedanken nachhing; dann fragte der Graf:
    Sie haben natrlich in den letzten Zeiten recht eifrig mit Wien
korrespondiert; - wie werden wir die Stimmung dort finden?
    Befriedigend, wie ich hoffe. Das Kind scheint wieder einmal ein wenig an
den Nerven zu leiden, aber das hat nichts zu bedeuten. Sie schreibt von
Mdigkeit, aber wie mir scheint, sozusagen geduldiger, sanfter, hingegebener.
Sie bittet mich, mir keine Sorgen um sie zu machen -
    Und dazu wird man Sie ersuchen, Babbo, Sie mit verhaltenen Trnen bitten,
uns Ruhe, Ruhe zu lassen - unser armes Herz nicht zu qulen, nicht ungeduldig zu
werden, und so weiter- eh?
    Die Briefe stehen smtlich zu Ihrer Verfgung, lieber Sohn!
    Der Graf winkte abwehrend mit der Hand.
    Den Jugendfreund, den lieben Spielkameraden werden wir also jedenfalls noch
in der Stadt vorfinden?
    Der Edle von Hauenbleib lachte.
    Ich lese in dieser Hinsicht mancherlei zwischen den Zeilen. Sie wissen ja,
Basil, da ich zwischen den Zeilen zu lesen verstehe. Dem Burschen scheint es im
Kreise unserer Freunde recht zu behagen, und ich habe auch aus jenen Kreisen
Nachrichten, welche mich nicht wenig erheitern. Die arme Tonerl! Ich habe ihr im
Anfang ziemlich barsch meine Ansichten ausgedrckt; allein ich empfinde jetzt
einige Reue darber. Man macht sich eben viel unntige Sorgen in dieser
wunderlichen Welt, lieber Graf. Jaja, es gefllt dem jungen Mann sehr gut in
Wien, und die Tonie ist sehr berrascht und einigermaen aus aller Fassung
darber gebracht. In einem Postskript hat sie mich neulich selbst gebeten, dem
armen Teufel mein Haus zu verbieten, und in einem letzten Billett habe ich ihr
natrlich den vortrefflichen Landsmann auf das beste empfohlen und ihm selber
alle Annehmlichkeiten meines Wiener Etablissements zur Verfgung gestellt. Man
hlt eben alte Verbindungen und Bezge aufrecht, auch wenn man keinen momentanen
Nutzen davon sieht und wenn man hflich ohne Gefahr sein kann.
    Wann geht das Dampfschiff? fragte der Graf.
    Morgen frh um sechs Uhr.
    Benissimo! lallte Basil. Was sagen Sie zu einem Akt der Traviata?
    Wie Sie wnschen! Ach, Basil, Sie haben keine Ahnung davon, wie jung ich
mich nach den Qualen, Anstrengungen und Aufregungen der letzten drei Monate
fhle!
    Und Sie haben keine Ahnung davon, wie sehr ich Sie beneide, erwiderte der
Graf, und diesmal im bittersten Ernst, und doch ahnte er nicht zur Hlfte, wie
ernst ihm dieser Neid sein mute. -

                           Dreiunddreiigstes Kapitel


Sie reisten ab von Venedig und kamen gesund und wohlbehalten in Wien an; aber es
muten sich doch sowohl auf dem Dampfer wie auf dem von ihnen benutzten Bahnzug
einige ausnehmend Gerechte befinden, um die erfreuliche Tatsache zu ermglichen.
In gelassener Heiterkeit kamen beide, der Graf wie der Edle, in Wien an, und da
Leute ihres Schlags auf Erden so ziemlich allein das Recht haben, ihr Leben nach
ihrem Willen einzurichten und mit den Nachteilen die berwiegendsten Vorteile
hieraus zu ziehen, so wre es sehr undankbar und ein groes Unrecht gegen ihre
Gtter gewesen, wenn sie nicht in vergngter Stimmung sich befunden htten.
    Der Edle fuhr natrlich sofort vom Sdbahnhof seinen Laren und Penaten zu
und berlie den jngern Freund bis zum nchsten Morgen seiner eigenen
Schicksalsgttin, und da diese stadtkundig genug war, so fhrte sie ihn recht
behaglich sowohl durch den Rest des Tages als auch durch einen bedeutenden Teil
der Nacht.
    Doch das Behagen des Grafen Basilides kmmert uns augenblicklich weniger als
das des Edlen von Hauenbleib, und diesen auf der Heimfahrt durch die muntere
Stadt an diesem sonnigen Sptnachmittag zu sehen war ein Vergngen fr jeden,
der dem Manne nichts Bses gnnte.
    Sein Lcheln auf der Reise durch die Lombardische Ebene war gar nichts im
Vergleich zu dem frhlichen Glanz seiner Physiognomie auf seiner jetzigen Fahrt
durch die heimatlichen Gassen. Nie erschien er so jung, so wohlkonserviert wie
heute.
    Er hatte den Hut abgenommen und fuhr immer von neuem mit der Rechten ber
den silbergrauen Scheitel, wie um seine innerliche Freudigkeit niederzureiben.
Er hatte mehrere Westenknpfe springen lassen mssen und sah alle Augenblicke so
zrtlich trumerisch nach der Uhr, da er, wie er zu seinem Schrecken sogleich
bemerkte, verschiedene wertvolle Bekanntschaften bersah und vorberfuhr, ohne
tief und lchelnd gegrt zu haben.
    Diese Versumnisse khlten ihn ein wenig ab, er lie fortan die Uhr stecken,
rieb nur mit beiden Hnden die Knie und hauchte vorkostend, aber die Leute zur
Rechten und zur Linien scharf im Auge behaltend:
    Ausgezeichnet!... vortrefflich!... angenehm... hchst angenehm!
    Er bersah nun keine Bekanntschaft mehr, und er hatte viele Menschen zu
gren; aber er nickte auch aus allgemeinem Wohlgefallen an der Menschheit und
vorzglich an der Wiener Menschheit ununterbrochen vor sich hin.
    Endlich hielt der Wagen vor dem Hause in der Mariahilfer Hauptstrae. Es
entstand eine groe Bewegung sowohl unter den dunkelfarbig gekleideten Frulein
unter dem Zeichen der trauernden Hekuba wie in dem Lokale links von der Haustr,
allwo die naschenden Vernichterinnen aufgekeimten Wohlstands, die rosigen
Jungfrauen und Dienerinnen der schnen Helena, die Chignons an den
Spiegelscheiben zeigten und den heimkehrenden frhlichen Greis holdanlchelnd
mit Kichern und Kuhndchen begrten. Der Edle von Hauenbleib hatte einen
wohlwollend-verstndnisreichen Blick nicht nur fr die schne Helena, sondern
auch fr die trauernde Hekuba; aber er hielt sich diesmal nicht bei ihnen auf,
sondern stieg eilig die Treppen empor, warf im Vorbertrippeln eine Visitenkarte
in den Briefschalter der Nilassidantia und war nach fnf Minuten bei sich selber
derartig zu Hause, als ob das Festungsviereck nur ein Traum im Traum fr ihn und
die Verproviantierung Veronas ein Besuch im Kontor des benachbarten
Wechselagenten gewesen sei.
    Er hatte von Toinette vernommen, da Antonie sich ein wenig zum Schlummer
niedergelegt habe, hatte lchelnd, mit dem Finger auf den Lippen, tiefes
Schweigen geboten und war in seine eigenen Gemcher geschlpft, wo er behaglich
ein halbes Stndchen seiner Toilette widmete, um sodann mit der hbschen
Kammerjungfer eine lngere und ziemlich ernste Konferenz zu halten. Da er es
verstand, unter allen Umstnden seine Fragen zu stellen und das Wichtige von dem
Unwichtigern zu scheiden, so erhielt er einen ziemlich genauen Bericht ber
alles, was sich whrend seiner Abwesenheit zugetragen hatte. Da er jedoch
vollstndig dadurch befriedigt worden wre, knnen wir leider nicht sagen; denn
er entlie die Jungfer mit einem recht mimutigen Kopfschtteln und schritt noch
eine geraume Zeit in seinem Zimmer auf und nieder, ehe er sich so weit gesammelt
hatte, um sich mit der gewohnten Zrtlichkeit persnlich nach dem Befinden
seiner Enkelin erkundigen zu knnen.
    Das wre in der Tat wieder ein Strich durch die Rechnung, und zwar einer
ganz nach ihrem Geschmack! murmelte er verdrielich. Sie wre dazu imstande!
Sie wre imstande, mir aus reinem Eigensinn ein Konto drunten in dem
Trauermagazin zu erffnen. Ach was, die Toinette wird sich ebenfalls zur Nrrin
haben machen lassen - wahrhaftig, sie war mir viel zu gerhrt. Aber das ist
Weiberart - da ist nicht einer zu trauen, die hellsten verlieren die Balance, wo
irgendeine sentimentale Dummheit ins Spiel kommt. Nun, wir werden ja sehen! Aber
eines steht fest, man soll in diesen Dingen nichts zu leicht nehmen: eine solide
Notiz an meinen jungen Freund aus Krodebeck zur rechten Zeit wrde mir manche
Unannehmlichkeiten erspart haben. Jedenfalls werde ich ihm heute noch einige
schriftliche Worte zukommen lassen und ihm die Dinge ins rechte Licht rcken.
    Nach einer weitern halben Stunde sa er klar, erfrischt, mit dem gewohnten
Gleichmut auf dem Gesichte und im prachtvollsten Schlafrock neben dem Sessel
seiner Enkelin, von Teilnahme und Zrtlichkeit berquellend: er hatte die Sache
nicht so bedenklich gefunden, wie er sie sich einige Augenblicke lang nach dem
Bericht Toinettes vorgestellt hatte.
    Antonie war freilich nicht so wohl, als man es htte wnschen mgen; allein
einen Grund zu irgendwelcher tiefergreifenden Besorgnis fand der Edle durchaus
nicht vorliegend. Er fand sie ein wenig fieberisch, ein wenig unruhig, allein
beides doch nicht mehr als bei seiner Abreise vor vier Monaten, und damals
hatten ihn die rzte gebeten, sich keine unntigen Sorgen um die junge Dame zu
machen, welchen Bitten er gern nachgegeben hatte.
    Ich hatte recht, mich vorhin nicht durch die Kammerkatzenzimpereien
beunruhigen zu lassen, dachte er. Und brigens, glaube ich, wrde die Tonerl, um
mich zu rgern - vorzglich bei einem solchen Nachhausekommen zu rgern, alles
tun; und ich halte es fr gar nicht so schwer, die Sterbende zu spielen; eine
wahnsinnige Ophelia oder einen bldsinnigen Knig Lear knnte auch ich agieren,
ohne da man mich auslachte.
    In diese irenischen Anschauungen sich immer mehr und immer beruhigter
vertiefend, brauchte der Edle natrlich seinem grovterlichen Herzen keinen
Zwang mehr anzutun. Nachdem ihn das liebe, teuere Kind, die gute, beste Antonie
mit allen ihren Zustnden hatte bekannt machen mssen, konnte er, ohne als ein
Barbar zu erscheinen, harmlos, offen und herzlich sie auch ber alle Umstnde
seines eigenen Befindens und alles das, was er zur Erhaltung desselben fr
zweckmig erachtet hatte und erachtete, vertraulich unterhalten, und Antonie
Huler legte darum nur von Zeit zu Zeit fters die Hand auf die Stirn, zog sich
nur ein wenig tiefer in ihre Kissen zurck und atmete nur um ein klein wenig
schneller und angstvoller.
    Es war eigentlich rhrend, den alten Sanguiniker in seinen herzinnigen
Auseinandersetzungen und eifrigen Gestikulationen zu hren und zu sehen. Es war
ihm Ernst um das, was er noch fr seinen Komfort, fr sein Glck in seinem Leben
zu tun und durchzusetzen beabsichtigte, und der Ernst - wohin er sich auch
richten mag - ist immerdar eine interessante, nachdenkliche Erscheinung in einer
Welt, wo der Ernst fast immer nur von auen an die Menschen herandringt, wo die
Million dahingetrieben wird und der Wind in der Tat das Wahre und das Blatt im
Winde wirklich nichts ist.
    Da der Graf Basilides Conexionsky augenblicklich so unzertrennlich mit dem
Komfort und dem Glck des Edlen Dietrich Huler von Hauenbleib verbunden war,
war freilich recht traurig fr Antonie Huler, aber ndern lie sich nichts
daran. Der Edle hoffte auch fest, da das Kind solches einsehe und endlich
einmal Vernunft annehme und endlich einmal ihrem alten, wohlmeinenden Grovater
in einem Wunsche freudig und offen entgegenkomme und endlich einmal einsehe, da
derjenige, welcher in der Komdie des Lebens mitzuspielen wnsche, auch das
passende Kostm anzulegen und die ntige Schminke anzuwenden habe.
    Wir spielen alle trotz dem hellsten Sonnenschein in einer knstlichen
Beleuchtung, und du nderst nichts daran, Tonerl! seufzte der Edle mit
gefalteten Hnden. Und welche Kostme, welche Kostme habe ich dir zu bieten?!
