
                                 Raabe, Wilhelm

                  Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge

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                                 Wilhelm Raabe

                                Abu Telfan oder

                          Die Heimkehr vom Mondgebirge

                                    Vorwort

Indem ich dieses nicht in einem lustigen Sommer entstandene Buch in die Hnde
der Leser gebe und es ihrem guten Herzen anbefehle, drngt es mich, eine gute
Gewohnheit scheuerer Zeiten und schmigerer Autoren wachzurufen und mich
strengstens gegen alle Mideutungen zu verwahren, Ich bitte ganz gehorsamst,
weder den Ort Abu Telfan noch das Tumurkieland auf der Karte von Afrika zu
suchen: und was das Mondgebirge anbetrifft, so wei ein jeder ebensogut als ich,
da die Entdecker durchaus noch nicht einig sind, ob sie dasselbe wirklich
entdeckt haben. Einige wollen an der Stelle, wo ltere Geographen es notierten,
einen groen Sumpf, andere eine ausgedehnte Salzwste und wieder andere nur
einen unbedeutenden Hgelzug gefunden haben, welches alles keineswegs hindert,
da ich fr meinen Teil unbedingt an es glaube. -

Stuttgart, im November 1867
                                                                   Der Verfasser

                         Wenn ihr wtet, was ich wei,
                                sprach Mahomet,
                  so wrdet ihr viel weinen und wenig lachen.

                                 Erstes Kapitel


An einem zehnten Mai zu Anfange des siebenten Jahrzehnts dieses, wie wir alle
wissen, so hochbegnadeten, erleuchteten liebenswrdigen neunzehnten Jahrhunderts
setzte der von Alexandria kommende Lloyddampfer ein Individuum auf dem Molo von
Triest ab, welches sich durch manche Sonderlichkeit im bunten Gewimmel der
brigen Passagiere auszeichnete und selbst den an mancherlei Erscheinungen der
Menschen und Vlker gewhnten Tergestinern als etwas Neues sich darstellte. Ein
verwilderteres und, trotz der halbeuropischen Kleidung, aschanti-, kaffern-
oder mandingohafteres Subjekt hatte seit langer Zeit nicht vor dem Zollhause auf
seinem Koffer gesessen und verblfft umhergestarrt. Der Mann htte sich in das
Fremdenbuch oder vielmehr auf den Fremdenzettel des Schwarzen Adlers dreist als
particolarissimo einzeichnen drfen: er tat es aber nicht, sondern schrieb
einfach seinen Namen: Leonhard Hagebucher, hinein und fgte, den
Polizeivorschriften gem, hinzu: Kriegsgefangener - kommt aus Abu Telfan im
Land Tumurkie, Knigreich Dar-Fur - geht nach Leipzig im Knigreich Sachsen.
Natrlich lie sich eine Viertelstunde spter ein kaiserlich-kniglicher Beamter
bei ihm melden, um sich verwundert einige weitere Auskunft zu erbitten, verlie
ihn jedoch wieder eine Viertelstunde darauf noch etwas verwunderter mit der
altklassischen Bemerkung: Aus Afrika doch immer etwas Neues.
    Um seine Rechnung im Schwarzen Adler bezahlen und seine weiteren Reisekosten
decken zu knnen, verkaufte der Fremdling einen Elefantenzahn an einen Hndler
in der Poststrae und fuhr auf der Eisenbahn, ohne unterwegs die Adelsberger
Grotten zu besichtigen, nach Wien, wo er wohl Gelegenheit gefunden htte,
einigen mitgebrachten Goldstaub gegen ein gutes Agio in Papier zu verwandeln, es
jedoch in Anbetracht, da der Triestiner Elfenbeinhndler ebenfalls bereits in
Papier gezahlt hatte, unterlie. Natrlich erschien auch in Wien, auer dem
bekannten, fr sein Kloster sammelnden Barmherzigen Bruder, ein Polizeibeamter
auf seiner Stube, ersuchte ihn ebenfalls sehr hflich, ihm einen genauern
Einblick in seine Personalakten zu gestatten, und verlie ihn gleichfalls
verwundert und befriedigt. Sobald sich die Tr hinter dem Beamten geschlossen
hatte, legte sich der Reisende wieder ins Bett, und da er in demselben bis zu
seiner Abfahrt nach Prag verblieb, so konnte er selbstverstndlich weder den
Sankt-Stephans-Turm besteigen noch den Prater besuchen. In Prag kam er am Abend
an, und da er am andern Morgen in der Frhe nach Dresden abreiste, so kam der
kaiserlich- Beamte tschechischer Nationalitt, welcher es gleich den Kollegen zu
Triest und Wien fr seine Pflicht hielt, sich spezieller nach ihm zu erkundigen,
zu spt und gab nur dem Wirt zu den Drei Karpfen den Rat, knftig in solchen
absonderlichen und verdchtigen Fllen den Gast den ersten Zug versumen zu
machen. Die Prager Glocken vernahm der Kriegsgefangene aus dem Lande Tumurkie
noch vom Eilzuge aus, um dann sogleich wieder snftiglich zu entschlummern. Er
schlief, bis ihn die kniglich-schsischen Mautbeamten zu Bodenbach weckten, und
durch den Kampf um seine Habseligkeiten ermuntert, blieb er wach bis Dresden, wo
er im Schatten der Drei Palmzweige auf dem Palaisplatz in der Neustadt von neuem
einschlief.
    Es ist nicht zu verlangen, da die Polizei sich berall persnlich bemhe;
in Dresden kam sie nicht zu dem Reisenden aufs Zimmer, sondern zitierte, weniger
verbindlich als in den kaiserlich kniglichen Staaten, ihn zu sich aufs Bro,
was dem Leser der Abwechslung wegen nicht unlieb sein kann, dagegen aber dem
geheimnisvollen Fremdling ganz und gar nicht gelegen war. Da er mute, so ging
er, wie jeder gute Deutsche es tut, kam schlaftrunken zurck und fuhr, ohne sich
nach der Sixtinischen Madonna und der Brhlschen Terrasse umzusehen, nach
Leipzig ab und ruhte sanft auf dem sen Bewutsein, auch die Dresdener
Sicherheitsbehrde ber seine Persnlichkeit nicht in Unruhe und Zweifel
gelassen zu haben.
    Zwischen Dresden und Leipzig liegt Riesa an der Bahn. Da trinkt man ein sehr
gutes Eierbier. In der Nhe von Leipzig soll der Frst Schwarzenberg den Kaiser
Napoleon geschlagen haben, was jedenfalls eine groe Merkwrdigkeit wre, wenn
es sich beweisen liee. Wir wollen aber die Sache in der Dunkelheit beruhen
lassen, in welcher sie uns von unsern Vtern berliefert wurde - die alten
Herren wuten nicht genauer als wir, wer eigentlich bei Leipzig den Kaiser
Napoleon geschlagen habe.
    Der Kriegsgefangene verschlief Paunsdorf, wo die Sachsen zur guten Sache
bertraten, und befand sich in Leipzig, wo die Polizei, aufgeklrt durch die
Verlagsartikel einiger hundert Buchhndlerfirmen und tolerant gemacht durch das
dreimal im Jahre wiederkehrende Me-Vlkergewimmel, ihn zum erstenmal seit
seiner Ankunft auf dem Territorium des Deutschen Bundes ungeschoren lie und
ber die Unzukmmlichkeit seiner Angaben im Fremdenbuch hinwegsah. Wir sind ihr
sehr dankbar dafr, denn sie hat uns dadurch einen Ruhepunkt verschafft, von
welchem aus wir die fernern Erlebnisse und Abenteuer unseres interessanten
Fremdlings durch einige wenige erklrende Worte einleiten knnen.
    Auf unserer wenn auch nicht langen, so doch unzweifelhaft ungemein
verdienstvollen literarischen Laufbahn haben wir uns arg und viel geplagt,
verkannte Charaktere, allerlei Spiegel der Tugend und der guten Sitte,
abschreckende Beispiele des Trotzes, des Eigensinns und der Unart, lehrreiche,
liebliche Exempel aus der Geschichte und aus der Naturgeschichte, sei es in
alten oder neuen Dokumenten, sei es in den Gassen oder den Gemchern, auf dem
Hausboden oder im Keller, in der Kirche oder in der Kneipe, im Walde oder im
Felde, aufzustbern und sie nach bestem Vermgen abgestubt, gewaschen und
gekmmt in das rechte Licht zu stellen. Da ist uns seit dem Jahre
achtzehnhundertvierundfnfzig mancher Schweitropfen entfallen und manche
Dummheit entfahren. Hier waren wir zu breit, dort zu flach, hier zu flchtig,
dort zu reflexiv, hier zu hoch, dort zu tief. Hier waren wir affektiert, dort
manieriert, hier zu sentimental, dort zu trivial, hier zu transzendental, dort
zu real, und unser einziger Trost bleibt nur, da wir berall und immer zu
bescheiden gewesen sind.
    Seien wir letzteres heute einmal nicht, sondern rhmen wir uns nach unserm
Verdienste!
    Wieder liegt ein recht maulwurfsartiges Suchen und Whlen hinter uns, und
vor uns liegen die Materialien der sehr wahrhaften Begebenheiten, deren
Zusammenstellung wir jetzt unternehmen. Mit dem unbedingtesten Vertrauen auf die
Teilnahme und Anerkennung der Leser werfen wir unsern Hgel auf: Allerseits
schnsten guten Morgen!
    Ah, welch ein Vergngen, wieder einmal die Nase aus der Tiefe emporzurecken!
In welcher Pracht und Herrlichkeit steht der Garten der deutschen Literatur! Wie
blitzt der Tau aus den Augen des gefhlvollen Publikums an jeder schnen Blte,
wie jubilieren die lyrischen Lerchen in der blauen Luft, wie jauchzt der
Kuckuck, wie freut sich der humoristische Frosch aus dem Grunde seines
gesprenkelten Bauches!
    Wahrlich, es ist eine Lust, sich noch lebendig zu fhlen in seiner Haut und
in seiner Nation; aber wie haben wir auch gesucht und gewhlt! Man gebe uns das
uns von Rechts wegen gebhrende Lob und gebe es uns um so willfhriger, als wir
doch wieder eingestehen, da alles menschliche Wissen und Wollen nur Stckwerk
sei: unsere ber alle Begriffe reichhaltigen Materialien sind lange nicht so
vollstndig, wie wir es im Interesse der Nachwelt wnschen mchten. Verschiedene
alte Tanten und Basen haben in keiner Weise bewogen werden knnen, ihre
Schrnke, Kommoden und Strickbeutel zu ffnen; die wichtigsten Papiere sind auf
eine schmhliche Art zugrunde gegangen, und mehr als eine lbliche Verwaltungs-
oder Justizbehrde mehr als eines hochlblichen deutschen Bundesstaates hat es
schroff von der Hand gewiesen, uns einen Blick in ihre Archive zu gestatten.
    Wir waren auf Vermutungen angewiesen, wo wir Gewiheit wnschten, und unsere
Phantasie fand hufig einen viel weiteren Spielraum als unser Verstand oder das,
was wir unsere Vernunft zu nennen belieben.
    Wir nehmen unser Lob scheffelweise und lffelweise; - wir haben das
mglichste geleistet in bezug auf Wahrheit, Ernst und Unparteilichkeit; wir
haben uns weder durch den Geschmack des Tages noch durch die glckliche
Leichtigkeit unseres literarischen Handwerks zu Ausschreitungen verfhren
lassen. In jeder Beziehung haben wir uns bestrebt, dem groen Vorwurf
nachzuwachsen, und weder husliches noch ffentliches Ungemach haben uns je
lnger als eine Erdumdrehung in unserm Vorwrtsschreiten aufgehalten; ja wir
haben sogar jede schlaflose Nacht fr einen Segen erachtet; denn sie befrderte
uns gewhnlich wenigstens einen Schritt weiter auf unserm hohen Pfade. Niemals
aber wurde auch ein schwierigeres, verantwortungsvolleres Werk von uns
unternommen als diese Geschichte der Heimkehr

                             Leonhard Hagebuchers.

Und sie war um so schwieriger, je leichter sie im Anfange erschien!
    Es war recht angenehm, einen Helden frisch, fromm und frei aus dem
allerunbekanntesten, allerinnersten Afrika in Triest landen zu lassen. Man htte
glorreich lgen knnen, ohne die mindeste Gefahr zu laufen, dessen berfhrt zu
werden, und wir hatten uns entschlossen, es zu tun. Was alles htten wir mit
unserer bekannten Geflligkeit ber den Gorilla, die Tsetsefliege, den Tsadsee,
den Sambesi und dergleichen Kuriositten sagen knnen! berall hatten wir es mit
Dingen zu tun, von welchen jedermann etwas gehrt hat, ohne jedoch etwas
Genaueres darber zu wissen.
    Wie gesagt, nachdem unser literarisches Schicksal uns die Gunst hatte zuteil
werden lassen, die Bekanntschaft unseres Freundes Hagebucher zu machen, waren
wir anfangs fest davon berzeugt, da eine solche Art, ihn nach seiner langen
Abwesenheit der erstaunten europischen Welt von neuem bekannt zu machen, die
einzig richtige sei, und unser entzcktes Herz schlug und flatterte wie ein
betrunkener Schmetterling ber den tausend Blumen des Mondgebirges - Dschebel al
Komri.
    Wie jedoch auf jeden Rausch binnen kurzem die Ernchterung folgt, so trat
dieselbe auch sehr bald nach dieser ersten gehobensen schriftstellerischen
Betubung ein. Je bekannter wir mit dem vielgewanderten trefflichen Manne
wurden, desto mehr griff in unserer Seele die Gewiheit Platz, da er seine
mannigfaltigsten, buntesten, gefahrvollsten, geheimnisvollsten Abenteuer nicht
in gypten, Nubien, Abyssinien und im Knigreich Dar-Fur erlebte, sondern da, wo
aus alter Gewohnheit der mythische Name Deutschland auf der Landkarte
geschrieben steht, da, wo das biederste Volk der Erde seit uralter Zeit Treu und
Redlichkeit bt und, seit es aus dem Urschlamm entstand, seinen Regierungen
nicht ein einziges Mal einen gerechten Grund zur Klage gegeben hat.
    So wurde eine groe Aufgabe durch die andere verdrngt; es handelte sich
nicht mehr um thiopien, sondern um Germanien, nicht mehr um Nymphaea lotus,
sondern um Herba nicotiana, nicht mehr um unstrfliche Lieblinge der Gtter,
sondern um arg und oft gestrafte Sndenbcke der Menschen. Der Schmetterling vom
Mondgebirge wurde wieder zu einem gewhnlichen, weigelben Buttervogel, der sein
kurzes Sommerleben ber einer angenehmen deutschen Wiese austummelt, ruhig seine
Eier legt und der Vater einer entsetzlichen Menge sehr grner und dickleibiger
Raupen wird, was man dann in bestimmten Fllen Romane schreiben nennt.
    Wir befinden uns aber ausnahmsweise diesmal nicht in einem solchen Falle;
wir schreiben etwas ganz anderes als einen Roman und sind fest berzeugt, da
niemals ein Biograph Lebendiger oder Toter mit tieferer Wrdigung eines groen
Gegenstandes die Feder ergriffen hat, durch welche Bemerkung wir noch dazu
abermals unsere Berechtigung manifestieren, uns im Gasthofe zum Palmbaum in
Leipzig nach dem Fremdling, der hoffentlich binnen kurzem recht vielen
anstndigen Leuten ein sehr guter Bekannter sein wird, umzusehen.
    Aller Anfang ist schwer, sagt das Sprichwort und trifft hier durchaus nicht
zu. Es war nichts leichter, als den Kriegsgefangenen des Sultans von Dar-Fur vom
Molo zu Triest bis in den Palmbaum zu Leipzig zu verfolgen und ihn daselbst samt
seiner afrikanischen Kiste im Zimmer Nummer einundachtzig zu deponieren. Wo
blieben aber Mann und Kiste nachher?
    Gleich den Juden in der Wste, welchen Jehova die ihrem Zuge voranwandelnde
Feuersule im nicht unbegrndeten rger vor der Nase ausblst, gleich dem
liebenden Gemt, welches beim Mondaufgang in der Jasminlaube einen Ku erwartete
und eine Ohrfeige erhlt, gleich der deutschen Nation in allen den Augenblicken,
wo ihr ein Licht aufgeht, stehen wir sehr verdutzt und im dicksten Nebel.
    Leipzig ist eine schne Stadt und, wenn wir dem Volksliede glauben wollen,
sogar eine Seestadt. In seiner nchsten Umgebung pflegen, wie wir bereits leise
berhrt haben, seit lngerer Zeit die Vlkerschlachten stattzufinden, und da
seine Messen und sein Buchhandel zu den europischen Berhmtheiten gehren,
haben wir auch schon angegeben. Leipzig ist die Stadt der Denkmler, und es ist
ein groer Vorzug, daselbst zu einem Monument berechtigt zu sein - Hagebucher
aber war es nicht. Hagebucher kam nicht als Anfhrer von hunderttausend Mann
Mongolen, Schweden oder Franzosen; er kam nicht als Verleger oder Sortimenter,
er kam nicht als Hndler in Leder oder Fuchspelzen, es gelstete ihn nicht nach
den von Dichtern und Feinschmeckern gleich geachteten Lerchen - was wollte er in
Leipzig?
    Er hatte weder mit der Allgemeinen Modenzeitung noch mit den Blttern fr
literarische Unterhaltung irgend etwas zu schaffen - was wollte er in Leipzig?
    Ja, was wollte er in Leipzig? Unsglich haben wir uns abgemht, es
herauszubekommen, und als alle unsere Nachforschungen nur zu der einen
Vermutung, er wolle ausschlafen, leiteten, erhoben wir uns jauchzend: was fr
einen frischen, muntern, hellugigen Helden konnten wir unsern Lesern vorfhren!
Leider aber verlor sich schon im nchsten Augenblick jegliche Spur von
ebendiesem Helden; wir standen, wie gesagt, verwirrt und verdutzt und tappten im
dicksten Nebel umher. Wir verfolgten eine dunkle Spur ber den Augustusplatz,
durch die Grimmaische Strae, aber sie fhrte hinab in die Eingeweide der Erde,
und wenn auch nicht zu den Mttern, so doch in Auerbachs Keller, wo sie sich
verlor. Eine zweite, noch vagere Spur brachte uns durch das Frankfurter Tor an
der groen Funkenburg vorber nach dem Kuhturme und lie uns daselbst in einem
Kampf auf Leben und Tod mit dem furchtbaren Getrnke Gose auf das
schmhlichste im Stich. Auch in einem Kuchengarten zu Reudnitz opferten wir uns
fr das allgemeine literarische Beste ohne Resultat, und ein unbestimmtes
Gercht, welches den abenteuerlichen Mann aus Afrika, den Kriegsgefangenen des
Herrschers von Dar-Fur, im Knoblauchsduft und Mckentanz des Rosentals, auf
einer Bank in der Nhe von Gohlis ghnend sein Reisetagebuch vervollstndigen
lt, wird ewig ein Gercht bleiben; denn niemals wurde uns die Existenz dieses
Reisetagebuches zu einer Gewiheit.

                                Zweites Kapitel


Und die Erde drehte wieder einmal ihre Ostseite der Sonne zu; die letztere ging
dem, was die Menschen die Alte Welt nennen, auf, und wurde es denn auf diesem
nicht mehr ganz ungewhnlichen Wege gottlob auch in Europa von neuem Tag. Mit
der stlichen Halbkugel aber drehte sich das Stdtchen Nippenburg, welches
jedenfalls recht anerkennenswert war; denn wie jedes deutsche Gemeinwesen hielt
es etwas auf seine Selbstndigkeit und wute sich sonst mit Hartnckigkeit auf
seiner Stelle, im alten Recht und Unrecht, zu behaupten.
    Der Nonnenberg sank nach dem Orient hinber, die Sonne blickte von seinem
abgeplatteten Gipfel in den germanischen Frhling, und jeder Vogel, welcher
schon stundenlang vom Lichte gesungen hatte, konnte sich nunmehr beruhigter an
sein munteres Tagewerk begeben. Da auch die Menschheit sich sofort an ihr
Tagewerk begab, braucht in Ansehung der unendlichen Lust an der Ttigkeit,
welche in ihr steckt, nicht erst gesagt zu werden; aber wichtig ist es, zu
wissen, da auch das Dorf Bumsdorf, zweiundeinenhalben Bchsenschu westlich von
der Stadt Nippenburg gelegen, sich von der allgemeinen Bewegung nicht ausschlo.
Es war ebenfalls ein Vogelnest im Grn, dieses Dorf Bumsdorf, aber weniger voll
zwitschernder Melodien als voll Gebrumm und Gegrunz, Geschnarr und Geknarr,
Gequiek und Gequak, Gefluch und Gepfeif, Gezeter und Gejodel, und die Sonne
beschien heiter die Kirche, das Pfarrhaus, den Gutshof, das Wirtshaus und den
Mhlenteich, die Wohnungen der Vollspnner, Halbspnner, Brinksitzer, Kotsassen,
Huslinge und Anbauer und das Haus des pensionierten Steuerinspektors
Hagebucher, eines Mannes, der seiner wohlverdienten Ruhe in lndlich sittlicher
Abgeschiedenheit, jedoch nicht gar zu entfernt von den Annehmlichkeiten des
stdtischen Lebens, geno. Der Storch klapperte auf dem Dache des
Steuerinspektors, die Schwalbe bewohnte ungestrt ihr Nest an seinen Mauern: den
frommen Tauben war alle Gelegenheit zu einer wnschenswerten Vermehrung geboten:
ber der Pforte stand der biblische Spruch : Gesegnet sei dein Eingang und
Ausgang - und hinter der Tr stand der dicke Knppel fr unverschmte
Bettelleute, Handwerksgesellen und fremde Hunde; denn das Haus des
Steuerinspektors war dicht an der Landstrae gelegen, und seine Kchenfenster
waren nur durch einen Graben von derselben getrennt. Die Front des Hauses
bildete mit der Nippenburger Landstrae einen rechten Winkel, und auf drei
Seiten war es von einem nicht allzu groen, aber wohlgepflegten Garten mit
Gemsefeldern, Blumenbeeten, Graspltzen, Obstbumen und drei Lauben umgeben.
Lebendige Hecken und stellenweise ein hlzernes Gitter zogen die Grenzen gegen
die brige Welt.
    Das Licht aus dem Fenster des Wohnzimmers im untern Stockwerk der
Vorderseite und das Herdfeuer aus den Kchenfenstern der rechten Nebenseite
warfen im Sommer wie im Winter einen gleich behaglichen Schein in die
Abenddmmerung oder die schwarze Nacht. Der Dampf des Schornsteins war so
appetitlich wie irgendein Opferrauch, der je zu der unsterblichen Nase Jehovas,
Jupiters oder des Gottes der spanischen Inquisition emporstieg, von welchen
letztern kirchlich-kulinarischen Darbietungen sich, beilufig gesagt, die schne
Redensart herschreibt, da jemand den Braten rieche. Tausende und aber Tausende
von mden Wanderern, die auf der Landstrae an dem Hause des Steuerinspektors
vorbergezogen waren, hatten den Mann beneidet, whrend der Winterabend dsterer
herabsank und die Schneewolken tiefer sich zur Erde senkten; wir aber beneiden
ihn an diesem Frhlingsmorgen, welcher auf die Heimkehr seines Sohnes Leonhard
folgte.
    Hund und Katze sonnten sich auf der Steinbank vor dem Hause des
Steuerinspektors, und der Steuerinspektor selbst rauchte nachdenklich seine
Morgenpfeife auf dem mit feinem Sand bestreuten Platze zwischen seiner Tr und
seinen Rosenstcken. Die Steuerinspektorin hielt die Hand ber die Augen, um
nicht von der Sonne geblendet zu werden, und sah nach den Fenstern des obern
Stockwerks hinauf. Frulein Lina Hagebucher aber sa im Innern des Hauses auf
der Treppe, hielt die Hnde im Schoe gefaltet, still wie ein Muschen, und
bewegte in ihrem Herzchen alle Wunder, die sich seit gestern abend an ihr und
dem Hause ihrer Eltern erfllt hatten. Es ist keine Kleinigkeit, wenn ein
Bruder, den man im Dienste des Vizeknigs von gypten gegen die Nubier gefallen
glaubt, von dem man aus frhesten Kindheitsjahren her nur noch eine sehr dunkle
Erinnerung hat und der allmhlich in der Phantasie zu einem sehr romantischen,
mrchenhaften Wesen geworden ist, pltzlich auf der Landstrae von Nippenburg
heranwandelt und, schlimmer von Aussehen als ein Zigeuner, ber die Hecke in die
Geiblattlaube guckt, nach dem Papa und der Mama fragt und dann entsetzlich
nervs wird, unter lautem Schluchzen sein Inkognito fallenlt und Lina beim
Halse nimmt und sie abkt, wie es ihr noch nie passierte.
    So war es geschehen, und Nikola von Einstein, das Ehrenfrulein aus der
Residenz, welches sich auf dem Gutshofe zum Besuche oder, wie es sagte, auf
Urlaub befand, und Sophie und Minchen, die beiden Bumsdorfer Ritterfrulein,
konnten es bezeugen, denn sie waren alle drei bei dem Vorgange zugegen und
schrien smtlich mit um Hlfe. Der Papa und die Mama waren im hchsten Schrecken
aus dem Hause hervorgestrzt, und Frulein Nikola schrieb an demselben Abend
noch die ganze Geschichte ausfhrlich, ihre eigenen Gefhle und die aller andern
recht anschaulich schildernd, nach der Residenz; - sie langweilte sich ein klein
wenig bei ihrer Milch- und Molkenkur zu Bumsdorf und hatte jetzt zum erstenmal
daselbst etwas erlebt, was des Berichtens wert war.
    Du kleines, flatterndes Herz auf der Treppe, nicht wahr, das war eine
schlaflose Nacht? Hinter der dnnen Wand schluchzte die Mutter, und der Vater
lief auf und ab bis zum ersten Hahnenschrei, und du, du weintest und lachtest
durcheinander und schwebtest in dem Mirakel von Mondenaufgang bis
Mondenuntergang, um dann einen kurzen, unruhigen, ngstlichen Traum davon zu
trumen. Nun war es Morgen, die Sonne war aufgegangen, man brauchte sich nicht
mehr an der Nase zu zupfen, um sich zu vergewissern, da man wach sei und seine
fnf Sinne smtlich beieinander habe: die Geschichte, welche Nikola nach der
Residenz schrieb, war zweifellos wahr; die wilden Mohren hatten den Bruder
Leonhard nicht erschlagen - er war heimgekehrt und schlief in der blauen Stube.
Die Welt und die Zeit hatten mit einem Schlage sich gendert: nicht das Kleinste
erschien mehr so, wie es gestern gewesen war; jeder Ton, jeder Schimmer und
Schein hatten eine andere Bedeutung, und doch, wenn Baum und Busch, der Garten
und das Feld ber Nacht den grnen Rock aus- und einen blauen angezogen htten,
so wre das durchaus von keiner Bedeutung und ganz und gar nicht merkwrdig
gewesen.
    Es ist in der Tat eine merkwrdige Geschichte, sprach aber der Vater
Hagebucher, zum dreizehntenmal seine Pfeife in Brand setzend. Man gibt sich
alle Mhe, das Faktum mit berlegung und Fassung zu behandeln: allein es will
nicht gelingen. Mutter, nimm dich zusammen und halte den Kopf oben: sei
vernnftig und wirf einem das Rechenexempel nicht noch mehr durcheinander -
heule nicht, Alte, dazu ist doch wahrhaftig kein Grund - der Junge ist wieder
da, das ist jedenfalls ein Trost, den wir frs erste sicher ins Haben schreiben
knnen, das Weitere mu sich ja wohl allmhlich finden.
    Mein Kind, mein Kind, mein armes Kind! schluchzte die Mutter. Wie habe
ich mich um ihn gehrmt, und wie sieht er aus! Mein Kind ein Sklave - zwischen
einem Ochsen und einem Kamel an einen Pflug gespannt! Und zehn Jahre lang nichts
zu essen als saure Elefantenmilch und spanischen Pfeffer. O mein verlorenes
Kind, mein Leonhard! Mein Kind, ein schwarzer Sklav, ich fasse es nicht, ich
fasse es nicht! Und da wir ihn wiederhaben, da er oben in seinem Bett liegt,
da wir hier mit dem Kaffee auf ihn warten, das kann ich, Gott mag es mir
verzeihen, noch weniger fassen.
    Konfus mte es den Besten machen: na, nur Ruhe, Ruhe; was hilft das
Gezappel, es kommt alles zu einem Fazit, brummte der Steuerinspektor. Addieren
und subtrahieren knnen ist zuletzt doch die Hauptsache, und die Kunst hat noch
keinen Menschen im Stich gelassen, man mu sie nur richtig anzuwenden wissen.
Guten Morgen, Herr von Bumsdorf - jawohl, es ist so - wir haben ihn wieder - er
ist heimgekommen.
    Gratuliere, gratuliere von Herzen! rief der Ritter, sich halben Leibes
ber den Zaun lehnend. Aber sagen Sie, Inspektor, trgt er denn wirklich einen
Ring in der Nase?
    Gottlob, das doch nicht! rief die Mutter entrstet. Schlimm genug ist's
mit dem armen Kinde, aber einen solchen Jammer hat uns doch der Herr gndig
erspart.
    Das Frauenzimmer aus der Residenz lgt wie gedruckt und verdirbt mir meine
Mdchen dazu in Grund und Boden, sprach der Herr vom Hofe. Ich bitte ganz
gehorsamst um Verzeihung, Frau Inspektorin - also ist die Geschichte von der
grnen und gelben Tatauierung natrlich -
    Auch erlogen! schlo die Mama. Schicken Sie mir nur Frulein Nikola, Herr
von Bumsdorf; ich werde ihr meine Meinung sagen. Das arme Kind, als ob es nicht
schon genug unter den Mohren und Heiden erduldet htte.
    Die ganze Gegend auf sechs Meilen in der Runde schlgt einen Purzelbaum
ber diese Geschichte! rief jetzt der Ritter von Bumsdorf im hellen
Enthusiasmus. So etwas ist ja noch gar nicht dagewesen; kein Mensch hat es fr
mglich gehalten, das geht ber alle Zeitungsbltter und Romangeschichten von
Eduard und Kunigunde, ber den Gehrnten Siegfried, die Gartenlaube und den
ganzen Alexander Dumas. Hagebucher, alter Freund, Sie sind ein glcklicher
Patron, und wenn es Ihnen ansteht, so vertausche ich auf der Stelle meinen
Leutnant gegen Ihren Afrikaner.
    Wir haben beide in dieser Hinsicht das Fazit noch nicht gezogen, Herr von
Bumsdorf, sagte der Steuerinspektor. Da der Junge aber wieder da ist, ist
freilich ein gutes Ding, schon der Alten wegen. Wir haben bse Nchte durchlebt
diese Jahre durch; aber wer kann sagen, was wir anjetzo zurckempfangen haben?
Nun, wir wollen den angenehmen Morgen dankbarlichst genieen; es ist gewilich
eine groe Freude, wenn auch eine groe Verwirrung, eine merkwrdige Konfusion.
Da gehen alle vier Spezies durcheinander, da es einem vor den Augen schwimmt;
wenn das Exempel Kopf und Fu haben wird, so wollen wir weiter davon sprechen.
    Es ist wahr, sprach der Ritter, man wei niemals, wie Petz nach Hause
kommt. Mein Leutnant hat mir auch hufig genug das Gaudium am Wiedersehen
raffiniert verdorben. Na, man wird ja schon sehen, was man erleben soll,
Inspektor: - jedenfalls wnsche ich immer wieder aus vollem Herzen Glck, und
ich denke, es wei ein jeder, wie ich es meine.
    Ja, das wissen wir, sagte die Mutter Leonhards, und dann ging der Ritter
von Bumsdorf, seine Roggenfelder zu besehen, und berlie die Familie Hagebucher
ihrer Aufregung und zitternden Unruhe. Der Steuerinspektor gab es auf, seine
Pfeife im Brande zu erhalten, er setzte sie fort und trug seine Irritation zu
seinen Spargelbeeten, die Mutter trug ihr klopfendes Herz in das Haus, und Lina
machte ihr neben sich Platz auf der Treppenstufe, und beide waren berzeugt, nie
in ihrem Leben auf solche Weise gehorcht und so viel, so viel
durcheinandergebracht zu haben. Wir aber, indem wir den seltsamen Wanderer,
dessen Spur wir in Leipzig verloren und den wir in Bumsdorf wiedergefunden
haben, um dieses Lauschen und Gedankenspiel auf der Treppe sehr beneiden, wenden
uns zu ihm selber.
    Er lag selbstverstndlich noch im Bette, und man braucht eben nicht
gleichfalls aus der Gefangenschaft im Tumurkielande zurckgekehrt zu sein, um
sich mit Genauigkeit in seine Gefhle und Stimmungen versetzen zu knnen.
Epimenides, die sieben Brder von Ephesus, welche unter der Regierung des
Kaisers Decius in die Hhle gingen und unter der Regierung des Kaisers
Theodosius, einhundertfnfundfnfzig Jahre spter, wieder herauskamen, und
zuletzt Meister Rip van Winkle haben uns lngst befhigt, ihm in allen seinen
Empfindungen gerecht zu werden.
    Er lag auf dem Rcken und hatte beide Hnde unter den Hinterkopf geschoben;
er schnarchte, und Mutter und Schwester hrten ihn schnarchen. Jetzt zuckte er,
wie von einem elektrischen Funken getroffen, und fuhr jhlings empor,
meinungslos, halb erschreckt um sich her starrend - mit einem Seufzer sank er
zurck und sah zweifelnd, ohne sich zu bewegen, auf den von der Sonne
durchstrahlten Fenstervorhang. Eine Ahnung ging ihm auf, wo er sich befinde, und
allmhlich, ganz allmhlich wurde diese Ahnung zur sichersten Gewiheit, und die
Furcht, den Dmonen der Nacht wieder einmal zum Spielzeug gedient zu haben,
verschwand nach und nach; die Lippen zitterten, und es ging etwas ber das
verwilderte Gesicht, ber die benarbte Stirn, was nichts mehr mit dem Knigreich
Dar-Fur zu tun hatte. Leonhard Hagebucher hatte sich aufgerichtet und horchte
und rief dann:
    Mein Gott, da sind ja wieder einmal die Erdflhe dem Alten ber das junge
Gemse geraten! Mein Gott, mein Gott!
    Und dann sank er wieder zurck und legte beide Hnde auf das geschwrzte
Gesicht, und dann - dann hat er geweint, trotzdem da er ein starker Mann und
nahe an sechs Fu hoch war und mehr erlebt hatte als das ganze Dorf Bumsdorf und
die Stadt Nippenburg dazu.
    Gestern waren es Abu Telfan, die schwarzen Freunde mit der Peitsche aus der
Haut des Rhinozeros, Moskitos, Riesenschlangen, Kopfabhacken, Bauchaufschneiden,
Sumpffieber, Affen- und Gallaneger-Braten. Heute hie es Bumsdorf, Elternhaus,
deutsches Kaffeebrennen, deutscher Westwind - Spatzen Schlafrock und Pantoffeln,
das war der Unterschied!
    Drauen auf der Treppe flsterte Lina:
    Horch, Mama, er regt sich, er ist erwacht!
    Und beide dumme Dinger erhoben sich schwindelnd und kratzten an der
Kammertre und riefen zwischen Lachen und Weinen: Guten Morgen, Leonhard! Und
Leonhard rief etwas ganz hnliches zurck, hinzufgend, da er in fnf Minuten
bei ihnen sein werde. Darauf war es, als sei in dieser verflossenen Nacht ein
neues Volkslied in einem der Schwalbennester unter dem Dachrande geboren worden
und nehme jetzt seinen Flug in die Welt hinaus - es war aber nur Frulein Lina
Hagebucher, welche singend die Treppe hinunter- und hinaus in den Garten sprang
und ihren Vater an den Schen seines Schlafrocks aus seinen Erbsenfeldern
hervorzog.
    Er wird sogleich kommen, er wird sogleich hier sein!
    Schn! sprach der Alte, die Brille zurechtrckend. Es soll mich wundern,
wie er bei Tageslicht aussieht; gestern in der Abenddmmerung und beim
Lampenschein - nun, wir wollen sehen.
    Das wollen wir, Papa! rief Lina und richtete sich mit glnzenden Augen
empor.
    Erwacht, erwacht, erwacht! rief Leonhard, seine Mutter unter der Haustr
in die Arme schlieend und sie kssend, grade unter dem alten wackern Worte:
Gesegnet sei dein Eingang und dein Ausgang.

                                Drittes Kapitel


Meilenweit ins deutsche Land hinein stellte sich die Umgebung von Bumsdorf auf
die Zehen, um gleich dem Freiherrn von Bumsdorf ber die Hecken in den Garten
des Steuerinspektors Hagebucher zu gucken. Natrlich wurde der kuriose Fall auf
die verschiedenste Weise angesehen; denn je nach Alter, Geschlecht und Stand ist
der Gesichtspunkt des Menschen ein anderer, und man schlgt nicht auf eine und
dieselbe Art die Hnde ber dem Kopfe zusammen. Zu den seltsamsten Mnzen wurde
das Ding ausgeprgt und in Umlauf gesetzt. In den Gerichtsstuben und in den
Wochenstuben, auf dem Markte und in den Gassen, in der Wirtsstube und in dem
langen Trauerzuge, welcher dem soeben verstorbenen, uns jedoch sonst weiter
nicht interessierenden Nippenburger das Geleit zum Kirchhof gab, wurde von dem
Mann aus dem Tumurkielande gesprochen. Unsere Aufgabe aber ist es, vor allen
Dingen Herrn Leonhard Hagebucher selbst zu hren und dann erst der Welt das Wort
zu geben und den behaglichen oder unbehaglichen Eindruck ihrer Meinung auf den
heimgekehrten Abenteurer in Betracht zu ziehen.
    Also sprach Leonhard Hagebucher zu seinen Eltern und seiner Schwester und
tat bedeutend den Mund auf, wie es in Hermann und Dorothea geschrieben
steht, wobei jedoch noch zu bemerken ist, da die Erzhlung nicht ununterbrochen
fortlief, sondern, durch alles, was naturgem einen solchen Bericht verzgern
und von der graden Strae abdrngen mu, aufgehalten, nach altem Recht des
Zuhrers und des Erzhlers selbst im hpfenden Zickzack vorschritt und sich
durch Tage und Wochen ringelnd hinschleppte.
    Selten mag wohl einem Menschen eine so gnstige Gelegenheit, ber seine
Snden und Laster nachzudenken und sie zu bereuen, gegeben werden, wie sie mir,
ganz und gar gegen meinen Willen, zuteil geworden ist, und da ihr mich wieder in
eurer Mitte aufgenommen habt, ohne die alten Zerwrfnisse von neuem
aufzufrischen, so will auch ich so wenig als mglich Worte ber das verlieren,
was ihr beiden Alten zur Genge kennt und was das Schwesterlein gottlob nicht
weiter krnkt. Ein relegierter Studiosus der Theologie konnte wahrlich kein Mann
fr den lieben Papa sein, und auch ich habe heute nichts mehr dazu zu sagen und
werde jetzt gewi keine Untersuchung mehr anstellen, ob jenem Schlger, welcher
diese Schmarre hier ber die Nase und jenen Strich durch alle Hoffnungen,
Erwartungen, Voraussetzungen der Familie Hagebucher in betreff meiner
leichtsinnigen Individualitt zog, in irgendeiner anstndigen Weise ausgewichen
werden konnte. Ich wei nicht, welche Fee von der Mama nicht zu meiner Taufe
eingeladen wurde, aber das wei ich, da sie mich diesen Versto gegen die
Hflichkeit und den allgemeinen Anstand schwer hat ben lassen. Ich bin in
einen Schlaf gefallen wie die Prinze Dornrschen, aber es war ein Schlaf voll
sehr unangenehmer, rgerlicher Trume, und durch einen Ku wurde ich auch nicht
geweckt. Es liegt ein Dasein, welches nicht zu beschreiben ist, zwischen der
heutigen Stunde und dem Jahre achtzehnhundertfnfundvierzig. Es ist etwas gleich
der Wirkung eines Schlages vor die Stirn; oder noch besser - die Brigg
scheiterte, und zerschunden und zerschlagen richte ich mich am Strande auf mit
einem dumpfen Bewutsein von der Brandung, einem Umhergreifen nach Masttrmmern
und Planken, einem Ritte auf einer leeren Wassertonne und dergleichen halb
unwillkrlichem Kampf mit der Gewalt und Macht des Ozeans. Ich habe eine unklare
Erinnerung, da ich meine Fhigkeiten in Hinsicht auf die mathematischen
Wissenschaften und neuern Sprachen in den Zeitungen dem Publikum rhmte, da ich
den Versuch machte, als Lehrer einer Privaterziehungsanstalt mein Schicksal zu
erfllen, da ich als Poet mich in Gelegenheitsgedichten und Wichseannoncen
versuchte, jedoch weder durch das eine noch das andere den Lorbeer weder zu noch
in der Suppe erhielt. Aus Italien habe ich mehrfach nach Bumsdorf geschrieben
und Nachricht ber meine Zustnde gegeben. Ich war Kommissionr eines groen
Hotels in Venedig, ich war Kammerdiener einer belgischen Eminenz in Rom, und in
Neapel lebte ich nach der Gelegenheit des Ortes harmlos, behaglich, frei, ein
Lazzarone und ein Gentleman, und habe es dem Fatum kaum Dank zu wissen, als es
mich dieser paradiesischen Existenz entri und mich Hals ber Kopf in die
verfngliche Weltfrage der Durchstechung der Landenge von Suez warf. Wenn ich,
wie leider nicht geleugnet werden kann, ein ziemlich unreputierlicher,
vagabondenhafter Gesell gewesen war, so gab mir nunmehr der Zufall Gelegenheit,
meinen lieben Eltern und dem, was unsereiner hier in Deutschland sein Vaterland
nennt, alle Ehre zu machen. Als Sekretr des Sekretrs des Monsieur Linant-Bey,
Oberingenieurs Seiner Hoheit des Vizeknigs von gypten, welcher damals, das
heit im Jahre achtzehnhundertsiebenundvierzig, im Kontraktverhltnisse mit
Seiner Majestt dem Knig der Franzosen untersuchen lie, ob in der Tat das Rote
Meer dreiig Fu hher liege als das Mittellndische, hatte ich das Vergngen,
das Interesse meiner vierzig Millionen Landsleute in dieser Frage wrdig
vertreten zu knnen. Die Englnder und Franzosen schickten Fregatten, Diplomaten
und Rudel von Gelehrten, der deutsche Genius sandte mich, was jedenfalls in alle
Ewigkeit ein glnzender Ruhm fr Nippenburg und Bumsdorf bleiben wird.
Schwindel! grunzte John Bull, welchem wenig oder nichts an dem Graben gelegen
ist. Welthistorische Idee! kreischte Robert Macaire, dem bekanntlich die mer
mditerrane von der Vorsehung zum Eigentum und Waschbecken berwiesen wurde;
und die Nivellementsexpedition unter den Herren Linant-Bey und Bourdaloue begab
sich mit Eifer ans Werk, um die Englnder ad absurdum zu fhren. Im Interesse
der deutschen Bundesstadt Triest, des gesunden Menschenverstandes und meiner
eigenen Stellung schlug ich mich natrlich auf die Seite Frankreichs und des
Mameluckenzivilisateurs Mehemed Ali. Recht vergnglich richteten wir uns im
Sande zwischen Pelusium und Suez ein, trabten mit Meketten und Stangen, mit
Diopterlinealen, Quadranten, Sextanten und Bussolen hin und her, rechneten und
maen, da uns der Kopf schwitzte, und wechselten ebenso hufig unsere Haut als
unser Hemd unter dem Einflusse dieser wohlmeinenden gyptischen Sonne.
Dazwischen redigierten wir Zeitungsartikel fr alle mglichen europischen und
auereuropischen Bltter, um nicht nur den Kanal, sondern auch die ffentliche
Meinung in das rechte Bett zu leiten; und da es mir gegeben wurde, da ich in
mancherlei Zungen mich verstndlich machen kann, so stieg ich allmhlich sehr in
der Achtung meiner Arbeitsgeber, was ich brigens damals pflichtgem nach
Bumsdorf gemeldet habe. Aber gegen das Ende des Jahres siebenundvierzig waren
unsere Untersuchungen leider schon beendet, und Monsieur Paulin Talabot, der
Prsident der Socit d'tudes du canal de Suez, welcher ruhig und bequem daheim
in Paris geblieben war, publizierte das Resultat zum grten rger der Regierung
Ihrer Majestt der Knigin Viktoria. Die alte zimperliche Exjungfer Europa sa
wieder beruhigt in der Oberzeugung, da eine Durchgrabung der vielbesprochenen
Landenge ihr nicht jene von grobritannischer Seite angedrohte berschwemmung
bedeute; - John Bull fhlte sich sehr auf den Mund geschlagen, denn der Indische
Ozean drckte mit hchstens zwei Fu bergewicht auf das mittellndische
Gewsser, ja zur Zeit der tiefsten Ebbe steht sogar das Meer bei Tineh um
anderthalb Pariser Fu hher als die Wasser bei Suez. Der Kanal war zu einem
unabweisbaren Bedrfnis und ein Kontrakt mit Seiner gyptischen Hoheit in
betreff der Lieferung von fnfzigtausend Fellahleben zu einer brennenden
Notwendigkeit geworden. Mit groem Triumph waren die Mitglieder der
franzsischen Expedition auf ihrer Fregatte nach Marseille unter Segel gegangen,
und ich - war im Sande zwischen den Pyramiden, Ibissen, Krokodilen, Ichneumons
und spekulativen Fabrikunternehmungen Mehemed Alis sitzengeblieben. gypter und
Franken zuckten bedauernd die Achseln, als ich meine Talente zu fernern
Dienstleistungen empfahl. Man hatte mir vierhundert Franken aus der Kasse der
Expedition ausgezahlt, und so schlenderte ich ziemlich gemtlich in den Gassen
von Kairo umher, ruhig in der sichern Voraussetzung, da mir im Falle der Not
eine Stelle als polyglotter Hausknecht in einem der groen europischen Hotels
nicht entgehen knne. Letztere Vorstellung wrde fr einen Nippenburger
Honoratioren wenig Verlockendes gehabt haben, fr mich aber hatte die gegrndete
Hoffnung, auf einem solchen Posten in nicht zu langer Zeit ein artiges Vermgen
zu machen, durchaus nichts Stinkendes: jedoch das Schicksal hatte es anders mit
mir im Sinn. Ich war eben nicht fr Lehnstuhl, Schlafrock und Pantoffeln geboren
worden. Die Jahrtausende, welche nach einem bekannten Ausspruch von den
Pyramiden auf die Wste herabblicken, konnten unmglich einen rgern Schuft
gesehen haben als den ausgezeichneten Signor Luca Mollo, genannt Semibecco, und
ich sollte die Ehre, die Bekanntschaft dieses berchtigten Elfenbeinhndlers vom
Weien Nil gemacht zu haben, teuer bezahlen. Ich wei nicht, ob je ein anderes
Dichterwort so viele arme Teufel in den Sumpf gefhrt hat als jene klassische
Zeile: Nichts Menschlichem fremd! Die Leute, welche mit ihr das Leben zu
bezwingen gedenken, werden zu allen Zeiten erfahren, welchen Unannehmlichkeiten
sie sich durch dieselbe und in derselben aussetzen. Auch ich erfuhr es und
wnsche keinem Bumsdorfer den Genu der Menschlichkeiten, mit welchen ich
vertraut geworden bin. Mit meinem Freunde Luca Mollo oder Semibecco und einem
Haufen des niedertrchtigsten Lumpengesindels, ber welches Allah regnen und die
Sonne scheinen lie, zog ich nach Chartum und von da weiter stromaufwrts gen
Kaka, wo wir gegen Anfang des Januar achtzehnhundertachtundvierzig eintrafen und
unsern Handel mit den Leuten des Landes, den Schilluks, anfingen, welche meinen
abenteuernden Genossen an Heillosigkeit kaum etwas nachgaben. Meine Ausrstung
bestand in einer guten Doppelbchse, nebst der dazugehrenden Munition, und
einem Kasten voll Nrnberger Hampelmnner, welche letztere auf einem
sterreichischen Lloyddampfer in Alexandria gelandet waren. Ich mu leider
gestehen, da ich in einem Jahre mehr Fetische in der Gegend zwischen dem Bahr
el-Abiad und dem Bahr el-Asrek verbreitete, als die deutschen und englischen
Missionre in zehn Jahren abschaffen werden. Trotzdem aber, da man mit uns
Handel und Wandel trieb und gegen Kuhglocken, Glasperlen, Rasierspiegel und
dergleichen Kostbarkeiten selbst das hergab, was der zivilisierte und
sentimentalere Mensch sein Liebstes nennt: so war unser Ruf doch nicht der
beste. Wir waren nach unsern Verdiensten bekannt von der Strae Bab el-Mandeb
bis weit bers Sultanat Wadai hinaus, und kein germanischer Steckbrief konnte
uns schwrzer anstreichen, als wir bereits im Gedchtnis der Leute vom Nildelta
bis zum Mondgebirge angeschrieben standen. So war es denn auch durchaus nicht
verwunderlich, sondern einzig ein nur zu lange verschobener Akt der gttlichen
Gerechtigkeit, als unserer Expedition auf einem Streifzug gegen die Baggaraneger
durch einen nchtlichen berfall pltzlich ein Ende gemacht wurde. Mit Lanzen
und Keulen und Messern kamen sie ber uns, als wir es am wenigsten vermuteten,
um die Rechnung fr dieses Mal zu quittieren, und sie bedurften keiner langen
Zeit zur Auszahlung des uns von Rechts wegen Gebhrenden. Der grte Teil meiner
Reisegesellschaft wurde auf der Stelle totgeschlagen, und nur ein kleiner Rest
wurde bis auf weiteres, ohne alle Rcksicht auf krperliche oder moralische
Gefhle, mit Stricken aus Aloe- und Palmbaumfasern geknebelt. Das Weitere kam
bald. Es zeigte sich, da mein armer Freund Semibecco der bekannteste und
deshalb auch gehateste unserer ganzen Bande war. Man spiete ihn, und ich kann
nicht sagen, da man ihm zuviel dadurch antat, wenn es gleich nicht angenehm
war, der Exekution und dem dreitgigen Todeskampfe des Unglcklichen zusehen zu
mssen. Die Aussicht, in gleicher Weise auf einem zugespitzten Pfahl der Sonne,
dem Durste und den Moskitos ausgesetzt zu werden, konnte auch mit dem nil humani
alienum a me puto in Verbindung gebracht werden. Glcklicherweise blieb ich
diesem Menschlichen jedoch fremd. Ich ging nur als ein Handelsartikel mit
variierendem Werte von Hand zu Hand, von Stamm zu Stamm, und wurde zuletzt im
Schatten Dschebel al Komris zu Abu Telfan im Tumurkielande einem meiner eigenen
Hampelmnner, einem glotzugigen, grinsenden Kerl mit blauen Hosen, gelben
Husarenstiefeln und einer roten Jacke - zugegeben. Tiefer war doch gewi noch
niemals ein deutscher Studiosus der Gottesgelahrtheit im Preise gesunken?!...
    Wir haben zu Anfang dieses Kapitels unsere Meinung dahin ausgesprochen, da
man Herrn Leonhard Hagebucher seine Abenteuer erzhlen lassen msse, ohne ihn zu
unterbrechen, ohne die Fragen und Interjektionen der Welt dazwischenplatzen zu
lassen. An dieser Stelle aber knnen wir nicht umhin, unsere Ansicht zu ndern;
der Nrnberger Zappelmeier fiel denn doch der Bumsdorfer Verwandtschaft zu stark
auf die Nerven. Mit offenem Munde, mit zurckgehaltenem Atem sa sie da, den
Erzhler anstarrend, und als sie wieder fhig war zu sprechen, rief sie:
    Und dann, und dann, o Gott, und dann?
    Nichts! sagte der Afrikaner mit einer Ruhe, die in der Tat etwas
gespensterhaft Unheimliches hatte. Das Licht seiner Augen schien sich wie in
einem Nebel zu verlieren, seine ganze Gestalt sank zusammen, die Mutter fate
ihn laut weinend in die Arme, Lina sa mit gefalteten Hnden regungslos im
zitternden Gram und Schrecken, und dem Papa Hagebucher ging wieder einmal die
Pfeife aus.
    Nichts! wiederholte Leonhard. Zwanzig bis dreiig in einen kahlen,
glhenden Felsenwinkel geklebte Lehmhtten - hundertundfnfzig belduftende
Neger und Negerinnen mit sehr regelmigen Affengesichtern und von allen
Altersstufen von Zeit zu Zeit Totengeheul um einen erschlagenen Krieger oder
einen am Fieber oder an Altersschwche Gestorbenen - von Zeit zu Zeit
Siegsgeschrei ber einen gelungenen Streifzug oder eine gute Jagd - von Zeit zu
Zeit dunkle Heuschreckenschwrme, welche ber das gelbe Tal hinziehen - zur
Regenzeit ein troglodytisches Verkriechen in den Spalten und Hhlen der Felsen!
Im Juni des Jahres achtzehnhundertneunundvierzig geschah jener berfall -
rechnet, rechnet - zhlt an den Fingern die Jahre und - gebt mir ein Glas Wasser
aus unserm Brunnen: wahrhaftig, es war eine arge Hitze und sehr schwl in Abu
Telfan im Tumurkielande!
    Aller Segen Gottes ber den guten Mann, welcher dich befreite, mein armer
Sohn, und dich uns wiedergab! rief die Mutter.
    Van der Mook! Van der Mook! Jawohl, jawohl; er kam ins Land, junge Lwen,
Affen und andere merkwrdige Bestien zum Vertrieb an die europischen Menagerien
einzuhandeln, und da ich allmhlich der Kategorie seiner Handelsartikel so
ziemlich anheimgefallen war, so trat er kaum aus dem Kreise seines Geschftes
heraus, als er auch um mich zu feilschen begann. Kornelius van der Mook, der
Name steht freilich mit flammender Schrift in meiner Seele! Er kaufte mich
billig und wahrscheinlich nur in einer augenblicklichen Laune; aber er kaufte
mich, und das war das wichtigste. Er gab mir Gelegenheit, auf unserm Wege durch
Dar-Fur und Kordofan durch verschiedene kleine Hlfeleistungen mich an seinen
Spekulationen beteiligen zu knnen und wenigstens mein Reisegeld bis Chartum zu
verdienen. In Chartum nahm sich die katholische Mission meiner an, und meine
Abenteuer endigten dort; denn von hier an bis zur Mndung ist fr einen
Menschen, der elf Jahre in Abu Telfan gefangensa, der Nil kaum vom englisierten
deutschen Rhein zu unterscheiden, und das rote Reisehandbuch ersetzt die
Doppelbchse, den Revolver und das nubische Jagdmesser vollstndig. Ihr sagt,
dies sei Bumsdorf und ich heie Leonhard Hagebucher - ich will es euch glauben
und mu die Konsequenzen auf mich nehmen.

                                Viertes Kapitel


Wald, Wiesen, Ackerfelder, Kirchturmspitzen und Hausdcher, blaue Hhenzge bis
in die weiteste Ferne - alles in schnster Ordnung und in anmutigster
Beleuchtung: alles so hbsch und reinlich, so bunt und fein, so freundlich und
friedlich wie nur mglich, aber alles dessenungeachtet nicht imstande, den an
die Dekoration Gewhnten in eine ungewhnliche Ekstase zu versetzen.
    Es war aber nicht jeder daran gewhnt.
    Der Wald warf seinen Schatten auf den Rand der Wiese, und im weichen Grase
unter den ersten Bumen lag Leonhard Hagebucher und blickte, zwischen den
Fingern durch, hinaus in den Sonnenschein. Er fr sein Teil hatte noch das
Recht, am Himmel und auf Erden mehr zu sehen als ganz Bumsdorf und Nippenburg
zusammen, und er machte in ungestrter trumerischer Behaglichkeit von seinem
Rechte Gebrauch. Wie ein groes Kind lag er in der Wiege der Heimat und lie
sich schaukeln und von der Lerche, dem Finken und dem Wind im Buchengezweig das
Lied von der ewigen Jugend und Schnheit der Welt vorsingen.
    Auf der Wiese Vor dem Walde glnzten die leichten Frhlingskleider der
Mdchen, und jede Bewegung der jungen Geschpfe mute in solcher Umgebung, in
solchem Lichte zierlich und grazienhaft erscheinen. Ihr Rufen und Lachen und
selbst ihr helles Gekreisch, als sie sich im Spiel durch die Blumen und das Gras
und um die vereinzelten Bsche jagten, war vollkommen melodisch und in Harmonie
mit allen brigen Klngen und Lauten. Sogar die beiden guten Kinder vom
Gutshofe, Sophie und Minchen von Bumsdorf, welche in einem nahrhaften und
sorgenlosen Dasein und unter dem Einflu der Milch- und Molkenwirtschaft sich zu
recht wohltuend rundlichen Jungfrulein entfaltet hatten, trugen hier mehr vom
Reh und der Gazelle zur Schau als in der Kche oder auf dem wohlgestampften,
mauerumschlossenen, vom schwerwandelnden Rindvieh belebten Boden des vterlichen
Hofes. Lina Hagebucher schwebte wie eine kleine blonde Fee, und Frulein Nikola
von Einstein erschien wie Titania selber. Das war ein Gegensatz in Temperatur,
Frbung, Beleuchtung und Gestaltung gegen Abu Telfan, und der Mann vom
Mondgebirge empfand und fhlte ihn bis in die feinsten Abtnungen und
Schwingungen. Wie in ein Zauberreich sah Leonhard Hagebucher aus dem Schatten
seiner Bume in die goldgrne Landschaft, und ein Zauber war's, als Frulein
Nikola die drei andern Mdchen ihre Spiele allein fortsetzen lie, langsam gegen
den Waldrand heranschritt und sich, ihren Scho voll Wiesenblumen, neben dem aus
den libyschen und thiopischen Hexenbanden Erlsten niederlie.
    Der Himmel mge Ihre Beschaulichkeit segnen, Herr Afrikaner. Darf man
wissen, was der gute Tag Ihnen Angenehmes zu sagen hat?
    Er sagt nur: Halte den Mund, liege still und rhre dich nicht! antwortete
Leonhard, und das Hoffrulein meinte lachend:
    So wird es sein. Wir riefen Sie vorhin, den wilden Rosenstock dort fr uns
niederzuziehen, da die feinsten Knospen gewhnlich in der Hhe wachsen. Sie
lieen uns rufen, mein Herr, brummten hchstens, da Sie sogleich kommen wrden,
und blieben liegen, so lang Sie sind. Das war, allem geheimnisvollen
Naturverkehr zum Trotz, nicht hflich.
    Es ist so schwer, sich wieder in der Zivilisation zurechtzufinden,
Frulein, sprach Leonhard mit einem tiefen Seufzer. Es ist eine so schwere und
traurige Arbeit, zum zweitenmal mit dem Abc des Lebens beginnen zu mssen.
    Weshalb geben Sie sich die Mhe? fragte Nikola von Einstein, schnell und
hell von ihren Blumen aufblickend. Ich wrde es nicht tun; ich wrde bleiben,
wie ich wre; gewi, gewi, ich wrde eine solche mir vom Schicksal angewiesene
magische Ausnahmestellung sicherlich nicht wieder austauschen gegen diese
erbrmliche, langweilige Routine des europischen Alltagslebens.
    Das klingt, als htten sie ber den Zustand meiner armen Seele ziemlich
tief nachgedacht, junge Dame.
    Natrlich! Sind Sie doch etwas ganz Neues im Kreise meiner Erfahrung! Die
Historie Ihrer Abenteuer hat mich nicht wenig aufgeregt; ich danke den
freundlichen Gttern, welche Sie whrend meines hiesigen Aufenthaltes nach
Bumsdorf zurckfhrten. Sie sind ein Problem, Herr Hagebucher, und ein solches
lt das Wesen, welches Sie einen gebildeten Menschen nennen werden, in unsern
Tagen so leicht nicht fahren, ohne es nach den verschiedensten Seiten hin
gedreht und gewendet zu haben.
    Frulein von Einstein, wie alt sind Sie? fragte Leonhard, sich halb
aufrichtend, und das Ehrenfrulein lachte von neuem hellauf und antwortete mit
einem vergngten Seitenblick:
    Unausdenkbar alt! Weit, weit, weit hinaus ber jegliches Abc. Lnger als
siebenundzwanzig sehr lange Jahre hat die Welt sich meiner Gegenwart zu
erfreuen, und mein Taufschein soll Ihnen zur Einsicht bereit sein, wenn Sie mich
demnchst einmal in der Residenz besuchen wollen, Herr Afrikaner.
    Siebenundzwanzig Jahre? Siebenundzwanzig Jahre! 's ist freilich ein schnes
Alter fr ein junges Mdchen, sprach Herr Leonhard Hagebucher nachdenklich.
    Und um so schner, als mir die Ketten des Tumurkielandes noch um Hand- und
Fugelenke klirren.
    Maschallah! rief Leonhard mit einem Blick auf den zierlichen Knchel,
welcher sich unter dem Saume des Kleides hervorgestohlen hatte. Das wre eine
Geschichte, welche mich freilich um manchen Schritt auf meinem Wege in den
europischen Tag hinein frdern knnte. Erzhlen Sie mir ein weniges von Ihren
Ketten, Frulein Nikola, Sie finden auf der ganzen Erde keinen Menschen, der
weniger Mibrauch von Ihrem Vertrauen machen knnte und der mehr zu lernen
htte.
    Nikola fgte eine neue Blume ihrem Kranze ein und summte:

Debout, ihr Kavaliere!
Ihr Pagen und Hartschiere,
Werft auf die Flgeltr!
Vor einem Fcherschlage
Wird itzt die Nacht zum Tage,
Klymene tritt herfr.

Dann fuhr sie schnell in Prosa fort, fast ohne Atem zu schpfen:
    Ich heie Nikola von Einstein, mein Herr Vater war der General von
Einstein, Exzellenz; meine gndige Frau Mama ist eine geborene Freiin von
Glimmern, und meinen Taufnamen trage ich Seiner Hchstseligen Majestt dem
Kaiser aller Reuen Nikolaus dem Ersten zu Ehren, obgleich der Mann nicht mein
Pate war. Meinen Vater rhrte nach der Einnahme von Sebastopol der Schlag, und
es fand sich nach seinem Tode, da er kein so guter Rechner gewesen war, als man
htte wnschen mgen. Die Herrschaft mute eintreten, um mir eine standesgeme
Erziehung zu verschaffen; meine Mama lebt jetzt in anstndiger
Zurckgezogenheit, ich bin Ehrenfrulein Ihrer Hoheit der Prinze Marianne und
befinde mich augenblicklich meiner angegriffenen Nerven wegen allhier zu
Bumsdorf bei meinen Bumsdorfer Gevettern, speziell von der Vorsehung zur
Mitteilung des eben Gesagten beauftragt.
    Ich danke der Vorsehung demtigst, sagte Leonhard; aber -
    Das wrde fr jeden andern als den wilden Mann aus Afrika ein sehr
indiskretes Aber sein; doch, bei diesem blauen Himmel ber uns, ich habe in der
Tat Lust, Ihnen in dieser guten Stunde ein wenig von meinem Leben auszuplaudern;
die Gelegenheit und ein von der Laune des Fatums so vernaivisierter Zuhrer
finden sich vielleicht niemals wieder. Sie sind vom Monde herabgefallen, Herr
Leonhard Hagebucher, und ich bin eine Hofdame der Prinze Marianne, Hoheit; wir
tragen zwei ganze Welten zusammen, eine so kurios wie die andere - wir beide
knnen einander nie miverstehen, Herr Hagebucher. Also:

Sie neiget sich im Kreise:
Die Damen flstern leise:
Le sue spine ha! -
Was kmmert es die Rose,
Klymene lchelt lose,
E passo passo va.

Sie nennen mich nmlich Klymene, Herr. Der Name ist von einer Schferquadrille
her an mir hngengeblieben, ohne jedoch eine Bedeutung zu haben. Unsere Verse
machen wir selber, und mein Lieblingspoet ist Herr Martin Opitz von Boberfeld,
und am liebsten wre ich ein Ehrenfrulein am Hofe zu Liegnitz oder Brieg in
Schlesien gewesen. Der erste Eindruck, welchen mir das Leben gab, war ein
gewaltiger Respekt, eine groe Furcht vor meinem kriegerischen Vater, welcher
gewi ein tapferer und guter Soldat gewesen wre, wenn man ihm die Gelegenheit
gegeben htte, sich als einen solchen zu bettigen. Was er war in his hot youth,
when George the Third was king, wei ich nicht und wrde es sehr wahrscheinlich
nicht sagen, wenn ich es wte; ich kann nur angeben, da das Leben in unserm
Miniaturstaate, unserer Miniaturresidenz und seiner Miniaturarmee ihn in eine
Form gezwngt hatte, welche fr niemand in seiner Umgebung und noch weniger fr
seine Untergebenen etwas Behagliches hatte. Wie viele Knpfe trgt der Soldat an
jedem Uniformstck, Herr Hagebucher? Was, das wei man in Abu Telfan nicht, man
hat keine Ahnung davon im Tumurkielande? Nun, ich, Nikola von Einstein, habe
mehr als eine Ahnung davon, und wenn mein kleiner Vetter Bumsdorf neulich im
Leutnantsexamen nicht durchfiel, so hat er das viel weniger seinen eigenen
Studien zu verdanken als den meinigen. Htte ich ihm nicht den Katechismus
seiner erhabenen Rechte und Pflichten abgehrt und eingepaukt, so wrde er heute
noch in seinem Kadettenhause sitzen. Mein Vater war ein treuer Diener seines
Herrn, und gleich Seiner hochseligen Hoheit glaubte er an den Kaiser Nikolaus,
und zu Ehren und zur Bekrftigung dieses rhrend grandiosen Glaubens trage ich
meinen Namen, welchen auerdem aber auch die Kammermdchen der ltern
franzsischen Komdie zu fhren pflegen. Meine Mutter ist eine Freundin der
verwitweten Herzoginmutter und mit ihr erzogen worden; ich glaube nicht, da
beide die Herren Herder, Wieland, Goethe und Schiller an unsern Hof berufen oder
sie daselbst geduldet htten. - Ich bin ich, und das ist das Leiden. Wie jedes
anstndige denkende Wesen machte ich den Versuch, in Waffen gegen die Welt
aufzustehen; sie erhaschten aber den bunten Stieglitz schon auf der nchsten
Hecke wieder, und nun sitzt er in seinem Kfig und zieht seinen Bedarf an Wasser
und Hanfsamen zu sich in die Hhe. Wenn ich auch nicht auf und davon und mit dem
interessanten Ruberhauptmann Signor Semibecco auf die Elefantenjagd ging, so
kam ich doch in das Tumurkieland, und was das schlimmste ist, ich sitze noch
darin! Liebster Herr Afrikaner, Hoheit, meine Prinze, bewohnt den linken Flgel
des Schlosses, und wir haben von unsern Fenstern aus eine recht schne Aussicht
auf den Platz. Bei Sonnenschein und Regen sehen wir die Wachtparade aufziehen
und schwrmen fr die trkischen Becken, den Schellenbaum, die groe Pauke und
den jngsten Leutnant. Die Posten wandeln auf und ab, unsere zeisiggrnen
Portiers und krebsroten Lakaien bringen den Glanz unseres Daseins dem gaffenden
Marktvolk zum Bewutsein; eine Familienkarte zur Besichtigung des Schlosses
kostet zwei Taler, eine Einzelkarte nur einen Taler, wie ich von meinem Freunde,
dem Kastellan, wei; Seine Exzellenz der Herr Hofmarschall und der Herr Marquis
von Carabas in allen Abstufungen fahren vor und ab, wir fahren spazieren und
kommen zurck, und die Wache trommelt, und eine Abwechslung ist's nur, wenn der
wachthabende Offizier sich versptet und mit verkehrt aufgesetztem Tschako
hervorstrzt. Eine Abwechslung ist's auch, wenn die Atmosphre infolge einer
Spannung mit dem rechten Flgel des Palais um einige Grade schwler wird. Es
gibt so manche gefhrliche und leicht verwischte Grenzlinien, und dazu
reprsentieren wir auf der Linken gar noch den Rationalismus und erbauen uns an
Zschokkes Stunden der Andacht gleich der Kusine zu Windsor. Drben auf der
Rechten und im Mittelbau gehren sie zu den ausgewhlteren Gefen und sind uns
auf dem Wege zur Gnade wenigstens um zehn Postmeilen voraus. Kennen Sie
Zschokkes Stunden der Andacht, Herr Hagebucher? Nicht? Nur eine dumpfe
Erinnerung? Ich habe mehr davon; ich habe sie vorzulesen, ich kenne verschiedene
Stcke auswendig; darf ich Ihnen eines oder das andere rezitieren? Nein?! Es
wre aber eine groe Geflligkeit von mir! O Herr Hagebucher, auch Abu Telfan
hat Reize, nach welchen ein Bruchteil der Menschheit sich sehnen kann. Ein sehr
hbsches eisernes Gitter mit vergoldeten Spitzen trennt, wie Sie vielleicht noch
wissen, unsern Schloplatz von der Hauptstrae der Stadt. Da es verboten ist,
mit Paketen oder Krben am Arme, einer Zigarre im Munde, einem Kinde oder einem
Hunde den geheiligten Bezirk zu durchwandeln, so bleibt die gewhnliche Welt
hbsch drauen. Wir betrachten und beobachten sie nur durch unser Gitter und
achten uns viel zu hoch, um uns nicht bescheiden zu knnen, und knnen letzteres
um so mehr, als uns die Vorsehung fr alles, was wir entbehren mssen oder
zuviel haben, so unaussprechlich reichlich entschdigt hat. Unsere Galatage
heben uns hoch ber das Gallaland hinaus, mit unsern hohen Geburtstagen kann
keine Herrlichkeit an der Gold- und Pfefferkste konkurrieren, und die noch
hheren Besuche aus allen himmlischen Reichen wren imstande, das innerste
Afrika vor Neid nach auen zu kehren, wenn es nur die geringste Ahnung von ihrer
Importance htte. O Gott, und haben wir nicht die Adjutanten, die Kammerherren
und die verschiedenen Leibrzte der verschiedenen Herrschaften? O Gott, o Gott,
und man sieht es Frhling werden, Sommer und Winter, und man wird immer lter -
immer lter und immer sublimer und zarter, und das ganze Universum wird immer
mehr zu einem ehrfurchtsvollen Geflster. Und die Menage, die
Naturalverpflegung, wie mein kleiner Vetter Bumsdorf es nennt, bleibt immer
tadellos; ein Ballkleid oder ein neues Armband fllt auch von Zeit zu Zeit fr
uns ab, und die Etikette sorgt mit unleidlichem Nachdruck dafr, da wir auf
unsern Redouten nicht als Immobilien die Wnde zieren. Und immer wird's wieder
Frhjahr und immer wieder Sommer und immer wieder Winter; aber kein Herr van der
Mook will an unserm Horizonte aufgehen, um uns von diesem sanften, mit Sammet
ausgeschlagenen Elend zu befreien! Was glauben Sie, Herr Afrikaner, was aus mir
werden wrde ohne meine schwachen Nerven und den guten Onkel Bumsdorf auf
Bumsdorf?
    Ehe Herr Leonhard Hagebucher dieser pltzlichen Frage gerecht werden konnte,
kam atemlos sein Schwesterchen, welches sich mit den beiden andern Mdchen dem
Dorfe zu hinter den Hecken verloren hatte, zurckgelaufen.
    Leonhard, Leonhard, du mut schnell heimkommen, die Tante Schndler ist
da!
    Der Afrikaner sprach einige, vielleicht nicht sehr freundliche Worte in der
Sprache von Dar-Fur; doch er befand sich noch zu kurze Zeit wieder in der
Heimat, um nicht allen ihren Rufen Folge zu leisten. Auch Frulein Nikola von
Einstein sprang lachend in die Hhe.
    So geht es mir doch immer - jedesmal, wenn ich im besten Zuge bin, mein
Herz auszuschtten! Nun wissen Sie doch noch nicht das allergeringste von mir,
mein Herr, und es steht dahin, ob Sie in aller Ewigkeit mehr erfahren werden.
Die gute Stunde ist vorbergegangen, und die Tante Schndler ist angekommen, und
der groe Familienrat ber Herrn Leonhard Hagebucher beginnt - gehen wir heim
und unterwerfen wir uns den Dingen, Verhltnissen und Verhngnissen, da wir doch
nicht um unsern Willen gefragt werden.
    Leonhard wollte ihr die Hand bieten, um sie den etwas steilen Abhang
hinunterzufhren: sie aber wies seine Hlfe lachend von sich.
    Nein, nein! Bei besserer berlegung werde ich doch lieber bleiben, wo ich
bin, und meinen Kranz vollenden. Ich ziehe den Wald allen Familienrten vor;
denn ich habe auch unter den letzteren gelitten und wei davon zu singen und zu
sagen.

                                Fnftes Kapitel


Das helle Lachen des Hoffruleins verklang hinter der Waldecke, und mit
gesenktem Kopfe schritt Leonhard Hagebucher auf dem Pfade, welcher die Wiese
entlang dem nahen Dorfe zu fhrte, weitbeinig fort. Das Schwesterchen hatte sich
an seinen Arm gehngt und trippelte atemlos an seiner Seite und blickte von Zeit
zu Zeit stumm, aber liebevoll-ngstlich zu dem ernsten fast finstern Gesichte
des Bruders in die Hhe.
    Es waren am heutigen Tage grade drei Wochen seit dem Wiederkommen des
afrikanischen Gefangenen verflossen, und wie kein Kind im Dorfe Bumsdorf den
geheimnisvollen, staunenden Schrecken vor dem groen, braunen Mann, der mit den
Menschenfressern aus einer Schssel gegessen hatte, vollstndig berwunden
hatte, so war auch fr Frulein Lina Hagebucher dieser Bruder immer noch ein
hohes, unsgliches Wunder und Mysterium und konnte fr noch lngere Zeit nicht
in seiner ganzen Flle und Bedeutung ausgedacht werden. Was Nippenburg und
Bumsdorf aber im ganzen und groen anbetraf, so nahmen sie, obgleich ein Mann,
der aus dem unbekannten innersten Afrika heimgekehrt, jedenfalls etwas
Ungewhnlicheres war als der abenteuerlichste Amerikafahrer, das Ding bereits
viel khler und gelassener, und die liebe weitere Verwandtschaft, die sich heute
im Hause des Steuerinspektors versammeln sollte, nahm es sogar sehr khl und
sehr gelassen. Dem Manne aus dem Tumurkielande wuchsen mit den Haaren auf dem 
la Tumurkie geschorenen Schdel auch die unangenehmeren europischen Gefhle
wieder, und wir mssen ihm die volle Berechtigung zugestehen, auf manchem Wege
und auch auf diesem durch das Dorf Bumsdorf den Kopf hngen zu lassen.
    Er hatte viel geduldet bis zu seiner Befreiung durch den Herrn Kornelius van
der Mook: dann war er in dem Hause seiner Eltern erwacht und hatte jene seltene
Minute des vollen, sichern Glckes gekostet. Aber schnell wie immer war dieser
Augenblick vorbergegangen - ein Morgenschlummer, ein sonniger Tag in der
Geiblattlaube, am Abend ein Gang durch die Wiesen und Kornfelder nach dem
Walde! Schon das nchste Erwachen brachte wieder das erste leise Ansplen
bitterer Fluten, und nach acht Tagen war Leonhard Hagebucher vollstndig daheim,
das heit, er wute Bescheid, und Bescheid zu wissen gehrt und stimmt
gewhnlich nicht im geringsten zu und mit dem Glck. Wohl sa er noch in der
Geiblattlaube an der Landstrae und freute sich der Sonne des Vaterlandes, der
Stimmen und Schritte der alten Eltern, des lieblichen Lachens der kleinen
hbschen Schwester, wohl suchte und fand er in Stadt und Dorf hundert und aber
hundert freundliche Jugenderinnerungen; man kam ihm immer noch an den meisten
Orten mit Gru und Handschlag herzlich entgegen, und es gab immer noch viele
Leute, welche seiner Odyssee mit Herzklopfen lauschten und dankbar fr alles
waren, was er in dieser Hinsicht zu bieten hatte; aber - aber dem Unbehagen
wuchsen doch tglich mehr zngelnde, saugende Polypenarme, mit welchen es die
Seele des mden Wanderers fester und immer fester umschlang. Nun wute die Welt
bereits, da der Sohn des Steuerinspektors Hagebucher als ein armer Mann aus der
Fremde heimgekehrt sei, und die wundervollen Illusionen, welche sich Nippenburg
gemacht hatte, waren schnell in ihr Gegenteil umgeschlagen, und man teilte
einander unter bedchtigem Kopfschtteln mit, da ein Vagabond in alle Ewigkeit
ein Vagabond bleiben werde und da es vielleicht um vieles besser gewesen wre,
wenn die Mohren dahinten am quator den unntzen Menschen bei sich behalten
htten. In der Kiste, welche dem armen Leonhard auf einem Schubkarren gen
Bumsdorf nachgefahren worden war, befanden sich keine Scke voll Diamanten und
Perlen, keine Schachteln voll Goldstaub, sondern hchstens einige afrikanische
Merkwrdigkeiten zum Andenken fr die nheren Freunde und Verwandten. Herr
Leonhard Hagebucher konnte aus dem Inhalt dieses Reisekastens keine Villa bauen
und nicht nunmehr im Schatten seines Parkes, an seinem eigenen Herde und in der
Gesellschaft eines liebenden Weibes aus den bessern Stnden seine Tage
verbringen. Keine Nippenburger Mutter htte einem solchen in der Luft stehenden
Individuum ihre Tochter zur Ehe gegeben, und das war noch das allerwenigste:
Leonhard Hagebucher hatte whrend seiner Gefangenschaft im Tumurkielande so
ziemlich alles vergessen, was dem Menschen in unsern zivilisierten Zustnden zu
seinem Fortkommen verhilft, ja ihn nur notdrftig auf der Stelle aufrecht
erhlt. Jede Wissenschaft, jede Kunst, jede Technik war ber ihn
hinausgeschritten; wo sonst die hohen Wasser sich umgetrieben hatten, da war
jetzt der Sand oder fruchtbares Ackerland, und wo vordem Sand und Wiesen
gewesen waren, da jagten sich jetzt die Wellen. In Abu Telfan im Tumurkielande
hatte den armen Gefangenen nichts gestrt als die physische rohe Gewalt und die
Sehnsucht nach der Freiheit, das Heimweh nach dem Vaterlande; jetzt in der
Heimat fing alles an, ihn zu stren und zu beunruhigen; er war fremd geworden in
der Zivilisation, in Europa, in Deutschland, in Nippenburg und Bumsdorf; eine
unendliche und in jeder Weise begrndete Angst vor den Dingen und vor sich
selber mute sich seiner bemchtigen - ein Schritt weiter, und er konnte sich
nach dem Tumurkielande leise zurcksehnen: die Wrde und Freiheit, die Bildung
und Sitte des europischen Menschen imponierten ihm viel zu mchtig. Lassen wir
ihn brigens jetzt vorerst seinen Weg zum Dorfe fortsetzen, und sehen wir
derweilen, wer von der Freundschaft und Verwandtschaft zum groen Rat und Kaffee
im Hause seiner Eltern ankam oder schon angekommen war.
    Angekommen war in ihrer gelben Kutsche die Tante Schndler, zu welcher
eigentlich auch ein Onkel Schndler gehrte, der jedoch, da die Tante das Geld
hatte und er - der Onkel - dieses weder durch Talente, Energie noch die
geringste mnnliche Grobheit ausglich, nicht mitgerechnet wurde. Sie, die Tante
Schndler, die Kusine der Mutter Leonhards, sa bereits, jede Situation
beherrschend, in dem Paradezimmer des Hauses Hagebucher auf dem Kanapee und fand
es, wie Ludwig der Vierzehnte, sehr provozierend, da man sie sowohl auf den
Kaffee als auch auf den Neffen aus dem Kaffernlande warten lie.
    In Sicht auf der Landstrae war der Onkel, Kaufmann und Stadtverordnete von
Nippenburg, der Herr Stadtrat Hagebucher, ein Mann von krperlichem und
geistigem Gewicht, der drei Tchter in seinem Ehestande erzeugt hatte und im
Gnsemarsch mit denselben gen Bumsdorf zog: heiterer als im vorigen Jahre, wo
noch seine Selige stets den Zug anfhrte und er ihn nur beschlo. Es kamen zwei
jngere Vettern, welche jedoch auch bereits Haare auf ihrer Beamtenlaufbahn
gelassen hatten und welche, obgleich der Staat ihnen ihren Gehalt quartaliter
mit einem gewissen Hohn, mit zweifelloser Ironie auszahlte, sich den idealsten
wie den materiellsten Mchten, den Schwrmern fr die Republik Deutschland wie
der reichsten Bankiers- oder Fabrikantentochter gewachsen glaubten. Eine solche
wohlhabende Fabrikantentochter und Kusine, Frulein Leonore Sackermann, langte
aus entgegengesetzter Weltgegend unter den Fittichen ihrer einen sehr guten
Kartoffelspiritus produzierenden Eltern vor dem Hause des Steuerinspektors an.
Hoch zu Ro kam der Wegebauinspektor Wassertreter, ein dreiundsechzig Jahre
alter, verchtlicher Junggesell, welcher sich von Amts und Wetters wegen dem
Trunke ergeben hatte und es besser htte haben knnen, wie die Base, Frulein
Klementine Mauser, die ebenfalls allein, aber zu Fue anlangte, zur
unbehaglichen Zeit der quinoktialstrme ihrem jungfrulichen Kopfkissen
rgerlich anvertraute.
    Wer kam noch? Schlieen wir die Liste, nachdem wir sie kaum begonnen haben!
Es versammelte sich so ziemlich der ganze Vetter Michel, und Herr Leonhard
Hagebucher trat in den geweihten Kreis und bot ihm, wenn nicht den bekannten
deutschen guten Abend, so doch das arabische Selam aleikum, das Heil sei mit
euch, worauf die Tante Schndler erwiderte:
    Wir danken dir, Herr Neffe, und freuen uns, dich anstndig und christlich
in Rock, Hose und Weste wieder unter uns zu haben. Du bist einst zwar ohne
Abschied weggegangen, aber hier sind wir, wie es sich geziemen will, und heien
dich in verwandtschaftlicher Kompanie willkommen in Nippenburg und sind uns
vermuten, da du nun wohl endlich genug von der Vagabondage und Unreellitt und
sonstigen Phantasterei haben wirst. Sag 'n Wort, Schndler.
    So ist es, Minette, sprach der Onkel Schndler, und mehr wurde nicht von
ihm verlangt, wrde im Gegenteil sehr bel aufgenommen worden sein; Leonhard
aber fhlte sich lebhaft an jene Audienzen erinnert, welche ihm vor kurzem noch
Madam Kulla Gulla, die Schwiegermutter seines Besitzers im Tumurkielande, so
hufig erteilte und welche stets damit endigten, da ihm fnfundzwanzig auf die
Fusohlen zudiktiert wurden.
    Es war ein groer Tag! Wenn auch die jungen Kusinen, gleich den Kindern von
Bumsdorf, noch immer mit einer aus Schrecken und Mitleiden gemischten
Verwunderung auf den Vetter blickten, so hatte doch die ltere Verwandtschaft
jegliche mysterise Scheu grndlich abgeworfen und zog ihren autochthonen
Lebensanschauungen und Gefhlen alle Schleusen. Das germanische Spiebrgertum
fhlte sich dieser fabelhaften, zerfahrenen, aus Rand und Band gekommenen,
dieser entgleisten, entwurzelten, quer ber den Weg geworfenen Existenz
gegenber in seiner ganzen Staats- und Kommunalsteuer zahlenden, Kirchstuhl
gemietet habenden, von der Polizei bewachten und von smtlichen frstlichen
Behrden berwachten, gloriosen Sicherheit und sprach sich demgem aus, und der
Papa Hagebucher wre der letzte gewesen, welcher fr seinen Afrikaner das Wort
ergriffen htte.
    Es war ja der Tag des Papa Hagebucher. Er hatte diese Versammlung berufen,
um sich von ihr in seinen innersten Anschauungen recht geben zu lassen. Er
mochte den Verlust des Sohnes noch so sehr bedauert, ja betrauert haben: die
pltzliche und so gnzlich anormale Rckkehr mute ihm naturgem doch noch
fataler werden. Die frohe berraschung ging allmhlich in eine mrrische,
grbelnde Verstimmung ber; - berechnen lie sich hier nichts mehr, denn
smtliche Ziffern waren ausgelscht, nur ein Fazit stand zuletzt klar da: Der
Bursche lief fort, weil er einsah, da man ihn hier nicht gebrauchen knne; man
hat ihn auch dort nicht gebrauchen knnen, er ist heimgekommen, und ich habe ihn
wieder auf dem Halse!
    Klar war die Rechnung, doch nicht trstlich, und es war jedenfalls
wnschenswert, da die liebe Freundschaft und Verwandtschaft ihre Unterschriften
oder drei Kreuze zu dem Wahrspruch hergebe. Man hatte sich denn doch zu
rechtfertigen vor der Welt, und das konnte nicht besser bewerkstelligt werden,
als wenn man sie von Anfang an mitverantwortlich machte. Es war auch keine
Kleinigkeit, wenn man sich hinter der grnen Gardine des Ehebetts auf das Urteil
der Tante Schndler, die Meinung des Bruder Stadtrats oder des Vetter
Sackermanns berufen konnte - man trug die Verantwortlichkeit jedenfalls nicht
gern allein.
    Es war ein sehr groer Tag, und Lina Hagebucher hielt zuletzt ganz ngstlich
die Faust ihres Bruders, denn sie konnte viel schrfer als die Mutter fr ihn
fhlen und beobachtete mit Zittern, wie seine Stirn von Augenblick zu Augenblick
dunkler wurde und es immer grimmiger aus seinen Augen wetterleuchtete. Jeder
hatte seinen Rat zu geben und gab ihn gern und ausfhrlich. Es war gar nicht so
schwer, sich anstndig durchs Leben zu bringen, wenn nur der gute Wille dazu
vorhanden war; verschiedene Wege fhrten noch aus der Nichtsnutzigkeit hinber
in die wnschenswerteste Respektabilitt, und ein jeder stellte sich mit
Vergngen als Wegweiser auf den Kreuzweg, vorzglich die Tante Schndler, welche
sich rusperte und sprach:
    Es ist nicht genug, da der Mensch den Schneider kommen und sich ein neu
Habit anmessen lasse; es gehrt noch mehr dazu, um wieder ein anstndiger
groherzoglicher Staatsbrger und Untertan zu werden. Da knnte jeder Lumpazi
kommen, der sein alt zerlumpt Wams am Grabenrand zum ffentlichen Ekel abgetan
und das gestohlene neue angezogen hat! Der Mensch und wilde Indianer mu auch
geistlich nach dem Balbierer schicken und keine Gesichter schneiden, wenn Leute
zu ihm reden, die im Lande geblieben sind und sich in Gottesfurcht
fnfundzwanzig Jahre redlich genhrt haben, was ich brigens nur beilufig und
zum Besten von der fernern guten Freundschaftlichkeit gesagt haben will. Was ich
nun dem Leonhard raten will, das ist, er tut alles hochmtige und auslndische
Wesen ab und fngt da wieder an, wo er aufgehrt hat, das heit, da es mit einem
Pastor nunmehr wohl nimmermehr was werden wird, so geht er zum Vetter Stadtrat,
lt sich von neuem in die Schreiberei einschieen und kann's mit der Zeit und
der Nachhlfe von der Verwandtschaft wieder zu einem ntzlichen Mitgliede vons
Gemeinwesen und bis zum Ratsskribenten bringen.
    Als wozu der Herr Neffe wenig Lust zu haben scheinen, wenn man nach seiner
Miene urteilen drfte, sprach der Onkel Hagebucher mit einem wenig freundlichen
Seitenblick auf den Verwandten aus Abu Telfan.
    Sprich 'n Wort, Schndler! Sage deine Meinung, Leonhard! Lasset euch aus,
Steuerinspektor und Kusine Hagebucher! Sagen Sie item, was ntig ist, Vetter
Sackermann! rief die Tante Schndler, Ich aber sage, da wir hier in
Nippenburg nicht im afrikanischen Mohrenlande leben und da kein Mensch es
prtendieren kann, da wir uns in die Mohren schicken: sondern die Mohren werden
sich in uns schicken mssen, wenn sie mit uns hausen wollen. Ratsschreiber zu
Nippenburg - hundertundfnfundsechzig Taler jhrlich bar, achtzig Taler Sporteln
und zwei Klafter Holz - und solch ein Gesicht! Sind wir vielleicht ein
regierender Knig im Mohrenlande gewesen? Wenn das ist, so haben wir freilich
nichts mehr zu sagen, und es handelt sich freilich nur um ein Retourbillett auf
dem Postwagen und der Eisenbahn nach Afrika, und ich empfehle mich dem Herrn
Potentaten ganz gehorsamst und sage nichts mehr.
    Die se Heimat fing an, einen seltsamen indianischen Kriegestanz um den
armen Leonhard aufzufhren. Die Mutter hielt das Taschentuch vor die Augen; der
Vater sog mrrisch an der erloschenen Pfeife; Lina drckte sich immer fester an
den Bruder; die beiden jngern Vettern, welche noch mit dem Afrikaner die
Universitt besucht hatten, lachten: die Familie Sackermann blickte glsern im
Kreise umher; die Tante Klementine nahm verstohlen eine Prise, und der
unbenannte Verwandtenchorus beschftigte sich unter leisem Gemurmel mit den
Kaffeetassen und dem festlichen Gebck des groen Tages; der Onkel Wassertreter
wrde das Wort ergriffen haben, wenn Leonhard es nicht vorher genommen htte.
    Er - der Mann aus Tumurkie - er, welcher so vielen Gefahren zu Wasser und zu
Lande kaltbltig getrotzt hatte, er, welcher das Leben eines Elfenbeinhndlers
auf dem Weien Nil mit allen seinen Schrecknissen kennengelernt hatte, er,
welcher den groen Signor Luca Mollo, genannt Semibecco, im Glck und Unglck
und zuletzt auf dem Pfahle der Baggaraneger beobachten, studieren durfte: er
fhlte sich der jetzigen Stunde nicht gewachsen. Es schwamm ihm vor den Augen,
im Kreise drehte sich die Verwandtschaft, die Tante Schndler wuchs bedenklich
ber Madam Kulla Gulla hinaus, und ihre rtlich angehauchte Nasenspitze erschien
nicht weniger bedrohlich als die mit Henna rotgefrbten scharfngeligen Krallen
der Tumurkierin: die Atmosphre des Vaterhauses wurde bengstigender als die
heie Luft der Lehmhtten zu Abu Telfan.
    Mit Stottern sprach Leonhard Hagebucher gleich einem, welcher sich mhsam in
einer fremden, ungewohnten Sprache auszudrcken hat:
    Ach, teure Verwandte und Angehrige, knntet ihr doch in meiner Seele
lesen! Jeder Blutstropfen, den ich heimgebracht habe, gehrt dem Vaterlande.
Iblis mge es nehmen! Aber bedenket, welch ein groes Kind euch wieder auf die
Arme gefallen ist. O knnte doch jeder von euch eine Viertelstunde in meiner
Haut zubringen, es wrde ihm dann gewi begreiflicher erscheinen, da man nicht
heute Ratsschreiber zu Nippenburg sein kann, wenn man gestern aus der
Gefangenschaft im innersten Afrika zurckkam. Wenn ich nicht sehr irre, so habe
ich sogar das Schreiben verlernt, und was ich dafr in der Fremde vielleicht
gelernt habe, nmlich allerlei Anfechtungen mit Geduld zu tragen, das honoriert
sich selber, wird aber von keinem Gemeinwesen mit einem Jahresgehalt von
hundertundfnfundsechzig Talern und zwei Klaftern Brennholz bezahlt. Verehrte
Angehrige, wer lnger als zehn Jahre mit den Fingern in die Schssel greifen
mute, der wird sich nur allmhlich wieder an den Gebrauch von Messer und Gabel
gewhnen, und wenn man ihm dazu nicht Zeit lassen kann, so wird ihm der beste
Bissen im Halse steckenbleiben, und er mu jmmerlich daran erwrgen. Wenn ich
wte, was noch aus mir werden kann, so wrde ich es auf der Stelle sagen: aber
ich wei es nicht -
    Und damit ist alles gesagt, mein Junge, rief der Vetter Wassertreter, und
jetzt la mich ans Wort. Betrachte dir meine Nase und behalte deine Meinung
darber fr dich; denn ich werde das Ntige darber selber von mir geben, sobald
das verwandtschaftliche Gesumse und die Aufregung der Base Schndler sich gelegt
haben werden.
    Das Familienkonklave summte und erhob sich freilich, und die Tante Schndler
war in der Tat aufgeregt und suchte hinter ihrem Taschentuche die gewohnte
Fassung; aber der Vetter Wassertreter legte den Zeigefinger an das Glied, auf
welches er den Afrikaner aufmerksam gemacht hatte, und wartete mit schlauem,
schndlichem Lcheln auf die Wiederherstellung der Ruhe, um sodann in seiner
Rede fortzufahren:
    Achte auf diese Nase, mein Sohn, sie bringt dich aus dem Sumpfe - in hoc
signo vinces, wie die Lateiner sagen; unter diesem Panier wirst du den Sieg
gewinnen. Unsereiner, welcher den ganzen Tag auf der Landstrae herumzuliegen
hat, denn der Wegebau hat seine Mucken gradesogut wie das Wetter, ein solcher,
sage ich, der hat Zeit und Gelegenheit, den Lauf der Welt zu studieren, und kann
bei passenden Umstnden seine Meinung kommunizieren, wenn man ihn noch so schief
und verdchtig ansieht. Es passiert allerlei ber herzogliche Chaussee, und das
Getrnke ist auch nicht unter allen Schenkenzeichen dasselbe, und dann zottelt
man auf seinem alten Gaule in die Kreuz und Quere, und es kommen einem
Philosophien, von denen sich andere Leute nichts trumen lassen, und von der
Kusine Mauser, dem Vetter Sackermann oder dem Vetter Stadtrat gert man auf den
Kaiser Louis Napoleon, und von der Tante Schndler kommt man auf den Heiligen
Vater, das Patrimonium Petri oder die Hohe Pforte, und von den Steinklopfern am
Graben, welche die Kappen herunterziehen und Guten Morgen, Herr Inspektor sagen,
auf sich selber. Da steht einem der Verstand still, was der Mensch erlebt, wenn
er Achtung auf sich gibt; da lernt man seinen Schpfer kennen, o du grundgtiger
Himmel! Siehe, mein Shnchen, als sie mich im Jahre achtzehnhunderteinundzwanzig
mit einem Tritt in Gnaden von der Wartburg hinunterschickten, da kam ich gradso
heim wie du aus dem hintersten Afrika, und die Karlsbader Beschlsse hatten ihr
Werk gradsogut an mir verrichtet, wie die Peitsche im Tumurkielande es an dir
tat. Wir waren Anno siebenzehn am achtzehnten Oktober als frische und wackere
Bursche hinaufgezogen; aber was hat die hndische Niedertrchtigkeit, was haben
die feigen Halunken, die ber uns zu Gericht saen, uns aus unserm blauen
Himmel, aus unserm deutschen Herrgott, aus allem, was in uns und ber uns war,
gemacht! Zu Hause schlugen uns die Alten natrlich auch die Tr vor der Nase zu
oder setzten uns wenigstens an den Katzentisch: wir hatten es ja nicht besser
haben gewollt, und was von meiner Jurisprudenz noch brig war, das konnte ich
dreist dem Herrn von Kamptz mit in die Rapuse geben, ohne viel daran zu
verlieren. Da lag ich auf dem Bauche und lie mir die Sonne auf den Rcken
scheinen, und ganz Nippenburg verzog das Maul ber den Lumpen. Die Tante
Schndler dort war dermalen ein recht sauber Mdel, aber um die Essig- und
Vitriolfabrikation hat sie auch Anno Tobak schon recht leidlich Bescheid gewut.
Der Vetter Stadtrat war immer zu was Groem geboren und wute es einem gut zu
geben: ich sage dir, Leonhard, es ist nichts Neues unter der Sonnen, da die
angenehme Verwandtschaft ein Konzil ber einen aus dem Geleis geratenen armen
Tropf ausschreibt und sich weiser dnket als der liebe Gott am siebenten
Schpfungstage; und wenn kein Consilium abeundi daraus wird, so ist die
Verwandtschaft niemalen daran schuld. Ach, Kusine Mauser, es ist immerdar eine
bse Welt gewesen, deswegen sollen die empfindsamen und zrtlichen Seelen
zusammenhalten; aber - Sie bringen mich doch immer aus dem Konzept, sobald ich
Sie nur ansehe, Klementine! - wo war ich stehengeblieben? Richtig, ich hab's!
wie gewhnlich bei der argen, hinterlistigen, nichtsnutzigen Welt und ihren
Ncken und Tcken, und was ich sagen wollte, ist folgendes, Leonhard: Hier sitze
ich, und Nippenburg sagt, ich saufe. Dem ist aber nicht so, sondern es ist nur
ein langer Weg von der Wartburg im Lande Thringen zu hiesigem hochlblichem
Wegebauamt, auch ein intrikater Weg, welchen man nur mit Philosophie und Geduld
findet und nicht ohne geistige Strkungsmittel wandelt, wenn man ihn gefunden
hat. Innere Beschaulichkeit ist meine Force, und in ihrem Namen heie ich dich,
Leonhard Hagebucher, im warmen Schoe der Mutter Germania willkommen und sage
dir und allhier gegenwrtiger hochachtbarer Verwandtschaft meine Meinung, weil
wir doch deshalb von der Einladung des Vetter Steuerinspektors Gebrauch gemacht
haben: Ich bin ein alter Mann, und meine Reputation ist nicht die beste; Geld
und Gut habe ich nicht, aber Philosophie ist meine Freude, und die will ich mit
dir teilen, du afrikanischer Taugenichts. Komm zu mir, Leonhard Hagebucher, wenn
die andern dich nicht wollen. Fr ein paar Jahre, hoff ich, reicht der Lebensmut
noch aus; ein alter Bursch verlt den andern nicht, und - Germania sei 's
Panier! Ratsschreiber zu Nippenburg! Haben sie mich nicht auch dazu gemacht,
Anno fnfundzwanzig, als ich noch einige Grade weiter herunter war als du, mein
Junge? Gehe mit mir auf die Landstrae, Leonhard - holla, wohin will die Base
Schndler?
    Mein Teil Anzglichkeiten und Grobheiten habe ich mit Geduld angehrt:
jetzt aber hab ich mein voll gerttelt und geschttelt Ma. Sieh nach dem Wagen,
Schndler; - Base Hagebucher und Herr Vetter, ich bitte, es nicht fr ungut zu
nehmen, wenn mein Rat und meine Meinung in eurem Hause Ombrage und rgernis
erregt haben, sie waren gut gemeint; aber allzuviel la ich mir auch nicht
bieten. Sieh nach den Pferden, Schndler, und empfiehl dich den Herrschaften,
und was den Herrn Afrikaner betrifft, so mag er tun und lassen, was er will, und
was den Herrn Wegebauinspektor Wassertreter angeht, so sage ich nichts, als da
ich seine gehorsamste Dienerin bin, aber meine Ansicht ber ihn nur aus
christlicher Barmherzigkeit bei mir behalte. Guten Abend.
    Guten Abend kann jeder sagen; aber die Tante Schndler konnte den
freundlichen Wunsch auf eine ganz besondere Art ausdrcken - siehe, es war
gleich einem Habichtschrei ber einem Hhnerhofe, gleich einem Steinwurf in
einen Sperlingshaufen! Mit Flattern und Flgelschlagen erhob sich die
Verwandtschaft, und jegliches Temperament brachte sich in seiner Weise zur
Geltung. Vergeblich suchte die Mutter Leonhards durch Bitten und Beschwrungen
die erregten Gemter zu besnftigen. Jedes gute Wort fiel gleich einem Tropfen
l in das Feuer, und nur um das Truthahnsgekoller in der Versammlung
auszurotten, htte jemand dem Onkel Stadtrat und dem Vetter Sackermann den Hals
umdrehen mssen, und selbst der Elfenbeinhndler vom Weien Nil hielt sich
innerhalb der Grenzen der gebildeten europischen Welt und tat diese Tat nicht.
    Der Steuerinspektor Hagebucher, der Vater des Hauses, welcher der Majoritt
der Verwandtschaft und vor allem der Tante Schndler vollstndig recht in ihren
Anschauungen gab und im Innersten seiner zahlenkundigen Seele den Vetter
Wassertreter zu Atomen verrieb, sagte nichts als: Da haben wir's.
    Er verschwand hinter den Wolken seiner Pfeife und rhrte sich nicht von
seinem Stuhl; denn wie er seine Leute schtzte, so kannte er sie auch und wute,
da unter bewandten Umstnden kaum eine Macht des Himmels, geschweige denn eine
irdische Gewalt die Bande der Freundschaft, Neigung und Liebe fr den heutigen
Abend wieder fest zuziehen knne. Der Familienrat lste sich auf in seine
einzelnen Bestandteile, die Agnaten und Kognaten zogen ab, wie sie gekommen
waren, jeder und jede mit dem befriedigenden Bewutsein, hchst praktisch,
verstndig und wohlwollend einem sehr zerfahrenen und verfahrenen Zustande
gegenber die Ehre und das Ansehen der Gevatternschaft vertreten zu haben. Die
gelbe Kutsche verschwand in dem Staube der Landstrae; die Pappelbume zeigten
wieder einmal, da sie imstande seien, einen sehr langen Schatten zu werfen, und
der Vetter Wassertreter zeigte, da er dasselbe tun knne. Er hielt aus und sa
dem grimmig schweigsamen Steuerinspektor stumm, aber behaglich gegenber und
schob erst, als es vollstndig Dmmerung geworden, die kurze Pfeife in die
Brusttasche.
    Tue mir die Liebe an und la dem Jungen seine Zeit, sagte er aufstehend.
Wenn aber nicht, so zeige, da du ein gutes Herz hast, mach dem Jammer ein Ende
und wirf den Lump schnell aus dem Hause. Frau Base, ich sage meinen schnsten
Dank fr die angenehme Unterhaltung; gib mir einen Ku, Lina, und sage dem
Leonhard - na, la nur, ich will ihm schon selber meine Meinungen sagen. Horch,
Philomele schlgt im Gebsch, und dort steigt der silberne Mond ber den
friedlichen Htten des Dorfes auf. Jetzt holt der Mensch sein treues Ro aus dem
Stall der Schenke, und einsam trabt der Einsame zu seinem einsamen Gezelt. Auch
meinerseits guten Abend!
    Guten Abend! sagte der Vater Hagebucher sehr kurz und rhrte sich auch
dieses Mal nicht vom Platz. Die Mutter Leonhards aber begleitete den
Wegebauinspektor bis zu der Tr des Gartens:
    O Vetter, Vetter, was soll daraus werden?
    Ja, Base Hagebucher, diese Frage habe ich sehr hufig an das Schicksal
gestellt und selten die Antwort bekommen, welche ich zu hren wnschte. Im
letzten Grunde lebt man nur deshalb, und das ist wenigstens ein Trost. Wer will
so ungeduldig sein? Auch beim Wegebau kann man lernen, da die Vorsehung ihre
Zeit haben will. Wnsche eine geruhsame Nacht, Base; hren Sie, jetzt geht der
Alte drinnen los - jaja, ich wei schon seit dem Jahre siebenzehn, da wir in
einer kuriosen Welt leben. Wnsche recht wohl zu ruhen, Base Hagebucher.

