
                             Felder, Franz Michael

                                 Reich und arm

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                              Franz Michael Felder

                                 Reich und Arm

                                 Erstes Kapitel

      Wie zwei Helden dieser Erzhlung sich auf das Osterfest vorbereiten

Mit aller mglichen Pracht und Herrlichkeit ward am Karsamstag abends in der
Auer Pfarrkirche die Auferstehung des Herrn gefeiert. Unzhlige Lichter
erhellten die berall verhngte Kirche und beleuchteten das unter Singen und
Glockenluten hinter dem Heiligen Grabe in die Hhe gezogene Auferstehungsbild.
Kurz, es war himmlisch, gttlich, flsterten hernach die aus der Kirche
kommenden Weiber und Mdchen einander zu, whrend sie sich die von der
Tageshelle erschreckten Augen rieben. Sogar die zarten, schneeweien Hnde der
armen Stickerinnen legten rasch einen Taglohn auf den Teller, welcher zur
Aufnahme freiwilliger Beitrge fr das neuerrichtete Heilige Grab vor der
Kirchentr angebracht war. Die roten Kupferkreuzer, die sich wie recht
verdchtige Kerle hinter breiten Sechsbtzlern versteckten, waren wohl nur aus
engen Lederhosentaschen herausgelangt worden. Wenigstens war nicht zu leugnen,
da fast alle Mnner das Schauspiel etwas khl aufnahmen; sogar einiges
Kopfschtteln war zu bemerken. Auf dem Platz neben der Kirche stellten sie sich
schweigend zusammen. Jeder schien warten zu wollen, bis das rechte Wort zur
Beurteilung der etwas teuern neuen Mode, die zwar alles in die Kirche lockte,
doch keine Andacht in derselben aufkommen lie, gefunden sein wrde. Lchelnd
schauten sie hinauf zu den glhenden und leuchtenden Bergen oder hinaus ber den
schon etwas dunkeln, geheimnisvoll rauschenden Schnepfauer Wald, neben welchem
die Ach den bereits zu Wasser gewordenen Winter laut scheltend hinaustrug.
Rechts ob dem Wald erhob sich die stolze Liggsteinpyramide, die khn emporragte
zum blauen Himmel, welchen links neben der Ach die Kanisfluh zu tragen schien.
Weiter drauen, dort, wo die uersten Tannenwipfel des Waldes ins rtlichblaue
Licht hineinragten, trugen goldige Engelchen mit Feuerflgeln der scheidenden
Sonne den Strahlenmantel nach und winkten dabei mit wei und rtlich
schimmernden Hnden ihre letzten Gre zurck ins Tal. Viel schner doch und
so, da man dabei auch etwas empfindet, ist die Art, wie die Natur ihr
Auferstehungsfest feiert, begannen jetzt auf einmal mehrere. Gleich fielen auch
andere ein: Das Osterlied der Vgel im weihrauchduftenden Walde drauen - hrt,
hrt! Und droben in den Bergen das Wiedergeben der angeschwollenen, tosenden Ach
- oh, das geht einem durch Leib und Seele, ganz, ganz anders noch als das
lateinische Osterlied, welches der Kaplan bis von Innsbruck heraus hat kommen
lassen.
    Ganze Minuten lang schlug man jetzt berall Feuer, doch der Zunder wollte
gar nicht recht empfangen. Die krummrohrigen Tiroler Pfeifen blieben kalt, wie
gewhnlich vor der glcklichen Zeit der Zndhlzchen, wenn es einmal etwas zu
sehen und auszukopfen gab.
    Noch hatten viele nicht eingeheizt, als das Mathisle, ein rmlich
gekleidetes Buerlein, welches den Wolkengestalten nicht nachblicken mochte, bis
es sich die scharfen grauen Augen verdarb, auf einmal ausrief: Sehet dort!
Jetzt kommt der Bot' und geht ins Kronenwirtshaus. Was er wohl alles drin hat in
der groen Tasche, da er gar so eilt?
    Nun, der bringt ja jeden Samstag Zeitungen fr die Wirtin oder die, welche
vornehm und reich genug sind, ins Herrenstble.
    Es wre doch nun ganz in der Ordnung, begann das Mathisle nach einer Weile
wieder, wenn endlich Hansjrg, der Soldat, ein Briefchen schickte. Ist's doch
schon mehr als ein halbes Jahr seit dem letzten, und es wre die einzige Freude,
die er mir machen knnte. Nun, eine Frag' ist wohl jedem erlaubt, fgte er, das
Kopfschtteln der Umstehenden bemerkend, bei und eilte dem Wirtshause zu.
    Mchte doch sehen, was das Mnnchen fr ein Gesicht macht, wenn wieder
nichts gekommen ist, lachte der frhere Gemeindevorsteher, der bei den Bauern
mehr galt als der behagliche Patron, welcher jetzt diesen Titel hatte. Schon im
nchsten Augenblick war's, als ob es da drben halbe Batzen zu schneien
angefangen htte bei heiterem Himmel; sogar sehr sparsame Hausvter, die sonst
nicht einmal jedes Vierteljahr ein Bierglas zu sehen, geschweige denn ein Glas
Bier zu trinken bekamen, vermochten jetzt dem Drange nicht zu widerstehen und
folgten dem Altvorsteher auf den Tritt, so da die Gasse beinahe zu schmal
wurde.
    Staunend, mit einer Art von Ehrfurcht sahen viele, die noch ihr Lebtag
keinen Brief erhielten, wie das Mathisle jetzt einen solchen gleich einer
Siegesfahne jubelnd emporhielt. Es war und blieb halt doch merkwrdig, wie so
ein Blatt fr dieses kleine, ganz unbedeutende Mnnchen aus der weiten Welt sich
bis da hereinfinden konnte.
    Nun, was schreibt der Spitzbube? fragte der Altvorsteher lchelnd.
    Ich hab' erst angefangen, aber kommt nun Ihr und leset es, bevor es ganz
dunkel wird, sagte das Mathisle, indem es davon in die Stube eilte.
    Mit einer Langsamkeit, die das ihm geschenkte Vertrauen nur schlecht zu
wrdigen schien, folgte der Altvorsteher dem an ihn ergangenen freundlichen Ruf.
Ruhig legte er Mathisles Brief auf den noch etwas feuchten Tisch vor sich hin,
bestellte sich einen halben Schoppen Wein, zog dann die Hornbrille heraus,
wischte eine Weile mit dem Halstuchzipfel an den Glsern herum und begann
endlich, nachdem er noch den neben ihm sitzenden Gemeinderten die gromchtige
Schnupftabakdose vorgehalten hatte, mit Gemeindedienerstimme zu lesen.
    Der Brief erzhlte viel von Hunger und Kummer; doch, schrieb Jrg unter
anderem, werde das nun bald berstanden sein. In einigen Wochen bekomme er
Urlaub und knne dann heim, wenn man so gut sei, die Zehrung zu berschicken. Es
werde wohl noch etwas da sein von dem, wofr er verkauft worden sei. Die Heimat
habe er brigens noch nicht vergessen und fluche noch tglich, allen, die ihn
unter die Soldaten gebracht oder doch dabei ein Auge zugedrckt htten.
Besonders fr den Vorsteher sei es eine Schande, da -
    Mit den Worten: Er ist noch immer ein Lmmel, warf der Letztgenannte das
Schreiben auf den Tisch; unmutig verlie er das noch volle Glas und die Stube.
    Gar so groe Eile hatten die anderen freilich nicht; aber keiner mochte den
Brief zu Ende lesen, und wer den letzten Tropfen aus dem Glase hatte, machte
sich schweigend heim. Nur der junge Erbe des Stighofes, Stighans genannt, rckte
gegen das Jsle hinber und bestellte fr sich und seinen ehemaligen Schulfreund
eine Halbe Roten, ohne noch daran zu denken, da er eigentlich mit der Wirtin
allein bleiben wollte. Jrgs Brief hatte ihn ganz aus dem Zeug gebracht. Er
mute gleich etwas Gutes tun, um mit sich selbst wenigstens wieder zufrieden zu
werden; darum hatte er fr das schon seit Jahren fast ngstlich gemiedene
Schneiderlein eine Halbe Roten bestellt, und darum wohl rief er jetzt dem
Mathisle, welches, schon unter der Tre, den wieder sorgfltig zusammengelegten
Brief in die Tasche schob, mit emporgehobenem Glase zu: Komm noch und trink,
und wenn du ihm schreibst, so sag' es mir, da ich ihm auch einen Gru oder so
etwas mitschicken kann.
    Ist schon gut, recht gut, rief das Mathisle zurck. Will schon einmal
kommen, wenn's die Alte, will sagen deine Mutter, nicht merkt. Jetzt aber mu
ich dem Vorsteher nach und ihn um Verzeihung bitten wegen dem Brief. Ich bin
sehr erschrocken, denn unsereiner wei nie, wo er so einen Mann wieder braucht.
    Hans warf dem Mnnchen einen verchtlichen Blick nach und lief dann in der
Stube umher, da die Glser auf den Tischen klirrten. Dann begann er auf dem
groen Backtrog neben dem hintern Tisch einen wilden Marsch zu trommeln, wobei
er von Zeit zu Zeit verstohlen nach dem Jsle hinberschielte. Dieses sa immer
wie angefroren beim Glase, welches kaum aller fnf Minuten ein wenig leerer
wurde, wie etwa das Schoppenglas eines armen Studentleins, welches gern um ein
billiges im Wirtshause sitzen und die neuesten Zeitungen lesen mchte.
    Endlich sagte Stighans, ihn dnke, da es nun heut, am Feierabende, denn
doch die hchste Zeit zum Heimgehen sei.
    Jos gab ihm von Herzen recht, whrend er das allmhlich denn doch etwas
erleerende Weinglas mit Wasser wieder fllte.
    Stighans bereute, wieder einmal einer augenblicklichen Stimmung nachgegeben
und alles andere dabei vergessen zu haben, selbst den Zweck seines Kommens, den
kein Mensch als die Wirtin erfahren durfte.
    Jos hatte wohl bemerkt, da dem Hans etwas fehle, da aber er ihm da im Wege
sei, fiel ihm um so weniger ein, da ja Hans selbst ihn dableiben hie.
Vielleicht, meinte er, msse er hier auf jemand warten helfen, und da knne er
dann, wenn Hans einmal hinausstrmen sollte, auch seine Frage an die Wirtin
richten. Aber Hans ging nie hinaus. Immer strker trommelte er auf dem Backtrog
herum, whrend Jos mit der ghnenden Wirtin von allem Erdenklichen zu reden
begann, endlich auch von der nun wieder berstandenen Fastenzeit. Es sei doch
nicht zu leugnen, sagte er, da in jedem Menschen etwas von der Eva stecke, die
am liebsten nach den verbotenen Frchten lange. Da seien viele, denen das
Fastengebot ungemein viel Redens und Klagens gebe, obwohl man ja so vielerlei
kochen knnte, ohne da man zuerst rauben und morden mte. Er wrde fr die
Erlaubnis, auch an gebotenen Fasttagen Fleisch zu essen, keine fnf Gulden
zahlen, denn ihm sei immer besonders wohl, wenn er nicht an Messer und Blut zu
denken brauche. Auch beim Essen komme viel auf die Einbildung an. Daheim bei der
Mutter sei ihm an manchem Fasttag wohler gewesen als jetzt beim Krmer, obwohl
es dort nicht einmal Eier gegeben habe. Machest jetzt du da ein Schsseln- und
Tellergeklapper! fuhr der Stighans den Schulfreund an. Doch schon im nchsten
Augenblick zuckte etwas wie ein Lcheln ber sein breites Gesicht. Stighans
konnte berhaupt nie lange sich ber jemand rgern; er selbst htte das noch
viel weniger ausgehalten, als wer zufllig eben darunter litt. Nach einer Weile
fuhr er lchelnd fort: Man knnte glauben, da Essen dir die liebste Arbeit
wr', wenn man dich heute das erstemal hrte. So schwtzt allenfalls eine
Herrenkchin, und ich wei wahrhaftig nicht, was du damit willst.
    Warten will ich - bis du endlich gehst, sagte Jos mit kaum verhaltenem
Lachen.
    Es wre nicht ratsam, jedem Hansen, der eine Halbe zahlt, so zu antworten.
Unserem Hans aber tat diese Offenheit recht in der Seele wohl, und frhlich
sagte er: Da haben wir's. Beide wollen das gleiche. Da sieht man nun, da
gleich und gleich sich nicht immer gern gesellt. Ich htte dich bald
fortschicken wollen, denn da ich nicht wegen deinem Kuchengeschwtz dablieb,
kannst du dir denken.
    Und Hans lachte wieder so hell und frhlich, da die Schlagfeder auf der
neuen Stubenuhr einen Klang gab. Jos sprach ernst, beinahe klagend: Wir sind
uns also nur darum in den Wurf gekommen, weil uns die frhere Offenheit fehlte.
Frher httest du nur gesagt: So, Jos, jetzt marsch! Ich wre dann fort und
htte mich gefreut, morgen die Ursache zu erfahren. Mit dem Vertrauen, Hans, ist
auch das rechte Befehlen und das rechte Folgen aus. Aber das ist ja der Welt
Lauf. Man hat dich besser gepflegt und begossen, drum bist du weit, weit ber
mich hinausgewachsen.
    Nun, bemerkte Hans, bisher stehen wir leider nebeneinander, jeder wartet;
aber fr jetzt wird's mir denn doch bald genug, drum sei so gut und geh mit der
Wirtin hinaus, sag' ihr deine Sache ganz kurz. Dann komm und la uns die Pltze
wechseln.
    Fr mich ist das am Ende gar nicht ntig, sagte Jos, der Schneider. Ich
will nichts von der Wirtin als Eierschalen, damit ich doch auch meine Freud'
hab' am Osterfest.
    Und just das, rief Hans lachend und mit dem Fue stampfend, just das
ist's, was auch mich so lange wach erhalten hat.
    Die Wirtin, die bisher ruhig auf der breiten Bank beim Backofen sa, verlie
rasch ihren Platz, rieb sich die mden Augen, und indem sie die Stube verlie,
tat sie alles, was sie schon oft wieder wach und munter gemacht hatte. Es galt
ja eine kleine Neckerei, und da hatte sie noch immer von Herzen gern nach
Krften mitgeholfen. Wenn es wie diesmal den Mdchen gelten sollte, besann sie
sich freilich immer zweimal, bevor sie ja sagte; doch als Biggel hat auch sie
und wohl jede sich manches gefallen lassen mssen.
    Bis zu ihrem zwanzigsten Jahre tragen die Bregenzerwlderinnen weite rmel
aus beliebigen buntfarbigen Stoffen, und solche rmelmdchen werden noch von
allen beinahe wie Kinder behandelt. Nun aber vertauscht das Mdchen diese rmel
mit dem engen Schalk aus schwarzer Glanzleinwand, und an einem Feste, gewhnlich
am Ostertage, zeigt sich der Biggel zum erstenmal ganz neu gekleidet im
Jungfrauenstuhl der Kirche; und wenn die Burschen ihre Eierschalen, die sie dem
Biggel als erstes Zeichen ihrer Aufmerksamkeit streuen wollen, auch schon damals
nicht mehr bis dorthin tragen durften, so konnten sie doch noch nicht
unterlassen, ihm wenigstens etwas Hennenfutter vor das Haus auf die Gasse zu
legen; das wird dann von den Eltern der Gefeierten je nach Umstnden sehr
verschieden aufgenommen, ausgelegt und berechnet.
    Bald kam die Wirtin mit der Schrze voll Eierschalen wieder in die Stube
zurck. Sie war gewhnt, jedermann zu dienen; umsonst aber wollte sie so etwas
nie getan haben und war gerade dann am kargsten, wenn ihre Gegenforderung sich
nicht durch Zahlen ausdrcken lie. Wie sie schon gehrt hatte, sollten morgen
nicht weniger als acht Biggel ausfliegen. Nun wollte sie denn doch bei so guter
Gelegenheit auch erfahren, auf welche von diesen die beiden Burschen, besonders
der reiche Stighans, es eigentlich abgesehen. Des Krmers eitler Zusel, die noch
kaum neunzehn Jahre hinter sich hatte und die doch - in dem Glauben, ihr stehe
gar alles wohl an - sich schon in den Jungfrauenstuhl machen wollte, wre so ein
Streich - fr sie eine Demtigung - zwar von Herzen zu gnnen gewesen. rgerlich
aber blieb dabei der Umstand, da so eine Aufmerksamkeit von dem reichen
Stighans ihr sicher mehr Freude als Verdru machte. Frher freilich, als Hans
mit Zusels lterer Schwester Angelika ein Verhltnis einfdelte, war die alte
Stigerin mit Leib und Seele gegen die Krmerei und alles, was drum und dran
hing; jetzt aber galt der Krmer etwas mehr im Hause, und es schien fr Hansen
nicht ganz unmglich, die Zusel in sein Haus zu bringen, obwohl die ltere
Schwester ihm viel besser gepat htte. Nein, schon der unglcklich
verheirateten Angelika zuliebe sollte das womglich verhindert werden. Den
wackern Hans verdiente die Zusel nicht und er auch etwas Besseres. Sie
wenigstens, die Kronenwirtin, wollte lieber in der ganzen Fastenzeit keine Eier
gegessen haben, als da nun auch noch die Schalen diesem Windspiel zur Freude
benutzt werden sollten. Wissen wenigstens mute sie jetzt Hansens Plan, und mit
ihrem Willen sollte Zusel morgen keinen frhlicheren Tag erleben, als sie
verdiente.
    Gerade als ob das Mdchen, welches nun durchaus zum Tnzeln und Scharwenzeln
alt genug sein wolle, dort im Herrgottswinkel sitze, stellte sie sich gro vor
den Tisch hin und sagte etwas rauh: Bisher wolltet ihr beide das nmliche; das
war gut fr mich, denn so kann ich euch auf einmal bedienen. Ob es aber von
jetzt an fr euch nicht um so bser wre, wenn ihr noch lnger das gleiche
wolltet? Das, ihr Burschen, ist eine ganz andere Frage. Es wre nicht gut, wenn
ihr euch auch vor dem Hause des Biggels wieder treffen solltet wie hier. Macht's
daher lieber, wie der Jos schon gesagt hat. Seid so offen gegeneinander wie
frher, wo jeder dem anderen lachend seinen Plan mitgeteilt htte.
    Jetzt leerte Jos das Glas mit einem Zuge, stellte es vor sich auf den Tisch
und sagte so ernsthaft als mglich: Wir sind dir groen Dank schuldig fr die
Schalen und besonders fr deinen guten Rat, den wir beim Heimgehen gewi redlich
befolgen wollen.
    So aber hatte die Wirtin es nicht gemeint. Die gute Frau besa auch viel zu
wenig Verstellungskunst, um ihre wahre Absicht noch lnger verbergen zu knnen.
Halt, ihr Herren, rief sie lachend, bei mir fordert man nicht und nimmt
nicht, ohne auch etwas zu geben. Unsereins ist an das gar nicht gewhnt. Hier
sind meine Schalen, und dort ist euer Geheimnis - wollen wir tauschen oder
nicht?
    Anfangs wrde der Stighans gerne darauf eingegangen sein, jetzt aber war es
ja Ehrensache, treu zum Gefhrten zu halten und sich von der listigen Wirtin auf
keine Weise mehr fangen zu lassen. Nein, sagte er entschieden, Tauscher sind
wir keine, und nur so Nothndel lassen wir uns keine aufzwngen. Was wir
fordern, wird gehrig bezahlt, da wir nicht auch noch schne Worte und Buckerle
machen mssen. Wir wollen aber bald gehen, drum nur herzhaft gesagt, fr wieviel
bares Geld wir das Zeug da mitnehmen knnen.
    Ich mag aber nicht, sagte die Wirtin trotzig und hielt die Schrzenzipfel
fester.
    Auch gut, versetzte Stighans ruhig, ich glaube, du lieest dich nicht
gerne drum ansehen, fr so etwas bares Geld genommen zu haben. Behalte du die
Schalen fr dich und bring uns Eier. Bezahlt sollen sie dir gehrig werden, und
das Zeug drin bringen wir wohl heraus, wenn wir vom Kochen auch wenig verstehen.
Nicht wahr, Jos?
    Dieser war bei den letzten Worten erschrocken nach seinen Taschen gefahren,
deren Inhalt Hans viel zu hoch anzuschlagen schien. Der reiche Bauer, die
Verlegenheit des Handwerkers bemerkend, warf einen Kronentaler auf den Tisch und
sagte: Da, du Eigennutz, ist bares Geld, lauf nun und bring uns Eier, soviel es
dafr leiden mag. Aber mach' schnell, da wir bald weiter knnen.
    Das wr' mir noch hbsch, das, eiferte die sorgsame Hausfrau. Nein,
Brschchen Liederlich! So wird unter meinem Dache die liebe, gute Gabe Gottes
nicht verunehrt und mibraucht. Habt ihr denn daheim noch nie gesehen und nie
gehrt, wie man dafr sorgt, da doch nie ein Trpflein oder ein Brselein von
dem, was so viele auf der Welt bitterlich mangeln, mit Fen getreten werde?
    Und indem sie ihre Schrze in die groen Hte der beiden Burschen ausleerte,
fuhr sie fort: Lieber nehmt den Plunder und was ihr wollt umsonst, als da ihr
in meinem Hause, vor meinen Augen so schndlich frevelt. Es hat doch keine Art
und keine Gattung mehr in der jetzigen Welt. Alles hlt man fr erlaubt, wenn
man es nur bezahlen kann.
    Da ist's wohl am besten, wenn wir gleich gehen, da wir dir nicht noch mehr
Kreuz machen, sagte Hans mit etwas gezwungenem Lachen.
    Jos hatte schon nach dem vollen Hute gelangt. Hans suchte noch kleines Geld
fr den getrunkenen Wein und folgte dann dem forteilenden Gefhrten mit groen
Schritten langsam nach.

                                Zweites Kapitel



              Worin sich Hans und Jos etwas deutlicher aussprechen

Der Mond war eben aufgegangen und schaute freundlich zwischen den von
bltenhnlichen Nebelstreifen umflossenen Bergspitzen aufs neuergrnte Tal herab
und auf die Kirche, deren schlanker Turm neben dem tannenbekrnzten Fluhfelsen
emporragte. Nur unwillig gab der neben dem einsamen Gotteshaus am Felsen
vorbeirauschende Strom das trbe Bild des freundlichen Nachtwandlers wieder
zurck. Aber wie er auch zischen und tosen, wie drohend er sich gebrden mochte,
er war doch nicht imstande, die Ruhe der Bewohner seiner gesegneten Ufer zu
stren. Nie schlft wohl der Bauer besser und trumt ser, als wenn die Flsse
den unwillig grollenden Winter so mir nichts, dir nichts zum Tale hinaustragen.
Da ffnet er wohl, trotz den ngstlichen Warnungen der besorgten Hausmutter,
sich doch ja vor der Nachtluft in acht zu nehmen, vor dem Schlafengehen die
Fenster des Zimmerchens, um das Klagen und Lrmen des aus dem Lande ziehenden
Feindes recht deutlich zu hren. Im Winter mu man sich wohl oder bel mit
seinen Sorgen ins Zimmer einsperren, und die meisten sind, so sich selbst
berlassen, weitaus am schlimmsten dran, weil sie eben nicht viel mehr
anzufangen wissen, als ihre Langeweile totzustricken oder den Nachbar zu
hecheln, mit dem sie im Frhling und Sommer im schnsten Frieden leben und
arbeiten knnen. Erst das Auferstehungslied der Natur, das Tosen der Bche,
welche endlich die eisige Decke wieder zu sprengen vermochten, ffnet auch die
Fenster und die Herzen wieder, da berallhin ein Gefhl einziehen kann; da
reden sie alle wieder von den Arbeiten des Frhlings, whrend im Winter fast
jeder sich mit etwas anderem qulte.
    Doch unsere beiden Freunde hatten trotz der wunderschnen Osternacht recht
ungleiche Gedanken, als sie so auf dem mondbeleuchteten Platze zwischen der
tosenden Ach und der stillen Pfarrkirche dahinschritten. Dem Jos tat die frische
Nachtluft recht wunderbar wohl, nachdem er in des Krmers engem
Schneiderstblein die ganze Woche fr den morgigen Tag fast auf Leben und Tod
hatte arbeiten mssen. Ein Gefhl der Freiheit, wie er es noch selten empfand,
hob sein Kpfchen, welches er sonst ein wenig hngen zu lassen pflegte. Erst
jetzt schien ihm sein Trotz gegen den bisherigen Arbeitgeber nicht mehr nur
Folge einer Verstimmung, welche seit Wochen - ja offen sich zugestanden, seit
dem Faschingsdienstag, wo er das erstemal auf einen Tanzplatz kam - sein ganzes
Wesen belastete. Ja, wenn er jetzt alles wieder berdachte, so kam ihm sein
heutiges Betragen, obwohl es ihm den Dienst beim Krmer kostete, ganz gehrig
und planmig vor. Der harte Winter war nun glcklich berstanden, unter dem
wiedergeschmolzenen Schnee wuchs berall Arbeit hervor, so da er noch nichts
verloren geben mute, auch wenn seine erste Rechnung fehlte und Hans ihn nicht
auf den Platz seines bisherigen Knechtes lie, welchen letzte Woche ein Bericht
von der Erkrankung seines Vaters auf dessen stattliches Anwesen zurckrief.
    Am Ende lag ihm gar nicht so viel an diesem Dienst. Es war ja fraglich, ob
er da jemals eine frohe Stunde haben knnte und ob nicht die bse Stigerin oder
noch fter fast die gute Dorothea, Hansens Magd, ihn zum Sterben rgern wrde
... Es gab auch anderwrts Arbeit in frischer, freier Luft, und das war ihm
genug. Wenn er sich nur nicht mehr blo ins Zimmer zu seinen Gedanken einsperren
mute. Das aber htt' er jetzt nicht mehr ausgehalten, whrend ihm frher so
wohl war bei der Nadel, wenn er leise frstelnd andere hinaus in Klte und Nsse
gehen sah.
    Es war gerade, als ob er nirgends mehr Ruhe finden knne, seit er auf dem
Faschingsdienstag mit Dorotheen getanzt hatte. Noch rger wurde das, als es
drauen immer mehr erwarmte und der allberall jubelnd verkndete Frhling ihm
gar nichts als das Zimmer voll Fliegen und noch lngere Arbeitstage bringen zu
wollen schien. Gewi htte selbst der Krmer, obwohl der sonst so abhngigen
Leuten gegenber keinen Spa verstand, die trotzigen Stichelreden seines
Schneiders nicht gar so hoch aufgenommen, wenn er seine Stimmung zu fassen und
zu beurteilen imstande gewesen wre. Aber das war des Krmers Sache nur bei
Leuten, wo es ihm etwas eintrug. In der Karwoche lagen auer den Wnden des
Zimmers auch noch ganze Berge von dringender Arbeit auf dem armen Schneider, den
der Krmer nach Belieben einspannen zu knnen meinte. Schon seit Mittwoch
grollte und donnerte es bald da, bald dort; heut abend machten sie sich
gegenseitig ihren Standpunkt klar, und darber hatte es nun Feuer zwischen ihnen
gegeben, da sie so bald wohl nicht mehr zusammen unter einem Dache leben
mochten; darum war Jos heut ausnahmsweise lieber ins Wirtshaus als heim zur
Mutter, von der er ber seinen Wochenbericht schwerlich ein besonderes Lob
erwartete. Jetzt aber war ihm wieder ganz leicht. Der Ri zwischen ihm und dem
Krmer mute ja recht gro werden, wenn er den Bitten der guten Mutter gegenber
stark bleiben und einmal aus dieser Krmerhhle herauskommen sollte. Das beste
war immerhin, wenn er auf alles Bitten und Betteln sagen konnte: Es geht nicht
mehr, wenn ihm selbst auf der anderen Seite das auch etwas traurig vorkommen
mochte. Aber jetzt nichts von Traurigkeit! rief er sich zu. Wr's nicht eine
Schande gewesen, wo immer man einmal davon erzhlt htte, da einer der besten
Schler sich ohne die Gnade dieses Krmerwurms nicht mehr ordentlich durch die
Welt bringen knne?
    Die Leute freilich hatten ihm immer ein faules Mutterbblein gescholten,
weil er nie drauen im Schwabenlande blieb, wo das Einerlei der ungeheuren
Kornfelder dem an die nahen Berge Gewhnten wie eine furchtbar groe Rechentafel
vorkam. Ja, lieber als bei den wohlgenhrten Wrttembergern, wo so manches arme
Landeskind Arbeit und Brot fand, blieb er daheim bei der Mutter. Aber seine
Tadler hatten darum denn doch nicht ganz recht. Faul war der Jos nicht. Er
sammelte das von der Ach ausgeworfene Holz, da die Mutter mehr als genug hatte;
auch gewann er Beeren fr den Pfarrer und andere Liebhaber; ja, man konnte ihn
brauchen, wozu man wollte, wenn man ihm nur nichts vom Schwabenland sagte. Diese
Furcht vor der Fremde hatte ihn schon frh in die enge Werksttte beim Krmer
getrieben, die von diesem nebenbei auch noch als Rumpelkammer benutzt wurde.
Aber so wohl war ihm doch nicht geworden, als Hansjrg, der damals beim Krmer
arbeitete, ihn in die Lehre zu nehmen versprach, wie jetzt, wo er sich von dem
ewigen Ndeln und Fdeln erlst fhlte.
    Aber nun mute er seine Bitte um Arbeit denn doch ein wenig einzuleiten
beginnen. Wenn Hans ihn auch nicht brauchte, so konnte der ihn doch vielleicht
irgendwo empfehlen. Jetzt geht denn die Feldarbeit wieder an, begann er
hustend, wahrscheinlich schon gleich nach den Feiertagen. Stighans schien ihn
gar nicht zu hren, der hatte jetzt auch an ganz anderes zu denken. Unverwandt
schielte er zu jenem kleinen Huschen drben ber der Ach am Argenstein, dessen
halbblinde Fenster mit den runden Scheiben das trbe Bild des Mondes zwischen
neubelaubten Buchensten hindurchschimmern lieen. Was jetzt wohl das Mathisle
dort machte? Das arme, verlassene Mathisle, das nicht einmal mit seinen drei
Kindern daheim Arbeit und Brot, ja selbst kein gutes Bett hatte! Gewi dachte es
an den Hansjrg, der ihm seine Sttze werden sollte, und dabei ballte es seine
Faust vielleicht auch gegen ihn, Stighansen, der ja, wenn auch wider Willen,
seinen wackeren Buben zu den Soldaten gebracht hatte. Wie bitter Stighans auch
den Tod seines einzigen Bruders Karl beweinte, er wnschte doch oft, da
derselbe, wenn es nun doch einmal sein mute, ein Jahr frher gestorben wre,
damit er dann nicht mehr zur Rekrutenaushebung htte mitlosen und verspielen
mssen. Da es ihm nicht um die paar hundert Gulden war, welche er dem Hansjrg,
seinem Stellvertreter, zu zahlen hatte, wute wohl jeder, der den Stighans auch
nur ein wenig kennen gelernt hatte. Geizig war er nicht, und seine Sparsamkeit
im Kleinen mute man ihm fr Ordnungsliebe auslegen, wenn man seine
Freigebigkeit im Groen sah. Freilich, er hatte es, denn er war, obwohl es dem
in schlechten Kleidern gleichgltig Daherwatschelnden kein Mensch angesehen
htte, bei weitem der reichste Bauer in der ganzen Gegend. Auer dem Stighof,
von dem seine Familie den Namen hatte, und vielen Kapitalbriefen gehrte ihm
auch das stattliche Anwesen in Argenau, einem der vielen Weiler des Dorfes, die
zusammen die Gemeinde Au bilden, und das schlechte Huschen mit dem Gut am
Argenstein, zu dem er jetzt noch immer so scheu hinberschielte, whrend er mit
seinem ehemaligen Schulfreunde langsam und schweigend auf dem seit lange zum
erstenmal wieder trockenen Platze neben der Kirche hart am Fue des Fluhfelsens
dahinschritt. Erschrocken standen beide still, als sie, pltzlich durch das
dumpfe Gerusch der Schritte in ihren Gedanken unterbrochen, auf der gedeckten
Brcke sich befanden, welche rechts ber die Ach zu den an der Arge liegenden
Weilern Argenfall, Argenzipfel und Argenau, dem sogenannten Herrendorfe, fhrt.
    Hans war ordentlich froh, da Jos sich auf einen Balken der Seitenwand
setzte, indem er sagte: Da ist's recht schn und ein gehriges Durcheinander in
den Wasserwirbeln unten.
    In dem Lrmen und Tosen ist mir immer am wohlsten.
    Mir ist's schon auch recht, da ich etwas hre, sagte Hans leise, indem er
seinen silberbeschlagenen Tabakkbel aus der Tasche zog. Da wollen wir eine
Weile sitzen und eins plaudern, lauter, als das Wasser tost.
    Aber so ein lautes, frohes Gesprch, das alles bertnt und vergessen macht,
lt sich nicht so mir nichts, dir nichts befehlen. Beide wollten unterhalten
oder vielmehr unterhalten werden, und doch saen sie wieder schweigend da,
whrend Hans seinen wohlbeschlagenen Maserkopf aus der mit lieblich duftenden
Blttern bis zum Platzen gefllten Schweinsblase fllte, die Dorothea ihm mit
seidenen Bndern hbsch eingefat hatte. Jetzt schlug Hans Feuer, und als der
von seinem Stein aufzuckende Blitz die mchtigen Balken der sonst vom Dache
beschatteten Brcke beleuchtete, dachte er an den armen Hansjrg, der
seinetwegen ber so manchen Gewehrblitz erschrecken mute; Jos aber beneidete
den Meister, der durch diese Brcke das Dorf verband und ganzen Geschlechtern
ein Wohltter wurde. Dann schauten beide durch eine in der Brckenwand gelassene
ffnung hinab auf die tosend hinausstrzende Ach. Hans erblickte nun auch wieder
die schneeweien Eierschalen neben sich auf einem Balken und sagte lachend:
Merkwrdig, wie man doch bei allem Ernste noch ein Kind ist und am Kindischen
seine grte Freude haben kann!
    Und warum auch nicht? fragte Jos. Ist einem doch als Kind weitaus am
wohlsten! Ich wollte fast, da ich mein Lebtag ein Kind htte bleiben knnen.
    Ich doch nicht, versetzte Hans schnell. Glcklich, fgte er dann sinnend
bei, recht glcklich sind wir da freilich gewesen.
    O gewi߫, fiel Jos, dem das wir noch besonders wohlgetan hatte, herzlich
ein und begann dann zu schildern, wie wohl ihm damals gewesen, wenn auch ihn,
den Jungen der unbeliebten Schnepfauerin, nur hchst selten ein Auge freundlich
angeblickt habe. Auch Hans erinnerte sich lachend manches lustigen, tollen
Streiches, den sie damals mitsammen machten. Der gutmtige, nur etwas
unbeholfene Bursche konnte das lebhafte, zu allem aufgelegte Jsle unter den
Kindern der Nachbarschaft weitaus am besten leiden, weil es ihm gewhnlich auch
die lstigen Schulaufgaben machte und berhaupt aus vielen Verlegenheiten half.
Hansens Vater fand das ganz in der Ordnung. Dafr ja, meinte er, sei man eben
reich, da man andere gleich einspannen knne, wo man nicht gern selbst ziehe.
Die Stigerin war auch nicht gegen das Einspannen, doch sie wehrte Hansen den
vertrauten Umgang mit einem Menschen, dessen Dasein nach ihrer Ansicht in den
Augen Gottes und aller guten Menschen ein Greuel sein mute. Die arme
Schnepfauerin, die die vom Shnchen verdienten Kreuzer des reichen Nachbarn
recht grausam ntig gebraucht htte, kam auf den Gedanken, ihr Jsle sei der
Stigerin zu arm; doch da sie damit nicht das Richtige getroffen hatte, bewies
spter der Umstand, da sie ihren Hans auch nie neben des reichen Krmers
Angelika sehen wollte, weil ihr Vater manches tat, was sie ihm erst vor drei
Jahren verzieh, als er den Hansjrg, seinen Schneider, - sie kmmerte sich in
der Angst nicht, wie - fr ihren jngeren Sohn zu den Soldaten geschwtzt hatte.
    Als Hans vorhin sagte, da er doch die Jahre der Kindheit sich nicht mehr
wnschen wrde, dachte er sicher an den Zwang, den die Mutter besonders nach dem
Tode des alten Stigers ihm und seinem Bruder selig angetan hatte. Sie durften
nur mit wenigen, meistens langweiligen, verzogenen Kindern aus den besten,
angesehensten Husern spielen, und so wenig als bei der Wahl ihres Umgangs war
ihnen sonst gestattet, sich ihren Gefhlen und Neigungen zu berlassen. Das war
noch jetzt nicht anders, nur da Hans sich nun eher daran gewhnt hatte.
    Als Hans heute den Jos zum Mittrinken einlud, dachte er gewi nicht im
entferntesten mehr an eine Auffrischung des alten freundschaftlichen
Verhltnisses. Das wre ja jetzt etwas ganz Neues gewesen, und etwas Neues
wollte Hans ebensowenig als sein seliger Vater, dem er in diesem und noch in
vielen anderen Stcken merkwrdig hnlich war. Nur sein Schrecken ber den vom
Vorsteher vorgelesenen Brief hatte ihn gedrngt, irgend jemandem etwas Gutes zu
tun, um dann mit sich selbst wieder etwas zufriedener zu werden. Wenn es dann
dem Jos gelang, seinen ehemaligen Freund wieder lebhaft an gemeinsam verlebte
schne Stunden zu erinnern, so darf man doch nicht glauben, da er da schon als
fortgeschickter Schneider und dienstsuchender Knecht oder Tagwerker geredet
habe. Solchen armen Jslein stehen in der Regel viel zu wenige Figuren zur
Verfgung, um gute Schachspieler zu werden. Hier auf der dunkeln Brcke, dem
einzigen Platz auer seinem Hause, wo niemand ihn wegschicken durfte, war
wunderbar obenauf gekommen, was jetzt in ihm arbeitete. Begeistert redete er von
der Zeit, in der sie beide Kopf und Hand, Klugheit und Tatkraft, List und Geld
immer traulich zusammenzuhalten pflegten, bis er durch das Kommen eines Dritten
unterbrochen wurde.
    Es war der Krmer, der sich gleich hart neben Hansen stellte und vertraulich
plauderte, bis er auch den neben ihm im Dunkel sitzenden Schneider erkannte.
So, du bist auch da? sagte er etwas verlegen. Dann drehte er sich um, indem er
auch Hansen recht bald und glcklich heimzukommen wnschte.
    Bald waren die festen Tritte des fr sein Alter noch ungewhnlich rstigen,
nur etwas nach vorn gebeugten Mannes verhallt.
    Unsere beiden Freunde aber dachten noch nicht daran, ihm ins Herrendorf
hinauf zu folgen, von wo der Schatten seines stattlichen Hauses ber den Hgel
auf die mondbeglnzte Ach herunterragte. Ich htte gedacht, bemerkte Jos, der
Krmer htte nun sein Hhnchen fr morgen gerupft und mte nicht auch noch in
der Nacht Geschfte machen, da er ohnehin denen die Haare ausreit, die sich von
ihm kmmen lassen.
    La ihn doch einmal gehen! bat Hans in beinahe befehlendem Tone.
    Ja, wir wollen uns die schne Stunde nicht verderben, stimmte der
Schneider bei. Sie ist wirklich schn, und mir tut es so wohl, da wir wieder
einmal vertraulich beisammen sind und, wie frher oft, das gleiche haben und das
gleiche wollen. Mir ist das Herz so aufgegangen, da ich keinem Menschen mehr
etwas absein knnte. Mit dir ist mir der Mut und die Weichheit von frher wieder
gekommen. O Hans, es ist schade, da du sonst in jetziger Zeit so weit von mir
stehst und so hoch ob mir, da mir schon fast schwindelt, wenn ich zu dir
hinaufsehe.
    Hansen schienen diese Worte nicht besonders zu gefallen. Hastig langte er
nach seinem Hute mit den Eierschalen und schritt ber die Brcke auf die
Schattenseite hinber. Jos ging, seine Rede herzlich bereuend, langsam nach. Es
war jedenfalls unklug, den Schwachen schon jetzt wieder an die Abneigung seiner
stolzen Mutter zu erinnern. Schweigend bestiegen sie die kleine Anhhe, von der
aus sie nun die ringsum an die Berge gleichsam angelehnten Weiler und die einsam
stehende Kirche zu bersehen vermochten.
    Hans stand aufatmend still und sagte lachend: Dein Schritt pat noch gerade
so zu meinem wie frher. Hans und Jsle, Hans und Jsle, Hans! klappt es noch
wie frher, wenn wir miteinander ber die Gasse gingen. Das Hans ist mein Tritt
und das andere Gezappel dein Gang. Mir tut es wohl, das wieder einmal zu hren,
wenn ich mich auch freue, da wir seitdem lter und auch etwas klger worden
sind.
    Du hast gut frhlich sein, erwiderte Jos. Frhlich kannst du
zurckschauen und sorglos in die Zukunft. Wer ins Schwabenland hinausfhrt, wei
gar nicht, wie weit es ist. Und auch drauen erlebt er ganz anderes, als wer mit
der ganzen Habe im Zwillichsack auf dem Rcken ermdet ankommt und einen Dienst
sucht. Ja, Hans, du bist ein glcklicher Wanderer!
    Und du?
    Ich bin mde worden auf meiner bsen Strecke und nun gar noch verirrt.
    Du ermdet? Das sollte man in den Kalender drucken lassen.
    Warum nicht gar! Von mir mag man nicht einmal reden, geschweige denn
schreiben und lesen. Nur wenn ich einmal den Kopf auch ein wenig aufrichten
will, hat man Zeit, mich zu tadeln und wie ein Donnerwetter ber mich
herzufahren.
    Um so etwas nur tt ich mich eben gar nicht bekmmern.
    Ich freilich auch nicht, wenn ich festse wie du. Aber den armen Leuten
geht zuweilen alles aus, sogar die Geduld.
    Auch sein Ro und das Rind schtzt der Bauer und verzeiht ihnen einen tollen
Sprung, wenn sie sich sonst gut halten; so einem armen Teufel gegenber jedoch
kennt man keine Gerechtigkeit und dnkt sich selbst um so hher und besser, wenn
man ihm ein rechtes Kohlrabengesicht gemacht hat.
    Ist dir wieder einmal einer auf die Zehen gestanden?
    Sie treten einem nicht blo auf seine Zehen, sondern auch auf die Hnde,
den Kopf und das Herz.
    So geht's einem, wenn er zu geduldig ist und sich so wenig zu regen und zu
wehren wei wie du, spottete Hans.
    Wehre dich, wenn du die Katze im Sack bist, mach' eine Faust, wenn du keine
Hand hast!
    Lachen ber alles oder gehen ist immer das gescheiteste.
    Es ist besser, zwanzig gute Lehren geben, als eine einzige befolgen. Das
Ktzlein wei gar nicht, wie der Maus zumute ist. Stell' dich an meinen Platz in
Gedanken, weg von deinem Geld und deinem Anwesen, zu einer Mutter, fr die du
arbeiten und etwas verdienen mchtest. Kannst du das?
    Ganz leicht.
    Wir wollen gleich sehen. Sag' mir nur, ob man da nur lachen und gehen kann,
wenn sich auch das Ehrgefhl niemals regen sollte?
    Aber so als Ladenschneider hast du doch keinem Menschen etwas nachzufragen,
wenn du nur deine Sache gehrig machst.
    Als den Bauern, allen Kunden und dem Krmer und der Zusel. Aber schon an
der htte einer genug. Das ist dir eine, viel, viel rger als drei Wochen
Zahnweh. Wenn dich der Alte - denn Vetter mag ich ihn nicht mehr nennen - lange
genug gebgelt und geschert hat, fhrt auch sie noch daher auf ihrem Hochmut und
lt es mich jeden Augenblick empfinden, da ich nicht der Hansjrg bin, fr den
sie ganz ein anderes und ein recht liebliches Paar Augen gehabt hatte. Aber das
ist jetzt aus. Ins Haus geh' ich nicht mehr, aber noch einmal bis vor die Tr,
um dem Pfau diese Schalen da zu streuen. Sie wr' nach dem Brauch noch zu jung
fr den Jungfrauenstuhl, drum wird das unseren Biggel nicht wenig rgern.
    Und was willst du dann? fragte Hans ernst.
    Was ich kann.
    Jetzt gibt's Arbeit genug, wenn einer nicht nur schimpfen, sondern auch
schaffen will. Du hast dich freilich an die Stube gewhnt, und nicht jeder, der
einen Knecht oder Tagwerker braucht, wrde dich gleich anstellen wollen. Komm
nach den Feiertagen zu mir. Man kann dich nicht auf der weiten Gasse lassen.
    Hans hatte ungewhnlich entschieden gesprochen, gerade so, als ob jemand das
Gegenteil sagte. Es war ihm auch wirklich, als ob er schon das Kopfschtteln
seiner Mutter sehe, an die auch seine letzten Worte gerichtet waren.
    Jos sagte bei weitem nicht so schnell und freudig ja, als Hans wohl erwartet
hatte.
    Bei mir, fing der reiche Bauer wieder an, bei mir wirst du es dann wohl
aushalten knnen, und Zuseln, die dir bse Augen machen und dich qulen, gibt es
auch keine. Die Mutter kmmert sich nicht mehr gar so um alles wie frher,
Dorothea aber, die Magd, ist so gut und brav, da du sicher mit ihr zufrieden
bist.
    Das glaub' ich von Herzen gern, sagte Jos mit einem Seufzer. Gewi erleb'
ich in deinem Hause nur Liebes und Gutes, aber es kann einem zuweilen auch das
Heilsamste und Krftigste ungesund sein, wenn es zur unrechten Zeit genommen
wird.
    Zu stolz wenigstens, bemerkte Hans etwas streng, wird dir des armen
Mathisles Dorothea hoffentlich nicht vorkommen; aber ich wei gar nicht, wie du
da meinst?
    Honig, zum Beispiel, sagte Jos, pat viel weniger auf den Hemdkragen als
auf das Butterbrot.
    Jetzt war Hansens Geduld zu Ende. Er meinte es doch so herzlich gut mit dem
sonderbaren Trotzkopf. Sogar den lieben Hausfrieden setzte er seinetwegen aufs
Spiel, denn es war nicht zu erwarten, da die Mutter es mit ihm auch habe wie
mit dem Krmer, den sie frher gar nicht leiden konnte, der aber jetzt ein Mann
ganz nach ihrem Herzen war, so da Hans ohne seinen Rat kaum eine Ziege kaufen
durfte. Hans wenigstens erwartete einen tchtigen Verweis, da er so einen
ungebten Knecht ins Haus bringe, einen Menschen berdies, den sie nun einmal
nicht leiden knne. Dafr aber hatte er von dem dienstlosen Schneiderlein gerade
keinen Dank, doch wenigstens ein freudiges Ja gehofft. Und nun waren solche
schlechte Spe der Dank und die Antwort. Der Teufel, fuhr er auf, oder wer
sonst Lust hat, mag da dein dummes Gerede deuten und erlesen. Ich will jetzt
ganz kurz und gut wissen, ob du am Dienstag kommst oder nicht.
    Ich komme, sagte Jos, und man konnte ihm dabei leicht anhren, wie wohl
ihm wurde, als er endlich mit sich selbst eins geworden war.
    Und warum, fragte Hans, kommt das denn gar so schwer, da man fast
meinte, man msse es mit einer Steinschraube heraufwinden?
    Das kam dem guten Burschen in diesem Augenblicke so unerwartet und griff
dabei so tief, da er in der Eile nur eine andere, scheinbar gar nicht hierher
gehrige Frage hervorzubringen vermochte: Sagst du mir auch, fr welches
Mdchen du die Schalen da bekommen hast, nachdem ich gegen dich so offen gewesen
bin?
    Von Herzen gern, antwortete Hans frhlich, die sind fr Dorotheen, die
Magd. Die Wirtin hat also ganz umsonst gefrchtet, es knnte Hndel geben ...
Solche Spe machen wir immer, und du glaubst gar nicht, wie kurzweilig das dann
ist.
    Ich kann es mir wohl einbilden, sagte Jos leise. Hans aber fuhr munter
fort: Ihr Namenstag fllt in eine Zeit, wo es weder Blumen noch frisches Laub
gibt. Ich und der alte Knecht aber, ein herzguter Kerl und nicht so ein
Kopfhnger wie du heute, wir haben uns gleich zu helfen gewut. Wir wollten ihr
zeigen, da wir die Bedeutung kennen, die der sechste Hornung fr sie hat. Rate
nun, damit du doch deinen rger ber die Zusel einmal aus dem Gesichte bringst,
womit wir dem guten Mdchen seinen Namenstag schmckten?
    Nun, mit was denn?
    Morgens in aller Frhe, noch bevor sich eine Kuh im Stalle regte, haben wir
statt Festbumchen zwei Besen rechts und links neben der Tr ihrer Kammer auf
die Stiele gestellt, um welche statt Blumen duftendes Bergheu gewunden und mit
alten Hosentrgern befestigt wurde. Schieen konnte nun freilich keiner von uns,
ein gehriges Namenstagsgerumpel aber hat es denn doch geben mssen; das htten
wir durchaus nicht anders getan. Wir suchten auf der Rumpelkammer sorgfltig
alles Kchengeschirr, welches sie im Laufe des Jahres und seit lnger
zerschlagen oder unbrauchbar gemacht hatte, und in einem alten, verwetterten
Hute befestigten wir es so ob der Tre, da es laut klirrend niederstrzte, als
diese von innen geffnet wurde. Die Gute hat herzlich gelacht ber diese
Aufmerksamkeit, die wie eine andere den guten Willen zeigte; doch du mut nicht
glauben, da uns der Streich geschenkt geblieben sei.
    Jos konnte nicht so herzlich lachen wie Hans, obwohl er sich wenigstens den
Schein geben wollte. Er war froh, da er nun bei dem Gchen anlangte, welches
zum Hause seiner Mutter hinunterfhrte.
    Also am Dienstag oder vielleicht schon bermorgen will ich kommen, rief er
noch zurck und htte fast dem Hans eine gute Nacht zu wnschen vergessen.

                                Drittes Kapitel



                               Die Schnepfauerin

Jos hatte nun doch wieder einen Dienst. Wenn er seiner Mutter erzhlte, wie er
dem Krmer und seiner Zusel im Unmute derbe Wahrheiten gesagt habe, so brauchte
er auf ihr jammerndes: Was aber nun? nicht mehr verlegen, sprachlos vor ihr zu
stehen. Er hatte jetzt eine Antwort, deren er sich nicht zu schmen brauchte.
Gewi hatte die Gute recht, da sie ihn stets zur Geduld ermahnte. Jetzt gestand
er sich das von Herzen gern, denn erst jetzt wagte er, sich's recht lebhaft
vorzustellen, wie schlimm er nun daran wre, wenn er keinen Platz htte. Er
dachte dann auch, wie die gute Mutter sich freuen werde, da nun ihr alter
Lieblingswunsch, ihn bei seinem Schulfreund im Dienst zu sehen, noch so schnell
und unerwartet erfllt werden sollte. Das alles malte sich Jos beim Heimgehen
aus, um doch auch ein wenig frhlich zu werden. Doch es war alles beinahe
umsonst. Nicht, da ihm etwa vor der alten Stigerin besonders bange gewesen
wre. Seine Erinnerung freilich hatte nur wenig Erfreuliches von ihr bewahrt,
doch damals, als er zuweilen in ihrem Hause spielte, kam ihm manches ganz anders
vor, als seit er beim Krmer gewesen war. Wer immer bei der reichen Witwe gelebt
und mit ihr verkehrt hatte, wute nur Gutes von ihr zu erzhlen, wenn man sie
auch ein wenig stolz oder eher seltsam nannte. Jedenfalls war es neben ihr
leicht auszuhalten, Hans war die Gutmtigkeit selbst und Dorothea - gewi auch.
    Und doch!
    Das liebliche Mdchen hatte er, wie bereits erwhnt, am letzten
Faschingsdienstag seit Jahren wieder zum erstenmal gesprochen, und jenes
schmerzliche Gefhl, das er von ihr wegnahm, hatte ihn seitdem nie mehr ganz
verlassen. Zuweilen nannte er es den Wunsch, bestndig neben Dorotheen zu leben
und mit ihr zu arbeiten. Vielleicht aber wurde nun jener Abend das Bild seiner
nchsten Zukunft. Er sah das Mdchen von keinem der eben Tanzenden beachtet in
einem Winkel stehen und suchte sich ihm zu nhern. Sie ist eine Magd, dachte
er nach der allgemein im Bregenzerwalde geltenden Regel, man solle nur mit
gleichen Vgeln zu fliegen versuchen.
    So scheu, wie wohl fast jedes arme Brschchen, welches zum erstenmal im
Leben auf einem Tanzboden auftreten will, fragte er, ob sie nicht, statt hier
beinahe erdrckt zu werden, sich eine Weile mit ihm herumdrehen mchte. Von
Herzen gern, antwortete ihre klangvolle Stimme so laut und frhlich, da viele
die Kpfe umdrehten und das errtende Paar entweder neugierig oder freundlich
lchelnd anblickten. Es wurde beiden fast angst, doch das whrte nicht lange.
Das Tanzen ging wie geflogen. Jos dachte nicht mehr an die Umstehenden; nur noch
sie beide waren da und plauderten so viel zusammen, da das Schneiderlein es
vorher so gar nicht fr mglich gehalten htte. Freilich, einem anderen, dem
alles Gesprochene erzhlt worden wre, htte das sicher nicht eben viel Kurzweil
gemacht. Man mute so etwas von Dorotheen selbst hren, die in jedes Wort so
gleichsam etwas von ihrem freundlichen Blick, ihrem seligen Lcheln legte und
dann wie das liebliche Echo ihres guten Herzens leise und doch so voll und rein
erklingen lie. Nur dann erst konnte man sich eine schwache Vorstellung davon
machen, wie schne Minuten das Schneiderlein am Faschingsdienstag erlebte.
Leider waren es nur Minuten, und den neuen Freuden folgten neue Schmerzen
schnell nach. Fr das arme, scheue Brschchen stand der Becher der Freude auf zu
unsicherer, wankender Unterlage, als da nicht sofort die darin enthaltene Hefe
aufgerttelt worden wre, die nun alles verbitterte. Es fehlte gar bald am
ntigen Geld, um noch ein Schpplein einschenken zu lassen, da beim Fortgehen
von Hause auf so etwas nicht gerechnet wurde und auch dort nicht gerade viel
mehr Bares mitzunehmen gewesen wre. Schon schlich das arme Jsle, welches noch
heute vormittags eine Wirtshausschuld fr das Allerschlimmste gehalten htte,
zitternd und bleich dem hlzernen Aufwrter mit dem unbarmherzigen, starren
Geldtaschengesichte nach, um ein vertrautes Wort mit ihm zu reden, als der Hans
daherpolterte, Dorotheen johlend bei der Hand fate und eine Ma Glhwein samt
geschliffenen Glsern zu bringen befahl. Wre Jos imstande gewesen, noch eine
Weile in dem Winkel zu bleiben, in den er sich versteckte, so wrde er gesehen
haben, wie Dorotheens schne Augen auch an Hansens vielbeneideter Seite ihn
immer noch in allen Ecken suchten. Aber als ob der Boden unter seinen Fen
brenne, war er heimgeeilt zur Mutter, der er nun seine Not zu klagen begann.
    Ja, die arme Schnepfauerin htte dem freundlichen Leser sagen knnen, warum
das gerade in ihr Kapitel hinein habe kommen mssen. Alles, was der Jos in
seinem Unmute so bitter beklagte, lastete auch auf ihr und ward ihr noch doppelt
schwer durch den Gedanken, da eigentlich sie und nur sie an allem schuld sei.
Die Snden der Eltern werden noch an den Kindern gestraft, das hrte die Arme
schon frher und hatte nur zu oft Gelegenheit, die Wahrheit dieses Spruches zu
erfahren. War es ihr nun auch noch so schmerzlich, ihren Jos ganz unschuldig
einzig ihretwegen immer wieder angefeindet und zurckgesetzt zu sehen, so hatte
sie dabei doch wieder den Trost, da der arme Junge sich dadurch doch den Himmel
verdienen knnte. Damit vermochte sie sich wieder zu beruhigen, wenn Jos einmal
mit kaltem Lachen sagte, solche Leute wie er seien einmal dazu da, da andere
ein Vergngen htten und nach Belieben auf ihnen herumtrampeln knnen. Diese
Ruhe der Verzweiflung, die sie Geduld und Ergebung in den Willen Gottes nannte,
hielt sie fr die grte Gnade, die dem Jos verliehen werden konnte. Sie sah
darin einen Beweis, da er wenigstens von Gott nicht verlassen sei. Aber seit
jenem Abende war auch dieser Trost verloren. Jos kam als ein ganz anderer heim,
und vergebens betete sie seitdem, da Gott ihm die frhere Ruhe wieder
verleihen, unter der ihn drckenden Last nicht auch seine Seele tiefer und immer
tiefer sinken lassen mge. Der alte war Jos seit dem Faschingsdienstag
allerdings nicht mehr, das htte nicht nur der Scharfblick der liebenden Mutter
wahrnehmen knnen; aber man htte die Vernderung ebensogut einem pltzlichen
Aufschnellen seiner lange niedergehaltenen inneren Kraft als einem Abnehmen der
Gnade Gottes zuschreiben knnen. Wenn ihn jetzt der Druck der Fesseln schmerzte,
an denen er immer gewaltiger rttelte, so machte ihn das nicht mehr schwach wie
frher, sondern immer wilder und trotziger. Das brachte die Mutter beinahe zur
Verzweiflung und machte wahr, was sie schon seit Wochen frchtete. Der Krmer
war mit dem Jos nicht mehr zufrieden und gab ihm endlich, als die vielen
Arbeiten auf Ostern fertig waren, mit einem Wochenlhnchen, das die Mutter nur
nhrte, weil auch sie mit Sticken noch manchen Batzen dazu verdiente, den
Abschied.
    Es wre ihm bange gewesen, wenn er so ohne besseren Bericht zur Mutter htte
gehen mssen. Der unbewut in ihm erwachende Wunsch, von jetzt an neben dem
lieben Mdchen zu leben und zu arbeiten, hatte ihn in die Nhe des Glcklichen
getrieben, der das ganze liebe, lange Jahr kaum von ihrer Seite kam. Hansens
Antrag trieb ihm alles Blut ins Gesicht, und auch noch, nachdem er zugesagt
hatte, plagte ihn bestndig die Frage, wie oft es ihm wohl gehen werde wie am
Faschingsdienstag. Ja, er hatte wirklich nur zu kommen versprochen, weil er
wute, da das die Mutter freuen werde, wie die Arme lange nichts mehr gefreut.
Als dann Hans das schne, frohe Zusammenleben mit Dorotheen schilderte, ward ihm
unaussprechlich weh, und er verlie seinen knftigen Brotherrn in der belsten
Stimmung. Vor der Beige von Bach- oder Bettlerholz, welches er und die Mutter
nach einer berschwemmung neben der Ach zusammengelesen hatten, blieb er stehen
und sah das Bild des Mondes, wie es von den kleinen, halbblinden Scheiben der
Fenster seines Huschens trb und traurig zurckgeworfen wurde. Alles, rief er
laut, gar alles, auch der liebe Mond kommt verdorben wieder aus so einer Htte.
Ist's da noch zum Verwundern, wenn man auch an mir etwas hnliches bemerken
will?
    Jetzt ffnete sich das Fenster, und eine sanfte Frauenstimme fragte: Jos -
bist du da?
    Wie aus dem geffneten Fenster das trbe Bild des Mondes, so war auch des
Schneiders Unmut pltzlich verschwunden. Die Mutter war also auch noch wach.
Vermutlich hatte sie bis jetzt immer gestickt, um mit ihrer Arbeit noch vor den
Feiertagen fertig zu werden und den Lohn dafr zu erhalten.
    Ja, Mutter, antwortete er ganz eigen weich, und im nchsten Augenblicke
knarrte die schwere Haustr.
    Ich hab' deinetwegen schon fast Kummer gehabt, redete die blasse
Schnepfauerin den Eintretenden an, indem sie mit der weien, fast durchsichtigen
Hand ber die wohl vom vielen Nachtarbeiten so stark gerteten Augen fuhr. Du
kommst sonst immer zur rechten Zeit, setzte sie lobend bei und versuchte zu
lcheln.
    Was wrdest du aber sagen, Mutter, wenn ich von jetzt an auch abends nicht
mehr heimkommen tt'? fragte Jos, indem er sich neben sie auf die Ofenbank
setzte und ihre Hand ergriff.
    Groer Gott! Bedeutet es kein Unglck, da wir so auf den gleichen Gedanken
gekommen sind? Wenn du nicht mehr kommen ttest und mir tragen hlfest und dich
freutest mit mir, es wre so schrecklich, da ich doch hoffe, der liebe Gott
werde mir das nicht auch noch aufladen zu so vielem anderen.
    Gewi nicht, liebe Mutter! Er will dir nur wieder einmal eine rechte Freude
machen und hat es drum gefgt, da endlich dein Lieblingswunsch in Erfllung
geht. Heimkommen aber werde ich nun freilich seltener, wenn ich auch immer nahe
bleibe. Ich komme am Dienstag als Knecht auf den Stighof. Jos begann nun zu
erzhlen, aber gar nicht so regelmig wie sonst. Der guten Mutter sollte die
Freude nicht noch dadurch getrbt werden, da sie erfuhr, wie weh er und der
Krmer sich in den letzten Tagen bei jeder Gelegenheit getan. Es war wohl das
erstemal, da er der Mutter etwas ihr Wichtiges verschweigen wollte. Es war ihm
aber doch nicht recht wohl dabei, und mit eigener Hast kam er bald auf andere
Dorfneuigkeiten, und besonders breit wurde sein Bericht, als er von dem in der
Krone vorgelesenen Brief, zu erzhlen begann.
    Das ist fr den Josef Anton noch viel zu frh, wenn der Hansjrg schon
wieder heimkommen sollte. Er ist ja noch kaum drei Jahre fort.
    Diese Rede war der Schnepfauerin nur so entronnen. Sonst pflegte sie ihren
Bruder wie andere nur den Krmer zu heien, und dem Jos war es von Kindheit an
streng verboten, ihn Vetter zu nennen. Dieses Verbot wurde ihm auch nie schwer.
Dafr hatte der Krmer durch sein Betragen von je her gesorgt. Nur wenn der
Schneider einmal einen rechten Zorn auf ihn hatte, nannte er ihn Vetter Josef
Anton - der Krmer meinte, um ihn mit der Erinnerung an die ihm so lstige
Verwandtschaft zu rgern. Vielleicht aber geschah das nur, weil Jos von dem
Bruder seiner Mutter jede Unbill doppelt schmerzlich empfand. Heute horchte er
erstaunt auf. In so eigener Weise htte die Mutter nicht geredet, wenn zwischen
dem Hansjrg und dem Krmer alles ganz eben gewesen wre.
    Aber, sagte Jos sinnend, Hansjrg ist doch mit dem Krmer immer gut
ausgekommen. Ich war schon damals dort, ich wte mich jedoch nicht zu erinnern,
da er selbst mit der Zusel jemals ein bses Wort gewechselt htte.
    Ja, lchelte die Mutter wehmtig, die zwei sind nur zu gut einig gewesen,
sonst htte wohl Hansjrg nie zu den Kaiserlichen gehen mssen.
    Richtig, fuhr Jos auf, das gleicht wieder ganz dem starren, knochigen,
felsenkpfigen, grauugigen alten Snder. Dem hab' ich's aber heute gesagt, er
sehe mit seinen Spitzbubenaugen alle Menschen blo fr Tiere an. Solang er an
ihnen herummelken knne, seien sie ihm recht, der beste wie der schlechteste,
hernach aber ziehe er allen, und selbst den nchsten Verwandten, die Haut ber
die Ohren.
    Hast du das sagen drfen?
    Warum nicht, fragte Jos zurck und erzhlte nun in seinem Eifer auch das,
was er der Mutter zu verschweigen beabsichtigte.
    Endlich kam diese wieder zu Worte. Doch hrte man es dem Ton ihrer Stimme
sowohl als dem Ernst ihrer Worte an, wie ihr die Freude darber, da das Jsle
nun zu Stighansen kommen sollte, durch dessen letzte Mitteilung bedeutend
verdorben ward. So wie du da, sprach sie, drfen unserlei Leute sich nie
erbrechen. Die Reichen wollen nichts geschenkt, und das Bse zahlen sie
gewhnlich am reichlichsten wieder zurck. Gewi, Brschlein, dein so
aufbrausendes Wesen schadet dir mehr als deine Armut. Du magst oft recht haben,
aber zum Strafen ist Gott da, wenn er will, und zum Predigen der Pfarrer. So
abhngigen Leutlein wie uns schadet es weniger, wenn man alles it, was man hat,
als wenn man alles sagt, was man wte.
    Ach, Mutter, du glaubst nicht, wie weh mir dieses Zusprechen immer tut,
rief Jos und begann, ihre bisher festgehaltene Hand fallen lassend, hastig in
der Stube auf und ab zu schreiten. Kriechen kann ich nicht, und die Wahrheit
mte heraus, wenn ich von so einem Feinde derselben viel abhngiger wre, als
ich wirklich es bin.
    Die Mutter sah den Erregten traurig an. Oh, er kannte die Welt, die bse,
bse Welt noch nicht. Er war viel zu leichtsinnig, berlie sich zu sehr dem
Augenblicke, wie frher auch sie. Auch sie war durch Leichtsinn so unglcklich
geworden und hatte aus der zwar armen, aber doch so warmen Heimat fliehen mssen
wie eine Verbrecherin. Sie war das Kind ordentlicher Leute. Ihr Haus und ihr
Anwesen in Schnepfau hatte sie und ihre Geschwister ernhrt. Ihre Mutter war
eine arbeitsame Frau, die der Vater als Mdchen im Vorderwalde kennen lernte.
Ihre drei Kinder hatten viel von ihrer Lebhaftigkeit und Unternehmungslust.
Elisabeth, das jngste, erlebte die ersten bsen Tage, als ihr Vater, ein
gutmtiger, nicht gerade besonders pfiffiger Bauer, bedeutend erkrankte. Schon
am dritten Tage sagte man vom Sterben und davon, da es hchste Zeit sei, mit
allem Zeitlichen die letzte Rechnung zu machen. Der gute Mann meinte, unredlich
erworbenes Gut besitze er nicht, Schtze hab' er auch keine vergraben, und was
durch seinen Flei zusammengekommen, sei wohl am schnellsten geteilt und am
redlichsten, wenn er alles ohne Testament seinen Kindern zufallen lasse. Es
stehe denen dann frei, ob sie noch lnger gemeinsam wirtschaften oder gleich
alles in Frieden teilen wollten. Der Pfarrer jedoch war ganz anderer Meinung und
tat alles mgliche, um seine Kenntnis des Rechtes zur Geltung zu bringen. Den
Kindern wurde kalt und hei, als der fromme Mann dem kranken Vater des langen
und breiten ausmalte, wie schlimm der Mutter gehen knnte, wenn man sie der
Gnade ihrer Kinder berliee, und da es daher Pflicht sei, das Vermgen jetzt
ihr fast ganz zu verschreiben und das Anwesen um ein billiges an den ltesten
Sohn zu verkaufen, da der dann der Schuldner der Mutter und von ihr abhngig
werde. Der Bauer wehrte sich, so gut sich ein strengglubiger Bauer in einer
Krankheit, die er fr seine letzte hlt, seinem geistlichen Rat, dem
Seelenhirten, gegenber zu wehren imstande ist, und gab dann endlich mit dem
peinlichen Gefhl, von der Vter Sitte abweichend, Neid und Unfrieden unter die
Seinen zu streuen, in Gottes Namen und der ewigen Seligkeit zulieb' seufzend
nach. Des Vaters Zustand begann sich wenige Tage, nachdem er seinen freien
letzten Willen mit einem Kreuz unterzeichnet hatte, wieder zu bessern. Er wurde
noch einmal eine Zeitlang ziemlich gut, aber in seinem Hause war viel, alles
anders geworden. Wohl hatten seine Kinder nicht etwa nur mit Taglhnersinn wie
recht eigenntzige Erben auf dem einst ihnen zufallenden Erbe gearbeitet. Das
Gefhl der Zusammengehrigkeit war in allen so warm, da Flei und Frieden ihre
schnsten Blten treiben und zur Reife bringen konnten. Nun aber, da sie sich
auseinandergerissen, ja sich gegenbergestellt fhlten, fiel das schne Gebude
zusammen wie ein Haus, unter dem jeder Arbeiter den von ihm gezimmerten
Tragbalken wieder wegreit. Die beiden Brder besonders gerieten so oft in
heftigsten Streit, da das friedliebende Mdchen nicht mehr mit ihnen unter
einem Dache leben mochte und sich in das besuchteste Wirtshaus des Dorfes als
Magd verdingte. Josef Anton fing einen Hausierhandel an, da er auch nicht mehr
fr den bevorzugten Bruder umsonst arbeiten mochte. So stand denn nur noch eines
seiner Kinder am Bette des unglcklichen Vaters, als dieser ein Jahr spter am
Kummer ber den von ihm angerichteten Hauskrieg starb.
    Der Erbe des Anwesens verheiratete sich nun mit einem wohlhabenden Mdchen.
Seinem Bruder aber schien der Himmel den Verlust des vterlichen Erbes reichlich
ersetzen zu wollen. Josef Antons anfangs kleiner Handel gewann immer mehr an
Umfang und Bedeutung, wie das kaum anders sein konnte zu einer Zeit, wo noch
ganze Drfer nur von Hausierern bedient wurden, die man berall als Hausfreunde,
lebendige Wochenbltter und Ratgeber sehr hoch schtzte. Seine Schwester
verlebte unterdessen auf einem Platze, wo manche es gar nicht aushalten zu
knnen meinte, so frohe Tage, wie sie auer dem Vaterhause nimmer zu erleben
hoffte. Eben weil sie, ein mittelloses, verlassenes Mdchen, auf der Welt kaum
noch etwas Gutes erwartete, wurde es ihr leichter, einen so strengen Dienst zu
versehen und selbst die vielen Launen der mit ihrem Manne im dreiigjhrigen
Kriege lebenden geldstolzen Wirtin - wenn auch nicht immer geduldig - zu
ertragen. Da sie aber keinen besseren Platz wute und nicht heim wollte, lie
sie alles ber sich ergehen und blieb. Das war ganz leicht erklrlich, aber da
sie spter, da auch andere Leute sie kennen und schtzen gelernt hatten, gar
manchen viel besseren Dienst ausschlug, konnte niemand begreifen, weil eben
niemand wute, wie innig sie sich hier gefesselt fhlte. Der Fuhrknecht des
Wirtes, ein junger, lustiger Bursche, war der erste Mensch, der ihr kein
eigenntziges Kind dieser bsen Welt zu sein schien. Er konnte wirklich so wenig
bei jeder Gelegenheit nur seinen Vorteil berechnen als sie. Oft und oft htte
ihn sein Eifer, das Mdchen der Wirtin gegenber entschieden zu verteidigen, den
Dienst gekostet, wenn das Geschft des tchtigen Burschen htte entbehren
knnen. Dem unter rohen, selbstschtigen Menschen aufgewachsenen Mdchen wurde
ganz eigentmlich, wenn es den armen Burschen mit allem, was er hatte, fr sie
einstehen sah gegenber einem Weibe, welches in drei Gemeinden gefrchtet wurde.
Hoch klopfte das Herz, wenn es den schnen Burschen vor der polternden Frau
stehen sah, der er in schnem Zorne die Meinung sagte, wie es selbst ihr Mann -
der arme Schlucker, den die reiche Witwe nur aus Gnade geheiratet haben wollte -
noch selten wagte. Ja oft traten dem Mdchen die hellen Trnen in die Augen,
wenn ihr Lob von den Lippen des guten Burschen flo. Er wurde dann immer wrmer,
und zuweilen klang das, was er sprach, fast wie ein Lied, und auch ihm sah man
die Augen erfeuchten, bis er zuletzt kaum noch reden konnte. Und warum tat er
das, warum verga er nie, ihr ein kleines Geschenk, wenn auch zuweilen nur eine
Blume, ein Bildchen mit einem schnen Vers, mit heimzubringen? Einzig nur, weil
er der Gutherzigste, der Beste war auf der Welt, antwortete sich anfangs das
Mdchen, in dem eine Neigung erwacht war, wie man sie nur denjenigen zu
schildern vermchte, die sich einst auch so ganz verlassen fhlten. Ja spter
fragte und antwortete sich das Lisabethle gar nicht mehr. Es las jetzt freudig
erschrocken die schnen Verslein auf den Bildern, die er von Bregenz brachte,
und fand alles natrlich, alles in der Ordnung. Schon redeten sie ernstlich vom
Heiraten, sobald sie noch einige Jahreslhne beisammen htten, und noch hatte
kein Mensch etwas von einem ernstlicheren Verhltnisse gemerkt, was wohl nur
dadurch zu erklren ist, da man sich in diesem Hause nicht viel darum kmmerte,
wie und wo das Gesinde - hier Gesindel genannt - sich die seltenen freien
Stunden vertrieb. So verlebten denn die beiden schne Tage, bis Jos zur
Rekrutenaushebung berufen wurde. Es war im Frhling, und das Lisabethle sank
ohnmchtig auf das von ihm eben sorgfltig gejtete Gartenbeet, als zwei
Vorbergehende sich das Ergebnis der Losung berichteten. Hier fand sie Jos, der,
da er keinen Ersatzmann zu zahlen vermochte, schon dem Kaiser den Eid hatte
schwren mssen. Weinend strzten die beiden sich in die Arme. Lange jammerten
sie, dann vergaen sie noch einmal das Knftige, die ganze Welt und alles. Beim
Grauen des anderen Morgens sah das Lisabethle seinen Jos zum letztenmal. Er
hatte die Zeit der Rckkehr in seine Heimat nicht mehr erlebt.
    Zuerst nach der Abreise des Jos war das Mdchen noch stiller und geduldiger
als vorher, nur an der Arbeit schien es keine rechte Lust mehr zu haben. Ja
einmal, mitten im Heuen, lief es von aller Arbeit weg und sagte nur, es msse
nach Au, um mit dem Doktor zu reden wegen seinem Kopfweh. So etwas war der
Wirtin noch nie vorgekommen, wie viele Mgde sie auch schon gehabt hatte. Je
fter sie nachmittags davon redete, desto zorniger wurde sie und desto fester
ihr Entschlu, der liederlichen Person noch heute den Abschied zu geben. Dazu
aber war es zu spt. Abends erschien statt der erwarteten Magd eine Base von
ihr, die sich vor Jahren in Au, der Nachbargemeinde, verheiratet hatte, um
Lisabethles Kleider und den Lohn zu holen, da dieses pltzlich ein wenig
erkrankt sei und kein Mensch wissen knne, wann es wieder besser werde.
    Das arme Mdchen wagte nmlich nicht, bei seiner Mutter eine Zuflucht zu
suchen. Die jetzt schrecklich fromme Frau, die keinen Hauskrieg frchtete, wenn
sie, der Aufforderung des Pfarrers folgend, wieder eine fromme Stiftung machte,
htte gewi fr das arme gefallene Mdchen kein Herz, sondern nichts als die
bittersten Vorwrfe gehabt. Drum blieb es denn beim armen, kinderlosen Vetter in
Au in einem Nebenstbchen, wo es sich mit Sticken und Nhen kmmerlich
durchbringen mute, bis der kleine Jos kam und nun manche Stunde des Tages in
Anspruch nahm. Auch jetzt noch ging sie nicht in ihr Heimatsdorf zurck, ja
jetzt erst recht gar nicht, denn schon der Gedanke an das, was sie in der
Kirche, wo sie getauft wurde und die erste Kommunion empfing, erleben mte,
machte sie erbeben und gab ihr auch Kraft zu jeder Anstrengung, jeder Entsagung,
da sie doch keinen Menschen in Au belstigen und dadurch Veranlassung zu ihrer
Ausweisung geben msse. Noch aus frhester Kindheit her konnte sie sich
schrecklich lebhaft vorstellen, was ein verfhrtes Mdchen hatte ausstehen
mssen, als es zum erstenmal am Osterfeste, das strenge Kirchengebot erfllend,
den Gottesdienst mit der ihm von dem Gemeindediener angehngten alten Geige zu
besuchen wagte. Der Pfarrer lie die bung dieses alten Landesbrauchs zu, wenn
dabei der Gottesdienst auch durch die rohesten Spe entweiht wurde. Das gab der
Dorfjugend den Mut, sich nach der Messe, die kein Mensch auch nur mit einiger
Andacht angehrt hatte, wie frher ihre Urgrovter in zwei Reihen vor der
Kirche aufzustellen und die schutz-, ehr- und rechtlos gewordene schne
Snderin, die zwischen ihnen hindurch mute, mit Kot zu werfen und auf die
roheste Weise zu mihandeln. Freilich war seitdem manches Jahr vergangen.
Niemand hatte mehr von der Sache geredet, und vielleicht war endlich dieser alte
Brauch vergessen. Vielleicht aber auch nicht. Unbarmherzige Eiferer und rohe
Leute gab es ja noch genug, sagte sich das Lisabethle und wagte selbst am
Begrbnistag der Mutter nicht mehr die Pfarrkirche zu besuchen. Es war ihr dabei
ein groer Trost, da sie sich in Au berall ohne Errten sehen lassen durfte.
Ihr Unglck und ihr Flei hatten ihr hier manches Herz gewonnen. Man betrachtete
sie um so eher als zur Gemeinde gehrend, da man es beinahe als Ehrensache
empfand, die nicht zu verstoen, solange sie durch ihr Betragen keine
Veranlassung gab, die hier eine Zufluchtssttte gesucht hatte. Nicht einmal ein
Heimatschein wurde ihr abgefordert, und viele freuten sich darber, da es ihr
gelang, mit dem, was sie vom lteren Bruder als Erbe erhielt, und mit dem, was
der verstorbene Soldat ihr zukommen lie, das Huschen in Argenau zu kaufen,
welches sie noch vor dem Tode ihrer Verwandten bezog und in dem wir sie auch
jetzt noch finden.
    Da, unter eigenem Dache, schlief sie nun wieder viel besser, und auch die
Wochen vergingen etwas schneller. Schon viermal hatte sie den Erdpfelwinkel im
engen, niedrigen Keller geleert und ebenso oft die Knollenfrchte vom Acker
heimgebracht auf dem kleinen Handwgelein, in welchem man sonst den etwas
verwhnten Stighans im Dorfe herumzufhren pflegte. Der kleine Jos sprang
frhlich hinten nach, doch sah man es seinen ersten Hschen ganz deutlich an,
da er auf den Knien auflas, was die Mutter herausgegraben hatte. Es war ein
flinkes, talentvolles Brschchen, ber das hinweg nun die Mutter wieder zuweilen
in die Zukunft zu blicken wagte. Frher hatte sie als Berin alles ruhig ber
sich kommen lassen, was nach ihrer Ansicht der erzrnte Himmelvater schickte,
ohne sich zu rhren und zu regen, ja ohne nur einmal zu denken, da es anders
sein knnte oder sollte. Erst die Mutterliebe vermochte sie aus dieser Starrheit
zu bringen, das Schreien des hungrigen Kindes sie aus einem schlummerhnlichen
Zustande zu wecken und sie von manchem dstern Traume zu befreien. Mit den neuen
Pflichten kam auch Selbstvertrauen und Kraft, manches Widerwrtige von dem
schuldlosen Kinde abzuwehren, ihm die Mutter gesund zu erhalten und als solche
gleichsam ein neues Leben zu beginnen. Das tat sie denn auch mit Anstrengung
aller Krfte und lebte dabei so abgeschlossen und still, da wohl kein Mensch
sich htte einbilden knnen, die Wahl eines neuen Gemeindevorstehers knnte fr
sie und ihren geringen Verkehr mit der Nachbarschaft irgendwie ein wichtiges
Ereignis sein. Und doch war es so. Der neue Vorsteher sah beim Durchgehen der
ihm bergebenen Schriften, da das Lisabethle noch keinen Heimatschein
beigebracht hatte, und glaubte nun, von der Vorstehung in Schnepfau einen
solchen, wenn auch nur der Form wegen, fordern zu mssen. Die Antwort von
Schnepfau aber verwies kurz und nicht ohne Beimischung von Spott auf das Gesetz,
nach dem jeder Fremde der Gemeinde gehrt und zur Last fllt, in der ihm vier
Jahre ohne Heimatschein sich aufzuhalten gestattet wurde.
    Jetzt hatte alle Milde und Gutmtigkeit auf einmal ein Ende. Bisher hatte
man die stille, fleiige Stickerin als eine Unglckliche beschtzt und geliebt,
keinem Menschen war sie gro in den Augen gewesen; nun aber war sie eine der
Gemeinde aufgedrungene Last, gleichsam das lebendige Denkmal einer von der
Regierung des Dorfes gemachten Dummheit. Sie hie nun die Schnepfauerin, und
schon in diesem Namen lag etwas, das sich als Miton fast in jedes mit einer
Nachbarin beim Brunnen gefhrte Gesprch mischte. Die so aus der Heimat
Verstoene wurde immer argwhnisch beobachtet, niemand traute ihr recht, und
sogar der kleine Jos mute dafr ben, indem die Stigerin, der die Geschichte
wie ein groer Klecks in dem Zeugnis ihres Vetters, des Altvorstehers, erschien,
ihrem Hans den Umgang mit dem Jungen einer aus der Heimat verstoenen Person
verbieten wollte.
    Das war jedoch nur der erste, leider bei weitem nicht der einzige Fall
dieser Art. Die meisten Bauern dachten wie die Stigerin und lehrten auch ihre
Kinder so denken, whrend die Ortsarmen durch sie schon im Genusse der
Armenkasse verkrzt zu werden frchteten. Man fuhr wie gewhnlich mit dem nun
einmal aufgelesenen rger dort hinaus, wo der Hag am niedrigsten, am schwchsten
war, und die arme Schnepfauerin mit ihrem Jsle mute alles entgelten.
    Und doch htte die Unglckliche an diesem Schnepfauer Streich auch ohne die
ihr daraus erwachsenden ueren Plagereien schon genug Herzleid empfunden.
Bitterlicher als jetzt oft hatte sie selbst damals nicht geweint, als ihre Scham
sie aus der Gemeinde trieb, die nun sie und ihr unschuldiges Kind aufs
schmhlichste fr immer verstie. Oh, vieles htte sie tun mgen, um sich
Achtung und Liebe zu verdienen. Oft, wenn sie in langen Winternchten arbeitete,
bis das allzu sehr angestrengte Auge den auf die Stickerei fallenden hellen
Schein der neben das Licht gestellten Glaskugel rtlich und blulich aufflammen
zu sehen glaubte, sann sie nach, ob man sie und ihren guten Willen denn gar
nirgends brauche in diesem ewigen Einerlei. Zuweilen wnschte sie, ihr Leben fr
andere wagen zu knnen! Aber wenn sie dann das ruhige Atmen des neben ihr
entschlummerten Kindes hrte, fuhr sie freudig erschrocken aus ihren Trumen auf
und brachte den Liebling mit doppelter Zrtlichkeit ins Bettlein, wie wenn sie
ihn wegen dem bsen Gedanken, der sie von ihm abzog, um Verzeihung htte bitten
wollen. Erst das Jsle war vielleicht einmal imstande, sich und ihr wieder Boden
zu gewinnen, da dann auch der alte Vorsteher seine Nachlssigkeit nicht mehr
bereuen mute.
    Von jetzt an durfte es nicht mehr so schlecht gekleidet herumgehen wie
bisher, wenn sie sich darum auch halb blind htte arbeiten mssen. Sie brachte
berhaupt dem Scheine viel eher ein Opfer als frher, wo sie sich noch ganz
unbeobachtet glaubte. Man sollte sie nicht fr zurckgekommen halten und den
Namen Schnepfauerin, der nun einmal nicht mehr wegzubringen war, wieder
aussprechen lernen, ohne dabei den Mund zu verziehen. Es galt ja das Wohl, die
Zukunft des Kindes, dem sie den Vater ersetzen sollte. Dieser Gedanke gab ihr
eine bewunderungswrdige Kraft und Ausdauer, aber niemand war, sie zu bewundern.
Sie galt fr ein leichtsinniges Geschpf, und doch war wohl kaum ein Mensch im
Dorfe, der innerlich und uerlich so viel durchzukmpfen hatte wie sie, ohne
da etwas anderes sie belohnte als - der freundliche Blick des seligen
Geliebten, den sie in trben und frohen Stunden immer vor sich zu sehen glaubte.
Er war der einzige, mit dem sie sich besprach ber die Zukunft ihres Josef, der
seine traurige Lage so spt als mglich ganz kennenlernen sollte und daher auch
nie merken durfte, was alles sie fr ihn tat, litt und entbehrte. Nur da er
arm, daher von Wohlhabenden abhngig sei, sollte er wissen, um deren Launen
etwas geduldiger zu ertragen und sich nicht berall schon zu Hause zu whnen.
Ja, in diesem Stck konnte die sonst so zrtliche Mutter recht hart sein. Jsles
Klagen ber die Ungezogenheit reicher Kinder, ihre Hrte und Bosheit, suchte
sie, wenn auch mit blutendem Herzen, wegzuscherzen. Da tadelte sie seinen Trotz,
wie recht sie ihm auch innerlich geben mochte, und hatte dafr die Freude, zu
sehen, da der Stighans immer noch den Umgang mit ihrem Jsle suchte, wie
strenge das ihm auch von der Mutter verboten wurde. Das Schneiderlein hatte ganz
recht, wenn es einen alten Lieblingswunsch der Mutter erfllt glaubte, da es nun
als Knecht auf den Stighof kommen sollte. Schon vor vielen Jahren hatte sie
daran gedacht, und erst als sie aus dem vertrauten Umgange der beiden Knaben fr
ihre Zukunft nichts erwachsen zu sehen meinte, konnte sie sich entschlieen, den
Jos zuerst ins sogenannte Schwabenland zu verdingen und dann, da er dort nicht
blieb, bei dem unterdessen wohlhabend gewordenen Bruder Josef Anton, dem Krmer,
ein Handwerk lernen zu lassen. Das war die einzige Bitte gewesen, die sie noch
an den Bruder richtete, und er hatte sie erfllt, obwohl er es frher hoch und
teuer verschwor, er werde weder sie, die ihm berall im Wege stehe, deren
Schande die ganze Verwandtschaft niederdrcke, noch den Jungen jemals unter sein
Dach kommen lassen. Es schien ihm endlich gelungen, den Jos wie einen ganz
Fremden anzusehen, und diesem fiel es nie ein, ihn durch das Wort Vetter an die
nahe Verwandtschaft zu erinnern, wenn er es nicht gerade dem harten Manne zum
Possen tat wie heute. Die Schnepfauerin dankte Gott von Herzen, da der lngst
gefrchtete Wortwechsel der beiden fr Jos noch so gute Folgen hatte. Als echte
Bregenzerwlderin sah sie die Aufnahme eines Dienstboten als einen Akt des
Vertrauens und groer Hochachtung an. Der nun in Aussicht stehende hhere Lohn
freute sie nicht halb so wie der Umstand, da Jos nun in ein rechtes Haus,
mitten in die wichtigste Arbeit hineinkam, gleichsam auf einen besonders
erhhten Posten in der Gemeinde, auf dem nun viele Menschen ihn sehen und
hoffentlich auch schtzen lernen konnten.
    Es gab noch so viel zu besprechen, da man erst spt in der Nacht ans
Schlafen dachte. Die Mutter, besorgt um den leidenschaftlichen, immer etwas
raschen, leichtsinnigen Jos und erfreut ber seinen Bericht, htte gleich wieder
zu arbeiten anfangen mgen, wenn sie dadurch nicht das hohe Osterfest zu
entheiligen gefrchtet htte.
    Jos dachte beim Einschlafen noch an seine Eierschalen, die er vor der Mutter
sorgfltig verborgen hatte. Sie sollte da nichts zu sorgen bekommen. Im Traum
sah er des Krmers Haus mit der groen, buntbemalten Tre, vor der die
Eierschalen lagen. Als dann statt der Zusel Stighansens Magd herauskam, erschrak
er so, da er darber erwachte.