Denke an deinen Weg und sei dankbar. Du, du, du willst allein in der Loge
sitzen, whrend alle andern, ich sage, alle andern, auf der Bhne beschftigt
sind? Erinnere dich an das Fuhrwerk, auf welchem du vor dem Siechenhause zu
Krodebeck anlangtest, und sieh dich heute um, blicke um dich und berlege! Und
wenn ich es auch zugeben wollte, da du im Parterre dich ber unsere Sprnge auf
den Brettern mokiertest, die andern wrden es nicht leiden - du bist verloren
wie eine Herrnhuterin in einer Karnevalsnacht. O Tonerl, Tonerl, es ist nichts
schlimmer, als allein zu sein in der Welt, und du bist allein... aber zum
Henker, du bist zugleich nicht allein, denn du bist mein Eigentum, hrst du,
mein volles, eigenstes Eigentum, und ich dulde es nicht, da du noch lnger eine
Nrrin aus dir machst! Also bitte ich dich auf den Knien bitte ich dich, sei
lieb und sei verstndig - und kurz und gut, ich hoffe, da du morgen dem armen
Basil in einer andern Weise entgegentreten wirst, als dir bis dato zu meinem
grten Kummer und rgernis beliebte. Ach, wenn du wtest, was alles zwischen
eurem letzten Zusammentreffen und dem heutigen Tage liegt, so wrdest du
sicherlich nicht zgern - zgern, den gnstigen Moment festzuhalten! Und und
wenn du ahntest, welch eine edle, edle Seele du hier - auf deine Weise - dem
Verderben entreien kannst, du wrdest dich noch viel weniger bedenken, sondern
wie ein gutes, liebes Mdchen, das du doch trotz allem bist, herzhaft
zugreifen. -
    Allein und hlflos, sagte Antonie leise. Ja, ich bin allein; es wird mir
niemand helfen.
    Und dein Jugendfreund am wenigsten! fiel der Edle rasch ein. Sieh, Kind,
das wrde ich ja nur allzugern zugeben, da du den Jngling dir und uns
gewnnest. Dazu gbe ich heute noch meinen Segen. Ich kenne dein Herz durch und
durch, und du wirst mich verstehen, wenn ich dir mein Ehrenwort gebe, da ich
den Grafen Basil auf der Stelle zum Verzicht auf seine schnsten, innigsten
Wnsche zu bringen wissen werde, wenn du mir dagegen deinerseits die berzeugung
liefern kannst, da nach jener Seite hin alles gewonnen ist.
    Nein, nein, nein, das will ich nicht, das kann ich nicht! rief Tonie
Huler mit einem solchen Ausdruck des Schreckens, des Jammers und der
Verzweiflung, da der Edle trotz seiner Befriedigung ein wenig ngstlich seinen
Stuhl zurckschob. Er soll dein Haus nicht mehr betreten; er ist mir nichts -
er kann mir nie etwas sein. Ich habe selbst ihm deine Tr verschlossen; aber ich
habe doch keine Macht gegen ihn. O es soll alles so werden, wie du es verlangst;
nur verbiete du ihm dein Haus - auf den Knien bitte auch ich dich darum!
    Mein armes Kind! sprach der Edle, mitleidig das graue Haupt schttelnd. Er
sprach weiter nichts; aber er hielt einen Augenblick das Taschentuch Vor die
Augen, zog es wieder herab, kte die Enkelin auf die Stirn und verlie langsam
mit einem tiefen, tiefen Seufzer das Zimmer. Vor der Tr schlug er ein
Schnippchen, schob das Taschentuch in die Tasche, fate das Kammermdchen am
Kinn und sagte mit einem mehr als patriarchalischen Lcheln:
    Du albernes Gnschen!
    Darauf zog er sich von neuem in seine Gemcher zurck und berlegte.
    Was tue ich nun? - Wenn ich jetzt meinen eigenen Herzensbedrfnissen folgen
wollte, so mte ich dem Junker vom Lauenhofe nunmehr mit einem hflichen Gru
meine Ankunft melden und mich ihm mit allem, was mein ist, zu unbedingter
Verfgung stellen. Ich knnte nicht herzlich genug gegen ihn sein; ich knnte
ihn nicht dringend genug von neuem auffordern, mein Haus als das seinige zu
betrachten. Nein, nein, das wre doch zu grausam, und auch aus Rcksicht auf den
armen Basil wollen wir lieber diesen zartesten Saiten unseres Gemtes einen
Drcker auflegen. Ja, ich werde nur hflich gegen den Tropf sein; es ist doch,
alles in allem genommen, das einfachste und deshalb das beste.
    Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb ohne viel weiteres Nachsinnen
ein Billett an den jungen nordischen Freund, in welchem er demselben seine
Heimkunft in Begleitung des Verlobten seiner Enkelin, des Grafen Basilides
Conexionsky, ganz gehorsamst meldete und sich freute, die beiden Herren in den
nchsten Tagen miteinander bekannt machen zu knnen. Dazu hoffte er, da sich
ein recht inniges Verhltnis zwischen den beiden Kavalieren herstellen werde, um
dadurch ltere und neuere werte Bezge fr ihn - den Briefschreiber - in
anmutigster Weise zu verknpfen. Natrlich setzte er voraus, da der Herr Hennig
sich noch einige Zeit wenigstens in Wien aufhalten werde, damit auch er,
Dietrich Huler, imstande sei, wenn auch nur einen kleinen Teil der leider
versumten Gelegenheit nachzuholen und dem verehrten Gast nach seinen schwachen
Krften die Honneurs der Stadt an der blauen Donau zu machen.
    Damit schlo er und schickte noch am selbigen Abend einen Diener mit dem
Billett in die Taborstrae; und dann - dann gab es kein leichteres, wohligeres
Herz in ganz Ahaliba als das Dietrich Hulers Edlen von Hauenbleib. - -
    Es sind schon manche junge Leute ausgezogen wie Saul, der Sohn Kis', um
ihres Vaters Eselinnen zu suchen, und haben statt derselben ein Knigreich
gefunden. Allein bei weitem die meisten dieser Gnstlinge der Gtter erkannten
im gegebenen Fall den Wert dessen, was ihnen in die Hnde fiel, durchaus nicht;
oder wenn ihnen vielleicht eine dumpfe Ahnung darber aufging, so wuten sie
sicherlich nichts damit anzufangen. In dieser gerade nicht sehr ehrenvollen Lage
befand sich der Sohn der klugen Frau Adelheid, der Zgling des Ritters von
Glaubigern und des Fruleins Adelaide von Saint-Trouin - der Junker Hennig von
Lauen. Es gehrt immerhin ein fein organisiertes Geflecht der Nerven dazu, um
die wirklichen Knigreiche dieser Welt von den nachgemachten, den unechten, den
scheinbaren zu unterscheiden, und der gute Junker war von der Natur, wie wir
wissen, viel zu sehr begnstigt, um jemals durch seine Nerven veranlat zu
werden, eine wirkliche Krone, die doch immer nur eine Dornenkrone sein kann, vor
seinen Fen vom Boden aufzuheben.
    Hennig von Lauen fhlte sich schon seit einiger Zeit recht unbehaglich,
recht unglcklich in Wien und kam sich noch dazu vollstndig berflssig
daselbst vor. Seit jenem Morgen, welcher auf den Tag folgte, den er so heiter in
der Gesellschaft der schnen Freiin Zoe auf ihrer Hietzinger Villa verbrachte,
hatte das Leben in der heitern Stadt vieles von seinen Reizen fr ihn verloren.
Ohne irgendeinen Halt in sich oder in den Dingen auer ihm zu finden, trieb er
sich verwirrt und melancholisch umher, und um gerecht zu sein, mssen wir sagen,
da ihm solches eigentlich nicht gerade belzunehmen war; denn er befand sich
wirklich in einer bedenklichen, einer betrbten Lage.
    Er war dem nobelsten Antrieb seines braven Herzens an jenem Morgen nach dem
Fest gefolgt, und die Tonie hatte ihm dafr die Tr vor der Nase schlieen
wollen. Dieses hatte er sich freilich nicht gefallen lassen, allein die letzte
Harmlosigkeit im Verkehr mit der Jugendfreundin war nun gnzlich
verlorengegangen, und er war ganz wohl imstande, das zu empfinden und sich recht
darber zu grmen.
    Nun war er selten fr seine besten Freunde, und er hatte deren von allen
Arten, zu Hause. Einsam trieb er sich in der schnen Umgebung der Stadt umher
und suchte durch krperliche Anstrengungen die geistige Unruhe, die ihn hier
festbannte und ihm doch den Ort ber alles in der Welt verleidete,
niederzudrcken; und von einem Ausflug nach Baden zurckkehrend, fand er das
Briefchen des Edlen von Hauenbleib auf seinem Nachttische.
    Der Kellner, welcher ihm voranleuchtete und die Lichter anzndete, machte
ihn auf es aufmerksam, und der Junker betrachtete die Adresse, wie man jede
unbekannte Handschrift auf einem Briefe betrachtet, ehe man ihn ffnet. Er bekam
bereits viele schriftliche Notizen in Wien, und so konnte er, nachdem der
Kellner sich verabschiedet hatte, ziemlich gleichgltig das Miniatursiegel
erbrechen.
    Diesmal umnebelte ihm kein leichterer oder schwererer Rausch, nicht einmal
der Nachhall eines Rausches, Stirn und Augen; aber dessenungeachtet bedurfte er
mehrerer Minuten, ehe er die Meinung seines jetzigen Korrespondenten fate und
wrdigte. Dann wrdigte er sie aber auch gleich darauf um so mehr!
    Er stie einen Fluch hervor und trat vor seinem eigenen verstrten Bilde in
dem Spiegel vor ihm zurck. Unwillkrlich griff er nach dem Glockenzug, als
msse er das ganze Haus im Sturm zu seiner Hlfe zusammenluten.
Glcklicherweise zog er jedoch die Hand zurck; denn der National-Gasthof wrde
doch wohl keinen Rat und Trost fr ihn gehabt haben.
    Nun berlas er das Billett zum zweitenmal, knitterte es wtend zusammen und
warf es gegen die Wand. Was sollte er tun? Was konnte er tun? Er rannte umher im
Gemach und fiel auf einen Stuhl und suchte wenigstens einen Teil seiner Fassung
wiederzugewinnen. Er zog den Stuhl an den Tisch, sttzte den Kopf auf beide
Hnde, und - da sa er denn.
    Was sollte, was konnte er tun fr sie?
    Hatte er ihr nicht seine Hand angeboten? Hatte er sie nicht retten wollen?
Hatte er sie nicht fortfhren wollen aus diesem wsten Getriebe - zurck in die
Heimat, in das vergessene Fleckchen am Fue der Harzberge?
    Sie hatte ja das schne Haupt geschttelt, und zhneknirschend gestand er
sich selbst in dieser schweren Stunde als ein ehrlicher Gesell, da er ihr am
folgenden Tage gewissermaen dankbar dafr gewesen sei und da schon im ersten
Augenblick ein leiser Hauch der Befriedigung ber ihre Weigerung durch seine
Seele gegangen sei.
    Aber nun rttelte das Schicksal des armen Geschpfes, mit dem er doch nur
alle Holdseligkeit des Lebens daheim verknpft hatte, um so schrecklicher an
ihm. Am liebsten wre er mit Gewalt in das Haus in der Vorstadt Mariahilf
eingebrochen; am liebsten htte er als ein anderer Karl von Eichenhorst die
Tonie auf dem Sattelknopf entfhrt, trotzdem da sie nicht wollte; bei allen
Teufeln, es war zu niedertrchtig!
    Und in dieser Nacht - und whrend der Junker mit halbblinden Augen den Brief
schrieb, welchen der Ritter von Glaubigern, das Frulein von Saint-Trouin und
Jane Warwolf in dem chinesischen Pavillon zu Krodebeck zusammen lasen - lag
Tonie Huler still in ihrem Bettchen, still und regungslos, und frchtete sich
nicht.
    Es war zu traurig.

                           Vierunddreiigstes Kapitel


Beinahe vierzehn Tage gebrauchte der Junker Hennig von Lauen, um sich notdrftig
zu fassen, und nie whrend seines Aufenthalts in der Fremde hatte er mit solcher
Sehnsucht auf eine Lebensuerung aus Krodebeck und vom Lauenhofe gewartet als
dieses Mal. Er wartete vergeblich, und wir wissen weshalb. Da er die Sache den
Leuten zu Krodebeck so eilig als mglich gemacht zu haben glaubte, so begriff er
nicht im mindesten ihr Stillschweigen, und das machte ihn womglich noch
ratloser und zorniger. Er war ratlos im hchsten Grade. Hatte er das Recht, dem
Herrn Dietrich Huler einen Besuch auf seine freundliche Mitteilung zu machen
und ihm mit den Fusten auf den Leib zu rcken? Was wute er von dem Grafen
Basilides Conexionsky? In welcher Weise sollte er ihm gegenber auftreten?
    Der Name dieses Herrn war ziemlich hufig in der Unterhaltung seiner Wiener
Freunde und Freundinnen aufgetaucht, und jedermann schien eine Ehre darein zu
setzen, ihn zu kennen, und es fr ein groes Vergngen zu halten, mit ihm
verkehren zu drfen.
    Tonie hatte freilich nie von ihm gesprochen, und nun zeigte es sich
pltzlich, da sie ihn jedenfalls genau gekannt haben mute, da sie lngst im
allergenauesten Verkehr mit ihm gestanden haben mute!
    Und was hatte die schne Emanuele Werdenberg neulich, als er mit ihr nachts
von der Villa Wanesch heimfuhr, gesagt? Alle Augenblicke sah er erschreckt ber
die Schulter, als ob da eben jemand hinter ihm hhnisch und hell gelacht habe;
und dann lachte er selbst und nannte sich einen Dummkopf und hielt sich vor, wie
vielen rger, wie viele Sorgen und Unannehmlichkeiten er sich erspart haben
wrde, wenn er nach dem ersten Besuch in der Laimgruben ruhig nach Italien
weitergereist wre und sich bei Pisa dem Studium der Kamelzucht, seiner Absicht
gem, gewidmet htte.