                                Sechstes Kapitel


Wo war der Mann aus Troglodytice geblieben? In dem Augenblicke, in welchem die
Tante Schndler und mit ihr smtliche Verwandtschaft rauschend und entrstet
emporfuhr, hatte er sich geduckt, war hinter dem Rcken seiner Lieben an der
Wand dahingeschlichen, hatte mit einem Sprung die Haustr erreicht und mit einem
zweiten Sprunge ber die Gartenhecke hinter dem vterlichen Hause das freie
Feld. Seit ihn die Baggaraneger jagten und fingen, hatte er nicht eine solche
Gelenkigkeit der Glieder entwickelt, war er sich nicht einer solchen Schwung-
und Schnellkraft bewut geworden; aber wie die Baggaraneger blieben ihm auch die
sen Heimatsgefhle auf den Fersen, und er konnte ihnen nicht entwischen. Da
lag er im Grase unter der Hecke, atmete aus und zitierte einige auf die Tante
Schndler bezgliche Stellen des Korans; dann fielen die Schatten des Abends
auch ber ihn, der Mond ging ebenfalls ber ihm auf, und er Leonhard Hagebucher
- sprach ein anderes Wort aus, welches der Prophet freilich nicht gesagt hatte
und welches nicht nachgeschrieben werden kann, ohne den Anstand bedenklich zu
verletzen.
    Nur ganz allmhlich gewann die Grille in dem Schlehenbusch neben ihm den
schrillen Heimatstnen in seiner Seele die Dominante ab; mit leisem Gegurgel
schien sich das seichte Wasser des Feldgrabens in die Tiefe der Erde zu
verlaufen, und hnlich gurgelnd verliefen sich die hohen Wasser, die vor einer
Stunde noch in der vterlichen Wohnstube so arge Wellen geschlagen hatten. Am
Rande des Grabens sa der Afrikaner, zog die Knie gegen das Kinn in die Hhe,
umschlang die Schienbeine mit den Hnden und gelangte in dieser dem Nachdenken
so gnstigen Positur zu der berzeugung, da der heutige Tag ihm kein verlorener
gewesen sei.
    Merkwrdig, merkwrdig! Was war der beste Wille, die Zeiten der
Vergangenheit zu alter, vergnglicher, bunter Lebendigkeit wiederaufzufrischen,
gegen die Ankunft der gelben Kutsche von Nippenburg? Was war alles Zurcksehnen,
Zurcktrumen, Zurckdenken gegen den Onkel Stadtrat und den Onkel Sackermann,
welche beide in Fleisch und Blut das, was gewesen war und noch war, auf das
gediegenste zur Erscheinung brachten?! Das innigste und eifrigste Bestrehen, mit
dem Gefhl, dem Verstande, der Vernunft, der Phantasie, mit dem sesten
Ahnungsvermgen den Dingen der Heimat wieder beizukommen, hatte sich als ein
nichtiges, sehr vergebliches Abqulen erwiesen: vor diesem Familienkonklave aber
waren die sieben Siegel wie von selber aufgesprungen. In klarster Beleuchtung
lagen die stillen Gefilde der Kindheits- und Jnglingsjahre vor Herrn Leonhard
Hagebucher da; es war nicht mehr ntig, ihren Mysterien nachzugrbeln und sich
den Kopf darber zu zerbrechen.
    Wie der deutsche Mond hher stieg, fing das Wasser, welches mit dem schon
beschriebenen Gegurgel den Graben durchschlich, an, hie und da lieblich zu
schimmern, und der leider schon vom ehrlichen Wandsbecker Boten lyrisch
verwendete weie Nebel machte sich ebenfalls auf den Wiesen bemerkbar. Der Mond
schien dem Mann aus dem Tumurkielande auf den Kopf, der Nebel stieg ihm in die
Nase, und er - Hagebucher - lie die Schienbeine fahren, schnellte empor, stand
hoch aufgerichtet in der holden Nacht, rieb die Hnde und hub an - leise vor
sich hin zu lachen. Er lachte, der Barbar, er wagte sogar, laut zu lachen, der
verwilderte Unmensch; und dann schttelte er sich, er wagte es, sich zu
schtteln: und ohne auf die Gefhle der Tante Schndler Rcksicht zu nehmen,
gratulierte er sich selber zu der soeben zum Durchbruch gekommenen wohlttigen
Krisis, und leider hatte er allen zarteren Regungen des Menschenherzens zum
Trotz recht. In diesem Lachen hatte er fr seine knftige Existenz tausendmal
mehr gewonnen, als ihm ganze Scke voll Seufzer und ein Dutzend von ihm selber
wohlgefllte Trnenkrge einbringen konnten. Er hatte jetzt wenigstens in einer
Beziehung die berzeugung errungen, da er whrend seines Siebenschlferschlafes
im Mondgebirge nicht viel daheim versumt habe und da somit alles gebrochene,
mutlose Fortdmmern und melancholische Hinbrten ber solchen imaginren Verlust
recht berflssig und tricht sei. Was seine jetzige Umgebung whrend seiner
Abwesenheit gewonnen hatte, das konnte er in jedem Augenblicke auch noch haben,
und wenn er mehr wollte, so gehrte vielleicht nur eine trkische Ruhe dazu, um
jenseits jedes unntzen Schwebezustandes in einer ntzlichen Ttigkeit wieder
sicher Fu zu fassen. Er prfte seine Gelenke und Muskeln und tat den Sprung,
das heit, frs erste sprang er ber den Graben, welcher die nebelige Wiese von
dem vterlichen Gtchen schied, und schritt bedchtig mit
bereinandergeschlagenen Armen erst durch das feuchte Gras und sodann auf dem
engen Fuwege an den Grten des Dorfes hin.
    Es war auch die letzte Fest- und Jubelnacht der Maikfer, deren es in diesem
gesegneten Jahre eine erkleckliche Anzahl gegeben hatte. Sie schienen zu wissen,
da ihre Zeit nunmehr um sei, hatten sich zum letztenmal im Tau und Duft der
Nacht berauscht und schwrmten in nicht unberechtigtem Leichtsinn in die
Unsterblichkeit hinber. Sie summten durch die Luft und umtanzten Busch und
Baum; in ihrer Trunkenheit gaben sie nicht im geringsten acht auf ihre Wege und
flogen dem schier ebenso berauschten Leonhard gegen die Nase oder hingen sich
ihm in Haar und Bart.
    Hallo, Gesindel, rief er, seid ihr auch da? Recht so, hussa, tummelt
euch, nehmt die Stunde, wie sie euch gegeben wird - lustig, lustig, surr, surr,
so ist's recht, und morgen ist's doch vorbei. Beim Berge Kaf, vivat der Vetter
Wassertreter!
    Er lachte abermals hellauf, brach aber schnell horchend ab. Seine wilde
Lustigkeit hatte ein melodischeres Echo hinter den Bschen gefunden; ein
lockiges Haupt erhob sich ber die Hecke - der Genius dieser Mondscheinnacht des
letzten Mais htte sich nicht neckischer und vorteilhafter verkrpern knnen:
    Frulein Nikola von Einstein - siebenundzwanzig Jahre alt - Hofdame Ihrer
Hoheit der Prinze Marianne - unverheiratet - - - ach! -
    Er ist es, Lina, sagte das Frulein, nun weine nicht lnger, Nrrchen; er
sieht keineswegs aus, als ob er mit Selbstmordgedanken umgehe; trste dich,
Herz, einer geknickten Lilie gleicht er noch lange nicht; guten Abend,
unstrflicher Herr thiopier.
    Sie reichte dem Afrikaner die Hand ber das Gezweig und rief:
    O Gott, wie indiskret! Aber auch welch ein Abend fr alle Indiskretionen!
Es freut mich in der Tat, Sie so heiter zu sehen, Herr Hagebucher; hier hab ich
mit dem Schwesterchen in groer Sorge um Sie gesessen. Ist es zu indiskret, wenn
ich Sie frage, was fr einen Grund Ihnen die Welt fr Ihre Heiterkeit seit
Mondenaufgang gab?
    Hren Sie, junge Dame, sagte Leonhard, man kann aus der Gefangenschaft
bei den Heiden recht schwache Nerven heimbringen. Bedenken Sie, da ich an
solches allerliebste Auffahren aus Hagedorn und Heckenrosen durchaus nicht
gewhnt bin. Fhlen Sie meinen Puls.
    Nein, nein, ich danke und glaube Ihnen auf Ihr Wort! lachte Nikola. Aber
dies ist die Grenze Von meines Onkels Reich, und das Recht, hier
herberzugucken, lasse ich mir nicht nehmen.
    Ich auch nicht, sprach der Afrikaner, sich Vorbeugend. Lina, wo steckst
du denn?
    Hier! klang weinerlich die Stimme des Schwesterchens, das auf der Bank
sa, auf welcher das Hoffrulein stand. Ach, Leonhard, ich bin so betrbt um
dich, und ich habe mich so gergert. O Gott, o Gott, la mich mit dir wieder in
die weite Welt laufen; wir wollen zusammenhalten, Leonhard, und die Mutter, wei
ich, wird auch zu uns stehen, und der Vater meint's gewi nicht so bs, und was
geht uns die Tante Schndler und das brige alberne Volk an! O Gott, o Gott, wie
habe ich mich gergert -
    Jaja, Herr Leonhard Hagebucher, und da ist sie hergelaufen und hat sich mir
in die Arme gestrzt, grad als ich mit dem Haarbesen auf die Fledermausjagd
gehen wollte. Nun wei ich alles, was das Konzil gebrtet hat, und rate Ihnen
recht sehr, doch ja Ihr Bestes zu bedenken und so schnell als mglich
Ratsschreiber zu Nippenburg zu werden. Warten Sie, ich kenne zehn Schritte
weiter abwrts ein Loch in der Hecke - komm, Lina.
    Das schne Haupt der Sprecherin tauchte unter, zwei Sprnge brachten den
Afrikaner zu dem besagten Loch; es rauschte im Gebsch, ein schlaftrunkenes
Vogelprchen flatterte, aus dem schnsten Traum der Sommernacht geweckt, auf;
mit dem Schwesterchen wand sich Frulein Nikola von Einstein durch das Gezweig.
Die drei standen auf dem schmalen Pfade nebeneinander, und Lina umschlang den
Bruder und schluchzte:
    Sei nur still, sei nur ruhig; ich halte gewi bei dir aus! Frchte dich
nicht, wir wollen, ja, wir wollen -
    Uns eine Drehorgel kaufen und unsere eigene Geschichte auf eine Leinwand
malen lassen und ein Lied davon machen und es absingen auf allen Gassen des
Vaterlandes! schlo das Hoffrulein den Satz. Lustig, wir wollen unsere
Sparbchsen zusammenschtten, um die ersten Auslagen dieser Unternehmung zu
decken. Vivat! Vivat! Herbei aus den Bschen, Oberon und Titania, Puck,
Bohnenblt, Spinnweb, Motte und Senfsamen! Herbei, ihr Elfen, zur
Ratsversammlung; auch wir knnen unsere Kpfe zusammenstecken, auch wir knnen
die Finger an die Nase legen. Lat den Onkel Wassertreter aus der Schenke zum
Goldenen Rad kommen, auf da der Rat vollstndig sei; - ich stimme fr den
Leierkasten und erbiete mich, das Orgellied in Musik zu setzen.
    Wie flssiges Silber rann der Mondenschein durch die Natur, und in vollen
Zgen atmete Leonhard den Zauber und das Leben dieser hellen Nacht ein. Es war
wie eine Verzckung ber ihn gekommen: er htte sich die Seiten halten und immer
lauter hinauslachen mgen; es war wie der Rausch eines Opiumessers, und er wute
es und wunderte sich im Innersten seiner vernnftigen Seele selbst ber seinen
Zustand. Vielleicht wrde es ihm sehr wohlgetan haben, wenn er sich eine
Viertelstunde lang auf den Kopf gestellt htte, um in solcher Weise den
berschu seiner Heiterkeit loszuwerden. Die Figuren, Gruppen, Meinungen und
Vorgnge des Tages schlugen auf das nrrischste Purzelbume vor ihm; das
Gleichgewicht aber stellte Frulein Nikola von Einstein her, da sich Herr
Leonhard Hagebucher nicht auf den Kopf stellte wie ein Baggaraneger oder sonst
ein Exaltado aus dem Tumurkielande. Sie - Frulein Nikola - legte ihm jetzt die
Hand auf den Arm und sagte ganz ernst:
    Armer Freund, wir sollten eigentlich doch nicht so lachen, zumal bei diesem
dummen Mondlicht. Am hellen Tage, im Sonnenschein lt sich weniger dagegen
einwenden. Ihre Geschichte ist recht, recht traurig, mein Freund. Auf dem
Grenzsteine dort oder noch besser unter dem Wegweiser an der Landstrae wollen
wir uns niedersetzen, die Taschentcher hervorziehen und nach denken ber unser
Schicksal und ber den Weg, neben welchem wir stillsitzen. Heute am Nachmittag
hab ich Ihnen auch mit Lachen von meinem nrrischen Dasein erzhlt; ach, jetzt
htte ich wohl Lust, Ihnen in einem andern Ton eine andere Geschichte von mir zu
erzhlen, wenn es mir oder Ihnen im geringsten ntzlich wre. Wenn ich ein Mann
wre, so wrde ich mir einen nobeln Krieg irgendwo in der Welt aufsuchen und
darin etwas tun, was mir Freude machte oder nur Ruhe gbe oder auch nur die
Gelegenheit, mit Gleichmut zu verbluten. Ich hasse diesen Mondenschein, und ich
frchte mich vor diesen surrenden Kfern. Es sind Gespenster des Frhlings, der
nicht mehr ist. Sie lgen sich das Leben nur noch vor, und ich bin wie sie und
halte mich meiner Nerven wegen in Bumsdorf auf - Maikfer, flieg, Maikfer,
flieg! Ach, Herr Leonhard Hagebucher, wir passen recht gut zueinander, Sie und
ich; kommen Sie, wir wollen uns auf den Stein an die Landstrae setzen und
warten - warten. Vielleicht lese ich Ihnen auch einmal im Sonnenschein aus dem
Buche meines Lebens eine finstere Seite vor. Weine nicht, Lina, mein Herz, es
ist doch eine schne Nacht; auch fr dich wird einst die Zeit kommen, wo du von
der Gefangenschaft im heien Lande Afrika wirst erzhlen knnen. Lustig, lustig,
hre nur den Frosch dort - welch ein Komiker! Satt, zufrieden und dankbar - den
Burschen lob ich mir, und horch, wer ist das? Der Vetter Wassertreter! Den lob
ich mir auch! Der Vetter Wassertreter! Vivat der Vetter Wassertreter!
    Welle auf Welle rollten die Fluten des neuen Lebens heran und umsplten
wachsend und steigend das Herz des Afrikaners. In jedem Atemzuge fhlte er die
Erstarkung ber sich kommen; er htte eine lange Rede halten mssen, um das in
Worten auszudrcken, was in seiner Seele sich ereignete: Halte den Mund,
Mdchen, und schilt mir diese Nacht und diesen Mondenschein nicht! Du bist zu
schn, um zu schelten, und weinen sollst du noch weniger. Wie schn du bist! Das
Licht der Offenbarung ist mit dir aus dem Gebsch emporgestiegen; ich war ein
Verirrter, doch nun kenne ich meinen Pfad wieder. Was Trauer und Verdru, was
Grbeln und Grmen, was Zerschlagenheit und Apathie; wenn du mir hilfst,
Mdchen, bin ich von neuem Herr in meinem Reich! Das Leben war mir zerbrochen,
wie einem der rechte Arm zerbricht; ich habe ihn lange, lange in der Schlinge
getragen, und jetzt prfe ich von neuem seine Strke. Mdchen, ich wei wieder,
in welchem Sinne ich mein Leben begann und wie ich es fortsetzen mag, ohne dem
Wahnsinn zu verfallen gesegnet sei die Tante Schndler, der deutsche Mond und du
- du schne, schne Nikola von Einstein!
    So oder hnlich wre es dem Afrikaner erlaubt gewesen, sich zu uern: er
htte auch, wie folgt, sprechen knnen:
    Gndiges Frulein, Sie haben gleich bei unserer ersten Begegnung einen
merkwrdigen Eindruck auf mich gemacht; denn Sie bedingen fr mich einen
merkwrdigen Gegensatz zu meiner bisherigen Existenz. Gndiges Frulein, einem
Manne, welcher zehn Jahre in Abu Telfan im tglichen Verkehr mit Madam Kulla
Gulla, ihren Freundinnen, Tchtern, Nichten und so weiter zubrachte, geht der
Begriff des Vaterlandes in wundervoller Klarheit und Anmut auf, wenn es ihm auch
nur vierzehn Tage hindurch vergnnt ist, tglich einige Male in Ihre Augen zu
blicken. Frulein von Einstein, die schnsten Illusionen der Jugend mssen sich
mir notwendig in Ihnen verkrpern. Und was die Tante Schndler anbetrifft, so
bilden Sie auch zu dieser einen angenehmen Gegensatz, gndiges Frulein; und
wenn einmal im deutschen Mondenschein, whrend dem letzten Maikfergesumme des
Jahres einem Menschen in meiner Situation das Tumurkieland und das Vaterland
durcheinanderquirlen und das Lachen dem Elend das Beste abgewinnt, so wird jeder
Einsichtige dieses der Gelegenheit des Orts, der Zeit und der Umstnde
vollkommen angemessen finden.
    Herr Leonhard Hagebucher uerte sich weder auf die eine noch die andere
Art, er rief:
    Der Vetter Wassertreter! Wahrhaftig, es ist der Vetter Wassertreter!
    Der Mond lchelte gar vergnglich herab, und von der Landstrae her erklang
es etwas rauh und unsicher, aber jedenfalls sehr heiter:

Wir hatten gebauet
Ein stattliches Haus -

Der Herr Wegebauinspektor und Vetter hatte die Gastfreiheit der Muhme Hagebucher
nicht verachtet; aber er verachtete auch den Krug zum Goldenen Rad nicht. Er
hatte tapfer auf dem Familientage standgehalten und ebenso tapfer den Notabeln
des Dorfes in der Schenke. Er hatte jedem, der ihn trocken oder na anging,
Bescheid getan. Gestrkt, friedlich und wohlwollend zog er jetzt auf seiner
Landstrae heim und seinen Gaul am Zgel hinter sich her. Seine Schuld war es
nicht, da weder das Gebude der deutschen Burschenschaft noch der
Hagebuchersche Familienfriede unter Dach kamen; er hatte das Seine redlich getan
und kmmerte sich um ble Nachreden nicht im mindesten. Als ihn Lina anrief und
ihm mit den beiden andern in den Weg trat, bettigte er durchaus keine
ungewhnliche Verwunderung, sondern nahm auch diesen guten Augenblick, wie er
ihm gegeben wurde, schob die Mtze noch ein wenig mehr auf den Hinterkopf,
drckte den Tabak in der kurzen Pfeife fest und sagte:
    Guten Abend! Ich wnsche der Jugend alles nur mgliche Plsier
miteinander.
    Danke, Herr Vetter, erwiderte das Hoffrulein, ich habe bereits wie
gewhnlich Ihr Loblied gesungen, und wir wissen, wie wir es meinen. Wir hielten
soeben auch eine Ratssitzung zwischen den Bschen in Sachen Herrn Leonhard
Hagebuchers und vermiten Sie sehr dabei, Wegebauinspektorchen. Sie haben so gut
zwischen vier Wnden gesprochen, wollen Sie uns nicht auch noch ein Wrtchen
hier im Mondenschein und im Grnen sagen?
    Im Grnen und im Mondenschein, ihr Narren, brummte der Alte, das ist
wahrlich die rechte Zeit und Gelegenheit fr uns, Rat zu geben und zu nehmen. Ei
freilich, die Vgel, die zueinandergehren, finden einander, und lockt der eine
im Zaun, so antworten zwanzig seinesgleichen aus dem Roggenfeld, dem Walde oder
von der Wiese. Mondschein und Grnkraut, unsereiner, der aus dem Jahre
siebenzehnhundertachtundneunzig stammt, wei freilich davon zu sagen. Es war
eine schne Zeit, als man neunzehn Frhlinge durchlebt hatte und in Kompanie mit
den tapfern und treuen deutschen Frsten und ihren frommen Ministern das neue
heilige Reich baute. Vor dem Krachen des groben Geschtzes bis zum Jahre
fnfzehn hatte sich das Gewlk zerteilt, und ganz Deutschland lag in der
silbernsten Beleuchtung unter unsern Berggipfeln. Junges Volk,
Kreuzhimmeltausenddonnerwetter, das war eine liebliche Zeit, eine schne Zeit,
die Zeit der Halluzinationen und die Zeit fr die Halunken! O Freiheit, die ich
meine - smtliche Zuchthuser und Kasernen von Gottes Gnaden verwandelten sich
in gotische Dome, und fr jeden schwarzen Sammetrock erzog eine deutsche Mutter
eine deutsche Jungfrau mit blondem Haar und blauen Augen. O verflucht - das war
ber alle Beschreibung; aber ein Glck war's, da die Tante Klementine damals
erst die Wnde beschrie, sie htte mich sonst ganz gewi bei meinen sesten
Gefhlen gepackt. Mondschein und Maikfer! Frulein von Einstein, sehen Sie es
mir noch an, da ich einstmalen an den Kaiser im Kyffhuser geglaubt und die
Gitarre dazu geschlagen habe? Jaja, wir waren alle auf dem Marsche nach Utopia,
gleich dem Afrikaner dort, als er von der Universitt durchbrannte; und als wir
uns wie er im Tumurkielande wiederfanden, in dem guten Land, wo Lieb und Treu
den Schmerz des Erdenlebens stillt - nmlich auf der Festung, da hatten wir
diesen Karlsbader Beschlu des Schicksals dankbarlichst zu akzeptieren und
unsern Mainachtsrausch ohne weiteres Gesperr, Gezerr und Gezappel zu
verschlafen. Als wir dann erwachten, war ein hchst ungemtlicher Tag
heraufgedmmert. Der Himmel grinste uns so erbrmlich grau an, als wir es
verdienten, und jeder Hanswurst, Narr, dumme Junge und Enthusiast bekam seinen
Tritt, der ihn bergab in den Sumpf, in den dstern Keller, in den Winkel
expedierte. Im Winkel bin ich sitzengeblieben, und wenn das Loch verschlossen
sein sollte, Leonhard, so liegt der Schlssel auf dem Vorplatz unter dem
Uhrkasten. Den Kchenschrank kennst du ja wohl noch aus deiner Knabenzeit: die
Knasterrolle hlt sich seitwrts im Kabinette hinter der Tr auf. Du bist zu
jeder Zeit willkommen, wie ich dir schon vorhin sagte, mein Junge; und mehr
Glck hast du auch als der Vetter Wassertreter, solches ist mir lngst
klargeworden.
    Es fiel in diesem Augenblicke eine Sternschnuppe, und hastig fragte das
Hoffrulein:
    Was dachtest du eben, Lina?
    An meines Bruders Glck.
    Und der Gedanke war ein Wunsch - ohne Zweifel! Was haben wir noch ntig,
hier Rat zu halten? Der Schlssel zu des Vetters Gemchern liegt unter dem
Uhrgehuse, im Fall der Vetter nicht zu Hause sein sollte: merken Sie sich das,
Herr Leonhard Hagebucher. Herr Vetter, ich rekommandiere mich Ihren Ratschlgen;
Lina, ich empfehle mich deinen sen Wnschen; brigens wird es khl und feucht;
da wir allesamt sehr kluge und gescheite Leute sind, haben wir wieder einmal
bewiesen und erfahren; gute Nacht, gute Nacht!
    Gute Nacht, mein Allergndigstes, sagte der Wegebauinspektor mit
ungemeiner Zrtlichkeit und wandte sich, als das Hoffrulein durch das Loch in
der Hecke des Bumsdorfer Gutsgartens verschwunden war, zu den beiden Verwandten:
    Schlafe auch du wohl, Lina, mein Herzblatt! Komm ich wieder, so bring ich
dir eine groe Dte voll Zuckerwerk mit, und nach einem guten Mann werde ich
mich seinerzeit gleichfalls umgucken, sollte ich ihn bis in den Mond suchen
mssen. Vergi den Schlssel unter der Uhr nicht, Leonhard. Es ist eine
nichtswrdige Welt; allein:

 das rechte Burschenherz
Kann nimmermehr erkalten,
Im Ernste wird, wie hier im Scherz,
Der rechte Sinn stets walten;
Die alte Schale nur ist fern,
Geblieben ist uns doch der Kern,
Und den lat fest uns halten.
O jerum, jerum, jerum!
O quae mutatio rerum!

Der Schlureim des alten Studentenliedes verhallte fern auf der Nippenburger
Landstrae, die der Vetter Wassertreter in so preislichem Zustande erhielt; auf
den Zehen schlichen Leonhard und Lina heim, und wenn der Afrikaner nicht von der
Tante Schndler trumte, so konnte er von dem Frulein Nikola von Einstein
trumen. Der Mond ging unter zu seiner Zeit, der Maikfertanz nahm auch sein
Ende, es wurde noch einmal recht dunkel und khl, ehe das Licht des neuen Tages
kam. Durch die Natur zog mehr als ein Schauern und Frsteln, vor dem die letzten
Schwarmgeister und Musikanten der ersten Sommernacht in Luft und Gezweig
abfielen und vergingen oder doch scheu unterduckten und sich verbrochen.

                               Siebentes Kapitel


Nun sage mir, ob diese Gegend nicht daliegt wie Goethes smtliche Werke in
vierzig Bnden? rief der Vetter Wassertreter, mit beiden Backen kauend und mit
der Spitze des aufgeklappten Taschenmessers einen weiten Halbkreis vor sich in
der Luft beschreibend. Leonhard Hagebucher, noch immer schweigsam und wortkarg,
nickte dem Gleichnis seine Billigung und hielt sich gleichfalls con amore an den
nahrhaften Inhalt des geffneten Schnappsacks. Es waren ungefhr acht Wochen
seit den in den beiden vorigen Kapiteln beschriebenen Szenen vergangen, es war
ein schner, heiterer Morgen und die Stunde, in welcher der gesunde Mensch, der
frh aufstand, die Scheu des Leeren in hohem Mae zu empfinden berechtigt ist.
Der alte und der junge Vetter saen auf einem Haufen zerschlagenen Basalts unter
einem Apfelbaum an der frstlichen Landstrae; der Gaul des Wegebauinspektors
stand friedlich und fromm daneben und ri mit lang vorgestrecktem Halse das Gras
aus dem Graben. In Duft und Glanz lag die Nhe und die Ferne, und der Vetter
Wassertreter wiederholte:
    Goethes smtliche Werke! Von diesem Steinhaufen bis zum Horizont und hinaus
ber den Horizont sagt alles mit Behaglichkeit: Blttern Sie weiter, auch ber
die nchste Seite scheint die Sonne!... Vierzig Bnde Weltruhms, zweiundachtzig
Lebensjahre und nur vier Wochen ungetrbtes Glck oder besser eigentliches
Behagen - welch ein Trost fr uns alle dieser alte Knabe in seiner Frstengrube
zu Weimar ist! Ob man ein groer Poet und Staatsminister oder ein kleiner Narr
und Wegebauinspektor ist, bleibt sich am Ende verflucht gleich - ein Vivat allen
guten wackern Gesellen zu Wasser und zu Lande, auf ebner Erde und auf den
goldenen Wolken im blauen ther, den guten wackern Gesellen, die aushalten und
sich nicht irren lassen und bei jeder Witterung den Tag preisen. Tue, was du
willst, Leonhard, aber in allen Lagen nimm dir ein Exempel an dem alten Geheimen
Rat und an dem Vetter Wassertreter; stirbst du jung, so wirst du das Deinige
genossen haben, stirbst du alt, so kannst du dich in Ruhe einen Quietisten,
Lumpen, oder wie es dem Pbel sonst beliebt, schimpfen lassen: du hast, was dir
gehrt, gerettet und kannst die Leute reden lassen.
    Das ist alles recht schn, sagte Leonhard Hagebucher klglich, aber frs
erste handelt es sich fr mich weniger darum, die Nase hoch zu tragen, als sie
aus dem Schlamm zu ziehen. Alles Schlagen mit Hnden und Fen versenkt mich nur
immer tiefer in den Morast; noch eine kurze Zeit, und der arme Teufel ist
verschwunden, und der Vetter Wassertreter kann ihm ein Denkmal setzen mit der
Inschrift: Hier liegt der Tropf, seines Schicksals wrdig. Daheim im
Tumurkielande -
    Daheim? rief der Vetter in fast klglicherem Tone als der Afrikaner.
Daheim im Tumurkielande! Also so weit bist du schon herunter? Es wre freilich
nicht zu verwundern; aber traurig ist's doch. Armer Bursch, die Gefangenschaft
hat dich grenzenlos verwhnt - statten wir der Madam Klaudine einen Besuch ab;
auch das wre kein Wunder, wenn sie den Rat fr uns htte, den wir nunmehr schon
wochenlang vergeblich in allen Ritzen und Winkeln suchen.
    Wer ist diese Madam Klaudine? fragte Leonhard. Ich hre diesen Namen
nicht zum ersten Male, und immer wird er mit einer gewissen melancholischen
Betonung ausgesprochen. Wer ist diese geheimnisvolle Madam Klaudine?
    Eine Frau, welcher du schon lngst einen Besuch gemacht haben solltest,
Sohn Afrikas. Jetzt haben wir noch einige restaurierte Abzugsgrben und den Weg
am Nonnenkopf, ber welchen mir neulich der Wolkenbruch so niedertrchtig
herfiel, zu revidieren; - im Ochsen zu Fliegenhausen halten wir Mittag und
Mittagsruhe, und nachher gehen wir zur Madam Klaudine. Im Laufe des Tages werde
ich dir dieses und jenes von der Frau erzhlen. Sammle die brigen Brocken und
la uns wandern.
    Leonhard Hagebucher erhob sich, und der Vetter Wassertreter bestieg von
neuem sein Ro. Sie verbrachten den Morgen ihrem Programm gem, zhlten
Steinhaufen, untersuchten Wasserlufe und Grben und hielten allen die grne
Ferne durchschnurrenden Eisenbahnzgen zum Trotz ihre Wege rein und in gutem
Zustande.
    Gemtlichkeit und Grobheit wechselten in den Kundgebungen des Vetters den
Umstnden und den Leuten gem, mit welchen er es in seinem Amte zu tun hatte,
und was er von der Madam Klaudine zu erzhlen wute, erzhlte er. Leonhard hatte
wiederum Gelegenheit, sich in manchen Dingen zu orientieren, die ihm sehr neu
erschienen, es aber keineswegs waren.
    Fliegenhausen wird dir wohl noch bekannt sein, und der Katzenmhle wirst du
dich ebenfalls noch erinnern, sprach der Vetter Wassertreter. Solch ein
deutsches Dorf hlt seine Erscheinung und seinen Geruch mit merkwrdiger
Zhigkeit fest, und aus dem Boden wchst immer dasselbige Geschlecht, und im
Ochsen steht der Eichentisch noch auf derselben Stelle, auf welcher er vor
fnfzig Jahren stand. Mit der Mhle ist das anders, und du wirst ja sehen, was
davon briggeblieben ist. Den Bach hat der Teufel - wollt ich sagen, das
neunzehnte Jahrhundert geholt, und es ist ein Jammer und Schaden um seine
Forellen. Den Katzenmller mitsamt seiner Familie hat der Teufel wirklich geholt
und via Bremen nach Amerika expediert, wo es ihm besser geht, als er's verdient.
Im Jahre einundfnfzig waren Bach, Mhle, Mller, Mllerin und Mllertochter
noch im lustigsten Flor; um Weihnachten zweiundfnfzig aber, als Madam Klaudine
ankam, ging es zu Ende mit allem: die hbsche Karoline war in das
Landeszuchthaus abgeliefert, die beiden Alten rsteten sich zu ihrer Fahrt ber
die See, und oben im Lande war bereits der Grund zu den Fabriken gelegt, welche
den Bach fraen. Das ist so eine einfache Geschichte, so eine Art
Dorfgeschichte, ohne Glanzwichse, Pomade und Klnisches Wasser. Das schne
Mllermdchen spielte natrlich die Hauptrolle in dem Trauerspiel, das
Kriminalgericht fand sich berufen, allerlei Dorfgerchten nachzugehen - eine
Kindsleiche wurde irgendwo gefunden im Bach, im Fichtengrunde, unter dem
Dngerhaufen, wer wei wo! - Es ist auch einerlei, die Geschichte ist seitdem
bereits wiederum einige Male in der Umgegend passiert; die hbsche Snderin hat
ihre acht Jahre Zuchthaus hinter sich und ist Anno sechzig ihren Eltern nach
Missouri gefolgt, soll nach einem Gercht einen Quker geheiratet haben, nach
einem zweiten und wahrscheinlicheren aber die Bestimmung des Weibes zu Utah im
Mormonenlande zu erfllen suchen. Das alles hat nicht das geringste mit Madam
Klaudine zu schaffen; die hat ihre eigene Historie, welche jedoch im Grunde
ebenso einfach wie die der Familie in der Katzenmhle ist. - Im Februar des
Jahres achtzehnhundertzweiundfnfzig fiel hierzulande ein starker Schnee, von
welchem ihr in eurem Afrika unter dem quator wohl kaum etwas gesprt haben
mgt. Es war, als ob der Welt nach den politischen Aufregungen der
jngstvergangenen Jahre das Deckbett fr einen gesunden Schlaf von einem halben
Skulum aufgelegt werden sollte. Acht Tage hindurch whrte der Spa, und das ist
dann die rechte Zeit fr unsereinen, welcher der Menschheit die Wege offenhalten
soll und selber nicht durchkann. Herrgott, und nachher will einen die Tante
Schndler und die Kusine Mauser und die ganze brige Verwandtschaft an seiner
roten Nase zupfen und die eigene rmpfen! Tag und Nacht bis an den Hals im
Schnee oder im Wasser - Tag und Nacht keine Ruhe - Herr Inspektor vorn, Herr
Inspektor hinten - von der hohen vorgesetzten Behrde Tritte, Knffe und Pffe,
da einem der Kopf summt und man seine Seele mit Vergngen auf dem ersten besten
trockenen Bund Stroh auschzen mchte. Na, du hast ja auch, mancherlei erlebt,
Leonhard, und wirst dir eine Vorstellung davon machen knnen! - Bei so bewandten
Umstnden rief mich nun damals meine Amtspflicht auch in das Eichental hinter
Fliegenhausen, wo die Poststrae durch die Schneemassen vollstndig verschttet
war und die Bauernschaft mit Aufbietung aller Krfte den ganzen Tag ber an der
Aufrumung derselben gearbeitet, aber fr jede Schaufel voll, die sie zur Seite
warf, drei Scheffel voll ber die Kpfe bekommen hatte. Der Wind wurde mit
zunehmender Dmmerung immer boshafter und tat nach bestem Vermgen das Seinige,
um unsere Mhen vergeblich zu machen; es konnte in der Tat keine bessere
Gelegenheit geben, eine angenehme Bekanntschaft zu machen, und so lie mich denn
auch der Himmel die Madam Klaudine auf meiner Chaussee finden. Trotz allen
Hindernissen und Schrecken des Wetters hatte eine von der Residenz kommende
Extrapost sich Bahn gebrochen bis zum Eingang des Fliegenhuser Tales, wo sie
denn aber doch endlich steckenblieb. Ein junger, stattlicher, sehr aufgeregter
Mann - ein Offizier in Zivilkleidung, arbeitete sich durch die Schneewehen, um
uns zu Hlfe zu rufen. Ich hielt ihn im Anfang fr betrunken, er war's aber
nicht, und ich erfuhr bald, da er Grund zu seiner Aufregung hatte. Sein
Kutscher war ohne allen weiteren Zweifel betrunken, eines der Pferde
zusammengebrochen und der Wagen selbst so tief versunken, da er kaum noch
aufzufinden war. Die Dame im Wagen lag ohnmchtig - im Fieber - dem Tode nahe;
und mit gerungenen Hnden schrie mir der junge Herr zu: Es ist meine Mutter!
Helfen Sie mir, o helfen Sie uns! Es ist meine Mutter, welche stirbt; wo knnen
wir sie, wenn auch nur fr einige Stunden, unter Dach bringen? - Ganz
Fliegenhausen stand nunmehr im Kreise um den versunkenen Wagen und kratzte sich
hinter den Ohren, und mir fr mein Teil erschien die Geschichte kurios und
verwunderlich genug. Die Leute sahen anstndig und vornehm aus; aber auf den
ersten Blick mute man erkennen, da der Unfall und das arge Wetter sie nicht
allein bedrngten. Sie erschienen wie Menschen, die von einem pltzlich
ausbrechenden Feuer aus dem Schlafe aufgeschreckt und aus ihrem brennenden Hause
gejagt wurden; eine wilde, hastige und doch stumpfsinnige Verzweiflung sprach
aus jedem Wort, jeder Gebrde des jungen Mannes, und der stupideste meiner
Arbeiter und Bauern wich betroffen vor seiner krankhaften Heftigkeit zurck. An
einem solchen rgerlichen, mhevollen Tage hat man jedoch genug zu tun, wenn man
auf das Nchste und Ntigste achtet und, wenigstens fr den Augenblick, zur
Seite liegenlt, was einen fr den Augenblick nichts angeht. Das nchste Obdach
bot die Katzenmhle, und dorthin brachten wir, nicht ohne Anstrengung, die
erschpfte Frau. Wir hatten lange zu pochen und zu klopfen, ehe man uns die Tr
ffnete; die beiden Alten waren nicht in der Stimmung, barmherzig und milde
gegen die Welt zu sein, und man konnte es ihnen auch kaum verdenken. Das Elend
suchte bei dem Elend Schutz, und das ist immer und allewege ein ander Ding, als
wenn das Glck mit Lachen das Glck zum Tanz auffordert. Die Mllerin war
natrlich noch widerborstiger und grimmiger als der Mller und wehrte sich am
lngsten gegen unser Eindringen in ihren dunkeln Jammerwinkel. Endlich wich auch
sie halb der Gewalt, halb der berredung und verkroch sich grollend zu ihrem
Mann hinter den Ofen. Wir legten die kranke Dame auf ihrem Bette nieder und
konnten nunmehr kaum noch etwas fr sie tun. Ich versprach, wo mglich den Arzt
von Nippenburg herberzuschicken, aber die Kranke wies, ebenfalls mit groer
Heftigkeit, diesen Dienst zurck. So nahm ich denn Abschied und zog mich mit
meinen Bauern und Straenknechten nach Fliegenhausen zurck. Wir waren gleich
einem geschlagenen Heer; der Sturm und der Schnee hatten das Feld siegreich
behauptet; den Wagen der Fremden muten wir lassen, wo wir ihn gefunden hatten,
und froh sein, da wir noch die Gule und den Kutscher retteten. Wenn ich den
festen Entschlu hatte, schon am folgenden Tage die Katzenmhle wieder zu
besuchen, so lag es nicht an mir, wenn ich ihn nicht zur Ausfhrung brachte. Ich
hatte mir aus dem Schnee der letzten Tage ebenfalls ein Fieber geholt, welches
mich unsern Herrgott in seinem Zorn erkennen lie, mich in einem Federbett halb
erstickte und halb mich in Strmen von Kamillentee ersufte. Erst nach Wochen
ritt ich wieder durch Fliegenhausen und dachte dann zum erstenmal wieder an jene
Begegnung im Unwetter, welche ich dir beschrieb. Der Schnee war jetzt lngst zu
Wasser geworden, und der Frhling regte sich schon berall in den Bschen und
unter den Bschen. Mir war recht wohl zumute, und in solcher sehr glcklichen
und leichtherzigen Gemtsstimmung trabte ich denn auch zur Katzenmhle und rief
mit lautem Hallo nach dem Mller, um mich nach seinen Gsten und ihren fernern
Schicksalen in seiner Behausung zu erkundigen. Der Mensch soll aber ja nicht
meinen, da die Welt auf ihn wartet, whrend er, mit ber die Ohren gezogener
Nachtmtze im Bett liegend, schwitzt und Tee trinkt. Die Katzenmhle fand ich
noch vor, aber den Katzenmller und die Katzenmllerin nicht mehr; sie waren
abgezogen nach Amerika, und an ihrer Stelle sa die Madam Klaudine in der
Katzenmhle, und die Madam Klaudine war jene ohnmchtige Dame, welche ich mit
Hlfe der Fliegenhuser Bauernschaft aus dem Schnee aufgrub. Eine Magd wies mich
zuerst von der Tr fort, wie uns an jenem strmischen Abend der Mller
abgewiesen hatte. Der Herr Leutnant sei in die Fremde gegangen, und Madam
Klaudine sei unwohl und nicht zu sprechen, hie es. Der Vetter Wassertreter aber
hat sich nicht umsonst dem Wegebau gewidmet, er fand seinen Weg zu der
geheimnisvollen Frau, und nicht zu ihrem Schaden: denn die frommen Hirten und
biedern Ackerbebauer der Gemeinde Fliegenhausen machten ihr bereits das Leben
sauer genug. Ich fand hufig Gelegenheit, mich der Frau ntzlich zu machen und
ihre Ruhe und Behaglichkeit gegen die Nachbarschaft, der das Wesen gar nicht
gefiel, in Schutz zu nehmen. Da ich etwas Vertrauenerweckendes in und an mir
habe, hat die Base Klementine mir noch nie abgestritten, und so bin ich denn im
Laufe der Jahre ein guter Freund der Madam Klaudine geworden, und wir wissen,
was wir aneinander haben. Sie sitzt still in einem groen Schmerze und wrde ihr
Geschick gewi gern um deine Gefangenschaft zu Abu Telfan vertauscht haben; aber
ihr Leid ist ebenfalls nicht neu, ihre Historie ist sowenig zum erstenmal auf
Erden passiert wie die der schnen Mllerin. Diese Frau, welche wir hier Madam
Klaudine nennen, ist die Gattin eines hochgestellten Beamten, der einer
Kriminaluntersuchung nur dadurch entging, da er in dem Augenblick, als der
Verhaftungsbefehl ihm vorgezeigt wurde, wie man sagt, am Schlagflu starb. Ihr
einziger Sohn glaubte seine Ehre mit der seines Vaters verloren und warf in
unverstndiger Verzweiflung alles von sich, was sein Leben bis dahin bedingt
hatte. Als die Katastrophe ber sein Elternhaus hereinbrach, mu sie ihn als
einen verweichlichten, verwhnten Knaben gefunden haben; denn er besa nicht die
Kraft, seine Persnlichkeit, sein. Ich in dem gewohnten Lebenskreise zu
behaupten, sondern lie alles hinter sich und floh wie dein Landsmann, der Vogel
Strau, um irgendwo den Kopf in den Sand zu stecken. Die Mutter steht natrlich
fr die Richtigkeit seines Verhaltens ein; sie lie sich ebenso natrlich in dem
Augenblick der Glckswende von ihm fortreien und wre ihm bis ans Ende der Welt
auf seiner Flucht in das aschgraue Ungewisse gefolgt, wenn nicht
glcklicherweise der groe Schnee smtliche Eisenbahnlinien verweht und sogar
die Poststrae des Vetters Wassertreter am Eingange des Eichentals von
Fliegenhausen gesperrt htte. So sitzt sie nun lnger als zehn Jahre in der
Katzenmhle und harrt auf die Rckkehr ihres Sohnes, und wie ich glaube, warten
andere Leute mit ihr darauf. Da der junge Herr noch am Leben ist, steht der
Mutter unzweifelhaft fest, aber desto zweifelhafter ist mir, was er aus sich
gemacht hat. Der Unterhaltungsstoff ist uns whrend dieser zehn Jahre nicht
ausgegangen; wir wissen im Sommer wie im Winter, worber wir zu schwatzen haben,
und im Notfall knnen wir trumen nach Belieben. Du wirst eine schne, alte
Frau, eine weise Frau, eine Heldin kennenlernen, Leonhard Hagebucher. Wenn du im
Tumurkielande dein Elend mit solchem Anstand trugest wie Madam Klaudine
Fehleysen das ihrige in der Katzenmhle, so mache ich dir mein allergehorsamstes
Kompliment. Himmelsackerment, nun sieh einmal an, wie mir die Lmmel hier den
Winterweg zugerichtet haben! Die ganze Bschung ruiniert! Wie viele besoffene
Kotsassen und Brinksitzer haben mit ihren Mistwagen hier im Graben gelegen?
Sollte man da nicht den Glauben an die Menschheit verlieren und den an die
Karlsbader Beschlsse finden? Das ist ja rein um des -
    Eine Unglckliche und eine Heldin! sprach Leonhard in tiefem Nachdenken
vor sich hin, und der Vetter, wieder in den gelassenen Ton seiner Erzhlung
bergehend, sagte:
    Du wirst sie sehen, und hoffentlich gefllst du ihr so wie mir. Du wirst
sie kennenlernen, und das ist mehr, als sehr vielen Leuten zuteil wird. Da ist
brigens Fliegenhausen; wir wollen jedenfalls den krzesten Weg zum Ochsen
nehmen. Bei solcher Mittagshitze ziehe ich die Sehne dem Bogen immer vor, dir
aus dem heien Land Afrika kann's einerlei sein.

                                 Achtes Kapitel


Sie erreichten den Ochsen auf einem wenn auch nicht ungewhnlich reinlichen, so
doch schattigen Nebenwege und wurden von dem Wirt und der Wirtin mit lndlicher
Herzlichkeit an der Pforte in Empfang genommen. Lndlich speisten sie zu Mittag,
und nach der Mahlzeit streckte sich der Vetter auf die Bank von weichem Holz und
riet dem Begleiter, dasselbe zu tun und sich um die Fliegen nicht zu kmmern.
Wenn sich die Fliegen nicht um den Vetter bekmmert htten, so wre das
jedenfalls recht freundlich von ihnen gewesen. Leonhard Hagebucher legte die
Arme auf den Tisch und den Kopf auf die Arme mit dem festen Vorsatz, das
Beispiel des Wegebauinspektors nicht nachzuahmen, und verwunderte sich eine
Stunde spter sehr, als er, erwachend, sich nicht in der Lehmgrube der Madam
Kulla Gulla zu Abu Telfan, sondern in der Gaststube des Ochsen zu Fliegenhausen
fand. Auch der Vetter richtete sich verstrt auf; man trank den Kaffee des
Landes weniger des Inhalts als der Form wegen. Der Gaul blieb gern im Stall des
Ochsen zurck. Der Vetter und der Afrikaner machten sich auf den Weg zur Madam
Klaudine, jetzt wieder der Landstrae folgend. Sie durchschritten den obern Teil
des Dorfes und gelangten bald in den khlen Schatten des Eichentales; eine
Viertelstunde von Fliegenhausen schlugen sie sich zur rechten Seite auf einem
ausgefahrenen Hohlweg tiefer in den Wald; der Pfad wurde in einem Seitentlchen
immer schmler und brachte sie durch eine kurze Wendung um eine hervorspringende
Felsenecke zu der Katzenmhle, dicht hinter welcher die Welt nicht mit Brettern
vernagelt, sondern durch eine ungefhr fnfzig bis sechzig Schuh hohe Granitwand
von den hrenfeldern der ber dieser Steinwand beginnenden weiten Ebene
abgeschnitten war. Von diesem Felsen herab strzte sich frher der lustige Bach
auf das Rad, aber, wie gesagt, die groen neuen Fabriken droben im Lande hatten
lngst den Hauptflu des Wassers fr sich in Anspruch genommen und dem demtigen
Schwesterchen in der Tiefe nur grade soviel davon gelassen, als ntig war, um
rund um das alte Gemuer, Gestein und Geblk und das zerbrochene Radwerk eine
Vegetation hervorzubringen und zu erhalten, wie kein Maler sie sich anmutiger,
ppiger, frischer und grauer vorstellen konnte, Ein wildes Grtchen zog sich vor
dem Hause her, und es war kaum zu erkennen, wo die lebendige Hecke in das
Gebsch des Waldes berging. Wilde und edle Rosen hatten sich ineinander
verflochten, Zaunwinden und Jelngerjelieber ebenso unzertrennlich ineinander
verschlungen. ber das Dach der Mhle hatte sich der Efeu in einer Weise gelegt,
da eine wahre Merkwrdigkeit daraus geworden war. Wie es um den Speichen und
Schaufeln des alten schwarzen Rades blhte und grnte, lt sich kaum
beschreiben. Es war ein Wunder, da die Fenster des Hauses nicht aus
Bonbontafeln bestanden, und kein Wunder war's, wenn Leonhard Hagebucher vor
berraschung stehenblieb und rief:
    Das ist die Katzenmhle?! O was ist aus der geworden? Der Anblick wrde
einem in den Hundstagen unterm quator Khlung geben, o das ist schn!
    Nicht wahr? Aber so ist es immer und an jedem Orte: man braucht die Natur
nur ihr Spiel weiterspielen zu lassen, sie wei mit den gegebenen Hlfsmitteln
ppig zu wuchern. Unter des Katzenmllers Regierung sah das Ding anders aus,
Madam Klaudine hat es gelernt, der alten Mutter Isis ihre Wege offenzulassen,
und nicht blo um Haus und Zaun her.
    Allah, was haben wir hier? rief der Afrikaner, als sich pltzlich aus dem
Wald- und Gartengebsch ein weier Pferdekopf hob und schnaufend und vertraulich
sich ihm auf die Schulter legte. Bei allen Mchten Dschinnistans, Prospero,
bist du auch da? Weit du auch den Weg hierher zu finden?
    Wahrhaftig, 's ist der Englnder vom Bumsdorfer Gutshof! brummte der
Vetter. Na, denn nur zu; die Kompanie wird immer hbscher.
    Ich hab ihn aus seinem Stall gestohlen und, wie gewhnlich, selber satteln
mssen, Herr Vetter, sprach Nikola von Einstein, aus der Gartentr vortretend.
Seid gegrt, ihr Herren. Madam Klaudine wird sich freuen, euch zu sehen, wir
haben schon lnger, als uns gut ist, zusammengehockt.
    Eine ltere Dame in schwarzer Kleidung zeigte sich jetzt an dem offenen
Fenster der Mhle und nickte freundlich lchelnd dem Wegebauinspektor zu.
Gefhrt von dem Hoffrulein, betraten die beiden Mnner das Haus, und Nikola
sagte:
    Frau Geduld, hier ist er denn, und es soll mir nicht darauf ankommen, seine
Abenteuer und Erfindungen zum sechstenmal anzuhren. Fragen Sie ihn nur immerhin
aus, Frau Geduld; ich halte mich derweil an den Herrn Vetter, welcher auch das
Seinige, und zwar jeden Tag, erlebt.
    Danke, meine Allerschnste, sagte der Inspektor und stellte nun den
Begleiter in aller Form der Frau Klaudine vor, und diese reichte dem letztern
die feine hagere Hand und hie ihn auf das herzlichste in ihrem stillen Reiche
willkommen. Dem Afrikaner aber ward's zumute, als sei er jetzt wirklich einer
groen Hitze in der Libyschen Wste, auf den Landstraen des Vetters
Wassertreter, in den Gassen von Nippenburg, einer argen Verfolgung durch immer
von neuem aufspringende Widersacher von allen Hautschattierungen, einem
erbrmlichen Geschrei, wilden, wsten Rufen, Lrmen und Spektakel glcklich
entgangen, als knne er jetzt wirklich in Sicherheit Platz nehmen und
verschnaufen. So tat er.
    Die Frau Klaudine war eine schne, alte Frau mit ruhiger, sanfter Stimme und
ruhigen Augen in einem stillen Gesicht. Ihre Bewegungen waren langsam und ein
wenig mhsam, wie die einer von schwerer Krankheit Genesenden. Sie trug sich
schwarz und hatte im Innern ihrer Htte gewaltet wie die Natur drauen. Mit dem
geringsten Aufwande und den gewhnlichsten Mitteln hatte sie den verwahrlosten
Bau und Aufenthalt des Katzenmllers und seiner Familie verwandelt, als eine
geschmackvolle Fee, welche durch ihren Zauberstab ebenso mchtig ist wie andere
Leute durch ihr Geld. Sie, Madam Klaudine, lie auch Kaffee bringen durch ein
hbsches Bauernmdchen; der Vetter Wassertreter durfte seine Pfeife anznden,
und insgesamt saen sie nieder zur Unterhaltung.
    Frulein Nikola hat Sie nach ihrer Art empfangen Herr Hagebucher, sprach
die Frau Klaudine; aber glauben Sie mir, Sie sind mir hochwillkommen, und - und
wir sind auch schon recht gute Bekannte. Wenn die junge Dame die Erzhlung Ihrer
Erlebnisse sechsmal angehrt hat so hat sie jedenfalls gut zugehrt. Ich habe
viel gefragt, und sie wute immer gar schn Bescheid. Ach, geben Sie mir noch
einmal Ihre Hand, Herr Leonhard: Sie mssen mir viel, viel mehr von Ihrem Leben
sagen; ich mchte noch recht vieles von Ihnen wissen.
    Und wir kommen auch, um mehreres mitzunehmen fr das, was wir bringen
knnen, fiel der Wegebauinspektor ein.
    Wir stecken fest, wir wissen nicht mehr ein und aus! lachte das Frulein
von Einstein. Wir mchten gern wissen, wo die gebratenen Tauben der
Zivilisation am dicksten in der Luft fliegen; - wir mchten gern die Frau
Klaudine bitten, uns zu sagen, wo und wie man sich niederzusetzen hat, um nicht
mitten im alten Europa das Tumurkieland recht sehr zu vermissen. Papa und Mama,
die Tante Schndler und der Vetter Wassertreter haben uns wenig Trost geben
knnen, und so sind wir denn zur Katzenmhle gewandert. Jaja, es geht mehreren
Menschen so.
    Ach, gndige Frau, stammelte Leonhard mit einem Blick auf das Hoffrulein,
welches anfing, mit einer Geiblattranke, die sich neugierig in das Fenster bog,
zu spielen; Madam - Frau Klaudine, im Grunde ist es so, wie das Frulein
spricht, und soeben fhle ich zum erstenmal wieder seit langer Zeit eine khle
Hand auf der Stirn. Ich bin freilich zu Ihnen gekommen, weil so viele Leute
sagen, Sie allein knnten mir einen Rat fr mein verzetteltes Leben geben; denn
Sie seien nicht nur eine gute, sondern auch eine kluge Frau, und nicht nur eine
kluge Frau, sondern auch eine weise. Es sei keine geringe Kunst, hier in der
Katzenmhle zu leben, meinen die Leute; wer es aber so knne wie Sie, Frau
Klaudine, der habe so viel gewonnen, da er einem andern recht gut davon abgeben
knne, und darum bitte ich, der es vor Tausenden ntig hat, mir einen Rat zu
geben und mir zu sagen, was ich mit einem Dasein gleich dem meinigen anzufangen
habe.
    Madam Klaudine hatte wieder die Hand des Afrikaners genommen und sah ihn mit
einem ruhigen, aber doch sehr traurigen Blick an.
    Also so reden die Leute drauen in der Welt von mir und haben Sie zu mir
geschickt? fragte sie. Ei, ei, soll ich euch den Merlin spielen und im
Dickicht verworrene Sprche vor mich hin sagen, da ihr neue Rtsel zu den alten
aufzulsen bekommt? Was denken die Menschen, und was denken Sie, lieber Freund!
Ich bin eine alte Frau, und Sie sind ein junger Mann; ich bin mde zum
Einschlafen, und Sie reiben sich, soeben wieder erwachend, den Schlaf aus den
Augen. Ich habe mich unter bittern Schmerzen, in hartem Kampfe dessen entledigt,
was Sie mit allen Krften wiedergewinnen mchten; und wenn auch das letztere
leichter ist als das erste, so ist es doch grade fr mich schwer, sehr schwer,
die Wege zu zeigen.
    Lassen Sie sich nicht darauf ein, Frau Geduld! rief Nikola. Es ist ein
undankbarer Herr, der so leicht nicht zu befriedigen ist. O Gott, was wrde ich
darum geben, wenn man mich zum Ratsschreiber von Nippenburg machen wollte! Und
wenn ich, wie er, meine Historia zu einer Orgel und einer bunten Leinwandtafel
in den Gassen absingen drfte, dann verlangte ich nichts weiter vom guten Glck
und zge sicherlich nicht so verdrossen und griesgrmlich einher und langweilte
die Menschheit. Ach, es wei selten einer, wie gut er's haben knnte, wenn er
nur wollte und wagte, nicht wahr, Frau Klaudine?
    Whrend der Vetter Wassertreter besttigte, da der Gedanke mit der
Drehorgel etwas recht Verlockendes habe und jedenfalls in nhere berlegung zu
ziehen sei, sah die Bewohnerin der Mhle mit noch tieferer Melancholie auf das
Hoffrulein und nahm erst nach einem lngern Stillschweigen von neuem das Wort.
    Ich kann Sie nicht einladen, Herr Hagebucher, in den Wald zu kommen und bei
den sieben Zwergen zu leben; denn es wre nicht gut und ntzlich. Sie haben
lange genug nur mit sich allein hausgehalten; deshalb lassen Sie sich nicht
verfhren von augenblicklicher Abspannung und Ermdung. Ach, ich bin keine kluge
und noch viel weniger eine weise Frau, obgleich die Leute es sagen; aber man
braucht's auch nicht zu sein, um zu wissen, was den Tod fr Sie bedeuten wrde.
Was fr einen andern Rat knnte ich Ihnen geben, als da Sie wieder hinausgehen
mssen auf den Markt; und wer sich Ihren Freund nennt der soll dazu helfen und
unter keinen Umstnden dazu beitragen, da Ihnen der gegenwrtige Tag allzu
behaglich werde.
    Hab ich es nicht immer gedacht, mein Junge! rief der Vetter Wassertreter
mit Emphase. Was hilft mir der Grovaterstuhl, wenn ich nicht drin sitzen darf?
Nur weiter, Frau Klaudine, ich habe meine Meinung schon lngst gewut, ich hab
sie nur nicht ausdrcken knnen. Warte, mein Shnchen, wir werden dir schon
Nadeln aus jeglichem Sitz wachsen lassen. Nur immer weiter, liebste Frau
Klaudine.
    Lchelnd fuhr die Madam Klaudine fort:
    Der Vorschlag mit dem Drehorgelbild und dem schnen Lied dazu gefllt auch
mir ausnehmend wohl, und es wre meine feste Meinung, da wir nichts Besseres
tun knnen, als ihn so schnell als mglich zur Ausfhrung zu bringen. Ja, es ist
mein vlliger Ernst, lieber Freund, und ich glaube auch nicht, da man dadurch
gegen die Sitte der Zeit verstoe -
    Nicht im geringsten! rief Nikola von Einstein. Das wre noch besser,
nicht im allergeringsten!
    Was jedermann tut, kann auch einer aus dem hintersten Afrika machen,
brummte der Vetter. Leonhard, fasse dich kurz; auf die Auslagen soll's mir
nicht ankommen, und den rechten Schick traue ich dir schon zu.
    Mein Jammer mu doch recht komisch sein, da alle das Lachen ihrer
Teilnahme beifgen, sagte Leonhard klglich und mit einem etwas vorwurfsvollen
Blick auf Frau Klaudine. Man hat auch recht, und das Wort ist alt genug, da
der fr den Spott nicht zu sorgen braucht, welcher den Schaden hat. Es ist sehr
komisch, und ich will auch lachen wie die andern, und wit ihr, was ich tun
werde, Vetter? Mit einer Drehorgel werde ich nicht im Lande umherziehen; aber
Eure Steine will ich zerklopfen an Eurer Landstrae, Herr Vetter. Bei Allah, das
werde ich tun, und morgen werde ich damit beginnen! Das ist mein Entschlu, und
niemand soll mir mehr dreinreden. Bei Allah, wie dumm der Mensch sein kann! Ist
es mir doch noch gar nicht eingefallen, da ich die Philosophie, die ich im
Tumurkielande theoretisch bte, im Lande der Deutschen praktisch ausfhren
knne! Beim Ring des Knigs Salomo, jetzt habe ich des guten Rates genug; ich
will nichts mehr hren, sondern meine Tage zerklopfen wie den Basalt an Euren
Landstraen, und Eure Zivilisation mag ber meine Gedanken und Hirngespinste
weggehen und -fahren, was kmmert's mich.
    Wohinaus, Nikola? fragte die Frau Klaudine, als das Frulein sich jetzt
schnell erhob und nach ihrem Htchen und ihrer Gerte griff.
    Nach Bumsdorf zurck auf dem Prospero, Liebste.
    Und Sie wollen nicht warten und uns nicht mit sich nehmen? rief der Vetter
Wassertreter.
    Nein, nein! Was hat Sie auch angetrieben, uns jenen dort herzuschleppen?
Auch wir kommen selten genug dazu, uns einer guten Stunde zu freuen, und es ist
durchaus nicht ntig, da man uns ungeladen eine Fratze in den Sonnenschein
schneide. O Frau Geduld, werden Sie einmal recht, recht ungeduldig und sagen Sie
dem Herrn aus dem Mohrenlande, da wir unsere Meinungen und Ratschlge
keineswegs wie Brombeeren hergeben, oder, noch besser, rufen Sie die Christine
mit dem Besen und lassen Sie Ihr Haus kehren. Guten Abend, Madam! Guten Abend,
Gentlemen! Ich hab an meinem eigensten Eigensinn schwer genug zu tragen und
brauche mir von keinem andern dazu mit dem Borstwisch durch die blaue Minute
fahren zu lassen. Guten Abend, meine Herrschaften, guten Abend, Herr Leonhard
Hagebucher - vielleicht treffen wir in einer bessern Stimmung wieder zusammen.
    Sie hatte der Frau Klaudine die Stirn gekt und war zur Tr
hinausgesprungen. Sie sa auf dem weien Pferde und grte in lachender
Schnheit, die nun gar seltsam mit ihren rgerlichen Worten kontrastierte, ber
die Hecke. Als die lustige, grazienhafte Erscheinung im Walde verschwunden war,
saen die beiden Mnner noch eine geraume Weile sehr verblfft da und starrten
ins Leere, bis die Frau Klaudine seufzte:
    Mein armes Kind, geh nur; es darf dich niemand schelten um deine Ungeduld!
Ihr lieben Herren, da ist auch eine glatte Stirn und krause Gedanken darunter,
und keiner in der Welt drauen, ihre Gespielinnen nicht und ihre Mutter nicht,
kann soviel davon wissen als ich. Und sie kommt ebenfalls zu mir, um auf die
Tropfen zu horchen, die von dem zerbrochenen, nutzlosen Rad meiner Mhle
klingen; aber auch sie ist zu jung, als da die Lehre dieses Klanges den rechten
Sinn fr sie haben knnte, und zu jung sind auch Sie, Herr Leonhard.
    Mit den letzten Worten hatte sich die Bewohnerin der Katzenmhle von neuem
an den Afrikaner gewendet und fuhr jetzt fort:
    Ich wollte Ihrer nicht spotten, mein Kind. 's ist auch eine Kunst wie so
manches andere; und wenn ich voreinst mehr davon wute, so habe ich das gleich
so manchem andern lange verlernt hier in der Stille. Es ist ein bel Lachen in
der Katzenmhle, wenn man allein sitzt und auf das Fallen der Wassertropfen
horcht und auf den Hher tiefer im Walde. Man lernt das Lachen und den Spott
nicht in der Einsamkeit! - Weshalb wollen Sie das, was Sie in der Wste erlebten
und dachten, nicht auf eine Tafel malen, um es dem Volke zu zeigen und zu
deuten? Viele kluge und gute Leute haben dasselbe getan und so einen groen
Nutzen gestiftet, indem sie ihr Schicksal, ihre schweren Mhen und Arbeiten, ihr
Glck und Unglck sing-und sagbar machten. Denken Sie nach ber das, was Sie
erlebten; - hier im Walde, auf der Landstrae des Herrn Vetters, in Ihrer Eltern
Hause, berall denken Sie darber nach, und wenn Sie wollen, knnen Sie auch
niederschreiben, was Sie fr ntzlich und neu halten. Es ist ein schner Sommer,
die Tage sind lang, und man hat volle Zeit, sich allerlei zu berlegen, bis der
Herbst in das Land kommt; - nachher, wenn Sie genug zusammengetragen haben,
reden Sie zu dem Volke davon, Sie werden tausend Hrer finden, und wenn Sie Ihre
Sache recht machen, so sollen Sie sich wundern, wie schnell sich Steine in Gold,
Verdru in Wohlbehagen und groes Elend in noch greres und sehr dauerhaftes
Glck verwandeln knnen.
    Was sagst du, Leonhard? Was habe ich dir gesagt? rief der Wegebauinspektor
in heller Begeisterung. Haben wir an die rechte Tr geklopft? O Frau Klaudine,
was htte aus mir werden knnen, wenn Sie Anno neunzehn in Mainz an der Tr der
Zentraluntersuchungskommission auf mich gewartet htten! Rhr dich, Leonhard,
und ksse der Madam Klaudine die Hand, oder ich ziehe die meinige so vollstndig
von dir ab wie nur je der Stamm Levi von der brigen Vetternschaft, wenn der
Kirchenzehnte in Gefahr kam, weil Bacchus und Venus, Baal oder der Drache zu
Babel es billiger taten.
    Die Herrin der Katzenmhle erhob drohend lchelnd den Finger und sagte:
    Herr Vetter, Herr Vetter, es ist sicherlich zu jeder Zeit ein schweres
Stck Arbeit gewesen, Sie einen Weg zu fhren, den Sie nicht gehen wollten.
Jetzt halten Sie geflligst den Mund und lassen mich aussprechen. Sie fallen vom
Monde herab, Herr Hagebucher, und haben somit viel zu erzhlen; singen Sie Ihr
Lied vor Ihrer bunten Tafel, und das Leben der Gegenwart, das Sie unter so
groen Mhen wiederzufinden suchen, wird gewi zu Ihnen kommen, und wohl Ihnen,
wenn es Sie nicht ertrnkt und erstickt mit seinen bittern, trben Fluten.
    Leonhard Hagebucher hatte die Stirn tief gesenkt; der Vetter Wassertreter
aber schlug von neuem mit groer Gewalt auf sein Knie und rief begeistert:
    Madam Klaudine, der Bursche kann's machen, und ich werde ihm helfen! Hurra,
da sollen nicht Nippenburg und Bumsdorf allein Augen und Ohren aufsperren!
Vivat, jetzt haben wir eine Beschftigung fr den Winter -
    Wo steht Euer trefflicher Gaul, Herr Wegebauinspektor? unterbrach die Frau
Klaudine den Entzckten, und der Vetter, der gern noch lnger das Wort behalten
htte, antwortete:
    Nun, im Ochsen, wie gewhnlich.
    So tut mir den Gefallen, Liebster, und schlendert hin zum Ochsen; reitet
heim und lat mir diesen hier noch einige Augenblicke allein; ich schicke ihn
Euch so bald als mglich nach. Ihr habt mir ein freundliches Zutrauen erwiesen,
Herr Vetter, indem Ihr Euren Schtzling mir zufhrtet, und da ich dasselbe
nicht tuschen werde, wit Ihr. Lat mir den Herrn Leonhard noch ein Stndchen,
ich verspreche Euch auch, da Ihr noch viele Freude an ihm erleben sollt.
    Der Vetter Wassertreter machte eine Bewegung, als ob er sich die Hnde
wasche, und sagte greinend, indem er sich langsam erhob:
    Madam Klaudine, es ist sicher, da Ihr eine kluge Frau seid und da man
sich auf Euch jederzeit verlassen kann, auch wenn Ihr einem den Stuhl vor die
Tr setzt. Ich habe schon Zerbrechlicheres als den Vetter Hagebucher in Eure
Hnde gelegt; also wnsche ich Euch hiermit einen guten Abend und marschiere
Eurem Wunsche gem nach dem Ochsen. Bringt ihn rum, ich meine den Jngling aus
Afrika, und lat nicht los, eh Ihr seiner Unmndigkeit auf die Beine geholfen
habt. Sei brav, Leonhard, und bedenke, wieviel Liebe und Ehre dir angetan wird.
Solltest du mich bis gegen zwei Uhr morgens noch ntig haben, so melde dich
unter meinem Fenster; du weit, da der Schlaf meine schwache Seite ist.
    Guten Abend, Herr Wegebauinspektor! rief die Frau Klaudine ein wenig
ungeduldig; der Vetter Wassertreter kte mit groer Zierlichkeit die Hand gegen
sie und verschwand endlich pfeifend hinter den Bschen, ein gut Stck Weges
begleitet von dem Wchter der Katzenmhle, einem stattlichen weien Spitzhund,
dessen Verwandtschaft in sehr guten Umstnden auf dem Bumsdorfer Edelhofe lebte.

                                Neuntes Kapitel


Kaum hatte der Vetter den Rcken gewendet, und noch waren die melodischen
Klnge, womit er seine Anabasis begleitete, nicht verklungen im Walde, als eine
groe Vernderung ber die Bewohnerin der Mhle kam. Die ruhige Heiterkeit
verschwand aus ihrem Gesichte, sie sah noch einen Augenblick angstvoll und scheu
in die stille Wildnis vor ihrem Fenster; dann fate sie mit beinahe wilder
Heftigkeit den Arm Leonhard Hagebuchers, stellte sich dicht vor ihn hin, sah ihm
immer tiefer in die Augen und flsterte:
    So sind Sie endlich doch gekommen? Weshalb kamen Sie nicht frher? O es war
sehr grausam, mich so lange warten zu lassen. Sie durften am wenigsten mit mir
spielen, da Sie doch auch so Schweres leiden muten und auch keine Waffen
dagegen hatten! Hat Ihnen niemand gesagt, wie die Einsiedlerin nach Ihnen
verlangte? Hat Ihnen selbst Nikola nicht von mir gesprochen und Sie zu mir
geschickt? O das war nicht gut, nicht gut! Aber nun danke ich Ihnen doch, denn
ich habe Sie ja und gebe Sie so leicht nicht wieder frei. Sie mssen mir alles
sagen, von allem erzhlen - Sie drfen das Kleinste, das Geringfgigste nicht
auslassen, denn es kann mir Leben oder Tod bedeuten, was Ihnen nichts ist.
    Ratlos und bestrzt stand Leonhard unter diesem Schauer von rtselhaften
Vorwrfen. Fragen und Bitten. Die Vorstellung, da er sich einer Irrsinnigen
gegenbersehe, drngte sich ihm mit aller Gewalt auf, und er wute es dem Vetter
Wassertreter wenig Dank, da er ihn zu dieser geheimnisvollen Mhle und Frau
gefhrt habe, um ihn sodann seinem Schicksal zu berlassen. Er sagte stammelnd
und stotternd:
    Es haben mir viele Leute und auch das Frulein von Einstein von Ihnen
gesprochen, und ich wrde gern frher hierhergekommen sein, wenn ich geahnt
htte, da die Frau Klaudine meinen Besuch so gern sehen wrde. Ich will auch
gern noch einmal meine Historie erzhlen und mit allem Vergngen jede mgliche
Auskunft geben; es lt sich hier gut sitzen, und ich will recht oft kommen,
wenn die Frau Klaudine ihre Erlaubnis gibt.
    Die Frau Klaudine schttelte traurig das Haupt. Ich merke, man hat Ihnen
doch nicht genug von mir erzhlt. Ach, halten Sie mich nicht fr eine Nrrin:
ich bin nur eine unglckliche Mutter und frage die Leute aus nach meinem Kinde.
Verzeihen Sie mir meine Aufregung, lieber Freund. Ja, ich denke, wir werden
recht oft und lange zusammensitzen, und da wollen wir einander allmhlich besser
kennenlernen. Nun reden Sie, was hat man Ihnen von der Einsiedlerin in der
Katzenmhle gesprochen?
    Leonhard Hagebucher teilte mit, was dann und wann beilufig im Gesprch
vorgekommen war, und sodann, was der Vetter Wassertreter auf dem heutigen Wege
von der Geschichte der Frau Klaudine ihm kundgemacht hatte, und die Bewohnerin
der Mhle hrte nun wieder still und ruhig zu und nickte nur von Zeit zu Zeit
mit dem Kopfe. Als er mit seinem Bericht zu Ende war, sagte sie:
    Freilich, es kann niemand wissen, wie dem Nachbar zumute ist, sei's, da
ihm eine Schale aus der Hand fllt und zerbricht, sei's, da er vor den Scherben
seines ganzen Lebensglckes steht. Ich suche mein Kind - meinen Sohn, Leonhard
Hagebucher; er hat mich verlassen und ist davongegangen in die weite Welt; er
ist geflohen vor dem Schimpf der Leute und hat mich bewegungslos hier
zurckgelassen, und ich bin eine Nrrin, Leonhard Hagebucher, glaube an Wunder
und wre schon lngst gestorben, wenn ich nicht an Wunder glauben durfte. So
sitze ich hier in der Katzenmhle und horche bei Tag und Nacht. Es mu einst in
dem Wind eine Stimme zu mir herberdringen, ein Stein mu anfangen zu reden, und
whrend ich darauf harre, lasse ich keinen, der aus der weiten Welt kommt und
ber meine Schwelle tritt, los, ohne da er mir Rechenschaft gab ber seine Wege
und alle, welche ihm auf denselben begegneten. Ich frage sie alle nach meinem
Sohne; wenn ich hundert Jahre lebte und wte, mein Kind sei lngst tot, ich
wurde doch fragen und fragen mssen - ich lebe nur, um mit angehaltenem Atem zu
horchen; o und es ist oft sehr schrecklich, so allein zu wohnen und nichts zu
hren als das Niederfallen der Tropfen dort vor dem Fenster! Ja, die Nikola, die
wei am meisten von allen Menschen davon; aber sie darf auch am wenigsten davon
sprechen. Sagen Sie ihr nicht, da ich ungehalten auf sie war, Herr Hagebucher!
Ich darf keinem zrnen; das Schicksal, das ber mir ist, knnte es mich
entgelten lassen, und ich habe schon so lange, so traurig lange gewartet. Nur
die Geduld kann mir helfen, und ich will geduldig sein; ich will nicht an dem
Zeiger der Uhr rcken; die Leute, die aus der Welt kommen, sollen mir nur sagen,
wie es drauen aussieht, wie die Menschen es treiben und wer ihnen begegnete. Es
mu einmal jemand kommen, der meinen Sohn kennt, der ihn im Gewhl streifte und
ein Wort mit ihm wechselte; ich aber will still sein hier in der alten Mhle und
will mit Geduld auf ihn warten; wei ich es doch vor Hunderttausenden nur allzu
gut, wie es da drauen zugeht und wie bitter, grausam und blutig das Treiben auf
den Straen der Erde ist!
    Bewegt rief Leonhard Hagebucher:
    Liebe Frau, jetzt verstehe ich Sie ganz und htte Ursache, eine tiefe Reue
zu empfinden. Kein Mensch kann die Frau Klaudine so gut verstehen wie der,
welcher sich auch zehn Jahre in der Gefangenschaft in Geduld zu fassen hatte und
dem nicht einmal die Geduld, sondern nur der Stumpfsinn, das bldsinnige
Hinstarren und Hinhorchen in die Leere briggeblieben war. Ja, nun will ich auch
zu der Frau Klaudine sprechen wie zu keinem andern und ihr wie keinem andern
Rede stehen; denn wer knnte gleich ihr einen Sinn in diese Trostlosigkeit und
bodenlose Nichtigkeit legen?!
    Wir haben uns gegenseitig viel zu bieten und wollen einander nach Krften
helfen, sprach die Frau aus der Katzenmhle, und dann - erzhlte Hagebucher
abermals seine Geschichte, diesmal jedoch in einem andern Ton, auf eine andere
Weise und der rechten Zuhrerin. An diesem ersten Tage konnte er freilich nur
einen berblick geben; schon nistete sich die Dmmerung in den tieferen Grnden
des Waldes ein, und schon erglhten die hchsten Wipfel und Zweige der Bume im
rtern Lichte der untergehenden Sonne. Schon hatte Leonhard hundert Gestalten,
und darunter wunderliche Gesellen, zu Land und zur See vor dem verlangenden
Herzen der armen Mutter vorbergleiten lassen, aber den, welchen sie suchte,
erkannte sie nicht unter ihnen. Die Dmmerung schlich von allen Seiten immer
khler und khler aus dem Walde heran gegen die Mhle. Der moosige Fels ber dem
Dache erhob sich schwrzlich gegen den reinen Himmel des Sommerabends, und die
erste Fledermaus verlie ihren Schlupfwinkel und prfte ihre Schwingen, indem
sie einen unsichern Kreis um den morschen Schornstein der Frau Klaudine
beschrieb. Fern im Walde erhoben sich die Stimmen der Nacht, und der Spitzhund
vor der Gartentr schlug leise an und schritt in dem engen Wege bis zur Tr der
Mhle auf und ab, gleich einem treuen Wchter, der sich rstet, sein Amt in der
Finsternis wohl zu versehen.
    Noch immer saen Leonhard und die Frau Klaudine neben dem offenen Fenster,
und keines von beiden merkte, wie das Licht und die Zeit vorbergegangen waren.
Noch immer sprach Leonhard Hagebucher, der jetzt lngst seine Zuhrerin in das
gelbe glhende Felsental von Abu Telfan zu seiner Lehmhtte gefhrt hatte, und
nannte jetzt auch zum ersten Male den Namen des Herrn van der Mook.
    Nun sagen Sie mir noch ein Wort von Ihrem Befreier und von der Stunde Ihrer
Erlsung! rief die Frau Klaudine. Schildern Sie mir den Mann, welchen Ihnen
die Vorsehung sandte, um Sie zu retten, und wie es Ihnen war, als die Fesseln
zur Erde fielen und das Frchterliche hinter Ihnen lag. Sagen Sie mir mit Ihrem
eigenen Munde, wie Sie erlst wurden, das soll mich bestrken in dem Glauben an
die eigene Erlsung; ach, es sind zu viele, die sagen: Ihr kann nicht geholfen
werden! Und ich bin so allein, und ich habe das Wunder und den Glauben und die
Leute, welchen gesagt wurde: Steh auf und wandle - so ntig, o so ntig!
    Fortgerissen von der fieberhaften Heftigkeit dieser Frau, sprach Hagebucher
zum erstenmal seit seiner Rckkehr aus Afrika auf solche Weise, wie es sich nach
solchen Erlebnissen gehrte. Er gab jedem Ding die rechte Farbe und wunderte
sich, whrend er redete, selber darber. Es erwachte ein Talent in ihm, von
welchem er bis zum gegenwrtigen Augenblicke nichts gewut hatte und ber
welches er sich nachher auf dem Heimwege nach Bumsdorf noch mehr zu wundern
begann, wie wir bald erfahren werden.
    Die wilden schwarzen Jger mit ihren Sklaven waren durch Chasm-el-Bab, den
Eingang der Wste, in ihr Felsendorf heimgekehrt. Kopfschmerzen, belkeiten,
wunde Fe und einige sehr rote Striemen waren die Ausbeute des Tages fr den
Sohn des Steuerinspektors Hagebucher gewesen. Nun lag er stumpfsinnig, lang
ausgestreckt, drckte das Gesicht in den Sand, um nichts mehr von dem heillosen
Lichte des Tages zu sehen, und war nicht imstande, Protest gegen die frhliche
Jugend, welche im kindlichen Spiel seinen armen Leichnam zum Tummelplatze
erwhlte, zu erheben. Schrill erklang die Stimme der Madam Kulla Gulla durch das
Gequiek der Kleinen, das Schnarchen der Kamele, das Brllen des Rindviehs, das
Schnarren der Kuhhrner und das Triumphlied der Jger. Die Alten und Weisen
unterhielten sich von dem letzten Heuschreckenzuge, und ihrer einige trieben
ebensogut Politik wie die Gevattern nordwrts vom Mittellndischen Meere. Die
Feuer zur Bereitung der Nachtkost wurden soeben angezndet - Leonhard Hagebucher
hatte selber am Morgen den Kamelmist zusammengetragen -, einige Brllaffen, ein
junger Gorilla und zwei Rieseneidechsen waren bereits an die Spiee gesteckt; in
einer Stunde war es unwiderruflich Nacht. Es war besser, der Zubereitung des
Abendessens in Abu Telfan nicht zuzusehen, man speiste mit viel grerm Appetit;
es war besser fr den europischen Menschen, auch die Ohren im Sande zu
vergraben, das Stimmen der Instrumente zu dem Konzert, welches den Tag
beschlieen sollte, war kaum ergtzlich anzuhren. Eine Schildkrte, mit aller
geistigen Begabung der Schildkrte und nicht mehr, zu sein - o die Vorstellung
erffnete einen Blick in das Reich der hchsten krnenden Gnade! Die
Vorstellung, den Kopf unter die Schale ziehen zu knnen und nichts zu fhlen, zu
sehen und zu denken - diese Vorstellung war zu beseligend, um nicht bitterer zu
sein als jener Stern Wermut, der alle Brunnen und Wasserlufe der Erde
untrinkbar machte. Da der Vollmond den Neger betrunken mache, ist zwar noch
nicht vollstndig erwiesen; was jedoch smtliche Touristen, Handelsleute,
Missionre und Entdecker von seinen Wirkungen auf die Seelen der unstrflichen
thiopier erzhlen, deutet darauf hin, da etwas dran sei, und Hagebuchers
Erfahrungen traten mit ganzer und klarster Gewiheit fr das Faktum ein. Noch
lag die feurige Sonnenkugel auf dem westlichen Rande des Tales; erst in einer
halben Stunde war's Nacht, und dann mute der wahre, echte afrikanische Sabbat
beginnen - Leonhard Hagebucher dachte mit Schauder daran und begrub seine Stirn
zum drittenmal tiefer in den Sand.
    Ein Schu, der ein hundertfaches Echo in den zerklfteten Felsentlern
weckt! Ein zweites Krachen, das an den roten Berglehnen dahinrollt! Stille im
Dorf und Lager und darauf ein gellendes, hundertstimmiges Geschrei und Geheul!
Die Mnner und Krieger zu den Waffen, die Weiber und Kinder in die dunkelsten
Winkel der Htten oder in die tiefsten Verstecke der Erdhhlen! Mrs. Lavinia
Drawboddy in weiten roten trkischen Hosen, einer weiten gelblichen
Flanelltunika und mit einer blauen Drahtbrille auf einer Kamelstute; - Mr.
Augustus Montague Drawboddy ganz in gelbem Flanell, mit Revolver, Doppelbchse,
Jagdmesser auf dem merkwrdigsten und zottigsten aller Ponys; - Herr Kornelius
van der Mook ebenfalls bewaffnet bis an die Zhne, brtig, sonnverbrannt, in
einem Kostm, welches dem der englischen Dame an phantastischer Willkrlichkeit
nichts nachgibt, auf einem stattlichen Maulesel - ein unendliches, whlendes,
staubaufrhrendes, brllendes, plrrendes, kreischendes, quiekendes, rasselndes,
klapperndes, hinten und vorn ausschlagendes, purzelbaumschlagendes Gefolge von
Arabern und Affen, Nubiern, Abyssiniern, Schilluks, Baggaras und Dschournegern,
von Bffeln, Eseln, Lasttieren aller Art, Kfigen mit jungen Lwen und Tigern,
Kasten mit Krokodilen und Schlangen und bunten Vgeln! Halt des Zuges an der
Barriere von Abu Telfan; exaltiertestes Verhandeln der Parlamentre und
Dolmetscher - allgemeine Verstndigung und wahnsinnigster Jubel! Groe
gegenseitige Vorstellung von Altengland und Tumurkieland, Mrs. Lavinia Drawboddy
und Madam Kulla Gulla; - der Gorilla am Bratspie und Mr. Augustus Montague
Drawboddy in tiefsinniger Betrachtung des Gorillas - Herr Kornelius van der Mook
und Herr Leonhard Hagebucher aus Nippenburg, Grand-Duchy of ***, German
Confederation! - -
    Es war die allerhchste Zeit, da er kam, Frau Klaudine, seufzte der
Erzhler in der Katzenmhle. Noch eine kurze Frist, und er htte meinethalben
ebensogut wegbleiben knnen. Einen Tag spter, und der Rest wre die
unbefangenste Tierheit, die absoluteste Bldsinnigkeit gewesen; denn was man
zehn Jahre ertrug, das mag einem in den ersten Stunden des elften zuviel werden.
Law, bless me, what a horror! sprach sogar Mrs. Lavinia Drawboddy, als sie die
Kuriositt in ihr Reisetagebuch eintrug, und ihr Gatte ging dreimal um mich
herum und sagte: Wonderful, wonderful!
    O lassen Sie diese Englnder! rief die Frau Klaudine. Was sagte der Herr
van der Mook? Sprechen Sie mir von diesem; denn er ist's gewesen, welcher Sie
erlste und Ihnen die Ketten abnahm. Sagen Sie mir alles von ihm - was wollte
ich darum geben, wenn ich ihn sehen, den Klang seiner Stimme hren drfte.
    Er stolperte ber meinen am Boden ausgestreckten Leib, als er die Madam
Kulla Gulla zum Stadthaus von Abu Telfan fhrte, und da er beinahe gleichfalls
sich zu Boden gelegt htte, so entfuhr ihm eine nicht sehr hfliche Redensart,
und zwar in deutscher Sprache. Da bin ich aufgefahren und habe ihn ebenfalls
deutsch angerufen, und dann kamen mir vor bermchtiger Aufregung meine fnf
Sinne fr einige Zeit abhanden, und als ich das Bewutsein wiedererlangte, war
der Handel um meine Person bereits im besten Gange; ich aber konnte nichts
weiter tun als den Verlauf der Unterhandlungen in Geduld abwarten. Mr. Augustus
Montague Drawboddy, der mehr als mich in seinem Leben taxiert hatte, schtzte
meinen Wert auf sechs Schnre bhmischer Glasperlen, zwei kniglich
grobritannische ausrangierte Perkussionsmusketen, drei Solinger
Faschinenmesser, zwlf Pfund Tabak und sechs Flaschen Rum. Mrs. Drawboddy
gestand ein, da man wohl noch ein Exemplar von Bunyans The Pilgrim's Progress
zulegen knne, welcher letztere generse Vorschlag jedoch von Tumurkieland sehr
khl aufgenommen wurde, ja sogar beinahe allen weitern Verhandlungen ein Ende
gemacht htte. Schon zuckte Altengland die Achseln und wandte sich ab, um den
eigenen Geschften nachzugehen, als der Herr van der Mook auf arabisch und in
der Lingua franca dartat, da er auer den beiden angebotenen Flinten noch
einige Dutzend gute Bchsen hinter sich habe und es in mancanza d'un accordo
amichevole, in Ermangelung eines gtlichen Vergleichs, auf einen Austrag durch
Waffengewalt ankommen lassen werde. brigens gebe er den Herrschaften zu
bedenken, da er nach Abu Telfan gekommen sei, um ganz andere und lukrativere
Verbindungen einzugehen, da er aber auch verhoffe, man komme ihm freundlich und
billig entgegen. Er sei bereit, die Messer und Glasschnre zurckzuziehen und
dafr drei Flaschen Rum und eine halbe Rolle Tabak mehr zu bieten; er erwarte,
da man diesen Vorschlag annehme und den Landsmann ihm zur Verfgung stelle.
    Unter dieser schnen Rede ist der Mond aufgegangen, und unter seinem
erregenden Einflu wurde der Handel abgeschlossen. Mit einem letzten Futritt
entlie mich Madam Kulla Gulla ihres Dienstes, und der Herr van der Mook sagte:
Seien Sie kein Narr, mein Bester! Denn ich habe jetzt wie ein Kind geweint. Er
hielt mich in seinen Armen aufrecht, dieser Herr van der Mook, whrend der
afrikanische Dmonentanz ihn und mich, den Mr. Drawboddy und die Lady umkreiste.
Er rieb mir die Schlfen mit Klnischem Wasser aus dem Flakon der Lady: und, o
Frau Klaudine, Jahrtausende der Zivilisation waren in diesem Duft, in welchem
die europische Welt von neuem um mich emporstieg! Man mu das Barbarentum
gerochen haben, mu es lnger als zehn Jahre gerochen haben, Frau Klaudine, um
das, was ich fhlte, empfand und einatmete, zu begreifen. Dieser Tropfen Eau de
Cologne hat mir in der vollen Bedeutung der Worte das Leben gerettet; denn in
ihm war Europa mit all seiner Kultur, und so lste er die tdliche Stockung im
Blute und wendete den Herzschlag, der mich bedrohte, ab. Es war jedenfalls
echtes Klnisches Wasser, das Mrs. Lavinia Drawboddy in ihrer Tasche mit sich
fhrte.
    Sagen Sie mir mehr und anderes von Ihrem Befreier! murmelte die Bewohnerin
der Mhle; Hagebucher aber rief, indem er fast wie in einem Krampf die Hnde
aneinander rieb:
    Verzeihung, ach Verzeihung, Frau Klaudine! Aber ich kann jenen Tagen nicht
beikommen, ich kann von jenen Gestalten nicht loskommen als auf diese Weise. Es
ist eine Feigheit, aber ich kann dieser heillosen Vergangenheit nicht grad ins
Gesicht sehen; der Schauder liegt zu tief in den Nerven - mein ganzes Leben ist
ja zu einem solchen Seitwrtsschielen geworden! Freilich trage ich diesen
Kornelius van der Mook in dem stillsten Winkel der Seele, wenn er gleich nicht
zu jenen Menschenfreunden gehrte, die, aus Heroismus und Aufopferungsfhigkeit
zusammengesetzt, nach der Meinung phantasiereicher wohlwollender Leute so hufig
in der Welt vorkommen, aber doch ungemein selten im richtigen Augenblick sich
Vorfinden. Der Herr van der Mook war ein mrrischer, schweigsamer Mann, der, wie
jeder in Afrika Handeltreibende, seine Peitsche aus Bffelleder an dem Grtel
trug und dieselbe ntigenfalls sehr rcksichtslos gegen Menschen und Vieh
gebrauchte. Er rechnete vortrefflich in allen von London bis zum Mondgebirge
landlufigen Mnzsorten, und whrend seines Aufenthalts zu Abu Telfan waren ihm
die Gefhle und Stimmungen der Madam Kulla Gulla wichtiger als die meinigen Er
hatte Geschfte mit meinen frheren Gebietern zu machen und lie sich in
denselben nicht stren. Unsere halbe oder viertel Landsmannschaft achtete er wie
ein echter Hollnder sehr gering, und einen Wunsch, etwas Nheres ber den Mann
zu erfahren, der ihm zu so hohem Dank verpflichtet war, zeigte er in keiner
Weise. In allem, was er tat und sagte, gab er sich als ein sehr praktischer,
khler, scharfer Rechner kund, und erst nachdem wir Von Abu Telfan aufgebrochen
waren, trat er mir etwas nher, doch hab ich nicht herausgekriegt, ob er
wirklich ein echter Hollnder war. Die Unterhaltung in unserer Karawane wurde in
allen mglichen Zungen gefhrt, nur nicht in der deutschen; und der Herr van der
Mook, der jedenfalls Deutsch verstand und sprach, schien sich sogar nunmehr sehr
davor zu hten, sich dieser Sprache im Verkehr mit mir zu bedienen. Es ist mir
auch immer deutlicher geworden, da er nicht von Deutschland und den deutschen
Verhltnissen reden wollte: und wie ich mich abmhte, ihn zu uerungen und
Mitteilungen in dieser Richtung zu bewegen, es blieb stets bei jener uralten
batavischen Redensart, mit welcher schon Civilis und Velleda allen unbequemen
Errterungen aus dem Wege gingen: Kan niet verstaan! - Seinen Rat, seinen Arm,
seinen Geldbeutel und seinen Kredit hat er mir jederzeit, auf dem Nil und in
Alexandria wie in Abu Telfan, auf das bereitwilligste zur Verfgung gestellt;
mit dem Gemt hat er mir auf keine Weise geholfen, und so haben wir mit einem
Handschtteln Abschied voneinander genommen, wie an der Tre einer Konditorei
oder eines Klubhauses. Zu allem andern Unbehagen schleppe ich auch das Gefhl
mit mir, da sich auch hier wieder Schritte, die mir wert und hochgeliebt bis
zum Tode bleiben mssen, in die Wste verlieren. Es ist ein arges, grimmiges
Gespenst, welches auf allen Wegen hinter mir dreintritt und die Fden, die mich
mit den Hoffnungen und Sorgen, der Arbeit, der Freude und dem Leide um mich her
verknpfen, mit scharfem Messer zerschneidet. Ich habe nichts, gar nichts
heimgebracht aus der Fremde, halte es aber auch fr kein Wunder, da die Heimat
gar nicht daran glaubt, eine solche Tatsache gar nicht fassen kann.
    Der Erzhler brachte somit fr dieses Mal seinen Bericht kleinlaut genug zu
Ende, und auch die Frau Klaudine war eine Weile ganz still. Endlich sprach sie
mit einem tiefen Seufzer:
    Wer verliert nicht mehr, als er findet, auf seiner Wanderung? Welche
ehrlichen Leute rhmen und freuen sich dessen, was sie heimbringen? Nur die
Kleinen und Nichtigen drfen Triumph rufen, wenn sie ihren Bettelsack
ausschtten; die Groen und Edeln werden immer sich abwenden und sagen: Das
Beste gehrt nicht uns zu, und wir wissen nicht, von wem wir es haben! - Was
sind wir allesamt anders als Boten, die versiegelte Gaben zu unbekannten Leuten
tragen? Die grte Schlacht und das hchste Gedicht, von wem kommen und zu wem
gehen sie? Kein rechter Sieger auf irgendeinem Felde wird je rufen: Dies ist
mein Werk und das soll es wirken! - Ich danke Ihnen, mein Freund, fr die
Stunden, welche Sie mir heute gegeben haben. Wir wollen immer bessere Freunde
werden, Sie und ich und Nikola Einstein und noch einige andere. Wir wollen
einander helfen und nicht ungeduldig sein. So lange Zeit, als Sie in der
entsetzlichen Gefangenschaft lagen, hab ich hier in der Einsamkeit, in Gram und
eintnigem Schmerz gesessen und hab auch heute nicht gefunden, was ich suche.
Wir wollen Geduld lernen und lehren und einander helfen, wie wir vermgen. Nun
wird es Nacht; Sie mssen gehen, und ich bleibe wieder allein; daran werden Sie
denken auf Ihrem Wege, und es ist gut fr Sie. Sie werden oft zu der Mhle
zurckkehren, und das ist gut fr mich. Nun will ich Sie auf die Stirn kssen,
Leonhard Hagebucher, und Ihnen gute Nacht sagen; heute soll kein bses Gespenst
Ihnen folgen und den Faden, der Sie an die Katzenmhle bindet, zerschneiden. Ich
will gute Wache darber halten, und morgen sollen Sie die alte Frau in der alten
Mhle loben.

                                Zehntes Kapitel


Gute Nacht, Madam Klaudine, hatte auch Leonhard Hagebucher gesagt und war
seines Weges, oder was man so nennen mag, gegangen; denn er wute wenig von
seinem Wege, er sprte ihn jedenfalls kaum unter den Fen. Von den ersten
Bumen des Waldes aus hatte er noch einmal zurckgeblickt nach der kleinen Htte
unter der Felsenwand. Der Fels war dunkel, das Grtchen lag in tiefer Dmmerung,
und es war wie Magie, als jetzt Christine die Lampe der Frau Klaudine anzndete
und der Lichtschein aus dem Fenster der Mhle dem zgernden Lauscher nachfolgte
in den Wald. Leonhard grte diesen Schein noch einmal tiefer zwischen den
Bumen und schritt erst dann schneller vorwrts, als der Stamm einer alten Eiche
ihn seinem Blick entrckte; die letzten Worte der Greisin erhielten jetzt erst
ihr volles Gewicht: kein arglistiger Dmon durfte seine heutigen Schritte
auslschen oder verwirren, eine Ruhe und Sicherheit, die er lange nicht mehr
gekannt hatte, erfllten sein Herz und machten seine Seele still wie die schne
Nacht rings um ihn her. Nicht alles, was er heute sah, hrte und erlebte, war
geeignet, ihm die so wnschenswerte Klarheit des Daseins zu gehen; aber ein
erster Hauch eines neuen Tages hatte ihn getroffen und khlte ihm die heie
Stirn: so schttelte er sich und schritt rstig weiter, erst auf dem kaum
sichtbaren Pfade durch den dstern Tal- und Waldgrund, dann auf der Landstrae
durch das Dorf Fliegenhausen und zuletzt auf einem andern engen Pfade seitwrts
der Landstrae, durch das hohe Korn, dessen nchste Halme er fortwhrend durch
die Hnde gleiten lie.
    Er hatte sich in eine groe Aufregung, ein halbes Fieber hineingeredet, als
er der Frau Klaudine die letzten Augenblicke seines Aufenthalts in Abu Telfan
schilderte; aber die leisen Tropfen an dem zerbrochenen Mhlrad und die
Bewohnerin der Mhle selber hatten doch den Sieg davongetragen ber die
Aufregung und das Fieber. Immerfort klangen die Tropfen und die gute sanfte
Stimme der alten Frau in seinem Ohre. Er sah Nikola von Einstein in der
Fensterbrstung sitzen, wie sie mit den Blten und grnen Zweigen, welche in das
Fenster lugten, spielte; er sah sie auf dem weien Pferde gleich einer Jgerin
aus Tristan und Isolde, wie sie ber die Hecke winkte, ehe sie im Walde
verschwand. Auch ihre Stimme und ihr Lachen erfllten die Nacht und sein Herz; -
sein Weg fhrte ihn sanft ansteigend aus der Tiefe in die Hhe, und nun stand
er, immer noch zwischen den hrenfeldern, neben einem alten, morschen, sehr
berflssigen Wegweiser und blickte zurck und rief, was er schon einmal am Zaun
des Bumsdorfer Gutsgartens ausgesprochen hatte:
    Bei Gott, es ist doch schn im Vaterlande. Kurru, kurru, kurru, masch biqwa
Schilla qwa Baggara!
    Letzteres Gegurgel bedeutete die Nationalhymne des Mondgebirges, deren
Anfang in wortgetreuer bersetzung lautet:

Was ist des Negers Vaterland?
Ist's Schillukland? Baggaraland?
Ist's, wo der Niger brausend geht?
Ist's, wo der Sand der Wste weht?
O nein, nein, nein usw.

und welche deshalb fr den Deutschen von Interesse und literarisch- wie
politisch-historischer Bedeutung sein mu, weil sie mit einem Liede, welches er
selbst bis in die jngste Zeit gern und hufig sang, eine unverkennbare
hnlichkeit besitzt.

Ja, das Vaterland war sehr gro und sehr schn, und sehr hbsches, angenehmes,
verstndiges, aber auch sehr kurioses Volk lief darin herum. Mit einer
ausgezupften hre in der Hand ging der Afrikaner weiter, und die Vorstellung,
die Landenge von Suez durchgraben zu helfen, wrde ihn heute nicht bewogen
haben, von der Universitt Leipzig durchzubrennen. Dagegen erschien ihm die
Idee, der deutschen Nation ffentliche, gut honorierte Vorlesungen ber das
Tumurkieland zu halten, in der Tat recht einleuchtend und leicht ins Werk zu
setzen.
    Warum nicht? fragte er den dunkeln Horizont, den warmen Nachtwind und die
funkelnden Sterne und fgte hinzu:
    Nur Mut - und Selbstvertrauen bis zur Unverschmtheit, Hagebucher! Zeige
ihnen, mein Sohn, da du doch nicht so ganz umsonst so lange in die Schule der
Troglodyten gingst und mit einigem Nutzen am Mondgebirge den Eselskopf trugst,
auf Erbsen knietest und die Rute bekamst. Weshalb solltest du es nicht wagen,
Alter, den Kampf mit dieser nrrischen Zivilisation von neuem aufzunehmen - wer
wei, wieviel Honig die Biene in sich hat? Jedenfalls, mein Kind, hast du weder
Ruf noch Ruhm zu verlieren; und zu gewinnen -
    Er brach ab und seufzte tief; doch es war ein Zauber in dieser Nacht, und er
konnte auch schon den Gedanken an Gewinn tapfer von sich abschtteln. Seine
Schritte wurden immer lnger, er ging krperlich und geistig durch, und es war
ein groes Wunder, da er mit heilen Gliedern auf der Bumsdorfer Landstrae
wieder anlangte.
    Nochmals hielt er an und horchte auf ein Rauschen seitwrts von des Vetters
Wassertreter tadellos gehaltenem Pfade. Da war ein laufender Brunnen und eine
Steinbank daneben inmitten einer Baumgruppe, ihm wohlbekannt aus seinen
Knabenjahren. Obgleich er den Platz schon am hellen Tage einige Male aufgesucht
hatte, so behagte es ihm doch auch jetzt in dieser Nacht wieder, da der Strahl
noch immer so frisch und krftig in das Becken scho, da das lustige Gesprudel
und Gepltscher whrend seiner Abwesenheit nicht versiegt war. Er beugte sich
nieder, um gleich dem alten Zyniker mit der hohlen Hand zu schpfen, besann sich
jedoch eines Bessern und hielt den Mund an die Rinne wie vorzeiten und trank in
vollen Zgen. Oft hatte er an diesen Quell denken mssen in dem heien,
glhenden Felsental von Abu Telfan und htte oft mit Freuden ein Jahr seines
Lebens fr eine Minute an dieser Stelle hingegeben. Nun dachte er daran zurck
und richtete sich wiederum dankbar und klger in die Hhe. Er sa noch einen
Augenblick ausruhend auf der Bank und benutzte die gute, klare Stimmung, um sich
und der alten Dame in der Katzenmhle zu versprechen, frderhin auch mit wenigem
zufrieden zu sein und ntigenfalls das Leben fortzufhren in Europa wie in der
Lehmhtte des Tumurkielandes, auch sich nicht allzusehr an den Worten und Werken
seiner lieben Nachbarn zu rgern, sondern in Geduld die Tage und die Dinge an
sich kommen zu lassen, ferner mit Hlfe der Gtter seine Meinung deutlich zu
sagen, dieselbe aber auch, und zwar ebenfalls mit Hlfe der Gtter, ruhig fr
sich zu behalten, dann fr seine Gesundheit zu sorgen und zuletzt sich ein gutes
Konversationslexikon zu eifrigstem Studium anzuschaffen. Lauter verstndige,
ehrenwerte und ntzliche Vorstze, Gelbnisse und Plne, aber alle kaum
originell genug, um nher darauf eingehen zu mssen, weshalb wir sie ihm zu
eigener reiflicher berlegung anheimgeben und uns, da er berdies recht bequem
neben diesem rauschenden Born sitzt, zu einem andern Wanderer kehren, der sich
ebenfalls um diese Zeit auf dem Wege gen Bumsdorf befindet.
    Am Marktplatz der Stadt Nippenburg liegt ein stattliches Haus mit glnzenden
Spiegelscheiben und graugrnen Fensterlden, einem weiten Torweg und einem
kurzstmmigen, haarigen Hausknecht: der Goldene Pfau, der erste Gasthof der
Stadt. Seit undenklichen Zeiten steht sein Ruf fest, nicht nur in Nippenburg,
sondern weit in die Lande. Generationen von Honoratioren haben ihre Blle in
seinen Rumen gehalten, Generationen von fetten Amtmnnern und fetten und hagern
Pastoren sind vor seiner gastlichen Pforte abgestiegen, hundert Generationen von
Handlungsreisenden haben seinen Preis gesungen weithinaus einst ber die Grenzen
des Hansabundes und jetzt ber die des Zollvereins, und der Goldene Pfau
verdient das alles; er ist auch heute noch ein Ort, an welchem man es sich wohl
sein lassen kann und wo man unter allen Umstnden seine Rechnung findet.
    Im Goldenen Pfau befand sich natrlich auch der Herrenklub von Nippenburg,
und der Steuerinspektor Hagebucher war ebenso natrlich ein ausgezeichnetes,
wohlangesehenes Mitglied dieser trefflichen Gesellschaft. Seine Pfeife mit einer
Fliege auf dem Kopfe wurde vom Kellner mit kaum geringerm Respekt in Verwahrung
gehalten als die des Kreisgerichtsdirektors und des Generalsuperintendenten; er
- der Herr Steuerinspektor - war sehr eigen in betreff seiner Pfeife. Sein Platz
wurde selten von einem frechen oder unwissenden Usurpator eingenommen. Er der
Inspektor - machte keinen Anspruch darauf, die Zeitungen zuerst zu bekommen,
aber er bekam sie zu seiner Zeit und erinnerte sich nicht, da ein anderer als
ein hospitierender Vorgesetzter oder sonst im hhern Rang stehender Mann die
althergebrachte Reihenfolge in frevelhaft politischer Neugier gestrt habe.
    Viele, viele Jahre hindurch hatte sich der Steuerinspektor Hagebucher
ungemein behaglich in diesem Kreise der Aristoi, der Besten in Nippenburg,
gefhlt; und sowohl vor als nach seiner Pensionierung war der Tag in seinem
Kalender schwarz unterstrichen, an welchem ihn irgendein Umstand zwang, seine
Pfeife, seinen Stuhl und die Zeitung daselbst einmal aufzugeben. Es entstand
dann eine Lcke in seinem Dasein, fr welche seine Hausgenossen jedesmal
ziemlich schwer zu ben und mit ihrer Behaglichkeit einzutreten hatten.
    Was ist aber der Mensch und das Vergngen des Menschen? Es hat beides seine
Zeit und leider eine gar kurze. Wir mgen noch so sicher, sei's hinter dem Ofen
oder am Fenster, je nach unserm Geschmack Posto fassen: ber ein kurzes, und die
Nesseln drngen sich durch den weichsten Teppich, das schnste Parkett, wuchern
um unsere Fe, wachsen und schlagen ber unserm Kopfe zusammen. Es ist an und
fr sich ein nobles Gefhl, Stammgast zu sein, Stammgast sowohl auf der grnen
Erde wie im Goldenen Pfau: aber dauerhaft ist der Genu keineswegs, und der
Steuerinspektor Hagebucher fhlte sich seit einiger Zeit lngst nicht mehr so
wohlig im Goldenen Pfau wie frher. Niemand aber trug die Schuld daran als der
Afrikaner, der aus dem Tumurkielande so unvermutet heimgekehrte Sohn.
    Seltsam! Solange unser wackerer Freund Leonhard in der geheimnisvollen Ferne
undeutlich und schattenhaft vor den Augen von Nippenburg umhertanzte, ja sogar
als ein Verlorener erachtet werden mute, zog sein Papa im Pfau einen gewissen
wehmtig-wrdigen Genu aus ihm. Man wute ja von seiner Ttigkeit auf der
Landenge von Suez und seiner Fahrt nilaufwrts; der junge Mann war gewissermaen
ein Stolz fr die Stadt, und wenn er wirklich zugrunde gegangen war, so hatte
Nippenburg das unbestreitbare Recht, sich seiner als eines Mrtyrers fr die
Wissenschaft zu erfreuen und ihn mit Stolz unter all den andern heroischen
Entdeckern als den Seinigen zu nennen. Es war sogar bereits die Rede davon
gewesen, ob man dem heldenmtigen Jngling nicht eine Marmortafel an irgendeinem
in die Augen fallenden Ort oder seinem Geburtshause schuldig sei, und der Papa
Hagebucher hatte bei einer jeden derartigen Verhandlung das Lokal stumm,
gerhrt, aber doch gehoben verlassen und das achtungsvolle Gemurmel hinter sich
bis tief ins Innerste versprt.
    Nun hatte sich alles dieses auf einmal gendert und war sogar ins Gegenteil
umgeschlagen. Der tief bedauerte Afrikareisende war heimgekehrt, aber nicht als
glorreicher Entdecker; und wer sich allmhlich sehr getuscht und gekrnkt
fhlte, das war die gute Stadt Nippenburg. Schon im fnften Kapitel ist davon
die Rede gewesen, wie sie im allgemeinen ihn aus ihrem goldenen Buche strich;
wie aber der Goldene Pfau im besondern sich zu und gegen ihn und seinen Erzeuger
verhielt, das mu noch gesagt werden.
    Der Goldene Pfau fing ganz s, sanft, sacht an, seinen Stimmungen Ausdruck
zu geben; aber man wei, ber welche Stimmmittel dieses Gevgel zu gebieten hat,
sobald es ihm Ernst wird, seine Meinung zu uern. Der Schritt vom Erhabenen zum
Lcherlichen ist sicher nicht krzer als der vom Bedauern zum Hohn, und der Papa
Hagebucher durfte sehr bald als Autoritt fr diesen Erfahrungssatz vortreten,
ohne jedoch im geringsten hieraus einen Genu zu ziehen. Man zog ihn bald ganz
erschrecklich auf mit dem berhmten Sohn, und nachdem dieser sogar frech genug
gewesen war, die ihm angetragene Stelle auszuschlagen, nahm keiner der Herren im
Klub mehr ein Blatt vor den Mund, sondern man erklrte den Mann aus dem
Tumurkielande kurzweg fr einen Lumpen.
    Der Steuerinspektor schluckte nun im Goldenen Pfau Galle und Gift
lffelweise, pillen- und pulverweise, und das schlimmste war, da er ganz und
gar auf der Seite der Achselzucker, Seufzerfabrikanten und Sptter stand und
alles, was man ihm in betreff des Sohnes zusammenkochte und -braute, selber im
eigenen Busen wtend durcheinanderquirlte. An jedem Abend kehrte er verbissener
und grimmiger aus dem Pfau heim; denn die Gesellschaft hielt mit Energie an
diesem ausgiebigen Unterhaltungsstoff fest, was ihr eigentlich auch nicht zu
verdenken war, da er gleich einem guten Wein mit den Tagen an Gehalt zunahm. Es
ist traurig, aber wahr: je tiefer unser Freund Leonhard in der Achtung des
Goldenen Pfaus sank, desto lieber wurde er ihm. Der Steuerinspektor gewann ihn
freilich nicht lieber: eine Krise mute kommen, und sie kam; denn auch der
Geduldigste will sein Behagen in seiner Kneipe haben, und da der Vater
Hagebucher nicht zu den Allergeduldigsten gehrte, wissen wir bereits.
    An diesem Abend, an welchem so viele gute Geister dem freier atmenden
Leonhard auf seinem Wege nach Bumsdorf folgten, an diesem Abend, an welchem die
Greisin in der Katzenmhle mit milder, aber tapferer Hand alle bsen und
hmischen Kobolde von seinem Pfade zurckhalten wollte, an diesem Abend war die
Gesellschaft im Pfau anzglicher denn je. Die hohe und niedere Geistlichkeit
berbot die hohe und niedere Jurisprudenz, das Steuerfach berbot das Forstfach
und der Kaufmannsstand die gelehrten wie die ungelehrten Schulen der Stadt an
treffenden, aber unangenehmen Bemerkungen; und wenn der Papa Hagebucher sonst
einen keineswegs von ihm gewrdigten Trost und Schirm an dem Vetter Wassertreter
besa, so fehlte ihm heute der Gute auch, und die andern hatten den alten Herrn
fr sich allein.
    Der Goldene Pfau benutzte die Abwesenheit des Vetters Wassertreter auf das
heilloseste. Mit der unverhohlenen Absicht, zu rgern, zweifelte man an allem,
was noch den armen Leonhard in der Meinung der Welt heben konnte; man stand
nicht an, den Kanal von Suez fr einen Humbug zu erklren, man glaubte durchaus
nicht mehr an das Tumurkieland und die Gefangenschaft zu Abu Telfan; ja es
fehlte wenig, so wrde man sogar an der Existenz dieses Erdteils, genannt
Afrika, gezweifelt haben, und alles nur in der lblichen, unschuldigen Absicht,
sich einen vergngten und dem Vater des Afrikaners wie gewhnlich einen sehr
unvergngten Abend zu bereiten.
    So brieten sie den Alten bis zehn Uhr, als der Onkel Schndler die Pfanne
umstrzte. Der Steuerinspektor verachtete den Onkel Schndler im Grunde seines
Herzens nicht wenig, sowohl als Staatsbrger wie als Privatmann und Gemahl der
Tante Schndler. Und nun fing dieses wesenlose, vom Pantoffel zerquetschte Ding
auch noch an, seine - o groer Gott, seine! - Ansichten ber den verlorenen Sohn
und den Vater desselben herauszupiepsen!
    Den Gerichtsdirektor, den Superintendenten, den Forstrat, den Amtsrichter,
den Konrektor und den Vetter Sackermann lie sich der Alte gefallen und hatte
ihren Insinuationen kaum etwas anderes als ein geheimes Grunzen und Sthnen
entgegenzusetzen. Aber der Onkel Schndler! - Himmel und Hlle - bei dem Fazit
smtlicher Hauptbcher des Universums, Fleisch und Blut ertrugen es nicht, es
war zu niedertrchtig, zu krnkend, zu entwrdigend!
    Der an die Versammlung im allgemeinen gerichteten Erklrung, er - der
Steuerinspektor Hagebucher - werde nie wieder einen Fu in den Goldenen Pfau
setzen, fgte der Alte, speziell gegen den schreckensbleichen und mit
aufgerissenem Mund und Augen dreinstarrenden Onkel Schndler gewendet, hinzu, er
- der Onkel Schndler - sei ein allzu eselhafter Tropf und allzu jmmerlicher
Waschlappen, als da irgendein Nutzen, Genu oder eine Genugtuung zu erhoffen
sei, wenn man die wohlverdiente Ohrfeige auch noch so nachdrcklich verabreiche.
    Verachtungsvoll drehte der Vater des afrikanischen Abenteurers dem Gatten
der Tante Schndler den Rcken zu, berlieferte diesmal nicht mehr die Pfeife
dem zitternd harrenden Louis, sondern verlie mit ihr, nachdem er grimmig Hut
und Stock verlangt hatte, tief gekrnkt, aber doch als ein sehr wrdiger Mann
den Goldenen Pfau. Der Herrenklub bedauerte sehr, den Spa ein wenig zu weit
getrieben zu haben, freute sich jedoch, alle Schuld an der unerwarteten
Katastrophe auf die sehr geduckten Schultern des elenden Onkel Schndler abladen
zu knnen. Unter dem Eindruck des unerhrten Ereignisses trennte sich die
Gesellschaft frher als gewhnlich - fiel ihr nicht ein, im Gegenteil, sie sa
viel lnger als sonst zusammen, um die Sache reiflich durchzusprechen; und nur
der Onkel Schndler durfte, mit der Miachtung aller bedeckt, abziehen und seine
Zerknirschung zu der am huslichen Herd in mrrischer Unnahbarkeit thronenden
Gattin tragen, welches letztere gleichfalls seine Folgen fr die Heiterkeit und
Harmlosigkeit der sozialen Verhltnisse Nippenburgs hatte.
    Wenden wir uns nun wieder zu dem im entsetzlichsten Groll in die Nacht
hinausschreitenden Steuerinspektor. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er den
Goldenen Pfau verlassen, ohne seine Rechnung bezahlt zu haben; auch dieses mute
ihm unter dem Stadttor noch einfallen und stellte in einem Charakter wie der
seinige das philosophische Seelengewicht sicherlich nicht wieder her. Er sprach
den ganzen Weg ber mit sich selber, und die Pappeln zu beiden Seiten der
Bumsdorfer Chaussee schienen flsternd ein und dieselbe Bemerkung ber ihn
weiterzugeben. Von Nippenburg bis Bumsdorf schttelten sie sich leicht
schaudernd, und es ging ein leises Raunen und Rauschen des Vetter Wassertreters
Landstrae entlang:
    Wehe dem Haus Hagebucher, da kommt der Alte, und in welcher
Gemtsverfassung! Wehe der Matrone, der Tochter und vor allem dem Sohne! Seit
der Vater der Gtter und der Menschen unsern hochfliegenden Bruder Phaethon mit
dem tdlichen Strahle traf, ihn in den Eridanus strzend, sahen wir nicht einen
gleichen Zorn. Wehe dir, armer Leonhard; wie sind auch mit dir deine
jugendlichen Wnsche durchgegangen! Sehet, ihr Schwestern, den hohen Greis!
Schon erhebt er den strafenden Stab; noch eine grliche Pause wie vor dem
Schlage, der unsern Bruder traf, und auch er schlgt zu, und billigend nickt
Zeus aus den olympischen Hhen.
    Also flsterten die Heliaden an der Bumsdorfer Chaussee, und der
Steuerinspektor Hagebucher, mit immer wachsendem Grimme an der erkalteten
Klubpfeife saugend, schritt vorber, seinen verdsterten Laren und Penaten zu.
    Es ist aus und vorbei, es wird ein Ende gemacht - heute noch - in dieser
Stunde! Hehehe, wenn mir das einer vor fnf Monaten prophezeit htte! Obwohl
jemals ein Vater in solcher Art gestraft wurde? Hahaha; aber es wird in dieser
Stunde noch ein Ende gemacht!
    So ist das Schicksal. Zwei Gegner, welche die beste Absicht haben, sich zu
vershnen, knnen lange auf eine passende und bequeme Gelegenheit dazu warten;
sobald aber jemand recht inniglich sich darauf freut, einem andern Jemand bei
der ersten Begegnung, wenn Zeit und Umstnde gnstig sind, in die Haare zu
fallen, so wird diese Begegnung sicherlich an der nchsten Straenecke
stattfinden, und Zeit und Umstnde werden nicht das mindeste zu wnschen
briglassen. In dem Augenblick, in welchem Hagebucher senior vom Westen her
seine Pforte erreichte, langte Hagebucher junior beschleunigten Schrittes von
Osten her vor derselben an, und die Auseinandersetzung konnte auf der Stelle vor
sich gehen.
    Guten Abend, lieber Vater, sagte Leonhard sanft und herzlich. Das war ein
schner Tag, und dies ist ein glckliches Zusammentreffen.
    Der Alte, leise keuchend mit zitterndem Hausschlssel das Schlsselloch
suchend, antwortete nicht.
    Welch eine Ernte! suchte Leonhard fr seinen Teil die Unterhaltung
weiterzufhren. Welche Kornfelder! Welcher Weizen! Das wre etwas fr meine
Freunde in der afrikanischen Wste, im Tumurkielande -
    Der Alte hatte jetzt das Schlsselloch gefunden, die Haustre jhzornig
aufgerissen und stand nun auf der Schwelle, den Eingang in das Haus mit seinem
Krper deckend.
    Ich will nichts mehr von der afrikanischen Wste, ich will nichts mehr von
dem Tumurkielande, ich pfeife auf beides! schrie er. Ich habe bergenug davon
gehabt, und jetzt soll ein Ende damit gemacht werden! Aus dem Pfau bin ich
herausgelstert, und zehn Pferde sollen mich nicht wieder hineinbringen; aber in
meinem Hause will ich Ruhe haben. Mein ganzes Leben bin ich ein solider und
achtbarer Mann gewesen, und so hat man mich stimiert; aber jetzt bin ich wie
ein Kamel mit einem afrikanischen Affen drauf und kann mich nicht sehen lassen,
ohne das ganze Pack mit Geschrei und Fingerdeuten und Gepfeife in den Gassen
hinter mir zu haben. Und wer ist schuld daran? Wer hat den ehrlichen Namen
Hagebucher so in den Verruf und in die Muler des Janhagels gebracht? Kein
anderer als der Herr aus dem inwendigsten Afrika, der Phantast, der Landlufer
-
    Vater! Vater! rief Leonhard; doch im hhern Tone schrie der Alte:
    Was Vater, Vater? Seit der Heimkehr des saubern Herrn zweifle ich an meiner
eigenen Existenz; die ganze Welt hat die Drehkrankheit gekriegt, und - und ich
will es nicht mehr haben! Aus dem Goldenen Pfau konnten sie den pensionierten
Steuerinspektor Hagebucher hinauswerfen; aber innerhalb meiner vier Pfhle
bleibe ich noch Herr, der ganzen Welt zum Trotz, und lasse mir meine Rechnung
nicht so leicht verwirren.
    Es wre vielleicht besser gewesen, wenn die Mutter und die Schwester
Leonhards sowie die Magd des Hauses sich in diesem Moment nicht ins Mittel
gelegt htten. Aber von dem Lrm vor der Haustre aufgeschreckt, kamen sie
bleich und zitternd und warfen sich, als sie erkannten, wer da in der
nchtlichen Dunkelheit im Streit liege, mit hellem Angst- und Wehruf zwischen
die Parteien. Das go nicht l, sondern Erdl in die Flammen, und zu dem Feuer
kam die erschrecklichste Explosion.
    Ich lasse mir meine Rechnungen nicht verwirren, schrie der Alte, und
einen Rechnungsfehler verachte ich, dulde ihn nicht und werfe ihn hinaus!
    Damit schob er die entsetzten Frauenzimmer in das Haus zurck, folgte ihnen,
schlug dem Sohne die Tr vor der Nase zu und schob, um alle fernern
Verhandlungen fr heute unmglich zu machen, den Riegel vor. Mitternacht
schlug's auf dem Bumsdorfer Kirchturm, und Leonhard Hagebucher stand und hatte
augenblicklich weiter nichts zu sagen. Ein halbe Stunde spter jedoch konnten
die Tchter des Helios und der Nymphe Merope an der Bumsdorfer Strae auch ber
ihn ihre Bemerkungen machen. Unsichern Schrittes wanderte er nach Nippenburg,
und um ein Uhr morgens vernahm der Vetter Wassertreter seinen leisen Ruf unter
dem Fenster, kam in schlurfenden Filzpantoffeln die Treppe herab, ffnete ihm
die Tr und sprach, nachdem er das Geschehene erfahren hatte:
    Auch wenn ich nicht lngst auf dieses gewartet htte, wrde ich mich nicht
darber wundern.