                                Viertes Kapitel



                        Was Zusel am Ostersonntag erlebt

Wie das Wetter am Ostertag ist, so wird es jeden Sommersonntag sein. Diese
Bauernregel entstand wohl auch weit weniger durch langjhrige Beobachtung als
aus den Eindrcken schner und trber Ostertage auf Menschen, die sich Kirche,
Haus und Feld, Gttliches und Weltliches nur als eines oder doch blo als
gegenseitig sich bindend und tragend zu denken vermochten. Verstndige Kinder
unserer verstndigen, alles teilenden und trennenden Zeit zucken freilich ber
solche Wetterregeln mitleidig die Achseln und meinen, mit den Festen der Kirche
wrden Sonne und Nebel nicht viel zu tun haben. Als ob man das nicht schon lange
gewut und allenfalls von Jahr zu Jahr erfahren htte! Wo fiel es wohl je einem
ein, wegen Ostern am Weien Sonntag ernstlich schnes oder trbes Wetter zu
erwarten? Dieser poetische Glaube jedoch hat sich stets vom Vater auf den Sohn
vererbt und wird sich vererben, solange Ostern das Auferstehungsfest bleibt, an
dem alle Stmme und Stengel sich fllen mit frischem Lebenssaft und um die mit
dem Karsamstagswasser geweihten Bchlein die ersten Blumen und Grser sich
wieder herauswagen. Die ernste Karwoche schliet den Winter nicht nur fr
Mietsleute und Dienstboten, sondern auch fr den Bauern, der sich am Ostertag,
in dem er das Bild des Frhlings sieht, schon so in die mildere Jahreszeit
hineindenkt, da er, der Himmel und die Erde mgen aussehen, wie sie wollen, nun
wieder zum erstenmal im leichten, buntfrbigen Sommerkleide zur Kirche geht.
    Das mte ein armes, recht unglckliches Menschenkind sein, das am lieben
heiligen Osterfeste gar nichts Funkelnagelneues anzuziehen und gleichsam
einzuweihen htte. Es sehen daher nicht nur ernste Bauern, denen ein trber Tag
die erste und reinste Frhlingsfreude verderben wrde, schon frh am Morgen
besorgt zum Himmel auf, sondern auch junge, sonst sorglos lebende Mdchen, die
denn doch ihren Festschmuck nicht gerne verderben mchten, beobachten ngstlich
jedes Wlkchen droben am Himmel und finden es heute fast so unangenehm wie einen
Schmutzfleck im neuen Festtagskleide. Schon in der wie gewichst glnzenden
engfaltigen Juppe prangend, holen sie endlich auch die allerweiesten Strmpfe
aus dem Kasten und ffnen die von Rosmarin duftende Schachtel, in der, von
unzhligen Papierstreifen umwickelt, der neue goldgestickte Brustfleck mit dem
von Glasperlen gefaten Namenszuge liegt.
    Endlich schimmert alles an seinem Orte, der glanzlederne Grtel mit den drei
silbernen Schnallen umfngt die schne Gestalt und sucht ihre vollen Formen
unter der etwas starren Juppe zu verbergen. Nun wr's doch wirklich
jammerschade, wenn es regnen wrde. Aber wer nichts wagt, gewinnt nichts. Ostern
ist's nur einmal im Jahr, und brigens kann man ja auch einen Regenschirm
mitnehmen, der dann im schlimmsten Falle alles ein wenig schtzt und doch -
nicht alles verbirgt.
    Noch ein Blick in den verstohlen gekauften kleinen Spiegel hinter den
Kleidern im Kasten oder in das gegen die Wand geffnete Kammerfenster, das
weniger Verwhnten als Spiegel schon manchmal dienen mute; dann fort zur
Nachbarin, um doch auch noch geschwind zu sehen, was die heute wieder Neues hat.
    Die berall beneidete, getadelte und bewunderte Susanna, des reichen Krmers
verzogenes Tchterlein, hatte schon etliche Jahre hintereinander den
Dorfbewohnerinnen am Osterfeste gezeigt, was fr den kommenden Sommer Mode sein
werde; doch einen so schnen Ostermorgen wie den heutigen hatte selbst sie noch
niemals erlebt. Nicht einmal wecken mute man sie heute. Die Magd hatte noch
kaum ein Feuer, als sie schon zu ihr in die Kche kam und fragte, ob denn der
Kaffee noch nicht bald fertig sei. Auf das Na der Kchin befahl sie dieser
streng, sich einmal ein wenig zu tummeln, und doch mute man ihr dann hernach
dreimal rufen, bis sie endlich ihren wohlgefllten Kleiderkasten verlie und in
die Stube kam, wo der Krmer lchelnd auf sie wartete. Der Kaffee htte
spottschlecht sein knnen, ohne da die sonst von der Magd so gefrchtete
Feinschmeckerin es heute bemerkt haben wrde.
    Unter allen, welche fast ein Gefhl hatten, als ob eigentlich der Ostertag
nur ihretwegen endlich gekommen sei, blieb wohl keine vor dem Kirchengehen so
lange im Schlaf- und Ankleidezimmer wie die Zusel, was ihr auch vom Krmer
durchaus nicht verargt wurde, da er ja wute und oft schon mit unverkennbarem
Behagen erzhlte, da die es mit Ankleiden berhaupt ungemein genau nehme. Es
verlohne sich das aber bei ihr auch wie nur bei wenigen, fgte er dann nicht
ohne Stolz bei, und seltsamerweise gab es nicht viele im Dorfe, die ihm solche
Reden ffentlich verargten, eine Nachsicht, die er wohl mehr seiner wirklich
schnen Tochter als eigenem Ansehen verdankte.
    Er ist eben ein Emporkmmling und hat es nun wie die hungrige Kuh, wenn sie
in den Heustadel kommt. Mit diesen Worten schlossen die meisten Erzhlungen von
dem stolzen Manne, dem seine frhere Armut und seine gemeine Verwandtschaft
immer auf eine ihm freilich nicht erwnschte Weise zu seiner Entschuldigung
angefhrt wurde. Von ihm, der noch immer fr einen Auswrtigen galt, schien kein
Mensch viel Gutes zu erwarten. Er konnte tun und reden, was er wollte, ohne
jemals ernstlichen Tadel frchten zu mssen. Der Jos htte sich ber diese
Nachsicht nicht so rgern, sie nicht Kriecherei vor dem Goldenen Kalbe nennen
sollen, sondern nur Gleichgltigkeit gegen den Bruder der Schnepfauerin, den
Fremden. Eine Zeitlang hatte man sich doch schon etwas mehr um ihn gekmmert.
Das war damals gewesen, als er zuerst mit seinem kleinen Kram im Dorfe hausierte
und einem der reichsten Mdchen derart den Kopf verdrehte, da es ihn am Ende
noch sogar heiraten mute. Selbst noch hernach konnten sich viele nicht recht
erklren, wie das zuging, obwohl es sechs Monate nach der Hochzeit die kleine
Angelika ins Dorf hinaus zu schreien begann. Freilich war der Krmer ein
merkwrdig durchtriebener Gesell und hatte als Hausierer so gut als einer jeden
bei seiner Eigenheit zu fassen und seinem Zwecke zuzuleiten gelernt. Sein
Ehrgefhl vermochte ihn nie zu beschrnken; das schadete ihm in der ffentlichen
Meinung trotz seines erworbenen Vermgens bei weitem mehr als seine spter nach
Au gekommene unglckliche Schwester, und es wre wohl nicht ntig gewesen, der
Gefallenen sein Haus zu verbieten, solange er auf Wucher auslieh, mit armen
Witwen herzlos die unverschmtesten Nothndel machte und keinen Weg fr zu
schlecht hielt, wenn er darauf nur zu irgendeinem Vorteil kam. Nur noch lauter
wurde freilich das Reden und Lachen ber ihn wegen dem Lisabethle, und viele
gnnten ihn jetzt als Strafe Gottes dem ehemals so eitlen Mdchen, das nur
verchtlich aus seinem hochdachstuhligen Hause auf die wackersten Burschen des
Dorfes herabgesehen hatte. Ihn rgerte es schrecklich und machte ihn mit der
Zeit trotzig, da man ihn nie zu denen zhlen wollte, neben welchen er doch im
Steuerbuche stand. Aufgeben aber kann ein Mann mit eisernem Willen, der es schon
so weit gebracht hat wie der Krmer, seinen Lieblingsplan nicht so leicht. Rom
ist auch nicht an einem Tage gebaut worden. Der Boden war jetzt glcklich
geschaffen zum Fundament, und das weitere dachte Josef Anton seinen beiden
hbschen Tchtern zu berlassen. Die muten wohl kein Trpflein von seinem Blut
haben, wenn es ihnen nicht fast von selbst wie spielend gelang, auch alle die
Tren aufzutun, die man ihm bisher stolz und trotzig vor der Nase zugeschlagen
hatte. Mit der Angelika nun hatte dem Krmer seine Rechnung gnzlich gefehlt,
und zwar gerade darum, weil die Stigerin frchtete, da sie nur zu viele Tropfen
von seinem Blute, seiner Art habe. So entschieden war sie noch nie gegen Hansen
aufgetreten, hatte es auch noch nie so lange und mit aller Kraft und List zu tun
ntig gehabt, als da es eine Neigung im Herzen des Sohnes zu bekmpfen galt, die
ein so gemeiner Verwandtschaft entstammendes Mdchen mit Gewalt zu ihrer
Schwiegertochter machen wollte. Als Hans endlich der Mutter nachgab, kam die
gute Angelika in ein bses Gerede, wie das fast jedem Mdchen geht, wenn es
einen Liebhaber verliert, den ihm viele lngst mignnten, ohne dieses Gefhl
auch nur durch ein Wort verraten zu drfen.
    Dem Krmer, der wohl wute, da der Spott umsonst kommt, wenn man den
Schaden hat, machte das weit weniger Kopfweh, als es wohl seinem seligen Weibe
gemacht htte. Ihr war Angelika immer lieber gewesen als dem Krmer, welcher
behauptete, da sie gar nicht seine Art habe. Als dann sein Weib starb, indem
sie der Zusel das Leben gab, wurde Angelika, damals sechs Jahre alt, zu einer
Verwandten der Mutter gebracht, die Gott von Herzen dankte, da wenigstens ein
Kind ihrer unglcklichen Base nun doch noch ordentlich erzogen werden knne. Der
Krmer gnnte ihr diese Freude von Herzen und nahm sich der Zusel um so mehr an,
die viel von seiner Art hatte und aus der er nun etwas Rechtes machen wollte.
Zuweilen redete er wohl davon, auch die Angelika wieder heimzunehmen, aber neben
dem ernsten Wesen war ihm nie recht wohl, und so kam er denn auch nie dazu,
obwohl ihm ihre Erzieherin gar nichts recht machte, als da sie ihr Verhltnis
mit dem Stighans auf jede Weise begnstigte und mit allen Krften vorwrts half.
Aber als dann der Base doch ihre Rechnung fehlte, empfand er etwas wie
Schadenfreude und meinte, zum lieben Glck sei denn auch noch eine Zusel da, die
schon fangen werde, was der Angelika entronnen sei. Angelikas mtterliche
Verwandte nahmen die Sache viel weniger leicht. Sie hielten es fr hchst ntig,
die von Hansen, wenn auch wider Willen, so vielen Redereien preisgegebene Base
sofort zu verheiraten, um dem Geschwtz fr immer ein Ende zu machen, bevor sie
bei keinem reichen Burschen mehr etwas gelte.
    Zum lieben Glck erklrte sich der Andreas, ein wohlhabender Bursche,
sogleich bereit, durch die Tat zu beweisen, da Angelika schon noch einen
rechten Burschen bekomme, wenn auch der Hans zurckgetreten sei. Dem Mdchen war
er so recht oder unrecht als auer Stighansen fast jeder andere. Sein Leichtsinn
machte ihr wenig Sorge, obwohl sie die Hoffnung der Basen, da sie ihn leicht
bekehre, nicht zu teilen vermochte. Sie wollte nun einmal aus dem Gerede heraus
und lieber einen Gebieter als zwanzig Gebieterinnen. War er verschwenderisch,
wie man sagte, so brauchte sie nicht zu zittern, wenn sie einen alten Topf
zerbrach, und sein Leichtsinn lie sie wohl einmal frei atmen, wenn auch sie ihm
das Leben nicht allzuschwer machte. Sie hatte es also immerhin besser als
bisher. Der Krmer sprach es offen aus, da er mit diesem Tchtermann durchaus
nicht zufrieden sei; doch lie er sich die Leute darber streiten, ob diese
Abneigung mehr dem zgellosen Leichtsinn oder der Starrkpfigkeit des
Tchtermanns gelte. Andreas selbst kmmerte sich darum nicht viel, nur das
verletzte ihn, da der Krmer die wegen Verwandtschaft eingeholte kirchliche
Dispens nicht bezahlen wollte, sondern trotzig sagte, er wrde die hundert
Gulden lieber geben, wenn er von dieser Verwandtschaft loskommen knne, als
dafr, da nun sein Kind sich wieder darin verheirate. Diese Rede verzieh
Andreas dem Krmer nie, und selbst Angelika empfand sie wie eine Beleidigung
ihrer lieben seligen Mutter. So kam es, da Andreas und sein junges Weib nicht
viel mit dem Krmer zu tun hatten. Dieser dagegen wendete nur noch mehr all
seine Liebe und Sorgfalt der damals dreizehnjhrigen Zusel zu, oder - um mit den
Nachbarn zu reden - er verzog und verdarb sie, da man oft zuerst ihm und dann
ihr mit der Rute htte nachlaufen mgen.
    Der Ostertag war daher auch fr ihn ein wahrer Festtag, wie er noch selten
einen erlebt hatte. Mit der Auswahl der Stoffe zu neuen Kleidern hatte er es
noch viel strenger genommen als selbst Zusel, welche zu oberflchlich war, um
sich schon jetzt so ngstlich mit der Sache zu beschftigen. Der Krmer jedoch
wute aus Erfahrung nur zu gut, da man schlielich bse Stunden erlebe, wenn
etwas nicht recht pate und allen Anforderungen entsprche. Redlich hatte er das
Seine getan bei der Auswahl und dann der Nhterin wenigstens eine Viertelstunde
lang vorgepredigt; drum konnte er jetzt auch mit ruhigem Gewissen seines
Lieblings Rckkehr aus dem Ankleidezimmer erwarten. Die Geduld aber wr' ihm
beinahe ausgegangen, bis sich endlich die Stubentre auftat und ihn die hohe, im
Festschmuck strahlende Gestalt seines wirklich wunderlieblichen Kindes mit dem
etwas herausfordernd aufgeworfenen Blondkpfchen sehen lie.
    Nun, wie gefall' ich dir jetzt? fragte sie mit einem Blicke, da der
Krmer - Stighansen an seinen Platz gewnscht htte. Ja, sie war schn mit dem
lachenden Blick und dem selbstsicheren Trotz, der bei jeder Frage um den kleinen
Mund zu spielen schien. Die Leute nannten sie Angelikas treues Ebenbild, der
Krmer jedoch fand sie viel, viel schner. Angelikas ernster Blick machte einem
ganz angst. Sie tat oft, als ob sie die Mutter Gottes zu spielen htte; neben
der Zusel aber wurde einem wohl. Die war doch eher ein Mdchen fr den etwas
unbeholfenen, allzu gewissenhaften Hans. Die sollte der Gemeinde beweisen, da
es frher nicht nur am Ansehen seiner Verwandtschaft fehlte und da seine
Mdchen sich wenigstens durch ihre Erziehung sehr unhnlich geworden seien.
    Nun, wie gefall' ich dir? fragte das Mdchen abermals, und ohne den Krmer
zu einer Antwort kommen zu lassen, eilte sie hinaus auf die Gasse, wo man frohe
Mdchenstimmen hrte.
    Es ist doch ein prchtiges Ding, sagte er, der Forteilenden langsam
folgend. Lustig wie ein Vogel und stolz. Das ist recht. Besser noch freilich
wr's gewesen, wenn sie diesen Stolz schon vor drei Jahren gehabt htte ... Nun
- eine Dummheit kann man ihr schon verzeihen, besonders eine, die ihr jetzt
nichts mehr schaden wird.
    In der Kirche wird Zusel sich wohl ber die Auferstehung des Herrn gefreut
haben, wie der Pfarrer das in der Predigt von jedem Christen erwartete, heim
aber kam sie nach dem Gottesdienst in der allerbelsten Stimmung. Die ihr
entgegeneilende Katze, die pltzlich zischend unter den Kachelofen sprang, mute
das eher bemerkt haben als die Magd, die ihren Bericht ber das Aufsehen,
welches Zusel heute gemacht habe, nicht eher endete, als da eine Stimme, wie sie
dem hbschen Mdchen unmglich anzugehren schien, ihr zu schweigen und lieber
an das Mittagessen zu denken befahl. Der Vater fand sein Kind auf dem Kanapee,
wo es das verweinte Gesichtchen in die Kissen vergrub.
    Nun? fragte er nach einer Weile erstaunt.
    Nun, fuhr das Mdchen auf, jetzt knnen wieder einmal alle lachen ber
mich, bis sie genug haben.
    Das hab' ich durchaus nicht bemerkt, trstete der Krmer.
    brigens hat es schon von je geheien: Neid bringt Glck.
    Dann mt' ich viel Glck haben, und ich wollte das, nur damit sie dann
fast vergehen tten vor Neid.
    Was hat's denn gegeben?
    Aber, Vater, wo bist du denn ins Haus hereingekommen?
    Natrlich durch die Tr. Warum?
    Dann mut du auch gesehen haben, da gleich nach dem Gottesdienst - oder
wohl auch unter der Messe - die Leute nehmen es nicht so genau ... Das Mdchen
verbarg sein glhendes Gesicht wieder tief in die Kissen.
    Eierschalen fr den Biggel gestreut worden sind, ergnzte der Krmer
ruhig, und auf seinem Gesicht erschien wieder das frhere Lcheln.
    Ja, sagte Zusel, sich wieder aufrichtend. Sie mute den Vater ernstlich
drum ansehen, da er das so heiter sagen konnte, als ob es ein frhliches
Ereignis wre. Und weit du auch, von wem? fragte der Krmer.
    Nun, von einem altmodischen Tropf. Ein paar Neidhmmel werden das
angerichtet haben.
    Nein, widersprach der Vater. Diesen Possen hat dir einer gespielt, da du
dich mit mir darber freuen kannst.
    Wer?
    Stighans, antwortete der Krmer mit einer Feierlichkeit, die deutlich
genug sagte, fr wie wichtig er diese Mitteilung halte. Der? fuhr Zusel auf,
also eigentlich die alte Stigerin, der er folgen mu wie ein Schulbub. Was hat
denn die gegen mich? Soll ich auch noch dafr ben, da ihr dickkpfiger Hans
der Angelika zuweilen ein gutes Wort gnnte?
    Die Alte hat nichts gegen dich, und der gute Hans hat nur einen Spa machen
wollen, den du ihm ganz anders, viel besser auslegen solltest.
    Zusel war durchaus nicht berzeugt, aber sie schmte sich ihrer Aufregung,
und indem sie sich mit Gewalt zur Ruhe zwang, sagte sie, das wrde die Stigerin
wieder ganz rasend machen.
    Die hat jetzt nichts mehr gegen uns, versicherte der Krmer. Htt' auch
keine Ursache mehr dazu. Wie kommst du schon darauf, da Hans so etwas zu tun
imstande gewesen sei?
    Der Hans ist nicht so bel. Sein bisheriger Knecht, von dem ich manches aus
dem Hause erfuhr, hat mir oft gesagt, er wre gar nicht so einfltig, als er
ausshe, und mit keinem Menschen wre besser auszukommen als mit ihm.
    Aber der Knecht ist schon vor einigen Tagen fort und hat nicht mehr sagen
knnen, da ...
    Ich hab' aber die Schalen gestern abend selbst in seinem Hut auf einem
Balken der Brcke gesehen.
    Und dann wird er dir gesagt haben, die seien fr mich?
    Du einfltiges Mdchen! Das ist gar nicht ntig fr mich. Welche von allen
andern wre denn, da man ihretwegen dem Hans etwas derartiges zumuten sollte?
    Und ich mchte fragen: Welche von allen wr' ihm nicht gut genug? Wie eine
aussieht, wird ihn wenig kmmern, und Geld hat er selbst, und fr eine Magd
knnte die Alte mich nicht brauchen. Wie sollte er da an mich denken, und warum
mte ich mich noch gar freuen, wenn dieses Wunder wirklich geschhe?
    Zusel, sprach der Vater streng, deinen Stolz hab' ich dir nicht wie die
andern verargt, diese Demut aber ist zu gro. Jetzt gefllst du mir so wenig als
den anderen. Ist das eine Rede fr dich?
    Aber wr' es stolzer und groartiger, wenn ich mich ber so eines Hansen
Gunst gleich einem armen Bettler freute? Wnschtest du mich so hnlich jeder
anderen, der die Sorge fr die Zukunft auf dem Halse liegt? Wenn ich der Magd
einmal irgendwo helfe oder sobald ich sonst einmal versuchen will, was ich
knnte, so heit es gleich, ich solle nur alles sein lassen. Dann sagst du mir,
du httest dir eben darum Tag und Nacht keine Ruhe gegnnt, da ich es um so
ruhiger bekme. Ich bin dir denn auch dankbar, da du mir eine so schne Zukunft
schaffen wolltest. So hab' ich denken gelernt. Du sagst mir immer, ich brauche
mich um niemand zu kmmern. Gut, also auch um Stighansen nicht, und selbst wenn
sein Anwesen noch einmal so gro wre.
    Zusel stand auf, stellte sich kerzengerade vor den erstaunten Krmer hin und
fuhr mit immer wachsender Leidenschaftlichkeit fort: Mein Stolz ist nicht, hoch
droben just neben dem oder dem zu sitzen, wenn mir das nicht nach meinem Kopf
ist. Was htte ich dir zu danken, als da du es mir mglich machtest, frhlich
zu leben, ohne da ich mich um jemand etwas kmmern mu?
    So hatte der Krmer seine Zusel noch nie gehrt. Unfhig, seinen rger noch
lnger zu verbergen, wollte er jetzt das Kind von seiner stolzen Hhe bringen.
Mehr nur, um sie zu bestrafen, als aus Berechnung sagte er so ruhig, als es ihm
in diesem Augenblicke mglich war: Ich wei nicht, wie lang es her ist, seit du
dich um keinen Menschen kmmerst, doch immer kann das nicht der Fall gewesen
sein, wie trotzig du auch jetzt das Kpfchen aufrichten magst. Damals, als der
Hansjrg zuerst bei den Soldaten war, hast du ihm noch geschrieben, da du es
ohne ihn hier beinahe gar nicht aushalten knntest.
    Das Mdchen sank wie vernichtet aufs Kanapee zurck. Als nun der Krmer,
seine Rede beinahe bereuend, seufzend mit der Hand sich ber die faltenreiche
Stirne fuhr, sagte sie: Ja, Vater, das und hnliches hab' ich ihm geschrieben.
Ich schme mich auch gar nicht, das zu gestehen, obwohl ich's jetzt nicht mehr
tun wrde. Er war ein stolzer Bursche, der nicht immer rechnete, sondern
herzhaft zugriff und alles dransetzte, wenn er einmal etwas erreichen wollte. Du
wirst mich nicht kleiner, schlechter sehen wollen, Vater, als der Hansjrg ist?
    Gelt, von dem htte dich der Spa mit den Eierschalen schon besser gefreut
als vom Stighans?
    Ich glaube, ja.
    Nun, da knnte der Hansjrg sich freuen, lachte der Krmer bitter und fuhr
dann nach einigem Besinnen, gleichsam jedes Wort abwgend und zuspitzend, fort:
Es ist nur jammerschade, ja fast zum Verzweifeln, da er dein Vertrauen, deine
bewundernswerte Treue, von der man eine Geschichte in den Kalender machen
knnte, so ganz und gar nicht zu schtzen wei. Aber fragst du denn nicht, wie
ich etwas von jenem Brief erfuhr?
    Du hast ja berall deine Berichtmacher und Horcher, als ob du alles am
Fdchen ziehen mtest. Da geht es ja zu wie im Rderwerk der Kirchenuhr.
    Von dem Briefe, sagte der Krmer mit Nachdruck, wei ich nur durch
Hansjrg selbst. Von dem Briefe und von noch einigen, verstanden! Spter jedoch
scheinen sie seltener geworden zu sein, diese verliebten Zettelchen, oder sie
mssen ihn sonst minder gefreut haben, kurz, er mochte sie nicht lnger
aufbewahren. In einem Schreiben, ber das man sich so seine Gedanken machen
knnte, fragt er mich ohne viele Umschweife, ob er deine Briefe seinem Vater,
also dem schwatzhaften Mathisle, zuschicken soll oder ob ich ihm zehn Taler
dafr geben wrde. Du kannst dir denken, was ich tat. Wahrhaftig, ich htte dem
Spitzbuben auch zehn Goldstcke dafr gegeben, doch scheint er sie eben nicht so
hoch geschtzt zu haben.
    Wenn der Krmer mit den letzten Worten Zusels Herz noch schmerzlicher
treffen, noch schwerer belasten wollte, um jede darin etwa noch lebende Neigung
zu erdrcken, so schien er seinen Zweck nicht zu erreichen. Das Mdchen wurde um
nichts bleicher und regte kein Glied. Wie erstarrt sa es da und starrte ins
Leere. Dem Krmer wurde siedend hei. Er bereute von Herzen, so der
Leidenschaftlichkeit nachgegeben zu haben. Das war dem wohlberechnenden Manne
wohl noch selten begegnet. Eben nur, wenn er, statt zu berechnen, empfand, wenn
er liebte. Da das aber seinem hbschen Kinde gegenber der Fall war, hrte man
sogar aus dem Klange der Worte heraus, mit denen er die Erstarrte wieder zu
beleben und aufzurichten suchte. Gott Lob und Dank, hauchte er unwillkrlich,
als sie die noch umflorten Augen wieder auf ihn richtete und die Lippen zu
bewegen begann.
    Gelt, Vater, ich hab' getrumt! fragte sie kaum hrbar.
    Du bist nicht mehr recht bei dir selbst gewesen.
    Ja, gelt, Vater, und du hast nichts von ihm - dem Hansjrg gesagt?
    Wenn ich nur nichts gesagt htte.
    Es ist also nicht wahr?
    Oh, wie wollt' ich das jetzt so gern, ich gb' wahrhaftig viel drum, wenn
ich es widerrufen knnte.
    Zusel, die sich schon wieder einigermaen gefat hatte, fragte mit tonloser
Stimme: Warum hast du mir denn frher nie etwas davon gesagt?
    Nur in meinem dummen Zorn konnte ich dir weh machen mit der erbrmlichen
Geschichte, sagte der Krmer und verlie das Mdchen, welches wie vernichtet
aufs Kanapee zurcksank.
    Er konnte sein Kind so nicht sehen. Das hatte er angerichtet, und nun fand
er kein Wort mehr, das die so schmerzlich Getroffene auch nur ein wenig wieder
aufzurichten vermochte. Wohl sagte er sich, da er lnger als ein Jahr schwieg,
obwohl er wute, da mit der heute gemachten Mitteilung die noch immer
vorhandenen Spuren einer ihm so verhaten Neigung verwischt werden konnten. Ja,
das war seine Verteidigung gegen die Vorwrfe des Herzens, aber sie half ihm
nichts. Es trieb ihn zuerst fort von ihr und dann wieder vor die Tre ihres
Zimmers zurck. Er fand diese verschlossen. Lange blieb er horchend stehen, aber
er hrte nichts, nicht einmal ein leises Schluchzen. Des Mdchens Schmerz hatte
keine Trne mehr. Regungslos lag es noch, wie der Krmer es hinsinken sah, und
verbarg das Gesicht in den weichen Kissen. Oh, die Arme htte versinken, htte
die drauen hoch aufragenden Berge ber sich herstrzen sehen mgen vor Zorn und
Scham. Zuerst schien es ihr auch, als ob wirklich etwas Unerhrtes geschehen
werde. Alles drehte sich um sie herum; das Zwitschern der Vgel wurde ein
furchtbares Hohngelchter, die Ach rauschte immer nher, immer lauter, und bald
mute sie da, unter dem Haus, hier im Zimmer sein und Khle und Erlsung
bringen. Dann aber auf einmal ward es so still, da sie das Klopfen ihrer Pulse
hrte. Der Klang der bekannten Hausglocke, die sie sonst aus dem tiefsten Schlaf
geweckt hatte, lie sie regungslos liegen. Sie kmmerte sich jetzt nicht mehr um
den Laden, und es kam ihr wunderbar vor, da der Vater so rasch wie gewhnlich
die Stiege hinuntergehen und jemandem Rauchtabak geben konnte. War es mglich,
da der jetzt da unten wieder plaudern und handeln konnte, als ob gar nichts
vorgefallen sei! Dazu gehrte ein recht herzloser Mensch - und doch noch kein so
herzloser, wie der war, den sie bisher so hoch schtzte und der nun ihr
teuerstes Geheimnis um einige Gulden verkauft hatte. Ha! Schon frher war das
geschehen, und sie hatte noch heute an ihn gedacht und gewnscht, da er sie
sehen, sie wieder einmal mit ihm sprechen knnte. Lange Zeit sann sie und litt,
ohne da auch nur das leiseste Zucken ihren furchtbaren Schmerz verraten htte.
Dann aber schrie sie pltzlich: O Welt, o du Welt! Und dann, als ob sie alle
Kraft verlasse, sank sie mit dem Seufzer: Das wre nun mein Ostertag! wieder
in die Kissen zurck.
    Erst gegen Abend lie sie den Krmer zu sich ins Zimmer, welches er und die
Magd am Nachmittage mehrmals vergeblich zu ffnen versuchten. Er erschrak ber
ihr Aussehen, doch hatte er sich wieder so gefat, da er ihr nicht lange
wortlos gegenberstand. Es ist nun einmal so, sagte er. Ich bedaure dich,
wenn dieser dein Kummer auch nur aus deinem Eigensinn entstand. Ich glaubte, du
wrdest den Nichtsnutz endlich vergessen haben.
    Das kann ich nie - nie!
    Aber jetzt doch?
    Jetzt - oh, wie schm' ich mich. Ich darf nicht daran denken, wie mir noch
gestern wohl war, wenn ich an ihn dachte. Ach, wenn er in unser langweiliges
Haus kam, dann war's, wie wenn man frische, duftende Blumen in ein Krankenzimmer
bringt und dem Vogelsang die Fenster ffnet und dem frischen Luftzug. Und nun! -
Ich sehe mich unterhhlt, ich bin aufs Eis gekommen; drei ganze Jahre ging ich
vorwrts, weit, weit hinaus ... und nun bricht alles unter mir zusammen. Hu, mir
ist's, als ob ich's krachen hrte.
    Ah, das sind Dummheiten.
    Ja, Vater, du hast recht. Ich hab's nicht mehr gehrig im Kopf, das merk'
ich nur zu gut. Ich wei mir nicht mehr zu raten und zu helfen. Nimm mich, du
starker, du kluger Mann, und verkaufe mich oder mache mit mir, was du willst.

                                Fnftes Kapitel



                     Der Mann mu hinaus, es ist ein Graus

Die letzten Tage und Stunden daheim, wieviel gibt's da nicht noch zu durchleben!
Ist's doch gerade, wie wenn man sich mit tausend Wurzeln und Wrzelchen aus dem
Boden reien mte, auf dem die liebsten Erinnerungen uns umblhen.
    Jos mute selbst darber lcheln, da ihm der Abschied so nahe ging und er
es doch auf dem Stighof immer noch riechen konnte, wenn die Mutter eine Suppe
anbrennen lie. Er lchelte darber, aber unter Trnen. Fort ist fort, meinte
er immer wieder und schaute wie fragend zu Stighansens groem Hause mit dem
Hirschkopf unterm Dachfirst hinber. Auch der Mutter ging der Abschied nahe, und
dabei hatte sie nicht einmal die Freude, ihn mutig seinem neuen Beruf
entgegengehen zu sehen. Selbst ihr Trost, da er da statt der Zusel die gute
Dorothee neben sich haben werde, tat die gehoffte Wirkung nicht. Jos entgegnete
klagend, er bleibe darum doch ein armer Teufel, um den das Mdchen sich nur
wenig kmmern werde; Zusels Neckereien wren eigentlich noch eher zu ertragen
als Dorotheens Mitleid mit dem verjagten oder doch aus dem Dienste geschickten
Schneiderlein, welches nun wie sie bei dem gtigen, lieben Hans das Gnadenbrot
essen drfe.
    Das war wieder eine der vielen, oft so schmerzlich beklagten
Wunderlichkeiten, die den guten Jungen gewi nie glcklich werden lieen. Bald
schien es Demut, bald Trotz, sie selbst war noch nicht mit sich eins, wie man es
nennen msse, aber es machte ihr mehr Sorgen als alles andere. Das Gnadenbrot
essen! Sie wute nicht, wie er darauf kam. Hatte doch der Krmer, der ihn
zuweilen auch im Stall etwas tun und selbst kleinere Hndel fr ihn abschlieen
lie, nicht selten gestanden, da im Jos ein tchtiger Viehpatron verdorben und
zum Schneider verpfuscht sei. So einer war wie geschaffen fr den etwas
unbeholfenen Hans, der sich nicht ungern bei allem, was in Kauf und Lauf kommen
sollte, von andern, in der letzten Zeit vom Krmer, raten und helfen lie. Gewi
htte man ihn gern gehabt auf dem Stighof, und vom Gnadenbrot wre nie die Rede
gewesen, wenn er nur nicht auch seine Sonderbarkeiten mitgenommen htte. Das
rgste frchtete sie von seinem Eigensinn, seiner Empfindlichkeit und hnlichen
Eigenschaften, die sie zwar an Wohlhabenden oft als schn und selbstverstndlich
loben hrte, die aber denen, welche nun einmal zum Leiden und Dulden da waren,
zur Quelle vieler Leiden und bler Nachreden werden muten. Das erinnerte sie
daran, wieviel sie ihm noch ans Herz zu legen habe. Doch wenn sie dann den guten
Jungen mit dem treuen Gesichte des unvergelichen Vaters vor ihr stehen sah und
der sie mit den tiefblauen Augen so wehmutsvoll anblickte, dann war alles wieder
vergessen, was zu einer Predigt htte werden knnen. So wie er da war, war er
ihr dann recht, und sie konnte nichts mehr, als ihn dem Schutze des lieben
Gottes anbefehlen. Er, der ihren liebsten Wunsch noch so gndig erfllte, da sie
selbst nicht einmal mehr zu hoffen wagte, erhrte wohl auch noch ihre anderen
Gebete fr seine Zukunft, welche sich nun immer mehr von ihrer, der der armen,
strafbaren Snderin, loszulsen begann.
    Mit einem wunderbaren Lcheln, in welchem sich Hoffnung und Sorge, Freude
und Schmerz gleichzeitig widerzuspiegeln schienen, trug sie in den beiden
Feiertagen weit Besseres als gewhnlich auf das wackelige Tischchen im
Herrgottswinkel. Oh, es war ein Opfer der Entsagung, wie nur Mtter es zu
bringen vermgen, wenn sie so mit allem, was sie so fr die nchste Zeit hatte,
vor dem kleinen, rmlichen Hausaltar neben dem Kruzifix des Sohnes glckliche
Zukunft im voraus schon feiern wollte, seine Auferstehung aus dem Grabe ihrer
Sndenschuld. Nur der, den die frommglubige Mutter vom Kreuz auf sich
herabblicken sah, konnte die Trnen wahrnehmen, die sie zu verbergen bemht war,
whrend sie ihm ihre Bitt- und Dankgebete zusendete. Blo wenn Jos einmal aus
der Stube ging, lie sie ihren Empfindungen freien Lauf. Dann betete sie laut:
O du grundgtiger Gott und Heiland, wie hast du es doch so gut und recht
gemacht! Hilf ihm nur auch ferner, immer, und la dafr mich um so bler dran
sein; mich, die doch nichts anderes will und zu nichts anderem da ist, als dem
sich zu opfern, fr den zu tragen, der nur durch ihre Snde auf der Welt und
unglcklich ist. Er mu fort, darf nicht lnger unter der Last meines Kreuzes
bleiben. Dann hat er aber niemand mehr zu Rat und Schutz als dich. Du wirst ihn
doch nie verlassen - gewi nicht!
    Das Zusammenpacken machte den beiden viel lnger zu tun, als man htte
glauben knnen, wenn man sah, um wie wenig es sich dabei zu kmmern gab. Aber
die Mutter hatte eben um so eher Zeit, das wenige sorgfltig zu mustern, wobei
sie dann soviel zu richten und auszubessern fand, da sie die halbe Nacht ihre
Nadel nicht mehr aus der Hand brachte. Tren und Fensterlden wurden, wie es fr
hnliche Flle vom Pfarrer strenge befohlen war, sorgfltig geschlossen, damit
kein Mensch durch solche Entheiligung der hohen Festzeit gergert werde, wenn
etwa ein verspteter Wirtshausgast hart vor der niedrigen Stube vorbeigehen
sollte. Auch Jos nahm noch einmal seine Nadel zur Hand und dachte mit
schmerzlichem Behagen, wie schwer ihm die Anschaffung dieses und jenes
Kleidungsstckes geworden sei. Dann lebte er sich ganz in den Tag hinein, an dem
er es das erstemal trug. Waren doch solche Tage seine einzigen Festtage, wie
wenig man ihn auch eitel auf ein hbsches Kleidungsstck nennen konnte. Dann
dachte er wieder daran, wie rasch der Hans einen ganzen Kronentaler nur fr
Eierschalen hergeben wollte. Dabei schien ihn etwas wie ein Windzug aus dem
groen, vollen Hause da drben so stark anzuwehen, da ihn beim Anblick seiner
abgetragenen Kleider ordentlich zu frsteln begann. Der Scharfblick der
liebenden Mutter wre gar nicht notwendig gewesen, um das zu bemerken. Wenn er
wieder ein Kleidungsstck brachte, sprach er es deutlich genug aus, da er das
so durchaus nicht tragen drfe, whrend er frher ber hnliche von ihr
ausgesprochene Besorgnisse nur gelacht oder bitter bemerkt hatte, da fr Leute
seiner Art auch das Schlechteste gut genug sei. Es tat dem guten Weibe tief im
Herzen weh, ihn so unzufrieden zu sehen mit dem, wofr auch sie manches, manches
Opfer gebracht hatte. Es ist doch ein Elend, da er auch gar nie mazuhalten
wei߫, klagte sie. Frher hat er da das Rcklein trotzig selbst am Sonntag
tragen wollen, und nun soll es auch fr den Werktag nicht mehr gut genug sein.
Am Ende wird er mir nun gar noch kritisch und hochmtig werden.
    Diese Sorge wre wohl den meisten recht berflssig erschienen, wenn sie das
ursprngliche blaue, nun aber wie mit einem Register aller seit einem Schaltjahr
gekauften Tuchgattungen berlegte Rcklein gesehen htten, welches er beim
Einpacken eine Bettlerfahne nannte. Aber ein klein wenig hochmtig und eitel war
der Jos denn doch, seine Mutter betrog sich nur, wenn sie whnte, da das erst
seit der Unterredung mit Hansen am Karsamstag so in ihn gefahren sei. Da war
eigentlich gar nichts anders geworden, als da Jos in der wehmtigen Stimmung
dieser Stunden immer frei von der Brust weg reden mute und da der Mutter jetzt
jedes seiner Worte zu sinnen gab. Der Stolz des Burschen auf seinen guten Kopf
und seine geschickte Hand, mit dem er innerlich allen den vom Glck zart und
warm Eingewickelten trotzte, wurde von ihr um so weniger bemerkt, da sie ihn,
wenn auch ihr selbst unbewut, immer geteilt hatte. Erst seit dem Karsamstage
gingen Mutter und Sohn hierin etwas auseinander. Die erstere fand gerade jetzt,
wo beinahe jedes seiner Worte eine ganz eigene Weichheit ausdrckte, soviel
Gutes in ihm, da sie fr seine Zukunft viel unbesorgter blieb als er, der nicht
ohne Herzklopfen an den Empfang auf dem Stighof zu denken vermochte und sich -
wenigstens fr den Anfang - so gern auch durch sein ueres ein wenig empfohlen
htte. Er dachte sich neben die stolze, strenge Stigerin und die geschickte
Magd, malte sich ihren allmchtigen Einflu auf Hansen so lebhaft aus, da er
sogleich wieder htte absagen mgen, wenn er sich nicht vor der tausendsappers
Magd allzusehr geschmt htte. Ja, vor der war ihm schon jetzt so angst, da ihm
eigentlich eine Zusel, gegen die er herzhaft grob und trotzig sein durfte, an
ihrem Platze weit lieber gewesen wre.
    Vergebens bemhte sich die gute Schnepfauerin, ihm die letzten Tage daheim
so froh als mglich zu machen. Durch all die tausend Zrtlichkeiten, die die
wehmtige Abschiedsstimmung erfindet, macht man einen Menschen nicht heiter,
dessen Kraft hauptschlich in seinem Trotze liegt. Wenn sie ihm das Beste
auftischte, wenn sie alles tat, damit er doch in seinem knftigen Glck, in
seiner Herrlichkeit auf dem reichen, stolzen Stighof, auch sie und die Heimat
nicht ganz vergesse - das htte sie denn doch mit aller Opferwilligkeit
unmglich ertragen knnen -, machte sie ihm nur weh, und er wnschte von Herzen,
da er, wenn nun einmal die erste Dummheit beim Krmer nicht mehr zurckzunehmen
war, sogleich von diesem weg auf den Stighof htte gehen knnen. Der Nachmittag
des Montags war unendlich lang fr Mutter und Sohn. Die erstere qulte sich mit
der Frage, was wohl die neuen Verhltnisse, Ehre und allgemeine Achtung aus
ihrem Lieblinge machen wrden; dieser aber fhlte sein Herz von tausend lieben
Erinnerungen noch schwerer belastet als von der Sorge um die Zukunft. Beide
hatten das Gefhl, da sie so sich nie mehr gegenbersitzen wrden, und doch war
es trotz allem, was sie gemeinsam zu tragen und zu dulden hatten, so schn
gewesen. Ja, schn, aber nun war das eben vorbei. Alles auf der Welt nimmt ein
Ende, und - das empfand Jos - am besten ist's, wenn's recht rasch geht.
Pltzlich, die Sonne war noch lange nicht ber die hochaufragende Kanisfluh
hinaus, warf er sich das kleine Bndelein auf die Schultern und sagte mit
gewaltsam erzwungener Ruhe: So, Mutter, jetzt geh' ich und sage dir tausendmal
Vergelt's Gott fr alles Gute. Leb' wohl!
    Wie, was? fragte die Erschrockene. Ich hab' noch Fleisch zum Feuer getan,
das wollen wir doch abends noch mitsammen essen und uns so wohl sein lassen, als
wir knnen.
    Und uns dabei alles noch schwerer machen, fiel Jos ein.
    Na, Mutter, du hast nun genug Opfer fr mich gebracht, und mir wr' jetzt
eine angebrannte Suppe, von Dorotheen gekocht, viel lieber; ich knnte sie dann
doch darum ein wenig necken.
    Die Mutter wollte noch etwas sagen, aber Jos war schon zur Tre hinaus.
    Jetzt sah er das Haus, in dem er nun leben sollte, mit den groen Stallungen
und den stolzen Fenstern, dem hohen Dachstuhl und hundert anderen Zeugen eines
groen Wohlstands, den mehrere Neubauten hinten und vorn als einen wachsenden
verkndeten. Jos zwang sich zum Lachen darber, da ihm der Abschied so schwer
werden wollte, als ob er viele hundert Stunden weit gehen mte. Du bist doch
ein recht dummer Tropf, murmelte er und wollte schon wieder zur Mutter in die
Stube zurck, als eben der Stighans daherschlenderte, der ihm schon von weitem
zurief: So, Jos, es ist recht, da du endlich kommst! Ich hab' dich gerade aus
dem Nest holen und mitnehmen wollen.
    Wohin?
    Nun natrlich nach Emaus, das heit zum Lwenwirt drben ber der Ach. Auch
meine Eigenen sind dort und wer heut' ein wenig lustig sein will. Ist doch der
Lwenwirt noch beim alten Brauch geblieben und gibt allen gedrrte Birnen und
Nsse, die am Ostermontag zu ihm kommen. Drum nur flink! Wirf deine
Herrlichkeiten da in einen Winkel und nimm dafr die Mutter mit, wenn sie mag!
Ich sehe nicht ein, warum die allein heute traurig daheim sitzen sollte.
    Das tat dem Burschen recht in der Seele wohl, und wie ein Lichtstrahl der
Freude zog es ber sein Gesicht. Seinen Augen ging es wie allem, was schnell aus
der Klte an die Wrme kommt; sie wurden feucht, whrend er wieder ins Huschen
zurcklief, wo er es dann kaum erwarten konnte, bis die berraschte Mutter sich,
immer noch widersprechend und dabei zitternd vor freudiger Erregung, ein wenig
ordentlich angezogen hatte.
    Dem Jos war es auch schon darum sehr erwnscht, da er zuerst allein mit
Hansen zusammentraf, weil er von diesem zu erfragen hoffte, was die Stigerin und
Dorothee zu dem neuen Knechte gesagt htten.
    Doch dazu sollte er keine Zeit mehr finden. Auf dem Wege, der sie an
neuergrnten Wiesen, neben Hgelchen, von denen Gnseblmchen und Aurikeln die
ersten Gre des Frhlings still herberwinkten, und ber geschwtzige Bchlein
fhrte, sah Hans zum erstenmal in diesem Jahre seine Felder und Wlder wieder.
Mit seltener Lebhaftigkeit redete er von dem, was schon in den nchsten Wochen
getan werden knnte, und aus jedem seiner Worte klang die Freude, die ihm seine
Bauernarbeit machte. Selbst Jos wurde von dem herzlichen Tone so hingerissen in
die Welt seines heiter plaudernden Gefhrten, da er diesen nicht mehr nur fr
einen einseitigen Bauern hielt, der am Ntzlichen allein mit Leib und Seele
hing. Nun sah er sich auf einmal behaglich lchelnd als Knecht auf diesem
schnen Anwesen, das fr sich selbst eine kleine Welt in der groen zu sein
schien. Wie herrlich, wenn da nun einmal alles blhte und wogte unter seiner
Pflege, wenn die Sense rauschte und Schritt um Schritt hunderte fast mannshoher
Halme an die Mahdo wlzte, wenn das duftende Heufuder dem groen Stadel
zuschwankte, der bald so voll war, da man im Winter, wenn die Khe im Stalle
ungeduldig auf ihn warteten, kaum noch Platz hatte, ihnen das selbstgedrrte
Futter nach Verdienst und Bedrfnis in kleinen Ballen nach der Reihe
aufzuwinden, wie sie nebeneinander im Stalle standen.
    Die beiden kamen bald so ins Reden hinein, da es fr die ihnen folgende
Mutter eine wahre Freude war, obwohl sie dabei eigentlich gar nicht beachtet
wurde. Hatte sie sich's auch nicht anders gedacht, als da ihr Jos schnell und
leicht sich in alles hineinleben werde, so war sie doch angenehm berrascht, ihn
schon jetzt mit soviel Verstndnis reden und fragen zu hren. Er ist doch ein
prchtiger Junge, dachte sie mit einem frohen Blicke zum tiefblauen Abendhimmel.
Der Hans mochte wohl etwas hnliches ber seinen Zuhrer denken, whrend er ihm
mit der Lnge und Breite eines echten Bauern auseinandersetzte, wie er das und
das und warum er es gerade so getan zu sehen wnsche. Jos hatte beim Fragen und
Zuhren doppelten Vorteil. Er gewann bei Hansen immer mehr Zuneigung und erhielt
manchen bedeutsamen Wink fr sein knftiges Verhalten und brauchte nicht mehr
wie ein Kind ber alles erst zu fragen, wenn ihm das einmal nicht mehr so
gnstig aufgenommen, so freundlich beantwortet werden sollte als jetzt.
    Im Wirtshaus wurde dem Jos und seiner errtenden Mutter an dem Tische neben
dem Kanapee Platz gemacht zwischen der Stigerin und ihrer Magd, die den
Ankommenden das volle Glas entgegenhielt, aber so, da man nicht sagen konnte,
ob es Hansen oder dem Jos gelte. Jos wute selbst nicht, woher er den Mut nahm,
zu fragen, welcher von ihnen beiden denn auch eigentlich gemeint sei. In der
Zeit, wo du fragst und Umstnde machst, htten beide ganz leicht ein Schlcklein
zum Bescheid nehmen knnen, antwortete das Mdchen und zog lchelnd das Glas
wieder zurck.
    Das ist ein schlimmes Zeichen, bemerkte Hans. Noch immer hat Dorothee es
mir ordentlich zugebracht, wenn sie einmal etwas Gutes hatte; nun aber, da auch
der Jos mitkommt, tut ihr die Wahl so weh, da sie keinem mehr etwas anzubieten
wagt.
    Die auf diese Bemerkung folgende Stille mute Dorotheen etwas zu lang
vorkommen, denn bald sagte sie: Jetzt geht ein Engel durch die Stube und
schreibt sich etwas auf.
    Vermutlich, da die Schnepfauerin einmal ins Wirtshaus ging, meinte Hans.
    Und da ihr der Wirt ein geschliffenes Glas bringt, sagte Jos und htte
beinahe noch beigefgt: Wie den Vornehmen, aber er fhlte dunkel etwas
Unpassendes und unterlie es, in diesem Augenblicke so derb an kaum vergessene
Gegenstze zu erinnern, die sich gewi frh genug von selbst wieder geltend
machten.
    Das geschliffene Glas war brigens nicht das einzige, was den etwas
empfindlichen Jos auf das angenehmste berraschte. Hans hatte gesagt, die Mutter
sei da mit den Eigenen; darauf hatte denn Jos erwartet, die ganze hochlbliche
Verwandtschaft derer vom Stig in vornehmer Langweiligkeit beisammen an einem
eigenen Tische zu treffen. Nun aber sah er statt der ehrwrdigen Reihe die
Stigerin mit Dorotheen in einem Kreise von Tagwerkern sitzen, welche gewhnlich
den stattlichen Hof bearbeiten halfen. Frher hatte das Schneiderlein oft
gespttelt ber die halberfrorenen Taglhnerseelen, die sich im Glanz ihrer
Herrschaft zu sonnen suchten und es sich noch zur Ehre rechneten, als Schweif
des prchtigen Kometen am Himmel des mit einer eingelegten Schiefertafel fast
ganz bedeckten Herrentisches beim Kanapee zu gelten. Nun aber gestand sich Jos,
es sei denn doch etwas Schnes, dieses Zusammengehren aller, die zur Ehre und
zum Wohlstand eines Hauses das Ihrige beitrugen. Es tat ihm wohl, sich mit
seiner Mutter in so einem Kreise zu wissen, und er beeilte sich, die seltene
Freundlichkeit aller als etwas Selbstverstndliches lchelnd zu erwidern.
    Frhlich stieen alle auf ein langes, glckliches Zusammenwirken an, nur dem
Jos war etwas wunderbar zumute, als unterdessen der Wirt die ledigen Paare auf
die Kammer zu dem an diesem Tage wenigstens bei ihm - das wurde besonders stark
betont - noch blichen Nuklopfen einlud.
    In Stighansens und Dorotheens Gesicht htte kein Zug sich ndern knnen,
ohne da es Jos so schnell und wohl viel eher noch als sie selbst bemerkt htte.
Selbst als Hans den Stuhl zurckschob, erschrak Jos nicht, weil er den Entschlu
zum Aufstehen noch nicht aus seinem ruhigen Blicke zu lesen vermochte. So htte
er auch die Lippen schwerlich gespitzt, wenn er Komm, Dorothee! sagen wollte;
damit beruhigte sich Jos, und er hatte recht. Hans blieb sitzen und fragte den
Wirt, ob denn blo auf der Kammer droben Ostermontag sei.
    Das gerade nicht!
    Gut, so bring du deine Herrlichkeiten nur her; auch hier ist alles lustig
und ledig; oder wenn Verheiratete da sind, so mignnt ihnen das Mithalten um
Gottes Willen nicht! Ich wte nicht, warum die Ledigen auch noch den Vorteil
des Nuklopfens vor den Bedauernswerten haben sollten.
    Das ist wieder einmal vernnftig geredet, rief ein nirgends in der Stube
Sichtbarer dem Stighans zu. Jos wre fast im Zweifel gewesen, ob dieser
Beifallsruf etwa ihm selbst entronnen sei, wenn er nicht sofort die wohlbekannte
Stimme des Krmers erkannt htte. Der sa also drinnen im sogenannten
Herrenstble, dessen Tre eine groe Spalte offen lie, und er htte es nun
nicht gerne gesehen, wenn da nun auf einmal nichts mehr als das Geschwtz
einiger Verheirateter von strengen Wintern und ungezogenen Kindern zu erhorchen
gewesen wre. Davon kam seine Freude ber Hansens entscheidendes Wort, und darum
fuhr er jetzt fast singend fort: Der Hans trifft halt den Nagel auf den Kopf
und wei immer genau das rechte Gewicht aufzulegen. Ja, das ist einer!
    Nur schade, da er kein Krmer worden ist, wenn ihm allenfalls auch dann
das rechte Gewicht nicht abhanden gekommen wre, bemerkte Jos, der dem
Verhaten seine Freude soviel als mglich verderben wollte. Es entstand ber
diese Rede ein Gelchter in der Stube, als ob er weit etwas Witzigeres gesagt
htte. Nur Hans blieb ernsthaft und sagte strenge verweisend: Das ist etwas
grob fr deinen Vetter; sei doch nicht gar so kindisch!
    Jos, erschrocken aufblickend, begegnete zuerst dem strengen Gesichte der
Stigerin, dann brachte ihn eine unmutige Bewegung Dorotheens und die
Verlegenheit seiner Mutter noch ganz aus der Fassung. Das durfte nicht so auf
ihm liegen bleiben; wie er es auch immer wieder abwlzen mochte, es mute weg.
    Vetter hin oder her, sagte er ohne langes Besinnen. Was kmmert der Herr
Vetter sich selbst um seine Eigenen? Ich will gar nicht von mir reden; aber da
drunten bei den Schnpslern sehe ich den Andreas, seinen Tchtermann, sitzen und
ins Herrenstble hinberblicken wie ein Stiefkind.
    Fr den Andreas ist dort eben die passendste Gesellschaft, bemerkte Hans
mit seltener Hast.
    Hatte es schon viel Redens gegeben, da Jos auf einmal vom Krmer weg auf
den Stighof kommen sollte, so mute ein solches Gesprch um so eher die
allgemeine Aufmerksamkeit erregen. Es war auch wirklich so still, da sogar der
zuunterst in der Stube sitzende Gatte Angelikas die ber ihn gefallenen
Bemerkungen gehrt hatte. Die gedrungene Gestalt richtete sich langsam auf, die
buschigen Augenbrauen hoben sich, und sein Auge funkelte, als er mit heiserer
Stimme sagte: Hans, der Stich trifft mich nicht mehr. Lieber unter Schnpslern
frei und selbherr als gebunden wie du am Herrentische. Wozu htte mein Vater
gespart und mir kein warmes Winterkleid kaufen drfen, wenn ich noch jetzt von
euerer Gnade abhngig wr'? Lat mich immer der Lmmel sein, wenn ich nur mein
eigener Herr bleibe. brigens kann ich ja Stiefvater werden, wenn ich nicht mehr
gerne Stiefkind bin. Es gibt noch ganz anstndige Leute, die nicht ungern eine
Flasche mit mir leeren, wenn ich einmal andere so gndig bevatern will wie
Hans.
    Es wr' klger gewesen, wenn du die Angelika mitgenommen httest, rief
Hans dem Erregten verchtlich zu.
    Andreas fuhr erschrocken zusammen. Dann aber erwiderte er trotzig: Gelt, du
whnst, es rgere mich, da sie nicht mitgeht? Nein, Hans, darber bin ich
endlich hinaus. Ihr habt mich an viel gewhnt. Sie bleibe nur, wo ihr wohl ist.
Ich mach' es auch so. Was htt' ich auch sonst noch von meinem Geld als die
Freud' an euerem Neide?
    Das Eintreten des Pfarrers unterbrach den Andreas in seiner immer
leidenschaftlicher werdenden Rede. Es wurde stiller in der Stube als in der
Schule, und wie Kinder blickten alle zu dem hochwrdigen Gaste auf. Jeder
wnschte und frchtete, da er sich an seinen Tisch setze. Die Ehre wre eine
groe gewesen, wenn man nur etwas mit ihm zu reden gewut htte. Der ehrwrdige
Greis richtete an manchen ein freundliches Wort, das aber oft nur mit einem
leisen Kopfnicken errtend beantwortet wurde. Jetzt war Jos, der eine Zeitlang
wie auf Ngeln sa, wieder ganz der Mann. Der Pfarrer setzte sich auch bald
neben ihn und begann ein Gesprch ber die ihm im Winter geliehenen Bcher, bis
er von seiner Huserin zu einem Schwerkranken geholt wurde.
    Von diesem begannen nun auch die zurckbleibenden Bauern zu reden, whrend
sie die langen Zipfelkappen wieder aufsetzten. Nur am Tische neben dem Kanapee
blieb alles still. Dem Jos aber machte man andere, viel freundlichere Augen als
whrend des von ihm angezndeten Streites, der nun ganz vergessen war. Hans kam
unmglich aus seinem Erstaunen darber, da ein Mensch, nicht einmal ganz in
seinem Alter, der nur seinen, Lehrer hatte und noch dazu ein armer Teufel war,
so sicher und glatt mit dem hochstudiertesten Mann weit und breit zu reden
verstand. Ja, gelt, Mutter! nickte er der Stigerin zu, die gar nicht zu wissen
schien, was fr ein Gesicht sie zu dem Vorgange machen msse. Jos schien sich
darum auch gar nicht zu kmmern. Er hatte genug an dem glcklichen Lcheln
seiner Mutter, und Dorotheens strahlendes Auge sagte ihm, da auch sie den
Mutigen schtze, der vor dem Pfarrer und einer Stube voll neidischer und
besitzstolzer Aufpasser so herzhaft zu reden und sogar seine Meinung ber Bcher
zu sagen wagte.
    Der Krmer, der jetzt langsam in die Gaststube herauskam, schien mit einem
Blick in den Augen aller gelesen zu haben. Er stie mit Hansen an und wnschte
ihm kalt lchelnd Glck zu dem neuen Knechte, der wenigstens schwtzen knne wie
ein Brieftrger. Der Handel sei freilich etwas schnell gegangen, doch werde man
ihn hoffentlich nie einen bereilten nennen. Er wenigstens gnne dem armen Wicht
einen so guten Platz, auf dem er manches lernen knne, wenn er nicht zu
eigensinnig sei, recht von Herzen und wnsche nur, da er ihn lange zu behaupten
vermge. Dienstwechsel sei stets schlimm, da man sich immer allerlei nachzureden
wte, doch der Gescheitere gebe nach und mge nicht durch Nachreden ganz
zwecklos schaden und auch den anderen zum Reden zwingen.
    Der Mann scheint mich ein wenig zu frchten, dachte Jos, und das freute
ihn mehr, als ihn die Zumutung rgerte, da er es einem recht bsen,
geschwtzigen Weibe gleichtun knne. Behaglich begann er mit den andern ber das
Sprichwort: Neue Besen kehren gut, aber die alten wissen die Winkel besser zu
plaudern; der Krmer schlich wieder zu seinem Schoppen zurck; doch blieb er
nicht lange ruhig, da es unter so vielen Menschen fr ihn gar bald wieder etwas
einzufdeln gab.
    Bald wurde an jedem Tische ein eigenes Gesprch laut, und Jos war wohl
beinahe der einzige Bauernknecht, der einige Handwerker bemerkte, welche sich
beim Ofen an einem kleinen Tischchen allerlei uerungen ber die stolzen Bauern
und ihr Gesindel zuflsterten. Sonst war dort auch sein Platz, und heute kam er
gewi nicht ungehechelt weg, wenn sie auch an ihm den rgsten Sptter verloren.
Nun, sie konnten ihn immer als einen untreu gewordenen Znftler betrachten. Er
hatte fr sich selbst zu sorgen. Es lebte sich auch gar nicht bel bei einem
reichen Bauern. Das Feste, Sichere im Wesen dieser gutherzigen Leute tat ihm
wunderbar wohl. Die Mutter htte gar nicht so ngstlich husten mssen, damit Jos
die Witze seiner ehemaligen Gefhrten nicht hre, denn er hatte nicht die
mindeste Lust, noch einmal Hndel anzufangen oder auch nur ein unebenes Wort zu
erwidern. Mit dem gutmtigsten Lcheln sah er hinber zu der alten Stigerin im
Herrgottswinkel, welche die von Dorotheens rundlicher Hand ihr vorgelegten pfel
und Nsse sich vortrefflich schmecken lie. Oh, die da unten, ohne festen Boden
unter sich und jeder der natrliche Gegner der anderen, sie wuten nicht, was es
hie, zu einem geschlossenen Ganzen zu gehren. Sie waren ja die unbeachteten
Diener von Hunderten, da konnte kein Verhltnis zu ihren Kunden entstehen wie
zwischen Bauer und Knecht, die sich eine ganze kleine Welt beherrschen halfen,
wo es gleichzeitig immer zu schaffen und zu zerstren, zu sen und einzuheimsen
gab.
    Jos hatte schon oft gesagt, Stall- oder Hausgedanken, kurz, der ganze Jammer
des Werktaglebens mit allem, was drum und dran hnge, gehre so wenig ins
Wirtshaus als in die Kirche. Jetzt konnte er sich selbst nicht mehr davor
erwehren. Die, welche nun etwa wegen seiner Unterhaltung da waren, muten ihn
allerdings merkwrdig schweigsam finden; ihm selbst aber war dabei so wohl wie
noch nie. Immer tiefer dachte er sich in sein Knechtleben hinein. Er sah die
wohlgepflegten Khe die Kpfe aufrichten und auf sein Kommen horchen, dann fuhr
er mit dem selbst gezogenen Rind aufs Feld und htte fast berlaut zu jauchzen
und zu singen angefangen. Es litt ihn nicht mehr auf dem Stuhl. Pltzlich leerte
er mit wenigen Zgen sein geschliffenes Glas, stand rasch auf, wie wenn er auf
einmal zu einem Entschlu gekommen wre, den er trotz allen Einwendungen sofort
auszufhren gewillt sei, und sagte: Hier wr' alles recht und hbsch, aber ich
glaub', deine Khe, Hans, tten nicht wnschen, da immer Ostermontag wr'.
    Die Magd wollte gleich gehen, um einstweilen ein Futter zu geben.
    Das ist jetzt meine Arbeit, widersprach Jos nicht ohne Selbstgefhl. Nur
den Schlssel zum Heu mt ihr mir sagen, dann knnt ihr alle dableiben, so
lang' ihr wollt.
    Dorothee meinte, man drfe ihn denn doch nicht wie einen Einbrecher ins de
Haus lassen ohne Gru und ohne alles. Sie wolle lieber mit und ihn gren fr
alle und ihm Glck wnschen.
    Ja, geht nur und gewhnt euch zusammen! lachte Hans.
    Jos verlie rasch die Stube, whrend Dorothee durchaus noch einmal trinken
mute.
    Vor dem Hause wartete Jos etwas ungeduldig auf die Magd und eilte dann wie
ein von ihr Verfolgter zum Drfchen Rehmen hinaus. Erst als das kleine
Tannenwldchen am Ufer der Ach sie in seinen Schatten aufnahm, redete Jos das
erste Wort, und es kam gar nicht so berlegt heraus, als man nach der langen
Bedenkzeit htte erwarten knnen. Mich nimmt's wunder, begann er und schwieg
dann erschrocken darber, da er bald laut gewnscht htte zu wissen, was alle
dachten, die ihnen mit so eigentmlichem Lcheln nachsahen.
    Was nimmt dich wunder? fragte das Mdchen, aber erst, als sie wieder aus
dem Wldchen hinausgekommen waren. Es schien Dorotheen auch gar nicht
aufzufallen, da sie keine Antwort mehr erhielt. Sie beide sahen errtend ihre
Schatten hart nebeneinander daherschreiten, als ob sie Arm in Arm gingen, bis
der Schatten eines mchtigen Baumstumpfs wie ein Riese zwischen sie zu fahren
schien. Erschrocken ber die gehrnte Gestalt mit dem kurzen Hals wichen sie auf
die Seite. Dann lachten beide laut auf und eilten dem ber die tosende Ach
fhrenden Stege zu.
    Erst hier sah Jos, da auch die Mutter ihm langsam folgte. Er wartete, bis
sie bei ihm war, um ihr allenfalls hinberhelfen zu knnen, wofr sie ihm mit
einem freundlichen Lcheln dankte, wie er es noch selten auf diesem
kummerbleichen Gesicht gesehen hatte.
    Sie hatte heut' seit vielen Jahren die schnste Stunde erlebt. Nicht der so
seltene Wein, die erlebte Ehre machte sie so froh und weckte tausend Hoffnungen
auf eine schne, glckliche Zukunft. Einmal ber das andere drckte sie des
Sohnes krftige Hand, die sie fhrte, und wenn auch Dorotheens Anwesenheit sie
zuerst etwas scheu machte, so konnte sie doch nicht unterlassen, ihre Freude
ber das Erlebte auszusprechen. Freilich kam sie auch auf die Worte, mit welchen
Jos den Krmer neckte, und der Ton ihrer Stimme wurde dabei sehr ernsthaft, aber
sie waren schon zu hart bei den Husern von Argenau, um darber noch lange reden
zu knnen. Sie dachte wieder an den Abschied, der ihr jetzt weit weniger schwer
fiel als zwei Stunden vorher. Daheim sich wohl sein lassen, meinte sie,
knnen arme Leute nun einmal nicht, und, das angenommen, haben es wenige besser
als wir, da wir uns ja tglich einen guten Morgen wnschen knnen.
    Sie sprang wie ein junges Mdchen, um dem Jos die eingepackten Kleider aus
dem Huschen zu holen, und als er ihr die Hand reichend Beht' Gott! sagen
wollte, meinte sie, es wre doch lcherlich, soviel Wesens zu machen, wenn man
nur in ein Nachbarhaus gehe.
    Dennoch zitterte ihre Stimme, als sie das sagte. Dann aber mute ihr eine
sehr dringende Arbeit eingefallen sein. Sie drehte sich rasch um und eilte ins
stille, de Huschen zurck. Stighansens neuer Knecht bemerkte kaum, wie gro
ihn die hungrigen Khe ansahen, bevor sie sich an das ungestm geforderte Futter
machten, so sehr waren seine Gedanken mit dem wunderlich gestalteten Schatten
beschftigt, der sich so zwischen ihn und Dorothee gedrngt hatte. Je lnger er
ihn vor sich sah oder zu sehen glaubte, desto hnlicher wurde er dem etwas stark
gebauten, kurzhalsigen Stighans ... Jos lie alles, was er heute sah und hrte,
an sich vorberziehen und war noch mit der Frage beschftigt, ob Dorothee mit
einer goldenen Kette zu fesseln sei vom nchstbesten Hans oder ob nicht vielmehr
ein hherer Mut aus diesen lieben braunen Augen blicke. Da hrte er des Mdchens
wundervolle Altstimme von dem einsam auf der Alp stehenden Hause und von der
Sennerin singen. Oh, wie klang das gleichsam durch all seine Nerven hindurch! Er
setzte sich auf einen Melkstuhl und lauschte. Jetzt rechnete er nicht mehr und
fragte nichts. Um sein Herz weitete sich's, und feuchten Auges dankte er Gott,
da er da war, es mochte nun kommen, wie es wollte.

                                Sechstes Kapitel



                         Der erste Tag im neuen Dienst

Im ersten Traum unter fremdem Dache pflegt man Vorbedeutungen fr Knftiges zu
suchen, als ob man darin wie in einem freilich trben Spiegel she, was man in
diesem Hause noch erleben werde.
    Es tat dem noch etwas scheuen Jos ungemein wohl, als am anderen Morgen beim
Kaffeetrinken sich Dorothee sogleich mit der Frage an ihn wendete, was er denn
heut' nacht im Traum erlebt und fr seine Zukunft Bedeutungsvolles gesehen habe.
    Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern, antwortete er, fast traurig
darber, da sein Bericht nicht lnger whren konnte, denn gestern beim
Abendessen war ihm die Stille beinahe peinlich geworden.
    Das, meinte die Stigerin etwas bitter, knnte leicht bedeuten, da du in
unserm Hause auch nicht viel oder doch nicht viel Unvergeliches erlebst.
    Ich freilich hab' mir es ganz anders ausgelegt, wagte Jos zu erwidern. Und
als sich ihre Lippen etwas strenge verzogen, fuhr er, wie immer, wenn er sich
noch nicht recht sicher fhlte, geschwtzig fort: Auch ich htte recht gern
eine gute Vorbedeutung gehabt. Nach dem Erwachen hab' ich mich angestrengt wie
frher als Schler, wenn ich mich auf die gestern so mhevoll auswendig gelernte
Katechismusaufgabe besann, um mich eines Traumes zu erinnern. Doch das ging
nicht und ging nicht, wie md' ich mich auch sinnen mochte. Ja, ich ermdete und
wre bald ber dem Nachdenken wieder eingeschlafen, als mir, wie vom Schutzengel
eingegeben, die Vorstellung kam, nicht ein Traum entscheide ber meine Zukunft,
sondern ich selbst. Darber hab' ich mir dann eine ganze Predigt gemacht, und so
mutig, so froh bin ich dann zu den Khen in den Stall gegangen, da es wohl
selbst der kaum glaubt, den mein Jauchzen und Singen weckte.
    So etwas, meinte Dorothee, kann man nicht jedem sagen, aber zeigen lt
es sich; drum werden wir schon auch noch davon erfahren.
    Solchen Mut wie aus diesen Worten hatte Jos von seiner selbstgemachten
Predigt schwerlich gewonnen. Er wurde also doch von dem guten Mdchen liebevoll
beachtet. Nun konnte seinetwegen die alte, fette Frau kichern und meinen, man
werde eben nicht viel sehen; ihm war das ganz gleichgltig, oder vielmehr es war
ihm recht, da er die beiden sogleich etwas auseinandergehen sah.
    Nun sagte Hans, der inzwischen seine Kaffeeschssel geleert und das groe
Butterbrot verzehrt hatte: Heut' mu denn doch endlich das Heu abgewogen und
heimgebracht werden, welches mir der Krmer vom Lipp gekauft hat. Es kostet
wahrhaftig nur einen Spottpreis.
    Ja, rief Jos, das war auch so ein Handel, fr den man den Krmer einige
Wochen einstecken sollte.
    Ein Teufelskerl ist er, der Krmer, lachte Hans. Wenn unsereiner da oder
dort einmal mit Barem aus der bittersten Not helfen will, so bekommt er nichts
mehr als des Teufels Dank dafr zurck. Er aber steckt seine Finger berall
hinein und verbrennt sie doch nie, sondern immer hngt etwas nicht
Unbetrchtliches daran, wenn er sie wieder zurckzieht. Mit den Leuten, die
immer schon vorgegessenes Brot in Bckers Tagebuch haben, kennt er sich aus, es
hat eine Art, und zu fangen und zu binden versteht er sie, da man oft noch
beinahe lachen mu.
    Jos fuhr wie von einem Wespenstich getroffen auf und fragte: Kannst du das
Wuchern lcherlich finden?
    Der Lipp ist so mit dem Krmer eins worden, antwortete Hans ein wenig
spitz. Oh, der braucht den Leuten nicht nachzulaufen. Wie gut sie ihn auch
kennen, sie gehen doch freiwillig in seine Falle.
    Freiwillig, wiederholte Jos verchtlich. Der Krmer hat dem Lipp sein
Darlehen gekndigt, als das Heu billig und nirgends Geld aufzutreiben war als
etwa bei solchen, die mit dem alten Snder unter einer Decke zu spielen
scheinen.
    Jos war so erregt, da er, um sich nicht allzuviel Gewalt antun zu mssen,
die Stube verlassen wollte, da er sah, da Schweigen hier jetzt Gold,
Weiterreden aber nur l in das auf dem Gesichte der Stigerin sich verratende
Feuer sei. Schon hatte er die Tre geffnet, als die Stigerin ihn etwas rauh an
den Tisch zurckrief. Bei uns wird gebetet, bevor man geht, sagte sie und
begann, noch zornrot, eine endlos scheinende Zahl Vaterunser zu beten fr
Lebendige und Tote, Gott und seinen Heiligen zu Ehren und den armen Seelen zum
Trost.
    Auch Jos brummte mit, von Andacht war aber dabei keine Rede. Dieses
gedankenlose Beten mit den Lippen, die noch vor einer Minute den Krmer
verteidigen wollten, kam ihm fast wie eine Gotteslsterung vor. Das gute aber
war, da die Stigerin sich in eine ganz andere Stimmung hineingebetet zu haben
schien. Nachdem sie endlich das letzte Kreuz gemacht und noch einmal den armen
Seelen die ewige Ruhe gewnscht hatte, befahl sie Hansen, doch fr Lipps arme
Kinder etwas Obst, Weibrot oder Zucker mitzunehmen. Die armen Trpflein,
sagte sie, haben so selten etwas Gutes, und mit nur wenigem kann man ihnen eine
Freude machen, da sie eins sein Lebtag drum ansehen.
    Und das ist schon eine Kleinigkeit wert, sagte Jos rauh, aber zum Glck
hatte die Stigerin, die schon nach ihrem Speicher geeilt war, diese Bemerkung
nicht mehr gehrt. Dorothee sah den Knecht mit einem vorwurfsvollen Blicke an.
Ja, sie hatte eben auch schon als Kind Weibrot und Zucker bekommen, drum mute
sie mit allem einverstanden sein und mute freundlich lcheln beim Abschied vom
einzigen Bruder, der jetzt fr Hansen des Kaisers Rock trug. Herrgott, wer htte
dem alten Mathisle und Dorotheens krnklicher Schwester alljhrlich soundso viel
Magdlohn gegeben, wenn Dorothee nicht mehr gelchelt haben wrde! Auch das war
Zucker und Weibrot fr die armen Trpflein und Hansjrg der Heustock, den man
um ein Sndengeld kaufte. Du lieber Gott, von dem allem siehst du nichts, denn
wie ein groer, grauer, undurchdringlicher Schleier fllt das lange und breite
Tischgebet darber herab.
    Auf dem Wege zu Lipps rmlicher Behausung erzhlte Hans dem Knechte von
seinen Khen und wie er zu jeder einzelnen gekommen sei. Jos erfuhr dabei, da
wenigstens in den letzten Jahren immer der Krmer dazu geholfen und geraten
hatte. Das ist einer, mit dem man die anderen fngt, bemerkte der langsame
Erzhler nebenbei. Fehlen kann's ihm freilich auch, aber dann hat mir doch die
Mutter nichts vorzuwerfen.
    Vor dem fast ganz neugebauten Hause des Andreas stand er still und flsterte
dem Knechte zu: Du, aber der da htte wieder eine schne Kuh feil. Die mcht'
ich kaufen, aber selbst, denn der Krmer tt wohl eher auf des Tchtermanns
Vorteil denken als auf den meinen. Geh doch einmal in den Stall und sieh dir den
Weifu drum an, was er wert ist. Aber hre noch: Handeln la dann mich allein!
Die Angelika - will sagen: der Andreas - wenn der seinen Rausch von gestern
schon ausgeschlafen hat -, sie beide sollen nicht meinen, da sie mit einem zu
tun haben, den man so leicht berlisten kann.
    Hans blieb beim Wagen stehen, bis Jos wiederkam und seine Meinung sagte.
Dann gingen beide in die Stube, wo sie das sehr bernchtig aussehende Ehepaar
beim Morgenessen antrafen.
    Das schne, blasse Weib stie einen leisen Schrei aus, als es Hansen so
unerwartet eintreten sah. Andreas aber sagte ruhig und kalt: Ihr seid da dem
Weib in die schnste Predigt hineingekommen.
    Schme dich! rief das Weib, und glhende Rte frbte ihr Gesicht, schme
dich, vor Fremden davon zu reden!
    Der Hans ist dir doch noch nicht gar so fremd, und Jos ist ein armer
Teufel, vor dem sich kein Mensch zu schmen braucht.
    Wo keine Scham, da ist auch keine Ehr'. Hans sagte das nur, weil ihm just
nichts anderes einfiel und er doch diesem peinlichen Auftritte so gern ein Ende
gemacht htte.
    Mit solchen Sprichwrtern ist ein Hans gewhnt, jeden aus der Fassung und
zum Schweigen zu bringen. Hier jedoch hatte er nicht den rechten Mann getroffen.
Andreas erwiderte mit bitterem Lachen: Und wo keine Ehr', ist auch keine Scham.
Ich aber bin nun einmal der Lmmel bis in die alten Tage und hab' nichts Gutes
an mir, als da ich zuweilen am hellen Werktag in eine Predigt komme. Ntzen tun
an mir diese Predigten freilich nichts, als da ich den Trost daraus schpfe,
sie hab' mich doch immer noch ein wenig lieb.
    Bei den letzten Worten hatte seine Stimme ein wenig gezittert. Jetzt war es
so still, da man das im Nebenzimmer erwachende Kind die Mutter zu sich rufen
hrte. Die Gerufene flog ans Bettchen, und Mutter und Kind beteten laut ihren
Morgenspruch. Andreas fragte unterdessen, was sein frher Besuch eigentlich
wolle. Hans brachte stotternd sein Anliegen vor. Er war jetzt gar nicht mehr zum
Handeln aufgelegt, wie sicher ihn auch die Angaben seines Knechtes gemacht
hatten. So mute denn Jos das Geschft abschlieen, und es ging um so schneller,
da Andreas das Geld gleich holen durfte. In seinem Eifer, zu zeigen, da man
knftig des Krmers Rat nicht mehr ntig haben werde, war Jos bemht, mit der
Not des Verschwenders den Preis des Tieres herabzudrcken. Es gelang ihm das
auch so gut, da sogar Hans es bemerkte und ihn gleich vor dem Hause darber zur
Rede stellte. Ich sehe wohl, du bist nicht besser als der Krmer, sagte er.
    Den Knecht lie sein Gewissen sogleich erraten, was Hans damit meine.
Aber, antwortete er, der Andreas ist denn doch kein armer Lipp.
    Aber er hat auch Weib und Kind.
    Oh, die sind sich selbst genug; sieh nur, wie froh sie sich da oben
zulcheln.
    Das Weib, welches mit einem wunderlieblichen Mdchen auf dem Arm am offenen
Fenster stand, schien wirklich nicht mehr dasselbe, welches vorhin die Stube
verlie. Hansen schien dieser Anblick recht in der Seele wohlzutun. Er langte
sogleich in die Tasche und warf dem holden Geschpfe ein groes Stck Zucker zu.
    Was er sonst noch in der Tasche hatte, warf er in Lipps Stube auf den Boden
und hatte am Haschen und Zerren der rmlich gekleideten Kinder seine Freude.
Selbst die Mutter sah eine Zeitlang behaglich lchelnd dem Kriege zu, bei dem ja
doch immer eines ihrer Kinder gewann. So gut als Hansen schien ihr aber die
Sache doch nicht zu gefallen. Sie ging auf einmal seufzend hinaus, whrend Hans,
der nun seine Taschen geleert hatte, seinen Geldbeutel zog und kleine
Kupfermnzen auswarf. Der Eifer der Kinder wurde immer grer, immer weniger
schonten sie sich, und es begann bald da, bald dort eines laut zu weinen. Das
trieb die Mutter wieder in die Stube zurck. Rasch trat sie ein und sah den
reichen Bauern gar nicht wie einen Wohltter an, indem sie sagte: Wenn du aus
der Leidenschaftlichkeit der Kinder sehen willst, wie grausam ntig wir alles
brauchen knnten, so wirst du nun bald fertig sein. Ich knnte dir noch viel
erzhlen, wenn du nicht selbst an den Heustock denkst, den wir aus purer Armut
um einen Spottpreis verkaufen muten. Mir hat das weh getan, aber doch nicht so
weh, als es mir tut, meine Kinder jetzt um des leidigen Geldes willen zum
erstenmal in ernstlichen Unfrieden zu sehen.
    Der Schusterlipp warf einen groen Leisten so heftig in die Schublade, da
alle anderen Werkzeuge in derselben klirrend aufflogen. Dann sagte er mit
schlecht verhaltenem Unwillen: Sie werden sich noch viel mehr wehren mssen ums
liebe Geld. Es gab auch zum Anfangen wohl keine erwnschtere Gelegenheit als
heut'. Eins gewinnt ja immer, und wenn dir das nicht recht ist, so mach' dich
lieber gleich wieder in die Kche.
    Das Weib, so erschrocken ber den seltenen Ton in den Worten ihres sonst so
guten Lipp, da sie die Anwesenheit der Fremden gar nicht mehr beachtete, bat
mit feuchten Augen: Sei doch um Gottes willen nicht so! Du weit ja, da ich
immer dabei bin, wenn es fr die Kinder etwas zu verdienen gibt, du weit, da
es mir da weder zu hei noch zu kalt ist. Aber, Lipp, nicht gegeneinander sollen
sie sein; jedes fr sich und gegen die anderen, das tt' mir weher als alles,
was sonst unsere Armut mitbringt.
    Wir wollen lieber in den Stadel zum Heu, murrte der Schuster. Wenn du
einmal auf deine Kinder kommst, kann man dir doch nichts mehr aus- oder
einreden.
    Die letzten Worte sprach er weich, beinahe freundlich, und Jos hatte das
Gefhl, hier wre doch besser sein als in dem neugebauten Hause des Andreas.
Trotzdem aber war er so froh als eine arme Seele ber ein Vaterunser, da man
jetzt vom Gehen redete. Rasch wendete er sich und erfate den hlzernen Trnagel
mit beiden Hnden, Hans aber blieb wie angebannt stehen. Eine Zeitlang nestelte
er an seinem Geldbeutel herum, dann warf er ihn auf den Tisch und sagte etwas
unmutig: Da, du bses Weib, nimm du die wenigen Taler und verteile sie besser,
als ich es kann. Nimm nur! drngte er, gleich vor meinen Augen nimm! Es ist
nicht gebettelt und auch nicht geschenkt. Ihr beide mt mir dafr eine
Geflligkeit tun.
    Nur gefordert! rief Lipp frhlich.
    Ihr drft von der dummen Geschichte kein Wort mehr miteinander reden,
bedingte Hans und eilte dann so schnell hinaus, da Jos ihm kaum aus dem Wege
kommen konnte.
    Beim Abwgen und Aufladen des Heues war Lipp in der heitersten Stimmung. Er
erzhlte viel Liebes und Gutes von seinem Weibe. Dulden und entbehren, sagte
er, alles entschuldigend, haben wir zusammen gelernt; aber da jemand etwas
bringt, war uns noch ganz ungewohnt, drum haben wir heut' unsere Sache so
schlecht gemacht.
    Jos und Hans waren ziemlich schweigsam. Jeder schien mit seinen eigenen
Gedanken vollauf beschftigt, und diese sprachen sie erst aus, als sie beisammen
in der Deichsel des schwer beladenen Wagens gingen, der ihnen auf dem ziemlich
guten, ein wenig abwrts gehenden Wege langsam nachschwankte. Hans sprach den
Wunsch aus, da doch auch beim Andreas so leicht zu helfen wre wie hier, dann
sollte Angelika keine bse Stunde mehr haben.
    Dann, fragte Jos, whnst also du, die Reichen seien schlimmer dran als
ein Armer, ein in der warmen Stube Sitzender, der einmal hinaus mu, mehr zu
bedauern als der Halberfrorene, den ein Sonnenstrahl erquickt?
    Ich hab' nicht gleich die ganze Welt im Kopfe wie du.
    Aber sag' mir, warum ist Angelika gar so zu bedauern? Sie mute den Andreas
kennen, als sie sein Weib wurde.
    Damals war er nicht so arg wie jetzt.
    Vielleicht ist aber gerade sie an manchem schuld.
    Sie? Angelika?
    Der Vater des Andreas hat ihn hart gehalten, dafr suchte er Ersatz, als er
sein eigener Herr wurde. Folgen wie ein Knecht hat er gelernt, sich selbst
beherrschen kann er nicht.
    Drum eben htt' er auf Angelika hren sollen, das htte ihm keine Schande
gemacht.
    Der Krmer sagte, da sie das auch geglaubt und ihm oft eingeredet habe,
gepredigt wie heut', das machte ihn erst recht trotzig. Er mochte nicht mehr
daheim sein, suchte Unterhaltung im Wirtshaus und tat so, da man ihn einen
Lmmel nannte. Das grte Unglck, meint der Krmer, sei das, da er sich jetzt
auch selbst fr einen Lmmel halte.
    Aber wie du auf einmal den Krmer soviel gelten lassen kannst?
    Der kennt die Menschen sicher so gut als die Khe, und gleichgltig ist ihm
sein Tchtermann denn doch nicht, wenn er sich vielleicht auch wenig um sein
Seelenheil kmmert.
    Und der Krmer wte also nicht, mit was der guten Angelika geholfen werden
knnte?
    Einmal, in der belsten Laune, hat er gesagt, es wre vielleicht kein so
groes Unglck, wenn ihnen alles niederbrennen tt. Dann aber hat er an sein
liebes, hbsches Enkelchen gedacht und ist ber seine Rede fast zu Tode
erschrocken. Ich aber hab' mich spter oft mit dem Gedanken beschftigt. So ein
reiches Muttershnchen wrde Augen machen in der Schule der Armut. Sehen mchte
ich schon einmal, wie mancher sich anschickte, wenn er oft um etwas den
doppelten Kreuzweg machen mte, dem jetzt alles bis vor das Kanapee getragen
wird.
    Hansen schien dieser Wunsch nicht besonders zu erbauen. Er sagte etwas
bitter: Nun, wunderlicher wrden die Reichen sich auf dem Platz der Armen nicht
benehmen als diese, wenn man tauschen wollte. Man darf nur daran denken, wie
nrrisch es in so einer schlechten Htte zugeht, wenn unverhofft einmal ein
Stck Geld oder sonst eine Kleinigkeit hineinkommt. Gerade heute haben wir ein
herrliches Beispiel erlebt. Wir, ich und die Mutter, haben auch einmal einen
hnlichen Fall erlebt wie heute beim Lipp. Es ist aber schon lange seitdem. Ich
war noch ein ganz kleiner Bursche und hing immer an der Juppe der Mutter. Mein
Bruder selig war mit dem Vater, nachher auch mit den Tagwerkern in Feld und
Wald, ich aber blieb immer daheim oder bei dir. Nur mit der Mutter ging ich aus,
wenn die einmal eine Base besuchte oder den Tagwerkern das Essen brachte. Noch
wei ich's ganz gut, wie das eine schne Woche war, in der wir am Argenstein
einige Tannen zu Schindeln fllen lieen. Das Mathisle hatte gesagt, es
bernehme fr den Hauszins die Verpflichtung, das Huschen instand zu erhalten,
wenn man ihm das Holz dazu schaffe. Das war freilich nur wenig. Aber wir
brauchten das Huschen einzig nur als Heustadel fr das Gut daneben; auf die
weite Gasse setzen konnte man das arme Mnnchen auch nicht, und so nahm denn
mein Vater den Antrag an.
    In dem allem, bemerkte Jos, der den Wagen fast ganz allein ziehen mute,
sehe ich keine hnlichkeit mit dem heutigen Fall.
    Wird schon noch kommen; la mich nur reden.
    Es ist also eine ganze Geschichte?
    Ja, und Lipp htte nicht meinen Beutel mitsamt dem Gelde bekommen, wenn ich
nicht bei ihm wieder so lebhaft daran erinnert worden wre.
    Groer Gott, was werde dann erst ich bekommen, wenn ich sie geduldig bis zu
Ende angehrt habe!
    berwindung wird's dir sicher genug kosten.
    Nein, erzhle nur, sagte Jos lchelnd.
    Also, wo war ich? Wohl bei unserm Huschen am Argenstein, in dem schon
damals das Mathisle wohnte. Nein - ich war noch nicht dort. Wir gingen erst
hinauf, ich und die Mutter. Sie, mit dem eingepackten Mittagsessen fr die
Holzhacker, kam nur langsam, mir viel zu gemach, vorwrts. Mit einem
gromchtigen Butterbrot in der Hand sprang ich voran ber Stock und Stein. Da
begegnet mir ein Mdchen, noch kleiner als ich, und richtete die schnen Augen
auf meine Hand, da sie mich beinahe zu brennen schien. Ich wute nicht, wie weh
der Hunger tut, aber ich hatte das Gefhl, die gute Dorothee mchte mein
Butterbrot. Anfangs wollte ich teilen, aber als ich sie darber so erfreut sah,
schenkte ich's ihr ganz. Sie sprang heim, ich zur Mutter zurck. Als wir nun
mitsammen zu Mathisles oder eigentlich zu unserm Huschen kommen, da steht
Dorothee vor der Tr und weint die hellen Tropfen, will es aber mich und die
Mutter durchaus nicht merken lassen. Erst als ich frage, ob sie mit meinem
Butterbrot schon fertig sei, kann sie sich nicht mehr zwingen und weint nun
berlaut. Die Mutter aber hat darum den Lrm in der Stube doch noch gehrt, denn
ihr ist das bei weitem nicht so zu Herzen gegangen wie mir. Zuerst blieb sie
stehen und horchte. Da war wohl zu merken, da man stritt, aber worum es sich
handelte, das konnte man aus den einzelnen Worten nicht erlesen. Just das aber
wollte die Mutter wissen. Sie ging in die Stube, ohne lange anzuklopfen, und da
hat sie denn sogleich den ganzen Sachverhalt erfahren. Voller Freuden war
Dorothee mit ihrem Butterbrot heimgeeilt. Das Mathisle wollte eben auch ins
Feld, obwohl es noch nicht zu Mittag gegessen hatte. So, sagte es, als es
Dorotheens guten und ihm so seltenen Bissen sah, da gb' es jetzt noch etwas zum
Mitnehmen fr die Langeweile. Ja, nimm nur, soll das Mdchen schnell gesagt
haben. Der Vater hat schon nach dem gelangt, was das Mdchen ihm gibt, mit
weggewendetem Gesichte wohl, aber doch schnell und ohne zu teilen. Das ist denn
seiner Mutter gewaltig zu Herzen gegangen. Er sei herzloser, unverschmter als
ein wildes Tier, hat sie ihn angewettert, sonst wrde er dem hungrigen Trpflein
doch nicht so den ersten guten Bissen, den es bekomme, wegnehmen drfen. Nun
klagte auch der Mann seine Not und behauptete, das Kind knne doch nicht einzig
von diesem Butterbrot, wohl aber von seiner Arbeit leben. Ich wei nicht mehr,
was alles die beiden sich nun im Zorn sagten, wenn schon es mir und der Mutter
lang und breit erzhlt wurde, wobei denn der Streit von neuem anging, obwohl sie
sich im ersten Schrecken recht ordentlich zusammengenommen hatten. Es war, als
ob sie nun miteinander zu rechnen angefangen htten, und mir ist wohl noch nie
etwas so nahe gegangen als diese Rechnung. Und doch dachte ich dabei nur an
Dorotheen, die zitternd neben dem Vater stand, nicht auch an ihren Bruder und an
die ltere Schwester, die whrend des Lrms miteinander spielten, als ob sie so
etwas lange gewohnt waren oder als ob es sie rein gar nichts angehen tt. Mir
kam es ganz unbegreiflich vor, da meine Mutter heute so lange still sein und
ganz geduldig zuhren konnte. Dafr aber fuhr sie dann auch endlich um so wilder
auf: Euch ist nicht zu helfen, ihr Elenden, denn jede Gabe brchte nur neuen
Krieg ins Haus. Dem Kinde aber soll geholfen, es darf durch euer Beispiel nicht
auch noch verderbt werden. Wie konnte nur Gott euch ein so schnes, unschuldiges
Wesen anvertrauen?
    Es wr' ihm von Herzen zu gnnen, da es euch gehren tat, murmelte das
Mathisle.
    Gott hat es mir gezeigt, sagte meine Mutter, wie wenn sie beten tte, so
feierlich, wie ich sie nie gehrt hab. Sein heiliger Schutzengel hat deutlich
genug zu mir gesprochen. Wenn ihr selbst mir das Mdchen wnscht, so will ich es
nehmen, bevor ihr es noch gar an eine Zigeunerbande verkauft.
    So hat meine Mutter gesagt. Vom Mathisle und seinem Weib ist dann noch viel
mehr Wesens gemacht worden, als man htte vermuten knnen. Besonders dem Weib
ist es schwer gefallen, da man ihr das Kind nehmen wollte und da sie zu seiner
Erziehung nichts mehr sagen, ja es nur hchst selten einmal besuchen sollte.
Trotzdem hat sie am Abende des nmlichen Tages das Mdchen und sein kleines
Bndelein in unser Haus gebracht. Die gute Mutter Dorotheens - - Gott trste sie
im ewigen Leben - hat im voraus fr alles Gute mit feuchten Augen gedankt und
dem Mdchen zugesprochen zum Abschied, da mir dabei ganz kalt worden ist. Nun,
sie knnte zufrieden sein mit dem Mdchen, wenn sie noch lebte, und mit uns
auch, und meine Mutter hat ihre Gte auch nie bereuen mssen.
    Jetzt erst bemerkte Hans, da er und Jos und der Heuwagen noch beinahe auf
demselben Platze standen, wo er seine Erzhlung begonnen hatte. Jos, der alles
lebhaft vor sich sah, was er hrte, hatte immer schwcher gezogen und dachte
auch jetzt noch nicht an seine Arbeit. Nun, sagte er herzlich, jetzt begreife
ich, warum dir das heute wieder einfallen mute.
    Zu einer anderen Zeit htte es den Jos ordentlich rgern knnen, hier wieder
ein neues Band zu sehen, welches das Mdchen an dieses Haus fesseln mute. In
diesem Augenblick aber war er der alten Stigerin von Herzen dankbar fr einen
Entschlu, der Dorotheen aus ihren elenden Verhltnissen heraushalf. Es sind
doch gute Leute, und sie meinen es redlich, wenn einer es auch nicht immer so
empfindet, dachte er, indem er sich mit seltener Freudigkeit wieder an sein
Tagwerk machte.
    Da ist's denn doch ganz anders als beim Krmer, der nur fr sich selbst
wohlhabend ist, dachte er, als er abends neben Dorotheen beim Nachtessen sa.

                               Siebentes Kapitel



                        Jos fngt an gemtlich zu werden

Jener Handwerker, welcher sagte, um den Taglohn trage er das ganze Jahr Wasser
vom Brunnen in den Bach oder werfe seinem Arbeitgeber Prgel und Steine nach,
war gewi ein armer Mann, der tglich im Schweie des Angesichtes sein Brot
verdienen mute und auf der Welt nichts Hheres kennen lernte als den
Feierabend. Er war doppelt arm, weil er die Freuden der Arbeit nie empfand, weil
er sich nicht fr einen Schaffenden, sondern nur fr ein Werkzeug hielt. Die
Bauern haben daher vielleicht gar nicht so unrecht, wenn sie jene Rede einen
Fabriklerspruch nennen.
    Und auch der arme Ladenschneider hinter einem Berge von unfertiger Arbeit,
worauf sollte er sich freuen als auf Feierabend und Lohn? Wer soll ihm danken
fr seinen Flei, wer seine Geschicklichkeit loben, wenn es sein Arbeitgeber
nicht tut, dem das alles zugute kommt? Ihm fehlt sogar das gemtliche Verhltnis
mit seiner Kundschaft, das anderen Handwerkern, die selbst mit dieser verkehren,
so wohl tut. Bei seinem Schaffen hat er nicht die Befriedigung, sein Werk
allmhlich werden und wachsen zu sehen, hier schon die bisherige Ttigkeit
belohnend, dort neuen Flei, neue Anstrengung fordernd, wie der Bauer, dessen
einzelnes Tagwerk einem Nadelstich gleicht an dem Kleide fr sich selbst, zu dem
ihm sein eigenes Wollen und Knnen das Ma gibt.
    Auf dem Stighof, der dem Jos wie eine kleine Welt vorkam, fiel es ihm bald
gar nicht mehr ein, da er eigentlich immer nur fr einen anderen arbeiten
msse. Mssen - davon war jetzt keine Rede mehr. Wer htte die Khe hungern, die
schnen Felder unbearbeitet lassen knnen? Hier schaffte er nicht mehr wie beim
Krmer nur ins Blaue hinein. Die Wohltat jeder Arbeit kam seiner ganzen kleinen
Welt zu, der sie, wie der Segen des Herbstes, gleichzeitig Frucht und Samenkorn
wurde. Dorothee war ihm bald wie eine Schwester, Hans wie ein Bruder geworden,
und das Lcheln der alten Stigerin, die er nicht selten Mutter nannte, seit er
erfuhr, wie sie an Dorotheen handelte, belohnte ihn wie das Mdchen, und es tat
ihm wohl, wenn die gute Frau ihn und Hansen wegen ihrer Eifersucht neckte.
    Anderen Leuten, die gern hatten sehen wollen, wie lange die geldstolze,
strenge Frau mit dem trotzigen Jos ertrglich auskommen werde, kam das bald
etwas kopfschtterlich vor. Man wollte bemerkt haben, da Jos und Dorothee sich
lieber htten, als zur Verrichtung ihrer Arbeiten ntig wre. Viele Vter
wohlhabender hbscher Mdchen, die bisher eine Heirat Hansens mit seiner Magd
gefrchtet hatten, begannen wieder neue Rechnungen zu machen und sagten sich
sogar, der klugen Stigerin sei vielleicht Dorotheens Liebelei mit dem Knechte
ganz erwnscht und sie sehe nicht ungern, da der so zwischen sie und Hansen
gekommen sei.
    Wenn aber auch die Stigerin so gedacht htte, so wre es ihr ein leichtes
gewesen, sich selbst zwischen die beiden zu stellen, und sie htte darum gewi
nicht eine andere Liebschaft groziehen mgen. In dem Stcke war sie ungemein
streng. Von jener Weisheit, die den Menschen erst alles durchgenieen und dann
ein lebendiges Buch des Predigers werden lt, hatte sie freilich nichts, und
wie jetzt hatte sie schon vor dreiig Jahren immer nur gefragt, was etwas ntze
und was im besten oder im schlimmsten Falle daraus entstehen knnte. Einzig ihre
vielen Wohltaten wurden nicht auf dieser Waage gewogen.
    Als das einzige Kind wohlhabender Eltern und von Jugend auf gesunder und
krftiger als ihr Vater, hatte sie schon frh den Sohn ersetzen mssen wie
vorher ihre Mutter den Vater. Alles, was in Kauf und Lauf kam, ging durch ihre
Hand, und selbst der Neid wute ihr nicht nachzureden, da sie dabei jemals
einen schlechten Schick gemacht htte, wenn man nicht ihre Heirat einen solchen
nennen wollte. Wer aber sie und diejenigen kannte, welche um sie warben, dem
mute es ganz begreiflich vorkommen, da sie, wenn nun einmal durchaus
geheiratet werden sollte, nur dem Reichsten gestattete, von ihr oder eigentlich
ihrem Hofe den Namen Stiger zu bekommen.
    Nie stellte der Bregenzerwlder sich trotziger, verschlossener der Welt da
drauen und allem, was aus dieser zu ihm kommen wollte, gegenber als gleich,
nachdem die alte freie Verfassung des kleinen, kaum beachteten Achtales
aufgehoben wurde. Frher strebte der Ehrgeiz der Unabhngigen nach Hherem als
nach Geld und Gut; man hatte gesucht, in der Gemeinde, im Lande etwas Rechtes zu
sein, im Mnnerrate ein entscheidendes Wort mitzusprechen und sich bei den
Wahlen zur Geltung zu bringen. Nun aber mute auf einmal das alles den
studierten Herren berlassen werden, und der Bregenzerwlder sah nichts Besseres
mehr vor sich als den Genu des Erworbenen. Die sogenannten unruhigen Kpfe und
Neuerer wurden aus dem Lande verdrngt, wenn sie es nicht vorzogen, freiwillig
zu gehen, und die Ruhigen besannen sich bald, es sei nun das gescheiteste, sich
wohl sein und die ganze Welt unbekmmert gehen zu lassen. Ward einer einmal in
seinem Dorfe zu den Reichern gezhlt oder hatte er wenigstens ein Anwesen,
welches ihm einen Knecht trug, so konnte er sich hinsetzen zu den groen
Vielbeneideten oder mit ihnen die Wette eingehen, wer es wohl am groartigsten
zu treiben vermge. Die Volksfeste, jetzt unter geistlicher und weltlicher
Aufsicht stehend, wurden, sobald ihnen der frohe Tanz und das freie Wort
fehlten, zu gemeinen Schlemmereien, von denen die Besseren sich ins sogenannte
Herrenstble zurckzuziehen begannen. So wurde denn vom Strom des Vergngens,
der rohesten Genusucht, fast jeder Ungebundene fortgewirbelt; der Gebundene,
durch Not Gefesselte aber stand allein wie eingesandet und warf denen neidische
Blicke nach, die ihn lachend sich selbst und seinem Schicksal berlieen. Nur
die Frauen und Mdchen hatten am huslichen Herd noch eher eine sichere Sttte.
Je weiter die mnnliche Bevlkerung von der nun einmal eingerissenen Strmung
fortgetrieben wurde, desto mehr muten sie ihre Krfte ben, damit doch nicht
alles zugrunde gehe. Ein Menschenalter spter fhrten sozusagen in allen
wohlhabenden Husern die Weiber das Hausregiment, denn die, in welchen das nicht
geschah, waren lange keine wohlhabenden Huser mehr. Nie standen beide
Geschlechter sich mitrauischer, sprder gegenber als in dieser traurigen Zeit.
Der Wirkungskreis des Weibes erweiterte sich mehr und mehr, aber dieses verlor
dabei soviel als der Mann, und das Volk an ihm wohl mehr als an dem letzteren.
Herzensgte und Milde, der Kunstsinn, die Freude am Schnen und die Begeisterung
fr das menschlich Groe schienen verschwunden und der Mensch zum Stallknechte
geworden zu sein. Das unter der Herrschaft der Mannweiber herangewachsene
Geschlecht wurde kleinlich, pfiffig, sparsam und arbeitsscheu; der Taler galt
alles, und den Wert des Menschen pflegte man in seinem Steuerbchlein zu suchen.
    Auch die Stigerin war so ziemlich ein Kind jener Zeit. Nutzen und Schaden -
das war ihr Gewissen. Darum hielt sie auch den Reichtum fr die Frucht der
Arbeit, fr den Gotteslohn jeder Entsagung, kurz fr die sichtbar gewordene
Gestalt aller menschlichen Tugenden und Vorzge. Sie ging fleiig in die Predigt
und nahm alles ohne Grbeln und Deuteln an; aber als einst ein Kapuziner die
Behauptung aufstellte, da Wohlstand und Glck viel fter eine Strafe Gottes fr
allzu irdische Gesinnung seien, da mochte sie gar nichts mehr weiter von ihm
hren, und als man bald darauf fr das Kapuzinerkloster in Bezau die bliche
Buttersammlung in der Gemeinde vornahm, war der Stollen, den sie in den Pfarrhof
schickte, bei weitem der kleinste, und den Gru, welcher Dorotheen mitgegeben
wurde, wagte diese gar nicht auszurichten. Es war wirklich Dorotheen nicht zu
verargen, wenn sie alles fr unberlegt hielt und sogar den kleinen Stollen
verstohlen noch einmal in den Keller trug, um ihn ein wenig wachsen zu machen,
wofr sie dann aber von der Stigerin, die das sogleich merkte, die strengsten
Vorwrfe erhielt, die sie je unter diesem Dache erschreckt hatten. Doch noch am
nmlichen Tag hatte die Magd Gelegenheit, zu bemerken, da die Frau noch keine
krgere Geberin werde; ja wie vielleicht immer, fand ihr mildes Herz Ersatz im
Wohltun fr das, was es dem strengen Verstand hatte opfern mssen. Wenn sie auf
das lange Tischgebet zu reden kam, welches auch whrend der dringendsten
Feldarbeit nicht um ein einziges Vaterunser abgekrzt wurde, so sagte sie: Gott
sieht das und kann's auf andere Weise wieder reichlich ersetzen. Von ihrer
Mildttigkeit aber redete sie, besonders mit ihren kargen Freundinnen und Basen,
am liebsten gar nicht, oder sie sagte ganz kurz, wie um sich zu entschuldigen,
sie habe nicht anders knnen, als dem armen Teufel mit dem oder diesem wieder
ein wenig auszuhelfen.
    Jos hatte diese Seite ihres Wesens, die sie wie eine Schwche sorgfltig
geheimzuhalten, ja mit einer recht unnatrlich rauhen Rinde zu umgeben suchte,
erst kennen gelernt, seit er als Knecht mit ihr unter einem Dache lebte. Der
unerwnschte Spielgefhrte Hansens war ihr, besonders als Vater und Sohn mit
seltener Beharrlichkeit fr ihn einstanden, zu sehr zuwider, als da je ein
wrmender Strahl aus ihrem Herzen in sein dunkles, kaltes Kindesalter htte
fallen knnen. Dieses listige, trotzige, dem Vorsteher und ihrer ganzen
Verwandtschaft zum rger in die Gemeinde hereingeschmuggelte Kind der Snde war
ihr recht in der Seele zuwider, und wenn Hans fr seine Mitteilung am
Ostermorgen, da er den Jos als Knecht gedingt hatte, keine besonders lange
Strafpredigt hren mute, so kam das einzig davon, weil sie glaubte, der
schwache Schneider werde seinen Platz nicht eine Woche behaupten knnen. Weil
sie aber das ganz bestimmt vorauszusehen meinte, begann sich schon auch das
Mitleid mit dem Armen zu regen, in dessen traurige Lage sie sich jetzt
unwillkrlich immer wieder denken mute, bis sein Trotz eine ganz andere
Stimmung weckte. Doch Hansens Erzhlung beim Heufhren hatte nicht nur diesem
Trotz seine Spitze genommen. Mit einer Art Ehrfurcht blickte er zu Dorotheens
Mutter und Erzieherin auf. In jedem Augenblicke glaubte er, fr tausend dem
armen Kinde zugekommene Wohltaten danken zu mssen. Sein ganzes Wesen schien
sich in wenigen Tagen verndert zu haben, und die Stigerin nahm mit Freuden den
guten Einflu ihres Hauses auf den etwas verderbten Burschen wahr, den sie nun
mit fast mtterlicher Sorgfalt zu umgeben begann.
    Jos nahm das fr einen Ausdruck ihrer Zufriedenheit mit dem Knechte, und
dadurch wurde ihm die ungewohnte strenge Feldarbeit bedeutend leichter. Sein
Ehrgeiz und der Gedanke, Dorothee drfe ihn nicht fr einen Schwchling halten,
gaben seinem schwachen Krper eine Kraft und Ausdauer, wie er frher das wohl
selbst kaum fr mglich gehalten htte. Anfangs blickte er am heien Mittag wohl
zuweilen etwas traurig in die schattigen Werksttten hinein und lie das
Kpfchen hngen, whrend er wieder an sein Tagwerk ging. Aber immer mehr
richtete er sich auf, so da die Leute bald bemerkten, das Brschchen sei am
guten Tische der Stigerin nicht nur fetter und krftiger geworden, sondern auch
sein Kpflein sei ihm in der immer stark eingeheizten Stube erwarmt, wie allen,
die es frher darum ausgelacht habe.
    Gar so arg, als die Leute meinten, war es nun freilich nicht; aber wenn ein
Mensch, den man einmal als so und so sich vorzustellen gewohnt ist, nur in einem
Stcke umschlgt, so ist jedermann zu bertreibungen geneigt, welche eine
vorgefate Meinung zu besttigen geeignet sind. Freilich verbrauchte er seine
Kraft nicht mehr in trotzigem Dulden; bei den wohlhabenderen Bauern, mit denen
er als Seele des Stighofes fast tglich verkehrte, seit ihm den Krmer als
Ratgeber und Nothelfer zu verdrngen gelang, hatte er etwas ganz anderes zu
suchen als belachenswerte Fehler. Zwar stolzer als ehemals war er nicht, wenn er
auch etwas sicherer auftrat und neben Dorotheen seine ehemaligen Gefhrten
beinahe verga; aber ganz der alte schien er auch sich selbst nicht mehr und
hielt sich in manchem Stcke fr besser. Wie teuflisch hatte er sich am ersten
Tage gefreut, wenn er die Besitzer des Stighofes und Dorotheen in ihren Urteilen
ber etwas auch nur ein wenig auseinandergehen zu sehen meinte! Da glaubte er
gleich einen Platz entdeckt zu haben, wo er sich vielleicht zwischen sie
hineinsetzen konnte; jetzt aber machte es ihn noch viel glcklicher, sie alle
als zusammengehrig zu betrachten. Das Mdchen, das er schon frher zu lieben
whnte, weil er es neidisch, eiferschtig bewachte, stand jetzt zu gro, zu hoch
vor seiner Seele, als da er noch rgerlich den Eindruck jedes freundlichen
Wortes, jedes Geschenkes auf sein Herz htte berechnen knnen. War es nicht
recht und ganz natrlich, da Dorothee auch bei anderen, bei allen etwas galt?
Hatte doch er in der Zeit, wo noch die gemeinste Selbstsucht ihn so beherrschte,
da er der Magd keine Freude gnnte, die ihr andere machten, bei Tag und Nacht
an sie denken, nur ihretwegen sich oft weit ber seine Krfte anstrengen mssen.
Die war eben der Mittelpunkt im Hause, und er schtzte sich jetzt glcklich
genug, da ihm neben ihr zu leben und mit ihr zu arbeiten vergnnt war. Selbst
das Haus, die Felder und alles, was sie je betrat, wurde ihm lieber und werter.
Immer mehr lebte er sich mit Leib und Seele in den Zauberkreis hinein, aus dem
er anfangs nicht ungern auch das liebe Mdchen herausgerissen htte. Die alte
Stigerin mit dem frher rabenschwarzen Haar, auf welchem bereits der Winter lag,
und mit der groen Hornbrille auf den grauen Augen, deren ungewhnlich starke
Brauen mit der die niedere, aber breite Stirne bedeckenden Pelzkappe
zusammengewachsen zu sein schienen, kam ihm ganz anders vor, wenn er sich
vorstellte, wie sie ein armes Mdchen allem Spott und Neide zum Trotz aus der
Htte des Elends, des Unfriedens und der tiefsten Armut rettete, um ihm Mutter
zu sein und es so zu einer Dorothee zu erziehen. Oh, er gab ihr von Herzen
recht, wenn sie, von der Geschichte redend, mit einem Stolz, der ihm recht in
der Seele wohl tat, sich ein Werkzeug des lieben Gottes nannte, der keinen
Menschen unschuldig Armut und Not ertragen lasse, bis er dadurch an Leib und
Seele verderbt werde. Wohl hundertmal bat er sie, die die gute Dorothee schon
damals liebte und schtzte, als er noch ein recht ungezogener Junge war, in
Gedanken um Verzeihung fr die groben Verse, die er auf die nicht besonders
schne und ihm recht in der Seele verhate Mutter seines Spielkameraden gemacht
hatte, und die Schneeballen, die er in ihren Kamin warf, wenn die Milchsuppe auf
dem Herdfeuer stand, und fr all die tollen Streiche, durch die er es hatte
rchen wollen, da sie Hansen stets mit einem unheilverkndenden Pfiff heimrief,
sobald sie ihn einmal mit ihm spielen sah.
    Immer mehr lebte Jos sich in die Verhltnisse des lieben Mdchens, sogar in
seine Familie hinein, nicht nur Freude und Leid mit ihr teilend, sondern jede
Pflicht, alles, was ihr gro und heilig war. Es gab nichts Schneres fr ihn als
ihre Erzhlungen aus der Vergangenheit, wie unbedeutend sie auch immer sein
mochten. Dorothee wurde oft verlegen, da ihr aufmerksamer Zuhrer spter manche
Kleinigkeit aus ihrem Leben, die ihr nur einmal im Erzhlungsdrange mitsamt
allen Nebenumstnden einfiel, bei weitem genauer wute als sie selbst. So
wunderbar, als sie meinte, war das freilich nicht, denn oft genug beschftigte
er sich mit jeder Einzelheit, und besonders ihre wichtigen Tage waren bald auch
ihm bedeutend geworden, hauptschlich der zwlfte Mrz, an dem sie in dieses
Haus kam, und der zwlfte Hornung, der Abschiedstag ihres Bruders. Frher
vermochte er nicht zu begreifen, wie sie nach diesem Tage noch auf dem Stighof
bleiben konnte. Jetzt aber dachte er sich nie mehr an Dorotheens, nur noch an
Hansjrgs Stelle. Dieser tat dem Wohltter seiner Schwester gewi nicht ungern
einen so wichtigen Dienst, wenigstens htte er es sollen, meinte Jos, als er
sah, wie treulich Hans noch immer daran dachte und wie berreich er auch dem
Mathisle das ersetzte, was allenfalls Hansjrg als Wochenlohn jeden Sonnabend
heimgebracht htte.
    So rechnete Jos und zeigte damit so gut als einer, was alles die Liebe zu
berwinden oder zu verklren vermag.
    Aber Jos war ja gar nicht mehr verliebt - er war weit ber die elende
Selbstsucht hinaus, die ihn qulte und bitter machte, als er in dieses Haus, in
den Kreis so guter und glcklicher Menschen eintrat. Er wollte Dorotheen nicht
mehr vor jedem Blick, jeder Wohltat, kurz vor allem warnen, was nicht von ihm
kam. Sie war seine Schwester, der er alles Gute und Erfreuliche recht von Herzen
gnnte. Er glaubte seine verliebte Zeit vorber, seit er nicht mehr jeden
Schritt des Mdchens und derer, die mit ihm verkehrten, mit der ngstlichkeit
der Eifersucht beobachtete, seit er, wie er sich selber sagte, sogar das zu
opfern vermochte, was eine andere als brderliche Zuneigung durchaus fr sich
verlangen wrde. Frher hatte er seinen schnsten Tag, wenn Dorothee zu ihm aufs
Feld kam und ihm arbeiten half. Dann hatte er Glck in allem, was er machte, und
wenn er auch halbe Viertelstunden nur plauderte oder ihr zuschaute, wie flink
sie den Rechen durch die schne Hand gleiten lie, wie regelmig ihre Sense den
Halbkreis durchrauschte und die hohen Halme aufeinanderlegte, am Abend hatte er
doch immer weit mehr ausgerichtet, als wenn er allein war. Dann kam er sich auch
abends beim Heimgehen nicht mehr als ein einsamer, ganz besonders gearteter
Trbsalblaser mit von keinem Lebenden geteilten oder auch nur verstandenen
Leiden und Sehnsuchten vor. Sogar im frohen Wettgesang der Vgel hrte er sich
selbst. Alles in ihm weitete, leichtete sich, und es nahm ihn fast wunder, da
er nicht zu fliegen vermochte. Ja zuweilen war's ihm, als ob er es schon knnte,
wenn er sich anders von Dorotheens Seite weggewnscht htte. Das aber war damals
eben nie der Fall. Dorothee sollte nirgends sein, nirgends arbeiten als nur
neben ihm. Schon wenn sie mit anderen, besonders wohlhabenden Burschen oder
sogar mit Hansen ein freundliches Wort wechselte, klagte er ber Zurcksetzung
und konnte halbe Tage lang sehr bler Laune sein, gerade als ob man ihm wei
Gott welches groe Unrecht angetan htte. Ja, er war ein recht unertrglicher
Mensch gewesen in den ersten fnf Wochen. Nun aber war denn diese verliebte
Selbstsucht doch glcklich berwunden.
    An heien Julitagen, wo die Bltter an den Stengeln schon vormittags zu
erlahmen begannen, konnte er es nicht mehr bers Herz bringen, Dorotheen den
ganzen langen Tag neben sich schaffen und schwitzen zu sehen. Bleib doch
daheim, wo du ja genug zu tun hast - wohl mehr als ich drauen, bat er oft,
wenn er aufs Feld zur Arbeit ging, und wie ein Strahl der eben aufgehenden Sonne
zog es ber sein jetzt auch gebruntes Gesicht, wenn sie endlich nachgab. Erst
dann war sie den ganzen Tag recht bei ihm, und wenn er abends das Getane
bersah, so war's wirklich, als ob sie ihm geholfen htte. Ach, war das eine
Lust, so fr sie zu arbeiten, und dabei unterhielt er sich besser mit ihr, als
wenn sie da war. Ja dann wute er oft gar nichts zu sagen. Es war ihm ordentlich
angst vor dem Mdchen, und was er sagen wollte, wre immer zu lustig oder zu
ernsthaft herausgekommen. Doch nur selten lie die fleiige Magd ihn allein
neben dem rauschenden Wiesenbchlein den Sngern des nahen Waldes lauschen und
dem Geschwtz der Bltter. Immer wollte sie dabei sein und helfen, wenn ihr
nicht auch Hans daheim zu bleiben befahl. Das aber geschah immer hufiger. Sonst
war es dem Burschen nie eingefallen, da das Mdchen einen strengen Dienst habe.
Er hatte sich schon daran gewhnt, sie von frh bis spt in einem fort arbeiten
zu sehen, und wenn er mit der kurzen Pfeife im Munde neben ihr stand, so dachte
er nur selten daran, da er ihr wohl auch ein wenig helfen knnte. Erst Jos
hatte ihn, ohne es gerade zu wollen, darauf gebracht. Die Arbeitslust, die sich
nun auf einmal in dem sonst etwas trgen Besitzer des Stighofes zu regen begann,
htte in seinem Knechte gewi allerlei Gedanken und Sorgen wachrufen mssen,
wenn er noch immer nur eiferschtig gerechnet und nicht lieber sich herzlich
gefreut htte ber alles, was Dorotheen auf irgendeine Weise zugute kommen
mute. Da Hans sie gern habe, das war ganz klar, aber wer konnte es ihm
verargen? Mute man ihm nicht gerade darum gut werden, weil er dadurch zeigte,
wie weit er ber anderen reichen Bauernburschen stehe?
    Die beiden redeten viel von der Magd, wenn sie allein mitsammen arbeiteten.
Dem Jos war es fast zu viel, und besonders weh tat ihm, da Hans sich so bitter
ber ihren gemeinen, verschwenderischen Vater aussprechen konnte, ber den
Krmer dagegen und seinen Tchtermann sich kaum ein tadelndes Wort gefallen
lie. Wenn es der Andreas immer bunter trieb, so beklagte Hans allerdings die
arme Angelika, aber nie gab er zu, da auch diese durch ihr unfreundliches,
strenges Wesen ihn aus dem Hause treibe. Sie passen nicht zusammen und sind
mehr unglcklich als schuldig, sagte er kurz abbrechend. Das Mathisle aber und
sein Hansjrg sollten an allem selbst schuld sein, da taten die Verhltnisse gar
nichts. Dorotheen war ein besseres Los geworden, weil sie ein besseres
verdiente, behauptete Hans und begann dann, seine Magd auf Kosten ihrer Eigenen
zu loben. Das wre dem Jos rein unmglich gewesen. Die, fr welche Dorothee das
ganze Jahr sparte und sorgte, mute er entschuldigen, solange er konnte, dann
aber wenigstens ihre Fehler, wie weh ihm diese auch tun mochten, mit dem Mantel
der christlichen Liebe zu bedecken suchen. Es fiel ihm nie ein, von Hansens
Tadel gegen das Mathisle, den Hansjrg und sogar Dorotheens krnkelnde Schwester
auf das Nichtvorhandensein einer wirklichen Neigung zu schlieen. Es konnte ja
ebensogut in dieser Hrte ein Unbehagen des stolzen Bauern verborgen liegen, der
sich von so gemeiner Leute Kind gefangen fhlte.
    Hans lie dem Knechte nie Zeit, ber seine Reden lange nachzudenken. Nicht
etwa, da er unermdet arbeiten sollte. Hans hielt im Gegenteil das Leben eher
fr eine Kurzweil als nur fr eine Reihe von Tagwerken, und als Arbeiter war ihm
sein Knecht fleiig mehr als genug, aber beinahe zu still. Er bat den Jos oft,
ihm ruhig etwas recht Lustiges zu erzhlen, und hrte dann so aufmerksam zu, als
ob Jos sein Ratgeber und Trster sei. Aber der arme Knecht hatte nicht immer
einen lustigen Einfall in der Tasche, und beide waren oft, ja immer herzlich
froh, wenn Dorothee mit dem Mittagsessen kam, wie wenig sie bei der
ungewhnlichen Hitze dieses Sommers auch hungern mochten. Wenn sie zum Essen
rief, dann kam der Appetit sicher. Oh, ihre Stimme konnte befehlen. Jos hatte
noch nie eine hnliche gehrt als vielleicht - denn ganz wunderbar bekannt, ja
eigen war sie ihm immer vorgekommen - in seinen Trumen, in denen er berhaupt
manches aus seinem jetzigen Leben schon einmal durchgemacht zu haben behauptete,
ohne jedoch noch ersinnen zu knnen, wie es dann endlich gekommen sei. Schon
frher wollte er im Traum, oder er wute selbst nicht wann, unter der groen
Buche neben Hansen und Dorotheen gesessen seih, unter der er jetzt sein
Mittagsmahl einzunehmen pflegte. Auch dann hatte das Bchlein gemurmelt, und die
Vgel hatten laut gezwitschert, wenn Dorothee ber seine nun dutzendweise
kommenden Einflle laut auflachte. Aber das hatte er in seinen Trumen denn doch
nicht erlebt, da Dorothee nicht nur fr Hansen, sondern auch noch fr ihn einen
besonderen Lieblingsbissen auspackte. Das war eine Freude! Dorotheens wunderbare
Stimme mute nochmals bittend befehlen, bevor Jos so etwas zu vernichten wagte.
    Die glcklichsten Menschen wie die besten Frauen sind hufig die, von
welchen man am wenigsten zu sagen wei. Das Glck unseres Knechtes glich nicht
der knstlichen Arbeit der Blumenmacherin, die den Kirchenaltar ziert, sondern
dem bescheiden blhenden und duftenden Kinde des Frhlings, welches vielleicht
kaum Beachtung findet. O schade, da so ein liebliches, duftumflossenes Kind der
schnen Jahreszeit mit aller Kunst nicht auch den Sommer ber erhalten bleibt
und da es um so schneller verdirbt, wenn man es der einsamen Stelle entreit,
wo es wuchs und blhte.