    Heut knnt ich mich selber dort auf die Weide geben! rief er grimmig.
Dann wre doch Hoffnung, da ich einmal wieder in Krodebeck anlangen wrde -
mit einem Affen auf dem Buckel und einem Tanzbren, einer Querpfeife und Trommel
zur Seite. O du lieber Himmel, da fehlte dann wirklich nichts weiter, als da
meine Mutter noch lebte und ihr Vergngen an diesem Triumphzug haben knnte!
    Im nchsten Moment durchrieselte es ihn wieder hei und kalt:
    Es ist nicht wahr! Es ist nicht mglich! Sie spielt nicht mit in der
heillosen Posse! Sie ist nur elend und wird von den andern mit herumgezerrt und
kann sich nicht wehren. Beim Satan, weshalb glaube ich ihr denn nicht? Sie hat
nie ein unwahres Wort gesprochen. Ich hre ihre Stimme auf dem Lauenhofe hinter
den Hecken, wenn man sie rief und sie aus der Ferne antwortete; - als ob die
Stimme lgen knnte!? Weshalb der Chevalier nur nicht schreibt? Es kann ihm doch
kein Vergngen machen, sie - seinen Liebling hier im Pech zu wissen, von mir gar
nicht einmal zu reden! Wenn ich nur wte, was ich anfinge! Ein
frischgeschorener Pudel unter einem Sofa ist ein couragierter Kerl, ein Held
gegen mich. Was hilft es mir und ihr, wenn ich auch hervorkrieche, um die
hochverehrte, miserable Gesellschaft anzuheulen und anzubellen? Ich habe ja
nicht die kleinste Berechtigung dazu vorzuweisen, und sie htten das grte
Recht, mich auszulachen, und zwar ganz hflich im besten Ton. Hallo, aber wenn
sie mich auslachten und ich benutzte die Gelegenheit, um dem Don Basilio, oder
wie der Bursch heit, scharf auf den Leib zu rcken?! Das ginge vielleicht an!
Das ist wenigstens ein Gedanke! Da knnte ich auch ganz fein sein und brauchte
durchaus nicht aus dem guten Ton herauszufallen. Wir lernten einander bei der
Gelegenheit kennen, und auf diese Weise wrde einem von uns beiden jedenfalls
geholfen werden! Das ist wahrhaftig ein Gedanke, und es ist eine wahre Schande,
da ich vierzehn Tage brauchte, um ihn zu finden. Der Tonie wrden dadurch auch
noch einmal sozusagen die Wrfel in die Hand gegeben; dem alten Rattenknig, dem
Huler, wrde unbedingt fr einige Zeit das Konzept verdorben, und was das
beste ist, ich brauchte nicht mehr auf einen Brief aus Krodebeck zu warten.
Abgemacht! Auf Ehre, morgen mache ich dem Herrn von Hauenbleib den Gegenbesuch
fr seine Visite auf dem Lauenhofe!
    Seit vierzehn Tagen hatte Hennig von Lauen nicht so frei und leicht geatmet
wie an dem Abend, an welchem ihm dieser praktische, fr alle Parteien so
komfortable Gedanke aufging. Zum erstenmal seit vierzehn Tagen speiste er
wieder mit Vergngen und Appetit zu Nacht, um sich dann in das Karlstheater zu
begeben und mit bescheiden-heiterm Gemte den alten Nestroy in seinem eigenen
Meisterstck Einen Jux will er sich machen - zu bewundern. Das war ganz ein
Stck, sowohl fr sein allgemein sthetisches Verstndnis wie fr seine
augenblickliche Stimmung. Fr die hohe Komdie oder gar die Tragdie war er eben
nicht gemacht, und da er sich ganz gemchlich und wohl dabei befand, so knnen
wir ihm nur Glck dazu wnschen.
    Er kam vollkommen in Harmonie mit sich und der Welt heim, speiste zum
zweitenmal zu Nacht und trank diesmal, in seiner Ecke allein sitzend, fast
zuviel. Seit vierzehn Tagen hatte er nicht einen so ruhigen Schlaf genossen wie
jetzt, und als er am folgenden Morgen erwachte und mit etwas schwerem Kopf sein
Programm fr den heutigen Tag sich aufs neue zurechtlegte, fand er nichts daran
zu ndern und machte, seine rstige Gestalt und sein ehrlich Gesicht mit
auergewhnlichem Wohlgefallen im Spiegel beschauend, eine auergewhnlich
sorgfltige Toilette.
    Whrend derselben fiel ihm allerlei ein, an welches er viele Jahre nicht
gedacht hatte, und seltsamerweise spielte das Frulein Adelaide Klotilde Paula
von Saint-Trouin keine unbedeutende Rolle in diesen schwankenden Erinnerungen.
Der Junker von Lauen dachte an die Zeiten, wo er mit offenem Munde zu den Fen
der hohen Dame sa, mit dem tapfern Johann von Brienne Tyrus eroberte und Kaiser
von Konstantinopel wurde und alles glaubte, was das Frlen sagte, und nichts an
der Art und Weise, wie es es sagte, auszusetzen fand.
    Es ist doch angenehm, wenn man etwas auf sich halten darf! murmelte er,
und: Alles fr die Ehre! fgte er hinzu, sich seiner eigenen ritterlichen
Ahnen erinnernd.
    Ach - alles fr die Ehre! hatte auch jener Herr Hilmar von Lauen gerufen,
der im Jahre des Herrn 1578 mit dem einen Ende der groen Wurst in den Fusten
drei Tage und drei Nchte hindurch seinen Schemel im Kreise um die Sule im
Kommihaus zu Wolfenbttel rckte, und es war ein Glck zu nennen, da der
jetzige Junker von Lauen mit seiner Toilette zu Ende gekommen war, ehe er seine
Erinnerungen bis zu diesen Almen hinuntergefhrt hatte! -
    Wie gut hat's doch der Mensch, der endlich wei, was er zu tun hat, sagte
er vor dem Frhstckstisch im Kaffeehause. Was mag die arme liebe Tonie sich
ber mein Ausbleiben eingebildet haben? Na, jetzt wird alles recht werden! Ah,
und jetzt vorwrts! Wahrhaftig, nach einem reinen Gewissen geht doch nichts ber
solch eine reine, frische Morgenluft! Bei Gott, ich habe mich lange nicht so
sehr Krodebeck gefhlt wie in diesem Augenblick.
    Er trat hinaus in die Gassen und ging noch ein wenig spazieren. Im
Schaufenster eines Waffenhndlers betrachtete er lngere Zeit mit innerlichstem
Wohlbehagen ein elegantes Pistolenkstchen, und da in diesem Augenblick ein
anderer junger eleganter Herr neben ihm stehenblieb, blickte er denselben
unwillkrlich mit Interesse an und wrde sich wenig verwundert haben, wenn sich
derselbe ihm pltzlich als der Graf Basilides Conexionsky vor- und zur Verfgung
gestellt haben wrde.
    Da das aber nicht geschah, so ging er weiter und sah noch eine geraume Zeit
dem Exerzitium an der Franz-Josephs-Kaserne zu und verlor sich allmhlich dabei
vollstndig in seine eigenen heitern und finstern militrischen Erlebnisse.
Unter den nachdenklichsten Betrachtungen ber die Frage, ob die tschechischen,
slowakischen und hungarischen Flche und Liebkosungsworte, die ununterbrochen
durch das deutsche Kommando schnarrten, rollten, zischten und klapperten, an
Ausdruck und Bedeutung wohl denen seines eigenen alten Wachtmeisters
gleichkommen mchten, htte er beinahe die Visitenstunde versumt. Mit einem
pltzlichen Schrecken hrte er die Turmuhren schlagen und blickte auf die eigene
Uhr und richtete eiligst seine Schritte der Vorstadt Mariahilf zu. Wir aber
haben vielleicht wieder einmal Gelegenheit gehabt, uns zu berzeugen, da auf
sein Denken, Dichten, Tun und Lassen jetzt, wo sich unsere trbe Geschichte
ihrem Ende zuneigt, noch viel weniger ankommen kann als im Beginn derselben. -
    Vor dem Hause in der Vorstadt Mariahilf hielt ein Reitknecht zu Pferde mit
einem prchtigen ledigen Pferde, welchem der Junker von Lauen fnf Minuten lang
mit hchstem Verstndnis seine Aufmerksamkeit widmete, ehe er das Haus betrat.
Mit ihrem zuvorkommendsten Lcheln begrte ihn im dritten Stockwerk die schne
Toinette, und mit seinem hellsten, offensten Lachen kam ihm der Edle von
Hauenbleib unter dem Bilde des Zinsgroschens entgegen, nachdem ihn die
Kammerjungfer angemeldet hatte.
    Da sind Sie endlich! rief der Edle, beide Hnde ihm darbietend. Wie lange
haben Sie auf sich warten lassen, und meine liebe Tonie sagte mir doch, da wir
Sie ganz zur Familie rechnen drften. O Sie ahnen wohl, was alles mich
abgehalten hat, zu Ihnen zu eilen, Ihnen die Hand zu drcken, mein lieber junger
Freund, mein teuerster Landsmann? Aber nun ist alles recht - kommen Sie nur,
mein Schwiegersohn wird sich gleichfalls unendlich freuen, Sie endlich
kennenzulernen! Kommen Sie, Hennig, liebster Hennig - ach verzeihen Sie meine
Vertraulichkeit, ich bin im Glck - vollkommen Hans im Glcke, und da setzt man
ber alle dummen Mauern und Grben leicht weg und hat das Recht dazu. Jaja, ich
habe ja zu meiner Genugtuung auch bereits vernommen, da es Ihnen in unserm
schnen, gemtlichen Wien recht wohl gefllt! Jaja, unter Wlfen mu man eben
mit den Wlfen heulen! Kommen Sie, mein werter, teurer Landsmann, Ihr Name hat
eine recht innige, herzliche Aufregung da drinnen hervorgerufen.
    Dem Junker summte der Kopf, und Arm in Arm betrat er mit dem Edlen das
Zimmer Antoniens. Es schwindelte ihm, es drehte sich alles um ihn, er hatte ein
dumpfes Bewutsein, da er einem eleganten jngern Herrn im Reitkostm mit den
herzlichsten Worten vorgestellt werde; er hatte ein dumpfes Bewutsein davon,
da er etwas von Ehre und groem Vergngen murmele. Dazwischen schwankte, fast
noch undeutlicher, eine Vision von seiner Tonie in einem schwarzen Sammetkleide,
bleich und doch lchelnd, in ihrem Sessel; er wute ziemlich deutlich, da er
den Arm des Edlen sehr fest gepackt halte, und - wer es dem Edlen gesagt haben
mochte, jetzt war das Wort eine Wahrheit: er gehrte ganz zur Familie, und er
wute ganz bestimmt und klar, da man von ihm erwarte und innigst wnsche, er
werde diese Ehre, dieses Vergngen tief im Herzen zu empfinden und zu wrdigen
wissen und sich demgem auffhren und betragen. Am meisten klares Gefhl von
sich selber hatte er in dem Moment, als er eine kleine kalte Hand in der
seinigen hielt und jemand mit ruhiger, sanfter, aber tonloser Stimme zu ihm:
Guten Morgen, lieber Hennig! sagte; doch das ging schnell vorber, und nachher
dauerte es eine geraume Weile, ehe ihm seine Umgebung vollstndig klar und
bestimmt aus dem Nebel hervortrat.
    Noch eine geraume Weile hrte er gleich einem Betrunkenen nur Bruchstcke
der fortgesetzten Unterhaltung, die lngst weitergeglitten war, ehe er diese
Bruchstcke in irgendwelche logische Verbindung unter sich hatte bringen knnen.
Und als er endlich seine gewhnliche Beurteilungskraft wiedergewonnen, da mute
denn auch er einsehen, da es lngst zu spt war, hier die Lsung des Knotens
nach dem alten faustrechtlichen, oft ganz praktischen Modus vorzunehmen.
    Als ein alter Freund des Hauses war er von dem gerhrten Schwiegervater dem
Schwiegersohn vorgestellt worden, und mit dem freundschaftlichsten, offensten,
herzlichsten Entgegenkommen hatte ihn der Graf Basil angenommen. Es war eine
absolute Unmglichkeit, von dem klarsten Rechte, grob zu sein, Gebrauch zu
machen; durch auergewhnliche Hflichkeit, sozusagen durch einen Brennspiegel
von poliertem Stahl htte sich in dieser Hinsicht vielleicht noch etwas
ausrichten lassen; allein einen solchen Brennspiegel besa der Junker von Lauen
freilich nicht.
    Man sa ganz harmlos und plauderte, und zwar durchaus nicht ber irgend
etwas Auergewhnliches. Alle saen, nur der Edle stand oder lehnte vielmehr
hinter dem Sessel des Schwiegersohnes, etwas bedientenhaft zwar, aber doch nur
mit groer Mhe fhig, sich selbst zu bezwingen und den teuern Menschen nicht
alle zwei Minuten zrtlich ttschelnd auf die Schultern zu klopfen. Alle hatten
die Tr und damit auch die horchende Kammerjungfer im Rcken; nur Antonie sa
ihr mit dem Gesicht zugewendet. Wieder waren der Sonne wegen die Vorhnge
herabgezogen, aber ein schner Wind hob und senkte sie, durch die geffneten
Fenster spielend, und glnzende Lichter und magische Schatten durchtanzten
wechselweise das Gemach. Es hielt ein Wagen vor dem Hause, und Zoe von Wanesch
kam mit Emanuele Werdenberg - lachend, rosig, rauschend kamen sie und
schttelten perlende, blitzende Tropfen des Lebens von ihren Schwingen und aus
ihrem Gefieder, wie ein Paar weie Schwne, die sich im Sonnenschein halb aus
ihrem Element freudekreischend aufrichten. Sie kten Antonie auf die Stirn, und
sie lachten ber den Grafen Basil. Sie lachten ber den Edlen und lachten ber
den Junker von Lauen, und sie htten mit und ber jeden geweint, wenn es die
Umstnde erfordert htten - teilnehmend, naiv, herzlich und voll berquillender
Lust am Dasein unter allen Umstnden. Sie litten es nicht, da Antonie noch
lnger die Augen mit der Hand beschattete. Emanuele zog ihr liebkosend die Hand
herab und nannte sie ein dummes, ses, zuckerses Herzchen.