                                 Elftes Kapitel


In einer ebenso schnen Nacht wie die eben geschilderte, auch nicht sehr lange
Zeit nach dieser, sa Nikola von Einstein in ihrem Erkerstbchen auf dem
Bumsdorfer Gutshofe und schrieb.
    Das Stbchen war schon manches Jahr auf dem Hofe unter der Bezeichnung
Nikolas Nest bekannt und wurde als solches von jedermann mit einem zugleich
liebevollen und bewundernden Lcheln respektiert. Es war wie eine Rosenknospe
auf einem Korb voll Kse. Der Lehnsherr betrat es nur auf den Fuspitzen und
hielt sich stets vorsichtig, aber mit staunender Billigung im Mittelpunkt
desselben; die Lehnsherrin konnte immer nur mit Mhe bewogen werden, ihre Schuhe
vor der Tr nicht auszuziehen, und die Kusinen erklrten, es sei zum Kssen
reizend, und hielten sich dann in ihrem Entzcken mit um so grerer Inbrunst
an die Gebieterin des Zauberreiches.
    Es gab aber auch fr Nikola in der ganzen weiten Welt, auer vielleicht der
Katzenmhle, keinen andern Ort, an welchem sie sich so behaglich und geborgen
fhlte wie in diesem ihrem Stbchen auf dem Bumsdorfer Gutshofe. Seit ihren
Kinderjahren hatte sie alle ihre Neigungen dahin zusammengetragen, und jede neue
Sommerfrische hatte das Nest weicher und zierlicher gemacht und seinen Schmuck
und Putz vermehrt. Als Kind und junges Mdchen war sie hier sorgenlos,
leichtherzig, lustig, glcklich gewesen, als lteres, sehr verstndiges Mdchen
und Hofdame der Prinze Marianne hatte sie hier - - doch ein gut Stck ihres
Lebens ist in dem, was sie augenblicklich an ihre Freundin Emma in der Residenz
schreibt, somit berhebt sie uns der nicht leichten und jedenfalls sehr
verantwortungsvollen Aufgabe, das Buch ihres Daseins ins kurze zu bringen, und
sagt selber, was zu sagen ist.
Hochwohlgeborene Frau Majorin und allersestes Herz!
Wlder und Felder schlafen, das Dorf schlft, und auch die gute Verwandtschaft
wei wenig von sich nach einem in hergebrachter Weise, nach der Vter Sitte, in
ntzlicher Ttigkeit durchlebten Tage. Es ist so still um mich her, im Hause wie
vor dem Fenster, und die weite dunkle Welt ringsum hat ein so gutes Gewissen,
und nur mir ist unruhig zumute, als wre es mit meinem Gewissen nicht so ganz in
der Ordnung. Ich bin aufgeregt, nervs, nenne es, wie Du willst, nur la mich
mit Dir plaudern; schlafen kann ich nicht.
    Du hast ja frher, als Dein Major noch nicht Dein Major war, oft genug
meinen nrrischen Kopf an Deiner Brust gehalten und Dir nchtlicherweile kuriose
Dinge erzhlen lassen; - warte nur, morgen im Sonnenschein, wenn Dir diese
Bekenntnisse einer blutenden Seele zu Hnden kommen und Du betroffen,
kopfschttelnd, mitleidig, verstrt Dich hindurchwindest und Deinen klaren
Verstand an jedem Ausrufungszeichen und Fragezeichen hngen lassen mut, will
ich schon meine Genugtuung haben und ber Dich lachen - auch wie in vergangenen
schnen Tagen!
    Augenblicklich kann ich nicht lachen, und eine tolle Ballmusik, ein
klingelnder, schwirrender, dummer Walzer kme mir gerade recht, und da die
Nachtigallen - wir sind ja gottlob ber den Johannistag hinaus - bereits still
geworden sind im Garten, ist mein Glck. Ich glaube, dieser Vogel brchte mich
in dieser Nacht um, wenn er pltzlich und ganz gegen die Naturgeschichte wieder
anfinge, unter meinem Fenster zu singen.
    Ist es denn wahr, da ich von Rechts wegen ein so bses Gewissen haben
sollte? Was habe ich getan? Was habe ich nicht getan? Bin ich nur krank? Sind es
nur meine Nerven, welche das Kopfkissen, das allen guten und gesunden Kindern so
sanft ist, mir verleiden? Ich komme nicht dahinter, wie sehr ich mich qule und
abmhe, das Rtsel zu lsen und zu Bett gehen zu knnen.
    Kind, ich bin verdrielich und unzufrieden mit mir. Nicht deshalb, weil ich
seit dem Frhling nicht an Dich schrieb; denn ich wei, da Du solches Schweigen
nach Verabredung als ein Zeichen meines Wohlergehens zu nehmen hast. Auch nicht
deshalb, weil die Zeit der goldenen Freiheit vorberging, weil die Herrschaft
nunmehr wieder am Faden zieht und der Hnfling aus der blauen Luft herniedermu,
um aus gndiger Hand mit Mohnsamen gefttert zu werden und im vergoldeten Kfig
Betrachtungen ber das Gelbwerden der Bltter anzustellen. O nein, ich kann ja
meinen Frhling und Sommer jetzt in Wasserfarben aufs Papier bringen und habe
dem Onkel Bumsdorf mein Ehrenwort gegeben, ihm die neue Brennerei samt dem
restaurierten Kuhstall und ihn - den Oheim - zwischen beiden in l zu liefern.
Da habe ich schon meine Rettungsmittel vor dem nessun maggior dolore - doch
Dich, Bevorzugte, hat man nicht bereits in zartester Jugend mit der Nase in die
italienische Grammatik gestoen, und so weit Du auch nicht, da es nach Dante
Alighieri keinen grern Schmerz gibt, als sich im Unglck glcklicherer Zeiten
zu erinnern. Sollte letzteres wahr sein und die italienische Grammatik also
mittelbar die Schuld meiner augenblicklichen Stimmung tragen? O Kind, unter der
Voraussetzung, da Dein Major, der Major aller Majore, nicht durch das schmalste
Hinterpfrtchen oder Seitentrchen in den geheiligten Bezirk meiner
Jungfernconfessions eingelassen werde, will ich mit Dir darber schwatzen.
Keinen Blick darf er aber drauf tun; versprich es mir und riegele ihn ein in der
Kinderstube!
    Nun sehe ich Dich schon, wie Du stehst, mit dem Federwedel Deinen
Nippestisch in Ordnung hltst und wie der Brieftrger Dir meinen Brief bringt.
Ich hre den kleinen Freudenschrei, welchen Du ausstest - ach Gott, lege den
Flederwisch nicht zur Seite, stube mich auch ein wenig ab mit Deiner linden
Hand; ich habe es sehr ntig, und Du verstehst es! Ach Gott, wre ich doch auch
solch eine Schferin aus Meien oder wenigstens so vernnftig, verstndig und
gut wie Du! In beiderlei Art wre mir geholfen, und auf beiderlei Art liee sich
das Leben mit Genu tragen. brigens hast Du das Gutsein auch leichter gehabt
als andere Leute. Das Schicksal hat Dich auf weichen Hnden getragen und Dich in
weiche Hnde gelegt. Gre mir Deinen Major, doch lasse ihn nur noch ein
Weilchen hinter Schlo und Riegel bei den Kleinen: spter wird er um so mehr den
Liebenswrdigen spielen! Ja, sie haben Dir Wiegenlieder gesungen Dein ganzes
schnes Leben durch: ich aber bin unter dem Lrm einer Quadrille geboren; die
Klarinette ist mein Instrument, und dabei fllt mir eine Bitte ein: wenn Du mich
berlebst, so leid es nicht, da man mich mit Pauken und Trompeten zu Grabe
bringe: ich habe genug davon gehabt, ehe ich die ersten weien Atlasschuhe
durchschleifte.
    Gott segne Dein gutes Gemt, Emma, und lasse Dich das Deinige in Ruhe
genieen: ich wei, Du tust mir zu jeder Stunde auf, wenn ich an Dein
Fensterldchen klopfe. Sieh, hier sitze ich zu Deinen Fen, wie Bettina auf
ihrer Schawell in der Frau Rat Stube, und geduldig wirst Du Sinn und Unsinn
durcheinander anhren mssen. Bist Du etwa nicht meine Frau Rat, und zwar meine
junge? Und da Du meine junge Frau Rat bist, das soll nicht blo Deinem Major
zugute kommen, sondern andern Leuten auch. Ich habe freilich auch noch eine alte
Frau Rat, und in deren Stube hab ich gleichfalls ein Schawellche, hinter den
sieben Bergen, in der Katzenmhle - aber wie kann ich der Frau Klaudine sagen,
was ich doch sagen mu? Das leiseste Wort wrde unter ihren stillen Augen wie
der gellendste Schrei sein. Was soll ich ihr sagen; sie sieht mit ihren
Zauberaugen ja doch tief in den Grund aller Dinge! Ich frchte mich vor ihr -
vor ihr! Ist es nicht das allerschlimmste, sich vor der Liebe eines Menschen,
vor einer solchen Liebe frchten zu mssen?...
    Was habe ich gestern unter den Garben und Erntekrnzen getan? Rate!... Auf
dem Bauche - o Himmel, kann ein Hoffrulein sich natrlicher und abscheulicher
ausdrcken, und was wrde meine Prinze dazu sagen? - habe ich gelegen im Kreise
der Schnitter und Schnitterinnen, und Richard den Dritten habe ich gelesen und
bin gewillt,
                                                         ein Bsewicht zu werden
                                       Und feind den eitlen Freuden dieser Tage.

Was habe ich heute getan, Emma? Mein Herz habe ich begraben und die Welt
angenommen, wie sie ist: ich habe das Buch meiner Hoffnungen und Trume
abgeschlossen und mich in das Unabnderliche ergeben!
    Friedrich hat geschrieben, und meine gndige Mama hat geschrieben, und beide
haben mich an mein Wort gemahnt. Der Wechsel, den ich ausstellen mute und mit
meinem Herzblut unterzeichnete, ist fllig; ich bin fllig mit Leib und Seele,
und so werde ich abgeholt mit dem zwlften Schlag der Mitternacht. O man ist
sehr pnktlich!
    Friedrich hat liebreich und verstndig geschrieben, die Mama sehr pikiert;
aber beide sagen ein und dasselbe, nur da die Mama doch immer am wahrsten, wenn
auch sehr grob ist. Sie nennt mich kurz und gut eine alte Jungfer, eine
berreife Pflaume - mgen auch ihr smtliche Oberhofmeisterinnen Europas die
Natrlichkeit des letztern Bildes verzeihen! - und beklagt sehr fein, aber auch
sehr boshaft, da sie mir leider damit nichts Neues sage. Die arme Mutter! So
viel Verdru mu ich ihr bereiten, da ich sie dadurch sogar witzig mache; da
sie aber recht hat, das wei Gott, und niemand kann's ihr streitig machen.
    Ich bin allmhlich eine alte, alte Jungfer geworden, und da ich eine arme
Jungfer immer war, so bleibt am Ende wenig Erfreuliches von der nrrischen
Nikola Einstein fr Sinn und Gemt der Welt brig. Ich wundere mich auch an
jedem jungen Morgen darber, was den Herrn von Glimmern bewegen knne, so
hartnckig auf der Einlsung der Verschreibung meiner nichtigen Person zu
bestehen.
    O Emma, Emma, wie anders knnte doch das alles sein, wie anders mte es von
Rechts wegen sein! Da knnte sich selbst ein Hoffrulein zu Tode weinen: ja
gerade ein Hoffrulein - ein Hoffrulein erst recht ist hier vor allen andern
Erdenweibern befugt, sich ber die Erbrmlichkeit in einem feuchten Gewlk zu
erheben. Was habe ich getan, da mir grad in mein Leben ein so groes
Fragezeichen gesetzt ist? Ich habe immer noch meine Stunden, in welchen ich mich
fr ein ganz braves und ehrliches Mdchen halte; das sind meine schlimmsten
Stunden, denn in ihnen mu ich am tiefsten ber jenes Fragezeichen nachdenken,
und es hilft doch nichts. Hier lt mich alles im Stich, das eigene Herz, auch
Du und die Frau Klaudine!
    Es ist aber zu guter Letzt noch einmal ein schner Sommer gewesen, und ich
hoffe, den Duft und Glanz davon tief in die Zukunft hinberretten zu knnen.
Manchmal hab ich gedacht: Nikola, mit dem Winter kommt der Tod, sei gescheit,
steh frh auf und gehe nicht zu frh zu Bett: trage zusammen, was du greifen und
schleppen kannst; verhocke nicht den letzten Sonnenschein im Schmollwinkel:
rette, was du retten kannst! Dann habe ich den Shakespeare zu Hause gelassen und
bin mit dem armen Hlty zu Walde gezogen. Der Hlty stammt aus der Tante
Bumsdorf Bibliothek und ist in himmelblauen Sammet eingebunden, und der Schnitt
war einmal vergoldet. Ich habe das Buch nicht immer aufgeschlagen; allein das
Bewutsein, es in der Tasche zu tragen, gengte auf des Onkels Bumsdorf
doppelschrigen Wiesen. Es sind Tage gewesen, in denen ich die ganze
geheimnisvolle Naturempfindung des Kindes wiedererlangte, in denen Auge und Nase
aus korrumpierten Sklaven der Gesellschaft zu freien Brgern des wahren Reichs
Gottes wurden. Wre das alles aber auch nur ein Zeichen von Gesundheit gewesen!
Ach, die Frau Klaudine hat's wohl gewut, was es bedeutete. Siehst Du, Emma, die
Mhle, die alte Mhle in der Wildnis und die alte Frau in der Mhle, die halten
mich wach und lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Das Rad ist freilich lngst
zerbrochen und kann mir nicht im Kopf herumgehen; aber die Geister der Zeit, die
nicht mehr ist, umschweben das Dach und kauern auf der Schwelle der morschen
Htte, und was soll ich gegen sie tun? Es zieht mich hin, es reit mich zurck,
ich strube mich mit aller Kraft; aber ich werde durch den Wald gezogen und
geschoben: ich mchte mich an allen Bschen und Zweigen halten, aber sie geben
nach und lassen mir ihre Bltter, ihre Rinde in den Hnden; weiter mu ich! Und
es ist keine wilde, keine harte, unwillige, zornige Gewalt, der ich
anheimgegeben bin - mein eigener Wille ist in den Mchten auer mir: alle meine
Neigungen, all mein Sehnen und Wnschen wohnen bei der Greisin in der
Katzenmhle, und da bin ich wieder in der Katzenmhle, sitze zu Fen der
Mutter, ja, der Mutter, und fr mein Haupt ist keine Ruhesttte als in ihrem
Schoe. - Die Bume des Waldes und unser Grtchen, welches vor allen Grten
aller Weltteile mir kstlich und wundervoll ist, blicken in unser niederes
Fenster, und einmal ist auch ein Reh gekommen, um hineinzugucken. Da ist es gut
sein, da lt sich ganz leise sprechen von dem, was eigentlich htte werden
mssen, wenn alles unter den Menschen mit rechten Dingen zuginge. Kein
Kornblumenkranz ist so blau wie unsere Phantasien, bis auf einmal die Dmmerung
da ist und der Wald anfngt, khl zu atmen. Wie kann die Frau Klaudine auch dann
noch mir die Haare mit einem Lcheln aus der Stirn streichen? Ich mu fort, und
alle schnen Farben erblassen. Ich reite heim auf meinem Schimmel, und zur
linken Seite des Weges begleitet mich eine Stimme, die sagt ganz eintnig: Er
ist tot, er ist tot! Und zur rechten Seite ist eine andere Stimme, dicht am
Boden hinkriechend, und sie sagt ebenso tonlos: Zehn lange Jahre, zehn lange
Jahre! Weiter wissen sie nichts; aber verwunderlich ist's eben doch nicht, da
ich hufig atemlos auf sehr atemlosem Gaule auf dem Bumsdorfer Hofe anlange und
da der Oheim dann mit bedenklichem Kopfschtteln um seinen vielgeliebten
Prospero herumsteigt und imstande ist, mir eine lngere Vorlesung ber die
Behandlung der Pferde, und vorzglich seiner Pferde, zu halten.
    Was sind das fr Leute, die dort bei Euch jenseits der Berge wohnen, was
kmmern sie mich, was habe ich mit ihnen zu schaffen? Vor einer Stunde, in der
Katzenmhle, auf dem Schemelchen zu den Fen der Frau Klaudine hatten sie
freilich keine Bedeutung fr mich; aber sie zwingen mich schon, an ihre
Wirklichkeit zu glauben! Sie haben ebenso starke Hnde wie die Geister, die mich
durch den Wald zur Mhle ziehen; ach, aber wenig von meinem eigenen Willen ist
bei diesen Mchten, welche auch kein Widerstreben dulden und hart, zornig und
spottend mich aus dem geheimsten Versteck hervorzerren. Wie haben sie diese
Herrschaft ber mich erlangt? Sie sagen, sie haben das Recht, mich mit sich zu
nehmen: sie pochen auf ihre Rechte und behaupten, was ihnen noch daran gefehlt
habe, das sei ihnen lngst von mir freiwillig hinzugelegt, und wenn ich dann
eine Nacht den Kopf mit beiden Hnden gehalten habe, so bleibt mir kein Zweifel
mehr: sie reden die Wahrheit!
    Friedrich hat aus Paris geschrieben, einen sehr hbschen und geistreichen
Brief, der mir sehr allerliebste Hflichkeiten und Schmeicheleien sagt und mich
hoffentlich, wenn er mir nach einem Dutzend Jahren wieder in die Hnde fllt,
recht ergtzen wird. 's ist zwar nicht ganz die Regel, da ein solcher Brief an
der Stirn das Motto: Illusions perdues! fhre; aber die Tatsache steht doch
einmal fest: wir sind ein paar verstndige, khle, gesetzte Personen und sehnen
uns beide nach Ruhe. Friedrich freut sich ungemein auf unsern Haushalt, und
seine Plne und Vorschlge in betreff desselben haben meine ganze Billigung. Er
meint, unsere gesellschaftlichen Verpflichtungen wrden sich leicht um ein
bedeutendes verringern lassen: man habe gewi das Seinige getan, um andern das
Dasein angenehm zu machen, und man knne nunmehr mit gutem Gewissen eine
Rosenhecke, aber immer eine Hecke, um sein eigenes Behagen ziehen.
Einverstanden! Er mag das alles so einrichten, wenn es wirklich seine Absicht
ist; ich verlange weiter nichts, als so oft wie mglich eine Tasse Tee mit Dir,
Emma, hinter jener Hecke trinken zu drfen, und verpflichte mich jedenfalls, der
Welt kein auergewhnliches rgernis zu geben. Wenn ich Dich, mein Kind, nicht
htte, so wrde ich die Hochzeit noch immer einige Monate hinauszurcken suchen:
aber Deinetwegen soll sie zu Anfang des Winters stattfinden, und mit diesem
Briefe an Dich trgt der blde Hans zwei andere Schreiben, die besser stilisiert
und klarer sind als dieses, nach Nippenburg zur Post. Es hat mir eine gewisse
Befriedigung gewhrt, die Erlaubnis, glcklich gemacht zu werden, in
tadellosester Prosa zu erteilen, und ich habe zum erstenmal in meinem Leben auf
einem Linienblatt geschrieben. O Emma, liebe, gute Emma, hilf der armen Nikola
in all ihrem Glck und habe Geduld mit ihr, denn ihre Anfechtungen sind gro,
ihre Krfte sind schwach, ihr Kopf ist dumm, und kein Hslein im Felde fhrt
whrend der Jagdzeit ein so zitterig-schreckhaftes Dasein wie Klymene in ihren
Brauttagen. In der vergangenen Nacht habe ich besser geschlafen als in dieser,
aber fast noch hlicher getrumt, und zwar aus Alexander von Humboldts
Ansichten der Natur. In diesem schnen Buche, welches Dein verstndiger Major
Dir sicherlich in einem behaglichen Winter vorgelesen hat, wird geschildert, wie
irgendwo in Mittel- oder Sdamerika, an irgendeinem groen Strome die
Alligatoren whrend des heien Sommers im Schlamm eintrocknen, um erst in der
Regensaison von neuem zu erwachen. Die Sache ist sehr anschaulich ausgemalt; die
Schollen bersten mit Krachen und springen in die Hhe, wie das gepanzerte Untier
sich aus seiner langen Siesta erhebt. Es ghnt entsetzlich, es reibt sich die
Augen; vor allen Dingen erwacht es mit einem ausgezeichneten Appetit, und so hat
es mir zwischen zwei und drei Uhr morgens ein helles Angstgeschrei entlockt und
mich hochauf aus meinen Kissen gejagt; Du aber, mein Kind, schau nach in Deinem
Traumbuche und sage mir bei unserm ersten Zusammentreffen, was es bedeuten kann.
    Ich habe berhaupt angefangen, in den letzten Zeiten sehr tropisch zu
trumen, den Grund davon aber kann ich selber angeben. Es ist kein Zweifel, der
wilde Mann aus Afrika trgt die Schuld.
    Das Gercht von diesem wilden Mann wird wohl auch bereits zu Euch in Eure
Residenz gedrungen sein, und wie ich Euch kenne, habt Ihr ihn sicherlich recht
lustig zerpflckt und zerfasert, ehe Ihr ihn gleich Eurem andern Spielzeug
beiseite warfet. Da er aber zu meinen sehr guten Freunden gehrt und durch seine
Heimkehr aus der Gefangenschaft viel dazu beigetragen hat, meinen Willen in den
des harten Schicksals mit besserm Humor zu beugen, so mu ich ihn doch noch
Eurer guten Meinung und Eurem Wohlwollen empfehlen, denn er hat beide in der
nchsten Zeit vielleicht recht ntig.
    Mein Freund nennt sich Leonhard Hagebucher und wurde vor beinahe vierzig
Jahren in Nippenburg geboren. Fast zwlf Jahre hat er am Mondgebirge in der
Sklaverei gelegen, und zu Anfang dieses Sommers ist er in seines Vaters Hause
hier zu Bumsdorf wieder angelangt, merkwrdigerweise weniger stumpfsinnig und
vertiert als manche unserer geschtzten Bekannten, die nie die Grenzlinie
unserer guten Gesellschaft berschritten. Ich habe natrlich sogleich das
innigste Verhltnis zu ihm angeknpft; denn niemals ist ein Mensch so zur
rechten Zeit fr die Stimmungen und Zustnde eines andern eingetreten wie dieser
Mann der Wste fr die meinigen.
    O Emma, zehn oder zwlf Jahre hat dieser Hagebucher unter der Peitsche des
Negers ausgehalten, und nun ist er wieder da, als ob ihm nichts geschehen sei,
und geniet alle Segnungen der Zivilisation und Nippenburgs! Zwlf Jahre hat er
sich gleich dem tapfersten Helden gegen die Affen und Ungeheuer gewehrt, und sie
haben sein mutiges, ausdauerndes Herz nicht untergekriegt, obgleich er ganz
allein - zwlf lange, lange Jahre ganz allein zwischen ihnen steckte. Er sagt,
die Mohren htten sich noch ertragen lassen, aber die Mohrinnen seien schlimm
gewesen; o Emma, Emma, und eine gewisse Madam Kulla Gulla sei ihm fast zuviel
geworden! Er erzhlt sehr gut, denn er hat whrend seines Erzhlens noch die
Schultern zu reiben. Das ist alles so anschaulich, und trstlich ist's auch, da
einem jeden die Hoffnung unbenommen bleibt, er werde noch einmal irgendwo sitzen
und die Historie von seiner Gefangenschaft und seiner Befreiung zum besten geben
wie dieser Herr Leonhard Hagebucher.
    Ja, Du mein ses Herz, ohne diesen wilden Mann aus Afrika mten Mama und
Friedrich doch noch ein wenig Geduld haben; aber jener hat allerlei vom
Mondgebirge heimgebracht, was unsereins in seinen kleinen Nten und rgernissen
trefflich gebrauchen kann; und da jetzt Nippenburg und Bumsdorf ihn nach Recht,
Verdienst und Gebhr behandeln, krftigt mich gleichfalls nicht wenig in meiner
Ergebung.
    's ist ein unntzer Vagabund, mein armer Afrikaner, schon in seiner frhsten
Jugend taugte er wenig, und von der Schule ist er sehr bald fortgelaufen. Wenn
er zu Lande und zur See mancherlei versucht hat und sogar die Landenge von Suez
mit durchgraben half, so hat er doch niemals einen Begriff davon gehabt, wie ein
verstndiger Mensch fr sein Glck und sein Wohlbehagen sorgt. Und als endlich
die Baggaraneger ihn an die Leute von Tumurkieland verkauften, kam er wahrlich
nicht zum erstenmal als Handelsartikel auf den Markt der Welt. Jetzt ist
Nippenburg seiner auch lngst wieder berdrssig, und vor vierzehn Tagen hat
sein Papa ihn gleichfalls aus dem Hause geworfen, weil man ihn, den Alten, des
Sohnes wegen aus dem Goldenen Pfau warf. Jedermanns Hand ist wider meinen
Freund, und jedermann macht sich selbstverstndlich ein Verdienst daraus und
hebt sich hher darum in seinen Schuhen; mir aber ist der arme Snder
unschtzbar als mein guter Kamerad; denn was fr einen Anspruch kann er darauf
machen, sanfter angefat zu werden als seinesgleichen?
    Ich habe vielen Verkehr mit diesem Herrn Hagebucher gehalten, zuerst in
seines Vaters Haus, dann auf manchem Spaziergang in Wald und Feld; und auch bei
der Frau Klaudine sind wir in den beiden letzten Wochen hufig
zusammengetroffen. Wir haben uns gegenseitig recht ausgesprochen und merkwrdige
Beobachtungen und Erfahrungen zum besten gegeben und beiderseitig dadurch
gewonnen: sich totzustellen in der Hand des Fatums ist unter allen Umstnden das
vernnftigste und bequemste. Die Frau Klaudine versteht's am besten; aber auch
Leonhard Hagebucher und Nikola Einstein sind auf gutem Wege, die Kunst zu
lernen.
    Also, Frau Emma, ich heirate, da man es so haben will, und traue mir zu, als
Frau von Glimmern meine Rolle mit allem Anstand durchfhren zu knnen. O sie
sollen schon nichts merken von der wirklichen Nikola von Einstein! Die ist tot
und tief begraben fr alle, welche auf ihrer Hochzeit tanzen; ganz still liegt
sie in der dunkeln sichern Tiefe, blickt nur durch halbgeschlossene Augenlider
unter dem schweren Stein schlfrig hervor und denkt: nur schlau mu der Mensch
sein und so tot wie mglich, dann lt sich das Leben schon tragen. Was meint
die Frau Majorin? Ist das keine behagliche Vorstellung?
    Morgen fange ich an, meine Kisten, Kasten und Schachteln zu packen, und
beginne auch mit meinen Abschiedsvisiten, deren ich eine groe Menge abzustatten
habe in Bumsdorf und der Umgegend. Mancher alten dickkpfigen Weide, den
Mhlbach entlang, hab ich mein Kompliment zu machen; mancher luftigen Berghhe,
manchem lieben Winkelchen, manchem stillen Pfade und manchem alten Felsblock hab
ich Lebewohl zu sagen. An Menschen und Tiere darf ich eigentlich gar nicht
denken, und am vernnftigsten wr's, ich schliche mich bei Nacht und Nebel weg
aus ihrer Mitte und suchte, mit den Schuhen in der Hand, den Nippenburger
Posthof zu erreichen. Es wre aber doch unrecht gehandelt, und der Oheim wrd's
mir nie verzeihen. So will ich denn, wie es sich gebhrt, in die Runde gehen,
und ich habe es ja ntig genug, da jeder mir verspreche, die arme Nikola nicht
zu vergessen. Und zum letztenmal sollen mich Oheim, Tante und Kusinen durch alle
Stlle und Vorratskammern, durch Gemsegarten und Blumengarten und um den
Fischteich fhren, und niemandem soll's verwehrt sein, mir nach Nippenburg zur
Post das Geleit zu geben.
    Wie ich von der Katzenmhle und der Frau Klaudine loskomme, wei ich in
dieser Stunde noch nicht. Mein ganzes besseres Wesen ist pltzlich auer mir,
ist ein Wesen fr sich, das mich mit drngenden Armen umfat und herzzerreiend
bittet: Bedenke dich, bedenke dich, Nikola! O es ist keine gegeringe Kunst, sich
totzustellen, und es wird wohl eine geraume Zeit vorbergehen, ehe ich der Frau
Majorin berichten kann, wie ich sie in der Mhle mit dem zerbrochenen Rade bte!
    Es ist immer noch dunkel ber dem Garten vor meinem Fenster, allein der
erste Hahn hat sich doch bereits in Bumsdorf gerhrt, und Nikola geht zu Bett in
dem befriedigenden Gefhl, auf eine dreitgige Migrne mit Sicherheit rechnen zu
knnen.
    Gre Deinen Major, Alte, und ksse Deine Kinder in meinem Namen; schreibe
mir jedoch unter keiner Bedingung, ich kann keinen Brief gebrauchen. Hrst Du,
hrst Du, Emma, ich will keinen Brief haben! Sei also gut und lieb wie immer und
behalte morgen Deine Meinung fr Dich. Da krht der Hahn zum zweitenmal, und
gradeso krhte er zu Jerusalem im Palasthofe des Hohenpriesters Kaiphas; ich
ziehe die Bettdecke ber den Kopf - einen Brief nehme ich ganz gewi nicht an!
                                                            Nikola von Einstein

                                Zwlftes Kapitel


Der blde Hans, der Simpel des Gutshofes und des Onkels Bumsdorf auserwhlter
Liebling und Sndenbock, humpelte in der heiligen grauen Frhe richtig mit der
Korrespondenz seiner Gebieter und Gebieterinnen gen Nippenburg, und es bekam im
regelrechten Verlauf der Stunden der Dynast seine Zeitung und die Frau Majorin
Emma in der Hauptstadt das wilde, trnenreiche Schreiben Nikolas, auf welches
sie nicht antworten sollte Was sie also darber dachte, in welcher Weise sie
ihren Major
    an ihrer Angst und ihrem Zorn teilnehmen lie, bleibt uns daher frs erste
ein Geheimnis. Spter werden wir schon erfahren, wie nicht nur die Frau Emma,
sondern auch manche andere Leute sich zu diesen Angelegenheiten stellten; aber
noch hlt uns die Provinz ein ganzes Kapitel hindurch, und wir haben nicht die
Absicht, gleich dem Frulein von Einstein die Augen zuzukneifen, die Zhne
aufeinanderzusetzen und uns kopfber in den Strom zu strzen, ohne zu wissen,
wohin die Wellen uns tragen werden. Wir gehen langsam ins Wasser, nachdem wir
uns vorher sorgsam abkhlten; wir halten unsere Krfte zusammen, denn wir kennen
unsere Aufgabe und wissen, da es leichter ist, sich treiben zu lassen, als jene
Stelle am andern Ufer, nach der wir vor Beginn des Wagnisses so sehnschtig
hinblickten, tief atmend, aber siegreich zu erringen, gar nicht zu gedenken, da
wir den Kurs des Fruleins von Einstein wie aller andern fest dabei im Auge
behalten mssen.
    So! Das ist gradso gut, als ob du zum zweitenmal das Mondgebirge zwischen
dich und das se Vaterland geschoben httest! hatte der Vetter Wassertreter,
den Riegel seiner Tre vorschiebend, zu dem Afrikaner gesprochen, und es war in
der Tat so. Zum andern Male befand sich Leonhard Hagebucher auf dem besten Wege,
um zu einem Mythus fr Nippenburg und Bumsdorf zu werden: Dschebel al Komri
hatte ihn wiederum in seine Schatten aufgenommen, und nicht viele Leute konnten
sagen, was aus ihm geworden war.
    Nippenburg befand sich, seit jener verhngnisvollen Katastrophe im Goldenen
Pfau, noch immer in einer dumpfen Aufgeregtheit. Seltsame Gerchte ber sptere
Vorgnge im Hause des Steuerinspektors zu Bumsdorf durchkreuzten einander, es
bildeten sich Parteien und Gruppen, welche die Ereignisse von sehr
verschiedenartigen Standpunkten aus betrachteten und besprachen. Der Onkel
Schndler, zu Boden gedrckt durch die qualvolle Last seines bsen Gewissens und
die auf seinem silberhaarigen Scheitel immer mehr sich hufende allgemeine
Verachtung, wankte durch die Gassen des Stdtchens und suchte, gleich andern,
viel klgern Burschen und grern Philosophen, auf den Pflastersteinen und in
den Mienen der guten Freunde die ihm in so schnder Weise abhanden gekommene
stupide Beschaulichkeit des Daseins vergeblich. Leonhard Hagebucher war und
blieb verschwunden, und nur das Gercht konnte ihn dann und wann erhaschen. Man
wollte ihn in dunkler Nacht an den Husern hinschleichend ertappt haben; an
einem sehr nebeligen Morgen hatte er aus dem Fenster des Vetters Wassertreter
geniest, und die Tante Klementine Mauser, die gegenber gute Wache hielt, wollte
zur Gesundheit! gesagt haben. Auf fernen Bergen und in den Wldern der
Umgegend sollte er hufig umherstreifen, und da er in Gesellschaft des
Wegebauinspektors die frstliche Landstrae nicht selten unsicher mache, war
durch nicht ganz unglaubwrdiger Zeugen Mund den Brgern und Brgerinnen von
Nippenburg zur Gewiheit gemacht worden. Wie er aber seine Aus- und Eingnge
bewerkstelligte, ohne von Hunderten gesehen und kommentiert zu werden, blieb ein
Rtsel, erschien jedermann als eine unaussprechlich heimtckische afrikanische
Wstenpraxis und zeugte jedenfalls von einem sehr verstohlenen Wesen und einer
groen Kunst, hinter den Leuten wegzulaufen. Laufen wir ebenfalls hinter den
Leuten weg.
    Wie immer tropfte mit leisem Klingen das Wasser, welches das ferne
geschftige, brausende, sausende, pfeifende und rasselnde Fabrikgetriebe fr die
Katzenmhle noch briglie, ber das schwarze, nutzlose Rad, und jeder reinlich
perlende Tropfen war ein Flchtling, der nur mit Mhe seine Reinheit und
Klarheit vor den ntzlichen, aber schmutzigen und erbarmungslosen Mchten und
Krften da droben auf der Hochebene gerettet hatte. Die Bewohnerin der Mhle,
die Frau Klaudine Fehleysen, lag bleich und mde auf ihren Kissen und horchte
dem Tropfenfall, wie ein Kranker dem Ticken seiner Uhr horcht. Die Frau Klaudine
war ganz allein mit dem leisen Spiel des Wassers; die Magd war ins Dorf
gegangen, um Brot zu kaufen, und der Spitzhund vom Bumsdorfer Gutshofe hatte
tiefer im Walde auf einem Spaziergange einen Igel getroffen und natrlich frs
erste keine Zeit, an die Mhle, die Herrin und seine Pflicht zu denken.
    Die Frau Klaudine war so oft, so lange und so durch ihren eigenen tiefsten
Willen allein, da sie gewhnlich kaum noch ein Bewutsein ihrer Einsamkeit
besa; aber heute mute sie unwillkrlich wieder einmal darber nachsinnen, und
diese Gedanken htte doch weder die tapfere, treue Christine noch der redliche,
biedere Spitz des Onkels Bumsdorf von ihrer Seite fernhalten knnen. Sie kamen,
wenn auch nicht gefrchtet, so doch ungebeten zu Unserer Lieben Frau von der
Geduld, und sie kamen wie in dem hellen Sonnenstrahl die Sonnenstubchen und
tanzten ihren Tanz, grade weil der Tag schn und der Himmel blau war, grade weil
die Sonne schien und es eine Snde gewesen wre, das Fenster zu schlieen und
die Vorhnge zuzuziehen. An einem strmischen Tage voll dunkel treibenden
Regengewlkes htten sie sich vielleicht ferngehalten und nicht gewagt, in den
Bezirk der Mhle einzudringen: aber, wie gesagt, die Frau Klaudine frchtete
sich zu keiner Zeit vor ihnen, und zu jeder Zeit hatten sie freien Eintritt,
wenn sie kommen wollten.
    Andere Frauen knnen in solchen Stunden geheime Schubfcher aufschlieen und
mit einem Scho voll greifbarer Angedenken niedersitzen zum weinerlichen oder
heitern Verkehr mit der Vergangenheit; die Frau Klaudine hatte bei ihrer Flucht
in die Wildnis nichts von derartigen Zeichen und Symbolen glcklicher und
unglcklicher Augenblicke oder Lebensepochen gerettet. Sie hatte sowohl das
Stammbuch ihrer Mdchenjahre wie den Brautkranz und die ersten Schuhe ihres
Kindes verloren: und hundert andere Dinge, welche sie gleich allen andern Frauen
einst unter ihren teuersten Kleinodien fest verwahrt hielt, mute sie fremden
Menschen zurcklassen und wute nicht, wer sein Spiel damit treiben durfte und
in welchem Winkel sie verkamen.
    Die Frau Klaudine hielt heute eine Musterung ber alle diese Schtze, welche
nicht mehr existierten. Keiner der Namen, die in jenem Album standen, war ihrem
Gedchtnis entfallen; wenn sie die Augen schlo, vernahm sie deutlich das lange
verklungene Summen und Kichern und - da - da war der hbsche, bunte,
leichtherzige, leichtsinnige Kreis: Assurus, roi de Perse, Klaudine - Esther,
reine de Perse, Rosalie - Mardoche, oncle d'Esther, Juliane - Aman, favori
d'Assurus, Madame Euphrosine Babillot aus Lausanne in der franzsischen
Schweiz, und so weiter durch den ganzen Jean Racine. Ah, es ist etwas, in der
Katzenmhle auf den leisen Fall des Wassers und jene Stimmen zu horchen:

Courons, mes soeurs, obissons.
La reine nous appelle:
Allons, rangeons-nous auprs d'elle!

Aber der Kranz der Freundinnen war zerrissen und zerstreut wie jener andere
Kranz, welchen Klaudine an ihrem Hochzeitstage trug; die winzigen roten
Kinderschuhe wurden in den Kehricht geworfen wie der rostige Heckpfennig und der
unsichtbarmachende Dumling: niemand kannte ihren Wert. Die Frau Klaudine in der
Mhle erinnerte sich an manche stille, liebliche Stunde, welche sie vor Jahren
in ihrem reichen, stattlichen Hause, eingewiegt von allen Bequemlichkeiten des
Lebens, ber diesen und so vielen andern Schtzen vertrumte. Sie dachte aber
auch daran, wie sie, so oft und grundlos verstimmt, verdrielich, migelaunt,
unter denselben Schtzen gehockt habe, und dann dachte sie an den pltzlichen
Sturmwind, der uns erfat und zur Seite schleudert, ehe wir nach einem Halt
greifen knnen, der unsere Mauern eindrckt, unser Dach abdeckt, unser Eigentum,
alles, was uns lieb und wert ist, in alle Welt hinauswirbelt und uns nichts
briglt von dem, was wir uns bis in den Tod gesichert hielten.
    Die Frau Klaudine frchtete sich auch vor diesen Erinnerungen nicht mehr;
auch ihnen blickte sie geduldig ins Gesicht, und sie versanken wie in einem
tiefen stillen See und erregten keine Kreise auf der lichten ruhigen Flche.
Eine Hoffnung gengte der Greisin, und in ihr trug und entbehrte sie alles, was
der Menschen Leben sonst ausmacht. Auerhalb ihrer Klausur mochte man davon
reden wie von einer fixen Idee, einer leichtern Form des Wahnsinns: das Weib,
welches alles brige ohne Zgern aufgegeben hatte, lie sich das eine nicht
entreien.
    Horch, eines Pferdes Hufschlag im Walde! Die Einsiedlerin in der Mhle
richtete sich lauschend auf und beugte sich vor in ihrem Lehnstuhl.
    Da ist sie! Da kommt sie!... Die groen Wasser, die glnzenden Strme
rauschen fernhin, mir gehren nur die einzelnen verlorenen Tropfen zu; aber sie
kommt, und es wre kein Wunder, wenn mein Bach von neuem erwachte und sich mit
dem alten lustigen Sprunge vom Felsen strzte und selbst mein arm zerbrochen Rad
dort aus dem Schlafe weckte. Sie kommt, und der Weg lacht unter den Fen ihres
Rosses. Sie kommt wie meine Jugend - ach weh, nein, nein! Nicht wie meine
Jugend; soviel Glck wie mir ist ihr nicht gegeben; Schmerzen und rgernisse
bedrngen ihr ses Herz schon in der Frhe, und niemand kann ihr helfen, sich
derselben zu erwehren. Spring an, Prospero, aber hte dich, trage sie sicher zu
meinem Garten! - Da ist sie willkommen, Tochter, willkommen, mein armer, wilder
Edelfalk, willkommen, Nikola!
    Im nchsten Augenblick tauchte der Kopf des weien Englnders auf hinter den
letzten Bschen des Waldes und den Stockrosen des Mhlgartens, der Zgel war um
den gewohnten Ast geschlungen, und das Frulein von Einstein kniete wieder zu
den Fen der Frau Klaudine; aber die Greisin erschrak heftig, als sie der
jungen Freundin in das Gesicht blickte, und sie rief:
    Wie hei! Wie wild, wie aufgeregt, Kind?! Was ist geschehen, was hast du
jetzt, o wirst du nie lernen, Ruhe zu halten, willst du dein ganzes Leben auf
solche Weise durchstrmen?
    Nikola, schluchzend und nach Luft ringend, brachte anfangs nichts weiter als
das Wort: Mutter! hervor und wiederholte es leise und immerfort, bis sie
pltzlich sich aufrichtete und rief:
    Nein, nein - la deine Hand von meiner Stirn, halte mich nicht mit deinen
Armen; du weit nicht, was ich tat und was ich dir sagen werde! Blicke mich
nicht an, wende dich fort; sie haben gewonnen, sie haben ihren Willen, und ich
habe ihnen alles gegeben und nichts mehr fr dich und mich brigbehalten. Ich
umklammere dich hier, meine ganze Seele ist bei dir, und doch ist nun keine
Gemeinschaft fernerhin zwischen uns beiden - sto mich von dir, heie mich
gehen, ich habe kein Recht mehr in deinem Hause und deinem Herzen!
    Die Frau Klaudine war sehr bleich geworden; auch ihre Lippen zitterten; aber
sie fate sich doch schnell gegenber dieser ungestmen Naturgewalt, die hier
auf sie einstrmte. Sie hielt die fiebernde Nikola fest und zog sie wieder herab
auf die Knie, und als nun das helle, laute Weinen unaufhaltsam hervorbrach, sah
sie wohl lngere Zeit hindurch starr und wild ins Weite, sagte dann aber still
und milde:
    Sei ruhig, mein Kind, fasse dich. Es konnte ja niemand ndern, es mute ja
so kommen. Was frchtest du dich vor mir, habe ich nicht Zeit gehabt, ber das,
was werden mute, nachzudenken? Es wre freilich nicht gut, wenn es
unvorhergesehen, unvorbedacht mich berraschte; aber die Tage sind lang in der
Katzenmhle und die Nchte oft noch lnger; es kommt so leicht nichts mehr aus
dem Skulum ber die alte Frau in der Mhle, dessen Futritte nicht weit vorauf
durch den Wald schallten. Du bringst mir heute wahrlich Trauer und Freude
durcheinander; aber ich segne dich in deinem Willen und in deiner Unterwerfung.
Du hast dich lange und wacker gewehrt und brauchst dir heute keine Vorwrfe zu
machen. Mein liebes Mdchen, auch sie meinen es gut und wollen dir ein weiches,
schnes, glnzendes Los und Leben, wie sie es verstehen, bereiten, und sie haben
sich lange in Geduld gefgt und auf deine Zustimmung gewartet. Ja, du mut
gehen, und du wirst, wenn nicht glcklich, so doch ruhig und gelassen werden,
und einst wirst du an einem Morgen erwachen und dich wundern: dann bist auch du
eine alte, alte Frau, und die sengende, bittere heutige Stunde ist nur ein
ferner, ferner leiser Klang, und nun denke, was fr ein Mrchen es sein wird,
wenn du dich dann auch der Katzenmhle und der alten Frau Klaudine erinnern
wirst. Sei ruhig, liege stille, la deine Stirn in meinen Hnden; denn es tut
mir sehr leid und weh, da ich dich lassen mu! Wenn du nun von neuem in den
Kreis deiner Verwandten eingetreten bist, so ertrage die kleinen Schwchen und
Nichtigkeiten in Geduld; weit du, sie frchten sich eigentlich vor dir - werde
eine gute Frau, werde eine gute Frau!... O mein Kind, mein Kind, meine Tochter,
weshalb hat das so kommen mssen?!
    Sie frchten sich vor mir?! lachte Nikola bitter. O nein, sie lieben mich
sehr und haben mich deshalb den Kontrakt, der mich an sie bindet, mit meinem
Blute unterschreiben lassen. Die Zeit ist um, der Schuldschein ist verfallen -
die - die Verlorenen kommen nicht wieder, und meine Glubiger zucken die
Achseln, legen die Hand aufs Herz, und - ich bin, nach dem Wunsche meiner Mutter
dort drben in der Residenz, die Braut Friedrichs von Glimmern. Ja, ich will es
versuchen, ihm eine gute Frau zu werden!
    Was sagst du von den Verlorenen, die nicht zurckkehren knnen, Mdchen?
rief jetzt die Greisin mit erhobener Stimme. Du hattest auch ein ander Wort auf
der Zunge und hast es nur nicht ausgesprochen. Die Toten kommen nicht zurck,
wolltest du sagen und erschrakest und wolltest mich nicht erschrecken. O mein
armes Kind, sieh dich um, blicke dorthin; die Verlorenen knnen doch heimkehren,
selbst wenn niemand mehr auf sie wartet. Du mut freilich jetzt deinen eigenen
Weg gehen; aber die Zeit meines Hoffens und Harrens ist noch nicht um; der
Mutter darf keiner die Frist zum Warten auf ihr Kind nach Stunden, Tagen und
Jahren zumessen. Sieh dorthin, Nikola, o ich frchte mich nicht vor deinen
dunkelsten und tiefsten Gedanken; - es ist mir lange ein Zeichen versprochen,
und endlich ist jener in meine Tr getreten, und so wie er wird auch mein Sohn,
mein Kind zu mir heimkommen. O Gott, er ist nicht tot, denn das wte ich, wie
ich jetzt wei, da er lebt!
    Nikola von Einstein war der deutenden Hand der Frau Klaudine mit einem
schnellen, trnen- und angstvollen Blicke gefolgt. Drauen an der Gartentr
neben dem Prospero stand Leonhard Hagebucher, dem schnen Tiere den Hals
streichelnd und die Mhne glttend. Er stand in tiefe Gedanken versunken; die
Frauen hatten gengende Mue, ihn zu beobachten, und Nikola vorzglich hatte
volle Zeit, sich die Augen zu trocknen und die ntige Fassung wenigstens
uerlich wiederzuerlangen.
    Diese letzten Sommertage waren, nicht ohne eine merkliche Vernderung
hervorzubringen, an dem Afrikaner vorbergegangen. Die Klausur und die
moralische und physische Dit, welche er unter dem Regime des Vetters
Wassertreter einzuhalten hatte, schienen bis jetzt trefflich bei ihm
anzuschlagen und von groem zivilisatorischem Einflu auf ihn zu sein. Das
Studium des Konversationslexikons tat ihm unbedingt gut; es war wieder ein
europisches Licht in seinen Augen, welches er nicht ber das Mittellndische
Meer zum Molo von Triest mitgebracht hatte; selbst in den Bewegungen der Hand,
die dem Schimmel das Stirnhaar zurechtlegte, zeigten sich Bildung und Gesittung
in unzweifelhafter Weise; kurz, das, was der Vetter Wassertreter den
Hutungsproze߫ nannte, nahm einen recht befriedigenden Fortgang, und die neue
Epidermis guckte, einem zweiten Ausdruck des Wegebauinspektors zufolge, recht
delikat hervor.
    Jetzt, nach beendeter Unterhaltung mit dem Englnder, wand sich Leonhard
Hagebucher vollends aus dem Gebsch und grte die beiden Frauen am Fenster der
Katzenmhle. Er kam schnellern Schrittes durch den Garten und verneigte sich
aufs neue unter der Tr, indem er seinen arabischen Gru sprach. Das Frulein
von Einstein neigte stumm das Haupt, die Madam Klaudine aber rief mit herzlichem
Ausdruck:
    Willkommen, lieber Sohn! Sie kommen zur rechten Zeit fr zwei gar betrbte
und bedrngte Leute. Mein Kind hier nimmt soeben Abschied von ihrer alten
Freundin, sie mu weggehen von hier, sie wird sich verheiraten, und sie weint
aus vielen Grnden.
    Jaja, es ist so, Mann der Wste! rief Nikola, aufgeregt und ungeduldig mit
dem Fue aufstampfend. Was stehen Sie und starren Sie mich an? Haben Sie kein
Wort der Beglckwnschung fr mich, knnen Sie nicht das kleinste Kompliment
vorbringen?
    Nein! sprach Leonhard mit einer Energie und einer Grobheit, die seinem
Charakter alle Ehre machten. Sie eine Braut, Frulein von Einstein, Sie einem
Manne verlobt? O das ist mir nicht lieb, das ist mir wahrhaftig nicht lieb!
Scheitan falle mich an, wenn das nicht schlimmer ist als ein vergifteter Pfeil
aus dem Gebsch - - o Frulein von Einstein!
    Dieser Ausbruch hchsten Verdrusses war so wahr, so drollig und kam so
berraschend, da beide Damen trotz aller Beklemmung und Betrbnis sich des
Lchelns nicht erwehren konnten. Ja, Nikola lachte sogar hellauf, sprang in die
Hhe und rief, indem sie dem Afrikaner krftig die Hand drckte:
    Liebster Freund, ich habe Sie doch verkannt und bitte herzlich um
Verzeihung. Seien Sie nicht ungehalten; 's ist keine Geschichte von gestern, das
Gespenst geht schon lngere Zeit um, darf aber jetzt erst seine Ketten rasselnd
der Welt zeigen. Dazu ist's nicht meine Schuld, Herr Hagebucher; ich bliebe
freilich lieber in Bumsdorf und se in der Katzenmhle. Scheitan und alle die
brigen Herrschaften aus Dschinnistan sollen auch ber mich verfgen drfen,
wenn ich nicht die Wahrheit rede.
    Herr Leonhard Hagebucher sa auf dem nchsten Stuhle mit den Hnden auf den
Knien wie Ramses der Groe vor seinem Palast zu Luksor und sah mit einer ebenso
geistreichen und verstndnisreichen Physiognomie auf die beiden Frauen wie jener
Monarch auf die Trmmer seiner Residenzstadt Theben. Er erholte sich nur ganz
allmhlich von seiner berraschung, und als er endlich seinen Gefhlen Worte zu
geben vermochte, sagte er:
    Auch ich bitte um Verzeihung und habe mehr Grund dazu als das gndige
Frulein. Wie kann man so dumm und frech sein?! Aber es war auch nicht ganz
meine Schuld, Frulein Nikola! Erinnern Sie sich noch jener Mondscheinnacht an
der Hecke von Ihres Oheims Garten? Sie guckten ber die Hecke und riefen mich an
in meiner Verwirrung; was kann ich fr den Zauber, der in jener Nacht war? In
jener Nacht, um jene Stunde, in der ich dem Tollhause nher war als vielleicht
irgendein anderer Mensch dazumal in Deutschland, bin ich durch Ihre Erscheinung
auf der Lichtseite des Daseins festgehalten worden. Wer wei, ob selbst der
Vetter Wassertreter es heut noch fr lohnend halten wrde, mich in betreff der
Zeitgeschichte aufs laufende zu bringen, wenn Sie damals nicht aus den grnen
Bschen aufgetaucht wren. Ich hatte mir whrend meiner Gefangenschaft dahinten
ein wundervolles Ideal von der Heimat zurechtgemacht, was daraus geworden ist,
wird Ihnen nicht unbekannt sein -
    Und um sich vor der Tante Schndler zu retten, haben Sie sich an meinem
Rocke gehalten! rief Nikola. Und weil ich mein eigen Elend wegzulachen suchte,
nicht dumm und auch recht gut gewachsen bin und weil ich mich immer, wenigstens
bis jetzt, als eine peeress in my own right gehalten habe, setzten Sie mich
sozusagen an die Stelle jenes Ideals und beteten mich von ferne an wie den
Deutschen Bund vom Tumurkielande aus! Ach, Leonhard, geben Sie mir nochmals Ihre
Hand, wir wollen Freunde bleiben unser Leben lang; aber unsere Ideale wollen wir
so tief als mglich begraben. Wir sind ein paar alte zerzauste Aventuriers und
werden wohl beide in unserm Harnisch sterben.
    Nikola, Nikola! rief Frau Klaudine mit gefalteten zitternden Hnden; das
Hoffrulein beugte sich nieder zu ihr und kte sie auf die Stirn:
    Es ist so, Mutter, und niemand kann es ndern. Was sollte wohl aus mir
werden, wenn ich nicht mit gepanzertem Herzen von dir wegginge? Dich, meine
Mutter, tragen und retten deine Geduld und Hoffnung und dein Einsiedlertum hier
in der Wildnis; jener und ich haben andere Waffen ntig. Ich kenne die meinigen
und werde sie gebrauchen, und der Herr Hagebucher wird gleichfalls die seinigen
finden, sobald er begriffen hat, da Childe Harold nichts weiter als ein
Baedeker in Spenserstanzen ist.
    Achten Sie jetzt nicht auf sie, Leonhard, sagte Frau Klaudine wehmtig.
Sie ist krank; aber sie ist doch ein gutes Mdchen und klug und kennt die Wege,
die zur Genesung fhren. Sagen Sie uns jetzt ein wenig von Ihrem eigenen Leben,
und wie die Welt sich von dem Lehnstuhl des Vetters Wassertreter aus anschauen
lt. An welcher Stelle haben Sie ein Zeichen in das groe europische
Bilderbuch gelegt?
    Ja, reden wir von Ihnen, oder vielmehr sprechen Sie von sich allein, rief
auch Nikola, ihre Trnen trocknend. Wir drei hier in der Mhle bilden doch ein
merkwrdiges Kleeblatt und knnten hundert Jahre alt werden, ehe wir mit unsern
Gestndnissen und Herzensergieungen zu Ende wren. Gott schtze jedermann vor
einem derartigen embarras de richesse. Was macht der Vetter Wassertreter und das
europische Abc-Buch, Herr Hagebucher?
    Leonhard erzhlte nun ausfhrlich von seiner Hamsterexistenz und dem
ersprielichsten Kursus allermodernster Weltweisheit, den er augenblicklich
gleichsam unter der Erde durchmache. Er berichtete, wie er krebsartig politische
und literarische Zeitungen und Journale bis zum Jahr achtzehnhundertundfnfzig
rckwrts durchwandele und unermelichen Nutzen davon habe. Dunkle, Verworrene
Sagen, wie zum Exempel die von jenem Feldzuge der Westeuroper auf Tauris und
der Belagerung der Stadt Sebastopol, lse er leicht mit allen Wurzeln aus der
Tiefe und hebe sie klar hervor aus der Nacht der Zeiten, um mit Vergngen und
Behagen das Resultat seiner Forschung seinen brigen Kollektaneen anzureihen. Es
sei wunderbar, meinte er, was alles geschehen und von den Leuten vergessen
werden knne, whrend einer abwesend sei am Mondgebirge; ungemein freue er sich
vor allem auch auf die Meisterwerke der deutschen Literatur, welche er bis zum
Jahre fnfzig zurck nachzulesen habe und welche er, dem Vetter Wassertreter,
der sie schnde verleugne, zum Trotz, in den kommenden Winternchten mit
Begeisterung studieren werde. Der Vetter Wassertreter, meinte er, orakle und
kommentiere aber oft gar nicht bel aus seinem dichten Tabaksgewlk hervor, und
so habe er - Leonhard Hagebucher - eins zum andern gelegt, sein Schulbubenfatum
mit dem ntigen Schulbubenhumor auf sich genommen und sitze er ganz heiter nach.
Von dem Vaterhause knne er natrlich das wenigste Gute berichten und wisse das
Frulein von Einstein durch die arme Schwester Lina sicherlich mehr von den
Stimmungen und Vorgngen dort als er, der verlorene, ausgestoene Sohn. Die
Mutter tue ihm sehr leid und der alte verdrieliche Papa eigentlich nicht
weniger; denn derselbe sei in jeder Beziehung in seinem Rechte und habe sowohl
psychologisch wie moralisch hchst korrekt gehandelt. Im Goldenen Pfau aber
sitze der Vetter Wassertreter als rchender Genius der Familie Hagebucher, zeige
sich smtlichen Honoratioren von Nippenburg mehr als doppelt gewachsen und hoffe
nach Verlauf des Winters das einzige nicht leberkranke und nicht von
Gallensteinen geplagte Mitglied der wrdigen Gesellschaft zu sein.
    Dieses und noch manches andere erzhlte der Afrikaner, da man es von ihm
verlangt hatte; aber er sprach doch traurigen Mutes, und die beiden Frauen
konnten ihm auch nicht mit freier Seele zuhren. Es wurde wieder Abend; der
Spitz kam ohne den Igel aus dem Walde heim; aber Christine brachte ihren Laib
schwarzen Brotes mit.
    Gib mir noch davon, Mutter, dann will ich gehen, sagte Nikola von
Einstein.
    Mit zitternder Hand schnitt die Greisin ein Stuck ab und reichte es stumm
der Braut des Herrn von Glimmern.
    Ich will es mit mir nehmen in mein neues Leben, sprach Nikola weiter, und
ich will in der rechten Stunde immer davon essen - es soll mir guttun, so hart
es auch werden mag. O Mutter, Mutter, du hast mir so viel gegeben aus deinem
reichen, sen Herzen; aber dies ist nun das letzte, was du mir geben kannst.
Ein Stck schwarzen Brotes der armen Nikola auf den Weg, das ist das letzte
Zeichen!
    Sie knpfte das Brot in ihr Taschentuch und wendete sich gegen Leonhard:
    Nun gehen Sie vorauf, mein Freund; ich hole Sie doch ein auf dem Prospero,
um Ihnen ein besonderes Lebewohl sagen zu knnen. Aber jetzt mu ich noch einen
Augenblick allein sein mit meiner Mutter, um sie zum letztenmal zu kssen.
    Tief bewegt und wortlos trat Leonhard Hagebucher zurck und verlie die
Mhle langsamen Schrittes und ohne sich umzusehen. Im Walde nistete sich die
Dmmerung bereits ein, und auf der Fliegenhausener Landstrae trieb ein erstes
khleres Abendlftchen Staubwirbel vor sich her. Er wartete vergeblich am
Ausgang des Holzes auf die schne Reiterin; er stand oft still und blickte auch
im Wandern ber die Schulter zurck; aber erst hinter dem Dorfe vernahm er den
Hufschlag des Schimmels hinter sich, und dann ritt Nikola von Einstein noch eine
ganze Weile stumm neben ihm her, und er wagte kaum, zu ihr aufzublicken.
    Sie auch nahm die Unterhaltung auf, indem sie sagte:
    Es war doch ein schner Sommer, Herr Hagebucher, und wenn wir einander
wieder begegnen, so werden wir seine guten Gaben sicherlich richtiger zu
schtzen wissen, als wir es in dieser dmmerigen Stunde vermgen. Wir werden
jedenfalls wieder zusammentreffen, Kamerad; dann gren wir uns nach einer
andern Welt Art und Sitte und haben wohl darauf zu achten, wie wir's treiben,
da das kluge Narrenvolk dort hinter den Bergen uns nicht unter die Fe
bekommt. Wir besitzen aber beide das Brgerrecht in einem Reiche, von welchem
jenes Volk nichts wei, und keine Macht soll uns es entreien. Jetzt wollen wir
uns die Hnde drcken und kurz Abschied nehmen; mit Redensarten ist keinem von
uns gedient. Wenn Sie Ihre Waffen geschmiedet haben, so lassen Sie dort in der
Katzenmhle von der alten Frau den Segen darber sprechen, und dann mgen Sie
mir nachfolgen. Leben Sie wohl, Leonhard Hagebucher!
    Leben Sie wohl, Frulein von Einstein! sagte der Mann vom Mondgebirge.
Nikola ritt talab weiter auf der Landstrae, Leonhard aber folgte wieder jenem
uns schon bekannten Feldwege, umschritt das Dorf Bumsdorf in einem Bogen und
erreichte wie gewhnlich in dunkler Nacht das Quartier des Vetters Wassertreter.

                              Dreizehntes Kapitel


Da uns in frheren, dunkleren Jahrhunderten leider schon viel deutsche
Geschichte dadurch verzettelt wurde, da jeder Mnch, der sich in dieser Weise
schriftstellerisch beschftigte, nur die Historie seines eigenen Klosters fr
die Ewigkeit niederschrieb, so wollen wir an dieser Stelle nicht die Geschichte
der Stadt Hannover, Braunschweig, Darmstadt, Kassel, Stuttgart und so einige
dreiig Mal und so weiter schreiben. Wir knnen unsere mittel- und
kleinstaatliche Herrlichkeit an den Fingern herzhlen, aber, in echt
germanischer Schamhaftigkeit, ohne einen Namen zu nennen; der Plunder bleibt
eben berall derselbe und die Liebe und Verehrung zum angestammten Frstenhause
sowie die Anhnglichkeit an sonstige altgewohnte, behagliche oder unbehagliche
berkommnisse und Einrichtungen gleichfalls.
    Solch eine deutsche Kultursttte, von einem im ganzen ziemlich unhedeutenden
Bruchteil der Nation seine Residenz genannt, liegt entweder in einem Tal oder in
einer Ebene und nie auf einem Berge, hat jedoch stets in ihrer Umgebung eine
natrliche oder knstliche Erhhung des Bodens, von welcher aus man eines
umfassenden Blickes ber die Pracht geniet und auf welche die Leute des Ortes
und der Gelegenheit sehr gern ihre Gste fhren, um sich an ihrem Erstaunen und
Entzcken mit bescheidenem Stolz zu weiden.
    Solch eine deutsche Residenz hat immer die hnlichkeit mit der Stadt Rom,
da sie wie diese nicht an einem Tage erbaut worden ist. Ihr Alter ist hufig
ganz bedeutend, ein Umstand, auf den man sich gemeiniglich auch etwas zugute
tut, welcher aber jedenfalls nicht immer seinen letzten Grund in der
berschwenglichkeit der landschaftlichen Reize findet.
    Dichter Nebel, Sumpf und Urwald bedeckten vor zweitausend Jahren die Stelle,
auf welcher heute die Gesittung und Bildung ihre schnsten Blten treiben. Wo
heute vor dem Hotel de St. Ptersbourg der Polizeimann die ffentliche Moral im
Auge behlt, da lauerte einst der wilde Urgermane auf den zottigen Br: wo heute
Staatsrte und Generalmajore, Prsidenten des Obertribunals und Konsistoriums,
Direktoren, Ministerial-, Oberkriegs- und Kollegialrte, Stadtdirektoren,
Zollinspektoren und Staatskassiere, Prlaten, Medizinalrte, Archivare und
Bibliothekare den Triumph der hchsten Zivilisation zur Erscheinung bringen, da
brachte einst der schwerfllige Bffel hchstens sich selber zur Darstellung.
Selbst die Rmer, welche doch an mancherlei klimatische Unterschiedlichkeiten
gewhnt waren, holten sich hier den Schnupfen und zogen sich niesend zurck,
ohne da der rohe Eingeborene ihnen nur ein Zur Gesundheit! nachrief. Dieses
Rmervolk hatte wie mit einer Laterne in den Urwald hineingeleuchtet; nachdem
ihm das Lmpchen ausgeblasen war, wird es wieder sehr dunkel und bleibt so sehr
lange Zeit hindurch; die Stmme schlagen sich nach alter guter Gewohnheit
untereinander tot, und die Fremden, wie die Hunnen und dergleichen Durchzgler,
helfen ihnen nach Krften dabei. Das Licht, welches das Christentum in der
Wildnis aufsteckt, hindert niemanden, sein Wohlwollen dem Nachbar nach Sitte der
Vter zu bettigen; aber eine Villa taucht pltzlich im Dunkel der Urkunden auf;
ein fabelhaftes Dynastengeschlecht, welches nachher vom frommen neas oder sonst
einem biedern Trojaner abzustammen behauptet, hat sich zwischen Sumpf und Wald
mit einem rohen Mauer- und Pfahlwerk umgehen - es ist Dmmerung geworden auf
dieser Erdstelle fr mehr als einen Professor der Geschichte. Ein Ortsname, der
einmal in den Urkunden erschien, erlischt so leicht nicht wieder in denselben;
das Eigentumsrecht ist zu Papier gebracht, und am Ende ist das Papier doch der
irdische Stoff, welcher alle andern berdauert. Die Nachkommen des alten Vaters
Priamus, von germanischen Gewissensskrupeln gengstet, fundieren eine Kirche
oder ein Kloster, und die Geistlichkeit ermangelt sicherlich nicht, sich das
Ihrige schriftlich geben zu lassen - es wird immer lichter fr den Herrn
Professor. Um Kirche und Burg, unter dem Schutze des geistlichen und weltlichen
Armes, erhebt ein sehr schutzbedrftiges, verwahrlostes, halb tierisches
Menschenhuflein seine Lehmhtten, und unser Freund, der Professor, mag seine
Brillenglser putzen und anfangen zu spezifizieren: die Grundelemente des
heutigen Gesellschaftsverbandes sind vorhanden. Advenit imperator, das heit,
ein anderer Dynast - ein Adler im Verhltnis zum Sperber - ist an der Spitze von
vielen tausend guten Rittern und Knechten ins Land Italia gezogen, hat sein
Heergefolge daselbst glcklich versorgt und unter den Boden gebracht und ist,
nachdem er einem andern geistlichen Herrn einige unbedeutende Konzessionen in
betreff der physischen und moralischen Verwaltung der deutschen Nation machte,
als wohlbestallter rmischer Kaiser heimgekehrt. Der Herr Professor nennt ihn
mit Namen und wei ganz genau das Jahr anzugehen, in welchem er die Siedelung
mit Stadtrechten begabte und ihr die Abhaltung eines Jahrmarktes gestattete. Wir
befinden uns im allerromantischsten Mittelalter; die Schweinerei ist gro, aber
das angestammte Frstenhaus gedeiht herrlich und treibt bis zur Reformation eine
Menge kurioser Blten, deren Epitheta sich merkwrdig durch das ganze Heilige
Rmische Reich gleichbleiben: der Faule, der Fette, der Bse, der Eiserne haben
berall regiert, berall die gleichen zivilisatorischen Erfolge erzielt und
werden heute noch in sehr idealisierten Nachbildungen von dem Schlokastellan in
den respektiven Thronslen vorgewiesen. Was ein Kastellan in den Reichspalsten
zu Aachen, Ingelheim, Trebur, Trifels, Goslar den Touristen damaliger Zeit zu
zeigen hatte, wollen wir dahingestellt sein lassen.
    Gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts erscheint urkundlich der erste
Oberbrgermeister; aber das residenzliche Brgertum bleibt sehr geduckt im
Vergleich zu dem Leben, welches sich in den Reichsstdten erhebt; die Dynastie
blht immer herrlicher und beginnt, sich weniger an dem Kaiser als an der Hansa
und dergleichen unberechtigten Verbindungen zu rgern. Der reichsunmittelbare
Adel fngt an, Hofluft zu wittern; die Pfaffheit in dem Hofkloster wittert den
Augustinermnch zu Wittenberg. Groes Dilemma Frstlicher Gnaden in betreff der
Kirchenverbesserung - hchst fatale, unbequemliche Situationen Frstlicher
Gnaden whrend des Dreiigjhrigen Krieges - post nubila Phoebus! Nach dem
Gewitter die Sonne! Le grand monarque! Ludwig der Vierzehnte! Pauken und
Posaunen, allgemeiner Tusch!...
    Merkwrdigerweise verliert die deutsche Geschichte und mit ihr die
Geschichte unserer Residenz in dieser Epoche ihrer glnzenden Wiedergeburt
jegliches Interesse fr unsern Professor, er wei sogar nichts mehr von ihr;
wenn ihm seine Wrde erlaubt, seine Studien bis zu dem Frieden von Mnster und
Osnabrck zu erstrecken, so ist das sehr viel. Wir aber, die wir keine gelehrte
Wrde zu behaupten haben, wir lassen uns lchelnd den gekrmmten Rcken von der
aufgehenden franzsischen Sonne bestrahlen und erwrmen; wir ersterben
alleruntertnigst vor den durchlauchtigsten Herrschaften und rufen Vivat, wenn
sie in ihren Staatskarossen nach Monbrillant, Monplaisir, Monrepos, nach
Ludwigsburg, Ludwigslust, Herrenhausen, Salzdahlum, Schwetzingen oder
Nymphenburg zur Erholung von ihren anstrengenden Staatsgeschften fahren. Wir
machen ein tiefes Kompliment vor dem Wagen der schnen Hof-, Haupt- und
Leibitalienerin; der heidnische Mohr, welchen Serenissimus aus der sndhaften
Wasserstadt Venedig mitbrachte, erregt unser respektvolles Staunen; wie wir uns
gegen den Hofjuden zu verhalten haben, wissen wir so recht nicht; er kann unter
Umstnden eine sehr gefhrliche Persnlichkeit werden, und man tut am besten,
auch vor ihm den Hut abzuziehen. Welches seltsame Leben und Treiben in den
Husern und auf den Gassen! Welche loyalen Brger, welche wundervollen
Hofmarschlle, Heiducken und Hofpoeten! Welche Epithalamien, Geburtstagsgedichte
und Threnodien! Welche Komdien, Tragdien und vor allem welche Opern!
    Wir begreifen den Herrn Professor, der nichts damit zu tun haben will, sehr
gut; aber wir, die wir einen andern Zweck verfolgen als er, wir knnen nicht
gleich ihm unser Objekt wie einen Spargel stechen, wenn es uns gut dnkt; wir
mssen es wachsen lassen bis in den hellen, heutigen Tag hinein. Der Herr
Professor braucht blo mittelalterliche Tatsachen; wir aber haben neue Blten
und Frchte ntig, und auch der Spargel erzeugt dergleichen, wenn man ihm seine
Zeit gnnt.
    In welcher Tiefe der deutsche Geist seine Quellen haben mag, seine
Residenzen datieren smtlich von diesem Dieudonn- und L'Etat-c'est-moi-Knig
zu Versailles. Es ist nicht auszudenken, nicht auszuschreiben, was alles wir ihm
zu Verdanken haben, und niemals ist ein lumpiger Fetzen deutschen Landes wie das
Elsa mit mehr Gewinn fr smtliche Serenissimi und ihre smtlichen
Hofmarschallmter losgeschlagen worden. Erst von der Verbrennung Heidelbergs an
datiert der wahre, der rechte Flor alles dessen, was - jedes Schild ber der Tr
jedes Hoflieferanten, so weit die deutsche Zunge klingt, besser ausdrckt und
reinlicher umschreibt, als wir es vermgen. Welch ein Glanz auf den Hhen der
deutschen Menschheit! Eben war's noch der blutrote Widerschein der
Reunionskriege, des Spanischen Erbfolgekriegs: nun aber ist's couleur cuisse de
nymphe, eine se rosa Dmmerung ber Taxushecken, langen, langen, schnurgeraden
Alleen, Exerzierpltzen, Sandsteingttern und -gttinnen, ber Schlo und Stadt!
Welche Wasserknste, Reiterknste und Reifrcke, welche Percken und
Komplimente; am Hof und in der Stadt welche Manschetten, Halskrausen und
goldbordierten Westen! Ist es ein Wunder, wenn sich der Mann der Kaiser- und
Stdteregesten in schaudernder Verachtung von den Riedingerschen Kupferstichen,
von Lnings Theatrum ceremoniale abwendet?
    Der wilde Urgermane, der hinter dem Ureichenbaum auf den Urochsen lauerte,
wrde sich sehr wundern, wenn er die Erlaubnis bekme, sich dieselbe Gegend von
derselben Stelle aus im Jahre 1780 zu betrachten. Serenissimus haben im Laufe
des achtzehnten Jahrhunderts viel Geld, sehr viel Geld gebraucht. In
Schweinshatzen, Fuchsprellen, Parforcejagden, Karussells, Balletten und Komdien
ist manch ein rheinischer Gulden oder Reichstaler draufgegangen; eine politische
Spekulation dem alten preuischen Fritz gegenber ist auch nicht so
eingeschlagen, wie man's wnschte und verhoffte: der Urgermane kann das
Vergngen haben, zuzusehen, wie man auf der Esplanade oder auf der Planie
oder sonst einem dazu geeigneten Platze der Residenz seine Nachkommen
regimenterweise abgezhlt gegen blanke englische Guineen oder vollwichtige
hollndische Dukaten austauscht; er kann sehen und hren, wie Serenissimus die
Front bereiten und Hchstihro Landeskinder vermahnen, auch in der Fremde dem
hessischen, wrttembergischen oder braunschweiglneburgischen Namen Ehre zu
machen und tapfer fr das Vaterland und Unsern Profit Haut und Haare zu
lassen.
    Vivat Karolus, Fridericus oder etwas dem hnliches! Trommelwirbel -
Querpfeifengequiek und Beckenklang! - Heute abend im Theater Gtz von
Berlichingen mit der eisernen Hand, ein Trauerspiel vom Doktor Goethe - morgen
zur Feier des Geburtstages der durchlauchtigsten Frau Herzogin groe
Illumination und Oper, Idomeneo, Re di Creta, vom jungen Herrn Mozart, genannt
il cavaliere filarmonico.
    Aber im Westen, jenseits des Rheins, auch ein Stimmen von allerlei seltsamen
und etwas unheimlichen Instrumenten - pltzlich ein dumpfer, lang anhaltender
Paukenschlag: Monsieur Honor Gabriel Victor Riquetti, Marquis de Mirabeau!...
Ratsadvokat Brger George Jacques Danton!... Citoyen Maximilian Joseph
Robespierre!... Allerdurchlauchtigstes Zusammenfahren und hchst gerechtfertigte
Entrstung, welche letztere sich einige Jahre spter mit dem Kaiser Napoleon
durchschnittlich recht gut abzufinden wei. Folgt die liebliche Zeit des
Rheinbundes, folgt der Deutsche Bund, folgen die russischen und englischen
zarten und zrtlichen Verbindungen, welche letztern die landschaftlichen Reize
des Vaterlandes sehr vermehren, indem sie griechisch-moskowitische Kapellen und
Mausoleen sowie herrschaftliche Landsitze im englisch-normannischen Stil an
Stellen aufschieen lassen, von wo aus sie den besten Eindruck auf die Bewohner
des angestammten Staates und die denselben mit dem Bahnzug passierenden Fremden
machen.
    Bah - immer herbei, herbei, meine Hochzuverehrenden! Die Glser des
Guckkastens sind geputzt, die Lmpchen angezndet, es verlohnt sich schon der
Mhe, die Hnde auf die Knie zu klappen und einen Blick in die Herrlichkeit der
Stunde, an welcher Jahrtausende gearbeitet, geputzt und poliert haben, zu
werfen.
    Wiesen, Hgel und Gewsser dehnen sich behaglich im verschleierten Licht der
Sonne des Sptherbstes. Ober dem grauen Kern, den zusammengedrngten Turmspitzen
der Stadt lagert freilich eine dichtere Dunstmasse; aber die modernen Vorstdte
glnzen heiter und wei, und die italienischen und gotischen Landhuser sind
gleichwie aus einer Nrnberger Schachtel munter in das Gebsch der Grten
gestreut oder zierlich die Linden- und Kastanienalleen entlang aufgestellt.
    Wir folgen einer solchen Allee, in welcher das welke Laub sauber
aufgehufelt ist; es begegnen uns oder gehen mit uns viele anstndig gekleidete
Menschen, darunter sehr bunte Damen und sehr bunte Offiziere. Reitknechte fhren
ganz elegante Pferde spazieren, in einem ffentlichen Garten wird Musik gemacht
und soll mit anbrechender Nacht ein Feuerwerk, das Bombardement von Sebastopol
darstellend, abgebrannt werden. Ein Tor, bewacht von zwei schlfrigen
Sandsteinlwen, ein Schilderhaus, bewacht von einer schlfrigen Schildwache, ein
ghnender Akziseeinnehmer, ein sonniger Platz und in der Mitte desselben,
umgehen von Ruhebnken, Kindermdchen und Ammen mit ihren Schutzbefohlenen, ein
etwas schlfriger Vater des Vaterlandes in Bronze, eine Allee zur Rechten, eine
Allee zur Linken; wieder allerlei Spaziergnger, Reitknechte, Droschken,
Privatequipagen, wieder sehr viele bunte Damen und sehr bunte Offiziere!
Schlagen wir die Allee zur Rechten ein, so wird sie uns, wenn wir im
Brieftrgertrab gehen, nach Verlauf von drei Viertelstunden von der Linken her
zu dem Gropapa in Bronze zurckbringen: nehmen wir den Weg zur Linken, so
werden wir den wrdigen alten Herrn in derselben Zeit von der Rechten her zu
Gesicht bekommen. Gehen wir den Gang des Beobachters, so knnen wir nach
Belieben und vielleicht nicht ohne Nutzen eine halbe Elle unseres Lebensfadens
auf ebendiesen Kreis zugeben; folgen wir den Radien des Kreises in die Mitte der
Stadt, so - - doch weshalb sollen wir ihnen jetzt schon folgen? Der Abend ist so
angenehm, die Luft so weich, die Kieswege entlang der berbleibsel der Gewsser
des einstigen Stadtgrabens so fest und reinlich und die Ruhebnke so zierlich
und einladend; das Theater beginnt erst um sieben Uhr. Nehmen wir Platz, bergen
wir die trumende Stirn in der Hand; wer wei, was die Stunde Herrliches,
Schnes, Ntzliches bringt? Serenissimus oder Serenissima knnen sechsspnnig
vorberfahren, das schnste Mdchen der Residenz kann uns mit der Schleppe ihres
Kleides streifen, unser Schicksal kann uns hier ebensogut als anderswo auf die
Schulter klopfen und unser Anstellungsdekret als wirklich geheimer
Kabinettssekretr oder dergleichen aus dem Portefeuille nehmen oder nur
unmerklich mit dem Finger deuten und winken: Sieh!, ganz leise, leise flstern:
Achtung, mein Bester! - Das letztere geschieht diesmal; wir sehen und hren und
geben Achtung, und zwar mit Eifer, obgleich es nur unser literarisches Schicksal
war, das winkte. - - -
    Er kam durch eine der Straen, welche aus dem Innern der Stadt gegen die um
die Stadt sich ziehende Promenade fhren. Wer kam aus dem Innern der Stadt, um
wie andere gewhnlichere Leute unter den gelben Linden und Kastanien
spazierenzugehen? Nicht ein gewhnlicher Mann, sondern einer, der die andern um
eine Haupteslnge berragte: unser sehr guter Freund aus Bumsdorf und dem
Tumurkielande, Herr Leonhard Hagebucher. Sehr verndert, und zwar, was die
malerische Seite anbetrifft, nicht zu seinem Vorteil! - Mehr als ein Jahr ist
vorbergegangen, seit wir ihn in den Gefilden seiner Kindheit aus dem Gesicht
verloren, und ein Jahr ist eine Macht, welche es mit vielen Dingen, die von den
Menschen auch fr sehr mchtig gehalten werden oder sich selber fr sehr stark
halten, aufnimmnt und in dem Ringkampf mit ihnen recht hufig die Oberhand
gewinnt. Zuerst hatte dieses Jahr den Afrikaner geschlt, ja geschunden; aus dem
Rotbraun der Haut war ein ungemtliches Gelbgrau geworden: die grauen Kreise um
die Augen waren dagegen ins Schwarze bergegangen; die Augen selbst hatten ihren
Glanz behalten, aber man sah ihnen an, da sie viel gebraucht worden waren. Der
wilde Bart war grtenteils dem Messer zum Opfer gefallen, wogegen das
Haupthaar, welches vordem der Mode von Abu Telfan Vollstndig hatte weichen
mssen, mit Bewilligung der zivilisierten Welt treiben durfte, wie es konnte. Es
hatte getrieben und war von neuem emporgesprot, allein leider nicht zur
Verschnerung des Mannes. Es war, sozusagen, in allen Farben gekommen, braun und
grau, gelb und wei, und es war sehr borstig und widerspenstig gekommen - -
jeder Bschel ein Rebell gegen den Kamm und den Salbentopf.
    Herr Leonhard Hagebucher trug nicht mehr einen Turban oder Fes, sondern
einen sehr schnen, schwarzen, glnzenden Zylinderhut: er trug einen glnzenden
schwarzen Frack, eine schwarze Sammetweste und schwarze Beinkleider, und
smtliche Teile des Kostms von dem Hut bis zu den Stiefeln erinnerten jeden in
der Naturhistorie nicht Unbewanderten an jene Stiefel, welche der heimtckische
Mensch inwendig mit Leim beschmiert und zum Affenfang im Urwald unter den Baum
stellt, von dessen Gipfel ihn der rauhhaarige Vetter beobachten kann. Es war
viel von dem haarigen Vetter in den Augen unseres Freundes. Er fhlte sich
jedenfalls geleimt; aber er trug den Zustand mit einer wilden Munterkeit, einer
Ironie, die ihn zu einem gefhrlichen Kumpan fr alle Genossen, die sich wohl in
ihren Jacken fhlten, machten. Man fhlte, da das Ding es nicht beim
Zhnefletschen bewenden lassen, sondern unter Umstnden tchtig zubeien werde,
und somit war man gewarnt und hatte es sich selber zuzuschreiben, wenn ein
Unglck geschah. Was der Afrikaner im letzten Jahre getrieben, was er vergessen
und was er gelernt haben mochte, eines stand fest: er sah jetzt jeglicher Art
seiner Landsleute scharf ins Gesicht, und wenn die frhere Bldigkeit bei
Gelegenheit in ihr Gegenteil umschlug, so hatte sich keiner darber zu wundern.
Herr Leonhard Hagebucher ging niemandem mehr aus Verlegenheit, sondern hchstens
nur aus Hflichkeit aus dem Wege: augenblicklich aber ging er wie die andern
Bewohner der Hauptstadt spazieren und sah freundlich-nachdenklich auf die mit
ihm frische Luft Schpfenden.
    Mit dem Strom und gegen den Strom wandelte er gleich den andern im Kreise um
die Stadt bis zu dem segnenden Landesgropapa und an demselben vorber und lie
sich zuletzt auf einer Bank nieder, von welcher man einen Teil des geschilderten
Platzes berblicken konnte. Hier sa er und grte allerlei Leute, deren
Bekanntschaft er schon gemacht hatte, und viele Leute, die ihn bereits kannten,
widmeten ihm im Vorbergehen ihre ganze Aufmerksamkeit. Eine Schar Buben
versammelte sich um ihn, starrte ihn aus einiger Entfernung an und nahm sogleich
Reiaus, als er eine Unterhaltung mit ihr beginnen wollte. Zuletzt rollte ber
den Platz ein offener Wagen, in welchem zwei Damen saen, gegen ihn heran, und
in hchster berraschung, ja im hellen Schrecken schnellte er empor und rief:
Nikola!... Nikola!
    Die eine der Damen trug ein weies Htchen, die andere ein blaues, und jene
mit dem weien beugte sich mit ihrer Lorgnette herber; aber der Wagen rollte
schnell weiter, und Leonhard, nach einigen Schritten vorwrts, als wolle er ihm
nachlaufen, setzte sich wieder sehr fest hin und sprach: Warten wir also!
    In dem Wagen fate Nikola von Glimmern die Hand ihrer Freundin, der Majorin
Emma, und rief:
    Wer war das eben! Sahest du ihn auch? War er es denn? O gtiger Himmel,
welch eine Abscheulichkeit! Welch eine Karikatur! O Gott, Emma!... Johann, wir
fahren noch einmal um die Stadt; aber schnell - ventre  terre, schnell,
schnell!
    Der Kutscher trieb die Pferde an, und Emma sagte:
    Das war dein Afrikaner in Fleisch und Blut und in einem sehr schnen
Gesellschaftsanzuge; in der Tat, ein nrrischer Held ist's! Seit einiger Zeit
befindet er sich in der Residenz, und man spricht genug von ihm. Mein Mann ist
bereits einige Male mit ihm zusammengetroffen und lobt ihn ungemein: auch ich
freue mich sehr darauf, ihn genauer kennenzulernen. Werden wir ihn wohl noch auf
seiner Bank treffen?
    Ohne Zweifel! sagte Nikola; aber man merkte es ihr an, da sie kaum auf
die Worte der Freundin Achtung gegeben haben konnte; sie blickte zerstreut vor
sich hin, und wie alles brige entging ihr jetzt auch das leise Kopfschtteln
Emmas.
    Der Wagen fuhr schnell weiter. Viele Leute grten, und viele Leute sagten:
Siehe da, die schne Baronin Glimmern! Welch eine gute Partie sie gemacht hat!
- Und wieder andere Leute fragten andere Leute: Ist das nicht das wilde
Frulein von Einstein, die Tochter der alten, kleinen Generalin in der
Schlostrae? Worauf die Antwort lautete: Freilich ist sie's! Wir nannten sie
im Klub la belle effarouche; aber damit ist's vorbei, man hat sie nun endlich
doch unter die Haube gebracht, und es war Zeit; der Herbstwind fing an, recht
impertinent mit den Blttern der Rose zu tndeln. Begreifen Sie brigens unsern
Freund Glimmern? Es gehrt eben ein Charakter wie der seinige dazu, um ein
solches Spiel bis zum uersten durchzufhren!
    Noch manche Bemerkungen hnlicher Art wurden in den Gruppen der
Spaziergnger gemacht, ehe der Wagen zum zweitenmal den pater patriae in Bronze
erreichte; jetzt aber kam derselbe von neuem in Sicht, und wirklich befand Herr
Leonhard Hagebucher sich ebensowohl noch an seinem Platze auf der Bank wie der
Hchstselige Herr auf seinem Postament.
    La halten, Emma! flsterte die Baronin, und der Kutscher zog die Zgel
an. Der Bumsdorfer Afrikaner zog den Hut vom Kopfe und trat an den Wagenschlag.
    Da wren wir wieder, sagte Nikola, ihm die Hand reichend. Sehen Sie,
lieber Freund, es ist, wie ich Ihnen sagte und wie Sie bereits aus eigener
Erfahrung wissen konnten: man geht so leicht nicht in der Welt verloren. Und
fast in alter Heiterkeit und Schelmerei sich zu der Frau Emma wendend, rief sie:
Das ist mein Sindbad der Seefahrer, von welchem ich dir soviel des Lblichen
und Wunderbaren mitteilte. Nun bitte ich dich, sieh ihn an; hat jemals die
Wirklichkeit der Phantasie rgerlicher ein Bein gestellt? Abscheulich,
abscheulich! O lieber Herr, es glaubt Ihnen niemand mehr, da Sie auf einem
Greifen oder dem Vogel Roch nach Nippenburg geritten seien. Wir haben uns viel,
viel zu sagen; aber vor allen Dingen bitte ich um den Namen Ihres Schneiders!
    Felix Zlestin Tubrich, Kesselstrae Numero fnfundfnfzig, lautete die
Antwort, und die Majorin Emma nickte lchelnd, als ob der Knstler zu ihrer
genauesten Bekanntschaft gehre und wohl verdiene, gekannt zu sein.
    Wir sind gestern heimgekommen, Herr Hagebucher, und ich hoffe Sie bald
meinem Gemahle vorstellen zu knnen, fuhr Nikola fort: Sie sehen mich
gleichfalls bedenklich an; ach, suchen Sie die alte Nikola nicht lnger! Es
findet sich wohl die Zeit, in welcher wir uns um die Auenseite nicht mehr zu
kmmern haben; dann wollen wir andere Sachen mit mehr Ernst besprechen. Die
Gaffer nehmen zuviel Anteil an uns; hier haben Sie meine Freundin, Frau Emma
Wildberg, die Gattin eines trefflichen Mannes; sie soll unser nchstes
Wiedersehen bewerkstelligen. Fort, Kutscher - die Leute werden unertrglich.
    Beide Damen verneigten sich gegen den Afrikaner, und dieser blickte dem
Wagen nach, und alle seine Gedanken hafteten an jenem schwarzen Brote, von
welchem die Frau Klaudine Fehleysen in der Katzenmhle ein Stck abschnitt, um
es dem Frulein von Einstein, der Verlobten des Herrn von Glimmern, mit auf den
Weg in die weite Welt zu geben.

                              Vierzehntes Kapitel


Es war nur ein Gercht, da der groe Reisende, Naturforscher und Kammerherr
Seiner Majestt des Knigs Friedrich Wilhelm des Vierten sich einst in der
Schneidergesellenherberge unserer Residenz persnlich nach einem andern groen
Reisenden umgesehen und, als er den Gesuchten nicht vorfand, seine Visitenkarte
mit umgebogenem Rande fr denselben zurckgelassen habe. Es war nur ein Gercht;
aber dieses Gercht erhielt sich mit Zhigkeit in allen den Kreisen des
Trkenviertels, welche durch die populre illustrierte Literatur des Tages die
Bekanntschaft jenes berhmten Mannes gemacht hatten, und wem anders konnte der
groe Alexander von Humboldt einen Besuch zugedacht haben als dem Herrn Felix
Zlestin Tubrich, der auch sein Wanderbuch aufzuweisen hatte und den man weit
ber das Trkenviertel hinaus unter der Bezeichnung Tubrich-Pascha kannte und
zu schtzen wute?
    Sein Vater war ein Schornsteinfeger gewesen, ein dunkler Ehrenmann, welcher
zu einem solchen Sohne kam, ohne zu wissen wie; seine Mutter, vordem eine
gebildete Putzmachermamsell, hielt alles Klettern. Kriechen und Kratzen in
anderer Leute Feueressen und Rauchfngen fr sehr gemein und fr vllig
unvertrglich mit eigener Reinlichkeit und den zartern Regungen der Seele: ihr
hatte die Welt vorzglich die Bildung dieses Charakters zu danken, der denn
freilich die hchsten Schornsteine der Erde tief unter sich lie.
Tubrich-Pascha glaubte an die Visite des Herrn von Humboldt so fest wie an
seine eigene Existenz; wie fest er aber an seine eigene Existenz glaubte, kann
nur durch einen lngern und genauern Verkehr mit ihm deutlich gemacht werden.
    Wei und zart und zierlich erblickte er das Licht der Welt und begrte es
mit einem schrillen Stimmchen. Der schwarze Vater und dessen schwarze Gesellen
begrten ihn mit kopfschttelnder Verwunderung und nannten ihn einen ganz
kuriosen Fisch. Gegen alle Erwartung gedieh er unter der sorgsamsten
mtterlichen Pflege vortrefflich, wie denn auch die gtige Mutter Natur bestens
fr ihn sorgte, indem sie ihn mit einem sehr reizbaren Nervensystem, einem
dnnen rtlichen Haarwuchs und einer erklecklichen Menge Sommersprossen begabte,
ihm aber die Zierde des Mannes, den Bart, welchen er als geborener
Damenschneider doch nicht gebrauchen konnte, gnzlich vorenthielt. Er wurde ein
Damenschneider, allem Gebrumm und Gepolter des Erzeugers zum Trotz; - grollend
stieg der Alte, welcher allmhlich fr seinen Beruf viel zu fett geworden war,
in seinen eigenen Schornstein hinauf, blieb in demselben stecken, wurde lngere
Zeit vergeblich gesucht und spt am Tage entdeckt, als er dem Rauche des Feuers,
welches man zur Bereitung der Abendsuppe anzndete, den Weg versperrte. Man zog
ihn an den Fen herab, ohne da er sich fr die Geflligkeit bedankte; ein
Schlagflu hatte ihn getroffen und ihn allen Erdensorgen schnell entrckt. Seine
Witwe erhielt sich noch einige Jahre als sehr belesene Eigentmerin einer
kleinen, aber ausgewhlten Leihbibliothek, starb dann gleichfalls, und zwar in
ziemlich bedrngten Umstnden, worauf Felix Zlestin, aller schnen und
romantischen Gefhle voll, auf die Wanderschaft ging gleich unserm Freunde
Hagebucher, weit ber Konstantinopel hinauskam und wie jener lange Zeit zu den
Verschollenen gerechnet wurde.
    Gleich jenem kam aber auch er zurck, und zwar auf klglich durchgelaufenen
Sohlen und von Jerusalem. Da er erst vor einigen Tagen dem Mann aus Abu Telfan
einen Bericht ber diese Heimkehr abstattete, so setzen wir auch hier mit
Vergngen seine eigene Relation an die Stelle der unsrigen.
    O in Jerusalem ist es schn! rief er mit Begeisterung. Adrianopel,
Konstantinopel, Smyrna, Brussa und Jaffa haben auch ihre Annehmlichkeiten; aber
Jerusalem geht dem gefhlvollen Menschen ber alles! Da ist blauer Montag das
ganze Jahr durch bei Juden und Christen von allen Sorten, bei Heiden und Trken
und die letztern haben die Polizei. Sie sind nicht in Jerusalem gewesen, Sidi,
sonsten wrden Sie auch davon erzhlen knnen oje, oje! Da habe ich zwei Jahre
in Kondition gestanden bei einem Meister aus Bblingen im Wrttembergischen, und
leider nur als Mannsschneider; denn das schne Geschlecht hab ich schon in
Adrianopel mit Trnen an den Haken hngen mssen. Hab's auch ganz gut gehabt bei
dem Bblinger bis zum Osterfest neunundfnfzig, da veruneinigte ich mich mit
ihm, denn solches ist der Stilum: am heiligen Osterfest veruneinigt sich alles
miteinander in Jerusalem, und schon eine Woche vorher exerziert der Musselim,
der Gouverneur, die trkische Garnison auf die Karbatsche ein, alles zum Besten
der frommen Pilger. So ist es, man mu berall erst des Landes Sitte
kennenlernen, um keinen Ansto zu geben, und als im ersten Jahre am Grnen
Donnerstag der Meister bockig wird und mich aus lauter Zerknirschung einen
herrgottsstrflichen Lump und keinnutzigen Strahlnarr heiet, da denke ich:
Tubrich, mige dich und fang keinen Skandal an diesen heiligen Sttten an, und
in dieser Zeit will es sich gar nicht schicken. Bon - im nchsten Jahre kenne
ich mich schon aus, und als mein Schwab mich diesmal einen norddeutschen
Windbeutel tituliert, da geht's drunter und drber, und 's wird ein Trubel im
Atelier wie an der Tr der Grabeskirche, und naturellement schmeit man mich
heraus und mein Felleisen mir nach, und da wr's mir schlimm gegangen ohne einen
guten Bekannten. Das ist ein Mnch gewesen aus dem Kloster Mar Saba, welches im
Tal Kidron, dem Toten Meer zu, liegt, und der trifft auf mich, wie ich mit
verbundenem Kopf auf einem Eckstein sitze, und rechter Hand liegt ein toter Esel
und linker Hand ein betrunkener Pilgrim, und der, will sagen der Mnch, hat mich
nach dem Fest mit sich genommen in sein Kloster auf die Str, was man heit auf
Arbeit mit Kost und Schlafstelle. Da habe ich die ganze Garderobe fr die
Heiligen aufbessern mssen, und auch die Brder hatten genug zu flicken: das war
eine schlechte Arbeit, aber die Verpflegung war gut. So nhre ich mich hier in
der Wste und der frommen Einsamkeit gradsogut vom Handwerk wie in Hanau oder
Offenburg, bis auch diesem Vergngen wiederum sein Ende mit dem Knppel gemacht
wird, und ist das das Merkwrdige am Orient, da hierfr niemand zu keiner Zeit
sicher ist; es wre auch sonst zu schn! Kommt also ein Mann aus Nebi Musa zu
unserm Abt und gibt an, er wisse einen Schatz im Wadi en Naar, dem Feuertal,
welches gleichfalls zum Kidrontal gehrt, und, Sidi, wie da das Kloster an zu
lecken fing, das ist unglaublich zu erzhlen. Wo und wie, wie und wo? ging das
durcheinander, und der Beduin wute auf alles einen Bescheid. Ein Christ habe
den Schatz vergraben, und nur ein Christ vermge ihn zu heben, und in der
nchsten Nacht sei die rechte Zeit; denn da sei der Dschinn abwesend zu einer
Vergngungsfahrt auf Bahr Lut, dem Toten Meer, und halte mit seinesgleichen
einen Schmaus bei Ain Djidi an der Sule des Salzes. Das htte man nun wohl
nicht geglaubt zu Offenburg, Hanau oder Frankfurt am Main; aber in Mar Saba
glaubte man es mit Vergngen, und in der folgenden Nacht haben wir richtig den
Schatz gehoben. Das halbe Kloster samt dem Abt ist unter der Fhrung des
Beduinen ins Feuertal gezogen, in eine Schlucht wohl tausend Fu tief. Und als
wir drin sitzen und fast kein Ausweg ist, geht es los, als ob der Geist des
Christen Unrat gemerkt habe und schleunigst heimgekehrt sei, um nach seinem
Recht zu sehen. Erst regnet es von allen Seiten Steine aus der Hhe, und dann
regnet es Prgel aus nchster Nhe. Auf allen Seiten wird's zu unserm Jammer
lebendig; denn von vier Meilen in der Runde, aus Mird, aus Nebi Musa, aus Khan
Hudrur, ja aus Gilgal und vom Dschebel al Fureidis, dem Frankenberge, ist die
Bevlkerung herbeschieden, um den Spa durch ihre Gegenwart zu verschnen. Wer
einen Prgel halten konnte, hat sich damit ins Versteck gelegt und geduldig seit
Sonnenuntergang auf unsere Ankunft gewartet. Vergebens hat der Abt erst seine
Heiligen und dann den Gouverneur von Jerusalem angerufen, die einen konnten
sowenig als der andere zu Hlfe kommen: das letzte, was ich in dieser
Mondscheinnacht erblickte, war ein mir wohlbekannter Kollege, der Schneider aus
Mird, welcher aus Brotneid und knstlerischer Eifersucht einen faustgroen
Kieselstein in sein Turbantuch geknpft hatte und mich damit an den Schdel
traf, da es mir schwarz wie seine Seele vor den Augen wurde und ich
besinnungslos zu denjenigen meiner geistlichen Freunde sank, welche bereits am
Rande des Baches Kidron am Boden zappelten. Das war ein sehr romantisches
Abenteuer, Sidi, aber ein noch greres Wunder ist es gewesen, da ich mich beim
Erwachen aus meiner Betubung nicht etwa im Wadi en Naar oder im Kloster Mar
Saba oder im Spital zu Jerusalem, sondern hier in meiner Vaterstadt, hier im
Trkenviertel, hier am Eingang der Kesselstrae wiedergefunden habe!
    Was?! hatte der Mann aus dem Tumurkielande, der doch auch manches erlebte,
gerufen, als der Schneider bis zu diesem Punkte seiner Erzhlung gekommen war;
aber Tubrich-Pascha hatte khl gesagt:
    Ja, es ist ein Mirakel; aber fragen Sie nur unten im Hause, ob die Sache
sich nicht so verhlt; oder noch besser, hier haben Sie mein Wanderbuch, Hadschi
Hagebucher; darin steht's beschrieben, wie es zugegangen ist.
    Es stand wirklich darin zu lesen, und zwar in englischer Sprache:
    Wir, die Unterzeichneten, Lehrer und Prediger des Wortes, wie es enthalten
ist in dem Buche Mormon, Elders of the church of Jesus Christ of Latter-day
Saints, sind gezogen in das Land, aus welchem gekommen ist Lehi, der Vater des
Volkes, so da sein wird im Herrn, und sind geritten Von der heiligen Stadt
Jerusalem bis zu dem Flu Jordan, zu holen Wasser, zu taufen und zu weihen die
Kinder des goldenen Buches. Haben wir geschpfet ein jeglicher ein Flein,
enthaltend 50 Quart, und sind abwrts gefolget dem Laufe des Flusses bis zum
mare mortuum seu salsum, die Sttte des Zornes zu erkennen, und sind von da
wieder geritten aufwrts entlang den Bach, so da genennet wird Kidron, mit
unsern Brdern und unserm Gefolge. Und als es geschah, da wir kamen an den Ort
Wadi en Naar, das Feuertal, haben wir gefunden den, welchem eignet dieses
Bchlein, und haben ihn aufgehoben und, weil noch Leben in ihm war, auf einer
Eselin mit uns gefhret gen Jerusalem. Da haben wir ihn gelassen.