                                 Achtes Kapitel



         Was Jos mit den Eierschalen dem Krmer und seiner Tochter ste

Zu Ostern hatte nicht nur fr Jos, sondern auch fr den Krmer ein neues Leben
begonnen. Die Eierschalen vor der Haustr konnten keine anderen sein als die,
welche er am Abende vorher in Stighansens gromchtigem Wetterhut auf einem
Balken der Brcke stehen sah. Was war auch natrlicher als das! Angelika und
Zusel htten sich, wren sie im gleichen Alter gewesen, fast zum Verwechseln
hnlich gesehen. Ja, Zusel hatte nach des Krmers Ansicht entschieden noch den
Vorzug gegenber Angelika, welcher der feurige Blick ihrer Schwester fehlte und
jenes grelle Rot der Wangen, ohne welches der Bauer sich ein schnes Gesicht
nicht zu denken vermag. Schon die Angelika hatte Hansen die Mutter und seine
ganze Verwandtschaft kaum zu erwehren vermocht. Jahrelang trauerte er um sie,
aber endlich mute doch Zusel seine Trsterin werden. Das war dem Krmer ganz
klar, seit ihm durch die Entfernung Hansjrgs die Gunst der wunderlichen,
stolzen Stigerin zu gewinnen gelang.
    Lnger, als im allgemeinen gerade Brauch ist, lie der Krmer des scheuen
Burschen erstes Liebeszeichen vor der buntbemalten Haustre liegen, als ob das
den vielen hier nach dem Gottesdienste Vorbergehenden nicht nur etwas zu raten,
sondern viel zu verstehen geben sollte. Das seltsame Betragen seiner Tochter war
nicht imstande, ihn fr die Lnge aus seiner Festtagsstimmung herauszubringen.
Nachgesagt mu ihm werden, da er bereute, dem Mdchen durch seine Mitteilung
und seinen Beweis von Hansjrgs Treulosigkeit so weh getan zu haben. Es war das
wirklich mehr in der Leidenschaftlichkeit des Augenblicks als, wie sonst das
meiste, was er tat, nur aus Berechnung geschehen. Er htte diese Waffe gegen
eine Neigung, die er noch immer im Herzen seines Kindes lebendig frchtete,
schon lange brauchen knnen, wenn er dem lieben Geschpfe nicht gar so weh zu
tun gefrchtet htte. Nun aber war es geschehen, das lie sich nicht mehr
ndern, und es galt nur an das zu denken, was jetzt zu tun oder zu verhten sei.
Zusel krankte jetzt an dem, was doch einmal, frher oder spter, ber sie htte
kommen mssen. Eine alte Geschwulst war pltzlich aufgebrochen. Das tat freilich
weh und erschreckte, wenn man sich schon daran gewhnt hatte; doch die Hoffnung,
bald geheilt zu werden, war nun berechtigter als je zuvor. Es mute schmerzen,
sich von dem noch unvergessenen Geliebten so verraten und verkauft zu sehen,
aber nun erst mute sie sich gewaltig zu dem festen, ehrlichen Stighans
hingezogen fhlen, der so etwas gewi niemals getan htte.
    Und - das verga der Krmer denn doch nicht ganz - ihm hatte es schon auch
weh getan, die hinter seinem Rcken an den ihm verhaten Hansjrg, den elenden
Schneider, geschriebenen Briefe zu lesen. Das aber gestand er seinem Kinde jetzt
nicht mehr zu. Mit berlegung, nicht im rger wollte er geredet haben, whrend
er sonst sogar seinen berechnetsten Reden und Handlungen etwas Unwillkrliches,
einen Schein von Herzlichkeit zu geben suchte. Es schien ihm ein Trost, sich
selbst einzureden, da notwendig alles zum Biegen oder Brechen habe gebracht
werden mssen. Erst als er selbst sich das einmal glaubte, war er wieder ruhig
und kalt genug zum Rechnen. Nur war ihm, wie sonst gewhnlich, jeder menschliche
Trieb, jedes Bedrfnis und jede Regung des Hasses und der Liebe nichts weiter
als eine Naturkraft, die er beliebig einspannen und zu seinen Zwecken ausbeuten
zu drfen meinte. Er tat das um so ruhiger, weil er glaubte und erfahren haben
wollte, da es eigentlich jedermann so mache, nur da mancher nicht klug genug
sei, um viel damit zu gewinnen, wenn nicht sein besonderer Stand, seine Stellung
ihm seine Opfer locke. An Beweisen fehlte es ihm nie, wenn seine Tochter das
Gegenteil behauptete. Doch pflegte er ihr nicht von dem Pfarrer zu erzhlen, der
seine Mutter zur Erbin des Vaters gemacht hatte, um dessen Vermgen so seinen
Zwecken dienlich zu machen; auch nicht von der geld- und namensstolzen Stigerin,
die ihm nie einen freundlichen Blick gegnnt hatte, bis er den Hansjrg fr
ihren unbeholfenen Jungen zu den Soldaten brachte. Das alles gab ja ihm selbst
zu sinnen und konnte ihn noch jetzt so rgern, da er meinte, es passe nicht fr
Mdchen, die nun einmal zum Singen und Lachen und zu einem frohen und
erfreulichen Leben geschaffen seien. Wenn daher Zusel ihm vormalte, wie schn
das Leben desjenigen dahinfliee, der wie ein Wiesenbchlein immer nur die
nchste Gegend in seines Innern Spiegel aufnehme, so sagte er, da er nur einen
Menschen kenne mit dieser Gemtlichkeit, die aber ihn selbst und Weib und Kind
hchst unglcklich mache, nmlich den Andreas, seinen Tchtermann. Angelika, die
allerdings bei ihren Basen das ngstliche Sorgen und Rechnen habe satt bekommen
knnen, werde vermutlich einmal Abwechslung gewnscht haben. Wenigstens sei ihr,
das habe sie oft gestanden, kein Leben schner vorgekommen als eines, welches
immer nur dem gegenwrtigen Augenblick gehrte. Drum sei ihr Hans mit seinem
leichten Humor ganz der Rechte gewesen. Sie habe sich wenig drum gekmmert, ob
er aus Schwche oder Kraft, aus berlegung oder Dummheit entstand, bis sie vom
Widerstand der alten Stigerin auf diese Frage gebracht worden sei. Die
Zaghaftigkeit des Burschen habe auf Angelika zurckgewirkt und ihr Betragen
gegen ihn verndert. Das, meinte der Krmer, der jetzt viel fter als sonst
auf die Geschichte kam, das, nicht etwas das Geschwtz der Weiber, hat die
beiden getrennt. Ich kenne Hansen, er kann, wenn's ihm einmal ernstlich drum
ist, recht verteufelt eigensinnig sein, selbst der alten Stigerin gegenber. Hat
er doch den Jos, den sie ihr Lebtag niemals leiden konnte, ins Haus gebracht und
darin behalten knnen. Und ich htte doch gedacht, er sollte es noch eher
durchsetzen, wo sich's um ein liebes Mdchen handelte. Und weit du, konnte der
wohlberechnende Mann dann pltzlich fragen, wer dem Andreas am hnlichsten
wre, wenn er in seinen Verhltnissen steckte?
    Nein, wer?
    Der Hansjrg.
    Wenn der Krmer auch hundertmal so fragte, so lie Zusel ihn doch immer
selbst antworten, ja sie konnte sich's nie erwehren, da sie bei Nennung dieses
Namens zusammenzuckte. Der Krmer aber schien das gar nicht zu bemerken und fuhr
ruhig fort: Leute, die der Stunde leben, knnen sich bald selbst fr nichts
Rechtes mehr halten, dann folgt dem Genusse der Katzenjammer, den man, wie ein
Trinker, wieder mit Trinken vertreibt. Wer nicht das Leben fr ein Ganzes
ansieht, der zerschlgt den schnsten Wandschrank, um ein glattes Brett zu einem
Melkstuhl zu bekommen, den er gerade braucht. Just so ist der Andreas. Die
Angelika aber hat so viel unter den berechnenden Basen und besonders unter
Hansens Unentschlossenheit gelitten, da ihr der Leichtsinn, die Raschheit ihres
jetzigen Mannes eine Weile recht wohl gefiel. Jetzt aber ist sie unglcklich und
verachtet ihn. Sie geht wieder zu weit, und gerade der trotzige Stolz, den sie
ihn sehen lt, nimmt ihm noch den Glauben an sich selbst, treibt ihn aus dem
Haus und macht ihn schlecht.
    Was wre denn da noch zu machen? fragte Zusel traurig. Sicher nichts, als
eine gute Lehre fr sich selbst daraus zu nehmen. ber den Andreas hat niemand
Gewalt, nicht einmal er selbst. Da schtze ich mir einen Hans, der vor- und
nachgibt, auch dem Hausfrieden ein Opfer bringt, wenn es sein mu. Knntest du
ihm im Ernste etwas Bses nachreden? Zusel antwortete nicht, denn sie wute nur
zu gut, wie leicht hier auch der vorsichtigste Widerspruch den sonst so
gelassenen Krmer leidenschaftlich machte. Dieser wurde immer dringlicher, denn
er frchtete, da Hans bald nach der Heldentat am Osterfest einen zweiten Anlauf
nehmen werde, und dann sollte der Erfolg ihn nicht wieder abschrecken. Der
Krmer sah wohl, wie ungern Zusel noch von Hansjrg reden hrte, drum stellte er
ihn immer wieder dem Stighans gegenber. Wenn sie immer nur an diese beiden
dachte, so glaubte er seiner Sache sicher zu sein. Hatte er es doch schon so
weit, da das Mdchen, wenn auch wider Willen, zuweilen den Wunsch verriet, den
wunderlichen Stighans etwas genauer kennen zu lernen. Schon als der Geliebte
ihrer jetzt so unglcklichen Schwester war er ihr immer bedeutender, je
Schlimmeres man von dem Andreas zu erzhlen wute.
    Nun verbreitete sich durch des Gerichtsboten Weib die Nachricht, der Stiger
habe Hansjrgen Geld geschickt und es ihm mglich gemacht, schon in wenigen
Wochen auf Urlaub heimzukommen. Den Krmer rgerte das um so mehr, weil er, wie
er nun einmal war, es nicht Hansens Gewissensunruhe wegen der Verschacherung des
armen Burschen, sondern einzig und allein Dorotheens Einflusse zuschrieb. Zum
Glck und Trost fr ihn hatte die Nachricht auch seine Tochter ganz anders zu
stimmen vermocht. Das Mdchen hatte ein Gefhl, als ob es, die leichtesten
Sommerkleider tragend, in der grten Winterklte stehe und sich nicht zu regen
vermge, wenn es sich - ohne Liebhaber dem Treulosen gegenber dachte. Ja, jetzt
auf einmal wnschte sich Zusel einen Liebhaber, wenigstens dem Namen nach. Jetzt
wollte sie nicht mehr traurig, nicht mehr ruhig sein. Jammerschade, da es im
Sommer, zur Zeit der strengen Feldarbeiten, gar keine Hochzeitsfeierlichkeiten
gab. Sie wre gewi dabei gewesen und htte mit dem Nchstbesten gelacht und
getanzt bis zuletzt. Oft und oft klagte sie, da es gar so still im Dorfe zugehe
und da die schne Jahreszeit nichts als Arbeit fr die jungen Leute bringe. Der
Krmer lchelte. Beide waren jetzt wieder einig, und im schnsten Frieden
redeten sie wohl tglich vom Stighof und seinen Bewohnern. Der Krmer hatte
immer wieder etwas ausgekundschaftet, was, wie unbedeutend es auch sein mochte,
dennoch ihm und zuweilen auch der Zusel wichtig war. Aus einer Menge solcher
Kleinigkeiten brachte der Krmer endlich heraus, da zwischen Knecht und Magd
sich eine ernstliche Liebschaft anzuspinnen beginne. Das nun wre ihm ganz das
Rechte gewesen, denn er sorgte schon immer, da Dorothee den Hans sowohl als die
alte Stigerin am besten kennen und am Ende ihm gar noch einen Strich durch seine
wichtigste Rechnung machen mchte. Diese Sorge qulte ihn besonders, seit er,
obwohl er die Gunst der wunderlichen Alten gewann, doch immer umsonst die Magd
aus dem Hause zu bringen versucht hatte. Dorotheens Liebelei mit dem Sohne der
Schnepfauerin aber war der strengen Frau gewi recht von Herzen zuwider und
Hansen auch, wenn allenfalls das Mdchen ihm nicht ganz gleichgltig sein
sollte.
    Zusel aber wollte an diese Liebschaft nie glauben. Sie kenne nun die Leute
aus dieser Verwandtschaft, sagte sie. Da sei jedes Wort, jeder Blick berechnet,
und aus Berechnung mache man mit dem Jsle nicht viel Wesens. Hansjrg - jetzt
redete sie zum erstenmal selbst und unaufgefordert von ihm -, Hansjrg habe oft
den Wunsch ausgesprochen: Wenn sie doch arm wre! - da er ihr dann zeigen
wollte, wie wenig er sich ums Geld kmmere und was er fr sie zu tun imstande
sei. So habe der Falsche gesagt, der sie dann um einige Taler so schmhlich
verraten.
    Zum Glck, fiel der Krmer ein, hat er dich nur in die Hnde deines
Vaters gegeben.
    Das Mdchen ging seufzend in die Kche.
    Dort war es jetzt berhaupt viel hufiger als sonst und berraschte den
Krmer sogar einmal mit der Behauptung, da man eigentlich gar keine Magd im
Hause brauchen wrde. Sie hatte mehrmals gesehen, wie gut Dorotheen die Arbeit
anstehe in der sauberen Schrze und mit zurckgerollten rmeln. Das trieb sie
zuerst in die Kche. Dann aber hatte sie, die frher bei ihrer Nharbeit den Tag
kaum herumbrachte, gar bald auch ihre Freude und Kurzweil an der Arbeit selbst,
so da sie ernstlich die leichtere Hausarbeit allein zu verrichten wnschte.
    Der Krmer, welcher meinte, das Mdchen wolle sich so nun als Buerin ein
Ansehen geben, damit auch nicht ganz fehlscho, gab lchelnd und mit der
einzigen Widerrede nach, da man die gute Magd nicht gleich aus dem Hause jagen
knne, sondern ihr erst knden und sechs Wochen Zeit lassen msse, wie es frher
wrtlich ausgedingt worden sei.
    Das tat er denn auch wirklich, trstete aber die fast zu Tode erschrockene
alte Jungfer damit, da er lchelnd sagte, gar so ngstlich brauche sie sich
nicht um einen anderen Dienst umzusehen; den Winter ber beziehe sie den Lohn
fort, das Essen verdiene sie daheim auch, und wenn der nchste Frhling komme,
vielleicht noch frher, knne man wieder miteinander reden.
    Die Magd sah groe Vernderungen im Hause voraus. Sie machte eine wichtige
Miene, whrend sie ein kleines Trinkgeld einsteckte, und versprach, wie ein Grab
zu schweigen, ohne da der Krmer das gerade von ihr verlangt oder gefordert
hatte.
    Man sieht, der Krmer konnte der Zusel auch Opfer bringen und dabei noch
sorgen, da Reue wegen einer augenblicklichen Laune ihr nicht lange weh tun
mute. Die Zusel aber war noch nicht recht zufrieden, denn sie htte am liebsten
gleich jetzt alles allein bernehmen mgen. Sie konnte es kaum erwarten, bis
endlich die zweite Heuernte begann. Sie mute ins Freie, mute sich regen und
etwas tun. Nicht der um sie besorgte Vater, aber das Rauschen der Sensen hart
vor ihrem Hause weckte sie schon frh am Morgen. Dann eilte sie hinaus, begann
selbst zu mhen und kam sich viel grer vor, wenn sie die von ihr gemhte
Strecke bersah. Es war erst August, aber ihr kamen diese Tage krzer vor als
gewhnlich die im Winter. Bald nahm sie auch an den Gesprchen der angestellten
Tagwerker lebhafteren Anteil. Selbst ein Gesprch vom Arbeiten kam ihr nicht
mehr langweilig vor, und sie plauderte selbst so lebhaft mit, als ob sie dabei
ganz Neues beobachtet und gedacht htte.
    Am muntersten aber und gerade ausgelassen war sie am Freitag vor der
Kirchweih.
    Einem rosenroten Morgen folgte ein ungewhnlich heier Vormittag. Die Berge,
die man jeden Augenblick noch nher rcken zu sehen meinte, schienen alle zu
lcheln, nur die zackigen Felsen schauten etwas dster drein. Und immer grer
wurden die dunkeln, geisterhaft ins Tal herabschauenden Kpfe. Auf dem
grnlich-roten Flor, der sich von einer Spitze zur anderen zu ziehen begann,
zogen feuerrote Rosse kohlschwarze Wasserfchen ob das Tal herein. Hart
nebeneinander beigten sie sich auf, und ein heftiger Sturmwind band sie
pltzlich haufenweise zusammen und hing sie an hochaufragende Felsenkpfe fest.
Das Tosen der Ach war mehr ein Pfeifen oder Schreien zu nennen. Das
Mittagsluten, vom eiskalten Wind auseinandergeworfen, war einem Sturmsignale
viel hnlicher als einer Mahnung zu Ruhe und Andacht. Und wer auch htte jetzt
Zeit gehabt zum Ruhen und Beten? Der Pfarrer und sein Amtsgehilfe waren wohl die
einzigen im Dorfe, welche sich vor dem drohenden Gewitter heim unters schtzende
Dach flchten konnten. Mnner, Weiber und Kinder, Krankenpfleger und Handwerker
waren wie rasend dran, das am Vormittag so herrlich drr und fest gewordene Heu
noch unterzubringen, bevor der Regen es verdarb, da nicht nur die Arbeit einer
halben Woche, sondern auch die beste Kraft des lieblich duftenden Futters
verloren ginge. Hier rasselten leere, dort knarrten und chzten schwerbeladene
Wagen, die, wie vom Sturme getrieben, dem gerumigen Heustadel zuschwankten. Das
war ein Rennen und Jagen berall, ein Durcheinander von Befehlen und
Erwiderungen, die nur noch der Eingeweihte deutlich fand, wie die Rufe des
Seemanns beim Sturm. Kein Mensch ging noch seinen gewohnten Schritt. Selbst
Stighans war aus der Fassung gekommen. Es jagte - oder wie man hier sagt, wenn
beim Heuen ein Gewitter droht - jeuchte auch ihn so sehr als einen. Im Sprung
brachte er ein Fuder heim, welches der Knecht denn doch gar zu breit und zu hoch
geladen hatte. Noch hart vor dem engen Stadeltor, welches wohl fr ein nicht so
bedeutendes Anwesen gebaut war, knackte ein Rad, und der Wagen leerte seine
allzu groe Last gerade da ab, wo beim Regen, der schon nher und nher kam,
auch die lange Dachrinne auszuleeren pflegte. Die, welche Hansen das Futter
heimbringen halfen, wollen ihn sogar leise fluchen gehrt haben, whrend er
fortlief, um einen schon zum drren Heu gezogenen Wagen zum Umladen einer Last
zu holen, die er schon gerettet glaubte und die nun, hart vor dem Stadeltore,
nicht nur schwer von der Dachtraufe bedroht, sondern auch seiner ferneren
Ttigkeit ein Hindernis war, welches durchaus zuerst auf die Seite gerumt
werden mute.
    Andere erlebten hnliches. Da zog einer zwei aneinander gebundene Wagen auf
einmal zu seinem Heu und hatte dann die Heugabel vergessen, ohne welche durchaus
nichts zu machen war; dort nahm einer aus Versehen den Wagen seines Nachbarn weg
- die Aufregung, der Lrm wuchs mit jedem neuen Donner, der minutenlang durch
die Berge rollte. Mancher Zuschauer htte da seinen Spa gehabt, aber es gab
eigentlich keine Zuschauer mehr, seit der Pfarrer sich in seine hinter der
Kirche zwischen Bergen versteckte Wohnung geflchtet hatte. Selbst des Krmers
Zusel tat heute mit, und zwar so streng als eine. Selbst als die ersten groen
Tropfen auf den neuen Strohhut fielen, der zu ihrem glhenden Gesichtchen so
prchtig stand, lie sie sich nicht aus dem Felde treiben, wo sie bei ihrer
Verteidigungs- und Rettungsarbeit bei dem rauschend drren Heu weit mehr Freude
als sonst beim Zusehen hatte. Mit einem flinken Heuer aus einer anderen Gemeinde
wollte sie ausharren bis zuletzt. Und wirklich fuhren die beiden erst mit einem
kaum halb geladenen Wagen heim, als es um sie dunkler und dunkler zu werden
begann und der Nebel auf sie herabhing, da sie immer hart an einer Schneewand
zu stehen schienen, ber die ein mchtiger Wasserfall zischend und brausend
herunterstrzte. Tropfna kam Zusel heim, die schwarze, glnzende Juppe und der
neue Strohhut waren verdorben; dennoch hatte man das Mdchen lange nie so froh
und aufgelegt zu jeder Neckerei gesehen als jetzt. Whrend einige vom Barometer
redeten und bedauerten, da man ihm mehr als der unheilverkndenden Morgenrte
geglaubt habe, hatte Zusel, die jetzt wieder trocken gekleidet, frischer und
schner war als je, nur von ihren und des Heuers Heldentaten zu erzhlen. Das
war herrlich, und ich htte noch gern eine Weile fortmachen mgen, sagte sie
mit der Frhlichkeit eines vom munteren Spiele heimgekommenen Kindes. Schade
nur, da es gar nicht mehr ging. Aber wir beide, ich und der Heuer, haben uns
tapfer gewehrt, drum mssen wir schon noch bermorgen mitsammen Kirchweih halten
und auch auf dem Tanzplatze die letzten sein. Nicht wahr, Heuer?
    Da der Heuer ja sagte, versteht sich wohl von selbst. Es war der grte
Augenblick, den der Bursche erlebte, wie eine gute Meinung er auch schon frher
von sich selbst gehabt haben mochte. Eine ganz neue Welt tat sich vor ihm auf,
und bald stand er mitten unter tausend schnen Hoffnungen, so da ihn selbst der
Krmer nicht in die Wirklichkeit zurckzurufen vermochte, wie alltglich khl er
auch sagte: Nun, nun! Man mu noch nicht glauben, da alles schon angebunden
sei, was einem einmal etliche Schritte nachluft. Mdchenlaunen sind
bernchtig, und wer ihnen traut, dem kann es gehen wie dem, der ber ein
schnell entstandenes Eis fhrt. Doch ich gnne der Zusel den Spa, und der Heuer
ist wohl klug genug, um selbst ganz richtig ber die Sache zu denken.
    Mit diesen Worten, nur so im Vorbeigehen flchtig hingeworfen, glaubte sich
der Krmer schon im voraus sicherstellen zu mssen gegen allerlei, was im stolz
aufgerichteten Kpfchen des Heuers vielleicht sich zu regen begann. Er konnte
sich den raschen Entschlu des wunderlichen Mdchens nur erklren, wenn er als
gewi annahm, was er sich und ihm wnschte. Wenn Zusel jetzt einmal neben Hansen
vorbeiging, so redete sie ihn immer ganz besonders freundlich an; ja in der
Woche vor der Kirchweih blieb sie wohl auch auf der Gasse neben ihm stehen, als
ob sie erwarte, nun msse er vom nchsten Sonntag anfangen und sie wenigstens um
ein Tnzchen bitten. Der Krmer nahm das um so gewisser an, da sie nie die beste
Laune von ihm zu holen schien. Tanzen aber wollte Zusel durchaus, das hatte sie
schon lange gesagt, und nun sollte wohl auch noch Hans ein wenig gergert
werden. Dazu nun war der Heuer ganz der Rechte. Er stand gar zu niedrig, als da
dieser Spa mit dem etwas eiteln Menschen fr mehr als eine Spielerei gehalten
werden durfte. Als daher der Krmer nach seinem Zuspruch Zusels spttisches
Lcheln zu bemerken glaubte, war ihm wieder so wohl wie einem armen Snder mit
dem Beichtschein in der Tasche. Seine Freundlichkeit gegen den Heuer machte, da
diesem der Kamm noch mehr schwoll und er am Samstag mit den vom Krmer
angestellten Heuerinnen kaum noch reden mochte. Wer den alten Mann seinen Laden
fr die Kirchweih herrichten sah, so bedchtig und sicher, der ahnte nicht,
wieviel anderes dieser starre Kopf unterdessen rechnete. Aber es mute gut
gehen, die Zahlen schienen zu stimmen, denn ber sein hartes Gesicht flog
zuweilen etwas wie ein Lcheln. Ja, ja, er hatte schon viel gewonnen. Das
Mdchen war wenigstens aus seiner Starrheit, aus dem unverfolgbaren Difteln und
Grbeln heraus. Allerdings mute Zusels toller Streich viel zu reden geben, doch
damit war vielleicht mehr zu gewinnen, als im schlimmsten Falle verloren ging.
Da der trge Hans sich am Karsamstage selbst wegen Eierschalen umgesehen hatte,
war eine Tat gewesen, wie billigerweise wenigstens in diesem Jahr keine zweite
mehr von ihm verlangt werden konnte, wenn es nicht gelang, ihn mit Gewalt zu
treiben. Das aber sollte nun geschehen und geschah auch ziemlich sicher durch
die Laune seines Kindes. Ja, es stimmte alles so gut, da der Krmer seine Zusel
fr ein verteufelt kluges Mdchen zu halten begann. Die Eifersucht oder nichts
mehr mute wirken. Das war ganz klar, nun erfuhr man jedenfalls, woran man mit
dem nrrischen Burschen sei. Hans war gewohnt, sich alles auf halbem Wege
entgegenkommen zu sehen; nun aber sollte er sich wenigstens so rhren und regen
lernen um das hbscheste und eines der reicheren Mdchen wie gestern um sein vom
Gewitter bedrohtes Heu. Immer siegesgewisser begann der Mann sich Hansens langes
Gesicht vorzustellen, wenn der Angelikas Schwester mit dem fremden Heuer
auftreten sehe. Stolz, Neid, Mitleid, alles mute sich regen und den Burschen
neben seiner armen, bleichen Magd keine frohe Minute mehr erleben lassen. Und
wenn's nun gleich znden sollte, wenn es ihn mit Gewalt zu Zusel trieb, dann war
ja der Heuer eben der rechte Mann, den man jeden Augenblick wieder ganz ruhig
fallen lassen durfte, ohne da dabei etwas zu frchten war.
    Und wenn Hans wirklich und wider alles Erwarten sich gar nichts abtrotzen
lie, wenn er noch lnger Dorotheens Narr sein wollte und die alte Stigerin das
litt, nun, dann war das Mdchen darum noch nicht unglcklich. War er doch mit
dem Hansjrg endlich so weit, da das Denken an ihn der Zusel lstig zu werden
begann und sie eine Zerstreuung suchte. Ja, Hansjrg war nun doch glcklich weg.
Das war dem Krmer jetzt genug, und freudig hoffte er, da der morgige Tag etwas
Gutes bringen werde, whrend Zusel sich von der Ungeduld eines tanzlustigen
Mdchens nicht mehr das mindeste anmerken lie.

                                Neuntes Kapitel



                               Die Auer Kirchweih

Wer, der im hinteren Bregenzerwalde jung war, htte sich noch nie beim Arbeiten,
beim Essen und selbst beim Geldzhlen unterbrechen lassen, wenn unvermutet von
der Auer Kirchweih die Rede war? Wie ein mchtiger Zauberspruch ruft dieses Wort
eine ganze Reihe froher und trber Bilder wach, die wohl auch den gestandenen
Mann und die fleiige Hausmutter noch lnger beschftigen, als sie andere gern
glauben lieen. Kaum drfte je ein Menschenleben hier so arm gewesen sein, da
keine Auer Kirchweih darin liebe, se Hoffnungen geweckt oder zerstrt htte.
Kommt, ihr Vter und Mtter unter der Strecke Himmelsblue, die man hier sieht,
und sagt, ob es nicht eine Kirchweih war, wo ihr euch zuerst als Prchen
ffentlich zeigtet, wo ihr einmal recht seelenvergngt sein konntet oder euch
zum allererstenmal recht grausam rgern mutet!
    Wer wre wohl so geld- und freundesarm, da er selbst heute nichts kaufen,
niemanden beschenken und erfreuen knnte? Das alte Bschen dort strickt nicht
nur darum die Wochen vorher so fleiig, um eine Kirchweih zu vergessen, sondern
auch um dem Schwesterkind an diesem Tag etwas kaufen und damit eine Freude
machen zu knnen. Die Stnde (Buden) der aus ganz Vorarlberg und noch weiterher
gekommenen Krmer sind den ganzen Tag derart belagert, als ob da um halbe Preise
verkauft wrde, obwohl vielmehr das gerade Gegenteil der Fall zu sein pflegt. An
diesem Tage wird mancher noch unerfahrene Vogel gerupft; am meisten aber scheint
man es auf die ziemlich vollen Beutelchen der Sennen abgesehen zu haben, die
dieses Fest gewissermaen als das ihrige betrachten, weil sie da die Erzeugnisse
der Alpenwirtschaft zu verhandeln pflegen. Man erkennt sie schon an den Hten
als lpler, da auf diesen neben den Rosmarinstengeln der Geliebten auch die
seltensten, zu dieser Zeit nur noch auf den hchsten Bergen wachsenden
Frhlingsblumen zu stecken pflegen. Die Sennen sind neben den groen
Alpenbesitzern die Helden des Tages. Aber diese Ehre ist eben nicht umsonst. Man
scheint sie dafr herzunehmen, da sie, die den ganzen Sommer nie aus der Alp
kamen, nun schon seit Monaten kaum einem Menschen einen Kreuzer verdienen und
gewinnen lieen. Manchem geht in seinem Eifer, zu geben und zu erfreuen, beinahe
der halbe Sommerlohn drauf. So wird denn der schbige Eigennutz der Wirte und
Krmer zum dunkeln Hintergrund, von dem sich die Gutmtigkeit der Festgste um
so schner abhebt. Es ist die Freude am Umgang mit Menschen und an ihren Werken,
die die Bewohner der einsamen Alpen unvorsichtig macht, wo sich's ja doch nur um
Kreuzer und Batzen handelt. Die wohlbeleibten Kse- und Butterhndler, die, von
Sennen und Alpenbesitzern umgeben, beim Kaufhause stehen, der Schellengieer,
bei dem die lpler fr den Tag der Heimfahrt sich einrichten, und auch die Tuch-
und Lederhndler wissen davon zu erzhlen, da diese Leute schon noch rechnen
knnen, sobald ihr gutes Herz nicht mehr mit im Spiel ist. Auf dem Platz unter
der Kirche, rechts und links, wird den ganzen Tag hindurch gehandelt und
gelrmt, da kein Mensch mehr etwas hrt vom Tosen der Ach, die sich hart neben
dem Platze zwischen niedergestrzten Trmmern des hochaufragenden Fluhfelsens
dem Schnepfauer Walde zuwlzt. Die sagenumwobene Kanisfluh und die stolze
Liggsteinpyramide schauen ernst und still auf das bunte Getriebe herunter. Doch
was kmmern die tausend Geschftigen hier die ernsten Berge mit ihren dunkeln
Tannen und den wunderbaren Sagen? Nur die buschigen, wunderbar duftenden
Bergblumen und Alpenrosen auf den Hten der Sennen vermgen die Blicke der
Mdchen zu fesseln, die immer ungeduldiger auf die Tanzstunde warten. Beinahe
unertrglich wird nachmittags nach der Vesper die Lage derjenigen, die den
Ihrigen noch nicht gesehen oder doch noch nicht gesprochen haben, obwohl ihnen
ihre Brder und Freundinnen schon vor einer Weile sagten, da seine Geschfte
bereits abgetan seien und er nun jeden Augenblick kommen msse. Ihre Ungeduld
hinter einem Lcheln verbergend, stehen die Wartenden dutzendweise auf dem etwas
erhhten Eingang zur Brcke, welche ber die Ach fhrt, und berblicken immer
wieder mit einem leisen Seufzer verstohlen den Platz, whrend sie, scheinbar die
Lustigsten, mit jedem Vorbergehenden ein recht lautes Gesprch anzufangen
suchen.
    Bei diesen stand heut' auch des Krmers Zusel in aller Pracht und
Herrlichkeit, noch schner, frischer, als da sie zum erstenmal als Biggel
auftrat Sie hatte beinahe ihre Freude am rger ihrer ehemaligen
Schulgefhrtinnen, den die immer ungeduldiger Wartenden ihrem Scharfblicke
vergebens zu verbergen suchten. Warum auch trauten diese Trpflein einem
Mannsbild und banden ihre Hoffnungen, ihr Glck, die ganze Zukunft an seine
Launen fest? Frher freilich - noch als unerfahrenes Kind - htte auch sie lange
so hier stehen und, ihre De- und Wehmut hinter einem bittersen Lcheln so gut
als eben mglich verbergend, auf ihn warten knnen. Nun aber war das denn doch
berwunden ... Statt nur gezwungen zu lcheln, konnte sie lachen ber ihren
guten Heuer, den sie nicht eine Minute lang aus dem Auge verlor.
    Dort drben stand er bei einigen Bekannten und drehte sich auf den hohen
Abstzen der noch gestern abends geflickten Stiefel herum, da die silberne
Uhrkette flog, an welcher sich - wie Neider und Sptter behaupteten - in
wohlverwahrter Tasche ein neugewachsener Erdpfel befinden sollte. Sei dem nun,
wie ihm wolle, die silberbeschlagene Tabakspfeife war entschieden nur entlehnt.
Der Heuer aber wute sich damit zu stellen, da einem ordentlichen Buerlein
beinahe angst neben ihm werden mute. Die Blicke aber, die er dann der Zusel
drben vor der Brcke zuschieen lie, waren denn doch wieder so demtig
bittend, da man es wirklich bewundern mute, wie diese nur im Kopfumdrehen
wieder so streng und stolz und kalt werden konnten. Alles Drngen und Drcken
brachte ihn nicht weg von seinem Platze zwischen der bereits heisern
Obsthndlerin und dem Laden des Buchbinders, mit dem er zuweilen um den Preis
eines silberbeschlagenen Gebetbuches stritt und sich schlielich, als der
Buchbinder nachzugeben begann, in seiner Verlegenheit noch derart erhitzte, da
er von dem in den nahen Bergen schon furchtbar tosenden Herbststurme nichts
bemerkte, bis das Fluchen des Buchbinders und der brigen Krmer ihn auf ein
Naturereignis aufmerksam machte, welches jetzt gerade recht kam, um seine
Geldnot zu verbergen. Die Berge waren schon ganz dunkel, wie glhend rot auch
die Abendsonne ber den Schnepfauer Wald, der immer nher und nher zu kommen
schien, hereinleuchten mochte. Jetzt war alles ganz still, dennoch schien ein
gewaltiger Sturmwind alles und alle zu erfassen und zu drehen. Die Krmer
begannen so schnell als mglich einzupacken, denn es nahm wohl nur noch der Wind
etwas von ihrer Ware mit. Viele Bauern eilten zum Pfarrer und baten ihn, die
Unterbringung des noch im Felde aufgehuften Heues zu gestatten, bevor es vom
Winde wei Gott wohin getragen werde. Diese Dispens war ihnen auch noch selten
so schnell und gerne erteilt worden, da der Pfarrer sie an diesem Sonntag viel
lieber beim Heu als im Wirtshaus und auf dem Tanzplatze wissen wollte.
    Jetzt verschwand die Sonne hinter einer buntfarbigen Wolke, die sich wie mit
schwarzen Haken an die Spitzen der Berge zu hngen begann. Drauen im Walde
brummte, rauschte und knisterte es immer lauter. An der Fluh krachten mehrere
Tannen und surrten hart neben der Brcke in die zischende Ach. Drinnen in
Argenau knallten die zugeworfenen Fensterlden, und losgerissene Dachschindeln
mitsamt den sie bisher festhaltenden Steinen hagelte es von rechts und links auf
die Gasse, da kein Mensch mehr sicher war. Selbst auf dem Marktplatze begann es
nachgerade gefhrlich zu werden. Zwar von der Wolke der ber die Gasse
getriebenen Hte, ausgespannten Regenschirme, Ablabriefe, Hosentrger,
Heiligenbilder, Knopftafeln und Taschentcher war nicht viel zu ersorgen; doch
wurden schon auch die Bretter, welche die nur fr diesen Tag aufgerichteten
Buden lose genug bedeckten, von beiden Seiten hereingeworfen, und diesen suchte
jedermann, auch unser Heuer, so schnell als mglich zu entrinnen.
    Es war fr ihn schon die hchste Zeit, und drben ber der Brcke, wo es
ziemlich scharf aufwrts geht, mute er sich beinahe atemlos laufen, um die
Zusel, die wie ein Reh davongeeilt war, noch vor dem Gasthaus Zum Rle
glcklich einzuholen. Er kam noch gerade recht und schritt nun senkelaufrecht
neben dem hbschen, reichen Mdchen ins Haus, die Stiege hinauf und eines Ganges
dem Tanzsaale zu. Hier war es schon so voll, da Zusel ihm kaum noch zu folgen
vermochte. Wer daheim weder Kind noch Rind, im Felde kein Heu zu versorgen
hatte, mochte nicht mehr ans Weitergehen denken, nachdem hier einmal ein
sicheres Unterkommen gefunden war, wo es auch berdies noch so lustig zuging wie
hier. Besonders die nun endlich einmal wieder fr einen Tag entalpeten Sennen
langten auf einmal nach allem nun so lange Entbehrten, was die Gesellschaft dem
einzelnen zu bieten vermag. Jauchzend, mit dem vollen Glas in der Hand,
umtanzten sie ihre Mdchen und machten dabei so tolle Sprnge, da wohl auch der
rgste Griesgram sich des Lchelns kaum erwehrt htte und des behaglichen
Gefhls, welches in jedem sich regt, der andere sich einem Genusse gnzlich
hingeben sieht. Es gab schon solche, die sich zuflsterten, was die Welt, der
Umgang mit Menschen und die Teilnahme an den Frchten gesellschaftlicher
Verbindung dem einzelnen sei, ahne man am ehesten, wenn man den beobachte, der
das nur einige Monate entbehrt habe! Aber nur wenige beschftigten sich jetzt
mit solchen Gedanken, und unser Heuer und die reiche Krmerszusel sicher am
allerwenigsten. Sie htten auch kaum geglaubt, da noch jemand die Sennen
beachte. Jeder Kopf und jede Lippe, whnten sie, bewege sich einzig nur
ihretwegen, und ihretwegen suchten die hinteren Zuschauer, sich auf die Zehen
stellend, ber die anderen wegzusehen, und ihretwegen htte man jetzt aufgehrt
zu tanzen und aufzuspielen.
    Richtig! Sobald der Heuer mit Zusel in den Kreis der Tanzenden trat, begann
ein Walzer so lieblich und lustig, wie die guten Musikanten heute wohl noch
keinen aufgespielt hatten. Natrlich, einer, mit dem des Krmers hbsches Kind
sich ffentlich zeigen mochte, mute auch nicht auf einer Bettlersuppe daher
geschwommen sein, das konnten diese Leute sich denken. Nun aber galt es, sich
dieser Auszeichnung auch wert zu zeigen. Hierzu nun gab fr ihn, der sich selbst
heute gestand, da er als Gesellschafter nicht besonders viel zu leisten
vermge, der Tanzplatz wohl die beste, ja die einzige Gelegenheit. Da er der
beste Tnzer war, konnte ihm nicht abgestritten werden; er htte bei den
gewagtesten Wendungen ein volles Weinglas auf den Kopf stellen drfen, ohne
etwas fr seinen weit hervorstehenden Hemdkragen frchten zu mssen. Doch das
ngstliche Bemhen, es recht schn und knstlich zu machen, kam bald allen
lcherlich vor, denen es nicht peinlich war, sich schon beim Zusehen mde werden
zu fhlen. Der Heuer jedoch hatte keine Ahnung von einer solchen Wirkung seiner
schweitreibenden Arbeit. Die werden Augen machen, dachte er, whrend er sich
zu noch verzweifelteren Sprngen, einer noch strammeren Haltung zwang. Der
Bursche hatte es heute viel strenger als die Woche hindurch beim Heuen. Er war
daher auch noch viel schweigsamer als dort und hatte fr seine Tnzerin kaum
aller fnf Minuten ein schwer zu verstehendes Wort. So hatte diese denn Zeit zum
Beobachten, wobei sie sich, wenigstens eine Zeitlang, weit besser unterhielt,
als der Heuer sie zu unterhalten vermocht htte.
    Gleich hinter ihr her tanzte der Stighans mit seiner Magd. Das nrrische,
stolze Gnschen hatte doch immer etwas zu reden und zu lachen, so da Zusel
ordentlich Gewalt brauchen mute, um sich nicht einmal umzukehren und der
Schwtzerin zu sagen, man wisse schon noch, wem sie sei, obwohl sie sich auf dem
Stighof schon lange gebrde, als ob sie allein der Hahn im Korbe wre und jeder
Tannenwipfel sich nur ihretwegen bewegte. Noch widerwrtiger wurde ihr das
Mdchen, als sie es vom Hansjrg reden und dabei die Hoffnung aussprechen hrte,
da er nun wohl bald heimkommen werde. Jetzt ging ihr ein Licht auf. Der Bursche
mute sich opfern, um den gutmtigen Hans fr sein Lebtag zum Schuldner zu
machen. Darum wohl nur redete das Mdchen von ihm in einer Gesellschaft, wo Hans
leicht auch bedeutendere Mdchen htte bemerken knnen, wenn er nicht durch
diese dumme Geschichte auf einem Punkte festgehalten worden wre. Sie hatte dem
Vater sehr, sehr unrecht getan mit dem Verdachte, da er den Hansjrg ihr
weggetrieben habe. Der ging wohl selbst, als sie sich nicht geneigt zeigte, sich
sofort zu verehelichen und ihm einige Tausende zu verschreiben - um so
wenigstens der Schwester den Hans zu fangen. Sein Handel mit ihren Briefen
bewies ja, da der Elende zu so etwas schon der Mann sei. Wunderbar, da ihr das
nicht schon lngst einfiel, da sie den guten Vater in so schlimmem Verdacht
haben konnte. Wie um Verzeihung bittend, schaute sie zu ihm hinber. Er stand
neben den Musikanten und sah ihr lchelnd zu. Ja, er konnte lcheln und ihr ihre
kindische Freude am Tanzen lassen, wenn sie ihm damit vielleicht einen Plan,
eine Hoffnung verdarb! Er sorgte so sehr fr ihren Namen und hielt sie von allem
immer fern, was ihr auf irgendeine Weise schdlich oder nachteilig htte werden
knnen. Und nun warf sie sich ffentlich, wenn auch nur fr heute, an diesen
Springinsfeld weg nur wegen einem flchtigen Vergngen. Vergngen? Du lieber
Gott, was war es denn Herrliches, sich von dem eiteln Tropfen einige Stunden
herumreien lassen und allen Gaffern ein Schauspiel sein? Ja, heute war Dorothee
wirklich besser dran als sie, das mute sich Zusel gestehen, und sie gestand
sich's auch so laut, da sogar der gute Heuer etwas davon zu merken begann. Sie
htte gern ihren rger an ihm ausgelassen und begann daher den Stighans und sein
schnes Anwesen ber alle Maen zu loben. Dann erzhlte sie, da sie den
Wackeren jeden Augenblick haben knnte, wenigstens wrde die ganze
Verwandtschaft die Hnde nach ihr ausstrecken; sie aber verachte die groben,
selbstschtigen Leute, also die Mannsbilder, recht von Herzen und brauche sie
nur zuweilen zum Spa, um sich ber die Trpfe wieder recht lustig machen zu
knnen.
    Zusels Reden waren immer bitterer, je lauter, frhlicher das Reden und
Lachen des nachtanzenden Paares wurde. Aber nicht nur ihr taten Hans und
Dorothee ganz unbewut weh, der Jos war durch sie noch in viel blere Stimmung
gekommen. Und doch sa er ganz im Dunkeln an der Wand auf einem Bnkchen unter
jungen Burschen, die bedauerten, nicht tanzen zu knnen, und Greisen, welche von
der guten alten Zeit mit Begeisterung erzhlten, da man htte glauben knnen,
Jos vermchte sonst nichts mehr zu hren und an nichts anderes zu denken. Gehrt
wird er auch nicht alles haben, aber er glaubte dem Hans und Dorotheen die Worte
von den glhenden Gesichtern lesen zu knnen. Die beiden waren so glcklich
jetzt, und er blieb vergessen bei seinem Tirolerwein in der dunkelsten Ecke
sitzen. Kein Wunder, da er heute nicht mehr der alte opferwillige Jos war,
schienen doch auch jene beiden ganz anders geworden zu sein, seit er nicht mehr
allein mit ihnen war und fr sie arbeiten mute. Wie dem Bettler das Almosen
hatte Hans ihm einen Taler hingeworfen, damit er sich einen Humor trinken knne,
und als er dann bat, ihm doch auch einige Tnze mit der Magd zu erlauben, ja, da
hatte diese Hansen angesehen, als ob er ber Leib und Seele ihr Vormund sei.
Freilich, da das ihn noch gar so rgern wrde, empfand er damals nicht, sonst
wrde er den Tanzsaal gar nicht betreten haben. Damals wollte er die beiden als
Paar sehen, jetzt rgerten sie ihn ungeheuer, und sein Glas wurde immer
schneller leer. Was auch sollte er an der Kirchweih tun als trinken? Heute
brauchte ihn niemand. Ganz war er sich selbst berlassen und konnte tun, was er
wollte, wenn er nur morgen wieder fr alle schwitzte, sorgte und lief. Da die
Zusel, die er doch immer nur fr ein eitles Ding hielt, hatte mit einem armen
Heuer auftreten mgen, Dorothee aber, die fromme, demtige Magd, hatte fr ihn
nichts mehr als einen Blick des Mitleides. So nmlich nannte er das, was ihr
schnes Auge ihm einmal - verstohlen, glaubte er - in seine Ecke geschickt
hatte. Ihm war dabei ganz hei geworden, und trotzig rckte er noch tiefer in
den Schatten seines Winkels, sich selbst qulend mit der Vorstellung, da der
Glcklichen sein Anblick nicht recht angenehm sein knnte. Bald war ihm, da er
htte heim mgen zur Mutter, um sich auszuweinen; dann wieder regte sich alles
in ihm, da er lrmen wollte und Hndel anfangen mit der ganzen Welt. Dennoch
kam es zu nichts anderem, als da das Glas neben ihm von neuem wieder gefllt
und geleert wurde.
    Des Krmers Heuer hatte, wie eng es jetzt auch sein mochte, soeben einen
seiner kunstreichsten Sprnge begonnen, als Zusel ihn, ohne ein Wort zu sagen,
aus dem Kreise der Tanzenden fhrte und raschen Schrittes mit dem willenlosen
Erstaunten den Saal verlie.
    Bald hernach suchte Hans den Knecht und sagte, ohne sich um sein
unfreundliches Gesicht zu kmmern: Die Zusel ist fort, und uns wird's jetzt
auch zu hei und zu eng. Komm!
    Ohne eigentlich zu wollen, folgte Jos dem Paar in die Kammer, wo neben dem
Krmer und den Seinigen fr die eben Eintretenden gerade noch drei Sthle
aufgestellt werden konnten.
    Dem Jos wurde hier noch heier als auf dem Tanzplatze. Angst aber war ihm
nicht, obwohl er sich von den Angesehensten der Gegend umgeben sah. Er berflog
die Gesellschaft mit einem Blicke und sagte dann mit eigentmlichem Lcheln, den
Heuer ins Auge fassend: Heut' la dir das Gnadenbrot nur schmecken. Vielleicht
sitzen wir beide in der Gesellschaft beim letzten Abendmahl, und das schne,
groe Osterlamm neben dem Heuer wird wohl ein anderer, mglicherweise sogar noch
einer allein bekommen.
    Das htte man allenfalls fr die Erffnung eines jener witzigen und derben
Wortgefechte halten knnen, wie sie der Bregenzerwlder im Wirtshaus liebt. Aber
wem auch der Anfang noch nicht besonders auffiel, den lie doch das Zittern der
Stimme bei diesen Worten und der starre Blick des Sprechenden leicht erraten,
da hier Spa und bitterer Ernst wenigstens stark gemischt sein muten. Aller
Augen richteten sich auf den Heuer. Man war begierig, wie der eitle Mensch so
einen Anfall aufnehmen und wieder zurckgeben werde. Dem wre aber sicher noch
wenig Arges eingefallen, wenn ihm nicht die fragenden Blicke der Anwesenden
gesagt htten, es schicke sich schlecht fr so ein Brschchen, so etwas zu
sagen, und fr ihn noch schlechter, es geduldig hinzunehmen. Neben so einen
Frosch, rief er pltzlich, lt sich unsereiner nicht stellen, und kommst du
mir noch einmal so, da man nicht wei, ob's gehauen ist oder gestochen, so soll
ich sterben, wenn ich dir nicht zeige, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.
    Das hab' ich in dem Hause schon lange vor dir gewut, lachte Jos und fuhr
dann mit eisiger Klte fort: Es ist nicht zu bersehen, grer, strker und
meinetwegen auch hbscher bist du allerdings als ich, aber gerade das knnte
noch dein Unglck werden und dich allenfalls, solltest du etwa gar zu hbsch und
gewandt sein, noch unter die Soldaten bringen, wenn du nicht schon fast zu alt
dazu wrst. Man wei von Leuten zu erzhlen, die das auch schon erlebt haben.
    Das hie nun wieder einmal zwei oder noch mehrere Fliegen mit einem Schlage
getroffen, wie es berhaupt weit herum keiner so gut konnte als der Jos.
    Der Heuer zwar verstand von der ganzen Rede nicht viel mehr, als da er
schon fast zu alt sein sollte, aber auch das war recht genug, ihm die feurigste
Zornesrte ins Gesicht zu treiben und seine Hnde zur Faust zusammenzukrmpfen.
Der Krmer, obwohl er den Stich jedes Wortes empfand, zeigte sich bei weitem
nicht so schmerzlich getroffen wie der Heuer, doch war auch er zu sehr aus der
Fassung gebracht, um sich nicht dennoch als den Getroffenen zu verraten. Die
Zusel aber tat sich durchaus keinen Zwang an. Wr' ich doch ein Bub! hauchte
sie, wr' ich ein Bub', ich wollt' es versuchen, ob man nicht mehr ungestrt
und ungeschimpft eine Stunde in guter, anstndiger Gesellschaft sein knne, ob
man sich von jedem Neidhammel allen zusammengescharrten Unrat nachwerfen lassen
msse.
    Der einzige, welcher vielleicht mit einem Worte wieder Frieden htte
schaffen knnen, Stighans, fhlte sich von dem Stiche selbst ein wenig
getroffen, und wenn das einmal der Fall war, so hatte er seine Gewalt ber den
Gegner wenigstens fr den Augenblick gnzlich verloren. Wie ein Geschlagener sa
er neben Dorotheen, der es anzusehen war, wie sehr es sie schmerzte, eine
Familienangelegenheit, die sie selbst noch oft beschftigte, vom Jos nun
schonungslos vor die ffentlichkeit gerissen zu sehen. Ihren Unmut hatte der
Knecht auch sofort bemerkt, und er litt furchtbar unter ihrem vorwurfsvollen
Blicke. Ruhiger aber wurde er leider nicht, und das Gefhl, sich doch reicht
ungeschickt benommen zu haben, brachte ihn nur noch mehr aus der Fassung. Er sa
wie auf Kohlen, und wohl hauptschlich nur, um das ihm so peinliche Schweigen zu
unterbrechen, sagte er, an Zusels Ausruf anknpfend: Wo der Unrat so leicht
zusammenzubringen ist, mu wenigstens vieles nicht recht sauber sein. Wer will
das noch ertragen und wer es vergelten? sagte Zusels Blick, der rasch von einem
zum anderen scho. Endlich blieb er an dem Heuer hangen, nicht mehr stolz,
sondern demtig bittend, und ihre Stimme zitterte, als sie fragte: Kannst du
denn nichts als schne Sprnge machen auf dem Tanzsaal? Warum sitzest du denn
auch neben mir, wenn der Lsterer da so redet! Entweder schme dich meiner oder
deiner selbst und geh!
    Htt' ich ihn doch so in meiner Heimat! wich der Heuer etwas verlegen aus.
In einem fremden Dorf ist's denn doch nie recht ratsam, sogleich, ohne recht zu
wissen warum, mit dem Nchstbesten Hndel anzufangen. Bei uns - ich soll
sterben, htt' ich ihn schon lange braun und blau geschlagen! Den brigen im
Zimmer anwesenden Burschen war es ordentlich eine Genugtuung, da der Heuer sich
des ihm schon lange mignnten Platzes neben dem hbschen, reichen Mdchen so
unwert zeigte. In manchem regte sich die Lust und fuhr ihm in die Fingerspitzen,
der Zusel nun zu zeigen, was er knne und wen man an ihm htte. Noch rger wurde
das, als das Mdchen rief: Fremdes Dorf? Ich, die Beleidigte, bin hier nicht
fremd. Der Krmer, der lngst auf glhenden Kohlen sa und sich durchaus nicht
als getroffen verraten wollte, befahl ihr auf das entschiedenste zu schweigen.
Zusel aber fuhr erregt fort: Ich bin hier nicht fremd, mut du wissen, und es
wird schon noch solche geben, die sich fr mich gegen einen Schneider wehren
drfen.
    Nun begannen auch die ernsten Vter zu brummen, das Mdchen sei eigentlich
herzhafter als alle, die sich gleichsam mit ihm von so einem Knechtlein foppen
lieen. Das feuerte die Burschen, denen schon Zusels Rede durch die Glieder
fuhr, nur noch mehr an, und Jos sah, wie aller Blicke sich drohend auf ihn zu
richten begannen. Es ward ihm so hei, da er aufstehen und sich ins offene
Fenster legen wollte, da er weder so gehen mochte noch ein Wort reden konnte.
Der Heuer, gewohnt, immer auf Wind und Wetter zu achten, hielt nun ein
entschiedenes Vorgehen nicht mehr fr besonders gewagt, seit er in aller Augen
gelesen zu haben meinte. Anfangs dachte er, das Brschlein wrde ohne sichere
Hinterhut gewi nicht so herzhaft auftreten drfen. Nun aber sprang er auf den
Jos und fate ihn hinten beim Halstuch, als ob es nicht nur seine Ehre, sondern
auch sein Leben gegolten htte. So wren wir denn leider vor einer
Wirtshausrauferei. Freilich ist sie, wenn auch nur Bauernknecht und Heuer die
Helden sind, ebensogut Ausdruck verschiedener Ideen und Leidenschaften als eine
andere, die mit Beobachtung der feinsten Formen vor sich geht. Da es aber beim
besten Willen nicht mglich ist, unsere Kmpfer noch geschwind zu adeln und
ihnen Schwert oder Pistole in die Hand zu geben, so wr's wohl am besten, wenn
man die Sache so schnell als mglich abtun knnte. Die beiden scheinen auch
wirklich bald fertig zu sein. Kaum fhlt Jos von hinten sich gepackt, so dreht
er sich gegen den Heuer um, und zwar so schnell und mit solcher Kraft, da er
den langen Heuer beinahe niederreit und dieser das halb zerrissene Halstuch
mitsamt dem Jos erschrocken fahren lt. Whrend der Heuer das volle
Gleichgewicht wieder zu gewinnen sucht und noch bevor er sich von seinem
Schrecken auch nur ein wenig erholt hat, steht Jos zornschnaubend mit geballter
Faust vor ihm, und das Brschchen schaut so wild, so drohend zu dem groen Manne
auf, da dieser von Herzen gern die Zuschauer, die erstaunt und wie angebannt
dastanden, um Hilfe angerufen htte.
    Jos schien das zu bemerken, denn er rief: Nur mit dir hab' ich's jetzt zu
tun, und wenn auch ein anderer noch etwas will, so soll er doch warten, bis ich
mit dir fertig bin.
    Den Heuer erschreckte das schallende Gelchter, welches dieser Rede folgte.
Es war klar, da man sie beide sich einstweilen berlassen und dem Spae zusehen
wollte. Aug' in Auge standen sie sich etwa eine halbe Minute lang gegenber,
jede Bewegung beobachtend und immer auf Angriff und Abwehr gefat. Im Zimmer war
es so still, da man eine Nadel htte fallen hren. Es war fast unbegreiflich,
wie so viele Zuschauer sich ohne Gerusch hereinbringen und Platz finden
konnten. Erst als die Wirtin hereinstrzte und nach der Ursache des Streites
fragte, wurde es wieder laut. Jeder wollte erzhlen und wurde sogleich von dem
Nebenansitzenden unterbrochen oder widerlegt. Der Wirtin war's aber auch viel
weniger um den Anfang als das Ende des ihr heute doppelt unangenehmen
Zwischenfalles zu tun. Ohne lange zuzuhren, begann sie beiden das Kapitel zu
lesen und sie mit derben Worten zum Frieden oder zum Heimgehen zu ermahnen.
    Meinetwegen, lachte Jos bitter, soll der Tropf ungestrt gehen, wenn er
nichts kann als zierlich tanzen. Ich bleibe hier und hab' ihm nichts
abzubitten.
    Wie ein wildes Tier strzte der Heuer auf Jos oder eigentlich auf den Platz,
wo der gewandte Bursche noch vor einem Augenblicke stand, der ihn jetzt von der
Seite anzupacken suchte. Es war wunderbar, wie das Jslein sich wehren konnte
und wie es rechts und links, hinten und vorn zugleich zu sein schien. Die
krftigsten Streiche des Heuers fuhren in die Luft und rissen ihn selbst beinahe
zu Boden, so da er, nach und nach um mehrere Schritte zurckweichend, in der
Verzweiflung endlich nach einer leeren Bierflasche langte, die er als Waffe
bentzen zu wollen schien.
    Jetzt ist's genug, riefen mehrere Mdchen, die schaudernd seine Absicht
errieten.
    Nein, lat ihn mir! schrie Jos.
    Wozu noch?
    Wir sind nicht fertig.
    Aber es ist genug, rief man von allen Seiten und begann dem Jos
einzureden, er habe sich tapfer gehalten, aber das schnste sei doch noch, wenn
er nun auch noch zur rechten Zeit wieder aufzuhren wisse.
    Ja, rief Zusel schneidend, ihr stolzen Burschen meiner Heimat, seid doch
so gut und schtzt den Fremden, der fr mich und meine Ehre einstehen wollte.
Schtzt den Schwachen, wenn ihr sonst gar nichts tut.
    Diese Worte hatten eine wunderbare Wirkung. Der Heuer mit seiner Flasche
stand wie vernichtet da; die anderen Burschen aber begannen mit dem Jos in einem
ganz anderen Tone zu reden, und der Zusel antworteten sie: Wir stehen schon
auch fr dich ein, mut du wissen, und zwar besser noch als der Beschtzer, den
du heute mitgebracht hast. Der Heuer soll darum nur ruhig sein, wir wollen das
kleine Brschchen schon wegbringen.
    Hab' noch keine Lust zu gehen, trotzte Jos.
    Es wird am Ende wohl zu helfen sein, riefen mehrere.
    Einem allein geh' ich nicht; wer etwas gegen mich hat, der soll kommen.
    Gehst auch mir nicht? rief Hans, so zornig ber den eigensinnigen Knecht,
wie ihn dieser noch niemals gesehen hatte.
    Hast du denn auch etwas gegen mich?
    Ja.
    Und Dorothee redet kein Wort fr mich? fragte Jos wehmtig.
    Alles blieb still.
    Oh, wie seid ihr elende Leute! rief Jos pltzlich. Alle kniet ihr vor dem
Goldenen Kalbe, mag es Zusel heien oder Hans.
    Die Burschen und Hans mit drangen auf den Aufgeregten ein. Dieser floh gegen
das offene Fenster und rief mehrere Male: Auch Hans kommt; alle, und er - er
bringt mich um alles! Jetzt ein Sprung, und der Verfolgte war, ohne da eine
Hand ihn auch nur zu berhren vermochte, aus dem Zimmer verschwunden.
    Hart neben dem niederstrzenden Strahle der durch ein Gewitter
angeschwollenen Dachtraufe lag er auf einer Steinplatte und wlzte sich langsam
aus dem Kreise der aufspritzenden kalten Tropfen hinaus. Im Zimmer begann man
vom Kriminalgericht und sogar vom Kpfen zu brummen. Wer nicht heimschlich,
setzte sich auf einen Stuhl und suchte so schnell als mglich von etwas anderem
zu reden. Nur Dorothee begehrte auf, wie man sie noch nie gehrt, und Hans sa
neben ihr, als ob ihn der Blitz getroffen htte. Es wurde ihm ordentlich wohl,
als die Magd ihn gegen Schick und Brauch verlie und vor das Haus hinabeilte,
nachdem sie hrte, da Jos nicht mehr einen Tritt zu gehen imstande sei.

                                Zehntes Kapitel



                                  Die Heimkehr

Erbrmliche Kreaturen ihr!
    Das war die erste Antwort, welche Jos denen gab, welche sogleich vor das
Haus geeilt waren und sich nach seinem Zustand erkundigen wollten. Ja, nun kamen
sie zu allen Lchern heraus und streckten die Hlse und die Ohren, um etwa zu
sehen, was wohl der so gedemtigte Trotzkopf fr ein Armensndergesicht machen
werde.
    Tausend Element, das sollten sie nicht!
    Aber vergebens strengte Jos sich zum Aufstehen an. Mhevoll hatte er sich
mit Hnden und Fen in die Laube des Hauses, den sogenannten Schopf, gebracht,
wo er nun doch wenigstens vor dem Regen geschtzt war. Hier sa er auf einem
kleinen Heubndel und schaute die aus allen Winkeln des groen Hauses kommenden
Leute trotzig an.
    Jesus, Maria und Josef, sein Kopf ist ja blutig! riefen mehrere der
Herbeigeeilten erschrocken aus. Hat dich denn einer geschlagen? Wer?
    Niemand als ich selbst, antwortete Jos und fuhr dann, wie von Widerwillen
und Ekel geschttelt, fort: Wenn mich einer so geschlagen htte, hu - einer der
Elenden, und ich mte jetzt auch so wehrlos daliegen und mich von jedem
angaffen und bemitleiden lassen - Gott, es wre, um den Verstand zu verlieren.
    Und wie ist dein Zustand jetzt?
    Jetzt, lachte der schmerzgequlte Jos bitter, jetzt hab' ich gar keinen
Zustand, nur noch einen Zusitz, das mu doch jedes Kind sehen.
    Nur mit grter Mhe und vielen Kreuz- und Querfragen brachten einige
Schulfreunde des Leidenden endlich heraus, da er zwar im Sprung aus dem offenen
Fenster glcklich auf die Beine gekommen, dann aber auf der abgewetterten
glatten Steinplatte auch noch auf den Kopf gefallen sei.
    Jos erzhlte das, mit vielen bitteren Bemerkungen ber die verschiedensten
Ausrufe des Mitleids sich unterbrechend. Diese Weichheit, dieses Beklagen des -
durch eigene Schuld nur - Geschehenen, was war es anderes als der jmmerliche
Tribut, mit dem sie ihrem Hochmut, ihrer frommen Eitelkeit die beste oder
eigentlich die schwchste Seite ihres Wesens wiedergewinnen wollten. Ha, Jos
htte rasend werden mgen, als er einen sagen hrte, man knne unmglich
begreifen, warum so ein Unglck Gottes heiliger Wille sei. Also auch an dem
sollte der liebe Gott die Schuld haben! Wie, wenn er nun der Gewalt nicht
gewichen wre, wenn er statt dessen einige seiner Gegner verletzt htte? Dann
wr' gewi nur der Sohn der Schnepfauerin und nicht der liebe Gott an der ganzen
Geschichte schuld gewesen. Aber diese Leute kamen eben niemals auf das Richtige.
Da standen sie und jammerten ber den blutenden Kopf, whrend ihm sein rechter
Fu wohl zehnmal weher tat. Anfangs freilich wr's ihm selbst auch nicht anders
gegangen. Erst als er sich zum Gegenstande eines ihm widerlichen Mitleids
gemacht sah, dem er so schnell als mglich entfliehen wollte, empfand er im Fue
einen furchtbaren Schmerz, der bei der ersten Bewegung den ganzen Krper
durchfuhr und ihn mit Gewalt auf den blutbedeckten Platz zurckwarf, von dem er
sich, da er jede Hilfe trotzig verschmhte, nur langsam wegzubringen vermochte.
Jetzt hatte er eine ganz eigene Freude daran, da die Umstehenden, das rgste
gar nicht ahnend, noch immer ber die gewi nicht bedeutende Verletzung am Kopfe
jammerten.
    Bitter lachend starrte er die Umstehenden an und wies einzelne, die ihm ihre
Dienste anboten, trotzig zurck. Als dann aber die guten Leute sich
kopfschttelnd zu entfernen begannen, wurde ihm auf einmal wunderbar angst.
Lat mich doch um Gottes willen nicht allein wie ein Tier! flehte er. Ihr
seht ja, da ich einen Fu gebrochen hab' und auch nicht einen Tritt mehr zu
gehen imstande bin.
    Diese Worte wirkten wie ein gewaltiger Schlag. Alle standen einen
Augenblick, als ob ihre Beine sie nicht mehr tragen wollten, und eilten dann
wieder zu dem Unglcklichen, um den sich bald noch ein dichterer Kreis gebildet
hatte als vorher. Und nun regte sich in dem Unglcklichen wieder der frhere
Trotz, der fr das bestgemeinte Wort im besten Falle nur ein bitteres Lcheln
zur Antwort hatte. Das wurde nicht anders, bis Jos die Stimme Dorotheens hrte,
welche sich mit Gewalt durch die migen Zuschauer zu ihm hinarbeitete. Wie
ist's doch gegangen? Was fehlt ihm? Kann er wirklich gar nicht mehr gehen? Ist
denn um Gottes willen noch kein Doktor da? So fragte das Mdchen so schnell
nacheinander, da kein Mensch zum Antworten kommen konnte.
    Jos strengte noch einmal alle seine Krfte zum Aufstehen an. Es war
vergebens; er mute sich ins Unabnderliche fgen, mute leiden, wie er noch
niemals litt, an Leib und Seele zugleich. Nichts ist so herb, nichts so beinahe
unertrglich, als wenn man auf einmal seine liebsten Plne und Hoffnungen als
tote Last auf dem Gewissen fhlt, wenn man sich sagen mu, da man sich selbst
aus seinem Glckshimmel strzte. Jos schien ein ganz anderer geworden, seit er
Dorotheens auch in der Aufregung noch so leicht erkennbare Stimme hrte. Bisher
hatte jede leise Bewegung nur die in seinem Innern kochende Wut verraten, so da
den Umstehenden immer doppelt weh und bange war; jetzt aber begann sein ganzer
Krper zu beben, wie vom Frost des Fiebers geschttelt, und die zitternden Hnde
suchten umsonst die aus den halbgeschlossenen Augen hervorquellenden Trnen zu
verbergen. Dorotheens fortgesetzte Fragen, noch viel dringlicher als die frher
von den anderen an ihn gerichteten, die er nur trotzig zurckwies, machten ihn
ganz weich, und nur vor Weinen war er nicht imstande, sie so schnell zu
beantworten, als sie an ihn gerichtet wurden. Jetzt erst dachte er auch an seine
gute Mutter. Sie hatte doch wahrlich nicht verdient, auch das noch an ihm zu
erleben. Ach, die lieben Bilder aus vergangenen Tagen, das schne Leben neben
Dorotheen auf dem Stighof, es war nicht etwa nur einfach dahin, verschwunden und
verloren, sondern war ihm zur drckenden Last, und alle Rosen, die ihm auf
seinem Lebenswege jemals blhten, hatten sich in schmerzlich stechende Dornen
verwandelt. Er hatte geglaubt, Dorotheen verachten, hassen zu knnen als die
Gefhllose, die berechnende Geliebte des reichen Bauern, nun aber lag er wehrlos
und unfhig zu Spott und Trotz. Nur noch weinen konnte er, und weinen mute er,
wenn ihm auch mit verhaltenen Augen die Anwesenheit der vielen Neugierigen
schmerzlich gegenwrtig blieb.
    Dorotheens Erscheinen und ihre Fragen brachten etwas Leben in die Menge, die
vorher wie erstarrt um den Leidenden herumstand. Vielleicht mochten die von der
Magd gestellten Fragen an manches Versumnis erinnern, und dazu kam noch, da
die Vernderung im Wesen des Unglcklichen keinem einzigen ganz entging und alle
etwas weicher stimmte. Jedermann wollte nun gleich etwas fr ihn tun. Whrend
viele, ohne noch Regenschirme mitzunehmen, forteilten, um den Doktor zugleich
daheim und in allen Wirtshusern zu suchen, brachten die Zurckgebliebenen
Salben und Wein, Binden und Tcher aus dem Hause oder trugen aus der
Nachbarschaft herbei, was in Hausarzneibchern belesene Mtterchen nur immer
wnschen und empfehlen mochten.
    Als Dorotheens weiche, jetzt leise zitternde Hand das Haupt des Verwundeten
berhrte - sie tat das so leise, da man glauben mute, er werde es gar nicht
merken -, da ffnete er die Augen wieder und schaute zu ihr empor, so freudig
stolz und doch auch wieder so demtig bittend, da das Mdchen erbebte vor dem
Blicke, in welchem des guten Burschen ganze Seele lag. Ja, sie, die bisher sich
so tapfer gehalten, wurde jetzt schwach und verga in der Verwirrung die
Umstehenden und was sie eigentlich wollte. Zitternd stand sie da und wurde bald
bla, bald rot, bis ihr endlich die Wirtin ungeduldig das Wasserglas abnahm und
den Kopf des Jos zu waschen begann.
    Erst als der Unglckliche auf die in der Eile zusammengeflickte Tragbahre
gelegt und heimgebracht werden sollte, kam Dorothee wieder vollkommen zu sich
selbst, und whrend sie sich umsah, ob nicht auch etwa einem anderen Mdchen
beim Anblicke des Blutenden beinahe bel geworden sei - wie ihr -, befahl sie
den Trgern die grte Sorgfalt, damit nicht am Ende das Unglck durch ihre
Schuld noch grer werde. Whrend sie nun mit der kleinen, stillen Gesellschaft
das Haus verlie, wurde droben getanzt und gejubelt, da die Fluh drben ber
der Ach die frohen Tne auch da noch wiedergab, als sie schon zu weit ins
Argenauer Drflein hineingekommen waren, um aus dem Wirtshause selbst noch etwas
hren zu knnen. Dorotheen kam das jetzt ganz verrckt, ja unmenschlich herzlos
und grausam vor, so da in ihr der Vorsatz erwachte, ihr Lebtag keine Tanzmusik
mehr zu besuchen. Kann man, mute sie sich fragen, so frhlich sein, nachdem
man so kalt und lieblos war? Sieht niemand die Lcke, die das Unglck in dem
frohen Kreise ri? Allerdings lrmte die Fluh herber, da man das knne, und
von dem, der sich da seufzend zum armen Mtterlein tragen lassen mute, sagte
sie nichts. Aber war's denn am Ende nicht mit jedem Vergngen so, wenn auch der
Leidende nicht so hart daneben und fr sie so hrbar chzte? Was mochte nicht
schon vielleicht beim nchsten Nachbar alles vorgefallen sein, whrend ihr die
Stunde in der besten Unterhaltung unerwnscht rasch verging!
    Es hatte aufgehrt zu regnen, aber noch war der Himmel benebelt, und auf die
Tannen herab hingen gewaltige Wolken, von denen der Kalendermacher, nach der fr
heute angegebenen Tageslnge zu urteilen, durchaus keine Ahnung gehabt haben
mute. Schon lange vor sieben Uhr war es fast pltzlich Nacht und so dunkel, da
die Freunde des unglcklichen Jos, sich mehr auf das Gehr als das Gesicht
verlassend, den Weg zwischen den rechts und links noch niederpltschernden
Dachtraufen suchen muten. Es war Dorotheen immer noch gewesen, als ob sie in
recht kurzweilige Gesellschaft komme, wenn sie zwischen den ihr so wohlbekannten
Husern dahinschritt. Heute aber konnte sie sich keinen frohen, glcklichen
Kreis um die wenigen Lichter herum denken, die sie auf ihrer Wanderung
erblickte. Da sa wohl das arme Mtterlein mit dem Rosenkranz in der Hand auf
der breiten Ofenbank und erwartete, von Zeit zu Zeit nach dem schwarzen
Zifferblatte der alten Schwarzwlderuhr blickend, ungeduldig den einzigen Sohn,
der noch im Wirtshaus sa und wohl den halben Sommerlohn verjubelte. Dort am
Fenster lehnte die arme Therese, die heute hart neben der Zusel auf dem
Brckeneingang den Geliebten erwartete, bis dieser mit einer Angeseheneren,
Reicheren, ohne sie noch zu beachten, an ihr vorberschritt. Hier saen hungrige
Kinder mit der traurigen Mutter bei den ersten Erdpfeln dieses Jahrganges, die
gestern so frhlich heimgebracht wurden. Man dachte, sie gemeinsam zu essen am
Kirchweih tag und Gott dafr zu danken. Nun aber fehlte der Vater, und trotz des
Hungers wollte es niemand recht schmecken. Dort polterte der biedere Vater und
weinte die Mutter ber die ungeratene Tochter, welche, wie man von Freunden,
Feinden und Nachbarn hren mute, ein bemittelter Taugenichts den ganzen Abend
auf dem Tanzplatze festhielt. Auch Angelika hatte ein mattes Licht im Zimmer.
Ihr Kind half ihr auf den Vater, den Andreas, warten, welcher schon frh etwas
angetrunken war und mit einer Kellnerin tanzte. Und immer noch tnte es von der
Fluh herber, die Hrner brllten, die Burschen lrmten immer wilder, und sicher
htte Dorothee sich beinahe zu frchten angefangen, wenn sie jetzt mit ihren
Gedanken allein gewesen wre. Vor ihr her trug man den Liebling, den einzigen
Sohn der armen Stickerin, die wohl jetzt noch ganz arglos daheim sa, ihre
Wochenrechnung machte und nebenbei dem lieben Herrgott dankte, da ihr Jos einen
so guten Platz bekam und denselben auch zu behaupten imstande war. Ganz laut,
gerade als ob sie das widerliche Echo von der Fluh sich aus dem Gehr bringen
wolle, rief sie schmerzlich aus: O du Welt, du bse, kalte, herzlose,
selbstschtige Welt! Du bist ein Wehhaus und ein Trnental, wie es im
Kirchengebete heit.
    Wie der vom Sturme vertragene Funken oft in viertelstundenweiter Entfernung
als mchtiges, weithin leuchtendes Feuer aufflammt, so spinnt sich dem
Aufgeregten, besonders im Dunkel der Nacht, wo Aug' und Ohr so bald an die
wenigen ueren Eindrcke gewhnt sind, ein einziger Gedanke auf seinem Wege bis
zum anscheinend entferntesten wunderbar und beinahe unbemerkt fort. Mit dem
einzigen Worte aus einem wohlbekannten Kirchengebete, dem Salve Regina, kam sie
vom Lrm des heutigen Tages hinweg in die Kirche, wo sie schon als frommes Kind
dem lieben Gotte und der heiligen Mutter so manches Leiden klagte. Auch jetzt
wieder versuchte sie zu beten. Aber es ging ihr wie immer - sie konnte viel
besser danken als bitten. Wenn sie recht glcklich war, dann fhlte sie sich dem
Allvater am nchsten und wurde demtig; hatte sie aber Klagen ber die Welt,
dann fehlte es ihr nicht an Worten, aber die rechte Andacht wollte nicht kommen,
und es war, als ob sie sich schme, mit so etwas vor den lieben Gott zu treten.
Auch heute ging es ihr so, und immer wieder fhlte sie sich in ihrer Andacht
gestrt, obwohl die Vorangehenden noch kaum ein Wort gewechselt hatten. Sie
waren alle noch zu erschrocken, als da ihnen selbst Dorotheens lauter Ausruf
ber die bse Welt besonders htte auffallen knnen. Whrend Jos dem Heuer und
den anderen gegenberstand, waren sie alle auf dem Tanzsaal gewesen. Erst der
auch dorthin dringende Bericht von dem Unglck ihres ehemaligen lustigen
Gefhrten hatte sie an seine Seite gerufen, und sie gingen um so lieber mit ihm
heim, da nun doch die Lust zum Tanzen ihnen allen gnzlich vergangen war.
    Wei die Mutter schon von der traurigen Geschichte? fragte einer der
Burschen, das bange Schweigen endlich unterbrechend.
    Diese Frage gab Dorotheen wieder Leben. Sie dachte an den Schrecken der
armen Stickerin, wenn nun Jos auf einmal so in ihre Stube gebracht wrde. Nein,
das durfte nicht geschehen! Vorher sollte das arme Weib so gut als mglich
darauf vorbereitet werden. Dorothee eilte voran und sann, wie sie es nun
anzugehen habe. Es waren peinliche Gedanken, mit denen sie sich jetzt
beschftigte, und doch war ihr wohler, als da sie noch mig klagte und betete
und einen Wink des Himmels erwarten zu wollen schien. Ja, seit es wieder etwas
zu tun gab, fhlte das Mdchen sich mutig, wie es noch selten nach einem Gebete
war, welches nur einem Notschrei glich. Vor dem Huschen der Schnepfauerin aber
wurde ihr wieder himmelangst. Zitternd trat sie in die drftig erleuchtete
Stube, wo die Schnepfauerin fast zu Tode erschrak, als sie den spten Besuch
endlich denn doch trotz seiner ungewhnlichen Blsse erkannte. Dorothee begann,
sich wunderbar beherrschend, mit einer Abhandlung ber den Willen Gottes, ohne
den kein Haar von unserem Haupte fallen knnte. Die Schnepfauerin schnitt diese
Einleitung kurz und gewaltsam ab. Du kmst heut' nicht zu mir, wenn du nicht
etwas Wichtiges und etwas Schlimmes sagen mtest. Nun, ich leide schon unter
diesem Gedanken so viel, da es nicht zu sagen ist. Drum schone mich nicht mehr
und sage mir offen, warum du da bist.
    Es ist wohl nicht so arg, als du denkst, antwortete Dorothee langsam. Der
Jos ist nur fr einige Wochen arbeitsunfhig geworden bei einem gefhrlichen
Sprung. Ich mchte der Stigerin nicht gern gleich von der Sache erzhlen, du
aber wirst schon so gut sein und ihn einige Tage pflegen und warten. Ich stehe
dafr, da dir - von Hansen oder sonst - jedenfalls alles reichlich ersetzt
wird, was du tust und anwendest.
    Ist gar nicht ntig, sagte die Mutter, die viel Schlimmeres erwartet zu
haben schien, beinahe frhlich. Wer sollte so Zeit und Lust haben, fr den
armen Jos zu sorgen, wie ich? Und noch bevor sie fragte, was denn ihrem Sohne
begegnet sei, trug sie einen Laubsack auf die breiteste Bank, stellte einige
Lehnsthle davor und machte in der Eile ein Bett, so gut es ihr nur mglich war.
Als man aber die Tritte der Nachkommenden hrte, lie die arme Mutter alles
liegen, wie es eben lag, erfate krampfhaft das auf dem Tische stehende Licht
und wankte zur Tre hinaus. Die langsam nachfolgende Dorothee sah, wie die
Mutter beim Anblick ihres Sohnes beinahe ohnmchtig auf den Tritt vor der
Haustr niedersank und ihr leichenblasses Gesicht in den zitternden Hnden
verbarg. Dann raffte sie sich mit einer furchtbaren Kraftanstrengung wieder auf
und sagte tonlos und hart: Er soll gewi auch noch halb erfrieren hier in der
kalten Nacht? Seid ihr alle denn von Holz, da ihr so gar nicht mit leidenden
Menschen umzugehen wit?
    Der Armen fiel es nicht ein, da die Trger nur auf sie warteten. Die guten
Burschen verziehen ihr aber gern diese Ungerechtigkeit. Schweigend folgten sie
ihr ins kleine Huschen, als sie das Licht wieder ergriff und rief: Stot doch
um Gottes willen nirgends an - oder, fgte sie in ganz anderem Tone bei,
macht, so gut ihr knnt. Ihr meint's ja redlich und habt ihn bis vors Haus
gebracht. Ach, es ist so traurig, aber ich hab' auch schon etwas fr frhlich
gehalten, und dann ist's nur zum Unglck gewesen.
    Auf die Freunde des Jos wrde die wohlgesetzteste Rede nicht einen halb so
tiefen Eindruck gemacht haben wie diese wenigen scheinbar gar nicht
zusammenhngenden Worte der armen Mutter. Feuchten Auges trugen sie ihren Freund
in die Stube und sahen mit Freuden die Mutter wieder etwas gehobener und fester,
als sie noch an manches erinnerte, was notwendig sogleich getan und hergerichtet
werden mute. Dann aber wollte sie auch wissen, was denn eigentlich dem armen
Jos begegnet sei.
    Jos, der noch kein Wort gesprochen hatte und auch keines zu sprechen
imstande war, zog die Bettdecke bers Gesicht, um unbemerkt weinen zu knnen.
Dorothee begann so schonend als mglich zu erzhlen, bis sie durch das Kommen
des Arztes unterbrochen wurde. Dieser fand den Beinbruch sehr bedenklich. Aber
obwohl er sogar vom Abnehmen des Fues einige Worte fallen lie, schien doch der
Mutter noch immer das traurigste, da das alles nur die Folge eines
Wirtshausstreites war. Sie machte dem Hitzkopf, den sie doch schon so oft und
oft warnte, die bittersten Vorwrfe. Als aber der Schmerzgequlte laut
aufseufzte, da eilte sie ans Bett, zog die Decke herunter, da sie sein Gesicht
sehen konnte, und kam dann nicht mehr dazu, ihre Strafpredigt wieder
aufzunehmen. Dafr gedachte sie nun der traurigen Zukunft. Die anderen suchten
sie zu beruhigen, aber ihre Trostworte weckten nur Widerspruch. Man erinnerte
sie daran, da sie mit solchen Klagen dem Kranken weh tue, und das half. In der
Sorge um den Liebling fand sie Kraft und Selbstbeherrschung, ja nach wenigen
Stunden sogar eine gewisse Heiterkeit der Seele wieder, so da Dorothee und die
anderen sie und den Kranken selbst viel beruhigter verlieen. Jos litt nicht nur
an seinen Verletzungen. Zu den qulendsten Vorwrfen wegen seiner bereilung kam
bald auch noch die Sorge fr seine und der Mutter Zukunft. Die Mutter fand immer
noch eine Art Trost und Aufrichtung in der sorglichsten Pflege des kranken
Lieblings; diesem aber war wie ein schmerzlich bitterer Vorwurf, was ihn sonst
als sprechender Beweis der Mutterliebe auch unter schlimmen Umstnden
berglcklich gemacht htte. Wie aufs tiefste beschmt, wie vernichtet lag er
da, sein verwnschter Trotz war gebrochen; nicht niedergeschlagen von den
Gegnern, die er im Traume sich wieder und wieder gegenberstehen sah, sondern
mehr geschmolzen von der Wrme der Mutterliebe, die ihn umgab und ganz neue,
frher nie gekannte Gefhle in ihm keimen und wachsen lie. Eine wunderbare
Weichheit bemchtigte sich seines ganzen Wesens, so da er ruhig zuhrte, als
spter seine Freunde ihm erzhlten, wie spottschlecht schlielich auch sein
Gegner, der Heuer, noch weggekommen sei.
    So arg als einen hatte Jos mit seinem trotzigen Benehmen Stighans erzrnt.
Eine Demtigung gnnte ihm dieser recht wohl und wre bereit gewesen, auch das
Seine dazu beizutragen. Als er dann aber hrte, wie schlecht dem Jos sein khner
Sprung geraten, da war ihm nicht mehr recht wohl, wenn er sich davon auch nichts
anmerken lie. Er htte eine schne Kuh drum gegeben, wenn er damit alles
ungeschehen zu machen imstande gewesen wre. Trotzdem brachten Dorotheens
Vorwrfe ihn nicht von seinem Platze, ja diese zwangen ihn, innerlich sich zu
seiner Selbstverteidigung immer wieder an das lstige Benehmen seines Knechtes
zu erinnern. Er wollte kein wetterwendisches Weib sein wie Dorothee, welche -
das hatte er genugsam bemerkt - sich noch vor wenigen Minuten selbst recht von
Herzen ber den Jos gergert hatte. So blieb er denn sitzen und sendete
Dorotheen einen zornigen Blick nach, als diese zu dem Unglcklichen eilte.
    Der Heuer hatte sich mit der Miene eines Mannes, welcher sich fr den Helden
des Tages hlt, neben die seit Dorotheens Entfernung ausgelassen lustige Zusel
gesetzt und begann nun, Hansen als Kirchweihwitwer auf die derbste Weise zu
necken. Die Lacher natrlich hatte er bald auf seiner Seite, obwohl seine Witze
zuweilen so ungehobelt waren, da Zusel sich seiner zu schmen begann. Endlich
war Hansens Geduld zu Ende, der Faden ri. Auf sprang er, schlug die Faust hart
neben der Stumpfnase des Heuers auf den Tisch, da die Glser klirrten, und
donnerte das geputzte Brschchen an: Derlei Brocken wirst du noch bekommen,
wenn du nicht schon genug hast. Willst du aber nichts mitnehmen, so mach' dich
nur im Fluge fort und la dich nicht mehr sehen, du Hndelstifter, solang' du
dein gestriegeltes Spitzkpflein und den breiten Hemdkragen in Ordnung erhalten
willst.
    Ich soll sterben -, stammelte der Heuer und sah sich ngstlich suchend im
Zimmer um.
    Aber die Zusel, welche nun durchaus nicht mehr lnger neben ihm gesehen sein
wollte und bereits mit der guten Gelegenheit zu rechnen begann, warf ihm einen
Blick zu, der ihn nicht mehr ausreden lie. Jetzt war sie entschieden fr den
Frieden. Der Heuer sah sich allein und nur kalte, hhnende Blicke auf sich
gerichtet. So kam er denn bald zu der schmerzlichen berzeugung, da Gehen das
klgste sei, und langsam, so leise und unmerklich, als es in der Eile nur immer
geschehen konnte, rckte er seinen Stuhl so weit vom Tisch aus der Reihe der
brigen Sthle weg, da er Platz genug zum raschen Aufspringen gewann. Er htte
aber gewi nicht so aus dem Zimmer rennen, nicht auf jeden Tritt drei Stufen der
Stiege unter die Fe nehmen mssen, denn sicher dachte kein Mensch daran, ihm
etwas in den Weg zu legen oder ihn gar zu verfolgen.
    Er eilte ins Haus des Krmers, packte seine Sachen zusammen und hinterlie
bei der Magd den Auftrag, ihm nach Abzug seiner Zeche den Heuerlohn so schnell
als mglich nachzusenden.
    Im Wirtshaus Zum Rle ging es nun wieder so lustig zu, als ob gar nichts
vorgefallen wre. Man gedachte auch des Geschehenen fast nur dadurch, da man
sich erfreut aussprach, nun doch der lstigen Hndelstifter glcklich
losgeworden zu sein.
    Stighans hatte sich unter allgemeinem Beifall auf des Heuers Stuhl gesetzt,
hart neben Zusel, die ihm des Knechtes wegen keine Vorwrfe mehr machte. Der
Krmer war berglcklich. Aber wie wohl ihm bei den jungen Leuten auch war, so
schickte er doch den Hans mit seiner Zusel gromtig von sich weg auf den
Tanzsaal, den diese erst spt in der Nacht verlieen.
    Hans begleitete die Zusel heim, trank noch den in der Eile gemachten Kaffee
und eilte dann - dem Morgen noch zu entrinnen - auf den stillen Stighof, wo die
schon wieder ttige Dorothee ihm einen guten Tag wnschte.