    Antonie, um Gottes willen! rief der Junker von Lauen. Antonie! Antonie!
    Sie sahen ihn alle darauf sehr verwundert an, und vor allen brigen der Graf
Basilides, welcher jetzt auch am meisten das Recht dazu hatte.
    Meine Herren - meine Damen - Herr Graf, das ist eine Grausamkeit! Das ist
eine -
    Tonie Huler erhob die Hand wieder und winkte dem armen Teufel: Sei still,
lieber Freund! Es ist nichts; - ich bin wohl und - sehr glcklich.
    Sie blickten smtlich wahrhaftig mit groer Verwunderung auf den Junker von
Lauen, und Zoe klopfte ihm mit dem Fcher auf den Arm: Liebster, wir sind en
famille. Weshalb sollten wir uns nicht glcklich fhlen? Und Emanuele drohte
ihm lchelnd mit dem Finger und legte denselben zierlichen Finger in demselben
Augenblick bedeutungsvoll auf die Lippen.
    Unterdessen war wieder ein Wagen vorgefahren, und ein alter Herr war
mhselig ausgestiegen, hatte die Nummer des Hauses mit einer Notiz in seiner
Brieftasche verglichen und war mhsam die Treppen hinaufgestiegen. Niemand hatte
den Klang der Trglocke vernommen, niemand den schweren greisenhaften Schritt im
Vorzimmer.
    Der Herr von Glaubigern! sagte die hbsche Kammerjungfer, voll
zweifelhaften Staunens den neuen Besucher meldend, und mit einem lauten Schrei
richtete sich das Pflegekind des Herrn von Glaubigern empor, stie mit heftiger,
krampfhafter Bewegung die sie auf beiden Seiten Umgehenden zurck und sank
langsam in die Knie, beide Arme nach dem Retter ausstreckend. Da der Edle von
Hauenbleib nicht in die Knie sank, hatte seinen Grund einzig und allein in der
vollkommenen Versteinerung des Mannes. Er wute die Bedeutung des Besuches sehr
gut zu wrdigen und sah glsern auf den alten Mann und wiederholte tonlos die
Meldung der schnen Kammerjungfer:
    
    Der Herr Ritter von Glaubigern! -

                           Fnfunddreiigstes Kapitel


Ja, da stand er! - so alt, so kmmerlich, halb blind und tief gebckt, und doch
ein Ritter und ein Held, dieser Chevalier Karl Eustach von Glaubigern - wie
vielleicht in diesen Tagen die menschenbevlkerte Erde keinen zweiten aufweisen
konnte, um damit vor dem milden Auge der Sonne zu prangen und sich zu rhmen!
    Es war ein weiter Weg aus dem chinesischen Gartenhuschen auf der Terrasse
zu Krodebeck in die Vorstadt Mariahilf; aber es war ein noch viel weiterer und
wunderbarerer Weg aus der mden, schlaftrunkenen, lngst wie in sich selber
verlorengegangenen Existenz des Greises in diese helle, grelle, wirbelnde
gegenwrtige Stunde hinein. Wahrlich lag ein Heroentum sondergleichen in dieser
Kraft, mit welcher der alte Mann aus der vergangenen Zeit den Leuten der
Gegenwart unter die Augen trat - ein vom Kopf bis zu den Fen geharnischter
Streiter, ein waffenrasselndes Gespenst, das den besten Willen hatte, den Kampf
auf Leben und Tod mit den erstaunten und bestrzten Herrschaften aufzunehmen,
und welches sich durchaus nicht aus dem goldenen, heiterblauen, vergnglichen
Tage, aus dem hellen Mittage hinweglcheln lie.
    Was der Edle von Hauenbleib auf der Stelle wute, das ahnten die brigen
bereits im nchsten Moment so bestimmt und deutlich, da der Herr des Hauses
sich jede weitere Erklrung ersparen mochte. Der Graf Basilides Conexionsky
wute ganz genau, was ihm die Ankunft dieses wunderlichen Ritters bedeute; er
erschien als der Ruhigste im Kreise, und da wir die Ehre hatten, ihn ziemlich
genau kennenzulernen, so wissen wir, da er auch wirklich vielleicht der
Ruhigste war. Er lehnte sich jetzt freundlich-nachdenklich auf den Sessel der
schnen Zoe, und um Augen und Mund zwinkerte und zuckte ein gar nicht
geheimgehaltenes Ergtzen ber die hndereibende Verlegenheit seines lieben,
teuern, verehrungswrdigen und verehrten Geschftsfreundes, seines Nonno
Teodorico von Hauenbleib, seines babbo carissimo, oder wie er ihn sonst in den
Momenten zrtlichster Vertraulichkeit zu nennen beliebte.
    Der Edle war in der Tat verlegen und rieb sich wirklich die Hnde. Er sprach
von der groen Ehre, die ihm und seinem Hause widerfahre, er bat seine Enkelin,
sich doch zu fassen und zu beruhigen; er bat mit dem klglichsten Blick im
Kreise umher um Hlfe, und vor allen Dingen wnschte er den Chevalier von
Glaubigern, die holde Zoe, die heitere Emanuele, den norddeutschen Krautjunker
und - sich selber zu allen Teufeln oder - mit Ausnahme der letzterwhnten
Persnlichkeit - in die allerunterste, tiefste und khlste Kasematte der von ihm
so unendlich geliebten und verpflegten Festung Verona.
    Sollen wir gehen? flsterte Emanuele Werdenberg der Freiin von Wanesch zu,
und Zoe bewegte leise das Haupt:
    Nein!... Natrlich nicht!
    Sie blieben natrlich, und sie blieben auch nicht die einzigen, welche an
diesem seltsamen Morgen dem Edlen von Hauenbleib und seiner Enkelin einen
Besuch machten. Es hielten noch mehrere Wagen vor dem Hause, und die Trglocke
klang, und Toinette meldete manchen wohlklingenden Namen. Es rauschten Schleppen
herein, und Kavaliere von allen Lebensaltern und Stellungen kamen, ihre
Glckwnsche zu bringen; die glnzenden, im Sonnenschein tanzenden Wogen stiegen
immer hher um den Greis und sein Pflegekind, und beide sahen und hrten nichts
mehr von dem, was sie umgab, umflsterte und in wachsender Verwirrung umdrngte.
    Der Ritter von Glaubigern hatte seinen Pflegesohn zurckgeschoben und sich
ber die Tonie geneigt. Er hatte sie wortlos aufgehoben, und sie hatte die Arme
um seinen Nacken geschlungen und hing an ihm, und er war stark genug, sie zu
halten und zu sttzen. Sie weinte laut und bitterlich, als ob sie beide allein
miteinander in einer Wste gewesen wren. Es war fr beide die Zeit vergangen,
wo sie auf die Gefhle der Leute um sie her Rcksicht nahmen, den Anstand
bewahrten und Furcht hatten, sich lcherlich zu machen. Sie waren ja allein in
einer Wste allein in der Wste des Lebens, der Lebendigkeit. Sie fhlten wohl
den Boden, den Fels, auf welchem sie standen, unter sich wanken, sie wuten, da
die Wogen um sie her wuchsen, da das Leben, die Lebendigkeit immer recht
behlt, sie wuten, da sie verloren waren, und sie waren doch glcklich und
sicher - gerade darum waren sie glcklich und sicher.
    Mit zrtlicher, liebkosender Hand streichelte der Ritter von Glaubigern
unter den Blicken des Edlen von Hauenbleib, des Grafen Basil, der schnen Damen
und des Junkers Hennig von Lauen der Tonie Huler die Wangen:
    Mein Kind!... Mein liebes, liebes Kind! Da bin ich; ich bleibe bei dir. Sei
still, mein Kind.
    Ich kann nichts sagen! Mein Vater, mein Vater! Und ich habe gedacht, da
niemand mir helfen wrde! Mein Freund mein Vater, wie bin ich nun in Sicherheit!
Hab Dank - Dank-
    Sie schlo die Augen und glitt mit einem schweren schmerzlichen Seufzer
langsam an der Brust des Greises herab. Der Ritter von Glaubigern sah mit einem
wilden, zornigen Blick umher; er schwankte unter der Last, und Tonie wrde ihn
mit sich zu Boden gezogen haben, wenn jetzt nicht Hennig und die Kammerjungfer
beide aufgefat htten.
    Pardon, sagte der Graf, das gndige Frulein - aber er vollendete nicht;
der Chevalier winkte ihm zu schweigen, und er schwieg wirklich. Fr die brigen
Herren und Damen wurde die Szene allmhlich ein wenig peinlich trotz dem
Interesse, welches sie so berreichlich darbot. Es wurde leer in dem Salon des
Edlen von Hauenbleib, und selbst Zoe von Wanesch und Emanuele Werdenberg nahmen
endlich mit Trnen in den Augen und wiederholten heftigen Kssen von der
wehrlosen, halb bewutlosen jungen Freundin Abschied und entrauschten, um mit
lebhaftesten Farben und glhender Phantasie das Erlebte weiterzutragen im Kreise
der Bekannten und Freunde des Hauses und berall eine lchelnde Verwunderung zu
erregen.
    Die Nchstbeteiligten fanden sich allein, und mit einem Ton und Ausdruck,
den wir bis jetzt noch nie von ihm vernahmen, sprach der Ritter von Glaubigern,
die Hand seines Pflegekindes fest in der seinigen und ihr Haupt auf den Kissen
des Diwans im Arm haltend:
    Meine Herren, ich habe vielleicht in irgendeiner Weise die Formen des
heutigen Tages verfehlt, und ich bitte, das zu entschuldigen. Ich bin sehr alt,
um ein bedeutendes lter als der Herr von Huler, und der Herr von Huler
wei, aus welchem abgeschlossenen Dasein ich hierherkomme, und wird dem Herrn
Grafen gewi spter das Notwendige darber mitteilen. Ich bitte, Geduld mit mir
zu haben; denn ich komme, vieles zu fordern - ein ungeschriebenes Recht, mein
Recht an dieses Kind - diese junge Dame.
    Der Graf Basilides verbeugte sich stumm vor dem alten Herrn. Er stand da wie
Buffon mit dem Knochen eines vorsintflutlichen Tieres vor sich, und nicht ohne
einen geheimen Reiz baute auch er aus der Erscheinung, den ersten Worten und
Gesten des Chevaliers eine untergegangene Welt auf. Der Edle aber ergo sich
wiederum in einen Schwall von Worten und konnte doch nicht Worte genug fr seine
Gefhle finden. Mit der Hand auf dem Herzen versicherte er immer von neuem, da
er sich unendlich geehrt durch diesen Besuch des Herrn von Glaubigern und durch
dessen Teilnahme an dem Wohle seiner Familie tief gerhrt fhle. Er habe es nie
vergessen und werde es nie vergessen, was das berhmte, edle, alte Haus unter
den Harzbergen fr ihn - den Edlen von Hauenbleib - und seine Enkelin getan
habe. Da das Haus derer von Hauenbleib dem Herrn Leutnant zur unbeschrnkten
Verfgung stehe, sei so selbstverstndlich, da er hoffentlich darber kein Wort
zu verlieren brauche.
    Der Ritter von Glaubigern neigte das Haupt und verwendete diese Verbeugung
zu gleicher Zeit mit zu einem kurzen Grue fr Hennig, den er bis jetzt von
allen Anwesenden am wenigsten beachtet hatte. Dann sagte er ruhig:
    Ich danke Ihnen, mein Herr von Huler. Ich werde Ihre Freundlichkeit nicht
mibrauchen. Ich werde niemand ein wirkliches Recht streitig machen: aber auch
das meinige wnsche ich mir zu erhalten und bitte deshalb, mein Erscheinen
allhier so ernsthaft als mglich zu nehmen. Herr Graf, ich bitte Sie, sich der
Vorteile der Jugend nicht berall in unserm Verkehr miteinander zu erinnern.
    Mein Herr, sagte der Graf sehr ernsthaft, ich fhle mich so alt wie Sie,
und ich vertrete eine Welt, die nicht jnger ist als die Ihrige. Ich bin mir
keines Vorteils gegen Sie bewut.
    Zitternd fate die Hand des Mdchens den Arm des Greises fester; aber der
Chevalier legte der Tonie seine Hand auf die Stirn und sprach:
    Der Herr Graf hat recht, Tonie, und wir werden freundlich miteinander
verkehren und friedlich miteinander auskommen. Liege still, mein Kind! Du liegst
wie auf dem Strohlager der Hanne Allmann im Siechenhause zu Krodebeck; - der
Schnee fllt drauen - liege still, wir wachen.