                                J. J. Johnstaff,
                                J. W. Smithfield
,
                         beide Sendboten und Geheiligte
                         der Kirche des Letzten Tages

Freilich haben sie mich da gelassen, fuhr Tubrich-Pascha in seiner Erzhlung
fort; aber andere haben mich weiterbefrdert, wie des Spaes halber, und alle
haben ihren Namen in mein Wanderbuch gezeichnet, und hier steht von einem Wiener
Doktor in Jaffa geschrieben, ich sei ein kurioser Kasus, frisch auf den Beinen,
aber konfus im Kopf, und hier ist mein Passagezettel von Beirut aus, und so bin
ich von Triest ab auf den europischen Schub gekommen; da konnte ich denn
natrlich nicht mehr verlorengehen, selbst wenn ich es gewollt htte. Sehen Sie,
Sidi, da fehlt kein Stempel und keine Polizeikralle: da kann ich mich vor
jedermann und jeder Behrde ausweisen, obwohl ich, wie gesagt, erst in der
Kesselstrae auferwachte, als mir der letzte Gendarm den Kragen aus der Hand
lie. Was sagen Sie dazu?
    Wunderbar, hchst wunderbar! hatte Herr Leonhard Hagebucher gesagt; aber
kein Wunder war's, da er sich aufs innigste zu diesem seltsamen Wanderer
hingezogen fhlte, zumal da die Aufnahme desselben in der Kesselstrae nach
seiner Rckkehr aus dem Gelobten Lande gleichfalls eine groe hnlichkeit mit
seinem eigenen Empfang in Nippenburg und Bumsdorf besa. Auf die Tage des
Erstaunens und der Verwunderung war die Zeit der Gleichgltigkeit und der
Verachtung gefolgt. Der verrckte Schneider war bald aus der Mode gekommen,
trotz dem groen Alexander von Humboldt, und seit dem Frieden Von Villafranca an
ein langsames Verhungern so sehr gewhnt, da er sich kaum noch etwas daraus
machte und imstande war, einen vollen Magen als etwas ganz Anormales zu achten.
ber seine Kunst war die Mode ebenfalls hinweggeschritten, und so fristete er
kmmerlich sein Dasein, halb als ein elendiger Flickschneider, halb als ein arg
gehnselter Botenlufer und Lohndiener, und fhlte sich unendlich glcklich.
Htte der Kollege aus Mird geahnt, welche Magie in seinem Kiesel aus dem Bache
Kidron stecke, so wrde er noch fester oder gar nicht zugehauen haben: und wre
es manchem achtbaren, verstndigen und wrdigen Manne von Herzen zu wnschen und
zu gnnen, da er von seinem besten Freunde einen hnlichen Schlag um die Ohren
erhalte wie Herr Felix Zlestin Tubrich, genannt Tubrich-Pascha. - - -
    Ein Stuhl, ein Tisch und eine Matratze nebst Wolldecke in einer hlzernen
Bettlade bildeten, einige Kleinigkeiten abgerechnet, das ganze Meublement des
Jerusalemer Schneiders in der Kesselstrae, und das einzige Fenster seines
Zimmers gewhrte ihm einen nicht allzu holden Blick auf das stehende Gewsser
eines versumpften Kanals ohne Abflu.
    In der Tasche seiner Beinkleider, welche hinter der Tr am Nagel hingen,
befanden sich nur noch zwei Silbergroschen und einige Kupfermnzen, beides
Geldsorten, auf welchen die Frsten der Erde ihre Portrts nicht zum Abdruck
bringen lassen; und auf drei Meilen in der Runde gab es keinen zweiten Menschen,
der sich so leicht und so wohl fhlte wie Herr Zlestin Tubrich, genannt
Tubrich-Pascha.
    Er sa mit bereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Lager wie Mohammed
Abulkassim ibn Abdallah auf seinem Ehrensitz im siebenten Himmel. Er trug einen
Fes, einen echten Fes, gekauft von Abul Abdallah ibn Mohammed im Basar zu
Beirut; er sa in einer blau und gelb geblmten Kalikojacke und gelben
Flanellunterhosen, trug einen wollenen Schal als Leibbinde und rauchte eine
Pfeife, die leider keine trkische war. Kein Pascha in seinem Harem hatte es
besser als Tubrich-Pascha in seiner Dachkammer, kein Opiumesser, so weit die
Fahne des Propheten wehte, sah, fhlte und roch grere Delikatessen und war den
Armseligkeiten, Mhen und Entbehrungen des gemeinen Lebens weiter entrckt -
    Tubrich!...
    Es war unser Freund Leonhard Hagebucher, der, von seinem Spaziergang frher
als gewhnlich nach Hause zurckkehrend, sogleich an die Tr seines Freundes
geklopft hatte und ihn jetzt an beiden Schultern hielt, um ihn in die schlechte
Wirklichkeit zurckzuschtteln.
    Tubrich, erwachen Sie nur fr fnf Minuten - nur fnf Minuten, Tubrich,
fr einige Bemerkungen und einige Fragen! Ich bin soeben der Baronin von
Glimmern begegnet.
    Der Schneider seufzte tief, wie jemand, den man im besten Schlafe strt, hob
die schweren Augenlider halb empor, um einen wrigen Blick umherzuwerfen, blies
eine ganz dnne Rauchwolke wie die Quintessenz seines Wesens von sich und sagte:
    Sie ist vorgestern mit dem Herrn Gemahl von der Hochzeitsreise heimgekehrt
- Florenz - Rom - Neapel - Paris, wie es die Sitte so mit sich bringt. Ja, gutes
Wetter und gute Wechsel helfen beide zu einem angenehmen Fortkommen zu Land und
Wasser - o Je-ru-salem! Haben sich hoffentlich ausgezeichnet amsiert unterwegs?
Der Herr von Glimmern sind ein sehr angenehmer Gesellschafter.
    Der Afrikaner zog den einzigen Stuhl, dessen sich der trumende Schneider
als seines Eigentums zu rhmen hatte, dicht an das Lager oder vielmehr den Sitz
des seltsamen Freundes klopfe demselben vertraulich auf das spitze Knie und
flsterte eindringlichst:
    Tubrich, Sie wissen bereits, da ich einiges Interesse an der Dame nehme;
ich bitte Sie, erwachen Sie noch ein wenig mehr: Was halten Sie von dem Baron
Glimmern? Sagen Sie mir Ihre Meinung ber diesen Mann.
    Tubrich ffnete jetzt die Augen sehr weit, um sie sodann vllig zu
schlieen, sein Hals kroch fast grauenhaft lang hervor und zuckte blitzschnell
wieder zurck. Er ffnete abermals die Augen und sprach verhltnismig munter:
    Ich wrde mich wohl hten, jedem beliebigen auf hnliche Fragen die rechte
Antwort zu geben; es wre fr einen armen Teufel in meiner Stellung nicht
ungefhrlich und knnte mancherlei Folgen haben; Ihnen jedoch, Sidi -
    Erzhlen Sie mir Von dem Leben des Mannes, rief Leonhard ungeduldig. Sie
haben hinter so manchem Stuhle gestanden und wissen so gut in allen brigen
Angelegenheiten und Verhltnissen der Stadt Bescheid, da Sie sicherlich auch in
diesem Falle mehr Erfahrung besitzen als viele Leute, die nicht soviel zu
bedenken haben als - wir beide.
    So ist es! sagte der Schneider klglich. Ich habe freilich in den letzten
Jahren hinter so manchem Stuhle gestanden und werde tagtglich von so vielen
Menschen zum Narren gehalten, da ich wohl Bescheid wissen mu. O Je-rusalem,
wie sieht das aus in meinem Kopf, und welch eine Plage ist es, sich immer von
neuem darauf besinnen zu mssen, ob das Schwarze schwarz und das Weie wei ist.
Ist das meine Nase, oder ist sie's nicht? Bin ich Abul Tubrich ibn Tubrich,
Pascha von Damaskus, oder bin ich es nicht? Ja, der Herr Baron wird genauer
wissen, was er ist, und Allah segne ihm sein Verstndnis. Nach Merseburg schnrt
man sein Bndel, und nach Smyrna gert man, und im Schlaf wird man wieder
abgeladen in der Kesselstrae, wie der schnurrige Abu Hassan, von welchem der
Erzhler im Chan zu Jericho erzhlte. Da stehen die Leute im Kreis um einen her
und lachen, und jedes Stck Brot kriegt man nur auf Kosten seiner
Selbststimation zu essen: die Kinder laufen einem in den Gassen nach, und die
Alten treiben in den Husern ihr Spiel mit einem. So macht man sich denn seine
Stellung zurecht, und je weiter man die Augen aufreit, desto blinder wird man,
und je fester man sie schliet, desto klarer wird einem, wer man ist und wo man
eigentlich zu Hause ist. Da hrt man das Leben nur wie ein Gesumm um sich her:
was geht es einen an, man sitzt ja in seinem eigenen Kiosk und -
    Bismillah! Die seidene Schnur Ihnen um den Hals! fuhr der Afrikaner den
armen Pascha von Damaskus, auer sich vor Ungeduld, an. Von dem Baron von
Glimmern und nicht von dem schnurrigen Abu Hassan sollen Sie mir erzhlen. Weder
ich bin der Sultan Shahriar noch Sie die kluge Scheherezade; jetzt nehmen Sie
sich zusammen; was wissen Sie von dem Baron Glimmern?
    Tubrich-Pascha faltete die Hnde ber dem Magen und sprach das Folgende mit
dem Ton und Ausdruck eines abschnurrenden Uhrwerkes:
    Der Herr Baron begannen ihre Karriere im hiesigen Leibbataillon als
Fhnrich und avancierten baldigst zum Leutnant; in dieser Stellung hatten sie
die Ehre, das Vertrauen Seiner Hoheit des Prinzen Reinald in hohem Grade zu
gewinnen, und Seine Hoheit waren ein groer Liebling ihres Herrn Onkels, des
Hchstseligen regierenden Herrn; also haben die beiden jungen Leute sich das
Leben am hiesigen Ort recht angenehm gemacht, es ist eine lustige Zeit gewesen
und viel Geld in den eigenen Taschen und noch mehr Geld in den Taschen anderer
Leute; das rollte und klang an allen Ecken und Enden, und wer etwas dagegen zu
sagen hatte, der tat am besten, wenn er sich mit einem Achselzucken begngte;
denn es haben sich einige nicht geringe Herrschaften in jenen fidelen Tagen die
Finger bse verbrannt: aber davon bekommt selbst unsereins nicht die letzte
Wahrheit heraus, weil zu viele sind, denen dran liegt, da ein recht hbscher
dichter Schleier drbergeworfen werde, und also zum Exempel, Sidi, wenn die Frau
Hofrtin Fehleysen selber Ihnen nicht ihre Geschichte und die des Herrn Hofrats
und des Herrn Leutnants Viktor erzhlt hat, so kann ich Ihnen auch nicht helfen.
Als ich aus dem Orient heimkam, da hatten Seine Hoheit der Prinz Reinald lngst
sich die schne, berhmte Dresdener Ballettnzerin, Frulein Armida, an die
linke Hand antrauen lassen und lebten mit ihr in Paris, da waren die Frau
Hofrtin und der Herr Sohn lange verschollen; aber der Herr von Glimmern waren
noch vorhanden: es ist nicht seine Schuld gewesen, da der Prinz Reinald die
schne Armida heiratete, sondern er hatte sein mglichstes getan, es zu
verhindern, und es wre sehr unrecht, ihm zum Beispiel auch den Tod des Rats
Fehleysen schuld zu geben: o Jerusalem, in Syrien ist's schn, aber hierzulande
lt es sich doch auch leben; ja, und der Herr von Glimmern sind immer
weiteravanciert, auch unter dem jetzt regierenden Herrn - Kapitn, Major,
Oberstleutnant und nun zu guter Letzt Exzellenz und Intendant des Frstlichen
Hoftheaters und ehelicher Gemahl des schnen Fruleins von Einstein. Jaja, ich
hab mir hufig dahinten in der Wste oder sonst im Orient gedacht: Tubrich, das
wr so was, wenn dir jetzt auf einmal der Herr Viktor Fehleysen begegnete; es
hat sich aber nicht gemacht, er soll mit vor Sebastopol zugrunde gegangen sein.
Sie sagen mir, Sidi, die alte Mutter glaube nicht daran, da der junge Herr tot
sei; aber ich glaube es, trotzdem ich in der Wste auf ihn wartete; es kommt
jedoch nichts darauf an, und dem Herrn Baron von Glimmern wird's auch einerlei
sein, der hat das Glck gehabt und die Braut heimgefhrt; alte Liebe rostet
nicht, und man behauptet in den Kreisen, welche es wissen knnen, jung seien die
jungen Leute nicht mehr: freilich, freilich, es ist in der Tat etwas
Merkwrdiges, wie alt die Menschen geworden sind in der Zeit, da man abwesend
war unter den Palmbumen! Wie ein neugeboren Kind kommt man sich manchmal vor,
linden Sie das nicht auch, Sidi Hagebucher?
    Der trumende Schneider hatte durch diese letzte Frage nunmehr den Mann aus
Abu Telfan zu wecken.
    Jawohl, Sie haben ganz recht, Tubrich!... Was sagten Sie? rief er, aus
einem Gewebe des verworrensten Denkens und Trumens mit Mhe sich losreiend;
aber im nchsten Augenblick schlief Tubrich-Pascha wieder gleich einem Hasen
mit offenen Augen oder hatte sich vielmehr schleunigst von neuem unter die
Palmen der Levante zurckgezogen.
    Guten Abend! sagte Hagebucher.
    Selam aleikum! sprach Tubrich, den Oberkrper vorneigend.
    Vor seinem eigenen Gemache, jenseits des dunkeln Ganges, der seine Tr von
jener des Schneiders trennte, fand der Afrikaner einen Offiziersburschen mit
einem sehr hflichen Billett von dem Major Wildberg, welcher im eigenen Namen
und dem seiner Majorin Seine Wohlgeboren den Herrn Leonhard Hagebucher fr den
folgenden Tag zum Mittagessen einlud.

                              Fnfzehntes Kapitel


Es wird ohne Zweifel einmal eine Zeit gekommen sein, in welcher keine
Residenzen, weder groe noch kleine, mehr in unserm Weltteil existieren
werden; dann aber haben vielleicht die Vereinigten Staaten von Europa ihre
Geschftstrger, Gesandten, Generalkonsuln und Konsuln an den Hfen der
frstlichen Herrschaften jenseits des Ozeans zu erhalten, und freie und
erleuchtete Brger werden mit Vergngen die groe Republik bei den Majestten
von Neuyork, Ohio, Illinois, Virginien, Louisiana und so weiter vertreten, und
wird die Etikette sowie alles brige monarchische Spielwerk in ihren Hnden
recht sicher aufgehoben sein, that is a fact. Bis aber dieser glckselige und
wahrhaft normale Zustand eingetreten ist, wollen wir uns das Leben auch unter
den jetzigen Verhltnissen so angenehm wie mglich zu machen suchen.
    Derjenige politische Zustand ist immer der normalste, welcher den meisten
kleinen Eitelkeiten der Menschen gerecht wird, sagte Leonhard Hagebucher, und
der Major Wildberg, ein feiner, gutmtiger Mann von gelehrtem uern, ein Herr
mit einer goldenen Brille, einem blonden Bart und einer angehenden Glatze, lie
die Behauptung gelten, wenn auch nicht ohne ein bedeutsames Adeselzucken.
    Hagebucher hatte bei dem Major zu Mittag gespeist, und zwar ganz
ausgezeichnet. Jetzt vergoldeten die letzten Strahlen der scheidenden
Herbstsonne das Dessert; die Kinder hatten sich zwischen die Erwachsenen
gedrngt, um ihr Teil von den Annehmlichkeiten des Daseins zu erhaschen, und das
allerbehaglichste Lcheln verschwand von dem Gesicht der Frau Emma erst in dem
Augenblicke, als ein Wagen in der Gasse rollte und vor der Tr des Hauses
anhielt.
    Die Frau Emma warf einen Blick zu ihrem Major hinber und sagte, indem sie
sich erhob:
    Das wird sie sein! Ich erwarte die Herren in meinem Zimmer.
    Der Afrikaner sprang auf und warf, um ihr die Tr ffnen zu knnen,
verschiedene Sthle ber den Haufen: der Major knackte seufzend die letzte Nu
und sagte, wieder die Achseln in die Hhe ziehend:
    Fllen Sie noch einmal Ihr Glas, mein Bester, wir wollen auf gute
Kameradschaft anstoen. brigens kam wahrscheinlich Nikola, ich meine die Frau
von Glimmern, soeben. In einem Weilchen wollen wir meiner Frau folgen.
    Es war eine stille, ziemlich breite Strae, in welcher der Major Wildberg,
im Mittelpunkt der Stadt, wohnte. Jahrhunderte waren durch die Gasse
geschritten, ohne sie ungemtlich gemacht zu haben, und das angesehenere Zivil-
und Militrbeamtentum des kleinen Staates wohnte mit Vorliebe hier bei dem
soliden Brgertum zur Miete. Die Kasernen, Kanzleien und Kirchen waren nach
allen Seiten hin von hier aus leicht und trockenen Fues zu erreichen, und die
wohlklingendsten Titulaturen des Landes grten sich daher nicht
ungerechtfertigterweise hier ber den Weg und auf den Brgersteigen vor den
Haustren, und manches groe Verdienst um Frst und Volk verzehrte in dieser
Gegend der Stadt seine gesetzliche Pension mit angemessener Wrde sowie in
ungestrtester Mue. Bentzen wir die bergangsepoche, whrend welcher nicht
etwa die deutsche Kleinstaaterei ein Ende nimmt, sondern whrend welcher der
Major seinen Gast zu den Damen fhrt, um uns der Meinung des Mannes aus dem
Tumurkielande vollstndig anzuschlieen und den Staat fr den besten zu
erklren, der am humansten sich darstellt, das heit, den Gefhlen der
Menschheit am meisten Rechnung trgt und seine Brger nur dadurch dezimiert, da
er den zehnten Mann zu einem Geheimrat, Generalleutnant oder sonst anstndig
besoldeten und betitelten Beamten macht. Da die Brgerinnen mitdezimiert werden
mssen, versteht sich natrlich von selbst.
    Die Sonne hatte sich lngst ganz befriedigt von der Tafel des Majors
zurckgezogen, aber sie spiegelte sich noch in manchem Fenster und vergoldete
manchen Erker, Giebel und Schornstein der Gasse. Von den Stufen seiner Haustre
aus taxierte der Hausherr des Majors den Wagen, die Pferde und den stattlichen
Kutscher der Frau Intendantin. Gegenber kam der alte Finanzrat vom Spaziergang
heim, und der Steuerrat fhrte seine Gattin nach dem Theater, begleitet von dem
Herrn von Punschold, welcher dem Klub zusteuerte. Frulein Luise von Punschold
sang ber dem eleganten Laden des Frstlichen Hofhandschuhfabrikanten Schrader
und wurde auf dem Flgel von Frulein Amalie von Punschold begleitet; der Posten
am Eckhause mit dem Rokokobalkon ghnte entsetzlich; ebenso ghnte der
stdtische Polizeimann, welcher durch die Gasse schlenderte, ohne zu wissen
weshalb. Die Frau Emma sa unter ihren Blumen und Blattgewchsen in der
Fensternische, und zwar mit einem Strickstrumpf in den Hnden. Nikola Glimmern
lag im dmmerigsten Winkel des Gemaches, so tief als mglich von den Kissen
eines Diwans versteckt. Der Major und Leonhard hatten in der Nhe dieses Diwans
gleichfalls ganz behagliche Pltze gefunden, und jeder Uneingeweihte htte sich
einbilden knnen, da die Zeit fr alle diese Leute in ebenso angenehm
trumerischer Beschaulichkeit stillestehe wie fr die ruhige, reinliche Gasse
drauen und die kleine, in ihrem Selbstbewutsein sich vollstndig gengende
Hauptstadt rundumher. Wir, die wir zu den Eingeweihten gehren, wissen freilich,
da es sich nicht so ganz um die Stimmungen der Siesta handelte und da das
Leben wenigstens zwei der anwesenden Personen in einen andern Schein hllte, als
die rote, freundliche Abenddmmerung ber die Prsidentengasse, das Strickzeug
der Frau Emma und die Zeitung des Majors warf.
    Die schne Exzellenz in den weichen Kissen des Diwans hatte den Inhalt eines
sehr reichhaltigen Reisetagebuchs in flchtigen Umrissen dem kleinen Kreise
mitgeteilt und versprochen, demnchst und bei passenden Gelegenheiten diese
Konturen so buntfarbig wie mglich ausfllen zu wollen; aber sie lie heute
nicht deshalb ihren Wagen drunten in der Gasse vor der Tr halten. Sie hatte
heute zu fragen, und Hagebucher hatte zu erzhlen, und eine Frage berkugelte
immer die andere: was bedeuteten Rom und Florenz gegen die Hgel und Tler um
Fliegenhausen, gegen den Wald um die Katzenmhle und die Katzenmhle selber?
    Klingen die Tropfen noch an dem alten Rade? rief Nikola. Auf manchem
staubigen Pfade, zwischen Felsen und Tempeltrmmern, in manchem heien Festsaale
hab ich auf sie gehorcht; im Saale des preuischen Botschafters zu Paris, des
Herrn von der Goltz, habe ich dem trkischen Gesandten davon gesprochen, und er
hat nicht gelacht wie Sie, Wildberg. Es ist auch nicht zum Lachen: sehen Sie auf
Emma, Major, die wei es, und Sie wissen es auch, da ich mich nur verstohlen
hierherschleichen darf, um mir von der Frau Klaudine erzhlen zu lassen.
    Sie haben recht, Nikola, sprach der Major sehr ernst, das letztere ist
nicht zum Lachen; aber es ist auch nicht in der Ordnung, und Emma wird mir
beipflichten, wenn ich Ihnen bemerke, da Ihr Weg Ihnen nunmehr klar
vorgezeichnet ist. Sie haben, einerlei unter welchen Prmissen, Ihr Schicksal
auch durch eigenen Willen unwiderruflich bestimmt: o liebe Freundin, blicken Sie
jetzt nicht mehr zuviel seitwrts und zurck. Bedenken Sie, wie viele Augen und
Ohren berall auf Sie achten; haben Sie Geduld; Mut und Heiterkeit finden sich
allmhlich auf dem Marsche -
    Und mit der Zeit kann man ein recht wetterfester Troupier werden, murmelte
die Frau von Glimmern, fgte aber hinzu: Ich danke Ihnen, Wildberg, Sie haben
recht, hundertfach recht! Sie sind ein verstndiger Mann und haben nur genommen,
was Ihnen zukam, als Sie jene dort hinter dem Gummibaum zur Frau nahmen.
    Die Frau Emma, deren Stricknadeln whrend der letzten Minuten heller als
gewhnlich geklungen hatten, hob nun das Gesicht von ihrer Arbeit empor und
sagte:
    Wollen Sie jetzt in Ihrer Historie nicht fortfahren, Herr Hagebucher?
Bitte, tun Sie es! Nikola hrt auch wohl gern, wie Sie Ihr Leben fortspannen,
seit sie Bumsdorf verlie. Seine Vorgeschichte hat der Herr uns bereits ber
Tisch erzhlt, Nikola das ist alles und klingt alles wahrlich wie ein Mrchen:
ich werde die Lampe noch nicht bringen lassen, von solchen Wundern vernimmt man
am besten im Dmmer; man kann die ordinre Welt, die gewohnte Umgebung und das
helle Tageslicht kaum dabei gebrauchen.
    Ach, gndige Frau, sagte Leonhard, von Wundern hab ich nun nicht weiter
zu berichten. Die Katzenmhle und die alte Dame drin sind freilich immer ein
Wunder; aber die Stadt Nippenburg reicht sicherlich nicht ber das Epitheton
wunderlich hinaus, und was den Vetter Wassertreter und seinen Vetter vom
Mondgebirge betrifft, so kennt die Frau Nikola beide viel zu genau, um nicht in
ihrer Ecke die Achseln zu zucken und verschiedene ganz unproblematische Gedanken
besser fr sich zu behalten.
    Wie Sie wnschen, amico, sagte die Exzellenz mit leisem Lachen, fahren
Sie fort, aber reden Sie mich nicht wieder an whrend Ihrer Erzhlung; wenden
Sie sich mit Ihren Exkursen an den Major oder die Majorin; augenblicklich will
ich nichts weiter als hren - weiter, weiter, Leonhard Hagebucher.
    Die sickernden Tropfen am zerbrochenen Rade messen der Frau Klaudine noch
immer die Zeit zu, sprach Leonhard, doch im Winter war die Mhle tief
verschneit, und da ist der Zauber noch grer. Was htt ich anfangen sollen ohne
die Katzenmhle? Wenn der Wust und Ekel mir bis an den Hals stieg und mich zu
ersticken drohte, dann habe ich keine andere Rettung gefunden als den Weg nach
Fliegenhausen, und hundertmal bin ich den Weg gezogen, im Winter und im Sommer,
im tiefsten Jammer und im wildesten Grimm, und immer konnte mir die alte Frau
die geschlagene Seele aus den Ketten lsen. Mit Heulen und mit Zhneknirschen
bin ich noch vor der Tr der Katzenmhle angelangt, aber jedesmal haben auf der
Schwelle die Fratzen von mir ablassen mssen. Ei, meine Herrschaften, was habt
ihr vor euch gebracht in den Jahren meiner Gefangenschaft unter den Barbaren! Es
ist keine Kleinigkeit, inmitten der Errungenschaften eurer Zivilisation auf dem
Rcken zu liegen und eure Taten und Siege nachzulesen. Ihr seid ein rares Volk,
aber, offen gestanden, mein guter Freund Semibecco hatte auf dem Pfahle der
Baggaraneger kaum rger zu zappeln und zu sthnen als ich in dem Hinterstbchen
des Vetters Wassertreter unter den Makulaturbergen, welche der Gute ber mir
aufschttete wie der Kaiser Heliogabalus - bemerken Sie das feine klassische
Zitat - seine Rosenbltter ber seinen Gsten. Ganz von neuem sollte ich mir das
Sein, das Wesen und den Begriff der Welt klarmachen, ganz von neuem der Dinge
Mechanik, Physik und Organik erkennen lernen. Bei allen Meistern, Lehrern und
Propheten diesseits und jenseits der fnf Sinne des Menschen, ohne den
trefflichen schwarzen Kaffee des Vetters Wassertreter, ohne die Frau Klaudine
und ohne den Mantel des alten Goethe se ich jetzt sicher im Landesirrenhaus
und zhlte an den Fingern: a) der subjektive Geist - b) der objektive Geist - c)
der absolute Geist - und wenn ich dann nicht bei jedem bergang zu einer neuen
Kategorie einen neuen Wutanfall bekme, so wrde der Zustand recht befriedigend
genannt werden knnen! - Die Frau Klaudine sprach: Mein Sohn, es ist eine
Glocke, die klingt ber alle Schellen; wer in der rechten Weise still sein kann,
der wird sie wohl vernehmen; - mein Kind, fr die heieste Stirn hat das
Schicksal ein khlend Mittel: dem einen legt es eine weiche Hand darauf, dem
andern einen klaren Schein und zuletzt allen eine Erdscholle; du, sei still und
warte, bis deine Augen hell werden. Der alte Goethe meinte: Lieber Hagebucher,
ein schbiges Kamel trgt immer noch die Lasten vieler Esel; brigens aber
verweise ich Sie auf den dritten Band der Taschenausgabe meiner smtlichen
Werke, wo auf Seite hundertsechzehn geschrieben steht:

Anschaun, wenn es dir gelingt,
Da es erst ins Innre dringt,
Dann nach auen wiederkehrt,
Bist am herrlichsten belehrt;

und dann etwas weiter unten meine Haupt- und Leibmaxime:

Denk an die Menschen nicht;
Denk an die Sachen!

Der Vetter Wassertreter, von seiner Kaffeemaschine aufblickend, rief: Der Mann
hat recht wie immer; halte Er sich an den Herrn Geheimen Rat, Vetter; ich habe
lnger als vierzig Jahre in Nippenburg gelebt, und ich habe ihn auch persnlich
kennengelernt, aber nur von hinten; denn ich kam leider erst in dem Augenblick
vor dem Goldenen Pfau an, als er zur Weiterreise in seinem langen berrock in
den Wagen stieg. - Vierzig Jahre in Nippenburg, und nicht ein einzig Mal hat er
mich in der Patsche steckenlassen, Vetter:

Dein Los ist gefallen, verfolge die Weise,
Der Weg ist begonnen, vollende die Reise,
Denn Sorgen und Kummer verndern es nicht,
Sie schleudern dich ewig aus gleichem Gewicht.

Und so, meine Damen und Herr Major, wurde mir durch eigene Ausdauer und die gute
Hlfe anderer allmhlich geholfen in meiner Verworrenheit. Ich machte den Sprung
vom Mondgebirge durch den papierberklebten Reif der Logik in eure helle,
vergngte Gegenwart, und hier bin ich, frech genug, wohlbewehrt mit Speer und
Schleuder; und wenn eine Genugtuung fr den Menschen darin liegt, da er sich
auf der Hhe seiner Zeit halte, sich auf den Kmmen der Wellen seines Volkes
schaukle, so darf ich mich solcher Genugtuung in hohem Mae, und ganz ohne mich
zu rhmen, erfreuen. Der Lrm eurer Revolutionen von achtundvierzig hatte mir
bis nach Suez nachgezittert; alles brige verschlang die Wste. Es ist ein
dumpfes, verworrenes Gercht gen Abu Telfan gekommen, die Mitternacht schwimme
in Blut und eine Stadt der Zauberer und Dmonen, welche ganz in der Finsternis
am Rande der Welt liege, werde bestrmt von den groen Sultanen der Nordwelt;
der Islam habe sich herrlich erhoben und der Padischah umreite auf einem weien
Ro das Mittelmeer, alle Kinder des Propheten zum Streite und zum Siege
aufzurufen. Ich mache jetzt dem Padischah und den verehrlichen Westmchten
nachtrglich mein Kompliment ber ihr exaktes Vorgehen gegen den seligen Kaiser
Nikolaus: mit Vergngen habe ich die dahin einschlgige Literatur nachgelesen.
Wie ein in der Bastille lebendig Begrabener die Bewegungen der Stadt Paris
vernahm, so vernahm ich im Tumurkielande das Rauschen der Weltgeschichte. Von
dem dritten Napoleon und Mylord Palmerston wurde erzhlt wie in einem
Karawanserei von Albondokani und dem Groen Wesir Dscha'afar dem Barmekiden; und
auch die Begebenheiten des Jahres neunundfnfzig drangen in arabischer Fassung
zu uns. Ach Herrschaften, es war ebenso schwer, sich politisch wie allgemein
menschlich wiederzufinden: aber, wie gesagt, es ist mir gelungen: ich wei von
neuem Bescheid im individuellen Recht wie im sozialen; ich kann euch eine
Vorlesung halten sowohl ber die Familie wie ber die brgerliche Gesellschaft,
ber den Orient und den Okzident; ich kann reden gleich den andern ber bildende
Kunst, Musik und eure allerneueste Poesie. Wollt ihr mich episch - mit
Vergngen! Wollt ihr mich lyrisch, ungemein gern! Wollt ihr meine Ansichten ber
euer Drama haben - know nothing, aber dessenungeachtet surgit orator, macht der
Redner sein Kompliment, euch auch in dieser Richtung seine besten Komplimente zu
Fen zu legen! Wie hie der erste Englnder, welcher im Kriege gegen Ruland
fiel, Herr Major?
    Know nothing, antwortete der Major lachend.
    William Salter hie er und wurde an Bord des Terrible vor Odessa von einem
Holzsplitter in den Hals getroffen. Seht ihr, aus dem Tumurkielande mu man
zurckkommen, um euch das sagen zu knnen; lasset mir Zeit, und ich werde zu
euch reden, in Prosa und in Versen, wie vormals Faunen und Schicksalssprecher
gesungen!
    Die Frau Emma hatte lngst in staunender Verwunderung die Hnde in den Scho
fallen lassen und rieb von Zeit zu Zeit bedenklich die Stirn; ihr Gatte lachte,
aber Nikola lachte nicht, sie erhob ihr Haupt ein wenig von den Kissen, indem
sie sich auf den Ellbogen sttzte, und sagte leise und traurig:
    Armer Freund, Sie stehen da, wo Sie mich fanden, als Sie aus der Wste
heimkehrten. Sie wollen Ihr zerstrtes Leben durch wilde Ironie zusammenfassen
und zusammenhalten und glauben sich in dem Lachen retten zu knnen, mit welchem
Sie sich in alle Gegenstze strzen. Mit fieberheien Hnden whlten Sie in dem
bunten Kehricht der Gegenwart; wir drfen Ihnen wohl glauben, da Sie mehr von
derselben kennen als wir, die wir in der Zeit lebten; aber Sie sollen uns heute
nichts mehr von Ihren Studien, Ihren trnen- und spottreichen Errungenschaften
erzhlen; es ist ein unerquicklich Horchen, und es berfllt einen ein Grauen
dabei. Lieber Hagebucher, htten wir beide uns unsere Htten neben der
Katzenmhle, unter dem Schirm und Bann Unserer Lieben Frau von der Geduld
aufgerichtet, es wrde besser fr uns gewesen sein. Jetzt sagen Sie noch
schnell, wie Sie hierherkamen und wie Sie leben; dann mu ich gehen, es ist ja
bereits vllig Nacht geworden.
    Sie haben immer recht, gndige Frau, wie von Gottes Gnaden. Sprechen wir
nicht mehr von dem, was Sie meine Errungenschaften nennen, sagte Leonhard
ernst. Post spiritum tandem commotio, das ist eine Stelle aus der Vulgata,
meine Damen, welche ich bersetze: Nach dem Winde kam endlich die Bewegung. Die
Bibel setzt hinzu: aber der Herr war nicht in der Bewegung - doch darber kann
ich augenblicklich noch nichts Genaueres mitteilen; denn die Konsequenzen sollen
meinen jetzigen Schritten erst folgen. Nachdem ich den Spiritus der Zeiten in
vollen Zgen eingeschlrft hatte, bekam ich hufig Anflle von krperlichem
Schwindel und litt an heftigen Kopfschmerzen und Augenschmerzen. Der Vetter
Wassertreter htte mich freilich am liebsten an der Kette behalten; er sah nicht
ein, weshalb andere Leute es besser haben sollten als er, und behauptete, nach
zwanzig Jahren werde ich mich ebenso wohl in Nippenburg fhlen wie er. Nur der
Frau Klaudine gelang es, mir endlich die Freiheit zu erwirken, aber seine
Vormundschaft hat der Vetter bis zum letzten Augenblick festgehalten. Er schrieb
geheimnisvolle Briefe, bekam geheimnisvolle Antworten auf dieselben, und eines
Tages fhrte er mich sehr migelaunt persnlich hierher, um mich guten Hnden,
das heit einem alten Universittsfreunde, dem Professor Reihenschlager, zu
berliefern. Der alte Bursch qult sich unendlich mit der Abfassung einer
koptischen Grammatik; nun helfe ich ihm dabei, und wir vertragen uns
ausgezeichnet. Wir passen ganz zueinander, und er ist der festen Oberzeugung,
das Schicksal habe mich nur seinet- und der Grammatik wegen zu den thiopen
geschickt.
    Und Serena? fragte die Majorin.
    Serena ist ein liebes Kind, ein gutes Mdchen. Sie hlt mich fr den ersten
Mrchenerzhler der Welt, und ich suche meinen Ruf nach besten Krften
aufrechtzuerhalten. Wenn sie sich nicht hinter meinem Rcken ber mich lustig
macht, so habe ich das Recht, sie fr eine gar ernsthafte, verstndige kleine
Person zu halten. Hbsch ist sie.
    Und Tubrich-Pascha? fragte Nikola von Glimmern.
    Tubrich-Pascha ist mein Wandnachbar in der Kesselstrae. Er ist der
Famulus des Professors, und in dessen Hause vergnnten mir die Gtter das Glck
seiner Bekanntschaft. Wir leben zusammen und wir trumen zusammen; auch wir sind
freinander geschaffen, auch uns scheint das Fatum nicht ohne gengende Grnde
aus so weiten Fernen einander entgegengefhrt zu haben.
    Wenn es die Absicht hatte, dadurch Ihre uere Erscheinung zu verbessern,
so tuschte es sich sehr in seinen Mitteln, sagte Nikola; aber ernst fgte sie
hinzu, indem sie sich erhob: Ich danke Ihnen aus vollem Herzen, mein Freund;
Ihre Worte heute haben mir gar gutgetan, und jetzt bitte ich euch alle noch
einmal, habt auch fernerhin Geduld mit dem mrrischen, launischen Weibe. Die
Schrift redet weiter, Herr Hagebucher: Und nach der Bewegung kam ein Feuer, aber
der Herr war nicht im Feuer; und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen!
- Auf das letzte hoff ich, und nun lebt wohl fr heute.
    Ein Diener brachte die Lampe, der Herr und die Frau des Hauses geleiteten
die Exzellenz vor die Tr, und Leonhard hrte ihren Wagen fortrollen. Als er
sich nun gleichfalls empfahl, griff auch der Major nach der Mtze und begleitete
ihn durch mehrere Gassen, wie ein Mann, der etwas auf dem Herzen hat, ohne so
recht zu wissen, auf welche Art er es am schicklichsten von demselben loswerde.
An der Ecke der Kesselstrae erst fate er nach einem Knopfe des Afrikaners und
sagte:
    Lieber Hagebucher, es ist meine Gewohnheit nicht, die Nase zu tief in
anderer Leute Angelegenheiten zu stecken; allein ich kann nicht umhin, Ihnen
jetzt eine Frage vorzulegen, welche Sie mir recht ehrlich beantworten mssen.
Wie stehen Sie zu dieser schnen Freundin meiner Frau, welche vor einem Jahre
als Nikola Einstein mit Ihnen in Bumsdorf Krnze wand und heute noch als Baronin
Glimmern gern mit Ihnen neben der Katzenmhle Htten bauen mchte?
    Der Hausfreund des Professor Reihenschlager klopfte dem Major leise auf den
Arm:
    Sie reprsentierte mir zuerst die ganze Schnheit einer Welt, die mir
abhanden gekommen war unter der Herrschaft meiner nicht angestammten Herrin
Madam Kulla Gulla zu Abu Telfan. Wie einen zusammengekugelten Kaliban rollte das
Geschick mich ihr in den Weg, und sie lehrte mich zuerst wieder, aufrechten
Hauptes die Sonne zu betrachten. Ich habe nie daran gedacht, sie in irgendeiner
Weise zu meinem stumpfsinnigen Elend herabzuziehen; in dem, was die Gesellschaft
ein Verhltnis nennt, stehe ich also nicht zu ihr.
    Sie nehmen mir einen Stein von der Seele! rief der Major, krftig dem
Afrikaner beide Hnde schttelnd. Hagebucher, Sie sind ganz mein Mann, und
morgen fhre ich Sie in unsern Klub ein.
    Leonhard lachte herzlich, und so schieden beide Herren im besten
Einvernehmen voneinander; als aber der Major zu Hause unter dem Siegel der
tiefsten Verschwiegenheit das eben so schlau Ausgeforschte der Gattin mitteilte,
fragte ihn die Frau Emma mit noch viel gescheiterer Miene, fr was er sie
eigentlich halte und ob er wirklich glaube, da sie als Gattin, Hausfrau und
Freundin das nicht lngst sich klargemacht habe.
    Ich kenne meine Pflichten, Philipp! sprach sie.

                              Sechzehntes Kapitel


Der Professor Reihenschlager bewohnte ein eigenes Haus, einige hundert Schritte
vor dem Marstalltor, und der Garten desselben grenzte an den frstlichen Park,
welcher letztere aber keineswegs ein allen Menschen Von ihrem Schtzer
gewidmeter Belustigungsort war, sondern Von nicht wenigen Schildwachen Vor allem
zudringlichen Volk gut behtet wurde und uns auch weiter nichts angeht.
    Die Sonne des Oktobers flimmerte ber den bunten Blttern des Gartens des
Professors, und Serena Reihenschlager stand hbsch und zierlich, gebckt
lauschend hinter einem noch ziemlich dicht belaubten Busch und hielt einen
gewundenen Pfad, der zwischen anderm Gebsch sich hinzog, Verstohlen, aber
stetig im Auge und im Ohr. Auf jenem Wege schritt der Papa mit dem nrrischen
Mann aus Afrika in eifriger Unterhaltung auf und ab, und Serena hatte seit
einiger Zeit angefangen, ein seltsam ngstliches Interesse an allem, was der
nrrische Mann sagte oder tat, zu nehmen.
    Serena Reihenschlager war ein viel besseres Mdchen, als einst ihre selige
Mama war, da sie den Papa beim Kragen nahm und ihn zum Altar hinleitete. Serena
wute zwar ebensogut wie die selige Mama, da der Papa steter Beaufsichtigung
bedrfe; aber sie lie es ihn nicht so deutlich merken wie die Mama, sondern
leitete und hielt ihn an einem viel feinern Bande, gewoben sozusagen aus
Marienfden und mdchenhaft-schalkhafter berredungskunst, auf dem rechten Wege.
Das arme Kind hatte aber auch einen schweren Stand; denn ein recht kurioses
Hauswesen mit allen seinen Sorgen und ungeheuren Verantwortlichkeiten lag allein
auf ihren Schultern!
    Die Mama hatte den Papa nicht in seiner Snden Maienblte geheiratet, sie
hatte ihn als einen bereits recht kahlkpfigen Oberlehrer aus dem wsten,
schleimigen Sumpf des Junggesellentums aufgezogen, aber sie hielt, was sie vor
dem Altar versprach, sie war sein Herr bis zu ihrem Tode. Zehn lange Jahre hatte
sie das Zepter der Sitte ber dem Guten geschwungen, und als dann durch ein
hitziges Gallenfieber dem fernerweitigen Mibrauch ihrer Gewalt ein Ende gemacht
wurde, hinterlie sie das Haus rein und ihren Professor innerlich zwar etwas
gebrochen, aber uerlich in einem sehr respektabeln und prsentabeln Zustande.
Ihr arg verschchtertes Tchterchen spielte an ihrem Begrbnistage noch mit der
Puppe; es war daher kein Wunder, wenn der Professor samt seinem Hauswesen fast
schneller in die uerste Barbarei zurcksank, als er daraus emporgehoben worden
war. Er konnte fr beides nichts!
    Das Ding nahm seinen ganz natrlichen Verlauf, und es gab manche jngere
Witwe und manche ltere Jungfrau in der Stadt welche ber alle Stadien des
Verfalles kopfschttelnd Buch hielten; aber unverantwortlicherweise ersuchte der
arme Mann keine, zu seinem Besten einzuschreiten und die Zgel des Hauses zu
ergreifen.
    So vermehrte sich denn die Bibliothek des Witwers ebenso bedenklich, wie
sich alles brige, was doch auch zum Leben gehrt, verminderte.
Wirtschafterinnen, Haushlterinnen, Dienstmdchen betrachteten ihn als eine
gottgegebene Beute und schoren ihn wie ein Schflein, allen teilnehmenden und
entrsteten Witwen und Jungfrauen frech vor der Nase. Kein Prtendent, der je
auf den Thron seiner Ahnen gelangte, hatte auf dem Wege zu demselben mit grern
Schwierigkeiten zu kmpfen als Serena Reihenschlager auf ihrem Wege zur
Herrschaft in ihres Vaters Hause.
    Seltsamerweise war ihr nicht vom Papa, sondern von der Mama der Name Serena
in der Taufe beigelegt worden; aber zu ihrer Charakterbildung hatten Vater und
Mutter ein gleiches Teil beigetragen, und darin lagen die Keime ihres Sieges
verborgen. Es kam der Tag, an welchem sie die Zgel, nach welchen so viele
andere Damen gestrebt hatten, endlich mit ihren eigenen kleinen Hnden ergriff,
und das war alles in allem genommen ein sehr segensreicher Tag fr den Professor
Reihenschlager. Nun kehrte die Ordnung schnell wieder ein in Haus und Hof, in
Kche und Keller. Das Haus war nicht lnger eine Herberge der Ungerechtigkeit
und jeglicher Wstenei, der Garten war nicht mehr eine unromantische Wildnis von
Brombeeren, Brennesseln, Schierling und ausgewuchertem Spargel: der Professor
selber erschien nicht lnger als ein Greuel in den Augen der Menschheit. Die
koptische Weisheit quoll nicht lnger aus dem Loch im rmel, und niemand, der
hinter dem Professor herging, konnte nunmehr den Kragen seines Rockes als
Spiegel bentzen. Die Bibliothek vergrerte sich nur im richtigen Verhltnis zu
den Zahlenreihen des Haushaltungsbuches.
    Da stand sie - Frulein Serena Reihenschlager -, neunzehnjhrig, aber mit
der festen Gewiheit im Busen, im nchsten Monat zwanzig Jahre alt zu werden. Da
stand sie hinter dem Busch, diese Tochter einer grade nicht sehr glcklichen
Ehe, dieses Kind des Geschreies und der Unordnung, reinlich und rundlich,
treuherzig und bieder, ein gutes Mdchen, auf welches man sich berall und unter
allen Umstnden verlassen konnte! Da stand sie, nicht zu gro und nicht zu
klein, mit Augen, die etwas von einem Hausmrchen am Winterabend und von einem
Lied beim Heumachen im sonnigen Monat Juni an sich hatten; da stand sie
hinterlistig hinter dem Busch und spitzte die Ohren wie jede andere Tochter
Evas, welche nicht aus der Art schlug. Ehe wir jedoch die ihr so ungemein
interessante Unterhaltung der beiden Herren unsern Freunden vor den Blttern
dieses Buches mitteilen, haben wir noch einige Zeilen dem Papa Reihenschlager zu
widmen.
    Er sah nicht aus wie ein Mann, der gewohnt ist, stets seinen Willen
durchzusetzen. Er trug die Schultern hoch und den Kopf zwischen die Schultern
gezogen. Die Hnde hatte er sehr tief in die Taschen seines schwarzen Rockes
gesenkt, und er konnte es, denn seine Arme waren lang genug. Sein Haar war wei
und hing weit ber den Kragen des Rockes hinunter; eigentlich merkwrdig an ihm
war nur die breite, klare, reine Stirn; aber sie machte ihn auch zu einem der
beneidenswertesten Brger dieser Welt und entschdigte ihn reichlich fr alles,
was er im Leben erdulden mute, und die Summe desselben konnte nicht gering
sein, wie wir wissen. Innere und auswrtige Kriege, alle tglichen und
nchtlichen Widerwrtigkeiten des Ehestandes, Regentage, Frostbeulen,
Scheuerlappen, Haar- und Reisbesen mochten ber den Mann hereingebrochen sein
und ihr rgstes an ihm versucht haben: diese glorreiche, weie Stirn hatte
zuletzt doch den Sieg behalten. Seinen echten, wahren Willen hatte der Professor
Reihenschlager immer durchgesetzt!
    Serena Reihenschlager besa ein sanftes Herz; allein in diesem Augenblick
stampfte sie jedesmal rgerlich mit dem Fchen auf, wenn das Gesprch der
beiden Herren wieder in das Koptische zurckfiel oder ein Rauschen in den
letzten Blttern des Jahres einen Teil der Unterhaltung ihrem Verstndnis
entzog. Wir halten es fr ein groes Glck, da uns von dieser Unterhaltung
nichts verlorenging.
    Die Sache hatte ungemein gelehrt angefangen!
    Was ist der Ursprung der Sprache? Ein ungeschlachter Naturlaut aus vollem
Halse! sagte der Professor beim Eintritt in den Garten. Der Urmensch
verwundert sich ungeheuer, und alle Verwunderung ist O A! Bekommt der Urmensch
einen Tritt, wirft man ihm ein Loch in den Kopf, stt er mit der Kniescheibe
gegen einen scharfen Stein, so ist der verdumpfte Vokal, das U, ganz an seiner
Stelle. Der Urmensch, aber auch der moderne Mensch schliet seinen Mund und
schnaubt Unwillen; der Nasenlaut verabscheut oder verneint berall, wo zwei im
Namen des Geselligkeitstriebes zusammenkommen, um die Prinzipien der
Geselligkeit ber den Haufen zu werfen -
    Der Mensch, und nicht allein der Urmensch, verengt seinen Mund und zieht
die Spitzen desselben lchelnd zurck in E I bei jedem lieben, lieblichen,
vergnglichen Anblick, und das soll fr heute den bergang aus der Wissenschaft
der Sprache zu einer andern gleich hohen Wissenschaft bilden, sagte Hagebucher.
Herr Professor, was ist Ihre Ansicht von dem Weibe im allgemeinen und von dem
europischen Weibe im besondern?
    Der Professor zuckte zusammen gleich einem Schuldner, welchem ganz
unvermutet an einer Straenecke die Faust des Glubigers in die Weste greift:
    Wa-a-as?! Was wollen Sie von mir wissen? Diese Frage -
    Erscheint Ihnen etwas wunderlich und jedenfalls sehr ex abrupto gestellt.
In der Tat, ich habe sie auch noch ein wenig nher zu begrnden; hren Sie mich!
In der sthetik, der Weltgeschichte und dem sozialen Rechte habe ich mich,
Wasser und Blut schwitzend, von neuem orientiert: das Individuum ist mir mehr
als je ein Rtsel. Ich wei, wie sich die Massen bewegen, wie sie sich heben und
senken; dem einzelnen gegenber bin ich heute noch gradso verloren wie an jenem
Tage, an welchem der Lloyddampfer mich am Triestiner Molo absetzte, und habe ich
jetzt eigentlich nichts weiter erlangt als die berzeugung, da jeder, der den
Menschen kennen will -
    Sich der vergleichenden Sprachforschung zu widmen hat! suppeditierte der
Professor.
    Mit dem Weibe beginnen mu! schlo Hagebucher ein wenig grimmig seinen
Satz und fuhr fort:
    Ich habe mit dem Weibe begonnen: aber ich bin nicht weit gekommen. Der
Vetter Wassertreter kannte nur die Tante Schndler und die Kusine Klementine;
meine Mutter und Schwester drfen natrlich nicht in Betracht gezogen werden;
denn solche verwandtschaftlichen Beziehungen verwirren das Auge mehr, als sie es
klar machen: die erste, welche mir im hchsten Glanz und Reichtum der Form und
des Temperaments entgegentrat, war jene Nikola von Einstein, welche jetzt zur
Frau von Glimmern geworden ist; aber sie studierte ich nicht, aus dem einfachen
Grunde, weil sie eher befhigt war, mich zu studieren. Das Tumurkieland lag noch
zu frisch hinter mir, als da mich diese glnzenden Augen nicht geblendet haben
sollten. Von der Frau Klaudine Fehleysen aber kann unter Leuten, die irgend noch
im Alltage leben, durchaus nicht die Rede sein.
    Ja, wie kann ich Ihnen denn hier helfen? rief der Professor. Ein Mann der
vergleichenden Sprachkunde hat doch sicherlich am allerwenigsten Zeit, sich auf
solche Allotria einzulassen.
    Aber Sie waren verheiratet und haben lange Jahre in einer glcklichen Ehe
gelebt.
    Ja so... richtig... das habe ich! sagte der Gelehrte etwas sehr gedehnt.
Also, wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie wissen, wie der denkende Mensch
sich in einem solchen anormalen Verhltnisse zurechtfinde. O Hagebucher,
Hagebucher, Sie betrben mich sehr: ich blicke in diesem Momente tief in Ihre
Zukunft und sehe nichts Erfreuliches! Wie undankbar sind Sie doch gegen Ihre
Moira, die Sie bis jetzt so trefflich leitete und Ihnen alles aus dem Wege
rumte, was Sie hinderte, ein Licht in der innerafrikanischen Sprachennacht zu
werden, vom Koptischen gar nicht zu reden! O lassen Sie sich warnen, Hagebucher,
heiraten Sie nicht! Der Nutzen ist gering und die Auslage an eleatischer
Euthymia fr den philosophischen Menschen viel zu bedeutend! Spreizen Sie die
Beine auseinander, stemmen Sie die Fe fest, sperren Sie sich, struben Sie
sich; o Hagebucher, Hagebucher, gehen Sie mir, gehen Sie sich, gehen Sie uns
nicht auch verloren wie so viele andere, die ich kannte und welche der reinen
Wissenschaft schnde den Rcken wandten, um der angewandten Nichtigkeit
unaufhaltsam in die Arme zu fallen!
    Die Lauscherin hinter dem Busch seufzte ebenso tief wie der Papa, jedoch aus
einem andern Grunde; Hagebucher aber sagte gerhrt:
    Nur die reine Wissenschaft ist's, die mich auch auf dieses, wie ich zugebe,
nicht ungefhrliche Feld der menschlichen Forschung treibt; die praktische
Anwendung des Erforschten liegt sicherlich noch weitab. Es ist damit wie mit
allem, was ich bis jetzt zusammenraffte: ich hab es nur, um es zu haben.
    Das lt sich hren; und zuletzt ist das auch der einzig richtige
Standpunkt des wahren Gelehrten, meinte der Professor lchelnd. Was aber soll
ich Ihnen sagen? Meine Erfahrungen sind so subjektiver Natur, und auch meine
Therese halte ich fr eine so spezifische Erscheinung, da Sie unmglich durch
eine Schilderung derselben zur objektiven Anschauung des ganzen Geschlechtes
gelangen werden.
    Mehr als in einem andern Falle bilden in diesem viele Tropfen einen
Wasserfall, sprach Leonhard mit allem dem Thema angemessenen Ernst. Was knnte
der Mann ber das Weib anders als Subjektivitten zutage schaffen?
    Sie, nmlich meine Selige, hat sich fr mich und mein Wohlbehagen
aufgeopfert, seufzte der Professor, das Hauskppchen vom rechten Ohr auf das
linke schiebend. Sie sagte das mir zwar tglich; aber eingesehen hab ich es
leider erst, als sie nicht mehr war. Ach, lieber Freund, da sitzt man als
Jngling in seiner Einsamkeit und denkt an nichts und lt es sich zwischen
seinen Bchern und seinen vier Wnden so wohl sein, wie man kann. Niemand
kmmert sich um einen, und man kmmert sich ebenfalls wenig um die Welt; sein
Mittagessen findet man im Kaffeehaus, und einen abgesprungenen Knopf nht man
sich selbst wieder an - man wei gar nicht, wie glcklich man ist und wie gut
man's hat! Es hindert einen niemand, in den Tag oder die Nacht hineinzutrumen,
und man hat seine Trume - nicht wahr, lieber Hagebucher, man hat sie? Ich habe
sie jedenfalls gehabt, und das ist grad das beste dran, da man sich Zeit dazu
nehmen kann im Hellen wie im Dunkeln, da man sie von seinem Schreibtisch hinaus
in die Gasse oder das freie Feld und von dort zu seinem Schreibtisch
zurcktragen kann, ohne Rechenschaft darber ablegen zu mssen! Das war ein
angenehmer Tag, an welchem ich sie, das heit meine Therese, fragte, ob sie die
Meinige, das heit meine Frau, werden wolle, eine recht mysterise Stunde war's:
aber, mein bester Freund, als sie ja gesagt hatte und ich dann gegen Mitternacht
wieder in meinem Junggesellenstbchen allein war und mir die berschwengliche
Seligkeit zurechtlegte, da sind mir doch die hellen Trnen in die Augen
gekommen: es stand nichts mehr am richtigen Fleck, und jedes Ding, mit welchem
ich seit undenklichen Jahren auf dem Du-Komment stand, blickte mich nunmehr mit
so fremden Augen an, da ich mich ordentlich davor frchtete. Mein Tabakskasten,
meine Bchersammlung, mein Stiefelknecht, ja mein alter Schlafrock, welche
smtlich bis jetzt meine Freunde und mein Eigentum gewesen waren, waren jetzt
mit einem Male zu Fremden, zu Mchten geworden, die mir zwar noch dienten, aber
alle schne Vertraulichkeit strengstens von sich wiesen. Mein neues Glck warf
seinen Schatten ber mein altes Behagen, und im Anfang hat das denn doch etwas
Unheimliches.
    O dieser Papa!... Das ist ja ganz allerliebst, murmelte Serena hinter dem
Busche; der Professor aber ging ohne Unterbrechung in seinem ihm nunmehr hchst
gelufig werdenden Texte weiter:
    Ja, Hagebucher, es ist ohne Frage ein ser Zustand, wenn man sich so nicht
mehr allein in seiner Existenz findet; aber gewhnen mu man sich dran - sehr,
sehr daran gewhnen. Trotz aller schnen Befriedigung fhlt man sich so kahl, so
weichlich wie ein Hummer ohne Schale, und man schmt sich, und nicht allein vor
seinen alten Freunden, sondern auch vor dem Stiefelknecht, der Kaffeemaschine
und dem Schlafrock.
    O diese Helden, diese Helden t murmelte Serena und hatte groe Lust, wie
Zieten aus dem Busch hervorzuspringen und ihre Meinung kundzugeben; doch jetzt
uerte sich Hagebucher dahin, der erste Eindruck, welchen das europische Weib
auf den Herrn Professor gemacht habe, scheine ziemlich bengstigender Natur
gewesen zu sein und die Tatsache verdiene unbedingt ein intensives Nachdenken.
    Sehr bengstigender Natur! wiederholte mit jedenfalls intensivem
Kopfschtteln der Professor. Warten Sie nur; - da wir einmal die Grammatik
beiseite legten, lassen Sie uns unser jetziges Thema weiterverfolgen, es ist
merkwrdig, wie die alten Erinnerungen einem bei Gelegenheit zurckkommen! O
popoi, wozu wre man ein philosophisch gebildeter Mann, wenn man sich nicht auch
an sein Glck gewhnen knnte, vorzglich, wenn man so weich und warm von der
Liebe zugedeckt wird? Therese war gut wie ein Engel, und ihre Verwandtschaft war
nun auch pltzlich da; die angenehmsten Aus- und Einsichten erffneten sich auf
allen Seiten: die Periode, in welcher man sich fragte, weshalb man eigentlich so
lange gezgert habe, so glcklich zu sein, stand in ihrer vollen Blute, und die
Verwandtschaft tat nach, Krften das Ihrige, einem die ganze Gre seines
Gewinns klarzumachen. Da war jener rotnsige zugeknpfte Herr mit der groen
Schnupftabaksdose auf dem Museo. Ich hatte drei Jahre lang dreimal in jeder
Woche Domino mit ihm gespielt, ohne seinen Namen zu wissen, geschweige denn
danach gefragt zu haben, und nun entfaltete er sich auf einmal als ihr Onkel
Pfeffermtze und fragte: Also hat sie dich endlich, mein Sohn?! - Und eine Tante
Pfeffermtze trat auch aus dem Nebel hervor, nahm ein genaues Register meiner
Leibwsche und meiner Schulden auf und erwies sich erschrecklich inquisitorisch
und hhnisch dabei. O du meine Gte, diese alten, guten, sen Erinnerungen! Wie
oft ist das Gras ber ihnen gemht worden? Jaja, Hagebucher, ich gehe gern auf
dem Kirchhofe spazieren und habe lngst Bekanntschaft mit dem Aufseher gemacht.
Der Mann hlt Khe des Grases wegen; aber es ist ein Risiko, denn das Vieh frit
den Draht der Totenkrnze mit herunter und geht so ebenfalls hufig vorzeitig
den Weg alles Lebendigen: - doch wir schweifen ab.
    Es wre hier wieder ein Moment festzuhalten, sprach Hagebucher. Kann man
das europische Weib nie sozusagen an und fr sich aus dem Boden heben, kann man
die Blte nie ans Herz drcken, ohne smtliche Wurzeln und mehrere Pfund
Erdreich mit emporzuziehen?
    Selten! sagte der Professor.
    Abscheulich! murmelte Serena Reihenschlager; doch der Papa fuhr fort:
    Ich heiratete, lieber Leonhard, und jetzt will ich Ihnen in drei Worten
alle Theorie und Praxis meines Ehestandes exponieren: Fnfunddreiig Jahre lang
war ich links um die Ecke gebogen, und vom neunundzwanzigsten September mittags
zwlf Uhr und fnfundzwanzig Minuten im sechsunddreiigsten Lebensjahr bis zum
Tode meiner guten Therese hatte ich rechtsum zu biegen. Forschen Sie in allen
glcklichen und unglcklichen Ehen nach, und Sie werden berall denselben
Angelpunkt finden und knnen sich an ihn halten. Ja, Hagebucher, einmal, nur ein
einziges Mal versuchte ich es noch, links abzubiegen: aber ich lie es bei
diesem Versuche bewenden; alle angenehmen Stunden jedoch, welche ich in der Ehe
verlebte, hab ich brigens ihm zu verdanken; denn er lehrte mich erkennen, was
der Mann der Frau schuldig ist und da der Mann der Frau nicht wenig schuldig
ist.
    Wollen Sie damit meine Grundfrage beantworten, teurer Meister?
    Ja! sprach der Professor Reihenschlager fest. Meine Ansicht von den
Weibern geht dahin, da es zwei Arten derselben gibt, unverheiratete und
verheiratete, im Verkehr mit welchen dem mnnlichen Menschen die hchste
Vorsicht anzuempfehlen ist. Ich will grade nicht sagen, da der Herr den,
welchen er liebhat, dadurch am rgsten zchtige, da er ihn verliebt werden lt
oder gar ihm eine Frau gibt; aber ein gutes Mittel, einen seinen Herrgott
erkennen zu lassen, ist es. brigens aber glaube ich auch, da die Damen im
allgemeinen wie im besondern berall einander gleich sind und da jemand, der im
Tumurkielande Achtung gegeben htte, ebensoviel davon wissen knnte wie der
Doktor der Weltweisheit und Professor der orientalischen Sprachen am hiesigen
illustren Collegio Augustino, Christian Georg Reihenschlager.
    Leonhard Hagebucher tat jetzt die letzte Frage an den wrdigen gelehrten
Mann, und sie gab keiner der vorhergehenden an Unverschmtheit etwas nach, sie
war sogar frecher als alle: Sie haben eine Tochter, Professor; hat diese
Tochter, hat Frulein Serena Sie nicht fr manches Erduldete reichlich,
berreichlich entschdigt? O sagen Sie mir auch dieses noch, und ich verspreche
Ihnen; auf der Stelle mit Ihnen zum Koptischen zurckzukehren.
    Der Professor zog den Afrikaner dicht an sich heran und flsterte:
    Ja, Hagebucher, sie hat mich entschdigt! Sie ist ein gutes Mdchen; aber
auch sie ist ein Weib und war es von ihrer Wiege an. Da war mein frherer
Hausgenosse und Schler, Ferdinand Zwickmller, ein guter Junge, welcher sich
jetzt in der Nhe von Genf dem internationalen Unterrichtswesen widmet; glauben
Sie wohl, da ich mit blutendem Herzen ihn entlassen mute, um ihn vor dem
Verderben zu bewahren? Der Narr war fest berzeugt, er liebe die junge Gans und
sie knne nicht ohne ihn leben; aber ich bat mir sein Stammbuch aus, schrieb
hinein: Kullu muskirn haram, alles, was trunken macht, ist verboten, gab ihm
einen anstndigen Wechsel und schickte ihn in die frische Luft. Heute ist er mir
sehr dankbar dafr.
    Wissen Sie das gewi? fragte Hagebucher tief nachdenklich.
    Er lt es in jedem Briefe, den er mir schreibt, durchblicken. Aber kommen
Sie jetzt, Freund, es wird khl; lassen Sie uns in mein Studierzimmer
hinaufsteigen.
    Die beiden Herren wendeten sich, verlieen den Garten und traten in das
Haus. Hslein hinter dem Busch hatte sich lngst geduckt und war gleichfalls aus
dem Garten verschwunden; aber Hagebucher suchte und fand es noch fr einige
Augenblicke, ehe er dem Papa die Trepp hinauf folgte; allein ob er nicht besser
getan haben wrde, es fr jetzt sich selber zu berlassen, lassen wir eine
offene Frage bleiben.
    Dicht neben der Tr des Hauses, welche in den Garten fhrte, befand sich die
Kche des Hauses. Es brannte ein lustiges Feuerchen auf dem Herde, und ein Topf
und ein Kessel sangen neben der Glut ihr heimliches Duett und rsteten sich eben
zum berkochen. Und vor dem Herde, der lustigen Flamme, dem Topf und dem Kessel
stand Frulein Serena Reihenschlager; und die beiden kleinen Hndchen, welche
sonst wie ein Schwalbenprchen fort und fort hin- und widerflatterten und
zusammentrugen, hatten sich in diesem Augenblicke unttig auf dem Rcken
zusammengefunden, hatten ihre Arbeit ganz grndlich eingestellt.
    Ist's erlaubt, Frulein Serena, darf man sich ein wenig die Hnde wrmen?
fragte der Afrikaner, an den Herd tretend.
    Die kleine Hauswirtin wich nach der andern Seite hinber und sagte mit einem
Blick nach dem Fenster:
    Sie fhrten ja da eben im Garten eine recht lebhafte Unterhaltung mit dem
Papa, Herr Hagebucher; wovon war denn die Rede, wenn man fragen darf?
    Mit klglichster Miene zog Leonhard die Achseln in die Hhe, als sei er des
tiefsten Bedauerns und Mitleids der jungen Dame wie seines eigenen sicher, und
seufzte:
    O Gott, nur immer von der koptischen Grammatik - es ist frchterlich und
auf die Dauer nicht auszuhalten!
    Und Topf und Kessel kochten in diesem Moment wirklich ber und konnten
keinen passendern dazu whlen. Und Feuer und Wasser sagten einander ihre Meinung
mit gewaltigem Gezisch, Gesprudel und Geprassel. Es entstand ein mchtiger
Dampf, und durch denselben rief Frulein Serena Reihenschlager:
    Sie haben recht, Herr Hagebucher, es ist wirklich auf die Dauer nicht zu
ertragen! Gehen Sie mir aus meiner Kche, Sie Strenfried! Sie haben nicht das
mindeste darin zu suchen!
    Hustend und niesend wich der Mann vom Mondgebirge zurck und murmelte,
whrend er die Treppe hinauf dem Professor nachstieg, mehrere Male:
    Kullu muskirn haram!
    Die Leser wissen bereits, was diese Worte in deutscher Zunge bedeuten.

                              Siebzehntes Kapitel


Dieses ist das siebzehnte Kapitel der wahrhaften und merkwrdigen Historie des
Herrn Leonhard Hagebucher, der zwlf Jahre zu Abu Telfan im Tumurkielande in der
Gefangenschaft zubrachte, und bittet der Verfasser zu bemerken, mit welch einer
auerordentlichen Feinheit er seinen Helden hier dicht vor ein zweites Examen
stellt. Dem ersten hatte er sich im fnften Kapitel zu unterziehen und fiel
jmmerlich durch.
    Die polizeiliche Erlaubnis war erbeten und erteilt worden; der Saal stand
zur Verfgung, die Bevlkerung der Residenz und der umliegenden Landschaft war
durch das Landesintelligenzblatt sowie einige andere Bltter gengend
benachrichtigt worden: Herr Leonhard Hagebucher aus Bumsdorf hatte die Ehre,
einem verehrungswrdigen Publiko die erste seiner Vorlesungen ber das innere
Afrika und das Verhltnis des europischen Menschen zu demselben zu halten!
    Langsam, langsam, langsam war der groe Tag herangeschlichen: oft, oft, oft
hatte es geschienen, als ob er niemals anlangen werde, doch jetzt war er da und
dmmerte viel zu schnell, und ein groer Wind war ihm in der Nacht
vorangegangen.
    Um ein Uhr schon fuhr Tubrich-Pascha auf aus einem Traume, welcher ihn
diesmal nicht zu den Palmen von Jericho, den lbumen von Gethsemane und
Bethlehem gefhrt hatte. Jach fuhr er in die Hhe, stie mit der Stirn gegen das
schrge Dach ber seinem Lager und sank zurck mit dem Wort:
    O Je-rusalem - richtig!
    Er hatte jenen heftigen Wind in seiner Dachkammer aus erster Hand, und so
war's nicht unnatrlich, da ihm trumte, er werde von einem unwiderstehlichen
Verhngnis aufgehoben und mit dem Kopf voran durch eine Bretterwand getrieben.
Seinem Nachbar jenseits des Ganges trumte ganz das nmliche, und auch dieses
widersprach in Anbetracht der Verhltnisse weder dem Wesen des Traumes noch der
augenblicklichen Stimmung und Empfnglichkeit des Trumenden.
    Noch war es vollstndig Nacht, als der Schneider das Feuerzeug ertastete und
seine Lampe anzndete: zwischen fnf und sechs Uhr stand er, nach Befehl, vor
dem Bette seines Patrons, neigte sich ber ihn wie Glnare ber den zum Tode
verurteilten Konrad und flsterte:
    Da liegt er, da liegt er sanft und s und unschuldig wie ein Kind im
Schlummer und wei nicht, was er vor sich hat!
    Ein tiefes chzen antwortete ihm, und unter seiner Decke hervor sthnte
Hagebucher:
    Sie irren sich sehr, Tubrich! Er wei sehr gut, was er vor sich hat:
Schlummer? Unschuld? Sigkeit? O Tubrich, seien Sie kein Esel - ich wnsche
von Herzen, da Sie eine bessere Nacht gehabt haben mgen als ich.
    Es war ungewhnlich windig, Sidi.
    Reden Sie mir nicht davon, Tubrich, ich habe groe Lust, das fr ein recht
bses Omen zu nehmen. O Gott, weshalb mute ich mich doch auf diesen Unsinn
einlassen?
    Die Gedanken und Vorstellungen, an welchen Herr Leonhard Hagebucher sich
stie, als er sich jetzt gleichfalls aufrichtete, waren viel hrter als der
Balken ber dem Haupte des Paschas, und alle Trostgrnde des letztern waren
ebenso vergeblich wie der eigene schwchliche Versuch, sich selber zu
berzeugen, da man doch wohl schon etwas Schlimmeres durchgebissen habe.
    Im tiefsten Schweigen bereiteten die beiden Orientalen ihren Kaffee und
tranken ihn; dster qualmten die beiden Morgenpfeifen in den dstern Morgen
hinein, und als der Mann vom Mondgebirge nun gar sein Heft vor sich hinlegte und
anfing zu memorieren, da steckte der Wahnsinn in Person den Kopf in die Tr und
versprach, heute abend wieder nachsehen zu wollen. Wie ein totgeborenes Kind
trug Tubrich das schwarze Beinkleid des Redners in das Gemach, und als er am
Frack einen wichtigen Knopf nicht vorfand, entrang sich seiner Brust ein solcher
Seufzer, da Hagebucher fr eine lange Zeit den Faden dessen, was er sagen
wollte, total verlor und von dem zitternden Pascha nur mit uerster Mhe zu der
berzeugung gebracht wurde, da nur ein Knopf vermit werde. Es war ein groer
Tag, und wie es zu geschehen pflegt, so sollte an ihm eine Aufregung der andern
folgen.
    Schon um acht Uhr erschien atemlos der Leutnant Hugo von Bumsdorf, bat
instndigst um Verzeihung, weil er so frh stre, und erkundigte sich ungemein
zrtlich und besorgt nach dem Befinden des Afrikaners, dem er zugleich
unaufgefordert versprach, nach eigenen schwachen Krften fr den Erfolg des
Abends wirken zu wollen; zugleich aber hatte er auch seine Sorgen und erlaubte
sich, dieselben dem berhmten Bumsdorfer Landsmann und guten Freunde des Papas
vorzutragen. Es unterlag keinem Zweifel, der Alte kam sicher heute in die
Stadt, um den Vortrag des Herrn Hagebucher anzuhren, und da wre es doch im
hchsten Grade unangenehm, wenn der gute, aber hufig untraktable Greis sogleich
allerlei bsartigem, intrigantem, gewinnschtigem Volk in die Hnde falle, ohne
von einer zwar sanften, aber festen Freundeshand zu einem richtigen, der
gegenwrtigen Lebensanschauung konformen Verstndnis der Dinge hingeleitet zu
werden. Er, der Herr Leutnant, kannte die Schlechtigkeit der Menschen nur zu gut
und wute genau, welche Behutsamkeit im Verkehr mit ihnen erforderlich sei; sein
kindliches Herz emprte sich bei dem Gedanken, den geliebten, aber etwas
bockbeinigen Erzeuger mit seinen Provinzialbefangenheiten einem solchen Wirbel
von Schlechtigkeit ohne den beratenden Beistand eines verstndigen Freundes zu
berliefern. An die innige Bitte, dem Papa doch, dieser treue Knecht Eckart zu
sein, knpfte der Leutnant einen Schwall der verschiedenartigsten und
verworrensten Versicherungen. Er sprach von Reue und Wehmut, von Besserung und
Heimweh, von seinem Rattenfnger Whig und der Jasminlaube vor dem Hause des
Steuerinspektors zu Bumsdorf. Er sprach von seiner Mutter und der Mutter
Leonhards, von Freundschaft und Liebe, von der Infanteriekaserne und einem
eigenen Herde, welcher letztere Goldes wert sein sollte, ihn aber von neuem auf
seine Schulden brachte, weshalb er atemlos, wie er kam, fortstrzte, um des
Geschickes Tcke womglich schon am Stadttor zu parieren und den noch viel
tckischeren Alten abzufangen und ihn durch unendliche Liebenswrdigkeit und
Zrtlichkeit zu bezaubern und vollstndig blind zu machen.
    Auf den Leutnant von Bumsdorf folgte um neun Uhr ein Billett der Baronin von
Glimmern, welche Glck zu dem Tage wnschte, aber auf etwas dunkle Weise vor zu
groer Unvorsichtigkeit warnte und bat, das, was der Major Wildberg heute noch
vortragen werde, nach Krften zu bercksichtigen.
    In fieberhafter Erregtheit erschien um halb zehn Uhr der Professor
Reihenschlager. Er brachte alle Taschen voll Notizen mit, welche er noch in das
Konzept eingeschoben zu haben wnschte, und auerdem einen Gru von Frulein
Serena, welchen er jedoch nur auf dringendes Verlangen von seiten Leonhards und
etwas verlegen herausgab.
    Frulein Serena bot dem Herrn Hagebucher einen guten Morgen und wnschte, er
mge sich am Abend nicht blamieren. brigens werde sie jedenfalls der Vorlesung
anwohnen und hoffe sich unter allen Umstnden zu amsieren.
    Es kommt doch alles, an was man nicht dachte, ber einen! sthnte der
Afrikaner. Professor, wenn ich noch einen Nervenschlag oder dergleichen
ankndigte?!
    Das wre noch besser und in der Tat eine Blamage! rief der koptische
Gelehrte. Mut, Mut! Wie kann ein Mensch, der den unstrflichen thiopen
trotzte, diesem degenerierten Europertum gegenber so zaghaft sein?
    Sie haben gut reden, seufzte der Held des Tages. Sie sitzen mitten in dem
dicksten Haufen dieses Europertums und hren gelassen zu; ich aber - - - o
Gott, o Gott, die Luft geht mir von Stunde zu Stunde mehr aus, und meine einzige
Hoffnung ist, da sie mir bis acht Uhr abends vllig abhanden gekommen sein
wird!
    Ich kenne diese Symptome; sie sind bengstigend, aber weiter nicht
gefhrlich, sprach der Professor mit der Gemtsruhe eines Henkers, welcher
schon mehr als einen Von der Leiter stie. Brausepulver und Selbstvertrauen
helfen am sichersten darber weg. Das erstere Mittel fhre ich als alter
Praktikus bei mir; hier das Natrum bicarbonicum, hier die Sure; Tubrich,
besorgen Sie uns eine Flasche Brunnenwasser.
    Der Pascha kreuzte nach der Sitte des Morgenlandes die Arme ber der Brust,
doch ehe er den Auftrag auszufhren vermochte, entstand ein solches Gepolter auf
der Treppe und wurde so heftig an die Tr gepocht, da er entsetzt von derselben
zurckfuhr.
    Der Vetter Wassertreter! Er hat es richtig nicht lassen knnen, da ist er!
rief Leonhard; die Tr wurde aufgeschleudert, und unzweifelhaft war's der Vetter
Wassertreter, der, bepelzt wie ein Samojede, auf der Schwelle stand und ein
dreimaliges Hurra ertnen lie. Dieses Geschrei fand ein Echo in der krftigen
Lunge eines zweiten, fast noch bepelzteren Herrn, welcher dem Wegebauinspektor
auf dem Fue folgte. Der Dynast von Bumsdorf machte die schwermtigsten Ahnungen
seines Sohnes Hugo wahr, auch er hatte es nicht lassen knnen! Er war da, mit
dem besten Appetit fr alle Freuden und Herrlichkeiten der Residenz und mit dem
grten Wohlwollen in betreff all ihrer Bewohner; seinen Leutnant hatte er noch
nicht zu Gesicht bekommen.
    Der Vetter Wassertreter fate zuerst den Afrikaner in die Arme, dann aber
auch den Professor, welchen er mit seinem alten Burschennamen Pilz jauchzend
begrte, worauf Professor Reihenschlager, der mit genauer Not dem
Erdrcktwerden entgangen war, ebenso freudig jauchzte:
    Hurra, Schaumlffel! Ohne dich wr's auch nicht gegangen! Es ist wacker von
dir, da du gekommen bist.
    Und hier stelle ich dir meinen Freund Bumsdorf vor, Pilzchen! Leonhard
kennt ihn, ein Biedermann und rationeller Landwirt ersten Ranges. Weit du,
Pilz, Bumsdorf, uraltes Geschlecht, wird dich sehr interessieren!... Bumsdorf,
hier haben Sie den Professor Reihenschlager, meinen guten Freund und Korpsbruder
- gelehrtes Lumen, Abhandlung ber die gyptische Finsternis,
koptisch-grammatikalischer Lexikonswterich! Mu Sie unmenschlich freuen,
Bumsdorf! Mach die Tr zu, Leonhard, wir bringen einen harten Winter von
Nippenburg mit.
    Halt, offenlassen! schrie der Dynast, die Hand des Professors halb
abgeschttelt freigebend und mit Energie sich der Pforte zuwendend:
    Sievers, rck 'r herein, lad Er ab!
    Und Sievers, ein breitschultriger, kurzbeiniger, stiernackiger Vasall des
Bumsdorfer Feudalsitzes, stapfte in das Gemach, mit einem Flaschenkorbe und
einem Viktualienkober beladen, setzte beides auf den Boden, scharrte den Herren
einen schnen guten Morgen und zog sich, fortwhrend den staunenden
Tubrich-Pascha im Auge haltend, rckwrts schreitend an die Wand zurck.
    So, jetzt knnen wir die Klappe mit gutem Gewissen schlieen! sprach der
Herr von Bumsdorf. Jetzt sind wir komplett. Die Viktualien schickt heimlich die
Mama Hagebucher, Leonhard, die Flssigkeiten liefre ich; frhstcken wir also
vor allen Dingen gut bumsdorfisch, nachher knnen wir dann mit um so grerem
Gusto an die Tabeldehot im Hotel de Prusse denken.
    Rcken Sie den Tisch heran, Tubrich! rief der Vetter Wassertreter, und
der Jerusalemer Schneider, welcher sich bis jetzt noch immer nicht satt an dem
Bumsdorfer Vasallen gesehen zu haben schien, wurde unter diesem Anruf auf einmal
hchst munter und lebendig. Um elf Uhr war die Sache ungeheuer gemtlich
geworden; die vier Herren taten dem improvisierten Frhstck alle Ehre an; der
Pascha und der Vasall warteten ihnen und sich selber mit dem lobenswrdigsten
Eifer auf, und selbst Leonhard Hagebucher verga auf eine kurze Stunde das
dunkle Gewlk ber seinem Haupte. Von Bumsdorf und Nippenburg brachte der Vetter
unbegreiflicherweise nicht die kleinste Neuigkeit mit. Jedermann befand sich
wohl, aber jedermann wute immer noch, was er sich schuldig war, und hielt
seinen Standpunkt mit dem lblichsten Selbstgefhl fest. Was das Haus Hagebucher
im besondern betraf, so vergrunzte der Alte freilich noch immer seine Tage und
machte den Hausgenossen das Leben sauer und dunkel genug; aber der Vetter
Wassertreter sah auch hier heiter in die Zukunft und hoffte das Beste von einem
Fackelzug und einer Deputation mit Musik, welche dem zrnenden Greis vor die
Tre rcken und ihn mit allen Ehren in den Goldenen Pfau zurckholen sollte.
    Du kennst und wrdigst mich immer noch nicht gnzlich, Leonhard! rief der
Vetter. Der ganze Apparat ist lngst beisammen. Morgen um zehn Uhr fahren wir
heim, um drei Uhr nachmittags sind wir in Nippenburg, und das Experiment kann
auf der Stelle gemacht werden. Ich tanze wie Demokrit vor dem Zuge der
Abderiten; ich halte eine Rede, und nachher ist Festessen im Pfau. Der Onkel
Schndler tut Abbitte, der Alte bekommt eine Ehrenpfeife, und smtliche
Klubmitglieder lassen sich spter photographieren und werden ihm in einem
kalbledernen Album mit Goldschnitt berreicht. Wenn das nichts hilft, so werde
ich freilich meine Kenntnis des menschlichen Herzens in die nchste
Trdelauktion geben und mich keineswegs verwundern, wenn kein Nippenburger drauf
bietet.
    Um zwlf Uhr klang man zum letztenmal die Glser fr den Erfolg des Abends
an. Der Professor Reihenschlager hielt eine kleine Ansprache, in welcher er den
Afrikaner ermahnte, den freien, heitern Blick des gegenwrtigen Augenblicks ja
fr die kommende groe Stunde festzuhalten, was Leonhard versprach, leider aber
nicht hielt. Der Vasall und der Pascha, welche um diese Stunde einander besser
kennen- und schtzengelernt hatten, tranken Brderschaft, und gegen ein Uhr
erschien der Leutnant Hugo von Bumsdorf zum zweitenmal in Hagebuchers Wohnung,
wurde zrtlich in die vterlichen Arme gezogen und warf ber die Schulter des
ahnungslosen Alten einen gerhrten und dankbaren Blick im Kreise der Anwesenden
umher.
    Die Laune wre schon recht! flsterte er dem Afrikaner zu. Jetzt fhr ich
ihn ins Hotel de Prusse und nachher - - ah!
    Und sie gingen zum Hotel de Prusse, aber Leonhard ging nicht mit ihnen. Die
lichte Stunde war nur allzu schnell vorbergeflogen, und mit dem vollen
Bewutsein seiner Lage stand der Redner vor den Flaschen und Tellern des
Frhstckstisches und hob von neuem an zu memorieren. Tubrich-Pascha a weiter
und schien die Absicht zu haben, sich vollstndig durch den Tag durchzufressen.
    Es ist einzig und allein die Aufregung! seufzte er beschnigend und
stellte dadurch sein treffliches Verdauungssystem doch ein wenig zu sehr in den
Schatten.
    Was hilft es, die Sanduhr vor Ablauf der Stunde umzukehren, man hlt die
Zeit dadurch ebensowenig auf, als man sie dadurch beschleunigst, wenn man das
Glas ungeduldig schttelt. Gegen ein Uhr klopfte und brstete Tubrich seinen
eigenen Frack in seinem eigenen Gemache, und gegen vier Uhr klopfte es abermals
an die Tr Leonhard Hagebuchers, und wiederum fuhr er zusammen wie unter der
Peitsche von Abu Telfan.
    Diesmal trat der Major Wildberg herein, der einzige, auf welchen der Redner,
infolge des Billetts der Frau von Glimmern, mit einiger Ungeduld gewartet hatte
und welchen er freudig in der Voraussetzung begrte, da er ihm etwas
Frderliches mitzuteilen haben werde. So war es auch, aber doch nicht gerade so,
wie der Mann aus dem Tumurkielande es sich vorgestellt hatte. Der Herr Major
brachte die schnsten Gre und besten Wnsche von seiner Frau Emma, allein er
brachte sie mit einer sehr bedenklichen Miene, und nach einigen allgemeinen und
gleichgltigen Redensarten kam er schnell zur Sache. Wir aber knnen uns
begngen, einen Auszug seines Vortrages mitzuteilen; denn jeder verstndige
Mensch kann bei einigem Nachdenken sich selber sagen, was er zu sagen hatte.
    Es gab allerlei Stimmen und Stimmungen in der Residenz. Es gab eine Menge
Leute, welche den Afrikaner bereits genug kannten, um ihm alles mgliche
zuzutrauen, Leute, welche dem Abend nicht mit den gnstigsten Gefhlen
entgegensahen. Selbst in die hchsten Kreise war das Interesse an dem Herrn
Hagebucher gedrungen; aber auch hier schttelte man den Kopf, frchtete arge
afrikanische Indiskretionen und besorgte die unangenehmsten Verwicklungen
dadurch mit dem Kaiser von Abyssinien, dem Vizeknig von gypten und dem Sultan
von Wadai. Der Major hielt es fr seine Pflicht, den afrikanischen Redner zu
bitten, sich und andere nicht zu sehr blozustellen, sich in seinen Ausdrcken,
Scherzen und Gleichnissen tunlichst zu migen, stets wo mglich die gemtliche
Seite herauszukehren und, schon seines eigenen Vorteils wegen, sich stets mehr
an das Herz als an die Vernunft der Leute zu wenden. Eine leise Andeutung, da
wohl bereits einige Intrigen betreffs Gestattung oder Verhinderung von
derartigen ffentlichen Vortrgen angesponnen sein knnten, beschlo die
gutgemeinte Warnung. Leonhard Hagebucher konnte auf alles dieses leider nur mit
einem grimmigen Lcheln antworten, da es durchaus nicht in seiner Absicht
liege, irgendeinen andern als sich selber zum Narren zu halten. Diese
Versicherung gewhrte nur einen geringen Trost; der Major schttelte das Haupt,
fast geradeso bedenklich wie die hchsten Kreise, drckte dem Freunde die Hand
und zog ab mit einem tiefen Seufzer, der auer allem Mitgefhl ein ganz kleines
Bruchteilchen von Neid auf den Afrikaner in sich schlo.
    Um sieben Uhr abends hatte Nikola von Glimmern mit ihrem Gemahl noch eine
Unterredung, welche allmhlich einen ziemlich bittern Charakter annahm, aber die
schne Exzellenz nicht an der Vollendung ihrer Toilette hinderte. Infolge dieses
Wortwechsels fuhr der Baron jedoch noch einmal zu dem Polizeidirektor von
Betzendorff und hatte mit diesem Herrn gleichfalls eine lngere Unterredung,
welche aber nicht mit einem Miklang endete, sondern die vollstndigste
bereinstimmung der beiden Mchte in mehr als einem Punkte herbeifhrte.
    Ein letzter Blick in den dunkeln Abend zeigt uns im flackernden Licht der
Gaslaterne eine Droschke in der Kesselstrae sowie den Professor Reihenschlager
und den Vetter Wassertreter, welche den geknickten Hagebucher in das Fuhrwerk
mehr heben als schieben. Sie steigen ihm nach, Tubrich-Pascha schlgt den
Schlag zu, schwingt sich neben den Kutscher auf den Bock: La ilaha ilallah und
Mohammed rassul Allah!
    Der Herr von Bumsdorf und sein Stammhalter erreichten den Ort der Vorlesung
auf verschiedenen Pfaden; der biedere Alte hatte lngst den innigen Wunsch
ausgesprochen, der Junge mge ihm frs erste nicht wieder vor die Augen kommen!

                              Achtzehntes Kapitel


Dieses ist das achtzehnte Kapitel der Historie des Herrn Leonhard Hagebucher,
welcher zwlf Jahre zu Abu Telfan im Tumurkielande in der Gefangenschaft
zubrachte. Es bildet sowohl formell wie dem Inhalte nach den Mittelpunkt der
wahrhaften und merkwrdigen Geschichte, die Spitze der Pyramide, auf welcher der
afrikanische Redner sitzt, seine schne Seele aufknpft und mit dem besten
Willen sein Erbauliches und Beschauliches der Residenz preisgibt.
Tubrich-Pascha stand an der Pforte und nahm die Eintrittskarten ab; ein
ausgewhltes Publikum hatte sich auf den Stufen der Pyramide um den Redner
Versammelt; der Saal war zum Erdrcken voll, aber:

das Volk, nie mcht ich es kndigen oder benennen,
Wren mir auch zehn Kehlen zugleich, zehn redende Zungen,
Wr unzerbrechlicher Laut und ein ehernes Herz mir gewhret!

Es ist schon schwer genug, die allein, welche von irgendeinem Einflu auf den
Gang unserer Geschichte sind, im Auge zu behalten.
    Da sa vor allem, mit dem Fcher an den feinen Lippen, die schne Nikola
zwischen der Mutter und dem Gemahl, als ob sie nie mit einem Wiesenblumenkranz
im Schoe unter einem Bumsdorfer Hagedorn gesessen und nie dem Mann vom
Mondgebirge auf seinem Wege zu dem groen Familienrat nachgelacht habe. Und die
Frau Generalleutnantin von Einstein war eine kleine, schwchliche, kmmerliche
Dame, welcher neunundneunzig Leute gewi nicht zutrauten, da sie imstande
gewesen sei, den Willen, die Seele einer so stattlichen Tochter zu brechen und
das Frulein um dreiig Silberlinge zu verhandeln, welcher aber dafr der
hundertste nicht nur dieses, sondern noch manches viel Schlimmere auf das
bereitwilligste und aus vollster berzeugung schuld gab. Seine Exzellenz der
Herr Schwiegersohn der trefflichen Matrone war ein feiner, schlanker Mann im
Alter von zweiundvierzig bis vierundvierzig Jahren, nicht hager, aber ein wenig
mde, und zwar nicht allein in den Beinen, sondern auch in den Augen. Er trug
die allermodernste Art des Backenbartes zur Schau, und obgleich er keine Percke
trug, so konnte kein Zweifel obwalten, da er eine solche mit Anstand, und ohne
Aufsehen zu erregen, tragen knne, eine Gabe der Gtter, welche nicht einem
jeglichen kahlkpfigen Sterblichen verliehen wird. Er lchelte fast ebenso milde
und gewinnend wie der Herr Polizeidirektor, welcher auf dem Sessel zu seiner
Linken Platz genommen hatte, und tat nur seine Pflicht: denn wie wrden die
Rder des Wagens kreischen, und wie wrden Nabe und Achse zu dampfen anfangen,
wenn solche Leute und Kondukteure nicht mehr lchelten! Ob Seine Exzellenz
jemals ein lautes Wort gesprochen hatte, konnten nur diejenigen wissen, welche
ihn whrend des ersten Teils seiner militrischen Laufbahn kannten. brigens
bediente er sich, um den wilden Mann aus Afrika besser zu verstehen, einer
zierlichen Lorgnette und schenkte ihm den ganzen Abend hindurch auf das
wohlwollendste seine Teilnahme und Aufmerksamkeit, weshalb es um so
wnschenswerter erschien, da auch die brigen Freunde vor seinem Rednerstuhl
aushielten, um auch ihr Wohlwollen zur Geltung zu bringen.
    Da sa die Frau Majorin Emma mit den allertreuherzigsten Augen und jenem
ngstlichen Zug aus dem Lrm der Kinderstube um den Mund und pate genau auf.
Da stand der Major an einen Pfeiler gelehnt, und dicht neben ihm stand der
Professor Reihenschlager und hielt sich, zitternd vor bermchtiger Spannung, an
der Stuhllehne seiner Tochter Serena, welche so gern all ihre ble Laune in
Worte fate, um fr ihre Werke desto freiere Hand zu behalten. Da stand mehr im
Hintergrund der Vetter Wassertreter aus Nippenburg und hielt sich, um nicht
durch unzeitgeme Verrenkungen und Purzelbume allgemeines rgernis zu geben,
an dem Herrn von Bumsdorf, welcher, durch bermiges Schuldenbezahlen und
Wechseleinlsen recht elegisch gestimmt, um so fhiger war, die ganze Predigt
anzuhren und das Unbegreiflichste begreiflich zu finden. Herr Hugo von
Bumsdorf, bedeutend heiterer als sein Papa und nur ganz unbedeutend von seinem
Gewissen geqult, war durch eine Seitentr in den Saal getreten und hatte eine
ganze Schar jugendlicher Enthusiasten aus den nchsten Kaffeehusern
mitgebracht; es war seine feste Absicht, alle seine Verpflichtungen heute
einzulsen und somit auch das am Morgen gegebene Wort: fr den Erfolg des Abends
mit ganzer Kraft eintreten zu wollen!
    Ein letztes Rauschen, Raunen und Zischeln durch die Versammlung, ein letztes
Ruspern und Stuhlrcken!
    Drei Verbeugungen des Redners hinter dem grnbehngten Tischchen und den
beiden Wachskerzen; ein dumpfes Gefhl der Reue, je Abu Telfan verlassen zu
haben; eine tiefe Sehnsucht spornstreichs dorthin zurckzukehren und das Gesicht
tief, tief, tief in den Scho der Madam Kulla Gulla zu vergraben!
    Meine Damen und Herren...
    Ein flsternd Ah! durch den ganzen Saal und aus einem Winkel die leise, aber
hchst verwundrungsvolle Bemerkung: Herr Gott, er spricht ja deutsch! - die
Vorlesung hatte begonnen: Herr Leonhard Hagebucher hatte unbedingt das Wort und
behielt es fast zwei Stunden hindurch.
    Zuerst sprach er natrlich von sich selber, aber ziemlich bescheiden, und
kam schneller, als es sonst die Gewohnheit ffentlich redender Mnner ist, zur
Hauptsache. Nach einer kurzen, aber recht anschaulichen Schilderung der Landenge
von Suez und seines Anteils an Durchgrabung derselben hielt er sich in
Untergypten nur so lange auf, um, ganz wider die Erwartung des
Polizeidirektors, Seiner Hoheit dem Vizeknig ein ziemlich gewandtes Kompliment
zu machen, ging darauf mit den Elfenbeinhndlern und seinem Freunde Semibecco
nilaufwrts und befand sich auf dem bekannten und behaglichen Terrain von Abu
Telfan, fast ohne zu wissen, wie er so bald und so sicher dahin gelangt sei.
Sein Selbstvertrauen wuchs, je nher er dem quator kam, seine Gedanken wurden
um so lichter, je mehr sich das Pigment unter der Epidermis der Vlkerschaften
verdichtete und schwrzte; und als er nun gar die Felsen des Tumurkielandes
glcklich zwischen sich und die Zivilisation geschoben hatte, wurde er seiner
gegenwrtigen europischen Zuhrerschaft gegenber so heiter, unbefangen, ja
unverschmt, da er die Wnsche und Hoffnungen des Herrn von Glimmern und die
schlimmsten Befrchtungen des Majors Wildberg weit bertraf. Er machte in der
Tat Vergleichungen, und zwar solche, welche nur einen ungewhnlich verworfenen
deutschen Staatsbrger und Untertan angenehm berhren konnten. Er erlaubte sich,
von den Verhltnissen des Tumurkielandes wie von denen der eigenen sen Heimat
zu reden und Politik und Religion, Staats-und brgerliche Gesetzgebung,
Gerechtigkeitspflege, Abgaben, Handel und Wandel, berlieferungen und Dogmen,
Unwissenheit und Vorurteile auf eine Art und Weise in seinem Vortrage zu
verarbeiten, da mehr als ein staunender Horcher durchaus nichts Erstaunliches
drin gefunden htte, wenn Seine Hchstselige bronzene Hoheit, der Grofrst vom
Promenadenplatz, gleich dem steinernen Komtur in den Saal gerckt wre, um
Allerhchst persnlich nach dem Rechten zu sehen, der Schande Allergndigst ein
Ende zu machen und den verruchten Sptter Allerhchst eigenhndigst beim Ohr zu
nehmen und abzufhren.
    Nie war eine polizeiliche Erlaubnis in Gegenwart eines verehrungswrdigen
Adels und gebildeten Publikums schmhlicher mibraucht worden; und der Gipfel
der Abscheulichkeit war, da der Snder nicht einmal ahnte, wie schlecht er sei
und wie mangelhaft er sich auffhre, sondern der festen Oberzeugung sich hingab,
er mache jedermann ein unendliches Vergngen und es befinde sich niemand im
Saal, der nicht fhle, hier werde der Wahrheit die angenehmste Form und die
hchste Politur gegeben. In diesem Stadium seiner Rede fhlte sich der Redner so
eins mit seiner Zuhrerschaft, da es eine wahre Freude war. Der Nebel, welcher
im Anfange auf seinen Augen lag, hatte sich lngst verzogen, die glnzenden
Toiletten der Damen schwirrten nicht mehr gleich einem wahnsinnig gewordenen
Tulpenbeet durcheinander; mehr und mehr orientierte sich Herr Leonhard
Hagebucher unter den Gesichtern und Gestalten und fing an, auf einzelne
einzureden, wie im gemtlichsten Gesprch.

Wo Andacht auferwacht, da stirbt
Das Ich, der dunkele Despot,

sagt Dschellalledin, und da sa der Herr Polizeidirektor und lchelte immer
ser, ser, als ob es seine feste Absicht sei, smtlichen
Runkelrbenzuckerfabriken und -raffinerien des Zollvereins Konkurrenz zu machen,
und der Redner wendete sich in seinen Ausfhrungen vorzugsweise gern an ihn;
denn in keinem Gesichte der ersten Reihe, in welcher doch auch der Herr von
Glimmern sa, las er eine innigere Hingabe an die Sache und ein feineres
Verstndnis derselben. Da sa die Generalin von Einstein und sprach ihrem
Schwiegersohn ziemlich laut ihre Verwunderung aus, da so etwas von den
betreffenden Behrden gestattet werden knne. Und da sa die Baronin Nikola und
seufzte in tiefster Seele Ach, armer Leonhard! Und der Professor Reihenschlager
rieb sich ein Mal ber das andere die Stirne und murmelte: Wo hat er denn sein
Konzept? Ist denn das sein Konzept? Steht denn das in seinem Konzept? Da sa
die Frau Emma, zog ihr Tuch um die Schultern zusammen und suchte ganz ngstlich
mit den Augen ihren Gemahl, welcher leise einen Marsch mit dem Fue trommelte
und den Blick der Gattin tunlichst vermied. Und Frulein Serena Reihenschlager
machte die allergrten Augen und amsierte sich kniglich; berhaupt gab es
viele, welche ihr Behagen nicht verbargen, dem wunderlichen Menschen hinter den
beiden Wachskerzen mit stets steigender Spannung auf seinen Wegen folgten und
somit alle sptern Vorsichtsmaregeln durch ihr Gebaren auf das glnzendste
rechtfertigten. Das Neue und Gewagte machte zugleich betroffen und entzckte;
die Ironie fhlten nicht alle, die tiefe Bitterkeit sehr wenige, das Komische
fast alle auer den Damen, welche dagegen um so mehr von dem Romantischen, dem
Schrecklichen und dem Mitleiderregenden angezogen wurden.
    Es war nicht zu leugnen, Leonhard Hagebucher zeigte sich seiner Aufgabe
vollkommen gewachsen: er entwickelte ein betrchtliches Talent der Schilderung,
und das Land vom Mittelmeer bis zum Mondgebirge lebte vor den Augen seiner
Zuhrer. Sein Vortrag war zwar nur eine Fata Morgana, welche manches verzog oder
auf den Kopf stellte, welche aber doch oder oft grade deshalb magisch genug auf
diese deutschen Kleinresidenzler, ihre Weiber und Tchter wirkte. Bei manch
einem mischte sich ein Gefhl der Beschmung in das Interesse, welches er an
diesem Gefangenen der Madam Kulla Gulla nahm, ein Gefhl, da es mit dem
Wohlbehagen an und in einer engen, wenn auch noch so reinlich und schmuck
gehaltenen Umgebung doch nicht vllig getan sei. Es rttelte etwas an diesen
wohldressierten Beamten- und Bankiersseelen und wies hinaus ber den
Polizeidiener an der Tr des Saales und den Polizeidirektor in der ersten
Sitzreihe der Zuhrer. Hier hatte sich jemand durch viel Dreck und Blut, durch
sehr unsolide und ungeordnete Verhltnisse unter Trken, Mohren und Heiden aller
Schattierungen wacker durchgeschlagen und brachte aus der grimmigsten Sklaverei,
der heillosesten Erniedrigung einen solchen Hauch der Freiheit in diese so
rationell geordnete Gewhnlichkeit mit, da das philisterhafteste Selbstgefhl
darob mit bangem Ekel und berdru und bei den edleren Naturen mit einem dunkeln
Schmerz in Widerstreit geriet. Manch einem ward es wie einem Kranken zumute, der
auf seinen heien Kissen vom blauen Meer und einem Segel in weiter Ferne trumt;
es fllte sich mehr als ein Paar jugendlicher Augen mit Trnen, und verschiedene
glatzkpfige Assessoren und zahlenerdrckte Rendanten nahmen sich fest vor, bei
der nchsten Begegnung mit dem Vorgesetzten diesen zuerst gren zu lassen. Was
den Vetter Wassertreter anbelangte, so befand sich derselbe in einem Zustande
der Entzckung, welcher sich kaum beschreiben lt. Sein Leonhard bertraf seine
schnsten, aber auch boshaftesten, heimtckischsten, frevelhaftesten
Erwartungen. Er wurde gro und wurde klein, er atmete schnell und erstickte fast
vor einem Vergngen, welches ihm sicherlich keinen Anspruch auch auf die
allerunterste Klasse des Landesordens fr verdiente Zivilbeamte gab.
    Recht so, recht so, mein Sohn! murmelte er. Herunter mit dem Immergrn
unserer Gefhle von dem alten Gemuer! Nieder mit dem Efeu! Zeige dem Pack, wie
das Ding ohne das grne Behngsel aussieht! O welche Narren, welche grasgrne
Narren waren wir, als wir jung waren! Wahrhaftig, der einzige Trost, der einem
bleibt, ist, da man nichts dafr konnte und die himmelblaue Affenjacke trug,
wie sie einem angemessen worden war!
    Der Ritter von Bumsdorf hatte seine liebe Not mit dem Vetter und behauptete
spter, es sei eine Kleinigkeit, einen Aal am Schwanz zu halten, aber zwanzig
Aale solle der Teufel regieren; denn so etwas knne nicht verlangt werden von
einem Manne und Familienvater, der sich selber schwach und matt genug fhle und
erst am Nachmittag von seinem einzigen Sohn so infam in die Presse genommen
worden sei!
    Es kann natrlich auch von uns nicht verlangt werden, da wir den ganzen
Vortrag hier abdrucken, sowenig als wir eine Photographie des Vortragenden
beilegen werden: doch geben wir an dieser Stelle ein Bruchstck des Schlusses,
welches uns dann zu einer Katastrophe fhrt, die niemand voraussehen konnte,
weder der Redner selbst noch seine Freunde und merkwrdigerweise auch der Herr
Polizeidirektor nicht.
    Mit dem geflligsten Lcheln sich von dem soeben wieder angefhrten Herrn
ab- und von neuem an sein Gesamtpublikum wendend, sprach Hagebucher folgendes,
indem er sich aus den realistischen Einzelheiten seiner afrikanischen
Erfahrungen zu einer letzten allgemeinen Betrachtung erhob:
    Ich habe Ihnen manches erzhlt, meine Herrschaften, was mir erst whrend
des Erzhlens in den Sinn kam; ich habe Ihnen einen grimmigen Ernst in einem so
heitern Licht gezeigt, wie mir nur irgend mglich war, und hoffe Sie nicht
allzusehr gelangweilt zu haben. Es ist etwas Gewaltiges um den Gegensatz der
Welt, und die zweiundneunzigste Nacht der arabischen Mrchen wei davon zu
berichten. Wenn der Knig von Serendib auf seinem weien Elefanten ausreitet, so
ruft der vor ihm sitzende Hofmarschall von Zeit zu Zeit mit lauter Stimme: Dies
ist der groe Monarch, der mchtige und furchtbare Sultan von Indien, welcher
grer ist, als der groe Salomo und der groe Maharadscha waren! - Worauf der
hinter Seiner Majestt hockende erste Kammerherr ruft: Dieser so groe und
mchtige Monarch mu sterben, mu sterben, mu sterben! - Und der Chor des
Volkes antwortet: Gelobt sei der, der da lebt und nie stirbt! Meine
hochverehrten Herrschaften, es ist niemand auf Erden, wes Standes und
Geschlechts er auch sein mge, den diese drei Rufe nicht fort und fort auf
seinem Wege von der Wiege bis zur Grube umtnen. Wohl dem, der seines
Menschentums Kraft Macht und Herrlichkeit kennt und fhlt durch alle Adern und
Fibern des Leibes und der Seele! Wohl dem, der stark genug ist sich nicht zu
berheben, und ruhig genug, um zu jeder Stunde dem Nichts in die leeren
Augenhhlen blicken zu knnen! Wohl dem vor allen, dem jener letzte Ruf berall
und immer der erste ist, welchem der ungeheure Lobgesang der Schpfung an keiner
Stelle und zu keiner Stunde ein sinnloses oder gar widerliches Rauschen ist und
der aus jeder Not und jeder Verdunkelung die Hand aufrecken kann mit dem Schrei:
Ich lebe, denn das Ganze lebt ber mir und um mich! - Meine Damen und Herren, es
ist etwas sehr Schnes und unter Umstnden recht Angenehmes um den Gegensatz -
war es nicht die Lust am Kontrast, welche Sie alle bewog, mir heute abend so
zahlreich in diesem Saale Ihre Gegenwart zu schenken? Sie sprachen zueinander
oder zu sich selbst: Hier ist ein Mensch zu uns gekommen der zwlf Jahre bei den
Unterirdischen wohnte, whrend wir ohne Unterbrechung im Licht des frhlichen
thers unser Dasein weiterspinnen durften. Jener wird drollige, seltsame Dinge
zu erzhlen wissen; hren wir seine Mmoires d'outre-tombe, machen wir uns den
Spa, dieses Irrlicht, diesen Spuk auf dem Grabe seiner eigenen Existenz tanzen
zu sehen! - Meine Hochzuverehrenden, das Gespenst hat getanzt, und Sie vernahmen
den Anfang dessen, was es Ihnen gern mitteilen mchte. Sie waren viele Wachende
gegen einen Trumenden, viele Sehende gegen einen Geblendeten: ich aber habe
jetzt nur den einen Wunsch, da Sie alle Ihre Rechnung - -
    Die beiden Wachskerzen gerieten ins Schwanken auf dem schwankenden
Tischchen; in dem Augenblick, als der Vetter Wassertreter seinen Leonhard
glcklich aus allen Gefahren, Tiefen, Untiefen, Brandungen und Wirbeln des
Abends an das Land gerettet glaubte, jagte dieser ihm einen Schrecken ein,
welcher ber alle seine vieljhrigen Nippenburger Erfahrungen ging.
    Der Redner stockte im besten Flusse seiner Rede und starrte in den Saal, als
tauche nunmehr ihm selbst in den Reihen seiner Zuhrer ein Gespenst auf, ein
Geist, welchen er in diesem Augenblicke nicht gerufen hatte.
    Und so war es auch! Und die ganze Versammlung merkte so gut wie der
Geisterseher selbst, da sich ein unerwarteter Gast in ihre Mitte gedrngt habe,
obgleich sie ihn nicht wie jener erblickte oder, wenn sie ihn auffand, ihn doch
nicht erkannte.
    Ganz im Hintergrunde des Saales, aber blo von einer Gasflamme beleuchtet,
erhob sich ber die hbschen Gesichtchen der beiden Tchter des Postrats
Zwirnemann ein anderes Gesicht, brtig, sonnverbrannt und gefurcht und zerfetzt,
als ob eine Tigerkatze mit ausgespreizter Kralle hineingeschlagen habe.
    Der Herr van der Mook!... Wenn der wilde, zerzauste Fremdling vorgesprungen
und mit einem Satz und dem schnsten Gru von Abu Telfan und der Madam Kulla
Gulla dem Redner an den Hals geflogen wre, so wrde das diesen nicht so sehr
aus dem Konzept gebracht haben als die ziemlich entgegengesetzte Art, in welcher
er seine Freude am Wiedersehen und Wiedererkennen kundgab. Der Herr van der Mook
legte den Zeigefinger der linken Hand bittend auf den Mund und schttelte
drohend die rechte Faust gegen den erstarrten Hagebucher die Vorlesung war
unbedingt zu Ende, und der Pulsschlag des Vetters Wassertreter stockte wie das
Wort des Redners.
    Noch einmal versuchte der letztere seinen Faden wiederzufinden; aber er gab
es schnell auf und schlo mit der konfus und undeutlich hervorgestotterten
Versicherung, da er in acht Tagen, wenn das Schicksal es erlaube, da fortfahren
werde, wo er jetzt endige. Das Schicksal, soweit es sich an dem heutigen Abend
durch den Polizeidirektor Betzendorff vertreten lie, lchelte fein und
verbindlich; es pflegt das bekanntlich hufig so zu machen, auch in Fllen, wo
seine Schluentscheidung noch lange nicht feststeht.
    Folgte das Getmmel des Aufbruchs und ri alle in dem gewhnlichen
ungemtlichen Durcheinander aus dem Saale fort, die bleiche, erregte Nikola
unter dem Schutze der Mutter, des Gatten und des Herrn von Betzendorff. Mit den
verschiedenartigsten Gefhlen drngten sich die Freunde um den verwirrten,
schwitzenden, betubten Redner, der nicht ein Wort von dem, was sie ihm zu
bemerken hatten, verstand.
    Van der Mook, van der Mook! murmelte er, sich gegen die Tre drngend;
aber der Befreier war verschwunden, und Tubrich-Pascha, der Wchter an der
Tre, hatte nur gehorcht, aber nicht gesehen. Der spukhafte Finger und die
gespenstische Faust duldeten keine zu laute und zu sehr das Aufsehen der
Menschen erregende Nachforschungen; es blieb dem fiebernden Mann aus dem
Tumurkielande nichts anderes brig, als sich den Freunden wieder anzuschlieen
und eine sehr zerstreute und geistesabwesende Hauptperson bei dem feierlichen
Mahl zu sein, welches der Professor Reihenschlager oder vielmehr des Professors
Tochter ihm, dem Vetter Wassertreter und dem Ritter von Bumsdorf hatte bereiten
lassen.