                                 Elftes Kapitel



                       Wie man schiebt und geschoben wird

Wieviel auch, seit man das Volk als Kunstobjekt zu behandeln begann, ber
Bauern und besonders ber Bauernmdchen geschrieben wurde, es ist doch immer
noch fraglich geblieben, ob die guten Kinder sich mit der Kirchweih mehr die
Woche vorher oder nachher in Gedanken beschftigen. Wahrscheinlich wird man,
wenn noch dreiig Jahre Dorfgeschichten geschrieben und alle deutsche
Erdenwinkel durchstbert sind, sich fr die Woche hernach entscheiden.
    Bei einzelnen kann das schon jetzt als ausgemacht gelten. Zusel hatte nicht
viel, wenigstens gar nichts Besonderes gehofft. Nur einmal ein wenig Lrm wollte
sie haben, und nun war aus dem Spae ganz unvermutet Ernst geworden. Jetzt war
der Ehrgeiz des Mdchens wach. Was sich so wie von selbst angezettelt hatte, das
mute nun fort und fertig gewoben werden, damit sie sich vor Hansjrg, wenn er
wiederkam, nicht mehr so gleichsam in ihrer Ble sehen zu lassen brauchte. Der
Bursche war ihr jetzt wieder viel im Sinn, woran vielleicht auch die von Jos
gemachten Anspielungen einige Schuld haben mochten. Sollte wirklich der Vater
ihn in des Kaisers Rock gebracht haben? Sie fragte, horchte, sah in den
Rechnungsbchern nach und ergab sich nicht mehr, bis es ihr klar geworden war,
da der Krmer wirklich nur Mathisles Abhngigkeit bentzt habe.
    Aber diese Entdeckung wirkte jetzt nicht mehr so, wie sie noch vor wenigen
Monaten gewirkt haben wrde. Wohl konnte sie den armen Burschen bedauern, aber
sein Briefhandel war dadurch nicht entschuldigt. Hansjrg war eben ein Mensch,
der so wenig fest auf seinem Platze stehen konnte als der Heuer. Ob aus der
nmlichen Ursache, war ihr jetzt ziemlich gleichgltig. Ihr Liebhaber mute ein
ganzer Mann sein; woher es ihm kam, blieb ihr immer das nmliche, wenn es nur da
war. Hansjrg und der Heuer, sie waren sich so ziemlich gleich, denn beide zogen
schon vor dem ersten Hindernisse jmmerlich ab. Das waren keine Mnner; einen
Mann aber wollte sie nun an ihrer Seite wissen, der sie schtzen und jeden
Angriff von ihr abwehren konnte.
    Als Jos sie mit seinem Spotte errten machte und der Heuer rat- und tatlos
neben ihr sitzen blieb, da hatte die Stolze es einmal ganz durch und durch
empfunden, wie wehrlos ein Mdchen neben dem aus Armut und - Gemeinheit
herausgewachsenen, vielleicht schuldbewuten Vater steht. Ja, er hatte recht,
dieser Vater, sein stolzes Gebude mute strzen, wenn sie ihm nicht das
schtzende und bindende Dach aufsetzte. Und sollte sie das nicht von Herzen
gern, um in alle Zukunft froh und sicher wohnen zu knnen?
    Wie sie doch einmal so an Hansjrg hatte kommen knnen? Man hatte geredet,
gelacht, nach und nach die gleichen Ansichten bekommen und sich aneinander
gewhnt, man wute selbst nicht wie. Es war eben gefhrlich neben so einem
berechnenden Burschen, gerade wie jetzt fr Hansen neben dessen Schwester.
Freilich verriet Dorothee durch ihr Weglaufen von Hansen eine Neigung fr den
ehemaligen Schneider, aber Zusel erfuhr ja an sich selbst, wie wenig derlei
launenhaften Spielereien zu trauen sei. Wohin konnte der leichtsinnige Hans
nicht von dem Mdchen noch gebracht werden, wenn erst Hansjrg wiederkam und den
Ratgeber machte! So einfltig, als sie sonst wohl geglaubt, war Hans jedenfalls
nicht, das hatte sie aus der mehrstndigen Unterhaltung mit ihm erfahren; aber
schwach war er, und besonders der Magd gegenber recht schwach, sonst wrde er
sie, die ihm so schmhlich davonlief, schon am Tage nach der Kirchweih aus dem
Dienste geschickt haben. Freilich suchte sie sich zu bereden, da das eben nur
seine Gleichgltigkeit verrate, aber es wollte nicht recht gehen, und Zusel, die
nun siegen mute um jeden Preis, nachdem sie einmal angefangen hatte, lie die
beiden bald auch durch andere in und auer dem Hause auf Schritt und Tritt
beobachten.
    Wer sucht, der findet. Das gilt auch von einem Menschenpaar, dem man einmal
ein Liebesverhltnis zumutet, und gilt besonders, wenn die Beobachter und
Beobachterinnen fr jede Mitteilung reichlich belohnt werden. Zusel bekam bald
jeden Abend Bericht und arbeitete sich so immer tiefer in die Sache hinein. Bald
vermochte sie Hansen, den sie jedesmal sah, wenn er mit Sense oder Rechen
vorberging, bei weitem nicht mehr so unbefangen etwas Witziges nachzurufen als
in den ersten Tagen nach der Kirchweih. Spter hatte sie nur noch ein scheues
Guten Morgen fr ihn, und wenn er sie dann erstaunt, fragend ansah, so gab ihr
das aufs neue zu denken, weil sie dadurch etwa eine der schon von jemand
gemachten Beobachtungen besttigt whnte.
    Nachdem das letzte Heu beim Krmer glcklich untergebracht war, verkehrte
das Mdchen fast nur noch mit Leuten, welche von Stighansen redeten. Dadurch
gewannen die unbedeutendsten Reden und Handlungen des guten Burschen in den
Augen der Zusel eine Wichtigkeit, da man davon leicht auf eine starke geheime
Neigung schlieen konnte. Es war auch ganz natrlich, da das von den zum
Aufpassen Bestellten bald genug geschah. Sie vermochten aber das viel eher
geheimzuhalten als das, was sie an Hansen und Dorotheen beobachteten oder dem
Beobachteten unterlegten. Auf einmal kamen ber Hansen und seine Magd die
sonderbarsten Gerede ins Dorf. Kein Mensch wute, woher, denn sie waren berall
auf einmal, und Zusel fand, freilich durch ihre Veranlassung und Schuld, nun
allgemein besttigt, was sie geahnt und gefrchtet hatte. Es war schrecklich,
da das Mdchen nicht nur den unschuldigen, unerfahrenen Burschen an die Ketten
der Snde zu schmieden und daran festzuhalten wute, sondern selbst die alte
Stigerin blind und taub zu machen verstand. Durch solche Mittel und auf solchen
Wegen sollte der stattliche Hof, auf dem redliche, sittenstrenge Vter in
Gottesfurcht walteten und alles zusammenhielten, nun einer herabgekommenen
Freundschaft zufallen? So ging es jetzt hin und her, da Zusel, der das immer
einen Stich gab, beinahe zur Verzweiflung gebracht wurde. Auch der Krmer hrte
solches Gerede gar nicht gern. Die altbackene, fromme Dorothee, meinte er,
wre selbst nie so gefhrlich als dieses Geschwtz, das Hans und vielleicht
sogar auch die alte Stigerin nur fr den Lrm der Neidestrommel halten. Wenn das
geschieht, dann freilich kann aus der kindischen Liebelei etwas Groes werden.
    Da sieht man's, klagte Zusel, auch du glaubst an diese Liebelei!
    Oh, die nur ist nicht gefhrlich, lachte der Krmer, und besonders dir
nicht. Und das errtende Kind mit wohlgeflligem Lcheln betrachtend, fuhr er
nach einer Pause schmeichelnd fort: Gefhrlich htte dir nur eine werden
knnen, und die bist du selbst mit deinem trotzigen, leidenschaftlichen Sinne.
Seit ich diese eine nicht mehr frchten mu, frchte ich gar nichts mehr. Wenn
du nur nichts verdirbst, dann mu es gehen, auf diese oder jene Art. Die alte,
geldgierige Stigerin ist auch noch da, und Hans wird mssen, wenn er nicht
will. Aber ich will nicht und mu nicht, wenn es so klingt, sagte Zusel
entschieden. Alles wr' mir wie Gift und Messer, was nur so gezwungen kme. Die
Zusel ist zu stolz, um sich einen Liebhaber hur so gleich einem Gefangenen
zufhren zu lassen. Selbst, freiwillig soll er kommen - oder gar nicht.
    Der Krmer, dem der Erfolg immer die Hauptsache und das einzige war, was er
im Auge hatte, fand seine Tochter geradezu unbegreiflich. In der letzten Zeit
hatte er sie fr recht verliebt gehalten, drum glaubte er, nun msse ihr jeder
Weg recht sein, auf dem der Geliebte ihr entgegengefhrt werden knne.
Wunderbare Leute, diese Weibsbilder! Schon an seiner Seligen hatte er zuweilen
etwas bemerkt, was ihm rein unverstndlich war.
    Der Mann sa und sann, bis es zu dunkeln begann. Auf einmal entstand drauen
an der Haustr ein Gerumpel, als ob nicht nur ein, sondern wenigstens ein
Dutzend Trklopfer in Bewegung gesetzt wrden. Zusel wollte sehen, was es gebe.
Sie verlie das Zimmer mit den Worten: Den Hans mag ich unter solchen Umstnden
gar nicht, und du brauchst in der Sache nichts mehr zu tun. Aber noch bevor der
Krmer sich von seinem Erstaunen ber diese Rede wieder erholt hatte, scho das
Mdchen zurck und hauchte fast atemlos: Jetzt, Vater, jetzt haben wir's. Der
Hansjrg ist da! Geh doch du, denn ich kann ihn in seinen Soldatenkleidern, kann
ihn jetzt durchaus gar nicht mehr sehen.
    Was mag er wollen? fragte sich der Krmer, whrend das Mdchen in seine
Kammer eilte. Langsam und jeden Tritt noch langsamer ging der Mann der Haustre
entgegen. Da der Spitzbub' schon heute kommen mu߫, murmelte er. Es steckt
doch noch ein Tropfen vom frheren Blute in ihm, ein bser, giftiger Tropfen,
und kein Mensch kann sagen, wie lange das Mdchen so fortluft, wenn er kommt.
Mit Hansen ist's wie aus. Sie hat keinen Sinn frs Vermgen, denn die Verwhnte
wei nicht, mit wie blutsaurer Arbeit man es erwerben mu. Wunderliches,
ehrgeiziges, demtiges, opferwilliges, selbstschtiges Volk - diese Weiber! Am
End' ist's gut, da Hansjrg mich trifft. Er soll nicht Lust kriegen, so bald
wiederzukommen.
    Und der Krmer sah wirklich recht grimmig aus, als er der Tre zuschritt,
seine Hand aber zitterte beim ffnen gewi rger, als wenn er je einem
Grenzjger ffnete, der nach den wohl versteckten geschmuggelten Waren zu suchen
kam. Er erwartete etwas ganz Besonderes und nahm alle seine Kraft zusammen.
Trotzdem prallte er zwei Schritte zurck, als er die hohe Gestalt des schnen
Kaiserjgers in der kleidsamen Uniform erblickte, die seinem ganzen Wesen etwas
Stolzes, Sicheres gab, vor dem dem Handelsmann himmelangst wurde. Der Krmer
hatte seine Sprache verloren; auch der Mann mit dem schnen, etwas gebrunten
Gesichte schwieg eine Weile und schien unterdessen jeden Augenblick noch grer
zu werden. Endlich wnschte seine klangvolle Stimme einen guten Abend.
    Was ist gefllig?
    Ich hab' mich nur sehen lassen wollen in des Kaisers Rock. Dieser Trotz im
Tone gab auch dem Krmer wieder Kraft. Dann, sagte er, httest du lieber am
hellen Tage kommen sollen.
    Kann schon auch noch geschehen. Ich werde berall sein, wie das bse
Gewissen.
    Httest du sonst nichts wollen? fragte der Krmer etwas scheu.
    Einen Pfeifenkopf kaufen.
    Das Geschft war bald abgetan, und der Kaiserjger verlie brummend das
Haus.
    Was da, rief der Krmer, die Schublade zuschlagend, da die porzellanenen
Pfeifenkpfe klirrten, so einen Taugenichts, der mit lauter Kupferkreuzern
zahlt, sollte unsereiner frchten? Dummheit!
    Ist er fort? fragte Zusel, die unbemerkt bis unter die Ladentre
geschlichen war.
    Natrlich, warum sollte er dableiben?
    Ich glaub', er sei ins Dorf hinein.
    Ist mir gleichgltig.
    Aber mir nicht. Wenn er nun auf den Stighof geht?
    So wird Hans keine groe Freude haben.
    Oh, ich auch nicht!
    Pah!
    Der Kuppler und Verfhrer hat uns noch gefehlt. Wenn ein anderes Haus ins
Geschrei km' wie der Stighof, dann tt's Predigten und Christenlehren geben,
da jedes Kind sie heimzutun wte. Ist's doch im Frhling denen von der Kanzel
aus nachgetragen worden, die vor dem bestimmten Alter sich in den Jungfernstuhl
machen. Hier aber will man nichts sehen und nichts sagen, wenn schon das ganze
Dorf davon voll ist.
    Der Krmer stand neben dem Ladentische und sann. Dann pltzlich sagte er:
Mdchen, das ist gar nicht so bel, und ging hinaus.
    Am anderen Tage ging er zur Messe und dann in den Pfarrhof. Langsam schritt
er durch den Garten, in dem er den greisen Pfarrer vergebens hinter schon
welkenden Blumenbscheln und Rosenhecken zu ersphen suchte. Vor der Tre band
er sich noch das Halstuch fest, ordnete den Hemdkragen, nahm die Zipfelkappe ab
und trat auf das einladende Herein herzhaft in die Stube.
    Der Pfarrer sa beim Frhstck und sah den seltenen Gast etwas strenge an.
Doch lnger als einige Augenblicke vermochte der gute Mann gegen keines seiner
Pfarrkinder unfreundlich zu sein. Es wird doch nichts fehlen, da Ihr selbst
einmal kommt? fragte er und fuhr dann lchelnd fort: Es ist mir lieb, da ich
mich Ihres Besuches auch wirklich freuen darf.
    Ich htte vielleicht zu einer etwas passenderen Zeit stren sollen,
stotterte der Krmer.
    Ich gehre meiner Gemeinde zu jeder Stunde, bei Tag und Nacht, antwortete
der Pfarrer.
    Der Krmer setzte sich auf den ihm gebotenen Stuhl und begann: Es ist
vielleicht nur eine Einbildung, was mich hertreibt; aber solche Einbildungen
knnen oft vom Schutzengel kommen oder von den armen Seelen. Mir einmal sind in
meinem Leben schon weit weniger lebhafte Vorstellungen verhngnisvoll geworden.
In den letzten Tagen und ganz besonders heut' ist's mir immer ganz merkwrdig
vorgestanden, ich sollte fr die Seelen meiner guten Schwiegereltern doch auch
etwas mehr tun, als was ffentlich und sozusagen nur anstandshalber fr sie
geschah. Zum Beten freilich hat unsereiner keine Zeit, drum tat ich gern fr die
Seligen ein Dutzend heilige Messen in aller Stille lesen lassen.
    So, sagte der Pfarrer trocken und schritt langsam gegen den Schreibtisch.
    Dem Krmer war ordentlich wohl, da der Pfarrer ihn endlich aus den Augen
lie. Der durchdringende Blick hatte ihm zuletzt beinahe die Sprache genommen.
Jetzt plauderte er wieder so behaglich wie einer, der eben einer Gefahr entrann
und nun jede Spur der gehabten Angst wegzulcheln sucht. Mit meinen guten
Schwiegereltern, erzhlte er, hab' ich denn doch nicht immer im schnsten
Frieden gelebt. Was konnten sie fr die ererbte Denkungsart? Oh, es war gewi
nicht bser Wille, wenn sie mich meine frhere Armut und die Fehler meiner
Schwester oft schmerzlich empfinden lieen. Ich ertrug das um so geduldiger,
weil ich selbst noch manchen Fehler abzuben hatte. Ich hab' viel gelitten,
aber der liebe Gott hat mich dafr gesegnet, mehr als ich hoffen konnte - viel
mehr, Herr Pfarrer! Als Vater kann ich immerhin zufrieden sein - wenigstens mit
dem Kinde, welches von mir erzogen wurde. Die Zusel hat freilich noch nicht
alles im Kopf wie ich. Natrlich, junge Muse bemerken nur den Speck, ltere
auch die Fallen, in welchen er liegt. Im ganzen mu ich das Mdchen loben und
sagen, fr dieses Alter knnt' ich sie kaum anders wnschen. Verstand und
Ernsthaftigkeit kommen erst mit den Jahren, das wei ich nur zu gut von mir
selbst und mu ihr im Grund verzeihen, da sie sich mit Mathisles Hansjrg etwas
zu tief einlie. Er war eben als Ladenschneider im Haus, und man wei wohl, da
es kein Gut tun kann, wenn Feuer und Stroh so nahe zusammenkommen. Mich hat's
schon lange gewundert, da das auf dem Stighof, wenigstens scheinbar, immer noch
so gut tun kann. Verbrannte Kinder frchten das Feuer, und ich mu gestehen, da
ich da nicht immer nur mig htte zusehen mgen. Die gute Alte aber scheint
nichts zu merken, und der Herr Pfarrer wird leider die Wichtigkeit der Sache
bisher auch noch zu wenig erkennen.
    Der Pfarrer, welcher mit immer noch greren Schritten die Stube durchmessen
hatte, blieb jetzt vor dem erschrockenen Krmer stehen und fuhr diesen an: Ich
hab' in Konstanz studiert!
    Der Krmer verstand den Sinn dieser Worte nur zu gut. Der alte Pfarrer hatte
seine Studien schon damals vollendet, als der Bregenzerwald noch zum Bistum
Konstanz gehrte. Er meinte sich ordentlich damit, kein Brixner zu sein, und
ermangelte nicht, den jngeren Geistlichen gegenber seinen Hirscher und
Wessenberg mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Wesens zu verteidigen. So
brachte er sich unter seinen eifrigen Berufsgenossen in den Ruf eines allzu
freisinnigen Mannes, und bald betrachteten ihn seine Amtsbrder nur noch so von
oben herab, wie einen verirrten Fhrer, dem die rechte Erleuchtung fehle. Ihn
aber schien das wenig zu kmmern. Lchelnd eilte er aus ihrer Gesellschaft zu
seinen Bchern heim. Mit den Jahren aber erlag er mehr und mehr seinen
Eigenheiten. Wenn andere Geistliche und besonders die ihm beigegebenen Kaplne
das Betschwestertum grozogen, so sah er darin nur einen Schachzug gegen sich
selbst, und der rger darber, da man ihn so zu unterhhlen trachte, lie ihn
bald zu streng und bald zu milde vorgehen. Besonders stolz war er auf den
unbestrittenen Ruf, da er ein Mann des Friedens und fr keinerlei Schwtzereien
zugnglich sei. Es lag auch etwas von diesem Stolz in den Worten, mit denen er
den Krmer und seit Jahren jeden heuchelnden und schmeichelnden Zutrger
abgefertigt hatte.
    Der Krmer sa auf seinem Stuhle wie ein verhagelter Frosch. Er sah sich
erraten, daher er denn von Stighansen und seiner Magd nichts weiter mehr sagen,
sondern sich vor allem wieder selbst so gut als noch mglich aus der Schlinge
ziehen wollte. Das ging wohl am besten, wenn er nochmals an den eigentlichen
frommen Zweck seines Kommens erinnerte. Schon ihm selbst gab der Gedanke daran
wieder eine gewisse Sicherheit, so da er, whrend er die Zipfelkappe aus der
Tasche zog, zwar leise, aber doch ziemlich fest zu sagen wagte: Nun, der Herr
Pfarrer mu ja seine Hirtenpflicht kennen. Messen aber fr Verstorbene werden
wohl auch in Konstanz gelesen?
    Ja, antwortete der Pfarrer mit erzwungener Ruhe, in Konstanz und berall;
ob man ein paar Gulden zahlt oder nicht, wird wenig ndern. Da kommt's beim
Stifter auf die Absicht an. Ist die gut, so ist alles gut; mir selbst aber
schmeichelt das gar nicht, und ich mag mich durch solche Stiftungsgelder auch in
keinem Kloster besonders empfehlen lassen. Wer ein Opfer bringen will, der komme
mit reinem Herzen, sonst mu ich ihn bedauern. Ich will damit niemand
beleidigen, aber gegen so wackere Leute wie die vom Stighof solltet Ihr niemand
aufreden wollen, verstanden? Ein altes Weib kann Hans doch als Magd nicht
anstellen.
    Aber -
    Gut - wei schon, da Dorothee Euch im Weg ist, Euer Goldfischlein
unterzubringen und reichen Fischfang zu halten. Der gute Hans knnte mich
wahrhaftig dauern. Er ist schon was Rechtes wert, und die Dorothee auch. - Nur
nicht gemuckst! Wo die ganze Gemeinde frs Reden und Lgen bezahlt wird, darf
der Pfarrer doch auch noch etwas sagen, wenn er es umsonst tut. Der Dorothee tt
ich ein rechtes Glck gnnen, aber dreinreden mcht' ich weder so noch so, denn
ich hab' in Konstanz studiert -
    Der Krmer war zum Pfarrhof hinaus, als ob ein Sturmwind ihn erfat htte,
und heim kam er, ohne etwas davon zu merken. Aber mde fhlte er sich,
unaussprechlich mde, so da er eine Weile sich erschnaufen mute, bevor er
seiner Tochter das Erlebte zu erzhlen imstande war. Der Bericht wurde etwas
ungenau, so da Zusel daraus die berzeugung schpfte, der Pfarrer msse von
Dorotheen schon gewonnen sein.
    Zum Pfarrer htte man eigentlich gar nicht gehen sollen, meinte sie.
    Wr's aber anders gegangen, so wrdest du alles jetzt dein Werk heien,
antwortete der Krmer rgerlich. Beim Kaplan werden deine Freundinnen sicher
das Ihrige tun. Mein Gang hat doch zuwege gebracht, da wir wissen, woran wir
mit dem alten Konstanzer sind.
    Das htte man sich denken knnen.
    Nicht so leicht, widersprach der Krmer. Nicht viele wrden Dorotheen vor
dir den Vorzug geben.
    Jetzt stellte sich Zusel in Gedanken zum erstenmal neben das stille,
fleiige, bescheidene Kind. Sie dachte sich an den Platz des Pfarrers und derer
vom Stighof und wechselte die Farbe. Heiraten wird sie Hans aber doch nie,
trstete der Krmer. Da wird die alte Stigerin entschieden auf deiner Seite
sein, und die ist denn doch noch mehr als der wunderliche Pfarrer. Mir ist
Hans am meisten, klagte Zusel. Der sollte wollen, und sonst sollte dann
meinetwegen alles dagegen sein. Ja, erst dann wr's hbsch und knnte man seine
Freud' haben an einer Liebschaft. So aber, wie du die Sache nimmst, ekelt's mich
ordentlich an, und ich hab's schon gesagt, da ich keinen mag, den man mir mit
Gewalt zufhren mu. Weit lieber ging ich noch heut' in ein Kloster.
    Oho!
    Ja ja, man hat mir schon gesagt, wie es dort eine mit meinen Mitteln so gut
haben knnte, und der Himmel wre gewi. Der Krmer kannte die Launenhaftigkeit
seines Kindes zu gut, um diese Worte besonders ernsthaft aufzunehmen. Vielleicht
war's auch nur ein Seitensprung, um ihn von der Hauptsache abzubringen. Das
sollte aber nicht so leicht gehen. Er fragte geradezu: Du willst also den Hans
nicht?
    Eben will ich ihn, und nur da er nicht auch will, noch lieber als ich,
knnte mich zum Weinen bringen.
    Dann sind wir ja eins.
    Bei weitem nicht. Mir ist sein Vermgen ganz gleichgltig.
    Du bist halt eben verliebt. In der Ehe wird das schon wieder anders
kommen.
    Verliebt bin ich nicht. Wenigstens war mir Hansjrg einmal viel lieber.
Wenn nur der nicht gerade jetzt gekommen wre, da noch eine Weile alles beim
alten bleiben drfte. Aber ich bin im Gerede. Es mu etwas geschehen, und ich
wei nicht, was. In meinem Kopf dreht sich alles um und um. Vater, du kluger
Mann, mach' mich ruhig. Du hast mir den Hansjrg genommen, nimm mir auch den
Hans! Dir mu das noch viel leichter werden. Gib ihnen Geld, tu, was du kannst,
da niemand mehr von mir und von ihm und von Dorotheen rede. Tu das, oder ich
werde krank und sterbe.
    Der Krmer verlie unmutig die Stube, Zusel blieb allein. Aber schon einige
Minuten spter schlich eine ihrer Freundinnen, die Kchin des Kaplans, so leise
zu ihr herein, da Zusel sie erst bei ihrer leisen Anrede erschrocken auffahrend
wahrnahm.
    Ich hab' dir nur noch geschwind etwas erzhlen wollen, flsterte die
Betschwester.
    Ich dir auch, sagte Zusel etwas unfreundlich.
    So erzhle nur, ich mu gleich wieder gehen, damit mich niemand hier
sieht.
    Man darf dich hier schon sehen.
    Aber so erzhle doch, drngte die Kchin.
    Wir haben die arme Dorothee denn doch zu sehr ins Geschrei gebracht. Es
knnte sie leicht den Dienst kosten, wenn einmal die alte Stigerin etwas davon
erfhrt.
    Das soll es auch, fuhr die Betschwester auf. Wenn du auch erkalten
solltest im frommen Eifer, die Mitglieder des Dritten Ordens, den der Kaplan
selbst errichtete in diesem Dorfe, haben sich der Sache krftig angenommen, und
dir winkt die Siegespalme schon auf Erden, wenn du nicht wankst. Dorothee ist
eine Snderin, und die Mutter unseres Ordens, bei der du sehr wohlan bist, hat
unter den Schwestern ein tgliches Gebet fr sie und um Ausrottung des
rgernisses angeordnet. Das wird wirken.
    Ist Dorothee denn auch im Orden?
    Keine Rede, aber wir haben die Pflicht, fr groe Snder und fr Bedrngte
zu beten.
    Dann betet nur auch fr mich!
    Warum nicht gar! Das wrde dich gleich in ein bses Gerede bringen.
    Wie denn in ein Gerede?
    Man hat so seine Gedanken ber die, fr welche man betet, und es gibt viel
zu viele, die diese Gedanken, die man natrlich nicht immer fr sich selbst
behlt, zu erhorchen wissen. Aber um so fruchtbarer ist unser Gebet. Ich will
dir zu deiner Aufrichtung nur ein einziges Beispiel erzhlen. Unser jetziger
Pfarrer war in der ganzen Gemeinde seiner Lauheit wegen beliebt, und es schien
unmglich, die Leute darauf zu bringen, da etwas nicht in Ordnung sei, da ja
Frieden und Eintracht herrschte. Lachte doch noch fast alles mit, als er die
ersten Schwestern unseres Ordens ihrer vielen Kommunionen wegen Tabernakelmuse
nannte. Nun, wer zuletzt lacht, der lacht am besten. Wir begannen, fr ihn um
Erleuchtung und einen christlichen Eifer zu beten, und schon steht er ziemlich
ohne Einflu, wie gefllig er sich auch gegen jedermann zeigt. Nur noch der
Doktor, die Zeitungsleser und einige Fremdler stehen auf seiner Seite. Der
verspottete Kaplan aber ist zu Ehren gekommen in der Gemeinde, bei den anderen
Geistlichen und auch beim Bischof, der dem guten Manne, von Haus aus blutarm und
niedrig, seinen Eifer noch auf dieser Welt belohnen kann. Soviel vermag unser
Orden selbst gegen den Pfarrer.
    Zusel hatte erstaunt zugehrt. Von dem vielen Gehrten war ihr nur noch
eines ganz klar, da der Pfarrer nicht den rechten Eifer habe. Sie sagte: Was
du erzhlst, kommt mir fast wie ein Wunder vor.
    Das ist es auch.
    Da ihr aber recht habt, wei ich wegen dem Pfarrer. Da der manches zu
leicht nimmt, haben wir selbst erfahren. Es ist wohl recht, wenn man dem auf die
Finger klopft.
    Und die Dorothee sollten wir schonen? Du willst Hansens arme Seele nicht
retten?
    La mich darber nachsinnen.
    Die Kchin stand auf, ffnete die Tr und fragte zurck: Wir haben fr dich
angefangen, sollten wir gegen dich enden? Wer so viel kann, mu recht haben.
Ich gehe in Gottes Namen mit und will das Meine tun, antwortete das Mdchen
langsam mit bebender Stimme.

                                Zwlftes Kapitel



                                Eine Vershnung

Whrend wegen Stighansen soviel geredet, vermutet, gehofft, gewnscht und
gefrchtet wurde, bewegte dieser sich arglos in Haus und Feld. Recht
aufpasserische Nachbarinnen freilich wollten behaupten, das Gerede ber ihn und
seine Magd mache ihm weit mehr Kopfarbeit, als er sich anmerken lasse. Sonst
hab' er immer mit Dorotheen gesungen, schon am frhen Morgen, und in der ganzen
Nachbarschaft habe man keinen Menschen frh zu wecken gebraucht. Jetzt aber
bleibe den ganzen Tag alles still, und man knne leicht auf den Glauben kommen,
da Hans kein gutes Gewissen habe. Etwas jedenfalls msse ihm ber das Leberlein
gekrochen sein, da man ihn auch nie mehr neben Dorotheen arbeiten sehe, neben
der er sonst in der letzten Zeit noch gewisser als ihr Schatten gewesen.
    Wer aber Hansens krftige, gedrungene Gestalt so sicher und gleichsam stich-
und kugelfest in den wenigstens achtpfndigen Holzschuhen unter der breiten
Stalltre sah, mit dem stolz aufgerichteten Krauskopf ob den beiden lateinischen
roten H, welche die Hosentrger mit den breiten Querbndern ber Brust und
Rcken auf dem blauen Werktagshemde bildeten, der verlie den beinahe trotzig
und doch auch wieder so gutmtig unter schwarzen Lockenrdern herausblickenden
Burschen mit der festen berzeugung, da dem noch nichts aufs Leben oder auch
nur bis an die Haut gekommen sei. Unter dem, was ihm jetzt Sorge machte und was
allenfalls fr Minuten seinen Humor verderben konnte, war das Gerede wegen
seinem Verhltnisse mit der Magd ganz hinten dran. Gehrt hatte er allerdings
davon und sich etwa eine Viertelstunde darber gergert, weil mglicherweise
doch auch die Mutter davon hren konnte, die in diesem Stcke sehr streng war.
Aber dann konnte er sie ja fragen, warum denn das Mdchen am Kirchweihtag so
ganz gegen alle Art von seiner Seite weg und dem hndelschtigen Knechte
nachgelaufen sei. Gewi, mit diesem konnte er die Mutter beruhigen, viel besser
beruhigen als sich selbst. Ihn wurmte dieser Streich noch immer recht gewaltig,
und das Gerede von einem heimlichen Liebesverhltnis mit Dorothee kam ihm fast
wie ein Hohn vor.
    Das war fr ihn eine Demtigung, welche sogar die schne Zusel nicht
wegzulcheln vermochte; ein Schlag fr sein Herz, der ihn schon genugsam dafr
gestraft htte, da er den Knecht so ganz sich selbst und seinem traurigen
Schicksal berlie. Und doch kam etwas noch viel rgeres. Jos, der kluge,
unentbehrliche Jos, der Ratgeber und Helfer in allen Fllen, war arbeitsunfhig
geworden und mute daheim liegen in der unruhigen, peinlichen Zeit der
Viehmrkte, wo es auf dem Stighof so viel zu tun und zu sinnen gab. Das blieb
jetzt Hansens schwerste Sorge, weil es die nchste war. Sie konnte diese breite,
hosentrgerumpanzerte Brust recht schwer drcken, wenn er ratlos vor einem
listigen Viehhndler stand, welcher die Bche aufwrts schwtzen zu knnen
schien. Jetzt erst fhlte er, was das verteufelte Brschchen war, und viel
leichter als sich selbst seine Unttigkeit verzieh er ihm, da es das Kpfchen
auch einmal ein wenig hatte aufrichten wollen. Jetzt stand Jos bei ihm zu hoch,
als da er noch htte Unrecht auf Unrecht hufen und einen der vielen Burschen
anstellen knnen, die ihm unter den vorteilhaftesten Bedingungen ihre Dienste
antrugen. Er wollte sich, bis Jos wieder ein wenig hergestellt war, mit
Taglhnern behelfen. Freilich lebten die sich weniger in alles hinein, was zum
Hause gehrte, als ein Knecht, lieen auch eher dies und jenes auer acht; aber
ob jetzt hundert Gulden mehr oder minder aufgingen, kam weit weniger in Betracht
als die Ehre des Stighofes, die es soweit als mglich zu retten galt. Unter Ehre
denkt man sich sehr verschiedenes. Fast jede Lebensstellung bildet dafr ein
eigenes Gefhl; doch berall wird schlielich die Frage entscheidend, ob es dem
Menschen um das Sein oder nur um den Schein zu tun ist. Im ersteren Falle findet
er die Befriedigung seines Ehrgefhls in der Ruhe des Gewissens, die ihn bei
allen ueren Strmen aufrechterhlt, im anderen kann ihm nur Khnheit oder der
Zufall und die Blindheit der Menge, die nur dem Scheine folgt, dazu verhelfen.
Hans dachte nie daran, da das Gerede wegen der Magd seiner oder der Ehre des
Hauses weh tun knne, weil er sich Dorotheen gegenber nichts vorzuwerfen hatte,
als was er nun selbst ben mute, nmlich die stolze Trgheit, mit welcher er
den trotzigen Knecht in seiner blen Laune ganz dem Schicksal berlie und
schlielich durch sein ungeschicktes Auftreten zum uersten trieb. Wenn er
hren mute, er habe dem Knechte nicht geholfen und sei sogar noch gegen
denselben im entscheidenden Augenblicke aufgetreten, weil er, wie Jos ja selbst
deutlich genug verraten, den lstigen Nebenbuhler nicht nur habe entfernen,
sondern auch demtigen wollen, so tat ihm das weit weniger weh, als wenn man
sagte, er habe den Knecht verlassen, wo er mit einem Worte den Frieden htte
herstellen knnen, und der Beweis wre nun geliefert, da er selbst neben dem
betrunkenen Jos noch der Dmmere sei.
    Das hatte Hans von einigen Freunden des ehemaligen Schneiders hren mssen,
und das schnitt furchtbar tief ein. Entschuldigt freilich war Jos damit noch
nicht. Das Brschchen tat damals viel zu stig und war zu sehr obenauf. Es tat
gar nicht wie gewhnlich und war kaum noch fr den klugen Jos zu erkennen. Wer
aber konnte das so gut wissen als Hans? Jeder hat einmal seine schwache Stunde,
und wer soll ihn dann ertragen und zurechtweisen so gut als mglich, wenn nicht
die, die ihn besser kennen? Dorothee hatte das auch gesagt, und er, zu redlich,
um seine Fehler hinter fremde zu verstecken, lie ihr ohne Widerrede vollkommen
recht; nur meinte er, da eine kleine Demtigung dem Jos denn doch nicht bel
getan htte. Er sagte das an dem Morgen nach der Kirchweih, als er die Magd in
der Kche traf, und hatte dabei schon etwas Schlaf in den Augen. Der aber
verging ihm, als das Mdchen sich hart vor ihn hinstellte und sagte: Weit du
nicht, da einem leicht Seifenschaum in die Augen kommt, wenn man ihn mit Gewalt
weiwaschen will? Warum soll gerade er, der Fleiige, Durchtriebene, Unermdete,
von dessen Kraft und Khnheit du und dein Hof das ganze Jahr zehren, an dem Tage
gedemtigt werden, an welchem ihr alle euch in euerer Herrlichkeit zeigt und mit
allem prahlt, was ihr habt?
    Hans eilte aus der Kche, als ob er frchte, die aufgeregte Magd knnte ihm
mit einem Topf voll siedenden Wassers nachstrmen. Das war aber auch alles, was
die beiden in der Woche nach der Kirchweih ber diese Geschichte miteinander
redeten. Sie redeten berhaupt nicht mehr, als die Verrichtung der tglichen
Arbeiten unumgnglich notwendig machte, und die Nachbarinnen hatten nicht ganz
unrecht, wenn sie behaupteten, da die beiden sich mit solchem Flei mieden, als
sie sich in den Wochen vor der Kirchweih gesucht htten. Das Unglck des armen
Jos, den Dorothee jeden Abend besuchte, und seine unsicher gewordene Zukunft mit
der seiner vielgeprften Mutter machten dem Mdchen um so mehr Kopfweh, da es
selber sich nichts vorzuwerfen hatte. Wenigstens in den ersten Tagen nicht. Nach
und nach aber war denn der armen Magd nicht mehr recht wohl neben dem immer
mrrischeren, immer schweigsameren Hans. Das Gefhl der Abhngigkeit begann ihre
Teilnahme fr Jos zu schwchen und sie immer schwerer, immer schmerzlicher zu
drcken. Auf dem Stighofe hielt man sie so, da sie kaum anders einmal an ihre
Stellung gegenber den Besitzern dachte, als wenn sie den auerordentlich groen
Jahreslohn empfing. Dann war sie gerhrt von so groer Gte, und mit tausend
guten Vorstzen ging sie gleich an ihre Arbeit, um wenigstens so vieler
Wohltaten sich nicht unwert zu zeigen. Dieses Abhngigkeitsgefhl konnte aber
bei so liebevoller Behandlung um so weniger lange dauern, da nur kindliches
Pflichtgefhl sie noch an die Heimat am Argenstein fesselte, seit die Mutter
einem jahrelangen Leiden erlag. Wohl trug sie dem alten, geldgierigen Vater und
der krnkelnden Schwester jeden verdienten Kreuzer zu, ja sie versagte sich noch
manches, um ihnen einen frohen Tag machen zu knnen, was, wie sie wute, mit
Geschenken immer gelang; aber sie lieben, so recht gern haben und alles vor
ihnen abschtteln, was drckte, das konnte sie nie. Es fehlte ihr Achtung und
Vertrauen, doch wagte sie sich das nie zu gestehen und errtete vor sich selbst
bei der Frage, was denn in der engen, heien Stube ihr so die Brust beklemme und
sie immer fast mit Gewalt hinaus und auf den Stighof zurcktreibe. Um sich
wenigstens dem Vater gegenber zu entschuldigen, hatte sie ihm einst gestanden,
da sie sich eigentlich nicht mehr am Argenstein, sondern auf dem Stighof in den
seit mehr als fnfzehn Jahren gewohnten Verhltnissen recht und ganz daheim
fhle. Eine kleine Strafpredigt oder wenigstens einige Klagen ber dieses
Gestndnis htte das Mdchen entschieden viel lieber gehabt, als sie das Lcheln
sah, mit welchem das Mathisle sein kurzes: Schon gut, ganz recht! begleitete.
Von jetzt an ward es ihr immer noch heier in des Vaters kleiner Stube, in
welche sie jedoch kaum noch jedes Halbjahr zu kommen pflegte.
    Was nun aber, wenn sie mit Hansen nicht mehr einig wurde, wenn er es ihr
immer nachtrug, was sie gesagt und getan, als er einmal nicht gerade ihr zum
Dienst gehandelt hatte? Am ersten Tage nach der Kirchweih antwortete sie sich
auf diese Frage ganz kurz, sie knne auch anderwrts ihr Brot verdienen. Bei
ruhigerer berlegung jedoch war sie mit dieser Antwort in keiner Weise mehr
zufrieden, obwohl sie keine andere finden konnte. Wenn sie an den Vater, an ihre
Pflicht gegen ihn und die Schwester dachte, mute sich sich sagen, auch Jos
htte an seine Mutter denken und sich anders benehmen sollen. Erst seit Hans so
mrrisch an ihr vorberscho, wute sie recht, wie gut er sonst immer war. Nur
einmal hatte er sich so gegeben, da sie ihn kaum noch kannte; aber wenn er am
Kirchweihtag den Knecht seine Unzufriedenheit empfinden lie, und mehr tat Hans
ja eigentlich nicht, so war das noch immer weit eher in der Ordnung, als wenn
sie dann Hansen, ihren grten Wohltter, darum ffentlich tadelte.
    Dem Mdchen ging's wie ein Stich ins Herz, wenn es dem mrrischen Burschen
begegnete, denn es hatte keine Ahnung, da oft nur seine Ratlosigkeit wegen
einem Kuhhandel ihm die Stimmung verdarb und da er berhaupt sich selbst noch
weit mehr vorzuwerfen habe als ihr, die ihn eigentlich nur mit sich selbst noch
unzufriedener gemacht hatte.
    Am Sonntage nach der Kirchweih ging Hans wie jeden Sonntag, wo die Hitze
whrend des Nachmittagsgottesdienstes ihn durstig machte, in die
Kronenwirtschaft, die des guten Bieres wegen besonders berhmt war. Kaum hatte
er sein Glas vor sich, als auch der Krmer, hier ein etwas seltener Gast, sich
neben ihn hermachte und von allem redete, was er von der Kirchweih mit
heimgebracht hatte. Der Mann wurde dabei so lang und breit, wie vielleicht kaum
den vertrautesten Freundinnen gegenber ein Mdchen, welches da zum erstenmal im
Leben auf dem Tanzplatz aufgefhrt wurde. Recht lustig, schlo er endlich laut
und beinahe feierlich, prchtig ist alles gewesen. Jede Stunde, jede Minute ein
neues Vergngen. Ich hab' noch keine solche Kirchweih erlebt, und doch wei
jedermann, da ich schon weit in der Nhe herumgekommen bin. Musik, gute Weine,
ordentliche Bedienung, nun, das sind so Sachen, die unsereiner immer und berall
findet, aber seltener trifft sich's, da ganz die rechten Leute sich
zusammenfinden. Da wurde denn doch einmal mit dem Gesindel gehrig aufgerumt.
Lcherlich noch zu allem Unfall ist dem Jos gegangen.
    Wenn etwas an der ganzen Geschichte noch lcherlich sein sollte, betonte
die Wirtin streng, so wr' das gewi nur der Umstand, da ein Mensch so ganz
zum Krmer wird, da er auch Menschen verhandeln und umtauschen will wie Tuch
und Mehl um einen Heustock.
    Hans hatte unwillkrlich die Augen geschlossen wie immer, wenn ein
unerwartetes Wort ihn wie ein Schlag traf, den er wehrlos hinnehmen mute. Er
sah nicht mehr, wie aller Blicke sich auf ihn richteten, aber er fhlte es
ebensogut, als er den Hieb der Wirtin auf den Heustock gefhlt hatte. Die schon
mitgebrachte ble Laune hatte ihn viel empfindlicher gemacht, als er sonst gegen
derlei Bemerkungen zu sein pflegte. Gewhnlich mochte Hans mit jedem Menschen
sich gern unterhalten, und ber einen guten Einfall konnte er herzlich lachen,
ohne zu fragen, von wem er sei. Mancher wohlhabende Wlder kmmert sich vor
allem um Stand und Vermgen seines Gesellschafters, damit er einen Mastab fr
die Lnge und Vertraulichkeit der Unterhaltung gewinne. Hans aber pflegte nur
seinem Gefhle zu folgen. Er konnte jeden sogleich verlassen, der ihm nicht
pate, sobald er irgendwo Besseres wute; nur heute, als der Krmer zu ihm her
katzenbuckelte, blieb er trotz dem in ihm sich regenden Widerwillen wie
angenagelt sitzen. Das vom Krmer gebrauchte Wort lcherlich machte ihn
schwach und empfindlich fr die Zurechtweisung der Wirtin, welche er ganz
bestimmt erwartet hatte. Nein, lcherlich war's nicht, was dem guten Jos
begegnete, als er, zu bescheiden, um gegen den Brotherrn aufzutreten, sich so
gut als noch mglich durch die Flucht aus der Sache wickeln wollte. Die Wirtin
hatte - wie gewhnlich - ganz recht, da sie den herzlosen Mann gehrig
abtrumpfte und auch da sie ihn, Hansen, einen Heustock nannte. Ja, er war
wirklich der trge, dumme Heustock gewesen, heute aber wollte er der um keinen
Preis mehr lnger sein. War auch der Wirtin nicht ganz zu entrinnen, so wollte
er denn doch ihre Predigt nicht mit dem Krmer anhren; besonders da nicht mehr,
als der, statt seine frhere Rede zu verbessern, ganz trocken sagte: Dir, du
strenge Predigerin, wrde die Geschichte schon auch lustiger vorgekommen sein,
wenn sie unter deinem Dach und bei deinem Weine sich zugetragen htte.
    Solche Krmerantwort auf einen so gegrndeten Vorwurf war Hansen in seiner
jetzigen Stimmung gerade, was er noch brauchte, um rasch aufzustehen und vom
vollen zweiten Glase wegzugehen.
    Wenn er auf der steinernen Stiege vor dem Hause nur ein bichen
stillgestanden, so htte er hren mssen, wie scharf die Wirtin dem Krmer
auseinandersetzte, da sie ihr Geschft eigentlich nur aus Liebhaberei betreibe.
Wr' ich nur wegen dem lieben Profitchen da, sagte sie, und wr' mir das, wie
dir, das Gewissen und alles, dann mt' ich ja jedem schmeicheln und streicheln,
wenn ich ihm auch viel lieber mit Feuer in den Pelz fahren tt'. Ich ehre aber
und achte mein Geschft, drum soll es auch mich ehren und nicht etwa meine beste
Tugend, meine Offenheit, von mir zum Opfer fordern. Wenn du nun noch nicht
merkst, wie unberechnet ich bin und wie gleichgltig gegen den Gewinn, den mir
gewisse Leute bringen, so sollst du das noch heut, noch diese Stunde von mir
erfahren.
    Der Krmer schien aber schon genug zu haben. Er sa so demtig und still bei
seinem Glase, da die Wirtin ihre Heftigkeit beinahe bereute und etwas unwillig
ber sich selbst die Stube verlie. Sie glaubte, dem Manne denn doch gar zu rauh
gekommen zu sein, weil es ihr nicht einfiel, da ihre Auseinandersetzung es weit
weniger sei als Hansens schnelles und ganz unerwartetes Fortgehen, was ihm jetzt
sichtlich Kopfarbeit machte.
    Hans wrde jetzt weit weniger bald schwach und mitleidig geworden sein als
die Wirtin. Ja zum Lachen htte ihn der Anblick des sonst so groen Mannes
bringen knnen, der stumm dasa, mit den mageren Fingern einen langsamen Marsch
trommelte und den Takt dazu chzte. Aber Hans sah und hrte jetzt in dieser
Gegend nichts mehr. Heim lief er, als ob ihm der Kopf brenne, und die schwere
Haustr schlug er hinter sich zu, wie wenn zu weltewigen Zeiten ihm kein Mensch
mehr nachkommen sollte. Die Stube fand er brtig hei, die Pfeife wollte nicht
ziehen, und der Kaffee war so schlecht, da er Dorotheen ernstlich darum tadeln
wollte. Doch da sagte ihm die Mutter, er sollte wissen, da die sogar am Werktag
in jeder freien Minute beim Jos drunten stecke, geschweige denn am Sonntag, wo
Krankenbesuch sogar vom Pfarrer als gutes Werk empfohlen sei.
    Ja, ja, das war richtig! Hans empfand etwas wie Eifersucht. Aber das ihn
qulende Gefhl war doch ganz ein anderes, als da er die Angelika zuerst mit dem
leichtsinnigen Andreas vertraulich tun sah. Damals fuhr ein rechter rger ber
die bse Welt in ihn, jetzt aber war's ihm, als ob der Boden unter seinen Fen
weiche. Er vermochte sich nicht mehr auf der Hhe zu behaupten, die die Mutter
ihm damals mit Erfolg als seinen Platz anwies. Wie vernichtet stand er da und
sann eine Weile. Dann verlie er das Haus, und als ob es an eine Feuersbrunst
ginge, eilte er der Wohnung der armen Stickerin und ihres kranken Sohnes zu.
    Auf der hinteren Bank, hart neben dem wohlgepflegten, lieblich duftenden
Rosmarinstock, war dem Jos das Bett gemacht worden, so sauber und nett, da es
mit dem Rosmarin zu seinen Fen und dem Glase voll hochstengeliger Feld- und
Gartenblumen beinahe einem Altar der Mutterliebe glich. Dem Eintretenden war's
wirklich nicht anders, als ob er in die Kirche komme zum Beichten. Jetzt erst
begann er sich vorzustellen, was alles diese guten Leute leiden mten. Er
verstand auf einmal, was es bedeute, da die Mutter auch das Kreuz aus dem
Tischwinkel genommen und ob dem Leidenden zwischen zwei Heiligenbildern
aufgehngt hatte. Die Arme wollte ihn mit allem umgeben, was je sie getrstet
oder auf andere Gedanken gebracht hatte. Konnte das etwas ntzen, wie schn es
auch war? Oh, gewi nicht viel! Hans wenigstens gestand sich, da ihm schon die
wohlgepflegten Pflanzen zuwider sein wrden, wenn sie ihn immer ans Freie
erinnerten, whrend er keinen Augenblick aus dem Schatten knnte. So da liegen
und in den schnen Sommertagen sich nicht regen und nicht bewegen drfen, leiden
wie ein angebundenes Tier, dabei auf Gnad' und Ungnade sich dem Doktor mit
seinen scharfen Messern und Binden und dem Schicksal berlassen wie die Katze im
Sack, schon das - und es wollte Hansen noch immer mehr einfallen - war so ganz
gegen seine Natur, qulte ihn schon als Vorstellung so, da er augenblicklich
kein Wort der Anrede finden konnte. Er hatte eine so peinliche Empfindung wie
frher in der Schule, wenn unvermutet ein Knabe mit eisernem Nagel ber eine
Schiefertafel fuhr.
    Guten Abend, brachte er endlich mit Mhe hervor und war nicht wenig
erstaunt, da Jos so freundlich, ja gerade heiter zu antworten und seinen Gru
zu erwidern vermochte. Etwas erklrlicher allerdings wre ihm das geworden, wenn
er sich gleich anfangs weit genug in das Stbchen hineingewagt htte, um auch
Dorotheen erblicken zu knnen, die schweigend im hinteren Ofenwinkel gerade dem
Jos gegenbersa. Doch wenn er auch die gesehen, wenn er sich in der Aufregung
noch an die Worte seiner Mutter erinnert htte, alles, was in diesen Menschen
vorging, wre ihm doch noch nicht begreiflich geworden. Wo so ein verwhnter
Hans nichts mehr vermutet und nichts mehr sucht, da finden arme Leutlein das
Beste, denn gerade da offenbart sich recht der Schatz der heiligen, reinen,
selbstlosen Mutterliebe, welcher in dem Grade wchst, wie das launische Glck
seine Gaben zurckzieht. In der Htte der Armut, wo sie so viel Platz hat, da
waltet sie allein und beinahe allmchtig, so da es schwer zu beschreiben und
doch jedem leicht begreiflich zu machen ist, der dabei selbst an eine liebe
Mutter denkt.
    Als Jos damals das Durcheinander von der Kirchweih in Gedanken etwas erlesen
hatte und mit sich so gut als eben mglich eins geworden war, begann ihn die
Vorstellung zu qulen, da er nie mehr der Mann zu einem gehrigen Tagwerk
werde, um sich und die Mutter wenigstens vor der uersten Not zu schtzen.
Jedes freundliche Wort der Guten ward ihm ein Vorwurf, jede uerung ihrer
Teilnahme, ihres Mitleids traf den von eigenen Vorwrfen nicht Freien viel
schmerzlicher als der bitterste Tadel. Aber wie so viele Liebe und Sorgfalt ihn
auch beschmten, er vermochte doch nicht lange zu widerstehen. Es war, als ob er
das Herbste, Drckendste allmhlich wegbrchte in stillvergossenen Trnen, die
er jetzt hufiger fast als in seinen Kinderjahren weinen mute. Es tat ihm
wunderbar wohl, sich mitten in seiner Armut so reich und bei seinen groen
Fehlern so innig geliebt zu wissen. Er ward demtig von Herzen, und drum trug er
leichter die Last, die er nun einmal zu tragen hatte.
    Wenn die Mutter neben ihm bei der Stickerei sa und so vertraulich mit ihm
plauderte, war es ihm oft, als ob die schnste Lebenszeit, die der Knabenjahre,
wieder gekommen und alles seitdem Erlebte nur ein Traum sei. Wirklich war er
auch wieder weich und fromm und fgsam wie damals, wurde auch wie ein Kind
behandelt, und nur der Gedanke an die Zukunft schlich wie ein dsterer Schatten
durch seine schnen Trume. Es war auch die Zukunft der Mutter!
    Er war zu bedauern, und die Stickerin neben ihm auch, wenn ihm solche
Gedanken kamen, und sie kamen immer hufiger. Die Mutter fand kein Wort, sie zu
bannen, Dorotheen aber war das schon durch ihr Erscheinen, wenn auch ohne Wissen
und Willen, gelungen. Htte er auch auf ihre Fragen nach seinem Befinden eine
betrbende Antwort geben knnen? Es war ihm doch recht wohl jetzt, und es gab
Augenblicke, wo er sich sagte, Dorotheens Teilnahme sei schon wert, da man sie
durch ein Leiden errege. Es ging auch sonst gleich alles besser, als er im
ersten Schrecken gefrchtet hatte. Seit der Doktor das Bein wieder einrichtete
und verband, fhlte er oft so lange gar keinen Schmerz, bis er sich verga und
zu unruhig wurde. Aber Dorothee redete ihm darum so eindringlich zu, da er dann
selbst im Traume noch daran denken zu knnen glaubte. Nur als Hans kam, hatte er
unwillkrlich aufspringen wollen. Aller Groll gegen ihn war vergessen, und
heiter fragte er den reichen Arbeitgeber, der den Trnagel noch immer nicht aus
der Hand gelassen hatte: Du wirst endlich sehen wollen, wie lang der Knecht
braucht, bis die Kirchweih gehrig ausgeschlafen ist?
    Ja, es ist eine schlimme Geschichte, antwortete Hans, der in des Knechtes
heiteren Ton nicht berzugehen vermochte, etwas unbeholfen. Ihm kam die
freundliche Frage ganz unerwartet und beinahe auch unerwnscht. Htte Jos den
Mrrischen gemacht und ihn am Ende tchtig ausgescholten, so wrde er ihm schon
auch gesagt haben, wieviel an dem Unglck auf Josens eigene Rechnung komme. So
aber konnte Hans nichts tun als dastehen wie ein armer Snder und sich schmen.
Einen Augenblick bedauerte er wirklich, da er nicht lieber beim Krmer in der
Krone geblieben war. Dann aber schritt er ans Bett heran, erfate die Hand des
Knechtes und rief: Sind doch wir beide wieder einmal Narren gewesen! Dorothee
hat -
    Hans hatte erst in diesem Augenblick die Genannte im Ofenwinkel erblickt und
hielt nun verlegen inne.
    Was hast du denn von der gleich erzhlen wollen? fragte das Mdchen.
    Nun, murrte Hans, du solltest mich gut genug kennen und mich fr keinen
Verleumder halten. Da httest du gar keine Sorge haben, ja nicht einmal kommen
mssen.
    Ich bin ja schon vor dir dagewesen, trotzte das Mdchen. Dich, fuhr es
dann halb im Scherz und halb im Ernste fort, dich haben wir beim Krmer
vermutet, und da der keinem Menschen zu nahe tritt, ist bekannt genug. Also
nichts fr bel!
    Durch diese Worte ward Hans wieder an die heutige Rede des Krmers erinnert,
die ihm diesen jetzt noch mehr zuwider machte. Nein, sagte er, mit dem la
mich gehen, wenn du das von Dorotheen noch hren willst.
    Nun, ich bin ja still und hre.
    Dorothee hat - aber nein, das sag' ich nicht mehr.
    Der Krmer, ahmte das Mdchen Hansens Redeweise nach.
    Nur still und la mich: Dorothee-
    Der beiden Blicke waren sich freundlich begegnet. Sie muten laut lachen,
und Jos und die Schnepfauerin lachten mit. Dorothee, begann Hans nun herzhaft,
hat ganz recht gehabt, als sie mir am letzten Sonntag tchtig den Marsch
machte.
    So, spottete das Mdchen, und dieses Bekenntnis htte man fast mit Winde
und Hebstange heraufholen mssen? Nun ist's da, und du kannst machen damit,
was du willst. Das Mdchen war hocherfreut, nun Hansen doch wieder freundlich
zu sehen. Sogar Jos, der zuweilen schon selbst nicht ungern ein wenig zwischen
die beiden geworfen htte, fhlte sich erleichtert, als er eine schwere Sorge
des Mdchens, auch aus seinem ungeschickten Benehmen erwachsen, wieder schwinden
sah. Er nahm an den nun folgenden Gesprchen so lebhaften Anteil, da ein nur
Hrender ihn fr den Gesundesten unter allen gehalten htte. Es war ihm auch
wirklich noch selten an einem Sonntage so herzlich wohl gewesen.
    Nur als Hans und Dorothee die Stube verlassen hatten und er sie von seinem
Lager aus hart nebeneinander dem stolzen Stighofe zuschreiten sah, zog etwas wie
eine Wolke ber sein ausdrucksvolles Gesicht, und der Fu begann recht weh zu
tun, gerade als ob das in den letzten Stunden Versumte und Verplauderte
sogleich wieder eingebracht werden msse.

                              Dreizehntes Kapitel



                        Eine Unterredung im Herrenstble

Die Unterhaltung mit Jos war so lebhaft, da Hans dabei ganz verga, er habe
einen Kranken besuchen wollen. Dachte er doch nicht einmal mehr daran, den
Knecht zu fragen, ob er auch so bald als nur menschenmglich wieder auf den
Stighof zu kommen entschlossen sei. Das kam wohl zum Teil davon, weil das
Benehmen des Burschen eine solche Frage wirklich fast unntig erscheinen lie,
hauptschlich jedoch unterblieb sie darum, weil Hans jetzt um den Jos besorgter
war als um sich selbst. Daheim war ihm das rgste an der Geschichte gewesen, da
er dem geschickten Knechte unrecht tat und ihn nun missen sollte; nun aber
begann er sich dessen angebundenes, sorgenvolles Leben zwischen den engen vier
Wnden vorzustellen, und dagegen war nur eine Kleinigkeit, was seit der
Abwesenheit des unersetzlichen vertrauten Nothelfers ihn gedrckt und beunruhigt
hatte. Erst jetzt rgerte er sich recht ber den Krmer, welcher die Stirn
hatte, das lcherlich zu nennen. Im Heimgehen machte er seinem Herzen etwas
Luft. Die Magd war erstaunt, ihn gleich einer eifrigen Betschwester, die mit der
ganzen bsen Welt im Kriege lebt, am Krmer und seinem falschen Ktzchen
herumtadeln zu hren. Dorothee mochte die Zusel auch nicht besonders wohl
leiden, aber endlich ging ihr denn Hans doch gar zu weit, und beinahe bittend
empfahl sie ihm Ma und Billigkeit in Lob und Tadel. Besonders betonte sie, da
man einem Menschen seiner Eltern und Verwandten wegen nichts geben und nichts
nehmen drfe, was er nicht selbst von ihnen habe.
    Das aber war von Hansen gar zuviel gefordert gegenber einem Mdchen,
welches er sich vergebens mit Gewalt aus dem Kopfe bringen wollte. Zusel hatte
denn doch zu viel von ihrer lteren Schwester, als da sie ihm ganz gleichgltig
htte bleiben knnen. Wie mit Gewalt zog es ihn immer wieder zu ihr, aber dabei
hatte er stets das Gefhl, da das Mdchen ihn um den Frieden mit sich selbst
bringen, ihn unglcklich, ja sogar schlecht machen werde. Er empfand das am
lebhaftesten, als er aus dem Hause des Jos kam, gegen den auch nur die Zusel
aufgehetzt hatte. Darum stellte er alles in bunter Reihe vor sich auf, was er
ber das Mdchen wute oder gehrt hatte, in dem guten Glauben, sich schlielich
dahinter gegen sie verschanzt und sicher zu machen. Hans sagte sich sogar, da
Zusel mit der stolzen Gestalt ihrer Schwester gleichsam sein bser, die etwas
strenge, dabei aber doch so demtige Dorothee dagegen sein guter Engel sei.
Unter dem Worte Engel aber dachte er, wie wohl jeder Bregenzerwlder, an ein
ungemein ernsthaftes, strenges Wesen, und neben dem Mdchen war ihm auch
wirklich beinahe zumute wie einem Feiertagsschler neben dem Pfarrer. Er nahm
daher Dorotheens Zuspruch hin, ohne viel darauf zu erwidern. Daheim wurden ihm
die Stunden bis zum Abendessen so lang, da er Gott von Herzen dafr dankte, da
es nun wieder sechs Tage zum Arbeiten gab, ehe man abermals einen langweiligen
Sonntag erleben mute. Er arbeitete wieder so oft als mglich neben Dorotheen,
obwohl jene Scheu gegen das Mdchen immer noch nicht ganz berwunden war. Am
Abende jedes Tages schickte er sie selbst, sich nach dem Befinden des Knechtes
zu erkundigen. Es wollte ihm fast zu lang immer beim alten bleiben, und als es
wieder Sonntag wurde, suchte er im Herrenstble beim Rlewirt den Doktor auf,
um sich ernstlich nach dem Stande der Dinge zu erkundigen und, wenn's mglich
war und er sich's ordentlich vorzubringen getraute, dem Arzte etwas mehr Flei
zu empfehlen. Doch mit solchen Herren wute er nicht gut umzugehen. Was er sagen
wollte, konnte er allerdings ganz gut vorbringen, aber die gestellten Fragen
brachten ihn dann gleich in Verlegenheit, weil er sich darauf eben gar nicht
vorbereiten konnte.
    Sonst wurde Hansen nicht so leicht bang. Er machte, so gut er konnte, und
dann ging's. Geschlittet oder mit dem Wagen galt ihm gleichviel, wenn er nur ans
Ziel kam, und das gelang noch immer. Wenn's schwer hielt, trank er vorher zwei
Schoppen Tiroler, und dann war er der Mann. Wie? Sollte das nicht auch vor einer
Unterredung mit hochgestellten Herren gut sein und die Zunge beweglich machen
wie sonst? Den Versuch war's jedenfalls wert, und wenn's nun gelang, dann sollte
noch einer kommen und sagen, da er niemals einen klugen Einfall habe! Er dachte
schon daran, knftig sogar der Mutter diese Behauptung nicht mehr unbestritten
zu lassen. Siegesicher trat er erst in die Gaststube und machte sich mit einem
Eifer an den ersten Schoppen, da bald auch der zweite geholt werden mute.
    Mit einer Beredsamkeit, die den funkelnden Inhalt der Glser lobte, erzhlte
er der Wirtin im Vertrauen, was er vorhabe, und war nicht wenig erstaunt, fr
seinen Einfall kein besseres Lob davonzutragen. Die gute Frau wollte ihn
durchaus nicht mehr ins Herrenstble lassen, doch war es unmglich, den immer
Aufgeregteren zurckzuhalten. Mit der Zipfelkappe in der Hand trat er ein,
setzte sich, und ohne die brigen Anwesenden zu beachten, redete er den Doktor
an: Ich htte nur sagen wollen, da ich alles zahle, was der Jos noch kosten
mag. Anfangs dachte ich, mir davon nichts anmerken zu lassen, weil er wohl
schneller hergestellt werde, wenn kein besonders gutes Trinkgeld fr viele
Stnd' und Gng' zu erwarten sei.
    Ich hab' eben schon auf Hansen gerechnet, lachte der Doktor frhlich,
lieb aber ist's mir doch, das nun selber zu hren. Auch ich werde redlich das
Meine tun und dafr sorgen, da er in einem Vierteljahr wieder beinahe der alte
ist.
    Hans hatte den Wein ziemlich empfunden, jetzt aber wurde er wieder ganz
nchtern. So ernsthaft hatte er die Sache bisher nicht genommen. Es war ihm, als
ob der Pfarrer predige, als der menschenfreundliche Arzt fortfuhr: Helfen
sollte hier, wer kann, denn es wr' jammerschade, wenn ein so talentvoller
Mensch der Gesellschaft verloren wre und noch gar an der Ungunst der
Verhltnisse zugrunde gehen sollte.
    Das tut er hier gewi nicht, meinte der Pfarrer, und der ebenfalls
anwesende Vorsteher schttelte beistimmend den Kopf, da seine lange seidene
Zipfelkappe auf den Tisch fiel. Ist der Spitzbub' doch selbst als Knecht
durchgekommen, obwohl ihm das sicher kein Mensch zugetraut htte.
    Das hob Hansen wieder auf die rechte Hhe. Herzhaft wagte er dem Vorsteher
in die Rede zu fallen: Allerdings hab' ich es ihm angesehen, sonst wrde er auf
dem Stighof gar nicht angestellt worden sein. Ich wei noch nicht, wie ich es
machen soll, wenn man ihn so lange mangeln mu.
    Es wre gut, wenn er gar nichts tun mchte, meinte der Doktor. Wo aber
die Hand ruhig bleiben mu, da arbeitet so ein unruhiger Kopf doppelt und kommt
auf allerlei Gedanken. Ich besorgte, er knnte der Gesellschaft verloren gehen.
Dafr hab' ich natrlich meinen Grund. Wir sehen sie am Schnapstische, alle, die
die Ungerechtigkeit unserer Zustnde, die man Schicksale nennt, empfinden. Sie
trennen sich vom Bestehenden und finden doch nichts Greres, wo sie sich
freudig anschlieen. Da ist der Hansjrg am Freitag wieder heimgekommen. Er war
ein ordentlicher Bursche, aber das Unrecht, welches ihm vom Krmer geschah, hat
ihn trotzig und in seiner Weise stolz gemacht. Mir ist's nicht lieb, da er
immer beim Jos steckt, der - mit Verlaub, Hans - fr seine treuen Dienste auch
nicht besser belohnt wurde. Man sage mir nichts von dem Eigensinn, dem Trotz des
Burschen. Das eben ist zuweilen der Ausdruck der Kraft, mit der er sich durchs
Leben hilft und welcher auch der Stighof schon manches verdankt. Jetzt ist er
aus der ordentlichen Bahn geworfen, und die Unzufriedenen beginnen sich um ihn
zu versammeln, besonders arme Teufel, die dem Krmer wegen Verschuldung um einen
Sndenlohn arbeiten mssen, und alte Fremdler, die aus Frankreich noch einige
Brocken von 1789 mitgebracht haben.
    Dann kann am Ende noch hier die schnste Revolution erleben, wer alt genug
dazu wird, bemerkte der Pfarrer.
    Den Doktor machte das Lcheln, welches diese Worte begleitete, etwas warm.
Er zwang sich zur Ruhe, indem er entgegnete: Die Geistlichen verbieten nicht
nur den Ehebruch, schon der Ku ist ihnen vom bel. Sie mgen ihre Grnde dafr
haben wie ich die meinen, wenn ich es bedauere, da man sich gegenseitig immer
zwingt, eher das Trennende als das Gemeinsame aufzusuchen und herauszukehren.
Davon der Kampf des selbstgewaltigen Reichen gegen den Trotz des Armen, der, von
jenem ein bses Beispiel nehmend, ihn weiter und weiter treibt. Elende Zustnde,
wenn ein Mensch mit etwas Selbstgefhl sich nicht einmal als Bauernknecht
behaupten kann. Aber auch natrlich, denn zum Tragen hat Gott Tiere geschaffen.
Wer etwas mehr kann, sollte fort. O schade, da so einer hier nie zum Studieren
kommt!
    Sie betrachten den Jos ja schon als einen verlorenen Mann.
    Ich rede nicht von ihm allein, sondern von jedem, der zu krftig ist zum
Kriechen und zu gebunden, um frei zu gehen; ich rede von einem groen Teil
derjenigen, die jetzt ihr Elend am Schnapstische vertrinken.
    Das ist aber immer so gewesen, meinte der Vorsteher.
    Nein, das war anders, als ein Tag noch mehr wert war als ein Taglohn und
ein Mensch mit allen Gaben des Ebenbildes Gottes mehr als ein geerbtes oder
zusammengeschachertes Vermgen.
    Sie halten also den Taler doch nicht fr den Gott der Welt? fragte der
Pfarrer.
    Er ist berall gerade das, wozu man ihn macht. Da belebt er den Verkehr und
bringt Segen, dort und hier ist er der grte Tyrann. Frher hie der Mensch
seines Glckes Schmied, jetzt ist das Steuerbchlein das Wanderbuch, welches uns
den Lebensweg, oft sogar die Mutter unserer Kinder vorschreibt.
    Das aber, fiel der Pfarrer ein, ist in der Welt drauen gewi wenigstens
nicht besser.
    Drum htte Jos studieren sollen. Wer fhig ist, die Kluft zwischen Arm und
Reich zu bersehen, dem bietet nur die Bildung einen Notsteg mit schtzendem
Gelnder.
    Man denkt gern an die Jahre des Lernens, sagte der greise Pfarrer
lchelnd. Man bekommt noch spt beim Gedanken an die damalige Tatenlust neuen
Mut. Ich hab' noch in Konstanz studiert und knnte lang erzhlen, welche Klfte
zu berbrcken ich da einem Gebildeten zugetraut htte. Aber wir wollten davon
reden, was denn auch jetzt beim Studieren herauskme auer Lateinischem und
Griechischem. So ein armer Tropf wie der Jos mte Geistlicher werden wohl oder
bel, denn beinahe alle Stipendien sind nur unter dieser Bedingung zu gewinnen,
und ein Weltlicher kann berhaupt nur schwer Untersttzung finden. Das Volk ist
nun einmal schon so.
    Wissen Sie, warum?
    Ich hab' in Konstanz studiert und brauche wenigstens mir selber da nichts
vorzuwerfen. Gut! Unser Mann kommt also nach Brixen.
    Warum gerade nach Brixen?
    Er mu die echteste Lehre haben, um so bald als mglich einen ordentlichen
Platz zu bekommen, wo er sich wenigstens ohne Schulden durchbringt. Der Arme
wird immer auf Untersttzung sehen mssen, und es ist dafr gesorgt, da er sie
nicht berall findet. Der, dem sein Wissen eine Art Selbstndigkeit gibt, mag
sich mit dieser behelfen, so gut er kann, oder aus der Not eine Tugend machen,
wenn man kleinlichen Beamtenehrgeiz und Veruerlichung Tugend nennen will wie
unser Kaplan, der sich am Schlusse jedes Jahres ffentlich auf der Kanzel damit
grotut, unter seinen Amtsbrdern im Verhltnis zur Zahl der anbefohlenen
Schflein am meisten Hostien verbraucht zu haben. Fragt man, ob nun mit den
vielen Beichten auch Besserung, mit den unzhligen Liebesmahlen auch Liebe ins
Dorf gekommen sei, so sagt euch der immer zur Rede, aber nie zur ordentlichen
Antwort bereite Mann, es sei ihm auch gelungen, den Shnen sterbender Vter noch
ein paar fromme Stiftungen vor der Nase wegzuschnappen.
    Sie sehen schwarz, ich habe doch auch studiert.
    Aber nicht so arm und abhngig nach rechts und links, wie so ein armer
Tropf es tun mte. Drum glaub' ich trotz allem Schnen, was man mit Recht von
der Bildung sagt und von den Brcken, die sie bauen soll, fr einen wie den Jos
ist's besser, wenn er hier fr Kopf und Hand Beschftigung findet Jetzt rckten
auch Hans und der Vorsteher etwas nher zum Tisch, wie Spieler, die nach langem
Harren und vergeblichem Hoffen wieder einmal eine gute Karte zum Mittun
bekommen. Hans hatte sich eine Weile mit der Vorstellung zu vershnen bemht,
da Jos noch ein Vierteljahr, dreizehn lange Wochen liegen, er unterdessen ohne
den Knecht sich behelfen oder einen anderen anstellen solle. Machte ihm schon
die Frage, welches klger sei, nicht wenig Kopfarbeit, so war es doch viel mehr
noch Mitleid mit dem nicht ohne seine Schuld Unglcklichen, was den redlichen
Burschen so schnell ernchtern lie. Erst zuletzt hrte er wieder, wovon geredet
wurde, gerade als der Pfarrer aussprach, was fr den Burschen das beste wre,
und schnell wollte er sagen, die Sorge fr den Jos sei seine Sache und brauche
kein Mensch ihn zu bedauern. Aber der Vorsteher, bemht, das Gesprch nicht mehr
aus bekannten Gleisen in Hhen entgleiten zu lassen, die fr ihn geradezu
unerreichbar waren, kam dem stets etwas langsamen Hans mit einem Antrage zuvor:
Jos, rief er frhlich, wr' am Ende ganz der Mann, der mir schon lange fehlt.
Guter Kopf, ein wenig stolz, fertige Hand zum Schreiben und die Geduld eines
Schneiders! Ist's nicht, als ob er von Gott schon lang zu meinem Schreiber
bestimmt wre? Meine Buben berlassen ihm das Amt von Herzen gern. Eintrglich
ist's genug, und nebenbei kann er auch noch mit der Nadel arbeiten. Was sagt ihr
zu meinem Plan?
    Er ist gar nicht bel, sagte der Pfarrer, und die Zeit, wo er doch als
Knecht nicht arbeiten kann, ist gerade recht, ihn zu versuchen.
    Da hab' ich denn doch auch noch ein Wrtlein mitzureden, meinte Hans.
    Aber, versetzte der Pfarrer bittend, wenn er allenfalls den Jahreslohn
schon empfangen hat, so wirst du das doch nicht wie ein Bleigewicht auf ihn
werfen, da es ihn in Knechtschaft niederdrcke fr immer?
    Davon ist keine Rede.
    Und die Arbeit auf dem Stighof knnen Hunderte so gut verrichten als er.
    Das, fiel Hans etwas spitz ein, wei denn unsereiner doch wohl selber am
besten.
    Allerdings - aber jedenfalls ist er zu ersetzen, drum soll ihm niemand im
Wege sein, wenn er einen wichtigen Schritt machen kann. Er ist in der Gemeinde
von vielen schief angesehen. Eine eintrgliche Stelle, man knnte fast sagen,
die erste nach dem Vorsteher, wird ihm Vertrauen und Achtung gewinnen.
    Das nun htte Hans dem Pfarrer allenfalls auch unterschrieben, wenn er etwas
lieber mit Feder und Papier zu tun gehabt htte. Ihm aber hatte die edle
Schreibkunst immer fr halbes Hexenwerk gegolten, und obwohl er sonst dem
Knechte wirklich mehr zutraute als sich selbst, ward ihm doch schwarz und wei
vor den Augen, als dem Brschchen, welches er noch vor kurzem mit drei Worten in
Stall und Feld schicken konnte, ein so wichtiges Amt zugestanden wurde. Erst
jetzt schien ihm Jos ganz unentbehrlich, und klagend fragte er: Was soll denn
aber ich machen?
    Dorotheens Bruder, trstete der Doktor, ist viel strker als Jos, ich
wrde gleich den anstellen, damit er auch wieder einen sicheren Weg vor ihm
htte.
    So, den? fragte Hans beinahe verchtlich.
    Ja, den, sagte der Doktor ruhig. Zur Arbeit ist er sicher so gut als der
ehemalige Schneider. Dorotheen gegenber ist er auch viel weniger gefhrlich als
Jos, welcher nach den uerungen am unglcklichen Kirchweihtag ein Aug' auf das
flinke Mdchen geworfen hat.
    Das wirkte auf Hansen wie ein Schlag. Er hatte sich daran gewhnt, das
Mdchen von ihm abhngig zu denken, obwohl er es Dorotheen niemals empfinden
lie. Das bse Gerede, worin Zusel ihn wegen der Magd gebracht hatte, machte ihm
weit weniger Kopfweh als diese Rede. Ja jenes schmeichelte ihm noch, da er den
darin liegenden Stachel in seiner Gutmtigkeit kaum bemerkte; die leicht
hingeworfene Bemerkung des Doktors aber wirkte um so strker, da ihm Jos nun
alles ein anderer Mann war, als whrend er ihn noch zum grten Teil vom Stighof
abhngig dachte. Nun erst war ihm von der Kirchweih alles, gar alles klar. Es
litt ihn nicht mehr im Herrenstble, welches jede Minute noch heier zu werden
schien. Er mute ins Freie, mute sich ein wenig erspazieren wie immer, wenn er
etwas nur mit Nachdenken nicht zu verwinden imstande war.
    Er mochte ziemlich weit in der Nhe herumgehen, denn er kam erst vor dem
Nachtessen heim, eine Weile nach Dorotheen, die den Jos besucht hatte, und
beinahe in besserer Stimmung als sie. Das war brigens diesmal bald geschehen.
Nach der Kirchweih hatte Dorothee manches in sich verarbeiten mssen, aber sie
war doch imstande, sich so zu beherrschen, da die Stigerin nicht im
entferntesten auf den Gedanken kam, auch sie konnte bei der Geschichte mit Jos
auf die oder jene Weise beteiligt sein; heute aber fiel ihr das seltsame
Benehmen des Mdchens denn doch auf, und zwar umso mehr, da sie keinen Grund
dafr von Dorotheen erfragen konnte. Das allerdings betonte Dorothee etwas
stark, da sie den Bruder erst am dritten Tage, und noch dazu in einem fremden
Hause, das heie bei der Stickerin und ihrem Jos, angetroffen habe.
    Die Stigerin, die schon lange an einem groen Erdpfel herumschlte, ohne
dabei das Mdchen aus den Augen zu lassen, fand diese an Dorotheen gar nie
bemerkte Empfindlichkeit um so unerklrlicher, weil es mit dem Bruder wenigstens
nie mehr als mit den anderen Eigenen zu tun gehabt hatte. Die Frau sprach das
offen aus, worauf denn Dorothee zu verstehen gab, da das noch nicht alles sei,
da sie aber lieber gleich schlafen gehen als noch von allem reden mchte.
Sicher htte Dorothee auch weit etwas rgeres noch viel lieber getan. Fr wie
kindisch wre sie wohl gehalten worden, wenn jemand erfahren htte, da ihr Jos
so weh getan mit der Mitteilung seines Entschlusses, das Dienen eine gute Sache
sein zu lassen und wenigstens nie mehr auf den Stighof zu gehen. Ihr erster
Gedanke war, an dem sei nur einzig der Hansjrg schuld. Man hrte es aus allen
seinen Reden, da er den Stighans durchaus nicht leiden konnte. Er sagte offen,
der Hans habe mit dem Krmer unter einer Decke gespielt, und ihm wre selbst das
Fortgehen nicht so schwer geworden als der Gedanke, da er nun dem einen Dienst
tun und fr ihn durch Feuer und Wasser gehen msse. So redete ihr Bruder heute
vor allen Burschen, welche den Jos besuchten; was erst mochte er ihm heimlich
schon aus- und einzureden versucht haben? Er war ja den ganzen Abend mit Jos im
Gesprch ber einen Plan, den er eine kleine Verschwrung gegen den Krmer
nannte. Die anwesenden Handwerker, bisher von dem Blutsauger abhngig, sollten
sich zusammentun und einen Handel mit ihrer Arbeit anfangen. Hansjrg versprach,
durch Schleichhandel das, was das Land nicht selbst hervorbringe, so billig als
einer zu besorgen. Dann wurde auch berechnet, da man schon soviel bares Geld
zusammenbringe, als ein kleiner Anfang brauche. Hansjrg schien vor Begierde zu
brennen, dem Krmer diesen Possen zu spielen, und Dorothee htte daraus die
Abneigung des Jos gegen den von ihr erwhnten Knechtsdienst erklrt, wenn er
seine Antwort ihr nicht gleichsam wie eine Beleidigung mit der Gewalt und
Beredsamkeit eines recht Zornigen entgegengeworfen htte. Was wollte die Rede
sagen, er mge nicht lnger auf dem Stighof das fnfte Rad am Wagen sein? Es war
gerade, als ob sie glauben sollte, er komme wegen ihr nicht mehr, und doch tat
das gewi niemand weher als ihr. Sie drei hatten so froh zusammen gelebt, und
nun sollte das aus sein und sie zittern mssen fr die trotzigen Waghlse, sooft
Gott den Tag schickte.
    Da aber Dorothee von dem jetzt nicht reden mochte, war um so erklrlicher,
weil sie sich nebenbei wieder mit dem Gedanken zu beruhigen suchte, da das auch
einer jener vielen an langen Sonntagen unter lebhaften Burschen entstandenen
Plne sein knne, die schon am anderen Morgen bei ruhiger berlegung nur noch
belchelt werden.
    Das Nachtmahl ward schweigend genommen, und schon kam Dorothee ghnend und
sich recht schlfrig stellend aus der Kche zurck, als Hans scheu und leise,
wie wenn er einen Fehler einzugestehen htte, der Stigerin erzhlte, wenigstens
ein Vierteljahr werde Jos noch daheim bleiben mssen.
    Ohne Brot und sich selbst berlassen! jammerte Dorothee, die sich jetzt
nicht mehr zu beherrschen vermochte. Wohin, fuhr sie strenge fort, wohin kann
die Not und das Mitrauen ihn in der langen Zeit noch treiben?
    Hans hatte dem Mdchen durchaus nicht erzhlen wollen, fr welchen
Prachtkerl der Jos bei rechten Mnnern gelte. Es war ihm schon peinlich, neben
der lieben Dorothee nur daran zu denken. Dem letzten Ausrufe gegenber jedoch
zwang es ihn mit Gewalt zum Reden. Jedes Wort traf ihn wie ein Stich, und
gleichsam aufschreiend versetzte er: Dem Jos ist's ja sein Glck. Man hat mir's
deutlich gesagt, er sei zu gut zum Knecht. Gemeindeschreiber soll er werden, der
erste Mann nach dem Vorsteher, und wei Gott was noch. Der Pfarrer und die
Herren selber haben's gesagt.
    Dorothea sah den Burschen erstaunt an. Sie schien Ton und Gehalt seiner Rede
nicht wohl vereinbaren zu knnen. Hans war sich im Leben noch nie so klein
vorgekommen wie jetzt, als er auf einmal etwas in ihrem Gesichte leuchten sah,
als ob ihr ganzes Wesen juble: Das hab' ich mir gedacht! Da mute gleich auch
er etwas tun, um dem Jos die Freude des Mdchens nicht ganz allein zu lassen.
Als Knecht ist Jos verloren, sagte er trocken. Ich hab' schon an einen
anderen gedacht und will gern hren, was du dazu sagst.
    Wer ist es?
    Hansjrg.
    Gott Lob und Dank! rief das Mdchen, und das Weinen wr' ihm fast gekommen
vor Freude. Nun war doch alles, alles recht. Hansjrg kam auf einen guten Weg
und war dem Jos nicht mehr gefhrlich. Dorothee wute selbst nicht, welches sie
besser freue. Beides aber machte sie so glcklich, da sie dem Hans htte um den
Hals fallen mgen. Jetzt mute noch alles heraus, was sie gedrckt und geqult
hatte. Sie weinte Trnen der Freude, whrend sie erzhlte, wie viel sie um der
beiden Burschen willen schon litt, besonders nachdem sie dieselben beisammen
gesehen habe. Das sei fr alle ein groes Glck, da die wieder getrennt wrden,
und noch auf eine Weise, da man's gar nicht besser htte wnschen knnen. So
gut htten es nur die Reichen! Die knnten berall helfen, wenn sie nur wollten;
doch es gebe nicht viele, auf die man sich verlassen knne und von denen etwas
zu hoffen sei. Hans freute sich wieder an Dorotheens Freude. Er sah sich dem Jos
gegenber im Vorteil und begann den guten Burschen fast zu bemitleiden. In
dieser Stimmung erzhlte er alles, was er heute von ihm gehrt hatte. So
plauderten die zwei, die sich noch vor kurzem stumm und mitrauisch
gegenbersaen, so froh und offen, da es endlich der alten Stigerin zu
gemtlich wurde. Man knnte vor Glck noch gar betrunken werden, sagte sie; der
Anfang scheine schon gemacht, und da man morgen keine Zeit htte, den Rausch
auszuschlafen, so sei wohl das klgste, wenn man sich jetzt eine gute Nacht
wnsche.
    Dorothee tat das ebenso schnell, als sie seit Jahren jeden Befehl der
Stigerin auszufhren gewohnt war. Sie ging um so lieber, weil die Rede der
strengen Frau sie denn doch ein wenig unangenehm berhrt und abgekhlt hatte.
Jetzt unterschied sie schrfer als je zwischen Mutter und Sohn. Die erstere war
streng, blieb beim alten, und ihre Gte war vielleicht nur Ausdruck ihres
stolzen und dabei behaglichen Wesens. Wie anders bei Hansen! Der war ihr noch
selten so gro erschienen wie jetzt. Selbst neben den Jos durfte sie ihn
herzhaft stellen, ohne da er viel verlor. Sie dachte berhaupt mit ganz anderen
Empfindungen an den ehemaligen Knecht, seit er ihr nur noch durch sein
unerklrliches Benehmen Sorge machte. Erst im Traum sah sie ihn wieder deutlich
vor sich, aber nicht mehr als armen Schneider, sondern als Besitzer des
Stighofs. Er war von einer ganzen Menge von Leuten umringt, die alle Rat und
Hilfe bei ihm suchten. Er gab nicht nur Geld, sondern auch was aus mehr als
einer augenblicklichen Not helfen konnte. Sein Wort wirkte auf alle. Streitende
gingen vershnt, Traurige getrstet von ihm, und so beredt wie er war kein
Mensch, als wer eben von ihm redete. Nur sie durfte ihm nicht sagen, was ihr
fehle. Sie wute es aber auch eigentlich selbst nicht, und doch war ihr so weh,
da sie weinte. Als Jos dadurch auf sie aufmerksam wurde, erschrak sie so, da
sie erwachte.
    Hansen tat es spter doch weh, da das Mdchen sich mehr ber die schnen
Aussichten des Jos zu freuen schien als um ihres Bruders willen. Unwillig schlug
er die Tre seines Zimmers zu und verbrachte eine schlaflose Nacht.

                              Vierzehntes Kapitel



                               Zusel und Angelika

Dorothee kam durch Zusels fromme Freundinnen immer rger ins Geschrei. Sogar der
Zusel war zuweilen bang vor dem, was durch sie angerichtet wurde, wenn sie schon
fest glaubte, da Dorothee wenigstens alles tun wrde, wodurch sie den
unbeholfenen Burschen mglicherweise fangen knnte. Bestand aber ein sndhaftes
Verhltnis noch nicht, so durfte doch auch das Entstehen desselben verhindert
werden. Das war Zusels Trost, neben der Hoffnung, da sie sich bald in Ehren aus
der Sache ziehen und dann auch ihre Werkzeuge wieder wegwerfen knne.
    Sehr bedenklich aber war es, da trotz allem Dorothee noch immer auf dem
Stighof blieb. War denn die Stigerin unempfindlich fr die Ehre des Hauses, oder
hatte die Magd auch sie schon gewonnen? Der Krmer, der immer gut unterrichtet
sein wollte, behauptete freilich das Gegenteil, aber seiner Tochter war das nur
ein schlechter Trost. Sie htte, besonders da sie einmal die schlimmen Folgen
des durch sie erregten Lrms empfand, auch etwas von der beabsichtigten Wirkung
erleben mgen. Allerdings galt jetzt das sndhafte Verhltnis der beiden auf dem
Stighofe fr eine ausgemachte Sache; nun aber begannen die Leute sich auch an
das wunderfreundliche Paar Augen zu erinnern, welches Zusel Hansen am
Kirchweihtage gemacht hatte. Dorothee lief damals von dem Burschen weg und kam
doch hernach mit ihm ins Geschrei. Zusel, hie es, war also nicht imstande
gewesen, etwas zu erlcheln. Hans habe nicht so unrecht. Vielleicht komme er mit
einer Armen - wenn's nur eine brave Person sei - weit besser durch die Welt, als
wenn mit dem Halben von dem, was der Krmer erschachert, seine Zusel auf den
Stighof gebracht wrde. Dort sei gewi jetzt kein unredlich erworbener Kreuzer,
und schon das sei mehr fr ein Ehepaar, das von vorn anfange, als wenn mit ein
paar tausend erheirateten Gulden der Unstern ins Haus hineinkommen tt, wie man
das schon so oft erlebt habe. Hbsch nun wre die Zusel allerdings, aber sie
wisse schon auch davon, und da sie sich es dann zuweilen so sehr anmerken
lasse, sei entschieden nicht hbsch. Zudem wisse jeder, da man keinem ein
schnes Weib und ein hbsches Ro mignnen drfte, weil sie beide vornezu
verdient werden mten. Hauptsache sei fr einen Besitzer des Stighofes im
Grunde doch unbescholtener Name, schnes Gemt und eine geschickte Haushlterin.
Das Geld komme weniger in Betracht als die Frage, was denn sonst aus der
Verwandtschaft Gutes oder Bses zu erben wre. So sei zu urteilen; und wenn man
so urteile, msse man die Zusel eine schne Sache sein lassen. Freilich aber sei
damit noch nicht gesagt, da Hans darum nun gleich mit der Magd htte anbinden
sollen.
    Zusel, der solche Bemerkungen von den Betschwestern beinahe tglich
zugetragen wurden, prfte ngstlich, was daran wahr sei. Nebenbei suchte sie zu
berechnen, welchen Eindruck nun alles zusammen auf Hansen und seine Mutter
machen werde. Das konnte sie dann recht unglcklich machen. Ihre Neigung zu
Hansen war doch von der Art, da sie nicht nur ihn fangen, sondern durch eigenen
Wert gewinnen wollte. Derlei Bemerkungen taten ihr daher doppelt weh. Dem und
jenem wollte sie wieder eine Rede bei passender und unpassender Gelegenheit
gehrig heimzahlen, wobei sie stets ungemein leidenschaftlich zu Werke ging. So
verwickelte sie sich bald berall in bse Hndel und wurde von den frheren
Freundinnen und von allen, die es wahrhaft gut mit ihr meinten, fast ngstlich
gemieden. Wenn sie nachsann, was alles in wenigen Wochen durch sie und wegen ihr
geschah, dann htte sie versinken mgen vor Scham; und laut - um ihre Gedanken
zu verscheuchen - sprach sie den Vorsatz aus, in Zukunft nur sich Hansens wert
zu machen, den sie aber um jeden Preis nun haben msse.
    Der wunderliche Bursche tat jetzt wieder so hlzern und fremd, als ob er nie
mit ihr von der Kirchweih heim sei. Woher sollte das kommen als von dem Gerede,
welches ber sie umlief? Was war also gewonnen, wenn auch Dorothee schlielich
noch vom Platze kam? Ein Gewissen freilich brauchte sie sich daraus nicht mehr
zu machen. Dorothee htte Hansen einzig nur um des Geldes willen genommen, was
bei ihr - der Vater mochte schon seine Rechnungen haben - wahrhaftig nicht der
Fall war. Je lnger sie der Sache nachsann, desto klarer lie es die Eigenliebe
erscheinen, da nur uneigenntzige Neigung zu dem guten Burschen sie so
unvorsichtig und leidenschaftlich habe werden lassen. Denn - wieviel Herzeleid
hatte nicht dieser Hans ihr schon gemacht! Hansjrg mute einst seinetwegen
fort, und ihr selbst lie er seit Wochen keine ruhige Stunde mehr! Auch ihrer
armen Schwester schon war es frher nicht besser gegangen. Ach, jetzt auf einmal
dachte sie mit ganz anderen Empfindungen als sonst an Angelika, ihre
Leidensgefhrtin, deren sonderbares Wesen sie frher nicht begriff, nun aber
ganz gut zu verstehen meinte. Ja, Angelika war allein fhig, auch sie zu
verstehen und ihr zu sagen, woran sie sich halten, wie sie sich wieder
aufrichten knne. Ihre jetzigen Freundinnen, die sie eigentlich recht von Herzen
verachtete, hatten sich wie Bleigewichte an ihre Schwche gehngt und sie noch
tiefer niedergedrckt. Der Vater verstand sie auch nicht, und von den
mtterlichen Verwandten war schon gar nichts zu erwarten. Also zu Angelika, der
edlen, die das nmliche ertrug und doch noch aufrecht zu stehen vermochte! Ihre
Angst vor Angelikas strengem Wesen half die Gemeinheit und der Leichtsinn ihrer
jetzigen Freundinnen berwinden. Alles Geschwtz, alle Schmeichelei dieser
Elenden fr ein Wort von ihr, der es mit Hansen gerade ging wie mir, obwohl sie
ihn vielleicht eher verdient und glcklicher gemacht htte als ich! rief sie
eines Tages und ging, ohne sich wie sonst noch besser anzukleiden, zum Hause
hinaus.
    Vergebens fragte der Krmer zweimal, wohin sie wolle. Dem Mdchen kam sein
Gang wie ein Ergeben in sein Schicksal vor. Es dachte sich schon in der Lage der
Schwester und fand dabei eine innere Beruhigung, die ihm whrend der Bltezeit
seiner Hoffnungen gefehlt hatte.
    Das stattliche, berall neu angeschindelte Haus, in welchem die Schwester
wohnte, nahm sich noch viel stolzer aus neben dem alten Stadel, der jetzt nur
noch als Holzbehlter und zum Aufbewahren der Wagen und Schlitten benutzt wurde.
Zusel ging jeden Schritt langsamer. Was fr eine Ausrede fr ihr Kommen sollte
sie brauchen? Aber sie kam ja nur ins Haus ihres Schwagers, zu eigenen Leuten,
sagte sie sich, emporblickend zu den Reihen grn angestrichener Fensterlden und
zum hohen Dachstuhl, wo noch der Busch zu sehen war, welchen die Zimmerleute
nach Vollendung ihres Werkes aufgesteckt hatten. Es tat ihr wohl, ihre Schwester
in diesem schnen Hause zu wissen. Ihre Entsagungswilligkeit schwand schneller
noch, als sie kam. Zusel dachte an Stighansens stattlichen Hof - vielleicht zum
erstenmal - und stellte sich vor, wie prchtig es nun wre, wenn sie beide, die
Kinder des vom Neide so vielgeschmhten Krmers, so stolz neben der Gasse im
Herrendorfe wohnen und den Neidhmmeln hinter schneeweien Vorhngen auf die
Gasse herab nachlachen knnten. In so einem Hause konnte man sich schon auch
etwas gefallen lassen, und fr gar zu unglcklich brauchte sich Angelika doch
nicht zu halten, wenn ihr auch manches an ihrem Gatten nicht gefiel. Sie war
doch etwas wunderlich, altmodisch, und ein lustiger Mann wie der Andreas konnte
mit ihr unmglich gut auskommen. Mit solchen Gedanken beschftigte sich das
Mdchen, noch immer stille stehend, und vielleicht wre sie gar nicht mehr zu
der wunderlichen Schwester hinein, wenn sie nicht den neugierigen Blicken
einiger Vorbergehender zu entrinnen gewnscht htte; sie ging schnell durch den
Schopf, ffnete geruschlos die Tre und lie sich durch den Empfang der
Schwester, wie wenig ermutigend er auch sein mochte, nicht im mindesten
erschrecken. Die auf dem Wege zusammengestellte Einleitung hatte sie freilich
vergessen, aber die wre doch in der jetzigen Stimmung auch nicht mehr zu
brauchen gewesen. Du wohnst recht schn hier, begann sie, nachdem sie sich fr
den etwas khlen Gru der Schwester bedankt hatte.
    Hohes Haus, groes Kreuz drin, antwortete die Schwester, indem sie sich
wieder mit der Umkleidung der Puppe zu beschftigen begann, die ihr
wunderliebliches Kind ihr lchelnd reichte.
    Ich mchte dir tragen helfen, sagte Zusel wehmtig. Gelt, fuhr sie, sich
zu einem heiteren Tone zwingend, fort, du meinst, wir Ledigen sollten gar nicht
wissen, wie wohl euch Eheleuten ist, wenn ihr mit euern Kindern wieder zu
spielen beginnt. Ja, Schwester, ich mchte dir tragen helfen an deinem Kreuz und
trage vielleicht auch schon mehr daran, als du glaubst.
    Jedermann hat zu tragen genug an den Frchten seiner eigenen Torheit.
    Dieser ernste Ton in einer so freundlichen Stube, neben so holdem Kinde,
mitten im Wohlstand, den die Verschwendung des Mannes ja noch kaum zu
verkleinern vermochte! Bist du denn noch immer nicht glcklich? fragte Zusel
eigen weich. Wer ist das und wei es? Wer? Etwa dein - unser Vater? Er hat
mehr, als er sich frher trumte, aber um so grer sind seine Wnsche jetzt. Du
knntest der Stolz der Gemeinde sein, aber eben weil du das fhlst, bist auch du
nicht glcklich.
    Du nimmst die Sache zu ernst.
    Fr dich wohl, denn du spielst. Mit dem Grten und Heiligsten, selbst mit
deiner, nicht nur mit der Ehre und Zukunft anderer spielst du. Das hab' ich nie
getan und mu doch schon so schmerzlich ben.
    Ich wei, was du meinst, aber ich halte mich nicht fr schuldig. Nur eine
Kleinigkeit, einen Schneeballen gleichsam hab' ich fallen lassen. Was kann ich
dafr, da er im Rollen zur Lawine heranwuchs, die mich selbst gewaltsam mit
fortri?
    La mich gehen, ich kenne das, sagte Angelika bitter. Mich haben alte
Weiber erzogen, die rgsten Schwtzerinnen im Lande, nur haben sie die Sache
feiner zu treiben verstanden als die Leute, mit denen du jetzt umgehst. Ja, da
konnte man etwas lernen. Alle Gemeindeangelegenheiten sogar wurden von
Vorsteherin und Rtin verhandelt und dabei geprft, was wohl am besten zum
Einschlag in ihren Zettel passe, denn immer hatte man Gnstlinge, denen man gern
das Wasser auf ihre Mhle richten, und andere, denen es zerstrend durch den
angesten Acker geleitet werden sollte. Waren einmal die Weiber eins, dann hatte
die Meinungsverschiedenheit der Mnner nicht mehr viel zu bedeuten. Die ganze
Gemeinde hatten meine Basen und ihr Kreis am kleinen Finger. Alle menschlichen
Fhigkeiten, Krfte und Leidenschaften, Stand, Besitz, Abstammung, kurz alles
ward hier geschtzt, gezhlt, abgewogen und verhandelt, ohne Liebe, rein nach
Willkr, wie es jetzt auch die Betschwestern tun mchten, nur etwas anstndiger
noch, da man damals noch nicht jeden Gegner gleich einen Gottlosen nennen
durfte. Alles kam auf diesen Markt, jede Vernderung im Dorf mute, es mochte
eine Hochzeit oder ein Testament sein, zuerst hier gutgeheien werden. Schon da
aber hat mich das angewidert, und die Leute, die sich ziehen und treiben lieen
wie Schafe, sind mir so erbrmlich vorgekommen, da ich's ums Leben nicht
geglaubt htte, eines Tages meine stolze, eigensinnige Schwester in einem noch
schlechteren Netze zappeln sehen zu mssen. Nicht einmal an meiner Heirat mit
Andreas, wie sie auch ausgefallen sein mag, kann ich dem aus unserem Verhltnis
entstandenen Gerede die Schuld geben. Im hohen Rate, das heit an den
Kaffeetischen der beiden Verwandtschaften, die berall im Dorf das Kraut fett
werden lassen, war man eigentlich gegen unsere Hochzeit eins und hatte dafr
seine Grnde. Den reichen Basen des Andreas war mein Vater nicht gut genug;
meine Erzieherinnen aber hielten den Andreas fr einen leidenschaftlichen
Menschen und meinten, nur wer so sei wie er, knne mit ihm gut durchkommen; an
andere werde sich der auch durch den Pfarrer nicht binden lassen.
    Und warum hast du ihn denn doch genommen? fragte Zusel, welche der
Erzhlenden anfangs ghnend, dann aber immer aufmerksamer zugehrt hatte.
    Schon der Trotz gegen die Basen, antwortete Angelika leidenschaftlich,
war viel strker, als du dir einbilden kannst. Er lag schon frh in mir - seit
ich zum erstenmal vom Vater geredet hatte. Die Bedeutung dieses Namens bekam ich
erst von anderen Mdchen meines Alters. Nun fragte ich auch meinem Vater nach,
und viel, viel haben sie mir vergiftet mit der Antwort. Alle Kinder hatten gute
Vter, ja sie sagten, es gebe gar keine bsen, und der meine sollte doch nur ein
herzloser, unfreundlicher, ja ein bser Mann sein. Das aber brachten sie nicht
in mich hinein. Nur auf mich gelegt hat sich's wie eine Last. Einmal bin ich
verstohlen zum Vater geschlichen und hab' ihm alles erzhlt. Drauf ist ihm das
Wasser in die Augen gekommen, das hab' ich gesehen, und drum ist's mir nicht
mehr eingegangen, was spter ber ihn gesagt worden. Auch anderes ist mir nun
immer minder eingegangen. Ich war innerlich so eigensinnig, da es kein Mensch
geglaubt htte. Die, welche mich zogen und nhrten, galten mir immer weniger, je
schrfer ich ihnen aufpate. Auch mit dem Vater war ich unzufrieden, da er mich
nicht zu sich nahm und meinen Bitten darum nur die Antwort werden lie, ich
wrde doch nicht mehr zu ihm passen, weil ich schon zuviel andere Luft in mich
aufgenommen. Und nun denke dir, wenn ein reicher Bursche kam, der unter den
Mdchen auslesen konnte und durchaus nur mich haben wollte trotz allem Einspruch
derer, die mir wie Gift waren! Ich hatte mein Lebtag noch nie so etwas Groes
gesehen als seine Festigkeit, seinen Trotz, und in meinem Alter hielt ich das
fr Liebe zu mir, nicht fr die Laune eines verwhnten, eigensinnigen
Muttershnchens. Das ist die ganze Geschichte.
    Aber Hans? fragte Zusel kaum hrbar.
    Der war ein lieber, guter Bursche, aber still. Ganz frh sind wir oft und
oft beisammen gewesen. Spter sahen wir uns etwas seltener. Er war fast scheu
gegen mich. Ich glaubte jedesmal, wenn ich ihn traf, wir htten fast nichts
geredet, und es war mir schon neben ihm nicht recht, da wir uns nicht noch
etwas, noch viel - ich wute jedoch nie recht, was - zu sagen hatten. Trotzdem
gaben mir die Worte, die wir wechselten, hernach so viel zu sinnen wie sonst
kein langes Geschwtz. Ihm mute das auch so gehen, denn er wute alle meine
Reden so genau, da mir dabei ordentlich angst wurde. Da wir uns gern htten,
haben wir uns nie gesagt, das verstand sich ja von selbst. Nur der Mutter hat
Hans es verraten, als einmal auf dem Stighof ber mich losgezogen wurde. Drauf
ist dann der gute Bursche zu mir gekommen - es war im Garten und abends zwischen
Feuer und Licht. Ich seh' ihn noch, wie er dastand und mir sagte, nun drften
wir nie mehr zusammen, denn die Mutter hab' ihm aus der bertretung dieses
Gebots eine schwere Snde gemacht Wir dachten damals an keine Liebschaft, auch
nicht an Widerspruch. Es war, wie wenn man ber einen schnen Weg geht, und nun
rollt ein Stein vom Berge herunter und trifft den frhlichen Wanderer. Es war im
ganzen kein Zusammenhang, keine Ordnung, keine Gerechtigkeit, und doch lie sich
nach unserer Ansicht nichts daran ndern. Lange nahmen wir Abschied und weinten.
Klar aber war mir alles erst hernach, erst als der Andreas Ernst machte. Nun
erst hatte ich meinen rger ber den schwachen Hans, der gleich nachgab. Da war
doch Andreas ein anderer Mann. Damit wollte ich mich trsten, dennoch hab' ich
Hansen weder verzeihen noch mich einmal recht ber ihn rgern knnen. Jetzt wr'
ich vielleicht noch glcklich verheiratet, wenn Andreas der alte geblieben wr'.
Aber sein Trotz richtete sich gegen mich, und nun hatte er bei allen Unarten
wieder die ganze Verwandtschaft auf seiner Seite, und ich nur mu daran schuld
sein. Ach, wr' doch der Vater arm geblieben, da wir unbemerkt unseren Weg
durchs Leben gehen knnten! Dann httest du deinen Hansjrg, und nicht so, wie
er jetzt ist, ich aber -
    Zusel warf einen fragenden Blick auf das spielende Mdchen. Das macht
nichts, sagte die Mutter mit schmerzlichem Lcheln. Hast du geglaubt, ich
wrde dir etwas sagen, was sein Vater nicht hren drfte? Was nicht unter die
Leute soll, behlt man am besten ganz fr sich, denn aus dem Sack ist fort. Das
httest in deinen Jahren auch du wissen und deine ohnehin nicht ganz ebenen
Angelegenheiten nicht jedermanns Gnad' oder Ungnad' berlassen sollen.
    Aber, Schwester, auch andere Mdchen, wenn sie einen recht von Herzen gern
htten -
    Werden schwach und unberlegt, fiel Angelika ein, aber nicht so
erbrmlich wie du. Auf solche Wege treibt Liebe nicht. Sie gibt eher Kraft zum
Dulden.
    Was hab' ich denn getan?
    An der Kirchweih wr' ohne dich alles ruhig und friedlich geblieben.
    Jos hat unseren Vater geschimpft.
    Ja, als ich seine Worte gehrt, ist mir zumut worden, da ich gewi keine
Schlgerei mehr angehetzt htte.
    Der Unmut regt sich in jedem Menschen auf andere Art. Sogar beim nmlichen
ist's ungleich. Ich hab' auch schon zu lachen angefangen, wenn ich lieber
dreingeschlagen htte.
    Aber warum ist denn Hans mit Dorotheen so auf einmal ins Geschrei
gekommen?
    Zusel bckte sich, um ihre Verlegenheit zu verbergen, und machte sich mit
dem spielenden Kinde zu schaffen.
    Was hast du davon, fuhr Angelika strenger fort, da nun Jos krank ist und
alle anstndigen Leute ihn auf deine Rechnung hin bedauern? Er wre vielleicht
der einzige gewesen, der dir Dorotheen bald genug aus dem Wege geschafft htte.
Zusel sah die Schwester gro an.
    Schme dich, rief diese, nicht einmal rechnen hast du bei aller
Herzlosigkeit gelernt und sonst schon gar nichts.
    ber des Mdchens schnes Gesicht zog etwas wie ein Lcheln, als es sagte:
Du mut nicht ungerecht werden. Gleiches Gewicht soll man brauchen bei dem, was
man kauft und was man hergibt. Mir ist's ein Vorwurf, da meine Neigung und ihre
Gewalt mich vielleicht zu etwas Unberlegtem, ja zu recht Nrrischem brachte,
und nun sagst du in der nmlichen Predigt, du habest Hansen seine Schwachheit
nie verzeihen knnen.
    Das junge Weib errtete. Zusels Absicht, Angelika aus ihrer Strafrede und in
Verlegenheit zu bringen, war erreicht. Aber der Sieg wurde dem Mdchen bald
wieder streitig gemacht. Angelika fragte: Hast du den Hansjrg auch schon
gesehen, seit er heimgekommen ist?
    Ich hrte dich sagen, jedermann hab' an seinen Dummheiten zu tragen genug;
warum denn magst du dich immer auch um so etwas noch kmmern? fragte das
Mdchen, ohne da es sich auch anstrengte, seinen Zorn zu verbergen.
    Ich glaubte nicht, da ich dir mit dem so weh tun werde, sagte Angelika,
die ber den leidenschaftlichen Ausbruch der Schwester wirklich erschrocken war.
Wenn dir aber das schon so hart ans Leben geht, ja - dann wei ich erst recht
nicht, wie du von so groer Neigung zum Stighofbauern reden kannst.
    Um seines Geldes halber doch gewi nicht, antwortete Zusel
leidenschaftlich. Der Vater hat mir genug erworben. Selbst seine Ehre wurde dem
Gewinn geopfert. Glaubst du, ich werde nun auch noch mein Glck opfern? Nein,
Angelika, so elend bin ich nicht. Aber Hansen mu ich haben. Ihn und nicht den
Stighof. Bis dahin soll Hansjrg mich gar nicht mehr sehen - der Elende, der
mich verriet und meine Briefe an den Vater verkaufte fr ein Sndengeld! Ha, wie
wird's mir kalt und hei, wenn ich mich nur vor seinen Blick denke, so elend, so
verlassen, wie der Treulose mich gemacht hat. Den ersten Burschen in der
Gemeinde will ich und lache, wenn das dann seine sanfte Schwester zur
Verzweiflung bringt.
    Angelika, die zuerst ihre Schwester erstaunt, erschrocken ansah, gewann ihre
Ruhe in dem Grade, wie Zusel die ihre verlor. Jetzt endlich glaubte sie, klar zu
sehen und den Weg gefunden zu haben, auf dem das arme Mdchen wieder zum Frieden
mit sich und der Welt gelangen konnte. Angelika dachte nicht mehr an den strenge
rechnenden Krmer, der den Hansjrg schwerlich je als seinen Tchtermann
anerkannte. Sie hatte Mitleiden, und nur ihrem Herzen folgend, sagte sie:
Hansjrg war ein wackerer Bursche, nur der Vater hat ihn vom rechten Wege mit
Gewalt vertrieben.
    Gibt's denn fr dich gar keine Arbeit, als uns aufzupassen? fragte Zusel
spitz.
    Die tun die Basen meines Mannes fr mich, antwortete das Weib wehmtig
lchelnd. Die tragen alles zusammen auf meine Rechnung. Was du und der Vater
tun, wird als meine unsaubere Wsche ausgeklopft, da ich im Staube fast
ersticken mu.
    Nun - und was weit du noch mehr?
    Du und der Soldat, ihr steht euch noch ziemlich gleich. Ihr beide seid in
der Irre herumgelaufen, und es wre nicht recht, wenn nun eins das andere einen
schlechten Fhrer hiee, sobald ihr euch wieder sehet. Setzet den Kampf zwischen
Reichen und Armen nicht fort, begieet nicht noch einmal mit Trnen die Snde
des Vaters. Reicht euch lieber die Hnde und machet vereint das Geschehene
wieder gut!
    Wo denkst du denn jetzt hin? Wir sind auf der Welt, sagte Zusel, doch in
einem Tone, der ihre Bewegung deutlich genug verriet.
    Schau einmal so einem Kinde recht, recht tief in die Augen! rief Angelika
mit einem zrtlichen Blick auf das spielende Mdchen. Tu' das - und dann sag'
mir, ob du die bse Welt mit ihren Kmpfen und Rechnungen nicht vergessen
kannst. Und dann denke dir, ob du ihm mehr wnschest als Eltern, denen
gemeinsame Liebe Kraft gibt und was sie brauchen. Dann wirst du empfinden, wie
sndlich du vorhin geredet hast.
    Das Mdchen seufzte.
    Angelika fuhr fort: Auf mir liegt's jetzt bleischwer wie etwas Furchtbares;
der Vater ist immer mit zu abhngigen Leuten umgegangen, um den Menschen noch zu
schtzen. Ach Gott, sie alle sind ihm nur wie sein Kram! Jetzt ist er im Fallen,
und dem Fallenden rollen die Steine von selber nach. Halbe Nchte lt mich das
nicht schlafen, besonders wenn auch der Andreas nicht ordentlich daheim ist.
Jedes Gerusch erschreckt mich, und ich werde ganz furchtsam. Gestern am hellen
Morgen durfte ich kaum in den alten Stadel, um zu sehen, warum denn in der Nacht
dort ein Gerumpel entstand, als ob alle Heuwagen bereinander gefallen seien.
    Und was hast du denn gesehen?
    Zuerst nichts als Hansjrgs groe Tabakspfeife, die der Seltenheit wegen
jedes Kind kennt.
    Und dann?
    Dann auf dem Heustock ganz kleine Hgelchen, die aber nicht von selbst
entstanden sein konnten. Wir haben jetzt nur noch wenig Heu dort. Ich
durchsuchte es, bevor ich die umgestrzte Holzbeige wieder aufzurichten begann,
und fand Tabak, Schiepulver und hnliche geschmuggelte Ware.
    Das also war der Geist?
    Ja, Mdchen, der bse Geist, der dich und den Vater nie ruhen lassen wird.
Hansjrg hat jetzt keine Freude mehr an einem ordentlichen Leben, die knntest
nur du ihm wiedergeben.
    Zusel schien eine Minute mit sich selbst zu kmpfen, dann auf einmal sagte
sie traurig, aber entschieden: Es ist ja alles aus!
    Was ist aus?
    Ich gehre dem Vater, das hat der nicht verdient. Ich will die Strecke
nicht wieder zurck, die er so mhsam erklomm. Er war ein Schleichhndler, mein
Mann soll etwas Besseres sein. Wir haben mit dem Soldaten nichts mehr zu tun.
    Das ist zweifelhaft, antwortete Angelika, die sich nun auch nicht mehr
beherrschen konnte. Schon das Unrecht bindet euch an ihn, und wenn man
Hansjrgs Warenlager findet, so mu der Verdacht auf meines Mannes
Schwiegervater fallen.
    Richtig, das ist der Witz, rief Zusel. So weit geht der Mensch. Das will
ich gleich dem Vater sagen. Gute Nacht!
    Um Gottes willen hre! flehte Angelika.
    Ich habe gehrt genug.
    Strze den Unglcklichen nicht noch tiefer. Ich hab' nicht einmal dem Mann
etwas davon sagen drfen. Es ist meine erste Unredlichkeit, weil ich den
schtzen will und mu, dem der Vater so groes Unrecht tat. Ich hab's,
geschworen.
    Und ich will Rache, antwortete Zusel kalt und strzte ohne Abschied zur
Tre hinaus.