    Herr von Glaubigern, Herr von Glaubigern, ich bitte Sie! rief der Edle von
Hauenbleib trotz aller seiner Selbstbeherrschung in halber Verzweiflung und sah
wie hlferufend auf den Grafen; allein dieser kam ihm keineswegs zu Hlfe,
sondern sagte mit einem eigentmlichen Blick auf den Edlen:
    Unsere arme Antonie scheint in der Tat durch die pltzliche und heftige
Gemtsbewegung sehr angegriffen worden zu sein. Mein Herr von Glaubigern, ich
finde mich pltzlich sowohl dem Frulein wie Ihnen gegenber in einer ziemlich
verlegenen Stellung. Ach, Antonie, Sie werden nicht an meiner Aufrichtigkeit
zweifeln, wenn ich Ihnen sage, da ich von ganzem Herzen wnsche, da dieser -
dieser Besuch fr Sie, fr uns alle seinen Zweck erreiche! Wenden Sie sich nicht
ab, Antonie; ich habe Ihnen nie einen Grund dazu gegeben, an meiner Ehrlichkeit
zu zweifeln, und ich habe Sie mir nur gewonnen, um Sie glcklich zu machen!
    Antonie Huler schauderte leise, und der Ritter von Glaubigern fhlte, wie
ihr ganzer Krper erzitterte.
    Wir haben einander beide sehr erschreckt, das Kind und ich, sagte der
Ritter. Die Herren sollten uns einen Augenblick allein lassen. Es ist eine
Bitte, Herr Graf.
    Die ich vollstndig erklrlich finde und der ich gern und willig Folge
leiste, mein verehrter Herr; Sie werden in allen Dingen whrend Ihres hiesigen
Aufenthalts verfgen - in allen Dingen, mein teuerer Herr von Glaubigern; und wo
wir einander als Gegner finden, da wollen wir wenigstens mit ehrlichen Waffen
kmpfen. Kommen Sie, Hauenbleib.
    Er winkte dem Edlen, und dieser sah zum erstenmal in dieser Geschichte dumm
aus, vollendet dumm. Er blickte auf Antonie, er sah auf den Ritter, und er sah
sehr fragend auf den Grafen Basil. Aber der letztere zuckte ungeduldig die
Achseln und trat leise mit dem Fue auf. So blieb denn dem Edlen nichts brig,
als dem Winke des Grafen zu folgen.
    Kommen Sie denn, mein lieber junger Freund, chzte er, seinen Arm zrtlich
in den des Junkers von Lauen schiebend. Vielleicht ist es wirklich das beste,
da wir den Herrn Ritter und meine Enkelin einige Augenblicke allein lassen.
    Das war der schlimmste Moment, den Hennig je in seinem Leben durchlitt.
Zorn, Angst, Selbstvorwrfe ballten sich zu einem Chaos in seiner Brust. Er warf
einen ratlosen, hlfeflehenden Blick auf den Chevalier, welcher denselben
gnzlich unbeachtet lie. Betubt und zerschmettert hatte der Junker den
dringenden Ntigungen des einstigen Barbiers von Krodebeck zu folgen, und vor
der Tr blieb der Graf Basilides Conexionsky kurz stehen, klopfte den Herrn des
Hauses auf die Schulter und sagte sehr khl und ruhig:
    Babbo Teodorico, ich rate Ihnen herzlich, einen gengenden Vorrat
philosophischer Trostgrnde einzulegen. Ich hoffe brigens, da Sie fest im Auge
halten werden, bis zu welcher zarten Nuance des Lcherlichwerdens Sie mich
kompromittieren drfen. Meine Herren, ich habe die Ehre, mich zu empfehlen.
    Hennig war zu betubt, um ihn aufhalten oder ihm folgen zu knnen. Der Graf
Basilides sagte auf der ersten Treppe: Maledetto!, auf der zweiten: Ah, ah,
on n'a pas toutes ses aises en ce monde!, und als er in der Gasse sein Pferd
bestieg, murmelte er: Das war freilich ein raffinierter Geschmack, sich in eine
Sterbende zu verlieben, und noch dazu unter den brigen lcherlichen Umstnden.
Da ist es freilich kein Wunder, wenn die Toten am hellen Mittag aufstehen, um
das Ihrige in Anspruch zu nehmen!
    Er blickte grimmig an dem Hause hinauf und stie mit einem slawischen Fluch
seinem Pferde die Sporen in die Seiten, da es hoch aufstieg. So ritt er davon.
    Sie sind alle fort - wir sind allein, flsterte der Ritter von Glaubigern,
und sein Pflegekind legte das Haupt an seine Brust und kte seine Hand.
    Wir sind allein, Tonie, sagte der Ritter. Aber sie mgen zurckkommen -
frchte dich nicht - wir bleiben zusammen. Hast du wirklich gedacht, da
Krodebeck dich ganz und gar im Stich lassen wrde?
    Das junge Mdchen schttelte den Kopf:
    Ich konnte es mir nicht Vorstellen aber so schn hab ich's mir doch nicht
gedacht! Es war mir immer, als knne ich die Heimat zuletzt doch noch mit meinem
Herzen herziehen; aber jetzt ist die Wirklichkeit doch viel wundervoller als
jeder Traum, als jeder heie, weinende Wunsch und Gedanke. Mein Vater, mein
einziger Freund, wie hat man Ihr armes Kind geqult! Ist es Ihnen in der Nacht
langsam, langsam wie heie Blutstropfen auf Ihre Seele gefallen? Haben Sie so
tief fhlen mssen, wie ich mich nach Ihnen sehnte, da auch Sie keine Ruhe mehr
in der Heimat hatten, da Sie einen so weiten, weiten Weg kommen muten, um mir
zu helfen, um mir Ruhe und Erlsung zu bringen in meiner Not?
    Freilich, freilich hab ich das, und der Hennig hat geschrieben, und es war
schlecht bestellt um unsere Ruhe und Freude dort oben. Von dem weiten Wege habe
ich nichts gesprt. Da richtet das arme, gemeine Volk, auf seinen Wegen bers
Meer in fremde Wildnisse hinein, grere Wunder aus! Lache mich nicht aus,
Tonie; ich bin noch sehr jung, und die Reise hat mich noch jnger gemacht; -
wenn wir beiden zusammenhalten, knnen wir es noch mit vielen Leuten aufnehmen.
Und hre - ich bringe die allerschnsten Gre von Krodebeck, dem alten Hause,
deinem Grtchen und dem Frulein Adelaide, von der Jane Warwolf - ja, die lt
dich tausendmal gren - und hundert andern Leuten und Dingen, welche allesamt
eine groe Sehnsucht nach ihrer kleinen Wiener Freundin haben und sie auf das
feurigste zu sich zurckwnschen.
    Sie werden mich nicht wiedersehen, sagte Antonie Huler.
    Fr die Hoffnung ist es zu spt; aber ich bin so glcklich, so glcklich in
der Gegenwart, da die ber alle Trume und Hoffnungen geht.
    Kind, Kind, das drfte ich sagen; aber nicht du, mein liebes Kind! rief
der Chevalier.
    Doch, mein Vater, ich darf es auch sagen, denn es ist die Wahrheit, und
gerade in dieser Wahrheit bin ich ruhig und glcklich und verlange nichts mehr.
Die Heimat wird mich nicht wiedersehen; aber sie hat mir ihren liebsten
Abgesandten geschickt, und der soll ihr nachher von meiner Liebe und Dankbarkeit
erzhlen.
    Nachher, nachher! murmelte der Greis. Nachher ist ein Wort, das fr
fnfundsiebenzig Lebensjahre und diesen kahlen Schdel nicht mehr pat, von
einem solchen jungen Munde gesprochen.
    Es ist doch wahr, mein Vater! Du von allen, die mich liebgehabt haben im
Leben, hast zuerst gewut, wie schwer es sein werde, eine ruhige Stelle fr mich
in diesem Leben zu finden. Du hast vielleicht Freude an mir gehabt, denn ich
habe das sehr gewnscht; aber die schwere Sorge um mich bist du nie losgeworden.
Und weshalb wrst du jetzt zu mir gekommen? Hast du einen Platz auf Erden
gefunden, wohin du mich fhren und allein lassen und lchelnd sagen knntest: Da
sitze still und sei zufrieden, denn du bist geborgen!? - Nein, mein Herr Ritter,
in jener Nacht, in welcher der alte Mann aus dem Siechenhause mir am Grabe
meiner Mutter die Hand auf die Schulter legte, bin ich zum Tode erschreckt
worden. Seit der Nacht friert mich in der Sonne. Seit jener Nacht habe ich
angefangen, mich vor der Sonne zu frchten. Der Chevalier von Glaubigern wird
nach Krodebeck zurckkehren und den Leuten sagen, wo das Kind, das mit der
schnen Marie ins Dorf gebracht wurde, geblieben ist. Ach, er wird den Leuten
nicht erzhlen, welch einen Segen er jenem Kinde in der letzten Stunde aus
seinem treuen guten Herzen brachte!
    Und mit einem solchen Glauben, mit einer solchen Gewiheit in deinem Herzen
hast du dem Mann, welcher da eben hinausging, deine Hand gegeben?
    Mein Grovater hat das getan, und Sie, mein Vater, sind zu mir gekommen,
als Sie davon hrten. Nicht wahr, Sie sind nicht zu mir gekommen, um mich so
schlecht Komdie spielen zu sehen? Ach, das ist heute nicht anders, als es
gestern, als es vor einem Jahre war, als es seit dem Tage ist, an welchem man
mich von dem Lauenhofe fortfhrte: ich habe immer Komdie spielen sollen, und
weil ich stets meine Rolle schlecht machte, habe ich schlechte Tage und Nchte
gehabt. Nun hat man mir meine letzte Rolle gegeben. Sie glauben es nicht, da es
meine letzte sein wird; aber ich wei es, und da lache ich zum erstenmal ber
das Spiel, in welchem ich selber von den harten Hnden um mich her vor- und
zurckgeschoben werde. O mein Vater, dies Lachen mssen Sie mir gnnen; es ist
der einzige Gewinn, den ich mir aus meinem Leben, meinem schrecklichen Leben in
dem Hause meines Grovaters erworben habe.
    Wehe ber sie alle, welche dich so lachen machten! rief der Ritter von
Glaubigern. Du hast recht; ich bin zu dir gekommen, nicht um dein hiesiges
Leben persnlich zu erkunden, sonder um dich mir zurckzufordern. Du sollst mit
mir heimgehen, Antonie! Sie haben ja jetzt erfahren, da du nicht zu ihnen
gehrst - der alte Mann hat dich und frchtet dich; er wird dich gern
freilassen. Du spielst nicht Komdie; aber nun mache dem Spiel der andern mit
dir ein Ende - dieser Graf wird dich nicht halten, ich habe in seiner Seele wie
in der deines Grovaters gelesen. Sie wissen, warum ich hier bin; sie haben
heute Furcht vor mir gehabt. Sie wissen, da sie keine Macht mehr ber dich
haben; sie haben Furcht auch vor dir, und du hast gesiegt in diesen Jahren,
nicht sie! Sie wissen das ganz genau und werden uns nicht auf unserm Wege
aufhalten! Ich fhre dich heim nach dem Lauenhofe.
    Nach dem Lauenhofe? rief Antonie, in Angst und Scham und Schrecken die
Hnde erhebend. Nach dem Lauenhofe? Wissen Sie nicht, mein Freund, da Hennig
mich aus Mitleid dahin fhren wollte? Da ist der Tod unwiderruflich in mein Herz
getreten, als er mir seine Hand aus Mitleid anbot. Mein Vater, mein Vater, ich
rede zu Ihnen ber die Schulter, schon halb verdeckt von dem Schatten, der nach
dem Tage kommt und zur ewigen Dunkelheit wird - deshalb allein kann ich so zu
Ihnen sprechen! Ahnen Sie nicht, weshalb mein Heimatsrecht an den Lauenhof nur
bei Ihnen ist und bei den zwei Grbern auf dem Kirchhof, dicht an der Hecke des
Siechenhauses?
    Sie barg von neuem ihr Gesicht an der Brust des Greises und weinte sehr. Der
Ritter von Glaubigern sah in ratloser Verzweiflung umher - er wute freilich
jetzt alles. Er wute vor allen Dingen, weshalb das Kind der schnen Marie, sein
Pflegekind, die arme Antonie Huler, so wenig Widerstand gegen den Willen ihres
Grovaters in betreff des Grafen Basilides Conexionsky geleistet hatte. Sie
spielte doch Komdie! Das Herz zerbrach ihm im tiefen Schauder ber die
tragische, entsetzliche Rolle, die sie diesmal auf sich genommen hatte.
    Sie liebt den Knaben - den trichten, nichtigen Knaben, der nichts als ein
halb unbewutes, ein schnell vergehendes Mitleid fr sie hat! murmelte er. O
sie sieht furchtbar klar - sie wre doch verloren in der Heimat. Sie hat recht,
sie hat keine Heimat - dort nicht - dort nicht. Und weil sie wei, da man an
einer Rolle wie der ihrigen wirklich stirbt, so hat sie sich in dieselbe
hineingeflchtet, und ich - ich habe ihr nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu
bieten! -
    Da merkte er, da er nicht umsonst mehr denn siebenzig Jahre alt geworden
war und das Vermgen, ber sein eigen Dasein und das seiner Brder und
Schwestern im Leben nachzudenken, behalten oder doch fr einen kurzen Augenblick
wiedererhalten hatte. Grimmig richtete sich die furchtbare Sphinx vor ihm empor
und sah ihn an mit den groen, kalten, unergrndlichen Augen.