                              Neunzehntes Kapitel


Es war ein braves Essen und machte dem Charakter der kleinen, wackern Serena
alle Ehre. Der Wein des Professors war recht zu loben; wre nur auch die
Gemtsverfassung der Schmausenden zu loben gewesen. Sie lie alles zu wnschen
brig: selbst auf die heitere Seele des Vetters Wassertreter drckte allmhlich
ein schwarzes Gewlke; der Gastgeber war still und nachdenklich, die Tochter
fast noch stiller und nachdenklicher, und der Ritter von Bumsdorf a und trank,
aber ohne Genu. Ein umgekehrter alter gypter, hatte er nicht seinen
verstorbenen Grovater, sondern seinen hchst lebendigen Herrn Sohn sich
gegenber an der Wand lehnen und lie sich von ihm den guten Humor mit
ebensolcher Berechtigung verderben wie irgendein thebanischer oder memphitischer
Grundbesitzer vor viertausend Jahren den seinigen durch die anrchigste
Ahnenreihe.
    Wie immer vergngten sich diejenigen am meisten, die Gewinn und Verlust des
Tages oder der Stunde am wenigsten berechnen konnten. Tubrich-Pascha war fest
berzeugt, da sein Patron, wie er sich ausdrckte, heute gradso einen groen
Sieg ber die Residenz gewonnen habe als der Knig Xerxes von Griechenland ber
den Kaiser Alexander von Persien. Sievers, der stahlherzige Vasall des Hauses
Bumsdorf, hatte einen Taler von seinem jungen Herrn Hugo empfangen und hielt ihn
im seligsten Bewutsein fortwhrend warm in der linken Hand und in der linken
Tasche seiner gelben ledernen Hose. Beide, der Pascha und der Vasall, saen in
der Kche des Hauses Reihenschlager, und beide Mgde des Hauses hatten Befehl,
ihnen den Aufenthalt drin so angenehm als mglich zu machen. Als die Glocke der
Mitternacht erklang, fand es sich, da die Zeit in den untern Rumen des Hauses
viel schneller und angenehmer hingegangen war als in den obern, und es bedurfte
lngerer und dringender berredung, um den biedern Knappen zu bewegen, die Rieke
vom rechten Knie freizulassen und seinem Ritter in den Pelz zu helfen.
    Pilz und Schaumlffel hatten viel von ihren Studentenjahren gesprochen, aber
die besten Schnurren in Anbetracht der Gegenwart des Fruleins fr sich behalten
mssen. Der Herr von Bumsdorf hatte mit dem Frulein konomie -
Gartenwirtschaft, Milchwirtschaft und Federviehzchtung - getrieben. Von der
Vorlesung war kaum noch die Rede gewesen, und Leonhard Hagebucher durfte sich
seinen unruhigen Gedanken, dem Gewimmel von Fragezeichen in seiner Seele
ungestrt hingeben: jeder der Anwesenden hatte sich vorgenommen, ihm seine
Ansichten ber den Abend in einem ruhigen Augenblick ausfhrlich mitzuteilen;
allein diese stille Minute hatte sich fr niemanden gefunden. Es war brigens
auch besser so.
    Als die Herren aufbrachen, drckte der koptische Professor seinem
Mitarbeiter an der groen Grammatik die Hand und sprach dumpf:
    Morgen, lieber Hagebucher!
    Und Hagebucher antwortete zerstreut:
    Es wird sich wohl fr alles eine Zeit finden! - Frulein Serena, ich danke
herzlich fr die gtige Bewirtung.
    O ich habe zu danken! rief die kluge Tochter des gelehrten Vaters. Sie
haben uns heute ganz andere Dinge, als in meinem Kochbuche zu finden sind,
zusammengerhrt und aufgetragen! Nun, der liebe Gott mge jedem von uns einen
gesunden Schlaf nach der Aufregung verleihen.
    Ein guter Wunsch! Wollen Sie einen Ku dafr, Liebchen? rief der Vetter
Wassertreter, aber Serena versteckte sich lachend und kopfschttelnd hinter dem
Papa, und auch der Wegebauinspektor fuhr endlich in seinen Pelz. Man nahm
Abschied; dreimal nahm man Abschied. Zuerst an der Tr des Speisezimmers, sodann
oben und zuletzt unten an der Treppe; an der Haustr aber fate der Vetter den
Hospes in die Arme, streckte ihm den Kopf ber die rechte Schulter und sthnte:
O Pilz, dein Keller!, streckte ihm den Kopf ber die linke Schulter und
seufzte: O Pilz, dein Herz!, schob ihn sodann von sich, legte ihm beide Hnde
auf die Schultern, blickte ihm gerhrt in die Augen und stammelte unter einem
langen, langen Ku:
    O Pilz, deine Tochter!... Gute Nacht, Pilz! -
    Es kostete einige Mhe, die beiden alten Herren und den Vasallen im Hotel de
Prusse in ihre Betten zu bringen; aber endlich gelang es wie alles, was man mit
Geduld und Liebe angreift. Gegen ein Uhr wandelten Hagebucher und Tubrich
allein ihrer Behausung in der Kesselstrae zu - der Pascha betrunken-weinerlich,
Leonhard vollkommen nchtern, dessenungeachtet aber verwirrt und betubt wie
kein anderer Bewohner der Residenz in dieser Nacht.
    Je mehr er ber das pltzliche Erscheinen und Verschwinden jenes Mannes,
welchem er zu so vielem Dank verpflichtet war, nachdachte, desto unbegreiflicher
erschien es ihm. Hatte er denn wirklich recht gesehen? Hatte er sich nicht
getuscht? Hatte die Erscheinung wirklich und wahrhaftig Fleisch und Blut, und
war sie nicht blo ein Spiel der durch das eigene Wort erregten Phantasie, eine
Folge der bermigen Exaltation des Abends? Die Antwort auf diese Frage blieb
immer dieselbe: der Herr van der Mook war ebenso unvermutet im Saale der
Harmonie erschienen wie einst zu Abu Telfan im Tumurkielande, Knigreich
Dar-Fur. In seinen Unterhosen auf dem Rande seines Bettes sitzend, sprach der
Redner, nachdem er dem schlaftrunkenen Pascha die ungeheure Tatsache so klar als
mglich gemacht hatte, ein letztes hohes Wort.
    Tubrich, sagte er, Tubrich, wenn ich morgen frh nicht wieder erwachen
sollte, so geben Sie mir den grten hlzernen Lffel, den Sie auftreiben
knnen, als Symbol mit in die Grube, und auf meinen Grabstein lassen Sie
schreiben: Er bekam sein Teil!
    O Je-rusalem! seufzte der Schneider, und seufzend zog Leonhard Hagebucher
die Fe in die Hhe, sah den Pascha aus der Tr wanken und blies das Licht aus.
Da der Herr van der Mook ihm jetzt nicht zum zweitenmal erschien, war
gleichfalls als ein beruhigendes Zeichen seines Wandelns unter den Lebendigen zu
nehmen, und da auch Leonhard am nchsten Morgen noch unter den Lebenden
aufstand, bewies klar, er habe den Lffel doch noch etwas zu voreilig neben die
Schssel legen wollen.
    Der Morgen kam und brachte durch die Stadtpost ein Billett, welches eine
Karte mit dem Namen van der Mook und die Notiz enthielt:
    Suchen Sie mich nicht, reden Sie nicht von mir; vielleicht werden wir am
    Abend irgendwo zusammentreffen; verlassen Sie also nach acht Uhr Ihre
    Wohnung nicht. Es ist mir recht angenehm gewesen, Sie so schnell und in so
    gnstig vernderten Zustnden wiederzufinden. Vielleicht habe ich
    mannigfache Gelegenheit, Ihren guten Willen und Ihre Hlfe in Anspruch zu
    nehmen. Leben Sie wohl.
Gleich einem Regengu auf ein drstendes Saatfeld wirkte dieses Schreiben auf
den afrikanischen Redner. Schnellkrftig erhob er sich aus tiefster moralischer
Zerknicktheit, aus klglichster, katzenjmmerlichster Versunkenheit.
Blitzschnell fuhr er aus dem Bett und in die Kleider; unter seinen Schritten
erdrhnte der Fuboden, und mit unverhohlenem Staunen blickte Tubrich-Pascha
auf die merkwrdige Vernderung in Wesen und Erscheinung seines Patrons und
htte sich gern das Rezept davon ausgebeten; aber Hagebucher achtete wenig auf
ihn, sondern griff bald nach Hut und Regenschirm, um nach dem Hotel de Prusse zu
eilen und den Vetter Wassertreter sowie den Ritter von Bumsdorf nach Nippenburg
abfahren zu sehen.
    Es war, wenngleich ziemlich warm, doch ein arger Nebel; aber der graue Tag
besa nicht mehr die Macht, niederdrckend auf den Mann vom Mondgebirge zu
wirken. Er schritt weit aus durch die schmutzigen Gassen und kmmerte sich um
nichts. Manche Leute blieben stehen, blickten ihm nach, steckten flsternd die
Kpfe zusammen oder deuteten gar mit den Fingern auf ihn; er lie sie gewhren
und zog den Kopf nicht mehr zwischen die Schultern. Was ging es ihn an, was man
ber ihn dachte und sprach?
    Im Hotel fand er die beiden alten Herren ber einem stillen Frhstck; der
Dynast hatte eine offene Brieftasche neben dem Teller liegen, notierte mrrisch
lange verdrieliche Zahlenreihen und verdarb sich den Genu des Chteau-la-Rose
durch allerlei Rechenexempel, welche er nicht ein einziges Mal zu seiner
Zufriedenheit lste.
    Na, gottlob, da ist er endlich! rief der Vetter. Das ist mir ein
liebliches Verfahren! Man kommt Seinetwegen, um Ihm eine Ehre anzutun, durch
Sturm, Schnee und Regen vom Ende der Welt, von Nippenburg und Bumsdorf, und hier
sitzt man mit einer Welt von Komplimenten im Sack, wie ein junges Mdel, das auf
einen Heiratsantrag wartet, und kann sie sowenig an den Mann bringen als jenes,
sondern mu eben warten, bis es dem Herrn gefllig ist nachzufragen, wie das
Befinden ist. Hurra, mein Sohn, jetzt strze dich mit verdoppelter Schnelligkeit
an meinen Busen! Du bist als ein groer Mann, als ein ungeheurer Mensch, sowohl
was den Charakter als was das Talent anbelangt, aus dem Hinterstbchen des
Vetters Wassertreter hervorgegangen. Ksse mich, mein Kind; noch eine solche
Rede wie die gestrige, und sie werfen dich hier gradesogut vor die Tr wie der
Alte in Bumsdorf! Aber der Schlssel liegt noch immer unter dem Uhrgehuse, und
ich brauche wieder nicht mehr zu sagen. O Leonhard, Leonhard, da ich dieses
noch erleben durfte! Den alten Goethe hab ich nur von hinten gesehen, aber dich
kann ich von hinten und von vorn herzen, was fast ein noch grerer Genu ist.
Ja, so mute er aussehen, der Mann mit dem vernichtenden Blick, der berufen war,
fr einen Gulden Entree die Person, dem deutschen Philistertum den Kopf auf
afrikanische Art zu waschen! O herrje, das Volk hier in der Residenz wird frs
erste sicher nicht wieder verlangen, da du ihm spanisch kommst!
    Ja, Sie sind ein Sohn, der seinem Vater Freude macht! sprach der Ritter,
seine Brieftasche mit siebenfltigen Lederriemen verknpfend und sie mit einem
Seufzer tief in seine Brusttasche versenkend. Erst nachdem der Ausspruch getan
war, erinnerte er sich, da auch Hagebucher senior sein Glck wohl zu tragen
wisse, blickte etwas verlegen den Redner von unten nach oben an und ergnzte
seinen Stoseufzer durch ein bedeutungsreiches Ja so!, welches dem Vetter
Wassertreter zu einem neuen herzerfrischenden Gelchter verhalf. Mit gutem
Appetit lie sich Leonhard am Tische nieder und trug kauend und schlrfend den
ebenfalls mit ungeschwchten Krften und munterer Behendigkeit von neuem ans
Werk gehenden Alten die besten Gre an die Heimat - an den Bumsdorfer Gutshof,
an Frau Klaudine, an Mutter und Schwesterchen und wo mglich auch an den Papa
auf. Um halb zehn Uhr gab s einen gerhrten Abschied; Sievers, der Vasall,
welcher in der Hauptstadt an einem fortwhrenden leichten Schwindel zu leiden
schien, meldete, die Post werde in einer halben Stunde abgehen; der Oberkellner
brachte die Rechnung und die Nachricht, da eine Droschke vor der Tr halte. Man
leerte ein letztes Glas, wnschte dabei einander alles Gute und verpflichtete
sich, zu jeder Zeit das Beste voneinander zu denken. Nippenburg und Bumsdorf
schickten auch noch dem Professor und des Professors Tchterlein ihre schnsten
Gre, und der Dynast sprach die gediegene Absicht aus, denselben in den
allernchsten Tagen zwei merkwrdig schne und in betreff der Trichinen ber
jeden Verdacht erhabene Schinken sowie einen gleichfalls garantierten Korb voll
frischer Wrste folgen zu lassen. Nachdem nun noch Leonhard recht unntigerweise
seine Verwunderung darber ausgesprochen hatte, da der Leutnant nicht auch
erscheine, um dem Erzeuger Lebewohl zu sagen, und nachdem der landbebauende
Greis seine Meinung energisch dahin verffentlicht hatte, ihm liege nicht das
geringste an dem Schlingel!, fuhr man ab, das heit, Leonhard sah von der Pforte
des Wirtshauses aus die beiden Alten und den Vasallen abfahren und blickte ihnen
ernst bis zur nchsten Ecke nach. In dem Augenblicke, wo der Vasall vom Bock zum
letztenmal mit dem Hute winkte, fhlte der Afrikaner einen Schlag auf der
Schulter und vernahm dicht neben sich den vergngten Ruf:
    Da fahren sie hin! Fort ist er! Hurra! Bumsdorf und Nippenburg fr immer!
    Der Herr Leutnant Hugo von Bumsdorf hatte, im Billardzimmer des Hotels
verborgen, seinen kindlichen Gefhlen allen mglichen Zwang angetan; aber lnger
hatte er's nicht getragen. Da stand er jetzt und lie den schnsten, innigsten,
zartesten Regungen seiner Seele freiestes Spiel.
    Ich sage Ihnen, Hagebucher, das war gestern ein heier Tag fr uns alle
beide, und wenn er Ihnen so schwer wie mir in den Knochen liegt, so werden Sie
heute frh zu Bett gehen und Ihrem Schutzpatron ein recht anstndiges Wachslicht
versprechen, wenn er Sie ruhig die Decke ber den Kopf ziehen lt. Ich hatte
mich auf manches eingerichtet und mich fr allerlei kleine Verdrielichkeiten
mit dem ntigen Stoizismus gewappnet; aber, sollten Sie es glauben, schon der
zweite Jude war diesem entarteten Greise zuviel, der dritte machte ihn
vollkommen rabiat, und als nun gar im Laufe der Unterhaltung die Rede auf den
armen Roland kam - Sie kennen das vortreffliche Vieh und wissen Blut und Zucht
zu schtzen, Hagebucher - da - o Hagebucher, ein letzter schner Rest kindlicher
Piett verbietet mir das Wort, schweigen wir! Lassen wir still den Mantel ber
den Papa Noah fallen, und genieen wir heiter und unbefangen unsere Jugend; denn
siehe, es wird auch fr uns die Zeit kommen, da wir von Bumsdorf herziehen
werden, um die Schulden unserer Shne zu bezahlen.
    Die letztere Vorstellung sollte einen jungen Gesellen wie Sie freilich
reizen, die Gegenwart nach Mglichkeit zu genieen, rief Leonhard lachend.
Einem alten Knaben gleich mir wird ein solcher Gedanke weder am guten noch am
bsen Tage hinderlich oder frderlich werden.
    Er rgerte sich aber doch ein wenig, als der Leutnant treuherzig sprach:
    Da haben Sie recht, Hagebucher.
    Sie hatten beide Arm in Arm den Torweg des Hotels de Prusse verlassen und
schritten vertraulich nebeneinander durch die Straen. Jetzt aber zog pltzlich
Herr Hugo von Bumsdorf seinen Arm aus dem des Afrikaners und sagte:
    Wissen Sie, Hagebucher, wenn mir diese bunte Jacke nicht lngst zum Ekel
geworden wre und wenn es mir irgend darauf ankme, Karriere zu machen und im
vierzigsten Jahre Hauptmann zweiter Klasse zu werden, so wrde ich mich ganz
gehorsamst hten, mit Ihnen hier so bras dessus, bras dessous am hellen Mittag
vor den Augen der Hauptstadt zu wandeln. Haben Sie eben den Blick des Geheimen
Kriegsrats Canini bemerkt? Nicht?! Nun, um so besser fr die Ruhe Ihrer armen
Seele. Ich sage Ihnen, der Mann gilt etwas, Sie aber gelten nichts; im
Gegenteil, seit dem vorigen Abend gibt es keinen zweiten Menschen, der so tief
in der Achtung und Neigung der dirigierenden Kreise steht wie Sie. Bester
Freund, wenn der Staat einmal anfngt, Prmien fr das Ausplaudern der Wahrheit
auszusetzen, dann wollen wir Sie wiederrufen; aber bis dahin frben Sie sich
geflligst selber schwarz und verziehen Sie sich ruhig wieder in das heieste
Afrika; Sie werden dort unbedingt khler sitzen als hier bei uns. Fragen Sie nur
meine arme Kusine Nikola; die hat auch gemeint, es sei eine Kleinigkeit und
jedes Menschen angeborenes Recht, ein vergngter, frischer und ehrlicher Kerl zu
bleiben; aber man hat sie nach Gebhr mit der Rute in die Ecke zurckgefegt, und
sie sitzt jetzt still genug in dieser Ecke. Was sehen Sie mich an? Na, mein
Gutester, ein Unterleutnant, welchem vom Papa der Kopf gewaschen wurde wie mir,
ist zu jeder philosophischen Betrachtung fhig und hat einen anstndigen
berschu trefflicher Lehren und Warnungen an gute Freunde abzugeben Guten
Morgen!
    Guten Morgen! sprach Hagebucher und blickte dem seitwrts abtnzelnden
jungen Krieger lngere Zeit nach; aber der Gedanke an den Tag der Erlsung aus
den Banden von Abu Telfan, der Gedanke an den Herrn Kornelius van der Mook
berwog alles andere, und festen Schrittes erreichte er die Kesselstrae.
    Vor der Tr seines Hauses stand Tubrich-Pascha mit schlaff herabhngenden
Armen und klglichst verzogenen Lippen, und neben ihm stand ein gut
uniformierter wohlgeftterter Bote der Tochter des Erebus und der Nacht, welche
die einen Adrastea, die andern Nemesis und wieder andere anders nennen. Dieser
Gesendete der Gttin des Maes, des Einhalts und der Vergeltung lie nichts
herabhngen, sondern berreichte dem herantretenden Afrikaner ein umfangreiches,
groversiegeltes Schreiben der hochlblichen Polizeidirektion. Dieser Bote
lchelte nicht; aber der Herr Polizeidirektor lchelte auf das leutseligste aus
diesem Schreiben, in welchem er sich die Ehre gab, dem wohlgeborenen Herrn
Leonhard Hagebucher P.P. mitzuteilen, da, wie sehr er - der Herr
Polizeidirektor - vom Nutzen ffentlicher Vortrge, gleich dem am gestrigen
Abend mit hohem Interesse vernommenen, auf die Bildung und Erbauung des
Publikums berzeugt sei, er sich doch nicht der berzeugung verschlieen knne,
auch hier msse das Gute dem Bessern, nmlich das Vergngen des Publikums dem
Wohlergehen desselben weichen. So msse er - der Herr Polizeidirektor -
gestehen, da er sich leider mit der Art und Weise, wie der Herr Hagebucher das
Problem, der Gesellschaft Geschichten zu erzhlen, auffasse, durchaus nicht im
Einklang befinde, wie denn auch von anderer sehr magebender Seite unbedingt
dagegen Verwahrung eingelegt worden sei. Mit dem innigsten Bedauern sehe er -
der Herr Polizeidirektor - sich deshalb gentigt, dem verehrten Herrn die
Mitteilung zu machen, da eine hohe Behrde nach reiflicher berlegung zu der
berzeugung gekommen sei, es sei ihre Pflicht, ein ruhiges, aber festes Veto
gegen alle fernern Produktionen dieser Art einzulegen.
    Zum Schlu dieses hflichen und konfidentiellen Amtsschreibens empfahl sich
der Briefschreiber dem Adressaten mit ausgezeichneter Hochachtung und hing zur
letzten Zierde mit einem kunstvollen Schnrkel seinen Taufund Familiennamen
sowie seinen Titel darunter:

                             Johann v Betzendorff,
                          Frstlicher Polizeidirektor.

Der Pascha seufzte: O Jerusalem! Leonhard Hagebucher aber schob den Wisch in
die Tasche, lie durch den Diener der ffentlichen Sicherheit an den Direktor
derselben einen recht schnen Gru bestellen und stieg nicht in seine Wohnung
hinauf, sondern ging zum Professor Reihenschlager, weniger um sich seinen Rat
und Trost, als um von dem Tchterlein eine Tasse Kaffee zu erbitten.
    Der koptische Gelehrte wute auch weder Rat noch Trost; er lag moralisch und
krperlich zerschlagen auf seinem Sofa und sprach nur den Wunsch aus, sich aus
dieser verruchten Welt gnzlich zurck in den Bauch der groen Pyramide ziehen
zu knnen. Serena, hellugiger als je, wute dagegen ihrer Heiterkeit kaum
genugzutun. Summend und singend umschritt sie ihre Kaffeemaschine und
behauptete, der Herr Polizeidirektor sei ein Mann ganz nach ihrem Herzen, der
wisse, was sich schicke, und der Papa und der Herr Hagebucher sollten sich von
Rechts wegen schnstens bei ihm bedanken, weil er so schnell solcher Parade
ein Ende gemacht habe. Frulein Serena Reihenschlager ging so weit, zu
behaupten, da es sich eigentlich fr einen gescheiten und ordentlichen Mann gar
nicht schicke, sich so ffentlich zum Narren zu machen.
    Ich will keinen Namen nennen, sprach sie, aber ich kenne Leute, die
sollten ihrem Gott danken, da niemand sie hindert, sich ihre Meinung ber ihrem
hinterindischen Wrterbuch und ihrer trkischen Grammatik unter vier Augen zu
sagen. Es ist immer etwas anderes, ob jemand innerhalb seiner vier Wnde sich
auf den Kopf stellt oder ob er auf freiem Markte auf dem Seil tanzt, und das ist
meine Ansicht von der Sache!
    Und es ist eine sehr vernnftige Ansicht, Frulein Serena! rief Leonhard.
Ach, in welcher prchtigen Welt lebten wir, wenn die verstndigen Leute ihren
guten Rat stets zur rechten Zeit kundgeben wrden! Jetzt bitte ich um eine
zweite Tasse Kaffee.
    Und mir stopfe meine Pfeife, Kind, sagte der Professor und wendete sich an
den jungen Hausfreund mit den tragischen Worten: Es ist die erste heute!

                              Zwanzigstes Kapitel


Um sieben Uhr trat der Afrikaner aus der mrchenhaftesten Behaglichkeit in den
sehr unfreundlichen dunkeln Abend hinaus. Unter dem dreifach beruhigenden
Einflu des Tchterleins, der Pfeife und des koptischen Wrterbuchs hatte der
Professor fest, aufrecht, aber gemchlich, wie es dem Mann und dem Gelehrten
geziemt, in seinem Lehnstuhl Posto gefat, und Leonhard Hagebucher mute seine
Aufmerksamkeit so sehr zwischen dem Lexikon und der zierlich umherhuschenden
Serena teilen, da ihm die Stunden bis zum Dunkelwerden schnell und lieblich
vorberglitten. Mit der Dmmerung freilich kam die Erinnerung an jenen, welcher
drauen vor der Tr wartete, strker zurck: Leonhard a nicht bei dem Professor
Reihenschlager zu Nacht, sondern nahm Abschied und sah auf seinem Wege zur
Kesselstrae hufig ber die Schulter nach dem Herrn van der Mook aus und blieb
mehr als einmal stehen, wenn ein Mnnerschritt in der Dunkelheit hinter ihm
erklang. Der Herr van der Mook trat ihn jedoch weder in der Gasse an, noch
erwartete er ihn an der Haustr; aber in dem Augenblick, als der Mann aus Abu
Telfan den Schlssel im Schlo seiner Stubentr umdrehte, erschien Tubrich auf
der Schwelle seines Gemaches, winkte und flsterte:

    Sidi, ich habe einen Gast, der Sie lnger als eine Stunde bei mir
erwartet.
    Mit einem Sprung stand Leonhard in der Dachkammer des trumenden Schneiders,
allein er fand sich wiederum nicht dem Herrn van der Mook, sondern einem
gnzlich unbekannten, ltern Herrn von militrischem Aussehen gegenber.
    Eine trbe Lampe brannte auf dem Tische und verbreitete eine kaum
ausreichende Helle durch das Gemach. Neben dem Tische sa der Gast des Paschas
auf dem einzigen Stuhle des Paschas, erhob sich jedoch sogleich beim Eintritt
Hagebuchers, machte eine kurze Verbeugung und sprach mit einer harten Stimme:
    Mein Name ist Kind - pensionierter Leutnant der Strafkompanie zu
Wallenburg. Ich komme im Auftrage eines von Ihnen gekannten Mannes, des Herrn
van der Mook. Derselbe befindet sich augenblicklich in meiner Behausung ein
wenig unplich und bittet Sie durch mich, Herr Hagebucher, ihm am heutigen
Abend noch die Ehre Ihrer Gesellschaft zu schenken. Ich wrde mich zu Ihrer
Verfgung stellen und Sie sogleich zu ihm fhren.
    Der Mann hatte etwas absonderlich Rostiges an sich, und die Anrede war nur
mit einem Stck brchigen Eisen, welches einem vor die Fe geworfen wird, zu
vergleichen; doch in atemloser Aufregung erklrte sich Leonhard auf der Stelle
bereit, dem Rufe seines Befreiers Folge zu leisten, und lieh seinen
berstrmenden Gefhlen mehr Worte, als es sonst seine Art und Gewohnheit war.
    Es ist gut, gehen wir! sagte der Leutnant, drckte den Hut auf den Kopf,
nahm den Stock unter den Arm, schritt mit einer zum Folgen einladenden
Handbewegung aus der Tr, kommandierte auf dem Vorplatze: Licht! und lie den
ngstlich vorschnellenden Schneider, der sich in seiner Gesellschaft keineswegs
wohl gefhlt zu haben schien, mit der Lampe voraus treppab leuchten. In der
Gasse deutete er zur Rechten, kommandierte den Pascha in das Haus zurck und
schritt weiter wie ein Mann, der die Kunst, jemanden abzuholen, auf ihr
allereinfachstes Prinzip zurckzufhren wnscht.
    Vergebens versuchte Leonhard es noch einige Male, den schweigsamen Mann in
ein Gesprch zu ziehen; der Leutnant lie sich auf nichts ein und antwortete auf
jede Frage:
    Ich bin in dieser Hinsicht nicht beauftragt und kann Sie nur an den Herrn
van der Mook selbst verweisen.
    Auch seine Schritte beschleunigte er nicht der Ungeduld des Afrikaners
gem. Im ruhigen Marschtempo fhrte er den Begleiter einen weiten Weg quer
durch die Stadt bis zu den Teichen, von welchen aus die Residenz in Feuersgefahr
mit dem ntigen Wasser versehen wurde. Hier in einer ziemlich unangebauten und
verrufenen Gegend stand zwischen halb verwsteten Grten, Lehmgruben,
Schutthaufen, Zimmerpltzen das de, kahle, ungetnchte und unbemalte Haus, in
welchem der Exleutnant der Strafkompanie wohnte; und nur ein Mann wie er konnte
hier seinen Aufenthalt nicht ungern nehmen.
    Eine steile, neue, aber doch gebrechliche Treppe fhrte der Bote des Herrn
van der Mook seinen Begleiter hinauf und riet ihm, sich links zu halten; denn es
fehle der Bequemlichkeit rechts ein Gelnder und es sei bereits ein junges,
unvorsichtiges Mdchen hier zwei Stockwerke tief hinuntergestrzt und habe das
Rckgrat gebrochen.
    Auf dem dritten Absatz sprach der Leutnant Kind: Hier!, ergriff die Hand
Hagebuchers und leitete ihn durch die tiefste Finsternis zu einer Tr, welche
er, ohne anzuklopfen, ffnete. Ein schlecht erhelltes Zimmer, welches in keinem
Stcke sich mit dem Gesamteindrucke des Hauses in Widerspruch setzte, einige
schlechte Gertschaften, ein eisernes Feldbett, ber welchem ein Offiziersdegen
an der Wand hing! Auf dem Bette die Gestalt eines Mannes, der sich in seinen
Kleidern darauf hingeworfen hatte! Der Herr van der Mook!
    Da sind Sie endlich! rief Leonhard Hagebucher. Gelobt seien alle Mchte,
an welche Sie glauben!
    Er beugte sich nieder, und der Liegende richtete sich halb empor und reichte
dem Manne aus dem Tumurkielande eine heie Hand zum krftigen Druck.
    Wie ein Mdchen nach dem Brutigam, so habe ich mich nach Ihnen gesehnt,
van der Mook. Jetzt habe ich Sie endlich, und Sie sollen mir diesmal nicht so
entgehen wie damals in Chartum! Und Sie sind also doch ein Deutscher?! Wahrlich,
es war nicht recht, erst einem armen Teufel einen so groen Dienst zu leisten
und sich sodann schroff und grob wie jeder andere Deus ex machina von neuem in
die Wolke zu hllen.
    Habe ich Ihnen einen Dienst geleistet? Glauben Sie heute, in dieser Stunde
wirklich noch, mir fr meinen zuflligen Besuch der Htten von Abu Telfan
dankbar sein zu mssen? fragte Herr van der Mook mit einem wilden Lachen. Ja,
dann war es in der Tat unrecht, da ich mir nicht als Erlser und Befreier von
Ihnen die Hand kssen lie; dann bitte ich dafr demtigst um Verzeihung und
werde Ihnen alle nur mgliche Genugtuung fr meine frheren Unterlassungssnden
geben. So habe ich Ihnen wirklich einen Gefallen getan, als ich Sie jener
schwarzen Hexe abkaufte? So haben Sie mich nicht seitdem tausendmal in den
tiefsten Abgrund fr mein zudringliches Eingreifen in Ihr Geschick verwnscht?
Sie segneten mich, whrend ich mir hufig in stillen Stunden Gewissensbisse
wegen meiner Handlung machte; das ist wunderlich, sehr wunderlich, und ich
knnte fast Ihnen nun meinen Glckwunsch abstatten, wenn es mir nicht immer noch
unglaublich erschiene.
    Leonhard Hagebucher hatte einen Stuhl an das Lager des so bitter redenden
Mannes gezogen und sagte jetzt merkwrdig ruhig:
    Lieber Herr, als Sie mich zu Abu Telfan fanden, lag ich als ein
Bldsinniger auf Ihrem Wege. Damals brachte Sie der Zufall zu mir, und mit dem
letzten Hauch meiner Krfte rief ich Sie an, als Sie ber mich wegtraten. Durch
Ihre Hlfe wurde ich gerettet und habe, mit groer Mhe freilich, die
Bruchstcke meiner europischen Existenz wieder aneinandergekittet; was ist das
nun heute? Haben wir die Rollen jetzt vollstndig getauscht? Es ist kein Zufall
mehr, was uns in diesem Augenblick abermals zusammenfhrt; Sie sind krank und
rufen mich, wie ich Sie damals rief. Lassen wir also alle weitern Errterungen
des Vergangenen: hier bin ich, Mann, was soll ich fr Sie tun? Was kann ich tun,
um Sie aus Ihren Ketten zu befreien? Sie verleugneten mir frher Ihre
Nationalitt; werfen Sie jetzt alle Verkleidungen weg; wir wollen einander klar
in die Augen sehen, und ich denke, wir haben beide eine Schule hinter uns,
welche uns vor aller Verirrung in die Phrase schtzt.
    Ei, ei, Kamerad, wie besonnen! rief der Herr van der Mook, sich jetzt ganz
von seinem Lager erhebend. Aber Sie wissen doch nicht, wie sehr Sie recht
haben. Geben Sie mir noch einmal Ihre Hand; da, ich gre Sie herzlich, und
daheim im Tumurkielande wird alles wohl sein, und die alten Freunde und
Bekannten werden in alter Liebe Ihrer gedenken. Nun, vielleicht findet sich doch
noch eine Zeit fr diese gemtlichen Erinnerungen; jetzt aber, ohne Phrase, wie
Sie trefflich bemerken, o Leonhard Hagebucher, ich habe Sie ntig, und deshalb
rief ich Sie. Sie sollen erfahren, wer ich bin und wer ich war; aber es gehrt
mehr dazu, als Sie sich augenblicklich trumen lassen. Reden Sie jetzt,
Leutnant.
    Der Leutnant Kind hatte bis zu diesem Moment mit untergeschlagenen Armen am
Tische gelehnt und nicht durch eine einzige Bewegung oder Muskelzuckung
angedeutet, da das Gesprch zwischen den beiden andern Mnnern auch fr ihn
einen Sinn habe. Nun schttelte er sich ein wenig und sprach gegen die Wand oder
vielmehr, als ob er seine Erzhlung an den Degen ber dem eisernen Feldbett
richte.
    Um von mir anzufangen, Herr Hagebucher, so bin ich gewhnlicher Leute Kind
aus einem Kleinbrgerhause in hiesiger Stadt und habe keine gelehrte oder auch
nur ausreichende Erziehung genossen. Ich bin ein Friedenssoldat gewesen und habe
nur einmal in meinem Leben Feuer im Ernst kommandiert. Frs Militrwesen hatte
ich eine Vorliebe, weil es ein pnktlicher und ordentlicher Stand ist und man
sich drin reinlich und nach der Uhr halten mu und weil es keinen andern Stand
gibt, in welchem man seine Pflicht und Schuldigkeit so weit und klar
vorauskennt. Bin also Soldat geworden nach meiner Natur, und wenn ich kein
kluger und gelehrter Mann war, so konnte ich doch lesen, schreiben, rechnen und
nach den Kriegsartikeln stillstehen oder marschieren: damit brachte ich es im
Verlaufe der Zeit und, wie gesagt, durch angeborene Ordentlichkeit,
Pnktlichkeit und Adrettit zum Feldwebel. Dafr pate ich, und weiter ist mein
Wunsch nicht geflogen. Als Feldwebel nahm ich eine Frau und wei heute noch
nicht, wie ich dazu kam, einen andern Menschen so liebzuhaben, denn im Grunde
bin ich leider Gottes ein harter Mann, das wei ich, und habe wenig Freude am
Leben, und das ist auch meine Natur. Ich liebte aber mein Weib, wie mir selbst
zum Trotz, und sie mute es wohl zuletzt merken, wie lieb sie mir war, obgleich
es sicher schwer zu merken gewesen ist; sie war eine gute Frau, wie die meisten,
welche man anstndig behandelt. Jetzt ist sie tot, und mein Kind ist auch tot;
ich aber wei nicht, ob das mir recht ist oder ob es mir doch noch das Herz
abfressen wird. Ich habe mich wenigstens auf das letztere mit bester Fasson
eingerichtet, und so mag es kommen, wie es will. Mein Kind hatte ich auch lieb,
und als es noch ganz klein war und auf meinem Scho sa, da hab ich auch wohl
Stunden gehabt, in welchen ich die Welt ebenso rosenrot und golden sah wie die
andern Leute, welche der Herrgott nicht so aus Holz und Leder machte wie den
Feldwebel Kind. Ein Junge htte wohl besser zu mir gepat, allein ich nahm auch
das Mdchen dankbar hin, und ein schnes Mdchen ist's geworden, viel zu schn
und fein fr unsereinen. - Was ist der Mensch, wenn er sich nicht etwas Rechtes
zu sein dnket in allen Stcken, wenn er nicht das Geringste verrichtet, als ob
er die allergreste Ehre damit einlegen msse? Ein armseliger Tropf ist und
bleibt er, und ob ich gleich nur ein Friedenssoldat gewesen bin, so hab ich doch
so was mein ganzes Leben lang nicht an mich herankommen lassen. Keiner hat mir
was vorwerfen drfen. Wenn der Mensch einmal seiner Natur nach ein Militr ist,
dann soll er seine Ehre so blank halten wie seine Knpfe mit dem Wappen seines
Landesherrn, und kein Stubchen soll er dulden, sowenig auf seiner Renommee als
auf seiner Uniform. Es schickt sich nicht, ein Lump zu sein, und was sich nicht
schickt, das mag Gott nicht in der Welt und der Oberst nicht im Regiment leiden.
Glaubt's, ihr Herren, es mu hinaus, wie es sich auch sperrt und wehrt - alles
zu seiner Stunde, mag ihm lngere oder krzere Frist gegnnt sein. Stand also
mit dem Herrn Baron von Glimmern in einer Kompanie in der wilden Zeit des
Prinzen Reinald, und dem Baron hatte ich es zu verdanken, da ich das Portepee
und den Posten als Leutnant der Strafkompanie zu Wallenburg bekam, einen bsen
Posten, den man eben nur an Leute unserer Art vergibt und der mir eben wie eine
Kette mit eiserner Kugel an den Fu gelegt wurde, obgleich er meiner Frau eine
Seligkeit war, denn sie wuchs um einen Fu ber alle ihre Gevatterinnen hinaus.
's ist aber nicht ihr und mir, sondern unserer Tochter halber geschehen, da man
uns so ber unsern Stand erhhte; der Herr Oberleutnant von Glimmern hatte sie
in meinem Quartier, wo er sich gern und hufig in dienstlichen Angelegenheiten
zu schaffen machte, kennengelernt, und es war ein reinliches, sauberes, hbsches
Frauenzimmer, das steht fest; war aber bereits fest genug versprochen und hatte
ihren Schatz lieb. Der Soldat soll nicht rechts und nicht links gaffen, sondern
gradaus sehen, das hat sein Gutes fr den Dienst, kann aber fr den Menschen
allerdings Unbequemlichkeiten mit sich bringen, und fr mich brachte es diesmal
das Allerschlimmste. Des Mdchens Brutigam ist ein stattlicher, ehrlicher
Bursch gewesen, ein Schreiber bei dem Gerichtsrat Fehleysen, hat alle Aussicht
auf eine gute Versorgung gehabt und wre auch wohl vom Militrdienst frei zu
machen gewesen, wenn das in meinen Kopf gepat htte, allein es pate nicht. Ich
setzte ihn auf, meinen eigensinnigen Kopf, und verlangte, der Adolf solle seine
Zeit dienen so gut als jeder andere; denn es war meine Meinung, es knne
eigentlich niemand ein ordentlicher Hausherr oder Hausvater sein, ohne vorher in
Reih und Glied gestanden zu haben; und da ich meinen Willen bekam, verstand
sich von selber. Zur richtigen Zeit wurde der junge Mensch eingestellt; um die
bsen Gesichter zu Hause kmmerte ich mich wenig, und in der Kompanie ging es,
wie es sich gehrte, so da der Junge mir von Tag zu Tage mehr ans Herz wuchs.
Wir, das heit der Herr Leutnant Fehleysen und ich, hatten ihn noch ein Halbjahr
hier in der Residenz in der Zucht; dann kam meine Versetzung nach Wallenburg,
und weil ich nun meinen Kopf in betreff des Adolfs aufgesetzt hatte, so setzte
jetzt meine Frau ihren in betreff des Mdchens auf. Da bin ich zum erstenmal in
meinem Leben schwach und ein erbarmungswrdiger Narr gewesen; wir zogen ab, ich
mit meinem Portepee und meine Frau mit sehr hoher Nase, und lieen das Kind hier
zurck, und ich glaube, wenn meinem Weib die Hand, welche sie dem Mdchen zum
Abschied gab, vom Arm gefallen wre, sie htte es nicht fr eine ble
Vorbedeutung genommen.
    Die Herren kennen Wallenburg. Vor Anno dreizehn war das Ding eine Festung
mit Wllen und Grben, Vorwerken und bedeckten Wegen, kurz, allem Zubehr; davon
sind heute nur ein paar Hgel und Wasserlachen und das Landeszuchthaus samt der
Station der Strafkompanie briggeblieben. Wer es wollte, konnte es sich in dem
Nest ganz gemtlich machen, und also tat ich mit meiner Alten und meinen wilden
Kerlen. Es war nmlich ein Dienst, der seine Meriten hat fr einen, so sich mit
Liebe an ihn hingibt, und weicher wird man nicht durch denselbigen. So wurde ich
das Kind eher aus den Gedanken los, als sich schickte, bildete mir etwas ein auf
meine Disziplin und nannte das, was andere anders nennen mochten,
Pflichterfllung. Ja, ich habe meine Pflicht erfllt, nur meine Pflicht, nichts
als meine Pflicht; kann s kurz machen mit meinem Rapport, Herr Hagebucher. Acht
Monate, nachdem ich meinen Posten angetreten hatte, grad als die Englnder,
Trken und Franzosen ihren groen Krieg gegen den Russen anfingen, haben sie mir
den Adolf dienstlich zugefhrt: wegen Insubordination, stand im Zettel, und ich
war natrlich wie ein wildes Tier, habe dem Jungen entgegengeflucht wie ein
rechter Kannibale und ihm ins Gesicht zugeschworen, nie solle ein solcher
Halunke, der seinem Stande, seiner Ehre und seinem Namen so groe Schande antun
knne, mein, des Leutnants Kind, Tochtermann werden. Das hat mich wohl
gewundert, wie kalt er's nahm, allein ich schob's nur auf die unmenschliche
sittliche Verderbtheit; denn der frher so alerte und hellugige Junge war wie
ein Stck Stein, wie ein Klotz, sagte, es sei gut, alles sei ihm schon recht,
und das Totschieen wr ihm 's liebste. Htt ich oder mein Weib den
unglckseligen Tropf nur zu behandeln gewut, so wr wohl noch alles gutzumachen
gewesen, aber zwei Gnse knnen nicht dmmer sein, als wir zwei Alte waren. Ja,
nachher, als wir uns die Haare zu raufen hatten, sind wir klug genug gewesen;
denn was hat der Narr gemeint? Geglaubt hat er, es sei ein abgekartet,
niedertrchtig Spiel gewesen mit der Leutnantsschaft zu Wallenburg und dem
Abzuge aus der Residenz; geglaubt hat er, der Feldwebel Kind habe seine Seele
und seiner Tochter Leib fr ein Paar Epauletten an den Satan verkauft. Pfui
Teufel, Teufel! Sehet, ihr Herren, da hngt der Degen mit der silbernen Troddel
ber meinem Bett, und ich sage euch, wer an der Schlafsucht leidet, der mag sich
unter das Wahrzeichen legen und von dem trumen, was ich noch zu rapportieren
habe. Sind also der Adolf und ich einander gegenbergestanden, und hat jeder auf
den andern mit den Zhnen geknirscht und ihn zwischen den Zhnen eine Kanaille
geheien, bis zum nchsten durchlauchtigsten Namenstage. Der Herr van der Mook
kennt die Gewohnheit und Sitte; dem Herrn Hagebucher will ich sie sagen. An
diesem durchlauchtigsten Namenstag wird nmlich immer dieser oder jener von den
in die Strafkompanie Eingestellten, so es nicht zu arg machte, wieder in Gnaden
gesetzt, und so auch das Mal. Kommt also der Herr Baron von Glimmern als
Adjutant mit Extrapost aus der Hauptstadt nach Wallenburg, die Liste zu
verlesen, und steigt natrlich in meinem Quartier ab. Wir frhstcken
miteinander, und meine Alte wei nicht wohin aus Seligkeit ber die Ehre; und
der Herr Baron sind affabel und heiter genug, bringen Gre von unserm Kinde und
diskurrieren aufs freundschaftlichste von allem, was der Tag gibt. Nachher
rcken wir aus in den Hof der Kaserne, blank und propre, und ich denke auch, es
ist mein Ehrentag und ich kann Ehre mit allem einlegen, auer meinem
Familienunglck, dem verbissenen, dummtrotzigen Adolf. Gut, da steht der
Adjutant in Gala vor der Front, meine Kerle stehen wie die Bilder, und jeder
meiner Unteroffiziere hat nach dem Reglement die Kugel im Lauf. Der Tambour
schlgt seinen Wirbel, der Herr von Glimmern sagt, was unter diesen Umstnden
immer gesagt wird, entfaltet sein Schreiben, liest seine Namen, und der
feierliche Moment soll mit einem dreimaligen Vivat auf den allergndigsten
Landesherrn, welches der Adjutant auszubringen hat, zu Ende kommen. Das ist
geschehen; - ich kommandiere: Prsentiert 's Gewehr!, der Tambour wirbelt zum
zweitenmal, und die Kompanie schreit dreimal hurra, alles nach dem Reglement.
Das Reglementswidrige kam erst nach dem dritten Ruf; denn da ist der Adolf aus
dem Glied vorgesprungen, hat auch scharf geladen gehabt, legt auf den Herrn
Baron an und drckt ab. Der Knall ist in jedem Ohr wie ein Erdbeben; der
Adjutant greift nach der Brust, taumelt und berschlgt sich auf dem Boden; der
Adolf ist aber auf ihn los wie eine Bestie mit dem Bajonett. Was tut der Mensch,
wenn er in solchem Augenblick nicht hrt und sieht? Wei es nicht! Der Leutnant
der Strafkompanie kommandierte: Feuer!, zwei Korporale drcken ab, da auch der
Adolf seinen Sprung in die Luft tut und sich rckwrts in seinem Blute
berkugelt, und das war wieder nach dem Reglement, Herr Hagebucher. Ich habe
nachher Zeit genug gehabt, darber nachzudenken; es war ganz nach den
Kriegsartikeln, und niemand htte seiner Pflicht und Schuldigkeit besser
nachkommen knnen als ich damals.
    Es ist furchtbar, furchtbar! rief Leonhard tief erschttert. Aber noch
schlimmer fast ist der Ton, in welchem Sie das alles erzhlen!
    O nein, sagte der Leutnant kopfschttelnd, der Ton ist ganz richtig; wo
soll ich einen andern dazu herkriegen? Auch das Schlimmste kommt eigentlich noch
nach. Der Adolf war tot, so tot, wie es ihm nur sein rgster Feind oder sein
bester Freund wnschen mochte; den Herrn von Glimmern aber hub man wieder auf
vom Boden, und es fand sich, da ihn eine Wendung des Krpers oder die
Vergoldung der Uniform oder sonst so etwas besser vor einem solchen Mordanfall
und vorzeitigen Ende geschtzt hatte als sein Gewissen, sein Herz und seine
Ehre. Natrlich wurde ein Gericht ber die Sache zusammenberufen und -
    Lassen Sie mir jetzt die Fortsetzung und was sonst noch zu sagen und zu
erklren sein wird, sprach der Herr van der Mook und wendete sich von seinem
Lager an Leonhard Hagebucher: Ich bin sehr beteiligt, und mein Vater ist als
Rechtsbeistand zugezogen worden.
    Der Afrikaner griff mit bebender Hand nach der Lehne seines Stuhles:
    O Frau Klaudine!

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Der wilde Jger, der, um Affen und junge Meerkatzen einzuhandeln, nach Abu
Telfan gekommen war und sich damals Kornelius van der Mook nannte, sa jetzt
aufrecht auf dem Feldbett des Leutnants Kind, rieb sich die Stirne, kratzte sich
hinter den Ohren, fuhr durch das wirre Haar und sagte, whrend Leonhard
Hagebucher ihn nicht mit den zrtlichsten Gefhlen anstarrte:
    Es wrde vergeblich sein, es lnger abzuleugnen; ja, Compagno, ich bin der
Sohn jener alten Dame, welche Sie eben nannten, ich bin der Sohn des Rats
Fehleysen, welcher mit ber den Leutnant zu Gericht sa. Bleibt ruhig, Kind, Ihr
habt mich gerufen, und hier bin ich, nun habt Ihr mich aber auch zu nehmen, wie
ich bin - etwas insalvaticato, wie wir es in der Lingua franca nennen; etwas
verwaldmenscht, he, Hagebucher? Nun, Herr Leonhard, wie erscheine ich Euch? Das
ist ein Aufsteigen aus dem Boden, behngt mit Wurzeln und Erdklen, mit Moos
und vermodernden Blttern? Wrde es nicht besser sein, wenn wir den Kopf wieder
zurckzgen und von neuem in die Tiefe versnken? Noch steht es bei Euch, in
dieser Nacht schon kann die Bestie verschwinden, wie sie kam: - was ist Ihre
Meinung, Freund Hagebucher?
    Leonhard nagte kurz atmend an der Oberlippe: Das also war die Hoffnung der
Frau Klaudine? Also davon sangen die Tropfen an dem stillen Mhlrade in dem
zauberhaften Waldfrieden? Wie tckisch-falsch, wie verlogen, verlogen! - Der
Afrikaner sah den Wald um die Mhle, wie er ihn so oft gesehen hatte in zwei
Frhlingen und Sommern, er sah die wilden Rosen den edleren Geschwistern ber
den Zaun des kleinen Gartens die Hnde reichen, er hrte die Drossel und den
Vogel Fink fern im Gebsch und sah das feine Haupt der Greisin an dem niedern
Fenster. Er blickte tief in das ruhige Herz der Mutter und vernahm seinen leisen
Schlag: er lebt und wird wiederkommen, und dann erst ist alles gut, und dann
erst sind der wahre Friede und die wahre Schnheit zurckgekehrt!... Verdammt,
da qualmte die Lampe des Leutnants Kind auf dem leeren Tische und stellte die
Welt in das rechte Licht, hier grinste die Wahrheit von den kahlen Wnden, und
die schwarze Winternacht, die in das Fenster sah, die log nicht, und der Degen
des Leutnants ber dem zerwhlten Bett log auch nicht. Ein Tropfen Blut zog sich
langsam an der Klinge abwrts und hing an der Spitze, dicht hinter dem Haupte
des Sohnes der Frau Klaudine, und Leonhard Hagebucher sah auf die Klinge, sah
auf den Leutnant und sah auf den Herrn van der Mook und sprach:
    Herr von Fehleysen, ich habe in Abu Telfan wenig Gelegenheit gehabt, die
alten europischen, gesellschaftlichen Lgenhaftigkeiten zu ben und
auszubilden, und so sage ich Ihnen, wenn ich die Macht htte, so wrde ich Ihnen
auf allen Wegen, die zu Ihrer Mutter fhren, entgegentreten, ehe Sie Ihr volles
Recht an jene heilige Stelle mir klar und deutlich bewiesen htten. Ich bin
Ihnen unendlichen Dank schuldig, aber Ihre Mutter tat doch noch ein Greres an
mir, und ich will sie in ihrem Frieden schtzen, solange ich kann. Viktor, wo
ist Ihr Recht an Ihre Mutter? Wo ist nach so langen Jahren der Abwesenheit Ihr
Geleitsbrief zu ihr? Sie haben eine Frage an mich gestellt, welche ich nur
beantworten kann, wenn ich die Geschichte Ihres Lebens ganz kenne. Reden Sie
also, und ich werde Ihnen sagen, was Sie zu tun und was Sie zu lassen haben.
    Hrt Ihr es, Leutnant! rief der Herr van der Mook. Der dort ist seiner
Sache nicht so gewi als Ihr, und da er doch mehr als wir ber den Parteien
steht, so wollen wir auf seine Stimme im Rate hren und den Besen nicht ohne
seinen Konsens aus der Ecke holen.
    Wir haben ihn dazu gerufen, sprach der Leutnant Kind mrrisch, erzhlen
Sie ihm das Ntige, und lassen Sie uns weitergehen.
    Hret und ergtzt Euch, Don Leonardo, rief Viktor von Fehleysen. Meine
Mutter kennt Ihr, mein Vater war ein Mann der rmischen virtus, und was ich bin,
das will ich Euch jetzt klarzumachen suchen. Reden wir aber zuerst von den
Toten! Mein Vater war ein strenger Mann der Arbeit, der peinlichsten
Rechtlichkeit, ein Hypochonder der Pflichterfllung, und bis auf seine
Handschrift war alles an ihm fest und stark. In Athen wrde ihn das
Scherbengericht in die Verbannung geschickt haben; in Rom htte ihm der
Imperator durch den Zenturionen die Wahl der Todesart freistellen lassen;
hierzulande zuckte man die Achseln ber ihn, und als man ihn glcklich aus der
Luft gelchelt hatte, da waren Tausende, welche ihn mit Vergngen einen Halunken
nannten, ohne ihn zu kennen; und Hunderte, welche ihn kannten, glaubten sehr
milde zu sein, wenn sie ihn einen Narren hieen. Aus meinen frhesten
Kinderjahren habe ich eine Erinnerung an nchtliche Schritte, die das Gemach
neben meiner Kammer durchmaen von Mitternacht bis zu der Morgendmmerung; da
ging mein Vater, welchen seine hohe, ernste Lebensgttin, die sehr wohlgeborene
Dame Gerechtigkeit nicht schlafen lie, welchem die Arbeit des Tages zu seinem
Lager folgte, um ihn immer von neuem von demselben aufzujagen. Am Tage sa er in
Eisen gerstet zu Gericht, und seine Starrheit gehrte zu ihm wie der Panzer zum
Kriegsmann. Natrlich machte er sich nach den verschiedensten Seiten hin
miliebig, und das schlimmste fr ihn ist gewesen, da er lngst ber seinen
kleinen Staat hinausgewachsen war und seine Ansichten nicht verhehlte. Er hatte
sich als Abgeordneter sehr verhat gemacht, aber so recht individuell wurde der
Ha erst nach jener Kriegsgerichtssitzung, von welcher der Leutnant soeben
Bericht gab. In derselben und infolge derselben zerfiel er gnzlich mit einer
gewissen Partei, welche von diesem Augenblick kein Mittel scheute, ihm berall
die Wurzeln abzugraben. Krnkungen, Zurcksetzungen, Verleumdungen folgten
einander in ununterbrochener Reibe; man bentzte eine langwierige Krankheit, in
welche er verfiel, um whrend derselben ihn berall zu verdrngen, sogar aus dem
Vertrauen seiner eigensten Gesinnungsgenossen, und als er von seinem Bett wieder
aufstand, begegneten ihm selbst die, welche sonst im ffentlichen Leben treu an
seiner Seite standen, mit Klte und Zurckhaltung. Es woben Meisterhnde das
Netz, in welchem man ihn fing, und als man zuletzt die Flucht eines seiner
Subalternen bentzte, um ihn selber der Miverwaltung, der Restsetzung und
dergleichen anzuklagen, da war das Kunststck vollendet, das Messer dem Opfer
mit aller Hflichkeit vor die Fe geworfen und das Haus Fehleysen fr alle Zeit
zu Boden gelegt. Ich bin der Sohn dieses Hauses. Ho, welch ein fader,
hohlkpfiger, eitler Gesell ich meinerzeit war! Sie wissen davon zu sagen, nicht
wahr, Kind? Wir trugen den bunten Rock mit den goldenen Schnren nicht umsonst;
es waren lustige Tage, und wir fhlten uns recht wohl in ihnen! Ach, Hagebucher,
den schlimmsten Widersacher hatte der Vater in seinem eigenen Hause - von
frhester Jugend an war ich ein Rebell gegen seinen Ernst und seine Strenge und
habe das Meinige vollauf getan, ihm das Leben zu verdstern, und die Mutter
bte mit, was mein leichtes Blut tglich verschuldete. Soldat wurde ich
natrlich gegen den Willen des Alten; aber das nichtige Wesen pate in einer
andern Art gradsogut zu meinem Charakter wie zu dem des Leutnants dort. Wir
waren wie die Mcken an einem warmen Sommertage, nur nicht so harmlos; ein
ganzer Schwarm Mdchen und Junggesellen, umtanzten wir den wilden Prinzen, und
die Mdchen taugten fast noch weniger als wir. Sie haben Gelegenheit gehabt,
Hagebucher, die schne Frau von Glimmern danach zu fragen, und sie wird Ihnen
die Antwort sicherlich nicht schuldig geblieben sein. Nikola! Nikola! Ich sage
Ihnen, Don Leonardo, es gibt keinen Namen in der Welt auer dem meiner Mutter,
welcher mich grimmiger wrgte. Nikola von Einstein! Leutnant, Sie haben doch
recht, wir wollen die Rechnung abschlieen und einen recht roten Strich durch
das Debet des Herrn von Glimmern ziehen. Halali, alle Hunde auf das Fell und
alle Messer in das Herz des Schuftes!... Bah, wie man sich immer von neuem so
unntigerweise aufregt. Sie war auch eine klingende Schelle, diese meine schne
Nikola, Hagebucher, und ihre Erziehung hatte sie wahrhaftig zu nichts anderm
machen knnen. Meine arme, arme Nikola! Wir begegneten einander in dem
Mckentanze und nahmen unser Teil von dieser Seifenblasenexistenz, welche man
rund um uns her Leben nannte. Wir gingen im ironischen Menuettschritt umeinander
herum und scherzten frivol die schnsten Stunden der Jugend hinweg. Wir
vertndelten unsere besten Gefhle und schlugen all unser Gold in zwei kurzen
Sommern zu der allerschlechtesten Scheidemnze. Sogar ber meine Mutter lachte
ich und nannte sie eine liebe, gute Trin, wenn sie das hervorkehrte, was ich
ihre verjhrte Taschenbchersentimentalitt nannte. Meine Mutter litt tausend
Schmerzen um uns, kummervoll sah sie auf das frivole Spiel; aber auch sie konnte
uns nicht vor uns selber retten. Sie wute besser als Nikola Einstein selbst,
was Nikola Einstein wert sei, und nannte sie ihr Kind, ihre liebe Tochter. - O
Fluch, Fluch! Heute noch klopfe ich mich hufig mit der Frage an die Stirn:
Weshalb reichtet ihr euch nicht in einer vernnftigen Minute die Hnde und
sprachet: Genug der Albernheiten! - ? - Es war so wenig ntig, um uns beide zu
anstndigen Menschen zu machen; ein Hauch, ein Blick, der Klang einer Glocke an
einem stillen Abend htte gengt, um uns fr alle Ewigkeiten zusammenzufhren;
und nun - nun ist sie die Baronin Glimmern, das Weib des feigen Mrders, des
Betrgers, und ich bin der verwilderte, strrige Landstreicher, der Mann ohne
Heimat, ohne Ehre, ohne Namen, der tolle Tierhndler und Tierbndiger Kornelius
van der Mook; und ein altes Weib ist sie mit der Weile auch geworden, und das
ist das Beste von der Geschichte, nicht wahr, Leutnant, denn was sollte aus uns
werden, wenn der Zeiger nicht rckte auf dem Zifferblatt?
    Sicher rckt er, und wer Geduld hat und es erlebt, wird die Stunde fr
manch einen Wunsch und manch ein Geschft schlagen hren, murrte der Alte; der
Herr van der Mook aber ergriff den Afrikaner an einem Knopfe, deutete auf den
Leutnant der Strafkompanie und rief:
    Sehen Sie, Hagebucher, das ist ein glcklicher Mensch! Wie er da steht und
wartet, wie er im rechten Moment zuschlagen wird ohne Zaudern und jegliche
Rhrung! Er begrub seine Kinder und geduldete sich, manch liebes, langes Jahr
bewies er groe Geduld; doch nun wird er zupacken - mit beiden Hnden, ohne
Erbarmen. Doris hie die Kleine, welche mit dem Sekretr meines Vaters
versprochen war; es ist ein hbscher Name, Hagebucher, ein Schfername, und mein
Freund Friedrich von Glimmern glaubte seinen Schferroman ohne alle Gefahr oder,
was ihm noch lieber gewesen wre, ohne alles auergewhnliche Aufsehen spielen
zu knnen. Der Papa Kind sa zu Wallenburg und ritt seine Taugenichtse zusammen,
der arme Adolf stand hier in der Stadt in Reih und Glied, und man konnte mit
Recht erwarten, da er sich ruhig Verhalte. Doris lernte die bekannte feine
Bildung, und der Herr von Glimmern htte ihr mit Vergngen allen Vorschub dabei
geleistet. Pfui Teufel, wie nchtern ist das Leben geworden! Das Mdchen war
ehrlich, und der junge Mensch, der alberne Schreiber, parierte nicht Order; aber
auch die beiden unseligen Trpfe gnnten einander nicht das rechte Wort, sondern
dachten selbstverstndlich das Schlechteste voneinander, bis die Katastrophe im
Kasernenhof zu Wallenburg die Wahrheit an den Tag brachte. Ho, Leutnant,
vielleicht wre es doch komfortabler fr alle Parteien gewesen, wenn Ihr dieser
Wahrheit freien Lauf gelassen httet; die Ohren aber klangen Euch ebensosehr wie
das Herz. Na, einem Burschen, wie Ihr seid, soll man seinen Weg lassen und, wenn
er seine Toten mit allem Anstand begrbt, ihm nicht dazwischenheulen; er
verscharrt seinen Grimm nicht mit in der Grube.
    Das tut er nicht, sagte der Leutnant, er wei, was sich schickt, und ruft
nicht die ganze Welt zu Hlfe, um zu verrichten, was er mit Geduld, Akkuratesse
und gutem Willen allein besorgen kann. Es ist soviel Geschrei unter den
Menschen, und wer's vermag ber sich, der soll seinen Gram mit keinem Ekel
vermengen. O wren Sie, als das Dach ber Ihrem Kopfe einstrzte, Herr von
Fehleysen, zu mir gekommen, statt wie blind und toll in die weite Welt zu
laufen, wir htten Sie gewi noch gerettet fr ein recht ertrgliches Dasein.
    Vielleicht... ja, vielleicht! murmelte Viktor mit einem Seufzer, fiel
jedoch sogleich wieder in den alten Ton und rief mit Lachen: Wir sind eben
nicht alle aus demselben sonderbaren Metall gegossen wie Sie, tapferer Leutnant;
- jetzt lassen Sie mich meine Geschichte zu Ende bringen, das wird dem Herrn
Hagebucher mehr als alles andere beweisen, wie sehr Ihre Anschauungsweise
vorzuziehen ist. Auf die Katastrophe zu Wallenburg folgte bald die Katastrophe
in meines Vaters Hause, und ich fand keine Kraft in mir, wie ein Mann zu denken
und zu handeln; der Faustschlag traf eine hohle Stirn, und damit ist alles
gesagt. Ich floh gleich einem Feigling vor dem Geschrei der Menschen, vor dem
Gespenst der verlorenen Ehre, vor den Blicken und dem Achselzucken meiner
Kameraden, vor den Knpfen meiner Uniform. Nicht der stolze, tote Vater, sondern
das, was die Leute ber ihn, ber uns sagten, jagte mich hinaus. Gleich einem
Wahnsinnigen ri ich die Mutter mit mir fort, aus ihrem Hause, von der blutigen
Leiche des Gatten, hinaus in die Winternacht, um sie auf der Landstrae zu
verlassen. Es war ein kindisches, tierisches Scheuwerden, eine Panik, wie sie
nur ber die Schwachen im Geist kommt. Niemals rannte ein Maulesel bei einer
Estampede toller in die Prrie. Wo ich ruhig, tapfer und kalt wie Eis htte sein
sollen, da zersplitterte das bichen Verstand und berlegung in hundert
Stckchen, wie ein Spiegel unter einem Steinwurf. Ich verlie meine Mutter und
fing erst einige hundert Meilen weiter sdwrts an, soweit es mglich war, zur
Besinnung zu kommen. Eine schne Besinnung, die Besinnung eines Pavians, welcher
die Peitsche von seinem Wrter bekam - ein Gemisch aus Scham, Wut und Tcke! So
ging ich mit einer Kolonne der franzsischen Fremdenlegion von Toulon aus nach
der Krim und kaufte dem Korporal Kornelius van der Mook im Militrspital zu Pera
seinen Taufschein ab. Ich war dann in Kleinasien mit den Polen, wurde ein Jger
und ein Hndler mit wilden Tieren, kam bis hinunter gen Abu Telfan im
Tumurkielande, um den Siebenschlfer Leonhard Hagebucher aus seiner Hhle im
Knigreich Dar-Fur zu erlsen, und sitze jetzt hier auf dem Bette des Leutnants
Kind, um demselben Hagebucher meine Historie vorzutragen. Ich bin ein gesunder
Lump, der ntigenfalls viel Geld verdient, weiter nichts. Aber es gibt noch viel
grere Lumpen, und einen davon gedenken der Leutnant und ich in den nchsten
Tagen vom Baum zu holen. Zweimal kroch ich im Laufe der letzten fnf Jahre auf
allen vieren um die Katzenmhle und sah die alte Frau und sah auch die schne
Nikola, aber der Schakal zeigte das struppige Fell und den geifernden Rachen
nicht, er heulte leise in der Ferne und verkroch sich, ehe man im Lager auf
seine Gegenwart aufmerksam wurde.
    Das haben Sie ber sich gewonnen? rief Leonhard, der bis jetzt stumm,
unter den wechselndsten Empfindungen, zwischen Emprung und Mitleid schwankend,
der wilden Selbstanklage zugehrt hatte. Wahrlich, das zeugt mehr fr Sie als
alles, was Sie sonst zu Ihrer Entschuldigung sagen knnten.
    Ich sage es aber nicht zu meiner Entschuldigung! rief Viktor Fehleysen.
Es war Feigheit und Trotz, nichts anderes. Ich frchtete die alte Frau, ich
schmte mich vor der einstigen Geliebten, und ich hielt es nicht der Mhe wert,
die Auferstehung des Jnglings von Nain zu spielen und dadurch den Frieden jener
Htte zu zerstren.
    Das ist eine Lge, Herr von Fehleysen! schrie jetzt Hagebucher zornig.
Spielen Sie nicht den Wahnsinnigen, nachdem Sie so lange in Wahrheit und
Wirklichkeit dem Tollhause zu eigen waren. Wen wollen Sie tuschen, Sie, der
sich den Kopf an so manchen Realitten zerstie? Um Ihrer Mutter willen sollen
Sie sich nicht schlechter machen, als Sie sind, und da Sie jetzt von neuem
heimkehrten, um die arge Verknotung so manches traurigen Geschickes zu lsen, so
sollen Sie sich und uns diese Aufgabe nicht erschweren.
    Zu welchem Zwecke haben Sie mich gerufen, Leutnant Kind? fragte der Herr
van der Mook.
    Um zu schlagen und zu tten! sagte der Leutnant, und der andere wendete
sich wieder an Hagebucher:
    Wenn Sie das eine Lsung nennen - benissimo! Zehn Jahre hindurch hat der
Alte schtzbares Material zusammengetragen; fragen Sie ihn, ob er die Bentzung
desselben noch lnger zu verschieben gedenkt.
    Ich denke nicht, sprach der Leutnant. Ich habe die Papiere in
schicklicher Ordnung und kann morgen damit in aller Form vor Frstlichem
Kriminalamt auftreten, um das Weitere zu veranlassen.
    Was fr Papiere? rief Hagebucher in atemloser Spannung, und der Leutnant
zog aus der Brusttasche eine rote, abgenutzte Feldwebelbrieftasche, ruckte mit
Bedacht die Lampe auf dem Tische zurecht und breitete daneben stumm aus, was er
seine Dokumente nannte. Es waren meistens Quittungen und Gegenquittungen,
Baurechnungen, Lieferungsvertrge fr den Haushalt der Prinze Marianne. Ein
Teil dieser Papiere bestand in Kopien, die von ungebter Hand angefertigt waren,
ein Teil trug aber auch die eigenhndige Unterschrift des Freiherrn Friedrich
von Glimmern, und schon das dritte Blatt wog so schwer in der Hand Leonhards,
da er es niederlegte und die Faust darauf:
    Der Flscher, der Betrger! O Nikola, Nikola! Um Gottes willen, Leutnant,
wie sind Sie zu diesen entsetzlichen Zeugnissen und Beweisen der schamlosesten
Felonie gelangt?
    Durch Adrettit und konstantes, treuliches Aufmerken auf die Wege und Gnge
des Herrn Barons. Es steckt manch ein guter, alter Kamerad aus der Kaserne in
dem Dienste der Herrschaften, sei es als Verrechner oder Forstgehlfe, als
Aufseher oder als Portier und sonstiger Diener. Da fliegt einem eine Feder vor
der Nase auf, und man folgt ihr, und sie bringt zu Geheimnissen, die einem
merkwrdig in die Augen stechen. Eine kuriose Welt! An einem Spinnenfaden ist
nichts gelegen, aber dreht man derselben genug zusammen, so wird man einen
tchtigen Strick zu allerhand nutzbarem Gebrauch bekommen. Weshalb war der
Exzellenz soviel drum zu tun, das bettelarme Frulein von Einstein zu erfreien?
Ist sie nicht immerdar der Liebling der Prinze Marianne gewesen, und hat nicht
der Herr von Glimmern den ganzen Haushalt Ihrer Hoheit durch seine Hnde laufen
lassen? Eine recht kuriose Welt, Herr Hagebucher - ich habe das Rechnen gelernt,
weil ich es in meiner frheren Charge als Feldwebel sehr ntig hatte, und ich
habe gerechnet die ganzen letzten Jahre hindurch. Zuallererst fand ich einen
kleinen Bruch, der nicht aufging, nun aber sind Tausende und Tausende draus
geworden; da liegen die Rechnungen, und sie stimmen, soweit die Sache mein
Lebensglck und das des Herrn Leutnant von Fehleysen anbetrifft. Was die andere
Partie dagegen einzuwenden hat, das wollen wir morgen hren und darnach das Buch
meinetwegen und der Toten wegen zuklappen. Was der Herr Viktor dann tun wird,
das wei ich nicht; aber der Leutnant Kind, der wird in Geduld den letzten
Zapfenstreich erwarten. Das Leben ist ein ekel Ding fr einen Menschen, der
nichts mehr vor der Hand hat, der das Alte abtat und nichts Neues mehr vornehmen
kann.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Die drei Mnner im feurigen Ofen hatten es gut; ihnen war khl zumute, und sie
sangen nur um so heller, je scheulicher der grause Knig Nebukadnezar sich
gegen sie stellte. Die drei Mnner in der Stube des Leutnants Kind schwiegen,
und es befand sich nur einer unter ihnen, der ganz genau wute, was er zu tun
hatte. Nach einer Pause nahm der Leutnant seine traurigen Dokumente zusammen,
schob sie ohne Hast in die Tasche zurck und sagte:
    Also morgen, meine Herren.
    Jetzt aber fuhr Leonhard Hagebucher aus seiner Erstarrung auf:
    Morgen! Viktor, Viktor, hren Sie das? Wie kann das geschehen? Drfen Sie
Ihre Hand dazu bieten? Morgen, morgen! Denken Sie an Nikola! Besinnen Sie sich!
Was wollen Sie tun?
    Ich bin der Landflchtige, Ehrenflchtige; Sie aber sind der Freund der
schnen Frau von Glimmern, sind der Freund meiner Mutter, Sie sollen mir raten,
was ich tun soll. Dazu habe ich Sie an diesem Abend gerufen; dazu haben wir Sie
jetzt in unsere kleinen Geheimnisse eingeweiht. Leonhard, Leonhard Hagebucher,
es zerwhlt mir Magen und Hirn, die Wnde drehen sich um mich her! O stehen Sie
fest, stehen Sie ein fr die arme Nikola. Wie soll sie gerettet werden vor den
Toten? Wer kann sie retten vor der grimmigen Firma Kind und Kompanie?
    Der Sohn der Frau Klaudine warf sich von neuem auf das Bett und verbarg mit
Gesthn das Gesicht in den Kissen; Leonhard sah bedeutsam auf den Exleutnant der
Strafkompanie; aber an diesem hatte sich whrend der letzten Minuten nichts
gendert, und den Blick erwiderte er nur durch ein Achselzucken. Leonhard trat
auf ihn zu und flsterte, seine Hand erfassend:
    Nicht morgen! Gnnen Sie mir, sich selber, uns allen Zeit, Leutnant.
    Das ist mir nicht kommod, sprach der Alte. Es ist auch nicht anstndig,
weder mir noch dem Herrn von Fehleysen.
    Es soll aber so sein, Sie alter, harter Mann! rief Hagebucher, mit dem
Fue aufstampfend. Haben Sie zehn Jahre lang Ihre Rache verschieben knnen, so
werden Sie jetzt nicht um einige Stunden des Aufschubs rechten. Viktor, morgen
wollen wir zu Ihrer Mutter gehen, um einer andern Flchtigen und Elenden eine
Zufluchtssttte in der Katzenmhle zu bereiten. O Leutnant Kind, haben Ihre
Grber Sie nichts gelehrt als die leichte Kunst, die Wege eines schlechten
Gesellen zu erkunden, um ihn am Ende durch einen Hauch zu vernichten? Ja, ich
will eintreten, aber fr alle, auch fr Eure Toten und Euch selbst, alter Mann!
So gnnt uns Zeit, zu retten, was zu retten ist; denkt daran, wie Ihr jetzt
sitzen wrdet als ein glcklicher Mensch unter Euren Enkeln, wenn nicht die
blinde Wut dareingegriffen und alle Eure schnsten Hoffnungen vernichtet htte.
Das Schicksal hat Euch ein schweres Richteramt auf die Seele gelegt, Leutnant
Kind; zeigt, da Ihr ihm vollstndig gewachsen seid, und handelt nicht wie ein
boshafter Schulknabe, sondern wie ein Mann, welcher sich seiner Pflicht nach
allen Seiten hin bewut ist. Ihr werdet diese vernichtende Anklage gegen den
Herrn von Glimmern morgen noch nicht erheben; morgen gehen wir zu der Frau
Klaudine, auch sie hat teil an jenem Manne, und Ihr mt ihr Wort hren.
    Sie wird mich zurckhalten wollen, murmelte der Leutnant. Ich habe sie in
der letzten Krankheit meiner Tochter kennengelernt, sie ist zu gut und lebt
nicht in der richtigen Welt. Ich kann es nicht prstieren, da ich mir von ihr
die Hnde binden lasse, und sie wird's versuchen.
    Das soll und wird sie nicht, dafr verpfnde ich Ihnen mein Wort, Leutnant
Kind. Es ist niemand berechtigt, den Verbrecher seiner Strafe zu entziehen.
Reden Sie doch, Viktor Fehleysen, nicht wahr, wir gehen morgen zu Ihrer Mutter?
    Der Tierhndler nickte tief seufzend; der Leutnant Kind aber schritt einige
Male durch das Zimmer und blieb dann dicht vor Leonhard Hagebucher stehen:
    Ich habe lange genug gewartet, Herr; aber Sie gefallen mir, und so mag's
drum sein, Sie sollen Ihren Willen haben. Ich hrte von Ihrer Historie und
Gefangenschaft, und das hat mir wohl gefallen. Sie sind ein Mann geblieben in
harter Drangsal und allem Malheur; deshalb will ich Ihnen auch jetzt trauen; ich
bin kein Unmensch und kein Untier. Sie haben mir eben in kurzen Worten viel
Wahres gesagt; reisen Sie also morgen mit dem Herrn Viktor zu der guten Frau in
der Mhle und sorgen Sie gut fr die arme Frau Nikola; aber behalten Sie mich
stetig im Gedchtnis, ich bin ein alter Mann und will keine fremden Hnde ber
meine eigensten Geschfte kommen lassen.
    Ich danke Ihnen, Leutnant! sprach Leonhard und wendete sich jetzt von
neuem zu dem Sohne der Frau Klaudine; denn auch da war noch manches gute und
manches harte Wort zur Bndigung und Bestimmung der wilden Seele ntig; aber es
gelang auch hier dem Afrikaner, seinen Willen durchzusetzen. Gegen Mitternacht
htte er Sieg rufen knnen, wenn das eine Gelegenheit, Sieg zu rufen, gewesen
wre; so nahm er nur betubt und erschpft Abschied und ging still seinen
einsamen Weg nach Hause. Er blieb aber nicht still; die winterliche Nachtluft
tat ihm gut, er gewann bald seine Stimmung wieder, und es war eine eigentmliche
Stimmung.
    Tragische Dinge hatte er vernommen, tragische Verhltnisse kennengelernt,
allein er fhlte sich nicht niedergedrckt in seinem tapfern Herzen, und nachdem
die physische Erschpfung und Betubung etwas berwunden war, schlug er sogar
ganz heiter an seine Brust und sagte:
    Brav, Hagebucher!
    Und er hatte recht. Den beiden Gesellen gegenber, welche er soeben verlie,
durfte er es sich wohl aussprechen, da er trotz allem doch ein ordentlicher
Kerl geblieben sei, der sich seines Daseins weder zu schmen noch dasselbe fr
abgeschlossen zu halten habe. Weder der Zorn noch das Mitleid trbten ihm so
sehr den Blick, da er darber in Gefahr kam, die Tramontana aus den Augen zu
verlieren. Er konnte sich das Zeugnis ausstellen, da er in der Stube des
Leutnants Kind merkwrdig gelassen geblieben sei, und vor dem stattlichen Hause
Seiner Exzellenz des Freiherrn Friedrich von Glimmern gab er sich das Wort, auch
in der Katzenmhle ruhig zu bleiben.
    Er stand einige Augenblicke still vor der Wohnung Nikolas und blickte empor
zu den dunkeln Fenstern, indem er an das schwarze Brot auf dem Tische der Frau
Klaudine dachte. Das gab ihm eine weitere Beruhigung, und er murmelte:
    La sie essen und genesen!
    Endlich erreichte er seine Wohnung und fand den Pascha zwar im Bett, aber
wach ber seinen schnsten Trumen, mit einer langen Pfeife im Munde und
eingehllt in Wolken des perfidesten Lausewenzels. Er winkte ihm, sich nicht zu
rhren, setzte sich auf den Rand seines Bettes, betrachtete ihn zrtlich und
sagte:
    O Tubrich, wenn Sie wten, wie angenehm Sie anzuschauen sind und wie kalt
und widerlich unheimlich es da drauen in der Dunkelheit ist! Es geht ein kalter
Wind in den Gassen, und Fratzen und Gespenster aller Art haben die Oberhand;
aber bei allen Palmen im Aufgange, Tubrich, wir beide haben doch den wahren
Weltverstand erobert, und es soll diesem alten Europa nicht leicht werden, ihn
uns aus der Tasche zu spielen. Bleiben Sie ruhig liegen, es tut meinen Augen
gut, Sie zu betrachten.
    Das war ja ein grlicher Kerl! seufzte der Schneider. Ich sehe ihn noch
immer dort auf dem Stuhle. Ach, Sidi, ich dachte es mir wohl, da er Sie zu
bsen Orten fhren wrde. Knnen Sie mir nicht sagen, was er von Ihnen wollte?
    Jetzt nicht, Tubrich - morgen, ein andermal. Ich werde nun auch ins Bett
kriechen - rhren Sie sich nicht, Tubrich; denn der Spuk lauert vor der Tr.
Gute Nacht, ich verreise morgen auf einige Tage.
    Der Mann aus dem Tumurkielande trumte in dieser Nacht nicht von dem Herrn
Polizeidirektor Betzendorff, er trumte berhaupt nicht von einer ihn selber
betreffenden Sache. Am folgenden Morgen packte er einige Notwendigkeiten in
einen Reisesack und schickte den Pascha mit einer kurzen schriftlichen Notiz
ber sein Verschwinden zum Professor Reihenschlager.
    Der Professor empfing, ffnete und las das Billett, schttelte den Kopf und
meinte, solch ein polizeiliches Eingreifen in ein wissenschaftlich-humanes
Unternehmen sei zwar nicht hbsch, sondern sogar sehr rgerlich und durchaus
nicht geeignet, den ruhigen Staatsangehrigen mit allen bestehenden
Verhltnissen im Einklange zu erhalten; aber ein freiwilliges Exil trage es im
Grunde doch nicht fr den Betroffenen aus. Er erbat sich die Meinung der Tochter
darber, und Frulein Serena Reihenschlager behauptete, sie halte es nicht der
Mhe wert, eine eigene Meinung darber zu haben, mit Vergngen fge sie sich in
die des Papas.
    Leonhard Hagebucher befand sich mit dem Herrn Kornelius van der Mook auf dem
Wege zur Katzenmhle.
    Zu den Mttern! Es war in der Seele beider Mnner etwas von jenem Grauen
Fausts, als er zu jenen andern Mttern, den geheimnisvollen Schlssel in der
Hand tragend, niederstieg. Der Tag war dunkel und strmisch, und das war gut;
denn weder Leonhard noch Viktor Fehleysen htten mit der holdseligsten Witterung
etwas anzufangen gewut. Sie fuhren desselben Weges, auf welchem Viktor einst
mit der Frau Klaudine vor dem Schicksal des vterlichen Hauses floh. Erst die
Post mit ihrem wsten, zhneklappernden Getmmel, dann die Landstrae durch Wald
und Feld und Verregnete, schmutzige Drfer!... Knielahme Gule, verdrossene
Kutscher, mrrische Schlagbaumwchter, die den niedertrchtigsten Weg teuer
bezahlt haben wollten! Wald und Feld - bergauf, bergab; welch ein Tag und welch
ein Pfad, um zu dem schnen Wunder in der Einsamkeit, um zu der Frau Klaudine zu
gelangen!
    Der Tierhndler lag entweder stumm in der Ecke des Wagens, oder er machte
seiner Erregung durch wilde, unartikulierte Ausrufe Luft und erzhlte dazwischen
in abgebrochenster Weise seinem Reisebegleiter von dem, was ihm am gestrigen
Abend als das Unbedeutende, Gleichgltige erschienen war, nmlich von seinem
Leben, seinen Fahrten und Abenteuern nach der Flucht aus der Zivilisation. Aber
auch Hagebucher hatte ihm bis ins kleinste Rede zu stehen, nicht etwa ber
seinen Aufenthalt in Abu Telfan, sondern ber seine Rckkehr in die Heimat, ber
seine Ankunft und sein Leben in Nippenburg, Bumsdorf und der Umgegend. Auf das
allergenaueste verlangte Viktor jetzt zu wissen, wann und wie der Afrikaner
zuerst den Namen seiner Mutter vernommen und wie er ihre Bekanntschaft gemacht
habe, und gern berichtete Leonhard, wie es von ihm verlangt wurde. Er suchte den
reuig-zornigen Sohn, den wilden Schwchling zu beruhigen und ihn in jeder Weise
besser auf dieses seltsam-traurige Wiedersehen vorzubereiten; aber der Herr van
der Mook war ein zu ausgelernter Selbstpeiniger, um sich so schnell zu geben.
Als der Wagen sich seinem Ziele nherte, sank er jedoch vollstndig in sich
zusammen, und nie hatte die Madam Kulla Gulla ihren Gefangenen so weich und
gebrochen unter ihren Hnden gesprt, als jetzt Leonhard den Tierhndler in den
seinigen fhlte. Es war ein furchtbarer Passionsweg fr den Sohn der Frau
Klaudine, und er tat Bue nach seiner Art auf jeglicher Station desselben.
    Sie erreichten die Stelle, an welcher Viktor die Mutter in jenem Schneesturm
verlie, um die Hlfe des Vetters Wassertreter und seiner Myrmidonen anzurufen.
Sie lieen auch heute halten und stiegen aus dem Wagen, welchen sie jetzt
zurcksendeten. Fieberschauernd stand der Herr van der Mook auf der Landstrae
und hielt den Arm seines Begleiters oder vielmehr Fhrers wie ein Kind die
Schrze der Mutter. Zerrissenes Gewlk hing in den Wipfeln der Bume, schwere,
dunkle Massen des Regennebels wlzten sich langsam an den Berglehnen hin, es
trufelte aus den Zweigen, und es war still und de ringsumher.
    Gegen vier Uhr am Nachmittag erreichten die beiden Wanderer den schon
geschilderten Eingang in das kleine Seitental, in welchem die Katzenmhle lag.
In dem Walde selbst herrschte bereits halbe Dmmerung -

                                Bist du bereit?
               Nicht Schlsser sind, nicht Riegel wegzuschieben!

Sie standen vor der Mhle, standen und starrten, und ihre Herzen schlugen wie in
keiner Gefahr ihres abenteuerlichen, gefahrenreichen Lebens.
    Ach, wie sehr gehrte das frischeste Grn des Jahres dazu, um eine solche
Stelle dem Auge und der Phantasie lieblich zu machen! Heute war der Zauber
gebrochen und der Schleier von den Dingen gefallen, das Mrchen war zu Ende, und
die Wirklichkeit drngte sich nackt und nchtern vor und schrie laut zu dem
Herzen und dem Verstande. Der Felsen drohte kahl und kalt ber dem zerfallenden
Dache der Htte; die Katzenmhle war nichts anderes als eine gespenstische,
verwahrloste Ruine, und der dnne Rauch ihres Schornsteins stieg gleich der
leisen Klage eines Bettlers zum Himmel empor.
    Wo waren die blinkenden, spielenden Tropfen, die mit heimlichem Klang so s
die Stunden maen und so viel von einer seligen erfllungsreichen Zukunft zu
erzhlen wuten? Ein trber Strom schmutzigen Wassers ergo sich ber das
schwarze, zerbrochene Rad, versumpfte den Weg und verwandelte das Gehlz auf
eine weite Strecke in einen hlichen Morast. Auch das war wie Spott und Hohn.
    Jetzt habt ihr unser wahres, echtes Gesicht! rief alles in der Runde.
Waret ihr solche Narren, zu glauben, wir seien anders als ihr, so lachen wir
eurer und freuen uns eurer Narrheit: wir sind ebenso falsch und so hlich als
ihr und tragen unsere Feiergewnder und unsere feinen Mienen wie ihr. Fort mit
euch, zurck! Ihr eitlen, selbstschtigen Gefhlskrmer, was wir auch sein
mgen, wir sind gute Wchter und wollen euer Eindringen in unsern Bezirk nicht
leiden.
    Einen tiefen Schauder hatte Leonhard zu berwinden, als er ber diesen
hastigen, sprudelnden Bach, der jetzt seinen Weg kreuzte, sprang. Der Herr van
der Mook warf den Hut zu Boden und zerbi die Lippen, da sie bluteten, whrend
Hagebucher an die Tr der Mhle pochte; er drckte sich unwillkrlich gegen den
Stamm der Eiche, neben welcher er stand, und murmelte unzusammenhngende Worte
der schrecklichsten Selbstanklage, und dann lachte er, aber das war noch
schrecklicher und fand kein Echo im Walde.
    Des Hundes wohlbekannte, rauhe, ehrliche Stimme antwortete zuerst dem
anklopfenden Leonhard; dann blickte die Magd Christine vorsichtig durch das
Fenster, zog aber schnell den Kopf zurck und kam eiligst, die Tr zu ffnen und
den unerwarteten Gast zu ihrer Herrin zu fhren.
    O Herr Hagebucher, da sind Sie schon?! Ach, es tut uns so sehr leid, und
meine Madam sitzt in tiefer Betrbnis um Sie und die Mutter und Schwester zu
Bumsdorf! rief sie, indem sie jetzt auch die Stubentr ffnete. Treten Sie nur
ein und nehmen Sie es sich nicht allzusehr zu Herzen. - Madam, hier ist der Herr
Leonhard schon.
    Und die Frau Klaudine, welche bereits, horchend auf den Tritt und die Stimme
des Nahenden, das schne, alte Gesicht Von der Arbeit erhoben hatte, richtete
sich jetzt ganz aus ihrem Sessel auf und streckte dem Eintretenden beide Hnde
entgegen:
    Leonhard, Leonhard, sind Sie es denn wirklich? So schnell kann die
Nachricht des Unglcks fliegen? Gott trste Sie, mein Freund; - aber Sie knnen
nicht von dem Dorfe kommen, das ist unmglich - wie fhrt Sie Ihr Weg jetzt zur
Mhle?
    Das war ein eigentmlicher Gru, und betroffen suchte Leonhard in den Mienen
der Frau Klaudine nach einer nheren Erklrung.
    Noch lebt er, aber leider in groen Schmerzen. Der Herr von Bumsdorf ritt
erst vor einer Stunde zu meiner Htte und rief mir die traurige Botschaft ins
Fenster, und nun treten Sie, mein armer Leonhard, da so pltzlich aus dem Walde
- welch eine Unruhe, welch ein ngstliches Drngen, o Gott!
    Was ist das? stammelte Hagebucher. Wer ist so sehr krank? Was fr eine
Nachricht hat der Herr von Bumsdorf gebracht? Und die Frau Klaudine trat zurck
und rief:
    Also hat nur der Zufall Sie heute hierhergefhrt, und Sie wissen nichts von
dem, was in Ihrem elterlichen Hause vorgeht?
    Nichts, nichts!
    Das ist das Leben! Immer die alten, harten Hnde am Webstuhl! Ihr Vater ist
seit gestern schwer erkrankt, Leonhard; es ist kaum eine Hoffnung, ihn zu
erhalten, und der Vetter Wassertreter ist sehr betrbt und aufgeregt und soll
meinen, es sei seine Schuld, da dieses Unglck so pltzlich hereingebrochen
sei.
    Einen Augenblick stand Leonhard Hagebucher betubt, erschttert,
fassungslos, doch dieses konnte nicht dauern. Jetzt trafen zwei Strmungen in
seiner Brust aufeinander, und daraus entstand wenigstens fr den Moment die
innerlichste Klarheit.
    Er beugte sich nieder, und als die Madam Klaudine ihn nun auf die Stirn
kte, flsterte er:
    Nicht der Zufall, gewi nicht der Zufall! O Frau Klaudine, ich komme nicht
allein, sondern bringe einen alten Bekannten mit mir. Er steht vor der Tr, er
kniet vor der Tr, Frau Klaudine; ich aber wute nicht, wie ich ihn einfhren
sollte, denn es erfordert ein starkes, tapferes Herz, die Begegnung zu tragen.
Ich bringe den Herrn van der Mook, meinen Befreier aus der Gefangenschaft: er
aber kannte bereits den Weg zu dieser Htte. Sie redeten zu mir von dem Tode,
Frau Klaudine; ich bringe Ihnen das Leben, die Erfllung eines langen
schmerzlichen Sehnens, einer Liebe, die auch stark ist wie der Tod.
    Er geleitete die Mutter Viktors zu ihrem Sessel und lie sie sich
niedersetzen: sie lie sich willenlos fhren.
    Ich gehe jetzt zu meiner Mutter, sprach er mit Bedeutung. Wenn ich
hierher zurckkehre -
    Er vollendete nicht, denn er sah, da die Frau Klaudine ihn nicht mehr
verstand. Sie sa bleich und sprachlos, und Leonhard Hagebucher befreite seine
Hand von ihrem krampfhaften Griff, verlie das Zimmer und trat an die Tr der
Katzenmhle, wo der andere schon stand und die Stirn an den morschen Pfosten
lehnte.
    Stumm wies er in das Haus, sah den Sohn in die Stube der Mutter treten und
ging, ohne sich umzusehen, allein weiter, zurck durch das enge Tal. Schnell
eilte er auf der Landstrae durch Fliegenhausen und dann fast im Lauf nach
Bumsdorf,dem Vaterhause zu.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Frher beschrittene Wege, ist das nicht etwas, das zu dem Schnsten oder
Schlimmsten im menschlichen Leben zu rechnen ist? Wo der Pfad fhrte, durch die
Einde oder die wimmelnden Gassen einer groen Stadt, ber die stille Wiese, der
grnen Hecke entlang oder durch den grnen Wald, es redet berall der Boden
unter den Fen und mahnt: Erinnere dich, erinnere dich!
    Es gibt kaum etwas Wehmtigeres als schon einmal beschrittene Wege, selbst
wenn sie zum Glcke fhrten; denn nichts lehrt so eindringlich als sie, in
welchem Traume die Menschen wandeln.
    Fortwhrend ein Schall gleich dem Tritt eines Rosses im Ohr, fortwhrend ein
weier Schein wie von einem weien Pferde in der Dmmerung zur Seite, trotz der
Gedanken an den sterbenden oder gestorbenen Vater! Wie hatte der Wanderer einst
in das Gesicht der schnen Reiterin und Kranzwinderin geblickt und ewige Jugend
und alle Heiterkeit und Herrlichkeit des Daseins da gefunden, wo sich die Falten
des Alters, der Sorge, der tiefsten Lebensnot zusammenzogen! Was war noch brig
von alledem, was sich vor zwei kurzen Jahren mit dem schnen, lachenden Haupt in
jener Mondscheinnacht aus dem Gebsch, aus dem Boden der Heimat erhoben hatte?
    Dem Manne ein Schwert, dem Weibe das schwarze Brot der Frau Klaudine!
murmelte der Wanderer, dessen Pfad sich durch so viele Trmmer und Tuschungen
wand.
    Da war die Hhe, und wieder lagen die dunkeln Tler zu den Fen Leonhard
Hagebuchers; aber er trug jetzt nicht mehr eine Kornhre in der Hand.
    Krieg! Krieg! rief er laut hinaus. Krieg fr alle, denn wir wollen ihn
alle! Die Tler sollen sich regen und die Hhen von Waffen leuchten, und wer die
Schlacht berlebt, dem soll's erlaubt sein, sich zu wundern ber den Sieg.
    Er horchte, als ob jetzt der Klang von tausend Trompeten die Nacht
durchbrechen msse, und als es nun doch still blieb, dachte er von neuem an den
alten wunderlichen Vater, und wie er denselben so sehr gergert und in seinen
einfachsten und natrlichsten Erwartungen getuscht habe. Dadurch wurde er
wieder schneller vorwrts getrieben, bis der Brunnen, aus welchem er vor einem
Jahre als ein ganzer Narr und ein halber Verliebter trank, an der Landstrae vor
ihm rauschte. Damals war er, wie wir wissen, lngere Zeit niedergesessen, um
sich ber die neu hervorbrechenden Quellen der Hoffnung, des Lebensmutes zu
freuen; diesmal hielt er blo einen flchtigen Augenblick an, um wie in jener
Sommernacht von dem klaren Strahl zu trinken. Als er sich aufrichtete, lchelte
er doch wieder, trotz allem, was ihn bedrngte. Und so wandelte er fr der und
gab in Gedanken seinem armen Freunde, dem trumenden Schneider Felix Tubrich,
genannt Tubrich-Pascha, von allen Empfindungen, Gefhlen, Worten und Handlungen
des heutigen Tages Bericht, bis er den ersten Bumsdorfer Hahn krhen hrte.
Damit versanken alle Gestalten, die auerhalb des Vaterhauses in seinem
Gesichtskreis sich bewegten, selbst die der Frau Klaudine und des Herrn van der
Mook. Die Familie trat zum erstenmal wieder ganz und gar in den Vordergrund, und
naturgem mute jeder Streit und Kampf fr und um die eigene Existenz oder die
anderer aufhren; denn es lag ein Sterbender oder ein Toter in der Familie, und
die Toten verstehen es, Stille zu gebieten. -
    Der Hahn krhte, aber er bedachte sich, und indem er nach der Uhr zu sehen
schien, schlo er den Schnabel, ehe er seinen Weckruf vollstndig
hervortrompetet hatte. In den warmen Stllen regten sich die Khe, und ein Gaul
schien unter einem schweren Traum zu leiden und wurde von einem erbosten
schlaftrunkenen, fluchenden Knechte zur Ruhe verwiesen. Mitternacht war kaum
vorber, als der Wanderer am Ende der Dorfgasse das einzige Licht des Dorfes,
das Licht in der Kammer seiner Eltern, zu Gesicht bekam, und im heftigsten Laufe
erreichte er das Haus.
    Der sonst so zierlich geglttete Kies in den Wegen des Gartens war von
vielen Futritten zerstampft, ja sogar der Buchsbaum, welcher die Beete
einfate, der Stolz des Alten, war an mehreren Stellen niedergetreten. Die
Haustre stand offen, und schwer fiel dieses deutlichste Zeichen, da der Herr
des Hauses nicht mehr ber dem Seinigen wache, dem Sohne auf das Herz.
    Die Schlssel lagen nicht mehr unter dem Kopfkissen des Steuerinspektors
Hagebucher; eine in Schmerz und Schrecken zitternde Hand hatte sie unter dem
sorglichen, sorgenvollen, ngstlichen Haupte hervorgezogen - das mchtigste
Knigreich kann auf die gleiche Weise zerfallen oder in die Gewalt eines andern
bergeben.
    Auf dem Flur stie Leonhard auf einen feuchten Mantel und einen Mann drin,
auf den Reichsvikar des Hauses Hagebucher, den Vetter Wassertreter, der soeben
einen Erfrischungslauf durch den Garten und das Dorf gemacht hatte, jetzt den
Afrikaner mit einem leisen Wer da? empfing, ihn sodann in hchster
berraschung in die Arme schlo, um ihm das ewige, trostlose Zu spt!
zuzuflstern.
    Wie die Frau Klaudine wute auch er sich dieses pltzliche Erscheinen
Leonhards nicht zu erklren; aber noch war die Zeit fr solche Erklrungen nicht
gekommen.
    Gegen neun Uhr ist er gestorben, sagte er. Herrgott, welch ein Trost, da
du da bist! O Leonhard, ich, ich habe ihn auf dem Gewissen, und wenn er auch
einen schnen Tod hatte, so verzeihe ich es mir doch mein Leben lang nicht, ihm
dazu verholfen zu haben. Willst du dich erst fassen, mein Junge, oder soll ich
dir meine Beichte auf der Stelle ablegen?
    Was macht die Mutter? Wo ist die Schwester? fragte Leonhard, die
eigentmliche Selbstanschuldigung des Wegebauinspektors wenig beachtend.
    Sie sind natrlich auer sich! rief der Vetter Wassertreter. Aber auch
sie wird deine Ankunft unmenschlich trsten.
    Er ffnete dem Afrikaner die Tr der Wohnstube im untern Stockwerk des
Hauses und fhrte ihn in dieses Gemach, worin vordem jener groe Familienrat
unter dem Vorsitz der Tante Schndler gehalten wurde.
    Ich will das Kind rufen. Die Alte sitzt natrlich neben dem Alten und will
nicht davon weichen. Wrme dich, wenn du es kannst, und mache dem armen kleinen
Mdchen das rechte Gesicht, sie hat es ntig.
    Der Vetter zog leise die Tr hinter sich zu, und Leonhard stand in dem
dunkeln Zimmer, in welchem noch ein letzter warmer Hauch des erkaltenden Ofens
schwebte. Die Uhr, welche der Vater noch aufgezogen hatte, setzte ihren Weg
durch die Zeit auch jetzt in ihrem Winkel fort; der runde Tisch in der Mitte des
Zimmers stand noch an seiner Stelle, und als der Sohn des Hauses an demselben
einen Sttzpunkt suchte, stie er mit der Hand an die Schnupftabaksdose des
Alten und erschrak sehr darber. Der Raum war so voll von Gespenstern wie in der
vergangenen Nacht die Stube des Leutnants Kind, und der Spuk von Nippenburg und
Bumsdorf zupfte kaum weniger an den Nerven als der von Wallenburg und der
Residenz. Dazu durchfrstelte jetzt den Wanderer am Ziel seines Weges das erste
Gefhl der bernchtigkeit und Erschpfung im vollsten Mae; er seufzte tief,
aber er wagte nicht, einen Stuhl heranzuziehen und sich zu setzen. Mit
geschlossenen Augen und bereinandergeschlagenen Armen lehnte er an dem Tische,
bis Lina mit einem Lichte in der Hand hereinschwankte und ihr bleiches,
entsetztes, trnenberstrmtes Gesicht an der Brust des Bruders verbarg.
    Der Vater, der arme Vater, der Vater ist tot! Mehr vermochte sie nicht
hervorzubringen; aber Leonhard Hagebucher htte nun doch vielleicht manchen
Regentag seines Lebens hingegeben, wenn er dafr in dieser Stunde nur einige
solcher erfrischenden Trnen, wie das junge, zitternde, furchtsame Ding in
seinen Armen weinte, htte eintauschen knnen. Er hatte zu lange in der Fremde
und in der Heimat unter den Wilden gelebt und hatte von manches Menschen Tode
gehrt oder gar ihn sterben sehen, um bei solcher Gelegenheit noch ber das
kstliche Na verfgen zu knnen.
    Dafr sprach er aber um so besser und verstndlicher leise, schmeichelnde
Trostesworte zu der kleinen Trostlosen und trug sie dann mehr, als da er sie
fhrte, die Treppe hinauf, zu der alten Frau.
    Ach, das ist ein so groes Grauen! Es ist mir so sehr frchterlich, und ich
schme mich, denn ich habe ihn doch so liebgehabt und habe ihn so lieb -
    Wo ist der Vetter, mein Herzchen? fragte der Bruder.
    Auch dort drinnen bei der Mutter und - und dem Vater.
    Ich schicke ihn dir heraus. Sei ruhig; wir mssen nun recht wacker
zusammenhalten. Mein armes Kind, alles wird ja zu seiner Zeit zu einem Ding,
welches anfngt: Es war einmal! Fasse dich, Lina, auch diese bse Nacht wird
vergehen; es ist brigens kein Unrecht, Respekt vor den Toten zu haben, sie
frchtet man nur dann nicht mehr, wenn man anfing, die Lebenden sehr zu
frchten.
    Mit zrtlicher Sorglichkeit setzte er nun die Schwester auf einen Stuhl,
welcher vor der Kammer der Eltern stand, und den Leuchter zu ihren Fen nieder,
dann trat er ein in das Sterbegemach, winkte dem Vetter Wassertreter hinaus und
fate darauf sanft die alte Frau neben der Leiche in die Arme, und wenig lt
sich ber dieses Wiedersehen, diese traurige Begrung sagen: der alte stumme
Herr spielte eben die Hauptperson dabei, und der war schon zu Lebzeiten nicht
auf viele und unntige Worte eingerichtet.
    Da lag er! Durchaus nicht gelber und verdrielicher als in den heitersten
und behaglichsten Momenten seines Daseins, aber jedenfalls ebenso gelb und
verdrielich.
    Er war so gut, so gut! schluchzte die alte Dame. Vierzig Jahre haben wir
miteinander gehauset und Leid und Freude miteinander getragen. Es wei niemand
so als ich, wie gut er war, wenn man ihm seinen Willen tat. Nimmer hat er mir
ein bses Wort gesagt, und nun liegt er da. Vorgestern noch beim Kaffee hat er
alles eingerichtet, wo die Bohnen gepflanzt werden sollten und wo der Salat und
die Erbsen, und es war ganz gegen meine Meinung, aber ich habe sie wieder einmal
nicht durchgesetzt, und das ist mein einziger Trost in dieser Stunde. Tot, tot,
ja, ihr habt gut sagen, es sei so; ich mu mich noch langehin besinnen, ob es
wirklich wahr ist und ob es wirklich mglich sein kann. Vierzig Jahre, vierzig
Jahre, und nun, als ob es alles nichts gewesen sei! Ich kann nicht dran glauben!
O Leonhard, ich freue mich, da du gekommen bist, aber helfen kannst du deiner
alten Mutter auch nicht, der kann niemand helfen.
    Was soll aus dem Hause und allem, was dazu gehrt, werden, wenn du es und
uns aufgeben willst, Mama? fragte der Sohn mit rhrender Listigkeit. Es geht
jetzt schon alles drunter und drber, wie wird das erst morgen aussehen! Da ist
denn doch noch ein Trost, da der Vater den Jammer und die Verwahrlosung nicht
mehr sehen wird, denn es wrde ihn sehr rgern. Solch ein akkurater Mann! Ich
glaube sicher, Mama, du ttest ihm nun grade die rechte Liebe an, wenn du dich
zusammennhmest und an seiner Stelle Ordnung hieltest und alles, was ihm am
Herzen lag, nach seiner Weise versorgtest! Ich glaube, du mut dich jetzt in
jeder Art schonen, da du Krfte behltst; du weit, spaen lie er nicht mit
sich, und da er einmal eine ganz genaue Rechenschaft verlangt, das ist mir
unzweifelhaft, wie ich ihn kenne.
    Das wird er, mein Kind! Jaja, ich sehe es wohl ein, und ich will auch tun,
was menschenmglich ist; aber ich frchte mich schon jetzt, an seine Schiebladen
und Kasten und Rechenbcher zu rhren: er war so sehr eigen.
    Wer sollte es aber sonst ihm zu Dank machen? O Mama, jetzt bringe ich dich
zu der armen Lina, und du mut mit ihr zu Bett gehen. Er pat uns ganz sicher
auch von da oben auf die Finger, und die Verwandtschaft wird ebenfalls mit dem
frhesten kommen, ihm die letzten Ehren anzutun, und nichts ist vorgerichtet. O
Mama, was soll daraus werden, wenn du uns und ihm nicht bei Krften bleibst?
    Dieses war die rechte Art, zu trsten und zu krftigen, sie fhrte also auch
besser zum Zweck als hundert weinerliche Sentimentalitten. Es gelang, die alte
Frau aus der schwlen Kammer zu entfernen und sie unter Beihlfe des
Wegebauinspektors der Schwester zu bergeben. Nachdem dieses geschehen war,
ffnete Leonhard Hagebucher mit einem tiefen Seufzer die Fenster und lie die
winterliche Luft hinein in das dumpfige Sterbegemach. Nun krhten die Hhne von
neuem, aber dieses Mal mit vollem Rechte, es war Morgen geworden. Der Vetter
Wassertreter trat wieder ein und sagte:
    Gottlob, endlich haben sie Vernunft angenommen und sind ins Bett gekrochen,
beide in ein Bett und in den vollen Kleidern. Nun werden sie sich in den Schlaf
weinen, aber derselbe soll ihnen nichtsdestoweniger ebenso gesegnet sein wie uns
dieser frische Nordwind. Ah, welche Wohltat!
    Die beiden Mnner standen jetzt wieder neben dem Toten und betrachteten ihn
schweigend.
    In tiefem Grame dachte Leonhard daran, mit welchem Glanze er so oft whrend
seiner Gefangenschaft dieses Haupt umkleidet gesehen hatte und wie nun nicht
eine seiner wrdigen und schnen Phantasien zur Wirklichkeit geworden sei. Er
grbelte aber, zu seiner Ehre sei's gesagt, nicht seiner selbst wegen darber
nach: ein unendliches Mitleid mit dem alten Mann, der aus so tausenderlei
kleinen und nichtigen Kmmernissen und Sorgen sein Leben spann, beherrschte ihn
ganz und gar und regierte alle seine Gedanken. Er qulte sich bitter damit,
Selbstvorwrfe aus allen Winkeln seiner Brust zusammenzuscharren; aber wie er
sich auch anstellte, der Alte tat's nicht, auf keine Weise pate er als
weilockiger Patriarch auf die Bank unter den Lindenbaum, um weise Lehren und
wrdige Lebenserfahrungen einem ehrfurchtsvollen, lauschenden Kreise
mitzuteilen.
    La es gut sein, Leonhard, sagte endlich der Vetter, wir wollen nicht
blo den Frauen gute Lehren geben, wir wollen selber uns danach halten.
    Jaja, sprach Leonhard traurig, das werden wir wohl mssen. Jetzt aber -
    Jetzt willst du meine Beichte und wnschest zu erfahren, wie das Unglck
seinen Weg ins Haus fand. Leider kann ich immer nur wiederholen, da ich einzig
und allein die Schuld trage und mir grad, weil alles in der besten Absicht
geschah, die schlimmsten Gewissensskrupeln mache.
    Ich habe das wunderliche Wort bereits gehrt: was soll es bedeuten?
    Nichts weiter, als da ich mein Versprechen hielt und ihn mit der
Menschheit ausshnte. Seine Natur war jedoch nicht darauf eingerichtet, und so -
so hast du denn die Folgen davon hier vor dir.
    Ach, Vetter, la uns jetzt nicht einander Rtsel aufgeben.
    Das ist wahrhaftig nicht meine Absicht; im Gegenteil, ich werde die
Geschichte dir so klar wie mglich zu Protokoll geben. Es ist mir ein wahres
Bedrfnis, mir die Hnde zu waschen und mich schlafen zu legen. Also hre; ich
habe es glorreich zustande gebracht!
    Was, was?
    Den Fackelzug und die Stadtmusik und die Deputation aus dem Pfau und die
Reden und die Abbitte des Onkel Schndler samt dem dreimaligen Tusch und Vivat.
Es war gelungen, ungemein gelungen, und der Vetter Wassertreter durfte sich wohl
die Hnde reiben, wenn der Alte mir nicht zum Schlu, als alles in schnster
Ordnung war, diesen Streich gespielt htte. Ich traute ihm zwar vieles zu, aber
das nicht!
    Ein groes Licht ging dem Afrikaner auf: von neuem betrachtete er
kopfschttelnd das verrunzelte, verkniffene Gesicht auf dem Kopfkissen,
unterbrach jedoch durch keine weitere Bemerkung den betrbten Vetter, und dieser
fuhr im klglichsten Tone fort:
    Wie habe ich fast seit deinem Fortgehen von Nippenburg gearbeitet,
intrigiert und gewhlt! Kein Maulwurf auf zwanzig Meilen in der Runde htte
seine Sache besser gemacht. Welche Hebel habe ich in Bewegung gesetzt! Ganz
Nippenburg hat mir helfen mssen, ohne es zu ahnen. Die Menschheit hat in mir
einen ihrer grten Triumphe gefeiert. Ein Kunstwerk, ein wahres, richtiges
Kunstwerk; das lasse ich mir auch in dieser Stunde noch nicht nehmen! Und eines
seligen Todes ist er auch verblichen, das ist mein zweiter Trost, Leonhard, und
wenn ich wte, wie jener alte Grieche hie, dem man zurief: Stirb, du hast
nichts mehr zu wnschen, so wrde ich dir ein recht passendes Zitat zu kosten
geben. Ach, liebster Herrgott, auf dem Markte in Nippenburg formieren wir uns
vorgestern bei einbrechender Dmmerung, wie ich es dir versprach - smtliche
Honoratioren, die Schtzengilde, der Gesangverein und natrlich alles Volk, das
abkommen kann, und du weit, wir knnen alle abkommen in Nippenburg. Bedeckter
Himmel, windstilles, recht angenehmes Wetter, smtliche holde Weiblichkeit an
den Fenstern, in den Haustren oder die Huser entlang! Banner und Fahnen, kurz,
alles, was dazu gehrt! Jedermann sein eigener Fackeltrger, jeder Nippenburger
Philister mit seinem eigenen Lichte - - wundervoll!
    O Leonhard, es ist kein Unterschied zwischen den Gefhlen Manzonis in der
Ode ber den fnften Mai welche ich ans der bersetzung meines Goethe kenne, den
ich von hinten kenne, und meinen eigenen Gefhlen in betreff deines Vaters! Da
liegt er still und stumm, er, um den vor so kurzer Zeit noch eine so groe
Bewegung stattfand! - Wir sendeten drei auserwhlte Mnner zu der Tante
Schndler, nmlich den Brgermeister, den Kreisdirektor und den Steuerrat, und
lieen ihn holen, nmlich den Onkel Schndler, und fhrten ihn dicht hinter der
Musik nach Bumsdorf. Und die Musik hatte auf meine spezielle Rekommandation den
Einzugsmarsch aus dem Tannhuser fr die groe Gelegenheit einstudiert; aber sie
brachte ihn leider nicht zustande, sondern brach schon an der nchsten Ecke
damit zusammen und fiel natrlich wieder in die alte Leier: Heil dir im
Siegeskranze, Freut euch des Lebens, Ich bin ein Preue, kennt ihr meine Farben,
und sonstige Angewohnheiten. Einerlei, es ging doch; am Tor wurden die Fackeln
angezndet, und wir marschierten mit polizeilicher Erlaubnis fr den Ulk nach
Bumsdorf, immer mit dem Blech und der groen Pauke voran und dem Onkel Schndler
zwischen mir und dem Steuerrat, hinter den Stadtmusikanten, doch vor dem
Liederkranz. Das Dorf ist selbstverstndlich bereits auf den Beinen und luft
uns mit Hurra entgegen oder erwartet uns an den ersten Dngerhaufen mit
atemloser Spannung. Mit Knecht und Magd und allem, was sein ist, und ebenfalls
mit Fackeln rckt der Ritter von Bumsdorf, welchem ich die ntige Instruktion
zukommen lie, aus und dem Alten vors Haus, wo wir in demselben Augenblick unter
der Melodie Wir winden dir den Jungfernkranz anlangen und mit einem groartigen:
Vivat Hagebucher! Es lebe der Herr Steuerinspektor Hagebucher! unsere Gegenwart
ankndigen und den Zweck unseres Besuchs erffnen. Ach, Leonhard, Leonhard, der
schlaueste Diplomat geht immer nur so lange zu Wasser, bis er bricht, der
feinste Plan hat gewhnlich doch eine schwache Stelle, an welcher der Erfinder
die Schuld trgt und die sich bei besserer berlegung auch wohl htte vermeiden
lassen. Weshalb instruierte ich dich, mein Junge, nicht wie den Ritter Bumsdorf?
Weshalb nahm ich dich nicht mit herber, da du zur rechten Zeit hervortreten,
die Exaltation zum Abschlu bringen und das bentigte kalte Wasser aufschtten
konntest?! Ich kannte doch den Alten lange genug, um zu wissen, da dein
persnliches Erscheinen allem berma der Gefhle den richtigen Dmpfer
aufgesetzt htte, und nie, nie werde ich es mir verzeihen, da ich nicht daran
dachte im Hotel de Prusse. - Nun stehen wir im Kreise um die Haustre, smtliche
Hauptpersonen voran. Und der Garten ist voll, und die Landstrae ist voll von
Menschen und Fackeln, und die Liedertafel hat zuerst das Wort und singt den
Gefeierten an:

Wir kommen ihn holen,
Den bie-de-ren Mann,
Den Nippenburg, ganz Nippenburg
Nicht lnger missen kann -

und so weiter; der Text liegt bei mir zu Hause, und ich bin verantwortlich fr
ihn, aber nicht fr die Melodie, an welcher der Kantor Tte von der Hauptkirche
schuld ist. Tusch und Rede des Brgermeisters, welcher sagt, da wir hier sind
im Namen der Stadt und der Gesellschaft im Goldenen Pfau und da wir es uns zur
Ehre anrechnen, hierzusein, worauf er auf die Nase fllt, wie die Musik mit
meinem Tannhusermarsch, und ich mit dem Onkel Schndler fr ihn eintrete. Ich
mit dem Onkel Schndler! Ich als Redner und Opferpriester und der Onkel als
bekrnztes Opfervieh. Vetter, spreche ich, Vetter, hier sind wir, aber nicht
allein im Namen der Stadt Nippenburg und des Goldenen Pfaus, sondern auch im
Namen der ewigen Gerechtigkeit, und hier bringe ich das Lamm, welches so
unverschmt und hinterlistig den Bach trbte. Sagen Sie ein Wort, Schndler,
oder nein, sagen Sie kein Wort, sondern lassen Sie mich reden, denn jeder wei
schon, was fr ein loses Maul Sie haben. Vetter Hagebucher, mit Flten und
Fackeln, mit Pauken und Posaunen legen wir den Onkel und uns Euch zu Fen und
befehlen ihn Eurer grimmigsten Rache, uns aber Eurem innigsten Wohlwollen sowie
Eurer klarsten berlegung. Sie sehen, Vetter Steuerinspektor, wieviel Ihren
besten Mitbrgern an Ihnen gelegen ist, lassen Sie also auch Ihnen an uns
gelegen sein und kommen Sie wieder in den Pfau. Soeben kehre ich aus der
Residenz zurck; o wren Sie mit mir gegangen, Vetter, Sie htten erfahren
knnen, wie man Ihren Jungen in der groen Welt schtzt und ehrt. Fragen Sie nur
den Ritter Bumsdorf, ob es nicht wahr ist! Schnheit und Adel, Reichtum und
Bildung, alles bezahlte seinen Gulden Eintrittsgeld, um ihn zu sehen, zu hren
und sich ber ihn zu verwundern. Er ist doch ein Stolz fr Sie und Nippenburg,
und er ist es um so mehr, je mehr man ihn verkannte! Allen Sndern sei vergeben,
Vetter Hagebucher, hier haben Sie den Onkel Schndler, nehmen Sie ihn hin,
nehmen Sie uns alle hin - einen Ku der ganzen Welt - das festliche Mahl, das
Mahl der Vershnung wartet im Pfau, mit offenen Armen wartet der Ehrensessel -
Hagebucher, Hagebucher senior, Wrdigster aller Steuerinspektoren, da wir hier
denn einmal so frhlich beisammen sind, umarmen Sie in mir ganz Nippenburg,
auer dem Onkel Schndler, den Sie noch ganz speziell umarmen mgen! Musik,
Tusch, donnerndes Vivat! Die Schtzengilde prsentiert das Gewehr, der
Liederkranz gibt seinen Gefhlen hchst unmotiviert durch das Lied Wer hat dich,
du schner Wald Ausdruck, und der Alte, der Alte hngt an meiner Schulter und
schluchzt O Vetter, das ist eine gar zu groe Freundlichkeit! Ich drehe ihn, ehe
er recht zur Besinnung kommt, hinunter von der Treppe in den Kreis der
begeisterten Abderiten. Man schwenkt ein in die Marschlinie, und Arm in Arm mit
dem Onkel Schndler, unter Jubelruf, Trommelwirbel, Drommetenklang, begossen von
dem roten Schein von hundertundfnfzig Pechfackeln, marschiert der Alte mit uns
zurck nach Nippenburg, hinein in den glnzend illuminierten Goldenen Pfau, und
die Alte und Lina weinen uns von der Gartentre aus die hellen Freudentrnen
nach. Ach, Leonhard, weshalb warest du nicht bei uns, weshalb hatte ich dich
nicht mitgenommen nach Nippenburg? Wo warest du, als er sich in seinem Sessel
zurcklegte und der Stadtphysikus, der ihm gegenbersa, bestrzt aufsprang, die
Tischmusik abbrach und der Stadtchirurg, obgleich er sein Besteck bei sich trug
und seine Lanzette schnell genug brauchte, doch den Kopf schttelte?
    Ich lie mir von dem Herrn van der Mook und dem Leutnant Kind Geschichten
erzhlen, murmelte Leonhard: allein der Vetter fuhr in aller Hast fort:
    Wir brachten ihn zurck in sein Haus, diesmal ohne Fackeln, Schtzengilde
und Stadtmusik, und der Herr von Bumsdorf lief vorauf zu den Weibern. Gestern,
den ganzen Tag, hat er still gelegen, bis gegen neun Uhr am Abend. Bei Gott, er
war doch ein anstndiger, wackerer Gesell in seiner Art, und es tut mir leid,
sehr leid, und viel, viel wrde ich drum geben, wenn ich ihn ruhig in seinen
Grillen und Schrullen htte sitzenlassen. Ach, Leonhard, das habe ich dir nicht
versprochen, als ich am Dienstag vor dem Hotel de Prusse in den Wagen stieg und
dir versprach, den Alten herumzubringen!