                              Fnfzehntes Kapitel



                                    Im Walde

Im ersten Augenblick wollte Angelika der Rasenden nach, wollte noch unter der
Haustre sie mit Gewalt festhalten und ihr den Schwur abzwingen, da sie nie und
nimmer dem Unglcklichen sein Gu verraten wolle. Aber womit sollte sie das
Mdchen zu diesem Schwur zwingen, wenn selbst Mitleid und Liebe zum Vater, der
an allem die Schuld hatte, rein nichts ber dieses Felsenherz vermochten? Fr so
hatte sie die Zusel nicht gehalten, sonst wrde sie kein Wort verraten haben.
Einen Stein, meinte sie, mt' es erbarmen; die Zusel aber lie sich das Elend
des noch nicht vergessenen Geliebten erzhlen, heuchelte noch Rhrung, bis sie
alle Fden in der Hand hatte, und eilte dann, ihn womglich noch tiefer ins
Verderben zu bringen. Vorhin sagte sie, aus dem Sack sei fort, und nun? Sie
htte versinken mgen vor Reue und Scham, dennoch versuchte sie nicht, sich mit
ihrer guten Absicht zu trsten. Da stand sie und konnte gar nichts tun, was
wirklich zum Frieden fhren mute! Wenn sie den Soldaten warnte, so konnte auch
das wieder neue Feindschaft erregen. Angelika stand und sann und betete, bis ihr
Kind sie von neuem erschreckte. Es hatte manches von dem Mann im Stadel
aufgefat und behalten, und sie bekam nun genug zu tun damit, ihm die Sache
recht lcherlich und unbedeutend darzustellen und soviel Unmgliches
einzustreuen, da, im Fall es plaudern sollte, sich der Andreas nichts mehr aus
der Sache mache.
    Zusel mute schon der Leute wegen etwas langsamer durchs Dorf hinausgehen,
als ihr anfangs lieb und ihrem Gemtszustande angemessen war. Gewaltsam migte
sie ihre Schritte, und das zwang sie gleichsam, auch ruhiger zu denken. Was
Angelika von einer Vershnung mit Hansjrg sagte, tat ihr um so weher, da sie es
fr unmglich hielt. Und nun weckte Angelika noch gar mit Drohungen ihren Trotz!
Es war gut, da sie ging, denn nie war sie so hart und kam so weit, als wenn ihr
Widerspruchsgeist die Herrschaft ber ihr Herz gewann. Sobald dieser schwieg,
begann sich die Stimme des Herzens wieder zu regen. Die Worte Angelikas fingen
wieder zu wirken an, und noch ganz anders, als da Zusel, ihr gegenberstehend,
nur auf Trotz und Verteidigung sann. Hansjrg konnte doch seine Waren daheim
nicht wohl verbergen! Wenn er hausieren wollte, so mute er damit gleich mitten
unter den Leuten sein. Vielleicht ganz zufllig hatte er unter dem Dache eines
der Ihren Sicherheit gesucht. Sollte er sie alle fr Verrter halten, sie alle
verachten? Nein, rief das Mdchen, mir soll er nichts vorwerfen knnen!
    Sie kam mit dem Vorsatze heim, dem Vater einstweilen kein Wort von der Sache
zu sagen. Sie hielt ihn auch, als der Vater sich etwas besorgt ber die
Anwesenheit eines Grenzjgers im Dorfe aussprach und dabei merken lie, da ihm
jetzt eine Durchsuchung des Hauses nicht lieb wre, da man sich fr den Winter,
wo die Schleichwege ber die Berge ganz ungangbar seien, mit manchem einrichten
msse, was so ein Grnrock nicht zu sehen brauche.
    Am anderen Tage berichtete die Magd, auf dem Stighof sei laut die Rede
davon, der Soldat, Dorotheens Bruder, werde im Winter den Knechtsdienst dort
versehen; allem nach msse die Sache schon abgekartet sein; wenigstens Hans und
Dorothee tten so gegenber der alten Stigerin, die sich immer noch nicht recht
darein ergeben wolle.
    Hat Hans denn einen Narren gefressen an diesem Gesindel? fuhr der Krmer
auf. Was soll aus dem Tropfen werden, wenn er in Haus und Stall und Feld nicht
mehr von diesen Leuten loskommt?
    Zusel war ber den Bericht der Magd sehr erfreut. Eine Zentnerlast ward ihr
damit vom Herzen genommen. Unbefangen teilte sie dem Vater das Geheimnis mit,
welches sie belastet und ihr eine schlaflose Nacht gemacht hatte. Es ist dem
Burschen doch zu gnnen, da er wieder auf einen ordentlichen Platz kommt,
schlo sie. Er soll nicht sein Lebtag uns fluchen und alle Schuld an dem, was
er tut oder unterlt, auf uns werfen knnen.
    Zu einer anderen Zeit htte dem Krmer diese Rede auffallen und ein scharfes
Verhr seines Kindes, das noch nie in der Art mit ihm von Hansjrg redete,
hervorrufen mssen; jetzt aber war er so mit seinen Gedanken beschftigt, da er
den Vorwurf gar nicht merkte, der fr ihn in dieser Rede lag. Schleichhndler,
murmelte er, in der Stube herumschreitend, erst Schwrzer und dann Knecht, erst
ein freies, bewegtes Leben, wie es dem Waghals ansteht, und nun in das Einerlei
auf dem Stighof, wo er in der Woche kaum den Schwrzertaglohn verdient bei aller
Plage. Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Gewi, er wird nicht Hansens, er
wird Dorotheens Knecht. Fr sie will er arbeiten und Hansen dabei sagen, was
alles er ihm habe opfern und fr ihn tun mssen. Will doch dem Trotzkopf einmal
sagen, was er da macht und - ja, das mu gehen.
    Der Krmer sah in dem Soldaten so gut den Rcher als Angelika. Drum sollte,
mute er bei seinem Stolz und Trotz erfat, gebunden und in eine Tiefe gezogen
werden, wo auch Zusel ihn schaudernd sah, ohne da noch ihr Mitleid sich regte.
Der Krmer hatte seinen Plan fertig, einen in jeder Weise vorteilhaften Plan.
Tatendrang trieb ihn aus der engen Stube und lie ihn nicht mehr ruhen, obwohl
er nicht gleich ans Werk schreiten durfte. Noch nie kam es ihn so hart an, den
geeigneten Zeitpunkt ruhig abwarten zu sollen, als jetzt. Lange stand er unter
der Haustre und sann auf eine Zerstreuung. Pltzlich scho sein Kopf in die
Hhe. Dann verschwand er im Haus, um eine Minute spter mit Hut und Stock
wiederzukommen.
    Rasch lief er hinunter zur Brcke, und eine Minute spter war er auf dem
Wege, der an der grauen, vielkpfigen Fluh neben der Ach zu den Drfern der
Sonnenseite fhrt. Beim Schneeschmelzen oder wenn die Ziegen im Wald ob dem
kahlen Felsen weideten, sah er von seinem Hause aus hier schon manchen Stein
herunterstrzen, der dann, auf dem eingesprengten Felsenweg zu vielen Stcken
zerschlagen, weie Ringe in die blaue Ach graben zu wollen schien. Freilich ging
er hier auf dem Kirchweg fr die guten Bauern da droben, die ihn frommglubig
einen Glcksweg nannten, aber sein Blick blieb wie gebannt an den in den Felsen
gehauenen Kreuzen, die, geschehenes Unglck verkndend, jenes Glaubens zu
spotten schienen. Wie leicht konnte aus hundert Ursachen da droben einer der
vielen Steine sich lsen und ihn unversehen in die Ewigkeit bringen. Ich will
beichten, nchstens, sobald ich mit Hansjrg im reinen bin, und dem steht es ja
frei, zu tun, was er will. Ich werde ihn nicht zwingen, nur reden mit ihm, rief
er aus, immer zu den hervorhngenden Tannen aufschauend, als ob er damit den
Geist beschwichtigen wollte, welchen die Sage als Wchter fr fromme Kirchgnger
da oben hausen lie. Er rief so laut, da der Geist, wenn er auch nur mit
Menschenohren versehen war, es trotz dem Tosen der Ach hren mute. Dabei lief
er immer schneller, denn zurck durfte er fast noch weniger als vorwrts, und
der Schwei stand ihm auf der Stirn, als er endlich mit einem frhlichen Gott
Lob und Dank unter dem letzten ber den Weg herausragenden Felsenkopfe vorber
war. Wenn jetzt Hansjrg da droben gestanden wr'! dachte er noch zitternd und
schlo die Augen; aber der Bursche stand drohend vor ihm, bis er sie wieder
ffnete und beinahe erstaunt die friedlich nebeneinander stehenden Huser vor
ihm sah, umkrnzt vom herbstlich buntfarbigen Wald unter dem Felsen, der die
wunderbar blaue Decke des Himmels zu tragen schien. Alles war so friedlich und
still, da er sich seine Aufregung nicht mehr zu erklren vermochte.
Schrecklich, hauchte er, wr' so ein Tod ohne Feuer und Licht freilich, aber
wenn man nun so krank daheim liegt und die Sterbkerzen sind schon gerichtet und
man hat der Magd schon Befehl gegeben, die Immen, wenn er in den letzten Zgen
liegt, auf einen anderen Platz zu stellen, da sie nicht auch mit dem Herren und
Hausvater sterben ... man knnte gleich krank werden vor Angst, wenn man sich's
denkt, und kommen tut's halt doch und bald, wenn man schon so alt ist wie ich.
Krftig bin ich wohl noch, aber das ist wie dieser schne Herbsttag. Er macht
nur die Bltter gelb und treibt nichts mehr als Zeitlosen. Auch die fehlen
meinem Kopfe nicht. Ja, bald ist's aus, und was sagen sie dann, und was machen
sie mit dem, was ich erschwitzt und ersprungen hab'? Ich mu mir's gefallen
lassen und kann nichts mehr machen. Wre dem Mtterlein, welches dort in dem
schattigen Schpfe seines Huschens sa und spann, zumute gewesen wie dem
Krmer, es htte gleich zu beten angefangen um ein seliges Sterben und eine
glckliche Ewigkeit. Aber das Weiblein hatte ganz andere Gedanken, als es den
Krmer kommen sah, der ihr schon lange mit Versteigerung seines schnen Waldes
da droben ob dem Dorfe gedroht hatte. Ihm war es gewi, der harte Mann komme
nur, um sein Guthaben zum letzten Male zu fordern, und es hatte nicht ganz
unrecht, denn wirklich trieb ihn nur das da herauf. Den schnen Wald wnschte er
lange zu kaufen, und nun sollte das seine Kurzweil werden. Aber an der Fluh
drunten war ihm ein ganz anderer Kopf gewachsen. Nein, alle Welt sollte sich
nicht freuen ber seinen Tod wie die Ameisen da neben dem Wege, die sich eben an
eine berfahrene Eidechse machten. Er machte der Witwe entgegen ein so
freundliches Gesicht, als ihm nur mglich war, und als er sah, da sie ihn
anreden wolle, sagte er: Wei alles, wenn du nur einen Zins gibst. Verkauf' nur
eine einzige Tanne, das wird mehr als reichen. Ich brauche Holz und will mir
gleich da droben einen Stamm aussuchen. Der gerhrte Dank der Witwe tat ihm
weh, und furchtbar brannten die Freudentrnen, die sie weinte, seine Seele. Er
hatte doch nur getan, was recht und billig war, und daraus machte man soviel
Wesens. Gab's ein schrferes, vernichtenderes Urteil ber sein bisheriges Leben
und Wirken? Dieser Dank, weil er einer armen Witwe den einzigen Besitz nicht um
ein Sndengeld abdrckte, sobald er sie in der Hand hatte!
    Ohne Abschied ging er weg und bog, ohne noch auf den Weg zu achten, sogleich
aus dem Drfchen gegen die Halde, die, in frischem Grn prangend, der liebste
Weideplatz der jetzt frei auf den Feldern sich herumtreibenden Khe und Ziegen
geworden war, da in der Ebene unten neben den dritten Grasstoppeln des Jahrgangs
nicht viel Grnes mehr gefunden werden konnte. Dem Krmer wurde ganz wunderbar
zumute mitten in dem Schellenluten dieser friedlichen Tiere. Sie lieen sich
gehen, neideten sich nicht, und der Mann begann sich vor ihren fragenden Blicken
beinahe zu frchten. Er lief so rasch aufwrts, da er sich, als er ob den
Weideplatz kam, ermdet auf einen bemoosten Stein setzte. Hier nun konnte er
ungesehen verschnaufen und sich das Schellengeklingel wieder aus den Ohren
kommen lassen.
    Schon frher, er konnte sich noch ganz gut erinnern, wann und unter welchen
Verhltnissen, war er mehrere Male hier gesessen auf dem nmlichen Steine und
hatte so von oben hinausgeschaut ber die Huserreihen rechts und links neben
den beiden Ufern der Ach, deren Tosen hier kaum noch gehrt wurde. Dort unten
wohnte keiner, mit dem er, der einzige Krmer seit Jahren, der alles im Dorfe
kaufte und verkaufte, noch nichts zu tun gehabt hatte. Sonst, wenn er hier sa,
mute er lcheln ber die guten Trpfe da drunten, fr deren Vorsehung er sich
selbst, die Herren im Pfarrhof und einige alte Basen und Pflastersibyllen hielt.
Und noch war ja alles beim alten. Noch arbeiteten und verbrauchten sie alle fr
ihn, und doch wollte und wollte jenes Lcheln, jenes behagliche Gefhl nicht
mehr kommen! Dort drben im entlegensten Winkel der Gemeinde, in der Gruben,
stand das schlechte Httchen des armen Holzhackers. Grad' erst am letzten
Sonntag hatte der fr den hart verdienten Wochenlohn seiner Herzallerliebsten
einen silbernen Rosenkranz gekauft und sich dabei von ihm bertlpeln lassen.
Aber - mochte das Silber des Geschenkes auch falsch sein, die Liebe des
opferwilligen Burschen, der nicht einen Kreuzer mehr herunter marktete am hohen
Preise, die war gewi echt, und das hatte wohl den hchsten Wert auf dieser
Welt, wo es soviel Unechtes, Falsches gibt. Vielleicht machte die beiden echte
Liebe glcklicher als echtes Silber!
    Es erfate den Mann eine Art Heimweh, als er so viele zum Teil recht
rmliche Huser berschaute, in denen er friedliche, gutherzige, glubige und
glckliche Leute wute, denen hchstens einige Taler fehlten und - denen kein
Mensch auf der weiten Gotteswelt im Wege war. Und er, der sich so plagte, ihnen
auf den Kpfen herumtrampeln zu knnen, was hatte er bei seinem scheinbaren
Erfolge bisher davon, und was dann, wenn er neben so einem auf dem Friedhofe
lag? Einmal war das so, vielleicht schon bald -
    Und dann?
    Auf, fort!
    Der Krmer dachte nicht mehr an den Zins, welchen er sich im Walde der armen
Witwe hatte suchen wollen, wie viele Tannen da auch ber ihn in das tiefe Blau
des wolkenlosen Himmels hineinragten. Hier hrte er nichts mehr vom
Schellengelute der Khe, die drunten an der Halde weideten. Aber auch das
Brummen der von einem leisen Lftchen geschttelten Wipfel erschreckte ihn.
Zwischen diesen jahrhundertealten Stmmen kam er sich recht klein vor. Auch hier
war Friede. Es wurde ihm unheimlich im grnen Halbdunkel. Lange suchte er nach
einer offenen Stelle, wo die Sonne hereinschien, um sich abermals zu setzen.
Dumpf und unsicher hrte er einige Axthiebe fallen. Ich mchte kein Holzhacker
sein - und doch wollt' ich, da ich einer sein knnte, sagte er, mit seinem
Stock an den Stamm einer Tanne schlagend, da er selbst ber das Gerusch und
den eigentmlichen Nachhall weit im Walde erschrak. Als Knabe war er so gern im
stillen Wald, und dieser Nachhall machte ihm Spa. Wie wohl ward ihm damals,
wenn er etwas tat, selbst, eigenhndig auf der Welt etwas anders machte, als es
war. Und jetzt, in der kurzen Zeit seit damals schon so starr, so - nein! Er war
doch noch nicht gar so alt, war noch ziemlich rstig, konnte doch auch noch
etwas tun, um sich aus dem Gedankenspinngewebe zu reien, wenn er sich recht
ermannte. Frher schlug er nur so drein, da es Fetzen hagelte ringsum, wenn ihm
etwas berzwerch in den Kopf kam.
    Wollen doch sehen, was er noch kann! rief er aufspringend, grub mit der
Hand einen Stein von ziemlicher Gre los, und bald strzte derselbe
funkensprhend im Halbdunkel ber den felsigen Abhang in die Tiefe.
    Halt, Freund! rief eine Stimme, ber welche der Krmer fast zum Sterben
erschrak.
    Zwischen zwei jungen Tannbscheln erschien eine Gestalt, eine groe
mnnliche - der Hansjrg in seinen besseren Bauernkleidern.
    Noch vor zwei Stunden war der Krmer gewillt, diesen Menschen so schnell als
mglich aufzusuchen und ein vertrautes Wort, ein wichtiges, mit ihm zu reden.
Jetzt aber wollte er ja gar nichts als hier sein und allein. Was willst denn du
da? fragte er etwas rauh.
    Hansjrg kletterte am Felsenkopf herauf wie eine Waldkatze, ohne darauf zu
achten, da er's nur wenige Schritte weiter rechts oder links viel bequemer
gehabt htte. Erst als er hart neben dem Krmer stand, antwortete er: Was ich
wolle? Nun, wenigstens nicht ruhig warten, bis mir ein Stein an den
Verstandskasten springt und zu den sieben Lchern, durch die schon zu viel
heraus und hinein kommt, noch das achte schlgt. Stein und Bein pat denn doch
wohl nicht berall so gut aufeinander als in den hochweisen Reden der alten
Stigerin.
    Was tust du denn da unten?
    Jetzt natrlich nichts mehr.
    Du bist also fertig?
    Das liee sich mit einem einzigen Worte beantworten, nicht wahr?
    Kommst wohl wieder aus dem Bayrischen?
    Ursprnglich von daheim wie die Kinder.
    Aber heut?
    So nach und nach, antwortete Hansjrg lachend, knnte man noch von viel
Dmmeren manches erfahren. Gewi hast du aber nichts bei dir, da man etwa von
Gemeinde wegen antworten mu.
    Das war aber dem Krmer denn doch selbst in seiner heutigen Stimmung zuviel.
Wenn du einmal dem Gemeindediener in die Hnde kommst, wirst du es schon
merken. Es gibt aber noch ganz andere Kerle mit Haar auf den Zhnen, die dich in
unliebsamer Weise zum Reden zwingen knnten.
    Dann, spottete Hansjrg, mssen's freilich andere sein als der, welcher
hier ist.
    Weit du, Brschchen, da gestern und heut ein Grenzjger bei der
Kronenwirtin ist?
    Das heit bei ihrer Bierpfanne. Solang er dort ist, ist er nicht hier.
    Nur ein Wort von mir zu diesem, und -
    Und eins von der Wirtin sind zwei.
    Eins ist genug.
    Dann will es der Grenzjger - ich kenn' ihn ganz gut - gewi lieber von der
Wirtin, wenn sie auch schon ein bichen alt ist.
    Nur deinetwegen, rief der Krmer, wird er den Eid nicht brechen wollen.
Ich gelte etwas beim Amt. Noch nie hat es gegen mich gesprochen, und wenn ich
will, kann ich ihn noch heut zu einer Hausdurchsuchung treiben.
    Der wrde Augen machen drben am Argenstein und suchen.
    Die Sach' ist nicht halb so spaig. Mein Tchtermann, der Andreas, will
deinen schlechten Kram nicht mehr lnger unter seinem Dach.
    Hansjrg wechselte die Farbe, doch schon einen Augenblick spter sagte er
gefat: Das ist mehr als ein Wort, und zudem nicht von dir.
    Der Krmer bi sich auf die Lippen. Er hatte schon zuviel gesagt, denn wenn
er den Burschen nun nicht gleich fing, so konnte er ihm wieder ganz entrinnen.
Da muten schon andere Saiten aufgezogen werden. Andreas, sagte er gemtlich,
ist eigentlich ein guter Lffel und tut fast immer, was ich will.
    Und du, lachte der Bursche, mut einstweilen, was ich will, dann hab' ich
also dich und den Andreas, zwei Fliegen mit einem Schlag, oder ist eins noch gar
ein Hummel?
    Der Krmer sah den Soldaten erstaunt, erschrocken, fragend an. Er sah dessen
Auge wild aufblitzen, als er nach kurzem Schweigen, welches dem verlegenen Mann
wohl Zeit zu einer Frage lassen sollte, erklrend fortfuhr: Wer kann, der tut,
was sein Vorteil ist, und macht nicht viel Federlesens, hast du einmal gesagt.
Nun gut, heut' bin ich der Strkere. Krmer, ich kann! -
    So, sagte der Erbleichende mit vor ohnmchtiger Wut bebender Stimme, du
schleichst also in Wldern und Tobeln umher, eins dann pltzlich wie ein
Straenruber zu berfallen!
    Hansjrg stellte sich hart vor den Krmer, der an allen Gliedern bebte.
Stolz und wunderbar gro stand der Bursche da. Seine Wangen glhten, seine Augen
blitzten, sein glhender Atem traf die mit kaltem Schwei belegte Stirn, und
seine krftigen Hnde erfaten die Schultern des in sich Zusammensinkenden,
whrend er mit donnernder Stimme rief: Du elender Wicht! Schau, ich mchte dich
zerreien, und ich wr's imstand. Vernichten knnt' ich dich, zertreten, da man
nichts mehr sh' als einen unsauberen Platz, wo gewi nie mehr Gras wachsen, nie
mehr ein noch so mde gehetztes Tierlein ruhen tat. Du bist mir aber zu
erbrmlich. Ich will nicht dein Richter sein, denn es gibt einen, der noch viel
mehr wei. Nur zeigen will ich dir, wie elend du bist, wenn du einmal aus deiner
zusammengeschacherten Herrlichkeit herauskommst in gesunde Luft. Dir spricht
nichts fr als dein Alter, und das ist nicht ehrwrdig. Aber frchten mut du
dich nicht vor mir. Hier unter heiterem Himmel bergeb' ich dich dem
Strafgericht des furchtbaren dreieinigen Gottes! Es gab wohl Tage, Wochen,
Jahre, wo ich uns so zusammen daher wnschte mit verflucht heiem Wunsch,
brnstiger, als ich jemals ein Gebet zum Himmel schickte. Auf ganz andere Weis'
noch htt' ich dir den Meister zeigen wollen. Jetzt aber ist's mir genug so, und
ich mag das Kreidemnnchen nicht wegwischen. Seine Kraft steckt ja doch nur im
Schimmel, der sich daheim um seine Taler legt.
    Dem Krmer war es, als ob der Boden unter ihm wanke. Vernichtet sank er
zusammen. Htte er die Kraft seines Gegners gehabt, es wre ein furchtbarer
Kampf entstanden und htte wenigstens einen von ihnen nicht mehr lebendig vom
Platze gelassen. Begann es doch jetzt zuweilen in seinen Armen zu zucken und zog
ihn fast mit Gewalt vom Boden auf, aber, jedesmal noch schwcher, sank er
zwischen die halbverdorrten Waldgrashalme zurck. Wohl sah ihn niemand als
Hansjrg, aber ihm war, ob der Wald, ob jeder Stamm, jeder Grashalm Augen und
Ohren bekommen htte. Die welken Bltter schienen sich kichernd etwas
zuzuflstern, die ernsten Tannen schttelten brummend die bebarteten ste, und
die Vgel ob den Wipfeln erzhlten sich etwas und flogen wieder weg. Oh, wenn
auch er htte fliegen knnen bis - ja, wo htte er denn gleich etwas gegen den
Menschen tun und sich beruhigen knnen? Jetzt empfand es der Krmer so
schmerzlich wie noch nie, da seine Kraft wirklich nur in seinen Talern liege.
Es war ihm das kein neuer Gedanke, aber sonst hatte er ihn stark, ttig gemacht,
heute schien er ihn vernichten zu wollen.
    Ich bin sonst ein guter Kerl, begann Hansjrg nach langem Schweigen
beinahe mitleidig. Nur dein bses Gewissen hat dich niedergedonnert. Ich wre
ganz ruhig da drunten geblieben, bis die Nacht mich und meinen letzten
verbotenen Pack bedeckt htte.
    Den letzten? fragte der Krmer lauernd.
    Ich will ein ordentlicher Mensch werden.
    Du gehst auf den Stighof. Ist das klug?
    Nein, zum Bauernknecht pa ich wohl trotz der Kraft nicht.
    Das glaub' ich auch, sagte der Krmer, dem allmhlich wieder etwas
leichter wurde.
    Aber, sagte Hansjrg, wohin wr' ich besser? Und hineinleben kann man
sich in alles. Hab' ich mich doch sogar ans Kasernenleben gewhnen knnen, so
da mir selten etwas den gottgesegneten Appetit verdarb. Der schlimmste Tag war
der, wo ich dir von Zusels Briefen schrieb. Ich hatte ein Viertelhundert Prgel
berkommen, weil ich einem erstickten Studenten, dem sein Vater dann eine hohe
Stelle kaufte, nicht viel mehr Buckerle machte, als er verdiente. Herrgott, und
daheim saen sie behaglich und verhandelten Menschen und Waren! Die Zusel
schrieb auch seit Monaten nicht mehr. Alles schien aus, und ich sa ohne Geld im
Arrest und hatte keine Aussicht mehr auf die schon tglich erwartete
Befrderung. Da schrieb ich in der Wut an dich wie ein dummer Junge, der
abgetragener Butter auch das Brot nachwirft. Dein Geld hat mich gar nicht
gefreut. Einige Freunde haben's vertrunken an einem Tag. Ich hab' nicht einmal
helfen mgen und habe geweint die hellen Tropfen. Mir war's, als ob ich lachende
Erben das Liebste meines liebsten Freundes verzechen she. Wider Willen mute
der Krmer sich das Bild, das Hansjrg da brachte, recht lebhaft ausmalen. Ja,
lachende Erben - das machte den Schlu. Aber Susanne war dazu zu weichherzig.
Jetzt wurde sein Trost, was ihm sonst immer im Wege war. Ja, die Zusel war ein
gutes Kind. An die wollte, mute er sich halten, die noch glcklich machen. Es
ging leicht, wenn sie nur diesen Burschen aus dem Sinn schlagen konnte. Das aber
schien ihm nie schwerer als jetzt, wo er ihn, wenn auch zhneknirschend, achten
mute.
    Den Kopf auf den im Moose ruhenden Arm gesttzt, sa der Krmer sinnend,
heimlich Rache brtend, neben dem Burschen, der sich nach der Aufregung immer
mehr in liebe Erinnerungen verlor. Ach Gott, rief er aus, wie hab' ich's dumm
und schlecht gemacht, da mich das gute Mdchen mein Lebtag drum ansehen mu,
wenn es auch sein Herz nicht mehr so schwer traf, wenn auch die Lieb' vergangen
war neben dir wie die Blumen unter Schnee! Schuld bist nur du, alter Snder, da
ich so tief, tief herabkam.
    Jetzt hatte der Krmer einen Ableiter gefunden. Trotzig richtete er sich auf
und sagte: Wer das Herz hat zu solchem Streich, soll nur sich selbst bei der
Nase nehmen. Wurde von mir ein liebendes Herz verraten fr so niederen Preis?
    Der Krmer hatte wirklich das Gefhl, fr seine Zusel einzustehen. Das gab
ihm wieder Mut und machte ihn hart und fest, wieder ganz zum alten. Seine
Klugheit hatte des Burschen Schwche heraus und suchte gleich etwas damit zu
machen. Nur einen Handel, bei dem er selbst mehr wagte als sein Gegner. Zu
geschehenen Dingen, meinte er, mu man das Beste reden; wichtiger fr uns drei
- ich meine Zusel auch - ist die Zukunft.
    Die hast du mir zerstrt.
    Es ist grell in dein Leben eingegriffen worden, aber nur fr Stighansen.
Das wei der und wird noch etwas gutmachen wollen. Meinen tut er es wohl gut,
aber mir kommt's vor, ob da einer dem anderen die Handschuhe leihen tat zu
Strmpfen. Ich mchte dir besser helfen, da ich auch etwas gutzumachen habe.
Mit diesen Worten leitete der Krmer ein langes und breites ber die Eigenheiten
der geld- und namensstolzen Stigerin ein, neben der ein tchtiger Bursche kaum
auszuhalten vermchte, wenn er noch viel mehr eine Knechtsnatur htte, als das
an Hansjrg zu bemerken sei. Der Krmer wurde um so eifriger, weil er nicht blo
den anderen, sondern auch sich selbst berzeugen wollte, da er es nur gut
meine. Arbeite du wieder fr mich - fr uns, schlo er eine lange Abhandlung,
und du sollst nicht mehr an der Klage sein.
    Nein, antwortete Hansjrg entschieden, lieber mich noch einmal verkaufen
lassen und fr immer. Im Stble neben dem Laden - das hab' ich verschworen -
soll mich kein Mensch wieder sehen, wenn ich so alt werde wie die Snde.
    Ist mir lieb zu hren, lchelte der Krmer. Kein Mensch wei, was es
wieder gb', wenn du und das Blitzmdel unter einem Dache lebten.
    Die Wangen des Burschen rteten sich. Er sah Zusels Vater erstaunt an und
fragte mit unsicherer Stimme: Was soll ich machen?
    Daheim fr mich arbeiten.
    Um ein hbsches Vermgen tat ich nicht mehr immer sitzen.
    Nicht ntig; du sollst genug Bewegung haben.
    Was httest du denn im Kopf?
    Bleib, was du bist, ein Schwrzer, und mach' mit mir gemeine Sache, sagte
der Krmer. In meinem Laden kommt alles am besten fort. Auch brauchst du dann
mich so wenig zu frchten, als unsereiner das Amt zu frchten hat. Du bist
sicher, an Betriebskapital und Lohn soll's nicht fehlen, und du mut nichts als
das klug gewhlte Warenlager teilen mit einem, der dir ein mchtiger Freund
werden kann. Da dann die bisherige Feindschaft ein End' hat, ist auch noch
etwas wert.
    Knecht, stotterte Hansjrg nach einer Weile, wr' ich freilich nicht
gern, und wir knnten immer wieder aufhren -
    Allerdings, wir binden uns gegenseitig und machen uns gegenseitig frei. Du
mtest nicht einmal nur mir als Schwrzer dienen; doch als Soldat und sonst
wird es gut sein, wenn wir jedes Aufsehen vermeiden. Es wr' sogar gut, wenn du
zum Schein ein wenig mit der Nadel arbeiten ttest. Zu verdienen brauchst du
nicht viel.
    Und wenn man mich fngt?
    Ich werde dir helfen auf jede Art, wenn du mich nicht angibst. Aber la
immer die Ware lieber fangen als dich. Ich wei, da Zusel viel lieber einmal
die paar Taler weniger erben will.
    Dieser Schlu wirkte mehr als alles andere. Bald waren sie handelseins und
reichten sich die Hnde.
    Morgen kannst du etwas Geld haben, rief der Krmer schon im Gehen. Jetzt
war er in der besten Stimmung. Die Todesgedanken kamen nicht mehr; trotzdem aber
suchte er einen Alpweg, der ber die Fluh hinaus und neben dem Liggstein gerade
zur Kirche hinunterfhrte, um den gefhrlichen Weg unter dem Felsen neben der
Ach zu vermeiden. Vorzuwerfen brigens hatte er sich nichts mehr. Hintergedanken
hatte Hansjrg so gut als er, und mancher wohl wre nicht imstande gewesen, so
einem Grobian auch nur zum Scheine die Hand zu geben. Das war also berstanden,
und in Zukunft wollte er denn doch etwas gewissenhafter vorgehen, besonders wenn
einmal Zusel Stigbuerin war.
    Hansjrg kletterte mit tausend neuen Plnen und Hoffnungen zu seiner Ware,
um da das Dunkel der Nacht zu erwarten. Am Tage darauf, es war ein Sonntag,
predigte der Kaplan von den Pflichten der Arbeitgeber und Dienstboten, besonders
von jungen Mdchen, die einer teuflischen, unvernnftigen Berechnung ihre Ehre
und Tugend opferten. Der Prediger wollte nichts Verchtlicheres kennen, als wenn
so ein magerer, blonder, blauugiger Brocken so einer fetten Maus in die Falle
gelegt werde.
    Nach dem beinahe endlosen Vortrage sagte der Krmer ziemlich laut: Man
htte Dorotheens schmutzige Wsche doch nicht so auf die Kanzel bringen sollen.
Diese zarte Andeutung wre nicht mehr ntig gewesen, da ohnehin schon fast alles
nur an die Magd auf dem Stighofe dachte.

                              Sechzehntes Kapitel



                      Das Echo der Predigt auf dem Stighof

Wie es Bchlein gibt, ber die wieder viele und gromchtige Bnde geschrieben
werden, so gibt es im Bregenzerwalde Predigten, ber die und denen nach gleich
wieder in allen Ecken gepredigt wird, wenn sie auch nicht halb so lang und
krftig sind wie die, welche der Kaplan diesmal gehalten hatte. Wie eine
Lawine fuhr sie durchs Dorf. Einige meinten, man htte auch von dem und diesem
reden knnen, und fingen dann andere durchzuhecheln an. Eins war man nur noch
darber, da es mit Dorotheen ein wahres Elend sein msse. Auf den Stighof
brachte der Kanzelvortrag kaum grere Aufregung als in andere Huser, wo Eltern
ihren Kindern zusprachen, sich das zum Spiegel zu nehmen. Aber zwei oder beinahe
drei kleine Predigten wurden aus der groen doch auch gemacht. Eine war fr
Hansen ganz allein, und es wurde daher von der Stigerin, bevor sie begann, die
Stubentre sorgfltig verriegelt. Heut unter dem Gottesdienst, sagte sie,
jedes Wort scharf betonend, ist's mir geworden, als ob nun Sterben fr mich das
nchste und wohl auch bei weitem das allerbeste sei.
    Ich hab's ja gesagt, du solltest lieber in Gottes Namen daheim bleiben und
eine gute Meinung machen, sagte Hans und fuhr dann, als die Mutter den Kopf
schttelte, wehmtig fort: Du bist nun einmal nicht mehr fr die grelle
Herbstluft genatrt und solltest dich um Gottes willen mehr schonen.
    Schonen! wiederholte die Stigerin bitter. Schone nur du mich, wenn ich
wieder eine frohe Stund' haben soll. Aber ja, du hast mich schonen wollen! Ich
sollte nicht merken, was schon die ganze Gemeinde gemerkt hat, und das macht mir
so Kummer und liegt wie ein Berg auf dem Herzen. Wenn ich einmal auf Dorotheen
zu reden kam und auf das, was mir schon seit einigen Wochen fast jedes Lftlein
zuwehte, ja, da tatest du, ob du nicht fnfe zhlen knntest. Ich hab' dich zu
dumm gehalten zur Verstellung und zu gut und blieb ruhig, bis ich mich nun von
jeder Obst-und Besenhndlerin fr die berlistete, die blinde Affenmutter
ansehen lassen mu.
    Und warum denn das? fragte Hans, der noch immer nicht recht wute, wovon
denn eigentlich die Rede sei.
    Wegen der Dorothee, Mathisles Dorothee, unserer Magd, wenn du sie kennst.
    Hans erschrak, aber nicht weil er nun an die zum grten Teil verschlafene
Predigt dachte, sondern weil er glaubte, da es sich um das Verhltnis des
Knechtes mit der Magd handeln werde. Die Mutter war ein wenig stolz und hielt
viel auf die Ehre ihrer Verwandtschaft, besonders aber ihres Hauses. Es konnte
ihr wohl nicht gleichgltig sein, wenn das Mdchen offenbar dem Knechte vor ihm
den Vorzug gab.
    Die Stigerin hatte natrlich fr seine Verlegenheit eine andere Auslegung,
und unwillig fuhr sie ihn an: Jetzt stehst du da wie das Schaf am Hag, und alle
Verstellung ist aus. Ach Gott, wie einfltig und dabei doch so schlecht!
    Mit wem bist du heut aus der Kirche?
    Geht dich nichts an; was ich wei, htt' ich von jedem hren knnen.
    Hans wute nicht, was er denken sollte von jedem und vom Kopfschmerz, ber
den die Mutter in den letzten Tagen immer geklagt hatte. Wir wollen lieber von
anderem reden, sagte er. Derlei Geschwtz macht mir und dir wohl mehr Kopfweh,
als es eigentlich wert ist. Ich hab' selbst genug zu verwinden, wenn man mir
auch nicht noch schwer macht, und ich glaube, da das ganz nur meine Sache,
daher auch nur meine Sorge sei.
    Das glaub' ich aber nicht! erwiderte die Mutter heftig. Wie hab' ich mir
es doch sauer gemacht alle Tage, hab' sogar die grten Lcher in meine Nchte
hineingebrannt, um nur den Hof und das Anwesen gehrig im Stande zu erhalten,
bis du gewachsen sein wrdest. Und nun steht der Lmmel lang und breit da wie
ein Klosterkoch, und sogar sein Schweigen besttigt, was ich Nrrin sonst nie
habe glauben wollen, nmlich den Spruch: Kleine Kinder kleines Kreuz, groe
Kinder groes Kreuz. Htte ich gewut, wie es gehen werde, dann wre es gewi
nie so gegangen. Aber wem wr's eingefallen, da Dorothee auf die Art uns danken
werde.
    Durch diese Worte glaubte Hans seine Vermutung nur zu sehr besttigt zu
hren. Undank aber durfte er denn doch dem Mdchen nicht vorwerfen lassen.
Mutter, begann er etwas schchtern, wenn's auch fr uns nicht ehrenhaft ist
und besonders mir weh tut, da sie mich nicht will, so -
    Eben will sie dich fangen, du Tropf. Wenn sie sich gar noch ziert, so wird
sie dich halt schon am Faden haben, aber noch fester machen wollen. Du steckst
schon drin, da du mich von Herzen gern ein wenig zu dir sehen lassen solltest;
aber statt dem will man mich gar nicht einmal mehr in die Kirche lassen, seit
auf allen Gassen von dem sauberen Prlein geredet wird.
    Von welchem Prlein?
    Jetzt steht er wieder da wie der Gottverlamichnicht. Von wem denn als dir
und der Magd? Hat es je so einen Tropfen gegeben, wie du einer bist, seit man
warm kocht und doch wenigstens mit dreiig Jahren ein bichen etwas in den
Verstandskasten bekommt? Ich aber soll meine Gesundheit schonen, mich in acht
nehmen vor der Herbstluft, um doch noch jahrelang die Herrlichkeit mitansehen zu
knnen neben dem alten Mathisle. Tat mir auch not! Schon lang htt' ich sterben
sollen, schon da, wo ich Dorotheen, die Hexe, in -
    Jetzt das ist denn aber doch zu arg! konnte Hans endlich einfallen, als
die Stigerin, noch nach mehr hnlichen Ausdrcken suchend, einen Augenblick
innehielt. Mir tt es Freud' machen, wenn sie mich so gern htt', als man
sagt.
    Dein Geld nur htt' sie gern, dich, wie du bist, tt keine gern haben.
    Dann will ich mich vor den Reichen in acht nehmen, die brauchen mein Geld
nicht, geradeso wenig als ich das ihre. berhaupt heiratet jeder fr sich, drum
soll man es ihm berlassen. Mir kommt es ungemein gro und wichtig vor, sich auf
sein Lebtag an ein Weibsbild zu binden. Ich mein', das mu so aus einem
herauswachsen; aber wenn man den gesten Erdpfeln oder Rben jeden Tag
nachgrbt, wchst gar nichts. Das war grad' auch so ein Gezisch und Getue bei
verschlossenen Tren, bis man die gute Angelika dem Andreas verkuppelt hatte,
und nun -?
    Die geht mich nichts an, und ich wei nicht, warum du noch mit der alten
Geschichte kommst.
    Wer daran keine Schuld hat, kann um so leichter und ohne Gewissensplag'
eine gute Lehre daraus nehmen. Es wr' fr beide Teile besser gewesen, sie
htten sich gar nie gesehen. Er mag nun einmal nicht mit ihr gehen, drum kommt
er gerade dann am meisten auf den Abweg, wenn sie auf dem rechten ist. Warum bin
nicht ich an sie verkuppelt worden? Dann htt' ich jetzt den Batzen schon
gegolten. Zusel hat auch keinen besseren Vater als sie, denn der Krmer ist
seitdem noch kein Heiliger worden.
    Und sonst natrlich ist nur noch die Magd fr dich im Dorf und auf der
Welt.
    Man redet also von uns beiden? fragte Hans lchelnd.
    Eben.
    Und tadelt uns?
    Wenigstens dich. Da sie dich gern htt', ist etwas, das man sich einbilden
kann. Sie ist ja nicht einmal hbsch mit dem blassen Gesicht, den groen
Betschwesteraugen und dem fuchsigen Haar.
    Hbscher freilich wr' Angelika gewesen.
    Und Zusel gleicht ihr, ohne das Alter, wie ein Ei dem anderen.
    Auch sie ist hbsch. Wenn ihr Blick eins trifft, wenn sie einem zulchelt
und dann den Mund wieder so stolz und trotzig spitzt und das Nschen aufwirft,
meint man schon -
    Was meint man?
    Man msse rasend werden, da so ein - ja noch ein herrlicheres und vor
allem besseres Wesen so elend verschachert werden konnte. Ja, Mutter, damals war
ich ein Tropf, sonst wr's anders gegangen.
    Lassen wir das Alte, solang wir am Jetzigen so genug haben. Die Magd soll
noch heut' aus dem Haus, denn nach dieser Predigt will ich euch nicht mehr unter
einem Dache wissen, solang ihr beide ledig seid.
    Dann, sagte Hans entschlossen, dann mu ich gleich fragen, ob sie mich
nicht heiraten mchte.
    Mchte! schrie die Stigerin, mit dem Fue stampfend, mchtest du sie?
    Sobald sie sonst nicht mehr bei uns und alles im alten bleiben kann.
    Das geht nicht mehr, denn sie ist mit dir nun und du bist wegen ihr in ein
greuliches Geschrei gekommen. Ich glaub' selbst nicht alles, nicht das Halbe -
aber ...
    Und ich geb' jetzt schon gar nicht mehr nach. Nachgeben hiee alles
besttigen und alles auf sie werfen. Mutter, was wrde dein Herrgott sagen? Er
nimmt es sonst in Kleinigkeiten so genau, da man glauben sollte, du drftest
ihm gar nicht mit so etwas kommen, denn das ist grundschlecht und schndlich. Da
kommt das Mdchen in unser Haus als kleines Kind, noch unverderbt, ein Engel,
wenn es gestorben wr'. Von dir nur ist es erzogen worden, denn das Mathisle
hast du nicht bei ihr und sie kaum einmal bei ihm gelitten. Dorotheen haben wir
auf dem Gewissen und alle bsen Reden und alles, was sie jetzt aus unserem Hause
mitnehmen mte. Wr' sie schlecht, so htten wir die Schuld und drften sie
nicht fortschicken; wir mten nicht verschlimmern, sondern gutmachen auf jede
Art und um jeden Preis. Das darf ein hilfloses Mdchen erwarten, wenn einmal die
vom Stighof sich seiner angenommen haben. Wer A sagt, mu auch B sagen. Htte
sich Hans eine Woche lang auf diese Rede vorbereitet, es wre nicht besser, ja
weniger gut gegangen, als da er ganz nur dem Herzen folgte. Da er das tat,
bewiesen die groen Tropfen, die er sich dabei verstohlen aus den Augen wischte.
Er htte sich nicht schmen mssen, und vor der Mutter schon gar nicht, denn
diese war selbst gerhrt und sagte mit kaum noch erzwungener Strenge: Wie man
sich jetzt regen kann, und sonst tut man wie gefroren. Wer soviel wei, der
sollte ber so was gar nicht reden mgen. Geh nur und mach' einstweilen, wie du
willst, es wr' da doch alles Widersprechen umsonst.
    Ich will lieber eigenkpfig heien, als wenn ich selber mich fr schlecht
halten mte, brummte Hans, whrend er die von der Mutter geschlossene
Stubentr ffnete und ging.
    Jetzt war die Stigerin mit sich selber weit weniger zufrieden als mit ihrem
Sohne, der seine Sache nun einmal gar nicht schlecht gemacht hatte. Ganz uneben
war nicht, was er sagte, doch ein Ausweg durfte gesucht und womglich bentzt
werden. Wenn auch Jos das Mdchen gern htte? Und fast war es gewesen, ob Hans
das selber frchte. Da wr' etwas zu erforschen gewesen, wenn sie sich nicht so
leicht gefangen gegeben htte. Da doch einem so viel zu spt einfllt, wo es
nur noch qult, statt zu ntzen!
    Sie kannte Hansen, sie wute, wie er sich fr etwas warm machen konnte,
whrend er der berredungskunst beinahe unzugnglich war. Wenn er jetzt einen
halben Tag ohne Beschftigung mit sich allein blieb, dann war ihm das Mdchen
gewi schon zu einer halben Heiligen und schner als selbst Angelika geworden.
Jetzt noch wollte er Dorotheen nur glcklich wissen, und das wollte sie auch.
Glaubte er an eine Neigung des Mdchens zum Knechte, so war jetzt vielleicht
noch etwas zu machen, ehe das arme Kind wute, da ein Hans und ein Stighof zu
bekommen war. Aber gleich mute man dran. Dorothee sollte - damit beruhigte sie
ihr Gewissen - durch ein schnes Heiratsgut entschdigt werden. Sie ging hinaus,
um den Sohn noch einmal zu sich zu rufen, und erschrak fast zu Tode, als sie den
Hansjrg die Stiege heraufkommen sah. Es war ihr, ob sie von ihm hren msse und
schon hre, zuerst hab' man die schnsten Jahre seines Lebens verhandelt und nun
sollte noch die Schwester verschachert werden.
    Was willst du? fragte sie ngstlich, als er hart vor ihr stehen blieb.
    Wo ist Hans?
    Er wird sich ankleiden zum Nachmittagsgottesdienst, und ich mu auch
machen, da ich beim Zusammenluten in der Kirche bin.
    Aber den Kirchweg wirst du doch nicht mitnehmen, wenn du gehst?
    Dumme Frage!
    Nun, dann geh meinetwegen. Ich und Dorothee knnen auch spter nachkommen.
    Die Stigerin hatte keine Lust mehr, mit Hansen zu reden. Sie schickte den
Burschen zu Dorotheen in ihr Stbchen und war froh, gleich wieder aus seiner
Nhe zu kommen.
    Bald rief die groe Glocke die Besitzer des Stighofs zur Andacht. Jedes
hatte dem lieben Gott viel und jedes anderes vorzutragen. Hansjrg und Dorothee
saen beisammen in der Wohnstube.
    Was httest du eigentlich wollen? fragte das Mdchen, nachdem es die
Vorhnge ausgezogen hatte, um sich den Vorbergehenden zu verbergen.
    Wenn ich dir das alles sagen sollte, so wrdest du mehr vom Gottesdienst
versumen mssen, als dir lieb zu sein scheint. La dir daher lieber in aller
Krze sagen, was ich nicht will.
    Und was denn?
    Nicht hier Knecht werden.
    Nicht? fragte die Schwester erschrocken.
    Nein.
    Eine Weile saen beide schweigend nebeneinander, dann stellte Hansjrg sich
kerzengerade vor der Schwester auf und sagte: Ich gleiche doch keinem Knechte.
    Das ist nur Soldatenstolz.
    Oder Demut, erwiderte Hansjrg. Ein rechter Bauer tat mit mir nicht lang
zufrieden sein, dann htt' ich nur die Schand' und du den rger. Ich bin
empfindlich, eigensinnig, hochmtig und nur das nicht, was man sein mu, wenn
man mit Schaufel und Gabel exerzieren will.
    Sag' du nur lieber gleich, du mgest das liederliche Schwrzerleben nicht
lassen.
    Nun, wenn's besser klingt, kann ich das sagen.
    Und ich hab' mich schon so gefreut, da du nun doch noch zum Rechten kommen
werdest, klagte das Mdchen.
    Ich will eben weiter.
    Ja, in den Turm, wo man die Spitzbuben einsperrt und alle, die die Gesetze
trotzig bertreten.
    Noch bin ich auf guten Fen, und man wird mich auch nicht so leicht
fangen. Man hat in der Regel die Kraft schon vor einem Wagnis, die man dabei
braucht, sonst ist man nur ein halber Kerl.
    Aber um so jmmerlichen Gewinn, Bruder!
    Du begreifst das Lustigste bei der Sache gar nicht. Das ist eben, sich
tglich durchzuschlagen und nach dem Entrinnen aufatmend schon wieder einen
neuen Plan zu machen. Sie haben mich zum Krieger gemacht. Auch du hast es
geschehen lassen - mit Lcheln -, und es ist recht; aber nun hab' ich halt an
Feldzgen und Eroberungen mehr Freude, als wenn wieder ein Rock gemacht oder ein
Heufuder geladen ist. Geschafft wird ohnehin schon berall so viel, da man kaum
noch Arbeit findet und nur anderen damit im Weg ist; wer aber wohlfeile Ware
schafft in unser abgeschlossenes Tal, da nicht mehr einer ganze Gemeinden
allein aussaugen kann, der ntzt mehr. Und er soll nur nicht glauben, da ich
nur ganz ihm gehre. Doch das gehrte zu dem, was ich will, und davon zu reden,
haben wir heut' keine Zeit. Auch ist's mir zu hei in der Stube da. Es wird
einem fast angst vor lauter Vornehmheit. Droben auf den Bergen, da hat man es
weit und frei, und ein sterreichischer Jodler hallt aus dem Bayrischen zurck,
als ob es gar keine Grenzen und keine Grenzjger geben tt.
    Es gibt aber, und wenn sie dich einmal doch fangen sollten?
    Oh, den Hansjrg fngt man nicht mehr so leicht, als man meint. Weder der
Krmer noch die Grenzer. Nur einmal, in der letzten Woche und beim ersten Gang,
haben die Spitzbuben mir ein Pcklein abgejagt. Ich bin so md gehetzt worden,
da ich den Plunder wegwerfen mute, um selbst zu entrinnen. Das mu wieder
eingebracht werden, hab' ich mir gesagt und mich gleich wieder mit einem groen
Sack ber die Berge gemacht.
    Groer Gott!
    Es ist ein herrlicher Tag gewesen da oben. Ihr da habt noch euer Lebtag nie
so einen gesehen. Da ist es still gewesen in mir und rings um mich herum, so da
ich's ganz gut hrte, wie zwei Grenzer in einer den Alphtte sich was
zubrummten, als ich vorberschritt.
    Und hast du nicht an mich gedacht und an den Vater, und bist du vorwrts?
    Versteht sich, und dann tchtig beladen wieder zurck.
    Hast du denn alles schon auf den Bergen droben gehabt, da es so schnell
ging?
    Das ist oft der Fall, und die Grenzer, die richtig noch da waren, haben
auch so etwas vermutet. Wie von Wespen gejagt, sprangen sie heraus und schrien:
Halt! Hansjrg aber hielt nicht, ob sie rufen, laufen oder schieen mochten.
    Jesus Maria! Sie schssen?
    Allerdings, aber der Soldat darf nie frchten.
    Ja, als Soldat fllt er fr Gott, Kaiser und -
    Stighansen mit seinem Handgeld - als Schwrzer dagegen fr sich selbst.
Aber la mich weiter erzhlen! Das Beste kommt zuletzt
    Mir grauset's.
    Abwrts halfen alle Heiligen. Wie im Winter ein Schlitten, scho ich mit
meiner Last ber die glatten Bergheupltze hinab, rutschte durch Halden, sprang
ber Felsen und verschwand im Gebsch.
    Gottlob und Dank im hohen Himmel!
    Ich war einstweilen sicher, und ein weithin hallender Jauchzer verkndete
das meinen guten Freunden, die mir zitternd auf Umwegen nachkletterten. Nun
hrte Gott mich chzen und den allerjmmerlichsten Klagton versuchen, bis ich
die Verfolger herankeuchen hrte. Dann klomm ich wieder abwrts mit meiner Last,
aber so gemach, da sie mir immer nherkamen und bis auf einen Schritt bei mir
waren, als ich wie ein halb zu Tode Gesprengter niederfiel und meinen Plunder im
Sack ber den Felsgrat ins Tobel warf.
    Dorothee rckte ungeduldig hin und her. Es wr' nun Zeit in die Kirche,
sagte sie.
    Du mut aber doch noch hren, wie es gegangen ist mit dem Pack.
    Ich tt es lieber hren, wenn du ihn dem armen Vater gebracht httest.
    Der, lachte Hansjrg, wrde Augen gemacht haben, fast wie meine Freunde!
La mich aber nur der Ordnung nach erzhlen. Da lag ich und keuchte so
jmmerlich, da die Burschen es aufgaben, mich mit Rippensten zum Pack zu
treiben. Einer bewachte mich, bis der andere mit groer Mh und viel Schwei den
Schatz gehoben hatte. Ein Flein Tabak, meinte er. Hast du schon aufgemacht?
fragte mein Wchter. Narr, ich konnte kaum stehen, antwortete der andere
schaudernd. Nun wurde aufgeknpft, und aus dem Sacke kugelte ein kurz abgesgter
Tannenblock, so rund und glatt, da man sich zum Schindelnmachen keinen
hbscheren denken konnte. Meine Grenzer standen da wie verhagelt, mir aber war
die Mde vergangen, und lachend sagte ich ihnen, wenn es keinen Schnee habe,
knne man solche Kltze nicht auf Schlitten laden und trage sie lieber in Scken
aus dem Walde heim, wenn's nicht an der Kraft dazu fehle. Es war wohl strafbar,
da ich auf das Halt nicht stillestand, aber sie htten sich geschmt, mich
jetzt auf das Gericht zu nehmen, und, wie die Katze vom heien Brei weg,
schlichen sie den schlechten Weg hinab.
    Ganz gegen Hansjrgs Erwarten belohnte die Schwester seine Erzhlung nicht
mit dem leisesten Lcheln. Fast schaudernd sah das Mdchen aus den grauen Augen
des Bruders etwas leuchten, was weniger Mut und Tatenlust als Trotz,
Schadenfreude, Rachsucht oder sonst etwas Schreckliches sein mute. Du bist mir
ganz fremd worden, sagte sie traurig. Nie knnte mich freuen, was anderen nur
den Beruf schwer macht.
    Der Beruf, antwortete Hansjrg mit einem mitleidigen Lcheln, der Beruf,
du gutes Ding, ist nichts anderes als das Leitseil, an dem sie unsereinen nach
Wunsch und Willen in der Welt herumfhren. Als Soldat mu ich im Frieden
berufsmig der Anklger meiner Freunde, im Krieg der Mrder der sogenannten
Feinde werden. Mach' ich da nicht auch anderen den Beruf schwer? Aber sogar wenn
ich daheimsitze, still und unbemerkt zwischen den vier Pfhlen, wenn ich die
Nadel walten lasse in schnem, stillem Tuch und statt meiner nur einen Rock nach
dem anderen ins Feld schicke, mach' ich anderen den Beruf schwer, und je
fleiiger wir schneidernde Soldaten sind, desto hitziger ist der Krieg ums
Leben, um die Kundschaft nmlich und ums tgliche Brot. Das sind so Gedanken
eines Verkauften, wenn er von da droben herabschaut auf die wunderbar nrrische
Welt und seinen rger vergit im Lachen darber, da sich sonst kein Mensch weit
herum darber rgert und das alles ganz in Ordnung gefunden wird. Machen die
Grnrcke mir's nicht auch schwer? Und werde ich hier Knecht, so hab' ich einen
anderen, hei' er Peter oder Paul, von Kost und Most verdrngt. Krieg ist
berall, und ich will, am liebsten da mittun, wo doch auch noch ein Spa zu
erleben ist.
    Dorothee stand vor ihrem Bruder, wie ein Mensch vor einem Ungeheuern
Ereignisse steht, welches ihn um so mehr erschttert, weil pltzlich dessen
Ursachen und Wirkungen in ihrer Nacktheit so hart vor ihn hintreten, da er
nicht einmal mehr das Walten einer hheren Macht, sondern nur noch den furchtbar
regelmigen Lauf der Dinge darin zu erkennen vermag. So hatte der Bruder werden
mssen, und doch sollte, durfte er nicht so bleiben. Sie wrde - das fhlte sie,
wenn sie ihn entschuldigen wollte, viel strker, als ihr augenblicklich lieb war
- an seinem Platze nicht so geworden sein; aber vergebens suchte sie, was in ihr
sich dagegen aufgelehnt htte, in ein Wort zu fassen, um dem Bruder es wie ein
schpferisches Werde zuzurufen. Es klang recht traurig, als sie mit
abgewandtem Gesichte fragte: Mchtest du nicht am liebsten ruhig leben und brav
werden?
    Das wird nicht allen so leicht und so gut belohnt, als man sagt. Nur dir
lchelt Stighans dafr so freundlich zu, da der Kaplan keine Ruhe mehr bekam,
bis er darber eine Predigt hielt.
    Dorothee verstand diese Rede nicht, obwohl sie vormittags, wie gewhnlich,
dem ganzen Gottesdienste beigewohnt hatte. Mit mir ist's anders, plauderte
Hansjrg weiter. Mir stnde das Dulden nicht an, und meine grte Kraft gibt
mir der Trotz. Sie haben mir es aber auch danach gemacht mein Lebtag. Der Vater
-
    La ihn, fiel das gute Kind ein, auch er hat es hart gehabt, und die
Mutter ist viel zu frh gestorben.
    Mutter! rief der Bursche traurig. Ja, sie konnte recht gut sein, sie war
es, aber auch wieder furchtbar hart. Da hab' ich gesehen, was die Not aus den
besten Menschen macht. Dich hat ihr Unfriede mit dem Vater aus dem Hause
getrieben und unter ein besseres Dach gebracht, ich aber mute bleiben, und alle
Hiebe, die Vater und Mutter in groben Reden sich austeilten, fielen vor allem
auf mich, bis ich hart und unempfindlich war, so da mir bald ein Sonnenblick
der Mutterliebe fast weher machte als das rgste, was ihre ble Laune mir antat.
So ein Blick begann das Eis zu schmelzen, welches sonst den furchtbaren Ri in
unserem Hause bedeckte. Gott trste sie im ewigen Leben! Sie hat es doch nicht
mehr erleben mssen, mich zu einem Handwerk zwingen zu sehen, fr das ich am
allerwenigsten Neigung hatte. Der krftigste, trotzigste Bursche im Dorf, mute
ich ein Schneider werden, weil ich das beim Vater umsonst ein wenig lernen und
dann gleich beim Krmer Arbeit nehmen konnte. Man hatte schon Jahre daraufhin
gesndigt, und zwar so, da ich mich nicht mehr freimachen konnte. Die Schuld
wurde grer von Jahr zu Jahr, so da man mich endlich an Hansen verhandelte.
Diese Schule hab' ich durchmachen mssen, drum ist mir denn auch ein schnes
Vermgen das Hchste auf der Welt geworden. Wie ist der Krmer ein Mann und lebt
trotz Neid und beln Nachreden in aller Herrlichkeit! Und warum? Zuerst weil er
ein unerfahrenes Mdchen verfhrte. Das machte ihn zum Herrn ihres Vermgens,
und nun hat er sich natrlich gar alles erlauben drfen. Und nun war eine
Tochter da neben mir im Haus, ein bermtiges, keckes Ding, und die sah mich
gern. Ja, ja, der Krmer tat sich recht, da er mich aus dem Haus und aus dem
Dorfe schaffte, denn die reiche Zusel htte mein werden mssen um jeden Preis.
Wohl hat mir das Mdchen nachgeweint und nachgeschrieben von ewiger Liebe. Aber
daran hab' ich nicht geglaubt. Wr' doch auch ich gleich wieder einer anderen
nachgegangen, wenn mich das Glck wieder auf den Weg einer so Reichen gefhrt
htte. Drum - ja, ich will nur beichten, da doch auch hier etwas Gutes
geschieht unter dem Gottesdienst -, drum hab' ich dann sogar die Schreiberei von
ihr um ein Sndengeld an den alten Krmer verschachert in der verworfensten
Skorpionsstunde meines Lebens. Als ich heimkam und das hbsche Kind sah -
Herrgott! Ich htte mir alle Haare ausraufen mgen. Erst jetzt seh' ich, wie
hbsch sie ist, und ich wei nicht, ist's Reue oder was, das mich mit Gewalt
immer zu ihr zieht und mich selbst dem Krmer gegenber, den ich von ganzer
Seele hasse, immer wieder so schwach macht. Er sagte mir oder verriet doch, da
mich sein hbsches Tchterlein auch noch nicht ganz vergessen habe.
    Und nun lt du dich wieder fangen von der Lgenspinne? fragte Dorothee im
Tone des Vorwurfs.
    Der Krmer, antwortete Hansjrg, hat es mir in einem groen Augenblick
gesagt, und ich glaub' es, denn ich empfinde nur zu gut, wie mir selber zumute
ist.
    Der Krmer meint es aber gewi nicht redlicher mit dir als mit anderen.
    Ich mit ihm auch nicht. Wenn er glaubt, da ich nur fr seinen Laden ber
die Berge gehen werde, dann trgt er sich viel rger als ich. Das ist nur, um in
seinem Hause nicht ganz fremd zu werden.
    Er kann dich aber verraten beim Gericht.
    Ich ihn auch.
    Die Groen beien einander nicht.
    Eben drum auch mu man sich an diese hngen, wenn man sicher sein will.
    Wenn du so etwas im Kopf hast, sagte das Mdchen ungewhnlich streng, so
ist die heutige Predigt fr dich schon ganz besonders wichtig. Es wr' doch
traurig, wenn's dich trfe, wenn du als Dienstbot arbeiten ttest, und dein Lohn
wre der Zorn Gottes, der ja will, da man ihm allein dienen und keine fremden
Gtzen daneben haben soll. Weit du, der Kaplan hat die, welche dienen um
Befriedigung der sndhaften Begierden, den Zauberern verglichen, die ihre arme
Seele dem Schwarzen verschrieben aus Geldgier und Zeitlichkeit. Mir ist das
schrecklich vorgekommen, und doch hab' ich da noch gar nicht an dich gedacht. Es
ist mir nicht eingefallen, da es dich treffen knnte.
    Oder gar dich auch noch, bemerkte Hansjrg.
    Du hast recht! Wer steht, der sehe zu, da er nicht falle. Ich mein' es
nicht bs, und es kommt mir selbst wunderbar vor, wie ich von deiner Erzhlung
weg an die Predigt denken mu.
    Du hast recht, da du nicht gleich dich selbst bei der Nase nimmst, das tun
schon die anderen. Aber la sie dich nur beneiden. Neid bringt Glck.
    Mich nhme man dafr her?
    Ja, dich und den Hans, den dir nicht nur die recht grausam bel gnnen,
welche bei Prozessionen noch das Krnzlein tragen mssen.
    Mir - mignnen sie - ihn?
    Ja; aber tu du nur jetzt nicht mehr gar zu falsch, nachdem ich doch auch so
offen gegen dich gewesen bin. Du wrst nur ein Nrrchen und er ein Klotz, wenn
du ihn nicht bekommen ttest.
    Aber, Hansjrg -
    Man vermutet von anderen nur und redet ihnen nach, was man selbst an ihrem
Platze getan htte, drum auch brauchst du vor keinem Menschen rot zu werden, und
am allerwenigsten vor mir. Ich hab' dem Stighof schne Jahre geopfert, es ist
recht, wenn er sie meiner Schwester zurckgibt. Ich gnne dir dein Glck von
ganzem Herzen.
    Ja, ich bin glcklich hier, und du knntest es auch werden. Komm doch,
schlag deine Leidenschaften nieder! Man kann's mit einem Ruck, wenn man die
Faust ballt und recht trotzig tut. Ich mach' es immer so, wenn mich Kummer plagt
um den Vater, dich oder - und der Kummer sitzt doch noch viel tiefer, als was
dich vom ordentlichen Weg treiben will.
    Wenn du fr mein Vertrauen nichts hast als diese Predigt, bemerkte
Hansjrg unmutig, so wr's fast schad', wenn ich die ganze Vesper versumen
tt. Da ich nicht gewillt bin, Knecht zu werden, hast du verstanden.
    Ntzt alles Einreden nichts?
    Nein.
    Eine Minute spter schritten die beiden schweigend ber die lngst leere
Gasse des verdeten Herrendorfes hinaus der Kirche zu.

                              Siebzehntes Kapitel



                           Ratlosigkeit und Entschlu

Hansjrg hatte nicht ganz unrecht, wenn er Dorotheens Predigt fr eine Decke
hielt, hinter der das Mdchen ganz andere Gedanken und Empfindungen zu verbergen
suche. Ernst aber war es ihr mit dem Zuspruch doch; sie htte ihn in der
Verlegenheit gar nicht mehr finden knnen, wenn er ihr nicht ganz obenauf
gelegen wre. Erst als sie schweigend neben dem Bruder zur Kirche schritt,
fragte sie sich ernstlich, ob er mit der Predigt des Kaplans wohl recht gehabt
haben knnte. Sie wute sich aber so wenig vorzuwerfen, da sie wieder ziemlich
ruhig darber wurde. Als sie aber in die Kirche kam, man sang eben den letzten
lateinischen Psalm, da drehten Mnner und Weiber die Kpfe um, sahen sie lange
an und schienen dann Wichtiges sagen zu mssen. Ihr wurde siedig hei und
himmelangst. Auch das wieder schien man zu merken und auf allerlei Weise
auszulegen, denn noch unverschmter starrte man sie an, noch lnger steckte man
die Kpfe zusammen, und weniger, um zu beten, als um einen Punkt fr den
unsicher werdenden Blick zu gewinnen, zog sie ihr kleines Andachtsbchlein
heraus. Gelesen aber hat sie nicht, die Buchstaben schwammen auf dem weien
Blatte so schnell durcheinander, da ihr die Augen bergingen, sobald sich diese
fest auf eine Zeile richten wollten. War sie denn in der Kirche, dem Hause
Gottes, wo alle gleich, alle Snder sind, aber auch alle Ruhe und Trost finden
knnen und Schutz vor den Strmen, die da drauen toben? Es kam ihr wie eine
Entweihung des heiligen Ortes vor, da sie heute so viele zeitliche Gedanken und
Erinnerungen mit da hereinbrachte, und doch war sie vergebens bemht, derselben
loszuwerden. Was sie dem Bruder noch nicht recht glauben wollte, war ihr jetzt
furchtbar klar geworden. Alle sahen sie um die heutige Predigt an, alle dachten
an den Stighof und wei Gott an was, whrend der Kaplan droben vor dem prchtig
geschmckten Altar ein lateinisches Kirchengebet eintnig heruntersang, welches
auer ihm und dem Pfarrer kein Mensch in der ganzen Versammlung verstand. Warum
betete er nicht lieber, da man es verstehen konnte? Vielleicht wre doch ein
Gedanke drin gewesen, der ihr hinausgeholfen htte ber die Beziehungen und
Verhltnisse des Werktagslebens! Ihr Andachtsbchlein hatte sie ja zu Hause
auch. Nur in dem lesen htte sie dort auch knnen, und noch besser als da, wo
sie sich von jedem anblicken und ihn dabei unwillkrlich auch seine Rechnung
machen lassen mute. Es war heute in der Kirche gar nicht wie sonst. Noch immer
hatte sie da, wo reich und arm nebeneinander knieten und gemeinsam zum Mahl der
Liebe gingen, sich als Kind Gottes gefhlt; heute dachte sie nur an ihre Armut,
ihre Abhngigkeit. Wenn sie zu beten versuchte, war's nur ein Flehen zu Gott,
da doch er sie nicht verlasse und noch fernerhin den Schutzengel mit guten
Einsprechungen sende an die, von deren Gunst ihr guter Verdienst und damit das
Wohl des Vaters und der Schwester abhngig sei. Aber selbst in diesem
Zusammenfassen ihrer zeitlichen Sorgen wurde sie durch das vielleicht ihr heute
auch besonders auffllige Benehmen der Umstehenden gestrt. Sie alle schienen
ihre Wechseltische hier aufgeschlagen und das Haus Gottes zu einer Hhle des
Neides, des Ehrenmordes gemacht zu haben. Nur einer in den unteren Sthlen war
so in seinem Gebetbuch, da er weder sie noch die anderen zu bemerken schien -
Stighans. Der htte gewi auch Grund gehabt, sich zu rgern, und besonders ber
sie, wegen der er - wie der Bruder sagte - ins Gerede und in die Predigt
hineingekommen war. Und doch war ihm auch unter dem Mittagsessen gar nichts
anzumerken; die alte Stigerin freilich tat etwas wunderlich. Es war das aber
auch weniger zum Verwundern, als da Hans alles so gelassen hinnehmen konnte.
Das war denn doch ein anderer Mann als Jos, dessen Leidenschaftlichkeit sie seit
einem halben Jahre schon so oft erbeben machte! Freilich brauchte er sich um
Kleinigkeiten auch nicht viel zu kmmern. Er stand fest auf dem Erbe seines
Vaters, Jos dagegen mute sich jede Stufe mhevoll erkmpfen. Das mochte den
guten Burschen so trotzig gemacht haben, wie er damals war, als er ihr sagte,
da er nicht mehr auf den Stighof kommen werde. Freilich, zu erklren war
allenfalls sein Benehmen, aber darum rgerte das eins doch. Zwar nicht so recht
und ganz wie heute die unverschmten Blicke - nur a bitzle, doch so, da man
es ihn nicht ungern auch etwas empfinden lie. Und wie beim Jos war's auch bei
Hansen. Wenn man auch seinen heitern Sinn, seine unverwstliche Seelenruhe dem
schon durch seine Stellung gegebenen Gefhle der Sicherheit zuschreiben konnte,
so tat sie einem doch wieder wohl, und man freute sich, bald wieder zu ihm zu
kommen auf seinen stillen Stighof. Wie schlimm wre sie doch jetzt daran, wenn
auch er noch dem Winde folgte? ngstlich dachte das Mdchen, wie viele Leute er
nun vielleicht wieder reden hre, bis er daheim sei. Sie Verlie mit den ersten
die Kirche, und der Weg nach Argenau kam ihr endlos vor. Wen alles konnten die
Stigerin und Hans auf dieser Strecke antreffen, wie vielerlei hren!
    Heute tat ihr die Freundlichkeit der Buerin so wohl, da sie nun in der
Kche ein inniges Gebet zum Himmel schickte, was sie in der Kirche nicht
vermocht hatte. Es kam aber auch die Frau ihr so freundlich entgegen, da dem
armen Mdchen, welches ihrer Heimkehr mit Sorge entgegensah, vor freudiger
Rhrung das Wasser in die Augen scho. Das waren Leute! Viel wohler wurde einem
zumute, viel frmmere und bessere Vorstze konnte man neben ihnen machen als
selbst in der Kirche. Und nun kam auch Hans und erzhlte, da er heute gar keine
Lust gehabt habe, mit den anderen Burschen in die Krone zum Bier zu gehen, um da
ihr dummes Geschwtz zu hren. Wenn bse Leute sie nun einmal alle
zusammennhmen, so wollten sie auch gehrig zusammenhalten, so treu und fest,
bis man vor rger darber gar nichts mehr sagen mge.
    So redete Hans, und die Stigerin hatte nicht einmal ein Wrtchen dagegen
einzuwenden.
    Dem Mdchen war ganz wunderbar zumute. Hansjrg hatte also vielleicht doch
nicht ganz unrecht, wenn er eine Neigung Stighansens andeuten wollte. Noch wurde
ihr fast angst vor diesem Gedanken, aber Hans galt ihr jetzt zu viel, als da
sie sich nicht immer mehr und lieber damit beschftigt htte. Auch die
Freundlichkeit der alten Stigerin, die man fast eine mtterliche nennen konnte,
begann sie fr einen Beweis zu halten, da die gute Frau sich mit dem Gedanken,
sie einmal als Stighofbuerin zu sehen, schon ein wenig vertraut gemacht habe.
    Dorothee hatte wirklich nicht ganz unrecht. Wenn die Stigerin das Mdchen
weit weniger gern gehabt htte, als das wirklich der Fall war, so htte Hansens
Rede doch gengt, sie an ihre Pflicht als Erzieherin zu erinnern und das Glck
des Kindes ihr zu einer Gewissenssache zu machen. Freilich wr' ihr jetzt jedes
erlaubte rechtliche Mittel, Dorotheen aus dem Hause und mithin Hansen aus dem
Gerede zu bringen, fast um keinen Preis zu teuer gewesen. Aber in Unehren sollte
sie nicht aus dem Hause, da sie doch entweder unschuldig an allem war, was man
sagte, oder gewi auch Hansen sein Teil an allem zufiel. Nein, unglcklich
werden fr immer nur eines Geredes wegen durfte die nicht, welcher Mutter zu
sein die Stigerin einmal gelobt hatte. Lieber wollte sie Hansen mit dem Mdchen,
das an und fr sich gewi so gut als eine zu ihm gepat htte, vor den Altar
treten sehen, wie sehr das auch immer gegen ihre Rechnungen sein mochte.
Glcklich mute Dorothee werden, nur, wenn's menschenmglich war, nicht gerade
um den allerhchsten Preis; denn nher noch als das angenommene lag ihr doch
noch immer das eigene Kind am Herzen, ihr einziger Sohn, den sie fast zu
enterben glaubte, wenn sie keinen anderen Ausweg als eine Verehelichung der
beiden zu finden imstande war.
    Aber noch weniger als bei der Mutter tat die Predigt und taten die durch
selbe gutgeheienen Verleumdungen bei Hansen die Wirkung, die der Krmer ganz
bestimmt erwartet hatte. Erst nachdem es Hansen von allen Seiten vorgehalten
wurde, da nur er und die Magd gemeint, sogar zum Greifen deutlich gezeichnet
worden seien, ward er recht fest und sagte mit Stolz, da er dem bel leicht
abhelfen knne, wenn Dorothee gar so gern Stigbuerin werden mchte. Ja, nun
trotzte Hans aller Welt, daheim aber, wo er die so unschuldig Verfolgte so
sicher und doch auch so demtig ihre Wege gehen und die vielen Arbeiten
verrichten sah, konnte er zuweilen recht weich werden. Nein, die sollte man ihm
nicht mehr nehmen! Diese Freude sollte dem Neid und dem Eigennutz nicht werden!
Eine Angelika fand er doch nicht wieder, und da gab es nichts Besseres, als
dieses edle Wesen so hoch und frei zu stellen, als er's konnte und als sie an
innerem Wert ber den meisten stand.
    Nach der Kirchweih war Hans dem Mdchen gegenber gewesen wie ein
Brschlein, welches das der Mutter geholte l verschttete. Wie dieses eine
halbe Stunde zu spt mit den sorgfltig zusammengelesenen Scherben des Kruges,
kam er mit seinen Klagen gegen den Knecht heim. Dorothee war seine Richterin,
und erst die Vershnung mit ihr gab ihm auch den Frieden mit sich selbst wieder.
Schon stand jetzt das Mdchen so hoch, da er eiferschtig werden konnte, und
als er sie nun gar seinetwegen verleumdet sah, stand sein Entschlu, sie zu
heiraten, damit die Plagerei doch einmal ein Ende habe, so fest, da sich alle
darber wunderten, die ihn einmal seine Abneigung gegen den Ehestand aussprechen
hrten.
    Dorotheen war jetzt wunderbar zumute. Es kam alles so unerwartet, da sie
weder recht daran glauben noch sich darber freuen konnte. Es war freilich ein
groes Glck fr sie und die armen Ihrigen. Aber es war ihr, wie es einem sein
mte, der auf einen Berg getragen wrde. Liee man ihn droben auf der
furchtbaren Hhe, rings von Abgrnden umghnt, pltzlich allein, so km' er
gewi nicht dazu, sich an der herrlichen Aussicht zu erfreuen. Ach, auch sie sah
rings um sich neidische Aufpasser, geldstolze Basen und Unheilstifter aller Art.
Sie war eben nicht durch sich selbst auf diese Hhe gekommen, sondern nur durch
ein Zusammenwirken von Umstnden, die ihr jeden Augenblick wieder untreu werden
konnten. Auch andere dienten so treu wie sie, ohne solchen Lohn zu erhalten. Jos
tat dem Hofe so viel, und nun lag er daheim. Wohl sagte sie sich, da ja Hans
neben ihr stehen wrde auf der stolzen Hhe; aber wie lieb und recht ihr auch
der Bursche war, so konnte sie doch kein solches Vertrauen zu ihm gewinnen, da
sie ganz ruhig wurde. Besonders qulte es sie, wenn sie aus seinen Reden etwas
wie Trotz gegen den Kaplan und gegen alle, die frs ganze Dorf Wetter machen
wollten, herausklingen hrte. Jene Predigt machte ihr noch viel Kopfweh, und
immer hufiger fragte sie sich, ob sie denn auch wirklich von jenen herben
Vorwrfen so frei sei, als sie anfangs glaubte. Sie fand freilich nichts, und
doch wollte ihr Gewissen nie ruhig werden. Ach, wie gern htte sie bei jemandem
um Rat fragen und einmal alles in ein vertrautes Herz ausschtten mgen! Aber an
wen sollte sie sich wenden? Sie dachte zuerst an Jos, aber nur um heftig den
Kopf zu schtteln, ohne da sie sich noch sagte, warum das nicht gehen werde.
Den Rat des Vaters aber und all der Ihrigen konnte sie sich denken. Diese Leute
hatten nie ein Verstndnis fr ihre Gedanken und Gefhle. Die Not hatte sie hart
und geldgierig gemacht. Ja, die Not! Aber nun konnte sie ja helfen und mute
dabei nicht einmal ein Opfer bringen! Ja, Hans hatte sie recht gern, und die
Stigerin tat auch, als ob sich wenigstens von der Sache reden lasse, ja vermied
leise Andeutungen bei weitem nicht so ngstlich als sie selbst. Es darf gehen
und kann gehen, sagte sie sich in der folgenden Woche wohl hundertmal, aber
immer war sie mit ihren Gedanken, mit ihrer unerklrlichen Angst am alten Fleck.
Es ging eben nicht. Irgendwo mute ein Querholz in die Speichen hereinragen, und
sie bemhte sich vergebens und sann Tag und Nacht, um die Stelle zu finden. Es
war ihr peinlich, immer nur noch an das zu denken, und dennoch suchte sie in
freien Stunden gerne die Einsamkeit auf, um sich ungestrt ihren Gedanken
berlassen zu knnen. So schritt sie am folgenden Samstag abends dem kleinen
Weidenwldchen zu, welches sich unter Argenau sdstlich an der Ach hinaufzieht
und den von ihr in frheren Jahren angerichteten Schaden so gut als mglich
verdecken zu wollen scheint.
    Eine Bregenzerwlderin auf einem Spaziergang - das ist etwas Seltenes! Ihr,
der es doch bei Tag und Nacht, im Sommer und Winter an nichts weniger als an
Bewegung fehlt, mu gewi etwas viel zu eng, zu schwer geworden sein, wenn sie
auch noch in den so seltenen Stunden der Ruhe und der Erholung die geselligen
Kreise flieht und einen Gang macht, um die Einsamkeit aufzusuchen. Man kennt sie
alle, die am Feierabend noch herumgehen wie der Schatten an der Wand und dabei
tun, als ob sie an ihrem Kopf voll Gedanken recht grausam schwer zu tragen
htten. Wenn man ein Mdchen so auf einmal die schnsten Spaziergnge oder am
Ende gar die allergreulichsten Schluchten und Tobel aufsuchen sieht, dann achtet
man sorgfltig auf alles, was sie redet und tut, ob etwa nichts beweise, da sie
sich beinahe hintersinnt habe. Findet man aber noch alles in Ordnung, so sieht
man ihr mitleidig nach und denkt an ein herbes, tiefes, kaum noch ertrgliches
Weh, an selbstverschuldetes Herzeleid, eine Liebe ohne Hoffnung oder an eine
recht unglckliche Ehe. Auch die Angelika trug immer hufiger ihr Hauskreuz
feuchten Auges in das Wldchen neben der Ach hinab. Wenn ihr Kind beim Spielen
oder unter dem Abendgebete einschlief und auch in Haus und Stall alles versorgt
war, dann trieb es die Unglckliche, die doch noch nicht schlafen konnte, gar
bald aus dem Hause. Es war ihr noch immer fast unmglich, den Andreas in
betrunkenem Zustande heimkommen zu sehen; ja aufpasserische Leute wollten
bemerkt haben, da sie nicht selten erst nach ihm ins Haus gehe, vermutlich,
weil das das einzige Mittel war, einen Wortwechsel mit ihm zu vermeiden.
Freilich mochte der Mann sich auch hierber rgern, aber Angelika konnte
ungemein eigensinnig sein, wo sie die Schuld ganz nur dem Gatten zuschreiben zu
drfen meinte.
    Auch heute traf Dorothee das unglckliche Weib. Sie sa hart neben der Ach
auf einem moosbedeckten Steine und warf die ihr vom warmen Herbstwinde
zugetragenen welken Bltter scheinbar gedankenlos in den rasch vorberstrzenden
Flu. Ihren Kopf bedeckte statt der schweren Pelzkappe nur ein weies Tuch, und
Dorotheen kam es gerade vor, als ob sie eine Leidtragende mit dem bei
Begrbnissen blichen weien Trauerschleier, dem sogenannten Sturz, erblicke. Da
sie sich schon bemerkt sah, wagte sie nicht mehr zurckzutreten, wie bang ihr
auch wurde neben Hansens ehemaliger Geliebten, die ihr in dem Halbdunkel des
Waldes fast wie ein hheres Wesen erschien. Lang suchte sie vergebens nach einem
Worte, die unglckliche Ernstblickende anzureden, und erbebte leise, wie vom
Frost geschttelt, als diese, sie immer schrfer ins Auge fassend, endlich
fragte: Hat auch dich die bse Welt schon da herausgetrieben? Kannst auch du
ihr nur noch dienen und deine Krfte opfern, aber dich nicht mehr mit ihr
freuen, ruhen und genieen?
    Dorothee sann verlegen nach, wie und warum sie denn eigentlich da
herausgekommen sei, oder vielmehr sie sann, was sich denn eigentlich darber
Vernnftiges sagen liee. Sie wollte sich nur ein wenig erspazieren, um - weil
es daheim nichts mehr zu tun gab und - weil man ja keinen Tag sicher war, ob
nicht der Winter dem freien Herumgehen in Feld und Wald ein Ende machen und
alles ins Haus einsperren werde fr lange Zeit. Sie floh eigentlich niemand und
hatte auch keine Freude, sich mit der Welt unzufrieden zu zeigen. Sie war
herzlich erschrocken, als Angelikas Rede sie daran erinnerte, da ihr miges
Herumtappen eine solche Auslegung zulassen wrde.
    Warum, fragte sie endlich, sollte denn eins nicht einmal, bevor es
schneit, noch gern einmal in einer freien Stunde, wo nichts Gutes und nichts
Wichtiges versumt wird, einen Gang durch das schne, ruhige Wldchen machen,
auch wenn man mit Gott und der Welt zufrieden und in der besten Stimmung ist?
    Noch selten hatte Dorothee solche lange Frage in einem Atemzuge getan. Sie
mute eben eine zustimmende Antwort haben, um dann so bald als mglich
wegzukommen.
    Nun, meinetwegen wohl, sagte Angelika trocken. Es hat jeder Mensch
Liebhabereien, aber gewhnlich streift sich das bald ab, wie die Bltter der
Alpenrose, wenn sie vom Stamm wegkommt. Ist auch gar nicht schad' um die Rose,
wie hbsch sie sein mag. Sie ist nicht zum Verbrennen und taugt nichts ins
Futter. Ich glaub', es gibt viele, die es dem lieben Gott verargen, da er ganze
Strecken Boden mit diesen Rosen angegrtnert hat. Schau' mich nur nicht gar so
gro an, wir redeten zuerst von Liebhabereien, dann von den Rosen. Ist's nicht
eins? Hier hat man Grten, aber die brauchen sie nur fr Rben und Kraut. Das
ist ntzlich. Denk' einmal an einen Menschen, der alles so genug hat, da er gar
nicht mehr auf den Nutzen sehen mu! Gute Nacht, Ordnung und Flei und Friede
und Tugend! Und wer da nicht gleich mit Schlaf wohl sagt, der kann da heraus und
Bltter in den Bach werfen und ihnen nachsehen, bis ihm die Augen bergehen. Ja,
Mdchen, du bist meine Leidensgenossin, meine Schwester, drum hab' ich dir auch
soviel zu sagen. Wir beide haben keine Eigenen mehr, die uns verstehen, drum
gehren wir uns. So ganz allein ist das Leben doch gar zu langweilig.
    Du hast ja dein Kind, bemerkte Dorothee beinahe streng. Seine Zukunft
macht mir schwere Sorgen.
    Und Arbeit, fuhr das Mdchen fort, gibt's auf so einem Hof alle Hnde
voll.
    Dazu vergeht einem aber die Lust gar bald, wenn andere zum Fenster
hinauswerfen, was man mit Mhe zum Schlsselloch hereingebracht hat.
    Mir, sagte das Mdchen, ist auch die Arbeit eine Liebhaberei. Wieviel
hab' ich schon verschwitzen knnen! Hat man den Kopf ganz frei fr jeden
Gedanken, der kommen will, dann kann man ber keinen Weg, oft nicht einmal in
die Kirche, ohne da einem etwas aufstt und viel rger ist, als wenn's bei der
Arbeit schief geht. Ich wei gewi, da auch du bei der Arbeit am glcklichsten
bist und dir auch bald nicht mehr so einsam vorkommst.
    Hast du es auch verarbeiten knnen, da sie deinen Bruder verkauften?
    Das tat mir da noch nicht so weh. Ich selbst htte fr Hansen durch ein
Feuer mgen, drum fand ich's in Ordnung, da der Bruder ging fr den guten
Hans.
    Ja, das glaub' ich, denn auch ich htte viel fr ihn tun knnen. Wir haben
uns frher auch oft und gern getroffen. Viel- und vielmal sind wir da heraus,
haben dem Wirbeln und Wallen der Ach zugesehen, haben Bltter hineingeworfen und
uns dann ber ihren Gang verwundert. Die von mir wurden rasch erfat, aber nach
allen Seiten hinaus und dann wieder in die rgsten Strudel hineingetrieben, bis
sie mit Hansens groen Ahornblttern endlich wieder zusammengekommen sind. Ich
hab' an diesem kleinen Wunder oft meine Freude gehabt und denk' noch jetzt
daran, wenn ich ein Blatt im Flusse schwimmen sehe. Auch der Jos ist vielmal
dabei gewesen. Schon da hat er Hansen vielfach dienen mssen, wie spter auch
noch, und jetzt sitzt er vergessen daheim.
    Dorothee fuhr erschrocken zusammen. Dann aber sagte sie um so
leidenschaftlicher, weil ihre Worte hauptschlich an sich selbst gerichtet
waren: Vergessen ist er nicht, und wir alle auf dem Stighof haben schon viel
fr ihn getan.
    Dein Bruder wird sogar die Arbeit auf dem Hofe fr ihn tun, da er doch
ausgebraucht ist.
    Das ist nicht wahr, sagte Dorothee traurig.
    Nicht? fragte Angelika, die ihre bittere Rede sogleich bereut hatte. Er
bleibt also - ach Gott, sein jetziges Handwerk ist recht gefhrlich.
    Das endlich war Dorotheens Herzen ein verwandter Ton. Jetzt trat sie nher
zu dem wunderlichen Weibe, welches sie bald zu bemitleiden, bald zu hassen
schien. Der letzte Ausruf gewann ihr Herz um so mehr, weil sie im Augenblicke
nicht daran dachte, wie sehr Angelika dem eine glckliche Zukunft wnschen
msse, der durch ihren Vater einst aus seiner eingeschlagenen Bahn geworfen war.
Er htt' etwas werden knnen und wr' bei uns nicht zu bedauern gewesen,
klagte das Mdchen.
    Ja, gewi, dehn Hans hat viel gutzumachen. Just so viel als mein Vater.
Wenn er auch kein so gebter Knecht gewesen wr', man htte sich leiden mssen
und denken, in der Zeit, wo er dem Kaiser dienen mute, htten auch andere
manches vergessen knnen. Oder sonst, wenn man daran sich nicht mehr erinnerte,
wr' er doch der Schwager. Ja, der sollte doch kein Schleichhndler sein, damit
auch die Alte mit der Verwandtschaft ein bichen zufrieden wr'. Die sieht auf
so etwas, und den Hans hat sie am kleinen Finger.
    Gute Nacht, sagte Dorothee unmutig.
    Wir wollen aber doch erst auch reden.
    Reden, einem deutsch Gutes und Bses sagen mcht' ich schon auch, aber da
wei man nie, ob es gehauen oder gestochen gilt.
    Ich hab' dir weh getan, gutes Kind, aber mir selbst noch viel weher, sagte
das schne Weib in ganz verndertem Tone. Gewi, ich gnne dir sein Vermgen so
gut als einer. An ihn denken darf ich auch noch, nicht wahr? Auch du denkst
vielleicht spter an einen anderen.
    Dorothee hatte die letzten Worte nicht mehr gehrt. Schon ragte eine Wand
von Buschwerk empor zwischen Angelika und dem offenen Platze, wo Dorothee
aufatmend zum tiefblauen Himmel emporblickte.
    Die Sonne war bereits hinter der Kanisfluh verschwunden. Nur einzelne
geflgelte Wlklein trugen ihre letzten Gre ber die Talenge herauf. Im Dorfe
hrte man das Schellengelute der zum Brunnen getriebenen Khe, und die Ziegen
eilten von den Bergen ihren Stllen zu. Aus den nahen Scheuern duftete das Heu
wie reifes Obst, alles war in schnstem Frieden und schien sich gesttigt zur
Ruhe begeben zu wollen. Dorothee kam nur langsam vorwrts, wie schnell sie sich
anfangs heimmachen wollte. Waren ihr auch Angelikas Reden grtenteils
unverstndlich geblieben, so hatten sie ihr Herz doch mit einer ganzen Reihe
qulender Gedanken belastet. Hansens Mutter und der stolzen Verwandtschaft war
nicht einmal Angelika gut genug gewesen, und nun sollte sie, die Magd, an den
Platz, whrend der treue Knecht daheim lag! Einem von ihnen beiden geschah nicht
recht, oder es mute aus den jetzigen Verhltnissen noch ganz anderes erwachsen,
als man augenblicklich vermuten konnte. Auch der Vorwurf wegen dem Bruder gab
dem Mdchen zu sinnen. Es htte doch schon damals etwas tun knnen bei Hansen,
wenn es jetzt soviel bei ihm galt. Ums bare Geld htte er auch einen anderen
Stellvertreter fr sich bekommen. Durfte sie den Hansjrg opfern fr die
allerdings zahllosen Wohltaten, die nur sie erhielt? Whrend sie stand und sann,
trugen zwei Mtterchen die mit drrem Buchenlaub gefllten Bettscke nicht weit
von ihr vorber. Mein ltester, sagte die eine Laubsacktrgerin, ohne die
unfreiwillige Lauscherin zu bemerken, hielt sich auch mit aller Kraft an einem
Dornstrauch fest, als vor einem Jahr droben am ntscherspitz das Bergheu unter
seinen Fen wegzurutschen begann.
    Das wohl, entgegnete die andere, aber Dorothee hlt sich im Fallen an
anderen Menschen fest und reit sie mit in den Abgrund der Schande. Hans ist mit
ihr ins Gerede gekommen. Nun hlt er sie fr die Unglckliche, und da will der
gute Bursche sie beide durch eine Verbindung retten. Bei ihm ist's nur Mitleid
und Trotz gegen die Leute, und aus Dummheit und Eigensinn ist noch nie viel
Gutes entstanden.
    Gefhlvolle Menschen, deren Einbildung sich bestndig in einem engen Kreise
bewegt, pflegen noch mehr als andere jedem Gegenstand, jedem Erlebnisse die
Farbe ihrer augenblicklichen Stimmung zu leihen. Alles lebt, liebt, jubelt und
weint mit ihnen, und der unbedeutendste Vorgang wird auf diese oder jene Art in
Zusammenhang mit ihrem Leben gebracht. Es geschah, um sie zu mahnen,
aufzumuntern oder das Knftige anzudeuten. Htte Dorothee die beiden Mtterlein
zu anderer Zeit so reden gehrt, so wre sie dadurch allenfalls an andere
nrrische Schwtzereien derselben erinnert worden; jetzt aber waren es nicht
etwa kurzweg die und die, sondern ein hheres Wesen hatte jene wenigen und doch
so inhaltsschweren Worte durch sie gesprochen. Wie htte sich alles so gut
treffen, sie gerade diese Worte hren mssen, wenn daraus nichts Wichtiges
werden sollte? War wirklich sein Entschlu nur aus Trotz entstanden, oder hatte
er sie wahrhaft gern? Das erste konnte sie nicht glauben, und wenn sie das
zweite annahm - sie suchte und fand dafr Grnde -, so htte sie lange schon
gehen sollen. Dann hatte der Kaplan recht.
    Feierliches Glockenluten erklang im Tale. Die Berge gaben mit den den
Feierabend verkndenden Klngen die frohen Lieder der Arbeiter wieder, die nun
aus Feld und Wald zu den Ihren zurckkehrten. Ein leises Lftchen schttelte die
mchtigen Buchen, und mit dem letzten Laub rieselten tausend Keime auf den nur
noch mit Zeitlosen bedeckten Grund. Herbst und Samstag -! Man steht gern einmal
still, um eine gewisse Strecke des Lebensweges von solchen Hhen aus zu
bersehen. Viele gingen jetzt zur Beichte und lieen sich helfen bei ihrer
Rechnung. Ach, auch sie htte sich in diesem Augenblicke zum Pfarrer gewnscht!
Warum fiel es ihr denn nicht schon lngst ein, wohin sie sich wenden msse in
ihrer Ratlosigkeit? Wenn ihr, hatte der edle Greis in der Schule gesagt,
keinen Freund auf der Welt mehr habt und niemand, der euch hinaushilft aus
Nebel und Nacht, oh, so glaubt nicht, da ihr das allein knnt, glaubt euch
nicht zuviel, sondern nehmt teil an den Schtzen der Gnade, der Erfahrung und
des Trostes, die die Kirche durch den Beichtvater anbietet; wendet euch an ihn,
der nicht wegen den Gesunden auf guter Weide, sondern gerade wegen den Kranken
und Verirrten jeden Sonnabend und an jedem Heiligen Tag im Beichtstuhl sitzt, um
zu helfen, zu trsten und zu erlsen!
    Ganz deutlich wute das Mdchen noch jedes Wort, so da es die ganze Rede
wie gelesen hersagen konnte. Und dabei wurde sein Gesicht immer heiterer. Ja, es
wollte beichten, alles sagen, wie es war, und dann den Zuspruch erwarten. Eine
Gewissenssache war's jedenfalls, und die wichtigste, die es noch gehabt hatte.
Der Priester an Gottes Statt sollte nun sprechen und seinem Herzen Ruhe
gebieten.