    Was war es auch, was ihn hier in dem Geschicke seines Pflegekindes so tief
bewegte? War es wirklich so spt am Abend der Mhe und der Trnen wert? So spt
am Abend! Was hatte er selber dadurch gewonnen, da er siebenzig Jahre alt
geworden war und da er es, wie die Leute in Krodebeck sagten, in seinem Leben
gut gehabt hatte? -
    Hatte er es in seiner trumerischen, einsiedlerischen, verlorenen
Abgeschiedenheit wirklich so gut gehabt, wie die Leute in Krodebeck meinten?
    Ach, er fhlte sich als ein gar armer Mann, als er so spt am Abend seinen
Gewinn zusammenzhlte, whrend das bleiche Pflegekind von seinen Kissen ihn
ebenfalls mit groen, unergrndlichen Augen anblickte, als warte es darauf, da
er ihm das Ergebnis seiner Rechnung leise sage.
    Er hatte hier Hlfe bringen wollen? Er? - - - So alt, so alt und ebenso
allein und hlflos in dem wilden, wimmelnden, vorwrts strzenden Leben wie
dieses junge Wesen - ja hlfloser noch!
    Er blickte auf den Weg zurck, auf welchem er gekommen war, und er sah ihn
leer. Nur die Nacht schritt hinter ihm her, die Schatten wuchsen um ihn.
    Ach, lebte doch die Frau Adelheid noch! sagte er, und dann dachte er an
die zwei andern alten Weiber, die noch auf dem Lauenhofe saen; aber was konnten
die ihm und der Tonie helfen?
    Er dachte an das hohe Alter der beiden, und das kam ihm auf einmal ganz
auergewhnlich gespenstisch vor, und dann blickte er sich von neuem in seiner
Umgebung um und besann sich mhsam, wo er sich befinde. Er strich langsam ber
die dnnen weien Haare und murmelte ganz ngstlich fragend:
    Tonie, Tonie?
    Sie verstand schnell, was das bedeute, und fate seine Hand und flsterte
ihm zrtlich ermutigend zu: Frchte dich nicht, Vater. Du bist bei mir - bei
deinem Kinde! Wir halten zusammen, wir bleiben zusammen. Niemand kann uns mehr
ein Leid antun. O wir knnen ruhig sein, ganz ruhig, mein Vater!
    Da nickte er mit dem Kopfe, und das Kinn sank ihm tiefer auf die Brust
herab. Die greisenhafte Erschpfung gewann langsam wieder ihr Recht ber ihn.
    Noch wehrte er sich tapfer und ritterlich dagegen; aber schon wute er, da
er unterliegen msse, und jammernd rief er:
    Tonie, Tonie, weshalb bin ich denn hier? Weshalb bin ich hergekommen? Wo
bin ich?
    Du bist zu meinem hchsten Glck zu mir gekommen. In der hchsten Not. Nun
bist du bei mir, mein Vater, und ich bin bei dir, und wir bleiben zusammen,
niemand soll uns voneinander trennen. Sei ruhig, wir gehen denselben Weg, mein
Vater!
    Noch einmal und zum letztenmal ging eine groe Helle, ein groes Licht durch
die Seele des Ritters Karl Eustach von Glaubigern. Noch einmal sah er sein Leben
vom ersten Augenblick des selbstndigen Denkens bis in diese feierliche Stunde
in hchster Klarheit vor sich, und ganz klar erkannte er pltzlich, inwiefern
seine tapfere Fahrt vollkommen milungen war und inwiefern dieselbe vollstndig
ihren Zweck erfllte.
    Du sagst die Wahrheit, Tonie, sprach er. Wir wollen zusammenbleiben und
zusammengehen, mein Kind, denn wir treffen auf ein und demselben Wege zusammen;
ich komme nur ein wenig weiter her. Das sind deine jungen Locken, mein armes
Kind; - man sollte es nicht denken, da wir auf demselben Wege zusammentreffen
knnten; aber es ist so. Wir knnen in dieser Welt einander nicht helfen, Tonie;
wir knnen nur den Rest unseres Weges zusammen gehen.
    Mein Glck, das ist mein Glck, lieber Vater! Und jetzt wollen wir die
anderen Herren zurckrufen, und wir wollen verschwiegen sein und haben das
leicht; denn wir mten laut rufen, um uns hrbar zu machen. -
    Gerufen von Toinette, kam der Edle von Hauenbleib mit dem Junker von Lauen,
stumm, sorgenvoll, verlegen und verstrt. Sie hatten allen Grund, ber den
Ritter und sein Pflegekind zu erstaunen, denn Tonie empfing sie mit einem
ruhigen Lcheln, und der Chevalier erschien ihnen nur ein wenig erschpft von
der Reise, und das konnte kein Wunder sein. Sie rieten ihm - dem Ritter von
Glaubigern -, sich frh niederzulegen, und das versprach er gern, und als er
dann mit Hennig nach der Taborstrae fuhr, schlief er wirklich schon im Wagen
ein und schlief ruhig und fest die Nacht durch.
    Auch Antonie Huler schlief ruhig und lchelte im Schlafe; aber alle andern
wachten in groer Unruhe und vielen Sorgen; vor allen andern aber wachte in
Sorgen, Angst und groem Grimm der Edle Dietrich Huler von Hauenbleib, denn
er hatte gesiegt und triumphiert; - auch diesmal hatte er seinen Willen gehabt
und den Sieg gewonnen, wie er unter allen Gestalten und in allen Verhltnissen,
in der Tiefe und in der Hhe seit vielen, vielen tausend Jahren den Sieg
gewinnt. - -
    Und er war so zufrieden mit seinem Siege, wie er es seit Jahrtausenden stets
ist; nmlich er zuckte die Achseln, da er die, welche ihm das Feld rumen
muten, nicht halten konnte. Da er von allerlei verdrielichen und unbequemen
Gemtsbewegungen geplagt wurde, haben wir soeben erst gesagt; allein er wute
sich nach seiner Art ganz vortrefflich zu beherrschen, erschien dann und wann
sogar recht gerhrt und - erwies sich diesmal sogar auergewhnlich hflich,
nachgiebig und zuvorkommend gegen die Scheidenden bis - zum Schlu, bis zur
Vollendung dessen, was er sein - gewhnliches schlechtes Glck zu nennen
beliebte.
    Auch mit dem Grafen Basilides Conexionsky hatte sich jetzt der Edle von
neuem auseinanderzusetzen, und dieses war fr in feinfhliges Gemt, gleich dem
seinigen, vor allem eine peinliche Aufgabe. Er versuchte es nach gewohnter
freundschaftlicher Weise und, um die Wirkung zu erhhen, mit dem Taschentuche
vor den Augen. Aber wenn ihm der Graf Basil selbstverstndlich auch auf halbem
Wege entgegenkam, so nachte doch das Taschentuch nicht die geringste Wirkung auf
ihn.
    Mein lieber Herr, sagte der Graf mit groem Ernst und mit gerade nicht
geheimgehaltenem Ekel, mein lieber Herr, ich hielt Sie fr einen besseren
Impresario, als Sie sich gezeigt haben. Per Bacco, ich schme mich selber und
finde fr mich nur in meinem langen Aufenthalt in Italien eine Entschuldigung
fr die entsetzliche Gutmtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen zur Verfgung
stellte. Ich glaubte mich fr eine Buffoneria engagieren zu lassen, und nun
finde ich mich als Arlecchino im fnften Akt einer Tragdie sondergleichen und
htte Lust, Sie, nein teurer capo della compagnia, auf eine Art dafr
verantwortlich zu machen, die Ihnen fr alle Zeit derartige Spekulationen
verleiden mte.
    Ich bitte Sie, Basil! rief der Edle mit gefalteten Hnden.
    Lassen Sie das nur, mein wertester Exbabbo; aber danken Sie gehorsamst
Ihren Gttern, da meine Weltanschauung objektiv genug ist, um Sie wenigstens zu
verstehen und deshalb milde gegen Sie sein zu knnen. Bei Ihrer Ehre, Sie haben
nicht gewut, da Ihre Enkelin aus bloem Eigensinn und Trotz unser lustiges
Leben so tragisch nehmen wrde! Natrlich! Sie waren mit Geschften berhuft,
Sie hatten das Quadrilatre zu verproviantieren, und Sie wollten eben noch ein
letztes Geschft machen und verrechneten sich ein wenig. Sie dachten mit dem
Strohmann zu spielen, und an seiner Stelle setzt sich der Tod an den Tisch; und
- nun sage ich Ihnen, bei meiner Ehre, Signor Pantalone, wenn mir etwas unsere
Situation in einer eigentmlich fahlen Beleuchtung zeigt, so ist es die Art und
Weise, in der mir dieses arme Mdchen den Korb gegeben hat. Es ist Schick darin,
mein Bester. Und es ist Schick in diesem alten Herrn vom Blocksberg, diesem
gespensterhaften Kavalier aus Thule, der uns alle mit einer Handbewegung ber
den Haufen wirft und dem ich unbedingt mein Kompliment in jeder Hinsicht zu
machen habe. Wahrhaftig, ich bin heute ein guter Freund hren Sie wohl -, ein
sehr guter Freund Antonias; aber vor diesem sperben Greise streiche ich gern
und willig die Flagge. Sie werden mich Verstehen, mein Bester, wenn ich Ihnen
wiederhole, da Frulein Antonie heute nur einen bessern Freund hat als mich -
da ich mich als ihr Freund behaupten werde und da Sie bei Ihrem fernern
Vorgehen gegen die Signorina dieses wohl im Auge behalten werden; denn ich wrde
unter Umstnden dereinst Rechenschaft ber die nchsten Wochen von Ihnen
erbitten. Im brigen empfehle ich mich jetzt. Man hat auf meinen Wunsch im
Ministerium des Auswrtigen ausfindig gemacht da eine Verstrkung unseres
diplomatischen Apparats zu Konstantinopel durch meine bescheidene Persnlichkeit
hchst wnschenswert sein werde. Nach den Erfahrungen der letzten Zeit kann mir
nur ein lngerer Aufenthalt unter einfachern Menschen und in gesunderen sozialen
Verhltnissen einigermaen wieder auf die Beine helfen - ich reise. Addio, mein
Teuerer; wir sind unwiderruflich geschlagen und haben uns, jeder in seiner
Weise, mit den Siegern abzufinden.
    Der Graf Basilides Conexionsky hatte niemals ein wahreres Wort gesprochen,
und der Edle von Hauenbleib hatte noch niemals so scharf mit seinen Gefhlen
abzurechnen als in den traurigen Wochen, welche dieser Unterhaltung folgten. -

                          Sechsunddreiigstes Kapitel


Wir sind am Schlu - wirklich am Schlu. Von neuem fllt der Schatten des
norddeutschen Gebirges auf die Leute unserer Geschichte, welche an diesem Schlu
das Rollen des schwarzen Wagens noch von ferne hren. Wir befinden uns auf dem
Bahnhofe zu Halberstadt, und auf dem Bahnhofe zu Halberstadt wartet ein Wagen
aus Krodebeck auf zwei Reisende, die eine telegraphische Depesche
vorausschickten, der zufolge sie mit dem nchsten Eisenbahnzuge anlangen werden.
Ein weicher Duft liegt ber den Bergen und der Ebene; die Welt lacht in
Lieblichkeit, obgleich der Herbst nahe und der Winter durchaus nicht fern ist.
Wir sind in der zweiten Woche des Septembers; es kommt ein frischer,
erquickender Hauch vom Harz herber, und man ahnt bei jeglichem Atemzug, wie
dort oben die Waldwasser jubelnd durch Licht und Dunkel tanzen, ber Stock und
Stein hpfen und lustig einstimmen in das Singen der Bergleute und Hirten, in
das Gelut der Herdenglocken.
    Aber die Wasser kommen selber aus dem Gebirge in die Ebene hinab, um
Nachricht zu bringen, wie es in der Heimat zugeht. Da tanzt die Holzemme her,
der alten Bischofsstadt die Gre der blauen Hhen zuzutragen, und nimmt es fr
gar nichts Erstaunliches, da ihr die Glocken des Domes, der Liebfrauenkirche
und der andern Kirchen antworten wie da oben die Herdenglocken.
    Es ist ein Freitagmorgen, und der Kutscher auf dem Bock der Kutsche vom
Lauenhofe zu Krodebeck sagt:
    Sie kommen gerade recht. Es gefllt mir, da sie grad zum Lohntag
heimkommen. Es macht sich nicht immer so, da man so zur rechten Stunde seinen
Willen kriegt. Ja, der Frschler! Ja, man hat ihn gerade satt, und vorzglich am
Sonnabend, allwo ihm ein jeder Tagelhner am liebsten mit dem Knppel zu Leibe
stiege; - der Teufel wei, wie es zugeht.
    Viel Getmmel am Halberstdter Bahnhof! Der Braunschweiger Herzog wird auch
mit einem der nchsten Zge erwartet. Er fhrt nach seinem Schlo Blankenburg,
und von Berlin kommt ein preuischer Prinz zum Aufgang der Jagd auf Besuch, und
wenn jedweder offizielle Empfang von den beiden Herren verbeten wurde, so
empfngt die Bevlkerung bei derartigen Gelegenheiten immer offiziell und lt
sich ihr Recht nicht nehmen.
    In der Stadt ist's desto stiller. Die Fliegen summen dem steinernen Roland
am Rathause und dem wie aus Erz gegossenen andern Harnischtrger vor seinem
Schilderhause an der Hauptwache um die Nase; an den Fenstern der schnen und der
hlichen alten Holzhuser sitzen die schnen und hlichen, die klugen und
trichten Jungfrauen der Stadt sowie auch ihre Mtter. Die Kinder spielen vor
den Tren; die Kindermdchen nehmen die Huldigungen der weien Krassiere
entgegen; es geht ein Geist wie der des so kriegsmutigen und doch so guten alten
Vaters Gleim durch die Straen und sonnt sich in der Mittagssonne auf den
ruhigen, reinlichen Pltzen. Es ist immer recht still und behaglich in
Halberstadt trotz seiner Garnison von grimmen Panzerreitern.