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Leonhard Hagebucher hatte den Vetter Wassertreter sprechen lassen, ohne ihn zu
unterbrechen, doch ohne mehr als die Hauptzge, den Kern des Berichtes,
aufzufassen: am Schlusse desselben drckte er ihm nichtsdestoweniger die Hand
und seufzte:
    Es war wohlgemeint, Vetter, und daran wollen wir uns halten, alles brige
ist nicht in unsere Hnde gelegt. Ich danke Euch herzlich, Vetter, Ihr habt Euer
Bestes getan, wenngleich auf Eure Weise. Was aber wird jetzt das ntigste sein?
Ist schon in irgendeiner Art fr die nchsten Tage vorgesorgt, oder -
    Ein schnarrender Ton bewog den Afrikaner, sich schnell umzuwenden: der
Vetter Wassertreter hatte die Hnde im Scho zusammengelegt und schlief fest auf
seinem Stuhle neben dem Bette; er mute mit dem letzten Worte seiner Erzhlung
eingeschlafen sein. Auf den Zehen ging Leonhard zu den Fenstern und schlo sie
leise nach einem letzten Blick in die graue Morgendmmerung. Er wollte wachen,
er mute wachen, doch auch er nahm einen Sessel zu Hupten der Leiche und
versuchte es, seine Gedanken so klar zu halten wie seinen Willen.
    Das war schwer und erwies sich bald sogar als eine Unmglichkeit. Es htte
eine bermenschliche Kraft dazu gehrt, unter den Aufregungen der letzten Woche
ad sidera tollere vultus, d.h. die Nase so zu tragen, wie es die Naturgeschichte
vom Menschen verlangt.
    Fnf Minuten noch behielt Leonhard das starre Gesicht des Vaters unverwandt
im Auge; dann fllte sich das Gemach mit einem Nebel und dieser Nebel mit einem
Hexentanz alles dessen, was die Woche so bunt gemacht hatte. Der
gaslichterhellte, menschengefllte Saal der Vorlesung, der Herr von Betzendorff,
der Herr von Glimmern, die Frau von Glimmern, der Professor Reihenschlager und
Serena Reihenschlager, der Herr van der Mook - die Stube des Leutnants Kind und
der Leutnant Kind selbst - der Weg nach der Katzenmhle, die Mhle und die Frau
Klaudine - der Weg nach Bumsdorf - das verstrte Vaterhaus, der tote Vater, die
Erzhlung des Vetters Wassertreter und, seltsamerweise, aus dem Bericht des
Vetters Vorzugsweise der Onkel Schndler purzelten in seiner Seele durcheinander
gleich den Tnen eines Klaviers, auf welchem eine Kinderhand Musik macht, bis -
ja, bis Mutter Natur endlich Ruhe gebot und dem wildesten Lrm die tiefste
Stille, dem angestrengtesten Denken die vllige Bewutlosigkeit folgte.
    Es war heller Tag, als der zum zweitenmal aus der Fremde heimgekehrte Sohn
erwachte, und er hatte mancherlei verschlafen. Die Leiche war aus dem Bette
gehoben und in einer Nebenkammer auf ein anderes Lager niedergelegt worden: es
war wieder ein Feuer in dem erkalteten Ofen des Sterbegemachs angezndet, und
unten in dem Familienzimmer wartete das Frhstck und empfing der Vetter
Kondolenzbesuche.
    Als der Schlfer hastig emporfuhr und an das Fenster taumelte, hielt ein
Handwagen vor der Gartentr auf der Landstrae, und der Meister Schreiner mit
seinen Gesellen lud den Sarg ab, und die Magd des Hauses, mit einem frisch
geschlachteten Hahn in der linken Hand und dem Schrzenzipfel vor dem rechten
Auge, sah der traurigen Arbeit schmerzlich, jedoch nicht unangenehm interessiert
zu. Bestrzt wich Leonhard zurck und blickte schnell nach dem leeren Bett
hinber; mit beiden Hnden griff er nach der Stirn und starrte von Wand zu Wand,
von der Decke zum Boden, von dem alten Kupferstich, dem Opfer Isaaks, auf das
Portrt des Grovaters in l. Das war Bumsdorf, das war das elterliche Haus, das
war die Kammer der Eltern!... Zitternd, in namenloser Angst nochmals zwei
Schritte gegen das Fenster - der schwarze Schrein wurde ber des Hauses Schwelle
gehoben; - bei dem klaren Winterhimmel, die Sache verhielt sich so, und es war
das vernnftigste, die Treppe hinunterzusteigen, um die alte Frau in ihrer
Witwenschaft in ruhiger Trauer zu begren! Wie von einem Fenster unserer
Erzhlung treten auch wir zurck; und gleichwie recht gute Freunde ihre Besuche
auszusetzen pflegen, wenn Verdrielichkeiten ber das Haus, in welchem sie aus
und ein gingen, hereinbrachen, so lassen auch wir die unerquicklichen Tage,
welche jetzt dem Haus Hagebucher zugemessen wurden, vorberstreichen, ohne uns -
aufzudrngen. -
    Alle Wasser waren erstarrt vor dem kalten Hauche aus Norden. Die Wlder und
Tler lagen da, als ob niemals ein Ton in ihnen erklungen sei. Nun war die
rechte Zeit der Einsamkeit fr die Katzenmhle gekommen, die ja versteckter lag
als sonst eine Menschenwohnung weit umher. Mit den andern Wassern verstummte
natrlich auch das Rinnsal des Baches; auch das leiseste Klingen der
vereinzelten Tropfen aus der fernen Welt des Lebens ber dem zerbrochenen Rade
hatte aufgehrt; Mutter und Sohn in der Mhle waren allein, und niemand strte
sie, selbst Leonhard Hagebucher nicht.
    Wir kommen aus dem Hause des Todes, und der Tod ist eine ernste Sache: aber
er hinderte uns nicht, festen Schrittes einherzugehen und verstndlich, mit
heller Stimme unsere Meinung zu sagen. Nun frchten wir das Echo in den Wldern
zu erwecken was ist das? Kann das Leben grere Mysterien haben als der Tod?
    Hier war ein Wunder; die Frau Klaudine war gewachsen! Um eines Hauptes Lnge
war sie hher geworden ber Nacht. Sie hatte beide Hnde vor sich auf den Tisch
gesttzt und so sich langsam aufgerichtet. Mit groen, klaren, ernsten Augen
blickte sie in ihr Geschick - - bis hierher und nicht weiter!
    Sie hatte in der Einsamkeit und Hoffnung einen mchtigen Willen gewonnen.
Sie frchtete sich nicht; sie war die Starke, die Herrin, und keine Unbndigkeit
hielt vor ihr aus. Die Laufbahn des wilden Abenteurers war zu Ende in dem
Augenblick, wo er den Fu ber die Schwelle seiner Mutter setzte; die Laufbahn
der Frau Klaudine Fehleysen begann in demselben Augenblick von neuem.
    Er konnte krank, gebrochen, als ein Bettler an die Tr der Katzenmhle
pochen; er konnte als ein verfolgter Verbrecher zurckkehren: durch tausend
schlaflose Nchte hatte die Mutter auf die Tritte gehorcht, die sich nahen
muten. Wenn er mit sinnlosem, tierischem Lachen durch den Wald taumelte, wenn
sie ihn dir mit geschlossenen Hnden brchten und dich fragten: Ist dieser dein
Sohn?, wenn er mit einem Haufen wster, trunkener Genossen Einla begehrte, die
Mutter war auf alles gerstet, sie hatte fr alles ihren Gru bereit, und
nun?...
    Am Tage nach dem Begrbnis seines Vaters ritt Leonhard Hagebucher auf dem
Gaul des Vetters Wassertreter von Bumsdorf herber, in schweren Sorgen um das,
was er finden wrde. Er fhlte sich mde und verwirrt und hatte groe Furcht,
da man ihn frage, was zu tun und was zu lassen sei; ja er hatte sich sogar
eines gewissen egoistischen berdrusses an den Schicksalen der Leute, zu denen
er ging, zu schmen. Das Bedrfnis nach Ruhe lag ihm nicht nur in den Knochen,
sondern es lhmte ihm jede Seelenfiber, und als zwei fette Krhen, die eine
Zeitlang auf dem Wege Vor ihm herhpften, sich jetzt erhoben und mit munterm
Flgelschlage krchzend ber dem Walde zur Linken verschwanden, da schttelte er
ihnen eine matte Faust nach und murrte:
    Ihr Kerle wit gar nicht, wie gut ihr es habt; brigens meine besten Gre
an das Kind, den Herrn Professor und die koptische Grammatik!
    Des Vetters Gaul hatte, wie der Vetter selber, seinen eigenen Gang; aber
auch er brachte einen an Ort und Stelle, wenn man ihn gewhren lie, und da sich
Leonhard vollkommen in der Stimmung befand, jedermann gewhren zu lassen, so
erreichte er mit ihm und auf ihm wohlbehalten und eigentlich frher, als ihm
lieb war, das gastliche Haus zum Ochsen im Dorfe Fliegenhausen. Hier fand der
Gaul seinen Weg in den warmen Stall allein, und Hagebucher ging zu Fue zur
Katzenmhle und schttelte unterwegs manchen ber den Pfad hngenden und mit
klingenden Eiszapfen behangenen Ast, um sich eine Haltung zu geben.
    Kalt zwar schien die Sonne auf das bereifte Dach der Mhle, aber es war doch
die Sonne, und der gefrorene Boden tnte unter den Fen; Sumpf und Morast
Versperrten heute nicht den Weg zu der Tr der Frau Klaudine. Mit frhlichem
Gebell sprang der Spitz dem Nahenden entgegen, und auf der Schwelle des Hauses
erschien der Herr van der Mook, schttelte stumm und ein wenig verlegen die Hand
Leonhards und fhrte ihn in die Stube, wo die Frau Klaudine schreibend am Tische
sa, aber schnell die Feder niederlegte und mit einem Blick aus der staunenden
Seele Hagebuchers alles Dunkel und alle Mdigkeit verscheuchte.
    Siehst du, Viktor, sprach sie, ich wute es, da er kommen wrde. Ich bin
von Stunde zu Stunde seinen Schritten durch die letzten Tage gefolgt - wie htte
ich mich tuschen knnen? Wir wandelten in den Schatten des Todes, Leonhard,
aber wir glauben an das Leben; nicht wahr, nicht wahr, du kommst nicht, um Asche
auf unsern Glauben, auf unsere Hoffnung, auf unsern Sieg zu streuen? Dein Mut
ist mein Mut, dein Glck ist mein Glck, wir stehen auf einem Felde. Wir sind
wenige gegen eine Million, wir verteidigen ein kleines Reich gegen eine ganze
wilde Welt: aber wir glauben an den Sieg, und mehr ist nicht ntig, um ihn zu
gewinnen.
    Gleich einem hellen Glockenklang hallte dieses Du der Frau Klaudine in dem
Herzen Leonhards wider. Nie hatte ihm in seinem eigenen Leben oder in einem
Buche der Geschichtsschreiber und Poeten etwas so imponiert wie diese Frau,
welcher jener Stern Wermut jeden, auch den sesten Brunnen vergiftete. So
kniglich stand sie in ihrem schwarzen Kleide vor ihm, da er gar nicht daran
dachte, ihr mit einer wohlgesetzten Rede zu antworten, da er weiter nichts tun
konnte, als dem Jger die Hand hinzureichen und stotternd zu sagen:
    Wir wollen unser Bestes tun, Viktor!
    Noch war das alte wste Lachen nicht berwunden, aber es klang doch
gedmpfter.
    Ihr seid ein eigener Patron, Meister Hagebucher, und habt Eure Zeit nicht
verloren zu Abu Telfan. Fhrt mich der Teufel oder der Zufall oder das
Verhngnis, oder wie Ihr es nennt, dorthin, und ich stoe mit dem Fue an einen
Klotz im Wege, an einen Leichnam oder dergleichen und wundere mich nicht wenig,
als das Ding sich aufrichtet und sagt: Pardonnez, monsieur, auf ein Wort, es
wre mir sehr lieb, wenn Sie einen Augenblick Ihrer kostbaren Zeit fr mich
brig htten. - Und weil ich noch ziemlich munter und bei Krften in den
Stiefeln stehe und mir im Notfall wohl mit Bchse und Jagdmesser Bahn breche,
denke ich, hier ist doch ein Trost fr den Herrn Leutnant und der Landsmann
steckt sicher um eine gute Elle tiefer im Sumpf als der Korporal Kornelius van
der Mook. Das war ein recht tierischer Triumph, Mama, und erinnert mich jetzt
lebhaft an das behagliche Kollern und Kichern meines Freundes Mustafa Bei zu
Kars, als die Mine vor uns mit zweihundert Russen in die Luft ging. Verflucht,
es war nahe genug vor der Kapitulation und der ganze Lrm ziemlich berflssig,
und wie wir dort hinten unsere Roschweife senkten und unsere Gewehre abgaben,
so rcke ich auch jetzt vor die Wlle und kann nur sagen: Mach es anstndig,
Freund Leonhard! - Wie habe ich ihn gefunden, Mama? Er sagt die Wahrheit dem
Volke von der Kanzel, und er sagt sie einem unter vier Augen; und was das
tollste ist, er wei, was er sagt. berall treffe ich auf ihn; er hat seine Hand
in dem Leben Nikolas, er hat seinen Platz hier an deinem Tische und in deinem
Herzen. Setzt er nicht seinen Willen durch? Dem Leutnant Kind hat er ein Schlo
vor den Mund gelegt, mich hat er an Hnden und Fen gebunden hierhergefhrt. O
er ist frei und klug und weise; ich aber bin ein eigensinniger Bube mit
ergrauendem Haar, ein erbrmlicher Sklav, ein Hund, den man an die Kette
schliet. Ist es nicht so? Redet doch! Habt ihr etwas anderes fr mich als ein
kmmerliches Mitleid und ein stilles Bangen, da der Hund einmal ganz toll
werden und selbst seine nchsten Freunde anpacken knne?
    Die Frau Klaudine sah mit verlangenden Augen auf Leonhard, und dieser
sprach, gegen den Tierhndler gewendet:
    Du hast mir soeben recht schmeichelhafte Dinge gesagt, Viktor Fehleysen,
und mir eine Macht zugeschrieben, auf die ich wohl stolz sein drfte, wenn der
Stolz hier unter diesem Dache Raum fnde. Nur eines wei ich und sage ich dir:
Du wrdest dieses Haus mit meinem Willen nie betreten haben, wenn ich nicht am
eigenen zerrtteten, verlorenen, niedergetretenen Dasein die hohe Kraft, die
hier wohnt, kennengelernt htte und nun auch die Genesung fr dich von ihr
erwartete. Ich habe dich schon einmal an einem andern Orte nach deinem Rechte an
deiner Mutter gefragt, Viktor; jetzt will ich dir die Antwort darauf geben: Es
liegt in deinem Unglck und unser aller Ratlosigkeit. Hier stehen wir zwei von
allen Wettern zerzauste Mnner, der eine zu Land und zur See, im Kriege und in
den Wldern gehrtet und gehmmert und jeder Gefahr, welche die Materie dem
Menschen droht, lachend, der andere in der Knechtschaft zum Manne geschmiedet,
wohlbewandert in der Logik der Tatsachen, mit allen Waffen zum Kampf des Geistes
gegen die Geister ausreichend versehen, und doch - beide wie schwach und
schwankend, wie hinfllig und nichtig in all ihrem Tun und Urteilen, in all
ihrem Wollen und Vollbringen. Wohin wir uns wenden, stoen wir gegen die Mauern,
welche die dunkeln Hnde gegen uns errichten. Vergeblich mhen wir uns in Zorn
und Angst, knirschend und atmend ab und stemmen uns wider die Mchte, die unser
spotten. Wir ringen nach Atem, Licht und Luft, und es gelingt uns auch wohl, von
der Hhe eines Trmmerhaufens einen Blick in die Weite zu werfen und die Welt im
goldenen Lichte der Schnheit und des Friedens liegen zu sehen. Dann dnken wir
uns gro und gewaltig, rufen Sieg und merken nicht, wie hinter unserm Rcken die
schwarzen Wlle whrend unseres eitlen kurzen Triumphes hher emporstiegen und
wie wir nun da die Nacht haben, wo uns vor einer Stunde noch der helle Tag
leuchtete. Wir riefen Sieg von der Hhe eines Trmmerhaufens, und aus den
Spalten und Ritzen zu unsern Fen klingt ein hhnisches Lachen: in unsern
Triumph hinein wchst es auch vor uns wieder auf: Hinab, hinab, nieder in die
Tiefe zu neuer vergeblicher Arbeit, zur Rechten oder zur Linken, bis in den Tod
keuchend und ringend! Nun seht auf diese Frau und wagt es, Euern Gewinn vor ihr
zu zhlen! Sie lag unter berghohem Jammer verschttet, die Feinde waren in ihr
Allerheiligstes gedrungen, sie war vernichtet in ihren Gefhlen als Gattin und
Mutter, aus ihrer Heimat war sie in die Wste gejagt und dort allein gelassen
worden, und sie brauchte nicht wie wir an die Brust zu schlagen und zu sagen: Es
ist nur mein Recht, was mir widerfhrt! Wie stehen wir ihr gegenber, Viktor
Fehleysen? Die Welt hatte ihr nichts gelassen, und heute wei sie ihres Schatzes
kein Ende. Wir sind die Bettler, sie ist die Reiche; mit leeren Hnden kommen
wir zu ihr, und sie allein kann uns geben, was wir bedrfen: die Kraft, den Mut,
den unerschtterlichen Willen. Ach, wie feige sind wir gegen ihre heldenhafte
Geduld! Sie lag tiefer gebeugt als wir alle, aber leise richtete sie sich auf
und fllte die Wste mit ihrer Hoffnung. Sie sa still in der Einsamkeit,
rechtete mit niemand und wies nur den Zorn, den Ha und die Rache von ihrer
offenen Tr fort. Ja, ihre Tr war offen, und die Tage zogen an derselben
vorber und sahen fremd und befremdet hinein: die Frau Klaudine aber lchelte
ihnen entgegen: Was wundert ihr euch? Freilich sitze ich hier und lebe und
spinne an meinem schnsten Feiertagsgewande: - ihr kommt, sucht eine Gestorbene
und findet eine Lebende: ja, ich lebe und will leben; - wie die Zweige des
Waldes mir in mein Fenster wachsen, so drngen sich die lichten Gedanken in mein
Herz; - ich baue fr meine Kinder, die in der wilden Welt umherirren, ein neues
Haus, einen neuen Herd, an welchem sie einst niedersitzen werden, mir von ihren
Mhen und Leiden zu erzhlen - was sollte daraus werden, wenn ich nicht
stillbliebe und den armen Wanderern, den Gejagten und Verfolgten eine Freistatt
offenhielte?! - Wahrlich, es ist nicht allein der Helden und Knige Sache, zu
rufen: Sonne, stehe still und leuchte der Vollendung unserer Siege! Auch der
Schwchste, der rmste, der Geringste kann den glanzvollen Stern ber seinem
Haupte und Herzen festhalten, bis alles vollbracht ist, und die Frau Klaudine
konnte es. Jetzt, wo die Nacht um uns dunkler denn je zuvor ist, kommen wir zu
ihr und bitten um ein Fnklein Licht - wie knnen wir gerettet werden, wenn
nicht ihr Mut zu unserm Mut, ihr Glck zu unserm Glck wird, wenn wir uns nicht
zu ihr, auf ihr Feld stellen und in dem milden Scheine ihrer Sonne ihre Gtter
anrufen?!
    Er hat sicherlich die Wahrheit gesprochen, Mama! rief Viktor Fehleysen mit
bebender Stimme. Wir haben uns nur zu schmen, und du hast den Sieg innerhalb
und auerhalb deiner Wlle gewonnen. Ich habe berhaupt keine Stimme mehr im Rat
und will gehen und stehen, wie du es befiehlst. Aber auch die andern sollen
deinem Kommando gehorchen. Wenn ich besser sprechen knnte und nicht in jedem
Augenblick das Gleichgewicht verlre, wrde ich es ihnen schon sagen. Der da aus
Abu Telfan versteht das Ding gut genug und hat es auch schon bewiesen in der
Hhle des Leutnants Kind; - Fluch und Wehe ber mich, la ihn Wache halten vor
Nikolas Tr! Einst fand ich jenen Friedrich von Glimmern auf allen meinen Wegen;
nun steht dieser hier berall da, wo ich stehen sollte, und da beides
verdrielich fr mich ist, wei ich; doch was mir am meisten Schande bringt, hab
ich noch nicht herausgeklgelt, hoffe es aber mit der Zeit und Weile noch
herauszubekommen.
    Mein Kind, mein Kind, du bist im Hause deiner Mutter! rief Frau Klaudine.
Deine Mutter tritt zwischen dich und dieses Grbeln, Rechnen und Rechten ber
und um das Vergangene. Leonhard Hagebucher hat recht, ich wollte ein neues Haus,
einen neuen Herd bauen fr meine Kinder, denn ich wute, da sie zu mir
zurckkehren wrden - wie sie kommen mochten, das kmmerte die Mutter nicht. Ich
habe Feiertagskleider gewebt fr mich und fr die Meinigen, und wir wollen sie
alle tragen, alle, alle! Und jetzt, Leonhard, sagen Sie uns von Ihrem trauernden
Vaterhause, von der Mutter und der Schwester; ach, die nchsten Grber verlieren
oft ber dem Leben ihren Anspruch an uns; aber meine Gedanken sind doch immer
bei Ihnen und den Ihrigen gewesen, mein Freund! -
    Sie sprachen nun von dem Tode und dem Begrbnis des wackern
Steuerinspektors, und wie der Vetter Wassertreter so treu und trotz aller
Betrbnis so lustig zu dem Haus Hagebucher stehe. Der Herr van der Mook sa
stumm im Winkel, hielt den klugen Kopf des Spitzes zwischen den Knien und hielt
seinen eigenen Kopf tief gesenkt. Die Frau Klaudine sprach innig teilnahmsvoll
von den Verhltnissen und Zustnden Leonhards, aber den Sohn lie sie doch kaum
einen Augenblick aus den Augen, immer suchte ihn ihr unruhiger Blick ber die
Schulter; und mehr als einmal streckte sie, ohne es zu wissen, die Hand aus, als
suche sie die seinige, wie in groer Angst, da er sich erheben, vor die Tr
treten und nimmer wiederkehren werde. Der Herr van der Mook regte sich jedoch
kaum, bis im Verlaufe des Gesprchs wieder einmal der Name Nikola von Glimmern
genannt wurde. Da sprang er so jh auf, da der erschreckte Hund mit einem Laut
der Angst vor ihm zurckfuhr. Heftig fate er den Arm Hagebuchers und rief:
    Sei mein Freund und stehe mir bei! Ich bin nur wie ein Mann, der aus einem
Haschischrausch erwacht, ein Kind kann mich mit dem Verstand und mit der Hand
meistern. Wann gehst du zurck nach der Hauptstadt? Denke fr mich, handle fr
mich; ich fasse deine Hand, wie du die meinige zu Abu Telfan im Tumurkielande
fatest!
    Ach, wenn man nur mit den Mchten der Zivilisation handeln knnte wie mit
den Barbaren am Mondgebirge! seufzte Leonhard kopfschttelnd. Nur die Frau
Klaudine wird uns alle retten. Sie allein hat den Zauberstab, der die Winde
bndigt und die Wellen ebnet: sie allein ist reich genug, das Lsegeld
aufzubringen, welches die Seelen frei macht von den Banden der Knechtschaft; sie
hat das Brot und Wasser des Lebens und kann die Hungernden speisen, die
Drstenden trnken. Nikola von Einstein aber wei das, hat es am vollsten und
klarsten erfahren, deshalb hab ich kaum eine Sorge, gewi aber keine Furcht um
sie. Der Sturm, welchen wir nur aufhalten, nicht verbieten knnen, wird ihr
schnes Haupt tief beugen, doch den Baum ihres Lebens wird er nicht entwurzeln.
Einst hat sie mir von einem Brgerrecht in einem Reiche, von dem die Welt nichts
wisse, gesprochen. In der rechten Stunde wird sie diesen Freibrief vorweisen,
und alle da drauen werden ihn widerwillig oder freudig anerkennen mssen, und
an diesem Tische wird sie niedersitzen und sprechen: Mutter, ich danke dir, dein
Brot hat mich erhalten! -

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


In seinem Studierzimmer sa der Professor Christian Georg Reihenschlager,
beschftigt mit dem Studium der vergleichenden Sprachwissenschaft; in ihrem
Zimmer sa Frulein Serena Reihenschlager, ebenfalls mit einer vergleichenden
Wissenschaft beschftigt. Es war ein klarer Januarnachmittag, die Sonne blickte
heiter, wenn auch nicht warm in die Fenster, aber so licht wie der Tag war weder
die Seele des Papas noch die der Tochter. Auf beiden Seelen nmlich lag ein
leichter Schleier, nicht der graue des Mimutes, nicht der grngelbe des
Verdrusses, sondern der blulichviolette des nicht unbehaglichen Sehnens nach
einem guten, gemtlichen Kameraden, einem freundlichen, unterhaltenden
Hausgenossen, welcher auf Reisen gegangen war und dessen leerer Platz am
Kaffeetisch bereits zu mehreren der Stunde und Stelle wohlangemessenen
Bemerkungen und Eruerungen An la gegeben hatte.
    Es ist doch ganz abgesehen von der koptischen Grammatik, ein recht
angenehmes Zeichen in Hinsicht auf den Charakter des jungen Mannes, da wir ihn
nach kurzer Bekanntschaft schon so sehr entbehren, hatte der Professor gesagt,
und Serena, mit der Zuckerzange spielend, hatte darauf bemerkt:
    Nun, so ganz jung ist er wohl nicht; aber auch ich hab ihn wirklich gern.
Er ist recht unterhaltend und hat bald herausgefunden, da ich nicht ungern
lache und einen Narren am richtigen Platze wohl zu taxieren wei. Was hat man
auch sonst von dem langweiligen gelehrten Leben? Ja, wir haben uns bis jetzt so
ziemlich vertragen, und in Anbetracht, da die groe Wsche wieder einmal hinter
mir liegt, hab ich den Pascha in Ermangelung seines Herrn herbestellt, um mit
ihm ein Schwatzstndchen abzuhalten. O Himmel, was der Himmel eigentlich mit mir
im Sinn hat, da er mich so mir nichts, dir nichts mitten in diese afrikanische
und koptische und indianische Menagerie setzte, ist mir bis dato durchaus nicht
klargeworden.
    Om! hatte der Professor gesagt, den Blick beider Augen auf die Spitze
seiner Nase gerichtet, und war in seinen Pantoffeln und seinem Kaftan wieder in
sein eigenes Reich hinaufgestiegen. Er war selten bei den Audienzen, die sein
Tchterlein erteilte, zugegen; und was den Pascha anbetraf, so achtete er ihn
zwar als Menschen, fhlte sich jedoch in Hinsicht auf Klarheit der
Weltanschauung merkwrdigerweise zu hoch ber ihn erhaben, um selbst nur ein
Bruchteil seiner kostbaren Zeit fr ihn brig zu haben.
    Om! - Mit blinzelnden Augen sa Tuberich ganz vorn auf einem Stuhlrande,
und in einem Schaukelstuhle ihm gegenber lag, ebenfalls mit blinzelnden Augen,
die kleine Inquisitorin, mit den Fingerspitzen beider Hnde einen allerliebsten
Kontertanz ausfhrend.
    Also, Tubrich, Sie sind gleichfalls berzeugt, da Ihr Herr und Meister
neben seinem gediegenen Verstande auch ein goldenes Herz besitze?
    O Frulein! seufzte der Schneider, Frulein, seinen Verstand ahne ich
nur, den kann unsereiner nicht taxieren, aber sein Herz kenne ich auf beiden
Seiten wie jeden Rock, den ich je wendete. Sein Herz ist auf beiden Seiten echt:
denn wieso sollte er sich sonst grad mit mir abgeben, der auf dem Schub unter
den verstndigen Leuten wieder ankam und heut noch nicht wei, wie's zuging? Ich
wei wohl, was ich bin, und ich wei, was er ist. Da es bei mir nicht ganz so
ist, wie es von Rechts wegen sein sollte, hat mir schon mehr als einer gesagt,
aber er niemals. Bin ich ein Spielzeug? Bin ich ein armer blder Kujon, der zu
nichts taugt, als da man seinen Witz dran auslasse? Die ganze Welt und
Nachbarschaft sagt es, aber er nicht! Ich glaube, ich tue ihm leid und er
bedauert mich, was zwar nicht ntig ist, mich aber doch recht freut. Doch zu
andern Zeiten denke ich wieder, das ist's nicht allein; aus bloem Mitleid hlt
er nicht zu dir, Tubrich, sondern es ist auch wegen der Kameradschaft im Leben,
da er sich zu dir setzt am Abend oder mitten in der Nacht und zu dir wie zu
einem vernnftigen Menschen und seinesgleichen redet und dir sein ganzes gutes
und weises Herz ausschttet.
    So? Tut er das, Tubrich? fragte das Frulein. Das ist ja sehr merkwrdig
und recht brav von ihm. Wenn Ihnen der Kaffee noch nicht s genug ist, so steht
die Zuckerdose neben Ihnen links von Ihrem Ellenbogen. Also er schttet Ihnen
sein ganzes gutes und weises Herz aus? Und Sie verstehen, was er spricht?
    Durchaus nicht! sprach der Pascha mit groem Nachdruck. Manchmal ist's
mir wohl, als she ich durch einen Ri in meinem blauen Nebel in das freie Land;
aber es hlt nicht an. Ich kann eben nicht loskommen von Damaskus und Jerusalem,
das ist die Fatalitt; aber es hat nichts auf sich: wenn nur einer recht wei,
was er will, so ist's genug fr zwei.
    O Tubrich! seufzte tief nachdenklich das Frulein, htte aber ebensogut:
O Ferdinand! oder etwas Derartiges seufzen drfen.
    Ja, sehen Sie, Frulein, ich bin, sozusagen, mein ganzes Leben hindurch
eine arme Waise gewesen, und ein Schneider ist dann schon an und fr sich kein
Wesen, welches der Menschheit imponiert, wenn es nicht mit einer recht langen
Rechnung kommt. Und ich hab's nur bis zum Schneidergesellen gebracht, denn ich
hatte Triebe zum Hhern, und so bin ich nach dem himmlischen Orient, nach
Jerusalem und weit durch die Wste bis tief in die Palmenlnder gekommen, wie
mein Herr Hagebucher ins Innerste von Afrika. Und dann bin ich auf einmal hier
wieder im Land und vor meiner Mutter Tr gewesen, die Leute sagen: auf dem
Schub, mir aber ist es wie eine Zauberei, und davon bin ich nie wieder zurecht
geworden, sondern bin im Traum geblieben und werd auch wohl drin bleiben. Die
Leute sagen nun, grad vor der Tr des Narrenhauses sei ich abgesetzt worden, und
die meisten von ihnen mgen auch wohl das Recht dazu haben, aber nicht alle. Und
was mich selber angeht, so denke ich oft, auf einem sehr hohen Berg habe der
Vogel Greif mich niedergesetzt; denn wie htte sonst der Herr Hagebucher mich
auffinden und Brderschaft mit mir machen knnen? Der Herr Leutnant Kind wundert
sich auch gar nicht drber, und das ist mir ein Trost bei dieser Bekanntschaft!
    Kind? Kind? Wer ist denn nur dieser Leutnant Kind? fragte Serena.
    Der ist, wie ich eben schon sagte, ebenfalls eine Bekanntschaft von mir,
aber keine aus dem Palmenlande und von meinem Berggipfel, sondern eine ganz
nagelneue und gar nicht angenehme.
    Sie haben in der Tat sehr viele Bekanntschaften, Tubrich!
    Das habe ich. Jenseits und diesseits des Mittellndischen Meeres, diesseits
und jenseits der Wolken. Ach, Frulein, Sie sitzen hier in einem hbschen
Stbchen, und unsereinem aus der Kesselstrae ist's wie eine neue Welt, da die
Sonne selbst im Winter durch so grnes Gebsch und solche Blumen scheinen kann.
Es ist auch herzig so und soll so bleiben, und es wre sehr schlimm, wenn Sie je
mehr von der bsen Welt und den Bekanntschaften, welche man drin machen mu,
wissen sollten als Ihr Zeisig dorten in seinem bunten Kfig. Hier sitze auch ich
geborgen, und meine Augen sind heute klar genug; wenn ich aber in einigen
Minuten oder nach einer Stunde Ihre liebe Tr wieder hinter mir zugezogen habe,
dann ist das eine andere Sache. Gott behte Ihre klaren Augen, Frulein; denn
fr jedes, was einem von seiner Entstehung an bekannt ist, gibt es zwanzigerlei
um uns her, was uns ein greres Geheimnis bleibt als die Erschaffung des
Universums; und es ist keinem Lachen und keinem Weinen, keiner offenen Hand und
keiner geballten Hand zu trauen. Wenn Sie an den Husern hingehen, Frulein, so
wissen Sie nicht, was hinter den Fenstern passiert, und wenn Sie auch einmal
einen Blick in eines hineinwerfen, so gibt es doch Hinterstbchen und Kammern
genug, in welche man Sie gewi nicht gucken lt; aber es schadet auch nichts,
Sie sitzen gut hier in Ihrem hellen Stbchen. Bleiben Sie sitzen, solange Sie
drfen! Wenn Sie einmal drauen sind, haben Sie keine andere Wahl als zwischen
meinen Palmen oder denen des Herrn Leonhard oder dem Tollhause - so ist es! Und
der Herr Professor, mein grundgtiger Gnner oben in seiner Studierstube,
zwischen seinen Hieroglyphen und Pyramiden und Obelisken, wei es ebenfalls;
doch Sie brauchen ihn nicht in meinem Namen danach zu fragen, denn auf meine
Weisheit hlt er nichts.
    Aber der Herr Leutnant Kind hlt wohl etwas auf Ihre Weisheit, Tubrich?
Ungefhr so, wie der Herr Hagebucher etwas drauf hlt?
    Doch nicht, mein Frulein! Sehen Sie, der Leutnant, der kommt aus einem
ganz andern Lande als mein Patron; mit den Palmen und hohen Berggipfeln hat er
nichts zu schaffen. Der Herr Leutnant Kind, der ist so eine Bekanntschaft, die
man nachts in einem bsen Traume macht, und wenn sie einem da schon einen argen
Schrecken einjagt und ein Haarstruben und Gliederzittern zuwege bringt, so ist
das gar nichts gegen die berraschung, wenn sie am andern Morgen in Fleisch und
Blut in die Tr tritt und einem wie jeder andere natrliche Mensch die
Tageszeit, wenn auch auf ihre Art, bietet. Wir haben ein Wohlgefallen aneinander
gefunden, der Herr Leutnant und ich, das heit, er mehr an mir, seit er am Tage
nach der groen Vorlesung, das heit am dunkeln Abend kam, nach dem Herrn
Hagebucher fragte und in meiner Stube auf denselben wartete.
    Er brachte unserm Herrn Leonhard die Nachricht von dem Tode seines Vaters?
fragte Serena.
    Das glaube ich nicht. Der Herr Leonhard hat die Sache vielleicht mit
Absicht dunkel gelassen, sowohl in dem Briefe, welchen er an mich, sowie in
demjenigen, welchen er an Ihren Herrn Vater schrieb, Frulein.
    Und ich halte das fr recht unfreundlich; ich sollte meinen, wir wren dem
Herrn doch mit allem Vertrauen entgegengekommen! rief Serena achselzuckend;
aber Tubrich-Pascha schttelte nur bedenklich den Kopf und sprach:
    Bleiben Sie ruhig sitzen, Frulein! Wie gesagt, Sie sitzen warm und hbsch
in Ihrem Stbchen! An Ihrer Stelle rhrte ich mich gar nicht, sondern bliebe in
meinem Versteck still wie ein Muschen -
    Und kme nur nachts, wenn alle Leute zu Bett gegangen sind, heraus, um die
Speisekammer zu inspizieren und Zucker zu naschen. Danke, Meister
Tubrich-Pascha, ganz zu einem Zeisig, Dompfaffen oder Kanarienvogel mchte ich
aber doch nicht werden. Erzhlen Sie weiter von dem Leutnant Kind.
    Er ist fter bei mir gewesen, nachdem er einmal den Weg gefunden hatte,
sagte Tubrich, hat mich desgleichen zu sich invitiert, und ich bin
hingegangen: aber das ist gar nicht gemtlich, und man behlt zu lange das
Frsteln davon in den Gliedern.
    Aber Sie unterhalten sich doch und reden miteinander von diesem und jenem?
    Freilich! Wir rauchen, mit Erlaubnis zu sagen, jeder seine Pfeife und
sitzen uns gegenber stundenlang, und keiner spricht ein Wort: ich, weil ich
nichts wei, und Herr Leutnant hchstwahrscheinlich, weil er nicht will.
    Das ist ja sehr interessant! rief Serena lachend.
    Ach nein, interessant ist es nicht! meinte Tubrich; aber es ist immer
noch viel angenehmer, als wenn der Herr Leutnant seine gesprchige Stunde
bekommt und sein Vergngen dran findet, mich graulich zu machen. Sein
Vergngen?! Ich will doch nicht sagen, da er vergngt dabei ist und aussieht;
aber mit groem Gusto tut er's, das ist sicher.
    Und wodurch tut er's, Tubrich?
    Er unterhlt mich von seiner seligen Frau und seiner seligen Tochter und
andern Leuten, toten und lebendigen, und zwar auf eine Weise, die einem armen
Schneidergesellen, und wenn er auch in Jerusalem und Damaskus war und sich sein
ganzes Leben lang mit Trken, Beduinen, Juden und Christen von allen Sorten
herumschlug, doch nicht zutrglich sein kann. Ich glaube auch fest, in solcher
Gemtsverfassung denkt er gar nicht an meine Gegenwrtigkeit, sondern meint, er
rede nur die Wand an. Ach, Frulein, fr einen, der zu Mar Saba im Kidrontale
einschlief und in der Kesselstrae wieder aufwachte, hat er stellenweise eine
Art an sich, die einen leicht mit dem hohen Adel und verehrten Publikum
kompromittieren knnte; denn da mchte man ja wie ein erschrecktes Kind laut
hinausschreien, mit den Fen strampeln und nach Haus verlangen, weg aus dieser
schlechten, schmutzigen, blutigen Not und Schande. Da kommt es einem vor, als
seien Sonne, Mond und alle Sterne aus Blut und Kot zusammengeballt und
hinausgeworfen in die Ewigkeit, und von der tiefsten Tiefe bis zur hchsten Hhe
hnge alles in Fulnis nur durch die Snde und den Tod zusammen. Oje, oje,
liebes Frulein, kmmern Sie sich nicht um den Herrn Leutnant Kind und seine
Historien, lassen Sie uns von unserm Herrn Hagebucher reden, oder schicken Sie
mich nach Hause!
    Serena Reihenschlager hatte sich lngst aus ihrer nachlssig behaglichen
Lage in ihrem Sessel aufgerichtet, jetzt sttzte sie, sich vorbiegend, beide
Arme auf die Lehne desselben, sah dem Schneider mit Staunen in die Augen und
sprach sodann:
    Tubrich, wenn ich Sie nicht fr einen vollkommen unschdlichen Menschen
hielte, so wrde ich Ihnen in der Tat einen guten Abend wnschen und nachher
hinter der verriegelten Tr alles mgliche von Ihnen denken. brigens
meinetwegen, ich will mich nicht in Ihre und des alten Werwolfs Mordgeschichten
und Phantastereien mischen, zumal da es doch schon Dmmerung wird. Reden wir von
Ihrem afrikanischen Herrn, weil das Ihnen besser ansteht: der wrde mich
freilich sicher um zwlf Uhr in der Nacht auf einem Kirchhofe zum Lachen
bringen. Sagen Sie, Tubrich, welch ein Alter geben Sie dem guten Menschen?
    Gegen sein Schicksal gehalten, ist er noch ein reiner Jngling; sonsten
aber mag er wohl nahe an die Vierzig reichen, sagte der Pascha, und Serena
richtete sich noch ein wenig mehr in die Hhe, begann mit dem rechten Fchen
auf dem Boden die bedenkliche Zahl nachzuzhlen, gab es jedoch bald auf und
lachte leise, aber ungemein vergnglich.
    Vierzig, vierzig! Ein recht solides, verstndiges Alter! Aber was in aller
Welt nennen Sie eigentlich sein Schicksal, gegen welches er ein reiner Jngling
sein soll? Etwa seinen Aufenthalt dort unten bei den Mohren? Bah, was ist das
zum Exempel gegen mein Schicksal?
    Ihr Schicksal? O Frulein, versndigen Sie sich nicht!
    Durchaus nicht, Freund Tubrich-Pascha. Sa und sitze ich etwa nicht tiefer
in aller Mohrenwirtschaft wie jemals ein anderes Frauenzimmer auf Gottes weitem
Erdhoden? Hat jemals ein anderes Frauenzimmer auf Erden wohl mehr Langeweile und
berdru ausstehen mssen als ich? Da mchte ich doch bitten! Was gehen mich das
gyptische Lexikon und die koptische Grammatik an? In einem Ameisenhaufen htte
ich geboren werden sollen, aber nicht in dem Hause meines lieben Papas, der
erstens viel zu gelehrt und zweitens viel zu gut fr mich ist. Ach, Herr Jesus,
bin ich nur darum in die Welt gesetzt, um erst Ordnung zu stiften und dann einen
Ekel an dieser Ordnung zu bekommen? Tubrich, Sie sind mein Mann, mit Ihnen kann
man reden, ohne sich blozustellen und fr seine Offenherzigkeit ausgelacht zu
werden. Sie sind ein gefhlvoller Mensch und ein personifiziertes
Dmmerstndchen, und im Orient waren Sie auch: Sie sind der einzige, welcher
mich begreifen knnte, ohne nachher hinzugehen und seine unverschmten Glossen
darber zu machen. Horch - hren Siel Wissen Sie, was das war?
    Die Pfeife einer Lokomotive auf dem Bahnhof, Frulein. Natrlich! Die
Pfeife des Frankfurter Eilzugs; ich habe meinen Fahrtenplan gut im Kopf, und das
ist mein Elend. In frheren romantischen Ritterzeiten standen die Damen auf dem
Balkon und sahen den Mond auf- und untergehen, und der Ritter oder sonst wer,
der ankam oder abreiste, blies unten im Walde auf dem Jagdhorn; etwas spter
horchte man auf das Posthorn und dachte sich das Seinige dabei, und, offen
gestanden, das hatte schon mehr Sinn, denn an die Ritterzeiten glaube ich so
recht nicht. Heute haben wir fr unsere sehnschtigen, reiselustigen Gefhle den
Pfiff der Eisenbahn, und der ist unbedingt fr eine bngliche, schwrmerische
Seele das Aufregendste, zumal wenn der Bahnhof nicht zu weit ab gelegen ist.
Einsteigen, einsteigen, meine Herrschaften! O Tubrich, Tubrich, da ist ein
Zug, welcher bald nach Mitternacht abgeht und mich sehr hufig noch wach findet,
der bringt mich noch einmal zur Verzweiflung oder zum Durchbrennen. In der
stillen Nacht vernimmt man auch ziemlich deutlich die Glocke des Portiers, und
da hrt denn alles auf, und ich bitte ganz gehorsamst, mich zu verschonen mit:
Eilende Wolken, Segler der Lfte - oder: Wenn ich ein Vglein wr - oder
dergleichen Sentimentalitten, welche man doch keinem Dichter mehr glaubt.
    Dieses sind freilich solche Gefhle, welche der gefhlvolle Mensch in
gewissen Perioden fhlt, seufzte der trumende Schneider tief nachdenklich.
Das kenne ich wohl! Ja, freilich, wenn man nicht recht Achtung gibt, so kann
das einen viel weiter ber die nchsten blauen Berge hinausfhren, als man im
Anfange fr mglich hielt. Ich wei recht gut, wohin es mich und den Herrn
Leonhard gefhrt hat; aber darber zerbreche ich mir wirklich den Kopf, wo es
Sie, mein Frulein, niedersetzen knnte.
    Es wre gewi recht freundlich von Ihnen, wenn Sie es ausfindig machten;
ich wrde Ihnen sehr dankbar sein. Ich selber habe tief darber nachgedacht,
allein ich glaube, ich htte mich derweilen doch ntzlicher beschftigen
knnen.
    Der Pascha sah gradaus, wie in jenen Momenten, in welchen er sich sonst am
allerwenigsten mit den Angelegenheiten der alten Jungfer Europa beschftigte.
Seine Augen erstarrten in der bekannten hellblauen Wsserigkeit, und er
murmelte:
    Zum Beispiel, da ist das schne Frulein Nikola von Einstein, welches den
Herrn Baron von Glimmern heiraten mute, die fuhr auf den Wolken, und die Leute
standen in den Gassen und deuteten auf die Pflastersteine, verzogen die Muler
und wuten genau, wo die Stirn der Frau liegen werde. Ach, Frulein -
    Tubrich, flsterte Serena Reihenschlager, Tubrich, jetzt sind wir
wieder an der Stelle, wo wir vorhin abschweiften. Und wir sind unter uns,
erzhlen Sie mir von Ihren Trumen. Ich schwatze ganz gewi nicht aus der
Schule; aber ich mchte gar zu gern wissen, was der Herr Leonhard Hagebucher mit
diesem merkwrdigen Frulein von Einstein in Bumsdorf getrieben hat. Sie suchten
und pflckten Maiblumen und Veilchen miteinander, sie fhrten weie Lmmchen an
einem rosaroten Seidenbande auf der Wiese spazieren; das Frulein ritt auf einem
schneeweien Pferde, welches Prospero hie, und der Herr Hagebucher lief atemlos
nebenher. Dann ist dort noch eine geheimnisvolle Dame, eine Einsiedlerin in
einer alten, verfallenen Mhle, und alles das hat man so nahe vor der Nase, da
man es mit der Hand greifen knnte, und nichts wei man davon, also sprechen
Sie, mein sanfter Tubrich, mein allersester Tubrich-Pascha: was wissen Sie
von all diesen Mysterien, welche der Herr Hagebucher von Rechts wegen uns zuerst
htte auflsen sollen?
    Still, still, Frulein, flsterte der Pascha. Lassen Sie die Maiblumen
und Veilchen, die Lmmer und die grnen Wiesen! Ich sehe ein Haus, hier in
dieser Stadt, und Sie kennen es ebenfalls, Frulein Reihenschlager. Eine
schwere, grobe Faust schlgt nieder - ich sehe hohe Spiegel in goldenen Rahmen
zersplittern und Kronleuchter erlschen. Ich hre Stimmen und hinter mir ein
hhnisches Lachen - eine Stimme ist wie ein Schrei der Desperation, und eine
Stimme ist wie ein Fluch. Ich denke mich auf die vierte Galerie im Theater und
in den fnften Akt von Wallensteins Tod. Das hat der Schiller gut gemacht mit
dem Leichnam, der, in einen Teppich gewickelt, hinten vorbeigetragen wird, und
man braucht grad kein Schneider zu sein, um das durch alle Glieder zu fhlen.
Das macht einen Eindruck, mein Frulein, und ebenso wie vorher, wo man die Tr
in der Ferne einschlagen hrt, und -
    Das Frulein schrie gell auf, und der Schneider hielt sich mit beiden Hnden
an seinem Sitze - es hatte in diesem Augenblicke jemand zwar nicht die Tr
eingeschlagen, wie Deveroux und Macdonald, aber vernehmlich angeklopft und
klopfte jetzt, da keine der Plaudertaschen imstande war, Herein zu rufen, von
neuem und noch vernehmlicher.
    Ach, du liebster Gott, her-ein! chzte Serena, whrend der Pascha
bolzengerade sich jetzt an die Wand drckte; und in die leise geffnete Pforte
blickte freundlich lchelnd Herr Leonhard Hagebucher und fragte hflich:
    Darf man eintreten, Frulein Reihenschlager?
    Alle guten Geister! Mu er denn einem immer in die Quere kommen? rief
Serena zwar lachend, aber doch ziemlich rgerlich.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Und da ist ja auch mein Tubrich! Und der Papa sitzt jedenfalls droben tief in
der Arbeit und grbt und whlt im Schweie seines Angesichts nach Wurzelwrtern.
Alles steht und hngt und liegt am richtigen Flecke, und drauen vor der Haustr
sa soeben ein nichtsnutziger, zerzauster schwarzer Kobold und schluchzte
grimmig und hielt seinen Kopf mit beiden Fusten, und im Hause auf der Treppe
begegneten mir zwei Wichtelmnnchen mit aufgestreiften rmeln und sagten: Dem
Lumpen haben wir sein Teil gegeben und ihn hinausgeworfen mit all seinen
Spinngeweben, zerbrochenen Tpfen und sonstigem widerlichen Plunder, es hat aber
Mhe gekostet! - Es ist ein Vergngen, Frulein Serena, in so kalter Zeit
heimzukommen und sich an einem so warmen Ofen die Hnde wrmen zu drfen.
    Schren Sie nach, Tubrich, und dann knnen Sie dem Papa melden, sein Herr
Hagebucher sei wieder da und es habe sich wenig an ihm verndert! lachte
Serena, und Tubrich-Pascha, der in diesem Augenblick ebensogut Gnserich-Pascha
htte heien mgen, denn er stand bald auf dem einen, bald auf dem andern Beine,
scho aus der Tr und fuhr die Treppe hinauf. Dann wurde droben ein schwerer
Stuhl mit dumpfem Gerusch zurckgeschoben, und es erfolgte ein Gepolter, als
strzten smtliche fnfundvierzig Folianten des Thesaurus antiquitatum von der
Bcherleiter und smtliche Herausgeber vom groen Meister Peter van der Aa bis
auf die Doktoren Grvius und Gronovius ihnen nach. Jetzt polterte es fast noch
rger auf der Treppe, und nun strzte der Professor Reihenschlager in das Gemach
seiner Tochter und packte mit beiden drren Hnden den afrikanischen Hausfreund
am Halse:
    Salve! Salve! Hab ich doch den ganzen Tag ein Ziehen um das Zwerchfell her
versprt; aber ich schob's auf das Wetter. Gottlob, da Sie wieder da sind,
Leonhard; ich stecke fest in den Dialekten des Sudan und bekomme das Fieber,
wenn ich an die Somalisprache nur denke. Von dem Mdchen dort will ich nicht
reden, da ich, offen gestanden, wenig auf es geachtet habe; aber der Tubrich
ist whrend der ganzen Zeit Ihrer Abwesenheit unzurechnungsfhiger als je
gewesen. Es war nicht hbsch von Ihnen, Hagebucher, uns fast ohne jede
Benachrichtigung zu verschwinden und die hohe, die einzige Wissenschaft gleich
einem Frhstck im Stich zu lassen. Na, kommen Sie jetzt nur mit mir auf meine
Stube; ich habe Ihnen mancherlei zu zeigen und mitzuteilen, was Sie hchlichst
interessieren wird.
    Bravo, Papa! So ist es recht, nur zu! rief Serena. Der Herr kommt wie ein
Eiszapfen von der Eisenbahn und bringt eine Klte mit sich, die er unter dem
quator fr Geld sehen lassen knnte. Dazu hat er daheim seinen armen Vater
begraben und seine Mutter und Schwester in Trnen zurckgelassen, und du
empfngst ihn mit deiner Grammatik und Somalisprache und deinen Sudandialekten,
als ob es nichts Weiteres und nichts Breiteres fr ihn in der Welt gebe, als dir
die Vokabeln aufzuschlagen. O Papa, in meinem ganzen Leben hab ich nicht einen
solchen Egoisten gefunden wie dich.
    Das ist wahr, daran dachte ich nicht! sprach der Professor klglich. Ich
bitte Sie herzlich um Entschuldigung, Leonhard; Sie kommen halb erfroren von der
Reise und haben einen recht betrbten Trauerfall in Ihrer Familie erlebt;
Tubrich soll uns eine Flasche Wein aus dem Keller holen, das Kind wird fr ein
gutes Nachtmahl sorgen; und Sie, Leonhard, sind, wie ich gewi wei, fest
berzeugt, da wir den innigsten Anteil an allem, was Sie betrifft, nehmen. Sie
werden uns also von Ihrer Reise sowie Ihrem Aufenthalt in Bumsdorf und dem
elterlichen Hause das Ntige erzhlen, und wir werden Sie bedauern und Sie zu
trsten suchen, wie es uns gegeben ist. Freilich, freilich - reden wir heute
ber unsere Familienangelegenheiten, morgen mgen wir uns dann guten Mutes von
neuem einschiffen, um das hohe Meer der Wissenschaften zu befahren.
    Du bist unverbesserlich, Papa, sagte Serena; Leonhard Hagebucher drckte
aber doch dem Professor die Hand, und dann drckte er dem Frulein die Hand, und
der Pascha ging auch nicht leer aus. Und des Professors Abendprogramm wurde
gleicherweise ausgefhrt, da es den Umstnden vollkommen Rechnung trug und man
dem Behagen wie der Wehmut ihr Recht dabei auf die bequemlichste Weise zukommen
lassen konnte.
    Die weien Fenstervorhnge zog Serena mit eigener zierlicher Hand zu, die
bronzene Indianerin, welche das abendliche Licht des Hauses Reihenschlager in
mattgeschliffener Glaskugel trug, setzte Tubrich auf den Tisch, die Teemaschine
fing an zu singen, und der Professor fing an zu summen, und Hagebucher fing an
zu erzhlen von Nippenburg und Bumsdorf, von der Mutter und der kleinen
traurigen Schwester, von dem toten Vater und dem lebendigen Vetter Wassertreter,
aber nicht von der Katzenmhle, der Frau Klaudine und dem Herrn van der Mook.
Und Frulein Serena Reihenschlager war sehr teilnehmend und hatte manche
nachdenkliche Frage zu stellen; der Professor versuchte zwar, wie das nicht
anders sein konnte, einige Male die Unterhaltung doch noch in das Koptische
hinberzuleiten, sah aber jedesmal das Unpassende und das Nutzlose dieser
Versuche ein und bat fast noch eher um Entschuldigung, als ihn das Tchterlein
durch ihr Achselzucken und Lippenspitzen daran erinnerte.
    Es gab soviel zu bedenken und zu besprechen, ohne da man ntig hatte, auf
die vergleichende Sprachwissenschaft im allgemeinen und das gyptische Lexikon
im besondern zurckzugreifen. Der Herr van der Mook war bis jetzt noch hchst
berflssig an dem Teetisch des Hauses Reihenschlager, und da in der Residenz
whrend der Abwesenheit Leonhards nicht das mindeste vorgefallen war, was als
Neuigkeit gelten konnte, tat der Unterhaltung keinen Abbruch. Hier war jene
Vorlesung im Saale der Harmonie, welche so disharmonisch geendet hatte, ein
unerschpfliches Thema, welches in jeder andern Beleuchtung anders spielte und
ber welches sogar der Professor manches zu sagen hatte, was zur Sache gerechnet
werden konnte. Was aber war nach den Erlebnissen der jngsten Tage diese
Vorlesung dem Afrikaner anders als ein behaglicher Stoff zu einem behaglichen
Geplauder?
    Sogar die dunkle Gestalt des Leutnants Kind wagte sich erst dann hervor, als
es elf Uhr schlug, man Abschied voneinander nahm und Leonhard den Pascha zum
Heimweg nach der Kesselstrae aus der Kche des Hauses Reihenschlager abholte.
    Das ist ein lieber, ein sehr angenehmer und gescheiter Mensch! Und da er
kaum eine Ahnung von seiner Bedeutung fr die Wissenschaft hat, knnte ihn mir
noch werter machen, wenn solches mglich wre. Ich werde noch einmal so gut
schlafen in dem Bewutsein, da er wieder im Lande ist. Gute Nacht, Serena.
    Gute Nacht, Papa! sagte das Tchterlein, aber ohne den Kopf nach dem alten
Herrn hinzuwenden. Sie blieb noch eine geraume Zeit vor dem Tische sitzen und
sttzte die feine Stirn mit beiden Hnden. Eine unverkennbare hnlichkeit mit
dem Papa in den Stunden, wo er am tiefsten in die vergleichende
Sprachwissenschaft versunken war, trat auf dem hbschen Gesichte hervor. Auch
Serena Reihenschlager verglich allerlei, und zwar sehr grndlich, stak jedoch
nicht weniger fest darin wie der vortreffliche Gelehrte in den Sudandialekten
und der Somalisprache.
    Es ist doch zu arg! rief das Frulein halb erbost, halb weinerlich; aber
in demselben Moment hob sie lauschend den Kopf. Mitternacht schlug es, und kaum
war der letzte Schlag der Glocke verhallt, so sandte jener nach Sdwest
abgehende Eisenbahnzug vom Bahnhof seinen schrillen Abschiedsgru herber. Ein
leises, aber immer noch schmollendes Lcheln berflog das Gesicht des Fruleins,
und dann sagte sie ernstlich entschlossen:
    Jetzt wei ich, was ich tue; ich gehe auch zu Bett und kmmere mich um
nichts!
    So tat sie; aber als sie das Kopfkissen zurechtrckte und die Decke um sich
her festzog, murmelte sie, schon halb im Schlaf, zwischen einem Ghnen und einem
Errten:
    Einerlei! Wissen mcht ich wohl, was der Tubrich-Pascha dem andern Narren
heute in der Nacht von mir erzhlt und was der andere darauf zu erwidern hat! -
Wir, die wir auch jene beiden auf ihrem Wege nach der Kesselstrae begleiteten,
wissen es und sind nicht berechtigt, der Nachwelt diese merkwrdige Konversation
vorzuenthalten.
    O Herr, das sind ein Paar liebe Augen! sprach der Schneider, zum Beschlu
eines langen Selbstgesprches das Wort an seinen Begleiter richtend, und
Hagebucher sagte:
    Ja!
    Ein Blitz von einem Forellenbach durch den schnsten grnen Wald! Und wenn
sie ihren Mund auftut und spricht mit einem Grbchen rechts, einem Grbchen
links und einem Grbchen im Kinn: Herr Tubrich, ich freue mich, Sie so wohl zu
sehen, so ist das grad wie - als - als ob -
    Spart Euch den Vergleich, Gastfreund. Was ntzt es, sich dergestalt
abzuqulen? La den Quell rauschen und halte den Mund.
    O Herr, im Karawanserei zu Jaffa hrte ich einmal einen Mrchenerzhler,
der meinte, zu einer guten Musik gehrten vier Instrumente, Geige, Laute, eine
Zither und eine Harfe, zu einem rechten Blumenstrau gehrten viererlei Blumen,
Rosen, Myrten, Levkojen und Lilien, und zu einem rechten Leben Wein, Geld,
Jugend und Liebe. Ich aber meine, mit diesen beiden Augen htte man alle Musik,
alle Blumen und alles, was zu einem frhlichen Leben gehrt, zusammen und
brauchte sich um das brige nicht weiter zu kmmern.
    Alles Berauschende ist verboten! seufzte Hagebucher.
    Das ist auch meine Ansicht, indessen haben wir doch viel von Ihnen
gesprochen, Herr Leonhard -
    Bismillah, was hat sie von mir gesagt? fragte Hagebucher, stehenbleibend
und dem Schneider mit solchem Nachdruck auf den Leib rckend, da Tubrich,
zusammenfahrend, sich beinahe auf den nchsten Eckstein gesetzt htte. Schnes
Zeug werdet ihr beiden zusammengetragen haben! - Nun, heraus damit, wie denkt
das liebe Kind ber das Tumurkieland und den Mann aus dem Tumurkielande?
    Ach, Sidi, hufig saen wir in der Dmmerung traulich in ihrem Stbchen;
und da - da - ja, kurios ist es, in Worten finde ich's nicht wieder, was wir
eigentlich von Ihnen redeten. Das ist doch wirklich merkwrdig! Meine ganze
Seele und Erinnerung ist voll davon, und nun wei ich weiter nichts, als da sie
unbeschreiblich hbsch und schalkhaft dasa - aber gesprochen haben wir von
Ihnen, Herr Leonhard, und von der Eisenbahn und der Sehnsucht in die Ferne und
hundert andern Dingen, vorzglich aber von unsern Trumen und Nippenburg und
Bumsdorf.
    Der Afrikaner lachte:
    Geben Sie sich weiter keine Mhe, Tubrich; Ihre Relation lt nichts zu
wnschen brig. brigens haben wir hier unsere Gezelte erreicht. Segen begleite
unsern Eintritt, und es berhebe sich keiner, welchen Lichtstrahl die Gtter ihm
auch vor die Fe fallen lassen mgen. Gehen Sie zu Bett, Tubrich-Pascha, und
trumen Sie, wie Sie im Wachen leben. Einen bessern Wunsch habe ich nicht fr
Sie.
    Sie standen vor ihrer Haustr, doch es war bestimmt, da Leonhard Hagebucher
selbst frs erste noch nicht zu Bett gehen sollte.
    Ich hrte bereits auf dem Bahnhof von Ihrer Ankunft, sagte der Exleutnant
der Strafkompanie zu Wallenburg, Kind, und so habe ich denn hier auf Sie
gewartet. Willkommen, Herr Hagebucher.
    Der Schneider drckte sich gegen die Mauer des Hauses; aber Leonhard sprach
finster:
    Sie sind pnktlich wie der Teufel, wenn der Pakt ablief, Leutnant. Wohl,
wohl! Seien Sie auch mir willkommen: denn das mu ich ja doch wohl sagen, da die
Hflichkeit es fordert? Womit kann ich Ihnen dienen, werden Sie in dieser Nacht
noch die Sturmglocke an dem Hause Glimmern luten? Es hindert Sie niemand
vorwrts, vorwrts, lassen Sie alle Ihre Hunde los - frisch, packen Sie selber
an; was Ihnen nicht zugehrt, das werden Sie uns schon lassen mssen.
    Sie sollten nicht in dieser Weise mit mir reden, Herr Hagebucher, sagte
der Leutnant. Sie vor allen haben keine Ursache dazu.
    Nein, nein, Sie haben recht, Herr. Sie hielten Ihren Vertrag, und wir
werden den unsrigen halten; und nun, was haben Sie mir in so spter Stunde noch
mitzuteilen? Wollen Sie mit mir in mein Zimmer hinaufsteigen?
    Der Alte schttelte den Kopf.
    Das Atemholen wird mir zwischen vier Wnden seit einiger Zeit immer
unbequemer; auch werde ich Sie nicht lange aufhalten. Lassen Sie uns in der
freien Luft bleiben.
    Leonhard schob den Pascha in die Tre des Hauses und schlo sie hinter ihm;
dann legte er seinen Arm in den des alten Mannes und schritt mit ihm weiter
durch die Kesselstrae; doch schon nach einer Viertelstunde kehrte er zurck,
stieg schwerfllig durch all die schlafenden Stockwerke des Hauses zu seiner
Wohnung empor, schleuderte den Hut zu Boden und lachte bitter und zornig:
    Also das war die Meinung?... Den Herrn van der Mook verlangt er zurck von
mir, um mit ihm das Trauerspiel zu Ende zu bringen! Gleich einem
Galeerensklaven, welchem der Kettengefhrte abhanden kam, verlangt er nach
diesem Genossen! Ho, die eiserne Kugel wird ihm allein zu schwer. Bei Gott, er
soll ein Ende machen, wie er kann; aber niemand soll ihm eine helfende Hand dazu
leihen! Auge um Auge, Zahn um Zahn - er hat freie Bahn vor sich und ein
lbliches Ziel, was sucht er zur Seite, was blickt er sich um? Nichts, nichts
hat er auf dem Wege, der zur Frau Klaudine fhrt, zu suchen; was kmmert es die,
welche diesen Weg fanden, ob das Messer in seiner Hand zittert?
    Er blickte ergrimmt in dem Gemach umher. Der Schneider hatte ein Feuer im
Ofen angezndet und die brennende Lampe auf den Tisch gestellt - zum erstenmal
seit seiner Erlsung aus den Lehmhtten von Abu Telfan achtete Leonhard
Hagebucher auf die schmutzigen Wnde, die niedrige Decke seines jetzigen
Aufenthaltsortes und verzog den Mund darob. Er fhlte sich alt, durchfrstelt,
milaunig und voll Verlangen nach Licht, Ruhe und Reinlichkeit. Gestern erst
hatte er Frau Klaudine von neuem Lebewohl gesagt, und heute schon entbehrte er
sie tief und schmerzvoll und suchte krankhaft in allen Winkeln seiner
Philosophie und Erfahrung nach einem Ersatz fr ihre beruhigende Gegenwart und
hohe, stille Weisheit. Nur einen kurzen Augenblick hatte er an diesem Abend in
dem Stbchen Serenas seine eigentliche verwirrte Existenz vergessen drfen; aber
kalt und rcksichtslos griff der Leutnant Kind in die trgerische Behaglichkeit,
und statt dieselbe mit in den Schlaf zu nehmen, konnte der Afrikaner sich nur
auf den Rand seines Bettes setzen, um den Gewinn und Verlust der letzten Wochen
gleich einem ordentlichen Haushalter in die betreffenden Schiebladen seines
Daseins zu verteilen.
    Es unterlag keinem Zweifel, der alte Herr in Bumsdorf war tot und begraben,
und der verlorene Sohn regierte an seiner Stelle. Der Vetter Wassertreter hatte
ein vorhandenes Inventarium auf das genaueste mit der Wirklichkeit verglichen
und das Vermgen bis zum Stiefelknecht in der wunderbarsten Ordnung gefunden,
ohne sich zu wundern. In Nippenburg wute man schon lngst, da der
Steuerinspektor Hagebucher als ein sparsamer Mann, welcher das Rechnen und die
Landwirtschaft verstand, im Laufe der Jahre ein Erkleckliches zusammengebracht
habe, und bedauerte nur, da das schne Geld nunmehr in so nichtsnutzige Hnde
gerate. Das letztere war der Vorsehung grenzenlos gleichgltig; sie hatte Mutter
und Schwester des afrikanischen Abenteurers ganz warm geborgen; und wieder
einmal zeigte es sich deutlich, da auch ein zu den Honoratioren von Nippenburg
gehriger Mensch von der Bhne abtreten kann, ohne da die Welt im geringsten
dadurch aus dem Geleise kommt. brigens erschien seit dem Tode von Hagebucher
senior Hagebucher junior doch in einem viel gnstigeren Lichte vor den Augen
Nippenburgs, und es gab bereits viele Leute, welche anfingen, ihm den rger, die
Unruhe und Aufregung, die er durch sein unvermutetes Wiederauftreten auf der
Bhne ber das Gemeinwesen brachte, zu verzeihen, und schwache Versuche machten,
ihn als einen wenn auch eigentmlichen, so doch ganz respektablen Mann in der
ffentlichen Meinung zu heben. Das war unserm Freund Leonhard grenzenlos
gleichgltig, und mit einer kurzen Handbewegung verwies er von dem Rande seiner
Bettstatt aus sowohl das Inventar wie die Glossen darber zur Ruhe.
    Die verschneite Mhle im Tal! Sie bereitete dem Afrikaner ein ganz anderes
Kopfzerbrechen als das ruhig trauernde Vaterhaus. Wohl hatten es Mutter und Sohn
jetzt ganz gut beieinander, und wenn eine undurchdringliche Dornenhecke um die
Mhle emporgewachsen wre wie um den schlafenden Palast des Mrchens, so wrde
nur ein sehr unverstndiger Mensch noch etwas anderes fr die beiden Leute in
der Mhle haben wnschen knnen. Aber wie lange lie sich das Geheimnis in der
Verborgenheit halten? Der Vetter Wassertreter wute darum, und er hatte gute
Wache versprochen: doch lieen sich Nippenburg, Bumsdorf und das Dorf
Fliegenhausen ausschlieen - nur bis zum Schmelzen des Schnees?
    Und wenn nun aus dem Gemurmel ein Geschrei wurde, wenn nun pltzlich eine
Stimme der Frau Nikola Von Glimmern ins Ohr riefe: Die Toten sind doch
wiedergekommen! - ? Ihre Zufluchtssttte war der armen Nikola in der Katzenmhle
bereitet: aber konnte sie mit diesem Klang im Ohre dahin fliehen, mute sie
nicht vor dem Namen Viktor Fehleysens in die fernste Ferne zurckweichen?
    Nach keiner Seite ein Ausweg! Die Luft mangelte dem Afrikaner, er sprang in
die Hhe, ffnete das Fenster und beugte sich weit hinaus: Der Feigling!
zischte er zwischen den Zhnen, und wunderlicherweise meinte er mit dem Worte
den Leutnant Kind. Er verfolgte die Gestalt des Leutnants durch die Nacht; er
zuckte mit den Hnden, als halte er unsichtbare Fden darin, durch welche er den
alten Mann nach seinem Willen leite. Er begleitete ihn von Gasse zu Gasse:
Schritt vor Schritt stie er ihn vor sich her, bis zu der Schwelle jenes Hauses,
dessen Schatten so dunkel in all sein europisches Tun und Denken fiel. Er sah
ihn - er sah ihn, wie er die Hand nach dem Messinggriff der Trglocke
ausstreckte - er wrde den schrillen, erschreckenden Klang dieser Glocke ber
die halbe Stadt weg gehrt haben; mit einer zweiten Verwnschung, welche aber
dieses Mal nicht dem Leutnant Kind galt, griff er hinaus in das Leere, als wolle
er die harte, kncherne Hand des Schicksals zurckreien: La sie noch diese
eine, eine Nacht schlafen!...
    Er schlo das Fenster, trat zurck und warf sich abermals auf sein Bett. Von
einem klaren Denken, einem ruhigen, leidenschaftslosen Ordnen der Begriffe - des
Gewinns und Verlustes konnte nun wieder nicht die Rede sein. Am Waldrande sa
die schne Nikola von Einstein, ordnete die Blumen in ihrem Schoe zum Kranze
und sang:

Debout, ihr Kavaliere!
Ihr Pagen und Hartschiere,
Werft auf die Flgeltr!
Vor einem Fcherschlage
Wird itzt die Nacht zum Tage,
Klymene tritt herfr.

Welch eine nichtige Welt! Kein Gedanke, kein Wunsch, kein Vorsatz, die sich ber
die nchste Viertelstunde hinaus festhalten lieen! War das stumpfe Hinbrten in
der Gefangenschaft zu Abu Telfan oder das wilde, meinungslose Hinausstrmen in
alle Welt nach Art des Herrn Van der Mook nicht doch diesem vergeblichen
Abqulen, diesem fieberhaften Suchen nach dem Rechten vorzuziehen. Frau
Klaudine? Wem geschieht auf Erden etwas anderes als sein Recht? Lasse man es
also jedem geschehen! Wer ist so dumm, sich anders als unter der Peitsche von
Bffelhaut zu rhren; wer ist solch ein Narr, um nach so viel tausendjhriger
Erfahrung noch immer den irrenden Ritter spielen und die Kpfe, die Herzen und
Mgen der Menschheit zurechtrcken zu wollen?
    Der Glcklichste, der Schuldloseste wird immer derjenige sein, welcher so
vollstndig in den Traum gerettet wird wie Tubrich-Pascha. Wem es aber nicht so
gut zuteil wird, der rette sich selber in jenen Egoismus, welcher den Nchsten
ungeschoren lt und sich sein Nest aus den Federn, Flocken, Grashalmen und
Sprossen baut, die zum freien Gebrauch in der Welt ausgestreut liegen. Wir haben
neulich hohe Worte gesprochen in der Katzenmhle, Frau Klaudine Fehleysen, und
trotz aller Verwirrung lag die Welt im ruhigen Glanz vor uns beiden. Aber das
war in der Katzenmhle mitten im Walde, wo selbst die leisen Wasser nicht mehr
die Stunden zhlten. Da sitzt auch Ihr in den Traum gerettet, Frau Klaudine:
aber wie soll man hier in der hochfrstlichen Residenz sich verhalten, wo der
Leutnant Kind in natura auf der Schwelle der Frau Nikola sitzt?
    Ich schlafe mit dem Schwerte unter dem Kopfkissen! rief Leonhard grimmig,
und als er endlich wirklich schlief, trumte er von einem warmen Schlafrocke,
einem Paar wunderschner weicher Pantoffeln, einer langen Pfeife und einer
singenden Teemaschine.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


Herein!
    Mit nervser Spannung hrte Hagebucher den schnellen Schritt die Treppe
heraufkommen und vor seiner Tre anhalten; doch mit um so grerm Behagen
empfing er sodann den frhen Besuch, nmlich den Leutnant Herrn Hugo von
Bumsdorf, den heitern Sohn des nahrhaftesten Vaters.
    Ich vernahm soeben von Ihrer Rckkehr aus der sen Heimat, sprach der
jugendliche Krieger, und ich hielt es fr meine Pflicht, Ihnen auf der Stelle
mein innigstes Beileid zu erkennen zu geben. Sie verloren Ihren Papa, wie mir
der meinige etwas melancholisch schrieb, und, wie gesagt, ich kondoliere ganz
gehorsamst, obgleich ich wohl bemerken knnte, da die Verehrung des Seligen fr
mich niemals so intensiv war als die meinige fr ihn.
    Ich danke Ihnen fr Ihre Teilnahme, Herr von Bumsdorf, erwiderte Leonhard.
Die Ihrigen befinden sich wohl, und ich habe von allen die besten Gre zu
berbringen.
    Schn! sagte der Leutnant gnzlich ungerhrt. Hat Ihnen der Alte sonst
nichts mitgegeben?
    Ja, lchelte Hagebucher, aber etwas - etwas -
    Etwas mehr in das Gebiet des hheren Patriarchalismus, in Campe Vterlichen
Rat an meine Tochter, etwas tief in das Handbuch des Sittengesetzes
Einschlagendes! O schweigen Sie still, mein Bester, wenn dieser mein arkadischer
Erzeuger wte, wie sehr jeder Tag, jede Stunde mir hier Moral predigte, er
wrde sicherlich seine Ethik fr sich behalten und Ihnen etwas Reelleres, etwas
Verwendbareres fr den arg geplagten, den sehr gedrckten und geknickten
Sprling seiner Lenden mitgegeben haben. Doch lassen wir das, reden wir von
Ihrer Familie, von den armen Damen; wahrhaftig, ich nehme den innigsten Anteil
an dem Schmerze derselben; wir haben so gut zusammengehalten whrend Ihrer
Abwesenheit in Afrika. Ich verlebte so glckliche Stunden in der Fliederlaube an
der Landstrae, und wenn die Kusine Nikola in Urlaub aus der Residenz und ich
aus dem Kadettenhause kam, welch ein lustig idyllisches Wesen war das mit meinen
Schwestern und mit Ihrer Schwester, Leonhard, auf den Wiesen, auf dem Heuwagen,
in der Milchkammer! Ja, das war ein Leben, welches sich loben lt, da brauchte
man sich freilich nicht den Code moral vor die Nase rcken zu lassen, und ich
sage Ihnen, Hagebucher, es ist doch kein Mensch mehr fr die rationelle
Landwirtschaft gemacht als ich, und, auf Parole, ich werd's der Welt und dem
Alten noch beweisen. Der Teufel hole mich, wenn ich's nicht tue, und zwar in der
allernchsten Zeit!
    Sind Sie Ihrer jetzigen Lebensstellung so sehr berdrssig, Herr Leutnant?
    berdrssig?! Dies Wort reicht meinen Gefhlen nicht bis an den Nabel.
berdrssig! Keine Naturgeschichte hat je tiefer ber einen neuen Namen fr eine
neue Insektenart nachgedacht als ich ber einen neuen Ausdruck fr meine
jetzigen Zustnde. Meine einzige Hoffnung in dieser Hinsicht ist noch Ihr
koptischer Professor; wenn der mir nicht in irgendeiner gyptischen Felsenkammer
oder Pyramide eine zutreffende Keilschrift- oder Hieroglyphenbezeichnung dafr
ausfindig macht, so bin ich verloren, gebe alle ffentlichkeit und Mndlichkeit
auf und beschrnke mich auf stumme Zerknirschung und schweigende Verachtung. O
lachen Sie nicht, Liebster, Bester! Wenn ich heute in das Tumurkieland gehen und
dort eine Rede halten wrde, so glaube ich fest, die Damen dort wrden meinen
Schmerzen ebenso gerecht werden wie die sen Kinder, angenehmen Witwen und
holden Gattinnen hier den Ihrigen!
    Das glaube ich auch! lachte Hagebucher doch. Aber woran liegt es denn
eigentlich? Sie sind jung, gesund und wissen den Papa vortrefflich zu nehmen,
ohne sich dabei durch ein bertriebenes Zartgefhl hindern zu lassen.
    Verflucht, chzte der tief gebeugte junge Kriegsmann, verflucht! Einem
Sekondeleutnant glaubt man doch nichts von seinem Elend und akkompagniert die
hohlsten Brusttne seiner Verzweiflung wohl gar noch durch die ironische
Versicherung, man glaube alles und begreife nur nicht, wie ein Mensch unter
solcher Last des Daseins es zu einem so hoben Alter habe bringen knnen. O
glcklich alle jene singenden, pfeifenden, tastenschlagenden Individuen, welche
ihre Schmerzen durch ihre Knste ventilieren knnen! Aber was kann ich? Nichts
kann ich! Nein doch, Whist und Lomber; aber das sind freilich zwei Knste, durch
welche es sich schwer sagen lt, wie man leidet, in welchen man weniger seinem
Herzen als seinem Geldbeutel Luft macht! Gott, o Gott, Hagebucher, wissen Sie,
wie tief der Mensch sinken kann?
    Ich glaube einige Erfahrung davon zu haben, sprach der Mann aus dem
Tumurkielande; aber der Leutnant Hugo von Bumsdorf legte ihm die Hand auf die
Brust, schob ihn zwei Schritte zurck und rief:
    Sie? Ach, berheben Sie sich nicht. Was knnen Sie davon wissen? Sie werden
schweigend sich beugen, wenn ich Ihnen mitteile, da ich, Hugo von Bumsdorf
Sekondeleutnant im zweiten Jgerbataillon, Stunden habe, in welchen ich - in
welchen ich ber die - Unsterblichkeit der menschlichen Seele nachzudenken
gezwungen bin!
    Das ist freilich entsetzlich! rief Leonhard, doch der Leutnant fuhr fort:
    Und es ist noch nicht das entsetzlichste. Denken Sie sich, ich habe sogar
den Versuch gemacht, diese Frage unter den Kameraden im Kasino zur Sprache und
zur Lsung zu bringen! Was sagen Sie nun?
    In der Tat, ich kann mich nur schweigend beugen. Aber was war die Meinung
der Kameraden?
    Die Meinung der Kameraden? Ich glaube nicht, da sie sich schon eine
festere Meinung gebildet hatten, da sie es berhaupt der Mhe wert hielten,
danach auszuschauen. Mit gellendem Hohngelchter gingen sie ber mich und meine
Motion zur Tagesordnung ber; und ich - ich lie die Herren im hellen
Sonnenschein zwischen den Nymphen auf der Jagd nach den Wasserjungfern und
sonstigen geflgelten und ungeflgelten Delikatessen und versank langsam gleich
einem kranken Karpfen von neuem in meine eigene bodenlose Tiefe.
    Ungemein anschaulich, lachte Hagebucher. Haben Sie wirklich noch nie
versucht, diese seltsamen, diese erbaulichen Stimmungen auf dem Papier
festzuhalten? Haben Sie nie versucht, mit der Feder in der Hand sich von
denselben zu befreien?
    Papier? Stimmung? Feder in der Hand? Herr, sagte ich Ihnen nicht bereits,
der Gott, der mir im Busen wohnt, er kann nach auen nichts bewegen?! Beachten
Sie das Zitat, es ist nicht aus dem Paul de Kock, sondern aus Goethe Faust.
Sehen Sie mich nicht so gro an, ich studiere de Faust. Er liegt stets
aufgeschlagen auf meinem Nachttische, und ich habe meinem Kerl strenge Order
gegeben, ihn stets dort liegenzulassen. Ja, dieser Doktor Faust! Es ist kaum
glaublich, aber dessenungeachtet erschtternd wahr, ich fhle mich stellenweise
ihm unendlich verwandt in meinen Empfindungen, und lngst ist mir die dunkle
Ahnung zur vollsten, klarsten Gewiheit geworden, da auch fr mich die hchste
Ttigkeit, die letzte Rettung in einem groartigen Wasserbau, ganz abgesehen von
dem Ewig-Weiblichen, liege. Mit ganzer Hingebung widme ich mich augenblicklich
dem Studium der Drnage, und, auf Ehre, ich werde einst Ersprieliches dadurch
auf unsern heimatlichen Gefilden zu Bumsdorf wirken! Ja, drcken Sie mir nur die
Hand, vielleicht ist der Augenblick, in welchem wir uns noch besser verstehen,
in welchem wir einander noch nher treten werden, nicht allzu fern. Ach,
Hagebucher, ich habe Sie immer fr einen guten Gesellen gehalten, und es wrde
mich sehr alterieren, wenn Sie mich vielleicht fr das Gegenteil hielten.
    Ich halte Sie fr einen wackern, treuen Freund, fr einen frohherzigen
Kameraden und hoffe, da dies immer so bleiben wird. Ha Monjoie, Crillon, ich
glaube selber, wir werden einmal mit groem Behagen von diesen residenzlichen
Tagen in der Fliederlaube an der Bumsdorfer Landstrae den Damen erzhlen. Unter
allen Umstnden aber wollen wir uns tchtig durchbeien, und Ihnen, Bumsdorf,
wnsche ich das beste Glck zu allen Ihren Wasser- und Landbauten.
    Amen! rief der Leutnant und setzte hinzu: Sie haben keine Idee davon, wie
sich der Mensch in unsern Verhltnissen abqulen mu, um zu irgendeinem Spae zu
gelangen. Von Vergngen oder gar Gemtlichkeit ist natrlich nie die Rede, und
ich kenne nur eine Person, welche noch schlimmer als unsereiner dran ist, und
das ist meine Kusine Nikola von Glimmern.
    Nikola!
    Der Afrikaner, welcher seinen Besuch schon gegen die Tr begleitete und im
Grunde froh war, da derselbe endlich Abschied nehmen wollte, schob sich jetzt
wieder schnell zwischen die Pforte und den Leutnant und rief:
    Sie sollten doch noch einige Augenblicke verweilen, um mir noch ein Wort
ber jene Dame, deren Namen Sie soeben aussprachen, zu sagen. Sie wissen,
welchen Anteil auch ich an ihrem Leben nehme, und dazu komme ich soeben von der
Katzenmhle, von der Frau Klaudine. Sie werden whrend meiner Abwesenheit von
der Stadt tglich mit Nikola in Verbindung geblieben sein; ich bitte Sie
herzlich, erzhlen Sie mir noch etwas von ihrem Leben. Auch ich kann sagen, da
vielleicht eine Stunde nicht fern ist, in welcher ich Ihre ganze Kraft, Ihren
besten Willen fr diese Frau in Anspruch nehmen werde.
    Der Leutnant legte seine Mtze wieder nieder und sah verwundert fragend auf
den Afrikaner. Dann sagte er:
    Was liegt eigentlich in der Luft, was geht so spukhaft auf den Zehen, kurz,
Hagebucher - was geht vor? Das ist ein Rauschen und Raunen von oben und unten,
wie die Goldschnittpoeten sagen wrden; es luft eine Wolke ber unsern
gesellschaftlichen Himmel und wirft einen eigenen Schatten ber smtliche
Klatschrosen, Mohnkpfe, Hahnenkmme und Jungfern im Grnen dieses heillosen
Nestes. Ein jeder scheint etwas zu riechen, wei jedoch durchaus nicht, was; Sie
aber scheinen mir genauer in die Bchse gesehen zu haben. Was ist es,
Hagebucher, was zieht sich zusammen um das Haus meines teuren Vetters Glimmern?
Ich bitte, wenn es irgend mglich ist, so geben Sie auch mir das Losungswort;
ich werde mir alles, alles, meinen Schnurrbart wie meinen Kopf fr die Kusine
abschneiden lassen. Sie zgern? Nun, so will ich Ihnen einen neuen Beweis meines
Vertrauens gehen, indem ich nicht weiter in Sie dringe. Aber eines fordere ich
als mein Recht, Sie mssen mich rufen in der rechten Stunde.
    Ich danke Ihnen, Freund, sagte Leonhard ernst; zur rechten Stunde rufe
ich unter Ihrem Fenster, doch jetzt, wie lebt Nikola, seit -
    Seit Sie Ihre vortreffliche Vorlesung hielten, um dann in so berraschender
Weise zu verschwinden? O Freund, Sie knnten diese Frage zehntausend
Sekondeleutnants vorlegen, und Sie wrden immer die Antwort erhalten: Die
Gndige befindet sich vortrefflich, es ist eine amsante Frau, welche es
ausnehmend versteht, der Existenz die Lichtseiten abzugewinnen; gestern auf dem
Ball sah sie entzckend aus, und morgen auf dem Ball wird sie selbstverstndlich
wiederum die Herrlichste unter den Weibern, nmlich den verheirateten, sein. Ich
aber, Hagebucher, ich seufze erbost: Was hat man aus der gemacht, und was hat
die Nrrin aus sich machen lassen? Die Arme! Ich habe mit ihr immer so gut
gestanden, und in jener Zeit, als ganz Bumsdorf mich als den verruchtesten aller
Snder total aufgab, wagte sie allein, die in Wehmut und Entsetzen zerflieende
Verwandtschaft auszulachen und den schnen Glauben an den Demant in meiner
Seele, den Glauben an meine edlere Bestimmung festzuhalten. Ich werde ihr das
nie vergessen; aber der Teufel soll mich holen, wenn ich noch lnger einen Fu
in ihr Haus setze, um mich ber den Jammer zu Tode zu rgern! Ja, was sage ich
da? Mu ich nicht zu ihr gehen und neben ihr sitzen? In frheren Zeiten
erschlugen die Ritter und jungen tapfern Vettern alle mglichen Drachen, welche
die Damen bedrngten; heute ist der Dienst ein anderer geworden, und die Ritter
kommen und sitzen neben den Damen, um sie durch ihre Sottisen auf andere
Gedanken zu bringen. Bumsdorf  la recousse! Ich sitze tglich bei dem armen
Mdchen und vertreibe ihr die Grillen, so gut ich kann. Und den Drachen, den
Herrn Vetter, ertrage ich der Kusine wegen, welches ebenfalls zu dem vernderten
Dienst gehrt. Indessen am angenehmsten ist's immer, wenn er Hut und Stock nimmt
und sein Feuer anderswo speit. Es ist ein recht hflicher Drache, der die Welt
kennt und durch seine bengalischen Naturgaben die wundervollsten Beleuchtungen
der Dinge, und zwar nicht blo bei Hofe, hervorbringt. Eine hhnerologische
Preisfrage wre brigens aufzuwerfen: Ist einem Hahne gestattet, Eier zu legen,
aus denen -
    O lassen Sie doch das! Lassen Sie den Baron, unterbrach Leonhard den
phantasiereichen Leutnant, und dieser rief:
    Gern, gern, nur allzugern! Lassen wir den exzellenten Basilisken und den
ebenso exzellenten Kotschinchinesen oder Brahmaputra, seinen seligen Papa. Wir,
das heit Nikola und ich, saen also auch whrend Ihrer Abwesenheit, Hagebucher,
zusammen, und es fiel nichts Bemerkenswertes vor. Wir schwatzten wie gewhnlich
von diesem und jenem, grad wie ich hier mit Ihnen schwatze. Wir sprachen von
Bumsdorf, dem Prospero Sie kennen den Prospero, Leonhard, bei grerer Mue
werde ich Ihnen eine Geschichte erzhlen, wie ich ihn vor drei Jahren dem Alten
ausfhrte und wie der Alte wtend ihn mir hier wieder aus dem Stall holte. Wir
sprachen von der Katzenmhle, von der Frau Klaudine, der verzauberten Dame in
der Mhle. Was wir sprachen? Ja, da steckt der Jammer, und wenn ich daran denke,
wie vergngt wir vorzeiten miteinander gewesen sind, so ist die Gegenwart um so
schlimmer. Sie lacht noch wie sonst; aber es ist doch nicht mehr das alte
Lachen. Ich glaube, wenn sie manchmal ein wenig weinen wrde, so brchte das
doch etwas Heiterkeit in unsere Zustnde. Ach, Hagebucher, Psychologie ist sonst
nicht die Wissenschaft, in der unsereiner exzelliert; doch hier ist eine Seele,
welche ich vollstndig begreife. Sie hat sich lange genug gewehrt und zuletzt
einen ehrenvollen Vertrag abgeschlossen; aber was kann solch ein armes,
gequltes Frauenzimmer beginnen, wenn man ihr die traktatmigen Bedingungen
nicht hlt? Sie kann nicht durchbrennen wie Sie, Herr Leonhard; sie kann nicht
verschwinden und, sozusagen, zu einer Mythe werden gleich jenem Narren, dem
Viktor Fehleysen, von dem noch so manche dumpfe Sage in der Stadt geht. Sie kann
ihr Elend nicht an den Rekruten oder am Spieltisch ausfluchen oder ausgehen wie
ich. Sie steht immer da, Gewehr bei Fu, und hat sich vom Kommando Grobheiten
und Anzglichkeiten vortragen zu lassen. Und das Kommando, dann die alten
Weiber, der Hof und zuletzt die Witterung mit all ihren vernderlichen
Niederschlgen, die kennen kein Erbarmen, und es wre ein Wunder, wenn sie
zuletzt nicht die Oberhand ber den stolzen schnen Mut meiner Kusine Nikola
gewnnen. Herr, Sie sind mein Mann, Sie haben unter dem quator das Schweigen
gelernt und mir soeben eine Probe davon gegeben. Ich achte das und verehre jeden
Menschen, der mit Gelassenheit auf seine Stunde passen kann. Ich vermag es
nicht, und so erlaube ich mir hier vor Ihnen auszusprechen: Wenn das Gespenst,
welches in jenem Hause umgeht, nicht bald offen, und am liebsten mittags um
zwlf Uhr, whrend der Wachtparade zum Beispiel, hervortritt, so werde ich, Hugo
von Bumsdorf, sehr unangenehm gegen diesen Herrn Vetter Glimmern, und es wird
mir ein unendliches Vergngen machen, ihm einmal zwischen Tr und Angel die
Seele aus dem Leibe zu schtteln! Jetzt leben Sie wohl und behalten Sie mich
lieb, Hagebucher Morgen abend ist Ball beim Polizeidirektor Betzendorff, da
werde ich Sie freilich nicht sehen; aber die Nikola will ich dort in einem
stillen Winkel von Ihnen gren. Guten Morgen!
    Der Afrikaner bewies, da sein junger lebhafter Freund in betreff seiner
Schweigsamkeit recht habe. Er behielt alles, was er dem Davoneilenden vielleicht
htte nachrufen knnen, fr sich und trug seine Unruhe, sein innerliches Fieber
zum Professor Reihenschlager und jenes Paar liebe Augen, welches dem trumenden
Schneider Felix Tubrich so sehr gefiel. Doch vergeblich lchelte und schmollte
Serena, vergeblich breitete der Professor alle seine in den letzten Monden
eroberten wissenschaftlichen Resultate vor dem Hausfreunde aus, vergeblich
trmte er ihm alle whrend derselben Zeit sich erhoben habenden Schwierigkeiten
und Anste vor der Nase auf: Leonhard hatte arges Kopfweh von dem Besuche des
Leutnants bekommen. Er mute hufig mit beiden Hnden nach den fliegenden
Schlfen greifen, und des Professors koptische Vokabeln bauten durchaus keinen
Damm gegen die Bruchstcke, Trmmer und weggeschwemmten Tische und Bnke, welche
sich noch immer in der Erinnerung Hagebuchers auf dem ausgebreiteten Strome der
Redeberflutung des jungen Kriegers schaukelten.
    Dieses geht nicht, Tochter! sprach der Professor, nachdem der afrikanische
Freund Abschied genommen hatte, kopfschttelnd. Es geht wahrlich nicht, Serena.
Wo bleibt die Sammlung, das logische Denken, das innige Verstndnis des
Notwendigen? Welch eine bedauerliche Zerstreutheit! Welch ein betrbender
Nachla smtlicher philologischer Seelenkrfte! O Vater Zeus und alle ihr andern
unsterblichen Gtter, erhaltet mir diesen Jngling -
    Vierzig, vierzig Jahre! murmelte Serena, tiefsinnig ber ihr Nhzeug
gebeugt.
    Erhaltet mir diesen Jngling in dem ganzen vollen Erkennen meiner und
seiner hohen Lebensaufgabe. Bei den Geheimnissen von Eleusis, wozu httet ihr
ihn auch gerettet aus der Gefangenschaft jener, die das Salz nicht kennen und
das schngeglttete Ruder fr eine Worfschaufel nehmen?
    Wozu, wozu? seufzte Serena pianissimo, fgte jedoch laut und deutlich an:
    Papa, du wirst von Tage zu Tage komischer; nimm es mir nicht bel.
    Leonhard Hagebucher machte zuerst dem verstorbenen Landesvater von Bronze
auf dem Promenadenplatze seine Aufwartung und stattete sodann dem Hause des
Majors Wildberg einen Besuch ab, um auch hier zu zeigen, da er wieder am Orte
sei, doch nicht aus diesem Grunde allein. Wie es ihn von den Menschen forttrieb,
so trieb es ihn immer von neuem wieder zu ihnen hin - verlieren wir weiter kein
Wort ber einen Zustand, den jedermann aus eigenster bitterer Erfahrung kennt.
    Das Haus des Majors war bald erreicht; aber es war nicht leicht, die Treppe
hinaufzugelangen. Die ganze rotbackige Nachkommenschaft des biedern Strategen
und der wackern Frau Emma hielt dieselbe unter der Obhut eines Kindermdchens
und einer Amme blockiert und hing sich dem Afrikaner mit hellem Freudejauchzen
an Arme, Beine und Rocksche wie ein schwrmender Bienenstock an den Weisel.
    Er ist wieder da! Mama, der Mann aus dem Mohrenlande ist wieder da! Hurra,
vivat! Papa, hier haben wir den Onkel mit den Elefantengeschichten und
Lwengeschichten! Er ist wieder da! Hurra, Herr Mohrenknig, erzhlen Sie uns
eine Geschichte von dem groen Affen und dem Krokodil und den schwarzen Mnnern,
welche sich nie zu waschen brauchen, weil es doch nichts hilft, und welche sich
nie anzuziehen brauchen, weil sie gar keine Kleider haben, und welchen Sie so
lange Zeit die Stiefel putzen und die Rcke ausklopfen muten.
    Hurra, vivat, das wird alles zu seiner Zeit geschehen! rief Leonhard, ber
den Wirbel von Kinderhnden und Kinderkpfen weg der Frau Emma die Hand
reichend. Und der Major kam aus seiner Studierstube von einem Plan des Forts
Sumter und versuchte es lange vergeblich, die blhende Hoffnung seines Stammes
zur Ruhe zu kommandieren, bis ihm ein Tanzbr nebst einem Affen und Dudelsack in
der Gasse zu Hlfe kam, worauf der wilde Schwarm natrlich die Erzhlung von den
Affen fr das wirkliche Wunder aufgab und mit lautem Getse die Trepp
hinunter-und aus dem Hause strzte.
    Da mchte man ja den Himmel fr einen Dudelsack ansehen! rief der Major,
die Brille in die Hhe schiebend. Gr Sie Gott, Hagebucher; wir wuten schon,
da Sie aus der Provinz zurckgekehrt seien, und heien Sie herzlich
willkommen.
    Treten Sie schnell herein, Herr Hagebucher! rief die Frau Majorin. Mir
ist es immer, als hielte ich das Leben wie einen Aal in den Hnden. Hier, treten
Sie in meines Mannes Stube; vor ihr hat das wilde Vlklein doch noch den meisten
Respekt, und wir werden hier am lngsten ungestrt sein.
    Da sa der Afrikaner wieder einmal in dem wohlbekannten behaglichen Raume
und erhielt eine Zigarre und die volle Erlaubnis, zu sagen, wie es ihm ums Herz
sei. Das letztere tat er denn auch, doch immer nur bis zu dem schwarzen,
schweren Balken, der ihm quer ber den Weg geworfen worden war und ber den er
nicht hinauskonnte. Er bekam auch hier gutmtige und ernstgemeinte
Beileidsbezeugungen ber den Tod des Vaters und hrte auch hier wieder manches,
doch eben nichts Neues ber das Leben der Frau Nikola von Glimmern.
    Sie kommt wie gewhnlich, sagte die Frau Emma, bald im Vorbereilen, um,
wie sie meint, in einem flchtigen Augenblick sich einen Atemzug gesunder Luft
zu holen, bald kommt sie zu spterer Abendzeit, wenn der Herr von Glimmern im
Offizierskasino am Spieltisch sitzt; doch immer setzt sie sich am liebsten in
die Kinderstube, und wenn die Kleinen zu Bett gebracht sind, spricht sie selten
noch ein Wort, sondern lt uns reden, was wir wollen. Es ist ein Elend; fragen
Sie nur meinen Mann, ob er es noch lange aushlt, mich fr mein Teil bricht's in
der Mitte entzwei, und wenn ich nicht nchstens dem Herrn Intendanten einen sehr
wunderlichen Brief schreibe, so wei ich nicht, was aus meinen Nerven werden
soll.
    Die Frau hat recht, Hagebucher, sprach der Major, es ist in der Tat eine
trbselige Historie, aber wer ist befugt, da einzugreifen, und welch ein Nutzen
knnte dadurch geschaffen werden?
    Der Afrikaner sah wiederum den Schatten des Leutnants Kind an der Wand; doch
schon hatte das nichts Erschreckendes mehr fr ihn. Im Gegenteil, als er in der
Tiefe seiner Seele den Namen des alten Mannes aussprach, verschaffte er sich
dadurch einen befreienden, erleichternden Atemzug. Er nahm seinen Hut, nachdem
er noch vernommen hatte, da wohl der Major, aber nicht die Frau Majorin den
Ball des Herrn von Betzendorff besuchen werde.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