                              Achtzehntes Kapitel



                             Eine Beichte ohne Reue

Dorothee kam in der heitersten Stimmung auf den Stighof, wo man bereits mit
Ungeduld die Kchin erwartete. Gewhnlich war es ihr noch unlieber als den
anderen, wenn ihretwegen etwas nicht in gewohnter Ordnung vorwrts ging. Heute
aber ging ihr die etwas unfreundliche Frage der alten Stigerin, wo denn um
Gottes willen sie so lang und so Wichtiges zu tun habe, da das ganze Haus auf
sie warten msse, weit weniger nahe als die Freundlichkeit, mit der man den
neuen Knecht begrte, einen krftigen Burschen, der bald nach ihr mit Sack und
Pack auf dem Stighof ankam. Diese Leute hatten den armen Jos schon ganz
vergessen, seit ein anderer ihn zu ersetzen versprach! Auch an ihren Bruder
dachte kein Mensch mehr. Wenn nur das Rad vorwrts ging, um den Treiber kmmerte
man sich nicht viel. Mit keinem Worte wurde des bisherigen Knechtes gedacht; das
tat dem Mdchen so weh, da es, obwohl fr die spt gekommene Kchin sicher
nicht die rechte Zeit zum Reden war, in immer offeneren Andeutungen an das frohe
Zusammenleben mit Jos und an seine Verdienste um den Hof erinnern mute. Hans
sah sie dabei recht unfreundlich an, die Stigerin aber schnitt bald mit der
trockenen Bemerkung: Andere Leute sind auch wieder Leute, jede weitere
Errterung ab. Ja, was gab es auch Wichtigeres, als da das Nachtessen im
rechten Augenblick auf dem Tische stand und gedngt und gemht wurde, wenn der
Mond im rechten Himmelszeichen stand! Das Mdchen ward recht bse auf die alte,
harte Frau, whrend es Hansen, der nichts anderes daheim lernen konnte als
selbstschtige Rcksichtslosigkeit, nach Krften zu entschuldigen suchte. Aber
auch das wollte ihr nicht recht gelingen. Denn so ein bses Gesicht hatte der
Jos doch nie verdient, und ihr sollte es denn doch hoffentlich auch nicht
gelten. Freilich war der Hans aus Liebe zur Bequemlichkeit gut und bse, wie es
die Umstnde gerade mit sich brachten; aber wenn ihre Erinnerung auch an sein
Gewissen geklopft haben sollte, so durfte er sie nicht mit einer neuen
Ungerechtigkeit abweisen. Noch in ihrem Schlafkmmerlein machte die Sache ihr
Kopfarbeit. Wenn sie allenfalls, was ihr immer wahrscheinlicher wurde, nach der
morgigen Beichte diesen Dienst verlassen mute, so konnte ja die Stigerin
wenigstens Hansen damit schnell trsten, da doch andere Leute denn auch wieder
Leute seien. Sie malte sich's schon lebhaft aus, wie es dann sein werde, und
fand fast einen Trost darin, da es ihr dann gehe wie dem guten Jos, ja da sie,
der die Verleumdung schon berall den Boden unterwhlt, noch tiefer als er
falle, aber doch keinen Menschen mitreie. Keinen? Nicht den Vater, der den
hbschen Jahreslohn, den sie gewi nur hier erhielt, so grausam ntig brauchte,
seit er selber kaum noch etwas verdienen konnte? Nein, rief sie laut, er soll
nicht mit mir fallen! Lieber will ich mich an den Dornstrauch der Arbeit
festhalten, wie blutig mir die Hnde dabei auch werden mgen. Wenn einmal solche
Bedenken mich hielten, dann wr' ich wahrhaft nicht besser, als der Kaplan
gesagt hat. Erst will ich den Frieden mit mir selbst. Den gibt es morgen auf die
oder jene Art, und dann - oh, dann bin ich wieder zu allem fhig und stark!
    Und nun konnte sie sich niederlegen und ruhig schlafen, wie sie seit Wochen
nicht mehr geschlafen hatte. Kein beunruhigender Traum qulte sie mit den
Gedanken und Fragen, welche sie in der letzten Zeit bei Tag und Nacht
beschftigen und ihr keine frohe Stunde mehr lassen wollten.
    Ihr hohes Bett mit dem zum Platzen vollen Laubsack stand hart neben dem
Fenster, welches sie offen gelassen hatte, um eher von den Klngen der
Avemariaglocke geweckt zu werden. Aber sie erwachte noch vorher, und das galt
ihr fr ein gutes Zeichen. Vielleicht hatte sie der Schutzengel so ungewhnlich
frh geweckt. Hurtig stand sie auf und htte sich kaum schneller ankleiden
knnen, wenn's gleich an eine Feuersbrunst gegangen wre. Nur die letzte Arbeit,
das Ordnen der groen blonden Zpfe, nahm ungewhnlich viel Zeit in Anspruch,
und immer noch war sie nicht zufrieden mit sich selbst, obwohl sie vor keinem
Spiegel stand, aus dem sie einen Grund zu weiteren Anstrengungen htte ersehen
knnen. Jetzt erst fragte sie sich, was sie denn eigentlich nun zu beichten
habe. Sie wollte losgesprochen werden von der inneren Unruhe, die sie qulte. Es
mute klar werden, ob ihr Gewissen oder Launenhaftigkeit sie vor einer
Verbindung mit dem reichen Burschen immer noch zurckschrecken lasse. Ja, sie
wollte eben gar nicht beichten, nur um Rat fragen beim Beichtvater. Und doch
sollte sie sich auch anklagen, sollte losgesprochen werden. Ihr Gewissen ward
von etwas recht furchtbar schmerzlich gedrckt, aber sie konnte diesem Etwas
keinen Namen geben, wute weder, woher es kam, noch, warum es da war, sondern
nur, da es etwas recht Sndhaftes sein msse, weil sie noch nie ein innerer
Vorwurf so geqult hatte. Sollte sie vielleicht sagen, da sie sich ber Hansen
zuweilen noch recht rgern knne? Richtig war das, obwohl sie ihn fr einen
herzguten Kerl hielt, den man gern haben msse, wenn man ihn recht kenne. Ja,
Hans war ihr trotz allem nicht recht - vermutlich, weil sie ihn eben ganz nach
ihrem Kopfe haben wollte. Da steckte es! Das Gute an ihm war seine Gte gegen
sie und die Ihrigen. Es fehlte nur noch, da er sich nicht ganz von ihr
beherrschen lie! Der Kaplan hatte daher ganz recht in seiner Predigt. Die Sache
steckte schon viel tiefer, als sie bisher selber glaubte. Schon meinte sie, klar
zu sehen, und nun gleich sollte alles das wieder heraus, wieviel anderes dabei
auch mitgerissen werden mchte.
    Sie war mit den Zpfen fertig und spitzte schon den kleinen Mund, um das
Licht auszublasen, als der Glockenschlag der alten Schwarzwlderuhr sie
erschreckte. Wie war das mglich? Das Mdchen war ber sich selbst erstaunt und
hielt die Hand gegen die Wrme des Lichts, um sich zu berzeugen, da nicht etwa
das alles nur ein Traum sei. Aber nein, sie war hellwach und zhlte fnf
Glockenschlge der alten Uhr, die ihr schon so viele glckliche Stunden zhlte.
Und heute konnte der bekannte Klang sie erschrecken, als ob nun die letzte
derselben geschlagen htte! Unmglich war es allerdings nicht, da ihr der
Dienst vom Beichtvater ausgeredet wurde. ngstlich blickte sie eine Weile in
ihrem kleinen Zimmerchen herum; ob sie wohl noch manches Mal hier schlief? Die
ernsten Heiligenbilder an der Wand gegenber dem hohen Bette neben dem bunt
bemalten Kasten schienen die Hupter zu schtteln, alles im Zimmer begann sich
zu regen und tausend liebe Erinnerungen in ihr zu wecken. Sie konnte das Licht
nicht mehr lschen, konnte nicht auf einmal, vielleicht fr immer, den lieben
kleinen Raum verschwinden lassen, um dann im Dunkel herumzutappen. Mit
zitternder Hand erfate sie den Leuchter und trug ihn mit bis in den Schopf vor
der Haustre, wo ein leichter Windsto das kleine Flmmchen sogleich verblies.
Dennoch war es ihr hell genug von dem Leuchten und Glhen daroben ber dem
ntscherspitz, der sich mit seiner Schneekappe immer tiefer in die Flammentore
des Tages steckte und kleiner und kleiner zu werden schien. Noch einmal, beim
Knarren der langsam hinter ihr ins Schlo fallenden schweren Haustre, ging
Dorotheen ein Stich ins Herz. Nun war sie herausgesperrt, und ein Fremder, der
strenge Geistliche, kam zwischen sie und die guten Leute, welche sie eben
verlie. Aber nun trat sie ins Freie; ein frischer Wind wehte sie an und schien
ihr Kraft und Mut einzuhauchen. Wie das schwache, erloschene Lichtlein drin
gegenber dem Lichtmeer, in welches die Berge sich tiefer und tiefer
eintauchten, kamen auch ihre Sorgen und Wnsche hier im Freien ihr recht klein
und unbedeutend vor. Wie froh sangen die Vgel von den herbstlich gelben
Buchenwldern dem schnen Morgen entgegen, ohne sich viel um das Nahen des
Winters zu kmmern, der schon von den Bergen ins Tal herunterblickte. Sollte
sie, fr die die Vorsehung schon so vterlich sorgte, da sie selbst noch
unerfahren und schwach war, denn weniger auf den Schpfer trauen als diese
Tiere? Weg mit aller Kleinlichkeit und mit allem, was nur belastet und
niederdrckt, rief sie, und ihr Schritt ward immer schneller. Komm, Heiliger
Geist, betete sie, sich zur Gewissenserforschung vorbereitend, erleuchte
meinen Verstand, bewege meinen Willen, da ich meine Snden recht und
vollstndig beichten mge! - Die Sorge um seine und die Zukunft der Eigenen ist
nur Mitrauen gegen Gott und sich selbst. Weg damit und mit allem Hochmut, aller
Selbstsucht und allem, was Zeitliches wie eine Last sich ans Herz hngen will!
    Voll Mut ging das Mdchen in die schwach erhellte Kirche und schritt
vorwrts bis zu dem langen Stuhl neben dem Hochaltar, wo bereits zwei
Beichtkinder auf die Ankunft des Geistlichen warteten. Hier begann sie ihre
Selbstanklage zu ordnen, bis endlich, ganz wei gekleidet, der Kaplan erschien
und sich nach einem kurzen Gebete vor dem sonntglich geschmckten Hochaltar in
den Beichtstuhl einschlo. Dorothee htte sich eigentlich den Pfarrer gewnscht.
Noch heute ward ihr etwas bang, wenn sie an den groen Mann mit dem blassen,
kalten Gesichte dachte. Jetzt aber sah sie im Beichtvater nicht mehr den oder
jenen, sondern nur noch den Stellvertreter Gottes, und sie htte gleich die
erste vor dem Beichtstuhlgitter sein mgen, um von ihrer Last so schnell als
mglich befreit zu werden. Dann aber fiel ihr wieder ein, da sie ja noch immer
nicht eins sei, wie und ber was sie sich anzuklagen habe. Wieder sann sie und
betete und kam nicht vorwrts, bis die erste und dann auch die zweite der vor
ihr Knienden das Gitter verlie. Noch war sie nicht fertig, als ihr schon der
Priester lateinisch den Segen erteilte. Sie kniete vor dem Gitter nieder,
bezeichnete sich mit dem Kreuze und begann dann mit bebender Stimme, selbst dem
Geistlichen kaum hrbar: Ich hab' vor zwei Monaten das letztemal gebeichtet.
Seitdem aber bin ich durch eine Predigt und durch anderes auf den Gedanken
gekommen, es sei vielleicht nicht alles recht und wie es vor Gott sein sollte
zwischen mir und meinem Dienstherrn. Ich wei mir nichts vorzuwerfen, aber die
Sache drckt mich, und da htt' ich denn mehr um Rat fragen wollen, ob -
    Du mchtest ihn wohl gern heiraten? fragte der Kaplan, der, das Mdchen
schon beim ersten Wort erkennend, sich nun sogleich an das Gerede der
Ordensschwestern erinnern mochte.
    Ebenda wird es wohl stecken, antwortete das Mdchen. Er gilt viel bei
mir, durch ein Feuer tat ich fr ihn gehen, und doch ist etwas unrecht, und ich
wei gar nicht, was.
    Ja, ja, durch ein Feuer, sagte der Kaplan und begann das Mdchen in eine
Menge von Kreuz- und Querfragen zu verwickeln, die es grtenteils nicht einmal
verstand. Es konnte fast immer ruhigen Gewissens mit Nein antworten, und doch
wurde ihm hei und kalt, als es sagen mute, ob sie sich nie gekt htten, ob
sie auch jeden Abend gehrig die Kammer schliee, und hnliches, was nach
Dorotheens Gefhl weder in den Beichtstuhl noch sonst wohin gehrt htte. Etwas
nachdenklich wurde sie auf die Frage, wie ihr denn sei, wenn seine Hand
unversehens oder absichtlich die ihrige berhre. Sie fhlte ein eigenes Zucken
im rechten Fu, der so oft beim Essen den des neben ihr sitzenden Jos gesucht
hatte. Der Geistliche merkte ihre Verlegenheit und wurde nun noch dringlicher.
Ob sie auch Geschenke von ihm erhalten habe? Wie oft? Verstohlen vor den anderen
Hausgenossen? Wie sie dafr gedankt, was sie versprochen, zugestanden und sich
vorgenommen habe, wenn sie einmal beschenkt worden sei? Das nun waren lauter
Fragen, auf welche das Mdchen etwas, ja sogar viel zu antworten wute. Der
Kaplan hielt eine kleine Rede und wollte dem guten Mdchen klarmachen, da schon
das freiwillige Verbleiben in der nchsten Gelegenheit zur Snde vor Gottes
Augen ein groes Unrecht sei. Er schlo mit der ernstlichen Mahnung, vor allem
fr die unsterbliche Seele zu sorgen und daher noch heute den gefhrlichen
Dienst zu verlassen. Wenn eine Heirat mit dem Arbeitgeber dem Willen Gottes
gem wre, so knnte sie darum doch noch einmal zustande kommen.
    Jetzt das aber war denn Dorotheen doch gar zu arg! Warum htte sie sich denn
nicht freuen sollen ber die vielen Beweise von Hansens Zufriedenheit? Freilich
nicht so wie der Geizhals ber seine Taler; aber das war auch bei ihr nie der
Fall, indem sie fast alles nur wieder den Ihrigen zukommen lie. Der Kaplan
sagte wohl, da geschenkte Pracht das Auge blende, sich wie ein Dorn ins Herz
bohre und nur zu leicht auch die Unschuld verwunde. Doch ihr ging das nicht mehr
recht ein. Hatte sie doch das Prchtigste, das Kstlichste von Hansen nicht so
gefreut wie das kleine, ganz einfache Gebetbchlein, welches Jos ihr im letzten
Frhling vom Pfingstmarkt von Dornbirn mit heimbrachte! berhaupt stand sie
nicht gern beim Beichtvater im Ansehen, als ob nur teure Geschenke von ihr
geschtzt wrden und sie schon beim Gold und Silber hart und kalt geworden.
Nein, so schlecht war sie denn doch nicht und hatte zum Beispiel den armen Jos
noch immer, seit sie ihn recht kannte, fr so viel oder noch mehr als den
reichen Stighans gehalten mitsamt aller seiner Pracht und Herrlichkeit. Sagen
mochte sie davon jetzt freilich nichts, ihr selbst aber war es durch die vielen
vom Beichtvater an sie gerichteten Fragen noch viel, viel klarer geworden als
jemals vorher. War es ihr doch, wenn sie im Wald oder auf dem Felde, mit Hansen
oder nur vom blauen Himmel gesehen, neben dem guten Knechte sa, wenn ihr Blick
den seinen traf oder sie ihm etwas aus der warmen Hand nehmen sollte, gerade so,
wie der Kaplan in seinen Fragen gesagt hatte.
    Dorotheen ward auf einmal ganz wunderbar leicht und wohl, gerade so, wie
wenn schon alles abgeschttelt und die Lossprechung bereits gewonnen wre. Sie
fhlte jetzt, wo es ihr fehlte. Der Jos war ihr lieber als Hans, und ihr ganzes
Innere wehrte sich gegen eine Verbindung mit dem reichen Bauern, obwohl sie ihm
nichts bles nachzureden wute. Das und nur das war das Unrecht, vor dem sie so
gezittert hatte. Nun - Gott Lob und Dank im hohen Himmel! - fhlte sie sich
glcklich darber hinaus fr immer. Eine Weile freilich, da hatte der Kaplan
ganz recht, vermochte das Geld sie zu blenden wider Wissen und Willen. Jetzt
aber war sie mit Hansen fertig. Drum eben hielt sie auch sein Haus nicht mehr
fr so gefhrlich. Wo noch htte sie wohl wieder einen so guten Platz gefunden,
von dem aus sie auch den Ihrigen soviel helfen konnte, wie auf dem Stighof bei
den guten Leuten, die doch ihr und denen sie schon lange ganz eigen geworden
war? Ja, jetzt wollte sie erst recht wieder dem guten Hans dienen und mit den
Ihrigen sich seines Wohlwollens freuen und fr ihn beten. Warum auf die weite
Gasse eilen, wo unter dem Dache keine Gefahr mehr war, sondern Schutz und
Sicherheit fr sie und die Ihrigen? Htte sie nur sich selbst angehrt oder den
Vater getrost und mit gutem Gewissen ihrem Bruder berlassen drfen, dann htte
sie schon auch gehen mgen, wo Jos nicht mehr bleiben konnte und man ihn so
schnell wieder verga. Ja, damals, als Hans den guten Burschen, den treuen
Jugendfreund, den unermdlichen Knecht nicht nur seinen Gegnern berlie,
sondern sich selbst an ihre Spitze stellte und ihn dadurch zu jenem
verzweifelten Sprunge trieb, da htte sie gleich auch zusammenpacken, noch am
nmlichen Tage gehen sollen, statt sich mit Hansen auf sein erstes gutes
Wrtlein hin wieder zu vershnen. Sie lie bald sich wieder wohl sein, als ob
gar nichts geschehen wre, suchte das Unrecht zu vergessen, begann sogar ihre
eigenen selbstschtigen Rechnungen zu machen. Das war es, und nur das, was ihr
Gewissen belastete. Der Unfriede mit sich selbst whrte auch gerade seit der
Kirchweih, obwohl dann erst das, was sie seit der Predigt am vorigen Sonntage
hrte und erlebte, sie recht ins Nachdenken und Grbeln gebracht hatte. Jetzt
aber war das vorbei. Dem unglcklichen Jos konnte sie gewi mehr ntzen, wenn
sie blieb und Hansens Gewissen weckte, da es ihm gehrig sagte, wie ein groes
Unrecht er an dem Burschen wieder wenigstens nach Krften gutzumachen habe.
    Solche Gedanken gingen dem Mdchen viel schneller, als sie wiedergegeben
werden knnen, im Kopfe herum und lieen es nur wenig von der langen Rede des
Geistlichen hren, der immer entschiedener auf ein sofortiges Verlassen eines
Dienstes drang, der nicht nur dem Heile der armen Seele, sondern auch ihrer Ehre
recht grausam gefhrlich sei. Nun erinnerte sich Dorothee wieder an das
entstandene Gerede und sagte nicht ohne Bitterkeit: Was die Ehr' anbelangt, ist
das Tuch schon zerschnitten, so da es doch immer eine Naht gibt, man mag wieder
flicken und machen, soviel man will.
    Um so leichter, meinte der Kaplan, lt der Arbeitgeber dich gehen und
wird dir sogar noch ein gutes Unterkommen suchen helfen.
    Nein, der wei grad' so gut wie ich, da alles erlogen, was ber mich in
Umlauf gekommen ist.
    Darum schadet's ihm doch.
    Aber nicht so viel als mir, wenn ich tun wollte, wie wenn alles lautere
Wahrheit - -
    Der Christ sucht seine Ehre in der Verdemtigung.
    Ich will ja doch auch alles ber mich ergehen lassen, wenn Gott mir
beisteht.
    Er entzieht seine Gnade denen, die trotzig auf sich selbst bauen und in der
Gefahr zum Bsen freiwillig verbleiben.
    In Dorotheen wurde das Gefhl, da ihr, wenn auch nicht mit Absicht, sehr
unrecht geschehe, stets lebendiger, besonders seit sie an die in der letzten
Zeit entstandenen Schwtzereien erinnert worden war. Sie sah im Beichtvater
wieder eher den Mann, der, wenn auch nur im Eifer und mit bester Absicht, sich
viel zu sehr an die Meinung scheinheiliger Leute zu halten pflege. Es wuchs
daher auch ihr Eigensinn in einer Weise, da sie selber darber erschrak.
Trotzdem aber konnte sie nicht unterlassen, auf den letzten Vorwurf zu erwidern:
Freiwillig gehen wohl wenige von den Eigenen weg und dienen anderen ums
tgliche Brot.
    Wer hochmtig ist und trge, der will herrschen, selbst um den Preis der
unsterblichen Seele. Wir sind fertig, und du hast noch heute den Dienst zu
verlassen.
    Ach, was wrde der Vater sagen und Hans und - Nein, Herrl - Euer
Hochwrden! -
    Du willst also das nicht versprechen?
    Nein, antwortete Dorothee entschlossen. Ich sehe nun die Sache ganz
anders und mache mir kein Gewissen mehr zu bleiben.
    Nun - in Gottes Namen, dann kann ich dir auch nicht helfen, dich nicht
lossprechen. Gelobt sei Jesus Christus!
    In Ewigkeit, sagte Dorothee laut und verlie sicheren Schrittes den
Beichtstuhl.

                              Neunzehntes Kapitel



            Ein kleiner Hauskrieg, bei welchem Hans eigensinnig wird

Erstaunt gewahrte Dorothee, da es whrend ihrer Beichte in der Kirche schon
ganz hell geworden war. ber die Berge herein, welche hart vor den hohen
Kirchenfenstern zu stehen schienen, leuchtete und funkelte es so goldig
blendend, da das Mdchen auf den Stufen unter dem Chorbogen ganz gewi einen
Fehltritt getan htte, wenn es hier nicht gar zu gut zu Hause gewesen wre.
Selbst mit geschlossenen Augen mute sie hier durchkommen und kam auch wirklich
mit geschlossenen Augen durch. Wie sie nun die Augen sich erholen lassen wollte
von dem grellen Glanze und ihr Blick in dem noch etwas dunkleren unteren Schiffe
der Kirche zu ruhen suchte, gewahrte sie erschrocken die vielen Andchtigen,
deren Augen recht ernste Fragen an sie zu richten schienen. Ais sie endlich in
ihrem Stuhl ankam, verkndete feierliches Glockenluten den sofortigen Beginn
der Frhmesse. Sie hatte also das erste Glockenzeichen gnzlich berhrt und war
demnach mehr als eine Viertelstunde, ja, nach dem Tagen zu schlieen, sogar mehr
als eine halbe Stunde im Beichtstuhl gewesen. Was muten diese Leute jetzt ber
sie denken, und was erst, wenn man sie unter der vom Pfarrer gelesenen Messe
nicht mit den andern, die gestern und heute beichteten, zur Kommunionbank gehen
sah? -
    Einen Augenblick beschftigte und plagte Dorotheen hauptschlich diese
Frage, doch kaum lnger als einen Augenblick, whrend manches andere Mdchen an
ihrem Platze darber gewi den beklagenswerten Seelenzustand sowohl als auch
alles andere gnzlich vergessen htte. Die Lossprechung - htten die meisten
gerechnet - war ja schon morgen, am Fest Allerheiligen, von einem weniger
scharfen Geistlichen der Nachbargemeinde zu bekommen; aber von denen, die heute
da in der Kirche waren, und von allen, welche mit diesen in den nchsten
vierzehn Tagen redeten, war man darum noch keineswegs losgesprochen. Ja bei
diesen ging's gewi erst recht an, wenn jetzt auch noch ein fremder Geistlicher
aufgesucht wurde. In der Regel kann so ein Mdchen aus eigener Erfahrung wissen,
was man alles ber ein nicht absolviertes Beichtkind denkt und wie erbarmungslos
jedermann darber herzieht. War es doch gewhnlich schon selber dabei, wenn des
Unglcklichen ganzer Lebenslauf durchgegangen, wenn alle seine Beziehungen und
Verhltnisse siebenmal umgekehrt wurden, um das entweder herauszufinden oder
hineinzulegen, was etwa heute im Beichtstuhl hngen geblieben war. Das ist
vielen die erste, die grte und sogar die einzige Sorge; drum denkt man, wenn
man so ein junges Mdchen von gewhnlichem Schlag ist - Mannsbilder sind viel
weniger ngstlich -, wie herrlich es doch wre, wenn ihm nun auf einmal recht
grausam bel wrde und seine Wangen erblassen tten, da man es kaum noch zu
erkennen vermchte. Doch das Gesicht brennt, die Pulse fliegen, und von so einer
schnen Ohnmacht ist gar keine Rede. Trotzdem steckt man schon unter dem
Staffelgebet den schweren silbernen Rosenkranz ein, als ob es gleich aus wre,
beim Gloria setzt man sich nieder, sttzt unter dem Evangelium das Kpfchen auf
die ein wenig zitternde Rechte, whrend die Linke das schneeweie Schnupftuch
und den von der Stuhlnachbarin entlehnten Rosmarinstengel festhlt. Schon vor
der Wandlung scheint es trotz allem Riechen nicht mehr zum Aushalten, nach
derselben aber wankt die Bedauernswerte zur Kirche hinaus. Whrend nun die
anderen Beichtkinder zur Kommunionbank hinlenken, steht sie drauen bei einem
Brunnen, und wenn sie sich von jemand gesehen glaubt, wird Wasser getrunken,
mehr, als man sonst am heiesten Sommertage fr menschenmglich gehalten htte.
    Dorothee kam zu dem allem nicht. Demtig und ohne sich noch um die anderen
Leute zu kmmern, kniete sie vor dem Muttergottesaltar in ihrem Stuhl und fragte
sich nun, wie es denn mglich gewesen, da im Beichtstuhl nach so vielen guten
Vorstzen sie solcher Eigensinn habe ankommen knnen. Freilich sah und fhlte
sie, da Hans in Zukunft ihr nicht mehr gefhrlich sei, aber war es nicht
dennoch ihre Pflicht, dem Beichtvater zu folgen? Sie wnschte seinen Rat, um
dann aus und draus zu sein, und nun hatte sie ihm nicht einmal gesagt, was beim
Erforschen des Gewissens sich zwar noch nicht zeigte, doch im Beichtstuhl ihr
auf einmal kam wie eine hhere Eingebung, die sie aber statt dankbar und demtig
nur trotzig machte ... Wr's mglich gewesen, so wrde sie jetzt, gleich mitten
unter der Messe, wieder in den Beichtstuhl gegangen sein und das Versprechen
gemacht haben. Aber dann hielt sie das nur wieder fr Angst vor dem Urteil der
Menschen und sagte sich, da das - wenigstens jetzt - zur Beruhigung ihres
eigenen Gewissens noch durchaus nicht ntig sei. Entschieden hatte der
Geistliche das Ganze noch weniger verstanden als sie selbst, das schienen schon
seine wunderlichen Fragen zu beweisen. Warum sich also noch viel um sein Urteil
kmmern, wenn man ein viel richtigeres gewonnen hatte? Sie war ja nun
losgesprochen von ihrer Last, fhlte sich wieder eins mit sich selbst, und das
blieb die Hauptsache. Anders reden htte sie sollen; aber es war in sie gefahren
wie wohl auch in den Jos am Kirchweih fest. Nun, fr sie, die dadurch ins klare
kam, hatte sogar das sein Gutes. Vielleicht konnte also doch auch dem Burschen
etwas Wnschenswertes aus jener traurigen Geschichte kommen. Unter der Messe
betete sie fast mehr fr ihn als fr sich selbst, wobei ihr so wohl zumute
wurde, da sie es kaum bemerkte, wie die anderen Beichtkinder zur Kommunionbank
schritten und nun aller Blicke sich von neuem auf sie zu richten begannen.
    Es heit allgemein: Der Schein trgt. Richtiger wr's wohl, wenn man sagte:
Der Mensch betrgt sich selbst, denn er hat seine Freude, trotz aller Erfahrung,
am Scheine. Kommt man einmal mit Bauern und Buerinnen auf das Kapitel von
Schein und Sein, ja dann lcheln sie recht vornehm und richten die Kpfe gehrig
auf; da drfen sie die Meinung um so herzhafter sagen, weil das nun sie selber
gar nichts angeht. Es gilt nur den hoffrtigen Stadtleuten in ihrer teuern
Herrlichkeit, die nicht kalt und nicht warm zu machen vermag. Sie aber, die
Bauern, haben diesen Fehler nicht und sind nicht eitel. Was wrden die Leute
dazu sagen, wenn auch sie sich um den Schein kmmerten, sich etwa gar ber den
Stand kleiden und gndige Herren spielen wollten? Dadurch mte man ja den
Kredit und sogar fr die Kinder oft die schnsten Aussichten auf eine gute
Versorgung verlieren. Drum doch beileibe keinen Aufwand machen um des Scheins
willen wie die Stadtleute, viel lieber zu demtig, zu einfach und rmlich! Es
ist doch weit genug bekannt, wie einer steht und da er es leicht groartiger
geben, viel mehr Aufwand machen knnte, wenn er dazu nicht zu bescheiden wre
und eben an. Einfachheit und Sparsamkeit seine grte, seine einzige Freude
htte.
    Dorothee, die bisher stets ziemlich unbeachtet gebliebene Magd, galt und
hielt sich selbst fr gleichgltig gegen Urteil und Meinung derjenigen, an die
sie nicht durch ihre Dienstpflicht gebunden war. Heute aber zeigte sie das auf
eine Weise, die der erwhnten Gleichgltigkeit anderer Bauern so ziemlich glich.
Sie blieb ruhig an ihrem Platze, als die anderen die Kirche verlieen, und zog
abermals ihr Gebetbchlein heraus. Daran konnte man sehen und sollte sehen, wie
leicht sie diese Blicke ertrug, wie wenig sie sich um die vielleicht
entstandenen Gedanken kmmerte und wie stark ihr gutes Gewissen sie machte. In
ihrem Bchlein stand freilich ganz anderes, aber davon sah sie nichts, schon
weil sie es lange verkehrt in der Hand hielt. Sie kam erst darauf, als ihr Auge
einem auf sie gerichteten Blicke des Pfarrers, der wegen Unwohlsein die Kirche
bald nach der Messe wieder verlie, ins Bchlein zu entrinnen suchte. Sie fand
und las das Gebet einer christlichen Hausmagd, wodurch sie nun wieder an die
vielen Arbeiten erinnert wurde, die ihrer auf dem Stighofe warteten und noch
morgens, vor dem Beginn des eigentlichen Gottesdienstes, verrichtet werden
muten. Sie schlo das Bchlein, steckte den Rosenkranz ein, dachte wieder an
den Stighof und kam nun von neuem ins Grbeln und Sinnen hinein. Aber je mehr
die, welche sie aus dem Beichtstuhl und spter nicht zur Kommunion gehen sahen,
die Kirche verlieen, desto herzhafter gab sie sich nun sogar in den Stcken
recht, die ihr sonst noch wenigstens etwas bedenklich erschienen. Sie
wiederholte sich noch einmal jedes Wort des Kaplans und ihre Antworten, dabei
richtete sie das Kpfchen immer mehr auf, und sie trug es wirklich so hoch wie
sonst nur selten, als sie endlich die Kirche verlie.
    Und schnellen Schrittes, dem heiteren Herbstmorgen, der Berg und Tal
vergoldete, frhlich entgegenlchelnd, ging sie kurz darauf durch Argenau
hinein. Den Begegnenden, die sich ein wenig stellen und ein Gesprch mit ihr
anfangen wollten, wnschte sie nur einen guten Morgen, aber nicht aus bler
Laune, sondern weil ihr einfiel, da es schon vor einer Weile sieben gelutet
hatte. Da durfte sie neben und unter ihr kein Gras mehr wachsen und keinen
Reifen vergehen lassen, wenn sie noch in der Kche und berall rechtzeitig
fertig sein wollte, so da die Stigerin keine Veranlassung mehr zu neuem Tadel
fand. Und das sollte sie nicht. Lange genug schon hatte Dorothee hier,
wenigstens halb und halb, das Gnadenbrot gegessen. Jetzt aber mochte sie nichts
mehr geschenkt. Nur Magd wollte sie sein, eine fleiige, ja eine unentbehrliche
Magd fr ein gehriges Hauswesen, wie das auf dem Stighof war. Dann konnte dem
Vater und ihr das Gerede nicht lange schaden, welches ber sie in Umlauf kam und
vielleicht von heute an sogar noch ein wenig rger wurde. Gott und gute
Menschen haben mir zu einer Zeit geholfen, wo ich selber gar nichts war als ein
armes, hilfloses Ding, fr das niemand als sein Elend um Hilfe, um Erbarmen
flehte. Gott und gute Menschen sind aber berall und helfen, wenn man redlich
das Seine tut. So trstete sich das Mdchen, als allerlei trbe Gedanken kommen
und ihm schwer, recht schwer machen wollten. Sie dachte daran, wie wunderbar
Gott sie bisher gefhrt, wie ihr noch nie unbelohnt blieb, was sie tat, und
wieviel sie der Stigerin zu verdanken habe. Dafr wollte sie nun doch auch etwas
sein in der Stunde der Prfung und ihrer Erzieherin Ehre machen. Als Jos
gestrzt, aus seiner Bahn geworfen, scheinbar vernichtet zu Hause lag, bekam
Hans aus der Unterredung des Doktors mit dem Vorsteher einen Respekt vor ihm,
da es eine Freude war. Das galt ihr fr ein Muster und Beispiel, da sie sich's
gar nicht anders gewnscht htte.
    Es war ihr ordentlich lieb, noch keinen Rauch ob dem hohen Hausdach zu
sehen. Das Kochen war ja ihre Arbeit, und heute wollte sie zeigen, wie leicht
sie auch eine versumte halbe Stunde wieder einzubringen imstande sei.
    Frhlich sprang sie die Treppe hinauf, und ohne vorher sich umgekleidet zu
haben, eilte sie in die Kche, wo sie einstweilen Wasser zum Kaffee obs Feuer
bringen wollte. Noch kein Verweis der zuweilen etwas strengen Stigerin hatte sie
so erschreckt wie jetzt die Entdeckung, da hier schon gekocht worden, und ihre
Stimme war unsicher, als sie, in die Stube tretend, den am groen runden Tische
sitzenden Hausgenossen einen guten Morgen wnschte.
    Fr heute, bemerkte die Stigerin etwas rauh, ist's mit dem guten Morgen
schon fast zu spt.
    Ja, stammelte Dorothee, versptet hab' ich mich allerdings, und viel
rger, als ich selbst meinte; aber -
    Aber! fiel die Stigerin hastig ein. Wenn Weihnachten auf einen Freitag
fllt, so hrt das Fastengebot auf, und Fleisch darf essen, wer will und bis man
genug hat. Du bringst wohl auch so ein Aber mit, welches die alte Hausordnung
ber den Haufen wirft? Ist's nicht ein Ereignis wie das, welches am Heiligen
Tage gefeiert und anpsalmiert wird, wenn einmal jedermann dich ansieht und etwas
dabei denkt? Das, wirst du gewhnt haben, sei schon wert, da man von der Regel
abgehe und eine halbe Stunde Dienst versume?
    
    Dem armen Mdchen war das Wasser in die Augen gekommen, es schwieg.
    Ja, du kannst mir nun wieder Augen machen, eiferte die Buerin, es gibt
Flecken, welche die salzigste Trne nicht mehr aus dem Lebenswandel waschen
kann.
    Dorothee wollte nun auch reden, doch die Stigerin lie ihr noch kein Wort.
Kurz und gut! rief sie, heut' machest du mich nicht mehr zum Narren wie vor
Jahren einmal, als ich dich in einer bsen Stunde zum erstenmal sah. Wr' ich da
nicht gar zu gut gewesen und htte dich an uns gebunden, so htten wir heut' auf
dem Stighof einen besseren Morgen als den, welchen du uns hintennach noch
wnschen kannst. Wir haben dich emporziehen wollen, und nun drckst du uns
hinab. Der faule Apfel steckt nur die frischen an. Ich htte wohl wissen sollen,
da es gar nie anders, nie umgekehrt gehen kann, aber ich bin immer viel zu
gut.
    So ging es noch lange fort, bis das Mdchen endlich erfuhr, da die Stigerin
schon alles wisse, was heute in der Kirche beobachtet wurde. Es gelte, so klagte
die Mutter, schon berall fr eine ausgemachte Sache, da heute sich ffentlich
besttiget habe, was ber Hansen und seine Magd schon seit lnger in Umlauf
gekommen sei. Man sage sogar schon, Hansen wre wohl vor kurzem beim Beichten um
kein Hrlein besser als ihr gegangen, wenn er auch so redlich gewesen wre wie
sie oder so klug, um die Sache richtig beurteilen zu knnen. Nun darber,
schlo die Stigerin, haben wir noch viel zu reden. Was man so sagt unter den
Leuten, ist nicht wie Siegel und Brief, darum darf man sich nie gar zu viel
kmmern, aber denn doch auch nie so wenig, da man in deiner heutigen Lage noch
die Stirn hat, den Leuten eine halbe Stunde lang ohne Not gro in den Augen zu
sein und wie eine Schandtafel fr unsere ganze Verwandtschaft dazustehen, und
besonders fr den groen Einfaltspinsel da!
    Das war fr Hansens Geduld zuviel auf einmal, wie wenig es auch immer
scheinen mochte im Verhltnis zu dem, was er sonst immer ziemlich geduldig ber
sich ergehen lie. Wenn er allein bei der Mutter war, so tadelte diese
schlielich immer nur seine Unempfindlichkeit, wovon auch zuerst die Rede
gewesen sein mochte. Heute aber lie er sie dazu nicht mehr kommen. Was die
Mutter ber Dorotheen sagte, tat ihm um so weher, weil auch er sich recht von
Herzen ber das Mdchen rgerte. Was denn hatte sie, die er fr die Unschuld
selber hielt, so Groes zu beichten, da der Kaplan es ihr nicht einmal abnehmen
konnte? Sollte er sich auch hier wieder betrogen haben? Noch wollte er es nicht
glauben, aber das Einfaltspinsel der Mutter traf ihn doch schmerzlicher als
gewhnlich und brachte ihn in jene Stimmung, wo er um jeden Preis widersprechen
mute, gerade wie wenn dadurch das etwa verlorene Ansehen rasch wieder zu
gewinnen wre. Wenn die Geschichte mich besonders viel angeht, sagte er, so
sollte doch auch ich das erste Recht haben, darber zu reden. Ein bichen
predigen werd' ich wohl auch knnen, sonst mt' ich ja gar keinen Blutstropfen
von meiner Mutter haben. Aber zu einer gehrigen Predigt und schon voran als
Fundament gehrt ein schnes Evangelium. Fr ein solches nun kann man denn doch
die Vermutung und das Durcheinander von lieblosem Geschwtz nicht halten.
Zuerst, bevor man anderen die Wege weisen kann, mu man doch auch selber wissen,
woran man ist. Ihr Weiber wollt alles mit Reden richten, ich aber kann und mag
niemand die Meinung sagen, solang ich noch gar keine eigene Meinung habe. Kurz
und gut, in die jetzige Schwtzerei hinein will ich nicht noch rger verwickelt
werden.
    Eben darum, du Verblendeter, Undankbarer, hab' ich mich wehren wollen.
    Zu spt, wie gewhnlich, bemerkte Hans bitter.
    Warum zu spt?
    Man htte dem Krmer kein Trlein offen lassen drfen, wenn der seinen
Unrat nicht hereinbringen sollte.
    Du hast aber schon frher mit dieser Verwandtschaft zu tun gehabt.
    Ja, und jetzt mcht' ich gleich alles wiederholen, was damals gegen den
alten Snder gesagt wurde. Dorotheen hat nur er so ins Geschrei gebracht. Aber
mit derlei Mitteln fngt man Hansen nicht. Da gewinnt der Krmer wenig und macht
seine Zusel nur noch unglcklich wie die gute Angelika.
    An der Geschichte bin aber ich nicht schuldig.
    Dann ist die Lehre, die man daraus nehmen kann, um so wohlfeiler.
    War Dorothee zum Teil froh, da das Wetter sich so auf eine andere Seite zu
ziehen schien, so tat es ihr doch recht von Herzen weh, Mutter und Sohn so
unfreundliche Worte wechseln zu hren. Solche Hauskriege waren ihr immer
ungemein peinlich, wenn sie selbst auch nichts zur Veranlassung derselben
beitrug; heute aber htte sie um alles in der Welt nicht mehr lnger dabei zu
sein vermocht. Fr sich selbst hatte sie schon eine kurze Verteidigungsrede
nicht eben von hflichster Art zusammengestellt. Die wrde sie gehalten haben,
wenn's noch lnger in dem Ton fortgegangen wre, welchen die Stigerin anfnglich
anschlug. Jetzt aber vermochte sie das rechte Wort nicht mehr zu finden.
Geruschlos verlie sie die Stube, ohne noch an ihren Kaffee zu denken, der
eingeschenkt auf dem Tische stand. Sie hatte weder Hunger noch Durst und war
herzlich froh, da es in der Kche noch so manches anzurichten gab, obwohl sie
nicht mehr mit der Freudigkeit arbeiten konnte, die ihr noch vor einer halben
Stunde gar alles leicht gemacht htte.
    Unterdessen verteidigten sich Mutter und Sohn immer tapferer; die Worte
wurden um so weniger gewogen, als man endlich gewahr wurde, da die Magd sich
entfernt hatte. Die Stigerin sagte Hansen, er drfe sich schon ein wenig
einreden lassen, denn er habe doch fr nichts Talent als fr seinen Stall, aber
auch das nur so, da er nicht einmal auf seinen Kopf ein Klblein fr zehn Taler
kaufen drfe. In dem Stck arte er ganz nur seinem Vater nach. Dagegen gute
Blutstropfen hab' er von dem Seligen keine geerbt. Der habe doch seine Schwchen
gekannt und sei daher immer fgsam und nachgiebig gewesen.
    ber seinen Vater nun lie Hans nicht so leicht etwas kommen, wie sorgfltig
man es auch, gleich einer bsen Pille, ins Zwetschkenfleisch versteckte. Ja er
konnte der Mutter gegenber es offen aussprechen, da er den Guten noch jetzt
bedauere und als groen Dulder verehre. Die Stigerin kam daher jetzt nur noch in
der grten Erregung auf ihren Mann zu sprechen; dann verlor sie berhaupt alle
Kraft zum berlegen, whrend Hans gerade im Zorn am klarsten zu denken schien.
Auch heute sprach er sich so klar und entschieden aus, wie man es von ihm wohl
nie erwartet htte. Er sagte: Ich hab' auch noch Blut von anderen Leuten und
schlage vielleicht nicht ganz aus der Art, wenn ich zuweilen ein bichen
eigensinnig bin und glaube, meine Herzensangelegenheiten - das sind wichtigere
als die des Stalles - gehen niemand mehr an als mich.
    Redet man so jetzt? rief die Stigerin aufspringend. Bin ich die Mutter,
oder bist du sie?
    Hans sa ruhig am Tisch und machte ein ganz ernsthaftes Gesicht.
    Wenn du mein Mann wrst, sagte die Stigerin nach einer Weile, so liee
sich das noch viel eher ertragen. Man wei ja schon, wie die Mnner alle sind.
Dir aber, dem eigenen Kinde, das ich so klein und schwach gesehen, das ich mit
soviel Mhe gehen lehrte und gro zog, dir kann und will ich den heutigen Morgen
nie mehr vergessen. Das grbt sich tief, tief ins Herz und tut recht grausam
weh! Sie zog das Taschentuch heraus und bedeckte das Gesicht. Tut man doch
heut' wieder einmal, und wei kein Mensch, warum es ntig wr'! murrte Hans,
der sich schon etwas schwcher fhlte.
    Nur deinetwegen, zu deinem Wohl.
    Oho!
    Ja, so ist's, und wenn du nicht eben der Hans wrst, mtest du das auch
einsehen.
    Ich bin aber der Hans, sagte der Bursche, herzlich froh, da die Mutter so
schnell wieder in eine andere Tonart berging.
    Ja, du siehst und merkst immer nichts, bis dir eine Kuh auf den Fu tritt.
    Ich merke wohl, wie man jeden Zufall hereinzieht, um dem guten Mdchen, der
Dorothee, bses Spiel zu machen.
    Nennst du das einen Zufall, da ihr Beichtvater sie nicht einmal mehr
lossprechen kann?
    Der Kaplan hat nicht so viel erfahren, als ich in der letzten Zeit an dem
Mdchen gesehen habe.
    Was hast du denn gesehen?
    Seit im Sommer, erzhlte Hans, die Zeit wei ich nicht mehr so genau,
kommt mir die Magd in gar allem ganz verndert vor. Nach der Kirchweih schien es
mir mehrmals, als ob eine bse Krankheit in ihr stecken msse. Trotzdem war sie
unermdet frh und spt wie sonst, ja fast noch fleiiger, wenn es sein konnte.
Nur zuweilen, wenn sie sich nicht gesehen whnte, stand sie wie angenagelt und
gebannt oder als ob sie etwas recht schwer drcke. Dann und wann htt' ich sie
von Herzen gern heimgeschickt ins Bett, aber wenn ich sie noch so freundlich
anreden wollte, erschrak sie und redete so heillos nrrisches Zeug, da ich ihr
im rger darber zuerst vielmal kein gutes Wort mehr gnnen konnte. Jetzt aber
wei ich, da man viel von dem, was sie ber sich selbst und ber andere sagt,
bei weitem nicht so grell nehmen mu, wie sie es gibt. Es wr' gut gewesen, wenn
das auch der Kaplan gewut htte.
    Die Stigerin, welche aufmerksam zugehrt hatte, sagte mit seltenem Ernst:
Ich frchte, da auch du das nicht kennst, will aber Gott auf den Knien danken,
wenn du wenigstens keine Schuld hast.
    Hans besann sich: Das wegen dem Jos auf der Kirchweih allerdings hat sie
sich recht grausam zu Herzen genommen. Fast nur um sie darber hinauszubringen,
hab' ich dann ihren Bruder anstellen wollen, da sein Herumstreichen ihr viel
Kummer machte.
    Sie htt' wohl den Jos lieber gehabt?
    Nein, sie hat nach der Kirchweih gesagt, der werde dem Stighof nicht mehr
dienen.
    Die Stigerin ward immer nachdenkender. Immer schneller zog sie den langen
Rosenkranz zwischen den rundlichen Fingern herum. Pltzlich warf sie ihn auf den
Tisch, und im nchsten Augenblick wrde Hans ihre Gedanken erfahren haben, wenn
nicht eben Dorothee zur Tr hereingekommen wre. Sie bat um Erlaubnis, nach dem
Gottesdienste den Vater zu besuchen, und schlo mit der Bemerkung, da sie noch
selten mit einer solchen Bitte gekommen sei.
    Diese Bemerkung war so berflssig, da die Stigerin, nachdem sie kurz ja
gesagt, der wieder Forteilenden beinahe ngstlich nachsah. Da ist nicht alles
in Ordnung, flsterte sie, so scheu, so bla. Es ist, wie ich dachte. Fr das
Mdchen ist Heiraten das beste, fr dich aber nicht, wenn du dir nichts
vorwerfen mut.
    Ich wei nichts.
    Nun, angelogen hast du mich noch nie. Dummheiten machst du schon, aber
Schand' auf die Verwandtschaft und ein Mdchen ins Unglck bringen wirst du
nicht. Der Apfel fllt nicht weit vom Stamm, drum wird es wohl der Jos sein.
Wenn wir den Spitzbuben doch nur nie ins Haus gelassen htten!
    Eine Liebschaft? fragte Hans ngstlich.
    Eine Verfhrung, und wenn du noch nichts gemerkt hast, so bist du dmmer
als dumm.
    Da kenn' ich mich freilich nicht aus.
    Aber ich ganz gut. Alles wird nun dich dafr hernehmen, drum ist's wohl das
beste, wenn man ihr so schnell als mglich zum Heiraten hilft. Einige hundert
Gulden Heiratsgut knnen wir den beiden schon geben, und dann geht's.
    Hans war auf einmal ein ganz anderer. Jos, rief er, der Lmmel, htte das
Mdchen verfhrt? So htten sie uns hintergangen, und nun sollten wir noch Geld
ausgeben und ihnen zusammenhelfen? Na, so dumm ist denn der Hans doch nicht!
    Nur nicht so laut; sie knnte dich hren.
    Sie soll und jedermann soll hren, da der Hans nicht auf den Kopf gefallen
ist.
    Aber damit verdirbst du mir dann meinen Plan.
    Das will ich auch, wenn er so ist, da eine Schlechtigkeit dabei noch
belohnt werden soll!
    Nun, dann magst du es haben, wenn drei Gemeinden von dir reden. Und das
kommt gewi, wenn wir nicht helfen. Ich mchte Dorotheen gleich rufen.
    Nein, Mutter! Die drei Gemeinden sollen sich heiser krhen, wenn sie mir
nur nicht so eine Dummheit nachreden knnen.
    Aber-
    Nichts da! Jetzt lutet es schon bald in die Kirche, und wir sind noch
nicht einmal gehrig angelegt. Es wr' doch sicher Snde, wenn wir wegen derlei
Schneckentnzen auch nur ein halbes Vaterunser versumen tten.
    Das alles sagte Hans in einem Atemzug und verlie dann hastig die Stube.

                              Zwanzigstes Kapitel



                          Dorothee besucht ihren Vater

Dem unbeliebten Krmer wird auch die beste Ware nur getadelt. Vom unbeliebten
Geistlichen hat man im Bregenzerwalde keine hnliche Redensart, obwohl man auch
gegen diesen durchaus nicht gerechter ist. Schner als unser Kaplan hat an
diesem Sonntag wohl weit herum kein Geistlicher die Messe gesungen: trotzdem
lie Dorothee sich nicht aus dem Lesen bringen und hatte nur einen mitleidigen
Blick fr die, welche, dem gebten Snger lauschend, zuweilen ihre Gebetbcher
schlossen und es machten, wie auch sie frher es jeden Sonntag gemacht hatte.
Ja, wren die gesungenen Gebete und Psalmen deutsch gewesen, so htten sie
vielleicht ihr frommes Herz ber die Erlebnisse des Tages zu erheben vermocht;
so aber kam es ihr beinahe widerlich vor, da ein frommer Mann so singen mochte
nach der wichtigen Unterredung, die er heute morgens mit ihr gehabt hatte.
Sorgte der denn gar nicht, wie sie das alles in sich verwerchen und noch dazu
das Gerede der ganzen Gemeinde ertragen werde? Nein, dazu stand er zu gro und
zu prchtig droben auf den Stufen des geschmckten Altars, und das Rauchfa
schwang er so zierlich, als ob's auf der Welt nichts Wichtigeres gbe. Dorothee
kam sich wie eine Ausgestoene vor. In ihrem Stuhl wurde es ihr immer enger, und
sie war herzlich froh, da sie endlich den vielen schmerzlich treffenden
Blicken, welche schon ihr Hiersein ihr zu verargen schienen, wieder entrinnen
konnte.
    Ja, jetzt war sie nicht mehr so fest und sicher wie noch nach der
Unterredung mit dem Beichtvater. Schon der Empfang auf dem Stighof hatte ihr den
Mut genommen, die Ruhe des Herzens erschttert. Drum wollte sie ber Mittag zum
Vater und ihm den Rest des vor kurzem erhaltenen Jahreslohns bringen. Da war sie
gewi ein willkommener Gast. Wenn sie heimkam und Geld brachte, dann sagte ihr
der Vater in einer Stunde mehr Liebes und Gutes, als sie sonst in einem ganzen
Jahr hrte und auch zu hren wnschte. Dieses Schmeicheln und Loben des Vaters
tat ihr so weh, da sie, um es nicht erleben zu mssen, schon seit einigen
Jahren den verdienten Lohn durch den Knecht auf dem Stighofe heimtragen lie.
Heute aber mute sie liebe, gute Worte hren, wie selbstschtig sie auch immer
gemeint sein mochten, mute die Freude der Eigenen ber ihr Erworbenes sehen und
- vielleicht doch auch teilen, denn das blieb wohl nun alles, was sie von ihrem
bisherigen Leben hatte.
    Sie eilte so schnell als mglich ber den Platz. Dennoch hrte sie, wie ein
Freund des Jos mehreren Bauern sagte, da es dem Schneider ganz unmglich sei,
die bestellten Sachen alle zur bestimmten Zeit zu liefern, wenn er nicht einen
Gesellen auftreiben knne.
    Das gab Dorotheen wieder Mut. Wenn auch ein Ast unter den Fen bricht,
dachte sie, so fllt man drum noch nicht aus der Welt, sondern blo vom
Kirschbaum zurck auf den festen, sicheren Boden, der berall fruchtbar ist und
den Fleiigen nhrt. Das Glck und seine Kinder sind launisch! Aber ich will
stark sein und trotzig werden wie Jos. Oh, jetzt erst jetzt versteh' ich ihn
ganz.
    Das Mdchen lief noch rascher und richtete das Kpflein immer hher auf.
Alles war vergessen, seit sie sich in das kleine Stbchen dachte, wo jetzt der
noch etwas blasse Schneider und Gemeindeschreiber sa. Was war die ganze
Herrlichkeit des Stighofes gegen ein Leben, welches nicht hauptschlich dem
lieben Vieh, sondern den Menschen diente. Wenn auf dem Stighof ein dreitgiges
Klblein kurz vor Mitternacht recht erbrmlich schrie, so mute alles aus dem
ersten Schlafe heraus, und kein Mensch fand mehr Ruhe, bis der Tierarzt auf die
eine oder die andere Art geholfen hatte; wenn aber Jos um Hilfe rief, dann war's
umsonst. Hansjrg hatte nicht so unrecht, da er lieber etwas anderes tun wollte
als da Knecht sein, wenn es nur nicht etwas gar zu Gefhrliches gewesen wre.
Warum sollte er nicht lieber dem Jos bei seiner Arbeit helfen? Sie htte sich
doch nichts Angenehmeres denken knnen und glaubte daher, da es ihr noch
gelingen msse, ihn zu bereden.
    Mit solchen Gedanken langte sie vor dem kleinen Huschen an, welches ihr
Vater seit seiner Verehelichung bewohnte. Die schwere, niedrige Haustr war noch
geschlossen, und nichts regte sich, bis des Vaters kleiner Pudel das Mdchen wie
eine Landsfremde wild anbellte. Ach, so fremd war sie hier, da nicht einmal der
Wchter des Hauses sie kannte! Das wr' wohl anders gewesen, wenn die Mutter
noch gelebt htte. Machte sie die Not auch hart, so hatte sie doch ein Herz fr
ihre Kinder und wre gewi nicht dahin zu bringen gewesen, da sie den Hansjrg
verkauft htte. Aber die Lebenden mssen sich selber helfen. Die Mutter war
vielem Bsen durch den Tod entronnen. Da, neben dem frh gealterten, durch
bittere Erfahrungen lieblos, hart, selbstschtig gewordenen Vater, dem wilden
Bruder und der krnkelnden Schwester, htte sie ein Leben gehabt, wie man es ihr
nicht wnschen konnte. Man mute Gott danken, da die so Empfindliche von dem
erlst wurde, was sie doch nicht anders zu gestalten vermocht htte.
    Dorothee sa auf der Bank neben der Haustr, erwartete die Heimkehr des
Vaters und sann und betete, bis sie in der Stube einige Tritte zu hren meinte.
Die kleinen Fensterchen waren zwar niedrig genug, aber zu trb und verklebt, als
da man htte sehen knnen, wer sich drinnen geregt. Eins der Ihrigen aber mute
es sein, da der Pudel sofort zu bellen aufhrte und sich neben die Trschwelle
legte.
    Ja so, du kommst endlich wieder einmal, rief eine schwache, heisere
Mdchenstimme. Die unvermutet Angeredete fuhr erschrocken auf und erblickte
hinter einer in die Verklebung des Fensters gerissenen ffnung das bleiche
Gesicht ihrer Schwester.
    Bist du denn nicht in der Kirche gewesen? fragte sie Marien, als diese
gleich darauf die Haustr aufschlo.
    In der Frhmesse wohl, soweit ich sie nicht verschlief, wie das leicht
geht, wenn man mehr als die halbe Nacht arbeitet. Vormittag hab' ich eine
Stickerei fertigmachen mssen, die gleich nach dem Essen abzugeben ist.
    So, so, sagte Dorothee, der es nicht recht war, da also auch die
Schwester sie in der Frhmesse gesehen und vermutlich schon da von ihrer
ungltigen Beichte gehrt hatte.
    Du mut mir nicht verargen, was mir sogar der Pfarrer erlaubt hat, sagte
Marie, die sich Dorotheens trben Blick ganz anders erklren zu mssen meinte.
In den letzten Nchten hab' ich mich fast blind gearbeitet, um doch den Sonntag
feiern zu knnen, aber es war alles umsonst. Wenn ich dich erwartet htte - mit
deinem Lohn -, htt' ich mir freilich etwas mehr Zeit gelassen.
    Du solltest wirklich nicht so streng, ja du solltest gar nicht sticken. Der
Doktor hat es dir doch schon vor Jahren verboten.
    Er sollte kommen, der Doktor, sollte neben dem Vater leben und fr ihn den
Tisch decken mssen! Die Herren haben gut reden.
    Dorothee schaute die Schwester traurig an. Das war einst in der Schule
weitaus das schnste Mdchen, wenigstens in den ersten Schuljahren. Dann aber
wurde sie zum Sticken gehalten, da sie nie mehr eine freie Stunde hatte. Die
Lieferanten von Stickereien streckten dem Vater von Herzen gerne ziemlich
bedeutende Summen vor, um die beste Stickerin der Gegend recht lange an sich zu
binden. So mute sie denn arbeiten, bis sie so bleich wurde, wie sie jetzt,
etwas nach vorn gebeugt, vor Dorotheen stand. Aber am Sonntag solltest du dir
doch Ruhe gnnen! sagte sie mitleidig.
    Auf das hin, antwortete Marie hstelnd, mu ich dir sagen, was ich schon
dem Doktor gerne gesagt htte. Man darf nicht glauben, ich sei gern bei der
Stickerei gesessen, wenn meine Schulfreundinnen frher vor dem Hause sangen und
spielten, oder abends, wo es oft so lang whrte, da der Vater mich wach machen
mute mit einem greulichen Fluch.
    Hat der denn gar nie genug? fragte Dorothee mit schlecht verhaltenem
Unmut.
    Sei doch nicht bs ber ihn, ich verdiene mir mit allem Flei nicht einmal
das tgliche Brot. Die meisten Stickerinnen sind hier nur so nebenbei, mehr zum
Zeitvertreibe, bei der Nadel. Sie kmmern sich daher auch nicht viel um den
Lohn. So behlt der Lieferant den Wurf in der Hand, und unsereins kann nichts
Besonderes anfangen, wenn seine Arbeit auch mehr wert wre als die von
Stickerinnen, deren Hnde an viel rauhere Arbeiten gewhnt sind. Kaum einmal
bekomme ich so feine Arbeit, als ich mir wnschte. Nur in der letzten Zeit hab'
ich etwas fr eine Ausstellung machen mssen. Ich bin dem Herrn in der Schweiz
drben dankbar, da er mir so schne Arbeit berlie, wenn ich auch tglich nur
zehn Kreuzer verdiente. Ich hab' einen groen Flei gehabt und glaube, da die
Arbeit ihm Ehre machen werde.
    Und hast du nichts als tglich zehn Kreuzer?
    Und in der Nacht noch zehn, wenn ich arbeite, bis mir alles vor den Augen
herumtanzt.
    Es ist ein Elend!
    Heut unter dem Gottesdienst ist es mir gewesen wie damals, als die Kinder
vor dem Hause spielten. Ich bin mir vorgekommen als eine, die an nichts auf der
Welt ein Recht hat.
    Leidet ihr denn wirklich Not?
    Ja, Hunger!
    Hunger? fragte Dorothee erschrocken. Was waren dagegen ihre kleinen,
meistens nur eingebildeten Leiden und Sorgen! Groer Gott! rief sie aus, ich
helfe doch, soviel ich kann!
    Davon sagt auch niemand; aber wir beide verdienen nicht viel, und Hansjrg
steckt alles nur in seinen Handel und sagt, da er sich schon einmal fr uns
habe verkaufen lassen. Ja, Schwester, der Friede fehlt - und damit der Segen
Gottes und alles. Die beiden reden vielmal gegeneinander, da ich in den Boden
versinken mchte oder gleich davonlaufen, wenn ich nur wte, wohin.
    Ach, da ich doch recht und fr immerzu helfen vermchte!
    Du wirst das schon knnen, wenn du einmal auf dem Stighof zu befehlen hast.
Mir und dem Vater ist das jetzt immer der beste Trost -
    Dorothee sank auf eine Bank zurck. Marie bemerkte nicht, wie weh sie der
Schwester mit diesen Worten getan hatte, denn sie sah den Vater kommen und
erinnerte sich nun daran, da sie zur Bereitung des gewi schon fertig
erwarteten Mittagsmahls noch nicht einmal Feuer angemacht habe.
    Sie schickte Dorotheen aus dem etwas khlen Vorhaus in die Stube, damit sie
unbemerkt ein Ei und etwas gutes Mehl zur Bewirtung des seltenen Gastes in der
Nachbarschaft auftreiben knne.
    Dorothee begab sich in das dunkle Wohnzimmer mit dem groen Ofen und den
schwarzen Wnden. Nirgends ein Schmuck oder etwas, das das Auge zu fesseln
vermochte. Die Erinnerungen, die in Dorotheen erwachten, kamen ihr wie ein bser
Traum vor. Sie dachte an die freundlichen Zimmer auf dem Stighof und sagte sich,
da es doch nur Ehrensache fr Hansen wr', auch wieder einmal an dieses Nest zu
denken. Bist du auch da? redete sie der Vater etwas unfreundlich an und ging
dann, ohne ihr noch einen Blick zu gnnen, rasch in der Stube auf und ab.
    Heute schien keines der glatten Worte kommen zu wollen, mit welchen sonst
ihr Lohn und ein besonderer Gru߫ der alten Stigerin erwartet wurden. Das
erschreckte sie noch mehr, als was sie schon von der Schwester hren mute. Sie
wre gern zu dieser in die Kche, doch wagte sie sich nicht mehr zu regen, als
des Vaters kurze gedrungene Gestalt sich wie drohend hart vor sie hingestellt
hatte. Lange sa sie zitternd und schweigend, bis sie endlich Mut gewann, der
ihr unertrglich gewordenen Stille ein Ende zu machen. Wie lebt Ihr, Vater?
fragte sie mit bebender Stimme.
    Von einem Tag in den anderen, wenn das allenfalls auch gelebt heit,
antwortete das Mathisle, indem es sich zum Lachen zwang. Es gelang ihm aber so
schlecht, da es den Versuch sofort wieder aufgab und sich seufzend auf einen
alten Lehnstuhl warf.
    Fehlt Euch etwas? wagte das Mdchen wieder zu fragen.
    Alles.
    Ich hab' Geld mitgebracht; freilich ist es nicht gerade mehr viel, aber -
    Das wr' wenigstens das. Nur her mit. Ich hre Hansjrgen, den Lmmel,
schon vor der Tr, und was der einmal sieht, hat unsereiner gesehen.
    Dorothee zog ein kleines Beutelchen heraus, welches ihr der Vater sofort
entri und einsteckte. Dann durchschritt er etwas langsamer als vorher die Stube
und begann vom Wetter zu reden. Hansjrgen, der die Schwester khl, aber doch
freundlich begrte, schien des Vaters lange Lobrede auf die wunderschnen
Herbsttage verdchtig vorzukommen. Lchelnd bemerkte er: Es ist doch ein Glck,
da es immer so genug Wetter gibt. Immerfort hat der Vater etwas in dasselbe zu
wickeln, und besonders erst halbfertiges Zeug liebt er darin zu verstecken. Aber
gar so viel Wetter knnen wir doch in dem elenden Neste da nicht brauchen, drum
will ich gleich eine Ladung mit hinausnehmen; auf die Art gibt's Platz und
knnen wir nachher um so nher zusammenrcken.
    Gar so schlimm konnte er doch nicht sein, der das jetzt so gemtlich sagte,
nur um eine leicht zu machende Beobachtung auszusprechen, nmlich die, da man
ihn hier noch nicht vermissen wrde. Er sollte jedoch dieses Gefhl nicht lnger
haben. Bleib nur da! sagte die Schwester und htte gern etwas recht Witziges
beigefgt, wenn ihr nur auch etwas eingefallen wre. Ihr aber ging das Sptteln
hier nicht so leicht wie dem Bruder, der sich nun auch ber Marien lustig
machte, da diese unter die Stubentr kam und rief, da sie sich wahrhaft schme,
weil sie nicht einmal etwas Ordentliches aufzutischen imstande sei. Wenn du
dich schmst, entgegnete er, so brauchst du nicht vor uns zu stehen wie ein
magerer Kchenzettel, sondern du kannst dich in den Mehltrog verstecken und mit
dem Schmalztopf luten, bis dein Schmarren verzehrt ist.
    Das nun aber war denn Dorotheen doch gar zu arg, und bei nchster
Gelegenheit wollte sie den Bruder ernstlich daran erinnern, da so etwas nicht
einmal fr Unbeteiligte ein Spa sei, geschweige denn fr solche, die darunter
leiden mten. Zu dieser Predigt aber kam sie nicht, hatte dagegen bald Ursache,
dem Bruder dankbar zu sein, da er alles niederspotten konnte, was wie ein bses
Gespenst sich aufrichten und Schwermut erregen oder Unfrieden stiften wollte.
    Unter dem Essen pflegen die Bregenzerwlder sehr wenig zu reden. Arme und
Reiche lffeln schweigend ihre Suppe aus der fr alle mitten auf den Tisch
gestellten groen Schssel und wischen alsdann den mit den Anfangsbuchstaben
ihrer Namen bezeichneten Lffel am Tischtuch ab, was immer soviel heit als:
Ich habe genug, und ihr knnt mit dem Dankgebet anfangen. Hansjrg aber, der
die ble Stimmung der Tischgenossen sah, schien viel mehr an die Erheiterung
derselben als an die Stillung seines Hungers zu denken. Besonders gern
beschftigte er sich mit den Torheiten der Angesehensten in der Gemeinde. Fr
Dorotheen hatte dieses schonungslose Blolegen menschlicher Schwchen anfangs
etwas ungemein Peinliches. Bald aber sah sie im Bruder nicht mehr nur den
scharfen Beobachter, der aus der Welt herein fr die heimatlichen Verhltnisse
ganz einen anderen Mastab brachte, sondern einen herzguten Menschen, dem die
Welt wohl wie ein aus erbrmlichen Kleinigkeiten zusammengesetztes Wehhaus
vorkommen mochte, der ihr auch wirklich zuweilen mit dem halben Gesichte zu
lachen und mit dem halben zu weinen schien. Recht lieb ward ihr Hansjrg, als
sie einmal zu merken meinte, was er niederspotten und was darber aufrichten
wollte. Er schien ihr etwas, ja ziemlich viel vom Jos zu haben, drum ging denn
auch ihr das Herz auf, und sie sprach einen Gedanken aus, den die bitteren
Klagen der Schwester in ihr geweckt hatten. Dem Jos, begann sie, hast du
vorgerechnet, es sollte jeder sein eigener Brotherr sein. Dem Jos wolltest du
auch dazu helfen, warum nicht ebenso dir und den Deinigen? Mit dem Geld, welches
du in den Handel steckst, knntest du doch auch ein kleines Gtchen, eigene
Arbeit kaufen.
    Ja, ein sehr kleines Gtchen, welches wohl Arbeit machte, mich aber nicht
nhren hlfe.
    Warum nicht? Andere Leute -
    Gut - andere Leute stehen auch nie auf dem Fleck Welt, wo ich just bin. Ein
Bauerngut ist ein Werkzeug, wie eine Nadel, aber eins, das nur ein Kapitalist
sich anschaffen kann.
    Es mu aber doch auch seinen Zins tragen.
    Nur den, der noch darauf liegt, und das ist in der Regel der wirkliche Wert
des Anwesens. Man bringt aber auch ein Opfer, wenn man so ein Werkzeug will, man
zahlt mehr als den wirklichen Wert. Auf einem groen Anwesen bringt man sich
noch durch, auch wenn's gerade um das zu teuer ist, was man als eigenes Vermgen
besa; drum trachten die Bauern, die sich doch mit dem Hofe nur abgeben, so sehr
auf Vergrerung ihres Grundbesitzes, da im kleinen gar nicht mehr anzufangen
ist.
    Hansjrg mute lange reden, bis es Dorotheen klar war, da nur durch dieses
Opferbringen fr das Werkzeug der Preis der Bauerngter bestimmt und mit dem
durch den Holzhandel und dergleichen wachsenden Geldreichtum so regelmig
hinaufgetrieben werde, da es schon zum voraus zu berechnen sei. Es war ihr
heute eine Erholung, sich mit solchen die ganze Aufmerksamkeit fordernden
Gedanken zu beschftigen. Um so schmerzlicher traf es sie, als Hansjrg
schlielich sagte: Nun siehst du, wie schwer es geht. Ich bin schon zu alt, um
noch reich zu werden, du aber machst am klgsten, da du auf den Stighof kommst.
Dann, wenn einmal der dicke Hans weg ist, kann auch ich mein Glck bei der Zusel
wieder versuchen.
    Ja, wenn! rief das Mathisle, wischte den Lffel hastig ab, lie sein
Messer zuschnappen und begann dann das bliche lange Tischgebet so schnell, da
die anderen ihm kaum zu folgen vermochten. Dorothee, der Hansjrgs letzte Worte
einen doppelten Stich ins Herz gaben, hatte noch selten so zerstreut gebetet.
Wohl htte sie fr die Eigenen sich zur Herrin auf dem Stighof heiraten lassen
mgen, solange sie sich nicht besser kannte; nun aber war das gegen ihr
Gewissen. Sich schon so auf den Webstuhl gespannt und in hundert verschiedene
Berechnungen eingezettelt zu sehen, kam ihr jetzt doppelt unheimlich vor. Dieser
Hansjrg konnte so gut rechnen und sagen, was andere knnen und sollen, er aber
tat nichts als reden. Wie anders war der Jos! Die besprochene Berechnung - sie
war richtig, und eine Menge Beispiele dafr konnten leicht in der nchsten
Umgebung gefunden werden - kam gewi von dem guten Burschen. Aber der rechnete
dann auch fr sich einen Weg heraus, auf dem er mit seiner armen Mutter in Ehren
durch die Welt kommen konnte. Sie nahm sich vor, das dem Bruder ernstlich ans
Herz zu legen. Dieser aber verlie gleich nach dem Tischgebet die Stube, indem
er sagte, da Dorothee nicht seinetwegen gekommen zu sein scheine und er daher
auch nicht lnger stren mge.
    Als es zum Nachmittagsgottesdienste lutete, wollte auch Dorothee mit ihrer
Schwester, welche die fertige, wirklich zierliche Stickerei in ihr bestes
Taschentuch eingeknpft hatte, die dstere Behausung verlassen. Doch das
Mathisle befahl ihr zu bleiben, da man noch allerlei zu besprechen habe. Er ging
der Schwester nach, um die Haustre zu schlieen, und kam dann schnell wieder in
die Stube zurck.
    Dorotheen ward himmelangst, obwohl der Vater jetzt bedeutend ruhiger schien,
als da sie ihn zuerst gesehen hatte. In seinem unsicher und scheu herumirrenden
Blicke suchte sie zu lesen, was nun kommen solle, bis er endlich fragte: Warum
hat dich der Kaplan heut' nicht losgesprochen?
    Weil ich nicht versprechen wollte, meinen Dienst sogleich zu verlassen.
    Aber was um Gottes willen hast du denn auch gebeichtet, du groe Einfalt?
    Eigentlich gar nicht viel. Er wollte nur wissen, ob Hans mir manchmal etwas
geschenkt habe.
    Das geht doch die Herren gar nichts an! fuhr das Mathisle auf. Soll man
denn blo fr ihre Missionen und in ihre Klster hinein schenken drfen, die
Eigenen seiner Dienstboten aber verhungern lassen? Oh, geh mir doch mit dieser
-
    Vater, ich bitte, redet doch nicht noch etwas Sndhaftes, erzrnet nicht
auch den lieben Gott! Was habt Ihr in dem Elend als seine Gnad' und seine
Liebe?
    Er soll nur einmal kommen, dieser gerechte Gott, und soll gehrig
dreinschlagen, da man wieder ein wenig Respekt vor ihm bekommt. Jetzt geht es
zu in dieser seiner Welt, da man gar nicht mehr wei, wo er ist.
    Ach, Vater, wenn Ihr so redet -
    Er soll nur auch die beim Kopf nehmen, die mich zur Verzweiflung bringen.
Wenn er alles gar so genau nhme, so knnten gewi nicht mehr alle Kaplne davon
erzhlen, und ich htte schon eine viel bessere Welt angetroffen. Aber sag', was
hast du noch mehr gebeichtet?
    Das mu ich nicht und will ich nicht, sprach Dorothee, sich stolz
aufrichtend, mit fester Stimme.
    Einen Augenblick sah sie das Mathisle fast erschrocken an, dann fragte es
spttisch: Was willst du denn, Mdchen?
    In die Kirche, denn es ist die hchste Zeit.
    Mit einem Lehnstuhl bewaffnet, stellte sich der kleine Mann vor die
Stubentr und schrie: Du bleibst mir da und erzhlst mir alles, oder es gibt
ein frchterliches, ein doppeltes Unglck. Ich merke, da ich mich nicht mehr
bezwingen kann. - Sage nur gleich, was hast du gebeichtet?
    Nichts - als was ich schon gesagt habe.
    Nichts - berall nichts, jammerte der Vater. Mit nichts kommt man zu
nichts. Du Nrrin, warum lufst du zur Kirche, wenn du nichts zu sagen hast? Der
Kaplan hielt das wohl nicht fr mglich, glaubte nur eine Heuchlerin vor sich zu
haben, und darum wurdest du nicht losgesprochen.
    Aber ich hab' mir, so wahr mir Gott helfen mge, gar nichts vorzuwerfen!
    Bald genug wirst du auch nichts mehr zum Einstecken haben. Ich wollte
lieber, da du uns recht viel vorzuwerfen httest.
    Der Kaplan verstand mich nicht. Ich bleib' darum aber doch im Dienst und
will auch immer nach Krften helfen.
    Solang das geht; aber wie lang whnst du, Trpflein, da du noch bleiben
knnest, nachdem du so herabgesetzt bist? Kurz und gut, jetzt ist's aus. Die
Stigerin wird dich nicht mehr im Hause lassen.
    Ich hab' aber doch nichts Unrechtes getan.
    Das ist mir nur ein schlechter Trost.
    Vater!
    Ich wei, was ich will, du aber willst mich umbringen mit deiner dummen
Ehrlichkeit. Fr Leute von unserer Art ist die liebe Tugend ein teurer Spa. Wir
mssen selbst schieben, oder wir werden geschoben. Ist es recht gewesen, den
Hansjrg unter die Soldaten zu lassen? Recht? Lcherlich! Aber klug war es, wenn
man auf dich rechnen konnte. Mit der Zusel ist's aus gewesen, da hat's nun
gegolten, den Hans anzubinden an sein Gewissen. Blo den Krmer mit seiner
Forderung htt' ich allenfalls schon noch abfertigen knnen.
    Das Mathisle redete mit einer Klte, die Dorotheen das Blut beinahe zum
Stehen brachte. Nun aber fuhr es wild auf: Der Bursche konnte tot, zum Krppel
geschossen werden, dennoch hab' ich ihn gewagt, um den Tchtermann zu fangen.
Durch dich aber, du nrrische Tugend, hab' ich beide verloren. Dein Ruf ist hin
durch deine Schuld, und auch uns hast du die ganze Zukunft verdorben.
    Ich hab' aber doch nichts getan.
    Das ist der Trost jedes Faulenzers, aber damit bringt man es nicht weit.
Ich wollte bei Gott lieber, der Kaplan htte Grund gehabt, dich nicht
loszusprechen. Aber so wegen nichts und wieder nichts aus allem heraus und so
ins Geschrei hineinzukommen, das - ja, Mdchen, das ist schon zum Wtendwerden!
    Aber, wagte Dorothee dem wirklich beinahe rasend gewordenen Vater zu
erwidern, ehrlich whrt denn doch am lngsten. Hansjrg mit aller List und
Berechnung bringt es auch zu nichts, wie mutig, ja toll er es auch anfngt;
dagegen ...
    Hansjrg ist ein Lmmel. Er mag nicht, und du kannst nicht; aber was hast
du noch mehr sagen wollen?
    Dagegen kommt Jos in Ehren, und wenn auch langsam, doch sicher, immer mehr
empor.
    Hab' ich mir doch gedacht, da es da steckt! schrie das Mathisle und
schwang den noch immer krampfhaft festgehaltenen Stuhl um sich herum, da es
surrte. Herrgott im Himmel! Also darum nur mut du beichten? Du dummes,
leichtsinniges, elendes Ding bringst mich noch rein um!
    Vater!
    Nichts mehr, kein Wort mehr dein Lebtag, du verfluchter und vermaledeiter
Balg, wenn du noch etwas mit diesem Schneider, diesem hergeschmuggelten Bettler
zu tun hast.
    Aber -
    Schwre mir ihn ab, gleich, bei allem, was du hoffest und wnschest, was
dir heilig und trostreich ist!
    Drauen begann der Hund zu bellen. Vater, stammelte das Mdchen, wenn
jetzt jemand kommt -?
    So wird man etwas Greuliches, unsere ermordeten Leichen, sehen, wenn du
nicht schwrst.
    Ach du mchtiger, grundgtiger Gott! jammerte Dorothee. Der Vater mit
seinem Stuhl kam nher. Er schwang ihn so gewaltig, da er an der niedrigen
Decke der Stube ein Bein abschlug. Das Hundsgebell wurde wilder.
    Dorothee! stammelte der Wtende.
    Ich schwre ja! schrie das Mdchen und sank auf die breite Ofenbank
zurck.
    Das Mathisle stand lange stumm und bewegungslos, als ob es sich auf das eben
Vorgegangene besinne. Dann wollte es sehen, was dem Kinde fehle, welches wie
leblos auf der Bank lag. Da bellte der Hund noch wilder. Wer um Gottes willen
kam denn jetzt? Es eilte, wieder mit dem Stuhl bewaffnet, ans Fenster und sah
nun den Krmer mit einem berkindeten Bauern vorber-, vermutlich seinem Walde
zu schreiten. Die beiden warfen dem treuen Wchter Steine nach und machten ihn
so wtend, da ihn auch das noch immer zitternde Mathisle kaum zu beschwichtigen
vermochte.
    Bis es ihm gelang, unbemerkt an den Vorbergehenden das aufgeregte Tier zu
sich ins Haus zu locken und zum Schweigen zu bringen, hatte sich seine Stimmung
bedeutend gemildert. Mit einer gewissen Scheu ging er langsam in die Stube
zurck, wo er Dorotheen noch gerade so traf, wie er sie - nach seinem
Dafrhalten schon vor langer Zeit - verlassen hatte.
    So leise wie nur mglich setzte sich der Mann auf die knarrende Bank und
wagte kaum zu atmen, bis das Mdchen, endlich sich langsam aufrichtend, wie im
Traume sagte: Ach Gott, wie war das eine bse, eine schreckliche Stunde!
    Ich bin weit getrieben worden, stammelte der Vater. Ich will und mu auch
Gewalt brauchen, wie der Krmer. Der aber hat's angefangen und ist viel der
grere Snder als ich; den mte Gott zuerst, lange vor mir strafen. Einmal
hab' ich an die Gerechtigkeit geglaubt, jetzt aber wei ich, da man sich selber
helfen mu, so gut oder so schlecht man kann.
    So will ich meinen Vater nun nicht mehr hren! rief Dorothee. Mit
furchtbarer Kraftanstrengung sprang sie auf und verlie die Stube. Der Vater
suchte sie nicht mehr daran zu hindern. Wir haben uns verstanden, sagte er
scharf. Gewalt fr Gewalt, wenn die gttliche Gerechtigkeit schlft. Solang die
Reichen mit den Menschen machen, wie sie wollen, solange Gott dem Krmer sein
Handwerk nicht legt, gilt zwischen uns, was wir eben ausgemacht haben.
    Unter der Stubentr kehrte Dorothee sich noch einmal um und schien etwas
sagen zu wollen. Sie warf einen langen, wehmtigen Blick in die dunkle,
unfreundliche Stube. Dann pltzlich drehte sie sich um und verlie das Huschen
so schnell, als ob der Boden unter ihren Fen zu brennen begonnen htte.