    Unter den schattenden Bumen des Domhofes, wo einst der gute alte Vater
Gleim in Person lustwandelte und - es sind eben, auf die Stunde, hundert Jahre -
als Thyrsis seine Sappho, die Karschin, mit spitzen Fingern spazierenfhrte,
wandelte augenblicklich ein anderer guter Mensch, jedoch ohne Sappho, einher,
der Kandidat der Theologie Franz Buschmann aus Krodebeck. Feierlich im Frack und
mit einem Trauerflor um den Hut, doch knickbeinig wie immer kam er daher. Er
hatte dem Generalsuperintendenten einen Besuch gemacht und wandelte jetzt in
Christo nachdenklich zum Bahnhofe, um die gute Gelegenheit zur Heimfahrt zu
benutzen, wie er die nmliche gute Gelegenheit, das heit den Wagen vom
Lauenhof, am frhen Morgen auch zur Herfahrt benutzt hatte. Er grte hflich
und doch vertraulich verschiedene geistliche Herren, die ihm auf seinem Wege
begegneten, und er grte hflich den Kutscher vom Hofe auf seinem Bocke.
    Ist der Zug noch nicht angezeigt worden, lieber Fritz?
    Ja, eben, Herr Kandidate, und jetzt haben wir gottlob am lngsten gewartet.
Na, wird das eine Freude sein! Ich glaube, endlich hat's doch niemandem gepat,
da der Herr in der Fremde herumvagabondierte und andere Leute, die ich nicht
nenne, das groe Maul fhrten.
    Der Kandidat Buschmann seufzte und ging in die Halle, wo der Zug, welcher
den preuischen Prinzen, den Junker Hennig von Lauen und den Ritter von
Glaubigern mit sich brachte, soeben in die entgegengesetzte Bogenwlbung
hereinchzte und - zischte. Es war ein sehr heftiges Gedrnge; aber der Kandidat
sah, wie wir wissen, ebenso lang als drr ber die Hupter der brigen Menschen
weg, und - da - da waren sie wirklich sowohl der preuische Prinz wie auch der
Junker und der Chevalier von Glaubigern, und der Kandidat seufzte wiederum, als
er sich auf den Zehen hob und sagte:
    Ja, da sind sie! O du lieber Gott, da sind sie wirklich, und der Hennig
scheint seine liebe Not mit dem Alten gehabt zu haben. Nun, nun, ich hoffe,
solches wird ihn auch fr meine traurige Nachricht weich und teilnehmend
gestimmt haben.
    Sofort drngte er sich mit einer Rcksichtslosigkeit, die nur durch jene
seine traurige Nachricht entschuldigt werden konnte, durch das Getmmel den
beiden Reisenden entgegen, streckte ihnen die Hnde dar und rief:
    O mein lieber, lieber, mein teurer Hennig! Mein teurer Freund! O mein
lieber Herr von Glaubigern, der Herr segne Sie in der Heimat! In bangen Sorgen
und Schmerzen haben wir auf Sie gewartet.
    Guten Tag, Buschmann! erwiderte Hennig. Hilf uns vor allen Dingen durch
den Lrm. Wir haben auch unsere Sorgen gehabt und bringen ein gut Teil von
unseren Schmerzen heim. So! Da haben wir Luft. Guten Tag, Buschmann - da sind
wir. Wie geht es dir? Wie steht es daheim?
    Der Kandidat wies mit einem scharfen Ruck auf den Trauerflor an seinem Hute:
    Vor allen Dingen ist mein armer guter Vater recht sanft und friedlich
eingeschlafen.
    Oh! rief Hennig.
    Und er ist im tiefsten, innigsten Glauben an seinen Erlser
hinbergegangen, und er hing mit groer Liebe an dir, Hennig! Selbst in dem
letzten, schweren Stndlein hat er noch von dir geredet.
    Nun seufzte auch der Junker von Lauen sehr tief; aber der Kandidat Buschmann
fuhr fort:
    Wir sprechen noch davon, Lieber. Du bist so gtig, mir ein Pltzchen in
deinem Wagen zu geben, dort hlt er; - auf der Fahrt werde ich dir alles, alles
sagen. Und nun, vor allen Dingen, Hennig, wie ist es euch ergangen? Was macht
unsere gute Antonie? Wir haben lange keine Nachrichten von euch erhalten, und
das hat unsere Unruhe nicht vermindert.
    Hennig fate hastig den Arm seines Freundes und flsterte:
    Sei still! Sprich nicht von Antonie! Jetzt nicht! Er ist mir unter den
Hnden zu einem Kinde geworden, und er weint und wimmert wie ein Kind, wenn der
Name genannt wird. La uns gehen; wir wollen uns nicht aufhalten; hilf mir, ihn
in den Wagen zu bringen. Es ist mir lieb, da ich dich hier treffe, Buschmann;
ich bin mit meinen Krften vollstndig zu Ende, und ich werde diese Reise in
meinem Leben nicht vergessen.
    Steht es so schlimm dort unten? flsterte der Kandidat.
    Es ist vorber. Es ist vorbei. Wir haben viel Unglck gehabt und kommen
auch von einem Begrbnis; mir aber ist sehr schlecht zumute, erwiderte Hennig.
    Oh! rief Franz Buschmann; und dann faten sie beide den Herrn von
Glaubigern unter die Arme und geleiteten ihn, ohne sich weiter nach dem
preuischen Prinzen und dem Herzog von Braunschweig umzusehen, zu dem Wagen. Sie
hoben den Ritter mhsam hinein, und Hennig rief:
    Das sind die Krodebecker Rappen, Herr von Glaubigern! Das ist wieder der
erste gesunde Atemzug! Wir sind zu Hause, Herr Leutnant.
    Der Chevalier sah blde umher und lchelte und nickte altersschwach:
    Jaja! Recht gut! Aber es waren nicht wir, sondern die brandenburgischen
Husaren und die reitenden freiwilligen Jger, welche die Marinegarden bei
Mckern zusammenhieben. Wir Krassiere hielten vor Klein-Wiederitzsch gegen
Ney.
    So ist er nun, flsterte Hennig. Er hat alles andere bis auf den Namen
Antonie vergessen; aber was er in seiner Jugend erlebte, wei er alles wieder
ganz genau, und von der Gardemarine habe ich ihm vor einem Vierteljahre von Wien
aus geschrieben. O Franz, es wre eine wahre, richtige Kuriositt, wenn es nicht
so jammervoll wre.
    Dem Krodebecker Fritz auf dem Kutschbock blieb die wohleingelernte
Gratulation zur vergngten Heimkehr in der Kehle stecken, als sie den Ritter
heranfhrten. Er fuhr wie in einer Betubung befangen vom Halberstdter Bahnhof
ab und blickte hufig, mit aufgesperrtem Munde, ber die Schulter nach den
Herren im Wagen.
    Sie hatten den Chevalier von Glaubigern auf den Rcksitz gesetzt, und da sa
er neben dem Junker und stellenweise von diesem untersttzt. Mit dem Kinn auf
dem Stockknopf, mit geschlossenen Augen sa er da und schien jegliches Interesse
fr seine Umgebung verloren zu haben. Auch die fr ihn immer bekannter werdende
Landschaft machte keinen ermunternden Eindruck auf ihn. Er schlummerte bald ganz
ein und schlief vom Mittag bis spt in den Nachmittag; die beiden jungen Leute
hatten das Gesprch fr sich allein und fhrten es weiter, ohne ebenfalls viel
auf ihren Weg und das zur Linken ihres Weges in immer andern Hhen, Wldern und
Talausmndungen sich hinschiebende Gebirge zu achten.
    Das ist freilich eine trostlose Geschichte, sprach der Pastorenfranz,
melancholisch das Haupt schttelnd. So jung, so hbsch und in so - hbschen
Umstnden! Wir haben davon wie von einem Mrchen gesprochen, und es war auch in
der Tat mrchenhaft, wie sie bei uns ankam und nachher sechsspnnig wieder
abgeholt wurde! Und nun geht das so aus - ich begreife es noch lange nicht. Nun,
der Herr fhrt uns alle nach seinem heiligen Willen; aber wer htte das gedacht,
als wir als Kinder so gute Freundschaft miteinander hielten?! Ich hatte sie sehr
gern, obgleich ich sagen mchte, da - da sie - nun, wir wollen das brige dem
berlassen, der allein auf die rechte Weise in der Tiefe des Menschenherzens zu
lesen versteht; aber - du verstehst mich schon, lieber Hennig - sie hatte auch
ihre boshaften Launen, und dann gehrte viel christliche Geduld dazu, um es in
ihrer Gesellschaft aushalten zu knnen. Doch - sie wute euch smtlich auf dem
Lauenhofe recht gut zu nehmen; man hatte fters Grund, sich darber zu
verwundern.
    Der Junker von Lauen setzte unwillkrlich einen Eckzahn auf die Unterlippe
und sah den Kandidaten ziemlich sonderbar an:
    Es wird fr jetzt und alle Zeiten besser sein, wir reden in dieser Weise
nicht von ihr, Buschmann! sagte er, und Blick und Ton bewogen den guten Franz
wirklich, sofort in einer andern Weise von der armen Tonie Huler zu reden,
nmlich nur Gutes.
    Nach einer Weile sagte Hennig, nachdem er den zungenfertigen Freund hatte
reden lassen, ohne auf ihn zu achten:
    Es ist mir merkwrdig zu Sinne. Ich kenne hier jeden Baum an der Strae;
ich kenne dort jeden Berggipfel, ich bin diesen Weg wohl hundertmal gefahren,
geritten und gelaufen, und nun erscheint mir alles wie ausgewechselt. Es ist die
ganze Welt eine andere geworden; ich habe mehr erlebt, als ich ausdenken kann.
Ich bin auch ein anderer geworden, Buschmann.
    Darin irrte er sich. Seine Umgebung mochte ihm heute wohl in einer andern
Gestalt und Frbung erscheinen, allein er selbst war noch ganz derselbe, der er
vor Jahren gewesen war. Das Phnomen wiederholt sich hufig, wie viele Leute,
die auch dann und wann meinten, sich vollstndig gendert zu haben, aus ihrer
eigenen Erfahrung besttigen knnen.
    Der Pastorenfranz sprach nun ein langes und breites von dem Tode seines
Herrn Vaters und suchte nicht ohne Absicht einen tiefern Eindruck durch seinen
rhrenden Bericht hervorzubringen, infolge dessen er leider geraume Zeit
hindurch nicht merkte, da er diesen Eindruck keineswegs hervorbringe. Als er
endlich erkannte, da ihm der Jugendfreund nicht mit der wnschenswerten
Aufmerksamkeit folge, seufzte er tiefer denn je, brach aber sofort ab und
trocknete auf der Stelle fr jetzt seine Trnen.
    Sie nherten sich, da es Abend wurde, allmhlich der Heimat. Als die khlen
Schatten des Tannenwaldes von Krodebeck auf ihre Hupter fielen, erwachte der
Ritter von Glaubigern, rieb sich die Augen, sah sich um und blickte erstaunt auf
den Pastorenfranz, als sei es ihm unmglich, an die Mglichkeit seines
Vorhandenseins da auf dem Wagensitze vor ihm zu glauben.
    Es ist der Franz - der Franz Buschmann, rief Hennig. Wir haben den alten
Jungen in Halberstadt auf dem Bahnhofe getroffen, Herr von Glaubigern, und ihn
mitgenommen. Dies ist das Kuckelrucksholz, in einer Viertelstunde sind wir nun
wirklich zu Hause!
    Der Chevalier richtete sich empor von seinem Sitze; htte ihn der Junker von
Lauen nicht schnell umfat und gehalten, so wrde er im nchsten Augenblicke
unter den Hinterrdern des Wagens gelegen haben. Er wehrte sich aber heftig,
wenn auch unbewut, gegen die haltenden Arme seines Zglings und schrie mit
gellender, angstvoller Stimme:
    Wo ist sie? Sie! sie! Sie sa neben mir! Ich habe ihre Hand gehalten! Da
mit dieser Hand! Wo ist sie geblieben? Wir brachten sie mit uns zurck - sie hat
neben mir gesessen - halt die Pferde an, es ist ein groes Unglck geschehen.
Horch, horch, sie ruft aus der Ferne!... Antonie, hier, Antonie!
    Sie ist da - sie kommt uns nach, murmelte Hennig in peinlicher
Verlegenheit ber die Art und Weise, in welcher er den alten Mann beruhigen
sollte.
    Es ist nicht wahr! Es ist eine Lge. Alle lgen, jeder lgt! Sie ist tot,
und wir haben sie begraben, ich bitte um Entschuldigung, sagte der Ritter von
Glaubigern weinerlich und fiel in seine Ecke zurck. Wann haben wir sie
begraben, Herr von Lauen? Sie waren ja dabei. O es war sehr schn, Herr
Buschmann - es ist recht schade, da Ihr Herr Vater nicht zugegen sein konnte;
aber es ist lange her, sehr lange, und ich htte doch auch nicht gern gesehen,
wenn Ihr Herr Vater zugegen gewesen wre, es waren schon zu viele unbekannte
Leute da. Ja, Herr Buschmann, der Hennig ist ein guter Junge, allein in der
Fremde ist wenig mit ihm auszurichten. Nun, seine Mutter wird sich recht freuen,
da ich ihn gesund und vergngt zurckbringe. Ich hatte es ihr versprochen, und
ich habe immer mein Wort gehalten; nur meiner Tonie, der armen Tonie nicht. Die
habe ich in der Fremde zurckgelassen und hatte doch versprochen, bei ihr zu
bleiben oder mit ihr zu gehen. Aber ich werde ihr nachkommen, ich werde ihr ganz
gewilich nachkommen - ich bin so sehr alt, und sie war so sehr jung, da ist es
kein Wunder, da sie auf ihren kleinen leichten Fen solchen Vorsprung mir
abgewann.