ber Einfrmigkeit des Daseins hatte Herr Leonhard wahrlich sich jetzt nicht zu
beklagen. Er wrde sowohl dem Tumurkielande wie dem deutschen Vaterlande unrecht
getan haben, wenn er dieselben in dieser Hinsicht einer Vergleichung unterzogen
htte.
    Im Tumurkielande ist es im Sommer gewhnlich sehr hei, und die einzigen
Wolken, die vor die Sonne treten, sind die Heuschreckenwolken, welche jedoch
keine Khlung durch ihre Verdunkelung des glnzenden Gestirns hervorzubringen
vermgen und es brigens auch gar nicht beabsichtigen. Auf die
Heuschreckenwolken pflegen die Regenwolken des Winters zu folgen; es regnet
entsetzlich im Tumurkielande, die Sommerwohnungen der Bevlkerung werden zu
Brei, und jedermann sucht die Winterquartiere auf. Die Familien beziehen grere
Hhlen in den Felsen, die Junggesellen und einzelnstehenden Jungfrauen mieten
der gtigen Mutter Natur eine bescheidenere Ritze im Gestein ab. Auch die
Sklaven haben ihre eigenen Behltnisse, welche, wenn sie gleich ein wenig dunkel
und dumpfig sind, dessenungeachtet ihre gemtlichen Reize einem Aufenthalt im
Freien gegenber besitzen.
    Herr Leonhard Hagebucher kannte das und verglich, wie gesagt, diese
fremdlndischen Verhltnisse nicht mit denen des Vaterlandes. Aber er setzte
indessen jene nicht gegen diese zurck, und vorzglich nicht an dem Morgen,
welcher auf den im vorigen Kapitel geschilderten Tag folgte.
    Es war ein unruhiger Morgen, an welchem es sich deutlich zeigte, zu welcher
Bedeutung die Persnlichkeit des Afrikaners whrend seiner Abwesenheit von der
Residenz herangeschwollen sei. Wirklich merkwrdig war's, wie vielen Leuten es
ber Nacht einfiel, da dieser afrikanische Fremdling zu manchem ntzlichen oder
pekuniren Gewinn abwerfenden Zwecke trefflich zu verwenden sei. Und sie hatten
alle von seiner Rckkehr aus der Provinz vernommen, und sie kamen alle, ihn zu
begren und beilufig ein Wort ber das und das, was sie entweder seinem
praktischen Blick oder seinem weichen Gemt und guten Herzen, jedenfalls aber
seiner gespanntesten Aufmerksamkeit anempfahlen, fallenzulassen. Es war wie ein
Wunder, was diese verhltnismig so unbedeutende Stadt fr verschiedenartige
Elemente enthielt, die jetzt alle ihr Interesse an dem Dasein des Afrikaners
hatten oder doch zu haben glaubten.
    Da kam ein Buchhndler, welcher nicht der Hofbuchhndler war und der, dem
Herrn Polizeidirektor zum Trotz, die nicht gehaltenen Vortrge zu Papier und in
seinen Verlag gebracht zu haben wnschte. Da erschien ein Photograph, welcher
der festen berzeugung lebte, da ein Brustbild des Herrn Hagebucher und ein
Bild in ganzer Figur der Welt zu einem tiefinnern Bedrfnis geworden sei und ein
brillantes Geschft verspreche. Verschiedene Kaffeehausbekanntschaften suchten
den Verkehr auf das Privatleben des guten Freundes auszudehnen. Es erschienen
zwei hagere Damen, welche den geprften Mann fr die segensreichen Zwecke der
Innern Mission zu gewinnen hofften. Es kam ein junger Mann, welcher einen Stoff
fr das moderne Epos suchte, welcher in den Abenteuern des Afrikaners diesen
Stoff gefunden zu haben glaubte und welchen Hagebucher ohne Rcksicht auf die
Gefhle der Mit- und Nachwelt bedeutete, er mge ihn ungeschoren lassen, und
brigens halte er es in dieser Zeit fr ein Zeichen von ganz entschiedener
dichterischer Begabung, wenn jemand keine Verse zu machen imstande sei.
Politische Parteien streckten ihre Fhlhrner in den Morgen hinein, kurz, der
Verkehr war lebhaft und anregend genug; doch Leonhard blieb leider hart,
teilnahmslos, traurig und lchelte nur einmal, als er unter dem berstrmenden
Wortschwall des jungen Poeten berlegte, was wohl aus der Welt, nmlich seiner
eigenen, werden mge, wenn er - heirate, und zwar Frulein Serena Reihenschlager
heirate!
    Denselben Gedanken dachte er laut, als sich gegen die Mittagszeit die Flut
der Besucher endlich verlaufen hatte und er mit dem Pascha allein war; oder
vielmehr, nachdem er verschiedene Male leise gesagt hatte: Weshalb sollte
ich?, sprach er ungemein deutlich das groe Wort aus: Weshalb sollte ich
nicht? und brachte dadurch einen Seitenzug seiner neueuropischen seelischen
Entwickelung zu einem recht befriedigenden Abschlu, nur einen Seitenzug - die
Hauptlinie lief gradeaus weiter in alle Verwirrung und Finsternis hinein!
    Vier Worte gengten, um das ganze Getmmel zusammenzufassen, wie sich in das
nchternste Freikuvert der leidenschaftlichste Jubel- oder Trauerbrief schieben
lt; und gleich einem Echo hallte Tubrich-Pascha nach:
    Ja, weshalb nicht?
    Was wissen denn Sie davon, Tubrich? rief Hagebucher fast rgerlich. Sind
Sie etwa imstande, meinem Seufzer die rechte Deutung zu gehen?
    Es sind ein Paar liebe Augen! sagte der Schneider mit seitwrts gehngtem
Kopf. Es gibt kein anderes Frulein hier in der Stadt, welches ein solches
gutes Gesicht hat.
    Und es gibt keinen zweiten Damenkleidermacher, der ein so merkwrdiger
Mensch ist wie Sie, Felix! Bei Gott, weshalb sollte ich nicht? Lassen Sie uns
jedoch abbrechen und zu Mittag speisen. Nachher mgen Sie die Tr verriegeln -
gegen jedermann, hren Sie! Ich habe einen Blick in den Sanchoniathon zu werfen,
ich versprach's dem Professor.
    Sancho - Sanchoniathon! wiederholte der Schneider, die schwrmerischen
Augen gegen die Decke richtend. Ein so klangvoller Name mute halten, was er
versprach; und in der festen Oberzeugung, da sein Patron die richtige Lektre
fr die gegenwrtige Stimmung ausgewhlt habe, schlich Tubrich auf den Zehen
zur Tr und schob den Riegel vor.
    Nach Tisch las Hagebucher im Sanchoniathon, und Tubrich-Pascha nhte einen
Knopf an seinen Frack; denn auch er hatte versprochen, am heutigen Abend den
Ball des Herrn von Betzendorff durch seine Gegenwart zu verschnern, und zwar in
einer sehr offiziellen Stellung. Wir wissen, da er ein sehr aufmerksamer und
gewandter Mensch war und da keine grere Festlichkeit in der Residenz ohne
seine Beihlfe stattfinden konnte.
    Wir besitzen ihn nur in der griechischen bersetzung eines gewissen Philo
aus der Stadt Byblus, und einige wollen sogar behaupten, da wir ihn gar nicht
mehr besitzen, sagte Leonhard trumerisch ber sein Buch weg und fgte hinzu:
Ich knnte sie jetzt in mein Haus fhren, und mein altes Mtterchen wrde sie
mit offenen Armen empfangen! Das ist die groe Frage unter den Gelehrten, ob er
zur Zeit der Semiramis oder zur Zeit Alexanders des Groen oder ob er gar nicht
lebte. Mir ist es ungemein gleichgltig; - sie hat in ihres Vaters Hause
Gelegenheit genug gehabt, mit Narren umgehen zu lernen. Seine Lehrer sollen die
phnizischen Oberpriester Hierombalus und Jarobalus gewesen sein! O Gott, ob sie
in ihres Vaters Hause wohl auch gelernt hat, einem Gesellen wie mir keinen Korb
zu geben? Hierombalus und Jarobalus! Ich dchte, wir mten ein stilles, solides
Ehepaar darstellen!
    Das denke ich auch! rief Tubrich-Pascha, der vor Enthusiasmus kaum
imstande war, seine Nadel einzufdeln.
    Ja, weshalb nicht?! sprach Leonhard Hagebucher immer nachdenklicher.
    Er warf den alten Phnizier auf den Tisch, sprang empor und schritt im
Zimmer auf und ab:
    Ich bin nicht mehr in den Jahren, in welchen es noch tunlich ist, etwas auf
den andern Morgen zu verschieben. Das wre nun freilich wohl ein Grund, sich
hier noch recht lange zu besinnen, allein - - - was wnsche ich, was kann ich
noch erreichen in dieser nrrischen europischen Welt? Wahrlich, ich kenne die
jetzt genug wieder, um in dem Kreise, welchen ich mit der Spitze meines Stockes
um mich zu ziehen vermag, ein Gengen finden zu knnen. Was meinen Sie,
Tubrich, wenn ich so um die Zeit der heranbrechenden Dmmerung meinen Rock
anzge und mich auf den Weg zum Professor machte? Wahrscheinlich wrde ich sie
dann in der Kche neben dem hellen Feuer finden, und sie sieht allerliebst in
der Beleuchtung aus. Ich knnte mit ihr einige Augenblicke in die Flammen
gucken, um sodann, wenn wir alle beide unsere Gedanken genug gesammelt haben
wrden, zu sagen: Serena, mein Kind, ich bin zu einem Entschlu gekommen, wollen
Sie eine Bitte eines wunderlichen, aber doch ganz ehrlichen Mannes anhren? Und
wenn sie dann die Achseln zuckte und mit dem Kopfe nickte, so knnte ich
ziemlich ruhig fortfahren: Serena, mein Kind, ich hab es mir nach allen Seiten
hin berlegt, ich mchte Sie ganz fr mich besitzen, und dem Papa sollte doch
nichts von seiner huslichen und gelehrten Behaglichkeit abhanden kommen. Ich
drfte dann wohl noch einmal eine Exkursion in meine Vergangenheit machen, doch
dieses vielleicht nicht zum Schaden der Aussichten in die Zukunft, und wenn in
diesem Augenblicke mein Dmon, welcher auch ber diese Stunde wacht, den Topf
berkochen liee, so ist es meine feste berzeugung, da sie, nur ein klein
wenig rtlicher angehaucht, ihn von der Glut abrcken und, den Deckel in der
Hand haltend, lispeln wurde Herr Gott, Herr Hagebuch - Leonhard! - Da wre dann
sicherlich bereits der erste Ku gefallen, Tubrich, und wir htten nur noch die
Treppe hinaufzusteigen, um den Papa von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu
setzen.
    Es war ein Vergngen, den Pascha in diesem Moment, whrend dieser
Schilderung zu beobachten. Er war mit der Nadel weit nach rechts hin ausgefahren
und hielt den Arm starr und steif und den Mund weit offen; in voller Verzckung
blickte er aus seinen wasserblauen Augen auf den sich in diese urheitern
Phantasien, welche doch auf so dunkelm Grunde ruhten, ganz verlierenden Patron.
    Nun fing er an zu weinen und rief dazwischen:
    O Sidi, Sidi, Sie verstehen alles am besten und wissen alles gehrig
einzurichten! Die ganze Zeit ber whrend Ihrer Abwesenheit hab ich mir den Kopf
zerbrochen, wie es sich wohl am lieblichsten machen liee, und da kommen Sie und
brauchen nur zu sagen: So ist es!, und es ist so. Sidi, Sie stehen auf dem
Sprung, meinen schnsten Traum zu erfllen; denn nun wollen Sie tun, was ich
nicht tun konnte, weil das Geschick es nicht litt. Sie haben meine Wehmut bis
ins tiefste, aber auch aufs seste aufgerhrt, und ich ksse den Saum Ihres
Gewandes dafr. Ja, auch ich war in Arkadien und ganz dafr geschaffen, ein Weib
glcklich zu machen! Ich habe auf Zion und Golgatha, aber noch mehr zu Mar Saba
unter der alten Garderobe meiner Freunde, der Mnche, tief darber nachgedacht.
Ich war immer frs Nesterbauen, doch ich bin auch leider immer zu blde gewesen,
sowohl im Gelobten Lande als auch hier im Lande, und nur ein einzig Mal hatte
ich volle Gelegenheit, meinen Willen zu kriegen; allein da hab ich nicht gewollt
und kann es auch jetzt noch nicht bereuen. Das war nmlich in Pera, wo mich eine
alte Schuhmacherwitwe aus Perleberg als Landsmann und jungen gefhlvollen
Menschen ganz sicher mitgenommen htte auf ihrem Lebenswege. Sie war jedoch dem
Trunke ergeben und stie mich auch sonst durch allerlei krperliche und
unmoralische Eigentmlichkeiten ab. Wenn es seine Vorzge hat, fr das Ideal und
das ewige Himmelblau und die Sterne und die Sphrenmusik in der Nacht geschaffen
zu sein, so hat es auch seine Nachteile frs menschliche Leben. Es ist zu Pera
nichts aus meinem huslichen Glck geworden, weil ich zu fein roch; und nachher
noch einmal zu Jerusalem in meines Meisters, des Bblingers, Hause wurde wieder
nichts daraus, weil ich zu scharf sah. O Herr, nun aber wird mein allerhchster
Wunsch in Ihnen erfllt, und sie, ich meine das se, liebe, gute Frulein, hat
ihre ganze Seele auf Sie gesetzt, und Sie passen ganz zu ihr und dem alten
Herrn, Sidi; und mich nehmen Sie mit, wo Sie Ihr Zelt aufschlagen. O Allah,
Allah, ich bin gewilich frs Ideale, aber hier sehe ich doch klar, da es auch
eine groe Freude sein kann, in der Wirklichkeit und nicht blo im Traume zu
leben.
    Trocknen Sie Ihre Trnen, fassen Sie sich, Tubrich, sprach Hagebucher.
In Ihrem letzten Satze gehe ich Ihnen vollstndig recht: es ist eine Freude, in
der Wirklichkeit zu leben, so viele scharfe Ecken, boshafte Haken und
heimtckische verrterische Fallgruben sie auch haben mag. Wer gab brigens dem
klugen Narren, dem Mahomet, das Wort ein: Alles Berauschende ist verboten! - ?
Wer darf dieser armen geplagten Menschheit das Berauschende verbieten? Solange
der Schmerz, die Snde und der Tod umwandeln unter ihr, so lange kann auch das
Berauschende nicht verboten sein! Jetzt, edler Tubrich, beschftigen Sie sich
geflligst mit Ihrem Frack, ich werde noch einen letzten Rat halten, und zwar
mit der Frau Klaudine und nicht mit dem Sanchoniathon. In einer Viertelstunde
hoffe ich Ihnen das Resultat mitteilen zu knnen.
    Gott segne Sie, lieber Herr, schluchzte der Pascha, und der Afrikaner
stopfte langsam eine Pfeife und streckte sich lang auf dem wackelnden Sofa aus.
Wer ihn so gesehen htte, der wrde sicher nicht geahnt haben, mit welchem
aufregenden Thema er sich beschftigte und welches herz- und nervenerschtternde
Problem er mit Aufbietung aller Seelenkrfte und Zuziehung aller a priori wie a
posteriori erlangten Erfahrungen zu lsen bemht war.
    Und der Tag rckte vor, und die Dmmerung rckte wiederum nher. Lngst war
der Schneider mit der Vervollstndigung seines Gesellschaftsanzuges fertig,
lngst sa er unbeschftigt, stumm, regungslos, ein Bild atemlosen und doch
resignierten Wartens, da: der Afrikaner schien nicht in der Auflsung seines
Problems weiterzurcken. Er, Leonhard Hagebucher, sthnte von Zeit zu Zeit sehr:
er vernderte wohl auch seine Lage und hatte von neuem seine Pfeife anzuznden,
aber ein Licht schien ihm darum doch nicht aufgehen zu wollen.
    Einmal sprach er:
    Es scheint grimmig kalt drauen zu sein. Sehen Sie doch einmal nach dem
Ofen, Tubrich.
    Kurze Zeit darauf knpfte er die Weste auf, blies und fuhr durch die Haare
wie jemand, dem es ungemein hei zumute ist.
    Um fnf Uhr fragte er klglich, was die Glocke geschlagen habe, und eine
Viertelstunde spter zog Tubrich-Pascha noch klglicher die Schultern in die
Hhe und klagte trbselig und enttuscht im Innersten seiner Seele:
    Es ist aus! Es ist vorbei! Er tut es nicht! Er kommt nicht dazu!
    Der Afrikaner atmete in der Dunkelheit vom Sofa her ruhig und friedlich
gleich einem schlafenden Kinde. Es hatte in der Tat allen Anschein, als ob er es
nicht tun werde. Doch die berraschung war dann um so grer, als Punkt sechs
Uhr der Grbler die Pfeife zur Erde fallen lie, auf beide Fe sprang und im
schrfsten Kommandoton rief:
    Zum Henker, Tubrich, so znden Sie doch die Lampe an! Sind wir zwei Eulen,
da wir unser ganzes Leben in der Finsternis zubringen? Wo ist mein Halstuch? Wo
ist mein Hut? Das ist ja eine entsetzliche Wstenei! Flink! Vorwrts! Bismillah,
ich habe diese Wirtschaft im Zentrum wie in der Peripherie vollkommen satt!
    Hier, Herr! Hier, Herr! rief der Schneider, froschartig und an allen
Gliedern zitternd im Zimmer umherhpfend, Die Lampe brannte, Halstuch und Hut
fanden sich, noch einmal wollte der Pascha mit der Kleiderbrste auf den Patron
los, doch dieser schob ihn feierlich von sich ab und fragte:
    Was fr ein Datum schreiben wir?
    Tubrich nannte den Tag, und Hagebucher sprach:
    Nicht bel! Nicht ungnstig!
    Mit einem Zitat fuhr er fort:

Gehab dich wohl, mein Cassius, fr und fr!
Sehn wir uns wieder, nun so lcheln wir,
Wo nicht -

Er brachte den Satz nicht zu Ende, sondern zog leise die Tr hinter sich zu. Der
Tanz aber, welchen Tubrich-Pascha hinter ihm auffhrte, htte kaum kurioser
sein knnen, war jedoch der Gemtsstimmung des Menschen vollstndig angemessen.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel


Im Tumurkielande pflegen die Leute ebenfalls zu heiraten, der junge Mohr nimmt
seine Mohrin, wie und wo er sie findet, und die Moresken kommen nach wie in
Europa, das erste Exemplrchen neun Monate nach der Hochzeit, die folgenden in
angemessenen, naturgemen Zeitrumen. Whrend seiner Gefangenschaft zu Abu
Telfan hatte Herr Leonhard Hagebucher glckliche und unglckliche Liebe in all
ihren Phasen und Ekstasen reichlich kennengelernt, und Europa hatte ihm in
dieser Hinsicht nichts Unbekanntes, nichts Neues zu bieten. So mute denn auch
das, was die weie Gesellschaft ber diese Verhltnisse dachte und sagte, dem,
was jene schwarze Gesellschaft darber kundzugeben pflegte, der Form wie dem
Inhalt nach sehr hnlich sein. Herr Leonhard Hagebucher fhlte sich, noch
whrend er die Treppe in der Kesselstrae hinunterstieg, diesem Proze sowie
allen seinen Folgen vollkommen gewachsen. Das Experiment erschien ihm leicht,
geschmeidig, glatt und ohne bermige Anstrengung auszufhren.
    Diese heitere Anschauung nderte sich jedoch schon in dem Augenblick, als er
den Fu in die Gasse setzte. Sprach die kalte, winterliche Luft in Hinsicht auf
seine afrikanischen Nerven mit, oder war's der pltzliche bergang aus dem
traulich-stillen Zusammensein mit dem trumenden Schneider in die
auergewhnlich lebhaften Gassen: er fhlte eine Beklemmung, welche mit jedem
Schritt ber den zertretenen Schnee zunahm.
    Mutig voran! sagte er und versuchte noch einmal der groen Stunde ins
Antlitz zu lcheln; doch dieses Lcheln war sehr hohlugig, und das Atmen wurde
ihm bald sehr schwer. Er zog den Hut ber die Nase, als knne er nichts von der
Auenwelt in der Welt seiner jetzigen Gedanken brauchen, und ri ihn wieder in
die Hhe und stierte die Dinge an, als sei aller Trost doch nur bei ihnen und er
selber ganz und gar nicht bei Troste. Einige Gassen weiter suchte er bereits
luftschnappend nach einem stichhaltigen Grunde, das Unterfangen noch bis zum
folgenden Tage zu verschieben. Auf dem Johannisplatze wurde ihm sogar recht bel
zumute, der Schwei trat ihm vor die Stirn, er suchte nach seinem Taschentuche,
und wenn er es nicht in der hintern Rocktasche gefunden htte, so wrde er
unbedingt das fr den plausibeln Grund und das bedenkliche Omen genommen haben
und nach Haus zurckgekehrt sein. Er fand es jedoch, und so blieb ihm als Mann,
Held und Verliebten nichts brig, als sich die kalten Tropfen abzutrocknen und
seinen Weg fortzusetzen, seinem Verhngnis entgegen. Wre ihm nun ein Bekannter
begegnet und htte ihm den leisesten Vorschlag zu einem Gang um die Stadt, zu
einer Partie Domino oder einer Zigarre in irgendeinem stillen Winkel eines
Kaffeehauses gemacht, mit Freuden wrde er seinen Arm in den des Freundes
geschoben, die Werbung verschoben und sich glnzend gegen sich selbst und gegen
Tubrich-Pascha gerechtfertigt haben.
    Es begegnete ihm niemand als jener Myrmidone des Herrn von Betzendorff,
welcher ihm einst das elegante Billett des Herrn Polizeidirektors und das Verbot
seiner Vorlesung berreichte. Der Mann griff ganz hflich an die Dienstmtze,
und Hagebucher blickte ihn einen Augenblick betroffen nachdenklich an, griff
sodann in die Tasche, schenkte ihm einen Gulden und rief:
    Nein, nun grade, nun erst recht! Mein guter Freund, Sie werden sich doch
nicht einbilden, da ich Sie fr ein omen nefastum, fr ein verneinendes Zeichen
der Gtter nehmen soll?
    Ich bilde mir gar nichts ein, aber ich danke Ihnen, Herr Hagebucher,
sprach der Mann der ffentlichen Sicherheit, mit dem Auge des Gesetzes zwinkernd
und das Geldstck verstohlen in die Tasche schiebend. Hufig kommt diese Sorte
nicht vor! fgte er kopfschttelnd hinzu, als Hagebucher aus dem Lichtkreise
der Gaslaterne, unter welcher die Begegnung stattfand, verschwand.
    So heimtckisch ist das Schicksal! Selten legt es dem Menschen andere
Hindernisse in den Weg als solche, die ihn grade anreizen, bis zu dem Punkte
vorzudringen, an welchem es ihn haben will; und es soll durchaus nicht gesagt
werden, da es ihm mit Vorliebe ein Vergngen oder nur eine Annehmlichkeit an
das Ziel seines Pfades lege, wie eine Mutter, die ihr Kind das Gehen lehren
will.
    Nun grade, nun erst recht! wiederholte Leonhard im schnellern
Vorwrtsschreiten und htte sich jetzt nicht mehr durch ein vergessenes
Taschentuch oder einen guten Bekannten von der Ausfhrung seines Unternehmens
abbringen lassen. Noch eine Ecke, und das Haus des Professors kam in Sicht! Da
stand es. Kein bser Zauberer aus dem Innern Afrikas hatte dem Afrikaner zum
Tort Aladins Wunderlampe gerieben und es durch die Genien der Lampe mit seiner
hbschen, klugen, silberstimmigen Bewohnerin in das Innerste der Tartarei
versetzen lassen. Es befand sich alles an seiner richtigen Stelle, sogar die
Inschrift ber der Tr: Introite hospites! -
    Der Schnee war zu beiden Seiten der gastlichen Pforte fast zierlich
zusammengefegt und - geschaufelt. Der Lampenschein aus des Professors
Studierzimmer glnzte behaglich anlockend in die Nacht. Die zarte Mondsichel
stand ber dem weien Dache, und ein Rauch ging empor aus Serena Reihenschlagers
Schornstein, und lchelnd winkte der silberne Mond dem Afrikaner durch diesen
tief bedeutungsvollen Dampf Einen Augenblick stand Leonhard still und blickte
hinber nach dem Fenster des Professors, dem Monde, dem nahrhaften Schornstein
und den schwarzen Baumwipfeln des Gartens - es war ein anderes Stillstehen als
neulich vor der Katzenmhle; aber, bei Allah, von einem gleichmtigen,
gleichgltigen Gaffen konnte auch heute durchaus nicht die Rede sein.
    Serena Reihenschlager befand sich jedenfalls in der Kche. Der Afrikaner
kannte den Weg dorthin ganz genau. Die volle Gelegenheit war gegeben, nach so
langem, abenteuerlichem, mhevollem Zickzackfluge durch die Welt das Leben zu
einem ruhigen, wohlbehaglichen Kreise zu runden und aus dem Mittelpunkte
desselben den Gttern zu danken, da sie es endlich und zuletzt doch noch so gut
gemacht hatten.
    Und noch immer kein Hindernis! Hagebucher, der so hufig in seinem Leben auf
die Nase gefallen war, stolperte nicht auf der Schwelle des Hauses und Vernahm
daher auch keine Stimme, welche sich das Recht angemat htte zu sagen: Ein
Rmer wrde umkehren! Dagegen traf ein wohltuender, leckerer Bratenduft seine
Nase, und hchst lcherlich wr's gewesen, das fr ein abschreckend Zeichen zu
nehmen. Es zischte und prasselte lustig aus Serenas Zauberreiche. Rtliche
Lichter tanzten an der der Kchentr gegenberliegenden Wand - nicht der
kleinste Stein des Anstoes in dem Hausgange - nicht das leiseste Stolpern auf
der Schwelle dieser Pforte. Und jetzt - es konnte ja nicht anders sein, es war
ja so ausgemacht worden -, jetzt stand sie da vor dem schwarzen Herde, in all
ihrer Allerliebstheit, nachdenklich, so hold beleuchtet von der tanzenden Flamme
wie je ein verliebt sinnend Mgdelein in einem Genrebilde, welchem letztern auch
alles brige in dem malerischen Raume entsprach, von den blankgescheuerten
Kesseln und Kannen an bis zu dem stattlichen weien Kater, der schnurrend um die
Falten ihres Hauskleides strich.
    Sie trug eine zierliche, feingestreifte Schrze mit zwei niedlichen Taschen,
jede ganz am richtigen Fleck, um Schlssel, Nadelbcher, Taschenkmme und
Liebesbriefe schnell dreinschieben und sie drinnen vor dem neugierigen Auge der
Welt verbergen zu knnen. In diesem Moment jedoch hatte sie nichts
hineingeschoben, sondern im Gegenteil etwas herausgeholt, nmlich ein
zerknittert Blttchen, welchem man es ansah, da es den Weg heraus und hinein
schon mehrere Male, und zwar unter groer Aufregung der Besitzerin, gefunden
hatte, dem man es ansah, da es nicht zum ersten Male gelesen wurde.
    Und sie las es wiederum und lie merkwrdigerweise den Topf, welchen Herr
Leonhard Hagebucher dem Tubrich-Pascha in seiner Mitwirkung bei den Ereignissen
des Abends so anschaulich geschildert hatte, jetzt schon berkochen, und zwar
ohne den Deckel abzuheben oder ihn zur Seite zu rcken.
    Sie las, wie ein junger Schriftsteller die erste Korrektur liest; sie las,
wie ein alter Gauner das Reskript, welches ihm den Rest seiner Strafzeit erlt,
verschlingt; ja sie las sogar wie ein junges Mdchen, welches den ersten
Liebesbrief liest, oder wie des Mdchens Mutter ebendiesen Liebesbrief, wenn er
zuerst an ihre Adresse gelangte, das heit, wenn sie dem verstohlenen Boten
hinter der Haustr her auf den Hals gesprungen ist und sich nicht verpflichtet
fhlt, das durch die Verfassung garantierte Briefgeheimnis zu respektieren.
    Sie las, und wahrlich erschien sie rosig angehaucht, bedeutend rosiger, als
selbst jene beiden phantasievollen Leute, Herr Leonhard Hagebucher vom
Mondgebirge und Herr Felix Tubrich, genannt Tubrich-Pascha, aus Jerusalem,
sich vorgestellt hatten. Sie las, und als Herr Leonhard Hagebucher endlich nicht
lnger an sich halten konnte und seine beklemmte, zaghafte Anwesenheit durch ein
ngstlich befangenes Ruspern kundgab, tat sie den vollkommen in sein Programm
gehrigen kleinen Schrei, ja sie fhrte das Programm noch weiter pnktlich aus,
indem sie rief: O Gott, Herr Hagebucher! Das Lieber Leonhard lie sie
freilich aus, doch wer wird in einer solchen Minute um ein Wort, um einen Ton
rechten wollen?
    Was konnte jetzt der Afrikaner anders hervorbringen als die Frage, ob er
nicht stre, und was konnte Frulein Serena Reihenschlager anders darauf
antworten als: Durchaus nicht, bitte treten Sie nher, Herr Hagebucher - ? Htte
sie gesagt: Ist er schon wieder da, mu er einer denn immer in die Quere
kommen?, so wrde solches nicht in das Programm gepat haben.
    Noch immer kein Hindernis! Sie verbarg das kleine, eng beschriebene
Blttchen blitzschnell in der Tasche und widmete sich mit verdoppeltem Eifer
ihrem Topfe, rettete von dessen Inhalt, was noch zu retten war, erlangte auch
das, was sie selbst von ihrem moralischen Gleichgewicht verloren hatte, bald
genug wieder, hob ein sehr glckliches, lchelndes Gesicht zu dem Hausfreunde
empor und sagte:
    Guten Abend, lieber Herr Hagebucher!
    Guten Abend, Frulein Serena! antwortete der Hausfreund, gleichfalls
lchelnd herabblickend, und hatte sich im Vertrauen mitzuteilen, da es
ungeheuer berflssig und fast eselhaft tricht gewesen sei, sich auf dem Wege
von der Kesselstrae her so sehr vor dieser schnen Minute gefrchtet zu haben.
Er fhlte sich jetzt so wohl geborgen, so sicher vor allem Weh, allen
Schrecknissen und rgernissen. Es rieselte ihm ganz warm sowohl durch die Seele
als auch den Leib, und der deutsche Frost, an welchen er sich doch noch immer
nicht ganz, nach seinem unheimlichen Aufenthalt unter dem quator, gewhnen
konnte, schwand vollstndig unter dem wonnigsten Anhauch gleich dem Eis an der
Fensterscheibe, welches ebenfalls unter einem warmen Hauche zu verschwinden
pflegt.
    Der Papa ist in seiner Stube. Gehen Sie nur zu ihm, ich werde sogleich
nachkommen, Herr Leonhard, sagte Frulein Serena Reihenschlager.
    Sogleich? fragte Hagebucher leise und zrtlich.
    Gewi. Sobald die Magd vom Brunnen zurckgekommen ist, folge ich Ihnen.
    Ach, Frulein Serena, lassen Sie mich noch einen kurzen Augenblick hier auf
der Bank niedersitzen! rief Hagebucher, schwankend zwischen der Furcht vor der
wasserholenden Magd und dem koptischen Papa, welche alle beide er bei seinem
Vorhaben nicht ntig zu haben glaubte. Nur eine kleine Minute, Serena! Es ist
bitter kalt drauen, zumal fr eine verwhnte Haut gleich der meinigen, fgte
er schaudernd vor Vergngen hinzu; und gutmtig besorglich rckte das Frulein
ihm einen Schemel neben die Glut ihres Herdes, welche sie dann, das Licht und
die Wrme zu vermehren, zu neuen Flammen aufschuf.
    Nicht das geringste Hindernis! Da sa er neben dem Herde, und sie stand vor
ihm und hielt die Hand in der Tasche ihrer Schrze, in welcher sie jenes
zerknitterte Blatt versteckt hatte. Nichts in der Welt, das ihn hinderte, frei
und offen herauszusprechen und seinem Herzen Luft zu machen, wie das schon
Millionen vor ihm taten und glcklich zum Ziele ihrer Wnsche gelangten.
    Ach, Frulein Serena, begann er und sah richtig lngere Zeit - ganz der
Verabredung gem - in die knisternden Flammen.
    Ach, Herr Hagebucher! seufzte das Frulein, ohne die Hand aus der Tasche
hervorzuziehen, und dann nahm er, wie jemand, der ber einen gefhrlichen Graben
springen will, einen Anlauf, kniff die Augen zu, ballte die Hnde und - sprang
wirklich.
    Serena, Liebe, begann er von neuem, und da er einmal drin war, ging das
Ding ganz flieend und fliegend. Serena, ich - wir - ich habe es mir jetzt
lange genug berlegt, und Kopf und Herz tragen es nicht lnger. Auch Sie haben
reichlich Gelegenheit gehabt, mich kennenzulernen, und halten mich hoffentlich
nicht fr einen schlechten Charakter, und der Papa - ja, was geht der Papa uns
eigentlich dabei an? - o Serena, mein liebes Mdchen, die ganze Welt brauche ich
weiter nicht, wenn ich Sie habe! Gehen Sie mir Ihre Hand, Serena, und sagen Sie
mir ganz offen, ob Sie meine Frau werden wollen! Sie - ich - wir - Tubrich -
ich mchte Sie ganz fr mich allein besitzen, und dem Papa sollte doch nichts an
seiner Behaglichkeit abgehen - wir wollten - wir knnten -
    Natrlich! Was htten sie alles gewollt und gekonnt, wenn wenn nicht
Frulein Serena Reihenschlager mit einem zweiten und viel hellern Schrei des
Schreckens, der berraschung mehrere Schritte zurckgewichen wre, beide Hnde
abwehrend weithin von sich ausstreckend?
    Liebster Himmel, Herr Hagebucher! Also doch? O Gott, liebster Herr
Hagebucher! Und grade heute, o Herr Jesus!
    Ich liebe Sie in der Tat recht herzlich, Serena! sprach Hagebucher, noch
immer mit zugekniffenen Augen ber dem Graben in der Luft schwebend. Was mir an
Jugend mangelt, werde ich durch Liebenswrdigkeit ersetzen. Ein unvertrglicher
Mensch bin ich nicht, und einen Hausstand knnten wir uns wohl in der
behaglichsten Weise grnden. Meine Mutter wrde sich unbeschreiblich freuen, und
was Ihren Papa anbetrifft, so glaube ich sicher, da er mich gern auch durch
solche liebe Bande an die koptische Grammatik fesseln wrde.
    O Gott, Gott, Gott, das glaube ich gern; aber das ist so schrecklich, und
die Magd wird gleich zurckkommen; was soll ich sagen, was soll ich tun? Lieber
Herr Hagebucher, er schreibt mir grade heute, grad an diesem Abend, und
entschuldigt sich so sehr. In drei Tagen wird er selbst kommen, alles ist in
Ordnung und kein Hindernis mehr, und der Papa oben in seiner Stube wei auch
alles.
    Wer schreibt? Was schreibt wer? rief Hagebucher, in hchster Verblfftheit
und mit weit offnen Augen mitten im Sumpf platschend, sprudelnd und spuckend.
    Ferdinand! Wer denn anders als mein Ferdinand? schluchzte das Frulein.
Hier hab ich seinen Brief, und er war vor Ihnen hier im Hause und half wie Sie
dem Papa an dem Wrterbuch und der Grammatik. Und der Papa schickte ihn fort,
was gar nicht recht von ihm war, und da ist er in die weite Welt gegangen, nach
Hamburg und nach Edinburg und zuletzt nach Genf, als Lehrer der neuen Sprachen.
Man knnte blutige Trnen weinen, so sehr hat er sich an allen Instituten qulen
mssen, und jetzt grndet er in Kompanie mit einem andern ein eigenes Institut,
und hier schreibt und bittet er um Verzeihung, weil er so lange nicht
geschrieben habe, und bermorgen kommt er selbst, und der Papa wei alles und
sieht ein, da er jetzt nichts mehr dagegen machen kann. Und er ist mein
Ferdinand, und nun sagen Sie selber, liebster Herr Hagebucher, was ich Ihnen
noch sagen soll!
    Ich wte nicht, was mir noch zu erfahren brigbliebe, sprach der Mann vom
Mondgebirge sehr dumpf und wiederholte sodann: Er war vor mir hier im Hause und
half wie ich dem Papa an dem Wrterbuche und der Grammatik.
    Nach einer Pause setzte er noch hinzu:
    Da wre ich ja wohl wieder einmal zu spt gekommen? O 'Tubrich, Tubrich,
Tubrich-Pascha! Und dann - dann sah er auf und sah, da das arme gute Kind
nicht mehr die Hnde in den Schrzentaschen, sondern die Schrze mit beiden
Hnden vor die Augen hielt und den Schrecken und die Bestrzung leise dahinter
ausweinte. Sanft fate er diese kleinen zitternden Hnde, zog den Vorhang von
dem purpurroten Gesichtchen weg und sagte:
    Liebes Frulein, wenn Sie dem Papa nichts von dieser dummen Geschichte
sagen wollen, so werde ich es gewi nicht tun; und was dieses glckliche -
dieses erfreuliche Ereignis betrifft, so wnsche ich Ihnen und dem Herrn
Ferdinand das beste, das allerschnste Glck.
    Das Kind hatte bereits von neuem die Schrze vor die Augen gehoben und
schluchzte hinter ihr weiter und konnte seinen Dank fr die guten Wnsche nur
durch ein schnelles, krampfhaftes Kopfnicken kundgeben. Da Herr Leonhard
Hagebucher nichts mehr in der Kche des Professors Reihenschlager zu suchen
hatte, so verlie er dieselbe, und zwar wiederum auf den Zehen. Er trat zurck
in den dunkeln Hausflur und zgerte einen Augenblick an der Treppe. Sollte er
nicht doch lieber nach Haus gehen und den armen Tubrich-Pascha bis aufs Blut
durchprgeln, um ihn zu lehren, knftighin nicht so leichtfertig einen Mann in
der Ausfhrung einer Dummheit durch allzu inniges Eingehen auf die
Herzenswnsche desselben zu bestrken? Nein! Ein gebildeter Mann sucht seinen
berschu an deterioriertem Nervengeist nicht in solcher Art loszuwerden; ein
gebildeter Mann geht unter solchen Umstnden nicht nach Hause, um jemand
durchzuprgeln, sowenig als er sich ins Wasser strzt oder eine Kugel durch den
Kopf jagt. Leonhard Hagebucher ging hinauf zum Professor Reihenschlager; wenn
wir aber noch einen Blick in Serena Reihenschlagers Kche werfen, so steht das
Frulein wieder emsig beschftigt vor ihren Tpfen und Pfannen. Ein leises
Lcheln spielt um die Mundwinkel der jungen Dame, und der Zwiespalt in ihrer
Seele scheint vollstndig zum Austrag gebracht worden zu sein.

                              Dreiigstes Kapitel


Der Mann vom Mondgebirge klopfte an die Tr des Mannes, welchen er zu seinem
Schwiegervater hatte machen wollen, horchte, glaubte von innen einen tiefen
Seufzer zu vernehmen und trat ein, ohne die Einladung zum Eintreten abzuwarten.
Er htte auch lange darauf warten knnen; die Pfeife war dem Professor
Reihenschlager erloschen, und mit ihr schien auch der Professor erloschen zu
sein. Der Schein trgt: welch ein behagliches Licht hatte diese Studierlampe in
den Schnee der Winternacht hinausgeworfen, und welchen Mimut, welche
Zerschlagenheit an Leib und Seele beleuchtete sie!
    Inmitten des Rstzeuges seiner gelehrten Forschungen sa der Schwiegervater
des trefflichen Institutsvorstehers Ferdinand Zwickmller, gebeugt, geknickt,
und blickte nach der gegenberliegenden Wand wie der Knig Belsazar, mit dessen
auerbiblischer Geschichte er sich vor einer Stunde noch harmlos und ohne eine
Ahnung dessen, was ihm der Brieftrger ins Haus trug, beschftigt hatte.
    An welcher Felsenwand, an welchem Obelisken, in welcher Grabhhle stand in
Keilschrift oder in Hieroglyphen der Trostspruch geschrieben, durch welchen sich
das aus den Fugen gebrochene Leben wieder einrenken und zusammenleimen lie?
    Wo? Wo? Wo? rief der Professor, und einer andern Ophelia gleich, machte er
seiner Bestrzung, seiner Ratlosigkeit halb in Prosa, halb in Versen Luft; und
was die letztern betraf, so erwachte wie in einem Chloroformrausche die
rhrendste Jugendpoesie in seinem verschobenen Gehirn.
    Das ist eine schne Bescherung! murmelte er. Bei der tausendbrstigen
Isis, was soll nun aus mir werden?

Die Mnner, Vlker, Flsse, Wind'
und Monat' maskulina sind -

Alles Material zu einem geordneten Leben, zu einem ruhigen Greisenalter
durcheinandergeworfen!

Die Weiber, Bume, Stdte, Land'
und Inseln weiblich sind benannt -

Und ich alter Tor vermeinte, alles sei vorbei, und renommierte mit meiner
Schlauheit und meinem scharfen Blick!

Commune heit, was einen Mann
und eine Frau bezeichnen kann -

Ja, kommun ist es, Ferdinand Zwickmller! O welchen Kuckuck hab ich mir im Neste
ausgebrtet! Und wie das Kind seine Rolle gespielt hat! O was soll ich tun, was
soll ich tun?

Was man nicht deklinieren kann,
das sieht man als ein neutrum an!

sprach Leonhard Hagebucher. Ich glaube nicht, da Ihnen etwas anderes
brigbleibt, als diese Sache in der Art anzusehen. Der Professor aber fuhr
empor und mit ausgebreiteten Armen dem Afrikaner entgegen:
    Wissen Sie es schon? Was sagen Sie dazu? Hat man es Ihnen unten im Hause
zugejauchzt? Hagebucher, verlassen Sie mich nicht! Bleiben Sie bei mir! Ja, hier
ist der Busen, welcher mir von den tausend Brsten der allernhrenden Mutter
allein noch brigblieb! Was sagen Sie zu der heillosen Geschichte?
    Ich gratuliere bestens, sagte Hagebucher so munter, als es sich eben tun
lassen wollte. Nach einem triftigen Grunde zur Verzweiflung blicke ich mich
vergebens um.
    So? Da danke ich Ihnen ganz gehorsamst, mein Freund. Es ist in der Tat
merkwrdig, es ist eine der grten Merkwrdigkeiten, welche es auf Erden geben
kann: selbst die Vernnftigsten, die Verstndigsten, die Nchternsten und
Trockensten knnen die Hand nicht davon lassen. Einen Grund zur Verzweiflung
sehe auch ich nicht; aber als denkender Mensch, als vorurteilsfreier Betrachter
menschlicher Verhltnisse rgere ich mich ungemein.
    Wenn der Herr Zwickmller sonst ein anstndiger Gesell ist -
    Seien Sie mir still! Ein anstndiger Mensch? Ich wollte nur, Sie kennten
ihn persnlich.
    Das wrde mir freilich am heutigen Abend zu groer Genugtuung gereichen,
brummte der Afrikaner.
    Ich wnschte, Sie kennten ihn, wie ich ihn kenne. Solch ein trefflicher
Jngling und ausgezeichneter Mathematiker wird nicht leicht zum zweitenmal in
diesem irdischen Jammertal gefunden. Er ist viel zu gut fr mich, und an seinem
uern ist nicht das mindeste auszusetzen. So nchtern, so verstndig ist er -
ach, Hagebucher, dort pflegte er zu sitzen, dort auf Ihrem Stuhle, Hagebucher,
und dann pflegte er die Unterlippe gradeso wie Sie in diesem Augenblicke
herunterhngen zu lassen, was mich darauf bringt, da Sie mir eben auch nicht
aussehen wie sonst. Na, ich danke Ihnen nochmals fr Ihre innige Teilnahme, denn
in ihr wurzelt doch hoffentlich Ihre Verstimmung. Was wollt ich aber sagen?
Richtig - richtig, die Lippe hing ihm sehr hufig herab; o man mute ihn sehr
zart angreifen, man war zu keiner Zeit sicher, ob man ihn nicht unwissentlich
aufs tiefste gekrnkt habe. Er ist ein wenig nervenschwach, der Gute, und kann
einem die harmloseste Bemerkung sechs Wochen lang nachtragen; aber was das
betrifft, so pat er ganz zu dem Mdchen, und sie werden eine recht vergngte
Ehe zusammen fhren.
    Der Herr segne sie alle beide! brummte Hagebucher.
    Als Vater und Schwiegervater mu ich pflichtgem wohl dasselbe wnschen,
aber meinen Mimut kann das nur erhhen. Jahrelang hat dieser Zwickmller dort
auf Ihrem Stuhle gesessen, und jahrelang habe ich im Schweie meines Angesichts
an seiner Ausbildung gearbeitet, und ber das Verhltnis zwischen den beiden
Geschlechtern habe ich mich in den Pausen ernsterer Beschftigung wahrhaftig
eingehend genug ausgelassen. Wre er mein leiblicher Sohn gewesen, so htte ich
diesen Ferdinand nicht zrtlicher, nicht herzlicher warnen knnen. Wenn ich
nicht irre, so habe ich Ihnen frher schon erzhlt, wie ich dann, als sich
bedenkliche Symptome zeigten, da alles doch vergeblich sei, ihn kurzweg aus dem
Hause jagte und wie er mir spter aus der Fremde schrieb und sich fr mein
korrektes Verfahren innig bedankte. Fortwhrend standen wir im vertraulichsten
Briefwechsel; o der Hinterlistige behauptete, nie etwas ohne meinen Rat tun zu
wollen, und nun tut er mir dieses an! Hier sitze ich ruhig und denke an nichts,
oder ich denke vielmehr sehr tief ber das N in pno, pneyma snuf, nys, nas, snut
nach, aber was mir bevorsteht, das rieche ich nicht. Kommt das Mdchen pltzlich
wie eine Windsbraut hereingestrmt, hlt mir von hinten die Augen zu, lacht und
weint, kichert und schluchzt, kt mich und schiebt mir, als ich mich verwundert
nach dem Grunde des Getses erkundige, einen Brief unter die Nase, welcher alles
pneyma auf der Stelle aus mir heraustreibt. Was schreibt der Schlingel? Von dem
scharfen Auge vterlicher Liebe schreibt er, und es knne mir gewi nicht
entgangen sein und so weiter, und seine Hochachtung und seine Verehrung fr mich
seien unermelich und so weiter, und seine materiellen Umstnde seien derartig,
da er sich wohl getraue, eine Frau zu ernhren. Hagebucher, Hagebucher, wissen
Sie, was ein lgtze ist? Ich wute es auch nicht, jedoch in diesem Augenblicke
wurde mir die Bedeutung des Wortes klar. Wie ein lgtze sa ich da, und vor mir
stand das Mdchen und wute nichts Besseres zu tun, als mir immer von neuem um
den Hals zu fallen und zwischen Heulen und Jauchzen zu zwitschern Ja, Papa,
liebster, liebster Papa, es ist so, es ist wirklich so, und es ist eine solche
alte Geschichte, und wrst du nicht mein alter, lieber, dummer Papa, so wrdest
du gewi nicht ein solches Gesicht dazu machen! - Nun frage ich Sie, Leonhard,
was fr ein Gesicht sollte ich machen? Wenn ich in vierzehn Tagen darber mit
mir im klaren bin, so will ich mich glcklich schtzen. Ich will nicht mit den
Gttern rechten, doch weshalb mu dieses grade mir passieren? Weshalb mssen
grade mir die verstndigsten, die hoffnungsvollsten Menschen, die solidesten
jungen Leute unter den Hnden zu Narren werden? Weil ich eine hbsche Tochter
habe? Ist das ein Grund? Habent sua fata puellae! Freilich, freilich haben sie
ihre Schicksale; aber war es wirklich zur Erhaltung und Verschnerung dessen,
was Marcus Tullius Cicero die Wohnung der Gtter und Menschen, domus communis
deorum hominumque, nennt, ntig, da mir mein eigen Fleisch und Blut das eigene
Dach ber dem Kopfe abdecke? O Hagebucher, weshalb hieen Sie nicht Zwickmller,
und weshalb fhrte das Schicksal jenen nicht zu den Kaffern und Hottentotten?
Sie wrden mir gewi nicht einen solchen Streich gespielt haben. Ja, Sie sind
mein einziger Trost; in diesem Augenblicke erquickt mich Ihre Gegenwart, aber in
den nchsten Tagen, wenn der Narr von Genf angelangt ist und mit der Dirne das
Weitere verabredet, wird sie mir unschtzbar und durch nichts anderes zu
ersetzen sein.
    Herr Professor!... hub Hagebucher mit einem vollen Atemzuge an, wie
jemand, der im Begriff ist, eine sehr lange Rede zu halten, sehr viel zu sagen
hat und das, was er auf dem Herzen trgt, im Geiste wohl ordnete und
zurechtlegte. Herr Professor! sprach Hagebucher mit krftigstem Nachdruck im
tief rollenden Brustton, und dann - dann brach er ab, ehe er angefangen hatte,
schttelte stumm, gerhrt dem Papa Reihenschlager die Hand, schnappte dreimal
nach Luft, entwich schwankend, und drauen auf der Treppe setzte er seine Rede
fort, zog sie zusammen und brachte sie zu Ende. Der schndlichste Fluch der
Baggaraneger gengte ihm lngst nicht zum Ausdruck seiner Gefhle: er fand einen
Segenswunsch seines Freundes Semibecco in der Erinnerung zur rechten Zeit
wieder; - das Wort sprach er aus auf der Treppe, und das Wort tat ihm wohl.
    Leise stieg er nun die Stufen hinab, indem er sich an dem Gelnder hielt.
Unhrbaren Schrittes schlich er an Serenas Kche vorber, erschrak sehr ber den
hellen Klang der Haustrglocke und entging seinem Schicksale doch nicht.
    Wollen Sie schon gehen, Herr Hagebucher? erklang hinter ihm die Stimme
Serenas, und zwar ebenso hell als die Trglocke und dazu so
vergngt-gleichmtig, so frei von allem Zittern, Stocken und Anstoen, da es
eine Lust war, sie zu hren, nur nicht fr den Afrikaner.
    Ja, ich gehe schon, Frulein. Gute Nacht! Empfehlen Sie mich in Ihrem
Traume freundlichst dem Herrn Ferdinand!
    Und er ging wirklich.
    Als er wieder in der Strae stand, klopfte er sich mit dem Knchel des
Zeigefingers der rechten Hand vor die Stirn und glaubte einen hohlern Klang als
sonst herauszuschlagen. Auch jetzt schreiben wir die Wendung, die er dem tiefen
Spruch: Erkenne dich selbst! gab, nicht nieder, sowenig als vorhin den
Lieblingsausruf des Freundes und Elfenbeinhndlers Semibecco. Da er sich damit
von der Wahrheit nicht sehr weit entfernte, kann leider nicht geleugnet werden.
    Die Stadt war voll ungewhnlichen Getmmels, Privatequipagen und Mietwagen
fhrten mit dumpfem Geroll die Eingeladenen, die Bevorzugten der Gesellschaft
zum Feste des Herrn von Betzendorff. Durch das glnzendhelle Fenster eines
Handschuhladens erblickte Leonhard den Leutnant von Bumsdorf im eifrigen Verkehr
mit der den Laden htenden Gttin und entwich schleunigst, ehe der junge Krieger
seinen Einkauf beendet hatte.
    Nach Hause? Mit geheimem Grauen erinnerte sich der Afrikaner, da dort noch
der Sanchoniathon auf dem Tische liege und da er daselbst auf keine andere
Gesellschaft als die des alten Phniziers zu rechnen habe.
    Zum Leutnant Kind auf ein Plauderstndchen? Das lie sich eher hren! Der
Mann pate besser in die Stimmung. Nein, er pate zu gut hinein, und schaudernd
wendete Hagebucher sich auch von dieser Idee, seiner eigenen Gesellschaft zu
entgehen, ab. Fast ohne zu wissen, wie die Sache sich gemacht habe, fand er sich
zuletzt in einer ziemlich leeren Weinstube einer Flasche Rdesheimer gegenber
und mit der Speisekarte in der Hand.
    Er a, ganz unnatrlicherweise, gut, und er a viel. Er trank eine zweite
Flasche Rdesheimer. Das Geschwtz der Gste um ihn her, das Gehen und Kommen,
das breite, gleichmtige Gesicht des Wirts, die automatenhaften Bewegungen der
Kellner, ja sogar die Bilder, Fahrtenplne und die Plakate der
Auswanderungsagenten und vor allem der Pendel der Uhr bten einen wohlttig
narkotischen Einflu auf seine Nerven.
    Er griff nach einer Zeitung, legte sie wieder hin und griff von neuem
danach. An der andern Ecke des Tisches dehnte sich ein Stammgast, ghnte sehr
und beklagte sich bitterlich ber die Langweiligkeit des Daseins in der Welt im
allgemeinen und in dieser vortrefflichen Residenz im besondern. Sein Nachbar,
von dem Ghnen angesteckt, gab ihm vollkommen recht, und das Ghnen gab er
weiter. Leonhard Hagebucher sah es von Mund zu Mund sich verbreiten und
berlegte trumerisch, wieviel Widerstandsfhigkeit er ihm wohl entgegenzusetzen
habe, wenn es bei einer solchen Stimmung sich auch an ihn heranwagen wrde. Und
indem er berlegte, war er schon besiegt, und nun brach er ebenfalls, seiner
Stimmung zum Trotz, in ein ganz munteres Lachen aus, und das war die erste
wirkliche Erfrischung, welche ihm das Schicksal an dem heutigen Abend gnnte.
Die Gste sahen verwundert auf den heitern Menschen, und einige beneideten ihn
jedenfalls um seine frohe Laune. Er aber bezahlte seine Rechnung, zndete eine
frische Zigarre an und trat, grad als es elf Uhr schlug, wieder in die kalte
Nacht hinaus und fand nichts Ungewhnliches auf seinem Wege. Es war noch viel
Leben in den Gassen. Die Leute lachten und schalten hchstens ber den strengen
Winter: nicht ein einziges Mal traf ein Wort das Ohr des Afrikaners, welches ihn
htte aufhorchen und sich umsehen machen knnen. Weder den Gassen noch den
Leuten merkte man es im geringsten an, da soeben etwas in der Stadt sich
ereignet hatte, welches wochen-, ja monatelang den ausgiebigsten Stoff zu allen
mglichen Unterhaltungen, Errterungen, Angriffen und Verhetzungen gehen sollte,
welches ganze Kreise der Gesellschaft zerreien und nach allen Richtungen hin
auseinandersprengen, welches den hchsten wie den geringsten dieses so sehr in
sich abgeschlossenen Gemeinwesens auf das tiefste berhren und welches, durch
Wort, Schrift und Druck weit ber die engen Grenzen des Landes hinausgetragen,
fr lange Zeit sowohl das Lndchen wie das Hauptstdtchen arg in das Gerede der
Menschen bringen mute.
    Wenn ich nur den Tubrich zu Hause vorfnde, meinte Hagebucher im
Weitermarschieren. Ich glaube, wenn ich ihm sein Teil von der Blamage htte
zukommen lassen, so wrde ich den Sonnenaufgang in aller Gemchlichkeit abwarten
knnen. Aber der Gute ist beim Herrn von Betzendorff und ergtzt sich verstohlen
an ganz anderen Delikatessen, als ich ihm vorzusetzen habe. Bei Gott, ich fhle
mich noch immer nicht zu gro, ihm die ganze Geschichte in die Schuhe zu
schieben. Ah, in Abu Telfan war es schn, und im Hinterstbchen des Vetters
Wassertreter war es auch schn! Es ist fabelhaft, aber nichtsdestoweniger wahr:
selbst der Sanchoniathon kann einem in der Bedrngnis noch zum Troste werden;
ich werde hingehen und den Sanchoniathon lesen.
    Am Eingange der Kesselstrae berkam ihn mit dem klarsten Verstndnis fr
die Enttuschung, welcher er sich so mutwillig ausgesetzt hatte, ein neuer, aber
auch letzter Paroxysmus. Er tanzte vor Aufregung ein weniges im Schnee und rief:
    Das kommt davon, wenn man sich nicht ganz allein auf sich selber verlt!
Wre es mir ohne das Zureden des Menschen, des verruchten Tubrich, des
wasserblauen Pinsels eingefallen, an diesem Abend die Nase aus der Tr zu
stecken? Bei zwanzig Grad Klte? Wahrhaftig, ich will dem Pascha gewi nicht die
Schuld allein in die Babuschen schieben; aber die sentimentale, liebebedrftige
Minute wre ohne ihn auch vorbeigegangen, und der nchste Morgen htte ein
besseres Verstndnis fr die Dinge gebracht. Ferdinand! Es ist zu lcherlich!...
Ferdinand Zwickmller! Zwick-mller! Und wenn man nur behaupten knnte, das Kind
habe unrecht und sehe sein eigenes Beste nicht ein! Es wute aber gar wohl,
wohin es sein junges Herz am passendsten zu verschenken hatte, und ich mchte
wissen, wer unsereinem die Berechtigung, sich zu beklagen, geben knnte.
    Er erreichte seine Haustr und packte den Trgriff, indem er seine
fernerweitigen Gefhle in lauter Gaumenlauten und Schnalzern von Abu Telfan
kundgab, welches immerhin noch ein recht bedenklicher Umstand fr
Tubrich-Pascha war. Auf der Treppe jedoch kam ihm eine mildere Vorstellung, und
diese sprach er wieder deutsch aus:
    Ich kann ihn nicht ber den Tisch ziehen, denn ich habe ihn nicht; aber
obgleich ich ihn nicht habe oder grad weil ich ihn nicht habe, werde ich ihm
eine Rede halten, eine sehr schne Rede. O ich habe schon fters im Leben ins
Blaue hinein gesprochen, und nicht immer mit solcher Berechtigung. Und,
Tubrich, ich werde mir nicht dreinreden lassen, merken Sie sich das. Bismillah,
die Gelegenheit, sich einmal recht ordentlich auszusprechen, findet sich nicht
so hufig, als die Welt gewhnlich annimmt.
    Jetzt trat er in sein Zimmer und glaubte fest, durchaus zu wissen, was er zu
sagen habe; allein der Anblick, der ihn traf, bannte ihn fr eine ganze Weile
auf die Schwelle und lste allmhlich alles, was ihm noch von Grimm in der Seele
briggeblieben war, in Rhrung auf. Das Zimmer war geordnet wie noch nie. Die
Vorhnge waren niedergelassen. Der Fu trat auf zierlich und knstlich
gestreuten weien Sand. In der Mitte des Gemaches stand der Tisch mit einem
weien Tuch gedeckt, und neben der hell brennenden Lampe stand in einem
Wasserglase ein Blumenstrau, so schn, wie ihn der Kunstgrtner in dieser
Jahreszeit fr weniges Geld einem guten Freunde liefern konnte. Vor dem Straue
lag ein groer Bogen weien Postpapieres, und auf demselben stand in groen
Charakteren geschrieben

                               Ich gratuliehre!

und darunter der Name: Felix Tubrich, samt der schlauen Bemerkung: In seiner
Abwesenheit.
    Eine Trne konnte Leonhard Hagebucher aus dem einfachen Grunde nicht aus dem
Auge wischen, weil sich keine darin sammelte; aber der schlimmste der
Baggaraneger htte er sein mssen, wenn er noch den kleinsten Rest von Rachgier
mit zu diesem geschmckten Tische genommen haben wrde. Kopfschttelnd,
lchelnd, mit dem Hute auf dem Kopfe stand er vor diesem Altar der innigsten
Zuneigung und malte sich aufs lebendigste aus, welche Tnze und Sprnge der
arme, gute, wackere Gesell, der trumende Schneider Felix Tubrich, genannt
Tubrich-Pascha, um diesen Strau und dieses Blatt auffhrte, ehe er, das Herz
voll der schnsten Hoffnungen und blhendsten Phantasien, sich auf den Weg zum
Herrn von Betzendorff machte. Und nun wre beinahe doch die Trne gekommen mit
der Vorstellung, in welcher schlechten Narrenwelt dieser echte, wahre Narr,
dieser der Gottheit so wohlgefllige Narr, dieser ganz und gar nrrische
Tubrich Pascha aus Jerusalem jetzt hinter den Sthlen stehe und aufwarte.
    Da hielt er denn seine Rede und trug den Papierbogen mit dem Glckwunsch wie
sein Konzept in der Hand. Ganz direkt an den Pascha hielt er seine Rede, wandte
sich hufig an den Tisch und lie es bei den eindringlichen Stellen an den
ntigen Gesten nicht fehlen.
    Sie wnschen mir Glck, Tubrich, und ich nehme den Wunsch mit dem besten
Dank an. Sie will nicht und hat ihre Grnde dafr, welche wir gelten lassen
mssen. Wir haben uns beide getuscht, Felix Tubrich, aber in den Mund der
Kinder haben die Gtter eine groe Macht gelegt; mit einer trichten Hoffnung
bin ich ausgezogen, ein voll gerttelt und geschttelt Ma der Weisheit bringe
ich heim. Ich danke Ihnen herzlich fr Ihre wohlgemeinte Gratulation, nie ist
eine solche mehr der Zeit und den Umstnden gem abgestattet worden. Wir
bleiben immer Kinder, und so klug wir auch werden mgen, wir behalten immer die
Lust, mit scharfen Messern und spitzen Scheren zu spielen. Nun lassen Sie mich
rsonieren, Tubrich! Sie sind ja doch der einzige Mensch in diesem Neste, mit
welchem sich vernnftig ber so etwas sprechen lt: es wird nicht jedem so gut,
sich sein Publikum whlen zu knnen, wie wir das bereits vor einiger Zeit
erfuhren. Was trieb mich zu dem Gange am heutigen Abend. Tubrich, und was
wollte ich durch denselben gewinnen? Ruhe - Zufriedenheit - Glck? Ich, der Mann
aus dem Tumurkielande? Ich, der Mann vom Dschebel al Komri, dem Mondgebirge? Sie
haben gut mit dem Kopf zu nicken, Tubrich-Pascha! In dem Rauschen der
phantastischen Wipfel ber Ihrem nrrischen Haupte ist freilich Musik, in der
alles einen Klang findet, was der Seele und dem Leibe s und behaglich ist.
Ach, Tubrich, ber meinem Schdel ist kein Rauschen, weder von den Palmen des
Morgenlandes noch von den Buchen und Linden der Heimat! Eine leere dunkle Blue
liegt von Osten nach Westen, von Mittag nach Mitternacht ausgebreitet, und es
war eine Verruchtheit, eine heillose Lge, zu einem armen, kindlichen Wesen zu
sagen: Komm her, sitze nieder in dem Schatten meiner Bume, du sollst es da gut
haben! - Das habe ich getan, Tubrich, und ich habe es getan in dem Augenblick,
in welchem ich mich sehnte, da nur eine Wolke, und wre es auch das schwrzeste
Wettergewlk, sich zwischen diese arge helle Sonne und mein armes Gehirn
schieben mchte. Schtteln Sie nicht den Kopf, Tubrich; das war der Schatten,
welchen ich dem Kinde bieten konnte und welchen ich ihm angeboten habe! Ja, es
war mir zu hei und zu langweilig da drauen in der Sonne, unter dem
wunderschnen Blau. Und ich verga das Mondgebirge, meinen Brgerbrief von Abu
Telfan, meine grauen Haare und langen Ohren; und weil ich mich trotz meiner
vierzig Jahre immer noch jnger fhle als diese lustige Welt um uns her,
Tubrich, so vermeinte ich es auch immer noch ebenso gut haben zu knnen wie
andere Leute und stellte die verabredete Frage an das Frulein. Ich gratuliere!?
Ja, gratulieren Sie nur, Tubrich! Sich selber, dem Frulein und mir, vorzglich
aber sich selber, denn ich hatte auf dem Heimwege groe Lust, an Ihnen, Ihrer
verfhrerischen Insinuationen und huslichen Tugenden wegen, ein schauerliches,
ein grausames Exempel zu statuieren. Hier rieche ich an Ihrem Blumenstrau und
bemerke -
    Was der Mann vom Mondgebirge bemerkte, blieb der Nachwelt verborgen. Es
polterte unten an der Haustr, es stolperte jemand auf der Treppe, und es pochte
eine Hand an der Tr. Den Afrikaner durchfuhr der Gedanke, der Professor habe
vom Tchterlein das Ntige und Unntige doch erfahren und werde von seinen
Gefhlen selbst in dieser spten Stunde hergetrieben, um dem Hausfreunde seinen
innigsten Dank auszusprechen.
    Es trat jedoch, zurechtgewiesen von der aus dem Schlaf aufgestrten
Hauswirtin, ein anderer ein, den Leonhard Hagebucher ebenfalls nicht erwartete,
nmlich der Major Wildberg.

                           Einunddreiigstes Kapitel


Wer hrt den Knall der Mine, die ihn in die Luft schleuderte? Die Explosion
erfolgte vielleicht, whrend man auf ganz andere Dinge als das unheimliche,
gefahrdrohende Whlen und Graben in der Tiefe unter den Fen achtete. In die
Ferne hatten sich die Gedanken verirrt; es ist so ermdend, es kann so
langweilig werden, immer mit der Partisane im Arm auf derselben Stelle stehen
und auf das finstere Treiben da unten horchen zu mssen! Ob wir gleich
siebenfltiges Erz um die Brust tragen, die Seele geht doch spazieren, und wir
knnen es nicht hindern. Jenseits der uersten Bastionen und Grben lustwandelt
sie im freien Felde, pflckt Kornblumen und Klatschrosen aus dem Weizenfelde,
vielleicht wohl auch eine echte Rose, die ber eine Gartenhecke guckt, oder ein
ses Vergimeinnicht vom Rande der murmelnden Quelle und trumt sich mitten im
Kriege in den tiefsten Frieden hinein. Und whrend sie lustwandelt, Blumen
pflckt und ber goldene Schmetterlinge lacht, beugt unten im Abgrunde ein
wildes, grimmiges, hohnlachendes Gesicht sich ber einen kaum sichtbaren Funken
und blst ihn an zu heller Glut. Ein roter Schein zuckt ber das Gesicht, das
Lachen des Feindes; die Lunte berhrt die Zndrute, tempus fuit! Zeit ist
gewesen - Zeit ist nicht mehr, die irrende Seele zurckzurufen aus den grnen
Gefilden, aus dem Wandeln in der Vergangenheit oder Zukunft, der Reue oder der
Hoffnung: nicht zu einem halben Vaterunser, nicht zu dem krzesten Stogebet ist
mehr Zeit.
    Es gab freilich fast immer nach derartigem verderblichen Feuerwerk Leute,
welche man mit ziemlich heilen oder ganz unverletzten Gliedern und nur ein wenig
betubt von der Trmmersttte zwischen den zerschmetterten Balken, Mauern und
Kameraden aufhob und genau ber ihre Gefhle ausfragte. Diese Leute blickten
dann jedesmal sehr verwirrt im Kreise umher und auf den Platz oder die Stelle
des Platzes, auf welchem sie standen, ehe sie in die Luft flogen, und - wuten
nichts zu sagen. Im Gegenteil, sie muten sich von den andern berichten lassen,
was eigentlich geschehen sei, wie die Erde unter entsetzlichem Krachen sich
geffnet habe, wie die Feuergarbe turmhoch in die Luft gefahren sei, wie die
schwarze Rauchwolke gleich einem Fcher sich in der Hhe ber der Unglckssttte
ausbreitete und wie schrecklich der Regen von schwarzen Trmmern, Steinen,
Schutt, Asche und blutigen menschlichen Gliedern gewesen sei. In dieser Lage
befand sich augenblicklich unser sehr guter Freund Leonhard Hagebucher. Er war
mit in die Luft gegangen, ohne es zu merken, und der Major Wildberg, der von
seinem Whisttisch aus die beste Gelegenheit gehabt hatte, mit emporgestrubten
Haaren und starrenden Augen das erschreckliche Ereignis wahrzunehmen, kam jetzt
eilends, dem Patienten die ntigen Mitteilungen zu machen.
    Der Major Wildberg erschien in dem Zimmer des Afrikaners zwar in
Paradeuniform, aber gewi nicht mit der zu jeglicher Schaustellung unbedingt
notwendigen Ruhe und Selbstbeherrschung. Er trug ungeachtet der strengen Klte
den Mantel ber dem Arme und schien sich nicht die Zeit genommen zu haben, ihn
anzuziehen oder umzuhngen. Die Uniform war schief ber der weien Weste
zugeknpft, und wenn der Leutnant Herr Hugo von Bumsdorf je im ffentlichen
Leben die Schrpe so getragen htte, wie sie jetzt sein Major trug, so wrde er
sicherlich Gelegenheit gefunden haben, acht Tage lang in der Einsamkeit des
Stubenarrestes ber den tief bedeutungsvollen Unterschied zwischen hinten und
vorn, zwischen rechts und links nachzudenken.
    Hagebucher lie den Strau des trumenden Schneiders auf den Tisch fallen
und stie einen Laut hervor, der, grade weil er nichts bedeutete, alles
ausdrckte: volles Wissen, hchstes Erschrecken und zugleich schon den ersten,
ratlosen Griff ins Blaue.
    Jetzt? Jetzt?! Ist es geschehen?!
    Lassen Sie mich zu Atem kommen, Freund. Dieses ist frchterlich! Welch eine
Nacht! Wissen Sie, was mich herfhrt, was ich bringe?
    Der Afrikaner nickte und griff bereits nach dem Hute. Der Major fiel auf den
nchsten Stuhl, suchte keuchend nach dem Taschentuch und trocknete sich die
Stirn.
    Ich komme von dem Ball des Polizeidirektors; der Boden ist den Tanzenden
unter den Fen gewichen - haben Sie das Krachen und den Schrei nicht gehrt?
Nikola sitzt bei meiner Frau, und hier bin ich. Welch eine Nacht! Gilmore
beschiet jetzt Fort Moultrie bei Charleston aus glatten Fnfhundertpfndern -
eine solche Bombe, fnfundzwanzig Zoll im Durchmesser, ist unter uns gefallen.
Wenn der Himmel eingefallen wre, die Wirkung knnte nicht rger sein. Von uns,
welche wir dort anwesend waren, hat niemand mehr seine fnf Sinne beieinander,
und der Herr von Betzendorff vielleicht am wenigsten. Nun kommen Sie,
Hagebucher, raten Sie, helfen Sie. Lassen Sie alles hinter sich. Ha und Zorn,
Freundschaft, Mitleid; wir brauchen einen klaren Kopf, eine starke Hand und
weiter nichts! Kommen Sie, kommen Sie, unsere einzige Hoffnung liegt darin, da
Sie sich durch nichts verwirren lassen, da Sie aufrecht und unbewegt in all
diesem nichtswrdigen Jammer stehenbleiben werden.
    Das war recht wohlmeinend und schmeichelhaft und gab jener Rede, welche der
Afrikaner, der Mann vom Mondgebirge, vor einigen Augenblicken an den imaginren
Tubrich hielt, einen vortrefflichen Abschlu: aber so ganz war die ruhige
Objektivitt des Standpunktes unseres Freundes doch nicht sichergestellt. Nun
war die Stunde, deren Herannahen er so sehr gefrchtet und in den letzten Tagen
im halben Fieber doch wieder so sehr herbeigesehnt hatte, da. Der Leutnant Kind
tat sein Schlimmstes; das Wie war im Grunde gleichgltig: aber wer, der die
Rettung nicht in sich selber trug, konnte aus einem solchen Verhngnis von einer
fremden Hand in die Hhe gezogen werden?
    Wo ist Nikola? fragte Leonhard.
    Ich sagte es bereits. Sie ist in der Begleitung, unter dem Schutze Ihres
Dieners, Ihres Hausgenossen, jenes seltsamen Schneiders und Aufwrters Tubrich
in unser Haus - zu meiner Emma geflohen, und ich bin hierhergelaufen, denn sie
verlangt nach Ihnen. Das ist solch eine Minute, in welcher man jeden glcklich
preisen mchte, welchem nur ein Felsblock auf den Kopf fiel.
    Es ist nur ein Weg fr sie, sie kennt ihn und will ihn gehen! murmelte
Hagebucher, und dann drckte er den Hut fest auf den Kopf, gleich einem Mann,
der wei, da ein arger Sturmwind ihn vor der Tr erwartet, nahm den Arm des
Majors und sagte:
    Jetzt wollen wir zu ihr gehen. Nicht ich, sie - sie steht aufrecht - sorgen
Sie nicht um diese Frau. Nehmen Sie meinen Arm, mein Freund; in der Gasse sollen
Sie mir erzhlen, was in dem Hause des Herrn von Betzendorff vorging.
    Sie stiegen die gebrechliche Treppe wieder hinab und traten hinaus in die
Kesselstrae. Letztere schlief ruhig und kmmerte sich um nichts. Sie hatte
nicht die Ehre, den Herrn von Glimmern zu kennen, und was den Herrn
Polizeidirektor von Betzendorff anbetraf, so trat dieser ausgezeichnete Mann nur
durch seine untern Beamten mit ihr in Verbindung, und es war ihr deshalb
unendlich gleichgltig, in welche peinliche Situation der Edle durch diesen
Eklat in seinem Hause geraten war. Die Kesselstrae hatte ihre eigenen Sorgen,
ngste und Aufregungen, und es war nicht von ihr zu verlangen, da sie sich um
jene Leute dort, in jener andern Welt, in so spter Stunde von ihrem Strohsacke
aufrichte.
    Die Kesselstrae schlief sanft, aber es gab viele Straen welche nicht
schliefen. Es rollten Wagen an dem Major und seinem Begleiter vorber, und das
Licht der Laterne beleuchtete darin bleiche, erschreckte Gesichter.
    Das war der Tribunalrat Igeler mit seinen Tchtern, sagte der Major. Er
sa neben mir am Spieltisch, als die Lichter erloschen und die Tren vor dem
Gespenst aufsprangen. Um Gottes willen, Hagebucher, wie knnen Sie mit solch
einem geisterhaften Menschen, wie dieser Tubrich-Pascha ist, Verkehr halten?
    Der Arme! Was, hat er denn auch mit dieser finstern Historie zu schaffen?
rief Leonhard.
    Er?! Bei Gott, wie wre das Gespenst denn ohne ihn hereingekommen? Er
fhrte es ja sozusagen an der Hand und stellte es in unsere Mitte und stellte es
uns vor!
    Er fhrte den Leutnant Kind herein?
    Den Leutnant Kind? Freilich, den pensionierten Leutnant der Strafkompanie,
Kind! Gedulden Sie sich nur, die Besinnung, die Erinnerung kommt mir nur
allmhlich zurck. Das ist wie ein Auftauchen der Dinge aus dem Nebel; - warten
Sie nur jaja, so war's, wir machten eine Partie: der Herr des Hauses, der Herr
von Glimmern, der Tribunalrat und ich. Betzendorff sa zu meiner Rechten, der
Tribunalrat zur Linken, und der Herr von Glimmern sa mir gegenber. Wir saen
in einem Nebenzimmer, und Glimmern hatte den Rcken gegen die offene Tr des
Saales, in welchem man tanzte, gewendet. Ich bin kein groer und feiner Spieler,
aber mir war recht behaglich zumute, ich liebe solch eine lustige Ballmusik wie
einen frhlichen Marsch und kann immer noch meine Freude an den hellen Lichtern
und dem jungen Volk haben. So achte ich denn eigentlich mehr auf das
Vorberschweifen dieser muntern Paare in dem hellen Raume zwischen den
Trvorhngen als auf meine Karten, und nicht ganz zu meinem Vorteil. Der Herr
von Glimmern hat mir auch schon manchen erinnernden Blick und mehr als eine
zierliche Bemerkung hingeworfen; aber was kann der Mensch gegen seine Natur? Ich
denke eben an die Jahre, die gewesen sind, an meine Emma, die damals doch ein
viel hbscherer Partner war, als jetzt diese spitzfindige Exzellenz ist, und wie
sie so gut tanzte, meine Emma, und mit ihrem guten Lcheln der grten Schnheit
und selbst der stolzen Nikola Einstein den Kranz abnahm. Und ich denke tief
darber nach, wie es eigentlich zugeht, da ich hier sitze und sie daheim; ich
wei nicht recht, ber wen ich mich mehr rgere, ber mich oder ber sie, und
der Tribunalrat sticht mir natrlich wieder das As mit dem Trumpf oder umgekehrt
-
    Und Glimmern? Glimmern? rief Hagebucher ungeduldig.
    Er sprach griechisch wie Cicero in Shakespeare Julius Csar. Nein,
griechisch sprach er nicht; er lchelte seine Meinung mit einer franzsischen
Phrase herber; aber wie gesagt, ich fhlte mich ganz wohl und warm, kurz, ich
war ganz in der Stimmung, alle Dinge so leicht als mglich zu nehmen und nicht
ber die angenehme Stunde hinauszudenken.
    Wo war Nikola? fragte der Afrikaner.
    Wir hatten im Beginn des Abends einen Augenblick miteinander geschwatzt,
doch, da sie bereits am Nachmittag bei meiner Frau gesessen hatte, uns kaum
etwas mitzuteilen gehabt. Ich verlor sie dann bald aus den Augen und, aufrichtig
gestanden, habe mich auch weiter nicht nach ihr umgesehen. Es waren sehr viele
Menschen gegenwrtig, und es ist eine Eigentmlichkeit von mir, da ich die
Weiber, meine Emma ausgenommen, sobald sie in Masse erscheinen und in ihren
groen Toiletten daherfahren, sehr schwer erkenne und voneinander unterscheide.
    Trotz seiner Aufregung oder vielleicht noch mehr infolge seiner Aufregung
fiel es dem Mann aus dem Tumurkielande als eine Merkwrdigkeit auf, wie
wortreich und wie weitschichtig und weitschweifig in ihren Berichten der
fnfzigjhrige Friede alle diese jngern und ltern Kriegsleute des Deutschen
Bundes gemacht hatte. Beinahe htte er diese Merkwrdigkeit als eine
Merkwrdigkeit dem Major nicht vorenthalten; allein unter dem Eindruck, da die
Zeit eigentlich auch dazu nicht ausreiche, schwieg er und tat wohl daran. Sie
schritten eben an der Polizeidirektion, auf der entgegengesetzten Seite der
Strae, vorber, blieben, von derselben Empfindung angehalten, stehen und
blickten nach dem stattlichen dunkeln Gebude hin. Noch war ein Teil der Lichter
nicht ausgelscht, unruhige Schatten glitten an den Vorhngen vorber; vor der
halb geffneten Tr stand eine Gruppe von Mnnern im leisen, eifrigen Gesprch,
und wieder rollte ein Wagen um die Ecke und in das groe Einfahrtstor.
    Das war der Herr von Betzendorff selbst, und ich kann Ihnen sagen, woher er
kommt. Er war im Palais, um Seiner Hoheit Rapport abzustatten und sich die
Ansichten und Wnsche der Herrschaften in betreff dieses Falles zu holen. Der
arme Mann! Er war sehr eng liiert mit diesem Glimmern, und hat man wahrlich
nicht Ursache, ihn um die Wege und Gnge dieser Nacht zu beneiden. Und was wird
erst morgen sein?
    Was kmmert uns die Million! rief Leonhard ziemlich barsch und zog den
wrdigen Krieger mit sich fort. Das ist gleich einem Schlachtfeld nach der
Schlacht; wir wollen nichts mit den Leichenrubern und Totengrbern zu schaffen
haben - erzhlen Sie mir jetzt, wie der Leutnant Kind in den Ballsaal kam.
    Der Herr von Glimmern verteilte die Karten zu einem neuen Spiel, und ich
hatte mir von Ihrem Tubrich ein Glas Zuckerwasser ausgebeten. Ich glaube auch,
es sollte eben im Saal ein neuer Tanz begonnen werden, als er in der Tr stand
und jener Tubrich mit dem Prsentierteller in den zitternden Hnden neben ihm.
Er trug seine Uniform und den Degen an der Seite, ich hielt ihn anfangs fr eine
Maske, und er hatte, um zu uns zu gelangen, den Saal quer durchschritten und
sogleich ein ziemliches Aufsehen unter den Herren und Damen erregt. Von dem
jungen Volk lachten einige, und ein paar hbsche Mdchenkpfe schoben sich ihm
nach um die Vorhnge, und die Frau von Betzendorff trat schnell mit ihm ein und
sah ihn sehr verwundert vom Kopf bis zu den Fen an. Der Herr von Glimmern aber
sah ihn nicht, denn er hatte, wie gesagt, der Tr den Rcken zugekehrt und gab
seine Karten mit aller Zierlichkeit. Auch der Polizeidirektor wurde erst durch
seine Frau, den Tribunalrat und mich aufmerksam; aber der Mann ist durch sein
Amt an mancherlei seltsame Erscheinungen gewhnt und zog im Anfang nur etwas
verwundert die Augenbrauen in die Hhe. Er wollte sich erheben, wahrscheinlich
um den wunderlichen Gast von fernerer Strung seines Festes abzuhalten und ihn
an Stunde und Ort zu erinnern; aber da sprach Ihr Tubrich luftschnappend: Der
Herr Leutnant Kind!, und der Leutnant legte dem Herrn von Glimmern die Hand auf
die Schulter. Ich bin ziemlich nervs und habe einen Sinn fr viele
Kleinigkeiten, wenn meine Aufmerksamkeit erregt ist, und jetzt sah ich dieses
alles ganz genau und kann Ihnen davon sprechen, Hagebucher. Er legte ihm die
Hand auf die Schulter, ganz leise und fast, als wolle er sich darauf sttzen -
ganz ohne allen Eifer; aber das ist mir in diesem Moment nur um so unheimlicher.
Und der Herr von Glimmern, welcher die Meldung Ihres Tubrichs berhrt haben
mute, blickte sich zuerst auch gar nicht um. Er mute glauben, ein Bekannter
berhre ihn, und er teilte ruhig lchelnd die letzten Karten aus. Als er sich
dann umblickte, verschwand freilich das Lcheln; er fuhr zusammen und bi die
Lippen fest aufeinander. - Ich bin der Leutnant Kind! sagte der Leutnant nun
ebenfalls, und er sagte es keineswegs unfreundlich und drohend Was soll dieses,
Herr, was wnschen Sie von mir? fragte der Intendant; doch der Alte antwortete
nicht, sondern klopfte ihm nur leise auf die Schulter und wendete sich gegen
uns, whrend die Frau vom Hause sich bereits nach den andern Bedienten umsah. In
diesem Augenblick stand auch Nikola schon zwischen den roten Vorhngen der Tr,
dicht hinter dem Leutnant Kind, und der Leutnant hatte sich, wie gesagt, an uns
gewendet und sprach leise, wie jemand, der gar kein Aufsehen zu machen wnscht
Die Herren sollten sich doch ein wenig vorsehen, mit wem sie sich zum Spiele
niedersetzen; es steckt wohl manche schmutzige Hand im weien Handschuh, und es
fllt wohl manche falsche Karte auf den Tisch! Wir waren alle aufgesprungen, und
der Herr von Glimmern hatte seinen Stuhl umgeworfen Das ist ein Wahnsinniger!
Wie ist er nur hereingekommen? rief die Frau vom Hause; aber der Alte sagte
Nein, Madam, es ist kein Wahnsinniger, es ist der Leutnant Kind, und der hat das
Recht, hier einzutreten. Und jetzt richtete er sich in seiner ganzen Lnge empor
und rief mit lauter Stimme Ich klage den Freiherrn Friedrich von Glimmern in
seiner eigenen Kompanie und Freundschaft des Betrugs an! Es pat mir so besser
und wird den Herrschaften gewi auch so am liebsten sein.
    Wie teuflisch, wie raffiniert teuflisch! O die Rache ist eine groe
Knstlerin! rief Leonhard Hagebucher.
    Es war die Bombe aus dem Blakelymrser! rief der Major. Sie fiel unter
uns und zersprang regelrecht in ihre hundertunddreiig Stcke.
    Vor seiner Gesellschaft! Vor seiner Freundschaft! murmelte Hagebucher.
Und Nikola? Nikola?
    Ich sehe alles durch einen feurigen Nebel! Ich sehe Papiere in den Hnden
des Tribunalrates und des Herrn von Betzendorff und hundert bleiche Gesichter -
Uniformen - nackte Schultern und tanzende Flammen. Das enge Gemach, in welchem
wir saen, ist pltzlich verschwunden, ich bin in dem Saale, wo der Tanz sich
aufgelst hat - ich bin betrunken, taumelnd, und nun ist alles umher mit einem
Male regungslos, und nur eine hohe Gestalt, eine Frau in einem weien Kleide
schreitet an mir vorber und durch den Saal, und vor und hinter ihr bildet sich
eine Gasse durch die Blumen, Federn und Lichter. Ich rufe ihren Namen: Nikola!
Nikola! Aber sie sieht sich nicht um. Ich bin auf der Treppe - in der Gasse - in
der Dunkelheit, die dann wieder zu dem Schein einer Gaslaterne wird. Ich finde
mich barhuptig in einem Haufen Volkes, welcher unter den Fenstern des Hauses
auf die Ballmusik gehorcht hat. Da sind Mdchen, Weiber und Bediente. Einige
lachen und kreischen, andere starren dumm mich an, und wieder andere starren die
Gasse hinab. Da tritt der Jger des Grafen Laurenstein, ein anstndiger Mann,
der einst in meiner Kompanie stand, an mich heran und sagt Eine Dame ging eben
vorber, wenn der Herr Major die suchen! Er stotterte das hervor wie jemand, der
nicht wei, ob er das Rechte trifft, und dann nennt er auch noch den Namen Ihres
Menschen, des Tubrich. Und nun - hier bin ich, und Nikola Glimmern ist, auf den
Arm dieses Tubrich gesttzt, zu meiner Frau gegangen. Da habe ich sie gefunden,
und dann bin ich zu Ihnen gekommen, Hagebucher; denn nachdem sie sich nur so
weit von ihrem halb wahnsinnigen Wege durch die Gassen erholt hatte, um sprechen
zu knnen, verlangte sie heftig nach Ihnen, schickte sie den Tubrich zu ihrer
Kammerfrau und mich in die Kesselstrae. Und nun bitte ich Sie, wo sind Ihre
Mittel, dieser unseligen Frau in ihrem bodenlosen Jammer zu helfen?
    Leonhard schttelte traurig den Kopf und sagte dann:
    Ihre Flucht ist mit diesem Wegschreiten aus dem Festsaal noch nicht
vollendet - sie blickt ber die Schulter und sieht die Verfolger dicht hinter
sich. Sie hat noch einen langen Weg durch die Nacht vor sich, und ich soll sie
auf demselben zu dem Orte fhren, wo sie Ruhe zu finden hofft. O ich bin schon
solch ein Seelenfhrer gewesen in der letzten -
    Er hielt erschreckt ein und murmelte sodann:
    Aber mein Gott, wie kann ich sie dort hinbringen? Das, was die schnste
Rettung sein knnte, vermehrt jetzt nur die Verwirrung und erschwert die Lsung.
Wildberg - der Herr van der Mook - doch nein, fort, fort, lassen Sie uns eilen.
Ich will Ihnen in Ihrem Hause davon sagen!
    Sie gingen schneller und warfen im Vorbereilen den Blick auf manche
erhellte Fenster und nannten die Gste des Herrn von Betzendorff, welche dort
ebenfalls noch wachten und unter dem zermalmenden Eindrucke des unerhrten
Ereignisses auf und ab schritten oder gebrochen oder - schadenfroh um die Lampen
saen. Der Major nannte die Namen und sagte: Dort wohnt der und der, und fgte
sthnend jedesmal hinzu: Welch eine Geschichte - was soll daraus werden?
    Sie gingen immer schneller; aber ehe sie die Wohnung des Majors erreichten,
trat ihnen noch jemand entgegen, der vor vielen andern berechtigt war, auch ein
Wort zu sagen: der Leutnant Kind von der Strafkompanie zu Wallenburg. Sie trafen
unter einer Gaslaterne mit ihm zusammen und hatten vollkommen gengende
Gelegenheit, den Krper- und Geisteszustand, in welchem sich der Mann befand, zu
erkennen. Es war eine furchtbare, eine schreckenerregende Vernderung in seinem
Wesen und seiner Erscheinung vorgegangen. Der finstere, schweigsame Greis war zu
einem Tollen, einem Wahnsinnigen geworden. Er, der durch so lange Jahre eine
solche grimmige, fast bermenschliche Selbstbeherrschung ausbte, hatte mit dem
ersten Worte, welches er in dem Saale des Polizeidirektors dem gehaten Feinde
entgegenwarf, alles Ma und jeden Halt verloren.
    Mit einem heisern, tierischen Lachen stellte er sich den beiden Mnnern in
den Weg und streckte ihnen die Fuste entgegen und schrie zhneknirschend:
    Da seid ihr ja, meine lieben Herren; ich dachte wohl, da ihr mir noch
begegnen mtet vor Sonnenaufgang. Hoho, das ist der Krieg, auf welchen ich mein
ganzes langes Leben wartete und fr welchen ich die Knpfe und das Riemenzeug
blank hielt! He, Major Wildberg, so frisch und lustig htten wir es uns doch
nicht vorgestellt in der Knopf-, Gamaschen- und Paradeherrlichkeit! Krieg!
Krieg! So ist es recht und so soll es sein.
    Ihr seid krank, und es ist kein Wunder, da Ihr das Fieber habt, Leutnant
Kind! sprach Hagebucher. Gehet nach Hause und schliet Euch ein in Euer
Gemach. Euer Recht habt Ihr Euch genommen; was irrt Ihr nun noch gleich einem
Trunkenen umher? Eure Rache ist Euch geworden nach Eurem Willen; es war Euer
Recht, den Schuldigen zu Boden zu schlagen; aber nun gehet uns aus dem Wege und
hindert uns nicht, aufzurumen unter Euren Trmmern, unter denen auch die
Unschuldigen begraben liegen.
    Pfeift der Wind daher, mein Brschchen? flsterte der Leutnant. Aus dem
Wege, aus dem Wege? Seid Ihr auch schon so weit wie die andern und schreit
Zeter, weil ein Mann sein Recht wie ein Mann nahm! Der Hund ist immer toll, der
an die seidenen Strmpfe und unter die sammetnen Schleppen fuhr. Ich wnsche
Ihnen Glck, Herr Hagebucher! Haben Sie schon soviel gelernt seit Ihrer
Heimkehr?
    Ich habe viel gelernt, alter Mann, und die Hand htt ich mir eher abgehauen
als Sie auf Ihrem Wege aufgehalten, die Zunge mir eher abgebissen als Ihnen ein
Wort entgegengesprochen. Nun lassen Sie mich meinen Weg fortsetzen.
    Ich will nicht! Mit wem soll ich jauchzen und meine Lust teilen? Weshalb
haben Sie mir den Herrn van der Mook genommen? Gehen Sie und geben Sie mir
diesen Viktor Fehleysen zurck! Fluch ihm, weil er mich heute allein lie!
    Der Major Wildberg taumelte vor diesem Namen Viktor Fehleysen und griff von
neuem nach der Hand Leonhards; dieser aber sagte ruhig:
    Der Herr Kornelius van der Mook ist in eine andere Macht als die unsrige
gegeben. Ich halte Sie aber auch da nicht, Leutnant Kind; gehen Sie, suchen Sie
ihn unter dem Dache, am Herde seiner Mutter, und fhren Sie ihn mit sich fort,
da er mit Ihnen ber diese Stunde Triumph rufe!
    Der Alte trat zur Seite, und wieder lachte er grimmig:
    Sei es denn, ihr feinen Leute mit der zarten Haut und den zrtlichen
Gefhlen. Ich gehe allein und fordere allein meinen Gewinn von den andern. Aber
ich verlange den vollen Einsatz, Blut um Blut, Leben um Leben. Die Karten liegen
auf dem Tische, aber sie haben alle falschgespielt, wie der Herr Friedrich von
Glimmern, und wollen auch nicht zahlen. Es ist ihre Art so, und sie vermeinen,
sie knnen es treiben, wie sie wollen, weil sie das Regiment fhren im
Musenest, und dnken sich gro, weil sie vier Quadratmeilen zum besten haben.
Er gehrt zu ihnen, und ob er schon nichts weiter als ein gemeiner Schuft und
Dieb ist, so war's doch unpalich und verdrielich, ihm dasselbe Ma gehen zu
mssen wie dem Pack, welchem sie ihre gottesjmmerliche Erbrmlichkeit in Kupfer
ausgeprgt und vergoldet als der Welt grte Herrlichkeit und Erhabenheit
vorzahlen. Ho, es wird wohl einmal die Stunde kommen, wo der Auktionator mit dem
Hammer auf den Tisch klopft und den ganzen Trdel vor dem ganzen deutschen Volk
versteigert. Zwlf Exzellenzen fr 'n Groschen und die dreizehnte zu! Zwlf
Durchlauchten fr einen Groschen und die dreizehnte zu! Doch das ist einerlei,
da mag auf die Schande bieten, wer's erlebt; ich will mir an dem einen gengen
lassen, fr den ich einen hheren Preis zahlte, als die ganze Niedertrchtigkeit
umher wert ist. Mit meiner Ehre, meinem Glck und dem Leben meiner Kinder habe
ich das Ding bezahlt, und der Kauf gilt. Beim alten Gott da oben, er gilt, und
wenn sie einen Fehler in der Rechnung finden, so lat sie. Ho, es ist ein Fehler
in allen ihren Rechnungen; sie zhlen nur sich selber und vergessen stets die
Hnde, die Fuste, welche sich von da unten erheben mgen. Hier sind wir, die
Toten und ich, und wenn sie nun ihre Hunde an die Kette legen wollen, so mssen
wir die Jagd desto lustiger und couragierter fortsetzen. Lat ihn nur laufen,
den falschen Betrger, den blutigen Mrder, wir wollen sehen, ob ihm unser
Gebell und Geklff und die Angst vor unsern Zhnen aus dem Ohr und dem Sinn
kommen wird!
    Es war unmglich, ein Wort in diesen wilden Zorn hineinzuwerfen, und noch
unmglicher war's, den rasenden alten Mann auf seinem Wege aufzuhalten.
    Da stehen die Herren und gaffen! schrie der Leutnant Kind. Jaja, er wird
schon fort sein, und an Reisegeld wird's ihm nicht gefehlt haben. Verflucht
seien die, welche mich hinderten, ihm schon eher das Knie auf die Brust zu
stemmen und ihm die Hand an die Gurgel zu legen! Was gaffen die Herren? Er ist
hinaus; aber die Toten und ich fahren ihm nach, und wir werden ihn erreichen und
Abrechnung mit ihm halten, der ganzen falschen, feilen, heuchlerischen Welt zum
Trotz.
    Noch einmal streckte Leonhard Hagebucher die Hnde nach ihm aus; allein
jetzt ri er sich los und strzte fort, nach seinem eigenen Bilde wie ein
Schweihund auf der Fhrte.
    Der Major Wildberg hielt sich an dem Laternenpfahl und sthnte: Wie
ohnmchtig man doch ist, wo man die Kraft der Gtter haben sollte!
    Der Afrikaner aber rief: Wenn er die Wahrheit sprach, und ich zweifle nicht
daran, so will ich ein ehrlicher Mann bleiben und ihm die beste Jagd wnschen.
Und jetzt kommen Sie, Major, wir wollen den Herrn van der Mook ihm nachsenden.
Gott ist wahrhaftig Gott, und die Finsternis ist nicht weniger sein Diener und
Prophet als das Licht.
    Viktor von Fehleysen?! Ist das eine Wahrheit? rief der Major Wildberg.
Ist das keine Blase, die in dem Hexenkessel dieser Nacht aufbrodelt und gleich
einer Blase zerspringen wird?
    Der Sohn der Frau Klaudine ist heimgekehrt zu seiner Mutter und sitzt bei
ihr dort in der verschollenen Mhle, in dem verschollenen Tale, wo Nikola von
Glimmern hinfliehen und wo sie sich verbergen will, um Ruhe zu finden.
    Die Unglckliche! murmelte der Major; Leonhard Hagebucher zuckte die
Achseln und schwieg, und so erreichten sie die Tr der Wohnung Wildbergs, an
deren Schwelle wiederum jemand in aller Angst und Ungeduld auf sie wartete. Seit
einer Stunde bereits schritt der Leutnant Hugo von Bumsdorf vor dem Hause auf
und ab, zerbi seinen feinen Schnurrbart, zerpflckte seine Handschuhe, hatte
aber nicht den Mut gehabt, die Glocke zu ziehen und einzutreten. Jetzt kam er
den beiden heraneilenden Mnnern mit einem Sprunge entgegen und rief:
    Nikola, meine Kusine, meine arme Nikola! O ihr Herren, ihr Herren, was soll
ich tun? Was mu ich tun? Wie kann ich hier helfen? Ich mu etwas fr sie tun,
um nicht toll zu werden. Hagebucher - zu Fu und zu Pferde, wen soll ich zu
Boden schlagen? - Was soll ich meinem Vater sagen, wenn er mich fragt, welchen
Posten ich in dieser Nacht gehalten habe?
    Sie werden niemand ermorden, lieber Hugo, sagte Hagebucher. Sie werden
sich zu beruhigen suchen und mit uns kommen. Wir haben Ihre Hlfe in der Tat
sehr ntig, und Sie sollen wenig Zeit zum unntigen Grbeln brigbehalten.
    Dafr werde ich Ihnen auf den Knien danken, rief der Leutnant, und alle
drei betraten das Haus.
    Der Major fhrte die Begleiter leise die Treppe hinauf, schob sie zuerst in
sein eigenes Zimmer und ging, seine Emma von ihrer Ankunft zu benachrichtigen.
Whrend seiner Abwesenheit machte Leonhard den Leutnant in flchtigen Worten mit
der Person, der Geschichte und dem jetzigen Aufenthaltsort des Herrn van der
Mook bekannt und erhhte auch die Verwirrung des jungen Kriegers sehr dadurch.
Nun kehrte Wildberg wiederum auf den Fuspitzen zurck und sagte:
    Gehen Sie jetzt, Hagebucher, Sie finden sie in dem Zimmer meiner Frau. Hugo
und ich erwarten hier Ihre Rckkehr und das, was Sie uns dann zu sagen haben
werden.
    Der Afrikaner pochte an die Tr der wackersten Frau Majorin, welche jemals
einem biedern und friedfertigen Major Losung und Feldgeschrei erteilt hatte.

                           Zweiunddreiigstes Kapitel


Man konnte nicht sagen, da der Mann vom Mondgebirge, der Siebenschlfer aus dem
Tumurkielande sich als Herr der Situation fhlte, als er, mit dem Bedrfnis, das
Ohr an das Schlsselloch zu legen, vor der Tr der Majorin stand, und doch mute
er sich gestehen, da er und die Frau Klaudine die einzigen Leute seien, deren
Umgang und Zusprache nunmehr der unglcklichen Gattin des Barons Glimmern allein
gem waren. Hier gab es zwei Menschen, um welche das Schicksal, gleichsam in
der Absicht, ein Problem dadurch zu lsen, einen Kreis gezogen hatte; und aus
Millionen war Nikola Glimmern jetzt allein berechtigt, diese dstere
Grenzscheide, welche das drngende Gewhl des Lebens von der tiefinnern
Einsamkeit dieser beiden Verschollenen trennte, zu berschreiten.
    Die Tr ffnete sich ein wenig. Gott sei Dank! rief die Frau Emma, zog den
Afrikaner in das Gemach und flsterte, indem sie mit zitternder Hand auf die
Freundin wies:
    Sehen Sie! Helfen Sie!
    Im glnzenden Hof- und Ballkostm, mit nackten Schultern und Armen, schritt
Nikola von Glimmern auf und ab, die weite Schleppe rauschend hinter sich
herziehend, wunderbar schn in ihrer verwilderten Pracht und doch unendlich
betrblich anzusehen.
    Sie weinte nicht. Ihr zartes, weies Spitzentuch hatte sie lngst in Fetzen
gerissen, sie lachte durch die weien, fest aufeinandergesetzten Zhne, und so
kam sie auf den Afrikaner zu, fate seinen Arm und keuchte:
    Was flsterte sie? Was sagte sie zu Ihnen? Weshalb spricht sie nicht laut
und deutlich wie sonst?
    Nikola?! rief die Frau Emma.
    Sie werden jetzt alle in meiner Gegenwart nur leise, ganz leise sprechen,
und ich werde mich daran gewhnen mssen. Verzeih mir, Gute, es wird gewi eine
Zeit kommen, wo ich nicht mehr so dumm nach dem frage, was sich von selbst
verstellt. Guten Abend, lieber Freund; man wird Sie hoffentlich nicht
meinetwegen aus dem Bett geholt haben; es ist recht kalt hierzulande, und die
Sonne unter den Palmen mu Sie jedenfalls ein bichen verwhnt haben. Es ist
wohl auch ein wenig spt, und wer es vermag, der soll schlafen, und kund und zu
wissen sei, da wir bei Todesstrafe hiermit verboten haben wollen, Feuer vor der
Tr der Schnarchenden zu rufen, ehe das eigene Dach derselben brennt.
    Ich war sehr wach und munter, als ich von dem Feuer in des Nachbars Hause
vernahm, sagte Hagebucher wie ein Arzt, welcher an einem Krankenbette
Stadtneuigkeiten erzhlt und wohl wei, was er tut. Ich war recht munter und
lebendig und hatte nicht ntig, mir die Augen zu reiben. Ich sah in einen Korb,
wie der Mann auf dem Brett der Guillotine, in einen leeren Korb, und eine sehr
liebenswrdige junge Dame, von der sich nichts Bses sagen lt, hatte mir
denselben vorgeschoben, nachdem ich meine Absicht ausgesprochen hatte, sie zu
meiner Frau zu machen und glcklich mit ihr zu sein, solange der Tag oder
vielmehr das Leben dauern mochte. Aber, wie gesagt, sie dankte hflichst und gab
mir zu verstehen, sie sei schon lngst und recht gut versorgt; - da war es keine
Kunst, diese bse Sturmglocke nicht zu berhren.
    In beschaulicheren Zeiten wrde die Frau Emma bei solcher Mitteilung die
Hnde hoch ber den Kopf gehoben haben; in dem jetzigen Augenblicke begngte sie
sich damit, den Namen jener jungen Dame zu nennen und die Frau Nikola anzusehen.
Die Frau Nikola aber stie die Hand Leonhards von sich und sagte:
    Ich hre allerlei Worte, aber es wird mir so schwer, irgendeinen Sinn damit
zu verknpfen. Da sprach jemand von heiraten und glcklich sein, von Feuerlrm
und jenem Korbe vor dem Fallbeil. Wartet nur, ich besinne mich schon auf die
Phrase! Cracher au panier nannten das die Damen, welche mit dem Strickstrumpf in
der Hand der lustigen Komdie auf dem Revolutionsplatze zusahen. Sie sollten
nicht Hochzeit machen, ohne mich um Rat zu fragen, Hagebucher; ich bin eine
kluge Frau und knnte viele Leute als Zeugen dafr aufrufen, wenn ich mich nicht
vor den Stimmen der Menschen so sehr frchtete.
    Wir gingen einmal von der Katzenmhle fort, sagte Hagebucher ruhig. Das
heit, Sie ritten auf dem Prospero, und ich lief nebenher auf der Landstrae,
und da sprachen wir vieles von den Tagen, die da kommen knnten. Sie trugen das
schwarze Brot der Frau Klaudine am Busen mit sich fort, und ehe wir uns auf der
Hhe hinter Fliegenhausen trennten, redeten wir miteinander von einem Reiche der
Freiheit, Ruhe und stolzen Gelassenheit, dessen Brgerbriefe wir zu besitzen
glaubten. Wir redeten auch davon, da wir einst von neuem zusammentreffen
wrden, und vielleicht in einer schlimmen, todbringenden Stunde. Da wollten wir
uns dann gegenseitig an jenes lichte Reich und an jenen Freibrief erinnern, und
das stille Auge in der Waldmhle sollte ber uns beide wachen. Jetzt, Nikola,
jetzt wollen wir uns und der Welt halten, was wir uns und ihr versprachen. Sind
Sie nicht mehr die frhere Nikola, die mit Lachen behauptete, in allen Ketten
frei bleiben zu knnen? Blicken Sie auf, blicken Sie in sich: in unserm Reiche
hlt man den Sieg grade dann am festesten, wenn die Widersacher am lautesten
Sieg ber uns kreischen. O besinnen Sie sich, Nikola Einstein, was Sie waren und
was Sie sind.
    Das ist freilich die Frage, aber besinnen kann ich mich nicht darauf. Sie
reden von Trumen, die ich vor hundert Jahren trumte, wie von einem Wirklichen;
doch es hat keinen Sinn fr mich. Was bin ich? Ein armes, geschlagenes Weib,
keine Heldin, die an einem Sommerabend auf einem weien Pferde durch den Wald
reitet und den Rausch und die Lieblichkeit der Natur fr ihren eigenen Mut, ihr
eigenes Denken und Fhlen ausgibt! Eine alte Jungfer, welche ein Zauber in den
letzten Illusionen der Jugend festhielt, war ich, als wir zuerst zusammentrafen,
und heute bin ich eine alte, kranke Frau, welche ihr Reich nur in dem ganz
Gewhnlichen hat und mit demselben auf Nimmerwiederaufstehen zusammenbricht.
Schtteln Sie nicht den Kopf. Sie wissen so gut wie alle andern Leute Bescheid
und wissen wie alle andern, da das Leben, welches heute so lustig mit uns
fhrt, doch das einzig wahre und wirkliche ist. Du bist eine verstndige Frau,
Emma, und du hast es immer gesagt; jetzt berzeuge auch jenen und la dir den
Dank in Seufzern und Trnen auszahlen. Jetzt sind wir so weit, als wir kommen
muten, um dem Publikum mit unserm Dasein den rechten Nutzen zu stiften. Die
Sache ist recht lehrreich; die ewige Gerechtigkeit tritt so trefflich, ganz im
rechten Augenblick und an der rechten Stelle aus der Kulisse und gibt jedem sein
Teil nach seinem Verdienste. O es ist ein recht ser und erquicklicher Gedanke
in allem Elend, da man zuletzt doch nichts weiter ist als ein Bild in dem
groen Abc-Buch der Welt und da der ihr am besten diente, welcher sein Ich am
Schandpfahl am nacktesten ihren Blicken, Worten und Steinwrfen darbot. Mein
Kopf, mein armer Kopf! Wer htte gedacht, da es so pochen knnte in den
Schlfen? Gebt mir ein Riechflschchen, ich will mir die Stirn mit Klnischem
Wasser reiben und so ruhig und vergngt sein, als ihr nur wnschen mgt. Seht,
wir knnen uns wohl loben; wir haben unsere Sache gut gemacht, und nun wollen
wir gehen und uns in den Winkel setzen. Sie greifen doch schon nach Hut und
Regenschirm und ziehen ihre Kleider zusammen und rcken auf den Sitzen. Gute
Nacht, gute Nacht!
    Nikola, Nikola, fasse dich, mein Herz! Das streift ja an den Wahnsinn,
meine arme Seele! rief die Majorin, indem sie laut schluchzend die Freundin in
die Arme schlo; doch Nikola sprach weiter:
    Hab keine Sorge um meinen Verstand, mein Kind, den konservier ich mir gut,
nur zu gut. Aber weine nur, Emma, ich gb ein gro Stck von meinem Verstand,
um's auch zu knnen; aber ich kann es und darf es nicht. Es ist auch dumm, zu
weinen, wenn man kein Recht dazu hat. Ja freilich, kleine Frau, du hast's gut,
und Gott segne dir dein Glck. Du hast alles immer ganz und vollstndig gehabt,
das Lachen wie das Weinen, und hast dich bei dem einen wenig um das andere
gekmmert. Dich rief man nicht von allen Seiten, wenn du auf deinem eigenen
Schemel stillsitzen wolltest, und zerrte dich nicht an den Flgeln herbei, wenn
du den schrillen Ruf berhrtest. Du konntest ruhig deines Weges gehen, gute
Leute haben dich zurechtgewiesen, und gute Leute begleiteten dich. Ich wnschte
wohl, ich htte meine Gedanken und auch meine Kinder wiegen drfen wie du:
sintemalen das nun aber nicht hat geschehen knnen, mein Herz, so mache dich
morgen frh auf die Beine, bestelle meiner gndigen Frau Mama einen schnen Gru
von mir und sage ihr, ich sei mit jenem sonderbaren Herrn Hagebucher aus dem
Tumurkielande auf und davon gegangen und bitte, da man es mir nicht belnehmen
wolle. Sage auch, ich habe es hier nicht lnger aushalten knnen und ich sei
fest berzeugt, da unter den obwaltenden Umstnden die frische Luft und eine
vernderte Umgebung sehr wohlttig auf meinen Charakter und meine Stimmung
wirken mten. Du kannst einen Wink fallenlassen von den sieben Zwergen hinter
den sieben Bergen oder sonst einer bekannten Gegend des Mrchenlandes, wohin
weder Briefe noch telegraphische Depeschen von der Postverwaltung expediert
werden. Flstere auch ganz leise, es sei ja nun doch alles verspielt und keine
weitere Aussicht, auf diesem Wege zu noch hherer Ehre, Wrde und
Vergnglichkeit zu gelangen, und da, wiederum unter so bewandten Umstnden,
Prinze Marianne, Hoheit, gewi nichts gegen ein solches Verschwinden
einzuwenden habe, so werde auch Mama sicherlich sich dreinzufinden wissen. Wenn
du willst, kannst du dann noch beifgen, ins Wasser gehe die Nikola auf keinen
Fall, und wenn das ein Trost sei, so stehe er zur Verfgung; auch schreiben
werde die Nikola, sobald sie dazu imstande sei, und sofern man es ihr nicht zu
schwer mache, wolle sie auch weiter hinaus eine gehorsame und in allen Dingen
geduldige Tochter bleiben. Du wirst den ministre plnipotentiaire schon zu
agieren wissen, Frau Emma Wildberg: und mein ehrliches Wort - ja, ihr da alle,
mein ehrlich, ehrlich Wort! -, keinen Roman aus meinem Elend machen zu wollen,
gebe ich auch. Sage, es sei meine Absicht, die Wildnis, das Wurzelngraben und
Eichelnessen sehr ernst zu nehmen, und daher knne man nichts Besseres tun, als
mich meines Weges gehen zu lassen. Dann mache dein Kompliment, kehre nach Hause
zurck, wirf zur Beruhigung des Gemtes einen Schuh hinter mir her, und dann
setze dich in eine Ecke, denke nach ber eine lehrhafte und rhrende Historie
fr deine Kinder und la sie beginnen: Es war einmal ein feines junges Mdchen,
das hie Nikola und erlebte allerlei mit Feen, Zwergen, Zauberern, wilden
Drachen, mit Gold und Silber und Demanten, und es ging verloren im Walde, man
wei eigentlich nicht so recht, auf welche Weise; doch es ist sehr rhrend und
lehrhaft, davon zu sagen.
    So redete Nikola von Glimmern und drckte die geballten Hnde gegen die
Stirn und schwieg erst in uerster Erschpfung und aus vollkommenem Atemmangel.
Leonhard Hagebucher lie sie auch ruhig reden und machte nicht ein einziges Mal
den Versuch, sie zu unterbrechen. Erst als sie leise schluchzend in den Kissen
des Diwans der Frau Emma lag, sagte er, aus dem Fenster blickend:
    Es fngt an zu schneien. Bismillah, wer seine Futapfen verbergen will, dem
wird jetzt ein treffliches Reisewetter gegeben, und es ist auch meine Meinung,
Frau Majorin, da die Frau Nikola und ich die Stadt mit dem frhesten Morgen
verlassen und ber Nippenburg und Bumsdorf den Weg zur Katzenmhle einschlagen.
Es ist jetzt sehr still in den Wldern um Fliegenhausen, die Erfahrung davon hab
ich neulich mitgebracht. Die Natur hat den Finger auf den Mund gelegt, und
niemand braucht Furcht zu haben vor dem Jauchzen und Jubilieren der Felder und
Wiesen. Wir klopfen an die Tr der Frau Klaudine und wundern uns, wie mancher
Ton, der uns jetzt schrill und schneidend ins Ohr klingt, hinter uns verhallte.
Die Frau Majorin kennt die Katzenmhle nicht; aber die Frau Nikola kennt sie: es
ist kein besserer Ort auf Erden, um ein groes Leid dahin zu tragen; und was
Eisen und Feuer nicht heilen knnen, das wird mit linder Hand Unsere Liebe Frau
von der Geduld, die Frau Klaudine, heilen. Viele Worte sind darber nicht zu
verlieren, den Weg zu wissen ist die Hauptsache; brigens verspreche ich der
Frau Emma, die Frau Nikola gut zu fhren und sie unterwegs auf das angenehmste
von meinem eigenen Leidwesen, welches ich diesmal zur Katzenmhle trage, zu
unterhalten.
    Die Majorin fate den Afrikaner an beiden Schultern und gab ihm einen
herzhaften Schmatz.
    Sie sind ein Prachtmensch, Hagebucher! sprach sie.
    Nikola richtete sich auf und sagte, indem sie dem Freunde die Hand reichte:
Auch Sie wieder? Sie sprachen schon vorhin von einem Leid, das Ihnen geschehen
sei. Aber ich bin so taub und so blind! Was hat man Ihnen wieder angetan?
    Leonhard fhlte jetzt beinahe einige Gewissensbisse, da er sein kleines
Malheur in solchem Augenblicke dem Unglck dieser Frau, wenn auch in der besten
Absicht, an die Seite geschoben habe. Allein das Mittel hatte doch seine Wirkung
getan und das Weib des Barons von Glimmern aus der allertiefsten Betubung
emporgezogen.
    Ich werde Ihnen und der Frau Klaudine das Weitere in der Mhle erzhlen;
jetzt aber lassen Sie uns berlegen, wann und auf welche Weise wir unsere Fahrt
bewerkstelligen sollen.
    Es kostete Mhe und viel berredungskunst, manches gute und auch einige
harte Worte, um die aufgeregte Nikola zu berzeugen, da man nicht in dieser
Stunde und in einem solchen Zustande des Leibes und der Seele aufbrechen knne,
da man wenigstens den Morgen erwarten msse. Nicht immer siegt unter hnlichen
Umstnden der ruhige Pulsschlag ber den fiebernden: der Schmerz und der Zorn
sind fast ebenso hartnckige Gegner des Verstandes als die Liebe; aber dieses
Mal siegte Hagebucher zuletzt doch. Gleich einem matten, ausgeweinten Kinde lie
er Nikola auf den Kissen und in der Obhut der Majorin und ging zu den beiden
Herren zurck. Er fand dieselben noch in derselben Stellung, in welcher er sie
vor einer halben Stunde hinter sich lie.
    Wie geht es den Damen? Wie geht es meiner armen Kusine? rief der Leutnant.
O Hagebucher, ich habe schon sehr hufig recht bnglich an einer Tre gewartet,
doch noch niemals in einer solchen absoluten Auflsung wie jetzt. Auch mir wren
die schwedischen Hrner augenblicklich lieber als manches andere, und obgleich
ich ein guter Kerl und leicht zu berzeugen bin, etwas sei wahr oder etwas
gehre ins Reich der Fabel, so kann ich - kann ich mit dem besten Willen nicht
an diesen Herrn van der Mook glauben, und was die Meinung des Majors betrifft,
so fragen Sie ihn selber darnach.
    Der Major schttelte den Kopf und zeigte sich von neuem als ein
wohlbelesener Kriegsmann. Er zitierte:

Dies
Gibt wie ein Traubenschu an vielen Stellen
Mir berflss'gen Tod.