                           Einundzwanzigstes Kapitel



                     Wie Dorothee die Lossprechung bekommt

Als Dorothee wieder im Freien war und sich von einem frischen, krftigen
Lufthauch angeweht fhlte, wollte das eben Erlebte ihr nur noch wie ein
schrecklicher Traum vorkommen. Hatte sie so Ungeheures wirklich gesehen und
gehrt, oder war es nicht vielmehr eine Vorstellung aus jenem Zustande, in dem
sie ziemlich lang auf der breiten Ofenbank gelegen sein mochte? Sie besann sich,
wie es denn vorher gewesen, bis sie wirklich den Vater wiedersah mit dem Stuhl
in der Hand und seine Worte nochmals zu hren meinte. Es war aber alles das so -
nrrisch, da sie selbst diesen Vorstellungen, wie sie sie auch erbeben machten,
noch immer nicht glauben wollte. Das fromme Mdchen war, wie beinahe jede
Bregenzerwlderin, von der Schule auf gewhnt, in allen Ereignissen einzig blo
Belohnung und Strafe des gerechten Gottes zu sehen. Das heutige Erlebnis aber
wute sie mit nichts aus ihrer Vergangenheit in Zusammenhang zu bringen. Hatte
sie, der traurigen Lage der hilflosen Ihrigen gedenkend, sich in der letzten
Zeit auch als Herrin auf dem Stighofe gewnscht, so tat sie das gewi niemals
aus Selbstsucht, und es war zu hart, da der Vater, fr den sie sich opfern
wollte, sogar an den guten Jos zu denken verbot. Unrecht, ja wohl sogar Snde -
das gestand sie sich nach langer, sorgfltiger Gewissenserforschung - war es
freilich gewesen, da sie schon ganz im Ernste an eine Verehelichung mit Hansen
dachte. Sie schtzte den Burschen - und vermutlich nur der erhaltenen Wohltaten
wegen - zu hoch und verzieh ihm zu viel. Hatte sie es doch noch gar fr eine
Gnade gehalten, da er sie nicht aus dem Dienste jagte, nachdem sie ihm wegen
seiner Treulosigkeit gegen Jos ein wenig die Meinung gesagt. Und schon vor
Jahren fand sie es ganz in der Ordnung, da der Bruder seine Freiheit, seine
Zukunft um ein Sndengeld an den reichen Burschen verkaufen mute. War's zum
Verwundern, wenn man jetzt, wo das erhaltene Geld verbraucht sein mochte und
sich an Hansjrgen die Folgen jenes Bluthandels zeigten, vom Stighof einen
weiteren Ersatz zu fordern sich berechtigt whnte? Muten Vater und Bruder nicht
annehmen, sie betrachte Hansen schon als den Knftigen, da sie nicht ein
tadelndes Wort fr jenen bedauerlichen Handel hatte? Sie htte mit Zusprechen
und Bitten das alles verhindern knnen. Auch der Bruder war, wie sie, zu einem
furchtbaren Eide gezwungen worden, der alle seine Hoffnungen zerstrte und ihn,
den trotzig gewordenen, zum Kriege trieb gegen die gesellschaftliche Ordnung.
Nun hatte das Mdchen die Schuld gefunden, welche es ben zu mssen meinte.
Schaudernd blickte es zum tiefblauen Himmel empor und dankte dem Gerechten fr
diese Erkenntnis, die ihm in diesem Augenblicke wirklich ein groer Trost war
und Kraft verlieh, auch dem rgsten mutig und voll Vertrauen auf den weisen
Leiter der Menschenschicksale entgegenzugehen. Jetzt mute sie die Folgen
frherer Herzlosigkeit tragen; einmal htte sie es anders machen knnen.
Freilich wre dadurch all dieses Elend nicht unterblieben; Hans htte doch einen
Ersatzmann gekauft und vermutlich das Lebensglck eines anderen zerstrt. Sie
und die Ihrigen trugen nur am Elend, an der Not der ganzen Klasse. Arme Leute
muten sich eben verkaufen lassen auf die oder auf jene Art; drum war's, wenn
auch nicht recht, so doch erklrlich, da der Vater, der das wohl oft im Leben
erfuhr, den hchsten Preis aus ihr lsen wollte. Lange stand Dorothee auf der
Brcke, die ber die Ach fhrt, und beschftigte sich mit diesen neuen Gedanken,
bis sie trotz Sonnenschein und warmer Herbstluft wie im strengsten Winter zu
frieren begann. Nur schon weil sie arm war, mute sie fr eine listige
Verfhrerin gelten, die den reichen Burschen um jeden Preis in ihr Netz zu
bringen suche; der Besuch daheim und was sie da zu erleben hatte, bewies
deutlich genug, da dieses Vorurteil gegen die Armen auch nicht ganz unbegrndet
war. Macht denn das Geld auch tugendhaft? fragte sich das Mdchen, blickte
aber dabei nicht mehr zum Himmel empor, sondern nieder in den Strom, der unter
der Brcke dahinbrauste. Wenn jetzt die Brcke zusammengebrochen wre - dann
htte doch alle Not ein Ende gehabt ... fr sie wenigstens; die Ihrigen freilich
...
    Du wirst dir da nicht etwa gar noch ein Leid antun wollen? fragte die
helle, klangvolle Stimme der Kronenwirtin das Mdchen, welches ber dieses
Erraten seiner Gedanken noch mehr als ber die unvermutete Anrede der Frau
erschrak, die, ohne bemerkt zu werden, bis hart neben Dorotheen herangetreten
war.
    Ich wollte nur - ich komm' eben vom Vater herber, stammelte die
Verlegene.
    Ich glaub' schon, da es nicht so weit mit dir ist, aber eben drum solltest
du dich auch nicht ffentlich in so einen Verdacht bringen. Die Kirche ist aus,
und mehr als hundert Augen blicken von allen Seiten auf dich. Was man dabei
denkt, kann ich, die sonst doch nicht eben zu den Bsdenkenden gehrt, mir
selber abnehmen.
    Dorothee schlo unwillkrlich die Augen.
    Ich hab' dich von meinem Haus aus gesehen und bin geschwind herber, um
dich zu holen, denn mir fiel etwas Schlimmes ein. Jetzt aber seh' ich, da dir
gar nicht wohl ist. Du zitterst, als ob es Winter wr', und dabei glhen deine
Wangen wie im Fieber. Komm nur mit mir und trink vor allem ein krftiges Glas
Wein; das wird dir wohltun an Leib und Seele. Unterdessen verlaufen sich dann
die Leute wieder ein wenig. Es wird dir lieb sein, nicht gar so vielen Blicken
zu begegnen.
    Ich bin ein armes Mdchen, sagte Dorothee, das ist das einzige, dessen
ich mich zu schmen htte.
    Vor mir nicht, sagte die freundliche Wirtin. Wenn das das rgste ist, so
richte dein Kpflein nur wieder auf und denke, du seiest noch lange nicht am
schlimmsten dran.
    Aber schlimm genug, meinte Dorothee, welche der Wirtin langsam folgte.
    Du hast recht - wenigstens zum Teil. Nennt man doch im gewhnlichen Leben
das Betragen eines liederlichen, streitschtigen und unredlichen Menschen ein
rmliches. Er tut rmlich! Damit ist einem sein Urteil gesprochen.
    Ja, fiel Dorothee leidenschaftlich ein, und wenn man es anders will und
nicht sein Herz und die Ruhe des Gewissens ums Geld verkauft, so handelt man
gegen die Ordnung und mag es ben. Nirgends wird man verstanden, nirgends mehr
geschtzt.
    Ach, Mdchen, was mut du gelitten haben, da du so urteilen lerntest! Aber
gar so arg ist es denn doch nicht. Zwar niemand hat die ganze Welt und kann
allem das Rechte treffen; aber liebe, gute Menschen, denen man ganz trauen kann
und darf, solche findet jeder, der ihrer wert ist. Hast du denn keine mehr?
    Dorotheen traf der Wirtin vorwurfsvoller Blick. Kann und darf! wiederholte
sie. Noch vor fnf Minuten hab' ich niemand gehabt, jetzt aber ... Trnen
erstickten ihre Stimme. Unterdessen waren sie vor dem Wirtshaus angelangt. Die
Frau fhrte Dorotheen am Arme die steinerne Stiege hinauf und durch die
gerumige Kche ins Herrenstble, um den Blicken der im Gastzimmer Anwesenden zu
entgehen.
    Es war Dorotheen ganz wunderbar zumute, als sie einige Minuten spter im
sauber getfelten Zimmer mit den wunderbar schnen Bildern und dem groen
Spiegel vor einem guten Schoppen sa und durch die halboffene Tre die in dem
vollen Gastzimmer gefhrten Gesprche hrte. Viele suchten fr die nchsten Tage
Arbeit und Brot, boten ihre Arbeitskraft ffentlich an und trieben sich dabei
die Lhne herunter. Nun wurde die Waldung versteigert, welche der Krmer unter
dem Gottesdienst mit dem bisherigen Besitzer besichtigt hatte. Der Krmer bot
etwas ber den verhltnismig sehr niedrigen Anschlag, und nun wartete der
Ausrufer vergebens auf ein hheres Angebot. Endlich schrie man ihm von allen
Seiten zu, er solle doch der langweiligen Geschichte ein Ende machen, da ja der
Krmer schon mit allen eins sei, welche die Mittel htten, den Wald zu kaufen.
    Nicht wahr, da geht's wunderbar zu? fragte die Wirtin, als sie endlich
wieder etwas freie Zeit fr ihren Gast im Herrenstble gewann.
    Es tut einem weh und wohl zugleich, das Durcheinander zu hren, antwortete
Dorothee. Weh, so viele leiden zu sehen, und fast wohl, da man das Eigene dabei
wieder ein wenig vergessen kann. Es ist doch ein Trost, wenn auch ein schwacher,
sich mit so vielen leidend zu denken. Man lernt den anderen vieles vergeben, und
Gott wird hoffentlich noch barmherziger sein, als man selber ist.
    Wenn man sich nur nichts vorzuwerfen hat.
    Wer ist so gut? fragte Dorothee.
    Oh, viele sind nicht schuld an ihrem Unglck.
    Das wollt' ich sonst nie glauben.
    Und nun?
    Hab' ich es erfahren und empfunden. Jetzt aber mcht' ich wissen, was denn
Gott tut.
    Er hat die Menschen einander gegeben, da sie sich lieben und sich helfen
nach seinen Geboten, nicht so sich bekriegen, wie du es da drauen und berall
hrst. Tun sie das nicht, so folgt die Strafe von selbst. Den Reichen kann sein
berflu tiefer hinabdrcken als den Armen seine Not. Oder um wieviel ist der
Krmer besser, seit er einer der Reichsten wurde? Er hat nur noch mehr Gewalt
fr seinen bsen Willen. Ja, Mdchen, mir hat der Pfarrer genug erzhlt.
    Wer im Beichtstuhl redet, da man ihn nicht lobt, gilt mir mehr als die,
welche sich dann, sei es aus Dummheit oder Lieblosigkeit, ber ihn hermachen,
als ob kein guter Faden mehr an ihm wr'. Das sag' ich unverhohlen. Wenn der
Krmer mit seinem Anhang dich noch um den Dienst bringt und du dann als
ehrliche, unverdorbene Magd zu mir kommen kannst und magst, so will ich dir mit
Freuden die Tr auftun, es mag dann Tag oder Nacht sein.
    Das ist guter Bescheid und groen Dank wert, antwortete Dorothee gerhrt.
Glck, Gunst, Neigung, alles ist bernchtig auf der Welt. Man kann immer nur
sagen, was gewesen ist, nie, wie es noch kommen wird. Aber nicht blo darum,
schon als Beweis des Vertrauens tut mir der Antrag recht im Herzen wohl, wenn
ich auch nicht glaub', da ich so schnell werde daraus Ernst machen mssen. Der
Hans gibt um solche Redereien nicht viel.
    Aber heut' haben sie ihm schon auch warm und kalt gemacht.
    Meint Ihr?
    Ich wei es. Heut', als er nach dem Gottesdienst seinen Enzianer trank,
ging es gehrig ber ihn her.
    Was haben sie gesagt?
    Sei nur froh, wenn du es niemals hren mut. Des Kaplans Predigt und deine
Beicht' nimmt man zusammen und glaubt, entweder mit Hansen oder dem Jos msse
nicht alles in Ordnung sein. Man beginnt schon, den reichen Bauern so halb und
halb aus der Sache zu wickeln.
    So! rief Dorothee mit einer Lebhaftigkeit, welche die Wirtin zuerst fast
erschreckte, der Jos ist also jetzt auch noch mit hineingekommen! Das la ich
mir gefallen. Er kann sich nun um so eher denken, da an dem ganzen Gerede kein
wahres Wort sei.
    Die Wirtin blickte Dorotheen erstaunt an und sagte nicht ohne Strenge: Was
Hans denkt, ist jetzt fr seine Magd am wichtigsten.
    Hans steht auf sich selbst und tut, was er will.
    Du kennst die Welt noch schlecht, wenn du glaubst, da nur wir Weiber uns
nach dem Winde drehen. Ja, dann ist's zum Teil gut, da Gott dich schon jetzt
etwas erfahren lt. Die Wirtin wurde wieder in die Stube gerufen. Auch
Dorothee stand auf, dankte fr den Wein und noch mehr fr das, was dabei ihr
Herz erleichtert hatte.
    Die freundliche Frau war anfangs bemht, Dorotheen, die ihr noch sehr
aufgeregt schien, zurckzuhalten, da ja das Glas noch nicht einmal zur Hlfte
geleert sei. Dorothee sagte jedoch, sie wre soviel derlei Getrnk gar nicht
gewhnt, wenig aber mache ihr leicht und wohl. Zudem sei es ihr immer, als ob es
nicht recht wre, so in einem fremden Hause vom Brotherrn zu reden, whrend es
daheim vielleicht dies und jenes zu tun gbe.
    Sie sehnte sich wirklich zurck zu den stillen huslichen Verrichtungen, die
ihr die Stigerin seit lngerer Zeit fast ganz allein berlie. Da verga sie
alles andere, konnte den Zusammenhang leicht bersehen und war ganz in ihrer
Welt. Das Reden und Tun der Menschen aber tat ihr weh und drckte ihr Herz wie
eine Last, unter der sie sich nicht mehr frei regen konnte, wie gern sie auch
eingegriffen und etwas getan htte. Ja, sie kannte die Welt noch nicht, da hatte
die Wirtin ganz recht; aber sie wute doch schon zuviel von ihr, als da ihr das
Plaudern der Leute in der Gaststube und das Klingen der Glser noch ein
Vergngen machen konnte. Das schnste war fr sie und das beste, treulich ihre
Pflicht zu tun, da kein Mensch einen Grund zum Tadeln hatte. Dann konnte sie
das Gerede vorberschwirren lassen wie einen Herbststurm, vor dem sich kein
Mensch frchtet, wenn er nur sein Schindeldach gehrig mit Steinen berlegt und
festgedrckt hat und auch sich selbst nicht auf der weiten Gasse befindet. Wre
sie heute wie sonst ordentlich zu Hause geblieben, statt sich grotun zu wollen
mit ihrem Gelde, dann htte sie gewi nicht so Schlimmes erlebt. Mit solchen
Gedanken kam sie vor den Stighof, den sie ihr Daheim zu nennen so gewohnt war,
da sie es auch noch jetzt nicht lassen konnte, obwohl sie eben von den Eigenen
kam und nicht wute, wie lange sie noch hier bleiben durfte. Sie begrte das
Haus, schon da sie nur dessen hohen Dachstuhl ber die anderen Huser
herberragen sah, mit dem Gefhl des Wanderers, welcher eine liebe Sttte, den
Schauplatz seiner frohesten Tage, nach langer, mhevoller Reise wieder betritt
mit dem festen Vorsatze, nun - wenn's irgend mglich - fr immer dazubleiben und
unbekmmert um die Welt, die er nun genugsam kennt, sich hier so ntzlich und
angenehm als nur immer mglich zu machen. Aber wie es dann gewhnlich solchen
Wanderern begegnet, da sie nicht mehr alles finden, wie sie auf mhevoller,
unsicherer Fahrt sich's trumten, so fand auch Dorothee nicht mehr alles, wie
sie es erwartet hatte und gewohnt war. Etwas freilich mochte davon kommen, da
sie jetzt auch zu scharf beobachtete, zu ngstlich jedes an sie gerichtete Wort
auf der Goldwaage wog, um nicht sowohl Hansen als die Stigerin ganz erstaunlich
verndert zu finden.
    Was die Stigerin heute morgens noch mehr als Vermutung aussprach, indem sie
der Liebe zum gutmtigen Sohne und der Abneigung gegen Jos folgte, hrte Hans
nach dem Gottesdienste berall so bestimmt behaupten, da ihm die Sache mehr als
bedenklich zu werden begann. Die Leute glaubten, es geschehe dem Burschen gewi
ein groer Dienst, da er noch so ziemlich ungeschlagen aus der Geschichte
gewickelt werde; doch sie tuschten sich. Wenn Dorothee so falsch war, dann
konnte man an keine Tugend mehr glauben und keinem Menschen trauen. Das aber
wre Hansen unertrglich gewesen. Er glaubte fest noch immer an Dorotheens
Unschuld, daher war es ihm nicht genug, da das Gerede ihn selbst jetzt schonte.
Unschuldig mute das Mdchen sein, aber seine Neigung zum Jos - ja, die hielt er
jetzt fr eine ausgemachte Sache, und das wurmte ihn mehr, als er sogar sich
selbst gestehen wollte. Davon wohl kam es hauptschlich, da er den Vorschlag
der Mutter, Dorotheen um jeden Preis und so schnell als mglich aus dem Hause zu
bringen, immer vernnftiger fand. rgerlich, da nun das frohe Zusammenleben mit
Dorotheen, die ihm die Schwester ersetzte, noch auf so unangenehme Weise zu Ende
sein sollte, erklrte er sein Einverstndnis mit dem Plane der Stigerin auf eine
Weise, da diese nicht wute, was sie daraus machen sollte. Mit diesen
Weibsbildern, murrte er, sollte man gar nichts zu tun haben oder, wenn das
nicht geht, gleich die Allerrgste heiraten, damit sie sich fr einen gegen die
anderen Weibsleute wehre. Dieses Gelrm wird mir denn doch zu arg, seit auch ein
Geistlicher dahintersteckt, der das Unheiligste bekreuzigt und segnet, da jeder
schon zum voraus verdammt ist, der sich noch dagegen wehren will. Dorothee mu
heiraten, und wenn sie noch keinen htte, so tat gleich ich sie nehmen aus purem
Trotz; aber man kann ja darber reden.
    Unter der Kinderlehre kam Hans zu dem Entschlu, das Mdchen gleich offen zu
fragen, ob es lieber ihn oder den Jos zum Manne mchte. Nach dem Gottesdienste
eilte er gleich heim, obwohl er wute, da in der Kronenwirtschaft eine
Versteigerung stattfinden sollte, bei der er nicht ungern auch ein wenig
mitgetan htte. Ungeduldig wartete er nun auf die Magd; aber die wollte nicht
kommen. Das verdarb ihm von neuem seine Stimmung, und bald war er mit der
Stigerin wieder bers Kreuz, da er sich nun gar nichts mehr sagen lassen wollte.
So, unzufrieden ber das lange Ausbleiben und noch aufgeregt vom Wortwechsel mit
der Mutter, traf ihn die Magd, welcher er jetzt um alles kein gutes Wort htte
geben knnen. Ich hab' schon gedacht, du machest eine Wallfahrt nach Einsiedeln
oder Rankweil, brummte er. Mdchen, die man nicht mehr losspricht, suchen gern
die Beichtvter dort auf, die sie nicht kennen und lngst allerlei Brocken
gewohnt sind.
    Solchen Gru erwartete das Mdchen nicht. Die Wirtin schien also ganz recht
zu haben, wenn sie besorgte, da es hier nicht lange mehr gut tun werde. Etwas
hastig antwortete sie Hansen: Ich kann schon auch hier losgesprochen werden,
wenn ich nur verspreche, was man will.
    Hans bereute zwar seine Rede; doch um sich das nicht anmerken zu lassen und
weil er hoffte, mit dem armen Mdchen schon so nach und nach wieder einlenken zu
knnen, fragte er mit erzwungener Hrte: Was will man denn?
    Da ich dich - da ich den Dienst verlassen soll, antwortete das Mdchen,
welches durch diese Frage und diesen Ton sich aufs neue verletzt fhlte.
    Das ist wohl auch das allergescheiteste, bemerkte die Stigerin, welche
beide nicht ungern auseinandergeraten sah. Man mu sich immer in die Zeiten
oder die Menschen schicken, wie sie sind, und dafr sorgen, da die Kirche noch
im Dorfe bleibt. Wir sind lange friedlich beieinander gewesen und wollen uns nun
auch im Frieden trennen, wenn einem Gerede, das dir mehr als uns schadete, nur
dadurch noch abzukommen ist.
    Dorothee hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und sagte nun mit halberstickter
Stimme: Oh, dieses Reden alles braucht es nicht. Nur durch euere Gte bin ich
hergekommen als armes Kind und gehe nun mit dankbarem Herzen. Mit schwerem
Herzen freilich auch; aber ihr verzeiht mir es wohl, wenn ich nicht so leicht
ein Haus verlasse, wo so viele Lieb' und Gte mich fast vergessen lie, da es
nicht meine Heimat sei. Nun, Gott wird mich weiter fhren, fgte sie nach einer
Pause bei und wollte, da sie die Trnen nicht mehr zurckhalten konnte, das
Zimmer verlassen.
    Wohin denn gleich? fragte die Stigerin etwas unsicher.
    Meine Sachen einpacken, antwortete Dorothee.
    Das tut nicht gar so not, wehrte die Stigerin. Gleich schon zum Jos
hinein wirst du denn doch nicht wollen, heim aber kommst du noch lang. Man gnnt
jeder Magd so viel Zeit, da sie sich gehrig auf den Umzug vorbereiten kann. -
Und du bist mir mehr gewesen als Magd, fgte sie immer weicher werdend bei.
Ich merke so etwas an mir selbst. Ich hab' mir fest vorgenommen, fr dich zu
sorgen, und will es auch halten, drum darf dir fr die Zukunft nicht gar zu
bange sein. Komm nur, wenn dir etwas mangelt, und auch an einem hbschen
Zehrpfennig soll's nicht fehlen.
    Dorothee schttelte traurig den Kopf. Ich htte gewi nie nur einen Kreuzer
Lohn von euch genommen, wenn's mir nicht um die armen Eigenen gewesen wre. Aber
etwas dafr nehmen, da man jetzt meiner los wird, kann ich sogar diesen zuliebe
nicht.
    Aber dir zuliebe drftest und wirst du, wenn du wieder zu dir selbst
kommst, doch nehmen, was wir dir als Beweis unserer Zufriedenheit von Herzen
gern geben.
    Solche Beweise hab' ich tglich bekommen und mich daran gefreut, ohne mich
einer Snde zu frchten. Jetzt aber sind wir fertig. Meinen Lohn hab' ich heute
den Eigenen gebracht und - ich mu offen sagen - auch da wieder von Herzen fr
die Rettung aus dem Hause drben gedankt. Aber jetzt - Mutter - Stigerin - lat
uns scheiden und uns das Herz nicht noch schwerer machen -
    Das wird mir nun doch gar zu ernsthaft, sagte Hans in einem Tone, welcher
deutlich verriet, wie sehr die letzten Worte des immer schner und schuldloser
vor ihm stehenden Mdchens ihn ergriffen. Wo um Gottes willen wolltest du doch
gleich wieder ein ordentliches Unterkommen finden?
    Dafr, antwortete Dorothee, haben Gott und gute Menschen schon gesorgt.
Ich kann gleich heut' noch als Magd bei der Kronenwirtin einstehen.
    Hansen hatte wohlgetan, sich das arme Mdchen ganz von ihm abhngig zu
denken. Nie hatte sich sein Kopf stolzer aufgerichtet als bei dem Gedanken, da
er dieses holde Wesen aus seiner Niedrigkeit erheben und auf einen seiner
wrdigen Platz stellen knne mit einem Worte.
    Schmerzlicher traf ihn noch nichts als die Mitteilung, da das Mdchen ohne
sein Wissen und Zutun sich geholfen habe. Er fuhr auf, wie wenn ihn eine Wespe
gestochen htte. Also darum, rief er zornig, hat die Mutter vom Jos heut' so
viel mit der Wirtin zu zischeln gehabt unter der Kirchentr.
    Ich wei das nicht.
    Aber ich wei nun, da du falsch bist wie Galgenholz. Alles war heimlich
abgekartet. Uns ging das nichts mehr an. Wir haben jetzt lange genug fr dich
gesorgt.
    Sei das, wie es wolle, beruhigte die Stigerin den Sohn, welchen seine
Aufregung kaum noch auf dem Stuhle litt. Jeder Mensch hat ein Recht, fr sich
selbst auf seine Weise zu sorgen, und er soll das auch, wenn er sich einmal
seinen Erziehern entwachsen glaubt. Der Platz in der Krone ist nicht schlecht,
wenn man mit der Alten auszukommen wei.
    Ich wnsch' ihr Glck, sagte Hans unmutig, und mehr scheint sie von uns
nicht mehr zu wollen.
    Dorothee ging oder vielmehr wankte weinend in ihr Zimmer; Hans holte einen
groen Sack aus der Rumpelkammer, warf ihn vor die Mutter auf den Tisch und
rief: Den da kann man ihr bringen, wenn sie gleich einpacken will.
    Sei doch nicht so ungeschickt! bat die Mutter.
    Ja, gelt, da sie mir nicht noch berall Bses nachredet wie eine
fortgejagte Wscherin? Oh, nicht eine Hand tat ich dafr umkehren. Sie soll nur
machen, wie sie will, denn schon zu lange hat sie sich immer verstellen mssen,
da man glaubte, Ro und Wagen knnten sie nicht von uns bringen.
    Es ist aber doch recht, da sie geht
    Ganz recht. Jos knnt' am End' gar noch eiferschtig auf mich werden. Drum
wird sie so groe Eile haben.
    Du hast vergessen, was das Gerede der Leute dabei tat.
    Ich wre fest gestanden, und sie htt' es neben mir wagen drfen. Aber da
mu man sich immer nach dem Nebel richten wie die Weiber bei der Wsche. Zuerst
lauter Wrtlein, so eben und glatt, da man darauf leicht fallen und den Kopf
verlieren knnte; dann lutet's eine ganz andere Glocke, und nun macht man einen
Kopf und dreht sich und geht wie ein Bettler von einem Wucherer.
    Du bist sonst im Urteilen so billig als einer.
    Ich hab' auch noch nie so was Unbilliges erlebt. Was heit das bichen Lrm
gegen das, was Angelika leidet; aber die ist noch nicht davongelaufen, obwohl es
auch einen geben tt, der sie besser zu schtzen wte als ihr Mann.
    Groer Gott, jammerte die Stigerin, mu ich meinen Buben so sndhaft
reden hren von dem Weib eines anderen! Schme dich vor dem hellen Tag!
    Ich bin nicht schuld, da sie das Weib eines anderen wurde.
    Nun, begtigte die Mutter, ich hab' jetzt nichts mehr gegen die
Verwandtschaft, und Zusel, die hbschere, ist noch zu haben.
    Ja, falscher, treuloser als Dorothee kann sie gewi nicht sein, und dabei
ist sie zu herzhaft, um sich wegen einem Gerede zu kmmern. Immer lustig,
hbsch, klug; ja, die Zusel ist nicht so bel und dabei der Angelika fast
hnlich.
    Whrend Mutter und Sohn sich so allmhlich wieder nherten, hatte Dorothee
ein Kleidungsstck nach dem anderen in den berzug ihrer Bettdecke zu packen
begonnen. Sie kam damit um so langsamer vorwrts, weil sie immer wieder daran
denken mute, bei welcher Veranlassung sie dies und jenes erhielt Erst jetzt
empfand sie es recht lebhaft, wieviel sie diesen Leuten zu verdanken hatte.
Zuerst glaubte sie, so, noch halb im Unfrieden und mit dem Gefhl, da ihr sehr
unrecht geschehen sei, werde sie am leichtesten gehen; doch beim Anblick der
vielen Geschenke Hansens und der Stigerin nahm ihre Aufregung bedeutend ab.
Endlich aber fragte sie sich: Bist du denn gar so in diese Herrlichkeiten
vernarrt?
    Nein! rief sie, indem sie alles ordnungslos aufeinander warf, um dann so
schnell als mglich von hier fortzukommen. Dennoch war es schon beinahe dunkel,
bis endlich alles beisammen war, was sie nicht einzupacken verga. Nun, in
Gottes Namen! sagte sie, indem sie ihr Bndlein anfate, sich noch einmal die
groen Tropfen von den Wangen wischte und dann mit geschlossenen Augen das
Zimmer verlie.
    In der Stube war ihr nicht mehr anzumerken, wieviel sie in den letzten
Viertelstunden gelitten hatte. Ich will Euerer Erziehung immer Ehre machen,
sagte sie beinahe heiter zur Stigerin, welche die Fassung des Mdchens um so
mehr in Erstaunen setzte, da sie selbst das Weinen kaum erwehren konnte.
    Geh mit Gott, und der heilige Schutzengel begleite dich und zeige dir gute
Wege und gute Menschen! sagte sie, indem sie in das Weihwasserkrglein hart
neben der Tre langte und des Mdchens Stirne segnend bekreuzigte.
    Dorothee bat noch, ihr Hansen, welcher nirgends mehr zu sehen war, herzlich
zu gren und ihn um Verzeihung zu bitten wegen allem Unrechten, was sie je aus
Schwche oder Unwissenheit gesagt und getan habe. Dann verlie sie die Stube und
das Haus.
    Jetzt war sie im Freien, im Weiten, allein. Ihre Erzieher hatte sie
verlassen, ihre grten Wohltter. Nun wollten wohl auch die Eigenen nichts mehr
von ihr hren, und den guten Jos hatte sie abschwren mssen! Im ersten
Augenblicke kam ihr das alles wie eine ungeheure bereilung vor, und sie wute
nicht, ob sie vorwrts gehen sollte oder wieder zurck. Dann aber entsann sie
sich des Geschehenen und jedes gewechselten Wortes ganz genau und ohne dabei
wieder weich zu werden. Wo es einmal so klingt, ist gut gehen, sagte sie sich
und schritt rasch durch das Herrendorf hinaus, dann hinunter zur Kirche und der
Kronen Wirtschaft zu.
    Der alten Stigerin hat ihre Rechnung jmmerlich gefehlt. Hans kam erst recht
ins Gerede hinein, als am anderen Tag, am Fest Allerheiligen, jedermann davon
erzhlte, Dorothee sei nun doch noch losgesprochen worden, weil sie den Dienst
auf dem Stighofe verlassen hab' und bei der Kronenwirtin eingestanden sei.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel



                              Bei der Brunnenstube

Die wackere, noch etwas altmodische Wirtin und Dorothee kamen sehr gut
miteinander aus. Das Mdchen gewhnte sich viel schneller an das unruhige Leben
einer Wirtsmagd, als selbst die Wirtin erwartet hatte. Gerade das ewige Kommen
und Gehen, die Gesprche ber die verschiedensten Angelegenheiten und
Verhltnisse, das ganze Durcheinander der Gaststube war Dorotheen schon darum
erwnscht, weil es sie den ganzen Tag niemals zu sich selbst kommen lie. Recht
lieb war ihr auch, da sie nur jeden Gast gehrig, ja sogar reichlich bedienen,
sonst aber nicht besonders viel Wesens machen mute. Die Kronenwirtschaft war
ein recht eigentliches Bauernwirtshaus. Die Wirtin schien das Geschft nur zu
Ehren des verstorbenen Mannes fortzufhren, um es einst dem einzigen Tchterlein
im alten guten Rufe abtreten zu knnen. Die Gste, die hier kamen und gingen,
waren um so mehr geachtet, je williger sie sich von der guten Frau auch ein
wenig bemuttern lieen. Man durfte ihr aber das Vertrauen schon schenken. Sie
schien nicht nur die Sprche und Redewendungen ihres unvergelichen Seligen,
sondern etwas, ja sogar viel von seinem ganzen Wesen geerbt zu haben. Da war
alles einfach, aber solid, wie in ihrer Hauseinrichtung, die auf den ersten
Blick recht buerlich altmodisch aussah, aber durch ihre Zweckmigkeit jeden
befriedigte. Ntzlich, vernnftig und klar, das waren ihre Lieblingsworte, und
mit diesen lieen sich auch all ihre Reden und Handlungen bezeichnen.
    Um so mehr setzte Dorotheen ein Auftrag in Erstaunen, den sie am Abend vor
dem Martinstag erhielt. Sie gebot sich aber so schnell, da die Wirtin den
Schatten gar nicht bemerkte, der dabei ber das Gesicht des Mdchens flog. Es
war ein Glck fr Dorotheen, da sie gerade nicht besonders scharf beobachtet
wurde, denn es handelte sich um einen alten Brauch, den man im Hause seit
Urgrovaters Zeit - und kein Mensch wute, wie lange vorher schon - bte und
ber den die sonst so nchterne Frau sich um so weniger zweifelnd oder gar
spttelnd htte befragen lassen, weil auch sie mit ganzem Herzen daran hing.
    Dorothee langte schon nach dem Weihwasserkrglein an der Wand neben der
Stubentr, um sich gleich in ihr freundliches Dachkmmerlein zur Ruhe zu
begeben, als sie von der Wirtin mit eigen feierlicher Stimme, die etwas
Wichtiges zu verknden schien, in die Kche gerufen wurde. Sie folgte, so
schnell sie konnte, denn ihr war's lieb, wenn es noch etwas zu tun gab an diesem
wunderbar schnen und doch so strmischen Abend. Vorhin, als sie den die Stube
lang sich hinziehenden Zechtisch abgerumt hatte und ihren Blick alsdann durchs
mondbeglnzte Tal schweifen lie und der Sturm einige Fensterlden zuschlug,
wurde sie wieder so wach, da sie viel lieber noch an irgendeine Arbeit als
gleich ins Dachkmmerlein ging.
    Auf dem schneewei gescheuerten Schranke in der gerumigen Kche, ber dem
sich ein vierfacher Rahmen voll glnzenden Porzellangeschirrs an der Wand
hinzog, stand ein groer Topf, den die Wirtin soeben mit Weibrot, Butter, Honig
und Schweizerkse - von ihrer Alp - fllte. Als sie Dorotheen bemerkte, sagte
sie: Leg' dich noch einmal ordentlich an, da dir der Fhn nichts schadet, und
bring das alles unserem Brunnen.
    Dorothee sah die Wirtin erstaunt fragend an. Wohl hatte sie von dem schon
damals ziemlich aus der bung gekommenen Brauche gehrt, am Martinsabend die im
Jahre gebrauchten Quellen - Ursprnge - zu speisen, aber es kam ihr doch
sonderbar, beinahe lcherlich vor, da sie eine sonst so nchterne,
wohlberechnete Frau die Sache noch so ernsthaft nehmen sah. Ich hab' das noch
gar nie getan, flsterte sie beinahe bittend, ich wei auch nicht, wie man es
machen mu, und es wr' mir lieb, wenn Ihr diesmal den Knecht schicken ttet,
der doch heut' auch sonst nicht mehr besonders viel anfangen wird.
    Das geht nicht.
    Warum? fragte Dorothee, nachdem sie eine Sekunde schaudernd das Tosen des
immer mchtigeren Sturmes gehrt hatte.
    Es mu ein Mdchen, eine Jungfrau sein.
    Dorothee, die es ordentlich frstelte, wagte nochmals zu fragen: Warum?
    Meines Mannes Grovater selig, erzhlte die Wirtin, soll das einmal
unterlassen haben, dafr hat ihm dann der Ursprung im nchsten Sommer auch kein
Wasser mehr gegeben. Seitdem ist's immer getrieben worden, und mein Mann selig
soll auch in dem Stcke mit mir zufrieden sein. Vielleicht haben auch die
Ursprung' ihren eigenen Schutzpatron, wie das Feuer den heiligen Florian, dessen
Bild man in jedem christlichen Hause findet. Jedenfalls hei' ich dich nichts
Schlimmes, nur das, was ich selbst als Magd in diesem Hause frher jeden
Martinsabend habe tun mssen.
    Und wie habt Ihr es denn gemacht? fragte das Mdchen, welches nun seinen
Mut wieder wachsen fhlte.
    Die Wirtin stellte zwei Teller vor sich auf den Kchenschrank und begann:
Siehst du, das rechts ist die Fluh und das links der Fu vom Liggstein. Drin,
da zwischen den Bergen in der Enge, wo am lngsten Sommertag die Sonne nur
wenige Stunden zu sehen ist, hart neben dem Weg, den die Schleichhndler und
Alpknechte bentzen, wenn's einmal Eile hat, grad' wo der Wald angeht, mitten in
einem Buchenkranz, unter hlzernem Deckel, ist im Boden ein ausgehhltes Holz,
ein Trog. Das ist unsere Brunnenstube, wo mehrere Ursprnge gesammelt sind, um
in einer Leitung bis zu unserem Hause gefhrt zu werden. Da gehst du hin. Die
Schaufel darfst du aber nicht vergessen, denn mit der mut du hart neben die
Brunnenstube gegen Sonnenaufgang vergraben, was ich dir da zusammengerichtet
habe. Ich summte dabei gewhnlich ein frommes Lied, und mein Lebtag nie hab' ich
mich so gern gehrt als da. Noch wei ich's ganz gut, als ob es gestern gewesen,
wie da die fallenden Tropfen klangen und rauschten, die Baumwipfel flsterten
und es dann wieder, wie in der Kirche unter der Wandlung, still, ganz still
worden ist. Ich tt am liebsten selbst gehen und lang, lang drben bleiben, wie
vor zwanzig Jahren. Wie wird mir doch so eigen, und alles liegt noch so lebhaft
vor mir, da ich dir gleich erzhlen mu, wie mir damals gegangen ist.
    Beide setzten sich auf die an der Fensterwand hinlaufende Bank; Dorothee
knpfte den ihr bergebenen Topf mit zitternden Hnden in ein weies Tuch, die
Wirtin aber erzhlte: Ich bin da Magd gewesen, aber du mut nicht glauben, da
meine Eigenen den lcherlich kleinen Lohn gerade ntig gehabt htten. Von der
Stickerei wute man damals noch nicht viel, aber ein Vater, der nicht eben
gebunden war, htte sein Mdchen auch um den schnsten Lohn ungern das ganze
Jahr in der Stube sitzen lassen. Man meinte, gerade wohlhabenden Mdchen, denen
spter vielerlei durch die Hnde geh', knne es nicht schaden, wenn sie schon in
den jungen Jahren ein bichen herumgepudelt wrden und die Arbeit so lernten,
da auch die eine Freude daran htten, die nicht mit der Verliebtheit des Vaters
oder der Mutter urteilten. Besonders der Dienst in einem ordentlichen Wirtshaus
ward einem jungen Mdchen recht herzlich gegnnt, wenn es sich nur auch gehrig
zu stellen wute. Nun, mir hat es an dem nicht gefehlt und auch nicht an
Burschen, die ich htte haben knnen. Es gab manchen Spa, und ich mag oft
schuld gewesen sein, da einer lnger dablieb, als es bisher seine Gewohnheit
war. Ich meinte, den jungen Wirt msse es freuen, wenn ich ihm so Kundschaft
warb, und nichts hat mir so weh getan, als ihn immer stiller und unfreundlicher
gegen mich zu sehen. Zuweilen wollte ich ihm einmal gehrig das Kapitel lesen,
aber zu dem bin ich Schwache doch nie gekommen, denn ich hab' gleich gemerkt,
da ich ihm noch viel eher den Dienst aufknden knnte. Das aber wollt' ich
wirklich tun. Da kam der Martinsabend und sah just aus wie der heutige. Ich
wute schon, was ich zu tun hatte, doch sann ich ber ganz anderes, und so kam
es denn, da ich Einfalt zur Brunnenstube hinauflief und verga, was ich zur
Speisung htte mitnehmen sollen. Der Wirt mute mein Versehen schon bemerkt
haben, und eben das war mir zehnmal rger als der Gang zurck, den ich nun
wieder noch machen mute. Der Spott des Wirtes ber jedes Versehen war in der
letzten Zeit so spitz, da man zehnmal eher einen krftigen Vorwurf ertragen
htte, auf den sich wieder etwas Gesundes entgegnen lie. Das tut's da nicht
mehr, und du mut fort auf einen anderen Platz! rief ich berlaut und erschrak
dann selbst ber den sonderbar fremden Klang meiner Stimme. Wenn du allein am
Ursprung stehst unter den gelben, flsternden Wipfeln und du das Murmeln und
Pltschern hrst, ganz allein, als ob es nur fr dich da wr', dann beginnt sich
das Fallen der Tropfen, das einen Saitenklang von sich gibt, in die Weise eines
wunderbaren Liedes zu ordnen, das dir ganz bekannt ist, obwohl du es auf der
Welt noch nie gehrt haben kannst. Dann wird's dir weit und wohl, alles ist dir
gut und recht, und du bist nicht mehr fhig zu einem Entschlu, der irgend etwas
ndern knnte. Mir wenigstens ist es so gewesen. Ich bin dagesessen wie
verzckt, bis das gefallene Laub unter den Buchen raschelte und auf einmal - der
Wirt mit dem Vergessenen hart vor mir gestanden ist. Trifft man dich doch einmal
allein, wo man ein vertrautes Wort mit dir wechseln kann? fragte er. Jawohl,
hab' ich gesagt, wenn deine Spottsucht auch ein vertrautes Wort aufkommen lt.
Jetzt redeten wir lang hin und her, wir rumten uns erst gehrig herunter, dann
wurde alles klar zwischen uns, und acht Wochen spter sind wir Brautleute
gewesen. Drum denk' ich noch jeden Martinsabend an den Ursprung am Alpweg und
bleibe treulich beim alten Brauch, wie sehr der auch sonst aus der bung
gekommen ist.
    Dorothee, welche zuerst das ihr bergebene den hungrigen Eigenen weit besser
als dem Ursprung am Alpwege gegnnt htte, ward tief ergriffen von der
Erzhlung, aus der sie eine so schne Neigung zu dem Seligen heraus klagen und
jubeln hrte. Der ihr befohlene Gang ward nun fast zu einer gottesdienstlichen
Verrichtung. Sie mute der Wirtin zum Abschiede die Hand drcken, was wohl die
meisten Bregenzerwlderinnen noch nie in solchen Fllen gesehen, geschweige denn
selber getan haben.
    Hastigen Schrittes verlie Dorothee das Haus. Die Wirtin ward ihr das
bewundernswerte Weib, indem sie sich als Stellvertreterin ihres Seligen dachte.
So, meinte Dorothee, htten die meisten Menschen einen Gedanken, ein Gefhl,
woran sie sich in allen Strmen mit Herz und Seele festhalten knnten. Ach, und
sie stand einsam, abgerissen berall, und ein furchtbarer Eid bannte sie und
trennte sie sowohl von den Ihrigen, deren Selbstsucht sie dazu zwang, als auch
von dem Geliebten, dessen Bild jetzt bei Tag und Nacht vor ihrer Seele stand.
Wann sollte das enden, wann sie das aufklrende, vershnende Wort finden?
Schaudernd blickte sie hinber zu dem stattlichen Hause des Krmers, wo noch
alle Zimmer beleuchtet schienen. Es ward ihr kalt und hei, als sie daran
dachte, da ihre Erlsung an das Verderben jenes Mannes geknpft sei. Lange Zeit
lehnte sie an dem schon etwas morschen Stamm einer vielstigen Buche, so in
Gedanken verloren, da sie das Tosen des immer wilderen Sturmes kaum bemerkte,
bis derselbe einen halbdrren Ast von ihrer Buche brach und surrend hart neben
ihr niederwarf, da die vielen Zacken sich mehr als futief in den Boden
bohrten. Einen lauten Schrei ausstoend, sprang das Mdchen von der gefhrlichen
Stelle weg und empfand, als einmal der erste Schreck berstanden war, ein ganz
eigenes Behagen, alle Glieder nach Belieben regen zu knnen. Sie hatte ein
Gefhl, als ob ihr Leben und Gesundheit aufs neue wiedergeschenkt worden sei.
Es ist doch schn auf der Welt! rief sie, emporblickend zu den stillen,
ernsten Bergen, die jetzt mit Sternen bekrnzt schienen. Nie noch hatte sie den
Liggstein, der stolz und wie ein Wchter des Tales ber den Schnepfauer Wald
gegen die Kanisfluh hinberragte, so aufmerksam betrachtet und so klar gesehen,
wie jetzt im Scheine des Mondes. Die Schatten der vom Sturme geschttelten
Tannen, welche zwischen den bereinander gewlbten Steinschichten hervorwuchsen,
zogen an dem rot und blulich schimmernden Felsen auf und ab und schienen ihr zu
winken. Der Wald dort, welcher sich in der noch nicht beleuchteten Tiefe weit
bis an den Streifen Himmelsblue hinzog, welcher zwischen den beiden
Felsenkpfen herunterhing, hatte sich viel zu erzhlen. Geheimnisvoll rauschten
und flsterten die rtlich schimmernden Buchen und die ernsten Tannen, wenn
wieder ein Sturm ob ihren Wipfeln dahinfuhr, da man sogar das Tosen der blauen,
tausend Silberstreifen ber die von den Bergen gestrzten Steine werfenden Ach
nicht mehr hrte. Endlich in der geschtzten Schlucht der Brunnenstube
angelangt, wo nicht mehr ste, sondern blo noch die welken Bltter sich regten,
empfand Dorothee, wie wahr die Wirtin das Gefhl schilderte, von dem man hier
erfat und gehoben wurde. Noch nie hatte sie wie jetzt die Bewegung des Gehens
und den Gebrauch jedes ihrer Sinne als Wohltat empfunden. Lange war sie zu
nichts fhig als zum Sehen, Hren und Bewundern der herrlichen Gotteswelt, deren
Anblick und Genu ihr eben wieder geschenkt worden war. Selbst in der Kirche, wo
zuweilen manches noch an die Not und Plage des Alltagslebens erinnerte, war ihr
noch selten so leicht und frei gewesen wie hier. Nie htte sie geglaubt, da sie
bei der wunderbar lieblichen Musik der Ursprnge mit solcher Andacht ihrem Opfer
ein Grab graben wrde, denn noch nie sonst war ihr eine Quelle fast wie etwas
Lebendiges erschienen. Jetzt aber lauschte sie dem Geplauder der Tropfen so
aufmerksam, da sie das ihr aufgegebene Vaterunser fr den seligen Wirt beinahe
verga. Erst als die Arbeit fertig, fiel es ihr ein. Als sie nun auf einem ganz
mit Moos bedeckten Stein kniete, laut und langsam betend, war's ihr gerade, wie
wenn der Geist des Verstorbenen sie umschwebte. Von den zitternden, rauschenden
Buchen ringsum rieselten Bltter herab auf die Beterin und das Opfergrab,
welches sie mit Moos bedeckt hatte. Sie begann unwillkrlich ein zweites
Vaterunser zu beten. Da fiel der erste Mondstrahl hell und voll auf ihr fast wie
verklrt leuchtendes Gesicht. Einen Augenblick spter war der ganze Platz
erhellt. - Dorothee stie einen lauten Schrei aus und wankte einige Schritte
zurck. Nicht weit vor ihr erblickte sie, an einen Buchenstamm gelehnt, eine
mnnliche Gestalt. Nur das Gesicht wurde noch vom Schatten eines Astes bedeckt.
Wer ist da? fragte das Mdchen, alle Kraft zusammennehmend und schon auf dem
Sprung zur Flucht.
    Niemand als ich.
    Diese Antwort war sehr unbestimmt. Dorothee jedoch hatte schon an der Stimme
genug. Diese Stimme wrde sie berall und unter allen Umstnden sogleich erkannt
haben. Ach Gott, es ist Jos! jammerte sie und langte nach ihrer Schaufel, als
ob sie so schnell als mglich zu gehen entschlossen sei.
    Was tust du da? fragte Jos, indem er langsam dem Mdchen nher trat,
welches noch immer zwischen Gehen und Bleiben schwankte.
    Endlich lehnte sie die Schaufel an einen Buchenstamm und sagte: Ich hab'
die Brunnenstube speisen mssen.
    Ich kann nicht begreifen, begann Jos nach einer Weile, wie eine sonst
verstndige Frau noch solche Dummheiten treiben lt.
    Diese Rede tat Dorotheen weh. Jetzt dachte sie nicht mehr ans Gehen. Erst
sollte Jos eine bessere Meinung von der Wirtin bekommen. Sie setzte sich neben
den Burschen auf einen Stein und erzhlte, was jene hier als Mdchen einst
erlebt habe.
    Aufmerksam hrte Jos zu; auch als Dorothee geendet hatte, blieb er eine
Weile ganz still. Endlich aber sagte er: Der Platz ist ganz dazu gemacht,
einmal frei auszusprechen, was man sonst in sich vergraben mute - da drunten,
wo jetzt der Sturm zieht. Auch ich hab' dich heute zu mir hergewnscht, Gott hat
mich erhrt, und aus dem schpf ich die Hoffnung, da nun alles noch gut werde.
Viel, viel hab' ich zu sagen und zu fragen, ich will gleich anfangen, so treibt
mich die Ungeduld, und zudem wei ich nie, wann dein Bruder kommt und uns
strt.
    Hansjrg? fragte das Mdchen erschrocken. Es hatte dem Bruder oft einen
ordentlichen Freund gewnscht, und besonders den Umgang mit dem fleiigen Jos
hatte es ihm recht von Herzen gegnnt, weil der ihn wohl so leicht als einer
wieder auf den rechten Weg bringen konnte. Als nun aber allem nach die beiden
hier sich treffen wollten, wute sie nicht mehr, welchen sie fr den Leiter und
Fhrer des anderen halten sollte.
    Jos fhlte sich durch den Ton der Frage verletzt. Dein Bruder, antwortete
er, scheint dich lieber zu haben als du ihn.
    Der Schein trgt.
    Ich bin froh, wenn es das ist, sagte Jos mit Wrme, Hansjrg braucht
jetzt Liebe. Nur seinen Tadlern und Aufpassern zulieb' wird er nicht viel tun
und nicht viel unterlassen.
    Das glaub' ich auch, versetzte Dorothee nher rckend. Gerade du
vermchtest viel ber ihn und knntest ihn weit bringen.
    Wir schaffen auch wirklich zusammen jetzt.
    Gott Lob und Dank im hohen Himmel! jubelte das Mdchen, dem seine Freude
recht ordentlich anzusehen war, obwohl es im Schatten eines noch nicht
entbltterten Astes sa. Aber, sagte es dann, sich besinnend, mich nimmt's
doch wunder, da ich noch nichts davon gehrt habe.
    Das kommt nicht an den Wirtstisch, und es wre schlimm, wenn jeder davon zu
erzhlen wte, lachte Jos, fuhr dann aber, das Erschrecken des Mdchens
bemerkend, in ganz anderem Tone fort: Davon jedoch knnen wir auch neben dem
Hansjrg noch reden. Jetzt sag' mir lieber, wie es dir auf der Wirtschaft
gefllt? Du glaubst nicht, wie viel ich mich schon darum sorgte.
    O du guter Jos, mir geht ja ganz wohl!
    Nein, Dorothee, das sagt man nicht in dem Ton; so redet man, wenn man krank
oder ganz unglcklich ist. Hast du denn kein Vertrauen mehr wie frher, wo du
mir alles sagtest?
    Was aber soll ich dir sagen? Ich bin kaum zwei Wochen im Haus. Die Wirtin
hlt mich wie eine Mutter, und sonst tat ich nur wnschen, da die anderen
Hausgenossen mit mir so zufrieden wren, als ich es mit ihnen bin.
    Dann ist's noch schlimmer, klagte Jos.
    Warum noch schlimmer? fragte das Mdchen mit einer Hast, welche wohl seine
Streitlust verraten sollte.
    Weil dann dein wunderliches Benehmen einen noch tieferen, schmerzlicheren
Grund hat. Du glaubst gar nicht, wie gut ich deine Stimme kenne. Sie ist mir wie
ein Lieblingslied, welches man ganz in sich aufgenommen hat, so da man gleich
jeden falschen Ton darin merkt. Wie mancher bei der Arbeit sein Liedchen summt,
so hr' ich dich stundenlang reden in mir, aber nicht so wie heute. Dann bist du
ganz das, was immer mich anlchelt, wenn ich auch nur den Namen Dorothee von
einem Gassenbuben hre, der dabei vielleicht an ein Butterbrotbschen denkt.
Heut' kommst du mir fremd vor, aber doch nicht so fremd, als du dich stellen
willst. Ein tiefes Leid klagt aus jedem deiner Worte. Gewi, ich htt' es dir
gegnnt, wenn blo die Kronenwirtin dran schuld gewesen wre. Das wr' nur ein
Dorn am Strauch, dem wieder zu entrinnen sein wrde. Gefhrlicher sind die
Dornen, die man schon im Leib hat; die schmerzen sehr und machen krank.
    Nun konnte Dorothee nicht mehr trotzig und khl antworten. Es fehlte dem
armen Mdchen alles, was dazu gehrt htte. Seine Stimme klang weich und etwas
unsicher, als es fragte: Gibt es nicht auch Dornhecken, zu denen wir gebannt
sind und von denen wir uns immer wieder weh tun lassen mssen?
    Kein Dornstich htte das Jsle schmerzlicher treffen knnen als diese Frage,
die alles wieder umzuwerfen schien, was aus Vermutungen auf das in letzter Zeit
Beobachtete gebaut werden konnte. Wer anders war wohl mit diesem Vergleich
gemeint als Hans, den sie noch nicht aus dem Herzen brachte, an den sie noch
gebannt war, wie weh er ihr auch immer getan hatte? Hast du noch das Heimweh
auf den Stighof? fragte das arme Brschchen mit bebender Stimme.
    Nein, Jos, antwortete Dorothee fest, und es ward ihr dabei so leicht, ob
sie nun erst die Lossprechung des Kaplans verdient htte.
    Auch dem Jos war wieder leicht ums Herz; leichter selbst, als da er hrte,
da nun Dorothee vom Stighof auf die Kronenwirtschaft gekommen sei. Und auch das
schon tat ihm wunderbar wohl, und sein Fu besserte von dem Tag an so schnell,
da auch der Doktor darber staunen mute. Doro-theens eigenes Nein aber war
noch viel mehr wert als alles, was aus einem vielleicht nur zuflligen
Zusammentreffen von Umstnden sich herausrechnen lie. Jos dachte nicht mehr an
den immer schmerzenden Dorn, von welchem Dorothee gesagt hatte. Wenigstens jetzt
einmal atmete er frei auf und sagte frhlich: Auch ich hab' mich nie mehr auf
den Stighof gewnscht, wohl aber zu dir. Ich passe nicht zum Bauern, das hab'
ich im Sommer nur zu gut empfunden, aber auch, da mir neben dir und fr dich
alles, gar alles mglich wr'. Anders hab' ich mir nach der Kirchweih niemals
erklren knnen, da ich es nur so lang auszuhalten vermochte.
    Mir kommt es vor, ob du dem Hans jenen Abend noch immer nicht vergessen
habest.
    Es ist nicht mehr viel davon in mir, aber jetzt mu auch das Versteckteste
heraus, antwortete Jos. Dann, des Mdchens zitternde Hand erfassend, fuhr er
fort: Du glaubst gar nicht, wie wohl es mir tut, hier unter Gottes freiem
Himmel, ganz in der Stille gar alles aus mir herauszureden, was drckt und
qult.
    Tu das nur, wenn du es kannst, sagte das Mdchen traurig. Ich kann und
mu es, aber auch du solltest es knnen wie frher. Du tust ja, wie wenn sich
etwas zwischen uns gestellt htte. Was ist's denn, wenn du kein Heimweh auf den
Stighof hast?
    Das plagt mich nie, sagte das Mdchen, und Jos glaubte dabei einen leisen
Druck ihrer Hand zu empfinden, die ihm aber so schnell entzogen ward, als die
seinige denselben erwidern wollte.
    Ich will dich nun in Gottes Namen mit Fragen gehen lassen, sagte Jos etwas
verlegen. Sag' mir nur noch, ob ich dir etwas helfen, etwas tun kann, wodurch
dir vielleicht denn doch etwas abgenommen wrde.
    Ja, das kannst du.
    Und was? fragte Jos, indem er den Kopf wieder aufrichtete und dem trben
Blick des Mdchens ein frhliches Gesicht sehen lie.
    Dorothee rckte nher zu ihm und flsterte: Tu fr den Hansjrg, was du
kannst! Benutze deine Macht ber ihn zu seinem und deinem Heil. Er traut dir,
und du hast ihn auf dem Gewissen.
    Weit du das so gewi? fragte Jos etwas verlegen.
    Von dir kann er lernen, wie man mit blutsaurer Arbeit alles Mitrauen, alle
Hindernisse berwindet. Ich wei aus Erfahrung, wie leicht man sich auf einen
schweren Weg macht, wenn ein Mutiger voran ist. Ich fhle, wie hoch du ber ihm
stehst, wenn du willst, ich - Das Mdchen stockte.
    Nun, wir tun jetzt auch mitsammen. Bin ich doch da, um auf ihn zu warten.
    Aber der Fhrer ist er. Du hilfst ihm etwas tun gegen das Gesetz, dem wir
folgen mssen.
    Aber nichts Sndhaftes.
    Was gegen das Gesetz geht, ist nicht recht. Wie es uns schtzt in unseren
Rechten, so schtzt es auch andere. Es sieht weiter als wir, drum sollen wir es
auch achten, wo wir es nicht verstehen.
    Ich htt' auch lieber einen groen Hof geerbt, sagte Jos etwas unmutig,
als armer Teufel aber mu ich mich wehren, wie es geht Unser mehrere haben sich
zusammengetan, um die Sache in Gang bringen zu knnen.
    Wenn's nur etwas anderes wr', klagte Dorothee. Ich hab' auch schon
gedacht, die Armen sollten so zusammenhalten wie die Reichen, aber zu etwas
Ordentlichem. Ihr da kommt mir fast vor wie die Bauern, welche sich
vereinbarten, um auf der letzten Versteigerung beim Kronenwirt einen Wald recht
wohlfeil an sich zu bringen. Beide Teile handeln gegen das Gesetz. Jene
schadeten einem, ihr dem Staate.
    Diese Rede Dorotheens bewies, wieviel sie sich in Gedanken mit dem
Schleichhandel beschftigt und da sie auch andere, die mehr davon verstanden
als sie selbst, gelegenheitlich darber befragt hatte. Jos jedoch war ber
diesen Beweis, da das Mdchen auch jetzt noch an ihn denke und fr ihn sorge,
nichts weniger als erfreut. Schchtern begann er der lieben Predigerin
auseinanderzusetzen, da er immer an sie denke und nur ihretwegen soviel wage.
Vor den Menschen nehme man sich in acht, und Gott werde seine gute Absicht sehen
und ihm verzeihen. Dorotheen wurde heier und heier. Sie merkte, auf was alles
der gute Bursche noch kommen werde. Und schon fhlte sie nicht mehr die Kraft in
sich, ihm in seinen Auseinandersetzungen zu widersprechen und vielleicht mit
einem Worte alle seine Hoffnungen zu zerstren. Hoffnungen auf eine Zukunft,
die, ach, auch ihr so lieblich erschien, da sie htte weinen, laut aufschreien
mgen bei dem Gedanken, da niemals etwas daraus werden knne! Ja, sie mute
fort, das war ihr furchtbar klar. Nicht mehr lnger durfte sie zuhren und den
guten Burschen reden lassen. Auf einmal, ohne sich zu erklren, wollte sie
wegspringen und heimeilen ... auf einmal - jetzt, nur noch einen Augenblick,
eine halbe Minute neben ihm, und dann scheiden frs ganze Leben. - Ja, scheiden!
... Sie erfate krampfhaft die Hand des Burschen, ihre Blicke begegneten sich
innig und inniger, und mit einem Seufzer, in dem der ganze Schmerz und die ganze
Wonne eines Menschenlebens lag, sank sie an seine Brust. Da nun ruhte sie und
weinte. Er legte den zitternden Arm um den weien Hals, welchen der Schatten der
Buchenste gar nicht zu treffen schien. In der Brunnenstube rauschte es ganz
wunderbar, das Fallen der einzelnen Tropfen klang wie Saitenspiel, das Flstern
der Wipfel da droben wie Gesang. Dorotheen war's, als ob sie nun alles, alles
herausweinen knnte, was bisher sie erdrcken und ersticken wollte, whrend Jos
vergebens nach Worten fr seine Empfindungen suchte. Vergessen war die bse,
bse Welt und alles, womit sie diese beiden Herzen schon belastet hatte,
vergessen alle Verhltnisse und Verbindungen, selbst Vater und Mutter -
wenigstens eine Zeitlang und viel lnger, als die Glcklichen glaubten, die
jedes Zeitma verloren. Dann durchzuckte es das Mdchen wie ein furchtbarer
Schmerz. Es stie einen leisen Schrei aus und schien dann etwas sagen zu wollen,
aber wieder wurde seine Stimme von einem Strome noch heierer Trnen erstickt.
    Wenn der Schutzgeist der Ursprnge noch in der nun folgenden Viertelstunde
bei seinen Opfergaben weilte, so segnete er gewi das Paar, welches wie
angebannt unter den Buchen sa und sich schweigend umschlungen hielt. Wurde doch
selbst Hansjrgen, der unbemerkt nahe genug kam, um beide zu erkennen, so
wunderbar zumute, da er, da er sie nicht stren, nicht auf einmal aus ihrem
Himmel bringen wollte auf die bse Welt, wieder zurckschlich und in der Ferne
nur leise, doch so laut, da die beiden es hren muten, ein Soldatenliedchen zu
summen begann.
    Das tat Hansjrg, der sonst so fest rechnete, die Schwester einmal als
Buerin auf dem Stighof, auch zu seinem Vorteil, walten zu sehen. Seit Hans
Dorotheens oder ihrer Verwandtschaft sich so schmte, da er sie gleich aus dem
Dienste lie, htte Hansjrg ihm so ein Mdchen wie seine Schwester gar nicht
mehr gegnnt. Des Vaters schonungslose Selbstsucht war jetzt seinem Wesen fremd,
und die Mitteilung desselben, Dorothee habe den Jos abschwren mssen, war' ihm
gewi recht schwer auf dem Herzen gelegen, wenn er die Sache so ernsthaft wie
Dorothee genommen htte. Doch er whnte, dem Vater sei der Jos nur zu arm. Wenn
das einmal etwas anders und der Vater berzeugt sei, da man den dicken Hans
nicht mehr fangen knne, werde das im Zorn gesprochene Wort von Herzen gern
zurckgenommen werden. Auch den Jos brachte er zu dieser Ansicht und machte ihn
so fest, da den guten Burschen die Zurcksetzung Dorotheens zuweilen ordentlich
rgern konnte, wie manche Sorge dadurch ihm auch abgenommen wurde. Hansjrg war
noch begieriger, den Jos in seinen fr einen Schneider so vorteilhaften
Schleichhandel zu ziehen, seit er damit auch fr seine Schwester zu sorgen
meinte. Der Krmer konnte doch nicht verlangen, da man einzig fr ihn ber die
Berge gehen werde. Jos hatte den Gewinn viel ntiger, der z.B. von billigen
Seidenstoffen zu machen war. Er war schwer zu bereden. Endlich aber, als auch
andere Handwerker ihn drngten und ihm ihre Sparpfennige vorzustrecken
versprachen gegen die Zusage, da er ihnen, wenn sie etwas kauften, keinen
Profit berechne, hatten sich die beiden geeinigt, und heute kam Jos, um den
ersten Warenballen abzuholen. Nur Dorotheens Predigt brachte ihn um den Mut, ihr
das offen zu sagen. Jetzt freilich htte er ihr alles sagen, htte ntigenfalls
ihr in allem nachgeben mgen. Aber dazu blieb keine Zeit mehr, als Hansjrgs
leiser Gesang das Mdchen aufschreckte. Ach Jesus, wer kommt?
    Gewi niemand als Hansjrg, beruhigte Jos.
    Aber was will der?
    Sei ohne Sorgen, der sagt dem Vater gewi nichts.
    Dorothee schien zuerst erschrocken ber diese Erinnerung an den Vater und
das ihm gegebene Wort. Gleich jedoch richtete sie sich stolz auf und rief: Was
geht ihn auch diese Stunde an? Gott hat sie mir gelassen, und ich fhle, wie
ganz sie hineingehrt in mein Leben, wie der Frhling ins Jahr. Aber weit du
denn auch schon, was ich habe versprechen mssen?
    Hansjrg hat es vom Vater selbst, aber er nimmt's nicht besonders
ernsthaft. Der Vater wr' wohl zurckzubringen, wenn ich nur etwas mehr Vermgen
htte. Das, Dorothee, nur das ist der Grund, da ich auch den Schleichhandel
betreibe.
    Ach Jos, warum doch mut du mir diese Stunde noch so verderben!
    Ich tu das gewi nicht. Ich will nur machen, da wir noch viele solche
Stunden erleben knnen und drfen.
    Mir wird nie mehr wohl sein, wenn ich an dich denke.
    Sei nur unbesorgt. Unser gefhrlichster Feind ist der Krmer, aber Hansjrg
dient auch ihm und mir nur so nebenbei. Wenn der spter etwas von unserem
Zwischenhandel merkt, wird er doch nicht mit mir auch sich selbst in
Verlegenheit bringen wollen.
    Wir tragen am gleichen Unglck, wir sollten es gemeinsam und demtig
tragen, bis Gott hilft. Es ist nicht mehr in Ordnung, wenn man sich nur auf den
Eigennutz anderer und auf List und Frechheit verlassen mu. Ich hab' keinen
gekannt, der dabei noch ein guter Mensch geblieben ist. Ich mchte dich lieber
arm sehen als wie den Krmer, und ich wei, was arm sein heit und was ich dabei
leiden werde. Du solltest Hansjrgs guter Engel werden, und nun verfhrt er
dich! Komm, la ihm seinen Plunder und geh mit mir! bat das Mdchen und erfate
seine Hand.
    Das kann ich doch unmglich; denk', er ist auch dein Bruder, und ich darf
ihn nicht verlassen.
    Und ich kann dich nicht als Schwrzer denken, sagte das Mdchen; sein
Hndedruck aber, mit dem es schied, schien dem Jos doch wieder zu verzeihen.
    Jos stand zitternd, zweifelnd, ratlos, bald vier Schritte vorwrts, bald
zwei zurck gehend. Sie ist gut, rief er, viel zu gut fr diese Welt, und
wenn man es da zu was bringen will, darf man ihr nicht folgen. Ich handle gegen
ihren Willen, aber doch fr sie, nur fr sie.
    Jetzt stand Hansjrg neben ihm.
    Etwa zehn Minuten spter eilte Jos mit der Last, welche er Dorotheens Bruder
abgenommen hatte, so schnell als mglich ins Dorf zurck. Hansjrg, der durch
nichts andeutete, was er sah, und auch die heimeilende Schwester nicht zu
bemerken schien, machte sich wieder ber die Berge, um noch vor dem Grauen des
Morgens auch den Krmer zu bedienen, von dem er in der vorletzten Nacht schon
ber die Grenze geschickt worden war.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel



                     Dorothee kommt abermals in ein Gerede

Ach, Jos, warum doch mut du mir noch diese Stunde verderben? jammerte
Dorothee, als der Geliebte ihr mitteilte, auf was fr eine Art er fr sie beide
wirken werde. Aber so eine Stunde lt sich nicht so leicht wieder verderben,
und besonders schon gar nicht dadurch, da man hernach fr den mutigen,
opferwilligen Mitgenossen derselben zittern mu. Wre die Liebe die groe,
mchtige Weltbeherrscherin, wenn sie sich nur aus wohlgeordneten Verhltnissen
wie das Resultat oder die Probe einer Berechnung ergbe und wenn sie so den Weg
schon geebnet finden mte? Dann segnete sie nie des Armen baufllige Htte,
dann wre sie die Qual des grten Teils der sorgenbeladenen Menschheit, die sie
nur noch tiefer unter ihre Lasten begrbe. Die wahre Liebe aber erhebt ber die
Kleinlichkeiten des Lebens. Sie berwindet die Selbstsucht und alle anderen
Suchten, deren Jammergestalten die, welche sie ihres Segens unwert hlt und
strafen will, als ihr Bild verehren, zu spt erst den Abweg erkennend, auf
welchen ihr Gtzendienst sie gefhrt hat.
    Eine ganz unglckliche, ganz hoffnungslose Liebe gibt es eigentlich gar
nicht; denn die Liebe findet Hoffnung und Glck immer und berall wieder in sich
selbst. Der Liebende, der im Kampfe mit entgegenstrebenden Verhltnissen erlge,
gliche nur erst dem gefangenen Weisen, welcher doch noch besser daran ist als
sein roher berwinder, der noch immer den Lichtstrahl der Wahrheit frchtet,
welchen er nicht einzusperren vermag.
    Die Neigung hat einen strengen Wertmesser bei sich, fr den es fast jeden
Tag etwas zu tun gibt; hat aber einmal die Liebe gesprochen und ihren Schatz in
ein Herz ausgeleert, dann wird alles aufgewogen, was auch die rgsten
Plaggeister der Menschen in die andere Waagschale werfen mgen, und die Macht
der Verhltnisse ist wenigstens innerlich berwunden. Die Liebe nhrt sich nicht
mehr blo von dem Werte ihres Gegenstandes, sondern durch sich selbst glaubt
sie, hofft sie und ist glcklich.
    Auch das rmlich gekleidete Dorfkind, der einfachsten Erziehung entwachsen,
kann so leicht und wohl noch leichter etwas von diesem Segen der Liebe empfinden
als die fleiigste Romanleserin, wenn es darber auch nicht so gut wie diese
jeden Augenblick ein langes und breites zu machen wei. Eine schne Strecke des
Lebensweges legt man gern in der Erinnerung wieder zurck, wenn man auch fr
einzelne Stellen leichter eine Farbe, ein Bild als eine sprach gerechte
Bezeichnung findet. Der Gewinn fr sich selbst kann gewi in beiden Fllen der
gleiche sein. Dorothee sann Tage, Wochen ber das, was Jos und was sie mit ihm
seit einem Jahr erlebt hatte. So entstand ihr ein Zug nach dem anderen, bis das
Bild eines Mannes, den sie zitternd bewundern mute, lebendig vor ihrer Seele
stand. Vieles freilich war in seinem Wesen, was ihr Sorge machte, aber auch das
webte nur wieder den Teuern tiefer in ihre Gedanken und Trume, selbst in ihre
Gebete hinein. Er mute so sein, wie er war, sonst wr' er nicht mehr er
gewesen; und so wie er war, war er ihr auch recht, obwohl sie sich's niemals
gestand. So, bestndig nun auf ihn blickend, fr ihn sorgend und betend, bersah
sie stets die Kluft, welche sie wohl fr immer von ihm trennte. Wenn sie aber
einmal daran dachte, so sagte sie sich, da diese Welt eben kein Himmel sei und
jeder Mensch seinen Teil zu tragen habe. Hierber waren ihr erst in der
Gaststube der Kronenwirtin die Augen aufgegangen. Da erst erfuhr sie recht, was
alles im Leben sich zwischen die Menschen und ihr mit Aufopferung aller Kraft
verfolgtes Ziel stellen kann und welch verzweifelte Anstrengung zur Beseitigung
solcher Hindernisse gemacht werden. Von solchem Kmpfen und Treiben hatte sie
auf dem friedlichen, stillen Stighofe neben dem behaglichen Hans keine Ahnung
bekommen. Seit sie vernahm, wie man's da und dort getrieben hatte, war es ihr
leichter, den Vater zu entschuldigen und somit auch das ihm gegebene Versprechen
etwas weniger wichtig zu nehmen. Je lnger sie die Leute beobachtete, desto mehr
kam sie dazu, alles nur der Gunst oder Ungunst der Verhltnisse zuzuschreiben.
Menschliche Leidenschaften und Schwchen wurden selten so milde beurteilt wie
von ihr, die bald fast in jedem Gesunkenen blo noch einen Niedergedrckten sah,
der endlich seiner Last erlegen war wie ihr Vater, und in jedem Waghals einen
Helden, der auf gewhnlichem Wege seine Plne so wenig ausfhren konnte als Jos
und daher ohne Rcksicht auf das Urteil der Menschen alle Schranken berspringe.
Jeden von diesen begleiteten auf seinen gefahrvollen Wegen ihre Glckwnsche,
seit sie stets fr den Jos und ihren Bruder zittern mute. Derlei Gedanken und
Sorgen waren fr sie groe Wohltaten. Womit sonst htte sie sich beschftigen,
wie sich wieder ganz herausbringen sollen aus der engen, dsteren Wohnung ihrer
armen Eigenen, wenn sie nicht htte zur Brunnenstube fliehen knnen in Gedanken
oder ins Durcheinander des Lebens, wie man es in der Gaststube beobachten und
innerlich mitleben konnte. Wie ihr in ihrer jetzigen Stimmung Dezembersturm und
Schneegestber lieber war als ein stiller, warmer, nebliger Tag, so freuten sie
auch recht lebhafte, mitunter fast gar zu laute Gste weit mehr als diejenigen,
welche sich still hinsetzten und mit einer Amtsmiene ihr Geldlein zu verzehren
begannen. Unter allen, die sie mit der ffentlichen Meinung und mit dem
Hergebrachten im Kriege sah, war nur einer ihr lange Zeit recht von Herzen
zuwider, nmlich der Andreas, Angelikas Gatte, dem sie gar keine menschlich
schne, liebsame Seite abgewinnen zu knnen meinte. Zuerst hielt sie ihn fr
einen verzogenen reichen Bauern, der, immer am Gngelbande gefhrt, sich selbst
nie habe weisen und leiten lernen, fr einen Spielball jeder Laune der Menschen
und des Zufalls. Auf diese Weise nun erklrte sie sich auch seine Verbindung mit
der guten Angelika, die doch unmglich aus dem Herzen der beiden herausgewachsen
sein konnte. Ein Beweis fr ihre Vermutung lag schon in dem, was sie damals auf
dem Stighof sah und hrte, wie heimlich auch die Stigerin ihre Kmpfe mit Hansen
gekmpft hatte. Bald aber kam sie zu der berzeugung, da eigentlich nur
Angelika das Opfer elender Berechnungen geworden sei; dieser Andreas mit dem
harten, abgewetterten Gesicht und der gewaltigen Stimme, neben der nichts
anderes mehr zu hren war, schien sich nie von etwas anderem als von seiner
Leidenschaftlichkeit beherrschen zu lassen. Sagte doch der Trotzkopf es der
Wirtin, die ihn einmal ernstlich an seine Gatten- und Vaterpflicht erinnern
wollte, ganz offen, wie eine schon ausgemachte Wahrheit, da es fr ihn da gar
keine Pflichten gbe. Die, welche nun einmal zu ihm gehrten, htten ja noch
immer mehr als genug daheim, um recht anstndig leben zu knnen. Er gnne dem
Weib die Freude, ihn die meiste Zeit gar nicht zu sehen; dafr nun msse sie
ihm, wohl oder bel, eine Kurzweil im Wirtshaus erlauben. Seine Schulden wrden
gewi in der Ordnung bezahlt, und sonst brauche doch ein Mann in seiner Lage
sich nicht um alle die altmodischen Hausmannsregeln zu kmmern und knne seines
Besitzes auf seine Weise sich freuen, wenn er nur frei von der Dummheit sei,
sich dabei noch viel um so hohle Worte wie Ehr' und guten Namen zu kmmern.
    So sagte der Andreas und machte dabei ein paar Augen, da wohl mancher Mann
am Platze der Wirtin sich vor seiner schon oft erprobten Faust gefrchtet und
von Glck gesagt htte, wenn gleich alles wieder aus gewesen wre. Die Wirtin
aber war durchaus nicht von der Art. Sie kmmerte sich auch nicht viel um die
Kundschaft eines Mannes, der sich mit solchen Grundstzen grotat. Andreas mute
nun eine lange, sehr gesalzene Predigt hren, und so schnell kam Schlag auf
Schlag und traf so richtig, da ihm nicht einmal mehr einfiel, er knnte ja
gehen und dadurch sich aus der wachsenden Verlegenheit retten, ja, da die Wirtin
ihm lebendig ausmalte, wie gut er es daheim htte, wenn ein ordentliches Leben
wieder den Segen Gottes auf sein Haus zge, wie er aber statt dessen sich Weib
und Kind entfremde, da sie seiner sich schmen mten, da wurde der Mann
ordentlich weich und lie die Wirtin nicht weiter ausfhren, warum auch die
rmste Bettlerin mit Angelika noch lange nicht tauschen wrde.
    Sie liebt mich nicht mehr und glaubt mir nicht, das treibt mich aus dem
Hause zu anderer Kurzweil. Es wird nie mehr besser, und drum kann ich auch
nichts verderben, wenn ich mich auch rche, da sie durch ihren finsteren Ernst
mein Lebensglck zerstrte, rief Andreas trotzig, aber doch etwas weich. Der
Wirtin gefiel diese Antwort durchaus nicht, und sie verlie gleich die Stube.
Dorothee dagegen, die neben der Stubentr am runden Haustische mit der groen
Schiefertafel stand und des Pfarrers messingenen Bierkrugdeckel wieder glnzend
fegte, glaubte aus dieser Rede des Andreas etwas wie eine Klage herausgehrt zu
haben. Nun erschien ihr selbst dieser Mann in viel gnstigerem Lichte, als ihn
sonst die ffentliche Meinung sehen lie. Angelika war wirklich nicht mehr wie
frher. Das Finstere, Abstoende ihres Wesens hatte Dorothee schon an jenem
Abende vor der ungltigen Beichte auf ihrem Spaziergang empfunden. Und beim
Andreas kam dazu noch, da sie mit besonderer Vorliebe von Stighansen zu
erzhlen schien. Jos hatte so ngstlich gefragt, ob sie, Dorothee, nicht mehr
das Heimweh auf den Stighof habe; wie weh nun muten dem Andreas von seinem
Weibe dergleichen Andeutungen tun und ihm das Leben unter seinem eigenen Dache
verbittern. Man sieht, wie sich's das Mdchen schon angelebt hatte, sich in die
Verhltnisse der Gste mit Benutzung aller frher gemachten Beobachtungen
hineinzuleben und mit ihnen und fr sie zu sinnen und zu sorgen. Schon zu oft
hatte sie die wunderbare Wirkung eines lobenden, tadelnden oder beruhigenden
Wortes wahrgenommen, um nicht zuweilen auch so ein schpferisches Werde sprechen
zu wollen. Besonders ntig und auch nicht ganz vergebens schien ihr das jetzt
beim Andreas. Freundlich, beinahe bittend sagte sie, da der Mensch nie verloren
sei, bis er sich selbst aufgebe, da man aber bei anderen Einflu und Achtung
erst wieder gewinne, wenn man sich selbst und seiner Empfindlichkeit befehlen
und sich wieder achten gelernt habe. Andreas antwortete so vernnftig, da
Dorothee sich in ein langes Gesprch mit ihm einlie und am Schlsse desselben
schon recht viel ausgerichtet zu haben meinte.
    Von jetzt an wendete sich Andreas immer nur an sie, sooft er kam, was immer
hufiger geschah, und die Wirtin durfte ihm auch nicht einen Schoppen mehr
bringen, obwohl er von Dorotheen ebenfalls zuweilen hren mute, da es nun
genug sei, was er sich immer gleich beistimmend gefallen lie. Dorotheen freute
das um so mehr, da es ihr ja nur ganz natrlich, nicht etwa blo geheuchelt
schien. Seit langem schon machte wohl niemand ihm ein freundliches Gesicht, als
wer etwa dabei seinen Vorteil suchte. Mute ihm nicht wohl werden, als er sich
wieder freundlich behandelt sah von ordentlichen Leuten, so da er auch in den
Augen anderer wieder ein wenig zu wachsen begann! Dorothee hatte die grte
Freude, ihn fast jeden Abend noch stiller zu sehen, so da endlich auch die
Wirtin sein Benehmen zu loben begann. Wenn sie nur immer einen freien Augenblick
gewinnen konnte, setzte sie sich zu ihm und begann ein Gesprch mit ihm
anzuknpfen, wie sehr dabei die anderen Gste dann auch die Kpfe
zusammenstecken mochten. Die Wirtin war nmlich bei den letzten unter allen,
welchen das etwas verdchtig schien. Man erinnerte sich wieder daran, da das
Mdchen sich auch mit Stighansen so weit einlie, da es aus dem Dienste treten
mute, damit es im Beichtstuhl wieder gehrig losgesprochen werde. Zwar wollte
niemand etwas wissen und niemand etwas gesagt haben, aber das galt fr eine
ausgemachte Sache, da das Mdchen reichen Leuten gegenber ungemein schwach und
blind sein msse, sonst wrde es wenigstens mit diesem landesbekannten
Taugenichts nach den frher gemachten Erfahrungen in kein Gerede mehr gekommen
sein.
    Die Wirtin, die Dorotheen recht von Herzen liebte, wrde dem Andreas gerne
das Haus fr immer verboten haben; aber sie frchtete, dadurch dem nun einmal
entstandenen Gerede noch einen Scheingrund zu geben, wie Hans, da er das arme
Mdchen mitten in der Zeit fortschickte. Wollte sie Dorotheen warnen, so sagte
diese, sie habe solches Gelrm schon gewohnen mssen und wolle nun durch den
vielgeschmhten, unglcklichen Andreas beweisen, da noch nicht jeder schlecht
sei, den man verdamme, sondern mancher blo durch solches Urteil den Glauben an
sich selbst verliere und wirklich schlecht werde. Wurde die Wirtin, die es recht
gut meinte, ber solche Antwort rgerlich, so konnte sie Dorotheen wohl zum
Weinen, aber nie zum Nachgeben bringen. So sa die gute Frau eines Tages in der
Stube bei ihrem Strickstrumpf, und whrend Masche sich an Masche reihte, sann
sie darber nach, wie wohl das unerfahrene Mdchen am besten von seiner
Bekehrungssucht zu heilen wre. Da polterte der Stighans herein und verlangte,
sogleich ein vertrautes Wort mit ihr zu reden.
    Im Herrenstble angelangt, zupfte der Bursche verlegen am Halstuch, whrend
die Wirtin die Tre schlo, und sagte dann, rasch wie immer, wenn er kaum den
rechten Anfang finden konnte: Was ist denn anders worden in der
Kronenwirtschaft, da da ganz ein ordentliches Mdchen so ins Geschrei kommen
kann?
    Gerade so, versetzte die Wirtin, htte man vor kaum einem halben Jahre
auch die auf dem Stighofe fragen knnen.
    Nein, widersprach Hans, diesmal ist's viel rger, und wer ihr zusieht,
mu fast wider Willen glauben, was der Wein aus dem Grosprecher herausredet.
    Aus welchem Grosprecher?
    Natrlich dem Andreas.
    Was wei denn der?
    Kurz und gut, da er bei Dorotheen alles gelte, da er sie fast um einen
Finger wickeln knnte. Sicher sagt er zehnmal mehr, als wahr ist, aber er sollte
gar nichts zu sagen den Mut haben; und wenn mancher herkommt und beide so
vertraulich tun sieht, glaubt er schon alles besttigt. Ich kenne das Mdchen
freilich besser, mchte denn aber doch erfahren, was es mit dem Andreas immer zu
reden gibt. Du mut das wissen, sonst wrdest du es gewi nicht leiden. Von der
Art bist du nicht, da du solche Goldvgel um jeden Preis fangen und rupfen
lassen willst.
    Ich meine doch auch, sagte die Frau nicht ohne Selbstgefhl.
    Wie kann aber Dorothee so blind werden und nicht merken, wer der Mensch ist
und wohin er sie bringen mchte?
    Ja, sagte die Wirtin scharf, sie mu sich beim Weinen ber andere trbe
Erfahrungen die Augen gewaltig verdorben haben. Andere, seit langem kurzsichtige
Leute haben die gefhrlichen Stellen im Gedchtnis, aber sie scheint eben an
diesen Zustand noch nicht recht gewhnt zu sein.
    Ich verstehe das nicht.
    Nun - dann werd' ich dir mit einem Holzschlegel winken mssen. Wenn man von
denen, die man schtzt und liebt, so wie sie dich geschtzt hat, nur feige
Treulosigkeit erlebte, was um Gottes willen soll man dann von anderen denken?
Anfangs drckt so eine Erfahrung beinahe das Herz ab, spter mu man an allem
verzweifeln oder alles entschuldigen. Dorothee nun ist zum Verzweifeln zu gut.
Jetzt glaubt sie jedes Fehlers Ursprung zu wissen, der Mensch hat immer keine
Schuld, und alles ist nur durch die Verhltnisse so geworden. Sie mu das wohl,
um den Leuten ein freundliches Gesicht machen zu knnen, so auslegen. An dem nun
bist gewi du so viel als einer schuld. Wie weh mu es ihr getan haben, als ein
dummes Gerede dich schwach machte. Nun will sie grer sein als du, und den
Glauben an das Urteil der Menge hat sie verloren, weil sie wei, wie unschuldig
sie damals verschrien und von dir verlassen wurde.
    Hans stand eine Weile wie angedonnert, dann rief er: Nur nicht aufbegehrt!
Sie htte nicht gar so schnell gehen mssen. Mich hat das mehr gergert als
alles andere. Wrest nur du nicht auch noch dazwischen gekommen, so wrde nun
alles in schnster Ordnung sein.
    Damals, fiel die Wirtin, die aus diesen Reden durchaus nicht klug werden
konnte, ungeduldig ein, damals hast du dich nicht so viel um des Mdchens Ehre
bekmmert und um seinen guten Ruf wie heute.
    Damals, erwiderte Hans, hab' ich der Mutter gefolgt und heute meinem
eigenen Herzen.
    Solches Geschwtz, fuhr die Wirtin auf, htt' ich von dir nicht mehr zu
hren erwartet. Jedes Kind wei, wie ganz dich der Krmer in seiner Schublade
hat, seit das auch der Mutter in ihren Kram pat. Und nun kommt der Spitzbub'
und redet mir von seinem Herzen, als ob ich alles gerade so leicht entschuldigen
tat wie Dorothee.
    Hans fhlte sich jetzt viel zu sehr im Rechte, um so schnell wieder seine
Fassung zu verlieren. Die Mutter, sagte er, htte jetzt auch gegen Angelika
nichts mehr. Aber das ist schon zu spt. Sie ist gebunden, und ich kann sie
nicht mehr erlsen, aber hoffentlich doch noch ein wenig etwas fr sie tun.
    Fr wen?
    Mu ich auch noch mit dem Holzschlegel winken? Fr Angelika -
    Dann winke und deute nur zu, denn ich verstehe dich noch immer nicht.
    Dann bist du doch auch nicht gar so klug und hast alles gar so klar aus dem
Kaffeesatz, wie man meint. Ich bin der Hans, aber als Dorothee mit dem Andreas
ins Gerede kommen ist, da ist mir doch gleich etwas eingefallen, und dir kommt
es jetzt noch nicht einmal in den Sinn. Ich hab' mir eingebildet, wie weh dieses
Gerede der Angelika tun msse. Diese Vorstellung hat mir keine Ruh' und an
nichts mehr eine rechte Freude gelassen.
    An Angelika, fragte die Wirtin erstaunt, an die httest du zuerst
gedacht?
    Allerdings, und hab' ihr gewi alles treulich nachempfunden, was die Arme
litt. Ich kann das schon auch. Zwar bei so Mdchen, die jeder Wind herumdreht,
kann kein Mensch erraten, aus welchem Dorfe sie eben wieder luten zu hren
meinen, und ich mag mich auch nicht besonders viel darum kmmern. Ein Weib aber
hlt vor allem, selbst vor ihrem Glck, an der Ehre des Hauses und hngt mit
Leib und Seele fest an denen, mit welchen sie leben und Schand' oder Ehre teilen
mu.
    Du kennst die Weiber ziemlich gut, spottete die Wirtin, obwohl oder gerade
weil sie dem Burschen innerlich recht lassen mute.
    Hans aber sagte ganz ruhig: Ich htte schon lange geheiratet, wenn man
gleich ein Weib nehmen knnte. So ein unerfahrenes Ding jedoch ist nur zum
Kurzweilen, zum Singen und Springen recht.
    Der Wirtin kam diese Ansicht so vernnftig vor, da sie dieselbe Hansen
schwerlich einmal zugetraut htte. Noch etwas unglubig fragte sie: Ist dir das
schon immer so vorgekommen?
    Nein, der Verstand kommt einem erst mit den Jahren. Damals, als Angelika
noch ledig und ein junges Mdchen gewesen ist, ja, da htt' ich sie nicht anders
wnschen knnen - in keinem Stcke. Spter ist's mir so worden, und an den
Mdchen gefiel mir das am besten, was dann zum Segen des Hauses mit in den
Ehstand genommen werden kann. Es ist nicht die oder die gute Eigenschaft, und
ich wte nicht, wie ich alles zusammen, was ich meine, ganz kurzweg nennen
sollte. Auch Empfindlichkeit fr die Ehre der Familie gehrt dazu, drum hab' ich
mir gleich vorgestellt, wie weh der Angelika so ein Gerede tun msse. Wohl hat
man schon frher hren knnen, da er, wie ein Lediger, mit allen Kellnerinnen
bis Bregenz hinaus bekannt sei; aber das war so allgemein und bertrieben, da
es viel weniger in die Augen stach, als was man jetzt von Dorotheen hrt. Du nun
kannst da viel ausrichten mit einem ernsten Wort, und ich halte das auch fr
deine Pflicht.
    Du hast recht, sagte die Wirtin, und mehr konnte gewi einer nicht
verlangen, welcher kam, sie an ihre Pflicht zu erinnern. Hans ging auch recht
zufrieden heim, obwohl er nicht wute, wie leicht es ihm diesmal htte fehlen
knnen bei der Kronenwirtin, die sich noch von ganz anderen sehr ungern einreden
und gar von der Ehre ihres Hauses vorpredigen lie.
    Nun wurde Dorothee sogleich ins Herrenstble gerufen, die Tre wieder
geschlossen und ihr dann das ganze Gesprch mit Hansen mit nur wenigen
Auslassungen mitgeteilt. Es war das anfangs nicht der Plan der Wirtin, doch als
Dorothee sogar jetzt noch recht haben wollte, schien es ihr das klgste, Hansen
selbst, den doch nicht jedes leere Geschwtz in der Welt herumtrieb, gegen sie
auftreten zu lassen. Als nun das kam, was Andreas gesagt haben sollte, wechselte
das Mdchen die Farbe. Nun helfe mir Gott! rief es mit tonloser Stimme, denn
ich wei mir nicht mehr zu helfen. Drckt denn die Armut so tief nieder, da man
in allem, was unsereins tut, nur etwas Schlechtes sehen kann?
    Nun danke Gott fr die Einsicht und glaube nicht, da es dein Beruf sei,
berall einzugreifen! Dazu mu man fester stehen als du. Denk' an den faulen
Apfel, der den frischen ansteckt, statt neben ihm frisch zu werden!
    Schweigend verlie Dorothee das Herrenstble und ging still wieder an ihre
Arbeit. Es war Sonnabend und gab daher noch viel zu tun fr den morgigen Tag,
fr den man, wie jeden Sonntag, auf sehr viele Gste rechnen konnte. Das Mdchen
aber beeilte sich, um fertig zu werden, bevor der Andreas kam. Vielleicht ging
ihm auch alles um so schneller aus der Hand, weil es darauf hielt, seinen Unmut
zu verwerchen und keinen Augenblick zu sich selber zu kommen. Wohl noch selten
oder nie war die fleiige Magd so frh in ihr Dachkmmerlein gekommen als heute.
Zum Schlafen war sie freilich nicht aufgelegt, aber sie hatte schon genug daran,
doch nun allein und unbeobachtet sein zu knnen. Aufatmend ffnete sie das
Fenster und schaute hinaus ber die eingeschneiten Huser, aus denen man da und
dort noch ein Lichtlein schimmern und wie ein immer breiter werdender
blulich-gelber Streif ber den Schnee vor dem Fenster hinausleuchten sah; und
hinauf zu den rtlich schimmernden Bergspitzen, deren eigentmliches Glhen wohl
eine Sturmwoche verknden mochte. Leise schlich die Ach hart neben dem Hause
dahin, und Dorothee wollte sich zwingen, in Gedanken ihren Lauf bis zum Bodensee
zu verfolgen, in der Hoffnung, da auf dem langen Wege doch irgendein
Zeitvertreib zu finden sein werde.
    Es gelang ihr nicht, die Gedanken anzubinden. Schon vor der Haustre
begegnete der aufgeregten Einbildung Andreas, wie er leibte und lebte, und sie
begriff nicht mehr, wie sie sich um ihn so viel kmmern konnte, ihm es schon fr
ein Groes hielt, da er sich einige Male wie andere vernnftige Menschen zu
benehmen suchte. Wenn er anders geworden wre, htt' es ihn gewi frher
heimgetrieben zu Weib und Kind, da man ihn daran nicht mehr htte mahnen
mssen. Das alles mute Dorothee sich jetzt gestehen, und es war ihr dabei
stets, als ob jemand mit durchdringenden Blicken sie verfolge. Schon wollte sie
das Fensterchen schlieen, da glaubte sie das Gerusch von Tritten zu hren und
sah gleich darauf, wie ein schwerbeladener Schlitten von zwei Mnnern vor dem
Hause vorbeigezogen wurde.
    Das Mdchen horchte. Wenn doch nur der Sturm noch wartet, bis wir auch dem
Krmer seine Sachen unters Dach gebracht haben, flsterte der eine.
    Dorothee zitterte. Sie hatte die Stimme des Geliebten erkannt.
    Sei du zufrieden, wenn du deinen Plunder hast. Der Krmer kann mir einige
Trger mitgeben oder meinetwegen alles bei der Brunnenstube verschneien lassen,
versetzte Hansjrg mit heiserer Stimme.
    Dorotheen war's, als ob der schneidende Windsto ihr den Geruch fauler pfel
entgegentrge. Erschrocken fuhr sie zurck und schlug das Fenster vielleicht
noch um so heftiger zu, damit die beiden daran erinnert wurden, wie leicht man
sie belauschen knnte. Der Schleichhandel kam ihr noch nie so verdchtig vor wie
jetzt, aber mit den beiden, die sie eben gehrt hatte, war sie doch nicht so
bald fertig wie mit dem Andreas. Es wr' ein Bchlein davon zu schreiben, wie
sie von den schrecklichsten Gedanken, dann wieder von bsen Trumen geqult
wurde, wie sie sann und betete, bis endlich - endlich das Morgenrot ber die
nahe Fluh heraufdmmerte. Zum lieben Glck hatte man diesen Tag das Haus voll
Gste, die das Mdchen kaum einen Augenblick zu sich selbst kommen lieen. Es
waren viele da, die ber Mittag trotz ihrer Sparsamkeit lieber im Wirtshaus
blieben als in ihre entlegeneren Wohnungen eilten, da sie es fr eine
Gewissenssache hielten, besonders an einem so strmischen Tag wie dem heutigen,
wo Gott sich seinen Zorn einmal recht anmerken lie, auch den nachmittgigen
Gottesdienst nicht zu versumen.
    Auch Andreas war ber Mittag nicht heimgekommen und sa auf seinem alten
Platze. Als Dorothee nun einmal einen freien Augenblick hatte, wollte er sie,
ohne die vielen Anwesenden zu bercksichtigen, sogleich neben sich auf einen
Stuhl ziehen. Das Mdchen jedoch sprang, einen Schrei ausstoend, mehrere
Schritte zurck und schickte dann, als es von seinem Schrecken sich wieder ein
wenig erholt hatte, die Wirtin an den Tisch, wo nun Andreas den rger an den in
einem Weinglas aufgestellten Zigarren auslassen zu wollen schien. Ist das ein
elendes Krutlein, das nicht brennt und nicht geht, elend wie die ganze
Wirtschaft, rief er immer wieder, versuchte ein Stck nach dem andern und warf
es dann zum Fenster hinaus.
    Der Wirtin ward das endlich zuviel, und als nun Andreas gar noch die
uerung fallen lie, er denke nicht daran, die weggeworfenen Stcke zu
bezahlen, sagte sie ihm vor allen Leuten die Meinung, da er es zur Erforschung
des Gewissens nicht besser und genauer htte wnschen knnen. Er sagte auch
spottend, hier knne man sich nun auf die Beichte gehrig vorbereiten, aber
niemand lachte ber diese Bemerkung, und ihn selbst erschreckte die pltzlich
entstandene Stille so, da er, anfangs verlegen, sich nun erst recht in seinen
Zorn hineinzureden begann. Immer wieder dachte er ans Beichten. Noch nie kam er
sich so schlecht vor als jetzt, da auch Dorothee ihn verlie, deren
Freundlichkeit ihm doch so wohlgetan hatte. Aber weg mit solchen Gedanken!
sagte er sich, ein volles Glas Wein hinunterstrzend, und schrie: Kein Gericht
und kein Amt kann mich zwingen, geschmuggelte schlechte Ware zu zahlen, die hier
um den Preis der guten verkauft wird. Zeigt mich nur an, dann werdet ihr Wunder
sehen. Ich kenne die Ware schon auch.
    Sie ist von deinem Schwiegervater, und noch kein Mensch hat sie getadelt,
versetzte die Wirtin.
    Natrlich, spottete der Andreas, weil die dummen Bauern was Rechtes gar
nicht kennen. Ich aber will schon Zeugen bringen, welche sagen, da ich's kenne.
Wer mit mir Hndel anfngt, mu sie haben.
    Mache, was du kannst, sagte die Wirtin.
    Dorothee zitterte fr den Geliebten und ihren Bruder. Alles Frhere fr den
Augenblick vergessend, nherte sie sich ihm, und es gelang ihr leicht, den schon
etwas Angetrunkenen zu besnftigen. Er zog sie neben sich und sagte: Du
Trotzkopf hast nicht einmal mehr mit mir dich unterhalten wollen!
    Ich will noch nicht, rief das Mdchen und machte eine vergebliche
Anstrengung, sich zu befreien. Die Wirtin eilte der noch Ringenden zu Hilfe,
doch sie kam schon zu spt. Dutzende von Hnden hatten den Andreas beim Kragen,
bei den Haaren, den Hnden, berall erfat, und eine Minute spter lag er neben
der steinernen Stiege vor der Tre bei den zerstreuten Zigarren im Schnee.
    Das ist euch nicht geschenkt! hrte man ihn keuchen, indem er sich
aufrichtete. So geht man nicht heim; ihr sollt aber merken, wohin ich gegangen
bin, und bis dahin will ich nicht mehr in dieser Gemeinde bernachten; fort,
fort!
    Und fluchend eilte er weg, wirklich nicht seiner Heimat, sondern dem
Schnepfauer Walde zu.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel



               Wie sich der Andreas rcht und was daraus entsteht

Als Hans am Samstag aus der Krone heimging, wo er die Wirtin an ihre Pflicht als
Hausmutter erinnert hatte, wurde er vom Krmer, der ihn nicht gern von Dorotheen
kommen sah, zu einer Unterredung in die Stube gerufen. Ein Wort gab nun das
andere, und man trennte sich nicht mehr, bis Hansens Heirat mit der Zusel eine
ausgemachte Sache war. Hans wnschte die Hochzeit noch zu verschieben, der
Krmer jedoch war um so weniger dazu geneigt, weil er bei der Unterredung die
unentschlossene Rat- und Tatlosigkeit des Burschen aufs neue kennen lernte.
Schnell mute da wohl alles gehen, wenn es nicht wieder vergehen sollte. Da er
Dorotheen besuchte, nachdem diese von Zusels Freundinnen abermals ins Geschrei
gebracht wurde, blieb jedenfalls verdchtig. Der Krmer tat nun alles, um die
Sache so schnell als mglich ins reine zu bringen. Er versprach dem stolzen
Tchtermann sogar, nun als Mitglied einer angesehenen Verwandtschaft seine
allerdings zuweilen entehrenden Hndelchen, die bse Zungen Wucher zu nennen
beliebten, fr immer aufzugeben, sobald sein Laden gerumt sei. Hansen wurde
schon um vieles leichter, als ihm endlich das Ja glcklich abgeschwtzt war. Nun
hatte das Predigen der Mutter ein End', und er war doch im klaren darber, was
er zu tun hatte. Man tte nicht recht, es nur dem vom Krmer aufgestellten Weine
zuzuschreiben, da ihm so wohl wurde neben dem schnen, heute seltsam stillen
Mdchen und er spt abends in der besten Stimmung das Haus verlie.
    Den Krmer hatte es etwas nachdenklich gemacht, da die Glser des Paares
beim Anstoen keinen Klang von sich geben wollten, obwohl er sah, wie
ungeschickt der Bursche sein Glas in die Hand nahm. Schlielich aber lachte er
ber sich selbst, die gute Stimmung stellte sich wieder ein, und er begann an
der Erfllung des gegebenen Versprechens zu arbeiten. Von jetzt an wollte er
ganz ruhig und behaglich leben. Sogleich schrieb er an einige Geschftsfreunde,
um die in letzter Zeit gemachten Bestellungen zu widerrufen, und erfreute sich
dabei noch an dem Weine, welchen die Verlobten auf dem Tische hatten stehen
lassen. Dann setzte er sich in den Lehnstuhl, kreuzte die Arme und malte sich
seine Zukunft mit den lieblichsten Farben, bis Hansjrg kam und um einige Trger
zur schnellen Befrderung der Waren bat, die er glcklich bis zur Brunnenstube
beim Liggstein gebracht habe.
    Der Krmer gab ihm drei Taler und sagte: Da nimm und suche dir deine Leute
selber aus, aber zuerst komm und trink.
    Erstaunt sah der Schwrzer die Glser auf dem Tisch. Dann tat er einen
herzhaften Schluck.
    Der Krmer fuhr fort: Bring' alles zum Andreas in den Stadel. Ich mag nicht
hinein, damit ich weniger verraten werde. Jetzt schon gar nicht mehr, da nun
doch alles bald aus ist. Der Vater der jungen Stighoferin treibt keine solchen
Hndel mehr, und du kannst mir morgen deine Rechnung bringen. Dem Hansjrg war
es im Kopf, als ob ihm jemand unversehens eine recht gottserbrmliche Ohrfeige
gegeben htte. Alles drehte sich surrend um ihn herum, und ohne auch nur noch
gute Nacht gesagt zu haben, verlie er die Stube. Mit welcher Lust er nun an die
Ausfhrung des Auftrages ging, den er mit den drei Talern erhielt, kann sich
wohl denken, wer noch so wenig als er verga, welche Hoffnungen ihm der Krmer
einst im Wald ob der Halde gemacht und seither immer mehr oder minder genhrt
hatte. Trotzdem aber merkten die gedungenen Gehilfen, unter denen auch der Jos
wieder war, nichts Besonderes an ihm als seine Ermdung, die sie natrlich
fanden, sobald sie die Lasten sahen, die er den Tag ber zur Brunnenstube
geschafft hatte.
    Am Sonntag, whrend in der Krone der Andreas hinausgeworfen wurde, rechneten
Hansjrg und der Krmer, der heute nicht karg war, im Frieden miteinander ab.
Kein bses Wort wurde gewechselt. Hansjrg war dem Krmer sogar zu still, zu
ergeben, und er htte ein gesundes Aufbegehren weit lieber gehabt als diese
Ruhe, die wei Gott was verbergen mochte. Es war eine frmliche Herausforderung,
als der Krmer schlielich sagte: Von der Heirat kannst du erzhlen, wem du
willst. Am nchsten Sonntag wird sie freilich verkndet, aber es ist mir lieb,
wenn die Leute schon jetzt wissen, woran sie sind.
    Zu Befehl, sagte der Soldat trocken und ging. Ihm tat die Geschichte zu
weh, als da er htte aufbegehren knnen. Nur Klagen hatte er, Klagen ber seine
Einfalt, die ihn ins Netz des bekannten Spitzbuben geraten lie, und ber die
bse Welt. Aber um alles htte er seine Gefhle vor dem herzlosen Manne nicht
uern mgen.
    Nun war der Krmer am Ziel. Er sah seine khnsten Hoffnungen sich der
Erfllung nahen, und es waren doch elende Kleinigkeiten genug, ihm die Freude zu
verderben. Zuerst lag das Klirren der Weinglser ihm in den Ohren, und nun hatte
er stets Hansjrgs ernstes Gesicht mit dem unheilverkndenden Schatten vor sich.
Schonungslos hatte der Mann jeden getreten oder geworfen, der ihm auf dem Wege
zu seinen Zielen hindernd entgegentrat, und nun sollte er nicht einmal mit
bloen Einbildungen fertig werden. Leichter freilich wr's gegangen, wenn er
Zuseln recht frhlich gesehen htte. Die aber schlich wie ein Schatten herum und
fragte wohl fast ein dutzendmal, was doch auch Hansjrg zu der schnellen Wendung
der Dinge gesagt habe. Erst am Montag, als der Krmer das Haus verlie und an
seine neue Stellung in der Gemeinde, ja sogar schon an mter und Ehrenstellen
dachte, die dem wohlhabenden Mitglied einer solchen Verwandtschaft in seinem
Ruhestand nicht mehr fehlen konnten, vermochte er sich des Errungenen wieder
ganz von Herzen zu freuen. Er machte, damit Hans nicht in seinem Behagen gestrt
werde und nur mit seiner Mutter ber sein Vorhaben rede, die zur Vorbereitung
der Hochzeit ntigen Schritte selbst und weidete sich an dem Erstaunen der
Leute, da die Sache noch so schnell ins reine gekommen sei. Ein Vergngen aber
war ihm auch dafr zu gnnen, da er an einem so strmischen Tage den Pfarrer
und den Vorsteher, Musikanten und Kleidermacherinnen aufsuchen mute. Sicher
wrden alle Huser abgedeckt worden sein, wenn nicht die allerdings nur noch
unbedeutende Schneelast die Schindeln festgehalten htte. Dabei stoben die
groen Flocken herum, da man halbe Viertelstunden lang nicht von einem Hause
zum anderen sehen konnte. Wer einen Gang zu machen hatte, kam geschlossenen
Auges auf dem verwehten Wege daher, als ob er einen schwerbeladenen Schlitten
nachziehen mte. Doch wenn ein vorteilhaftes Geschft zu machen war, pflegte
der Krmer sich weder von Schloen noch Schneeflocken abschrecken zu lassen. Und
galt es jemals ein vorteilhafteres als heute? Am Sonntag mute Zusel sich als
Braut gehrig stellen, und nun sollten Schuster, Schneider und Nherin den
Arbeitszuwachs doch rechtzeitig erfahren.
    Es ging schon stark gegen Abend, als er, von seinen vielen Stnden und
Gngen zurckkommend, vor dem Hause des Rlewirtes anlangte, dem er noch den
gewi willkommenen Auftrag hinterlassen wollte, da er sich auf einen gehrigen
Hochzeitsschmaus vorzubereiten habe.
    Des alten Mannes brigens noch ziemlich gute Augen waren von der
Schneewolke, die ihn im Freien berall umgab und jeden dunkleren Ruhepunkt
verhllte, so angegriffen und geblendet, da er einen Grenzjger, der ihm unter
der Haustre entgegenkam, beinahe noch umgestoen htte. Und noch war der
Schreck ber den unvermuteten Anblick des grnen Kragens ihm nicht aus den mden
Gliedern, als ein krftiger Arm ihn in einen Winkel schob und Hansjrgs aus
Tausenden zu erkennende Stimme ihm khl und fast verchtlich einen guten Abend
wnschte.
    Jetzt ist's gefehlt! klagte der fast zu Tode erschrockene Krmer und
taumelte in die Stube.
    Hier aber ward er nicht besonders freundlich empfangen. Mehrere Tausende der
von ihm gekauften Zigarren hatte der Grenzjger hier gefunden und fr streng
verbotene Ware erklrt. Nach dem Berichte des Wirtes war es nur dem Treiben und
Fortdrngen Hansjrgs, der als des Grenzjgers Schlafkamerad noch viel bei ihm
galt, und seinen listigen Antworten auf alle an den Wirt gerichteten Fragen
zuzuschreiben, da der Krmer nicht verraten wurde.
    Er ist aber doch der Verrter. Niemand kann das wie er und hat so viel
Grund, wenn er ein Auge hergeben will, da ich beide verliere, jammerte der
Krmer.
    Die Kronenwirtin, erzhlte nun eine Magd, hat viel eher deinen
Tchtermann, den Andreas, im Verdacht. Er soll gestern bei ihr im Zorne fort
sein und mit etwas Derartigem gedroht haben.
    Der Krmer, nur Hansjrgen frchtend, glaubte das nicht, aber mit Schrecken
dachte er an die im Stadel versteckten Waren. Sollten die ihn jetzt, wo er
aufhren wollte, noch in Unglck und Schande bringen? Mit der Kronenwirtin
mochte der Trunkenbold Hndel haben, doch ihn, den Schwiegervater, durfte er
wohl schon aus Eigennutz nicht in eine so hohe Geldstrafe bringen. In der Krone
fand die erste Haussuchung statt. Dorothee mochte dem Bruder das geschwind
berichtet haben, und nun lie das brige sich denken. Andreas machte die erste
Dummheit nur, weil er nichts von der Ware in seinem Stadel wute. Aber Hansjrg,
der verkaufte, ins Joch gespannte, angelogene, ausgebeutete und weggeworfene
Hansjrg, mute heute die Gelegenheit, sich zu rchen, mit Freude bentzen. Dem
sonst so weitsehenden Mann htte einfallen sollen, da der beeidete Soldat
frchten mute, am tiefsten in die ihm gegrabene Grube zu fallen. Er meinte, der
Kampf zwischen Verstand und Leidenschaft sei schwer zu berechnen, und da hatte
er ganz recht. Selbst ihm gelang es nicht, sonst wrde er viel ruhiger bei
seinem Schoppen gesessen sein.
    Hansjrg, der auch den Vorrat seines Freundes, den ganzen Reichtum des Jos
und die Sparpfennige seiner armen Freunde neben der Ware des Krmers verborgen
wute, war fast zu Tode erschrocken, als er vom Grenzjger, den er zufllig
antraf, erfuhr, warum er bei dem Unwetter mit dem betrunkenen Andreas ins Dorf
gekommen sei. Wohl redete der alte Bekannte so freundlich und offen, da
Hansjrgen alle Angst wieder vergangen wre, wenn er nicht gefrchtet htte, der
Krmer knnte von einem der Wirte verraten werden, um sich straffrei zu machen.
Schon sich selbst und dem Jos zulieb' mute der Spitzbube diesmal geschtzt
werden. Zum lieben Glcke kannte er den Grenzjger als einen grundgemtlichen
Kerl, der gewi kein Wsserlein trbte, wenn's nicht von seiner traurigen
Pflicht gefordert war. Da schien es das klgste, gleich mit ihm in alle
Wirtshuser zu gehen, die durchsucht werden muten, und mit Scherz und Ernst so
viel als mglich alles abzuschneiden, was den pflichttreuen Freund etwa zu
weiteren Fragen und Untersuchungen zwingen mute. Wohl war das ein sehr gewagtes
Spiel, aber der Schwrzer fand kein anderes Mittel, sich und diejenigen, an die
sein Schicksal nun einmal gekettet war, zu retten.
    Der Krmer aber legte den Eifer ganz anders aus, mit welchem Hansjrg sich
dem Grenzjger nach dem Berichte des Rlewirtes dienstbar zu zeigen suchte.
Wenn er sein eigener Angeber wurde, so suchte er sich doch jedenfalls noch einen
vielleicht mchtigen Frsprecher zu gewinnen. Das erklrte alles, oder besser,
der Krmer glaubte, da er an Hansjrgs Platze so handeln wrde. An seinem
Platz! Es war das erstemal, da der Krmer sich in die Lage eines Menschen
dachte, der ein Opfer seiner Geldgier wurde. Jetzt aber tat er das, gedachte
schaudernd der groen Rechnung, welche gestern nicht ausgeglichen ward, und
glaubte nun zu wissen, was er zu erwarten habe.
    Und was Hansjrg, dem er vielleicht zweimal sein Lebensglck zerstrte,
gegen ihn auch unternehmen mochte, er konnte ihm nicht unrecht geben. Ja, das
war noch beinahe das qulendste, da bei allem dem ein herzliches Mitleid mit
dem Armen sich in ihm zu regen begann. Es litt ihn nicht lange bei seinem
Schoppen. Auf mute er, fort, hinaus in Nacht und Sturm, wo er wenigstens
ungestrt sinnen konnte. Mit zitternder Hand legte er zwei Sechser neben den
kaum berhrten Schoppen und ging. Jetzt schien ihm der verschneite Weg nicht
mehr gar so schlecht zu sein, auch peitschte der Sturm einem den Schnee nicht
mehr gar so arg ins Gesicht als nachmittags. Nur sehen konnte man auch jetzt
nicht weit, das war womglich schlimmer geworden; und doch htte er es vermeiden
mgen, unversehens jemandem zu begegnen, da man ja leicht Verdacht schpfen
konnte, wenn man ihn auf dem Wege sah, whrend ein Grenzjger im Dorfe
verweilte.
    Unwillkrlich verlie er den durchs Dorf hinein zu der Wohnung des Andreas
fhrenden Weg und merkte nun, da ihn der alte Schnee ganz vortrefflich trug. Er
lief also gerade so bequem oder unbequem ob dem Dorfe hinein als durch die
verschneite und berdies unter der glatten Decke des neugefallenen Schnees recht
holperige Gasse, mute nicht zwischen Husern hindurch und war sicher, da ihm
kein Mensch begegne. Schon eilte er hinauf, als ob es das Leben gelte. Schon
mute er jedem, der im Dorfe war, in der Schneewolke verschwunden sein, und doch
eilte er immer noch weiter hinauf, bis er sich endlich ein wenig stillzustehen
und zu verschnaufen gezwungen fhlte. Bitter lachend sank er zusammen. Es wurde
ihm jetzt nicht so schnell zu kalt auf dem neugefallenen Schnee. Er sa und
sann, whrend es im Tale dunkler und dunkler ward. Zum Teil war es ihm doch noch
lieb, da Hansjrg sich zu solchem verrterischem Spitzbubenstreich fhig
zeigte. Nun hatte man wenigstens die Beruhigung, ihn an und fr sich schon fr
einen grundschlechten Kerl halten zu drfen, an dem wohl nicht viel mehr zu
verderben gewesen war. Die tausend Gulden, oder was der Spa allenfalls kostete,
konnte er den Kindern ohne Sorge noch wegnehmen, und mithin war dann alles
wieder aus. Alles? Wahrhaftig nicht. Es blieb noch der heillose Spott und die
frmmelnde Schadenfreude aller der Einfaltspinsel zu berstehen, die in den
elenden Nestern ihrer Vter gewissenhaft am Hungertuche nagten und schon lngst
gerne sehen wollten, wie lang er es treiben knne, bis ihm endlich das Wasser in
die Schuhe rinnen werde. Nicht berstanden und sicher kaum zum berstehen war
das Gejammer der alten Stigerin, die mit frommem Augenverdrehen jedes Abweichen
von Gesetz und Ordnung zu verdammen pflegte. ngstlich malte der Krmer sich die
traurigen Folgen dieses verwnschten Zwischenfalles aus, alles Mgliche, ja noch
viel Unmgliches fiel ihm ein, nur das nicht, da Hansjrg ihn so gut als
mglich aus der Geschichte zu wickeln bemht sei. Wre er nur sicher gewesen,
da die beiden jetzt noch nicht im Stadel herumschnffelten, so wrde er gleich
hinabgegangen sein und wenigstens soviel als irgend mglich zu retten versucht
haben. Vielleicht noch das meiste! Ja, und dann wre Hansjrg vergebens sein
eigener Verrter geworden! Es war zum Rasendwerden, ruhig hier sitzen zu sollen,
whrend da drunten wei Gott was geschehen oder versumt werden konnte. Traurig
blickte er ber das Dorf, welches wie ein schwarzer Strich unter ihm sich
hinzog, wenn das Schneegestber einmal fr eine Minute freie Aussicht lie.
Alles war dann ruhig und still, die meisten Huser muten des Unwetters wegen
schon von allen Seiten geschlossen sein, denn nur hier und da sah man den
Schimmer eines Lichtes. Jetzt saen sie beim Nachtessen oder beim
Abendrosenkranz still und behaglich, wie er es frher daheim hatte, da die
Eltern noch lebten und alles im Frieden beisammen war. Welch ein unruhiges Leben
hatte er durchlebt seit damals, wieviel sich versagt und wie oft gegen die
eigene berzeugung reden und handeln mssen, um schlielich hier zu stehen wie
ein Ausgestoener, whrend der Sturm jeden heimtrieb und auch des elendesten
Nestes froh machte. - Regierte denn nicht Geld die Welt? Oder fehlte ihm das?
Nein, er war einer der Wohlhabendsten - und sollte nicht mehr in sein
Heimatsdorf, etwa zu seiner armen Angelika und ihrem holden Kinde gehen drfen?
Jetzt gleich wollte er es zeigen, und mochte daraus entstehen, was wollte, er
konnte schon zahlen. Nebenbei lie sich dann wohl erhorchen, wie es im Stadel
stand. Vielleicht gelang es ihm noch, wenigstens den Tabak und das Schiepulver
auf die Seite zu bringen und die ungestempelten Kalender und den Kaffee und die
Tuchballen und alles. Dann konnte er spter, so zwischen Feuer und Licht, auch
ganz behaglich daheim sitzen, so behaglich als einer. Das bisherige Leben war
nur ein bestndiger Krieg gewesen, nun aber mute Frieden werden fr die letzten
Tage. Ein Heimweh, eine nie so empfundene Sehnsucht nach einem ruhigen,
gottgeflligen Leben erfate ihn. Die Lichter da drunten sah er nur noch in den
Trnen schwimmen, die seinen Augen entquollen. Er wollte gewi ordentlich und
fromm werden, recht fromm, und zur Messe gehen und Stiftungen machen und alles -
nur noch heute, zum letztenmal, sollten List oder Gewalt ihm irgendwie
durchhelfen. Hansjrg mute noch ungefhrlich gemacht und Zusel in Ehren
versorgt werden auf dem Stighof, sonst war's ja gar nicht mglich, seinen guten
Vorstzen gehrig nachzukommen.
    Mit solchen Gedanken beschftigt, war er, immer schneller gehend, endlich
beim Stadel seines Tchtermanns angelangt. Derselbe stie gegen die durchs Dorf
gehende Gasse hinab hart an den hinteren Teil des der Gasse entlang stehenden
Hauses, den die Stallungen und Heulager einnahmen, whrend die Wohngebude sich
jenseits des mitten auf dem hohen Dachfirst aus dem Schnee hervorragenden Kamins
befanden. Aber wie fern auch der Stadel der Wohnstube stand, hrte der Krmer
doch, wie Angelikas Margretle mit vor Weinen halberstickter Stimme der Mutter
rief. Zuerst glaubte er, sich jetzt um Wichtigeres kmmern zu mssen als das
Schreien eines Kindes, dessen Mutter gewi in der Nhe war. Aber das Kind rief
immer schmerzlicher, so da er endlich, wenn auch mrrisch, hinberfragte: Wo
ist denn die Mutter?
    Beim Grovater.
    Das ist nicht wahr, sagte er etwas freundlicher. Das Mdchen mit den
goldigen Locken und dem schnellen Blicke hatte lngst sein Herz gewonnen, und er
spielte lieber mit ihm, als er frher mit seinen eigenen Kindern gespielt hatte.
Margretle wute das, und seine Stimme klang viel heiterer, als es dem schon
Erkannten zurief: Komm doch herein! Ich geh' gleich mit, wenn die Mutter auch
wegbleibt.
    Der Krmer verga, warum er herkam, und ging in die Stube. Das Mdchen war
allein und erzhlte, da die Mutter schon vor dem Dunkelwerden das Haus
verlassen habe. Der Vater, klagte dann das Kind, ist nachmittag heimgekommen
und hat nicht mehr gehen und kaum reden knnen. Dann ist er ins Bett. Die Mutter
ist aufs Kanapee gefallen und liegen geblieben, aber sie hat nicht geschlafen.
Geweint hat sie recht grausam, und ich hab' auch weinen mssen. Die Khe haben
das Futter viel zu spt bekommen, dann ist die Mutter fort zu dir und hat
gesagt, sie frage dich, ob es nicht auch fr uns noch Platz gab' in deinem
Hause, weil es hier doch nicht mehr zum Aushalten sei.
    Nun konnte der Krmer sich alles erklren. Es tat ihm wohl, da jetzt auch
Angelika, die sich bisher immer etwas scheu stellte, zu ihm die Zuflucht nehmen
und so das Werk ihrer stolzen mtterlichen Verwandten ffentlich verdammen
wollte. Nun waren noch schne Tage zu erleben in seinem Hause. Mchtest du zu
mir? fragte er freundlich.
    Das Kind warf einen traurigen Blick nach dem Schlafzimmer des Vaters und
antwortete: Ich mchte nicht mehr dableiben, wenn die Mutter gehen tt. Wenn
doch nur der Vater nicht krank wr'! Oh, du httest ihn heute sehen sollen! Er
hat nicht einmal essen mgen, und der fremde Mann mit dem langen Rock und dem
grnen Kragen und dem groen Messer ist allein bei dem Braten gewesen, den
Mutter schon gestern abends fr den Vater gerichtet und heute weinend wieder
gewrmt hat.
    Das erinnerte den Krmer wieder an den Stadel. Hastig langte er nach der
Laterne auf dem buntbemalten Wandschrank, und indem er die darin stehende Lampe
rasch anzndete, sagte er: Die Mutter kommt schon, leg' dich nur aufs Kanapee,
bis sie kommt, und schlaf - oder bete.
    Ohne sich noch um die Einwendungen des Kindes zu kmmern, verlie der Krmer
die Stube und eilte dem Stadel zu. Seine Hast, die alle Vorsicht verga, mute
ihn verraten, wenn irgendein Beobachter in der Nhe war. Trug er doch sogar die
Laterne ganz frei in der Hand, als ob es keinem Menschen auffallen knne, wenn
er gesehen werden sollte. Von vorsichtigem Horchen vor Erffnung des groen
Tores war keine Rede mehr. Erst als er im Stadel war, dachte er daran, wie sehr
er die beiden schon hier zu treffen frchtete. Gott Lob und Dank! hauchte er,
als er alles in Ordnung fand. Auf dem Boden, unter welchem er seine Waren
versteckt wute, lagen eine Menge Hobelspne, wie sie Hansjrg immer
herumzustreuen pflegte. Die, in viele Teile zerlegt, hier an der Wand
aufgebeigten Heuwagen warfen lange, gespensterhaft aussehende Schatten an Wand
und Decke, deren sonderbares Nicken und Winken dem Krmer grausig vorkam, einem
anderen aber sicher nur das Zittern der Hand verraten htte, welche die Laterne
krampfhaft festhielt. Endlich stellte er sie auf den Boden - und schrie vor
Schrecken laut auf, als er dabei die Schatten lnger werden und gegen ihn
herausfahren sah. Seine Hand war zu unsicher, sein Arm zu kraftlos, um gleich
eines der schweren Bretter zu heben, welche, lose nebeneinander gelegt, den
Boden des Stadels bildeten. Er glaubte jemand reden zu hren, und nun dachte er
mit Schrecken an seine Vorsichtslosigkeit beim Hereingehen. Es war nichts
Gewisses zu erhorchen, denn der Sturm, obwohl er jetzt bedeutend nachgelassen
hatte, pfiff, brummte und klapperte noch berall. Aber das nun - was war das?
Sturmluten in der Pfarrkirche! Der Krmer fuhr zuerst erschrocken auf, dann
aber zog etwas wie ein Lcheln ber sein Gesicht. Gott, nun bin ich sicher da,
gewi ganz sicher. Jetzt haben sie zu tun ohne mich. Wie doch alles auch wieder
zu etwas gut ist! Es soll nur brennen meinetwegen, wenn nur -
    Er eilte vor den Stadel, um zu sehen, wo Feuer ausgebrochen sei. Aber er sah
nichts und hrte, da es wieder windstill geworden war, die Glocke ganz
regelmig anschlagen, whrend die Wellen des Sturmes nur einzelne Klnge da
hereingetragen hatten. Ha, nur Feierabend lutete es, zur Ruhe und zum Gebet.
Alle konnten daheim bleiben und sich wohl sein lassen, nur er nicht. Und da
kamen auch noch zwei schnellen Schrittes die Gasse herauf?! Der eine just so
gro wie der Grenzjger - und auch der lange Rock und die Bewaffnung?! Herrgott!
Und der andere redete und war wie der ganze, leibhaftige Hansjrg. Oh, jetzt
htte es brennen sollen, frchterlich, da alles zu tun gehabt htte. Fliehen?
Ein Alter zwei Jungen entrinnen? Unmglich! Und zudem hatte er sich vorhin schon
mit der Laterne verraten. Die beiden kamen nher, nher - Brennen mute es, oder
er war verloren, gefangen neben den Beweisen wie ein Dieb! Und dann das Lcheln
Hansjrgs - und Dorotheens, wenn gar auch aus Zusels Heirat nichts mehr werden
sollte. Das konnte man um keinen Preis erleben!
    Wre der Krmer noch wenige Sekunden auf seinem Platze geblieben, so htte
er die beiden hinter dem stattlichen Hause seines Tchtermannes wieder
verschwinden sehen. Aber es litt ihn nicht mehr auf seinem Platze. Schon in der
nchsten Minute muten sie im Stadel sein, daran htte er seine Seligkeit setzen
drfen. Nun, sie sollten schon Arbeit bekommen, da er auf eine Weile vergessen
wurde. Als ob es das Leben gelte, sprang er in den Stadel zurck, ri das Licht
aus der Laterne, zndete mit zitternder Hand in einen Haufen Hobelspne, und
schon im nchsten Augenblick wlzte sich die Flamme, grer und grer werdend,
ber den Boden hin gegen die ordentlich aufgebeigten Heuwagen, deren Schatten
jetzt der Krmer mit furchtbarer Schnelle kleiner und kleiner werden sah. Schon
knisterte und prasselte es, da nichts mehr zu hren war vom Tosen des Sturmes,
der jetzt das Tor aufwarf und die schon berall emporleckenden Flammen gegen den
Holzvorrat hintrieb, welcher in der dem Hause zugekehrten Ecke des Stadels
aufgehuft war. Die Hitze wurde schon fast unertrglich. Der Krmer hatte gleich
fliehen und das Lschen und Lrmschlagen seinen Verfolgern berlassen wollen,
jetzt aber stand er zitternd und innerlich verzweifelnd vor seinem Werke, bis es
ihm zu hei wurde. Sollte noch gar das Haus in Gefahr kommen und die
Nachbarschaft? Himmel, das hatte er nicht wollen! Ohne noch an die Folgen zu
denken, die es fr ihn haben mute, wenn er hier von denen angetroffen wurde,
die zuerst zur Hilfe herbeieilten, trug er einen Arm voll Schnee nach dem
anderen herein, um vielleicht die wachsende und wachsende Flamme doch noch ein
wenig zu zhmen. Erst als er gelbliche Streifen an der Decke herumziehen sah,
wie vorher die Schatten der jetzt in vollem Brande stehenden Heuwagen, und als
drauen die Dachtraufe zu pltschern begann, nicht nur wie wenn der heieste
Frhlingstag den Schnee zu schmelzen beginnt, sondern gerade wie ein Brunnen,
sank er vernichtet nieder und starrte gleich einem Wahnsinnigen in die immer
wilder um sich schlagende Flamme, bis hart neben ihm ein Dachbalken
herunterstrzte und zwei Bretter des Bodens brach, da er nun auch sehen konnte,
wie seine Warenballen Feuer fingen. Mit einem lauten Schrei dachte er an das
Schiepulver und strzte hinaus. Ohne zu wissen, wohin er ging, eilte er wieder
ob das Dorf hinauf. Er hatte keinen anderen Gedanken mehr als den, dem
Schiepulver und dem furchtbaren Geprassel zu entrinnen. Ohne Furcht, sich zu
verraten, wrde er um Hilfe gerufen haben, wenn er nicht durch den Schreck und
die Angst um Besinnung und Stimme gekommen wre. Aber die Nachbarn in ihren
wohlverschlossenen Husern hrten jetzt das Geprassel und eilten hinaus. Die
ersten kamen mit leeren Hnden auf den erhellten Platz, als eben das letzte
Wasser des auf dem Dache geschmolzenen Schnees in das leise zischende
Flammenmeer tropfte. Schon begann auch die Dachtraufe des Hauses zu rinnen, und
lawinenartig strzte der Schnee vom hohen Dachstuhl nieder. Ein gewaltiger
Windsto trieb die weit ber den Stadel hinwallende Flamme gegen das Haus, an
dessen oberer Ecke sie schon im nchsten Augenblick mit der Schnelligkeit des
Sturmes rechts und links emporklomm. Das Feuer schwoll und schwoll, die
einzelnen Flammenstrnge liefen wie Bche zusammen, der Sturm trug den ersten
schrillen Klang der Sturmglocke wie einen Wehruf bers Dorf, dessen hintere
Hlfte verloren war, wenn der Wind nicht ruhiger wurde. Die zum Lschen
Herbeigekommenen jammerten, beteten und riefen den Bewohnern des weiter und
weiter nach vorn in Brand stehenden Hauses. Viele Nachbarn eilten, um die eigene
Habe noch zu retten, und dem mit Hansjrg herbeigekommenen Grenzjger fehlte es
wieder an Leuten, als er, um weiteres Unglck zu verhten, das Haus
niederzureien befahl. Die Gegenwrtigen wollten nicht an ein so schnes Haus.
Und Andreas? riefen mehrere. Und Angelika?! schrie Hans, der in diesem
Augenblick atemlos herbeistrzte. Whrend nun die Bauern, auf die Feuerspritze
wartend, die Nachbarhuser mit einer schtzenden Schneemauer zu umgeben
anfingen, sprang Hans, abwechselnd Andreas und Angelika rufend, um das Haus
herum. Endlich polterte der erstere in seinen Holzschuhen heraus und eilte den
brllenden Khen zu. Wo sind Weib und Kind? fragte Hans in furchtbarer
Aufregung. Wei nicht, war des Andreas kurze Antwort, dann eilte er in den
schon berall brennenden Stall, um die brllenden Tiere zu erlsen. Eben waren
die ersten Mnner mit Feuerhaken angekommen und hatten die Antwort des Andreas
gehrt. Da er noch nicht ganz ernchtert war, wuten sie nicht, und seine
Herzlosigkeit kam ihnen so unnatrlich vor, da sie wie erstarrt stehen blieben
und den aus einer Rauchwolke heraustaumelnden Tieren nachsahen. Nur Hans war
immer unruhiger. Angelika! schrie er, da es den Leuten durch Mark und Bein
ging, und mit einer Schnelligkeit, die kein Mensch ihm zugemutet htte, sprang
er durch den schon brennenden Schopf in das Haus. Zwei Flammensulen schlugen
hinter ihm zusammen und fuhren durch die nicht mehr ganz zugeworfene Tre dem
Burschen nach. Die Zuschauer sprachen ein stilles Gebet, bis sie in der Andacht
gestrt wurden durch ihren rger ber Andreas, der jetzt seiner letzten Kuh nach
aus dem Stalle schwankte.
    Hunderte standen ums Haus herum, und jeder wollte befehlen, obwohl er selbst
nicht wute, was er sollte. Einzelne sagten vom Niederreien des Hauses, aber
ihnen wurde erwidert, es seien noch Leute drinnen, und so geschah denn
eigentlich nichts, wieviel auch jeder tat und wie gnstig die Zeit auch gewesen
wre. Der Wind hatte gnzlich aufgehrt, und ruhig verglhten die letzten Reste
des Stadels auf dem Boden. Andreas starrte eine Weile in die Glut, dann rief er:
Plndert das Haus, ihr Narren! Werft alles heraus, das Geld, die Kleider,
Herrgott, und das Kind und - -
    Niemand wute, ob die Hlle sich aufgetan oder der Blitz vom Himmel
eingeschlagen habe. Auf einmal war's da, wo der Stadel stand, hell - furchtbar,
gewaltig. Balken, Steine und Eisenzeug flogen aus der blitzartigen Flamme.
Andreas lag schwer getroffen im Schnee, den das Blut des Bewutlosen frbte.
    Des Krmers Pulverfa war in die Luft geflogen.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel



                    Was an diesem Abend noch weiter geschah

Auch Zusel und Angelika, die beisammen in der mit Heiligenbildern verzierten,
ungewhnlich stark eingeheizten Wohnstube saen, hatten das nur in einzelnen
Klngen vom Sturm da herber geworfene Feierabendluten gehrt. Aber wie seltsam
auch die Glocke klang, die beiden Schwestern dachten doch an gar nichts
Besonderes. Stehend beteten sie laut den Englischen Gru und setzten sich dann
wieder zu dem kleinen Tischchen, auf welchem Zusel die verschiedensten
Seidenstoffe zur Auswahl fr ihre Hochzeitsrmel ausgelegt hatte. Das Mdchen
prfte, verglich, stellte sich bald nher, bald ferner, wand jedes Stck um die
schngeformten runden Arme und schien ber die Vorbereitungen zur Hochzeit alles
andere vergessen zu haben. Oder war es gar etwas noch rgeres als nur ihr
Leichtsinn, was ihr bang machte, wenn Angelika von der Zukunft redete und sie
sogar zum Weinen brachte, da die so unglcklich verheiratete Schwester sagte,
da nun sie den einsamen Vter zu pflegen und ihm nach Krften frohe Tage zu
machen gedenke? Angelika kam zu der berzeugung, da die Leidenschaft fr
Hansen, wohl nur aus Trotz und Hochmut entstanden, fast schon wieder mit den
anfnglich im Wege stehenden Hindernissen vergangen sei. Hansens ehemaliger
Geliebten tat diese Bemerkung jetzt noch doppelt und dreifach weh. Sie konnte
die Frage nicht mehr zurckhalten, ob wohl Dorothee und Hans einander
unglcklich gemacht htten.
    Zusels kleiner Mund konnte sich recht unschn verziehen bei dem Ausruf: Du
bist auch noch auf der Seite der Elenden, die mir Hansen hat wegnehmen wollen!
    Sie hat ihn vielleicht so innig geliebt wie du.
    Das wr' fr so ein armes Ding schon anfangs eine Dummheit gewesen.
    Wenn aber so eine Neigung ohne jede Aussicht war, httest du das arme
Mdchen bedauern sollen, statt sie mit den allergemeinsten Mitteln zu bekriegen,
ja fast zugrunde zu richten, sagte das Weib, und ohne das unfreundliche Gesicht
der Schwester bemerken zu wollen, fuhr sie, immer wrmer werdend, fort: Vor dir
steht eine schne Zukunft, wenn du nur nichts Bses mit hineintragen mut. Sonst
aber wr's schade, wahrhaftig schade um alles. Denke dir nur, da du jetzt nicht
mehr blo fr dich allein da bist, sondern da ein gewi lieber, guter Mensch
nun sein Schicksal an das deine knpfen will. Es wr' schon grad' zum Weinen,
wenn du nicht einmal empfinden solltest, wie wichtig das ist. Hans gehrt dein,
du kannst glcklich werden, wenn dein Weg zum Glcke rein ist. Wre doch die
Welt so weit und gro oder der Mensch so gut und vernnftig, da niemand
gestoen und getreten wrde, wenn man auf diesem Wege vorwrts ginge! Euch beide
will, mu ich glcklich sehen, das Gegenteil tt mir noch weher als alles
andere.
    Zur Unterweisung, antwortete Zusel spitz, hat man uns auf den Freitag zum
Pfarrer befohlen. Du bist mir gar nicht die Rechte zum Predigen ber glckliche
Ehen. Es fehlt da zu sehr am guten Beispiel.
    Aber nicht an Erfahrung.
    Gut, so bentze sie nur fr dich!
    Es ist schon zu spt, wenn man einmal gegen sein Herz, gegen sein Gewissen
gehandelt hat in einer so wichtigen Sache - wenn das groe Ja vor dem Altar nur
eine Lge gewesen ist. Ein kleines Unrecht, nur eine Verirrung ragt oft wie ein
Schatten in die ganze Zukunft hinein. Ich bitte dich um Hansens, um deines
Glckes willen, keinen Fluch mit in die Ehe zu nehmen. Oh, die Tropfen sind
furchtbarer Same des Unglcks, die ber eine Verbindung in gerechtem Schmerz
geweint werden! Denk' an Hansjrg und an Dorothee!
    Das, lachte Zusel gezwungen, sind freilich nur Schatten, und vor denen
frcht' ich mich nicht. Die sollen meinetwegen nur hereinragen ...!
    In diesem Augenblicke begann die Sturmglocke zu luten, und vor dem Haus
entstand ein gewaltiger Lrm. Aus dem Durcheinander von Fragen und Antworten
brachte Angelika schlielich heraus, da es hinten im Dorf irgendwo brenne, da
aber Genaueres in dem Schneegestber nicht zu erkennen sei. Jesus Maria, mein
Margretle! jammerte die junge Mutter schon unter der Stubentr. Um Gottes
willen, Schwester, komm!
    Was kann ich tun? fragte Zusel ruhig. Es wird jetzt nicht gerade bei dir
brennen mssen. Der Vater ist nicht da, jemand aber mu daheim sein. Ist mir
eigentlich auch ganz recht. Wochenlang htt' ich keine Ruhe mehr bei Tag und
Nacht, wenn ich so ein Elend mitansehen mte.
    Der grte Teil dieser Rede war von Angelika nicht mehr gehrt worden. Mit
einem Ach Gott! strzte sie die Stiege hinunter und befand sich jetzt schon
mitten unter denen, die auch zum Retten und Helfen auf den Schauplatz des
Unglckes eilten.
    Der Schmied mit den jngeren Burschen der Gemeinde war fluchend bemht, die
Feuerspritze unbeschdigt durch die enge Gasse und noch berdies zwischen
Zaunpfhlen, die starr aus dem Schnee herauf in den Weg hineinragten, halb
zerfallenen Mauern und Holzbeigen hineinzubringen. Es war aber nicht mehr
mglich, auch bei dem hinter einem Hause rechts und links aufgehuften Bauholz
vorbeizukommen. Mit unsglicher Mhe mute die Spritze wieder um die ganze Lnge
des Hauses zurck und aus der Gasse auf den Schnee gebracht werden, dessen
untere Schicht zwar ziemlich hart, aber doch nicht fest genug gefroren war fr
solche Last. Nur schrittweise war hier, wo keine Pferde mehr bentzt werden
konnten, dem brennenden Hause nher zu kommen. Auf den Ruf des Schmieds ging es
einen Ruck um den anderen. Auch Weiber und Mdchen halfen ziehen und stoen oder
waren doch wenigstens mit anderen am Platze. Sogar Angelika stand still und
dachte ans Helfen. Aber die Angst der Mutter trieb sie bald wieder vorwrts auf
dem schlechten Weg. Sie mute doch vor allem wissen, ob ja nicht ihr Haus
bedroht oder gar von dem Unglcke getroffen sei.
    Der Sturm lie nach, das Schneegestber legte sich, und am bleiernen Himmel
sah man da und dort ein Sternlein flimmern. Im Dorfe ward es immer heller, und
jetzt fuhr's ber den Schnee wie der Blitz. Der gleich folgende Schlag war dem
des fernen Donners hnlich. Angelika hatte bei der furchtbaren Beleuchtung schon
genug gesehen. Einen leisen Schrei ausstoend, sank sie zusammen, aber schon im
nchsten Augenblick eilte sie ber den Schnee, wie es nur eine Mutter konnte,
der es das Leben des einzigen Kindes zu retten galt. Das Auffliegen des
Pulverfasses hatte auch dem Krmer, welcher ziemlich nahe dem brennenden Hause
bewutlos im Schnee lag, die Besinnung wiedergeweckt. Erschrocken sprang er auf
und sah, wie das stattliche Gebude schon an drei Ecken in Flammen stand. Alles,
was er in den letzten Viertelstunden durchmachte, lag auf ihm mit furchtbarer
Schwere und wrde den Greis wieder in den frheren Zustand niedergedrckt haben,
wenn er nicht noch ans Margretle, das liebe, gute Kind, gedacht htte. Das lag
nun in dem brennenden Hause, vielleicht von der erwarteten Mutter trumend oder
von ihm, whrend sich die Flamme nher und nher wlzte, immer lauter brummend
und prasselnd, wie vorhin im Stadel. Diese Vorstellung gab dem Krmer alle seine
Krfte mit einemmal wieder. Wie oft auch der Schnee jetzt unter seinen schweren
hastigen Tritten brechen und er fast knietief einsinken mochte, dennoch kam er
frher als Angelika vor dem Hause an. Ach, alle die vielen sah er einzig mit der
Rettung der anderen Huser beschftigt. Niemand, rief er verzweifelnd,
niemand hat ein Herz fr das arme Kind, niemand, niemand!
    Kein Mensch hatte gesehen, was der Krmer litt, als er den Himmel rter und
rter werden, die ernsten Felsenkpfe da droben immer heller leuchten sah,
whrend die Sturmglocke lutete. Niemand wute noch, da auf ihm allein alles
mit doppelter Schwere liege, was diese Stunde der ganzen Gemeinde brachte. Aber
eine Empfindung davon weckte schon der Ton seiner Stimme. Es war etwas in seinem
Ausruf, das alle schaudern machte und ihr Mitleid mit dem sonst so unbeliebten
Mann erregte, da auch die Nachbarn sogar nicht mehr an die Gefahr dachten, die
ihren Husern drohte. Es war nur den folgenden Worten des Krmers zuzuschreiben,
da man sich bald wieder von ihm abwandte und besorgt nach den immer mehr
zusammenschmelzenden Schneemauern blickte. Der unglckliche Mann sah die Leute
rat- und tatlos herumstehen. Er wute nicht, da alle mit Schmerzen warteten,
bis Hans wiederkomme, da man dann das Haus niederreien und wenigstens der
rgsten Gefahr ein Ende machen drfe. Mit heiserer Stimme rief er: Steht ihr
denn alle mig, wenn man aus Menschenliebe sich regen sollte? Regt euch nur,
ihr tut's nicht umsonst! Hundert, tausend Gulden, alles dem, der mir das
Margretle wiederbringt!
    Ein unwilliges Gemurmel war die Antwort. Er soll sein Geld nur behalten,
hie es, das Leben ist dafr niemand feil. Beim nchsten Windsto ist alles
aus, und besser wr's, wenn man das Haus gleich niederwerfen tt.
    Der Schnee zum Erhalten der schtzenden Mauern vor den Nachbarhusern war
immer schwerer herbeizuschaffen. Schon flogen brennende Schindeln von der
Stubenwand darber hinaus, und fast alles eilte den bedrohten Gebuden zu. Der
Krmer schrie ihnen nach: Seid ihr Menschen? Um alles nicht einmal einer! Und
ich habe so viel getan frs Geld, alles ums Geld! Herr und Gott, ich, ich mu
das Margretle retten oder mit ihm sterben! Ja, sterben will ich, wenn man gar
nicht mehr helfen kann.
    Den Bauern fiel es in der Verlegenheit nicht ein, ihm zu sagen, da Hans
schon hinein sei und gewi das mgliche tun werde. Prfend schauten sie sich um;
es schien schwer, noch ins Haus, und unmglich, spter wieder herauszukommen.
    Jetzt kam Hansjrg mit einer Leiter und lehnte sie vor der Wohnstube an.
Viele wehrten ab und sagten: Das Haus mu zusammengestrzt werden, sobald Hans
herauskommt, oder gar noch frher.
    Ist Hans drin? fragte der Krmer, und ohne noch auf Antwort zu warten, die
er schon aus den Gesichtern las, machte er sich auf die Leiter und rief: Ich
mu auch hinein, und ihr mgt dann einen dreifachen Mord begehen. Ich mu
retten. Hab' ich alles das Elend im Stadel angerichtet, um nicht fr einen
Schleichhndler zu gelten, so will ich doch nun kein Mrder sein!
    Hansjrg wollte den Aufgeregten, Verzweifelnden zurckhalten. Der aber
machte sich mit Anstrengung aller Krfte los und schrie, da es alle hrten:
Ich hab' das Feuer angelegt im Stadel, als ich den Grenzjger merkte, und ich
will nun auch mit ihm kmpfen. Lat den Mordbrenner retten oder zugrunde gehen!
Ein Fenster klirrte, und der Krmer verschwand hinter der ersten Flamme, die ein
leiser Windsto an dieser Seite des Hauses vorbertrieb.
    Jetzt brannte das Haus auf allen Seiten. Hansen mute das Entrinnen jeden
Augenblick schwerer, ja schon fast unmglich werden. Alles rief ihm zu, da
schon die Decken in den Zimmern sich zu senken begnnen, aber dann fragte man
sich erschrocken, wo er denn eigentlich noch herauskommen sollte, da ja schon
alle Lcher in den Wnden Flammen ausspien.
    Nochmals riefen alle Hansen und dem Krmer zu, sich doch um Gottes willen
gleich herauszumachen. In den Lrm hatte sich eine Stimme gemischt, die jeder
hrte und die jedem durch Mark und Bein ging. Es war die Stimme Angelikas. Schon
im Herbeistrzen hatte sie aus dem Lrm alles erraten knnen. Vater, Margret,
Hans! rief sie in einem fort. Ja, glaubten endlich mehrere von innen
antworten zu hren, und im nchsten Augenblick sprang Hans mit dem zitternden
Kind im Arme auf den Schnee, wie wenn jener Flammenstrom ihn herausgespien
htte.
    Das werd' ich dir nie vergessen! jubelte die Mutter.
    Ich dir auch nicht, sagte Hans. Da die alle htten rufen knnen! Als das
Kind gefunden war, sah ich mich berall eingesperrt. Schon war mir der Mut ganz
vergangen. Ich machte Reu' und Leid. Aber da hab' ich dich gehrt, gewaltig hat
es mich erfat, eine neue Kraft ist in mir lebendig worden und hat getrieben,
da ich dann, ich wei selbst nicht wie, herausgekommen bin.
    Jetzt strzten mehrere Decken im Hause ein. Nun ist's aus mit dem Krmer!
jammerten sogar die, welche wie Angelika neben dem geretteten Kinde alles andere
vergessen zu knnen schienen.
    Und wo ist Andreas? fragte Angelika mit unsicherer Stimme.
    Die Bauern sahen sich verlegen an und meinten, er msse noch neben dem
Stadel im Schnee liegen. Einige jedoch wollten gesehen haben, da der Verwundete
von Jos, Dorotheen und noch einigen, die doch sonst nicht viel zu ntzen glauben
mochten, hinweggebracht worden sei.
    Das war auch wirklich so gewesen. Dorothee, die eben einen Gang ins
Herrendorf zu machen hatte, war mit den ersten auf dem Platze gewesen und sprang
sofort dem Unglcklichen bei, den alle anderen verlieen. Spter kam auch Jos so
schnell, als ihm sein immer noch nicht ganz hergestellter Fu zu gehen erlaubte.
Um das Haus herumgehend, sah er Dorotheen, und die beiden wollten sich eben
anreden, als der Krmer laut vor allen seine Untat bekannte. Beide schwiegen
erschrocken still, und erst nach einer Weile sagte das Mdchen: Wie ist doch
das eine schreckliche Stunde; jener Fluch meines Vaters, wie furchtbar hat er
gewirkt!
    Nein, Dorothee, das ist ja, wie du hrst, nur aus Mitrauen und
Schuldbewutsein entstanden.
    Und aus dem unseligen Schleichhandel. Oh, nehmet eine Lehre fr euch, wenn
ihr auch diesmal noch ungeschlagen durchkommt!
    Gar nicht so ungeschlagen, sagte Jos etwas bitter. Auch mir und meinen
Freunden ist hier der letzte Sparpfennig, alles zugrunde gegangen.
    Dann, sagte Dorothee noch beinahe frhlich, hat euch doch auf euerm Weg
nur ein ersetzbarer Schaden getroffen. Ihr seht nun, wie es noch gar zum
Verbrechen fhrt, wenn man aus Gesetz und Ordnung heraustritt und nur an sich
selber denkt.
    Jos aber konnte seinen Verlust nicht so leicht verschmerzen. Unseliges
Mitrauen! rief er. Es wr' nie so weit gekommen, wenn auch der Krmer
gemeinschaftliche Sache mit uns gemacht htte. Aber der wollte den Hansjrg
wegwerfen, drum hat er dann sich so vor ihm und dem Grenzjger gefrchtet, als
die beiden kamen, um mich zu einem Schoppen einzuladen. Ja, du hast wohl recht.
Diese Stunde ist ernsthaft und lehrreich fr Arme und Reiche, die einander im
Kriege gegenseitig furchtbar werden.
    Und du versprichst mir nun wohl, in Zukunft bei fleiiger, friedlicher
Arbeit dein Heil zu suchen?
    Nicht nur ich, antwortete Jos, wir alle sollten den Vorsatz mit
heimnehmen, uns gegenseitig das Leben so zu gestalten, da jeder mit der
bestehenden Ordnung zufrieden wr' und keiner auf Abwege getrieben wrde, weder
Arm noch Reich. Wenn man das tt, so wr's noch mehr als nur so ein Haus wert.
    Nun, so mach' den Anfang! bat das Mdchen lchelnd.
    Versprich mir, in dieser Weise das Deine zu tun!
    Sie reichten sich die Hnde und wechselten einen herzlichen Druck. Dann
drehte sich jedes auf eine andere Seite und hatte mit dem Verwundeten zu tun
oder dafr zu sorgen, da er so schnell als mglich irgendwo untergebracht
werde. Sie htten viel nicht genommen, wenn ihr Gesprch von jemand auch nur
gesehen worden wre. Wie sind die Leute! Ihr Urteil ist sehr streng, und man
verargt es einem, in solchen Augenblicken an sich selber zu denken, obwohl es
fast jeder tut. Nun aber bemhten sie sich auch desto mehr um den Verwundeten,
welcher mit Hilfe noch einiger Herbeigerufener in das nicht gar zu fern stehende
Huschen der Schnepfauerin gebracht wurde.
    Nun glaubte Jos den Andreas in guten Hnden. Er eilte wieder fort, den
Doktor zu holen, und kam gerade recht an dem brennenden Hause vorber, um
Angelika noch geschwind Auskunft auf ihre Fragen ber das Befinden des
unglcklichen Gatten zu geben. Er lebt, ist aber bewutlos und scheint mir am
Kopfe sehr bs von etwas getroffen, sagte Jos kurz und machte sich, ohne noch
auf weitere Fragen zu hren, wieder fort.
    Und mein Vater? jammerte Angelika.
    Trst' ihn Gott im ewigen Leben! riefen mehrere, die kein anderes
Trostwort fr die Unglckliche fanden.
    Hat er denn so aus der Welt gehen mssen? So schnell und unvermutet, sogar
ohne Beicht' ...!
    Er hat gebeichtet, sagten einige, die dann aber erschraken, da sie an
sein schreckliches Gestndnis erinnerten, und sich so schnell als mglich aus
der Nhe der Unglcklichen machten, um nicht noch genauere Auskunft geben zu
mssen.
    Man redete wieder vom Niederreien des Hauses, aber die Nachbarn, welche
nach dem Dafrhalten aller die Sache doch weitaus am allermeisten anging,
wollten durchaus nichts davon wissen. Seit der Sturm aufgehrt habe, sei keine
Gefahr mehr vorhanden, und auf der anderen Seite wr's doch noch mglich, da
der Krmer lebte. Im Grunde glaubten das nur wenige, aber man schwieg, weil man
Angelika nicht um die letzte Hoffnung bringen wollte. Sie stand auf dem alten
Platze wie angebannt, whrend der glnzende Strahl aus der nun endlich
angekommenen Spritze mitten in die zischenden Flammen fuhr. Trnenlosen Auges
starrte sie in die Glut, nur wenn wieder etwas am Hause zusammenstrzte, fuhr
sie auf, wie wenn sie selbst getroffen zu werden frchtete, sonst aber schien
sie nichts, nicht einmal das Weinen des ermdet neben ihr in den Schnee
gesunkenen Kindes zu bemerken.
    Erst als Jos mit dem Doktor zurckkam, rief sie: Der Vater ist als Retter
in guter Absicht gestorben. Gott sei ihm gndig! Dann hob sie das zitternde
Kind auf den Arm, kte es und folgte den beiden zum Gatten ins Huschen der
Schnepfauerin.
    Mit immer besserem Erfolg arbeiteten Lschmannschaften und Spritze, da bald
schon die letzten Dachbalken brachen und in den Gluthaufen strzten, dem nun
auch mit Schnee, welchen man von allen Seiten auf Schlitten herbeifhrte, ganz
vortrefflich beizukommen war. Schon um zwlf Uhr wurden zwanzig Mann als Wache
gewhlt, damit die anderen heimgehen und sich zur Ruhe begeben knnten.
    Aber ihr Leute! rief Hans, und alles drehte sich, um zu hren, was denn
der so vielen zu sagen wage. Uns allen, fuhr er fort, ist ernsthaft zumut,
und es ist natrlich, denn wir verlassen ein Grab. Beten wir noch die blichen
fnf Vaterunser!
    Und alle knieten um den Gluthaufen herum und beteten laut und mit einer
Andacht, wie sie sonst sogar in der Kirche selten war.
    Nachher wurde berall von dem traurigen Ereignisse geredet. Den Krmer aber
behandelte man so schonend, als ob in jenem Gebet ihm jeder die Hand zur
Vershnung gereicht htte.
    Wenn auch nicht alles ber die Geschichte denken mochte wie Jos, es nahm
doch jeder eine gute Lehre mit heim, die der seinen gerade nicht besonders
unhnlich war.
    Hans fragte nach der Zusel und erfuhr, da die sich zu sehr frchte und zu
erschrocken sei ber das Geschehene, um nur das Haus noch verlassen zu drfen.
Trotzdem ging er geradewegs ins Huschen der Schnepfauerin, wo er eben recht
kam, um den Andreas ins Haus des Krmers hinausbringen zu helfen. Nach einer
kurzen Untersuchung sagte der Arzt, es sei vergebens, was man tun mge, wenn der
Mann hernach nicht in Ruhe gelassen werde. Jetzt sei es windstill, und es wrde
dem Unglcklichen am allerwenigsten schaden, wenn man ihn gleich jetzt wieder
hinaus und ins Haus des Krmers brchte, wo nun doch vorlufig seine Heimat sein
wrde. Dabei gab er nicht undeutlich zu verstehen, da er freilich nur noch fr
kurze Zeit ein Haus auf dieser Welt ntig habe. Bald war Andreas auf eine
Tragbahre gebracht, und schweigend trugen ihn vier krftige Burschen dem Hause
des Krmers zu. Angelika ging langsam hinten nach und war so in trbe Gedanken
verloren, da sie nicht darauf hrte, als einige Bauern ihr erzhlen wollten,
wie und wo einstweilen ihre Khe, die herrenlos im Dorf herumirrten, von
Hansjrg und ihnen untergebracht worden seien. Anders aber war's, da das
Margretle auf den Grovater kam und der Mutter sagte, wie er gleich auf den
ersten Ruf zu ihm gekommen und so freundlich gewesen sei. Da horchte Angelika
gleich auf, und das Mdchen mute jedes Wort wiederholen.
    Und dann? fragte sie hastig.
    Dann, antwortete das Margretle, dann ist er mit dem Licht in den Stadel,
und gleich darauf hat es zu brennen angefangen. Mir ist angst worden bei dem
Geprassel, und ich hab' mich in den Keller versteckt, wo ich nichts mehr davon
hren mute.
    Und hat Hans dich erst dort gefunden?
    Ja, ich bin nicht einmal gern mit ihm. Der Vater hat mir vorher auch
gerufen, aber ich bin geblieben.
    Wie ist aber das Feuer ausgekommen?
    Hans, rede du! sagte Hansjrg. Sie soll das nur vom Retter ihres Kindes
hren.
    Ach Gott, was? fragte Angelika, von einer pltzlich erwachenden Ahnung
erschreckt.
    Hans erzhlte, was er gehrt hatte, doch wrde seinen Gefhrten zu einer
anderen Zeit aufgefallen sein, da ihm seine sonst ganz rcksichtslose
Wahrheitsliebe solche Milderung der Tatsachen zulie. Der Krmer erschien
vielmehr von der Sorge um das Margretle als von dem unruhigen Gewissen in das
durch ihn angelegte Feuer getrieben, und Hans endete mit der Behauptung, da ihr
Vater als Mrtyrer gestorben sei. Angelika dachte schaudernd noch immer an das
ja vom Vater selbst noch ausgesprochene Wort Mordbrenner. Hans schien das zu
vermuten, denn er sagte nach einer Weile: Als Mrtyrer oder auch als Ber ist
er gestorben. Es gefllt mir nicht, was er gemacht hat, aber ihm selbst hat es
auch nicht gefallen, als er es gar so schrecklich werden sah. Nur weil eine
Reue, wie sie selbst unsereinen, nicht blo den lieben Gott rhren mu, ihn
trieb, hat er seinen Fehler ffentlich bekannt und sein Leben gewagt, um das des
Kindes zu retten. Solches Buwerk bewirkt, da es ernst ist mit der Beicht'.
Gott wird ihn so gndig richten als wir und ruhen lassen im Frieden. Jetzt war
man bei dem Hause des Krmers angelangt, und Hans ging voran hinein. Der Zusel,
die neben der Magd am Tische sa und den Rosenkranz durch die Finger zog, machte
er kein besonders freundliches Gesicht und gab ihr zu verstehen, da sie in den
letzten Stunden wohl etwas anderes zu tun gehabt htte, als daheim sitzend zu
beten.
    Warum aber, fragte das Mdchen, bist denn du nicht zu mir gekommen an
diesem traurigen Abend?
    Weil ich Wichtigeres zu tun hatte, war Hansens kurze Antwort; dann hie er
sie streng fr den Andreas ein Bett herrichten, wenn auch das noch nicht
geschehen sei.
    Zusel gestand, sie hab' im Schreck noch an gar nichts gedacht als an den Tod
des Vaters. Hans ging kopfschttelnd hinaus und befahl, den Unglcklichen
einstweilen in die Stube zu bringen.
    Angelika half nun der Schwester, die kaum wute, was sie tat und sollte.
Eine Viertelstunde spter lag Andreas im Schlafzimmer des Krmers und ward ruhig
und still, whrend er vorher in unzusammenhngenden Worten vom Feuer, von
Dorotheen, dem Grenzjger und seinen Khen zu reden angefangen hatte. Bei der
Untersuchung des Doktors, die ihn frs Leben verloren erscheinen lie, kehrte
ihm das Bewutsein auf Augenblicke zurck. Dann schien er wieder in tiefen
Schlaf zu versinken. Angelika, Zusel, Hans und der Doktor saen schweigend vor
dem Bette.
    Auf einmal ffnete sich die Tr. Hansens jetziger Knecht polterte so laut
ins Zimmer, da auch der Schlummernde erschrocken mit der Frage auffuhr, wo es
denn wieder brenne. Der Knecht aber schien auer Hansen gar niemanden zu
beachten. Er sagte mit rauher Stimme: Die Mutter lt dich gren, du sollest
heimkommen, da nun doch aus der Hochzeit nicht so schnell etwas werde. Sie hoffe
nmlich als christliche Mutter eines anstndigen Hauses - -
    Gut, sagte Hans, der Zusel mit seltener Leidenschaftlichkeit das Wort
abschneidend, als christliche Mutter wird sie nichts dagegen haben, wenn ich
nun dem Kranken den Pfarrer hole.
    Das war die rechte Antwort, um ber das Peinliche dieses Augenblickes so
schnell als mglich hinauszukommen. Zwar war der Doktor dagegen, aber man kam
nun doch wieder auf andere Gedanken, so da es Hansen leichter war, das Zimmer
zu verlassen. Er war sehr unzufrieden mit dem Knechte und folgte der Mutter
weniger aus Gehorsam, als damit er sich nicht mehr von Angelika und den anderen
um ihre Rede ansehen lassen msse.
    Angelika wollte nicht ins Bett, und der Doktor mute sie ernstlich daran
erinnern, da sie nicht nur fr den Gatten, sondern auch fr Margretles Mutter
zu sorgen habe. Es war schon spt, als sie den Kranken einigen von Zusel
hergebetenen Nachbarsleuten berlie.
    Also wieder im Vaterhause! Zum erstenmal seit der Geburt ihrer Schwester,
die der Mutter das Leben kostete und sie zuerst aus dem Hause und dann auch aus
dem Herzen ihres Vaters verdrngte. Schlafen konnte sie nicht, oder war es etwa
schon ein Traum, in dem sie, sobald sie das Licht lschte, wie noch in jeder
groen Stunde die unvergeliche Mutter vor sich stehen sah? Sie blickte jetzt
wieder gerade so ernst wie damals, als Angelika, zum Teil fast aus wunderlichem
Trotze, sich dem Andreas versprechen wollte. Die Erscheinung schien Angelika das
Buch ihres Lebens aufgeschlagen zu haben. Sie sah nicht Buchstaben, wohl aber
ihre Reden und Handlungen viel klarer, als das je vorher der Fall gewesen war.
Ach Gott, an so vielem lag die Schuld auf ihr! Dem Hans verargte sie es, da der
Familienstolz der Mutter ihn schwach machen konnte, und sie selbst hielt dieser
Stolz ihrer Basen vom Hause des Vaters fern! Freilich tat ihr das weh, aber wohl
nicht weher als Hansen und auch dem guten Vater. Und dann lie sie den Gatten
empfinden, welches Opfer sie brachte, da sie sich mit ihm statt mit Hansen
verband. Sie wollte ob ihm stehen und seine Fhrerin sein, nicht sein Weib. Das
nun hatte ihn aus dem Hause getrieben ins Weite, wo er, an nichts gefesselt, von
der ersten Strmung erfat und wehrlos fortgetrieben werden mute.
    Angelika lebte sich immer tiefer in das Elend ihrer letzten Jahre hinein.
Eins nach dem anderen sah sie entstehen und wachsen in dem Ri, der zwischen ihr
und dem Gatten sich aufgetan hatte. Sie sann und betete, bis der rtliche Morgen
ber die Berge heraufzog. Nun aber eilte sie ans Bett des kranken Gatten. Sie
traf ihn furchtbar leidend, aber augenblicklich bei vollem Bewutsein.
    Angelika, wir htten uns nie heiraten sollen, sagte er mit schwacher
Stimme. Mir kommt das Feuer und alles wie eine Strafe Gottes vor, wenn ich auch
nicht wei, wie alles aufeinander geht.
    Angelika war unfhig zu antworten.
    Andreas fuhr nicht ohne Anstrengung fort: Es macht mich fast verrckt, wenn
ich daran denke, wie schlecht ich in letzter Zeit worden bin. Wir haben keine
guten Tage gehabt in dem hbschen Haus, und das Unglck, da es zugrunde ging,
ist wohl bei weitem nicht das grte.
    Oh, es hat nicht am Hause gefehlt, sondern einzig an uns, hauptschlich an
mir! klagte Angelika, die sich vergebens noch zu beherrschen suchte.
    Dann ist nichts, was mich entschuldigt. Ich hab' mir schon gedacht, mein
Reichtum sei mein Unglck gewesen, weil er mich von jung auf daran gewhnte,
nichts und niemandem etwas nachzufragen.
    Mein Vater dagegen war arm, sagte des Krmers Tochter.
    Der wurde unglcklich durch seine Geldgier. Trst' ihn Gott!
    Ist er gestorben?
    Ja, sagte das Weib und erzhlte ganz kurz, wie er ihr Kind habe retten
wollen.
    Er ist also doch noch viel besser als ich, jammerte der Kranke. Er geht
dem Kinde nach, ich aber komme im Schrecken blo dazu, ihm zu rufen. Dann eile
ich, der Verschwender, dem Stalle zu. So gehen wir jetzt beide als Retter
zugrunde. Gerechter Gott!
    Angelika setzte sich auf das Bett des Kranken, welcher zitternd nach ihrer
Hand langte. Gelt, es hat nur an uns gefehlt? fragte er mit schwacher Stimme.
    Ja.
    Sag' herzhaft: nur an mir! Schone mich nicht mehr! Ich mu die letzte
Rechnung machen.
    Will's Gott, nicht! Ich hab' viel, viel noch gutzumachen an dir. Bisher war
ich nur die Predigerin, aber ich hatte nicht Liebe, Demut und Billigkeit neben
der strengen Wahrheit. Du warst nur trotzig gegen mich Stolze, nicht schlecht.
    So ist denn das doch wahr, sagte er demtig. Zuzeiten hab' ich das auch
geglaubt. Aber ich wollte schlecht sein aus Hochmut und solchen zum Trotz, die
doch nichts Gutes mehr von mir erwarteten. Ja, diese Erfahrung hat mir weh
getan, und ich mute sie mit Gewalt vergessen, ertrnken. Drum ging mir
Dorotheens Freundlichkeit so tief ins Herz und war wie ein Strahl aus dem
Himmel! Aber im unreinen Gefe wird alles Wasser trb. Sogar dieses Glcks hab'
ich mich unwert gezeigt. Ich war damals schon zu weit.
    Oh, vergib mir, da ich dich so weit getrieben, statt dir dein Haus lieb,
zu einem Tempel zu machen!
    Und du mir auch! bat er.
    Der nun eintretende Pfarrer traf die beiden Hand in Hand. Es freut mich,
da das Wichtigste und Schwerste schon vorber ist, sagte er freundlich.
    Nicht das Schwerste, widersprach der Kranke, mir ist lang nie so wohl
gewesen innerlich als jetzt. Der Friede mit sich und der Welt tut einem so wohl,
da man sogar sein sptes Kommen nicht mehr bedauern kann.
    Der Pfarrer schickte Angelika, deren Schmerz in heie Trnen zu schmelzen
begann, zum Zimmer hinaus, um dem Kranken seine Beichte abzunehmen.
    Es war die hchste Zeit, denn immer seltener kehrte ihm das volle Bewutsein
zurck. Angelika aber galten diese Augenblicke fr die wichtigsten ihres Lebens.
Mit ihm glaubte sie an die geheimnisvolle Pforte getreten zu sein und luterte
sich von mancher Kleinlichkeit an dem auch sie furchtbar brennenden Schmerz der
immer wachsenden Entzndung, der der Arzt vergebens wehrte.
    Am dritten Tag verkndete die Glocke das Ende seiner Leiden. Mit ihm wurden
die aus dem Schutt gefundenen Gebeine des Krmers beerdigt.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel



                                     Schlu

Am folgenden Sonntage, an welchem Zusel neben Stighansen die ganze
Verwandtschaft auf beiden Seiten zu einer Hochzeit einzuladen gedachte, wie man
sie noch selten erlebt haben sollte, ging sie unter dem weien Schleier der
Leidtragenden mit brennender Kerze hinaus auf das Grab ihres wahrhaft geliebten
Vaters. Neben ihr auf der Bank, welche das Weihwasserbecken trug, kniete die
ltere Schwester und betete fr ihren Gatten. Noch als nirgends mehr ein
Kirchgnger zu sehen war, knieten sie stumm nebeneinander. Angelika konnte
wenigstens doch weinen. Seit sie und Andreas in demtiger Selbstbeschuldigung
sich die Hnde reichten, war ihr Herz leichter geworden. Zusel aber fand noch
keinen Gedanken, der die Tiefgebeugte nur ein wenig erhoben htte. Bleiern und
unbeweglich lastete auf ihr die Untat des Vaters und sein trauriges Ende. Sie,
die frher, wo es angeblich Hansens und Dorotheens ewiges Heil galt, schon fast
in den Ruf einer Betschwester kam, sie fhlte sich nun von den ihr eingegebenen
Trostgrnden der Religion fast noch mehr als von jeder anderen Vorstellung
geqult. Die Unglckliche hatte, wenn auch sich selbst unbewut, im vertrauten
Umgange mit ihren frommen Freundinnen die berzeugung gewonnen, welche der
Krmer schon aus dem zuletzt pltzlich entstandenen Unfrieden des Elternhauses
mitnahm und spter fast immer als magebend gelten lie - nmlich die, da
fromme Worte fr die erwachsenen Kinder soviel seien als fr die kleinen die
Erinnerung an den heiligen Klaus oder an den heien Rollhafen im Fegfeuer. Wer
solche Worte brauche, wolle nur selbst einen Vorteil daraus ziehen. Zusel war
ihrem Gotte nie ferner gewesen, als da sie so hufig von seinen Geboten redete.
Da kam der letzte Montag und predigte der kalt und hart Gewordenen furchtbar
eindringlich von einer gerechten Vergeltung. Auch da wieder nahm Zusel wie eine
rechte Betschwester vor allem den Rosenkranz zur Hand, aber sie fhlte bald, da
ihr eigenes nun erwachtes Gewissen weniger leicht als ihre Nachbarschaft zu
tuschen sei. Sie wagte nicht mehr zu beten. Jeder fromme Trostgedanke traf das
tiefwunde Herz wie ein neuer Stich. Auch hier auf dem frischen Grabhgel betete
sie nicht. Trockenen Auges starrte sie unverwandt auf die beiden Kreuze, bis sie
hinter sich ein schwaches Hsteln zu hren meinte. Schnell drehte sie sich um,
whrend Angelika ganz ruhig blieb und nichts zu merken schien.
    Bleich und zitternd lehnte das Mathisle drben an der Kirchenmauer. Es
verlie jedoch seinen Platz und kam dem Grabe nher, sobald es sich bemerkt sah.
    Ein kalter Schauer durchrieselte das Mdchen beim Anblick des Mannes, dessen
Kindern durch sie und den Vater so viel Unrecht angetan war. Ihre frher ganz
guten Grnde dafr wollten sie nicht mehr beruhigen. Lange rang sie mit sich,
bis ein Wort der Anrede gefunden war. Es pate zwar noch nicht recht, aber es
mute nun einmal etwas gesagt werden. Du hast wohl noch kein Seelenalmosen
erhalten? begann sie mit mglichster Ruhe. Man denkt im Schrecken ber solche
Todflle nicht mehr an alle die Armen, die man dann den Verstorbenen zu Hilf'
und zum Trost als Frsprecher bei Gott gewinnen mchte. Nun klage nur nicht, da
du nicht mit dem Haufen abgefertigt worden bist. Heute mittag kommst du hinauf,
und du wirst zufrieden sein.
    Noch selten hatte Zusel sich zu etwas Gewalt antun mssen wie zu diesen
Worten. Jetzt aber belohnte sie das Gefhl, ein gutes Werk getan zu haben, und
es ward ihr schon etwas leichter. Sie hatte die Mittel, dem armen Vater
gegenber manches noch gutzumachen, und der Vorsatz, es auch zu tun, gab ihr
wieder Selbstgefhl und Kraft.
    Das Mathisle hstelte noch einmal, dann sagte es, um ein Seelenalmosen tt
es freilich bitten, aber um eines, das man ihm auch da gleich geben knnte;
Verzeihung mchte es, da es doch wieder einmal ruhig leben und schlafen knnte.
Und nun wurde des langen erzhlt, wie und warum es des Himmels Strafrute dem
Krmer gewnscht und Gott schon durch einen der lteren Tochter abgezwungenen
Eid und auf andere Weise gleichsam zum furchtbaren Strafgerichte gezwungen habe.
Das Mathisle behauptete so bestimmt, an dem ganzen Unglck schuld zu sein, da
auch die aufmerksam gewordene Angelika zu erschttert war, um gleich ein Wort
zum Widerlegen und Beruhigen zu finden. Zusel war mit dem Gehrten vollkommen
einverstanden. Mit bebender Stimme lud sie den Mann zum Essen ein, dem so groes
Unrecht angetan war, da der Himmel seinen bsen Wunsch erhrte. Wohl sah sie
jetzt in ihm den Mrder des geliebten Vaters; aber sie fand auch den besten
Trost darin, ihm Gutes zu tun und seinen Dank zu verdienen, den sie wie den
Segen der Vershnung empfand.
    Wre das Mathisle nicht auch in der Folge noch zu sehr von seinem Gewissen
beunruhigt worden, um sich an Zusels reichlichen Geschenken recht zu freuen, die
es von diesem Tag erhielt, so wrde dieses jetzt die beste Zeit seines Lebens
gehabt haben. Sein Lieblingswunsch war erfllt. Es konnte von fremdem berflusse
leben, aber keinen Augenblick war ihm dabei recht wohl. Jeden Tag kam es ins
Haus des Krmers, nachdem es der Messe beigewohnt hatte, und blieb oft bis gegen
Abend sitzen. Wenn auch es und Zusel nichts Gemeinsames zu haben schienen als
ihr unruhiges Gewissen und das, da sie den Tod des Krmers nicht mehr vergessen
konnten, wenn sie sich auch eher frchteten als liebten, war es ihnen doch
Bedrfnis geworden, einander stets Liebes und Gutes zu erweisen, um sich
gegenseitig zu berzeugen, da das Vergangene allerdings nicht vergessen, aber
doch vergeben sei. So kam man sich immer nher. Das Mathisle wurde sozusagen
Zusels Vertrauter. Sie teilte ihm bald auch ihre huslichen Sorgen mit;
hauptschlich, da Angelika das vom Vater hinterlassene Durcheinander mit allem
Flei nicht zu entwirren vermge. Das Mathisle begann seinen Hansjrg und auch
den Jos zu empfehlen, die als frhere Gehilfen sicher in manchem Bescheid
wten. Klger und fleiiger nun wre Jos, das wisse jetzt die ganze Gemeinde
und auch der Vorsteher, aber eben darum sei dem schon so viel bergeben, da er,
wie gern er auch berall aushelfe, doch nicht so leicht Zeit haben werde als
Hansjrg, der wenig anzufangen wisse, seit er an jenem Abend mit Jos das
Schwrzen abgeschworen habe. Es kam auch wirklich bald dazu, da Hansjrg von
den beiden Schwestern als Geschftsfhrer angestellt und bevollmchtiget wurde.
    Zusel hatte schon Mathisles erste Andeutung fr einen Wink des Himmels
gehalten, wie sie dem vielleicht durch ihre Schuld herabgekommenen guten
Burschen wieder helfen und Gelegenheit geben knne, seine Fhigkeiten zu zeigen
und sich schnell wieder zu Ehr' und Ansehen zu bringen. Hansjrg sollte, mute
glcklich werden, darum war es ihr mehr zu tun als um das Ordnen von Geschften,
um die sie sich nie viel gekmmert hatte. Angelika htte sich anfangs, wo das
bestndige Zhlen und Rechnen gar nicht zu ihrer Gemtsstimmung passen wollte,
weit lieber helfen lassen als jetzt, wo sie besonders im Verkehr mit allerlei
Menschen das beste Mittel gegen die Schwermut fand, welche sie in miger
Einsamkeit behalten wollte. Im Geschfte gab sich's von selbst, da sie den
Spuren folgen mute, welche der Vater hinterlie. Je mehr sie sich nun in sein
Walten auf ihre Weise hineinlebte, desto mehr mute sie den strebsamen Mann und
seine Vielseitigkeit bewundern. Sie mochte sich wohl tuschen, wenn sie zuweilen
glaubte, da sie nirgends besser als in so einen Laden passen wrde, denn sonst
hatte sie eben die Freude noch nie empfunden, die wohl jede dauernde
Beschftigung auch dem Kummerbelasteten zu gewhren vermag; das aber war gewi
richtig, da auch ohne Hansjrgs Beistand sie alles gehrig im Gang erhalten
htte. Trotzdem stimmte sie der Schwester freudig bei, sobald diese den
ehemaligen Ladenschneider ins Haus nehmen wollte. Ja sie betrieb das nun selbst
mit einem Eifer, der beinahe die Sorge verriet, es knnte der jetzt gnzlich
unberechenbaren Zusel schon ber Nacht wieder anders werden. Angelika dachte
dabei an die frhere Neigung, die in beiden immer noch nicht ganz erloschen
schien. Vielleicht ... Auf Hansen rechnete Zusel nicht mehr. Der hatte seit
jenem Unglcksabend ihr Haus nicht mehr betreten. Aus einem bestndigen
Zusammenleben konnte doch noch etwas Gesundes fr die Gemtskranke erwachsen.
Ja, so mute Zusel wieder geheilt werden ...!
    Frher wrde das Mathisle seine grte Freude gehabt haben, Hansjrgen schon
wie den Herrn des Hauses walten zu sehen; jetzt aber war sogar das nicht mehr
imstande, die trbe Stimmung zu vertreiben, die seiner sich nun immer mehr
bemchtigte. Wenn man mit ihm von Hansjrgs schnen Aussichten redete, so wehrte
es sich gewaltig und sagte, da es nicht seinen Sohn auf den Platz des Krmers
habe fluchen wollen, wenn es sich schon erfrecht habe, vom Himmel das Verderben
dieses Mannes zu fordern. Aus Fluch knne weder ihm noch den Seinen wahrer Segen
werden. Es war vergebens, gegen diese Vorstellung anzukmpfen. Sie blieb in dem
Unglcklichen, raubte ihm den Schlaf, verdarb ihm jeden Genu und warf ihn
endlich aufs Krankenbett, von dem er nicht mehr aufstehen sollte. Erst der
Kaplan konnte dem Leidenden bei seiner letzten Beichte die berzeugung
beibringen, da nicht sein Fluch, sondern die verfluchten Handlungen an allem
Unglck schuld seien und da der barmherzige Gott nicht so strenge gestraft
htte, wenn nicht auch in dieser Strafe wieder nur lauter Segen wre.
    Unmglich aber war es dem Kaplan, auch die Zusel von ihrer Schwermut zu
heilen. Er bemhte sich um so mehr, weil ihre Beichte ihn berzeugte, da der
von seinen Betschwestern gewonnene Einflu auch auf sie sehr nachteilig gewirkt
und deren gemeines Auftreten sie um das volle Vertrauen zu allen gebracht habe,
welche mit heiligen Worten auf andere zu wirken suchten. Aber was der verlegene
Kaplan auch sagen mochte, sie behauptete, den Ruf Gottes an jenem schrecklichen
Abende gehrt zu haben in der Sturmglocke und sich daher um Worte der Menschen
wenig kmmern zu mssen. Sie wisse wohl, da sie niemandem recht sei, da man
sie fr eine halte, die sich hintersinne; doch sie wisse gerade so gut, da zu
der Zeit, wo sie das getan, was sie jetzt so schmerzlich bereuen msse, gar
allen alles recht gewesen sei. Von den Frommen wre sie auf den Hnden getragen
worden, und die, welche doch klger gewesen als sie, htten auf ihren Wunsch
eine Predigt zustande gebracht, durch die dann die gute Dorothee noch um Ehr'
und guten Namen gekommen sei. So htten es die Menschen, und sie mge schon gar
keinen Zuspruch mehr von ihnen hren, seit ihr eigenes Gewissen erwacht sei.
    So antwortete Zusel dem Kaplan, und dabei blieb sie. Hansjrgs Anwesenheit
im Hause vermochte nur wenig zu ndern. Angelika glaubte freilich bei der
Schwester noch die alte Neigung zu gewahren, aber auch da Zusel sie wie etwas
recht Sndhaftes mit aller Kraft bekmpfte. Hansjrg schien sich auch darum
nicht mehr besonders viel zu kmmern. Er lebte ganz nur im Geschft und fr die
Seinen, zu denen er auch den Jos mit Stolz zhlte. Die beiden verkehrten tglich
miteinander und fhrten auch manche Neuerung im Laden ein, der ihnen gnzlich
berlassen war. Auch Hansjrgs jngere Schwester Marie, die seit dem Tode des
Vaters ebenfalls hier im Hause war und neu aufzuleben begann, tat dabei, was sie
nur konnte. Es war den beiden Burschen gelungen, ihre ganz besonders zierlichen
Stickereien viel vorteilhafter als bisher zu verwerten, und schon erlebten sie
die Freude, da auch andere Mdchen zu so kunstvoller Arbeit sich mehr Mhe und
Zeit kosten lieen. Auch Weber und andere Handwerker hatten wohl nie so viel zu
tun gehabt wie jetzt. Hansjrg hrte stets auf den Rat seines Freundes, und Jos
wute zu gut, wie einem armen Handwerker zumute sei, um nicht dafr zu sorgen,
da das Geld und der gute Verdienst so viel als mglich in der Gemeinde bleibe.
- -
    Des Frhlings lieblich duftender Odem hauchte wieder allen Wesen neues Leben
ein. Das war ein Rauschen und Jubeln, ein Singen und Flstern, als ob es immer
und berall Sonntag wre. Die Welt schien ganz neu geworden. Sogar die Berge
ringsum trugen Blumenstrue und schauten freundlich ins Tal herab, wo die
Menschen frhlich ihre Feldarbeit begannen. Auch Angelika war im Freien, sooft
es die ihr von der Schwester ganz allein berlassene Hausarbeit erlaubte. Sie
wand Krnze aus den Blumen, die ihr Margretle jubelnd zusammentrug. Wehmtig
dachte sie an die eigenen Kinderjahre und wie sie da neben Hansen spielte. Dann
aber mute gleich wieder eine Arbeit ersonnen werden, da man vom Platz und auf
andere Vorstellungen kam. Zusel war die alte geblieben. Sie schien keine der sie
umblhenden Blumen zu sehen als die, welche sie auf des Vaters Grab gepflanzt
hatte. Auf dem Friedhof, und nur dort, mute man sie suchen, wenn sie nicht zu
Hause war.
    Im Sommer wurde das etwas anders. Man riet ihr, den Laden und alles
aufzugeben, da doch nicht viel Gewinn dabei sei, wenn alles durch fremde Hnde
gehe. Dieser Rat kam von einigen geizigen Basen, denen das gemeinntzige Walten
der beiden Burschen mifiel, obwohl es dem Geschfte nur Vorteil brachte. Es
traf Zusel um so schmerzlicher, weil sie darin einen Vorwurf empfand, da sie
auf so ein Geschft, wie das, welches der Flei ihres Vaters errichtete, gar
nicht passe, sondern eher in irgend einem abgelegenen Neste das alte Bschen
spielen sollte. Sie sagte kurz, da sie den Hansjrg nicht mehr aus dem Hause
schicke, wenn sie ihm auch gar keine Arbeit htt' und er nur noch essen und
vergessen mte.
    Diese Antwort weckte nun um so eher die Vermutung, das Mdchen denke noch an
eine Heirat mit dem Burschen, weil es als ausgemachte Sache galt, da sonst wohl
nicht mehr der hundertste des Krmers Tchtermann werden mchte.
    Zusel ging von jetzt an etwas weniger selten in den Laden als bisher.
Hansjrg und Angelika glaubten damit schon viel gewonnen und gaben sich alle
Mhe, sie nun auch in Verkehr mit der immer zahlreicheren Kundschaft zu bringen.
Das aber war nicht mglich. Wenn sie auch einmal etwas half, so war ihr
anzusehen, da sie die Gedanken bei etwas anderem hatte So stand sie auch an
einem Sonntag neben dem Zahltisch und sah dem Hansjrg zu, wie der ein von
Angelika gebrachtes Schriftbndel durchsuchte. Es fehlte ihm die Rechnung mit
Stighansen, welcher heute sagte, da er mit dem Heu, welches Jos als Knecht ihm
am ersten Tage heimholen half, noch nicht alles ganz im ebenen habe. Davon war
nun im Hauptbuche nichts zu finden, die Rechnung mute daher unter den anderen
Papieren gesucht werden. Hansjrg berflog ein Blatt nach dem anderen und
schttelte den Kopf. Endlich kamen nur noch Briefe. Diese sah der Bursche blo
an. Einen jedoch las er ziemlich weit hinein. Die Wangen glhten ihm, und seine
Hand zitterte, da er ihn pltzlich in die Tasche schob.
    Was machst du? fragte Zusel.
    Diesen Brief braucht kein Mensch mehr zu sehen. Ich will ihn verbrennen.
    Aber er ist mein ...
    Gewi ... drum darf ich ihn vernichten, wenn du es erlaubst.
    Aber ich erlaub' es durchaus nicht.
    Wenn du mir nicht glauben willst, da niemand ihn sehen darf, so knd' ich
dir gleich den Dienst.
    Ich will ihn erst sehen, er ist mein.
    Ja, das ist er, hauchte Hansjrg, warf den Brief auf den Tisch und
bedeckte das Gesicht mit beiden Hnden.
    Zusel entfaltete den Bogen und sah mit Staunen die eigene Handschrift. Ein
schwerer Seufzer verriet, da sie den Inhalt schon wute. Regungslos stand sie
da und starrte nur die zierlichen Buchstaben an.
    Was habt ihr denn? fragte Angelika nher tretend.
    Was wir haben? fuhr Zusel auf, whrend eine unnatrliche Rte ihr blasses
Gesicht berflammte. Unser verratenes, verkauftes Lebensglck sehen wir in
seiner Schne. Diesen Brief hab' ich an Hansjrg geschrieben. Er aber hat doch
noch nicht an mich geglaubt, hat gewhnt, die Zusel verzweifle so bald als er.
Der Elende redete von Liebe zu mir und empfand nicht, wie stark sie macht. Er
glaubte schon alles verloren, da er mir nicht mehr vorschwtzen konnte, und doch
redete mein Herz fr ihn. Aber er hielt auch des Herzens Sprache nur noch fr
Geschwtz und verkaufte nur aus Eitelkeit und dummem Trotz diesen Brief mit ein
paar anderen um einige Gulden an meinen Vater. Nun hrt, ob er nicht etwas wert
war! Er fngt an: Innigstgeliebter, Unvergelicher!
    Um Gottes willen, hr' auf, bat Hansjrg, welcher, schon durch die
unbestreitbare Einleitung tief getroffen, wie vernichtet auf seinem Stuhl sa.
    Zusel aber las: Von mir bist du noch nicht fort, berall hab' ich dich bei
mir. Ich frchte nicht einmal, du werdest mich vergessen in der weiten Welt
drauen. Ich merke, wie schwer man das kann, und du wirst mir drum glauben.
    Ja, unterbrach sich das Mdchen, fr dich, wie du warst, ist nun das
freilich kein Trost und vielmehr ein Absagebrief gewesen. Hier steht noch
deutlich: Du brauchst nur an das zu denken, was du an meinem Platze tun
wrdest.
    Das Mdchen schwieg. Es erschrak selbst ber sein strenges Gericht. Die
anfngliche Aufregung wich einer milden Stimmung, und es klang eigen weich, als
es, mehr sprechend als lesend, fortfuhr: Der Vater ist freilich gegen dich, und
wie er es nimmt, hat er auch recht. Ich wei, er meint es immer gut mit mir. Ich
hab' ihn auch gern und knnte fr ihn durch ein Feuer ... aber in diesem Stck
...
    Nein! schrie das Mdchen pltzlich, da es allen durch Mark und Bein ging,
und zerri den Brief. Ich kann das nicht mehr lesen, denn mir fehlt die Kraft,
welche mir die Liebe gab.
    Du strenge Richterin, begann Hansjrg kaum hrbar, ich kann mich nicht
einmal entschuldigen, da du mich schon durchschaut hast. Ich armer, elender
Tropf sah damals in dir nur das reiche, launenhafte Mdchen. Erst als ich
wiederkam im letzten Herbst, hat eine wahre Neigung mich recht unglcklich
gemacht.
    Und ich hab' nach dem Osterfest im vorletzten Frhling, wo der Vater mir
von deinem Streich erzhlte, wohl jeden Tag und jede Nacht daran gedacht, um
recht bs auf dich zu werden. Ich hab' es auch so weit gebracht, da ich dir
Schlimmes wnschte. Ja, fast nur dir zum Possen hab' ich anfangs den Stighans zu
fangen gesucht. Jetzt aber hab' ich dir - ich will dir verzeihen.
    So gefllt es mir, sagte nun Angelika. Jetzt ist von frher alles klar,
und jetzt wird euerer Neigung niemand mehr im Wege sein.
    Gewi ist niemand rger dagegen als ich selbst, antwortete Zusel. Einmal
hielt ich sie nur noch fr Mitleid. Ich bat ihn zu uns, nur um ihm Gutes zu tun,
aber sein Flei verdient ja mehr, als ich ihm gebe.
    So lat jetzt um Gottes willen die alten Rechnungen und denkt einmal an die
Zukunft!
    Ich hab' schon daran gedacht.
    Und -?
    Meinen Plan gemacht.
    Das war nun einmal ein gutes Hren fr Angelika, die Freude leuchtete ihr
aus den Augen, whrend sie, der Antwort schon ziemlich sicher, lchelnd die
Vermutung aussprach, sie werde wohl den guten Hansjrg noch einige Jahre mit
ihrer Wunderlichkeit plagen, jeden Tag seine Geduld auf die Probe stellen und
dann am Ende -
    Ich geh' in ein Kloster! sagte das Mdchen so leidenschaftlich, wie es
noch selten auch den boshaftesten Bemerkungen widersprochen hatte.
    Ins Kloster? fragte Angelika noch fast erschrockener als Hansjrg.
    Zusel war selbst erstaunt ber das, was ihr da die Begierde zu widersprechen
oder ihr Unmut oder der Heilige Geist eingab. Sie sann darber nach, und es war,
als ob schon dieses Wort sie von vielem erlst habe. Das war nicht nur ein
Schreckschu. Ja, das war fr sie, die alles schief ansah, die auf der Welt
keine Ruhe, keinen Genu mehr hoffte, und auch fr die arme Seele des Vaters das
beste. Rasch entschlossen richtete sie sich so stolz und trotzig auf wie frher.
Dann aber sah sie den Hansjrg auf seinem Stuhl und sagte nun etwas unsicher:
Ja, Hansjrg, ins Kloster, denn dort hab' ich viel zu tun, und hier wird mich
wohl niemand mangeln.
    Der Bursche schwieg. Angelika dagegen sagte: Du httest auch hier noch viel
zu tun. Gott sieht es gewi lieber, wenn wir das, was seine Gte verliehen hat,
zum eigenen und zum Wohle des Nebenmenschen brauchen, als wenn wir alles in ein
Kloster vergraben. Hansjrg wei nicht mehr, was er sagen soll, ich aber sage:
Durch dein sonderbares Wesen hast du euch beiden eine schne Zukunft verdorben.
    Vielleicht rgerte dieser Vorwurf das Mdchen weniger, als da Hansjrg
schwieg, aber Angelika mute nun doch dafr ben. Ich verderbe gar nichts
mehr, sagte sie. Er denkt nicht so schnell ans Heiraten und ich auch nicht wie
du. Sonst aber wren wir schon selber eins worden und htten keine Kupplerin
gebraucht. Ich seh' es euch an, da ihr mich nicht mehr versteht, hret drum,
wie wunderlich die Zusel ist. Die Geschichte mit den Briefen wr' noch unsere
Sache, doch es steht auch anderes zwischen uns. Um uns zu trennen, hat der Vater
wohl in ganz guter Absicht alles aufs Spiel gesetzt und ist unglcklich worden
vielleicht an Leib und Seele. Gewi, er htte noch im Grab keine Ruh, wenn das
alles nun gar nicht mehr geachtet wrde.
    Angelika meinte: Im Fall, da das aber eine Ungerechtigkeit gewesen sein
sollte, wr' der Vater gewi froh, wenn sie nun aufhren tt.
    Ungerechtigkeit! Fr mich ist's geschehen, und wenn er fehlte, mu er fr
mich ben. Soll ich nun jubeln und tanzen auf seinem Grab? Sollen wir beide vor
Gottes Altar ihm zurufen mit unserem Ja, da sein Tod uns recht glcklich und
selbherr gemacht habe?
    Ja, du hast recht, sagte Hansjrg feierlich. Jetzt versteh' ich dich
einmal wieder, und wieder bist du grer, besser, als ich mir vorstellen konnte.
Deine Opferwilligkeit fr die Deinen soll mir immer ein Beispiel sein. Auch ich
will ihnen leben und frheres Versumnis einbringen. Nicht beten, aber handeln
kann ich fr sie - und, nicht wahr, auch das ist schn?
    O gewi! rief Zusel begeistert, und indem sie dem Burschen die Hand
reichte, setzte sie bei: Du bist und bleibst mein Bruder!
    Aber, warnte die ltere Schwester, bedenkt noch, was ihr tut! Ins Kloster
fhren viele Wege, heraus nur noch der ins Grab. Jedermann, sogar der Pfarrer,
wird gegen diesen Schritt sein.
    Ich kenne sie, versetzte Zusel heftig, sie, die einem immer aus- oder
einreden wollen, und ich hab' oft gesehen, warum sie das tun. Du brauchst mich
ja nicht so zu verkuppeln, den Stighans la ich dir freiwillig, wenn du den
bekommst, und will ihn dir von Herzen gnnen.
    In ihrer Aufregung hatten alle drei nicht bemerkt, da die Ladentr sich
langsam ffnete. Erst jetzt sah Angelika den Letztgenannten in Lebensgre hart
neben ihr stehen, und einen lauten Schrei ausstoend, eilte sie ins Nebenzimmer.
    Noch nichts tat ihr so weh wie dieser Vorwurf der Schwester. Litt sie nicht
schon sonst genug an dieser unglcklichen - Liebe? Und hatte sie nicht gerade
darin Trost suchen wollen, wenigstens die Schwester glcklich zu machen? Hans
kam seit jenem Unglcksabend nie ins Haus, und gerade heute nun mute er kommen.
Ihr Gesicht glhte, whrend sie in ihr Zimmer eilte und hinter sich die Tre
schlo.
    Auch Zusel hatte sich, ohne noch ein Wort zu sagen, sofort aus dem Laden
entfernt.
    Hansjrg, wie sehr ihm auch die unterbrochene Unterredung noch im Kopfe war,
hatte doch noch genug Fassung wiedergewonnen, um dem Angekommenen, bevor dieser
zum Worte kam, die Mitteilung zu machen, da die Rechnung nicht unter den
vorhandenen Schriften und wahrscheinlich mit der Brieftasche des Krmers im
Feuer zugrunde gegangen sei.
    Dann, sagte der Bauer, ist's doch gut, da ich die mitnahm, die mir Jos
geschrieben hat.
    Hansjrg begann mit gewohnter Sorgfalt nachzuzhlen, whrend Hans ber die
beim Hereinkommen von Zusel gehrten Worte nachdachte. - Gleichgltig warf er
die auf dem Blatt stehende Summe hin und fragte dann, welche Zimmertr Angelika
vorhin so gewaltig zugeschlagen habe.
    Hansjrg machte sogleich den Fhrer, wobei er behauptete, da auch
geschlossen worden sei.
    Wer ist denn im Hause? fragte Hans.
    Niemand Fremdes als du.
    Dann hat sie meinetwegen geschlossen.
    Hansjrg schwieg.
    Nun, sie soll auch meinetwegen wieder auftun.
    Das war bereits geschehen, aber jeden Augenblick wollte sie wieder
schlieen. Bald wnschte, bald frchtete sie sein Kommen; dann sagte sie
traurig: Er kommt nicht, und als sie seinen Tritt auf der Stiege hrte, htte
sie den Gang von dort bis zur Tre wenigstens eine Stunde lang wnschen mgen,
um sich noch zu besinnen, ob sie schlieen sollte oder nicht.
    Fest und sicher trat Hans herein, setzte sich aufs Kanapee neben das bebende
Weib, und kurzweg, als ob sie tglich beisammen wren, fragte er, was vorhin da
drunten verhandelt worden sei.
    Zusel will nun gar noch in ein Kloster. Ich aber mchte das ihr ausreden.
Es kommt mir vor, ob doch noch eine Vershnung zwischen ihr und Hansjrg mglich
sei. Sie wird mit der Zeit, will's Gott, wieder anders denken lernen, und dann -
-
    Das ist ein Abweg, fiel Hans ein, mach's nur kurz und gut! Du sprichst
ihr also gehrig zu - nun - und dann?
    Dann heit sie mich eine Kupplerin, und doch wei Gott im Himmel -
    Aber der Tausend! Was sagte sie noch?
    Sie mge gar nicht heiraten, auch dich nicht.
    Eine Minute war alles still im Zimmer, dann sagte Hans: Du wirst doch nicht
halb und falsch gegen mich sein?
    Angelika richtete sich stolz auf, und ihr Blick begegnete dem des Burschen
so frei und offen, wie seit langer Zeit nicht mehr. Jetzt gleich sollt' er die
ganze Rede wrtlich hren, dieser Entschlu war ihr anzusehen. Aber es ging
nicht und ging nicht. Aus war es pltzlich mit aller Selbstbeherrschung, und ihr
Errten an seiner Brust verbergend, flehte sie: Du hast es schon gehrt - und
gelt, du plagst mich doch nicht mehr damit, es noch einmal zu sagen?
    Ich wei davon, da sie mich dir geschenkt hat. Ich hab' das auch nicht
ungern, wenn du mich nur willst.
    Angelika schob sanft den Arm weg, der sich um ihren Hals legte. Wir htten
dieses traurige Spiel nicht noch einmal anfangen sollen, sagte sie wehmtig.
    Aber mir ist's heiliger Ernst. Ich hab' nun lange genug nur gespielt und
mich Pontius und Pilatus gefgt, hab' lange Predigten gehrt und mit mir selber
gehadert. Willst du mein Weib werden oder nicht? Wenn nicht - ja, dann freilich
htten wir uns nicht mehr sehen sollen.
    Gelt, Hans?!
    Es war das eigentlich gar keine Antwort, aber der Bursche hrte doch schon
ein Ja heraus und jubelte: Also doch noch mein, und es ist kein Traum mehr!
Schon einmal hat deine Stimme mich durch die Flammen zu dir gerufen. Schon da
ist es mir gewesen, ob ich und du und das Kind zusammengehrten.
    Aber deine Mutter? fragte Angelika.
    Plagen wir uns doch nicht mehr mit dem Alten, bat Hans, der diese Frage
wie einen Vorwurf empfand. Wir haben schon genug darunter gelitten. Ich bin
damals noch ein schwacher, dummer Junge gewesen, du vielleicht zu empfindlich,
zu rasch. Das ist nun vorbei, wenn wir es auch vorbei sein lassen und uns darum
nichts mehr vorwerfen.
    Das will ich nicht, aber denke, was alles die Mutter jetzt erst gegen mich
haben wrde.
    Hans richtete sich stolz auf und sagte frhlich: Wer einmal durchs Feuer
ist, frchtet sich schwerlich vor einem kleinen Hagelwetter. Und bs wird es
nicht werden. Sie hat schon alles gesagt, ich fleiig zugehrt, wie es einem
Sohne Pflicht ist; aber ich hab' nichts gehrt, was so stark war wie meine
Liebe. Ich hab' alles erwogen, drum komm' ich erst heut'. Bisher geht's gut -
und ferner schon auch noch. Die Mutter hat mich beraus gern und will nur mein
Glck, das zeigt sich sogar in dem, womit sie mir weh tut. Oh, la mich jetzt
nur machen!
    So beinahe wie damals im Bregenzerwalde nur irgendein anstndiges Paar
wren die beiden sogar noch zum Kssen gekommen. Ganz freilich kamen sie nicht
dazu, doch auch ohne das fhlten sie sich berglcklich. Ein Wonneschauer
durchrieselte den Burschen, als des schnen Weibes weier Hals willig seinen
zitternden Arm trug, whrend ihr Kpfchen an seinem hrbar pochenden Herzen
ruhte. Selbst als er immer ernstlicher vom Heiraten redete, sagte sie nicht mehr
viel dagegen, und beim Abschied - es war schon spt - gaben sie sich die Hand
darauf, im nchsten Frhling, womglich neben Jos und Dorotheen, vor den
Traualtar zu treten. - -
    Alles, was jetzt noch zu erzhlen bleibt, knnte der freundliche Leser sich
leichter selbst vorstellen als das Lcheln der Stigerin, mit dem sie sich, ber
Hansens Eigensinn staunend, nach einigem Struben in ihr Schicksal ergab, nun
trotz allem und allem noch Angelikas Schwiegermutter zu werden. Hans ist nicht
mehr der alte, und Nachgeben wird wohl das klgste sein, sagte sie, sich dabei
feierlich verwahrend vor aller Schuld an dem, was daraus entstehen mge. Viel
allerdings mochte neben Hansens wahrhaft mnnlichem Auftreten auch der Kaplan
dazu beigetragen haben, da es so gut ging. Der war jetzt mit den Betschwestern
geradeso streng wie der Pfarrer, mit dem er berhaupt im schnsten Frieden lebte
und wirkte. Es wurde den frommen Ordensmitgliedern bei jeder Gelegenheit
eingeschrft, da sie ihr Lesen und Beten blo in der Stille fr sich, anderen
gegenber jedoch nur Geduld, Sanftmut, Liebe und vor allem Demut ben sollten.
Die Betschwestern murrten freilich ber solchen Zuspruch, und solche, die schon
beinahe fr den Orden gewonnen waren, wollten jetzt nicht mehr eintreten, da man
diese Regeln ja jeden Sonntag in der Predigt sattsam hren knne. Jede
Betschwester hatte die andere im Verdacht, beim Kaplan das Spiel verdorben zu
haben, und gab sich so liebsam, da es fr viele zum Staunen war, um ja selbst
fr nichts schief angesehen zu werden. Die so entstandene Verwirrung in dem
Bunde, dessen Beschlsse fast jeder Dorfbewohner bisher gefrchtet hatte, wenn
er keines Frsprechers in demselben sicher war, kam nun Hansen und seiner
Angelika sehr trefflich zustatten. Die Stigerin hrte fast nur Liebes und Gutes
ber das Paar, so da die Sorge um das Urteil der ffentlichen Meinung ihr bald
nicht eine Stunde Schlaf mehr kostete.
    Der Kaplan sorgte Zuseln wider Willen um Aufnahme in ein Kloster, was in
Anbetracht ihres hbschen Vermgens nicht viele Mhe machte. Dabei redete er
immer noch dagegen, aber alles, was er als untergeordneter Geistlicher sagen
durfte, war umsonst. Die Dorfbewohner fast durchweg fanden Zusels frommen
Entschlu ganz in der Ordnung, und er trug nicht wenig dazu bei, da man jetzt
das Vergangene gnzlich ruhen lie, weil man alles geshnt sah. berall kamen
die Leute jetzt dem guten Mdchen, in dem sie schon ein hheres Wesen
erblickten, mit scheuer Freundschaft entgegen und baten sie um ihr Gebet. So
wurde ihr denn der Abschied vom Dorf und vom Bruder Hansjrg noch so schwer, da
sie die Abreise verschob, ohne jedoch den Entschlu aufzugeben, in dem ihr
ganzes Wesen wirklich wieder neue Kraft und neues Leben gewonnen hatte. Angelika
hoffte darauf umsonst. Eines Morgens war Zusel fort, und auf dem Tische fand
sich ein kurzer Abschiedsbrief mit der Bemerkung, da sie ber ihr Vermgen
brieflich bestimmen und gewi auch den Hansjrg nicht vergessen werde.
    Der Winter - es war ein mehr als halbjhriger - verging den Dorfbewohnern
ungewhnlich schnell, weil Hansjrg, der in der Welt drauen fr alles ein
offenes Auge hatte, nun in der Lage war und die Mittel besa, manchen bisher
unbekannten Erwerbszweig in der Gemeinde einzufhren. Da eigentlich Jos die
Erinnerungen des weitgereisten Soldaten verwertete, war kein Geheimnis, aber
dieser selbst gnnte seinem Freunde gerne die Freude des Erfinders. Das tat ihm
wohl und brachte ihn wieder auf neue Plne, mit deren Ausfhrung sich dann der
Sohn der Schnepfauerin fr frhere Unbilden rchte. - -
    Den Tag, welcher unsere beiden Paare fr immer verband, schmckte der
Frhling mit aller seiner Pracht und schien noch etwas mehr fr dieses Fest
besonders aufbehalten zu haben. Vogelsang und Blumenduft drang bis in die
Kirche, wo trotz des wunderlieblichen Morgens, der die Bauern zur dringenden
Feldarbeit einlud, beinahe die ganze Gemeinde versammelt war. Jos, der jetzt
wieder so sicher und aufrecht daherschritt, trug lange fremde Kleider. Hans
erschien in kurzen Lederhosen und Kamisol neben der noch halb in Trauer
gekleideten Angelika. Dorothee, die Vielgeprfte, trug das Krnzchen. Es war zum
letztenmal, drum trug sie es auch nach Ortsbrauch auf dem weien Trauerschleier,
der wahrscheinlich seinen Tod bedeuten soll.
    Zu einer lrmenden Hochzeitsfeier waren die beiden Paare nicht aufgelegt.
Gegen Abend saen sie in dem damals recht gerumigen Schopfe des
Kronenwirtshauses bei einem einfachen Mahl. Aber wie still es auch, schon der
noch immer nicht vergessenen Toten wegen, zugehen sollte, abends war's doch
allen recht, da die Dorfmusikanten mit ihrem fleiigen Kapellmeister vor dem
Hause sich aufstellten und ihre lustigen und anmutigen Weisen zu spielen
begannen. Hans rief sie frhlich herein und war glcklich, ihnen viele junge
Leute, Burschen und Mdchen, folgen zu sehen. Er schaffte berall zu trinken an
und lief selbst, um Glser zu holen, whrend Jos fr hundert herzliche
Glckwnsche dankte und vor lauter Reden kaum noch an den Tisch kam, wo die
angesehensten Mnner der Gemeinde neben Dorotheens rmlich gekleideten
Verwandten Platz genommen hatten und ungeduldig warteten, bis der kurzweilige
Hochzeiter sich mit seinen vielen Freunden abgefunden hatte.
    Als er kam, stie der Vorsteher krftig mit ihm an und sprach dann laut sein
Bedauern darber aus, da nun wahrscheinlich des Krmers Haus mitsamt dem Laden
in ganz andere Hnde kommen werde. Die ganze Gemeinde habe sich wohl befunden
unter der jetzigen Leitung. Das Huschen der Schnepfauerin sei wahrhaftig zu eng
fr so unruhige Kpfe, so da die leicht noch einmal ber die Grenze kommen
knnten. Wenn mehrere, die auch etwas vermchten, gesinnt und gesotten wren wie
er, tt man zusammenstehen, um dem Jos mit den Seinen durch Brgschaft und wie
immer auf den Platz zu helfen. Er halte das fr eine Gemeindeangelegenheit und
habe daher ffentlich davon sprechen wollen.
    Ein Beifallssturm, der nicht enden wollte, war diesen Worten gefolgt.
Hunderte wohl erzhlten sich jetzt, da auch ihnen diese Sorge die Freude des
Festes ein wenig verdorben habe. Hans, der aufgestanden war, mute lange warten,
bis es wieder so stille war, da er glauben konnte, seine krftige, volle Stimme
werde nun doch einigermaen gehrt werden. Dann aber begann der reiche Bauer,
whrend seine Wange sich rter und rter frbte, laut und feierlich: Ich kann
gar nicht gut reden, aber wenn mir einmal etwas auf dem Herzen liegt, - ihr alle
wit es ja - dann mu es mir heraus, und mag man darber sagen, was man will.
Lange schon ist in mir ein Gedanke im Wachsen, der dem des Vorstehers gleicht
wie ein Gnseblmchen dem anderen. Heut' nun, wo es doch so wunderbar warm ist
und wie ein ganzer Frhling auf einmal, darf man sich nicht wundern, da er
pltzlich reif worden ist. Da der Jos mit der wackeren Dorothee, Hansjrg und
alles, was drum und dran hngt, soll und mu im Hause bleiben. Ich will schon
brgen fr den Preis, den Zusel fordert. Sie ist gern im Kloster und will dem
ein hbsches geben, aber auch uns hat sie noch nicht vergessen. Dem Jos wr'
also geholfen, und er mu nicht mehr ber die Grenze, damit er sich auch rhren
knne; doch wie vielen mag es schon gegangen sein wie ihm und Hansjrg. Behalte
drum und allenfalls dem Jos zulieb deinen guten Willen fr dich! Versprich mir
das! Du wirst sehen, es ist gut angewendet.
    Der Vorsteher nickte Hansen beifllig zu.
    Jos bemhte sich vergebens, ein Wort hervorzubringen, aber auch die beste
Rede wre nicht gehrt worden im Jubel der Menge, die sich mit ihrem Lieblinge
geehrt fhlte. Dorothee hatte groe Tropfen in den schnen Augen, und die
Goldfden in ihrem Krnzchen zitterten fort und fort. Angelika wollte Hansen
sagen: Wenn Zusel diesen Tag noch hier mitgelebt htte, wre sie gewi nicht
mehr ins Kloster; Hans aber hrte nichts in dem frhlichen Lrm und verstand
nur ihren dankbaren Blick. Auf einmal, man wute nicht, wer den Anfang machte,
standen die zwei Paare auf und reichten sich die Hnde. Lange hielten alle viere
sich fest, die Musikanten begannen ein lustiges Stck zu spielen, und ohne da
jemand nach polizeilicher oder anderer Bewilligung fragte, tanzte ein Paar nach
dem anderen um die Brautleute und den Tisch herum.
    Endlich hrten die Musikanten auf. Die jungen Leute ruhten, und jetzt konnte
man wieder ein Wort reden. Das wollte nun aber auch alles bentzen, um seinem
Herzen Luft zu machen. Sogar Hansjrg, der anfnglich etwas still war, plauderte
vertraulich mit der alten Stigerin, und sein Auge, ja sein ganzes Gesicht
leuchtete, whrend er sagte: Alles ist recht gekommen und auch gut, da es wohl
die Kmpfe wert ist und die Leiden, die es gekostet hat.
    Freude am Glck anderer ist doch auch Freude, sagte die Stigerin in einem
Ton, so herzlich, wie man's gewi von ihr nur selten hrte.
    Und die arme Schnepfauerin, die man vor vielen, vielen bsen und guten
Jahren gleichsam da hereingeschmuggelt hatte, wie still und selig sa die
Demtige dort an der Tischecke grad' im Schatten des wohlbeleibten
Gemeindevorstehers, und ihr Herz wollte doch beinahe springen vor Freude, da
dieser mit ihrem Jos anstie auf eine Zukunft, so glcklich, wie er und sein
wackeres Weib es verdienten. Oh, schon das war dem guten Mtterlein zuviel, viel
zuviel! Es ward ihm angst vor so hoher Ehre, so groem Glck. Und nun kam auch
noch des Vorstehers Antrag, Hansens Rede, und dann standen sie Hand in Hand, die
schnen krftigen Gestalten. War's nicht ein Traum? Hatte nicht ihr Geliebter
sie in den Himmel geholt? Nein, auch die Welt konnte so viel geben! Die arme aus
der Heimat Verstoene kam sich jetzt hier fast noch fremder vor als damals.
Hatte sie denn das verdient? Wunderbarer, gerechter, heiliger Lenker aller
Schicksale! Ja, der hatte geholfen, da sie nun ihren armen Jos als den Liebling
aller gefeiert sah. Wie gnnte sie ihm das, und doch schwindelte ihr auf dieser
Hhe! Fast wollte sie zaghaft werden und kleinmtig, aber ein Blick schon in des
Lieblings funkelndes Auge gab ihr die feste Zuversicht, da er das alles noch
verdiene und da noch gar nicht zuviel geschehen sei. O wie gern hatte sie den
Lrm, der ihr nun doch laut zu jubeln, zu beten und zu weinen erlaubte!
    Sie hielt sich fr ganz unbeachtet, aber nach dem Tanz, als man wieder
sprechen konnte, wendete der Gemeindevorsteher sich um und lie etwas Licht auf
sie fallen. Sto an, Schnepfauerin! rief er, frhlich das Glas erhebend. Und
nun sag' mir, fuhr er nach einem herzhaften Schluck fort, ob du nicht das
Heimatsrecht noch in aller Form bekommen habest? Man sollte halt keinen Menschen
ganz wegwerfen aus Gewinnsucht oder vorgefater Meinung; denn was er wird, kommt
viel auf andere an. Dein Jos da, der herzhafte, fleiige, belesene Sappermenter,
hat sich nun einen Heimatschein in viele Herzen geschrieben. Er lebe hoch!
    Hoch! hoch! hoch! scholl es von allen Ecken.
    Jetzt aber konnte, mute Jos reden. Was ich getan hab' - und so ein armer
Tropf kann wenig -, ist zum groen Teil auch aus Hochmut geschehen, rief er
aus. Tag und Nacht hab' ich geschafft und mich neben der Sorge frs Brot um
alles und jeden angenommen; aber viel geschah wieder nur, damit man sehe, wer in
mir geschimpft und verhhnt worden sei. Aber jetzt - o wie geht mir das Herz
auf! Was fr einen Schatz von Liebe gibt mir dieser Tag! Einen Schatz, mit dem
sich das Vergangene wettmachen, dann aber auch die ganze Zukunft davon zehren
lt. Ja, dieser Tag macht mich zu allem stark.
    Dieser Tag, sprach feierlich der Kaplan, den man bisher nicht beachtet
hatte, wird hoffentlich nicht nur unseren Gefeierten ein Segen frs ganze Leben
sein. Wir alle, reich und arm, wie wir eben sind, freuen uns gemeinsam mit
gleicher inniger Freude, wie das gewhnlich nicht auf Hochzeiten vorkommt,
sondern blo da, wo alles durch irgendwelches Ereignis eine schwere, drckende
Last abgeworfen, etwas Wichtiges, Folgenreiches gewonnen fhlt. So ein Gewinn,
wie der dieses Tages, ist fr uns die Erkenntnis des hohen Menschenwertes und
ein Funken christlicher Liebe. Wo diese fehlen, ist auch der Reiche recht, recht
arm, und der Arme ist es dreifach; wo sie aber sind, ja, da kann man gewi nicht
blo bei einem ueren Anla, sondern ganz von selbst und jeden Tag ein Fest
feiern.