    Das ist ja Wahnsinn! Ist er jetzt immer so? fragte der Kandidat leise.
    Nein - sei nur still, erwiderte Hennig ebenso leise. Er ist nur wirklich
recht alt, und das groe Elend hat ihn mit einem Male kindisch gemacht. Warte
nur, ich werde ihn auf seine Jugendzeit bringen, darin ist er einzig und allein
jetzt vollstndig zu Hause.
    Und ich habe sie ihm doch wieder abgeholt; er hat sie nicht behalten
knnen! rief der Greis pltzlich mit einem wilden triumphierenden Blick; aber
dann schlo er sogleich von neuem die Augen und sa frderhin stumm und
zusammengesunken. Der Wagen fuhr an dem Siechenhause von Krodebeck vorber; es
war nicht mehr ntig, da der Junker von Lauen den Ritter von Glaubigern auf
seine Jugendzeit zu bringen suchte.
    Hennig sah nach der elenden Htte hinber, und wenn ihm je in seinem Leben
die Welt in einem andern Lichte als gewhnlich erschienen war, so war das in
diesem Augenblicke. Einen Augenblick lang erfate er wirklich die groe
Tragikomdie der Welt, insoweit er und die Seinigen darin mitgespielt hatten und
noch mitspielten, im tiefsten; und in diesem Augenblicke erhob er sanft und in
schmerzlicher Zrtlichkeit das mde, schlaftrunkene Greisenhaupt an seiner Seite
im Arme und gab ihm eine bequemere Lage an seiner Brust. Aber das ging schnell
vorber, denn dort ragten die Bume des Lauenhofes, dort grte ein bekannter
Bauer, dort erhob sich die Gartenterrasse mit dem morschen Sommerhause - die
letzte Wendung des Weges, und dort ragten die alten braunen Giebel, die
Schieferdcher und Schornsteine seines alten, wackern Vaterhauses empor! Er
hrte das Gebell seiner Hunde, und ein freudiges Grinsen verbreitete sich ber
sein. Gesicht, und seine Seele fllte sich mit den gewohnten Bildern. Er dachte
an den Freund Frschler, und er dachte an seine Gule, an die Wintersaat, an die
neuen friesischen Khe, die sich jetzt allgemach eingewhnt haben muten.
    Der Kutscher Fritz klatschte lustig mit der Peitsche; der Wagen fuhr in das
Hoftor - und Hennig von Lauen war in der Tat wieder zu Hause. Es fehlte wenig,
da er fast einen lauten Jubelruf htte hren lassen - er seufzte vor Behagen!
    Von allen Seiten drngten sich die Leute heran, ihn zu begren. Frschler
kam im Laufschritt ber den Hof und reichte dem heimkehrenden jungen Patron
zuerst die Hand in den Wagen. Die Knechte und Mgde standen schchtern in
einiger Entfernung und lieen pltzlich das Jubelgeschrei hren, in welches der
Junker von Lauen - so gern eingestimmt htte. Sie schrien laut genug, und ihr
Vivat drang zu den Ohren von zwei alten Frauenzimmern, die soeben von der
Vortreppe des Hauses herabhumpelten, einen Augenblick verwundert stehenblieben
und sodann ebenfalls so eilig als mglich herbeikamen.
    Da niemand auf sie achtete, so machte ihnen auch niemand Platz; aber die
eine der beiden Alten verstand es, sich selber den Weg frei zu machen.
    Lat mich hinzu! rief sie. Glck auf, Herr von Lauen! Herr Ritter - o
Herr Ritter, wo ist das Kind?
    Nun war der Chevalier von Glaubigern durch den Lrm der Hintersassen des
Lauenhofes auch von neuem aus seinem Schlummer erweckt worden und sah dicht vor
sich am Wagenschlag das verwitterte und im Staunen und Schrecken verzogene
Gesicht Jane Warwolfs und neben der Jane die trmmerhafte Gestalt der einst so
groen und hohen Freundin, Frulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin.
Schon aber hatte die Warwlfin mit den spitzen Ellenbogen den Junker zur Rechten
und den Kandidaten der Theologie Franz Buschmann zur Linken auf die Seite
geschoben. Sie umfate den Greis und hob ihn wie ein Kind aus dem Wagen. Er
stand taumelnd und schwankend auf dem Boden des Lauenhofes und nahm den Hut ab
und verbeugte sich und grte blde und meinungslos lchelnd im Kreise.
    O du mein Gott im Himmel, Herr von Glaubigern, was bringen Sie uns heim?
rief Jane, ihn immer noch untersttzend. O Jesus Christus, was haben Sie uns
mitgebracht, Herr von Glaubigern? Nichts weiter als solch ein Gesicht? O Himmel,
was hat man aus Ihnen gemacht!
    Da ging unter den scharfen Augen Jane Warwolfs noch einmal und zum letzten
Male ein Zug schrfsten Verstndnisses ber dieses Gesicht des kindisch
gewordenen Ritters Karl Eustach von Glaubigern; er legte den Finger auf den Mund
und sah hastig nach beiden Seiten hin ber die Schultern. Dann fate er die Hand
der Greisin und flsterte:
    Sei still! Ich kam zur rechten Zeit. Sie ist glcklich! Glaube niemandem,
der dir sagen will, da sie im Elend gestorben sei. Wie hie der Mann, der sie
uns nahm und wegfhrte und meinte, er habe ein Recht auf sie und sie gehre ihm
an?! Ich habe den Namen vergessen, aber das ist einerlei, es war da eine ganze
Welt, die denselben Namen fhrte und dasselbe von unserem Kinde behauptete. Es
war eine Lge - und jetzt ist alles gut und in Ordnung: wir bleiben beieinander;
aber es ist ein Geheimnis. Achte nicht auf den Hennig und diese andern um uns
her, sie wissen nichts, denn sie sind nur so lange glcklich, als die Sonne
scheint und es ihnen wohl geht! Auch das ist gut. Jetzt geh fort, ich mu mit
dem Frulein sprechen, sie nimmt es schon bel, da ich so lange mit dir rede.
    Und der Chevalier bot dem Frulein von Saint-Trouin den Arm und fhrte es
mit der altgewohnten Hflichkeit und Zierlichkeit dem Hause zu, und sie
erreichten das Haus als zwei alte, alte Kinder, fr die das Erdenleben kaum noch
einen klaren Sinn hatte.
    Jane Warwolf sah ihnen finster und mit zitternden Lippen nach. Dann wendete
sie sich an den Junker:
    Ist das so wahr, wie ich es mit meinem schlechten Verstande begriffen habe,
Herr von Lauen?
    Hennig nickte traurig:
    Wir kommen von ihrem Begrbnis, Jane. Was ich durchgemacht habe, das hat
noch kein anderer Mensch erlebt. Jetzt la mich in Ruhe, es dreht sich alles um
mich. Du wirst alles erfahren, ich gehe dir mein Wort darauf.
    Das wre denn freilich das Ende, wie ich es vom Anfang an gesehen habe!
sagte Jane, wendete sich ab und ging still fort nach dem Siechenhause von
Krodebeck.
    Sie umschritt die Htte und trat durch die Hecke auf den Kirchhof des Dorfes
und setzte sich kopfschttelnd auf das Grab Hanne Allmanns und murmelte:
    Glck auf - Glck herunter - ja freilich, darauf luft's hinaus, da wir
zuletzt doch alle beieinanderbleiben; aber wer am wenigsten darber nachdenkt,
der hat's vielleicht doch am besten. Nun bin ich auf meine alten Tage aus einer
Landluferin eine Kinderfrau geworden; aber - lache, lache nicht, Hanne! Es ist
gewi und wahrhaftig nicht zum Lachen, Hanne Allmann. Den Ritter mu ich
abwarten, von dem gndigen Frlen gar nicht zu reden. Den Ritter! Den Herrn
Ritter, Hanne Allmann!
    Und die Greisin bedeckte die Augen mit den Hnden und weinte selber
bitterlich; wir aber, wir haben uns bereits im Anfang dagegen verwahrt, da wir
imstande seien, aus dem Buche vom Schdderump eine besonders lustige Geschichte
zu machen. -
    Im Dorfe von Tr zu Tr, von Gevatterin zu Gevatterin, von der Schmiede bis
in die Schenke ging ein Geflster: die beiden Herren vom Hofe seien heimgekehrt
aus der groen Stadt da unten in Osterreich und htten kuriose und ble
Nachrichten mitgebracht von dem Kinde der schnen Marie. Es nutzt uns aber
nicht, von den verschiedenen Gestalten und Frbungen zu reden, welche diese
Nachrichten in den verschiedenen Kpfen und Mulern annahmen. Es gengt uns,
noch einmal die Ansicht eines einzigen Mannes zu vernehmen, auf dessen Denken
und Fhlen wir im stillen immer ein hohes Gewicht legten, selbst dann und da, wo
wir es gerade nicht hervorhoben oder hervorheben konnten. Uns gengt hier
vollstndig die Moral oder die Quintessenz der Moral, welche der teure Kandidat
der Gottesgelahrtheit, Franz Buschmann, der nicht nur die beste Anwartschaft auf
die Krodebecker Pfarre hatte, sondern auch wirklich die innigsten Gefhle eines
bedeutenden Teiles der menschlichen Gesellschaft reprsentierte, aus dem
betrblichen Fall abzog Nach auen hin neigte er nur das Haupt, seufzte schwer
und sprach ganz im allgemeinen von der Nichtigkeit des Lebens, von dem einen,
was allein not tue und ohne welches freilich alle irdische Herrlichkeit und
Schnheit, alle Klugheit und geistige Pracht zu Schlingen des ewigen Verderbens
wrden. Im Innern aber tanzten folgende Betrachtungen eines gewi nicht irdisch
dummen Menschen den seltsamsten Tanz:
    Das war ein reizendes Mdchen - jammerschade drum! Ich hatte das liebe Kind
ungemein gern und habe stets mein mglichstes getan, um in einem angenehmen
Verhltnisse mit ihr zu bleiben. Welch ein Schicksal, und welch ein Charakter!
Und - welche Moral, o Gott, welche Moral! Ein eigentmliches Kind, so ganz
unweiblich und doch allerliebst-scharmant; sie hat mich hufig in Verlegenheit
gesetzt und noch hufiger recht gergert. Also ist sie tot! Wirklich tot! Lat
mich sehen - sie kann kaum zwanzig Jahre alt geworden sein. Ach, ich htte sie
wohl sehen mgen in ihrem Glanze in Wien. Apage, apage! - Welche unntzen
Vorstellungen! Und doch wird man das nicht los, man hat sie zu gut gekannt. Wie
wre das geworden, wenn sich mein Herr Vater ihrer Erziehung angenommen htte -
wie glcklich htte dann ihr Leben sein knnen - und sie wrde heute leben und
glcklich sein. Es ist gar nicht auszudrcken, in was fr eine glnzende Ferne
man da hinaussieht. Apage! Als der brave Papa, der Gropapa, der Edle Huler
von Hauenbleib kam, war's freilich bereits zu spt. Jaja, wir werden eben
unerforschliche Wege gefhrt, und es ist nur ein Trost, da der Herr den Seinen
die besten anweiset. Sela!
    Da der Herr die Seinigen die besten Wege zu fhren wei, ist wohl auch
durch dieses Buch wieder einmal gezeigt worden, und wir knnten nunmehr still
unsere Feder weglegen, unser Manuskript schlieen und es den Leuten berlassen,
wie sie sich mit dem Buche vom Schdderump abfinden mgen.
    Der Edle Dietrich Huler von Hauenbleib hat augenblicklich in Fiume vielen
Verdru und fhrt eine verwickelte Korrespondenz mit der Admiralitt zu Triest.
Aber er baut an der zweiten Million und versprt keine Lust mehr, mit dem Grafen
Basilides Conexionsky zu teilen. Der Junker von Lauen mchte gern seine Zigarre
in Frieden rauchen und seinen melancholischen Gedanken in Ruhe nachhngen;
allein er kommt selten dazu, sein Freund Frschler und ein Dutzend gute Nachbarn
und die Eichsfelder dulden es nicht.
    Wenn die Witterung es erlaubt, schleichen drei alte, kmmerliche Gestalten
nach dem Siechenhause, das wieder leer steht, und Jane Warwolf trgt den
Schlssel und ffnet so schnell als mglich; denn der Ritter von Glaubigern wird
sehr bse jetzt, wenn er nicht sogleich seinen Willen bekommt. Die drei sitzen
in einer Reihe auf der Bank und betrachten die kahlen Wnde. Wenn jedoch
pltzlich ein Schein ber die morsche Wand hinliefe und eine lichte Gestalt
leise winkend und freundlich lchelnd vorbeiginge und den Finger auf den Mund
legte, so wrden sie sich kaum darber wundern.
    Wir sind am Schlusse - und es war ein langer und mhseliger Weg von der
Hungerpfarre zu Grunzenow an der Ostsee ber Abu Telfan im Tumurkielande und im
Schatten des Mondgebirges bis in dieses Siechenhaus zu Krodebeck am Fue des
alten germanischen Zauberberges!