Ich denke nicht! meinte Leonhard und konnte trotz aller Not und Sorge ein
Lcheln ber das so ungemein charakteristische Gebaren der beiden militrischen
Herren nicht unterdrcken. Viktor Fehleysen lebt und ist heimgekehrt, und wie
ich glaube, uns allen zum Heil. Sie, Freund Bumsdorf, werden zuerst die
Gelegenheit haben, den Wiederauferstandenen zu begren. Wir greifen mit beiden
Hnden nach der Hlfe, welche Sie uns anboten; Sie mssen auf der Stelle nach
der Katzenmhle, und es wird Ihre Sache sein, auf welche Art Sie die Mhle am
sichersten und schnellsten erreichen. Auf der Stelle mssen Sie aufbrechen, um
den Herrn van der Mook von allem, was hier geschah, in Kenntnis zu setzen. Er
wird begreifen, was er zu tun hat, und Nikolas Ankunft nicht am Herde seiner
Mutter erwarten. Gehen Sie ihm von allem Nachricht, vorzglich von der Flucht
Glimmerns und der wilden Verfolgung des Leutnants Kind. Der nchste Eisenbahnzug
in der Richtung geht erst morgen ab; Sie werden den Weg also zu Pferde
zurcklegen mssen. Wird sich das tun lassen?
    Ich fhrte dem Alten den Prospero bei ganz hnlicher Witterung und
ebenfalls in tiefster Nacht aus! rief der Leutnant, zum erstenmal seit lngerer
Zeit wieder das Glas ins Auge kneifend und freundlich den Afrikaner dadurch
betrachtend. Das Verbrechen gelang vollkommen, das heit, der entrstete Greis
holte mir den Gaul erst hier am Ort wieder aus dem Stalle. Hagebucher, ich danke
Ihnen herzlich, Sie haben mich durch diesen Auftrag von neuem zu einem Mann
gemacht. Ich werde reiten, wie noch niemals ein vernnftiger Mensch ritt. Lassen
Sie mich sehen - ein Uhr vorber! Ich werde den armen Roland dransetzen, und
wenn er und ich nicht den Hals brechen, so bin ich um sechs Uhr in Nippenburg
und zwischen sieben und acht Uhr vor der Katzenmhle.
    So sind wir gerettet. Nach Mittag werde ich mit der Frau Nikola vor der Tr
der Frau Klaudine anlangen, sagte Leonhard.
    Der Leutnant hatte bereits den Sbel zurechtgerckt und griff jetzt nach der
Mtze. Empfehlen Sie mich meiner Kusine - in einer Viertelstunde sitze ich im
Sattel. Ich wrde Pegasus und das Ro der vier Haimonskinder fr sie zuschanden
reiten. Ach, armer Roland!
    Der Herr Papa wird den Ritterdienst gleichfalls zu schtzen wissen, sprach
Hagebucher trstend, und Herr Hugo von Bumsdorf lie das Glas vom Auge fallen,
rief: Das ist wahr, und fgte hinzu: Lieber Freund, ich setze sowohl als
Kavalier wie als Mensch das gute Vieh ohne Gewissensskrupel dran und werde mit
Vergngen auch in Ihrem eigenen Hause Ihre demnchstige Ankunft melden. Au
revoir unter gemtlicheren Umstnden!
    Er sprang fort, und der Major sagte:
    Ihre Botschaft ist in guten Hnden, Hagebucher. Ich werde brigens dafr
sorgen, dem Tollkopf den ntigen Urlaub nachtrglich zu verschaffen; aber was
kann ich weiter tun? Ich fhle mich so nutzlos und mchte doch auch meinesteils
gern in diesen ernsten Augenblicken handelnd eingreifen.
    Hagebucher zuckte die Achseln:
    Was knnen wir alle tun? Wir breiten unsere Mntel auf dem Wege aus, aber
der Weg selbst fhrt nichtsdestoweniger nach Golgatha. Wenn die Kraft, das
schlimme Verhngnis zu ertragen, nicht in der eigenen Brust des Opfers wre, so
wrde alles, was wir zur Milderung der Krisis vollbringen knnen, gleichgltig,
ja vielleicht zum Schaden sein. Gehen Sie jetzt zu den Frauen: es wird sich
Gelegenheit zu manchem guten und ernsten Wort finden. Ich werde meine eigenen
Vorbereitungen zur Reise treffen. Wenn Sie die - Kranke bewegen knnten, sich
fr einige Augenblicke niederzulegen, wrden Sie ein groes Werk verrichten.
    Wie dem Leutnant von Bumsdorf gab der Afrikaner nun auch noch dem Major
Wildberg einen gedrngten Bericht ber die Heimkehr Viktor Fehleysens, trat dann
noch einmal in das Zimmer der Frau Emma und fand daselbst nichts verndert. Er
versuchte es auch keineswegs, von Vernunft, Seelenstrke und Philosophie zu
schwatzen, sondern nahm nur still und herzlich Abschied von der Majorin und
zeigte an, da er um acht Uhr mit einem Wagen vor der Tr halten werde. Nikola
von Glimmern schien ihn kaum zu bemerken, und so verlie er das Haus und fand
seinen Weg langsam zur Kesselstrae zurck.

                           Dreiunddreiigstes Kapitel


Die Stadt war jetzt so dunkel und still, wie nur eine kleine deutsche Residenz
in so spter Nachtzeit sein kann. Die Lampen an den Straenecken und in den
Husern waren erloschen; die Leute, welche von dem aufregenden Ereignis Kunde
hatten, waren doch, bis auf wenige, mit demselben zu Bett gegangen, und jene
wenigen saen in ihren Winkeln, hinter dicht zusammengezogenen Vorhngen, und
trugen gewi nichts dazu bei, der Stunde einen Ausdruck von Lebendigkeit zu
verleihen. Der munterste, hellugigste Bewohner der Stadt war vielleicht in
diesem Augenblicke der Mann vom Mondgebirge, Herr Leonhard Hagebucher!
    Er hatte unter der Haustr des Majors Wildberg einen tchtigen Zug frischer
Luft in sich gesogen; er hatte durch einen Sprung ber einen Schneehaufen die
Gelenkigkeit seiner Glieder geprft und alles im besten Zustande gefunden. Er
fhlte sich leicht und frei, ungefhr wie ein Mann, der lange Zeit eine
Bchsenkugel in der Seite trug, nun endlich das unbequeme Bleistck in der Hand
hlt, es mit aller Mue betrachten und, wenn er will, es an der Uhrkette
befestigen oder die tiefsten philosophischen Untersuchungen ber das Verhltnis
desselben zu seinem physischen und moralischen Menschen anstellen kann.
    Es soll mich wundern, was Tubrich-Pascha dazu sagt! sprach Leonhard
Hagebucher, in der Kesselstrae vor seiner eigenen Haustr anlangend, und dann
kam ihm ein Gedanke, welcher ihn um so schneller die Treppe hinauftrieb.
    Teufel, wir haben uns auch ja sonst noch allerlei Konfessionen zu machen. O
sedes sapientiae, wie kam der Bursche dazu, den Leutnant Kind in dieser Weise
der Gesellschaft des Herrn von Betzendorff zu prsentieren?
    Eilig trat er in seine Stube und fand den Jerusalemitaner mit den Armen auf
dem Gratulationsbogen und mit der Nase auf dem Gratulationsstrau in
vollstndigster Geistesabwesenheit liegen und erschrak selbst heftig vor dem
Angstschrei, den der trumende Schneider von sich gab, als er ihm, um ihn
aufzurtteln, die Hand auf die Schulter legte. Einen gellen Schrei stie der
Pascha hervor, fuhr auf vom Tisch und gegen die entfernteste Wand, von welcher
aus er verstrte Blicke umherwarf und mit den hagern Armen und Hnden
windmhlenhaft abwehrende Bewegungen machte.
    Gut Freund! Ich bin es! Besinnen Sie sich, Tubrich! schrie der Afrikaner.
    Wer? Wer? O Jesus, Erbarmen!
    Hagebucher nahm die Lampe vom Tische, trat mit derselben vor den Schneider
hin, beleuchtete sich und ihn und sagte:
    berzeugen Sie sich geflligst, da niemand die Absicht hat, Sie zu fressen
oder mit Ihnen durch den Schornstein auf- und davonzufahren. Fassen Sie sich -
wen glaubten Sie vor sich zu sehen?
    Immer ihn - meinen - guten Freund - den Herrn Leutnant - Kind! chzte der
Schneider. O Gott, auf die nmliche Art pflegte er whrend Ihrer Abwesenheit
stets zu kommen, um - mir - Gesellschaft - zu - leisten. Er hat mich aufgerieben
durch seine - Zu-nei-gung; und in dieser Nacht hat er sein Werk vollendet und
mein - Ner-vensystem fr alle Zeiten ruiniert.
    Kommen Sie, Tubrich, sagte Hagebucher zuredend, setzen wir uns und
sprechen wir von dieser Nacht. Sie war freilich bewegt genug, und auch Sie haben
Ihre Rolle darin gespielt. Wie kam der Leutnant in das Haus des Herrn von
Betzendorff?
    Wie er immer kommt! Er stand hinter mir im Vorzimmer, und ein Dutzend
Glser mit Limonade gingen darber zugrunde. Ich hab es schon gesagt, die
Klapperschlange ist ein Engel gegen ihn - oh, er klappert nicht, kein Gedanke
daran! Er ist da, und man hat keinen Willen, solange er einen unter dem Auge
hlt. Ich stehe zwischen den Scherben, und er fragt gradso wie damals, als er
zum erstenmal hierherkam und Sie abholte, Sidi Der Herr zu Hause? Und dann wei
ich nur, da er mich am Arm gepackt hlt und da ich einen andern
Prsentierteller in den Hnden trage und da wir uns durch den Saal mitten durch
alle die Herrschaften schieben und da mit einemmal die Festivitt in Aufsehen
und Schrecken zu Ende geht und aus dem Vergngen, Putz und Staat das
allerschlimmste Durcheinander wird.
    Sie standen mit dem Leutnant hinter dem Stuhle des Herrn von Glimmern?
    Ich mute wohl! Er hatte mich ja hingefhrt! Es war, als knne er die Sache
durchaus nicht ohne mich abmachen. Ja, ich stand hinter dem Stuhle Seiner
Exzellenz, und als dieselbe aufsprangen und sich gegen den Herrn Leutnant
wendeten, lie ich das Tellerbrett zum zweitenmal fallen, und dann - dann nahm
die Frau von Glimmern meinen Arm und fhrte mich zurck durch den Saal, und das
war noch schlimmer als der Weg mit dem Herrn Leutnant Kind.
    Der Afrikaner klopfte dem Jerusalemitaner leise auf die Schulter und sagte:
    Ich danke Ihnen, Sie haben Ihre Sache recht gut gemacht und sich wie ein
wackerer, treuer Ritter aufgefhrt.
    Tat ich das? Ach Gott, ich wei es nicht; aber es ist mir lieb. Mein Herz
blutete, als sich die arme gndige Dame an mich klammerte, und ich hab auch aus
der Garderobe den ersten besten Mantel gerissen und ihr denselben um die
Schultern gehngt; doch ich glaube nicht, da sie es gemerkt hat. Wie htte ich
wissen knnen, da sie mich kannte? Und sie kannte mich, Sidi, und nannte meinen
Namen und den Ihrigen. Es wollten verschiedene von den Damen und Herren sie
aufhalten oder zu ihr sprechen; aber sie blickte sie nur an, und sie wichen
zurck und erschraken sehr; sie lieen uns unseres Weges ziehen -
    Und sie taten wohl daran, murmelte Hagebucher.
    Wir waren in der Gasse, wie man auch wohl im Schlafe in demselben
Augenblick in allem Glanz und Licht und in der uersten Finsternis ist. Dann
schauderte sie zusammen, und dann sprach sie zum erstenmal zu mir und fragte
Wohin gehen wir, Tubrich? Ich erlaubte mir natrlich, zu meinen, nach Hause
oder zu der gndigen Frau Mutter; doch sie schttelte zu beiden Vorschlgen den
Kopf und antwortete, sie habe kein Haus mehr und zu ihrer Mutter mge sie nicht.
O Sidi, ich htte sie am liebsten zur Kesselstrae gefhrt, allein das ging doch
nicht gut an, und so gingen wir zu der Frau Majorin Wildberg - ich wute es eben
nicht besser, und dorthin lie sie sich ruhig fhren.
    Gott wei es immer genau, wem er ein Fhreramt aufzulegen hat, sprach
Leonhard Hagebucher ernst; und lchelnd sagte er: Tubrich, es werden viele
Schneider geboren werden, ehe wieder einer das Licht dieser Welt erblickt, der
Ihnen das Wasser reicht. Und nun erlauben Sie mir, Ihnen meinen besten Dank fr
Ihren Glckwunsch und diesen ausgezeichneten Blumenstrau abzustatten.
    Lnger und immer lnger zog der Pascha den Hals aus den Schultern, ein
unbeschreibliches Grinsen verklrte sein Gesicht, jeder Muskel erwachte wie ein
Winterschlfer unter dem belebenden Strahl der Frhlingssonne.
    O Himmel, o Je-rusalem, ich bitte tausendmal um Vergebung, das hatte ich ja
ganz und gar vergessen!
    Hat gar nichts zu sagen, Tubrich, sprach Hagebucher. Offen gestanden,
ich hatte eigentlich im Sinn, Sie wegen Ihrer verfhrerischen Insinuationen und
Ihrer ungemeinen Anlage zur Ausbung aller huslichen Tugenden recht grausam zu
behandeln; aber - video meliora proboque, das heit, fr diesmal ist's wieder
nichts, und ich denke, wir lassen es nunmehr dabei bewenden.
    Der Pascha sah von neuem ein Gespenst und wich abermals gegen die Wand
zurck.
    Sie will nicht, Tubrich! seufzte Hagebucher.
    Sie will nicht? schrie der Schneider im hchsten Diskant.
    Unter keiner Bedingung.
    Tubrich-Pascha setzte sich, fuhr mit beiden Hnden durch die Haare und
fragte, wie der vollberechtigtste Professor der Logik, der das, was er zu
erfahren wnscht, fr alle Dinge im Himmel und auf Erden anzugeben wei:
    Grnde?!
    Ferdinand! antwortete Hagebucher dumpf und fgte noch dumpfer hinzu:
Zwickmller!, und Tubrich-Pascha versank in einen Abgrund, in welchen wir ihm
unter keiner Bedingung nachsinken werden; denn wir wrden nicht die Fhigkeit
und Kraft in uns finden, wieder aus ihm emporzuschnellen und der alte zu sein.
Es kostete freilich den Afrikaner einige Mhe, ihn jetzt zu der ntigen,
bewuten Ttigkeit zu wecken; allein als es gelungen war, wurde er in seiner
nervsen Zerschlagenheit sehr lebendig, gab seine Ratschlge klar und deutlich
und nahm seine Verhaltungsmaregeln fr die nchste Zeit mit ganz offenen Augen
und Ohren entgegen. Um sechs Uhr hielt durch seine Vermittelung Leonhard
Hagebucher mit einem Wagen vor der Tr des Majors Wildberg. Ein neuer Tag
dmmerte ber der Welt, ber dem Wege des Herrn von Glimmern, ber dem Wege des
Leutnants Kind und selbstverstndlich auch ber dem Wege des Leutnants Hugo von
Bumsdorf.
    Ein dichter Nebel lag um diese Zeit ber und zwischen den Bergen von
Fliegenhausen, und der Pfad war jetzt fast schwieriger zu finden und
gefhrlicher zu beschreiten als in den ersten Stunden nach Mitternacht, wo die
Luft klar war und der Schnee die Nacht doch ein wenig heller machte. Aber der
Leutnant Hugo von Bumsdorf war ein trefflicher Reiter, und, was unter den
augenblicklichen Umstnden fast noch ntzlicher war, er kannte seine
Heimatgegend in allen Winkeln und Ecken auswendig; denn er hatte sie sowohl in
seiner unschuldigen Jugend als auch in seinen weniger unschuldigen
Jnglingsjahren unsicher genug gemacht. Er erreichte Nippenburg eine halbe
Stunde eher, als er fr mglich gehalten hatte, und durchtrabte den Ort, leider
ohne sich mit vollstem Genu den tausend heitern Erinnerungen, die sich fr ihn
mit dem Nest und seinen schlaftrunkenen Philistern verknpften, hingehen zu
knnen. Er blickte kaum hinauf nach den Fenstern der holden Jungfrauen der
Stadt, er fhlte diesmal nicht das Bedrfnis, dem Onkel und der Tante Schndler
einen Possen zu spielen, er fror sehr, und seine Pflicht erlaubte ihm nicht
einmal, einen Augenblick vor dem Goldenen Pfau zu halten und um ein Glas Madeira
das ganze, noch im tiefen Schlummer liegende Haus vom Keller bis zum Giebel zu
erschttern. Er ritt auch durch Bumsdorf, ohne anzuhalten, und warf nur einen
verlangenden Blick rechts auf das Haus des weiland Steuerinspektors Hagebucher
und links ber die Gartenmauer auf die geheiligten Dcher des vterlichen Gutes.
    Ich mchte wohl wissen, wer die Freundlichkeit hat, in diesem Augenblick
von mir zu trumen! brummte er. O Roland, mein armer Gesell, da liegen sie,
warm eingewickelt - bah, was der Alte dort links zusammenschnarcht, ist mir
unermelich gleichgltig, allein die kleine Lina - weiter, weiter, Roland! Sie
werden jedenfalls kuriose Augen machen, wenn wir unsern Auftrag ausgerichtet
haben und uns ihnen prsentieren werden.
    Er stie von neuem dem arg abgehetzten Gaul die Sporen in die Seiten und
jagte weiter, indem er fortwhrend zwischen allerlei Verwnschungen des Herrn
von Glimmern die Namen Viktor Fehleysens und der Frau Nikola brummte. Er
verwnschte, da er einmal im Zuge sich befand, noch manches andere, und so
langte er bald nach sieben Uhr wohlbehalten, jedoch von Zorn, Wehmut und einer
gewissen Angst seltsam bewegt, vor der Katzenmhle an und erblickte zu seinem
Trost durch den dichten Nebel den Schein eines Lichtes. Es wachte also bereits
jemand im Hause, der Bote konnte mit Bequemlichkeit melden, was er zu sagen
hatte, und, wenn es ihm so beliebte, auf der Stelle das Haupt seines Rosses
umwenden und nach der Hauptstadt zurckreiten. Es beliebte ihm nicht so.
Erstarrt und schaudernd lie er sich mhsam von dem schaudernden, dampfenden
Pferde zur Erde herab, schleuderte den Zigarrenstumpf in den Wald hinter sich
und taumelte durch das Grtchen auf das Fenster, aus welchem der Lichtschimmer
hervordrang, zu. Gern wrde er erst einen forschenden Blick in das Zimmer
geworfen haben, allein die Eisblumen an den Scheiben verhinderten es, und so
mute er doch pochen, um Einla zu erhalten. Sogleich fuhr im Gemach jemand, den
Stuhl umwerfend, empor, eine dunkle Gestalt trat zwischen das Fenster und das
Licht.
    Gut Freund! rief der frierende Bote und fgte, sich schttelnd, hinzu:
Alle Wetter, ich merke, da man uns nicht erwartete.
    In demselben Augenblick schon ffnete sich die Tr der Katzenmhle, der Herr
van der Mook erschien auf der Schwelle, und zwar mit einem Revolver in der Hand,
fr welche Vorsichtsmaregel sich leicht eine Entschuldigung in seinem frheren
Leben finden lie.
    Bitte, keine Umstnde zu machen, sagte der Leutnant herantretend. Mein
Name ist Bumsdorf, ich komme im Auftrage des Herrn Leonhard Hagebucher, meines
sehr guten Freundes, aus der Residenz, und wenn ich die Ehre habe, mit dem -
Herrn - Herrn van der Mook, das heit dem Herrn - Herrn Viktor -
    Ich bin Viktor Fehleysen oder auch, wenn Sie wollen, der Tierhndler
Kornelius van der Mook, sprach der andere, erstaunt und mitrauisch den
erfrorenen jungen Krieger anstarrend. Was ist geschehen? Da Hagebucher Sie
schickt, so - da Sie meine Existenz, meinen Namen kennen, so - bitte, treten Sie
ein - ein wenig leise, wenn ich bitten darf; meine Mutter schlft noch; und was
Sie auch bringen mgen, mein Herr, Sie mssen leise auftreten.
    In dem sehr heien Zimmer wre der Leutnant fast zu Boden gesunken. Viktor
Fehleysen griff ihm unter die Arme und setzte ihn in den Lehnstuhl seiner
Mutter. Der Ofen glhte, der Dampf trkischen Tabaks erfllte in dicken Wolken
den Raum; eine Kaffeemaschine stand auf dem Tische neben der Lampe und zwischen
einem bunten Durcheinander von Landkarten, Bchern und Rechnungen. Der Leutnant
Hugo von Bumsdorf hatte nie in seinem Leben eine so ausgezeichnete Tasse Kaffee
getrunken wie die, welche der Herr van der Mook ihm jetzt reichte.
    Es whrte eine geraume Zeit, ehe der Bote fhig war, sich seiner Botschaft
zu entledigen; aber schon bei den ersten Worten seines Berichtes kam eine
Vernderung ber den Herrn van der Mook, die dem Mann aus dem Tumurkielande
sicher nicht mifallen htte. Viktor von Fehleysen war dem Leutnant mit
derselben stumpfsinnigen Verbissenheit entgegengetreten wie allen andern, deren
Hnde er wider sich glaubte, und der Leutnant Hugo hatte sich in der Tiefe
seiner Brust die Bemerkung gestattet Das scheint mir ein widerlicher, ein recht
unangenehmer Patron zu sein! Teufel, ein heiterer Kumpan, um einen Winter lang
sich mit ihm in einer Hhle wie diese zu verschlieen. Gott trste die arme
Nikola und die Frau Klaudine!
    Er hatte dann auch sobald er dazu fhig war, mit vollem Bewutsein das
Wichtigste, nmlich da die Frau Nikola von Glimmern ihm auf dem Fue folge, an
die Spitze seines Berichtes gesetzt und fuhr fort, im schnellen Fluge zu
erzhlen, wie getrieben von dem Bedrfnis, seinem Zuhrer wieder aus den Augen
zu kommen.
    Aber die Augen dieses Zuhrers leuchteten, wie gesagt, merkwrdig; er fing
an, schnell und immer schneller zu atmen, er knpfte die Weste auf, und nicht
nur die Weste, sondern viel mehr als die. Ohne den Erzhler zu unterbrechen,
hrte er zu, und nur einmal murmelte er dazwischen: O Mutter! Mutter!
    Und Herr Hugo von Bumsdorf berichtete so objektiv, wie es ihm niemand
zutrauen konnte; er lie seine eigenen Anschauungen, Empfindungen und Gefhle
sowie alle jene beliebten Exkursionen in das eigenste Privatleben diesmal
gnzlich beiseite und sprach sogar von dem Leutnant Kind, ohne sich dadurch auf
das Gebiet seiner eigenen militrischen Erfahrungen, Freuden und Leiden
hinberlocken zu lassen.
    Der Leutnant Kind! Pah, der Leutnant Kind befand sich bereits auf dem Wege;
- er reiste dem Herrn von Glimmern nach, und der Leutnant von Bumsdorf war der
Ansicht, da die beiden Herren jedenfalls irgendwo zusammentreffen wrden. Der
Leutnant Viktor von Fehleysen schritt auf und ab und sah unschlssig bald nach
dem Revolver, welchen er auf den Tisch niedergelegt, hatte, bald nach der Tr
und sagte leise von Zeit zu Zeit: Ich freue mich, da ich lebe! Ich freue mich,
da ich lebe!
    Da ffnete sich die Tr, und herein trat hastig und sehr bleich die Frau
Klaudine, gab dem schnell aufspringenden Hugo die Hand und schlo den Sohn fest
in die Arme.
    Das Schnaufen und Scharren des armen, mden Roland drauen im Schnee hatte
sie aus dem Morgenschlafe geweckt; sie hatte die fremde Mnnerstimme in dem
Gemache unter ihrer Kammer gehrt, und die heftigste Angst um den Sohn trieb sie
schnell vom Lager empor und die Stiege hinab. Schon an der Tr erhorchte sie
einige Worte und Namen, die sie teilweise beruhigten, teilweise aber auch um so
heftiger erschtterten; und nun stand sie, blickte von einem der beiden Mnner
auf den andern und rief: Ihr drft mir nichts von allem, was geschah,
verbergen. Sie sind die Nacht durch geritten, und Leonhard sendete Sie, Hugo: -
Sie sprachen von Nikola; - was bringen Sie meinem Sohn und mir?
    Wir wollen dir auch nichts verbergen, Mutter, sprach Viktor so sanft, wie
es sonst durchaus nicht in seiner Art lag. Du hast deinen Sieg ber uns alle
gewonnen; aber du wirst dich wohl wieder einmal von neuem einzurichten haben.
Nikola kommt zu dir, und ich gehe, aber diesmal in Frieden, und du wirst mich
auch nicht zurckhalten wollen.
    Die Frau Klaudine erfuhr ebenfalls durch den Leutnant von Bumsdorf alles,
was sich in der Residenz zugetragen hatte und was noch kommen sollte. Sie sa
whrend der Erzhlung mit tief verhlltem Gesichte; als jedoch Herr Hugo zum
zweitenmal zu Ende kam, blickte auch sie aus feuchtglnzenden Augen fast heiter
auf und sagte: Ja, gehe, mein Sohn, ich habe dich lange in Schmerzen entbehren
mssen; doch heute gebe ich dir mit ruhigem Herzen meinen Segen zu deinem
Scheiden. Du hast nur einen Weg vor dir - geh und sich zu, da jenem unseligen
Mann von deinem alten Kettengenossen nicht mehr geschehe, als zu verantworten
steht! Du kannst nicht mit der Frau Friedrichs von Glimmern unter einem Dache
wohnen - geh und sei gut, mein lieber Sohn! Gott hat sich als ein gerechter Gott
an uns erzeigt; Viktor, Viktor, siehe zu und hilf, da kein neues Blut ber
unsern Weg fliee, da keine neue wilde Tat zum Himmel um Rache schreie. Gedenke
zu allen Stunden daran, wer von jetzt an der Seite deiner alten Mutter wandeln
und sitzen wird, und du wirst ein tapferer Mann sein, ein starker und milder
Mann.
    Wahrhaftig, das sage ich gleichfalls, seufzte der Herr van der Mook, es
ist gut so, wie es ist. Das sehe ich wohl ein, und ich danke auch dem jungen
Herrn Kameraden hier recht herzlich fr seinen beschwerlichen Nachtritt. Er jagt
mich aus einem warmen Nest, du gute, alte, stolze Mama; aber es ist mir, als
htt ich hundert Jahre lang geschlafen, und bei allem, was lebendig ist, ich
freue mich, da ich wache! Ich hatte das Leben vor mir wie einen Tanz
nchtlicher Spukgestalten und hatte das Wort, das sie auseinanderjagen konnte,
vergessen. Nun hat es ein anderer aus der Ferne herbergerufen, ich wache - ich
lebe, und ob ich gleich wieder hinaus mu auf die Landstraen, der Tag ist von
neuem mein, und ich werde ihn bentzen, nicht wie ein Wilder, ein Betrunkener,
ein Wahnsinniger, sondern wie ein vernnftiger Mann, ein anstndiger Gesell.
    Nun hatte die Frau Klaudine schon seit einigen Augenblicken die Hand des
Leutnants Hugo gefat und fing jetzt an, mit ihm zu reden, als ob das Groe und
ngstliche der Stunde gar nicht vorhanden sei. Mtterlich besorgt, erkundigte
sie sich nach seinem Befinden und freute sich sehr, zu vernehmen, da er
vollkommen wieder aufgetaut sei und da die Strapazen der Nacht nur von den
wohlttigsten Folgen fr ihn in jeder Beziehung sein wrden. Sie konnte sogar
ein Wort des innigsten Mitleids fr den armen Roland finden, und wie der Herr
van der Mook kam auch der Leutnant von Bumsdorf immer mehr zu der berzeugung,
da die Frau Klaudine doch eine stolze Seele sei.
    Um zehn Uhr hielt der Leutnant auf dem Fuchs des Wirts zum Ochsen in
Fliegenhausen in Bumsdorf vor dem Hagebucherschen Vaterhause und hatte, ehe er
sich dem eigenen Hause zuwandte, ein recht angenehmes, aber doch ziemlich
unntiges Gesprch mit dem Frulein Lina Hagebucher.
    Um elf Uhr hatte Viktor von Fehleysen die Katzenmhle verlassen; die Frau
Klaudine sa still mit geschlossenen Augen in ihrem Stuhl und horchte auf die
Schritte, die sich in der Ferne verloren, und horchte auf die Schritte, die sich
aus der Ferne nherten. Sie betete fr alle - fr alle; wer aber betete fr
Unsere Liebe Frau von der Geduld?

                           Vierunddreiigstes Kapitel


Auch wir sitzen und lauschen einen Augenblick den Futritten, die sich
entfernen, und denen, die sich nhern; denn wir haben nunmehr zwei Wege vor uns,
auf welchen wir dieses Mal das Ziel unserer Wanderschaft zu erreichen vermgen.
Wir knnen dem Herrn Kornelius van der Mook von Stunde zu Stunde, von Station zu
Station folgen und erzhlen, wie es ihm gelang, sowohl den Baron Glimmern wie
auch den Leutnant der Strafkompanie Kind einzuholen, wie beide ihm
dessenungeachtet fr alle Zeit entgingen und wie er im Grunde und seiner ganzen
Charakterentwicklung gem ber das letztere herzlich froh war, wenn er es sich
gleich anstndigerweise nicht merken lassen durfte. Wir knnen aber auch einen
zweiten Pfad einschlagen, auf welchem die wilden Worte, die harten Taten, die
schlimmen Verhngnisse uns nicht gellend und grell zu Ohr und Auge dringen,
sondern nur leise aus der verschleierten Ferne uns mahnen, wie die Welt
beschaffen ist, in der wir leben, unsere Freude haben und uns in allen unsern
Krften und Empfindungen zur Geltung bringen wollen. In utrumque paratus, zu
beidem gerstet, whlen wir die letztere Art zu endigen; denn wir halten es
weder fr eine Kunst noch fr einen Genu und am allerwenigsten fr unsern
Beruf, das Protokoll bei einer Kriminalgerichtssitzung zu fhren.
    Um zwlf Uhr mittags kam Leonhard Hagebucher mit der Frau von Glimmern in
dem Walde von Fliegenhausen an, und zwar an derselben Stelle, von welcher aus
man einst die bewutlose Frau Klaudine zur Katzenmhle trug. Er geleitete die
tief verschleierte Nikola durch den Wald, und nun klang nichts mehr um sie her
als vielleicht der Schnee, welchen irgendein Zweig, der sich von seiner Last
befreien konnte, abschttelte.
    Lasset uns sehen! Es war im Frhling, Sommer und im Herbst ein heftig
Rauschen und Splen der Wasser im obern Land. Sie wurden im hastigen Schu ber
Rder gezwungen, sie wurden durch knstliche Maschinen, durch allerlei Kraft in
die Hhe gezogen und abwrts gestrzt, je nach dem Willen des Menschen. Sie
wurden aus ihren natrlichen Betten in knstliche Kanle ber und unter der Erde
gedrngt und muten in Schmutz und Verdrielichkeit ihre klaren, reinlichen
Gewnder zurcklassen. Wie der Mensch hatten sie wenig Vergngen von ihrem
Dasein; es war eine ewige Qual, ein freudeloses Abarbeiten bei Tag und bei
Nacht: lasset uns hren, was die einzelnen Tropfen, welche da drunten in der
Tiefe, in dem abgeschlossenen Tal, bei den sieben Zwergen, ber das alte,
zerbrochene, vom grnen Moos berzogene Rad der Mhle klingen, von dem Leben da
drauen vor den Bergen, von dem Gewhl und Treiben der Mrkte und Gassen in
Brabant, von dem Hofstaat der schnen Richilde zu sagen haben!
    Still, still! Der leise Fall der Tropfen an dem Rade war ja verstummt in dem
weien Walde, die Frau Klaudine hatte schon lange nicht mehr nach ihrem Klang
die Zeit gezhlt, und wer hatte das Recht, unter dem Dache und am Herde der Frau
Klaudine nach dem Gewimmel von Brabant und nach dem Hofhalt der Prinze Richilde
zu fragen?
    Die Geduld, die Treue und mit ihnen der Sieg in seiner schnsten Gestalt
standen auf der Schwelle des Hauses, die nahende, schmerzensreiche Nikola zu
empfangen und zu sagen: Sei uns gegrt, du bist heut noch tausendmal mehr
willkommen als in jenen Tagen, in welchen du mit deinem hellsten Lachen
hierhersprangest. Sei gegrt, wir beiden Schwestern wollen dein mdes Haupt im
Arme halten; solange du nicht ber unsern Bann hinaustrittst, hast du nichts zu
frchten von den Mchten, welche dich zu diesem Orte jagten. Sei gegrt, wir
heien Geduld und Treue, die Menschen reden viel von uns, und wenige kennen uns;
wer aber stark ist, wie die alte Frau, deren Wohnung wir bewachen, dem gibt
unser Bruder den Kranz, welchen er der Frau Klaudine gegeben hat.
    Man vernahm in der Katzenmhle den Schall keiner Kirchenuhr; aber es war
zwlf Uhr mittags, und in Fliegenhausen setzten die Buerinnen eben den
dampfenden Suppennapf auf den Tisch, als der Mann vom Mondgebirge mit der Frau
Nikola die Mhle erreichte.
    Die Frau Klaudine schrie nicht auf und sprang nicht auf, sie streckte nur
den Eintretenden beide Hnde entgegen und rief:
    Mein Kind, meine liebe, liebe Tochter, nun bist du heimgekehrt, nun hab ich
dich ganz und lasse dich nimmermehr von mir. Siehst du, die Verlorenen, die
Toten kehren doch zurck! Die mit hundert Ketten in der tiefsten Knechtschaft
gebunden lagen, knnen sich losringen oder knnen von ihren bsen Herren selbst
mit Lachen in die Freiheit hinausgestoen werden. Nikola, meine Tochter, jetzt
hat niemand mehr einen Anspruch auf deine Seele als ich - hrst du? Niemand!
Niemand! Keiner in der Nhe und in der Ferne: keiner in der Vergangenheit und in
der Zukunft; keiner in der ganzen weiten Welt! Die einen haben nun alle Rechte
an dich aufgegeben; die andern mutest du selber von dir weisen; nur mich allein
darfst du jetzt lieben; nur meine Tochter, mein Kind darfst du sein; denn sieh,
das ist das schne se Innerste des herbsten Schmerzes, da, wenn es nicht so
wre, du ja auch gar nicht zu mir kommen durftest! Du bist betubt, aber die
Stunde ist nicht fern, wo du selbst an deine Freiheit glauben wirst. Sei still
und gedulde dich; es gehen Jahre vorber wie ein Tag, das ist ein altes Wort;
aber nicht immer ist der Mensch fhig, seinen ganzen guten und trstlichen
Inhalt zu fassen.
    Es war im Anfange nur der Klang der Stimme der Frau Klaudine, welchen Nikola
von Glimmern vernahm. Den Sinn der Worte begriff sie in ihrer jetzigen Betubung
noch nicht; allein auch die Stunde war nicht fern, in welcher die Mutter von der
Heimkehr des Sohnes klarer und bestimmter reden durfte und mute und fr das
leiseste Beben und Schwingen ihres Herzens einen Widerhall fand.
    Das war noch eine schreckliche Stunde fr Nikola, als ihr nun das volle
Verstndnis ihrer Lage zuteil wurde. Die Enthllung geschah in der
Abenddmmerung, als sich die Nebel und die Schatten des Waldes wieder dicht um
die Katzenmhle zusammengezogen hatten und die Frau Klaudine, in ihrem Lehnstuhl
sitzend, das Haupt der Frau Nikola im Schoe hielt. Der erste Eindruck war
berwltigend und die Erschtterung fast grer als bei jener schrecklichen
Szene in dem Ballsaal des Herrn von Betzendorff. Langsam, mit Augen starr und
glsern, erhob sich Nikola von Glimmern. Mit einem hellen Schrei ri sie sich
aus den schtzenden, den treuen Armen der Greisin los und stand aufrecht und
lachte wild und rief: Mutter, es war nicht recht, mir das zu verschweigen! Auch
das war ein falsches Spiel! O wie grausam, mich hierherzufhren, um mir zu
verkndigen, es sei auch an dieser Stelle kein Raum mehr fr mich, es sei
berhaupt kein Raum mehr fr mich auf Erden und alles sei vorber und jeder habe
sein Teil dahingenommen und ich das meinige.
    Und sie zog ihr Tuch mit hastiger Gebrde um die Schultern zusammen, sie
eilte gegen die Tr, als sei ihres Bleibens in der Mhle, am Herde der Frau
Klaudine keinen Augenblick lnger, als msse sie auf der Stelle hinausstrzen in
die Nacht, in den Wald, in das Grab, gleichviel wohin und zu welchem
allerletzten Schicksal.
    Noch einmal sthnte sie laut, halb im wilden Schmerz, halb im wilden Zorn;
aber der Zorn galt doch nur ihr allein, und in dieser Trennung und Teilung ihres
Gefhls war jetzt einzig ihre Rettung vor dem Wahnsinn und konnte sie von einer
abermaligen ziellosen Flucht zurckgehalten werden. Der Schmerz gehrte auch der
Frau Klaudine, und deren Macht ber die Unglckliche lag in ihm verborgen. Leise
und bittend und weinend rief die Frau Klaudine ihren Namen, da lie sie die Hand
von dem Trgriff sinken und stand einen Augenblick, die Hnde gegen die Schlfen
drckend, strzte dann zurck und lag von neuem auf den Knien vor Unserer Lieben
Frau von der Geduld, barg von neuem das Gesicht in ihrem Scho und lie sie
ausreden und lie sie erzhlen, wie er heimkam, was er alles erlebte und wie er
nun freudig und als ein besserer Mann gegangen sei und den Platz am Herzen
seiner Mutter mit der frohen berzeugung gerumt habe, da alles sich zum besten
wenden werde.
    Die Mutter verschwieg nichts. Sie schilderte den Sohn, wie er war, und
zauderte nicht, ihn bis ins kleinste so darzustellen, wie das tolle, wste Leben
ihn herangebildet hatte. Nicht Leonhard Hagebucher, nicht Freund und Feind
htten ein unbefangeneres Urteil ber ihn abzugeben vermocht. Sie entkleidete
ihn von allem Glanze, der ihm nicht gehrte, sie verschwieg nicht, was ihm stets
mangelte und was er dazu verlor; aber sie verschwieg dann auch nicht, was er
erwarb auf seinen abenteuerlichen Wegen. Sie zeigte, wie man ihm helfen, wie man
ihn frdern knne; sie zeigte, wie grade in dem Aufenthalt der
Heimatlosgewordenen im Schutze und am Herzen der Mutter der grte Segen und die
teuerste Brgschaft des Friedens fr den so lange heimatlos gewesenen Sohn
liege. Zuletzt sprach sie von dem Leutnant Kind, und dichter drngte Nikola sich
an sie, als dieser Name genannt wurde.
    Nikola von Glimmern kannte jetzt die Geschichte des Leutnants Kind
ebenfalls. Auf dem schweren, trnenreichen Wege zu der Katzenmhle hatte
Hagebucher sie vorsichtig und ganz allmhlich damit bekannt gemacht, jedoch den
Platz des Herrn van der Mook leer darin gelassen; nun ffneten sich vor ihren
Augen auf allen Seiten die Abgrnde, zwischen denen sie gewandelt war; nun
blickte sie mit einemmal schaudernd in das Gewimmel gespenstischer Arme und
fleischloser Hnde, die sich von jeder Seite aus der Tiefe emporgereckt und nach
ihr gegriffen hatten. Eine Gespensterfurcht kam ber sie, von der sie in ihrem
sptern Leben nie wieder ganz frei wurde; und nie mehr konnte sie von der Stunde
an ein Zimmer verlassen und eine Tr hinter sich zuziehen, ohne bis in alle
Tiefen ihres Wesens ein Gefhl zu haben, da sich in dem leeren, eben
verlassenen Raume ein unheimliches Etwas aufrichte und mit einem den,
totenhaften, blden Grinsen ihr nachstarre und zische. Glaubst du, du seiest je
allein und bei dir? Wir sind da! Wir sind da, sehen auf dich, hren auf dich,
achten auf dich und lachen deiner! Dir hilft kein Trotz, dich rettet nicht die
Scham, wir sehen, wir hren, wir haben unsere Lust an dir, sind deine Feinde und
wissen, da wir dich mit unsern Blicken tten werden! - Die Genien auf der
Schwelle und am Herde der Frau Klaudine hatten einen harten Stand gegen diese
Feinde.
    Ich will bleiben; denn ich habe ja doch keinen Willen mehr, sagte Nikola.
Ich habe ihn von neuem hinausgetrieben und mich an seinen Platz gesetzt. Du
sagst, es sei gut so, meine Mutter, und ich will es versuchen, daran zu glauben;
aber denken kann ich nicht mehr darber.
    Es ist gut so! sprach die Greisin und konnte weiter nichts sagen; denn nun
folgte fr Nikola von Glimmern jener Zustand, welchen die Sieger wie die
Besiegten kennenlernen, jener Zustand, in welchem man dem Patienten nichts
weiter zuliebe tun kann, als ihm im Sommer die Fliegen abzuwehren und im Winter
ihn liegenzulassen, wie er sich niederlegte, oder ihm hchstens das Kopfkissen
zurechtzurcken.
    Es war keine Krankheit, von der Nikola ergriffen wurde, es war nur diese
unendliche Mdigkeit und Schlummersucht, whrend welcher ein jegliches dem
Menschen gleichgltig wird, nicht nur das Knarren der Tr, das Zurckschieben
eines Stuhles oder Tisches, der Lrm der Gasse und die Besuche selbst der besten
Freunde. Vor alle diesem aber war die Mde in dem winterlichen Walde, in der
verzauberten Mhle ganz sicher. Der Ruf der Krhen und der wilden Gnse, wie sie
ihren Flug ber die Baumgipfel nahmen, strte nicht, sondern klang sogar wie
eine trstende Stimme aus dem groen wahrhaftigen Reiche der Natur herber, und
das nmliche tat der Wind im Leisen und im Lauten.
    Auch Leonhard Hagebucher, der einzige, welchem aus dem weiten
vielgestaltigen Kreise, der einst seine Wirbel um die Frau Nikola zog, jetzt die
Tr der Katzenmhle offenblieb, strte nicht. Er kam auf den Fuspitzen, ging
auf den Fuspitzen und sagte wenig. Stundenlang sa er oft mit einem Buche in
der Hand, ohne zu lesen, in einem Winkel oder am Fenster der Mhle und sah in
den Wald hinaus. Und wenn man ihn gefragt htte, an was er denke, an die Tante
Schndler oder den klugen Schneider Felix Tubrich, an die Madam Kulla Gulla zu
Abu Telfan im Tumurkielande oder an Herrn Ferdinand Zwickmller zu Montreux am
Genfer See, so wrde er gewi hufig die Antwort auf solche Fragen schuldig
geblieben sein. Aber doch gab es etwas, an welches er zu jeder Stunde denken
mute und auf welches er auch allstndlich mit dumpfer Unruhe wartete. Das war
eine Nachricht von dem Herrn Kornelius van der Mook, welche dieser ihm weder
mndlich noch schriftlich versprochen hatte und welche doch einmal von ihm an
langen mute: heute oder morgen, beim Frhstck oder beim Zubettegehen, am
hellen, lichten Mittage oder um Mitternacht, in der Stunde, in welcher die
Geister Erlaubnis haben, auf Erden zu erscheinen, welche letztere Zeit
vielleicht die passendste genannt werden konnte. -

                           Fnfunddreiigstes Kapitel


Ist das nicht ein wunderliches Ding im deutschen Land, da berall die
Katzenmhle liegen kann und liegt und Nippenburg rundumher sein Wesen hat und
nie die eine ohne das andere gedacht werden kann? Ist das nicht ein wunderlich
Ding, da der Mann aus dem Tumurkielande, der Mann vom Mondgebirge nie ohne den
Onkel und die Tante Schndler in die Erscheinung tritt? Wohin wir blicken, zieht
stets und berall der germanische Genius ein Drittel seiner Kraft aus dem
Philistertum und wird von dem alten Riesen, dem Gedanken, mit welchem er ringt,
in den Lften schwebend erdrckt, wenn es ihm nicht gelingt, zur rechten Zeit
wieder den Boden, aus dem er erwuchs, zu berhren. Da wandeln die Sonntagskinder
anderer Vlker, wie sie heien mgen: Shakespeare, Milton, Byron; Dante, Ariost,
Tasso; Rabelais, Corneille, Molire; sie sen nicht, sie spinnen nicht und sind
doch herrlicher gekleidet als Salomo in aller seiner Pracht: in dem Lande aber
zwischen den Vogesen und der Weichsel herrscht ein ewiger Werkeltag, dampft es
immerfort wie frisch gepflgter Acker und trgt jeder Blitz, der aus den
fruchtbaren Schwaden aufwrts schlgt, einen Erdgeruch an sich, welchen die
Gtter uns endlich, endlich gesegnen mgen. Sie sen und sie spinnen alle, die
hohen Mnner, welche uns durch die Zeiten voraufschreiten, sie kommen alle aus
Nippenburg, wie sie Namen haben: Luther, Goethe, Jean Paul, und sie schmen sich
ihres Herkommens auch keineswegs, zeigen gern ein behagliches Verstndnis fr
die Werkstatt, die Schreibstube und die Ratsstube; und selbst Friedrich von
Schiller, der doch von allen unsern geistigen Heroen vielleicht am schroffsten
mit Nippenburg und Bumsdorf brach, fhlt doch von Zeit zu Zeit das herzliche
Bedrfnis, sich von einem frheren Kanzlei- und Stammverwandten gren und mit
einem biedern Weischt an alte natrlich-vertrauliche Verhltnisse erinnern zu
lassen.
    Es lebe Nippenburg und Bumsdorf, der Bierkrug und die Kaffeekanne, der
Strickstrumpf und das Dintenfa, es lebe der Boden, auf welchem wir stehen und
in welchem wir begraben werden, es lebe der Herr von Bumsdorf, es lebe der Onkel
und die Tante Schndler, es lebe der Onkel und Stadtrat Hagebucher, es lebe die
Kusine Klementine, und vor allen Dingen lebe der Vetter Wassertreter!
    Der muntere Leutnant Herr Hugo von Bumsdorf hatte keinen Grund gehabt, nach
seinem nchtlichen Ritt zur Katzenmhle unter den behaglichen Laren und Penaten
seines Vaterhauses aus seinem berquellenden Herzen eine Mrdergrube zu machen.
Dagegen hatte er sein pltzliches Erscheinen unbedingt zu rechtfertigen und
tat's auf die vollgltigste Art und Weise. Er holte weit aus und brach wie
gewhnlich hufig aus der Bahn; aber dafr bersprang er auch nichts von
Bedeutung, oder was sonst den verruchten Provinzialsumpf zum Wellenschlagen
bringen konnte.
    Und die Provinz schlug Wellen! So etwas war seit der Rckkehr Leonhard
Hagebuchers aus der afrikanischen Gefangenschaft nicht erlebt worden und lie
sich jenem Ereignis ebenbrtig an die Seite setzen, wenn es dasselbe nicht sogar
noch weit bertraf an allgemeiner und tiefgehender Bedeutung. In immer weiterer
Schwingung setzte sich auch diesmal wieder die Bewegung vom Bumsdorfer Gutshofe
ber das Hagebuchersche Haus fort, erreichte Nippenburg auf den Flgeln des
Windes und fand berall einen Widerhall, den sonst nur der Ruf der Feuerglocke
zu finden das Vergngen hat. Der Vetter Wassertreter hatte nachher das Recht,
sich ganz passend und klassisch mit dem alten Rmer Horatius Kokles, welcher
allein die sublizische Brcke gegen die ganze Armee des Knigs Porsenna
verteidigte, zu vergleichen. Wie jener wackere Held verteidigte auch er solus
die Chaussee nach Fliegenhausen gegen die vordringenden Nippenburger
Neugierigen. Die Kusine Klementine Mauser htte sich, freilich in einer andern
Weise, mit der berhmten Jungfer Kllia vergleichen drfen. Sie schwamm zwar
nicht durch den Tiber, aber sie umging in Begleitung von zehn andern ltern
Jungfrauen den Vetter Wassertreter und gelangte wirklich bis zum Roten Ochsen in
Fliegenhausen, wo sie jedoch leider von Leonhard Hagebucher abgefangen und mit
der Notiz, die Frau Baronin von Glimmern sei augenblicklich noch nicht imstande,
Besuche zu empfangen - zurckgeschickt wurde.
    Der Vetter Wassertreter war auch in dieser Zeit wieder der einzige Trost und
Sttzpunkt, welchen Leonhard auerhalb der Katzenmhle fand, wie er auch der
einzige war, mit welchem der Afrikaner ber die Vorgnge der letzten Zeit und
ihre Bedeutung wirklich reden konnte, ohne durch einen Schwall von
Interjektionen betubt und durch einen nicht geringern Schwall von Fragen platt
darniedergelegt zu werden.
    Der Vetter Wassertreter als ein Mann, welcher noch den alten Goethe von
hinten erblickt hatte, sagte einfach:
    Mein Sohn, du hast deine Sache recht gut gemacht; brigens ist es meine
Meinung, da du anjetzo hier ebenso festsitzest wie ich, nachdem sie mich damals
mit dem bekannten offiziellen Futritt aus dem Loch entlieen. La es gut sein,
auch er mute in Weimar hocken, und die Welt kam doch an ihn heran. Ojemine,
auch Nippenburg hat seine unaussprechlichen Verdienste, und du, mein Junge,
kannst immer noch Ratsschreiber zu Nippenburg werden; und wenn dein Ehrgeiz noch
immer nicht damit zufrieden wre, so verschaffen wir dir den Titel
Stadtsekretr, worauf du dich auf die Nelken- oder Dahlienzucht legst, deine
Schwester solide verheiratest und allmhlich gro und ehrwrdig wirst, sowohl im
Kreise deiner Neffen und Nichten wie auch im Goldenen Pfau, allwo deines Vaters
Stuhl mit offenen Armen auf dich wartet. Ich glaube, selbst Luzifer wrde sich
nach den gemachten Erfahrungen keinen Augenblick besinnen, wenn man ein Auge
zudrckte und ihm eine hnliche Stellung und Existenz dort oben in den
himmlischen Regionen anbte.
    Was der Mann vom Mondgebirge dem grauen vergngten Heimtcker auf dieses
Ansinnen antwortete, verschweigt die Geschichte, allein es steht fest, da er
die eigentliche Meinung, den einfachen, aber tief philosophischen Grundgedanken
wohl herauszulsen verstand und ihn nachdenklich aus des Vetters Hinterstbchen
auf der Bumsdorfer Pappelchaussee nach Bumsdorf trug. Er hatte solche holden
Vertrstungen auf eine behaglichere, ruhige Zukunft sehr ntig; denn trotz der
Stille, welche in dem Hause des seligen Steuerinspektors herrschte, war es
augenblicklich ein ziemlich ruheloser Aufenthaltsort.
    Die alte Frau, die Mutter, trug doch schwer an dem Verlust des alten
subtrahierenden und addierenden Murrkopfs, und wenn sie lnger als vierzig Jahre
schwer an seinem Erdendasein getragen hatte, so vermite sie ihn desto
schmerzlicher jetzt berall und suchte ihn in allen Winkeln, wo sie ihn frher
nur mit groem Unbehagen gefunden htte. Es ist so etwas um eine verklungene
Stimme, und wenn sie auch noch so verdrielich knarrend oder schneidend war! Man
kann selbst auf Futritte, die man innerlich bedeutend frchtete, mit hchstem
Verlangen warten und die Gewiheit, da man dieselben nimmermehr in der
Nebenstube oder drauen auf dem Gange vernehmen werde, nur mit wehmtig bangem
Widerstreben an sich kommen lassen.
    Der Vater fehlte der Alten, wo sie ging und stand, und der Sohn konnte ihr
den Abgeschiedenen nun keineswegs ersetzen. Ja die Tante Schndler, die Base
Klementine und die Onkel Sackermann und Hagebucher waren ihr jetzt ein viel
grerer Trost und eine viel liebere Gesellschaft als der stumme, nachdenkliche,
zerstreute Leonhard. Mit jenen konnte man doch sitzen und von dem Gewesenen
sprechen, wie es sich gehrte: allein die Welt war berhaupt mit einemmal eine
andere geworden, und der Tod hatte alles verschoben. Die Alte hatte sich sehr
ducken und fgen mssen, solange der Alte an jedem Morgen grmlich die Wacht
bezog, und nun ging sie, wie gesagt, ruhelos umher und sprach nur noch davon,
wie es fr sie doch keine bessere und liebere Stelle mehr gebe als die neben
seinem Grabe und wie angenehm es sein werde, wenn man auch sie dort hintrage und
zur Ruhe bringe, da nun doch einmal alles aus der Welt fortgenommen sei, was ihr
Freude gemacht habe, und der auf Nimmerwiederkommen fortgegangen sei, der's
allein in allen Stcken gut mit ihr gemeint habe.
    Auf leisen Sohlen schlich der Afrikaner der Mutter nach, und es kostete ihm
nicht die geringste Mhe, sich in ihre tausend und aber tausend weinerlichen und
krittligen Launen zu schicken. Aber an manchem dunkeln, strmischen Tage sendete
er das bleiche, betrbte, verschchterte Schwesterchen fort aus dem Hause,
hinber auf den Gutshof zu den Freundinnen; und der Herr Leutnant Hugo, der sich
seinen Urlaub um ein nicht geringes hatte verlngern lassen, war ihm sehr
dankbar dafr.
    Es waren andere Grillen, welche der Mann aus dem Tumurkielande am Fenster
der Katzenmhle, und es waren andere Grillen, welche er daheim der alten Frau
gegenber fing. Dazwischen fielen dann allerlei Briefe. Tubrich-Pascha schrieb
sehnschtig-unverstndlich, der Professor schrieb wehmtig-grimmig und
stellenweise ebenfalls etwas unverstndlich; doch eins ging aus den
Seelenergssen beider Korrespondenten unzweifelhaft hervor: die Aufregung ber
die Vorgnge der letzten Zeit war immer noch mchtig in der Residenz, und was
die Privataufregung der zwei trefflichen Charaktere betraf, so hatte sich auch
diese durchaus noch nicht gelegt.
    Leonhard antwortete, so gut er's vermochte. Er vertrstete den Pascha auf
ein baldiges heiteres Zusammentreffen und setzte ihn frs erste in den absoluten
Besitz seines hauptstdtischen Nachlasses. Den Professor, welcher ihm auch die
heitere Gegenwrtigkeit (hicceitas, wie er's nannte) des liebenswrdigen Herrn
Ferdinand Zwickmller meldete, vertrstete er auf die baldige Abreise desselben
und warf ihm, d.h. dem Professor, die Entdeckung zwischen die Zhne, da
Bumsdorf wie so vieles andere im deutschen Lande seine Entstehung den Rmern
verdanke, lud ihn ein, sich in der Sommervakanz nach der Hochzeit der Tochter
persnlich von der Richtigkeit der Sache zu berzeugen und den Stein, welcher
das Ding bewies, abzuholen.
    Was bedeutete dieses alles? Es hat Leute gegeben, die auf einer Watte, auf
einem Felsenstck am Strande von der Flut berrascht wurden, die Wellen um sich
anschwellen sahen und es dennoch vermochten, die Pfeife im Brand zu halten und
die Uhr aufzuziehen, ehe die erbarmungslosen Wasser die Westentasche erreichten.
Es waren nicht die schwchsten Charaktere, welche dieses konnten, und die
Wahrscheinlichkeit, noch einmal aus der Gefahr gerettet zu werden, war fr sie
vielleicht grer als fr alle jene, die in solchen Momenten nichts als ein
verzweiflungsvolles Hnderingen oder ein stumpfsinniges Hinstarren auf die graue
tdliche Wste brig hatten. Der Herr van der Mook mute im Laufe der Tage
schreiben, und das einfachste und natrlichste war, so ruhig als mglich das
Anklopfen des Briefboten zu erwarten und ihm nicht weiter entgegenzugehen, als
eben unbedingt ntig war. Gegen Anfang des Monats Februar schrieb denn auch der
Herr van der Mook, und zwar einen Brief folgenden Inhalts:

                                              Southampton, an Bord der Borussia

Lieber Hagebucher!

Ich besitze eine zhe Natur und befinde mich so wohl, als den Umstnden
angemessen ist; allein die Umstnde sind auch darnach, und der Teufel hole mich,
wenn ich wei, was fr Gesichter Sie und andere, welche ich nicht zu nennen
wage, zu diesem Schreiben machen werden. Als wir beide in Abu Telfan im
Knigreich Dar-Fur zusammentrafen und ich das Vergngen hatte, Ihnen in
jedenfalls nicht durchgngig angenehmen Situationen meine schwache Hlfe zur
Verfgung zu stellen, da konnten wir keine Ahnung davon haben, welche
Verhltnisse uns noch das Schicksal in Kompanie auf die Schultern laden wrde.
Ich drcke der Bestie, die in mir steckt, eben wieder einmal mit beiden Fusten
die Gurgel zusammen, allein es wre ein Mirakel, wenn sie sich nicht doch in
dem, was ich zu sagen habe, Luft machte; und somit werden Sie nach der Mhle
steigen, um den betrbten Seelen, den zwei armen Weibern den schmutzig blutigen
Lappen in ein reinliches Tuch gewickelt zu berreichen.
    In Paris fand ich nicht, was ich suchte, und das war mir eigentlich nicht
unlieb, denn ich bin dort frher recht vergngt gewesen; und in dieser
verruchten Welt mu man sich solche unschuldig grne Fleckchen mglichst
unentweiht zu halten suchen. Bon, ich habe allerlei gejagt, Menschen und Vieh,
und verliere nicht so leicht eine Fhrte, wenn mir die Sache - das Leben, das
Fell oder das Gefieder am Herzen liegt. Treffe einen alten Bekannten, einen
Englnder, der wie ich allmhlich ein solider Mann geworden ist und sich redlich
von seiner Frau ernhren lt. Die Dame hat ein sehr ntzliches und
gewinnreiches Institut gegrndet, Adresse: Lying-in villa, Rue Chateaubriand No.
14 (No sign); und Monsieur geht auf den Boulevards spazieren und hat wohl einen
freien Augenblick fr einen guten Freund zur Disposition. Wir verstehen uns
beide auf Flatterjagd und Kesseltreiben, kommen aber doch in Havre zu spt an,
um mit dem Leutnant Kind dasselbe Paketboot zur berfahrt nach England bentzen
zu knnen. Mi Julia Brown ist in unaufschiebbaren Angelegenheiten soeben aus
Lancashire angekommen und an die Gattin meines Begleiters in der Rue
Chateaubriand dringlichst empfohlen worden. Mr. Robinson hat natrlich keine
Zeit mehr fr mich, er hat Mi Julia heimzubegleiten und tut es; ich geniee
eine sehr strmische berfahrt, lande glcklich in Dover und habe bald das
Vergngen, unter meinem Fenster in Piccadilly den Strom, aus welchem ich die
bekannten zwei Tropfen auffangen soll, rollen zu sehen und rauschen zu hren.
    Da ich mit einigem Widerwillen an die Aufgabe ging, werden Sie mir glauben,
mon cher, und da mich mein Fatum wieder so tief als mglich in das Pech
hinabdrcken wrde, war mir bereits in dem Augenblicke klar, als ich die
Katzenmhle und Ihre zuversichtliche Miene hinter mir hatte. Lieber Freund, Sie
ahnen wohl schon, was ich Ihnen mitzuteilen habe - es war eine kurze Jagd, und
der Kamerad ist so schnell und hitzig auf seinem Wege gewesen, da ich nicht
einmal beim Halali zugegen sein konnte. Da wre ich denn wieder einmal mit
meinen allerbesten Vorstzen um eine Nasenlnge hinter dem festen Willen eines
andern zurckgeblieben! Und, bei meinem Leben, es tut mir nicht so leid, da ich
jetzt nicht zu Euch heimkehren und mich meiner Fahrt rhmen kann, als da ein so
starkes, ehrliches Leben an ein so schlechtes, niederes Wild gewendet werden
mute. Mein Kamerad, o mein Kamerad, mein wackerer, lieber Leidensgefhrte aus
dem Bagno! Bah, ich glaube, er ist besser dran als ich!
    Die Londoner Polizeibeamten sind liebe Leute. Ich habe bereits in frheren
Jahren die Freude gehabt, ihre Bekanntschaft in einer andern Angelegenheit zu
machen, doch die Sache ging mich schon damals nichts an und kann uns heute gar
nicht mehr kmmern. Nachdem ich einige Tage gleich einem sewer-hunter, einem
Kloakenjger, auf eigene Faust gesucht und nichts gefunden hatte, blieb mir, da
die Zeit drngte und meine Unruhe von Stunde zu Stunde wuchs, nichts brig, als
in Bowstreet auf dem Polizeizentralbro meine Visitenkarte abzugeben und mir den
Rat und Trost der dortigen Gentlemen zu erbitten. Tat also und fand ein
geneigtes Gehr und williges Entgegenkommen. Man stellt mir einen ruhigen,
schweigsamen Herrn vor und zur Verfgung, Inspektor Cuddler, den ich wohl noch
lngere Zeit auf einsamen Spaziergngen an meiner Seite zu haben glauben werde.
Er zieht bedchtig die Handschuhe an, nimmt den Regenschirm unter den Arm, und
wir treten zusammen in die Gasse, gleich zwei guten Freunden und wrdigen
Cockneys, die sich vorgenommen haben, einen freien Tag dazu zu bentzen, den
Lwen des Towers einen Besuch abzustatten. Wir wandern und wandern, aus dem Tage
in die Nacht hinein, aus der Nacht in einen neuen Tag. Zu Fu, im Omnibus, im
Cab, auf Spuren, die verlschen, strker hervortreten und wieder Verlschen - im
Kreise, im Zickzack. Wir nehmen mit einem Hndedruck Abschied voneinander und
treffen am folgenden Morgen an einem verabredeten Platze von neuem zusammen. Aus
Belgravia nach Saint Giles, von Pimlico nach Islington! Wir halten Konferenzen
und machen Notizen auf den Polizeistationen in Westminster, Marylebone,
Southwark und Thames Street. Nichts, nichts! Das Ding htte fr einen Amateur
langweilig werden mssen: ich, welcher ich dieses Mal kein Amateur war, hielt
aus, und Mr. Cuddler, der nichts anderes auf Erden zu besorgen zu haben schien,
desgleichen. Wir warten an Straenecken, in Kaffeehusern, wir haben eine
nchtliche Erscheinung am Haymarket unter den Babylonierinnen. Ein Herr steigt
dort in ein Cab, und ich gebe meinem Inspektor einen Sto. Wir haben nicht das
Recht, den Herrn Friedrich von Glimmern zu verhaften, denn niemand erhob eine
Anklage gegen ihn, und ich bin nicht deswegen ber den Kanal gekommen; aber ein
Knigreich fr seine Adresse! Wir werfen uns in ein anderes Fuhrwerk und
instruieren den Kutscher: doch Erin ist natrlich wieder mal dreiviertel ber
Bord, will sagen total betrunken, strandet an einer Orangenbude, und ich gehe
abermals getuscht zum Teetrinken heim.
    Was soll ich Sie lnger aufhalten, Freund Hagebucher? Die Szene ist in Lower
Thames Street, in dem dritten Stockwerk eines Hotels dritten Ranges: - Zeit:
Mitternacht: - Wetter: regnerisch und windig. Das Haus ist in vollem Aufruhr:
Mord! schreit die Finsternis, und die police hat die von innen verriegelte Tr
des Zimmers Nummer sechsundzwanzig erbrochen. Um elf Uhr hrte Mr. Thomas
Giblets, der Bewohner von Numero fnfundzwanzig, den Gentleman nebenan
heimkehren, doch nicht allein, und wurde seine - Mr. Giblets' - Aufmerksamkeit
nach einer Weile durch einen heftigen Wortwechsel erregt, welchem er, wie er
sagte, im Anfange mit Behagen hinter seine Economist horchte. Er - Mr. Giblets -
hatte ein mhevolles, verdrieliches Tagewerk zurckgelegt, und es trug - wie er
meinte - zu seinem augenblicklichen Komfort bei, da andere Leute ebenfalls
allerlei verdrieliche Geschfte abzuwickeln hatten, und er fand - wie er zu
Protokoll gab - die Sache erst dann etwas extraordinary, als hinter der Wand
pltzlich - fast gleichzeitig - zwei Pistolenschsse fielen, der Fall von
schweren Krpern diesen folgte und andere bedenkliche Tne sich vernehmen
lieen.
    Das Haus lief zusammen, und gegen zwei Uhr zog der Inspektor Cuddler die
Schelle an meiner eigenen Wohnung in Piccadilly. Ich stelle es Ihnen anheim,
Carissimo, sich auszumalen, was ich in der Untern Themsestrae fand. Wir, die
wir beide allerlei Schlachten und Gefechte der Menschen sahen und beide wohl
dann und wann zwischen den Blutlachen standen ohne grade viel nach der Moral des
Dinges zu fragen, wir behalten immer ein gewisses kitzelndes Gefhl fr das
Malerische, und malerisch war das Zimmer des Herrn von Glimmern in dieser Nacht.
    Sie waren beide von der Gasse heimgekommen und hatten ihre Angelegenheit in
Frieden besprochen, nachdem der Leutnant Kind die Tr verschlossen und den
Schlssel aus dem Fenster geschleudert hatte. So friedlich, da der sich
ergebende Wortwechsel, wie gesagt, nur zur Erhhung des Komforts des
Stubennachbars beitrug. Und dann waren sie ber den Tisch weg zu einem
Verstndnis und alle Differenzen beiderseits vollstndig ausgleichenden Schlu
gekommen. Man fand sie zu beiden Seiten des Tisches, die abgeschossenen Pistolen
in der Hand; man fand meinen Freund, Seine Exzellenz den Freiherrn Friedrich von
Glimmern, tot, durch das Herz getroffen wie Alp, Venedigs Renegat, und man fand
meinen Freund und Kameraden, den Exleutnant der Strafkompanie zu Wallenburg,
Friedrich Kind, nicht ganz so gut getroffen, jedoch ebenfalls ber alle fernern
irdischen Widerwrtigkeiten hinausgehoben. Er hat noch eine halbe Stunde nach
dem Aufbrechen der Tr gelebt und sich recht friedfertig, sanft und gelassen
gezeigt. Auf dem Bette des Herrn von Glimmern ist er ruhig entschlafen, seit
fnfzig Jahren der einzige wirkliche Soldat des Bundeskontingents, welches die
Ehre hatte, ihn in seinen Reihen aufzufhren. Ich fand einen Citymissionr neben
der Leiche, als ich mit meinem Begleiter anlangte. Der Mann hatte durch seinen
Beruf vor vielen andern Menschenkindern Gelegenheit, kuriose Sachen zu sehen,
und wer an dem faulen Stroh der Sterbenden von Bethnal Green und Spital Fields
zu knien hat, der mag wohl ein Wort ber die Mysterien des Todes mitreden. Ich
gab ihm im ersten ruhigen Augenblick eine kurze Erklrung ber den vorliegenden
Fall, und er nannte ihn - tragically refreshing! Nach Jahr und Tag werde ich
mich entscheiden, ob er mehr tragisch oder mehr erfrischend zu nennen ist;
augenblicklich laboriere ich noch ein wenig zu sehr unter den Einwirkungen des
Blutgeruchs auf Geschmack und Geruch und halte mein Votum deshalb zurck.
    Einige weitere Frmlichkeiten werden die deutschen und englischen Behrden
schriftlich austragen, und ich wei in dieser Hinsicht nichts weiter
hinzuzusetzen, als da fr ein anstndiges Unterkommen der Leichen gesorgt wurde
und da es mir gelang, ein Verscharren derselben Seite an Seite zu verhindern,
wodurch ich die Herzensmeinung und Neigung beider Toten so ziemlich getroffen zu
haben glaube.
    Werden wir nunmehr so elegisch und weich, wie es sich gebhrt! Die grauen
Wellen klatschen um den Bauch meines Schiffes, und meine Gedanken begleiten
dieses Schreiben ber die rgerliche See nach der deutschen Kste. Ich male mir
auf die verschiedenste Weise aus, in welcher Stunde es Ihnen ins Haus getragen
wird und was Sie nach Empfang desselben beginnen werden. Ich habe ein wenig das
Fieber oder sonst dergleichen. Bei Allah, ein Opiumrausch, ein Berberro, ein
Moskowiterkarree und die Aussicht auf den siebenten Himmel des Propheten, das
sind die vier Dinge, aus denen seit Erschaffung der Welt die einzigen
vernnftigen und vergngten Momente der Menschheit zusammengedreht wurden! Bei
Allah, ich wollte, ich lge auf irgendeinem alten oder neuen trkischen
Schlachtfeld begraben und htte Ruhe!
    Was werden sie sagen in der Mhle, was werden sie tun? O Hagebucher, ich
htte noch immer die grimmigste Lust, dieses wahnsinnige Blatt zu zerreien und
selber zu kommen und selber in das Fenster zu sehen und selber an der Tr zu
horchen! Fort damit! Ich glaube, ich kme, wenn ich selber die Hand in dem
blutigen Spiel in Lower Thames Street gehabt htte und sagen knnte: Das tat
ich!
    Ich peitsche diese Vorstellung im Kreise umher wie ein Bube seinen Kreisel!
Mein armes Mdchen, was wird sie sagen, wenn Sie in die Tr treten und sprechen:
Er ist tot! - ?
    Zum Henker, ich wei meiner Seele selbst keinen Rat, und Sie, Hagebucher,
Sie, der Fremde, sollten es dort in dem verschlafenen Walde aussprechen, klar
aussprechen knnen, was mir das Herz und den Gaumen austrocknet und mir das
Gehirn zu Schaum quirlt? - Es wird wohl so sein; - leben Sie wohl und gren Sie
meine Mutter.
                                                                Viktor Fehleysen

PS. Ich bin zu einem Weibe geworden und habe dadurch das Recht erworben, eine
Nachschrift anzuhngen. Um vier Uhr am Nachmittag geht die Borussia, die nicht
meinetwegen gestern Southampton anlief, nach New York. Ich befinde mich auf dem
Wege zum General Grant; man sagt, der Herr besitze allerlei gute Mittel gegen
Schwche der Nerven, Blutandrang nach dem Kopfe und dergleichen und gebe
dieselben wohlfeil ab.
                                                Korporal Kornelius van der Mook

Einen Tag und eine Nacht wog Leonhard Hagebucher den Inhalt dieses Briefes. Tief
sank die eine Schale seiner Waage herab, whrend die andere hoch emporschnellte.
Er trug schwer, schwer an dem leichtern Teile, welchen er am folgenden Morgen
den Frauen in der Katzenmhle brachte.

                          Sechsunddreiigstes Kapitel


Dieses ist frchterlich und keiner meiner Voraussetzungen entsprechend! chzte
der Professor und Doktor der Weltweisheit Reihenschlager, die triefende Stirn
mit dem Sacktuch betupfend und unter der emporgeschobenen Brille weg die
Landstrae entlangschauend. Der Weg scheint um so lnger zu werden, je lnger
wir ihn beschreiten, der Staub ist mir im hchsten Grade zuwider, die Sonne ist
trotz dieses Regenschirmes unertrglich, und von dem Zustand meiner Fe will
ich gar nicht reden. Tubrich, wre es nicht mein Grundsatz, jedes Unternehmen,
dem ich mich einmal gewachsen fhlte, bis ins uerste durchzusetzen, so wrde
ich mich unserm Vorsatz, Nippenburg ganz und gar zu Fu zu erreichen, im
gegenwrtigen Augenblick nicht mehr gewachsen erklren und auf smtliche Lehren
der stoischen Schule pfeifen. Verstehen Sie mich?
    Ich glaube es, doch wei ich es nicht recht, sprach Tubrich-Pascha, mit
dem gewohnten melancholischen Kopfschtteln den gelehrten Mann anstarrend.
    Sie glauben mich zu verstehen, aber wissen es nicht - gut! Das Begehren ist
entweder sinnlich oder vernnftig. Daraus entstehen nach Beschaffenheit der
Gegenstnde vier Leidenschaften oder Gemtsbewegungen und drei vernnftige
Willensbestimmungen, ber welche Sie das Nhere beim Cicero in de Tuskulanischen
Unterhaltungen selber nachlesen mgen. Der Weise bestimmt sein
Begehrungsvermgen nur durch die letztern drei, und darin bestand die stoische
Apathie, und darum werden wir unter allen Umstnden Nippenburg zu Fue
erreichen. Verstehen Sie nun?
    Vollkommen! rief der Schneider und Famulus mit einem muntern Bockssprung
und fgte hinzu, was die Strapazen und die Sommerwrme anbetreffe, so sei das
noch gar nichts: in Palstina knne man ganz andere Dinge erleben, ein Ende
finde jeder Weg, und auch Nippenburg lasse sich wohl noch vor Mittag erreichen,
wenn man nicht vor jedem Steine anhalte oder ber ihn stolpere. Der Professor
fate mit einem tiefen Seufzer von neuem alle krperliche und geistige Kraft
zusammen und trabte keuchend dem leichten Schneider nach auf der staubigen
Chaussee des Vetters Wassertreter, durch den schwlen Hochsommermorgen den
Bergen von Nippenburg, Bumsdorf und Fliegenhausen entgegen. Wie aber das
drollige Paar auf die Landstrae geriet, darber ist jedenfalls einiges zu
sagen, ehe wir das Vergngen haben werden, seinem Einzug in die Heimat Leonhard
Hagebuchers anzuwohnen.
    Der Professor hatte viel erlebt im letzten Winter und Frhling. Sein
Hausfreund Leonhard war in schndester Weise zum zweiten Male ihm und der
koptischen Grammatik durchgegangen, und seine Tochter hatte selbstverstndlich
sich an nichts gekehrt, hatte um Pfingsten ihren Ferdinand zum Altar gefhrt und
besorgte mit groer Energie die Kche und Wsche in ihrem internationalen
Erziehungsinstitut am Lacus Lemanus. Die ganze Welt stand auf dem Kopf, der
Professor wute sehr hufig nicht, wo ihm der seinige stand, und um ihm
denselben zurechtzusetzen, war ihm niemand geblieben als der Pascha, ein Mann
und Berater, auf welchen man sich freilich in allen Dingen verlassen konnte.
    Wohl hatten ihm das Tchterchen und der Schwiegersohn den Vorschlag gemacht,
mit ihnen in die Fremde zu ziehen und durch seinen Beistand das internationale
Institut auf die hchste Stufe pdagogischer Vollkommenheit zu heben: allein da
war er wirklich grob geworden und hatte smtliche Gtter von Latium und Hellas
zu Zeugen aufgerufen, da er tausendmal lieber bei lebendigem Leibe den Rogus
besteigen als sich zu solcher Versndigung an der treuen deutschen gelehrten
Grndlichkeit und den hohen Ahnen wahrhaftiger germanischer Philologie
herbeilassen werde, gab also der Tochter so viel des vterlichen Segens, als er
davon zu geben hatte, lie sie ziehen, ohne sie weiter als bis zur Haustr zu
begleiten, verriegelte sich in seinem Studierzimmer und versank vollstndig aus
der Welt der Lebendigen. Schimmel bildete sich in seinem Dintenfa, Wurmmehl
sammelte sich unter seinem Stuhle, Staub auf seinen Papieren und immer tieferer
Mimut auf seiner Stirn. Die Arbeit an dem hochgelehrten wichtigen Werke, die zu
keiner Zeit mit Dampfeskraft vorschritt, stockte allmhlich ganz; das Haus war
still wie das Innere einer Pyramide, der Alte reprsentierte vortrefflich die
Mumie in der tiefsten dunkelsten Grabkammer, und Tubrich-Pascha stand
nachdenklich wie ein melancholisch von Nilpflanzen und Krokodileiern trumender
Ibis auf der Schwelle und antwortete jedem Einlabegehrenden:
    Der Herr Professor sind nicht zu sprechen.
    Es mu ewig unentschieden bleiben, wer von den beiden dumpfigen gyptiern
zuerst den groen Gedanken fate und aussprach, dem Freunde aus dem
Tumurkielande in seiner eigenen Heimat, das heit in Bumsdorf, einen Besuch
abzustatten. Der Gedanke war jedenfalls ein rettender, und der rmische Stein
von Fliegenhausen tat sicherlich das Seinige dazu, da er nicht beiseite
geschoben wurde, sondern allmhlich in immer schrfern Umrissen hervortrat.
Einige anlockende neue Briefe Leonhards steigerten die Sehnsucht nach dem Manne
vom Mondgebirge. Zu Anfang Juni war aus dem Wunsch, ihn zu besuchen, ein
Entschlu geworden, und zu Anfang der Hundstage waren smtliche Vorbereitungen
zu der abenteuerlichen, aufregenden Expedition getroffen; es stand dem Aufbruche
nichts mehr im Wege, und eines schnen Morgens brach man wirklich auf.
    Seit zwanzig Jahren war der Professor nicht ber die nchste Umgebung der
Hauptstadt, die bekannte Promenade und den bronzenen Groherzog hinausgekommen
und wute durchaus nicht, was er tat, als er sich in antiker Waghalsigkeit fr
eine Fureise entschied. Man hat auch wohl in der Hand einer Mumie
Weizenkrner gefunden, welche man nach dreitausendjhriger Ruhe in die Erde
pflanzte und gengend bego und welche lustig zu keimen anfingen, grne Halme
trieben und zuletzt recht anstndige hren trugen: ein hnliches Erwecktwerden
und Erwachen erfuhren jetzt die Gefhle und Stimmungen dieses alten Kopten.
    Seine Frau hatte er begraben, seine Tochter war er ebenfalls los; er holte
den Ziegenhainer aus dem Winkel, in dem derselbe mehr als vierzig Jahre hindurch
unbeachtet stand; er fand sein altes Kommersbuch wieder und summte: Frei ist
der Bursch, frei ist der Bursch! Er legte den Ziegenhainer auf den Tisch und
das Kommersbuch daneben und betrachtete beide mit untergeschlagenen Armen, wie
der edle Junker von La Mancha am Abend vor seinem ersten Ausritt Schwert und
Tartsche betrachtet haben mochte. Der Pascha packte dasselbe Felleisen, das er
bereits durch die Syrische Wste trug, und fllte eine Korbflasche, die auch
schon allerlei Fhrlichkeiten durchgemacht hatte, mit einem belebenden Stoff. In
einer heiligen grauen Frhe schlichen die beiden Helden auf den Zehen aus dem
Hause, berlieen es mit smtlichem gelehrten und ungelehrten Spuk und Unrat der
Magd, zogen sich wie zwei entwischende Verbrecher oder Schulbuben die Mauern
entlang zum nchsten Tore, traten hinaus in die Freiheit und frische Luft und
wandelten weiter - wir wissen wohin.
    Wir wissen auch, da es eben kein weiter Weg nach Nippenburg ist, da
berhaupt die Wege des Staates nicht lang sein knnen, sowohl aus geographischen
wie aus politischen Grnden; allein beide Wanderer erlebten Wunderdinge an und
auf ihnen. Eine Schnecke, welche ein Geschft in dem obersten Wipfel einer
Pappel zu verrichten hat, trifft auf ihrem Pfade kaum auf mehr Hindernisse,
Schwierigkeiten und Grnde, um auszuruhen, als der koptische Gelehrte auf dem
seinigen. Wir knnen es nur bedauern, da wir uns nicht mehr im Anfange oder in
der Mitte unseres Buches befinden, um dieser Wanderung vollkommen gerecht zu
werden. Sie bernachteten zweimal unterwegs, und am dritten Morgen fanden wir
sie in der beschriebenen Stimmung, dem Kirchturm von Nippenburg zutrabend, und
eilen ihnen jetzt voraus, um von den Fenstern des Vetters Wassertreter aus ihrem
Einzuge in das berhmte Weichbild beizuwohnen.
    Und es war noch gradeso in Nippenburg wie beim Beginn unserer
verwunderungswrdigen Historie; das Wappen der Stadt war noch immer ein
grau-wei gesprenkelter Strickstrumpf im blauen Felde, und der Onkel und die
Tante Schndler waren noch immer Schildhalter und machten ihre Sache gradeso gut
wie die beiden bekannten Wilden Mnner oder Lwe und Einhorn oder die beiden
goldenen Greifen des Hauses Habsburg. Der Vetter Wassertreter aber war noch
immer ein Greuel und eine Unreinigkeit fr die Stadt. Und der Vetter
Wassertreter lag wie gewhnlich im Fenster, blies aus sehr langer Pfeife leichte
Wlkchen in die elfte Stunde des Morgens hinaus, teilte seine Aufmerksamkeit
zwischen dem mangelhaften Straenpflaster, welches, beilufig gesagt, ihn
durchaus nichts anging, und der Kusine Klementine Mauser, die gegenber ihrem
Kanarienvogel die Cour machte, und wartete mit Sehnsucht, um doch etwas zu
haben, auf die aus der Schule heimkehrende lbliche Nippenburger Straenjugend.
Nur der, welcher je einen von Wrmern geplagten Lachs aus der Tiefe des Stromes
aufschnellen sah, hat ein richtiges Bild von der Bewegung, dem Auffahren des
Vetters, als fnf Minuten nach elf Uhr inmitten der dem Rektor Hauenstein
entronnenen Jugend der Professor Reihenschlager und des Professors Begleiter am
Horizont, das heit an der nchsten Straenecke, aufgingen.
    O Himmel! hauchte die Base Klementine.
    Alle Donnerwetter! schrie der Vetter Wassertreter, verlor im nchsten
Augenblick seinen Pantoffel auf der Treppe, verlor Wasserschlauch und
Pfeifenkopf in der Haustr, fuhr wie ein neuer Erlenknig mit Kron und Schweif,
nmlich in der Nachtmtze und im langen zerlumpten Schlafrock hinaus in die
Gasse und dem alten Korpsbruder mit fast erwrgendem Enthusiasmus an den Hals.
    Pilz! Pilz? Ist es denn mglich, Pilz?
    O Schaumlffel, ich glaube es; aber ich wei es nicht!
    Was sind das nun wieder fr zwei Mrder? chzte die Kusine Klementine;
aber der Vetter hielt sich nicht damit auf, ihr dieselben von der Strae aus
vorzustellen, sondern zog den Professor an der rechten, den Pascha an der linken
Hand hinter sich her, fort aus dem Kreise verwunderter Nippenburger, der sich
bereits um die Ankmmlinge gesammelt hatte, in das Haus, die Treppe hinauf,
setzte den einen in den Lehnstuhl, setzte den andern auf das Kanapee, jagte das
ganze Hauswesen nach Erfrischungen auf und aus und drehte sich gleich einem
Kreisel zwischen den beiden Gsten und wiederholte fortwhrend:
    Ich glaube es auch noch nicht! Ich glaube es auch noch nicht! Und dann
schickte er in den Goldenen Pfau und bestellte das Mittagsmahl so glorreich, als
der Vogel es auf so kurzes Aviso zu prstieren vermge, und zwar bei seinem
Fluche.
    Der Professor fand Nippenburg und den Schaumlffel ganz seinen
Voraussetzungen entsprechend. Er zeugte sich um halb zwlf Uhr einen kleinen
Rausch, und er zeugte sich um drei Uhr einen zweiten und etwas grern. Von vier
bis sechs Uhr tat er einen seligen Schlaf auf dem Sofa des Vetters, whrend der
Vetter den Pascha nach tausend Einzelheiten der Reise ausfragte und sich immer
vergngter die Hnde rieb.
    Es ist der glorioseste Bursche, der jemals seinen Kopf aufs Koptische
setzte, und wenn er aufwacht, marschieren wir nach Bumsdorf! rief der Vetter.
Hurra, das ist wundervoller als selbst der alte Goethe von hinten. Und seinen
rmischen Meilenstein soll er auch haben; ich halte ihn zwar fr einen von
meinen eigenen, aber das ist mir ganz einerlei, und ich will ihm im Notfall auf
zwanzig mehr von der Sorte schwren. Hurra! Jena soll leben!

Nimm den Schlger in die Linke,
Bohr ihn durch den Hut und trinke
Auf des Vaterlandes Wohl!

Noch halb im Schlafe antwortete der Professor vom Sofa her:

Ich durchbohr den Hut und schwre,
Halten will ich stets auf Ehre
Und ein braver Bursche sein!

Lang fielen die Schatten der Pappeln auf den Weg nach Bumsdorf, als die beiden
greisen Kommilitonen auf ihm hintrabten zum Manne vom Mondgebirge, in hnlicher
Stimmung und auf hnlich schwankenden Fen, wie sie einst zur Rasenmhle oder
Stiftsmhle gezogen sein mochten. Auch der Pascha setzte die Beine recht quer
bereinander und griff hufig nach einer imaginren Mauer, um sich im
Gleichgewicht zu halten, und alle drei trugen die Kopfbedeckungen in der Hand
und fchelten sich damit Luft zu und bliesen heftig. Sie waren imstande, das
Gras wachsen zu hren, sie ahnten mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich
die Philosophie anderer Leute trumen lie; aber das ahnten sie nicht, da sie
durch ihre vergngte Gegenwart der deutschen Nation eine fernere
vieltausendjhrige Gemtlichkeit verbrgten, wie drei Eicheln, die man in der
hohlen Hand hlt, einen ganzen Wald bedeuten mgen.
    Nun trat der niedere Kirchturm von Bumsdorf aus den Baumwipfeln hervor, grad
als die rote Sonne ihre Photographie auf den westlichen Horizont wie an den Rand
eines Spiegels steckte. Noch einige Schritte, und sie - der Professor, der
Vetter und der Pascha - guckten an derselben Stelle ber die Hecke in die
Fliederlaube, an welcher einst Leonhard nach seiner Heimkehr aus dem
Tumurkielande zu so argem Schrecken des Schwesterleins, der schnen Nikola und
der beiden Mdchen vom Gutshofe hinber- und hineingeguckt hatte. Mit einem
kleinen Schreckensschrei sprang Frulein Lina Hagebucher auch diesmal empor und
-
    Alle Hagel! rief der Leutnant Herr Hugo von Bumsdorf, der in einer grauen
Joppe und hohen Wasserstiefeln dem Kinde gegenbergesessen und es auf das
flieendste von den Fortschritten der Landwirtschaft, dem Herrn von Liebig und
seiner eigenen drnierenden, rationell konomischen Zukunft unterhalten hatte.
    Bismillah! Gott ist wahrhaftig gro, und Mahomet ist in der Tat sein
Prophet! rief Leonhard Hagebucher, der einen Augenblick spter, ebenfalls mit
einer langen Pfeife im Munde, auf der Treppe der Haustr erschien und seinem
seligen Vater nach Statur, Gesichtsbildung, Haltung merkwrdig hnlich sah. Aber
ganz im Gegensatz zu dem seligen Alten durchma er in drei weiten Stzen den
Raum vom Hause bis zur Gartenpforte, um die drei Freunde mit Gru, Hndedruck
und Umarmung in Empfang zu nehmen. Und die Katze im offenen Fenster der untern
Stube hrte auf, sich zu putzen, und sah mit unverkennbarem Interesse auf
Tubrich-Pascha und den roten, blaubequasteten Fes in den Hnden desselben. Und
die alte Frau im schwarzen Trauerkleide legte staunend die Brille zwischen die
Bltter von Schmolkes Morgen- und Abendandachten und trat neugierig
gleichfalls hervor, um von all den Begrungen und Vorstellungen ihr Teil zu
holen. Sie bekam es auch im vollsten Mae und fand auf der Stelle ein groes
Wohlgefallen an dem Professor, seinen altertmlichen Komplimenten, seinem
ernsthaften Wesen und seinen schnen gelehrten Reden ber so viele Dinge, welche
ihr zu hoch waren. Was dagegen den trumenden Schneider Felix Tubrich anbetraf,
so wurde sie whrend seines ganzen Aufenthalts in ihrem Hause eine gewisse
Furcht vor ihm nicht los, sah ihn stets ein wenig bnglich von der Seite an und
schttelte den Kopf und meinte verstohlen, dem Menschen traue sie nicht, der sei
entweder noch viel klger als der Professor oder noch viel dmmer als der lahme
Hans vom Gute, des Herrn von Bumsdorf Gimpel, und wenn er beides nicht sei, so
sei er unbedingt ein ganz heimtckischer Bsewicht und verstelle sich grausam
oder er sei sehr brav und es fehle ihm nur da ein wenig zuviel, wo auch die
meisten andern Leute lange nicht genug htten.
    Bei den letzten Worten klopfte sie sich jedesmal bedeutungsvoll vor die
Stirn. -
    Wer guckt noch ber die Hecke des Hagebucherschen Gartens und ruft:
    Na, das ist eine Bescherung, die ich mir lobe! - ?
    Wer konnte es anders sein als der grause Dynast des Ortes, der grimme,
erbarmungslose Ausber smtlicher feudalen Rechte hiesiger Gelegenheit, der
blutdrstige, entsetzliche Junker und Erbherr von Bumsdorf? Und was tut er, um
den durch seine pltzliche Erscheinung hervorgerufenen Schrecken ins Grenzenlose
zu vermehren? Er fgt dem Schauder seiner Gegenwart den kalten Hohn des
gesprochenen Wortes hinzu, wendet sich an sein jngstes, ihm dicht auf den
Fersen nachtrippelndes Ritterfrulein und ruft:
    Flink, Minchen, jetzt gilt es, Sievers marschiert eben vom Hofe! Jetzt
zeig, da dir die Fe nicht zusammengewachsen sind; flink, die Forellen kommen
unter keinen Umstnden in die Stadt, Sievers setzt den Korb wieder ab, und der
Goldene Pfau mag zusehen, wie er sich ohne die Fische zurechtfindet. Marsch,
lustig vorwrts und - halt, deiner Mutter sag, wenn sie etwas recht Kurioses
sehen wolle, so mge sie gleich zum Afrikaner herberspringen, bei dem sei halb
gypten und die ganze Trkei soeben angelangt und lieen sich umsonst sehen!...
Guten Abend, Professorchen, guten Abend, Tubrich-Pascha! Gesprochen haben wir
lngst von dieser Ehre und diesem Vergngen, aber geglaubt hat eigentlich keiner
dran.
    Wem der Ritter von Bumsdorf die Hand drckte, der sprte es noch eine
geraume Zeit nachher, und wem Frulein Minchen auf der Nippenburger Chaussee
nachlief und nachrief, der mute sehr schnell auf den Fen und sehr schwerhrig
sein, um ihr zu entgehen. Sievers der Vasall entwischte ihr nicht, die
Bumsdorfer Forellen gelangten zu groem Verdru der Pfauwirtin nicht in die
Kche des Goldenen Pfau, sondern blieben im Orte und nhrten redlich des Ortes
Eingeborene und die beiden hoben Fremdlinge und lieben Gste aus der Hauptstadt
des Landes. Erst am dritten Tage nach seiner Ankunft in der Provinz gedachte der
Professor Reihenschlager des rmischen Steines bei Fliegenhausen und schlug sich
vor die Stirn und sprach:
    Ja so! Ist es mir doch immer gewesen, als sei ich eines ganz bestimmten
Zweckes halber hierhergewandert! Bei den Bukoliken des Virgil, dieses lndliche
Wohlleben und diese eigentmlich frische Luft scheinen meiner Natur durchaus
nicht zutrglich zu sein. In der Zusammenstellung meiner verschiedenen
Hypothesen ber die Nasallaute in den europischen Sprachen, und welchem Urstamm
wir fr dieselben dankbar sein mssen, bin ich auch nicht weiter
fortgeschritten, welches mir sehr bedenklich erscheint. Ich bitte dringend um
meinen rmischen Meilenstein, Freund Leonhard; es wre mir wirklich sehr
angenehm, hier in Bumsdorf die Anwesenheit der urbs nachweisen zu knnen, und
ich wrde unter solchen Umstnden die auf diese kleine, aber abenteuerliche
Exkursion verwendete Zeit nicht als ganz und gar verloren erachten.
    Bravo, Pilz! lachte der Vetter Wassertreter. Leonhard Hagebucher lachte
gleichfalls, doch nicht ganz so laut; der Pascha lie betrbt die Unterlippe
sinken, und der Leutnant Hugo rief: Wir haben dort eine Weizenbreite auf dem
Fuchsrcken und knnen eine Waldpartie und ein Picknick aus der Fahrt machen.
Wir packen die selbstverstndlichen Butterbrte, die Mdchen, die Weinflaschen
und uns selber nach Tisch auf einen Leiterwagen und kochen Kaffee unter der
Galgeneiche oder beim Toten Mann oder sonst an einem romantischen Punkte. Der
Professor bekommt seinen Stein, und jedermann verpflichtet sich heute schon
feierlichst, ihm seine Ansicht und Meinung darber aufs Wort zu glauben. Nachher
spielen wir Blindekuh, das heit, wer will, kann teilnehmen; selbst die Mdchen
sind von dem Vergngen nicht ausgeschlossen -
    Hrt, hrt! rief der Vetter Wassertreter.
    Das nenne ich einen unverschmten Gesellen! sprach ernsthaft Frulein
Sophie von Bumsdorf.
    Und am Abend - fahren wir wieder nach Hause, schlo der Leutnant seinen
Vortrag, fgte jedoch, zur Seite gewendet, noch hinzu: Bei Mondenschein
nmlich, Frulein Lina - und mein Waldhorn nehme ich, wenn man mich recht
bittet, gleichfalls mit. Wer etwas gegen meinen Vorschlag einzuwenden hat, der
melde sich augenblicklich, damit wir ihm ebenso augenblicklich die
Lcherlichkeit seiner Gegengrnde darlegen knnen.
    Accedo ad talem, ich stimme unbedingt mit dem jungen Manne! sprach der
Professor, indem er sich mit der Wrde eines Kardinals, der im Konklave einen
Papst zu whlen hat, von seinem Stuhle hinter dem Hagebucherschen Familientische
erhob und smtliche Anwesende in voller Begeisterung mit sich emporzog. Wie es
verabredet war, geschah es, nachdem ein jeglicher seine Verbesserungsvorschlge
eifrigst vorgetragen hatte.
    Der Pascha sa mit gefalteten Hnden auf einem Baumstumpf und stierte an der
nchsten Eiche empor; Hagebucher streckte neben ihm im Grase die langen Beine
weit von sich: weiter unten an der Berglehne arbeiteten der Professor, der
Vetter Wassertreter und Sievers der Vasall gewaltiglich, den rmischen Stein,
welchem der Vetter weniger als je traute, von dem Schmutz der Jahrtausende zu
befreien; weiter oben aber auf der grnen Lichtung, neben dem knisternden Feuer
und den Kaffeetpfen und Viktualienkrben lachten die Mdchen und Herr Hugo,
whrend gegen Fliegenhausen zu auf dem freien Felde der Dynast von Bumsdorf
vergngt seinen Weizen besah. Erst war ein leises Rauschen durch die Wipfel der
Bume gezogen, doch schwand das bald, und jetzt war es ganz still im Walde.
    Nun, Tubrich, was sagt der Hher da oben im Baum? fragte Leonhard,
richtete sich aber noch whrend dieser Frage schnell auf und rief: Holla, Mann,
was haben Sie, was sehen Sie, was fllt Ihnen bei?
    Der trumende Schneider hatte pltzlich einen langen, schweren Seufzer
ausgestoen; jetzt sperrte er den Mund, nach Luft schnappend, weit auf, und zwei
dicke Trnen rollten ihm die Backen hinunter. Der Afrikaner klopfte ihm zrtlich
auf den Rcken, wie einem Kinde, das sich verschluckte, und sagte:
    Besinnen Sie sich, es ist heller, lichter Tag! Lustig, Alter, wie schickt
sich ein solches Gesicht zu dem Sonnenschein und dem grnen Walde?
    O Sidi, Sidi, es ist freilich lichter Tag, schluchzte der Pascha, und ich
kann ja nichts dafr. Die Sonne scheint, und hier sitze ich im grnen Walde und
hab es so gut, wie ich es mir niemals im Wachen und im Schlaf ertrumte; aber es
ist doch ein rechter Jammer, da ich nicht wei, ob's auch wahr ist und kein
Traum wie die Palmen und Herrlichkeiten von Damaskus.
    Ihr Gtter, wem halte ich die Predigt, deren mir jetzt das Herz voll ist?
rief Hagebucher, welcher nunmehr weitbeinig vor dem Pascha stand, aber ihm den
Rcken zuwendete und gegen den Wald und die Berge redete. Wer wei von der
Welt, in der er lebt, und von sich selber mehr als dieser Kamerad hier hinter
mir? Da lachen sie im Sonnenschein und treiben ihre Spiele, solange sie jung
sind; da whlen sie alte, versunkene Steine, einen Traum im Traum, hervor, und
alle glauben sie an ihr Spielzeug, nur dieser kluge Gesell hinter mir will nicht
an das seinige glauben und nennt sich selber einen Narren! Womit spielt er, was
sieht er? Das Meer und die Wste, Palste in den Wolken, Palmenwlder, schne
Mdchen und Grten, so herrlich, wie niemand auf Erden sie pflanzen kann, sind
ihm zu unbeschrnkter Verfgung gestellt, und - er heult, o Tubrich, Tubrich!
    Wenn ihr wtet, was ich wei, sagt Mahomet, so wrdet ihr viel weinen und
wenig lachen! schluchzte der Pascha klglich; der Afrikaner aber drehte sich
schnell um und rief:
    Kennen Sie das arabische Wort auch? Was geht das Sie an? Die andern alle,
die mit List oder Gewalt den gyptischen Proteus, das Leben, zu berwltigen und
zu ihrem Willen zu zwingen suchen und mit ihm ringen mssen bis an den Tod, die
mgen das Wort sprechen, Sie aber sollen's geflligst bleibenlassen. Tubrich,
es ist keine Kleinigkeit fr einen Menschen, der aus dem Tumurkielande nach
Hause kommt, einen Gesellen Ihresgleichen Wand an Wand neben sich zu wissen, und
ich verbitte mir ernsthaft jeden Versuch Ihrerseits, auch das werden zu wollen,
was jene dort ber und dort unter uns einen klaren Kopf und vernnftigen
Menschen zu nennen belieben. Ich sage Ihnen, Tubrich, es ist auch unter jenen
nicht einer, der mit Sicherheit sagen kann, ob er in seinen Gedanken, Wnschen
und Handlungen wahrhaftig in der Wirklichkeit wandle; und so ist's ein Groes zu
nennen, was einem Bevorzugten, das heit einem nrrischen Kerl, wie Sie, gegeben
wurde von den Gttern. Jetzt aber kommen Sie; lassen wir die andern Erntefelder
betrachten, freien, spielen und Steine der Vorzeit zusammentragen; wir wollen
uns hinter den Bschen wegschleichen und einen eigenen Pfad suchen. Ich habe
vieles probiert seit meiner Heimkehr nach Europa; ich habe auch tausendjhriges
Gestein zusammengeschleppt, ich habe gespielt und habe heiraten und Kinder
zeugen wollen, doch nun bin ich nur zu einem Wchter vor einem kleinen Unglck
in einer groen See von Plagen geworden und habe fr jetzt mein volles Gengen
daran. Kommen Sie, Tubrich, und treten Sie leise auf; ich will Ihnen eine
merkwrdige Ehre antun, und Sie knnen spter auch dieses Bild in Ihre Trume
aufnehmen, wenn Sie den Winter ber an meiner Stelle dem Professor die
zungenvergleichende Grammatik aufbauen helfen.
    Er schritt schnell dem Pascha voran durch das Gebsch und stieg schrg ber
die Berglehne hinab, vorsichtig nach beiden Seiten hin ausschauend, gleich
einem, der nicht will, da ein Unberufener ihm nachsehe oder gar sich
herausnehme, seinen Schritten zu folgen. Aber niemand blickte den beiden
seltsamen Freunden nach oder folgte ihnen; und sie erreichten bald die Sohle des
Tales, wo sie sich durch dichtes Unterholz frmlich durchzuwinden hatten, bis
sie nach Verlauf einer Viertelstunde aus dem Walde und auf die Landstrae Von
Fliegenhausen, am Eingange des Tlchens der Katzenmhle gegenber, hinaustraten.
Leise gingen sie weiter auf dem schmalen Pfade, den wir so oft im Laufe dieser
Erzhlung beschritten haben, und dann standen sie still hinter den Nubschen,
und Hagebucher legte dem Pascha die linke Hand auf die Schulter und deutete mit
der rechten vor sich hin:
    Das ist die Katzenmhle, Tubrich! Alle jene, welche wir dort an der andern
Seite der Strae im Walde an den Bergen lieen, kennen den Ort so gut wie ich;
doch niemand von ihnen geht mehr hierher. Das ist halb eine Verabredung, doch
nicht ganz. Was zuerst Scheu und Ehrfurcht vor dem Unglck war, das ist bald zu
einer bequemen Gewohnheit geworden, und es ist das beste so. O Tubrich, es
schlgt keine Welle mehr bis zu jener Schwelle dort, seit der Major Wildberg mir
den Bericht des amerikanischen Konsuls ber die Schlacht bei Richmond sendete.
Sie weinen nicht mehr dort hinter den Blumen, dort unter dem morschen Dache. Sie
sitzen still, und still ist es um sie her, sie verlangen nicht mehr....
    Der kleine, halbwilde Garten vor der Mhle blhte in voller Pracht des
Sommers. Die Fenster des untern Gestocks und die Tr der verfallenden Wohnung
standen geffnet, doch kein Leben regte sich dort bei allem zierlichen Anschein
des Lebens. Nur die Bienen, Fliegen und Schmetterlinge hatten ihr Wesen ber den
Blumen und in den Sonnenstrahlen; nur der Fall der Wassertropfen klang wieder -
wieder vom alten schwarzmoosigen Rad herber. Tubrich-Pascha hielt die Hand des
Mannes vom Mondgebirge und blickte so dumm und verzckt wie nie - da trat der
weie Spitz in die Tr der Htte, hob den Kopf und fing an, leise zu knurren,
doch besann er sich schnell und kam eilig, doch ohne Gebell durch den Garten zu
den beiden Lauschern heran und stie einen halb freudigen, halb winselnden Ton
hervor.
    Leonhard Hagebucher beugte sich zu ihm nieder, streichelte ihm den klugen
Kopf und flsterte:
    Heute nicht, mein guter alter Bursch! Gehe hin und halte gute Wacht.
    Das Tier schttelte sich, zog sich bis zur Pforte des Grtchens zurck und
warf sich dort in dem Sonnenschein nieder. Hagebucher wendete sich und sagte:
    Jetzt wollen wir wieder zu den Lebendigen gehen.
    Kaum hrbar fgte er hinzu:
    Wenn ihr wtet, was ich wei, so wrdet ihr viel weinen und wenig lachen.
